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Quatsch oder Die Quelle der Geschichten - Endfassung - Druck

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IMPRESSUM:

Die Schwarzaubach Mär - Fünf Gemeinden und ihre Geschichten zum Schwarzaubach. 1. Auflage,

Juni 2021

Herausgeber: Marktgemeinde Schwarzautal; Adresse: Wolfsberg 125, 8421 Schwarzautal;

Telefon: 03184/2208; gde@schwarzautal.gv.at; www.schwarzautal.gv.at

Konzept und Layout: SpOrt & Mensch Consulting e.U. - Roman Dendl

Verfasser der Geschichte: Andreas Unterweger, Kolping-Weg 11, 8430 Leibnitz

Ökologische Daten und Beschreibungen: Lisa Schramm, Masterarbeit: Gewässerpflegekonzepte

für Grabenlandbäche in der Steiermark am Beispiel Schwarzaubach, Wien 2019 - Diese Arbeit ist

öffentlich einsehbar.

Diese Broschüre erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Alle Angaben sind ohne Gewähr.

Erhebungsstand ist Juni 2021. Druck- und Satzungsfehler vorbehalten.

Bildnachweis:

Kinderzeichnungen: Volksschule Schwarzautal und Volksschule St. Nikolai/Draßling

Fotos: Gerhard Rohrer, Roman Dendl, Pixabay

Die Broschüre wurde gemeinsam mit den Gemeinden Pirching am Traubenberg,

Kirchbach/Zerlach, Schwarzautal, St. Veit in der Südsteiermark und Straß in Steiermark erstellt

und durch das LEADER-Programm Südsteiermark gefördert.


LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER!

In früheren Zeiten trennten sogar Bäche Gemeinden, Länder und Staaten. In der Region

Schwarzautal gehen in dieser Richtung die Uhren anders. Hier verbindet künftig der

Schwarzaubach die gesamte Region als gemeinsames Erholungs- und Impulsgebiet.

Von der Quelle in Pirching am Traubenberg schlängelt sich der Schwarzaubach durch

die Gemeinden Kirchbach-Zerlach, Schwarzautal, St. Veit in der Südsteiermark bis zur

Mündung in die Mur in der Gemeinde Straß in der Steiermark.

In der Geschichte schwimmt ein Fisch Namens Quatsch vom Ursprung bis in die Mündung

und erfährt und erlebt dabei interessante Dinge. Speziell diese Erlebnisse und Informationen

sollen ganz besonders unsere Jugend für die Faszination Tier und Natur

begeistern. Zwei Volksschulen haben dies bereits durch Zeichnungen in dieser Broschüre

umgesetzt.

Ein großes Dankeschön ergeht an Schriftsteller Andreas Unterweger, der die Schauplätze

in liebevollen Geschichten beschrieben hat. Durch umfangreiche Recherche

konnte Andreas Unterweger Geschichte und Gegenwart in die Kapitel einfließen lassen.

Entlang bzw. im näheren Umfeld des Baches wurden im Zuge dieses Kooperationsprojektes

mit der LAG Vulkanland pro Gemeinde 1-2 Schauplätze definiert. Mittels der Geschichte

wurde ein roter Faden durch alle diese Plätze gezogen.

Diese Plätze haben unterschiedlichste Ausprägungen. Egal ob schlichtes Verweilplätzchen,

Blumenwiese oder Mobilisierungstreffpunkt mit einfachen Übungsgeräten. Durch

einheitliche Hinweistafeln werden die Bürger*innen auf diese Plätze aufmerksam gemacht.

Ziel von diesem Projekt ist, die regionale Identität bzw. das kulturelle Erbe neu in Wert

zu setzen.

Bgm. Siegfried Neuhold (Pirching am Traubenberg)

Bgm. Anton Prödl (Kirchbach-Zerlach)

Bgm. Alois Trummer (Schwarzautal)

Bgm. Gerhard Rohrer (St. Veit in der Südsteiermark)

Bgm. Reinhold Höflechner (Straß in Steiermark)


QUATSCH

ODER

DIE QUELLE DER GESCHICHTEN

Es war einmal ein kleiner Fisch, der lebte in einem kleinen Fluss.

Obwohl der Fluss klein war, trug er einen langen, schönen Namen. Er hieß

SCHWARZAUBACH. Es genügte, diesen Namen zu hören, schon sah man den

Fluss vor sich. Genauer gesagt: Man sah, wie er erst zwischen SCHWARZen

Baumstämmen, dann durch bunte AUwiesen, als BACH fröhlich dahinplätscherte.

Der Name des Fisches, der in diesem Schwarzaubach lebte, war hingegen

kurz, so kurz wie der Fisch selbst. Außerdem war er alles andere als schön

– dachte zumindest der kleine Fisch.

„Mein Name ist Quatsch“, sagte sich der Fisch, „und das in mehrerlei Hinsicht.

Einerseits ist es Quatsch, so einen Namen zu tragen, andererseits

heiße ich wirklich so.“

Tatsächlich schämte sich Quatsch für seinen Namen, und weil er sich

schämte, spielte er nicht mit den anderen Fischen. Wenn all die Strudelberts,

Stromfrieds, Algenheids und wie seine Brüder und Schwestern in bester

Fischmanier hießen, in der Flussmitte gegen die stärkste Strömung ansurften

oder anderen Wassersport trieben, führte Quatsch im stillen ufernahen Wasser

nachdenkliche Selbstgespräche.

Eines Abends, als die Bäume sich besonders tief über den Bach neigten –

so tief, dass Quatsch für einen Augenblick den Eindruck hatte, sie sögen das

kostbare Wasser nicht mit ihren Wurzeln aus der Erde, sondern schöpften

es mit Zweighänden zu hinter Nadel- und Laubbärten verborgenen Mündern

hinauf –, an einem solchen Abend also klagte der kleine Fisch, trübsinnig vor

sich hin grundelnd: „Ach, ich heiße nicht nur so … Ich bin Quatsch!“

„Schön, dich kennenzulernen!“, gluckste es da – silberhell – hinter ihm. „Ich

bin Mondschuppe!“

Erschrocken schnellte Quatsch herum. Zum Glück steht bei Fischen der

Mund öfter einmal offen – sonst hätte er in diesem Moment kein gutes Bild

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abgegeben. Und das wäre schade gewesen, denn Mondschuppe, die hinter

ihm schwamm, entpuppte sich als bildhübsches Fischmädchen.

Tatsächlich lässt es sich nicht anders ausdrücken, als dass sie ihrem Namen

alle Ehre machte. Jedenfalls starrte Quatsch sie an, als wäre der Mond heute

Abend nicht oben zwischen den Wipfeln des Waldes, sondern unter Wasser,

im Fluss aufgegangen.

„Was glotzt du so?“, fragte Mondschuppe. „Hast du noch nie eine Fischosophie-Studentin

auf Exkursion gesehen?“

„Fischoso – wie?“, blubberte Quatsch.

„Ich bereite ein Referat für die Schule vor und suche dafür nach der Quelle

des Wissens!“, verkündete sie stolz.

Quelle des – wie? Äh, ich meine: Wo – wo soll die denn sein?“

„Na, ich vermute dort, wo eine Quelle immer ist: flussaufwärts!“

„Und wo – nein: Was willst du dort in Erfahrung bringen?“

„Ich will wissen, wo alles herkommt. Möchtest du mich nicht begleiten? Du

wirkst, als ob du auch einige Fragen hättest!“

„Was? Wie? Wo? Nein: Warum? Äh … ich weiß nicht …“, zierte sich

Quatsch.

„Sei doch kein Bitterling! Komm mit!“, rief Mondschuppe.

Sie stupste ihn an, lächelte. Und als Quatsch sie so lächeln sah, schien ihm,

als wäre der Mond heute Abend nicht nur im Fluss, sondern sogar in ihm

selbst aufgegangen. Kurz: Er strahlte. Und so – strahlend – folgte er ihr.

Mondschuppe und Quatsch wanderten den Bach hinauf. Sie schlängelten

sich zwischen Wurzeln hindurch, die ins Flussbett ragten, kämpften sich

durch so manche Stromschnelle, und obwohl Quatsch nicht sehr sportlich

war und Mondschuppe ihn immer wieder einmal über eine seichte Stelle

schieben musste, kamen sie noch vor Einbruch der Dunkelheit dahin, wo sich

laut Mondschuppe Bachforelle und Wasserschnecke Gute Nacht sagten: in

den Wald nämlich, in dem der Schwarzaubach entspringt.

Dort trafen sie freilich weder Bachforelle noch Wasserschnecke – und auch

sonst sah es ganz anders aus, als Mondschuppe angekündigt hatte. Kein

„Tempel des Rauschens“, kein geheimnisvolles „Waldorakel“, und auch die

„silberne Fontäne“, von der sie am „Schwimmnasium“, ihrer Schule, gehört

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hatte, war nirgends zu entdecken. Stattdessen wurde der Bach am Fuß des

Berges so schmal und seicht, dass sie die Schlucht nicht mehr weiter hinaufschwimmen

konnten.

Ratlos planschten sie auf der Stelle. Da begann es in den Blättern der

Schwarzerle, zwischen deren Wurzeln sie geraten waren, mit einem Mal so

heftig zu rascheln, ja, zu rauschen, dass man meinen mochte, sie sei gerade

erwacht und strecke nun ihre Glieder.

Und tatsächlich: Erst wurden die Zweige zu Händen, dann entpuppten sich

die Blätter als Bart, in der Rinde öffnete sich ein Mund und schon sprach eine

tiefe, knarrende Stimme: „Wer kitzelt so spät an meinen Zehenspitzen?“

„Es sind zwei Fischlein, die fast auf dem Trockenen sitzen“, antwortete Mondschuppe.

„Und wer bist du? Der Erlkönig?“

„Hohoho!“, dröhnte die Erle, „nein, ich bin Alnus vom Wald.

Wir sind einer und viele, sind jung und uralt.

Wir sind Bäume und Pilze, sind groß und ganz klein,

wir sind Steine und Tiere, immer im Werden: Es gibt keinen Tod, es gibt nur

etwas ganz Neues sein …

Wir sind so dicht vernetzt, teilen so viele Informationen,

dass wir die Antwort auf die Fragen aller Wesen wissen, die in uns wohnen.

Aber gebt Acht! Ihr habt nur eine einzige Frage frei.

Denn ich muss bald zum Abendessen. Unter der Erde gibt es heute besonders

leckeren Mineralstoffbrei …“

Die beiden Fischlein zappelten aufgeregt vor sich hin. Nun hatten sie das

„Waldorakel“ also tatsächlich gefunden! Aber wer sollte sprechen? Und wie

sollte es ihnen bloß gelingen, mit einem einzigen Versuch die Antworten auf

all ihre Fragen zu bekommen?

Vor lauter Aufregung machte Quatsch just in diesem Moment seinen allerersten

Salto – was hier, in diesem so seichten Wasser, keine gute Idee war.

Er schleuderte sich in die Luft und plumpste erst ein Stück flussaufwärts wieder

zurück ins Bachbett.

Dort freilich floss gar kein Wasser mehr. Stattdessen war die Schlucht mit

schmierigem, schwarzem Schlamm gefüllt: Quatsch, der das klare Wasser

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des Schwarzaubachs gewohnt war, gruselte sich. Zum Glück war der Untergrund

glitschig genug, um ihn flugs zurück ins Wasser unter der Schwarzerle

rutschen zu lassen.

„Iiiih, was war das denn?“, japste er erschrocken, als er neben Mondschuppe

gewassert hatte.

„Danke für eure Frage!“, donnerte das Waldorakel gleich los – und Mondschuppe,

die schöne, außergewöhnlich lange Brustflossen hatte, klatschte

sich eine davon gegen die glatte Stirn. Quatsch hingegen wäre aus Scham

über seine Dummheit am liebsten im Bachbett versunken.

„Das, meine lieben Fischlein“, raunte Alnus in seinen Bart – während er mit

einem Zweig auf den Schlamm deutete, der geheimnisvoll glitzerte – „das ist

der Stoff, aus dem Leben ist.“

„Aus dem was ist? Lehm?!“, unterbrach ihn Mondschuppe.

„Nein: Leben“, grummelte der Baum, „aber, meine kleine Freundin: Leben ist

Lehm. Wir alle sind aus nasser Erde. Das ist etwas, das man nur allzu oft

vergisst …

Wenn Wasser verdunstet, bedeutet das, dass es sich als Dampf zu den Wolken

erhebt,

Wolken sind Wasser, das am Himmel schwebt,

wenn es regnet, seht ihr, wie das Wasser auf die Erde zurückkehrt,

was man nicht sieht: wie es dann langsam im Boden versickert,

tiefer und tiefer, bis zu den unterirdischen Grundwasserseen –

huuh! Haltet still! Es kitzelt so an den Zehen!“

„Entschuldigung …“

„Wenn genug Grundwasser da ist“, fuhr Alnus fort, „steigt es wieder empor

und quillt an besonderen Orten, wie da oben am Sengerberg, aus der Erde

hervor.

Kommt es wieder heraus,

sieht es freilich erst einmal nicht nach viel aus:

Es sind nur ganz schmale feuchte Rinnen,

und doch ist das ganze Leben in ihnen drinnen.“

„Aber ich habe mir eine Quelle immer als silberne Fontäne vorgestellt!“, rief

Mondschuppe.

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„Schon wahr“, brummte der Baum, „wenn es stark regnet, dann sprudelt die

Quelle!

Doch das wird selten beobachtet. Denn wenn es stark regnet, ist hier auch

niemand zur Stelle …

Nein, nein: Meist sieht man nur Schlamm. Doch der ist die Schmiere

im großen Kreislauf des Wassers, ohne den wir nicht hier wären.

Und so, wie wir ihn brauchen, braucht er auch uns,

der Wald mit seinen Milliarden Lebensformen speichert und säubert das

Wasser – auch eine Kunst!

Tröpfchen für Tröpfchen, Perle für Perle

tanzt das Wasser um und in und mit uns allen: vom kleinsten Wasserfloh bis

zur größten, mächtigsten Erle.

Und am Anfang ist der Schlamm, aus ihm wächst alles hervor,

der Fluss und der Wald mit seinem Vögelchen-Chor.

Es gäbe uns alle nicht – ohne das bisschen Matsch.

Wir nennen ihn übrigens liebevoll ,Quatsch‘.“

Mondschuppe fuhr überrascht zu ihrem Freund herum. Der aber plapperte

verblüfft drauflos: „Aber, aber … Quatsch heißt doch auch Unsinn!“ Und etwas

verschämt fügte er hinzu: „Denken Sie etwa an das Schimpfwort

,Quatschkopf‘, lieber Erlenonkel.“

Alnus schmunzelte: „Wir Weisen sagen statt ,quatschen‘ lieber ,dichten‘!

Denn jede Quelle ist auch eine Quelle von Geschichten.

Ohne Wasser kein Leben, aber ohne Geschichten wäre das Leben leer.

,Quatsch‘ ist die Antwort, da kommt alles her.“

„Wow, deine Eltern haben dich nach der Quelle benannt!“, rief Mondschuppe

begeistert, nachdem das Orakel verstummt war (man hörte nur noch hingebungsvolles

Schmatzen aus der Erde). „Was für ein schöner Name!“

„Und du hast erfahren“, sagte Quatsch, „wo alles herkommt. Aus dem Gatsch

da drüben!“

Begeistert schaute er aus dem Wasser. Nun sah er die schmale, silbern glitzernde

Bahn, die sich vom Sengerberg die Schlucht hinunterzog, mit ganz

anderen Augen.

Quatsch“, korrigierte ihn Mondschuppe leise.

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Quatsch schaute sie an. Ihre Schuppen schimmerten im Mondlicht wie der

Schlamm dort oben, sprich: wie das Leben …

„Ach, Mondschuppe“, antwortete Quatsch ebenso leise.

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FRÜHSTÜCK AM UFER

ODER

DAS WASSER MACHT DIE ARBEIT

Es war ein richtiger Sommermorgen – dabei war gar nicht Sommer. Der

kleine Fisch Quatsch und seine Freundin Mondschuppe ließen sich nebeneinander

flussabwärts treiben. Quatsch hatte gefragt, ob er Mondschuppe

auf ihrem Weg nach Hause, zur Flussmündung, begleiten dürfe – und sie

hatte eingewilligt. Die Morgensonne erstrahlte über dem Schwarzaubach,

Mondschuppe strahlte Quatsch an, und Quatsch strahlte zu Mondschuppe

hinüber.

Da Fische aber mit offenen Augen schlafen, ist es immer schwierig zu sagen,

ob sie gerade tatsächlich wach sind oder nicht nur so aussehen. Und ganz

besonders gilt das für einen Fisch wie Quatsch, der dazu neigte, auch dann,

wenn er wach war, vor sich hin zu träumen.

Quatsch?“, fragte Mondschuppe also, und als er nicht antwortete, gleich

noch einmal, dringender: „Qua-atsch?!“

Aber da war es schon zu spät. „DONG!“, machte es, und schon war Quatsch

mit dem Kopf voraus in ein braunes, klobiges Etwas gedonnert, das da behäbig

im Weg herumschwamm.

„Was für ein Quatsch!“, rief Mondschuppe. „Du Armer!“

Quatsch aber wirkte gar nicht so arm. Er schaute nur verdattert, leckte sich

die Lippen und machte: „Mmh, das schmeckt!“

„Lippen weg, das ist mein Brot!“, klapperte da eine blecherne Stimme. Erst

jetzt sahen sie, dass das Hindernis, mit dem Quatsch kollidiert war, nicht von

selbst gegen den Strom schwamm. Nein, da war ein rotbrauner Edelkrebs

am Werk, der es mit seinen mächtigen Scheren fest hielt und Richtung Ufer

zog.

„So- äh, sorry“, stotterte Quatsch, „ich bin etwas ver-, vertr-“

„Vertrottelt – ja, das habe ich gemerkt“, schimpfte der Krebs.

„Nein, er ist verträumt!“, machte sich Mondschuppe für ihren Freund stark.

„Und außerdem: Wer kann denn bitteschön damit rechnen, dass am helllichten

Morgen ein nachtaktives Tier wie Sie so eine Ladung mitten auf der

Schwimmspur transportiert – noch dazu gegen die Einbahn!“

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„Nun ja, ich bin ein bisschen spät dran … Das Ding ist so schwer!“

„Kein Problem, wir helfen Ihnen!“, rief Quatsch, der nicht nachtragend war.

Der Krebs zog vom Ufer her, die Fische schoben von der Flussmitte, und in

null Komma Zobel steckte das Brot in der Wohnhöhle des Krebses. Genauer

gesagt: Es füllte sie ganz aus.

„Perfekt!“, meinte der Krebs.

Mondschuppe fragte ihn hingegen spöttisch: „Und? Wo haben Sie vor, heute

zu schlafen, gnädiger Krebs? Die Höhle haben Sie sich jetzt ja verstopft.“

„Stimmt, hm, hm …“

Wieder mürrisch geworden, kratzte sich der Krebs mit vier oder fünf seiner

acht Laufbeine am Hinterpanzer. Dann aber verzog er seine Antennen zu

einem Lächeln: „Ich hab’s!“

Er zückte seine Scheren, schnitt zwei große Brocken aus dem Wecken, verteilte

sie und schon hatte er nicht nur genug Platz in der Höhle, sondern auch

zwei neue Freunde gewonnen. Erfreut leisteten ihm die beiden Fischlein bei

seinem Betthupferl (und ihrem Frühstück) Gesellschaft.

„Schag mal, lieber Krebsch“, begann Quatsch mit vollem Mund.

„Mein Name ist Astacus“, unterbrach ihn dieser. „Astacus Astacus, um genau

zu sein. Aber ihr dürft mich selbstverständlich einfach Astacus nennen“. Er

lächelte gönnerhaft, während er für jeden eine zweite Portion abschnippelte.

„Schag mal, Aschtacusch“, nuschelte Quatsch weiter, „was ischt dasch eigentlisch

für‘n gut‘sch Holz, dasch wir da naschen?“

„Ach herrje!“ Astacus grinste. „Kommt ihr denn etwa frisch aus dem Larvengarten?

Das ist doch kein Holz. Das ist Brot!“

„Brot?“

„Ja, Brot! Das Lieblingsfutter der Menschen!“

„Menschen? Wasch’n dasch?!“ Quatsch schaute verdutzt.

„Das weiß ich!“, rief Mondschuppe. Sie zeigte auf, als wäre sie noch in der

Flussschule. Mit erhobener Brustflosse betete sie beflissen herunter: „Menschen

sind eine pelzlose Unterart der Biber. Sie kommen selten ins Wasser

und können auch nur sehr schlecht schwimmen.“

„So ungefähr“, entgegnete Astacus. „Andererseits sind diese Menschen, wie

die richtigen Biber, gute Baumeister. Natürlich bauen sie keine komplizierten

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Biberburgen mit Damm, Wohnkessel, Spielröhren usw. Aber sie können etwas

anderes: Wasserräder. Und damit machen sie Brot.“

Quatsch staunte. „Du meinst also, wenn ich nur oft genug im Wasser ein Rad

schlage, kommt am Ende so etwas Köstliches aus mir heraus?“

„Nein!“ Astacus verdrehte die Stielaugen. „Wasserräder sind aus Holz gebaute,

runde Dinger, die am Ufer befestigt sind und vom Wasser im Kreis

gedreht werden. Sie nutzen die Kraft des Wassers, um damit andere Werkzeuge,

die mit dem Rad durch ein paar Stangen verbunden sind, in Betrieb

zu setzen.

So, wie ihr euch vom Wasser treiben lässt, um nicht selbst schwimmen zu

müssen, treibt das Wasser dann also etwa eine ganze Mühle ganz von alleine

an. Es ist so stark wie fünf, sechs Pferde oder, umgerechnet, an die

dreißig Hechte. Die Wasserkraft setzt große Steine in Bewegung, die Getreide

zu Mehl zerreiben. Dieses Mehl vermischen die Menschen dann mit

Wasser und machen daraus Brot.“

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„Poah, diese Menschen sind ja wirklich fast so schlau wie richtige Biber!“,

staunte Quatsch.

„Und ich nehme an“, bemerkte Mondschuppe, die sich selbst für (mindestens!)

genauso schlau hielt wie die Biber, „dass die Menschen, wie die richtigen

Biber, das Holz für ihr Wasserrad mit den Zähnen zurechtknabbern?“

„Nee, so was haben sie leider nicht drauf“, korrigierte sie Astacus.

„Um das Holz zu zerkleinern, verwenden sie ein anderes Werkzeug. Es ist

zwar bei Weitem nicht so praktisch wie unsere Scheren, funktioniert aber

ähnlich. Es heißt Säge. Übrigens: Früher wurden auch Sägen oft durch Wasserräder

angetrieben. Das hieß dann Sägemühle. Gleich da drüben stand

eine. Mein Ururgroßonkel hat sie noch erlebt.“

„Gleich hier? Unglaublich!“ Quatsch war begeistert. Sofort sah er das Wasserrad

vor sich, seine Schaufeln, die wieder und wieder durchs Wasser

schwangen, hörte es knarren und rumpeln, während im Inneren der Sägemühle

kleinere Räder, Riemen, Stangen und allerlei Mechanismen in Bewegung

gesetzt wurden, die scharfe, vielzackige Säge auf und ab ratschte und

ein Holzbrett nach dem anderen zurechtschnitt. Und das alles wurde angetrieben

vom Fluss, seiner Strömung, das alles verdankten die Menschen dem

bisschen Schlamm da oben am Sengerberg, dem –

„Qua-atsch?“

„Hm? Ja, bitte?“

„Was sagst du zu dem Witz?“ Mondschuppe schien ratlos.

„Welcher Elritze?“

„Ach, pass doch auf. Was sagst du zu dem Witz von Astacus! Kannst du ihn

noch einmal erzählen, bitte, Astacus? Quatsch hat ihn wohl nicht gehört. Er

ist manchmal ein bisschen vert-“

„Vertieft, ich weiß“, schmunzelte Astacus. „Nun, mein Ururgroßonkel – der

vielleicht auch mein Urururgroßonkel war, so genau weiß das keiner – mein

alter Onkel Eddie also, ein richtiger Urzeitkrebs, hat immer diesen Witz erzählt.

Angeblich hat er ihn von den Menschen in der Sägemühle. Er geht so:“

Astacus reckte seine eine Scherenhand in die Höhe, streckte die beiden

Scheren auseinander und plärrte: „Fünf Brote für die Sägemühle, bitte!“

„Verstehe ich nicht.“ Quatsch war ratlos wie Mondschuppe.

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„Schade.“ Astacus wirkte enttäuscht. „Eddie hat ihn auch nie kapiert. Von mir

ganz zu schweigen. Seit Generationen zerbrechen wir uns darüber den

Schädelpanzer!“

„Da sieht man, dass die Menschen doch nicht so schlau sind wie die Biber –

oder so manch anderes Wassertier“, meinte Mondschuppe.

„Jedenfalls fehlt ihnen unser Sinn für Humor“, stimmte Astacus zu. Er gähnte.

„Nun, meine Lieben, es war eine lange Nacht …“

Ein paar Drehungen des von Quatsch herbeigeträumten Wasserrads später

hatte sich der Krebs in seiner Brothöhle verkrochen und unsere beiden Fischfreunde

schwammen wieder flussabwärts. Besser gesagt: Sie ließen sich

treiben. Mit vollem Bauch ging das besonders gut.

Die Morgensonne erstrahlte über dem Schwarzaubach, Mondschuppe

strahlte Quatsch an und Quatsch strahlte zu Mondschuppe hinüber.

„Qua-atsch?“, fragte diese.

„…“

„Bist du wach oder träumst du?“

„Ich bin wach, aber ich träume.“

„Und was träumst du?“

„Ich träume, dass ich mit meinem absoluten Lieblingsfisch meinen absoluten

Lieblingsbach hinunterreise …“

„Dann ist ja gut“, lächelte Mondschuppe, „denn ich träume dasselbe.“

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WASSERMUSIK

ODER

DAS TAL DER GUTEN ERDE

Der kleine Fisch Quatsch und seine Freundin Mondschuppe schwammen

den Schwarzaubach hinunter. Das Wasser durchquerte einen Tunnel und

floss dann an Feldern, einer Holzhütte und schließlich auch an Einfamilienhäusern

vorbei. Das alles hatten Menschen erbaut, und die beiden Fischlein

staunten nicht schlecht, als hinter den Zweigen der Böschungsbäume auch

noch die Cafés, Greißler und Gasthäuser von Kirchbach auftauchten.

Nur die Baumeister selbst hatte Quatsch noch nicht zu Gesicht bekommen.

Mit offenen Augen vor sich hinträumend malte er sich aus, wie nett es wohl

wäre, sich mit einem dieser Menschentiere zu unterhalten – wer weiß, vielleicht

könnte dieses auch für Mondschuppe und ihn so ein Häuschen bauen,

freilich unter Wasser? Da spürte Quatsch mit einem Mal eine Bewegung über

sich. Er schaute hoch: Tatsächlich, da schwamm so ein Mensch, und das

direkt über ihnen!

Das Menschlein sah genauso aus, wie man es Quatsch beschrieben hatte:

keine Schuppen, kein Pelz, kräftige Beine, eher mickrige Ärmchen, großer

Kopf, breites Maul, weißer Bauch und sonst von oben bis unten, abgesehen

von ein paar dunkleren Punkten, knallgrün. Grün?

„Qua-atsch?“, fragte Mondschuppe.

„Ja?“

„Was starrst du denn den armen Frosch so an?“

„Oh … klar. Ein Frosch. Natürlich … Hallo, Frau Frosch!“

Die Froschdame verlangsamte ihre Schwimmtempi und schaute nach unten.

„Guten Quak“, machte sie. Dann sprachen sie und Mondschuppe zugleich:

„Seid ihr neu im Zerlachbach?“, fragte die Fröschin.

„Bist du neu im Schwarzaubach?“, fragte Mondschuppe.

Beide schwiegen verdutzt, bevor sie – wieder gleichzeitig! – loslegten.

„Ja, wir kommen von der Quelle“, sagte Mondschuppe, und:

„Ja, ich komme aus dem Ochsenteich drüben“, sagte der Frosch.

Wieder verstummten sie verdattert. Schließlich brach Quatsch das Schweigen.

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„Dann bist du also ein Ochsenfrosch!“, sagte er.

Da mussten die anderen beiden lachen.

„Mein Name ist Rana“, erzählte die Froschdame später, als sie es sich im

Uferschlamm gemütlich gemacht hatte. „Und ich bin kein Ochsen-, sondern

ein richtiger Teichfrosch.

Seht ihr den schönen alten Kirchturm dort? Gleich daneben ist mein Zuhause,

der Ochsenteich.“

„Wohnen im Ochsenteich denn viele Ochsen?“, fragte Quatsch.

„Ach, Quatsch!“, ereiferte sich Mondschuppe. „Ochsen sind doch keine Wassertiere!“

„Sondern?“

Nur allzu gern gab Mondschuppe ihr Wissen aus dem Schwimmnasium weiter:

„Ochsen sind Stiere, die keine Kinder kriegen. Wie alle Kühe sind sie eine

Art Hirsch. Nur größer, dicker und mit kürzeren Geweihen. Dafür haben sie

sehr lange Zungen. Stell dir vor, sie können damit in ihren eigenen Nasen

bohren!“

„So ungefähr“, nickte Rana. „Wobei wir Frösche natürlich noch längere Zungen

haben. Unsere reichen sogar bis zu den Nasen anderer … Wie dem

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auch sei. Früher, als die Ochsen noch auf den Feldern der Menschen arbeiteten,

haben sie immer aus dem Teich neben dem Kirchhof getrunken. Deshalb:

Ochsenteich.“

„Mussten die Ochsen etwa für die Menschen arbeiten?“, fragte Quatsch.

Nur allzu gern gab Rana ihr Wissen aus der HTL, der Höheren Teich-Lehranstalt,

weiter: „Nein, umgekehrt! Die Ochsen sind sehr klug, und so …“

„So klug wie die Biber?!“, unterbrach sie Mondschuppe.

„Fast so klug“, entgegnete Rana. „Jedenfalls sind sie klüger als Menschen.

Und deshalb lassen sie seit jeher die Menschen die schwere Arbeit für sich

verrichten. So mussten die Menschen früher etwa hinter den Ochsen herlaufen

und die scharfen Pflüge lenken, die diese über die Felder zogen.“

„Warum das denn?“, fragte Mondschuppe.

„So wurde die Erde umgegraben, damit darin genug Ochsenfutter wachsen

konnte – Gras und Kräuter, aber auch Mais, Rüben, Karotten und so“, erwiderte

Rana.

„Wächst das denn nicht überall von selbst?“

„Nicht wirklich. Wir haben zwar großes Glück mit unserer Gegend. Wir leben

in einem Tal, einem Graben in der Landschaft, den der Bach in vielen, vielen

Jahrtausenden gegraben hat. Durch das Wasser aus dem Bach ist unsere

Erde fruchtbar, und Getreide und andere Pflanzen gedeihen hier prächtig –

wie man an den vielen Feldern sieht. Aber man muss sich darum kümmern.

Umgraben, die richtigen Samen zum richtigen Zeitpunkt säen, Unkraut entfernen,

den Boden nicht überfordern, düngen …“

„Dünn gehen? Aber wohin denn?“, fragte Quatsch ratlos. „Außerdem dachte

ich, Kühe sind eher dick?‘“

Rana schmunzelte. „Düngen heißt, Pflanzen mit zusätzlichen Nährstoffen

beim Wachsen zu helfen. Solche Stoffe finden sich etwa im Aa von Kühen.

Die Menschen sammeln es ein und verteilen es dann auf den Feldern. Wie

gesagt: Sie sind es, die auf den Bauernhöfen die unangenehme Arbeit verrichten

müssen.“

„Puh, Menschen und Kühe gehen ja wirklich durch dick und dünn miteinander!“,

rief Quatsch.

Mondschuppe aber erschrak: „Wird denn da nicht alles ganz schmutzig?“

Die Jauche riecht übel, ist aber gut für die Erde. Nur in unser Flusswasser

darf sie natürlich nicht gelangen. Das ist sogar sehr gefährlich. Besonders

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für euch Fische. Deshalb ist es wichtig, dass die Felder nicht zu nahe an den

Bach heranreichen.“

Mondschuppe nickte ernst, Quatsch aber dachte noch an die Ochsen früherer

Zeiten. Was heißt da, er dachte … Er sah sie richtig vor sich: mächtige,

von Hörnern gekrönte Gestalten, die über endlose Felder zogen, immer gefolgt

von ein paar Menschen, die den Dreck hinter ihnen wegräumten … So

schritten sie ihr Reich ab, besichtigten ihren üppig sprießenden Reichtum.

Und das alles erwuchs aus der feuchten Talerde, das alles verdankten die

Ochsenkönige dem bisschen Schlamm da oben am Sengerberg, dem –

„Qua-atsch?“ Mondschuppes helle Stimme riss Quatsch aus seinem Tagtraum.

„Ja?“

„Rana muss nach Hause, möchtest du sie noch etwas fragen?“

„Ja! Wo sind denn die Ochsen heute?“

„Ach, die haben sich ins Privatleben zurückgezogen. Heute arbeiten die Menschen

mit Maschinen auf den Feldern. Kühe, Stiere und Ochsen kommen

nur noch auf die Weiden, um zu grasen.“

„Und sonst machen sie nichts?“

„Doch! Aus der Entfernung ist es zwar schwer zu sagen, aber mir scheint,

dass sie dasselbe Hobby haben wie wir, die Frösche.“

„Mit der Zunge in der Nase bohren?“

Rana verdrehte die Augen: „Nein! Du hast doch bestimmt schon einmal

abends die berühmte Wassermusik unserer Weiher-Sängerknaben gehört.

Die Kühe machen etwas Ähnliches.“

„Sie quaken also auch?“

„Nein, sie muhen! Das ist ihre Art, die Schönheit unseres Tals zu besingen.“

„Jetzt verstehe ich.“ Quatsch war begeistert. „Deshalb heißt es also Muh-sik!“

Rana hüpfte zurück zum Ochsenteich, Mondschuppe und Quatsch aber setzten

ihre Reise fort und schwammen, Flosse an Flosse, den Schwarzaubach

hinunter.

„Ach, Mondschuppe“, sagte Quatsch verträumt, und Mondschuppe antwortete:

„Ach, Quack – äh, Quatsch … Ach, Quatsch!“

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Da musste Quatsch furchtbar lachen, und Mondschuppe, die selbst kicherte,

zeigte ihm die Zunge.

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AUWIESENGLÜCK

ODER

VON BIENEN UND HECHTEN

Kurz nach Kirchbach mündet der Dörflabach in den Schwarzaubach. Als der

kleine Fisch Quatsch und seine Freundin Mondschuppe am Zusammenfluss

vorbeischwammen, blubberten sie neugierig.

„Frischwasser!“, sagte Mondschuppe – so wie ein Mensch sagen würde:

„Frischluft!“

Sie glitten knapp unter der Wasseroberfläche hoch über ein paar herumgrundelnden

Bachschmerlen dahin, als vor ihnen Unruhe ausbrach.

„Hilfe! Hilfe!“

Ein Insekt war ins Wasser gefallen und trieb nun, hilflos strampelnd, auf dem

Bach. Wenn jetzt nur kein Raubfisch auftauchte! Quatsch spürte in seiner

Seitenlinie, dem Organ, mit dem Fische Bewegungen im Wasser wahrnehmen,

dass von hinten etwas sehr Großes näherrauschte. Tatsächlich: ein

Hecht!

Fieberhaft überlegte Quatsch, wie er den bissigen Räuber, der viel größer

war als er selbst, davon abbringen könnte, das arme Krabbeltier zu verschmausen.

Mit Argumenten? Einer lustigen Geschichte zur Ablenkung?

Während er noch überlegte, ob denn vielleicht der Hecht den Witz mit der

Sägemühle verstehen würde, hatte Mondschuppe schon gehandelt.

Sie rauschte herum und rief: „Fangzähne weg! Bürstenzähne auch! Der

Brummer gehört uns!“

Der Hecht aber grinste nur schmallippig: „Hinter dem bin ich doch gar nicht

her. Heute ist Freitag. Und Freitag ist Fischtag, hehe!“

Er funkelte sie gierig an. Da schnellte Quatsch schützend vor seine Freundin:

„Bevor du Mondschuppe kriegst, musst du erst einmal mich fressen!“

Der Hecht kicherte: „Und warum sollte ich das nicht tun?“

„Weil ich … ich …“

„Na?!“ Der Räuber schob sich ein Stück näher.

„Ich habe viele Gräten!“

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„Iiiiih …“ Der Hecht verzog sein Maul. „Ich hasse Gräten. Die sind so spitz

und ich habe empfindliches Zahnfleisch … Ihr beide habt mir wirklich den

Appetit verdorben.“

Kopfschüttelnd drehte er ab und schwamm davon.

Mondschuppe und Quatsch aber strahlten sich an.

„Du warst ja tapfer!“, lachten sie gleichzeitig.

„Nun lass uns aber dem Krabbler helfen!“, sagte Mondschuppe.

Sie fuhr mit dem Kopf vorsichtig unter das zappelnde Ding, während Quatsch

ein Erlenblatt, das auf dem Wasser trieb, näher schob. Gleich darauf saß das

Insekt auf dem Rettungsblatt, und Quatsch lenkte es zum stilleren Wasser in

Ufernähe, wo es sich von der Sonne trocknen ließ. Die Fischlein betrachteten

es neugierig. Das Tierchen hatte ein dunkles Köpfchen, dunkle Beinchen,

einen pelzigen, goldbraun-gelb-gestreiften Körper, und als es seine kurzen,

durchsichtigen Flügel ausprobierte, ertönte ein kräftiges Summen. Dieses

nahm Quatsch zum Anlass, auch einmal sein Wissen aus der Fischvolksschule

vorzubringen. Leider hatte er dort nie sonderlich gut aufgepasst …

„Es will mir scheinen“, sagte er betont gelehrt, „dieses Exemplar ist ein so

genannter Summand.“

Quatsch!“ Mondschuppe verdrehte die Augen. „Du sprichst von Additionen

– das hier ist aber eine Honigbiene!“

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„Stimmt!“, summte das Tierchen. „Ich bin Apis, eine Arbeiterin. Mein Volk hat

seinen Stock hinter der schönen Blumenwiese dort. Seht ihr sie? Gleich bei

den Sitzbänken. Auf der Wiese bin ich den ganzen Tag unterwegs. Aber

heute war ich durstig. Und als ich zum Fluss gekommen bin, um aus der

nassen Erde am Ufer ein bisschen Feuchtigkeit aufzusaugen, hat mich ein

Windstoß ins Wasser geblasen. Zum Glück seid ihr vorbeigekommen.“

„Und woraus besteht deine Arbeit?“, fragte Quatsch, der sich klüger gab, als

er war. „Ziehst du den Pflug über die Wiese?“

Quatsch, du Nerfling!“, empörte Mondschuppe wieder. „Honigbienen machen,

wie ihr Name schon sagt, Honig! Dazu sammeln sie Nektar und Honigtau

aus allerlei Blüten. Da sie dabei auch Blütenstaub von einer Blüte zur

anderen tragen, sind sie ungemein wichtig für den Kreislauf der Natur.

Schließlich kann aus dem Samen nur dann eine neue Pflanze wachsen,

wenn zuvor Blütenstaub aus zwei verschiedenen Blüten zusammenkommt.“

„Ja“, summte das Bienchen stolz, „wir sind wirklich ungemein wichtig! Wir

bestäuben die Blüten. Ohne uns gäbe es nicht nur keinen Honig, sondern

auch keine Blumen. Kein Obst. Kein Gemüse. Und kaum noch Getreide.

Viele Pflanzen und ihre Früchte, die für zahllose Wesen überlebenswichtig

sind, würden ohne uns einfach von der Welt verschwinden!“

Quatsch aber fand, dass das mickrige Krabbeltier sich allzu sehr aufspielte.

„Tja“, sagte er neunmalklug, „und ohne die Blumen gäbe es euch nicht. So

sind wir eben alle, jede und jeder auf seinem Platz, ungemein wichtig. Wir

Fische halten zum Beispiel das Wasser sauber. Und ohne das Wasser, in

dem wir da schwimmen, gäbe es erst recht keine Pflanzen. Von deiner Wiese

ganz zu schweigen!“

„Wir alle wissen, wie wichtig du bist, Quatsch“, besänftigte ihn Mondschuppe

lächelnd. „Und dass, ohne das bisschen Quatsch, das da oben aus dem

Sengerberg quillt, hier unten gar nichts wachsen könnte, wissen wir auch

schon. So spielt alles zusammen. Und wenn wir alle mitspielen und zusammenhelfen,

ergibt das eben mehr als die Summe der einzelnen –“

„Summanden!“, fiel Quatsch ihr zufrieden ins Wort.

„Äh, ja, so ungefähr“, kicherte Mondschuppe.

„Leider verstehen das aber nicht alle“, sagte die Biene traurig. „Die Blumen

etwa sind hilfsbereit: Sie blühen in leuchtenden Farben, damit wir sie leicht

finden können. Aber die Menschen!“

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Die Menschen – schon wieder?!“, rief Quatsch. „Was tun sie?“

„Nun“, antwortete Apis, „es ist in Ordnung, dass sie auch von unserem Honig

essen – ihre Imker tauschen ja Zuckerwasser dafür ein. Aber warum helfen

sie uns dann nicht, sondern bekämpfen uns?“

„Sie kämpfen gegen euch?!“

„Ja, sie spritzen Gift auf ihre Pflanzen, so dass wir davon krank werden. Außerdem

schneiden sie die Wiesen um ihre Häuser ganz kurz ab: ihre Rasenmähroboter

töten noch die kleinste Blüte. Und dann wundern sie sich darüber,

dass es nur noch wenige Insekten gibt. Oder sie fragen sich, wo die

Vögel bleiben – dabei ist das doch klar: Vögel fressen Insekten, und ohne

die einen fehlen auch die anderen. Oder sie beklagen sich, weil in ihren Gärten

keine anderen Tiere mehr herumkriechen als Nacktschnecken. Die mögen

sie aber nicht, weil sie ihr Gemüse wegfressen. Woher kommen die vielen

Nacktschnecken, jammern sie, woher nur? Bestimmt von weit weg, aus

dem Ausland! Aber nein, ihr Narren, sie kommen aus euren eigenen Gärten!

Dort gefällt es den Vielfraßen, die schleimiger sind als eure Schlammpeitzger,

nämlich am besten. Und warum? Weil alle anderen Tiere, welche die

natürlichen Feinde der Schnecken wären, von dort vertrieben worden sind!“

Die Biene hatte sich in Rage geredet. Ihr Stachel zuckte.

„Woher weißt du denn, worüber die Menschen sprechen?“, fragte Mondschuppe

teilnahmsvoll.

„Nun, ich höre ihnen oft zu, wenn sie auf den Sitzbänken neben unserer

Wiese sitzen. Dann freuen sie sich über die Blumen und uns Bienchen. Aber

bei sich zuhause verhalten sie sich so, als ob sie uns hassten. Diese Menschen

sind wirklich seltsame Tiere.“

Sie schwiegen. Dann aber rief Apis: „Na ja, was soll man machen. Wir können

das alles nicht ändern. Ich bin jetzt jedenfalls trocken und habe heute

noch viel Arbeit vor mir! Vielen Dank für eure Hilfe!“

Sie schlug mit ihren beiden Flügelpaaren und summte davon.

Quatsch und Mondschuppe aber schwammen nachdenklich weiter.

„Weißt du noch, als wir glaubten, die Menschen wären wie die Biber?“, sagte

Mondschuppe nachdenklich. „Jetzt erinnern sie mich aber eher an Hechte.

Und das finde ich irgendwie gruselig.“

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„Keine Angst, mit Hechten werde ich fertig!“, rief Quatsch. „Und außerdem:

Ich bin ja selbst eine Art Hecht.“

Mondschuppe erschrak: „Du?! Warum das denn?“

„Weil ich dich zum Fressen gern habe“, grinste Quatsch.

„Ach, Quatsch“, seufzte Mondschuppe – aber auf ihrem zarten Gesicht

blinkte ein Lächeln.

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ALARM IM ALTARM

ODER

DER BEGRADIGTE FLUSS

„Wie kann man sich denn nur in einem Fluss verirren!“, schimpfte das Fischmädchen

Mondschuppe. „Das kommt davon, wenn man einem Träumer wie

dir die Führungsarbeit überlässt!“

Sie schaute so finster drein, wie es ihr, die ein sehr zartes Gesicht hatte, nur

möglich war. Mürrisch schwamm sie hinter ihrem Freund Quatsch her. Der

freilich planschte planlos und panisch mit hochrotem Kopf im Kreis herum.

„Es tut mir so leid … Ich habe doch aufgepasst! Was weiß denn ich, warum

der Bach auf einmal wieder seichter geworden ist“, japste er.

„Tja, es sieht wirklich so aus, als wären wir wieder flussaufwärts geschwommen!“,

bemerkte seine Freundin schnippisch.

„Aber das kann doch nicht sein … Hier waren wir noch nie! Außerdem: Wir

sind immer mit der Fließrichtung geschwommen.“

Ratlos schaute sich Quatsch um.

Da ertönte ein dünnes Stimmchen von oben: „Hihihihi! Ihr seid tatsächlich

gegen den Strom geschwommen! Aber gegen den Strom der Zeit! Ihr Gegen-

Strömer! Hihihi!“

„Nanu, wer spricht da?! Bist du ein höheres Wesen?“, rief Quatsch in heller

Aufregung. „Errette uns!“

„Ach, Quatsch …“ Mondschuppe schüttelte den Kopf. „Das ist kein höheres

Wesen, höchstens eines mit hoher Stimme. Schau doch genau hin, es ist die

Stechmücke da oben!“

Tatsächlich: Über dem Wasser schwebte, kaum sichtbar wie ein Geist, eine

Gelse mit langem Rüssel. Sie setzte sich an den Rand des Brückleins, das

dort über den Bach führte.

„Ihr seid ja vielleicht lustige Fische!“, sirrte sie. „Verschwimmt euch in einem

Fluss. Aber fürchtet euch nicht. Ihr habt einfach die falsche Abzweigung genommen.“

„Aber das geht doch gar nicht“, wandte Mondschuppe ein. „Ein Bach hat doch

keine Abzweigungen!“

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„Na ja, eigentlich schon. Früher floss der Schwarzaubach auch hier, in der

Gegend von Wolfsberg, nicht nur in einem Bett, sondern gleich in mehreren.

Je nach Wasserstand waren diese einmal voller und einmal ganz leer. Dazwischen

und rundherum gab es feuchte Wiesen und Sümpfe. Später wurde

das Flussbett dann gerader und tiefer gemacht, das meiste Wasser fließt

jetzt an Wolfsberg vorbei. Ihr beide aber seid in den alten Flussarm eingebogen,

schwimmt nun dort, wo sich der ganze Bach früher einmal befand –

deshalb seid ihr in der Zeit zurückgereist, hihi!“

„Aha“, machte Quatsch verblüfft. „Aber warum hat man den Verlauf des Flusses

überhaupt verändert?“

„Eine Begradigung oder Regulierung hat mehrere Vorteile. Wenn die Sümpfe

verschwinden, bleibt danach einfach mehr Land übrig, auf dem Getreide und

andere essbare Pflanzen wachsen oder Häuser gebaut werden können.

Wenn das Wasser in einem ganz geraden, tieferen Flussbett fließt, schießt

es auch schneller dahin, und man kann es besser dazu nutzen, Mühlen anzutreiben

oder Schmutz wegzutransportieren.“

„Getreide? Häuser? Mühlen? Schmutz? Stecken da etwa wieder die Menschen

dahinter?!“, fragte Mondschuppe stirnrunzelnd.

„Ja, genau.“

„Siehst du, ich kann gar nichts dafür, dass wir uns verirrt haben!“, rief

Quatsch. „Schuld sind wieder diese dummen Menschen!“

„Schimpft bitte nicht über die Menschen!“, piepste die Gelse aufgeregt. „Es

stimmt zwar, dass ihre Regierungen, äh, Regulierungen nicht immer nur Kluges

bewirken. So haben etwa viele Tiere, die im Sumpf zuhause waren,

dadurch ihren Lebensraum verloren. Auch gibt es seither öfter Hochwasser,

weil der Fluss weniger Platz hat. Trotzdem lasse ich über die Menschen

nichts kommen.“

„Warum?!“

„Erstens haben sie bei der Begradigung des Flusses auch nur aus der Not

heraus gehandelt. Damals ging es ihnen selbst nicht besonders gut. Sie hatten

Hunger, sie brauchten das trockene Land, um ihre Nahrung anzubauen.“

„Und zweitens?“

„Zweitens haben sie den alten Arm des Bachs erhalten. Das ist wichtig für

Tiere wie den Kammmolch oder den Moorfrosch. Vor allem aber schützt es

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uns alle bei Hochwasser. Denn dann kann der Fluss hierher ausweichen und

tritt nicht gleich über die Ufer.“

„Und drittens?“

„Drittens sind sie meine Lieblingsspeise …“

„Was?! Du frisst Menschen!“ Quatsch war baff. „Ich dachte, sie wären größer

als Biber! Wie kann ein Knirps wie du solche Riesen verschlingen?“

„Hihihi, ich fresse sie doch nicht! Ich trinke aus ihnen. Ich stecke meinen

Rüssel durch ihre Haut, denn“ – an dieser Stelle geriet die Gelse ins Schwärmen

– „ihr Blut schmeckt ausgezeichnet: unheimlich dunkel, fast schwarz ist

es, aber in der Nase überrascht es mit einer frischen Frucht, ist warm, süßlich,

angenehm weich mit einer erfrischenden –“

„Und die lassen das einfach zu?“, unterbrach sie Quatsch.

„Wie meinen? Oh ja. Ich denke sogar, dass es ihnen gefällt. Das ist zwar

schwer zu sagen bei so großen, unendlich langsamen Tölpeln, aber mir

scheint, dass sie mir oft freundlich zuwinken oder vor Freude in die Hände

klatschen.“

„Also, aus den Menschen werde ich einfach nicht schlau.“

„Man muss aus ihnen auch nicht schlau werden, nur satt!“

Plötzlich ertönte ein schrilles Surren, eine Art Sirene …

„Was ist das?!“, erschraken die Fischlein.

„Das ist der Menschenalarm!“, antwortete die Gelse begeistert. „Meine

Schwestern fliegen alle los, deshalb summt es so laut. Wir fliegen zu dem

Sportgerät da drüben, beim Verweilplatzerl. Ich kann riechen, dass dort ein

Mensch angekommen ist, und“ – sie schnüffelte – „er hat sogar begonnen zu

turnen. Mmmh, aufgewärmt schmecken sie besonders lecker!“

Die Mücke klappte ihre Flügel aus, stieg auch auf … Quatsch aber rief ihr

hinterher: „He, du hast uns noch nicht gar verraten, wie wir zum richtigen

Schwarzaubach zurückkommen!“

„Einfach immer der Nase nach! Hihi! Guten Schwimm!“

Und schon summte sie davon.

„Der Nase nach“, grummelte Quatsch. „Aber welcher Nase? Ihrer? Meiner?

Oder meint sie womöglich den Fisch namens Nase, du weißt schon, den

Näsling?!“

„Ach, Quatsch“, lächelte Mondschuppe. „Das Beste wird wohl sein, wenn du

einfach immer meiner Nase nachschwimmst.“

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„Nichts lieber als das!“, strahlte Quatsch.

Und so übernahm Mondschuppe wieder die Führung und schwamm, ihren

erleichterten Freund im Schlepptau, aus dem alten Arm des Schwarzaubachs

zurück in die heutige Zeit.

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ZWEI FLUSSBAUHÖFE

ODER

DER BACH ALS EWIGE BAUSTELLE

„Platsch!“ – das Bäumchen stürzte ins Wasser. Es landete genau zwischen

Quatsch, dem kleinen Fisch, und seiner Freundin Mondschuppe. Eben waren

sie noch friedlich den Schwarzaubach hinuntergeschwommen, und jetzt

das.

Quatsch, der hinterhergeschwommen war, machte einen Satz rückwärts.

„Mondschuppe!“, rief er erschrocken und meinte, von vorne, von jenseits des

Hindernisses, ein leises, aber ebenso erschrockenes „Qua-atsch!“ zu hören.

Doch so genau konnte man das nicht sagen bei all dem Schäumen und Gurgeln

und Rascheln, das der sinkende Baum im Fluss verursachte.

Wo war Mondschuppe nur geblieben? War sie nun hinter dem Baum? Oder

darunter? War sie womöglich sogar getroffen worden? Um Himmels willen!

So gerne Quatsch sonst vor sich hinträumte, nun hieß es rasch handeln. Mutig

schlug er mit der Schwanzflosse aus und tauchte mitten in das undurchsichtige

Blättergewirr hinein: Hier irgendwo musste Mondschuppe doch sein


Da, ein Schatten! Autsch, das war nur ein Zweig.

Hier, ein Glitzern! Nein, nur aufgewirbelter Sand.

Aber dort! Auf der anderen Seite der Baumkrone! Eine Bewegung!

Quatsch schoss vorwärts, aus den Ästen hinaus. Schon meinte er eine

Flosse zu erkennen, ja, da war ein schwimmendes Tier … „Mondschuppe!“,

rief er.

Das Tier drehte sich um, wandte ihm sein Gesicht zu: kurzes Haar, starke

Schneidezähne, Schnurrbart – nein, das war wohl kaum Mondschuppe …

Aber wer dann? Quatsch erschrak – das war eindeutig …

„Ein Mensch!“, blubberte er.

Der Mensch legte den Kopf schief, schaute ihn streng an und brummte: „Iwo.

Meinst du, ein Mensch könnte einen 50 Zentimeter dicken Baumstamm ruckzuck

zernagen? Mit seinen mickrigen Zähnchen?! Hoho! Außerdem besitzt

er nur ein Sechstel unserer Beißkraft. Nein, nein. So was schafft nur ein echter

Baumeister wie ich. Ein Biber!“

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„Ein echter Biber! Poah!“ Quatsch war beeindruckt. „Aber sagen Sie, Meister

Biber, haben Sie vielleicht meine Freundin gesehen?“

„Wie sieht sie denn aus?“

„Ach, stellen Sie sich das schönste Fischmädchen vor, das man sich nur vorstellen

kann! Ihre Schuppen glitzern, wie ihr Name sagt, wie der Mond, ihre

Augen leuchten so sanft und geheimnisvoll wie die Sterne, und wenn sie

meinen Namen sagt, dann geht, tief in mir drin, die Sonne auf …“

Er verstummte verzückt.

Quatsch?!“

„…“

„Qua-atsch!“

„Ja? … Mondschuppe! Da bist du ja!“

Quatsch!“, wiederholte seine Angebetete erbost, während sie aus dem

Schatten des Bibers schwamm. „Wie konntest du mich nur mit diesem dicken

Brummbären verwechseln?“

„Äh …“

„Ich bin kein Bär, gnädiges Fräulein, ich bin ein Bi-ber“, brummte der Baumeister

belustigt. „Was, nebenbei bemerkt, für euch Fischlein vermutlich ein

glücklicher Umstand ist!“

„Ein glücklicher Umstand? Na hören Sie mal!“ Mondschuppe war stinksauer.

In diesem Moment schienen aus ihren Augen eher Blitze zu kommen, nicht

das sanfte Funkeln der Sterne. „Sie hätten uns mit ihrer Baustelle fast umgebracht!

Haben Sie im Schwimmnasium nicht aufgepasst? ,Tierische Flussverordnung,

Punkt 3.1: Rund um flussverkehrsbehindernde Vorhaben sind

unbedingt Warnhinweise anzubringen!‘“

„Aber, Gnädigste, das haben wir doch getan! Schauen Sie sich einmal um!

Angebissene Baumstämme am Ufer, und hier, im Wasser, überall Äste und

Zweige: das Fundament unserer Burg. All das besagt nach Punkt 3.2.2 der

Flussverordnung eindeutig: ,Achtung, Biberbaustelle! Beschwimmen auf eigene

Gefahr. Fische haften für ihre Larven.‘“

„Was?!“ Mondschuppe schaute auf. „Oh“, bemerkte sie dann, mit einem Mal

kleinlaut geworden. „Das haben wir übersehen. Da waren wir wohl etwas zu,

äh, ver-“

„Verliebt, ich verstehe schon. War doch auch einmal jung! Hehe.“

Mondschuppe war rot geworden, Quatsch aber neugierig.

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„Bauen Sie hier eine Ihrer berühmten Biberburgen?“, fragte er.

„Ja. Wir nagen an Baumstämmen, bis die Bäume ins Wasser fallen und einen

Damm bilden. So stauen wir den Fluss auf. Das Wasser wird stiller, der Spiegel

steigt, es entsteht ein Biberteich. In diesem errichten wir aus Ästen, Steinen

und Schlamm unseren Wohnkessel. Der Eingang zur Wohnung liegt

dann unter Wasser. Das Wasser ist sozusagen die Tür, die uns vor Räubern

schützt.“

„Aber ist es denn nicht rücksichtslos von euch Bibern, den Fluss ganz nach

euren Vorstellungen zu verändern?“, wandte Mondschuppe ein. „Ich meine:

Ihr lebt ja nicht allein hier. Seid ihr womöglich genauso selbstsüchtig wie die

Menschen mit ihren Flussregulierungen?“

„Wir? Wie die Menschen? Hohoho!“, lachte der Biber. „Der Vergleich wirkt

naheliegend – aber er hinkt gewaltig! Wir Biber sind zwar schon auf unseren

eigenen Vorteil bedacht, gleichzeitig aber richtige Natur- und Artenschützer.

Denn unsere Handlungen nützen auch anderen. Mit unserer Bautätigkeit erschaffen

wir flachere Gewässerabschnitte, die neue, abwechslungsreiche

Lebensräume für viele Tiere schaffen: Insekten, Vögel und so weiter. Die

Flussbegradigungen der Menschen hingegen vergrößern nur deren eigenen

Lebensraum, anderen wird er weggenommen. Und dann verursachen sie

auch noch Hochwasser. Unsere Teiche sind, bei all ihren anderen Vorteilen,

auch noch das Gegenteil davon: ein natürlicher Hochwasserschutz.“

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Quatsch war begeistert.

Die Menschen sind eben doch nicht so tiefgründling, äh, -gründig wie die

Biber!“, rief er, und Mondschuppe ergänzte: „Und so manch anderes Wassertier

…“

Der Biber nickte. Dann meinte er: „Aber wenigstens sie sind lernfähig.“

Die Menschen? Wirklich?“

„Ja! Stellt euch vor, in letzter Zeit scheinen sie begriffen zu haben, dass sie

mit ihren Flussbegradigungen viele Tiere und Pflanzen vertrieben haben.

Und dass das auch für sie selbst nicht gut ist. Von den Hochwassern, die bei

ihren Bauten ja genauso viel Schaden anrichten wie bei uns, ganz zu schweigen.

Also haben sie mit den Regulierungen aufgehört. Stattdessen machen

sie nun etwas, was sie ,Renaturierungen‘ nennen.“

„Rentier- … Renato- … Was heißt das?“, stammelte Quatsch.

„Das heißt, dass die Menschen neuerdings versuchen, ihre Begradigungen

rückgängig zu machen und die Flüsse wieder in ihren natürlichen Zustand

zurückzubringen. Dazu bauen sie Schleifen in den Flussverlauf ein, verbreitern

ihn, lassen das Wasser in mehreren Armen laufen. Oder sie legen ihm

Hindernisse in den Weg: Schotterbänke, kleine Inseln. Kurz: Im Grunde machen

sie das, was wir Biber immer schon gemacht haben. Sie haben also

von uns gelernt. Da unten, ein Stückchen flussabwärts auf der rechten Bachseite,

bei Mirnsdorf in der Gemeinde St. Veit, liegt übrigens ihr Flussbauhof.“

„Hm.“ Mondschuppe blieb skeptisch. „Einmal so, einmal so – kann man den

Fluss nicht einfach in Ruhe fließen lassen? Muss man ihn denn ständig verändern?“

„Tja“, meinte der Biber, „wissen Sie, meine Gnädigste: Der Fluss ist ja selbst

immer in Bewegung – und Bewegung heißt Veränderung. So, wie der Fluss

die Landschaft verändert, wie er in ach wie vielen Jahrtausenden, mit all seinen

verschiedenen Mäandern, dieses schöne Tal gegraben hat, so verändern

auch die Lebewesen, die an seinen Ufern und in seinem Wasser leben,

den Fluss selbst. Die Bäume, die in den Fluss stürzen … Die Biber, die

Bäume in den Fluss stürzen lassen … Die Menschen, die den Fluss erst begradigen,

dann wieder Kurven einbauen … So arbeiteten wir alle zusammen

auf der ewigen Baustelle namens Schwarzaubach, so spielen wir, jede und

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jeder auf seine eigene Art, eine wichtige Rolle in der langen, langen Geschichte

des hier in dieser Gegend doch schon recht groß gewordenen

Bachs, der da oben am Sengerberg als winziger und –“

„… klebriger Gatsch seinen Anfang nimmt, au ja, das wissen wir!“, unterbrach

ihn Quatsch mit leuchtenden Augen.

„Hoho! Ja, du hast recht. So ungefähr“, brummte der Biber.

Quatsch und Mondschuppe leisteten dem Baumeister noch etwas Gesellschaft.

Sie sahen ihm zu, wie er Äste klein nagte und ins Wasser zog. Sie

bewunderten die Vorratsbauten am Grund des Flusses und die zusätzlichen

Wohn- und Spielhöhlen, die er mit seiner Familie ins Ufergelände gegraben

hatten.

Erst nach Mittag, als der Biber müde wurde (für ihn, als nachtaktives Tier,

war es nach Mitternacht), machten sich die Fischlein wieder auf den Weg.

Und obwohl Quatsch schrecklich neugierig war, hielten sie sich in St. Veit

ganz links, so weit wie nur möglich entfernt vom Flussbauhof der Menschen.

Denn, wie Mondschuppe bemerkt hatte: „Der Fluss mag ja eine ewige Baustelle

sein, aber was mich betrifft, so habe ich für heute schon genug Baustellenaufregungen

erlebt!“

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ZWEI MÄRCHEN

ODER

„DES RABENBURGERS ENDE“ IN FISCHSPRACHE

Auf ihrer Reise den Schwarzaubach hinunter gelangten Quatsch und Mondschuppe,

die kleinen Fische, zur von Bäumen umrauschten Brücke zwischen

Hütt und Lipsch. Sie schwammen munter in der Flussmitte dahin, als sie vom

linken Ufer her ein langes, verzweifeltes Blubbern vernahmen. Da hatte wohl

jemand ein schweres Herz!

Hilfsbereit, wie sie waren, tauchten sie sofort hinüber, und tatsächlich: Dort

trieb ein länglicher Fisch, dessen Augen einen sehr traurigen Eindruck machten

– was in seinem Fall besonders eindrücklich war, schließlich hatte er, wie

Quatsch erstaunt feststellte, gleich neun Augen! Und das auf jeder Seite! Als

die Fischlein näherkamen, ließ das Bachneunauge wieder einen langen,

herzzerreißenden Seufzer hervorblubbern.

„Ich weiß nicht, was soll das bedeuten?“, fragte Quatsch besorgt.

„Dass ich so traurig bin!“, jammerte das Neunauge. Es handelte sich um eine

alte Dame.

„Aber warum denn, Sie Arme?“ Mondschuppe war voller Mitleid.

„Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn!“

„Ein Märchen?“ Quatsch war ganz Ohr. „Ich liebe Märchen! Welches ist es

denn? Das von ,Hasel und Giebel‘? ,Rotäugchen‘? ,Das zappelnde Schneiderlein?‘

„Zwerg Rußnase‘? ,Karäuschchen und Federrot‘? ,Fischlein, duck

dich?‘ ,Schneeweißflossengründlingchen?‘ Oder vielleicht –“

„Nein, nein“, unterbrach ihn das Neunauge, „es ist kein Fischmärchen. Es ist

ein Menschenmärchen.“

„Aber Frau Neunauge, woher –“

„Oh bitte, nennt mich doch Eudontomyzon …“

„Äh … wie bitte?“

„Tomy, für meine Freunde …“

„Also gut, Tomy, woher kennst du denn ein Menschenmärchen?“

„Ach, eben sind zwei Menschen über die Brücke gegangen. Sie waren unterwegs

von Hütt nach Lipsch, oder umgekehrt, und einer hat dem anderen

das Märchen erzählt. Und als es gerade am allertraurigsten war, waren sie

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weg. Nun werde ich nie erfahren, wie es ausgeht und muss für immer so

traurig bleiben … Ach, ach …“

„Wir können dir helfen, liebe Tomy“, rief Mondschuppe. „Mein Freund hier ist

ein großer Träumer und bachbekannter Quatschkopf – sprich: ein richtiger

Dichter! Erzähl uns doch bitte das Märchen, soweit du es gehört hast, und

Quatsch erfindet dir dann einen passenden Schluss dazu. Und der wird dann

fröhlich sein – nicht wahr, mein Schratz, äh, Schatz?“

„Au ja!“

„Wenn ihr meint, dass das hilft“, seufzte die Bachneunaugin matt. Dann begann

sie zu erzählen …

Hinweis: Wie große und kleine Sagenkennerinnen und -kenner schnell feststellen

werden, hat Tomy die Sage „Des Rabenburgers Ende“ gehört. Diese

spielt ja auch genau in dieser Gegend, im Fünfeck zwischen Brunnsee, Weinburg,

dem Rabenhof, der Sauerbrunner Quelle und Ehrenhausen. In der

Sage kommen Schlösser, Burgen, Ritter und Schwertkämpfe vor, und es

wird erzählt, wie manche dieser Orte zu ihren Namen kamen. Wenn aber ein

Fisch einem anderen eine menschliche Sage erzählt, klingt das etwas anders,

als wir es gewohnt sind. Und zwar so:

Im Schwarzaubach lebte ein stolzer, alter Fischgraf, der hatte vier Larven:

eine wunderschöne Tochter und drei brave Söhne. Am Ufer des Bachs aber

hauste ein verfressener Otter, der das Fischmädchen gerne einmal, wie er

sagte, „zur Nachspeise eingeladen“ hätte. Der stolze Fischgraf wollte natürlich

nichts davon wissen, dass seine Tochter die Nachspeise des Otters werden

sollte, und klatschte ihm zur Antwort seinen Schwanz ins Gesicht. Der

Otter war schwer beleidigt und wurde der grimmigste Feind des Schwarzaubachers.

Als ein Hochwasser kam, musste der Graf übers Land verreisen. Seine

Söhne und das Töchterchen versteckten sich derweil zwischen den Wurzeln

einer Weide.

Eines Tages verließen die drei Söhne des Grafen die schützenden Wurzeln,

um in der Flussmitte Wassersport zu treiben. Als dies der Otter erfuhr, überfiel

er sie und sperrte sie in seinen Bau. Vergebens wartete die Schwester

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auf die Heimkehr ihrer Brüder. Sie klagte laut, so dass man es auch außerhalb

der Wurzeln hörte. Die mitleidigen Wassertiere nannten fortan den

Baum „Trauerweide“.

„Und das“, schluchzte das Neunauge, „das ist das Ende der Geschichte …“

„Was für ein Quatsch!“, empörte sich Quatsch. „Das ist doch wirklich viel zu

traurig! Pass auf, es geht weiter. Und zwar so …

Das Fischmädchen – das, nebenbei bemerkt, meiner Freundin Mondschuppe

hier sehr ähnlich sah – das wunderschöne Fischmädchen also“,

sagte Quatsch (während Mondschuppe geschmeichelt lächelte), „merkte

bald, dass das Trauern nichts half, und so streifte es im Schwarzaubach umher,

um ihre Brüder zu suchen. Sie wanderte den Bach hinauf bis zur Quelle,

wo er schon fast in Matsch übergeht. Dort sah sie ein altes Bachneunauge

treiben. Weil sie ein gutes Herz hatte – wie meine Mondschuppe –, fächelte

sie der Alten frisches Wasser zu, redete mit ihr und berichtete vom Kummer

um die verlorenen Brüder. Das weise Neunauge aber sprach: ‚Liebes Kind,

kitzle die Wurzeln dieser Schwarzerle dort, und du wirst deinen Kummer vergessen!‘

Das Mädchen gehorchte. Sogleich begann die Erle mit tiefer

Stimme zu sprechen: ‚Liebes Mädchen, Kopf hoch!

Zwar sitzen deine Brüder im Otter-Loch.

Aber stell dir vor: Aus diesem bisschen Quatsch da unter deinem Bauch

geht der ganze Schwarzaubach hervor, mit seinen Fischen und Fröschen,

Libellen und Schlangen und Vögeln auch,

und dem ganzen großen Schwarzaubachtal rundherum, mit all seinen Wiesen

und Wäldern,

mit der fruchtbaren Erde, den Häusern und Feldern.

Aus einem Bisschen wird ganz, ganz viel,

wenn nur alle gut zusammenspielen,

und so reicht ein bisschen Hoffnung auch für ein großes Glück,

drum schwimme voller Zuversicht zurück!‘

Die Jungfrau stupste mit ihrem Näschen den Quatsch an und fühlte sich sofort

ermutigt. Nun wusste sie, dass alles immer noch gut werden konnte.“

„Toll!“, rief Mondschuppe und stupste mit dem Näschen ihren Quatsch an …

„Aber wie soll das gehen?“, rief Tomy. Sie war zwar noch nicht ganz überzeugt,

hatte aber auch ein bisschen Zuversicht gefasst.

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Die Fischprinzessin“, sagte Quatsch, „eilte zurück in ihre Heimat unter dieser

Brücke hier. Dort war soeben ein ritterlicher junger Fisch eingetroffen. Er

sah ungefähr so aus wie, äh, ich“, erklärte er.

Mondschuppe kicherte, und Quatsch lief rot an.

„Na, sag schon“, lachte sie dann, „wie ging es dann weiter mit diesem erstaunlich

gut aussehenden Fischritter?“

„Ähem … Also, der Ritter schwor“, fuhr Quatsch stockend fort, „dass er die

Brüder befreien und den gefräßigen Räuber streng bestrafen würde.“

„Bravo!“, rief Tomy, das Neunauge.

„Sie beschlossen zusammenzuspielen und heckten gemeinsam eine List

aus“, sagte Quatsch. „Am nächsten Morgen schwammen sie zum gut getarnten

Ausstieg des Otters. Dort rief das Fischmädchen: ‚Na, du alter Frauennerfling,

willst du mich immer noch zur Nachspeise?‘

Der Otter hatte einen vollen Bauch, weil er die ganze Nacht Fische gefressen

hatte. Aber Otter jagen auch dann weiter, wenn sie nicht hungrig sind. Und

so stürzte er sich sofort auf die Grafentochter. Diese freilich schwamm hurtig

davon. Die beiden lieferten sich eine wilde Verfolgungsjagd durch den halben

Schwarzaubach. Während der Bau des Otters unbewacht war, befreite der

Fischritter die drei hilflosen Brüder.“

„Juhu!“

„Da aber“, unterbrach Quatsch den Jubel seiner Zuhörerinnen, „kam der Otter

rasend vor Wut zurückgekrault …“

„Aaaaah!“, quietschte Tomy schrill.

„Hat er mich denn gefressen?!“, entsetzte sich Mondschuppe.

„Nein, meine Liebe“, beruhigte sie Quatsch, „du, also, das Fischmädchen

hatte sich zwischen die Wurzeln der Schwarzerle retten können.“

„Uff!“

„Als der Otter sah, dass seine Gefangenen entwichen waren, tobte er noch

mehr und forderte mich zum Zweikampf.“

„Dich?!“

„Also den ritterlichen jungen Fisch.“

„Ich verstehe. Und wie ging es aus?“, bangte Mondschuppe.

„Es war ein schreckliches Hauen und Stechen. Genauer gesagt: Der Otter

haute und stach auf ganz schreckliche Weise, aber der Fisch konnte doch

immer ausweichen. Das lag daran, dass er – obwohl ritterlich und erstaunlich

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gut aussehend – noch ziemlich klein war. Schließlich hielt der Otter erschöpft

inne. Der Fischritter aber sagte: ‚Hör mal, Lutra‘ – denn das war der Name

des Otters – ‚hör mal, ich verstehe ja, dass du viel fressen musst, um deinen

Stoffwechsel auf Touren zu bringen. Anders hältst du es im kalten Wasser

nicht aus. Aber wäre es nicht schlauer, etwas bachabwärts zu wandern oder

sogar noch weiter, an einen größeren Fluss, wo das Wasser wärmer ist? Es

gibt dort auch mehr Fische. Und größere, die leichter zu fangen sind!“

„Mit weniger Gräten?“, keuchte der Otter.

„Ja!“

„Na gut. Von euch Winzlingen wird sowieso keiner satt … Tschüss, ihr Loser!“

Und so hievte sich der Otter aus dem Bach, trottete davon und ward nie mehr

im Schwarzaubach gesehen.“

Die Damen klatschten in die Flossen.

Die Prinzessin aber“, fuhr Quatsch mit verklärter Miene fort, „hatte dem

Kampf zugesehen. Sie schwamm ganz nah an den Ritter heran und seufzte:

‚Mein Held‘!

Und der Ritter schaute sie an, sah, wie schön sie war, und sagte: ‚Meine

Liebste!‘

Weil sie sich aber schon küssten, während sie sprachen, und deshalb gewaltig

nuschelten, verstand ihr Vater, der Graf, der auch gerade heimgekommen

war und sich über die Rettung seiner Kinder freute, nur die Worte: ‚Hütt‘ (statt

‚Mein Held!‘) und ‚Lipsch‘ (statt ‚Meine Liebste!‘). So kamen die Orte, zwischen

denen sie alle von nun glücklich und zufrieden lebten, zu ihren Namen


Ende!“

„Ach, Quatsch!“, rief Mondschuppe entzückt. „Was für eine schöne Geschichte!

Hat sie dir wohl auch gefallen, Tomy?“

„Oh ja!“, rief das alte Neunauge. Seine Augen leuchteten vor Freude – und

erst jetzt, da sie leuchteten, erkannte Quatsch, dass es in Wirklichkeit nicht

neun Augen hatte (oder achtzehn: neun auf jeder Seite), sondern nur zwei.

Es hatte nur so ausgesehen, weil das Tier hinter jedem Auge sieben Kiemenspalten

und davor ein Nasenloch hatte. Diese dunklen Vertiefungen sind

Augen, ganz besonders traurigen Augen, zum Verwechseln ähnlich.

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Wenig später hatten sich Mondschuppe und Quatsch verabschiedet und

schwammen weiter. Ihre Gedanken kreisten aber immer noch um die Sage

von vorhin …

„Welche Stelle hat dir denn am besten gefallen?“, fragte Quatsch neugierig.

Mondschuppe schwieg eine Weile, dann wisperte sie: „Der Schluss!“

„Du meinst, als der Otter weggeht?“

„Nein“, wisperte Mondschuppe, „danach“.

„Ach, Mondschuppe“, sagte Quatsch.

Und dann sagten sie beide nichts mehr. Zumindest nichts, was man verstanden

hätte.

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ES GIBT IMMER EINEN GRÖSSEREN FISCHER

ODER

DER FLUSS ALS NAHRUNGSQUELLE

Die beiden kleinen Fische Quatsch und Mondschuppe näherten sich Lichendorf.

Der Bach war hier schon sehr breit, und Quatsch staunte über die vielen

Fischarten, die man flussaufwärts nur selten oder gar nicht zu Gesicht bekam.

Erst schwamm ein schüchternes Moderlieschen vorbei, dann ein paar

tratschende Lauben, schließlich ein eitler Flussbarsch, der seine imposante

Rückenflosse unentwegt auf- und zuklappte und von einigen kleineren Kaulbarschen

bewundernd umschwärmt wurde.

Quatsch schaute sich fasziniert um, als plötzlich ein duftendes braunes Würfelchen

vor seiner Nase schwebte.

„Mmmh!“, machte er. „Schau mal, Mondschuppe, Brot!“

Er wollte schon zuschnappen, da fielen ihm seine guten Manieren ein:

„Möchtest nicht du diesen ins heitere Wasser abgetauchten Leckerbissen

schnabulieren, meine Liebe?“

„Wie nett von dir! Danke, Quatsch! Aber ich verzichte. Du weißt ja, ich muss

auf meine Seitenlinie achten. Iss du nur!“

Quatsch wusste zwar, dass es eher er war, der auf seine Linie achten sollte,

protestierte aber nur schwach. Ein kleines Stückchen Brot würde wohl nichts

ausmachen. Er sperrte also sein Mäulchen auf, spürte schon den süßen Vorgeschmack

des Gebäcks auf seiner Zunge, da wurde er unsanft zur Seite

geschubst. Eine breitschultrige Barbe hatte ihn angerempelt.

„Na hallo, was soll denn das?!“, empörte sich Quatsch. „Ich habe das Brot

zuerst gesehen!“

Die Barbe beeindruckte das wenig. Ungerührt tastete sie mit ihren Barteln,

die ihr Maul wie ein Bart umstanden, das Brotstück ab. Quatsch wusste, dass

er gegen den viel größeren Fisch nichts ausrichten konnte, dennoch wollte

er, besonders vor Mondschuppe, nicht klein beigeben.

„Wenn du mein Brot frisst, kriegst du es mit mir zu tun. Und Vorsicht, ich bin,

äh, grätenreich! Und meine Gräten sind spitz, spitz wie der Dorn eines Steinbeißers!“

Die Barbe drehte sich belustigt um.

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„Hör zu“, sagte sie, „iss dieses Brot lieber nicht. Schau her! Hier steckt ein

Haken drin. Und der, mein Kleiner, ist noch spitzer als deine Gräten. Wenn

du da reinbeißt, bohrt sich der Haken in dein Maul, und du wirst an der

Schnur, die an dem Ding dranhängt, aus dem Bach herausgezogen. Hoch

hinauf an die heiße Luft, wo du nach Wasser schnappst!“

„Und dann?“, fragte Quatsch, schon jetzt atemlos.

„Dann … Ja, dann wirst du – na ja.“ Die Barbe machte mit ihrem rüsselartigen

Maul ein schmatzendes Geräusch, das irgendwie nach „abgemurkst“ klang.

„Wer macht denn so was?“, entsetzte sich Mondschuppe.

Die Menschen natürlich. Wenn ihr genau schaut, seht ihr einen am Ufer sitzen.

Es ist ein altes Exemplar. Aber gerade die sind oft die besten Fischer,

weil sie es am wenigsten eilig haben.“

„Warum, oh, warum töten sie Fische?!“, rief Quatsch.

„Nun ja, Menschen fressen Fische. So, wie sie etwa auch Kühe, Schweine

und Hirsche fressen. – Was schaut ihr denn so? Habt ihr das nicht gewusst?“

Quatsch war aus allen Wolken gefallen: „Aber, aber“, stammelte er, „haben

sie nicht genug Getreide? Und Obst? Oder Früchte? Wozu müssen sie denn

noch andere Tiere fressen?“

„Nun ja, die Menschen sind Allesfresser wie Bären und Schweine – oder

auch wir, die Barben. Und ihr beide lebt doch bestimmt auch nicht nur von

Laichkrautfleckerln, Tausendblattsalat oder Wasserpesto allein. Bestimmt

habt ihr auch schon einmal eine saftige Insektenlarve verdrückt!“

„Nun ja“, antwortete Quatsch, „das ist etwas anderes. Oderoder auch nicht

…“

„Siehst du?“, brummte die Barbe gutmütig. „Es gibt eben immer einen größeren

Fischer, und die Großen fressen die kleinen. Aber keine Angst“, fügte

sie rasch hinzu, als sie Mondschuppes erschrockenen Blick bemerkte, „ich

bin der Meinung, dass dies nur dann geschehen sollte, wenn es wirklich notwendig

ist. Je größer das Tier, desto größer auch seine Verantwortung. Wer

einem anderen das Leben nimmt, um selbst zu überleben, sollte sich bewusst

sein, dass dies kein alltägliches, beiläufiges Geschehen sein darf. Ich

zum Beispiel esse nur selten Fisch. Und Fleisch. Oder gar Mensch. Nur zu

besonderen Anlässen. Oder, wenn ich sehr hungrig bin, und es sonst nichts

gibt. Der Fischer da oben hält es hoffentlich auch so.“

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Mondschuppe atmete auf. Gemeinsam beobachteten sie den am Ufer hockenden

Fischer, der sich verzerrt durchs Wasser abzeichnete. Mit seinem

weißen Haar und der braunen Jacke ähnelte er einem alten Otter. Gerade

führte er selbst ein Brot zum Mund. Das dazugehörige Papier verstaute er

anschließend in seiner Tasche.

„Das ist sogar ein guter Mensch“, sagte die Barbe. „Er lässt seinen Müll nicht

liegen oder wirft ihn in den Fluss, sondern nimmt ihn wieder mit. Was ich nun

tun muss, tut mir fast leid … Aber was soll’s. Wir müssen schließlich auch

leben.“

„Du wirst ihn doch wohl nicht an seiner Schnur ins Wasser ziehen und dann

aufessen?“, erschrak Quatsch.

„Hihi, nein, ihn nicht“, meinte die Barbe heiter. „Aber sein Brot ist nun endlich

weich genug …“

Im nächsten Augenblick machte sie sich daran, mit ihren Barteln das Brotstück

vom Haken zu lösen. Kaum war es ab, teilte sie es in drei Stücke, und

die Fische genossen eine kleine süße Jause, während der Angelhaken harmlos

neben ihnen im Wasser trieb.

„Passt einfach auf, wenn ihr in etwas hineinbeißt“, erklärte die Barbe, die sich

als „Barbie“ vorgestellt hatte, mampfend. „Wenn ein Haken drinsteckt oder

eine Schnur herausschaut: Barteln weg! Wisst ihr: In gewisser Weise helfen

uns die Menschen sogar. Mit ihren Angeln erwischen sie immer nur die Gierigsten

und Dümmsten – die brauchen wir hier unten ohnehin nicht!“

Quatsch und Mondschuppe lachten und nahmen gutgelaunt Abschied.

Sie waren noch nicht weit gekommen, sahen gerade eine Brücke vor sich,

da schwebte wieder ein Brotstück über ihnen. Sofort machten sie einen weiten

Bogen darum. Da bemerkte Quatsch, dass ein stark übergewichtiger

Stockentenerpel schnaufend auf den Brocken zu paddelte. Er nahm seinen

ganzen Mut zusammen und biss in einen der schwimmhautbewehrten Füße.

„Halt! Wenn dir dein Leben lieb ist!“, piepste er.

„Nanu? Was kitzelt mich da?“ Der Erpel steckte sein Köpfchen unter Wasser.

Als er Quatsch erblickte, grinste er über sein ganzes dickes Gesicht. „Ist das

etwa ein Überfall?“, prustete er.

„Nein, im Gegenteil, eine Rettungsaktion! Dieses Brot ist eine Falle. Menschen

versuchen, dich damit zu fangen!“

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„Hohohohoho!“, schnatterte der Erpel. „Du bist mir vielleicht ein Quatschkopf!

Das sind doch keine Jäger. Da drüben stehen zwei Menschenlarven, die uns

füttern. Man nennt sie ‚Kinder‘. Das sind richtige Tierfreunde!“

Und schon paddelte er weiter. Verdutzt beobachteten Quatsch und Mondschuppe,

wie er sich das fette Brotstück schnappte und in einem hinunterschlang.

Da platschte schon ein zweites ins Wasser, dann ein drittes. Ein

Haubentaucher und ein paar Schleien, Aitel und Goldsteinbeißer schauten

von ober- und unterhalb des Wasserspiegels zu, aber der gierige Erpel war,

obwohl er kaum mit dem Schlucken nachkam, immer als Erster beim Futter.

„Meinst du, wir sollten versuchen, ihm ein Stückchen abzujagen?“, fragte

Quatsch zu Mondschuppe hinüber.

„Hm. Das Brot riecht jedenfalls sehr gut“, sagte Mondschuppe.

„Ja, und weiß du was?“, antwortete Quatsch. „Ich glaube, diese Sache hat

tatsächlich keinen Haken.“

Kichernd setzten sie ihre Flossen in Bewegung, als wieder die Barbe angerauscht

kam.

„Tut es lieber nicht!“, rief sie.

„Barbie!“, staunte Quatsch. „Du schon wieder?!“

„Ja“, blubberte sie, „und ihr schon wieder … Euch beide darf man ja wirklich

nicht aus den Augen lassen!“

Dieses Mal ist es anders, Barbie“, erklärte Mondschuppe. „Es sind Tierfreunde,

die uns füttern. Die anderen fressen das Brot auch, ohne dass ihnen

etwas geschieht.“

„Nun“, seufzte die Barbe, „das alles klingt zwar ganz nett, stimmt aber leider

hinten und vorne nicht.“

„Denkst du denn, dass die Kinder uns etwas Böses wollen?“

„Nein, das nicht. Was sie da machen, ist gut gemeint. Aber leider ist es auch

zu viel des Guten.“

„Wie meinst du das?“

„Schaut euch einmal den Erpel da an.“

„Den dicken, der so schnauft?“

„Ja, genau. Ich kenne ihn von früher. Er war einmal ein schneidiger Typ, ausgezeichneter

Flieger. Dann entdeckte er das Menschenfutter. Statt sich abwechslungsreiche

Nahrung im Fluss und an Land zusammenzusuchen, wartete

er nur noch auf Menschen oder planschte von einer Futterstelle zur

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nächsten. Da er zu viel Brot aß, wurde er dick, und da er nur Brot aß, wurde

er krank. Deshalb: Nascht nicht zu viel! Ein bis zwei Stückchen Brot am Tag

sind genug. In diesem Fall ist wirklich jeder seines eigenen Glückes Schmied.

Und wenn ihr schon Futter von Menschen annehmt, dann achtet darauf, dass

es sich um Getreidekörner oder Obst handelt. Das ist auch für Vögel und

Fische gesund! Ich wünschte nur, jemand würde es den Menschen sagen

…“

Die Fischlein versprachen der Barbe, ihren Rat zu beherzigen. Nachdenklich

schwammen sie weiter.

„Hm“, meinte Quatsch, „das Zusammenleben mit den Menschen ist ganz

schön kompliziert. Manchmal wirken sie böse, tun aber eigentlich Gutes,

dann meinen sie es gut und bewirken dabei Schlechtes.“

„Tja“, antwortete Mondschuppe, „es kann eben nicht alles so einfach sein wie

–“

Sie schmiegte sich an ihn.

„Wie was?“, fragte Quatsch. Aber dann schwieg auch er. Es gibt eben Dinge,

die versteht man am besten ohne Worte.

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MUR UND MEER

ODER

DER EWIGE KREISLAUF DES WASSERS

Die beiden Fische Quatsch und Mondschuppe schwammen den Schwarzaubach

hinunter. Sie waren nicht mehr weit von jener Stelle entfernt, an der der

Bach in einen anderen, größeren Fluss mündete: die Mur.

Dort, an der Mündung, lag Mondschuppes Zuhause, dort befand sich auch

ihre Schule, das Schwimmnasium. Ihre Hausaufgabe hatte gelautet, die

Quelle des Wissens zu suchen, und sie brannte darauf, ihrem Flossenvorstand,

dem alten, gelehrten Profischor Zingel, von ihren Erkenntnissen zu

berichten.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages ließen ihre Rücken silbern glitzern, als

die zwei Fische die letzte Brücke, unter dem Fährenweg hindurch, passierten.

Gleich darauf schlingerten sie mehrere Felsrippen hinunter. Zwischen

der vorletzten und letzten, gut versteckt in allerlei Steinspalten, befanden sich

die Klassenzimmer. Aber sie waren alle leer. Was war geschehen?

„Mist, heute ist ja schulautonomer Tag!“, schimpfte Mondschuppe. „Das habe

ich ganz vergessen. Dabei hätte ich mein Referat so gerne gehalten. Mein

Banknachbar, der Streber, hätte bestimmt Augen gemacht. Jetzt muss ich

warten, bis der Profischor von der Nahrungssuche zurück ist. Dabei fällt mir

auf: Ich bin auch hungrig. Und du, Quatsch? Qua-atsch?“

Aber Quatsch hörte nicht. Er hatte auch die letzte Rippe überquert und war

nach vorne geschwommen, dorthin, wo das grünbraune Wasser des

Schwarzaubachs in das braungrüne Wasser der Mur überging. Natürlich! Vor

lauter Vorfreude auf ihr Referat hatte Mondschuppe nicht daran gedacht, was

die Mündung für Quatsch bedeuten musste. Sie war ja hier aufgewachsen,

für ihn aber steckte die Gegend bestimmt voller Sehenswürdigkeiten. Tatsächlich

stemmte er sich vorne, ganz rechts, wo das Ufer des Schwarzaubachs

ein für alle Mal endete, gegen die Strömung und starrte in das fremde

Gewässer hinaus. Leise glitt sie an seine Seite.

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Vor ihnen breitete sich die Mur aus. Der Fluss war an dieser Stelle neunmal

so breit wie der Schwarzaubach. Und dabei war dieser Quatsch auf den letzten

Etappen schon groß erschienen! Kein Wunder, dass der kleine Fisch,

aufgewachsen in den oberen Regionen des Bachs, völlig von den Schuppen

war. Mit offenem Mund, in dem sich braunes und grünes Wasser mischten,

drehte er sich zu Mondschuppe um. Er fragte ehrfürchtig: „Ist das das Meer?“

„Ach, Quatsch“, lächelte Mondschuppe, „Meer und Mur, das klingt nur ähnlich!

In Wirklichkeit handelt es sich aber um zwei völlig verschie- Iiiiih! Eine

Schlange!“

Tatsächlich, ein sehr langes, sehr dünnes Tier schoss aus der Tiefe der Mur

und schnellte in den Schwarzaubach hinüber. Glücklicherweise machte es

keine Anstalten zuzuschnappen. Im Gegenteil: Über sein spitzes Maul zog

sich ein breites Lächeln.

„Gnädiges Fräulein“, sagte es höflich, „Sie irren sich! Ich zähle nicht zu den

höchst nützlichen Wasserschlangen, bin weder Ringel- noch Würfelnatter,

sondern ein Fisch wie Sie. Ein Aal!“

„Ein – aha“, machte Mondschuppe verdutzt.

„Und Sie, junger Mann“, wandte sich der Aal an Quatsch, „hatten so unrecht

nicht. Mit ihrer Gleichsetzung von Mur und Meer, meine ich. Denn wenn man

es recht bedenkt, sind sich die beiden Gewässer ähnlicher, als man denkt.“

„Na, hören Sie mal“, entrüstete sich Mondschuppe, die über der fachlichen

Frage ihren Schreck vergaß. „Die Unterschiede könnten doch größer nicht

sein! Die Mur ist ein Fluss. Flüsse sind dünn und lang, Meere hingegen unheimlich

breit und tief.“

„Ein Fluss ist sozusagen wie ein Aal, und das Meer ist wie ein Wal!“, blubberte

Quatsch dazwischen.

„Genau! Außerdem führt ein Fluss Süßwasser, das Wasser im Meer aber ist

salzig. Ein Fluss kommt von höher oben, aus den Bergen, und fließt ins Meer.

Das Meer fließt jedoch nirgendwohin. Es vollführt nur die Bewegungen der

Gezeiten, Ebbe und Flut, die entstehen, weil der schwere Mond das viele

Wasser auf seiner Bahn um die Erde immer wieder einmal anzieht.“

Mondschuppes Stolz über das eigene Wissen führte dazu, dass sie selbst

strahlte wie der Mond. Quatsch hatte nicht alles ganz genau verstanden, fand

aber, dass sie sehr schön aussah.

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„Sie sind sehr gebildet, gnädiges Fräulein, und was Sie sagen, ist richtig“,

antwortete der Aal. „Aber lassen Sie mich bitte erklären, was ich gemeint

habe. Der Schwarzaubach fließt hier in die Mur, und wie Sie bestimmt in der

Schule gelernt haben, fließt die Mur danach in einen noch größeren Fluss,

die Drau. Die Drau wiederum mündet in den gewaltigen Strom namens Donau,

der alle Flüsse und Bäche aus unserem Teil der Welt mit sich ins Meer

führt …“

„Ins sogenannte Schwarze Meer!“, präzisierte Mondschuppe.

„Exakt. Das Schwarze Meer ist freilich auch Teil eines größeren Ganzen, und

zwar des Mittelmeers, das wiederum Teil des Atlantischen Ozeans ist. Ozeane

sind sozusagen noch größere Meere.“

„Das war mir bekannt“, bemerkte Mondschuppe.

„Doch auch der Atlantik ist nur einer von mehreren Ozeanen. Die Grenzen

zwischen diesen Riesenmeeren sind fließend: eines geht ins andere über.

Und aus dem Meer steigen Wolken auf, aus denen es später aufs Land herabregnet,

wodurch das Grundwasser gespeist wird, aus dem die Flüsse entspringen

… So viel Wasser gibt es auf der Erde, so viele verschiedene Gewässer,

und doch sind sie, bei genauer Betrachtung, alle miteinander verbunden

– in einem gewaltigen, unendlichen Kreislauf“, schwärmte der Aal.

„Tatsächlich könnte man sagen, dass es in Wirklichkeit nur ein einziges Gewässer

gibt, das um die ganze Erde fließt. Wer hier am Schwarzaubach mit

der Flosse, der Pfote oder Hand durchs Wasser fährt, berührt gewissermaßen

auch die grauen, kalten Wellen der Tschuktschensee. Und gleichzeitig

das weiche, warme Wasser der Karibik. Und so weiter … Wobei man nicht

vergessen sollte, dass unsere Körper auch zum Großteil aus Wasser bestehen

…“

Nun stand auch Mondschuppe der Mund offen – als ob sie dem Wasser um

sie und in ihr herum das Fließen erleichtern wollte. Nur langsam fand sie ihre

Fassung wieder.

„Das ist … ist ja eine ganz beeindruckende Theorie, lieber Herr Aal, aber …

in der Praxis … ich meine … Haben diese Ideen auch im Alltag eine Bedeutung?

Wohl kaum, würde ich meinen.“

„Nun ja“, sagte der Aal, „manchmal schon. Wissen Sie, wohin ich unterwegs

bin?“

„Zum Abendessen?“, riet Quatsch, der auch schon hungrig war.

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„Tja, das auch, mein Guter, denn ich besuche hier an der Mündung noch

einen alten Freund … Aber danach?“

„Nö.“

„Nun, dann reise ich weiter. Mein Ziel heißt Sargassosee.“

„Mmmh, Sauce …“, murmelte Quatsch. „Also doch essen.“

„Ach, Quatsch!“, rief Mondschuppe „Der Herr spricht doch von keiner Sauce,

sondern bestimmt von einem Stausee!“

„Eine gute Vermutung“, erwiderte der Aal, „aber es ist noch weiter weg. Und

größer. Die Sargassosee ist ein Meeresgebiet im Atlantik, östlich von Florida.

Alle Aale – und Aale gibt es in vielen, vielen Flüssen, in fast allen Teilen der

Welt! – stammen von dort. In der Sargassosee werden wir geboren, dann

reisen wir durch den halben Ozean, die Flüsse hoch. Und wenn wir älter werden,

kehren wir wieder zurück, schwimmen die Flüsse hinunter und durch

das Meer bis zur Sargassosee, um neue Larven in die Welt zu setzen. Im

Laufe meines Lebens werde ich umgerechnet dreihundert bis vierhundert

Schwarzaubäche entlanggeschwommen sein …“

„Wow!“, rief Quatsch. „Ihr Aale seid ja richtige Globetrotter!“

„Ja, ich will ja nicht angeben, aber die Reise der Aale ist genauso spektakulär

wie die der Pinguine. Man sollte glatt einen Film darüber drehen …“

Da brummte es von hinten: „Anguilla, da bist du ja!“

„Zingel!“, rief der Aal, und: „Herr Profischor!“, freute sich Mondschuppe.

„Ah, Mondschuppe, auch schon hier!“, sagte der alte Zingel. „Und wie ich

sehe, hast du meinen Freund, den berühmten Fischosophen Anguilla, bereits

kennengelernt. Anguilla, das ist Mondschuppe, meine beste Schülerin.“

„Das habe ich gemerkt“, lächelte der Aal Anguilla. „Die junge Dame ist ja

selbst schon eine Gelehrte.“

Mondschuppe strahlte, vergaß über ihrer Freude aber ihren Reisegefährten

nicht. „Darf ich vorstellen: mein Freund Quatsch“, piepste sie. „Er ist ein Dichter.“

„Und Abenteurer“, ergänzte Quatsch stolz.

„Ah, ein Seelenverwandter“, meinte der Aal wohlwollend.

„Mondschuppe, ich freue mich sehr auf dein Referat morgen“, sagte Zingel.

„Nun aber entschuldigt uns bitte. Anguilla und ich haben uns lange nicht gesehen,

und er geht bald auf eine große Reise … Komm, mein Lieber, lass

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uns ein paar Quappen, äh, einen Happen essen! Schöne Grüße übrigens

von deinem Cousin, du weißt schon, Rutte …“

Plaudernd entfernten sich die beiden alten Fische. Mondschuppe aber blieb

an der Mündung bei Quatsch, der weiter verträumt in die Mur hineinschaute.

Die Strahlen der untergehenden Sonne verwandelten den Fluss in einen

Strom aus glitzerndem Licht, der unentwegt vorwärtsstrebte, hin zu noch größeren

Gewässern, noch größeren Abenteuern, aber auch weg vom Schwarzaubach,

weg von allem, was Mondschuppe vertraut und lieb war …

Nach einer Weile fragte sie bedrückt: „Qua-atsch?“

„Ja?“

„Jetzt, wo du so viel von den Ozeanen gehört hast, wirst du wohl … wirst du

mich wohl … äh … verlassen … Und das“, fügte sie mit erstickter Stimme

hinzu, „das ist schon okay. Ich verstehe das. Ich meine … Du, als Dichter,

Dichter und Abenteurer, du möchtest ja bestimmt das Meer sehen …“

„Das Meer, Mondschuppe?“, erwiderte Quatsch. „Aber das Meer habe ich

doch schon längst gesehen!“

„Was? Wo denn?!“

Quatsch aber gab keine Antwort. Er schaute ihr nur tief, sehr tief in die Augen.

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Übersicht der Schauplätze und ihren Geschichten

Gemeinde Pirching am Traubenberg

Edelstauden (Ursprung): QUATSCH ODER DIE QUELLE DER GESCHICHTEN……………..…1

Marktgemeinde Kirchbach – Zerlach

Marienkapelle: FRÜHSTÜCK AM UFER ODER DAS WASSER MACHT DIE ARBEIT………………7

Ochsenteich: WASSERMUSIK ODER DAS TAL DER GUTEN ERDE…………………………………12

Marktgemeinde Schwarzautal

Schwarzau: AUWIESENGLÜCK ODER VON BIENEN UND HECHTEN………………………………17

Wolfsberg: ALARM IM ALTARM ODER DER BEGRADIGTE FLUSS…………………………………..22

Marktgemeinde St. Veit in der Südsteiermark

Wasserbauhof St. Nikolai ob Draßling: ZWEI FLUSSBAUHÖFE ODER DER BACH ALS

EWIGE BAUSTELLE……………………………………………………………………………………………….26

Perbersdorf: ZWEI MÄRCHEN ODER „DES RABENBURGERS ENDE“ IN FISCHSPRACHE……..31

Marktgemeinde Straß in Steiermark

Lichendorf: ES GIBT IMMER EINEN GRÖSSEREN FISCHER ODER DER FLUSS ALS NAH-

RUNGSQUELLE…………………………………………………………………………………………………….37

Weitersfeld an der Mur (Mündung): MUR UND MEER ODER DER EWIGE KREISLAUF

DES WASSERS………………………………………………………………………….………………………….42

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ÖKOLOGISCHE DATEN UND FAKTEN

ZUM SCHWARZAUBACH *)

Der Schwarzaubach ist einer von acht sogenannten Grabenlandbächen, welcher

Name sich von den langgestreckten Riedeln in der Oststeiermark, mit

breiten Talböden entlang der Hauptflüsse ableitet. Die Schwarzau, mit einer

Gewässerlänge von 30,666 km, entspringt auf einer Seehöhe von 509 m am

Südhang des Sengerberges und mündet auf einer Seehöhe von 235 m bei

der Gemeinde Weitersfeld in die Mur. Mit einem Einzugsgebiet von 359,26

km² gehört die Schwarzau zur Einzugsgebietskategorie der Gewässer >=

100 km². Beginnend in den 1960er Jahren wurde der Schwarzaubach von

Seibuttendorf bei km 22,3 bis zur Mündung in die Mur reguliert und teilweise

in ein neues Bachbett verlegt.

Das Einzugsgebiet des Schwarzaubaches ist Teil des Alpenvorlandes im Osten

und Südosten. Das so genannte Oststeirische Grabenland ist ein Teil des

Steirischen Hügellandes und ist geformt durch langgestreckte, flache, geradlinige

Geländerücken, sogenannte Riedeln, die in Nord-Süd-Richtung verlaufen.

Der Untergrund besteht aus jungtertiären Sanden und Mergel, sowie teilweise

vulkanischem Gestein. Das Grabenland wird begrenzt durch die Raab

als Wasserscheide im Norden und durch die Mur im Süden und Westen. Im

Osten ist die Grenze der Kutschenitza Bach, der hier auch die Landes- und

Staatsgrenze zu Slowenien bildet. Die Riedellandschaft wird von zehn größeren

Tälern mit Breiten von 0,5 – 1,5 km in den Unterläufen in Nord-Südrichtung

geformt. Die Grabentäler werden entwässert von den Bächen

Schwarzaubach, Stiefing, Saßbach, Ottersbach, Gnasbach, Sulzbach, Drauchenbach

und Kutschenitza. Diese Bäche werden auch allgemein als Grabenlandbäche

bezeichnet.

Der Schwarzaubach befindet sich in der Ökoregion „Dinarischer Westbalkan“

und in der Bioregion „Grazer Feld und Grabenland“. Laut den hydromophologischen

Leitbildern kann der Schwarzaubach in den Typ 14-2-3 eingeteilt

werden. Charakteristisch sind für den natürlichen Gewässertyp mittelgroße

Fließgewässer mit einem winter- und sommer-pluvialen Abflussregime. Dominierend

sind gewundene, mäandrierende sowie teilweise pendelnde und

gestreckte Linienführungen. Das Fließverhalten ist meist heterogen, aber

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auch teilweise rasch fließend mit strömungsberuhigten Buchten. Die Gewässersohle

besteht vorwiegend aus Kiessubstrat mit Sand und Schluffablagerungen

an den Ufern. Prägende morphologische Strukturen sind zum Beispiel

großflächige Kies- und Sandbänke, abwechselnd Steil- und Flachuferbereiche,

sowie Anbruchufer mit Totholz und Wurzelstöcken. Auch dichte,

flussbegleitende Aue und ausgeprägte Altarmsysteme sind für Fließgewässer

desselben Typs kennzeichnend.

Die Regulierung des Schwarzaubaches wurde in den 60er und 70er Jahren

mit einer gestreckten Linienführung durchgeführt. Es wurde durchgehend ein

Trapezprofil mit beidseitig gleich geneigten, flachen Böschungen angelegt.

Der Böschungsfuß wurde mit Steinen gesichert und die Gewässersohle berollt.

Die Veränderung der Linienführung ergab eine Laufverkürzung, die

durch steile, naturferne Sohlrampen zum Abbau des Gefälles ausgeglichen

wurde. Im Unterlauf der Schwarzau wurde das Gewässer in einen neuen

Graben westlich des Altlaufes verlegt und erhielt auch eine neue Mündungsstelle

in die Mur. Für die Bepflanzung der Böschungsoberkante wurden

hauptsächlich Robinie und Eschenahorn gewählt. Ein lückenloser Gehölzstreifen

ist vor allem im Oberlauf der Schwarzau kaum gegeben. Im Unterlauf,

nahe dem Mündungsbereich, sind zur Mur gehörende Strukturen vorhanden

und eine dichtere Bepflanzung gegeben. Auf der Böschung ist laut

Bescheiden auf der gesamten Bachstrecke nur Rasen vorgesehen, was bedeutet,

dass diese zur Instandhaltung ein- bis zweimal jährlich gemäht werden

muss.

Im Jahr 2007 wurden am Schwarzaubach fischökologische Untersuchungen

von Woschitz, Wolfram und Parthl, mit dem Leitfaden zur Erhebung der biologischen

Qualitätselemente durchgeführt. Diese Aufnahmen wurden ermittelt,

um mit den Daten den Fisch Index Austria berechnen zu können. Der

Bach wurde in drei Abschnitte gegliedert, die von Fluss-km 0,00 – 11,30,

11,30 – 22,24 und von 22,24 – 30,40 reichten. Die gefundenen Fischarten

wurden in Leitarten (l; rot), typische Arten (b; grün) und seltene Begleitarten

(s; gelb) eingeteilt. Die nachfolgende Tabelle gibt die gefundenen Fischarten

der jeweiligen Gewässerabschnitte an.

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Der Mündungsbereich der Schwarzau befindet sich in zwei sich teilweise

überlappenden Naturschutzgebieten:

- dem Landschaftsschutzgebiet (LSG) Nr. 36 Murauen Mureck – Radkersburg

– Klöch und

- dem Europaschutzgebiet „Steirische Grenzmur mit Gamlitzbach und Gnasbach“.

Die Abbildung zeigt den Schwarzaubach (gelb markiert), das Landschaftsschutzgebiet

(rosa) und das Natura-2000-Gebiet der steirischen Grenzmur

darüberliegend (violett schraffiert). Der Unterlauf des Schwarzaubaches

(Lichendorf, Weitersfeld) liegt nicht nur im Natura 2000 und Europaschutzgebiet

sondern auch im, von der UNESCO ausgezeichneten, Biosphärenpark

Unteres Murtal.

Das Landschaftsschutzgebiet ist eine naturschutzrechtliche Kategorie, die

laut dem StNschG gesamte Landschaften mit besonderer Schönheit oder Eigenarten,

sowie seltene Charakteristik umfasst. Das LSG Nr. 36 „Murauen

Mureck – Radkersburg – Klöch“ zeichnet sich durch seine landschaftliche

Charakteristik, die Erholungsfunktion und die große Artenvielfalt aus. Es besitzt

eine Fläche von gesamt 10.943,6 ha und wird geprägt durch die Landschaftselemente

der Riedellandschaft wie Trockenwiesen, Hecken, Feldgehölze,

Hainbuchen- und Rotbuchenmischwälder, Bachauen und Feuchtwiesen.

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*) Sämtliche Informationen in diesem Bericht stammen aus der Masterarbeit von Lisa Schramm mit dem

Titel: Gewässerpflegekonzepte für Grabenlandbäche in der Steiermark am Beispiel Schwarzaubach. Die

vollständige Arbeit ist im Internet unter folgender Adresse abrufbar:

Oder

Das Natura-2000 Gebiet „Steirische Grenzmur mit Gamlitzbach und Gnasbach“

beinhaltet eine Fläche von 2.159 ha und schützt vor allem den Auwald,

der die Mur auf einem ca. 33 km langen Flussabschnitt begleitet. Dieser

Auwald ist der zweitgrößte zusammenhängende Auwald Österreichs

und zählt zu den artenreichsten Lebensräumen in der Steiermark. Die flussnahe

Weidenau und die angrenzenden Hartholzauenwälder mit Stieleichen,

Ulmen und Eschen sind charakteristisch für diese Landschaft. Vor allem

alte Eichen sind ein Mittelpunkt der Artenvielfalt, da ihre Borke Lebensraum

für Insekten, Vögel (z.B. Mittelspecht) und Fledermäuse bietet. Nach der

Regulierung der Mur (1874 bis 1891) wurden Seitenarme vom Fluss abgetrennt

und die Breite des Flussbettes auf ein Fünftel reduziert. Die heutigen

Altarme werden von Amphibien, wie Moorfrosch oder Kammmolch bewohnt.

https://www.google.at/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahU-

KEwiy_oik-fbzAhUBhP0HHdqwDbEQFnoECBcQAQ&url=https%3A%2F%2Fabstracts.boku.ac.at%2Fdownload.php%3Fdataset_id%3D19335%26property_id%3D107&usg=AOvVaw0AOyJk2E7K46MhqT7ezHSI

https://forschung.boku.ac.at/fis/suchen.hochschulschriften_info?sprache_in=de&menue_id_in=107&id_in=&hochschulschrift_id_in=19335

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