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E_1927_Zeitung_Nr.099

E_1927_Zeitung_Nr.099

Motor raste wie ein

Motor raste wie ein schwindsüchtiger Greis. Der ganze Hof war dicht voll Rauch, es war rein unmöglich, sich in der Nähe der fürchterlich zitternden Maschine aufzuhalten. Ob dem Rütteln verlor die Motorhaube ihren Halt und stürzte klappernd zu Boden. Mit Drähten wurde der Schaden repariert. Plötzlich war auch Herr Veilchenduft wieisfc Dann trug er den Brief eigenhändig auf die Post, etwas beruhigt legte er sich zum zweiten Male zur Ruhe. Der schwere Luxuswagen war vergessen, das Sportmodell, der kleine rassige Bergfahrer war die Losung. Der Montag wollte keine Ende nehmen, einmal läutete er dem Händler an, der Motor sei noch nicht verkauft. Gott sei Dank, noch vier Stunden, dann war er Autobesitzer. Um sechs Uhr raste er davon, dem Rennweg zu. Weit draussen war das Geschäft, es musste ein sehr grosser Betrieb sein, der in der Stadt keine Erweiterungsmöglichkeiten gehabt hätte. Nun hörten die Häuser auf, Pflanzgärten wechselten mit Hühner- und Kaninchenställcn. In der Ferne sah er einen grossen Bau, dort musste das Ziel seiner Wünsche sein. Endlich war er dort, eine alte Mietskaserne mit verfaulten Fensterladen und zerbrochenen Scheiben, ein trostloses Bild der Verwahrlosung. Eine zerschlagene Emailtafel vor der Durchfahrt wies in ein Hinterhaus mit der Aufschrift: Isidor Veilchenduft, Abfall-Verwertungsstelle, im Hinterhaus. In der Durchfahrt stunden zirka 20—30 Herrenvelo. In dem holperigen und schmutzigen Hof sah man ebenso viele Leute um ein gewisses Etwas, das sie mit lautem Lachen und Spott kritisierten. schen den Beinen hindurch etwas Rotes schimmern, aha hier stund sein Sportwagen. Was wollten alle diese Menschen hier, was ging die die Sache überhaupt noch an, das war doch seine ganze private Angelegenheit. Er schob sich etwas unhöflich durch die Gaffer und schritt auf Veilchenduft zu, wie einem alten Bekannten drückte er ihm die Hand, sie kannten sich ja schon längst, hatten sich geschrieben und per Telephon gesprochen. Die Anwesenden verliefen sich langsam und Friedrich August Kurvenöl hatte Zeit, das Sportmodell zu besichtigen. Ein solches war es einmal gewesen, das Hess sich mit ziemlicher Bestimmtheit feststellen, ebenso dass er einmal rot war. Die Polster waren zerrissen, im Boden war ein grosses Loch, da hiess es also aufpassen, bei Vollgas konnte dies schlimme Folgen haben, kam man mit den Füssen plötzlich auf die Erde. Aber ein rassiger Wagen war es immerhin, besonders bewunderte er die schnittige Linie der Karosserie. Die Maschine war vorne etwas höher als hinten, was ihr erst recht Rasse verlieh. Allerdings sah er bei genauerem Hinsehen, dass die beiden hintern Pneus platt am Boden lagen, während der rechte vordere aufgepumpt war, sein Kollege links fehlte; sehr wahrscheinlich war dort ein neuer vorge- i omUi_>ii_-ivi- v UL I tor springe an bei der leisesten Berührung. Damit war er vollständig beruhigt. Ob er eine Probefahrt machen könne? Jetzt habe er keine Zeit, morgen und übermorgen auch nicht, aber event. am Freitag oder Samstag, ob ihm dies passe? Er äusserte Bedenken, wenn inzwischen der Wagen verkauft würde? Veilchenduft erklärte, bei einer Anzahlung von Fr. 200.— denselben zu reservieren! Kurvenöl war einverstanden, wagte aber doch die schüchterne Bemerkung, ob er nicht einmal den Motor laufen sehen könne. Es sei kein Benzin zur Stelle, war die prompte Antwort. Das leuchtete wieder ein, ohne Benzin läuft auch ein Car-Alpin nicht. So wurde denn abgemacht, dass am nächsten Samstag der Kauf abgeschlossen werden sollte, nachdem vorher eine Probefahrt stattgefunden habe. Im Hochgefühl, Automobilbesitzer zu sein, kehrte Kurvenöl heim. Unterwegs kaufte er sich einige Bände Literatur über Automobilbehandlung sowie über Renntechnik. Bis zum Samstag hatte er 10 kg abgenommen, so zehrte die Sehnsucht an ihm. Endlich kam die Stunde heran, die ihm sei- Erdenwunsch erfüllen sollte. Der Kurvenöl sah zwi-nen Wagen stund noch am gleichen Flecke wie vor acht Tagen, der Regen hatte ihn etwas vom Staube gereinigt. Das vordere Rad hatte inzwischen einen Pneu erhalten, mit Seilen war er an der Radfelge befestigt. Immerhin machte das Kaufobjekt den Eindruck höchster Startbereitschaft. Herr Isidor Veilchenduft stund daneben mit Lederjoppe und Mütze. Er hatte bereits seine Automobilbrille angezogen, was auf Kurvenöl einen mächtigen Eindruck machte. Wie konnte er auch nur eine Brille vergessen, er schämte sich, so unsportlich angezogen zu sein. Mit grosser Pose trat der Mann in der Lederjoppe an den Motor heran und ergriff die Kurbel. Fast drohte Kurvenöl das Herz stille zu stehen ob dem historischen Ereignis dieser Stunde. Der kurbelte an, ein-, zwei-, drei-, zehn-, zwanzig-, dreissigmal, der Motor gab kein Lebenszeichen von sich. Er zog seine Jacke aus und begann von neuem, mit dem gleichen Erfolg. Der Motor sei kalt, die Rennkerzen seien immer etwas heikler als gewöhnliche Kerzen etc., es regnete Fachausdrücke, dann Flüche, alles ohne ein positives Ergebnis. Veilchenduit zog seinen Rock aus und begann herndärmlig den Kampf mit dem Motor wieder aufzunehmen, bis ihm der Schweiss über die Stirne quoll und er er-- schöpft dem Vehikel einen Fusstritt versetzte und davon ging. Ein Arbeiter hatte Erbarmen mit dem trostlos dastehenden Kurvenöl, machte eine Bemerkung von einem alten ausrangierten Selbstmordvehikel, bemühte sich aber weiter an 'den Wiederbelebungsversuchen. Plötzlich gab's einen Knall, dicke schwarze Rauchschwaden entströmten dem Auspuffe, der sehen. Ueberhaupt schien die rechte Seite des Wagens gegenüber der linken mit mehr Komfort versehen zu sein. Hier war sogar eine Laterne vorhanden, wenn auch ganz schwarz und ohne Glas. Ein Stück alter, zerrissener Schlauch führte nach hinten, wo irgend einmal eine Acetylen-Gas-Vorrichtung gewesen sein musste. Aber all dies störte ihn wenig, wenn nur der Motor tadellos funktionierte, als rassiger Bergsteiger war dies ja nicht anders zu erwarten. Ob ein elektrischer Anlasser eingebaut sei, frug er scheu Herrn Veilchenduft. Derselbe schaute den Fragenden nur so von der Seite an, ob er denn glaube, für Fr. 300.— einen Car-Alpin kaufen zu können. Was brauche er übrigens einen Anlasser, der Moder erschienen, man stieg ein, wenn auch nicht ohne etwas Herzklopfen. Der Motor wurde eingeschaltet, es gab einen Ruck, dass Kurvenöl beinahe sein Rückgrat brach, und wie aus einer Kanone, so schoss der Wagen aus der Durchfahrt heraus. Kurvenöl hatte sich vorgenommen, so viel wie möglich zuzusehen, wie sein Führer die Hebel betätige, aber er musste sich mit Armen und Beinen so gut es ging festhalten, wollte er nicht herausgeschleudert oder bei den Sprüngen vorne oder hinten die Hirnschale einschlagen. Einmal machte er eine Bemerkung über unruhigen Gang, worauf ihm der andere zu verstehen gab, man sehe schon, dass er von Autofahren keine Ahnung habe, das sei immer so, bis der Motor warm sei. Da er sich vollständig in der Gewalt seines Begleiters fühlte, wollte er ängstlich verhüten, seine Wut zu vergrössern, ihm bangte um sein armes Leben. Inzwischen kamen sie an eine Steigung, der erste Gang wurde eingeschaltet und erklärt, man fahre jetzt im Direkten. Aber trotz dem rasenden Lauf des Motories kamen, sie fast nicht vorwärts. Ein Velofahrer fuhr einige Zeit neben ihnen her, wie zum Hohne machte er sich, als ihm die Sache zu langsam ging, aus dem Staube. Das ärgerte den Veilchenduft wieder aufs ärgste, er fluchte über den Motor, der heute einfach nicht warm werden wolle und deshalb so schlecht ziehe. Kurvenöl sagte kein Wort, er schaute nur nach dem Kühler, wo ein mächtiger Dampfstrahl gen Himmel strebte. Dann blieb der Wagen stehen, mitten auf Chemische Analyse der modernen Frau. Der Direktor der britischen Farbenfabriken, Dr. E. F. Armstrong, hielt kürzlich eine Rede, in der er den Chemiker als den Schutzpatron der modernen Frau bezeichnete. Den Sinn dieses Wortes hat dann ein anderer Chemiker, Prof. A. M. Low, näher ausgedeutet, indem er eine «chemische Analyse» von dem entwarf, was die Damenwelt heute trägt. «Die Wälder von Schweden und Kanada liefern den Grundstoff, aus dem die Kunstseide der Strümpfe und Abendkleider besteht», sagte er. «Die schönen Farben der Toiletten sind aus den Rückständen der Kohle hergestellt. Die Armreifen, die jetzt so modern sind, bestehen aus einer raffinierten Mischung von Harzen und Milchprodukten. Nur 25% der Mädchen von heute haben noch ihre natürliche Haarfarbe. Die übrigen benutzen Henna oder Superoxyd oder irgend etwas anderes, und der leuchtende Ton des Haares rührt von solchen milden Farbstoffen her. Die Wellen des Haares erfordern die Benutzung von leimartigen Chemikalien, die für die Haltbarkeit sorgen. Das Gesicht der Dame verdankt seinen Rosenteint dem roten Bleioxyd auf Lippen und Wangen. Die Cremen bestehen zum grossen Teil aus Petroleumextrakten. Die dunklen Augenbrauen und Augenwimpern verdanken ihre Schwärze Lampenrauch, Kohlenstoff oder Siena- Erde. Die Fingernägel sind chemisch gebleicht und rosa mit gefärbtem Zelluloid getönt. Holzstoff und Papierbrei werden für Kleidung und Schuhe verwendet und so Hesse sich die chemische Analyse der weiblichen Erscheinung von heute noch weiter fortsetzen.» der Strasse. Nichts half, langsam, dann immer schneller begann er rückwärts die Strasso hinunterzufahren. Die Bremsen sollten in Funktion gesetzt werden, da kam es plötzlich Veilchenduft in den Sinn, dass er dieselben einmal verkauft und vergessen hatte, sie zu ersetzen. Da kam den Berg hinauf ein mächtiger Biercamion; mit Entsetzen gewahrte Kurvenöl die drohende Gefahr. Er dachte an sein letztes Stündlein, er gelobte, nie mehr in ein Auto zu sitzen, wenn er jetzt heil davonkäme. Aber der Zusammenstoss schien unvermeidlich zu sein. Er schloss die Augen. Der Wagen flog über die Böschung hinunter und blieb in einem Gartenzaum stecken. Ein Bauer kam mit einer Mistgabel und weckte mit lautem Fluchen die beiden vor Angst Halbtoten. Und während der Bauer und Herr Veilchenduft einander in den Haaren lagen, machte sich Kurvenöl davon. In rasendem Laufe, schneller als er gekommen, so flüchtete er heim; unter keinen Umständen wollte er mit dem Unglücksfahrzeug mehr etwas zu tun haben. Daheim holte man den Arzt; die Eltern konnten sich den Zustand ihres Sohnes nicht erklären. Dieser stellte eine wohl schon lange im Körper vorhanden gewesene Krankheit fest, die jetzt zum Ausbruch gekommen war. Nach einigen Wochen konnte Friedrich August Kurvenöl wieder seinen Posten im Bureau versehen. Er war wieder gesund wie noch nie zuvor. Für die Automobile hatte er nur mehr ein geringschätziges Lächeln. Als getreuer Sohn seines Vaters trat er ebenfalls dem Club der Antiautomobilisten bei. H. M Ein dankbares Weihnachtsgeschenk ist ein zum Preise von nur Fr. 125.— Lassen Sie sich bitte diese Apparate unverbindlich vorführen. I.i i i r T T i Reiseorammoplion M U S . I K H A U S RAMSPECK Zürich 1 Mählegasse 27129 MEER Der Doktor war gütig zu ihr, sie durfte gewiss nicht klagen. Aber die ganze Nacht nach Hans Feldts Eröffnung hatte sie doch gedacht, warum es ihr nicht einmal gelänge, wie doch so mancher andern Frau ihrer Art, einen reichen Mann an sich zu fesseln. Gewiss war sie zu bescheiden, nicht launisch und anspruchsvoll genug — die Männer wollten das wohl. Das wilde, ungezähmte Tier reizte sie, nicht die sanfte Hauskatze. Gut, sie machte ihr erstes Experiment, färbte sich die Augenlieder rot, und als der Doktor sehr zufrieden über einen vorteilhaften Einkauf von der Auktion zurückkam, fand er eine melancholische, kleine Marie, die den ganzen Tag nichts essen wollte — ausser den Bonbons heimlich auf ihrem Zimmer — und die ihm sehr viel zu schaffen machte, bis er sie einigermassen wieder beruhigt hatte. Und sie dachte: Es nützt Dir alles nichts. Sowie Hans Feldt mich auffordert, gehe ich auf und davon, und dann ist es ohnehin aus zwischen uns, weshalb sie schon allerlei praktische Wünsche äusserte: einen dicken Ledermantel samt einer Haube, elegante Stulphandschuhe und was ihr sonst noch notwendig zu einer Reise schien. «Aber Marie, Du hast doch immer die Sportsausrüstungen gehasst, weil sie aus der Frau eine Karrikatur machten? Und hier für die Stadt...» «Bereitsein ist alles», antwortete sie kühn. Hans van der Feldt arbeitete ohne Mittagspause durch. Seine Angestellten gingen und kamen und sahen ihn noch immer an seinem Schreibtisch sitzen. Sie kannten seine Arbeitslust und sein Pflichtgefühl und hatten in seiner Ausdauer das beste Vorbild. Aber er verlangte nicht dasselbe von ihnen, freilich duldete er auch nicht nachlässige oder unpünktliche Arbeiter um sich. Die Korrektheit des alten Offiziers sass ihm noch im Mark. Wie bescheiden hatte er nicht die neue Laufbahn begonnen — wie gründlich hatte er nicht gelernt und die Examina tadellos abgelegt. Da war Keiner, der bis aufs kleinste so genau über den Bau und die immer noch fortschreitende Entwicklung des Kraftwagens unterrichtet war wie er, der jede der unzähligen Erfindungen und Verbesserungen, die vor ihn gebracht wurden, sofort auf ihren Wert oder Unwert hin erkannte. Wie oft hatte er mit Gertrud darüber gesprochen, welche Gestalt dieser wandlungsfähige Wagen, der seiner Meinung nach noch ziemlich auf der ersten Stufe seiner Möglichkeiten stand, schliesslich annehmen würde. Ja, sie behaupteten beide, wenn sie nach dem Gesetz der Seelenwanderung auf die Erde zurückkämen, sollte ihre erste Frage und ihr erster Blick diesem Fahrzeug gelten, das dann sicherlich von aller Schwere befreit, jedem Einzelnen zugänglich und eine Verbindung von Auto, Flugzeug und Boot sein würde! Mit diesem Idealwagen, grün angestrichen, hatten sie dann den Weg in die Unendlichkeit zurück antreten wollen. Gegen Abend erst kam er aus seinem Privatbureau heraus. Er gab Anordnungen für die nächsten Tage, da er in Geschäften fort müsse. «Wo können wir Sie erreichen, Herr van der Feldt?» fragte der Prokurist, denn es lagen ein paar wichtige Abschlüsse vor, nur die letzten Besprechungen über die Zahlungstermine fehlten noch. Ausweichend übertrug ihm der junge Chef alle Vollmacht. Und müsse er noch jenes Zugeständnis machen, so solle er auf einen noch näheren Zahlungstermin bestehen — er rechnete scharf und verlor nie den Vorteil seiner Firma aus dem Auge. Beiläufig sagte er zum Schluss: «Geben Sie Nachricht nach Frankfurt an unser Hauptgeschäft. Ich hole mir die Briefe dort ab und spreche eventuell mit Ihnen von dort aus.» «Wann?» wollte der etwas Aengstliche wissen. Aber sein Chef hatte nach eiligem Gruss den Raum verlassen und wohl seine Frage überhört. Er hatte sicher etwas Neues vor, er Hess sich nicht gern in die Karten blicken... Hans fuhr nach Hause. Er wohnte in der Prinzregentenstrasse bei der Witwe eines Opernsängers. Sein Bett stand unter Lorbeerkränzen, und auch die übrigen Wände waren mit den prachtvollsten Atlasschleifen geschmückt. Er allerdings hatte immer ein wenig das Gefühl, schon sein eigenes Begräbnis zu erleben, aber er mochte die gute Frau nicht kränken, die ihn sicherlich für ganz pietätlos gehalten haben würde, hätte er auf die Entfernung dieser teuren Andenken bestanden. Schnell packte er ein paar Sachen in einen flachen Koffer. Himmel — so gut die Frau war: stets räumte sie bei ihm auf, was sie so Ordnung machen nannte, und ein- für allemal wurden dann seine Stiefelpaare getrennt — braun, schwarz, Lack, Einsatz, Sport. Alles stand in seinem Schrank durcheinander! Vielleicht war Gertrud nicht das Ideal einer Hausfrau im alten Sinne gewesen. Sie verachtete Wäschestopfen und hielt es für praktischer und übersichtlicher, nur gerade soviel Vorrat zu haben, um es gut übersehen zu können, aber im allgemeinen hielt sie doch auf Ordnung. Er dachte an ihre reizende kleine Wohnung in der Georgenstrasse, deren Ausschmückung und Einrichtung sie einem ganz modernen Maler überlassen hatten. Er hatte Orgien gefeiert in Farben und wilden Mustern und wegen der gewaltigen Zickzacks,,zum Beispiel im Schlafzimmer, die immer aussahen, als wollten sie sich wie Felsbrüche auf sie niederstürzen, verlangte sie zur Empörung des Künstlers einen schützenden Betthimmel. Ach, alles hatte ihnen Freude gemacht und ihre gute Laune nur verstärkt! Nach dem bunten Anstrich der Fussböden hatten sie sich faktisch gerichtet und auf der vorgetäuschten Wiese des Esszimmers gepicknickt und auf dem gelbe«* Sand des orientalischen Herrenzimmers Kamel und Treiber gespielt. Das Kamel war natürlich er. Ach, dass man je so kindisch und harmlos vergnügt hatte sein können. Und nun bildete sie sich ein, das alles einfach auslöschen zu können! Wahnsinn! Sünde! «Frau Willstadt,» schrie er und hielt einen Pantoffel und einen Haferlschuh in der Hand, «wenn Sie jetzt aber nicht kommen—». Was dann geschehen sollte, sagte er lieber nicht. Da rollte sie auch schon herein. «Jesses, na-a Unordnung haben's gemacht!» «Wer — ich? Sie sind gut! Können Sie denn nicht meine Schuh' paarweis lassen? Wenn ich wiederkomm' — es ist mir zweifelhaft, einen Menschen mit verschiedenen Stiefeln an den Füssen sieht man eben als Vagabunden an — aber jedenfalls binde ich sie dann zu zweien aneinander und wenn Sie die Senkel lösen, dann gnadcrrrrrrrrrrrArr die Senkel lösen, dann gnade Ihnen unser Herrgott!» (Fortsetzung folgt.)

Ein — 1»27 AUTOMOBIL-REVUE )«»ui*n«aSi*t «als Arbeite* Leuna «Werken in de 15 Fabrikbesichtigungen offiziellen Stils sind nicht immer befriedigend. Namentlch dann nicht, wenn man einen Riesenbetrieb, wie er die Ammoniakwerke von Leuna bei Mersebürg darstellt, einmal von unten sehen möchte. Nicht mit den Blicken eines Beschauers, der staunend mit glotzenden Augen und mit Bügelfalte und Gamaschen offiziel herumgeführt wird, sondern gewissermassen mit denjenigen eines Arbeiters... In Leuna, das eine Armee von 40,000 Arbeitern zählt, wird als Hauptprodukt Ammoniak und als Nebenprodukte Salpeter Düngesalze usw. produziert und seit diesem Frühjahr macht man Versuche zur fabrikmässigen Herstellung verflüssigter Kohle. Leuna ist der Name emes der grossen Zentren moderner Chemie. Doch hören wir, was ein Journalist, der als Arbeiter vermeidet, in den Leunawerken einige Zeit arbeitete, im Berliner Tageblatt von dem zu berichten weiss, was er sah und erlebte. « hs ist gar nicht so leicht, in den grossen Komplex aufgenommen zu werden. Der Wächter lächelt nur, als er mein Ansinnen hört, bestellt mich dann wieder. Der Betriebsleiter — Doktor, Ingenieur oder was er ist —, zu dem ich am nächsten Tage gebracht werde und vor dem der uniformierte Wächter (Leunasoldat oder Werkpolizei) leicht salutiert, macht ein noch skeptischeres Gesicht. Schliesslich kann ich mich wenigstens untersuchen lassen. Danach Verhör, längeres Notieren meiner früheren Arbeitsstätten — ob ich Soldat war — Gewerkschaftsangehörigkeit — (leises, aber nicht misszuverstehendes Anfragen nach meiner politischen Gesinnung), noch zwei Tage warten. Am dritten muss aber wohl alles in Ordnung sein. Ich werde photographierr, bekomme einen grünen Ausweis, muss eine lange Arbeitsordnung lesen und unterschreiben... und am fünften Tage nach meiner Anfrage soll ich endlich anfangen.» Der Arbeiter-Journalist muss natürlich irgendwo nachts sein Haupt hinlegen. Die Vororte sind alle überfüllt bis nach Halle und Merseburg. Erst in einem entfernt liegenden Nest findet er Unterkunft. Um 4 Uhr früh muss er schon aufstehen, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen: «Vier Uhr früh! Ich werde geweckt, trinke in der kalten, ungeheizten Küche meinen Kaffee, fülle mir die Flasche, nehme die Mütze vom Nagel und laufe los. Ich muss erst durch unseren kleinen Ort, stampfe über Wiesen und Felder, einen Waldrand entlang, durch ein Stück Holz — hinter dem Holz ist die Strasse. Wie hüpfende Krähen nehmen wir nächtlichen Wanderer uns aus — drei oder vier — ohne Zusammenhang — nur mit dem gemeinsamen Ziel: die Station. Die heranfauchenden Züge sind dunkel und ungeheizt. Was darin ist (meistens Männer) schnarcht oder versucht bei der ersten Morgendämmerung zu lesen. Der grösste Teil Appetitmangel, herrührend von Unrcgelmässigkeiten im Essen, Trinken usw., behebt in kurzer Zeit der ausgezeichnete, ärztlich empfohlene ( In Restaurants, Apotheken und Handlungen erhaltlich. 7 AUTO- UHLER- DECKEN irilJIJJER&MARTI TelBw.2106 B E R N Eigerplatzß Bei Anfragen bitten wir um Angabe der Wagenlype dieser Schnarchenden ist gelb und zusammengefallen. Die Arbeitszeit, zwei Stunden Weg und Anfahrt, acht und neun Stunden schwere Arbeit, Waschen, die Rückfahrt, also 14 bis 15 Stunden täglich im Takt der Füsse, der Eisenbahn, der Maschinen — machen alt und zerbrechen. Mit jeder neuen Station rücken sie näher zusammen, füllen sich die Bänke auf. Die meisten stehen schon. Stehen und schlafen weiter. Haben magere, hervorstechende Backenknochen, offene, nach unten gebogene Mundwinkel; sie zucken im Schlaf, und ihre Gesichter werden immer blasser und kalkiger.» Bei Fabrik-Eintritt und -Austritt herrscht strenge Kontrolle: .« Jeder Vierte oder Fünfte betritt die Kabinen. « Hände in die Höhe!» Der Mann wird abgetastet, muss seine Taschen zeigen, muss sich auf Verlangen ausziehen — eine Pflicht, der sich ausser den deutschen Leuna-Arbeitern und den Arbeitern von Leverkusen und Oppau nur noch die Schwarzen der südafrikanischen Diamantenfelder zu unterziehen haben.» Nachdem sich der Eindringling in einer kleinen Halle umgezogen hat, kommt er in einen Keller zu den Generatoren. Und die Arbeit beginnt: «Ueber uns die wie mit zierlichen Sägen ausgeschnittenen Gerüste dieser Gasfabriken. Grosse, luftige Bauten, Eisenkonstruktion. Verzweigt übernietet, verschlungen. Darin Generator neben Generator, schlank, wuchtig, wie eine Reihe nebeneinander aufgestellter Riesen. In unseren Kellern ist von ihrer Ueberschlankheit und Grosse allerdings wenig zu sehen. Wir werden die « Schlacker » oder « Schlammzieher » genannt. Oben zischt Luft durch die mit Koks angefüllten Generatoren der Anfang der Ammoniakproduktion — unten bei uns stürzt der durchgebrannte Koks n grosse viereckige Küsten. Wir reissen die riesigen Kästen auf, lassen die glühende Asche in kleine Karren fallen, die Karren ja- ;en unter Wasserduschen, werden dann von anderen aufgefangen und auf eine Wage geschoben. Es ist eine harte Arbeit. Die Hitze 60—70 Grad. Dazu stinkende, den Atem nehmende Asche, Kohlendämtpfe. Aber man kann nicht einmal die Jacken ausziehen. Denn von oben tropft heisses, klebriges Oel, stürzen :anze Staubkübel, glühende Koksreste — wir werden grau, werden schwarz; wenn wir unsere acht Stunden abgedient haben — herausund hinauftaumeln, sehen wir aus wie Neger. Ich bin « vorgerückt»: Von den Schlackern md Schlammziehern zu den «Transporteuren ». Der schnelle Wechsel kam, weil ich zweimal zusammengebrochen war und mir das Mehranderluftarbeiten wieder auf diegefüllt und verlässt das Werk, der andere Beine helfen sollte. Teil wird noch mit Gips und Schwefelsäure Es ist eine höchst gefährliche Arbeit. Das gemischt und nach einem Wanderweg über anze Werk ist in ein Netz von Strassen eingeteilt; die von Süden nach Norden in die In diese Eindämpferei komme ich die Eindämpferei Düngesalz. nach Nummern 1 bis 11, die von Westen nach Osten in A, B bis J. Durch all diese Strassen ziehen sich Geleise, grosse, kleine — bis u sechs nebeneinander. Wir haben sogenannte « Pritschwagen » bekommen, gewöhnlich ein Partieführer und drei Mann — einen Auftrag: « Kessel vom Lager nach Bau 700 ahren », nehmen den Auftrag an — alles trotz der Schwierigkeiten seit der Rationalisierung des gesamten Betriebes in Akkord — und fahren los. Wir haben den strikten Befehl, bei dem Nahen jedes Zuges — und ganz Leuna ist ja ein einziges Pfeifen und Anfauchen solcher Züge — auf sogenannten Drehscheiben uns zur Seite zu flüchten. Einer meiner Kumpane erklärt mir auch wenigstens so gut er es versteht — den Produktionsprozess, der durch dieses Gewirr der Röhren und der ungefähr 900 Bauten geht. Die Generatoren sind nicht ganz der Anfang. Vor ihnen stehen noch das Wasserwerk Daspip und die Ansauger, die die Luft heransaugen. In den Generatoren wird das angepumpte Wasser und die angesaugte Luft (die Urstoffe) durch den glühenden Koks zu Wasserstoff und Stickstoff verarbeitet. Von den Generatoren leitet man dann beide Stoffe mit Hilfe von Druck- und Pumpverfahren über Waschtürme in die Kontaktwasserstoffabrik grosse, hallenartige, kirchhofsstille Anlagen r on Röhren, Rieseltürmen, mechanischen 3 umpen, die ganze Anlage nichts weiter als :in allgemeines Fliessen). Von der Kontaktwasserfabrik über die Kontaktöfen in die Hochdrucköfen, wobei sich endlich unter uneheurem Druck und einem immerwährendem Kreislauf der Gase die Vereinigung oder « Hochzeit» der beiden Stoffe vollzieht. Von den Hochdrucköfen der letzte Weg in die Absorptionsanlagen (Wasser wird In das am« moniakhaltige Gasgemisch gespritzt) — und das Endprodukt Ammoniakwasser ist gewonnen. Ein Teil dieses Wassers wird sofort in keselartige Eisenbahnwagen (Amrnoniakwagen) Das Schlüssel-Etui Wer geht heute ohno Schlüssel aus ? Bald liogen sie au einem Bund in der Damontasche oder hangen an oinem Schlüsselring in der Hosentasche. Jeder Schlüsselbund beschmutzt die Wäsche, die Kleider und die Ledertaschen. Auch ist es schwer, aus einem Schlüsselbund rasch den richtigen Schlüssel zu findon. Bei Nachtzeit besonders. All dem helfen unsere Buxton-Schlüssel-Etuis ab. Es sind solide Leder-Etuis für 2, 4, 6 oder 8 Schlüssel. Vorrätig sind 5 verschiedene Längen, auch solcho für lange, altmodische Schlüssel. Die Schlüssel werden einzeln an Haken gehängt, die mit einem sinnreichen Gelenk am Lcder befestigt sind. Durch diese Aufmachung kann jodor Schlüssel sofort gefunden werden. 10 verschiedene Leder sorten. Auf "Wunsch Auswahlsendung. Grosse: 50x35x15 cm Rennweg 28 I^ximLls: G. Kollbrunner &. Co. Marktgasso 14, Bern GROSSE FREUDE BEREITEN ALS FESTGESCHENK Aecbte Basler Leckerli feinste Quaiüät, elegante Packungen Dessert-Leckerli, Büchsen 2 ka 1 Isa V, kg 12.- 6.50 3.50 Paktf-Leokerll per Carton a 6 Paket Fr. 8.- Prompter Versand. Riggenbacta, Leckerli-Fabrikation, Basel St. Johannvorstadt 11 • zwei Wochen Transportage selber (als Hilfsarbeiter). Es ist ein dreistöckiger Stein- und Eisenbau. Der oberste Stock: Ventile, zischende Hähne, kleine Kübel. In der Mitte sechs Meter hohe und drei Meter breite, eiserne Kochkessel, die der ganzen Anlage den Namen geben: Die Eisendämpfer. In den Kesseln wird zusammengekocht. Durch ein Schauglas kann man den Prozess beobachten. Wenn sich Kristalle bilden, schaltet der Eindärrrpfer alles aus, klingelt... und die Masse rutscht und stürzt in die nächste Etage. Dort wird sie in riesigen Schüttelrinnen (badewannenartige Behälter) vor dem Zusammenlaufen und Ineinanderklumpen behütet; und nachdem durch diesen Prozess dem Gemisch wieder eine gewisse Beweglichkeit gegeben wurde, fällt es weiter in den nächsten Stock. Dort stehen Zentrifugen, die das Schütteln und Ineinanderrütteln fortsetzen, nur mit dem neuen Zweck, die Masse von den Flüssigkeiten zu trennen. Ein drittes Klingelzeichen — und das Ammoniak ist fertig und fällt in den Keller. Diesmal auf ein Transportband. Von dem Transportband geht es in den Elevator. Von dem Elevator durch ein Becherwerk nach oben. Oben über kleine, automatische Wagen, in denen es gewogen wird, auf ein zweites Transportband. Von diesem in die Silos. Von den Silos in die Eisenbahnwagen. Der gesamte Produktionsprozess — von der angesaugten Luft bis zum Sturz des fertigen Salzes in die Silos — dauert ungefähr zwei Stunden. 22,000 Wagen sind nötig, um die in einem Jahre hergestellte Menge von Ammoniaksalz aus dem Werk herauszufahren. Jeder dieser Wagen fasst 15 Tonnen.» Ueber die Arbeitsmethoden und einige Folgen der Rationalisierung weiss er folgendes zu berichten: '« Ueber die Strafen in Leuna wäre dazu etwas Allgemeines zu sagen. Leuna hat Werkpolizei. Ich habe sie schon als Torwache angedeutet. Diese Werkpolizei kontrolliert aber auch die einzelnen Betriebe. Nicht, dass eine RADIO selbst im II Uf O bietet Ihnen die komplette Luxus-An sage in feinem Lederkoffer Auslandempfang. Lautsprecher und Antenne sind eingebaut. Verführung durch 25 ~ix :r i c Ix X Telephon Selnau 41.76 Für zinnlieOhader I Zinnkannen, Services, Platten, Teller etc. sind jederzeit vornehme und beliebte Geschenke von bleibendem Wert. Verlangen Sie Prospekte! A. Rapold Zinngiesserei u. 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Alle sozusagen persönlichsten (die Werkleitungen sagen: überflüssigen) Angelegenheiten werden dadurch auf ein Mindestmass eingeschränkt, und wo sie nicht durch Angebundensein an das laufende Band oder einen anderen maschinellen Arbeitsprozess von selbst fortfallen, werden sie in Strafen genommen. Leuna bestraft: Sprechen, zu langes Besuchen von Aborten, Waschen der Hände während der Arbeitszeit, Herumstehen. Die Strafen sind ziemlich hoch, zwei oder drei Mark. Abzug von zwei oder drei Stunden Arbeitszeit. Diese Arbeit verlangt aber meiner Meinung nach häufigeres Waschen der Hände. Also werden mir die Strafen — Wiederholungsfall! — verdoppelt... ich sehe mich langsam nach einem unauffälligen Abschied um.» Er ist froh, bald wieder draussen zu sein: «Die Ammoniakfabrik im Rücken! Ich gebe es gern zu: die Gifte waren mir doch zu nahe; und das Rostkratzen — den Quadratmeter Eisen säubern und wieder übermalen in drei Minuten — noch weniger angenehm. Ich bleibe aber noch einige Tage in der Nähe. Sehe mir die Zufahrtsmöglichkeiten dieses grossen Betriebes an. Seine Geleise. Seine Rangier- und Güterbahnhöfe. (Die Güterbahnhöfe von Berlin sind Provinzbahnhöfe egen den Gesamtkomplex der Leunaer Güterbahnhöfe.) Die unmittelbare Verbundenheit mit der Braunkohle (Eigentum von Leuna), dem Harzer Gips (augenblicklich bohrt man auch in der Nähe). Die sich stauenden Züge mit rheinisch-westfälischem Koks. Aber auch den Menschen betrachte ich noch eine Weile. Dieses gelbe, täglich ver-