Heimat-Rundblick Nr. 122 Herbst 2017

Druckerpresse

Magazin für die Region um Hamme, Wümme und Weser

Herbst 2017

Einzelpreis € 4,50

3/2017 · 30. Jahrgang

ISSN 2191-4257 Nr. 122

RUNDBLICK

AUS DER REGION HAMME, WÜMME, WESER

GESCHICHTE · KULTUR · NATUR

Zu dieser Bremer

Sehenswürdigkeit

finden Sie zwei

lesenswerte Artikel

in diesem Heft!

Foto: pixabay.com

I N H A L T

unter anderem:

Jürgen Christian Findorff in Osterholz

Hinter Stacheldraht im Teufelsmoor

Vor 100 Jahren

„Let the good times roll“

Worpsweder Dorfplatz

Aufruhr im Kloster Lilienthal

Eine Oase für Kinder

Bremer Kahnschifffahrt

Staatsforst Düngel

I N H A L T


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Redaktionssitzung

Termin und Ort der nächsten

Redaktionssitzung standen

zum Redaktionsschluss

leider noch nicht fest.

Die Teilnehmer werden dazu gesondert

per Postkarte oder E-Mail eingeladen.


Aus dem Inhalt

Aktuelles

Harald Steinmann

Arno Schmidt und Lilienthal Seite 15

BRAS e. V.

Köksch un Qualm Seite 19

Gerhard Behrens

Lauenburg an der Elbe Seite 21

Maren Arndt / Ursula Villwock

„Let the good times roll“ Seite 22

Axel Spellenberg

Worpsweder Dorfplatz Seite 23

Johannes Rehder-Plümpe

Europäisches Kulturerbejahr 2018 Seite 26

Jürgen Langenbruch

Redaktionssitzung Seite 29

Heimatgeschichte

Wilhelm Berger

Jürgen Christian Findorff

in Osterholz Seite 4 – 8

Herbert Rüßmeyer

Hinter Stacheldraht

im Teufelsmoor Seite 12 – 13

Rudolf Matzner

Anschlag im Pressehaus

der „Bremer Nachrichten“ Seite 18 – 19

Rupprecht Knoop

Aufruhr im Kloster Lilienthal Seite 24 – 25

Johannes Rehder-Plümpe

Die Bremer Kahnschifffahrt Seite 28 – 29

Kultur

Herbert A. Peschel

Die Stadtmusikanten in Namibia Seite 9

Rudolf Matzner

Die Bremer Stadtmusikanten

in Riga Seite 14 – 15

Natur

Maren Arndt

Na, wo sind sie denn? Seite 10

Susanne Eilers

Das Gänseblümchen Seite 11

Wilko Jäger

Eine Oase für Kinder Seite 27

Wilko Jäger

Der Staatsforst Düngel Seite 30 – 31

Serie

Jan Brünjes

Lach- und Torfgeschichten Seite 20

Peter Richter

Bauernregeln Seite 9

Vor 100 Jahren Seite 16 – 17

Fast vergessen Seite 21

‘n beten wat op Platt Seite 23

Redaktionsschluss für die nächste

Ausgabe: 15. November 2017

Liebe Leserinnen

und Leser,

das letzte Quartal des Jahres ist angebrochen,

weiteres Warten auf einen

sonnigen Sommer ist wohl zwecklos -

die dunkle Jahreszeit dräut uns.

Aber auch diese hat ihre spezifischen

Reize, ein goldener Herbst und ein vielleicht

weißer Winter gehören zum Wandel

der Jahreszeiten in unserer Region -

und läßt in uns die Vorfreude auf einen

kommenden Frühling entstehen. Die

dunklen Abende geben Ihnen vielleicht

die Gelegenheit, bei gemütlicher

Beleuchtung die Artikel des aktuellen

Heimat-Rundblicks Nr. 122 zu studieren.

Unserer Redakteurinnen und

Redakteure haben sich wie immer viel

Mühe mit der Abfassung der Artikel

gemacht und ein buntes und interessantes

Kaleidoskop erarbeitet.

So beginnt es mit einem Artikel über

Jürgen Chr. Findorff in Osterholz, der

viele Informationen zur Geschichte des

Ortes darstellt. Und wenn Sie der Meinung

sind, dass man die „Bremer Stadtmusikanten“

nur in unseren Gefilden

kennt, dann können Sie zwei Texte zu

Stadtmusikanten in Namibia und Riga

vielleicht vom Gegenteil überzeugen. Es

folgen Pilze und die Heilpflanze des Jahres

2017, das Gänseblümchen. Im Teufelsmoor

gab es in der Nazizeit ein

Zwangsarbeitslager, von dem Herbert

Rüßmeier berichtet. Arno Schmidt,

bekannt ist sicher das Fragment „Lilienthal

1801 oder die Astronomen“, war

Thema einer Lesung im „Borgfelder

Landhaus“. Ein Rückblick auf die Zeit

vor 100 Jahren gibt angesichts der heutigen

Fülle an Lebensmitteln zu denken,

ebenso ein Anschlag im Jahre 1951 mit

einer Briefbombe. Weiter geht es mit

„Lach- und Torfgeschichten“ und über

Lauenburg als Geburtsort der Findorff-

Brüder. Musikalisch geht es bei einer

Ausstellung im Kreishaus zu, bei dem es

um den „Musikladen“ geht - Dr. Zaft

aus Garlstedt hat sich mit großem Aufwand

und Erfolg um die Erhaltung

bemüht. Worpswede einmal etwas

anders gedacht - ein Vorschlag zur

Umgestaltung von Axel Spellenberg.

„Aufruhr im Kloster Lilienthal“ - auch

das hat es gegeben. Es folgen Berichte

zum „Europ. Kulturerbejahr 2018“, von

einem Naturspielplatz in Meyenburg,

der Bremer Kahnschifffahrt und dem

Staatsforst „Düngel“ bei Meyenburg.

Das war’s - viel Spaß beim Lesen

wünscht Ihnen

Ihr Jürgen Langenbruch

Impressum

Herausgeber und Verlag: Druckerpresse-Verlag UG

(haftungsbeschränkt), Scheeren 12, 28865 Lilienthal,

Tel. 04298/46 99 09, Fax 04298/3 04 67, E-Mail

info@heimat-rundblick.de, Geschäftsführer: Jürgen

Langenbruch M.A., HRB Amtsgericht Walsrode 202140.

Redaktionsteam: Wilko Jäger (Schwanewede),

Rupprecht Knoop (Lilienthal), Dr. Christian Lenz (Teufelsmoor),

Peter Richter (Lilienthal), Manfred Simmering

(Lilienthal), Dr. Helmut Stelljes (Worps wede).

Für unverlangt zugesandte Manuskripte und Bilder wird

keine Haftung übernommen. Kürzungen vorbehalten. Die

veröffentlichten Beiträge werden von den Autoren selbst

verantwortet und geben nicht unbedingt die Meinung

der Redaktion wieder. Wir behalten uns das Recht vor,

Beiträge und auch Anzeigen nicht zu veröffentlichen.

Leserservice: Telefon 04298/46 99 09, Telefax 04298/3 04 67.

Korrektur: Helmut Strümpler.

Erscheinungsweise: vierteljährlich.

Bezugspreis: Einzelheft 4,50 €, Abonnement 18,– € jährlich

frei Haus. Bestellungen nimmt der Verlag entgegen;

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Der HEIMAT-RUNDBLICK ist erhältlich:

Bremen: Böttcherstraße/Ecke Andenkenladen

Worpswede: Buchhandlung Netzel, Aktiv-Markt, Philine-

Vogeler-Haus (Tourismus-Info), Barkenhoff.

Hinweis der

Redaktion

Liebe Leser!

Aus aktuellem Anlass möchten wir Sie

bitten, bei der Bezahlung Ihrer Rechnungen

für das Abonnement des Heimat-Rundblicks

auf der Überweisung

unbedingt zu vermerken, für welche

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der Kunden-Nr., die Sie ebenfalls auf

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Es würde uns bei der Zuordnung

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Die Redaktion

Titelbild:

Die Bemer Stadtmusikanten

Foto: pixabay.com

RUNDBLICK Herbst 2017

3


Jürgen Christian Findorff in Osterholz

Erste Karte des Fleckens aus dem Jahre 1756 Teil 3

Anhand der bisherigen Untersuchungen

konnte aufgezeigt werden, dass sich Osterholz

aus zwei Komplexen gebildet hatte.

Da war zum einen der aus dem ehemaligen

Kloster erwachsene Bereich des Amtes

und der Kirche, zum anderen eine Ansiedlung

überwiegend bäuerlicher Natur;

durch die von Findorff gewählte Gestaltung

sind beide in der Karte farblich unterschieden.

Zwischen beiden bestanden

enge Zusammenhänge. So hatte sich der

Flecken Osterholz in unmittelbarer Nähe

zum Kloster entwickelt. Das Grundgerüst

dieser Siedlung bildeten die Stellen der

zehn alten Hofleute sowie der fünfzehn

kleinen alten Hofleute. Dazu waren weitere

Ansiedler gekommen, so dass die Zahl der

Feuerstellen bis 1753 auf 59 angewachsen

war.

Insgesamt gesehen nehmen die Siedlungsflächen

aber nur einen kleinen Anteil

an der gesamten Karte ein; besonders

nach Südosten hin sind bis zur Hamme

und z. T. darüber hinaus siedlungsfreie

Flächen von Findorff kartiert worden. Ein

besonderes Augenmerk liegt dabei auf den

Flächen, die er als zu diesem Amte gehörigen

Pertinentz-Stücke bezeichnet und die

sowohl auf der Geest als auch in der Niederung

liegen. Diese werden am oberen

Kartenrand tabellarisch aufgeführt. In der

Summe ergeben sich rund 144,9 Morgen

Saatland, 183,6 Morgen Wiesen, 227,5

Morgen Weiden und 7,2 Morgen Gartenland,

zusammen 562,3 Morgen, etwa 142

ha. Dieser nicht unerhebliche Grundbesitz

dürfte durch die Bediensteten des Vorwerks

bewirtschaftet worden sein.

Die Hofleute benötigten aber auch Land

zur Bewirtschaftung. Der Karte kann man

hierzu einerseits entnehmen, dass die

Hausstellen von Gartenland umgeben

sind, andererseits gibt es ganz wenig Saatland,

aber relativ viel Grünland, das in der

o. g. Tabelle nicht erfasst ist und somit den

Hofleuten zugeordnet werden kann. Dies

waren Gemeinschaftsweiden. Zu jeder

Der Kern von Osterholz im Luftbild von 1952 mit dem noch offen verlaufenden Scharmbecker Bach im Vordergrund.

© Sigrid Hofmann, Schwanewede

Stelle gehörte ein Rübhof; darüber hinaus

besaßen die Hofleute Ackerland in der Langen

Heide und eine Torfstich-Gerechtigkeit

im herrschaftlichen Sandhausener

Moor. 44)

Ein Jahr zuvor (1755) hatte Findorff

detaillierte Kartierungen von Teufelsmoor

durchgeführt. Die dort vermerkten ausführlichen

Angaben zur Besitz- und Nutzungsstruktur

der einzelnen bäuerlichen

Betriebe finden in der Karte über Osterholz

jedoch keine Entsprechung 45) , so dass für

die einzelnen Landwirte keine genauen

Flächenangaben vorliegen

Der vorrangige Erwerb der Osterholzer

Siedler entstammte der Landwirtschaft,

einem individuell betriebenen Ackerbau

auf der Geest sowie einer Viehhaltung mit

Milchviehhaltung, Rinder- und Schweinemast;

dazu kam noch Kleintierhaltung. Im

Sommer standen für die Rinder Gemeinheitsweiden

in der Hammeniederung zur

Verfügung, die ursprünglich vom Kloster

bereitgestellt und m. H. eines Kuhhirten

gemeinschaftlich beweidet wurden. Zur

Schweinemast stand den Bauern das Recht

zu, ihre Tiere zeitweise im Klosterholz

Eicheln suchen zu lassen. Zu den Hofstellen

gehörten anfangs Flächen von 54 – 60

Morgen (rund 14 – 15 ha). 46)

Der wirtschaftliche Bezug zum Kloster

und später zum Amt dürfte es mit sich

gebracht haben, dass eine Nachfrage nach

Diensten vorhanden war, die durch die

Flecken-Bewohner zu befriedigen war. Eine

daraus erwachsene Spezialisierung auf

bestimmte Berufe kann aber nicht belegt

werden.

Siedlungen nahe Osterholz

Zu Osterholz kamen später Siedlungen,

die zu Findorffs Zeit noch eigenständig

waren. Dazu gehören Muskau, Weyerdamm

und Ahrensfelde. Zum Amt Osterholz

gehörten 1753 das Dorf Muskau mit

Ausschnitt aus der Karte „Osterholz 1756“ (NLA Stade, Karten Neu Nr. 12929).

4 RUNDBLICK Herbst 2017


Ausschnitt aus der Karte „Osterholz 1756“ (NLA Stade, Karten Neu Nr. 12929). Bereich Muskau

9 und die Moorsiedlung Weyerdamm mit

16 Feuerstellen; das zur Börde Scharmbeck

gehörige Dorf Ahrensfelde zählte 13 Feuerstellen.

47)

Von den genannten Siedlungen ist von

Findorff nur das Dorff Muskau kartographisch

erfasst, von Ahrensfeld finden wir

Andeutungen.

Über die Namen der Bewohner weiß

man bereits seit dem 16. Jahrhundert. 48)

Durch die Schweden wurde die Ortschaft

Arenßfeldt dann 1647 aufgelistet. Damals

lebten dort 4 Bauleuthe und 2 Köther in

stattlichen Behausungen, hatten Saatland

und besaßen einen ansehnlichen Viehbestand.

49) Rund 70 Jahre später schrieb

Georg von Roth: „Ahrensfeld lieget von

Scharmbek ein klein Feld weges ins Nord-

Nord-Osten und bestehet nur aus 4 gantzen,

2 halben Bauhöfen und 2 Käthern.“ 50) ,

nachdem im Contributions-Hebungsregister

von Scharmke 1712 noch 9 Namen verzeichnet

waren. 51)

Auf dem Weg von Osterholz dorthin

befindet sich der kleine Weiler Muskau mit

5 erkennbaren Wohnstätten, nachdem G.

v. Roth 1718 festgestellt hatte: „Muskau

lieget Osterholtz nach Nord-Osten und

enthält 9 Häuser.“ 52) Auch deren Bewohner

lebten von der Landwirtschaft,

besaßen als Kötner allerdings nur einen

geringeren Rang.

Erwähnenswert sind zwei am Kartenrand

befindliche Wohnstätten abseits der

geschlossenen Bebauung. Dort verläuft

steigungsarm zwischen Osterholz und

Scharmbeck, ohne die beiden Orte zu

berühren, die Frachtstraße von Bremen

nach Stade; an ihr findet man das Tormans

Haus und etwas östlich davon des

Abdeckers Wohnung. Beim Abdecker ist es

klar, dass man ihn und sein anrüchiges

Gewerbe nicht in Siedlungsnähe haben

wollte. Aber welche Aufgabe hatte der Tormann?

Eine Stadt mit Tor gab es nicht;

auch verließ die Straße dort kein Territorium,

an dessen Grenzen man Zoll hätte

kassieren können. Eventuell war es ein

Wegegeld, das man für das Befahren der

Straße entrichten musste.

Osternheide

Ein Weiler südwestlich von Osterholz an

dem Weg nach Bremen. Erzbischof Johan

Adolf zu Holstein hatte dem Kloster, vertreten

durch Propst Ortgies Schulte und

Domina Gössen von Brobergen, „den

Wind verliehen“ 53) , d. h. die Genehmigung

zum Bau einer Windmühle erteilt. Ob diese

Windmühle dann jemals gebaut worden

ist, kann als umstritten gelten; sie taucht

nicht wieder auf, auch Spuren von ihr und

ihrem Standort fehlen bisher.

Wohl aber hat sich eine Siedlung gebildet,

zu der 9 Familien im Jahre 1698

gehörten. Um die Zeit existierten noch

eine Schäferei sowie Fischteiche des

Klosters. 54) Diese Wirtschaftsbetriebe haben

also offensichtlich das Ende des Klosters

überdauert und sind in der Folge weitergeführt

worden.

Roth hält 1718 fest: „Osterheyde lieget

südwerts [von Osterholz] gegen das Dorf

Lintel, hat eine Walckmühle, und bestehet

nebst derselben aus 7 Häusern.“ 55)

Auf der Karte von Findorff besteht die

Siedlung Osterheide aus 5 Häusern. Die

Feldmark befindet sich als ackerbaulich

genutztes Land auf der Geest. Neben dem

Scharmbecker Bach erkennt man einen

größeren und einen kleineren Fischteich.

Die oben erwähnte Walkmühle liegt weiter

bachabwärts jenseits des Heid-Camps (auf

dem folgenden Kartenausschnitt zu erkennen).

Ihre Wasserversorgung wurde durch

einen Teich reguliert. Über die Mühle ist

aus früherer Zeit nichts bekannt. Bei Segelken

wird sie als „herrschaftliche Mühle“

bezeichnet. 56) Dann müsste sie 1718 noch

ganz neu gewesen sein, was v. Roth aber

nicht erwähnt.

Erwähnenswert auf dem Kartenausschnitt

ist noch der jenseits der Straße

gelegene Justitz-Platz. Offensichtlich stand

auf dieser Gerichtsstätte der Galgen, der

Schauplatz der letzten Hinrichtung im

Jahre 1680 gewesen ist. 57)

Herrschaftliche Ziegelei

Im Anschnitt noch auf dem Ausschnitt

von Osterheide erkennbar ist das Gelände

der Ziegelei am Heidkamp, das in einem

weiteren Ausschnitt im Zusammenhang

präsentiert wird.

Als Herrschaftliche Ziegelei wurde der

Betrieb unter dem Drost Burchard Georg

von Schwanewede und dem Amtschreiber

und späteren Amtmann Anton Friedrich

Meiners im Jahre 1734 aufgenommen. Um

eine Ziegelei zu betreiben, müssen

wesentliche Bedingungen erfüllt sein.

Erstens muss der erforderliche Rohstoff,

also Ton bzw. Lehm, vorhanden sein. Zwei-

Ausschnitt aus der Karte „Osterholz 1756“ (NLA Stade, Karten Neu Nr. 12929). Bereich Osternheide

RUNDBLICK Herbst 2017

5


Ausschnitt aus der Karte „Osterholz 1756“ (NLA

Stade, Karten Neu Nr. 12929). Bereich Ziegelei

tens benötigt man Heizmaterial, um die

Ziegel zu brennen. Drittens werden

Arbeitskräfte benötigt, die mit der Technik

der Ziegelherstellung vertraut sind. Viertens

braucht man Abnehmer für die fertigen

Ziegel und fünftens Verkehrswege, auf

denen Rohstoffe an- und Fertigwaren

abtransportiert werden können.

Die Ziegelei war auch der Anstoß für

eine erste Kartierung, die älteste, die überhaupt

für den Flecken Osterholz vorliegt.

In dieser recht anschaulich gestalteten

Karte von F. v. Haerlem werden der Bereich

der Ziegelei und die angrenzenden

Flächen maßstäblich dargestellt, während

entfernter liegende Bereiche wie der Ortsbereich

von Osterholz nur bildhaft eingezeichnet

sind. Gut erkennbar sind auch der

oben erwähnte Fisch Teich und die Walk

Mühle (R) mit Stauteich, ferner der Heydkamp

(Q). Die Findorff-Karte von 1756

stimmt damit weitestgehend überein; in

Karte der Ziegelei, erstellt von F. v. Haerlem 1749 (NLA Stade, Karten Neu Nr. 13062)

der älteren Karte werden jedoch die einzelnen

Gebäude, Flächen und deren Funktion

näher benannt. Bei aller inhaltlichen

Übereinstimmung wird bei den kurz nacheinander

erschienenen Karten ein Fortschritt

der Kartographie deutlich. Ist v.

Haerlem 1749 noch bei einer gegenständlichen

Darstellung, wie sie auch beim Heinbach-Plan

der Stadt- und Landgebiete Bremens

aus dem Jahre 1748 praktiziert worden

ist, 58) so sind Findorffs Karten abstrakter

und nur noch der maßstabsgetreuen

Flächendarstellung verpflichtet.

Die Vielzahl der Gebäude lässt auf eine

umfangreiche und differenzierte Produktion

schließen. Eine besondere Rolle spielt

dabei der Canal (T). Auf ihm wird der Torff

angefahren, wobei der Kanal direkt in das

Torff Schauer (C) führt. Als Brennmaterial

dient er in der Kalck Brennerey (D) und den

Brennöfen (J und K).

Standortfaktoren

für die Ziegelei

Oben sind fünf Bedingungen genannt

als Voraussetzung für einen wirtschaftlichen

Betrieb der Ziegelei, die man als

Standortfaktoren bezeichnen kann. Als

weitere Bedingungen kann man noch

die Besitz- und Genehmigungsfragen

anführen.

Zum ersten Standortfaktor: Die Scharmbecker

Geest als Teil der Stader Geest ist an

zahlreichen Stellen durchsetzt von Tonvorkommen,

die vielerorts die Grundlage für

eine große Zahl von Ziegeleien gebildet

haben. Man findet diese Lagerstätten als

„Lauenburger Ton“ eingebettet in die

Ablagerungen der drittletzten Eiszeit, der

Elster-Eiszeit, die vor rund 400 000 Jahren

weite Teile Norddeutschlands mit ihren

Gletschern geprägt hat.

Ein oberflächennahes Vorkommen bot

sich am Übergang von der Geest zur Niederung

hin im Bereich des heutigen Stadions,

bei Findorff als Lehm-Grafft bezeichnet.

59) Wann dort zuerst Ton gegraben

worden ist, lässt sich nicht sagen. Es ist

aber anzunehmen, dass das Material für

die Backsteine der Klosterkirche bereits

dort gewonnen worden ist. In der Karte

deuten aber weiter nördlich noch der Ziegel-Camp

und das nahe gelegene Ziegel-

Camps-Holtz auf mögliche frühere Tongruben

hin. Eine systematische Erschließung

der o. g. Grube hat dann aber erst zur Zeit

der Ziegelei-Gründung stattgefunden.

Mit Schreiben vom 11. Dezember 1730

an die Kammer in Hannover wurde durch

v. Schwanewede und A. F. Meiners erstmals

der Bau einer Ziegelbrennerey angeregt.

60) Sie sprechen darin von „vielen fetten

Leimen“ in einer Tiefe von 10 – 12 Fuß

und in einer solchen Menge vorhanden,

„daß es daran nimmermehr mangeln

kann“.

In der Vergangenheit habe es zu klösterlichen

Zeiten bereits 8 Ziegelhütten gege-

6 RUNDBLICK Herbst 2017


Schematisches geologisches Profil (Ausschnitt);

aus: Hans-Gerhard Kulp, Der Weyerberg und das

Teufelsmoor; Lilienthal 1995, S. 11. Links gesamt,

rechts Ausschnitt

ben, die jedoch während des Dreißigjährigen

Krieges, in den „ehemahligen schweren

Kriegeszeiten ruiniret und eingegangen

sind.“ Für die Qualität der Vorkommen

spreche auch, dass die noch vorhandenen

Steine der ehemaligen Klostergebäude

neue Steine aus Bremen an Festigkeit

„weit übertreffen“.

Ein weiterer zeitgenössischer Bericht

beschreibt die Vorkommen als „blau bzw.

schwarz“ und „fett“ 61) , also von offenbar

sehr guter Qualität. Auch war die Menge

so eingeschätzt, dass für die Ziegelei gute

Perspektiven vorlagen.

In der Karte von 1749 steht dazu unter

dem Buchstaben U: „Platz in der Forst,

alero seit 17 Jahren die Ziegel Erde zu

Mauer Steinen aus gegraben worden. Hält

2 Morgen 73 ½ Ruthen.“ Das wären ca.

0,66 ha bei einem Beginn des Abbaus

1732.

Ein interessanter Aspekt bei den Vorkommen

im Klosterholz war, dass die

Leimgräber bei ihrer Tätigkeit dann und

wann auf Bernstein stießen, der offenbar

gar nicht so selten in den Tonschichten

eingelagert war.

Zum zweiten Faktor: Das Angebot an

Torf erwies sich als der entscheidende Faktor

für die Anlage der Ziegelei in Osterholz;

positiv war auch, dass das zusätzlich zum

Brennen benötigte Erlen- und Birkenholz

im Nahbereich zu beschaffen wäre.

Im Jahre 1730 befinden wir uns am

Anfang jener Zeit, in der der Staat – hier

also das Kurfürstentum Hannover –

begann, über die Nutzung der wilden

Moorgebiete die ersten Pläne zu erstellen.

Hierin besaß Hannover mit v. Schwanewede

und Meiners eifrige Unterstützer, die

diesen Prozess mit eigenen Vorschlägen

fördern wollten, da „die Verbeßerung der

Herrschaftlichen möhre unß auserst angelegen

seyn“. 60) Im Interesse stand dabei die

Gewinnung des unten liegenden

schwarzen Torfes; dazu musste zunächst

aber der obere, weiße Torf abgetragen

werden. Bei diesem gab es nun ein Überangebot,

da er „gar schlecht sey auch

RUNDBLICK Herbst 2017

nicht anders alß zum Ziegel- und Kalck-

Brennen abgesetzet werden könne“. Da

dieser Verkauf oftmals nicht einmal die

Kosten der Gewinnung deckte, machten

die Osterholzer Beamten also den Vorschlag,

eine eigene Ziegelbrennerei zu

errichten und diese mit dem weißen Torf

zu befeuern, um ihn „in loco zu consumiren“.

Zum dritten Faktor: Aufbau und Betrieb

einer Ziegelei setzte ein gehöriges Maß an

Fachwissen voraus. Aus der Karte kann

man ja erschließen, dass es um einen

imposanten Betrieb ging, den man evtl.

sogar schon als industriell bezeichnen

kann und für den etliche Arbeitskräfte

benötigt wurden.

Außer einem „in der Nähe wohnenden

Töpfer“ waren vermutlich keine weiteren

Fachkräfte mehr vor Ort. Für den Arbeitsmarkt

würden sich aber gute Perspektiven

ergeben, da „durch dieses werck zugleich

verschiedene unterthanen dieses Orthes

Ihre beständige arbeit finden können“.

Offen blieb zunächst, wer das Werk

bauen und betreiben sollte, ob dies Hannover

in Eigenregie machen oder dem Amt

Osterholz genehmigen würde, die Ziegelei

auf eigene Kosten zu errichten und gegen

einen gewissen Zins an die Landesherrschaft

zu betreiben.

Zum vierten Faktor: Im ländlich geprägten

Gebiet war die Verwendung von Backstein

zunächst einmal nicht typisch; es

herrschte eindeutig der Fachwerkbau vor.

Etwa bis zum Jahre 1700 konnten sich die

Hofleute auch darauf verlassen, dass sie

Holz zum Bauen aus dem Klosterholz

gestellt bekamen.

Ziegel für Mauerwerk und Dacheindeckung

waren für den gewöhnlichen

Dorfbewohner zu teuer. So waren es ja

auch zunächst die auf längere Zeiträume

veranschlagten Kirchenbauten, für die dieses

Material in Frage kam. Von der Klosterkirche

heißt es, dass sie auf einem Fundament

von Feldsteinen und zersprengten

Findlingen ehemaliger Hünengräber

gegründet sei. Dieses Baumaterial wurde

dann jedoch nicht weiter verwendet, stattdessen

stellt die Kirche eins der frühesten

Zeugnisse über die Verwendung von Backstein

dar. Auch das ehemalige Armen- und

Pflegehaus ist aus Backstein gebaut.

Als privater Abnehmer taucht für das

Jahr 1754 die Adelsfamilie von Sandbeck

auf. Joh. Steeneck legt eine Rechnung aus

jenem Jahre vor mit einem „Verzeichniß

derer Pfannen, so dero Hochwohlgeborene

der Herr von Sandbeck von hiesiger

Ziegelei abholen lassen“. 62) Das waren im

Laufe des Jahres knapp 1000 Dachpfannen.

Ob das Bauen mit diesen Tonziegeln

billig war, wie Steeneck behauptet, sei

dahingestellt. Aus der Aufstellung geht

jedenfalls hervor, dass für 200 Dachpfannen

2 Thlr. und 3 grt. bezahlt werden mussten.

Laut Quittung des Ziegeleibetreibers

A. L. Specht hat Herr von Sandbeck die

Pfannen im August 1754 bar bezahlt.

Wenn nun hier eine Ziegelei angesiedelt

wurde, muss das auch etwas mit einem

veränderten Verständnis zu tun haben,

dass nämlich Osterholz als Amtsort durch

moderne Bauten etwas von seiner Provinzialität

ablegen sollte. So sind dann auch

die amtlichen Bauten als erste Abnehmer

für die gebrannten Ziegel zu sehen. Von

denen aus erhoffte man sich wahrscheinlich

dann den Impuls, der auf die private

Bauwirtschaft seine Auswirkung finden

sollte.

Daneben waren v. Schwanewede und

Meiners auch selbstbewusst genug, sich

gute Chancen auf dem bremischen Markt

auszurechnen. In erster Linie wurde der

Raum Vegesack ins Auge gefasst, wo man

die Steine billiger und in besserer Qualität

anbieten könne. „Wir zweifeln hieran umb

so viel weniger weil a) die bremischen Ziegelbrennereyen

niemahlen so viel Steine

liefern können, alß erfordert werden und

daher gar viele mit großen Kosten die

Weser herunter gebracht werden müßen

b) daneben unß zuverläßig bekand, wie

jenen die erde zu mangeln beginne c) die

hiesigen Steine denen bremischen an

bonität vorgehen und d) selbige allemahl

7


wohlfeiler alß die bremer gegeben werden

können“. 60)

Tatsächlich entwickelte sich der Absatz

nach Bremen als tragende Säule des

Betriebs. So wandte sich A. F. Meiners 63)

mit der Bitte an Bürgermeister und Rat der

Stadt, ihm einen Platz auf dem Teerhof zu

vermieten, um die benötigten Steine in

ausreichender Menge vor Ort verfügbar zu

haben. In diesem Schreiben vom 22. September

1738 betonte er, dass er die

meisten Steine und Pfannen nach Bremen

absetze. Mit Schreiben vom 1. Dezember

1738 wurde ihm der gewünschte Stapelplatz

tatsächlich bewilligt. 64)

Noch etwas ist diesem Schriftwechsel zu

entnehmen. Meiners schreibt, „daß ich allhier

eine Ziegelbrennerey angeleget

[habe]“. Er war also selbst und alleine der

Betreiber der Ziegelei.

Zum fünften Faktor: Ziegel sind Massenprodukte,

die von Stückzahl und Gewicht

nicht für längere Transporte prädestiniert

sind. Bei Ton und Torf haben wir gesehen,

dass die Transportwege kurz gehalten

und im Falle des Torfs per Schiff erledigt

werden konnten, wobei „der transport

des Torffes bis Bremen gespart werden

kann.“ 60) Beim Kalk ist die Aussage nicht

ganz so einfach. Kalksteinvorkommen bietet

die Region nicht, sie wären im Weserbergland

vorhanden. Denkbar ist aber

auch, dass wie für die Mörtelbereitung auch

Muschelkalke Verwendung fanden, die

man von der Nordseeküste her beziehen

konnte.

An der Ziegelei vorbei verläuft auf der

Findorff-Karte der Scharmbecker Lange-

Damm, der durch die Niederung in Richtung

Hamme führt und diese auch mit

einer Brücke überquert. In direkter Nachbarschaft

wird der Damm von einem

Schiff-Graben begleitet, der dann auf das

Ziegelei-Gelände führt.

Es gab also bereits 1756 eine schiffbare

Verbindung von der Hamme her zur Ziegelei,

die noch ergänzt wurde durch einen

rechtwinklig von NO aus Richtung der

Moore bei Pennigbüttel einmündenden

Schiff-Graben.

Zur Hamme hin muss es bereits früher

einen Graben gegeben haben, der vermutlich

nur zur Entwässerung diente. Im

Kostenanschlag für die Ziegelei taucht eine

Position auf, worin es darum geht, „einen

Graben von der Ziegelhütte bis in die

Hamme auffzureinigen und schiffbahr zu

machen inclusive einer darin anzulegenden

Schleuse“. 60) Und zwar so leistungsfähig,

dass die Steine „in den großen

eichen 65) nach Bremen und anderer orthen

verfahren werden können“.

Als einziges Gebäude nördlich des Dammes

befindet sich die Wohnung des Ziegeleiverwalters

an einem – wie es scheint –

Sandhügel, bevor sich dann der von einer

Art Hecke eingefasste Bereich des Heid-

Camps anschließt, der zu den o. g. zum

Amt gehörigen Saat-Ländereien gehört.

Im Norden grenzt an dieses mit gut 15

Morgen angegebene Ackerland der Teich

der Walck-Mühle.

Wilhelm Berger

Anmerkungen

44) Anm. 1 – 43 s. HRB Nr. 120, S. 25 und

Nr. 121, S. 13. Von Hermann Meyer,

Osterholz, erhielt ich wertvolle Informationen,

für die ich ihm sehr dankbar bin.

45) Vgl. Wilhelm Berger, Was die Findorff-

Karte über die Dorfbewohner verrät; in:

HRB 4/2013, S. 12 – 14

46) J. Segelken (1967), a. a. O., S. 115, 116

47) H. Fitschen, Das Amt Osterholz bei seinem

Uebergange an Hannover 1715;

in: HB 19/1927, S. 74. Muskau und

Weyerdamm gehören kirchlich seit 1696

zu Osterholz; Ahrensfelde (und Ahrensfelderdamm)

kamen erst 1779 dazu.

48) J. Segelken (1967) referiert über die Entwicklung

von Ahrensfelde (S. 209 –

211). Für weitere Informationen sei darauf

verwiesen.

49) Landesbeschreibung 1647, Band 6, S.

618, 619 (NLA Stade Rep. 5 b Fach 117

Nr. 170)

50) G. v. Roth, a. a. O.

51) Kreisarchiv Osterholz, o. Sign., S. 117 –

121

Lesenswert

„Regionale Museen im Landkreis

Osterholz – Geschichte entdecken –

Kultur erleben“, eine Reise in die

Vergangenheit und Gegenwart

einer ganz besonderen Region.

Hier möchten wir einmal auf eine sehr

informative und lesenswerte Broschüre

hinweisen, die der Landkreis Osterholz vor

Kurzem herausgegeben hat.

Hierbei handelt es sich auf 44 Seiten um

Beschreibungen der im Landkreis Osterholz

ansässigen Museen, die es sich zur

Aufgabe gemacht haben, die Geschichte

der jeweiligen Orte und ihrer Menschen

lebendig zu erhalten und den interessierten

Besuchern näher zu bringen.

Es sind Informationen enthalten zu

Ansprechpartnern und Öffnungszeiten

und auch eine Übersichtskarte mit allen

Museen ist enthalten.

Ganz besonders möchten wir auf diesem

Wege dem Landkreis Osterholz dafür

danken, dass der Heimat-Rundblick auch

mit einer Seite vertreten ist – und das völlig

kostenlos.

Diese Broschüre ist erhältlich beim

Landkreis Osterholz, Osterholzer Straße

23, in Osterholz-Scharmbeck.

52) G. v. Roth, a. a. O.

53) J. Segelken (1967), S. 260, 261

54) ebd., S. 108, 109

55) G. v. Roth, a. a. O.

56) J. Segelken (1967), S. 259

57) Wilhelm Berger, Fürstliche Zeiten (III); in:

HRB 2/2015, S. 16

58) Bremen und sein Landgebiet 1748. S. a.

Joh. Rehder-Plümpe, Die Karte!; in: HRB

2/2017, S. 18, 19

59) Den Nutzungswandel schildert: Hans

Siewert, Der Wandel von einer Tongrube

zum Osterholzer Waldstadion; in: HRB

3/2009, S. 21

60) NLA Stade, Rep. 74 Osterholz Nr. 799

61) H. P., Bernsteinfunde im Gebiet des Kreises

Osterholz; in: HB 1/1927, S. 2

62) Joh. Steeneck, Die Osterholzer Ziegelei,

in: HB 8/1933, S. 35

63) Laut H.-C. Sarnighausen, a. a. O. S.

370, 371, war A. F. Meiners 1737 zum

Amtmann aufgestiegen, nachdem B. G.

v. Schwanewede im selben Jahr als

Oberhauptmann zum Amt Verden

gewechselt war.

64) Staatsarchiv Bremen 2-Ss.5.b.44.a

65) große Eichenschiffe, die von Berufsschiffern

v. a. aus Bremen überwiegend für

die Torfschifffahrt eingesetzt wurden

8 RUNDBLICK Herbst 2017


Die Stadtmusikanten in Namibia

Eine überlieferte Geschichte der Ovambo

Im Süden Afrikas fand ich vor Jahren eine

seltsam bekannte Geschichte in einer Zeitung.

Sie erkennen sie bestimmt.

In der Volksdichtung einiger afrikanischstämmiger

Volksgruppen Namibias finden

sich oftmals auch Erzählungen, die

ursprünglich aus Europa stammen. Die

Geschichten sind an die örtlichen Verhältnisse

angepasst und nach eigenen Vorstellungen

umerzählt. Ein Beispiel dafür ist das

folgende Märchen der Ovambo, das von

Missionaren eingeführt wurde...

Es war einmal …

… ein Mann, der einen Esel besaß. Der

Esel war schon alt und konnte nicht mehr

richtig arbeiten. Deshalb beschloss der

Mann, den Esel zu töten. Dieser ahnte

jedoch das Unheil und lief fort, hinaus ins

Feld. Nachdem er eine Weile gelaufen war,

traf er auf einen Hund, der unter einem

Busch lag: ,,Lieber Freund, warum siehst

du so traurig aus“, fragte der Esel. ,,Ach“,

sagte der Hund, ,,ich bin aus dem Kraal

(traditionelles Gehöft) meines Herrn

geflüchtet. Er denkt, ich sei zu alt zum

arbeiten, und will mich töten.“ Da erzählte

der Esel dem Hund von seinem eigenen

Schicksal. Und weil sie beide unter dem

Busch vor Hunger sterben würden, schlug

der Esel vor: ,,Lass uns zu einem Ort gehen,

der weit entfernt ist, nach Kiimbili

(gemeint ist Kimberley, Südafrika) und

nach Diyala (De Aar, Südafrika).“ (*)

Zu dritt nach Kiimbili

Während sie liefen, trafen sie eine Katze,

die in einem Busch lag. ,,Ich bin aus dem

Kraal meines Herrn geflüchtet“, erzählte

die Katze, ,,man meint, ich sei alt geworden

und könne keine Mäuse mehr fangen.“

Und da die Katze in dem Busch vor

Die Bremer Stadtmusikanten

Foto: pixabay.com

Hunger sterben würde, beschlossen sie, zu

dritt nach Kiimbili und nach Diyala zu wandern.

Kurz darauf sahen die drei Freunde

einen Hahn ganz traurig in einem Baum

sitzen. ,,Ich bin aus dem Kraal geflüchtet“,

klagte er ihnen sein Leid. ,,Mein Herr

meint, ich sei ein Dieb, weil ich das Korn

aus den Feldern scharre.“ So machten sie

sich zu viert auf nach Kiimbili und nach

Diyala.

Als sie dort ankamen, schaute der Esel

durch das Fenster eines Hauses und

erblickte viele gute Speisen. Doch sie wollten

die Speisen nicht stehlen. Deshalb

beschlossen sie, Lieder zu singen, damit

die Leute ihnen die Speisen zur Belohnung

geben. Als die Menschen im Haus jedoch

ihre Lieder hörten, liefen sie fort.

Daraufhin gingen Esel, Hund, Katze und

Hahn in das Haus und aßen die Speisen.

Ein guter Platz

Die Katze legte sich auf den Tisch, der

Hund an die Tür des Hauses, der Esel in

den Hof und der Hahn stellte sich oben auf

das Dach. Nach einer Weile kam ein Mann

zum Haus zurück, um nachzuschauen, wer

dort sei. Er ging hinein und griff nach der

Lampe auf dem Tisch. Es waren jedoch die

Augen der Katze, die da geleuchtet hatten.

Mutig sprang die Katze dem Mann an den

Hals. Vor Schreck lief dieser aus dem Haus.

An der Tür biss ihn der Hund ins Bein, im

Hof versetze der Esel ihm einen Tritt in den

Magen und der Hahn krähte ihm vom

Dach hinterher.

So floh der Mann Hals über Kopf und

erzählte den anderen Menschen: ,,Ich

gehe nicht in das Haus zurück. Da war ein

Junge, der packte mich am Hals, ein Mann

schlug mir an der Tür mit einem Beil ins

Bein, im Hof war ein Greis, der mich mit

einem Baumklotz traf und vom Dach rief

ein Polizist: ,Haltet ihn’.“

Und so kehrten die Menschen von Kiimbili

und Diyala nicht in das Haus zurück.

Esel, Hund, Katze und Hahn aber hatten

einen guten Platz zum Wohnen gefunden.

Nacherzählt wurde diese Geschichte

von Michaela Kanzler in der deutschsprachigen

Zeitung „Allgemeine Zeitung“ in

Windhoek, mit deren Erlaubnis ich sie weitergegeben

habe.

Herbert A. Peschel

(*) Dem Sprachforscher Ernst Dammann

zufolge hat der Erzähler des Märchens

diese Orte genannt, ohne die zugrunde

liegenden Namen verstanden zu haben.

Das Diamanten-Bergwerk Kimberley und

der Eisenbahnknotenpunkt De Aar waren

den Wanderarbeitern der Ovambo jedoch

ein Begriff.

Bauernregeln

Oktober – November – Dezember

Oktober

Wenn's im Oktober wettert und leuchtet,

viel Regen noch den Acker befeuchtet.

Ein kalter Oktober den Bauern freut,

er bringt den bösen Raupen Leid.

November

November hell und klar

ist übel für das nächste Jahr.

Sankt Elisabeth (19.11.) setzt sich schon mit Dank

am warmen Ofen auf die Bank.

Dezember

Besser die Weihnacht knistert,

als wenn sie flüstert.

Wer sein Holz zu Weihnachten fällt,

dessen Gebäude zehnfach hält.

RUNDBLICK Herbst 2017

9


Na, wo sind sie denn?

Mit der Kamera auf Pilzsuche im Wald

Eichensteinpilz Erdstern im Winter Geweihförmige Holzkeule

Pilze sammeln ist immer schon ein

beliebtes Hobby gewesen.

September und Oktober gelten als

Hauptsaison für Pilze. Doch ist der Sommer

feucht und warm, kann die Pilzsaison

durchaus früher starten. So finden wir den

schmackhaften Pfifferling schon im Juli.

Und den Eichensteinpilz spätestens Anfang

August.

fischem Wege finden. Pilze zu fotografieren

und dann im Internet bestimmen zu

lassen, zum Beispiel im Forum der Webseite

www.123pilze.de, das kann ein erster

Weg sein, um ein Pilzkenner zu werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie

e,V. hat sogar in vielen Städten sachverständige

Berater organisiert. Zu finden auf

der Webseite www.dgfm-ev.de. Leider gibt

kann schnell eine Sammlerleidenschaft

entstehen. Es dürfen in der Regel pro Person

im Wald nur so viele Pilze gesammelt

werden, wie zu einer Mahlzeit benötigt

werden. Die Höchstmenge liegt bei 1 Kilo

pro Person. Fotos kann man dagegen

machen, so viele man will. Einige Pilzarten

drohen bereits für immer zu verschwinden.

Für Mutter Natur ist es also viel bes-

Herbstlorchel Schopftintlinge Hundsrute

Die kleine Welt der Pilze ist faszinierend.

Im Erdreich verbreiten sie sich, versorgen

Bäume und Pflanzen mit Wasser und Nährstoffen,

sie zersetzen unermüdlich organische

Materie und bilden Humus. Ihre

Fruchtkörper dienen uns und der Tierwelt

als Nahrung. Aber Vorsicht, nicht alles was

Tieren schmeckt und auch gut bekommt,

ist für uns Menschen genießbar. Schnecken

zum Beispiel futtern den giftigen grünen

Knollenblätterpilz ohne Schaden zu nehmen.

Ein Knollenblätterpilz reicht aber aus,

um einen gesunden Erwachsenen zu töten.

Die giftigsten Pilze sollte man als Sammler

genau kennen, um Verwechslungen mit

begehrten Speisepilzen auszuschließen. So

erscheint der grüne Knollenblätterpilz auch

mit gelbem Hut und sogar ganz in weiß.

Er ist dann leicht zu verwechseln mit dem

beliebten Champignon.

Wer sich mit Pilzen für die Bratpfanne

nicht so gut auskennt, der kann sein

Sammlerglück durchaus auch auf fotograes

keine Hausfrauentricks, um giftige Pilze

von essbaren zu unterscheiden.

Pilze wachsen im Wald nicht nur im

Laub unter Bäumen. Auch auf Bäumen

wachsen sogenannte Holzpilze, wie die

Geweihförmige Holzkeule oder der Zystidenkammpilz,

um nur zwei Beispiele zu

erwähnen. Es gibt sehr viele fotogene Pilze

in unglaublichen Farben und Formen. So

Zystidenkammpilz

ser, wenn sich im Wald umweltbewusste

Pilzfotografen tummeln.

Die skurrilsten Pilze sind meistens nicht

essbar, sodass mir einige besonders merkwürdige

Exemplare für ein Foto Modell

standen. Die gemeine Hundsrute hält sich

nicht lange standhaft aufrecht. Sie

bekommt schnell einen roten Kopf und

fällt in sich zusammen. Der lateinische

Name Mutinus caninus bedeutet „kleiner

Hundepenis“. Sehr flott kommt der Erdstern

daher, der sich bis in den Winter hält

und dann im Schnee fotogen sein Pulver -

sprich Sporen - verschießt. Schopftintlinge

sind essbar, solange sich nicht die

schwarze Tinte zeigt, die dem Pilz seinen

Namen gab. Bei den Herbstlorcheln sieht

jeder Pilz anders aus und mit ein bisschen

Fantasie sieht man Märchengestalten. Und

das sind nur einige wenige Beispiele aus

der wunderbaren Welt der Pilze in norddeutschen

Wäldern.

Text und Bilder: Maren Arndt

10 RUNDBLICK Herbst 2017


Das Gänseblümchen

Heilpflanze des Jahres 2017

Schon kleine Kinder kennen und lieben

das freundliche Gänseblümchen, das Wiesen

mit leuchtenden weiß-gelben Tupfern

verziert. Das Gänseblümchen ist ursprünglich

in Südeuropa heimisch, kam jedoch

schon im Altertum auch nach Mitteleuropa,

als es dort immer mehr Wiesen gab.

„ausdauernde Schöne“

In der Botanik trägt das Gänseblümchen

den hübschen Namen Bellis perennis. Dieser

Name leitet sich vom lateinischen „bellus“

(schön, hübsch) ab und „perennis“

bedeutet „ausdauernd“. Im Deutschen

wird das Gänseblümchen auch Tausendschön

oder Maßliebchen genannt. Den

Namen „ausdauernde Schöne“ trägt das

Gänseblümchen nicht zu unrecht, denn

das Gänseblümchen blüht 10 Monate und

bei sehr milden Wintern sogar ganzjährig.

Die mehrjährige Pflanze wird bis zu 15

Zentimeter hoch. Im Frühjahr treibt die

Wurzel zunächst verkehrt eiförmige Blätter

aus. In Bodennähe wachsen sie als Blattrosette.

Die Blüten erscheinen vom frühen

Frühjahr bis in den späten Herbst hinein.

Sie sitzen jeweils einzeln auf dünnen Stängeln.

Als Korbblütler haben sie viele weiße

Zungenblüten an der Außenseite und

gelbe Röhrenblüten im Inneren, ähnlich

wie Margeriten, Kamille oder Mutterkraut.

Tee fördert die Verdauung

Die moderne Phytotherapie verwendet

das Gänseblümchen nicht. Aber die Volksheilkunde

setzt es für vielerlei Beschwerden

ein: Ein Tee aus den Blättern des Gänseblümchens

regt Appetit und Stoffwechsel

an, fördert die Verdauung, hilft gegen

Erkältungen und kann durch seine krampfstillenden

Fähigkeiten auch Husten lindern.

Dank seiner harntreibenden Eigenschaften

kann Gänseblümchen-Tee auch

Ödeme schwinden lassen.

Außerdem hilft Gänseblümchen gegen

Frühjahrsmüdigkeit und wird traditionell

gegen viele Erkrankungen eingesetzt, die

im Frühling auftreten. Auch Beschwerden

im Magen-Darmbereich können durch

Gänseblümchen-Tee gelindert werden.

Kann unreine Haut klären

Gänseblümchen hilft äußerlich eingesetzt

auch gegen Gliederschmerzen, unabhängig

davon, ob sie rheumatischer Natur

sind oder durch äußerliche stumpfe Verletzungen

verursacht wurden. Äußerlich

angewandt kann Gänseblümchen-Tee

Ausschläge lindern, unreine Haut klären

und hartnäckige Wunden heilen.

In der Homöopathie wird das Gänseblümchen

z.B. bei Unterleibsbeschwerden

eingesetzt. In der Küche kann man junge

Gänseblümchen-Blätter und Blüten als

Salatbeigabe oder frisches Grün in Kräuterquarks

verwenden. Susanne Eilers

Lesenswert

Der sehr lesenswerte Inhalt des Buches

zeigt einen mit Humor geschriebenen

Berufslebenslauf, mit dem wirtschaftlichen

Aufschwung der jungen Bundesrepublik

Deutschland im Hintergrund. Noch ist das

Bauen eines Architekten fern von seinem

Bürostandort nicht alltäglich. Hamburg

festigt seinen Ruf als Wirtschaftsstandort

und Medienzentrum, Bonn, die provisorischen

Hauptstadt, wird nicht zu „Bonn

2000“ ausgebaut, und in Bremen werden

für unzählige Neubürger Wohnungen in

modernen Stadtteilen errichtet. Private

Bauherren lassen sich ihre Träume vom

Eigenheim verwirklichen. Visionäre Ideen

der Stadtentwicklung in Bremen werden

begleitet von dem massiven Protest der

Bürger, um letztlich aufgegeben zu werden.

Neues Leben entsteht in alten, zum

Abriss vorgesehenen Wohnquartieren. Der

Autor zeigt an seinem beruflichen Lebensweg,

ganz besonders mit ausgesuchten

Bauten aus Bremen, welche Möglichkeiten

einem Architekten mit einem breiten

beruflichen Wissen gegeben sein können,

wenn umfassende technische Grundlagenkenntnisse

erworben wurden.

Der Inhalt des Buches reflektiert auf den

jeweiligen Zeitgeist, dem das Bauen

gestern wie heute unterliegt. Und wer Lust

dazu hat, kann sich die Frage stellen:

War früher alles besser oder eben nur

anders?

Das Buch ist erhältlich im Buchhandel

zum Preis von € 18,– unter der ISBN-Nr.

9783947269020.

RUNDBLICK Herbst 2017

11


Hinter Stacheldraht im Teufelsmoor

Bremisches Arbeitszwangslager ab 1934 im Ort Teufelsmoor

Titelseite „Wohlfahrtsblatt“ – Amtliches Organ der

bremischen Wohlfahrtsbehörde, Dezember 1938

Ein Arbeitszwangslager in dem schönen

idyllischen Ort Teufelsmoor?

Im Dezember 1938 beschreibt das

„Amtliche Organ der bremischen Wohlfahrtsbehörde“

auf 8 Seiten umfassend

„das bremische Arbeitszwangslager Teufelsmoor“

als „Erziehungsmaßnahme für

Arbeitsscheue, säumige Unterhaltspflichtige

und Trinker“.

Es beginnt mit einer Art Präambel: „Die

vielfältige und weitgehende Fürsorge des

Dritten Reiches für alle Volksgenossen, die

in irgendeiner Form der Hilfe bedürfen, ist

an eine unabdingbare Voraussetzung

gebunden, dass nämlich die Volksgenossen

dieser Fürsorge würdig sein müssen.

Dieser Grundsatz bedarf keines Kommentars.

Staatsmittel, wie alle von der Gemeinschaft

des Volkes aufgebrachte Mittel, dürfen

nicht für Unterstützung minderwertiger

Elemente verschwendet werden.“

Damaliger Theorie folgend, kommt es

neben Verwarnung und vorbeugender

Überwachung nicht ohne „Verwahrung

des Asozialen in geschlossener Anstaltsfürsorge“

aus. Das wird weiter konkretisiert:

So war es bereits 1934 zur Gründung des

Arbeitszwangslagers Teufelsmoor gekommen.

Die Rechtsgrundlage der Einweisung

wird erläutert, wie auch die Arbeitsverordnungen,

Kosten der Unterbringung, die

baulichen Einrichtungen, einschließlich

Erweiterungen. Die Lagerordnung beinhaltet

„Durchführung straffer militärischer

Disziplin“. Die Arbeitszeit im Sommer ist

von 6 bis 17 Uhr, im Winter von 8 bis 16.30

Uhr. An Sonntagen jeweils eine Stunde

weniger. Seiner „besonderen Vorzüge

wegen“ wurde das Lager auch „von anderen

Städten beschickt“. Im Wohlfahrtsblatt

1938 wird erwähnt, dass bisher 280

„Fälle“ zwischen 6 und 11 Monate erfolgreich

„durchgeführt“ wurden. „Ausnahme

bildeten aber die Trinker“, weil bei denen

„eine anhaltende Besserung schwierig“

sei. Im Bericht wird erwähnt, dass durch

den erfolgten Ausbau zukünftig die Belegung

von 50 auf 100 „Insassen“ erhöht

werden kann.

Auf dieses Amtsblatt stieß ich während

meines Weiterbildungsstudiums an der

Bremer Universität im Frühjahr 1988. Für

mich war es schon ein Schock, hatte ich

doch meine Kindheit und die Ferien in

meiner Schulzeit vielfach bei meinen

Großeltern im Teufelsmoor verbracht.

Nichts hatte ich davon mitbekommen,

auch auf den Fahrten mit der Lore-Bahn zu

den Verwandten „Up de Tangen“. Selbst in

den Jahren danach wurde darüber nicht

gesprochen. Aber es war bekannt, wie

meine anschließenden Recherchen in

Familie, Verwandtschaft, wie auch im

Bekanntenkreis, ergaben.

Im Kreisarchiv des Landkreises fand ich

wiederum eine „Nebenakte Landratsamt

Osterholz Arbeitszwangslager Teufelsmoor“.

Diese umfasst den Zeitraum

27.08.1934 bis 28.02.1941. Sie beginnt

mit dem Protestbrief des Landrats Dr.

Lampe der Kreisverwaltung an den Regierungspräsidenten

in Stade. Darin

beschwert er sich über die „Errichtung

eines Lagers in Teufelsmoor auf dem

Gelände der „Gesimo“. Es geht vornehmlich

um Zuständigkeitsfragen. Am

22.11.1934 kommt es zur Einigung. Es

werden 30 - 35 Torfarbeiter aus dem Kreis

Osterholz auf dem Torfwerk zusätzlich eingestellt

und die Lagergröße für „Insassen“

auf 50 begrenzt. Zwischenzeitlich hatte

der Gendarmerie-Posten Pennigbüttel am

30.10.1934 eine Besichtigung des Lagers

durchzuführen. Die Sicherheit war zu

überprüfen, da: „In letzter Zeit sind mehr

Lagerinsassen ausgebrochen und haben

die Umgebung unsicher gemacht.“ So

werden der Stacheldrahtzaun und die

Baracke mit den 2 Schlafräumen überprüft.

Der Präsident der Bremer Wohlfahrts-

Baracke hinter Stacheldraht im Zwangslager Teufelsmoor Werkstatt 1988

12 RUNDBLICK Herbst 2017


ehörde teilt am 16.11.1934 dem Landrat

Dr. Lampe mit, dass es zwischenzeitlich zur

Einigung aller beteiligten Behörden

gekommen sei. Darin heißt es weiter: „das

Torfwerk der „Gesimo“ wieder auf eine

finanziell gesunde Basis zu stellen“, und,

wie bereits erwähnt, „dass im Laufe von 14

Tagen eine Anzahl von ca. 30 -35 Torf-

Facharbeitern aus der dortigen Umgebung

eingestellt werden, wodurch die von Ihnen

geschilderte Arbeitslosigkeit Ihres Kreises

eine gewisse Entlastung erfährt“. Weiter zu

den „Fürsorgezwangsarbeitern ... die Versicherung,

dass keineswegs mehr als 50

Personen in Frage kommen“.

Zu der Nebenakte gehören auch 6

Listen über die „Lagerinsassen“. Die erste

vom 4.12.1934 weist 30 Personen aus, die

letzte vom 28.2.1941 insgesamt 74 Personen.

Die Liste vom 29.2.1940 dokumentiert

allerdings im Gegensatz zu den

gemachten Zusagen mit 121 Personen

den höchsten Stand.

Antrag auf Auflösung

des Arbeitszwangslagers

Den Unterlagen des Bremer Staatsarchivs

ist zu entnehmen, dass das Wohlfahrsamt

Bremen Ende 1941 den Antrag

auf Auflösung des Arbeitszwangslagers

gestellt hatte, dass von den noch 34

„Insassen“ nur noch 4 aus Bremen kamen.

Von den Aufsehern waren mehrere zum

Militärdienst eingezogen, und die verbliebenen

waren nicht fähig, das Lager zu

führen. So kam es zum Einverständnis mit

der bremischen Firma „Turba“, die die

Zusage erhielt, eine große Zahl von Kriegsgefangenen

einzusetzen. Welchen Status

das Lager dann hatte, war für mich nicht

zu ermitteln.

Der Ort Teufelsmoor gehörte zu diesem

Zeitpunkt zur Kirchengemeinde St. Willehadi

in Osterholz-Scharmbeck. Das Friedhofsverzeichnis

für den Friedhof Langestraße

weist für den Zeitraum der Existenz

des Lagers 3 Todesfälle aus. Ein 34-jähriger

polnischer Zwangsarbeiter hatte sich

erhängt (beerdigt am 29.07.1942), ein 41-

jähriger russischer Zivilarbeiter starb am

Herzschlag (03.08.1942). Bei einem weiteren

34-jährigen russischen Zivilarbeiter

ist die Todesursache nicht erwähnt

(21.01.1943). Zu diesem Zeitpunkt war

das Lager nicht mehr von der Bremer

Wohlfahrtsbehörde getragen. Alle drei

sind in den vorliegenden 6 Listen nicht aufgeführt.

Aus dem von dem Pahl-Rugenstein-Verlag

herausgegebenen heimatgeschichtlichen

Wegweiser zu Stätten des

Widerstandes und der Verfolgung wäre folgendes

zu zitieren: „Auf den Friedhöfen im

Bereich der Gemeinde Osterholz-Scharmbeck

liegen Gräber ausländischer Menschen

u.a. von 12 Sowjetbürgern.“

Die Nebenakte im Kreisarchiv endet, wie

erwähnt, mit dem 28.02.1941. Das Lager

bestand aber nach vielen Aussagen mir

bekannter Menschen bis zum Kriegsende.

Zu Beginn des Jahres 1942 wurden dort

Kriegsgefangene eingesetzt. Eine Episode

besagt, dass der letzte Lagerbetriebsleiter

sich nach Ende des Krieges gerade vor polnischen

„Inhaftierten“ verstecken musste.

Es lag die Vermutung nahe, dass mit

dem Überfall Deutschlands am 22. Juni

1941 auf die Völker der ehemaligen

Sowjetunion das Lager der Militärverwaltung

unterstellt wurde. Somit könnten sich

die weiteren Aktenteile im Militärarchiv in

Freiburg befinden. Diese Annahme

bestätigte sich nicht. Das entsprechende

Bundesarchiv in Freiburg teilt mir am

21.12.2000 mit, dass dort kein Nachweis

über ein dort gelegenes Lager ermittelt

werden konnte. Und „ein vollständiger

Nachweis über die Außenstellen und

Arbeitslager einzelner Kriegsgefangeneneinrichtungen

ist heute auf Grund der

Überlieferungslücken kaum noch möglich“.

Diese Recherchen hatte ich 1989 für das

Projekt „50 Jahre Reichspogromnacht“ in

Osterholz-Scharmbeck erstellt. Damit verbunden

war auch eine Besichtigungsfahrt

nach Teufelsmoor. Mit der Antwort im

Jahre 2000 vom Bundesarchiv Freiburg

schloss ich meine Recherchen ab.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit

diente das ehemalige Lager als Unterkunft

für Flüchtlinge; und danach befand sich

auf dem Gelände eine Gärtnerei mit Baumschule.

Herbert Rüßmeyer

Quellen:

Universität Bremen

Bremer Staatsarchiv

Kreisarchiv Osterholz

Friedhofsbuch der Kirchengemeinde St. Willehadi

Dagobert Biermann – vom Gefängnis Bremen-Oslebshausen ins Teufelsmoor zur Zwangsarbeit

Eindrucksvoll erzählt der bekannte Liedersänger

Wolf Biermann in seiner 2016

erschienenen Autobiografie von seinem

Vater Dagobert, der als Kommunist

wegen Hochverrat und Landesverrat zu

sechs Jahren Zuchthaus vom Volksgerichtshof

verurteilt wurde und ins Gefängnis

nach Bremen-Oslebshausen kam. (Die

Eltern gehörten einer Widerstandsgruppe

an.) „Mein Vater hatte nach drei Jahren

Einzelhaft einen Antrag auf Gemeinschaftshaft

gestellt. Der Antrag wurde

abgelehnt. Stattdessen kam Dagobert

jetzt öfter zu Arbeitseinsätzen in das

Arbeitslager Teufelsmoor, wo politische

und kriminelle Häftlinge zusammengelegt

waren“, schreibt er in seiner Biografie.

Dreimal im Jahr gab es einen Besuchstermin

für jeweils eine halbe Stunde,

jedoch nicht für Kinder. „Doch meine

Mutter nahm mich ein einziges Mal einfach

mit“, erinnert sich Wolf Biermann.

Weiter berichtet er sehr authentisch und

berührend: „Aufregend die Eisenbahnfahrt

von Hamburg nach Bremen. Es war

ein kalter Wintertag. Mein Vater war beim

Arbeitseinsatz im Moor. Kilometerweit tippelte

ich an der Hand meiner Mutter im

Schnee durch märchenhafte Moorlandschaft.

Vorbei an überzuckerten Birken, an

Pyramiden aus Torfstücken, die zum Trocknen

aufgestapelt waren. Endlich standen

wir vor dem Tor. Stacheldraht, Wachturm,

Baracken, Appellplatz. Die Posten wollten

mich nicht reinlassen. Kinder ins Lager mitzubringen

war verboten. Ich weiß nicht,

wie meine Mutter es schaffte, den Posten

zu bezirzen, zu rühren, zu besabbeln, zu

bestechen. Ich kann nicht wissen, ob er bei

seinen Vorgesetzten um eine Sondergenehmigung

nachfragte. Schließlich aber

durfte ich doch mit rein. So lief ich mit meiner

Mutter in das Lager. Wir kamen zu

einer Baracke. Rechts von der Tür sah ich

ein sonderbares Fenster. Es war von innen

mit ausgemergelten Männergesichtern

ausgefüllt. Die Häftlinge drängelten, jeder

wollte ein echtes Kind und eine echte Frau

sehen. Mitten im Lager eine Frau mit Kind!

Wir kamen in den Aufenthaltsraum des

Wachpersonals. Fußlappenschweiß. Kalter

Zigarettenrauch. Zwei Stühle,

getrennt durch einen langen Tisch. Ein

Uniformierter links am Schreibtisch. Ich

saß auf dem sicheren Schoß meiner Mutter.

Mein Vater wurde hereingeführt. Ich

kannte ihn nicht. Ich fremdelte nicht,

denn er war mir so nah wie die Mama. Sie

hatte mir jeden Abend von ihm eine Gutenachtgeschichte

erzählt und jeden Morgen

eine Gutenmorgengeschichte, bevor

sie zur Arbeit ging (…).“ Ergreifend

erzählt Wolf Biermann über seinen geliebten

Vater, den er hier ein letztes Mal im

Straflager sah und diese Augenblicke für

ein Leben lang in sich bewahrte. Am 22.

Februar 1943 wurde Vater Dagobert in

Auschwitz ermordet, nur weil er Jude

war…!

Harald Kühn

Quelle:

Autobiografie Wolf Biermann „Warte nicht

auf bessre Zeiten!“

Erschienen im Propyläen-Verlag

RUNDBLICK Herbst 2017

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Die Bremer Stadtmusikanten in Riga

Ein Dokument der Städtepartnerschaft

Bevor ich auf den Kern des Themas

komme, erlauben Sie mir bitte, dass ich den

Umweg über unsere „Gräfin Emma von

Lesum“ wähle.

Bekanntlich haben die nordbremischen

Tages- und Wochenzeitungen, wie auch der

„Lesumer Bote“, mehrmals und ausführlich

über unsere Gräfin Emma berichtet. Dabei

wurde auch erwähnt, dass die von Vegesack

nach Oldenburg umgesiedelte Künstlerin

Christa Baumgärtel das am 06. Juni 2009

eingeweihte Emma-Denkmal im Auftrag des

Lesumer Heimat- und Verschönerungsverein

entworfen hat. Während der Einweihung

der 180 cm großen Bronzeskulptur waren

zahlreiche Zuschauer anwesend, darunter

auch Christa Baumgärtel, der Bronzegießer

Lothar Rieke und ein älterer Herr aus

Schwachhausen, der sich ebenfalls für die

Biografie der Gräfin Emma interessierte.

Auch in Riga gibt es die

Bremer Stadtmusikanten …

Von dem erfuhr ich, dass sich in Riga eine

Tierplastik der Bremer Stadtmusikanten

befindet, die ebenfalls auf einen Entwurf der

Künstlerin Christa Baumgärtel zurückgeht.

Mein Informant war von dieser Tiergruppe

sehr angetan.

In einem Gespräch mit Christa Baumgärtel

erinnerten wir uns daran, dass Bremen zu

Riga eine städtepartnerschaftliche Verbindung

pflegt. Als in der lettischen Hauptstadt

Riga der Plan entwickelt wurde, dort einen

Freundschaftspark zu schaffen, wollte sich

Bremen mit einer passenden Skulpturengruppe

beteiligen. Nichts ist in der weiten

Welt über Bremen so bekannt, wie die Bremer

Stadtmusikanten und so wurde Christa

Baumgärtel beauftragt, ein als Geschenk

vorgesehenes Kunstwerk zu schaffen.

Christa Baumgärtel

Foto: Albrecht-Joachim Bahr

Die Stadtmusikanten-Skulptur in Riga

… neben der

St. Petri-Kirche im Zentrum

Der Freundschaftspark wartet wohl heute

noch auf seine Vollendung, doch die Bremer

Stadtmusikanten haben ihren Platz neben

der St. Petri-Kirche im Stadtzentrum gefunden.

Die St. Petri-Kirche wurde in der Zeit

von 1408 bis 1491 erbaut und sie wurde im

Jahre 1690 mit einem 140 m hohen

Glockenturm versehen.

Das von den Brüdern Grimm überlieferte

Märchen von den Bremer Stadtmusikanten

soll bereits im 12. Jhdt. bekannt gewesen

sein. Dabei handelt es sich um vier verstoßene

Tiere, die sich auf Wanderschaft

befanden und nach Bremen wollten, um

hier Stadtmusikanten zu werden. In einem

Räuberhaus im Wald erschreckten und vertrieben

sie mit ihrem Gebrüll und Geschrei

die Räuber und fanden dadurch eine passende

Bleibe, ohne jemals Bremen erreicht

zu haben.

Haben Sie gewusst, dass die Tiere auch

einen Namen haben? Der Esel heißt Grauschimmel,

der Hund heißt Packan, die Katze

heißt Bartputzer und der Hahn heißt Rotkopf.

Und was sagt der Grauschimmel zu

dem Hahn, als der ihm sein Leid klagte? - Ei

was, zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach

Bremen und werden Stadtmusikanten.

Etwas Besseres als den Tod findest du allemal.

Du hast eine gute Stimme und wenn

wir zusammen musizieren, so muss es fein

klingen.

Füße sind schon

blank geworden

Foto: Wikipedia

In Bremen gibt es mehrere kleine Plastiken

und ein in Lebensgröße geschaffenes Denk-

14 RUNDBLICK Herbst 2017


mal, bei dem Esel, Hund, Katze und Hahn

traditionell übereinanderstehen. Das Bremer

Kunstwerk wurde von Professor Gerhard

Marcks geschaffen und es steht seit 1953 an

der Westseite des Bremer Rathauses. Den

Touristen wird von den Gästeführerinnen

empfohlen, die beiden Vorderfüße des Esels

anzufassen und was man sich dann wünscht,

das geht in Erfüllung. Würde man den Esel

nur mit einer Hand einen Fuß anfassen, so

heißt es, dann gibt ein Esel dem anderen Esel

die Hand. Und nun achten Sie einmal darauf,

wie blank die Füße des Esels schon geworden

sind.

Somit haben wir eine schöne Geschichte

mit Anknüpfung von Lesum zu Christa

Baumgärtel mit Bremens Stadtgeschichte

zur Partnerstadt Riga. Man könnte daraus

eine nicht ganz ernst gemeinte Städte-achse

mit der Gräfin Emma von Lesum, über die

Bremer Stadtmusikanten nach Riga in Lettland

konstruieren.

Über Riga ist noch zu berichten, dass diese

lettische Stadt i.J. 1201 von Bischof Albert

von Buxhövden, der aus einem bremischen

Geschlecht stammte, gegründet wurde. Er

starb am 17.01.1229 in Riga. Ab 1255 zum

Erzbischofssitz erhoben und seit 1282 Mitglied

im Hansebund, wurde Riga 1621 vom

„Gräfin Emma von Lesum“, Skulptur von Christa

Baumgärtel

Foto: Rudolf Matzner

Arno Schmidt und Lilienthal

Lesung aus seinen Werken

Schwedenkönig Gustav Adolf übernommen.

Ebenso wie in Estland folgte 1710 die russische

Herrschaft über dieses Land. Erst 1889

wurde die ehemals gültige deutsche Verfassung

aufgehoben. Auch in Riga hatte die

Bruderschaft der Schwarzhäupter eine einflussreiche

Stellung. Dass im 14. Jhdt.

erbaute Schwarzhäupterhaus in Riga wurde

im 17. und 19. Jhdt. verändert und es zählt

in seiner Pracht zu einem der repräsentativsten

Häuser der Stadt. Verbindungen zu

Bremen werden von der Bruderschaft der

Schwarzhäupter noch gepflegt.

Wie auch in den beiden anderen baltischen

Ländern Estland und Litauen erlangte

auch Lettland durch die politische Wende

der Neuzeit seine Selbstständigkeit zurück.

Abschließend noch die Anmerkung, dass

das Internationale Kulturforum (IKTB) in drei

Kategorien erstmals 2009 den Bremer Stadtmusikantenpreis

ausgeschrieben hatte.

Neben dem Schauspieler Müller-Stahl wurden

auch Vicco von Bülow, Henning Scherf

und Brigitte Boehme mit dieser Ehrung ausgezeichnet.

Im Jahre 2010 wurden Katja Riemann,

Sabine Postels und 2011 Hape Kerkeling

mit diesem besonderen Preis bedacht.

Rudolf Matzner

RUNDBLICK Herbst 2017

Der Lilienthaler Bürgermeister Kristian

Willem Tangermann eröffnete mit einleitenden

Worten und einer Schilderung der geografischen

Lage des Borgfelder Landhauses

eine Leserunde, die den Zuhörern noch

lange in Erinnerung bleiben wird. Sowohl

vorn als auch hinten mussten weitere Stuhlreihen

aufgestellt werden. Gebannt lauschten

dann, in der Bedeutung des Wortes, die

Anwesenden angespannt und stumm den

drei Vortragenden: Jan Philipp Reemtsma,

Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten,

die bei der abwechselnd vorgetragenen

Lesung selbst Regie führten. Bis zum letzten

Augenblick gewährten die drei nebenbei

einen tiefen Einblick in das Leben des

„Hauptdarstellers“: Arno Schmidt. Als der

das gedankliche Fundament für den Roman

„Lilienthal 1801 oder die Astronomen“ vollendet

hatte, begann er, in Zettelkästen weitere

Bausteine abzulegen. Seine zahlreichen

Versuche, das Werk denn doch zu vollenden

... oder zu beginnen … Es bleibt bei

Ansätzen. Von Darmstadt aus reiste er mit

dem Zug nach Bremen, weiter mit der Linie

4 und dem Bus an den Ort, in dem sein

Roman spielen sollte. Um weitere Gedanken

zu fassen, doch es wollte nicht gelingen.

Es blieb bei gut gefüllten Zettelkästen

mit Notizen. - Im mehr als ausverkauften

Saal vergeht ein Augenblick, bevor das

Publikum das Ende der Lesung erfasst.

Doch mit nicht endenwollendem Beifall zeigen

die Zuhörer ihre Begeisterung und

Anerkennung. Erheben sich von ihren

Stühlen, um auch damit noch mehr Beifallsbekundung

zu zeigen. - Arno Schmidt

wurde am 18. Januar 1914 in Hamburg-

Hamm geboren, gestorben ist er am 3. Juni

1979 in Celle. In seinem Haus in Bargfeld

bei Celle wird der persönliche und der

literarische Nachlass bis auf wenige Ausnahmen

erhalten; Haus und Grundstück

Von links: Jan Philipp Reemtsma, Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach

werden von der Arno-Schmidt-Stiftung

betreut. In der angrenzenden (umgebauten)

„Alten Schmiede“ befinden sich ein

Arno-Schmidt-Museum und eine Forschungsstätte.

Vorarbeiten zur Fouqué-Biographie

werden im Deutschen Literaturarchiv

Marbach aufbewahrt. (Wikipedia)

Text: Harald Steinmann

Foto: Dr. Helmut Stelljes, Worpswede

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Vor 100

Jahren ...

Heimat-Rückblick:

Wie sich der Erste Weltkrieg

in der hiesigen Presse

widerspiegelt

Mit der Ausgabe Nr. 114 beendeten wir

vorübergehend den Blick in die Presseberichte

von 1915, durch die wir an das

Geschehen in unserer Heimat vor 100 Jahren

erinnern wollten. Nun setzen wir in unregelmäßigen

Abständen die Serie fort, um wieder

das gegenwärtig werden zu lassen, was

unsere Vorfahren in der für sie damals

äußerst schwierigen Zeit erleben und ertragen

mussten.

Die Not der Bevölkerung

Der Krieg währt nun schon drei Jahre.

Obwohl im Osten mit der russischen Revolution

und dem damit verbundenen Frieden

von Brest-Litowsk hier die Kriegshandlungen

beendet wurden, nimmt die Herausforderung

im Westen zu. Hier sind die USA im

April 1917 in den Krieg eingetreten, weil die

Angriffe der deutschen U-Boote auf die amerikanischen

Handelsschiffe große Verluste

gefordert hatten. Die Kämpfe toben also mit

unverminderter Härte weiter.

Von Jahr zu Jahr verschlimmern sich die

Probleme der Menschen. Die Lebensmittelproduktion

ist gesunken. Es fehlt an Arbeitskräften,

Dünger, Saatgut und Zugpferden.

Der Staat beschlagnahmt Vorräte an Mehl,

Brot, Kartoffeln und Obst. Die Bevölkerung

darf nur mit Lebensmittelmarken die ihnen

zugeteilte Nahrungsmenge erstehen. Weitgehende

Unterernährung ist die Folge. Weil

1916 die Kartoffelernte katastrophal ausgefallen

war, mussten sich die Menschen im

„Kohlrübenwinter“ 1916/17 von Steckrüben

ernähren, die eigentlich an das Vieh verfüttert

werden sollten. Eine Vielzahl von

Ersatzlebensmitteln soll den Mangel ausgleichen.

So gibt es als Ersatz für Eier gefärbtes

Kartoffel- oder Maismehl. Puddingersatz

besteht aus Leim, an Stelle von Pfeffer verwendet

die geplagte Hausfrau ein Mittel, das

zum größten Teil aus Asche besteht. Es

blühen Wucher und Schwarzhandel.

Hülsenfrüchte beschlagnahmt

– Erbsenstroh

statt Tabak

Auch bei Hülsenfrüchten wird peinlichst

genau die Verteilung der geernteten Menge

vorgeschrieben: „Bei dem Kriegsernährungsamt,

der Reichshülsenfruchtstelle und

der Reichsgetreidestelle, der im neuen Wirtschaftsjahr

die Bewirtschaftung der Hülsenfrüchte

obliegt, gehen neuerdings zahlreiche

Anträge von Händlern und industriellen

Werken auf Sonderzuweisungen ein. Alle

derartigen Gesuche sind zwecklos und müssen

ausnahmslos abgelehnt werden. Sämtliche

Hülsenfrüchte sind durch die Reichsgetreideordnung

vom 21. Juli 1917 beschlagnahmt.

Alle Landwirte haben hiernach ihre

Hülsenfrüchte, mit Ausnahme der ihnen ausdrücklich

zur eigenen Ernährung und als

Saatgut belassenen Mengen, restlos an die

Kommissionäre ihrer Kommunalverbände

oder an die Reichsgetreidestelle abzuliefern.

Die abgelieferten Mengen gelangen, soweit

sie nicht für Heer und Marine bestimmt sind,

nach einem einheitlich aufgestellten Plan

ausschließlich durch die zuständigen Behörden,

Kommunalverband, Magistrat, Bezirkszentralen

usw. zur Verteilung.“ Dass auch die

Raucher am Mangel leiden, davon erfährt

der Leser in folgendem Bericht:

„Unangenehme Aussichten für die Raucher

eröffnet eine Anzeige in einem Dresdener

Blatt, in der zur Gründung einer Tabak-

Ersatz-Fabrik eine kapitalkräftige Persönlichkeit

gesucht wird. Die Erfindung soll vollständig

ausprobiert, bereits zum Patent

angemeldet sein und einen tatsächlichen

Tabakersatz darstellen. Rohstoffe seien

genügend vorhanden und das Absatzgebiet

des jetzigen Tabakmangels groß. - Von

einem Leser wird mitgeteilt, daß er versucht

hat, getrocknete Erbsen zu brennen und als

Kaffee zu verwenden. Dieser Versuch hat zu

einem glänzenden Erfolg geführt, indem die

gebrannten Erbsen im Geschmack dem Kaffee

ziemlich gleichkommen. Ebenso ist der

Gewährsmann des Lobes voll über getrocknetes

Erbsenstroh, das er als Rauchtabakzusatz

verwendet hat. Auch getrocknete

Kamille soll gut zu rauchen sein. - Wer't mag,

de mag't woll mögen...“

Papiermangel –

Zwetschensteine als

Ölquelle

„Der Papiermangel hat sich derart verschärft,

daß Geschäftsdrucksachen in nächster

Zeit wohl nicht mehr hergestellt werden

können. Die Papierlieferanten nehmen Aufträge

für bestimmte Papiersorten überhaupt

nicht mehr an und liefern nur noch für

behördliche Aufträge, die bescheinigt werden

müssen. Die Preise sind so hoch gestiegen,

daß man im Vergleich zu den Friedens-

16 RUNDBLICK Herbst 2017


Auch die Kartoffelernte unterliegt nun der

Kontrolle durch staatliche Stellen, um in diesen

Zeiten der Not regulierend in die Versorgung

eingreifen zu können. „Du glööfst jo

gornich, watt wie allens mitmokt hebbt

tomols! Eens Doogs keem de Schandarm bi

us an de Döör un wull dat Loger vun de Tuffeln

kontrolleern. He meen, us Vadder harr

datt nich recht mookt mit dat Opschrieven.

Bi de Grötte vun usen Hoff harrn datt doch

veel mehr Tuffeln wesen musst! Na un denn

gung he in usen Stall un bekeek sick den groten

Hopen. Man he weer denn doch tofreden

un suus woller af.“ So berichtete vor Jahren

einmal Oma Cordes aus ihrer Kinderzeit.

Und tatsächlich ist in der damaligen Presse

im Monat Oktober ein Erlass des Landkreises

zu finden mit dem Titel „Betrifft Feststellung

der Ernteerträge der Kartoffelerzeuger“. Da

heißt es unter anderem: „Jeder Kartoffelerzeuger

hat schon während der Ernte das

Gewicht der geernteten Mengen fortlaufend

täglich festzustellen und in eine Kartoffelliste

einzutragen, die der Nachprüfung durch die

Ortsbehörde unterliegt. (…) Die Kartoffellisten

sind nach Beendigung der Ernte, spätestens

am 6. Oktober aufzurechnen und der

Gemeindebehörde einzusenden. Diese hat

nun zu prüfen, ob alle Erzeuger Listen eingereicht

haben und Säumige zur Einlieferung

anzuhalten.“ Im lokalen Teil erfährt der

Leser, warum damals diese Anordnung und

deren Kontrolle notwendig gewesen ist.

„Wie wir erfahren, wird die Reichskartoffelstelle

den Kommunalverbänden ab dem 1.

November außer den für die Winterversorgung

der Bevölkerung vorgesehenen acht

Pfund pro Kopf und Woche weitere 8oo

Gramm Kartoffeln überweisen, die diese

nach eigenem Ermessen - als Frischkartoffeln

oder als Kartoffelmehlzusatz - an die Verbraucher

abgeben können. Bäckerkreise

haben jedoch schon ernste Bedenken gegen

eine Streckung des Mehls durch Kartoffelmehlzusatz,

da sie befürchten, daß ein daraus

hergestelltes Brot bei der starken Auspreisen

schon von Phantasiepreisen sprechen

kann.“

„Sammelt die Zwetschensteine!“ Schon in

der auffordernden Überschrift derselben

Ausgabe wird eine ungewöhnliche Rohstoff-

Quelle hingewiesen. Dazu heißt es: „Bei

dem großen Mangel an Fetten zur Herstellung

von Margarine und für maschinelle

Zwecke ist es notwendig, alles zu tun, um

durch Sammlungen von ölhaltigen Kernen

dem Ausfall an tierischen Fetten abzuhelfen.

Darum wird gebeten, die Zwetschensteine,

gekocht oder ungekocht, zu sammeln, vom

Fleisch zu reinigen und getrocknet an die

Sammelstellen abzuliefern. Das Kilo gut

getrockneter Zwetschensteine wird mit 10

Pfennig vergütet.“

Über einem weiteren Artikel steht: „Sammelt

Kürbiskerne!“ Im Text dazu wird der

Grund erklärt:

„Angesichts der überaus reichen Kürbisernte

in diesem Jahr wird erneut auf den

hohen Wert der Kürbiskerne hingewiesen.

Kein Haushalt, kein Wirtschaftsbetrieb spare

die Mühe! Die reiche Ausbeute aus den Kürbiskernen

an Oel und Futtermitteln hilft als

Beitrag zum Durchhalten. Die Obstkernsammelstellen

sind verpflichtet, den Sammlern

15 Pfennige für das Kilogramm getrockneter

Kürbiskerne zu vergüten.“

Briketts aus Zeitungspapier

Die bevorstehende Jahreszeit lässt für die

Menschen die Sorgen wachsen, ob nach den

Erfahrungen des vergangenen strengen

Winters ausreichend Heizmaterial zur Verfügung

steht. Die Kreisverwaltung erlässt eine

Verordnung, nach der die Moorgemeinden

die Hälfte des abgebauten Torfes dem Kreis

zum Ankauf anbieten müssen. Der dadurch

entstandene Vorrat soll den bedürftigen

Haushalten zugeteilt werden.

Der Einfallsreichtum erfinderischer Bürger

dazu wird an einer besonders ungewöhnlichen

Herstellung von Heizmaterial deutlich:

RUNDBLICK Herbst 2017

„Aus Zeitungspapier lassen sich Briketts

herstellen, die einen ziemlichen Heizwert

haben, obwohl die Arbeit nicht besonders

sauber ist. Man legt 100 bis 200 Bogen Zeitungspapier

übereinander und besprengt sie

mit Wasser, so daß sie gleichmäßig feucht

sind, etwa wie halbtrockene Wäsche. Auf 2

bis 3 Bogen, die man abnimmt, streut man

nun möglichst feine Koks- oder Kohlenasche

und rollt sie zu wurstartigen Gebilden

zusammen. Diese werden mehrere Tage im

Freien an einem luftigen Ort getrocknet. Sie

können dann wie Holz im Ofen verbrannt

werden und geben eine gute Heizwirkung

ab. Eine Beimischung von Sägemehl beim

Bestreuen erhöht diese sogar noch.“

Kartoffelernte unter

staatlicher Kontrolle

mahlung des Getreides schlecht genießbar

und schwer verdaulich sein werde.“

Abgabe von Gold

und Schmuck

Zur Vervollständigung des Bildes der

damaligen Lage sei noch ergänzt, dass unter

dem Motto „Gold geb ich für Eisen“ die

Bevölkerung aufgefordert wurde, ihren

Gold- und Schmuckvorrat als Beitrag zur

Finanzierung und damit zur Beendigung des

Krieges abzugeben. An die Moral der Menschen

gerichtet lautet ein entsprechender

Text: „Müssen wir nicht erröten, wenn wir,

die wir in vollster Sicherheit zu Hause sitzen,

uns noch mit Gold, Steinen und Perlen

behängen, anstatt sie für das Vaterland hinzugeben,

während unsere tapferen, nicht

genug zu bewundernden Feldgrauen

draußen in Feindesland ihre Gesundheit und

das Leben für uns opfern?“

Die Sparkasse unterstreicht mit einer

Anzeige und einem Text im Lokalteil unter

den Titel „Ernste Mahnung“ die Wichtigkeit

der Maßnahme: „(...) Sowohl die Schlagkraft

unseres Heeres als auch die Möglichkeit

inneren Durchhaltens, also die Erreichung

eines ehrenvollen Friedens, hängt von der

Stärke unseres Reichsgoldschatzes ab. Wer

es gut meint mit unserem Vaterland, muß

sich dies ernsthaft vor Augen halten. Das

Festhalten an Gold und Schmuck hat keine

Berechtigung und keinen Sinn mehr in einer

Zeit, in der auf Tod und Leben um das deutsche

Sein gerungen wird. Möge diese

Erkenntnis auch die Letzten dazu bringen,

mit der Abgabe allen Goldes und Juwelenschmuckes

zur baldigen Herbeiführung

eines gedeihlichen Friedens beizutragen.“

Peter Richter

Anmerkung: In den Originaltexten wurde die

damals gültige Rechtschreibung beibehalten

Quelle: Zeitungsarchiv des Heimatvereins Lilienthal

e.V.

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Anschlag im Pressehaus der „Bremer Nachrichten

Eine Briefbombe stürzte Bremen 1951 in Angst und Schrecken

Dr. Adolf Wolfard, zur Tatzeit 49-jährig

Noch waren die Nachwehen des Zweiten

Weltkrieges in Bremen zu spüren, doch

die friedliche Stimmung in Deutschland

ließ eine Hoffnung auf eine gute Zukunft

aufkommen. Plötzlich erschütterte am Vormittag

des 29. November 1951 eine

furchtbare Sprengstoffexplosion im Pressehaus

der BREMER NACHRICHTEN das

Gebäude. Dabei wurde der Hauptschriftleiter

Dr. Adolf Wolfard getötet, als ein an

ihn persönlich adressiertes Päckchen von

ihm geöffnet wurde und der Inhalt explodierte.

Cedrik Erich von Halcz, zur Tatzeit 22-jährig

Der Feuillonredakteur Dr. Werner Wien

wurde schwer verletzt und die Chefsekretärin

Helge Emmimnghaus, die Dr. Wolfard

im selben Zimmer gegenüber saß,

kam glücklicherweise mit Splitterverletzungen

davon. Es war eine furchtbare Tat,

die durch nichts zu erklären war.

Doch damit nicht genug. Im Schalterraum

des Eystruper Postamtes wurde zur

selben Zeit die achtzehnjährige Kontoristin

Margarete Grüneklee durch einen explodierenden

Sprengsatz auf der Stelle in den

Tod gerissen. Dabei wurden zehn weitere

Personen z. T. schwer verletzt.

Unmittelbar nach dem Attentat auf Dr.

Wolfard in Bremen wurde bekannt, dass

der Fabrikant Anton Honig in Verden ebenfalls

per Post eine graubraune Papprolle

mit dem Aufdruck „Nur vom Empfänger

persönlich zu öffnen“, erhielt. Anton

Honig war der Besitzer des Kraftfutterwerkes

Niedersachsen. Die todbringende Post

erreichte ihn etwa eine Stunde vor Dr. Wolfards

Tod. Der Adressat Honig öffnete vorsichtig

den Deckel und wurde misstrauisch.

Später stellte sich heraus, dass er

den Zünder der Höllenmaschine um Haaresbreite

nicht zur Explosion gebracht

hatte. Er glaubte zunächst an einen

Scherzartikel, dann entdeckte er eine Flasche,

zu deren Hals eine Schnur führte. Als

Vorsichtsmaßnahme wurde die 35 cm

lange und 15 cm breite Papprolle in den

Keller gebracht und es wurde die Polizei

verständigt. Inzwischen wurden alle Mitarbeiter

aus Sorge vor möglichen Explosionen

vom gesamten Betriebsgelände entfernt,

zumal man in der Zwischenzeit von

dem Bremer Attentat erfahren hatte.

Feuerwerker der Bremer Kriminalpolizei

schafften den Sprengsatz in den Keller des

Bremer Polizeihauses. Als der gefährliche

Gegenstand entschärft war, kam der

Sprengmeister nach erfolgreicher Arbeit

triefendnass aus dem Keller. Mit der nun

unschädlichchen Briefbombe fuhr er zum

kriminaltechnischen Institut nach Hamburg.

Dort stellten die Experten fest, dass

es sich einwandfrei um den Sprengstoff

Der von der Briefbombe verwüstete Redaktionsraum des Hauptschriftleiters

Dr. Adolf Wolfard unmittelbar nach der Explosion

Die Höllenmaschine des Erich von Halacz. So präzise konstruiert sah die abgefangene

und nicht zur Explosion gekommene Briefbombe aus

18 RUNDBLICK Herbst 2017


Donarit I aus deutscher Fabrikation handelte.

Der Inhalt war 700 Gramm schwer

und er sollte nur beim Öffnen ohne Zeitangabe

explodieren. Die Suche nach dem

Täter gestaltete sich als recht schwierig,

sodass in Bremen umgehend die Bevölkerung

durch Handzettel um Mithilfe bei der

Aufklärung aufgerufen wurde. Der in Bremen

gegründeten Sonderkommission „S“

schlossen sich alle europäischen Staaten

der „Interpol“ an, sowie die Kripo der

damaligen Ostzone. Das war die größte

kriminaltechnische Aktion der Nachkriegszeit

in Europa, so wurde berichtet.

Anfangs kaum Hinweise

Die Suche nach dem Täter ließ dem Leiter

der Sonderkommission Dr. Zirpens und

seinen Mitarbeitern keine Ruhe. Es war

kaum ein Hinweis zu entdecken, bis man

erfuhr, dass am Tage zuvor, als die Rollen

bei der Post aufgegeben wurden, bei den

Opfern telefonisch angefragt wurde, ob sie

auch am folgenden Tag in ihrem Büro

anzutreffen seien.

Es dauerte 13 Tage, bis man auf einen

älteren Herren in Nienburg aufmerksam

gemacht wurde, der im Ersten Weltkrieg

als Sprengmeister eingesetzt war. In dem

Gespräch ließ er erkennen, dass er den

Sprengstoff Donarit I kannte. Dabei

nannte er auch den Namen seines Pflegesohnes

Erich von Halacz, der in Drakenburg

in einer kleinen Baracke lebte. Sein

offizieller Name, Cedrik Erich von Halcz,

war ein arbeitsloser technischer Zeichner.

Während der ersten Durchsuchung war er

in seiner Behausung nicht anzutreffen und

es schien so, als würde diese Aktion ergebnislos

verlaufen, bis der Blick auf eine

Schreibmaschine fiel. Die darauf eingegebenen

Schriftproben brachten den entscheidenden

Hinweis. Dabei entdeckten

die Ermittler, dass der Buchstabe „r“ genau

so fehlerhaft war, wie die Adressenangabe

an die Mordopfer auf den Briefbomben.

Damit war die Frage nach dem Täter

gelöst.

Was war das Motiv?

Und die Frage nach den Tatmotiven,

zumal er die Getöteten nicht kannte?

Nach endlosen Verhören hat Erich von

Halacz gestanden, dass er den Hinterbliebenen

in der bevorstehenden Weihnachtszeit

drohen wollte, sie ebenfalls umzubringen,

wenn nicht die Geldsumme von

5000,- DM an einem bestimmten Ort hinterlegt

werden würde.

Der Mörder Cedrik Erich von Halacz

wurde zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe

verurteilt. Wie üblich, wird das Urteil

nach 12 Jahren anhand einer Wiedereingliederungsprognose

von der Staatsanwaltschaft

überprüft. Der Briefbombenmörder

wurde schon etwas früher aus der

Strafhaft entlassen. Er lebt unter einem

fremden Namen in einer unbekannten

Umgebung und heiratete eine vermögende

Witwe.

So grausam und unverständlich diese

Mordtat auch war, gehört sie doch zur Bremer

Stadtgeschichte. Möglicherweise können

sich noch ältere Zeitzeugen an diese

grauenvolle Tat erinnern, wie auch der

Schreiber dieses Berichtes.

Text: Rudolf Matzner

Bilder: Georg Schmidt, Veröffentlichung

mit frdl. Genehmigung des WESER-KURIER

Quellenangabe:

Georg Schmidt. Bremer Tage, die die Stadt

bewegten

Herbert Schwarzwälder. Das große Bremer

Lexikon

Eigenes Zeitungsarchiv

Gesprächsinformationen

Wir bedanken uns bei der Chefredaktion

des WESER-KURIER für die

Zusage, die hier verwendeten Fotos

aus dem Nachlass des Georg Schmidt

veröffentlichen zu dürfen.

Köksch un Qualm

Donnerstagsprogramm bietet für jeden etwas in der Stader Landstraße 46

Ob Sie uns erstmals kennenlernen wollen

oder zu den regelmäßigen Gästen gehören

– für alle haben wir wieder ein abwechslungsreiches

Donnerstagsprogramm bis

zum Jahresende zusammengestellt.

In diesem Programm beginnen wir eine

neue Reihe, die wir in loser Folge wieder

aufgreifen wollen: Es geht um namhafte

Frauen unserer Zeit und wir beginnen mit

der beeindruckenden Persönlichkeit von

Bertha von Suttner.

Angela Piplak wird uns mit großem Wissen

und wunderbaren Geschichten den

historischen Weg des Kaffees in die Hansestadt

nachzeichnen.

Neben den beliebten Lesungen von Christine

Bongartz steht wieder das Selbermachen

auf dem Programm mit Sauerkrauterstellung,

Drucktechniken mit Lavendel und

diversen weihnachtlichen Arbeiten in der

Adventszeit.

Sehen Sie das Programm selbst einfach

durch und schreiben Sie sich gleich Ihre

Lieblingsveranstaltungen in den Kalender!

Wir freuen uns, Sie bald mal wieder bei

uns zu sehen, entweder an einem Donnerstag

oder mit einem Freundeskreis zu einem

gebuchten Termin.

Donnerstag, 12.10.17, um 15.30 Uhr

Sauerkrautherstellung – einfach lecker!

Anmeldung erwünscht

Donnerstag, 19.10.17, um 15.30 Uhr

Damenmode einst und jetzt!? Einfach

SPITZE!

Anmeldung erwünscht

Donnerstag, 26.10.17, um 15.30 Uhr

Eine „unerhörte“ Reise

Anmeldung erforderlich!

Donnerstag, 2.11.17, um 14.00 Uhr

Drucktechnik mit Lavendel

Anmeldung erforderlich!

Donnerstag, 9.11.17, um 15.30 Uhr

Namenhafte Frauen unserer Zeit: Bertha

von Suttner – Die Friedenstifterin

Anmeldung erwünscht

Donnerstag, 16.11.17, um 14.00 Uhr

Adventsgeschenke aus der Küche

Anmeldung erforderlich!

Donnerstag, 23.11.17, um 14.00 Uhr

Dekorative Adventskränze

Anmeldung erforderlich!

Donnerstag 30.11.17, um 15.30 Uhr

Wie der Kaffee nach Bremen kam

Anmeldung erforderlich!

Donnerstag, 7.12.17, um 15.30 Uhr

Weihnachten – so simpel wie einfach

Anmeldung erforderlich!

Donnerstag, 14.12.17, um 14.00 Uhr

Süßes für den bunten Teller – mit viel Liebe

selbst herstellen!

Anmeldung erforderlich!

Donnerstag, 21.12.17, um 14.00 Uhr

Kleine Papeterie-Geschenke zaubern

Anmeldung erforderlich!

Eintritt für das Donnerstagsprogramm

3,00 €; inklusive szenischer Museumsführung

durch die Ausstellung in Kombination

mit dem jeweiligen Hauptprogramm/

ggf. zzgl. Materialkosten (je nach Veranstaltungsart),

wie tagesaktuell ausgewiesen.

Ermäßigungen bitte an der Kasse erfragen!

Kaffee-Menü: 3,80 € / Kinder 1,50 €

Anmeldung unter:

Telefon 0421 636958-66 oder

E-Mail zigarrenfabrik@brasbremen.de

www.koeksch-un-qualm.de

RUNDBLICK Herbst 2017

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Lach- und Torfgeschichten

Lüttje Jan un de Football

No’n letzten Krieg, anfangs de 50iger

Johrn, at de slechten Tieden sinnig woller

beter worn, leben in’n Dorp Düwelsmoor

veele Menschen, de ut eer angestammte

Heimot vor den Krieg, Gewalt un Vorbreeken

un luter Angst utnei’en mussen. Up de

Buernhööf, de groten Deelen un in de

Ställe un bie’n Torfwerk in e Logerbaracken

harrn se een Dack obern Kopp funnen.

Disse Lü’e arangiern sick in’n Dorp, se

arbeiten bi de Buern un up’n Torfwerk, to

doon geeft jo genog, jed’een bo’e sick wat

up.

„Teutonia Teufelsmoor“

geef dat nich mehr

Arbeiten weer ober jo nich alles, de Lü’e

wullen uck mol Spoß hebben, sick freuen

un lachen, sick bewegen un Sport moken

– so oder so! To de Tied harrn de Dorpsvereine

eenen gewaltigen Toloop un veel

ne’e Mitgleeder kömen to jemm. Ik denk

dor an usen Schützenverein „Torfteufel“ bi

Jan Schoster an de „lüttje Reeg“ un an us

örtliche Füerwehr, – ik weet wol, se is keen

Verein – ober dor weern veel Lü’e mit Eifer

dorbi. Un denn harr sick uck noch een

Footballverein neet grünnt, de heet „Teutonia

Teufelsmoor“ un speel in grönwitte

Hemden toerst bi Hof Lütjen Nr. 8 up de

Brinkweid an’ne Dorpstroot, loter hen

Der Bornreiher Fanschal wärmt auch unseren

Moorteufel

Foto: Jan Brünjes

Bornreihe hat es geschafft: Meister Landesliga 2006, Aufstieg in Niedersachsen-Liga

weer eer Platz vorn bi de Hammbrügg. De

Balken mit dat Vereinsemblem stünnen

dor noch lang an de Infohrt, bit in de

60iger Johrn, do geef dat dissen Verein al

lange nich mehr – worum, wer weet dat?

„Hexe“ Wendelken

weer mien Vorbild

Dor weern veele gode Footballer bi, de

sünnt denn no annere Vereine goon. De

meisten in’t Noberdorp to „Blau-Witt

Bornriehe“. Dor wor to de Tied al hochklassigen

Football speelt. Hans „Hexe“

Wendelken ut Düwelsmoor speel dor alles

an’ne Wand un mok Tore wie an sien Fließband

up’n Torfwerk. He föhr dor den

„Sammler“, de grode Moschin to’n Uploden

von witten Torf. Hans dat weer mien

Vorbild, ik, de lüttje Jan, weer wol so bi

twolf Johr olt un „verrückt“ no Football. Bi

Schoolmester „Hannes“ Steffens bolzen

wie in jede Pause up’n Schoolhoff oder

vorn an Torfmoor, to annere Tieden up de

Weiden, usen Sandweg un de Hoffsteen.

„Afseits“ geeft nich un dree Ecken geven

ee’n Olbenmeter – ganz eenfache Regeln.

De Bornriehster Jungs in mien Oller kömen

mit Rad jümmer bi us vorbi non’n witten

Torf, se wallen de langen Strecken ut un

vordee’n sick Taschengeld. So hebbt wi us

kennenlehrt. Ik weer domols noch smächtig

von Statur un drof in’n Verein noch nich

speelen, mien Papa un Opa meenen jümmer:

„De haut di de Knoken kaputt, de

Jung schall up’n Hoff mithelpen un sick ne

up’n Footballplatz afmarachen!?“ So weer

dat Gesetz! Ik harr ober mien Ball un heff

alleen ööft un speelt, jümmer an de

Schüünwand un den trüch geballert. Ober

jede Week harr jo eer’n Sonndag, dor freu

ik mi jümmer up un denn lööp ik no’n Middag

los no’n Torfwerk an de Gleisen un

denn Moorgroben hoch no Verlüßmoor,

dor de Stroten lang bit no’n Footballplatz

bi Postel in Bornriehe.

Dat weern de

besten Sonndoge

Foto: Jan Brünjes

Dor töben mien Kumpels all up mi un

wie hebbt us blau-witten Helden speelen

sehn, meistens hebbt se gewunnen, „us

Hans Hexe“ mok alle platt. Intritt bruken

wie nich betohlen, wie sammeln de leddigen

Buddels tohoop, dor geeft uck noch

een Ies bi to. Wat weer dat for een „Spiejöök“.

Wenn dat Spill to en’n weer, denn

hör de Platz us too’n Bolzen un Ackern, dor

wor al’s nospeelt, wat wie de „Groten“

afkeken harrn. Dat weern de besten Sonndoge

in mien Jungstied, se hebbt mi prägt

un ik will se nich missen.

Ik stoh hüüttodoogs noch bi jede Gelegenheit

up’n Sportplatz bi Postel in Bornriehe,

am leevsten jümmer Sonndagnomdags.

Text und Fotos:

Johann (Jan) Brünjes

20 RUNDBLICK Herbst 2017


Lauenburg an der Elbe

Geburtsort der Findorff-Brüder

Lauenburg an der Elbe ist bekanntlich

die Heimat des Moorkommissars Jürgen

Christian Findorff. Als Geburtshaus galt ein

schmuckes Fachwerkhaus in der Straße

„Hohler Weg“.

Die Eigentümerin hatte einen Teil des

Hauses als Museum hergerichtet mit den

von ihr gesammelten Unterlagen über Jürgen

Christian Findorff und dem Bruder

Johann Dietrich, Hofmaler in Schwerin. Ein

Findling neben der Eingangstür wies mit

entsprechender Inschrift auf die Bedeutung

des Gebäudes hin.

Aus Altersgründen musste die Dame das

Haus aufgeben. Die Exponate kamen mit

ihrem Einverständnis nach Iselersheim in

das Haus des dortigen Heimatvereins.

Geburtshaus von

Jürgen Christian Findorff

in der Elbstraße 77

Wie ich jetzt erfahren habe, war nach

Feststellung örtlicher Heimatforscher dieses

Haus nie im Besitz eines Mitgliedes der

Familie Findorff, dafür aber das Anwesen

Elbstraße Nr. 77.

Aus den mir von Herrn Eggert vom Heimatbund

und Geschichtsverein Lauenburg

übersandten Unterlagen und den

Daten aus der von Jürgen Christian Findorff

erstellten Ahnentafel ergibt sich folgendes:

Der Großvater unseres Moorkommissars,

Hans Findorff, stammte aus Bienenbüttel.

Dessen Vater Daniel Vindorf betrieb

dort die Wassermühle am Vierenbach.

Hans, geb. 1661, zog es über die Elbe nach

Lauenburg. Er heiratete Margarethe, Tochter

des Ratszimmermeisters Hans Deutzmann

und kaufte 1698 das Haus Elbstraße

Franz-Hinrich Findorff

Foto: Hermann Röttjer

Lauenburg, Elbstraße 77, Geburtshaus der Findorff-Brüder

Foto: Gerhard Behrens

Nr. 77. Dabei führte er, wie auch später

sein Sohn Hinrich, aus bisher unbekannten

Gründen zeitweilig den Nachnamen Möller.

Hinrich, geb. 1692, Ratstischler, ist

1717 als Hauseigentümer verzeichnet. Er

ehelichte Sophia Hedewig Hoffmann aus

Sterley. Die beiden hatten die Kinder

Johann Peter, geb. 1718, gest. 1720, Jürgen

Christian, geb. 1720, gest. 1792,

Johann Dietrich, geb. 1722, gest. 1772,

Margarethe Dorothea, geb. 1724, gest.

1769, Franz Hinrich, geb. 1727, gest.

1802, Otto Peter, geb. 1729, gest. 1769,

und Christine Elisabeth, geb. 1731, gest.

1735.

Nach dem Tod von Hinrich im Jahr 1739

führte der Sohn Jürgen Christian mit seiner

Mutter den Betrieb. Die Mutter erscheint

1745 in der Hausgeschichte als Eigentümerin.

Nachdem Jürgen Christian ab 1753 mit

Arbeiten im Teufelsmoor beauftragt

wurde, soll der Bruder Otto-Peter den

Tischlereibetrieb geführt haben.

1766 ist Franz-Hinrich Findorff als Freitischler

mit einer Hausreparatur in der

Hausgeschichte Elbstraße 77 nachgewiesen.

1773 ist dann der Konkurs und der

Verkauf des Hauses verzeichnet. Die 80-

jährige alte Mutter zog nach Harsefeld zu

den Kindern der bereits verstorbenen

Tochter. Franz Hinrich hatte mit Hilfe seines

Bruders Jürgen Christian die Anstellung

als Moorvogt in Hüttenbusch bekommen.

Er musste sich mit seiner Familie,

Ehefrau und 4 Kinder, aus der Stadt kommend

an ein Leben im Teufelsmoor

gewöhnen.

Gerhard Behrens

Fast

vergessen …

Stimmungsbilder aus Moor und

Heide im Spiegel der Dichtkunst

Mit dem Gedicht „Unwetter“ setzen

wir die Reihe der Erinnerungen an fast

vergessene Dichtkunst unserer Gegend

fort. Noch einmal zeichnet Franz Diederich

(1865 – 1921, vgl. auch Ausgaben

Nr. 120 und Nr. 121) mit kraftvollen Worten

ein Wetterschauspiel und lässt damit

wiederum seine gefühlvolle Nähe zu

Mensch, Landschaft und Natur erkennen.

Nur allzu gut können wir heute ein solches

Unwettertoben in jenen Tagen

nachvollziehen...

Peter Richter

Unwetter

Der Sturm hat schwarz den Tag erdrückt,

kommt wütend durch das Dorf gesaust,

reißt grünes Gezweig, in Büschel zerstückt,

von den Eichen herunter mit rüder Faust.

Sturm, Donner, Hagel und plötzliche Nacht,

und in der Straßen Wasserschwall

flammt blitzeschmetternd die Himmelsschlacht

wildweiß unheimlich überall.

Der Sturm heult über die Heide herein,

kracht ineinander den alten Forst,

Urtannen stürzen, die Wipfel schrein,

hoch kippt aus dem Boden der Wurzelhorst.

Der Regen rast und schwemmt und schlägt,

übers ganze Land peitscht höllische Wut,

alle Saaten sind niedergefegt,

in alle Gärten spült die Flut.

Auf alle Dächer prasselt der Fluch.

Bangklein erglimmt hinter Fenstern Licht.

Die Alten greifen zum frommen Buch,

und alles schweigt und rührt sich nicht.

Und Blitz und Donner, Knall und Hall

bleiche Gesichter durchfährt der Graus,

an den Ketten zerrt das Vieh im Stall,

ein Klirren schreckt durchs ganze Haus.

Der Sturm heult auf; - ein Schatten hetzt

spukgroß am niederen Fenster hin:

der alte Birnbaum liegt zerfetzt,

dumpf starrt zu Boden die Bäuerin.

Foto:

Franz Diederich

© Wikipedia

RUNDBLICK Herbst 2017

21


„Let the good times roll“

Fotos von Marlies Leckebusch im Kreishaus vom 9. Oktober bis 29. Dezember 2017

Am 13. Dezember 1972 wurde der

MUSIKLADEN das erste Mal von Radio Bremen

ausgestrahlt. Er löste den legendären

Beat Club ab, wurde moderner und den

wilden 70ern angepasst. Zu der Zeit war

Marlies Leckebusch Pressefotografin bei

Radio Bremen und hat während der laufenden

Sendungen die Stars und Sternchen

fotografiert. Schon während der Proben entstanden

Fotos und so kam im Laufe der 90

Musikladensendungen ein wahrer Schatz an

zeitgenössischen Fotos aus der Musikszene

der 70er und 80er Jahre zusammen. Für viele

Akteure war der Musikladen das Sprungbrett

den wieder lebendig. Unvergessen auch die

Moderatoren Uschi Nerke und Manfred

Sexauer.

Marlies und Mike Leckebusch wohnten in

Garlstedt. Mike Leckebusch betrieb bis zu

seinem Tod im Jahr 2000 im Keller des Hauses

ein TV-Studio. Auch dort gaben sich

Künstler die Klinke in die Hand und es wurden

Musikvideos hergestellt.

Im Jahre 2008 erwarb Dr. Siegfried Zaft

das Anwesen und hält seitdem das ehemalige

TV-Studio von Mike Leckebusch und das

Andenken an die Musikladenzeit lebendig.

Mit der Hilfe von Siegfried Zaft wurden über

Leckebusch ist anwesend. Nach einer

Begrüßung durch den Landrat gibt Dr. Siegfried

Zaft im Großen Saal eine Einführung in

die Ausstellung und zeigt ca. eine Stunde

ausgewählte Highlights aus Musikladensendungen.

Diese Begleitveranstaltungen runden die

Ausstellung ab:

– Herr Dr. Zaft hat sich bereit erklärt, am 18.

Oktober 2017 zwei kostenlose Führungen

(18 und 19 Uhr) durch das Studio in

Garlstedt für jeweils 25 Personen anzubieten.

Interessierte Personen melden sich

dazu bitte mit Angabe der Personalien

zu einer großen Karriere. Marlies Leckebusch

hat sie alle im Bild festgehalten.

Erinnerungen an ABBA,

Tina Turner und mehr

Einige dieser Bilder werden nun in einer

Ausstellung im Foyer des Kreishauses Osterholz

gezeigt. Das Motto ist: „Let the good

times roll“ und die Eröffnung der Ausstellung

ist am 9. Oktober um 17 Uhr. Marlies

Leckebusch wird anwesend sein. Erinnerungen

an vergangene Zeiten mit ABBA, Tina

Turner, David Bowie und vielen mehr wer-

50.000 Dias und Negative der Fotografin

Marlies Leckebusch gescannt und digitalisiert.

So wurde diese Ausstellung möglich.

Unter dem Motto: „Mit dem Musikladen

durch das Jahr 2018“ hat Dr. Siegfried Zaft

aus dem Fundus der Musikladenfotografien

auch für das kommende Jahr wieder einen

Kalender zusammengestellt, die Sammler-

Edition 2.

Ausstellungseröffnung am 9. Oktober

2017 um 17 Uhr im Foyer des Kreishauses,

Osterholzer Str. 23. Dauer der Ausstellung

bis 29. Dezember 2017. Zur Eröffnung sind

alle Interessierten eingeladen. Marlies

unter der Telefonnummer 04791 930245

an. Eine Teilnahme ohne Anmeldung ist

nicht möglich.

– „Kalenderblatt Musikladen“, offene Veranstaltung

für alle Interessierten am 29.

November 2017 von 16.30 Uhr bis 18.30

Uhr im Bistro des Kreishauses. Die

Geschichte des Musikladens wird erzählt,

es gibt eine Führung durch die Ausstellung

mit Dr. Zaft und Marlies Leckebusch,

Fragen können gestellt werden, kleine

Bewirtung mit Kaffee, Tee, Adventsgebäck.

Text: Maren Arndt und Ursula Villwock

22 RUNDBLICK Herbst 2017


Worpsweder Dorfplatz

Ideen zur Umgestaltung

Worpswede ist erst seit 2014 meine

neue Heimat geworden. 68 Jahre zuvor

verbrachte ich in Württemberg, Karlsruhe

und Stuttgart.

Aber mir liegt auch in Worpswede am

Herzen, was „Heimat“ ausmacht, ein Ort,

Identität und Geborgenheit vermittelnd.

Zur Identität gehört für mich das „Dorf

Worpswede“, das seinen Dorfcharakter

jedoch mehr und mehr verliert. Mitten im

historischen Dorfkern werden Immobilienbauten

errichtet, die weder den Charakter

der ursprünglich bäuerlichen Bauweise

noch die vorhandene, dörfliche Bauweise

aufnehmen.

Dorfplatz nicht erkennbar

Es gibt auch einen „Dorfplatz“ hier, aber

niemand würde ihn erkennen, stünde dort

nicht ein Hinweisschild. Der neu angelegte

Platz wird von einem großflächig versiegelten

Autoparkplatz dominiert, der auf

eine unerklärliche Weise zweigeteilt und

daher weit ausgedehnt ist. Ein dort unpassend

stehender Toilettenzweckbau hat

auch ganz und gar keinen dörflichen

Anklang.

Ich habe versucht, diese aus meiner

Sicht reichlich verplante und wenig einladende

Dorfmitte gestalterisch zu reparieren

und aufzuwerten:

1. mit der Zusammenlegung der Parkplätze

Richtung östliches Areal mit nur

Vorschlag zur Umgestaltung

noch einer Zu- und Abfahrt von der

Hembergstraße (der heute baumlose

Parkplatz wird mit Bäumen bepflanzt),

2. mit der dadurch möglichen Vergrößerung

des westlich an den Parkplatz

anschließenden Grünareals und Schaffung

einer Fläche für eine Festwiese,

3. mit dem Neubau eines Dorf- und Heimatmuseums

in Fachwerk und Reetdach

anstelle des Toilettenbaus (neue

Toilettenanlagen wären im Neubau vorgesehen).

Das Luftbild zeigt eine Nutzung der

neuen Festwiese, z. B. durch das Worpsweder

Erntefest, das bisher in einer schattigen

Parkplatzecke an der Findorffstraße

stattgefunden hat. Hier käme das Heimatfest

in die Dorfmitte neben den Dorfplatz

und der Parkplatz neben Rossmann müsste

nicht gesperrt werden. Der Dorfplatz

würde vergrößert werden und bis an das

neue Heimatmuseum grenzen.

Schon wieder ein Museum in

Worpswede? – Ja, denn 800 Jahre

Worpswede haben es verdient, entsprechend

gewürdigt zu werden.

Orts- und

Heimatgeschichte

unter einem Dach

Orts- und Heimatgeschichte und die

Geschichte des Künstlerdorfs unter einem

Dach vereint zu präsentieren, das hat

Worpswede bislang nicht zu bieten. Vorstellen

könnte ich mir in dem Museum

u. a. ein „Rilke-Zimmer“, denn nirgendwo

in dem Dorf, in dem einer der großen

europäischen Dichter und Lyriker zeitweise

gewohnt und gearbeitet hat, gibt es einen

solchen Gedenkort. Ein solches Museum

wird ganz sicher noch weitere, zahlreiche

Besucher nach Worpswede locken.

Bleibt die Frage der Finanzierung: Leider

scheitern neue dorfverschönernde und

kreative, architektonische Ideen im „Dorf

der Künstler“ immer zuerst, kostet zu viel.

Die heutige, ziemlich unwirtliche Dorfmitte

aber so zu lassen, wie sie sich Besuchern

aus allen Regionen und auch dem

Ausland bietet, kann auch keine Lösung

sein.

Text und Zeichnung:

Axel Spellenberg

‘n beten wat

op Platt

Redensarten unserer

engeren Heimat

Dat is'n Meisterstück, sä de Timmermann,

harr'n Hunnehütt boot un dat

Lock vergeten.

Wat se nich allns vör Geld mokt, sä de

Bur, do seet'n Aap up'n Kamel.

Wenn't kummt, denn kummt up'n

Hopen, sä de Snieder, do kreeg he

twee Nachtmützen to maken.

Rat' mi good, sä de Brut, ober rat' mi

nich af.

Lot den Ossen man trecken, sä de

Buur, Melk geben deit he nich.

Mit Dampfbetrieb, schreef de Schoster

an't Finster, do steek he sien Piep an.

Wat wi doch nüdlich sünd, wenn wi

jung sünd, sä de Jung, do bekeek he

de Farken.

Veel Kopp, veel Sinn, sä de Düwel, do

schöw he en Koor vull Poggen.

(aus „Heimatbote“, Osterholz, 1926)

Peter Richter

RUNDBLICK Herbst 2017

23


Aufruhr im Kloster Lilienthal

von Karl Lilienthal

Eine Geschichte von Karl Lilienthal (1890 –

1956) nach einer, wie es heißt, wahren

urkundlich belegbaren Begebenheit, die sich

im Kloster Lilienthal um 1600 zugetragen

haben soll.

Es war im Jahre 1594, dem 18. Regierungsjahr

Kaiser Rudolfs II., als sich im Kloster Lilienthal,

das damals von der Aebtissin Thibbeke

von Marßel und der Priorin Gese Raschen geleitet

wurde, ein bis dahin nie gewesener Vorfall

ereignete, der großes Aufsehen erregte, dem

Kloster schweren Schaden zufügte und eine

Reihe von Vorgängen im Gefolge hatte, die im

Zusammenhang mit den geschichtlichen

Umwälzungen jener Zeit zur Auflösung des Klosters

beitrugen. Will man diesen Vorfall recht

verstehen, so muß man wissen, daß sich seit

den Tagen der Reformation (Wittenberg 1517)

im Lilienthaler Konvent so mancherlei und Entscheidendes

zugetragen hatte. Jahre später,

etwa um 1670, waren die Schwestern zum

evangelischen Glauben übergetreten und hatten

damit einen Schritt getan, der schwerwiegende

Folgen nach sich zog. Ein Teil der Nonnen,

der von der katholischen Lehre nicht

ablassen wollte, verließ das Kloster, ein anderer

auch nicht bekehrter Teil verblieb darin, siedelte

ins Siechenhaus, das sogenannte Infirmarium

(Kranken- und Pflegestation), über und hielt,

gnädig geduldet, mit Buß- und Gebetsübungen

an den Ordensregeln und der apostolischen Kirche

fest. Die große Mehrzahl der Klosterleute

aber, die Konversi, die einstmals vor Jahrhunderten

das Kloster erbaut und seinen Grund

besiedelt und seither den groß gewachsenen

inneren Wirtschaftsstaat des Klosters mit

betriebsamer Hand geleitet und in schwerer

Zeit aufrecht erhalten hatten, wandten dem

Kloster, durch den Glaubensabfall hart getroffen

fast fluchtartig den Rücken. Dieser Lauf der

Dinge traf den Konvent schwer, aber beides, die

Zerstörung der Schwestergemeinschaft sowohl

wie der Fortgang der Laienbrüder und der Laienschwestern,

ließen sich überwinden. Weit

gefährlicher für den Bestand des Klosters aber

wirkten sich die überall im Lande aufflackernden

Revolten und Zinsweigerungen aus, mit

denen die dem Kloster durch Jahrhunderte verbundenen,

von Bremen über Oldenburg nach

dem „Norderland“ (Ostfriesland), weserauf,

weserab wohnenden Hörigen und Zinspflichtigen

an den Fronketten zerrten und mit List und

Gewalt versuchten, von ihnen und dem verhaßten

Kloster loszukommen. Um die Zeit, als

die nachfolgende Geschichte passierte, war der

innere und äußere Niederfall der Klosterherrschaft

schon auf einen festen Fuß gebracht

worden. Die Landbestände, der Erzbischof und

die feste Hand der Aebtissin Thibbeke von

Marßel hatten das Schlimmste abzuwenden

vermocht. Was verloren war, blieb verloren. Mit

der Einschrumpfung der Zins- und Zehnteinnahmen

hatte man sich umso eher abfinden

können, als die Bedürfnisse des auf 20 Nonnen

und wenige Laien geminderten Konvents

bedeutend geringer wurden, während die

Arbeit der Klosterleute unter diesen Umständen

leicht von gedingtem Personal, Knechten, Mägden,

Vögten und Hofmeyern ausgeführt werden

konnte. Es kam nur darauf an, weitere Aufsässigkeiten

zu hindern, das Vorhandene zu

schirmen und vor allem den neuen Glauben

und das geliebte Klosterleben in den schwankenden

Zeiten bei den wechselnden Machthabern

erhalten und durch Privilegien gesichert zu

sehen.

Borgfeld war ein

„ernster Aufruhrherd“

Dennoch nahmen namentlich auch in der

Umgebung des Klosters die Unruhen, Zwistigkeiten,

Treuebrüche und Losreißungen kein

Ende. Ein ernster Aufruhrherd war Borgfeld. Die

Unterhörigen dieses Ortes, vom dortigen

Gericht unterstützt, fischten mit Klaffnetzen

und Garn bei hellem Tage in der Wümme,

deren Fischereirecht das Kloster besaß. Darob

aufgebracht, geht der Klostervogt gegen die

säumigen Hörigen mit strengen Strafen vor.

Dem Pastor nimmt er eine Kuh, dem Gerichtsvogt

Kessel und Speckseiten, Friedrich Behrens

Töpfe mit Bohnen weg. Daniel Tietjens hochschwangere

Frau fühlt sich von ihm beschimpft

und tätlich bedroht. Der Klosterhofmeyer treibt

drei Kühe aus der Borgfelder Weide ins Klostergericht.

Ein Dietrich von Marßel wird von den

Klosterleuten auf offener Straße überfallen. Es

handelt sich um Repressalien und Vergeltungen

für geweigerte Zinsen. Aber der offene und versteckte

Krieg ist in vollem Gange, die Borgfelder

wissen wieder umzuschlagen und Ohrfeigen

durch Fausthiebe zurückzugeben. Im Frühjahr

des obengenannten Jahres bildete sich in Katrepel-Borgfeld

gegen das Lilienthaler Kloster eine

regelrechte Verschwörung, deren Kopf ein

Weib, eine aus dem Klosterdienst wegen Verfehlungen

entlassene Magd namens Womme

Waagschal, wurde und die es sich zum Ziele

machte, das verhaßte Kloster in Lilienthal zu

beunruhigen, zu drangsalieren und zu schädigen,

wie und wo es möglich war. Man störte die

Nonnen bei der Andacht und schreckte sie in

der Dämmerung, wenn sie von Gängen aus

dem Klosterholz und Besuchen aus Bremen

heimkamen. Einmal flog über die nördliche Kirchenmauer

ein dicker Stein durch das Kirchenfenster,

traf den Flügel des Altars und den

Deckel des Reliquienschreins und hätte um ein

Haar das greise Fräulein von der Lieth zu Tode

gebracht, hätte eine jüngere Schwester, die das

Unglück kommen sah, nicht schnell die Betende

vom Schemel weggerissen und in Sicherheit

gebracht. Verschiedentlich gelang es der Waagschal

und ihrer Sippe, dem Kloster nächtliche

Besuche zu machen, durch die verwaisten

Räume des Refektoriums ins Heilige der Klausur

einzudringen und Gelegenheiten zum Stehlen

auszuspähen. Schwarze Schatten huschten um

die Kreuzgänge, wuchsen gespenstisch an den

Fenstern der Tagesräume hoch, und dann duckten

sich die schwarzen Hauben, flogen die

formlosen Gewänder und flohen die lilienhaften

Frauen wie vor dem Leibhaftigen und seiner

Sippe selbst vor das schützende Marterholz

und die Flügel des heiligen Schreines. Hatte der

Böse nicht wenigstens seine Hand im Spiel ? Am

Abend des Himmelfahrtstages lag der Küster

lahmgeschlagen auf der Mühlenbrücke; den

Hofmeyer Lippert fand man völlig durchnäßt,

gebunden und mit einem Knebel im Munde

besinnungslos vor der Pförtnerwohnung. Fensterflügel

schlugen laut zusammen, Scheiben

klirrten, und die Vögel im Wald und am Wörpeufer

stießen verstört und heiser ihre Warnrufe

in die Nächte. Da mußte was Finsteres im

Werke sein. Niemand zweifelte mehr. Es kam so

weit, daß keine von den ehrbaren Schwestern

sich nach dem Dunkeln aus den Mauern des

Klosters herauswagte. Die Bediensteten trugen

scharfe Waffen unter dem Kittel und hielten sich

zusammen, wenn sie draußen waren und ihrer

Arbeit nachgingen.

Überfall auf das Backhaus

des Klosters geplant

Die Borgfelder Aufrührer und Schrecker aber

hatten ihre Rechnung ohne den Klostervogt

gemacht, einen Kerl von ganz besonderem Fasson,

der die Spuren der nächtlichen Diebe bald

auffand und Maßnahmen traf, ihnen das

Handwerk gründlich zu legen. Auf irgendeine

Weise bekam er heraus, daß die Borgfelder für

die letzte Mainacht einen Überfall auf das

Backhaus des Klosters geplant hatten und die

Mehlkisten dort berauben wollten. Da hieß es

scharf und rücksichtslos zupacken und den Dieben

einen Denkzettel zu erteilen, der ihnen das

Wiederkommen ein für alle Mal verleidete. Es

gelang ihm, zwei verwegene Burschen vom Klosterpersonal,

den Schuster Johann Suhrmann

und den Wagenknecht Dietrich Meyer, zu überreden,

in der fraglichen Nacht im Backhaus

Wache zu halten und die Mehlräuber dingfest

zu machen.

Und so geschah es. Die beiden Männer versahen

sich mit „thüringischen Tholchen“, wie

es in der Urkunde heißt, mit Schlagring und

Knüppel und begaben sich gegen 10 Uhr am

besagten Tage in das Backhaus, versteckten

sich hinter der dem Ofen am nächsten stehenden

Kiste und harrten der Dinge, die sich begeben

würden. Vom Turm der Klosterkirche schlug

es eben Mitternacht, da schlichen 4 Menschen

im Schutze der nördlichen Klausurmauer zur

Wörpe hin, um von dort zum Backhaus zu

gelangen. Ein schwelender Feuerkessel, der

manchmal rot aufzuckte und den einer der

24 RUNDBLICK Herbst 2017


Männer unter einem langen Umhang zu verbergen

suchte, warf dann und wann flackernde

Lichter über die nächtlichen Besucher und die

von großer Aufregung verzerrten Gesichter

zweier Frauen, die an der Spitze des Zuges marschierten

und sich wiederholt ängstlich

umschauten, um sich zu vergewissern, ob die

Männer ihnen folgten. Die zweite Person war

die Schwägerin der wegweisenden Womme

Waagschal und die Männer, derb, stark und

bereit, unter Verachtung jedweder Gefahr das

Aeußerste für ihre Sache einzusetzen, hießen

Kord Thölken und Diedrich Pauls und waren

Untersassen aus Borgfeld. Man fand glücklich

die in die Ostmauer des Klosters eingelassene

Tür, an der, wie man zuvor festgestellt hatte,

ein Übersteigen der Mauer möglich war. Die Tür

war nur angelehnt. Ohne Argwohn schritt

Womme Waagschal hindurch, stand einen

Augenblick mit schrägem Kopf lauschend im

Garten und zog, als alles ruhig und unverdächtig

blieb, die Komplizen nach sich.

Einbrecher von den

seltsamen Tönen gebannt

Es war totenstill in der Runde. Siechenhaus,

Kapitelhaus und Refektorien lagen in der

schweigenden Finsternis wie erstarrt. Nur aus

den hohen Kirchenfenstern schimmerte blasses

Licht in den Klausurhof und geisterte mit mattem

Geleucht am First des großen Ostbaues,

des Domus monachorum. Dann huschte ein

gelbes Licht in einem Zellenfenster des zweiten

Stockwerks auf, eine schwarze Silhouette

wuchs darin hoch wie das Schattenbild einer

flüchtenden Frau und erlosch schnell. Die Vigil

hub an, das Gotteslob der weißen Frühe. Orgeltöne,

Stimmen von überirdischem Klang blühten

auf, hoben sich gedämpft in die Höhe und

wehten dann leise um den Ring der Kirche, bis

sie plötzlich abbrachen. Mit verhaltenem Atem

standen die Einbrecher Augenblicke in verschränkter

Wirrnis, von den seltsamen Tönen

gebannt, dann drangen sie mit einem erhöhten

Gefühl der Sicherheit gegen das Backhaus vor.

Kord Thölken tastete sich als erster über die

Schwelle, Diedrich Pauls folgte den Frauen. Ein

Talglicht flammte auf und fand Platz auf einer

der geschlossenen Mehlkisten, die zu beiden

Seiten eines schmalen Ganges standen, der

zum Backofen führte. Unter gepreßten Anrufen

und Ermunterungen begannen die vier ihr Diebesgeschäft.

Einer der Männer stieg in die

größte der Kisten, füllte mit einem hölzernen

Löffel Mehl und schüttete es in einen der von

den Frauen aufgehaltenen Säcke.

Er hatte eben einen Bremer Scheffel gefüllt,

da fiel plötzlich, durch eine ungeschickte Bewegung

der Waagschal veranlaßt, die Kerze um

und erlosch. Thölken stieß einen gräßlichen

Fluch aus, sprang hoch und hob instinktiv den

Arm zur Abwehr hoch. Es geschah im nächsten

Herzschlag nichts, aber die gähnend aufbrechende

Dunkelheit breitete unter allen lähmendes

Entsetzen aus. Den Frauen stockte vollends

der Atem.

In diesem Augenblick fielen die Wächter über

die Diebe her, sprangen den Männern, deren

Standorte sie noch wußten, wie bissige Hunde

an den Hals und kriegten sie unter sich. Die

Überraschung machte sie überlegen. Sie hatten

aber ihre Rechnung ohne die Frauen gemacht.

Schnell hatten diese sich von dem lähmenden

Schrecken erholt. Nun brachen sie über die Klosterleute

mit Kratzen und Würgen, Stoßen und

Schlagen ein. Die Waagschal stülpte dem Schuster

recht unsanft einen leeren Himpten über

den Kopf, während die Brand den Knecht Meyer

mit einem „Grapen“, in dem man das Feuer zur

Entzündung des Lichtes gehabt, bearbeitete. So

kam es, daß die beiden Wächter zuletzt in

schlimme Bedrängnis gerieten und von den

Borgfelder Untersassen in die äußerste Ecke des

schmalen Backhausganges getrieben wurden.

Schon spannten sich dem Johann Suhrmann

eiserne Fäuste wie ein Schraubstock um den

Hals, sein Hilferuf verröchelte tonlos in den

engen Wänden des tonnenhaften Steingewölbes,

da stieß er in höchster Not mit seinem Dolche

zu und bohrte ihn tief in die Brust eines seinen

Bedränger.

Ein Schrei und ein Fall. Hochauf springt ein

Blutstrahl und trifft warm die schweißigen,

heißen Gesichter der Kämpfenden. Im Nu entwirrt

sich der dichte Haufen. Blindlings über den

Gestochenen stolpern die Diebe, von den Knüppelhieben

der Wächter getroffen, den Gang

hinab durch die Backhaustür ins Freie. Einer findet

den Weg durch die Mauertür, die anderen

klettern in besessener Hast die Mauer hinauf

und sprangen auf der anderen Seite mitten in

die vom Wasser hochgeschwellte Wörpe. Die

Wächter laufen ihnen nach, ohne ihrer habhaft

zu werden. Noch lange hörten sie aus der Richtung

des Vorwerks die gellenden Schmerzensund

Hilferufe einer Frau, bis der Glockenschlag

der ersten Frühstunde hineinhallte und die Klagelaute

aufsog.

Man fand eine Nonne

verblutet liegen …

Der Alarm, den die Wächter schlugen, und

die Hilferufe lockten in kurzer Zeit die Domina,

den Konvent und einen Teil des Gesindes herbei.

Da fand man denn die Womme Waagschal

mit ausgebreiteten Armen verblutet und tot im

Backhaus liegen. Ihre Rechte umschloß krampfhaft

ein kurzes, vom Blut gerötetes Messer.

Schauerlich war ihr Gesicht von Kratzwunden

und Blutflecken entstellt. Der Vogt schrieb auf,

was man am Tatort fand und was als Beweis für

den Ueberfall bei der gerichtlichen Verfolgung

in Frage kam: einen gefüllten und zwei leere

Säcke, eine hölzerne Schüssel, zwei Himte, drei

Bretter, „einer thüringischen Thonnen gleich,

mit Garn zusammengebunden, an beiden

Enden offen und in der Mitte mit einem kleinen

Loche, welches sie bei der Kisten anstatt einer

Leuchten gebraucht, einen Grapen (Kessel mit

drei Füßen), darinnen sie Feuer zur Entzündung

des Lichtes gehabt“.

Die Untersuchung des Totschlags zog sich

durch Stunden hin. Nichts ließ die Domina

unversucht den ungewöhnlichen Vorfall genauest

zu klären und das Kloster von jeder Schuld

reinzuwaschen. In der milchweißen Frühe des

Junimorgens, der sein glitzerndes Geschmeide

über Tau und Gärten des Konvents breitete, trugen

vier Bedienstete die unglückliche Tote, mit

einem schwarzen Tuch auf einer Bahre bedeckt,

ins Siechenhaus. Gleich am anderen Tage übernahm

Herr Otto von Düringen, des Klosters

Gerichtsherr und Domdechant, die gerichtliche

Verfolgung in die Hand. Emma Brand hatte eine

schwere Kopfverwundung davongetragen, und

so wurde ihre Mittäterschaft bald festgestellt.

Auch die anderen Helfershelfer entdeckte man.

Der Prozeß begann, wurde aber auf Betreiben

der Borgfelder, die ein hartes Urteil fürchteten,

nicht durchgeführt. Statt dessen schworen sie

Urfehde. Darüber heißt es im Urkundenbrief:

„Ob nun wohl nach diesen traurigen Ereignissen

die Domina und der Konvent genugsam

befugt, gegen das tote Weib mit der Schärfe des

Rechtes, anderen zum Abscheu zu prozedieren,

wie auch zu solchem Behuf das Gericht verfertigt

und der Nachrichten schon zur Stelle gewesen,

so hatten sie sich doch auf das flehentliche

Bitten und Anhalten der Freunde und Verwandten

der Waagschal dahin erklärt, daß sie das

fürhabende Gericht einstellen und die Tote zur

Bestattung freigeben wollten, wenn die Sippe

der Waagschal, geborenen und ungeborene

Erben, Meyer und Untersassen an Eides statt

und durch handgegebenen Brief gelobten, daß

sie alle Kosten erlegen und wegen der Entleibung

der Waagschal und der Schläge, die die

anderen empfangen, gegen des Domdechanten,

den Konvent und alle ihre Diener, insonderheit

gegen die beiden Wächter nichts Tätliches,

weder mit Worten noch mit Werken,

heimlich oder öffentlich, noch für ihre Person

noch für andere vornehmen und vornehmen

lassen wollten.“

… sie wurde „im Holze“

begraben

Auf solche gegebene „Urphede“ wurde die

Leiche der Waagschal zurückgegeben und gnädig

verstattet, daß sie „im Holze, wo man den

seligen Toten die Kreuze setzt,“ begraben

wurde.

Ueber die Verhandlungen und die Urfehde

stellte der kaiserliche Rat und hochlöblich

immatrikulierter uns approbierter Notarius

Andreas aus Bremen zwei Instrumente aus,

wovon eins, das dem vorliegenden Berichte als

Grundlage diente, sich im Staatsarchiv zu Hannover

befindet. Zwar hatte das Kloster in dieser

Sache obgesiegt, aber es sollte sich des gewonnenen

Rechtes und Sieges nicht lange erfreuen.

Die Borgfelder Revolte war nur ein Signal zu

weiteren Aufsässigkeiten, und der große Glaubenskrieg,

der so viele wirtschaftspolitische und

staatsrechtliche Bande zerriß, sprengte auch

die Siegel obgenannten Instrumentes und

machte den Borgfelder Schwur bedeutungslos.

1651 schloß das Kloster seine Pforten für

immer. Schweden trat sein Erbe an. Aus seinem

Grab aber blühte ein neues Gemeinwesen auf:

das junge Lilienthal.

Rupprecht Knoop

Quelle: Archiv Heimatverein Lilienthal e.V. /

WÜMME ZEITUNG 23./24. Dezember 1933

RUNDBLICK Herbst 2017

25


Europäisches Kulturerbejahr 2018

„Sharing Heritage“ – gemeinsam am Erbe teilhaben

2018 soll das Jahr des europäischen Kulturerbes

werden. Das hat im August des

letzten Jahres die Europäische Kommission

beschlossen und für das nächste Jahr das

Europäische Kulturerbejahr unter dem

Motto „SHARING HERITAGE“, gemeinsam

am Erbe teilhaben, ausgerufen.

Kulturelles Erbe erzählt

europäische Geschichte

„Europa soll nicht als etwas Fernes,

Abgehobenes wahrgenommen werden,

sondern als das Europa, das zu uns gehört.

Denn unser kulturelles Erbe erzählt uns

unsere gemeinsame europäische

Geschichte.“ Dazu sollen mit Projekten

grenzüberschreitende Gemeinsamkeiten

in Geschichte und Gegenwart in den Blick

gerückt werden.

In jeder Region und an jedem Ort gibt es

Spuren europäischer Geschichte, überall

umgibt uns europäisches kulturelles Erbe.

Wo erkennen wir dieses Erbe in unseren

Städten, Dörfern und Kulturlandschaften?

Was verbindet uns, was wollen wir verändern,

was wollen wir erreichen?

Dazu soll das Gemeinschaftliche und

Verbindende herausgestellt, das Bewusstsein

für unser reiches Erbe gefördert,

Bereitschaft zu seiner Bewahrung geweckt,

die gemeinsamen Wurzeln entdeckt,

unsere Umgebung mit neuen Augen gesehen

werden.

Gerade junge Menschen

sollen gewonnen werden

Ziel ist es, gerade junge Menschen für

unser gemeinsames Kulturerbe und deren

Erhalt zu gewinnen und zu begeistern.

Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche,

„die Erben des Erbes“.

Deutschland, Bund und Länder haben

beschlossen, ein Europäisches Jahr des kulturellen

Erbes zu unterstützen mit dem

Schwerpunkt auf das Thema baukulturelles

Erbe.

Denkmale und Kulturgüter sind aufgrund

ihrer Authentizität und Anschaulichkeit

besonders geeignet, „die Breite der

Gesellschaft mit Geschichte und Kultur in

Berührung zu bringen“, sind „das vielseitige

und unterschiedliche kulturelle Erbe“,

sind „Teil einer lokalen Identität“, sind „Teil

unser europäischen Geschichte und

Grundpfeiler unser kulturellen Vielfalt“,

sind das „Verbindende der gemeinsamen

kulturellen Wurzeln“.

Denkmale und Kulturgüter bieten sich

an, „gerade die jüngere Generation mit

Geschichte und Kultur in Berührung zu

bringen“, „Kinder und Jugendliche sowie

die Menschen, die bislang nur bedingt

Zugang zum kulturellen Erbe gefunden

haben“ zu erreichen und den „gemeinsamen

europäischen Kulturraum sichtbar zu

machen“.

Das bauliche und archäologische Erbe

lässt auch „andere Aspekte des materiellen

und immateriellen Kulturerbes (…) erfahrbar

werden, (…) wie sie zum Bespiel in

Museen und Archiven bewahrt, erforscht

und präsentiert werden“.

Unterstützt und gefördert werden sollen

gesamtstaatlich bedeutsame Projekte

durch die Beauftragte der Bundesregierung

für Kultur und Medien (BKM). Der

Programmbeirat und die Geschäftsstelle

befinden sich beim Deutschen Nationalkomitee

für Denkmalschutz in Berlin.

Die EU hat für das Jahr des europäischen

Kulturerbes 8 Mill. Euro, der Bund für ausgewählte

Projekte rund 3,6 Mill. Euro zur

Verfügung gestellt. Weitere Mittel sollen

von den Ländern und kommunalen Spitzenverbänden

kommen.

Ein im Frühjahr d.J. gestarteter Aufruf zur

Beteiligung am Kulturerbejahr wurde

inzwischen von mehr als 200 Institutionen

unterzeichnet. Aufgerufen ist die Zivilgesellschaft,

alle, die das Anliegen unterstützen

und fördern, bürgerschaftliches Engagement

einbringen möchten.

Mitwirken sollen möglichst alle öffentlichen

und privaten Träger, Bewahrer und

Vermittler des kulturellen Erbes, wie z.B.

Museen, Gedenkstätten, Archive, Bibliotheken

bzw. Verwaltungen, Eigner, Träger,

Vereine, Fachgesellschaften, Förderkreise

usw.

Bislang 34 Projekte vom

Bund gefördert

Der Bund fördert bislang 34 Projekte im

Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres

2018. „Die jetzt geförderten Projekte

bieten neue Perspektiven und Zugänge

zum kulturellen Erbe, regen an zur Entdeckerfreude,

Auseinandersetzung und

Selbstvergewisserung und tragen dazu

bei, insbesondere Kinder und Jugendliche

für das Kulturerbe zu begeistern …“.

Der Aufruf zur Mitwirkung am Europäischen

Kulturerbejahr 2018 befindet sich

auf der Website www.dnk.de, kann dort

gelesen und unterzeichnet werden.

Auf der Plattform www.sharingheritage.eu

befindet sich eine Vielzahl an Informationen

zum Europäischen Kulturerbejahr

2018 und hier vor allem zum Thema

Denkmalschutz.

Projektanträge sind mit einer formlosen

E-Mail mit Projektbeschreibung unter

contact@sharingheritage.eu an die SHA-

RING HERITAGE Koordinierungsstelle zur

Prüfung und Aufnahme einzureichen.

Förderanträge mit Antragsformular können

über die Hompage www.dnk.de des

Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz

eingesehen und ausgedruckt werden.

Förderanträge sind einzureichen bei der

Beauftragten der Bundesregierung für Kultur

und Medien (BKM) über die Geschäftsstelle

des Deutschen Nationalkomitees für

Denkmalschutz, Köthener Straße 2 in

10963 Berlin und zwingend per Mail an:

DNK@bkm.bund.de

Johannes Rehder-Plümpe

Quellen:

- SHARING HERITAGE Europäisches Kulturerbejahr

2018

- DNK, Deutsches Nationalkomitee Denkmalschutz,

Europäisches Kulturerbejahr

2018

- KMK Kultusministerkonferenz April 2016

- epd, Evangelischer Pressedienst

26 RUNDBLICK Herbst 2017


Eine Oase für Kinder

Naturspielplatz in Meyenburg

Meinem Wohnhaus vis-a-vis am Meyenburger

Dorfrand, dort, wo die Landstraße

in Richtung Uthlede entlangführt, liegt ein

kleines verwildertes Grundstück, tief

beschattet von zahlreichen Laubbäumen.

Efeu rankt sich um die Stämme und

Gestrüpp und abgebrochenes Totholz versperren

größtenteils den Zugang. Zur

Herbstzeit entsorgen Nachbarn dort ihr

zusammengekehrtes Laub. Früher, gleich

nach dem letzten Kriege, stand an diesem

Ort eine Wohnbaracke als bescheidene

Behausung für ein älteres aus Westpreußen

häuser errichten und natürliches Spielgut

finden. Mir scheint es ein urmenschlicher

Wesenszug zu sein, mit dem Nahen des

Frühlings, dem Wachsen und Werden in

der Natur kreativ nach zu eifern.

So habe ich denn meine stille Freude am

nimmermüden Treiben in unmittelbarer

Nachbarschaft und beobachte die kleinen

Akteure, wie sie Tag für Tag ein Spieldorf

gestalten. Ich darf ungehindert Zaungast

sein, weil mich meine neuen Nachbarn

von der Schule her kennen. Mit meiner

Fotokamera dokumentiere ich das emsige

einem Spielplatz wie diesem, bleibt ihre

Konkurrenz bescheiden.

Über viele Wochen bis in den Sommer

hinein in die ersehnte Ferienzeit nach den

Zeugnissen hielt das Treiben an. Es entstanden

ein Klettergarten, eine Gärtnerei,

eine Apotheke, eine Post und eben auch

ein Versammlungsraum für Clubmitglieder

mit Ausweis. Den Mitbegründern wurde

nämlich die ständige Neugier weiterer

Dorfkinder zu lästig. An einem Schlagbaum

sollten nicht erwünschte Ankömmlinge

zurückgewiesen werden. Mich über-

In der „Gärtnerei“

Der Versammlungsplatz

geflüchtetes Ehepaar. Der Abbruch des

Häuschens hinterließ keinerlei Spuren. Es

blieb eine abseitige Nische, ein stiller Winkel,

wo sich natürliches Leben ungehindert

entfalten konnte.

Doch dann schlug erst kürzlich die

Stunde der kleinen Pioniere aus dem Dorf.

Die Osterferien nahten und die Märzensonne

lockte ins Freie. Dieser Drang nach

draußen, verbunden mit mutiger Entdeckerfreude,

ist auch mir noch aus Kindertagen

vertraut: Höhlen bauen, Baum-

Geschehen. Mich überrascht die Intensität

des Handelns beim Umsetzen sprudelnder

Ideen.

Moderne Spielplätze

sind keine Konkurrenz

Spielplätze mit sicherheitsüberprüften

Geräten finden sich überall in unserer

großen Gemeinde. Sie sind wohl allenthalben

unverzichtbar. Doch verglichen mit

raschte dieses Gebaren, das die Kinder als

notwendig ansahen, weil es aus ihrer Sicht

eine Not zu wenden galt.

Als zur gleichen Zeit in unmittelbarer

Nähe Meyenburgs erste und bislang einzige

Verkehrsampel installiert wurde,

meinten die kleinen Pioniere, diese sei

wohl extra für ihr Spieldorf aufgestellt worden.

Mir fiel es ausgesprochen leicht, diese

Vermutung mit ihnen zu teilen. Also dann:

Grünes Licht für unsere Kinder!

Text und Fotos: Wilko Jäger

Die „Apotheke“

Eingang zum Kletterpark

RUNDBLICK Herbst 2017

27


Die Bremer Kahnschifffahrt

Böcke, After, Bullen, Maß-Kähne auf der Weser

Ein kleines Zweiständerhaus mit Reetdach

am Weserdeich, vor 1830 erbaut, ist

seit 1992 Domizil zweier Vereine, dem

Schifferverein Rekum und Umgebung von

1919 und dem Heimatverein Farge-

Rekum, gegründet 1934 (1948). Dessen

Vorläufervereine gehen jedoch auch auf

die Zeit um den Ersten Weltkrieg zurück.

Das war zum einen der Verein für Gemeinwohl

Rekum (1919) und der Bürgerverein

Farge (bis 1912, wiedergegründet 1927).

Das heute Kahnschifferhaus genannte

Gebäude wurde als Anbauerstelle erbaut,

über Jahre von Kleinbauern genutzt,

jedoch zum Ende des 19. Jahrhunderts von

Schiffern und einem Kahnknecht

bewohnt.

Der Berufszweig des

Kahnschiffers entstand im

19. Jahrhundert

Aus den Unterlagen des Heimatvereins

Farge-Rekum e.V. und dessen Internetseite

www.heimatverein-farge-rekum.de ist zu

entnehmen:

Im 19. Jahrhundert versandete die

Weser immer mehr, zudem waren die

Schiffe größer geworden und konnten den

Weserkahn „Franzius“

Frachtkahn „Weserkahn“

Hafen an der Schlachte in Bremen nicht

mehr erreichen. So übernahmen den

Warentransport auf der Weser von und

nach Bremen mehr und mehr kleinere

Schiffstypen wie der „Weserkahn“, der

Berufszweig des „Kahnschiffers“ entstand.

Bald gab es mindestens elf selbstständige

Schiffer In den Häusern „Unterm

Berg“ am Weserdeich in Rekum. Deren

hölzerne Segelkähne hatten eine Ladefähigkeit

von 60-180 Tonnen. Ab 1885

wurden die Segelkähne nach und nach

durch Schleppkähne ersetzt. Das waren

Schiffe aus Eisen ohne eigene Maschine

mit bis zu 1400 Tonnen Tragfähigkeit.

1914 verkehrten etwa 400 bis 450 dieser

Schleppkähne auf der Weser. Allein der

„Norddeutsche Lloyd“ hatte an die 170

Schleppkähne im Einsatz. Die Hochzeit des

„Weserkahns“ war vorbei.

Weserkahn war spezieller

Schiffstyp auf der Weser

Schon im 17. Jahrhundert war auf der

Weser als Frachtkahn ein spezieller Schiffstyp

unterwegs, der später als „Weserkahn“

oder als „Bremer Kahn“ bezeichnet wurde.

Diese wurden eingesetzt, um Waren auf

der Weser vor allem zwischen Bremen,

Vegesack und Geestemünde, Bremerhaven,

jedoch auch zu den kleineren Häfen

an der Weser und ihren Nebenflüssen zu

transportieren. Größere Weserkähne wurden

auch in der Küstenschifffahrt eingesetzt.

Im 19. Jahrhundert war die Weser vollkommen

versandet, Schiffe mit größerem

Tiefgang konnten den Warenumschlagplatz

an der Schlachte in Bremen nicht

erreichen. Den Warentransport übernahmen

kleinere Schiffstypen, die „Weserkähne“.

Diese sicherten über einen langen

Zeitraum die Stellung Bremens als Hafenstadt.

In der Blütezeit der Weserkähne

befuhren mehr als 200 Schiffe dieser Art

die Weser. Die Fracht der großen Segelschiffe,

der Windjammer aus Übersee,

musste in den kleinen Seehäfen an der

Küste und Unterweser auf die Lastensegler

mit geringem Tiefgang umgeladen werden.

Auf der Rückfahrt von Bremen über

die Unterweser an die Küste nahmen die

Frachtsegler bis zum Bau der Eisenbahn

nach Geestemünde/Bremerhaven Auswanderer

mit, die dort auf die Großsegler

umstiegen, um nach Übersee zu gelangen.

Ab 1888 nach Abschluss der „großen

Weserkorrektion“ durch den Wasserbauingenieur

und bremischer Oberbaudirektor

Ludwig Franzius (1832-1903), mit der

Begradigung und Vertiefung der Unterweser

und der Fertigstellung des neuen

„Europahafens“ konnten wieder Schiffe

mit größerem Tiefgang Bremen erreichen.

Weserkähne verschwanden nach und nach

von der Weser und „aus dem alltäglichen

Bild der Flussregion Unterweser“.

Bis zu dieser Zeit hatten sich die Schiffe

auf der Weser dem natürlichen Flusslauf

angepasst.

Nun wurde der Fluss, wurde die Natur

der technischen Weiterentwicklung, den

wachsenden Tonnagen und Tiefgängen

der Schiffe angepasst. Die Weser wird bis

heute immer wieder ausgebaggert, um

immer größeren Schiffen das Anlaufen der

bremischen Häfen zu ermöglichen.

Ein „Weserkahn“ ist ein Plattbodenschiff

mit großen Seitenschwertern und ist für

gewöhnlich ein Ein- oder Anderthalbmaster

mit einer Gaffeltakelung. Die Schiffe

waren je nach Größe zwischen 12 und 25

Meter lang, zwischen vier und sieben

Meter breit und gingen zwischen einein-

Seitenriss eines Weserkahns

28 RUNDBLICK Herbst 2017


halb und drei Meter tief. Die größten

Schiffe hatten bis zu 120 BRT. Je nach

Größe bestand die Besatzung aus zwei bis

vier Leuten.

Weserkähne hatten durch den platten

Boden einen „flachen Spiegel“, einen „auffällig

großen vorderen Sprung“ und große

Laderaumöffnungen. Diese waren mit

Lukenabdeckungen in Spitzdachform versehen.

Der geringe Tiefgang ermöglichte

Fahrten in flachen Gewässern und auch ein

Trockenfallen bei Ebbe im Wattenmeer in

der Küstenschifffahrt.

Gebaut wurden die Schiffe in den kleinen

und mittleren Bootsbauwerften an der

Unterweser und in Bremen. Jede Werft

hatte eine eigene handwerkliche Bauart.

„Böcke“ waren

Schleppkähne, die

getreidelt wurden

Die größten Weserkähne mit bis zu 36

Metern Länge, aber nur drei Metern Breite

wurden als „Böcke“ bezeichnet. Das waren

Schleppkähne, die getreidelt werden mussten.

40 bis 70 Personen, die „Lienlooper“,

zogen den Kahn an langen Leinen vom

Ufer aus gegen die Strömung. Auch Pferde

kamen als Zugtiere zum Einsatz. Diese

Kähne konnten Lasten bis zu 250 Tonnen

aufnehmen und wurden meist im Flussgebiet

südlich der Weser eingesetzt. Eine

etwas kleinere Art der Schleppkähne auf

der Weser hießen „After“, auch „Achterhang“.

Diese wurden an die „Böcke“

angehängt und konnten Lasten bis zu 50

Tonnen transportieren. Die kleinste Art der

Schleppkähne im Wesergebiet mit Lasten

bis zu 20 Tonnen wurde „Bulle“ genannt.

Auf der Weser waren noch in den

1950er Jahren Schleppzüge zusammengestellt

aus Weserkähnen und Schleppkähnen

ein alltägliches Bild.

In der Binnenschifffahrt gibt es auch

heute noch einen „Weserkahn“. Der

„Weser-Maß-Kahn“ ist ein genormtes Binnenschiff

eingeteilt in Klassen. Im Idealfall

sind diese 60,50 Meter lang, 8,80 Meter

breit, haben einen Tiefgang von 1,90

Meter und können 650 Tonnen tragen.

Heute ist kein „Weserkahn“ mehr im

Original erhalten. Bei Ausgrabungen

wurde ein Weserkahn aus dem 17. Jh. am

Rande der Bremer Innenstadt frei gelegt.

Im Jahre 1999 wurde auf der Werft „Bremer

Bootsbau Vegesack“ in moderner

formverleimter Holzbauweise ein Nachbau

erstellt, der den Namen „Franzius“ erhielt.

Dieser hat eine Länge von 28 Metern, eine

Breite von 6,50 Metern und eine Segelfläche

von 273 qm. Heute ist der Verein

„Bremer Weserkahn Franzius“ Eigner.

Die „Franzius“ sticht regelmäßig zu

Gästefahrten in See, kann für Tagesausflüge

oder für Fahrten ins Wattenmeer

gebucht werden. www.franzius-weserkahn.de.

Johannes Rehder-Plümpe

Quellen

- Johannes Rehder-Plümpe, Auszüge aus

Bericht „Canal Link“ für Landkreis Osterholz,

Bremen 2005

- Wikipedia „Weserkahn“, wikipedia.org

- Weserkahn „Franzius“ www.franziusweserkahn.de

- Radio Bremen Eins, 16. Sept. 2017,

www.radiobremeneins/serien/hier ....

Redaktionssitzung

Freundlicher Empfang im Kahnschifferhaus

Am 22. Juli 2017 weilten wir zur Redaktionskonferenz

im „Kahnschifferhaus“ in

Farge-Rekum. Dieses ehemalige Zweiständerhaus

aus dem Jahr 1800 konnte vor

einigen Jahren vom „Heimatverein Farge-

Rekum e.V.“ und dem „Schifferverein

Rekum und Umgegend von 1919 e.V.“

erworben und restauriert werden.

Es erfüllt heute vielfältige Zwecke für

Verwaltung, Ausstellungen und Besichtigungen.

Der Berufszweig des „Kahnschiffers“

bildete sich in der 2. Hälfte des 19. Jh.

heraus, als durch die Versandung der

Weser größere Schiffe nicht mehr Bremen

erreichen konnten, sondern die Häfen der

Wesermündung anliefen. Für den Verkehr

zwischen diesen und Bremen wurden kleinere

Schiffstypen eingesetzt, die für den

Warentransport sorgten.

So waren viele „Kahnschiffer“ in Rekum

ansässig.

Zur Sitzung:

Verleger Jürgen Langenbruch begrüßte

den Gastgeber, Herrn Wolfgang Kobbe,

die Redakteure und Gäste. Herr Kobbe

erzählte aus der Geschichte des Hauses

und von den vielfältigen Aktivitäten seines

Vereins, während seine liebenswürdige

Tochter sich um die Verpflegung mit Kaffee

und Kuchen kümmerte.

Die Entwicklung der Abonnentenzahlen

ist leicht rückläufig, es ist sehr schwer, neue

Interessenten zu finden. Für Werbemaßnahmen,

insbesondere auf Veranstaltungen,

steht eine Werbetheke auf Anforderung

zur Verfügung.

Eine Praktikantin des Verlags hat eine

Datei mit allen Artikeln, nach Autoren und

Thema sortierbar, erstellt.

Nach einem Rückblick auf die letzte Ausgabe

gaben die Anwesenden ihre Artikelthemen

für die Nr. 122 bekannt. Die

geplante Leserreise wurde noch einmal

angekündigt, leider musste sie inzwischen

aufgrund mangelnder Teilnahme storniert

werden. Nach reger Diskussion und einem

Schlusswort löste sich die Versammlung

auf - bis zum nächsten Mal!

Text: Jürgen Langenbruch

Fotos: Maren Arndt

RUNDBLICK Herbst 2017

29


Der Staatsforst Düngel bei Meyenburg

Ein Streifzug durch seine Geschichte

Nordöstlich von Meyenburg erstreckt

sich bis zur Feldmark des Dorfes Lehnstedt

der Forst Düngel. Es handelt sich um ein

uraltes Waldgebiet, das bereits zu germanischer

Zeit als Thingloh mit einer Versammlungs-

und Gerichtsstätte Bedeutung

hatte. Davon leitet sich auch der

Name ab.

Megalithgräber sind

steinerne Zeugen

Als steinerne Zeugen einer Besiedlung

vor etwa 5000 Jahren verblieben mächtige

man einstmals der Meinung, dass derartige

Steinkolosse nur von solchen Giganten

bewältigt werden konnten. So brachte

noch vor etwa 400 Jahren der Gelehrte

Johan Picardt aus Amsterdam diese Zeichnung

heraus. Folgt man dem Mythos

unserer Vorfahren vom Diesseits und Jenseits

im menschlichen Dasein, immmer

getrennt durch einen Wasserlauf, so lässt

sich diese Vorstellung auf Meyenburg

bezogen augenfällig belegen. Der Bachlauf

der Mühlbeeke, später Flutgraben,

begrenzt jene zwei Welten deutlich. Vom

Brakland, wo mehrere bronzezeitliche

für gesellschaftliche Vergnügungen sorgten.

Standort der Staleke

im Düngel?

Da Hagen gerade Erwähnung findet,

scheint eine neuerliche Annahme des

Historikers Dr. Bernd Ulrich Hucker erwähnenswert.

Er glaubt nämlich, den wahren

Standort der legendären Staleke mit dem

Gerichtsstuhl im Düngel zu vermuten. Der

von Hermann Allmers besungene Baum

vor dem Schloss zu Hagen ist erst seit dem

„Grenzübergang“ aus zwei stattlichen Rotbuchen

Megalithgräber. Archäologen gehen

davon aus, dass diese Steinsetzungen als

Auftragsarbeiten erstellt wurden. Baukundige

Spezialisten mit dem nötigen Wissen

über Transport und Hebelkraft sollen für

ihre Errichtung bemüht worden sein. Im

Volksmund ist auch die Bezeichnung

Hünengräber gebräuchlich, die aus

Hünensteinen gebaut wurden. In der

Mythologie werden sie auch mit

Hünenmenschen (Riesen) in Verbindung

gebracht. Selbst in der Wissenschaft war

Grabhügel nachgewiesen wurden, bis hin

zum Düngel mit seinen Großsteingräbern,

erstreckt sich das einstmals jenseitige Reich

der Verstorbenen.

Einst bevorzugtes

Jagdrevier

Idyllische Wege laden zum Spaziergang ein

Der Düngel galt auch einmal als bevorzugtes

Jagdrevier der Bremer Erzbischöfe,

die als Landesherren in ihrer Sommerresidenz,

der Burg zu Hagen, standesgemäß

18. Jahrhundert bezeugt. Die älteste

Erwähnung einer Staleke iuxta castrum

Haghen datiert aus dem Jahre 1248. Dieser

Baum könnte ein Grenzpunkt zwischen

dem Gericht Meyenburg und der Vogtei

Hagen gewesen sein.

Im Zuge der Naherholung bietet sich der

Düngel für ausgedehnte Spaziergänge und

Wanderungen an. Aufgelockert durch vielerlei

Laubgehölze vermittelt er natürliche

Anmut und Farbstimmungen im Wechsel

der Jahreszeiten. Besonders beeindruckend

Großsteingräber im und am Düngel

Zeichnung von Johan Picardt aus Amsterdam

30 RUNDBLICK Herbst 2017


Der „Woolddüwel“, Karikatur von Anna Seebeck

ist ein „Grenzübergang“, gebildet aus zwei

stattlichen Rotbuchen nahe der alten Hofstelle

Seedorf, die schon seit dem Jahre

1110 urkundlich bezeugt ist.

Leider erfuhr dieses einst so abgelegene

Waldgebiet eine gravierende Zäsur durch

den Bau der A 27 zur Mitte der 70iger Jahre

im vorigen Jahrhundert. Zu allem Überfluss

wurde damals auch noch ein riesiges

Waldstück für die zunächst geplante Raststätte

„Seedorfer Holz“ gefällt.

Vor über 100 Jahren residierte im Düngel

der sogenannte „Woolddüwel“. Vom

Hörensagen her trug er diesen außergewöhnlichen

Spitznamen. Er soll der Prototyp

eines gestrengen Waldhüters gewesen

sein. Hatte der gefürchtete Förster einmal

emsige Beerensammler ohne amtliche

Genehmigung erwischt, riss er ihnen oftmals

das Sammelgefäß aus den Händen,

schüttete den mühsam zusammengetragenen

Inhalt auf den Waldboden und zertrat

ihn zornig.

Anna Seebeck, ein begabtes Meyenburger

„Original“ aus jener Zeit, hatte die Auftritte

des „Woolddüwels“ selbst erlebt und

ihren Zeichenstift zwecks Karikatur

bemüht.

Ein äußerst agiler und fachlich mitteilsamer

Forstmann war dagegen Gerold Müller.

Bis zum heutigen Tag verbindet mich

mit ihm eine herzliche Freundschaft. Er

brachte es fertig, binnen kurzer Zeit einen

Waldlehrpfad im Düngel einzurichten und

stellte eigens dafür eine launig verfasste

und wissenswerte Broschüre zuammen.

Als er mit seiner Familie 1977 den Düngel

verließ, um bei Wiesmoor in Ostfriesland

ein „Traumrevier“ zu betreuen, schrieb ich

ihm ins Gästebuch:

Abschied vom Düngel

Die Ricke ist ganz außer sich,

läßt wieder mal ihr Kitz im Stich.

Der Specht, soweit er trommeln kann,

verbreitet es per „Trommelgramm“.

Die Taube ist noch ganz verstört,

es sei denn, sie hat sich verhört,

weil, das ist oft schon hier passiert,

sie sich mit ihrem Ruf blamiert,

denn der, der so verlangend lockte,

ganz unverblümt im Forsthaus hockte.

Der Fuchs klemmt seine Lunte ein.

Im Schmerz möcht’ er allein(e) sein.

Kurzum: Des Düngels Kreatur

klagt pausenlos in Moll und Dur.

Bald weiß es auch das letzte Tier:

Der Gerold wechselt das Revier.

„Ja, ja, das hab’ ich gleich gewußt.

Das Wandern ist des Müllers Lust“,

meint Meister Lampe ganz lakonisch.

Zwei Eulen finden das ironisch

und senken schluchzend ihre Lider:

„Ihn zieht es ja zur Heimat wieder.“

Und fragt man euch, wie ihr das findet,

was euch der Förster dort verkündet

im Kreise, wo die Weser mündet.

So hält man’s erst für einen Jux,

wie das mit diesem blöden CUX.

Manch einer es nicht fassen kann:

„Dat weer doch just de rechte Mann!“

Ein „Univers(i)algenie“

für unsere Weiße Industrie.

Und die Verwaltung – ohne Zagen –

bekennt: „Das will uns nicht be-Hagen!“

Wir fürchten jetzt der Zeiten schlimme,

denn er ist unsere beste Stimme!“

Der Uthleder Kirchenboß,

der „Schwarzkittel“, der Pastor Voss,

kommt auf Anhieb zum Ergebnis:

Müller = Naturerlebnis.

Und Dr. Aust, im weiten Land

durch seine „Wühlarbeit“ bekannt,

erklärt mit Falten im Gesichte:

„Die Sache hat auch Vorgeschichte!“

Auch im Dorfe Meyenburg

sickert diese Nachricht durch.

Jetzt wird, so kann man es hier hören,

wohl niemand mehr im Düngel röhren.

Sheriff Freddy und die Bauern

Försters Abschied tief bedauern.

doch darin sind sich alle einig,

die Art, es ihm zu danken, mein’ ich.

Waidmannsheil gilt diesem Mann,

der, weil er glüht, auch zünden kann.

Text und Fotos: Wilko Jäger

Großsteingräber im und am Düngel Das ehemalige Forsthaus im Düngel um 1960

RUNDBLICK Herbst 2017

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