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E_1935_Zeitung_Nr.026

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1935 - N« 26 sisrahmen ist hier das Lenkgetriebe auf einem besonderen Bock etwas erhöht einge- zu nachgiebige, zu stark selbsthemmende, zu wird oft nur durch eine ungenau arbeitende, baut und sein Hebel entsprechend verlängert. Aus verschiedenen Gründen sind aber durchkonstruierte Lenkung verursacht, wäh- stark übersetzte oder kinematisch schlecht trotzdem die Möglichkeiten zu dieser Anordnung begrenzt. guter Strassenhaltung vielfach über nichts rend anderseits die Wagen mit besonders Eine schon bedeutend flachere Führung weiter als gut durchgebildete Lenkmechanis- verfügen. der Lenksäule gestattet jedenfalls die An-men -s. ordnung nach Abbildung 5. Die Queranordnung der Lenkschubstange macht hier die Lenkung von der Federung auch fast unabhängig, solange die Federn in ihren Gehängen noch kein seitliches Spiel haben. Sie wird in dieser Beziehung meist günstigere Resultate ergeben als etwa die Anordnung nach Abbildung 8, mit der sich dafür die Lenksäule besonders flach verlegen lässt. Eine interessante Sonderausführung, für die ebenfalls das Bestreben nach einer möglichst bequemen Lenkradanordnung massgebend war, ist in Abbildung 7 dargestellt. Der Betätigungshebel der Lenkschub'stange, und das Lenkgetriebe sind hier unabhängig voneinander in ihrer jeweils günstigsten Lage eingebaut und nur wieder durch Hebel und Gelenke miteinander verbunden. Damit eine solche Lenkung auf die Dauer einwandfrei arbeitet, müssen ihre Gelenke mit besonderer Sorgfalt durchgebildet werden. Um Abnützungen und Spiel in den Gelenken auszuschliessen, ist auch eine besonders gute Wartung erforderlich. Der Mechanismus wird deshalb nur für teurere Wagen in Frage kommen. Damit bei Einzelradfederungen die Räder beim Durchfedern einander parallel bleiben, ist man meist zur Unterteilung der Spurstange gezwungen. Diesbezügliche Konstruktionen zeigen Abbildung 3 und 6. Gelegentlich werden solche Anordnungen fälschlicherweise auch als Doppellenkung bezeichnet, weil jedes Rad gleichsam für sich mit dem Lenkgetriebe in Verbindung steht. Die eigentliche Doppellenkung weist jedoch als Hauptcharakteristikum ein doppeltes Lenkgetfiebe auf, Erst hierdurch kann ausgeschlossen werden, dass sich die am einen Rad auftretenden Stösse auch auf das andere Rad übertragen. Gerade der Konstrukteur von Einzelabfederungen hat es auch sonst in der Hand, Stossrückwirkungen vom einen auf das andere Rad zu vermeiden, so dass er meist auf die Doppellenkung verzichten kann. In Abbildung 6 ist noch speziell auf die Durchbildung des Lenkgetriebes hinzuweisen. Dieses besteht statt aus einer Schnecke und einem Schneckenrad oder aus Spindel und Mutter oder aus Schnecke und Nocke, wie sonst meist üblich, aus einem einfachen Zahnkolben, der in eine Zahnstange eingreift. Eine selbsthemmende Wirkung, wie sie früher einmal sogar vorgeschrieben war, lässt sich mit dieser Anordnung natürlich nicht erreichen. Die Erfahrung hat jedoch gelehrt, dass man auch sehr gut ohne jede Selbsthemmung auskommen kann und dass der Mangel an Selbsthemmung bis zu einem gewissen Grad sogar noch einen Vorteil bedeutet, indem dem Fahrer ein besserer, gefühlmässiger Kontakt mit der Strasse möglich ist, wenn im übrigen durch geeigneten Achsschenkeleinbau dafür gesorgt wurde, dass von der Strasse her keine zu grossen Kräfte in den Lenkmechanismus geraten können. Allgemein ist zu bemerken, dass der Einfluss der Lenkung auf das Gesamtverhalten des Wagens noch vielfach stark unterschätzt wird. Die sogenannte schlechte Strassenhaltung selbst mancher moderner Autotypen Zusammenstellung einiger gebräuchlicher Lenk6ysteme> l»»«al*t£s«me Wink« Eine einfache Schleifmaschine. Automobilfahrer sind häufig Baster. Es gibt zwar auch solche, die es.am liebsten haben, wenn sie an der Maschine nie etwas zu arbeiten haben; aber im grossen ganzen empfinden es sicherlich • die meisten Automobilisten als eine der Freuden des Motorsportes, dass. es am Automobil etwas «zu bauen» gibt. Das muss ja natürlich nicht gerade auf der Strecke sein; im Gegenteil, dies ist allgemein unbeliebt! Aber zu Hause häbensich viele Automobilisten eine kleine Werkstatt eingerichtet, in der sie ihr Vehikel pflegen und hegen und gelegentlich auch «.Verbesserungen » anbringen. Für diese Fahrerkategorie zeigen wir imbeistehenden Bild eine Schleifmaschine, wie man sie mit einfachsten Mitteln und fast ohne Kosten selbst herstellen kann. Das Hauptelement dieser Maschine ist eine Fahrrad-Hinterradnabe mit einem Freilaufzahnkranz. Recht geeignet sind solche Naben, die beiderseits einen Zahnkranz; besitzen, von denen jedoch nur einer, eine Freilauf-Vorrichtung besitzt. Man kann dann auf einfache Weise die Schmirgelscheibe an dem auf der Nabe feststehend angebrachten Kettenzahnrad befestigen, wie es das Bild zeigt. Der Antrieb dieser Schleifmaschine erfolgt durch eine alte Fahrradkette von einem Fussbrett aus; eine Spiralfeder sorgt für den Rückzug. Je länger das Fussbrett ist, desto höhere Geschwindigkeiten kann man der Schleifscheibe geben. Infolge des Freilaufs erhält die Schleifscheibe eine ungefähr gleichförmige Bewegung in ein und derselben Richtung. Eine unter Verwendung einer Fahrradnabe selbst angefertigte Schleifmaschine. Sie verursacht fast keine Kosten! Als Lagerböcke fertigt, man zwei Bügel aus Flacheisen an; die Achse wird an den aus dem Bild ersichtlichen Winkeln ebenso befestigt, wie dies sonst in -einer Fahrradgabel der Fall ist. Da sich ein erheblicHer Teil der Maschinenbestandteile infolge der Härte des Materials nur schwer mit der Feile bearbeiten lässt, dürfte die Möglichkeit, sich mit geringen Mitteln eine Schleifmaschine anzufertigen, sicher willkommen sein. K.M. Antwort 9336. Rohölvergaser «Pikker». Zuschrift weitergeleitet. Red. II. Antwort 9337. Holzgasbetrieb von Bootsmotoren. Zuschriften weitergeleitet. Red. : Teih ip edh II. Antwort 9342. Selbstentladung der Batterie. Zuschrift weitergeleitet, Red. Frage 9345. Rohölvergaser «Pikker». Kann mir event. ein Leser aus Erfahrung mitteilen, ob der Rohöl-Vergaser -«Pikker» auf den gewöhnlichen Benzinmotor keinen schädlichen Einfluss hat und wer diesen Rohölvergaser vertreibt? R. B. in D. ' Frage 9346. Benzintankanlage. Ich gedenke bei meiner neuerstellten. Garage eine Benzintankanlage zu errichten. Kann mir nun jemand raten, was besser ist: eine Anlage durch eine Benzingesellschaft, wenn ja, welche ist vorzuziehen? Eine' Privatanlage, wenn ja, welche Marke ist vorzuziehen? Der Platz ist vorhanden. N. G. in Gr. Fräs« 9347. Wer liefert Vongummireifen, 300 bis 35O_ mm äuss.. Durchmesser ohne Räder, neu oder gebraucht, passend für Abschleppzweiräder? " J. G. in T. Frage 9348. Instruktionsbuch. "Wer wäre in der Lage, mir, ein deutsch geschriebenes Instruktionenbuch für den Essex-Wagen zu verschaffen? A. N. in H. Frage 9349. Grubenbildung in den Ventilsitzflächen. Seit einiger Zeit beobachte ich bei jedem Entrussen meines Motors auf den Ventilsitzflächen aussergewöhnlich starke Grubenbildung. Die Sitzflächen sind voller kleiner schwarzer Krater. Woher rührt das? K. S. in K. Uebermässiges Stösselspiel in der Ventilsteuerung verursacht ausgeschlagene Ventilsitze. Antwort: Grubenbildung in den Ventilkegelflächen entsteht dann, wenn infolge schlechter Gemischzusammensetzung in den betreffenden Zylindern ein Nachbrennen der Ladung stattfindet, wodurch die Ventile stark überhitzt werden, oder wenn das Material der Ventile überhaupt ungeeignet ist. Die Gruben stellen lokale Verbrennungsherde dar, können aber auch durch hängengebliebene Russteilchen, die in den Ventilsitz eingehämmert werden, verursacht sein. Ein Ventil mit starker Grubenbildung kann meist nicht mehr eingeschliffen, sondern muss abgefräst werden, wenn dazu überhaupt noch genug «Fleisch> vorhanden ist. at. Frage 9350. Knallen im Auspuff. Wir haben einen Achtzylinderwagen italienischer Herkunft. Derselbe fängt nun an, beim Bergabfahren im Auspuff sehr zu knallen. Das Gas ist ganz geschlossen. Die Ventile sind 0,15 Einlass, 0,20 Auslass genau eingestellt. Er macht den Lärm auch sofort nach dem Entrussen. Ich wäre nun sehr dankbar, wenn mir ein Fachmann den Grund des Knallens erklären könnte, eventuell dessen Abhilfe. Die Zündung besteht aus einer kombinierten Bosch-Zünd- und Lichtmaschine. G. D., in S. Antwort: Dieses Knallen rührt von Gasresten her, die bei leerlaufendem Motor in die Auspuffleitung und den Auspufftopf gelangen und hier von gelegentlich brennenden Gasentladungen zur Explosion gebracht werden. Bei ganz geschlossener Drosselklappe sind ja die Zylinder noch. nicht hermetisch Ton der Ansaugleitung abgeschlossen. Sie erhalten durch die Leer lauf Vorrichtung immer noch etwas Frischgas. Eine Verbrennung in den Zylindern kann aber unterbleiben, weil die angesaugte Frischgasmenge doch zn klein oder zu ungünstig zusammengesetzt ist. Beim nächsten Auspufftakt befördert also der Kolben diese Gase in die Auspuffleitung, die sich so nach und nach mit brennbarem Gas anfüllt Kommt es nun in einem der Zylinder trotzdem zu einer zufälligen Zündung, so gerät beim Oeffnen des Auspuffventils die Frischgasladung im Auspuffrohr in Brand und verpufft. Dieses Puffen und Knallen ist technisch absolut harmlos. Es kann nur dann stören, wenn es so stark ist, dass Pferde oder andere Strassenbenützer erschreckt werden. Gewöhnlich genügt aber eine kleine Verstellung des Vergasers (andere Einregulierung der Drosselklappe oder andere Düsen), um das Knallen vollständig zu beseitigen. -s. S P eck al Anfrage 495. Entschädigungspflicht. Am 2. Juni d. J., ca. um 15 Uhr, fuhr ich auf einer geraden Strasse. Es war kein Auto, kein Fuhrwerk oder irgend ein Lebewesen zu erblicken. Links der Strasse befinden sich Wiesen, rechts aber ein ca. 1.20 m hoher Hochwasserschutzdamm der Aare. Auf einer ca. 200 m entfernten Wiese weidete eine Viehherde. Ich fuhr mit einer Geschwindigkeit VOD ca. 50—60 km auf der rechten Strassenseite dem Hochwasserdamm entlang. Urplötzlich, ca. 5—6 m vor dem Auto, sprang eine Ziege über den Damm auf die Strasse vor das Auto. Wegen der Höhe des Dammes konnte ich die weidende Ziege nicht sehen. Bremsen und den Wagen links reissen war das Werk eines Augenblicks, doch streifte ich mit dem rechten Schutzblech dennoch das Tier, das daher abgetan werden musste. Den Eigentümer fand ich ca. 1 km vom Unfallort entfernt. Die Ziege hatte den Weideplatz des Besitzers verlassen und sich ohne Aufsicht entfernt. Meine Versicherung offerierte aus freien Stücken einen Betrag von Fr. 40. Aus dem Fleischverkauf löste der Eigentümer Fr. 12, womit er total auf Fr. 52 gekommen wäre. Der Mann verlangte jedoch Fr. 95 als Entschädigung. Auf dieser Basis konnten wir uns nicht einigen und reichte derselbe Strafklage gegen mich ein. Der Bichter fällte darauf folgendes Urteil: « Jeder Autofahrer, der Schaden anstiftet, ist dafür haftbar, ob schuldig oder nicht. Nun könne allerdings nach meiner Darstellung des Unfalles (Zeugen waren keine vorhanden) mir keine Schuld nachgewiesen werden, doch könne auch dem Viehbesitzer nicht zugemutet werden, immer auf der Weide beim Vieh zu verbleiben. Trotzdem der Höchstpreis für Ziegen Fr. 80 sei, so sei doch die Forderung des Geschädigten mit Fr. 95 zu schützen; dieselbe sei ja nicht bestritten, obwohl ich von Anfang an den verlangten Betrag als zu hoch bezeichnet hatte. » Ich möchte nun anfragen, was man von diesem Urteil halten soll. Die Versicherung teilt mir nämlich mit, dass sie trotz ungerechtem Urteil den Betrag zahlen werde, weil es sich nicht lohne, wegen Fr. 95 einen langen Prozess zu führen. Befremdend war das Urteil für mich um so mehr, als das Tier ohne jegliche Aufsicht frei herumlief, die Strasse querte, wofür der Autoführer haften soll, er eteht also, mit andern Worten, direkt ohne Schutz da. G.F inM. Antwort: Richtig ist, dass gemäss Art 3? des Automobilgesetzes der Halter für denjenigen Schaden haftet, der durch den Betrieb eines Motorfahrzeuges verursacht worden ist. Er wird jedoch aber von der Ersatzpflicht befreit, wenn er beweist dass der Schaden durch grobes Verschulden des Geschädigten oder eines Dritten verursacht worden ist, ohne dass ihn selbst ein Verschulden trifft. Im: vorliegenden Falle trifft sicherlich den Führer des Motorfahrzeuges kein Verschulden. Seine Geschwindigkeit war nicht unangemessen. Er musste und konnte auch nicht voraussehen, dass plötzlich ein vorher unsichtbares Tier über den Damm in seine Fahrbahn springen würde. Anders wäre es z. B., wenn an einer Herde vorbeigefahren wird oder sich sonstwie Tiere in der Nähe der Strasse unabjreschrankt befinden. In solchen Fällen muss der Motorfahrzeugführer damit rechnen, dass u. U. ein Tier unerwartet auf seine Fahrbahn kommen könnte. Das gleiche ist der Fall mit Hunden, die ausf einer Strassenseite sind. Auch hier muss damit gerechnet werden, dass ein solcher plötzlich über die Strasse springt. In allen diesen Fällen ist der Motorfahrzeugführer gehalten, besondere Sorgfalt walten zu lassen, d. h. er muss ein unerwartetes Hineinspringen des Tieres in seine Fahrbahn voraussehen. Im vorliegenden Falle waren aber zu einem besondern Verhalten keinerlei Anhaltspunkte und Voraussetzungen vorhanden. Der Motorfahrzeugführer konnte und musste das unerwartet eingetretene Ereignis nicht voraussehen. Es bleibt somit nur noch zu untersuchen, ob den Halter oder den Hüter des Tieres ein grobes Verschulden trifft. Was grobes und was leichtes Verschulden ist sagt der Gesetzgeber nicht Die Unterscheidung oder besser gesagt die Abmessung des Verschuldens ist ausschliessliche Ermessenssache des Bichters. Anlässlich der Beratungen des Automobilgesetzes ist aus Automobilkreisen nachdrücklichst davor gewarnt worden, Fassungen zu wählen, die der Willkür Tür und Tor öffnen würden. Wie in vielen andern Punkten wurden auch diese Batschläge von den Besserwissern am grünen Tisch nicht beachtet. • Heute haben wir nun glücklich die vorausgesagte Rechtsunsicherheit, indem niemand weiss, wo das leichte Verschulden aufhört und wo das grobe beginnt. An einem Ort ist groibes Verschulden, was an einem andern Ort als leichtes Verschulden taxiert wird, und umgekehrt. An und für sich ist es ein grobes Verschulden, wenn man in der Nähe einer verkehrsreichen Strasse Tiere derart weiden lässt, dass sie die Verkehrssicherheit gefährden können. Es wäre gar nicht undenkbar, dass durch ein Ereignis, wie das vorliegende, grosser Personen- und Sachschaden entstehen könnte. Andererseits wird aber sofort eingewendet werden, dass in ländlichen Bezirken eben bezüglich des Weidens von Vieh nicht ein allzu strenger Maßstab angelegt werden dürfe, da auf die prekären Verhältnisse des Bergfoauern etc. etc. gebührend Rücksicht genommen werden müsse! Wir sind deshalb der Auffassung, dass aus solchen Kommiserationsgründen — aber auch nur aus solchen — wohl nur leichtes Verschulden angenommen werden würde. Dies hätte die Folge, dass der Halter des Motorfahrzeuges von der Ersatzpflicht nicht völlig, wohl aber zum Teil befreit werden musste. Wenn Sie somit der Richter im vorliegenden Falle zum Ersätze des ganzen — zudem noch übersetzten — Schadens verurteilt hat, so ist dies zweifellos zu Unrecht geschehen. So wie die Verhältnisse im vorliegenden Falle tatsächlich liegen, ist ein Mitverschulden des Geschädigten vorhanden, so dass er nur zum Teil, also nicht zu lOO o /o, hätte entschädigt werden müssen.

Bern, Dienstag, 26. März 1935 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 26 ßet Alkohol fängt es an den Jxiq... De» QefäMkhe Wusty F E U I L L E T O N Mannequin. Roman von Fannie Hurst. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Die Nachtmähler in den billigen italienischen Restaurants, wo die Kellner dicke Suppen mit dem Daumen im Teller servierten, ekelten sie an. Weine wie rote Tinte. Die menschenerfüllten Untergrundbahnen zur Theaterzeit. Galeriesitze. Die runden Sessel in den Sodawasserläden. Dann nach Hause im Gedränge der Untergrund, wenn der Kopf des müden Nachbarn sich gerade noch genügend aufrecht halten konnte, um sich nicht auf ihre Schultern zu senken. Und die traurige Uebung, diese Männer, die ihr an solchen Abenden fragwürdige Zerstreuung verschafften, in jener Entfernung -tu halten, die aHein sie erträglich machte. So hatte sich in Orchfd während der Jahre harter Schulung in der Welt der einzigen Männer, die sie kannte, eine spröde Bitterkeit entwickelt. Es war ein Spiel, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Etwas wie ein Frohlocken erfüllte sie dann, wenn sie die Türe ihres Wohnhauses einem Mann ins Gesicht schlagen konnte, der, die Schuhspitze dazwischen gestellt, glaubte, Wie • gefährlich wohlschmeckender Whisky werden kann, erfuhr in diesen Tagen der Australier George Steers, der als Boss einer aus fünfzehn Mitgliedern bestehenden Bande bisher ein schönes Leben in Frankreich geführt hatte. Unter seiner Leitung pflegten seine Leute englischen Provinzlern mit Aktienschwindeleien das Geld aus der Tasche zu ziehen. Hin und wieder arbeitete er selbst mit, wie in dem Falle Hansard, wo er diesem" Herrn unter allerlei Vorwänden zehntausend englische Pfund zu entlocken verstand. Da Mr. Steers das Klima der englischen Insel nicht zusagte, machte er sich in Paris ansässig und schickte sein Personal nach Deutschland, Italien und in die Schweiz auf Arbeit. So hätte er weiterhin das Leben eines geachteten, wohlhabenden Mannes führen können, wenn er nicht eine Vorliebe für geistige Getränke und gelegentlich auch für eine Prise Kokain gehabt hätte. George Steers wollte also wieder einmal sein Bankguthaben auffüllen und machte aus diesem Grunde auf einem Kanaldampfer die Bekanntschaft eines biederen Kapitäns, der gerade aus seiner englischen Heimat nach Italien unterwegs •war, um dort das Kommando eines Schiffes zu übernehmen. Steers Hess alle Künste seiner Konversation spielen, bezauberte den alten Seebär mit Scherzen und Hess auch ' nicht locker, als sie in Dieppe den Zug nach Paris bestiegen. Kapitän Qranville hörte sich die Plaudereien des Fahrgastes noch eine Weile an und sprach auch dem ausgezeichneten Whisky zu, den der freundliche Herr immer wieder einschenkte, der selbst eine grössere Anzahl von Gläsern leerte, durch die er in eine sichtlich gute Stimmung versetzt wurde. Dann ermüdete aber der sturmgewohnte Seemann, sei es durch das Geschwätz, sei es durch den Whisky des Passagiers, er setzte sich in eine Ecke des Coupes und schlief ein. Steers schenkte sich endgültig •das fünfzehnte und letzte Glas ein, dann ging er an die Arbeit und zog dem schlafenden Kapitän die Brieftasche aus dem Rock, in der ein Kreditbrief auf die Mannschaftslöhne des Schiffes, das Granville übernehmen sollte, und sein Reisepass enthalten waren. Aber Steers war nicht mehr der alte. Eine .kleine Schwäche durchzuckte den grossen Mann, der gute Whisky tat ein Uebriges, und plötzlich lag er dem Schläfer auf der Brust. Dieser wachte sofort auf und erblickte den redseligen und splendiden Reisegefährten mit der offenen Brieftasche in der Hand. Augenblicklich war Granville munter und gab Steers einen Boxhieb gegen das Kinn. Der Australier sprang auf, zog einen Revolver und hieb mit dem Griff nach dem Kopf seines Gegners. Der Hieb glitt ab, sie rangen miteinander und währenddessen gelang es Granville, die Notleine zu ziehen. Als der Schaffner erschien, erklärte Steers, der alte Herr wäre betrunken, und der Kapitän behauptete dasselbe von Steers. Bei ihrer Ankunft in Paris untersuchte die Polizei auf jeden Fall das Gepäck beider Passagiere. Während die Koffer Kapitäns Granvilles in Ordnung waren, fand man bei Steers eine Anzahl gefälschter Dokumente und Kreditbriefe, ferner gebündelte Hundertpfundnoten, «Glauben Sie mir, Doktor», sagte Rodin leise, «— das ist das schwerste Erlebnis der Einsamkeit: dass man eine Frau hat und dennoch allein ist! Dass man nachts neben einem geliebten Menschen wach liegt, ihn atmen hört und seine Träume nicht weiss! Und ihm immer und immer so unendlich fremd bleibt » Dr. Wenk sagte nichts darauf. Manchmal zog er an seiner Zigarre, dann glühte im Dämmer das Feuer auf. Rodin konnte das Gesicht des anderen nicht sehen, aber er fühlte, dass ihn etwas bewegte, dass er nach Worten suchte — und Hess ihm Zeit. Es lag eine bedrückende Stille über dem Zimmer, in dem sich die beiden Männer gegenüber sassen. Leise bauschten sich die Gardinen der Balkontür im Winde und zeigten einen dunklen Himmel, der ohne Sterne war. Unruhig lief «Trix», die alte Dackelhündin, um die Beine der Schweigenden. Rodin strich ihr über die langen Hängeohren, die an den Enden so samtig waren wie die Flügel eines Schmetterlings. Da begann draussen ganz plötzlich mit dicken Tropfen dichter Regen zu rauschen. Es war wie eine Erlösung. Robert Wenk strich sich über die Stirn, als erwachte er aus einem tiefen Traum. Seine Stimme war belegt, sie zitterte unsicher. Er sprach erst zögernd, fast unwillig, dann hastig und impulsiy, als müsste ersieh endlich all die aufgespeicherte Qual vom Herzen spülen : «Einsamkeit? Was wissen Sie von Einsamkeit! Sie lieben Ihre Frau und werden wieder geliebt! Alle Ihre Zweifel sind Hirngespinste! Sie haben Kinder, ein Heim, einen Garten — überall ist Frieden und Glück! Aber ich — wollen Sie die Geschichte eines wahrhaft Einsamen hören — die kürzeste und unbedeutendste Geschichte der Welt? Sie ist altmodisch und wirkt banal und war doch stark genug, mein Leben für immer zu zertrümmern! Vergangenheit, Verlust, Tod und Erinnerung werden so leicht sentimental — aber es gibt Nächte > Wenk unterbrach sich einen Moment und nahm hastig einen Schluck aus dem Glase, das ihm der Hausherr gefüllt hatte. Dann begann er wieder: durch eine Table d'höte oder ein Nachtmahl berechtigt zu sein, ihr die Stiegen hinaufzufolgen. Gewöhnlich malte sich in Orchids von dunklen Wimpern verschleierten hellgrauen Augen eine anmassende Freude darüber, dass wieder einer die Rechnung ohne die Wirtin gemacht hatte. Idaleen gehörte zu jenen Mädchen, deren geschlechtliches Leben diese Dinge für Orchid zu rechtfertigen schien. Und auch Cora May, eine Kollegin Idaleens aus der Spitzenabteilung, die zu Hause lebte. Und wenn Orchid eine ebenso widerliche wie unvermeidliche Frechheit zurückwies, glaubte sie, dass sie auch im Namen von Idaleen und Cora May dem in Frage stehenden Mann gegenüber anmassend sein müsse. Idaleen und Cora May hätten bestimmt darüber gelacht. Miss Don Quixote im Kampf gegen Windmühlen — wenn die beiden gewusst hätten, dass sie es so bezeichnen konnten. Aber trotzdem empfand es Orchid kaum weniger bitter; im Namen aller Mädchen, die es nicht wagten oder denen nichts daran lag, wählerisch zu sein, lehnte sie ab. Eines Tages brach sich ein Mädchen mit dem erfundenen Namen Leland Deland den Knöchel. Es geschah im Französischen Saal des Titanic, am ersten Tage einer besonders gross angekündigten Modeschau von importierten Abendkleidern, echte und falsche gemischt. Steers gab sich für einen Bankiers aus London aus, der diese Werte in einer Pariser Bank anlegen wollte. Als man sein Gesicht mit den Porträts des Verbrecheralbums verglich, stellte sich heraus, dass man den langgesuchten Betrüger Steers gefangen hatte. 3)&t MsdÜeds&estuA «Es war in Lugano, nachts auf der Promenade! Ich war aus Zürich gekommen und wollte für ein paar Stunden die süsse Luft des südlichen Frühlings kosten. Der letzte schmerzliche Walzer der Kurkapelle war verklungen und die Sterne standen so funkelnd am Himmel, wie ich es noch nie gesehen hatte. Da setzte sich ein junges Mädchen zu mir auf die Bank. Das Licht einer Laterne färbte ihr Gesicht geisterhaft, nur die Augen glänzten in dunklem Feuer. Es war still um uns; der Duft vieler Blumen berauschte wie süsser Wein. Als sie ein leichtes Tuch um ihre Schultern schlang, verlor sie ihr weisses Filzhütchen vom Schoss. Ich hob es auf und berührte dabei ihre Hände. Ihr Mund lächelte ein wenig. Wir sassen lange und sprachen kein Wort. Endlich beugte ich mich zu ihr — da legte sie ihren Kopf zurück und gab mir ihren Mund. Dabei schluchzte sie plötzlich bitterlich auf, dass ich mit ihren Küssen auch die Tränen trank. Und mir war, als flössen diese Tränen in mein Blut — Sie hiess — nennen wir sie Gabriele! Und sie war sehr krank; um zu sterben war sie nach Lugano gekommen. Als junges, blühendes Geschöpf fuhr sie mit mir zurück — denn der Liebe ist die Kraft des Wunders gegeben. Und wir liebten uns sehr. Es begann eine selige Zeit, ein Ueberschwang des Glücks, bis — ja, bis ich Margot kennenlernte. Margot war die Tochter meines Chefs. Sie war eine grosse, strahlende Frau, neben der alles andere verkümmerte. Erst hatte ich Mitleid mit Gabriele, dann aber fasste ich. doch den Entschluss, mit ihr zu brechen. Will, man Karriere machen, darf man sich nicht von Sentiments beirren lassen! Feige, wie ich war, schrieb ich ihr, dass wir uns trennen müssten, für immer ! Nach zwei Tagen erhielt ich ihre Antwort: sie war einverstanden. Nur wollte sie mich noch einmal besuchen, das allerletzte Mal. Es war ein bitterkalter Wintertag, an dem sie in der ersten Dämmerung .zu mir kam. Ich stand am Fenster und sah ihr entgegen. Sie trug das weisse Filzhütchen, das uns zusammengeführt hatte. Und ganz plötzlich musste ich an Lugano denken und an die ersten Küsse. Und ich fühlte, dass ich sei noch immer liebte und niemals aufhören würde, sie zu lieben. Wie war es überhaupt möglich gewesen, an einen Abschied zu denken? Was ist die schönste Karriere ohne Liebe? Ich Tor! Aber noch war es ja nicht zu spät, und alles musste gut werden. Ich wollte sie um Verzeihung bitten und ging ihr entgegen. Der Fahrstuhl kam mit leisem Surren empor, doch, die Tür blieb geschlossen. Sollte ich mich geirrt haben. Ich riss das Gitter zurück und fand sie Sie war in der puppenhaften Art der Mannequins eine kurze Treppe von drei mit rotem Teppich belegten Stufen hinuntergegangen; und zufällig, dass es fast so schien, als wäre sie kaum mehr als gestolpert, kippte ein Fuss in seinem kleinen geschmückten, stark ausgeschnittenen Schuh um, dass zwei Knochen des Sprunggelenkes brachen. ' Für Orchid, die gerade ein Achtundneunzig-Cent-Nachtjäckchen unten in der Wäscheabteilung verkaufte, war dieses Unglück von folgenschwerer Bedeutung. Enggedrängte Frauen schauten über die Schultern der Vorstehenden in den Französischen Saal, um so etwas von der gross angekündigten Modeschau der für die neue Saison gerade angekommenen Modelle zu sehen. Natürlich meistens Frauen, die schliesslich an einem der Tische unten in der Halle eine Haushaltungsschürze für einen Dollar achtundneunzig Cent kauften^ Leland Deland war das einzige Mädchen in der nicht allzu stark besuchten französischen Abteilung des grossen Warenhauses mit volkstümlichen Preisen, das Anspruch auf wirkliche Eignung als berufsmässiger Mannequin erheben konnte. Die beiden andern Mädchen, die von der Modell- und Kleiderabteilung beigestellt worden waren, mussten, wenn sie über die rosa Samttreppen hinunterstiegen, die Kleider um die Hüften zusammenstecken. hilfslos auf dem Boden liegend. Sie war von der Bank gesunken, rotes Blut tropfte auf das kleine, weisse Filzhütchen. Mir war es, als wären es glühende Tropfen, die zerstörend auf mein Herz fielen. Ein Revolver entfiel ihrer festgekrampften Hand, als ich sie ins Zimmer trug » Zwischen den beiden Männern war langes Schweigen. Der Regen hatte nachgelassen; die alte Fahnenstange knarrte im Winde. «Trix» war am Kamin eingeschlafen, ihr graues Schnäuzchen zitterte im Traume. Wenk stand auf: » Nun, Rodin, jetzt wissen Sie wohl, was Einsamkeit ist und können begreifen, warum ich allein geblieben bin, es immer bleibe — — > Rodin sagte nichts, aber er drückte ihm beide Hände. Dann sah er ihm noch lange nach, wie er seinen einsamen, späten Weg über die regennasse Strasse antrat, über der sich die kleinen Bäume im Winde bogen.- , R.H.K. &uHnewnye(t an die T)amen= Sternfahrt 2wüs:St.9laphaM Anfangs dieses Jahres wurde dem Schweizerischen Damen-Automobilclub durch den A. C. S. eine Einladung zum «7e Rallye feminin Paris- St Raphael> überreicht. Zwei Mitglieder der Sektion Bern entschlossen sich, mit ihren Wagen daran teilzunehmen. In der Qlubsitzung vom 15. März wurden die heil Wiedergekehrten freudig begrüsst und Frau A. Glaser, eine der Teilnehmerinnen, Präsidentin des Schweizerischen Clubs, berichtete über ihre «Abenteuer» ungefähr folgendes: 45 Wagen standen am 27. Februar in Paris-Orly, Vieille Poste, zum Start bereit, Frau A. Glaser, die Präsidentin des Schweizer. Damen-Automobil-Glubs, mit ihrem Wagen, dem sie bei der Damentourenprüfungsfahrt Paris—St. Raphael führte. Nach dem Zwischenfall des gebrochenen Knöchels begann ein eifriges und unnützes Herumtelephonieren. Einer der Kontrolleure, der Orchid jeden Tag auf seinem Weg zum Lunch durch ihre Abteilung bemerkt hatte, schlug sie vor. « Unten in der Wäscheabteilung haben wir ein wunderschönes blasses grauäugiges Mädel. Mit pechschwarzem Haar. Wie ein Teufel. Man könnte es mit ihr versuchen.» Zum erstenmal in ihrem Leben fühlte an diesem Nachmittag Orchid das angenehme Schmeicheln von blumenblattfarbenem Samt auf ihrem Fleische und sah, wie ein aus Frankreich importiertes Kleid nach dem andern über die Weisse ihrer Haut gläsizend niederfloss. Kränze und Girlanden... Es war seltsam, dass für Orchid die wichtige Woche ihrer Beförderung aus der Wäscheabteilung zu einer doppelten Eigenschaft als Verkäuferin und Mannequin im Französischen Saal auch die Woche ihres ersten Zusammentreffens mit Martin Innesbrook sein sollte. Seltsam, wie wichtige Dinge zusammentreffen. Wie in Rudeln. Die Frau eines einflussreichen Mitgliedes der Gesetzgebenden Körperschaft in Washington hatte gerade die herausfordernde Aeusserung getan, dass jede Amerikanerin für dreihundertfünfzig Dollar im Jahr gut angezogen sein könne. (Fortsetzung folgt.)