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E_1929_Zeitung_Nr.010

E_1929_Zeitung_Nr.010

Immerhin, die

Immerhin, die Zugehörigkeit zu diesem Orden hat auch ihre materiellen Vorteile. Die Ordensleitung hat die Versicherungsgesellschaften auf die Ziele des Ordens aufmerksam gemacht und einen vollen Erfolg errungen. Die abgestempelten Gentlemen der Landstrasse erhalten von sämtlichen Versicherungsgesellschaften einen Rabatt, der pro Jahr mindestens ein Pfund Sterling beträgt! Der Gedanke, der diesem Orden zugrunde liegt, mutet auf den ersten Blick zwar seltsam an, doch dürfte er sich im englischen Strassenverkehr, der an Dichte den europäischen um mehr als das Doppelte übertrifft, mit der Zeit recht günstig auswirken. WAS MAN IN ROMANEN ALLES LESEN KANN! Lese ich da neulich in einem neuzeitlichen Roman einer Wochenschrift folgende für den Automobilisten amüsante Stellen: « Es war eine geschlossene Limousine mit Pullmanbremse und Spritzkühler, die vor der Tür stand. Die Sitze waren mit grauem Seidendamast bezogen. An den Türen und an der Decke prangten Mahagonischnitzereien. Zwei silberne Vasenhalter waren mit frischen Blumen gefüllt», etc. (Vielleicht ist der Briefkastenonkel so freundlich und teilt uns die Bezugsquelle solcher « Pullmanbremsen » und « Spritzkühler » mit, da sich der eine oder andere dafür interessieren dürfte.) Eine weitere erbauliche Stelle dieses Romans lautet: «Gerne würde ich neben dir sitzen, nur bin ich nicht so angezogen, dass ich mich der starken Zugluft aussetzen kann.» — « Das ist im Augenblick abzuändern. Krüger,» wandte sich Sybille an den Chauffeur, « bitte, sagen Sie meiner Jungfer, sie möchte einen Ulster und eine Automiitze herunterbringen. » (Muss ja eine nette Limousine mit Pullmanbremse, Mahagonischnitzereien und Seidendamastbezügen sein, wenn man sich darin mit Ulster und Automütze gegen Zugluft zu schützen hat.) Doch noch nicht genug, des weiteren heisst es: « Sybilles Hände, die auf dem Steuerrad lagen, zuckten. Sie antwortete nicht. Blickte auf Dela, die ihren Fuss jetzt auf das Trittbrett setzte. Der Wagen ratterte, fauchte und Theaterstr. 16, Zürich bis zu den vollkommenen, neuen, selbstgebauten und alten Meister-Instrumenten in grösster Auswahl und zu vortei Üiaften Preisen u. Bedingungen. Vom Guten das Beste In: Saiten, Bogen, Etuis. Beberzüp, Pulten etc. Gitarren, Laoten, Zittern, Banjos,. — Katalcne frei. — Anslchtsendunnen. vibrierte... «In einer Stunde bin ich zurück ! » rief Sybille noch, dann sausten sie dern soll, den Zug zu nehmen und nach von ihnen getroffen, was uns aber nicht hin- davon.» Nizza zu fahren. Wir werden es ja nicht so (Eine nette Meinung scheint unsere holde machen wie die alte Bretonin, die nicht nach Romanschreiberin von dem Rattern und Fauchen eines modernen Automobils zu haben.) dort «auf den Strassen gemordet wird». Paris kommen will, weil sie gehört hat, dass Eine andere ergötzliche Stelle lautet: «Sybille prüfte die Steuerungen. Ueberzeugte in den grossen Kaufhäusern und in den Re- In den Bahnen wird weniger gestohlen als sich von der Richtigstellung der Benzinhähne. staurants. Da aber diese Diebstähle sehr Dann schaltete sie die Magnete ein. Setzte romantisch wirken, wird mehr Lärm um sie durch rasches Drehen den Anlasser in Bewegung. Der Motor begann zu arbeiten. Sy- der seit mehr als zwanzig Jahren reist. gemacht; das ist alles. Ich habe einen Freund, billes Luftbegleiter warf einen Blick auf das Wenn er in den Speisewagen geht, lässt er Thermometer. Der Tourenzähler begann zu regelmässig sein Gepäck im Netz ob seinem laufen. Grauemann gab das Zeichen. Start. » Sitz, geht auf den Bahnsteig, um sich ein (Ja, ja, durch rasches Drehen den Anlasser Buch oder eine Zeitung zu kaufen, steigt erst in Bewegung setzen. Gott sei Dank, kommt so ein, wenn der Zug sich wieder in Bewegung etwas nur in Romanen vor.) A. S. setzt, aber bestohlen wurde er noch nie. «Einmal wirst du schon...», sage ich. «Das versteht sich von selbst», unterbricht KINDER AM STEUER er mich. «Eines Tages wird man mir meinen Koffer stehlen. Eines Tages in den dreis- Eine Stadt im Staate Florida. Die Schule ist aus. Jauchzend laufen die Kinder die Treppen herunter auf den Hof. Kraftwagen aller mein Gepäck nicht wiederfinden. Das ist sehr sig Jahren, die ich zu reisen habe, werde ich Art stehen hier. Niemand sitzt in ihnen. Doch unangenehm. Aber ich bin sehr ruhig. Und nicht mehr lange. Vier, fünf, acht Kinder mit diesem zukünftigen Opfer, das ich im nehmen je von einem Auto Besitz. Ein Junge, Geiste schon gebracht habe, gehe ich gemütlich spazieren, kaufe mir Zigaretten auf dem noch keine zehn Jahre alt, setzt sich ans Steuer und fährt langsam zum Schulhof hinaus.- Andere Autos werden von kleinen Mädlegramme auf. Mir ist das lieber, als jedes- Bahnsteig, besuche den Vorstand, gebe Techen gelenkt, mit einer Ruhe und Sicherheit, mal, wenn ich mir Zigaretten kaufen will, die einen mit Erstaunen erfüllt. mein ganzes Gepäck mitzuschleppen.» Wir fragen eine Lehrerin, ob das denn erlaubt sei und ob nicht oft Unglücksfälle vor- «Den würde ich bei mir tragen, aber ich «Aber wenn du Schmuck hättest?» kämen. Etwas erstaunt schaut sie uns an: führe keinen mit mir, wenn ich auf Reisen «Die Kinder fahren hier schon von frühester bin.» Jugend an. Sie fahren sicherer als viele Erwachsene. Unglücksfälle, die von Kindern die Diebe, denn Schmuck freut sie am mei- Zweifellos ist das das beste Mittel gegen verschuldet sind, kommen nur höchst selten sten. Was bedeutet eine Kollektion von vor. Die Gesetze Floridas verbieten ihnen nicht das Fahren, nur machen sie die Eltern für etwaige Unglücksfälle verantwortlich- Die Stadt, von der wir sprechen, hat 100 000 Einwohner. Sie besitzt 26 000 Autos. Stellt man sich an eine Strassenkreuzung und beobachtet den Verkehr, so sieht man, dass viele vorbeifahrende Autos von Kindern unter 12 Jahren gelenkt werden. Manche scheinen kaum neun Jahre alt zu sein. Hier kommt ein Auto. Am Steuer sitzt eine junge Frau. An sie lehnt sich ein Baby, kaum ein Jahr alt. Sie ist nicht die einzige, die das Baby und die übrigen Kleinen so spazieren fährt. Und nun verstehen wir. Das Auto ersetzt den Kinderwagen! Die Kinder sind im Auto gross geworden und darum auch von frühester Jugend an mit ihm vertraut. E. van D'Elden. „RATTEN" IM SCHLAF- WAGEN Wie Diebstähle auf der Eisenbahn inszeniert werden. Wir sind wieder von einer Ratteninvasion bedroht. Sie kommen aus Amerika, und zwar auf den schönsten Schiffen der Welt. Es sind keine Ratten mit "vier Füssen, sondern mit zweien, und Händen, die sehr geschickt sind. Keine Hotelratten, sondern Schlafwagenratten. Diese Neuankommenden sind angeblich Stars in ihrem Fach. Und die Zeitungen flehen das Publikum an, ja nur auf das Gepäck achtzugeben, denn diese Ratten tauchen immer wieder auf, wenn die ersten schönen Tage an die Riviera locken. In jedem Jahr hört man dasselbe. Ich selbst habe einige AUTOMOBTL-KEVUC 1929 - N°10 Spitzen oder Spielzeug für sie als Wert ? Nichts. — Die Schlafwagenratten spitzen auf diese hübschen, kleinen Ledersäckchen, die von der schicken Dame stolz in behandschuhten Händen getragen werden, wenn sie von ihrem Einzelcoupe in den Speisewagen gehen. Nachts stecken sie dieses Säckchen dann unter das Kopfpolster. Da sind sie ziemlich sicher. Weniger im Speisewagen, denn die Dame stellt dieses winzige Köfferchen auf den Boden, wenn sie sich zu Tisch setzt, und es ist kinderleicht für den Dieb, dieses Täschchen mit dem Fuss einem Komplizen zuzuschieben. Dieser Trick ist klassisch und sehr leicht ausführbar, we'nn die Dame nicht selbst ihre Füsse auf das Köfferchen stellt. Die «Ratte» wartet immer auf einen Stoss des Wagens. Der Dieb ist wie ein braver, etwas unbeholfener Bürger gekleidet, mit einer fertigen Krawatte und einer unmöglichen Brille. Er hat bereits ein Glas oder eine Flasche umgeworfen und sein Opfer damit reichlich nervös gemacht. Im Augenblick, da der Zug plötzlich hält oder sonst ein Anlass zum Umfallen oder Stolpern gegeben ist, markiert der Dieb, dass er aus dem Gleichgewicht gekommen ist und stösst sein Opfer an. Mit seinen grossen Schuhen ruiniert er dabei noch die Seidenstrümpfe dieses Opfers. Der Mann entschuldigt sich, aber er «arbeitet» schon dabei; er muss nämlich noch einen kleinen Koffer ähnlichen Aussehens an die Stelle schwindeln, an der der Schmuckkoffer gestanden war. Der Komplize fängt nun einen Streit mit dem eigentlichen Dieb an und die ganze Aufmerksamkeit des Opfers wird dadurch abgelenkt. Ein anderer, nicht weniger klassicher Trick, der aber einer langen Vorbereitung bedarf: Im Laufe eines Ferienaufenthalts wurde der Schmuckbehälter «gemerkt» und ausserdem von dem Dieb kopiert. Die Reisende braucht nur einen Augenblick unaufmerksam zu sein und in einigen Sekunden ist der Tausch gelungen. Und am häufigsten ist es so, dass die Reisende die Leere ihres Schmuckbehälters erst konstatiert, wenn der Dieb weiss Gott wo ist. Denn diese «Arbeit» ist genauestens vorbereitet. Da ist Präzision wie bei den Taschenspielern und es ist oft eine ganze Bande, die sich um dieses eine «Geschäft» gekümmert hat. Wenn Lady D. bestohlen wurde, so wird sie finden, dass der leere Koffer genau dieselben Fächer in derselben Grosse und in derselben Farbe hat. Manchmal auch eine gute Kopie der Juwelen. So dass sie, wenn sie die Tasche unterwegs öffnet, gar nichts merken kann. Das sind die zwei grossen klassischen Coups, die ohne Gewalt u. ohne Mithilfe von Stubenmädchen und Kellnern ausgeführt werden. Es gibt natürlich auch viel gefährlichere Geschichten mit Chloroform usw. Aber das kommt mehr in Amerika vor. Auch Liebesgeschichten spielen oft mit. Die schöne Reisende liiert sich mit einem Herrn und lässt für ihn ihre Schlafwagentür unversperrt. Und anstatt dass der Don Juan zu ihr ins Coupe kommt, stiehlt er ihr, während sie schläft, ihren Schmuck. Was in aller Welt, denkt man nun, machen während dieser Zeit die Angestellten der Bahnen? Nein, man kann ihnen keinen Vorwurf machen. Fast immer sind es anständige Leute, die vierzig oder mehr Personen zu bedienen haben und damit vollauf beschäftigt sind. Auch können sie leicht vom Tatort entfernt werden, da man ihnen ja irgend einen Auftrag geben kann. Einer der schönsten SchlafwagendiebstäWe ging so vor sich: Alle Reisenden bis auf zwei waren auf den Bahnsteig gegangen. Diese hielten den Schlafwagenschaffner im Korridor an und sagten: «Entschuldigen Sie, mein Herr, wir möchten um eine Auskunft bitten. Wieviel Trinkgeld bekommen Sie durchschnittlich von jedem Reisenden?» «Zwischen zehn und fünfzehn Francs.» Also etwa tausend, nicht wahr? Hören Sie, es handelt sich um eine Wette. Hier haben Sie zweitausend Francs, Sie sollen nichts verlieren. Dafür wird einer von uns ihre Uniform anziehen und Dienst machen. Wir haben gewettet, dass wir als Schlafwagenschaffner in X., wo unsere Freunde auf dem Perron sind, auf dem Trittbrett stehen werden. In Paris kommen natürlich Sie wieder in Ihrer Uniform an. Verderben Sie uns den Spass nicht!» Der Mann sagte ja. Als er angezogen dastand, erhielt er plötzlich von hinten ein Chloroformtuch an die Nase gepresst und verlor das Bewusstsein. Einer der Gauner schlüpfte rasch in die Uniform und während die Reisenden auf dem Perron promenierten, raubten er und der zweite den Schlafwagen aus. Sie erbeuteten damals an 100.000 Francs, Schmuck usw. Und sind nie erwischt worden . . . Beim Arzt Arzt (zum Patienten, der im Wartezimmer eine Zeitschrift liest): Bitte, Herr Müller! Müller: Bemühen Sie sich nicht, Herr Doktor, ich bin wegen der Romanfortsetzung hierhergekommen. hderne

N°10 — 1929 AUTOMOBIL-REVUE DIE HERRIN VON SCHLOSS TÄLLOS Der Roman der Gräfin Maria Esterhazy. Auf dem höchsten Giebel des Schlosses von Tallos weht seit Tagen die Fahne auf Halbmast und wer das Portal des Parks, in dem noch vor wenigen 'Wochen eine hübsche, schlanke Aristokratin mit ihren geschmeidigen Windhunden unter den uralten, schattigen Bäumen zu sehen war, betritt, •wird wisen, dass er sich in einem Hause der tiefsten Trauer befindet. Gräfin Maria Esterhazy, die schon seit Jahren den einfachen bürgerlichen Namen Maria Ceresetto trug, ist nicht mehr. In einem der zahlreichen Palazzi in Venedig, wohin sie ihrem Gatten gefolgt war, ist sie, kaum zweiunddreissig •Jahre alt, plötzlich und unvermutet einer tückischen Krankheit zum Opfer gefallen. Mit diesem fast romantischen Tode in der Stadt der Lagunen endet auch der Lebensroman einer ungarischen Aristokratin, die schön und reich war, die alles haben konnte, was Reichtum, ein glanzvoller Name und gesellschaftliche Stellung bietet, und die dennoch nicht glücklich sein konnte, weil man sie nicht glücklich werden Hess. Maria Esterhazy war die Tochter des Grafen Michael Esterhazy und Enkelin der Gräfin Esterhazy-Rossi, die wieder die einzige Tochter der Sängerin Henriette Sonntag gewesen war. In ihren Adern mischte sich das unruhige, starke Blut der Esterhazys, die in der Geschichte Ungarns oft eine grosse Rolle spielten, mit dem Blute der Urgrossrnutter, und das Ergebnis war ein zügelloses Temperament, eine besondere Klugheit und ein exzentrisches Wesen. Die junge Dame genoss die sorgfältigste Erziehung, sie lernte spielend, sprach Englisch, Italienich, Französisch, war aber dabei das Sorgenkind ihrer Eltern. Sie ritt, kaum zwölfjährig, ein Kind noch, jedes ungesattelte Pferd, sie war im Stall, wo die Reitknechte die Halbblüter kaum meisterten, ebenso sicher wie oben im Schlosse am Flügel, und ihre Blondheit — fast alle aus der Familie dieser Aristokraten sind blond—begeisterte die Stubenmädchen und Bäuerinnen, die die kleine Komtesse, wenn sie durch die Dorfstrasse ritt, wie ein Wunder bestaunten. Seit einigen Jahren wurde sie oft mit einer landeren Esterhazy, mit der Komtesse Luise, die seinerzeit vom, Gerichtshofe in Neutra wegen Spionage zu einem Jahre Kerker verurteilt wurde und dieses eine Jahr tatsächlich in der Zelle verbrachte, verwechselt. Man verwechselte sie auch mit der deutschen Filmschauspielerin gleichen Namens. Aber sie war weder beim Film, noch sass sie im Gefängnis. Sie dressierte Hunde, sie war eine kühne, verwegene Jägerin, sie hatte die schönsten Pferde im ganzen Komitat, in ihrem Parke blühten die seltsamsten, fremdesten Rosen, in ihrer Bibliothek fanden sich die kostbarsten Bücher, die sie aus Paris, wo man die blonde, schlanke Ungarin ebenso kannte wie in den grossen Wiener Hotels, nach Tallos heimbrachte. Man liebte diese exzentrische Aristokratin, die dabei alles eher nur nicht zeremoniell sein wollte, die ihrem Kutscher, wenn er sie im irrsinnigen Galopp zur nächsten Schnellzugsstation brachte, freigebig eine grosse Note hinter den beiederten Hut steckte, und man fürchtete sich vor ihr, denn sie liebte die Wahrheit und sprach sie auch aus. Auch dort, wo man Höflichkeiten viel lieber hört als unhöfliche Tatsachen. Dann kam der Krieg und mit ihm die Wendung im Leben der blonden Komtesse. Schloss Tallos und der Grundbesitz ringsumher gehörte ihr. Sie war Herrin und Gebieterin in diesem kleinen Reich, und als man Der neue Vorleger. «Mama! Es hat iomand ruf unserer Katze gelegen! > ihr eines Tages einen Kriegsgefangenen ins Schloss kommandierte, einen sehnigen, dunklen Italiener, dachte sie sicherlich noch nicht daran, dass der kleine unscheinbare Gefangene wenige Jahre später ihr und ihrem Herzen gebieten wird. Virgilio Ceresetto war italienischer Offizier. Froh, dem Gefangenenlager entwichen zu sein, putzte und scheuerte er täglich morgens das grosse schwere Auto der Gräfin, und als sie einmal tiefer in seine Augen sah, blickte er, ein treuer Diener seiner Herrin, ebenso tief zurück. An diesem Tage, erzählt man in Tallos, flog der Achtzylinder der Gräfin, an dessen Volant sie selber sass, mit wahnwitzigem Tempo gegen Budapest; der Italiener sass stumm neben ihr. Und als sie ihm, die Landstrasse entlang sausend, die behandschuhte kleine Hand am Volant, fragend ins braune Antlitz blickt, lächelt er und brüllt, das Sausen der Luft übertönend: « Contezza, noch ein wenig Gas und wir fliegen zusammen in den Himmel! Oder zur :Hölle! » Da lacht Maria Esterhazy und beide schmiegen sich aneinander. Wenige Monate später weiss es jeder Lakai, dass die Gräfin allzugern mit ihrem Chauffeur nach Pressburg rast, nach Wien, nach Budapest. Immer ist Ceresetto ihr Begleiter, und als man sie eines Tages in der Gesellschaft spöttisch fragt, ob die Italiener wirklich so sichere Fahrer sind, antwortet sie ebenso spöttisch: « Die besten. Uebrigens ist er nicht nur mein Chauffeur, er ist auch mein Bräutigam! » Der Skandal ist .also perfekt. Aber die Komtesse setzt sich durch. Man bittet, droht, lacht und spöttelt. Man will ihr den Ialiener ausreden, man boykottiert sie. Alles umsonst. Eines Tages befördert das kleine Postamt in Tallos Hunderte feingedruckte Einladungen. Nach Paris, nach Wien, nach Budapest: « Komtesse Maria Esterhazy und Herr Virgilio Ceresetto, Offizier Seiner Majestät des Königs von Italien, geben sich die Ehre...» Man lacht, man schüttelt die Köpfe, man ist empört. Aber die Hochzeit, die glanzvollste, die es in der Slowakei je gegeben hat, findet statt. Unten im Dorfe brät man drei Tage hindurch ganze Ochsen und Kälber. Riesige Weinfässer stehen für Bauern und Bauernburschen bereit. Ueberall wehen Flaggen, windet sich festlicher Reisig, drei Tage spielt Musik in den Schenken, jeder trinkt und isst soviel er nur will, denn die kleine Komtesse heiratet ihren Chauffeur. Oben im Schlosse ist es anders. Man lud Künstler von Rang ein, darunter auch Lotte Lehmann und ein Dutzend andere von Namen, aber niemand aus der Gesellschaft der österreichischen und ungarischen Aristokratie ist anwesend. Es ist ein seltsames Fest mit fremden Leuten, fremden Gästen, und nur die Musik, die aufspielt, ist heimisch. Das Glück der beiden Vermählten dauert aber nicht lange. Ceresetto liebt seine junge Frau. Sie teilen Freud und Leid. Aber kaum ein Jahr nach dieser Hochzeit explodiert im Keller des Kastells ein Benzinmotor. Die Wirkung ist fürchterlich. Der Monteur, der die Maschine bediente, wird in Stücke gerissen und Ceresetto, der bei der Maschine stand, an die Mauer geschleudert. In derselben Nacht rast das Auto der Exgräfin auf dunklen Strassen nach Wien. Im Fond rückwärts sitzt, fast erblindet, der Schlossherr. In Wien wird Ceresetto operiert. Es vergehen bange Wochen, Ceresetto verliert ein Auge, der Traum einer Liebe wird jäh zerrissen. Von diesem Tage an krankt die fröhliche, lustige Frau. Sie wird melancholisch. Sie folgt ihrem Gatten nach Italien. Dort geht es schnell bergab. Ihre Krankheit ist unheilbar und in Venedig ereilt sie der Tod. Man hat sie auf Schloss Tallos aufrichtig betrauert. Und man wartet jetzt auf den Herrn, der im Auto, am gewohnten Volant, aber ohne die Herrin, nach Tallos zurückkehren wird. E. Holly. VATER UND KIND Ich muss arbeiten, mein Kind! sagst du, wenn es zu dir heran will. Die Arbeit ist vollbracht, es naht sich wieder. Du musst jetzt lernen, Kind! ist dein Anweis. Die Schulaufgabe ist vollendet. Jetzt gehe und mache eine Bewegung, junge Glieder müssen sich trollen! Am Abend kommt es endlich noch einmal. Aber jetzt lasse mich in Ruh', ich bin müde genug, und du mach', dass du ins Bett kommst. — So geht's heute, so geht's morgen. Am Sonntag! denkst du. Am Sonntag entführt dich dein Freund zu einer Landpartie, und du musst dich ja doch auch erholen. So lernst du es niemals kennen, oder es entfremdet sich dir rasch. Du betrügst das Kind um den Vater und den Vater um's Kind. Rosegger. DAS HOTEL DER GIRLS IN PARIS. Die Frau, die sechzig Mädchen bemuttert. «Nehmen Sie eine Tasse Tee?» So beginnen in den englischen Romanen alle Gespräche, seien sie nun ernst oder sentimental. Der Tee ist das Symbol des freundlichen Empfanges. Deshalb sind die kleinen englischen Tänzerinnen, die durch die Tür des Theätre Girls Hotel gehen, auch immer sicher, eine Tasse wohlduftenden heissen Tees und eine Unmenge Keks zu bekommen. Es gibt eine Menge Girls in Frankreich, besonders in Paris: die Music Halls und die Theater, die grosse und kleine Revuen bringen, beschäftigen mehrere Hunderte von ihnen. Das Publikum hat Geschmack gefunden an diesen Ensembletänzen, die viel mehr Freude und Zerstreuung bieten als die ausgeklügelten choreographischen Darbietungen früherer Ballette. Eine Truppe von Girls, die eine «Nummer» ausführen, machen nicht den Eindruck, dass sie arbeiten, sondern viel eher, dass sie sich sehr gut unterhalten. Man richtet die Girls in eigenen Schulen ab, besonders in London und Manchester. Man fordert von ihnen, dass sie geschmeidig seien wie Akrobaten und jung, fünfzehn, sechzehn, höchstens siebzehn Jahre. Mit einem schönen Kontrakt und viel Schokolade Der berühmte Hypnotiseur versucht 6ein Baby in. Schlaf zu bringen. bewaffnet langen sie dann in Paris an. Wie Manon sind sie so entzückt, als wenn es ihre erste Reise überhaupt wäre. Ihre Koffer und ihre Puppen geben sie in Hotels des Montmartre ab. Für diese kleinen Mädchen, die den Zufällen der grossen Stadt ausgeliefert wären, hat Reverend Cardew ein Heim gründen wollen. Man braucht den Vögeln keinen Käfig, wohl aber ein Nest anzubieten. Das Theätre Girls Hotel ist ein reizendes Haus, das zwei Schritte vom Platz Pigalle entfernt ist, gleichzeitig Pension und Club. Die Directrice hat weisse Haare und eine angenehme, gleichmässige Stimme, die zu ihrem gütigen Gesicht passt. «Gegenwärtig wohnen zweiundsechzig junge Mädchen bei uns,» erzählte sie, «aber viele andere nehmen bloss die Mahlzejten hier. Und wir widmen uns allen denen, die einen Rat oder einen Beistand brauchen. Die meisten Girls von Paris pflegen sich hier zu treffen; hier fühlen sie sich zu Hauso «Und ziehen sie dieses «Home» der Unabhängigkeit vor?» frage ich. «Gewiss. Unsere Disziplin ist ja gar nicht sehr streng. Die Kleinen wohnen manchmal zuerst im Hotel und machen was sie wollen. Wenn sie dann einmal einige Tage krank gewesen sind, sehen sie erst, wie allein sie hier sind. Hier pflegen wir sie, wir helfen ihnen auch über die ersten Enttäuschungen ihrer schweren Laufbahn hinweg.» Und, um ihre Tätigkeit zusammenfassend darzustellen, sagt die Direktorin einfach: «Wir bemuttern sie.» Das ist auch der richtige Ausdruck für ihre Aufgabe, die unendlich viel Herz und Takt erfordert. Die kleinen Engländerinnen lieben Bequemlichkeit und Frohsinn. Man bietet ihnen also geräumige Zimmer, in denen lustige Vorhänge das ihre zur Gemütlichkeit dazutun. In Gruppen zu fünf und sechs wohnen sie hier, jedes Bett ist durch einen Vorhang verhüllt. Die Girls sind an das gemeinschaftliche Leben gewöhnt. Wie die Zugvögel fliegen sie immer nur in Trupps. Das ist ihr sicherster Schutz gegen Arbeitslosigkeit: der Chef der Truppe unterzeichnet die Verträge und gemeinsam wird von einem Theater zum anderen gewandert. In Gruppen wird gearbeitet, gefrühstückt, man unterhält sich gemeinsam und fährt zusammen nach Berlin oder nach Amerika. Da die Girls niemals viel Ersparnisse haben, zahlen sie in ihrem Home nur einen sehr bescheidenen Pensionspreis: 150 Francs wöchentlich für Zimmer und Pension und zwei der. Das Frühstück, das sie separat nehmen, kostet sie 5.50 und das Diner 7.50. Aber die Girls naschen lieber so wie die Midinetten etwas in der Konditorei, als dass sie ordentlich Mittag essen. Als ich in den Salon des Home trat, der noch mit den weihnachtlichen Papierblumen geschmückt war, sassen und plauderten da zwölf Mädchen ganz gleicher Gestalt, die ihren mehr oder minder blonden Bubikopf höchst erstaunt über den Besuch eines Herrn schüttelten, aber bald ganz zutraulich wurden. «Lieben Sie Ihren Beruf?» fragte ich ein« von ihnen. «Oh, sehr!» war die begeisterte Antwort «Paris ist so unterhaltend! Und dann kommen wir doch überall hin! Man kann so viel reiseti! Jetzt haben wir eine spanische Tournee vor! Und in Amerika wieder haben wir so viel Gelegenheiten zu heiraten! Wenn nicht, reisen wir wieder weiter. Viele von uns waren schon in der ganzen Welt> Ich höre dann, dass heute der Geburtstag eines der Mädchen gefeiert wird, die alle in die weite Welt gehen, um sie zu erobern: sie wird heute siebzehn. Gerade wird der grosse Kuchen mit den siebzehn Kerzen gebracht. Da jubeln sie alle wie die Kinder. Und die weisshaarige Vorsteherin des Home sieht gerührt lächelnd zu: eine Mutter von sechs Kindern. Juan Sorolla, Roman von Hanns Julius Wille. Verlag von Philipp Reklam jun., Leipzig. Sorollas Schicksal ist das Schicksal des jugendlichen, vom heiligen Feuer seiner Sendung erfassten Menschen, der, um seine idealistische Welt zu schützen, einen Wall aufwirft gegen das Leben. Seine Kunst, von einem Freunde, dem Herzen der Oeffentlichkeit erschlossen, entreisst Sorolla der Armut, zwingt ihm die Notwendigkeiten jenes Lehens auf, das er ehedem, ohne es zu kennen, verdammt hatte. Und hier erfüllt sich seine Tragik: das grosse Leben reisst ihn in den Strom, dem er, der Kampfansager und Widerstrebende, nun folgt, von dem or sich, ruhmtrunken, treiben lässt. Neben dem naiv trotzigen, wankelmütigen Sorolla zeichnet der Roman in Noack seinem Freund, eine prächtige Künstlergestalt von sensibler, aufopfernder, überlegener Geistigkeit. Das Verlangen des Blutes niederringend, -wird Noack dem Zerschellten zum letzten Retter. Der problematische Charakter des Romans bedingt eine schwere Sprache. Und doch misse ich gerade bei den Mosaikbildern von Paris die sprühende französische Lebendigkeit. Ob Montmartre, ob' der Broadway oder Floridas Blumenküste vor uns ersteht — dis Sprache bleibt unberührt, bleibt deutsch! V. f EUGEN KELLER töafinfiofstrasse 16 ZÜRICH Besuohen Sie aas, bitte, bei Ihrer Durchfahrt in Bern. Sie finden bei uns die grösste Auswahl japanischer und chinesischer Spezialitäten, wie Seidenstoffe, Kimonos, Teeservioes, Elfenbeinschnitzereien, Kuriositäten. Direkter Import aas Ostasien. Alberf Gasser & Co. Trinkt alkoholfreie Trauben- u. Obstweine Hostettler & Co., Bern