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E_1940_Zeitung_Nr.014

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II AUTOMOBIL-REVUE

II AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 2. APRIL 1940 — N° sang, auf den Bällen, wo der vergötterte Trenitz tanzte. Sie waren der Mittelpunkt aller Feste, im Theater, in ,den Sommergärten, auf der Promenade, in den öffentlichen Tanzlokalen. Die ganze Gesellschaft des Direktoriums hatte eine frenetische Tanzwut ergriffen. Ueberall in Paris entstanden unter den seltsamsten Namen Ballokale für die tanzenden Thermidorianer. Es gab einen « Bai des Victimes », einen « Bai de Calypsp », einen frivolen Spott so weit, dass sie um den Hals ein ganz dünnes rotes Kettchen trugen, das täuschend den von Henkershand ausgeführten blutigen Schnitt markierte. In allen diesen Tanzlokalen traf eine höchst gemischte Gesellschalt zusammen: elegante, vornehme Frauen, Abenteuerinnen, Grisetten, ehemalige Aristokratinnen, Modistinnen, Schneiderinnen, ehrsame Bürgerfrauen und die grossen berüchtigten Lebedamen. In manchen dieser mondänen Bailokalen, wie im «Bai de l'Elysee nationale», dem ehemaligen Palais Bourbon, dirigierte mit grossem Erfolg der Neger Julien seine Kapelle, Die Recamier selbst tanzte entzückend, .besonders den berühmten «Schaltanz», den sie gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen aufführte. Theresa Tallien, Josephine de Beauharnais und Juliette Recamier, die, wie man sich damals ausdrückte, «zur Freude des Herrgotts bekleidet waren», so sehr hatten sie den Anschein, unbekleidet zu sein, trugen auf den Armen eine Chlamys. Das Kleid war aus Gaze, an. den nackten Füssen hatten sie den Kothurn mit den graziösen Kreuzbändern um die schlanken Knöchel. «Sobald die Geigen anstimmten», erzählt Arsene Houssaye, «sah man sie sich ernst auf den Schauplatz ihrer Grazie hinbewegen. Mit jenem duftigen Gewand ausgerüstet, nahmen sie bald die sinnlichsten, bald die keuschesten Stellungen ein, je nachdem sie den leichtesten Stoff um ihre Gestalt drapierten. Bald war es ein Schleier, der die Liebende oder die Leidenschaft der Liebenden verbarg, bald ein Faltenwurf, unter dem man die bedrohte Schamhaftigkeit zu ver- .decken suchte, bald auch nur ein Gürtel, der Venusgürtel, der, von der Hand der Grazien befestigt, von Amors Hand gelöst wurde.» Man konnte sich keine interessanteren und köstlicheren Vorführungen denken als diese Tänze der drei Damen. Selbst in der Oper hatte man nichts Aehnliches zu bieten. Oft wurden die drei mondänen Tänzerinnen halb tot vom Tanz in ein nahe gelegenes Zimmer getragen, begleitet von dem Schwärm ihrer Verehrer. Auch die übrigen Damen der Gesellschaft sahen oft totenbleich aus, teils vom übermässigen Tanzen, teils weil, wie Reichhardt sich ausdrückt, «jetzt viele der schönen Weiber die ehemalige Jungfräulichkeit dadurch betonen, dass sie sich nicht schminken». Madame Recamier war in ihrer Kleidung dezenter und feiner als die herausfordernde Theresia Tallien. Sie schmückte sich niemals mit Diamanten; ihre ausgesucht einfache Eleganz vertrug nur Perlen. Ihre ganze Erscheinung hatte den Stempel des Lieblichen. Sie zog mehr an, als dass sie glänzte, und je länger man sie kannte, desto schöner erschien sie einem. Ihr Liebreiz war unaussprechlich. Reichhardt konnte sie auf einer ihrer «Assembleen» in der Chaussee d'Antin beobachten. Er sah sie tanzen «in einem Kleid aus weissem Atlas und feinen indischen Zeugen; sehr bloss, besonders hinten im schönen Nacken und Rücken». Ihr Teint «sei vollkommen durchsichtig» gewesen, so «dass man das Blut in den Adern rinnen sah». Neuere Forscher nennen sie «die Frau, die das Rokoko, wenn auch als Kind, noch erlebt hat und einen leichten Duft davon hinüberträgt in die neue Zeit, die ihre Grazie nicht abgestreift hat». Andere wieder sahen in ihrer Schönheit nicht die absolute Tugend und Unverdorbenheit, sondern ein gewisses Raffinement, tugendhaft zu 'scheinen, ohne es zu sein. Baron Tremont kannte sie, als sie auf dem Gipfel ihrer Frauenschönheit stand, als sie in Paris das grösste Aufsehen erregte und alle Zeitungen von ihrem Charme voll waren. «Es ist unmöglich», sagte er, «ein schöneres Gesicht zu haben. Aber wie entzückend es auch war, so waren es doch mehr die Züge einer Grisette als die einer vornehmen Dame. Nur der Ausdruck hatte nichts mit dem Gesichtsausdruck einer Grisette gemein. Madame Recamiers Gesicht war ausserordentlich bescheiden im Ausdruck, hatte indes nicht die Reinheit der Raffaelschen Madonnen, wie immer behauptet wurde. Es lag etwas Geziertes in ihr, und man merkte, dass sie absolut Ueberall, wo Filme gedreht werden, gibt es auch Stunter. Mit diesem Namen bezeichnet man Männer und Frauen, die im Film die Sensationen machen, die dem Zuschauer das Gruseln beibringen, die ihm die beliebte Gänsehaut verschaffen. Es ist eben nicht alles Bluff und Trick-Aufnahme im Film. Sonst brauchte man den Stunter nicht. Sonst könnten die Stunter hier nicht von ihren interessantesten Abenteuern berichten. Ihre Bedingungen. Wenn es in einer Branche in der ganzen Welt nur 40 Personen gibt, dann ist es nicht sehr schwer, günstige Bedingungen durchzusetzen. Aber man wird andererseits auch verstehen, dass diese Leute, die ihr Leben für eine Filmaufnahme aufs Spiel setzen, für sich mancherlei besondere Forderungen durchsetzen wollen. Neben einem hohen Lohn wird von allen Stuntern verlangt, dass alle Sicherheitsmassnahmen nach ihren eigenen Vorschlägen getroffen werden. Ausserdem machen sie alle Vorbereitungen selbst und haben das Recht, alle Maschinen eigenhändig zu prüfen, die bei ihrer Aufnahme mitwirken. Und endlich machen sie alle zur Bedingung, dass die Zeitkontrolle für alle Beteiligten unbedingt durchgeführt wird. Jeder, der bei diesen Sensations-Aufnahmen mitwirkt, muss mit der Stoppuhr in der Hand arbeiten. Ohne Stoppuhr, ohne Proben mit dem Sekundenzeiger, ohne Hauptaüfnahme mit der Sekunden-Uhr sind die Sensationen nicht möglich. ; Der Tritt in den Rücken. Kürzlich wurde in einem amerikanischen Atelier ein Film gedreht, bei welchem als Ersatz für den Hauptdarsteller ein Stunter an einem Drahtseil herunterrutschen musste. Das Drahtseil hing in 45 Grad Neigung. Die erzielte Geschwindigkeit wuchs also ungeheuer. Unterwegs musste — und das war der Hauptzweck der Aufnahme — dieser Stunter einem Mann in den Rücken treten, so dass dieser von einer Felsspitze aus in das* Wasser hinunterstürzte. Natürlich musste alles mit der Stoppuhr ausgerechnet werden. Bei normaler Geschwindigkeit, hätte der Tritt in den Rücken dem Mann auf der Felsspitze natürlich das Rückgrat zerschlagen. Aber man konnte durch eine unsichtbare Bremse im Abfahrhaken, durch eine weitere Bremse aus unsichtbarem Klavierdraht eine Verminderung der Geschwindigkeit erzielen und endlich wurde zwischen dem Stunter und dem Mann auf dem Felsen genau die Sekundenzahl ausgerechnet. Und einen Bruchteil an Zeit vor der Ankunft des Fusses im Rücken des Mannes, warf sich dieser vom Felsen in die Tiefe. Die Aufnahme wirkte absolut naturgetreu. Dabei ging alles ohne Verletzungen, und Fehlschläge ab. Geholfen hatte einzig und allein, die Stoppuhr. Sattelsprünge in den Tod. Sehr gefährlich sind nach der Aussage aller •Stunters besonders jene Szenen, in welchen deV Stunter von einem Baum, oder von einem Dach in einen Pferdesattel springen muss. Solche Sprünge -werden ausgeführt. Aber man nimmt nur sehr ruhige Pferde zu diesem Zweck. Denn ein Fehlsprung dieser Art bedeutet oft ein gebrochenes Rückgrat oder gar den Tod für den Stunter. Wir sagten schon, dass man nur ganz zahme Pferde für Sattelsprünge nimmt. Tiere sind überhaupt das Element, das die Stunter am meisten fürchten. Denn man kann nie ganz genau ausrechnen, wie ein Tier morgen oder übermorgen reagiert, So hatte eine Frau, die als Stunter arbeitete, den Auftrag, auf dem Rücken eines Bären zu sitzen und so einen Baum hinaufzuklettern. Oben auf den Baum setzte man den Dresseur des Bären mit warmen Apfelkuchen, die der Bär über alles liebte. An sich sollte die Schauspielerin an einem unsichtbaren Draht hochgehoben werden^ sodass der Bär nicht die ganze Last hätte zu tra* gen brauchen. Aber der Mann am Aufzug, durch welchen'der unsichtbare Draht gezogen werden musste, hatte die Sekunden vergessen. Die Schauspielerin hing also dem Bären im Fell. Dieser wollte unbedingt rasch zu seinem Apfelkuchen und versetzte dem Stunter einen erheblichen Schlag mit der Schnauze. Die Frau liess natürlich 'unter diesen Umständen los und schlug, mit böser. gefallen wollte. Ihre Augen waren schön, aber es fehlte ihnen an Seele ...» Das war Madame Recamier mit zwanzig Jahren. Später entwickelte sie sich körperlich noch schöner. Sie bekam eine etwas vollere Figur, besonders eine herrliche Büste, die viele berühmte Bildhauer verewigt haben. In die Geschichte ist sie, eingegangen als eine der schönsten Frauen, die je gelebt haben. Stunter erzählen ihre tollsten Abenteuer Wucht auf den Boden auf. Der Bär aber war wie der Blitz auf dem Baum bei seinem Kuchen. Ritsch-ratsch — die Haare sind ab. Bei Zügen und Autos lassen sich die Sekunden so genau einstellen, dass die Schauspieler sehr oft überhaupt nicht auf die heranbrausenden Züge schauen, sondern nur auf die Stoppuhr. Denn der Blick auf den Zug könnte sie vielleicht verwirren. Ein Mann, der viele gefährliche Abenteuer mit Zügen und Autos überstanden hatte, soilte eines Tages in einer Arena mit einem wütenden Stier eine Szene aufführen. Aber auf einmal wurde der Stier im unrechten Augenblick wütend und fasste den Entschluss, den Stunter irgendwo gegen_ die Wand zu spiessen. Dieser bemühte sich, allerlei Kunststücke auszuführen, um den Stier von seinem Entschluss abzubringen. Aber der wilde Knabe beharrte auf seinem Entschluss. Der Stunter liess sich einfach auf die Erde fallen und tat so, als ob er tot sei. Der Stier kam im Galopp heran und — dann spürte der Stunter auf einmal ein scharfes Zerren an seinen Haaren. Wenige Sekunden später war der Stier aus Arena geführt worden. Dem Stunter abör fehlten auf dem Kopf alle langen Haare."' Der Stier ' hätte ihm dreimal mit der Zunge über den Haärwald gerieben und alles glatt abgemäht. Andere böse Absichten hatte das rasende Ungeheuer nicht gehabt... So gibt es sogar im Stunter-Leben fröhliche Momente* Aber das merkt man leider erst immer hinterher. Zwei Frauen Von Paul O. Werner. Zwei junge Damen sitzen nebeneinander In einem Eisenbahncoupe. Sie kommen ins Gespräch. Ihnen gegenüber sitzt ein fremder Herr mit humorvollen Mundwinkeln, der aufmerksam seine Zeitung liest. Ria: «Mein Mann sagt dasselbe. Aber, bitte, nehmen Sie doch eine Orange! Er findet, dass man einmal im Jahr ein paar Wochen allein wegfahren soll. Sehr vernünftig, nicht?» Mia: «Ja. Mein Mann findet, dass die Ehe durch eine Unterbrechung schmackhafter wird. Er sagt, Distanz tut gut. — Diese Schokolade ist delikat, bitte!» Ria: «Danke sehr,-lieber nicht; ich habe um die lüften um eine Nuance zuviel. Ihr Hütchen ist entzückend. Sie haben es so schick auf! Und .diese kupfern schimmernde Haarwelle! Phantastisch! So gut ausgedacht!» Mia: «Ja? Ich bewundere wieder Ihre Lippen! Die Linie ist unerhört gezogen! Und diese berauschende Farbe! Kirschrot, nicht? Welchen Geschmack hat Ihr Lippenstift?» Ria: «Bananen.» Mia: «Ach, mein Geschmack! Ich finde überhaupt, wir sind e i n Typ, wir unterscheiden uns nur durch unsere Anfangsbuchstaben. Blass, dass Sie viel hübscher sind, Ihr Profil .ist berauschend...» Ria: «Aber, ich bitte Siel Und Iht.schfmrnerndes Kupferhaar? Und Ihre hellen, schwätzgerahmten Augen? Und Ihr duftiger Teint? Ihr Gesicht hat ein entzückendes Oval!» Mia: «Ja? wie unsere Ansichten harmonieren! Wir sollten Freundinnen sein, das wäre...» ; Ria: «Ach, Sie nehmen mir das Wort von der Zynge wegl Wir bleiben in\Paris beisammen, ja? Das wird phantastisch!» V"-i .... - ; • «Mia: «Berauschend!;Nervrhen Sie doch' etwas Schokolade, bitte, bitte!» !' ' ' -;. ; Ria: «Und Sie,noch eine _Q/ange, Ja? Ich bin gtücklich, Sie gefunden zugabenKlch ziehe die Gesellschaft einer so entzückende Frau jedem Mann vor!» ' ' : ' «Mia: «Ach, Sie nehmen mir das Wort von der Zunge wegl Die Männer sind so ungeschlacht, so offensichtlich, so...» . •, '"" , , , Ria: «Langweilig, sie beholten, keine Reserven, Sie geben sich so rasch aus, sie sind so eindeutig, wenn sie ja sagen, so meinen sie, es ist unglaublich wirklich ..» Mia: «Ja! Es ist nicht zu fassen! Sie haben kein 'Raffinement, keine Delikatesse ..:» ' Ria: «Keine Verborgenheiten, keine Hintergedanken. Mein Gott, sie haben eben bloss Verstand . » Mia: «Ja. Sie ordnen alles nach Funktionen ein. So banal! Und jeder Schmerz tut ihnen weh! Und so leicht sind sie zu trösten. Ich möchte mit Goethe sagen ...» Ria: «Es ist ihr ewig Weh und Ach, in einem Punkte zu kurieren. War es das?» Mia: «Jal Berauschend, wie wir uns verstehen!» Ria: «Phantastisch! Und wenn sie getröstet sind, dann ziehen sie die Stiefel aus.» Mia: «Und bewegen behaglich die Zehen. Wirklich, diese seelische Ruhe! Mit ihrem Weh und Ach sind sie manierlicher. Es ist besser, sie dabei zu lassen. Kein Mitleid mehr!» Ria: «So richtig! Jeder Mann enttäuscht letzten Endes!'Ich lehne sie ab!» Mia: «Ich lasse sie nicht mehr an mich heran, ich...» In diesem Augenblick fährt der Zug in einen Tunnel. Das Gespräch bricht ab, denn man spricht nicht gerne, wenn es dunkel ist, dass der Gesprächspartner ungeniert lächeln kann. Nach einer Weile raschelt eine Zeitung, es folgt eine heftige Bewegung, als beuge jemand sich aus seinem Sitze vor, und das Geräusch eines Kusses hörbar, kurz darauf ertönt ein zweiter Zwei "leise Schreckensrufe verrinnen. Endlos lang scheint der Tunnel. Wieviel Zeit die Zeit verbraucht, wenn es dunkel ist! Als die ersten Lichtstreifen durch das Fenster springen, blättert der Herr seine Zeitung um. Ria lehnt mit geschlossenen Augen in einer Ecke. Reisen schläfern ein. Ihr Profil ruht fein gezeichnet auf dem dunkeln Rückenpolster. Mia blickt mit zurückgelegtem Kopf die Deckenlampen an. Reisen ermüdet. Die beiden jungen Damen sprechen kein Wort mehr miteinander, nie wieder, unter keinen Umständen. Sie blicken sich nicht an,, sie. hüllen sich in. das Wiegen des Zuges und schweigen. Nur ihre* Gedanken bewegen sich. «Man soll sich», denkt Ria, «nicht der ersten, besten Person anvertrauen! Man wirft sich nur weg. Wer heutzutage schon nach Paris •fährtl Und wie man einen so läppischen Namen tragen kann? Mia! Unglaublich vulgär! Und wie sie spricht! diese abgelesenen Aussprüche, diese Uebertriebenheiten! Alles ,ist berauschend, wahllos berauschend! Phantastisch! Was hat sie gesagt? Ich lasse die Männer nicht an mich heran! Aber im ersten besten Tunnel lässt sie sich küssen und hat nicht den" primitiven Anstand, die Spuren zu verwis.Cneh!, Ihre' schöne Haarwelle ist zerstört, und der giftiggrüne Hut sitzt irgendwo. Dem Herrn mit der Zeitung werden die Augen aufgehen! Oder auch nicht! Männer sind blind! Dass ich ihm ausnehmend gefalle, steht ausser Zweifel, aber dass •er sie neben mir bemerkt hat, das ist einfach unfassbar! Männer sind so wahllos! Ich beachte diese Frau überhaupt nicht!» «Alles fährt heute nach Paris!» denkt Mia. «Man ist nirgends mehr sicher. Und wie man sich nur Ria nennen kann!! Und dieses öde Geschwätz, lauter abgedroschenes Zeugs, das man tausendmal gehört hat! Na, ich habe sie ja gleich richtig eingeschätzt! Diese ewigen Superlative sind bezeichnend phantastisch, alles ist phantastisch! Was hat sie gesagt? Ich lehne die Männer ab!! Aber kaum ist ,es dunkel, lässt sie sich von dem Herrn mit der Zeitung küssen, obwohl er nur Augen für mich hat. Männer sind so wahllos! Warum sie sich bloss die Lippen nicht repariert hat? Ihre berauschende Linie ist gänzlich verwischt! Ich schäme mich für sie! Der Herr mit der Zeitung tut mir leid, er ist völlig in meinem Bann und wagt es nicht, mich anzusehen, weil sie uns durch die Wimpern beobachtet! Lächerlich! Als ob ich auch nur einen •Gedanken an sie verschwenden würde!» Die Sachlage ist die, dass der Herr mit den humorvollen Mündwinkeln das Gesprächt der beiden jungen Damen lästig empfunden hat. Darum hat er im Tunnel zweimal einen lauten Kuss auf seinen rechten Handrücken gedrückt und kann nun in Ruhe seine Zeitung lesen. JM China ~ alles ueukeht Ob der Europäer ein Land wie China jemals verstehen wird, ob es je eine Brücke geben wird - von der chinesischen Seele zur europäischen? Es ist in China alles ganz anders, scheinbar widersinnig und immer auf den ersten Blick - verdreht. Man schüttelt z. B. nicht dem anderen die Hand, sondern sich selbst. Man geht mit dem anderen nicht Gleichschritt, sondern nach Möglichkeit anders. Man beginnt als Chinese mit dem, was wir Nachtisch nennen. Beim Lesen beginnt er auf der letzten Seite - aber oben und endigt auf der ersten Seite unten. Im Leide trägt man schwarze Kleider. Doch die Trauerkleidung ist weiss. Der Chinese rudert mit dem Gesicht nach vorn und hat einen Kompass, der nach dem magnetischen Südpol zeigt. Der Chinese glaubt fest an Geister. Seine Schauspielerinnen sind auch heute noch Männer. Und seinen Eltern schenkt ein Sohn, wenn er sie sehr liebt, einen recht feinen Sarg - während man sich doch in Europa scheut, vom Tode zu sprechen, wenn es nicht gerade unumgänglich ist.

WU DIENSTAG, 2. APRIL 1940 Die iberische Halbinsel ist eines der ältesten Kulturzentren Europas. Bereits um 1100 v. Chr. lassen sich Phönizier an ihren Küsten nieder, in den folgenden Jahrhunderten Grie- chen und Kelten. Etwa 240 v. Chr. fasst das seebeherrschende Karthago in Spanien Fuss, verliert jedoch die eroberten Provinzen in den Punischen Kriegen an Rom. Unter den Imperatoren wird das Land Hauptsitz der römischen Kultur. Viele der grossen Kaiser und bedeutenden Geister des klassischen Roms entstammen der iberischen Halbinsel, so Trajan, Hadrian, Antoninus, Marc Aurel, Seneca, Lucanus, Martialis u. a. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts überschwemmen die Westgoten Spanien. 300 Jahre später werden sie von den Arabern verdrängt. Unter dem Islam erlebt das Land eine einzigartige Blütezeit, von der noch heute monumentale Bauten (Alcazar, Alhambra) zeugen. Die Bevölkerung wächst in dieser Zeit bis auf 25 Millionen an. Zu Anfang des 8. Jahrhunderts beginnen christliche Könige mit der Rückeroberung der Halbinsel im Zeichen des Kreuzes. 1236 werden Cordoba, 1248 Sevilla, 1263 Murcia den Mohammedanern entrissen. Die Herrscher von Aragon ergreifen Besitz von den Balearen, den Inseln Sardinien, Korsika und Sizilien. 1492 fällt Granada als letzter maurischer III III \ Die Kolonialpolitik der weissen Rasse II. Das spanische Kolonialreich Ferdinand Cortez, der Eroberer von Mexiko. AUTOMOBIL-REVUE Stützpunkt. Das Land ist nunmehr wieder christlich. Die Reiche Kastilien, Aragonien, Katalonien und Valencia sind zunächst lediglich durch Personalunion verbunden, und zwar durch die Ehe Ferdinands von Aragonien (1479—1516) mit Isabella von Kastilien (1474 bis 1504). In diesem Lande, das einst ein Hort römischer Kultur gewesen ist, das germanische Elemente in sich aufgenommen hat, das noch erfüllt ist von den Einflüssen arabischer Kultur, beginnt sich nun eine fanatisch religiöse und nationalistische Tendenz zu entwickeln, die sich gleichzeitig die Ausrottung der Mauren und die Vertreibung der Juden zum Ziele setzt. 1481 wird die Inquisition geschaffen und damit eine der traurigsten Epochen in der spanischen Geschichte eingeleitet. In diese Zeit fällt die Begründung des spanischen Kolonialreiches. Das kleine Portugal ist dem viel grösseren Spanien in dieser Hinsicht vorausgeeilt und verfügt bereits über einen ansehnlichen Kolonialbesitz. 1492 entdeckt Kolumbus die Neue Welt, und zwei Jahre spätem teilt Papst Alexander VI. die Erde in zwei Interessensphären auf, einer portugiesischen und einer spanischen. Kolumbus stirbt in der Ueberzeugung, die Ostküste Indiens, also den asiatischen Kontinent, entdeckt zu haben. Daher tragen die dem amerikanischen Kontinent vorgelagerten, von ihm entdeckten Inseln fälschlicherweise den Namen «Westindische Inseln», ihre Bewohner nennt man «Indianer». Aber bereits im Jahre 1507 spricht der Florentiner Amerigo Vespucci — der später der neuen Welt seinen Namen gibt — von einem neuen Kontinent. In dieser Ueberzeugung wird die gelehrte Welt bestärkt, als Baiboa sechs Jahre später das Gebirge im Isthmus von Panama übersteigt und den Stillen Ozean entdeckt. Kein Zweifel bleibt aber mehr, als der Portugiese Magalhaes auf einer tollkühnen Fahrt in den Jahren 1519—1522 durch die nach ihm benannte Strasse südlich des amerikanischen Kontinents segelt und die Philippinen erreicht. Zunächst halten die Spanier lediglich die Antillen, insbesondere Kuba und Sankt Domingo, besetzt. Aber sie finden hier nicht, was sie eigentlich suchen: Gold. Berichte der Eingeborenen verweisen sie nach Westen und Süden, dem amerikanischen Kontinent zu. Und so wird der Goldhunger der Spanier die Triebfeder zu einer der grössten Entdeckungen in der Geschichte der Menschheit: der amerikanische Kontinent wird aufgefunden, durchquert, erobert. In einem Zeitraum von nur vier Jahren, von 1519—1522, vollzieht sich die Eroberung Mexikos durch Ferdinand Cortez. 1519 landet der spanische Abenteurer an der mexikanischen Küste und gründet hier die erste befestigte Niederlassung: Villa Rica de la Vera Cruz. Mit nur 300 Fußsoldaten, 13 Arkebusierern, 15 Reitern und 10 Geschützen tritt er den Marsch nach der Hauptstadt des Aztekenreiches, Mexiko, an. Man weiss, welche Wirkung die kleine Schar der Spanier auf die Indianer ausübte: zunächst betrachtete man sie als Abgesandte der Gottheit, als die «weissen Götter». Dann mussten die Indianer zu ihrem Leidwesen erfahren, dass diese Weissen nur zu ihrem Unglück in ihr Land gekommen waren. Sowohl ihre Geschütze, ihre Gewehre als auch ihre Pferde rufen bei den an sich tapferen und kriegerischen Azteken panischen Schrecken hervor. So gelingt es Cortez, das hochkultivierte Land in kurzer Zeit trotz des heldenhaften Widerstandes der Eingeborenen und trotz zeitweiser Rückschläge, die fast zur Vernichtung der spanischen Armee führen, vollständig in Besitz zu nehmen. Zehn Jahre später unternimmt ein anderer spanischer Abenteurer, Francisco Pizarro, einen ähnlichen Kriegszug nach Peru, dem Reiche der Inkas. Auch dieses Land wird erobert, der regierende Fürst ermordet, grosse Schätze an Gold und Silber weggenommen und nach Spanien geschafft. Mexikanische Kunst zur Zeit der Eroberung durch die Spanier: Eine Opferstätte (Pyramide) in Tehuacan. 1 Mj«||MMjm^Mf '"iffllllJfflB «IM König Philipp II., unter dessen Herrschaft das spanische Weltreich auf den Gipfel seiner Macht gelangte. In den folgenden Jahren werden die eroberten Länder mit Feuer und Schwert «pazifiziert». Die an Greueln so reiche Kolonialgeschichte kennt kaum eine solche Anhäufung von Schandtaten, wie die spanischen Eroberer sich gegen die Eingeborenen in Mexiko und Peru zuschulden kommen Hessen. Allerdings versuchen in der Folge die spanischen Könige und wahrhaft christlich empfindende Geistliche, das Los der Indianer zu mildern, jedoch mit wenig Erfolg. Die ursprünglich so volkreichen Stämme sind in wenigen Jahrzehnten fast ausgerottet. Mit den Westindischen Inseln, mit Mexiko und Peru besitzt Spanien auf einmal ein ausgedehntes Kolonialreich, das an Grosse das Vielfache des Mutterlandes ausmacht. Während die Portugiesen bei ihren kolonialen Bestrebungen in erster Linie den Handel im Auge haben, sich daher mit Niederlassungen an der Küste begnügen, betreiben die Spanier die Eroberung der betreffenden Länder bis zum letztn Quadratkilometer. Ihnen kommt es auf den vollständigen Besitz des Landes an. Sie dringen in das Hinterland der von ihnen erschlossenen Gebiete ein, errichten überall Provinzialregierungen und Gemeindeverwaltungen und nehmen den Eingeborenen auch den letzten Rest von Selbständigkeit. Ja, sie zwingen die Indianer in eine Sklaverei, die fast schlimmer ist als später die der afrikanischen Neger in Amerika. Dabei dehnen sie ihren kolonialen Besitz weiter aus. In den Jahren 1527—1547 wird Yukatan erobert. 1520—1540 Venezuela, 1538 Kolumbia, 1540 Chile und schliesslich — in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts — Argentinien und Paraguay. Im Gegensatz zu Portugal, das seine Kolonien nicht zu halten versteht, führen die Spanier eine grosszügige kolonisatorische Organisation in den neuerschlossenen Gebieten durch. Man muss diese Tätigkeit anerkennen, die eine gewisse Wiedergutmachung für die unerhörten früheren Grausamkeiten darstellt. Fortsetzung auf Seite IV, Spalte 4. Der Frühling ist die schönste Reisezeit. Nie Ist unser Land an grossartigen, überraschenden Kontrasten reicher als wenn es an den Seen und sonnigen Hängen blüht,, während rings auf den Bergen noch tiefer Schnee liegt. Da ergreift uns die uralte Wanderlust mit unwiderstehlicher Macht. Es hält uns zuhause nicht mehr; nein, wir lassen uns auch dieses Jahr den Frühling nicht nehmen. Wir wollen ihn erleben an den friedlichen Ufern unserer heimatlichen Seen. Und der Frühling wird uns Mut, Kraft, Hoffnung und Zuversicht schenken für den sorgenschweren, harten Alltag. Die Uferstädte und Dörfer im Tessln und am Qenfersee, die Feriengebiete am Thuner- und Brienzersee, am Vierwaldstätter- und Zugersee, die Juraseen und die blühenden Bodenseeufer, das Rheintal und das Walliser Rhonetal erwarten die Frühlingsgäste. Wer Ihrer Einladung folgt, wird unvergessliche Tage geniessen. Darum: rtvCLhU^j Prospekte und Auskünfte über FahrvergOnstlgungen und vorteilhafte Hotels, Verkehrsvereine und Reisebüros. 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