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AUSGABE 9

26. Februar 2022

KULTUR

Die Normandie

in den Bildern

und Worten von

David Hockney

PANDEMIE

Einsam und

verletzlich: der

Weltschmerz

der Generation Z

Der Fasten-

Kompass

Was Sie über den

gesunden Verzicht

wissen müssen –

und wie er

Körper und

Seele schützt

Fast ohne

Hunger:

so funktioniert

Scheinfasten

PUTINS ÜBERFALL

Warum der russische Präsident unserer Weltordnung den Krieg

erklärt – und was die Menschen in der Ukraine fürchten


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E-PAPER LESEN:


Seite 5

Seite 6

EDITORIAL

Was Putins Endspiel mit Merkels

Kanzlerschaft zu tun hat

Von Robert Schneider, Chefredakteur

Foto: Peter Rigaud für FOCUS-Magazin

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

seit Donnerstag, 4 Uhr, ist es Gewissheit:

Wladimir Putin führt Krieg gegen die

Ukraine! Seine Skrupellosigkeit wurde

von vielen Staaten unterschätzt – auch

von Deutschland.

Wenn man heute, vor dem Hintergrund

der dramatischen Ereignisse, die

16 Kanzlerjahre von Angela Merkel in

den Blick nimmt, dann fällt mir ein durchgängiges

Muster auf: Merkels unnachahmliche

Kunst, Konflikte und Problemlagen

einzufrieren.

Da sind zum Beispiel die Vereinbarungen

von Minsk 2014/2015 zur Eindämmung

der Kämpfe in der Ukraine. Deren Paten

waren Deutschland und Frankreich in den

Normandie-Verhandlungen mit Russland

und der Ukraine. Die erste Vereinbarung

von Minsk zwischen Russland, der Ukraine

und der OSZE sowie in Anwesenheit

von Vertretern der Separatisten wurde

im September 2014 unterzeichnet. Doch

schon im Januar 2015 brachen in der

Ostukraine erneut schwere Kämpfe aus,

sodass Minsk II fällig wurde.

Heute kann man bilanzieren: Alle wesentlichen

Maßnahmen der Vereinbarungen

von Minsk wurden nicht eingehalten

oder offen behindert, wobei sich die prorussische

Seite besonders hervortat. Dennoch

behaupteten sogar jüngst noch deutsche

Kanzler und französische Präsidenten

unverdrossen, die Minsker Vereinbarungen

seien der einzige Weg zu dauerhaftem

Frieden. Russlands Machthaber hielt kühl

entgegen, sie seien seit Jahren tot.

Ein anderes Beispiel ist der Beitritt der

Ukraine, den die Nato dem Land (zusammen

mit Georgien) auf ihrem Gipfel 2008

in Bukarest in Aussicht gestellt hatte. Der

damalige US-Präsident George W. Bush

wollte seinerzeit einen schnellen Beitritt,

Merkel war – zusammen mit Frankreich

und Italien – dagegen. Und der damalige

Bundesaußenminister Frank-Walter

Steinmeier verschwieg auch nicht,

aus welchem Grund: Man wolle keine

Belastung der Beziehungen zu

Russland. Und in der Tat wurde

Merkel ja bis zuletzt eine besonders

gute Beziehung zum Dauer-

Kremlchef nachgesagt.

Minsk und Bukarest standen zunächst

für Erfolge der Kanzlerin, der man über

Jahre nachsagte, sie denke als Physikerin

auch in der Politik die Dinge vom Ende

her. Aus heutiger Sicht will mir scheinen,

dass das Gegenteil eher zutrifft: Merkel

hat den eigentlichen Konflikt um den

Nato-Beitritt seit 2008 nicht wirklich gelöst

– weder durch Aufnahme der Ukraine in

das westliche Bündnis noch durch deren

endgültige Absage. Sie hat vielmehr zum

Mittel des diplomatischen Vereisungssprays

gegriffen. Im Sport wird eine akute

Verletzung im Spiel oder Wettkampf

vereist, damit der Sportler noch weitermachen

kann. Danach wird die eigentliche

Verletzung behandelt und auskuriert.

Auf diesen entscheidenden, zweiten

Teil der Behandlung aber hat Merkel

mehr als einmal verzichtet. Die Vereinbarungen

von Minsk haben die Spannungen

in der Ostukraine, die nicht zuletzt

Ausfluss des Konflikts um die Nato-Frage

sind, nicht für einen einzigen Tag gelöst,

sie haben sie lediglich für kurze Zeit eingefroren.

Mit der Weigerung eines Russlands

unter Putins Führung, den Nato-

Beitritt der Ukraine egal unter welchen

Umständen zu akzeptieren,

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DER HAUPTSTADTBRIEF

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Herausgegeben von Ulrich Deppendorf und Ursula Münch

Zinswenden, Gaspreise,

Umweltprämien

Die Inflation zwingt Deutschland und die EU,

mit den eigenen Ansprüchen ernst zu machen

Von Philippa Sigl-Glöckner Seite 2

26. Februar 2022 | #16

haben sich Merkel sowie ihre Partner

Frankreich und Italien nie wirklich auseinandergesetzt.

Und sie haben die kalte

Entschlossenheit des 69-jährigen Ex-

Spions in Moskau nicht ernst genommen,

der weiß, dass er nicht mehr ewig Zeit

hat, und der deshalb jetzt seinen Eintrag

in die imaginären Geschichtsbücher als

Bewahrer der Einheit der Völker Russlands

erzwingen will – wie sich jetzt herausstellt

auch mit militärischer Gewalt.

Bei genauerer Betrachtung kann man

zu dem Ergebnis kommen, dass Merkel

mit dem Vereisungsspray auch in anderen

Krisen gearbeitet hat. So ist der Konflikt

in der Eurozone um die Finanz- und

Haushaltsstabilität noch immer quicklebendig.

Und seit Monaten hört und liest

man wieder von steigenden Flüchtlingszahlen.

Vor allem aber in einem Bereich

sind die Probleme komplett aufgetaut:

in der Energiewende und beim Klimaschutz.

Der Ausstieg aus der Kernkraft

nach Fukushima folgte ebenso wenig

einer langfristigen Strategie wie der

aus der Kohlenutzung. In beiden Fällen

standen partei-, koalitions- und wahltaktische

Überlegungen im Vordergrund.

Und in beiden Fällen hat Merkel

anschließend versäumt, die

notwendigen Konsequenzen für

eine sichere Energieversorgung

zu schaffen – was zurückführt

zum Konflikt mit Russland um die

Ukraine und eben um die russischen

Gaslieferungen.

Ich finde es interessant, darüber

nachzudenken, was geschehen wäre,

wenn Präsident Bush sich 2008

mit der Forderung nach einem

schnellen Nato-Beitritt der Ukraine gegen

damals schwache Russen durchgesetzt

hätte. Möglicherweise wäre uns dieser

Krieg erspart geblieben. Aber vielleicht

lassen sich in der Politik viele Probleme

auch gar nicht lösen, sondern bestenfalls

vereisen, damit man den Schmerz

weniger spürt.

POLITISCHE PIROUETTEN

Katharina Hamberger

über Markus Söders

jüngste Windungen

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FOCUS 9/2022 3


Ernste Eskalation

Russland hat mit

einer Invasion auf die

Ukraine begonnen.

Bürger in Kiew rüsten

sich zum Kampf

Seite 24

Schwerer Start

Die ersten Wochen

im Amt waren wild,

doch Nancy Faeser

hat einen Plan

Seite 34

Leuchtende Landschaft

David Hockney lebt in der Normandie

und malt am liebsten seine Wahlheimat.

Dieses Werk heißt „Sommer“

Seite 82

Globaler

Geschmack

In 100 Gerichten

um die Welt:

Anthony Bourdains

kulinarischer

Reiseführer

Seite 98

Schneller Schütze Spielt Karim Adeyemi bald für den BVB? Seite 104

4 FOCUS 9/2022


INHALT NR. 9 | 26. FEBRUAR 2022

Titelthema

Agenda

Wissen

44 Die verletzliche Generation

Unter Jugendlichen steigt die Suizidund

Depressionsrate. Was macht die Kids,

denen die Welt offensteht, so traurig?

74 Fredi for Future

„Nature“ zählte sie zu den zehn wichtigsten

Forschenden. Jetzt schrieb Friederike Otto

am neuen Bericht des Weltklimarats mit

Titel: David Malan/Getty Images, Alexander Ermochenko/REUTERS

Fotos: Tyler Hicks/NYT, Robert Wright, Roger Kisby/alle Redux/laif, Steffen Roth für FOCUS-Magazin, David Hockney 2021, dpa

64 Wohltat für Körper und Seele

Es reinigt die Zellen, stärkt die Abwehr und

kann glücklich machen: Forscher entdecken

die Heilkräfte des Fastens neu

70 Fast ohne Hunger

Mit Scheinfasten lassen sich ähnliche

Effekte erzielen wie mit einer Nulldiät

72 Jede Mahlzeit ein Ritual

Spitzenkoch Phillipp Troppenhagen

erklärt, wie es gelingt, nach dem Fasten die

Ernährung auf gesund umzustellen

Politik

24 Putins Endspiel

Begegnungen in Kiew, einer Stadt, die der

Invasion trotzt

29 Putin und die deutsche Dummheit

Warum wir den Angriff Russlands auf die

Ukraine hätten kommen sehen müssen

30 Wie tickt Putin?

Buchautor Mark Galeotti versucht, den

russischen Präsidenten zu erklären

32 „Ich fürchte, der Zug der

Geschichte fährt an uns vorbei“

Historikerin Woidelko über das Ende der

Geschichte und Gewalt als Mittel der Politik

34 Nancy und die grauen Männer

Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hat

in der Regierung einige der schwersten

Aufgaben übernommen. Schafft sie das?

39 Datenstrudel

Lauterbach trifft Gates. Buschmann setzt

sich für mehr Strafverfolgung im Netz ein

40 Systemsprenger

Seine FDP muss sich in der neuen Rolle erst

noch finden, doch Wolfgang Kubicki zeigt

klare Kante wie eh und je

Wirtschaft

50 Neue Arbeit, neues Glück

Nie war ein Jobwechsel so einfach. Unternehmen

suchen händeringend Mitarbeiter.

Ungelernte ebenso wie Fachkräfte

56 Diese Frau verkuppelt Deutschland

Bahnvorständin Sigrid Nikutta muss

jetzt liefern: Sie soll mehr Güterverkehr

auf die Schiene bringen

59 Klimaneutralität braucht Innovation

Nur mit mehr Digitalisierung kann der

Umbau der Wirtschaft gelingen, meint

Infineon-Chef Reinhard Ploss

60 Geldmarkt

Wie Anleger vom Trend zum Smarthome

profitieren können

Traurige Teenager

Dark-Pop-Sängerin Billie Eilish

wurde mit ihren emotionalen

bis düsteren Songtexten für

die Generation Z zur Ikone

Seite 44

79 Apokalypse an einem Frühlingstag

Neue Hinweise auf das Ende der Dinosaurier

Kultur

82 David Hockneys Normandie

Seit einigen Jahren lebt die Künstlerlegende

in Nordfrankreich und malt die

Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten

88 Sinnliches und Übersinnliches

Die Filme, Bücher und Alben der Woche

90 Diesmal ohne falsche Nase

Schauspieler Peter Dinklage verleiht im

Musicalfilm „Cyrano“ dem tragisch Liebenden

der Weltliteratur neue Glaubwürdigkeit

Leben

98 Essen. Schlafen. Reisen

Anthony Bourdain war der Punkrocker unter

den Gourmets. Posthum erscheint nun sein

kulinarischer Reiseführer „World Travel“

102 Spart Zeit, Energie und Abwasch

Für seinen One-Pot-Reis mit Lauch braucht

Yotam Ottolenghi nur den Backofen

104 Pfeilschnell und rotzfrech

Der erst 20-jährige Nationalspieler

Karim Adeyemi spielt halb Europa

schwindelig

107 Die Schöpfung nach Hyundai

Kombis geraten leider aus der Mode. Die

gute Nachricht für alle, die jetzt nicht auf

SUV umsteigen wollen, heißt Genesis G70

3 Editorial

6 Kolumne von

Jan Fleischhauer

11 Nachrichten

12 Fotos der Woche

18 Grafik der Woche

Zwei Jahre Corona

20 Menschen

78 Echt irre

88 Kultur-Macher

Rubriken

89 Salon

92 Buch & Welt

92 Bestseller

108 Die Einflussreichen

110 Leserbriefe

110 Impressum

112 Nachrufe

112 Servicenummern

114 Tagebuch

Titelthemen sind rot markiert

FOCUS 9/2022 5


POLITIK

BLINDBLIND

Kriegszustand

Der 24.2.2022 ist eine

Zeitenwende. In der ukrainischen

Hauptstadt sind in den

frühen Morgenstunden des

Donnerstags erste Explosionen

zu sehen. Auch der Flughafen

Borispol wurde beschossen

24 FOCUS 9/2022


BLINDBLIND

UKRAINE

Putins Endspiel

Die Hoffnungen waren vergebens: Russlands

Präsident hat der Ukraine den Krieg erklärt.

Russische Panzer rollen gen Westen. Es

ist das Ende der europäischen Friedensordnung,

wie wir sie kennen. Doch die

Ukrainer wollen um ihre Freiheit kämpfen.

Wie weit ist Putin bereit zu gehen?

TEXT VON REINHARD KECK

Fotos: Ukrainian President’s Office, action press

Fatale Fehler

Wie konnten wir uns

so irren, fragt sich

FOCUS-Autor Andreas

Große-Halbuer

Seite 29

Lesen Sie zum Thema auch

Die zwei Putins

Wie tickt er? Buchautor

Mark Galeotti

versucht, Wladimir

Putin zu erklären

Seite 30

Neue Ordnung

Die Historikerin Gabriele

Woidelko über

die Lehren des Westens

aus dem Konflikt

Seite 32

FOCUS 9/2022

25


WISSEN

Basisch

Schwarze Oliven in Salzlake

zählen zu den Zutaten des

„Scheinfastens“

Zusätzlich

Wer länger fastet, sollte Vitamine

und Mineralstoffe mit Pillen oder

Tabletten ergänzen

Genüsslich

Gemüsesuppen oder -brühen

enthalten wichtige sekundäre

Pflanzenstoffe und bieten

kleine Gaumenfreuden

Der Fastenkompass

Verzicht als Jungbrunnen: Eine Weile nichts (oder sehr wenig)

zu essen ist eine Wohltat für Körper und Seele.

Aschermittwoch und nahender Frühling bieten den idealen

Anlass, es auszuprobieren

TEXT VON PETRA THORBRIETZ FOTOS VON STUDIO LIKENESS

Spärlich

Kohlenhydrate nur in

minimalen Dosen, etwa

in Form ballaststoffreicher

Cracker

FOCUS 9/2022


TITEL

Reichlich

Kräutertees kann es

kaum genug geben: Sie

liefern Flüssigkeit und

haben oft heilsame

Wirkungen

Karger Kick

Fastenkost verändert den

Stoffwechsel, verbrennt Fett,

aktiviert die Zellreinigung,

stärkt das Immunsystem und

kann die Stimmung aufhellen

FOCUS 9/2022 65


KLIMAFORSCHUNG

Dürren, Fluten, Algorithmen

Ihr Abitur machte sie mit 3,0. Nun zählt Friederike Otto zu den wichtigsten

Forschenden der Welt und schrieb mit am neuen Bericht des Weltklimarats

TEXT VON REINHARD KECK

Foto: Andrea Artz/laif

E

in Montagmorgen Anfang

Februar in London. Friederike

Otto, 39, empfängt

den Reporter im Café des

Imperial College. Die Klimaforscherin

trägt bei der

Begrüßung eine Stoffmaske

mit Haifischgrinsen. Fredi,

wie sie sich nennt, bestellt einen schwarzen

Americano, denn sie lebt vegan, und

blickt auf den frühlingshaften Campus.

Ein milder Tag beginnt, es werden 13 Grad

erwartet. Das ist doppelt so warm, wie im

Februar üblich. Picknickwetter im Winter?

In Zeiten der Klimakrise kann man sich

darüber kaum freuen.

„Die Folgen des Klimawandels bemerkt

man im Winter am deutlichsten“, sagt

Otto. Warme Winter habe es immer wieder

gegeben. Doch sie seien häufiger geworden

– und bald der Normalzustand. Dann

erzählt die Wissenschaftlerin, dass ein Mitglied

ihres Teams am Grantham Institut

für Klimaforschung untersucht hat, was

die Erderwärmung für Winzer und den

französischen Wein bedeutet. Fazit: Weinstöcke

treiben früher aus. Das macht sie

anfälliger für späten Frost. Vergangenen

April richtete ein Kälteeinbruch in Europa

schwere Schäden an. Frankreichs Bauern

beklagten Ausfälle von zwei Milliarden

Euro und die „größte landwirtschaftliche

Katastrophe des frühen 21. Jahrhunderts“.

Eine neue Wissenschaft

Wie verändert die Klimakrise unsere

Ernten, unsere Landschaften und Städte,

unsere Welt? Für welche Kapriolen des

Wetters und welchen Wandel der Witterung

ist sie tatsächlich verantwortlich

zu machen?

Genau das will ein neues Feld der Forschung

ergründen, das Otto mit etabliert

hat. Die Wissenschaft der Attribution

untersucht, wie Wetterereignisse und Temperaturanstieg

zusammenhängen.

So wichtig ist dieses Gebiet und so bedeutend

der Beitrag der gebürtigen Kielerin,

dass das amerikanische „Time“-

Magazine sie zu einem der 100 einflussreichsten

Menschen des Jahres 2021

gekürt und die Fachzeitschrift „Nature“

sie in ihren Olymp der zehn derzeit wichtigsten

Forschenden aufgenommen hat.

Nun hat Otto als eine Leitautorin am

neuen Bericht des Weltklimarates mitgeschrieben,

der am 28. Februar veröffentlicht

und auf dem ganzen Globus große

Beachtung finden wird.

Die junge Professorin hofft, dass dieser

Bericht die Welt wachrüttelt. Dass er deutlich

macht, wie verletzlich viele Ökosysteme

und Gesellschaften sind. Dass er dazu

beiträgt, schneller den Ausstoß von Treibhausgasen

zu reduzieren und Strategien

zu finden, mit denen wir uns an einen

überhitzten Planeten anpassen können.

„Da wird es nicht nur um Technik und

Ausstattung gehen“, sagt sie. „Wir müssen

in gute Regierungsführung und vor allem

in Bildung investieren.“

In Kooperation mit einer Hochschule in

den Niederlanden hat Otto 2014 die Initiative

World Weather Attribution (WWA)

gegründet. Inzwischen sind auch Universitäten

aus den USA, Frankreich, der

Schweiz und Indien sowie das Rote Kreuz

an dem Verbund beteiligt. Die Forscher

ermitteln oft in Rekordzeit bei extremen

Dürren, Niederschlägen oder Hitzewellen

den Einfluss des Klimawandels. Dazu

werten sie alte Wetterdaten aus, auch aus

„Die Folgen des Klimawandels

bemerkt man im Winter am deutlichsten“

Friederike Otto

der Zeit vor der Industrialisierung, und

vergleichen sie mit den aktuellen Werten

unserer Treibhauswelt. Lokale Beobachtungen,

etwa von Winzern, fließen mit ein.

Mit ihren komplexen Rechenmodellen blicken

sie auch in die Zukunft.

Noch gibt es Unschärfen und Wissenslücken.

Schwer greifbar ist etwa die Rolle

der Wolken im Klimageschehen. Nicht

allein die global steigenden Temperaturen

beeinflussen das Wetter, sondern auch

Rodungen von Wäldern oder künstliche

Bewässerungssysteme.

Untersucht haben die Attributionsforscher

zum Beispiel die Hitzerekorde von

bis zu 49,6 Grad in Kanada und den USA

im vergangenen Jahr. Statt einmal in eintausend

Jahren, so haben sie errechnet,

würden solche Hitzewellen in Zukunft alle

fünf bis zehn Jahre auftreten.

Auch extreme Regenfälle sind wahrscheinlicher

geworden. Der Deutsche Wetterdienst

bat Otto um eine Einschätzung,

als im vergangenen Juli bei der Katastrophe

an Ahr und Erft 134 Menschen

starben. Bei so kleinräumigen Wetterereignissen

geraten die Klimamodelle an ihre

Grenzen. Die lokale Topografie spielt eine

entscheidende Rolle. Im selben Zeitraum

gab es im Norden Brandenburgs ähnlich

starke Niederschläge, die aber problemlos

versickerten. In den engen Tälern in

der Ahr-Region hingegen sammelte sich

das Wasser. Brücken und Häuser stürzten

ein. Als grobe Größe gaben die Forscher

an: Solche Starkregenereignisse seien

FOCUS 9/2022 75

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