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WOLL Magazin 2021.1 Frühling I Meschede, Bestwig, Olsberg

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Frühling 2021

15

Worte, Orte, Land und Leute.

Ausgabe für

Meschede,

Bestwig und

Olsberg

Sauerland

Herrlicher Frühling

im Sauerland

Kletterparadies am Bestwiger Bähnchen

Assinghausen, das Rosendorf

Seglerglück auf dem Hennesee

www.woll-magazin.de | www.imsauerland.de

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Liebe Leserinnen und Leser,

wenn es beginnt zu grünen und zu blühen, das Gefühl des Neubeginns sich breit

macht und die Natur zu neuem Leben erwacht: Dann ist Frühling, das Sinnbild

des erwachenden Lebens. Diesem „Aufbruch“ widmen wir uns in dieser WOLL-

Ausgabe mit unserem Schwerpunkt-Thema. Wir sind buchstäblich rausgegangen

und haben erfahren, dass die Natur ein Trainingsparcours ist, der alle Sinne fordert

und fördert. Unsere Kolleginnen und Kollegen haben die Freizeitmöglichkeiten

unter die Lupe genommen, einen Blick in die Gärten unseres Sauerlandes

geworfen und eine große Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten entdeckt. Kreisgärtnermeister

Peter Horst aus Meschede mahnt: „Die Pflanze darf im Garten

nicht zu kurz gekommen.“ Die Pflanze eben als Sinnbild des Lebens.

Große Verdienste um den SSV Meschede und den heimischen Bildungsstandort

hat sich Jochen Kriebel erworben, wir haben ihn auf unserer Rundreise besucht.

Der junge Max Rüther aus Olsberg-Bruchhausen ist als Abenteurer unterwegs,

als Goldgräber in Kanada. Markus Buscher aus Meschede segelt für sein Leben

gern, so oft es geht mit seinem Kajütboot Nordwind auf dem heimischen Hennesee.

Paul Senske

Chefredakteur

Auf unserer Tour haben wir zudem in Assinghausen und Wasserfall Station gemacht.

Beide Dörfer sind lebens- und liebenswerte Orte mit typischem Sauerländer

Charme.

Viel Spaß beim Lesen der WOLL-Frühjahresausgabe!

Paul Senske

Kontakt:

www.woll-magazin.de

redaktion-mbo@woll-magazin.de

facebook.com/WOLLMesBesOls

WOLL Frühling 2021 - 3


Meschede

10 Der Eisvogel an der Ruhr

14 Die Syrerin Huda Adawan

28 Familie Menge aus Berge

51 Marktfrau Maria Fraune-Tillmanns

55 Visbeck

56 Segler Markus Buscher

60 Die Kräuterkundige Anna Kremer

66 Autohaus Gödde

94 Auto Technik Schulte

115 Jochen Kriebel im Ruhestand

123 Prof.-Hoberg-Straße in Heringhausen

124 Verkehrsknotenpunkt Meschede

126 Friedensglocken am Hennesee

128 Nur ein paar Meter bis zum nächsten Ascher

Schwerpunkt „WOLL

geht raus“ ab Seite 19

Bestwig

12 Tüftler Fabian Voss

16 Die Bergbau-Lichterkirche Ramsbeck

32 Klettergebiet „Am Bähnchen“

62 Die Plästerlegge

63 Ortsporträt Wasserfall

104 Nuttlars Unterwasserwelt im Kino

118 Kaninchenexperte Reinhold Dünnebacke

Olsberg

06 Rosendorf Assinghausen

52 Kneipp-Park Olsberg

65 Das Negertal

80 Robert geht wandern

84 Berufsbildungswerk Bigge

97 Die Oventroper

120 Olsberger Goldsucher in Kanada

Aus dem Sauerland

31 Kuh-Comic

50 Lobbe-Entsorgung

67 Michael Senske

70 Gedicht: Der Frühling

71 Werkstatt St. Martin Brilon

72 Fotoserie Mühlen

78 Musikband One Tape

86 Freie Ritterschaft Ense

89 BZB Willerscheid

92 Tilia

95 Modellbauer Josef Sommer

98 Fiona Hoppe

101 IHK

102 Manuka-Honig

105 Literatur

110 Ango Reha-Technik

113 Netzfundstücke

130 Premium-Verteilstellen/Impressum

4 - WOLL Frühling 2021


Musste gucken:

Wie die Stadt Warstein ihren Wald rettet

Hier ein schönes Beispiel, wie

das Sauerland ein waldreiches

Land bleiben

kann:

Quelle: https://youtu.be/gbb7ZDEPIwY

Das Buschwindröschen

Im dunklen Nadelwald fühlt sich das

Buschwindröschen so gar nicht wohl.

Schließlich braucht diese Anemonen-Art

besonders viel Licht zum

Wachsen. Hat sie davon ausreichend,

überzieht sie den Waldboden schon

im März mit einem wunderschönen,

weißen Blütenteppich. Gegen Nässe

und Kälte kann sie sich gut wehren,

nur der kalte Frühjahrswind macht

ihren zarten Blütenblättern zu schaffen. Durch die Neuanpflanzung von

Laubbäumen werden wir uns künftig wohl häufiger an der „anemone

nemorosa“ (= „waldbewohnende Windblume“) erfreuen können. (c.z.)

Die Rückkehr

der Sonnenvögel

Haben Sie schon die ersten Kraniche

am Himmel entdeckt? Die “Sonnenvögel”

der ägyptischen Mythologie.

Leise sind diese großen Vögel ja

nicht gerade, denn sie verkünden ihre

Rückkehr aus südlichen Gefilden, aus

Frankreich, Spanien und Nordafrika,

durch lautes Trompeten.

Selbst, wenn er weiter oben fliegt,

erkennt man einen Kranich-Schwarm

sofort. Und zwar an der auffälligen

Keilformation, zu der bis zu 1.500

Vögel zählen. Die imposanten Flie ger

können bis zu 2.000 km nonstop zurücklegen.

Das Sauerland überfliegen sie meist

nur, denn sie haben noch einen weiten

Weg vor sich. Ihre Sommerquartiere

liegen in Skandinavien, Polen,

im Baltikum und Weißrussland.

Und seit einigen Jahren auch wieder

in Nord- und Nordost-Deutschland.

(c.z.)

Schmetterlinge mögen keine Rasenmäher

Wo sind eigentlich all die Wiesen geblieben? Richtige Wiesen. Mit Wildblumen,

Wildgräsern und Kräutern. Gelegentlich findet man sie sogar in Städten

… Denken Sie dann bitte nicht sofort: Hier müsste auch mal wieder gemäht

werden. Denn Schmetterlinge, Hummeln und viele andere Insekten brauchen

die Artenvielfalt gesunder Wiesen. Wer sich die Zeit nimmt und einmal

genauer hinschaut, kann dort auch eine einzigartige Pracht entdecken: Wiesenflockenblumen,

Hahnenklee, Wiesenschaumkraut, Lichtnelken, Gänsefingerkraut.

Schmetterlinge sind selten geworden … (c.z.)

WOLL Frühling 2021 - 5


Im Rosendorf

Assinghausen

Ansteckendes „Asker Rosenfieber“

Sonja Funke

Rosenverein Assinghausen

S

ie heißen Mozart, Gräfin Diana

oder Laguna, sie sind sehr robust

und ab Juni blüht eine schöne als die

andere: Insgesamt 200 Rosensorten prägen,

umrahmt vom Sauerländer Fachwerk, das

Rosendorf Assinghausen. Mitten durch den

Ort führen wie ein Kleeblatt vier Rosenwege,

ein Muss für Ausflügler.

Die Assinghäuser, auch Asker genannt, haben

ihren Ort in einen fantastischen Rosengarten

verwandelt. Assinghausen ist eines von nur sieben

anerkannten Rosendörfern der Deutschen

Rosengesellschaft in ganz Deutschland. Und

das, obwohl es anfangs bei Rosenexperten echte

Skepsis gab. Kann das funktionieren? „Wir

liegen auf 400 Metern, haben starke Winter,

da sind wir belächelt worden. Doch unsere

Expertin antwortete: ,Ja, es geht, mit robusten

Sorten.‘“, resümiert Marloes Birkhölzer, Vorsitzende

des Rosenvereins, stolz. Ein 35 Seiten

starkes Heftchen mit Wegbeschreibungen, das

bei der Touristik Olsberg, im Assinghauser

Supermarkt und in den Gaststätten kostenlos

erhältlich ist, belegt dies eindrucksvoll.

Die Expertin im Hintergrund, das ist Mechtild

Heidrich, die 1992 mit ihrer Familie nach

Assinghausen zog und als erstes mit ihrem

eigenen Garten überzeugte. Was vor rund

20 Jahren mit ihr und einem Alleinstellungsmerkmal

für den Ort begann, ist jetzt ein

echter Selbstläufer geworden“, sagt Marloes

Birkhölzer. „Erst pflanzten die Vereine und die

Hackeclubs in ihren Beeten, dann die privaten

Hausbesitzer. Gefühlt sind fast alle hier den

Rosen verfallen, es ist schon erstaunlich, wie

viele mitmachen. Wir haben zum Beispiel ein

ganz neues Ferienhaus im Ort und der Besitzer

hat direkt eine Rose in den Vorgarten gepflanzt“,

freut sich Marloes Birkhölzer.

6 - WOLL Frühling 2021


Marloes Birkhölzer

Damen auf dem Rosenfest

WOLL Frühling 2021 - 7


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Folge von Focus Money als „Fairster Kfz-

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Etwa von Ende Juni bis in den September hinein schwelgen

Besucher nun in Assinghausen in betörenden Düften und

können die verschwenderische Farbenvielfalt bewundern.

„Wir sind Rosenverrückte“, schreibt der Rosenverein von sich

selbst auf seiner Homepage. Mechtild Heidrich als Rosenexpertin

ist zwar nicht mehr Vorsitzende, aber ständige Beraterin

im Hintergrund, so wie auch die Rosengesellschaft mit

all ihrer Expertise. Der Rosenverein selbst kümmert sich um

1-5 den Romantikgarten, direkt am Gasthof „Zur Höhe“. Dort,

unterhalb der Kirche, steht auch der Reisen-Speicher als ältestes

Gebäude der Stadt Olsberg. Erst im Jahr 2018 wurde der

Rosen-Rosenkranz, mit Leader-Mitteln gefördert, im Asker

Küsterland eröffnet. Er ist europaweit einzigartig mit seinen

begehbaren Perlen, die durch kleine runde Beete mit je einem

Rosenstock symbolisiert werden.

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8 - WOLL Frühling 2021


Und, wie lautet nun das Erfolgsgeheimnis für schöne Rosen?

Marloes Birkhölzer: „Mir hat mal eine Freundin gesagt:

,Schneide am besten ab, wenn du gerade so richtig sauer bist:

Zack dran her und nicht zu wenig, dann hast du richtig geschnitten.‘

“ Die Kraft der Rose ist im Boden: „Von da treibt

sie aus.“ Also bitte tief genug pflanzen und nicht zu sehr mit

Gießwasser verwöhnen.“ Und Pestizide? Nein, danke! Dies alles

hat Mechthild Heidrich den Askern mit auf den Weg gegeben.

Und mit der Rose „Weg der Sinne“ sicherte sie auch dem Hochsauerland

eine eigene tolle Sorte, benannt nach dem Rothaarsteig.

Ja, das alles auf 400 Metern Höhe und bei immer noch

ziemlich kalten Wintern! ■

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WOLL Frühling 2021 - 9


Perspektive

Eisvogel an der Ruhr

S. Droste

10 - WOLL Frühling 2021


WOLL Frühling 2021 - 11


Ein Nuttlarer Tüftler macht´s vor

Fabian und

der Mähroboter

Christel Zidi

Jürgen Eckert & Privat

H

aben Sie Ihren Rasenmäher schon ausgepackt?

Und vielleicht festgestellt, dass der seinen Geist

aufgegeben hat? Pech. Und so ganz billig, ist ein

guter Neuer auch nicht gerade. Warum basteln Sie denn

nicht einfach selbst einen? Selbst? Ja, genau. Denn das

ist gar nicht so schwer. Der Nuttlarer Fabian Voss hat

das auch gemacht und kann Ihnen genau zeigen, wie das

funktioniert. Aber im Ernst: Ohne gewisse Grundkenntnisse

funktioniert das dann aber doch nicht wirklich.

Fabian Voss

Was so ein Weihnachtsgeschenk doch bewirken kann. Fabian

Voss war noch ein kleiner Junge, als er einen Elektro-Baukasten

geschenkt bekam. Mit Glühlämpchen, Batterie, Magneten

und vielen bunten Schaltern. Hinzu kam, dass sein Vater

ebenso gern tüftelte und sein Sohn ihm dabei zusah - genau

zusah. „Dadurch, dass mein Vater damit angefangen hatte,

habe ich immer mitgemacht. Im Werkzeugkeller unten bei uns

im Haus. Hier ´ne Schraube, da ´ne Schraube. Ich war eigentlich

immer mit dabei. Von klein auf.“

Der kleine Fabian war begeistert von Elektrotechnik, der erwachsene

Fabian ist es immer noch. Heute ist Fabian Voss 24

Jahre alt und studiert, nach einer abgeschlossenen Ausbildung

als Informatikkaufmann, zurzeit im Bachelor den Studiengang

Wirtschaftsinformatik. Einen technischen Beruf hätte

man sich ja eigentlich eher beim ihm vorstellen können. Aber:

„Das ganze Wirtschaftliche finde ich sehr interessant. Der

Studiengang ist schön durchgemischt, es geht nicht nur in eine

Richtung“, klärt Fabian auf. Aber das Tüfteln ist weiter seine

liebste Freizeitbeschäftigung.

Die Idee zum Bau eines Rasenmähers hatte sein Vater, als er

auf dem Balkon stand und auf den Rasen blickte. Ein ferngesteuerter

Mäher sollte her. Also tüfteln die beiden gemeinsam.

Das erste Rasenmäher-Modell aus dem Hause Voss war noch

12 - WOLL Frühling 2021


echt groß. Also sagte sich Fabian, dass man das doch besser

lösen könne. „Und dann habe ich vor 1 ½ Jahren mit meinem

jetzigen Rasenmäher angefangen.“ Mit einem Raspberry

PI im Inneren, einem britischen Minicomputer, der vor allem

von Bastelfreunden gern genutzt wird.

Das Prinzip ist ähnlich wie bei ein kleiner Staubroboter. Ein

Lidar-Sensor erkennt, wo das Gerät fahren darf. Solch ein

Sensor kann in der Massenproduktion wesentlich günstiger

hergestellt werden. Einzeln würde ein solcher um die 90

Euro kosten. Zu teuer. Deshalb bekommt Fabian Voss seine

Bauteile aus dem 3D-Drucker der Uni (Lehrstuhl Maschinenbau).

Er liefert die von ihm entwickelten Dateien - und

dann wird gedruckt.

Sein Rasenmäher läuft ohne Probleme. An ein paar Verbesserungen

arbeitet er noch. Zum Beispiel an der Distanzmessung

und Objekterkennung. Schließlich muss der Roboter erkennen,

wann er nicht mehr auf dem Rasen fährt. Außerdem

baut er eine Solar-Ladestation, zu der sein Rasenmäher dann

allein finden und an die er dann rückwärts andocken soll.

Die Anleitung für seinen Rasenmäher kann man sich auf

seiner Homepage ansehen. Auch wenn es im Internet viele

Tutorials (Lernprogramme) gibt, macht es

natürlich Sinn, auch einen direkten

Kontakt zu dem Tüftler herstellen

zu können. „Es gibt

eine riesige Community.

Aber sobald es spezifischer

wird, muss man doch

mal nachfragen“, so der

Nuttlarer.

Aber wieviel muss man jetzt wirklich

wissen, um einen solchen Computer nach-

„Das Beste ist eigentlich immer

ausprobieren, Tüfteln und Forschen.

Sich das selber beibringen.“

- Fabian Voss

zubauen? „Ein bisschen Technikkenntnisse gehören schon

dazu“, erklärt Fabian, „Der kleine Computer muss aufgesetzt

und verkabelt werden. Aber wenn man technikaffin ist und

Spaß dran hat, kann man sich das gut selbst nachbauen.“

Über die vielen positiven Reaktionen auf seine Bastelanleitung

im Internet war Fabian doch sehr überrascht: „Das ist

cool, das möchte ich auch probieren“ hörte ich oft. Es macht

auch Spaß, wenn man jemanden inspiriert und er versucht

das dann nachzubauen.“ Deswegen plante er auch den zweiten

Prototypen, der „irgenwann mal kommen könnte“. Mit

einer noch detaillierteren Anwendung. Eben für die Leute,

die Interesse am Nachbau haben.

Zuhause hat der Student immer einiges zu tun und für sein

„Smart Home“ schon einiges gebaut. Mit seinem kleinen

britischen Bastlercomputer kann er Funksteckdosen steuern,

WLAN-Kameras einbinden, eine eigene Türsprechanlage

einrichten, mit Videokamera verbinden. Auch die Beleuchtung

der Gartenhütte und die kleinen Lampen am Gehweg

stammen von ihm. Fabian Voss hat noch viele Ideen im

Kopf…

Auf meine Fragen, ob man solch selbstgebaute Roboter

nicht vielleicht auch individuell gestalten kann, lacht Fabian

Voss und bestätigt: „Ja, daran habe ich auch schon gedacht.

Obendrauf eine große Rundum-Leuchte „Achtung, hier

komme ich!“ ■

WOLL Frühling 2021 - 13


„In Meschede fühle ich mich

gut aufgenommen.“

Ein Interview mit der Syrerin Huda Adawan

Sabina Butz

S. Droste

Ü

ber eine Million Flüchtlinge, Migranten und andere

Schutzsuchende kamen 2015/2016 nach Deutschland.

Für die sogenannte „Flüchtlingskrise“ wurde maßgeblich

der Bürgerkrieg in Syrien verantwortlich gemacht:

Von den ca. 21 Millionen Einwohnern (Stand 2010)

sind insgesamt ca. 50 % geflohen, fünf Millionen

ganz aus dem Land und schätzungsweise über sechs

Millionen innerhalb Syriens. Die nackten Zahlen

können das Leid, das Elend und die vielen zerstörten

Lebensvorstellungen nur ansatzweise

andeuten.

In Meschede leben neben türkisch- und portugiesischstämmigen

Einwohnern als drittgrößte

Gruppe Syrer (315, Stand 2018). Eine von

ihnen ist Huda Adawan, die als 16-Jährige

2015 mit ihren Eltern und Geschwistern nach

Deutschland kam. Die Vorgeschichte berichtet

Huda sachlich, emotionsfrei und gefasst. Die

Hintergründe sind nur mit Mühe vorstellbar:

„Meine Familie kommt aus Dar‘ā, einer größeren

Stadt im Südwesten Syriens. Als unser Stadtviertel

bombardiert wurde, zogen wir zunächst in einen

anderen Stadtteil. Dort lebten wir zwei Jahre, teilweise

ohne Strom und Wasserversorgung, bis wir

uns auf die Flucht machten: über den Libanon in

die Türkei nach Griechenland und schließlich nach

Deutschland. Unsere Transportmittel waren das Auto,

das Schlauchboot, das Flugzeug, Bahn und Busse sowie

unsere Füße. 2015 kamen wir in München an und

wurden über Dortmund nach Meschede geleitet,

in eine eigene kleine Wohnung. Von da ab beginnt

unser neues Leben.“

14 - WOLL Frühling 2021


Unser neues Leben

Zum Beweis wechselt Huda Adawans

ernster Gesichtsausdruck

in ein fröhliches Lächeln, und sie

spricht gestenreich, engagiert und

lebendig:

„Ich wurde direkt in einen Sprachkurs

der Diakonie vermittelt und lernte

meine ersten deutschen Wörter von liebevollen,

zugewandten und motivierenden

Lehrerinnen. Von da aus ging es in

der internationalen Klasse am Städtischen

Gymnasium Meschede weiter.

Nachmittags fand ein zusätzlicher

Deutschkurs statt. Dort traf ich auf die

Schulsozialarbeiterin Maria Kitsaki,

die mich bis heute begleitet und für

mein Leben unverzichtbar geworden

ist. Ich erinnere mich genau, wie wir

in der Mensa saßen und Frau Kitsaki

den Teilnehmern des Deutschkurses

das Tagesgericht vorstellte: Niemand

kannte das deutsche Gericht, Frau

Kitsaki versuchte es in allen ihr zur

Verfügung stehenden Sprachen. Kein

Erfolg. Plötzlich flatterte sie mit ihren

Armen und stieß dabei ein sehr lautes

„Kikeriki“ aus. Offensichtlich ist dieser

Laut global und universal verständlich.

Den dazugehörigen Reis konnten wir

alle visuell identifizieren.

Vom Gymnasium habe ich dann zum

Sauerland-Kolleg gewechselt und hoffe,

noch in diesem Jahr, mein Abitur dort

abzulegen. Anschließend möchte ich

irgendetwas mit Chemie oder vielleicht

auch Architektur machen.“

Wichtig sind die Menschen

WOLL: Können Sie uns Unterschiede

im Alltagsleben zwischen Syrien

und Deutschland benennen?

„Natürlich gibt es Unterschiede, zum

Beispiel, dass es in Syrien nicht üblich

ist, zur Begrüßung allen die Hand zu

geben; aber daran gewöhnt man sich

schnell. Wichtig sind für mich die

Menschen, die mir hier in Meschede

freundlich, herzlich und unvoreingenommen

entgegengekommen sind.

Das Frauencafè der Malteser unter

der Leitung von Elke Milosevic, ist

sicherlich auch eine Einrichtung, die

es so in meiner alten Heimat nicht

gibt, die aber für mich außerordentlich

wichtig geworden ist. Ich fühle

mich in Meschede ausgesprochen

wohl. Unter Gleichaltrigen bemerke ich

hier überwiegend Akzeptanz, Toleranz

und Interesse. Manchmal habe ich das

Gefühl, dass die älteren Mitbürger uns

gegenüber zurückhaltender sind, aber

ein freundliches Lächeln oder ein höfliches

Hilfsangebot, z. B. eine schwere

Einkaufstasche zu tragen, führt schnell

zum Abbau eventueller Vorbehalte. Ich

denke, dass es oft nur Unsicherheit ist,

wenn Menschen mit unterschiedlichem

kulturellen Hintergrund sich meiden.

Da hilft nur eins: Aufeinander zugehen

und feststellen, dass wir eigentlich alle

dasselbe wollen: Ein friedliches und

harmonisches Miteinander. Genau das

funktioniert in Meschede, und dafür bin

ich sehr dankbar.“ ■

Huda Adawan, geb. 1999

in Dar‘ā (Syrien), lebt

mit ihren Eltern und

Geschwistern seit 2015 in

Meschede. Sie ist Abiturientin

am Sauerland- Kolleg

und fühlt sich wohl und

angenommen in Meschede

08. Mai – 13. Juni

Schmallenberg

Henri Matisse · Stoffsuche · Kleid der Tiere · Zeitzeugen · Außenstellen · Junge Galerie · Strickliesel unterwegs · Textile Mitmachfest

Projekt „Jeden Tag eine gute Naht“ auch in Bad Berleburg, Brilon, Eslohe, Kirchhundem, Lennestadt, Meschede & Warstein

www.die-textile-schmallenberg.de

Eine Veranstaltung

des Kulturbüros

der Stadt

Schmallenberg

Gefördert vom

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Mit finanzieller

Unterstützung

von

WOLL Frühling 2021 - 15


Inspiration durch

Farben und Ton

Die Ramsbecker Petruskirche wird zur Bergbau-Lichterkirche

Britta Melgert

Stefan Droste

W

as macht man, wenn einem sein Haus zu leer

erscheint? Man versucht, Menschen zu Besuchen zu

motivieren.

Was macht man, wenn man das allein nicht schafft? Man

sucht sich unterstützende Partner!

Genau das ist in Ramsbeck geschehen. Die evangelische Petruskirche

und der Förderverein des Sauerländer Besucherbergwerkes

Bestwig-Ramsbeck waren immer eng miteinander

verbunden und gehen nun noch intensiver gemeinsame Wege.

Sie schufen die erste Bergbau-Lichterkirche der Region.

Als die Kirche im Jahr 1879 eingeweiht wurde, war sie die allererste

evangelische Kirche weit und breit. Hintergrund war der

Boom des sauerländischen Bergbaus, der Bergarbeiter aus dem

Harz, aus Sachsen und Hessen nach Ramsbeck, Heinrichsdorf

und Andreasberg lockte. Fast alle „Gastarbeiter“ waren evangelisch.

Als Fremde mit der „falschen“ Konfession hatten sie es

schwer im katholisch geprägten Sauerland, sodass ihnen zumindest

mit einer eigenen Kirche ein Stück Heimat gegeben werden

sollte.

16 - WOLL Frühling 2021


Der Bergbau ist längst Geschichte

und auch bei den Gottesdiensten

wurde es immer stiller. Pfarrer Dietmar

Schorstein, heutiger „Hausherr“

der Petruskirche, hat uns eingeladen,

das Ergebnis der langen Planungen und

Arbeiten anzusehen.

Pfarrer Dietmar Schorstein

Andacht oder eine, auch für Kinder geeignete,

biblische Geschichte. Ein paar

Minuten des Innehaltens, der Einkehr,

der Meditation.

Zeichen Gottes für die Menschheit:

Der Regenbogen

Ein Highlight im

wahren Sinne des Wortes

Bereits von außen fällt das Gebäude bei Dunkelheit jedem

Passanten durch die neue Beleuchtung auf – ein Highlight im

wahren Sinne des Wortes. Wer künftig den Weg hineinfindet

in das Kirchengebäude, der stößt direkt auf eine Art überdimensionales,

fest installiertes Tablet, auf dem man sich, je nach

Stimmung, beispielsweise ein kleines LED-Lichterspektakel auswählen

darf. Ihnen ist nach Harmonie oder Stabilität in Ihrem

Leben? Grün in mehreren Schattierungen wird Ihnen gefallen.

Sie suchen Ruhe und Vertrauen? Eine Mischung aus Blautönen

im gesamten Altarbereich könnte Sie weiterbringen. Vielleicht

haben Sie aber auch das Bedürfnis, sich, gerade in einer Kirche,

spirituell umhüllen zu lassen? Die violetten Töne unterstützen

das. Wer mag, hört dazu Musik, eine professionell gesprochene

„Ich persönlich bevorzuge die Auswahl Regenbogen mit

dem großen Farbspektrum“, verrät der Pfarrer. „Das erinnert

mich an den im biblischen Buch Genesis beschriebenen Regenbogen,

den Gott als optisches Zeichen seines Bunds mit Noah

sandte, begleitet mit dem Versprechen, unsere Erde vor weiteren

Sintfluten zu verschonen“.

Digitales Angebot auf dem Bergbauwanderweg

Eine Besonderheit bei diesem Projekt ist die Kooperation mit

dem Bergbau. Allein schon die Lage direkt am Bergbauwanderweg,

aber natürlich auch die Historie der alten Kirche, waren

eindeutige Argumente für die Zusammenarbeit. Und so werden

sich Interessierte künftig auch Geschichten digital vorlesen lassen

können aus der Zeit, als man im Sauerland noch „unter Tage“

ging.

WOLL Frühling 2021 - 17


Bergleute in Gottes Hand

Alfred Braun, der 1. Vorsitzende des Fördervereins, erinnert

daran, dass Bergleute einen starken Glauben hatten, sogar eigene

Gebete und Lieder aus dem Bergmannsgesangbuch verwendet

haben. „Auf hoher See und vor Gericht, so sagt man, sei man in

Gottes Hand. Gleiches gilt jedoch auch für den Bergbau, so war

man sich sicher, denn Bergleute standen sprichwörtlich immer

mit einem Bein im Grabe“, erklärt Braun und er ergänzt: „Witwendörfer,

so wurden die Ortschaften um den Bergbau herum

genannt.“ Wie mag wohl die Stimmung in den Dörfern gewesen

sein? Vielleicht kann man sich dem in der Petruskirche künftig

gedanklich näherbringen lassen? ■

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18 - WOLL Frühling 2021


Leben im Sauerland

WOLL

Worte, Orte, Land und Leute.

Verlags-Spezial

WOLL geht raus

Garten und Outdoor im Sauerland

WOLL – mit Herz und Hand von

Draußen ist ´ne Menge los Seite 20

Hasse chehört…? Seite 23

Unzählige Wassersport-Möglichkeiten Seite 24

Ein Abenteuerspielplatz direkt vor der Haustür Seite 28

Kuhgeflüster im Frühling Seite 31

Den Alltag vergessen Seite 32

Die Natur als Trainingsparcours Seite 34

Pflanze darf im Garten nicht zu kurz kommen Seite 36

Von Ackersegen und Bier in der Laube Seite 40

Wo einem Fische aus der Hand fressen Seite 42

Das Wandern ist des Müllers Lust Seite 45

Deutsche Tradition trifft auf internationalen Flair Seite 46

Unser Garten im Frühling Seite 48

WOLL Frühling 2021 - 19


Keine Zeit fürs Stubenhocken

DRAUSSEN ist ´ne Menge los

Christel Zidi

Tourismus Brilon Olsberg, sabrinity

war früher fast ein Schimpfwort.

Denn welches Kind hielt sich schon

„Stubenhocker“

freiwillig im Haus auf, wenn es draußen so

viel zu entdecken gab? Wenn die Nachbarskinder schon

warteten, um gemeinsam Rollschuh zu fahren oder durch

den Wald zu stöbern. Handys gab es noch nicht, Langeweile

nur bei Hausarrest.

Unsere Eltern und Großeltern wussten von der positiven

Wirkung, die ein Aufenthalt und vor allem Bewegung an der

frischen Luft hat. Die Welt vor unserer Haustüre ist ganz besonders

schön. Und es gibt im Sauerland viele Möglichkeiten,

draußen aktiv zu sein - für jede Generation. Hier sind einige

Vorschläge für Freizeitaktivitäten im Frühling, die man sich

bei jedem Geldbeutel leisten kann:

Radfahren und Biken

Fahrradfahren ist in den letzten Jahren ein großes Thema im

Sauerland geworden. Dazu hat wohl auch die zunehmende

E-Mobilität beigetragen, denn selbst Nicht-Leistungssportler

können mit ihren E-Bikes und Elektrofahrrädern nun auch

größere und längere Steigungen ohne Mühe bewältigen.

Außerdem gibt es ein gut ausgebautes Netz an E-Bike-Verleih-

und Ladestationen und sehr viele und sehr schöne Fahrradwege.

Zum Beispiel den Ruhrtal-Radweg, der von Winterberg

bis nach Duisburg führt. Eine kürzere, landschaftlich

sehr schön gelegene Strecke führt von Marsberg zur Aabachtalsperre.

Wer lieber auf geraden Strecken unterwegs ist, wird

wahrscheinlich eine Fahrt entlang des Möhnesees vorziehen.

Hier kommt man noch ganz gut ohne Hilfsmotor aus. We-

20 - WOLL Frühling 2021


Aussichtsroute“. Ein völlig anderes Landschaftsbild bietet

sich im Raum Ense, am Rande der Soester Börde. Vom Wanderparkplatz

Himmelpforten aus geht es nach Niederense.

Auf diesem Weg können Sie schon einige gute Badeplätze

für den Sommer ausmachen. Gerade dann, wenn die Natur

wieder erwacht, ist es an den Almequellen besonders schön

und der Wanderweg hat nur wenige Barrieren.

Erlebnis- und Lehrpfade

Nicht nur Natur, sondern auch kulturgeschichtliche Entdeckungen

gibt es auf dem Bergbauwanderweg in Ramsbeck.

Barrierefrei ist der Airlebnisweg Amecke am Sorpesee, u. a.

gibt es hier einen Wassererlebnisplatz und einen Aroma- und

Duftgarten. Wer gern besonders achtsam unterwegs ist, sollte

den Landschaftstherapeutischen Weg * in Brilon einschlagen.

Hier werden Stimmungen inszeniert: Vom Feenklang

(schließlich ist in Brilon die Waldfee zuhause) über die ehemalige

Skisprungschanze bis zum Ausruhen in Hängematten

am Waldrand. Wer die Welt unserer Bienen besser verstehen

möchte, sollte einmal eine geführte Wanderung auf einem

Bienen-Lehrpfad mitmachen, den gibt es in Freienohl und

seit Kurzem auch in Berge. Nur vier Kilometer lang, aber

äußerst informativ ist der barrierearme Milchweg Homert,

zwischen Stockum und Seidfeld. Als Höhepunkt kann man

auf einem Bauernhof frische Milch am Automaten zapfen.

Kneippen

niger für Senioren, sondern eher für die jüngere Generation

ist der Bike Park in Meschede. Hier benötigt man keinen

Motor, dafür aber eine Menge Geschicklichkeit.

Wandern

Im Sauerland gibt es viele reizvolle Wanderstrecken. Vom

höchsten Berg Nordrhein-Westfalens, den Langenberg

(843m), kann man den Rothaarsteig entlang zum Kahlen

Asten wandern. Kaum ein Wanderer versäumt es, auf diesem

Weg einen Stopp an der Ruhrquelle einzulegen. Auch die

Bruchhauser Steine oder im Schmallenberger Raum die

Hängebrücke bei Kühhude, der Waldskulpturenweg oder

der Kyrillpfad sind lohnenswerte Ziele. Spannende Ausblicke

erhält man auf der zirka 20 Kilometer langen „Arnsberger

Jetzt im Frühling darf auch wieder gekneippt werden. Der

Kneipp Erlebnispark in Brilon/Olsberg zeigt, wie gut uns die

Kraft des Wassers tun kann. Ob im historischen Olsberger

Kneipp-Park, in der Briloner Kneippanlage, die mit dem

Quellwasser der Möhne gespeist wird, an den renaturierten

Ruhrauen, in der Tretbeckenanlage Elpe oder im Lebensgarten

des Josefsheim Bigge.

Spielplätze

Am Möhnesee gibt es verschiedene Waldspielplätze und einen

großen Abenteuerspielplatz mit Skateplatz im Seepark. Ein

kleines Paradies für kleinere Kinder gibt es „Am Feisberg“, in

der Nähe des Jüppken-Parks in Berge. Der Abenteuerspielplatz

in Bruchhausen bietet ganz viel Spaß, auch für etwas größere

Kinder. Dort gibt es Baumstämme zum Klettern und Balancieren,

ein neues Spielhaus und die beliebte Tellerrutsche.

* ist voraussichtlich ab Ostern wieder begehbar

WOLL Frühling 2021 - 21


Sportliches für Kinder und Jugendliche

An der Sperrmauer in Möhnesee-Günne gibt es eine Freizeitanlage,

in der man Fußball auf Bahnen spielen. Spaß gibt es

sicherlich auch in NRWs erster Fußball-Golf-Anlage. Fußball-Golf?

Ja, Sie haben richtig gelesen: Denn hier wird kein

gewöhnlicher, kleiner Golfball ins Loch gespielt, sondern ein

ganz normaler Fußball. Im “Vosspfad Helmeringhausen “bei

Olsberg geht es über Stock und Stein und auch in Eversberg

geht es beim Walderlebnisparcours recht sportlich zu, ebenso

wie im Hochseilgarten in Rüthen.

Klettern

Zwar sind die meisten Berge im Sauerland sanft gerundet,

mit Wald und Wiesen bedeckt, aber es finden sich auch ein

paar Stellen, an denen man den offenen Fels hinaufklettern

kann. Das Klettergebiet Hillenberg in Warstein mit fast 50

Meter hohen Wänden ist eines der herausragenden Klettergebiete

in NRW. Nicht ganz so hoch hinaus geht für die

Kletterer im kleinen Steinbruch „Am Bähnchen“ in Bestwig,

hier sind es maximal 35 Meter.

Wildparks

In den Wildparks Warstein und Völlinghausen gibt es großzügig

angelegte Gehege mit vielen Wildtieren. Begeisterung

kommt da nicht nur bei Kindern auf.

Pilgerwege

Um einmal als Pilger unterwegs zu sein, muss man nicht

unbedingt bis nach Spanien reisen. Auch durch Westfalen

führt ein Jakobsweg – und zwar von Paderborn nach Köln.

Ein Stück weit, genauer gesagt 123,6 Kilometer, führt er

sogar durch das Sauerland. Beginnend bei Marsberg-Meerhof

bis nach Isingheim-Obermarpe. Ein weiterer, aber wesentlich

kürzerer Pilgerweg beginnt beim Kloster Bredelar und endet

am Kloster Flechtdorf am Diemelsee.

Höhlen

Ein Erlebnis für Jung und Alt ist der Besuch einer Höhle.

Und davon haben wir hier im Sauerland so einige, die auch

besichtigt werden können. Zum Beispiel die Bilsteinhöhle bei

Warstein, die Veleda-Höhle in Velmede oder der Hohle Stein

bei Kallenhardt. Und wer so gar nicht auf sein Handy verzichten

mag, der kann es ja mit einem Aufenthalt im Freien

verbinden, zum Beispiel beim Geocaching. ■

Mehr zum Wassersport gibt es auf

den nachfolgenden Seiten.

Individuelle Sonnensegel

made im Sauerland

Michel

22

Planen

- WOLL

Heinz

Frühling

Michel

2021

e.K. | Auf der Hube 17 | 59889 Eslohe-Cobbenrode | 02973 818 670 | info@michel-planen.de | www.michel-planen.de

@michelplanen | michel-planen


Hasse chehört…?

Anke Kemper

wat dat schönste am Frühling is,

Lisbeth?“

„Weiste,

„Na is doch klar, dat frische Chrün und

de Primeln und dat janze Gedöns, wat endlich außer Erde

kommt, woll?“

„Dat auch. Abba dat allerschönste is, dat de Mannsleute

endlich widda außem Haus kommen!“

„Haste auch widda recht, Fine. De Leute sajen ja imma,

wie chemütlich diese dunkle Jahreszeit doch is, so mit de

Kerze an und so. Abba dat de den janzen Tach den Kerl vor

de Füße hast, da spricht keiner drübba.“

„Chenau. Einfach nur lästig! Is man cherade mit dem

Essen fertich, da wird schon direkt jefracht, wat et zum

Kaffee chibt. Ich sach dir.“

„Jau. Ich hatte dem Friedel mal vorjeschlajen, er könnte ja

wenichstens wat backen, wenn er schon nich beim Kochen

helfen will.“

„Dat is doch toll!“

„Ne jarnich toll. Anschließend kannste direkt de Küche

renovieren. Dat brauch ich dann auch nich.“

„Stimmt auch widda. Wir ham im Herbst extra nen neuen

Heizofen für den Bastelkeller jekauft, da sacht der Otto

doch zu mir: es zieht vom Kartoffelkeller her. Immer nur

Ausreden.“

„Na, immerhin hat er sich ma innen Keller chetraut. Der

Friedel bewegt sich nur außem Warmen, wenn er de Vögel

füttern muss. Dat war’s.“

„Naja. Is ja jetzt endlich vorbei. Wat habt ihr denn fürn

Projekt jeplant?“

„Wat denn fürn Projekt? Chatten umgraben steht janz

oben auf de Liste. Und wenn der Friedel einmal draußen

is, dann fällt mir auch glatt imma wat Neues ein, da brauch

ich jar nich lange überlejen, woll!“

„Wir könnten dann ja auch ma zusammen Sport machen,

wat meinste, Lisbeth?“

„Soweit kommt’s noch. Dat machen meine Knie nich mit.

Nen kleiner Spaziergang dürfte fürn Anfang reichen.“

„Stimmt auch widda. Der erste Schritt nach Draußen is

der wichtigste. Allet andere kommt dann von janz alleine,

woll?“ ■

WOLL Frühling 2021 - 23


DAS SAUERLAND –

LAND DER UNZÄHLIGEN

WASSERSPORT-MÖGLICHKEITEN

Christel Zidi

N

atürlich weiß jeder Sauerländer, dass wir sehr

schöne Seen im Sauerland haben. Aber erst bei

einer genaueren Recherche wird klar, wie vielfältig

die Möglichkeiten sind, Wassersport zu betreiben.

Dazu gibt es einige kleinere Seen und Teiche, die sehr idyllisch

gelegenen sind und schon von daher zu einem Ausflug

einladen.

Wer beim Wasserski sofort Bilder von

mondänen Badeorten wie Saint Tropez oder Nizza vor Augen

hat, hält diese Sportart wahrscheinlich für zu exklusiv, um

sie zu verwirklichen. Aber dann kennt er die vielen Möglichkeiten

nicht, die das Sauerland zu bieten hat. Bei Winterberg-

Niedersfeld befindet sich ein wunderschön gelegener kleiner

Stausee, der mit seinen 8,5 Hektar Wasserfläche ausreichend

Platz bietet für eine Wakeboard- und Wasserskianlage. Der

Hillestausee hat zudem eine reizvolle Badebucht und ist auch

24 - WOLL Frühling 2021


für Angler ein lohnenswertes

Ziel. Wasserski ist auch für Zuschauer recht

interessant. Und zwar dann, wenn man die geschickten Fahrer

vom Ufer aus bewundern kann und Spaß bei den Versuchen

der eher ungeschickteren unter ihnen hat. In Nuttlar kann

man „abtauchen“ und das auf in Europa wohl einzigartige Art

und Weise. Und zwar dort, wo früher Bergleute ihrer schweren

und gefährlichen Arbeit nachgegangen sind. Das einstige

Bergwerk ist auf zwei von fünf Ebenen über eine Länge von 12

Kilometern komplett geflutet. Wer Interesse am Cave Diving,

also am Höhlentauchen hat, kann sich über die Tauchschule

Sauerland anmelden. Das Schieferbergwerk

Nuttlar kann man auf den oberen Etagen auch trockenen

Fußes besichtigen. Ein besonderes Erlebnis sind auch die

regelmäßig hier stattfindenden Konzerte. Und natürlich bieten

auch alle Sauerländer Seen ausreichend Möglichkeiten zum

Wassersport, besonders die größeren. Aus Platzmangel können

wir nicht alle Möglichkeiten aufführen, die es an und auf den

Seen gibt.

Deshalb nur eine kleine Auswahl: Rund um den Möhnesee

kommen Wasserratten voll auf ihre Kosten. Es gibt dort

eine Yachtschule und einen Bootsverleih. Oder sie fahren mit

Hydrobikes, Kanus, Tret-, Elektro- oder Ruderboot. Vielleicht

WOLL Frühling 2021 - 25


stellen Sie sich mal auf ein SUP-Board? Verschiedene

Segel-, Surf- und Motorbootkurse

sind am Möhnesee möglich. Ein besonderer

Familienspaß ist das Floßbauen. Oder werden

Sie Donut-Kapitän. Auf den runden Schwimminseln

kann man grillen, picknicken oder einfach

nur entspannen. Speziell für Kinder gibt es am See

auch ein Wasser-Abenteuer-Camp.

Auch der Hennesee bietet viele Freizeitmöglichkeiten.

Sie können sich dort ein E-Bike ausleihen und rund um

den See fahren. Oder Sie genießen die schöne Aussicht vom

Kajak aus. Rudern lernen ist am Hennesee auch möglich. Wer

mit muskelkraftangetriebenen Paddel- u. Ruderbooten auf

dem See unterwegs ist, braucht kein Entgelt dafür zu zahlen.

Auch nicht für Segelbote von unter 6 m².

Am Sorpesee können Sie von erfahrenen Skippern das Segeln

lernen oder sich in dieser Sportart weiterbilden. Auch einen

Tretbootverleih gibt es.

Am Diemelsee kommen Angler, Segler, Surfer, Kanute,

Schwimmer oder Taucher auf ihre Kosten. Oder sie lassen es

ganz gemütlich angehen und genießen die schöne Aussicht

vom Personenschiff aus. Wer ein wenig über die Grenze des

Sauerlandes hinausfährt, findet auch an der Aabachtalsperre

bei Marsberg tolle Wassersportmöglichkeiten. Oder im Süden

des Sauerlandes, am Biggesee.

Von der Esmecke zum Bodensee

Neben den großen Seen gibt es im Sauerland auch einige kleinere.

Die sind nicht unbedingt alle zum Wassersport geeignet,

aber einen Ausflug alle Male wert.

Idyllisch

gelegen ist der

Esmecke-Stausee bei Wenholthausen, schön auch die aufgestaute

Ruhr bei Olsberg. Der „See im Berg“ bei Brilon-Messinghausen

ist auch für Taucher interessant. Bei Niedersfeld

ist der Hillestausee, NRWs höchstgelegener Stausee. Die

Stauanlage Schmala befindet sich zwischen Olsberg und

Willingen. Im Arnsberger Wald, südlich von Warstein ist der

Sedansteich, der Hexenteich ist im Arnsberger Eichholz zu

finden, der Biberteich bei Rüthen. Oder fahren Sie am Wochenende

doch mal zum Bodensee. Ist Ihnen zu weit? Nun,

das Schwäbische Meer ist für einen Kurztrip bestimmt zu

weit. Aber es gibt auch im Sauerland einen – wenn auch etwas

kleineren - Bodensee. Den können Sie ganz in der Nähe von

Winterberg finden. ■

Fotoquelle: © Susanne Schmidt (www.cave-woman.de)

26 - WOLL Frühling 2021


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WOLL Frühling 2021 - 27


Bei Familie Menge in Berge kommt

keine Langeweile auf

Ein Abenteuerspielplatz

direkt vor der Haustür

Anke Kemper

S. Droste

W

ir Sauerländer sind uns

da wohl einig: Auf dem

Land zu leben und die

Natur vor der Nase zu haben, ist für

uns ein besonderes Privileg. Schon

die Kleinsten erleben ihre Abenteuer

draußen mit ihren Freunden und

Geschwistern. Das Wetter spielt da

kaum eine Rolle, denn auch eine

simple Pfütze kann bei einem Fahrradparcours

das i-Tüpfelchen sein.

Die Möglichkeiten sind vielseitig und

der Fantasie sind hier keine Grenzen

gesetzt. Bei den drei Jungs von Stefan

und Nadine Menge aus Berge kommt

noch eines hinzu: ganz viel Platz.

Idyllisch ist es hier. Die stillgelegte alte

Mühle mit dem Turbinenteich daneben

könnte wohl ihre eigenen Geschichten

erzählen und hat bereits bei einem

Fotoshooting der holterdipolter Theatergruppe

als Kulisse gedient. Von 1865

bis 1970 wurde hier Mehl gemahlen.

1947 wurde die Mühle vergrößert bzw.

erweitert. Und vor 1865 war es eine

Brettmühle. Auf dem weitläufigen

Grundstück, das ca. 3.500 qm umfasst

und wo auch Frau Menge Senior

lebt, hat Familie Menge im Jahr 2003

das alte Pastorat gekauft und für sich

umgebaut. Was für die Erwachsenen

eine Oase der Entspannung sein kann,

ist für die Kinder ein großer Abenteuerspielplatz.

Jannis, Linus, Mattis in ihrem Baumhaus (v.l.)

Und schon geht es los: Der 6-jährige

Linus präsentiert uns stolz seine Motorsäge.

Der Schutzhelm darf nicht fehlen.

Auch immer im Einsatz sind Laubbläser,

Heckenschere sowie Freischneider

- im Spielzeugformat versteht sich. Am

liebsten mischt er überall mit und hilft,

wo er kann: ob beim Fegen, Unkraut

zupfen oder Gärtnern. Das Löcher buddeln

scheint allen drei Kindern große

Freude zu bereiten.

28 - WOLL Frühling 2021


„Eigentlich hat sich das Spielen draußen seit meiner Kindheit

bis heute nicht viel verändert“, bemerkt Nadine Menge. Die

39-jährige Erzieherin weiß, wie wichtig es ist, dass Kinder

frei herumtoben können, sich ausprobieren und ihre Grenzen

kennenlernen müssen. Dreckig und nass werden oder auch

Kratzer, Schrammen und Beulen abbekommen, gehört einfach

dazu.

„Im Jahr 2006 ging ich für 1,5 Jahre nach London und war

dort in einem Privathaushalt mit sieben Kindern als Nanny

angestellt. Dort kann man sich glücklich schätzen, wenn

man einen Garten hat. Die meisten Spielplätze in London

sind betoniert“, erzählt sie weiter. Hinzu kommt, dass sich

gerade für die Kinder das Dorfleben im Vergleich zum Leben

in der Stadt stark unterscheidet. Zumal hier jeder jeden kennt

und weiß, welcher Familie welches Kind zuzuordnen ist, sollte

sich mal eines allein auf Entdeckungstour durch den Ort

aufmachen. Wenn es doch einmal vorkommt, dass es Jannis,

Linus und Mattis zuhause langweilig wird, dann gehen sie

rüber zu benachbarten Bauernhöfen und helfen im Stall.

Stefan und Nadine Menge mit ihren Jungen am Turbinenteich

Reichlich Spielmaterial findet sich auch im Wald, der nur

wenige Gehminuten entfernt liegt. Stefan und Nadine Menge

Fahrrad fahren, Fangen und Verstecken spielen sowie mit

Kreide malen gehören zu Mattis Lieblingsbeschäftigungen.

Außerdem liebt der 3-Jährige es, in Pfützen zu springen -

besonders mit Sonntagsschuhen. Der Kleinste der Familie

scheint keinerlei Angst zu haben. Stolz balanciert er hinter

seinen großen Brüdern über gestapelte Baumstämme her.

Der älteste, der 8-jährige Jannis, liebt das Klettern in

Bäumen. Hochhinaus geht es in sein Baumhaus, das er zusammen

mit seinem Freund gebaut hat. Hier wird immer

mal repariert und verändert. Die Planungen für ein zweites

Stockwerk stehen schon. Und wenn Jannis seinen Papa mal

nur für sich hat, werden Stöcke gesammelt und sie schnitzen

gemeinsam.

„Manchmal bauen wir einen Parcours auf für die Fahrzeuge

wie Fahrräder und Trampeltrecker oder auch direkt im

Garten etwas für die Kinder zum Balancieren, Durchkrabbeln

oder Slalom laufen. Natürlich auf Zeit. Das lieben sie“,

berichtet Stefan Menge. Der 49-Jährige arbeitet als Werkstatt-Gruppenleiter

im Josefsheim in Bigge.

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WOLL Frühling 2021 - 29


Die Jungs erleben ihre Abenteuer vor der Haustüre

gehen häufig dort mit den Kindern spazieren

und sammeln Stöcke, Tannenzapfen,

Steine und Moos. Mehr braucht

es meistens nicht. Unspektakuläres

Material, das die Kreativität der Kinder

weckt. Der Wald lädt ein zum Fangenund

Verstecken spielen oder um auf

Schatzsuche zu gehen.

Auf ihren Spaziergängen kommen sie

an einem Gehege mit Rehen vorbei, die

sich regelmäßig auf Futter von Familie

Menge freuen dürfen.

Nach einem Tag voller Abenteuer und

Aktivität wird schon mal ein Lagerfeuer

angezündet, wo alle wieder Ruhe finden

und ihre Geschichten und Erlebnisse

austauschen und verarbeiten können.

In Zeiten der Pandemie hat sich Familie

Menge zusammen mit Freunden etwas

ausgedacht und mit einer Schatzsuche

für Abwechslung für die Kinder gesorgt.

Hierbei verstecken sie gegenseitig

einen Schatz und hängen dann die Hinweise

für die Schatzsuche an die Tür der

Freunde.

So mangelt es nicht an Abwechslung,

Spaß und Abenteuer für die junge

Familie und man darf gespannt sein,

an was sich die Kinder am liebsten

erinnern werden, wenn sie erwachsen

sind. ■

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und zu Ostern

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30 - WOLL Frühling 2021


Kuhgeflüster im Frühling

Kuhgeflüster im Herbst

Rüdiger Tillmann

Vom Mittelmaß

von Peter P. Neuhaus

Die Kuh flog niemals auf den Mond,

sah nie Amerika.

Sie ist zufrieden, wo sie wohnt –

wie Tante Erika.

Die Kuh schrieb niemals ein Poem,

obwohl sie’s sicher kann.

Sie fuhr nicht selbst nach Bethlehem,

sie schickte ihren Mann.

Sie schnurrt nicht und sie haart nicht sehr,

taugt nicht als Kind-Ersatz.

Sie fährt nicht mit dem Nahverkehr,

zahlt Standardsteuersatz.

Die Kuh isst nicht beim Sternekoch

und trinkt nur selten Gin.

Am Abend sagt sie:„Sicher doch …“

und legt sich friedlich hin.

Ist keine, die sich groß beschwert,

braucht keine Majestät,

geht ungern nur ins Jazzkonzert,

sah niemals Breaking Bad.

Sie denkt nicht übers Große nach,

das Ganze juckt sie kaum.

Und liegt sie dann im Schlafgemach,

vergisst sie Zeit und Raum.

Die Kuh, sie ist zufrieden schon

mit wenig. Von derWelt

erwartet sie nicht Gotteslohn,

nicht Auto, Haus, nicht Geld.

Sie hofft nicht auf den großen Spaß.

Sie ist und bleibt bloß: Kuh.

Ist glücklich mit dem Mittelmaß,

genau wie ich und Du.

Rüdiger Tillmann Peter P. Neuhaus

KUHGEFLÜSTER

Geschichten und Gedichte aus dem Sauerland R. Tillmann / P. P. Neuhaus

Die Comic von Rüdiger Tillmann und die Gedichte von Peter P. Neuhaus finden Sie

im Buch "Kuhgeflüster – Geschichten und Gedichte aus dem Sauerland"

15,90 € / ISBN-978-3-943681-63-5 / Erschienen im WOLL-Verlag

Erhältlich im www.woll-onlineshop.de oder in den Sauerländer Buchhandlungen

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im Buch "Kuhgeflüster – Geschichten und Gedichte aus dem Sauerland"

15,90 € / ISBN-978-3-943681-63-5 / Erschienen im WOLL-Verlag

Erhältlich im www.woll-onlineshop.de oder in den Sauerländer Buchhandlungen

„Das ganze Buch ist gut.“

Thomas Gsella

Auf den sauerländischen Weiden und in den dunklen

Wäldern der berühmten Mittelgebirgs region zwischen

Ural und französischem Zentralmassiv tummeln sich Tiere,

die sich allerlei zu erzählen haben.

Das wird von Rüdiger Tillmann genaustens beobachtet

und in bunten Cartoons festgehalten. Und darüber muss

man Worte verlieren. Also reimt Peter P. Neuhaus, was

die Tierwelt hergibt.

Immer wieder steht im Zentrum dieser Beobachtungen

die Kuh, die Symbolfigur des Lands der tausend Berge, in

dem am Ende der Geschichte manchmal sogar Cowboys

gen Horizont ziehen sollen. Und wenn die grad nicht da

sind, tut’s eben die Kuh.

Geschichten und Gedichte aus dem Sauerland

UHGEFLÜSTER


Den Alltag vergessen

Klettern in Bestwig „Am Bähnchen“

Sonja Nürnberger Privat

Denkt man ans Klettern in

der Natur, kommen einem

vielleicht das Frankenjura

in der fränkischen Schweiz oder das

Elbsandsteingebirge in der sächsischen

Schweiz in den Sinn – nicht unbedingt

das Sauerland. Aber tatsächlich

gibt es auch bei uns direkt vor der

Haustür die ein oder andere Möglichkeit,

seine Kletterskills zu trainieren.

„Wichtig ist vor allem eine gute Felsqualität.

Im Sauerland haben wir das

rheinische Schiefergebirge, das stark

gefaltet und damit verschiefert und zerklüftet

ist“, erklärt Joachim Fischer. Der

Warsteiner ist hauptamtlicher Mitarbeiter

beim Landesverband des Deutschen

Alpenvereins in Nordrhein-Westfalen

und dort zuständig für Klettern und Naturschutz.

„Zwar gibt es hier viele Steinbrüche,

tatsächlich sind aber nur etwa

ein bis zwei Prozent davon zum Klettern

geeignet.“ Davon fallen weitere raus, da

sie zu niedrig sind: Erst ab acht Metern

Höhe fängt es an, Spaß zu machen. Vor

allem aber werden die Klettermöglichkeiten

durch Verbote eingeschränkt:

„Das zieht sich eigentlich schon seit Jahrzehnten

hin, seit etwa Mitte der 1970er

bis Anfang der 2000er Jahre. Viele der

Naturfelsen, die zum Klettern sehr gut

geeignet sind, wurden als Naturschutzgebiet

ausgewiesen. Das ging flächendeckend

mit einem Kletterverbot einher.“

Tolle Möglichkeiten gingen verloren:

die Bruchhauser Steine, das Hönnetal,

der Biggesee mit den Ahauser Klippen

oder der Steinbruch Hohe Ley mit einer

Wand von fast 100 Metern Höhe, an der

man für die Alpen trainieren konnte.

Erschließung neuer Möglichkeiten

Vor knapp 20 Jahren fing man an, nach

Alternativen zu suchen. Alle Steinbrüche

und Felsen wurden angeschaut, die

32 - WOLL Frühling 2021


außerhalb Gerade bei von den Naturschutzgebieten älteren Kunden nimmt liegen.

Zeit Mithilfe für ein Pläuschchen. der deutschen Auf Grundkarte, die Frage, wie abverlangt. alles so „Das seinen ist kein Anfängerge-

Lauf der nehmen jeder Fels kann, und jeder wenn Steinbruch man sich selbst biet“, treu weiß bleibt Fischer. und „Da muss man schon

versehen, sich gerne den Kletterern die einiges Können

eingezeichnet eine Arbeit ausüben ist, wurde kann, das Sauerland die man liebt, richtig und trotzdem gut klettern seinen

täglichen, und nach weniger zum Klettern inspirierenden geeig-

Tätigkeiten da hinaufkommen nachge-

will.“

können, wenn man

abgegrast

neten hen muss, Orten und gesucht. wie er „Insgesamt das alles zwölf unter einen Hut bekommt,

solcher antwortet Orte Alexander haben wir Freund: im Sauerland „Arbeit ist nichts anderes Faszination als Klettern

gefunden. der Kampf Bei gegen einigen das wenigen Chaos!“ stehen

wir noch in Verhandlungen mit Naturschutzbehörden

und Grundbesitzern.“ Natur, man kann den Alltag für einige

Beim Klettern ist man draußen in der

Zeit vergessen, trifft alte und neue

Einer dieser Orte ist der alte Steinbruch Freunde. Jede Kletterroute ist eine neue

„Am Bähnchen“ in Bestwig. Etwa 25 Herausforderung an den Kletterer selbst:

Kletterrouten mit unterschiedlichen Komm ich da wirklich hoch? Es ist ein

Schwierigkeitsgraden bietet der Kalksteinbruch

heute. Im hinteren Bereich geschafft hat. „Ein Erfolgserlebnis, das

Erfolgserlebnis, wenn man es schließlich

ist die Plattenwand leicht geneigt. Hier man sich in relativ kurzer Zeit verschaffen

kann und gleich mehrere hinterein-

sind mit 35 Metern Länge die längsten

und einfachsten Routen angelegt. Eine ander. Man fährt gelöst und zufrieden

echte Herausforderung stellt die 25 nach Hause und geht wieder mit einer

Meter hohe „Bahnhofswand“ dar, die ganz anderen Motivation in den Alltag

senkrecht und mit einigen Überhängen hinein.“ ■

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WOLL Frühjahr Frühling 2021 - 33 97


Spielen – bei Wind und Wetter

Die Natur als

Trainingsparcours

Helmut Gaida

Jürgen Eckert

K

inder entwickeln sich heute

unter stark veränderten

Lebensbedingungen. Längst

ist die multimediale Entwicklung

in den Kinderzimmern eingezogen.

Brauchen Kinder das Spiel in der

Natur nicht mehr? Und falls doch,

welche Folgen hat dieser „Entzug“

für unsere Kinder. Wir haben dazu

zwei Warsteiner Experten befragt:

Dr. med. Antonius Sander (Praxis

für Kinder- und Jugendmedizin) und

Dipl.-Psych. Jutta Sniehotta (Kinder-

und Jugendlichenpsychotherapeutin).

Die mittlerweile leicht angegraute

Generation erinnert sich sicher an viele

Kindheitserlebnisse mitten im Arnsberger

Wald, am Möhnesee, an Abenteuer

in der Bergstadt Rüthen. Oder an

siegreiche Fußballspiele auf der Straße

vorm Haus. So manche Fensterscheibe

der Nachbarn zeigte nach einem

gezielten Ballschuss da schon mal ihre

Schwächen, was die Bruchfestigkeit angeht.

Herrliche und abwechslungsreiche

Zeiten.

Wer, beseelt von diesen alten Erinnerungen,

mit dem Auto durch Wohnsiedlungen

fährt, sollte besonders

vorsichtig fahren, denn – wie schon auf

Hinweisschildern zu sehen - könnten ja

plötzlich spielende Kinder auf die Straße

laufen. Grundsätzlich vollkommen

richtig. Nur: Wo sind die Kinder? Fast

schon ist es eine Erleichterung, wenn

man dann in der Nähe doch noch

einen Spielplatz mit tobenden Kindern

erblickt.

Die Lebenswelt von Kindern

Das Spiel in der Natur hat, im Gegensatz

zu früheren Zeiten, eine eher

untergeordnete Rolle. Das biologisch

verankerte Spiel-Bedürfnis hat heute

oft eine andere Ausprägung, findet eher

zuhause statt. „Kinder sind erlebnisorientiert“

erklärt dazu Diplom-Psychologin

Jutta Sniehotta aus Warstein“, „sie

können durch das Spiel draußen ihrer

Fantasie freien Lauf lassen und gleichzeitig

- indem sie Projekte „erfinden“-

ihre Gestaltungskompetenz ausbilden

und verbessern. Das heißt, dass sie

lernen, vorausschauend zu denken und

zu planen sowie Probleme zu erkennen

und zu beseitigen. Sie lernen durch

Versuch und Irrtum. Falls Spielpartner

vorhanden sind, lernen sie gleichzeitig,

Kooperationen herzustellen und als

Team zu fungieren in der Problemlösung.“

Bewegungsmangel - Bedeutung

des Draußen-Spiels

Studien belegen, dass sich Kinder im

vermehrten „Online-Modus“ zu wenig

bewegen. Die Folge ist eine drastische

Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkran-

34 - WOLL Frühling 2021


kungen, Fettleibigkeit und Rückenprobleme

aufgrund des steigenden

Bewegungsmangels. Hier ist eine

Veränderung der Aktivitäten sicherlich

dringend erforderlich. „Das Spiel

im Freien ist die beste und gesündeste

Fördermöglichkeit für Kinder“, bestätigt

auch Mediziner Dr. Antonius

Sander aus Warstein. „Verschiedene

Untergründe beim Gehen und Laufen

fördern das Gleichgewicht. Unterschiedliche

Anforderungen durch Hindernisse

(bitte jedes Mäuerchen und

jeden Baumstamm nutzen) verbessern

die Koordination und Körperkraft.

Verschiedene Stoffe, die angefasst und

geformt werden, verbessern Haptik und

Feinmotorik. Größere Strecken und

schnelle Positions- und Ortswechsel

verbessern Kondition und Muskelkraft.“

Und als wären das nicht schon

erstaunlich viele gute Gründe für das

Spiel draußen, fügt der Mediziner noch

hinzu: „Blicken auf größere Entfernung

schützt vor Kurzsichtigkeit. Und natürlich

die Stärkung der Abwehr durch

frische Luft und die Vitamin-D-Bildung

durch Sonneneinstrahlung in der

Zeit von März bis Ende Oktober nicht

zu vergessen.“

Verantwortung der Eltern

Ein harmonisch ausgeglichenes Freizeitverhalten

ist mehr denn je gefragt.

Verantwortungsbewusste Eltern /

Großeltern fördern liebevoll die Entwicklung

ihrer Kinder, indem sie darauf

achten, wo und womit sich Kinder

beschäftigen. Wie wichtig das Spiel

draußen und soziale Kontakte sind,

betont Jutta Sniehotta: „Was Kinder

benötigen, um Selbstvertrauen in ihren

körperlichen und geistigen Fähigkeiten

zu entwickeln“, erklärt Jutta Sniehotta,

„ist eine vielfältige und direkte Auseinandersetzung

mit ihrer sinnlichen

Umwelt.“ Und Dr. Sander weist abschließend

darauf hin, dass „die Maßnahmen

in der Pandemie zum Schutz

von Leben und Gesundheit wichtig

und richtig sind. Aber sobald irgend

möglich, muss als erstes den Kindern

wieder erlaubt werden, ihre Freunde zu

treffen, Kita und Schule zu besuchen.

Denn soziales Lernen und die Entwicklung

von Persönlichkeit kann nur

so gelingen. Auch dabei geht es um eine

optimale Entwicklung der Kinder und

ihre Zukunft.“

„Ohne das freie Spiel in der Natur,

gehen Kindern wichtige Bereiche von

Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung

verloren“, macht Jutta

Sniehotta auf diese möglichen Defizite

aufmerksam. Defizite, die erst gar nicht

entstehen müssen, denn gerade hier im

Sauerland gibt es herrliche Natur und

die Möglichkeiten zum Spiel im Freien

sind riesig. Spielen kann bei jedem

Wind und Wetter toll sein. ■

Alte Kinderspiele

• Räuber und Gendarmen: eine Mischung

aus Fangen und Verstecken.

• Seilspringen: Zu zweit oder dritt

springen, ohne sich zu verheddern.

• Gummitwist: Draufspringen,

drüberspringen, das Gummiband

mit den Füßen kreuzen.

• Himmel und Hölle: Hüpfkästchenfeld

mit aus (bunter) Kreide aufgezeichneten

Feldern.

Kinder im Bibertal

bei Warstein

WOLL Frühling 2021 - 35


Die wunderbare Vielfalt der Gärten

„Die Pflanze darf im Garten nicht

zu kurz kommen.“ –Peter Horst

W

er das Glück hat, einen Garten sein Eigen zu

nennen, hat viele Möglichkeiten, ihn zu nutzen.

Er kann zum Rückzugsort werden oder ein Ort

der Geselligkeit. Gleichzeitig kann er Nutzgarten sein

oder künstlerischen Zwecken dienen. Und auch Arbeitsplatz.

Zum Beispiel für den Kreisgärtnermeister Peter

Horst, der seinen Beruf lebt und liebt.

Peter Horst ist Gärtner geworden, weil es für ihn „einer der

schönsten Berufe der Welt“ ist. Hinzu kommt bei ihm, dass

sein Betrieb schon seit über 100 Jahren besteht und er ihn in

dritter Generation führt. Horst weiß, dass der Trend für Terrassen

und Flächenbeläge hin zu großformatigen Platten aus

Keramik, Betonwerkstein oder auch Naturstein geht. „Formate

bis zu 100 x 100 cm sind keine Seltenheit. Diese werden

auch gern mit Hartholz kombiniert. In der Gestaltung sind

es klare, lineare Formen und weniger verspielte Formen mit

Rundungen etc.“

Trends in zwei Richtungen

Christel Zidi

Und auch bei Pflanzen und Gemüsesorten zeichnet sich eine

bestimmte Richtung ab, wie er uns verrät: „Hier liegt das

Augenmerk ganz klar bei der biologischen Anzucht. Gern

gepflanzt werden alte, heimische Sorten und Arten, sowohl

bei Obst als auch bei Gemüse.“ Die Rückbesinnung auf diese

Sorten bringt uns den echten, unverfälschten Geschmack

zurück, den Geschmack der Kindheit.

Alte Obstsorten, Pastinaken und Wilde Rauke auf der einen

Seite, auf der anderen Seite exotische Sorten. Denn der Klimawandel

bringt auch mit sich, dass nun in unseren Breitengraden

Gemüse angebaut wird, das zuvor importiert werden

musste oder in Treibhäusern gezüchtet wurde. Zum Beispiel

Chili und Paprika. Das Gleiche gilt für Obstgehölze. Einige

Gärtner bauen Melonen, Feigen und Kaki an. Wer an das

entsprechende Saatgut kommen möchte, braucht allerdings

Foto: AdobeStock_81432272_PB-Photography

36 - WOLL Frühling 2021


nicht in ferne Länder reisen, sondern es gibt Saatgut- und

Pflanzentauschbörsen, auf denen man sowohl exotische als

auch heimische Raritäten finden kann.

Nachhaltigkeit auch im Garten

Nachhaltigkeit ist auch in unseren Gärten angekommen.

Spüren Gartenbaubetriebe dieses umweltbewusste Denken

auch bei den Hobbygärtnern? „Ja“, bestätigt das Peter Horst.

„Dies setzt sich insbesondere bei der jüngeren Kundschaft

durch. Diese Generation legt auch wieder verstärkt Wert auf

einen eigenen Gemüsegarten und Früchte aus der Region,

alles umweltbewusst und möglichst CO2- neutral herangezogen.“

Auch ressourcenschonende Maßnahmen lassen sich

im heimischen Garten leicht einführen: Regenwasser kann in

Behältern gesammelt, Küchenabfälle im Komposter entsorgt

werden. Und bei Gartengeräten ist Sharing sinnvoll.

Im Garten des Kreisgärtnermeisters

Viele Dinge kann man lernen. Aber muss man wirklich einen

„grünen Daumen“ besitzen, um Gärtner zu werden? „Ein

gewisses Grundinteresse an der Natur, der Pflanzen- und

Peter Horst

Wenn nicht jetzt

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WOLL Frühling 2021 - 37


Tierwelt sowie ökologischen Prozessen

sollte schon da sein, den Rest kann

man in der Tat erlernen“, klärt uns der

Kreisgärtnermeister auf.

Gärten – und das ist das Spannende –

können sehr, sehr unterschiedlich sein.

Wie stellt man sich den privaten Garten

eines Gärtnermeisters vor? „Mein Garten

ist vor 15 Jahren neu angelegt worden“,

verrät Peter Horst, „damals schon

im heutigen Trend: lineare Formgebung

in einer Materialkombination von

Holz und Betonwerkstoffen angelehnt

an eine Wasserfläche, eingerahmt mit

Gräsern, diversen Blütenstauden und

ausgefallenen Solitärgehölzen in exponiertem

Einzelstand.“ Peter Horst hat

wohl nicht nur einen grünen Daumen,

sondern auch den richtigen Riecher

für Trends. Weiter beschreibt er seinen

Garten: „Eingerahmt wird der Garten

mit seiner zentralen Rasenfläche durch

diverse Obstbaum- Halbstämme, Beerensträucher

und farbenfrohen Elementen

aus Blühstauden. Da summt und

brummt es den ganzen Sommer und

die Vögel erfreuen sich am kühlen Nass

der Teichrandzone.“

Grausliche Schottergärten

Welche Gärten haben einen Fachmann

wie ihn denn bisher am meisten

beeindruckt? „Es ist nicht ein Garten,

sondern die Vielfalt der unzähligen

Beispiele der Gartengestaltung. Barocke

Gärten faszinieren mich genauso wie

der klassische englische Garten, der

Bauerngarten oder aber auch der minimalistische,

klar definierte moderne

Garten. Eines ist mir allerdings äußerst

wichtig: Die Pflanze darf in keinem

Garten zu kurz kommen! Erst sie bringt

das Leben in den Garten! Ein Grauen

ist mir der momentane Trend in vielen

Großstadt-Vorgärten hin zur Stein- und

Schotterwüste mit zwei Alibi-Zypressen

in der Mitte.“ Das können die meisten

umweltbewussten Menschen wohl

nachvollziehen.

Einige Kommunen untersagen Schottergärten,

also Vorgartenflächen mit

Kiesaufschüttungen auf wasserundurchlässigen

Folien, von vornherein.

38 - WOLL Frühling 2021


Peter Horst hofft, dass dieser Trend

bald vorbei sein wird: „Der Verband

Garten- Landschafts- und Sportplatzbau

startete vor zwei Jahren bereits die

Kampagne ‚ Rettet den Vorgarten‘ um

Gartenbesitzern einige Hilfestellungen

bei der Gestaltung der Vorgärten

an die Hand zu geben. Denn auch

ein sinnvoll mit Pflanzen gestalteter

Vorgarten ist nicht pflegeintensiver als

eine Schotterwüste!“

Smart Gardening

und Entspannung

Apropos Pflege. Gärtner haben heute

viele Möglichkeiten, sich die Arbeit

zu erleichtern bzw. abnehmen zu lassen.

„Smart-Gardening“ ist der Fachbegriff

dafür. Bewässerungsanlagen

und Mähroboter sind heute schon zur

Selbstverständlichkeit geworden und

werden oftmals „smart“ gesteuert,

ebenso wie die Gartenbeleuchtung.

Hier gibt es neuerdings leuchtende

Bodenbeläge aus vergossenen Lichtleitfasern

oder Leuchtdioden. Mit der

gewonnenen Zeit kann man es sich

draußen so richtig gemütlich machen

und entspannen. Relaxen wie es auf

Neudeutsch heißt. Das passende Ambiente

kann sehr unterschiedlich sein.

In den letzten Jahren konnte man

in vielen Gärten, auf Terrassen und

Balkonen Gartenmöbel aus Holzpaletten

entdecken. Mit den passenden

Auflagen bieten diese DIY-Produkte

hohen Komfort. Daneben gibt es

sehr komfortable, teils sogar luxuriöse

Loungemöbel für Garten und

Terrasse. Möbelstücke, die auch einen

Regenguss ohne Probleme überstehen.

Dazu begnügt man sich dann nicht

mit einem einfachen Holzkohle-Grill,

sondern greift zum Hightech-Grill.

Möglichst dazu die passende Outdoor-Küche.

Denn draußen schmeckt

es immer noch am besten. Warum

nicht mit den möglichen Annehmlichkeiten?

Moderne Gartenmöbel gibt es oft aus

Massivholz oder aus Aluminium in

Holzoptik oder pulverbeschichtetem

Aluminium mit Teakholz-Lehnen.

Ein interessanter Trend ist auch die

Kombination von kühlem Aluminium

mit dekorativem Kordel-Geflecht.

Für eine romantische Stimmung

am Abend sorgen Gartentische

mit eingebauten Feuerstellen.

Viele Menschen lieben das Geräusch

rauschenden Wassers und legen

sich ihren eigenen kleinen Teich

im Garten an, bauen einen Brunnen

oder legen einen Bauchlauf an.

Und statt des Swimmingpools gibt

es natürliche Schwimmteiche mit

dekorativen Wasserpflanzen. Wem es

aber nur um eine schnelle Abkühlung

geht, der installiert am besten eine

Gartendusche. Mit der kann man

sich an heißen Sommertagen herrlich

erfrischen.

Und zum Schluss noch eine Gartenform,

bei der es weder auf die Nutzungsform

noch auf die Gestaltung

ankommt: der „Offene Garten“. Hier

kommt es in erster Linie darauf an,

dass man Freude daran hat, seinen

Garten zu zeigen und – gern auch

mal mit manchmal (vorher) Fremden

- schöne Stunden im Garten zu

verbringen. ■

Man muss nicht

erst sterben, um ins

Paradies zu gelangen,

solange man einen

Garten hat

(Persisches Sprichwort)

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WOLL Frühling 2021 - 39


Archiv Heimatbund Neheim-Hüsten

Die Gärten unserer Großeltern:

Von Ackersegen und

Bier in der Laube

Christel Zidi

V

or sechzig, siebzig oder achtzig Jahren sahen die

meisten deutschen Gärten noch völlig anders aus.

Selbstverständlich gab es darin Blumenrabatte

mit duftenden Dahlien, fröhlichen Löwenmäulchen und

prächtigen Gladiolen, überwiegend aber waren es Selbstversorger-Gärten.

Mit dem, was im eigenen Garten wuchs,

konnte in den Kriegsjahren so mancher Hunger gestillt

werden.

Deshalb wurden - egal wie groß der Garten war – stets sättigende

Kartoffeln angebaut. Die Sorte „Ackersegen“ war damals

sehr beliebt und trug ihren Namen zu Recht, denn viele Familien

überstanden die damaligen Winter oft nur dank dem, was

sie zuvor gesät und geerntet hatten. Kohl und Möhren wurden

ebenfalls gern gepflanzt, dazu Kräuter wie Petersilie und Dill.

Jeder Platz wurde genutzt, auch die Hauswände, an denen

Weintrauben rankten; an Spalieren wuchsen Birnen und Äpfel.

Umsäumt wurden die kleinen Äcker mit mehr als drei Meter

hohen Stöcken, um die sich Stangenbohnen wanden. Im hinteren

Teil des Gartens standen die Kaninchenställe, daneben der

Misthaufen, neben dem die Kürbisse besonders gut gediehen.

Wer dazu noch Obstbäume mit leckeren Kirschen oder saftigen

Pflaumen besaß, konnte sich glücklich schätzen. Bei weniger

großen Gärten fand sich aber meist immer noch ein Platz für

Beerensträucher, Johannis- oder Stachelbeeren, oder man konnte

sich schon früh im Jahr an Erdbeeren erfreuen, aus denen

Marmelade gekocht wurde. Die Sorte Senga Sengana war bei

den Sauerländern besonders beliebt. Manch einer hatte auch

eine Gartenlaube, in der sich die Männer nach getaner Arbeit

zum Kartenspiel trafen, das ein oder andere Bierchen gehörte

selbstverständlich dazu.

Kleine, idyllische Paradiese kann man jetzt denken. Das

stimmt auch, aber die Pflege dieser Gärten kostet viel Zeit und

viel Arbeit. Das Wort „Smart Gardening“ war noch nicht er-

40 - WOLL Frühling 2021


funden. An automatische Bewässerungsanlagen war noch lange

nicht zu denken. Selbst Gartenschläuche gab es nicht überall.

Mit der blechernen Gießkanne ging es zum nächsten Brunnen,

um immer wieder Wasser nachzufüllen. Vertikutierer? Ein

Fremdwort. Rechen und Spaten waren wichtig, Hacke, Hippe

und Spaten. Der Rasenmäher war zwar schon erfunden, seine

Zeit aber noch nicht gekommen. Sein Einsatz lohnte sich in

den Hausgärten noch nicht.

Wie anders sieht es heute aus. In einer Zeit, in der man jedes

Gemüse, selbst das exotisch ste, günstig im Supermarkt bekommen

kann – und das zu ungemein günstigen Preisen - sind

Selbstversorger-Gärten eher selten. Wer heute einen Nutzgarten

pflegt, dem geht es darum, mit eigenen Händen etwas

zu schaffen; etwas zu ernten, von dem man weiß, dass es nicht

gen-manipuliert und frei von Schadstoffen ist.

Die meisten Gärten dienen heute der Entspannung, dem

Chillen und Relaxen. Smart-Gardening-Produkte erledigen

den Großteil der Arbeit. Mähroboter halten die Rasenfläche

zentimetergenau auf dem gleichen Niveau. Die Frau des Hauses

– oder der Hausherr – kümmern sich um die edlen Zierrosen

und pflegeleichten Hecken. Eine

entspannende, schöne Welt …

Ob der pflegeleichte Garten

allerdings glücklicher

und zufriedener macht

als der Küchengarten

von früher, das kann

jeder für sich entscheiden.


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WOLL Frühling 2021 - 41

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Ein japanischer Garten in Warstein

Wo einem Fische aus der Hand fressen

Monika Lörchner

Iris Böning

E

in lachender Buddha.

Sorgfältig zurecht geschnittene

Bäume, die wie riesige

Bonsais aussehen. Kieswege schlängeln

sich zwischen drei Teichen, über

dunkelbraune Holzplanken erreicht

man das Teehaus. Japan? Nein: Allagen-Niederbergheim.

Hier hat sich

Markus Droste ein kleines Paradies

geschaffen.

16 Jahre ist es her, dass Markus Droste

gemeinsam mit einem Kumpel seinen

ersten Teich im Garten hinter dem

Haus baute. Seitdem ist immer mehr

hinzugekommen. Die drei großen

Teiche draußen sowie weitere kleine

Becken drinnen und draußen umfassen

insgesamt 120.000 Liter Wasser. Darin

tummeln sich Japan-Koi.

Aus Japan eingeflogen

„Ich kaufe die Fische ab 10 cm Länge“,

erzählt Markus Droste. Die kommen

dann direkt aus Japan zu ihm. Eine

aufwendige Prozedur: die Koi, erst in

einer mit Wasser und Luft gefüllten

Tüte und dann in einem Karton gepackt,

sind rund anderthalb Tage mit

Flugzeug und anderen Verkehrsmitteln

unterwegs. Kein Wunder, dass eine

Lieferung 600 bis 800 Euro kostet! In

ihrem neuen Zuhause angekommen,

müssen die wertvollen Fische dann

erst einmal vorsichtig an Wasser und

Temperatur gewöhnt werden.

„Ich kaufe immer nur bei einem

Händler“, so Markus Droste. „Dadurch

verhindert man, dass man sich Krankheiten

einkauft.“ Dennoch ist für die

rotweißen, goldenen, schwarzweißroten

oder schwarzweißgoldenen Neuankömmlinge

erst einmal Quarantäne

42 - WOLL Frühling 2021


Schöne Pflanzen für Ihren Garten

Bitte sehen Sie sich unsere Kulturen an. Ein Besuch lohnt sich!

Obstbäume

Rosen

Nadelgehölze

Beerensträucher

kräftige Blütensträucher

Stauden

Markus Droste im Gespräch mit Redakteurin Monika Lörchner

Meschede-Wennemen)

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angesagt. Dafür kommt jeweils ein neuer Fisch mit einem

„alten“ für mindestens eine Woche in ein Extrabecken, wo

ihre Bakterienstämme aufeinandertreffen. Zeigen sich nach

Ablauf der Zeit keine Anzeichen einer Krankheit, dürfen

beide Fische zu den anderen in einen der Teiche.

Dort leben sie am liebsten als Schwarmfische unter ihresgleichen.

Haben die Fische ausreichend Versteckmöglichkeiten,

gibt es auch schon mal Nachwuchs. Koi können bis zu 60

Jahre alt und 70 cm lang werden. Neben Krankheiten ist

hierzulande nur der Fischreiher eine Gefahr; der wird durch

aufgestellte, blinkende Discokügelchen ferngehalten.

Außer Koi hält Markus Droste auch einige Wimpelkarpfen,

die die Algen im Teich unter Kontrolle halten. Koi sind sehr

"Wir machen aus jedem Garten

einen Platz zum Wohlfühlen."

Gartenplanung

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WOLL Frühling 2021 - 43


obuste Fische und brauchen außer

sauberem Wasser nicht viel. Futter gibt

es nur bis zu einer Außentemperatur

von 5 Grad Celsius; darunter fahren

die Fische nämlich ihr Immunsystem

runter und fressen nichts mehr.

Alles Eigenbau

Handwerker Markus Droste hat alles

selbst gebaut: Das Teehaus im japanischen

Stil, die Wege, die Holzplanken

und nicht zuletzt die Teiche. „Die sind

alle aus Glasfaser“, verrät er uns. Außerdem

hat er nur die besten Filteranlagen

verbaut. „Die sind das A und O.

Wenn man beim Filter spart, hat man

hinterher doppelte Arbeit und Kosten.“

Rund 400 Koi bevölkern die Drosten‘schen

Teiche. Für das WOLL-

Fotoshooting lockt Markus Droste

die Tiere mit etwas Futter an – und

zu unserem Erstaunen fressen die ihm

sogar aus der Hand!

„Koi sind so zutraulich, mit denen

könnte man sogar schwimmen“, erzählt

der 58-Jährige. Er liebt die Atmosphäre

seines Gartens und die Gelassenheit,

die die Fische ausstrahlen. Er kennt jeden

einzelnen von ihnen. Zwar machen

die Koi viel Arbeit, doch das ist es ihm

wert. „Die Stadt mit ihrem Stress, Gestank,

Krach und Verbrechen ist nichts

für mich. Hier habe ich Ruhe.“

Wir schauen uns noch einmal im

Garten um. Die Sitzbank hinten in der

Ecke. Die kleine Brücke zum Teehaus.

Die träge dahingleitenden Koi.

„Ich will hier nie wieder weg“, sagt

Markus Droste.

Wir auch nicht. ■

Nach einer kreativen Winterpause starten

wir jetzt wieder durch und freuen uns,

Sie als Kunden zu begrüßen.

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Da staunt nicht nur der Buiterling:

Das Wandern ist des Müllers Lust

Sabina Butz

Anke Kemper

Ach, was waren das noch für schöne

Zeiten, als man einfach seine

Wanderschuhe anziehen durfte

und in bequemer Kleidung durch das

wunderschöne Sauerland spazieren konnte.

Heute ist dieses Vorgehen wesentlich

komplizierter, kostenintensiver und nur

für Bürger/innen mit Englischkenntnissen

möglich. Wir sprechen von outdoor

activities. Googelt man diesen Begriff,

lautet die Übersetzung: Outdoor Aktivitäten.

Outdoor ist also schon einmal ein

global verständlicher Begriff. Draußentätigkeiten

klingt ja jetzt auch nicht wirklich

spannend, Tätigkeiten außerhalb der

Tür ist in jedem Fall missverständlich.

Also bleiben wir bei outdoor. Aber jetzt

geht es erst richtig los mit den schwierigen

Entscheidungen: Wandern könnte

Hiking, Trekking oder Walking sein. Für

alle drei Bewegungsarten sind unterschiedliche

Bekleidungen und vor allem

anderes Schuhwerk vorgesehen. Wie

sieht das denn aus, wenn ein Walker in

Trekkingklamotten und Trekkingschuhen

daherkommt, vielleicht sogar noch

mit Rucksack, sorry backpack, auf dem

Rücken? Geht doch gar nicht! Für die

Nicht-Englisch-Muttersprachler/innen:

Walking setzt eine befestigte Straße/Weg

voraus. Hiking findet in der freien Natur,

vorzugsweise in den Bergen statt und

beim Trekking ist mindestens eine Übernachtung

in der freien Natur vorgesehen.

Ganz recht, deshalb der Rucksack!

Wer lieber Wassersport betreibt, findet

hier, im beschaulichen Sauerland, am

Hennesee Gelegenheit zum Suppen (bitte

Sappen aussprechen). Gemeint ist Stehpaddeln

= englisch Stand-Up-Paddling

= Abkürzung SUP. Dazu benötigt man

natürlich ein SUP Board, welches gut

und gerne eine höhere dreistellige Summe

kostet, plus entsprechende SUP-Sportswear,

vorzugsweise mit wasserdichter

Handytasche und eingebauter Kamera,

um die sozialen Netzwerke mit den

Followern immer auf dem Laufenden zu

halten.

Übrigens: Grillen, Rasenmähen, Unkrauthacken

oder einfach nur faul in der

Sonne liegen, zählen ebenfalls zu den

Outdoor-Aktivitäten, ohne anglifizierte

Terminologie, aber die kommt bestimmt

noch. Bis dahin dürfen wir uns, wie der

Müller anno dazumal, mit Lust einfach

in der freien Natur vergnügen. ■

WOLL Frühling 2021 - 45


In der Kleingartenanlage Neheim trifft

deutsche Tradition auf internationales Flair

„Urlaub im eigenen Garten“ Daniela Weber Susanne Droste

W

ie ein kleines Paradies für

Hobbygärtner erstreckt sich

die Neheimer Kleingartenanlage

auf dem Wiedenberg. Mit Blick

auf den Neheimer Dom, auf Wald und

Flur trifft wohl ein Spruch auf dieses

gemütliche Kleinod besonders

zu: „Der kürzeste

Weg in den Urlaub

ist der Weg in den

Garten.“

Gekleidet mit

grüner Latzhose,

rotem Shirt und

schwarzen Stiefeln,

in der linken Hand

den beigen Strohhut

zum Gruße ausgestreckt und den rechten

Arm lässig auf der mit Erde bedeckten

Schaufel abgestützt – dieses fidele

„Männchen“ begrüßt alle Hobbygärtner

am Eingang der Kleingartenanlage.

So wie die Figur, die an dem gelben

Vereinsheim angebracht ist,

stellt man sich wohl den

perfekten Gärtner

vor: voller Tatendrang

und ohne

Scheu vor ein bisschen

„Maloche“

und Dreck. „Die

meisten, die hier

eine Parzelle haben,

sind schon passionierte

Hobbygärtner“, betont

Manfred Ewald

der erste Vorsitzende Manfred Ewald,

der sich selbst natürlich auch dazu zählt.

Seit nunmehr 30 Jahren lebt und liebt

der Neheimer das Kleingärtnertum. „Ich

experimentiere gerne. Letztes Jahr habe

ich zum Beispiel die Birnenmelone angepflanzt“,

sagt er stolz. Ob die Früchte

nun nach Birne oder nach Melone geschmeckt

haben, kann der sympathische

Vorsitzende gar nicht so genau sagen.

„Süß, das waren sie wohl.“ Exotische

Früchte, viel Grün: „Urlaub im eigenen

Garten sozusagen.“

Ein bisschen Spießigkeit muss sein

Hauptsächlich werden auf den insgesamt

74 Parzellen aber bekannte Gemüsesor-

46 - WOLL Frühling 2021


ten und Früchte angebaut. „Kartoffeln,

Erdbeeren und Kohl sind sehr beliebt,

aber auch rote Beete und Sauerampfer“,

erklärt Ewald. Trotz ähnlicher Vorlieben

beim Anpflanzen zeigen sich bei

der Gestaltung der Gärten viele eigene

Stile. Die einen akkurat angelegt, die

anderen etwas wilder geplant. Auch bei

den Lauben gibt es eine bunte Vielfalt:

Ob urige Holzhütten oder massive

Häuschen aus Stein – jedes Gebäude

versprüht seinen eigenen Charme.

Und was wäre ein deutscher Schrebergarten

ohne die ein oder anderen

Gartenzwerge? Etwas Spießigkeit muss

sein. „Es gibt natürlich auch gewisse

Regeln hier“ Typisch deutsch eben.

„Die Häuschen dürfen fünf Meter mal

3,5 Meter, sprich 17,5 Quadratmeter,

groß sein. Ein Drittel der Fläche muss

bewirtschaftet werden, ein Drittel muss

Wiese sein und das letzte Drittel steht

für die Laube zur Verfügung“, erklärt

Ewald, der das „Kleingartengesetz“

stets bewacht. „Ich laufe durch die

Anlage und schaue natürlich nach dem

Rechten. Auch die Einhaltung der Ruhezeiten

kontrolliere ich, ein bisschen

wie ein Sheriff. Das muss ja sein“, sagt

er mit einem Augenzwinkern.

Viele Kleingärtner mit

Migrationshintergrund

Was nach waschechter deutscher Manier

klingt, ist aber letztendlich weniger

deutsch als mancher denken mag.

„Über 50 Prozent der Kleingärtner

haben einen Migrationshintergrund.

Unter anderem sind viele Mitglieder

Russlanddeutsche. Die haben übrigens

einen besonders grünen Daumen“,

lacht der passionierte Kleingärtner.

Auch Griechen und Syrer erfreuen sich

an der deutschen Behaglichkeit.

Wer auch Lust auf Vereinsleben, Gartenarbeit

und ein bisschen Multikulti

hat, muss zurzeit Geduld mitbringen:

„Es kommt nicht so oft vor, dass

jemand seinen Kleingarten verkauft.

Wer einmal einen hat, der möchte ihn

natürlich ohne triftigen Grund nicht

aufgeben“, so Ewald abschließend. ■

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Tipps vom Marsberger Gartenexperten Udo Engemann

Unser Garten im

Sonja Funke

Frühling

F

rühling! Die Sonne strahlt schon kräftig und die

Gartenbesitzer juckt es in den Fingern. Doch was

tun? Wo fange ich an? Und wann? Schließlich bin

ich im „Hoch“-Sauerland. In unseren Gefilden kann

dem Hobbygärtner bis zu den Eisheiligen Mitte Mai und

darüber hinaus immer noch der Frost die Pflanzen verderben.

Trotzdem müssen wir nicht mit allem warten, wie

Udo Engemann – er betrieb bis vor einigen Jahren noch eine

Gärtnerei in Marsberg – dem WOLL-Magazin verrät.

Ein Blick in den Garten. Draußen zwitschert es so schön, also

fangen wir bei der Hecke an? „Bloß nicht!“ Die Antwort ist eindeutig,

denn: Vom 1. März bis zum 30. September verbietet dies

das Bundenaturschutzgesetz, Hecken, aber auch Gebüsch und

andere Gehölze zu schneiden. Eben damit die Vögel in Ruhe

dort brüten und weiter zwitschern können. Nun gut, aber dort,

die Rosen, da könnte man doch schon mal dran, oder? „Lieber

erst, wenn der Wetterbericht längere Zeit ohne Frost anzeigt“,

rät Udo Engemann. Alle Triebe, die bei hohen Frühlingstem-

48 - WOLL Frühling 2021


peraturen austreiben, können, sobald es noch mal ordentlich

friert, absterben, weil die Zellen platzen und die Zellflüssigkeit

verdunstet. „Dann vertrocknet das frische Grün, zumal, wenn

sie in der Sonne stehen. Und im schlimmsten Fall sind sie

hinüber.“ Er rät: Im Winter eingepackte Pflanzen nicht zu früh

abzudecken. Dies schützt auch vor Sonneneinstrahlung, nicht

nur vor Frost. „Wenn die Wetterberichte ab Mitte März grünes

Licht geben, dann runternehmen.“

Und was mache ich mit meinen Obstbäumen? Wie oft ist es

in den vergangenen Jahren passiert, dass Apfel und Kirsche die

schönsten Blüten zeigten, dann kam Herr Frost und mit ihm

ging die Hoffnung auf eine reichhaltige Obsternte. Ein Jammer.

Hier weiß auch der Experte wenig Rat. Nur so viel: „In Obstanbaugebieten

wie etwa im Alten Land werden die Bäume vor

dem Frost zum Beispiel mit Wasser eingesprüht.“ Die Blüten

frieren ein und sind auf diese Weise geschützt.

Warten bis zu den Eisheiligen?

Schauen wir mal zum Balkon. Wäre das schön, wenn es dort

schon bunt wäre! Muss ich wirklich warten bis zu den Eisheiligen

Mitte Mai? Viele wagen es schon früher. Kann klappen,

wenn man den Wetterbericht im Auge behält. „Wenn man

drinnen ein helles, warmes Plätzchen dafür hat, kann man

die Balkonblumen schon ab Ende März pflanzen. Das hat

den Vorteil, dass sie gut angewurzelt und im Saft sind, wenn

wir sie rausstellen. Dann blühen sie auch schon ein bisschen“,

erklärt der Experte. Manche pflanzen für den Übergang auch

Frühlingsblumen wie etwa Primeln oder Bellis (große Gänseblümchen)

und tauschen später aus. Was aber kann ich denn

nun wirklich draußen machen? „Anfang des Frühjahrs können

Sie schauen, wo Ihre im

Herbst gesteckten Zwiebeln

bleiben, zum Beispiel

Narzissen, Krokusse, Tulpen.“

Als ob ich noch wüsste,

wo ich sie mal eben schnell

in die Erde gesteckt habe. Oder

ob ich einfach jetzt noch welche

reinstecke? Zu spät, das geht höchstens

mit welchen aus dem Topf, sagt der Experte.

Ich mache mir ´ne Notiz auf dem Oktober-Kalenderblatt: „Blumenzwiebeln

rein!“ Mein letzter Blick wandert zu den hohen

Gräsern vorm Haus. Alles braun, verwelkt, nicht mehr schön.

Darf ich? Hurra, unser Gartenexperte gibt mir grünes Licht:

„Die können Sie ruhig schon mal auf ein gutes Drittel runterschneiden.“

Endlich was zu tun. Und vielleicht säe ich auch

schon mal den ersten Salat ins abgedeckte Hochbeet. „Nee,

lieber in der Kiste säen, pikieren und erst die Pflänzchen ins

Beet setzen“, sagt Udo Engemann und ergänzt. „Früher wurde

im März bereits Kohl gepflanzt, da gab es ja die Mistbeete, die

wärmten von unten.“ Der neue Trend zum Gärtnern, ob er

auch ein Zurück zu Mistbeeten bringt? Bleibt abzuwarten.

Es nützt also alles nix: Der März eignet sich allenfalls zum Vorzüchten

in nicht zu kalten, nicht zu dunklen Räumen. Ein paar

frostharte Stiefmütterchen oder Männertreu im Umtopf können

einem Vorfreude vors Haus bringen. Ab April, also nach

Ostern kann es, so Wettergott will, richtig losgehen mit dem

Säen, Pflanzen und Ernten. Und dann bis Oktober? „Es kann ja

auch im Sommer mal intensiv hageln“, meint der Experte. Och

nö! ■

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Frühling 2021 - 49


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„Müll ist extrem interessant!“

Lobbe hat das Glück, in einer sehr vielfältigen, höchst

anspruchsvollen und sich immer wandelnden Branche zu arbeiten

Inga Bremenkamp

Jürgen Eckert

Tobias Wiedemeier, Vertriebsleiter

für den Hochsauerlandkreis

und Marcell Wiese,

Geschäftsführer der Lobbe

Entsorgung in Bestwig

„Wir sprechen nur noch von Wertstoffen. Sie

werden von uns eingesammelt, sortiert und in

Verwertungsanlagen weiterverarbeitet.“,

erklärt Marcell Wiese

Anforderungen bei der Abfallentsorgung

ändern sich ständig. Das macht unsere

„Die

Arbeit super interessant, sehr vielfältig und

extrem anspruchsvoll. Vor gut zwei Jahren wurde beispielswiese

allen gewerblichen Abfallerzeugern auferlegt, möglichst

alle Abfälle getrennt voneinander zu sammeln und

verwerten zu lassen. Die Verwertung muss gesetzeskonform

dokumentiert werden. Hierfür wurden Konzepte erstellt, so

dass allen Kunden eine optimale Lösung angeboten werden

konnte“, sagt Tobias Wiedemeier, Vertriebsleiter bei Lobbe

für den Hochsauerlandkreis.

Heutzutage fällt es schwer, von Müll zu sprechen, weil mittlerweile

fast alles recyclebar ist. Das eine einfacher, das andere

schwerer. „Wir sprechen nur noch von Wertstoffen. Sie werden

ARRIERE

von uns eingesammelt, sortiert und in Verwertungsanlagen

weiterverarbeitet.“, erklärt Marcell Wiese, der mit 21 Jahren

im Unternehmen angefangen hat, fast alle Hierarchieebenen

durchlaufen hat und heute Geschäftsführer der Lobbe Entsorgung

in

N BRILON

Bestwig ist. Seitdem im vergangenen Jahr Lobbe

Stratmann übernommen hat, hat das Entsorgungsunternehmen

noch deutlich mehr Möglichkeiten. „Wir haben jetzt

tttttttttttttttttttttttt

50 - WOLL Frühling 2021

ein viel größeres Leistungsangebot für Privat- und besonders

Gewerbekunden. Neben der Entsorgung von Gewerbeabfällen

können wir unseren Kunden jetzt auch die Übernahme von

Sonderabfällen anbieten“, freut sich Tobias Wiedemeier über

die Vielfalt, die sich auch im Team bei Lobbe widerspiegelt.

„Die Branche bietet für jeden etwas, ob junge Menschen, die

einen Ausbildungsplatz suchen oder ausgebildete Fachkräfte,

die eine neue Herausforderung suchen. Wir bilden verschiedene

Berufe aus und freuen uns immer über Zuwachs in unserem

familiengeführten Unternehmen“, versichert Marcell Wiese,

der selbst sehr gerne in einer interessanten Branche mit guter

Zukunftsperspektive arbeitet. ■

Hier geht’s zum Video:

Lobbe Entsorgung West

Gallbergweg 7

59929 Brilon


“Ach du lieber Gott!

Das geht doch gar nicht!”

Maria Fraune-Tillmanns rührender Abschied

vom Mescheder Wochenmarkt

Nicola Collas

Jürgen Eckert

M

inusgrade, bei denen die Hände und Füße fast

zu Eisklumpen gefroren. Nasse Klamotten im

Frühlingsregen. Und viele herzliche Begegnungen.

Maria Fraune-Tillmanns stand 13 Jahre lang jeden

Freitagmorgen an ihrem Obst- und Gemüse-Stand auf dem

Mescheder Wochenmarkt. Nach ihrem „Letzten“ geht es für

sie gleich ins Malatelier.

Fast 30 Jahre lang bewirtschafteten Maria Fraune-Tillmanns

und ihr Mann Burkhard den Gärtnerhof Röllingsen in der

Nähe von Soest. Nun, da die beiden ihren Hof an eine andere

Familie übergeben, wird es für die 66-Jährige freitags keine

Markttage mehr in Meschede geben. „Der Abschied war so

emotional”, berichtet sie sichtlich gerührt, “Ich habe so viele

tolle Briefe und Karten bekommen“, erzählt Maria. Viele Begegnungen

der vergangenen Jahre behält sie in Erinnerung.

„Wenn Menschen z. B. einen schweren Schicksalsschlag erlitten

haben und ich mir die Zeit nehmen konnte, ihnen zuzuhören.”

Die meisten Gespräche waren aber eher erfreulich, manche gar

witzig. So wie am letzten Tag noch: Da kam ein Stammkunde,

der erst da von meinem Abschied hörte und meinte:

‚Ach du lieber Gott, das

geht doch gar nicht!‘“

Maria beschreibt die Sauerländer als herzlich, offen, treu und

verlässlich. „Viele waren erst zurückhaltend, aber nachdem wir

uns besser kennenlernten, sind viele tiefe Beziehungen entstanden.“

Auch wenn sie jahrelang meist früh aufstehen musste, bei

Wind und Wetter auf dem Markt in Meschede stand, sagt sie

rückschauend: „Es gab nie Tage, an denen ich dachte: Nie wieder!

Ganz im Gegenteil. Es ist so schön, morgens in aller Frühe

diese Stille zu erleben. Egal zu welcher Jahreszeit.“

Maria geht mit einem weinenden, aber auch mit einem lachenden

Auge. Denn sie weiß den Demeter-Marktstand in Meschede

in guten Händen. Außerdem genießt sie es, in Zukunft

mehr Zeit zu haben: „Mein Alltag und mein Wochenablauf

werden nicht mehr so getaktet sein. Und ich freue mich, dass

ich mich jetzt mehr meiner großen Leidenschaft, der Kunst,

widmen kann.“ Wenn alles nach Plan läuft, wird Maria Fraune-Tillmanns

im September ihr eigenes Malatelier in Soest-

Röllingsen eröffnen. ■

WOLL Frühling 2021 - 51


„Nur bitte

nie mit

kalten

Füßen!“

Entspannung pur im Kneipp-

Erlebnispark Olsberg

Sonja Funke

Tourismus Brilon Olsberg, sabrinity

W

asser, Bewegung, Balance, Ernährung und

Genuss, Kräuter: Pfarrer Sebastian Kneipp wurde

vor 200 Jahren geboren und seine Lehre ist voll

im Trend. Im Kneipp ErlebnisPark Olsberg können sich Besucher

an der frischen Natur gut und gerne eine, aber auch

zwei bis drei Stunden beschäftigen, je nach persönlicher

Fitness und Zeit. Frei nach einem der vielen Leitsprüche

Kneipps: „Alles zu seiner Zeit und alles im rechten Maß.“

Ein großer Pluspunkt: Der Park, der sich über alle Teile des Kurparks

Olsberg bis in die Ruhraue Bigge erstreckt, ist komplett

ebenerdig, barrierefrei an fast allen Stationen und ausdrücklich

für Menschen mit Behinderung mitgebaut. Ideal kombinieren

lässt sich der Besuch auch mit einem Termin im zentralen

Covid-19-Impfzentrum des HSK. Die Konzerthalle liegt direkt

52 - WOLL Frühling 2021


RastOrt Kneipp-Park Dr.Grüne

am Eingang des Kneipp ErlebnisParks, in dem auch in diesem Jahr, falls

möglich, wieder ein vielfältiges Programm mit Kräuterführungen,

Wasseranwendungen, Taulaufen, Pilates-Einheiten sowie QiGong-

Übungen angeboten wird. Wir starten unseren Rundgang mit

Gesundheitspädagogin Mechthild Funke und Gesundheitsmanagerin

Christina Bödefeld am Parkeingang, an den fünf Kneipp’schen

Säulen und den Armbecken, direkt am Haus des Gastes und der

Olsberg-Touristik. „Der Armguss ist die Tasse Kaffee des Kneippianers“,

sagt Mechthild Funke. „Alles, was oberhalb des Bauchnabels

passiert, ist erfrischend, alles unterhalb beruhigend.“ Und sie

fährt fort: „Jeder kann das, nur gilt es, die oberste Regel Kneipps zu

beachten: Nie mit kalten Füßen ins kalte Wasser!“

Schon im vergangenen Jahr war der Kneipp ErlebnisPark im ältesten

Kneipp-Kurort NRWs ein Besuchermagnet. Von ihren Büros in der Touristik

aus haben Mechthild Funke und Christina Bödefeld die Menschen

jeden Alters beobachtet, wie sie ihre Arme an den Becken am Eingang

des Parkes eintauchten oder wie Familien in der Sonne am Olsberg Eck

pausierten. Diese Stelle unweit des Parkeingangs ist über Treppen erreichbar,

hier fließen Ruhr und Gierskopp zusammen; sie ist einer von

zehn RastOrten im Kneipp-Erlebnispark. „Auf das Wasser zu blicken,

ist eine ideale Möglichkeit, über die Lebensordnung, die Balance,

zu meditieren“, sagt Mechthild Funke. „Jeder hat doch etwas, das er

sprichwörtlich von sich wegfließen lassen möchte. Und umgekehrt

auch etwas Schönes, das einem entgegenkommen sollte.“

Armguss im Kneipp-Park Dr.Grüne

Wir gehen über eine Ruhrbrücke zu ihrem Lieblings-Ort im Park,

dem RastOrt Kräutergarten mit Streuobstwiese, außerschulischem

Lernort und Boule-Bahn. Stoffwechsel, Haut oder auch Erkältungskrankheiten:

In den acht Beeten wachsen von Thymian bis Rosmarin

die verschiedensten Helferlein, alles ist beschriftet. Bei ihren Führun-

WOLL Frühling 2021 - 53


Gesundheitsmanagerin Christina Bödefeld Kneipp Aktiv Weg Gesundheitstrainerin Mechthild Funke

gen geben die Kneipp-Animateure gern Auskunft. Die blühenden

Kräuter hätten sie über den Sommer am Leben gehalten,

sagte ein sehr betagtes Ehepaar zu Mechthild Funke. Fast jeden

Morgen hat sie die beiden beim Gießen angetroffen. Kürzlich

überreichten sie ihr ein Buch mit Fotos aus dem Kräutergarten,

blühende Kräuter von März bis Oktober.

„Wir haben die Fotos für die Brücke an der Ruhraue verwendet“,

freut sich Christina Bödefeld. In Bigge, an der renaturierten

Ruhr, spannt die im Herbst eingeweihte Brücke den Bogen

für den insgesamt 6,8 Kilometer langen Rundgang entlang

der zehn RastOrte an Ruhr und Gierskopp, zu denen auch

Out-Door-Fitness-Geräte und der Mehrgenerationenpark mit

Spielplatz sowie das Aqua Olsberg und der Lebensgarten am

Josefsheim gehören.

Im „Haus des Gastes“, direkt am Parkeingang hat auch Gesundheitsmanagerin

Christina Bödefeld, ihr Büro. Und von

hier aus sind es nur ein paar hundert Meter und einen Kurpark

weiter bis zu ihrem persönlichen Lieblingsort. Er liegt ganz im

Osten, im Kneipp-Park Dr. Grüne, einmal über die Bahnhofstraße

und kurz durchs neu gestaltete Olsberger Zentrum. Alte

Bäume, ein großer Teich, viele Ruhebänke (auch mit Dach) und

eine Handvoll Spielmöglichkeiten am Wasser sowie ein Barfußpfad.

Hier, wo mit dem Sanatorium von Dr. Grüne vor 126

Jahren die Kneipp-Tradition in Olsberg begann, ist ein großer

Entspannungsraum für alle Generationen eingerichtet. „Als wir

hier im Sommer After-Work-Pilates unter den Bäumen gemacht

haben, das war einfach schön“, sagt die Touristikerin, die in

jeder Mittagspause durch den Park spaziert. Wer es ihr nachmachen

und dabei Arme oder Füße ins Wasser eintauchen möchte,

nur zu: „Ein Handtuch“, erklärt Mechthild Funke, „braucht

man nicht. Einfach die Füße trocken laufen und zurück in die

Schuhe.“ Und dann weist sie nochmals auf eines hin: „Nie mit

kalten Füßen ins kalte Wasser!“ ■

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54 - WOLL Frühling 2021

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Traumhafte

Aussicht

Manfred Haupthoff

Bei einem Spaziergang im März entdeckt man manchmal noch die Spuren des Winters,

aber der Frühling hält schon Einzug, wie hier kurz vor Visbeck.

WOLL Frühling 2021 - 55


„Der Segler im Allgemeinen

ist ein weltoffener

Gesellschaftsmensch“

Markus Buscher segelt auf dem Hennesee

Sonja Nürnberger

Privat

N

icht mehr lange bis zum Feierabend. Draußen

scheint die Sonne. Markus Buscher kann den

Wind, der ihm die Haare zerzaust und das leichte

Schwanken unter ihm förmlich schon spüren. Er öffnet

die Webcam des Hennesees, schaut aufs Wasser und nickt

zufrieden. Gleich nach der Arbeit wird er sich aufs Rad

schwingen und sein Boot bereit machen, um aufs Wasser

rauszufahren und die Stille des Sees zu genießen.

Der 35-jährige Mescheder machte bereits in der Schulzeit seine

erste Bekanntschaft mit dem Segeln – die Abschlussfahrt: ein

Segeltörn in den Niederlanden. „Danach dauerte es aber noch

eine Weile, bis ich dem Segelsport vollends verfallen war“, erinnert

er sich. Der Segelclub Hennesee bot an, einen Segelschein

zu machen. „Dieses Angebot direkt vor der Haustür wollte ich

nutzen und habe mich direkt angemeldet.“ Die Theorie war

– wie eben immer – sehr theoretisch: Vorfahrtsregeln, Knoten

und Manöver mussten auswendig gelernt werden. „Der praktische

Teil war deutlich spannender. Denn da ging es wirklich

raus aufs Wasser.“ Weitere Segelscheine folgten: Inzwischen

darf Markus auch auf der Ostsee segeln und im Urlaub in

wärmeren Regionen geht er gerne raus aufs Mittelmeer. „2015

war es dann endlich Zeit für ein eigenes Boot“, berichtet er

nicht ohne Stolz.

Im Segelclub kommen Menschen zusammen, für die der

Segelsport Hobby und Entspannung bedeutet. „Aber der

Segelclub bietet – wenn keine Pandemie das Leben bestimmt

56 - WOLL Frühling 2021


– auch viermal im Jahr eine Regatta an“, erklärt Markus. „Vor

allem geht es aber eben darum, einen Nachmittag oder ein

Wochenende mit der Familie oder Freunden auf dem Wasser

zu verbringen.“ Dafür gibt es auch abseits des Segelns einige

Events: „Ob Heringsessen, Wanderungen oder ganz klassisches

Sauerländer Kartoffelbraten, der Segelclub bietet ein buntes

Programm an, das auch eine ebenso bunte Mischung an

Leuten anlockt.“ Jung und Alt, Frauen und Männer – die etwa

100 Mitglieder des Vereins zeigen einen schönen Querschnitt

komplett durch die Gesellschaft. „Viele Menschen denken,

dass Segeln ein besonders teurer Sport sei. Aber das stimmt

so nicht. Natürlich kostet es Geld, wie fast jedes Hobby. Aber

man muss kein Millionär sein“, stellt Markus klar.

Segeln im Sauerland

„Neben dem Hennesee gibt es natürlich auch noch andere

Seen im Umkreis. Speziell der Hennesee wird von uns Seglern

das ein oder andere Mal verflucht.“ Das liegt an seiner besonderen

Form – er ist sehr schmal und langgezogen – und der

Talsperre. „Als Segler ist man eben angewiesen auf den Wind.

Und hin und wieder ist es am Hennesee so, dass der Wind von

oben kommt, was das Segeln schwierig macht“, erklärt Markus

und fügt schnell hinzu: „Aber eigentlich liebe ich unseren

Hennesee!“ Und damit ist er nicht allein. Auch Segler aus dem

Ruhrgebiet haben ihre Boote hier liegen. „Es ist einfach ein

ruhiges Plätzchen, das nicht so sehr von Touristen überrannt

wird. Das schätzen auch Menschen von außerhalb.“

Für Markus als Mescheder ist es natürlich besonders praktisch,

eine Segelmöglichkeit direkt in der Nähe zu haben. „Ich kann

mich aufs Fahrrad schwingen und bin in zehn Minuten bei

meinem Boot, eine Viertelstunde später habe ich alles so weit

vorbereitet, dass ich lossegeln kann.“

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Faszination Segeln

Manchmal macht Markus das allein, wenn er nach der Arbeit

Ruhe braucht, geübt genug ist er inzwischen. „Aber es macht

natürlich mehr Spaß, wenn andere Leute dabei sind. Ganz

klar!“ Durch den Segelclub hat Markus schnell Kontakt zu anderen

Segelbegeisterten gefunden. Freundschaften haben sich

gebildet, auch zu Seglern in anderen Regionen Deutschlands.

„Der Segler im Allgemeinen ist ein weltoffener Gesell


schaftsmensch“, findet Markus und erinnert sich daran, wie

bereitwillig er immer mitgenommen wurde, als er noch kein

eigenes Boot hatte.

Im vergangenen Jahr hat er nun selbst angeboten, Menschen

mitzunehmen – auch solche, die noch keine Segelerfahrung

gesammelt haben: „Ich habe gesagt: Wer einmal ein Gefühl

für das Segeln bekommen möchte, der kann einfach mitkommen.“

Tatsächlich meldeten sich eine ganze Menge Interessierter,

die für ein, zwei Stunden mit aufs Boot kamen. „Vor allem

die Kinder hatten Spaß daran, wenn sie auch einmal selbst das

Boot steuern durften.“

Markus ist Segler aus Leidenschaft und die möchte er auch

anderen vermitteln: „Für mich ist das Segeln einfach ein

Kontrast zu meinem Alltag. Man konzentriert sich nur noch

darauf. Man ist quasi gefangen auf dem Boot, auf eine positive

Weise, die einem dabei hilft, dem Alltagstrott zu entkommen.

Der Kopf muss sich auf etwas völlig anderes konzentrieren als

die üblichen Probleme.“ Dieses befreiende Gefühl ist es, das

Markus am meisten fasziniert. „Und dann die Tatsache, dass

sich das Boot völlig ohne Motorkraft bewegt. Man muss ‚nur‘

die Segel richtig setzen und das Boot bewegt sich vorwärts.“ ■

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58 - WOLL Frühling 2021


Picknick

das Essen im Freien

Christel Zidi Tom Linke

der Landwirtschaft war es

früher üblich, die Mittags-

In pause auch gleich auf dem

Feld zu verbringen und dabei etwas

Mitgebrachtes zu verzehren. Wohlverdient

schmeckt das Essen an der

frischen Luft noch mal so gut. Eine

Decke, ein Korb mit etwas Essbarem,

ein paar Getränke - und viel frische

Luft. Das ist eigentlich schon alles,

was man benötigt.

Für ein Essen im Freien bereitet man

am besten Speisen vor, die auch kalt gut

schmecken: Kartoffel- oder Nudelsalat

(im Sommer lieber Essig und Öl statt

Mayo). Blattsalate halten nicht lange genug.

Lecker sind auch abwechslungsreich

belegte Sandwiches. Und dazu Frikadellen,

Chicken Wings oder Schnitzel.

Frisches Obst und/oder Kekse sollten

auch nicht fehlen. Zum Schluss noch an

Besteck und Geschirr, an den Korkenzieher,

eine Sonnencreme und Mückenspray

denken. Wichtig bei all dem ist,

dass man vorher nicht stundenlang in der

Küche steht, um alles vorzubereiten. Ein

Picknick soll schließlich ein im Ganzen

zwangsloses Vergnügen sein.

Schnell zubereitet und mal etwas anders

als der übliche Schichtsalat ist dieser:

Schichtsalat mit Fisch

Zutaten (für vier Personen):

200 g Rote Bete aus dem Glas

2 kleine Äpfel, 4 hartgekochte Eier

200 g Heringe, 1 kleine Zwiebel, geschält

3 EL Öl, 2 EL Apfelessig

Pfeffer, 1 Prise Zucker,

etwas Schnittlauch, etwas Zitronensaft

Zubereitung:

Rote Beete gut abtropfen, klein würfeln. Eier pellen, klein würfeln

Äpfel schälen, raspeln und mit Zitrone beträufeln

Hering abtropfen, in kleine Stücke schneiden und mit der fein gewürfelten

Zwiebel, dem Apfelessig, Salz, Pfeffer und Öl mischen. Zum Schluss

mit einer Prise Zucker abschmecken.Rote Beete, Äpfel, Eier in die Gläser

schichten. Dann Hering darauf geben. Mit Schnittlauch bestreuen. Gläser

gut verschließen.

WOLL Frühling 2021 - 59


Kräutersalze und Hexenlimonade

vom Hennesee

Zu Besuch bei der Kräuterkundigen Anna Kremer

Monika Lörchner

Susanne Droste

E

rflinghausen in der

Nähe des Hennesees.

Hier lebt die Wild- und

Heilkräuterpädagogin Anna

Kremer. Das etwas abseits

gelegene Dorf bietet genau die

richtige Umgebung, um sich auf

die Suche nach den Schätzen der

Natur zu begeben.

„Hier wachsen 40 bis 45 verschiedene

Kräuter“, erzählt Anna Kremer. Wer die pflücken

möchte, sollte ein paar Dinge beachten. „Nicht am Straßenrand

pflücken, nicht von gedüngten Mähwiesen und auch

nicht auf Hundestrecken“, rät die gelernte Hauswirtschafterin.

Ideal ist es abseits befahrener Wege, an steilen Böschungen

oder Flussläufen.

Die Faustregel lautet: Kann man die Blätter einer Pflanze

essen, gilt selbiges für Stängel und Blüten. Die erntet Anna

Kremer immer um die Mittagszeit, wenn der Tau weg ist und

sich die Kelche am weitesten geöffnet haben. Die Blüten darf

man übrigens auf keinen Fall waschen.

Und wenn ein Reh drauf gepullert hat? „Da müssen Sie sich

keine Sorgen machen“, sagt Anna Kremer und lacht. „Tiere

urinieren wurzelnah, damit die Pflanzen nicht in der Sonne

verbrennen.“

Am besten breitet man die Kräuter dann erst einmal im Freien

aus, damit Käfer rauskrabbeln können. Hat man alles gut getrocknet,

sind die Pflanzenteile zwei Jahre haltbar.

Kräuter im Sauerland: Viel mehr als nur Tee

„Wir hatten hier ja früher das

Hofhotel, da war ich in der

Küche. Heute kennt man das

überall, aber als ich vor 30

Jahren Blüten auf den Salat

gemacht habe, kam mein

Mann schon mal mit den Tellern

zurück.“ Frau Kremer lacht.

„Die Gäste hätten gesagt, ich solle

das Unkraut weglassen.“

Bereits als junges Mädchen wurde Frau

Anna Kremer von ihrer Großmutter in der

Kräuterheilkunde unterrichtet. Mit Mitte 50 machte sie

dann in Hallenberg eine zweijährige Ausbildung zur Wild- und

Heilkräuterpädagogin. Seitdem gibt sie Kräuterführungen.

Interessierte kommen dabei in den Genuss selbstgemachter

Kräuterdips, Pestos, Kräuterkuchen, Kräutersalze, Gelees und

Marmeladen. Aus süßen Kräutern, Apfelsaft und Mineralwasser

wird „Hexenlimonade“.

Anna Kremer

Aus ihrem Liebling, der Ringelblume, stellt die Erflinghäuserin

Salben und Cremes her. „Meine Enkel haben immer ein Döschen

von ‚Omas Zaubersalbe‘ in ihrer Kindergartentasche.“

Eine echte Alleskönnerin ist auch die Brennesel: „Sie enthält

nachweislich fast alle Vitamine und Nährstoffe, die wir

Menschen brauchen.“ Am besten erntet man die Pflanze im

März und April bevor sie blüht. Danach kann man ihre Samen

sammeln und als Gewürz verwenden. Bei Magenbeschwerden

hilft ein Tee aus Brennesel, Salbei, Thymian, Kümmel und

Fenchel. „Und beim ersten Halskratzen kaue ich Salbeiblätter.

Die wirken schmerzstillend und antibakteriell.“

60 - WOLL Frühling 2021


Rezept für Anna Kremers „Haustee“:

Man mische jeweils eine Handvoll Blätter

von Birke, Brennnessel, Walnuss, Himbeere,

Minze und Salbei. Dann vier Esslöffel

Tee mischung mit 1,5 Litern kochendem Wasser

aufgießen und zehn Minuten ziehen lassen.

Gift und Medizin

Wer selbst in die Welt der Kräuter eintauchen möchte, sollte

sich vorher gut informieren. Einige Arten haben giftige Doppelgänger.

Brunnenkresse kann mit Wasserschierling verwechselt

werden; der beliebte Bärlauch mit Gefleckten Ahornstab oder

dem Maiglöckchen. Und das Scharbockskraut, als Vitamin C-

Spender nach der Mangelerkrankung Scharbock (Skorbut) benannt,

wird giftig, sobald es blüht. Anfängern rät die 69-Jährige

daher, sich zunächst auf zwei oder drei Pflanzen zu beschränken.

„Die lassen Sie sich bei einer Kräuterführung dann genau

erklären. Mit Spitzwegerich oder Schafsgarbe etwa kann man

nichts falsch machen.“ Dabei soll man achtsam vorgehen, immer

nur ein bisschen pflücken und auf keinen Fall die Wurzel

herausreißen. Wer unsicher ist, kann Kräuter auch im eigenen

Garten züchten. Ringelblume und Kapuzinerkresse sind dabei

besonders unkompliziert. Im Kremerschen Garten wachsen

auch Dill, Bohnenkraut, Estragon, Kerbel und Beifuß. Zusätzlich

versorgt die mehrfache Großmutter die ganze Familie

mit Kartoffeln, Salaten, Bohnen, Möhren und vielen weiteren

heimischen Gemüsen. „Ich sage immer, was hier wächst, ist

auch gut für mich!“ ■

Alter Bahnhof

Sichtigvor am Radweg

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Am 1. April Eröffnung der Saison unter

der geltenden Corona Schutzverordnung

WOLL Frühling 2021 - 61


Die Plästerlegge

Christel Zidi

Martin Richter

W

enn es ordentlich geplästert,

also geregnet hat, kann

man den höchsten natürlichen

Wasserfall NRWs in seiner vollen

Pracht bewundern. Dann prasselt

das Wasser den Schierferfels (plattd.

Legge) gut 20 Meter hinunter. Daher

kommt auch sein Name: Plästerlegge.

Jetzt im Frühling ist die Plästerlegge,

in der Nähe der Ortschaft Wasserfall,

besonders sehenswert. Bei längerer

trockener Witterung kann er aber

auch schon mal trocken fallen.

Wer am Rande des Wasserfalls kleine

Bleikügelchen findet, ist auf ein Relikt

aus der Zeit des Bergbaus gestoßen. Bleierz

aus den angrenzenden Bergwerken

wurde geschmolzen und das flüssige Blei

in den Wasserfall geschüttet, wo es sofort

erkaltete und die Kügelchen bildete. ■

UNSER SPEKTRUM

Hilfe im Haushalt

Botengänge

Post, Erledigungen von

Einkäufen

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Behörden- und Arztbesuchen

Wir fahren oder begleiten

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ins Corona Impfzentrum

Olsberg.

Vertretung bei Auszeit

pflegender Angehöriger

Rufen Sie uns an,

wir beraten Sie gerne!

62 - WOLL Frühling 2021


Helmut und Sabine Kersting

Franz-Josef und Elfriede Senger Hans Georg Thiele Hubertus Becker

Traumhafte Aussichten und 460 Jahre Geschichte:

Wasserfall ist die Plästerlegge

und noch viel mehr

Sonja Funke

Iris Böning

W

asserfall. Es ist ein Ort,

der nach seiner größten

Sehenswürdigkeit benannt

ist, dem größten natürlichen Wasserfall

NRW‘s, der Plästerlegge. Doch

dies allein macht Wasserfall nicht

aus. Das kleine Bestwiger Örtchen

mit seinem guten Dutzend Häusern

hat viel Geschichte, die sich auch

rund um das Haus Gevelinghausen

und den legendären „Rennbaron“

Karl von Wendt dreht. Ihm gehörte

hier das meiste Land, er baute Skilifte

und das Fort Fun.

Wer lebt denn da so alles auf 620

Metern Höhe? Auf aktuell 45 Bewohner,

darunter eine Handvoll Kinder,

kommt Franz-Josef Senger, erste

Anlaufstelle für die WOLL-Reporter.

Es ist wie überall im Sauerland, viele

neue Bewohner zogen in den Ort, alt

Eingesessene verstarben, einiges an

Tradition ging flöten. „Früher hatten

wir hier eine Winterkirmes, da kamen

alle Familienmitglieder schon morgens,

und das mitten im Winter, zum ,Fickeltünnes‘

am 17. Januar, dem Namenstag

des Heiligen Antonius, unseres

Ortspatrons“, erinnert sich Franz-Josef

Senger mit glänzenden Augen. Es war

bis in die 80er eine Riesen-Sause. „Erst

feierten alle in den Häusern und abends

ging es in die Dorfschule oder in Mettens

Scheune, da wurde die Quetschkommode

rausgeholt und getanzt.“

Franz-Josef Senger arbeitete in der Aufbereitung

bei der Stollberger Zink-AG

in Ramsbeck. Durch die Nähe zur

Grube Aurora – ihr Eingang war nicht

weit von dort, wo heute die Marienkäferbahn

fährt - gab es den ein oder

anderen Bergmann, der aus Wasserfall

stammte. In den 70ern, da kamen mit

den Skiliften und Fort Fun, die Freiherr

von Wendt baute, die Touristen.

Viele Wasserfaller gründeten - wie auch

Sengers - eigene Gästehäuser. 1983

wurde die Dorfstraße auf fünf Meter

Breite ausgebaut, ein entscheidendes

Jahr. Viele alte Häuser mussten der Erneuerung

der Dorfstraße weichen, das

Ortsbild veränderte sich, viel landwirtschaftlicher

Charakter ging verloren.

Als die Winter noch schneereicher

waren, pilgerten die Skifahrer ins kleine

Örtchen. „Von hier kann man bis zum

Ettelsberg-Turm in Willingen sehen“,

sagt Helmut Kersting. Familie Kersting

führt noch ihren Bauernhof mit 70

Milchkühen. Parallel auch den Terras

WOLL Frühling 2021 - 63


Anerkannt von

sen-Campingplatz. Über Jahrhunderte

standen die Bauern im Ort in großer

Abhängigkeit zum Haus Gevelinghausen,

aber das ist Vergangenheit. Ein

ganz besonderer Hof, und gemeinsam

mit Kerstings einer der ältesten im Ort,

ist „Klögges“ gleich am Ortseingang.

Hier wohnt Landwirt und Holzunternehmer

Hubertus Becker. Zu seinem

Hof gehörte einst die St.-Antonius-Kapelle

– mindestens 300 Jahre alt und

eine echte Sehenswürdigkeit.

„Die Kindheit hier war genial“, sagt

Hubertus Becker, Jahrgang 1968 und

Vorsitzender des Vereins Dorfgemeinschaft

Wasserfall. „Wir konnten auf

der Dorfstraße Fußball spielen, auch

mal mit Kindern der Dauercamper.

Zu einigen haben wir bis heute Kontakt,

sie sind Mitglied im Dorfverein.“

Der Verein gründete sich 2010 zum

450-jährigen Ortsjubiläum, er hat 50

Mitglieder und richtet einmal im Jahr

das Schützenfest im Juli an Dorfhalle

und Dorfplatz aus, im Oktober gibt’s

ein Kartoffelbraten.

Ja, und was macht denn nun Wasserfall

so aus? „Wasserfall ist für mich

die Möglichkeit, allem zu entfliehen

und trotzdem auch zu jedem Trubel

hinzukommen, wenn man möchte“, beschreibt

Bewohner Hans Georg Thiele

sein Lebensgefühl in diesem kleinen

Örtchen.

Wer einmal hoch auf die Skihänge

oder zum Stüppelturm wandert und

die Aussicht aufs Fort Fun und aufs

halbe Sauerland genießt, der ahnt, was

die Wasserfaller an ihrem Ort lieben.

Es ist lange nicht nur die Plästerlegge,

die erkundet und bestaunt werden will,

Die St. Antonius-Kapelle

sondern Wasserfall im Ganzen. Gern

zu Fuß und unbedingt mit Zeit und

Proviant im Gepäck. ■

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Das diskriminierungsfreie Negertal

Sabina Butz Tourismus Brilon Olsberg GmbH

Die Neger bei Brunskappel

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orab und ganz aufrichtig:

Ich bin ausdrücklich für diskriminierungsfreie

Sprache.

Das Wort „Farbige“ ist ein kolonialistischer

Begriff und negativ besetzt.

Diskriminierungsfreie Formulierungen

lauten: N-Wort, POC (People of

Colour) oder Schwarz (großgeschrieben).

Das leuchtet ein, wenn es um

Menschen geht. Schwierigkeiten habe

ich allerdings, wenn es sich um geographische

Bezeichnungen handelt:

Zum Beispiel wenn es um eine Landschaftsbeschreibung

im beschaulichen

und wunderschönen Sauerland geht.

Korrekt müsste es heißen: Das Dorf

N-Wort mit seinen 400 Einwohnern

unterteilt sich in Unter-N-Wort, Mittel-

N-Wort und Ober-N-Wort. Es liegt im

N-Wort Tal, welches wiederum seinen

Namen schon vor ca. 700 Jahren von

dem Flüsschen N-Wort, einem 17,7 km

langen, südwestlichen Nebenfluss der

Ruhr erhalten hat. Die Bewohner der

N-Wort Dörfer bezeichnen sich selbst als

N-Wortaner.

Man kann jetzt N-Wort durch POC

oder Schwarz ersetzen, das Ergebnis ist

ähnlich verwirrend: Pocaner nennen

sich die Einwohner von Ober-, Mittelund

Unter-Schwarz, am zauberhaften

Flüsschen POC, dessen Quelle Am

Kappelsberg nahe Schmallenberg-Rehsiepen

liegt.

Hm, zumindest bei der Quelle sind wir

ja wieder auf sicherem Boden. Woher

der N-Wort-Name kommt, ist bis heute

nicht geklärt. Vielleicht konnte vor 700

Jahren jemand dort ein dunkel farbiges

Flüsschen lateinisch benennen, etwa so,

wie die Porta Nigra in Trier zu ihrem

Namen gekommen ist? Allerdings

erscheint eine lateinische Ableitung äußerst

unwahrscheinlich, vor allem fehlt

jeglicher Beweis. Es könnte sich eher um

eine ganz andere Herleitung aus einem

Stamm „Nag“ handeln, dann könnte

man Fluss, Dorf und Tal doch einfach

in Nager umändern. Die Bewohner wären

dann halt die Naganer. Fall gelöst?

Aber muss das wirklich sein? Könnten

wir nicht bei den geographischen Bezeichnungen,

die nachweislich keinen

historischen Diskriminierungshintergrund

erkennen lassen, eine Ausnahme

machen? Andernfalls müssten wir doch

auch den thüringischen Ort Weißendorf

umbenennen. Das könnte dann die Bewohner

der Gemeinde Kotzen im Landkreis

Havelland in Brandenburg, ganz

frei von rassistischen Konnotationen, auf

die Idee bringen, sich diskriminierungsfrei

umzubenennen.

Nein, die Neger (der Fluß!), die Neganer

und auch das wunderschöne Negertal

sollen auch weiterhin so heißen

dürfen! ■

WOLL Frühling 2021 - 65


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Mit Neugierde,

Glück und Fußballleidenschaft

Michael Senske ist Datenwissenschaftler

beim FC Bayern München

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Geboren wurde er 1987 in

Dortmund, zog aber bereits

im Alter von drei Jahren

nach Neheim, wo er eine behütete

Kindheit und Jugend verbrachte, bis

er zum Studieren das Sauerland verließ.

Heute arbeitet Michael Senske

beim FC Bayern München – in der

Abteilung Spielanalyse und Innovation.

Der Weg dahin war ein spannender

und keinesfalls ein geplanter.

Die Leidenschaft für den Fußball kommt nicht von ungefähr.

„Mein Papa war sehr aktiv im Fußball – sowohl als

Spieler als auch als Journalist“, erinnert sich Michael Senske.

„Er hat mir als Kind natürlich immer viel erzählt und mich

gefragt, ob ich nicht auch in einem Fußballverein spielen

wollte.“ Das wollte er natürlich. SC Neheim, TuS Vosswinkel

und SC Bachum/Bergheim: „Bis zur C-Jugend hab ich

im Verein gespielt. Aber ich hatte immer den Konflikt, dass

meine Spiele und die der Bundesliga zur selben Zeit stattfanden

und ich doch lieber die Bundesliga-Spiele verfolgt habe“,

erinnert er sich lachend.

Aktiv Fußball zu spielen begann er erst wieder, als er in Bochum

zu studieren anfing – diesmal in einer Hobbymannschaft.

In Bochum studierte er Biochemie. Bachelor, Master,

zwischendrin einige Auslandsaufenthalt in Irland, Wales

und den USA, bis er sich schließlich für die Promotion im

Fach Chemie entschied. „Ich war immer gerne in der Uni

und habe deswegen davon geträumt, Professor zu werden“,

erzählt er. „Die Forschung hat mir von Anfang an viel Spaß

gemacht, im Labor zu sein und unbekannte Dinge zu untersuchen.“

Doch irgendwann kam er an einen Punkt, an dem

der Spaß nachließ und Zweifel aufkamen. „Irgendwie habe

ich gemerkt, dass das ganze Prozedere in der Forschung

vielleicht doch nicht so meins ist, der Publikationsdruck, der

Fokus liegt zu wenig auf dem Forschungsfeld und irgendwo

gehört eben auch einfach viel Glück dazu.“ Hinzu kommt,

dass eine Professorenkarriere sehr lange dauert: „Ich dachte

mir, wenn ich dann Ende 30 bin und merke, ich schaffe

das nicht, was mache ich dann?“ Das führte dazu, dass er

noch einmal in sich ging und ganz frei darüber nachdachte,

was er wirklich gerne machen würde. „Ich merkte, dass ich

in meiner beruflichen Zeit gerne über Fußball nachdenken

würde, dass es schön wäre, das Hobby irgendwie in den Beruf

einfließen lassen zu können.“

WOLL Frühling 2021 - 67


Vom Chemiedoktorand zum Start-up-Gründer

Er begann gemeinsam mit einem Kommilitonen und einem

Juniorprofessor ein Nebenprojekt aufzubauen. Zunächst starteten

sie mit sehr einfachen Fragen. Als das nicht mehr genug

war, überlegten sie sich, an den VfL Bochum, Michael Senskes

Lieblingsverein, heranzutreten. Was hatten sie zu verlieren? Er

hatte gelesen, dass ein dänischer Verein mithilfe von Datenanalyse

sehr überraschend Meister geworden war. Auf dieser

Grundlage schrieben sie dem VfL einen Brief und wurden

prompt eingeladen, um sich und ihre Ideen vorzustellen. „Wir

wollten anhand von Daten die Stärken der Spieler berechnen.

Es gab zu dieser Zeit bereits eine Menge Daten – allerdings

wusste nicht einmal der VfL, wie er dort herankommt.“ Michael

Senske merkte, dass aus der Zusammenarbeit dauerhaft

nichts werden würde und erzählte zufällig bei einem „Kaminabend“

in der Uni jemandem von der Wirtschaftsförderung

Bochum von seinem Projekt. Daraufhin kam die Idee auf, ein

Start-up zu gründen, „obwohl keiner von uns wusste, wie das

geht.“ Für die Bewerbung für den Förderwettbewerb „START-

UP-Hochschul-Ausgründungen“ wurde zunächst recherchiert,

ob die Idee auch für Amateurvereine interessant sein könnte.

Das war sie und so gingen Michael Senske und seine Kollegen

mutig, aber auch etwas nervös zur Vorstellung ihres Projektes

– und gewannen den Wettbewerb und damit mehr als

260.000 Euro für die nächsten 18 Monate. Das Projekt konnte

nun endlich richtig beginnen.

Michael Senske (re.) mit seinem Kollegen Patrick Balzerowski

Und plötzlich beim FC Bayern München

Wie der Zufall es so will, kam dann jedoch trotzdem alles

anders. Bei einem Grillabend kam ein Kontakt zum FC

Bayern München zustande, ausgerechnet zu jemandem aus

dem Bereich Spielanalyse. „Da wir ja gerade erst das Geld

bekommen und mit unserem Projekt begonnen hatten, hatten

wir schon fast abgesagt. Aber der FC Bayern blieb hartnäckig,

wollte nicht nur, dass wir das Projekt für ihn weiterführten,

sondern dass wir dort fest arbeiteten.“ Schnell war klar, dass

das wahrscheinlich eine einmalige Gelegenheit ist – außerdem

gab der Arbeitsplatz eine größere Sicherheit. „Der FC Bayern

München ist einer der besten Vereine der Welt und die

Chance, überhaupt in einem Fußballverein zu arbeiten, war

mit unserem Start-up nicht gesichert. Darum entschieden wir

uns, dass Angebot anzunehmen und gaben die Fördergelder

zurück.“ Am 1. Juli 2018 ging es dann tatsächlich los, in der

Abteilung Spielanalyse und Innovation als Datenwissenschaftler.

„Das war natürlich eine superspannende Anfangszeit in

Michael als Baby mit seinem Vater Paul

68 - WOLL Frühling 2021


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Michael Senske

München, gerade auch als Fußballfan“, erinnert sich Michael

Senske und grinst: „Ich hab zu meinem Kollegen gesagt:

‘Patrick, wir machen hier keine Selfies. Wir gehen da einfach

rein und verhalten uns ganz unauffällig.‘“ Aber etwas Besonderes

ist es natürlich schon: von der Dachterrasse sieht man den

Fußballstars beim Training zu und auf dem Gang wird man

von Uli Hoeneß gegrüßt. Servus!

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„Wir werten in unserer Abteilung Spieldaten der Mannschaften

aus – von den Profis bis zur U17. Unsere Hauptaufgabe ist

es, den Spielern eine Datennote zu geben, also eine objektive

Qualitätskennzahl für die Spielerleistung.“ Mittlerweile gibt

es außerdem eine futuristische Turnhalle, in der allerlei Dinge

gemessen werden, die später ausgewertet werden können.

Heimatliche Verbundenheit

Auch wenn Michael Senske nun für den FC Bayern arbeitet,

das Sauerland und seinen heimischen Fußballverein hat er

nicht vergessen. „Mein Vater sagt mir oft Bescheid, wenn der

SC Neheim spielt, dann gucke ich mir das immer an, wenn es

zeitlich passt.“ Vor allem kommt er aber auch immer wieder

gerne ins Sauerland. „Die heimatliche Verbundenheit ist

einfach immer noch da, nicht nur wegen meinen Eltern. Ich

bin einfach gerne dort, unternehme Wanderungen und genieße

die schöne Landschaft.“ ■

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WOLL Frühling 2021 - 69


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70 - WOLL Frühling 2021

Werkstätten St. Martin

Tageseinrichtung zur

beruflichen und sozialen

Rehabilitation

Hinterm Gallberg 12

59929 Brilon

Frühlingserwachen

Robert Dröge

Kinder, wie die Zeit vergeht,

das Rad sich täglich schneller dreht,

und ehe du dich recht bedacht:

Der Winter vorbei – der Frühling lacht.

Das frische Grün, die ersten Blütenspitzen,

Vögel zwitschernd in den Bäumen sitzen,

balzend ihre Nester bauen,

ach, es gibt so viel zu schauen.

Schwalben, Störche, sie kehren zurück,

die Sonne lacht, helle Tage voll Glück.

Der Frühling, für viele die schönste Zeit,

wo alles im Wachsen, alles bereit.

Frühling, Lenz – ein jeder erwartet dich,

so auch der Schreiber dieses Gedichts. ■

Martin Richter


„DAS HABE

ICH GEMACHT!“

Inga Bremenkamp

Jürgen Eckert

Thomas Münstermann

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Der Werkstattbeschäftigte druckt

mit Hilfe des sog. Tampondruck ein

Logo auf.

“Das habe ich gemacht” hören wir oft, das macht uns und unsere

Werkstattbeschäftigten stolz, so Engelbert Kraft

Engelbert Kraft

Alle sechs Werkstattstandorte, hier

in Brilon, sind zertifizierte Unternehmen,

welche die ISO-Norm erfüllen.

Die Werkstätten St. Martin des Caritasverbandes Brilon e.V. sind ein hoch angesehener

Partner der Industrie und machen ihre Mitarbeiter stolz und glücklich

hätte ich nicht gedacht. Ihr seid ja

total vielseitig! Aber Tampondruck macht

‚Das

ihr nicht auch noch, oder?‘ Diese Frage eines

verblüfften und überaus positiv überraschten Kunden

durfte Engelbert Kraft mit einem klaren ‚doch‘ beantworten.

„Mit unseren Werkstätten in Brilon, Marsberg

und Winterberg sind wir extrem vielseitig und breit

aufgestellt. Wir haben überall Experten sitzen mit vielen

Händen, die helfen können, wenn es mal besonders

schnell gehen muss“, erklärt der Leiter der sechs Werkstattstandorte,

die als zertifiziertes Unternehmen die

ISO-Norm erfüllen.

Allein an dem Werkstattstandort Hinterm Gallberg in Brilon

gibt es eine eigene Schreinerei, einen großen Metall- und

Montagebereich sowie den Tampondruck und die Pulverbeschichtung.

„Vor allem die Kombination Metall- und Pulverbeschichtung

macht uns sehr leistungsstark. Wir können z.B.

Gehäuse für Ladegeräte nicht nur selbst bauen, sondern sie

auch direkt vor Ort veredeln“, berichtet Thomas Münstermann,

der technische Leiter der Werkstätten, die über den

Caritasverband Brilon e.V. Mitglied der ‚Big Six Brilon‘ sind.

An allen sechs Standorten arbeiten 650 Werkstattbeschäftigte,

die stolz sind auf das, was sie tagtäglich leisten. „‚Das

habe ich gemacht‘ hören wir oft von unseren Mitarbeitern.

Wir montieren viele Alltagsgegenstände wie Fahrradluftpumpen,

Siphons und viele andere Produkte, die unsere Werkstattbeschäftigten

im alltäglichen Leben wiedererkennen.

Natürlich macht sie und auch uns das wahnsinnig stolz“,

gibt Engelbert Kraft zu, der sich freut, dass die Werkstätten

der Caritas im Sauerland ein hoch angesehener Partner der

Industrie sind. ■

Hier geht’s zum Video:

Partner der Big Six

Caritasverband Brilon e.V.

Scharfenberger Straße 19

59929 Brilon

www.caritas-brilon.de

WOLL Frühling 2021 - 71


Es klappert die Mühle...

Christel Zidi

S. Droste

Alte Kornmühle in Ramsbeck

Die alte Kornmühle ist gut 400 Jahre alt. Sie ist die einzig noch erhaltene Mühle in NRW mit ursprünglich drei

Mahlständen. Renovierungen und Instandsetzungen der mittelalterlichen Technik fanden u. a. in den Jahren 1810

und 1860 statt, wie anhand von Holzproben ermittelt wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen alten Mühlen wurde das

Gebäude nur stillgelegt und nicht entkernt. 2014 wurde sie nach umfangreichen Renovierungen neu eingesegnet.

72 - WOLL Frühling 2021


Sägemühle Remblinghausen

Urkundlich belegt ist, dass schon 1671 an dieser Stelle eine Mühle stand. Wahrscheinlich wurde sie aber deutlich

früher gebaut, worauf auch die Ortsangabe “Auf der Sagemollen“ schließen lässt. Der Kern des heute noch vorhandenen

Gebäudes wurde 1809 errichtet, die Stellmacherwerkstatt 1889, das Turbinenhaus mit Kleesamen-Enthülsungsmaschine

und Schrotmühle 1926. Die Anlage ist eine in Westfalen außergewöhnliche Kombination von Maschinen

des holzverarbeitenden Gewerbes und der Dreschtechnik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Der Betrieb

wurde 1983 eingestellt

Schleimer Mühle in Niedersfeld

Sie ist die erste Mühle an der Ruhr. Erste Erwähnung fand sie in der „Türkensteuerliste“ von 1565. Angetrieben wird

die Mühle mit Wasserkraft. Hierzu wurde ein Graben von ca. 1,5 km Länge angelegt, der zu 50 % von der Ruhr und

zu 50 % von der Hille gespeist wird.1934 wurde eine Turbine eingebaut, die das Wasserrad ablöste.

Diese Turbine treibt heute noch die 1,5 Tonnen Roggen-Rückschüttmaschine an.

Zusätzlich wird ein Generator zur Stromerzeugung durch Wasserkraft in Betrieb gesetzt.

WOLL Frühling 2021 - 73


“Stütings Mühle” in Belecke

Die Korn- und Sägemühle in Belecke wurde von 1307 bis 1963 wurde genutzt. 1994 wurde die Turbine überholt,

die bis 1963 ihre Energie aus der Wasserkraft der Wester bezogen hatte. Die Mühle erzeugt 130.000 Kilowattstunden

Energie pro Jahr. Im Nachbargebäude, einer ehemaligen Fruchtscheune, ist heute die Ortsbücherei untergebracht.

Niederbergheimer Mühle

Der Kölner Erzbischof veranlasste 1551 den Bau der Mahlmühle. 1590 ging sie in den Besitz des Deutschen Ritterorden

zu Mühlheim. Später erwarb sie die Familie Bockum-Dolff und ließ sie 1787 mit neuester Technik ausstatten. Die angeschlossene

Sägemühle arbeitete bis 1972, der Mahlbetrieb wurde bereits 1960 eingestellt.

Heute befindet sich in der Anlage eine Kunstgalerie. Zur Stromerzeugung wird die Wasserkraft seit 1983 genutzt.

74 - WOLL Frühling 2021


Altenbürener Mühle

Am Ufer der Glenne, die bei Altenbüren entspringt und bei Rüthen in die Möhne fließt, steht die Altenbürener Mühle.

Hier wurde noch bis 1956 Korn gemahlen. Die Mühle wurde in ihrer Vergangenheit oftmals vom Blitz getroffen. Das erste

Mal geschah dies 1660. Damals baute man eine neue Mühle ein Stück abwärts der Glenne, die in 1710 und 1850 von

dem gleichen Schicksal heimgesucht wurde. Um dieser Gefahr auszuweichen, beauftragte der Eigentümer Kaspar Gerbracht

einen Wünschelrutengänger, der feststellte, dass sich dort vier Wasseradern kreuzen, die die vernichtenden Blitze

anzogen. Er ließ an den entsprechenden Stellen Bleibehälter in den Boden versenken und behob damit einen Missstand,

der so viel Leid gebracht hatte.

Wassermühle in Sundern-Linnepe

Mindestens 700 Jahre – aber vermutlich noch viel älter ist die Wassermühle in Linnepe. Hier befand sich in alter Zeit

eine gräfliche Bannmühle. Das bedeutet, dass der Graf das alleinige Recht zum Bau und Betreiben der Mühle hatte.

Die Bauern der Gemeinden ringsum mussten hier ihr Getreide mahlen zu lassen. Sie war noch bis 1932 in Betrieb.

WOLL Frühling 2021 - 75


Die “Spitze Warte” in Rüthen

“Spitze Warte” war ursprünglich die Bezeichnung für einen der drei Warttürme an der östlichen Grenze der mittelalterlichen

Feldmark der Stadt Rüthen. Als 1856, ca. 150 Meter nordöstlich der einstigen Warte, eine Windmühle

gebaut wurde, übernahm der Mühlenturm später diesen Namen.

76 - WOLL Frühling 2021


“Alte Wassermühle” in Meschede-Berge

Am Ortsausgang von Berge nach Wenholthausen liegt die “Alte Wassermühle” am Ufer der Wenne. Sie war noch bis in

die 1980er in Betrieb. 1991 wurde sie restauriert. Mauerwerke, Mahlwerke, das Stauwehr oder der alten Gewölbeofen

können besichtigt werden.

WOLL Frühling 2021 - 77


Irgendwas zwischen Hardrock und Punk

One Tape: eine junge Band aus Brilon,

die in keine Schublade passen will

Fabian ten Haaf, Mathis Kaup,

Ben Müthing, Hannes Muffert (v.l.)

Sonja Nürnberger

Privatarchiv

Leben ist kein Goldfischglas, man muss

sehen, wo man bleibt und gehen, wenn’s

„Das

am schönsten ist.“ In ihren Texten geht

es um zwischenmenschliche Beziehungen, um Gesellschaftskritik

und darum, klar Position zu beziehen gegen

Rechts. Um alles eben, was einen so mit knapp 20 Jahren

und überhaupt zur Zeit beschäftigt und beschäftigen

sollte.

Seit bald acht Jahren gibt es One Tape bereits. One

Tape, das sind Fabian (20) am Schlagzeug, Hannes

(19) am Bass, Ben (20) an der Gitarre und Mathis

(19) an den Vocals. Fast 140 Konzerte haben sie

bereits gespielt – etwas, was nicht jede Band von

sich behaupten kann. Vor allem nicht in diesem

jungen Alter.

„Wir haben zunächst als Coverband angefangen

und das ganze Sauerland abgespielt“,

erzählt Mathis. Nachdem sie einige Erfahrungen

gesammelt hatten, entschieden sie

sich bald, einen Schritt weiterzugehen und ihre eigene Musik

zu machen. 2019 nahmen sie schließlich ihr Debutalbum auf

und belegten den dritten Platz bei einem Nachwuchsbandwettbewerb

auf der Frankfurter Musikmesse. Vergangenen

August folgte Album Nummer zwei. Auf der Bucketlist* der

Band stehen aber noch weitere Ziele: auf großen Festivals

spielen und durchs Land touren etwa. Die Jungs machen die

Musik jedoch nicht, um berühmt zu werden – „auch,

wenn wir dazu nicht Nein sagen würden“ –, sondern

in erster Linie, weil sie „Bock darauf haben,

Mucke zu machen“ – ganz egal, ob für 20 oder

2.000 Menschen.

Inspiration für ihre Musik holt sich die Band

aus ganz verschiedenen Richtungen. „Wir wollen

nicht in eine Schublade gesteckt werden, um

uns nicht selbst einzuschränken. Wir sind One

Tape und wir machen One Tape-Musik“,

stellt Mathis klar. Will man es doch einordnen,

beschrieb ein Freund die Musik

einmal als „irgendetwas zwischen

78 - WOLL Frühling 2021


Hardrock und Punk“, ein Spektrum, das groß genug ist, um

sich kreativ auszutoben. „Aber am besten hört man selbst

rein und macht sich sein eigenes Bild.“

Von der Idee zum Song

Für einen neuen Song sammelt jedes der Bandmitglieder

seine Ideen und bringt sie zur Probe mit. In diesem Jahr sah

das durch die Pandemie ein wenig anders aus, aber die Jungs

sind gut aufeinander abgestimmt.

Besonders gerne erinnert Mathis sich an die Entstehung

eines Songs auf dem aktuellen Album: Anastasia heißt er und

handelt von einem Mädchen, das sie auf einem Konzert von

„Von wegen Lisbeth“ in Berlin kennengelernt hatten. „Vor

allem unser Bassist war sehr angetan und bekam sie nicht

mehr aus dem Kopf.“ Auf dem Heimweg setzten sie sich zusammen

und schrieben diesen Song. „Es war einfach so eine

besondere Stimmung. Eine große Stadt, neue Leute, so viele

Freiheiten und ein tolles Konzert und dann ist da für diesen

einen Abend dieses Mädchen, das am nächsten Tag weiter

nach Stockholm fliegt.“

Zukunft

In Zukunft will die Band weiter neue Songs schreiben und

auf der Bühne stehen. Dafür appelliert Mathis auch an jeden,

der Musik liebt, die Kulturbranche, wo es nur geht, in dieser

Zeit zu unterstützen. „Da sind ja nicht nur die Musiker an

sich, sondern all die, die dahinterstehen und dafür sorgen,

dass wir überhaupt wieder spielen können.“ ■

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Hubraum 1.477 cm3, in 1/100 km: innerorts 7,9, außerorts 5,3,

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Messverfahren}, C02-Effizienzklasse: B.

1 Die Fußgänger- und Radfahrer-Erkennung als Teil des City Safety Systems

greift zum Schutz von Personen aktiv bis zu einer Fahrgeschwindigkeit

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Services - ein Service der Santander Consumer Leasing GmbH (Leasinggeber),

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Vorstehende Angaben stellen zugleich das 2/3-Beispiel gern. §6a Abs. 4

PAngV dar. Bonität vorausgesetzt. Preise zzgl. Überführungskosten und zzgl.

Zulassungskosten. Gültig bis 31.03.2021. Beispielfoto eines Fahrzeugs der

Baureihe, die Ausstattungsmerkmale des abgebildeten Fahrzeugs sind nicht

Bestandteil des Angebots.

*Frei übersetzt: Das, was man noch erledigen möchte, bevor man stirbt.

WOLL Frühling 2021 - 79


Robert geht wandern:

Von Bigge auf den Olsberg (703 m)

Robert Hinkel

1Ihr parkt an der Schützenhalle in Bigge und geht die Straße „Ruhrufer“ an den Supermärkten

entlang, wo ihr noch Marschverpflegung bekommen könnt. Anschließend geht es in den

schönen Olsberger Kurpark:

2Dort seht ihr gleich, was die Glocke geschlagen

hat, bzw. wo es hinaufgeht:

3An der Tourismusinformation trefft ihr auf den

Friedrich-Wilhelm-Grimme-Weg (X27) und

folgt ihm die nächsten fünfeinhalb Kilometer.

Der Geburtsort des bekannten Dichters ist tatsächlich

Assinghausen. Oberhalb von Olsberg verläuft

der Weg 500 Meter über einen Trampelpfad, der

etwas versteckt rechts im Wald verschwindet:

80 - WOLL Frühling 2021


4Wenn man sich an den Kneippweg (Wanderzeichen

K) Richtung Waldaltar und darüber hinaus hält,

geht man kurz und steil auf den Olsberg und wieder

runter. Meine Wanderung ist aber knapp 5 km länger und

hält sich an den X27, der nun auf einem breiten Weg langsam

ansteigt:

5An einer Wiese hat man Aussicht auf das Gebiet

meiner Winter-Wanderung 2019/20 von Bruchhausen

auf den Langenberg.

6Aber die Aussichten werden noch besser. Hinter

der Wiese verlasst ihr den X27 nach rechts bergauf

und folgt dem Olsberg Gipfelsteig, der zu einem

bemerkenswerten Rastplatz führt. Hier hat man einen

180°-Rundumblick von Winterberg bis zum Arnsberger

Wald nördlich von Bestwig, mit dem Ruhrtal 300 Meter

unter euch:

7Das ist die wohl aussichtsreichste kostenlose

Bank mit Tisch, die das Sauerland zu bieten

hat. Das kann ich nicht beschwören, aber

ich komme viel herum, kenne viele Ecken. So eine

Kombination kenne ich nur vom kahlen Asten, wo

man aber im Turm gekaufte Speisen und Getränke

verzehren sollte. Alle anderen haben nicht so einen

Rundumblick oder ihnen fehlt der Tisch.

WOLL Frühling 2021 - 81


8Auch wer die Abkürzung über den Kneippweg bergauf genommen hat, bekommt eine schöne Aussicht auf dem Olsberg-

Gipfel. Mit einem Mikroskop könnte man auf dem Foto den Teutoburger Wald rechts am Bildrand sehen.

10

Auch unten im Ruhrtal solltet ihr keine wackeligen

Beine haben. Sonst rutscht ihr vom Ruhrhöhenweg

(XR) in den Olsberger Stausee.

9

Ich hoffe, ihr habt noch Kraft in den Beinen.

Jetzt verliert ihr die 350 Höhenmeter über dem

Ruhrtal innerhalb von 3,3 km Kneippweg (K).

Ab dem Staudamm wird das Gelände leicht: Erst geht ihr

500 Meter der Straße „zum Stausee“ entlang, dann über

die Ruhrstraße am Café Hagemeister. Anschließend geht

es noch mal durch den Kurpark an der Ruhr entlang, diesmal

auf der rechten Seite. Dort trefft ihr nochmal auf den

X27, dem ihr auch links über die Brücke der Stadionstraße

folgt und schon seid ihr nach knapp 16 km zurück an der

Schützenhalle.

82 - WOLL Frühling 2021


Diese Strecke wandere ich am

24.4.21 um 10 Uhr. Weitere

Geschichten von mir mit

~5 Minuten Lesezeit gibt es auf

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WOLL Frühling 2021 - 83


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Eine bemerkenswerte

Ausbildungsvielfalt

– von Tradition

bis Moderne

Im Berufsbildungswerk Bigge werden über

30 verschiedene Berufe ausgebildet

Inga Bremenkamp

Josefsheim Bigge

„Es

ist etwas ganz Besonderes mit Holz zu arbeiten. Ich verbinde das immer so ein wenig mit dem Gefühl

des ‚nach Hause Kommens‘. Es ist einfach dieser spezielle Geruch und das Material, das sich toll

anfühlt – ich mache das einfach total gerne,“ schwärmt Luise, die im BBW Bigge gerade eine Ausbildung

zur Fachpraktikerin für Holzbearbeitung absolviert.

Der Fachpraktiker für Holzbearbeitung

ist nur eine von mehr als 30 Ausbildungsmöglichkeiten,

die das Berufsbildungswerk

Bigge (kurz: BBW Bigge),

einem Geschäftsfeld des Josefsheim

Bigge, anbietet. „Berufsbildungswerke

bieten Menschen mit Handicap

berufliche Bildungswege an, wobei wir

in Bigge auf Menschen mit Körperbehinderungen,

Lernbehinderungen,

Hörschädigungen, Autismus-Störungen

und ADHS spezialisiert sind“, erklärt

Martin Künemund. „Das Ziel ist immer,

die Teilnehmer bei der Berufsfindung,

in ihrer Ausbildung und auch bei

ihren ersten Schritten auf dem Arbeitsmarkt

zu unterstützen“, führt der Leiter

des Berufsbildungswerks fort.

Zur Auswahl stehen Berufe aus ganz

verschiedenen Richtungen. Auf der Angebotsliste

ist mit dem (Orthopädie-)

Schuhtechniker beispielsweise ein sehr

traditionsreiches Handwerk zu finden,

während die Mediengestalter noch jungen,

modernen Berufsweg folgen. „Wir

bilden kaufmännische, handwerkliche,

technische, agrarwirtschaftliche sowie

Berufe, die dem Dienstleistungsbereich

zuzuordnen sind, aus. Alle Berufe

werden am Ausbildungsende mit einer

Prüfung vor der jeweiligen Kammer

abgeschlossen und sind entsprechend

staatlich anerkannt“, sagt Künemund,

der stolz darauf ist, dass die Teilnehmer

mitten im Sauerland dort lernen, arbeiten

und wohnen, wo andere Urlaub

machen. „Ich wohne hier im Internat

und komme eigentlich aus Hessen. Im

84 - WOLL Frühling 2021


Sauerland ist es echt schön, die Luft ist

super und ich fühle mich sehr wohl“,

verrät Chantal, die derzeit eine Ausbildung

im Holzbereich absolviert.

Wenn es das Maß an Selbstständigkeit

zulässt, haben Auszubildende auch die

Chance, in kleinen Wohngemeinschaften

in Bigge oder Olsberg zu leben. Ein

wichtiger Schritt in die Selbständigkeit

nach erfolgreich absolvierter Ausbildung.

Das Angebot auf dem Campus

in Bigge wird komplementiert durch

das Heinrich-Sommer-Berufskolleg,

was die Wege für alle kurz macht und

den Austausch unter den unterstützenden

Kollegen vereinfacht.

Für Teilnehmer – so werden Auszubildende

des BBW Bigge traditionell

genannt die nicht gleich wissen, welche

Ausbildung für sie die richtige ist,

werden berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen

durchgeführt. Ermöglicht

durch die Arbeitsagenturen haben die

Teilnehmer hier die Möglichkeit, in

maximal elf Monaten verschiedene Berufe

kennenzulernen und auszutesten.

„Unser Ziel liegt darin, am Ende der elf

Monate so viele junge Menschen wie

möglich in eine Ausbildung zu vermitteln.

Dass sie in dieser ersten Testphase

eine große Anzahl an Berufen austesten

können, ist natürlich ein großer Pluspunkt

und hilft sehr bei der anschließenden

Entscheidung, welcher Beruf

mit Blick auf die jeweiligen Fähigkeiten

und Interessen in Frage kommt und

welcher eben nicht“, erklärt Christian

Nolte, einer der Bildungsbegleiter des

BBW Bigge. Gerade diese individuelle

Begleitung zeichnet den Erfolg des

BBW Bigge aus, dies bestätigen immer

wieder hervorragende Bestnoten, die

Auszubildende trotz ihrer Handicaps

immer wieder erreichen. ■

Interessierte Schüler:innen, Eltern,

Lehrer:innen, Schulsozialarbeiter: innen

oder Rehaberater:innen informieren

Mitarbei ter:innen des Berufsbildungswerkes

gerne persönlich, bspw. per Videochat

über die Vorberufliche oder Vollzeitschulische

Bildungsangebote, Duale

Ausbildungsangebote sowie ergänzende

Angebote zum Lernort Wohnen.

Josefsheim

Bigge

Josefsheim gGmbH

Heinrich-Sommer-Straße 13

59939 Olsberg | Tel.: 02962 800-0

info@josefsheim-bigge.de

Berufsbildungswerk

Bigge

Wege zusammen gehen, Ziele gemeinsam Unterstützung

des BBW Bigge erreichen!

Nach Abstimmung sind zudem

individuelle Beratungstermine für Interessierte

vor Ort möglich.

Kontakt:

info@bbw-bigge.de

Telefon:

02962 800 477

WOLL Frühling 2021 - 85


Freie Ritterschaft von Ense

Matthias Koprek

Freie Ritterschaft von Ense

Mittelalterfreunde mit

Anspruch und Humor

Die Freie Ritterschaft von Ense ist eine Interessensgemeinschaft

von rund 15 Männern und Frauen,

die ihre Leidenschaft für das Mittelalter miteinander

teilen. Gegründet wurde die Gruppe von Michael

Bartloff. Auslöser für seine Leidenschaft war der eher zufällige

Besuch eines Mittelaltermarktes vor vielen Jahren.

„Dort habe ich mir – ganz Kind im Manne – ein Schwert

gekauft“, erzählt der 50-Jährige. „Irgendwann dachte

ich mir: Das Schwert ist viel zu schade, um nur an der

Wand zu hängen. Du musst irgendetwas damit anfangen.“

Daraufhin hat er sich nach Mittelaltergruppen in der

Umgebung umgeschaut und ist einer Gruppe in Lippstadt

beigetreten, um den Schwertkampf zu erlernen.

Teilnahme an Mittelaltermärkten in der Region

Daraus ist 2005 die Freie Ritterschaft von Ense entstanden, die

ihr Marktlager regelmäßig auf Mittelaltermärkten im Umkreis

von rund 100 Kilometern aufschlägt. Das Lager umfasst

mehrere authentische Zelte aus Naturleinen, eine Koch- und

Feuerstelle, einen überdachten Essbereich mit hölzerner Tafel

und natürlich das Waffen- und Rüstungslager. Das Lagerleben

wird so wie vor 800 Jahren praktiziert.

Besonders prachtvoll präsentiert sich des Grafen Zelt, das mit

einem Steckbett, einem Tisch, mehreren Reisetruhen, Fellen

und Lampen ausgestattet ist und die gräflichen Waffen und

Rüstungen beherbergt. In ihm nächtigt Graf Wilhelm Konrad

86 - WOLL Frühling 2021


Das Wappen der Ritterschaft

von Ense, der von Michael

Bartloff verkörpert wird. Die

fiktive Figur ist stark an

Conrad von Ense angelehnt,

den Stammesvater des Rittergeschlechts

von Ense. Das

Geschlecht ist bereits 1250

urkundlich erwähnt und ihre

Angehörigen waren Vasallen der

Grafen von Werl.

Bartloff erkundigte sich seinerzeit bei der

Kirche über die Adelsgeschlechter in der Region

und erhielt vom Niederenser Pastor Josef Dohmann persönlich

die Genehmigung, den Namen Wilhelm Konrad von Ense zu

tragen, weil es heute keine wirklichen Nachfahren mehr gibt.

Mittelalterliche Charaktere mit historischem Bezug

Um dem echten Grafen nicht zu nahe zu treten, nennt er sich

Wilhelm Konrad. Auch wenn alle Vorkommnisse, die im Zusammenhang

mit der Figur geschildert werden, auf realen Ereignissen

beruhen, erfolgt die Darstellung des fiktiven Grafen

letztlich nach eigenem Ermessen. Ähnlich ist es auch bei den

anderen Mitgliedern der Ritterschaft, die alle einen Charakter

verkörpern.

Freiherr Hermann von Ense zum Beispiel ist der fiktive Bruder

von Wilhelm Konrad und nimmt die absolute Gegenrolle zum

raffgierigen Grafen ein, der dem schimmernden Gold weitaus

stärker zugetan ist als den notleidenden Untertanen. Hermann

ist zweifelsohne der bessere Kriegsherr – fachlich und menschlich

–, hat jedoch das Pech nur der Zweitgeborene zu sein. Und

so existiert zwischen den adeligen Brüdern ein permanentes

Schauspiel, das von Hohn und Spott, Intrigen und Kontroversen

geprägt ist. Bartloff findet große Freude an seiner unterhaltsamen

Rolle als eingebildeter und rechthaberischer Snob – wie

man heutzutage sagen würde. Auf Mittelaltermärkten spielt die

Gruppe beispielsweise Hexenprozesse und Diebesverfolgungen

nach. Ein Langfinger schlendert durch die Stände, stiehlt und

ergreift die Flucht. Der eingeweihte Händler brüllt lauthals

los und verfolgt den Dieb mit einem riesigen Kochlöffel. Die

Marktwachen schnappen sich den Räuber und führen ihn dem

Grafen vor. Der Prozess wird vorbereitet, der Dieb muss zu Gericht

sitzen und wird schließlich verurteilt.

Als das wird immer mit einem Augenzwinkern gespielt und

ist deshalb umso unterhaltsamer. Wenn Wilhelm Konrad von

Ense die Steuern von den Händlern eintreibt, die jeden zehnten

Taler abdrücken müssen, wird gern auch mal der Bezug zur

heutigen Mehrwertsteuer hergestellt. „Wir wollen die Menschen

für das Thema begeistern und das funktioniert mit Unterhaltung

weitaus besser als mit trockener Geschichte“, sagt Bartloff.

Aufwendige Gewänder und originalgetreue Requisiten

Das Lager

Im Lager

Dabei nimmt die Freie Ritterschaft von Ense ihr Hobby durchaus

ernst. Wer einen höheren Stand einnehmen will, muss die

Blick ins Grafenzelt

WOLL Frühling 2021 - 87


Grundvoraussetzungen dafür mitbringen, indem er

zum Beispiel Fechten kann und die damalige

Ausdrucksweise beherrscht. All das kann

man aber in der Gruppe lernen. So hat

sich ein Mitglied innerhalb von vier Jahren

vom einfachen Soldaten zum ersten

Ritter entwickelt. Dazu gehört auch,

dass man sich die notwendige Bekleidung

und Ausrüstung beschafft. Das

sind keine profanen Kostüme, sondern

authentische Gewänder, die ihrem historischen

Vorbild sehr nahe kommen.

So ließ sich die Ritterschaft von einem Gewandungsschneider

zum Beispiel Wappenröcke anfertigen,

die an ihr Wappen angelehnt sind. Dieses wiederum ist nicht

das Wappen von Ense, das ein Hoheitszeichen ist und deshalb

nicht verwendet werden darf. Es handelt sich vielmehr um

das Familienwappen der Familie Busche, der Michael Bartloff

angehört: „Meine Großeltern hießen noch Busche. Es ist das

private Ritterwappen meiner Familie, das ich in der Ritterschaft

wieder zum Leben erweckt habe.“

Auf den Märkten bietet die Freie Ritterschaft

Mittelalter zum Anfassen. Die

Besucher dürfen sich Zelte, Rüstungen

und Waffen nicht nur anschauen,

sondern auch ausprobieren. Das

kommt vor allem bei Kindern gut

an, die gern mal in eins der Kettenhemden

schlüpfen. Zumindest

soweit sie das Gewicht von bis zu 45

Kilogramm tragen können. Coronabedingt

konnte die Ritterschaft ihr

Hobby in den letzten Monaten nur sehr

begrenzt ausüben. „Wir stehen in den Startlöchern

und sind wieder auf Märkten präsent, sobald

es möglich ist“, sagt Bartloff hoffnungsvoll. ■

Graf Wilhelm Konrad von Ense

Grußwort des Grafen von Ense

Seyd gegrüßt, wertes Volk und fühlet Euch willkommen.

Von Ense kommen wir daher, doch jeder darf mit uns im

Bunde stehen und uns auf unseren Wegen begleiten. Ein jeder,

gleich welchem Standes, sey uns willkommen. Kein Obulos

wird von Euch verlangt, keine Lehe, keine Zeche. Gemeinsamkeit

ist das was zählt, um alte Tage zu neuem Glanze

führen. All Jene, die zu uns gefunden, das magische Portal

durchschritten haben, seyd gewiss, Ihr habt unsern Dank. Im

Besondren Jene von einst, die uns aufs Neue die Treue boten.

Euch sey gesagt: Mit Euch an unserer Seite, wird selbst die

größte Armee das Felde räumen. Die Zweifler, die sich nicht

wagen und um Gottes Beistand fragen: Schreibt die Formel

ritterschaft.ense@web.de in einen Zauberkasten und nennt

Euer Anliegen. Eine geistreiche Antwort sey Euch gewiss.

Auf bald, Euer Graf Wilhelm Konrad von Ense

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88 - WOLL Frühling 2021


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ein Büro ist im Sauerland

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Das inhaberingeführte BauZeichenBüro

Willerscheid, im Jahr 2013 von Isabella

Maria Willerscheid gegründet, ist auch über

die Grenzen ihrer Heimat hinaus zu einem

Begriff geworden.

Ihre Aufträge erhält sie mittlerweile

deutschlandweit, aus Saarland, Berlin,

Schleswig-Holstein oder Bayern. Sie arbeitet

selbst & ständig im Auftrag ihrer Kunden,

dazu gehören neben Architekten und Ingenieuren

sowohl Bauträger, Makler, Zimmerer

und Designbüros als auch Banken und

private Bauherren.

Ob Anbau, Umbau oder Neubau, zum

umfangreichen Spektrum ihrer bereits

erfolgreich umgesetzten Projekte im Hochbau

zählen nicht nur klassische Ein- und

Mehrfamilienhäuser, Garagen und Carports.

Sondern auch Büro- und Geschäftshäuser,

Hotels, Senioren- und Pflegeheime,

Kita´s sowie Fachmärkte, Werkhallen und

landwirtschaftliche Nutzbauten.

Im Auftrag ihrer Kunden erstellt sie auf

Wunsch vollständige Bauvorlagen, digitalisiert

Bestandspläne, erstellt 3D-Visualisierungen

der geplanten Gebäude oder sie

entwirft selbst individuelle Grundrisse. Auch

die nötigen Unterlagen der „Eingriffsbewertungen

für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen“

gemäß Bundes-Naturschutzgesetz

sowie Teilungserklärungen in Form eines

„Antrags auf Abgeschlossenheitsbescheinigung“

hat sie in ihr Angebot aufgenommen.

Die Bestandsaufnahme von Gebäuden anhand

von Aufmaßen vor Ort gehört ebenso

zu ihren Leistungen. Sollten also keine

Unterlagen mehr vorliegen oder ein Aufmaß

zwingend erforderlich sein, dann sind sie

hier genau richtig.

Der ständige Kontakt mit ihren Kunden

macht ihr riesigen Spaß und die enge Zusammenarbeit

mit Fachplanern, Bauleitern,

Handwerkern sowie Behörden ist ihr sehr

wichtig. Dazu sagt sie: „Ein guter Entwurf

und dessen Umsetzung entsteht über Kommunikation.“

„Ich habe in meiner mehr als 27-jährigen

Berufserfahrung an unterschiedlichen

Projekten mitgewirkt und bringe sehr viel

Erfahrung aus der Planung im Bauwesen

mit, sowohl im Massiv- als auch im Holzbau.

Dennoch besuche ich regelmäßig Fortbildungen,

um mich immer weiterzubilden.

Dazu zählt auch das barrierefreie Bauen, was

für mich ebenfalls unerlässlich ist.“

„Ich arbeite nicht… ich tue das, was ich

liebe.“ verrät sie uns.

„Es ist meine Passion, die Menschen auf

dem Weg in ihr neues Zuhause zu begleiten,

sie dabei zu unterstützen und zu inspirieren,

ihre Wünsche und Bedürfnisse erfolgreich

umzusetzen. Die Zusammenarbeit mit

meinen Bauherren ist immer unglaublich

spannend. Jedes neue Projekt ist so individuell,

wie der Mensch, der da hinter steht.

Manche Tage sind schon mal anstrengend,

aber nicht stressig. Wenn ich im flow bin,

schaue ich nicht auf die Uhr, da kann es

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auch schon mal etwas später werden. Ich

bin ständig kreativ und skizziere meine

eigenen Ideen auf. Das Wort Urlaub macht

mich nervös.“ sie lacht: „Ich gönne mir zwar

immer wieder eine kleine Auszeit, aber ich

kann nicht Nichts tun, dass ist gegen meine

Natur. Ich visualisiere oder baue immer

irgendetwas, entweder mit den Händen

oder in meinem Kopf. Gedanken schaffen

Realität.“

Aktuelle Bauvorhaben in 2020/21:

• Neubau Mehrfamilienhaus mit 8

Wohneinheiten und Tiefgarage in Olpe

• Neubau Einfamilienwohnhaus in Eslohe,

Erflinghausen, Reiste, Niederberndorf

und Hirschberg

• Neubau Einfamilienwohnhaus mit

Einliegerwohnung, Garagen und

Pool in Stadtbergen (Bayern)

• An- und Umbauten in Hallenberg,

Züschen, Sundern, Kückelheim,

Meschede, Neuenrade und

Battenberg (Eder)

• Neubau „Tiny-House“ in Möhnesee

• Bestandsaufnahme und Aufmaß

Produktionshalle mit Verwaltung in

Eslohe und Fachwerkhaus in Arpe ■

WOLL Frühling 2021 - 89


Von Raubwürgern

und Neuntötern

Besondere Singvögel im Sauerland

Sonja Nürnberger

Werner Schubert

W

er etwa in meinem Alter ist, erinnert sich vielleicht noch an ein Bild aus der Kinderfernsehserie

„Als die Tiere den Wald verließen“: Ein grimmig dreinblickender Vogel sitzt in

einem Busch, auf dessen Dornen kleine Mäuse aufgespießt sind. Kein besonders schöner

Anblick. Aber entspricht das wirklich der Realität und gibt es einen

solchen Vogel auch bei uns? Die Antwort lautet: ja!

Etwa 70 Singvogelarten gibt es bei

uns im Sauerland. Von Buchfink

und Rotkehlchen hat wohl jeder

schon einmal gehört und würde

beide wohl auch auf Anhieb erkennen. Die

„Geschwister Fürchterlich“, die beiden Vogelarten mit den

wenig sympathischen Namen Raubwürger und Neuntöter kennt

aber vielleicht noch nicht jeder. Letzterer war eben der, bei dessen

Anblick man als Kind auf dem Fernsehbildschirm doch etwas

schlucken musste.

Beide sehen sie aus wie der typische Comicbandit mit ihrem

schwarzen Streifen, der sich durch die dunklen Augen zieht. Die

Männchen des Neuntöters haben einen rostroten Rücken und

einen grauen Kopf, während die Weibchen und Jungvögel eher

bräunlich sind. Der Raubwürger ist etwas größer als der Neuntöter

und sowohl Weibchen als auch Männchen sind eher grau-weiß gefärbt

und haben einen dicken schwarzen Hakenschnabel.

Natürliche Lebensräume erhalten

Neben Großinsekten ernähren sich Neuntöter und Raubwürger auch

von kleinen Säugetieren wie eben Mäusen. Sie brüten bevorzugt in

dornigen Büschen und Hecken. Dort legen sie sich auch ein Vorratslager

für magere Zeiten an. Spießplätze nennt man die Orte, an denen sie

ihre Beute auf den Dornen aufspießen. Sie liegen versteckt im Dornengestrüpp,

sodass sie nicht von anderen Vögeln geplündert werden.

Männchen und Weibchen der Neuntöter

unterscheiden sich deutlich in ihrer Färbung.

90 - WOLL Frühling 2021


Doch eventuelle Räuber sind nicht das größte Problem vom

Neuntöter und Raubwürger. Die Lebensräume für die beiden

Arten werden immer kleiner. Durch die deutliche Intensivierung

der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten ist die Population

des Neuntöters deutlich zurückgegangen und auch der

Raubwürger ist inzwischen vom Aussterben bedroht. Während

man ihn in Ostdeutschland noch häufiger findet, ist er in Westdeutschland

fast ausgestorben – außer im Sauerland. Er mag die

Landschaft bei uns, aber auch hier nimmt die intensiv genutzte

Agrarlandschaft immer mehr Raum ein. Es sind natürliche Weideflächen,

die gefördert werden müssen, damit der Lebensraum

für die gefährdeten Vogelarten erhalten bleibt.

Augen und Ohren auf

Wer mit offenen Augen und Ohren durch das Sauerland läuft,

entdeckt vielleicht den ein oder anderen Vogel und schaut einmal

genauer hin. Zilpzalp, Feldschwirl oder Eichelhäher – gerade bei

einem Spaziergang im Frühling fliegen sie einem über den Weg

und sorgen für den richtigen Soundtrack, der den Frühling erst

richtig zum Frühling macht. ■

Mit dem schwarzen Streifen, der sich durch die Augen zieht,

sieht der Raubwürger aus wie ein Bandit.

Werner Schubert, Leiter und Geschäftsführer der

Biologischen Station Hochsauerlandkreis, der mir

für diesen Artikel bereitwillig Auskunft gegeben

hat, empfiehlt besonders einige der wunderschönen

Wanderwege um Marsberg und Brilon. Einen Eindruck

verschaffen, kann man sich beispielsweise auf

YouTube bei „Naturschätze Südwestfalens“.

Natürliche Weideflächen sorgen für den Erhalt des Lebensraums

von Raubwürger und Neuntöter.

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WOLL Frühling 2021 - 91


Advertorial

Aus Kälte Wärme machen?

Mustersiedlung für ökologische Wärmeversorgung im Soester Norden

Es klingt paradox oder zumindest verwirrend: „Kalte Nahwärme“

lässt sich klimaschonend und effektiv für die Wärmeerzeugung nutzen.

Mit der Realisierung des bundesweit größten „Kalte-Nahwärme-Netzes“

für ein Neubaugebiet werden in Soest Maßstäbe gesetzt.

Stephan Werthschulte, Geschäftsführer der Tilia GmbH, erläutert,

wie das funktioniert und was an dem Projekt zukunftsweisend ist.

WOLL: Herr Werthschulte, in der Theorie soll es angeblich

möglich sein, aus anderen Metallen Gold zu machen. So ähnlich

hört es sich an, wenn aus Kälte Wärme entstehen soll …

Stephan Werthschulte: Ein wenig Verwirrung stiftet der Name

„Kalte Nahwärme“ schon. Gold können wir mit „Kalter Nahwärme“

leider noch nicht herstellen, aber zumindest können wir

es Menschen damit umweltschonend warm machen. Natürlich

gelten auch für die Energieversorgung physikalische Gesetze, die

den technischen Rahmen vorgeben.

WOLL: Warum wird in Soest eine Mustersiedlung

geplant, bei der vor allem eine sogenannte

ökologische Wärmeversorgung

im Mittelpunkt steht?

Stephan Werthschulte: Soest hat sich

zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral

zu werden. Ein solches Ziel zu erreichen,

inkludiert notwendigerweise auch die

„Wärmewende“, da über die Hälfte der CO 2

-

Emissionen dem Heizungsbereich zuzuordnen

sind. Diese Wärmewende bedeutet den weitgehenden

Verzicht auf fossile Energieträger, oder, noch besser,

deren Substitution. Auch die Sektorkopplung gehört dazu, die

Verzahnung von Strom, Wärme und Mobilität. Diese Bereiche

wurden bislang weitgehend unabhängig voneinander betrachtet.

Die Erfahrungen zeigen, dass Klimaschutzprojekte im Gebäudebestand

oft kompliziert und kostspieliger sind, da sie die bestehende

Infrastruktur verändern. In Soest wird auf der grünen

Wiese ein Neubauquartier geschaffen, das ideale Vorausetzungen

mit sich bringt, frisch und anders zu denken.

WOLL: Und was hat die Firma Tilia damit zu tun?

Stephan Werthschulte: Tilia hat sich seit Gründung im Jahr

2009 zum Ziel gesetzt, ökonomische und ökologische Werte zu

schaffen. Nicht das eine oder das andere. Dies tun wir rund um

die Themen Energie, Wasser und Abwasser, Mobilität, Smart

City sowie Abfall- und Kreislaufwirtschaft. Wir sind überzeugt

davon, dass diese Themen sehr vernetzt sind, und ich denke, darin

liegt die Stärke der Tilia: Projekte mit dem Blick über den

„Tellerrand“ anzugehen. Die Stadtwerke Soest, die das „Kalte

Nahwärme-Netz“ entwickeln, bauen und betreiben, haben die

Tilia als Projektpartner an Bord geholt. Man schätzt unsere

„Neutralität“ in der Lösungsfindung, unsere interdisziplinären

Kompetenzen, eine gute Prise Innovation und den Willen, etwas

umzusetzen. Unsere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den

Stadtwerken Soest leben wir schon seit ein paar Jahren.

WOLL: Wie funktioniert das bundesweit größte „Kalte-Nahwärme-Netz“?

Stephan Werthschulte: Herkömmliche Wärmenetze werden

mit einer Vorlauftemperatur von circa 70–100 Grad Celsius gefahren.

Das ist notwendig, da älterer Gebäudebestand ohne Fußbodenheizung

und KfW Effizienzstandard höhere Temperaturen

benötigt. Ein Neubaugebiet, das diesen Standard vorgibt und in

dem alle Gebäude eine Fußbodenheizung haben, die mit einer

Vorlauftemperatur von circa 30° C operieren, kann anders

versorgt werden.

Das „Kalte Nahwärme-Netz“ in Soest

kommt ohne Heizzentrale aus. Es bezieht

die sehr konstante Temperatur von circa 10

Grad Celsius aus horizontal verlegten Erdkollektoren,

die oberflächennah in circa

1,5–3m verbaut werden. In den Häusern

wird diese Wärme über Wärmepumpen,

die ihren Strom am besten aus Photovoltaikanlagen

beziehen, auf die für die Fußbodenheizung

erforderlichen 30° C und danach auf die

für das Trinkwarmwasser notwendigen 65° C gebracht.

Im Sommer kann das System auch grundsätzlich zur Kühlung

der Gebäude genutzt werden, indem das „kalte“ Heizwasser die

Raumwärme aufnimmt und über das Erdreich rückgekühlt wird.

WOLL: Welche Vorteile hat das System? Für die Hausbesitzer?

Für die Umwelt? Für die Stadt?

Stephan Werthschulte: Der Hausbesitzer hat den Vorteil einer

sehr ökologischen und ökonomischen Versorgung, welche die

Bauvorschriften nachhaltig erfüllt. Die Heiz- und Kühlfunktion

erhöht den Wohnkomfort. Der Wildwuchs von Luft-Wasser-

Wärmepumpen an Nachbars Grenze und Schallemissionen werden

verhindert. Ich sehe auch ästhetische Vorteile, indem nicht

mannigfaltige, unterschiedliche Techniklösungen in Gärten oder

auf Dächern verbaut werden. Wenn ein Kunde dazu noch grünen

Strom, zum Beispiel über eine von den Stadtwerken errichtete

Photovoltaikanlage, für seinen Haushaltsstrom oder seine E-

Mobilität einsetzt, wäre er nahezu CO 2

-neutral. Zudem bieten

die Stadtwerke einen 24/7 Service an. Weitere zukunftsweisende

110 92 - - WOLL Frühling Frühjahr 2021


Bausteine, die der Kunde bekommen

kann, sind Highspeed Internet

und E-Mobilität.

Die Umwelt freut sich, weil kein

Gasnetz für fossilen Gaseinsatz

verbaut wurde und das Kalte-

Nahwärme-Netz ohne Komforteinbußen

substanziell CO 2

einspart.

Für Soest und seine Bürger ist

dieses Projekt ein starkes Signal in

Richtung Klimaneutralität. Daher

ist es konsequent, bei einem

„Neubauquartier“ auch „neue

Wege“ zu gehen.

Prinzip „Kalte Nahwärme“ Netz

WOLL: Gibt es auch Nachteile

oder Einschränkungen?

Stephan Werthschulte: Jede Medaille hat zwei Seiten. Meiner

Meinung nach ist der größte Nachteil im Soester Konzept, dass

nicht jeder Häuslebauer sein eigenes Technikkonzept umsetzen

kann. Und wir hatten die Möglichkeit von Erdsonden mit tieferen

Bohrungen von bis zu 100 m geprüft. Diese sind wegen

der geologischen Situation und der wasserführenden Schichten

nicht möglich.

WOLL: Welche Rolle übernimmt die Firma Tilia?

Stephan Werthschulte: Ich denke, am besten kann man unsere

Rolle beschreiben mit: Wir sind der Kümmerer. Wir unterstützen

die Stadtwerke Soest bei der Planung und Umsetzung des

Projektes. Gemeinsam haben wir die Fragestellungen beantwortet:

Was ist das beste Konzept, wie können wir es technisch umsetzen?

Wird es ökonomisch machbar sein? Welche CO 2

-Minderung

können wir erreichen? Es macht Spaß und motiviert

enorm, wenn man die Zukunft mitgestalten kann.

WOLL: Welche neuen Energie-Konzepte oder -Ideen erwarten

uns in Zukunft?

Stephan Werthschulte: Oscar Wilde hat mal gesagt: „Das Unerwartete

zu erwarten, verrät einen durchaus modernen Geist.“

Das Unerwartete trifft uns in vielen Bereichen des Lebens. Für

die Energieversorgung gilt dies auch. Wir schalten Kohlekraftwerke

ab, setzen Ziele der Klimaneutralität und Investmentfonds

investieren in Nachhaltigkeit. Natürlich kann man einige Entwicklungen

kontrovers diskutieren. Auf jeden Fall bleibt es spannend,

schauen wir nur auf die vielen disruptiven Innovationen

der letzten 25 Jahre.

Ich denke, die Zukunft wird bunt sein, wir werden nicht eine

einzige Lösung für unsere Energieversorgung haben, sondern sie

wird sich an regionalen Unterschieden

ausrichten, zum Beispiel

die Nutzung industrieller

Abwärme. Momentan reden alle

über Wasserstoff. Das Potential,

das sich da bietet, teile ich, aber

man muss im Blick behalten,

für welche Anwender und wann

Wasserstoff ausreichend wirtschaftlich

zur Verfügung stehen

wird. Grundsätzlich wird es aber

eine Mischung aus Vermeiden

und Ersatz durch Erneuerbare

Energien sein.

Für Deutschland wünsche ich

mir mehr „Umsetzungskraft“.

Potentiale erkennen und umsetzen

ist ein Unterschied. Solange

wir Dieselbusse in Innenstädten einsetzen, benötigen wir für

Städte nicht ultrakomplexe Konzepte, sondern viele Projekte, die

sofort positive Wirkung entfalten.

WOLL: Welche anderen Projekte/Maßnahmen im Sauerland

realisiert Tilia?

Stephan Werthschulte: Wir unterstützen Industrieunternehmen,

Stadtwerke und Kommunen bei Energie-, Wasser- und

Nachhaltigkeitsthemen. Dazu gehören die Entwicklung von

Smart City-Konzepten, Photovoltaik-Nutzung, Umstellung

öffentlicher Beleuchtung auf LED, das Identifizieren von Effizienzpotentialen

und die Entwicklung realistischer Pfade in die

Klimaneutralität.

WOLL: Wird jetzt alles grün? Was ist da gerade los?

Stephan Werthschulte: Normalerweise verändert sich ein

„Mindset“, also das Fenster, durch das wir die Welt sehen, langsam.

Corona hat den Menschen erfahren lassen, wie anfällig

unsere Art des Lebens und des Wirtschaftens sind.Diese Ängste

und Unsicherheiten beschleunigen die Nachhaltigkeitsdebatte

und verändern unsere Denkweise. (hh)

Tilia bietet Unternehmen und Kommunen Lösungen rund um

die Themen Energie, Wasser und Abwasser, Mobilität, Smart

City sowie Abfall- und Kreislaufwirtschaft. 150 Mitarbeiter an

Standorten in Deutschland und Frankreich begleiten bereits

mehr als 500 Projekte.

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WOLL Frühjahr Frühling 2021 - 111 93


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94 - WOLL Frühling 2021


Josef Sommer aus Brilon und sein himmlisches Hobby

Über den Wolken...

E

in Hobby wird mit viel Bedacht gewählt und begleitet einen oft ein

Leben lang. Es geht nicht darum, die Zeit „totzuschlagen“, sondern in

eine andere Welt abzutauchen und eigene Ideen und Träume verwirklichen

zu können.

Petra Kleine

sabrinity

Der knallgelbe Motorflieger, eine

Wilga 35, schraubt sich hoch in den

blauen Himmel und setzt dort mehrere

Fallschirmspringer ab. Deren regenbogenbunte

Schirme öffnen sich und

die Springer steuern mit Armen und

Beinen, bis sie schließlich punktgenau

auf der markierten Fläche am Boden

landen. „Perfekte Landung, so soll’s

sein!“ freut sich Josef Sommer. Der

71-jährige Briloner ist Modellbauer

aus Leidenschaft. Was wir hier gerade

erlebt haben, war wie bei den Großen,

nur eben „en miniature“.

Bereits drei Mal war Josef Sommer

Deutscher Meister mit seinem Fallschirmspringer-Modell.

Seine Werkstatt

könnte voller Pokale stehen, aber er ist

zu bescheiden, sie alle dort auszustellen.

Ich sehe mir seinen Fallschirmspringer

genauer an und bin begeistert von den

vielen liebevoll gefertigten Details, wie

dem handgenähten Schirm. Die absolute

Krönung sind die maßgefertigten

Ledersprungstiefel, die in mühevoller

Handarbeit entstanden. „Schließlich

bin ich gelernter Orthopädieschuhmachermeister“

erklärt Josef Sommer

und lacht. „Daher war mir dieses

Tüpfelchen auf dem „i“ ein besonderes

Anliegen!“

Wie der Vater, so der Sohn…

Von seinem Vater hat er übrigens nicht

nur Beruf und Geschäft übernommen

(das ehemalige Orthopädiehaus Sommer

in Brilon), sondern auch die Liebe zum

Modellsport, das die ganze Familie

teilte. „Als ich ein kleiner Junge war, war

die Technik noch nicht so weit entwickelt.

Aber im Rahmen des Möglichen

haben wir unser Hobby betrieben,“ erinnert

er sich. „Da meinem Vater das

WOLL Frühling 2021 - 95


Bauen mehr lag als das nervenaufreibende Fliegen (da kann

es schon mal schnell zum Absturz kommen), durfte ich schon

früh die selbstgebauten Modelle fliegen.“

Ferngesteuerte Segelflieger, Motorflugzeuge, Fallschirmspringer

und auch diverse Hubschrauber sind in Josef Sommers gut

bestückter Werkstatt zu finden. Viele davon sind selbst gebaut,

denn das ist Modellbauer-Ehre! Alle benötigten Werkzeuge

liegen übersichtlich griffbereit und, wie ich finde, sehr ordentlich

parat. „Na ja, so ordentlich nun auch nicht“, meint Josef

Sommer und zeigt augenzwinkernd auf das Schild an seiner

Wand: „Geniale Menschen sind selten ordentlich. Ordentliche

selten genial.“

Allein in der Werkstatt,

zusammen auf dem Flugplatz

An den Werkstattmaschinen befinden sich schon wieder neue

Modellbauteile, die gerade in Arbeit sind. Wirklich fertig

ist man als Modellbauer ohnehin nie, dafür kann man aber

herrlich abschalten beim Bauen. Natürlich gibt es aber auch

Zeit für Geselligkeit und fachlichen Austausch mit Gleichgesinnten,

sofern Corona das erlaubt. Josef Sommer gehört zu

den Gründungsmitgliedern des Modellflug-Clubs Brilon, der

kommendes Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiern kann.

„Technik faszinierte mich schon immer“, so Sommer, der

auch gerne Ski fährt, wandert oder mit dem Mountainbike

unterwegs ist. „Früher war die größte Angst, dass es

aufgrund der nicht ausgereiften Technik zu Abstürzen

kommt. Heute liegt das Problem eher „zwischen den

Ohren“, denn man muss 100%ig konzentriert sein beim

Fliegen“, verrät er mir. „Ich habe mich auch erst langsam

an Loopings und Rollen mit meinen Kunstfliegern herangetastet,

aber nach und nach wird man mutiger,“ ergänzt

er verschmitzt und am Strahlen seiner Augen erkennt man

die Liebe zu seinem Hobby und seine Begeisterung fürs

Fliegen. ■

96 - WOLL Frühling 2021


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DAS GEHEIMNIS DES ERFOLGS

SIND DIE OVENTROPER

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Jürgen Eckert &

Oventrop GmbH

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Oventrop ist ein weltweit erfolgreiches

Unternehmen – auch und vor allem

dank einer ganz besonderen Mentalität

Sauerländer hat ein sehr gutes Gespür

dafür, ob jemand eine Rolle spielt oder ob

„Ein

er das, was er tut, authentisch und mit Herz

tut. Uns Oventropern sind Menschlichkeit, Persönlichkeit

und der Respekt und das Verständnis füreinander extrem

wichtig“, sagt Bernhard Schaub, der seit 40 Jahren im

Unternehmen und heute Mitglied der Geschäftsleitung ist.

Das Familienunternehmen Oventrop gibt es seit 170 Jahren

und wird heute in der 5. und 6. Generation durch die Inhaberfamilien

Fähnrich und Rump geführt. Seit der Gründung

1851 wird das Unternehmen aus Olsberg mit Herz und Leidenschaft

geführt. „Meine Güte, was haben wir alles erlebt“,

fängt Bernhard Schaub an zu erzählen. „Wir haben uns vom

Komponentenhersteller zu einem Systemanbieter entwickelt,

wir haben schon einige Krisen wie die Ölkrise der 1970er

überstanden und sind heute in der ganzen Welt zu Hause,

auch wenn unsere Wurzeln im Sauerland liegen“, führt der

Vertriebs- und Marketingleiter fort.

„Die Erfindung des Heizölfilters nach dem Krieg war unser

Durchbruch und machte uns in ganz Europa bekannt. Seitdem

ist viel passiert und wir entwickeln uns immer weiter.

Wir sind ein modernes Unternehmen, das sich marktgerecht

verändert und sich den Themen der aktuellen Zeit stellt“, versichert

Bernhard Schaub.

„Heute gibt es kaum noch jemanden, der kein Oventrop

Produkt im Hause hat. Die meisten unserer Produkte sind im

Heizungskeller“, ergänzt Michael Scheller, Oventrops Leiter

des Marketing- und Produktmanagements. „Wir sind für das

gute Raumklima sowie das warme und saubere Wasser aus

Ihrem Hahn verantwortlich. Das, was vermutlich schon jeder

in der Hand hatte, ist der Thermostatkopf an der Heizung

– der kommt in der Tat sehr häufig von uns“, sagt Michael

Scheller, der seit zwei Jahren Oventroper ist. ■

Hier geht’s zum Video:

Partner der Big Six

Oventrop GmbH & Co. KG

Paul-Oventrop-Straße 1 | 59939 Olsberg

+49 2962 82 0 | mail@oventrop.com

WOLL Frühling 2021 - 97


Fiona Hoppe gibt nicht nur auf der Motocross-Strecke Gas

Wenn das Startgatter fällt …

Sauerländer LEUTE –

Der MENSCH dahinter

Paul Senske

Tom Linke

das Startgatter fällt, dann hat man

alles vergessen und will einfach nur Gas

„Sobald

geben.“ Fiona Hoppe aus Neheim-Moosfelde

ist leidenschaftliche Motocrosserin mit dem ambitionierten

Ziel, in mittelbarer Zukunft Weltmeisterin

in dieser atemberaubenden Sportart mit dem duellen

Motorrad gegen Motorrad und den spektakulären

Sprüngen zu werden. Die 20-Jährige, angehende Studentin

weiß, was sie will und arbeitet mit knallhartem,

körperlichem Training, viel Disziplin und Verzicht

sowie klarer Tagesstruktur auf dieses Ziel hin.

Rumhängen, auf Neudeutsch „Chillen“, ist nicht ihr

Ding: „Ich brauche Struktur in meinem Leben.“ Ein

schwerer Rennunfall vor zwei Jahren warf sie nicht

aus der Bahn. Fiona kämpfte sich in die Überholspur

zurück und schöpfte neue Kraft und Energie - nicht

nur für ihre sportliche Karriere.

98 - WOLL Frühling 2021


Bei dem Unfall auf der Motocross-Strecke „Am Hafnerhäule“

des MSC Schnaitheim (bei Heidenheim) zog sich

die Neheimerin eine schwere Verletzung am rechten Fuß zu.

„Ich bin bei einem Sprung zu weit gekommen und gegen den

nächsten Hügel geprallt“, erinnert sie sich. „Der gesamte Fuß

sollte versteift wer- den.“ Ihre Karriere hing am

seidenen Faden.

„Dank der tollen ärztlichen

Versorgung“

in der BG Unfallklinik

Murnau, harter

Arbeit und einem nicht

leichten Reifepro-

zess („Lohnt sich überhaupt

der ganze

Aufwand?“) gelang ihr

das Comeback,

zunächst bei

Trainingsfahrten

Mitte 2019 auf

ihrer Heimstrecke

des MSC Voßwinkel.

„Bei der ersten

Fahrt habe ich vor Freude

unter dem Helm geweint.“ Dass sie nach der

Verletzung gar ihr erstes Rennen beim Ladies

Cup in Northeim gewann, machte ihr Glück

und das ihrer Eltern Sandra und Udo, die bei

jedem Rennen dabei sind, perfekt, auch wenn

Fiona auch heute noch zweimal in der Woche

ihren Fuß behandeln lassen muss. „Die

Verletzung hat mir gezeigt, was mir der

Sport auf meiner 250 ccm

Viertakt Husqvarna

bedeutet. Sobald

man auf dem

Motorrad sitzt, das

Feeling wieder hat,

sind alle Bedenken verschwunden,

man genießt

nur noch. Ich habe neue

Kraft geschöpft und Energie

getankt. Die Zeit war

eine Schule fürs Leben.

Das Crossen hat mich viel

selbstbewusster gemacht.“

14 Stunden knallhartes

Training in der Woche

Für ihre sportlichen Ziele arbeitet Fiona hart. Gute 14 Stunden

Training sind in der Woche angesetzt, bevor es im Frühjahr

wieder auf die Strecken gehen soll. Im elterlichen Haus

in Moosfelde hat Fiona, die den Status einer Profisportlerin

hat, sich ein Sportzimmer eingerichtet. Zudem trainiert sie

bei ihrem Personal Trainer Bernd Schiermeister aus Welver,

der auch ihr Mentalcoach ist und die Trainingspläne erstellt.

Ihr Tag ist streng getaktet. Von 6.30 bis

8.30 Uhr arbeitet sie im Moosfelder

Kindergarten St. Elisabeth,

den ihre Mutter Sandra leitet.

Danach findet die

erste Trainingseinheit

statt,

nach dem

Mittagessen die zweite. „Ich brauche

die klare Struktur und will nicht

rumhängen.“ Fiona weiß, dass aufgrund

ihrer sportlichen Karriere der Kontakt

zu ihren Freundinnen leidet. Der Verzicht

fällt ihr nicht leicht. Inzwischen ist sie mit

Davide befreundet, der aus der Nähe von

Hamburg kommt und ebenfalls Motocross

fährt.

Auch was ihr Studium und ihre berufliche

Zukunft betrifft, hat Fiona klare Vorstellungen

und rechtzeitig Gas gegeben. Nach dem

Realschulabschluss in Neheim („Ich war

auch Schulsprecherin“), baute sie im letzten

Jahr am Berufskolleg in Olsberg ihr Abitur

mit den Leistungsfächern Sport und Biologie

sowie gleichzeitiger, erfolgreicher

Ausbildung zur Freizeit-Sportleiter(in).

Im Sommer will sie mit ihrem Studium

Sportwissenschaft und angewandte Trainingswissenschaft

entweder an der Ruhr-

Uni Bochum oder der privaten Hochschule

DHGS in Unna beginnen. „Mit meiner Arbeit in der Kita

will ich mein Studium finanzieren. Später würde ich gerne

als Sportpsychologin arbeiten.“

WOLL Frühling 2021 - 99


„Das finale Ziel ist und bleibt

der WM-Titel“ (Fiona Hoppe)

Pulverbeschichtung

Ihre Karriereschritte sind fixiert. Im letzten Jahr

fanden die Rennen statt, natürlich unter strengen

Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen.

In diesem Jahr sind elf Rennen der deutschen

internationalen Rennserie der Frauen und sechs

WM-Rennen geplant. Fiona will 2021 weltweit

unter die Top-Ten, in den folgenden Jahren

soll es in die Top Five und aufs Podium gehen.

„Das finale Ziel ist und bleibt der WM-Titel“,

betont Fiona. Dabei hofft sie in nächster Zeit

Mitglied eines WM-Teams zu werden, das sich u. a.

in organisatorischer und infrastruktureller Hinsicht

um sie kümmert. Bisher gehört sie zum kleinen Twenty

Suspension-Team. Zu den Rennen fährt sie im Wohnmobil

mit ihren Eltern, denen sie „unendlich dankbar“

ist. „Meine Eltern stehen voll dahinter.“ Gleichzeitig freut

sich Fiona, dass sie mit dem Unternehmen BRISTA, einen

Betrieb aus dem Industriegebiet Ense-Höingen als treuen

Sponsoring-Partner an ihrer Seite hat, der sie auch in diesen

nicht einfachen Zeiten begleitet. ■

„Fiona wollte schon mit drei Jahren aufs

Motorrad“ (Mutter Sandra Hoppe)

Parallel schmiedet sie ihre sportliche Karriere, die ihr

praktisch in die Wiege gelegt wurde. Vater Udo war 25

Jahre ein erfolgreicher Motocrosser beim MSC Voßwinkel.

„Fiona wollte schon mit drei Jahren aufs Motorrad“,

erzählt Mutter Sandra. Zunächst ging es aber mit dem

Laufrad in den Garten, danach unternahm Fiona auf

einem schnuckeligen Kinder-Motorrad erste Fahrversuche.

Mit acht Jahren fuhr sie ihr ersten Rennen auf einer

Kawasaki mit 65 ccm und ließ die Jungs hinter sich. „Erst

lachten, dann staunten und schließlich schwiegen sie“,

erzählt Fiona, deren Karriere Schritt für Schritt Fahrt

aufnahm. Wichtig war vor allem, so Vater Udo, dass

ihre Tochter „die Fahrtechnik beherrscht, mit Kopf und

Respekt fährt“. Die Vorgaben ihres Lehrmeisters hat Fiona

stets vor Augen, wenn sie Gas gibt. Sie treibt einen Sport,

der es in sich hat. Motorrad gegen Motorrad, spektakuläre

Sprünge, das jeweils in 25 Minuten plus zwei Runden.

TRADITION KOMPETENZ QUALITÄT

Franz Brinkmann GmbH · Oesterweg 16 · 59469 Ense-Höingen

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100 - WOLL Frühling 2021


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Freie Ausbildungsplätze gibts hier!

Ausbildungschancen 2021/22

Jetzt freie Stellen entdecken,

kennenlernen – und starten

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Hellweg-

Sauerland haben eine gute

Botschaft zu vermelden: „Die Betriebe

hier bilden weiterhin aus und

suchen Nachwuchsfachkräfte! Bei

ihrer Suche möchte das Netzwerk

beide Seiten unterstützen – die Azubis

bei ihrer Ausbildungsplatzsuche

und die Ausbildungsbetriebe beim

Azubi-Recruiting.

Eine „günstige Gelegenheit“ gibt es

in Form einer vierwöchige Matchingplattform.

Hier gibt es freie Stellen

zu entdecken, Termine können direkt

gebucht werden. Das Kennenlernen

kann dann telefonisch, per Videochat

oder in Einzelgesprächen vor Ort stattfinden.

Der Weg für den hoffentlich

erfolgreichen Start in das Berufsleben.

Darüber hinaus können Beratungstermine

bei den Experten des Netzwerks

vereinbart werden.

Die Plattform ist bis zum 16.04.2021

freigeschaltet. Auch darüber hinaus

bestehen unterstützende Beratungsangebote

für Eltern und Jugendliche.

Welch vielfältige Perspektiven und

Chancen es in der Region gibt, kann

auf dem zentralem Webportal Karriere-hier

oder bei den Frage- und-Antwort-Videos

(Q&A-Videos) von Azubi

für Schüler-/innen gezeigt werden.

Start Podcast “Orientierbar”

Die Region Hellweg-Sauerland als

auch die Ausbildungsbetriebe hier

vor Ort bieten vielfältige und zukunftsorientierte

Chancen für einen

erfolgreichen Karrierestart vor der

eigenen Haustür. Grund genug, diese

Themen mal aufzugreifen und hörbar

zu machen. Der neue Podcast bietet

Schüler/-innen im Rahmen der Berufsorientierung

und dem Übergang nach

der Schule sowie deren Begleitern (Eltern,

Lehrkräfte) spannende Themen,

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Westfalen Mitte, Steuerberaterkammer Westfalen-Lippe, Landwirtschaftskammer NRW, Handwerkskammer

Südwestfalen, Hochsauerlandkreis, Kommunale Koordinierungsstellen KAoA, WirtschaftsFörderungsGesellschaft

Hochsauerlandkreis, Kommunen für Arbeit im HSK, DGB Region Südwestfalen

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des Ausbildungskonsens Hellweg-Sauerland.


102 - WOLL Frühling 2021


Manuka Honig gibt einen

Energy-Boost in den Frühling

Marco Van der Kooi

Sandra Peetz

W

ie schön ist es doch, die Spezialitäten der

Welt zu kombinieren mit regionalen und

saisonalen Lebensmitteln aus dem Sauerland.

„Gutes Essen sollte für uns alle doch ein Hochgenuss sein.

Deinem Körper einen guten und gesunden Kraftstoff geben,

um den Umwelteinflüsse entgegenzuwirken.

Mit Manuka Honig aus Neuseeland kannst du deine Abwehrkräfte

stärken, der spezielle Wirkstoff Methylglyoxal

(auch MGO genannt) ist der perfekte „Energy-Booster“ für

den Frühling. Morgens einen Löffel Manuka hält den Arzt

auf Abstand. Mit Manuka Honig lässt sich auch hervorragend

kochen.

Beim Erwärmen oder Erhitzen bleibt der MGO-Gehalt im

Honig stabil und kann so seine gesunde Kraft auch in einem

Gericht entfalten.

Der Manuka hat einen puren Geschmack, leicht erdig, etwas

Schärfe und eine eingebundene Süße. Eine perfekte Kombination

aus Gewürzen aus der Ferne, Birnen und Zwiebeln

aus der Region, dazu frisch säuerlicher Ziegenkäse.

Die Birnen werden in Portwein mit Nelken, Manuka-Honig,

Zimt und Tonkabohnen eingekocht. Aus dem Sud wird mit

Bindemittel ein Gelee gemacht. Die roten Zwiebeln werden

karamellisiert mit Manuka, abgelöscht mit Port- und Rotwein

und langsam reduziert bis eine Art Marmelade entsteht.

Der Ziegenkäse bleibt pur und wird kurz vor dem Servieren

mit etwas warmem Manuka übergossen. Ein weiteres Gelee

wird aus dem Manuka Honig gemacht und in kleine Würfel

zu dem Ziegenkäse gelegt. Ein Genuss für deinen Gaumen.

Honig aus Neuseeland, Obst und Gemüse aus der Region.

Auf einem Teller vereint. ■

WOLL Frühling 2021 - 103


Nuttlars

Unterwasserwelt –

im Kino

Dieser tolle Manuka Honig in klasse Qualität eignet

sich bestens als Brotaufstrich und

zur täglichen Einnahme!

Unser Honig wurde in abgeschiedenen und

naturbelassenen Gegenden Neuseelands,

vom Nektar der einheimischen

Manuka Bäume gewonnen.

Besuchen Sie unseren Shop unter:

www.manuka4life.com

Wir dürfen uns wieder auf einen neuen Film freuen

– gedreht u. a. im alten Schieferbergwerk in

Nuttlar. Die Lokalität wurde von der PANDORA

Film ausgewählt, weil genau hier im kristallklaren

Sauerländer Wasser die spektakulären Unterwasseraufnahmen

für den Kinofilm „Memory of

Water“ („Der Geschmack von Wasser“) möglich

waren.

Der Science-Fiction-Film basiert auf dem erfolgreichen

Roman der Finnin Emmi Itäranta.

Inhalt: Emmi Itärantas Buch, welches nun unter

anderem in Nuttlar verfilmt wird, handelt von den

zwei befreundeten Teenagern Noria und Sanja.

Sie leben in einem Land, in dem akute Trinkwasserknappheit

herrscht. Noria hat allerdings ein

Geheimnis: Sie kennt eine geheime Wasserquelle,

die bald zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung

wird. In den Hauptrollen sind Saga Sarkola

und Mimosa Willamo zu sehen. Die spannende

Geschichte wird schon bald in den Kinos zu sehen

sein. ■

Foto: https://www.schieferbau-nuttlar.de/bergwerktauchen/

104 - WOLL Frühling 2021


Literaturland Sauerland

Ein Einblick in unsere literarische Landschaft

Schauplatz vieler Bücher ist das Sauerland. Kein Wunder, schließlich ist man

hier von Wald und Wiesen umgeben, beschauliche Dörfer und hügelige Landschaften

in allen Grüntönen erstrecken sich, soweit das Auge reicht. Doch das

Sauerland hat weitaus mehr zu bieten als nur eine Vorlage für literarische Landschaftsbilder.

Hier sind einige Autoren beheimatet und auch ein paar Verlage

gibt es. Besonders erfreulich ist zudem die erstaunliche Anzahl unabhängiger

Buchhandlungen, die uns mit guter Literatur versorgen, genauso wie Bibliotheken

und Archive aus dem Sauerland, die Ihnen allesamt auf diesen Sonderseiten

präsentiert werden. Mit Stolz blicken wir auf die im Sauerland aufgewachsenen

und teilweise immer noch hier lebenden Autoren, die unserer Region mit ihren

literarischen Werken alle Ehre machen. Und ja, das zeigt sich auch in ihren

Büchern, die nicht selten im Land der tausend Berge spielen.

WOLL Frühling Frühjahr 2021 - - 105

137


Literaturland Sauerland

Bücherland

Iserlohn

Thalia

www.thalia.de/shop/home/

filialen/showDetails

Hemer

Buchladen am neuen Markt

www.buchladen-hemer.

buchhandlung.de/shop

Menden

Buchhandlung Daub

www.buch-daub.

buchkatalog.de

Arnsberg-Neheim

Mayersche Buchhandlung

www.thalia.de/shop/home/

filialen/showDetails/5389

Iserlohn-Letmathe

Die kleine Buchhandlung

www.die-kleine-buchhandlung.

buchhandlung.de/shop

Altena

Buchhandlung Katerlöh

Lüdenscheid

Thalia

www.thalia.de/shop/home/

filialen/showDetails

Halver

Buchhandlung Kö-Shop Berges

www.buchhandlung-koe-shop.

chayns.net

Plettenberg

Buchhandlung Plettendorff

www.plettendorff.

buchhandlung.de/shop

Kierspe

Buchhandlung Timpe

www.buchhandlungtimpe.de

Meinerzhagen

Buchhandlung Schmitz

www.buecher-schmitz.

buchkatalog.de

Drolshagen

Buchhandlung am Markt

www.genialokal.de/

buchhandlung/drolshagen/

buchhandlung-nierhoff

106 - WOLL Frühling 2021

140 - WOLL Frühjahr 2021

Attendorn

Halver

Kierspe

Iserlohn

Lüdenscheid

Meinerzhagen

Drolshagen

Altena

Menden

Hemer

Plettenberg

Olpe

Attendorn

Olpe

Dreimann Buchhandlung

www.dreimannbuchhandlung.de

Bücherstube Hachmann

www.buecherstubehachmann.de

Buchhandlung Isabell Hoffmann

www.buchhandlung-isabell-hoffmann.

buchhandlung.de/shop

Frey Buch und Papier

www.frey-buch.buchkatalog.de

Neheim

Sundern

Eslohe

Finnentrop

Arnsberg

Lennestadt

Finnentrop

Warstein

Meschede

Eslohe

Lennestadt

Schmallenberg

Schmallenberg

Brilon

Tintenfass

www.tintenfass-eslohe.

buchhandlung.de/shop

Olsberg

Medebach

Hallenberg

WortReich - Lesen und mehr

www.wortreich-meschede.de

Buchhandlung Josef Hamm

www.buecher-hamm.buchkatalog.de

Buchhandlung am Rathaus

www.buchhandlungamrathaus.buchkatalog.de

M


Arnsberg

WortReich - Lesen und mehr

www.buecherstudio-arnsberg.de

Buchhandlung Sonja Vieth e.K.

www.buchhandlung-vieth.de

Warstein

Buchhandlung Dust

www.genialokal.de/buchhandlung/warstein/dust

Brilon

Buchhandlung Podszun

www.buecher-podszun.

buchhandlung.de

Buchhandlung Prange

www.genialokal.de/

buchhandlung/brilon/

prange/Kontakt

arsberg

Marsberg

Buchhandlung Podszun

www.buecher-podszun.buchhandlung.de

Olsberg

Käpt´n Book

www.kaeptnbook-olsberg.buchkatalog.de

Meschede

Bücherstube

WortReich – Lesen und mehr

www.buecher-linhoff.

www.wortreich-meschede.de

buchhandlung.de/shop

Sundern

Bücher-Eck

www.buecher-eck.buchhandlung.de/shop

Medebach

Bücher Beuse, Medebach

www.buecher-beuse.de

Hallenberg

Bücherwurm Pauly

www.buecherwurm-hallenberg.buchhandlung.de/shop

Max Otte:

Meine Geschichte

Max Otte ist als Unternehmer, Publizist und politischer

Aktivist bekannt. Nun macht er sich in

diesem Buch auch auf die Suche nach sich selbst.

Was hat ihn geprägt und befähigt, Dinge zu sehen,

die andere nicht sehen?

Hier spricht er über seine Kindheit, seine Eltern,

die Großeltern und die Menschen, die ihn beeinflusst

haben, über seine mennonitischen Vorfahren

mütterlicherseits, Flucht und Vertreibung

in Vaters Familie, seine Lehrer und die Zeiten, in

denen er aufgewachsen ist. Wie all das einen

Menschen prägt, erzählt er in diesem sehr persönlichen

Buch.

Ende 2018 schied Otte auf eigenen Antrag als

Professor und Beamter auf Lebenszeit aus dem

Staatsdienst aus, um sich auf seine Analysen und

unternehmerischen Aktivitäten zu konzentrieren.

Unternehmen, an denen Otte beteiligt ist, managen

mehr als eine Milliarde Euro.

Der Max Otte Vermögensbildungsfonds (WKN:

A1J3AM) gehört seit 2016 zu den erfolgreichsten

deutschen Aktienfonds.

Der Philanthrop ist Stifter des Oswald-Spengler-

Preises, der 2018 erstmalig an den französischen

Schriftsteller Michel Houellebecq ging und Veranstalter

des Neuen Hambacher Festes.

ISBN: 978-3-95972-403-6 WOLL | Erscheinungsdatum: Frühling 2021 - 107 23.03.2021

www.verlorenes-deutschland.de


Heimweh nach uns

Ein Roman mit eigenem Soundtrack

Über 60 Einzellesungen und literarische Reihen,

Buchpräsentationen, Diskussionen, Ausstellungen

und Gespräche in ganz Westfalen und Lippe u. a.

mit

Marica Bodrožić, Mathijs Deen, Friedrich

Christian Delius, Zora del Buono, Melisa Erkurt,

Frank Goosen, Erwin Grosche, Sandra Gugić,

Navid Kermani, Carmen Korn, Ulla Lachauer,

André Niedostadek, Jana Revedin, Hubert Seipel

und Norbert Scheuer

Weitere Infos unter

www.literaturlandwestfalen.de/festival

Organisiert von

Wie weit würdest du gehen,

wenn dein Herz nicht mehr

weiß, wo es zu Hause ist? –

Seit über 20 Jahren ist Lena

mit ihrem Mann zusammen,

gemeinsam haben sie zwei

wundervolle Kinder, aber das

Leben rauscht an ihr vorbei

und sie sehnt sich nach Entschleunigung.

Ein Yogakurs

soll Abhilfe schaffen. Die

anfängliche Skepsis verfliegt

schnell, als Lena auf ihren Yogalehrer

trifft. Er löst etwas in

ihr aus, was sie lange vermisst

hat. Sie gibt ihren Gefühlen

nach und riskiert damit, alles

zu verlieren.

Die Voßwinkelerin Helen

Schreiber veröffentlichte im

Februar ihren Debütroman

„Heimweh nach uns“ – ein

Liebesroman, denn die Liebe

schreibt doch einfach die

schönsten Geschichten. Die

nebenberuflich als Hochzeitssängerin

tätige Sauerländerin

weiß, wovon sie schreibt –

und wovon sie singt: Während

der Arbeit am Roman

begann sie, gefühlvolle

Balladen für die wichtigsten

Szenen zu schreiben und

vertonte diese anschließend

mit Unterstützung des ebenfalls

in Voßwinkel lebenden

Komponisten D. Goette. So

entstand ein Soundtrack aus

vier Songs, der bereits auf den

bekannten Streamingdiensten

verfügbar ist.

Wenn die derzeitige Situation

es zulässt, wird man sicherlich

bald ganz besondere

Lesungen mit musikalischen

Einlagen der Autorin erleben

können. ■

Gefördert von

Heimweh nach uns – Taschenbuch – FeuerWerke Verlag –

11,90 Euro – ISBN 978-3 9453-6290-7 – auch als E-Book

erhältlich.

Einen ausführlichen Artikel zur Autorin und Entstehung

des Romans gibt es unter: www.vosswinkel-arnsberg.de

(sn)

108 @literaturlandwestfalen

- WOLL Frühling 2021


Riesenhirsche, Auerochsen und wollhaarige Mammuts

Im Sauerland-Museum eröffnet die Sonderausstellung „Eiszeit – Leben im Extrem“

Jeanine Hunold

Klaus-Peter Kappest

Eine Jahresdurchschnittstemperatur von minus 5 Grad in

Mitteleuropa, das ist heute unvorstellbar. Doch das ist die

Temperatur im Arnsberger Sauerland-Museum – die Sonderausstellung

„Eiszeit – Leben im Extrem“ führt zurück

in diese bitterkalte Zeit, die etwa 20.000 Jahre zurückliegt.

Die Ausstellung, deren Beginn eigentlich für Mitte

November angesetzt war, öffnet voraussichtlich ab dem 7.

März ihre Pforten (aktuelle Coronalage beachten).

43.000 Jahre altes Mammut

Das Landschaftsbild der Eiszeit war von Gletschern und großen

Säugetieren geprägt. So werden auch in der Ausstellung

Riesenhirsche, Wollhaarmammuts und -nashörner, Auerochsen

und Steppenbisons in Originalgröße präsentiert.

Die beeindruckenden Exponate

versprechen in jedem Fall in den

Nacken gereckte Hälse und große

Augen: Ein Höhepunkt ist das

43.000 Jahre alte „Ahlener Mammut“,

es misst stolze 5,50 Meter

Länge und 3,25 Meter Breite.

Sein Skelett wurde im Sauerland-

Museum in mühevoller Kleinstarbeit

nahezu vollständig aufgebaut.

Entdeckt wurde das große

Museumsleiter Dr. Oliver Schmidt neben den

ausgestellten Exponaten

Tier 1910 bei Grabungen in einer Tongrube in Ahlen im

Kreis Warendorf, wo es im sumpfigen Gelände steckengeblieben

und verendet war. Eine Rarität – bedenkt man, dass

meist nur vereinzelte Knochen und Zähne von Mammuts

gefunden werden. Zur Verfügung gestellt wird das Skelett,

das von einem etwa 40 Jahre alten Bullen stammt, vom Geomuseum

der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Nachgebaute Jagdhütte aus Knochen

Interessant ist neben den ausgestorbenen Arten aus der Eiszeit

die Lebensweise der Menschen, die auf der Suche nach

Nahrung auch Tiere jagten und in Höhlen, Zelten oder

einfachen Hütten nach Schutz vor der Kälte suchten. Um

dies den Besuchern des Sauerland-Museums zugänglich

zu machen, wurde eine Jagdhütte aus Mammutknochen

nachgebaut. Auch täuschend echt modellierte Neandertalfiguren

veranschaulichen, wie die Menschen in der Eiszeit

überlebt haben.

Vorab stellt das Museumsteam in

kurzen Videoclips ihre Lieblingsobjekte

aus der Ausstellung vor.

Beeindruckt hat Monika Jansen

vor allem der anpassungsfähige

Eisfuchs mit seinem weißen,

dichten Fell – „ein Überlebenskünstler“,

wie sie sagt, den man

heute noch als Polarfuchs kennt.

Karin Fischer aus dem Marketing

schwärmt von den kleinen Berglemmingen,

die man zwischen den Riesen

der Eiszeit erst einmal suchen muss.

Weitere Informationen unter:

www.sauerland-museum.de.

32 - WOLL Frühjahr 2021

WOLL Frühling 2021 - 109


Anzeige

Gemeinsam

Hindernisse

überwinden

Barrierefreiheit in den eigenen vier Wänden

Ango Reha-Technik blickt zurück auf 25 Jahre Erfahrung

Die Firma Ango Reha-Technik

verfolgt nun schon

seit 25 Jahren das Ziel,

Mitmenschen ein barrierefreies

Leben in den eigenen vier Wänden

zu ermöglichen. Mit diesem

Anspruch übernahm Inhaber und

Geschäftsführer Michael Heymer

am 01.01.2000 das Unternehmen,

welches am 25.08.1995 gegründet

wurde. Durch kontinuierliches

Wachstum am Markt ist es nun zu

einem der führenden Unternehmen

im Bereich barrierefreie Erschließung

des privaten und öffentlichen

Raumes in Nordrhein-Westfalen

herangewachsen.

Nach mehreren Erweiterungen steht

das heutige Familienunternehmen nun

gut sichtbar von der Straße seit 2016

in Sundern-Stemel. Mit mittlerweile

über 20 Mitarbeitern ist das Familienunternehmen

ein regionaler Ansprechpartner

für die Menschen hier vor Ort

geworden. Im August letzten Jahres

feierte das Unternehmen sein 25-jähriges

Jubiläum mit einer internen Feier,

um den Mitarbeitern „ein Stück ihrer

geleisteten Arbeit zurückgeben zu

110 - WOLL Frühling 2021


können“, so Oliver Heymer, der mit

seinem Vater zusammen die Geschäfte

leitet. Nun blickt das Unternehmen

zurück auf jede Menge Know-how:

über die Produkte, über die Branche

und vor allem kennen sie die Bedürfnisse

ihrer Kunden ganz genau.

Viele Kunden empfinden es häufig

noch als Schwäche, wenn sie einen

Treppenlift benötigen. „Manche

möchten, dass wir mit einem neutralen

Auto vorfahren, damit die Nachbarn

nichts mitkriegen“, so Oliver Heymer.

„Dabei ist es eigentlich genau das

Gegenteil: Durch einen Treppenlift im

privaten Bereich ermöglichen wir den

Leuten, neue Lebensqualität zurückzugewinnen.

Viele können dadurch verhindern,

in ein Pflegeheim oder eine

barrierefreie Wohnung umziehen zu

müssen.“ Da jede Treppe anders gebaut

ist, kommt Ango Reha-Technik zuerst

bei seinen Kunden zuhause vorbei und

schaut, welcher Treppenlift am besten

geeignet ist. Individuelle Lösungen

sind hier Alltag und ermöglichen so,

für jedes Problem die richtige Lösung

zu finden. Was manche nicht wissen:

Die Anschaffung eines Treppenliftes

Das Techniker-Team ist zuständig für Montage, Wartung und Reparatur der Treppenlifte.

wird oft mit bis zu 4.000 € von der

Pflegekasse bezuschusst. „Viele Kunden

ärgern sich im Nachhinein, dass

sie sich nicht eher damit beschäftigt

haben“, meint Daniel Wünnenberg,

Mitarbeiter im Vertrieb bei Ango

Reha-Technik.

Aber nicht nur die Treppenlifte gehören

zur Produktpalette des Unternehmens.

So sind beispielsweise auch

Senkrecht- oder Hublifte Teil der individuellen

Lösungen von Ango Reha-

Technik. Die Mitarbeiter machen sich

vor Ort ein Bild von der Wohnsituation

und geben dann die Empfehlung

für das beste Produkt ab. Seit 2013 ist

das Unternehmen zudem berechtigt,

an öffentlichen Ausschreibungen teilzunehmen

und somit viele Aufträge

für Kommunen, Rathäuser und Architekten

umsetzen zu dürfen. Hier sind

insbesondere Senkrecht- oder Hublifte

beliebte Produkte, um einen barrierefreien

Zugang zu ermöglichen.

Treppenliftausstellung in

Sundern-Stemel

Mit einer eigenen Treppenliftausstellung

schafft das Familienunternehmen

einen besonderen Vorteil für ihre Kunden:

auf der ersten Etage des Firmensitzes

in Sundern-Stemel finden sich

alle Produkte wieder und können nach

Kennt die Bedürfnisse der Kunden ganz genau: das Ango Reha-Technik Team.

WOLL Frühling 2021 - 111


Belieben unverbindlich ausgetestet werden.

„Meistens kommen die Kunden

vorbei, nachdem bereits einer unserer

Mitarbeiter vor Ort gewesen ist. So

können sie sich von den verschiedenen

Möglichkeiten und Modellen ein Bild

machen und testen, wie es sich anfühlt,

auf einem Treppenlift zu sitzen“, erklärt

Michael Heymer. Danach seien die

Hemmschwellen meistens geringer und

die Kunden könnten sich den Einbau

in ihr eigenes Zuhause besser vorstellen.

Kontinuierliches Wachstum

auch in diesem Jahr

Auch Ango Reha-Technik ist in diesem

Jahr kreativ geworden, nachdem die

Corona-Krise einsetzte. Zusammen

mit dem Unternehmen Alugießerei

Heuel aus Sundern-Tiefenhagen haben

sie einen Desinfektionsmittelspender

entwickelt, der vor allem im Bereich

Gastronomie und Einzelhandel einsetzbar

ist. Darüber hinaus planen sie

schon jetzt die Zukunft des Familienbetriebes:

„In der Zukunft möchten wir

natürlich stets weiterwachsen und am

Markt noch stärker wahrgenommen

werden. Wir planen eine Betriebserweiterung

mit einer weiteren Halle

hier vor Ort und freuen uns immer

über neue Mitarbeiter, die uns bei

unseren Zielen unterstützen möchten“,

so Geschäftsführer Michael Heymer.

Da es für ihren Beruf keine spezifische

Ausbildung gibt, hat man eigene

Weiterbildungen entwickelt, um neue

Mitarbeiter schnell an Bord zu holen.

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Jochen Kriebel im

wohlverdienten Ruhestand

“Jetzt genieße ich die

Zeit umso mehr.”

Nicola Collas

S. Droste

V

iele Sauerländer kennen ihn: Jochen Kriebel

aus Meschede, ehemaliger Sponsoring-Leiter

des SSV Meschede und 15 Jahre lang Leiter des

Berufskollegs im Dünnefeld. Was macht der 77-jährige

eigentlich heute?

Seit der Mescheder im Ruhestand ist, stehen bei ihm Familie

und die beiden Enkelkinder im Vordergrund. „Früher ist die

Familie öfter mal zu kurz gekommen”, gibt er zu, “aber jetzt

genieße ich die Zeit umso mehr.“ Kriebel verfolgt - natürlich

- auch nach wie vor den Weg des SSV Meschede, der

„bald - vielleicht schon im Sommer - wieder in die Bezirksliga

aufsteigt.“ „Lars Rathke ist ein überragender Trainer und

der Kader ist ja jetzt in der Pause noch mal verstärkt worden.

Außerdem bewegt sich durch den neuen Jugendleiter Heinz

Bruning auch im Jugendbereich endlich wieder einiges“,

freut er sich über die Entwicklung beim SSV Meschede.

Der Fußballer Kriebel

Wenn es um Fußball geht, erinnert sich Jochen Kriebel auch

dankbar an seine eigene aktive Zeit. „Damals spielte ich in

der Jugendkreisauswahl Meschede unter Josef Krick, ein

toller Mensch. Einmal im Monat hatten wir einen Wochenend-Lehrgang

im Matthias-Claudius-Haus. Mit dem

Zug fuhr ich bis Wehrstapel, von dort ging es zu Fuß nach

Eversberg. Nach einer ersten Trainingseinheit hatten wir

Analyse-Gespräche. Sonntags morgens gingen wir zusammen

in die Kirche, danach Frühstück und noch mal Training. Ich

war stolz, dass ich dabei sein durfte“, erzählt Jochen Kriebel.

In den 60er Jahren wechselte der Sauerländer zum VFL

Schwerte, dem damals renommiertesten Club in der Region

und spielte u. a. zusammen mit Torwart-Legende Wolfgang

Kleff. Parallel machte er eine Ausbildung im Bundesbahn-

Ausbesserungswerk in Schwerte. Eines Tages meinten seine

Eltern zu ihm: „Wir sehen dich kaum noch. Entweder spielst

du jetzt weiter Fußball oder du machst was Gescheites. Da

ich auf jeden Fall vorhatte zu studieren, hörte ich in Schwerte

auf. Meine fußballerische Karriere war im Grunde mit 20

vorbei. Ich habe danach nur noch ein bisschen beim damaligen

TuS Meschede gekickt.“

Der Schulleiter Kriebel

Neben dem Fußball ist das Schulsystem in NRW ein Thema,

das Jochen Kriebel bewegt. Seiner Meinung nach muss

die Selbstverantwortung der Schulen über Budgetierung viel

mehr an Bedeutung gewinnen. „Als ich Leiter des Berufskollegs

wurde, schlug mir der damalige Landrat Leikop vor,

das Berufskolleg in Eigenverantwortung zu stellen. Ich habe

alle Kosten auf den Prüfstand gestellt und so konnte z. B.

bei den Außenanlagen und beim Reinigungsunternehmen

jede Menge Geld eingespart werden. Nach einem Jahr stand

in der Zeitung folgende Schlagzeile: ‘Schulmanager Kriebel

erwirtschaftet 220.000 Mark‘“, erzählt er stolz.

WOLL Frühling 2021 - 115


Schon 2000 hatte das Berufskolleg 16 bestens ausgestattete

PC-Räume. „Der Kreis ist ein sehr guter Schulträger und ich

wünschte allen Schulen solche Träger. Außerdem braucht

man bei der Eigenverantwortung ein Kollegium, das mitspielt

und das hatte ich damals weitgehend“, erinnert sich

Jochen Kriebel. „Die Schulen heute haben doch alle ganz

andere Probleme”, ist Jochen Kriebels Feststellung. “Bei der

einen hakt es an der Digitalisierung, bei der nächsten sind

die Toilettenanlagen in einem schlechten Zustand. In diesem

großen System Schule funktionieren so viele unterschiedliche,

kleine Teilsysteme nicht. Das müssen die Politiker

viel stärker berücksichtigen“, führt der ehemalige Leiter des

Berufskollegs fort.

Eins ist klar: Jochen Kriebel steht heute nicht mehr so in

der Öffentlichkeit. Aber damals wie heute ist er immer noch

bestens informiert, was in der Region passiert und was die

Menschen bewegt. ■

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116 - WOLL Frühling 2021


Auftanken in der Sauerländer Heimat

Bob-Bundestrainer René Spies aus Winterberg möchte nirgendwo anders leben

Philip Stallmeister

Heidi Bücker

Der Winterberger René Spies ist seit 2016 als Bob-Bundestrainer

in Amt. Höhepunkt war ohne Frage Olympia 2018

in Pyeongchang, wo alle drei Goldmedaillen im Bob nach

Deutschland gingen. Auch in der Mitte Februar zu Ende

gegangenen Saison waren die deutschen Bobfahrer unter

der Führung von Spies äußerst erfolgreich.

Zahlreiche Weltcupsiege, zwei WM-Titel

in Altenberg durch den überragenden

Francesco Friedrich und auch Podestplatzierungen

bei den Frauen

im Zweierbob und im erstmals

ausgetragenen Monobob wurden

erzielt.

Direkt im Anschluss an die

Weltmeisterschaft ging es für

Spies zurück nach Winterberg,

um in der Sauerländer Heimat

Kraft zu tanken. Für WOLL nahm

sich der Bundestrainer gerne Zeit, um

in der VELTINS-EisArena ein Gespräch zu

führen. „Es war eine erfolgreiche, aber wegen Co-

rona auch eine besondere Saison. Das war schon extrem“,

erklärte Spies, insbesondere mit Blick auf die gestiegenen

operativen Aufgaben. Die Weltcups fanden alle in Europa

statt. Die Rennen in Nordamerika und auf der Bahn der

Olympischen Spiele 2022 in China wurden nicht ausgetragen.

Immer wieder mussten Athleten, Trainer

und Betreuer getestet werden. „Es waren

rund 1.400 Tests, von denen zum

Glück alle negativ waren. Es gab

nur wenige Nationen, bei denen

es keinen positiven Fall gab“, so

der Bundestrainer. Viele Auflagen

mussten beachtet werden.

Mahlzeiten wurden in drei Blöcken

eingenommen, manchmal

in sechs. „Teammeetings haben

wir per Video abgehalten. Sportler

aus einem Team haben sich wochenlang

nicht persönlich gesehen,

obwohl sie bei denselben Wettbewerben

waren.“

122 - WOLL Frühjahr 2021

WOLL Frühling 2021 - 117


Ein alter Hase

in Sachen

Kaninchenzucht

Reinhold Dünnebacke aus Velmede

ist mit Tieren groß geworden

Anke Kemper

S. Droste

Ein alter Hase ist bekanntlich jemand, der auf

seinem Gebiet einen gewissen Erfahrungsschatz mitbringt.

Reinhold Dünnebacke aus Velmede hat sich

diesen Titel redlich verdient, auch wenn er nicht in Hasen-,

sondern Kaninchenzucht macht.

Aber zunächst noch einmal zurück zum Hasen:

Passend zum Frühling, wo in der Natur das Leben neu entsteht,

gilt der Hase in vielen Ländern als Frühlingsbote. Und zu

Ostern steht er zusammen mit dem Ei für Fruchtbarkeit und

Leben. So hat der Hase das Privileg, zu Ostern die Eier zu verteilen

– logisch, er ist ja auch größer als das Kaninchen. In der

Osterzeit bekommt man ihn dann, zur Freude von Groß und

Klein, in vielfältiger und bunter Schokoladenform zu kaufen.

In der Fabelwelt tituliert man ihn zum Meister Lampe oder

man gibt ihm den Kosenamen Mümmelmann. Das Kaninchen

hingegen ist umgangssprachlich einfach: das Karnickel. Entfernt

verwandt sind die beiden dann aber doch. Und obwohl

der Hase ein Nestflüchter und Einzelgänger ist und das Kaninchen

ein Nesthocker und in Kolonien lebt, ernähren sich doch

beide vegan.

Reinhold Dünnebacke hat circa 40 Zuchtkaninchen in seinem

Stall hinter dem Haus. Er züchtet die Rassen: Kleinchinchilla

(die Silbergrauen, die gar nicht so klein sind) und Zwergwidder-Kaninchen

(die mit den Schlappohren). Gemäß Listung

des Zentralverbandes Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter gibt

es ungefähr 90 anerkannte Rassen in verschiedenen Farbschlägen

und Größen sowie unterschiedlichen Charakterzügen.

Von Zwerg über Klein bis zum Riesen ist bei den deutschen

Züchtern alles vertreten.

Reinhold Dünnebacke ist mit Tieren aufgewachsen. „Als ich

Kind war, hatten wir eine Ziege, ein Schwein, Hühner und

Kaninchen für die Selbstversorgung“, erzählt er. Seit 1974

züchtet der 68-Jährige Kaninchen und ist Mitglied im Kaninchenzuchtverein

Bestwig. Einige Preise hat er mit seiner

Zucht bereits gewonnen. „Ausstellungen gibt es nicht mehr so

viele wie früher“, berichtet er weiter. „Auch das Interesse an der

Zucht wird immer geringer, da es durchaus ein kostspieliges

Hobby ist.“

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118 - WOLL Frühling 2021


werden. Die Tiere werden bei einem

Wettbewerb nicht nur nach Farbe

und Zeichnung, sondern auch nach der

Entwicklung der Körperform je nach Alter,

Gewicht, Fell und Pflegezustand beurteilt.

Reinhold Dünnebacke nutzt die Ausstellungen

unter anderem zum Verkauf oder Neukauf von

Kaninchen. „Auch um das Blut der Tiere zu verbessern“,

erklärt er. Verfüttert wird meist Pressfutter.

„Die Tiere merken sofort, wenn mal jemand anderes

das Futter verteilt, sollte ich verhindert sein. Dann

sind sie viel nervöser“, fügt er hinzu. Die scheuen

Tiere scheinen ihn genau zu kennen.

Ob Zwerg oder Riesen, ob Schlappohren oder

Stehohren: Reinhold Dünnebacke hat nach

wie vor Freude an seinem Hobby. Für Kinder

ist ein Zwergkaninchen das ideale Haustier.

Die Tiere sind recht pflegeleicht, brauchen

nicht viel Platz, machen keinen Lärm und

riechen nicht unangenehm. Außerdem gelten

sie als intelligent und man kann ihnen

durchaus einige Tricks beibringen. Von

ihrem weichen Fell ganz zu schweigen.

Hauptsache ist doch, man hat

seinen Spaß daran. Und so

enden wir mit einer häufig

zitierten und hier abgewandelten

Passage aus Goethes

„Osterspaziergang“:

Zufrieden jauchzet Groß und

Klein: Hier bin ich Has‘ – hier

darf ich‘s sein. ■

WOLL Frühling 2021 - 119


Max Rüther

Bären und Goldnuggets in Kanada

Wie ein junger Olsberger sich einfach ins Abenteuer stürzte

Sonja Funke

Privat

Bruchhausen/Vancouver.

„Das kann es noch nicht

gewesen sein“, sagte sich Max

Rüther aus Bruchhausen an den Steinen

vor acht Jahren. Die Lehre zum

Heizungsbauer war geschafft, zwei

Jahre als Geselle im örtlichen Betrieb

waren bereits rum. Mit 21 Jahren alles

in sicheren Tüchern, nur: Wo war

das Abenteuer? Also nix wie los nach

Kanada, genauer nach Vancouver.

Rein in ein Abenteuer der besonderen

Art. Seit sechs Jahren ist er nun jeden

Sommer ein „Goldminer“, arbeitet in

einer Goldmine im Yukon.

Max Rüthers Geschichte beweist, dass

Handwerker überall auf der Welt Fuß

fassen können. Im Doppelpack brach er

gemeinsam mit seinem Cousin Gabriel

Rüther, Mechaniker und Forstmaschinenführer,

im März 2014 nach Kanada

auf und „bevor wir es realisierten,

landeten wir in Vancouver“. Einen

Plan, was sie denn arbeiten sollten, gab

es nicht, nur „sehr limitierte Englisch-

Kenntnisse“, Geld für ein Auto, das sie

sich dort kauften, und eine erste Reise

durch Britsch Kolumbien, also West-

Kanada.

Der Start in Kanada

„Leute mit handwerklichem Geschick

werden immer gesucht, allerdings wird

meine Ausbildung als Klempner in

Kanada nicht anerkannt, ich müsste

noch mal Prüfungen machen“, sagt der

29-Jährige in der Videokonferenz mit

Woll. Dennoch: „Handwerker zu sein,

aber auch, dass ich auf dem Dorf aufgewachsen

bin, hat mir hier gut geholfen.

Ich habe aber auch schon viel dazu

gelernt.“ Das Glück ist mit den Mutigen

und Arglosen: Die beiden fanden

sofort einen Job. Nach einigen Monaten

als „Volunteers“ auf einer Ranch

mit privaten Ferienhäusern im Westen

Kanadas zog es sie weiter ins Yukon-

Territorium im Norden. Sie lernten im

Kluane-National-Park die Schweizerin

Eva Riedwyl kennen – sie ist als Tour-

Guide bekannt -, lebten und arbeiteten

einige Zeit auf ihrer Farm.

120 - WOLL Frühling 2021


Wir wollen

weiter wachsen!

Max Rüther mit seinem Vater Andreas, der schon mehrmals für drei bis vier

Wochen auf der Goldmine im kanadischen Yukon geholfen hat.

Die Goldmine

Hier startete ihre Karriere als Goldgräber

(„Goldminer“) mit einer Besichtigung:

„Der Norweger, der uns zur

Mine führte, fragte, ob wir

die nächsten zwei Wochen

nicht dort arbeiten wollten.

Wir fingen noch am

gleichen Tag an“, schildert

Max Rüther. Nach zwei

Tagen bot ihnen wiederum

Steve Johnson, Besitzer der Mine,

einen Job für die nächste Saison an. Er

schürft immer von Mai bis Oktober in

verschiedenen Claims (Schürfgebieten).

So begann das Leben im Camp. „Die

Instandhaltung ist eine meiner Aufgaben“,

so Max, „da wir komplett in der

Wildnis leben, erzeugen wir unseren

eigenen Strom mit Diesel-Generatoren.

Wichtig ist, dass immer genügend

Diesel und Vorräte da sind.“ Zum

Einkaufen geht‘s etwa 300 Kilometer

und dreieinhalb Stunden nach

Whitehorse, einzige Stadt im Yukon.

„Dass Stachelschweine Löcher in die

Rohre fressen oder man Grizzlybären

begegnet, wurde ungewöhnlich

schnell mein Alltag“, sagt der junge

Sauerländer. Das Arbeitsteam besteht

aus sechs Personen. „Wir schürfen

Tag und Nacht in zwei Schichten.

Es gibt kein Bergwerk. Die Art,

wie wir Gold schürfen, nennt man

Placer-Mining, wir benutzen

Baumaschinen, um altes

Flussbett bis zum Grundgestein

auszugraben und

dann mit Waschanlagen

das Gold vom Kies zu

trennen.“

Der „Goldrausch“

„Wenn man am Ende des Tages

Goldnuggets aus der Waschanlage

holt, ist man voller Aufregung und

Freude. Dies hilft einem dann an den

schweren Tagen, wenn technische

Defekte oder die Natur einem zu

schaffen machen“, sagt Max Rüther.

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WOLL Frühling 2021 - 121


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Me Cat

Damit ist die romantische Vorstellung

von der Goldpfanne am Fluss passé.

Oder? „Man wäscht alles in großem

Stil und im letzten Schritt schon

noch mit Goldpfanne.“ Dies alles

unter strengen Umweltschutzauflagen

und mit dem O.K. der Ureinwohner

Kanadas. Das Gold wird im Gebiet

der Kluane First Nations geschürft.

„Wir müssen überall, wo wir gebuddelt

haben, auch sorgfältig wieder begradigen.

Und wir dürfen nur am Rand

schürfen, den Fluss niemals dreckig

machen.“ Beim letzten Auswaschen,

dem „Clean Out“ mit verschiedenen

Matten und Sieben, finden sich

dann die verschiedenen Goldsorten:

„Das meiste ist Staub, aber ich habe

auch schon dickes Gold bis hin zu

1-Gramm-Stücken gefunden. „Das

größte Unzen-Nugget, das ich gefunden

habe, sieht wie ein 1-Euro-Stück

aus. Eine Unze sind 31 Gramm, das

wären nach dem aktuellen Goldpreis

etwa 1.500 Euro.“ Ja, auch er hat eigenes

Gold, ein Teil seines Arbeitsbonus

wurde in Nuggets ausgezahlt. „Es

wird gut bewacht“, verrät er augenzwinkernd.

Die Zukunft

Nachdem er die letzten Winter in

Deutschland und den USA verbrachte,

zog es Max Rüther dieses Jahr an

die Westküste. „Hier lebe ich nun

im wunderschönen Deep Cove in

Vancouver, direkt im Regenwald am

Meer, wo ich an einem Yachthafen

für die Instandhaltung verantwortlich

bin, und genieße es.“ Geht’s im

Sommer zurück auf die Mine? „Ich

weiß es noch nicht. Es ist schön, auch

mal in das normale Leben in Kanada

einzutauchen“, sagt der Auswanderer.

Ist sein Cousin Gabriel nach einigen

Abenteuern in Kanada längst

wieder ins Sauerland zurückgekehrt,

denkt er daran dauerhaft noch nicht.

Gern aber zu Besuch. „Ich fliege

mal wieder nach Hause, sobald es

angesichts von Corona geht. Grillen

und Kartoffelbraten mit Familie und

Freunden, das möchte ich gern mal

wieder. Aber ich habe auch hier viele

Freunde gefunden.“ ■

Max Rüther liebt Fotografieren

in Kanada UND

Kartoffelbraten in

Olsberg-Bruchhausen

122 - WOLL Frühling 2021


Wer war das eigentlich…

Professor Hoberg?

Viele Bestwiger Straßen wurden

nach verdienten Bürgern benannt

Britta Melgert

Britta Melgert & Privat

Ü

berall in Bestwig und Umgebung sind Straßen

nach früheren Bürgern benannt. Doch wer waren

diese Menschen? WOLL hat mal recherchiert…

Gottfried Hoberg wurde am 9. November 1857 in Heringhausen

geboren. Als einziger Sohn neben fünf Schwestern einer

christlich geprägten Lehrerfamilie. Durch den Vater geschult

und den Ramsbecker Kaplan gefördert, besuchte er erfolgreich

die höhere Schule in Paderborn und studierte nach dem Abitur

Theologie. Im Jahr 1881 wurde er zum Priester geweiht. Später

promovierte er zum Doktor der Philosophie und zum Doktor

der Theologie, wurde zunächst Privatdozent an der Uni in

Bonn und danach Professor in Paderborn.

Von Heringhausen hinaus in die Welt

Der nächste große Karriereschritt folgt zum Ende des 19.

Jahrhunderts: Gottfried Hoberg wurde zum Konsultor, also

zum Berater der Päpstlichen Bibelkommission ernannt, was

vermutlich auch seiner Hochbegabung für alte Sprachen zu

verdanken war. Über einen langen Zeitraum hinweg machte

sich Gottfried Hoberg zudem einen Namen als Herausgeber

theologischer Publikationen sowie als Autor diverser Werken.

Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil.

Der Heimat treu geblieben

Zeit seines Lebens kam Hoberg in die Heimat zurück, um Urlaub

zu machen oder für Vertretungstätigkeiten. Ein Geschenk

von ihm, ein Messbuch aus 1922, wird in Heringhausen heute

noch genutzt. Am 19. Januar 1924 verstarb Gottfried Hoberg

in Freiburg im Breisgau.

Straße, fast so ruhig wie einst

Zu Ehren ihres großen Sohnes wurde in Heringhausen eine

Straße nach ihm benannt. Die verkehrsberuhigte Professor-Hoberg-Straße

ist eine reine Wohnstraße in Hanglage, 357 Meter

lang und liegt idyllisch und so ruhig, wie es vielleicht vor 100

Jahren noch üblich war. ■

WOLL Frühling 2021 - 123


Verkehrskollaps

kontra Altstadt

Immense städtebauliche Eingriffe

veränderten das Mescheder

Stadtbild

Christoph Menke

Stadtarchiv Meschede

F

reitagmorgen in Meschedes Innenstadt. Marktstände

prägen das Zentrum, am Kaiser-Otto-Platz erledigen

Jung und Alt auf dem alten Pflaster ihre Einkäufe. Völlig

normaler Alltag in der Kreisstadt, direkt unter dem Schutz

der 1150 Jahre alten Stiftskirche St. Walburga. Wer von den

jungen, aber auch den älteren Mescheder Bürgern kann sich

bei diesem Anblick vorstellen, wie es hier noch vor 35 Jahren

aussah, als die letzten Fahrzeuge diesen, für Meschede so

prägenden, alten Markt-Platz durchfuhren? Wer erinnert

sich heute noch an die geschlossenen Bahnschranken an der

Warsteiner Straße, an Verkehrslärm und -dreck in der Ruhrstraße?

Wir werfen einen Blick zurück in Meschedes Verkehrs-

Geschichte.

Der Wiederaufbau Meschedes war kaum abgeschlossen, da zeigten

sich bereits Ende der 1950er Jahre erste Schwierigkeiten aus

den zehn Jahre zuvor so gelobten Aufbauplänen der Verkehrswege.

Der Straßenverkehr nahm im Zuge der allgemeinen Motorisierung

unaufhaltsam zu und allmählich entwickelte sich Meschede

zur Staufalle. Daran konnten auch Ampelanlagen nichts

ändern. Den Stadtoberen war klar, es musste etwas geschehen.

Aber wie baue ich neue Verkehrswege in eine dicht bebaute Stadt

ohne Gefahr zu laufen, dass diese nach 1945 zum zweiten Male

ihr Gesicht verliert? Radikale Einschnitte waren nötig, zu der

dichten Bebauung kamen Bahntrasse und Ruhr, die auch gequert

werden mussten. Es war völlig klar: Eine verkehrliche Neugestaltung

war unablässig mit einer städtebaulichen verbunden. In den

späten 1960er und frühen 1970er Jahren spitzte sich die Situation

weiter zu, da auch Meschede als Siedlungsort unaufhörlich wuchs.

Tunnel oder Brücke

Eine erste, nicht ganz unwichtige Frage wurde im Stadtrat besprochen,

nämlich die, wo der Beginn der Baumaßnahmen zu

sehen wäre: Von Norden kommend sollte die B55 verschwenkt

werden und westlich der Innenstadt auf die B7 treffen. Die Frage,

ob eine Brücke oder ein Tunnel die Lösung sei, löste erstmals

heftige Diskussionen aus. Ein Tunnel wäre teurer, aber „schonender“

für das Stadtbild. Die Brücke siegte letztlich bekanntermaßen

und so wurde am 16.12.1982 die Antoniusbrücke eröffnet. Die

Coventrybrücke, eine Erschließungsstraße für das Quartier am

Bahnhof folgte. Bis 1986 war der Abschnitt Arnsberger Straße/

Wieme fertiggestellt. Die Arnsberger Straße verdreifachte dabei

fast ihren Querschnitt, die Folge waren massive Eingriffe in die

Bausubstanz der Stadt. Die Straße „Auf der Wieme“ gab es bis

dato überhaupt nicht; hier wurde fast ein ganzes Quartier Opfer

der Spitzhacke. Der Kaiser-Otto-Platz indes verwandelte sich ab

124 - WOLL Frühling 2021


1984 in eine Fußgängerzone, 1989 waren

nur noch Stein- und Zeughausstraße nicht

vom Verkehr „befreit“, das sollte noch bis

1991 dauern.

In diese Zeit fällt ein politischer Wandel,

der maßgeblich durch die Verkehrs- und

Stadtplanung jener Zeit hervorgerufen

wurde. Viele Mescheder fürchteten den

totalen Identitätsverlust ihrer Stadt, die

ohnehin – nachkriegsbedingt - an Baukunst

gering ausgestattet war. Es gründete

sich Widerstand gegen die Pläne, eine

vierspurige Straße bis zum Ortsausgang

nach Heinrichsthal zu bauen, an einen

innerstädtischen Ring, in etwa durch die

heutige Kampstraße verlaufend, gegen zu

viel Asphalt und zu wenig Grün: die Mescheder

Wählergemeinschaft war geboren.

Sie erreichte in den 1980er Jahren immerhin,

dass der Ausbau des Oesterweges

und der Briloner Straße nicht vierspurig

erfolgte, dass mehr Grün an die Straßen

gelangte und vor allem, dass der Zeitgeist

der 1960er und 1970er Jahre nicht noch

um 1990 in Meschede Anwendung fand,

nämlich der der Flächensanierung.

Immense Eingriffe

Der städtebauliche Eingriff war bis dato

bereits immens und aus heutiger Sicht

unvorstellbar: über 130 Gebäude fielen der

Stadtkernsanierung zum Opfer, ob an der

Arnsberger Straße, Im Rebell oder an der

Hennestraße, freilich nicht nur, aber eben

hauptsächlich wegen der neuen Verkehrsplanung.

Die nördlich der Stadt eröffnete

A46 trug natürlich auch dazu bei, die

Notwenigkeit einer vierspurigen Straße bis

Heinrichsthal zu verwerfen.

Die Ergebnisse dieses Umdenkens sind

tatsächlich heute im östlichen Bereich der

Umgehung zu sehen. Aber auch aus Mangel

an finanziellen Mitteln wurde behutsamer

in das Stadtbild eingegriffen. Die

letzten verkehrlichen Baumaßnahmen,

die in die Gesamtplanung der Verkehrs-

entwicklung der Mescheder Innenstadt

fallen, wurden 2013 mit der Eröffnung

der neuen Johannesbrücke abgeschlossen.

So konnten auch der Winziger Platz, die

„alte“ Ruhrbrücke und Teile der Fritz-

Honsel-Straße verkehrsmäßig zurückgebaut

werden.

Wer also die Arnsberger Straße, die

Antoniusbrücke oder die alte Ruhrbrücke

überfährt, darf sich nun fragen, wie all

dies aussähe, wenn der Stadtrat damals

nicht diese weitreichenden Entscheidungen

getroffen hätte, Entscheidungen, die

viel Altes zerstört und sicher auch einige

neue unästhetische Zweckbauten wie das

Stifts-Center entstehen ließen, aber gewiss

Entscheidungen, ohne die Meschede verkehrsmäßig

hoffnungslos kollabiert wäre

und daher eine unabänderbare Notwendigkeit

darstellen – bis heute. ■

Über 130 Gebäude fielen

der Stadtkernsanierung

zum Opfer.

WOLL Frühling 2021 - 125


Friedensglocken

S. Droste

W

ährend der Kriegszeiten wurden immer wieder

Kirchenglocken eingeschmolzen und zu Kriegswaffen.

Hier wurde der umgekehrte Weg eingeschlagen: Bombenköpfe

von Fliegerbomben aus dem 2. Weltkrieg wurden von den

Meschedern Josef Sommer und Raphael Rickes in Glocken umgewandelt.

Friedensglocken eben. (c.z.) ■

126 - WOLL Frühling 2021


WOLL Frühling 2021 - 127


Nur ein paar Schritte

bis zum nächsten

Ascher…

„Global denken – lokal handeln“

Sabina Butz

Britta Melgert

Britta Ewert, Dr. Rudolf Herrmann, Friedrich Heemeyer, Jutta Heemeyer (v.l.)

G

esucht wird ein ca. drei Zentimeter langer, zylin -

drischer Gegenstand mit einem Durchmesser

von 0,5 cm, der um die 4.800 Chemikalien und

250 nachweisbare Giftstoffe enthält. Nein, wir sind nicht

in einer Giftküche oder Science-Fiction-Szene gelandet,

sondern können an jedem beliebigen Bahnhof im HSK, in

Meschede und anderswo fündig werden: Wir betrachten

eine einzige Zigarettenkippe. Diese kleine Kippe, achtlos

weggeworfen, verseucht ca. 40 Liter Grundwasser. Muss

das sein? Nein, fand vor einem guten Jahr Britta Ewert, die

mit anderen die Initiativgruppe „Global denken – lokal

handeln“ gründete. Bislang hat diese Gruppe mehr als

45.000 Kippen aufgesammelt. Jutta Heemeyer ist von Anfang

an dabei und erzählt in WOLL, worum es geht:

128 - WOLL Frühling 2021


„Angeregt von Fridays For Future wollten wir unsere Verantwortung

für lokale, auf Nachhaltigkeit hin orientierte Ideen

entwickeln. Kippen sind umweltbelastender Giftmüll. Die

Sauberkeit der Stadt ist dabei ein sehr schöner Nebeneffekt

unserer Arbeit. Wir wollen Raucher*innen gewinnen, uns zu

unterstützen. In der Stadt sind dazu besondere Ascher aufgestellt,

in denen Kippen trocken und getrennt gesammelt

werden können. Nur so können sie recycelt werden.

Wie muss man sich das vorstellen?

In Zusammenarbeit und mit der Unterstützung des Kölner

Vereins Tobacycle werden die Stummel in Firmen gebracht,

die daraus spritzfestes Granulat zur Herstellung von Boxen für

Sammelsysteme und andere Produkte herstellen. Ein echter

Wirtschaftskreislauf, also eine ganz wunderbare Sache. Wir

entleeren die dezenten, oft an Baumschutzgittern befestigten

Ascher selbst und freuen uns, wenn sie genutzt werden

Wie reagieren die Bürger/innen darauf?

Durchweg positiv: Es gibt Lob, spontane Mithilfe beim Sammeln

und viel Verständnis für unser Anliegen. Unser Mitstreiter

Dr. Rudolf Herrmann, ist mit seinem Motto „Unsere Bitte

– keine Kippe“ stadtbekannt.

Unsere nächsten Schritte sind, Firmen, Institutionen und

private Haushalte wie Nachbargemeinden und Städte mit ins

Boot zu holen. ■

Ein Meilenstein im Hinblick auf unser Ziel ist die

Anerkennung im Rahmen der Leader-Kleinprojekt-Förderung.

Dadurch wurde es in Meschede

ermöglicht, Ascher aufzustellen, in denen nicht

nur auf kurzem Wege Zigarettenreste entsorgt,

sondern auch so gesammelt werden, dass sie

recycelt werden können.

Gestartet wurde die “Fill the Bottle”-

Challenge von dem Franzosen Jason Prince,

der auf Twitter ein Bild von einer Flasche

voll mit Zigarettenstummeln teilte.

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WOLL Frühling 2021 - 129


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