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Quatsch oder Die Quelle der Geschichten - Endfassung - Druck

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IMPRESSUM:<br />

<strong>Die</strong> Schwarzaubach Mär - Fünf Gemeinden und ihre <strong>Geschichten</strong> zum Schwarzaubach. 1. Auflage,<br />

Juni 2021<br />

Herausgeber: Marktgemeinde Schwarzautal; Adresse: Wolfsberg 125, 8421 Schwarzautal;<br />

Telefon: 03184/2208; gde@schwarzautal.gv.at; www.schwarzautal.gv.at<br />

Konzept und Layout: SpOrt & Mensch Consulting e.U. - Roman Dendl<br />

Verfasser <strong>der</strong> Geschichte: Andreas Unterweger, Kolping-Weg 11, 8430 Leibnitz<br />

Ökologische Daten und Beschreibungen: Lisa Schramm, Masterarbeit: Gewässerpflegekonzepte<br />

für Grabenlandbäche in <strong>der</strong> Steiermark am Beispiel Schwarzaubach, Wien 2019 - <strong>Die</strong>se Arbeit ist<br />

öffentlich einsehbar.<br />

<strong>Die</strong>se Broschüre erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Alle Angaben sind ohne Gewähr.<br />

Erhebungsstand ist Juni 2021. <strong>Druck</strong>- und Satzungsfehler vorbehalten.<br />

Bildnachweis:<br />

Kin<strong>der</strong>zeichnungen: Volksschule Schwarzautal und Volksschule St. Nikolai/Draßling<br />

Fotos: Gerhard Rohrer, Roman Dendl, Pixabay<br />

<strong>Die</strong> Broschüre wurde gemeinsam mit den Gemeinden Pirching am Traubenberg,<br />

Kirchbach/Zerlach, Schwarzautal, St. Veit in <strong>der</strong> Südsteiermark und Straß in Steiermark erstellt<br />

und durch das LEADER-Programm Südsteiermark geför<strong>der</strong>t.


LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER!<br />

In früheren Zeiten trennten sogar Bäche Gemeinden, Län<strong>der</strong> und Staaten. In <strong>der</strong> Region<br />

Schwarzautal gehen in dieser Richtung die Uhren an<strong>der</strong>s. Hier verbindet künftig <strong>der</strong><br />

Schwarzaubach die gesamte Region als gemeinsames Erholungs- und Impulsgebiet.<br />

Von <strong>der</strong> <strong>Quelle</strong> in Pirching am Traubenberg schlängelt sich <strong>der</strong> Schwarzaubach durch<br />

die Gemeinden Kirchbach-Zerlach, Schwarzautal, St. Veit in <strong>der</strong> Südsteiermark bis zur<br />

Mündung in die Mur in <strong>der</strong> Gemeinde Straß in <strong>der</strong> Steiermark.<br />

In <strong>der</strong> Geschichte schwimmt ein Fisch Namens <strong>Quatsch</strong> vom Ursprung bis in die Mündung<br />

und erfährt und erlebt dabei interessante Dinge. Speziell diese Erlebnisse und Informationen<br />

sollen ganz beson<strong>der</strong>s unsere Jugend für die Faszination Tier und Natur<br />

begeistern. Zwei Volksschulen haben dies bereits durch Zeichnungen in dieser Broschüre<br />

umgesetzt.<br />

Ein großes Dankeschön ergeht an Schriftsteller Andreas Unterweger, <strong>der</strong> die Schauplätze<br />

in liebevollen <strong>Geschichten</strong> beschrieben hat. Durch umfangreiche Recherche<br />

konnte Andreas Unterweger Geschichte und Gegenwart in die Kapitel einfließen lassen.<br />

Entlang bzw. im näheren Umfeld des Baches wurden im Zuge dieses Kooperationsprojektes<br />

mit <strong>der</strong> LAG Vulkanland pro Gemeinde 1-2 Schauplätze definiert. Mittels <strong>der</strong> Geschichte<br />

wurde ein roter Faden durch alle diese Plätze gezogen.<br />

<strong>Die</strong>se Plätze haben unterschiedlichste Ausprägungen. Egal ob schlichtes Verweilplätzchen,<br />

Blumenwiese <strong>o<strong>der</strong></strong> Mobilisierungstreffpunkt mit einfachen Übungsgeräten. Durch<br />

einheitliche Hinweistafeln werden die Bürger*innen auf diese Plätze aufmerksam gemacht.<br />

Ziel von diesem Projekt ist, die regionale Identität bzw. das kulturelle Erbe neu in Wert<br />

zu setzen.<br />

Bgm. Siegfried Neuhold (Pirching am Traubenberg)<br />

Bgm. Anton Prödl (Kirchbach-Zerlach)<br />

Bgm. Alois Trummer (Schwarzautal)<br />

Bgm. Gerhard Rohrer (St. Veit in <strong>der</strong> Südsteiermark)<br />

Bgm. Reinhold Höflechner (Straß in Steiermark)


QUATSCH<br />

ODER<br />

DIE QUELLE DER GESCHICHTEN<br />

Es war einmal ein kleiner Fisch, <strong>der</strong> lebte in einem kleinen Fluss.<br />

Obwohl <strong>der</strong> Fluss klein war, trug er einen langen, schönen Namen. Er hieß<br />

SCHWARZAUBACH. Es genügte, diesen Namen zu hören, schon sah man den<br />

Fluss vor sich. Genauer gesagt: Man sah, wie er erst zwischen SCHWARZen<br />

Baumstämmen, dann durch bunte AUwiesen, als BACH fröhlich dahinplätscherte.<br />

Der Name des Fisches, <strong>der</strong> in diesem Schwarzaubach lebte, war hingegen<br />

kurz, so kurz wie <strong>der</strong> Fisch selbst. Außerdem war er alles an<strong>der</strong>e als schön<br />

– dachte zumindest <strong>der</strong> kleine Fisch.<br />

„Mein Name ist <strong>Quatsch</strong>“, sagte sich <strong>der</strong> Fisch, „und das in mehrerlei Hinsicht.<br />

Einerseits ist es <strong>Quatsch</strong>, so einen Namen zu tragen, an<strong>der</strong>erseits<br />

heiße ich wirklich so.“<br />

Tatsächlich schämte sich <strong>Quatsch</strong> für seinen Namen, und weil er sich<br />

schämte, spielte er nicht mit den an<strong>der</strong>en Fischen. Wenn all die Strudelberts,<br />

Stromfrieds, Algenheids und wie seine Brü<strong>der</strong> und Schwestern in bester<br />

Fischmanier hießen, in <strong>der</strong> Flussmitte gegen die stärkste Strömung ansurften<br />

<strong>o<strong>der</strong></strong> an<strong>der</strong>en Wassersport trieben, führte <strong>Quatsch</strong> im stillen ufernahen Wasser<br />

nachdenkliche Selbstgespräche.<br />

Eines Abends, als die Bäume sich beson<strong>der</strong>s tief über den Bach neigten –<br />

so tief, dass <strong>Quatsch</strong> für einen Augenblick den Eindruck hatte, sie sögen das<br />

kostbare Wasser nicht mit ihren Wurzeln aus <strong>der</strong> Erde, son<strong>der</strong>n schöpften<br />

es mit Zweighänden zu hinter Nadel- und Laubbärten verborgenen Mün<strong>der</strong>n<br />

hinauf –, an einem solchen Abend also klagte <strong>der</strong> kleine Fisch, trübsinnig vor<br />

sich hin grundelnd: „Ach, ich heiße nicht nur so … Ich bin <strong>Quatsch</strong>!“<br />

„Schön, dich kennenzulernen!“, gluckste es da – silberhell – hinter ihm. „Ich<br />

bin Mondschuppe!“<br />

Erschrocken schnellte <strong>Quatsch</strong> herum. Zum Glück steht bei Fischen <strong>der</strong><br />

Mund öfter einmal offen – sonst hätte er in diesem Moment kein gutes Bild<br />

1


abgegeben. Und das wäre schade gewesen, denn Mondschuppe, die hinter<br />

ihm schwamm, entpuppte sich als bildhübsches Fischmädchen.<br />

Tatsächlich lässt es sich nicht an<strong>der</strong>s ausdrücken, als dass sie ihrem Namen<br />

alle Ehre machte. Jedenfalls starrte <strong>Quatsch</strong> sie an, als wäre <strong>der</strong> Mond heute<br />

Abend nicht oben zwischen den Wipfeln des Waldes, son<strong>der</strong>n unter Wasser,<br />

im Fluss aufgegangen.<br />

„Was glotzt du so?“, fragte Mondschuppe. „Hast du noch nie eine Fischosophie-Studentin<br />

auf Exkursion gesehen?“<br />

„Fischoso – wie?“, blubberte <strong>Quatsch</strong>.<br />

„Ich bereite ein Referat für die Schule vor und suche dafür nach <strong>der</strong> <strong>Quelle</strong><br />

des Wissens!“, verkündete sie stolz.<br />

„<strong>Quelle</strong> des – wie? Äh, ich meine: Wo – wo soll die denn sein?“<br />

„Na, ich vermute dort, wo eine <strong>Quelle</strong> immer ist: flussaufwärts!“<br />

„Und wo – nein: Was willst du dort in Erfahrung bringen?“<br />

„Ich will wissen, wo alles herkommt. Möchtest du mich nicht begleiten? Du<br />

wirkst, als ob du auch einige Fragen hättest!“<br />

„Was? Wie? Wo? Nein: Warum? Äh … ich weiß nicht …“, zierte sich<br />

<strong>Quatsch</strong>.<br />

„Sei doch kein Bitterling! Komm mit!“, rief Mondschuppe.<br />

Sie stupste ihn an, lächelte. Und als <strong>Quatsch</strong> sie so lächeln sah, schien ihm,<br />

als wäre <strong>der</strong> Mond heute Abend nicht nur im Fluss, son<strong>der</strong>n sogar in ihm<br />

selbst aufgegangen. Kurz: Er strahlte. Und so – strahlend – folgte er ihr.<br />

Mondschuppe und <strong>Quatsch</strong> wan<strong>der</strong>ten den Bach hinauf. Sie schlängelten<br />

sich zwischen Wurzeln hindurch, die ins Flussbett ragten, kämpften sich<br />

durch so manche Stromschnelle, und obwohl <strong>Quatsch</strong> nicht sehr sportlich<br />

war und Mondschuppe ihn immer wie<strong>der</strong> einmal über eine seichte Stelle<br />

schieben musste, kamen sie noch vor Einbruch <strong>der</strong> Dunkelheit dahin, wo sich<br />

laut Mondschuppe Bachforelle und Wasserschnecke Gute Nacht sagten: in<br />

den Wald nämlich, in dem <strong>der</strong> Schwarzaubach entspringt.<br />

Dort trafen sie freilich we<strong>der</strong> Bachforelle noch Wasserschnecke – und auch<br />

sonst sah es ganz an<strong>der</strong>s aus, als Mondschuppe angekündigt hatte. Kein<br />

„Tempel des Rauschens“, kein geheimnisvolles „Waldorakel“, und auch die<br />

„silberne Fontäne“, von <strong>der</strong> sie am „Schwimmnasium“, ihrer Schule, gehört<br />

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hatte, war nirgends zu entdecken. Stattdessen wurde <strong>der</strong> Bach am Fuß des<br />

Berges so schmal und seicht, dass sie die Schlucht nicht mehr weiter hinaufschwimmen<br />

konnten.<br />

Ratlos planschten sie auf <strong>der</strong> Stelle. Da begann es in den Blättern <strong>der</strong><br />

Schwarzerle, zwischen <strong>der</strong>en Wurzeln sie geraten waren, mit einem Mal so<br />

heftig zu rascheln, ja, zu rauschen, dass man meinen mochte, sie sei gerade<br />

erwacht und strecke nun ihre Glie<strong>der</strong>.<br />

Und tatsächlich: Erst wurden die Zweige zu Händen, dann entpuppten sich<br />

die Blätter als Bart, in <strong>der</strong> Rinde öffnete sich ein Mund und schon sprach eine<br />

tiefe, knarrende Stimme: „Wer kitzelt so spät an meinen Zehenspitzen?“<br />

„Es sind zwei Fischlein, die fast auf dem Trockenen sitzen“, antwortete Mondschuppe.<br />

„Und wer bist du? Der Erlkönig?“<br />

„Hohoho!“, dröhnte die Erle, „nein, ich bin Alnus vom Wald.<br />

Wir sind einer und viele, sind jung und uralt.<br />

Wir sind Bäume und Pilze, sind groß und ganz klein,<br />

wir sind Steine und Tiere, immer im Werden: Es gibt keinen Tod, es gibt nur<br />

etwas ganz Neues sein …<br />

Wir sind so dicht vernetzt, teilen so viele Informationen,<br />

dass wir die Antwort auf die Fragen aller Wesen wissen, die in uns wohnen.<br />

Aber gebt Acht! Ihr habt nur eine einzige Frage frei.<br />

Denn ich muss bald zum Abendessen. Unter <strong>der</strong> Erde gibt es heute beson<strong>der</strong>s<br />

leckeren Mineralstoffbrei …“<br />

<strong>Die</strong> beiden Fischlein zappelten aufgeregt vor sich hin. Nun hatten sie das<br />

„Waldorakel“ also tatsächlich gefunden! Aber wer sollte sprechen? Und wie<br />

sollte es ihnen bloß gelingen, mit einem einzigen Versuch die Antworten auf<br />

all ihre Fragen zu bekommen?<br />

Vor lauter Aufregung machte <strong>Quatsch</strong> just in diesem Moment seinen allerersten<br />

Salto – was hier, in diesem so seichten Wasser, keine gute Idee war.<br />

Er schleu<strong>der</strong>te sich in die Luft und plumpste erst ein Stück flussaufwärts wie<strong>der</strong><br />

zurück ins Bachbett.<br />

Dort freilich floss gar kein Wasser mehr. Stattdessen war die Schlucht mit<br />

schmierigem, schwarzem Schlamm gefüllt: <strong>Quatsch</strong>, <strong>der</strong> das klare Wasser<br />

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des Schwarzaubachs gewohnt war, gruselte sich. Zum Glück war <strong>der</strong> Untergrund<br />

glitschig genug, um ihn flugs zurück ins Wasser unter <strong>der</strong> Schwarzerle<br />

rutschen zu lassen.<br />

„Iiiih, was war das denn?“, japste er erschrocken, als er neben Mondschuppe<br />

gewassert hatte.<br />

„Danke für eure Frage!“, donnerte das Waldorakel gleich los – und Mondschuppe,<br />

die schöne, außergewöhnlich lange Brustflossen hatte, klatschte<br />

sich eine davon gegen die glatte Stirn. <strong>Quatsch</strong> hingegen wäre aus Scham<br />

über seine Dummheit am liebsten im Bachbett versunken.<br />

„Das, meine lieben Fischlein“, raunte Alnus in seinen Bart – während er mit<br />

einem Zweig auf den Schlamm deutete, <strong>der</strong> geheimnisvoll glitzerte – „das ist<br />

<strong>der</strong> Stoff, aus dem Leben ist.“<br />

„Aus dem was ist? Lehm?!“, unterbrach ihn Mondschuppe.<br />

„Nein: Leben“, grummelte <strong>der</strong> Baum, „aber, meine kleine Freundin: Leben ist<br />

Lehm. Wir alle sind aus nasser Erde. Das ist etwas, das man nur allzu oft<br />

vergisst …<br />

Wenn Wasser verdunstet, bedeutet das, dass es sich als Dampf zu den Wolken<br />

erhebt,<br />

Wolken sind Wasser, das am Himmel schwebt,<br />

wenn es regnet, seht ihr, wie das Wasser auf die Erde zurückkehrt,<br />

was man nicht sieht: wie es dann langsam im Boden versickert,<br />

tiefer und tiefer, bis zu den unterirdischen Grundwasserseen –<br />

huuh! Haltet still! Es kitzelt so an den Zehen!“<br />

„Entschuldigung …“<br />

„Wenn genug Grundwasser da ist“, fuhr Alnus fort, „steigt es wie<strong>der</strong> empor<br />

und quillt an beson<strong>der</strong>en Orten, wie da oben am Sengerberg, aus <strong>der</strong> Erde<br />

hervor.<br />

Kommt es wie<strong>der</strong> heraus,<br />

sieht es freilich erst einmal nicht nach viel aus:<br />

Es sind nur ganz schmale feuchte Rinnen,<br />

und doch ist das ganze Leben in ihnen drinnen.“<br />

„Aber ich habe mir eine <strong>Quelle</strong> immer als silberne Fontäne vorgestellt!“, rief<br />

Mondschuppe.<br />

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„Schon wahr“, brummte <strong>der</strong> Baum, „wenn es stark regnet, dann sprudelt die<br />

<strong>Quelle</strong>!<br />

Doch das wird selten beobachtet. Denn wenn es stark regnet, ist hier auch<br />

niemand zur Stelle …<br />

Nein, nein: Meist sieht man nur Schlamm. Doch <strong>der</strong> ist die Schmiere<br />

im großen Kreislauf des Wassers, ohne den wir nicht hier wären.<br />

Und so, wie wir ihn brauchen, braucht er auch uns,<br />

<strong>der</strong> Wald mit seinen Milliarden Lebensformen speichert und säubert das<br />

Wasser – auch eine Kunst!<br />

Tröpfchen für Tröpfchen, Perle für Perle<br />

tanzt das Wasser um und in und mit uns allen: vom kleinsten Wasserfloh bis<br />

zur größten, mächtigsten Erle.<br />

Und am Anfang ist <strong>der</strong> Schlamm, aus ihm wächst alles hervor,<br />

<strong>der</strong> Fluss und <strong>der</strong> Wald mit seinem Vögelchen-Chor.<br />

Es gäbe uns alle nicht – ohne das bisschen Matsch.<br />

Wir nennen ihn übrigens liebevoll ,<strong>Quatsch</strong>‘.“<br />

Mondschuppe fuhr überrascht zu ihrem Freund herum. Der aber plapperte<br />

verblüfft drauflos: „Aber, aber … <strong>Quatsch</strong> heißt doch auch Unsinn!“ Und etwas<br />

verschämt fügte er hinzu: „Denken Sie etwa an das Schimpfwort<br />

,<strong>Quatsch</strong>kopf‘, lieber Erlenonkel.“<br />

Alnus schmunzelte: „Wir Weisen sagen statt ,quatschen‘ lieber ,dichten‘!<br />

Denn jede <strong>Quelle</strong> ist auch eine <strong>Quelle</strong> von <strong>Geschichten</strong>.<br />

Ohne Wasser kein Leben, aber ohne <strong>Geschichten</strong> wäre das Leben leer.<br />

,<strong>Quatsch</strong>‘ ist die Antwort, da kommt alles her.“<br />

„Wow, deine Eltern haben dich nach <strong>der</strong> <strong>Quelle</strong> benannt!“, rief Mondschuppe<br />

begeistert, nachdem das Orakel verstummt war (man hörte nur noch hingebungsvolles<br />

Schmatzen aus <strong>der</strong> Erde). „Was für ein schöner Name!“<br />

„Und du hast erfahren“, sagte <strong>Quatsch</strong>, „wo alles herkommt. Aus dem Gatsch<br />

da drüben!“<br />

Begeistert schaute er aus dem Wasser. Nun sah er die schmale, silbern glitzernde<br />

Bahn, die sich vom Sengerberg die Schlucht hinunterzog, mit ganz<br />

an<strong>der</strong>en Augen.<br />

„<strong>Quatsch</strong>“, korrigierte ihn Mondschuppe leise.<br />

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<strong>Quatsch</strong> schaute sie an. Ihre Schuppen schimmerten im Mondlicht wie <strong>der</strong><br />

Schlamm dort oben, sprich: wie das Leben …<br />

„Ach, Mondschuppe“, antwortete <strong>Quatsch</strong> ebenso leise.<br />

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FRÜHSTÜCK AM UFER<br />

ODER<br />

DAS WASSER MACHT DIE ARBEIT<br />

Es war ein richtiger Sommermorgen – dabei war gar nicht Sommer. Der<br />

kleine Fisch <strong>Quatsch</strong> und seine Freundin Mondschuppe ließen sich nebeneinan<strong>der</strong><br />

flussabwärts treiben. <strong>Quatsch</strong> hatte gefragt, ob er Mondschuppe<br />

auf ihrem Weg nach Hause, zur Flussmündung, begleiten dürfe – und sie<br />

hatte eingewilligt. <strong>Die</strong> Morgensonne erstrahlte über dem Schwarzaubach,<br />

Mondschuppe strahlte <strong>Quatsch</strong> an, und <strong>Quatsch</strong> strahlte zu Mondschuppe<br />

hinüber.<br />

Da Fische aber mit offenen Augen schlafen, ist es immer schwierig zu sagen,<br />

ob sie gerade tatsächlich wach sind <strong>o<strong>der</strong></strong> nicht nur so aussehen. Und ganz<br />

beson<strong>der</strong>s gilt das für einen Fisch wie <strong>Quatsch</strong>, <strong>der</strong> dazu neigte, auch dann,<br />

wenn er wach war, vor sich hin zu träumen.<br />

„<strong>Quatsch</strong>?“, fragte Mondschuppe also, und als er nicht antwortete, gleich<br />

noch einmal, dringen<strong>der</strong>: „Qua-atsch?!“<br />

Aber da war es schon zu spät. „DONG!“, machte es, und schon war <strong>Quatsch</strong><br />

mit dem Kopf voraus in ein braunes, klobiges Etwas gedonnert, das da behäbig<br />

im Weg herumschwamm.<br />

„Was für ein <strong>Quatsch</strong>!“, rief Mondschuppe. „Du Armer!“<br />

<strong>Quatsch</strong> aber wirkte gar nicht so arm. Er schaute nur verdattert, leckte sich<br />

die Lippen und machte: „Mmh, das schmeckt!“<br />

„Lippen weg, das ist mein Brot!“, klapperte da eine blecherne Stimme. Erst<br />

jetzt sahen sie, dass das Hin<strong>der</strong>nis, mit dem <strong>Quatsch</strong> kollidiert war, nicht von<br />

selbst gegen den Strom schwamm. Nein, da war ein rotbrauner Edelkrebs<br />

am Werk, <strong>der</strong> es mit seinen mächtigen Scheren fest hielt und Richtung Ufer<br />

zog.<br />

„So- äh, sorry“, stotterte <strong>Quatsch</strong>, „ich bin etwas ver-, vertr-“<br />

„Vertrottelt – ja, das habe ich gemerkt“, schimpfte <strong>der</strong> Krebs.<br />

„Nein, er ist verträumt!“, machte sich Mondschuppe für ihren Freund stark.<br />

„Und außerdem: Wer kann denn bitteschön damit rechnen, dass am helllichten<br />

Morgen ein nachtaktives Tier wie Sie so eine Ladung mitten auf <strong>der</strong><br />

Schwimmspur transportiert – noch dazu gegen die Einbahn!“<br />

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„Nun ja, ich bin ein bisschen spät dran … Das Ding ist so schwer!“<br />

„Kein Problem, wir helfen Ihnen!“, rief <strong>Quatsch</strong>, <strong>der</strong> nicht nachtragend war.<br />

Der Krebs zog vom Ufer her, die Fische schoben von <strong>der</strong> Flussmitte, und in<br />

null Komma Zobel steckte das Brot in <strong>der</strong> Wohnhöhle des Krebses. Genauer<br />

gesagt: Es füllte sie ganz aus.<br />

„Perfekt!“, meinte <strong>der</strong> Krebs.<br />

Mondschuppe fragte ihn hingegen spöttisch: „Und? Wo haben Sie vor, heute<br />

zu schlafen, gnädiger Krebs? <strong>Die</strong> Höhle haben Sie sich jetzt ja verstopft.“<br />

„Stimmt, hm, hm …“<br />

Wie<strong>der</strong> mürrisch geworden, kratzte sich <strong>der</strong> Krebs mit vier <strong>o<strong>der</strong></strong> fünf seiner<br />

acht Laufbeine am Hinterpanzer. Dann aber verzog er seine Antennen zu<br />

einem Lächeln: „Ich hab’s!“<br />

Er zückte seine Scheren, schnitt zwei große Brocken aus dem Wecken, verteilte<br />

sie und schon hatte er nicht nur genug Platz in <strong>der</strong> Höhle, son<strong>der</strong>n auch<br />

zwei neue Freunde gewonnen. Erfreut leisteten ihm die beiden Fischlein bei<br />

seinem Betthupferl (und ihrem Frühstück) Gesellschaft.<br />

„Schag mal, lieber Krebsch“, begann <strong>Quatsch</strong> mit vollem Mund.<br />

„Mein Name ist Astacus“, unterbrach ihn dieser. „Astacus Astacus, um genau<br />

zu sein. Aber ihr dürft mich selbstverständlich einfach Astacus nennen“. Er<br />

lächelte gönnerhaft, während er für jeden eine zweite Portion abschnippelte.<br />

„Schag mal, Aschtacusch“, nuschelte <strong>Quatsch</strong> weiter, „was ischt dasch eigentlisch<br />

für‘n gut‘sch Holz, dasch wir da naschen?“<br />

„Ach herrje!“ Astacus grinste. „Kommt ihr denn etwa frisch aus dem Larvengarten?<br />

Das ist doch kein Holz. Das ist Brot!“<br />

„Brot?“<br />

„Ja, Brot! Das Lieblingsfutter <strong>der</strong> Menschen!“<br />

„Menschen? Wasch’n dasch?!“ <strong>Quatsch</strong> schaute verdutzt.<br />

„Das weiß ich!“, rief Mondschuppe. Sie zeigte auf, als wäre sie noch in <strong>der</strong><br />

Flussschule. Mit erhobener Brustflosse betete sie beflissen herunter: „Menschen<br />

sind eine pelzlose Unterart <strong>der</strong> Biber. Sie kommen selten ins Wasser<br />

und können auch nur sehr schlecht schwimmen.“<br />

„So ungefähr“, entgegnete Astacus. „An<strong>der</strong>erseits sind diese Menschen, wie<br />

die richtigen Biber, gute Baumeister. Natürlich bauen sie keine komplizierten<br />

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Biberburgen mit Damm, Wohnkessel, Spielröhren usw. Aber sie können etwas<br />

an<strong>der</strong>es: Wasserrä<strong>der</strong>. Und damit machen sie Brot.“<br />

<strong>Quatsch</strong> staunte. „Du meinst also, wenn ich nur oft genug im Wasser ein Rad<br />

schlage, kommt am Ende so etwas Köstliches aus mir heraus?“<br />

„Nein!“ Astacus verdrehte die Stielaugen. „Wasserrä<strong>der</strong> sind aus Holz gebaute,<br />

runde Dinger, die am Ufer befestigt sind und vom Wasser im Kreis<br />

gedreht werden. Sie nutzen die Kraft des Wassers, um damit an<strong>der</strong>e Werkzeuge,<br />

die mit dem Rad durch ein paar Stangen verbunden sind, in Betrieb<br />

zu setzen.<br />

So, wie ihr euch vom Wasser treiben lässt, um nicht selbst schwimmen zu<br />

müssen, treibt das Wasser dann also etwa eine ganze Mühle ganz von alleine<br />

an. Es ist so stark wie fünf, sechs Pferde <strong>o<strong>der</strong></strong>, umgerechnet, an die<br />

dreißig Hechte. <strong>Die</strong> Wasserkraft setzt große Steine in Bewegung, die Getreide<br />

zu Mehl zerreiben. <strong>Die</strong>ses Mehl vermischen die Menschen dann mit<br />

Wasser und machen daraus Brot.“<br />

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„Poah, diese Menschen sind ja wirklich fast so schlau wie richtige Biber!“,<br />

staunte <strong>Quatsch</strong>.<br />

„Und ich nehme an“, bemerkte Mondschuppe, die sich selbst für (mindestens!)<br />

genauso schlau hielt wie die Biber, „dass die Menschen, wie die richtigen<br />

Biber, das Holz für ihr Wasserrad mit den Zähnen zurechtknabbern?“<br />

„Nee, so was haben sie lei<strong>der</strong> nicht drauf“, korrigierte sie Astacus.<br />

„Um das Holz zu zerkleinern, verwenden sie ein an<strong>der</strong>es Werkzeug. Es ist<br />

zwar bei Weitem nicht so praktisch wie unsere Scheren, funktioniert aber<br />

ähnlich. Es heißt Säge. Übrigens: Früher wurden auch Sägen oft durch Wasserrä<strong>der</strong><br />

angetrieben. Das hieß dann Sägemühle. Gleich da drüben stand<br />

eine. Mein Ururgroßonkel hat sie noch erlebt.“<br />

„Gleich hier? Unglaublich!“ <strong>Quatsch</strong> war begeistert. Sofort sah er das Wasserrad<br />

vor sich, seine Schaufeln, die wie<strong>der</strong> und wie<strong>der</strong> durchs Wasser<br />

schwangen, hörte es knarren und rumpeln, während im Inneren <strong>der</strong> Sägemühle<br />

kleinere Rä<strong>der</strong>, Riemen, Stangen und allerlei Mechanismen in Bewegung<br />

gesetzt wurden, die scharfe, vielzackige Säge auf und ab ratschte und<br />

ein Holzbrett nach dem an<strong>der</strong>en zurechtschnitt. Und das alles wurde angetrieben<br />

vom Fluss, seiner Strömung, das alles verdankten die Menschen dem<br />

bisschen Schlamm da oben am Sengerberg, dem –<br />

„Qua-atsch?“<br />

„Hm? Ja, bitte?“<br />

„Was sagst du zu dem Witz?“ Mondschuppe schien ratlos.<br />

„Welcher Elritze?“<br />

„Ach, pass doch auf. Was sagst du zu dem Witz von Astacus! Kannst du ihn<br />

noch einmal erzählen, bitte, Astacus? <strong>Quatsch</strong> hat ihn wohl nicht gehört. Er<br />

ist manchmal ein bisschen vert-“<br />

„Vertieft, ich weiß“, schmunzelte Astacus. „Nun, mein Ururgroßonkel – <strong>der</strong><br />

vielleicht auch mein Urururgroßonkel war, so genau weiß das keiner – mein<br />

alter Onkel Eddie also, ein richtiger Urzeitkrebs, hat immer diesen Witz erzählt.<br />

Angeblich hat er ihn von den Menschen in <strong>der</strong> Sägemühle. Er geht so:“<br />

Astacus reckte seine eine Scherenhand in die Höhe, streckte die beiden<br />

Scheren auseinan<strong>der</strong> und plärrte: „Fünf Brote für die Sägemühle, bitte!“<br />

„Verstehe ich nicht.“ <strong>Quatsch</strong> war ratlos wie Mondschuppe.<br />

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„Schade.“ Astacus wirkte enttäuscht. „Eddie hat ihn auch nie kapiert. Von mir<br />

ganz zu schweigen. Seit Generationen zerbrechen wir uns darüber den<br />

Schädelpanzer!“<br />

„Da sieht man, dass die Menschen doch nicht so schlau sind wie die Biber –<br />

<strong>o<strong>der</strong></strong> so manch an<strong>der</strong>es Wassertier“, meinte Mondschuppe.<br />

„Jedenfalls fehlt ihnen unser Sinn für Humor“, stimmte Astacus zu. Er gähnte.<br />

„Nun, meine Lieben, es war eine lange Nacht …“<br />

Ein paar Drehungen des von <strong>Quatsch</strong> herbeigeträumten Wasserrads später<br />

hatte sich <strong>der</strong> Krebs in seiner Brothöhle verkrochen und unsere beiden Fischfreunde<br />

schwammen wie<strong>der</strong> flussabwärts. Besser gesagt: Sie ließen sich<br />

treiben. Mit vollem Bauch ging das beson<strong>der</strong>s gut.<br />

<strong>Die</strong> Morgensonne erstrahlte über dem Schwarzaubach, Mondschuppe<br />

strahlte <strong>Quatsch</strong> an und <strong>Quatsch</strong> strahlte zu Mondschuppe hinüber.<br />

„Qua-atsch?“, fragte diese.<br />

„…“<br />

„Bist du wach <strong>o<strong>der</strong></strong> träumst du?“<br />

„Ich bin wach, aber ich träume.“<br />

„Und was träumst du?“<br />

„Ich träume, dass ich mit meinem absoluten Lieblingsfisch meinen absoluten<br />

Lieblingsbach hinunterreise …“<br />

„Dann ist ja gut“, lächelte Mondschuppe, „denn ich träume dasselbe.“<br />

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WASSERMUSIK<br />

ODER<br />

DAS TAL DER GUTEN ERDE<br />

Der kleine Fisch <strong>Quatsch</strong> und seine Freundin Mondschuppe schwammen<br />

den Schwarzaubach hinunter. Das Wasser durchquerte einen Tunnel und<br />

floss dann an Fel<strong>der</strong>n, einer Holzhütte und schließlich auch an Einfamilienhäusern<br />

vorbei. Das alles hatten Menschen erbaut, und die beiden Fischlein<br />

staunten nicht schlecht, als hinter den Zweigen <strong>der</strong> Böschungsbäume auch<br />

noch die Cafés, Greißler und Gasthäuser von Kirchbach auftauchten.<br />

Nur die Baumeister selbst hatte <strong>Quatsch</strong> noch nicht zu Gesicht bekommen.<br />

Mit offenen Augen vor sich hinträumend malte er sich aus, wie nett es wohl<br />

wäre, sich mit einem dieser Menschentiere zu unterhalten – wer weiß, vielleicht<br />

könnte dieses auch für Mondschuppe und ihn so ein Häuschen bauen,<br />

freilich unter Wasser? Da spürte <strong>Quatsch</strong> mit einem Mal eine Bewegung über<br />

sich. Er schaute hoch: Tatsächlich, da schwamm so ein Mensch, und das<br />

direkt über ihnen!<br />

Das Menschlein sah genauso aus, wie man es <strong>Quatsch</strong> beschrieben hatte:<br />

keine Schuppen, kein Pelz, kräftige Beine, eher mickrige Ärmchen, großer<br />

Kopf, breites Maul, weißer Bauch und sonst von oben bis unten, abgesehen<br />

von ein paar dunkleren Punkten, knallgrün. Grün?<br />

„Qua-atsch?“, fragte Mondschuppe.<br />

„Ja?“<br />

„Was starrst du denn den armen Frosch so an?“<br />

„Oh … klar. Ein Frosch. Natürlich … Hallo, Frau Frosch!“<br />

<strong>Die</strong> Froschdame verlangsamte ihre Schwimmtempi und schaute nach unten.<br />

„Guten Quak“, machte sie. Dann sprachen sie und Mondschuppe zugleich:<br />

„Seid ihr neu im Zerlachbach?“, fragte die Fröschin.<br />

„Bist du neu im Schwarzaubach?“, fragte Mondschuppe.<br />

Beide schwiegen verdutzt, bevor sie – wie<strong>der</strong> gleichzeitig! – loslegten.<br />

„Ja, wir kommen von <strong>der</strong> <strong>Quelle</strong>“, sagte Mondschuppe, und:<br />

„Ja, ich komme aus dem Ochsenteich drüben“, sagte <strong>der</strong> Frosch.<br />

Wie<strong>der</strong> verstummten sie verdattert. Schließlich brach <strong>Quatsch</strong> das Schweigen.<br />

12


„Dann bist du also ein Ochsenfrosch!“, sagte er.<br />

Da mussten die an<strong>der</strong>en beiden lachen.<br />

„Mein Name ist Rana“, erzählte die Froschdame später, als sie es sich im<br />

Uferschlamm gemütlich gemacht hatte. „Und ich bin kein Ochsen-, son<strong>der</strong>n<br />

ein richtiger Teichfrosch.<br />

Seht ihr den schönen alten Kirchturm dort? Gleich daneben ist mein Zuhause,<br />

<strong>der</strong> Ochsenteich.“<br />

„Wohnen im Ochsenteich denn viele Ochsen?“, fragte <strong>Quatsch</strong>.<br />

„Ach, <strong>Quatsch</strong>!“, ereiferte sich Mondschuppe. „Ochsen sind doch keine Wassertiere!“<br />

„Son<strong>der</strong>n?“<br />

Nur allzu gern gab Mondschuppe ihr Wissen aus dem Schwimmnasium weiter:<br />

„Ochsen sind Stiere, die keine Kin<strong>der</strong> kriegen. Wie alle Kühe sind sie eine<br />

Art Hirsch. Nur größer, dicker und mit kürzeren Geweihen. Dafür haben sie<br />

sehr lange Zungen. Stell dir vor, sie können damit in ihren eigenen Nasen<br />

bohren!“<br />

„So ungefähr“, nickte Rana. „Wobei wir Frösche natürlich noch längere Zungen<br />

haben. Unsere reichen sogar bis zu den Nasen an<strong>der</strong>er … Wie dem<br />

13


auch sei. Früher, als die Ochsen noch auf den Fel<strong>der</strong>n <strong>der</strong> Menschen arbeiteten,<br />

haben sie immer aus dem Teich neben dem Kirchhof getrunken. Deshalb:<br />

Ochsenteich.“<br />

„Mussten die Ochsen etwa für die Menschen arbeiten?“, fragte <strong>Quatsch</strong>.<br />

Nur allzu gern gab Rana ihr Wissen aus <strong>der</strong> HTL, <strong>der</strong> Höheren Teich-Lehranstalt,<br />

weiter: „Nein, umgekehrt! <strong>Die</strong> Ochsen sind sehr klug, und so …“<br />

„So klug wie die Biber?!“, unterbrach sie Mondschuppe.<br />

„Fast so klug“, entgegnete Rana. „Jedenfalls sind sie klüger als Menschen.<br />

Und deshalb lassen sie seit jeher die Menschen die schwere Arbeit für sich<br />

verrichten. So mussten die Menschen früher etwa hinter den Ochsen herlaufen<br />

und die scharfen Pflüge lenken, die diese über die Fel<strong>der</strong> zogen.“<br />

„Warum das denn?“, fragte Mondschuppe.<br />

„So wurde die Erde umgegraben, damit darin genug Ochsenfutter wachsen<br />

konnte – Gras und Kräuter, aber auch Mais, Rüben, Karotten und so“, erwi<strong>der</strong>te<br />

Rana.<br />

„Wächst das denn nicht überall von selbst?“<br />

„Nicht wirklich. Wir haben zwar großes Glück mit unserer Gegend. Wir leben<br />

in einem Tal, einem Graben in <strong>der</strong> Landschaft, den <strong>der</strong> Bach in vielen, vielen<br />

Jahrtausenden gegraben hat. Durch das Wasser aus dem Bach ist unsere<br />

Erde fruchtbar, und Getreide und an<strong>der</strong>e Pflanzen gedeihen hier prächtig –<br />

wie man an den vielen Fel<strong>der</strong>n sieht. Aber man muss sich darum kümmern.<br />

Umgraben, die richtigen Samen zum richtigen Zeitpunkt säen, Unkraut entfernen,<br />

den Boden nicht überfor<strong>der</strong>n, düngen …“<br />

„Dünn gehen? Aber wohin denn?“, fragte <strong>Quatsch</strong> ratlos. „Außerdem dachte<br />

ich, Kühe sind eher dick?‘“<br />

Rana schmunzelte. „Düngen heißt, Pflanzen mit zusätzlichen Nährstoffen<br />

beim Wachsen zu helfen. Solche Stoffe finden sich etwa im Aa von Kühen.<br />

<strong>Die</strong> Menschen sammeln es ein und verteilen es dann auf den Fel<strong>der</strong>n. Wie<br />

gesagt: Sie sind es, die auf den Bauernhöfen die unangenehme Arbeit verrichten<br />

müssen.“<br />

„Puh, Menschen und Kühe gehen ja wirklich durch dick und dünn miteinan<strong>der</strong>!“,<br />

rief <strong>Quatsch</strong>.<br />

Mondschuppe aber erschrak: „Wird denn da nicht alles ganz schmutzig?“<br />

„<strong>Die</strong> Jauche riecht übel, ist aber gut für die Erde. Nur in unser Flusswasser<br />

darf sie natürlich nicht gelangen. Das ist sogar sehr gefährlich. Beson<strong>der</strong>s<br />

14


für euch Fische. Deshalb ist es wichtig, dass die Fel<strong>der</strong> nicht zu nahe an den<br />

Bach heranreichen.“<br />

Mondschuppe nickte ernst, <strong>Quatsch</strong> aber dachte noch an die Ochsen früherer<br />

Zeiten. Was heißt da, er dachte … Er sah sie richtig vor sich: mächtige,<br />

von Hörnern gekrönte Gestalten, die über endlose Fel<strong>der</strong> zogen, immer gefolgt<br />

von ein paar Menschen, die den Dreck hinter ihnen wegräumten … So<br />

schritten sie ihr Reich ab, besichtigten ihren üppig sprießenden Reichtum.<br />

Und das alles erwuchs aus <strong>der</strong> feuchten Talerde, das alles verdankten die<br />

Ochsenkönige dem bisschen Schlamm da oben am Sengerberg, dem –<br />

„Qua-atsch?“ Mondschuppes helle Stimme riss <strong>Quatsch</strong> aus seinem Tagtraum.<br />

„Ja?“<br />

„Rana muss nach Hause, möchtest du sie noch etwas fragen?“<br />

„Ja! Wo sind denn die Ochsen heute?“<br />

„Ach, die haben sich ins Privatleben zurückgezogen. Heute arbeiten die Menschen<br />

mit Maschinen auf den Fel<strong>der</strong>n. Kühe, Stiere und Ochsen kommen<br />

nur noch auf die Weiden, um zu grasen.“<br />

„Und sonst machen sie nichts?“<br />

„Doch! Aus <strong>der</strong> Entfernung ist es zwar schwer zu sagen, aber mir scheint,<br />

dass sie dasselbe Hobby haben wie wir, die Frösche.“<br />

„Mit <strong>der</strong> Zunge in <strong>der</strong> Nase bohren?“<br />

Rana verdrehte die Augen: „Nein! Du hast doch bestimmt schon einmal<br />

abends die berühmte Wassermusik unserer Weiher-Sängerknaben gehört.<br />

<strong>Die</strong> Kühe machen etwas Ähnliches.“<br />

„Sie quaken also auch?“<br />

„Nein, sie muhen! Das ist ihre Art, die Schönheit unseres Tals zu besingen.“<br />

„Jetzt verstehe ich.“ <strong>Quatsch</strong> war begeistert. „Deshalb heißt es also Muh-sik!“<br />

Rana hüpfte zurück zum Ochsenteich, Mondschuppe und <strong>Quatsch</strong> aber setzten<br />

ihre Reise fort und schwammen, Flosse an Flosse, den Schwarzaubach<br />

hinunter.<br />

„Ach, Mondschuppe“, sagte <strong>Quatsch</strong> verträumt, und Mondschuppe antwortete:<br />

„Ach, Quack – äh, <strong>Quatsch</strong> … Ach, <strong>Quatsch</strong>!“<br />

15


Da musste <strong>Quatsch</strong> furchtbar lachen, und Mondschuppe, die selbst kicherte,<br />

zeigte ihm die Zunge.<br />

16


AUWIESENGLÜCK<br />

ODER<br />

VON BIENEN UND HECHTEN<br />

Kurz nach Kirchbach mündet <strong>der</strong> Dörflabach in den Schwarzaubach. Als <strong>der</strong><br />

kleine Fisch <strong>Quatsch</strong> und seine Freundin Mondschuppe am Zusammenfluss<br />

vorbeischwammen, blubberten sie neugierig.<br />

„Frischwasser!“, sagte Mondschuppe – so wie ein Mensch sagen würde:<br />

„Frischluft!“<br />

Sie glitten knapp unter <strong>der</strong> Wasseroberfläche hoch über ein paar herumgrundelnden<br />

Bachschmerlen dahin, als vor ihnen Unruhe ausbrach.<br />

„Hilfe! Hilfe!“<br />

Ein Insekt war ins Wasser gefallen und trieb nun, hilflos strampelnd, auf dem<br />

Bach. Wenn jetzt nur kein Raubfisch auftauchte! <strong>Quatsch</strong> spürte in seiner<br />

Seitenlinie, dem Organ, mit dem Fische Bewegungen im Wasser wahrnehmen,<br />

dass von hinten etwas sehr Großes näherrauschte. Tatsächlich: ein<br />

Hecht!<br />

Fieberhaft überlegte <strong>Quatsch</strong>, wie er den bissigen Räuber, <strong>der</strong> viel größer<br />

war als er selbst, davon abbringen könnte, das arme Krabbeltier zu verschmausen.<br />

Mit Argumenten? Einer lustigen Geschichte zur Ablenkung?<br />

Während er noch überlegte, ob denn vielleicht <strong>der</strong> Hecht den Witz mit <strong>der</strong><br />

Sägemühle verstehen würde, hatte Mondschuppe schon gehandelt.<br />

Sie rauschte herum und rief: „Fangzähne weg! Bürstenzähne auch! Der<br />

Brummer gehört uns!“<br />

Der Hecht aber grinste nur schmallippig: „Hinter dem bin ich doch gar nicht<br />

her. Heute ist Freitag. Und Freitag ist Fischtag, hehe!“<br />

Er funkelte sie gierig an. Da schnellte <strong>Quatsch</strong> schützend vor seine Freundin:<br />

„Bevor du Mondschuppe kriegst, musst du erst einmal mich fressen!“<br />

Der Hecht kicherte: „Und warum sollte ich das nicht tun?“<br />

„Weil ich … ich …“<br />

„Na?!“ Der Räuber schob sich ein Stück näher.<br />

„Ich habe viele Gräten!“<br />

17


„Iiiiih …“ Der Hecht verzog sein Maul. „Ich hasse Gräten. <strong>Die</strong> sind so spitz<br />

und ich habe empfindliches Zahnfleisch … Ihr beide habt mir wirklich den<br />

Appetit verdorben.“<br />

Kopfschüttelnd drehte er ab und schwamm davon.<br />

Mondschuppe und <strong>Quatsch</strong> aber strahlten sich an.<br />

„Du warst ja tapfer!“, lachten sie gleichzeitig.<br />

„Nun lass uns aber dem Krabbler helfen!“, sagte Mondschuppe.<br />

Sie fuhr mit dem Kopf vorsichtig unter das zappelnde Ding, während <strong>Quatsch</strong><br />

ein Erlenblatt, das auf dem Wasser trieb, näher schob. Gleich darauf saß das<br />

Insekt auf dem Rettungsblatt, und <strong>Quatsch</strong> lenkte es zum stilleren Wasser in<br />

Ufernähe, wo es sich von <strong>der</strong> Sonne trocknen ließ. <strong>Die</strong> Fischlein betrachteten<br />

es neugierig. Das Tierchen hatte ein dunkles Köpfchen, dunkle Beinchen,<br />

einen pelzigen, goldbraun-gelb-gestreiften Körper, und als es seine kurzen,<br />

durchsichtigen Flügel ausprobierte, ertönte ein kräftiges Summen. <strong>Die</strong>ses<br />

nahm <strong>Quatsch</strong> zum Anlass, auch einmal sein Wissen aus <strong>der</strong> Fischvolksschule<br />

vorzubringen. Lei<strong>der</strong> hatte er dort nie son<strong>der</strong>lich gut aufgepasst …<br />

„Es will mir scheinen“, sagte er betont gelehrt, „dieses Exemplar ist ein so<br />

genannter Summand.“<br />

„<strong>Quatsch</strong>!“ Mondschuppe verdrehte die Augen. „Du sprichst von Additionen<br />

– das hier ist aber eine Honigbiene!“<br />

18


„Stimmt!“, summte das Tierchen. „Ich bin Apis, eine Arbeiterin. Mein Volk hat<br />

seinen Stock hinter <strong>der</strong> schönen Blumenwiese dort. Seht ihr sie? Gleich bei<br />

den Sitzbänken. Auf <strong>der</strong> Wiese bin ich den ganzen Tag unterwegs. Aber<br />

heute war ich durstig. Und als ich zum Fluss gekommen bin, um aus <strong>der</strong><br />

nassen Erde am Ufer ein bisschen Feuchtigkeit aufzusaugen, hat mich ein<br />

Windstoß ins Wasser geblasen. Zum Glück seid ihr vorbeigekommen.“<br />

„Und woraus besteht deine Arbeit?“, fragte <strong>Quatsch</strong>, <strong>der</strong> sich klüger gab, als<br />

er war. „Ziehst du den Pflug über die Wiese?“<br />

„<strong>Quatsch</strong>, du Nerfling!“, empörte Mondschuppe wie<strong>der</strong>. „Honigbienen machen,<br />

wie ihr Name schon sagt, Honig! Dazu sammeln sie Nektar und Honigtau<br />

aus allerlei Blüten. Da sie dabei auch Blütenstaub von einer Blüte zur<br />

an<strong>der</strong>en tragen, sind sie ungemein wichtig für den Kreislauf <strong>der</strong> Natur.<br />

Schließlich kann aus dem Samen nur dann eine neue Pflanze wachsen,<br />

wenn zuvor Blütenstaub aus zwei verschiedenen Blüten zusammenkommt.“<br />

„Ja“, summte das Bienchen stolz, „wir sind wirklich ungemein wichtig! Wir<br />

bestäuben die Blüten. Ohne uns gäbe es nicht nur keinen Honig, son<strong>der</strong>n<br />

auch keine Blumen. Kein Obst. Kein Gemüse. Und kaum noch Getreide.<br />

Viele Pflanzen und ihre Früchte, die für zahllose Wesen überlebenswichtig<br />

sind, würden ohne uns einfach von <strong>der</strong> Welt verschwinden!“<br />

<strong>Quatsch</strong> aber fand, dass das mickrige Krabbeltier sich allzu sehr aufspielte.<br />

„Tja“, sagte er neunmalklug, „und ohne die Blumen gäbe es euch nicht. So<br />

sind wir eben alle, jede und je<strong>der</strong> auf seinem Platz, ungemein wichtig. Wir<br />

Fische halten zum Beispiel das Wasser sauber. Und ohne das Wasser, in<br />

dem wir da schwimmen, gäbe es erst recht keine Pflanzen. Von deiner Wiese<br />

ganz zu schweigen!“<br />

„Wir alle wissen, wie wichtig du bist, <strong>Quatsch</strong>“, besänftigte ihn Mondschuppe<br />

lächelnd. „Und dass, ohne das bisschen <strong>Quatsch</strong>, das da oben aus dem<br />

Sengerberg quillt, hier unten gar nichts wachsen könnte, wissen wir auch<br />

schon. So spielt alles zusammen. Und wenn wir alle mitspielen und zusammenhelfen,<br />

ergibt das eben mehr als die Summe <strong>der</strong> einzelnen –“<br />

„Summanden!“, fiel <strong>Quatsch</strong> ihr zufrieden ins Wort.<br />

„Äh, ja, so ungefähr“, kicherte Mondschuppe.<br />

„Lei<strong>der</strong> verstehen das aber nicht alle“, sagte die Biene traurig. „<strong>Die</strong> Blumen<br />

etwa sind hilfsbereit: Sie blühen in leuchtenden Farben, damit wir sie leicht<br />

finden können. Aber die Menschen!“<br />

19


„<strong>Die</strong> Menschen – schon wie<strong>der</strong>?!“, rief <strong>Quatsch</strong>. „Was tun sie?“<br />

„Nun“, antwortete Apis, „es ist in Ordnung, dass sie auch von unserem Honig<br />

essen – ihre Imker tauschen ja Zuckerwasser dafür ein. Aber warum helfen<br />

sie uns dann nicht, son<strong>der</strong>n bekämpfen uns?“<br />

„Sie kämpfen gegen euch?!“<br />

„Ja, sie spritzen Gift auf ihre Pflanzen, so dass wir davon krank werden. Außerdem<br />

schneiden sie die Wiesen um ihre Häuser ganz kurz ab: ihre Rasenmähroboter<br />

töten noch die kleinste Blüte. Und dann wun<strong>der</strong>n sie sich darüber,<br />

dass es nur noch wenige Insekten gibt. O<strong>der</strong> sie fragen sich, wo die<br />

Vögel bleiben – dabei ist das doch klar: Vögel fressen Insekten, und ohne<br />

die einen fehlen auch die an<strong>der</strong>en. O<strong>der</strong> sie beklagen sich, weil in ihren Gärten<br />

keine an<strong>der</strong>en Tiere mehr herumkriechen als Nacktschnecken. <strong>Die</strong> mögen<br />

sie aber nicht, weil sie ihr Gemüse wegfressen. Woher kommen die vielen<br />

Nacktschnecken, jammern sie, woher nur? Bestimmt von weit weg, aus<br />

dem Ausland! Aber nein, ihr Narren, sie kommen aus euren eigenen Gärten!<br />

Dort gefällt es den Vielfraßen, die schleimiger sind als eure Schlammpeitzger,<br />

nämlich am besten. Und warum? Weil alle an<strong>der</strong>en Tiere, welche die<br />

natürlichen Feinde <strong>der</strong> Schnecken wären, von dort vertrieben worden sind!“<br />

<strong>Die</strong> Biene hatte sich in Rage geredet. Ihr Stachel zuckte.<br />

„Woher weißt du denn, worüber die Menschen sprechen?“, fragte Mondschuppe<br />

teilnahmsvoll.<br />

„Nun, ich höre ihnen oft zu, wenn sie auf den Sitzbänken neben unserer<br />

Wiese sitzen. Dann freuen sie sich über die Blumen und uns Bienchen. Aber<br />

bei sich zuhause verhalten sie sich so, als ob sie uns hassten. <strong>Die</strong>se Menschen<br />

sind wirklich seltsame Tiere.“<br />

Sie schwiegen. Dann aber rief Apis: „Na ja, was soll man machen. Wir können<br />

das alles nicht än<strong>der</strong>n. Ich bin jetzt jedenfalls trocken und habe heute<br />

noch viel Arbeit vor mir! Vielen Dank für eure Hilfe!“<br />

Sie schlug mit ihren beiden Flügelpaaren und summte davon.<br />

<strong>Quatsch</strong> und Mondschuppe aber schwammen nachdenklich weiter.<br />

„Weißt du noch, als wir glaubten, die Menschen wären wie die Biber?“, sagte<br />

Mondschuppe nachdenklich. „Jetzt erinnern sie mich aber eher an Hechte.<br />

Und das finde ich irgendwie gruselig.“<br />

20


„Keine Angst, mit Hechten werde ich fertig!“, rief <strong>Quatsch</strong>. „Und außerdem:<br />

Ich bin ja selbst eine Art Hecht.“<br />

Mondschuppe erschrak: „Du?! Warum das denn?“<br />

„Weil ich dich zum Fressen gern habe“, grinste <strong>Quatsch</strong>.<br />

„Ach, <strong>Quatsch</strong>“, seufzte Mondschuppe – aber auf ihrem zarten Gesicht<br />

blinkte ein Lächeln.<br />

21


ALARM IM ALTARM<br />

ODER<br />

DER BEGRADIGTE FLUSS<br />

„Wie kann man sich denn nur in einem Fluss verirren!“, schimpfte das Fischmädchen<br />

Mondschuppe. „Das kommt davon, wenn man einem Träumer wie<br />

dir die Führungsarbeit überlässt!“<br />

Sie schaute so finster drein, wie es ihr, die ein sehr zartes Gesicht hatte, nur<br />

möglich war. Mürrisch schwamm sie hinter ihrem Freund <strong>Quatsch</strong> her. Der<br />

freilich planschte planlos und panisch mit hochrotem Kopf im Kreis herum.<br />

„Es tut mir so leid … Ich habe doch aufgepasst! Was weiß denn ich, warum<br />

<strong>der</strong> Bach auf einmal wie<strong>der</strong> seichter geworden ist“, japste er.<br />

„Tja, es sieht wirklich so aus, als wären wir wie<strong>der</strong> flussaufwärts geschwommen!“,<br />

bemerkte seine Freundin schnippisch.<br />

„Aber das kann doch nicht sein … Hier waren wir noch nie! Außerdem: Wir<br />

sind immer mit <strong>der</strong> Fließrichtung geschwommen.“<br />

Ratlos schaute sich <strong>Quatsch</strong> um.<br />

Da ertönte ein dünnes Stimmchen von oben: „Hihihihi! Ihr seid tatsächlich<br />

gegen den Strom geschwommen! Aber gegen den Strom <strong>der</strong> Zeit! Ihr Gegen-<br />

Strömer! Hihihi!“<br />

„Nanu, wer spricht da?! Bist du ein höheres Wesen?“, rief <strong>Quatsch</strong> in heller<br />

Aufregung. „Errette uns!“<br />

„Ach, <strong>Quatsch</strong> …“ Mondschuppe schüttelte den Kopf. „Das ist kein höheres<br />

Wesen, höchstens eines mit hoher Stimme. Schau doch genau hin, es ist die<br />

Stechmücke da oben!“<br />

Tatsächlich: Über dem Wasser schwebte, kaum sichtbar wie ein Geist, eine<br />

Gelse mit langem Rüssel. Sie setzte sich an den Rand des Brückleins, das<br />

dort über den Bach führte.<br />

„Ihr seid ja vielleicht lustige Fische!“, sirrte sie. „Verschwimmt euch in einem<br />

Fluss. Aber fürchtet euch nicht. Ihr habt einfach die falsche Abzweigung genommen.“<br />

„Aber das geht doch gar nicht“, wandte Mondschuppe ein. „Ein Bach hat doch<br />

keine Abzweigungen!“<br />

22


„Na ja, eigentlich schon. Früher floss <strong>der</strong> Schwarzaubach auch hier, in <strong>der</strong><br />

Gegend von Wolfsberg, nicht nur in einem Bett, son<strong>der</strong>n gleich in mehreren.<br />

Je nach Wasserstand waren diese einmal voller und einmal ganz leer. Dazwischen<br />

und rundherum gab es feuchte Wiesen und Sümpfe. Später wurde<br />

das Flussbett dann gera<strong>der</strong> und tiefer gemacht, das meiste Wasser fließt<br />

jetzt an Wolfsberg vorbei. Ihr beide aber seid in den alten Flussarm eingebogen,<br />

schwimmt nun dort, wo sich <strong>der</strong> ganze Bach früher einmal befand –<br />

deshalb seid ihr in <strong>der</strong> Zeit zurückgereist, hihi!“<br />

„Aha“, machte <strong>Quatsch</strong> verblüfft. „Aber warum hat man den Verlauf des Flusses<br />

überhaupt verän<strong>der</strong>t?“<br />

„Eine Begradigung <strong>o<strong>der</strong></strong> Regulierung hat mehrere Vorteile. Wenn die Sümpfe<br />

verschwinden, bleibt danach einfach mehr Land übrig, auf dem Getreide und<br />

an<strong>der</strong>e essbare Pflanzen wachsen <strong>o<strong>der</strong></strong> Häuser gebaut werden können.<br />

Wenn das Wasser in einem ganz geraden, tieferen Flussbett fließt, schießt<br />

es auch schneller dahin, und man kann es besser dazu nutzen, Mühlen anzutreiben<br />

<strong>o<strong>der</strong></strong> Schmutz wegzutransportieren.“<br />

„Getreide? Häuser? Mühlen? Schmutz? Stecken da etwa wie<strong>der</strong> die Menschen<br />

dahinter?!“, fragte Mondschuppe stirnrunzelnd.<br />

„Ja, genau.“<br />

„Siehst du, ich kann gar nichts dafür, dass wir uns verirrt haben!“, rief<br />

<strong>Quatsch</strong>. „Schuld sind wie<strong>der</strong> diese dummen Menschen!“<br />

„Schimpft bitte nicht über die Menschen!“, piepste die Gelse aufgeregt. „Es<br />

stimmt zwar, dass ihre Regierungen, äh, Regulierungen nicht immer nur Kluges<br />

bewirken. So haben etwa viele Tiere, die im Sumpf zuhause waren,<br />

dadurch ihren Lebensraum verloren. Auch gibt es seither öfter Hochwasser,<br />

weil <strong>der</strong> Fluss weniger Platz hat. Trotzdem lasse ich über die Menschen<br />

nichts kommen.“<br />

„Warum?!“<br />

„Erstens haben sie bei <strong>der</strong> Begradigung des Flusses auch nur aus <strong>der</strong> Not<br />

heraus gehandelt. Damals ging es ihnen selbst nicht beson<strong>der</strong>s gut. Sie hatten<br />

Hunger, sie brauchten das trockene Land, um ihre Nahrung anzubauen.“<br />

„Und zweitens?“<br />

„Zweitens haben sie den alten Arm des Bachs erhalten. Das ist wichtig für<br />

Tiere wie den Kammmolch <strong>o<strong>der</strong></strong> den Moorfrosch. Vor allem aber schützt es<br />

23


uns alle bei Hochwasser. Denn dann kann <strong>der</strong> Fluss hierher ausweichen und<br />

tritt nicht gleich über die Ufer.“<br />

„Und drittens?“<br />

„Drittens sind sie meine Lieblingsspeise …“<br />

„Was?! Du frisst Menschen!“ <strong>Quatsch</strong> war baff. „Ich dachte, sie wären größer<br />

als Biber! Wie kann ein Knirps wie du solche Riesen verschlingen?“<br />

„Hihihi, ich fresse sie doch nicht! Ich trinke aus ihnen. Ich stecke meinen<br />

Rüssel durch ihre Haut, denn“ – an dieser Stelle geriet die Gelse ins Schwärmen<br />

– „ihr Blut schmeckt ausgezeichnet: unheimlich dunkel, fast schwarz ist<br />

es, aber in <strong>der</strong> Nase überrascht es mit einer frischen Frucht, ist warm, süßlich,<br />

angenehm weich mit einer erfrischenden –“<br />

„Und die lassen das einfach zu?“, unterbrach sie <strong>Quatsch</strong>.<br />

„Wie meinen? Oh ja. Ich denke sogar, dass es ihnen gefällt. Das ist zwar<br />

schwer zu sagen bei so großen, unendlich langsamen Tölpeln, aber mir<br />

scheint, dass sie mir oft freundlich zuwinken <strong>o<strong>der</strong></strong> vor Freude in die Hände<br />

klatschen.“<br />

„Also, aus den Menschen werde ich einfach nicht schlau.“<br />

„Man muss aus ihnen auch nicht schlau werden, nur satt!“<br />

Plötzlich ertönte ein schrilles Surren, eine Art Sirene …<br />

„Was ist das?!“, erschraken die Fischlein.<br />

„Das ist <strong>der</strong> Menschenalarm!“, antwortete die Gelse begeistert. „Meine<br />

Schwestern fliegen alle los, deshalb summt es so laut. Wir fliegen zu dem<br />

Sportgerät da drüben, beim Verweilplatzerl. Ich kann riechen, dass dort ein<br />

Mensch angekommen ist, und“ – sie schnüffelte – „er hat sogar begonnen zu<br />

turnen. Mmmh, aufgewärmt schmecken sie beson<strong>der</strong>s lecker!“<br />

<strong>Die</strong> Mücke klappte ihre Flügel aus, stieg auch auf … <strong>Quatsch</strong> aber rief ihr<br />

hinterher: „He, du hast uns noch nicht gar verraten, wie wir zum richtigen<br />

Schwarzaubach zurückkommen!“<br />

„Einfach immer <strong>der</strong> Nase nach! Hihi! Guten Schwimm!“<br />

Und schon summte sie davon.<br />

„Der Nase nach“, grummelte <strong>Quatsch</strong>. „Aber welcher Nase? Ihrer? Meiner?<br />

O<strong>der</strong> meint sie womöglich den Fisch namens Nase, du weißt schon, den<br />

Näsling?!“<br />

„Ach, <strong>Quatsch</strong>“, lächelte Mondschuppe. „Das Beste wird wohl sein, wenn du<br />

einfach immer meiner Nase nachschwimmst.“<br />

24


„Nichts lieber als das!“, strahlte <strong>Quatsch</strong>.<br />

Und so übernahm Mondschuppe wie<strong>der</strong> die Führung und schwamm, ihren<br />

erleichterten Freund im Schlepptau, aus dem alten Arm des Schwarzaubachs<br />

zurück in die heutige Zeit.<br />

25


ZWEI FLUSSBAUHÖFE<br />

ODER<br />

DER BACH ALS EWIGE BAUSTELLE<br />

„Platsch!“ – das Bäumchen stürzte ins Wasser. Es landete genau zwischen<br />

<strong>Quatsch</strong>, dem kleinen Fisch, und seiner Freundin Mondschuppe. Eben waren<br />

sie noch friedlich den Schwarzaubach hinuntergeschwommen, und jetzt<br />

das.<br />

<strong>Quatsch</strong>, <strong>der</strong> hinterhergeschwommen war, machte einen Satz rückwärts.<br />

„Mondschuppe!“, rief er erschrocken und meinte, von vorne, von jenseits des<br />

Hin<strong>der</strong>nisses, ein leises, aber ebenso erschrockenes „Qua-atsch!“ zu hören.<br />

Doch so genau konnte man das nicht sagen bei all dem Schäumen und Gurgeln<br />

und Rascheln, das <strong>der</strong> sinkende Baum im Fluss verursachte.<br />

Wo war Mondschuppe nur geblieben? War sie nun hinter dem Baum? O<strong>der</strong><br />

darunter? War sie womöglich sogar getroffen worden? Um Himmels willen!<br />

So gerne <strong>Quatsch</strong> sonst vor sich hinträumte, nun hieß es rasch handeln. Mutig<br />

schlug er mit <strong>der</strong> Schwanzflosse aus und tauchte mitten in das undurchsichtige<br />

Blättergewirr hinein: Hier irgendwo musste Mondschuppe doch sein<br />

…<br />

Da, ein Schatten! Autsch, das war nur ein Zweig.<br />

Hier, ein Glitzern! Nein, nur aufgewirbelter Sand.<br />

Aber dort! Auf <strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Seite <strong>der</strong> Baumkrone! Eine Bewegung!<br />

<strong>Quatsch</strong> schoss vorwärts, aus den Ästen hinaus. Schon meinte er eine<br />

Flosse zu erkennen, ja, da war ein schwimmendes Tier … „Mondschuppe!“,<br />

rief er.<br />

Das Tier drehte sich um, wandte ihm sein Gesicht zu: kurzes Haar, starke<br />

Schneidezähne, Schnurrbart – nein, das war wohl kaum Mondschuppe …<br />

Aber wer dann? <strong>Quatsch</strong> erschrak – das war eindeutig …<br />

„Ein Mensch!“, blubberte er.<br />

Der Mensch legte den Kopf schief, schaute ihn streng an und brummte: „Iwo.<br />

Meinst du, ein Mensch könnte einen 50 Zentimeter dicken Baumstamm ruckzuck<br />

zernagen? Mit seinen mickrigen Zähnchen?! Hoho! Außerdem besitzt<br />

er nur ein Sechstel unserer Beißkraft. Nein, nein. So was schafft nur ein echter<br />

Baumeister wie ich. Ein Biber!“<br />

26


„Ein echter Biber! Poah!“ <strong>Quatsch</strong> war beeindruckt. „Aber sagen Sie, Meister<br />

Biber, haben Sie vielleicht meine Freundin gesehen?“<br />

„Wie sieht sie denn aus?“<br />

„Ach, stellen Sie sich das schönste Fischmädchen vor, das man sich nur vorstellen<br />

kann! Ihre Schuppen glitzern, wie ihr Name sagt, wie <strong>der</strong> Mond, ihre<br />

Augen leuchten so sanft und geheimnisvoll wie die Sterne, und wenn sie<br />

meinen Namen sagt, dann geht, tief in mir drin, die Sonne auf …“<br />

Er verstummte verzückt.<br />

„<strong>Quatsch</strong>?!“<br />

„…“<br />

„Qua-atsch!“<br />

„Ja? … Mondschuppe! Da bist du ja!“<br />

„<strong>Quatsch</strong>!“, wie<strong>der</strong>holte seine Angebetete erbost, während sie aus dem<br />

Schatten des Bibers schwamm. „Wie konntest du mich nur mit diesem dicken<br />

Brummbären verwechseln?“<br />

„Äh …“<br />

„Ich bin kein Bär, gnädiges Fräulein, ich bin ein Bi-ber“, brummte <strong>der</strong> Baumeister<br />

belustigt. „Was, nebenbei bemerkt, für euch Fischlein vermutlich ein<br />

glücklicher Umstand ist!“<br />

„Ein glücklicher Umstand? Na hören Sie mal!“ Mondschuppe war stinksauer.<br />

In diesem Moment schienen aus ihren Augen eher Blitze zu kommen, nicht<br />

das sanfte Funkeln <strong>der</strong> Sterne. „Sie hätten uns mit ihrer Baustelle fast umgebracht!<br />

Haben Sie im Schwimmnasium nicht aufgepasst? ,Tierische Flussverordnung,<br />

Punkt 3.1: Rund um flussverkehrsbehin<strong>der</strong>nde Vorhaben sind<br />

unbedingt Warnhinweise anzubringen!‘“<br />

„Aber, Gnädigste, das haben wir doch getan! Schauen Sie sich einmal um!<br />

Angebissene Baumstämme am Ufer, und hier, im Wasser, überall Äste und<br />

Zweige: das Fundament unserer Burg. All das besagt nach Punkt 3.2.2 <strong>der</strong><br />

Flussverordnung eindeutig: ,Achtung, Biberbaustelle! Beschwimmen auf eigene<br />

Gefahr. Fische haften für ihre Larven.‘“<br />

„Was?!“ Mondschuppe schaute auf. „Oh“, bemerkte sie dann, mit einem Mal<br />

kleinlaut geworden. „Das haben wir übersehen. Da waren wir wohl etwas zu,<br />

äh, ver-“<br />

„Verliebt, ich verstehe schon. War doch auch einmal jung! Hehe.“<br />

Mondschuppe war rot geworden, <strong>Quatsch</strong> aber neugierig.<br />

27


„Bauen Sie hier eine Ihrer berühmten Biberburgen?“, fragte er.<br />

„Ja. Wir nagen an Baumstämmen, bis die Bäume ins Wasser fallen und einen<br />

Damm bilden. So stauen wir den Fluss auf. Das Wasser wird stiller, <strong>der</strong> Spiegel<br />

steigt, es entsteht ein Biberteich. In diesem errichten wir aus Ästen, Steinen<br />

und Schlamm unseren Wohnkessel. Der Eingang zur Wohnung liegt<br />

dann unter Wasser. Das Wasser ist sozusagen die Tür, die uns vor Räubern<br />

schützt.“<br />

„Aber ist es denn nicht rücksichtslos von euch Bibern, den Fluss ganz nach<br />

euren Vorstellungen zu verän<strong>der</strong>n?“, wandte Mondschuppe ein. „Ich meine:<br />

Ihr lebt ja nicht allein hier. Seid ihr womöglich genauso selbstsüchtig wie die<br />

Menschen mit ihren Flussregulierungen?“<br />

„Wir? Wie die Menschen? Hohoho!“, lachte <strong>der</strong> Biber. „Der Vergleich wirkt<br />

naheliegend – aber er hinkt gewaltig! Wir Biber sind zwar schon auf unseren<br />

eigenen Vorteil bedacht, gleichzeitig aber richtige Natur- und Artenschützer.<br />

Denn unsere Handlungen nützen auch an<strong>der</strong>en. Mit unserer Bautätigkeit erschaffen<br />

wir flachere Gewässerabschnitte, die neue, abwechslungsreiche<br />

Lebensräume für viele Tiere schaffen: Insekten, Vögel und so weiter. <strong>Die</strong><br />

Flussbegradigungen <strong>der</strong> Menschen hingegen vergrößern nur <strong>der</strong>en eigenen<br />

Lebensraum, an<strong>der</strong>en wird er weggenommen. Und dann verursachen sie<br />

auch noch Hochwasser. Unsere Teiche sind, bei all ihren an<strong>der</strong>en Vorteilen,<br />

auch noch das Gegenteil davon: ein natürlicher Hochwasserschutz.“<br />

28


<strong>Quatsch</strong> war begeistert.<br />

„<strong>Die</strong> Menschen sind eben doch nicht so tiefgründling, äh, -gründig wie die<br />

Biber!“, rief er, und Mondschuppe ergänzte: „Und so manch an<strong>der</strong>es Wassertier<br />

…“<br />

Der Biber nickte. Dann meinte er: „Aber wenigstens sie sind lernfähig.“<br />

„<strong>Die</strong> Menschen? Wirklich?“<br />

„Ja! Stellt euch vor, in letzter Zeit scheinen sie begriffen zu haben, dass sie<br />

mit ihren Flussbegradigungen viele Tiere und Pflanzen vertrieben haben.<br />

Und dass das auch für sie selbst nicht gut ist. Von den Hochwassern, die bei<br />

ihren Bauten ja genauso viel Schaden anrichten wie bei uns, ganz zu schweigen.<br />

Also haben sie mit den Regulierungen aufgehört. Stattdessen machen<br />

sie nun etwas, was sie ,Renaturierungen‘ nennen.“<br />

„Rentier- … Renato- … Was heißt das?“, stammelte <strong>Quatsch</strong>.<br />

„Das heißt, dass die Menschen neuerdings versuchen, ihre Begradigungen<br />

rückgängig zu machen und die Flüsse wie<strong>der</strong> in ihren natürlichen Zustand<br />

zurückzubringen. Dazu bauen sie Schleifen in den Flussverlauf ein, verbreitern<br />

ihn, lassen das Wasser in mehreren Armen laufen. O<strong>der</strong> sie legen ihm<br />

Hin<strong>der</strong>nisse in den Weg: Schotterbänke, kleine Inseln. Kurz: Im Grunde machen<br />

sie das, was wir Biber immer schon gemacht haben. Sie haben also<br />

von uns gelernt. Da unten, ein Stückchen flussabwärts auf <strong>der</strong> rechten Bachseite,<br />

bei Mirnsdorf in <strong>der</strong> Gemeinde St. Veit, liegt übrigens ihr Flussbauhof.“<br />

„Hm.“ Mondschuppe blieb skeptisch. „Einmal so, einmal so – kann man den<br />

Fluss nicht einfach in Ruhe fließen lassen? Muss man ihn denn ständig verän<strong>der</strong>n?“<br />

„Tja“, meinte <strong>der</strong> Biber, „wissen Sie, meine Gnädigste: Der Fluss ist ja selbst<br />

immer in Bewegung – und Bewegung heißt Verän<strong>der</strong>ung. So, wie <strong>der</strong> Fluss<br />

die Landschaft verän<strong>der</strong>t, wie er in ach wie vielen Jahrtausenden, mit all seinen<br />

verschiedenen Mäan<strong>der</strong>n, dieses schöne Tal gegraben hat, so verän<strong>der</strong>n<br />

auch die Lebewesen, die an seinen Ufern und in seinem Wasser leben,<br />

den Fluss selbst. <strong>Die</strong> Bäume, die in den Fluss stürzen … <strong>Die</strong> Biber, die<br />

Bäume in den Fluss stürzen lassen … <strong>Die</strong> Menschen, die den Fluss erst begradigen,<br />

dann wie<strong>der</strong> Kurven einbauen … So arbeiteten wir alle zusammen<br />

auf <strong>der</strong> ewigen Baustelle namens Schwarzaubach, so spielen wir, jede und<br />

29


je<strong>der</strong> auf seine eigene Art, eine wichtige Rolle in <strong>der</strong> langen, langen Geschichte<br />

des hier in dieser Gegend doch schon recht groß gewordenen<br />

Bachs, <strong>der</strong> da oben am Sengerberg als winziger und –“<br />

„… klebriger Gatsch seinen Anfang nimmt, au ja, das wissen wir!“, unterbrach<br />

ihn <strong>Quatsch</strong> mit leuchtenden Augen.<br />

„Hoho! Ja, du hast recht. So ungefähr“, brummte <strong>der</strong> Biber.<br />

<strong>Quatsch</strong> und Mondschuppe leisteten dem Baumeister noch etwas Gesellschaft.<br />

Sie sahen ihm zu, wie er Äste klein nagte und ins Wasser zog. Sie<br />

bewun<strong>der</strong>ten die Vorratsbauten am Grund des Flusses und die zusätzlichen<br />

Wohn- und Spielhöhlen, die er mit seiner Familie ins Ufergelände gegraben<br />

hatten.<br />

Erst nach Mittag, als <strong>der</strong> Biber müde wurde (für ihn, als nachtaktives Tier,<br />

war es nach Mitternacht), machten sich die Fischlein wie<strong>der</strong> auf den Weg.<br />

Und obwohl <strong>Quatsch</strong> schrecklich neugierig war, hielten sie sich in St. Veit<br />

ganz links, so weit wie nur möglich entfernt vom Flussbauhof <strong>der</strong> Menschen.<br />

Denn, wie Mondschuppe bemerkt hatte: „Der Fluss mag ja eine ewige Baustelle<br />

sein, aber was mich betrifft, so habe ich für heute schon genug Baustellenaufregungen<br />

erlebt!“<br />

30


ZWEI MÄRCHEN<br />

ODER<br />

„DES RABENBURGERS ENDE“ IN FISCHSPRACHE<br />

Auf ihrer Reise den Schwarzaubach hinunter gelangten <strong>Quatsch</strong> und Mondschuppe,<br />

die kleinen Fische, zur von Bäumen umrauschten Brücke zwischen<br />

Hütt und Lipsch. Sie schwammen munter in <strong>der</strong> Flussmitte dahin, als sie vom<br />

linken Ufer her ein langes, verzweifeltes Blubbern vernahmen. Da hatte wohl<br />

jemand ein schweres Herz!<br />

Hilfsbereit, wie sie waren, tauchten sie sofort hinüber, und tatsächlich: Dort<br />

trieb ein länglicher Fisch, dessen Augen einen sehr traurigen Eindruck machten<br />

– was in seinem Fall beson<strong>der</strong>s eindrücklich war, schließlich hatte er, wie<br />

<strong>Quatsch</strong> erstaunt feststellte, gleich neun Augen! Und das auf je<strong>der</strong> Seite! Als<br />

die Fischlein näherkamen, ließ das Bachneunauge wie<strong>der</strong> einen langen,<br />

herzzerreißenden Seufzer hervorblubbern.<br />

„Ich weiß nicht, was soll das bedeuten?“, fragte <strong>Quatsch</strong> besorgt.<br />

„Dass ich so traurig bin!“, jammerte das Neunauge. Es handelte sich um eine<br />

alte Dame.<br />

„Aber warum denn, Sie Arme?“ Mondschuppe war voller Mitleid.<br />

„Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn!“<br />

„Ein Märchen?“ <strong>Quatsch</strong> war ganz Ohr. „Ich liebe Märchen! Welches ist es<br />

denn? Das von ,Hasel und Giebel‘? ,Rotäugchen‘? ,Das zappelnde Schnei<strong>der</strong>lein?‘<br />

„Zwerg Rußnase‘? ,Karäuschchen und Fe<strong>der</strong>rot‘? ,Fischlein, duck<br />

dich?‘ ,Schneeweißflossengründlingchen?‘ O<strong>der</strong> vielleicht –“<br />

„Nein, nein“, unterbrach ihn das Neunauge, „es ist kein Fischmärchen. Es ist<br />

ein Menschenmärchen.“<br />

„Aber Frau Neunauge, woher –“<br />

„Oh bitte, nennt mich doch Eudontomyzon …“<br />

„Äh … wie bitte?“<br />

„Tomy, für meine Freunde …“<br />

„Also gut, Tomy, woher kennst du denn ein Menschenmärchen?“<br />

„Ach, eben sind zwei Menschen über die Brücke gegangen. Sie waren unterwegs<br />

von Hütt nach Lipsch, <strong>o<strong>der</strong></strong> umgekehrt, und einer hat dem an<strong>der</strong>en<br />

das Märchen erzählt. Und als es gerade am allertraurigsten war, waren sie<br />

31


weg. Nun werde ich nie erfahren, wie es ausgeht und muss für immer so<br />

traurig bleiben … Ach, ach …“<br />

„Wir können dir helfen, liebe Tomy“, rief Mondschuppe. „Mein Freund hier ist<br />

ein großer Träumer und bachbekannter <strong>Quatsch</strong>kopf – sprich: ein richtiger<br />

Dichter! Erzähl uns doch bitte das Märchen, soweit du es gehört hast, und<br />

<strong>Quatsch</strong> erfindet dir dann einen passenden Schluss dazu. Und <strong>der</strong> wird dann<br />

fröhlich sein – nicht wahr, mein Schratz, äh, Schatz?“<br />

„Au ja!“<br />

„Wenn ihr meint, dass das hilft“, seufzte die Bachneunaugin matt. Dann begann<br />

sie zu erzählen …<br />

Hinweis: Wie große und kleine Sagenkennerinnen und -kenner schnell feststellen<br />

werden, hat Tomy die Sage „Des Rabenburgers Ende“ gehört. <strong>Die</strong>se<br />

spielt ja auch genau in dieser Gegend, im Fünfeck zwischen Brunnsee, Weinburg,<br />

dem Rabenhof, <strong>der</strong> Sauerbrunner <strong>Quelle</strong> und Ehrenhausen. In <strong>der</strong><br />

Sage kommen Schlösser, Burgen, Ritter und Schwertkämpfe vor, und es<br />

wird erzählt, wie manche dieser Orte zu ihren Namen kamen. Wenn aber ein<br />

Fisch einem an<strong>der</strong>en eine menschliche Sage erzählt, klingt das etwas an<strong>der</strong>s,<br />

als wir es gewohnt sind. Und zwar so:<br />

Im Schwarzaubach lebte ein stolzer, alter Fischgraf, <strong>der</strong> hatte vier Larven:<br />

eine wun<strong>der</strong>schöne Tochter und drei brave Söhne. Am Ufer des Bachs aber<br />

hauste ein verfressener Otter, <strong>der</strong> das Fischmädchen gerne einmal, wie er<br />

sagte, „zur Nachspeise eingeladen“ hätte. Der stolze Fischgraf wollte natürlich<br />

nichts davon wissen, dass seine Tochter die Nachspeise des Otters werden<br />

sollte, und klatschte ihm zur Antwort seinen Schwanz ins Gesicht. Der<br />

Otter war schwer beleidigt und wurde <strong>der</strong> grimmigste Feind des Schwarzaubachers.<br />

Als ein Hochwasser kam, musste <strong>der</strong> Graf übers Land verreisen. Seine<br />

Söhne und das Töchterchen versteckten sich <strong>der</strong>weil zwischen den Wurzeln<br />

einer Weide.<br />

Eines Tages verließen die drei Söhne des Grafen die schützenden Wurzeln,<br />

um in <strong>der</strong> Flussmitte Wassersport zu treiben. Als dies <strong>der</strong> Otter erfuhr, überfiel<br />

er sie und sperrte sie in seinen Bau. Vergebens wartete die Schwester<br />

32


auf die Heimkehr ihrer Brü<strong>der</strong>. Sie klagte laut, so dass man es auch außerhalb<br />

<strong>der</strong> Wurzeln hörte. <strong>Die</strong> mitleidigen Wassertiere nannten fortan den<br />

Baum „Trauerweide“.<br />

„Und das“, schluchzte das Neunauge, „das ist das Ende <strong>der</strong> Geschichte …“<br />

„Was für ein <strong>Quatsch</strong>!“, empörte sich <strong>Quatsch</strong>. „Das ist doch wirklich viel zu<br />

traurig! Pass auf, es geht weiter. Und zwar so …<br />

Das Fischmädchen – das, nebenbei bemerkt, meiner Freundin Mondschuppe<br />

hier sehr ähnlich sah – das wun<strong>der</strong>schöne Fischmädchen also“,<br />

sagte <strong>Quatsch</strong> (während Mondschuppe geschmeichelt lächelte), „merkte<br />

bald, dass das Trauern nichts half, und so streifte es im Schwarzaubach umher,<br />

um ihre Brü<strong>der</strong> zu suchen. Sie wan<strong>der</strong>te den Bach hinauf bis zur <strong>Quelle</strong>,<br />

wo er schon fast in Matsch übergeht. Dort sah sie ein altes Bachneunauge<br />

treiben. Weil sie ein gutes Herz hatte – wie meine Mondschuppe –, fächelte<br />

sie <strong>der</strong> Alten frisches Wasser zu, redete mit ihr und berichtete vom Kummer<br />

um die verlorenen Brü<strong>der</strong>. Das weise Neunauge aber sprach: ‚Liebes Kind,<br />

kitzle die Wurzeln dieser Schwarzerle dort, und du wirst deinen Kummer vergessen!‘<br />

Das Mädchen gehorchte. Sogleich begann die Erle mit tiefer<br />

Stimme zu sprechen: ‚Liebes Mädchen, Kopf hoch!<br />

Zwar sitzen deine Brü<strong>der</strong> im Otter-Loch.<br />

Aber stell dir vor: Aus diesem bisschen <strong>Quatsch</strong> da unter deinem Bauch<br />

geht <strong>der</strong> ganze Schwarzaubach hervor, mit seinen Fischen und Fröschen,<br />

Libellen und Schlangen und Vögeln auch,<br />

und dem ganzen großen Schwarzaubachtal rundherum, mit all seinen Wiesen<br />

und Wäl<strong>der</strong>n,<br />

mit <strong>der</strong> fruchtbaren Erde, den Häusern und Fel<strong>der</strong>n.<br />

Aus einem Bisschen wird ganz, ganz viel,<br />

wenn nur alle gut zusammenspielen,<br />

und so reicht ein bisschen Hoffnung auch für ein großes Glück,<br />

drum schwimme voller Zuversicht zurück!‘<br />

<strong>Die</strong> Jungfrau stupste mit ihrem Näschen den <strong>Quatsch</strong> an und fühlte sich sofort<br />

ermutigt. Nun wusste sie, dass alles immer noch gut werden konnte.“<br />

„Toll!“, rief Mondschuppe und stupste mit dem Näschen ihren <strong>Quatsch</strong> an …<br />

„Aber wie soll das gehen?“, rief Tomy. Sie war zwar noch nicht ganz überzeugt,<br />

hatte aber auch ein bisschen Zuversicht gefasst.<br />

33


„<strong>Die</strong> Fischprinzessin“, sagte <strong>Quatsch</strong>, „eilte zurück in ihre Heimat unter dieser<br />

Brücke hier. Dort war soeben ein ritterlicher junger Fisch eingetroffen. Er<br />

sah ungefähr so aus wie, äh, ich“, erklärte er.<br />

Mondschuppe kicherte, und <strong>Quatsch</strong> lief rot an.<br />

„Na, sag schon“, lachte sie dann, „wie ging es dann weiter mit diesem erstaunlich<br />

gut aussehenden Fischritter?“<br />

„Ähem … Also, <strong>der</strong> Ritter schwor“, fuhr <strong>Quatsch</strong> stockend fort, „dass er die<br />

Brü<strong>der</strong> befreien und den gefräßigen Räuber streng bestrafen würde.“<br />

„Bravo!“, rief Tomy, das Neunauge.<br />

„Sie beschlossen zusammenzuspielen und heckten gemeinsam eine List<br />

aus“, sagte <strong>Quatsch</strong>. „Am nächsten Morgen schwammen sie zum gut getarnten<br />

Ausstieg des Otters. Dort rief das Fischmädchen: ‚Na, du alter Frauennerfling,<br />

willst du mich immer noch zur Nachspeise?‘<br />

Der Otter hatte einen vollen Bauch, weil er die ganze Nacht Fische gefressen<br />

hatte. Aber Otter jagen auch dann weiter, wenn sie nicht hungrig sind. Und<br />

so stürzte er sich sofort auf die Grafentochter. <strong>Die</strong>se freilich schwamm hurtig<br />

davon. <strong>Die</strong> beiden lieferten sich eine wilde Verfolgungsjagd durch den halben<br />

Schwarzaubach. Während <strong>der</strong> Bau des Otters unbewacht war, befreite <strong>der</strong><br />

Fischritter die drei hilflosen Brü<strong>der</strong>.“<br />

„Juhu!“<br />

„Da aber“, unterbrach <strong>Quatsch</strong> den Jubel seiner Zuhörerinnen, „kam <strong>der</strong> Otter<br />

rasend vor Wut zurückgekrault …“<br />

„Aaaaah!“, quietschte Tomy schrill.<br />

„Hat er mich denn gefressen?!“, entsetzte sich Mondschuppe.<br />

„Nein, meine Liebe“, beruhigte sie <strong>Quatsch</strong>, „du, also, das Fischmädchen<br />

hatte sich zwischen die Wurzeln <strong>der</strong> Schwarzerle retten können.“<br />

„Uff!“<br />

„Als <strong>der</strong> Otter sah, dass seine Gefangenen entwichen waren, tobte er noch<br />

mehr und for<strong>der</strong>te mich zum Zweikampf.“<br />

„Dich?!“<br />

„Also den ritterlichen jungen Fisch.“<br />

„Ich verstehe. Und wie ging es aus?“, bangte Mondschuppe.<br />

„Es war ein schreckliches Hauen und Stechen. Genauer gesagt: Der Otter<br />

haute und stach auf ganz schreckliche Weise, aber <strong>der</strong> Fisch konnte doch<br />

immer ausweichen. Das lag daran, dass er – obwohl ritterlich und erstaunlich<br />

34


gut aussehend – noch ziemlich klein war. Schließlich hielt <strong>der</strong> Otter erschöpft<br />

inne. Der Fischritter aber sagte: ‚Hör mal, Lutra‘ – denn das war <strong>der</strong> Name<br />

des Otters – ‚hör mal, ich verstehe ja, dass du viel fressen musst, um deinen<br />

Stoffwechsel auf Touren zu bringen. An<strong>der</strong>s hältst du es im kalten Wasser<br />

nicht aus. Aber wäre es nicht schlauer, etwas bachabwärts zu wan<strong>der</strong>n <strong>o<strong>der</strong></strong><br />

sogar noch weiter, an einen größeren Fluss, wo das Wasser wärmer ist? Es<br />

gibt dort auch mehr Fische. Und größere, die leichter zu fangen sind!“<br />

„Mit weniger Gräten?“, keuchte <strong>der</strong> Otter.<br />

„Ja!“<br />

„Na gut. Von euch Winzlingen wird sowieso keiner satt … Tschüss, ihr Loser!“<br />

Und so hievte sich <strong>der</strong> Otter aus dem Bach, trottete davon und ward nie mehr<br />

im Schwarzaubach gesehen.“<br />

<strong>Die</strong> Damen klatschten in die Flossen.<br />

„<strong>Die</strong> Prinzessin aber“, fuhr <strong>Quatsch</strong> mit verklärter Miene fort, „hatte dem<br />

Kampf zugesehen. Sie schwamm ganz nah an den Ritter heran und seufzte:<br />

‚Mein Held‘!<br />

Und <strong>der</strong> Ritter schaute sie an, sah, wie schön sie war, und sagte: ‚Meine<br />

Liebste!‘<br />

Weil sie sich aber schon küssten, während sie sprachen, und deshalb gewaltig<br />

nuschelten, verstand ihr Vater, <strong>der</strong> Graf, <strong>der</strong> auch gerade heimgekommen<br />

war und sich über die Rettung seiner Kin<strong>der</strong> freute, nur die Worte: ‚Hütt‘ (statt<br />

‚Mein Held!‘) und ‚Lipsch‘ (statt ‚Meine Liebste!‘). So kamen die Orte, zwischen<br />

denen sie alle von nun glücklich und zufrieden lebten, zu ihren Namen<br />

…<br />

Ende!“<br />

„Ach, <strong>Quatsch</strong>!“, rief Mondschuppe entzückt. „Was für eine schöne Geschichte!<br />

Hat sie dir wohl auch gefallen, Tomy?“<br />

„Oh ja!“, rief das alte Neunauge. Seine Augen leuchteten vor Freude – und<br />

erst jetzt, da sie leuchteten, erkannte <strong>Quatsch</strong>, dass es in Wirklichkeit nicht<br />

neun Augen hatte (<strong>o<strong>der</strong></strong> achtzehn: neun auf je<strong>der</strong> Seite), son<strong>der</strong>n nur zwei.<br />

Es hatte nur so ausgesehen, weil das Tier hinter jedem Auge sieben Kiemenspalten<br />

und davor ein Nasenloch hatte. <strong>Die</strong>se dunklen Vertiefungen sind<br />

Augen, ganz beson<strong>der</strong>s traurigen Augen, zum Verwechseln ähnlich.<br />

35


Wenig später hatten sich Mondschuppe und <strong>Quatsch</strong> verabschiedet und<br />

schwammen weiter. Ihre Gedanken kreisten aber immer noch um die Sage<br />

von vorhin …<br />

„Welche Stelle hat dir denn am besten gefallen?“, fragte <strong>Quatsch</strong> neugierig.<br />

Mondschuppe schwieg eine Weile, dann wisperte sie: „Der Schluss!“<br />

„Du meinst, als <strong>der</strong> Otter weggeht?“<br />

„Nein“, wisperte Mondschuppe, „danach“.<br />

„Ach, Mondschuppe“, sagte <strong>Quatsch</strong>.<br />

Und dann sagten sie beide nichts mehr. Zumindest nichts, was man verstanden<br />

hätte.<br />

36


ES GIBT IMMER EINEN GRÖSSEREN FISCHER<br />

ODER<br />

DER FLUSS ALS NAHRUNGSQUELLE<br />

<strong>Die</strong> beiden kleinen Fische <strong>Quatsch</strong> und Mondschuppe näherten sich Lichendorf.<br />

Der Bach war hier schon sehr breit, und <strong>Quatsch</strong> staunte über die vielen<br />

Fischarten, die man flussaufwärts nur selten <strong>o<strong>der</strong></strong> gar nicht zu Gesicht bekam.<br />

Erst schwamm ein schüchternes M<strong>o<strong>der</strong></strong>lieschen vorbei, dann ein paar<br />

tratschende Lauben, schließlich ein eitler Flussbarsch, <strong>der</strong> seine imposante<br />

Rückenflosse unentwegt auf- und zuklappte und von einigen kleineren Kaulbarschen<br />

bewun<strong>der</strong>nd umschwärmt wurde.<br />

<strong>Quatsch</strong> schaute sich fasziniert um, als plötzlich ein duftendes braunes Würfelchen<br />

vor seiner Nase schwebte.<br />

„Mmmh!“, machte er. „Schau mal, Mondschuppe, Brot!“<br />

Er wollte schon zuschnappen, da fielen ihm seine guten Manieren ein:<br />

„Möchtest nicht du diesen ins heitere Wasser abgetauchten Leckerbissen<br />

schnabulieren, meine Liebe?“<br />

„Wie nett von dir! Danke, <strong>Quatsch</strong>! Aber ich verzichte. Du weißt ja, ich muss<br />

auf meine Seitenlinie achten. Iss du nur!“<br />

<strong>Quatsch</strong> wusste zwar, dass es eher er war, <strong>der</strong> auf seine Linie achten sollte,<br />

protestierte aber nur schwach. Ein kleines Stückchen Brot würde wohl nichts<br />

ausmachen. Er sperrte also sein Mäulchen auf, spürte schon den süßen Vorgeschmack<br />

des Gebäcks auf seiner Zunge, da wurde er unsanft zur Seite<br />

geschubst. Eine breitschultrige Barbe hatte ihn angerempelt.<br />

„Na hallo, was soll denn das?!“, empörte sich <strong>Quatsch</strong>. „Ich habe das Brot<br />

zuerst gesehen!“<br />

<strong>Die</strong> Barbe beeindruckte das wenig. Ungerührt tastete sie mit ihren Barteln,<br />

die ihr Maul wie ein Bart umstanden, das Brotstück ab. <strong>Quatsch</strong> wusste, dass<br />

er gegen den viel größeren Fisch nichts ausrichten konnte, dennoch wollte<br />

er, beson<strong>der</strong>s vor Mondschuppe, nicht klein beigeben.<br />

„Wenn du mein Brot frisst, kriegst du es mit mir zu tun. Und Vorsicht, ich bin,<br />

äh, grätenreich! Und meine Gräten sind spitz, spitz wie <strong>der</strong> Dorn eines Steinbeißers!“<br />

<strong>Die</strong> Barbe drehte sich belustigt um.<br />

37


„Hör zu“, sagte sie, „iss dieses Brot lieber nicht. Schau her! Hier steckt ein<br />

Haken drin. Und <strong>der</strong>, mein Kleiner, ist noch spitzer als deine Gräten. Wenn<br />

du da reinbeißt, bohrt sich <strong>der</strong> Haken in dein Maul, und du wirst an <strong>der</strong><br />

Schnur, die an dem Ding dranhängt, aus dem Bach herausgezogen. Hoch<br />

hinauf an die heiße Luft, wo du nach Wasser schnappst!“<br />

„Und dann?“, fragte <strong>Quatsch</strong>, schon jetzt atemlos.<br />

„Dann … Ja, dann wirst du – na ja.“ <strong>Die</strong> Barbe machte mit ihrem rüsselartigen<br />

Maul ein schmatzendes Geräusch, das irgendwie nach „abgemurkst“ klang.<br />

„Wer macht denn so was?“, entsetzte sich Mondschuppe.<br />

„<strong>Die</strong> Menschen natürlich. Wenn ihr genau schaut, seht ihr einen am Ufer sitzen.<br />

Es ist ein altes Exemplar. Aber gerade die sind oft die besten Fischer,<br />

weil sie es am wenigsten eilig haben.“<br />

„Warum, oh, warum töten sie Fische?!“, rief <strong>Quatsch</strong>.<br />

„Nun ja, Menschen fressen Fische. So, wie sie etwa auch Kühe, Schweine<br />

und Hirsche fressen. – Was schaut ihr denn so? Habt ihr das nicht gewusst?“<br />

<strong>Quatsch</strong> war aus allen Wolken gefallen: „Aber, aber“, stammelte er, „haben<br />

sie nicht genug Getreide? Und Obst? O<strong>der</strong> Früchte? Wozu müssen sie denn<br />

noch an<strong>der</strong>e Tiere fressen?“<br />

„Nun ja, die Menschen sind Allesfresser wie Bären und Schweine – <strong>o<strong>der</strong></strong><br />

auch wir, die Barben. Und ihr beide lebt doch bestimmt auch nicht nur von<br />

Laichkrautfleckerln, Tausendblattsalat <strong>o<strong>der</strong></strong> Wasserpesto allein. Bestimmt<br />

habt ihr auch schon einmal eine saftige Insektenlarve verdrückt!“<br />

„Nun ja“, antwortete <strong>Quatsch</strong>, „das ist etwas an<strong>der</strong>es. O<strong>der</strong> – <strong>o<strong>der</strong></strong> auch nicht<br />

…“<br />

„Siehst du?“, brummte die Barbe gutmütig. „Es gibt eben immer einen größeren<br />

Fischer, und die Großen fressen die kleinen. Aber keine Angst“, fügte<br />

sie rasch hinzu, als sie Mondschuppes erschrockenen Blick bemerkte, „ich<br />

bin <strong>der</strong> Meinung, dass dies nur dann geschehen sollte, wenn es wirklich notwendig<br />

ist. Je größer das Tier, desto größer auch seine Verantwortung. Wer<br />

einem an<strong>der</strong>en das Leben nimmt, um selbst zu überleben, sollte sich bewusst<br />

sein, dass dies kein alltägliches, beiläufiges Geschehen sein darf. Ich<br />

zum Beispiel esse nur selten Fisch. Und Fleisch. O<strong>der</strong> gar Mensch. Nur zu<br />

beson<strong>der</strong>en Anlässen. O<strong>der</strong>, wenn ich sehr hungrig bin, und es sonst nichts<br />

gibt. Der Fischer da oben hält es hoffentlich auch so.“<br />

38


Mondschuppe atmete auf. Gemeinsam beobachteten sie den am Ufer hockenden<br />

Fischer, <strong>der</strong> sich verzerrt durchs Wasser abzeichnete. Mit seinem<br />

weißen Haar und <strong>der</strong> braunen Jacke ähnelte er einem alten Otter. Gerade<br />

führte er selbst ein Brot zum Mund. Das dazugehörige Papier verstaute er<br />

anschließend in seiner Tasche.<br />

„Das ist sogar ein guter Mensch“, sagte die Barbe. „Er lässt seinen Müll nicht<br />

liegen <strong>o<strong>der</strong></strong> wirft ihn in den Fluss, son<strong>der</strong>n nimmt ihn wie<strong>der</strong> mit. Was ich nun<br />

tun muss, tut mir fast leid … Aber was soll’s. Wir müssen schließlich auch<br />

leben.“<br />

„Du wirst ihn doch wohl nicht an seiner Schnur ins Wasser ziehen und dann<br />

aufessen?“, erschrak <strong>Quatsch</strong>.<br />

„Hihi, nein, ihn nicht“, meinte die Barbe heiter. „Aber sein Brot ist nun endlich<br />

weich genug …“<br />

Im nächsten Augenblick machte sie sich daran, mit ihren Barteln das Brotstück<br />

vom Haken zu lösen. Kaum war es ab, teilte sie es in drei Stücke, und<br />

die Fische genossen eine kleine süße Jause, während <strong>der</strong> Angelhaken harmlos<br />

neben ihnen im Wasser trieb.<br />

„Passt einfach auf, wenn ihr in etwas hineinbeißt“, erklärte die Barbe, die sich<br />

als „Barbie“ vorgestellt hatte, mampfend. „Wenn ein Haken drinsteckt <strong>o<strong>der</strong></strong><br />

eine Schnur herausschaut: Barteln weg! Wisst ihr: In gewisser Weise helfen<br />

uns die Menschen sogar. Mit ihren Angeln erwischen sie immer nur die Gierigsten<br />

und Dümmsten – die brauchen wir hier unten ohnehin nicht!“<br />

<strong>Quatsch</strong> und Mondschuppe lachten und nahmen gutgelaunt Abschied.<br />

Sie waren noch nicht weit gekommen, sahen gerade eine Brücke vor sich,<br />

da schwebte wie<strong>der</strong> ein Brotstück über ihnen. Sofort machten sie einen weiten<br />

Bogen darum. Da bemerkte <strong>Quatsch</strong>, dass ein stark übergewichtiger<br />

Stockentenerpel schnaufend auf den Brocken zu paddelte. Er nahm seinen<br />

ganzen Mut zusammen und biss in einen <strong>der</strong> schwimmhautbewehrten Füße.<br />

„Halt! Wenn dir dein Leben lieb ist!“, piepste er.<br />

„Nanu? Was kitzelt mich da?“ Der Erpel steckte sein Köpfchen unter Wasser.<br />

Als er <strong>Quatsch</strong> erblickte, grinste er über sein ganzes dickes Gesicht. „Ist das<br />

etwa ein Überfall?“, prustete er.<br />

„Nein, im Gegenteil, eine Rettungsaktion! <strong>Die</strong>ses Brot ist eine Falle. Menschen<br />

versuchen, dich damit zu fangen!“<br />

39


„Hohohohoho!“, schnatterte <strong>der</strong> Erpel. „Du bist mir vielleicht ein <strong>Quatsch</strong>kopf!<br />

Das sind doch keine Jäger. Da drüben stehen zwei Menschenlarven, die uns<br />

füttern. Man nennt sie ‚Kin<strong>der</strong>‘. Das sind richtige Tierfreunde!“<br />

Und schon paddelte er weiter. Verdutzt beobachteten <strong>Quatsch</strong> und Mondschuppe,<br />

wie er sich das fette Brotstück schnappte und in einem hinunterschlang.<br />

Da platschte schon ein zweites ins Wasser, dann ein drittes. Ein<br />

Haubentaucher und ein paar Schleien, Aitel und Goldsteinbeißer schauten<br />

von ober- und unterhalb des Wasserspiegels zu, aber <strong>der</strong> gierige Erpel war,<br />

obwohl er kaum mit dem Schlucken nachkam, immer als Erster beim Futter.<br />

„Meinst du, wir sollten versuchen, ihm ein Stückchen abzujagen?“, fragte<br />

<strong>Quatsch</strong> zu Mondschuppe hinüber.<br />

„Hm. Das Brot riecht jedenfalls sehr gut“, sagte Mondschuppe.<br />

„Ja, und weiß du was?“, antwortete <strong>Quatsch</strong>. „Ich glaube, diese Sache hat<br />

tatsächlich keinen Haken.“<br />

Kichernd setzten sie ihre Flossen in Bewegung, als wie<strong>der</strong> die Barbe angerauscht<br />

kam.<br />

„Tut es lieber nicht!“, rief sie.<br />

„Barbie!“, staunte <strong>Quatsch</strong>. „Du schon wie<strong>der</strong>?!“<br />

„Ja“, blubberte sie, „und ihr schon wie<strong>der</strong> … Euch beide darf man ja wirklich<br />

nicht aus den Augen lassen!“<br />

„<strong>Die</strong>ses Mal ist es an<strong>der</strong>s, Barbie“, erklärte Mondschuppe. „Es sind Tierfreunde,<br />

die uns füttern. <strong>Die</strong> an<strong>der</strong>en fressen das Brot auch, ohne dass ihnen<br />

etwas geschieht.“<br />

„Nun“, seufzte die Barbe, „das alles klingt zwar ganz nett, stimmt aber lei<strong>der</strong><br />

hinten und vorne nicht.“<br />

„Denkst du denn, dass die Kin<strong>der</strong> uns etwas Böses wollen?“<br />

„Nein, das nicht. Was sie da machen, ist gut gemeint. Aber lei<strong>der</strong> ist es auch<br />

zu viel des Guten.“<br />

„Wie meinst du das?“<br />

„Schaut euch einmal den Erpel da an.“<br />

„Den dicken, <strong>der</strong> so schnauft?“<br />

„Ja, genau. Ich kenne ihn von früher. Er war einmal ein schneidiger Typ, ausgezeichneter<br />

Flieger. Dann entdeckte er das Menschenfutter. Statt sich abwechslungsreiche<br />

Nahrung im Fluss und an Land zusammenzusuchen, wartete<br />

er nur noch auf Menschen <strong>o<strong>der</strong></strong> planschte von einer Futterstelle zur<br />

40


nächsten. Da er zu viel Brot aß, wurde er dick, und da er nur Brot aß, wurde<br />

er krank. Deshalb: Nascht nicht zu viel! Ein bis zwei Stückchen Brot am Tag<br />

sind genug. In diesem Fall ist wirklich je<strong>der</strong> seines eigenen Glückes Schmied.<br />

Und wenn ihr schon Futter von Menschen annehmt, dann achtet darauf, dass<br />

es sich um Getreidekörner <strong>o<strong>der</strong></strong> Obst handelt. Das ist auch für Vögel und<br />

Fische gesund! Ich wünschte nur, jemand würde es den Menschen sagen<br />

…“<br />

<strong>Die</strong> Fischlein versprachen <strong>der</strong> Barbe, ihren Rat zu beherzigen. Nachdenklich<br />

schwammen sie weiter.<br />

„Hm“, meinte <strong>Quatsch</strong>, „das Zusammenleben mit den Menschen ist ganz<br />

schön kompliziert. Manchmal wirken sie böse, tun aber eigentlich Gutes,<br />

dann meinen sie es gut und bewirken dabei Schlechtes.“<br />

„Tja“, antwortete Mondschuppe, „es kann eben nicht alles so einfach sein wie<br />

–“<br />

Sie schmiegte sich an ihn.<br />

„Wie was?“, fragte <strong>Quatsch</strong>. Aber dann schwieg auch er. Es gibt eben Dinge,<br />

die versteht man am besten ohne Worte.<br />

41


MUR UND MEER<br />

ODER<br />

DER EWIGE KREISLAUF DES WASSERS<br />

<strong>Die</strong> beiden Fische <strong>Quatsch</strong> und Mondschuppe schwammen den Schwarzaubach<br />

hinunter. Sie waren nicht mehr weit von jener Stelle entfernt, an <strong>der</strong> <strong>der</strong><br />

Bach in einen an<strong>der</strong>en, größeren Fluss mündete: die Mur.<br />

Dort, an <strong>der</strong> Mündung, lag Mondschuppes Zuhause, dort befand sich auch<br />

ihre Schule, das Schwimmnasium. Ihre Hausaufgabe hatte gelautet, die<br />

<strong>Quelle</strong> des Wissens zu suchen, und sie brannte darauf, ihrem Flossenvorstand,<br />

dem alten, gelehrten Profischor Zingel, von ihren Erkenntnissen zu<br />

berichten.<br />

<strong>Die</strong> letzten Sonnenstrahlen des Tages ließen ihre Rücken silbern glitzern, als<br />

die zwei Fische die letzte Brücke, unter dem Fährenweg hindurch, passierten.<br />

Gleich darauf schlingerten sie mehrere Felsrippen hinunter. Zwischen<br />

<strong>der</strong> vorletzten und letzten, gut versteckt in allerlei Steinspalten, befanden sich<br />

die Klassenzimmer. Aber sie waren alle leer. Was war geschehen?<br />

„Mist, heute ist ja schulautonomer Tag!“, schimpfte Mondschuppe. „Das habe<br />

ich ganz vergessen. Dabei hätte ich mein Referat so gerne gehalten. Mein<br />

Banknachbar, <strong>der</strong> Streber, hätte bestimmt Augen gemacht. Jetzt muss ich<br />

warten, bis <strong>der</strong> Profischor von <strong>der</strong> Nahrungssuche zurück ist. Dabei fällt mir<br />

auf: Ich bin auch hungrig. Und du, <strong>Quatsch</strong>? Qua-atsch?“<br />

Aber <strong>Quatsch</strong> hörte nicht. Er hatte auch die letzte Rippe überquert und war<br />

nach vorne geschwommen, dorthin, wo das grünbraune Wasser des<br />

Schwarzaubachs in das braungrüne Wasser <strong>der</strong> Mur überging. Natürlich! Vor<br />

lauter Vorfreude auf ihr Referat hatte Mondschuppe nicht daran gedacht, was<br />

die Mündung für <strong>Quatsch</strong> bedeuten musste. Sie war ja hier aufgewachsen,<br />

für ihn aber steckte die Gegend bestimmt voller Sehenswürdigkeiten. Tatsächlich<br />

stemmte er sich vorne, ganz rechts, wo das Ufer des Schwarzaubachs<br />

ein für alle Mal endete, gegen die Strömung und starrte in das fremde<br />

Gewässer hinaus. Leise glitt sie an seine Seite.<br />

42


Vor ihnen breitete sich die Mur aus. Der Fluss war an dieser Stelle neunmal<br />

so breit wie <strong>der</strong> Schwarzaubach. Und dabei war dieser <strong>Quatsch</strong> auf den letzten<br />

Etappen schon groß erschienen! Kein Wun<strong>der</strong>, dass <strong>der</strong> kleine Fisch,<br />

aufgewachsen in den oberen Regionen des Bachs, völlig von den Schuppen<br />

war. Mit offenem Mund, in dem sich braunes und grünes Wasser mischten,<br />

drehte er sich zu Mondschuppe um. Er fragte ehrfürchtig: „Ist das das Meer?“<br />

„Ach, <strong>Quatsch</strong>“, lächelte Mondschuppe, „Meer und Mur, das klingt nur ähnlich!<br />

In Wirklichkeit handelt es sich aber um zwei völlig verschie- Iiiiih! Eine<br />

Schlange!“<br />

Tatsächlich, ein sehr langes, sehr dünnes Tier schoss aus <strong>der</strong> Tiefe <strong>der</strong> Mur<br />

und schnellte in den Schwarzaubach hinüber. Glücklicherweise machte es<br />

keine Anstalten zuzuschnappen. Im Gegenteil: Über sein spitzes Maul zog<br />

sich ein breites Lächeln.<br />

„Gnädiges Fräulein“, sagte es höflich, „Sie irren sich! Ich zähle nicht zu den<br />

höchst nützlichen Wasserschlangen, bin we<strong>der</strong> Ringel- noch Würfelnatter,<br />

son<strong>der</strong>n ein Fisch wie Sie. Ein Aal!“<br />

„Ein – aha“, machte Mondschuppe verdutzt.<br />

„Und Sie, junger Mann“, wandte sich <strong>der</strong> Aal an <strong>Quatsch</strong>, „hatten so unrecht<br />

nicht. Mit ihrer Gleichsetzung von Mur und Meer, meine ich. Denn wenn man<br />

es recht bedenkt, sind sich die beiden Gewässer ähnlicher, als man denkt.“<br />

„Na, hören Sie mal“, entrüstete sich Mondschuppe, die über <strong>der</strong> fachlichen<br />

Frage ihren Schreck vergaß. „<strong>Die</strong> Unterschiede könnten doch größer nicht<br />

sein! <strong>Die</strong> Mur ist ein Fluss. Flüsse sind dünn und lang, Meere hingegen unheimlich<br />

breit und tief.“<br />

„Ein Fluss ist sozusagen wie ein Aal, und das Meer ist wie ein Wal!“, blubberte<br />

<strong>Quatsch</strong> dazwischen.<br />

„Genau! Außerdem führt ein Fluss Süßwasser, das Wasser im Meer aber ist<br />

salzig. Ein Fluss kommt von höher oben, aus den Bergen, und fließt ins Meer.<br />

Das Meer fließt jedoch nirgendwohin. Es vollführt nur die Bewegungen <strong>der</strong><br />

Gezeiten, Ebbe und Flut, die entstehen, weil <strong>der</strong> schwere Mond das viele<br />

Wasser auf seiner Bahn um die Erde immer wie<strong>der</strong> einmal anzieht.“<br />

Mondschuppes Stolz über das eigene Wissen führte dazu, dass sie selbst<br />

strahlte wie <strong>der</strong> Mond. <strong>Quatsch</strong> hatte nicht alles ganz genau verstanden, fand<br />

aber, dass sie sehr schön aussah.<br />

43


„Sie sind sehr gebildet, gnädiges Fräulein, und was Sie sagen, ist richtig“,<br />

antwortete <strong>der</strong> Aal. „Aber lassen Sie mich bitte erklären, was ich gemeint<br />

habe. Der Schwarzaubach fließt hier in die Mur, und wie Sie bestimmt in <strong>der</strong><br />

Schule gelernt haben, fließt die Mur danach in einen noch größeren Fluss,<br />

die Drau. <strong>Die</strong> Drau wie<strong>der</strong>um mündet in den gewaltigen Strom namens Donau,<br />

<strong>der</strong> alle Flüsse und Bäche aus unserem Teil <strong>der</strong> Welt mit sich ins Meer<br />

führt …“<br />

„Ins sogenannte Schwarze Meer!“, präzisierte Mondschuppe.<br />

„Exakt. Das Schwarze Meer ist freilich auch Teil eines größeren Ganzen, und<br />

zwar des Mittelmeers, das wie<strong>der</strong>um Teil des Atlantischen Ozeans ist. Ozeane<br />

sind sozusagen noch größere Meere.“<br />

„Das war mir bekannt“, bemerkte Mondschuppe.<br />

„Doch auch <strong>der</strong> Atlantik ist nur einer von mehreren Ozeanen. <strong>Die</strong> Grenzen<br />

zwischen diesen Riesenmeeren sind fließend: eines geht ins an<strong>der</strong>e über.<br />

Und aus dem Meer steigen Wolken auf, aus denen es später aufs Land herabregnet,<br />

wodurch das Grundwasser gespeist wird, aus dem die Flüsse entspringen<br />

… So viel Wasser gibt es auf <strong>der</strong> Erde, so viele verschiedene Gewässer,<br />

und doch sind sie, bei genauer Betrachtung, alle miteinan<strong>der</strong> verbunden<br />

– in einem gewaltigen, unendlichen Kreislauf“, schwärmte <strong>der</strong> Aal.<br />

„Tatsächlich könnte man sagen, dass es in Wirklichkeit nur ein einziges Gewässer<br />

gibt, das um die ganze Erde fließt. Wer hier am Schwarzaubach mit<br />

<strong>der</strong> Flosse, <strong>der</strong> Pfote <strong>o<strong>der</strong></strong> Hand durchs Wasser fährt, berührt gewissermaßen<br />

auch die grauen, kalten Wellen <strong>der</strong> Tschuktschensee. Und gleichzeitig<br />

das weiche, warme Wasser <strong>der</strong> Karibik. Und so weiter … Wobei man nicht<br />

vergessen sollte, dass unsere Körper auch zum Großteil aus Wasser bestehen<br />

…“<br />

Nun stand auch Mondschuppe <strong>der</strong> Mund offen – als ob sie dem Wasser um<br />

sie und in ihr herum das Fließen erleichtern wollte. Nur langsam fand sie ihre<br />

Fassung wie<strong>der</strong>.<br />

„Das ist … ist ja eine ganz beeindruckende Theorie, lieber Herr Aal, aber …<br />

in <strong>der</strong> Praxis … ich meine … Haben diese Ideen auch im Alltag eine Bedeutung?<br />

Wohl kaum, würde ich meinen.“<br />

„Nun ja“, sagte <strong>der</strong> Aal, „manchmal schon. Wissen Sie, wohin ich unterwegs<br />

bin?“<br />

„Zum Abendessen?“, riet <strong>Quatsch</strong>, <strong>der</strong> auch schon hungrig war.<br />

44


„Tja, das auch, mein Guter, denn ich besuche hier an <strong>der</strong> Mündung noch<br />

einen alten Freund … Aber danach?“<br />

„Nö.“<br />

„Nun, dann reise ich weiter. Mein Ziel heißt Sargassosee.“<br />

„Mmmh, Sauce …“, murmelte <strong>Quatsch</strong>. „Also doch essen.“<br />

„Ach, <strong>Quatsch</strong>!“, rief Mondschuppe „Der Herr spricht doch von keiner Sauce,<br />

son<strong>der</strong>n bestimmt von einem Stausee!“<br />

„Eine gute Vermutung“, erwi<strong>der</strong>te <strong>der</strong> Aal, „aber es ist noch weiter weg. Und<br />

größer. <strong>Die</strong> Sargassosee ist ein Meeresgebiet im Atlantik, östlich von Florida.<br />

Alle Aale – und Aale gibt es in vielen, vielen Flüssen, in fast allen Teilen <strong>der</strong><br />

Welt! – stammen von dort. In <strong>der</strong> Sargassosee werden wir geboren, dann<br />

reisen wir durch den halben Ozean, die Flüsse hoch. Und wenn wir älter werden,<br />

kehren wir wie<strong>der</strong> zurück, schwimmen die Flüsse hinunter und durch<br />

das Meer bis zur Sargassosee, um neue Larven in die Welt zu setzen. Im<br />

Laufe meines Lebens werde ich umgerechnet dreihun<strong>der</strong>t bis vierhun<strong>der</strong>t<br />

Schwarzaubäche entlanggeschwommen sein …“<br />

„Wow!“, rief <strong>Quatsch</strong>. „Ihr Aale seid ja richtige Globetrotter!“<br />

„Ja, ich will ja nicht angeben, aber die Reise <strong>der</strong> Aale ist genauso spektakulär<br />

wie die <strong>der</strong> Pinguine. Man sollte glatt einen Film darüber drehen …“<br />

Da brummte es von hinten: „Anguilla, da bist du ja!“<br />

„Zingel!“, rief <strong>der</strong> Aal, und: „Herr Profischor!“, freute sich Mondschuppe.<br />

„Ah, Mondschuppe, auch schon hier!“, sagte <strong>der</strong> alte Zingel. „Und wie ich<br />

sehe, hast du meinen Freund, den berühmten Fischosophen Anguilla, bereits<br />

kennengelernt. Anguilla, das ist Mondschuppe, meine beste Schülerin.“<br />

„Das habe ich gemerkt“, lächelte <strong>der</strong> Aal Anguilla. „<strong>Die</strong> junge Dame ist ja<br />

selbst schon eine Gelehrte.“<br />

Mondschuppe strahlte, vergaß über ihrer Freude aber ihren Reisegefährten<br />

nicht. „Darf ich vorstellen: mein Freund <strong>Quatsch</strong>“, piepste sie. „Er ist ein Dichter.“<br />

„Und Abenteurer“, ergänzte <strong>Quatsch</strong> stolz.<br />

„Ah, ein Seelenverwandter“, meinte <strong>der</strong> Aal wohlwollend.<br />

„Mondschuppe, ich freue mich sehr auf dein Referat morgen“, sagte Zingel.<br />

„Nun aber entschuldigt uns bitte. Anguilla und ich haben uns lange nicht gesehen,<br />

und er geht bald auf eine große Reise … Komm, mein Lieber, lass<br />

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uns ein paar Quappen, äh, einen Happen essen! Schöne Grüße übrigens<br />

von deinem Cousin, du weißt schon, Rutte …“<br />

Plau<strong>der</strong>nd entfernten sich die beiden alten Fische. Mondschuppe aber blieb<br />

an <strong>der</strong> Mündung bei <strong>Quatsch</strong>, <strong>der</strong> weiter verträumt in die Mur hineinschaute.<br />

<strong>Die</strong> Strahlen <strong>der</strong> untergehenden Sonne verwandelten den Fluss in einen<br />

Strom aus glitzerndem Licht, <strong>der</strong> unentwegt vorwärtsstrebte, hin zu noch größeren<br />

Gewässern, noch größeren Abenteuern, aber auch weg vom Schwarzaubach,<br />

weg von allem, was Mondschuppe vertraut und lieb war …<br />

Nach einer Weile fragte sie bedrückt: „Qua-atsch?“<br />

„Ja?“<br />

„Jetzt, wo du so viel von den Ozeanen gehört hast, wirst du wohl … wirst du<br />

mich wohl … äh … verlassen … Und das“, fügte sie mit erstickter Stimme<br />

hinzu, „das ist schon okay. Ich verstehe das. Ich meine … Du, als Dichter,<br />

Dichter und Abenteurer, du möchtest ja bestimmt das Meer sehen …“<br />

„Das Meer, Mondschuppe?“, erwi<strong>der</strong>te <strong>Quatsch</strong>. „Aber das Meer habe ich<br />

doch schon längst gesehen!“<br />

„Was? Wo denn?!“<br />

<strong>Quatsch</strong> aber gab keine Antwort. Er schaute ihr nur tief, sehr tief in die Augen.<br />

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Übersicht <strong>der</strong> Schauplätze und ihren <strong>Geschichten</strong><br />

Gemeinde Pirching am Traubenberg<br />

Edelstauden (Ursprung): QUATSCH ODER DIE QUELLE DER GESCHICHTEN……………..…1<br />

Marktgemeinde Kirchbach – Zerlach<br />

Marienkapelle: FRÜHSTÜCK AM UFER ODER DAS WASSER MACHT DIE ARBEIT………………7<br />

Ochsenteich: WASSERMUSIK ODER DAS TAL DER GUTEN ERDE…………………………………12<br />

Marktgemeinde Schwarzautal<br />

Schwarzau: AUWIESENGLÜCK ODER VON BIENEN UND HECHTEN………………………………17<br />

Wolfsberg: ALARM IM ALTARM ODER DER BEGRADIGTE FLUSS…………………………………..22<br />

Marktgemeinde St. Veit in <strong>der</strong> Südsteiermark<br />

Wasserbauhof St. Nikolai ob Draßling: ZWEI FLUSSBAUHÖFE ODER DER BACH ALS<br />

EWIGE BAUSTELLE……………………………………………………………………………………………….26<br />

Perbersdorf: ZWEI MÄRCHEN ODER „DES RABENBURGERS ENDE“ IN FISCHSPRACHE……..31<br />

Marktgemeinde Straß in Steiermark<br />

Lichendorf: ES GIBT IMMER EINEN GRÖSSEREN FISCHER ODER DER FLUSS ALS NAH-<br />

RUNGSQUELLE…………………………………………………………………………………………………….37<br />

Weitersfeld an <strong>der</strong> Mur (Mündung): MUR UND MEER ODER DER EWIGE KREISLAUF<br />

DES WASSERS………………………………………………………………………….………………………….42<br />

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ÖKOLOGISCHE DATEN UND FAKTEN<br />

ZUM SCHWARZAUBACH *)<br />

Der Schwarzaubach ist einer von acht sogenannten Grabenlandbächen, welcher<br />

Name sich von den langgestreckten Riedeln in <strong>der</strong> Oststeiermark, mit<br />

breiten Talböden entlang <strong>der</strong> Hauptflüsse ableitet. <strong>Die</strong> Schwarzau, mit einer<br />

Gewässerlänge von 30,666 km, entspringt auf einer Seehöhe von 509 m am<br />

Südhang des Sengerberges und mündet auf einer Seehöhe von 235 m bei<br />

<strong>der</strong> Gemeinde Weitersfeld in die Mur. Mit einem Einzugsgebiet von 359,26<br />

km² gehört die Schwarzau zur Einzugsgebietskategorie <strong>der</strong> Gewässer >=<br />

100 km². Beginnend in den 1960er Jahren wurde <strong>der</strong> Schwarzaubach von<br />

Seibuttendorf bei km 22,3 bis zur Mündung in die Mur reguliert und teilweise<br />

in ein neues Bachbett verlegt.<br />

Das Einzugsgebiet des Schwarzaubaches ist Teil des Alpenvorlandes im Osten<br />

und Südosten. Das so genannte Oststeirische Grabenland ist ein Teil des<br />

Steirischen Hügellandes und ist geformt durch langgestreckte, flache, geradlinige<br />

Gelän<strong>der</strong>ücken, sogenannte Riedeln, die in Nord-Süd-Richtung verlaufen.<br />

Der Untergrund besteht aus jungtertiären Sanden und Mergel, sowie teilweise<br />

vulkanischem Gestein. Das Grabenland wird begrenzt durch die Raab<br />

als Wasserscheide im Norden und durch die Mur im Süden und Westen. Im<br />

Osten ist die Grenze <strong>der</strong> Kutschenitza Bach, <strong>der</strong> hier auch die Landes- und<br />

Staatsgrenze zu Slowenien bildet. <strong>Die</strong> Riedellandschaft wird von zehn größeren<br />

Tälern mit Breiten von 0,5 – 1,5 km in den Unterläufen in Nord-Südrichtung<br />

geformt. <strong>Die</strong> Grabentäler werden entwässert von den Bächen<br />

Schwarzaubach, Stiefing, Saßbach, Ottersbach, Gnasbach, Sulzbach, Drauchenbach<br />

und Kutschenitza. <strong>Die</strong>se Bäche werden auch allgemein als Grabenlandbäche<br />

bezeichnet.<br />

Der Schwarzaubach befindet sich in <strong>der</strong> Ökoregion „Dinarischer Westbalkan“<br />

und in <strong>der</strong> Bioregion „Grazer Feld und Grabenland“. Laut den hydromophologischen<br />

Leitbil<strong>der</strong>n kann <strong>der</strong> Schwarzaubach in den Typ 14-2-3 eingeteilt<br />

werden. Charakteristisch sind für den natürlichen Gewässertyp mittelgroße<br />

Fließgewässer mit einem winter- und sommer-pluvialen Abflussregime. Dominierend<br />

sind gewundene, mäandrierende sowie teilweise pendelnde und<br />

gestreckte Linienführungen. Das Fließverhalten ist meist heterogen, aber<br />

48


auch teilweise rasch fließend mit strömungsberuhigten Buchten. <strong>Die</strong> Gewässersohle<br />

besteht vorwiegend aus Kiessubstrat mit Sand und Schluffablagerungen<br />

an den Ufern. Prägende morphologische Strukturen sind zum Beispiel<br />

großflächige Kies- und Sandbänke, abwechselnd Steil- und Flachuferbereiche,<br />

sowie Anbruchufer mit Totholz und Wurzelstöcken. Auch dichte,<br />

flussbegleitende Aue und ausgeprägte Altarmsysteme sind für Fließgewässer<br />

desselben Typs kennzeichnend.<br />

<strong>Die</strong> Regulierung des Schwarzaubaches wurde in den 60er und 70er Jahren<br />

mit einer gestreckten Linienführung durchgeführt. Es wurde durchgehend ein<br />

Trapezprofil mit beidseitig gleich geneigten, flachen Böschungen angelegt.<br />

Der Böschungsfuß wurde mit Steinen gesichert und die Gewässersohle berollt.<br />

<strong>Die</strong> Verän<strong>der</strong>ung <strong>der</strong> Linienführung ergab eine Laufverkürzung, die<br />

durch steile, naturferne Sohlrampen zum Abbau des Gefälles ausgeglichen<br />

wurde. Im Unterlauf <strong>der</strong> Schwarzau wurde das Gewässer in einen neuen<br />

Graben westlich des Altlaufes verlegt und erhielt auch eine neue Mündungsstelle<br />

in die Mur. Für die Bepflanzung <strong>der</strong> Böschungsoberkante wurden<br />

hauptsächlich Robinie und Eschenahorn gewählt. Ein lückenloser Gehölzstreifen<br />

ist vor allem im Oberlauf <strong>der</strong> Schwarzau kaum gegeben. Im Unterlauf,<br />

nahe dem Mündungsbereich, sind zur Mur gehörende Strukturen vorhanden<br />

und eine dichtere Bepflanzung gegeben. Auf <strong>der</strong> Böschung ist laut<br />

Bescheiden auf <strong>der</strong> gesamten Bachstrecke nur Rasen vorgesehen, was bedeutet,<br />

dass diese zur Instandhaltung ein- bis zweimal jährlich gemäht werden<br />

muss.<br />

Im Jahr 2007 wurden am Schwarzaubach fischökologische Untersuchungen<br />

von Woschitz, Wolfram und Parthl, mit dem Leitfaden zur Erhebung <strong>der</strong> biologischen<br />

Qualitätselemente durchgeführt. <strong>Die</strong>se Aufnahmen wurden ermittelt,<br />

um mit den Daten den Fisch Index Austria berechnen zu können. Der<br />

Bach wurde in drei Abschnitte geglie<strong>der</strong>t, die von Fluss-km 0,00 – 11,30,<br />

11,30 – 22,24 und von 22,24 – 30,40 reichten. <strong>Die</strong> gefundenen Fischarten<br />

wurden in Leitarten (l; rot), typische Arten (b; grün) und seltene Begleitarten<br />

(s; gelb) eingeteilt. <strong>Die</strong> nachfolgende Tabelle gibt die gefundenen Fischarten<br />

<strong>der</strong> jeweiligen Gewässerabschnitte an.<br />

49


50


Der Mündungsbereich <strong>der</strong> Schwarzau befindet sich in zwei sich teilweise<br />

überlappenden Naturschutzgebieten:<br />

- dem Landschaftsschutzgebiet (LSG) Nr. 36 Murauen Mureck – Radkersburg<br />

– Klöch und<br />

- dem Europaschutzgebiet „Steirische Grenzmur mit Gamlitzbach und Gnasbach“.<br />

<strong>Die</strong> Abbildung zeigt den Schwarzaubach (gelb markiert), das Landschaftsschutzgebiet<br />

(rosa) und das Natura-2000-Gebiet <strong>der</strong> steirischen Grenzmur<br />

darüberliegend (violett schraffiert). Der Unterlauf des Schwarzaubaches<br />

(Lichendorf, Weitersfeld) liegt nicht nur im Natura 2000 und Europaschutzgebiet<br />

son<strong>der</strong>n auch im, von <strong>der</strong> UNESCO ausgezeichneten, Biosphärenpark<br />

Unteres Murtal.<br />

Das Landschaftsschutzgebiet ist eine naturschutzrechtliche Kategorie, die<br />

laut dem StNschG gesamte Landschaften mit beson<strong>der</strong>er Schönheit <strong>o<strong>der</strong></strong> Eigenarten,<br />

sowie seltene Charakteristik umfasst. Das LSG Nr. 36 „Murauen<br />

Mureck – Radkersburg – Klöch“ zeichnet sich durch seine landschaftliche<br />

Charakteristik, die Erholungsfunktion und die große Artenvielfalt aus. Es besitzt<br />

eine Fläche von gesamt 10.943,6 ha und wird geprägt durch die Landschaftselemente<br />

<strong>der</strong> Riedellandschaft wie Trockenwiesen, Hecken, Feldgehölze,<br />

Hainbuchen- und Rotbuchenmischwäl<strong>der</strong>, Bachauen und Feuchtwiesen.<br />

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*) Sämtliche Informationen in diesem Bericht stammen aus <strong>der</strong> Masterarbeit von Lisa Schramm mit dem<br />

Titel: Gewässerpflegekonzepte für Grabenlandbäche in <strong>der</strong> Steiermark am Beispiel Schwarzaubach. <strong>Die</strong><br />

vollständige Arbeit ist im Internet unter folgen<strong>der</strong> Adresse abrufbar:<br />

O<strong>der</strong><br />

Das Natura-2000 Gebiet „Steirische Grenzmur mit Gamlitzbach und Gnasbach“<br />

beinhaltet eine Fläche von 2.159 ha und schützt vor allem den Auwald,<br />

<strong>der</strong> die Mur auf einem ca. 33 km langen Flussabschnitt begleitet. <strong>Die</strong>ser<br />

Auwald ist <strong>der</strong> zweitgrößte zusammenhängende Auwald Österreichs<br />

und zählt zu den artenreichsten Lebensräumen in <strong>der</strong> Steiermark. <strong>Die</strong> flussnahe<br />

Weidenau und die angrenzenden Hartholzauenwäl<strong>der</strong> mit Stieleichen,<br />

Ulmen und Eschen sind charakteristisch für diese Landschaft. Vor allem<br />

alte Eichen sind ein Mittelpunkt <strong>der</strong> Artenvielfalt, da ihre Borke Lebensraum<br />

für Insekten, Vögel (z.B. Mittelspecht) und Fle<strong>der</strong>mäuse bietet. Nach <strong>der</strong><br />

Regulierung <strong>der</strong> Mur (1874 bis 1891) wurden Seitenarme vom Fluss abgetrennt<br />

und die Breite des Flussbettes auf ein Fünftel reduziert. <strong>Die</strong> heutigen<br />

Altarme werden von Amphibien, wie Moorfrosch <strong>o<strong>der</strong></strong> Kammmolch bewohnt.<br />

https://www.google.at/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahU-<br />

KEwiy_oik-fbzAhUBhP0HHdqwDbEQFnoECBcQAQ&url=https%3A%2F%2Fabstracts.boku.ac.at%2Fdownload.php%3Fdataset_id%3D19335%26property_id%3D107&usg=AOvVaw0AOyJk2E7K46MhqT7ezHSI<br />

https://forschung.boku.ac.at/fis/suchen.hochschulschriften_info?sprache_in=de&menue_id_in=107&id_in=&hochschulschrift_id_in=19335<br />

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