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E_1933_Zeitung_Nr.074

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1933 - N0 75 diohtheiten ist es möglich, dass im Zylinder entstandenes Kohlenoxyd in das Kurbelgehäuse und von da in den Wagen hinfcinzerät, wo es unbemerkt von den Insassen, eingeatmet wird und zu Ohnmächten führ-en kann. Die Vergiftung wird meistens durch Ohrensausen und Schwindel eingeleitet, dann folgen heftig"e Kopfschmerzen, Erbrechen, Muskelschwäche, schliesslich der Tod. Aus diesen angeführten Gründen hat der Automobilist alle Ursache darauf zu sehen, dass diese gefährlichen Gase 'unschädlich gemacht werden. Da das Gas weder Farbe noch Geruch besitzt, ist es doppelt gefährlich und kann sehr wohl auch als Ursache von Autounfällen in Frage kommen. Der Einbau eines Kupp,Apparates bedeutet eine sehr wirksame Art der Bekämpfung dieser Vergiftungsgefahr. Die GO-Gase werden im Zylinder zu CO 2 reduziert und durch den Auspuff ins Freie fortgeleitet. Es ist daher als ein Gebot der Vorsicht zu betrachten, wenn dieser Angelegenheit nicht nur für sich selbst, sondern auch mit Rücksicht auf die Nebenmenschen, volle Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der Kupp-Abgasverwerter entzieht der Luft diese gefährlichen Gase und mancher Fahrer dürfte erstaunt sein, wie leicht er nach dem Einbau des Apparates grössere Strecken fährt, ohne zu ermüden oder schläfrig zu werden. T«-«I. niemals. Könnten Sie mir da des Rätsels Lösung fänden? Vielleicht interessiert Sie noch die w Beobachtung, dass bei stehendem Wagen auch tagelang der Wasserspiegel im Kühler gleich hoch bleibt, dass aber anderseits der Verlust von mehreren Litern schon nach jeweils 50—100 km Fahrt festzustellen ist S. W. in V. Antwort: Wir vermuten sehr stark, dass das Wasser einfach durch das Ueberlaufrohr im Kühler verloren geht. Bei Wagen, deren Kühler schon Schlafsucht usw. und etwas verstopft ist, kann diese Erscheinung sehr ist, entzieht sich unserer Kenntnis. at. Frage 8827. Wasserverlust. Der MotOT meines Wagens verbraucht seit einiger Zeit auf Tagestouren von 100—300 km immer gegen vier Liter Kühlwasser, ohne dass ich mir vorstellen kann, wie sich dieses Wasser verflüchtigt. Der Kühler ist unbedingt dicht. Der ursprüngliche Verdacht, dass der Zylinderblock oder die Abdichtung des Zylinderkopfes undicht seien, scheint sich nicht zu bestätigen, denn in den Zylindern oder im Kurbelgehäuseöl ist nie eine Spur von Wasser zu entdecken.. Dabei -kann Aber das Wasser auch nicht etwa durch Verdampfung verloren gejien, denn der Motor kocht oft beobachtet werden, wenn man den Motor etwas rasch laufen lässt Die von der Wasserpumpe in den oberen Kühlerbehälter geförderte Wassermenge vermag dann nicht genügend schnell durch den Kühler abzulaufen, steigt vielmehr infolge der Stauung zu einem höheren Niveau auf und sucht dann durch das Ueberlaufrohr das Freie. Der Verlust hört auf, sobald einige Liter verloren gegangen sind und somit die Gesamthöhe des Wasserniveaus gesunken ist — oder naturlich auch dann, wenn der Motor stillsteht. Vielleicht wird die Störung in Ihrem Fall auch gar nicht durch einen teilweise verstopften Kühler, sondern durch ein zu niedrig eingebautes Ueberlaufrohr im Kühler verursacht. at. Frage 8828. Schleudersicherheit hoher und niedriger Wagen. Welchen Einfluss übt die Schwerpunkthöhe eines Autos auf die Schleudersicherheit aus? Bisher glaubte ich, ein Wagen müsse möglichst niedrig gebaut sein, um ein Maximum an Schleudersicherheit zu gewähren. Mit dem Hinweis darauf, dass Lokomotiven mit möglichst hoch liegendem Schwerpunkt gebaut werden, um weniger leicht zu entgleisen,, will man mich nun jedoch belehren, dass auch beim Auto eher ein hochliegender Schwerpunkt günstig sei. Welche Meinung ist da richtig? K. Z. in F. Antwort: Die bei einem Strassenfahrzeug vorliegenden Verhältnisse lassen sich nicht mit denen eines Schienenfahrzeuges, und das Schleudern lässt sich nicht mit dem Entgleisen vergleichen. Bei einem Schienenfahrzeug ist eine gewisse Höhe des Schwerpunktes vorteilhaft, denn je höher hier der Schwerpunkt liegt, um so mehr verschiebt sich beim Durchfahren einer Kurve die Last auf die aussenliegenden Räder, und entsprechend geringer wird die Tendenz der Radkränze zum seitlichen Aufsteigen an der 'Schiene. Hinzu kommt hier ferner, dass bei hocbliegendem Schwerpunkt die Schienen auch nicht so stark seitliche Stösse auszuhalten haben, weil ja in diesem Fall die Wirkung der Fahrzeugfederung viel stärker zur Geltung kommt, als wenn der Schwerpunkt beispielsweise nur wenig Zentimeter über der Schienenoberkante läge. Beim Auto ist aber damit, dass sich beim Kurvenfahren die Last stärker auf die aussenliegenden Räder verschiebt, nichts gewonnen. Die aussen- punkt doch ein wenig im Vorteil ist. Bann nämlich, wenn auf einer griffigen StrassenobeTfläehe noch ein dünner Schmutzfüm liegt, den die Reifen erst mit einem höheren Druck durchdringen können. Praktisch dürfte aber hier der Unterschied nicht gross sein. Von viel grösserer Bedeutung als die Schwerpunkthöhe ist für die Schleudersicherheit eines Wagens sicher die Bauart und Abstimmung der Federung. Wahrscheinlich ist unter sonst gleichen Verbältnissen derjenige Wagen am besten gegen ein Schleudern gesichert, bei dem die Räder dem Bodenunebenheiten am raschesten und mit den geringsten Druckschwankungen folgen. at. Frage 8829. Galoppierender Motor. Mein Amerikaner Modell 28, der bis jetzt 30000 km einwandfrei lief, zeigt plötzlich seit zirka 14 Tagen im Leerlauf ein starkes Galoppieren, und der Motor stellt nach kurzer Zeit ab. Mein Garagist hat alles versucht. Der Vergaser wurde mehr als einmal gereinigt und alle möglichen Einstellungen versucht, die Ventile nachgeprüft, ßowie der Auspuff und die Zündung revidiert. Es wollte alles nichts nützen. Der Motor galoppiert im Leerlauf mehr als je. Auf der Fahrt zieht der Motor ausgezeichnet und geht sehr ruhig und gleichmässig. Nur scheint es mir, er brauche etwas mehr Benzin. Können Sie mir sagen, wie überhaupt das Galoppieren zustande kommt und auf welche Weise diesem unangenehmen Uebelstand abgeholfen werden könnte? O. R. in A. Antwort: Das Galoppieren im Leerlauf ist ein Zeichen von zu reichem Gasgemisch: es bilden sich Gasschwaden, die so stark mit Benzin gesättigt sind, dass sie nicht mehr explosionsfähig sind; das Gemisch verbrennt langsam und nur zum Teil; der Motor hat die Tendenz abzustellen, die Auspuffgase sind russig; bei kaltem Motor tritt noch Kondensation des Überschüssgen Benzins ein und damit auch Schmierölverdünnung. Stellt der Motor nicht ganz ab, dann erholt er sich kurz, beschleunigt sich, saugt dadurch wieder zu viel Benzin und hat dadurch wieder Tendenz zum «Versaufen>; so entsteht das Galoppieren und der von. Ihnen beobachtete gesteigerte Benzinverbrauch. Bei Mehrdüsenvergaser ist das Beheben dieser Störung für einen Mechaniker, der den Vergaser nicht genau kennt, nur Zufallsache. Das Galoppieren im Leerlauf kommt von der falschen Einstellung der sog. Bremsluftdüse, d. h. derjenigen Düse, deren Benzinmenge durch mit der Tourenzahl zunehmender Zusatzluft gebremst wird (z. B. Kompensationsdüse beim Zenith-Vergaser). Entweder ist die Benzinkalibrierungsöffnunjr zu gross oder der Luftzutritt ist zu klein (verstopft, verstellt). Seltener ist diese Erscheinung des Galoppierens bei zu grosser Leerlaufdüse und geschlossener Drosselklappe. Genauere Angaben können wir Ihnen nur machen bei Kenntnis von Vergasermarke und Typ. C.P.B. liegenden Räder haben dann wohl eine grössere Adhäsion, aber in gleichem Masse nimmt die Adhäsion der inneren Räder ab. Der Widerstand, Purist. S» echs den der Wagen der Zentrifugalkraft entgegensetzt, hängt aber fast ausschli&sslioh nur vom Gesamtdruck aller vier Räder und dem zwischen den Anfrage 340. Wiederholung der Fahrprüfung. Reifen und dem Boden wirksamen Reibungskoeffizienten ab. Man beachte: « fast ausschliesslich ». für Gar-Alpin zu machen. Zu diesem Zwecke Ich wurde kürzlich aufgefördert, eine Nachprüfung In einem Sonderfall wäre es nämlich:, donkbäi; jsiusste ich an einen 'Geschäftekonkurrenten, der dass das Fahrzeug mit dem hochliesrenden jnir- früher schon nicht gewogen war, gelangen, # PLUS IVE 2OO AR SA S.A., G-IWEVIJ si-:s CONSTRUCTKUttS BOÜGIE8 IVi: 4M AI,IT*: UBS i,uri,on:\T # WEWERKA, ZÜRICH - BERNE- BALE der mir als Experten-Stellvertreter die Prüfung abnahm. Die Prüfung verlief gut und über Motorkenntnisse wurde ich nicht gefragt. Nach einer Viertelstunde wurde ich vom Experten, dem ich die Fahrbewilligung gab, unä bis heute noch nicht zurückbekam, entlassen, hingegen bekam ich die Gar-Alpin-Bewilligung. Einige Tage später vernahm ich, dass mir die Fahrbewilligung entzogen worden sei und ich diese nicht mehr erhalte. Eine zweite Prüfung die ich in Zug ablegte, lautete nicht zu meinen Gunsten. Nun verlangte ich doch wenigstens die Fahrbewilligung auf Lastwagen, aber umsonst. Da ich Besitzer von mehreren Wagen bin und schon vor 10 Jahren die Prüfung mit Erfolg bestand und in dieser Zeit fast allle Alpen' strassea mit Car-Alpin befahren habe (ohne jeglichen Unfall!), dünkt mich das zum mindesten eigenartig. Diese Autotransporte sind für mich die einzige Einnahme bei einer Familie von noch 8 kleinen Kindern. Falls die Fahrbewilligung weiterhin verweigert wird, gehe ich dem Ruin entgegen. Der Polizeidirektor, bei dem ich vorstellig wurde, hat mir vorgeworfen, ich hätte vereinbarte Preise unterboten. Ich soll nun wirtschaftlich bestraft "werden. Ich ersuche Sie um Ihre Ansicht, was hier m machen ist? J. Antwort: Ihre Anfrage ist tatbeständlich sehr unklar und unvollständig. Es ist deshalb nicht erkennbar, ob für Sie Art. 82, AI. 9, V. O., zum M. F. G. in Frage kam. Dies kann jedoch dahingestellt bleiben, da auf jeden Fall Art. 9., M. F. G., für Sie anwendbar ist, wonach jederzeit eine neue Prüfung angeordnet werden kann, wenn Bedenken über die Fahrtüchtigkeit des Führers bestehen. Gegen Verweigerung bzw. Entzug des Ausweises konnten Sie binnen 10 Tagen seit der Eröff^ mmg des Entscheides bei der kant. Regierung Beschwerde erheben. Offenbar haben Sie das nicht getan, oder sind abgewiesen worden. Da die fragliche Verfügung Ende April 1933 getroffen wurde, sind die Fristen für Rechtsmittel abgelaufen. Ein staatsrechtlicher Rekurs wegen Verletzung der Handels- und Gewerbefreiheit oder wegen Willkür in bezug auf die Bedingungen sowie die Art und Weise der Prüfung kommt heute nicht mehr in Betracht. Sie können unter Umständen eine neue Beurteilung der Angelegenheit indirekt dadurch herbeiführen, dass Sie neuerdings sich um die Erteilung eines Fahrausweises bewerben und im Falle einer Abweisung durch Beschwerde weiterziehen. Indessen scheinen die Gründe vielleicht doch nicht nur dort zu liegen, wo Sie vermuten, da ja offenbaT auch von andern Kantonsbehörden abgenommen« Prüfungen ungünstig verlaufen sind. * < Zu verkaufen CITROEN 10L., Md. 1933 Die Maschine wird infolge Anschaffung eines stärkeren Wagens gleicher Marke zu sehr günstigen Konditionen verkauft. Ca. 6000 km gefahren, seit 3 Monaten im Gebrauch. 6 Mon. Garantie. 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Bern, Dienstag, 5. September 1933 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 74 Hauch über der Kindheit Hans Natonek. Die erste Brille. Ich erinnere mich noch wie heute, als Hans Winter zum ersten Male mit einer Brille auf der Nase die fünfte Volksschulklasse betrat. Es ging ein Gebrüll los, dass die alte Wandtafel klapperte. Wir alle trampelten und schrien: «Brille, Brille! Ein Profax!» Was soviel bedeutete wie Professor. Es war eine unvergleichlich grössere Sensation als ein neuer Anzug, ja selbst als die ersten langen Hosen, deren Besitzer gleichfalls hochgenommen wurden. Und nun — die Zeit hat die wehmütige Eigenschaft, zu vergehen — ist mein Junge so weit wie damals der Hans Winter, der Mathematikprofessor geworden ist, wovor das Schicksal meinen Sohn gnädig bewahren möge. (Zwischenruf meiner Frau: «Warum nicht, Mathematikprofessor ist auch ganz gut.») Als er sich zum ersten Male mit der Brille präsentierte, lächelte er ungewiss, und die Augen hatten die gewohnte Blicksicherheit verloren. Da haben sie nun in das kleine Gesicht eine grosse Brille hineingesetzt, sie balanciert verlegen auf dem Naschen, und ihr Träger ist teils stolz und teils befangen, also in einem Konflikt. Alles Erstmalige ist ein Ereignis, und jedes Ereignis stört das Gleichgewicht. Vielleicht ist der Betroffene weniger betroffen als ich, der Betrachter, dem die Brille zu einem Symbol wird. Dieses Glas vor den Kinderaugen kommt mir vor wie eine Verfälschung der Natur. Mit der Brille fängt's an, es ist der erste Hauch der Erwachsenheit, Fortsetzung folgt: die ersten langen Hosen, das erste kleine Mädchen, nun ist kein Halten mehr. Nur eine Brille, und mir ist wie Abschied vom Gesicht meines Kindes. Habt ihr schon einmal beobachtet, wie ein Kind seine Brille aus *lem Futteral holt, den vergoldeten Bügel über die Ohren schlägt, die sich leicht krümmen, und sich über sein Buch beugt? Es ist die getragene Handlung eines Erwachsenen; sie hat etwas Altbärtiges, der Kontrast von Kindlichem und Unkindlichem etwas Rührendes. Gleich wird er, denkt man, Leitartikel lesen, über die Wahlen debattieren, Börsenzettel und Bilanzen studieren und eine interessenvermanschte unfreie Kreatur sein wie wir alle. Mich schmerzt diese Brille, die er selbst «sar nicht mehr spürt. Das ist die Anpassung an und die Umformung durch das- Leben; und es ist ein Glück, dass die meisten Menschen diesen Prozess gar nicht wahrnehmen. «Mit bewaffnetem Auge», sagen die Erwachsenen, die es gern mit Kampf und seinen Attributen zu tun haben. Siehst du, Junge, nun hast du ein «bewaffnetes Auge». Gucke scharf! Manche Kinder, denen man die erste Brille aufsetzt, sehen aus wie Buchhalter, andere wie Beamte, andere wie Rechtsanwälte, andere wie Bankdirektoren, andere wie Börsianer und wieder andere wie Professoren. Alles nur an miniature, in humoristischer Verkleinerung, wie wenn Liliputaner Normalgrösse markieren. Das künftige erwachsene Gesicht kommt heraus wie ein fester Umriss aus zartem Morgennebel. Die Welle. Es muss doch etwas mehr gewesen sein, als ein kleiner Schreck und ein nasser Umfall, als die vierjährige Ilse, von einer kräftigen Welle umgelegt, unter den Seespiegel geriet und ziemlich verstört aus dem Wasser geholt wurde. Sie war sehr blass und konnte nicht reden; und alles, was sie von sich gab, war Seewasser. Von Carona am Monte Salvatore ging ich sommerabends, gleich nach Sonnenuntergang, zurMadonna d'Ongero hinüber. Aus den letzten, patrizisch stolzen Häusern des Dorfes steigt der steinige Weg etwas bergan, ein paar Gärten liegen zu beiden Seiten, Feigenbäume über ockerfarbne Mauer hängend, im fetten Laub die fetten, satten Früchte schwellend; rückwärts sieht man bald das ganze Dorf gelagert, Dach in Dach gedrängt, uniform, einfarbig, primitiv und schön wie eine Negersiedlung, hier und dort Polenta-Rauch aus einem Kamin, das Ganze ein brauner, grosser Steinhaufen, in dem die gespeicherte Wärme des Augusttages lang noch nachglüht. Die Gärten hören auf, Fusswege verlieren sich überall, launig, spielerisch, vielstrahüg in die Haine, ins gelbe Gerstenfeld, in die dunklen Pyramidenreihen der Bohnenäcker. Ein Grotto liegt am Strässchen, stets geschlossen ausser am Sonntagabend; er heisst «al pan perdu», zum verlorenen Brot, eine leere Bocciabahn, darüber die Terrassenmauer, aus dem schön rosigen Stein dieses Berges, warm schmelzend von Farbe, sanft im Grünen brennend, so wie bei Renoir die rosigen Frauen aus dem Grün hervorschimmern, warme Edelsteine auf unterlegtem Sammet. Eine alte Skulptur schaut edel aus dem Gemäuer, von klassischer Haltung, aber durch Alter und Verwitterung hinüber ins Frühe, Gotischere, Wildere und Innigere verwandelt, eine Gottesmutter mit dem toten Sohn im Schoss. Der Weg steigt, unter den Sohlen rollt das lose Gestein. Wunderlich schweigsam ist dieser Weg, so alt, so anders als gewohnt, so aus einer andern Zeit, einem andern Weltalter, einer anderen Lebensstimmung. Um Lugano findet man selten, äusserst selten solche Wege, so ernste, so in sich gekehrte, eingeschlafene, an welchen nichts von heute ist und an heute erinnert. Eher noch findet man solche Streifen, solche verlorene Stücke Urwelt oder Mittelalter in den Gegenden um Locarno, am Onsernone, im Gebiet zwischen Losone und Golino, in Arcegno. «Was hast du damals empfunden, wie war es denn,» fragte man sie später, «als du so dalagst und das Wasser über dich hinwegging?» «Es war ganz dunkel,» erzählte Ilse, «wie unter der Steppdecke, wenn man sich versteckt, und die Welle sagte: Trink mich, trink mich, damit du stirbst.» Stirbst... Was ist Sterben für eine Vierjährige? Die Dunkelheit, die Welle, keine Luft, die Angst. Es war eine Trübung, ein Hauch über einem Spiegel. Es war die Sekunde einer Erkenntnis. Es ging vorüber; zum erstenmal ging der Tod vorüber. Spätsommerabend im Tessin Hermann Hesse. Dieser abendliche Weg tut wohl, er erregt die Seele nicht, noch erheitert er sie, er ruft ihr nichts zu, er ist schweigsam wie sie, dämmernd wie sie, fromm wie sie. Frömmigkeit, Vertrauen, Kindersinn spricht hier mich an, kindlich ist der bald breite, bald wieder schmale launenvoll schweifende Weg, kindlich sind die Mäuerchen an seinem Rande, kindlich die kleinen, wie im Spiel angelegten Maisfelderchen, Rebenreihen, Bohnengärtchen. Ueberall verliert sich Feld und Wiese sachte ins Gehölz, überall kommt der Wald, licht und zum Hain gemildert, mir entgegen, mit einzelstehenden alten Kastanienbäumen, voll Individualität und Schicksal, mit jung umgrünten Strünken, mit ginsterüberwehten kleinen Felsblöcken, neben denen sich Klee und Gras, Wicken und Esper unvermerkt in die Waldpflanzenwelt, in Maiblumenstengel, Ginster, Tausendgüldenkraut, Farren, Spiräen verlieren. Heu liegt da und dort gehäuft, der dritte Schnitt des Jahres, und,neben frisch gemähten, winzig kleinen Kornfeldern das sauber aufgehäufte, ausgeraufte Stoppelstroh, mit den sorgfältig ausgeschüttelten Wurzeln dran. Wie würde ein modern eingerichteter Landwirt lachen, wenn er diese arme, winzige, ganz, und gar von Hand betriebene ZwergwirtSchäft "sähe, diese von Hand mit dem Spaten geackerten, von Hand besäten, mit der Sichel geernteten Kornfeldchen — mit wieviel Ueberlegenheit, mit wieviel gutem Recht, wieviel gutem Unrecht würde er lächeln! Mir aber, dem rückwärts Gewandten, dem Romantiker, dem Infantilen ist dies von Hand gerodete Stroh sehr lieb, ebenso lieb wie die unkorrigierten Bachläufe und irrationell beforsteten Wälder dieses Landes, wie die verfallenden, aber immerhin noch stehenden Bildstöcke und halbheidnischen Waldund Feldkapellen mit dem abgebröckelten Verputz und den zartfarbigen Resten alter gemalter Engel und Heiliger, die primitiven Feuerstätten und die Gesichter, Hände und Gebärden, die man hierzulande bei allen alten Leuten und sogar noch bei manchen jungen findet und *Welche kindlich, fromm und innig sind wie alle diese zarten, alten, etwas hilflosen, etwas unzeitgemässen Dinge hier am Wege. Ich liebe dies alles sehr, und ohne mich gegen den «Fortschritt» irgend zu wehren, ohne die lebendige Flut der Veränderungen anzuklagen, bedaure ich doch im Herzen jeden neuen Betonbau, jeden korrigierten Linealflusslauf, jeden eisernen Leitungsmast, die auch in diese zurückgebliebene Welt sich eindrängen und deien Geist längst schon die Wurzeln dieses Idylls blossgelegt hat. Auch hier geht es zu Ende mit dieser alten Welt, es wird auch hier bald vollends die Maschine über die Hand, das Geld über die Sitte, die rationelle Wirtschaft über die Idylle siegen, mit gutem Recht, mit gutem Unrecht. Uns Schwärmer wird das betrüben, es wird uns aber nicht hindern, unser ebenso gutes Recht, unser ebenso gutes Unrecht weiter zu üben, und mancher von uns weiss auch, mit dem Verstand oder mit dem Herzen, dass es sich hier nicht um Fortschritt und Romantik, um Vorwärts oder Rückwärts handelt, sondern um Aussen und Innen, dass wir nicht die Eisenbahn und das Auto scheuen, nicht das Geld und die Vernunft, sondern nur das Vergessen Gottes und das Verflachen der Seelen und dass erst hoch über all diesen Gegensatzpaaren von Maschine und Herz, Geld und Gott, Vernunft und Frömmigkeit der Himmel wahren Lebens, echter Wirklichkeit sich wölbt. Manche von uns wissen mit Lächeln, dass dem Mangel unseres Sinnes für Rentabilität und Unternehmerlust bei unsern Antipoden, den Unternehmern und Rentablen, der Mangel einer seelischen Dimension entspricht und dass unsere romantischpoetische Infantilität nicht infantiler ist als die kinderstolze Zuversicht des welterobernden Ingenieurs, der an seinen Rechenschieber glaubt wie wir an unsern Gott und der in Zorn und Angst gerät, wenn die Unbedingtheit seiner Weltregeln durch Einstein erschüttert wird. Wir Romantiker und Sentimentalen, als die wir von der grossstädtischen Literatur meist verspottet werden, wir sind ja nicht alle bloss dumme Fanatiker, die wegen eines zum Fall verurteilten alten Gemäuers die Oeffentlichkeit bemühen und die Heimatschutzgarden mobilisieren, manche von uns sind nahezu ebenso klug wie mancher von der Rentabilitätspartei und sind im Herzen vielleicht zukunftsgläubiger und nach der Zukunft begieriger als viele von den Frommen des Fortschrittes. Denn wir glauben an die Vergänglichkeit der Maschine und die Unvergänglichkeit Gottes. Einer von uns, unser grosser Bruder, einer der letzten wirklichen Dichter Euopas, sitzt hoch im Norden, flieht die «Welt» und liebt sie doch gläubig und fruchtbar; er heisst Knut Hamsun. Ich bin abgeschweift. Es dämmert. Hinter den krummen, sehnigen Stämmen, den Waldvorboten, Waldvorhallen, ist alle Farbe So den lieben langen Tag fischen zu könnenl Wundervoll] Unterbrodien nur mit einem feinen Fraß aus R l i iä E FLEISCH- VK^H u U.WURST- F E U I L L E T O N Der geheime Kampf Von Philipp Klein. (Fortsetzung: aus dem Hauptblatt.) Eberhard entschloss sich, das Albergo Michele aufzusuchen — das war sicher keine Stätte, an der er Gefahr lief, von Leuten gesehen zu werden, von denen er besser nicht beachtet wurde. Und wenn er dort sozusagen unter dem Patronat eines Karabiniere einzog, so war das gewiss auch nicht ohne Wert. Er winkte einem Droschkenkutscher und gab ihm die Adresse. Der Mann, der noch recht verschlafen aussah, brummte etwas Unverständliches und fuhr los. Eberhard kannte Rom von früher her, das heisst, soweit es eben ein Fremder überhaupt kennenlernt. Aber die Stadtteile, durch die er jetzt in dem wackeligen alten Karren geschaukelt wurde, waren ihm neu. Sie waren sicher vom grossen Brand unter Nero zufällig verschont geblieben. Nach einer halben Stunde, nach einer Fahrt bergauf-bergab, landete das Gefährt auf einem kleinen, stillen Platz vor einem kleinen, stillen Haus, das ziemlich verwittert die Aufschrift trug: «Albergo Michele». Der Kutscher verlangte zehn Lire. Eberhard gab ihm stillschweigend acht. «Mille gracia!» sagte der Kutscher und fuhr weg, so rasch seine lahme Kracke laufen konnte. ,Ich habe ihm wahrscheinlich noch um die Hälfte zuviel gegeben', dachte Eberhard, als er an der Klingel zu dem Albergo zog. Eine Frau in mittleren Jahren öffnete. Es war die Wirtin selbst. «Ihr Herr Bruder schickt mich zu Ihnen — Sie haben ein Zimmer abzugeben?» Die Frau sah ihn aufmerksam an. «Mein Bruder? Giuseppe?» «Der Karabiniere.» Die Frau Hess ihn eintreten. «Es stehen augenblicklich zwei Zimmer leer, Herr — Sie können wählen!» Beide Zimmer lagen im ersten Stock; das eine, grössere, ging auf die Piazza Pergolose hinaus, das zweite auf einen kleinen Garten, in dessen Mitte ein alter, verkrüppelter Feigenbaum stand. Die Zimmer waren beide bescheiden, aber sauber eingerichtet; Eberhard entschied sich für das grössere, was die Frau sichtlich zu seinen Gunsten stimmte. Er wollte auch die volle Pension nehmen und zahlte den lächerlich geringen Betrag für den ganzen Monat voraus. «Haben Sie viele Gäste, Signora?» fragte Eberhard. «Augenblicklich ausser Ihnen nur drei. Einen Sprachlehrer, der schon zwei Jahre hier wohnt, einen .forestiere', einen Deutschen, der aber wahrscheinlich ein ,maledetto Austriaco' ist und sein Zimmer zum fünfzehnten gekündigt hat, und eine Dame.» «Eine Dame?» «Si, Signore. Eine wirkliche Dame, die sich auf ein paar Monate zurückziehen will. Sie ist erst acht Tage hier. Sie werden es sehr ruhig hier finden, Signore, wenn Sie das wünschen.» «Es wird mir sehr angenehm sein!» «Wo darf ich das Gepäck holen lassen, Signore?» Eberhard wies auf seinen Handkoffer. «Das ist augenblicklich alles. Ich werde meine Garderobe und Wäsche erst hier ergänzen...» «Ausserdem muss ich um den Pass bitten — die Polizei ist sehr streng.» Eberhard überreichte ihr den Pass; sie warf einen flüchtigen Blick darauf. «Signore Farnaglia — Sie sind wohl erst mit der Bahn gekommen — ich werde mich beeilen, Ihnen das Frühstück zu bringen.» «Das wird mich sehr freuen, Signora — ich habe einen ganz ordentlichen Appetit!» «Sofort, Signore!» Die Wirtin verbeugte sich lächelnd und ging. Eberhard sah sich das Zimmer nun genauer an, betrachtete eingehend den Keilpolster des Bettes, rückte den alten Diwan von der Wand, sah hinter ein paar Bilder — billige Oeldrucke — und war befriedigt. Wanzen keine, stellte er fest. Es war also jedenfalls.zum Aushalten hier — sicher angenehmer, als im komfortabelsten Schützengraben, dachte er. Er hatte sich für den ersten Tag seine Einteilung gemacht. Zunächst sich in Rom ein wenig umsehen, die notwendigste Wäsche und Garderobe einkaufen. Dann Alberto Falieri aufsuchen, sich einige notwendige Drogen verschaffen, und dann — ja: was dann? Zu arbeiten beginnen? Es war vielleicht nicht so ganz einfach, und Eberhard kam sich einen Augenblick ein wenig verloren vor in diesem stillen Winkel. Der Oberst hatte ihm gesagt: leben Sie sich erst ein, glauben Sie ja nicht, dass ich am ersten Tage schon Nachrichten von Ihnen erwarte — Sie müssen erst sehen lernen, richtig sehen. Melden Sie auch, wenn Sie einmal so weit sind, spärlich, dafür aber nur wirklich Richtiges. Darnach musste er sich richten. Die Wirtin brachte ihm das Frühstück selbst, das Eberhard gut und reichlich fand. Es klopfte an der Tür. Auf die Aufforderung Eberhards trat ein Mann in das Zimmer, mittelgross, blasses, mageres Gesicht, schwarzes Haar und ebensolcher Schnurrbart, graue, ein wenig scheue Augen. Er verbeugte sich lächelnd vor Eberhard: «Stöck-