Praxishefte • Band 4 Gesunde Kinder – gleiche Chancen für alle?

gesundheitsamt.bw.de

Praxishefte • Band 4 Gesunde Kinder – gleiche Chancen für alle?

lögd Landesinstitut

für den Öffentlichen

Gesundheitsdienst NRW

ISBN 3-88139-092-8

lögd

Gesunde Kinder gleiche Chancen für alle? Ein Leitfaden für den Öffentlichen Gesundheitsdienst zur Förderung gesundheitlicher Teilhabe

Gesunde Kinder

gleiche Chancen für alle?

lögd: Praxishefte Band 4

Ein Leitfaden für den Öffentlichen

Gesundheitsdienst zur Förderung

gesundheitlicher Teilhabe

lögd

Landesinstitut

für den Öffentlichen

Gesundheitsdienst NRW


Gesunde Kinder

gleiche Chancen für alle?

Ein Leitfaden für den Öffentlichen Gesundheitsdienst

zur Förderung gesundheitlicher Teilhabe

von

Jutta Kamensky

unter Mitarbeit von

Dr. Andreas Mielck

Dr. Antje Richter

Monika Gickeleiter


Impressum:

Herausgeber:

Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg und Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (lögd)

Druck und Verlag:

Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (lögd)

Leitung: Dr. Helmut Brand

Westerfeldstr. 35-37

33611 Bielefeld

Telefon 0521/8007-0

Telefax 0521/8007-200

Redaktion: Manfred Dickersbach (lögd), Barbara Leykamm (Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg),

Gestaltung: Evi Buschlinger, Martina Stille

Die Fotos sind Teil der Wanderausstellung „Kennen wir uns? Straßenkinder fotografieren ihre Welt“ - eine Aktion von

Off-Road-Kids e.V. und Vodafone. Weitere Infos: www.offroadkids.de

Das lögd ist eine Einrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen und gehört zum Geschäftsbereich des Ministeriums für Gesundheit,

Soziales, Frauen und Familie.

Nachdruck und Vervielfältigung nur mit Genehmigung von lögd und Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg.

ISBN 3-88139-116-9

Bielefeld, 2003

Kontakt Baden-Württemberg:

Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg

Wiederholdstr. 15

70174 Stuttgart

Telefon 0711/1849-326

Telefax 0711/1849-325

E-mail: leykamm@lga.bwl.de

www.landesgesundheitsamt.de


Inhaltsverzeichnis

Zur Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4

Kapitel 1 Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

1.1 Soziale Ungleichheit - ein Einstieg ins Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

1.2 Gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland: Daten und Fakten . . . . . . . . . . . 11

1.3 Soziale Ungleichheit vor Ort: Daten und Fakten aus Nordrhein-Westfalen

und Baden-Württemberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18

1.4 Ansätze zur Erklärung und Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit . . 23

Kapitel 2 Kinder und Jugendliche - die wichtigste Zielgruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

2.1 Soziale Ungleichheit und die Folgen für Kinder und Jugendliche

eine Einstimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

2.2 Gesundheitsverhalten von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen

das Beispiel Ernährung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

2.3 Risiko Alleinerziehen: Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus

Ein-Eltern-Familien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

2.4 Strategien und Ressourcen von Kindern und Jugendlichen zur

Bewältigung von Armut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

Kapitel 3 Hilfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

3.1 Chancengleichheit und Gesundheit für benachteiligte Kinder und

Jugendliche: Zielbereiche und Leitsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

3.2 Das professionelle Hilfesystem - was es (nicht) leistet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51

3.3 Wenn Hilfe nicht ankommt - Barrieren für die Gesundheitsförderung . . . . . . . . . 56

3.4 Die Rolle des ÖGD im Hilfesystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65

Kapitel 4 Die lokale Praxis oder „Wie gehen Sie vor?“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74

4.1 Sie machen eine Bestandsaufnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76

4.2 Sie finden Prioritäten und planen Maßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84

4.3 Sie bringen Ihr Projekt in die Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114

Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

3


4

Teil I. Zur Einführung

Zur Einführung

Armut und soziale Benachteiligung sind auch in unserer Wohlstandsgesellschaft keine Fremdwörter

mehr. Dies ist nicht erst seit Erscheinen des Armutsberichts der Bundesregierung so.

Auch wenn Armut unterschiedlich definiert werden kann soziale Benachteiligung wird im gesellschaftlichen

Alltag zunehmend sichtbar; die Schere zwischen Arm und Reich klafft offensichtlich

immer weiter auseinander.

Davon bleibt auch der Gesundheitsbereich nicht unberührt. Der Zusammenhang zwischen

Armut und Reichtum, Krankheit und Gesundheit ist mittlerweile kaum noch zu bestreiten. Unbestreitbar

ist aber auch, dass das große Thema Armut und Gesundheit nicht mehr in den engen

Grenzen des Gesundheitssektors zu bewältigen ist. Hier ist ein bereichs- und politikfelderübergreifendes

Vorgehen angezeigt; die gesamtgesellschaftliche Dimension des Themas ist in übergreifenden

strukturbezogenen Maßnahmen zu berücksichtigen. Gesundheitsförderung und -versorgung

müssen sich mit Jugendhilfe und Drogenprävention, mit Wohlfahrtsverbänden, mit

Handlungsfeldern des Sozial- und Umweltbereichs, aber auch des Wohnungsbaus, der Raumplanung

oder der Wirtschaftsentwicklung sinnvoll verzahnen.

Dem Öffentlichen Gesundheitsdienst kommt hierbei eine besondere Rolle zu. Nicht nur,

weil er die Geschäftsführung bzw. Koordination der kommunalen Gesundheitskonferenzen oder

Regionalen Arbeitsgemeinschaften innehat, zur Bündelung der Kräfte im Gesundheitswesen

beitragen und wichtige Steuerungsimpulse geben kann. Sondern auch, weil er aufgrund seiner

Einbindung in die kommunale Verwaltung prädestiniert ist, Brücken herzustellen zu anderen

Bereichen von Politik und Administration, aber auch zwischen handelnder Basis und den lokalen

Gremien der Planung und Entscheidungsfindung. Der ÖGD transportiert das Thema Armut

und Gesundheit auf die politische Ebene. Er vertritt die Forderung nach einer Verringerung der

sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit auf allen Schauplätzen gesundheitspolitischer Diskussion

in konkreten Basisprojekten, in Ausschüssen, verwaltungsintern, bereichsübergreifend

im Gesundheitswesen, politikfelderübergreifend etwa in Prozessen der Stadtentwicklungsplanung.

Er kann dazu beitragen, das kommunalpolitische Klima zu prägen, zu wandeln und den

Gedanken einer gemeinschaftlichen Verantwortung für sozial Benachteiligte weiter zu verankern.

Deshalb haben wir in diesem Praxisheft die Rolle des ÖGD (wieder) besonders hervorgehoben.

Sicher gehört einiges der oben skizzierten Rollenbeschreibung noch in den Bereich der

Zukunftsvision. Wir wollen aber mit unserem Heft erste Schritte in diese Richtung aufzeigen,

dabei den gegebenen Rahmen und die in aller Regel begrenzten Ressourcen kurz: das Machbare

nicht aus dem Auge verlieren.

Gleichzeitig setzen wir einen Schwerpunkt, der uns aus pragmatischen und inhaltlichen

Überlegungen gleichermaßen geboten scheint wir konzentrieren uns auf die Gesundheit von

sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Gesellschaftlicher Frieden, Stabilität und allgemeine

Lebenszufriedenheit in unserem Land hängen wesentlich davon ab, ob es gelingt,

nachwachsenden Generationen gleichverteilte Chancen zu bieten auf Wohlstand, Integration,

gesellschaftliche Anerkennung und natürlich auch Gesundheit.

Dabei ist es uns wie immer bei den Praxisheften wichtig, Theorie und Praxis zu verbinden,

erarbeitetes Know-How zugänglich zu machen und Einsteigern und „alten Hasen“ gleich-


Teil I. Zur Einführung

ermaßen nützlich zu sein. Wir akzeptieren dabei notgedrungen, dass nicht jeder Leser von jedem

Kapitel gleichviel profitiert. Zögern Sie deshalb nicht, das Heft für sich zu einem Steinbruch zu

machen, und greifen Sie die Abschnitte heraus, die Ihnen hilfreich sind. Wir haben uns bemüht,

die einzelnen Kapitel für sich stehen zu lassen und auch für diejenigen verständlich zu gestalten,

die das Heft nicht von Seite 1 an durcharbeiten wollen.

Wir sind uns bewusst, dass wir mit dem Thema „Gesundheit für sozial benachteiligte Kinder

und Jugendliche“ ein breites Feld aufgreifen und ein ehrgeiziges Ziel in Angriff nehmen.

Nennenswerte Fortschritte können auf Dauer nur durch Bündelung der Kräfte innerhalb und

außerhalb des Gesundheitswesens und durch neue politische Prioriäten erreicht werden. Aber

auch hier liegt der Anfang im Kleinen. Bezogen auf die Rolle des ÖGD wollen wir den Einstieg

ins Thema veranschaulichen, erleichtern und zur Initiative ermutigen.

Jutta Kamensky, Barbara Leykamm, Manfred Dickersbach

Ulm, Stuttgart, Bielefeld im Januar 2003

5


6

Notizen


Ruth Wir müssen draußen bleiben?

Foto: www.offroadkids.de

7


8

Soziale Ungleichheit in

Deutschland

Definitionen von Armut

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

1. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

1.1 Soziale Ungleichheit ein Einstieg ins Thema

1.2 Gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland: Daten und Fakten

1.3 Soziale Ungleichheit vor Ort: Daten und Fakten aus Nordrhein-Westfalen

und Baden-Württemberg

1.4 Ansätze zur Erklärung und Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit

1.1 Soziale Ungleichheit ein Einstieg ins Thema

Notleidende Familien in den Ländern der Dritten Welt, Straßenkinder in Südamerika und die

Opfer von Kriegen und anderen Katastrophen prägen unser Bild von „Armut“. Dieser Eindruck

von Armut in Verbindung mit Hunger, Elend und Obdachlosigkeit macht es schwer, zu glauben,

dass selbst in Deutschland Menschen am Existenzminimum leben. Armut klopft aber mittlerweile

auch an die Türen des Wohlstands. Sie hat hier nur andere Dimensionen und Bezugsgrößen

als in Ländern der Dritten Welt (Gillen/Möller 1992).

Einen allgemeingültigen Maßstab für Armut d.h. eine verbindliche offizielle Armutsgrenze

gibt es in Deutschland bislang nicht. Je nach Interessenlage finden unterschiedliche Konzepte

Anwendung, die sich im Wesentlichen an der Verfügbarkeit materieller Ressourcen orientieren.

Gesellschaftliche oder politische Akteure legen in der Regel die Grenze fest, ab wann ein

Mensch von Armut betroffen ist (Kamensky/Zenz 2001). Das stimmt bedenklich, weil das Verfahren

zur Messung einen erheblichen Einfluss auf Umfang und Struktur des Armutspotentials

hat (Hanesch et al. 2000).

Armut in Deutschland ist eine relative Größe, d.h. ob Familien und Haushalte als arm zu bezeichnen

sind, hängt davon ab, in welcher Lebenslage sie sich relativ zum Wohlfahrtsstandard

der Gesamtbevölkerung befinden.

Relative Armut nach der Definition des Rates der EU von 1984

„Relativ arm“ sind Personen oder Familien, die über so geringe Mittel verfügen,

dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat,

in dem sie leben, als annehmbares Minimum gesehen wird.

Einkommensarmut

Einkommensarm sind Personen oder Familien, wenn sie über weniger als

50 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens in der Bundesrepublik

Deutschland verfügen.


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Politisch-normative Armut

Arm ist, wer Anspruch auf Sozialhilfe hat. Der Indikator für Armut ist hier

insbesondere der Bezug der laufenden Hilfe zum Lebensunterhalt. Als Bemessungsgrundlage

für die Sozialhilfe gelten 40 % des durchschnittlichen

Nettoeinkommens (Hartmann 1986).

Verdeckte Armut

Wer über weniger als 40 % des Durchschnittseinkommens verfügt und

trotzdem beim Sozialamt keine Hilfe zum Lebensunterhalt beantragt, ist

„verdeckt arm“. Es wird geschätzt, dass die Dunkelziffer bei ca. 50 % liegt.

D.h. die Hälfte aller sozialhilfeberechtigten Haushalte ziehen es vor, ohne

die staatliche Unterstützung zu existieren, aus welchen Gründen auch immer

(Hartmann 1981; Hauser/Hübinger 1993; Neumann/Hertz 1998).

Arm nach dem Lebenslagenkonzept

Armut ist ein mehrdimensionales Phänomen, denn neben dem Einkommen

umfasst die Lebenslage einer Person noch weitere Dimensionen wie Wohnen,

Bildung, Gesundheit, Familiensituation, Freizeit und soziales Netzwerk.

Eine „Unterversorgung“ liegt vor, wenn der Handlungsspielraum

von Personen eingeschränkt ist und eine gleichberechtigte Teilhabe an den

Aktivitäten und Lebensbedingungen der Gesellschaft unmöglich ist. Arm

nach dem Lebenslagenkonzept sind Menschen dann, wenn sie in einem

oder in mehreren Lebensbereichen unterversorgt sind (Döring et al. 1990;

Bundesministerium 2001).

In der Bundesrepublik Deutschland geht es weniger um Armut als „Kampf um das rein physische

Überleben“. Vielmehr steht die zunehmende soziale Ungleichheit in der Bevölkerung im

Blickpunkt, sowie der damit verbundene ungleiche Zugang zu (u.a. gesundheitlichen) Gütern,

Dienstleistungen und Chancen und die Nachteile, die das alles mit sich bringt.

In den letzten Jahren wurden diverse Berichte über das Ausmaß der Einkommens-Armut in

Deutschland publiziert. Hervorzuheben sind hier v.a. die drei folgenden:

Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des DGB und des Paritätischen Wohlfahrtsverbands

(Hanesch et al. 2000)

Erster Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (vorgelegt im April 2001).

Sozialbericht 2000 der Arbeiterwohlfahrt (AWO): „Gute Kindheit Schlechte Kindheit. Armut

und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (vorgelegt im

Oktober 2000).

Im Armutsbericht von W. Hanesch et al. (2000) wird Einkommens-Armut z.B. über den allgemein

üblichen Indikator „50% oder weniger des durchschnittlichen Netto-Haushaltseinkommens“

definiert, wobei in die Berechnung des „gewichteten Pro-Kopf-Einkommens“ (in der

wissenschaftlichen Terminologie auch „Äquivalenz-Einkommen“ genannt) sowohl Anzahl als

auch Alter der Haushaltsmitglieder eingehen (ebenda, S. 51). Im Jahr 1998 verfügten die Haus-

9


10

Ausmaß der sozialen

Ungleichheit

Kinder und Jugendliche sind

besonders häufig von Armut

betroffen

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

halte in Deutschland über ein „gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen“ von durchschnittlich 1.062

Euro (2.077 DM). Die Armutsgrenze lag somit bei 530 Euro (1.038,50 DM) (ebenda, S. 54).

Nach diesen Berechnungen waren 1998 in Deutschland ca. 9,1 % der Bevölkerung von Einkommens-Armut

betroffen. Die Unterteilung nach Altersgruppen zeigt ein eindeutiges Bild: Die

Einkommens-Armut von Kindern und Jugendlichen hat in Deutschland in den letzten Jahren erheblich

zugenommen. Sie ist mit 14,2 % am höchsten, und mit zunehmendem Alter sinkt die Armutsquote

kontinuierlich ab bis hin zu 3,3 % bei den über 76-Jährigen (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Einkommens-Armut in Deutschland, 1998 (Angaben in %)

Anteil in der Bevölkerung Anteil in Einkommens-

Armut a

Bevölkerung insgesamt

Alter

100 9,1

- bis 15 Jahre 17,1 14,2

- 16 bis 30 Jahre 18,1 13,2

- 31 bis 45 Jahre 23,8 9,1

- 46 bis 60 Jahre 19,8 6,0

- 61 bis 75 Jahre 15,5 4,8

- 76 Jahre und älter 5,7 3,3

Haushaltsgröße

- 1 Person 16,3 7,2

- 2 Personen 29,0 5,0

- 3 Personen 20,1 8,0

- 4 Personen 23,0 10,4

- 5 oder mehr Personen 11,6 21,4

Haushaltstyp

- Single 16,9 7,2

- Paar, ohne mindj. Kind(er) 26,5 3,7

- Paar, mit mindj. Kind(ern) 37,8 11,9

- Eineltern, mit mindj. Kind(ern) 3,5 29,9

- Eineltern, mit erw. Kind(ern) 15,3 8,9

a: 50 % oder weniger des durchschnittlichen Netto-Haushaltseinkommens

Quelle: Hanesch et al. 2000 (S. 81-83)

Die Unterteilung nach Haushaltsgröße und -typ (vgl. Tabelle 1) bietet eine erste Antwort auf die

Frage, warum die Einkommens-Armut vor allem bei Kindern und Jugendlichen so verbreitet ist:

große Familien, Paare mit Kindern und vor allem Alleinerziehende leben besonders häufig am

Existenzminimum.

Auch andere Berichte weisen immer wieder darauf hin, dass die Einkommens-Armut bei

Kindern und Jugendlichen besonders groß ist. Im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung

wird Einkommens-Armut u.a. über den Indikator „Empfang von Sozialhilfe“ definiert:

„Unter den Empfängern von Hilfe zum Lebensunterhalt waren Kinder unter 18 Jahren mit rd.

1,1 Million die größte Gruppe. Die Sozialhilfequote von Kindern unter 18 Jahren war mit 6,8 %

fast doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt und hat sich seit 1982 im früheren


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Bundesgebiet mehr als verdreifacht. (...) Das mit Abstand höchste Sozialhilferisiko (28,1 %)

hatten Haushalte alleinerziehender Frauen. Mehr als die Hälfte aller Kinder unter 18 Jahren im

Sozialhilfebezug wuchs im Haushalt von Alleinerziehenden auf“ (S. XXII).

Die Ursachen, weswegen immer mehr deutsche Bürgerinnen und Bürger einkommensarm

sind, liegen hauptsächlich in Arbeitslosigkeit, Kinderreichtum, Alleinerziehen und Nationalität

begründet. Als das größte Risiko, den Lebensunterhalt nicht mehr ausreichend aus eigener Kraft

finanzieren zu können, gilt der Verlust des Arbeitsplatzes. Da es sich bei Arbeitslosen häufig um

Personen handelt, die eine Familie oder wenigstens eine „Teil-Familie“ haben, sind so auch die

Kinder von der finanziellen Not ihrer Eltern betroffen. Im Jahr 1996 gab es in Deutschland z.B.

1,8 Millionen Kinder unter 18 Jahren, von denen ein oder beide Elternteile keine Arbeit hatten

(Klocke/Hurrelmann 1998).

Scheidung bzw. Trennung kommen als weitere Ursache für das Leben am Existenzminimum

hinzu. Ebenso birgt die Geburt eines Kindes ein Armutsrisiko. Bei zwei Drittel aller geschiedenen

Ehen sind Kinder mitbetroffen. Selbst wenn alleinerziehende Mütter oder Väter berufstätig

sind, bedeutet das aufgrund der häufig niedrigen Lohnsätze oft noch keine Lösung der finanziellen

Misere. Armut in Deutschland ist auch eine Armut von Familienhaushalten. Kinder kosten

Geld und werden so zum „Einkommensproblem“ der Eltern. Pro Monat benötigen Eltern für ein

Kind zwischen 250 und 400 Euro, was in kinderreichen Familien gewaltig am Budget zehrt

(Deutscher Kinderschutzbund 1998). Kinderreichtum gilt deshalb als weiterer Risikofaktor für

Armut. Überdurchschnittlich von Armut betroffen sind die Haushalte von ausländischen Mitbürgern

nicht zuletzt deshalb, weil diese Familien einen großen Teil der sogenannten „kinderreichen

Familien“ ausmachen. Zwei- bis dreimal höher als die Quote der Gesamtbevölkerung stellen

sich die Armutsquoten von Ausländern, aber auch von Spätaussiedlern dar. Besonders betroffen

vom Leben am Existenzminimum sind die türkischen Mitbürger (Hanesch et al. 2000).

Dem Sozialbericht 2000 der Arbeiterwohlfahrt liegt als Definition von Armut der Lebenslagenansatz

zugrunde. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: „Wie erlebt ein Kind die Armut?“

Demnach besteht die Armut bei Kindern aus den folgenden fünf Komponenten:

niedriges Einkommen

unzureichende materielle Grundversorgung (Wohnen, Nahrung, Kleidung etc.)

unzureichende Förderung der kognitiven, sprachlichen und kulturellen Kompetenzen

unzureichende Förderung der sozialen Kontakte und der sozialen Kompetenzen

unzureichende Förderung der körperlichen Entwicklung, schlechter Gesundheitszustand

Fazit und Ausgangslage für die Gesundheitsförderung von sozial benachteiligten

Menschen:

Wieviele Menschen sind von sozialer Ungleichheit betroffen (im Jahr 1998)?

9,1 % der deutschen Bevölkerung sind einkommensarm.

14,2 % der Kinder und Jugendlichen wachsen in einkommensarmen

Familien auf.

1,1 Millionen Kinder unter 18 Jahren leben von Sozialhilfe.

17 % aller Familien in Deutschland sind Ein-Eltern-Familien.

Ein Drittel aller Ein-Eltern-Familien bezieht Sozialhilfe.

11

Kinderarmut in Deutschland

Warum?


12

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Welche Zielgruppen ergeben sich für die Gesundheitsförderung?

Angehörige aus einkommensarmen Familien

Arbeitslose und Familienangehörige

Alleinerziehende

Kinderreiche Familien

Ausländische Mitbürger(innen)

Zum Vertiefen:

AWO Bundesverband e.V. (2000): AWO-Sozialbericht 2000. Gute Kindheit Schlechte Kindheit.

Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bonn

Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.) (2001): Lebenslagen in Deutschland.

Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bonn

Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V., Hannover; Volkswagen AG, Kommunikation

Wolfsburg (Hrsg.) (1998): Taschenbuch der Kinderpresse. Remagen-Rolandseck

Döring, D.; Hanesch, W.; Huster, E.U. (Hrsg.) (1990): Armut im Wohlstand. Frankfurt/Main

Gillen, G.; Möller, M. (1992): Anschluß verpaßt. Armut in Deutschland. Bonn

Hanesch, W.; Krause, P.; Bäcker, G.; Maschke, M.; Otto, B. (2000): Armut und Ungleichheit

in Deutschland. Der neue Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des DGB und des Paritätischen

Wohlfahrtsverbands. Reinbek

Hartmann, H. (1981): Sozialhilfebedürftigkeit und „Dunkelziffer der Armut“. Schriftenreihe

des Bundesministers für Jugend, Familie und Gesundheit. Band 98. Stuttgart

Hartmann, H. (1986): Offizielle und alternative Armutsgrenzen in der Bundesrepublik. In:

Blätter der Wohlfahrtspflege. 133. Jg. S. 259-261

Hauser, R.; Hübinger, W. (1993): Arme unter uns. Teil 1: Ergebnisse und Konsequenzen der

Caritas-Armutsuntersuchung. Hrsgg. vom Deutschen Caritasverband. Freiburg im Breisgau

Kamensky, J.; Zenz, H. (2001): Armut Lebenslagen und Konsequenzen. Ursachen, Ausmaß

und Bewältigung sozialer Ungleichheit am Beispiel des Landkreises Neu-Ulm. Ulm

Klocke, A., Hurrelmann K. (Hrsg.) (1998): Kinder und Jugendliche in Armut. Opladen

Neumann, U.; Hertz, M. (1998): Verdeckte Armut in Deutschland. Forschungsbericht im Auftrag

der Friedrich-Ebert-Stiftung. ISL Institut für Sozialberichterstattung und Lebenslagenforschung.

Frankfurt am Main


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

1.2 Gesundheitliche Ungleichheit in Deutschland: Daten und Fakten

Gesundheitliche Ungleichheit beschreibt den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und

Gesundheitszustand. Die Ergebnisse verschiedener Berichte über Art und Ausmaß der gesundheitlichen

Ungleichheit zeigen deutlich, dass Personen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status

zumeist eine besonders hohe Mortalität und Morbidität aufweisen (Mielck 2000a; Helmert

et al. 2000; Laaser et al. 2000; Mielck 2000b; Mielck/Bloomfield 2001).

Erwachsene ohne Abitur weisen eine kürzere Lebenserwartung auf als Erwachsene mit Abitur,

die Sterblichkeit bei Un- und Angelernten ist höher als bei oberen Angestellten,

die Sterblichkeit in der unteren Einkommensgruppe ist höher als in der oberen,

die Überlebenszeit nach einem Erst-Infarkt bei Erwachsenen mit geringem beruflichen Status

ist kürzer als bei Erwachsenen mit höherem beruflichen Status.

Erwachsene mit Haupt- oder Realschulabschluss erleiden häufiger einen Herzinfarkt als Erwachsene

mit Abitur oder Fachhochschulabschluss,

die Prävalenz psychischer Störungen bei Erwachsenen ist mit niedrigem beruflichen Status

größer als bei Erwachsenen mit höherem beruflichen Status,

Erwachsene aus der unteren Einkommensgruppe antworten bei der Frage nach dem allgemeinen

Gesundheitszustand häufiger mit „schlecht“ als Erwachsene aus der oberen Einkommensgruppe,

alleinerziehende Mütter weisen eine höhere Morbidität auf als die anderen Mütter.

Gesundheitliche Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen

Studien zur gesundheitlichen Ungleichheit beziehen sich meist auf die Altersspanne zwischen

20 und 65 Jahre, d.h. auf das erwerbsfähige Alter. Die wenigen Untersuchungen aus Deutschland

über jüngere Altersgruppen deuten jedoch darauf hin, dass bei Kindern und Jugendlichen

ähnliche sozio-ökonomische Unterschiede im Gesundheitszustand vorhanden sind wie bei den

20- bis 65-Jährigen (Behörde 1996, Hurrelmann 2000, Mielck 2001, Siegrist et al. 1997). Mit

anderen Worten: Auch bei Kindern und Jugendlichen ist der Gesundheitszustand in der unteren

Statusgruppe meistens erheblich schlechter als in der oberen Statusgruppe. Arme Kinder und

Jugendliche sind häufiger körperlich krank und weisen mehr psychische und psychosomatische

Störungen auf als Kinder aus bessergestellten Familien. Die wichtigsten Ausnahmen von dieser

Regel bilden Allergien und Hauterkrankungen. Offenbar sind sie bei den Kindern aus der unteren

Statusgruppe seltener als bei den Kindern aus der oberen Statusgruppe die Ursachen dieser

„umgekehrten“ gesundheitlichen Ungleichheit liegen jedoch noch weitgehend im Dunkeln

(Bolte 2000, Heinrich et al. 2000).

Eine von diesen wenigen Studien ist die 1994 durchgeführte Befragung von 3.328 Schülern

zwischen 11 und 15 Jahren in Nordrhein-Westfalen (Klocke/Hurrelmann 1995). Um den sozialen

Status zu bestimmen, wurden die Schüler gefragt, welchen Bildungsabschluss und welchen

Beruf ihre Eltern haben, wie viele PKW's ihre Eltern besitzen, wie viele Urlaubsreisen die Familie

im letzten Jahr unternommen hat, und ob der Schüler ein eigenes Zimmer hat. Nach Zu-

13

Forschungsergebnisse zur

Mortalität Beispiele

Forschungsergebnisse zur

Morbidität Beispiele

Studien zur gesundheitlichen

Ungleichheit


14

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

sammenfassung dieser Angaben wurden fünf soziale Schichten unterschieden. Die Fragen zum

Gesundheitszustand betrafen sowohl physische wie auch psychische Beschwerden.

Die subjektive Wahrnehmung des eigenen Gesundheitszustandes hängt stark vom sozio-ökonomischen

Status ab. So verwundert es nicht, dass sich die Schüler aus der unteren Statusgruppe

erheblich kränker fühlen als die Schüler aus der oberen (vgl. Tabelle 2). Während z.B. nur 1 %

der Schüler aus der oberen Gruppe sich täglich oder öfters pro Woche gesundheitlich schlecht

fühlt, waren dies in der unteren Gruppe 16 %. Bei einer Bewertung dieses eklatanten Unterschiedes

muss jedoch berücksichtigt werden, dass hier (etwas überspitzt formuliert) zwei extreme

Gruppen verglichen werden die ganz Reichen mit den ganz Armen. In einer später vorgestellten

Auswertung dieser Daten wurden die Schüler in fünf gleich große Gruppen (d.h. in Quintile)

unterschieden. Hier ist das Ausmaß der gesundheitlichen Ungleichheit daher nicht so groß.

Tabelle 2: Soziale Schicht und Gesundheit bei Schulkindern

Prävalenz (Angaben in %) a

S o z i a l e S c h i c h t d e r E l t e r n b

1 2 3 4 5 Insg.

(unten) (oben)

Anteil in der Stichprobe 5,3 38,1 24,2 26,2 6,2 100,0

Allgemein schlechter

Gesundheitszustand

16 7 8 5 1 7

c

Kopfschmerzen c 22 11 13 11 9 12

Rückenschmerzen c 16 10 9 7 7 9

Nervosität c 22 12 15 13 8 13

schlechtes Einschlafen c 26 17 18 15 16 17

Hilflosigkeit d 14 7 6 5 3 6

Einsamkeit e 19 14 9 8 9 11

a: Kontrolle von Alter und Geschlecht bei Vergleich zwischen sozialen Schichten

b: Index aus Ausbildung und Beruf der Eltern, finanzielle Lage der Familie

c: täglich oder öfters pro Woche; d: immer oder sehr oft; e: sehr oft oder ziemlich oft

Stichprobe: 3.328 Schüler (11-15 Jahre) in Nordrhein-Westfalen

Datenbasis: Befragung 1994, Quelle: Klocke/Hurrelmann 1995

Einen weiteren Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit von Kindern fand eine Befragung

zur Schuleingangsuntersuchung 1994 im Land Brandenburg heraus. 15 % der Kinder von

arbeitslosen Eltern hatten Sprech- und Stimmstörungen, aber nur 10 % der Kinder von nichtarbeitslosen

Eltern. Geistige Leistungsschwächen wiesen 11 % der armen Kinder zu 3,6 % der reicheren

auf. 4,5 % bzw. 3,2 % neigten zu Übergewicht. 21,4 % der Kinder von arbeitslosen Eltern

bzw. 11,4 % lebten in Wohnungen, die von Schimmelpilzen befallen sind.

In der 1997 durchgeführten Dritten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS III) wurden 1.043

Jugendliche im Alter von 12 Jahren aus den alten und neuen Bundesländern von Zahnärzten

untersucht (Micheelis/Reich 1999). Die Zahngesundheit ist in der unteren Bildungsgruppe erheblich

schlechter als in der oberen (vgl. Tabelle 3). Ähnliche Ergebnisse wurden in der Studie

auch für die beiden Altersgruppen 35-44 Jahre bzw. 65-74 Jahre gefunden.


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Tabelle 3: Schulbildung der Eltern und Zahngesundheit der Kinder

Schlechte Zahngesundheit (in %)

S c h u l b i l d u n g d e r E l t e r n a

niedrig mittel hoch

Anteil in der Stichprobe 40,4 34,9 24,7

Plaque in großer Menge vorhanden 2,9 2,8 1,9

Starkes Zahnfleischbluten 9,2 6,1 3,2

a: niedrig: Volksschulabschluss, Abschluss der 8. Klasse oder kein Schulabschluss

mittel: Mittlere Reife, Abschluss 10. Klasse (POS);

hoch: Fachhochschulreife oder Abitur

Stichprobe: 715 bzw. 328 Jugendliche (12 Jahre, Deutsche, alte bzw. neue Bundesländer)

Datenbasis: Befragung/Untersuchung 1997 in den alten und neuen Bundesländern

Quelle: Micheelis/Reich 1999

Gesundheitliche Ungleichheit trifft die Kinder bedauerlicherweise oft schon im Säuglingsalter.

Damit liegt nahe, dass Gesundheitsförderung von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen

bereits vor der Geburt beginnen muss.

Kinder, Armut und die Folgen für die Gesundheit ein Überblick

Quellen: Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.) (2000): Kindergesundheit in

Baden-Württemberg; Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (1998):

Gesundheit für Kinder und Jugendliche

Bezüglich... ... bedeutet Armut

Vorgeburtliche Versorgung Schlechtere Energie- und Nährstoffversorgung

sowie häufige Anämien ihrer Mütter

Geburt Geburtsgewicht ist häufig unter 2500 g, Risiko

von Totgeburten ist erhöht.

Stillzeit Säuglinge werden seltener und kürzer gestillt.

Versorgung mit Vitaminen Versorgung mit Calcium, Vitamin C, Folsäure

und Mineralstoffen und Eisen ist vor allem bei Schulkindern im

Alter von 10 15 Jahren unzureichend. Bei

Mädchen ist dieses Versorgungsdefizit noch

ausgeprägter als bei Jungen.

Zuckerverbrauch Höhere Zufuhr von Zucker

Anteil gesättigter Fettsäuren Höhere Zufuhr von gesättigten Fettsäuren

Ballaststoffaufnahme Niedrigere Zufuhr von Ballaststoffen

Zahngesundheit Kinder haben häufiger Karies

Wachstum Kinder wachsen langsamer

Körpergewicht Sowohl Adipositas als auch Untergewicht

kommt häufiger vor als bei anderen Kindern.

Blutfettwerte Häufiger erhöhte Blutfettwerte

Anämien, Infektionskrankheiten Bei Säuglingen findet man öfter Anämien

und Infektionskrankheiten

15

Zahngesundheit der Kinder


16

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Knochenmasse Schulkinder im Alter von 10 bis 15 Jahren

haben eine geringere Knochenmasse.

Mortalitätsrate Unfälle enden bei armen Kindern 2 3 mal

öfter mit dem Tod als bei Kindern aus

höheren Sozialschichten.

Chronische Krankheiten Häufiger chronische Krankheiten

Suchtverhalten Bereitschaft zu gesundheitsschädigendem

Verhalten erhöht: Rauchen, Alkohol,

Drogenkonsum

Vorsorgeuntersuchungen U8 und U9 werden seltener in Anspruch

genommen.

Impfungen Werden seltener in Anspruch genommen

Motorische Koordination Störungen sind häufig anzutreffen

Sprachstörungen Arme Kinder haben häufiger Sprachstörungen.

Entwicklung allgemein Entwicklung häufig verzögert

Verhalten Häufiger auffällig als bei Kindern aus besser

gestellten Familien

Zum Vertiefen:

Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales der Freien und Hansestadt Hamburg (Hrsg.)

(1996): Armut und Gesundheit von Kindern in Hamburg. Dokumentation der Fachtagung am

20. November 1995. Hamburg

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (1998): Gesundheit von Kindern Epidemiologische

Grundlagen Dokumentation einer Expertentagung. Köln

Bolte, G. (2000): Soziale Ungleichheit und Gesundheit von Kindern. Über den Zusammenhang

von Indikatoren der sozialen Lage mit immunologischen Parametern und respiratorischen

Erkrankungen am Beispiel einer umweltepidemiologischen Studie. Regensburg

Heinrich, J.; Mielck, A.; Schäfer, I.; Mey, W. (2000): Social inequality and environmentally-related

diseases in Germany. Review of empirical results. Sozial- und Präventivmedizin 45: S.

106-118

Helmert, U.; Bammann, K.; Voges, W.; Müller, R. (Hrsg.) (2000): Müssen Arme früher

sterben? Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland. Weinheim und München

Hurrelmann, K. (2000): Gesundheitsrisiken von sozial benachteiligten Kindern. In: Altgeld, T.;

Hofrichter, P. (Hrsg.): Reiches Land kranke Kinder? Frankfurt am Main. S. 21-29

Klocke, A., Hurrelmann, K. (1995): Armut und Gesundheit. Inwieweit sind Kinder und Jugendliche

betroffen? Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, 2. Beiheft: S. 138-151


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Laaser, U.; Gebhardt, K.; Kemper, P. (Hrsg.) (2000): Gesundheit und soziale Benachteiligung.

Lage

Micheelis, W.; Reich, E. (Gesamtbearbeitung) (1999): Dritte Deutsche Mundgesundheitsstudie

(DMS III). Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), Deutscher Ärzte-Verlag, Köln

Mielck, A. (2000a): Soziale Ungleichheit und Gesundheit: Empirische Ergebnisse, Erklärungsansätze,

Interventionsmöglichkeiten. Bern et al.

Mielck, A. (2000b): Fortschritte bei der Erklärung von gesundheitlicher Ungleichheit und bei

der Entwicklung von Interventionsmaßnahmen (Editorial). Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften

8: S. 194-197

Mielck, A.; Bloomfield, K. (Hrsg.) (2001): Sozial-Epidemiologie. Einführung in die Grundlagen,

Ergebnisse und Umsetzungsmöglichkeiten. Weinheim

Mielck, A. (2001): Armut und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen: Ergebnisse der sozial-epidemiologischen

Forschung in Deutschland. In: Klocke, A.; Hurrelmann, K. (Hrsg.)

(2001): Kinder und Jugendliche in Armut. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Opladen. S.

230-253

Robert-Koch-Institut (Hrsg.) (2001): Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 03/01:

Armut bei Kindern und Jugendlichen. Verfasst von Prof. Dr. Andreas Klocke. Berlin

Siegrist, J.; Frühbuß, J.; Grebe, A. (1997): Soziale Chancengleichheit für die Gesundheit von

Kindern und Jugendlichen. Expertise im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit.

Düsseldorf

Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.) (2000): Kindergesundheit in Baden-Württemberg.

Stuttgart

17


18

Soziale Ungleichheit

und Armut

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

1.3 Soziale Ungleichheit vor Ort: Daten und Fakten aus NRW

und Baden-Württemberg

Soziale Ungleichheit in Nordrhein-Westfalen

Nordrhein-Westfalen ist das bevölkerungsstärkste Bundesland mit 18 Millionen gemeldeten

Einwohnern. D.h. mehr als ein Fünftel der Bevölkerung der BRD (21,8 %)

lebt in Nordrhein-Westfalen. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung lag 1995 nach

Angaben des Mikrozensus bei 10,8 %.

2 Millionen Menschen und damit 11,5 % der Bürger in Nordrhein-Westfalen lebten

1995 in Armut (50 %-Armutsgrenze) im Gegensatz zur gesamten Armutsquote in

Westdeutschland von 10,1 %.

Von diesen 2 Millionen Armen in NRW war die Hälfte weiblich und knapp jede dritte

Person (32,6 %) unter 15 Jahre alt. Mehr als jeder Dritte (35 %) in der Armutspopulation

hatte eine nichtdeutsche Nationalität.

Nahezu 4 von 10 armen Personen gehören Haushalten mit 5 und mehr Personen an.

14,9 % der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze sind Alleinerziehenden-Haushalte.

Kinder und Jugendliche sind auch in NRW die am meisten von Armut bedrohte und

betroffene Personengruppe.

Von den knapp 2,9 Millionen Sozialhilfeempfängern in der Bundesrepublik Deutschland

(außerhalb von Einrichtungen) wohnten 1997 fast 700.000 Personen in NRW. Als

größtes Bundesland verzeichnete NRW damit auch den größten Anteil an allen in

Deutschland lebenden Sozialhilfebeziehern. Im Vergleich zu Bayern und Baden-Württemberg

leben in NRW drei mal so viele Hilfebezieher. Unter allen 16 Bundesländern

wies NRW auch den höchsten Anteil weiblicher Sozialhilfeempfänger (58 %) auf.

Die meisten Sozialhilfebezieher finden sich in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen

sowie der Erwachsenen im mittleren Alter. 262.000 (38 %) der Sozialhilfeempfänger

sind unter 18 Jahre, 51 % zwischen 18 und 59 Jahre, knapp 11 % 60 Jahre

und älter und 7 % 65 Jahre und älter.

Insgesamt lebten 30 % aller sozialhilfebeziehenden Personen in Bedarfsgemeinschaften

von alleinerziehenden Frauen. 48 % der Minderjährigen war diesem Haushaltstyp

zuzuordnen. Die Hälfte aller Kinder von Alleinerziehenden war noch keine 7 Jahre alt.

22,4 % und damit mehr als jede 5. Person unter 15 Jahren wächst in einem Haushalt

an der Armutsgrenze auf. Diese Quote liegt doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Mit der Kinderzahl steigt das Armutsrisiko überproportional an. 1995 zählte NRW

ca. 288.000 Haushalte mit mindestens drei Kindern unter 18 Jahren. Annähernd

123.000 Sozialhilfebezieher (18 %) lebten in einem sogenannten kinderreichen Haushalt.

In 42 % der Fälle waren die Mütter oder Väter alleinerziehend.

Alleinerziehende und ihre Kinder sind in NRW in hohem Maße auf die Sozialhilfe angewiesen.

Im Vergleich zu Ehepaaren mit Kindern sind Alleinerziehende 10 mal mehr

gefährdet, von Sozialhilfe leben zu müssen. Das Risiko steigt, umso mehr Kinder im

Haushalt leben. Bei drei und mehr Kindern liegt die Wahrscheinlichkeit, Sozialhilfe zu

benötigen, bei 60 %.

Der Anteil der ausländischen Mitbürger an den Sozialhilfebeziehern lag bei 24 % (d.h.

jeder vierte Sozialhilfeempfänger in NRW war 1997 nichtdeutscher Nationalität), bei

einer Sozialhilfedichte von 7,9 %. Die Quote der deutschen Sozialhilfebezieher war

mit 3,2 % weniger als halb so hoch. Hilfsbedürftige Ausländerinnen und Ausländer

lebten allerdings viel häufiger in Ehen als Deutsche. Alleinerziehende Haushalte mit

nichtdeutschem Haushaltsvorstand in der Sozialhilfe belaufen sich auf 16 %.

In NRW lebt nahezu die Hälfte der Bevölkerung in einer Großstadt (47,4 %). Die

Großstädte in NRW hatten im Durchschnitt die höchsten Armutsquoten. Insgesamt

13.1 % der Bevölkerung in Städten mit über 500.000 Einwohnern fielen unter die Armutsgrenze.

Im Ruhrgebiet und in Kreisen am Rande von NRW sind die meisten Armen zu Hause.

Die niedrigsten Armutsquoten findet man in ländlichen Kreisen rund um Düsseldorf

und Köln und südlich des Ruhrgebiets.

Die Mehrzahl der Kreise weist niedrigere Sozialhilfedichten auf als die Städte. Auch

die ausländische Bevölkerung unter den Sozialhilfebeziehern konzentriert sich in den

Städten.

In den kreisfreien Städten ist das Sozialhilferisiko für Kinder besonders hoch. Bezogen

auf Erwachsene gibt es mit zunehmendem Alter nur noch kleine Dichteunterschiede

zwischen den Kreisen und den kreisfreien Städten.

Fazit: Arme Familien und Alleinerziehende mit ihren Kindern bleiben in den

industriellen Ballungsräumen.

Im Ruhrgebiet gibt es so viele Sozialhilfeempfänger wie Gelsenkirchen Einwohner

hat, nämlich ca. 250.000 Personen. D.h.: Mehr als ein Drittel aller Sozialhilfebezieher

in NRW lebten 1997 im Ruhrgebiet (35,7 %). Davon waren 92.153 Personen minderjährig

(13 % aller Sozialhilfebezieher). In Dortmund lebte sogar jedes 7. Kind unter 7

Jahren von Sozialhilfe (entspricht 14,3 %). Rechnet man diese Zahlen auf durchschnittliche

Grundschul-Klassenstärken um, so könnte man daraus ca. 200 Klassen

Sozialhilfeempfänger

Regionale Unterschiede

19


20

Viele Kinder

erhalten Sozialhilfe

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

pro Jahrgangsstufe mit Kindern bilden, die unter Armutsbedingungen aufwachsen

(Kersting 2000).

Fast sechs von zehn (58 %) Sozialhilfebeziehenden im Ruhrgebiet lebten Ende 1997

in einem Haushalt mit Kind(ern). Der größte Anteil an armen Personen (31 %) fiel davon

auf die Alleinerziehenden-Haushalte.

Die Hälfte aller minderjährigen Sozialhilfebezieher im Ruhrgebiet gehörte einem Alleinerziehenden-Haushalt

an. Von diesen war wiederum die Hälfte noch keine 7 Jahre

alt und somit auf verlässliche und kontinuierliche Betreuung angewiesen.

Im Ruhrgebiet entwickelt sich laut der Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum

Armut zu einem Massenphänomen.

Tabelle 4: Betroffenheit von Einkommensarmut in Nordrhein-Westfalen

Jahr 40 % Grenze

1991 1997 in %

50 % Grenze 60 % Grenze

1991 3,6 8,3 17,9

1992 2,7 8,8 19,4

1993 3,8 10,4 22,4

1994 3,6 10,7 21,5

1995 5,3 11,5 20,5

1996 3,4 10,0 19,4

1997* 2,7 8,4 18,0

Quelle: SOEP 1991-1997 und eigene Berechnungen Ruhr-Universität Bochum

*Vorläufiges Ergebnis

Soziale Ungleichheit in Baden-Württemberg

Die Gesamtbevölkerung Baden-Württembergs betrug 2001 (Mikrozensus)

10.537.700 Einwohner.

Ende 1998 nahm Baden-Württemberg mit einem Kinderanteil von 16,9 % den ersten

Platz unter den alten Bundesländern ein.

1998 lebten in Baden-Württemberg 1.303.828 ausländische Mitbürger. Das entspricht

einem Anteil von 12,5 % an der Gesamtbevölkerung. Unter den Kindern ist der Ausländeranteil

mit 14,5 % höher.

Im Jahr 2000 lebten in Baden-Württemberg 209.044 Menschen von Sozialhilfe, das

entspricht einer Sozialhilfedichte von 2,0 % (2,8 Millionen und 3,4 % in der gesamten

Bundesrepublik, 1999).


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Knapp 40 % der Sozialhilfeempfänger in Baden-Württemberg sind Kinder unter 18

Jahren. Jedes 18. Kind unter 7 Jahren (5,4 %) wächst mit Sozialhilfe auf. Dagegen beziehen

nur 1 % aller Personen über 64 Jahre 1998 laufende Hilfe zum Lebensunterhalt.

1998 hatten ein Drittel bis die Hälfte aller Sozialhilfeempfänger in Baden-Württemberg

keinen beruflichen Bildungsabschluss.

Über ein Viertel aller Bedarfsgemeinschaften von Empfängern laufender Hilfe zum

Lebensunterhalt waren 1998 Alleinerziehende. Der Ausländeranteil an den Sozialhilfeempfängern

beträgt ebenfalls etwa ein Viertel.

Im Jahr 1998 lag die Sozialhilfequote in der deutschen Bevölkerung Baden-Württembergs

bei 2,0 %, in der ausländischen Bevölkerung knapp unter 5 %. Im Vergleich dazu

beträgt die Sozialhilfequote bei Alleinerziehenden unabhängig von der Nationalität

mit knapp 19 % das Vierfache der Quote in der ausländischen Bevölkerung und liegt

damit mehr als achtmal so hoch wie die Quote in der Gesamtbevölkerung (2,3 %).

Besonders armutsgefährdet sind Haushalte von Alleinerziehenden und von Familien

mit drei und mehr Kindern.

Sozialhilfe

21


22

Deutlich mehr

Sozialhilfeempfänger

in großen Städten

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Während 2000 die Sozialhilfequote in der Gesamtbevölkerung unter 18 Jahren im

Landesdurchschnitt 3,8 % beträgt, leben in den Stadtkreisen Mannheim (12,5 %),

Freiburg (9,7 %), Karlsruhe (7,9 %), Stuttgart (7,2 %) und Heilbronn (7,2 %) wesentlich

mehr Kinder unter 18 Jahren am Existenzminimum.

Zum Vertiefen:

Hank, K.; Kersting, V.; Langenhoff, G.; Strohmeier, K.P. (Ruhr-Universität Bochum Zentrum

für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung, ZEFIR) (2000): Armut in Nordrhein-Westfalen.

Umfang und Struktur des Armutspotentials. Bochum.

Kersting, V., Ruhr-Universität Bochum ZEFIR: Kinderarmut im Ruhrgebiet. Fakten eines

Armutszeugnisses der Region. Referat auf der GEW-Konferenz „Kinderarmut im Ruhrgebiet“

am 2.2.2000 in Gelsenkirchen

Landeshauptstadt Stuttgart, Sozialamt (Hrsg.) (2001): Armut in Stuttgart. Quantitative und

qualitative Analysen. Sozialbericht 1. Stuttgart

Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit dem Landesgesundheitsamt

Baden-Württemberg, (2000): Kindergesundheit in Baden-Württemberg. Stuttgart


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

1.4 Ansätze zur Erklärung und Verringerung der gesundheitlichen

Ungleichheit

Bei der Erklärung der gesundheitlichen Ungleichheit wird meistens zwischen den beiden folgenden

grundlegenden Hypothesen unterschieden:

Der sozio-ökonomische Status beeinflusst den Gesundheitszustand

(plakativ formuliert: „Armut macht krank“)

der Gesundheitszustand beeinflusst den sozio-ökonomischen Status

(plakativ formuliert: „Krankheit macht arm“)

Die in Deutschland diskutierten Erklärungsansätze beziehen sich meistens auf die erste Hypothese.

In der zweiten Hypothese wird das Problem angesprochen, dass die Gefahr eines sozialen

Abstiegs bei kranken Personen häufig größer ist als bei gesunden; es wird jedoch davon ausgegangen,

dass der Zusammenhang „Krankheit macht arm“ bei uns nicht so bedeutend ist wie

der Zusammenhang „Armut macht krank“.

Für den Zusammenhang „Armut macht krank“ kommt eine Vielzahl von Erklärungsansätzen

in die Diskussion:

Arbeitsbedingungen: Von vielen physischen und psychischen Arbeitsbelastungen z.B.

körperlich schwerer Arbeit, Lärm, Eintönigkeit, geringen Möglichkeiten des Mitentscheidens

sind die Erwerbstätigen in der unteren Statusgruppe besonders stark betroffen.

Wohnbedingungen: Die Angehörigen der unteren Statusgruppe wohnen besonders häufig

an verkehrsreichen Straßen, und die Luftverschmutzung ist in den Arbeiterwohngebieten

höher als in anderen Wohngebieten.

Gesundheitsgefährdendes Verhalten: Die meisten Ergebnisse liegen für Rauchen, Übergewicht,

Bluthochdruck und Mangel an sportlicher Betätigung vor. Die Prävalenz dieser

zentralen kardiovaskulären Risikofaktoren ist in den unteren Statusgruppen besonders

hoch. Auch zur Ernährung sind mehrere Untersuchungen vorhanden, und sie lassen keinen

Zweifel daran, dass die Ernährung in den status-niedrigen Gruppen zumeist ungesünder

ist als in den status-hohen.

Vorsorge-Verhalten: Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen werden in den unteren

Statusgruppen seltener in Anspruch genommen als in den oberen.

Gesundheitliche Versorgung: Erwachsene mit niedriger Schulbildung sind mit der ambulanten

Versorgung unzufriedener als Erwachsene mit höherer Schulbildung. Bei statusniedrigen

Personen fehlen erheblich mehr Zähne als bei status-hohen.

Von einer ausreichenden Erklärung der gesundheitlichen Ungleichheit sind wir jedoch noch

weit entfernt, denn wir wissen sehr wenig darüber,

wie groß der Anteil der einzelnen Faktoren an der Erklärung der gesundheitlichen Ungleichheit

ist, und wie sich die einzelnen Faktoren gegenseitig beeinflussen.

Armut macht krank

Erklärungsansätze

23


24

Erklärung der

gesundheitlichen

Ungleichheit bei Kindern

und Jugendlichen

Ansätze zur Verringerung

der sozialen Ungleichheit

Kurz- und mittelfristig

planen

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

ob und wie sich eine gesundheitliche Benachteiligung im Kindesalter bis in das Erwachsenenalter

hinein fortsetzen kann.

wie sozial benachteiligte Personen selber ihre gesundheitliche Benachteiligung erklären.

Die meisten der oben genannten Ansätze zur Erklärung der gesundheitlichen Ungleichheit lassen

sich auf Kinder und Jugendliche übertragen. Wenig sinnvoll ist eine direkte Übertragung nur

beim Ansatz „Arbeitsbedingungen“. Sind jedoch die Eltern der unteren Statusgruppe durch ihre

Arbeitsbedingungen physisch und psychisch besonders stark belastet, dann wird dies auch auf

ihre Kinder ausstrahlen. In diesem Sinne bieten die Arbeitsbedingungen bei den Erwachsenen

auch einen wichtigen Ansatz zur Erklärung der gesundheitlichen Ungleichheiten bei den Kindern.

Kinder und Jugendliche aus der unteren Statusgruppe sind erheblich größeren gesundheitlichen

Belastungen ausgesetzt als die besser gestellten Kinder und Jugendlichen. Bezogen auf

die Wohnbedingungen wurde z.B. festgestellt, dass Kinder aus den unteren Statusgruppen häufiger

als andere Kinder an Hauptverkehrsstraßen und in Regionen mit erhöhter Konzentration an

Außenluft-Schadstoffen wohnen. Schüler aus der unteren Statusgruppe ernähren sich besonders

ungesund. Empirische Ergebnisse liegen vor allem zum Rauchen vor. Mit zunehmendem sozioökonomischem

Status nimmt das Rauchen bei Kindern und Jugendlichen auch bei ihren Eltern

immer weiter ab. Bezogen auf das Vorsorge-Verhalten ist z.B. die Teilnahme an den U1bis

U9 Untersuchungen bei den unteren Statusgruppen besonders niedrig (Robert-Koch-Institut

2001). Bezogen auf die gesundheitliche Versorgung von erkrankten Kindern und Jugendlichen

liegen bisher keine größeren Untersuchungen über statusspezifische Unterschiede vor.

Auf einer sehr allgemeinen Ebene besteht kein Zweifel daran, was zur Erreichung des Ziels

„Verbesserung des Gesundheitszustandes in den unteren Statusgruppen“ getan werden sollte.

Wir wissen sehr viel über die Möglichkeiten der Gesundheitsförderung bzw. der primären, sekundären

und tertiären Prävention jetzt geht es um die praktische Umsetzung bei den Angehörigen

der unteren Statusgruppen.

Auf einer etwas konkreteren Ebene lassen sich die folgenden Ansatzpunkte zur Verringerung

der gesundheitlichen Ungleichheit unterscheiden: Zum einen die Verringerung der sozialen Ungleichheit

(d.h. Verringerung der Unterschiede in der schulischen und beruflichen Ausbildung,

im beruflichen Status und im Nettoeinkommen), und zum anderen die Verbesserung der Gesundheits-Chancen

von status-niedrigen Personen, d.h.:

Verringerung ihrer Expositionen gegenüber gesundheitsgefährdenden Umweltbedingungen

Verstärkung ihrer gesundheitsfördernden Umweltbedingungen

Verbesserung ihrer präventiven und kurativen gesundheitlichen Versorgung

Verbesserung ihres Gesundheitsverhaltens

Verbesserung ihrer beruflichen und finanziellen Absicherung bei Krankheit

Die Verringerung der sozialen Ungleichheit würde das Problem quasi an der Wurzel anpacken.

Dies setzt jedoch fundamentale strukturelle Veränderungen voraus, die (wenn überhaupt) nur in

langfristigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen erreicht werden können. Die Bemühungen

um eine kurz- und mittelfristige Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit sind ver-


Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

mutlich erfolgreicher, wenn sie sich zunächst auf die Verbesserung der Gesundheits-Chancen

von status-niedrigen Personen konzentrieren.

Es ist nicht einfach, einen aktuellen Überblick über die Maßnahmen der Gesundheitsförderung

zu erhalten, die sich auch und vor allem an die sozial Benachteiligten richten. In Deutschland

ist u.E. bisher viermal versucht worden, eine derartige Bestandsaufnahme zu erstellen:

Die erste Übersicht stammt aus Baden-Württemberg (Sozialministerium 1996).

Die zweite Übersicht stammt aus Niedersachsen (Hofrichter/Deneke 2000). Im Rahmen

der niedersächsischen Landesarmutskonferenz hat sich dort 1996 der Arbeitskreis „Armut

und Gesundheit“ gebildet; er wird seitdem von der Landesvereinigung für Gesundheit

Niedersachsen e.V. aus organisiert.

Die dritte Übersicht wurde im Institut für Medizinische Soziologie der Heinrich-Heine-

Universität in Düsseldorf erstellt. Im Rahmen des „European Network of Health Promotion

Agencies (ENHPA)“ wurde das Projekt „Tackling Inequalities in Health“ durchgeführt.

Es hatte zum Ziel, die „bisherigen Strategien der Gesundheitsförderung, die auf

sozial und wirtschaftlich benachteiligte Gruppen gerichtet sind, (...) zu analysieren und

die praktischen Möglichkeiten zur Verringerung dieses Problems darzustellen“ (BZgA

2001, S. 3).

Gemeinsam mit Partnern aus Großbritannien und Schweden wurde im Rahmen eines

von der EU finanzierten Projektes versucht, die Gesundheitsförderungs-Maßnahmen zu

finden, die nachweislich zu einer Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit bei

Kindern geführt haben. Die Suche beschränkte sich dabei auf publizierte Studien aus den

westeuropäischen Staaten. Insgesamt wurden ca. 40 Maßnahmen gefunden, aber davon

stammte keine aus Deutschland (Mielck et al. 2000).

Auffallend ist zunächst, dass diese Aktivitäten alle relativ neuen Datums sind. Offenbar wird in

Deutschland erst seit wenigen Jahren versucht, die Gesundheitsförderung sozial Benachteiligter

systematisch zu erfassen. Noch wichtiger ist jedoch eine andere Feststellung: Uns fehlt ein

System, das es uns ermöglichen würde, aus den Erfahrungen der bereits durchgeführten Projekte

zu lernen. Wir wissen zu wenig darüber, wo welche Projekte durchgeführt werden und wie erfolgreich

diese Projekte waren.

Die Frage, welche Gesundheitsförderungs-Maßnahmen nachweisbar zu einer Verringerung

der gesundheitlichen Ungleichheit geführt haben, und was diese Maßnahmen auszeichnet, ist

hier nur durch Rückgriff auf Erfahrungen aus dem Ausland zu beantworten. Als Beispiel kann

die oben angesprochene Studie gelten, die im Rahmen eines von der EU finanzierten Projektes

gemeinsam mit Partnern aus Großbritannien und Schweden durchgeführt wurde (Mielck et al.

2000).

Vermutlich lassen sich die Eigenschaften dieser Projekte (siehe Auflistung unten) auch auf

Projekte in Deutschland übertragen. Dies entbindet uns jedoch nicht von der Aufgabe, eigene

Gesundheitsförderungs-Maßnahmen für sozial Benachteiligte zu entwickeln und aus diesen Erfahrungen

zu lernen.

25

Gesundheitsförderung für

sozial Benachteiligte

Ansätze in Deutschland

Erfahrungen aus

dem Ausland


26

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Erfolgreiche Projekte zur Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit

bei Kindern haben folgende Eigenschaften (laut Erfahrungen aus dem Ausland):

energisches und intensives Engagement

sorgfältige Bedarfsanalyse vor Beginn der Intervention

Verknüpfung verschiedener Ansätze und Disziplinen

sorgfältige Auswahl und Ausbildung der vor Ort tätigen Vertrauenspersonen

Partizipation der Zielgruppe bei Planung und Durchführung der Maßnahme

persönliche Einladung der Personen aus der Zielgruppe (z.B. telephonisch

durch Ärzte), persönlicher und enger Kontakt mit den Personen aus der

Zielgruppe (Treffen unter vier Augen, in kleinen Gruppen etc.)

Vermittlung von Wissen und von Fertigkeiten

Anpassung an die regionalen Umstände.

Fazit für die Gesundheitsförderung von sozial benachteiligten Menschen:

Gesundheitliche Ungleichheit bei armen Kindern und Jugendlichen: Warum?

Schlechte Arbeitsbedingungen der Eltern

Schlechte Wohnbedingungen

Häufig gesundheitsschädigendes Verhalten in Form von Rauchen, ungesunder

Ernährung und Bewegungsmangel

Schlechteres Vorsorge-Verhalten: Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen

sowie Impfungen werden selten in Anspruch genommen

Schlechte gesundheitliche Versorgung

Wodurch könnte sich die gesundheitliche Ungleichheit verringern?

Verringerung der Expositionen gegenüber gesundheitsgefährdenden Umweltbedingungen

Verstärkung der gesundheitsfördernden Lebensbedingungen

Verbesserung der präventiven und kurativen gesundheitlichen Versorgung

Verbesserung des Gesundheitsverhaltens

Verbesserung der Bildungschancen

Verbesserung der beruflichen und finanziellen Absicherung bei Krankheit

Stärkung der Bewältigungsressourcen


Zum Vertiefen:

Teil I. Die Grundlagen oder „Was sollten Sie wissen?“

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2001): „Tackling Inequalities in Health“

ein Projekt des „European Network of Health Promotion Agencies“ (ENHPA) zur Gesundheitsförderung

bei sozial Benachteiligten. Abschlussbericht für das deutsche Teilprojekt.

Vorgelegt von Prof. Dr. Johannes Siegrist und Dr. Ljiljana Joksimovic (Universität Düsseldorf,

Institut für Medizinische Soziologie)

Hofrichter, P.; Deneke, C. (Hrsg.) (2000): Armut und Gesundheit. Praxisprojekte aus Gesundheits-

und Sozialarbeit in Niedersachsen. Landesvereinigung für Gesundheit Nds. e.V.,

Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften der Fachhochschule Nordostniedersachsen

und der Universität Lüneburg. Lüneburg

Mielck, A.; Graham, H.; Bremberg, S. (2000): Armut macht auch Kinder krank. Können Strategien

der Gesundheitsförderung gesundheitliche Chancengleichheit schaffen? Empirische

Ergebnisse aus Westeuropa. 6. bundesweiter Kongress „Armut und Gesundheit“. Berlin, 1.-

2. Dezember 2000

Robert-Koch-Institut (Hrsg.) (2001): Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 03/01:

Armut bei Kindern und Jugendlichen. Verfasst von Prof. Dr. Andreas Klocke. Berlin

Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.) (1996): Gesundheitsförderung mit sozial Benachteiligten.

Eine Bestandsaufnahme von Initiativen, Projekten und kontinuierlichen Angeboten.

Stuttgart

27


28

Notizen


Nicole T. Fürsorge

Foto: www.offroadkids.de

29


30

Wenige Erkenntnisse

über subjektives

Erleben von Armut

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

2. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

2.1 Soziale Ungleichheit und die Folgen für Kinder und Jugendliche

eine Einstimmung

2.2 Gesundheitsverhalten von sozial benachteiligten Kindern und

Jugendlichen das Beispiel Ernährung

2.3 Risiko Alleinerziehen: Gesundheit von Kindern und Jugendliche

aus Ein-Eltern-Familien

2.4 Strategien und Ressourcen von Kindern und Jugendlichen zur

Bewältigung von Armut

2.1 Soziale Ungleichheit und die Folgen für Kinder und Jugendliche

eine Einstimmung

Die Folgen von Armut in den Familien sind vielfältig und tiefgreifend das wurde oben wiederholt

angedeutet. Belastende Lebensbedingungen, ein ungünstiges Gesundheitsverhalten, Unterschiede

in der gesundheitlichen Versorgung und nicht zuletzt unzureichende Ressourcen zur Bewältigung

des Ganzen beeinflussen neben dem körperlichen und seelischen Wohlbefinden auch

die Entwicklung und Lebenschancen der Kinder und Jugendlichen.

Der 10jährige Clemens lebt mit seinen Eltern und den 4 jüngeren Geschwistern im

sozialen Brennpunkt in Großburgfeld-Süd. Seit 4 Jahren ist sein Papa arbeitslos,

was ihm gegenüber seinen Schulkameraden schrecklich peinlich ist. Mama hat für

ihn keine Zeit und scheint auch sonst mit allem überfordert: Die Wohnung gleicht

einer Müllhalde, der Schuldenberg steigt ins Unermessliche und im Kühlschrank

herrscht oft gähnende Leere. Clemens geht nicht gerne in die Schule, weil er dort

von den anderen oft gehänselt wird. Er schämt sich für seine altmodische Büchertasche,

die zerschlissene no-name-Jeans, seine schlechten Zeugnisse und dafür, dass

er nachmittags immer auf seine kleinen Geschwister aufpassen muss und nicht zum

Spielen darf. Clemens hätte so viele große und kleine Wünsche, wie alle Jungs in

seinem Alter. Kaum angefangen, seiner Mutter davon zu erzählen, weiß er schon die

Antwort: „Sei still, wir haben kein Geld.“

Wir kennen Daten und Fakten über soziale und gesundheitliche Ungleichheit aus empirischen

Studien. Aber wir wissen wenig über diejenigen, die sich hinter diesen Zahlen und Statistiken

verbergen: die betroffenen Kinder, Jugendlichen und ihre Eltern. Wie aber Kinder das Aufwachsen

in Armut erleben, welche Konsequenzen es für sie hat und wie ihnen bei der Bewältigung

ihrer schwierigen Situation geholfen werden könnte, ist wissenschaftlich kaum erfasst. Le-


Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

benslagenorientierte Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte funktioniert nicht gut ohne

Einblick in das, was für die Betroffenen „Alltag“ ist.

Der Lebensstandard von Kindern bestimmt sich über das Einkommen der Eltern. Damit haben

Kinder, die in Armutshaushalten aufwachsen, kaum eine Chance, dieser Situation mit eigenen

Anstrengungen zu entkommen, denn sie sind auf ihre Eltern angewiesen und materiell von

ihnen abhängig (Mansel/Brinkhoff 1998). Werden Kinder in eine solche Lebenslage hineingeboren,

kennen sie kein anderes Leben als das mit finanzieller und sozialer Benachteiligung.

Geld ist häufig ein Thema in sozial benachteiligten Familien auch für die Kinder und Jugendlichen.

Sie schämen sich für die Situation ihrer Eltern und sind zudem in der schwierigen

Lage, das alles nach draußen schlecht verschweigen zu können. Die Angst vor der Stigmatisierung

setzt die Kinder unter Druck und führt zum Abbruch ihrer sozialen Kontakte. Am meisten

leiden die Kinder und Jugendlichen wohl unter der Tatsache, dass sie „nicht mithalten können“.

Sie sind und sie fühlen sich sozial ausgegrenzt. Im schlimmsten Fall kommt es zu depressiven

Störungen und Selbstwertkrisen. Wenn solche psychischen Beschwerden im Kindes- und Jugendalter

auftreten, können sie negative Entwicklungen in Gang setzen, die ein ganzes Leben

lang prägen (Klocke/Hurrelmann 1998).

Kinder und Jugendliche, denen schon an der Kleidung die finanzielle Misere der Familie anzusehen

ist, werden schnell zu Außenseitern abgestempelt: keine Freunde, keine Markenkleidung,

keine Schulausflüge, keine Mitgliedschaft im Sportverein, kein Urlaub in Mallorca, ein

altes Fahrrad oder keines. Sofern irgendwie erschwinglich, setzen deshalb manche Eltern alles

daran, ihren Sprösslingen diese Akzeptanzprobleme in Schule und Freundeskreis zu ersparen.

Zum Teil versuchen sie, den Kindern das gleiche zu bieten, was die Freunde in der Clique auch

besitzen. Das gelingt entweder über die drastische Reduzierung der elterlichen Bedürfnisse

oder hin und wieder auch über Privatschulden. Auf viele Aktionen, bei denen es darum geht, mit

Gleichaltrigen etwas zu tun, müssten die Kinder ansonsten verzichten. Ein Kind büßt schnell an

Wertschätzung in der Gleichaltrigengruppe ein, wenn es den ganz normalen Standard nicht erreicht

(Mansel/Neubauer 1998).

Manche Probleme wären für die Kinder sicher besser zu bewältigen, wenn sie unter ihren

Kameraden in der Schule auf Verständnis und Unterstützung hoffen könnten. Das erweist sich

in der Praxis aber als schwierig. Im heutigen Schulsystem stoßen Lehrer mit dem Wunsch, die

sozial benachteiligten Kinder besonders zu unterstützen, schnell an die Grenze ihrer Belastbarkeit

(Andrä 2000).

Auch zu Hause lauern die Einschränkungen beim Spielen und Hausaufgaben machen. Der oft

beengte Wohnraum lässt den Kindern und Jugendlichen wenig bis gar keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen.

Häufig gibt es keinen Platz in der Wohnung, an dem die Hausaufgaben in Ruhe erledigt

werden können. Nervosität und Konzentrationsstörungen folgen fast zwangsläufig. Mit andauernder

Armut verschlechtert sich oft das Klima in der Familie. Konflikte und Spannungen

sind unumgänglich und werden meistens nicht konstruktiv gelöst mit dem Nebeneffekt, dass

die Kinder so wahrscheinlich kaum soziale Kompetenzen erwerben.

Kinder lernen am Modell, und wenn die Vorbilder mit verfügbaren Finanzen schlecht umgehen

können, dann verwundert es nicht, dass sich auch die Kinder damit schwer tun. Laut einer

Befragung der Universität Oldenburg würden 64,5 % der Schüler aus 7.-10. Klassen sich eher

verschulden als auf Anschaffungen verzichten. Aus Studien mit Erwachsenen ist bekannt, dass

Überschuldung Folgen für die Gesundheit hat. Vor allem psychosomatische und Sucht-Erkran-

31

Aufwachsen mit wenig Geld

Konflikte und Spannungen

Überschuldung Beginn

eines Teufelskreises


32

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

kungen kommen bei überschuldeten Personen häufig vor (Zimmermann 2000). Schulden zu machen

erweitert nur kurzfristig den Handlungsspielraum, langfristig schränkt es die Perspektiven

der Jugendlichen entscheidend ein als Auslöser und Triebfeder eines Teufelskreises, dem die

Betroffenen kaum mehr entkommen.

Zum Vertiefen:

Andrä, H. (2000): Begleiterscheinungen und psychosoziale Folgen von Kinderarmut: Möglichkeiten

pädagogischer Interventionen. In: Butterwegge, C. (Hrsg.): Kinderarmut in Deutschland.

Ursachen, Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen. Frankfurt am Main

Andreß, H.-J. (1999): Leben in Armut: Analysen der Verhaltensweisen armer Haushalte mit

Umfragedaten. Opladen

Iben, G. (Hrsg.) (1998): Kindheit und Armut. Analyse und Projekte. Münster

Kamensky, J.; Heusohn, L.; Klemm, U. (Hrsg.) (2000): Kindheit und Armut in Deutschland:

Beiträge zur Analyse, Prävention und Intervention. Ulm

Klocke, A.; Hurrelmann, K. (Hrsg.) (1998): Kinder und Jugendliche in Armut. Umfang, Auswirkungen

und Konsequenzen. Opladen

Mansel, J.; Neubauer, G. (Hrsg.) (1998): Armut und soziale Ungleichheit bei Kindern. Opladen

Mansel, J.; Brinkhoff, K.-P. (Hrsg.) (1998): Armut im Jugendalter. Soziale Ungleichheit, Gettoisierung

und die psychosozialen Folgen. Weinheim/München

Otto, U. (Hrsg.) (1997): Aufwachsen in Armut. Erfahrungswelten und soziale Lagen von

Kindern armer Familien. Opladen

Zimmermann, G. E. (2000): Ansätze zur Operationalisierung von Armut und Unterversorgung

im Kindes- und Jugendalter. In: Butterwegge, C. (Hrsg.): Kinderarmut in Deutschland. Frankfurt.

S. 59-77


Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

2.2 Gesundheitsverhalten von sozial benachteiligten Kindern und

Jugendlichen das Beispiel Ernährung

Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien weisen vielfach ebenso wie ihre

Eltern ein ungünstiges Gesundheitsverhalten auf. Dies zu ändern, ist schwierig, wenn die guten

Vorbilder fehlen, weil die Eltern auch nicht über die entsprechenden Kompetenzen und die

Bereitschaft zur praktischen Umsetzung verfügen.

Ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum als Risikofaktoren

für viele Erkrankungen sind bei armen Kindern und Jugendlichen häufiger anzutreffen

als bei ihren Altersgenossen aus oberen sozialen Schichten. Bedenklich muss die Erkenntnis

stimmen, dass Gesundheitsverhalten in der Kindheit gelernt und so im Erwachsenenalter

beibehalten wird (Kamensky 2000a; Langnäse et al. 2000).

Die Datenlage zum Ernährungsverhalten von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen

in Deutschland bietet keine Grundlage für differenzierte Erkenntnisse. So ist man bei der

Beschreibung des Essverhaltens dieser Gruppe vermehrt auf die Schilderungen von Sozialarbeitern,

Lehrern oder Kinderärzten angewiesen.

Dennoch: Die Universität Bielefeld befragte in ihrer Untersuchung 3.328 Schüler auch zum

Thema Ernährung. Die Kinder aus der unteren sozialen Schicht ernährten sich im Vergleich zur

oberen deutlich ungesünder (Klocke 1995) (Tabelle 5). So essen die ärmeren Kinder z.B. weniger

Vollkornbrot, Obst und Gemüse als die Kinder aus bessergestellten Familien. Dafür konsumieren

sie mehr Chips und Pommes Frites. Es wird vermutet, dass auch hier das Ernährungsverhalten

der Eltern eine große Rolle spielt. Für Chips und Pommes Frites gäbe es durchaus billigere

Alternativen. Offensichtlich wird dabei weniger auf das Einkommen als auf den

psychosozialen Zusatznutzen dieser Lebensmittel geachtet.

Tabelle 5: Ernährung der Kinder und Jugendlichen nach sozialer Ungleichheit

(Alter: 11 15 Jahre)

Soziale Lage

Lebensmittel „arme Kinder“ in % „reiche Kinder“ in %

Gemüse wöchentlich 48 54

Obst, mehrmals täglich 32 42

Vollkornbrot, täglich 26 51

Vollmilch, mehrmals täglich 31 43

Chips, täglich 54 36

Pommes Frites, wöchentlich 55 37

Hamburger, Hot Dogs, wöchentlich 23 22

Cola, Fanta, täglich 45 28

Süßigkeiten, mehrmals täglich 30 25

Kaffee, wöchentlich 37 24

Datenbasis: Health Behaviour in School-Age Children, Survey,

Universität Bielefeld 1994, Quelle: Klocke 1995

Sellin und Besselmann (1987) stellten ebenfalls fest, dass im Sozialhilfeempfängerhaushalt mit

Kindern weitgehend auf Fleisch, frisches Obst und Gemüse verzichtet wurde. Ebenso berichten

Arme Kinder essen

und trinken ungesund

33


34

Verzicht auf Frühstück

Gesundheit kein

vorrangiges Thema

Auch ein Thema: Rauchen,

Alkohol und Drogen

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

die Mitarbeiter einer Kindertagesstätte in einem sozialen Brennpunkt in Bremen, dass viele Kinder

nicht frühstücken und kein Pausenbrot mit in die Schule bekommen. Für die Schüler ist das

Mittagessen im Hort dann oft die erste und zum Teil auch die einzige warme Mahlzeit am

Tag (Busch-Geertsema/Ruhstrat 1993). Im Sozialbericht 2000 der Arbeiterwohlfahrt wird ebenfalls

bestätigt, dass arme Kinder oft hungrig in den Kindergarten bzw. in die Schule gehen müssen.

Sie wirken zudem ungepflegt, vernachlässigt und viele von ihnen zeigen Entwicklungsverzögerungen

(AWO 2000).

Fehl- und Mangelernährung ist unter Kindern, die in Armut aufwachsen, weit verbreitet

(Köttgen 2000; Dangschat 2000). Die Folgen der ungesunden Ernährung manifestieren sich

nicht selten im Erwachsenenalter in Form von Diabetes mellitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Weiterhin wurde in der Bielefelder Studie untersucht, welche Faktoren das Ernährungsverhalten

beeinflussen. Positiv wirken sich die Unterstützung durch die Eltern und die Einbindung

in eine Gleichaltrigengruppe aus. Kinder, die sich in der Schule wohl fühlen und auch regelmäßig

Sport treiben, achten mehr auf ihre Ernährung. Dagegen erwiesen sich ein umfangreicher

Fernsehkonsum und die soziale Ungleichheit selbst als ungünstig für das Essverhalten. Ebenfalls

von Nachteil ist es, wenn die Kinder viele Abende außer Haus verbringen (Klocke 1995),

wo dann die elterliche „Kontrolle“ völlig außen vor ist.

In der Studie der Universität Ulm zum „Ernährungsverhalten von Sozialhilfeempfängerinnen“

setzten die befragten Mütter alles daran, dass ihre Kinder von den Einsparungen am Essen

nichts bemerkten. Zum Teil tun sie das, um so ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen (Kamensky

2000a). D.h. die Mütter sind in armen Familien noch schlechter ernährt als die Kinder, wenn

sie zugunsten anderer verzichten. Die Frage, wie gesund und vollwertig ihre eigene Ernährung

ist, steht bei armen Frauen meist nicht im Vordergrund. Vorrangig widmen sie ihre Aufmerksamkeit

der Bewältigung ihrer Lebensumstände. Die (oft erfolglose) Suche nach einem Arbeitsplatz,

die Bewältigung der Schuldenlast, das Aufbringen der Miete, die vielen Belastungen

einer Alleinerziehenden dagegen erscheint das Thema Gesundheit für die Frauen kaum bedeutend

(Kamensky 2000b).

Neben ungesunder Ernährung sind gesundheitsschädigende Verhaltensweisen wie Rauchen,

Alkoholgenuss und Drogenkonsum bei Kindern und Jugendlichen aus der unteren sozialen

Schicht relativ oft zu beobachten (Mielck 1998). Scholz und Kaltenbach (1995) fanden z.B. heraus,

dass der Anteil der Raucher in der Hauptschule im Vergleich zu Realschule und Gymnasium

am höchsten ist. Auch rauchten deutlich mehr Eltern von Hauptschülern als andere Eltern.

In Anbetracht der realen Lage der Betroffenen ist die These nachzuvollziehen, dass Armut den

Genussmittelkonsum ansteigen läßt. Kaffee, Zigaretten und Alkohol haben zweifellos eine entspannende

Wirkung, auch wenn das Budget dadurch noch kleiner wird (Kamensky 1995; Roth

1992).


Zum Vertiefen:

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

AWO Bundesverband e.V. (2000): AWO-Sozialbericht 2000. Gute Kindheit Schlechte Kindheit.

Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bonn

Bieligk, A. (1996): Die armen Kinder Armut und Unterversorgung bei Kindern, Belastungen

und ihre Bewältigung. Essen

Busch-Geertsema, V.; Ruhstrat, E.-U. (1993): „Das macht die Seele so kaputt...“. Armut in

Bremen. Bremen

Dangschat, J.S. (2000): Armut und eingeschränkte Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

in ihrem Stadtteilbezug. In: Altgeld, T.; Hofrichter P. (Hrsg.): Reiches Land kranke

Kinder? Frankfurt am Main. S. 155-178

Kamensky, J. (1995): Essen und Ernähren mit Sozialhilfe Ein Bericht aus der Praxis. In:

Barlösius, Eva; Feichtinger, Elfriede; Köhler, Barbara Maria (Hrsg.): Ernährung in der Armut.

Gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin. S.

237-253

Kamensky, J: (2000a): Kinderarmut: Folgen für die Ernährung. In: Kamensky, J.; Heusohn,

L.; Klemm, U. (Hrsg.) (2000): Kindheit und Armut in Deutschland: Beiträge zur Analyse, Prävention

und Intervention. Ulm. S. 86-106

Kamensky, J. (2000b): Ernährung und Sozialhilfe: Ergebnisse eines Forschungsprojekts. In:

Hofrichter, P.; Altgeld, T. (Hrsg.): Suppenküchen im Schlaraffenland Armut und Ernährung

von Familien und Kindern in Deutschland. Hannover. S. 37-43

Klocke, A. (1995): Der Einfluss sozialer Ungleichheit auf das Ernährungsverhalten im Kinder-

und Jugendalter. In: E. Barlösius/E. Feichtinger/B. M. Köhler (Hrsg.): Ernährung in der Armut.

Gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik. Berlin. S. 185-203

Koettgen, C. (2000): In der Seele verletzt. Kinder und Jugendliche im sozialen Abseits. In: Altgeld,

T.; Hofrichter P. (Hrsg.): Reiches Land kranke Kinder? Frankfurt am Main. S. 75-88

Langnäse, K.; Mast, M.; Müller, M.J. (2000): Sozialer Status, Ernährung und Gesundheit.

Akt. Ernähr. Med. 25: S. 16-19

Mielck, A. (1998): Armut und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen: Ergebnisse der sozial-epidemiologischen

Forschung in Deutschland. In: Klocke, A.; Hurrelmann, K. (Hrsg.):

Kinder und Jugendliche in Armut. Opladen, S. 225-249

Robert-Koch-Instititut (Hrsg.) (2001): Gesundheitsberichterstattung des Bundes Heft 03/01:

Armut bei Kindern und Jugendlichen. Verfasst von Prof. Dr. Andreas Klocke. Berlin

35


36

Gesundheit von Kindern

und Jugendlichen aus

Ein-Eltern-Familien

Junge Mütter besonders

betroffen

Alleinerziehende Mütter

haben schlechtere

Schulbildung

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

Roth, R. (1992): Über den Monat am Ende des Geldes. Frankfurt am Main

Scholz, M.; Kaltenbach, M. (1995): Zigaretten-, Alkohol- und Drogenkonsum bei 12- bis

13jährigen Jugendlichen eine anonyme Befragung bei 2979 Schülern. In: Gesundheitswesen,

57, 1995

Sellin, C.; Besselmann, K. (1987): Erscheinungsformen und Auswirkungen sozialer Not und

Verarmung. Untersuchung im Auftrag des Diakonischen Werkes der EKD. Köln

2.3 Risiko Alleinerziehen

Kinder aus Ein-Eltern-Familien unterscheiden sich hinsichtlich verschiedener Gesundheitsrisiken

deutlich von Kindern aus Zwei-Eltern-Familien. Dies betrifft im Wesentlichen die psychische

Entwicklung, die Nutzung präventiver Maßnahmen (Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen,

Impfungen) sowie die Erkrankungs- und Unfallhäufigkeit. Der Mangel an finanziellen

Ressourcen ist dabei nur eine von vielen Ursachen (Montgomery et al. 1996).

Eine im Rahmen der Einschulungsuntersuchung in den Jahren 1996 und 1998 von der Universität

Ulm in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt Ulm durchgeführte Studie bei 3.131

Kindern lieferte wertvolle Hinweise zur gesundheitlichen Situation von Kindern aus Ein-Eltern-

Familien (Gickeleiter 2000). 2.686 der Kinder im Alter zwischen 5 und 6 Jahren lebten zum

Zeitpunkt der Untersuchungen in Ulm in einer Familie mit zwei Eltern. In reinen Ein-Eltern-Familien

wuchsen 307 Kinder (9,9 %) auf, die meistens deutscher Herkunft waren.

Das Alter der alleinerziehenden Mütter war durchschnittlich niedriger als bei den nicht alleinerziehenden

Müttern. Dies ist vor allem auf den großen Anteil der Alleinerziehenden bei den

sehr jungen Müttern zurückzuführen. Mütter unter 25 Jahren hatten ein 2,5-faches Risiko alleinerziehend

zu sein im Vergleich zu den Müttern zwischen 30 und 40 Jahren. In den Altersgruppen

über 40 Jahre bestanden keine gravierenden Unterschiede. Das weist darauf hin, dass das

Augenmerk in der Gesundheitsförderung noch immer besonders auf die sehr jungen Mütter ausgerichtet

sein muss.

Auch bei den Unterschieden in der Schulbildung zwischen den beiden Familienformen

machte sich das Alter der Mutter bemerkbar. Alleinerziehende Frauen haben häufiger keinen

Abschluss (6,3 %) oder einen Hauptschulabschluss (38,3 %) als Frauen aus Zwei-Eltern-Familien

(5,0 % und 33,6 %), und Frauen aus Zwei-Eltern-Familien sind sehr viel häufiger in der Kategorie

„Abitur“ vertreten (26,8 % zu 19,8 %). Eine Erklärung hierfür könnte das jüngere Alter

der alleinerziehenden Mütter sein, die möglicherweise durch ihre frühe Schwangerschaft und

Geburt die begonnene Schulausbildung nicht beendet haben.


Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

In den Wohnungen der Ein-Eltern-Familien wurde viel häufiger geraucht als bei den Zwei-Eltern-Familien.

40,2 % der Ein-Eltern-Familien aber nur 28,8 % der Zwei-Eltern-Familien

gaben an, dass in ihrer Wohnung geraucht wird. Im Ernährungsverhalten unterschieden sich die

beiden Gruppen kaum. Die körperliche Untersuchung der Kinder ergab, dass Kinder aus Ein-Eltern-Familien

durchschnittlich größer und schwerer waren als die Kinder aus Zwei-Eltern-Familien.

Als Ursache für Übergewicht im Kindesalter wird neben den Ernährungsfaktoren auch

die Dauer des Fernsehkonsums gesehen und damit einhergehend fehlende körperliche Betätigung

(Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung 1994). Wenn nur ein Erwachsener

für die Betreuung des Kindes zuständig ist, ist die Zeit knapper bemessen, die er mit dem

Kind verbringen kann. Außerdem ist es aus zeitlichen Gründen oft nicht möglich, die Kinder in

einen Sportverein zu bringen und von dort wieder abzuholen. Sportliche Betätigung ist zudem

häufig mit Kosten verbunden und die finanziellen Mittel sind bei Ein-Eltern-Familien deutlich

geringer als bei Zwei-Eltern-Familien.

Kinder Alleinerziehender sind seltener geimpft als Kinder aus Zwei-Eltern-Familien. Bei

fünf von acht abgefragten Impfungen bestanden geringere Impfraten bei den Kindern aus Ein-

Eltern-Familien. Vorsorgeuntersuchungen und Impfberatungstermine für Kinder nehmen alleinerziehende

Eltern seltener wahr als Eltern der Zwei-Eltern-Familien (Fleming/Charlton

1998; Lutz 1990; Fergusson et al. 1981). Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass alleinerziehende

Eltern den Kinderarzt nicht vorbeugend aufsuchen, sondern nur im Krankheitsfall der

Kinder. Dieser Umstand könnte u.a. durch den Zeitmangel in Ein-Eltern-Familien erklärt werden.

Es fällt auf, dass Unterschiede zwischen Ein-Eltern-Familien und Zwei-Eltern-Familien besonders

in Bezug auf psychosomatische Komponenten diskutiert werden. Gastrointestinale Beschwerden,

besonders Bauchschmerzen, sind im Kindesalter ein häufiger Symptomkomplex

Rauchen, Übergewicht,

Bewegungsmangel

Geringere Vorsorge

37


38

Vermehrt psychische

Krankheitsursachen

Alleinerziehende Mütter

häufiger krank

Ansätze für die

Gesundheitsförderung

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

und oft Ausdruck eines psychosomatischen Geschehens (Illing/Spranger 1993; Adler et al.

1998). Kinder aus Ein-Eltern-Familien klagten 1,9 mal mehr über häufige Bauchschmerzepisoden

als Kinder aus Zwei-Eltern-Familien. Auch die Angabe, manchmal Durchfall zu haben,

machten die Kinder der Ein-Eltern-Familien öfters. Beides deutet auf vermehrten Stress oder

psychischen Druck hin. Neurodermitits, Ekzeme und das Asthma zählen ebenfalls zu den Erkrankungen,

auf die der psychische Zustand und die sozialen Umstände einen Einfluss haben

(Adler et al. 1998). Kinder alleinerziehender Eltern der Ulmer Untersuchung hatten ein signifikant

erhöhtes Risiko einer Hautkrankheit. Noch höher lag das Risiko für Kinder aus Ein-Eltern-

Familien bei asthmatischen Symptomen.

Die Ulmer Studie zeigt deutlich, dass Kinder von Alleinerziehenden auch dann ein höheres

Erkrankungsrisiko haben, wenn es keine Unterschiede gibt hinsichtlich Schulbildung, Erwerbstätigkeit

und Alter der Mütter, Nationalität, Anzahl der Geschwister und Rauchen in der Wohnung.

Gesundheitliche Ungleichheit zwischen diesen beiden Familienformen hat also noch andere

Gründe.

Es gibt viele Erklärungsmodelle für diese Ergebnisse. Die kindlichen Symptome werden von

Alleinerziehenden oft ernster interpretiert. Es ist kein zweiter Erwachsener da, der die Symptome

mitbeurteilt, der die Verantwortung teilt und der mitentscheidet. Alleinerziehende Mütter

sind vielfältigen Belastungen ausgesetzt (Arbeit, Kind, ständiger Zeitdruck und oft finanzielle

Sorgen) und die Kinder reagieren auf Stress mit psychosomatischen Beschwerden. In zahlreichen

Studien wurde nachgewiesen, dass der Gesundheitszustand alleinerziehender Mütter deutlich

schlechter ist als der von verheirateten Müttern (Shouls et al. 1999; Benzeval 1998; Baker/Taylor

1997; Compas/Williams 1990). Die Auswirkungen der gesundheitlichen Verfassung

der Mütter auf das Wohlbefinden der Kinder ist nicht zu unterschätzen. Van den Bosch et al.

(1993) beschrieben in ihrer Studie, dass die Morbidität der Mutter der wichtigste Einflussfaktor

für die Morbidität des Kindes ist. Sie hat einen höheren Einfluss als die soziale Klasse.

Handlungsbedarf zeichnet sich deutlich ab bei der Impfrate der Kinder von Alleinerziehenden

und der mäßigen Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen. Gesundheitsberatungen

und Impfungen sowie Vorsorgeuntersuchungen sollten niederschwellig in Kindergärten und

Schulen durchgeführt würden. Eine Kooperation von öffentlichem Gesundheitsdienst mit den

niedergelassenen Kinderärzten wäre hier sehr von Vorteil.

Alleinerziehende Mütter sollten spätestens mit der Geburt ihres Kindes eine aufmerksame

Zuwendung erhalten, wie zum Beispiel im Bremer Modellprojekt der „Familienhebamme“. In

Bremen betreuen Hebammen alleinstehende Mütter nach der Geburt mindestens sechs Monate

lang zu Hause weiter. Das Hamburger Modell der Behörde für Arbeit unterstützt Eltern, deren

Kinder erkrankt sind, durch den Besuch von Kinderkrankenschwestern.

Als hilfreich für die alleinerziehenden Mütter erwies sich auch die ärztliche Beratung in

Mütterzentren (Angebote vor Ort) oder die Einrichtung einer Gesundheitsberatungsstelle im sozialen

Brennpunkt (dezentrale Versorgung). Im Münchner Stadtteil „Hasenbergl-Nord“ wurde

z.B. bereits vor zwanzig Jahren eine solche dezentrale Gesundheitsberatungsstelle als Außenstelle

der Gesundheitsbehörde Münchens eingerichtet und blieb bisher die einzige ihrer Art.

Dort kümmern sich ein Kinderarzt, eine Arzthelferin, eine Kinderkrankenschwester und eine

Sozialpädagogin um die kleinen und großen nicht nur gesundheitlichen Probleme der Bewohner.

Dem großen Engagement der Mitarbeiter und ihrem breiten Angebot (von regelmäßigen

Sprechstunden, Hausbesuchen, Kursen, Gesprächskreisen über Ernährungsberatung und


Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

Ausstellungen bis hin zu Mitmachaktionen und Sommerfesten) und der hervorragenden Kooperation

mit sämtlichen Einrichtungen vor Ort ist es zu verdanken, dass die Bewohner im Hasenbergl

diese Einrichtung gerne und zahlreich in Anspruch nehmen (Trumpp 2000; Weißbacher

2002).

Nicht zuletzt muss das Problem der Vereinbarung von Berufstätigkeit und Kindererziehung

an der Wurzel gepackt werden. Dies ist langfristig nicht ohne tiefgreifende strukturelle Änderungen

möglich (und sprengt damit den Rahmen dieses Praxisheftes). Es liegt auf der Hand,

dass in diesem Zusammenhang wieder über den Ausbau an Kinderbetreuungsangeboten nachgedacht

werden muss.

Die Situation von Alleinerziehenden und deren Kindern Fazit für die Gesundheitsförderung:

Kinder aus Ein-Eltern-Familien unterscheiden sich von Kindern aus

Zwei-Eltern-Familien so:

Sie zeigen mehr Auffälligkeiten in der psychischen Entwicklung.

Sie nehmen Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen weniger in Anspruch.

Sie haben mehr Unfälle.

Sie leiden häufiger unter Bauchschmerzen, Hauterkrankungen und

Asthmaerkrankungen.

Alleinerziehende unterscheiden sich von Frauen aus Zwei-Eltern-Familien so:

Sie sind häufig junge Mütter (unter 25 Jahren).

Sie haben öfter keinen oder einen niedrigen Bildungsabschluss.

Sie rauchen häufiger.

Gesundheitliche Unterschiede von Kindern aus Ein-Eltern-Familien könnten

folgende Ursachen haben:

Zeitmangel der Mutter

Stress und Überforderung

Schlechter gesundheitlicher Zustand der Mutter als wichtiger Einflussfaktor auf

die Gesundheit der Kinder

Dieser Handlungsbedarf resultiert daraus:

Verbesserung der Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen und

Impfungen.

Gesundheitsförderung und Suchtprävention der alleinerziehenden Mütter

(Väter).

Einrichtung niedrigschwelliger und wenig zeitintensiver Angebote.

Integration von Gesundheitsberatung und Impfung in den Lebensbereich der

Kinder (Kindergarten, Schule).

Gesundheitsberatung ab der Schwangerschaft z.B. durch eine „Familienhebamme“.

39


40

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

Aufsuchende Beratungs- und Betreuungsangebote z.B. durch Kinderkrankenschwestern.

Flexible Kinderbetreuungsangebote schaffen.

Zum Vertiefen:

Adler, R.H.; Hermann, J.M.; Köhle, K.; Schonecke O.W.; von Uexküll, T.; Wesiack, W. (Hrsg.)

(1998): Psychosomatische Medizin. München

Benzeval, M. (1998): The self-reported health status of lone parents. In: Soc Sci Med 46, S.

1337-1353

Baker, D.; Taylor, H. (1997): Inequality in health and health service use for mothers of young

children in south west England. In: Journal of Epidemiology and Community Health 51, S. 75-79

Compas, B.E.; Williams, R.A. (1990): Stress, coping, and adjustment in mothers and young

adolescents in single- and two-parent-families. In: Am J. Commun. Psychol. 18, S. 525-545

Fergusson, D.M.; Horwood, J.; Shannon, F.T. (1981): Birth placement and child health. In: NZ

Med J 93, S. 37-41

Fleming, D.M.; Charlton, J.R.H. (1998): Morbidity and healthcare utilisation in households

with one adult: a comparative study. In: BMJ 316, S. 1572-1576

Gickeleiter, M. (2000): Der Gesundheitszustand von Kindern aus Ein-Eltern-Familien. Magisterarbeit

im Aufbaustudiengang Gesundheitswissenschaften an der Universität Ulm. Unveröffentlichtes

Manuskript

Illing, S.; Spranger, S. (Hrsg.) (1993): Klinikleitfaden Pädiatrie. Neckarsulm, Stuttgart

Lutz, M.E. (1990): The effects of family structure and regular places of care on preventive health

care for children. In: Health Val Health Behav Education Promotion 14, S. 38-45

Montgomery, L.E.; Kiely J.L.; Pappas, G. (1996): The effects of poverty, race and family structure

on US children`s health: data from NHIS, 1978 through 1980 and 1989 through 1991.

In: American Journal of Public Health 86, S. 1401-1405

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung Baden-Württemberg (Hrsg.) (1994):

Zur gesundheitlichen Lage der Kinder in Baden-Württemberg. Stuttgart

Shouls, S.; Whitehead, M.; Burström, B.; Diderichsen, F. (1999): The health and the socioeconomic

circumstances of British lone mothers over the last two decades. In: Pupul Trends 95,

S. 41-46


Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

Trumpp, P. (2000): Gesundheit und psychische Befindlichkeit von Kindern in Armutsverhältnissen.

In: Kamensky, J.; Heusohn, L.; Klemm, U. (Hrsg.): Kindheit und Armut in Deutschland.

Beiträge zur Analyse, Prävention und Intervention. Ulm.

Weißbacher, S. (2002): Dezentraler Ansatz in einem sozialen Brennpunkt Münchens Gesundheitsberatungsstelle

Hasenbergl-Nord. In: Mielck, A.; Abel, M.; Heinemann, H.; Stender,

K.-P. (Hrsg.): Städte und Gesundheit. Projekte zur Chancengleichheit. Lage. S. 149-168

2.4 Strategien und Ressourcen von Kindern und Jugendlichen zur

Bewältigung von Armut

Früh im Leben erfahrene Armut verstärkt langfristig Ängstlichkeit und Depressivität. Das Gefühl

Opfer zu sein, bleibt Kindern arbeitsloser Eltern noch Jahrzehnte später erhalten, ebenso eine

erhöhte Anfälligkeit für Stress (Krappmann 2000; Schindler et al. 1990). Die damit verbundenen

Selbstabwertungen können die eigene Identität sehr dauerhaft formen. Sie erzeugen bei

Kindern und Jugendlichen genau wie bei Erwachsenen in unterschiedlichem Maß Niedergeschlagenheit,

Hilflosigkeit und Rückzug, ebenso wie Ärger und aggressives Verhalten.

Sozial benachteiligte Kinder verarbeiten Belastungen und Konflikte überwiegend selbstbezogen

sie versuchen, mit ihren Problemen allein fertig zu werden. Dabei bemühen sie sich, die

eigenen Einstellungen und Emotionen zu steuern und zu regulieren. In Interviews einer Studie

mit betroffenen Grundschulkindern (Richter 2000) finden sich zahlreiche Beispiele, die den

Umgang mit verschiedenen Belastungssituationen illustrieren.

Ein Achtjähriger äußert sich auf die Frage nach Einladungen zu Kindergeburtstagen, einem

wichtigen kinderkulturellen Ereignis in dieser Altersstufe, wie folgt:

Frage: Wirst du auch manchmal zum Geburtstag eingeladen?

Antwort: Ja. Mehrmals. ...Aber öfter bei den Mädchen.

Frage: Und was tust du dann?

Antwort: Ja, meistens gehe ich nicht hin, weil, ja, ich gehe einfach nicht gerne zu den Mädchen.

Dann müssen wir wieder Geschenke kaufen und dann ist wieder alles so teuer.

Frage: Und ist es jetzt mehr, weil du nicht gerne zu den Mädchen eingeladen wirst oder ist es eher

wegen der Geschenke?

Antwort: Es ist auch so wegen der Geschenke, weil wir müssen dann immer so viel kaufen, dann

haben wir schon wieder Geld weniger.

Ein zehnjähriger Junge regelt dieses Finanzproblem, indem er sich bescheiden zurücknimmt:

Frage: Du kannst ja einfach mal erzählen, von deinem letzten Geburtstag. Was ihr gemacht habt.

Antwort: Auf dem letzten Geburtstag, da hab ich also nur mit den Älteren gefeiert und dann, aber

so mit den Kindern....... Also da, also da fehlte uns........ also, hatten wir ...... da hab ich keinen

Kindergeburtstag gefeiert, sondern nur Elterngeburtstag. Also es kamen nur die Erwachsenen.

Frage: Du sagst gerade, Kindergeburtstag hast du nicht gefeiert, da fehlte euch? Was fehlte euch da?

Selbstbezogene

Bewältigungsstrategien

41


42

Weniger häufig:

Bewältigung über Gewalt

und Aggression

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

Antwort: Also da fehlte uns so ... Also wie soll ich das jetzt sagen? Hm. Also, wir hatten nicht genug

Geld ... da wollte meine Mama nur mit Erwachsenen feiern. Mir war das recht. Mir war das

egal.

Belastungen werden im Rückgriff auf eigene Ressourcen bewältigt. Zerstörerisches Verhalten

gegenüber Gegenständen oder Mitschüler(inne)n scheint als mögliche Konfliktlösung eher

nachgeordnet zu sein. Trotzdem kommt auch das vor. Ein Zehnjähriger schildert die Konflikte,

in die er verwickelt ist:

Letzten Geburtstag hab ich von meiner Tante einen Rucksack bekommen und noch irgendwas. Und

kurzfristig hab ich für einen Tornister 40 Mark bekommen, mein Ledertornister, der sieht ja noch

gut aus. Den hast du ja bestimmt schon gesehen?

Frage: Ich glaube ja, wenn du so vorbeigelaufen bist. Und, bist stolz darauf, auf deinen Ledertornister?

Antwort: Ja. Der ist besser. Dann lästern die anderen nicht, dass man nur so'n einfachen hat.

Frage: Kennst du das, dass die das gemacht haben? Wie machen die das?

Antwort: Paar aus unserer Klasse, sechs Stück, haben gesagt: kannst dir keinen Tornister leisten

und so was. Weil ich neidisch war, dass die einen Ledertornister hatten und ich hab keinen bekommen.

Das war ja, weil meine Eltern so oft umgezogen sind und, weil wir neue Möbel kaufen

mussten.

Frage: Ja, und dann, was haben die anderen Kinder dann gemacht?

Antwort: Haben gesagt: hast kein Geld und so was.

Frage: Wie findest du das, wenn die das sagen?

Antwort: Doof. Da hab ich mich zuerst auch aufgeregt, deswegen hab ich auch Ärger bekommen

und wegen einem Schüler habe ich von meiner Mutter Ärger bekommen.

Frage: Was war da los?

Antwort: Ja, das war bei D., der hat mich gehänselt und ohne Grund gehauen, aus Spaß sagte er,

und dann hab ich zurückgehauen und da hab ich auch gesagt, Spaß, da dachte er nicht mehr, das

ist Spaß, hat er immer mit kloppen angefangen und deswegen habe ich Ärger bekommen von meiner

Mutter, dass ich mich dauernd klopp in der Schule.

Aber auch andere Bewältigungsmethoden finden sich (Hölscher 2001). Zu den gesellschaftlich

legitimierten Formen dieser Reaktionsweisen gehören Musizieren oder Sport, die von

den Jugendlichen als befreiend wahrgenommen werden.

„Wenn es mir nicht so gut geht, dann geh ich oft joggen, weil das tut total gut und dann machen

wir einen Spaziergang und ich kann die Gedanken wieder frei kriegen. Ich denke darüber nach,

was ich daran unternehmen kann, dass sich irgendetwas verändert.“

Häufiger berichten die Befragten jedoch über ihre Versuche, die Situation für sich umzudeuten

oder „auf bessere Zeiten“ zu warten. Jugendliche beschreiben ihre Versuche, Schwierigkeiten

zu verdrängen und sich von ihren Sorgen abzulenken, wie folgt:


Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

„So meistens will ich das gar nicht lösen. Da versuch ich irgendwie auf andere Gedanken zu

kommen, ich verdräng das, oder so. Wie schaffst du das? Das ist natürlich nicht leicht, wenn

es etwas Größeres ist, aber ich weiß nicht, ich denk dann einfach an irgendwas anderes, beschäftige

mich mit Sachen, die ich sonst gern mach. Und dann will ich das vergessen.“

Auch hier begegnet das Kind seinen Schwierigkeiten mit dem Rückzug auf sich selbst und

auf eigene Ressourcen, auch wenn es damit letztlich überfordert ist. Angst vor Stigmatisierung,

Verleugnung der eigenen Situation vor sich selbst und anderen und Rückzug oder Abbruch von

Kontakten führen jedoch in die soziale Isolation mit fatalen Folgen für die weitere Alltagsorganisation.

Armut erhöht das Risiko von Kindern und Jugendlichen, krank zu werden, sich psychisch

nicht wohlzufühlen, auf schlechte soziale Integration und nur mäßige Erfolge in der Schule zu

haben. Und dennoch gibt es zahlreiche arme Kinder, die hier keine Auffälligkeiten zeigen. In deren

Umfeld sind schützende Faktoren zu finden, die Defizite und Unterversorgung ausgleichen

(Krappmann 2000).

Insbesondere die Unterstützung von seiten der Eltern hat einen positiven Effekt auf die Entwicklung

der Kinder, ebenso wie ein förderliches Schulklima (Walper 1995; Rutter 1998; Hölscher

2001). Andere Faktoren, die eine erhebliche Rolle spielen, sind das Geschlecht und das Alter,

in dem die Unterversorgungslage eintritt. Im Kindesalter können betroffene Mädchen eher

auf Ressourcen im näheren Umfeld zurückgreifen als Jungen, denen in diesem Alter generell eine

erhöhte Verwundbarkeit zugesprochen wird. Eine große Rolle spielt dabei die Fähigkeit der

Mädchen, sich gegenseitig zu unterstützen, Freundschaften einzugehen. Eine enge emotionale

Verbundenheit der Mädchen mit der Mutter wirkt sich ebenfalls positiv aus, wenn es darum

geht, hinreichende Freundschaftsnetzwerke aufzubauen (Rutter 1998; Elder/Caspi 1991; Richter

2000).

Diese Fähigkeit wird bereits im Kindesalter ausgebildet und bedarf der Förderung. Es ist zu

vermuten, dass sich ein Defizit in diesem Bereich für die Jungen im weiteren Lebensverlauf negativ

auswirkt (Keupp 1987; Walper 1995; Nestmann 1992). Sozial benachteiligte Jungen nehmen

Freundschaftskontakte weniger engagiert wahr, ziehen sich schneller zurück und gehen von

einer negativeren Selbsteinschätzung aus. Außerdem sind sie im Vergleich zu gleichaltrigen Jungen

aus besser gestellten Familien seltener in Sport- oder anderen Vereinen engagiert und fühlen

sich selbst weniger fähig zur Lösung von Konflikten.

Mädchen weisen im Vergleich zu Jungen eher im jugendlichen Alter eine erhöhte Verwundbarkeit

auf. Sie leiden dann mehr unter dem Gefühl, nicht mithalten zu können, und haben wenig

Selbstvertrauen (Hölscher 2001). Sie haben seltener eine beste Freundin oder einen besten

Freund. Zwar sind sie genauso oft Mitglied einer Clique wie andere Mädchen, sie verbringen

aber weniger Zeit mit ihrer Clique. Es ist anzunehmen, dass in dieser Lebensphase die durch die

Armut bedingte Belastung und eine entwicklungsbedingte Verwundbarkeit zusammentreffen.

Auch auf eine angespannte Atmosphäre im Elternhaus reagieren Mädchen in diesem Alter

sensibler. Jungen sind oft nicht mehr so stark an das Elternhaus gebunden, leiden daher weniger

unter dieser Familienatmosphäre bzw. suchen mehr Anschluss an Gleichaltrige. Für beide

Geschlechter gilt, dass insbesondere ein bester Freund/eine beste Freundin und die Zugehörigkeit

zu einer größeren Freundschaftsgruppe positive Auswirkungen hat (Ulich 1988; Elder/Caspi

1991; Walper 1995; Richter 2000; Hölscher 2001).

Rückzug = Isolation

Schützende Prozesse

Negatives Selbstbild

besonders bei Jungen

43

Mädchen besonders im Jugendalter

verwundbar


44

Wichtigste Ressource:

soziale Integration

Schulische

Unterstützungsformen

Sportvereine:

Zugangsbarrieren abbauen

Trennungsbelastungen

verringern

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

Auch profitieren Kinder von einer außerhäuslichen Betreuung in ihrer Sozialentwicklung und

ihren Schulleistungen.

Sich nicht geschlechtsstereotyp zu verhalten, gilt bei Mädchen wie Jungen als eine weitere

Ressource. Gleiches gilt für die Fähigkeit, überwiegend positive Reaktionen in der Umwelt hervorzurufen

und eine hohe Erwartung an sich selbst, die Kontrolle über das eigene Tun zu behalten.

Die Integration in Vereine, Freundschaftsgruppen oder Ähnliches fördern die erwähnten

wichtigen sozialen Ressourcen weiter.

Ansatzpunkte für die Gesundheitsförderung

Die wichtigste Prämisse vorweg: Gesundheitsförderung sollte Gesundheitsressourcen stärken

und an den Lebensbedingungen der Menschen ansetzen.

Im schulischen Alltag beeinflussen in erster Linie das Klassenklima und das Verhalten der

Lehrer die Lage von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Schülerinnen und Schüler

sind häufig darauf angewiesen, dass Lehrer und Sozialarbeiter sie auf wahrgenommene Probleme

ansprechen, denn sie gehen mit solchen Anliegen nur selten von sich aus auf Erwachsene

zu. Eine Sensibilisierung für Armutslagen von Kindern und Jugendlichen und die Einbeziehung

von Schulsozialarbeitern und Beratungslehrern sind erste Schritte. Betreuungsprojekte, die

Frühstück, Mittagessen, Hilfe bei den Hausaufgaben, gezielte Förderung im Sprachbereich und

Spiel- und Freizeitangebote bereitstellen, unterstützen Kinder und Jugendliche in Armutslagen

gezielt (vgl. dazu die gemeinsamen Richtlinien und Handlungsempfehlungen der gesetzlichen

Krankenkassen zur Umsetzung des § 20 SGB V). Beispiele für die gesundheitsfördernden Wirkungen

in diesem Sinne finden sich beim OPUS Projekt (OPUS-Tagungsdokumentation

1999).

Eine gesundheitsfördernde und gesellschaftlich integrative Wirkung liegt im regelmäßigen

sportlichen Engagement. Hierbei müssen sozial benachteiligte Mädchen besonders gefördert

und direkt zur Teilnahme aufgefordert werden. Die Schwellen für eine kontinuierliche und längere

Teilnahme über das Kindesalter hinaus sind sonst oft zu hoch. Generell gilt, dass alle Angebote

für Mädchen und Jungen auf niedrigschwellige Zugangsbedingungen hin untersucht

werden müssen (Brinkhoff/Mansel 1997).

Nach Hölscher (2001) berichten Jugendliche, die das Scheidungsverfahren ihrer Eltern aktuell

erleben, dass sie mit dieser Situation allein zurechtkommen müssen. Gleichzeitig ergibt

sich plötzlich eine finanzielle Notlage, mit der sie nicht umgehen können. Gleichaltrigen Freunden

oder Freundinnen können sie ihre Sorgen kaum mitteilen, gegenüber Erwachsenen ist die

Hemmschwelle oft zu hoch. Die ihnen im Verlauf von Trennungs- und Scheidungsverfahren zustehenden

Beratungs- und Unterstützungsangebote nach §§ 17 und 18 KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz)

müssen von ihnen nahe stehenden Unterstützungspersonen stärker eingefordert

werden. Jugendliche brauchen diese Hilfe insbesondere während und nach Abschluss des Verfahrens.

Denkbar wäre in diesen Fällen eine enge Kooperation zwischen (Kinder-)Arztpraxen

und Beratungsstellen, um Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen z.B. in den Praxisräumen die

Möglichkeit zum Gespräch anzubieten.


Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

Folgen der Armut für das psychosoziale Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen:

Fazit für die Gesundheitsförderung

Arme Kinder und Jugendliche verarbeiten Belastungen und Konflikte häufig

mit Ängstlichkeit und Depressivität.

Schwierigkeiten werden oft verdrängt.

Die eigene Situation wird auch vor anderen verleugnet. Dadurch kommt es

zum Abbruch sozialer Kontakte.

Hilflosigkeit und Rückzug auf sich selbst und auf die eigenen Ressourcen, aber

auch Ärger, aggressives und normenverletztendes Verhalten sind bei armen

Kindern häufig anzutreffen.

Arme Kinder haben Angst vor Stigmatisierung und leiden unter dem Gefühl

der Einsamkeit.

Kinder erleben die Arbeitslosigkeit ihrer Eltern als Opfer und sind anfälliger

gegen Stress.

Mädchen leiden im Jugendalter mehr als die Jungen unter dem Gefühl, nicht

mithalten zu können. Das Selbstvertrauen der Mädchen ist auffällig niedrig.

Mädchen im Jugendalter belastet die angespannte Atmosphäre im Elternhaus

stärker als die Jungen.

Protektive Faktoren für die Gesundheit armer Kinder:

Gute Beziehung zu den Eltern und deren Unterstützung

Förderliches Schulklima

Geschlecht: weiblich. (Mädchen greifen eher auf Ressourcen im näheren Umfeld

zurück als Jungen. Mädchen können besser soziale Netzwerke knüpfen

als Jungen.)

Ein(e) beste(r) Freund(in) oder die Zugehörigkeit zu einer Gleichaltrigengruppe

Musizieren und Sport

Erfolg in der Schule

Handlungsbedarf zur Verringerung von Armut bei Kindern und Jugendlichen:

Förderung der sozialen Ressourcen

Angebote der außerhäuslichen Betreuung

Integration der Kinder und Jugendlichen in Vereine, Freundschaftsgruppen

oder andere Bezugssysteme

Zugangsbarrieren niedrig halten bei Vereinsangeboten

Die Schule könnte zur Verringerung der Armutsfolgen helfen durch:

Vermittlung von Bewältigungskompetenzen

Psychosoziale Unterstützung durch die Lehrer oder Schulsozialarbeiter

Sensibilisierung der Klassenkameraden bzgl. Armut

Angebot von Betreuungsprojekten wie z.B. Frühstück, Pausenbrot, Mittagstisch,

Hilfe bei den Hausaufgaben, Freizeitaktivitäten

45


46

Teil II. Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe

Zum Vertiefen:

Brinkhoff, K.-P.; Mansel, J. (1997): Soziale Ungleichheit, Sportengagement und psychosoziales

Befinden im Jugendalter. In: Mansel, J.; Brinkhoff, K.-P.(Hrsg.): Armut im Jugendalter. Soziale

Ungleichheit, Ghettoisierung und die psychosozialen Folgen. Weinheim und München.

Elder, B.G.; Caspi, A.(1991): Lebensverläufe im Wandel der Gesellschaft: Soziologische und

Psychologische Perspektiven. In: Engfer, A.: Minsel, B.; Walper, S. (Hrsg.): Zeit für Kinder!

Kinder in Familie und Gesellschaft. Weinheim.

Hölscher, P. (2001): Mädchen und Jungen in Armut. Lebenslagen und Bewältigungsstrategien

materiell deprivierter Jugendlicher. Dissertation in der Fakultät der Rehabilitationswissenschaften

der Universität Dortmund. Dortmund

Keupp, H.; Röhrle, B. (Hrsg.) (1987): Soziale Netzwerke. Frankfurt am Main

Krappmann, L. (2000): Kinderarmut. Expertise im Auftrag des Bundesministeriums für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend. Berlin

Mädchen in Bewegung: Tagungsdokumentation der Landesvereinigung für Gesundheit

Niedersachsen und des nds. Ministeriums für Frauen, Arbeit und Soziales, 2001

Nestmann, F.; Schmerl, C. (Hrsg.) (1992): Frauen das hilfreiche Geschlecht. Dienst am

Nächsten oder soziales Expertentum? Reinbeck.

OPUS-Tagungsdokumentation vom 27.4.1999: Balance halten ... Chancen für ein gesundes

Gleichgewicht im Lebensraum Schule.

Richter, A. (2000): Wie erleben und bewältigen Kinder Armut? Eine qualitative Studie über

die Belastungen aus Unterversorgungslagen und ihre Bewältigung aus subjektiver Sicht von

Grundschulkindern einer ländlichen Region. Aachen

Rutter, M. (1998): Psychosocial Adversity: Risk, Resilience and Recovery. Unveröffentlichtes

Manuskript.

Schindler, H.; Wacker, A.; Wetzels, P. (Hrsg.) (1990): Familienleben in der Arbeitslosigkeit. Ergebnisse

neuer europäischer Studien. Heidelberg.

Ulich, M. (1988): Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Sonderdruck aus: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie u. Pädagogische Psychologie.

Bd. XX, Heft 2 146-166.

Walper, S. (1995): Kinder und Jugendliche in Armut. In: Bieback, K.-J.; Milz, H. (Hrsg.): Neue

Armut. Frankfurt/New York


Ute G. Ruhekissen

Foto: www.offroadkids.de

47


48

Teil III. Hilfen

3. Hilfen

3.1 Chancengleichheit und Gesundheit für arme Kinder und Jugendliche:

Zielbereiche und Leitsätze

3.2 Das professionelle Hilfesystem was es (nicht) leistet.

3.3 Wenn Hilfe nicht ankommt Barrieren für die Gesundheitsförderung

3.4 Die Rolle des ÖGD im Hilfesystem

3.1 Chancengleichheit und Gesundheit für benachteiligte Kinder und

Jugendliche: Zielbereiche und Leitsätze

Chancengleichheit und Gesundheit wird seit vielen Jahren in Veröffentlichungen und Programmatiken

thematisiert. Strategien und Handlungsfelder sind formuliert, aber die Umsetzung

in regionale oder überregionale Aktivitäten steht noch am Anfang. Gesundheitsbezogene Angebote

gibt es genug. Nur sind diese Angebote nicht allen in gleichem Maß zugänglich. Und Kinder

und Jugendliche haben auf Dauer am meisten an den Folgen gesundheitlicher Benachteiligung

zu tragen.

Die Entwicklung und Durchführung von Maßnahmen der Gesundheitsförderung für sozial

benachteiligte Kinder und Jugendliche benötigt Ziele. Sie dienen sowohl als Basis für die Konzeption

als auch als Kriterien für die Evaluation von Projekten und die Bewertung bereits vorhandener

Hilfsangebote. In der Ottawa-Charta von 1986 wurden Handlungsfelder der Gesundheitsförderung

definiert, die hier nachfolgend als Zielbereiche dargestellt werden. Um diese Ziele

zu erreichen, muss die Gesundheitsförderung für sozial benachteiligte Kinder und

Jugendliche bestimmten Anforderungen entsprechen.

Ziele Anforderungen

Gesundheitsförderung will... Gesundheitsförderung für sozial benachteiligte

Kinder und Jugendliche...

eine gesundheitsförderliche

Gesamtpolitik entwickeln

ist mehr als medizinische und soziale Versorgung

muss auf mehreren Ebenen und Politiksektoren ein

Anliegen sein: Sozial-, Gesundheits-, Familien- und

Bildungspolitik

sensibilisiert Verantwortliche und Entscheidungsträger

für die Reduzierung ungleicher Gesundheitschancen

macht den Handlungsbedarf offenkundig durch

kontinuierliche Berichterstattung


Ziele Anforderungen

gesundheitsförderliche

Lebenswelten schaffen

die Gesundheitsdienste neu

orientieren

gesundheitsbezogene

Gemeinschaftsaktionen

unterstützen

persönliche Kompetenzen

entwickeln helfen

Teil III. Hilfen

übernimmt Verantwortung und wird aktiv

handelt vernetzt und interdisziplinär

ermöglicht allen Kindern, Jugendlichen und ihren

Eltern den gleichen Zugang zur Gesundheit.

verbessert die Lebensbedingungen von Kindern

und Eltern z.B. durch Verringerung der Arbeitslosigkeit

der Eltern, Verbesserung der Vereinbarkeit

von Erwerbstätigkeit und Erziehung, Verringerung

der Einkommensarmut, Bereitstellen eines Angebots

an niedrigschwelligen Maßnahmen für betroffene

Familien

schafft Lebensbedingungen und Strukturen, die gesundheitsförderliches

Handeln ermöglichen

entwickelt lebenslagenorientierte Projekte

arbeitet in Settings: Kindergarten, Schule, Stadtteil,

Jugendzentrum...

verbessert die kommunale Infrastruktur: unterversorgte

Wohnviertel brauchen Betreuungs-, Bildungs-

und Freizeitangebote

fördert Fachkompetenzen und bietet Fortbildung an

kooperiert mit Experten und Einrichtungen vor Ort

vernetzt und koordiniert Angebote

verbindet Gesundheits- mit Sozialberichterstattung

bevorzugt und fördert gemeinschaftliche Aktionen,

die dennoch mit individuellen Bedürfnissen übereinstimmen

arbeitet interdisziplinär

bezieht Betroffene in Entscheidungen und die

Durchführung von Aktivitäten mit ein

fördert flächendeckende gesundheitsförderliche

Strukturen

stärkt soziale und gesundheitsbezogene Kompetenzen

der Kinder und Jugendlichen und ihrer

Eltern

nutzt vorhandene Ressourcen der Betroffenen

sorgt für die Ausbildung von Fachkräften

berücksichtigt die Bedürfnisse, Werte und

Einstellungen der Menschen

ist Hilfe zur Selbsthilfe und fördert Autonomie und

Eigenverantwortung

49


50

Teil III. Hilfen

Dafür bieten sich wieder in Anlehnung an die Ottawa-Charta folgende übergreifende Strategien

an:

Interessen vertreten

„Ein guter Gesundheitszustand ist eine wesentliche Bedingung für soziale, ökonomische

und persönliche Entwicklung und ein entscheidender Bestandteil der

Lebensqualität. Politische, ökonomische, soziale, kulturelle, biologische sowie

Umwelt und Verhaltensfaktoren können alle entweder der Gesundheit zuträglich

sein oder auch sie schädigen. Gesundheitsförderndes Handeln zielt darauf

ab, durch aktives anwaltschaftliches Eintreten diese Faktoren positiv zu beeinflussen

und der Gesundheit zuträglich zu machen.“

Befähigen und ermöglichen

„Gesundheitsförderung ist auf Chancengleichheit auf dem Gebiet der Gesundheit

gerichtet. Gesundheitsförderliches Handeln bemüht sich darum, bestehende

soziale Unterschiede des Gesundheitszustandes zu verringern sowie gleiche

Möglichkeiten und Voraussetzungen zu schaffen, damit alle Menschen befähigt

werden, ihr größtmögliches Gesundheitspotential zu verwirklichen. Dies umfasst

sowohl Geborgenheit und Verwurzelung in einer unterstützenden sozialen Umwelt,

den Zugang zu allen wesentlichen Informationen und die Entfaltung von

praktischen Fertigkeiten als auch die Möglichkeit, selber Entscheidungen in Bezug

auf die persönliche Gesundheit treffen zu können. Menschen können ihr Gesundheitspotential

nur dann weitestgehend entfalten, wenn sie auf die Faktoren,

die ihre Gesundheit beeinflussen, auch Einfluss nehmen können ....“

Vermitteln und vernetzen

„Der Gesundheitssektor allein ist nicht in der Lage, die Voraussetzungen und guten

Perspektiven für die Gesundheit zu garantieren. Gesundheitsförderung verlangt

vielmehr ein koordiniertes Zusammenwirken unter Beteiligung der Verantwortlichen

in Regierungen, im Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssektor, in

nichtstaatlichen und selbstorganisierten Verbänden und Initiativen sowie in lokalen

Institutionen, in der Industrie und in den Medien. Menschen in allen Lebensbereichen

sind daran zu beteiligen als Einzelne, als Familien und als Gemeinschaften.

Die Berufsgruppen und sozialen Gruppierungen sowie die Mitarbeiter

des Gesundheitswesens tragen große Verantwortung für eine gesundheitsorientierte

Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Interessen in der

Gesellschaft.“ (Ottawa-Charta 1986)


Zum Vertiefen:

Teil III. Hilfen

Amann, G.; Wipplinger, R. (Hrsg.) (1998): Gesundheitsförderung Ein multidimensionales

Tätigkeitsfeld. Tübingen

Franke, M.; Geene, R.; Luber, E. (Hrsg.) (1999): Armut und Gesundheit. Berlin

Ottawa-Charta (1986)

3.2 Das professionelle Hilfesystem was es (nicht) leistet

Welche Maßnahmen gibt es auf Bundesebene? Eine Auswahl

Soziale Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen und deren Gesundheit wird zunehmend

zu einem sozialpolitischen Thema. So wurde die Bekämpfung der Armut in der Koalitonsvereinbarung

zwischen SPD und Bündnis 90/ die Grünen vom 20.10.1998 als ein Schwerpunkt der

Politik der neuen Bundesregierung festgelegt. Im Frühjahr 2001 erschien daraufhin der erste

„Armuts- und Reichtumsbericht“ für die Bundesrepublik Deutschland.

Das Bundesministerium für Gesundheit richtete im Januar 2000 eine Arbeitsgruppe „Armut

und Gesundheit“ ein, der Vertreter von Bund und Land, der Krankenkassen, der Kassenärztlichen

Bundesvereinigung, der Bundesärztekammer, des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und

Experten aus Wissenschaft und Praxis angehören. Diese Arbeitsgruppe hat das Ziel, Armut

nach dem Lebenslagenansatz zu untersuchen und Handlungsmöglichkeiten zur Verbesserung

der Situation aufzuzeigen. Empfehlungen zu den Themen „Gesundheitliche Versorgung Obdachloser“

sowie „Migration und Gesundheit“ existieren bereits.

Die Krankenkassen erhielten mit der Neufassung des § 20 SGB V die Möglichkeit, mit ihren

Leistungen zur Primärprävention einen Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit

von Gesundheitschancen zu erbringen. Damit bleibt zu hoffen, dass sich die Krankenkassen

verstärkt auch an der Finanzierung von Angeboten zur Gesundheitsförderung armer

Kinder und Jugendlicher beteiligen. Im Leitfaden der Spitzenverbände der Krankenkassen „Gemeinsame

und einheitliche Handlungsfelder und Kriterien zur Umsetzung von § 20 Abs. 1 und

2 SGB V“ (Juni 2000) heißt es in der Präambel: „Maßnahmen zur Primärprävention sollen den

allgemeinen Gesundheitszustand verbessern und insbesondere einen Beitrag zur Verminderung

sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen leisten.“ Es werden spezifische und niedrigschwellige

Zugangswege angeregt, insbesondere der Zugang über Settings.

Zur Verhältnisprävention in der Kommune bietet das Bund-Länder-Programm „Stadtteile

mit besonderem Entwicklungsbedarf die soziale Stadt“ den Akteuren vor Ort eine Möglichkeit,

auch auf gegebene Strukturen einzuwirken. Ca. 50 Millionen Euro stellt die Bundesregierung

von 1999 2003 dafür zur Verfügung. 249 Gebiete in 184 Städten und Gemeinden beteiligen

sich derzeit an diesem Programm.

„Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten“ ist ein weiteres

Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in dem auf Pro-

51

BMfG-Arbeitsgruppe

„Armut und Gesundheit“

§20 SGB V die Krankenkassen

als Gesundheitsförderer

Bund-Länder-Programme


52

Sozial- und Gesundheitsberichterstattung

Kinder und

Jugendhilfegesetz

Teil III. Hilfen

bleme und Schwierigkeiten junger Menschen in sozialen Brennpunkten eingegangen und auf

bessere Voraussetzungen für ihre Zukunft hingewirkt wird.

Auch in der Gesundheitsberichterstattung des Bundes wird der Einfluss der sozialen Lage

auf die Gesundheit mittlerweile berücksichtigt. So gab kürzlich das Robert-Koch-Institut eine

Schrift zum Thema „Armut bei Kindern und Jugendlichen und die Auswirkung auf die Gesundheit“

heraus (Robert Koch-Institut 2001).

Welche Maßnahmen gibt es auf Landesebene? Einige Beispiele

Soziale Benachteiligung hat als politisches Thema seit einiger Zeit auch in den Ländern und

Kommunen an Stellenwert gewonnen. Viele Kommunen haben Armuts- bzw. Sozialberichte erstellt.

Unterschiedliche Zielsetzungen und Aufträge liegen diesen Veröffentlichungen zugrunde,

was eine Vergleichbarkeit schwierig macht. Art und Ausmaß der Handlungsempfehlungen variieren.

Eher selten berücksichtigen Verfasser von Sozialberichten das Thema Gesundheit. In einzelnen

Fällen erscheint ein Kapitel „Behinderte“ unter dem Stichwort „Hilfe in besonderen Lebenslagen“.

Insgesamt aber gibt es meistens weder eine Bestandsaufnahme der Folgen von Armut

für das körperliche und seelische Wohlbefinden noch entsprechende Empfehlungen für

Maßnahmen. Für die Praktiker in der sozialen Arbeit und Gesundheitsförderung bleibt zu wünschen,

dass „Armut und Gesundheit“ in diesen Berichten zukünftig mit mehr Leben gefüllt wird

und klarere Bezüge sowie konkretere Ansätze für Veränderungen aufgezeigt werden.

Nicht viel anders stellt sich die Situation bei den Gesundheitsberichten dar. Auch hier wird

die Darstellung von Einflüssen der sozialen Schicht auf die Gesundheit noch sehr zurückhaltend

gehandhabt.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Nordrhein-Westfalen etwa bezieht das Thema „Soziale

Ungleichheit und Gesundheit“ bereits in die Leitliniendiskussion mit ein. Auch in einigen kommunalen

Gesundheitsberichten gibt es hier klare Bezüge. Im Stuttgarter Gesundheitsbericht

und im Bericht zur Kindergesundheit von Baden-Württemberg wurde Armut im Zusammenhang

mit Gesundheit als eigenes Kapitel aufgenommen.

Die Verbindung von Gesundheits- und Sozialberichterstattung möglichst mit kleinräumiger

Darstellung sollte zum Standard werden, denn in der Praxis bestätigt sich immer wieder:

das Eine kann ohne das Andere nicht viel bewirken. Wenn auf dieser Ebene bereits kooperiert

würde, könnte man sich später bei der Suche nach kompetenten Partnern zur Vernetzung und

Unterstützung viel Zeit und Kraft sparen.

Welche gesetzlichen und institutionalisierten Hilfen gibt es? Anregungen

und Stichpunkte

Der Anspruch des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII), alle jungen Menschen in ihrer

individuellen und sozialen Entwicklung zu fördern und dazu beizutragen, Benachteiligungen zu

vermeiden bzw. abzubauen, enthält im Prinzip auch die Forderung nach Chancengleichheit und

Gesundheit wenngleich aus der Sicht des Jugendamts Gesundheit im engeren Sinn nicht das

vordergründige Thema ist.


Angebotsformen der Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen sind:

Teil III. Hilfen

Der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz eröffnet Kindern im Vorschulalter die

Möglichkeit, ein soziales Miteinander zu üben.

Mit den Angeboten zur Ganztagsbetreuung wird auch schulpflichtigen Kindern das

Erproben von sozialen Kompetenzen ermöglicht.

Die Reform des Landesjugendplans im Jahr 1999 war Grundlage dafür, Angebote für

Kinder und Jugendliche in Notlagen und Konfliktsituationen fördern zu können.

Sozial schwache Familien werden gezielt unterstützt z.B. über Angebote für Erholungsmaßnahmen

für Familien mit Kindern.

Den Zugang zu neuen Medien und damit eine Schlüsselqualifikation erhalten sozial

benachteiligte Jugendliche im Rahmen der Jugendsozialarbeit und über Projekte der

Jugendmedienarbeit.

Schulmüde Jugendliche erhalten eine gezielte Förderung in speziellen Angeboten.

Sozial benachteiligten jungen Menschen stehen darüber hinaus spezielle Beratungsangebote

und handwerklich orientierte Projekte offen.

Über eine vertiefte Kooperation von Jugendhilfe und Gesundheitspolitik könnten weitere Verbesserungen

in der Prävention erreicht werden. Folgende Anregungen sind denkbar:

Ein konkretes Zusammenwirken von Jugendhilfe und Gesundheitspolitik sollte besonders

dort angestrebt werden, wo Armut gehäuft auftritt. Insbesondere sollten Kooperationen mit

den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gesucht werden zur gezielten gesundheitlichen

Förderung und Suchtprävention. Gesundheitsfördernde Interventionen z.B. zur

Gesundheitserziehung im Kindergarten könnten gemeinsam mit dem Träger der Kinder- und

Jugendhilfe durchgeführt werden.

Die Zusammenarbeit mit Einrichtungen der offenen Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit

erweist sich als sinnvoll, weil hier vor allem sozial benachteiligte Jugendliche anzutreffen

sind. Die Jugendwerkeinrichtungen bieten sich als geeignetes Feld für präventive Gesundheitspolitik

an, da Jugendliche dort über einen längeren Zeitraum erreichbar sind.

Als Datenbasis für die Entwicklung zielgruppenspezfischer Angebote eignen sich die

kommunalen Jugendhilfepläne. Wünschenswert wäre aber auch im Bereich der Jugendhilfeplanung

eine Verbindung mit der Gesundheitsberichterstattung auf kommunaler Ebene.

Die Jugendhilfe in

Nordrhein-Westfalen

53


54

Die Enquetekommission

„Jugend-Arbeit-Zukunft“

in Baden-Württemberg

Mobile Jugendarbeit

Landesprogramm

„Mutter und Kind“

Landesstiftung

„Familie in Not“

Teil III. Hilfen

Exemplarische Angebote in Baden-Württemberg sind:

Die Enquetekommission „Jugend-Arbeit-Zukunft“ des Landtags stand seit Juni 1997 im

Mittelpunkt des jugendpolitischen Interesses in Baden-Württemberg. Sie wurde beauftragt,

eine Bestandsaufnahme zu erstellen, um daraus praktische Handlungsempfehlungen für die

Politik zu formulieren. Der Bericht bewertete die Lebenslage junger Menschen, ihre Zukunftschancen

in Ausbildung und Beruf und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen

und politischen Leben. Handlungsempfehlungen ergaben sich u.a. bei Maßnahmen zur

beruflichen Eingliederung arbeitsloser junger Menschen und zur Suchtvorbeugung, bei der

Integrationsförderung für ausländische Kinder und Spätaussiedlerkinder, bei der Förderung

der Mobilen Jugendsozialarbeit in Problemgebieten und von Modellen in der Jugendhilfe.

Gemeinsamkeiten des Gesundheitsförderungskonzepts und Leitgedanken der

Jugendhilfe waren Anlass, ein Stadtteilprojekt „Gesundheitsförderung mit Jugendlichen

in Waiblingen-Süd“ in Kooperation von Mobiler Jugendarbeit und

Gesundheitsamt durchzuführen. Ziel war es, die Lebenssituation von sozial benachteiligten

Mädchen und Jungen durch Stärkung ihrer persönlichen und sozialen

Ressourcen zu verbessern. Darüber hinaus sollte die Zusammenarbeit und

Vernetzung im Stadtteil zwischen Bürgern und Experten aus dem Sozial-, Jugend-

und Gesundheitsbereich gefördert werden. Die Projekterfahrungen ergaben,

dass Gesundheitsförderung mit sozial benachteiligten Mädchen und Jungen

kaum über befristete Kursangebote zu erreichen ist, sondern eine kontinuierliche

Gruppenarbeit im Rahmen der mobilen Jugendarbeit erforderlich ist.

Die Mobile Jugendarbeit mit ihrem stadtteilbezogenen, gemeinwesenorientierten Ansatz

gewinnt zunehmend an Bedeutung. Diese Arbeitsform will Ressourcen der betroffenen jungen

Menschen selbst wie auch aus den Institutionen des Gemeinwesen bündeln. Mobile Jugendarbeit

ist vorrangig in das Lebensfeld der Jugendlichen eingebettet und stellt sich damit

als ein hervorragender Kooperationspartner für Maßnahmen im Bereich der Gesundheitsförderung

von armen Kindern und Jugendlichen dar.

Das Programm „Mutter und Kind“ bietet alleinerziehenden Müttern und Vätern finanzielle

und pädagogische Hilfen während der ersten drei Lebensjahre des Kindes. Durch die Inanspruchnahme

kombinierter kommunaler und staatlicher Leistungen (Sozialhilfe und Erziehungszuschlag

des Landes in Höhe von monatlich 306,78 €) bekommen Alleinerziehende

ein sozialpädagogisches Betreuungsangebot, berufliche Beratung und die wirtschaftliche

Grundlage, ihr Kind selbst zu erziehen. Der Erziehungszuschlag wird im Anschluss an das

Bundeserziehungsgeld bis zum vollendeten dritten Lebensjahr des Kindes gezahlt. Eine

Teilzeitbeschäftigung oder eine Ausbildung während der Programmteilnahme ist möglich.

Die Teilnehmerinnen finden sich zu regelmäßigen Gruppentreffen zusammen.

Dort wo andere finanzielle Hilfemöglichkeiten nicht ausreichend oder nicht rechtzeitig gegeben

sind, tritt die vom Land Baden-Württemberg im Jahr 1980 gegründete Stiftung „Fa-


Teil III. Hilfen

milie in Not“ mit ihren Leistungen für werdende Mütter in Not- und Konfliktsituationen ein.

Sie hilft auch Familien, die durch ein schwerwiegendes Ereignis wie Krankheit, Tod, längere

Arbeitslosigkeit, Scheidung oder durch die Geburt eines Kindes in Not geraten sind. In einigen

Kreisen ist Schwangeren und allein Erziehenden die Aufnahme in das Programm

„Mutter und Kind“ möglich.

Wo gibt es Handlungsbedarf?

Eine bundesweite Recherche über Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten (veröffentlicht

im nationalen Abschlussbericht des EU-Projektes „Tackling Inequalities in Health“, herausgegeben

von der BZgA) ergab, dass länderübergreifende Entwicklungsimpulse auf dem Gebiet

der Prävention eher selten sind. Trotz der großen Bandbreite von ermutigenden Einzelprojekten

haben solche Modellvorhaben eine begrenzte Reichweite. Die ungebrochene Brisanz

ungleich verteilter Gesundheitschancen erfordert Vernetzung, Kooperation, Transparenz und

nicht zuletzt den Rückhalt durch die Politik.

Die meisten Projekte, die im Bericht zu „Tackling Inequalities in Health“ ausgewertet wurden,

widmen sich der gesundheitlichen Versorgung und Aufklärung. Wenige Projekte zielen auf

die Stärkung von Ressourcen der Betroffenen. Selten zu finden waren auch mehrdimensionale

Ansätze, die etwa Information, Verhaltensänderung und strukturellen Änderungen verbanden.

Betroffene durften selten aktiv werden.

Chancengleichheit und Gesundheit für Kinder und Jugendliche

Das müsste eingeführt, ausgebaut oder optimiert werden:

Verbesserte Vernetzung von Bund, Land und Kommune

Verbindung von Gesundheits- und Sozialberichterstattung

Überblick über vorhandene Projekte

Koordination von Projekten, Handlungsfeldern und Kooperationspartnern

Übertragung geeigneter Projekte von der kommunalen Ebene auf die Landesebene

Fachkompetente Informationsstellen und Beratung

Langfristige Projekte mit ganzheitlichem Ansatz: Verhalten, Wissen und Verhältnisse

verbessern (Kombinationsprojekte)

Möglichkeit, längerfristig geeignete Projekte zu finanzieren

Sensibilisierung und Information der Öffentlichkeit

Niedrigschwellige Angebote

Angebote vor Ort zur Beratung, Unterstützung und Entlastung

Integration von Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen wie Eltern,

Erzieher, Lehrer, Kinderärzte in entsprechende Maßnahmen

55

Wenig länderübergreifende

Entwicklungen


56

Teil III. Hilfen

Zum Vertiefen:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2001): „Tackling Inequalities in Health“

ein Projekt des „European Network of Health Promotion Agencies“ (ENHPA) zur Gesundheitsförderung

bei sozial Benachteiligten. Köln

Kamensky, J.; Zenz, H. (2001): Armut Lebenslagen und Konsequenzen. Ursachen, Ausmaß

und Bewältigung sozialer Ungleichheit am Beispiel des Landkreises Neu-Ulm. Ulm

Laaser, U; Gebhardt, K.; Kemper, P. (Hrsg.) (2001): Gesundheit und soziale Benachteiligung.

Informationssysteme Bedarfsanalysen Interventionen. Verlag Hans Jacobs, Lage

Landeshauptstadt Stuttgart (Referat Soziales, Jugend und Gesundheit, Gesundheitsamt) (Hrsg.)

(2000): Gesundheitsbericht Stuttgart 2000. Stuttgart

Mielck, A. (2000): Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Empirische Ergebnisse, Erklärungsansätze,

Interventionsmöglichkeiten. Bern

Robert Koch-Institut (Hrsg.) 2001: Armut bei Kindern und Jugendlichen und die Auswirkungen

auf die Gesundheit. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 03/1

Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.) (2000): Kindergesundheit in Baden-Württemberg.

Stuttgart

Sozialministerium Baden-Württemberg (2000): Landesjugendplan 2000/2001. Jugendhilfe in

Baden-Württemberg. Stuttgart

Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit NRW (2001): 7. Kinder- und Jugendbericht

der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf.

3.3 Wenn Hilfe nicht ankommt Barrieren für die

Gesundheitsförderung

Kennen Sie das?

Aktionstag „Cocktails ohne Alkohol“ auf dem Rathausplatz: „Wir hatten uns

so viel Mühe gegeben, aber die Jugendlichen (die gewünschte Zielgruppe)

hat das wohl nicht interessiert.“

„Patrick hat eine Sprachstörung.“ sagt die Erzieherin. „Seine Mutter will

davon nichts wissen.“

Julia, 14 Jahre, ist stark übergewichtig. Sie würde gerne einen Kurs besuchen

oder mehr Sport treiben. Einen Abnehmkurs für Mädchen ihrer Altersgruppe


Teil III. Hilfen

in ihrer Nähe gibt es nicht, der Beitrag im Sportverein ist zu teuer, und zu Hause

findet sie weder Gehör für ihr Problem noch ein Interesse an gesunder Ernährung.

Vortrag über Suchtprävention: „Es waren nur 3 Leute da.“

„Den Kindern hat unser Bewegungstag viel Spaß gemacht. Der Elternabend war

gut besucht. Aber: die Eltern, die es eigentlich betrifft, waren wieder nicht da.“

Impfaktion im Gesundheitsamt: „Es kamen nur die Mütter mit ihren Kindern aus

dem „besseren“ Stadtviertel“.

Wenn Ihrem Aktionstag die Teilnehmer fehlen (oder die falschen da sind), dann kann das viele

Gründe haben:

Es könnte sein, dass Ihr Thema an der Zielgruppe vorbei geht, dass Sie Interessen und Bedürfnisse

falsch einschätzen. Vielleicht sind auch Veranstaltungsort und -zeit ungünstig gewählt,

oder der Preis für Ihr Angebot ist zu hoch.

Bei der Gesundheitsförderung von sozial Benachteiligten stehen allerdings noch andere

Barrieren zwischen den Gesundheitsanbietern und den potentiellen Nachfragern. Es geht dabei

übergreifend um diese Fragen:

Wie erreichen wir die Zielgruppe besser?

Wie bringen wir zukünftige Akteure (Kooperationspartner, Verantwortliche, Sponsoren) mit

der Zielgruppe zusammen?

Wie überzeuge ich intern (Kollegen, Vorgesetzte), dass ich für genau diese Zielgruppe ein

Angebot erstellen möchte?

Der Wunsch, sich gegenseitig besser zu erreichen, erfordert zunächst eine Bestandsaufnahme:

Welche Barrieren existieren? Wodurch entstehen sie überhaupt? Wer oder was erhält sie aufrecht?

Ist irgendwo der Zugang erschwert, tauchen meist immer wieder die gleichen Defizite

auf. Es fehlt an Offenheit, Verständnis, Transparenz und Flexibilität. Ein erster Schritt auf dem

Weg zueinander könnte demnach mit folgenden Überlegungen beginnen: „Was wissen oder denken

wir voneinander und wie gehen wir miteinander um?“

Ein (nicht ganz) fiktives Beispiel aus der Schulpraxis

Das folgende Praxis-Beispiel ist in Ablauf und handelnden Personen bewusst ein wenig zugespitzt.

Der geschilderte Fall soll deutlich machen, dass subjektive Sichtweisen, Einstellungen

und Interessen oft die größten Handlungsbarrieren darstellen. Gesundheitsförderer müssen das

in ihrer Strategie berücksichtigen.

Tina, Jenny, Stefan und Ali sind die Sorgenkinder von Frau Schmelzer, Klassenlehrerin der

Klasse 5a in der Hauptschule einer Kleinstadt. Die Kinder kommen täglich ohne Frühstück und

Pausenbrot zum Unterricht und sehen sehr müde aus. Frau Schmelzer teilt dieses Leid mit vielen

Kollegen, die auch über unkonzentrierte Schüler klagen. Tinas Mutter arbeitet morgens ab

6.00 Uhr als Reinigungsfrau in einem Amt und kann sich nicht um das Frühstück kümmern. Der

Vater schläft zu dieser Zeit seinen Rausch aus. Bei Jenny und Stefan wird grundsätzlich nicht gefrühstückt.

Ali hat noch 5 Geschwister und ist komplett sich selbst überlassen. Er bekommt täg-

Barrieren ermitteln und

analysieren

57


58

Teil III. Hilfen

lich Geld mit in die Schule, das er aber lieber in Zigaretten und Comics umsetzt. Gespräche mit

den Kindern verlaufen ohne Erfolg. Die mehrfach versuchte Kontaktaufnahme mit den Eltern

schlägt fehl. Ein gemeinsames Pausenbrot in der Klasse oder die Einrichtung einer Kindertafel

(ein Verpflegungsangebot, wo Kinder und Jugendliche kostenlos oder gegen einen minimalen

Unkostenbeitrag mehrmals in der Woche oder auch täglich ein warmes Mittagessen erhalten)

scheitert an den unterschiedlichen Ansichten bezüglich eines Handlungsbedarfs.

Wie denken die Beteiligten über das Problem?

Bürgermeister und Stadtrat:

„Eine Kindertafel einrichten an der Hauptschule? Bloß keine schlafenden Hunde wecken, sonst

möchten alle anderen Schulen auch einen gemeinsamen Mittagstisch, und das kann keiner bezahlen.

Richtige Ernährung ist Angelegenheit der Eltern.“

Der Rektor:

„Schlechte Konzentration bei einigen Schülern ist durchaus problematisch. Aber für das Pausenbrot

haben wir ja unseren Hausmeister.“

Die Lehrerinnen und Lehrer:

„Das ist ganz typisch für die Eltern von solchen Kindern. Schieben die Verantwortung der

Schule zu, und wir müssen sehen, wie wir mit den Kindern zurechtkommen. Täglich ein gemeinsames

Pausenbrot zu veranstalten, wäre schon gut aber wann sollen wir dann den Lernstoff

durchnehmen? Schließlich haben wir einen Lehrplan, der abgearbeitet werden muss. Am

Elternabend haben wir das Thema schon öfters diskutiert, aber diese Eltern zeigen weder Einsicht

noch Interesse.“

Die Eltern:

Mutter von Tina:

„Um was soll ich mich noch alles kümmern? Das Kind ist jetzt 11 Jahre alt und wird sich doch

selbst ein Frühstück machen können. Ständig haben die Lehrer etwas anderes zu nörgeln. Wozu

geht das Kind in die Schule, wenn sie dort nicht in der Lage sind, dem Kind etwas beizubringen?

Zum Elternabend gehe ich nicht, weil ich um 5 Uhr aufstehen muss, um rechtzeitig auf der Arbeit

zu sein. Seit mein Mann seine Arbeit verloren hat, besäuft er sich den ganzen Tag der ist

mir auch keine große Hilfe“.

Mutter von Jenny:

„Wir frühstücken grundsätzlich nicht, weil dafür keine Zeit ist. Ich habe 4 Kinder, die alle zur

gleichen Zeit aus dem Haus müssen. Die Nerven habe ich nicht, auch noch jedes Kind zum Frühstück

zu überreden. Das Pausenbrot haben sie alle immer wieder mit nach Hause gebracht. Das

ist rausgeworfenes Geld. Die Lehrerin soll sich das mal antun mit 4 minderjährigen Kindern in

einer viel zu kleinen Wohnung.“

Mutter von Stefan:

„Wenn der Junge in der Schule müde ist, dann hat er mal wieder zu lange vor dem Fernseher

gesessen. Aber zu essen bekommt er genug! Der Kinderarzt meint wohl auch, der Stefan ist zu


Teil III. Hilfen

dünn, aber das glaube ich nicht. Diese ganzen Broschüren vom Arzt lese ich sowieso nicht, da

kann doch kein Mensch was mit anfangen und was das alles kostet. Zum Elternabend gehe ich

nicht mehr, weil die einen immer so blöd anschauen, wenn man keinen Mann und keine Arbeit

hat. Die meinen immer, ich bin zu allem zu faul. Wenn mein Ex-Mann den Unterhalt bezahlen

würde, dann hätten wir keine Probleme.“

Mutter von Ali:

„Der Junge macht, was er will. Da komme ich nicht mehr weiter. Soll sich doch die Schule darum

kümmern. Die Lehrerin wollte mich schon mal in einen Vortrag schicken über gesunde Ernährung.

Was soll ich da? Ich koche türkisch. Mit dem bisschen Sozialhilfe kann ich sowieso

nur das Nötigste kaufen und Extrageld für die Kinder muss man ständig erbetteln. Der Sachbearbeiter

redet leicht, ich soll mir Hilfe holen wegen Ali von so einer Erziehungsberatungsstelle.

Hier im Stadtteil gibt es sowas nicht, und das Geld für den Bus kann ich woanders besser gebrauchen.“

Die Entscheidungsträger sehen die Dinge aus der Distanz des nicht direkt Betroffenen. Die Lehrer

haben ihre Möglichkeiten ausgeschöpft und brauchen einen Vermittler, neue Strategien und

personelle Unterstützung. Sie wissen wenig über die Lebenslage ihrer Schüler bzw. können

schlecht damit umgehen. Die Eltern verfügen nicht über ausreichende Bewältigungskompetenzen

und haben Angst vor Diskriminierung, keine Zeit oder ganz andere, existentielle Probleme.

Die Kinder sitzen zwischen den Stühlen.

Was ist zu tun? Eine Checkliste der Möglichkeiten

Analyse von Bedarf und möglichen Handlungsoptionen vor Ort, z.B. über eine Befragung

(Einverständnis von Schulamt und Beteiligten vor Ort einholen)

Formulierung eines Berichts (in Vorbereitung eines Auswertungsgesprächs, siehe unten,

und ggf. zur Vorlage in Ausschüssen, im Stadtrat, in der Gesundheitskonferenz etc.);

versuchen Sie, das Problem zu objektivieren und in Tatsachenform zu präsentieren.

Auswertung und Besprechung der Befragungsergebnisse im Kreis von Lehrer-, Eltern-,

Schüler- und Politikvertretern, unter Mitwirkung der Schulleitung, des Hausmeisters und

anderer Beteiligter

Ausarbeitung eines Handlungsplans unter Herstellung einer Balance zwischen Wünschenswertem

und Machbarem

Mobilisierung geeigneter Kooperationspartner, „Verbündeter“ und Sponsoren vor Ort

Planung und Durchführung einer Aktion „Gesundes Pausenbrot“ (gemeinsam mit den Schülern)

Einrichtung eines Schülercafés in der Schule, das von den Schülern organisiert wird

Vermittlung einer Fortbildung „Gesunde Kinderernährung“ für interessierte Lehrer

Einrichtung eines Essenangebots im Stadtteilzentrum, bei dem verschiedene Akteure und

ggf. auch die besserverdienenden Eltern einbezogen werden (z.B. eine Kindertafel, damit

die Kinder wenigstens mit einer sicheren Mahlzeit rechnen können)

Handlungsoptionen

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60

Teil III. Hilfen

Formulierung lebenslagenorientierter Empfehlungen, die die Betroffenen im Alltag umsetzen

können

Einrichtung einer Anlaufstelle in Sachen Kinderernährung, mit Beratungs- und Informationsangeboten

und ggf. je nach Ressourcen (Freiwillige einbinden!) auch aufsuchende Arbeit

Natürlich ist diese Liste nicht vollständig. Sie zeigt aber die Abfolge der wesentlichen prinzipiellen

Handlungsschritte auf, die von der Erfassung und Objektivierung des Tatbestands über

die Einbindung und Aktivierung aller Beteiligten hin zur Planung und Umsetzung einer zunehmend

differenzierten und anspruchsvollen Maßnahmekette reicht. Dabei gilt grundsätzlich:

Auch ein kleiner Einstieg kann ein guter Anfang sein.

Auf den Punkt gebracht die 7 wichtigsten Barrieren zwischen Gesundheitsförderung

und sozial Benachteiligten

1. Informationsdefizite

Sozial benachteiligte Personengruppen wissen wenig über:

Risikoverhalten und die Bewältigung von gesundheitlichen Problemen

Gesundheitsförderung allgemein und die Umsetzung von Empfehlungen in den Alltag

die Regelversorgung und die relevanten Ansprechpartner

Bedarfe von Kinder und Jugendlichen und besondere Fördermöglichkeiten

ihre Rechte

Die Anbieter von Gesundheitsförderung wissen oft wenig über:

die Zusammenhänge von Armut und Gesundheit

Bedürfnisse, Probleme, Lebenslage und Bedarf der Zielgruppe

das Ausmaß des Armutspotentials vor Ort

mögliche Kooperationspartner

bereits vorhandene Hilfsangebote für die Zielgruppe

Hürden überwinden: Wie stellen Sie den Informationsfluss her?

Regelmäßige Berichterstattung über Gesundheit und soziale Lage vor Ort

Bereitstellung und Verbreitung gut aufbereiteter Daten zum Ausmaß

der sozialen Benachteiligung

Herstellung von Transparenz zu Ihren und anderen Angeboten für

einen besseren Überblick durch den Behördendschungel, z.B. durch

einen Sozial- und/oder Gesundheitswegweiser

Erstellung und/oder Verbreitung lebensstilorientierter Info-Materialien

Einbindung von Betroffenen in Projekte z.B. stadtteilbezogener

Gesundheitsförderung

Erstellung von Leitlinien für die Arbeit mit der Gruppe sozial Benachteiligter

Durchführung oder Vermittlung von Multiplikatorenschulungen


2. Fehlende Zeit und mangelnde Mobilität

Teil III. Hilfen

Alleinerziehende Mütter nennen häufig die fehlende Kinderbetreuung als ein Hindernis bei der

Teilnahme an den Angeboten der Gesundheitsförderung. Kinderreiche Familien fühlen sich

überfordert, mit mehreren Kindern zu verschiedenen Angeboten oder Behandlungen zu gehen.

Sie sind ohne eigenes Auto weniger mobil und brauchen Fahrzeit und Geld für öffentliche Verkehrsmittel,

die dann auch nur zu bestimmten Zeiten fahren. Länger dauernde Angebote können

wegen der hohen Anforderungen der Alltagsroutine nicht in Anspruch genommen werden.

Hürden überwinden: Wie helfen Sie beim Management von Raum und Zeit?

Arbeiten Sie in Settings und ersparen Sie damit der Zielgruppe Fahrtzeit

und - kosten.

Organisieren Sie Kinderbetreuung zu Ihren Angeboten.

Die klassische „Komm-Struktur“ (Der Patient kommt zum Arzt) funktioniert

nicht so gut bei sozial benachteiligten Menschen. Besser ist die

„Geh-Struktur“: Bieten Sie Ihr Angebot an den Orten an, wo sich die

Betroffenen auch befinden, wie z.B. im Kindergarten, in der Schule, im

Hort, im Stadtteil, in der Entbindungsstation.

Stellen Sie bei der Bekanntmachung Ihres Angebots den Nutzeffekt für

die Betroffenen deutlich heraus. Wer schon seine rare Zeit auf Ihr Angebot

verwendet, will genau wissen, was er dafür bekommt.

3. Sprachbarrieren

Viele Personen mit niedrigem sozialen Status verstehen komplexe Gesundheits- und Krankheitssachverhalte

nicht bzw. fühlen sich vom Arzt nicht verstanden. Das Vokabular des durchschnittlichen

sozial benachteiligten Menschen enthält in der Regel keine oder nur wenige medizinische

Fachwörter. Klar und deutlich Beschwerden zu nennen und die Fragen des Arztes

knapp und korrekt zu beantworten, fällt ihnen oft schwer. Problemlösekompetenzen bringen sie

in der Regel nicht mit und sind ihnen aufgrund der Sprachprobleme auch nur schwer zu vermitteln.

Anbieter und Nachfrager gesundheitlicher Leistungen können ihre Erwartungen aneinander

oft nicht adäquat ausdrücken. Verständigungsprobleme resultieren zudem vor allem bei

Migrantinnen und Migranten aus derem Mangel an Deutschkenntnissen, insbesondere bezogen

auf den Bereich Gesundheit.

Hürden überwinden: So verstehen Sie sich besser!

Sprechen Sie klar, deutlich, einfach und konkret.

Begeben Sie sich sprachlich in etwa auf das Niveau ihrer Zielgruppe.

Erklären Sie an Beispielen.

Setzen Sie neben Broschüren auch andere Medien ein wie Schaubilder,

61


62

Teil III. Hilfen

plastische Modelle (Lebensmittelattrappen, Wirbelkörper usw.), Filme

oder auditive Medien.

Nehmen Sie sich die Zeit, wichtige Dinge zu wiederholen.

Vergewissern Sie sich, ob Sie verstanden wurden.

Verfassen oder benutzen Sie Informationsmaterial in mehreren Sprachen.

Nehmen Sie ggf. Kontakt mit Dolmetschern auf.

Denken Sie bei häufigen Kontakten zu sozial Benachteiligten über eine

Fortbildung in klientenzentrierter Gesprächsführung nach.

Versuchen Sie, den Patient in seinem sozialen Kontext zu erfassen und

auch zu verstehen.

4. Angebote ohne Lebenslagenbezug

Viele Angebote zur Gesundheitsförderung sind mittelschichtsorientiert. Sie berücksichtigen weder

Bildungsstand noch Einkommenssituation von sozial Benachteiligten. Auch bei der Auswahl

von Inhalten und Methoden meistens Kurse oder Vorträge findet die Lebenslage der Teilnehmer

wenig Beachtung. Kinder, die nicht nur unter Bewegungsmangel leiden, sondern auch

noch schlimme familiäre Konflikte zu erdulden haben, stoßen auf wenig Verständnis für ihre Situation.

Tipps und Ratschläge für Menschen aus mittleren und oberen sozialen Schichten sind

vielfach im Armutshaushalt nicht in die Praxis umzusetzen.

Was den Zugang für sozial Benachteiligte zu solchen Angeboten noch erschwert, ist die Angst,

von den anderen Teilnehmern als „Mensch zweiter Klasse“ identifiziert zu werden. Von der

Kleidung über das nicht vorhandene Fahrrad bis hin zu der „Peinlichkeit“, dass Papa keine Arbeit

hat die anderen könnten es bemerken und verurteilen. Man gehört einfach nicht dazu.

Hürden überwinden: Wie passen Sie Ihre Angebote an die Zielgruppe an?

Gestalten Sie spezifische Angebote sowohl in der Gesundheitsförderung als

auch in der gesundheitlichen Versorgung für die Menschen mit sozialer Benachteiligung.

Entwickeln Sie lebenslagenorientierte Projekte, die sich an Bedarf,

Alltag und den Fähig- und Fertigkeiten der Betroffenen orientieren. Aufklärung,

Information und Beratung muss in ganz kleinen Schritten serviert

werden, sonst kann es sein, dass Sie die Zielgruppe überfordern und ihre Bemühungen

nur noch auf Reaktanz stoßen. Binden Sie Kooperationspartner

ein, um der Vielschichtigkeit der Probleme gewachsen zu sein. Prüfen Sie bestehende

Maßnahmen und deren Veranstalter auf die Tauglichkeit für die spezielle

Zielgruppe der sozial Benachteiligten.


5. Das Image der Behörde

Teil III. Hilfen

Behörden machen vielen Menschen vordergründig Angst vor:

übermächtiger Autorität

Sanktionierung (wie Kürzung von Leistungen)

mangelndem Datenschutz und nicht eingehaltener Schweigepflicht (z.B. bei der „Amtshilfe“)

der Tatsache, dass man abermals darauf hingewiesen wird, etwas falsch gemacht zu haben,

und unfähig ist, sich selbst zu helfen

der Bewusstwerdung, ein Mensch zweiter Klasse zu sein

Stigmatisierung und Diskriminierung, Ablehnung und Unverständnis

dem Aufwand, sein Problem in Worte fassen und Argumente finden zu müssen.

Viele einkommensschwache Personen haben negative Erfahrungen mit Behörden. Sie können

sich nur schwer vorstellen, dass Amtspersonen ihnen wohlwollend gegenüberstehen.

Hürden überwinden: So schaffen Sie Vertrauen ein Beispiel

Im Sozialamt im Landkreis Neu-Ulm existiert seit 1999 eine Sondersachbearbeitung

für alleinerziehende Sozialhilfempfänger mit der Zielsetzung, Betroffene

bedarfsgerecht und lebenslagenorientiert zu beraten. Gegenseitiges Vertrauen

sehen die Sachbearbeiter, neben dem Ausbau ihrer Fachkompetenz,

als die Basis der Beratung. So veranstaltete das Sozialamt Neu-Ulm (auf eigene

Kosten) einen Workshop für Sachbearbeiter und Betroffene zum „näher

kennenlernen“. Einen ganzen Tag lang wurden in „neutralen“ Räumen Erfahrungen

darüber ausgetauscht, wie jeder den anderen in seiner Rolle erlebt,

Perspektivenwechsel ausprobiert, gegenseitige Erwartungen und Wünsche

herausgearbeitet und Regeln für ein konstruktives Miteinander aufgestellt.

Das Klima zwischen Beamten und Hilfebeziehern hat in jedem Fall profitiert.

Die Vorstellung von der „Allmächtigkeit einer Behörde“ könnten Sie auch dadurch mildern,

dass Sie die Zielgruppe soweit wie möglich an Entscheidungen teilhaben lassen. Den Eindruck,

Hilfen würden über den Kopf der Betreffenden hinweg „im Gießkannenprinzip“ verteilt,

kann man der Klientel nicht übel nehmen. Also: Fragen Sie auch mal nach dem individuellen

Bedarf und schaffen Sie Situationen, in denen Betroffene zu Wort kommen.

6. Kognitive Barrieren: Einstellungen, Werte und Prioritäten

Einstellungen steuern Verhaltensweisen. In unteren sozialen Schichten trifft man oft auf Gedanken

und Gewohnheiten, die Gesundheitsförderung schwierig machen. So nehmen manche

Betroffene ihren Bedarf an Gesundheitsförderung und gesundheitlicher Versorgung gar nicht

wahr, weil sie in ihrem Risikoverhalten keine Gefahr sehen.

63


64

Teil III. Hilfen

Übergewicht z.B. ist eher positiv besetzt. Statussymbole in Form materieller Güter erscheinen

wichtiger als immaterielle Werte wie etwa Gesundheit. Wünsche und Probleme der Kinder werden

mit einer Extraportion Süßigkeiten kompensiert. Die Teilnahme am „Vegetarischen Kochkurs“

birgt vielleicht das Risiko, dass liebgewonnene Essgewohnheiten sich als gesundheitsschädigend

herausstellen damit ist dann das letzte bisschen Freude am Leben hinfällig.

Mit langfristig andauernder Armutslage macht sich Resignation breit. Wenig Aussicht auf

das Ende der misslichen Situation steigert dieses Gefühl noch. „Was bringt das alles?“ „Gesundheit

ist schon wichtig, aber das löst meine Probleme wie Unterhaltsklagen, Arbeitslosigkeit

und Geldmangel auch nicht.“

Was sozial benachteiligte Menschen über die Bemühungen und Nicht-Bemühungen der Gesundheitsförderer

und Versorger denken, ist kaum wissenschaftlich erforscht.

Kognitive Barrieren gibt es auch auf der Seite der Anbieter von gesundheitsfördernden Aktivitäten.

Die Erfahrung von Projekten mit geringem Erfolg ist beim zweiten Versuch mehr oder

weniger ein großes Hindernis. Maßnahmen für die Gesundheitsförderung sozial Benachteiligter

brauchen einen langen Atem.

Hürden überwinden: Wie berücksichtigen Sie Werte und Einstellungen Ihrer

Zielgruppe?

Hoffen Sie nicht darauf, dass die Betroffenen einen Beratungsbedarf erkennen.

Wirken Sie vorsichtig auf Bewusstseinsbildung hin. Verknüpfen Sie die

Gesundheitsförderung mit anderen Gesprächsanlässen, die die sozial Benachteiligten

vordergründiger wahrnehmen. Laden Sie z.B. nicht zur Gesundheitsförderungsmaßnahme

ein, sondern zum Sommerfest im Stadtteil mit Spiel und

Spaß rund um das leibliche Wohl, und integrieren Sie dort Ihr Angebot. Einstellungen

sind veränderbar durch neue und positive Erfahrungen. Stellen Sie

Möglichkeiten und Räume zur Verfügung für neue Erfahrungen, für die Steigerung

des Selbstwertgefühls und das Einbringen eigener Kompetenzen. Planen

Sie z.B. mit den Kindern im sozialen Brennpunkt den Bau eines Abenteuerspielplatzes,

rufen Sie zur Gemeinschaftsaktion „Stadtviertelmarathon“ auf,

und machen Sie die Betroffenen zum Organisator. Psychosoziale Probleme haben

Vorrang vor der Verringerung der direkt gesundheitsschädigenden Risikofaktoren

wie Bewegungsmangel oder Rauchen. Respektieren Sie das Wertesystem

von Menschen in benachteiligten Lebenslagen.

7. Finanzen

Gesundheitsförderliches Verhalten bringt häufig zusätzliche Kosten mit sich. Der Beitrag im

Sportverein, eine gesunde Ernährung, Teilnahme an Entspannungskursen, der Kauf eines Fahrrads

etc. erfordern Geld, das man nicht hat. Über Ermäßigungen (oder sogar die Befreiung von

der Zuzahlung beim Zahnersatz) wissen viele Menschen nicht Bescheid. Außerdem müsste man

sie erst beantragen. Das schreckt die Betroffenen ab.


Teil III. Hilfen

Im einkommensschwachen Haushalt dreht sich oft ohnehin alles nur ums Geld. Jede zusätzliche

Ausgabe geht zu Lasten anderer Bedürfnisse. Es ist nur zu gut zu verstehen, dass zuerst einmal

der notwendige Bedarf gedeckt wird und anderes ganz weit hinten ansteht.

Hürden überwinden: Wie machen Sie Gesundheitsförderung für wenig Geld?

Versuchen Sie, wenn immer möglich kostenfreie oder zumindest sehr günstige

Angebote zu machen. Das geht nicht ohne Kooperationspartner lokale Sponsoren,

Wohlfahrtsverbände, Krankenkassen. Die regionale Arbeitsgemeinschaft

oder kommunale Gesundheitskonferenz ist auch hierfür das erste Diskussionsund

Akquiseforum. Sorgen Sie für mehr Information der Zielgruppe über Ansprüche

und Vergünstigungen im gesundheitlichen Versorgungssystem. Die Möglichkeit

einer Krankenkostzulage z.B. ist vielen Sozialhilfeempfängern nicht bekannt.

Vermitteln Sie den Betroffenen gesundheitsförderliche Verhaltensweisen

als finanzierbar und wenig aufwendig bei großem Nutzeffekt.

Zum Vertiefen:

Böhm, B.; Janßen, M.; Legewie, H (1999): Zusammenarbeit professionell gestalten. Praxisleitfaden

für Gesundheitsförderung, Sozialarbeit und Umweltschutz. Freiburg im Breisgau

Brucks, U.; v. Salisch, E.; Wahl, W.-B. (1987): Soziale Lage und ärztliche Sprechstunde, Hamburg

Dierks, M.-L. et al. (2001): Patientensouveränität Der autonome Patient im Mittelpunkt. Arbeitsbericht

(Nr. 195) herausgegeben von der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg.

Stuttgart

3.4 Die Rolle des ÖGD im Hilfesystem

Die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) der 16 Länder der Bundesrepublik Deutschland hat

seit nunmehr 7 Jahren Entschließungen zum Thema „Auswirkungen von sozialer Benachteiligung

auf die Gesundheit bei Kindern“ verabschiedet.

Die GMK fordert:

eine lebenslagenorientierte, vernetzte Versorgung dieser Bevölkerungsgruppe als prioritäre

Perspektive im Gesundheitswesen,

die Erhöhung der Selbstbestimmungsmöglichkeiten und die Steigerung der Kompetenzen

für die Stärkung der eigenen Gesundheit.

65


66

GMK-Entschließungen

Qualitätsstandards

Symposium „Soziale

Ungleichheit als

Herausforderung für

Gesundheitsförderung“

Teil III. Hilfen

Einige zentrale Aspekte der Entschließungen der GMK sind dabei:

der Ausbau der Gesundheitsberichterstattung zum Zusammenhang sozialer Mangellagen

und ihrer gesundheitlichen Folgen für Kinder und Jugendliche,

der Abbau von Zugangsbarrieren zu gesundheitlichen Versorgungsangeboten,

die Verbesserung der Handlungskompetenzen durch gesundheitsfördernde Aktivitäten, die

als interdisziplinäre und ressortübergreifende Querschnittsaufgabe angelegt sind.

Auch in Bezug auf den ÖGD werden Handlungsmuster formuliert:

Der ÖGD entwickelt kompensatorisch Angebote, soweit andere Akteure die Zielgruppe

nicht angemessen erreichen.

Der ÖGD übernimmt die Koordinierungs- und Steuerungsfunktion des gesamten Aufgabenfeldes

vor Ort.

Der ÖGD braucht Partner wie z.B. Krankenkassen, Sozialversicherungsträger, Kinder- und

Jugendärzte, Kindertageseinrichtungen, Sportvereine, den Selbsthilfebereich und Weiterbildungsträger.

Vom Bundesland Hamburg wurden zur Umsetzung dieser Entschließungen Qualitätsstandards

entwickelt. Sie enthalten konkrete Vorschläge zur Verminderung der Auswirkungen von sozialer

Benachteiligung auf die Gesundheit bei Kindern. Angeregt wird dort außerdem ein regelmäßiger

Erfahrungsaustausch des Bundesgesundheitsministeriums und der Länder über erfolgreiche

Maßnahmen und Initiativen zur Verbesserung des Zugangs zu gesundheitsfördernden Angeboten

für Benachteiligte.

Entwicklungen in Baden-Württemberg

Vom Symposium „Soziale Ungleichheit als Herausforderung für Gesundheitsförderung“, veranstaltet

vom Sozialministerium Baden-Württemberg 1995, gingen landesweite Impulse für

Gesundheitsförderungsstrategien aus, die auf eine Verbesserung der gesundheitlichen Chancen

für sozial benachteiligte Gruppen hinwirken. Während bisherige Konzepte und Methoden eher

mittelschichtorientiert waren, sollte Gesundheitsförderung zukünftig auf neue Zielgruppen ausgeweitet

werden und methodisch neue Wege einschlagen. Auf überregionaler Ebene wurden

vermehrter Austausch und stärkere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis

gewünscht.

Daraufhin führte das Sozialministerium Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem

Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (LGA) 1996 eine Bestandsaufnahme von Projekten

und Initiativen zu „Gesundheitsförderung mit sozial Benachteiligten“ durch. Es konnten 115

Projekte aus unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern mit den Schwerpunkten Kinder, Jugendliche


Teil III. Hilfen

und Migranten erfasst werden. Defizite waren hinsichtlich Projekten mit Sozialhilfeempfänger/innen,

alten Menschen und stadtteilbezogenen Aktivitäten zu erkennen. Die Ergebnisse dieser

Bestandsaufnahme die im LGA erhältlich ist wurden im Rahmen von Gesundheitsförderungs-Fachtagungen

mit Gesundheitsämtern diskutiert und bewertet. Die Fachkräfte für Gesundheitsförderung

waren übereinstimmend der Meinung, dass die Verringerung gesundheitlicher

Ungleichheiten ein Rahmenziel für künftige Angebote der Gesundheitsförderung in Baden-Württemberg

ist (vgl. Fachliche Empfehlungen zu den Schwerpunktaufgaben des ÖGD, LGA 2000).

Im Jahr 2000 gab eine weitere Befragung genauer Aufschluss darüber, in welchen Bereichen

der Gesundheitsförderung die Gesundheitsämter Handlungsbedarf zur Verbesserung gesundheitlichen

Chancen sehen. Die Befragungsergebnisse basieren auf einer Rücklaufquote von

70% (entsprechend 27 Bürgermeister-/Landratsämter Gesundheitsämter):

Die Mehrzahl der Gesundheitsämter hält ein stärkeres Engagement des ÖGD für erforderlich.

Vorrangige Zielgruppen bzw. Lebenswelten sind aus Sicht der Befragten: Kinder und

Jugendliche, Familien/ Alleinerziehende, Migranten, Schulen, Kindertagesstätten und

Stadtteile/Gemeinden.

Folgende Aufgaben werden dabei dem ÖGD zugewiesen:

- Gesundheitsberichterstattung/Bedarfsermittlung,

- Informations- und Beratungsangebote,

- Koordination und Vernetzung,

- Initiierung von Maßnahmen und

- Herstellung von Öffentlichkeit für das Thema.

Verbesserung der Zugangswege, niedrigschwellige Angebote, Vernetzung der Ämter und

Verbesserung der regionalen Infrastruktur sind aus dem Blickwinkel der Gesundheitsämter

die zentralen Handlungsfelder.

Entwicklungen in Nordrhein-Westfalen

In Nordrhein-Westfalen verabschiedete die 8. Landesgesundheitskonferenz am 16. Juni 1999 eine

Entschließung: „Gesundheit für Kinder und Jugendliche in NRW“.

Ausgangspunkt dieser Entschließung war eine Situationsanalyse in Nordrhein-Westfalen

u.a. zum Ausmaß von sozialer Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen im Bundesland.

In der Entschließung wird u.a. eine bessere Analyse der aktuellen Situation der Kindergesundheit

in Nordrhein-Westfalen, die Entwicklung und Umsetzung prospektiver Studien und Längsschnittuntersuchungen

und der Nachweis der Effizienz von Maßnahmen zur Verbesserung der

Kindergesundheit gefordert.

Die Entschließung gibt Empfehlungen und benennt u.a. folgende notwendigen Schritte:

Stärkung und Entlastung der Familien mit Kindern,

gesundheitspolitische Initiativen in konkreten Handlungsfeldern, die zur

Stärkung der Kindergesundheit beitragen,

67

Bestandsaufnahme zur

„Gesundheitsförderung mit

sozial Benachteiligten“

LGK-Entschließung

„Gesundheit für Kinder und

Jugendliche in NRW“


68

LGK-Entschließung „Soziale

Lage und Gesundheit“

ÖGD-Gesetz NRW

Kommunale

Steuerungsgremien

Teil III. Hilfen

Zusammenführung von Gesundheits- und Sozialberichterstattung,

effiziente Durchführung von Maßnahmen der Prävention und Aufklärung

zur Vermeidung und Verringerung der gesundheitlichen Risiken von

Kindern und Jugendlichen,

Verstärkung der Gesundheitsförderung in der Schule,

Verstärkung der Elternarbeit sowie der Multiplikatorenschulung von

Lehrern und Erziehern durch die Ärzteschaft, Apothekerschaft, Krankenkassen

und den ÖGD,

Ausbau der Angebote zur Freizeitgestaltung von Kindern und Jugenlichen,

verstärkte Kooperation zwischen Gesundheitswesen, Jugendhilfe und

anderen Politikbereichen als Aufgabe der kommunalen Gesundheitskonferenzen,

Sensibilisierung der Öffentlichkeit durch verstärkte Anstrengungen im

Bereich der Prävention.

In der 10. Landesgesundheitskonferenz wurde das Thema „Soziale Lage und Gesundheit“ zum

Gegenstand einer umfangreichen Entschließung, die auch der Situation von Kindern und Jugendlichen

breiten Raum einräumt und zahlreiche Handlungsempfehlungen formuliert. Wenn

hierbei der ÖGD auch nicht explizit im Mittelpunkt steht, so waren viele Bereiche betroffen, die

in der Verantwortung des ÖGD liegen. Die Entschließung kann beim Ministerium für Frauen,

Jugend, Familie und Gesundheit NRW (MFJFG) angefordert werden (Tel. 0211/855-5).

§ 14 des ÖGD-Gesetzes von Nordrhein-Westfalen weist auf die vom ÖGD selbst zu erbringenden

sozialkompensatorischen Aufgaben im Bereich soziale Ungleichheit und Gesundheit

hin. Nach § 24 ÖGD-Gesetz NRW sollen zudem die Kommunalen Gesundheitskonferenzen und

ihre Arbeitsgruppen hinsichtlich Beratung und Koordination der gesundheitlichen Versorgung

auf kommunaler Ebene tätig werden.

Sozialkompensatorische Aktivitäten zur Chancengleichheit und Gesundheit

für Kinder und Jugendliche im Handlungsfeld Kommune

Der Ort, an dem die Mehrzahl gesundheitlicher Aktivitäten für sozial Benachteiligte stattfindet,

ist die Kommune. Eben der Ort, an dem sich die Betroffenen befinden. Hier in der Stadt, dem

Stadtteil oder der Gemeinde ist es eine Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes, in seiner

Funktion als Initiator, Vernetzer und Koordinator an der Zielvereinbarung „Gesundheit für alle

mitzuarbeiten. Mit den Regionalen Arbeitsgemeinschaften Gesundheit (RAG) bzw. den kommunalen

Gesundheitskonferenzen steht in den Kommunen ein Instrument zur Verfügung, das weitestgehend

die Versorgungsstruktur der Kommune im Bereich Gesundheit repräsentiert. Gesundheitskonferenzen

und RAGs bieten geradezu ideale Voraussetzungen dafür, gesundheitliche

Chancengleichheit und Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und deren Eltern als bereichsübergreifendes

Thema durch eine Vielzahl verhaltens- und verhältnisorientierter Maßnahmen

aufzugreifen. Durch seine besondere Rolle in diesen Gremien besitzt der ÖGD hier eine wichtige

Steuerungsfunktion.


Teil III. Hilfen

Überträgt man die allgemeinen Anforderungen an die Gesundheitsförderung von sozial benachteiligten

Kindern und Jugendlichen auf das Handlungsfeld Kommune, dann lassen sich daraus

zahlreiche Aufgaben für den ÖGD, die RAG oder die kommunalen Gesundheitskonferenzen

ableiten. Die anliegende Liste verbindet kleine und große Schritte und erhebt natürlich keinen

Anspruch auf Vollständigkeit:

Aufgaben im Bereich Chancengleichheit und Gesundheit für Kinder und

Jugendliche in der Kommune

eine kleinräumliche Analyse der gesundheitlichen und sozialen Situation

vor Ort erstellen, die ...

... auf den Entscheidungsspielraum und die Handlungsmöglichkeiten von

Ausschüssen, Beiräten und anderen relevanten Gremien zugeschnitten

ist und erkennbare Dispositionen berücksichtigt,

... der (Fach- und allgemeinen) Öffentlichkeit zugänglich ist,

... Gesundheits-, Sozial- und Jugendberichterstattung verbindet,

... auf die relevante Handlungsebene heruntergebrochen ist (z.B. Stadtteil,

Wohnviertel oder Gemeinde),

... handlungsorientiert, auf das Machbare konzentriert und gut lesbar ist.

Chancengleichheit und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als

Schwerpunktthema plausibel machen und mit einer kommunalen, lokal

spezifischen Programmatik füllen,

Fachkräfte, Institutionen, potentielle Kooperationspartner und die

Öffentlichkeit für das Thema soziale Benachteiligung bei Kindern und

Jugendlichen sensibilisieren und ein Problembewusstsein schaffen,

Partnerschaften für Gesundheit innerhalb der Verwaltung, mit verschiedenen

Akteuren des Gesundheitswesens und darüber hinaus festigen und ausbauen,

die gesundheitliche Grundversorgung für Randgruppen der Gesellschaft (wie

Obdachlose, Straßenkinder, Prostituierte etc.) sicherstellen,

Projekte entwickeln und durchführen, die...

... sich an der Lebenslage der Betroffenen orientieren,

... bedarfsgerecht sind,

... niedrigschwellig sind,

... komplex sind: Verhalten, Verhältnisse, Gesundheitsförderung und -versorgung

berücksichtigen,

... vorhandene gesundheitlichen Ressourcen der Bevölkerung vor Ort stärken,

... Betroffene in Entscheidungen und Aktivitäten mit einbeziehen

(Empowerment und Selbstmanagement),

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70

Brückenfunktion des ÖGD

Teil III. Hilfen

... die Gesundheitsgefährdungen der Eltern verringern, um den Gesundheitszustand

der Kinder zu verbessern,

konkrete Anstöße geben, Ansatzpunkte für Projekte aufzeigen und Kooperationspartner

projektbezogen zusammenbringen,

kommunale Infrastrukturen einrichten bzw. für die Nutzung durch sozial Benachteiligte

optimieren (wie z.B. stadtteilbezogene Betreuungs-, Bildungs- und

Freizeitangebote),

Sorge tragen, dass Projekte langfristig finanziell gesichert sind, um eine Kon

tinuität von Inhalten und Betreuungspersonen zu gewährleisten, bzw. Projekte

so zu initiieren und begleiten, dass sie zum „Selbstläufer“ werden,

die Zugangsmöglichkeiten zur Wahrnehmung gesundheitsbezogener Interessen

für alle Bürger erweitern und eine stärkere Integration von Gesundheitsdiensten

in Kindertagesstätten und Schulen in entsprechenden Stadtteilen ermöglichen

(z.B. ärztliche Sprechstunde im Kindergarten),

die Fachkompetenz der Beteiligten durch Information und Beratung erweitern,

z.B. in Form von Multiplikatorenschulungen zu Themen wie Zugangsbarrieren,

zielgruppenbezogenen Strategien, Methoden und Maßnahmen,

Gesundheitsförderung in der Kommune als handlungsleitendes Prinzip im Sinne

einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik verankern.

Diese lange und anspruchsvolle Liste erfordert ein Zusammenwirken vieler Akteure idealerweise

auf der Grundlage von Gesundheitskonferenz oder RAG und einen langen Atem. Der

ÖGD findet sich dabei in einer Schlüsselposition. Wie keine andere Einrichtung nimmt er eine

Brückenfunktion zwischen handelnder Basis und politisch-administrativer Entscheidungsebene

wahr. Das Instrument der Gesundheitsberichterstattung, seine Rolle im Bereich der kommunalen

Koordination und Bündelung der Kräfte prädestinieren ihn für Bestandsaufnahmen, Überblicksdarstellungen,

Prioritätenfindung und Entscheidungsvorbereitung. Der ÖGD transportiert

mit Hilfe von Gesundheitskonferenz und RAG das Thema Armut und Gesundheit auf die politische

Ebene; er verbindet Betroffene, handelnde Basis und übergreifende politische Entscheidungsfindung

und kann dazu beitragen, das kommunalpolitische Klima im Sinne einer

stärkeren Öffnung für das Thema gesundheitliche Benachteiligung zu prägen und den Gedanken

einer gemeinschaftlichen Verantwortung für gesundheitlich Benachteiligte zu forcieren.

Entscheidend ist dabei, dass er in geeigneter Weise die Initiative ergreift. Gefragt sind die

Hinwendung zum Bürger und die offensive „Vermarktung“ des Themas auch und gerade in

der Konkurrenzdiskussion mit anderen Politikfeldern.


Zum Vertiefen:

Teil III. Hilfen

Entschließung der 8. Landesgesundheitskonferenz NRW vom 16. Juni 1999: Gesundheit für

Kinder und Jugendliche in Nordrhein-Westfalen.

Entschließung der 10. Landesgesundheitskonferenz NRW vom 31. August 2001: Soziale Lage

und Gesundheit.

Ergebnisprotokoll der 73. Gesundheitsministerkonferenz am 28./29. Juni 2000 in Schwerin.

TOP 15: Prävention Kinder und Jugendliche, Bericht der Arbeitsgruppe Antrag Hamburg

Franke, M.; Geene, R.; Luber, E. (Hrsg.) (1999): Armut und Gesundheit. Berlin

Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (24.11.2000): Fachliche Empfehlungen zu

Schwerpunktaufgaben des ÖGD. Stuttgart

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72

Teil III. Notizen


Hardcore Job?

www.offroadkids.de

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74

Vier Planungsphasen

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

4. Die lokale Praxis oder „Wie gehen Sie vor?“

4.1 Sie machen eine Bestandsaufnahme

4.2 Sie finden Prioritäten und planen Maßnahmen

4.3 Sie bringen Ihr Projekt in die Diskussion

Von der Idee zur Umsetzung einige Prämissen zum Thema Projektplanung

mit sozial Benachteiligten

Vielleicht ist dies Ihr erstes Projekt zum Thema „Soziale Benachteiligung und Gesundheit“.

Selbsterfüllende Prophezeiungen oder die permanente Ahnung vieler Beteiligter begleiten Ihr

Projekt mit gewissen Zweifeln, weil man ja schon weiß, dass die Zielgruppe schwierig ist. Ihre

Vorgesetzten möchten vielleicht ständig auf dem Laufenden gehalten werden, denn das Thema

Armut ist kein besonders attraktives Unterfangen für das Image einer Behörde. Nicht zuletzt

übernehmen Sie später vielleicht eine Vorbildfunktion für benachbarte Regionen oder Einrichtungen,

und da sollten Sie etwas vorweisen können, was nachahmenswert und machbar ist.

Also gelten die Erfolgskriterien guter Projekte für Sie in besonderem Maße: klare Struktur,

gute Planung und Organisation, sensible Umsetzung, verständliche Dokumentation. Wir haben

die praktischen Abläufe für Sie in 4 Phasen zusammengefasst: Vorbereitungsphase, Planungsphase,

Durchführungsphase und Evaluationsphase. Sie mögen in Ihrer konkreten Praxis zu anderen

Begrifflichkeiten oder Detailschritten kommen Transparenz über die vorgesehenen Abläufe

und Schrittigkeiten, Rollen, Verantwortlichkeiten, Ziel- und Terminvereinbarungen sind

letztlich für eine erfolgreiche Projektplanung unverzichtbar. Das Phasenraster kann dabei hilfreich

sein.

Vorbereitungsphase

Sie haben eine Idee, hören von einem Problem, bekommen einen

Auftrag.

Sie stellen sich die ersten Fragen zur Orientierung

Sie sammeln Daten, Fakten und Informationen.

Sie bringen Ihr Thema in die RAG oder kommunale Gesundheitskonferenz.


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Sie analysieren die erhaltenen Daten nach Defiziten, Schwachstellen

und Überangeboten.

Sie befragen Experten und Betroffene nach dem Bedarf.

Sie leiten den konkreten Bedarf aus den vorhandenen Informationen

ab.

Projektideen kommen auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen zustande. Manchmal ist ein

Hinweis aus der Bevölkerung, von Kollegen, Betroffenen oder aus der Presse der Auslöser, dass

wir einem Thema nachgehen. Es kann aber auch ein explizit formulierter Auftrag, ein Auszug

aus einem Gesundheitsbericht oder ein Vorschlag ihrer eigenen oder einer anderen Institution

sein:

Erzieherinnen erzählen von immer mehr Kindern, die Sprachstörungen haben.

Die Anzahl alleinerziehender Mütter mit kleinen Kindern in der Sozialhilfe nimmt ständig

zu, die Anzahl unterhaltszahlender Väter dagegen ab.

In der Grundschule fällt den Lehrern auf, dass viele Kinder beim Sport nicht richtig mitmachen

können, weil sie Koordinationsschwierigkeiten haben.

Sie lesen in der Tageszeitung, dass sich die Stadtrandbewohner schon wieder über alkoholisierte

Jugendliche beschweren.

Der Zahnarzt Ihres Vertrauens berichtet Ihnen während der Behandlung von den vielen Kindern

aus dem Stadtviertel Großburgfeld-Nord, bei denen die Mundhygiene sehr zu wünschen

übrig lässt.

Die Schulsozialarbeiterin aus der Hauptschule bittet Sie als Gesundheitsförderer des ÖGD

gezielt um eine Aktion zum Thema: „Schutz vor Hepatitis“, weil bereits zwei Schülerinnen

davon betroffen sind.

Die Schuleingangsuntersuchung in diesem Jahr zeigte deutliche Entwicklungsverzögerungen

bei den Kindern aus dem Stadtviertel mit einem hohen Anteil an Aussiedlern. Ihr Chef

meint, das dürfte nicht so bleiben: „Tun Sie was!“

Die Krankenkasse entschließt sich zur finanziellen Unterstützung eines Projekts im Bereich

„Gesundheit am Arbeitsplatz“ für Berufsstarter aus dem sozialen Brennpunkt.

Bevor Sie mit der Planung eines Projekts beginnen, stellen Sie sich die ersten Fragen zur Orientierung:

Wie viele Menschen betrifft das Problem?

Wie gestaltet sich das Problem genauer? Wodurch wird es sichtbar?

Was sind Ursachen und Konsequenzen des Problems? Warum ist das Problem entstanden?

Wie könnte man das Problem bewältigen oder lindern? Liegen die Handlungsoptionen im

Rahmen kommunaler Zuständigkeiten und Möglichkeiten?

Was wurde bisher zur Lösung des Problems unternommen? Von wem?

Warum waren die bisherigen Lösungsversuche nicht erfolgreich?

Wo befinden sich die Menschen, die dieses Problem haben? Lässt sich ein sinnvoller Handlungsraum

abgrenzen?

75

Beispiele für Projektanlässe


76

Vorbereitende Fragen zur

Orientierung

Daten für ein schwieriges

Thema

Fragen rund um die

Datenakquise

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Erachten die betroffenen Menschen das Problem auch als Problem? Gibt es Äußerungen von

Betroffenen zum Handlungsbedarf?

Wie kann ich meinem Vorgesetzen, eventuellen Kooperationspartnern und anderen belegen,

dass es sich hier um ein Problem handelt, das aktuell, prioritär und gleichzeitig handhabbar

ist?

Wer kennt das Problem noch? Wer bietet sich als Kooperationspartner an?

Gibt es eine gesetzliche, administrative oder anders formalisierte Handlungsgrundlage?

4.1 Sie machen eine Bestandsaufnahme

Wie analysieren Sie die Situation?

Um herauszufinden, welche Hilfe für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche nötig ist,

müssen das Ausmaß der Problematik, die Bedeutung des Themas im kommunalen Kontext sowie

Bestand und Bedarf an Hilfsangeboten erhoben werden. Kurz: Sie brauchen eine Analyse

der Situation nebst einer Dokumentation bereits vorhandener Einrichtungen, Akteure und Maßnahmen,

bevor Sie sich dem Thema widmen und die konkrete Planung angehen können.

Projekte zur Gesundheitsförderung von sozial Benachteiligten benötigen immer noch trotz

vieler Entschließungen und diverser gesetzlicher Regelungen eine besondere Legitimation.

Das unterscheidet diese Aktionen etwa von den bekannten mittelschichtorientierten Präventionskampagnen.

Soziale Benachteiligung ist als politisches Thema nicht immer erwünscht und

das Aufdecken von Problemen in diesem Bereich leider auch nicht. Umso wichtiger ist es, den

kommunalspezifischen Bedarf anhand von Daten und Fakten konkret zu benennen. Auch die

Diskussion in der Regionalen Arbeitsgemeinschaft bzw. kommunalen Gesundheitskonferenz

wird dadurch erleichtert.

Eine gute Analyse der vorhandenen Angebote schützt Sie zudem davor, das Rad mehrfach

zu erfinden, und führt Sie oft bereits am Anfang Ihrer Arbeit zu geeigneten Kooperationspartnern

und Multiplikatoren.

Grundsätzlich stehen eine Reihe von Datenquellen und Methoden für die Bestandsaufnahme

und die Ableitung des Bedarfs zur Verfügung. Die konventionellen Methoden der sozialwissenschaftlichen

Forschung wie umfassende schriftliche Befragungen oder der Einsatz

psychologischer Testverfahren sind bei der besonderen Zielgruppe nur bedingt einsetzbar. Bei

der Erhebung etwa von Bedürfnissen ist deshalb Kreativität gefragt.

Am Anfang einer Bestandsaufnahme stehen folgende Fragen:

Zum welchem Aspekt des Themas brauchen Sie Informationen?

Welche Daten existieren und könnten für Sie hilfreich sein?

Wo finden Sie „harte“ Daten?

Wer kann Ihnen bei der Datensuche helfen?

Welche Daten müssen erst erhoben werden?

Wer kann bei der Interpretation der Daten helfen?

Wie erheben Sie die existierenden Maßnahmen?

Wer kann Ihnen weitere Informationen liefern?


Wie kommen Sie an Daten und Fakten?

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

„Harte“ Daten und Fakten zur gesundheitlichen Situation von armen Kindern und Jugendlichen

sind rar. Zwar interessiert sich die Wissenschaft zunehmend für dieses Thema, aber dennoch

existiert noch immer keine repräsentative Studie dazu. Die kommunale Gesundheitsberichterstattung

entdeckt ganz zaghaft, dass soziale Benachteiligung auch ein Gesundheitsthema ist. Die

Jugendhilfeplanung berücksichtigt durchaus die Angehörigen unterer sozialer Schichten in ihren

Darstellungen, aber Gesundheit einmal abgesehen von Suchterkrankungen wird dort

nicht schwerpunktmäßig thematisiert. Umgekehrt ist Gesundheit auch noch selten Thema in Armuts-

und Sozialberichten. Einen Datenband mit kombinierten Gesundheits- und Sozialindikatoren

für alle Altersgruppen mit sozialer Benachteiligung werden Sie also nur schwer finden, in

kleineren Regionen so gut wie überhaupt nicht.

Aber es gibt Daten, nicht immer sehr differenziert und nicht immer zu Ihrem Thema, aber

in jedem Fall einen Blick wert. Eine gute Grundlage für eine erste Bestandsaufnahme bietet etwa

die Einschulungsuntersuchung, insofern sie kleinräumlich mit sozialen Faktoren in Verbindung

gebracht werden kann. In einigen größeren Städten, wie z.B. in Köln, Düsseldorf, Stuttgart

oder Mannheim, wird das bereits so praktiziert.

Eine häufig genutzte Datenquelle in der Armutsforschung ist die Statistik des Sozialamts. Im

Bereich „Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ allerdings ist sie nur wenig aussagekräftig,

weil das kein vorrangiges Thema für das Sozialamt ist. Für eine grobe Orientierung über die

Sozialhilfedichte und die Identifikation von Wohngebieten mit einem hohen Anteil sozial Benachteiligter

und deren Altersstruktur und Familienstand kann man aber durchaus auf die Daten

des Sozialamts zurückgreifen. Für die Erhebung von Kausalzusammenhängen (Ursachen und

Folgen von Armut) ist diese Statistik allerdings weniger geeignet. Ob das Sozialamt Ihnen Spezialauswertungen

macht, ist meist Verhandlungssache.

Daten, Fakten und Hintergrundinformationen einige Beispiele:

Wonach suchen Sie? Woher bekommen Sie das?

Überregionale Daten und

Informationen zu Armut und

sozialer Benachteiligung

in Deutschland

Bundesamt für Statistik

Landesämter für Statistik

Landesjugendämter

Mikrozensus

Sozioökonomisches Panel

Deutsches Jugendinstitut, München

(z.B. Handbuch Sozialpädagogische Familienhilfe)

Armuts- und Sozialberichte:

Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und

Reichtumsbericht der Bundesregierung (vorgelegt im

April 2001)

Armutsberichte der Wohlfahrtsverbände: DPWV,

Caritas, AWO

Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des DGB

und des Paritätischen Wohlfahrtsverbands: Armut

Wenig „harte“ Daten

77

Schuleingangsuntersuchung

Statistik des Sozialamts


78

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Überregionale Daten und

Informationen zur

gesundheitlichen Lage

Überregionale Daten und

Informationen zu sozialer

Benachteiligung und

Gesundheit

und Ungleichheit in Deutschland (erschienen im

November 2000)

Sozialbericht 2000 der Arbeiterwohlfahrt (AWO):

„Gute Kindheit Schlechte Kindheit. Armut und

Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen

in Deutschland“ (vorgelegt im Oktober 2000)

Datenreport des Deutschen Kinderschutzbundes

Gesundheitsberichterstattung des Bundes (Robert-

Koch-Institut, Berlin)

Daten zur gesundheitlichen Versorgung und Gesundheitsbericht

für Deutschland (Bundesamt für Statistik),

Metzler-Poeschel-Verlag, Stuttgart 1998

Kassenärztliche Bundesvereinigung und Spitzenverbände

der Krankenkassen

Gesundheitsindikatoren für NRW (lögd)

Settertobulte, W. (2002): Gesundheit von Kindern

und Jugendlichen in NRW. Sonderbericht im Rahmen

der Gesundheitsberichterstattung NRW im

Auftrag des Ministeriums für Frauen, Jugend,

Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-

Westfalen

Bericht: Kindergesundheit in Baden-Württemberg

(Sozialministerium Baden-Württemberg, 2000)

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

(BZgA) (1998): Gesundheit von Kindern Epidemiologische

Grundlagen. Dokumentation einer

Expertentagung der BZgA. Reihe Forschung und

Praxis der Gesundheitsförderung, Band 3. Köln

BZgA-Bericht (2001): „Tackling Inequalities in

Health“ ein Projekt des Europäischen Netzwerkes

„European Network of Health Promotion Agencies“

(ENHPA) zur Gesundheitsförderung bei sozial

Benachteiligten.

Hitzler, R. (1999): Kinder und Jugendliche an der

Schwelle zum 21. Jahrhundert: Jugendszenen in

Nordrhein-Westfalen. Strukturen und Veränderungen.

Expertise zum 7. Kinder- und Jugendbericht

der Landesregierung NRW. (hrsgg. vom

Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und

Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen,

Düsseldorf)


Regionale Daten zu Armut,

sozialer Benachteiligung und

Gesundheit

Regionale Musterberichte zum

Thema Armut und soziale

Benachteiligung

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Informationen und Daten über Armut in Nordrhein-Westfalen: Umfang und

Armut in Nordrhein-Westfalen Struktur des Armutspotentials, Zentrum für interdisziplinäre

Ruhrgebietsforschung (ZEFIR), Ruhr-Universität

Bochum

Daten der Einschulungsuntersuchung (Gesundheitsamt,

LGA, lögd)

Kommunale Gesundheitsberichterstattung

Sozialhilfestatistik (Sozialamt)

Arbeitslosenstatistik (Arbeitsamt)

Jugendhilfeplan (Jugendamt)

Daten des Amtes für Ausländerwesen

Sozialdatenatlas Kinder und Jugendliche

(z.B. Landeshauptstadt Stuttgart)

Armuts- und Sozialberichte z.B. aus Bremen,

Düsseldorf, Essen, Gießen, Hamburg, München,

Neu-Ulm oder Stuttgart wie z.B.:

Stadt Essen, Amt für Entwicklungsplanung, Statistik,

Stadtforschung und Wahlen: Soziale Ungleichheit im

Stadtgebiet. Kleinräumige Entwicklungen im Zeitraum

31.12.1991 bis 31.12.1994. Kurzfassung.

Beiträge zur Stadtforschung 17/II, Essen 1996,

1. Auflage

Landeshauptstadt Stuttgart (2000):

Armut in Stuttgart Quantitative und qualitative

Analysen, Sozialbericht 1.

Informationen und Daten über Familienwissenschaftliche Forschungsstelle im

Armut von Familien und Allein- Statistischen Landesamt Baden-Württemberg,

erziehenden

Stuttgart

Die gewonnenen Daten, Fakten und Informationen sollten Sie in einem Bericht zusammenfassen

und so aufbereiten, dass Sie nun einen Handlungsbedarf ableiten können.

Sie kennen jetzt z.B.

den Anteil der Kinder im Stadtteil Großburgfeld-Ost, die mit Sozialhilfe aufwachsen

(Sozialhilfestatistik),

den Anteil der Kinder im Stadtteil Großburgfeld-Graustadt mit Koordinationsschwierigkeiten

und anderen grob- und feinmotorischen Störungen, die mit Sozialhilfe aufwachsen

(kombinierte Schuleingangsuntersuchung mit soziodemographischen Daten),

das Angebot der Schule und des Sportvereins speziell zur Förderung dieser Kinder (Befragung

der Lehrer, Veranstaltungskalender)

und können jetzt den Bedarf einkreisen, Prioritäten vorschlagen und Lösungsvorschläge

formulieren.

Handlungsbedarf

formulieren

79


80

Befragungen

Sie interviewen Experten

Sie führen eine schriftliche

Experten-Befragung durch

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Wie erhalten Sie qualitative Informationen?

Harte Daten und Fakten untermauern die Bedeutung des Themas besonders nachdrücklich, stützen

die Legitimation und grenzen die Handlungsfelder räumlich und inhaltlich ein. Entscheidungsträger

stützen sich gern auf solche harten Daten, und manch ideologisch ausgerichteter

Gesundheitsberichterstatter sieht in ihnen die einzig legitimen Handlungsgrundlagen.

Aber nicht zu jeder Fragestellung gibt es harte Daten. Zahlen und Statistiken geben zudem

nur äußerst grob und selektiv über das Leben und die Bedürfnisse der Betroffenen und die strukturellen

Probleme vor Ort Auskunft. Statistiken sagen auch wenig über Angebot und Engagement

diverser Hilfsanbieter in der Region aus. Es liegt auf der Hand, dazu die Akteure und Betroffenen

direkt zu befragen. Beginnen Sie in Ihrer unmittelbaren Nähe, und suchen Sie nach Informationen

in der eigenen Einrichtung (Kinder- und Jugendärzte, Zahnärzte, Prophylaxehelferinnen,

Gesundheitsberichterstattung usw.). Je nach Zeit, Informationsbedarf und eigenen

Möglichkeiten dehnen Sie dann Ihr Befragungsspektrum weiter aus.

Fangen Sie mit den Experten an. Experten sind Menschen, die sich bereits mit dem Thema

oder der Zielgruppe auseinandergesetzt haben bzw. damit arbeiten. Experten sitzen vorzugsweise

direkt vor Ort, ganz nahe an der Zielgruppe. Der Weg zum Experten führt über die Fragen:

Wo befindet sich meine Zielgruppe? Welche Hilfen brauchen die Betroffenen? Wo holen

sie sich die?

Treffen Sie sich z.B. mit dem Leiter des Jugendamts oder des Sozialamts, besuchen Sie die

Sozialarbeiter von Beratungsstellen, gehen Sie in die Kindergärten und sprechen Sie mit den Erzieher(inne)n.

Ggf. bieten sich dafür Gruppengespräche an. Laden Sie ein zum runden Tisch

oder nutzen Sie eine Arbeitsgruppe der Regionalen Arbeitsgemeinschaft bzw. der kommunalen

Gesundheitskonferenz zum Brainstorming über Chancengleichheit und Gesundheit. Dann können

Sie auch gleich die verschiedenen Interessenlagen abklären. Vergessen Sie aber nicht, vor

den Gesprächskreisen einen kleinen Leitfaden mit den wichtigsten Fragen zu erstellen, die Sie

dort gerne beantwortet haben möchten.

Wenn Sie die Meinung von vielen potentiellen Akteuren zum Thema einholen wollen oder

einen Überblick über bestehende Versorgungsstrukturen brauchen, dann bietet sich eine schriftliche

Befragung an. Die spart Ihnen die Zeit, die Sie ansonsten auf Gespräche verwenden müssen.

Erstellen Sie einen kurzen Fragebogen und einen breit gestreuten Verteiler. Anregungen dafür

hat z.B. das LGA. Sie könnten sich auch an Fachhochschulen, Berufsakademien oder Universitäten

wenden, mit der Bitte um wissenschaftliche Betreuung Ihres Vorhabens. Das lögd

unterstützt schriftliche Befragungen für den ÖGD in NRW technisch und organisatorisch.

Schriftliche Befragungen sind bei der Zielgruppe der sozial Benachteiligten in der Regel

nicht von Erfolg gekrönt. Da ist es besser, Sie interviewen die Betroffenen im persönlichen Gespräch

vor Ort.

Menschen sind laut einem Grundsatz der Ottawa-Charta dann am gesündesten, wenn sie ihre

Lebensbedingungen selbst bestimmen können. Arme Menschen befinden sich häufiger in der

Rolle des hilflosen Objekts als des tätigen Subjekts. Sie werden selten in Entscheidungen miteinbezogen

und haben so ist ihre Wahrnehmung viele Pflichten und kaum Rechte. Auch in

der Gesundheitsförderung ist es gängige Praxis, Projekte am runden Tisch zu planen ohne die

Meinung von Betroffenen einzuholen.


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Wünsche, Bedürfnisse, Werte und Einstellungen von sozial benachteiligten Menschen sind anders

als bei bessergestellten Personen. Was liegt näher, als die Betroffenen die eigentlichen

Experten vor Ort direkt danach zu fragen? Ein praktisches Beispiel:

Betroffene kommen zu Wort: Situationsanalyse im Stadtviertel

Die Münchner Aktionswerkstatt G`sundheit (MAG`s) ist eine unabhängige

Einrichtung mit dem Auftrag zur kommunalen Gesundheitsförderung in

München. Probleme vor Ort zu erkennen, transparent zu machen und anzugehen

ist ihr Ziel. Bevor die Münchner Aktionswerkstatt G`sundheit mit

Projekten zur Gesundheitsförderung begann, befragte sie die Bewohner(innen)

im Stadtteil Westend danach, wie gesund und wohl sie sich in Ihrem

Stadtviertel fühlen und welchen Anteil daran die Lebensbedingungen im

Stadtteil haben. Die Bürger durften Vorschläge für Verbesserungen im Viertel

machen und ihre Bereitschaft signalisieren zur persönlichen Mitarbeit

bei den Aktionen. Sämtliche Aktionen im Münchner Stadtteil Westend werden

nun von und mit den Anwohnern geplant und durchgeführt.

Ansprechpartnerin: Christl Riemer-Metzger, Münchner Aktionswerkstatt

G`sundheit, Bayerstraße 77a, 80335 München, Tel. 089/53 29 56 56

Viele Kommunen haben mittlerweile Erfahrungen mit der Befragung von Bewohnern sozialer

Brennpunkte gemacht. So auch das Stadtteilbüro Eidelstedt-Nord, Bezirksamt Eimsbüttel, Hörgensweg

59 b, 22523 Hamburg. Soziale Stadtteilentwicklung in Eidelsstedt-Nord, die Erstellung

einer „Visitenkarte“ des Stadtteils war hier das Thema.

Hearing für alleinerziehende Sozialhilfempfänger im Landratsamt Neu-Ulm

Als eine Konsequenz aus dem Sozialbericht 1999 für den Landkreis Neu-

Ulm wurde im Sozialamt eine Sondersachbearbeitung für alleinerziehende

Sozialhilfeempfänger eingerichtet. Diese Modellberatungsstelle hatte zum

Ziel, bedarfsorientiert zu informieren und die Hilfeempfänger an die richtigen

Kooperationspartner weiterzuvermitteln. Dazu war es nötig, Bedarf

und Bedürfnisse der Betroffenen kennenzulernen.

Der Landrat selbst lud deshalb im Juli 2000 alle alleinerziehenden Sozialhilfeempfänger

ins Landratsamt zu einem Hearing (mit Kinderbetreuung

durch das Jugendamt) ein, bei dem die Frauen ihre Wünsche und auch Beschwerden

äußern konnten. Die anwesenden Experten aus verschiedenen

Abteilungen des Landratsamts und diversen sozialen Einrichtungen standen

in der Pause Rede und Antwort. Viele Fragen konnten so unmittelbar

geklärt werden.

Nicht zuletzt trugen sowohl die Tatsache, dass der Landrat sich persönlich

für die Situation der Betroffenen interessierte, als auch die lockere Atmosphäre

(bei Kaffee und Tee) dazu bei, Image des Sozialamts und Selbst-

81

Sie fragen Betroffene vor Ort

Sie befragen Betroffene und

Experten gemeinsam

ein Beispiel


82

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

wertgefühl der Frauen zu stärken. Ansprechpartner: Günther Hock, Sozialamt

Neu-Ulm, Kantstraße 8, 89231 Neu-Ulm, Tel. 0731/7040-260

Wen Sie noch befragen könnten:

Schüler und Lehrer in der Schule,

Jugendliche im Jugendtreff oder im Fast-Food-Restaurant,

wartende Mütter vor dem Kindergarten,

Kinderärzte und Hebammen im sozialen Brennpunkt,

Stadtteilbewohner beim Straßenfest,

Sozialhilfeempfänger im Wartesaal vom Sozialamt.

Wo gibt es lesenswerte Projektberichte und -zusammenstellungen?

Die Suche nach bereits vorhandenen Angeboten, Einrichtungen und Projekten ist einfacher,

wenn man schon einmal einen groben Überblick hat, wer sich denn generell auf dem Feld der

Gesundheitsförderung von sozial Benachteiligten engagiert. Falls es in Ihrem Ort keinen sogenannten

„Sozialatlas“ oder „Sozialwegweiser“ gibt, in dem alle Einrichtungen mit sozialen und

gesundheitlichen Angeboten aufgelistet sind, dann könnten Sie ihn entweder im Rahmen eines

Projektes erstellen oder sich erst einmal andernorts über modellhafte Hilfen und Projekte

erkundigen. Hier eine sicher wieder nur exemplarische Auflistung, woher Sie Zusammenfassungen

über Projekte, Aktionen und diverse Angebote beziehen können.

Landesvereinigung für Gesundheit

Niedersachsen e.V. in Hannover,

Zentrum für Angewandte

Gesundheitswissenschaften der

Fachhochschule Nordostniedersachsen

und der Universität

Lüneburg (2000)

Sozialministerium

Baden-Württemberg (1996)

Bundeszentrale für

gesundheitliche Aufklärung

(2001)

Armut und Gesundheit. Praxisprojekte aus

Gesundheits- und Sozialarbeit in Niedersachsen.

Gesundheitsförderung mit sozial Benachteiligten

Eine Bestandsaufnahme von Initiativen,

Projekten und kontinuierlichen Angeboten

„Tackling Inequalities in Health“ ein Projekt

des „European Network of Health Promotion

Agencies“ (ENHPA) zur Gesundheitsförderung

bei sozial Benachteiligten. Abschlussbericht für

das deutsche Teilprojekt. Erhebung und Auswertung

von Gesundheitsförderungsprojekten

mit sozial Benachteiligten in Deutschland mit

Auflistung einzelner Projekte im Anhang


Landesgesundheitsamt

Baden-Württemberg

Martin Franke, Raimund Geene,

Eva Luber (Hrsg.),

Gesundheit Berlin e.V. /Landesarbeitsgemeinschaft

für Gesundheitsförderung

Stadt Köln, Gesundheitsamt,

Geschäftsstelle „Kommunale

Gesundheitskonferenz, Kinderund

Jugendgesundheitsdienst

Köln“

Gesundheit Berlin e.V.

Mielck. A.; Abel, M.;

Heinemann, H.; Stender, K.-P.

Aktion Jugendschutz,

Landesarbeitsstelle

Baden-Württemberg (2001)

Projekt-Datenbanken im

Internet

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

DOKIS ÖGD: Dokumentations- und Informationssystem

für die Bereiche Gesundheitsförderung

und Prävention im ÖGD Baden-Württemberg

Armut und Gesundheit: Armut und Gesundheit

bei Kindern und Jugendlichen, Armut und Migration,

Armut und Gesundheit bei Frauen, Armut

und Wohnungslosigkeit. Berlin 1999. Materialien

zur Gesundheitsförderung Band 1

Projektbericht FAKIR: Förder-Angebote für

Kinder in Regionen mit erhöhtem Hilfebedarf.

Köln, Februar 2001

Tagungsberichte zu den jährlich stattfindenden

Kongressen zu „Armut und Gesundheit“

Auf dem Weg: „Gesunde Städte“ Projekte zur

Chancengleichheit (2002)

Jung, lässig & pleite? Konsumlust und Schuldenlast

bei Kindern und Jugendlichen. Dokumentation

einer Fachtagung. Der Bericht gibt einen

Einblick in das Thema Kinder, Jugendliche

und Schulden, stellt Projekte und Materialen vor.

„Soziale Stadt Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf“:www.sozialestadt.de/praxisbeispiele/projekte/

Projektbörse Armut, Deutscher Caritasverband

(www.caritas.de)

83


84

Problem und Bedarf

benennen

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

4.2 Sie finden Prioritäten und planen Maßnahmen

Planungsphase

Ihr Problem wird konkret benannt.

Sie finden Prioritäten und planen eine Maßnahme.

Sie gründen einen Arbeitskreis „Armut und Gesundheit“ innerhalb der

Regionalen Arbeitsgemeinschaft oder Kommunalen Gesundheitskonferenz.

Sie formulieren Ziele und legen Zielgruppen fest.

Sie entwickeln Maßnahmen.

Sie erstellen einen Zeitplan, suchen Kooperationspartner, wählen Methoden

und Medien und klären die Rahmenbedingungen: Ort, Zeit, Geld, Personal

Sie planen und starten Ihre Öffentlichkeitsarbeit.

Ihr Problem lässt sich nun konkret benennen und in Form eines Handlungsbedarfs formulieren.

Sie haben einen „Ist-Zustand“ dokumentiert der Bedarf ist nun nichts anderes als die Differenz

zwischen Ist-Zustand (sozial benachteiligte Kinder ernähren sich falsch) und Soll-Zustand (es

gibt alternative Ernährungsangebote). Bei der Entwicklung von Maßnahmen ist zudem ausschlaggebend,

welchen expliziten Bedarf die Experten und Betroffenen (wir brauchen eine Kindertafel

im Stadtviertel) geäußert haben.

Sie wissen z.B. nach einer Bestandsaufnahme zum Thema „Gesundheit von Alleinerziehenden

und ihren Kindern“

wie viele Alleinerziehende im Stadtteil Großburgfeld-Süd wohnen,

wie viele Kinder in welchem Alter in den Haushalten der Alleinerziehenden im Stadtteil Süd

leben,

wie viele Alleinerziehende beim Arbeitsamt arbeitslos gemeldet sind und dringend auf eine

Stelle hoffen,

wie viele Alleinerziehende aus dem Stadtteil Süd Sozialhilfe beziehen,

wie viele Alleinerziehende psychosomatische Beschwerden haben,

dass Alleinerziehende gerne mehr Entlastung hätten, sie aber dafür ohne Kinderbetreuung

keine Zeit und Möglichkeit sehen,

dass die sozialen Beratungsstellen im Stadtteil Süd hoffnungslos personell unterbesetzt sind,

dass ein Entlastungsangebot für die Mütter vor Ort nicht vorhanden ist,

dass die Kirche seit Jahren in Ermangelung von Teilnehmern vergeblich versucht, eine

Alleinerziehenden-Gruppe zu gründen.

Es zeichnet sich demnach ein Handlungsbedarf hinsichtlich der Verbesserung der gesundheitlichen

Situation und der Lebenslage der Alleinerziehenden und ihrer Kinder aus dem Stadtteil

Süd ab. Sie diskutieren diese Fragestellung nun z.B. in der regionalen Arbeitsgemeinschaft

oder Kommunalen Gesundheitskonferenz und suchen nach einem speziellen Thema, einer Maßnahme

und einer Strategie, die Gesundheit von Alleinerziehenden und ihren Kindern zu fördern.


Wie finden Sie Prioritäten?

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Warum Sie sich gerade für dieses Projektthema entscheiden und nicht für jenes, kann viele

Gründe haben und sollte bestimmten Kriterien standhalten. Entscheiden Sie z.B. anhand des

nachfolgenden Katalogs wie Sie Ihre Prioritäten setzen.

Kriterien für Prioritäten: Das kann konkret heißen:

Wie dringend muss geholfen

werden?

Ist das Projekt realistisch und

„machbar“?

Ist das Projekt effektiv und

effizient?

Wie ist die Akzeptanz für das

Projekt vor Ort?

Hat das Projekt eine gute

Öffentlichkeitswirkung?

Kann das Projekt vorhandene

Strukturen beeinflussen?

Baut das Projekt auf Kooperation

und Vernetzung?

Handelt es sich bei Ihrem Projekt um einen Auftrag /

eine Weisung / einen Wunsch? Was weist auf den

Handlungsbedarf hin?

Welche Rahmenbedingungen liegen vor hinsichtlich

Personal, Kosten, Zeitaufwand, Örtlichkeiten, Fähigkeiten?

Welche Veränderung lassen sich mit welchem Aufwand

erreichen?

Gibt es Interesse am Projekt? Wie stehen die Betroffenen

dazu? Ist mit Ressortegoismen, Konkurrenzen

etc. zu rechnen? Wieviele Teilnehmer und Partner

können aktiviert werden?

Ist das Projekt/Thema gut zu vermarkten? Lassen sich

nachdrückliche Botschaften formulieren? Kann dadurch

das Image der Einrichtung verbessert werden?

Ist das Projekt nachhaltig angelegt? Können Partner

langfristig eingebunden werden? Werden Ergebnisse

dokumentiert und auf weiterführende Handlungsempfehlungen

angelegt?

Sieht das Projektschema eine klare und sinnvolle Rollenverteilung

vor? Ist der Nutzeffekt für alle Beteiligten

deutlich formuliert? Sind die Entscheidungsstrukturen

transparent und allgemein akzeptiert? Bringen

sich andere mit eigenen Ressourcen ein?

Ist das Thema politisch gewollt? Gibt es Rats-, Ausschuss- oder ähnliche Beschlüsse,

auf die Sie sich beziehen können? Welchen Nutzen

hat Politik von dem Projekt? Lässt sich eine Verzahnung

mit anderen politisch prioritären Vorhaben

herstellen?

85


86

Vorüberlegungen zur

Planung

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Welche Bedeutung hat das Projekt

für die RAG bzw. die Kommunale

Gesundheitskonferenz?

Wie planen Sie eine Maßnahme?

Profitiert Ihr Projekt von der Einbindung dieser Gremien?

Ist das Thema für die dort eingebundenen Institutionen

von Interesse?

Nun geht es an die inhaltliche Umsetzung Ihres Themas. Die folgenden Vorüberlegungen können

Ihnen bei der Planung helfen:

Welche Erfahrungen habe ich selbst mit der Zielgruppe und dem Thema?

Passt das Thema in das Handlungsspektrum und zum Selbstverständnis Ihrer Einrichtung

und zu Ihnen selbst? Wer kann Sie aus Ihrer eigenen Einrichtung unterstützen?

Welche Konzepte gibt es bereits?

Wo und mit wem hat es bereits ein ähnliches Projekt gegeben?

Welche Strategien haben sich bewährt?

Wo treffen Sie die gewünschte Zielgruppe an? Zu welcher Zeit erreichen Sie die Zielgruppe

am besten?

Wie grenzen Sie den Handlungsraum des Projekts ein?

Welche Settings und Kooperationspartner kommen in Frage?

Wer hat bereits Zugang zur Zielgruppe?

Welche Experten könnten Ihnen bei der Konzeption helfen?

Welche Vernetzungen sind vorhanden, könnten entstehen bzw. wären nötig?

Was wird das Projekt kosten? Welche Geldgeber stehen zur Verfügung?

Wieviel Personal ist nötig?

Auf welche Laufzeit ist das Projekt angelegt?

Wie kann man das Projekt öffentlichkeitswirksam gestalten?

Wie erreichen Sie nachhaltige Wirkungen und Strukturveränderungen?

Die eigentliche Planung folgt dann dem folgenden Schema, das hier in einer exemplarischen

Übersicht dargestellt sein soll und das wir anschließend näher ausführen werden:

Planungskriterien Das kann konkret heißen:

Worum geht es? Was ist das

Problem?

Alleinerziehende und ihre Kinder haben große gesundheitliche

Probleme, die aus vielfachen Belastungen

ihres Lebensalltags resultieren.

Wie wird das Problem gelöst? Sie planen, initiieren und organisieren verhaltens- und

verhältnisbezogene Maßnahmen zur Gesundheitsförderung.

Wen möchten Sie mit Ihrem

Projekt erreichen?

Alleinerziehende, deren Kinder, Einrichtungen vor

Ort, mögliche Kooperationspartner


Was möchten Sie mit Ihrem

Projekt konkret erreichen?

Welche Strategien und Methoden

setzen Sie ein?

Wer eignet sich als Kooperationspartner?

Welche Rahmenbedingungen

müssen Sie klären?

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Die Maßnahme soll bewirken, dass...

...Alleinerziehende Stress besser bewältigen können,

...mehr Entlastungsangebote vor Ort für Familien entstehen,

...Kinder Fördermöglichkeiten erhalten hinsichtlich

ihres Gesundheitsverhaltens sowie gesundheitlicher

und sozialer Kompetenzen.Dafür wollen Sie

langfristig Partner vor Ort finden und dauerhafte

Angebote implementieren.

Sie bieten Gesprächskreise oder Kurse zur Stressbewältigung,

Konfliktbewältigung, Entspannung, Ernährung

etc. an.

Sie organisieren Kinderbetreuungsangebote.

Sie gehen mit Ihren Angeboten zu den Betroffenen

vor Ort in die Kindergärten, die Schulen, die Mutter-

Kind-Gruppen, auf das Sozialamt.

Sie führen Schulungen für lokale Akteure durch.

Ansprechen sollten Sie jeden,...

...der Zugang zur Zielgruppe hat und von den Betroffenen

akzeptiert wird,

...der einschlägige Erfahrungen und Kompetenzen in

der Gesundheitsförderung mitbringt,

...der Entscheidungsbefugnisse hat,

...der über Mittel verfügt. Das können z.B. das Jugendamt,

das Sozialamt, eine Krankenkasse, Wohlfahrtsverbände,

ein Stadtteilzentrum, lokale Initiativen,

Kinderärzte, Erzieherinnen oder Lehrer sein

aber auch Unternehmen vor Ort, der lokale Mittelstand,

diverse Sponsoren. Gute Kooperationen berücksichtigen

die besonderen Möglichkeiten der jeweiligen

Partner.

Um den Umfang, den Wirkungskreis, die inhaltliche

Breite Ihres Angebots festzulegen, sollte feststehen,...

...über welche Ressourcen Ihr Projekt verfügt,

...ob es auf der Ebene eines Stadtteils, eines Wohnviertels,

eines Schuleinzugsbereichs stattfindet,

...wer vor Ort in Ihrem Sinne bereits tätig ist,

...auf welche Dauer das Projekt angelegt ist.

Planungskriterien

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Vielfältige Zielgruppen

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Wie machen Sie Ihr Projekt

bekannt?

Auch das Projekt-Thema soziale Benachteiligung lebt

von einer guten Öffentlichkeitsarbeit. Versuchen Sie...

...der Stigmatisierung und Ausgrenzung der Betroffenen

entgegenzuwirken,

...ein Wir-Gefühl der Betroffenen zu fördern,

...das vage Thema Gesundheit mit konkreten, „alltagstauglichen“

Inhalten zu füllen,

...den Nutzen für das Stadt(teil)image zu verdeutlichen,

...die konkrete Wirksamkeit Ihrer Maßnahmen nachzuweisen,

...die Bedeutung des Themas im kommunalpolitischen

Kontext herauszustellen.

Natürlich sind die Kinder und Jugendlichen sozial benachteiligter Eltern die wichtigste Zielgruppe.

Aber ohne die Unterstützung der Familie, ohne eine nachhaltige Vorbildfunktion der Eltern

sind Veränderungen im Gesundheitsverhalten schwer umzusetzen. In dem gleichen Sinne

sind Lehrer(innen) und Erzieher(innen) zu aktivieren. Politiker, Amtsleiter und sonstige Entscheidungsträger

müssen den geeigneten Rahmen schaffen, Ärzte und andere Gesundheitsversorger

die nötige Sensibilität für die Betroffenen entwickeln, Bürger sich randständigen Gruppen

öffnen und eine tolerierende und akzeptierende Haltung entwickeln. Gerade dann, wenn Gesundheitsförderung

im Setting angesetzt ist, auf die Veränderung von Verhältnissen abzielt,

wenn die Mitwirkung Vieler erforderlich ist, kann der Begriff „Zielgruppe“ plötzlich sehr weitgespannt

werden und unterschiedliche Maßnahmen und Strategien erfordern.


Ziele: Was möchten Sie mit Ihrem Projekt erreichen?

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Projekte und Maßnahmen brauchen eine klare Richtung. Wenn Sie in diesem Sinne eindeutige

Ziele formulieren, vermeiden Sie Missverständnisse und schaffen gleich zu Beginn Ihrer Projektplanung

eine gute Basis für die Maßnahmenfindung und für die spätere Evaluation. Dabei ist

es von Vorteil, sich die Ziele während der Planung immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wenn

im Durcheinander von Vorschlägen die große Richtung einmal verlorengeht. An den Zielen sollten

Sie die Strategien und Ideen messen, die etwa bei Brainstorming-Aktionen gesammelt werden.

Sie fragen sich immer: „Bringt mich diese Überlegung meinem Ziel ein Stückchen näher?“

Ziele sind eine gute Argumentationshilfe, wenn Sie Ihr Projekt den Mitgliedern der Regionalen

Arbeitsgemeinschaft oder Kommunalen Gesundheitskonferenz, möglichen Kooperationspartnern,

Geldgebern oder der Öffentlichkeit vorstellen. Vergessen Sie dabei nicht, mindestens

ein internes Ziel zu formulieren, wie z.B.: „Das Image unserer Behörde soll mit dieser Aktion

verbessert werden.“

Sie können, wenn Sie wollen, bei Ihrer Zielformulierung zwischen allgemeinen und konkreten

Zielen (Grob- und Feinzielen) unterscheiden. Allgemeine Ziele können sich dabei an den

mehrfach erwähnten Prinzipien der Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte orientieren:

Die Maßnahme soll dazu beitragen,

mehr gesundheitliche Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen zu erreichen,

gesundheitsförderliche Lebenswelten entstehen zu lassen,

die gesundheitliche Versorgung zu verbessern.

Interessanter und aussagekräftiger sind die konkreten Ziele. Strukturbezogene Ziele Ihrer Maßnahme

könnten dabei so aussehen:

Die Maßnahme soll dazu beitragen,

die Kooperation zwischen verschiedenen Sektoren zu verbessern,

die kommunale Infrastruktur in Form von stadtteilbezogenen Betreuungs-, Bildungs- und

Freizeitangeboten auszubauen,

die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe zu verbessern,

Projekte langfristig finanziell abzusichern, um eine Kontinuität von Fördermaßnahmen

und Betreuungspersonen zu gewährleisten,

bessere Unterstützungssysteme für Alleinerziehende im Vorfeld der Hilfen zur Erziehung

bereitzustellen,

Gesundheits- und Sozial- bzw. Jugendberichterstattung zusammenzuführen bzw. zu

qualifizieren mit dem Ziel, den Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit

darzustellen,

Gesundheitsdienste in Kindertagesstätten und Schulen stärker zu integrieren,

das Interesse sozialer Einrichtungen für das Thema Armut und Gesundheit zu wecken,

Zugangsbarrieren für Kinder und Eltern zur gesundheitlichen Versorgung zu verringern,

die Ressourcen sozial benachteiligter Personen in das Handeln im Stadtteil einzubeziehen.

Frühdiagnostik und Förderung von gefährdeten Kindern im frühen Lebensalter zu

verstärken.

Ziele als Planungshilfen

Strukturbezogene Ziele

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Verhaltensbezogene Ziele

Interne Ziele

In Settings arbeiten

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Verhaltensbezogene Ziele könnten sein:

Die Maßnahme soll dazu beitragen,

das Gesundheitsbewusstsein der Betroffenen zu steigern,

Fähig- und Fertigkeiten für gesundheitsförderliches Handeln der Kinder und

Jugendlichen zu fördern,

Kindern und Jugendlichen soziale Kompetenzen beizubringen,

Eltern befähigen, Konflikte zu lösen,

Kindern Spaß an Bewegung zu vermitteln,

die Betroffenen zu motivieren und befähigen, sich selbst aktiv für ihre Gesundheitsinteressen

einzusetzen,

Gesundheitsgefährdungen der Eltern aus der unteren sozialen Schicht verringern, um den

Gesundheitszustand der Kinder zu verbessern.

Interne Ziele einer Maßnahme könnten so aussehen:

Die Maßnahme soll dazu beitragen,

die Bürgernähe des Gesundheitsamts zu verbessern,

den Bekanntheitsgrad des Gesundheitsamts oder anderer Einrichtungen zu erhöhen,

die Rolle des Gesundheitsamts als bürgernaher Einrichtung und wichtigem

lokalem Akteur angemessen öffentlich darzustellen,

Defizite und Schwachstellen des eigenen Angebots herauszufinden,

die Transparenz des Angebots zu erhöhen,

neue Zielgruppen für das Angebot finden,

die interne Kommunikation zu verbessern, kürzere Informationswege zu finden,

Mechanismen für gemeinsame Strategiefindung im Kollegenkreis zu entwickeln,

die Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen im Haus zu intensivieren,

neue Themen und Angebotsformen zu finden.

Was sind die Prämissen eines erfolgreichen Projekts?

Die Entwicklung eines konkreten Konzepts zur Zielerreichung benötigt in der Regel einige Zeit,

viel Kreativität und den Mut, auch einmal neue Wege zu beschreiten. Besonders dann, wenn Sie

für die entsprechende Zielgruppe ein Angebot zum ersten Mal entwickeln. Hier noch einmal

in der Übersicht und zur Erinnerung die Prämissen eines erfolgreichen Angebots im Bereich

Chancengleichheit und Gesundheit für sozial benachteiligte Kinder, Jugendliche und ihre Eltern.

Ihre Maßnahme für Betroffene sollte

niedrigschwellig sein: Gehen Sie zur Zielgruppe warten Sie nicht darauf, dass sie zu

Ihnen kommt.

möglichst in Settings stattfinden: Veranstalten Sie Ihre Maßnahme dort, wo Sie die Zielgruppe

antreffen: im Kindergarten, in der Schule, im Stadtteil...

bedarfsgerecht sein: Bilden Sie sich im Vorfeld und in Gesprächen mit Betroffenen eine

Meinung, was die Zielgruppe braucht, und gestalten Sie Ihr Angebot entsprechend.


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

lebenslagenorientiert sein: Wenn die Kinder im Quartier kaum Fahrräder haben, dann

veranstalten Sie keine Fahrrad-Ralley.

die Strukturen vor Ort berücksichtigen: Wenn es im Stadtteil keinen Elterntreff gibt, dann ist

es müßig, ihn für Projekte einzuplanen.

Betroffene einbeziehen: Die Teilnahme der Betroffenen an Ihrem Projekt ist sicher, wenn die

Zielgruppe das Projektthema selbst ausgewählt und gestaltet hat (Selbstmanagement und

Empowerment).

Eltern und Kinder gemeinsam betreffen: Eltern sind Vorbilder und diejenigen, die zu Hause

den Ton angeben.

interdiziplinär und ressortübergreifend angelegt sein: Arbeiten Sie mit vereinten Kräften.

Beteiligen Sie Experten, die sich schon mit relevanten Problemen der Zielgruppe beschäftigt

haben und über einen Zugang zu den Betroffenen verfügen.

Vernetzung und Kooperationen fördern: Sie können das Problem Armut und Gesundheit

nicht alleine bewältigen, weder inhaltlich noch organisatorisch. Also suchen Sie sich Partner,

auf die Sie später auch zurückgreifen können, wenn es darum geht, die Maßnahme langfristig

zu sichern.

in den Methoden auf die Zielgruppe ausgerichtet sein: Wählen Sie eine Strategie, die für die

Zielgruppe ansprechend erscheint, wie z.B. Frauenfrühstück statt Vortrag oder sportlichen

Wettkampf für Jugendliche statt Aufklärungsmaßnahmen.

ganzheitlich als Kombinationsprojekt gestaltet sein: Verbinden Sie in Ihrem Projekt die

Änderung von Verhalten, die Optimierung der Verhältnisse und die Verbesserung der

Versorgung.

Vergessen Sie nicht: gesundheitsschädigende Verhaltensweisen der betroffenen Kinder und Jugendlichen

sowie ihrer Eltern sind immer eingebettet in einen weiteren Kontext von psychosozialen

Problemen. Belastende und absehbar nicht zu verbessernde Lebensverhältnisse sind kein

guter Rahmen für das Einüben von gesundheitsförderlichem Verhalten. Bevor Sie z.B. den Eltern

nahelegen, ihre Kinder gesünder zu ernähren, klären Sie erst einmal ab, ob das Thema Ernährung

für die Zielgruppe momentan überhaupt Priorität hat. Es könnte sein, dass die Bewältigung

von Beziehungsproblemen oder die desolate Wohnsituation im Moment so belastend

sind, dass für andere Themen kein Raum im Kopf ist. Zudem muss Gesundheit für die Zielgruppe

finanzierbar und gleichzeitig attraktiv sein. Ein gesundes Pausenbrot hat bei den Betroffenen

in der Regel nicht denselben Stellenwert wie das lang ersehnte Handy. Eine geeignete

Strategie zur Gesundheitsförderung muss den Rahmen im Vorfeld in diesem Sinne sondieren

und in der Projektplanung berücksichtigen.

Ebenso gilt: Auch wenn sozial benachteiligte Kinder, Jugendliche und ihre Eltern das zeigen

viele Forschungsergebnisse sich weniger gesundheitsförderlich verhalten und über geringere

Selbsthilfepotentiale verfügen irgendwelche Ressourcen sind in jedem Fall vorhanden.

Und die heißt es herauszufinden, zu fordern und zu fördern.

Psychosozialen Kontext

berücksichtigen

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Grundfragen der

Themenfindung

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Wie finden Sie relevante Themen und Inhalte?

Überlegen Sie vor der Wahl Ihres konkreten Themas, Ihrer Projekt-Inhalte:

Welche Schwierigkeiten oder Defizite sind besonders gravierend?

Zu welchem Problem lassen sich in dem gegebenen Rahmen umsetzbare Maßnahmen

benennen?

Welche Themen sind für mögliche Kooperationspartner interessant?

Was ist an Einstellungen, Erwartungen, Interessen, Motiven bei den Betroffenen vorhanden?

Welche Erfahrungen und Kenntnisse können vorausgesetzt werden?

Wie können Sie vorhandenes Wissen der Betroffenen nutzen?

Wie belastbar sind die Betroffenen?

Für welche Themen und Aktivitäten können sie angemessen beteiligt und aktiviert werden?


Wo siedeln Sie Ihr Projekt an?

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Projekte, die ohne Berücksichtigung der Lebenswelt z.B. nur auf die Verringerung von Risikofaktoren

abzielen, sind bei sozial benachteiligten Menschen wenig erfolgversprechend. Niedrigschwellige

Angebote, die die Teilnehmer vor Ort einbeziehen und lebenslagenorientiert

sind, werden am besten im Rahmen eines Settings umgesetzt.

Ein Setting gleicht einem Feld oder einem sozialen System, das alle relevanten Umweltbedingungen

einer Bevölkerungsgruppe umfasst. Der Setting-Ansatz legt zugrunde, dass Gesundheitsprobleme

einer Bevölkerungsgruppe das Ergebnis wechselseitiger Beziehungen zwischen

ökonomischer, sozialer und institutioneller Umwelt und persönlichem Verhalten sind. Projekte

in einem Setting durchzuführen heißt, die Bedeutung der Rahmenbedingungen zu berücksichtigen,

unter denen die Menschen leben. Gegenstand der Intervention ist danach nicht der Mensch

alleine, sondern die zugehörigen sozialen Systeme wie Stadtteile, Schulen oder Kindergärten.

Die Arbeit im Setting eröffnet zugleich die Möglichkeit, andere Personen oder Einrichtungen als

Kooperationspartner in das Geschehen einzubeziehen, wie Nachbarn, Lehrer, Erzieher oder das

Gemeindezentrum im Stadtteil. Kurz: Projekte im Setting bieten die Chance, Verhalten und Verhältnisse

gleichermaßen zu beeinflussen.

Zum Vertiefen:

Grossmann, R.; Scala, K. (1994): Gesundheit durch Projekte fördern Ein Konzept zur Gesundheitsförderung

durch Organisationsentwicklung und Projektmanagement. Weinheim

Bundesvereinigung für Gesundheit e.V. (Hrsg.) (1999): Gesundheit: Strukturen und Handlungsfelder.

Neuwied

Projekte im

Setting ansiedeln

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94

Aktivierende Methoden

einsetzen

Betroffene beteiligen

Kombinationsangebote

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Nach welcher Methode gehen Sie vor?

Ihre Ziele und Inhalte sind festgelegt. Jetzt stellt sich die Frage, wie Sie diese Inhalte vermitteln

wollen. Das Methodenspektrum ist denkbar breit gestreut, muss aber letztlich genauso sensibel

und zielgruppenbezogen gehandhabt werden wie Zielformulierung und Themenwahl.

Vermeiden Sie nach Möglichkeit Vorträge wenn sie nicht in ein breiteres Maßnahmespektrum

eingebunden sind. Das würde Ihre Zielgruppe in die Rolle der passiven Zuhörer bringen.

Viele sozial Benachteiligte sind es zudem nicht gewohnt, lange zuzuhören. Vorträge sind keine

gute Methode, neue Erfahrungen zu machen und schon gar nicht, um neue Verhaltensweisen

einzuüben. Aktive Beteiligung ist angesagt.

Bei Kindern stehen sicher spielerische Methoden im Vordergrund. Jugendliche vor allem

die Jungen möchten in der Regel „Action“. Aber auch die Erwachsenen wollen die Möglichkeit

haben, aktiv zu werden, eigenes Können zu beweisen. Beteiligen Sie sie an der Ideenfindung,

an der Planung und Vorbereitung. Weisen Sie Ihnen bei der Durchführung eine aktive Rolle

zu. Führen Sie die Menschen über das Projekt zusammen, lassen Sie sie gemeinsam arbeiten,

stärken Sie das Gemeinschaftsgefühl und ermöglichen Sie Erfolgserlebnisse. Solche Dinge erweisen

sich in einem tieferen Sinne als gesundheitsfördernd und stellen eine gute Basis dar, die

eigentlichen Gesundheitsinhalte „quasi nebenbei“ mit zu vermitteln.

Kleine Methoden-Checkliste

Welche Methoden eignen sich, um die angestrebten Ziele und Inhalte zu

verwirklichen?

Passt die Methode zu Ihnen, zu den Teilnehmern und zu den Rahmenbedingungen?

Werden Verhalten und Verhältnisse gleichermaßen angesprochen?

Kommen Ihre Kooperationspartner mit Ihrem „Methodencocktail“

zurecht?

Setzt die Methode bei den Bedürfnissen und Interessen der Betroffenen

an?

Ist der Aufwand realistisch und machbar?

Werden die Betroffenen aktiviert und verantwortlich beteiligt?

Werden die Gesundheitsinhalte berücksichtigt, ohne zu stark im

Vordergrund zu stehen?

Kombinationsangebote berücksichtigen Verhalten und Verhältnisse, Gesundheitsförderung und

Gesundheitsversorgung gleichermaßen. Mehrere Aktionsformen kombinieren verschiedene Methoden

und Zugänge für jeden Betroffenen ist etwas dabei, was seine Persönlichkeit und besonderen

Interessen anspricht.


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Kombinationsangebot „Tag der Bewegung“: noch einmal ein (nicht ganz) fiktives

Beispiel

Patrick wohnt mit seinen zwei jüngeren Geschwistern und seiner Mutter in sehr beengten

Verhältnissen in Großburgfeld-Süd, einem der sozialen Brennpunkte der Stadt.

In der Wohnung ist eigentlich kein Platz für vier Personen, und rund ums Haus fehlt

es gänzlich an Möglichkeiten für bewegungsintensive Freizeitbeschäftigungen. Für

den Besuch eines Sportvereins hat die Familie kein Geld. So bleibt wieder nur der

Fernseher als Freizeitbeschäftigung. Vielen anderen Familien im Stadtteil geht es ähnlich.

Das Gesundheitsamt veranstaltet zusammen mit der örtlichen Hauptschule und einer

Krankenkasse einen „Tag der Bewegung“. Der Sportverein stellt dafür sein Gelände

zur Verfügung. Die Leute sind gespannt auch Patrick freut sich auf das besondere

Ereignis (von denen es in seinem Alltag nicht allzu viele gibt). Seine Mutter ist erst

skeptisch (Was kostet das? Haben wir dafür die Zeit?). Dann wird sie von Patricks Lehrerin

angesprochen, ob sie nicht bei der Betreuung einer Kleinkind-Gruppe helfen

könnte es kämen auch zwei andere Mütter aus Patricks Klasse und ob sie Ideen

hätte, was man in einer solchen Gruppe machen könnte. Patricks Mutter sagt zu ein

paar Spiele fallen ihr sofort ein; schließlich hat sie selber zwei kleine Kinder.

Auf der Veranstaltung teilt sie sich die Betreuungszeiten mit drei anderen Müttern. Im

Team hat man einen Betreuungs- und Spieleplan ausgearbeitet. Alles funktioniert prima.

In ihrer „Freizeit“ ihre Kinder sind derweil in der Gruppe gut aufgehoben

geht sie über das Gelände und schaut sich die verschiedenen Stände an.

Mitmach-Aktion „Gesunder Rücken“

In einem Zelt macht eine Mitarbeiterin der Krankenkasse vor, wie man etwas für seine

Rückengesundheit tun kann. Zahlreiche Menschen machen die Übungen mit. Auch

Patricks Mutter reiht sich ein. Am Ausgang gibt es einen Zettel, wo die wichtigsten

Sachen noch einmal draufstehen. Eigentlich gar nicht so schwer!

Preisausschreiben

Ein nagelneues Fahrrad gibt es zu gewinnen. Das Kaufhaus Meier hat gesponsert. Lose

gibt es umsonst, wenn man ein paar Fragen zu sportlichen Aktivitäten beantwortet.

Da lässt sie sich nicht zweimal bitten und gewinnt einen Trostpreis: einen lustigen

Igelball zur Massage (hat wohl eine Krankenkasse gestiftet).

Diskussion

In einem Zelt sitzen Leute aus ihrem Stadtteil und reden mit einem Vertreter der Stadt

(zumindest sieht der so aus). Da geht es hoch her, obwohl der Stadtvertreter meistens

nur zuhört. Patricks Mutter geht weiter; ihr ist es zu laut da drin. Aber die Leute haben

anscheinend wirklich etwas mitzuteilen.

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Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Befragungsaktion

Eine junge Frau geht herum und fragt die Leute nach der Situation im Quartier. Patricks

Mutter berichtet vom gefährlichen Schulweg ihres Sohnes eine dicke Kreuzung

ohne Ampel muss überquert werden. Da wäre um ein Haar letztens ein Kind überfahren

worden. Die Frau schreibt alles auf. Endlich konnte sie das einmal loswerden!

Wettbewerb „Hau den Lukas“

Ein paar Jugendliche messen ihre Kräfte. Das ist nichts für sie. Im Vorübergehen sieht

sie, dass ein Mann vom Sportverein sich mit den Jugendlichen unterhält und ihnen Info-Zettel

in die Hand drückt.

Aktionen im Stadtteil

Überall liegen Zettel, die die nächste Veranstaltung ankündigen. „Tag der

Entspannung“ heißt es diesmal, irgendwie geht es um Stress und solche Sachen.

Man kann wieder mitmachen; sie suchen Leute, die helfen und Ideen

haben. Patricks Mutter nimmt einen Zettel mit. Da wird sie mal anrufen!

Nicht für jedes Projekt und jede Aktion müssen Sie das Rad neu erfinden. Einige Beispiele dafür,

wie andere solche Vorhaben angepackt haben, sind im Folgenden aufgelistet:

Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Kindern in der Grundschule in Köln

Ziele Bewegungsförderung vor Ort für Kinder mit motorischen

Entwicklungsdefiziten

Verbesserung des Ernährungsverhaltens

Fortbildung und Sensibilisierung der Lehrer

Zielgruppe Grundschüler mit überwiegend motorischen Defiziten

der 1. und 2. Klasse und von Vorschul-Klassen

Anzahl der Teilnehmer 10 Stadtteile, 11 Schulen, 700 Schüler

Wo? Köln, Grundschulen in 10 Stadtteilen

Methoden/Themen Zusätzlicher Sportförderunterricht als Ergänzung zum

Schulsport, Aktionen zum Thema Gesunde Ernährung,

Multiplikatorenschulung für Lehrer. Bei den betreuten

Kindern verbesserten sich dadurch Sozialverhalten,

Motivation, Konzentration und Ausdauer im

Lernverhalten.

Laufzeit 1994 bis Mitte 1997

Projektinitiator Gesundheitsamt Köln

Netzwerk, Kooperation Gesundheitsamt, Schulamt, Schule, Lehrer, Sportund

Bäderamt, Sporthochschule, Sportvereine, Sportlehrer

Finanzierung Mittel der Familie-Ernst-Wendt-Stiftung


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Ergänzende Hilfen für auffällige Kinder aus sozial benachteiligten Stadtteilen

im Kindergarten in Köln

Ziele Erweiterung ambulanter und wohnortnaher Fördermöglichkeiten

von Kindern mit Entwicklungsdefiziten

und Verhaltensauffälligkeiten,

Abstimmung zwischen Kooperationspartnern bzgl.

Früherkennung und Prävention

Ausschöpfung sozialpädagogischer Potentiale, z.B.

Einsatz heilpädagogisch ausgebildeter Übersollkräfte

Zielgruppe Entwicklungs- und verhaltensauffällige Kinder im

Vorschulalter

Anzahl der Teilnehmer 24 Kindergärten in 4 Stadtteilen, 120 Kinder

Wo? Kindergärten in Stadtteilen mit hohem Anteil sozial

benachteiligter Bürger

Methoden/Themen Interdisziplinäre und heilpädagogische Förderung in

Einzel- bzw. Kleinstgruppen, Beratung der Eltern

Laufzeit Seit 1996

Projektinitiator Auftrag des Ausschusses für Gesundheitswesen:

Gesundheitsamt Köln

Netzwerk, Kooperation Gesundheitsamt, Jugendamt, Erzieher, Frühfördereinrichtungen,

Kinderärzte, Familienberatungsstellen,

MCD-Verein, Sportvereine

Finanzierung Krankenkasse bzw. Sozialamt (§§ 39,40 BSHG)

Regionale Gesundheitsförderung für Kinder im Vorschulalter: Projekt FAKIR (Förder-

Angebote für Kinder in Regionen mit besonderem Hilfebedarf)

Ziele Erhöhung der Gesundheitschancen sozial benachteiligter

Kinder durch:

Früherkennung von Störungen und Einleitung der

notwendigen Hilfen

allgemeine Gesundheitsförderungsmaßnahmen im

Kindergarten

gezielte Förderprogramme im Kindergarten

gesundheitsbezogene Elternarbeit

Bereitstellung unterstützender Informationen

Stärkung der gesundheitlichen Kompetenzen des

Kindergartenpersonals,

Sensibilisierung der Erzieher(innen) und Eltern für

die Gesundheit der Kinder

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Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Zielgruppe alle Kinder ausgewählter Kindertagesstätten sozial benachteiligter

Regionen; Eltern, die ihre Kinder nicht

oder erst sehr spät für die Kindergärten anmelden

Anzahl der Teilnehmer 15 Kindertagesstätten

gesundheitsfreundliche Gestaltung der Abläufe

im Kindergartenalltag und der räumlichen

Bedingungen

Verbesserung der örtlichen Vernetzung und Kooperation

von Kindertagesstätten mit sozialen Einrichtungen,

Fachdiensten, Praxen und Sportvereinen

Wo? verschiedene Kölner Stadtteile und -viertel, Auswahl

nach den Daten der Jugendhilfeplanung

Methoden/Themen Angebote in methodischer Vielfalt für Kinder, Erzieherinnen

und Eltern mit Schwerpunkten auf gesunder

Ernährung, Kariesprophylaxe, Bewegungsförderung,

Hilfen für Kinder mit Defiziten (Sprachförderung, soziale

Kompetenzen) und Aktivitäten des Kinder- und

Jugendgesundheitsdienstes (z.B. um Impflücken zu

schließen).

Durchgeführt wurden u.a.:

Für die Erzieherinnen: Fortbildungen zu den Themen

Motorik, Sprachentwicklung, emotionale Reife, Entwicklungsdiagnostik

oder Bewegungsdiagnostik.

Für die Eltern: Elternabend zum Thema „Psychomotorik“

mit Übersetzung in die türkische Sprache, Arztund

Beratungssprechstunden.

Für die Kinder: Reihenuntersuchungen, Sprachförderung,

Sinnesschulung und Bewegungsangebote.

Laufzeit Ab Herbst 1998

Projektinitiator Antrag der SPD-Fraktion, Projekt im Rahmen des

Modellprogramms „Ortsnahe Koordinierung der gesundheitlichen

und sozialen Versorgung“ des Landes

NRW, Arbeitsgruppe „Gesundheitsförderung für Kinder

im Kindergartenalter in Regionen mit besonderem

Hilfebedarf“

Netzwerk, Kooperation Gesundheitsamt, Jugendamt, Kindergärten, Erzieher,

Eltern, Kinderärzte, Zentrum für Frühbehandlung und

Frühförderung, Logopäden, Sportvereine, Sportamt,

BZgA, Sozialpädagogen

Finanzierung Mittel der Ernst-Wendt-Stiftung, Landesmittel


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

„Leben mit Kindern Living together with children“ im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald

Ziele Familien in ihrer Erziehungsaufgabe unterstützen und

eine Verbesserung der familiären Kommunikation bewirken

Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen

bei Kindern vermeiden

Zielgruppe Eltern und Familien mit Kindern

Anzahl der Teilnehmer 100 Familien in der Pilotgemeinde Umkirch. Zudem

100 Familien in Gesprächsrunden („Familientische“)

und 35 Familien in zwei weiteren Gemeinden

Wo? Pilotprojekt in Umkirch. Ausweitung auf weitere Gemeinden

im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald

Methoden/Themen Knüpfen von Netzwerken zur Unterstützung von

Familien in interessierten Landkreisgemeinden mit

Experten und Laien aus Verwaltung, Verbänden,

bürgerschaftlichem Engagement, pädagogischpsychologischen

Fachdiensten und den Familien

selbst.

Schaffen von Begegnungs-, Austausch- und Bildungsorten,

wobei an bereits vorhandene Strukturen

angeknüpft wird.

Unterstützung der Familien bei Fragen zur Erziehung

und des Zusammenlebens mit Kindern in Gesprächskreisen.

Entwickeln einer eigenen Projektkultur, die gekennzeichnet

ist durch gemeinsames Lernen von

Familien, Fachleuten und Verwaltung.

Laufzeit Pilotprojekt: 1999 2001, Ausweitung auf den Landkreis:

2001 2003

Projektträger Arbeitsgemeinschaft Gesundheit in der Stadt Freiburg

und im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald mit ihrem

Verein „Gesundheit für alle in der Stadt Freiburg

und im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald“

Netzwerk, Kooperation Arbeitsgemeinschaft Gesundheit, Kreisjugendamt,

Deutscher Familienverband (Landesverband Baden-

Württemberg e.V.), Lebenshilfe Müllheim e.V., Kindergärten,

Krabbelgruppen, Elterninitiativen, Wohlfahrtsverbände,

Schulen, Ärzte, Logopäden, Heilpädagogen,

Erziehungsberatungsstellen, Suchtberatungsstellen...

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Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Finanzierung

Projektkoordinatorin und

Ansprechpartnerin

„Clever wirtschaften gesund leben“ in Offenburg

Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, Robert-

Bosch-Stiftung Stuttgart, Karl-Kübel-Stiftung Bensheim,

SM Baden-Württemberg, LGA Baden-Württemberg,

örtliche Gemeindeverwaltungen

Renate Pfumpfei, AG Gesundheit, Starkenstr. 44,

79104 Freiburg, Tel.: 0761/2187-663

Ziele Förderung von Alleinerziehenden mit geringem Einkommen

und von Sozialhilfeempfängern.

Kompetenzen erweitern im Umgang mit Banken und

Versicherungen.

Informationen vermitteln bzgl. Haushaltsorganisation

sowie gesunder und preiswerter Ernährung,

Aufzeigen von „Second Hand“-Einkaufsmöglichkeiten,

Stärkung der Eigeninitiative und Selbsthilfekompetenz,

Förderung von Kontakten zwischen Menschen in ähnlicher

Lebenssituation.

Zielgruppe Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende

Zielgruppenansprache Einbeziehen von Betroffenen in die Planung der Maßnahme

auf der Basis von §§ 18,19 (Hilfe zur Arbeit)

und mit Hilfe der Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen

Dienstes des Landratsamtes.

Wo? Ortenaukreis

Methoden/Themen Tagesveranstaltung mit Vorträgen und Workshops:

Praktische Anleitung zu wirtschaftlichem Handeln.

Themen: Umgang mit Banken und Versicherungen.

Organisation des Haushaltes, Gesunde Ernährung

Information über preiswerte Freizeitangebote für Kinder

und Jugendliche.

Kinderbetreuung während der Veranstaltung mit Spielen

und Aktivitäten zur Ernährungserziehung und Entspannung.

Laufzeit Seit 1998

Netzwerk, Kooperation Kreissozialamt, Schuldnerberatung des Kreissozialamtes,

Ernährungszentrum Südlicher Oberrhein,

Fachfrauen für Kinderernährung, Fachschule für Sozialpädagogik

Gengenbach, Verbraucherzentrale


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Projektträger Dienst für Gesundheitsförderung und soziale Prävention

im Amt für Soziale und Psychologische Dienste,

Landratsamt Ortenaukreis

Besonderheiten Bedarfserhebung durch Fragebogenaktion bei allen

Teams der Sozialen Dienste und im Rahmen einer

moderierten Veranstaltung mit Betroffenen

Bildung einer amtsübergreifenden Arbeitsgruppe

zur praktischen Umsetzung

Modellprojekte als Vorläufer

Evaluation durch Teilnehmerbefragung sowie Auswertungsgesprächen

mit den Referenten

Finanzierung Sozialamt, LAG Baden-Württemberg

Projektinitiatorin und

Ansprechpartnerin

Andrea Blaser,

Dienst für Gesundheitsförderung und

Soziale Prävention, Landratsamt Ortenaukreis,

Badstraße 20, 77652 Offenburg, Tel.: 0781/805-770

Oft ergibt sich auch die Gelegenheit, im Rahmen größerer Projekte wie Agenda 21 oder Gesunde-Städte-Netzwerk

einen Themenschwerpunkt „Chancengleichheit und Gesundheit“

unterzubringen und mit anderen Aktionen zu verknüpfen. Ein Beispiel:

Chancengleichheit und Gesundheit für Kinder in Rostock

Als Mitglied im Gesunde-Städte-Netzwerk hat sich die Stadt Rostock vorgenommen,

die bestehenden sozialen und gesundheitlichen Chancenungleichheiten

zu verringern. Koordiniert durch den Bereich Gesundheitsförderung

des Gesundheitsamtes stellt die AG „Kommunale Gesundheitsförderung“

besonders Aktivitäten für Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt ihrer

Arbeit. Eine der Plattenbausiedlungen im Nordwesten der Stadt, der Ortsamtsbereich

Evershagen, wurde als Tätigkeitsfeld ausgewählt. In Kooperation

mit den Akteuren des Wohnumfeldverbesserungsprogrammes, den Arbeitskreisen

und Projekten „Gesundheitsfördernde Infrastruktur“, „Gesunde

Ernährung in der Schule“, „Unfallverhütung bei Kindern und Jugendlichen“,

„Zukunftswerkstatt Gesundheitssport“ und vielen anderen mehr

sollen im Rahmen des Gesunde-Städte-Projekts und des Agenda 21-Prozesses

Nord-West folgende Ziele verwirklicht werden: Entwicklung einer kinderfreundlichen

Politik, Schaffen eines kinderfreundlichen Wohnumfeldes

und Vernetzung der bereits bestehenden gesundheitlichen und sozialen

Versorgungsstrukturen im Stadtteil durch die Organisation einer Stadtteilkonferenz

zum Thema „Chancengleichheit und Gesundheit für Kinder in

Evershagen“. Die Aktivitäten umfassen u.a. eine Bürger(innen)befragung

zur Zufriedenheit im Ortsteil, Projekte wie „Der gesunde Schulkiosk“ und

Kinderstadtplan Evershagen“, die Gestaltung von Kinderspielplätzen mit

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Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Kinderbeteiligung und die Öffnung von Schulen und KITAS zur Freizeitgestaltung.

Ansprechpartnerin: Dr. Angelika Baumann, Gesundheitsamt Rostock,

St.-Georg-Str. 109, 18055 Rostock, Tel. 0381/3815376

Die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen. Im Folgenden sollen anhand von stichwortartig

beschriebenen Projekten aus dem ganzen Bundesgebiet Anregungen für Projektthemen geliefert

werden. Das Feld möglicher Aktivitäten ist dabei denkbar groß. Speziell der Zielgruppe Kinder

und Jugendliche widmen sich allerdings erst verhältnismäßig wenige Aktionen. Deshalb sind

hier auch Beispiele für die Gesundheitsförderung anderer Zielgruppen mit sozialer Benachteiligung

aufgeführt.

Akteure und Projekte zur Gesundheitsförderung von sozial Benachteiligten im

Bundesgebiet eine exemplarische Liste

Akteure Projekte und Aktivitäten

Kreis-Gesundheitsamt Ludwigsburg

Ansprechpartnerin:

Eva Belzner,

Hindenburgstr. 20/1,

71631 Ludwigsburg,

Tel. 07141/144-1338

Arbeitsgemeinschaft Prävention

und Gesundheitsförderung,

Tübingen

Ansprechpartner:

Dr. Harald Barkhoff,

Wächterstr. 67,

72074 Tübingen

Workshop am Kinder- und Jugendhilfetag

2001

„Arm und krank reich und gesund?“ für Multiplikatoren

aus dem Bereich der Jugendhilfe mit Kurzvorträgen,

Projektdarstellungen und Erarbeitung

von Kooperationsmöglichkeiten im Bereich Gesundheitsförderung

von sozial benachteiligten Kindern

und Jugendlichen

Projekt „Big Girls“

Gruppenangebot für 12 14jährige übergewichtige

Mädchen für den Zeitraum von einem Jahr.

Ziele: Übergewicht reduzieren, Selbstbewusstsein

steigern, Bewegungsfreude stärken, Körperbewusstsein

verbessern.

14-tägige Gruppensitzungen: Erfahrungsaustausch,

Spiele, Schminken, Informationen zur gesunden Ernährung,

gemeinsames Kochen. Zweimal pro Woche

Sport. Elternabende zu verschiedenen Themen.

Projekt: „Gesundheitsförderung für Auszubildende“

Ziel: Stärkung des Gesundheitsbewusstseins von

Auszubildenden durch neue Unterrichtsverfahren,

die in Kooperation von Berufsschullehrern und

schulexternen Experten (wie psychosoziale Beratungsstellen,

Drogenberatung, Gesundheitsamt,

Krankenkassen) durchgeführt werden. Ca. 140 Berufsschüler

nahmen teil.


Gesundheitsamt Mannheim

Ansprechpartnerin:

Frau Dr. Engler-Thümmel,

GA Mannheim

Postfach 100014

68149 Mannheim

Tel. 06 21/29 3-0

Kreisjugendring Ravensburg

Ansprechpartnerin:

Frau Margarete Bareis,

Kreisjugendring Ravensburg

Franz-Stapf-Str. 8

88212 Ravensburg

Landratsamt Karlsruhe, Arbeitskreis:

„Gesundheit und Schulden“

Ansprechpartner:

Martin Siegl-Ostmann,

Regionale Arbeitsgemeinschaft für

Gesundheitsförderung

Landratsamt Karlsruhe,

Beiertheimer Allee 2,

76126 Karlsruhe

Tel.: 0721/936-5908

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Folgende Projektthemen wurden gemeinsam in Arbeitskreisen

vorbereitet und behandelt: Kommunikation

und Konfliktlösung, belastende Faktoren,

Umgang mit Emotionen und Stress, Identitätsfrage,

Lebensziele, Suchtverhalten Arbeitssicherheit, Ernährung,

HIV-Infektion und Sexualhygiene, Bewegung

und Fitness.

Projekt „Gesundheitsförderung in einem

Stadtteil mit hoher Sozialhilfedichte“

Ziele: Positive Änderung gesundheitsschädlicher

Verhaltensweisen, Stärkung des psychosozialen

Wohlbefindens, Erhöhung der Inanspruchnahme

der jedem Kind zugänglichen Gesundheitsvorsorge.

Zielgruppen: Kinder, Jugendliche, Mütter.

Maßnahmen: Gezielte Öffentlichkeitsarbeit für die

Inanspruchnahme der Früherkennungsuntersuchungen

und Impfprogramme, Aktionen der Gesundheitsaufklärung

und Information, spezifische Programme

zum Thema Ernährung und zur Hygieneerziehung

in Kindergarten und Schule, Ausbau von

Einrichtungen der Infrastruktur wie Spielplätze und

Bürgertreffs, Verbesserung der Gesundheitsvorsorge

z.B. durch die Schulsprechstunde.

„Bewegungstheaterprojekt mit Mädchen“

Ziel: Selbstbestimmte sinnvolle Freizeitgestaltung,

eigene Fähigkeiten entdecken, alternative Ausdrucksformen

finden, Fähigkeiten der Mädchen

aufwerten.

Sozial benachteiligte Mädchen unterschiedlicher

Nationalität erhielten die Möglichkeit, unter theaterpädagogischer

Anleitung selbst gewählte Themen

mit eigenen Methoden und Ausdrucksformen

zu entwickeln.

Zwei Umfragen an Schulen

In Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis „Gesundheit

und Schulden“ werden in verschiedenen Klassenstufen

an Gymnasien Schüler(innen) zur Erwerbs-

und Verschuldenssituation befragt. Ziel ist

es, Datengrundlagen für eine zukünftige Präventionsarbeit

zu erhalten.

103


104

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Landratsamt Karlsruhe,

Gesundheitsamt

Beiertheimer Allee 2,

76126 Karlsruhe

Gesundheitsamt Rems-Murr-Kreis

Ansprechpartner:

Karin Müller und Kai Schröder,

Gesundheitsamt Rems-Murr-Kreis,

Bahnhofstraße 1,

71332 Waiblingen,

Tel.: 07151/501-620

Projekt: „Lust auf Leben“

Angstabbau und Persönlichkeitsentwicklung

für junge Aussiedlerinnen.

Ziel: Förderung von gesundheitsbewusstem Verhalten

durch Aufzeigen von medizinischen und finanziellen

Hilfen, die den psychischen Druck mildern. Prävention

von Frühgeburten.

An 3 Schulvormittagen wurden mit den Frauen folgende

Themen erarbeitet:

Ausdrucksformen und Begegnung, Distanz und Nähe,

Körperwahrnehmung, Sexualität, Empfängnisverhütung

und Sucht.

Sprechstunde für Aussiedler(innen) im Gesundheitsamt

und Führungen durch das Amt zum Abbau der

Ängste vor Behörden.

Projekt: „Gesundheitsförderung und Suchtprävention

mit sozial/-bildungsbenachteiligten

Mädchen und jungen Frauen einer hauswirtschaftlichen

Schule.

Ein Projekt des Gesundheitsamts in Kooperation

mit der Maria-Merian-Schule in Waiblingen und der

Suchtberatung Waiblingen.

Ziel: Sensibilisierung für eigene Bedürfnisse, Körperbewusstsein,

Gefühle wahrnehmen und äußern

können, soziale Kompetenz und Stress-Coping-

Strategien entwickeln. Erlebnisorientiertes Vorgehen

wie Tanz, Rollenspiel, Theater, Entspannung,

Massage. Praktisches Tun zu den Themen: Schönheit,

Körper und Identität

Projekt: „Stadtteilbezogene Gesundheitsförderung

mit Jugendlichen in Waiblingen-Süd“.

Ziele: Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen

Bürgern und Experten aus dem Sozial-, Jugend- und

Gesundheitsbereich sowie Erkenntnisgewinn bezüglich

der Umsetzung von Strategien der Gesundheitsförderung

im Jugendbereich. Stärken von Lebenskompetenzen

sozial benachteiligter Jungen und

Mädchen, bessere Gestaltung der Spielflächen im

Stadtteil und mehr Freizeitangebote in Kursform für

Jugendliche, Eröffnung eines Jugendclubs im Stadtteil,

Stadtteilrundenarbeit.

Maßnahmen: Angebote für Mädchen und/oder Jungen

vor allem zur Freizeitgestaltung (wöchentlich


Jugendamt am Landratsamt

Bodenseekreis in Friedrichshafen

Ansprechpartnerin:

Frau Sabine Braig,

Kreisjugendamt Bodenseekreis,

Albrechtstraße 75,

88045 Friedrichshafen,

Tel.: 07541/2 04-4 43

Ministerium für Arbeit, Soziales,

Gesundheit und Frauen

des Landes Brandenburg

Ansprechpartnerin:

Frau Bolz, Koordinatorin Prignitzer

Servicestelle Arbeit und Gesundheit,

Heinrich-Heine Platz 4,

19322 Wittenberge

Ortsverband Brake des Deutschen

Kinderschutzbundes

Ansprechpartner:

Deutscher Kinderschutzbund

Ortsverband Brake e.V.,

Bürgermeister-Müller-Str. 13,

26919 Brake

Tel.: 04401/4588

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

und Ferienprogramme) wie Boote und Seifenkisten

bauen mit Regatta und Seifenkistenrennen, Jazz-

Dance, Selbstverteidigungskurse, Teenieclub und

Aktionen in den Bereichen Körperwahrnehmung

(Schwimmbad, Sauna), Bewegung und Kochen.

„Familientreffs“

als offene, dezentrale und wohnortnahe Anlaufstellen

für Kinder, Jugendliche und Familien.

Ziel: Einrichten von präventiven Angeboten, die für

junge Menschen und ihre Familien positive Lebensbedingungen

und eine kinder- und familienfreundliche

Umwelt schaffen. Selbsthilfegruppen, Ehrenamtliche

und Professionelle bieten Gruppen für Eltern

und Kinder, Elterngesprächskreise,

Informations- und Beratungsangebote und Kurse

z.B. zur Konfliktbearbeitung und zu Erziehungsfragen

an. Möglichkeit für Kinder zu sozialem Lernen

und Entlastungsangebote für Alleinerziehende.

Projekt: „Arbeitslosigkeit und Gesundheit“

für langzeitarbeitslose Personen mit gesundheitlichen

Beeinträchtigungen im Landkreis

Prignitz.

Ziel: Gesundheit und Vermittlungschancen auf

dem Arbeitsmarkt der betroffenen Personen verbessern.

Einrichtung einer Servicestelle als Beratungs-,

Kontakt- und Informationseinrichtung

einzelfallbezogene Arbeit sowie Koordinationsund

Netzwerkaufgaben

Vermittlung von Bewältigungsstrategien, um

Alltagskompetenzen zu stärken und gesundheitsfördernde

Ressourcen zu mobilisieren

Projekt: „Schulung der Sinne“

für Kinder in der Grundschule, die mit einer Lernbehinderung

oder durch aggressives und unsoziales

Verhalten auffallen.

Ziel: Steigerung des Selbstwertgefühls und Vermittlung

sozialer Anerkennung.

Schüler(innen) lernen, den Teufelskreis von Verhaltensauffälligkeiten,

negativer Rückmeldung und eigener

innerer Aggression zu durchbrechen. Metho

105


106

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

AWO Kreisverband Lüneburg,

Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft

und Forsten des Landes

Niedersachsen, Sozialministerium

des Landes Niedersachsen

Ansprechpartner:

Günter Wernecke,

AWO Lüneburg/Lüchow-Dannenberg,

Bülows Kamp 35,

21337 Lüneburg

Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften,

Lüneburg

Ansprechpartnerin:

Christiane Deneke,

Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften,

Fachhochschule Nordostniedersachsen,

Wilschenbrucherweg 84a,

21335 Lüneburg

Diakonisches Werk in Hannover

Ansprechpartner:

Hans-Georg Kuhlenkampf,

Diakonisches Werk,

Burgstraße 8/10,

30159 Hannover,

Tel.: 0511/3687134

den werden vermittelt, Gefühle wahrzunehmen und

in konstruktive Bahnen zu lenken. Entwicklung eines

Handbuchs für Grundschullehrer.

Projekt: „PreisWerte Ernährung“

für sozial benachteiligte Bewohner eines Stadtteils

seit 1996.

Ziel: Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten

der Bewohner(innen) sozialer Brennpunkte sowie

der Versorgung von Schülern. Angebote und Aktivitäten

wurden gemeinsam mit den Teilnehmer (innen)

des Projekts entwickelt: Mittagstisch für

(Grund-) Schüler, Bewohnerfrühstück, Seminare

zur Ernährung, Projekte im Sinne des Lernortes

Bauernhof, Veröffentlichung eines Kochbuches.

Alle Veranstaltungen waren ausschließlich „Mitmach-Veranstaltungen“

mit aktivierenden und kommunikativen

Anteilen, freiwillig und allen zugänglich.

Das Projekt zeichnet sich aus durch einen sehr

großen Kreis an Kooperationspartnern aus Schulen,

Gesundheitsamt, sozialen Diensten des Stadtteils,

Verbraucherzentrale, der Lüneburger Tafel und dem

Büro der Frauenbeauftragten von Stadt und Landkreis

Lüneburg.

Projekt: „Food and more“:

Ernährungsbezogene Projekte für sozial benachteiligte

Jugendliche an fünf norddeutschen Standorten

in Niedersachsen und Hamburg.

Mit niedrigschwelligen Angeboten zur Ernährung

(miteinander kochen und essen) in Einrichtungen

der offenen Jugendarbeit (z.B. in Jugendzentren)

wird versucht, Jugendlichen die Lust an gemeinschaftlichen

Aktionen zu vermitteln.

Projekt: „Nordstädter Kindertafel“

- ein Kooperationsprojekt in einem sozialen Brennpunkt

in Hannover.

Ziel: Versorgung sozial benachteiligter Kinder mit

einem warmen Mittagessen. Möglichkeiten schaffen,

Hausaufgaben zu erledigen und die Freizeit zu

verbringen.

Seit 1999 erhalten Kinder aus dem Stadtteil täglich

eine warme Mahlzeit in den Räumen der Lutherkir


Multikultureller Kindertreff

Einswarden „Blauer Elefant“

des DKSB Nordenham

Ansprechpartnerin:

Ina Korter,

Niedersachsenstraße 19b,

26943 Nordenham,

Tel.: 04731/3042

Fraueninitiative quirl e.V. Bremen

Elsfether Straße 29,

28219 Bremen

Ansprechpartner:

Schulleiter Herr Schweppe,

Schule an der Fritz-Gansberg Straße,

Fritz-Gansberg Straße 22,

28213 Bremen,

Tel.: 0421/36196020

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

che. Zubereitet wird das Essen von Schülerinnen der

Berufsbildenden Schule 7, Anna-Siemsen-Schule.

Kooperationspartner: Berufsbildende Schule, Diakonisches

Werk Kirchenkreissozialarbeit, Ev.luth.

Lutherkirchengemeinde, SPUNK das Kinderhaus

vom Verein für Sport, Kultur und soziale

Arbeit Spokusa e.V.

Finanziert wird die „Nordstädter Kindertafel“ über

das Sozialamt (eine Stelle „Arbeit statt Sozialhilfe“)

und über Spenden aus der Bevölkerung, von

Firmen, Aktionen und Betriebsfesten.

Projekt „Armut und Gesundheit“

Ziel: Steigerung des Wohlbefindens, bessere Körperpflege,

Spass an Fitness und Bewegung, Erproben

gesunder Ernährung, Persönlichkeitsstärkung,

Suchtprävention.

Kinder aus einem sozialen Brennpunkt erhalten Angebote

mit monatlichen Schwerpunkten zu den Themen

Fitness, Schönheit, Gesundheit, Suchtprävention

und Körperpflege.

Projekt in Kooperation mit Gesundheitsamt und

Krankenkassen.

Projekt: „Essen in Schulen“ im Rahmen des

Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“

Ziel: Verknüpfung von Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen

mit der Essensversorgung

von Kindern in Schulen. Entlastung für berufstätige

Eltern und Frauen, die nach der Erziehungsphase

zurück ins Erwerbsleben wollen. Prävention

und Gesundheitserziehung bei Kindern.

In der Schulküche der Schule an der Fritz-Gansberg-Straße

wird für Schulkinder vollwertige Gemeinschaftsverpflegung

hergestellt und ausgegeben.

Erwerbslose Frauen werden hier beschäftigt

und qualifiziert. Schulküche beliefert auch andere

Schulen im Umfeld. Das Projekt ist eine gemeinsame

Initiative der Schule an der Fritz-Gansberg-

Straße, des Senators für Bildung und Wissenschaft,

des Senators für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend

und Soziales, dem Deutschen Hausfrauenbund

und der Fraueninitiative quirl e.V.

107


108

Chancengleichheit und

Gesundheit als

Querschnittsaufgabe

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Stadtteilbüro Eidelstedt-Nord

Ansprechpartnerin:

Conny Schubecker

Stadtteilbüro Eidelstedt-Nord

Projektentwicklung und

Gemeinwesenarbeit

Hörgensweg 59 b, 22523 Hamburg,

Tel. 040/577891

Zum Vertiefen:

Projekt: Soziale Stadtteilentwicklung

Eidelstedt-Nord „Visitenkarte“

Projekte mit Hilfe des Stadtteilbüros für benachteiligte

Menschen aus den Großwohnsiedlungen.

Ziel: Verbesserung der Lebensverhältnisse der benachteiligten

Bevölkerung im Wohngebiet. Aktivitäten

im Bereich Gesundheit und Soziales:

Bewegungsraum für psychomotorische Übungen

in der Max-Traeger-Grundschule, Großspielgeräte

auf dem Schulhof der Grundschule Heidacker,

Drogenberatungsstelle Cafe 320 mit Präventionstätigkeit

in Zusammenarbeit mit Schulen, mehrwöchiges

Ferienprojekt „Sommer mit Schirm“ mit

Bewohner(inne)n, Vereinen und Pädagogen,

Schulküchenprojekte mit Zubereitung und Verkauf

von gesundem preiswertem Essen in Schulen in

Verbindung mit ABM-Plätzen, Aktion zur Förderung

der Bewegung, Beteiligungsprojekte wie Bürgerforum

oder Stadtteilbeirat.

Deneke, C.; Kaba-Schönstein, L.; Waller, H. (2000): Gesundheitsförderung sozial Benachteiligter

das Projekt „PreisWerte Ernährung (PWE). In: Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit

1, S. 21-26

Hofrichter, P.; Altgeld, T. (Hrsg.) (2000): Suppenküchen im Schlaraffenland Armut und Ernährung

von Familien und Kindern in Deutschland. Hannover

Kooperationspartner und Vernetzung: Wer könnte Sie unterstützen?

Chancengleichheit und Gesundheit ist eine Querschnittsaufgabe, die verschiedene Ressorts betrifft

Gesundheit, Soziales und Jugend in vorderster Reihe. Verwaltung, Wissenschaft und Politik

sind gefordert, nach gemeinsamen Handlungsformen und Lösungen zu suchen. Interdisziplinäre

Projekte werden im Zusammenhang mit Chancengleichheit und Gesundheit immer wieder

gefordert.

Die Erfahrung zeigt leider, dass sich bei der Suche nach geeigneten Kooperationspartnern

oft Hürden in den Weg stellen. Konkurrenzgedanken, das Gerangel um Zuständigkeiten und die

Angst vor Ressortverlust spielen da eine Rolle. Achten Sie auch darauf, wer sich bei Ihrem Projekt

nur als passives Mitglied einbindet (oder einbinden möchte). Weisen Sie auf die Notwendigkeit

einer sinnvollen und gleichwertigen Arbeitsteilung als wichtige Prämisse von Beginn an

hin.


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Mehrfach wurde es schon angedeutet: Gerade bei der Arbeit mit und für sozial Benachteiligte

sind Kooperationen unverzichtbar. Die wichtigsten Gründe dafür sind im Folgenden noch einmal

zusammengefasst:

Als Einzelkämpfer haben Sie bei der Bewältigung sozialer Ungleichheit kaum

Chancen: „Soziale Ungleichheit und Gesundheit“ ist ein umfassendes gesellschaftliches

und sozialpolitisches Thema und Problem, das Sie nur ressortübergreifend

bearbeiten können.

Sie verringern Ihre Projekt-Kosten durch Einbindung fremder Ressourcen.

Sie sparen Zeit durch Delegation von Aufgaben und nutzen Synergieeffekte.

Sie profitieren von den Kenntnissen, Kontakten und Aktionsräumen Ihrer

Partner: Jeder Kooperationspartner hat einen eigenen Blickwinkel, entdeckt

andere Ansatzpunkte für ein Projekt, sieht andere Lücken in der Versorgung.

Sie erhalten schneller den Zugang zur Zielgruppe, weil ein Partner ihn bereits

besitzt.

Gemeinsam sind Sie stärker, wenn z.B. politische Entscheidungen zu fällen

sind und wenn das „Gewicht“ Ihres Anliegens ermittelt wird.

Ihr Projekt kann breiter gestreut werden durch „Schneeballeffekte“.

Die Transparenz der Angebote und Strukturen verbessert sich.

Gestalten Sie sich ein Netzwerk, auf das Sie bei Folgeprojekten wieder zurückgreifen können.

Vernetzung verkürzt die Wege der Ratsuchenden und schont deren Frustrationstoleranz, insofern

sie nämlich gleich an die richtige Stelle verwiesen werden und nicht lange im Behördendschungel

umherirren. Viele der sozial Benachteiligten haben Schwierigkeiten, ihr Anliegen und

ihre Wünsche zu artikulieren von der Ermittlung differenzierter Zuständigkeiten ganz zu

schweigen.

Netzwerke zu knüpfen ist aber auch mit der Kunst verbunden, Beziehungen herzustellen und

aufrecht zu erhalten. Gelungene Kooperationen haben gemeinsame Ziele, eine verbindliche

Kooperationsstruktur und ein passendes Schnittstellenmanagement. Netzwerke erfordern ein

hohes Maß an Bereitschaft zur Initiative, Öffnung und Kommunikation.

Anlass zur Hoffnung auf eine verbesserte Kooperations- und Vernetzungskultur geben die in

verschiedenen Kommunen bestehenden Arbeitskreise zum Thema „Armut und Gesundheit“

und natürlich die Regionalen Arbeitsgemeinschaften für Gesundheit bzw. die Kommunalen Gesundheitskonferenzen.

Arbeitskreise „Armut und Gesundheit“ gibt es bereits einige Beispiele:

Kommune Kooperationspartner, Themen, Aktivitäten

Schwarzwald-Baar Kreis Arbeitskreis der regionalen Arbeitsgemeinschaft mit Vertretern

aus Volkshochschule, AOK-Ernährungsberatung,

Diakonie-Schuldnerberatung, Caritas, Sozialamt, AG Jugendzahnpflege,

Fachfrauen für Kinderernährung und Lokaler

Agenda 21:

Gute Gründe für

Kooperationen

Langfristig denken

Netzwerke aufbauen

109


110

Arbeitskreise „Armut und

Gesundheit“ einige

Beispiele

Ansprechpartner finden

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Pressearbeit zu Ernährungsprojekten an Schulen, Erstellung

eines Gesundheitsführers „Preiswert und gesund einkaufen“,

Erstellen eines Marketingkonzepts für den Gesundheitsführer,

Recherche über Zugangsmöglichkeiten zu

„Armen“. Fortbildung für Familienhelferinnen, Sachbearbeitern

des Sozialamtes zur „Ernährung bei knapper Kasse“,

Aktionen zur Bekämpfung des Analphabetismus.

Bielefeld Arbeitskreis der Kommunalen Gesundheitskonferenz: Zusatzbefragung

während der Schuleingangsuntersuchungen

zum Thema „Soziale Lage und Gesundheit“ Analyse des

Zusammenhanges zwischen sozialer Lage und Gesundheit

(1996/97)

Düsseldorf Arbeitskreis der Kommunalen Gesundheitskonferenz: Sondierung

von Auswirkungen von Armut auf die Gesundheit

der Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürger (1997/98), Produktion

und Diskussion eines Armutsberichts

Minden-Lübbecke Arbeitskreis der Kommunalen Gesundheitskonferenz: Verbesserung

der Erreichbarkeit von sozial benachteiligten

Gruppen und Konzeption präventiver Maßnahmen

Bochum Arbeitskreis der Kommunalen Gesundheitskonferenz: Feststellung

der Auswirkungen von Armut und Wohnungslosigkeit

auf psychische und physische Gesundheit

Wenn Sie Kooperationspartner suchen, brauchen Sie Ansprechpartner. Das können etwa sein

im Kindergarten der/die Leiter(in), die Erzieherinnen, aber auch engagierte Eltern,

in der Schule neben der Schulleitung und den Lehrern auch der Elternbeirat, die Schülermitverwaltung,

der Schulsozialarbeiter oder die Sprecher bestehender örtlicher Schulprojekte,

im Sozialamt der Amtsleiter, die einzelnen Sachbearbeiter, der Schuldnerberater,

im Jugendamt der Amtsleiter, die Sozialarbeiterinnen, der Verantwortliche für den

Jugendtreff oder die Zuständige für die sozialpädagogische Familienhilfe.

Darüber hinaus finden sich auch in anderen Einrichtungen Personen und Mitarbeiter(innen), die

Kontakte zur Zielgruppe haben. Dazu gehören z.B. Wohlfahrtsverbände, Sozialer Dienst,

Schuldnerberatung, Selbsthilfegruppen, Jugendhilfeplaner oder Kinderärzte.

Andere können einen fachlichen Input leisten. Nehmen wir das Beispiel Ernährungserziehung

da könnten dies die Fachfrauen für Kinderernährung (in Baden-Württemberg), die Ernährungszentren,

die Ernährungsberatung der Krankenkassen, die Verbraucherzentrale, Hersteller

für Säuglingsnahrung oder (Kinder)Ärzte sein.

Wieder andere können finanziell unterstützen, Preise sponsern, sich mit eigenen Aktionen

beteiligen, zur Verpflegung der Teilnehmer beitragen. Dafür kommen Krankenkassen, Banken


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

und Sparkassen, lokale mittelständische Unternehmen, Nahrungsmittelfirmen, lokale Gastronomie

oder Großküchen in Frage.

Auf „höherer Ebene“, in Beiräten, in Ausschüssen, in den unterschiedlichen Gremien von

Politik und Administration, aber auch bei der Presse und in der Öffentlichkeit können Sie Ihre

Interessen anwaltschaftlich vertreten lassen z.B. durch den Bürgermeister oder eine Stadträtin,

die Sie als Schirmherrin für Ihr Projekt gewonnen haben, durch einen lokalen VIP (z.B. bekannter

Schauspieler oder Sportler), den Sie als Sympathieträger und Plakatfigur verpflichten,

durch die Gesundheits- und Sozialdezernentin, die sich ressortbedingt für den Zusammenhang

von sozialer Benachteiligung und Gesundheit interessiert.

Natürlich sind auch wieder die RAG oder die Kommunale Gesundheitskonferenz aussichtsreiche

Quellen für Kooperationsbeziehungen. Und nicht zuletzt sollten Sie Ihr eigenes Amt nicht

vergessen: Wer ist bei den Betroffenen vor Ort? Wer ist Experte beim Thema Armut und/oder

Gesundheit und/oder Kinder und Jugendliche? Wer hat bereits Erfahrung mit Projekten zum

Thema Chancengleichheit und Gesundheit? Bei genauerem Hinschauen ergeben sich manchmal

auch in der nächsten Umgebung überraschende Kooperationsmöglichkeiten.

Die Rahmenbedingungen: Was brauchen Sie für ein erfolgreiches Projekt?

Zu einer guten Projekt-Organisation gehört es, die beeinflussbaren und die gegebenen Rahmenbedingungen

einzuplanen. Wo können Sie Einfluss nehmen? Womit müssen Sie sich arrangieren?

Was ist unverzichtbar? Kann man das Projekt an die Rahmenbedingungen anpassen?

Anhand des Beispiels einer Informationsveranstaltung wollen wir ohne Anspruch auf Vollständigkeit

eine exemplarische kleine Liste formulieren:

Der Raum

Um welche Veranstaltungsform handelt es sich (Kurs, Wochenendseminar,

Gesprächskreis, Bürgerversammlung, Aktionsstand, Ausstellung, Sommerfest)?

Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?

Welche Räumlichkeiten sind im Quartier / in Teilnehmernähe verfügbar?

Gibt es Räume, die kostenlos zur Verfügung stehen?

Wie viele Tische und Stühle benötigen Sie bzw. sind verfügbar?

Erlaubt der Raum ein optimales Arrangement von Tischen und Stühlen?

Welche Sitzgruppierung passt am besten zu Inhalt, Methode und Zielgruppe

Ihrer Veranstaltung?

Welche Materialien sind im Raum vorhanden? Was müssen Sie besorgen?

(Stifte, Papier, Namensschilder, Overhead-Projektor, Tafel, Flip-Chart,

Kücheneinrichtung, Spielsachen)

Ist der Raum hell genug?

Verfügt der Raum über eine Garderobe?

Checkliste

„Rahmenbedingungen“

111

Quellen für Kooperationen


112

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Die Zeit

Findet die Veranstaltung zu einer Zeit statt, die für die Zielgruppe günstig ist?

Wieviel Zeit sollen Sie ansetzen um Ihre Inhalte und Methoden angemessen

zu berücksichtigen und die Teilnehmer nicht zu überfordern?

An welchem Tag findet die Veranstaltung statt? Sind Sie sicher, dass Ihre Veranstaltung

keine übermächtige Konkurrenz hat (muslimischer Feiertag, Fußballspiel

im Fernsehen, andere Veranstaltungen)?

Die Kosten

Was kostet die Veranstaltung? Was müssen die Teilnehmer bezahlen?

Welche Möglichkeiten der Finanzierung und des Sponsoring gibt es?

Wer kommt als Geldgeber in Frage?

Was bekommen Sie kostenlos (Medien, Tagungsgetränke, Schautafeln,

Broschüren)?

Apropos Kosten: Auch Gesundheitsförderung für arme Menschen kostet Geld. Schon in der

Vorbereitungsphase Ihrer Aktion sollten Sie den erforderlichen finanziellen Rahmen gesichert

haben. Eine größere Aussicht auf eine längerfristige Projektförderung haben Sie vielleicht,

wenn Sie mit einer wissenschaftlichen Einrichtung kooperieren, die sich an der Bedarfserhebung

und Evaluation beteiligt und dafür Forschungsgelder beantragt. Zu diesem Thema haben

wir Ihnen eine Liste zum Ausfüllen abgedruckt.

Wer kommt als Förderer in Frage? Wer könnte das für Sie sein?

Landesjugendamt

Jugendamt

Sozialamt

Staatliches Schulamt

Wohlfahrtsverbände

Krankenkassen nach

§ 20 SGB V, Abs. 1:

primäre Prävention,

Schwerpunkt sozial Benachteiligte

§ 20 SGB V, Abs. 2:

betriebliche Gesundheitsförderung

§ 20 SGB V, Abs. 4:

Förderung der Selbsthilfe


Sponsoren

Banken

Betriebe vor Ort

Pharmafirmen

Stiftungen

Wüstenrotstiftung

Kreissparkassen-Stiftung

Bertelsmann-Stiftung

Herzstiftung

usw.

Bürgerschaftliches Engagement

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Außer direkter Finanzhilfe können auch Sachmittel sehr hilfreich sein. Dazu gehören z.B. Demonstrationsmaterial,

kleine Preise für Gewinnspiele, Lebensmittel und Getränke für Tagungsverpflegungen.

Dafür kommt eine Vielzahl von Sponsoren in Frage, wie z.B. Optiker, Sportfachgeschäfte,

Sportvereine, Spielwarengeschäfte, Telefonanbieter, Getränkemärkte, Caterer,

Gaststätten, Reformhäuser, Bäcker und Metzger oder Obst- und Gemüsehändler. Oder schalten

Sie sich in große Projekte ein, wie z.B. derzeit die Gesundheitskampagne „5 mal täglich Obst

und Gemüse“, die von der deutschen Krebsgesellschaft koordiniert wird und die viele namhafte

Firmen und Institutionen unterstützen.

Wie werben Sie für Ihr Projekt?

Projekte leben von Teilnehmern, aber wie erreichen Sie die? Gehen Sie davon aus, dass sozial

benachteiligte Menschen eher selten bei den üblichen Bildungsträgern anzutreffen sind aus

Gründen, die hier im Heft schon ausführlich geschildert wurden. Sie werden in der Regel die

einschlägigen Veranstaltungskalender und Programme nicht lesen.

Es hat sich bewährt, die Zielgruppe über direkte Ansprachen zu motivieren. Tun Sie das vor

Ort. Das kostenlose Werbemedium „Mundpropaganda“ können Sie vor allem bei Stadtteilaktionen

gut nutzen. Suchen Sie sich Schlüsselpersonen, die einen guten Kontakt zum gewünschten

Teilnehmerkreis haben. Das können Mitarbeiter aus anderen Einrichtungen sein oder auch

Betroffene, die Sie bereits kennen. Wenn Sie sich vor Augen halten, dass an einem normalen

Vormittag bei jedem Sachbearbeiter im Sozialamt ca. 20 Menschen vorsprechen und jeder Antragsteller

auf Ihr Projekt hingewiesen wird, dann erfahren rund 100 Personen in der Woche von

Ihrem Vorhaben nur durch diesen einen Kollegen.

Denken Sie darüber nach, wer über Adressen von sozial benachteiligten Menschen verfügt.

Diese Kollegen könnten per Rundschreiben, z.B. zusammen mit dem Sozialhilfebescheid, Einladungen

zu Ihrer Maßnahme beilegen. Sollten Sie eine Rückmeldung wünschen, wer teilnimmt,

dann vergessen Sie bitte nicht, auch einen frankierten Briefumschlag hinzuzufügen.

Die Tagespresse wird aus Kostengründen von sozial Benachteiligten eher selten abonniert.

Hilfreiche Sachmittel

Mundpropaganda

113

Multiplikatoren einbinden


114

Wochenblätter anschreiben

Andere Werbetipps

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Bessere Chancen, Ihr Projekt bekannt zu machen, bieten die kostenlosen Wochenblätter, die

häufig automatisch in den Briefkästen landen. Für die Bewerbung Ihrer Projekte bei der Zielgruppe

der sozial Benachteiligten haben sich außerdem folgende Vorgehensweisen bewährt:

Arbeiten Sie direkt im Setting: Platzieren Sie Plakate in den Hauseingängen

im sozialen Brennpunkt, nutzen Sie zentrale Anlaufpunkte, um Handzettel

auszuteilen und Mitteilungen auszuhängen, binden Sie lokale Akteure Erzieherinnen,

Beraterinnen, Sozialarbeiter mit ein.

Schon bei der Bewerbung Ihres Projekts gilt: Präsentieren Sie Ihr Projekt als

„aus dem Stadtteil für den Stadtteil“. Zeigen Sie Einbindungsmöglichkeiten

auf, verdeutlichen Sie den Betroffenen, dass sie als Akteure gefragt und gewollt

sind.

Nutzen Sie regelmäßige Veranstaltungen im Quartier, wie z.B. den Wochenmarkt

am Samstag, das jährliche Straßenfest, die Weihnachtsfeier im Sportverein,

um auf Ihr Projekt hinzuweisen.

Sprechen Sie gezielt bestehende Gruppierungen an, wie z.B. Mutter-Kind-

Gruppen, Bürgertreffs, Fußball-Teams der „grauen Liga“ oder Jugendgruppen,

und laden Sie sie zur geschlossenen Mitarbeit (und auch Selbstdarstellung)

ein. Im Team ist der Schritt zum aktiven Mitmachen oft leichter

außerdem verdeutlichen solche Gruppierungen mögliche soziale Aktivitäten

im Quartier und laden ihrerseits zum Mitmachen ein.

Auch wenn es nüchtern und kalkulierend klingt: Stellen Sie den Nutzeffekt

Ihres Angebots für die Betroffenen klar heraus: Was macht Ihr Angebot für

die Zielgruppe attraktiv? In welchem Verhältnis stehen (Teilnahme-)Aufwand

und Ergebnis?

Durchführungphase

Sie führen die Maßnahme durch oder stehen als Ansprechpartner zur

Verfügung.

Sie dokumentieren bereits das Geschehen.

4.3 Sie bringen Ihr Projekt in die Diskussion

Evaluationsphase

Sie bewerten den Erfolg der Maßnahme.

Sie dokumentieren die Maßnahme und die Ergebnisse der Evaluation.

Sie bringen die Ergebnisse in die Öffentlichkeit.

Sie sorgen für die Fortführung Ihrer Maßnahme oder planen weitere

Aktionen.


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

„Was kommt raus?“ „Hat es sich gelohnt?“ „Hat sich was verändert?“ „War das ganze Projekt

sinnvoll?“

Diese und andere Fragen wird man Ihnen nach Abschluss des Projekts stellen. Haben Sie Ihre

Aktion gut evaluiert, dann sind die Antworten leicht zu finden. Mit einer Auswertung Ihres

Projekts erhalten Sie nochmals eine gute Legitimation Ihrer Arbeit und der Ihrer Kooperationspartner.

Die Evaluation zeigt zudem Ansätze für „Schwachstellen“ auf, falls Sie oder andere

das Projekt wiederholen möchten, und schafft eine Grundlage für die spätere Öffentlichkeitsarbeit,

die Kontakte mit der Presse und die Vorstellung der Ergebnisse in Diskussions- bzw. Entscheidungsforen.

Im Bereich Gesundheitsförderung ist die Evaluation in den letzten Jahren im Zuge der Qualitätssicherung

verstärkt ins Blickfeld gerückt. Vorher blieben viele Maßnahmen vor allem der

Krankenkassen ohne dokumentierten Erfolgsnachweis und ohne Bewertung, was letztlich

auch dazu führte, dass deren Effekte angezweifelt wurden. Viele kleinere Projekte werden nicht

evaluiert, da das aufgrund knapper personeller Ressourcen gar nicht leistbar ist. Die Gesundheitsförderung

von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen muss sich vielerlei Bedenken

schon mit dem Beginn der Maßnahme gefallen lassen. Wenn Sie dann nicht belegen können,

was die Erfolgsindikatoren Ihres Projekts sind, was Sie mit Ihrem Projekt erreichen wollen

bzw. erreicht haben, und dass die aufgewandten Mittel sinnvoll investiert sind, ist es nahe

liegend, dass solche Mittel nicht weiter bewilligt werden.

Vom Nutzen der Evaluation

Wenn Sie Ihr Projekt evaluieren und dokumentieren, dann hat das den Vorteil, dass Sie

die Maßnahme langfristig einrichten können, weil sie weitergefördert wird,

den Teilnehmern bestätigen können, dass Veränderungen möglich sind,

die Teilnehmer eventuell auch für die nächste Maßnahme gewinnen,

mitverfolgen können, inwiefern Strukturen sich verändern,

Ihren eigenen Einsatz bewerten und optimieren können, weil Ansätze für Änderungen

sichtbar werden,

in der Öffentlichkeit Argumente anführen können für die Gesundheitsförderung von

sozial Benachteiligten

eine Grundlage haben für Folgeentscheidungen

für das Thema Armut auch diejenigen sensibilisieren, die sich darum noch nicht

kümmern.

Evaluationsergebnisse können für viele Personengruppen und Einrichtungen eine Grundlage für

weitere Entscheidungen sein, z.B. für

die Teilnehmer der Maßnahme,

die Akteure und Kooperationspartner,

den Auftraggeber,

Ihren Vorgesetzten und die Kollegen,

Ihnen übergeordnete Institutionen,

Evaluation =

Qualitätssicherung

Vielfältige Nutzeffekte

Evaluation als

Entscheidungshilfe

115


116

Evaluation von Beginn

an mitdenken

Sie beschreiben

Ihre Maßnahme

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

die Regionale Arbeitsgemeinschaft oder die Kommunale Gesundheitskonferenz,

Arbeitskreise „Armut und Gesundheit“,

andere politische oder administrative Gremien und Entscheidungsträger,

Akteure, die zukünftig solche Projekte durchführen möchten,

usw.

Evaluieren aber wie?

Evaluation beginnt nicht erst mit dem Abschluss eines Projekts. Bereits in der Vorbereitung und

Planung eines Projekts muss die Evaluation in Inhalt und Methode mitgedacht werden.

So gehen Sie vor:

Sie beschreiben die Maßnahme.

Sie bestimmen die Ziele und Fragestellungen der Evaluation.

Sie legen Methodik und Instrumente der Evaluation fest.

Sie formulieren Erfolgsindikatoren.

Sie sammeln und analysieren die Daten.

Sie erstellen einen Bericht.

Um so ausführlicher und klarer Sie die Maßnahme beschreiben, desto leichter wird Ihnen später

das Formulieren von Evaluationszielen, Fragestellungen und Erfolgskriterien fallen. Fassen

Sie also die ganze Projektplanung übersichtlich zusammen: Thema der Maßnahme, Ziele, Zielgruppe,

Rahmenbedingungen (Ort, Zeit, Zeitraum), Inhalte, Verlaufsplan, bisherige Erfahrungen

und Ergebnisse, eingesetzte Methoden und Medien sowie Kooperationspartner. Ein Beispiel:

Maßnahme

Bewegungsförderung für Kinder aus

einem sozialen Brennpunkt ein

Ergänzungsangebot zum Schulsport

Projektinitiator Gesundheitsamt Großburgfeld

Ziele Das Projekt soll dazu beitragen,

Gesundheit und Gesundheitsverhalten der Kinder

im Stadtteil zu verbessern,

ein kostenloses Angebot zur Verfügung zu stellen

für Kinder mit motorischen Entwicklungs-

Defiziten,

das Bewegungsverhalten dieser Kinder zu fördern

und ihnen Spaß an Sport und Bewegung

zu vermitteln,

Konzentration und Ausdauer im Lernverhalten

zu verbessern,

die sozialen Kompetenzen der Kinder zu fördern,


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Zielgruppe Grundschüler der 1. und 2. Klasse mit motorischen

Entwicklungsverzögerungen; Grundschullehrer

Anzahl der Teilnehmer 250 Schüler

die Lehrer in diesem Bereich fortzubilden.

Inhalte Körperlicher Allgemeinzustand, Bewegungsförderung,

Sozialverhalten, Lernverhalten

Methoden und Medien Körperliche Untersuchung der Kinder, Spiele, Bewegungsübungen,

Kleingruppenarbeit; Geräte, Musik,

Videos, Malbücher

Laufzeit 1999 bis 2002, wöchentlich 2 Stunden

Ort Großburgfeld, 5 Grundschulen in sozialen Brennpunkten,

jeweils in der Sporthalle

Finanzierung Mittel der örtlichen Krankenkassen

Kooperationspartner Gesundheitsamt, Schulamt, Schule, Lehrer, Sportverein,

Krankenkassen, Krankengymnasten, Bademeister,

Kinderarzt

Evaluation ist immer dann besonders wichtig, wenn Entscheidungen zu fällen sind. Die Evaluationsziele

richten Sie entsprechend an den Entscheidungsinhalten aus. Im Bereich Gesundheitsförderung

für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche könnten z.B. Entscheidungen

anstehen über

die Einführung neuer Interventionsmaßnahmen,

die Ansprache neuer Zielgruppen,

die Fortführung, verstärkte Unterstützung oder Verbesserung von Projekten,

die Optimierung von Versorgungsstrukturen im Stadtviertel,

die Dezentralisierung von Versorgungsangeboten,

neue Projektstrategien (z.B. unter verstärkter Einbeziehung von Betroffenen),

die Auswahl von neuen Orten für Gesundheitsförderungsmaßnahmen,

usw.

Sollte die Entscheidung darüber anstehen, ob Ihre Maßnahme fortgesetzt wird, bewerten Sie vor

allem, inwiefern Sie die Zielgruppe erreicht haben und ob sich z.B. das Gesundheitsverhalten

der Betroffenen ändert.

Wollen Sie eine Kindertafel im Stadtteilzentrum auf Dauer einrichten, werden Sie in der

Evaluation danach fragen, ob die Kinder das Angebot überhaupt annehmen, was es kostet, wie

groß der organisatorische und planerische Aufwand ist und welche messbaren gesundheitlichen

Effekte sich zeigen.

Falls demnächst entschieden wird, ob der Geschäftsführer der Diskothek im sozialen Brennpunkt

zusammen mit dem Stadtjugendring und Ihnen die Aktion „rauchfreie Zone“ nochmals

Evaluationsziele

117


118

Die Prozessevaluation

„Was läuft ab?“

Die Ergebnisevaluation

„Was kommt hinten raus?“

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

durchführen wird, obwohl das die Jugendlichen bislang wenig interessiert hat, dann zielt die

Evaluation z.B. auf bisher (un)genutzte Möglichkeiten zur aktiven Einbindung von Betroffenen,

auf die detaillierte und kritische Betrachtung einzelner Projektschritte, auf die Effektivität Ihres

bisherigen methodischen Ansatzes und auf (un)genutzte Möglichkeiten kooperativen Vorgehens.

Sind die Ziele der Evaluation festgelegt, dann überlegen Sie, was konkret untersucht werden

soll und formulieren die Fragestellungen der Erhebung. Zum Beispiel: Wieviele Bewohner des

Stadtteils haben an der Maßnahme teilgenommen? Wie hat sich der Gesundheitszustand der

Kinder verändert? Welche Maßnahmen und Methoden sind von der Zielgruppe gut angenommen

worden? Wie effizient hat die Arbeitsteilung in Ihrem Kooperationsverbund funktioniert?

Eine umfassende Evaluation berücksichtigt die gesamte Maßnahme. D.h. Sie bewerten Ihr

Projekt zu verschiedenen Zeitpunkten, nämlich am Anfang, während der Durchführung (Prozessevaluation)

und am Ende (Ergebnisevaluation).

Die Prozessevaluation stellt die qualifizierte Durchführung der Maßnahme sicher und hilft

schließlich bei der Verbesserung des Programms. Im Rahmen einer Prozessevaluation stellen

Sie sich z.B. folgende Fragen:

Was hindert oder fördert die Entwicklung?

Welche Veränderungen haben sich bis zu diesem Zeitpunkt ergeben?

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern?

Was muss ich jetzt am Projekt ändern, damit das Interesse steigt?

Die Ergebnisevaluation weist die Effektivität des Programms nach. Folgende Fragen stellen Sie

sich z.B.:

Welche Projektziele sind erreicht worden?

Haben sich neue Strukturen im Stadtviertel gebildet?

Wie sind die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchung nach der Maßnahme?

Wieviele alleinerziehende Mütter haben eine Kinderbetreuungsstelle gefunden?

Mit der Formulierung von Zielen ist zwingend die Formulierung von Erfolgsindikatoren verbunden.

Inwiefern Sie Ihr Ziel wirklich erreicht haben, können Sie nur anhand von Erfolgsindikatoren

feststellen. Diese Indikatoren müssen Sie operationalisieren, d.h. messbar machen.

Dazu ein einfaches Beispiel:


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Am Beispiel einer Präventionsmaßnahme im Stadtteil haben wir einmal eine Checkliste für Erfolgsindikatoren

und Messinstrumente exemplarisch für Sie zusammengestellt ein Gesundheitstag

mit Aktionsständen zu den Themen Bewegung, Ernährung, Entspannung, Alkoholkonsum,

Hautpflege...

Ziele der Maßnahme

Was wollen Sie

erreichen?

Durchführung einer

Veranstaltung

Die Maßnahme soll...

...das Interesse der Bewohner

am Thema Gesundheit

wecken

...den Bedarf an gesundheitlichen

Themen ergeben

...den gegenseitigen Austausch

der Bewohner vor

Ort fördern

...der Imagepflege der eigenen

Einrichtung dienen

...Kooperationspartner

finden und Vernetzung

fördern

... Anregungen für Themen

weiterer Maßnahmen

liefern

...Strukturen im Stadtteil

verändern (helfen)

Erfolg Ihrer Maßnahme

Was ist bewirkt worden?

Durchführung, Abbruch,

Nichtdurchführung

Gute Akzeptanz des Gesundheitstags,

positive

Aussagen der Bewohner

über das Angebot

Gute Akzeptanz des

Gesundheitstags,

viele Besucher am jeweiligen

Aktionsstand, großes

Interesse an Informationsmaterial

und Beratung, positive

Aussagen der Bewohner

über das Angebot

Rege Unterhaltungen am Imbissstand

Presseartikel erschienen, hohe

Teilnehmerzahl am eigenen

Stand, größere Inanspruchnahme

der eigenen

Einrichtung

Geeignete Kooperationspartner

wurden gefunden,Vernetzung

wird auf- und ausgebaut

Zukünftige Themen konnten

gefunden werden

Große Bereitschaft der ansässigen

Einrichtungen zur

Vernetzung untereinander

Erfolgsindikatoren und zugehörige

Messinstrumente

Wie messen Sie?

Verlaufsplan aufstellen

Anzahl der Besucher

insgesamt, Zufriedenheitsabfrage

Anzahl Besucher am jeweiligen

Aktionsstand, kleines

Quiz mit Preisen, Anzahl der

ausgegebenen Broschüren

Anzahl der Besucher

Zufriedenheitsabfrage

Anzahl und Inhalt der Presseartikel,

Zahl der Inanspruchnahme

von Beratungsund

Versorgungsangeboten

in Zukunft

Vereinbarungen über konkrete

Zusammenarbeit, Zustimmung

der Kooperationspartner

für weitere Projekte

Befragung der Bewohner

Angebote der Einrichtungen

vor Ort, Inanspruchnahme

dieser Einrichtungen

Sie formulieren

Erfolgsindikatoren

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120

Evaluation erfordert

Knowhow

Sie sammeln Daten und

analysieren sie

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

... die Ressourcen der

Bewohner nutzen

...die Bewohner für den

Konsum alkoholfreier Getränke

motivieren

Bewohner beteiligten sich

aktiv an der Aktion

Konsum alkoholfreier Getränke

war höher als der

Konsum von Bier und Wein

Anzahl der beteiligten

Bewohner

Verkaufte Getränke in

Litern, Befragung

Übersicht in Anlehnung an: Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V.

(Hrsg.) (1997): Rund um die regionale Gesundheitskonferenz. Ein Leitfaden zur Handhabung

regionaler Gesundheitskonferenzen. Mainz

Auch mit der Evaluation verbinden sich Fragen der praktischen Durchführung. Wer hat das nötige

Know-how? Wer verfügt über die erforderlichen Personal- und Zeitressourcen? Eine ernsthafte

Evaluation ist keine Banalität, die sich so nebenbei erledigen lässt. Auch gewisse sozialwissenschaftliche

Kenntnisse über die Erhebung von und den Umgang mit Daten sollten vorhanden

sein. Bei größeren Projekten sollten Sie prüfen, ob Sie ein kompetentes Institut, eine

Fachhochschule oder Universität in die wissenschaftlichen Betreuung Ihres Projekts z.B. im

Rahmen einer Diplom- oder Magisterarbeit einbinden können. Aber auch bei selbstentworfenen

Evaluationskonzepten sollten Sie versuchen, allgemein akzeptierte Standards nach Möglichkeit

einzuhalten. Das Landesgesundheitsamt (in Baden-Württemberg) und das lögd (in

Nordrhein-Westfalen) können Ihnen dabei beratend zur Seite stehen.

Im Kapitel über die Bestandsaufnahme wurden bereits zwei Erhebungsmethoden vorgestellt,

die sich auch für die Evaluation eignen die schriftliche Befragung und das Interview. Aber

auch die Beobachtung als Methode bietet sich an. Informationen z.B. über die Inanspruchnahme

von Angeboten der Gesundheitsversorgung erhalten Sie durch das Zählen der Besucher. Das

Interesse an Ihrem Thema zeigt sich etwa an der Anzahl der ausgegebenen Broschüren. Ob die

sozialen Kompetenzen von Schulkindern durch Ihr Projekt gefördert wurden, beobachten Sie

am gegenseitigen Miteinander in der Klasse. Solche Fragestellungen werden eher selten anhand

eines Fragebogens untersucht.

Das Instrument bzw. die Methode Ihrer Erhebung wählen Sie nach folgenden Kriterien aus:

Wer soll evaluiert werden Betroffene, Kooperationspartner, Einrichtungen,

Kinder oder Erwachsene?

Was wollen Sie erheben?

Wie umfangreich ist Ihre Fragestellung? Reicht ein Instrument aus?

Wo und wann soll evaluiert werden?

Wieviel Zeit steht Ihnen für die Evaluation zur Verfügung?

Was ist Hintergrund und Zweck der Evaluation und wie detailliert sollen die

Ergebnisse sein?

Für Evaluationsfragebögen gibt es viele Muster und Vorbilder. Manchmal passen die genau auf

Ihre Fragestellung, und Sie können sie übernehmen. Es ist aber auch möglich, dass Sie erst einen

Fragebogen erstellen müssen. Falls das für Sie Neuland ist, dann ziehen Sie einen Experten zurate.

Denn die Qualität des Fragebogens ist ausschlaggebend für die Qualität und Aussagekraft

Ihrer Daten und ganz besonders für die Zeit, die Sie für die Dateneingabe und -auswertung be-


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

nötigen. (Falls Sie dem ÖGD in NRW angehören, bietet Ihnen das lögd eine Beratung bei der Erstellung

Ihres Fragebogens sowie eine automatisierte Auswertung und Ergebnisaufbereitung an.)

Für Zufriedensheitsabfragen stehen mittlerweile eine Reihe von Instrumenten zur Verfügung.

Ein einfaches Beispiel ist die Punkteskala, bei der die Teilnehmer nur einen Punkt in das

zutreffende Feld kleben müssen:

Wie hat es Ihnen heute hier gefallen?

Bitte kleben Sie Ihren Punkt in die entsprechende Spalte

J K L

Achten Sie darauf, dass die Ergebnisevaluation sofort nach der Maßnahme in Angriff genommen

wird (sofern Sie nicht den Anspruch haben, Langzeitwirkungen zu untersuchen). Bei

schriftlichen Befragungen müssen Sie u.U. mehrmals an das Zurückschicken der Fragebögen erinnern.

Dokumentieren Sie sowohl den Auslauf als auch den Rücklauf dieser Bögen.

Zur Eingabe der Daten in den Computer und zur Auswertung sollten Sie einen Fachmann

(oder eine Fachfrau) heranziehen besonders dann, wenn bei größeren Fallzahlen statistische

Berechnungen nötig werden.

Für die Analyse Ihrer Ergebnisse ist eine Diskussion der vorhandenen Daten in einer internen

Runde bzw. in einem speziellen Arbeitskreis hilfreich. Bringen Sie Ihre Ergebnisse „auf den

Punkt“, und stellen Sie die Kernaussagen mit Hilfe von graphischen Aufbereitungen auch optisch

heraus, damit das Wichtigste schnell erfasst und diskutiert werden kann.

Die Dokumentation oder: Wie schreiben Sie einen Projektbericht?

Natürlich gibt es für den guten Projektbericht nicht das eine Patentrezept. Es gibt aber ein paar

Erfolgskriterien, an denen Sie sich orientieren können. Einige davon haben wir zu einer kleinen

Checkliste zusammengefasst.

Checkliste für die Erstellung eines Projektberichts

Zielgruppe: Wer liest den Bericht (z.B. Politiker, Betroffene, Experten,

Presseorgane, allgemeine Öffentlichkeit)? Wieviel „Lesezeit“

haben diese Leute? Was ist ihr besonderes Interesse?

Ressourcen: Wieviel Geld und Zeit haben Sie für das Erstellen des Berichts?

Wer könnte Sie beim Schreiben unterstützen? Wieviel

Exemplare benötigen Sie? Wie aufwendig dürfen Gestaltung

und Druck sein?

Ziel des Berichts: Dient der Bericht zur Rechtfertigung über Mittelverwendung?

Zur allgemeinen Öffentlichkeitsarbeit? Zur Sensibilisierung

von Politik und Verwaltung? Als Entscheidungsgrundlage?

121


122

Vorüberlegungen für

Ihr „Marketing“

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Als neutrale „Allzweck-Dokumentation? Die Kernaussagen

müssen einen klaren Bezug zur Zielsetzung haben.

Inhalt des Berichts: Was sind die wichtigen Aussagen und wie ausführlich muss

das Ganze sein? Wieviel Zeit haben die Leser für das Studium

solcher Berichte? Welche Strukturierung ist gleichzeitig leserfreundlich

und zielführend?

Verständlichkeit des Ist Ihr Bericht klar strukturiert, auf die wesentlichen Aussagen

Berichts:

zugeschnitten und in verständlicher Sprache abgefasst? Wieviel

„Wissenschaftlichkeit“ ist gefragt? Wieviel Fach- und Fremdwörter

sind zumutbar? Animiert Ihr Text zum Weiterlesen?

Sind die Graphiken und Tabellen übersichtlich und die darin

enthaltenen Aussagen (möglichst) auf einen Blick erfassbar?

Gute Beispiele für gelungene Projekt-Dokumentationen aus dem Bereich der Gesundheitsförderung

bei sozial Benachteiligten sind:

Gesundheitsamt Köln, Geschäftsstelle „Kommunale Gesundheitskonferenz Köln“, Kinderund

Jugendgesundheitsdienst: Projektbericht: FAKIR (Förder-Angebote für Kinder in Regionen

mit erhöhtem Hilfebedarf). Zu bestellen bei: Gesundheitsamt der Stadt Köln 535,

Neumarkt 15 21, 50667 Köln

Landratsamt Ortenaukreis Dienst für Gesundheitsförderung und soziale Prävention: Dokumentation

des Projekts Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte „Gesund und

preiswert leben durch cleveres Wirtschaften“. Zu beziehen bei: Andrea Blaser,

Dienst für Gesundheitsförderung und Soziale Prävention, Landratsamt Ortenaukreis,

Badstraße 20, 77652 Offenburg, Tel.: 0781/805-770

Stadtteilbüro Eidelstedt-Nord, Bezirksamt Eimsbüttel: Soziale Stadtteilentwicklung Eidelsstedt-Nord

„Visitenkarte“. Zu beziehen bei: Conny Schubecker, Stadtteilbüro Eidelstedt-

Nord, Projektentwicklung und Gemeinwesenarbeit, Hörgensweg 59 b, 22523 Hamburg,

Tel. 040/577891

Wie bringen Sie Ihre Ergebnisse in die Öffentlichkeit?

Ist Ihr Bericht gedruckt, geht es darum, den Bericht und die gewünschten Adressaten und potenziellen

Leser zusammenzubringen. Wenn dabei nicht nur eine eng begrenzte Zielgruppe gemeint

ist, müssen Sie nach geeigneten Wegen der Verbreitung und Bekanntmachung suchen. Sie

brauchen eine Marketing-Strategie.

Dafür bieten sich einige Vorüberlegungen an:

Die wichtigste Prämisse noch einmal zur Erinnerung: Armut und soziale Benachteiligung

sind niemandes Lieblingsthemen. Eine sensible Öffentlichkeitsarbeit muss auf offenen oder

versteckten Widerstand, Unwillen, Ressentiments u.ä. gefasst sein und geeignete Strategien

parat haben.


Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Erstellen Sie zu Ihrem Bericht eine Kurzfassung auf einigen Seiten für Eilige und eine

Ultrakurzfassung auf maximal einer Seite, damit auch diejenigen, die permanent unter Zeitdruck

stehen, wenigstens einen Überblick bekommen. Hier spielen die erwähnten Kernaussagen

wieder eine große Rolle!

Denken Sie an die Bereitstellung von „neuen Medien“. Für die Presse sollten Sie Ihren Be

richt nicht nur gedruckt zur Verfügung halten, sondern auch auf CD oder Diskette. Das erspart

den Redakteuren viel Zeit, weil sie sich entsprechende Tabellen oder Textpassagen einfach

nur kopieren müssen. Formulieren Sie Presseartikel vor! Eine Pressemappe sollte mit

Unterlagen bestückt sein, die schnell überflogen werden können und sich auf die wichtigsten

Fakten beschränken: Viel hilft hier nicht viel. Machen Sie sich einen Merkzettel für Interviews

im Rundfunk, und sprechen Sie die Fragen vorher mit dem zuständigen Redakteur ab.

Erstellen Sie sich einen Verteiler von potenziellen Ansprechpartnern, Multiplikatoren und

Schlüsselpersonen, die Sie erreichen möchten und die Sie auch bei Ihrem Vorhaben unterstützen

könnten.

Denken Sie darüber nach, wie Sie das besondere Thema „Armut und Gesundheit von

Kindern und Jugendlichen“ so präsentieren, dass der größtmögliche Effekt erreicht wird.

Unabhängig von einem eher emotionalen oder sachlich-nüchternen Stil gilt ein Grundprinzip:

Zeigen Sie weitere Handlungsmöglichkeiten auf und halten Sie Lösungsvorschläge bereit.

Jede(r) Leser(in) sollte nach Möglichkeit klar vor Augen haben, was der nächste Schritt

ist und was insbesondere die eigene Person oder Institution konkret beitragen kann.

Welche Methoden setzen Sie ein?

Sie verschicken Ihren Bericht mit der Kurzfassung an die wichtigsten Adressaten. Legen Sie

einen Feedbackbogen bei, auf dem die Adressaten festhalten können, wie ihnen der Bericht

gefallen hat.

Sie lassen sich zum Vortrag einladen. Was für die Berichtsformulierung gut war, gilt in gleichem

Maße auch für die Gestaltung von Vortragsfolien. Konzentrieren Sie sich ganz auf die

Kernaussagen das Wesentliche sollte auf den ersten Blick erfassbar sein.

Sie laden selbst zu einer Gesprächsrunde ein oder zu einem Workshop, einer Tagung,

einem Arbeitskreis, einer Pressekonferenz, einer Podiumsdiskussion. Holen Sie gegebenenfalls

einen externen und neutralen Moderator hinzu.

Sie verfassen einen Rundbrief an die Mitglieder der RAG oder Kommunalen Gesundheitskonferenz

zum Thema Chancengleichheit und Gesundheit.

Sie veranstalten eine Multiplikatorenschulung für Experten.

Beispiel: Der Arbeitskreis „Armut und Gesundheit“ der regionalen Arbeitsgemeinschaft für

Gesundheit im Schwarzwald-Baar-Kreis lud die Sachbearbeiter des Sozialamts ein zu zwei

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124

Teil IV. Die lokale Praxis oder »Wie gehen Sie vor?«

Fortbildungen: „Gesunde Ernährung bei geringem Einkommen wie geht das?“ und „Umgang

mit Banken und Versicherungen Haushaltsplanung“.

Sie geben kleine Pressemeldungen an Vereine und Institutionen für deren Mitteilungsblätter.

Kostenlose Wochenblätter bieten sich als Medium an, wenn Sie Betroffene informieren wollen.

Legen Sie Faltblätter im Sozialamt, im Jugendamt oder bei der Schuldnerberatung aus.

Freie Journalisten leben davon, Geschichten zu verkaufen. Sie sind auf Neuigkeiten angewiesen

und übernehmen für Sie das „Verkaufen“ des Beitrags an die Medien. Nehmen Sie

Kontakt auf zu freien Mitarbeitern von Presse und Rundfunk in Ihrer Nähe.

Schlagen Sie der örtlichen Tageszeitung vor, wöchentlich eine Kolumne z.B. zum Thema:

„Preiswerte Gesundheit“ zu veröffentlichen. Dafür liefern Sie den Text.

Stellen Sie Ihren Bericht ins Internet und geben Sie einen Hinweis dazu auf der Homepage

Ihrer Einrichtung. Bemühen Sie sich um die Aufnahme in Suchmaschinen und in Listen von

Links anderer Institutionen.

Gehen Sie auf entsprechende überregionale oder bundesweite Tagungen und präsentierten

Sie dort Ihre Ergebnisse.

Zum Vertiefen:

Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (aid) e.V.

(Hrsg.) (1997): Handbuch für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Bonn

Christiansen, G. (2000): Evaluation ein Instrument in der Gesundheitsförderung. Herausgegeben

von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Reihe: Forschung und

Praxis der Gesundheitsförderung; Band 8

Knesebeck von dem, O.; Badura, B; Zamora, P.; Weihrauch, B.; Werse, W.; Siegrist, J. (2001):

Evaluation einer gesundheitspolitischen Intervention auf kommunaler Ebene Das Modellprojekt

„Ortsnahe Koordinierung der gesundheitlichen und sozialen Versorgung“ in Nordrhein-Westfalen.

In: Gesundheitswesen 2001; 63: S. 35-41

Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (Hrsg.) (1997): Rund um die

regionale Gesundheitskonferenz. Ein Leitfaden zur Handhabung regionaler Gesundheitskonferenzen.

Mainz

Wengle E. (1995): Praxisnahe Evaluation. In: Krause, R. (Hrsg.): Gesundheitsförderung: Von

der Projektplanung bis zur Evaluation. Handbuch zum Management in der Gesundheitsförderung.

Oberhaching: Gesundheits-Dialog Verlag GmbH


Cattaryna B. Home

Foto: www.offroadkids.de

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126

Teil V. Anhang

5. Anhang

Tipps zum Recherchieren

Die folgenden Tipps zum Recherchieren in der Literatur und im Internet stellen eine Auswahl

an Quellen zu den Themen Armut, Kinderarmut, Gesundheit und Gesundheitsförderung dar.

Armut und von Armut bedrohte und betroffene Personengruppen

Andreß, H.-J. (1999): Leben in Armut: Analysen der Verhaltensweisen armer Haushalte

mit Umfragedaten. Opladen

Cornelius, I.; Eggen, B.; Goeken, S.; Vogel, C., (1994): Alleinerziehende mit Kleinkindern.

Untersuchung zum Programm „Mutter und Kind“ des Landes Baden-Württemberg. Bestandsaufnahme

Bewertungen Auswirkungen. Hrsgg. vom statistischen Landesamt Baden-Württemberg.

Stuttgart. Heft 26

Eggen, B.; Vogel, C. (1994): Alleinerziehende mit Kleinkindern. Methodenbericht. Untersuchung

zum Programm „Mutter und Kind“ des Landes Baden-Württemberg. Hrsgg. vom

statistischen Landesamt Baden-Württemberg. Stuttgart. Heft 27

Eggen, B (1998): Privathaushalte mit Niedrigeinkommen. Familienwissenschaftliche Forschungsstelle

im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg. Hrsg.: Der Bundesminister

für Gesundheit. Baden-Baden

Nestmann, F.; Stiehler, S. (1998): Wie allein sind Alleinerziehende? Soziale Beziehungen

alleinerziehender Frauen und Männer in Ost und West. Opladen

Verband alleinstehender Mütter und Väter e.V., Landesverband Baden-Württemberg (1992):

Situationsanalyse Alleinerziehender in Baden-Württemberg. Stuttgart

Walper, S. (1988): Familiäre Konsequenzen ökonomischer Deprivation. München, Weinheim

Armut und soziale Ungleichheit von Kindern und Jugendlichen

Beisenherz, H.G. (2002): Kinderarmut in der Wohlfahrtsgesellschaft. Das Kainsmal der

Globalisierung. Opladen

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (1998): Zehnter Kinder-

und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen

der Kinderhilfe in Deutschland. Bonn

Butterwegge, C. (Hrsg.) (2000): Kinderarmut in Deutschland. Ursachen, Erscheinungsformen

und Gegenmaßnahmen. Frankfurt am Main

Die Kinderschutzzentren (Hrsg.) (1996): Armut und Benachteiligung von Kindern. Köln

Hock, B.; Holz, G. (1998): Arm dran? Lebenslagen und Lebenschancen von Kindern und


Teil V. Anhang

Jugendlichen. Erste Ergebnisse einer Studie im Auftrag des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt.

Frankfurt am Main

Hock, B. ; Holz, G.; Wüstendörfer, W. (1999): Armut Eine Herausforderung für die verbandliche

Kinder- und Jugendhilfe. Zweiter Zwischenbericht zu einer bundesweiten Befragung

in den Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt. Frankfurt am Main

Hock, B.; Holz, G.; Wüstendörfer, W. (2000): Frühe Folgen langfristige Konsequenzen?

Armut und Benachteiligung im Vorschulalter. Vierter Zwischenbericht zu einer Studie im

Auftrag des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt. Veröffentlicht vom Eigenverlag des Instituts

für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V., Frankfurt am Main

Iben, G. (Hrsg.) (1998): Kindheit und Armut. Analyse und Projekte. Münster

Kamensky, J.; Heusohn, L.; Klemm, U. (Hrsg.) (2000): Kindheit und Armut in Deutschland:

Beiträge zur Analyse, Prävention und Intervention. Ulm

Klocke, A.; Hurrelmann, K. (Hrsg.) (2001): Kinder und Jugendliche in Armut. Umfang,

Auswirkungen und Konsequenzen. Opladen

Lauterbach, W.; Lange, A.; Wüest-Rudin, D. (1999): Familien in prekären Einkommenslagen.

Konsequenzen für die Bildungschancen von Kindern in den 80er und 90er Jahren. In:

Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 2. Jg., H.3/1999, S. 361-383

Mansel, J.; Neubauer, G. (Hrsg.) (1998): Armut und soziale Ungleichheit bei Kindern.

Opladen

Mansel, J.; Brinkhoff, K.-P. (Hrsg.) (1998): Armut im Jugendalter. Soziale Ungleichheit,

Gettoisierung und die psychosozialen Folgen. Weinheim/München

Otto, U. (Hrsg.) (1997): Aufwachsen in Armut. Erfahrungswelten und soziale Lagen von

Kindern armer Familien. Opladen

Richter, A. (2000): Wie erleben und bewältigen Kinder Armut? Eine qualitative Studie

über die Belastungen aus Unterversorgungslagen und ihre Bewältigung aus subjektiver Sicht

von Grundschulkindern einer ländlichen Region. Aachen

Armut und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Altgeld, T.; Hofrichter P. (Hrsg.) (2000): Reiches Land kranke Kinder? Frankfurt am Main

Barlösius, E.; Feichtinger, E.; Köhler, B. M. (Hrsg.) (1995): Ernährung in der Armut. Gesundheitliche,

soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin

Bieligk, A. (1996): Die armen Kinder Armut und Unterversorgung bei Kindern, Belastungen

und ihre Bewältigung. Essen

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (1998): Gesundheit von Kindern

Epidemiologische Grundlagen Dokumentation einer Expertentagung. Köln

Haffner, J.; Esther, C.; Münch, H.; Parzer, P.; Raue, B.; Steen, R.; Klett, M.; Resch, F.

(1998): Veränderte Kindheit neue Wirklichkeiten. Verhaltensauffälligkeiten im Einschulungsalter.

Ergebnisse einer epidemiologischen Studie. Beiträge zur regionalen Gesundheitsberichterstattung

Rhein-Neckar-Kreis / Heidelberg. Eine Studie der Abteilung für Kinder- und

Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg und des Gesundheitsamts Rhein-Neckar-Kreis.

127


128

Teil V. Anhang

Hofrichter, P.; Altgeld, T. (Hrsg.) (2000): Suppenküchen im Schlaraffenland Armut und

Ernährung von Familien und Kindern in Deutschland. Hannover

Kaiser, C. (2001): Ernährungsweisen von Familien mit Kindern in Armut. Eine qualitative

Studie zur Bedeutung und Erweiterung des Konzepts der Ernährungsarmut. Stuttgart

Kamensky, J.; Feichtinger, E.; Zenz, H. (2000): Essen und Einkommen. In: Deutsche Gesellschaft

für Ernährung e.V., Sektion Thüringen (Hrsg.): Referate anlässlich der 8. Ernährungsfachtagung

in Jena. S. 29-47

Kamensky, J: (2000): Kinderarmut: Folgen für die Ernährung. In: Kamensky, J.; Heusohn,

L.; Klemm, U. (Hrsg.) (2000): Kindheit und Armut in Deutschland: Beiträge zur Analyse,

Prävention und Intervention. Ulm. S. 86-106

Klocke, A. (1995): Der Einfluss sozialer Ungleichheit auf das Ernährungsverhalten im

Kinder- und Jugendalter. In: E. Barlösius; E. Feichtinger; B. M. Köhler (Hrsg.): Ernährung in

der Armut. Gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik. Berlin. S.

185-203

Klocke, A.; Hurrelmann, K. (1995): Armut und Gesundheit. Inwieweit sind Kinder und Jugendliche

betroffen? In: Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften. 2. Beiheft S. 138-151

Klocke A.; Hurrelmann K. (Hrsg.) (2001): Kinder und Jugendliche in Armut. 2. vollständig

überarbeitete Auflage. Opladen

Köhler, B.M.; Feichtinger, E. (Hrsg.) (1998): Annotierte Bibliographie Armut und Ernährung.

Berlin

Mielck, A. (1998): Armut und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen: Ergebnisse der

sozial-epidemiologischen Forschung in Deutschland. In: Klocke, A.; Hurrelmann, K. (Hrsg.):

Kinder und Jugendliche in Armut. Opladen. S. 225-249

Mielck, A. (2000): Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Empirische Ergebnisse, Erklärungsansätze,

Interventionsmöglichkeiten.

Robert-Koch-Institut (Hrsg.) (2001): Gesundheitsberichterstattung des Bundes Heft 03/01:

Armut bei Kindern und Jugendlichen. Verfasst von Prof. Dr. Andreas Klocke. Berlin

Settertobulte, W.; Pallentin, Ch.; Hurrelmann, K. (Hrsg.) (1995): Gesundheitsversorgung

für Kinder und Jugendliche. Ein Praxishandbuch, Heidelberg

Settertobulte, W. (2002): Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in NRW. Sonderbericht

im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung NRW im Auftrag des Ministeriums für Frauen,

Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen

Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.) (2000): Kindergesundheit in Baden-Württemberg.

Stuttgart

Armutsberichte, diverse empirische Untersuchungen und gesammelte Daten

AWO Bundesverband e.V. (2000): AWO-Sozialbericht 2000. Gute Kindheit Schlechte

Kindheit. Armut und Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bonn

Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.) (2001): Lebenslagen in Deutschland.

Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bonn


Teil V. Anhang

Busch-Geertsema, V.; Ruhstrat, E.-U. (1993): „Das macht die Seele so kaputt...“. Armut in

Bremen. Bremen

Deutscher Kinderschutzbund e.V., Hannover; Volkswagen AG, Kommunikation Wolfsburg

(Hrsg.) (1998): Taschenbuch der Kinderpresse. Remagen-Rolandseck

Gruppe für sozialwissenschaftliche Forschung (GSF) (1996). Münchner Armutsbericht ´95.

Hanesch, W.; Krause, P.; Bäcker, G.; Maschke, M.; Otto, B. (2000): Armut und Ungleichheit

in Deutschland. Der neue Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des DGB und des

Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Reinbeck bei Hamburg

Hank, K.; Kersting, V.; Langenhoff, G.; Strohmeier, K.P. (Ruhr-Universität Bochum Zentrum

für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung) (2000): Armut in Nordrhein-Westfalen. Umfang

und Struktur des Armutspotentials. Bochum.

Hauser, R.; Hübinger, W. (1993). Arme unter uns. Teil 1: Ergebnisse und Konsequenzen der

Caritas-Armutsuntersuchung. hrsgg. vom Deutschen Caritasverband. Freiburg im Breisgau

Kamensky, J.; Zenz, H. (2001): Armut Lebenslagen und Konsequenzen. Ursachen, Ausmaß

und Bewältigung sozialer Ungleichheit am Beispiel des Landkreises Neu-Ulm. Ulm

Landeshauptstadt München, Sozialreferat (Hrsg.) (1990): Lebenslage Alleinerziehender in

München Erfahrungen mit privaten, verbandlichen und staatlichen Hilfen. Beiträge zur Sozialplanung

116

Landeshauptstadt Stuttgart, Sozialamt (Hrsg.) (2001): Armut in Stuttgart. Quantitative und

qualitative Analysen. Sozialbericht 1. Stuttgart

Magistrat der Universitätsstadt Gießen, Sozial- und Jugenddezernat (Hrsg.) (2002): Kommunaler

Armutsbericht. Gießen

Stock, L. (1999): Armut im Landkreis Merseburg-Querfurt: Untersuchung zur aktuellen

Armutsentwicklung in einem Teilgebiet der ehemaligen DDR-Chemieregion. Berlin

Gesundheitsförderung

Altgeld, T.; Laser, I. ; Walter, U. (Hrsg.) (1997): Wie kann Gesundheit verwirklicht werden?

Gesundheitsfördernde Handlungskonzepte und gesellschaftliche Hemmnisse. Weinheim

Amann, G.; Wipplinger, R. (Hrsg.) (1998): Gesundheitsförderung Ein multidimensionales

Tätigkeitsfeld. Tübingen

Beuels, F.-R.; Wohlfahrt, N. (1991): Gesundheit für die Region? Neue Konzepte der kommunalen

und betrieblichen Gesundheitsförderung. Bielefeld

Böhm, B.; Janßen, M.; Legewie, H. (1999): Zusammenarbeit professionell gestalten: Projektleitfaden

für Gesundheitsförderung, Sozialarbeit und Umweltschutz. Freiburg im Breisgau

Breitwieser, U.; Donauer, B.; Elsigan, G.; Grossmann, R. (1991): Gesundheitsförderung:

Appelle sind zuwenig! Beispiele regionaler Bildungsarbeit. München

Bundeszentrale f. gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (1996): Leitbegriffe der Gesundheitsförderung

Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden in der Gesundheitsförderung.

Schwabenheim a.d. Selz

129


130

Teil V. Anhang

Bundesvereinigung für Gesundheit e.V. (Hrsg.) (1999): Gesundheit: Strukturen und Handlungsfelder.

Neuwied

Doorduijn, A.; Geiger, I.; Heinemann, H. (1996): Gesundheitsförderung Vom alltäglichen

Umgang mit der Utopie Das Arbeitsbuch zum Handbuch. Frankfurt am Main

Enkerts, V; Schweigert, I. (Hrsg.) (1987): Gesundheit ist mehr! Soziale Netzwerke für eine

lebenswerte Zukunft. Hamburg

Franzkowiak, P.; Sabo, P. (1993): Dokumente der Gesundheitsförderung. Mainz

GesundheitsAkademie e.V. (Hrsg.) (2001): Gesundheit gemeinsam gestalten Allianz für

Gesundheitsförderung. Frankfurt am Main

Grossmann, R; Scala, K. (1994): Gesundheit durch Projekte fördern Ein Konzept zur Gesundheitsförderung

durch Organisationsentwicklung und Projektmanagement. Weinheim

Hamburger Projektgruppe Gesundheitsberichterstattung (1996): Praxishandbuch Gesundheitsberichterstattung.

Düsseldorf: Akademie für öffentliches Gesundheitswesen

Keil, A.; Milles, D.; Müller, R. (Hrsg.) (1991): Gesundheitswissenschaften und Gesundheitsförderung.

Bremerhafen

Krause, R. (Hrsg.) (1995): Gesundheitsförderung: Von der Projektplanung bis zur Evaluation.

Handbuch zum Management in der Gesundheitsförderung. Oberhaching

Laaser, U; Gebhardt, K.; Kemper, P. (Hrsg.) (2001): Gesundheit und soziale Benachteiligung.

Informationssysteme Bedarfsanalysen Interventionen. Lage

Labisch, A. (Hrsg.) (1989): Kommunale Gesundheitsförderung aktuelle Entwicklungen,

Konzepte, Perspektiven. Frankfurt am Main

Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. (Hrsg.) (1997): Rund um

die regionale Gesundheitskonferenz. Ein Leitfaden zur Handhabung regionaler Gesundheitskonferenzen.

Mainz

Lohaus, A. (1993): Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention im Kinder- und Jugendalter.

Göttingen

Pelikan, J.M.; Demmer, H.; Hurrelmann, K. (Hrsg.) (1993): Gesundheitsförderung durch

Organisationsentwicklung: Konzepte, Strategien und Projekte für Betriebe, Krankenhäuser

und Schulen. Weinheim

Röhrle, B.; Sommer, G. (Hrsg.) (1999): Prävention und Gesundheitsförderung. Fortschritte

der Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung, Band 4. Tübingen

Stark, W. (Hrsg.) (1989): Lebensweltbezogene Prävention und Gesundheitsförderung

Konzepte und Strategien für die psychosoziale Praxis. Freiburg im Breisgau

Stumm, B.; Trojan, A. (1994): Gesundheit in der Stadt Modelle-Erfahrungen-Perspektiven.

Frankfurt am Main

Trojan, A.; Hildebrand, H. (Hrsg.) (1990): Brücken zwischen Bürgern und Behörden Innovative

Strukturen für Gesundheitsförderung. St. Augustin

Trojan, A.; Legewie, H. (2001): Nachhaltige Gesundheit und Entwicklung Leitbilder, Politik

und Praxis der Gestaltung gesundheitsförderlicher Umwelt- und Lebensbedingungen.

Frankfurt am Main


Projektberichte und Dokumentationen

Teil V. Anhang

Gesundheitsamt Köln, Geschäftsstelle „Kommunale Gesundheitskonferenz Köln“, Kinder-

und Jugendgesundheitsdienst: Projektbericht: FAKIR (Förder-Angebote für Kinder in

Regionen mit erhöhtem Hilfebedarf) Zu beziehen bei: Gesundheitsamt Köln, Abt. 535, Neumarkt

15-21, 50667 Köln

Sozialministerium Baden-Württemberg (Hrsg.) (1996): Gesundheitsförderung mit sozial

Benachteiligten: Eine Bestandsaufnahme von Initiativen, Projekten und kontinuierlichen

Angeboten. Zu beziehen über: Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Wiederholdstr.15,

70174 Stuttgart

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2001): „Tackling Inequalities in

Health“ ein Projekt des „European Network of Health Promotion Agencies“ (ENHPA) zur

Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten. Abschlussbericht für das deutsche Teilprojekt.

Vorgelegt von Prof. Dr. Johannes Siegrist und Dr. Ljiljana Joksimovic (Universität Düsseldorf,

Institut für Medizinische Soziologie)

Stadtteilbüro Eidelstedt-Nord, Bezirksamt Eimsbüttel, Hörgensweg 59 b, 22523 Hamburg:

Soziale Stadtteilentwicklung Eidelsstedt-Nord „Visitenkarte“

Mielck. A.; Abel, M.; Heinemann, H.; Stender, K.-P. (Hrsg.) (2002): Auf dem Weg: „Gesunde

Städte“ Projekte zur Chancengleichheit. Lage

Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V.; Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften

der Fachhochschule Nordostniedersachsen und der Universität Lüneburg

(Hrsg.) (2000): Armut und Gesundheit. Praxisprojekte aus Gesundheits- und Sozialarbeit in

Niedersachsen. Hannover

Saur, U.; Tilke, B. (Hrsg.) (2001): Jung, lässig & pleite? Konsumlust und Schuldenlast bei

Kindern und Jugendlichen. Dokumentation einer Fachtagung. Erhältlich bei: Aktion Jugendschutz,

Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg , Stafflenbergstr. 44, 70184 Stuttgart, Tel.:

0711/237 37 0

Tagungsberichte

„Soziale Ungleichheit als Herausforderung für Gesundheitsförderung“ Dokumentation des

Gesundheitspolitischen Symposiums in Baden-Württemberg, 1995. Hrsg. Sozialministerium

Baden-Württemberg, Schellingstr.15, 70174 Stuttgart

„Gesundheitsförderung mit sozial Benachteiligten“. Dokumentation einer Informationsveranstaltung

für Fach- und Führungskräfte der Stadt- und Landkreise am 7. Dezember 1998, Landesgesundheitsamt

Baden-Württemberg

„Armut und Gesundheit in Düsseldorf.“ Fachtagung der „Düsseldorfer Gesundheitskonferenz“

am 24. November 1999 im Rathaus der Landeshauptstadt. Erstellt von der Geschäftsstelle

der „Düsseldorfer Gesundheitskonferenz“ (Herr Pöllen, Frau Kochhan)

„Armut und Gesundheit“ von Franke, M.; Geene, R.; Luber, E., Gesundheit Berlin e.V., Landesarbeitsgemeinschaft

für Gesundheitsförderung (1999)

131


132

Teil V. Anhang

Kinderarmut Gesundheit“. Dokumentation der Fachtagung des Landesverbands der Arbeiterwohlfahrt

Mecklenburg-Vorpommern e.V. am 12. April 2000 in Schwerin. Zu beziehen bei:

Landesvereinigung für Gesundheitsförderung M-V, Zum Bahnhof 20, 19053 Schwerin

„Stadtteilorientierte Familienhilfen Balance zwischen individueller und struktureller Hilfe“.

Dokumentation der Fachtagung am 10. Oktober 2000 im Bürgerhaus Wilhelmsburg. Zu beziehen

bei: Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung, Amt

für Jugend, Abt. J4, Jugend- und Familienförderung, Postfach 76 06 08, 22056 Hamburg

„Ernährung und Gesundheit: (k)ein Thema für Gesundheitsförderung und Verbraucherschutz?“.

Materialien und Arbeitspapiere einer ÖGD-Infoveranstaltung am 21. Mai 2001 in

Stuttgart, Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg

Ausstellungen und Ausstellungskataloge

„Armut Die einen stehen im Dunkeln, die anderen stehen im Licht“

Wanderausstellung eines Schülerwettbewerbs mit 18 Plakaten, die Armut in Deutschland und

der Welt anklagen und zum Handeln auffordern. Hrsg. Landeszentrale für politische Bildung

Baden-Württemberg, Schülerwettbewerb, Sophienstr.28-30, 70178 Stuttgart (Monika Greiner,

Tel. 0711/16 40 99 26)

„Armut grenzt aus“ Wanderausstellung

Hrsg. Arbeitslosenselbsthilfe Osnabrück, Lotter Str. 6, 49078 Osnabrück, Tel. 0541/47299

„Ohne Arbeit kein Vergnügen. Kinderarmut arme Frauen in der BRD.“ Hrsgg. von DONNA

45 e. V. (1997). Oldenburg

„Kennen wir uns?“ Straßenkinder fotografieren ihre Welt

Wanderausstellung Hrsg. Off-Road-Kids e.V. und Mannesmann Mobilfunk GmbH, Am Seestern

1, 40547 Düsseldorf (Andrea Zinnlauf, Tel. 0211/533 3940)

„Armut von Kindern und Jugendlichen im Rhein-Sieg-Kreis und Bonn dokumentiert in einer

Fotoausstellung.“ hrsgg. vom Mieterverein Bonn, Rhein-Sieg-Kreis und Arbeiterwohlfahrt

Kreisverband Rhein-Sieg (1997): Siegburg

Kinder der Ausweglosigkeit.“ Von Kerstin Zillmer (1997). Münster

Verzeichnis verleihbarer Ausstellungen zur Prävention & Gesundheitsförderung. Hrsgg. vom

Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Wiederholdstr.15. 70174 Stuttgart


Tipps zum Recherchieren im Internet

Daten und Fakten

http://www.bma.bund.de

(weiter mit: „Soziale Sicherheit“) Bundesministerium

für Arbeit und Sozialordnung

http://www.statistik.baden-württemberg.de

Statistisches Landesamt Baden-Württemberg:

Böblinger Straße 68,

70199 Stuttgart

Tel.: 0711/641-2833

http://www.lds.nrw.de

Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik

Nordrhein-Westfalen:

Mauerstraße 51,

40476 Düsseldorf

http://www.statistik-bw.de/bevoelkgebiet/fafo/

Homepage der Familienwissenschaftlichen

Forschungsstelle im Statistischen Landesamt

Baden-Württemberg in Stuttgart

http://www.ruhr-uni-bochum.de/zefir/

Homepage des ZEFIR Zentrum für interdisziplinäre

Ruhrgebietsforschung

Armut und Gesundheit

http://www.gesundheitberlin.de

Homepage der Gesundheit Berlin e.V. Landesarbeitsgemeinschaft

für Gesundheitsförderung

Teil V. Anhang

„Lebenslagen in Deutschland“

Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der

Bundesregierung

Bericht und Materialband zum Runterladen.

Überregionale und regionale Daten zu Gesundheit

und Sozialer Sicherheit.

Überregionale und regionale Daten zu Gesundheit

und Sozialer Sicherheit.

Umfangreiche Literaturliste zu Themen wie:

Einkommensverhältnisse, Haushalt, Familie,

Lebenslage von Alleinerziehenden, Familienpolitik,

Sozialhilfe, sozial benachteiligte

Kinder und Jugendliche.

Texte und Projektberichte zu: Armut in

Nordrhein-Westfalen und Kinderarmut im

Ruhrgebiet. Berichte zum Runterladen.

Beiträge der Kongresse „Armut und Gesundheit“,

die seit 1996 in Berlin stattfinden.

Texte zu Themen wie Handlungsansätze,

Projekte aus der Praxis der Gesundheitsförderung

von sozial benachteiligten Menschen,

Armut und Gesundheit von speziellen

Zielgruppen, Stellungnahmen von Politikern

zur sozialen Ungleichheit usw. Links zu Kooperationspartnern

in anderen Bundesländern.

133


134

Teil V. Anhang

http://www.bzga_stat/international/

Homepage der Bundezentrale für gesundheitliche

Aufklärung

http://www.bmgesundheit.de

Bundesministerium für Gesundheit

http://www.sozial-epidemiologie.de

Arbeitsgruppe Sozialepidemiologie

http://www.ohn.gov.uk/ohn/ohn.htm“

Saving Lives: Our healthier Nation“.

Armut und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen

http://www.weltkindergipfel.de

Weltkindergipfel

http://www.diakonie.de/publikationen/nak/1999/

abschnitt01.htm

Homepage der Diakonie

Abschlussbericht „Tackling Inequalities in

Health“ ein Projekt des Europäischen

Netzwerkes „European Network of Health

Promotion Agencies“ (ENHPA) zur Gesundheitsförderung

bei sozial Benachteiligten.

PDF-Datei zum runterladen.

Aktuelle Informationen und Veröffentlichungen

des Bundesministeriums für Gesundheit,

u.a. auch zu den Kongressen „Armut und

Gesundheit“ in Berlin.

Publikationen, Zeitschriftenliste und zahlreiche

Links zu Sozialer Ungleichheit und Gesundheit.

Soziale Ungleichheit und Gesundheitsförderung

in Großbritannien. Sehr umfassend mit

vielen Links (z.B. Acheson-Report, Black-

Report).

Beiträge über Kinderrechte

Beiträge zu „Armut und Krankheit“ bei ausgewählten

Zielgruppen.

http://www.jugendbericht.de/nrw Kommentierter Datenband zum 7. Kinderund

Jugendbericht der Landesregierung

NRW, reichhaltige Datensammlung auch

zum Themenkomplex Armut.

http://www.awo.org

Diverse Berichte zum Thema: Kinder, Ju-

(weiter mit: „A Z“)

gendliche und Armut, u.a. Kurzfassung des

Homepage der Arbeiterwohlfahrt

Sozialberichts 2000: „Gute Kindheit

schlechte Kindheit.“ Armut und Zukunftschancen

von Kindern und Jugendlichen..

http://www.nationale-armutskonferenz.de Diverse Publikationen: Nationaler Armutsbe-

(weiter mit: „Publikationen“)

richt, „Sozialpolitische Bilanz Armut von

Nationale Armutskonferenz

Kindern und Jugendlichen“ (mit Berücksichtigung

von Gesundheit). Kontaktadressen

von regionalen Armutskonferenzen.

http://www.kindergartenpaedagogik.de/202.html Online-Handbuch „Armut und Benachteili-

Kindergartenpädagogik

gung im Vorschulalter“, Bericht über die frühen

Folgen von Armut und Handlungsansätze

in der KiTa-Arbeit.


Gesundheit und Gesundheitsförderung

http://www.bzga.de

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

http://www.bfge.de

Bundesvereinigung für Gesundheit

http://www.kinderaerzte-lippe.de/22ma-3.htm

Kinderärzte Lippe

http://www.gesundheits.de

GesundheitsAkademie e.V.

http://www.gesundheit-psychologie.de/

Gesundheit & Psychologie im Internet

http://www.frauengesundheit-nrw.de/

Koordinationsstelle Frauen und Gesundheit

NRW

http://www.gesunde-staedte-netzwerk.de/

Gesunde Städte-Netzwerk

http://www.btonline.de/literatur/who/zieleho98.html

Beratung und Therapie online

http://www.who.int

WHO, Genf

http://www.bgvv.de

Bundesinstitut für gesundheitlichem Verbraucherschutz

und Veterinärmedizin, Berlin

http://www.rki.de

Robert Koch-Institut, Berlin

Teil V. Anhang

Infodienst für Fachmitarbeiter(innen). U.a.

Studien und Medien zu unterschiedlichen

Gesundheitsthemen.

Informationen zu Themen und Projekten der

BfGE (u.a. zu Weltgesundheitstagen, Gesundheitspolitik).

Verschiedene Kongressbeiträge zum Thema

Gesundheitsförderung Theorie und Praxis

(z.B. „Grundsätze einer jugendgemäßen Gesundheitsförderung“).

Diverse Aufsätze zum Thema Gesundheit,

Gesundheitsförderung (WHO-Texte, handlungsorientierte

Texte).

Diverse Beiträge zu Gesundheit, Gesundheitsförderung

und Psychologie.

Informationen zu Frauen und Gesundheit

Informationen zum Programm, zu Netzwerk-Aktivitäten

und Mitgliedern.

Gesundheitspolitische Ziele der WHO für

das 21.Jahrhundert.

Informationen der WHO, u.a. zu Gesundheitsförderung

(Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung)

Informationen zu gesundheitlichem Verbraucherschutz

und Veterinärmedizin

Informationen zu Gesundheit, Krankheit,

Gesundheitsberichterstattung und Forschung.

135


136

Teil V. Anhang

Aktionen, Projekte, Medien

http://www.kinder-jugendgesundheit.de

Kinder-und Jugendgesundheitsdienst der Gesundheitsämter

in NRW

http://www.heidelberg.de/umwelt/gesundh.htm

Gesunde Stadt Heidelberg

http://www.stuttgart.de/sde

(weiter mit: Themen: Gesundheit)Projekt „Forum

Gesunde Stadt Stuttgart e.V.“

http://www.gesundheitsparlament.net/

Gesundheitsparlament

http://www.bzga.de

(weiter mit: „Marktbeobachtungen“)

Das Gesundheitsinformationssystem der BZgA

http://www.sozialestadt.de

Bund-Länder Programm Soziale Stadt

http://www.vse-essen.de

Verein Schuldnerhilfe e.V. Essen (VSE)

Forum für Kinder- und Jugendgesundheitsdienste

im ÖGD. (U.a. Gesundheitsförderung

im Gemeinwesen, Kooperation mit

dem sozialen Netz einer Stadt).

Allgemeines zur Gesundheitsförderung in

Heidelberg, u.a. mit der Zielgruppe Kinder.

Link zu „Gesunde-Städte-Netzwerk“.

Ziele, Themen, Projektvorstellungen, Projektberatung

und -förderung zum Projekt

Gesunde Stadt“. Angebote zur Gesundheitsförderung.

Forum zu Vernetzung und Austausch aller

nicht regierungsgebundenen Organisationen

(NGOs).

Datenbank zur Gesundheitsförderung und

Prävention im ÖGD Baden-Württemberg.

Informationen zu Programmgrundlagen,

Veröffentlichungen, Ansprechpartnern, Projektdatenbank.

Informationen und Materialien für Fachkräfte

aus Schule und Sozialarbeit zur Prävention

von Überschuldung. Umfangreiche

Link-Liste und Kontaktadressen zu anderen

Institutionen.

Online abrufbar: Faltblätter, Projektanleitungen,

Materialien und Foliensätze aus dem

„Schuldenkoffer“, einer Materialiensammlung

zur Überschuldungsvorbeugung bei Jugendlichen

und jungen Erwachsenen.


Die Öffentlicher Fotos Gesundheitsdienst

http://www.loegd.nrw.de

Homepage des Landesinstituts für den öffentlichen

Gesundheitsdienst, Nordrhein-Westfalen.

http://www.landesgesundheitsamt.de

Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg

http://www.gesundheitsamt-bw.de

Öffentlicher Gesundheitsdienst Baden-Württemberg

http://www.afoeg.nrw.de

Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen,

Düsseldorf

http://www.afoeg.bayern.de/

Akademie für das öffentliche Gesundheitswesen

im Bayerischen Landesamt für Gesundheit

und Lebensmittelsicherheit

Teil V. Anhang

Beschreibungen zu Aufgaben und Angeboten

des Landesinstituts.

Umfangreiche Daten z.B. zu Gesundheitsindikatoren,

zur Schuleingangsuntersuchung.

Links zu Themen wie Gesundheitsämter,

Landesgesundheitskonferenz, Sozialversicherungsträger,

Verfasste Ärzte- und Zahnärzteschaft,

Wohlfahrtsverbände, Gesundheitliche

Selbsthilfe, Kommunale Spitzenverbände,

Einrichtungen und Projekte auf

Landesebene und deutschlandweite Adressen

.

Informationen zu Aufgabenfeldern des LGA

z.B. zu Gesundheit und Umwelt, Gesundheitsförderung,

Prävention, Frühförderung,

Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung,

umfangreiche Link-Liste.

Übersicht zu Angeboten des ÖGD Baden-

Württemberg nach Themen und Orten (u.a.

Gesundheitsförderung, Kinder- und Jugendgesundheit),

Links zu den Gesundheitsämtern.

Informationen zu Veranstaltungen, Forschungsvorhaben,

Projekten und Veröffentlichungen.

Informationen zu Gesundheitsberichterstattung,

Gesundheitsförderung, Pädiatrie, umfangreiche

Link-Liste.

137


138

Teil V. Anhang

Die Fotos

Die in diesem Heft abgedruckten Fotos sind Teil der Wanderausstellung „Kennen wir uns?

Straßenkinder fotografieren ihre Welt“, einer Aktion von Off-Road-Kids e.V. und Vodafone. Die

Fotos spiegeln eine besonders drastische Erscheinungsform von Kinderarmut wieder und veranschaulichen

die Dimension und Absurdität dieses Themas in unserer Wohlstandsgesellschaft

nachhaltiger und lebensnäher als manche Beschreibung oder Reflexion. Wir haben die Fotos im

Heft bewusst zwischen den Kapiteln platziert um Ruhepunkte zu schaffen, um zwischen Zahlen

und Daten, theoretischen und praxisbezogenen Ausführungen Gelegenheit zu geben, sich die

praktische Konsequenz und die Dringlichkeit dieses Themas wieder neu bewusst zu machen.

Die Wanderausstellung „Kennen wir uns? Straßenkinder fotografieren ihre Welt“ wurde inzwischen

mehrfach prämiert und gewürdigt. Sie kann bei Vodafone D2 gebucht werden. Nähere

Informationen erhalten Sie über www.offroadkids.de.


Zu guter Letzt...

wollen wir das Signal für einen Aufbruch setzen.

Teil V. Anhang

Die Münchner Erklärung zu „Armut und Gesundheit Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche“

scheint uns hierfür in besonderem Maße geeignet zu sein. Zum einen ist sie das Ergebnis

einer Gesundheitskonferenz und steht für die Sinnhaftigkeit der Bündelung der Kräfte

gerade in diesem Bereich. Des Weiteren schlägt sie die Brücke zu anderen Politikfeldern, zu anderen

Initiativen und Aktionen über kommunale und Landesgrenzen hinaus und betont die Bedeutung

gesamtgesellschaftlicher Strategien auf allen politischen Ebenen. Mehr aber noch ist sie

uns ein eindrucksvolles Beispiel entschlossenen Engagements, das von Bürgern und Initiativen,

Wissenschaftlern, Praktikern und politisch Verantwortlichen gleichermaßen getragen wird, Beispiel

auch für die Bereitschaft von Politik und Verwaltung, verbindliche Strategien zu formulieren

und die Verpflichtung zu verantwortlichem Handeln einzugehen.

Zahlreiche solcher innovativen, sichtbaren und von vielen gesellschaftlichen Kräften getragenen

Initiativen wünschen wir uns.

139


140

Teil V. Anhang

Armut und Gesundheit Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche

Münchner Erklärung

Armut gibt es auch in München. Die Gesundheitschancen und damit die Entwicklungschancen

von Kindern- und Jugendlichen sind davon besonders betroffen. Zum Thema ''Armut und Gesundheit

Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche“ fand am 07.02.2001 eine Gesundheitskonferenz

in München statt. Die 'Münchner Erklärung' basiert auf der Entschließung der

Gesundheitsministerkonferenz 2000, der Kölner Entschließung der 'Gesunden Städte' 1999 und

der Münchner Gesundheitskonferenz.

Alle müssen etwas tun: Armut ist ein gravierendes Gesundheitsrisiko. Die Verbesserung der

Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen bedarf einer ressortübergreifenden gesundheitsförderlichen

Stadtentwicklungspolitik. Die Gesundheitskonferenz stimmt mit der Kölner

Entschließung darin überein:

„Alle müssen etwas tun. Gesamtgesellschaftliche Strategien auf kommunaler, Landes- und

Bundesebene zur Bewältigung dieser Problematik sind notwendig.“

Die Ursachen der Armut müssen bekämpft werden. Kinder dürfen kein Armutsrisiko sein, Erziehungsleistung

muss neu bewertet und bezahlt werden.

1. Armut und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen zum Thema machen!

Der Gesundheitsbeirat hat das Thema 'Armut und Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen'

zum Jahresthema 2001 gemacht. Der Gesundheitsbeirat bietet an, die vorgeschlagenen Maßnahmen

in seinen Arbeitskreisen fachlich zu beraten und eine Empfehlung zu verabschieden. Es

ist notwendig, das Thema vor Ort mit Bürgerinnen und Bürgern, Initiativen, Diensten und Einrichtungen

sowie dem Bezirksausschuss zu bearbeiten und in konkreten Maßnahmen umzusetzen.

Damit einhergehend sind verstärkte Anstrengungen zur besseren Kooperation und Vernetzung

vor Ort zwischen Gesundheitsbereich, Schule, Jugendhilfe /Jugendarbeit und Sozialbereich

notwendig. Dazu bietet sich z.B. das Netzwerk REGSAM (Regionalisierung der sozialen

Arbeit in München) an. Ziel ist es unter anderem ein wirksames Frühwarnsystem zu entwickeln.

Sozial- und Gesundheitsberichterstattung sind zu vernetzen und ggf. zu regionalisieren. Eine

Verbesserung der Datengrundlagen soll erfolgen, zusätzlich sollen Sozialmerkmale in die

Dokumentation der schulärztlichen Untersuchungen aufgenommen werden.

2. Verbesserung der Arbeit durch Fortbildungen und strukturelle Maßnahmen.

Zur Verbesserung der Chancengleichheit von benachteiligten Kindern und Jugendlichen ist es

wichtig, dass diese mehr als bisher von den vorhandenen gesundheitlichen und sozialen Diensten

und Angeboten profitieren. Spezielle Fortbildungen sollen dazu beitragen,

dass alle Akteure die Zusammenhänge und Symptome von Armut und Krankheit auch geschlechts-

und kulturspezifisch frühzeitig erkennen und darin geschult sind, die Kompetenzen

der benachteiligten Mädchen und Jungen, sowie ihrer Eltern zu entdecken, zu respektieren

und zu stärken (Salutogenese bzw. Primärprävention);

dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie die

niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte für Kinder- und Jugendmedizin und andere Fach-


Teil V. Anhang

gruppen das regionale Hilfesystem der Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe kennen, es zum

Wohle der benachteiligten Kinder besser nutzen können und sich im Bedarfsfall mit Mitarbeiter(inne)n

dieser Institutionen besser rückkoppeln;

dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder-, Jugend- und der Sozialarbeit sowie

der Schulen über medizinische Vorsorgemöglichkeiten und gesundheitsförderliche Angebote

und Hilfen informiert sind, um entsprechende Wegweisung geben zu können;

dass Erzieherinnen/ Erzieher und Lehrerinnen/ Lehrer sowie die Mitarbeiterinnen/ Mitarbeiter

des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und der offenen Kinder- und Jugendarbeit die

Ansätze und Themen der Gesundheitsförderung speziell im Hinblick auf Benachteiligte

verstärkt berücksichtigen und altersgemäß, geschlechts- und kulturspezifisch aufgreifen

können;

In diesem Sinne fordert die Gesundheitskonferenz:

Das Personal- und Organisationsreferat soll in Absprache mit dem Referat für Gesundheit

und Umwelt, dem Sozialreferat und dem Schulreferat adäquate Fortbildungen konzipieren

und diese in das städtische Fortbildungsangebot aufnehmen. Referatsinterne Fortbildungen

sollten je nach Eignung für die jeweils anderen Referate und die Einrichtungen der

Freien Wohlfahrtspflege geöffnet werden.

Die Wohlfahrtsverbände und freien Träger sollen analog im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich

Fortbildungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anbieten.

Die Ärztekammer bzw. der Ärztliche Kreis- und Bezirksverband sollen ihre Mitglieder über

die vorhandenen Hilfsmöglichkeiten verstärkt informieren.

Die gesundheitlichen und sozialen Dienstleistungen sollen auf ihre Erreichbarkeit und Nutzbarkeit

durch Benachteiligte überprüft werden. Nötige inhaltliche, methodische und organisatorische

Veränderungen (z.B. Hausbesuche / Gehstruktur) sollen vorgenommen werden,

um diese Zielgruppe besser zu erreichen.

3. Gesundheitsförderung muss zielgenau und konkret sein

Viele Münchener Projekte und Einrichtungen leisten bereits einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung

der Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen. Einige Projekte wurden als gute

Beispiele auf der Gesundheitskonferenz vorgestellt (wie z.B. die Gesundheitsberatungsstelle

Hasenbergl).

Die Gesundheitskonferenz fordert:

Sozial- und Gesundheitswegweiser müssen stadtteilbezogen erstellt werden. Die Auflistung

der gesundheitlichen und sozialen Einrichtungen und Dienste, Initiativen und Selbsthilfegruppen

müssen Fachleuten und Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung stehen.

Öffentlich geförderte kinder- und jugendspezifische Freizeit- und Ferienangebote müssen

ausgeweitet werden und für finanziell schwache Familien attraktiv bleiben.

'Öffentliche Räume' für Kinder und Jugendliche, die diese sich aneignen können, müssen

weiter ausgebaut werden. Fehlende Freizeiteinrichtungen sind zu ergänzen.

141


142

Teil V. Anhang

An allen Schultypen muss Halbtagsbetreuung und Mittagstisch garantiert sein. Die Ganztagesschule

muss sukzessive als Standard flächendeckend eingeführt werden.

Gesundheitsförderung an den Schulen muss ausgebaut werden, Gesundheitsbildung zum

Pflichtfach werden; Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen sind dabei einzubeziehen

und zu fördern.

Zugang zum Schul- und Bildungssystem und zur medizinischen Versorgung für alle Flüchtlinge

und deren Kinder, unabhängig vom Aufenthaltsstatus, ist zu garantieren.

Die Lebensbedingungen in den Sammelunterkünften müssen verbessert werden, z.B. durch

aufsuchende Gesundheitshilfen, Abschaffung der Essenspakete. Begleitende Dolmetscherdienste

müssen selbstverständlich sein.

Aufsuchende Gesundheitsvorsorge vom Säuglings- bis zum Jugendalter muss eingerichtet

werden, Hausbesuche der Kinderkrankenschwestern müssen ausgebaut werden.

Die medizinische Betreuung muss multidisziplinär und vor allem präventiv ausgerichtet

sein.

Niederschwellige Angebote (wie z.B. Gesundheitsberatungsstelle Hasenbergl) müssen ausgeweitet

werden und in allen Stadtteilen mit besonderem Bedarf angeboten werden.

Die Münchner Erklärung wurde erarbeitet von

Martin Eichner, Sozialamt Rita Fehrmann-Brunskill, Referat für Gesundheit und Umwelt Elly

Geiger, Kreisjugendring München-Stadt Dr. Hermann Gloning, Ärztlicher Kreis- und Bezirksverband

Christian Groffik, Referat für Gesundheit und Umwelt Klaus Hehl, Referat für

Gesundheit und Umwelt Natascha Hermann, M.P.H., Public Health-Studiengang Paul A.

Hirschauer, Stadtjugendamt Dr. Erwin Hirschmann, Vorstand Gesundheitsbeirat Dr. Waltraud

Knipping, Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Ute Kratzer, Allgemeiner Sozialdienst

Ursula Latka-Kiel, Münchner Aktionswerkstatt G'sundheit Dr. Andreas Mielck,

M.P.H., GSF-medis Rolf Romaus, Gruppe für Sozialforschung Gabriele Spies, Referat für

Gesundheit und Umwelt Karin Spörl, Schulreferat Willibald Strobel-Wintergerst, Arbeitsgemeinschaft

Freie Wohlfahrtspflege Prof. Dr. Dr. h.c. Hubertus von Voss, Kinderzentrum

München.

Die Dokumentation der Gesundheitskonferenz ist (in begrenzter Stückzahl) erhältlich bei

Klaus Hehl, Geschäftsführer des Gesundheitsbeirats Referat für Gesundheit und Umwelt,

Implerstraße 9, 81371 München

Bestellungen bitte nur schriftlich oder per e-mail Gesundheitsbeirat.rgu@muenchen.de

Kontakt über: Klaus Hehl, Telefon 089 233 24911

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