02.09.2022 Aufrufe

Friedemann Burkhardt | Simon Herrmann | Tobias Schuckert (Hrsg.): Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie (Leseprobe)

Gesellschaftliche Pluralisierung und Internationalisierung verändern die Kirchenlandschaft – auch in Deutschland. Zu diesem Wandel bietet die LIMRIS-Studie für die Metropolregion Stuttgart (Bevölkerung: 2,7 Millionen) eine neue, bislang einzigartige Faktenlage. Ihre Brisanz resultiert daraus, dass Zahlen und Erkenntnisse ein signifikant anderes Bild von Kirche und Gottesdienst ergeben, wie es mitgliederbezogene Studien zeigen. Unterstützt durch 85 hochwertige Grafiken und Karten sowie umfangreiche Register macht die Studie Phänomene sichtbar, über die bislang kaum Kenntnisse vorliegen: Die Gesamtheit der Gemeinden in ökumenischer Perspektive und ihrer denominationellen Differenzierung, die Pluralität des Protestantismus, den Pietismus der Gegenwart, internationale Gemeinden und Migrationskirchenbildung unabhängiger Gemeinden sowie die Wirklichkeit des Gottesdienstes und seine Relevanz.

Gesellschaftliche Pluralisierung und Internationalisierung verändern die Kirchenlandschaft – auch in Deutschland. Zu diesem Wandel bietet die LIMRIS-Studie für die Metropolregion Stuttgart (Bevölkerung: 2,7 Millionen) eine neue, bislang einzigartige Faktenlage. Ihre Brisanz resultiert daraus, dass Zahlen und Erkenntnisse ein signifikant anderes Bild von Kirche und Gottesdienst ergeben, wie es mitgliederbezogene Studien zeigen. Unterstützt durch 85 hochwertige Grafiken und Karten sowie umfangreiche Register macht die Studie Phänomene sichtbar, über die bislang kaum Kenntnisse vorliegen: Die Gesamtheit der Gemeinden in ökumenischer Perspektive und ihrer denominationellen Differenzierung, die Pluralität des Protestantismus, den Pietismus der Gegenwart, internationale Gemeinden und Migrationskirchenbildung unabhängiger Gemeinden sowie die Wirklichkeit des Gottesdienstes und seine Relevanz.

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Sie wollen auch ein ePaper? Erhöhen Sie die Reichweite Ihrer Titel.

YUMPU macht aus Druck-PDFs automatisch weboptimierte ePaper, die Google liebt.

Friedemann Burkhardt | Simon Herrmann | Tobias Schuckert (Hrsg.)

Stuttgarter Gottesdienstund

Gemeindestudie

Religionssoziologische Momentaufnahme christlicher Gemeinden

einer europäischen Metropolregion in ökumenischer Perspektive


Vorwort der Herausgeber

Die Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie bietet für die innere Metropolregion

Stuttgart (Bevölkerung: 2,7 Millionen) eine neue und bislang einzigartige

Faktenlage zur Wirklichkeit christlicher Kirchen und ihrer Gottesdienste.

Ihre Brisanz resultiert aus der Tatsache, dass die Zahlen und Erkenntnisse ein

signifikant anderes Bild von Kirche und Gottesdienst zeigen, wie es eine mitgliederbezogene

Perspektive vermittelt: Die beiden Volkskirchen repräsentieren

lediglich die Hälfte der Gemeinden und ihres wöchentlichen Gottesdienstbesuchs.

Das gemeinhin vermittelte Kirchenbild, das nur die evangelische und

katholische Kirche zeigt, übergeht die andere Hälfte der real existierenden Gemeinden

und ihrer Gottesdienstbesucherinnen und -besucher!

Einzigartigkeit kann das Buch auch aus einem zweiten Grund beanspruchen:

Der zugrunde liegende Forschungsansatz macht es erstmals möglich, die

Gottesdienst- und Gemeindewirklichkeit einer Metropolregion Deutschlands in

der ganzen Breite ihrer Ökumene in den Mittelpunkt einer wissenschaftlichen

Betrachtung zu stellen. Dabei handelt es sich um ein spezielles Forschungsformat

sogenannter »Metropolstudien«, die für solche Studien eigens am Liebenzell

Institute for Missiological, Religious, Intercultural, and Social Studies

(LIMRIS) der Internationalen Hochschule Liebenzell entwickelt wurden. Diese

kirchenkundlich-kirchensoziologisch ausgerichteten vergleichenden Studien

können die Kirchenlandschaft in ihrer Einheit und Pluralität differenziert

beschreiben, kritisch untersuchen und zur Erarbeitung neuer kirchentheoretischer

Impulse dienen. Insbesondere durch die Kombination verschiedener

beobachtungsleitender Theorien und Konzepte gelingt es, eine präzise kirchenkundliche

Bestimmung der Gemeinden vorzunehmen, sie nach verschiedenen

Gesichtspunkten zu kategorisieren und in einem vergleichenden Verfahren in

gemeindestrategische und -kybernetische Überlegungen zu überführen.

Die Volkskirchen berichten seit Jahren über anhaltend hohe Austrittszahlen.

Die Studie zeigt für die innere Metropolregion Stuttgart, dass sich darin

nur eine Seite der kirchlichen Wirklichkeit abbildet. Neben den beiden Großkirchen

gibt es ein vitales Segment überwiegend protestantischer Freikirchen,

die zusammen mehr als 40 Prozent der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher

mobilisieren. Ein weiteres wichtiges Ergebnis liegt in der Feststellung,

dass wachsender oder überdurchschnittlicher Gottesdienstbesuch nicht mit der

konfessionellen oder denominationellen Zugehörigkeit einhergeht, sondern mit

anderen Faktoren korreliert.

Über die Lücken und Tücken empirischer Religionsforschung lässt sich

trefflich streiten. So auch über den Fokus, auf den sich eine solche Unter-


6 Vorwort der Herausgeber

suchung ausrichtet. Die Festlegung der Hauptuntersuchungsgegenstände auf

Gottesdienst und Gemeinde geschieht nicht nur aus theologischem Interesse,

sondern hat forschungsstrategische Gründe. Die Studie stellt neben der grundlegenden

Sozialform »Gemeinde« mit dem Parameter »Gottesdienst« eine zweite

Messgröße auf, die bei einer Erhebung der Gottesdienstbesucherzahlen eine

bessere Vergleichbarkeit von Gemeinden zulässt als etwa Mitgliederzahlen

aufgrund der denominationell sehr unterschiedlichen Mitgliedschaftsverständnisse.

Die Möglichkeit zum Einbezug von Gottesdienst-Teilnahmezahlen in die

vergleichende Analyse der Gemeinden in der gesamten Breite der Ökumene

eröffnet wichtige Interpretationsmöglichkeiten und Einsichten. Auch darin liegt

eine Besonderheit der Studie.

Ein Anliegen der Studie war, Phänomene in den Blick zu nehmen, über

die bisher wenig Kenntnisse vorliegen. In kirchenkundlicher Hinsicht richtet

sich die Aufmerksamkeit auf die Gesamtheit der Gemeinden, die die Kirchenlandschaft

in einer Metropolregion ausmachen, und auf ihre konfessionelle und

denominationelle Vielfalt. Ein besonderes Interesse gilt dabei dem Protestantismus

in seiner Pluralität, dem Pietismus als ein in unterschiedlichen Sozialformen

verortetes Querschnittsphänomen und den internationalen Gemeinden als

vielfach verborgene Dimension der kirchlichen Landschaft. Im Hinblick auf den

Gottesdienst stellte die Studie die Frage nach der Relevanz des Gottesdienstes

ins Zentrum verbunden mit der Frage nach Möglichkeiten, die Gottesdienstrelevanz

zu beeinflussen. An diesen Interessenslagen orientieren sich auch die

Themen der vertiefenden Beiträge im Teil 3 der Studie.

Sehr herzlich haben wir zu danken den externen Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern für ihre Beiträge und unserem Forschungsteam für seinen Einsatz

während der drei Jahre, die die Durchführung dieser Studie in Anspruch

nahm. Dieses Buch entstand ganz an unserem Institut. Besonders danken wir

Larissa Meister für die Hauptverantwortung am Layout und vielfältige weitere

Mitarbeit und Verantwortung, Marcel Folz für die Erstellung der Statistik, Jorge

Krist für die Herstellung der Karten, Tobias Dehn für die Vorbereitung und

Maika Hirschfeld für die Erstellung der Register sowie Jonathan Kocher, Marco

Munz M.A., Hartmut Scherer, Th.M. und Simona Schlott für ihre Mitarbeit in

der Datenerhebung und vieles andere. Unseren zweiten Dank sprechen wir der

Internationalen Hochschule Liebenzell und ihrem Träger, der Liebenzeller Mission,

aus, hierbei besonders dem Rektor der Hochschule, Prof. Dr. Volker Gäckle

und dem Prorektor, Prof. Dr. Roland Deines, die uns in allen Phasen der Studie

mit Rat und Tat beiseitegestanden haben, dem Direktor der Liebenzeller Mission,

Pfarrer Johannes Luitle, für sein anhaltendes Interesse, und dem Kanzler

der Hochschule, Dr. Thomas Eisinger, der uns in finanziellen und personellen

Fragen stets unterstützte, sowie Claudius Schillinger für das Korrekturlesen.

In diesen Dank eingeschlossen seien auch die Kolleginnen und Kollegen im

Forschungskolloquium und in der Dozierendenkonferenz der Internationalen

Hochschule Liebenzell. Ein großer Dank geht an Prof. Dr. Gerhard Wegner für

das Geleitwort und Dr. habil. Hilke Rebenstorf vom Sozialwissenschaftlichen


Vorwort der Herausgeber 7

Institut der EKD. Sie haben uns 2019 bei der Konzeption der Studie geholfen,

wovon wir sehr profitieren konnten. Ebenfalls als externer Berater unterstützte

uns Dr. Carsten Ramsel, dem wir an dieser Stelle herzlich danken. Schließlich

sei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig gedankt für die Übernahme des

Buches in ihr Programm und die freundliche Unterstützung, die wir durch

Dr. Annette Weidhas erfahren haben.

Dass das Buch nun fast pünktlich zum fünften Geburtstag des Instituts erscheint,

war nicht beabsichtigt, sondern ist der Corona-Pandemie geschuldet,

die den Forschungsprozess verzögerte. Doch gibt uns dies die Gelegenheit, dem

ersten Instituts-Leiter Prof. Dr. Jürgen Schuster herzlich zu danken für seine

wohlwollende Begleitung in allen Fragen, und ebenso Prof. Dr. Detlef Hiller, der

als sein Nachfolger das Institut in einer Übergangszeit führte und der den Weg

für dieses Forschungsprojekt mit bereitet hat. Wir freuen uns auf zahlreiche

weitere Jahre fruchtbarer Institutsarbeit.

Bad Liebenzell an Ostern 2022

Friedemann Burkhardt

Simon Herrmann

Tobias Schuckert


Geleitwort von Prof. Dr. Gerhard Wegner

Es war in der letzten Zeit vor meinem Eintritt in den sogenannten Ruhestand,

als sich bei mir im Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in Hannover einige

Personen aus Bad Liebenzell meldeten und um eine Beratung für ein soziologisches

Forschungsprojekt baten. Das war überraschend, wenngleich die Liebenzeller

Mission und ihre Internationale Hochschule Liebenzell mir natürlich

bekannt waren. Ich verband mit Liebenzell Glaubensstärke und eine weltweite

Ausrichtung, was mir beides schon immer imponiert hatte. Aber Soziologie?

Gar die Fähigkeit, methodisch sauber empirisch zu arbeiten und sich in den

säkularen Diskurs einbringen zu können? Da war mir Liebenzell noch nicht

aufgefallen. Aber das änderte sich schnell. In einem ersten Treffen in Stuttgart

im Restaurant staunte ich über die Professionalität, mit der das neue Institut

LIMRIS an die Fragen heran ging. Später übernahm dann Dr. habil. Hilke Rebenstorf

aus unserem Institut die Beratung.

Und nun liegen die Ergebnisse der großen Gottesdienst- und Gemeindestudie

für die innere Metropolregion Stuttgart vor. Es stimmt: Hier wird eine neue

und bislang einzigartige Faktenlage zur Wirklichkeit christlicher Kirchen und

ihrer Gottesdienste entfaltet. Der Blick geht weit über die großen Volkskirchen

hinaus, relativiert sie auch ein Stück weit, und lässt die gesamte Ökumene in all

ihrer Vielfältigkeit und Pluralität zum Tragen kommen. Die Region Stuttgart erweist

sich als religionsproduktiv – so hat es jedenfalls den Anschein, auch wenn

es sich um eine statische Erfassung handelt und demgemäß Entwicklungsprozesse

kaum beschrieben werden. Im Mittelpunkt stehen vitale Segmente überwiegend

protestantischer Freikirchen. Das ist sicherlich für den Kenner gerade

der Stuttgarter Szene nicht völlig überraschend – wurde aber bisher noch nie so

detailliert dargestellt. Es lohnt sich folglich, diese Ergebnisse in den allgemeinen

wissenschaftlichen Diskurs zu rezipieren, was vor dem Hintergrund der

kirchensoziologischen Diskussion der letzten Zeit auch geschehen soll.

Säkularisierung und religiöse Vitalität

Die Rede vom Niedergang der Kirchen und dem Verschwinden des christlichen

Glaubens – zumindest aus den nord- und mitteleuropäischen Gesellschaften –

kommt immer wieder schnell über die Lippen. Viele Zahlen belegen es deutlich:

im Jahr 2021 werden die bisher größten Mitgliedschaftsverluste der Evangelischen

Kirche in Deutschland (2,5%) und wohl auch der Katholischen Kirche ver-


10 Geleitwort

öffentlicht. Trotz aller Relativierungen in einer weltweiten Perspektive oder vor

dem Hintergrund eines weiten Religionsbegriffs in der Tradition eines Thomas

Luckmann 1 sind deswegen komplexe und empirisch ausgearbeitete Säkularisierungstheorien

wie insbesondere das herausragende Werk von Detlef Pollack und

Gergely Rosta: »Religion in der Moderne«, 2 von enormer Bedeutung zur Deutung

der religiösen Situation der Gegenwart. Welche Tabelle auch immer man im Abschnitt

über Westdeutschland betrachtet: es geht bergab. Besonders eindrucksvoll

ist die Übersicht über die Weitergabe der Konfession von einer Generation zur

nächsten zwischen 1991 und 2018. 3 Während in Westdeutschland 1991 nur 6%

der katholisch und 11% der evangelisch Erzogenen konfessionslos wurden, waren

dies 2018 bereits 14% bzw. 23%. Die einzige wachsende »Konfession« ist die der

Konfessionslosen. Und für Ostdeutschland gilt ohnehin: »Säkularisiert wie kein

anderes Land der Welt« 4 . Ende 2021 sind nur noch unter 50% der Bevölkerung

Deutschlands den beiden großen Kirchen angehörig – ein epochaler Einschnitt!

Ein Ende des Rückgangs ist nicht zu erwarten. Entsprechende Analysen – in eins

mit einem defensiven Verhalten der großen Kirchen – mögen ihn sogar verstärken.

Dennoch: So plausibel diese Analysen auch sind, so wenig befriedigen sie

diejenigen, die wissen wollen, was denn genau vor Ort – »in« den Menschen –

geschieht. Nach wie vor ist Deutschland von einem dichten Netz von Kirchengemeinden

überzogen, in denen nicht zuletzt jede Woche Gottesdienste gefeiert

werden. Schläft hier einfach alles ein? Die Kirche wird sich doch auch gegen den

Niedergang wehren! Und noch weniger werden jene einfach zustimmen, denen

der christliche Glaube am Herzen liegt und die deswegen immer wieder auch

neue Formen des Religiösen und Hotspots christlichen Glaubens entdecken –

was dem generellen Trend zwar nicht widersprechen muss, aber alles dennoch

komplexer werden lässt. So werden z. B. die besondere Attraktivität von Migrantengemeinden

entdeckt oder hochreligiöse junge Menschen 5 , so sehr sie eine

kleine Minderheit sind, in den Blick genommen. Erstaunlich resilient erweist

sich die Kirchenmusik Szene. Und was ehrenamtliche Mitarbeit in der Kirche

anbetrifft, so ist es gelungen, sie in den letzten Jahren beträchtlich zu steigern.

Die Diakonie boomt und expandiert überall. Ganz so einheitlich ist das Bild

folglich nicht – ganz abgesehen von den regionalen Unterschieden zwischen

Norden und Süden – Osten und Westen des Landes. Die hier zur Rede stehende

Region in Württemberg – Schwaben war immer religiös wesentlich aktiver als

der Norden und international schon lange weltweit unterwegs. 6

1

Thomas Luckmann: Die unsichtbare Religion, Frankfurt a. M. 7 2014.

2

Detlef Pollack/Gergely Rosta: Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich,

Frankfurt a. M. 2 2022.

3

A. a. O., 161.

4

A. a. O., 307.

5

Tobias Faix/Tobias Künkler: Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche, Neukirchen

– Vluyn 2018.

6

Vgl. dazu nur jüngst die faszinierende Studie über deutsche Missionare in Westafrika

im 19. Jahrhundert aus dieser Region von Paul Glen Grant: Healing and Power in


Geleitwort 11

Und so kommt es zu aufregenden Entdeckungen »gegen den Trend«, über

die breit diskutiert wird. Eine sorgfältige Analyse der religiösen Landschaft

Londons seit 1980 führt zur überraschenden Entdeckung wahrhafter religiöser

Vitalität, was die These einer Desäkularisierung der Stadt plausibel sein

lässt. 7 Auf der einen Seite bleibt London zwar hochsäkular auf einer europäischen

Linie – auf der anderen Seite ist es das enorme Wachstum aller nur

denkbaren Migrantengemeinden, »likely to raise the profile of religion in local

community« 8 , in eins mit der durchaus am Markt vital bleibenden öffentlichen

Rolle der anglikanischen Parochien und ihrer Kathedralen, die London als eine

globale Metropole profilieren. Alles in allem geben nur 20% der Londoner an

(mit die geringste Zahl in England), keiner Religion anzugehören und etwa 50%

verstehen sich als Christen 9 - Zahlen, die in Deutschland in Städten nicht mehr

erreicht werden. London gewinnt ein globales Profil und ragt damit aus dem

typisch europäischen säkularen Sonderweg heraus. Zusammenfassend ist die

These Grace Davies: »that we are becoming aware of a global narrative overlaying

the European one.« 10 Die überkommenen staatskirchlichen europäischen

Strukturen, die die religiöse Anpassungsfähigkeit und Kreativität des Christentums

einschränken, weichen flexibleren, aus dem globalen Süden stammenden

organisatorischen und vor allem liturgischen Formen. Religion boomt in der

Stadt – während sie auf dem Lande abstirbt. Eine neue Erfahrung!

Wie letztlich durchgreifend diese Prozesse sind, lässt sich nicht mit Sicherheit

voraussagen. London kann ein Ausnahmefall bleiben. Aber die Londoner

Einsichten verändern die Blickrichtung der Soziologen hin zu realen Alltagsprozessen,

in denen Glaube und Religion nach wie vor – und eben auch ganz

neu – eine wichtige Rolle spielen. Uta Pohl-Patalong hat erst vor kurzem auf ein

eigentlich erstaunliches Forschungsdefizit hingewiesen, nämlich, dass Untersuchungen

dazu fehlen würden, »was Menschen in verschiedenen Kontexten und

Formen als Erleben des Evangeliums beschreiben und wie sie diese Erfahrung

deuten.« 11 Platt gesagt: Genau so, wie der Glaube in den überkommenen ehemals

staatskirchlichen Anstaltsstrukturen lediglich verwaltet (und reguliert)

Ghana. Early Indigenous Expressions of Christianity, Waco 2020. Und nicht vergessen

natürlich die beiden Blumhardts in Boll mit Ausstrahlungen in alle Welt, nach China,

in den religiösen Sozialismus und zu den Anfängen des Social Gospel in den USA. Vgl.

dazu Gary Dorrien: The Legacy of the social Gospel, in Black and White. In: Jahrbuch

Sozialer Protestantismus, Band 10, Leipzig 2017, 223 – 240.

7

David Goodhew/Anthony–Paul Cooper: The Desecularisation of the City. London’s

Churches, 1980 to the Present, Abington/New York 2019. Ich vermute, dass Ähnliches

auch über New York (Manhattan) gesagt werden kann.

8

A. a. O., 360.

9

Grace Davie: London’s Churches. Sociological Perspectives, in: David Goodhew/Anthony-Paul

Cooper, A. a. O., 345 – 362, hier S. 351.

10

A. a. O., 360.

11

Uta Pohl-Patalong: Kirche gestalten. Wie die Zukunft gelingen kann, Gütersloh

2021, 19.


12 Geleitwort

wurde, scheint sich auch die Forschung hauptsächlich mit den großen Trends

zu befassen. Es muss doch aber darum gehen, um noch einmal Grace Davie zu

zitieren: »to ›bring to life‹ the underlying analysis, recognising that this is a

story of real people, doing real things in the real world.« 12 Also näher heranzukommen

an jene tatsächlichen Erfahrungen, die Menschen als christlichen

Glauben beschreiben und die sie begeistert weitergeben (oder aber unplausibel

und störend empfinden) und in ihren Gemeinden leben.

Kirchenmitgliedschaftsstudien und

Kirchengemeindebarometer

Dazu gehört es, möglichst komplex die Situation der Kirchen »evidenzbasiert«

zu analysieren. Nicht dogmatische Setzungen dessen, was man glauben soll,

stehen am Anfang, sondern empirische Exkursionen in die reale Welt der Kirchen

und religiösen Gemeinschaften. Zum Glück steht man in dieser Frage in

Deutschland nicht am Anfang – ganz im Gegenteil! Unmittelbar nach dem ersten

Einbruch der Kirchenmitgliederzahlen nach 1968 startete die EKD ein wahrhaft

epochales Forschungsprogramm zur Selbsterkundung: die »Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen«

(KMU) im Abstand von jeweils 10 Jahren. Mittlerweile

liegen 5 solcher Studien 13 vor – die sechste ist in Arbeit. So ziemlich alles, was

Menschen mit der Kirche verbindet wird hier abgefragt. Im Zeitverlauf lassen

sich faszinierende Entwicklungen aufzeigen. Hatte man in den Umfragen zur

KMU 1 vor allem Kritik an der Kirche erwartet so überraschte ihre enorme

Stabilität, die vor allem auf einem distanzierten aber völlig selbstverständlichen

Mitgliedschaftsverhalten beruhte, was sich als Charakteristikum der

Volkskirchen erweist: man gehört zur Kirche, nimmt aber wenig an ihr teil

und nutzt ihre Angebote kaum – auch nicht diejenigen der eigenen Gemeinden,

die aber gleichwohl den oftmals einzigen Zugang zur Kirche darstellen. Wenn

auch theologisch umstritten wurde dieses Verhalten als spezifisch modern und

zukunftsfähig gewertet und entsprechend umfassend analysiert. In den Hin-

12

Grace Davie, A. a. O., S. 345.

13

KMU 1: Helmut Hild (Hg.): Wie stabil ist die Kirche? Bestand und Erneuerung.

Ergebnisse einer Umfrage, Gelnhausen/Berlin 1974. KMU 2: Johannes Hanselmann/

Helmut Hild/Eduard Lohse (Hg.): Was wird aus der Kirche? Ergebnisse der 2. EKD Umfrage

über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh 1984. KMU 3: Klaus Engelhardt/Hermann

von Loewenich/Peter Steinacker (Hg.): Fremde Heimat Kirche. Die dritte EKD Erhebung

über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh 1997. KMU 4: Wolfgang Huber/Johannes

Friedrich/Peter Steinacker (Hg.): Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte

EKD Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh 2006. KMU 5: Heinrich Bedford-

Strohm/Volker Jung (Hg.): Vernetzte Vielfalt. Kirche angesichts von Individualisierung

und Säkularisierung. Die fünfte EKD – Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh

2015. In der Regel folgen jeweils ergänzende umfangreiche Kommentarbände.


Geleitwort

13

tergrund geriet demgegenüber ein sich der Kirche und dem Glauben stärker

verbundener Mitgliedschaftstyp, der sich nicht zuletzt als tragende Basis der

Kirchengemeinden erwies. Bisweilen konnte er sogar als rückständig beschrieben

werden. 14 Erst in der KMU 5 widmet man sich ihm und entdeckt die große

Bedeutung wieder, die den Kirchengemeinden für die Reproduktion der Kirche

zukommt. Tatsächlich hat es gut 50 Jahre lang keine nennenswerte empirische

Erforschung der Situation in den Kirchengemeinden in Deutschland nach den

zahlreichen Studien in den fünfziger Jahren gegeben. Dagegen gab es allerdings

konzeptionelle Beiträge und z.T. heftige Debatten über Struktur und Zukunft

der Gemeinden. »Congregational Studies« im angloamerikanischen Sinn haben

aber gerade erst begonnen und die Liebenzeller Studie gehört nun auch dazu.

Herausragend war in der letzten Zeit im Kontext der Sozialraumorientierung

der Kirche eine empirische Studie über die zivilgesellschaftliche Einbettung

von 6 landeskirchlichen Kirchengemeinden von David Ohlendorf und Hilke Rebenstorf.

15

Einen wichtigen Neuansatz zur Analyse der Situation in den Gemeinden

ist das im Jahr 2015 zum ersten Mal vom Sozialwissenschaftlichen Institut der

EKD durchgeführte Kirchengemeindebarometer 16 . Es stellt eine repräsentative

Umfrage unter den EKD-Gemeinden in Deutschland dar und ist jetzt (2021) im

2. Durchgang um freikirchliche Gemeinden erweitert worden. Befragt werden

die leitenden Gremien (Kirchenvorstand, Presbyterium) um ihren Blick auf ihre

Gemeinden. Dabei wird ein dynamisches Modell der Gemeindeentwicklung zugrunde

gelegt, in dem einerseits zwischen sozialen Koordinationsformen (eher

Marktorientierung – Organisation – Gemeinschaft) und andererseits zwischen

inhaltlichen Ausrichtungen der Gemeinde (eher religiös – sozial – kulturell)

unterschieden wird. Indem man Formen und Inhalte sozusagen kreuztabelliert

kann man komplexe Strukturen beschreiben und insbesondere ihre Dynamik in

den Blick bekommen (z. B. eine Entwicklung von einer religiösen Schwerpunktsetzung

mit Gemeinschaftsformen hin zu einer sozialen Marktorientierung

usw.). Es zeigte sich, dass außer Gottesdienst und explizit religiösen Angeboten

sehr viel in den Gemeinden als eher sozial ausgerichtet wahrgenommen

wird – und zwar stark unter dem Charakter von Gemeinschaft. Die Leitungsgremien

verstehen sich zudem nur begrenzt als die Gemeinden zielorientiert

organisierend. Insgesamt ergibt sich ein Bild von sich selbst als erfolgreich

einschätzenden (ca. 23 %), zufriedenen (ca. 33%), zwar zufriedenen, aber skeptisch

in die Zukunft blickenden (ca. 33%) und im Niedergang befindlichen Kir-

14

Vgl. dazu Gerhard Wegner: 50 Jahre dasselbe gesagt? Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen

der EKD im religiös-kirchlichen Feld. In: Gerhard Wegner (Hg.): Gott

oder die Gesellschaft? Das Spannungsfeld von Theologie und Soziologie. Würzburg

2012, 295–342.

15

David Ohlendorf/Hilke Rebenstorf: Überraschend offen. Kirchengemeinden in

der Zivilgesellschaft, Leipzig 2919.

16

Hilke Rebenstorf/Petra-Angela Ahrens/Gerhard Wegner: Potenziale vor Ort. Erstes

Kirchengemeindebarometer, Leipzig 2 2015.


14 Geleitwort

chengemeinden (ca. 10%). 17 Deutlich ist, dass es sich bei diesen Gemeinden um

ortsbezogene, landeskirchlich angebundene »Parochien« handelt, die sich von

freien »Congregations« US – amerikanischen Stils 18 unterscheiden. 19 Im Fall der

vorliegenden Stuttgarter Studie lässt sich nun die unterschiedliche Dynamik

beider Formen innerhalb Deutschlands vergleichen.

Die Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie

Mit dem bisher Gesagten ist – zumindest zu einem Teil – der diskursive Kontext

beschrieben, in den nun die spannenden Ergebnisse der hier vorliegenden

Liebenzeller Studie intervenieren. Zum ersten Mal wird eine solche empirisch

basierte komplette Übersicht über Gemeinden und Gottesdienste in einer Region

vorgelegt – ergänzt durch eine enorm große Zahl an historischen und konfessionskundlichen

Informationen. Dabei liegt der Fokus auf dem Bereich der

nichtparochialen, in diesem Sinne freien »Congregations«. Besonders deutlich

wird der bedeutende Anteil internationaler Akteure in der religiösen Szene –

und die sehr unterschiedliche Art und Weise mit der Kirchengemeinden auf

diese Herausforderung reagieren. In der klaren Affirmierung von Pluralität und

Vielfalt gerade der protestantischen Welt im Raum Stuttgart wird die alte, nie so

gemeinte aber faktisch denn doch diskriminierende Unterscheidung von Kirche

und Sekte i.S. von Max Weber und Ernst Troeltsch ad acta gelegt. 20

Ob der organisatorische Unterschied zwischen Volkskirchen aus staatskirchlicher

Tradition und Freikirchen aber dennoch nach wie vor charakteristisch

durchschlägt ist offen. Zu erwarten ist eine höhere Teilnahmefrequenz der

freikirchlichen Mitglieder aufgrund eines verbindlicheren Bindungsverhaltens

(z. B. Bekehrungserfahrungen als Eintrittsbedingung) und damit insgesamt ein

intensiveres Gemeindeleben und stärkeres Engagementverhalten im Vergleich

zu den offeneren volkskirchlichen Formen. 21 Und das wird in der Studie ja auch

belegt. An den Volkskirchen nimmt in der Regel teil, wer eine hohe religiöse

17

A. a. O., 167ff.

18

Klassisch dazu Nancy T. Ammerman: Pillars of Faith. American Congregations and

their Partners, Berkeley/Los Angeles/London 2005.

19

Vgl. dazu den Berichtsband über eine internationale Tagung im Anschluss an das

Kirchengemeindebarometer Thorsten Latzel/Gerhard Wegner (Hg.): Congregational

Studies worldwide. The Future of the Parish and the Free Congregation. Leipzig 2017

mit Beiträgen u. a. von Eberhard Hauschildt, Nancy T. Ammerman, Mark Chaves, Ulla

Schmidt, Jörg Stolz u. a.

20

Wobei gesehen werden muss, dass in deren Typologie die Sekten als die dynamischeren

Akteure gelten. Vgl. klassisch Ernst Troeltsch: Die Soziallehren der christlichen

Kirchen und Gruppen, Band 1 und Band 2, Tübingen 1994, Nachdruck der Ausgabe

Tübingen 1912.

21

Das unterstützt eindrücklich Julia Steinkühler mit Ergebnissen aus dem 2. Kirchengemeindebarometer

des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in SI Kompakt

Nr. 3 – 2021, Hannover 2021: »Setzen sich evangelikale Gemeinden am Markt durch?«


Geleitwort

15

Verbindlichkeit gerade nicht will. Patrick Todjeras hebt in dieser Studie zudem

hervor, wie sehr das freikirchliche Milieu unter Spannung steht und diskutiert

die Bedeutung post-evangelikaler Diskurse. Ebenso warnt Philipp Bartholomä

davor, zu viel von einem aus Bekehrungen gespeisten Wachstum zu erwarten.

Deutlich wird allerdings, dass moderne Gottesdienste – und eine auf sie bezogene

Gemeindearbeit – Wachstumsfaktoren sind. Allerdings gilt: »Derart zeitgemäße

Gottesdienste entfalten ihre Wirkung aber wiederum nur dann, wenn

glaubensmäßig überzeugte Bezugspersonen im Vorfeld ausdauernd in tragfähige

und vertrauensvolle Beziehungen investiert haben.« (S. 392 in diesem Buch).

Der Faktor des persönlichen Charismas in der Weitergabe des Glaubens bleibt

durch alle Konfessionsfamilien hindurch entscheidend. Gerade dieser Gedanke

verweist auf die Prozesshaftigkeit jedweder Gemeindeentwicklung, die letztlich

davon lebt, dass der Glaube intergenerational – meist in der Familie – weitergegeben

wird.

Und damit wären wir wieder am Anfang. Was treibt die Christen in der

Region Stuttgart in ihren Gemeinden um? Warum besuchen erstaunlich viele

sonntags ihre Gottesdienste? Dazu finden sich zahlreiche Analysen in diesem

Buch. Unterschiedliche Profile einer ökumenisch versöhnten Vielfalt werden

deutlich. Das macht Hoffnung für die Zukunft des christlichen Glaubens in einem

säkularisierten Land! Noch sind die großen parochial verfassten Volkskirchen

ressourcenstark, aber das wird sich ändern. Religiös vitaler scheinen denn

doch die kleineren »Congregations« zu sein, die schon immer ein, wenn man so

will, »bürgerschaftliches« Gegenmodell gegen die ehemaligen »Staatskirchen«

boten. Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, welches Kirchenmodell

sich im allgemeinen Druck der Säkularisierung als am resilientesten erweist.

Anders gesagt: In welchem Modell finden sich genügend »Anreize« zur aktiven

Weitergabe des Glaubens, zur missionarischen Dynamik? Zur Diskussion dieser

Frage liefert dieses Buch viel neues Material. Danke für diese Studie!

Prof. Dr. Gerhard Wegner,

bis 2019 Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD und apl. Professor

für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität

Marburg


Inhalt

Vorwort der Herausgeber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Geleitwort von Dr. Gerhard Wegner . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Abbildungen, Übersichten und Karten. . . . . . . . . . . . . . . . 21

Methodische und technische Hinweise. . . . . . . . . . . . . . . . 25

Teil 1: Einleitung in die Studie

Friedemann Burkhardt/Simon Herrmann/Tobias Schuckert

Einführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .29

Friedemann Burkhardt

Grundbegriffe, Forschungsstand und theoretische Fundierung. . . . . . .35

Tobias Schuckert

Methodik der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie . . . . . . . 71

Teil 2: Darstellung der Untersuchungsergebnisse

Friedemann Burkhardt/Marcel Folz/Jorge Krist/Larissa Meister

Gemeinden in der Region Stuttgart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91

Eine ökumenisch-kirchenkundliche Beschreibung

Friedemann Burkhardt/Marcel Folz/Larissa Meister

Gottesdienst in ökumenischer Vielfalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189

Empirische Einsichten zur Gottesdienstwirklichkeit im Stuttgarter Raum

Friedemann Burkhardt/Simon Herrmann/Tobias Schuckert

Die Stuttgarter Gemeindelandschaft – ein bewegtes

Bild der Ökumene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227

Ergebnis und ökumenische Perspektiven


18 Inhalt

Teil 3: Vertiefungen und Perspektiven

Julia Steinkühler/Hilke Rebenstorf

Die Beteiligung an Gottesdiensten und Gemeindeaktivitäten

in den evangelischen Denominationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263

Ergebnisse des 2. Kirchengemeindebarometers des

Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD

Andreas Schäffer

Zwei Gemeinden – ein Gottesdienst!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273

Stationen eines gemeinsamen Gottesdienst-Projektes von Offenem Abend

und CVJM in Stuttgart.

Chibiy Tchtachouang/Friedemann Burkhardt

Digitale Gottesdienst- und Gemeindeangebote . . . . . . . . . . . . . . 279

Potenziale medial vermittelter kirchlicher Verkündigungs- und

Gemeinschaftsangebote am Beispiel einer internationalen eChurch

Simon Herrmann

Kirche und Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295

Impulse im Anschluss an die Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie

für einen ganzheitlichen Dienst der Gemeinde in der Welt

Volker Gäckle

Pietismus in der Metropolregion Stuttgart in

Geschichte und Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321

Friedemann Burkhardt

Ortsgemeinde als kirchliches Zukunftsmodell . . . . . . . . . . . . . . . 353

Leitungsgrundsätze des pietistischen Entrepreneurs Friedrich Heim als

Impulse für die Gemeindeentwicklung heute

Philipp Bartholomä

Gemeindeaufbau in der Metropolregion Stuttgart . . . . . . . . . . . . 389

Reflexion aus freikirchlicher Perspektive

Jorge Krist/Simon Herrmann

Neue experimentelle Gemeindeformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397

Aspekte der Umsetzung von FreshX in zwei Gemeindegründungen

Patrick Todjeras

Transformationen im evangelikalen Milieu . . . . . . . . . . . . . . . . 409

Eine Erkundung


Inhalt

19

Eduard Ferderer

Ein Volk auf dem Weg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421

Streiflichter zur Russlanddeutschen Kirchengeschichte

Björn Szymanowski

Von der Nebenkirche zur interkulturellen Konvivenz . . . . . . . . . . . 431

Die Entwicklung fremdsprachiger Pastoral als Geschichte kultureller

Öffnung der katholischen Kirche in Deutschland

Tobias Schuckert

Diaspora als theoretischer Rahmen zum Verständnis ausländischer

Gemeinden am Beispiel der Japanischen Evangelischen Gemeinde

Stuttgart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449

Joyce Dara/Friedemann Burkhardt

FEPACO-Nzambe Malamu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469

Portrait einer afrikanischen Gemeinde

Anhang

Zahlen zu den christlichen Gemeinden und

Gottesdiensten in der iMS 2020 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 483

Denominationen in der iMS. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486

Auswertungsdokumente zur SGGS im LIMRIS-Archiv . . . . . . . . . . . 492

Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494

Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 496

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497

Namen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497

Orte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 502

Sachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507


Teil 1

Einleitung in die Studie


Friedemann Burkhardt/Simon Herrmann/Tobias Schuckert

Einführung

Gottesdienst und Gemeinde – diese beiden Begriffe stehen in ihrer Verbindung

für ein Phänomen, das so alt ist wie die Sachverhalte selbst, für die sie stehen:

ihre Verwobenheit sowohl historisch-theologisch als auch in der öffentlichen

Wahrnehmung. Am Gottesdienst zeigen sich die Herausforderungen für Gemeinden

in der Gegenwart wie in keinem anderen kirchlichen Handlungsfeld.

Entsprechend offenbart eine Untersuchung dieser beiden Größen Gottesdienst

und Gemeinde die kolossale Aufgabe und Schwierigkeit, vor denen christlicher

Glaube zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht, besonders deutlich. Gelten Gottesdienste

doch weithin als das Aushängeschild einer Gemeinde und als schlechthinniges

Wesensmerkmal christlichen Glaubens. So kann jemand auf die Frage

nach seiner weltanschaulichen Überzeugung antworten: »Ich gehe in die Kirche«

und damit meinen, dass er regelmäßig den Gottesdienst besucht, oder auch

dass, er sich einer Gemeinde angeschlossen hat.

Nun hat es in den vergangenen zwanzig Jahren eine Fülle von empirischen

Gottesdienstuntersuchungen gegeben. Allerdings zeigt sich bei näherer

Betrachtung, dass quantitative wie qualitative Gottesdienststudien auf die Untersuchung

einzelner Kirchen ausgerichtet sind und sich innerhalb der religiösen,

konfessionellen und denominationellen Traditionslinien bewegen. Eine

ökumenische Perspektive ist bislang noch kaum im Blick. Etwa dasselbe Bild

ergibt sich auch für die Gemeindeforschung, die sich in Deutschland bisher

nicht einmal als ein eigener Forschungsbereich etablieren konnte. Eine ökumenische

Perspektive vergleichender Gottesdienst- und Gemeindeforschung ist

ein Desiderat, gleichzeitig aber auch der einzige Weg, um zu gültigen und verlässlichen

Daten und Bewertungen der Gottesdienst- und Gemeindewirklichkeit

als Ganzer zu gelangen.

Dieses Anliegen verfolgt das Liebenzell Institute of Missiological, Religious,

Intercultural, and Social Studies (LIMRIS) der Internationalen Hochschule Liebenzell

und hat dafür das Forschungsformat der »Metropolstudien« entwickelt.

Die Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie ist die zweite dieser Art, die

das Institut durchgeführt hat. Das primäre Ziel dieser Metropolstudien besteht

in der Beschreibung eines differenzierten und möglichst wirklichkeitsgetreuen

Bildes von der Gesamtheit christlicher Gemeinden in einer Metropolregion in

ihrer denominationellen, liturgischen und ethnisch-lebensweltlichen Vielfalt.

Sie zielen in der Datenerhebung auf Informationen über den Gottesdienst und

die Gemeinden in der gesamten Breite der Ökumene eines Untersuchungsgebiets.

Sodann geht es um ein kritisches Verstehen und Darstellen dessen, was


30 Friedemann Burkhardt/Simon Herrmann/Tobias Schuckert

sich in den Daten als Momentaufnahme des Gemeindepanoramas wahrnehmen

lässt. Schließlich gilt das Interesse Einsichten, Anregungen und Perspektiven,

die sich aus einer solchen Metropolstudie für die Erarbeitung einer Theorie zur

Gestaltung des Lebens und Zusammenwirkens von Gemeinden für die Praxis

ergeben.

Mit der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie liegt nun erstmals

eine kirchenkundlich-kirchensoziologisch ausgerichtete vergleichende Gemeindeforschung

in ökumenischer Perspektive für Deutschland vor. Sie präsentiert

im Ergebnis eine Momentaufnahme der christlichen Gemeinden, Kirchen und

Gemeinschaften und ihrer Gottesdienste in der inneren Metropolregion Stuttgart

für die Jahre 2019 bis 2021.

Begriffliche Klärungen, Forschungsstand

und Methodik

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um die erste Veröffentlichung einer

Metropolstudie des LIMRIS. Entsprechend bietet der Beitrag von Friedemann

Burkhardt im ersten Teil des Buches für die Studie eine Klärung ihrer

wichtigsten Grundbegriffe, einen Überblick über den Forschungsstand sowie

eine Darlegung der theoretischen Fundierung. Da die beiden Forschungsgegenstände

primär Fachbereiche der Praktischen Theologie darstellen, wird der

Untersuchungsansatz der Studie im Raum empirischer praktisch-theologischer

Forschung verortet und beschreibt diese in den Bestandteilen des Forschungsprozesses.

Abschließend werden die der Untersuchung zugrunde liegenden

beobachtungsleitenden Theorien und Konzepte vorgestellt. Dazu gehören ihr

Verständnis von Ökumene, der Pluralismusbegriff, das Konzept der Transnationalisierung

und der World Christianity sowie ein Modell kirchlicher Handlungsfelder,

das eine differenzierte Untersuchung der Gottesdienst- und Gemeindewirklichkeit

in ökumenischer Perspektive ermöglichen soll.

Wie die bisherigen Ausführungen zeigen, ergab sich für die Untersuchung

der doppelte Forschungsgegenstand Gemeinde und Gottesdienst. Ihr grundlegendes

Interesse galt der Frage, welche Gemeinden die Kirchenlandschaft der

inneren Metropolregion Stuttgart bilden und welche Gottesdienstwirklichkeit

sich darin feststellen lässt. Die für eine solche Studie erforderliche Methodenreflexion

und ihr Design beschreibt Tobias Schuckert in seinem Beitrag zur

Forschungsmethodik der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie im

Hinblick auf die Forschungsfrage, das Untersuchungsziel, die Methoden der

Datenerhebung und -analyse und ordnet diese in das Feld empirischer Sozialforschung

ein. Beide Beiträge, der zu den Grundbegriffen, zum Forschungsstand

und zur theoretischen Fundierung wie der zur Methodik, haben für das

Forschungsformat der Metropolstudien grundlegenden Charakter.


Einführung

31

Ergebnisse einer Gottesdienst- und

Gemeindeuntersuchung

Im Zentrum des Buches steht die Präsentation der Ergebnisse der vorgenommenen

empirischen Untersuchungen zu Gemeinden der iMS. Friedemann Burkhardt,

Marcel Folz, Jorge Krist und Larissa Meister eröffnen mit ihrem Beitrag

»Gemeinden in der Region Stuttgart« diese ausführliche Darstellung mit einer

ökumenisch-kirchenkundlichen Beschreibung christlicher Kirchen, Gemeinden

und Gemeinschaften in der Region Stuttgart. Beginnend mit Betrachtungen

über die Orthodoxie, den Katholizismus und Protestantismus bis hin zu den

»christlichen Sondergemeinschaften« erfolgt eine ausführliche Beschreibung

der ökumenischen Vielfalt in der iMS. Historische Entwicklungen und statistisches

Datenmaterial zeigen die Lebendigkeit des christlichen Glaubens in und

um Stuttgart. Manch überraschender und brisanter Ertrag, der vorher so nicht

zu erwarten war, findet sich in den Ergebnissen. Die angesprochene Vitalität

christlichen Lebens in der Region Stuttgart drückt sich vorrangig in den unterschiedlichen

ökumenischen Gottesdienstformen aus.

»Gottesdienst« ist einer der beiden theologischen Leitbegriffe dieser Studie.

Darum beschäftigen sich Friedemann Burkhardt, Marcel Folz und Larissa Meister

in einem weiteren Beitrag mit der Thematik unter dem Titel »Gottesdienst

in ökumenischer Vielfalt«. Auffällig ist in diesen empirischen Betrachtungen

die Bedeutung des Sonntagsgottesdienstes in seinen unterschiedlichen Erscheinungsbildern

und divergierenden Zielgruppen als wichtigste Veranstaltung des

Gemeindelebens. Beeindruckend sind dabei die festgestellten Zusammenhänge

des wöchentlichen Gottesdienstbesuches zu den anderen kirchlichen Handlungsfeldern.

Der christliche Glaube in der iMS zeigt kein homogenes Erscheinungsbild,

sondern präsentiert sich als buntes Mosaik einer »Vielzahl von Christentümern«.

Die Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie liefert darum

auch Einsichten für verschiedene wissenschaftliche Diskurse. Friedemann

Burkhardt, Simon Herrmann und Tobias Schuckert reflektieren über »Die Stuttgarter

Gemeindelandschaft – ein bewegtes Bild der Ökumene« aus vier unterschiedlichen

Perspektiven über die Bedeutung der Ergebnisse. Kirchenkunde,

Praktische Theologie, Missions- und Religionswissenschaften sind wesentliche

Schwerpunkte der Forschung des LIMRIS. Die vorher dargestellten Ergebnisse

werden anhand dieser Perspektiven interpretiert und eine Anschlussfähigkeit

an die unterschiedlichen Diskurse hergestellt.

Aspekte zum Gottesdienst

Im dritten Teil des Bandes werden Themenbereiche vertieft, die sich im Verlauf

der Studie als besonders relevant hinsichtlich des Verständnisses der Gottesdienst-

und Gemeindewirklichkeit herauskristallisiert haben. Die einzelnen


32 Friedemann Burkhardt/Simon Herrmann/Tobias Schuckert

Artikel gehen dabei entweder direkt auf die Daten der Studie ein, verdeutlichen

anhand exemplarisch ausgewählter Gemeinden ein bedeutendes Thema oder

ermöglichen durch ihre eher grundsätzliche Natur die Einordnung bestimmter

Phänomene in einen größeren Zusammenhang.

Die ersten drei Artikel beleuchten die Gottesdienstwirklichkeit aus verschiedenen

Blickwinkeln näher. Julia Steinkühler und Hilke Rebenstorf setzen

die Ergebnisse der SGGS ins Verhältnis mit den Resultaten des 2. Kirchenbarometers

des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD. Sie gehen insbesondere

auf die Besucherzahlen in Gottesdiensten und regelmäßigen Gemeindeveranstaltungen,

die Anzahl der Gottesdienste und Wege der Mitgliedergewinnung

ein. Während die abgefragten Parameter nicht deckungsgleich sind, weisen die

Tendenzen der Ergebnisse aus beiden Studien in wesentlichen Gesichtspunkten

klar in dieselbe Richtung.

Im Beitrag »Zwei Gemeinden – ein Gottesdienst!« beschreibt Andreas Schäffer

aus einer Innenperspektive die Entwicklungen hin zu einem gemeinsamen

Gottesdienstangebot von Offenem Abend Stuttgart und CVJM Stuttgart. Zuerst

nur als temporäres Konstrukt der zwei eigenständigen Gemeinschaften gedacht,

entwickelte sich die Kooperation trotz zahlreicher ideeller und praktischer Herausforderungen

sogar noch über die gemeinsamen Gottesdienste hinaus weiter.

Der Autor führt die gelingende Zusammenarbeit vor allem darauf zurück, dass

beide Gemeinden sich von dem Anliegen leiten ließen, der Stadt dienen zu wollen.

Chibiy Tchatchouang und Friedemann Burkhardt zeigen am Beispiel der im

Januar 2020 gegründeten BSZ-eChurch auf, welche Potenziale sich für den Gemeindebau

durch gezielt eingesetzte mediale Angebote eröffnen. Durch interaktiv

gestaltete Elemente erfahren online vernetzte Gottesdienst- und Gemeindebesucher

geistliche Gemeinschaft. Neben den Gottesdiensten finden auch

Gebetstreffen, Seelsorge und Glaubenskurse statt. Durch den internationalen

Charakter der Gemeinde ist eine transnationale Gemeinde entstanden, die Menschen

in verschiedenen Erdteilen miteinander verknüpft und so Gemeinde neu

erleben lässt.

Ekklesiologische Perspektiven

Die nächsten vier Artikel nehmen ekklesiologische Perspektiven ein. Simon

Herrmann untersucht in seinem Beitrag die Zuwendung der Gemeinden in der

SGGS zur Welt in sozialdiakonischer und globaler Sicht und stellt die Ergebnisse

in einen größeren Zusammenhang, indem er sie mit der Literatur aus

katholischer, evangelisch-landeskirchlicher und evangelikaler Perspektive verknüpft.

Er plädiert dabei für einen ganzheitlichen Dienst am Nächsten und für

die Durchlässigkeit der sozialdiakonischen Arbeit für das explizite Zeugnis des

christlichen Glaubens.

Die weite Verbreitung und Bedeutung des Pietismus ist ein wesentliches

Charakteristikum der kirchlichen Landschaft innerhalb der iMS. Seine 350-jäh-


Einführung

33

rige Geschichte nimmt Volker Gäckle unter die Lupe und stellt dabei herausragende

Persönlichkeiten ebenso vor, wie die wesentlichen Gruppen und Organisationen

in Vergangenheit und Gegenwart. Bei allen Veränderungen, die in der

Bewegung stattgefunden haben, benennt Gäckle auch die bleibenden Merkmale,

die dem Pietismus Identität verleihen. Der Beitrag endet mit einem Ausblick

in die Zukunft, in dem die Herausforderungen für den Pietismus ebenso betont

werden wie seine Erneuerungsfähigkeit.

Vom Leben und Wirken des pietistischen Pfarrers und Entrepreneurs Friedrich

Heim (1789-1850) ausgehend entwickelt Friedemann Burkhardt Impulse

für die Neubelebung der Gemeindearbeit von heute. Er vergleicht Heims Ansätze

mit denen des aus Großbritannien stammenden Mixed Economy-Modells

und der deutschen Gemeindeaufbaudebatte. Als Zukunftsmodell sieht er nicht

Gemeinden, die sich auf ausgewählte Zielgruppen konzentrieren, sondern Ortsgemeinden,

die Ansätze des Mixed Economy-Modells aufnehmen.

Dem großen und in der SGGS deutlich hervorgetretenen freikirchlichen

Spektrum der Gemeinden ist der Beitrag von Philipp Bartholomä gewidmet,

der die Ergebnisse der SGGS mit seiner eigenen Forschung im freikirchlichen

Raum in Relation setzt. Er führt aus, wie ein zeitgemäßer Gottesdienst zwar

ein notwendiger, aber keinesfalls hinreichender Faktor für ein hohes Mobilisierungsvermögen

von Gemeinden darstellt und nennt weitere Schlüsselfaktoren

für einen überdurchschnittlichen Gottesdienstbesuch, die sowohl in der SGGS

als auch in seiner eigenen Forschung deutlich werden.

Eine neue Form der kontextsensiblen Gemeindegründung wird von Jorge

Krist und Simon Herrmann beschrieben. In »Neue experimentelle Gemeindeformen«

stellen sie zwei Gemeinden vor, die das aus England stammende Fresh-

Expression of Church-Konzept bewusst oder unbewusst in ihren Handlungsfeldern

umsetzten. Dabei kommen sie zu dem Schluss, dass Konzeptionen nicht

immer vollständig umgesetzt werden können, sondern jede Gemeinde sich in

ihrer Gestaltung individuell entwickelt.

Aspekte der Pluralisierung und Internationalisierung

Die letzten fünf Beiträge zur Studie greifen die Pluralität und Internationalität

des christlichen Glaubens in der iMS auf und diskutieren sie. Dadurch lassen

sich manche Auffälligkeiten der Studie besser einordnen. Patrick Todjeras kritischer

Blick auf »Transformationen im evangelikalen Milieu« zeigt auf, wie diese

Bewegung, die auch in der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie einen

prominenten Platz einnimmt, keineswegs als einheitliche Gruppierung verstanden

werden kann. Während viele evangelikale Gruppen und Kirchen an traditionellen

Glaubens- und Gemeindeüberzeugungen bewusst festhalten, sind die

sogenannten Post-Evangelikalen um eine Neudeutung ihrer Auffassung christlichen

Lebens bemüht.


34 Einleitung

Unter der Gruppierung »Neupietistische und evangelikale Kirchen, Gemeinden

und Gemeinschaften« werden auch Gemeinden kategorisiert, deren Mitglieder

russlanddeutsche Migrantinnen und Migranten und deren Nachkommen sind.

In seinem Artikel »Ein Volk auf dem Weg – Streiflichter zur Russlanddeutschen

Kirchengeschichte« stellt Eduard Ferderer die bewegende Geschichte dieser

Volksgruppe dar und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis

dieser Gruppierung und damit zur Heterogenität des Glaubens in der iMS.

In einer Studie mit explizit ökumenischer Perspektive darf auch eine

römisch-katholische Perspektive nicht fehlen. In seiner Vorstellung über die

Entwicklung fremdsprachiger Seelsorge als Geschichte kultureller Öffnung der

katholischen Kirche in Deutschland unter dem Titel »Von der Nebenkirche zur

interkulturellen Konvivenz« bespricht Björn Szymanowski die verschiedenen Lösungsansätze

der katholischen Kirche mit der Herausforderung der Seelsorge

an fremdsprachigen Kirchenmitgliedern. Dabei wird deutlich, wie Kirche sich

immer wieder an veränderte Umstände anpassen kann.

Die Kirchenlandschaft in der iMS ist bunt und vielsprachig. Das zeigen

auch die beiden nächsten Artikel. Tobias Schuckert verwendet »Diaspora als

theoretischen Rahmen zum Verständnis ausländischer Gemeinden am Beispiel

der Japanischen Evangelischen Gemeinde Stuttgart«. Die Entwicklung des

Diaspora-Begriffs vom Gericht hin zu einem ekklesiologischen Paradigma der

World Christianity zeigt auf, wie ausländische Gemeinden, die gern übersehen

werden, Brückenorte in der weltweiten Mission Gottes werden.

Die Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie konnte insgesamt 14

Gemeinden mit afrikanischem Hintergrund ausfindig machen. Viele dieser Gemeinden

haben ein internationales Netzwerk. Ein Beispiel einer transnationalen

Gemeindebewegung mit Ursprung im Kongo ist »FEPACO – Nzambe Malamu«,

die von Joyce Dara und Friedemann Burkhardt porträtiert wird. Darin wird

erkennbar, mit welchem Blick afrikanische Gemeinden ihre Arbeit in Deutschland

und Europa gestalten. Es wird erkennbar, welchen Herausforderungen sich

diese Gemeinden und deren Leiter stellen müssen.


Friedemann Burkhardt

Grundbegriffe, Forschungsstand,

theoretische Fundierung

Um ein möglichst vollständiges Bild der Gemeindelandschaft und ihrer Gottesdienstwirklichkeit

in der inneren Metropolregion Stuttgart (iMS) zu gewinnen,

verfolgte die Studie eine ökumenische Grundperspektive und wurde als Kombination

von empirischer Gemeindeforschung und empirischer Gottesdienstforschung

angelegt. Dieser einleitende Beitrag erläutert die für die Studie erforderlichen

thematischen Grundbegriffe, gibt einen Forschungsüberblick über die

empirische Gottesdienst- und Gemeindeforschung im deutschsprachigen Raum

und die theoretische Begründung für einen Ansatz vergleichender Gottesdienstund

Gemeindeforschung in ökumenisch-kirchenkundlicher Perspektive.

Thematische Grundbegriffe

Das Untersuchungsgebiet der vom LIMRIS-Forschungsinstitut durchgeführten

Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie ist die sogenannte innere Metropolregion

Stuttgart (iMS). Die Untersuchung fällt institutsintern in den Bereich

der Metropolstudien, die einen Schwerpunkt von LIMRIS darstellen. 1 Diese

Metropolstudien untersuchen urbane Zentren religionssoziologisch im Sinn

vergleichender regionaler christlicher Gemeindeforschung in interkultureller

und globaler Perspektive. Als Metropolregionen gelten in einem allgemeinen

Sinn weitgefasste Ballungs- und Verdichtungsräume von Großstädten mit ihrem

Umland. Diese lassen sich charakterisieren durch eine enge Verzahnung von

Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und sozio-kulturellen Faktoren sowie durch

eine Vernetzung der ländlichen Randlagen mit dem Ballungszentrum durch

eine entsprechende Verkehrsinfrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung.

Der Begriff Europäische Metropolregion (EMR) wurde durch die Politik Mitte

der 1990er Jahre auf europäischer und nationaler Ebene eingeführt, weist etwa

120 geografische Räume als eine EMR aus und erfuhr seither unterschiedliche

Auslegungen. 2 So umfasst die EMR Stuttgart in ihrer weiten Auslegung etwa

1

Vgl. LIMRIS-Forschungsinstitut, Themen, ihl.eu/forschung/limris-institut.

2

Vgl. Growe, Metropolregion, 1511f., econstor.eu.


36 Friedemann Burkhardt

5,2 Millionen Einwohner 3 und in ihrer 2015 vorgenommenen engen Definition

2,7 Millionen Einwohner, 4 die meist als innere Metropolregion bezeichnet

wird. 5 Für eine religionssoziologische Studie zu Ballungsräumen schien es

naheliegend, aus Gründen der Vergleichbarkeit als Untersuchungsgebiet die

EMR zu wählen. Die Entscheidung für die iMS als kleinstmögliche Variante der

EMR Stuttgart als Untersuchungsgebiet geschah aus forschungsstrategischen

Gründen. Sie umfasst den Stadtkreis der Landeshauptstadt Stuttgart und die

fünf unmittelbar angrenzenden Landkreise Böblingen, Esslingen, Göppingen,

Ludwigsburg und Rems-Murr, wobei von den beiden letztgenannten nicht alle

kommunalen Gemeinden eingeschlossen sind. Die iMS gilt als Wachstumsregion

mit der Prognose des drittstärksten Bevölkerungszuwachses unter den elf

Europäischen Metropolregionen in Deutschland. 6

Ziel der LIMRIS-Metropolstudien ist es, eine Momentaufnahme der verschiedenen

christlichen Gemeinden, Kirchen und Gemeinschaften in ihrer

denominationellen, liturgischen und ethnischen Vielfalt zu erstellen. Um für

dieses Bild eine möglichst große Vollständigkeit und Tiefenschärfe zu erreichen,

setzt sich diese Momentaufnahme aus mehreren Einzelbildern zusammen,

die nacheinander und teilweise parallel miteinander angefertigt wurden. 7

In einem ersten Untersuchungsschritt von September 2019 bis Anfang 2020

entstand eine Aufnahme, die die Gemeinden in der gesamten Fläche der iMS in

ihrer konfessionellen und denominationellen Vielfalt präsentiert. Weitere Untersuchungsschritte

2020/21 ergänzten diese auf die Fläche ausgerichtete eindimensionale

Darstellung, sodass mehr von den Besonderheiten der einzelnen

Gemeinden in demominationeller Hinsicht, im Hinblick auf den Gottesdienst

und weitere kirchliche Handlungsfelder erkennbar wurde. Im Zeitraum von

etwa zwei Jahren von September 2019 bis Herbst 2021 entstanden so mehrere

Einzelaufnahmen, die in der Synopse ein kontrastscharfes und profilstarkes

Panorama der christlichen Gemeinde- und Kirchenlandschaft der iMS zeigen.

Diese Mehrdimensionalität ermöglicht eine Vorstellung vom Neben- und Miteinander

der Gemeinden, von stabilen und brüchigen Sozialräumen und von festeren

und loseren Netzwerkstrukturen. Das Bild, das so entstand und welches

die Studie im Ergebnis bietet, versteht sich weder als Schnappschuss noch als

Film. Vielmehr handelt es sich, um eine Formulierung von Johann Hafner und

Irene Becci aufzugreifen, um ein »bewegtes Bild«, 8 das etwas von den Entwicklungen,

vom Wandel und den Dynamiken in der Stuttgarter Kirchenlandschaft

3

Statista, Metropolregionen 2019, statista.com.

4

Eurostat (ESTAT), 2015, eumonitor.eu.

5

Vgl. die Aufstellungen zur inneren Metropolregion Stuttgart, Art. Metropolregion

Stuttgart, wiki.de; Art. Metropolregion Stuttgart, wikipedia.org. Eine detaillierte Aufstellung

s. Dehn, Die innere Metropolregion Stuttgart, LIMRIS-Archiv, SGGS, A1.

6

Zur Bevölkerungsentwicklung s. Daten und Karten zu den Europäischen Metropolregionen

in Deutschland, s. Anm. 6.

7

→ Methodik, S. 71–88.

8

Hafner/Becci, Glaube in Potsdam, Bd. I, 13.


Grundbegriffe, Forschungsstand, theoretische Fundierung

37

aufzeigen kann und darüber hinaus auch manches unerwartetes Ereignis festgehalten

hat.

Im Fokus der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie stehen christliche

Gemeinden, Kirchen und Gemeinschaften, die einen der beiden Hauptgegenstände

der Untersuchung bilden. Da diese Begriffe sowohl umgangssprachlich

als auch in den verschiedenen christlichen Traditionen und theologischen sowie

religionswissenschaftlichen Diskursen unterschiedlich verstanden werden,

sollen ihre Bedeutung und ihr Verständnis im Folgenden erläutert werden.

1. Die Gemeinde gilt als die grundlegende Sozialgestalt christlichen Glaubens

im Sinn der communio sanctorum, die die Gemeinschaft mit Gott und mit

Menschen ermöglicht. 9 Bis Mitte des letzten Jahrhunderts galt die parochiale

bzw. lokale Ortsgemeinde als die grundlegende Form von Gemeinde, unabhängig

davon, ob es sich um eine landes- bzw. staatskirchliche oder eine freikirchliche

Gemeinde handelte. Seit den Debatten um den missionarischen Gemeindeaufbau

in den 1980er Jahren wird das Verständnis von Gemeinde kontrovers

diskutiert und es entstanden neue Formen von Gemeinde. 10 In der Gegenwart

existiert eine Vielfalt von Gemeindeformen 11 in einem Miteinander von Ortsgemeinden

12 eher parochialer Prägung einerseits und Funktionsgemeinden

alternativer Gestalt andererseits. Diese Funktionsgemeinden reagieren mit ihrem

spezifischen Profil auf lebensweltliche, soziale, zeitliche oder spirituelle

Bedürfnisse von Menschen in ihrer Umgebung und sind meist stark von ihrer

Zielgruppe bestimmt. Ungeachtet der Unterschiede lassen sich gemeinsame

theologische Überzeugungen identifizieren. 13 In theologischer Perspektive steht

die Gemeinde für die grundlegende christliche Gemeinschaft, in der sich Gläubige

im Sinn des neutestamentlichen Gemeinschaftsverständnisses zu einer

Lebens-, Lern- und Dienstgemeinschaft verbinden. 14 Danach ist eine Gemeinde

durch eine basale Kernidentität in der Beziehung zu Christus gekennzeichnet, 15

9

Vgl. Hauschildt/Pohl-Patalong, Kirche, 271–275; Karle, Praktische Theologie,

117f.

10

Vgl. Kunz/Pohl-Patalong, Aufbruch zu einem neuen Verständnis von Gemeinde, 28.

11

Vgl. Bubmann et al., Gemeinde auf Zeit; Hauschildt/Pohl-Patalong, Kirche, 290–

305; Pohl-Patalong, Kirche bei neuen Gelegenheiten.

12

Zur Bedeutung der traditionellen Ortsgemeinden s. Hauschildt/Pohl-Patalong,

Kirche, 285–290; Karle, Praktische Theologie, 117–126.

13

So z. B. Ralph Kunz und Uta Pohl-Patalong im Blick auf neue Formen von Gemeinde,

Dies., Aufbruch, 29.

14

Vgl. Frey, Neutestamentliche Perspektiven, 36f.; Luz, Ortsgemeinde und Gemeinschaft

im Neuen Testament, 406.

15

Eine theologische Bestimmung von Gemeinde, die für die zunehmende Internationalisierung

der deutschen Kirchen landschaft offen sein will, kann weder bei kultischen

noch bei ethischen, kulturellen oder institutionellen Merkmalen einsetzen. Vielmehr

muss sie »in der gemeinsamen und ursprünglichen Bezogenheit auf Jesus Christus, die

sich in zahlreichen Gestalten geschichtlich realisiert«, ihren Ausgangspunkt sehen, Lienemann,

Die Christenheit in der Weltgesellschaft, 385f. So auch Eberhard Hauschildt,

Ralph Kunz und Uta Pohl-Patalong in ihren Bestimmungen theologischer Kriterien und


38 Friedemann Burkhardt

die sie zur Gestaltung einer versöhnten Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde,

im ökumenischen Miteinander und in der Umsetzung ihres Weltauftrags motiviert.

Sie feiert regelmäßige Gottesdienste 16 und schafft Raum für Glaube, Teilnahme

und Partizipation der einzelnen entsprechend ihren individuellen Charismen.

Da die Studie kirchensoziologisch ausgerichtet ist und das Selbstverständnis

der jeweiligen Gemeinden bei ihrer Kategorisierung maßgeblich sein soll, liegt

der Untersuchung ein weiter Gemeindebegriff zugrunde, der in der Lage ist, die

religiöse Pluralität der Gemeindelandschaft möglichst vollständig zu erfassen.

Dieses Gemeindeverständnis bestimmt eine Gemeinde als einen organisierten

lokalen Zusammenschluss von Menschen, die sich regelmäßig zu gemeinsamer

christlicher Praxis an einem dafür bestimmten Ort versammeln und die übergemeindlich

mit anderen Gemeinden ihrer religiösen Prägung in Bewegungen,

Netzwerken, Organisationen und Institutionen verbunden sein können. 17

2. Um Kirchen, Gemeindebünde oder Gemeinschaftsverbände, aber auch sich

gänzlich autonom verstehende Einzelgemeinden in ihrer denominationellen

oder konfessionellen Profilierung darstellen und miteinander vergleichen zu

können, verwendet die Studie den Begriff Partikularkirche. 18 Mit dieser Kategorie

werden kirchliche und/oder gemeinschaftliche Gemeinschaftsformen bezeichnet,

in denen sich Gemeinden entsprechend ihrer denominationellen oder

konfessionellen Überzeugungen übergemeindlich, regional, 19 national, transnational

und/oder international zusammenschließen und organisieren. 20 Ihre

Prinzipien für Gemeinde. Allerdings treten zu diesem christologischen Grundprinzip

auch noch ein ökumenisches, ein Gemeinschaft stiftendes rechtfertigungstheologisches

und ein missiologisches Prinzip, die gemeinsam die Eckpunkte einer theologischen

Grundlegung für Gemeinde bilden, vgl. Kunz-Herzog, Theorie des Gemeindeaufbaus,

73–76; Hauschildt/Pohl-Patalong, Art. Gemeinde; Kunz/Pohl-Patalong, Verständnis

von Gemeinde, 29; Hauschildt/Pohl-Patalong, Kirche, 290–305; Bubmann et al., Gemeinde

auf Zeit, 10f.

16

Dabei sind die Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs oder die Intensität der Gemeindezugehörigkeit

von kulturellen, lebensweltlichen, biografischen oder persönlichen

Faktoren abhängig und können als theologisches Kriterium angesehen werden. Gerade

neue Gottesdienstformate und Gemeindeformen zeigen, dass jenseits eines parochialen

Gemeindebegriffs Gemeinde gelebt und erfahren werden kann. Vgl. Hauschildt/Pohl-

Patalong, Kirche, 276.

17

Vgl. die Bestimmung bei Körs, Empirische Gemeindeforschung, 632f.

18

Partikularkirche oder -gemeinschaft entspricht dem, was das Center of the Study of

the Global Christianity am Gordon-Conwell Theological Seminary als Denominaton bezeichnet.

Allerdings werden in der SGGS auch einzelne Gemeinden oder Gemeinschaften,

die sich selbst als autonome christliche Größe verstehen, von anderen Kirchen und

Traditionen unterschieden wissen wollen und insofern eine eigene Konfession darstellen,

als Partikulargemeinschaft bezeichnet, Center for the Study of the Global Christianity,

Quick Facts (How do you define a »Denomination«?), gordonconwell.edu.

19

Durch Fragen und Themen des Umbaus oder Abbaus kirchlicher Strukturen gewinnt

in der Gegenwart die Regionsarbeit an Bedeutung, vgl. Hauschildt/Pohl-Patalong, Kirche,

307–310.

20

Zur Kirche als Bezeichnung für christliche Religionsgemeinschaften einer bestimm-


Grundbegriffe, Forschungsstand, theoretische Fundierung

39

Sozialform, Organisations-, Interaktions- und Partizipationsstruktur kann von

hoher Komplexität sein. Zu der Kategorie zählen aber auch einzelne autonome

Gemeinden mit einer eigenständigen konfessionellen oder denominationellen

Profilierung.

3. Einen hybriden Typus bilden Formen freier Gemeinschaften innerhalb

landeskirchlicher Kirchengemeinden. 21 Eine erste Subkategorie stellen Gemeinschaften

dar, die aufgrund vertraglicher Vereinbarungen mit der Evangelischen

Landeskirche als autonomer, aber rechtlich unselbstständiger Teil einer

Ortskirchengemeinde gelten. Dazu gehören pietistische Versammlungen, die

innerhalb einer evangelischen Kirchengemeinde auf der Basis des sogenannten

Pietistenreskripts existieren und diese mit einem ergänzenden Angebot

unterstützen. Dieses kann neben gottesdienstlich-lehrhaften Veranstaltungen

auch in weiteren kirchlichen Handlungsfeldern wie Kinder- oder Jugendgruppen

liegen. Meist beteiligen sich diese Gemeinschaften gleichzeitig auch an

Angeboten ihres übergeordneten Gemeinschaftsverbands. Kennzeichnend ist,

dass sich die Gemeinschaften ihrem Selbstverständnis nach ganz als integraler

Teil der Kirchengemeinde verstehen. Zu diesem Gemeinschaftstyp zählen auch

autonome internationale Gemeinden in Kirchengemeinden der Evangelischen

Landeskirche aufgrund entsprechender Vereinbarungen. 22 Dieser Typus von

Gemeinschaften innerhalb landeskirchlicher Kirchengemeinden unterscheidet

sich von pietistischen Gemeinschaftsgemeinden 23 und eigenständigen Gemeinden

pietistischer Provenienz, 24 deren getaufte Mitglieder zwar in landeskirchlichen

Registern geführt werden, obgleich sich die Gemeinschaften als eigenständige

Gemeinden verstehen, teilweise juristisch eigene Körperschaften bilden und

entsprechend nach außen autonom auftreten.

ten Denomination als übergemeindliche Sozialform und Organisation vgl. Hauschildt/

Pohl-Patalong, Kirche, 117. 181. Beispiel eines eher regionalen Verbunds sind die ETG-

Gemeinden im südwestdeutschen Raum und in angrenzenden Gebieten in der Schweiz

und Frankreich, Vgl. Gerlach, Alt-Mennoniten unter uns; Vgl. Ott, Missionarische Gemeinde

werden. Als transnational können Migrationsgemeinden gelten, die in einer festen

Verbindung mit ihrer ausländischen Muttergemeinde leben. Beispielhaft für die

internationale Organisationsform sind die Anglikanische, die römisch-katholische und

Evangelisch-methodistische Kirche/United Methodist Church. Keine Verwendung fand

der Kirchenbegriff in der Organisation des Bundes Freier evangelischer Gemeinden

(FeG) oder bei den baptistischen Gemeinden, die im Bund Evangelisch-Freikirchlicher

Gemeinden (BEFG) organisiert sind, Vgl. Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 236f.

252f.

21

Vgl. im Untersuchungsteil den Abschnitt zum Pietismus, S. 130–134.

22

Vgl. im Untersuchungsteil den Abschnitt zu den internationalen Gemeinden im Protestantismus,

S. 163f..

23

Zu dieser zweiten Variante zählen pietistische Gemeinschaften nach dem Gnadauer

Modell, S. 131, bes. Anm. 129.

24

Zu dieser dritten Variante zählen Gemeinden wie die Herrnhuter Brüderunität oder

die Brüdergemeinde Korntal.


40 Friedemann Burkhardt

4. Der Begriff Kirchenfamilie wird für konfessionelle oder denominationelle

Hauptrichtungen verwendet wie Adventisten, Baptisten, Lutheraner, Methodisten,

Reformierte etc., die im Laufe ihrer Geschichte weitere Partikulargemeinschaften

ausgebildet haben. 25

5. Auf der obersten Ebene der Kategorisierung christlicher Gemeinden

differenziert die Studie drei christliche Hauptgruppen oder große christliche

Strömungen: die Orthodoxie, den Katholizismus und den Protestantismus. Die

vierte Hauptgruppe ist mit Andere Kirchen und christliche Gemeinschaften betitelt.

Diese steht nicht für eine einheitliche christliche Strömung im Sinn der

vorgenannten drei Gruppen, sondern umfasst alle diejenigen Gemeinden und

Partikulargemeinschaften, die sich aufgrund ihres Frömmigkeitsprofils nicht

einer der drei ersten Hauptgruppen zurechnen oder zurechnen lassen, die sich

aber als christliche Gemeinden verstehen.

Der zweite Hauptgegenstand der Studie ist der Gottesdienst. Für viele Menschen

sind Christsein, Kirche und Gottesdienst Synonyme. 26 Entsprechend kommt

ihm ungeachtet aller liturgischen Pluralisierungen quer durch alle Konfessionen

und Denominationen der höchste Rang zu. 27 Er gehört zum Wesen christlicher

Existenz und zeigt die soziale Verfasstheit des Christentums. 28 Gleichzeitig

ist ähnlich wie bei Gemeinden auch im Hinblick auf den Gottesdienst eine zunehmende

Pluralisierung seiner Formate zu beobachten: 29

So ist in empirischer Perspektive zu konstatieren: Die traditionelle Konzentration

kirchlicher Praxis auf den in Kirchengebäuden am Sonntagmorgen stattfindenden

Gottesdienst erweist sich für die große Mehrheit der Menschen als unzulänglich.

Nicht nur für jüngere Menschen kommt diese Gottesdienstform in ihrer wöchentlichen

Regelmäßigkeit gar nicht mehr in den Blick. Anders sieht es aus, wenn es

gelingt, gottesdienstliches Feiern mit Herausforderungen zu verknüpfen, die sich

aus der Biografie […] ergeben. Solche kasuellen Gottesdienste reichen in der Regel

über die jeweilige Parochie hinaus. Die gilt ebenso für die gottesdienstlichen Feiern

in den Medien.

Da im Zusammenhang solcher Beobachtungen auch das Gottesdienstverständnis

zur Debatte steht, soll der für die Studie maßgebliche Gottesdienstbegriff

erläutert und fundamentalliturgisch bestimmt werden.

1. Als Sammelbegriff bezeichnet Gottesdienst den Vollzug von rituell, zeremoniell

oder formal unterschiedlichen Akten glaubender Menschengrup-

25

So zum Beispiel die methodistische Kirchenfamilie, die u. a. die Evangelisch-methodistische

Kirche, die Kirche des Nazareners und die Heilsarmee einschließt.

26

Vgl. Karle, Praktische Theologie, 249.

27

Vgl. Grethlein, Gottesdienst, 128–130.

28

Vgl. Häussling, Gottesdienst III. Liturgiegeschichtlich, LThK 4, 891, A. a. O., 897.

Vgl. Grethlein, Gottesdienst, 128–130.

29

Grethlein, Gottesdienst, 127.


Grundbegriffe, Forschungsstand, theoretische Fundierung

41

pen, die sich ausdrücklich Gott zuwenden, um ihn zu verehren oder um von

ihm betroffen zu werden. 30 Die liturgische Hauptfunktion liegt im Wecken und

Stärken des Glaubens 31 durch die Vermittlung christlicher Glaubensinhalte,

Ausdrucksmöglichkeiten des Glaubens im Beten, Singen, Proklamieren und

Bekennen, die Annahme von Glaubenszusagen und -erfahrungen, insbesondere

von Versöhnung, Vergebung und Vergewisserung, sowie die Anerkennung und

Eingliederung von Menschen über soziale, kulturelle und ethnische Grenzen

hinweg in die Gemeinschaft. 32

2. Theologiegeschichtlich wurzelt der neutestamentliche Gottesdienst in drei

verschiedenen gottesdienstlichen Formaten: Dem rituell-kultischen Tempelgottesdienst,

dem wortorientierten und auf Hören und Lernen ausgerichteten Synagogengottesdienst

und dem häuslichen Gottesdienst, der durch die wöchentliche

Sabbatfeier und das jährliche Passahfest geprägt war. 33 Neue Akzente im

gottesdienstlichen Leben setzte die christliche Gemeinde mit der Tauffeier und

mit dem Abendmahl. Bis Ende des ersten Jahrhunderts hatte sich der erste Tag

der Woche als Gottesdiensttag durchgesetzt. 34 Eine Präferenz für oder gegen

die Einheit von Mahlfeier und Wortgottesdienst lässt sich im Neuen Testament

nicht erkennen. 35

3. In den gegenwärtigen liturgiewissenschaftlichen Debatten der Praktischen

Theologie gilt der Gottesdienst einerseits als die grundlegende christliche

Veranstaltung, wird aber hinsichtlich seiner Formate heftig diskutiert. 36 Diese

werden meist etwa nach folgenden Hauptkategorien differenziert: 37 Sonntags-

30

Vgl. Karle, Praktische Theologie, 249, vgl. Häussling, Gottesdienst III. Liturgiegeschichtlich,

LThK 4, 891. Ungeachtet aller liturgischen Pluralisierungen kommt dem

Gottesdienst quer durch alle Konfessionen und Denominationen der höchste Rang zu,

A. a. O., 897. Vgl. Grethlein, Gottesdienst, 128–130.

31

1Kor 14,20–26. Vgl. Karle, Praktische Theologie, 249.

32

Peter Cornehl, differenziert die Dimensionen des Gottesdienstes in dieser vierfachen

Weise, ders., Der Evangelische Gottesdienst, 25ff. Der Gottesdienst ist über »Herkunft,

Geschlecht und Ethnie hinweg Ort der Bewährung christlicher Einheit.« Karle, Praktische

Theologie, 249. Christian Grethlein verweist im Anschluss an Jürgen Becker auf

die drei liturgischen Kommunikationsmodi »Lehren und Lernen«, »gemeinschaftliches

Feiern« und »Helfen zum Leben«, ders., Gottesdienst, 129.

33

Vgl. Roloff, Die Kirche im Neuen Testament, Stuhlmacher, Kirche nach dem Neuen

Testament, Wick, Die urchristlichen Gottesdienste. Luther knüpft insbesondere im

Vorwort zur Deutschen Messe daran an, wenn er neben den öffentlichen Gottesdiensten

die häusliche Feier als dritte Weise beschreibt und im Rahmen der Hausgemeinschaften

dem Aspekt des Helfens einen festen Platz zugewiesen hat, WA 19,75. Vgl. Burkhardt,

Erneuerung der Kirche, 19–27.

34

Vgl. Karle, Praktische Theologie, 253.

35

Vgl. Karle, Praktische Theologie, 256.

36

Vgl. Fechtner, Liturgik, 128f.; Grethlein, Gottesdienst, 127. Karle, Praktische

Theologie, 248f. 309–343.

37

Kategorien bei Karle, Praktische Theologie, 336, vgl. a. a. O., 310. Eine Einteilung

nach zwölf Kategorien findet die Kirchgangsstudie 2019, 9f.


42 Friedemann Burkhardt

gottesdienst (als der gewöhnliche oder normale Gottesdienst), Festtagsgottesdienste,

Kasualgottesdienste (Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen), zielgruppen-

oder milieubezogene neue bzw. alternative Gottesdienste im »Zweiten

Programm« (Motorradgottesdienste, Tiergottesdienste, Kinder-, Jugend-, Seniorengottesdienste,

Salbungsgottesdienste). Diskutiert wird das Gottesdienstgeschehen

zwischen rituellen und diskursiven Kommunikationsformen, zwischen

Subjekt- und Weltbezug sowie zwischen zweckfreier religiöser Feier und

pädagogischer Veranstaltung. 38

Prinzipiell befinden sich alle Gemeinden im ökumenischen Verbund kirchlicher

Gemein schaften und interagieren mit den anderen. Zur Erforschung und

Beschreibung dieses kirchlichen Gesamtnetzwerks und -panoramas in der

iMS verfolgt die Studie eine ökumenisch-kirchenkundliche Perspektive. Sie unterscheidet

vier kirchenkundliche Hauptgruppen, 39 von denen drei die großen

kirchlichen Strömungen der Orthodoxie, des Katholizismus und des Protestantismus

repräsentieren, 40 während die vierte Hauptgruppe Andere Kirchen und

christliche Gemeinschaften christliche Partikulargemeinschaften der Neuzeit

umfasst, die grundsätzliche Differenzen zu den erstgenannten drei Hauptgruppen

aufweisen. 41 Um die fortschreitende Pluralisierung der Kirchenlandschaft

in der für die Gegenwart charakteristischen Weise möglichst realitätsgetreu,

differenziert und vollständig wahrnehmen und beschreiben zu können, ver-

38

Vgl. Fechtner, Liturgik 145–151; Meyer-Blanck, Liturgie und Liturgik, 320–327.

39

Fünf Hauptgruppen bei Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 40f. Irritierend an

der Gliederung ist die fünfte Gruppe, die die pfingstlich-charismatischen Kirchen von

den protestantischen Kirchen separiert und sie mit den Sondergemeinschaften zu einer

Gruppe formiert, insofern seine Grafik, a. a. O., 41, die Verbindung bzw. Zusammengehörigkeit

von Pentekostalismus mit dem Protestantismus zeigt. Weiter gibt Ulrich H.

J. Körtners Darstellung der Sondergemeinschaften als Entwicklungen des angloamerikanischen

Protestantismus keine Möglichkeit, Bewegungen wie die Neue Kirche oder

die Lorber-Kreise kirchenkundlich einzuordnen. Ähnlich separiert die Darstellung der

Kirchenfamilien bei E. Hauschildt und U. Pohl-Patalong den Pentekostalismus von den

Kirchen der Reformation, dies., Kirche, 221–245.

40

Hingewiesen sei auf drei kirchen- bzw. konfessonskundliche Zuordnungen, die in

der Literatur nicht einheitlich gehandhabt werden: 1. Die mit Rom unierten altorientalischen

und orthodoxen Kirchen kommen hier in Anlehnung an Ulrich H. J. Körtner unter

der ersten Hauptgruppe der altorientalischen und orthodoxen Christenheit zur Darstellung,

ders., Ökumenische Kirchenkunde, 93f. Vgl. auch Lange/Pinggéra, Die altorientalischen

Kirchen, XII. 2. Die Anglikanische Kirchenfamilie wird ebenfalls Ulrich H. J.

Körtner (ders., Ökumenische Kirchenkunde, 222ff.), aber auch Friedrich Wilhelm Graf

(ders., Der Protestantismus, 46ff.) folgend dem Protestantismus zugeordnet. 3. Schließlich

wird das pfingstlich-charismatische Christentum nach der Darstellung bei Friedrich

Wilhelm Graf (ders., Der Protestantismus, 56–62) als protestantische Konfessionsfamilie

behandelt, anders wie bei Ulrich H. J. Körtner (ders., Ökumenische Kirchenkunde,

255–283).

41

Zur Definition und Differenzierung der vierten Gruppe s. Pöhlmann/Jahn, Handbuch

Weltanschauungen, 320–324.


Grundbegriffe, Forschungsstand, theoretische Fundierung

43

wendet die Studie einen deskriptiv-hermeneutischen Ansatz, 42 der auf einem

positiven und dialogbereiten Verständnis christlicher Ökumene fußt. 43 Ein solcher

Ökumenebegriff sieht die Einheit der Kirche als »Einheit in versöhnter

Verschiedenheit« 44 , bei der sich konfessionelle Identität und ökumenische Verbundenheit

nicht widersprechen. Einheit ist nicht uniform, sondern als »Einheit

der Differenz« und »paradoxe Einheit« verstanden. 45 Die konfessionelle Vielfalt

des Christentums ist nicht nur möglich und theologisch begründbar, sondern

wird als Reichtum bewertet. 46 Die Aufgabe eines solchen ökumenisch und kirchenkundlich

ausgerichteten Ansatzes ergibt sich aus der enormen Pluralisierung

der Christenheit im 20. und 21. Jahrhundert, die sich insbesondere der

Entwicklung charismatischer und pentekostaler Kirchen sowie der Emanzipation

von Kirchen aus traditionellen Missionskirchen verdanken. Gleichzeitig vollziehen

sich Einheitsbewegungen unter kirchlichen Gruppierungen innerhalb

von Kirchenfamilien zwischen Gemeinden und Partikulargemeinschaften. Bestehende

Kirchen fusionieren und bilden neue Kirchen oder Kirchenunionen, 47

die zu neuen, die bestehenden Konfessionen und Denominationen übergreifenden,

teilweise sehr fluiden christlichen Strömungen, Netzwerkstrukturen

und Milieubildungen führen, die von je eigenen Leitbildern oder Visionen von

Kirche bewegt werden. 48 Diese Entwicklung zeigt sich besonders ausgeprägt

im Protestantismus infolge seiner Internationalisierungsbewegungen im 18.

Jahrhundert und durch Migrationsbewegungen, die ab dem ausgehenden 19.,

während des gesamten 20. Jahrhunderts und bis in die Gegenwart Deutschland

erreichen. Sie prägt aber auch die altorientalische und orthodoxe Christenheit,

in der es gegenwärtig neben den traditionellen Kirchenfamilien und Partikularkirchen

zu neuen gemeindlichen und partikularkirchlichen Formierungen

kommt. Um diese Entwicklungen differenziert wahrnehmen und reflektieren

zu können, geschieht die kirchenkundliche Arbeit zum einen in einem enzyklopädischen,

alle theologischen Disziplinen umfassenden Verständnis: Sie bewegt

sich für die erforderlichen Klärungen insbesondere an der Schnittstelle

von Kirchengeschichte, Systematischer Theologie und Praktischer Theologie

42

Die Studie stellt sich damit in eine Linie, die von den beiden Kirchenhistorikern

Ernst Benz und Peter Meinhold über Erwin Fahlbusch bis zu der jüngst veröffentlichten,

ökumenischen Kirchenkunde von Ulrich H. J. Körtner reicht.

43

Vgl. Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 20f.

44

Diese Formulierung charakterisiert das Ökumene-Modell der Gemeinschaft evangelischer

Kirchen in Europa (GEGE), das neben protestantischen Kirchen auch katholische

und orthodoxe mit einbezieht, Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 21.

45

Luhmann, Gesellschaftsstruktur, 262.

46

Was Kirchen trennt, muss nicht negativ bewertet werden, Vgl. Körtner, Ökumenische

Kirchenkunde, XI. 20–23. 27.

47

Vgl. Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 23f.

48

Vgl. S. Fahlbusch, Kirchenkunde, 13; Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 1–29.

Reinhard Hempelmann charakterisiert diese kulturschaffenden Frömmigkeitsströmungen

als »volkskirchlich-pluralistisch, missionarisch-evangelistisch, charismatisch-, ökumenisch-konziliar

und politisch-emanzipatorisch«, ders., Verschärfungen, 5.


44 Friedemann Burkhardt

und nutzt zur Wahrnehmung, Reflexion und Einordnung globaler Phänomene

die mittlerweile in der Interkulturellen Theologie gebündelten Einsichten. Ziel

ist es, die einzelnen Kirchen als ökumenische Vielfalt in ihren Potenzialen zu

beschreiben. 49 Gleichzeitig prägt die Studie ein interdisziplinärer Ansatz, in

dem sie theoretische Konzepte benachbarter Wissenschaftsbereiche einbezieht,

insbesondere aus der Kirchen- und Religionssoziologie.

In kirchensoziologischer Perspektive lassen sich die Gemeinden nach drei

Grundkategorien differenzieren in Volkskirchen, Freikirchen und Nationalkirchen.

Der Begriff Volkskirche fungiert in der Gegenwart als Oberbegriff für

die beiden Großkirchen in Deutschland, die katholische Kirche in Deutschland

und die Evangelische Kirche in Deutschland oder einzelne ihrer Bistümer und

Landeskirchen. Aufgrund des öffentlichen Gebrauchs 50 und als Selbstbezeichnung

51 verwendet die Studie den Volkskirchenbegriff deskriptiv 52 zur soziologischen

Bestimmung der beiden großen, ehemals staatskirchlichen Kirchentraditionen.

53 Der Ausdruck Freikirchen dient ungeachtet seiner Begriffsgeschichte

in der Gegenwart in der Regel dazu, diejenigen Kirchen oder Gemeindeverbünde

gegenüber den Volkskirchen abzugrenzen, zu deren ekklesiologischen

Grundsätzen sowohl die Trennung von Kirche und Staat als auch die freiwillige

Mitgliedschaft gehören. 54 Eine dritte kirchensoziologische Kategorie bilden Nationalkirchen.

55 Sie nehmen in ihrer Organisation und oft auch in ihrem Namen

Bezug auf einen bestimmten Staat und verstehen sich nationalen Autoritäten

unterstellt.

Die Untersuchung verlangt Differenzierungen im Protestantismus, der seit

dem 18. Jahrhundert im Zuge der Internationalisierungs- und Globalisierungs-

49

Vgl. Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 24.

50

So fragt etwa Peter Scherle in einem Beitrag am 12.11.2018 in der Frankfurter Allgemeinen

Zeitung nach der »Zukunft der Volkskirche«, ders., Zukunft der Volkskirche,

faz.net; Klatt, Die Zukunft der Großkirchen in Deutschland, deutschlandfunk.de; Bundeszentrale

für politische Bildung, Katholische und Evangelische Kirche, bpb.de.

51

Martin, Siegeszüge der Volkskirchen, katholisch.de; Springer, Warum die Volkskirchen

neue prophetische Kraft entwickeln müssen, sonntagsblatt.de.

52

Im deskriptiven Gebrauch des Volkskirchenbergriffs trifft sich das römisch-katholische

und das protestantische Verständnis von Volkskirche, Mette, Volkskirche I. Katholisches

Verständnis, LThK 10, 862f.: »V.[olkskirche] bezeichnet in Europa die Situation

der möglichst großen Deckungsgleichheit zw. Kirche u. Ges.[ellschaft] in einem

bestimmten Volk bzw. einer Nation.« Vgl. Hein, Volkskirche I. Katholisches Verständnis,

LThK 10, 863f.

53

Der auf Friedrich Schleiermacher zurückgehende Begriff ist ein kirchentheoretisch

zentraler, aber auch umstrittener Begriff, Vgl. Hein, Art. Volkskirche I. Begriff, RGG 4 8,

1184f.; ders., Art. Volkskirche II Dogmatik, RGG 4 8, 1185; Link, Art. Staatskirche, RGG 4

7, 1649.

54

Vgl. Schwarz, Art. Freikirche I. Begriffsbestimmung, TRE 11, 550.

55

Heun, Nationalkirche, RGG 4 6, 78f.; G. Graf, Nationalkirchliche Bewegung, EKL

3,625; Hatz, Nationalkirchen 1. Begriff und 2. Geschichtliche Entwicklung, LThK 7,

650f.


Grundbegriffe, Forschungsstand, theoretische Fundierung

45

prozesse bis in die Gegenwart weltweit eine kontinuierliche Pluralisierung

erlebt. Die Wiege dieser Entwicklung liegt im Denominationalismus Nordamerikas,

der dort ein eigenes Sozialitätsmuster religiöser Pluralität hervorbrachte.

Aufgrund der strikten Trennung von Staat und Kirche mussten sich die Einwanderer

in freien Formen unabhängig von staatlichen Strukturen religiös

assoziieren. Christlich gesinnte Privatpersonen organisierten ihr religiöses

Gemeinschaftsleben eigenständig in zivilgesellschaftlichen Vereinen oder Gesellschaften.

Kennzeichnend waren engagierte Mitglieder, die ihre Kirche unabhängig

von staatlicher Unterstützung finanzierten und sich mit ihr in einem

hohen Maß identifizierten. Diese protestantischen Denominationen angelsächsischer

Couleur verbreiteten sich von Nordamerika aus weltweit und hielten

seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts auch in Württemberg mit ihren

Missionsgesellschaften Einzug. 56

Im zweiten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts kam es infolge der Unabhängigkeitsbewegungen

in den Ländern des globalen Südens, vielfach in

Verbindung mit der Ausbreitung der Pfingstbewegung, zur Gründung unabhängiger

protestantischer Kirchen, was eine neue Pluralisierungsdynamik im

Protestantismus hervorrief. 57 Insbesondere durch Migration gelangen diese

neuen Denominationen auch nach Europa. Zur Wahrnehmung der Vielfalt protestantischer

Kirchen im Binnenraum der iMS und zur sach- und zeitgerechten

Beschreibung der damit verbundenen Phänomene, differenziert die Studie den

Protestantismus nach drei Kategorien in einen kontinentaleuropäischen Zweig,

einen angloamerikanischen Zweig und einen Außereuropa-Zweig. 58

1. Der kontinentaleuropäische Zweig umfasst Kirchen und Gemeinden, die

direkt auf die Reformationen des 16. Jahrhunderts zurückgehen, in ihrer Wirkungsgeschichte

stehen oder aus dem internationalen Raum stammend sich in

einer engen Verbindung mit der Evangelischen Kirche in Deutschland sehen.

2. Der angloamerikanische Zweig des Protestantismus bezeichnet Partikularkirchen,

die aus Missionsinitiativen, im Zuge der Internationalisierung, Globalisierung

und Pluralisierung des europäischen Protestantismus in Nordamerika

oder von dort ausgehend in anderen britischen Kolonien entstanden sind oder

bis heute in der Tradition solcher Kirchen stehen.

3. Den Außereuropa-Zweig bilden Gemeinden, Partikularkirchen und missionarische

Initiativen, die auf von Kirchen und Missionsgesellschaften ehemaliger

Kolonialmächte unabhängige Kirchenbildungen im globalen Süden zurückgehen

und die in ihrer Theologie, theologischen Ausbildung sowie hinsichtlich

ihrer finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen eine weitgehende

56

Vgl. Burkhardt, Christoph Gottlob Müller, 414–416.

57

Vgl. Asamoah-Gyadu, Pentecostalism, 102–106; Wrogemann, Interkulturelle Theologie

und Hermeneutik, 175f. 188.

58

Die ersten beiden Kategorien finden sich auch bei Körtner, ders., Kirchenkunde,

41. Die dritte Kategorie fokussiert auf freie und unabhängige Kirchenbildungen des

globalen Südens mit seinen Auslandsmissionen und -gemeinden in der westlichen Welt.

Diesen Kirchen ist ein starkes Wachstum prognostiziert, Vgl. Graf, Protestantismus, 22.


46 Friedemann Burkhardt

Eigenständigkeit besitzen. 59 Weitere Merkmale, die Gemeinden, Partikularkirchen

und Missionsinitiativen im Außereuropa-Zweig des Protestantismus kennzeichnen,

zeigen sich vielfach in einer starken transnationalen Organisation

und Wirksamkeit 60 und in einem missionarischen Bewusstsein einer Sendung

vom Süden in die Länder der westlichen und nördlichen Welt. 61

4. Nicht zuletzt zeigt sich die Pluralisierung des Protestantismus im Pietismus

als einer protestantischen Querschnittsbewegung, die sich nicht nur frömmigkeitsperspektivisch

unterschiedlich ausdifferenziert hat. Vielmehr bilden

sich innerhalb dieser pietistischen Traditionslinien verschiedene Sozial- oder

Organisationformen aus. 62 Diese umfassen (1.) evangelische Gemeinschaften

als Teil der landeskirchlichen Gemeinden, (2.) evangelische Gemeinschaften

als Gemeinschaftsgemeinden und (3.) evangelische Gemeinschaften als eigenständige

Gemeinden oder als solche, die sich auf dem Weg dahin befinden. 63

Neben diesen pietistischen Verbänden, die sich innerhalb der Evangelischen

Landeskirche in Deutschland befinden, gibt es auch Gemeinden, Verbünde und

Kirchen mit pietistischen Wurzeln oder die in der Tradition des Pietismus ste-

59

Die Anfänge dieser Kirchen reichen zurück ins zu Ende gehende 19. Jahrhundert.

Im Zuge der Unabhängigkeitsbewegungen kam es zu Abspaltungen von den klassischen

Missionskirchen und zur Bildung der sog. »Ethiopianist Churches«, Vgl. Asamoah-

Gyadu, Pentecostalism, 100; Ludwig, Ethiopians, 228. Diese frühe Phase der African

Independent Churches bekam nach 1906 starke pfingstkirchliche Impulse aus der

Azusa Street Erweckung unter der Leitung des Schwarzen Methodistenpredigers William

J. Seymour (1870–1922), Vgl. Asamoah-Gyadu, Pentecostalism, 102f. Nordamerikanische

Pfingstprediger brachten diese Frömmigkeit nach Liberia und Angola und

Printmedien berichteten von Pfingsterfahrungen wie Sprachengebet, Zeichen und Wunder.

Im afrikanischen Kontext trafen solche Glaubensäußerungen auf eine besondere

Sensibilität für Resonanzen der christlichen Botschaft, die im Kontext einer geistorientierten

biblischen Weltsicht auf der einen Seite und einem charismatisch-indigenen

Wirklichkeitsverständnis auf der anderen Seite entstanden. So bildete sich im Gegenüber

zu der eher liturgisch-hochkirchlichen, statischen, stillen und feierlichen Frömmigkeit

und Gottesdienstkultur der Missionskirchen in den African Independent Churches eine

dynamische, charismatische, erfahrungsbezogene und geistorientierte Glaubenskultur.

Theologisch oder frömmigkeitsperspektivisch betrachtet sind nahezu alle Independent

Churches der Familie der Pfingstkirchen zuzuordnen.

60

John, Transnational Religious Organisation.

61

Andreas Heuser und Claudia Hoffmann verstehen Migrationskirchen als »Akteure

einer ›Rückkehrmission‹ (reverse mission)« und »Visionäre der Neuevangelisierung Europas«,

dies., Afrikanische Mirationskirchen, 294.

62

Zum aktuellen Stand s. Volker Brecht, Zwischen Landeskirche und Freikirche, 10.

63

Vgl. S. 39f. Für die Organisationsstruktur vieler größeren pietistischer Gemeinschaftsverbände

ist das sog. Gnadauer Modell maßgeblich. Hinsichtlich ihres Bezugs zur

landeskirchlichen Ortsgemeinde unterschiedet es drei verschiedene Gemeinschaftsmodelle:

den »ergänzenden Dienst«, den »partiell stellvertretenden Dienst« und den »alternativ

stellvertretenden Dienst«, Volker Brecht, Zwischen Landeskirche und Freikirche,

10.


Grundbegriffe, Forschungsstand, theoretische Fundierung

47

hen, die eine noch größere Eigenständigkeit 64 bis hin zur Freikirchlichkeit 65

kennzeichnet.

Der Forschungsüberblick

Die beiden Hauptthemen der Studie, Gottesdienst und Gemeinde werden in

unterschiedlichen Teildisziplinen in der Praktischen Theologie behandelt, weswegen

der Überblick zum Forschungsstand der Gemeindeforschung und Gottesdienstforschung

zunächst gesondert dargestellt wird. In Deutschland war

die empirische Gemeindeforschung bis in die 1960er Jahre kirchensoziologisch

stark auf einzelne Kirchengemeinden ausgerichtet. Die nächste Dekade brachte

einen Umschwung hin zu einer religionssoziologischen Perspektive, die sich

auf der Makroebene mit den großen religiösen Bewegungen und auf der Mikroebene

mit dem individuellen religiösen Leben beschäftigte. 66 Kirchensoziologische

Untersuchungen der Evangelischen Kirche in Deutschland befassten

sich ab den 1970er Jahren schwerpunktmäßig mit Themen der Kirchenmitgliedschaft.

Dazu gehören die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen (KMU),

die zunächst rein quantitativ, dann aber auch qualitativ ausgerichtet waren mit

jeweils verschiedenen Fokussen, von denen die KMU aus dem Jahr 2012 einen

Schwerpunkt auf die Vielfalt religiösen Lebens legte. 67 Im Zusammenhang des

EKD-Reformprozesses und der Diskussion von Profil- und Regionalgemeinden

entstanden Best-Practice-Studien, die sich auf die Ortsgemeinden bezogen wie

die von Wilfried Härle initiierte Untersuchung (2008), oder Forschungen des

Sozialwissenschaftlichen Institutes der EKD (2015). 68 Daneben entstanden auch

eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen zur Freikirchenlandschaft im

deutschsprachigen Raum. Diese untersuchten überdenominationell und in weiter

gefassten Gebieten Gemeinden als Forschungsgegenstand insgesamt (Jörg

Stolz/Olivier Favre, 2014) oder zu bestimmten Themen wie Gemeindegründung

in Ostdeutschland (Sabine Schröder, 2007) oder Mission (Philipp Bartholomä,

2019) auf Basis von Erhebungen in Gemeinden. In ihrem religionssoziologischen

Überblicksartikel zur Gemeindeforschung resümiert Anna Körs (2018),

64

Es sind Gemeinden nach einem vierten Modell von freien Gemeinden außerhalb der

Volkskirche, die aber vom Gnadauer Gemeinschaftsverband abgelehnt werden, Volker

Brecht, Zwischen Landeskirche und Freikirche, 10.

65

Hierzu zählen die Brüdergemeinde Korntal, die Herrnhuter Brüdergemeine oder die

Freie evangelische Gemeinde, die sich heute nicht mehr dem Pietismus zurechnen, aber

in ihren Anfängen in unterschiedlicher Weise im Pietismus verwurzelt waren.

66

Vgl. Körs, Empirische Gemeindeforschung, 634f.

67

Zu den ersten vier Untersuchungen vgl. Hauschildt/Pohl-Patalong, Kirche, 316–

322, zur Interpretation und Deutung; a. a. O., 322–356, und Pohl-Patalong, Gottesdienst,

48f. Zur V. KMU vgl. EKD (Hrsg.), Engagement und Indifferenz.

68

Vgl. Härle et al., Wachsen gegen den Trend.


Tobias Schuckert

Methodik der Stuttgarter

Gottesdienst- und Gemeindestudie

Überlegungen aus Perspektive der empirischen Sozialforschung

Die Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie stellt eine Momentaufnahme

christlicher Gemeinden, Kirchen und Gemeinschaften 1 in der inneren Metropolregion

Stuttgart (iMS) mit ungefähr 2,7 Mio Einwohnern 2 dar. Gemeinden

erscheinen in religionssoziologischer Hinsicht in einer Vielfalt unterschiedlicher

Sozialformen, religiöser Prägungen und Handlungsfelder, die einem steten

Wandel unterworfen sind. Insofern bietet die vorliegende Untersuchung eine

Momentaufnahme im Sinn eines »bewegten Bildes« von der Gemeindelandschaft

in der iMS. 3 Ziel der Studie war es, zuerst möglichst alle Gemeinden statistisch

zu erfassen und kirchenkundlich zu kategorisieren, um damit eine Panoramadarstellung

der Gemeindelandschaft zu erstellen. Danach folgte durch

Fokusgruppengespräche eine »Tiefenbohrung«, in der die Arbeiten einzelner

Gemeinden durch die Aussagen leitender Verantwortlicher betrachtet wurden.

Die vorliegende Studie ist ein Beispiel einer zeitlich aufeinanderfolgenden

Mixed-Methods-Forschung. Der deutsche Methodiker Udo Kuckartz weist darauf

hin, dass gerade in dieser Art der quantitativen wie qualitativen Datenerhebung

eine Integration beider Daten von besonderer Bedeutung ist: 4

Wichtig ist es zu bestimmen, wo die Integration, das Mixing, im Forschungsverlauf

stattfindet, d. h. wo die Schnittstellen sind, an denen qualitativer und quantitativer

Strang zusammengeführt werden.

Dieser Beitrag stellt die Methoden, das Design und den methodischen Prozess

der vorliegenden Studie vor. Dabei werden sowohl der quantitative als auch der

qualitative Strang vorgestellt und erläutert. Die von Udo Kuckartz geforderte

Integration der beiden Methoden geschieht in den einzelnen Beiträgen dieses

Bandes, in der die Autorinnen und Autoren jeweils die qualitativen und quantitativen

Daten im Kontext der Literatur interpretieren. Dieser Artikel führt zu

1

Zur Bestimmung und Differenzierung von »Gemeinden, Kirchen und Gemeinschaften«

s.o. S. 37–40.

2

Zum Begriff der inneren Metropolregion Stuttgart (iMS) s.o. S. 36.

3

S. 35f.

4

Kuckartz, Datenanalyse, 165.


72 Tobias Schuckert

einer kritischen Reflexion des methodischen Vorgehens mit einigen Hinweisen

zur Verfahrensweise bei weiteren zukünftigen Metropolstudien. Die Methode

des Mixed-Methods spiegelt sich in der Forschungsfrage und den entsprechenden

Unterfragen wider.

1. Forschungsproblem und Forschungsziel

In Anlehnung an den Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst

(REMID), 5 der die religiösen Gemeinschaften der gesamten Bundesrepublik

erfasst, fokussiert sich die Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie

auf die christlichen Gemeinden im Gebiet der iMS. Dies entspricht den religiösen

Gemeinschaften, die REMID unter seinen ersten drei Kategorien von Religionsgemeinschaften

subsumiert: Katholizismus, Protestantismus (einschließlich

Freikirchen und Sondergemeinschaften) und Orthodoxie / Orientalische

/ Unierte Kirchen. Das primär ausschlaggebende Kriterium für die Aufnahme

einer Gemeinde in die Studie und deren Zuordnung zu einer der Kategorien

ist deren eigenes christliches und denominationalistisches bzw. konfessionelles

Selbstverständnis und nicht etwa Zuschreibungen anderer Kirchen oder

Gemeinden. Das Christentum wird religionswissenschaftlich als ein offenes

System betrachtet. Ziel ist eine Darstellung der Gemeinden in der gesamten

Vielfalt der Ökumene.

Handlungsleitend für den gesamten Prozess war folgende Forschungsproblem:

»Welche Aussagen lassen sich über christliche Gemeinden der iMS

im Jahr 2019, ihre zentralen Veranstaltungen und deren Besucher sowie ihre

kirchlichen Handlungsfelder treffen?« Um diese Frage zu beantworten, bearbeitete

das LIMRIS folgende Unterfragen: Welche christlichen Gemeinden gibt

es in den Kommunen der iMS? Wie lassen sich diese christlichen Gemeinden

kirchenkundlich kategorisieren? Was lässt sich hinsichtlich der Besucherzahlen

der nach eigenen Aussagen drei wichtigsten Veranstaltungen der erfassten

Gemeinden statistisch beobachten? Was lässt sich hinsichtlich kirchlicher

Handlungsfelder in den Arbeiten der erfassten Gemeinden wahrnehmen? Welche

statistischen Aussagen lassen sich im Blick auf Besucherinnen und Besucher

der Gemeinden, die nicht aus Deutschland stammen treffen? Was ergibt

eine Analyse der Berichte ausgewählter Gemeindeleiterinnen und -leiter über

ihre Arbeiten anhand des Modells kirchlicher Handlungsfelder nach Eberhardt

Hauschildt und Uta Pohl-Patalong? 6

5

Religionswissenschaftlicher Medien und Informationsdienst, Mitgliederzahlen,

remid.de.

6

Diese kategorisieren die Aufgaben einer Gemeinde nach der Grundorientierungen

Thema, Subjekt und Welt. S.o. S. 64f. Vgl.: Hauschildt/ Pohl-Patalong, Kirche, 409–

438.


Methodik der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie

73

Bevor im nächsten Abschnitt die unterschiedlichen Datenerhebungsmethoden

besprochen werden, sei darauf hingewiesen, dass alle ethischen Richtlinien

empirischer Sozialforschung eingehalten wurden, insbesondere die drei

Grundsätze Respekt, Gewinn und Selbstbestimmung. 7 1. Entsprechend dem

Grundsatz Respekt wurden alle erhobenen Daten anonymisiert und im Rahmen

datenschutzrechtlicher Verordnungen verwaltet. 8 Die Teilnehmenden wurden

in ihrem Alltagsablauf nicht gestört. 2. Die Teilnahme an der Studie stellte für

alle Beteiligten einen Gewinn in Aussicht: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer

an der quantitativen Forschung nahmen an einem Preisausschreiben teil, während

sich für die an den Gruppeninterviews beteiligten Leitungspersonen von

Gemeinden die Möglichkeit verband, ihre Arbeit anderen bekannt zu machen.

3. Prinzipiell wurde niemand zur Teilnahme gezwungen. Die Fragebögen gelten

als Alternative zu Einverständniserklärungen. Die Teilnehmenden an den Fokusgruppen

wurden darauf hingewiesen, dass sie sich jederzeit ohne Konsequenzen

aus dem Gespräch zurückziehen können, und gaben im Vorfeld ihre Einverständniserklärung

zum Forschungsprozess. Dasselbe gilt auch für die nach den Fokusgruppengesprächen

geführten Interviews mit Christinnen und Christen aus

internationalen Gemeinden.

2. Methoden zur Datenerhebung

Um die zu analysierenden Daten zu erheben, geschah ihre Erhebung unter Einsatz

verschiedener Methoden in drei aufeinander folgenden Schritten (s. Übersicht

1). 9 Den Einstieg bildete eine umfangreiche Internetrecherche und Dokumentenanalyse

existierender Gemeinde-Websites, um Name, Ort und eventuelle

denominationale oder konfessionelle Zugehörigkeit der einzelnen Gemeinden

zu erheben. Bei diesem ersten Schritt der Datenerhebung wurden insgesamt

1.418 christliche Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften ausfindig gemacht.

Darauf folgte in einem zweiten Schritt eine schriftlich-standardisierte Befragung

mittels eines Fragebogens per E-Mail oder Post. Mit einem Rücklauf von

404 Gemeinden wurde eine Rücklaufquote von 28 % erreicht. Doppelt so hoch

sind die erhobenen Zahlen zum Gottesdienstbesuch mit einem Rücklauf von

835 Gemeinden, was 59 % entspricht. Dieser höhere Rücklauf wurde erreicht,

indem die Gottesdienstteilnahmezahlen der Gemeinden, die den Fragebogen abgegeben

haben, durch Rückmeldungen aus einer zusätzlichen Telefonrecherche

bei Gemeinden und die Nachfrage bei den Kirchen und Gemeindeverbänden

ergänzt wurden.

7

Vgl. Hennink/Hutter/Bailey, Qualitative Research Methods, 63.

8

S.o. S. 25, Abschnitt zur Anonymisierung und Verwendung des Datenmaterials.

9

Vgl.: Rebenstorf, Die evangelische Kirche in Hannover, 4.


74 Tobias Schuckert

Übersicht 1: Schritte der Datenerhebung

In einem dritten Schritt der Datenerhebung wurden ausgewählte Verantwortliche

der Gemeinden zu drei Fokusgruppengesprächen eingeladen und zusätzlich

zwei Interviews mit pastoralen Leitungspersonen internationaler Gemeinden

geführt. Die Phase der Erhebung quantitativer Daten fand vom Oktober 2019

bis Dezember 2020 statt. Danach wurden bis zum April 2021 die qualitativen

Daten erhoben. Um Aussagen auf belastbares Datenmaterial zurückzuführen,

beziehen sich die einzelnen Beiträge dieses Buches jeweils auf die Datensätze

aus der quantitativen wie qualitativen Erhebung. Somit ist eine für die Belastbarkeit

der Aussagen essenzielle Triangulation gewährleistet. 10

Internetrecherche und erste Dokumentenanalyse

Die Forschung wurde als Totalerhebung in der iMS vollzogen. Das heißt, dass

möglichst alle christlichen Gemeinschaften befragt wurden, um ein objektives

Bild zu erhalten. Dies brachte im Rahmen eines linearen Forschungsverlaufs 11

mit sich, dass der erste Forschungsschritt die genaue Erfassung möglichst aller

christlichen Gemeinden in der iMS war. LIMRIS-Mitarbeiter durchsuchten ab

Oktober 2019 systematisch das Internet nach christlichen Gemeinden innerhalb

der sechs Landkreise der iMS. Alle ausfindig gemachten Gemeinden wurden in

einer Adressenliste nach Kommunen sortiert. Durch eine Analyse der Informationen,

die durch das Internet zugänglich waren, konnte eine kirchenkundliche Einordnung

jeder einzelnen Gemeinde vorgenommen werden. 12 Bemerkenswert ist,

dass auch während der quantitativen Datenerhebung durch den standardisierten

Fragebogen immer wieder neue Gemeinden entdeckt und eingeordnet wurden.

Einige Unschärfen der Studie resultieren aus strukturellen Eigenheiten von

Gemeinden und Gemeinschaften. So finden sich im protestantischen Bereich

pietistische Gemeinschaften, die von ihrem Selbstverständnis her Teil der landeskirchlichen

Gemeinde vor Ort sind, andere wiederum bilden einen hybriden

10

Vgl.: Hennink/Hutter/Bailey, Qualitative Research Methods, 52. Zusätzlich wurden

für die einzelnen Beiträge Daten von den jeweiligen Autorinnen und Autoren erhoben.

11

Burzan, Quantitative Methoden kompakt, 23.

12

Vgl. Burkhardt/Meister, Kirchenkundeblatt 2, SGGS, A3, LIMRIS-Archiv.


Methodik der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie

75

Typus freier Gemeinschaften und Gemeinden, die teilweise innerhalb der landeskirchlichen

Kirchengemeinden verortet sind, teilweise große Eigenstädnigkeit

aufweisen. 13 Eine ähnlich gelagerte Schwierigkeit zeigt sich bei manchen

Christlichen Vereinen Junger Menschen (CVJM), die gemeindliche Strukturen

ausbilden und gegenüber der Kirchengemeinde ihre Eigenständigkeit betonen. 14

Standardisierte Fragebögen

Die deskriptive (beschreibende) Statistik erlaubt das Quantifizieren von Daten

einer weiteren Bevölkerungsschicht. Dazu wurde die Form des standardisierten

Fragebogens gewählt, wie er im Lehrbuch von Elisabeth Raab-Steiner und

Michael Benesch beschrieben wird. 15 Die Erstellung des Fragebogens begann

im März 2019. Der ursprüngliche Fragebogen enthielt insgesamt zwölf Fragestellungen.

Diese wurden aber aufgrund der Hinweise externer Berater auf

vier Fragen reduziert. Durch diese Fragen wurde ein summarischer Zugang

zu quantitativen Informationen hinsichtlich der gesammelten Gemeinden gefunden.

Eine Erklärung, wie es zu diesem Ist-Zustand gekommen ist, wird hier

Übersicht 2: Fragebogen Teil 1 und 2, Frage 1

nicht erwartet. Diese Informationsreduktion wird bewusst in Kauf genommen.

Der Fragebogen wurde in drei Teile unterteilt. 16 Ein erster Teil erfragte Infor-

13

S.o. S. 39.

14

So wurden die CVJM Stuttgart und Gärtringen als Gemeinde gezählt, während andere

wie Arbeiten des Evangelischen Jugendwerks (EJW) oder des Jugendverbands Entschieden

für Christus (EC) nicht als Gemeinde gewertet wurden. Letzte Gruppen verstehen

sich nicht als eigenständige Gemeinden, sondern sind Teil einer lokalen Gemeinde.

15

Vgl. Raab-Steiner/Benesch, Der Fragebogen, 15–16.

16

Vgl. Fragebogen SGGS, LIMRIS-Archiv. Zur Verwendung bei internationalen Gemeinden

wurde der Fragebogen in verschiedene Sprachen übersetzt.


76 Tobias Schuckert

mationen zur kirchenkundlichen Einordnung und Zugehörigkeit: Zu welcher

Denomination, Konfession oder welchem übergeordneten Verbund zählen Sie

sich? Und Name und Ort ihrer Kirchengemeinde, Gemeinde oder Gemeinschaft.

Mit diesen Angaben ließen sich die im ersten Erhebungsschritt (s. Übersicht 1)

getroffenen Kategorisierungen anhand der Selbstaussagen der Gemeinden testen

und gegebenenfalls korrigieren. Im Zweifelsfalle wurde immer die Aussage

der befragten Gemeinde priorisiert. In Teil 2 des Fragebogens geschah die Datenerhebung

zum Forschungsthema anhand dreier Fragen. Frage 1 erforschte

die drei wichtigsten regelmäßigen Veranstaltungen der Kirchengemeinde, Gemeinde

oder Gemeinschaft und die durchschnittliche Besucherzahl (Erwachsene

und Kinder). In Frage 2 ging es um eine Abfrage der Veranstaltungen,

Einrichtungen, Dienste, Initiativen und/oder Projekte der Kirchengemeinde,

Gemeinde oder Gemeinschaft. Frage 3 erhebt Daten, aus welchen von insgesamt

13 vorgegebenen Regionen (außerhalb Deutschlands) die Menschen kommen,

die die zentrale geistliche Veranstaltung (Frage 1) besuchen.

Zur Frage 1

Die deskriptive (beschreibende) Statistik erlaubt das Quantifizieren von Daten.

Diejenigen, die die Fragebögen beantworteten, konnten als Freitext drei Veranstaltungen

nennen. Dass nicht von vorneherein nach dem Gottesdienst als wichtigster

Veranstaltung gefragt wurde, trägt der vielfach geäußerten Annahme

Rechung, dass die zentrale Veranstaltung zum einen nicht von vorneherein der

Gottesdienst einer Gemeinde sein muss oder als ein solcher bezeichnet wird.

Ziel war es, herauszufinden, welche Veranstaltungen eine Gemeinde als ihre

drei wichtigsten bezeichnet. Die Antworten lassen theologisch-ekklesiologische

Rückschlüsse zu. Welche Relevanz haben gottesdienstliche Angebote? Sind die

wichtigsten Veranstaltungen immer auch die, mit den meisten Teilnehmenden,

oder werden diese aus inhaltlichen Aspekten als solche priorisiert? Solche Fragen

zielen ferner auf das Selbstverständnis der spezifischen christlichen Gemeinschaft.

Eine landeskirchliche Gemeinschaft, die sich selbst als ergänzend

zur evangelischen Landeskirche versteht, wird hier mit aller Wahrscheinlichkeit

nicht Gottesdienst als Antwort nennen. Im Folgenden wird also nun nach

der wichtigsten Veranstaltung gefragt. Weil die Studie sich für den Gottesdienst

als einen ihrer Hauptuntersuchungsgegenstände interessiert, wurde nicht explizit

nach dem Gottesdienst gefragt, sondern nach der Richtlinie sozialer Forschung

verfahren: »Wenn es den Leuten wichtig ist, werden sie es erwähnen.«

Der Gottesdienst soll den Beteiligten nicht als wichtige Veranstaltung »in den

Mund gelegt« werden. 17

17

Folgt Forschung nicht diesem Prinzip, besteht die Gefahr eines sog. »deference effects«

bei dem die Beantwortenden – wenn auch unbewusst – Antworten geben, von

denen sie ausgehen, dass die Forschenden diese hören wollen, vgl. Bernard, Research

Methods in Anthropology, 186. Dies wäre vordergründig bei einem theologischen


Methodik der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie

77

Diese Frage gewährt weiter einen

summarischen Zugang zu

den Daten der Besucher dieser

Veranstaltungen. Hierbei wurde

davon ausgegangen, dass der

Gottesdienst bei einer großen

Mehrheit der Gemeinden auch

als eine der drei wichtigsten

Veranstaltungen genannt wird.

Entsprechend wären dann auch

die Zahlen des Gottesdienstbesuches

in der iMS erfasst, wenngleich

dabei weniger belastbare

Aussagen über Gründe, die zur

gegenwärtigen Situation führten,

gemacht werden können.

Diese müssen in einem weiteren

qualitativen Schritt erhoben

werden. Die beschriebene Informationsreduktion

wird bewusst

in Kauf genommen, da das große

Bild das Ziel ist. Welches sich

anschaulich in Grafiken präsentieren

lässt. 18

Zur Frage 2

Die Forschungsfrage 2 zielt auf

das soziale Engagement der

christlichen Gemeinschaft. Unterhalb

der Frage waren 38 Antwortmöglichkeiten

aufgelistet.

Hier waren Mehrfachnennungen

sowie Felder mit »Sonstige«

als Antworten möglich. Erfragt

wurde, welche karitativen/

diakonischen Projekte, Gottesdienste,

Glaubenskurse und viele

weitere Handlungsfelder, die

jeweiligen Gemeinden gestalten.

Übersicht 3: Fragebogen Teil 2, Frage 2

Leitbegriff wie Gottesdienst zu erwarten, dass keine Verantwortlichen in Gemeinden

diesen als »unwichtig« bezeichnen würden.

18

Vgl.: Rebenstorf, Die evangelische Kirche in Hannover – Wer kennt was? Wer kennt

wen? Wer nutzt welche Angebote?, in SI Kompakt (2017), Nr.1, 1–12, 2.


78 Tobias Schuckert

Dieser Kompromiss der standardisierten Antwort und einer freien, qualitativen

Antwort wurde getroffen, um den Antwortenden eine möglichst große Freiheit

zu gewährleisten. Die vorgegebenen Antworten basieren auf dem Modell

kirchlicher Handlungsfelder nach Eberhardt Hauschildt und Uta Pohl-Patalong

und einer Kategorisierung dieser Handlungsfelder nach den drei Grundorientierungen

»Thema, Subjekt und Welt«. 19 Durch diese Frage ließ sich abzeichnen,

in welchen Bezugspunkten kirchlicher Handlungsfelder christliche Gemeinschaften

in der iMS ihre Schwerpunkte setzen. Gleichzeitig lässt sich das

weltmissionarische Engagement der christlichen Gemeinschaften ermitteln, da

verschiedene Antwortmöglichkeiten auch auf interkulturelle Arbeiten zielten.

Unter weltmissionarischem Engagement versteht diese Studie von den Gemeinden

wahrgenommene Aufgaben, die über den eigenen kulturellen Horizont hinausgehen.

Weltmissionarisches Engagement fokussiert sich auf missionarische

Aufgaben im Ausland, ist aber keineswegs nur darauf beschränkt. Es sollen

hier bewusst auch interkulturelle Begegnungen mit Menschen in Deutschland

in den Blick genommen werden. Eine Gemeinde hat also auch weltmissionarisches

Engagement, wenn sie zum Beispiel mit, beziehungsweise unter Menschen

internationaler Herkunft arbeitet.

Zur Frage 3

Diese Frage erfasst, aus welchen Regionen (neben Deutschland) die Besucher

der christlichen Gemeinden kommen. In der Analyse werden die Gemeinden

summarisch erfasst, die a) von Teilnehmern aus anderen Regionen der Welt

besucht werden. Weiter werden b) die einzelnen Regionen summarisch erfasst,

um herauszufinden, welche Regionen der Welt in den christlichen Gemeinschaften

vertreten sind. Die Schwäche dieser Methode ist, dass keine absolute

Zahl von Menschen aus einer speziellen Region erfasst wird. Wenn zum Beispiel

in einer Gemeinde 100 Menschen aus Lateinamerika sind und eine Person

aus Ostasien, werden beide jeweils als eine Gruppe gezählt. Hier musste eine

Informationsreduktion in Kauf genommen werden.

Ein »freies Antwortformat ist zur Erfassung spontaner Reaktionen« 20 der Beteiligten

als Teil 3 des Fragebogens gedacht. Dabei wurden Aspekte der kirchlichen

Handlungsfelder sowie Kommentare der Beteiligten qualitativ erfasst. Es

ist wichtig, den Antwortenden einen Freiraum zu geben, sich auch zur Form der

Forschung zu positionieren.

Angestrebte Rücklaufquote

Um belastbare Zahlen zu erhalten, wurde eine hohe Rücklaufquote von 30 %

angestrebt. Dieses Ziel wurde um zwei Prozentpunkte verfehlt. Die statistische

Erhebung war im Januar 2021 weitestgehend abgeschlossen, sodass im Februar

19

Hauschildt/Pohl-Patalon, Kirche, 415. Vgl. o. S. 64f. Die komplette Liste s. Übersicht

4.

20

Raab-Steiner/Benesch, Der Fragebogen, 57.


Teil 2

Darstellung der

Untersuchungsergebnisse


Friedemann Burkhardt/Marcel Folz/Jorge Krist/Larissa Meister

Gemeinden in der Region Stuttgart

Eine ökumenisch-kirchenkundliche Beschreibung

Etwa anderthalbtausend ihrem Selbstverständnis nach christliche Kirchen, Gemeinden

und Gemeinschaften bestehen in der inneren Metropolregion Stuttgart

(iMS). 1 Das 3.654 Quadratkilometer große Gebiet mit einer Bevölkerungsstärke

von 2,7 Millionen Menschen besteht aus dem Stadtkreis Stuttgart sowie den

fünf ihn umgebenden Landkreisen Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg

sowie dem Rems-Murr-Kreis, wobei einzelne Gemeinden der drei letztgenannten

Landkreise außerhalb des untersuchten Gebietes liegen, weil sie nicht

zur iMS gehören. 2

In diesem Gebiet wurden zwischen 2019 und 2021 in einer Totalerhebung

insgesamt 1.418 einzelne christliche Gemeinden und Gemeinschaften mit

einem eigenständigen gottes-

Karte 1: Die fünf Landkreise und der Stadtkreis

der iMS

dienstlichen Versammlungsangebot

identifiziert, die sich

über den Stadtkreis und die fünf

Landkreise gleichmäßig verteilen.

3 Ihre kirchenkundliche Beschreibung

ergibt im Gesamtbild

einen Überblick über die in der

iMS gegenwärtig bestehenden,

ihrem Selbstverständnis nach

christlichen Kirchen, Gemeinden

und Gemeinschaften. 4

1

Diese Aussage beschreibt eine Momentaufnahme, die für den Zeitraum September

2019 bis Herbst 2021 im Sinn eines »bewegten Bildes« Gültigkeit besitzt. Vgl. Einführung,

S. 36.

2

Daten von 2019, Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, statistik-bw.de.

Eine detaillierte Aufstellung der Einwohnerzahlen s. LIMRIS-Archiv, SGGS-A1.

3

Gesamtaufstellung der Gemeinden in der iMS, s. Anm. 2. Die Gemeindedichte in

Relation zur Bevölkerung ist in der iMS recht homogen. Im Durchschnitt ist pro 1.900

Einwohner eine Gemeinde zu verzeichnen. Im Einzelnen ergaben sich folgende Einwohnerzahlen

pro Gemeinde: Stadtkreis Stuttgart 2.060, Lk Böblingen: 1.860, Lk Esslingen

1.750, Lk Göppingen 1.750, LK Ludwigsburg 2.160 und LK Rems-Murr 1.750.

4

Zum Vorgehen s. Grundbegriffe, S. 27.


92 Friedemann Burkhardt/Marcel Folz /Jorge Krist /Larissa Meister

Karte 2: Verteilung der Gemeinden in der iMS

In konfessioneller bzw. denominationeller Hinsicht verteilen sich die Gemeinden

auf 164 unterschiedliche Partikularkirchen, 5 die in der Studie vier kirchenkundlichen

Hauptgruppen zugeordnet werden. 6 Drei dieser Hauptgruppen repräsentieren

die großen kirchlichen Strömungen der Orthodoxie, des

Katholizismus und des Protestantismus. 7 Die vierte Hauptgruppe »Andere Kirchen

und christliche Gemeinschaften« umfasst christliche Partikulargemeinschaften

der Neuzeit, die aufgrund grundsätzlicher Differenzen zu den erstgenannten

drei Hauptgruppen gesondert aufgeführt werden müssen. 8 Im

Gesamtbild der iMS zeigt sich der Protestantismus mit 1.062 Gemeinden als

größte christliche Traditionsrichtung gefolgt vom Katholizismus mit 259 Gemeinden,

der Orthodoxie mit 45 Gemeinden und 52 Gemeinden der Gruppe

Andere Kirchen und christliche Gemeinschaften.

5

Übersicht zu den Partikularkirchen in der iMS, s. S. 484.

6

Zur Kategorisierung s. Einführung, S. 40.

7

Zu den kirchen- bzw. konfessonskundlichen Zuordnungen, die in der Literatur nicht

einheitlich gehandhabt werden, s. Einführung, S. 42 Anm. 40.

8

Vgl. Pöhlmann/Jahn, Handbuch Weltanschauungen, 320–324.


Gemeinden in der Region Stuttgart

93

Übersicht 10: Die 1.418 Gemeinden in der iMS nach Kirchenfamilien


94 Friedemann Burkhardt/Marcel Folz /Jorge Krist /Larissa Meister

Karte 3:

a) Gemeindedichte orthodoxer Gemeinden in der iMS

b) Verteilung orthodoxer Gemeinden in der iMS


Gemeinden in der Region Stuttgart

95

1. Die Orthodoxie

In der weiteren Ausdifferenzierung der Untersuchungserträge ergeben sich

für die Orthodoxie als erste Hauptgruppe insgesamt 21 nationalkirchliche Partikulargemeinschaften

mit zusammen 44 Gemeinden. Diese Kirchen sehen

ihre Wurzeln in der orientalisch- und östlich-orthodoxen Kirchentradition und

haben als Teil ihrer weltweiten Diaspora Gemeinden in der iMS gebildet. Als

»orthodox« im Sinn von rechtgläubig bezeichnen sich sowohl orientalische Nationalkirchen

(orientalisch-orthodoxe Kirchen), 9 die sich im 4. und 5. Jahrhundert

von der byzantinischen Reichskirche trennten, als auch ihre slawischen

Nachfolgekirchen (östlich-orthodoxe Kirchen), die ab Ende des 10. Jahrhunderts

entstanden. 10 Die Anfänge der Orthodoxie reichen zurück in die Frühzeit der

Christenheit, 11 die sich bis Ende des ersten Jahrhunderts im gesamten Römischen

Reich verbreitet hatte und von den fünf in Rom, Konstantinopel, Alexandrien,

Antiochien und Jerusalem ansässigen Patriarchen geleitet wurde. Früh

schon zeigten sich unterschiedliche kirchliche Entwicklungen zwischen dem

Westen des Reiches unter Leitung des römischen Patriarchats und den vier

östlichen Patriarchaten Alexandrien, Antiochien, Jerusalem und Konstantinopel.

Die Divergenz verfestigte sich durch die 395 n. Chr. vom Kaiser verfügte

Herrschaftsteilung in eine westliche und eine östliche Reichhälfte. Während

das weströmische Kaisertum im 5. Jahrhundert zum Ende kam, behauptete der

oströmische Teil als byzantinisches Reich bis ins ausgehende Mittelalter seine

Führungsrolle in der christlichen Welt. Zu diesem Herrschaftssystem gehörte

die byzantinische Reichskirche mit ihren Tochterkirchen, innerhalb derer das

östlich-orthodoxe Kirchentum seine unverwechselbare Prägung erhielt. Im Laufe

der Zeit kam es in der orientalisch- und östlich-orthodoxen Christenheit zu

weiteren Kirchenbildungen. Einen Einschnitt bedeutete das Jahr 1054, das den

endgültigen Bruch zwischen der römischen West- und byzantinischen Ostkirche

brachte, und in dessen weiterer Wirkungsgeschichte die Eroberung Konstantinopels

durch den Islam 1453 fällt, was das Ende der byzantinischen Reichskirche

bedeutete. In der Folge setzte sich die östlich-orthodoxe Kirchentradition

in den seit dem 10. Jahrhundert entstandenen zahlreichen Tochterkirchen fort.

Missionsbemühungen der römischen Kirche führten im Laufe des ausgehenden

9

Nationalkirchen geben das Land oder den Staat, auf den sie sich beziehen, im Kirchennamen

an und sind rechtlich eigenständige Kirchen. Heun, Art. Nationalkirchen,

78f.; Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 50.

10

Die kirchenkundliche Kategorisierung in östlich-orthodoxe und orientalisch-orthodoxe

Kirchen findet sich bei Thöle, Art. Orthodoxe Kirchen II. Konfessionskundlich, 681–

686. Vgl. eine ähnliche Einteilung bei Eggenberger, Die Kirchen, 30–33, und Lange/

Pingggéra, Die altorientalischen Kirchen, IX–XIV.

11

Zur Geschichte: Hauptmann, Orthodoxe Kirchen I. Kirchengeschichtlich, 675–681;

Jacobs, Die Reichskirche; Kallis, Orthodoxe Katholische Kirchen, EKL 3, 939–951;

Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 50–95; Lilienfeld, Orthodoxe Kirchen, TRE 25,

423–464; Thümmel, Die Kirche des Ostens.


96 Friedemann Burkhardt/Marcel Folz /Jorge Krist /Larissa Meister

Mittelalters zu Wiedervereinigungen mit dem Katholizismus (unierte orientalisch-

und orthodoxe-katholische Kirchen) und aus Gemeindegründungen protestantischer

Missionsgesellschaften entstanden im 19. und 20. Jahrhundert

freie altorientalische protestantische Gemeinden.

Östlich-orthodoxe Kirchen

Heute werden als östlich-orthodoxe Kirchen all jene Kirchen in den Balkanländern,

Griechenland, Kleinasien, Russland und Syrien bezeichnet, die auf die autokephalen

Nationalkirchen im römisch-hellenistischen Sprachraum zurückgehen

und bis zur Eroberung Konstantinopels durch den Islam 1453 n. Chr. zur byzantinischen

Reichskirche gehörten. 12 Zu diesen Nationalkirchen zählten zunächst

die alten östlichen Patriarchate der Reichskirche in Alexandrien, Antiochien, Jerusalem

und Konstantinopel. Hinzu kamen die teilweise beträchtlich größeren

orthodoxen Kirchen slawischer Provenienz. Sie entstanden bereits ab dem 10.

Jahrhundert in Russland, der Ukraine und in Weißrussland und führten zur Bildung

der Bulgarischen, Rumänischen, Russischen und Serbischen Orthodoxen

Kirchen. Während dem konstantinopolitanischen Patriarchat ein Ehrenrang zukam,

wurden die drei anderen östlichen Patriarchate als »griechisch-orthodox«

bezeichnet, was sie als Teil der griechisch-sprachigen Reichskirche kennzeichnete.

13 In der iMS gibt es sieben verschiedene östlich-orthodoxe Partikularkirchen

mit insgesamt 28 Gemeinden. 14 Nahezu flächendeckend mit 15 Gemeinden

ist die Griechische-Orthodoxe Kirche vertreten. 15 Als zweitgrößte orthodoxe

Gruppe aufgeteilt in zwei Partikularkirchen mit vier Gemeinden erscheinen die

Rumänisch-Orthodoxen Gemeinden. 16 Die Russisch-Orthodoxe Kirche 17 unterhält

12

Vgl. Körtner, 50–75. Die östlich-orthodoxen Kirchen waren eine feste Größe geworden,

nachdem sich im 5. und 6. Jahrhundert die non-chaledonesischen Kirchen von

Byzanz getrennt und sich Ende des 8. Jahrhunderts die byzantinische gegenüber der

weströmischen Reichskirche als eigenständige Größe profiliert hatten.

13

Vgl. Lange/Pinggéra, Einleitung, XI.

14

Zur Situation der orthodoxen Gemeinden heute finden sich zwei Beiträge bei Etzelmüller/Rammelt

(Hrsg.), Migrationskirchen, 287–327.

15

Die Griechische Orthodoxie ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland mit

Gemeinden vertreten und ist heute dem ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel

unterstellt. Costabel, GaSH, 39–43; ACK-NRW, Griechisch-Orthodoxe Metropolie von

Deutschland, ack-nrw.de.

16

Zum einen sind es drei Gemeinden der Rumänisch Orthodoxen Metropolie für

Deutschland, Zentral- und Nordeuropa. Ihre erste Gemeinde in Stuttgart wurde 1993

gegründet, Vgl. Costabel, GaSH, 45; Stuttgarter Atlas der Religionen, 171. Die zweite

Partikularkirche rumänisch-orthodoxer Provenienz ist die Rumänisch-Orthodoxe Kirche

des Patriarchats von Konstantinopel, Vgl. Costabel, GaSH, 44.

17

Die Russisch-Orthodoxe Kirche gilt heute als größte autokephale Kirche der östlichen

Orthodoxie und umfasst die Länder der ehemaligen UdSSR, aber ohne Georgien und

Armenien, sowie China, Japan und die Mongolei und seit 2007 auch die Russisch-Orthodoxe

Kirche im Ausland, die nach der Oktoberrevolution 1927 von Exulanten gegründet

wurde. Vgl. Art. Russisch-Orthodoxe Kirche, wikipedia.org, und Art. Russisch-Orthodoxe


Gemeinden in der Region Stuttgart

97

drei und die Serbisch-Orthodoxe Kirche 18 zwei Gemeinden. Jeweils eine Gemeinde

findet sich von der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche, 19 der Mazedonisch-Orthodoxen

Kirche 20 und der Rum-Orthodoxen Kirche von Antiochia. 21 Im Interview wies

der orthodoxe Priester darauf hin, dass die russisch-orthodoxe Gemeinde, der

er vorsteht, »die älteste lebende orthodoxe Gemeinde in Deutschland ist und seit

13. April 1816 existiert«. 22

Kirche im Ausland, wikipedia.org; Costabel, GaSH, 48–50; Stuttgarter Atlas der Religionen,

166. 172. In Stuttgart gibt es heute drei Gemeinden russisch-orthodoxer Tradition:

Die älteste ist die 1816 gegründete Russisch-Orthodoxe Gemeinde des Heiligen

Nikolaus von Myra in Stuttgart. Sie gehört zusammen mit der Gemeinde zu Ehren des

heiligen und rechtgläubigen Fürsten Alexander Nevskij zur Russisch-Orthodoxen Kirche

im Ausland. Die dritte Gemeinde in Stuttgart ist die Russisch-Orthodoxe Gemeinde des

Heiligen Propheten Elias, die dem Moskauer Patriarchat angehört, das seit 2007 die

Russisch-Orthodoxe Auslandskirche aufgenommen hat. Vgl. Kulturportal Russland,

Russisch-Orthodoxe Kirche des Hl. Nikolaus von Myra in Stuttgart, kulturportal-russland.de;

Russisch-Orthodoxe Kirche, rok-stuttgart.de; Orthodoxe Kirche Stuttgart,

orthodoxe-kirche-stuttgart.de.

18

Die erste Serbisch-Orthodoxe Gemeinde in der iMS wurde 1971 in Stuttgart gegründet

und eine zweite 1992 in Göppingen begonnen. Beide gehören zur autokephalen

Serbisch-Orthodoxen Kirche Patriarchat Belgrad, deren Wurzeln ins 9. Jahrhundert zurückreichen.

Vgl. Costabel, GaSH, 51; Stuttgarter Atlas der Religionen, 173; Art. Serbisch-Orthodoxe

Kirche, wikipedia.org.

19

Die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche ist eine Kirche der östlichen Orthodoxie und wurde

927 vom Patriarchat von Konstantinopel als autokephal anerkannt. Die Stuttgarter

Gemeinde wurde 1984 gegründet. Vgl. Costabel, GaSH, 38; Art. Bulgarisch-Orthodoxe

Kirche, wikipedia.org; Bulgarisch-Orthodoxe Kirche Stuttgart bgorthodox-stuttgart.

de

20

Die Stuttgarter Gemeinde wurde 1984 gegründet und gehört zur Mazedonischen

Orthodoxen Kirche, die sich 1967 gegen den Willen des serbischen Patriarchats als autokephal

erklärte, aber bis heute von der Serbisch-Orthodoxen Kirche nicht anerkannt

wird. Vgl. Costabel, GaSH, 43; Art. Mazedonisch-Orthodoxe Kirche, wikipedia.org.

21

Die Rum-Orthodoxe Kirche von Antiochia repräsentiert den Teil des antiochenischen

Patriarchats, der im Jahr 451 den Beschlüssen des Konzils von Chalzedon gefolgt war.

Zur Geschichte vgl. Antiochenisch-Orthodoxe Metropolie, rum-orthodox.de; Costabel,

GaSH, 47.

22

FGG1-8, S. 33 ZZ 21f.


98

Friedemann Burkhardt/Marcel Folz /Jorge Krist /Larissa Meister

Die Heilige Nikolaus-Kathedrale in Stuttgart – die älteste

Gemeinde orthodoxer Tradition in Deutschland:

In der Russisch-Orthodoxen Kirche des Heiligen Nikolaus von Myra in Stuttgart versammelt

sich die älteste Gemeinde orthodoxer Tradition in Deutschland. Sie wurde

1816 ins Leben gerufen, als Katharina Pawlowna Romanowa, Großfürstin von Russland

(1788–1819), nach ihrer Hochzeit mit dem württembergischen Kronprinzen Wilhelm

(1781–1864) an den Stuttgarter Hof übersiedelte. Es war eine Zeit schwerer Missernten,

von denen 1816 als »Jahr ohne Sommer« in die Annalen einging. Nachdem ihr

Mann noch im selben Jahr als König Wilhelm I. die Regierungsgeschäfte übernommen

hatte, gründete die religiös motivierte Königin Katharina den Wohltätigkeitsverein,

dessen Zentralleitung sie selbst vorstand. Sie besetzte das Gremium mit pietistisch

gesinnten Pfarrern und Geschäftsleuten und organisierte mit ihnen die Armenhilfe

flächendeckend für das gesamte Land. Daneben initiierte sie weitere sozialdiakonische

Institutionen wie das königliche Erziehungsinstitut, später Katharinenstift, die württembergische

Spar-Casse, später Württembergische Landessparkasse, Industrieschulen,

die Vorläufer der Gewerbeschulen, und das Katharinenhospital. Ihr plötzlicher

Tod 1819 traf das Land unvermittelt. Wilhelm I. ließ für sie auf dem Württemberg eine

Grabkapelle errichten, wo einst die Burg Wirtemberg, Stammsitz des württembergischen

Königshauses, gestanden hatte. Dort wurde sie 1824 in der Krypta beigesetzt

und die Grabkapelle als erste orthodoxe Kirche Stuttgarts geweiht. Indessen setzte

sich die württembergisch-russische Verbindung fort. 1846 heiratete Kronprinz Karl

von Württemberg die russische Zarentochter Großfürstin Olga Nikolajewna Romanowa,

die ab 1864 Königin von Württemberg wurde. Schließlich ist noch Herzogin Wera

Konstantinowna zu nennen, die 1854 als Neunjährige an den Stuttgarter Hof kam und

1871 von König Karl I. adoptiert wurde. Alle drei Frauen waren im Volk aufgrund

ihres sozialdiakonischen Engagements beliebt. Sowohl Königin Olga als auch ihre Adoptivtochter

unterhielten in ihren Residenzen russisch-orthodoxe Kapellen. Nachdem

die Königin 1892 verstorben war, setzte sich Herzogin Wera für die Errichtung einer

russisch-orthodoxen Kirche ein. So wurde nach dem Vorbild Moskauer Kirchen die

Russisch-Orthodoxe Kirche des Heiligen Nikolaus von Myra erbaut und 1895 als die

Heilige Nikolaus-Kathedrale geweiht, die bis heute von einer der russisch-orthodoxen

Gemeinden in Stuttgart als Gotteshaus in Gebrauch ist.

Abb. 3: Die Heilige Nikolaus-Kathedrale in Stuttgart

Abb. 4: Kirchenraum der Heiligen Nikolaus-Kathedrale in Stuttgart


Gemeinden in der Region Stuttgart

99

Orientalisch-orthodoxe Kirchen

Schon früh war es zu nationalkirchlichen Entwicklungen gekommen, die zu

Kirchenbildungen außerhalb der byzantinischen Reichskirche führten. Als erste

erscheint die Armenische Apostolische Kirche, 23 mit der bereits im Jahr 301

n. Chr. in dem unabhängigen Königreich Armenien der christliche Glaube zur

Staatsreligion erhoben wurde. Die Armenische Kirche gilt als älteste eigenständige

Staatskirche der Welt. Sie stand in keiner Verbindung zu Byzanz, war am

Konzil von Chalcedon nicht beteiligt gewesen, verwarf Anfang des 6. Jahrhunderts

die dort gefassten Beschlüsse und führt chronologisch die Gruppe der

altorientalischen (oder orientalischen orthodoxen National-) Kirchen an. Diese

bildeten sich entweder außerhalb des Territoriums der byzantinischen Reichskirche

oder entstanden in Folge der macht- und kirchenpolitischen Konflikte

im 4. und 5. Jahrhundert durch Abspaltung. 24 Im Jahr 410 n. Chr. formierte

sich die persische Christenheit zu einer selbstständigen Kirche, die 486 n. Chr.

die nestorianische Christologie übernahm und sich als Heilige Apostolische und

Katholische Kirche des Ostens 25 (Nestorianer) zu einer starken Missionskirche

in den Gebieten Asiens entwickelte. Als Entgegnung auf die Beschlüsse des

Konzils von Chalcedon 451 n. Chr. trennte sich zunächst das alexandrinische

Patriarchat von der byzantinischen Reichskirche und gründete eine eigene

Koptisch-Orthodoxe Kirche. 26 Als Teil des koptischen Christentums war bereits

Anfang des 4. Jahrhunderts die äthiopische Kirche entstanden, 27 die bis ins 20.

Jahrhundert zur Koptisch-Orthodoxen Kirche gehörte und 1950 als Äthiopisch-

Orthodoxe Tewahedo-Kirche den Status der Autokepahalie erhielt. Im Zuge der

Unabhängigkeitserklärung Eritreas von Äthiopien wurde schließlich die eritreische

Christenheit 1998 als Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche in die

23

Als Armenien ein christlicher Staat wurde, reichte das Land im Osten bis ans Südwestende

des Kaspischen Meers und den Umrah See, im Norden bis auf die Höhe des Kura,

im Süden bis an das Taurus-Gebirge und im Westen bildete der Oberlauf des Euphrat

die Grenze, Hage, Art. Armenien I, TRE 4, 40–57. Vgl. Spuler, Art. Armenien II, TRE 4,

57–63; Hannik, Art. Armenien II. Armenische Apostolische Kirche, RGG 4 1, 766–771;

Körtner, Kirchenkunde, 91–93.

24

Vgl. Körtner, Kirchenkunde, 76–80.

25

Im 13. und 14. Jahrhundert erreichte die nestorianische Kirche des Ostens ihre größte

Ausdehnung. Ihr Gebiet erstreckte sich über eine Distanz von über 8.000 Kilometer

zwischen Tarsus, Alexandrien und Damskus im Westen bis nach Peking im Osten und

hatte eine Breite von 5.000 Kilometer im sibirischen Baikalsee im Norden bis in den Süden

Indiens. Vgl. Gillmann, Art. Nestorianermission, RGG 4 6, 199–202. Vgl. Hage, Art.

Nestorianische Kirche, TRE 24, 264–276; Körtner, Kirchenkunde, 80–82; Markschies,

Art. Nestorianismus, RGG 4 6, 204–206.

26

Vgl. Ghattas, Art. Kopten I. Koptische Orthodoxe Kirche, RGG 4 4, 1670–1673; Körtner,

Kirchenkunde, 82–85; Orlandi, Art. Koptische Kirche, 595–607.

27

Vgl. Ghattas, Art. Kopten I. Koptische Orthodoxe Kirche, RGG 4 4, 1671; Heyer, Art.

Äthiopien II. Christentum, RGG 4 1, 890–894; Körtner, Kirchenkunde, 85–87.


100 Friedemann Burkhardt/Marcel Folz /Jorge Krist /Larissa Meister

Autokephalie entlassen. 28 Ebenfalls als Folge des Konzils von Chalcedon kam

es auch im Vorderen Orient zu einer Kirchentrennung, bei der sich im 6./7.

Jahrhundert Teile der syrischen Christenheit als Syrisch-Orthodoxe (bzw. Jakobitische)

Kirche 29 gegenüber der byzantinischen Reichskirche für eigenständig erklärten.

Die syrische Christenheit umfasste damals den gesamten Raum des antiken

Syriens und hatte ihr Zentrum in Antiochien. Aus der syrisch-orthodoxen

Kirche gingen die orthodoxen Kirchen Indiens 30 (Thomas Christen) hervor. In

der iMS sind nahezu alle orientalisch-orthodoxen Kirchen vertreten. 31 Die sechs

vorchalcedonischen (monophysitischen) Kirchen sind mit fünf Gemeinden vertreten:

Eine Gemeinde der Armenischen Apostolischen Kirche in Göppingen 32 ,

eine der Koptisch-Orthodoxen Kirche in Stuttgart, 33 eine der Äthiopisch-Orthodoxen

Tewahedo-Kirche in Stuttgart, 34 zwei der Eritreisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche

in Stuttgart 35 sowie drei Gemeinden der Syrisch-Orthodoxen Kirche, 36

28

Bereits Ende der 1920er-Jahre wurde in Trennung von der äthiopischen Orthodoxie

eine eritreisch-orthodoxe Kirche gegründet. Im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen

Eritreas kam es 1993 zur Unabhängigkeitserklärung und in Folge auch zur Trennung

von der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche und zur Bildung der Eritreisch-Orthodoxen

Tewahedo-Kirche, die 1998 autokephal wurde. Vgl. Gebremedhin, Art. Eritrea,

RGG 4 2, 1413; Art. Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche, wikipedia.org.

29

Vgl. Feldkeller, Art. Syrien III. Von der Spätantike bis zur Gegenwart, TRE 32, 589–

595; Fitschen, Art. Syrien V. Kirchengeschichte 1. Syrische Kirchen, RGG 4 7, 1990–

1995; Hage, Art. Jakobitische Kirche, TRE 16, 474–485; Körtner, Kirchenkunde, 87–89;

Tamcke, Art. Syrien V. Kirchengeschichte 2 b) Westsyrische Kirche, RGG 4 7, 1997–1999.

30

Die Ursprünge gehen ins 2./3. Jahrhundert zurück, vgl. Koschorke, Art. Indien IV.

Christentumsgeschichte, RGG 4 4, 95. Heute werden sechs verschiedene Kirchen unterschieden:

1. Die syrisch-orthodoxe Kirche in Gemeinschaft mit dem Patriarchen von Antiochien,

2. die syro-malankarische Kirche in Gemeinschaft mit Rom, 3. die Assyrische

Kirche des Ostens (Nesorianer), 4. die syro-malabarische Kirche in Verbindung mit Rom,

5. die Mär-Thoma-Kirche und 6. die Kirche von Südindien in Gemeinschaft mit der Mär-

Thoma-Kirche. Vgl. Körtner, Kirchenkunde, 90f.

31

Ein Überblicksartikel s. Rammelt, Orientalisch-Orthodoxe Gemeinschaften, 235–

252.

32

Die Gemeinde versammelt sich seit 1998 in der Heilig Kreuz Kirche Göppingen (ID

89), vgl. Costabel, GaSH, 33; Stuttgarter Atlas der Religionen, 156; Armenische Gemeinde

Baden-Württemberg, agbw.org.

33

Die Koptisch-Orthodoxe St. Georg Kirche (ID 1362), vgl. Costabel, GaSH, 35; St.

Georg Koptisch-Orthodoxe Kirche, kopten-bw.de.

34

Die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo Kirche in Stuttgart existiert seit 1992 (ID 95),

vgl. Costabel, GaSH, 32.

35

Die Eritreische Koptisch-Orthodoxe Gemeinde entstand im Jahr 2000 in Bad

Cannstatt (ID 180), vgl. Costabel, GaSH, 34; Sägesser, Judith A., Weihrauchduft im

Morgengrauen, stuttgarter-zeitung.de. Daneben trifft sich die Eritreische-Orthodoxe Tewahedo

Gemeinde (ID 181), Diözese Rottenburg-Stuttgart, Kirche auf dem Stuttgarter

Frauenkopf, drs.de.

36

Beiträge zu verschiedenen migrationskirchlichen Themenstellungen von Gemeinden

der Syrisch-orthodoxen Kirche finden sich bei Etzelmüller/Rammelt (Hrsg.), Migrationskirchen,

35–286.


Gemeinden in der Region Stuttgart

101

eine in Ludwigsburg und zwei in Göppingen. 37 Schließlich befinden sich in der

iMS auch eine nestorianische Gemeinde der Heiligen Apostolischen und Katholischen

Assyrischen Kirche des Ostens in Stuttgart 38 und eine Gemeinde sogenannter

»Thomas-Christen«, der Orthodoxen Kirche Indiens. 39

Unierte orientalisch- und orthodox-katholische Kirchen

Auch nach dem Schisma zwischen Rom und Byzanz im Jahre 1054 blieb die

Römisch-Katholische Kirche bestrebt, die orientalische Christenheit in ihre Gemeinschaft

zurückzubringen und der päpstlichen Aufsicht wieder zu unterstellen.

Dies führte im Laufe des Mittelalters und in der beginnenden Neuzeit zur

Verdoppelung der orientalischen und östlich-orthodoxen Kirchen. Dabei unterstellte

sich das jeweilige Double Rom, erkannte den Papst als obersten Bischof

an und machte sich das lateinische Glaubensbekenntnis zu eigen. Gleichzeitig

aber durften diese Kirchen ihre orthodoxe Liturgie, Kirchensprache und Kirchenordnung

sowie die Priesterehen beibehalten. 40 In der iMS sind die mit Rom

unierten orthodoxen Kirchen mit drei Partikularkirchen repräsentiert: Zum einen

ist es die Chaldäisch-Katholische mit der Chaldäisch-Katholischen Gemeinde

Mar Shimon Bar Sabai. 41 Zum anderen sind es die Äthiopisch-Katholische

und die Eritreisch-Katholische Kirche, die ihre Gläubigen gemeinsam in der

Geez Ritus St. Justin de Jacobis Gemeinde durch einen Priester der Eritreisch-

Katholischen Kirche betreuen. 42

Freie altorientalisch-protestantische Kirchen

Seit dem 19. Jahrhundert unternahmen europäische und nordamerikanische

Missionsgesellschaften Initiativen, um Muslime für den christlichen Glauben

zu gewinnen. Diesen Missionsversuchen war aber wegen der strengen Ahndung

eines Religionswechsels mit der Todesstrafe durch das islamische Gesetz wenig

Erfolg beschieden. Diejenigen, die von den protestantischen Missionen erreicht

37

ID 1131, 1390 und 1391, vgl. Costabel, GaSH, 36f.; Armenische Gemeinde Baden-

Württemberg, agbw.org.

38

ID 92; Verzeichnis ostkirchlicher Gemeinden in Deutschland, vogid.de; Assyrer

in Stuttgart, facebook.com.

39

Notizen Telefoninterview v. 11.10.2021 (SGGS, LIMRIS-Archiv).

40

Die hier vorliegende kirchenkundliche Kategorisierung ordnet die mit Rom unierten

orientalisch- und östlich-orthodoxen Kirchen in der ersten Hauptgruppe der Orthodoxie

ein und folgt damit der Einteilung bei Körtner, Ökumenische Kirchenkunde, 93f, oder

Lange/Pinggéra, Die altorientalischen Kirchen, XIf.

41

ID 1502. Vgl. Gesamtkirchengemeinde Sankt Urban Stuttgart, sankturban.de. Von

den ca. 6.000 in Deutschland lebenden chaldäischen Christen leben Zweidrittel in der

iMS, Art. Chaldäisch-Katholische Kirche, wikipedia.org.

42

ID 1479. Vgl. Südgemeinden, St. Justinus de Jacobis, kath-suedgemeinden-stuttgart.

de. Diese Gemeinde ist sowohl für die Gläubigen der Äthiopisch-Katholischen als auch

der Eritreisch-Katholischen Kirche zuständig und repräsentiert so zwei Partikularkirchen.


102 Friedemann Burkhardt/Marcel Folz /Jorge Krist /Larissa Meister

wurden, waren Angehörige der altorientalischen Kirchen. 43 So entstanden Gruppen

und Gemeinschaften, die sich, einem protestantischen, meist evangelikalen

Glaubensverständnis folgend, außerhalb ihrer Ursprungskirchen selbstständig

als Gemeinden organisierten, sich aber gleichzeitig durch ihre Namensgebung

in ihre altorientalische Tradition stellten. 44 In der iMS existieren vier Gemeinden,

die dem Typ der freien altorientalisch-protestantischen Kirchen zuzuordnen sind:

die Aramäischen Christen Ludwigsburg, 45 die Aramäische Freie Christengemeinde

Bietigheim, 46 die Äthiopische Evangelische Gemeinde in Stuttgart-Freiberg 47 und die

Äthiopische Exil-Kirchengemeinde Stuttgart in Ludwigsburg. 48

Religiöses Leben in orthodoxer Perspektive

Da die Trennungen innerhalb der orthodoxen Christenheit hauptsächlich historisch-kirchlich

bzw. -politisch motiviert waren, verbindet sie über nationalkirchliche

und sprachliche Grenzen hinweg viele Ähnlichkeiten. Dazu gehört

vor allem ein Verständnis des religiösen und kirchlichen Lebens, das ganz auf

den Gottesdienst ausgerichtet ist. Die Liturgie mit ihren komplexen Ritualen

findet ihre Mitte in der Feier der Eucharistie, in der das Sakrament den Gläubigen

in beiderlei Gestalt gespendet wird. Dieses einheitliche Bild des gemeindlichen

Lebens der orthodoxen Gemeinden orientalischer wie östlicher Provenienz

deckt sich mit den Ergebnissen der Studie. 49 Danach stehen der Gottesdienst

und das sakramentale Handeln in Liturgie, Kasualien, Seelsorge und christlicher

Erziehung im Zentrum. Als wichtigste Veranstaltung gilt unangefochten

der Gottesdienst, 50 teilweise werden auch noch zusätzlich als zweit- und/oder

drittwichtigste Veranstaltung gottesdienstliche Angebote angegeben. Aber auch

die meisten anderen Veranstaltungen, die nur an zweiter und/oder dritter Stelle

43

Vgl. Lange/Pinggéra, Einleitung, XIII.

44

Dies zeigen die Selbstbeschreibungen dieser Gemeinden, in Costabel, GaSH, 4f.

45

ID 86, Förderverein Freie Evangelische Aramäische Gemeinde Ludwigsburg, ceginformacio.hu.

46

ID 87, AFCG Bietigheim, afcg-bietigheim.de; vgl. in Costabel, GaSH, 4. Zu Aramäern

in Deutschland allgemein: Art. Aramäer in Deutschland, dewiki.de; Art. Aramäer in

Deutschland, de.wikipedia.org.

47

ID 93, vgl. in Costabel, GaSH, 5.

48

ID 94, Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo Kirche in Deutschland Lideta Le Mariam

Exil-Kirchengemeinde-Stuttgart, firmenwissen.de.

49

An der Umfrage nahmen neun orthodoxe Gemeinden aus sechs verschiedenen Partikularkirchen

teil. Von den orientalisch-orthodoxen Kirchen war dies eine Gemeinde der

Syrisch-Orthodoxen Kirche (ID 1391) und eine der Armenisch-Apostolischen Orthodoxen

Kirche (ID 89) und von der östlich-orthodoxen Kirche waren es zwei Gemeinden der

Griechisch-orthodoxen Kirche (ID 17 und ID 778), drei von Russisch-Orthodoxen Kirche

(ID 745, ID 1351 und ID 1353) sowie eine Gemeinde der Rumänisch-Orthodoxen Kirche

(ID 1348) und der Mazedonisch-Orthodoxen Kirche (ID 1353).

50

Dieses Bild zeigen übereinstimmend die Ergebnisse der Frage 1 und 2. Demgegenüber

werten den Gottesdienst im Katholizismus 60 Prozent der Befragten und im Protestantismus

97 Prozent als wichtigste Veranstaltung.


Gemeinden in der Region Stuttgart

103

Übersicht 11: Das Gottesdienst- und Kirchenbild der orthodoxen Gemeinden in der iMS

genannt wurden, haben im weitesten Sinn sakramental-liturgischen Charakter.

Hierzu gehören insbesondere der Kirchliche Unterricht und die Kasualien

(Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, orth. Sakramente), in denen die orthodoxen

Gemeinden prozentual die meisten Nennungen verzeichnen. 51 Als eine weitere

Veranstaltungskategorie erscheinen verschiedene Formate von Gemeinschaftsund

Begegnungsangeboten. 52 Was bei den orthodoxen Gemeinden wenig ausgeprägt

ist und worin sie den größten Unterschied zu den katholischen Gemeinden

zeigen, sind weltbezogene Handlungsfelder. 53

Dieses Bild über das gemeindliche Leben, das sich aus der quantitativen

Datenerhebung ergibt, illustriert die Aussagen eines orthodoxen Priesters in

einem der Gruppeninterviews der Studie, der den Gottesdienst 54 mit seinem

Zentrum in der Eucharistie, die Bedeutung der Gebete und das spirituelle Interagieren

beschrieb: 55

[B]ei uns in der Orthodoxen Kirche steht der Gottesdienst ganz zentral. Das ist die

göttliche Liturgie am Sonntag, also das, was bei Evangelischen auch gefeiert wird,

im römischen Katholizismus die Messfeier. Das ist sozusagen wirklich das Herz-

51

Diese Aussagen beziehen sich auf die Frage 2.

52

Als zweit- und drittwichtigste Veranstaltung bei Frage 2 wurden u. a. genannt:

»Künstlerische / Kulturelle Veranstaltungen« oder »Veranstaltungen der Begegnung

(festl./mit Essen/…)«.

53

Entsprechende Angaben fehlen bei der Forschungsfrage 1 ganz und bei Frage 2 sind

sie nur schwach vertreten.

54

Zum gottesdienstlichen Leben in orthodoxer Tradition s. Körtner, Ökumenische Kirchenkunde,

57–65.

55

FGG1-8, S. 13 Z 15 – S 14 Z 5.


104 Friedemann Burkhardt/Marcel Folz /Jorge Krist /Larissa Meister

stück, die Herzkammer. Die Gottesdienste, Vesper, Morgengottesdienste und so,

die führen die Gläubigen zusammen. Da geschieht vieles an geistlicher Anregung

durch die Texte, die dort immer wieder gebetet werden, Psalmgebete. Also das Insich-hinein-Erleben,

dass sich das Gebet mit dem, was man im alltäglichen Leben

erlebt, und wie sich das dann mit dem immer wiederkehrenden Beten verbindet und

dadurch eine gewisse Transparenz erhält. Das ist ein ganz wichtiges Moment für die

Glaubensvermittlung, […].

Die Orthodoxie kennt wie der römische Katholizismus sieben Sakramente. Diese

sind neben der Eucharistie die Taufe, Salbung, Buße, Weihe (Ordination),

Ehe und Krankensalbung. Kennzeichnend für orthodoxe Frömmigkeit ist ferner

der sakramentale Charakter des gesamten kirchlichen Handelns und die

zahlreichen kulturell-religiösen Bräuche wie beispielsweise das Spenden des

jährlichen Haussegens in den Tagen nach dem Fest der Taufe Christi: 56

Ein gutes Datum ist diese Zeit um den 19. Januar herum. Da haben wir Taufe Christi

und da wird Weihwasser geweiht und dann geht man, wenn das gewünscht wird, in

die Häuser, in die Wohnungen, segnet die Wohnungen ein. Und es ist dann üblich,

dass man dann zur – die Russen nennen es Chashka Chai – zur Tasse Tee gebeten

wird, was aber in der Regel ein opulentes Mahl ist! Und dann sind die versammelt,

die in die Kirche gehen, aber auch Familienmitglieder, die in der Regel nicht in

die Kirche gehen. Und wir haben dann die Möglichkeit da mit dem Priester ins

Gespräch zu kommen. Also das sind solche Momente bei uns. Also es geht vieles so

übers Leben, eben dort, wo Menschen Erfahrungen machen.

Im Hinblick auf das Gottesbild betont die orthodoxe Tradition die Dreieinigkeit

Gottes von Vater, Sohn und Heiligem Geist und ist sich einig im Glaubensbekenntnis

von Nicäa in seiner revidierten Gestalt des Nicäno-Konstantinopolitanum.

57 Daneben genießt die Gottesmutter Maria eine außerordentlich

hohe Verehrung. Als Glaubensgrundlagen gelten die Bibel mit dem Alten und

Neuen Testaments, teilweise apokryphe Schriften, die aber nicht kanonisiert

sind, die kirchliche Tradition und die Entscheidungen der Kirchenväter. Entsprechend

begründet der Priester im Gruppeninterview in einer theologischen

Diskussion seine Position ganz selbstverständlich mit einem Verweis

auf Irenäus: 58

Das sagt Irenäus von Lyon im zweiten Jahrhundert: Gott wurde Mensch, damit der

Mensch Gott werde. Und diese Einswerdung mit Gott in Christus Jesus, die communio,

diese Einswerdung der Wiederherstellung der Schöpfung und das dann auch

56

FGG1-8, S. 15 ZZ 8 – 23.

57

Ohne den im frühen Mittelalter in der westlichen Tradition gebräuchlich und dogmatisch

gewordenen Zusatz Filioque.

58

FGG1-8, S. 4 Z 26 – S. 5 Z 5.


Gemeinden in der Region Stuttgart

105

ganz persönlich im eigenen Leben – das ist vielleicht das Moment von dem ich

sagen würde, es macht mein geistliches Leben aus.

Die Kirchen der Orthodoxie haben eine episkopale Verfassung, sind hierarchisch

geordnet, autokephal und stehen in monastischer Tradition. Das orthodoxe

Kirchenjahr gliedert sich nach zwölf Hauptfesten mit acht feststehenden

Festen: Mariä Geburt am 8. September, Kreuzerhöhung am 24. September,

Weihnachten am 25. Dezember, dem eigentlichen Weihnachtsfest an Epiphanias

am 6. Januar, Jesu Einzug im Tempel am 2. Februar, Mariä Verkündigung

am 25. März, Verklärung Christi am 6. August und Mariä Heimgang am 15.

August. Als bewegliche Feste gelten Palmsonntag, Ostern, Christi Himmelfahrt

und Pfingsten. Diese zahlreichen Festtage überragt das Osterfest, das mit der

Osternachtsfeier und weiteren Osterbräuchen das Herzstück des orthodoxen

Glaubens symbolisiert. Seine Bedeutung wird deutlich, wenn als Termin, an

dem auch die zur Kirche kommen, die das Jahr über keinen Gottesdienst besuchen,

das Osterfest genannt wird und nicht etwa Weihnachten. 59 Die größte

Wirkungsgeschichte erfuhr der Wechselgruß aus der orthodoxen Osterliturgie,

der mittlerweile in vielen Denominationen auf der ganzen Welt seinen Platz im

Ostergottesdienst gefunden hat: »Der Herr ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig

auferstanden!«

Im Hinblick auf das Kirchenverständnis sehen sich die Kirchen der Orthodoxie

zwar als die wahren Bewahrer der apostolischen Lehre, verstehen aber

dennoch die Vielfalt eigenständiger Kirchen von der Einheit der weltweiten

christlichen Kirche umschlossen. Entsprechend gehören nahezu alle orthodoxen

Kirchen zum Ökumenischen Rat der Kirchen, wo der Austausch mit den

Denominationen stattfindet, die in reformatorischer Tradition stehen.

59

FGG1-8, S. 14 ZZ 24 –26.


Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten

sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2022 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

und Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG · Baden-Baden

Printed in Germany

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung

außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung

des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in

elektronischen Systemen.

Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

Gesamtgestaltung: Zacharias Bähring, Leipzig

Coverbild: © Phil Baum | Unsplash

Druck und Binden: Esser printSolutions GmbH, Bretten

ISBN 978-3-374-07263-7 ISBN 978-3-8487-7393-0

eISBN (PDF) 978-3-374-07264-4

www.nomos.de

www.eva-leipzig.de

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!