Ausgrenzung, Stigmatisierung, Exotisierung - Urbane Lebenswelten von Roma / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 64 (3/2016)

derive

Wer mit halbwegs wachem Geist in Europa lebt, weiß, dass Roma diskriminiert werden, ihnen mit rassistischem Hass und Gewalt begegnet wird; und doch scheint die Verdrängungsleistung in Bezug auf die untragbare Situation groß. Als ausgegrenzte und stigmatisierte europäische Minderheit trifft die Roma die neoliberale Stadtentwicklung der letzten Jahrzehnte besonders hart. Seien es die Privatisierung von kommunalen Dienstleistungen, die Kommodifizierung von Wohnraum oder die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums. Die Sommerausgabe von dérive greift all diese Punkte auf und setzt sich mit klassischen Vorurteilen wie dem Nomadentum oder dem Betteln auseinander. Darüberhinaus gibt es einen ausführlichen Beitrag über den Städtebau in Brasilien.
Das Heft kann hier https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-64 bestellt werden.

Literatur

Behausung einer delogierten

Familie auf einem Gehsteig in Bukarest.

Foto — Lidija Mirkovic.

Neoliberalisierung des Markts und Zugang zu Raum

Selbst wenn eine solche Segregation in Städten wie

Berlin oder Wien nicht eindeutig sichtbar ist, finden dort komplexe

Ausschlussmechanismen statt, die den Zugang für Roma

zu Wohnraum erschweren. Im Beitrag Zugang zu Wohnraum

für bulgarische und rumänische BürgerInnen in Berlin,

gemeinsam von der Autorin dieses Artikels und Diana Botescu

verfasst, werden die prekären Zugangsmöglichkeiten der

bulgarischen und rumänischen BürgerInnen zum Berliner

Wohnungsmarkt, die in direkter Verbindung mit seiner Neoliberalisierung

stehen, beschrieben. In ihrer aktuellen Forschungsarbeit

untersucht die Autorin die Räume des Ankommens

von bulgarischen Minderheiten in Berlin. Neu ankommende

bulgarische BürgerInnen haben ausschließlich auf dem

privaten Wohnungsmarkt eine Chance auf Wohnraum. Dort

treffen besonders Roma auf komplexe Mechanismen der Inklusion

und der Ausgrenzung, die in einer Verflechtung mit der

Deregulierung des Marktes und mit der Immobilien-Spekulation

stehen.

Alle Beiträge zeigen, dass durch die thematische Verbindung

von Roma und urbanen Phänomenen ein Zuwachs an

Erkenntnissen über die städtische Raumproduktion entsteht,

der neue Perspektiven auf die Stadt aufzeigen kann.

Anna Kokalanova ist gebürtige Bulgarin,

Stadtplanerin und Stadtforscherin. Neben ihrer Tätigkeit

als Koordinatorin der Plattform future.lab an

der TU Wien arbeitet sie aktuell an ihrer Dissertation zum

Thema Ankommensräume von bulgarischen Minderheiten

in Berlin an der HafenCity Universität Hamburg.

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Anna Kokalanova — URBANE Räume VON und FÜR Roma

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