POWIZEI - Institut für Politikwissenschaft - Johannes Gutenberg ...

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POWIZEI - Institut für Politikwissenschaft - Johannes Gutenberg ...

kostenlos

P OW I Z E

wir schauen nach dem rechten - und dem linken...

I

ausgabe

01 :: juni 2008

M AG I S T E R

V S

B AC H E L O R

pOWIZEI

powizei - eine zeitung des fachschaftsrats politikwissenschaft


INNERES

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INNERES

Tatort: Johannes-Gutenberg Universität Mainz;

Institut für Politikwissenschaft

Stehen bleiben! POWIzei!

In deinen Händen hältst Du die wiederauferstandene

Zeitung des Fachschaftsrates Politikwissenschaft.

Nachdem unser Vorgänger einen langsamen

und schmerzvollen Tod starb, steigt nun wie

der Phoenix aus der Asche die brisante, brandaktuelle,

investigative, überparteiliche und unterschätzte

Pflichtlektüre für jede Politikstudentin.

Nach einem halben Jahr unter die Haut gehender

und intravenöser Recherche, schweißtreibendem

Korekturlehsen und wundgetippter Finger ist das

Meisterwerk schließlich vollendet.

Damit Du nun endlich nach jahrelanger politikwissenschaftlich-publizistischer

Flatulenz den

Uni-Alltag besser verdauen kannst, hilft dir jetzt

die POWIZEI. Denn: Wir schauen nach dem

Rechten und dem Linken! Hast Du deine Hausarbeit

immer noch nicht zurück? Ist der Aufzug

im SB II mal wieder stecken geblieben? Oder hast

Du deinen Dozenten und seinen Hiwi heimlich

im Kopierraum beobachtet? Wir decken auf! Wir

schauen nicht nur in die dunklen, sondern in alle

Ecken des Instituts und wirbeln den Staub auf.

Wir füttern Dich mit zuverlässigen und willkürlich

ausgewählten Fakten, gefälschten Statistiken

und zensierten Interviews – Du kannst dein ZEIT-

Abo also getrost kündigen.

Wir – der Fachschaftsrat, dein Freund und Helfer

ohne Schlagstock – steht Dir aber auch bei

den weniger brisanten Problemen zur Seite: Wir

bieten kompetente Unterstützung bei der Stundenplanerstellung,

erste Hilfe bei akutem Partymangel

und schwören Dir ewige Treue - bis zum

Studienabschluss.

Doch auch wir benötigen deine Hilfe: Trotz unserer

hohen Mitgliederdichte sind wir für eine

erfolgreiche Weiterführung der POWIZEI auf

Nachwuchsjournalisten wie Dich angewiesen, die

unser Institut auch in Zukunft unter die Lupe

nehmen wollen!

Ihre Meldeauflagen: Einmal

pro Semester POWIzei lesen!

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P OW I Z E

I INHALT

VORWORT

05

INNERES

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GRUSSWORT

«Ich habe viel Routine in

der Zwischenzeit» Jürgen W-

Falter im Interview

WAS LANGE WÄHRT... Das neue

SoWi Gebäude

«dann hat der herr

schoen...» Ein Interview

FREUNDE DER POLITIK-

WISSENSCHAFT

«ich bin ein politischer

mensch» Nele Möhlmann im FBR

DIE FACHSCHAFT IM SOMMER-

SEMESTER 2008

Powi Ringvorlesung

NACHGEFRAGT

TITEL :: BACHELOR/MASTER

WAS JUNGESELLE UND MASTER

SO ALLES MIT SICH BRINGEN

WEIHNACHTEN ODER

UNWETTER?

ÄUSSERES

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HINTER DEN KULISSEN –

Politikwissenschaft mal anders

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DIGITAL VS. ANALOG

Politikwissenschaftler im

Beruf

FREIZEIT

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AUS DEM LAND DER POESIe

Kulturtip: Poetry Slam im KUZ

schöne kneipen hat das

land... Zwei Kneipen im Test

RÄTSEL

WO SIND DIE FEHLER?

WO IST FALTER? Das Suchspiel

MALEN NACH ZAHLEN

IMPRESSUM

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38

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INNERES

GruSSwort

Dass es wieder eine Zeitung der Fachschaft Politikwissenschaft gibt, ist großartig ...

und auch höchste Zeit. Die Menge der Institutsmitglieder, die sich noch an den Vorgänger,

die „PoliTzeiT“, erinnert, ist nämlich bereits drastisch geschrumpft. Und diese

Erinnerung, zumindest bei mir, ist zwar eine gute, aber auch eine inzwischen ziemlich

vage.

Und das ist auch gut so. POWIZEI kann damit in ihr erstes Jahr völlig unbelastet

von nostalgisch verklärten Vergleichen mit dem Vergangenen starten, das per definitionem,

weil vergangen, immer besser war. Ich wünsche ihr eine große und begeisterte

Leserschaft, den Kreativen viel Spaß und dass ihnen nie der Nachwuchs ausgeht und

dem Institut, dass die neue Fachschaftszeitung durch Information und Kritik (und

gelegentlich ein freundliches Wort) dazu beiträgt, das hochschulpolitische Bewusstsein

der Studierenden zu schärfen, die Responsivität der Mitarbeiter zu erhöhen und insgesamt

eine Atmosphäre der Zusammengehörigkeit aller zum Institut für Politikwissenschaft

zu schaffen.

Vor allem aber gratuliere ich der Fachschaft ganz herzlich zur ersten Ausgabe der neuen

POWIZEI; ich freue mich sehr über ihr großes Engagement.

Annette Schmitt

10. April 2008

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INNERES


INNERES

«Ich habe viel

Routine in der

Zwischenzeit»

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INNERES

Professor Dr. Jürgen W. Falter

stand POWIZEI Rede und Antwort

und sprach mit uns über seine Projekte,

das Leben in den Medien und

die anstehende Bachelor-/Masterumstellung.

Herr Falter, was macht ein Universitäts-Professor

eigentlich in den Semesterferien?

Typischerweise schreibt ein Universitätsprofessor

in den Semesterferien die Aufsätze und Buchkapitel,

zu denen er während des Semesters nicht

gekommen ist. Bei mir sind viele andere Sachen

dabei. Ich bin ja auch Dekan des Fachbereichs,

das heißt ich habe viele Verwaltungsaufgaben. Ich

bin in unendlich vielen Gremien der Universität:

Im akademischen Senat, ich bin der Vorsitzende

des Fachbereich-Prüfungsausschusses, ich bin im

Vorstand des Gutenberg-Kollegs, der Gutenberg-

Akademie der besten Doktoranden der Universität,

in der Akademie der Wissenschaften. Schon

allein dadurch hab ich keine Langeweile. Zusätzlich

kommen bei mir ja auch noch immer mal wieder

Medienauftritte und Interviewanfragen dazu,

sowie vielerlei Vortragsverpflichtungen, die ich

irgendwann einmal eingegangen bin. Und auch

ein bißchen Politikberatung: Ich habe gerade von

einer Partei die Bitte erhalten, an zwei Terminen

bei deren Vorstandssitzungen dabei zu sein. Das

liegt alles in den Semesterferien. Da reist man hin,

bereitet sich vor, dann ist man dabei, reist wieder

zurück, und schon sind drei Tage weg.

Sie haben gerade erwähnt, dass Sie Dekan des

Fachbereiches 02 sind. Beschreiben Sie bitte,

was man als Dekan so zu tun hat.

Der Dekan ist erstens der Vorgesetzte von vielen

Leuten in der Fachbereichsverwaltung. Er hat

das Haus- und Budgetrecht, er leitet die Sitzungen

des Fachbereichsrats und des Haushalts- und

Strukturausschusses, sowie mancher Berufungskommission.

Darüber hinaus ist er der Vorsitzende

des Fachbereichs-Prüfungsausschusses, ferner qua

Amt Mitglied des Akademischen Senats, er führt

in mehreren Etappen die Berufungsverhandlungen

mit den Bewerbern um eine Professur, zuerst

alleine, dann mit dem Kanzler, schließlich mit dem

Berufenen, dem Kanzler und dem Präsidenten gemeinsam.

Er versucht manchmal Frieden in den

Laden, sprich den Fachbereich selbst oder einzelne

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INNERES

Institute zu bekommen, die Stimmung zu erhalten

und außerdem die Verwaltung unten am Laufen

zu halten, was allerdings am Besten dadurch

geschieht, dass man im Normalfall möglichst

wenig eingreift, aber manchmal muss man das

dann eben doch tun. Es sind regelmäßig immer

Riesen-Stapel von Postmappen auf dem Tisch,

und ich habe pro Woche etwa 100 bis 150 Unterschriften

unter Prüfungsurkunden zu leisten.

Wenn das nicht auch Spaß machen würde, wäre

das schon eine ziemliche zeitliche und psychische

Belastung.

Was war denn eigentlich ihre Motivation, Professor

zu werden, also in die Lehre zu gehen,

anstatt in andere Bereiche?

Also, das Feuer in mir für die Wissenschaften ist in

den letzten Semestern meines Studiums entfacht

worden. Da fand ich, dass das was Schönes, Selbstimmtes

sei. Dann bin ich nach meinem Diplom

in die USA gegangen, und als ich dort war, bekam

ich eine Assistentenstelle angeboten in Deutschland.

Das war ja schon mal ein Traum, und die

hab ich dann auch angenommen und den USA-

Aufenthalt etwas früher abgebrochen. Während

meiner Assistententätigkeit habe ich promoviert

und während des

P r o m ov i e r e n s

dann wirklich

entdeckt, wie viel

Spaß mir Wissenschaft

macht. Ab

da war es mein

Lebensziel, Professor zu werden. Ich hatte das

aberwitzige Glück - ich hatte eine gute Dissertation

geschrieben und bereits die eine oder andere

kleine Publikation veröffentlicht -, dass ich mit 29

tatsächlich einen Ruf auf eine Professur bekam.

Eine Lebenszeit-Professur die ich natürlich auch

angenommen habe. Auf diese Weise habe ich einen

Lebenstraum mit 29 erfüllt und bedaure diese

Entscheidung bis heute nicht, auch wenn ich in einem

andren Beruf wahrscheinlich sehr viel mehr

Geld hätte verdienen können. Aber diese Selbstbestimmung,

die man dann doch weitgehend hat im

Inhaltlichen, die Tatsache, dass man immer mit

jungen Leuten zu tun hat, dass man hochbegabte

Mitarbeiter hat, mit denen man sich intellektuell

auseinander setzt, dass man eine „scientific community“

hat von Kollegen, die auf dem gleichen

oder ähnlichen Gebieten forschen, mit denen man

zusammenarbeiten kann, und außerdem noch in

einem Beruf tätig ist, der nach wie vor ein hohes

gesellschaftliches Ansehen genießt, das alles ist

ein Geschenk des Himmels, über das man sich nur

freuen kann.

Sie sind ja nun schon seit 1993 hier in Mainz,

also mittlerweile 15 Jahre. Warum hat es Sie

gerade hierher verschlagen?

Das war der fünfte Ruf, den ich erhalten habe,

nach der Hochschule der Bundeswehr München

und der Freien Universität in Berlin, wo ich meinen

ersten großen Lehrstuhl hatte. Ich hatte zwischenzeitlich

einen Ruf nach Genf in die Schweiz

erhalten, den ich aber dann abgelehnt hatte, ich

hatte die Möglichkeit nach Heidelberg zu gehen,

die habe ich aber wegen Genf nicht wahrgenommen,

und als das Mainzer Angebot kam merkte

ich, die Mainzer wollen mich unbedingt haben.

Nicht alle, aber die meisten Kollegen, die Universitätsspitze,

das Dekanat wollten mich haben, da

war eine gewisse Begeisterung da, und das Angebot

war auch recht günstig. Dann kam noch etwas

rein Biographisches dazu: Meine Eltern, die

inzwischen im Ruhestand waren, lebten damals

50 Kilometer von hier, in Heppenheim an der

Bergstraße. Das war

natürlich ein weiterer

Aspekt, da ich ja wußte:

die werden nicht

jünger und allzu oft

und lange werde ich

sie nicht mehr sehen.

Und dann haben die Berliner auch noch miserabel

mit mir verhandelt, die wollten mich halten,

aber das Mainzer Angebot war dann doch sehr

viel besser. Deswegen habe ich mich für Mainz

entschieden, und ich bedaure diese Entscheidung

eigentlich immer nur dann, wenn ich nach Berlin

komme und merke, was das für eine vitale

und interessante Stadt ist. Aber die Universität

gewechselt zu haben, habe ich eigentlich nicht bedauert.

Ich hätte ja auch die Chance gehabt noch

mal weg zu gehen, ich hatte auch noch einen Ruf

nach Bonn, den habe ich abgelehnt, weil ich mich

hier wohlfühle.

«als das Mainzer Angebot kam

merkte ich, die Mainzer wollen

mich unbedingt haben»

Bemerken Sie Unterschiede zwischen den Studenten

heute und den Studenten zu ihrer Studienzeit?

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INNERES

Wir waren viel kritischer. Das ist ein Riesenunterschied.

Der wichtigste Unterschied ist die Masse,

es gibt einfach in der Zwischenzeit fast die zehnfache

Zahl an Studenten gegenüber der Zeit, als

ich studiert habe. Damals gingen 5 bis 6 % eines

Jahrgangs auf die Universität, in der Zwischenzeit

sind es etwa 30 %. Das ist der erste Punkt.

Der zweite Punkt ist, dass wir damals insgesamt

homogener waren, homogener was die Herkunft

anging, die meisten kamen einfach aus bürgerlichen

Elternhäusern, aus bildungsbürgerlichen Elternhäusern

zum Teil. Insofern war eine gewisse

Homogenität des Hintergrundes gegeben, die Homogenität

einer gemeinsamen Bildung, das heißt

jeder hat zwei lebende Fremdsprachen gesprochen,

fast jeder hatte in der Schule Latein gehabt,

jeder hat einen bestimmte literarischen Kanon

durchgearbeitet, bestimmte historische Kenntnisse

ausgewiesen, was heute in der ausdifferenzierten

Bildungslandschaft der Bundesrepublik nicht

mehr der Fall ist. Das heißt es war vermutlich

einfacher für unsere akademischen Lehrer, ein intellektuell

einigermaßen anspruchsvolles Seminar

zu führen. Und wir waren insgesamt kritischer,

weniger wissenskonsumorientiert und waren auch

rein zahlenmäßig viel weniger. Massenseminare,

wie wir sie heute kennen, gab es nicht, Massenvorlesungen

waren die absolute Ausnahme. Am

Otto-Suhr-Institut in Berlin, wo ich nach meinen

Heidelberger Semestern studierte, gab es

350 Hauptfach-Politikwissenschaftsstudenten

für 10 Professuren. Das heißt man kannte seine

Professoren auch im Allgemeinen persönlich. Es

herrschte einfach ein anderes intellektuelles Klima.

Ich glaube es war insgesamt leichter für uns

als für Ihre Generation.

Ihre beiden wissenschaftlichen Schwerpunkte

sind ja einerseits der politische Extremismus

und zum Anderen die Wahlforschung. Worin

liegt für sie die Faszination an diesen Themen,

was interessiert Sie daran?

Ich bin eigentlich auf die Kombination beider gestoßen

worden, als ich Student war, das war in der

zweiten Hälfte der 60er Jahre, ich habe 1968 Diplom

gemacht in Berlin. Die NPD wurde ab Mitte

der sechziger Jahre erstmals groß, sie ist damals

in sieben Landtage eingezogen und ich war völlig

fassungslos darüber, wie so kurz nach dem Krieg

- das war ja erst 20 Jahre nach Kriegsende, es

war die Zeit, als die Auschwitz-Prozesse geführt

wurden, wo man also noch relativ stark in der

Verarbeitung des Nationalsozialismus lebte, speziell

in meinen Fächern Politikwissenschaft und

Geschichte - die Deutschen eine Partei wie die

NPD wählen konnten und ich habe mich gefragt:

warum. Ich habe dann eine Hausarbeit darüber

geschrieben in einem Seminar, das über die NPD

ging und habe festgestellt, dass die Umfragen alle

etwas andere Ergebnisse brachten. Ich dachte,

das kann doch nicht wahr sein, da war – erstmals

– mein Zutrauen in die Umfrageforschung erschüttert.

Dann begann ich mich mit dem Thema

zu beschäftigen, schrieb eine Diplomarbeit über

wirtschaftliche Einflussfaktoren von Wahlverhalten,

in der ich einen Vergleich zwischen den Erfolgsbedingungen

der NPD und einem Wahlerfolg

der SPD zog. Danach habe ich angefangen, mich

für ein Dissertationsthema zu interessieren: über

den Rechtsextremismus der deutschen Landbevölkerung,

der war damals ein bisschen stärker

gegeben als heute, die NPD hatte zeitweise Erfolge

bei Bauern, wie schon die NSDAP in den

30iger Jahren. Ich bin aber zunächst einmal in

die USA gegangen, bekam die Assistentenstelle

in Saarbrücken und hab dann über Wahlen im

Saarland gearbeitet. Darüber habe ich dann die

Dissertation geschrieben und damit war ich in der

Wahlforschung.

Das hatte mich immer interessiert, vor allem aus

demokratietheoretischen Gründen: Warum wählen

welche Leute welche Partei? Was sind die Stabilitätsbedingungen

von Demokratie? Welche politischen

Einstellungen haben die Menschen? Wie

stark tragen diese Einstellungen die Demokratie?

Und schon bin ich wieder thematisch am Extremismus

dran. Und dann kam bei mir das eigentlich

immer vorhandene historische Interesse dazu.

Da war auch wieder ein biographischer Zufall im

Spiel: Als ich als junger Professor ein Gastsemester

an der Harvard-University verbrachte, wurde

ich auf eine Tagung, die im Historischen Kolleg zu

Berlin stattfand, eingeladen. Ich wurde gefragt,

ob ich nicht etwas erzählen könne über Wählerbewegungen

in der Europäischen Geschichte. Und

dann kam ich auf die Idee, zu berichten, wer die

NSDAP gewählt hat. Ich stellte innerhalb der drei

oder vier Wochen, in denen ich mich in den USA

mit diesem Thema beschäftigt habe, fest, dass der

Forschungsstand ausgesprochen miserabel war.

Dieses habe ich dann in Berlin vorgetragen, wur-

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INNERES

de dafür fürchterlich angegiftet, vor allem von

den anwesenden Historikern und zwar deswegen,

weil die dachten, sie wüssten schon alles darüber.

Als Wahlforscher hatte ich mehr methodische,

statistische Vorbildung als der Normal-Historiker

und hatte festgestellt, dass die empirische Basis

unserer Kenntnisse über die NSDAP-Wähler ausgesprochen

schlecht war. Und da dachte ich, da

muss ich ein

Forschungsprojekt

darüber

machen. Ich

habe dann zunächst

ein Forschungsprojekt

formuliert über

die Wähler des Nationalsozialismus in Deutschland

und Österreich. Da ich sehr skeptisch über

die Erfolgaussichten der Projektfinanzierung war,

habe ich ein zweites Forschungsprojekt formuliert

über Wahlen in der Weimarer Republik, habe den

einen Projektantrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft,

den anderen an die Stiftung Volkswagenwerk

geschickt. Ein halbes Jahr später bekam

ich innerhalb von wenigen Tagen gleich zwei

positive Bescheide und hatte somit zwei sehr hoch

dotierte Forschungsprojekte mit vielen Mitarbeitern

zu leiten. Ich hatte das Glück, dafür sehr gute

Mitarbeiter zu bekommen. Die nahm ich dann,

als der Ruf nach Berlin kam, dorthin mit und

habe dann in Berlin weiter an diesen Projekten

gearbeitet und mich insgesamt 12 Jahre mit der

Frage, wer die NSDAP gewählt hat, beschäftigt.

Und da ist dann das Buch «Hitlers Wähler» raus

gekommen und bestimmt 30 Aufsätze auf Englisch,

Französisch, Deutsch und Spanisch. Das ist

ein Themenkreis, der mich bis heute beschäftigt,

unter anderem, weil ich glaube, dass das nicht

ausgestanden ist. In allen Industrieländern wird

es immer mindestens einen Bodensatz an Extremismus

geben. Und zwar auf der Rechten wie auf

der Linken. Und man muss immer untersuchen:

Wer sind diese Leute? Was denken diese Leute?

Können sie der Demokratie gefährlich werden?

Das ist eigentlich das, was mich zeit meines wissenschaftlichen

Lebens aus, sagen wir einmal aus

staatsbürgerlichem Interesse vorantreibt.

Wie ist bei Ihnen beim Aufwand das Verhältnis

zwischen Forschung und Lehre?

«Ich hab es mal die Fachhochschulisierung

der Universität genannt,

und das sehe ich nicht so

gerne»

Ich war früher stärker forschungsorientiert, die

Lehre stellte für mich manchmal auch ein bisschen

Störung der Forschung dar. Das hat sich

drastisch geändert, ich investiere in der Zwischenzeit

sicherlich genauso viel in die Lehre wie in die

Forschung. Ich glaube allerdings, dass sich ohne

eigene Forschung eine

gute Lehre nicht machen

lässt, weil man nur dann

ein Gespür für die Qualität

dessen, was man

vorträgt, bekommt. Aber

das ist vielleicht ein Altersphänomen,

mittlerweile

nehme ich die Lehre insgesamt ernster, als ich das

vielleicht vor 20 Jahren getan habe. Auch damals

habe ich gerne gelehrt, aber auf engeren Gebieten.

Das war am Otto-Suhr-Institut auch leichter

möglich, wo man 45 Professoren der Politikwissenschaft

hatte, da konnte jeder sein Schrebergärtlein

nach Gutdünken bearbeiten. Hier habe

ich den größten Lehrstuhl des Instituts, das ist

einfach viel breiter ausgelegt als meine Professur

in Berlin, die die schöne Bezeichnung «Politikwissenschaft/Vergleichende

trug.

Haben Sie im Moment ein aktuelles

Forschungsprojekt?

Faschismusforschung»

Ja, ich habe an meinem Lehrstuhl seit ein paar

Monaten ein hochinteressantes, von der Deutschen

Forschungsgemeinschaft mit rund 300.000

Euro gefördertes Forschungsprojekt. Und zwar

gibt es das Phänomen bei Umfragen, dass sich

immer weniger Leute beteiligen. Es gibt mit anderen

Worten immer mehr Verweigerer. Das geht

soweit, dass in der Zwischenzeit sich bei sogenannten

Adress-Stichproben, die man aus dem

Einwohner-Melderegister rauszieht, im Schnitt

60 Prozent nicht mehr beteiligen, so dass wir nur

noch 40 Prozent der Stichprobe in der realisierten

Umfrage überhaupt noch erreichen. Es stellt sich

die Frage: Wer sind diese 60 Prozent, über die wir

nichts wissen? Wenn die nicht in die Umfragen eingehen,

wissen wir auch nichts über sie. Also stellt

sich zunächst einmal rein demographisch die Frage:

Wer ist das? Alte, Junge, Männer, Frauen? Wo

wohnen die? Zweitens: Wie politisch interessiert

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INNERES

und engagiert sind die Verweigerer?

Sind das wirklich die Uninteressierten?

Da gibt es Verweigerer, die interessiert

sind, aber dann nicht mitmachen wollen,

sogenannte „Protest-Verweigerer“.

Was denken die politisch? Sind sie von

extremistischen Parteien ansprechbar?

Um das herauszukriegen, hatte ich mir

ein Forschungsprojekt ausgedacht, wo

wir versuchen, den Leuten einmalig ihre

Antwort „abzukaufen“. Die, die sagen

«keine Zeit, kein Bock, kein Interesse,

macht euren Dreck alleine», die versuchen

wir zunächst zu überreden. Wenn

das nicht klappt, versuchen wir, ihnen

die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes

abzukaufen, indem wir ihnen Geld bieten.

Das lassen wir uns etwas kosten:

10 Euro, 20 Euro, 30 Euro, dann ist

das Ende der finanziellen Fahnenstange

erreicht. Für 20 Minuten ist das gut

bezahlt. Und wir haben die Hoffnung,

dass wir mindestens 70 bis 80 Prozent

derer, die normalerweise verweigern, ein

einziges Mal bekommen, um zu wissen,

wer diese Gruppe ist und was sie denkt.

Dieses Projekt ist jetzt mitten im Laufen

und ist derzeit im Feld.

Unter Studenten ist die Diskussion

über die Umstellung der Studiengänge

auf Bachelor und Master groß. Ab kommendem

Wintersemester gibt es keine andere Wahl

mehr. Wie ist ihre Meinung dazu?

Wir sind nun mal Gefangene dieser Entscheidung

der Kultusminister und Ministerpräsidenten, über

deren Weisheit man nach wie vor streiten kann.

Diese Entscheidung im laufenden Betrieb – bei

sich ständig ändernden Rahmenbedingungen – zu

realisieren, hat uns unendlich viel Kraft, unendlich

viel Zeit gekostet, es hat den Universitätsbetrieb

bei uns am Institut über Monate, fast Jahre

halb lahm gelegt, weil wir ständig an der Ausarbeitung

von neuen Prüfungsordnungen, Studiengängen

und Strukturplänen waren. Für die

Studenten wird das, glaube ich, sehr unerfreulich

werden, weil sie kaum noch Zeit zur Reflektion

haben werden, keine Zeit, sich mal in ein Thema

zu verbeißen, mal vier Wochen nichts anderes zu

tun, als einem Dozenten nachzuweisen, dass er

Unrecht hat. Das wird nicht mehr möglich sein,

weil einfach das konsumptive Element viel stärker

sein wird als bisher, die reine Lehrstoffvermittlung

mit ständig begleitenden Prüfungen. Es wird eine

viel stärkere Verschulung geben, ich hab es mal die

«Fachhochschulisierung» der Universität genannt

und das sehe ich nicht so gerne.

In der Politikberatung haben Sie ja auch persönlich

mit Politikern zu tun. Gewinnt man dadurch

einen anderen Eindruck von Politik?

Absolut. Zunächst einmal erleben wir ja Politik

durch die Printmedien und durch das Fernsehen.

Das Fernsehen verzerrt, vergröbert und vereinfacht.

Menschen, die vor der Fernsehkamera gewinnend

erscheinen, können hinter der Kamera ein

Ekel sein und Menschen, die auf dem Bildschirm

ekelhaft und abstoßend wirken, können absolut

umgänglich sein. Es gibt einfach eine potentielle

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INNERES

Verzerrung der Realität dadurch. Nicht bei Vielen,

aber bei Manchen. Roland Koch ist so ein Beispiel

für mich. Der ist viel umgänglicher im persönlichen

Umgang, als er jemals über einen Fernsehbildschirm

wirken würde. Die Claudia Roth von

den Grünen ist ein wunderbares Beispiel. Das ist

eine absolut nette Person, die für viele doch ziemlich

unerträglich wirkt in ihrer Betroffenheitsmanie,

wenn sie vor einem Mikrofon steht. Aber

die ist im richtigen Leben absolut kumpelhaft,

humorvoll und angenehm. Wie gesagt, da gibt es

manche Verzerrungen dieser Art. Man merkt vor

allem in vielen Gesprächen mit Politikern etwas

über die informellen Eigenschaften, wie Politik

tatsächlich verläuft. Politik verläuft einerseits auf

einer Bühne, wo viel inszeniert und verkündet

wird, aber die tatsächliche Politik verläuft eher in

Hinterzimmern und Gremien, eher unter vier oder

sechs Augen. Das sind Aushandlungsprozesse, «do

ut des», wenn du mir das gibst, dann gebe ich dir

jenes. Das sind Kompromisse, die geschlossen werden

müssen und dann in der Öffentlichkeit als faul

gebrandmarkt werden. Aber sie sind einfach ein

Element der Demokratie. Das mitzukriegen, das

ist ein Geschenk, der Preis dafür ist, dass man sich

ein klein bisschen stärker in der politischen Öffentlichkeit

bewegen muß, so wie ich das manchmal

tue.

in Beziehung auf die Richtlinienkompetenz des

Kanzlers. Solche Dinge klar zu machen, das ist ja

auch ein bisschen ein staatsbürgerlicher Bildungsauftrag.

Und ich gebe zu, das macht mir nach wie

vor Spaß, ebenso wie dieses Interview.

Herr Falter, vielen Dank für dieses Gespräch.

| lennart |

Sie kennen die Politik nicht nur abseits der

Öffentlichkeit, sondern saßen in vielen Talksendungen

und bei vielen Wahlanalysen auch vor

der Kamera. Ist ein solcher Auftritt im Fernsehen

für Sie immer noch etwas Besonders?

Also ich stelle fest, dass ich heute weniger aufgeregt

bin als die meisten anderen, die mit mir in einer

Talkrunde sitzen. Aber wenn sie 23mal bei Sabine

Christiansen waren, dann wissen sie irgendwann:

Man kriegt das einigermaßen hin. Manchmal finde

ich geradezu, dass ich inzwischen bei solchen Gelegenheiten

zu wenig Adrenalin im Blut habe. Ich

muss mich dann zusammenreißen, weil ich, wenn

ich ein bisschen aufgeregt bin, insgesamt besser

bin. Ich hab viel Routine in der Zwischenzeit. Und

das ist nicht nur positiv. Andererseits macht es mir

immer noch Spaß, auch kompliziertere Zusammenhänge

so zu verdeutlichen, dass auch Menschen,

die sich nicht täglich in der Politik bewegen,

etwas davon verstehen. Vielleicht auch etwas

zu sagen über die Gewissensfreiheit von Abgeordneten,

oder was Kompetenz-Kompetenz bedeutet

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INNERES

Was lange währt...

Das Neue Sowi Gebäude

Jeder, der in diesen Tagen den Weg am Philosophicum

vorbei in Richtung UB geht, hat

sie schon gesehen: Die Baustelle. Aber was

wird dort gebaut? Man munkelt, es soll der

lang ersehnte Neubau für die Sozialwissenschaften

sein, der die Powis, Sozis, Pädas und Publis

aus ihrer

SBII Hölle

holen und in

ein gerechteres

Lernumfeld

bringen

soll. Mit einer

Cafeteria, die

vielleicht aus

ein bisschen

mehr besteht

als Cola- und

S ü ß i g k e i -

tenautomat,

mit architektonisch

klug konzipierten Toiletten (mit einem

Volumen, dass eine(n) StudentIn UND Rucksack

fasst!), mit Aufzügen, die nicht stecken bleiben und

einem Feuerschutz, der den heutigen Standards

entspricht. Träumerei? Nein, es gibt ihn und er ist

in Planung! Der «Neubau Sozialwissenschaften».

Das jetzige Baukonzept ist zwar

noch nicht offiziell abgesegnet,

wird aber in seinen Grundzügen

so verwirklicht: Das neue Gebäude

steht ganz im Sinne der

Energieeffizienz. Vom Welderweg

aus zu erreichen, befindet

sich gleich im Erdgeschoss eine

Mensaria und der Haupteingang

zu der neuen Bibliothek. Das

Besondere am Neubau: Er ist

über einen zweigeschossigen Brückenbau

mit der UB verbunden, was eine Symbiose

zwischen UB und den Fachbereichsbibliotheken

der Sozialwissenschaften ermöglicht. In letzter

Konsequenz bedeutet dies neben der gewohnten

Wochenendausleihe auch noch eine 24stündige

Öffnungszeit! Falls sich jemand morgens um drei

von dem Verlangen gepackt fühlt, Max Webers

«Wirtschaft und Gesellschaft» zu wälzen:

Willkommen in der neuen SOWI Bibliothek! Ansonsten

erstreckt sich die neue Bibliothek über insgesamt

zwei Geschosse und verfolgt das Konzept

der «Open Space Libary» mit einer großzügigen

Aufteilung und einem Glasdach.

Auch das Philo wird in diesen

Gebäudekomplex integriert:

Über einen Brückenbau wird

der weiträumige Flur im Philo in

den Neubau überführt.

Die Seminarräume sind, genauso

wie die Mensaria, im vorderen

Teil des Gebäudes untergebracht.

Im hinteren Teil befinden sich

die Institutsräume und die

Bibliothek. Das Bauprojekt wird

voraussichtlich im Jahre 2009

starten und zwei Jahre später

abgeschlossen sein. Der SBII

Bau wird zwar Ende dieses Jahres

(natürlich nur voraussichtlich…) mit der lang

ersehnten Feuertreppe versehen, blickt aber nach

der Fertigstellung des Neubaus keiner allzu rosigen

Zukunft entgegen: Ihm steht wahrscheinlich

der Abriss bevor.

Im Lichte dieser zukünftigen Ereignisse mag es einige

von euch melancholisch

stimmen,

wenn ihr das nächste

Mal den SBII betretet:

Trotz seiner

Macken ist das Gebäude

doch immer

noch das langjährige

Zuhause derPolitikwissenschaftler,

ein bisschen Marode

aber trotzdem mit

Charakter und ….wer ist schon perfekt?

| michaela |

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INNERES

«DANN HAT HERR

SCHOEN EINFACH MAL GESAGT...»

Harald Schoen, wissenschaftlicher

Mitarbeiter aus dem Bereich Innenpolitik,

sprach mit uns über seine Projekte,

das Wechselspiel von Lehre &

Forschung und seine Zukunftspläne.

«Herr Schoen, können wir wohl noch

ein Foto von Ihnen machen?»

«Oh Schreck!»

Herr Dr. Schoen, war Ihre Tätigkeit hier am Institut

schon immer Ihr Wunschberuf?

Ich habe bis kurz vor Ende meines Studiums

nicht daran gedacht, an der Uni zu bleiben. Und

dann habe ich, als ich damals noch Hilfskraft bei

Professor Rattinger in Bamberg war, eine ausgedruckte

Mail in meinem Postfach erhalten, in der

es hieß, dass Herr Falter Mitarbeiter suche und

dann hat er gemeint, ich soll mich einfach mal bewerben

und ich hab mich beworben. Da hat der

Herr Schoen offenbar

den besten Eindruck

unter den

Bewerbern hinterlassen

und dann

hat Herr Schoen

einfach mal gesagt

ok, probieren wir es doch einfach mal. Sie sehen

also, dass Karrierefragen am Ende oft nur von

Zufällen abhängen.

Und trotzdem macht Ihnen Ihre

Arbeit immer noch Freude und Spaß?

Ja, wenn nicht beim Essen der Appetit gekommen

wäre, säße ich jetzt nicht mehr hier.

Wir möchten gerne noch etwas über Sie als

Menschen erfahren, und deswegen würde uns

interessieren, womit Sie denn Ihre Zeit verbringen,

wenn Sie nicht an der Uni forschen, lehren

oder Interviews geben?

Ach Gott. Zum einen Sport, vor allem Laufen,

und dann viel Lesen, und zwar jetzt nicht wissenschaftlich

lesen, sondern Belletristik genauso

wie Sachbücher. Das Schreckliche ist, dass man

im Laufe des Lebens feststellt, dass es im Prinzip

«Ich habe bis kurz vor Ende

meines Studiums nicht daran gedacht,

an der Uni zu bleiben»

Millionen von interessanten

Sachen gibt

man aber nur eine

sehr begrenzte Zeit

hat, sich damit zu

beschäftigen.

Was ist denn Ihre genaue Aufgabe am Institut?

Als Student hat man keine genaue Vorstellung

davon.

Das erinnert mich an eine legendäre Hilfskraft die

uns gestand, dass sie sich immer gefragt habe, wie

beispielsweise Herr Schoen den lieben langen Tag

die Zeit verbringe. Und als sie dann selbst Mitarbeiterin

war, meinte sie, jetzt wisse sie es. Also

was ist die Aufgabe: natürlich auf der einen Sei-

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INNERES

te die Lehre. Darüber hinaus habe ich auch noch

das Vergnügen, Bafög und alle andern Finanzgeschenke

an Studenten verwalten zu dürfen und

natürlich Forschen.

Zu diesem Stichwort: Könnten Sie uns Ihre aktuelle

Forschung kurz vorstellen?

Es gibt da nicht nur eine.

Dann vielleicht Ihr größtes oder liebstes

Projekt?

Das Schlimme ist folgendes: Dass, wenn man

sich mit einer Frage erst einmal genauer beschäftigt,

bevor man sich versieht, alles interessant

wird. Und deswegen kann ich auch nicht sagen,

das ist jetzt meine

Super-Lieblings-

Forschungsarbeit

oder mein Super-

Lieblings-Projekt,

an dem ich im

Moment arbeite. Im Moment beschäftige ich

mich mit Bevölkerungseinstellungen zu außensicherheitspolitischen

und europapolitischen Fragen,

was auch Hauptgegenstand meiner Habilitation

ist. Zurzeit tendiere ich auch stärker zu

politischer Psychologie, wo es dann beispielsweise

darum geht, was für Konsequenzen Ambivalenz

für die politische Meinungsbildung hat.

«...das sind dann wirklich

nur reine Lehrsklaven»

Wir haben festgestellt, dass Sie ziemlich viel

publiziert haben. Nimmt eher die Forschung

oder die Lehre mehr Zeit in Anspruch?

Das variiert über die Zeit. Also beispielsweise die

Vorbereitung eines neuen Seminars bedeutet für

mich, dass es erstmal etwa so in meinem Büro

aussieht wie jetzt, dass ich Berge von Literatur

durchlesen muss, um mir einen Überblick zu verschaffen.

Genauso dominiert die Lehre vollends,

wenn ich das Glück habe mal wieder mit 60, 70,

80 Hausarbeiten beglückt zu sein, was dann dazu

führt, dass Herr Schoen so eine Woche lang überhaupt

nichts anderes macht als Hausarbeiten zu

korrigieren. Aber wenn ich den Leuten diese stringenten

Termine vorgebe, dann sehe ich es genauso

als gewisse Service-Leistung, dass die Studenten

die Möglichkeit haben, zwei oder drei Wochen

nach der Abgabe das Ergebnis ihrer Hausarbeit

zu haben. Und das sind dann genau solche Phasen

in denen die Lehre auch wenn die Lehrveranstaltung

schon vorbei ist, eindeutig dominiert.

Gibt es Überschneidungen zwischen Lehre und

Forschung zum Beispiel in den Hauptseminaren?

Natürlich, natürlich. Es ist einfach ein Wechselspiel,

auf der einen Seite ist es definitiv so, dass

man, ob nun in Haupt- oder Grundseminaren

durchaus auf die eigene Forschung zurückgreifen

kann. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass auch

Lehrveranstaltungen Anregungen für die Forschung

geben können. Sei es, dass einem irgendwann

während dem Seminar auffällt, das wäre

mal eine interessante Frage oder sei es, dass eine

Frage eines Kursteilnehmers einen drauf bringt,

zu sagen, das wäre doch mal was, was man untersuchen

könnte. Also ist es ein Wechselspiel und

so sollte es auch sein. Aber ich

fürchte, dass die wundervolle

neue Bachelor/Master-Welt

dazu führen wird, dass das

nicht mehr der Regelfall sein

wird. Die neuen Lehrkräfte

werden dann bis zu 18 Stunden in der Woche

lehren, das sind dann wirklich nur reine Lehrsklaven.

Sie haben gerade schon anklingen lassen, dass

sich Lehre und Forschung ab und zu gegenseitig

inspirieren, wie setzten Sie denn Ihre Seminarschwerpunkte?

Das sind im Prinzip zwei Faktoren, nämlich

Pflicht und Neigung. Ganz einfach: Ein Faktor

bei Hauptstudiumsveranstaltungen ist natürlich

die Frage, inwieweit wir insgesamt als Institut

den Studenten ein gutes Angebot machen können.

Und innerhalb dieser Vorgaben versucht

man dann natürlich schon, den eigenen Neigungen

nachzugehen.

Sie haben eben schon angedeutet, wenn Sie ein

neues Seminar vorbereiten, sieht ihr Büro so

aus wie jetzt. Heißt dass, Sie planen ein neues

Seminar?

Also im nächsten Semester hab ich das Vergnügen

ein BRD-Seminar anzubieten und ein Hauptseminar

zu «Politische Eliten in Deutschland».

Haben Sie irgendwelche Grundsätze, was Sie

insbesondere Studienanfängern vermitteln

wollen?

Grundsätze, das hört sich so onkelhaft, altväterlich

an, aber trotzdem kann ich Ihnen dazu

schon eine valide Antwort geben: Was man den

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INNERES

Leuten neben irgendwelchen Lehrbuchweisheiten

beibringen sollte, das ist einfach eigenständig zu

denken. Das ist mir das allerwichtigste. Genau

aus dem Grund ist das A und O die Fragestellung

in einer Hausarbeit; wo keine Fragestellung ist,

da muss sich dann ein Kandidat bei der Bewertung

schon relativ warm anziehen.

Institut wird im Zuge der Bachelor-/ Masterumstellung

umstrukturier. Vielleicht können Sie

kurz dazu Stellung nehmen, welche neue Ausrichtung

Ihrer Meinung nach gut wäre.

Das ist eine Frage, zu der ich wenig sagen kann,

weil das Gastspiel von Herrn Schoen in Mainz

irgendwann einmal zu Ende gehen wird und das

wird in nicht allzu ferner Zukunft sein.

Gibt es denn da schon Pläne?

Mein Vertrag läuft laut Hochschulrecht im Herbst

2009 aus und dann darf ich nicht mehr länger

Mitarbeiter sein. Ob Herr Schoen dann irgendein

Projekt hat, über das er sich dann finanzieren

kann, oder ob ich die Ehre und das Vergnügen

habe, irgendwo eine Professur zu bekommen. Das

ist dann die Frage.

| marie | saskia |

Bei der nächsten Frage können Sie vielleicht

aus Erfahrung sprechen: Für wie wichtig erachten

Sie denn das Hochschulengagement der

Studenten?

Ich kann mir vorstellen, dass es denjenigen, die

das machen, auf jeden Fall etwas bringt. Das ist

unbestritten. Man muss natürlich, wie bei allen

anderen Sachen, aufpassen, dass das Ganze nicht

von einer Nebentätigkeit zu einer Haupttätigkeit

wird. Was jetzt die Wirkung fürs Institut angeht,

es geht natürlich so, dass die Fachschaft auf jeden

Fall wichtige Anregungen geben kann, nämlich

Rückmeldungen darüber, was gut und was weniger

gut ist.

Wenn Sie Student wären, was wäre für Sie ein

Grund, hier an der Uni Mainz zu studieren?

Oh Schreck! Ich denke wieder nur von studentischer

Seite her, weil man schon annehmen kann,

dass ein großer Teil einfach die heimatliche Nähe

als großes Kriterium genommen hat. Wenn man

sich für bestimmte Themen interessiert zum Beispiel

für politische Soziologie und empirische Sozialforschung,

dann ist Mainz auf jeden Fall eine

gute Adresse.

Die IB-Professur wird neu vergeben und das

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INNERES

Freunde der

Politikwissenschaft

Über den Verein der Ehemaligen, Förderer, Freunde und

Studierenden der Politikwissenschaft an der Johannes

Gutenberg-Universität Mainz

Der Verein der Freunde der Mainzer Politikwissenschaft

wurde im Mai 2006 von

Studierenden, Absolventen, und Mitarbeitern

des Instituts für Politikwissenschaft

gegründet. Dieser Verein organisiert

Veranstaltungen, um Kontakte zwischen

Studenten, Mitglieder und Alumni, die jetzt bereits

im Berufsleben sind, zu knüpfen. Dazu zählen, in

Zusammenarbeit mit dem Institut der Politikwissenschaft

unserer Universität, das jährliche Akademische

Abschlussfest, bei dem die Absolventen

des letzten Jahres geehrt werden und die Vortragsreihe

»Berufschancen für Politikwissenschaftler».

Im Rahmen des Abschlussfestes, das immer im

Sommersemester stattfindet, verleiht der Verein

den Tectum-Preis, der für die beste Magisterarbeit

des Jahres vergeben wird. Diese wird danach veröffentlicht.

Die oben genannte Vortragsreihe findet mindestens

einmal im Semester statt und ermöglicht den

Studenten einen Einblick in das Berufsleben von

ehemaligen Politikstudenten und macht konkret

erfahrbar, wie man nach dem Studium in den Arbeitsmarkt

einsteigen kann.

zu können, wie zum Beispiel gute Teamarbeitsfähigkeit

und Gespür für Zahlen. Auch gute Tipps,

was man während dem Studium machen kann, um

sich besser für einen Job vorzubereiten, hat Herr

Loosen den Zuhörer gegeben.

Geplant werden andere Projekte, wie zum Beispiel

ein Mentorenprogramm, wo Studenten sich mit

einer berufstätigen Ansprechperson unterhalten

können und von ihnen beraten werden, oder auch

eine Praktikumsbörse, wo Stellen und Angebote in

Zukunft veröffentlicht werden.

Das zentrale Ziel des Vereins ist die Förderung von

Forschung und Lehre an unserem Institut. Jeder

kann jederzeit Mitglied werden. Macht einfach

mit!

www.politik.uni-mainz.de/fmp

| stefanie |

Beim letzten Vortrag im Wintersemesters

2007/2008 referierte René Loosen, aktueller Leiter

der Abteilung Mediaplanung und strategischer

Einkauf der Mediaagentur Aegis Media. Er berichtete

über sein Berufsleben, seine Aufgaben in

der Mediaagentur und wichtige Eigenschaften, die

man haben sollte, um in diesem Bereich arbeiten

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INNERES

«Ich bin ein

politischer

Mensch»

Nele Möhlmann im

Fachbereichsrat

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INNERES

D

ie Wahl ist entschieden. Die zuvor

den FBR dominierenden Sportler

sind entmachtet und für die Politikwissenschaften

konnte sich Nele

Möhlmann Platz 2 erkämpfen.

«Gleichberechtigung fördern», fordert

sie groß auf ihren Wahlplakaten. Doch

was genau ist gemeint und was können wir

von unserer neuen Vertreterin erwarten?

Die Fünfundzwanzigjährige, die seit 2002 an

der Uni Mainz studiert, ist – was die Hochschulpolitik

betrifft – alles andere als ein unbeschriebenes

Blatt. Durch ihren Beitritt zur

Hochschulgruppe Campusgrün im Jahre 2003 angestachelt,

zog sie schnell ins Studierendenparlament

ein, um auch wenig später schon ihre Arbeit

als Pressereferentin im AStA aufzunehmen und

auch im Senat tätig zu werden. Nun ist sie zum

zweiten Mal im Senat für Campusgrün, möchte

aber näher ans Institut, näher an die Fachbereiche.

Befürchtungen, dass ihre politische Orientierung

sich negativ auf ihre Arbeit im FBR

auswirken könnte, hält sie zwar für unberechtigt,

glaubt aber dennoch an gewisse Einflüsse:

«Es gibt bestimmt Auswirkungen. Ich bin ein

politischer Mensch und könnte das nie ausklammern.

Ich hab gelernt – auch im Senat – dass es

immer politisch ist, selbst wenn man das manchmal

gern raushalten würde, geht es nicht anders.

Es gibt immer Interessengegensätze, es gibt immer

verschiedene Richtungen und es hat immer

etwas mit Politik zu tun. Ob Interessenschwerpunkte

gelegt werden, etwa auf Lehre oder auf

Forschung und wie viel Druck man ausüben

kann z.B. auf die Unileitung oder aufs Ministerium,

das ist immer auch eine Sache von Politik.»

Sie sieht sich allerdings nicht als Vertreterin

einer gewissen politischen Richtung im

FBR, sondern als studentische Vertretung, als

Politikwissenschaftlerin. «Ich bin im

FBR als ‚ich‘ drin», sagt sie, «aber

ich bin auch für die Fachschaft dort.»

Wenn es auch noch schwer abzuschätzen ist, ob

sich alle Interessen vertreten lassen werden und

wie groß letztlich der Einfluss einer einzelnen

studentischen Vertreterin der Politikwissenschaft

im FBR sein wird, hat sich die POWI-Vertreterin

dennoch klare Ziele gesteckt. Dazu gehört der

Einsatz für eine sinnvolle Verwendung finanzieller

Überschüsse, sowie die Forderung nach einer

Frauenbeauftragen. Ebenso sieht sie starke

Lücken in der Barrierefreiheit an der Universität

Mainz. «Es gibt immer noch Probleme für

Studierende in Rollenstühlen und mit anderen

Handicaps. Und das kann man auch im Fachbereichsrat

ansprechen», so die 10. Semestlerin in

einem Interview. Gleichberechtigung fördern also.

Nun, wir haben wieder eine Stimme. Die

Dynastie der Sportler ist beendet. Und wir

haben eine Vertreterin, die weiß was und wohin

sie will. Man kann also gespannt sein.

| nico |

Gerade deshalb soll es auch eine enge Zusammenarbeit

mit der POWI-Fachschaft geben,

die als Anlaufpunkt aber auch als Schnittstelle

zwischen Studierenden und FBR fungieren soll.

| 21 |


INNERES INNERES

Die Fachschaft im Sommersemester

2008

Dass die Politikwissenschaft eine Fachschaft besitzt, die hin und wieder Partys

organisiert, ist jedem Studierenden eigentlich bekannt. Dass POWI Partys aber nicht

alles sind, möchten wir in einem kleinen Überblick über unsere Arbeit zeigen

Unser erstes Projekt für das Sommersemester

2008 habt ihr bereits in den Händen: unsere neue

Politikzeitung PowiZei, die sich vor allem mit

aktuellen Problemen und Anliegen von Politikstudenten

beschäftigt. Auch hier nochmal der

Aufruf an euch: Wenn ihr an der Zeitung mitarbeiten

wollt oder Ideen, Vorschläge, Meinungen

habt, dann kommt auf uns zu.

Ebenfalls ganz neu ist die Ringvorlesung, die in

diesem Semester erstmals in Zusammenarbeit des

Instituts mit der Fachschaft zum Thema «Facetten

der Globalisierung» stattfindet. Näheres dazu

gibt’s im Artikel zur Ringvorlesung.

anderem gegen eine Dozenten- und eine Fachschaftsmannschaft

kicken. Das Turnier findet am

28. Juni statt, Anmeldungen können ab sofort im

Fachschaftsraum eingereicht werden.

Falls uns im Laufe des Semesters dann noch ein

paar andere Ideen kommen, erfahrt ihr das über

unsere Homepage, auf der auch alles andere über

uns zu finden ist (zum Beispiel Bilder von fast all

unseren Veranstaltungen).

Also, wir sehen uns!

www.politik.uni-mainz.de/fachschaft

Wie jedes Semester gab es natürlich auch im Sommer

2008 ein Erstsemester-Wochenende, das bei

sommerlichen Temperaturen ein voller Erfolg

war.

Auch das legendäre POWI-Sommerfest auf der

Geowiese wird wieder stattfinden. Dieses Jahr am

05. Juni ab 18 Uhr.

Geplant ist zudem unseren POWI-Cup wieder

aufleben zu lassen. Bei diesem Fußballturnier

kann sich jeder, der eine Mannschaft von 7 Leuten

zusammen bekommt anmelden und unter

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INNERES

POWI

Ringvorlesung

Politik bemüht sich

um die verbindliche

Regelung aller öffentlichen

Angelegenheiten.

Wer Politik analysieren,

verstehen und erklären

möchte, der ist folglich gezwungen, sich ein breit

gefächertes Wissen aus verschiedensten Themenfeldern

anzueignen. Nur wer über den eigenen Tellerrand

hinausblickt, erkennt Zusammenhänge und Details des politischen

und somit auch des gesellschaftlichen Geschehens.

Um die Möglichkeiten der Horizonterweiterung am Institut für

Politikwissenschaft zu ergänzen, hatte sich der Fachschaftsrat zu

Beginn des letzten Semesters daran gemacht, eine Ringvorlesung ins

Leben zu rufen. Bei diesem Veranstaltungstyp werden, rund um ein zentrales

Thema, von unterschiedlichen Referenten Vorträge mit anschließenden

Diskussionsrunden gestaltet. Verschiedene Facetten eines Phänomens

werden somit aus unterschiedlichen Blickwinkeln näher beleuchtet. Die

Fachschaft einigte sich auf das Phänomen Globalisierung als Rahmen, weil es

häufig die Medienschlagwörter sind, die eine Spezifizierung und Erklärung benötigen.

Qualifizierte Forscher die bereit waren, trotz des unbezahlten Zusatzaufwandes,

eine Sitzung zu übernehmen, fanden sich erstaunlicherweise sehr schnell.

Nicht selten trafen die Verantwortlichen auf offene Türen und große Herzlichkeit.

Am Anfang unserer Arbeit stand nun der Begriff Globalisierung, eine grobe Vorstellung,

ein loses Konzept und die Bereitschaft mit einer Menge Aufwand aus diesen Komponenten

etwas zu kreieren, das sowohl den Studenten als auch den Dozenten Spaß macht.

Vom Ergebnis dieser Bemühungen kann man sich nun jeden Mittwoch von 12-14 Uhr im Hörsaal

10 selbst ein Bild machen…

| daniel |

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INNERES

nachgefragt...

Da das Institut für Politikwissenschaft in Umfragewerten oftmals alles andere als

positiv abschneidet, hat POWIZEI selbst nachgehört und einige Studenten nach ihrer

Meinung zum Studium der Politikwissenschaft an der Universität Mainz befragt.

Mariel, 20 Jahre, Publizistik im

HF, Powi und Soziologie im NF, 5.

Semester

«Ich fühle mich generell relativ wohl an unserem

Institut, aber ich finde, man könnte

das Lehrangebot verbessern. Mehr Arbeitsgemeinschaften

und ein paar außergewöhnliche,

«exotischere» Veranstaltungen, die über

das Pflichtprogramm hinausgehen, fände ich

interessant. Deswegen halte ich die Ringvorlesung

zum Thema Globalisierung für eine

gute Idee.»

metawolf, politik im nf

«Ich studiere Politikwissenschaft im Nebenfach

und stehe kurz vor meiner Abschlussprüfung.

Jetzt habe ich aber das Problem, dass ich die

Prüfungen bei einem Prof absolvieren muss,

alle Grundseminare aber nur bei wissenschaftlichen

Angestellten gemacht habe. Das heißt ich

hatte bis dato gar keinen oder kaum persönlichen

Kontakt zu Professoren, muss mich jetzt

aber bei einem von ihnen prüfen lassen. Diese

Regelung finde ich ziemlich unsinnig und problematisch.

Ansonsten bin ich aber mit dem

Lehrangebot zufrieden und wurde von den Dozenten

immer gut betreut.»

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INNERES

Lisa, 20 Jahre, Politik HF und Publizistik/Soziologie

im NF

«Die Atmosphäre am Institut empfinde ich

im Allgemeinen als positiv, weil die meisten

Kommilitonen sympathisch und die Dozenten

nett sind. Allerdings finde ich, dass die

Studienordnung recht anspruchsvoll ist, weil

durch die Seminare der Schwerpunkt auf

den Hausarbeiten liegt, was mir persönlich

missfällt. Außerdem ist der Studienverlauf zu

stark vorgegeben, weil man kaum Wahlmöglichkeiten

hat und das restliche Vorlesungsangebot

im Vergleich zu anderen Fächern nicht

sehr groß ist.»

Tim-Sebastian, 27 Jahre Politik

HF, Publi/Psychologie im NF

«Ich schätze den empirisch-analytischen

Schwerpunkt des Instituts sehr, auch wenn

ich finde, dass der wissenschaftstheoretische

Diskurs stellenweise etwas einseitig ist. Aber

insgesamt halte ich die Professoren an unserem

Institut für engagiert und finde, dass sie

gute Reputationen vorweisen können.»

| marie | jonas |

| 25 |


titel :: Bachelor/Master

Was Junggeselle und

Meister so alles mit

sich bringen

Mit dem Wintersemester 08/09 verabschiedet

sich die Uni Mainz als

eine der letzten Universitäten in

Deutschland von Magister, Diplom

und bisherigen Lehramtsstudiengängen.

An ihre Stelle treten Bachelor und Master.

Ein Wandel, der wohl erst in ein paar Jahren

zeigen wird, wie tiefgreifend seine Folgen tatsächlich

sein werden.

Nun wird seit Längerem viel über den Sinn und

die Umsetzung des neuen Studienmodells diskutiert.

Studenten die bereits in den Genuss des

Bachelors gekommen sind, klagen über übermäßigen

Leistungs- und Zeitdruck, über unkoordinierte

Stundenpläne und über das verschulte Lernen,

das mit den romantischen Vorstellung eines

Studiums soviel gemein hat, wie Braunkohle mit

Umweltschutz. Nichtsdestotrotz wird der Wandel

stattfinden und die Fakultät der Politikwissenschaft

an der Uni Mainz musste sich mit den

neuen Richtlinien auseinandersetzen. Folgendes

Ergebnis ging daraus hervor:

Die politische Fakultät wird, sobald die Umstellung

greift, vier verschiedene Studiengänge anbieten.

Den Bachelorstudiengang Politikwissenschaft

und den Masterstudiengang Empirische

Demokratieforschung auf der einen Seite, als

Entsprechung zum bisherigen Magisterstudium,

und die Bachelor- und Masterstudiengänge Sozialkunde

auf der anderen Seite, die zusammen

den Lehramtsstudiengang ersetzen werden. Noch

ist der genaue Aufbau der verschiedenen Studiengänge

nicht in Beton gegossen. Das Gerüst steht

jedoch und wird wohl auch so umgesetzt werden.

| 26 27 |


titel :: Bachelor/Master

Wie sehen die einzelnen Studiengänge nun konkret

aus?

Bachelor Politikwissenschaft

Der Bachelorabschluss wird sechs Semester Studienzeit

erfordern. Innerhalb dieser Zeit stehen

8 Module und eine Abschlussprüfung auf dem

Lehrplan. Es gibt ein Einführungsmodul, fünf

Basismodule (entsprechend den bisherigen Themenfeldern)

und zwei Aufbaumodule. Die Aufbaumodule

bieten den Studenten die Möglichkeit

sich je nach Interesse auf Themengebiete ihrer

Wahl zu spezialisieren. Damit sind Übungen im

Umgang mit Statistikprogrammen wie SPSS,

Übungen zu Diplomatie und Politikberatung

gemeint. Außerdem erhält man innerhalb dieser

Aufbaumodule weitere Kenntnisse in Umgang

und Anwendung mit Statistik und Methoden der

Empirie. Schließlich wird das Bachelorstudium

mit einem kompletten Prüfungssemester gekrönt.

Hinter dem lieblich klingenden Namen „Modul“

verbergen sich jeweils mehrere Seminare, Vorlesungen,

Übungen und eine Abschlussprüfung.

Natürlich wird es auch weiterhin Nebenfächer geben,

nur nennt sich dieses in Zukunft „Beifach“.

Das Beifach soll voraussichtlich ein abgeschwächtes

Einführungsmodul und 4 weitere Module enthalten.

Die Anzahl der Semesterstunden soll die

Hälfte des Politikstudiengangs betragen.

Klares Ziel der neuen Politikwissenschaftsstudiengänge

wird sein, besonderes Gewicht auf politische

Theorie und analytische und empirische Methoden

zu legen. Da Mainz momentan die einzige

deutsche Hochschule ist, die ihren Schwerpunkt

auf Methoden legt und mit Falter, Schoen und Co

entsprechende personelle Kompetenz vorzuweisen

hat, wird dies das Mainzer Profil in Zukunft

richtungsweisend schärfen. Auch der Masterstudiengang

wird methodisch gefärbt sein. Was

den Bachelorabschluss betrifft, so lässt sich vermuten,

dass er alleinstehend sein Glück nicht finden

wird.

Master Empirische Demokratieforschung

Voraussetzung für den Masterstudiengang wird

voraussichtlich ein Bachelorabschluss mit der

Note 2,5 sein. Er wird sich auf die Stärke der

Mainzer Politikwissenschaft konzentrieren: die

empirische Demokratieforschung. Im Prinzip

verläuft der Masterstudiengang gleich wie der

Bachelorstudiengang, zumindest was die zeitliche

Schichtung in verschiedene Module und das

gesonderte Semester, das der Abschlussprüfung

gewidmet ist, betrifft.

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titel :: Bachelor/Master

Der Masterstudiengang soll sich im Gegensatz

zum Bachelorstudiengang vor allem auf die Forschung

konzentrieren. Er soll jedoch genügend

Freiraum lassen, sich gegebenenfalls auch in andere

berufliche Richtungen weiterzuentwickeln.

Als mögliche Berufsfelder kommen, wie auch

schon zu Magisterzeiten, Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit,

Erwachsenenbildung, Politikberatung,

Meinungsforschung, sowie die Arbeit in

Parteien, Verbänden, Organisationen oder Taxigesellschaften

in Frage.

Bachelor und Master Sozialwissenschaft

Lehramtsstudenten werden dieselben Veränderungen

zu spüren bekommen wie die zukünftigen

Bachelorstudenten. Generell lässt sich sagen, dass

die beiden Bachelorstudiengänge vom Aufbau und

Inhalt her ähnlich verlaufen werden. Natürlich

werden Lehramtsstudenten weniger Semesterwochenstunden

in die Politikwissenschaft investieren,

da sie Platz für zwei gleichberechtigte Fächer

und für Pädagogiklehre auf dem Stundenplan

benötigen. Der Bachelorstudiengang Politikwissenschaft

soll dennoch kompatibel mit dem Lehramtsstudiengang

Sozialkunde sein, was den Studenten

die Möglichkeit bieten soll, gegebenenfalls

zwischen den beiden Studiengängen zu wechseln.

Bei den Lehrämtlern wird noch deutlicher, dass

der Bachelorabschluss für sich allein nicht viel

Wert ist. Anders als bei den Bachelor Politikwissenschaftlern,

soll bei den künftigen Pädagogen

jedoch jeder Student die Möglichkeit erhalten,

sich in den Masterstudiengang Sozialwissenschaft

einzuschreiben. Ein Masterabschluss ist auch Voraussetzung

für den späteren Beruf als Gymnasiallehrer.

noch von einer schwer bedrohten und sicherlich

aussterbenden Rasse bewohnt. Den Magisterstudenten.

Was wird sich für sie durch die Umstellung

verändern? Welche Rechte und Möglichkeiten

werden sie durch die Umstellung haben. Und

welche Gefahren hält der Bachelor für sie in der

Hinterhand?

Von Seiten der Fakultät wird versprochen, dass

die Magisterstudenten problemlos in die Bachelor

und Masterstrukturen eingefügt werden können.

Ihnen soll dasselbe Studienangebot zur Verfügung

stehen wie den Studenten, die bisher an der

Universität Mainz studiert haben. Auch zeitlich

soll genügend Spielraum zur Verfügung stehen

um das Studium ungehindert zu Ende zu bringen.

In Zahlen ausgedrückt heißt das: Den letzen Magisterstudenten

steht die eineinhalbfache Regelstudienzeit

zur Verfügung, also 13 Semester. Das

heißt, spätestens 2015 wird der letzte Magisterstudent

der Politikwissenschaft die Universität

Mainz verlassen. Mit ihm vielleicht auch eine Lebensweise,

die vermutlich nicht mehr in das moderne

Lebensbild einer schnellen und intensiven

Bildung passt.

| seb | stephan |

Das Gerüst steht, doch noch bleiben viele Fragen

offen. Beispielsweise ist noch völlig unklar, wo ein

mögliches Auslandsemester in dem enggestrickten

Zeitplan Platz finden soll. Die neuen Studiengänge

liegen in naher Zukunft, bald werden sie Alltag

sein. Doch die nächsten Jahre wird der Campus

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titel :: Bachelor/Master

Weihnachten oder

Unwetter?

Was kommt mit der Umstellung auf die Mainzer Politikwissenschaft

zu?

Im Wintersemester 2007/2008 steht dem

Institut für Politikwissenschaft die wohl

größte Reform ins Haus: Bachelor und

Master treten

ihren

Dienst an und

noch lässt sich nur

erahnen, welche

Auswirkungen dies

auf den Alltag von

Dozenten und Studierenden

haben

wird. Die Hochschuldozenten

Dr.

Annette Schmitt

und Dr. Christoph

Wagner, beide ehemalige

Studenten

der Politikwissenschaft

in Mainz

und seit mehr

als 10 Jahren als

wissenschaftliche

«Es ist sicher schwierig,

das organisatorisch ohne

Probleme

hinzubekommen»

Mitarbeiter am

Institut für Politikwissenschaft

tätig, standen uns dazu Rede und Antwort. Sie

sprachen über allgemeine Befürchtungen und

Hoffnungen, mögliche Veränderungen im Erasmusprogramm

und Auswirkungen auf Forschung

und Lehre.

Egal ob in Deutschland, Frankreich, Italien oder

Spanien – Studienabschlüsse sollen in ganz Europa

vergleichbar sein. 1998 wurde dazu der Grundstein

gelegt und ein Großteil

der europäischen Staaten

unterzeichnete das Bologna-

Abkommen. Dieses sieht die

Umstellung der Studienabschlüsse

auf das zweistufige

Bachelor-Master-System vor.

Für das politikwissenschaftliche

Institut in Mainz steht

diese Umstellung zum nächsten

Semester an. Bereits bei

der Unterzeichnung vor 10

Jahren kamen bundesweit

auch kritische Stimmen auf:

Der Bachelor, so die Verfechter

der derzeitigen Abschlüsse,

qualifiziere nicht für den

Beruf, das Studium würde

verschult, die Umsetzung

an den Universitäten müsse

ständig generalüberholt werden

und brächte ein enormes

Chaos bei der Überschneidung

der Magister- und Bachelorabschlüsse mit sich.

DIE UMSTELLUNG AM INSTITUT

Ein solches Chaos wird in Mainz aber nicht er-

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titel :: Bachelor/Master

wurden die vorgesehenen 21 Prüfungsleistungen,

die in den 6 Bachelor-Semestern erbracht werden

sollten, als nicht realisierbar angesehen und um

knapp die Hälfte gekürzt.

Trotz ähnlicher Inhalte ändert sich für Studierende,

die ihr Studium im kommenden Semester antreten,

einiges. Erfahrungen mit dem vergleichbaren

Bachelor in den USA und Großbritannien

zeigen, dass die Modularisierung einen gehörigen

Mehraufwand mit sich bringt. «Man wird viel

arbeiten müssen, man wird viel Zeit in der Bibliothek

verbringen», meint Annette Schmitt,

«Studium wird zum Fulltime-Job, man wird sehr

konzentriert studieren, auf die Art und Weise viel

mehr lernen, als wenn man es, wie bisher möglich,

eher locker angeht. »

WENIGER STUDIENABBRECHER?

«Man wird viel arbeiten

müssen»

wartet. «Es ist sicher schwierig, das organisatorisch

ohne Probleme hinzubekommen. Ich denke

aber, dass wir solche Probleme, wie etwa, dass

Magisterstudierende Schwierigkeiten haben werden

fertig zu studieren, hier in Mainz nicht haben

werden», so Christoph Wagner zuversichtlich. Für

die Magisterstudenten wird sich nicht viel ändern,

glaubt auch Annette Schmitt. Die Veranstaltungen

werden weiterhin angeboten. Dennoch wird

die Umstellung generell eine Vielzahl von Problemen

mit sich bringen, derer sich das Institut

durchaus bewusst sei. Dies liegt mitunter auch

daran, dass versucht wurde, den Bachelorstudiengang

nach der Struktur des Magister-Grundstudiums

auszurichten und somit die Stärken

der Mainzer Politikwissenschaft beizubehalten.

Ob sich die Pläne und Rahmenvorgaben für den

Studienaufbau eins zu eins umsetzen lassen,

bleibt abzuwarten, denn schon in der Planungsphase

zeigten sich erste Schwierigkeiten bei der

Realisierung der vorgesehenen Ausgestaltung. So

Die Einteilung in Module, weg von der freien Studiengestaltung,

hin zu einem gestrafften, vorab

schon vorgeschriebenen Studienablauf, erfährt

Kritik von vielen Seiten. Befürchtet wird, dass

durch die starke Verschulung des Studiums und

durch ein Mehr an Reproduktion die wissenschaftliche

Anschlussfähigkeit nicht gewährleistet ist.

Auch wenn Qualifikationen wie Selbstorganisation

und Eigenverantwortung verloren gehen,

glaubt Wagner dennoch, dass Studierende von

klareren Vorgaben und besserer Strukturierung

profitieren können. Annette Schmitt schließt sich

dem an und vermutet, dass viele Studenten, die

sich heutzutage erst in höheren Semestern eingestehen,

dass sie mit dem wissenschaftlichen

Arbeiten nicht zurechtkommen und dann ohne

Abschluss abbrechen, durch das straffere Studium

schneller merken, ob sie in der Lage sind das

Studium zu beenden.

GUTE LEHRE LEBT VON GUTER

FORSCHUNG

Das schlägt natürlich auch in der Lehre zu Buche,

da der Bachelor mehr Lehrveranstaltungen als

der bisherige Magister umfasst und die Betreu-

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ung intensiver werden soll. Ohne den Hochschulpakt

also, eine Bund-Länder-Vereinbarung zur

Schaffung neuer Studienplätze, wäre der Ausbau

der Lehre im Sinne der Strukturreform sicherlich

nicht möglich. Diese neuen Stellen sind allerdings

nur befristet. Wie die Mainzer Politikwissenschaft

ihre Lehre langfristig gestaltet, bleibt

daher unklar. «Es ist nicht zu erwarten, dass sich

hinsichtlich der Mitarbeiterzahlen auf Dauer viel

bewegt», prognostiziert Wagner. Möglicherweise

werden irgendwann weniger Studierende zugelassen,

um die gestiegenen Anforderungen in der

Lehre umsetzen zu können. «Wir haben im Prinzip

die Studierendenzahlen als Stellschraube, die

sich drehen lässt; faktisch allerdings soll es nicht

weniger Studienanfänger geben als bisher. » Fest

steht jedoch, dass sich die Gestaltung des Lehrplans

an der Kapazitätsberechnung der Verwaltung

orientieren muss und gegebenenfalls auch

Zusatzveranstaltungen und exotischere Lehrangebote

des Instituts gestrichen werden. «Gute

Lehre lebt von guter Forschung», gibt Wagner

in diesem Zusammenhang zu bedenken. Abzuwarten

bleibt, ob die Wissenschaft angesichts der

aufwändigen Prüfungs- und Betreuungslage auf

der Strecke bleibt.

ALS BACHELOR IM AUSLAND

Was aber ändert sich für Auslandsaufenthalte?

Lässt der straffe Arbeitsplan überhaupt noch

Zeit dafür? Ein verpflichtendes Auslandssemester

ist im Bachelorstudiengang jedenfalls nicht

vorgesehen, ist aber empfohlen und soll folglich

weiterhin möglich sein. Allerdings müssen mit der

Vereinheitlichung durch den Bachelorabschluss

Anerkennungsfragen von Leistungen im Auslandsstudium

genauer geklärt werden. Waren die

Anforderungen an ein Auslandsstudium vorher

relativ offen, wird nun viel transparenter, welche

Leistungen kompatibel zum Studium in Mainz

sind und somit anerkannt werden. Idealerweise

würden äquivalente Veranstaltungen des Auslandsstudiums

anerkannt, so dass sich das Studium

nicht verzögern würde. Obwohl sich das in

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Kurz nachgedacht

titel :: Bachelor/Master

Große Unruhe an der Uni Mainz: Im kommenden

Wintersemester werden unsere lieb gewonnenen

Studienabschlüsse reformiert, verbessert und von

Grund auf umgekrempelt. Keine Panik, so schlimm

wird’s wohl nicht…zumindest bekommen sie erstmal

neue Namen. Aber was steckt eigentlich dahinter?

Wer ist dieser schmierige, kosmopolite Bachelor,

der unseren bärtigen, gemütlichen und etwas kauzigen

Magister ablöst? Was bringt uns dieser ominöse

Master? Und vor allem – warum ist die Banane

krumm? Fragen über Fragen! Vielleicht wissen die

Experten von der Studiberatung weiter?! «Das ist

folgendermaßen…», teilt mir eine rauchige Frauenstimme

am Telefon glaubwürdig mit, «nicht alle

Bananen haben gekrümmte Fruchtstände. Bei den

bekanntesten Sorten der handelsüblichen Dessertbanane

ändert sich jedoch die Wuchsrichtung, wenn

sie mit Sonnenlicht in Kontakt geraten. Wie das

jetzt mit dieser Studienreform laufen soll wissen wir

doch auch nicht!» Aufgelegt! Aber möglicherweise

hilft ja, wie so oft, ein Blick in einschlägige Wörterbücher

und Lexika weiter. Die bisherige monolithische

Struktur des Studiums soll modularisiert

werden, heißt es in einer Info-Broschüre. Aha! Nach

kurzem Blättern im Wörterbuch finde ich das griechische

monólithos. Mono bedeutet «Eins», Lithos

ist die Bezeichnung für «Stein». Ein-Stein? Schnell

werde ich fündig: Scheinbar handelt es sich hier um

einen genialen Forscher und Wissenschaftler des

vergangenen Jahrhunderts, der sich unter anderem

für Völkerverständigung und Frieden eingesetzt

hat. Hört sich eigentlich nicht schlecht an, oder?

Aber was verbirgt sich hinter diesem Bachelor,

durch den die Studierenden schlauer, Deutschland

wieder wettbewerbsfähig und der Klimawandel abgewendet

werden soll? Im «Dictionary of Contemporary

English» finde ich Bachelor mit ‚Junggeselle’

übersetzt. Passend oder? – hat doch angesichts des

straffen Arbeitsplans bald kein Mensch mehr Zeit

für eine Freundin. Oder sollte das etwa bedeuten,

dass ab dem Wintersemester 2008/09 Frauen der

Weg zu einem akademischen Abschluss verwehrt

wird? Unbestätigten Angaben zufolge setzen sich

die weiblichen Studenten und Studentinnen im

Frauenbüro der Uni Mainz derzeit massiv für eine

Umbenennung in Bachelorette ein. Wer auch an

den RTL-Quotenknüller mit den Rosen denkt, beschäftigt

sich wohl besser mit Bauklötzen als mit

Modulen, auch wenn es da laut Fremdwörterlexikon

keinen Unterschied zu geben scheint. Ich jedenfalls

werde aus dieser Reform nicht schlau und die künftigen

BA/MA-Testpiloten wohl auch nicht schlauer.

Trotzdem genießt Bologna unter uns Studierenden

weiterhin ein hohes Ansehen. Allerdings nicht wegen

dieser fragwürdigen Hochschulreform, sondern

aufgrund einer fantastischen Nudelsoße.

| jonas |


titel :: Bachelor/Master

der Praxis kaum realisieren lässt, rät das Institut

jedem dazu, praktische Erfahrungen außerhalb

Deutschlands zu sammeln. «So gut wie jeder Arbeitgeber

weiß es zu schätzen, wenn man im Ausland

war, dort studiert, sich selbstständig versorgt

und die Sprache verbessert hat.» Ob man seine

berufliche Zukunft in der Wissenschaft sieht oder

nicht, ein Auslandsaufenthalt bringt Zusatzqualifikationen

mit sich, die einem niemand nehmen

kann. Auch wenn sich das Studium dadurch verlängert,

ist es keine verlorene Zeit. Um die Verzögerung

zu minimieren, bemüht sich das Institut,

das Auslandsstudium so zu organisieren, dass tatsächlich

viele Leistungen anerkannt werden. Generelles

Problem des Erasmus-Programms ist es,

dass der Standort Mainz international nicht sonderlich

attraktiv ist, weil zum Beispiel der größte

Teil des Lehrangebots deutschsprachig ist. Ein

systematischer Ausbau des Erasmusprogramms

im Rahmen der Umstellung ist nicht geplant.

Vielmehr sollen die guten Kontakte des Instituts

zu den Partneruniversitäten weiter gepflegt und

intensiviert werden.

Prognosen zutreffen oder die künftigen Bachelor/

Master-Absolventen unter der Umstellung zu

leiden haben, wird sich im kommenden Wintersemester

herausstellen. POWIzei wird dabei sein

und die Arbeit des Instituts wohlwollend aber

kritisch unter die Lupe nehmen.

| christoph | jonas | nico

WEIHNACHTEN ODER UNWETTER?

Durch die Reform kommen vielfältige Verwaltungsaufgaben

auf Professoren und Mitarbeiter

zu und lassen wenig Zeit für die Forschung. «Viele

hätten sich gewünscht es wäre alles beim Alten

geblieben», meint Annette Schmitt. Statt sich

mit den eigenen wissenschaftlichen Schwerpunkten

zu beschäftigen, muss nun in unzähligen Sitzungen

der enorme administrative Aufwand bewältigt

werden. Indem die Umstellung von dem

abhält, was als eigentlicher Berufszweck gesehen

wird, schafft sie Unmut. Aber die Reform ist unausweichlich

– wie Weihnachten oder ein Unwetter!

Das Institut bemüht sich, die Vorgaben

des Ministeriums bestmöglich im Studienalltag

umzusetzen. Auch die systematische und engagierte

Arbeit der geschäftsführenden Leitung

stimmt optimistisch und lässt auf eine reibungslose

und sinnvolle Umgestaltung des Studiums

der Politikwissenschaft hoffen. Ob diese positiven

| 32 33 |


Äusseres

Hinter den Kulissen

Politikwissenschaft mal anders

was haben politikwissenschaftliche

Theorien eigentlich mit den

realen Geschehnissen in der Welt

zu tun? Wie lassen sich Krisensituationen

bewältigen und wie

sieht Friedenspolitik in der Praxis aus? Viele Studenten

der Politikwissenschaft werden von solchen

Fragen geplagt.

Für alle, die sich neben dem wissenschaftlichen

Studium auch intensiv mit politischer Praxis

auseinander setzen wollen, bieten die Vorträge,

Workshops und Diskussionsrunden der Landeszentrale

für politische Bildung dazu Gelegenheit.

Einen interessanten Blick hinter die Kulissen der

konkreten Friedensarbeit in der Krisenregion Kosovo

bot der Vortrag «Kosovo am Scheideweg –

Kann zivile Konfliktbearbeitung die Eskalation

der Gewalt verhindern?», den die Landeszentrale

für politische Bildung in Kooperation mit der Projektgruppe

«Zivile Konfliktbearbeitung Rhein-

Main» organisierte. Der Referent Kees Wiebering

war viele Jahre als Friedensfachkraft im Kosovo

eingesetzt und berichtete nun von seinen dortigen

Erfahrungen.

Zunächst vermittelte er wichtige Hintergrundinformationen

über den Kosovo und seine Geschichte

und veranschaulichte die Komplexität

der Konflikte zwischen den 90 Prozent Albanern

und den 10 Prozent Serben, die im Kosovo leben.

Albaner und Serben verbindet – abgesehen davon,

dass sie sich ein Land teilen – sehr wenig,

da sie verschiedene Sprachen sprechen und unterschiedlichen

Glaubensrichtungen angehören.

Wiebering sensibilisierte seine Zuhörer für das

ständige Konfliktpotential im Kosovo und für die

Schwierigkeiten, die im alltäglichen Zusammenleben

auftreten. Dies habe sich seit dem Kosovokrieg

1999 wenig verändert, dafür seien weitere

Probleme, wie die Rückkehr der Flüchtlinge, sowie

Eigentums- und Entschädigungsfragen hinzugekommen.

Wiebering erklärte anhand der Projekte zur Stabilisierung

des Friedens, an denen er mitwirkte,

wie aktive Friedenspolitik in solchen Krisengebieten

aussehen kann. Das Projekt «Runder Tisch

für Rückkehrer» sollte unter anderem helfen, den

Dialog zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen

aufzubauen. Auch die mit ziviler Konfliktbearbeitung

verbundenen Schwierigkeiten

wurden thematisiert. Wiebering betont, dass

Friedensfachkräfte eng mit der lokalen Zivilbevölkerung

zusammen arbeiten müssten, damit

diese sich einerseits nicht entmündigt fühlten und

andererseits möglichst schnell eigenständig Friedensförderung

nach ihren Bedürfnissen betreiben

könnten.

Am Beispiel des Kosovos zeigte der Referent

lebendig, wie Friedensarbeit heute in der Realität

aussehen kann und was dabei in Zukunft beachtet

werden sollte. Im Anschluss gab es Gelegenheit

zu diskutieren und kritische Meinungen über

die Arbeit der Friedensfachkräfte auszutauschen.

Derartige Veranstaltungen, bei denen man tiefgründige

Informationen und einen Einblick in

politische Kontroversen gewinnen kann, bietet

die Landeszentrale regelmäßig zu den Themen

Parlamentarismus und Demokratie, Europa,

Extremismus, Israel/Naher Osten, Wirtschaft/

Globalisierung, Migration, Frauen, Medien und

Friedens- und Sicherheitspolitik an. Das vollständige

Programm kann man auf der Seite der Landeszentrale

für politische Bildung unter:

http://www.politische-bildung-rlp.de/fileadmin/download/1.HJ2008.pdf

abrufen oder sich

gedruckt zuschicken lassen.

| marie |

| 33 |


ÄuSSeres

DIGITAL

VS

PRO JOGUSTINE

Die bisherige Software der Johannes Gutenberg

Universität Mainz - zu der auch das UniVis gehört

- ist nicht in der Lage, sich den veränderten

Bedingungen im Rahmen der neuen Studiengänge

anzupassen. Es wird also im nächsten Jahr

zwangsläufig nötig, unser System zu ändern. Nach

Einschätzung von

JOGUSTINE

Sabine Schmitt, der

«Jogustine» ist die Verwaltungssoftware

der Universität Mainz, die im

Sekretärin unseres

Instituts für Politikwissenschaft,

wird

kommenden Semester eingeführt

wird. Sie soll vor allem den immensen

Verwaltungsaufwand bewältigen sich der befürchtete

Mehraufwand

können, der durch die Umstellung

auf Bachelor/Master Studiengänge im Zusammenhang

mit der neuen

zwangsläufig eintreten wird und darüber

hinaus die Möglichkeit schaffen

nahezu alle organisatorischen

Software vor allem

Probleme zu lösen, die sich im Laufe

darurch ergeben,

eines Studiums an einer Universität

ergeben können. Jogustine wird Studiengänge viel

dass diese neuen

auch den ReaderPlus und das Univis

ersetzen.

sachen. Das neue

mehr Arbeit verur-

System erleichtere

im Gegenteil sogar

die Arbeit, da alle

Arbeitsvorgänge zentral gesteuert werden können

und die umständliche Zettelwirtschaft für Scheine

und Anmeldungen wegfalle.

In Zukunft wird es zudem für alle Studierenden

möglich sein, im Rahmen ihres ZDV-Accounts

ihre bereits erbrachten Leistungen, sowie die noch

zu erbringenden einzusehen. Die Anmeldungen zu

Seminaren, Prüfungen und Übungen werden zentral

und bequem von zuhause aus möglich sein,

wodurch das lästige Anstehen in diversen Fächern

wegfällt. Alle Funktionen des bisherigen UniVis

werden in der neuen Software integriert. Es können

also weiterhin Stundenpläne erstellt und gespeichert

werden, jedoch mit der Erweiterung, dass

man jederzeit einsehen kann, was man eigentlich

überhaupt noch zu besuchen hat.

Auch die befürchteten Schwierigkeiten bei Bewerbungen

für Praktika sind aus der Luft gegriffen:

sollte man einen Nachweis über die erbrachten

Leistungen brauchen, so wird dieser ausgedruckt

und im jeweils zuständigen Sekretariat mit Stempel

und Unterschrift beglaubigt, sodass Täuschungsversuche

aufgrund des Abgleichens mit

der Datenbank verhindert werden können.

Natürlich muss man bei großen Datenbanken

immer vorsichtig sein, damit der Datenschutz

gewährleistet bleibt. Aber nach Meinung unserer

Sekretärin, die seit Monaten mit der neuen Software

arbeitet um unsere neuen Studiengänge in

das System einzuspeisen, besteht kein größeres

Sicherheitsrisiko als zum jetzigen Zeitpunkt mit

der alten Software. Auch in Zukunft werden nur

bestimmte Personen mehr Daten einsehen können

als der gemeine Studierende, wie zum Beispiel das

Studierendensekretariat (das alle Daten auch jetzt

schon einsehen kann).

Jogustine wird definitiv ab dem Wintersemester

2008/2009 mit den Bachelor/Master-Studiengängen

auf uns zukommen und wir sollten die Möglichkeiten

nutzen, die uns damit geboten werden

– ohne es von vorn herein zu verteufeln!

| yvonne |

| 34 35 |


Äusseres

.

ANALOG

CONTRA JOGUSTINE

Der wahrscheinlich wichtigste und zentralste

Kritikpunkt an der neuen Verwaltungssoftware

ist die Tatsache, dass die Sicherheit der Daten

eines jeden Studierenden durch die zentrale Verwaltung

gefährdet wird. Alle Informationen, wie

Studienleistungen, private Mitteilungen, besuchte

Veranstaltungen, Studienkontenguthaben usw.

werden mit einer einzigen Software verwaltet

und liegen dann offen, wenn diese Software Sicherheitslücken

aufweisen sollte. Diese Annahme

ist keineswegs unbegründet: In Hamburg wurde

schon vor einigen Semestern die mit Jogustine

nahezu identische Verwaltungssoftware «Stine»

von der Firma «die Datenlotsen» eingeführt.

Dort wurden erhebliche Sicherheitslücken festgestellt,

durch die es über Tage hinweg möglich

gewesen war, von jedem beliebigen Stine-Account

Einblicke in die persönlichen Nachrichten, Daten

und Zugangspasswörter anderer Studierender zu

erlangen. Im Zusammenhang mit diesen Sicherheitslücken

kritisiert die Fachschaft Informatik

vor allem die mangelnde Bereitschaft der Datenlotsen

die Fehler schnellstmöglich zu beheben

und das System eingehend und für die Studierenden

einsehbar auf Sicherheitslücken zu überprüfen.

Ob für die Studierenden an der Uni Mainz

ähnliche Probleme auftreten werden bleibt abzuwarten.

Unwahrscheinlich ist es allerdings nicht,

dass es auch bei uns zu Sicherheitslücken im System

kommen wird, da eine so umfassende Softwareumstellung

häufig mit anfänglichen Fehlern

und Problemen verbunden ist. Es ist abzusehen,

dass von Beginn an nicht alles optimal laufen

wird. Wenn damit allerdings verbunden ist, dass

viele Studis nicht die Möglichkeit haben werden

sich über die zentralisierte Sofware zu Seminaren

anzumelden oder auch Semesterbeiträge nicht

zugeordnet werden können, kann dies schwerwiegende

Folgen für Studienlaufzeit und etwaige anfallende

Gebühren mit sich bringen.

Von BefürworterInnen der neuen Software werden

Kosteneinsparungen und Vereinfachungen,

die durch Jogustine in der Verwaltung erzielt werden

können, immer als quasi unschlagbares Argument

angeführt. Zu Beginn dieses neuen Software-Projekts

wird es allerdings erstmal zu einem

erheblichen Mehraufwand für das Personal in der

Verwaltung kommen. Die Uni selbst geht von einer

Versechsfachung des Arbeitsaufwandes bei der

Datenverwaltung aus. Um diesen Arbeitsaufwand

bewältigen zu können wird hierzu zwangsläufig

Personal eingestellt werden. Dies wird sicherlich

kein Geld einsparen, sondern eher das Gegenteil

bewirken. Man denke nur an die vielen Klausuren

in den Bachelorstudiengängen, die zentral erfasst

werden sollen und die vielen Dinge die bis jetzt

noch gar nicht verwaltet werden, wie in etwa eine

Sitzplatzgarantie für Seminare.

Es ist fatal zu denken, dass mit der bevorstehenden

Umstellung auf Bachelor/Master Studiengänge

an unserer Uni kein Weg an einer zentralen

Verwaltungssoftware vorbeiführt. Auch

mit den neuen Abschlüssen wäre weiterhin eine

dezentrale Datenverwaltung möglich, wie sie an

anderen Unis erfolgreich durchgeführt wird. Eines

der zentralen Ziele des Bologna-Prozesses war

es, die Mobilität der Studierenden in Europa zu

erhöhen. Die aktuelle Umsetzung der Ziele von

Bologna führt allerdings zum genauen Gegenteil

des Ansatzes und auch Verwaltungssoftwares wie

Jogustine leisten hierzu ihren Beitrag.

| laura-luise |

| 35 |


ÄuSSeres

POLITIKWISSENSCHAFTLER

IM BERUF

Für diejenigen, die bei dem Satz »Ach, du möchtest Politiker

werden?« auch nur noch mit den Augen rollen können, sei vielleicht

mit dieser Rubrik geholfen: »Politikwissenschaftler im

Beruf« stellt im Arbeitsleben etablierte Ex-Studenten wie Christoph

Burkard vor und fragt nach deren Werdegang.

Wann haben Sie in Mainz studiert?

Ich habe von 1984 bis 1990 in Mainz

Publizistik im Hauptfach, dazu Politik

und Jura im Nebenfach auf

Magister studiert. Parallel arbeitete

ich bei verschiedenen Werbeagenturen

und bei der Mainzer Allgemeinen

Zeitung als freier Mitarbeiter.

Wie ist Ihnen die Mainzer Universität

in Erinnerung geblieben? Etwas

besonders Gutes oder Schlechtes,

irgendwelche Eigenheiten? Stand

das SB II schon?

Das SB II stand schon. In Erinnerung

geblieben ist mir aber noch

meine erste Vorlesung in der Muschel,

N1. Professor Buchheim: »Politische

Theorie«. Es war alles vollbesetzt,

selbst die Treppen und ich

habe nur Bahnhof verstanden.

So viele Fremdwörter auf einmal,

das haut selbst den besten Abiturienten

um. Aber um mich herum

haben alle so getan als würden sie

alles verstehen.

In der Pause habe ich gefragt und bekam zur Antwort:

In Wirklichkeit würden sie auch nichts verstehen.

Aber die vielen Fremdwörter seien Teil des

Systems mit dem Ziel, die Anzahl der Vorlesungsteilnehmer

zu reduzieren. Nach wenigen Stunden

würden die Vorlesung

verständlicher

werden.

Können Sie sich

an Dozenten erinnern?

Mir ist besonders

Professor Buchheim

in Erinnerung

geblieben,

selbstverständlich

auch Professor

Weidenfeld, der

aber anders. Der

Wahnsinn war die

Vorlesung »Regierungspraxis«

von

Buchheim. Der

hat tatsächlich

aus dem Nähkästchen

geplaudert

und noch von Adenauer

erzählt. Seine

Exstudenten

Bernhard Vogel

und Rudolf Scharping mussten für

ein Referat antanzen und aus ihrer Praxis erzählen.

Das war wirklich toll.

Cristoph Burkard, 45, ist angestellter

Regionalmanager der Stadt Fulda sowie Geschäftsführer

eines IT-Gründerzentrums

Fiel Ihnen der Jobeinstieg schwer?

Mit ging es wie Vielen: Bis zur Magisterarbeit

| 36 37 |


Äusseres

wusste ich noch nicht, wo und was ich arbeiten

sollte. Aufgrund der freien Mitarbeit haben sich

Jobangebote ergeben. Ich war dadurch kein Medienneuling

mehr.

Hatten Sie bereits ein konkretes Berufsziel vor

Augen?

Nur vage. Ich wollte etwas mit Journalismus machen.

Daraus ist Öffentlichkeitsarbeit geworden.

Hat Ihnen das Studium der Politikwissenschaft

bei der Arbeitssuche geholfen?

Direkt geholfen nicht. Es wurde vorausgesetzt,

dass ich studiert habe. Das Politikstudium stand

dabei für ein möglichst breites Allgemeinwissen.

Ansonsten zählten Praktika und das persönliche

Auftreten.

Inwieweit nutzen Sie die im Studium angeeigneten

Inhalte in Ihrem Arbeitsalltag?

Ich arbeite hin und wieder empirisch. Für PR-

Mitteilungen habe ich auch schon eigene Umfragen

durchgeführt, um ein berichtenswertes Ereignis

zu schaffen. Das funktioniert. Ich kann immer

wieder Mechanismen aus der Kommunikationswissenschaft

anwenden. Inhalte des Politikstudiums

eher weniger. Dafür helfen sie mir im täglichen

Leben. Ich finde Politikwissenschaft gehört

zur Allgemeinbildung.

Zurück zu Mainz: Wo haben Sie während Ihres

Studiums gewohnt?

Zunächst am Rosengarten und dann über der Brücke

in Mainz-Kastel.

Welche Kneipen haben Sie gerne besucht?

Dr. Flotte war ok, Augustinerkeller und natürlich

das Einstein in der Neustadt - gibt es aber glaube

ich nicht mehr. (Doch! Kaiser-Wilhelm-Ring 82.

A.d.R.)

Kommentare zum Mainzer Fasching oder Fussball?

Komischerweise war ich in sechs Jahren Mainz nur

zweimal auf dem Rosenmontagszug. Ob das daran

lag, dass ich nur wenige hundert Meter vom KCK-

Vereinsheim entfernt gewohnt habe? Ich kann nur

eins sagen: In Mainz ist auch außerhalb der Fastnacht

was los. Auch beim Fußball war ich nur einmal.

Zweite Liga Mainz 05 gegen Freiburg - meine

Erinnerung: Zivile Preise und tolle Stimmung,

aber sicherlich nicht mit heute zu vergleichen.

Vielen Dank für das Interview!

| sandra |

Können Sie das Studieren der Sozialwissenschaften

für den heutigen Arbeitsmarkt empfehlen?

Sozialwissenschaften hört sich vielfach so abwertend

an. Politikwissenschaftler oder Kommunikationswissenschaftler

bringt da doch vielmehr. Ich

kann das Studium klar empfehlen, aber bitte mit

begleitenden Praktika bzw. freier Mitarbeit. Als

Hochschulstudium ist es immer noch eine Eintrittskarte

in die Joblandschaft.

Kennen Sie andere Politikwissenschaftler im

Beruf, mit denen Sie sich vergleichen?

Es gibt eine ganze Reihe von Politikwissenschaftlern,

aus denen was geworden ist, zum Beispiel

Pressesprecher in einem Landesministerium oder

Moderator im Fernsehen, Redakteur etc.

| 37 |


INNERES Freizeit

Aus dem Land der

Poesie

| 39 38 |


INNERES Freizeit

Die spannende Schlacht zwischen kotzenden

Photonen, Gangbang mit

Gott, Machtrivalitäten zwischen

Leber, Niere und dem Allerwertesten,

pubertierenden Verben, einem

drachentötenden Staubsauger und dem multitasking

Senfglas konnte live beim Poetry Slam im

KUZ miterlebt werden.

Wenn zehn Poeten gegeneinander antreten, dann

verschmelzen Realität und Fantasie miteinander

zu extravaganten Geschichten oder eindrucksvollen

Gedichten.

Das Kulturzentrum Mainz veranstaltet in regelmäßigen

Abständen einen Poetry Slam, also einen

Dichterwettstreit, bei dem Dichter von morgen

ihrer kreativen Ader freien Lauf lassen können.

Das Publikum entscheidet darüber, wer den Sieg

davon trägt.

Zehn bis zwölf Kandidaten, die zufällig ein bis

zwei Texte aus eigener Feder in der Tasche haben,

treten gegeneinander an. Die Anmeldung zum Poetry

Slam kann zuvor per Email oder sofern noch

Plätze frei sind, abends bei den Veranstaltern

erfolgen. Nur mit ihrer Stimme und vollem Körpereinsatz

müssen die Kandidaten das Publikum

in maximal sieben Minuten von sich überzeugen.

Als Jury werden willkürlich fünf Mitglieder des

Publikums ausgewählt, die auf einer Skala von

eins bis zehn die Kandidaten bewerten müssen.

Dabei werden die Wertungen addiert, aber die

höchste und niedrigste werden der Fairness wegen

gestrichen.

Im Finale zählt nicht mehr die Punktzahl, sondern

die Lautstärke des Applauses des gesamten

Publikums. Wer es also schafft einen «kollektiven

Orgasmus» durch poetische Brillanz zu erzeugen,

darf den «Pokal» mit nach Hause nehmen.

Das Publikum wurde zum Beispiel entführt in

die Welt eines Schriftstellers (oder vielleicht

doch eher eines Hausmannes?), der sich vor dem

Staubsaugen drückte, weil er mal schnell einen

Roman schreiben musste und Dostojewski nacheifern

wollte. Als er jedoch angesichts eines weißen

Blattes eine Schreibblockade hatte, beschloss

er aus Frust, doch zu saugen. Bei seinem Kriegszug

gegen die Wollmäuse verwandelte sich der

Staubsauger in einen satanistischen Lindwurm,

der wild sein Unwesen trieb. Mutig versuchte der

Schriftsteller in spe, das Ungetüm zu bändigen,

warf sich auf dessen Rücken, aber konnte leider

nicht verhindern, dass der tobende Schwanz

des Lindwurms die Lanze des Playmobilritters

zum Brechen brachte. Die Frau des tapferen

Drachentöters unterbrach mit ihrer Rückkehr

den blutigen Kampf jäh und sah angesichts des

Chaos’ ein, dass ihr Gatte wohl weniger Unheil

anrichte, wenn er an seinem Schreibtisch über

dem ersten und wahrscheinlich einzigen Satz seines

Romans brüte.

Das phantastische Schlachtfeld verwandelte sich

wenige Minuten später wieder in ein biblisches

Paradies. Doch ganz so paradiesisch ging es auch

hier nicht zu, da sich in Adams Körper die verschiedenen

Organe bitterlich darum stritten, wer

denn nun der Boss sei. Herz und Nieren, Gehirn

und Leber – alle waren der Ansicht, sie seien das

wichtigste Organ. Doch auch der liebe Popo wollte

mitreden, wurde aber nur verspottet. Vor lauter

Stolz und Trotz trat er in den Streik und ließ

nichts mehr hinaus. Klagen über Klagen – die

Folge: Nierenversagen. Und die Moral von der

Geschicht’: «Man muss nicht klug sein, nur Arsch

genug, um Boss zu sein.»

Im Finale begeisterte der Sieger das Publikum

mit der ergreifenden Geschichte von der Identitätskrise

eines Verbs, das endlich erwachsen und

ein Nomen werden wollte.

Ob gesellschaftskritische Satiriker, unbeschwerte,

obszöne Komödianten, lethargische und desillusionierte

Denker oder künstlerische Wortspieler,

phantastische Geschichtenerzähler oder schreiende

Exzentriker – alle entführen das Publikum

in das Land der Poesie. Die nächste Reise dorthin

startet wieder am 18.06 um 20 Uhr im KUZ

Mainz.

| marie | karen |

| 39 |


FREIZEIT

Schöne Kneipen

hat das Land...

| 40 41 |


FREIZEIT

Muffige Kneipen, stylische Lounges,

gemütliche Bars und verschwitzte

Clubs. Im Mainzer Stadtgebiet

sind etwa 65 bis 70 Lokale jeglicher

Couleur verstreut. Wer nicht mindestens

die Hälfte davon kennt, gilt als Streber

und wunderlicher Bücherwurm. Damit ihr in diesem

Wirrwarr den glasigen Durchblick behaltet,

haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, jeweils

zwei Mainzer Gaststätten zu besuchen, zu testen

und für euch zu beurteilen. Alle Erstsemester,

die neben dem lauschigen auch das rauschige

Mainz kennen lernen möchten, sind herzlich

eingeladen, zu Beginn des neuen Semesters

an unserer legendären Kneipentour teilzunehmen.

Die angehenden Langzeitstudenten

unter euch seien darauf hingewiesen, dass

voraussichtlich in der 25. Auflage dieser

Zeitung im Wintersemester 2025/26 eine

vollständige Kneipenrezension vorliegt.

Viel Spaß und zum Wohl!

und wildem Ingwer fehlt, um die weihnachtliche

Atmosphäre perfekt zu machen – und das an einem

verregneten Abend im Februar! Als wir den

Laden betreten, werden wir langsam misstrauisch:

Onkel Willy, der uns vom Tresen aus freundlich

begrüßt, hat verdächtige Ähnlichkeit mit dem

bärtigen Geschenkelieferanten aus der Coca-Cola-

Werbung und die verschlissenen, mit rotem Samt

bezogenen Sitzbänke scheinen auch geradewegs

aus einem ausrangierten Rentierschlitten

montiert

worden zu

Onkel Willys Pub

Montagabend. 20:13 Uhr. Eine zähe FSR-Sitzung

neigt sich dem Ende zu. Zwei Stunden wurde verbissen

diskutiert, abgewägt, entschieden. Sollen

wir für die nächste Weihnachtsfeier Öko-Zimt

kaufen? Und – gibt es überhaupt Öko-Zimt?

Endlich sind alle Themen geklärt, alle Tops besprochen

und doch ist wieder niemand handgreiflich

geworden. Erleichtert wischt man sich den

kalten Schweiß von der Stirn und freut sich auf

ein kühles Bierchen. Doch wohin soll es heute gehen?

Die Mädchen wollen tanzen, die Jungs nicht.

Mir steht der Sinn nach Tischfußball und einer

Hopfenkaltschale. Neben dem Domsgickel, dem

Schröders und dem Kulturcafé findet der passionierte

Stangendreher in «Onkel Willys Pub» eine

geeignete Arena. Auf geht’s!

Stimmungsvoll glimmen zahlreiche 24V-Leuchtdioden

aus den Fenstern der Kneipe und tauchen

die Binger Straße der Mainzer Innenstadt in ein

unwirkliches Licht. Allein der Duft von Nelken

sein. Sollten

wir im Weihnachtsdorf

gelandet sein? «Wenn der jetzt fragt

ob wir auch artig waren, hau ich hab!», raunt mir

von hinten jemand ins Ohr als wir ein Bier bestellen.

Gemütlich zapft Santa Cl… Onkel Willy ein

Pils nach dem anderen und bringt es uns schlurfend

an den Tisch, um sich nach getaner Arbeit

wieder zu seinen Kumpels an den Tresen zu hocken.

Wer hier trinkt, trinkt nie allein. Von den

Wänden blicken die Konterfeie berühmter Persönlichkeiten

aus besseren Tagen würdevoll auf

uns herab: die große Hepburn, der unvergessene

John Wayne und Da Vincis Mona Lisa mit einem

Joint im Mund. Der freie Platz an den Wänden ist

mit unzähligen philosophisch-humoresken Blechschildern

verziert und bietet mehr Lesestoff als

das Lomo jemals in seine Bücherregale quetschen

könnte. Was von außen wie eine kleine Eckkneipe

aussah, entpuppt sich im Schein weiterer Lich-

| 41 |


FREIZEIT

terketten als

g e r ä u m i g e

Turnhalle für

Kneipensport

aller Art. Im

Innenraum

des Pubs

verteilt man

sich schnell

auf die Billardtische,

um sich

mit den anderen Fachschaftlern

zu messen, während am Kicker bereits ein

heißes Duell entbrannt ist. Hier heißt es ‚Jungen

gegen Mädchen’ und bei dem Boden hat wirklich

niemand Lust, nach einer Niederlage unter dem

Tisch durchzukrabbeln. Nach wenigen Minuten

sind die Bälle verspielt, der Schlagabtausch ist

vorbei. Gedemütigt und mit wunden Knien zahle

ich den Mädels ihren Tequila. «Wären wir doch

tanzen gegangen, murmelt «die Mauer», mein

sonst so zuverlässiger Hintermann und ich kann

nur zustimmend nicken. Dennoch war das sicher

nicht der letzte Abend im Pub von unser aller

«Onkel Willy».

Hafeneck

| jonas |

Unsere zweite Kneipenrezension führt die gesammelte

Fachschaft ins Hafeneck, die Heimat der

meisten von uns in greifbarer, oder besser: stolperbarer

Nähe. Wer nicht in der Neustadt wohnt:

Pech gehabt!

Also sitzen wir, nachdem wir uns von dem fetten

Arsch, der einem zur Begrüßung von der Wand

entgegenlacht (und hierbei handelt es sich nicht

um den Wirt), nicht haben abschrecken lassen, in

trauter Fachschaftlichkeit beisammen und genießen

unser Bierchen. Da wir inzwischen viele sind,

gibt es immer einen Geburts-, Namens- oder Nationalfeiertag,

der uns einen willkommenen Grund

zum Verlassen des Fachschaftsraums bietet. Geht

hier auch problemlos,

denn die Getränkepreise

sind moderat. So gibt’s

auch den schmackhaften

Hausschnaps schon für einen

Euro.

Der Getränkelieferant, wir

nennen ihn den «Captain»

,ist dann auch sehr freundlich

und seine Maschinengewehrlache

hat Seltenheitswert.

Anscheinend möchte jener

Gentleman aber auch die ohnehin

viel zu reichlich vorhandenen

romantischen Gefühle der Fachschaftler

befeuern, denn kaum sind die Kerzen heruntergebrannt,

werden schon neue herangeschafft.

Die Einrichtung ruft die unterschiedlichsten Reaktionen

vor. Hier ruft es begeistert «Gaaaanz

viele Schiffe, juchhu!», dort redet einer gewichtig

von «wild-experimenteller Einrichtung, für

Kenner des gepflegten schlechten Geschmacks».

Nur eines ist für alle offensichtlich: hier fehlt eine

pflegende weibliche Hand, denn die armen Pflanzen

am Fenster sind etwa so lebendig wie wir uns

am nächsten Morgen gefühlt haben. Musikalisch

läuft ein stimmungsvolles Potpourri, das wohl mit

‚Country meets Bryan Adams’ adäquat beschrieben

werden kann – hoffen wir mal, dass man sich

tatsächlich an alles gewöhnen kann. Übrigens betitelt

sich diese Kneipe selbst mit: HAFENECK

– Essen, Trinken und sinnvolle Freizeitgestaltung

seit 1998. Man sieht, ein Schuppen mit unendlich

langer Tradition und bereits seit Generationen im

Familienbesitz. Auch wenn den ganzen Abend

weder eine vollbusige Meerjungfrau, noch eine

trinkfreudige Seeräuberbande aufgetaucht ist,

war es ein lustiger Abstecher ins Hafeneck. Gesamturteil

einer am Ende doch recht zufriedenen

Fachschaftsmeute ist dann auch: mal was anderes.

Aber etwas anderes, dass es sich auszuprobieren

lohnt. Ungefähr wie der Schokosoßenpfannkuchen

nach Matrosenart.

| saskia |

| 42 43 |


| 43 |

INNERES


Freizeit

RÄTSEL

2.

5.

7.

8.

1.

3.

4.

6.

9.

1. Fickender Begründer des kritischen Rationalismus

2. Lieblingsgetränk des FSR

3. Willst du in Powi Zeitschriften sehn, musst du in das …... gehn.

4. Anders für Raum + Schiedsrichter im Finale von Bern

5. Wer bringt Weihrauch, Gold und Myrrhe und berät Studis?

6. Kapitalismuskritiker und Dozent für «Wirtschaft und Gesellschaft»

7. Geschäftsführende Leiterin und Zweirad

8. Häufigster Zuname am Institut

9. Familienname der gebürtigen Andrea Dill und einziges politisches Wort mit «y»

suDoKu

1 2

Die Lösungen gibt es in der nächten Ausgabe

| 44 45 |


Wo sind die Fehler?

Freizeit

Insgesamt 11 Fehler haben sich in Bild 2 eingeschlichen. Findest Du sie?

| 45 |


INNERES

Hallo Freunde,

ich bins, Euer Falter. Ich

reise derzeit durch

Deutschland und werde

nicht pünktlich zu meiner

Vorlesung kommen

können, wenn Du mich

nicht findest.Ich bin an

drei verschiedenen Orten.

Auf gehts, die Studenten

warten schon.....

| 46 47 |


| 47 |

INNERES


Freizeit

Malen nach zahlen

1 40

2

3

4

6

Zeichne entlang der Punkte

und du erhälst ein «hohes Tier»

am politischen Institut

39

7

5

8

9

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10

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11

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35

15

16

34

17

14

| 48 49 |


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impressum

Redaktion

Fachschaftsrat Politikwissenschaft

Jakob-Welder-Weg 18

Philosophicum, am Hörsaal P5

55128 Mainz

fsrpowi@uni-mainz.de

Mitarbeiter

Daniel Aust, Stephan Braig,

Jonas Brüseken, Marie Demel,

Laura-Luise Hammel, Sandra Hauser

Michaela Jacobs, Yvonne Löv,

Christoph Rost, Lennart Sauerwald, Karen

Schmidt, Nico Simon, Saskia Ulmer,

Sebastian Wanner

Layout und Satz

Nico Simon

Coverfotos

Christoph Rost, Nico Simon

AUFLAGE

900 Stück

Druck

AStA Druckerei, Uni Mainz

NACHWUCHSKRÄFTE GESUCHT

POWIZEI soll nicht nur eine Zeitung

des Fachschaftsrat Politikwissenschaft,

sondern eine Zeitung von und für Studierende

der Politikwissenschaften sein.

Ob Nachwuchsjournalisten, Lektoren,

Grafiker oder Fotografen – über aktive

Mitarbeit freuen wir uns immer und hoffen

auf Euch.

Am Montag den 30. Juni, um 15 00 Uhr

wird im Fachschaftsraum daher unsere

nächste Sitzung stattfinden, zu der ihr

herzlich eingeladen seid.

Mo, 30. Juni. 15 00 Uhr. Joseph-Welder

Weg 18, Philosophicum, am Hörsaal P5

Die Rechte der Artikel liegen bei den jeweiligen

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Inhalts ist nur mit schriftlicher Zustimmung

der Autoren gestattet.

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