Nachbarschaft / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 73 (4/2018)

derive

Ist Nachbarschaft mehr als ein räumliches Nebeneinander? Die Beiträge zum dérive-Schwerpunktheft Nachbarschaft (Heft 73, Oktober-Dezember 2018) setzen sich mit der Frage, welche Potenziale und Chancen auf der Ebene der Nachbarschaft für Demokratisierung und Teilhabe, für die Stärkung der StadtbürgerInnenschaft und des sozialen Zusammenhalts sowie für nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Wandel vorhanden sind, auseinander. Welche politischen, wirtschaftlichen und planerischen Strukturen fördern eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen selbstorganisierten Initiativen, Politik und Verwaltung? Welche KomplizInnenschaften lassen sich auf lokaler Ebene schließen, um gemeinsam lebenswerte Stadtteile zu schaffen? Wie kann eine Ökonomie des Alltags aussehen, die lokale Strukturen stärkt, sinnstiftende Tätigkeit befördert und sich am Bedarf der Nachbarschaften orientiert? Welche Räume braucht eine lebendige Zivilgesellschaft? Die inhaltliche Reise geht vom Nordbahnviertel in Wien über das Kottbusser Tor und den Mehringplatz in Berlin, Brooklyn und die Kleinstädte Neuenglands bis zu den Comunas in Venezuela. Das Heft kann hier https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-73 bestellt werden.

Okt — Dez 2018

N o 73

Zeitschrift für Stadtforschung

dérive

NACHBARSCHAFT

dérive

ISSN 1608-8131

8 euro

dérive


Karoline von Perin

Iduna Laube

Auguste von Littrow-Bischoff

Marianne Hainisch

Irma von Troll-Borostyáni

Anna Altmann

Henriette Hontschik

Auguste Fickert

Marie Lang

Rosa Mayreder

Gabriele Possanner von Ehrenthal

Therese Schlesinger

Clotilde Benedikt

Adelheid Popp

Olga Rudel-Zeynek

Eugenie Schwarzwald

Bertha Pauli

Hildegard Burjan

„Frauen und Mädchen!“

Eine Intervention von Tatiana Lecomte

zur Geschichte der politischen Teilhabe

und der Durchsetzung persönlicher Rechte

von Frauen zwischen 1848 und 1918

17. September bis 17. November 2018

Montag bis Samstag, 11 bis 14 Uhr

Palais Niederösterreich

Herrengasse 13, 1010 Wien

www.publicart.at


Editorial

Die Frage, wie eine wahrlich demokratische urbane Gesellschaft

aussehen könnte und müsste, beschäftigt uns seit langer

Zeit. Wir haben diesem Thema mehrere Ausgaben von dérive

und dem urbanize!-Festival gewidmet: Perspektiven eines

kooperativen Urbanismus, Housing the Many – Stadt der Vielen,

Henri Lefebvre und das Recht auf Stadt, Citopia Now, Stadt

selber machen und letztes Jahr Demokratie. Mit dem diesjährigen

Festival und dieser dérive-Ausgabe setzen wir diese

Erkundung fort.

An der Nachbarschaft, dem Titel des vorliegenden Heftes,

interessiert uns vor allem die Frage, welche Potenziale und

Chancen der Maßstab der Nachbarschaft für Demokratisierung

und Teilhabe, für die Stärkung der StadtbürgerInnenschaft

und des sozialen Zusammenhalts, für nachhaltigen sozialen,

wirtschaftlichen und ökologischen Wandel bietet. Welche

politischen, wirtschaftlichen und planerischen Strukturen

fördern eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen selbstorganisierten

Initiativen, Politik und Verwaltung? Welche KomplizInnenschaften

lassen sich auf lokaler Ebene schließen, um

gemeinsam lebendige Stadtteile zu schaffen? Wie kann eine

Ökonomie des Alltags aussehen, die lokale Strukturen

stärkt, sinnstiftende Tätigkeit befördert und sich am Bedarf der

Nachbarschaften orientiert? Welche Räume braucht eine lebendige

Zivilgesellschaft?

dérive versteht sich als Initiative, deren Arbeit sich

der Verwirklichung einer urbanen Gesellschaft im besten

Lefebvre’schen Sinn verschreibt. So auch diesmal, wenn es um

das Potenzial für eine demokratische Erneuerung geht, die

ihren Ausgangspunkt auf der Ebene des Grätzels nimmt, wie

der Kiez oder eben die großräumliche Nachbarschaft in Wien

heißt. Folgerichtig lädt die Wiener Ausgabe des diesjährigen

urbanize!-Festivals unter dem Titel Grätzelhood – Globale

Stadt lokal gestalten von 24. bis 28. Oktober in die Nordbahnhalle

Wien, um die Potenziale der globalen Gesellschaft im

lokalen Maßstab zu erkunden. Wiener Ausgabe deswegen, weil

es 2018 auch ein Berliner urbanize!-Festival gibt. Zum zweiten

Mal nach 2016, als wir urbanize! gemeinsam mit der Planbude

im Hamburger Gängeviertel veranstaltet haben, findet

urbanize! nicht nur in Wien, sondern auch in Berlin statt: Save

the date! heißt es somit gleich für zwei ziemlich supere Festivaltermine:

Gemeinsam mit einer breiten Plattform stadtpolitischer

AkteurInnen laden wir von 5. bis 14. Oktober zu urbanize!

nach Berlin, knapp danach folgt urbanize! in Wien von 24. bis

28. Oktober.

In Berlin lädt urbanize! unter dem Motto Bewegung.

Macht.Stadt. zu 10 Tagen intensiver Beschäftigung mit aktuellen

stadtpolitischen Diskursen und Fragestellungen. Lässt

sich in der immer schon widerständigen Metropole doch seit

einigen Jahren verfolgen, wie eine neue StadtbürgerInnenschaft

Gewinn-maximierende Privatisierungen verhindert, Top-down

Bebauungspläne kippt, Stadtentwicklungskonzepte selbst

erstellt oder Bürger- und Volksentscheide gewinnt. Die Normalität

des politischen und Verwaltungshandelns wird in der Bundeshauptstadt

deutlich in kreative Unruhe versetzt. Eine

Vielzahl an Initiativen und Projekten macht deutlich, wie aus

oftmals nachbarschaftsbezogenen Bewegungen heraus Stadt

zusammen emanzipativ-demokratisch gestaltet werden kann.

urbanize! in Berlin thematisiert dieses städtische Handeln

der Vielen. Es präsentiert und diskutiert Ansätze eines

neuen Munizipalismus und verhandelt die Stadt als Gemeingut

und Ausgangspunkt einer umfassenden demokratischen Erneuerung.

Das Programm will mit lokalen AkteurInnen und

internationalen Gästen ausloten, welche gemeinsamen Handlungsmöglichkeiten

zwischen der Vielzahl stadtpolitischer

Initiativen und Projekte, Politik und Verwaltung, kritischer

Wissenschaft und gemeinwohlorientierter Immobilienwirtschaft

bestehen. Debattiert wird die Schaffung nachhaltiger

Strukturen und Kulturen für eine breit aufgestellte Stadtentwicklung

von unten, die sich aus den Bedürfnissen und

Fähigkeiten der vielfältigen Stadtgesellschaft speist. An die

dreißig stadtentwicklungspolitische Berliner AkteurInnen laden

zu Vorträgen, Podien, Workshops, Führungen und Exkursionen

ein. Es gilt bestehende Wege zu erkunden und neue zu

ebnen: Für eine plurale und kollaborative, solidarische und

gemeinwohlorientierte Stadt(re)produktion.

Das Wiener urbanize!-Festival schlägt auf seiner Reise

durch die Wiener Bezirke seine Zelte diesmal in der Nordbahnhalle

im zweiten Bezirk auf. Der Ort eignet sich ideal als

Festivalzentrale zum Thema Nachbarschaft, liegt er doch

mitten im Stadtentwicklungsgebiet Nordbahnviertel und versteht

sich selbst als Raumressource für die be- und entstehenden

Nachbarschaften. Wer Näheres zur Nordbahnhalle

wissen möchte, sei auf den Beitrag von Christian Peer und Lina

Streeruwitz über das Nordbahnviertel, seine Planungsgeschichte

und das Verhältnis von Nachbarschaft und Planung

verwiesen. Mehr darüber und über alle anderen Heft-Beiträge

im einleitenden Artikel ab S. 4.

Das urbanize! Festival in Wien bietet die Möglichkeit,

diesen wunderbaren Ort kennen zu lernen und gemeinsam darüber

nachzudenken, welche politischen, ökonomischen und

planerischen Strukturen auf Grätzel-, Bezirks- und Stadtebene

es eigentlich braucht, um eine kollaborative und gemeinwohlorientierte

Stadtproduktion und Nachbarschafts-Entwicklung

zu ermöglichen. Eine Vielzahl an inspirierenden internationalen

Projekten und Initiativen stellen vor, was alles möglich ist,

wenn sich Nachbarschaften solidarisch zusammen schließen.

Und damit es nicht alleine beim Zuhören bleibt, widmen wir

unter dem Motto »How to …« einen ganzen Festivalsamstag dem

nachbarschaftlichen Empowerment mit Workshops zu Methoden

und Werkzeugen der Selbstorganisierung, zu kreativen

Protestformen, sowie dem Learning from … mit Strategien und

Taktiken erfolgreicher Initiativen.

Bereits zum 9. Mal eröffnet urbanize! eine Bühne für

emanzipatorisches städtisches Handeln. Change begins in the

cities – und ist unter dem gegenwärtigen Rechtsruck mehr als

nötig. Machen wir uns gegenseitig schlau – und werden

gemeinsam stark!

Wir freuen uns auf aktive Teilnahme in Berlin und/oder Wien,

eure dérives

01


Internationales Festival für

urbane Erkundungen

ur9anize!

Produktive Verunsicherung und

utopischer Überschuss in Theorie und Praxis

Bewegung.Macht.Stadt.

5. — 14. Oktober 2018, Berlin

www.berlin.urbanize.at

gRÄtZeLhOOd

globale Stadt lokal gestalten

24. — 28. Oktober 2018, Wien

www.urbanize.at


Inhalt

01

Editorial

Schwerpunkt

04—05

NACHBARSCHAFT

There IS such a thing as SOCIETY

CHRISTOPH LAIMER

06—10

BASISARBEIT an der DEMOKRATIE

CHRISTOPH LAIMER UND

ELKE RAUTH IM GESPRÄCH MIT

ULRIKE HAMANN UND

SANDY KALTENBORN

11—18

»Die STADT, das waren WIR«

Wie die Kleinstädte Neuenglands zur mythischen

Landschaft der amerikanischen Demokratie wurden

GARRETT DASH NELSON

19—24

NACHBARschaft als planungsrelevantes NETZWERK

in innerstädtischen Neubaugebieten

CHRISTIAN PEER,

LINA STREERUWITZ

37—41

Selbstverwaltete COMMUNITIES in VENEZUELA

RICARDO VAZ IM GESPRÄCH MIT

DARIO AZZELLINI

42—44

FOUNDATIONAL Economy

Die Infrastruktur des alltäglichen Lebens

LEONHARD PLANK

45—52

Die NACHBARSCHAFT zusammenschrauben

Wie Eisenwarenhandlungen Dinge, Nachbarschaften

und die physische Welt ordnen

SHANNON MATTERN

Besprechungen

53—55

Freedom, generosity, pleasure S.53

Die Verlorene kritische Sicht S.54

Verlorene Stadtbewohner derive.at

60

IMPRESSUM

25—31

CoMMa neighbourhood ATLAS

LORENZO TRIPODI

Kunstinsert

32—36

Herwig Turk

Unstable Grounds |

Unsicherer Boden |

Terra Mobile |

Majava Tla


dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von

17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

03


CHRISTOPH LAIMER

NACHBARSCHAFT

There IS such a thing as SOCIETY

Lange Zeit lautete eines der Versprechen der Stadt, in der Anonymität

des Urbanen die Möglichkeit zu haben der sozialen

Kontrolle des Dorfes – und den damit verbundenen Konsequenzen

– zu entfliehen. Ganz egal welchen Lifestyle man pflegte,

welche sexuelle Orientierung man hatte, welche politischen

Ansichten man teilte und in welchen Kreisen man sich bewegte

– die Stadt machte Platz für individuelle Lebensentwürfe und

im besten Fall ließen sich gleichgesinnte Menschen finden, mit

denen der eigene Lebensentwurf geteilt werden konnte. Diese

Freiheit durch Anonymität war autoritären politischen Bewegungen

schon immer ein Dorn im Auge: Die Nationalsozialisten

etwa installierten Blockwarte als Kontroll- und Überwachungsinstanz

und damit als autoritäres Bindeglied zwischen Privatraum

und NS-Terror-Regime, die als Treppen-Terrier der

Ausspitzelung und Denunziation abtrünnigen Verhaltens in

der Nachbarschaft dienten. Und auch die Figur der HausmeisterInnen

ist im öffentlichen Gedächtnis durchaus mit einem

erheblichen Ausmaß an Kontrolle verbunden.

Die Anonymität aber war Teil des Freiheitsversprechens

einer modernen, individualistischen Gesellschaft. Ermöglicht

oder zumindest erleichtert wurde diese individuelle Freiheit

durch einen Sozialstaat, der es erlaubte, die heimatliche Scholle

hinter sich zu lassen und die familiären Bande zu lockern

oder gar zu kappen, indem er soziale Absicherung in Krisenzeiten

garantierte.

Interessanterweise hat sich der Wunsch nach Anonymität

in den letzten Jahren vorrangig ins Internet verlagert, in der

Stadt hingegen tritt dieser eher in den Hintergrund und wird

durch die Beliebtheit von urbanen Dörfern überlagert. Das

Thema soziale Kontrolle spielt in diesem Zusammenhang keine

entscheidende Rolle. Die überwunden geglaubte Dorf- und

Landromantik, unterfüttert mit der Sehnsucht nach Authentizität

und Naturverbundenheit und dem Versprechen einer

heilen Welt, übt auf die gestresste, abstiegsgefährdete Mittelschicht

eine große Anziehungskraft aus.

Bei aller Notwendigkeit für das Recht auf Anonymität

im Stadtraum einzutreten, führt kein Weg vorbei am Mensch als

sozialem Wesen, für das soziale Kontakte und Austausch unerlässlich

sind. In einer Zeit der immer stärkeren Fragmentierung

und Vereinzelung ist die Sehnsucht nach einem Leben in

Gemeinschaft deutlich im Anwachsen wie zahlreiche Haus- und

Baugruppenprojekte zeigen. Im Gegensatz zum Land bietet

die Stadt jedoch den Vorteil, sich soziale Kontakte aussuchen zu

können und auch hier spielt das Thema Nachbarschaft zusehends

wieder eine wichtigere Rolle.

Bei aller Notwendigkeit für das Recht auf

Anonymität im Stadtraum einzutreten, führt

kein Weg vorbei am Mensch als

sozialem Wesen, für das soziale Kontakte und

Austausch unerlässlich sind.

Historisch war die räumliche Nähe der Nachbarschaft immer

auch eine soziale: »Der Nachbar war von gleichem Stand, arbeitete

und lebte unter ähnlichen Verhältnissen. Wer sich räumlich

nah war, der war sich auch sozial nah, man war denselben

Nöten und Zwängen unterworfen und zur Bewältigung des

eigenen Alltags unausweichlich aufeinander angewiesen. Und

viele blieben ihr Leben lang Mitglied ein und derselben Dorfgemeinschaft.

Nachbarschaft war Schicksal.« (Siebel 2015) Die

industrielle Revolution läutete ein Ende für eine Vielzahl dieser

Dorfgemeinschaften ein, um ihr unstillbares Verlangen nach

Arbeitskraft befriedigen zu können. Nachbarschaft konstituierte

sich unter völlig veränderten Bedingungen in den ArbeiterInnenvierteln

neu. Mit der zunehmenden Diversifizierung der Gesellschaft,

die dazu führte, dass nicht mehr alle BewohnerInnen

einer Nachbarschaft in den selben Fabriken arbeiteten, den gleichen

Lohn nach Hause brachten, von den gleichen Sorgen

und Nöten geplagt wurden, übereinstimmende Interessen und

Verhaltensnormen hatten, verschwand neben dem Bewusstsein

einer gemeinsamen Klasse anzugehören mit den Segnungen

des aufkommenden Wohlfahrtsstaates auch die ökonomische Notwendigkeit

einer engen Nachbarschaft. Gegenseitige Hilfe

war im Alltag nicht mehr notwendig, Nachbarschaft keine

Schicksalsgemeinschaft mehr.

Walter Siebel weist in seinem Text über Nachbarschaft

darauf hin, dass erst das Ende der Nachbarschaft als Produktionsgemeinschaft,

wie sie in der Vormoderne durchaus verbreitet

war, »die Intimisierung einer privaten Sphäre der Wohnung«

(Siebel 2015) in breiten Kreisen der Gesellschaft zum Standard

machte. Erst mit dieser Entwicklung entstand das Bedürfnis

nach Distanz, Abschottung und dem Schutz der Privatsphäre.

Wie wir wissen, stimmt diese Analyse aktuell nicht mehr

in vollem Umfang. Das Bedürfnis Nachbarschaft wieder in

einem umfassenderen Verständnis zu leben, steigt zwar nicht

unbedingt generell, aber doch in erheblicheren Teilen der Gesellschaft.

Verantwortlich dafür sind mehrere Phänomene. Die

radikale Individualisierung der Gesellschaft hat in den besonders

stark von neoliberaler Politik geprägten Staaten wie beispielsweise

Großbritannien zu einer mit verheerenden Folgen verbun-

04

dérive N o 73 — NACHBARSCHAFT


denen Vereinzelung und Vereinsamung von speziell alten, nicht

mehr im Berufsleben stehenden Menschen geführt. Hunderttausende

haben im Schnitt nur einmal monatlich die Möglichkeit

eines Gesprächs mit Verwandten oder Bekannten, die Hälfte der

über 75-Jährigen lebt alleine. Der Trend zu SeniorInnen-WGs,

Generationenwohnen oder erfolgreiche private Initiativen wie

die Online-Nachbarschafts-Plattform frag nebenan zeigen, dass

das soziale Wesen Mensch wieder in den Vordergrund tritt und

seine Rechte einfordert.

Ein anderes Ziel des Neoliberalismus,

die Zerschlagung des Sozialstaates,

trägt ebenfalls dazu bei, dass Nachbarschaften

wieder als wichtige Ressource

gesehen werden.

Ein anderes Ziel des Neoliberalismus, die Zerschlagung des

Sozialstaates, trägt ebenfalls dazu bei, dass Nachbarschaften

wieder als wichtige Ressource gesehen werden. Die aktuell in

der Linken breit diskutierten Themen wie kollektives Eigentum

und Commons wurzeln in jener Zeit, als Nachbarschaft nicht

nur ein räumliches Nebeneinander, sondern ein soziales Netzwerk

war. Garrett Dash Nelson erzählt in seinem Artikel für

diese Ausgabe die Geschichte der (Klein-)Städte Neuenglands,

die aus spezifischen historischen, gesellschaftlichen und auch

räumlichen Gründen besonders demokratische Gemeinschaften

bildeten, die zu einem hohen Grad auf Selbstverwaltung und

Gemeineigentum basierten. Einzelne Aspekte dieser Struktur –

wie beispielsweise Stadtversammlungen – haben sich in manchen

Städten bis heute gehalten.

Die Krise der repräsentativen Demokratie ist eine weitere

Ursache, die Nachbarschaften wieder verstärkt in den Blickpunkt

rücken. Über munizipalistische Initiativen, die Nachbarschaften

als zentralen Ort für eine radikale Demokratisierung

sehen, mit Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau und ihrer

Plattform Barcelona en Comú als populäre Aushängeschilder,

war in dérive schon des Öfteren zu lesen. In der vorliegenden

Ausgabe gibt es ein Interview mit Dario Azzellini, der sich seit

vielen Jahren mit dem Thema Selbstverwaltung beschäftigt,

ein ausgewiesener Experte für die gesellschaftspolitischen Verhältnisse

Venezuelas ist und Einblicke in die Bottom-up-entwickelten

Selbstverwaltungsstrukturen gibt, die von der lokalen

Nachbarschafts- bis auf die regionale Stadtebene reichen, und

ihren Wechselbeziehung zu den zentralstaatlichen Organen.

Mit Ulrike Hamann und Sandy Kaltenborn aus der

nachbarschaftlich organisierten Berliner Bottom-up-Initiative

Kotti & Co haben wir über Auswirkungen für die Herausbildung

sozialer Beziehungen in einer Nachbarschaft durch gemeinsamen

öffentlichen Protest gesprochen. Die MieterInnen von Kotti

& Co waren über die Jahre mit ständigen Mieterhöhungen konfrontiert,

die 2011 ein Ausmaß erreichten, das weder trag- noch

leistbar war. Bemerkenswert an Kotti & Co ist, dass es trotz

der Diversität der Nachbarschaft und der gesellschaftlich marginalisierten

Stellung vieler BewohnerInnen der Wohnbauten

gelungen ist, sich über Jahre sichtbar und erfolgreich zu organisieren.

Kotti & Co zeigt vor wie wichtig Selbstermächtigung und

gegenseitige Unterstützung für eine Demokratisierung der

urbanen Gesellschaften sind und welche Rolle Nachbarschaften

dabei spielen können.

Um nachbarschaftliche Vernetzung und Aktivismus

anzuregen und zu unterstützen, Informationen bereitzustellen

und Wissen zu vermitteln, arbeitet die Berliner Plattform

Tesserae Urban Social Research an der Entwicklung eines digitalen

Nachbarschafts-Atlas. Lorenzo Tripodi, Teil von Tesserae

und Autor eines Beitrages für diesen Schwerpunkt, sieht in

nachbarschaftlichen Aktivitäten ebenso ein Potenzial für demokratische

Reformen, weist aber gleichzeitig auf die Beschränkung

lokaler Ansätze im Hinblick auf die übergreifenden

globalen Faktoren hin. Der Nachbarschaftsatlas soll helfen, Wissen

und Ressourcen auf lokaler Ebene zu mobilisieren und

gleichzeitig Ebenen-übergreifende Beziehungen und Abhängigkeiten

in größerem Maßstab aufzuzeigen.

Eine wichtige Funktion für Nachbarschaften haben

immer auch Einrichtungen für die kleinteilige Nahversorgung

und deren Funktion als soziale Treffpunkte gespielt. Die Struktur

dieser Einrichtungen ist über die letzten Jahrzehnte stark

ausgedünnt. In Missachtung der sozialen Funktionen von

Greißlern, Gemischtwarenhandlungen und Tschecherln 1 wurden

diese in großer Zahl auf dem Altar der Marktwirtschaft geopfert.

Shannon Mattern steuert zu diesem Themenkreis eine Betrachtung

der nachbarschaftlichen Funktion von Eisenwaren- und

Gemischtwarenhandlungen in US-amerikanischen Städten bei

und wie diese die Bedürfnisse und Werte der Gemeinschaft

widerspiegeln und sie oft auch prägen.

Mit Alltagsökonomie setzt sich auch Leonhard Plank

in seinem Beitrag Foundational Economy auseinander. Er

plädiert dafür die »demokratische Kontrolle über die Grundlagen

des guten Lebens vor Ort und von unten zurückzuerlangen«

und streicht die Bedeutung des kollektiven Konsums unerlässlicher

Güter und Dienstleistungen des Alltags für unser aller

Wohlergehen hervor.

1

Für die des Österreichischen

nicht Mächtigen, der Duden sagt:

ein Greißler ist ein kleiner

Lebensmittelhändler, ein Tschecherl

ein ebensolches, einfaches

Gast- oder Kaffeehaus.

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Literatur

Baumann, Zygmunt (2009): Gemeinschaften.

Frankfurt: Suhrkamp.

Siebel, Walter (2015): Nachbarschaft. Verfügbar unter:

philosophie-indebate.de/3038/

schwerpunktbeitrag-nachbarschaft [Stand 11.9.2018]

Christoph Laimer — NACHBARSCHAFT. There IS such a thing as SOCIETY

05


INTERVIEW MIT ULRIKE HAMANN UND SANY KALTENBORN

BASISARBEIT

an der DEMOKRATIE

Ihr kämpft seit vielen Jahren als Teil der Initiative Kotti & Co

gegen Mietsteigerung und Verdrängung am Kottbusser Tor.

Was ist der Kotti eigentlich für ein Ort?

Foto — Sandy Kaltenborn

Die Mietergemeinschaft Kotti & Co in Berlin kämpft

seit 2011 für bezahlbare Mieten im sozialen Wohnungsbau

und die Re-Kommunalisierung der Sozialbauten

am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg.

Mit ihrem Gecekondu 1 Protesthäuschen und dem

Slogan I love Kotti ist sie zum Symbol für geeinten

Widerstand und vielstimmigen Protest quer durch

soziale und kulturelle Milieus geworden. dérive hat

mit den MitbegründerInnen Ulrike Hamann und

Sandy Kaltenborn über die Erfahrungen der Initiative,

das Entstehen von Nachbarschaft und die

Selbstermächtigung durch Protest gesprochen.

Sandy Kaltenborn Während die meisten Leute bei Kreuzberg

eher an die Gründerzeitbauten denken, ist das Kottbusser

Tor durch Sozialbauten mit bis zu 12 Stockwerken aus den

1970ern definiert – also einer Gebäudehöhe, die weit über die

klassischen vier Gründerzeit-Etagen hinausgeht. Insgesamt gibt

es hier um die 1.000 Wohnungen, die alle sozialer Wohnungsbau

sind.

Der Kotti ist einer der bekanntesten Orte in Berlin und

über Berlin hinaus – mit einem eher schlechten Ruf. An

diesem Ort, der räumlich durch eine große Kreuzung geprägt

ist, laufen unterschiedliche Stränge zusammen: zum einen

die Geschichte der Migration, sei es Arbeitsmigration oder

Flucht – hier wohnen viele türkische und arabische Leute – und

gleichzeitig ist es ein Ort, der als Tor zur Oranienstraße gelesen

werden kann, einem der ehemaligen Zentren für Sub- und

Gegenkultur. Eine starke Kunst- und Off-Kultur-Szene, die

ihre Wurzeln in den 1970er/80er-Jahren hat, hat diesen Ort

gleichermaßen geprägt. Einstürzende Neubauten oder »Schade,

dass Beton nicht brennt« haben hier ihren Ursprung. Die

Geschichte der HausbesetzerInnenbewegung ist ebenso präsent.

Ein, zwei Straßen weiter stehen ehemals besetzte Häuser.

Das Kottbusser Tor ist also ein Ort der Diversität, hier leben

Leute aus verschiedenen Nationen, hauptsächlich arme Leute,

aber auch zunehmend Menschen aus der Mittelschicht und reichere

Leute. All das macht den Ort interessant.

Ulrike Hamann Das Kottbusser Tor war einer der Ausgangspunkte

für die geplante Umstrukturierung von Kreuzberg.

Der Ort wird heute von sozialem Wohnbau umfasst,

großen Blöcken, die in den 1970ern im Rahmen der sogenannten

Kahlschlagsanierung gebaut wurden. Damals sollte der

gesamte Altbaubestand abgerissen und durch Neubau ersetzt

werden. Kreuzberg lag direkt am Rande West-Berlins knapp

vor der Berliner Mauer, eine Gegend, die dem Abriss preisgegeben

worden war. Es kam dann bekanntermaßen nicht dazu,

weil sich viele gegen den Abriss der Gründerzeithäuser gewehrt

hatten. Die behutsame Stadterneuerung hat hier ihren

Ursprung. An diesem Punkt in den 1960/70ern beginnt auch

die Migrationsgeschichte des Stadtteils, weil die Häuser leer

standen und die VermieterInnen dachten, sie könnten migrantische

Mieter als ZwischennutzerInnen zu überteuerten Mieten

hereinholen, mit dem Kalkül, dass ihnen die MieterInnenrechte

06

dérive N o 73 — NACHBARSCHAFT


GARRETT DASH NELSON

»Die STADT,

das waren WIR«

Wie die Kleinstädte Neuenglands zur mythischen Landschaft

der amerikanischen Demokratie wurden

Selbstverwaltung, Nachbarschaft, Demokratie,

Stadtversammlung, Kleinstadt, Neuengland, Commons

Storrowton Village, restaurierte Gebäude aus dem 18. Jahrhundert

auf dem Gelände der Eastern States Exposition, Springfield,

Massachusetts, Postkarte ca. 1930-1945. (c) The Springfield News Company

»Vor ein oder zwei Jahrhunderten«, beginnt das Voiceover im Dokumentarfilm The

City von 1939, »bauten wir unsere Kirche und steckten das Gemeingut ab. Als nächstes

errichteten wir das Rathaus, um einen Ort für Mitsprache zu haben.« Aaron Coplands

Partitur schlägt einen hellen Ton an, als die Kamera über die Häuser und Farmen

von Shirley Center, Massachusetts, schwenkt, und der Erzähler fährt fort: »Wenn die

Stadtversammlung stattfindet, kennen wir unsere Rechte und Pflichten, und es ist

kein Unglück, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. In allem, was zählt, halten wir

Nachbarn zusammen.« Zwischen Szenen, die lokale politische Versammlungen,

Kunsthandwerker, die Körbe weben, und Bauern und Bäuerinnen bei der Feldarbeit

zeigen, legt der Film eine Vision der kommunalen Demokratie dar. »Arbeiten und

Leben, wir haben ein Gleichgewicht gefunden. Die Stadt, das waren wir, und wir waren

ein Teil von ihr.« 1

Garrett Dash Nelson — »Die STADT, das waren WIR«

1

Der Film ist

hier verfügbar:

vimeo.com/52962432

11


CHRISTIAN PEER, LINA STREERUWITZ

NACHBARschaft

als planungsrelevantes

NETZWERK in innerstädtischen

Neubaugebieten

Nordbahnviertel, Wien, Masterplan,

soziale Mischung, Nutzungsmischung, Freiflächen

Workshop Wir Nordbahnhof Kids & unsere Gstettn veranstaltet von der

IG Lebenswerter Nordbahnhof; November 2016. Foto: Peter Rippl.

Christian Peer, Lina Streeruwitz — NACHBARschaft als planungsrelevantes NETZWERK

in innerstädtischen Neubaugebieten

19


LORENZO TRIPODI

CoMMa

neighbourhood

ATLAS

A collaborative platform for mapping hybrid territories

Neighbourhood, mapping, territory,

collaboration, participation,

knowledge, exploration, commons, everyday urbanism, accessibility

Lorenzo Tripodi — CoMMa neighbourhood ATLAS

25


Kunstinsert

Herwig Turk

Unstable Grounds |

Unsicherer Boden | Terra Mobile |

Majava Tla

Der Foto- und Konzeptkünstler Herwig Turk arbeitet seit vielen Jahren im Spannungsfeld von

Wissenschaft, Biologie und Natur und realisiert Projekte in unterschiedlichen Kontexten. In

großformatigen Fotografien untersucht er u.a. die Komplexität von Landschaftsräumen, die von

den Eingriffen von Technik und Infrastruktur gekennzeichnet sind und somit das widersprüchliche

Verhältnis von naturräumlichen Bedingungen und Fragen der Nutzung sichtbar machen.

2016 setzte Herwig Turk mit seiner Arbeit Linescape in der Galerie Kargl in Wien Robert

Smithsons monumentale Erdskulptur Spiral Jetty zu den Überformungen im benachbarten

militärischen Sperrgebiet in der Wüste im Südwesten der USA, die für menschliche Eingriffe

wie Atomversuche oder zielgerichtete Bombardierungen zu Trainingszwecken genutzt werden,

in Bezug. Seit zwei Jahren befasst sich Herwig Turk intensiv mit der Flusslandschaft des

Tagliamento im Norden der friulanischen Tiefebene. Dieses Terrain ist voller Widersprüche und

Gegensätze: Einem scheinbar naturbelassenen Flussbett, dem Lebensraum seltener Tier- und

Pflanzenarten, stehen Uferzonen gegenüber, die im Zeichen der Regulierung stehen und entsprechend

devastiert sind. Viele Brücken und Festungsanlagen zeugen von den Anstrengungen,

den Tagliamento als Hindernis zu überwinden und unter Kontrolle zu bringen. Schleusen,

Kanäle und Rohrleitungen verweisen auf die Ausbeutung seiner Wasserressourcen. In dieser

»Vorvergangenheit einer Landschaft in der Region um Gemona gibt es keine Stabilität. Der

Fluss strömt, der Verkehr rollt, die Berge falten.«

Das meist ausgetrocknete Flussbett des Tagliamento befindet sich im Bereich des durch das

Erdbeben von 1976 immer noch gezeichneten Gebietes, das Friaul erschüttert und entvölkert

hat. Abgesehen von Gemona, das als (zweifelhaftes) Vorzeigebeispiel wiederaufgebaut wurde

und zu einer Touristenattraktion wurde, ist die Gegend weitgehend von Abwanderung betroffen.

Verfallende Gebäude, die provisorisch gestützt werden, erzählen von einer instabilen Situation

und der ungewissen Zukunft dieser Region. Für das Insert wählte Herwig Turk Fotos aus, die

der scheinbaren Leere des Flussbetts gewidmet sind und dabei gleichzeitig von der Fülle angelagerter

Aspekte zeugen. Ein Mikrokosmos von Vegetationsinseln nistet sich im Kies ein. Autobahnen

und scheinbar überdimensionierte Brücken führen über das trockene Flussbett des

Tagliamento. Nur in einem Foto zeigt Herwig Turk das seltene Ereignis des wildes Wasser

führenden Stromes. Menschen sind auf seinen Fotografien keine zu sehen. Ihre Präsenz zeigt

sich nur indirekt, in Form der Infrastruktur.

Vom 15. 11. bis zum 9. 12. 2018 findet die Ausstellung Unstable Grounds, produziert

von UNIKUM im Raum für Fotografie, www.unikum.ac.at, St. Ruprechter Straße 10,

Klagenfurt, statt.

Barbara Holub/ Paul Rajakovics

32

dérive N o 73 — NACHBARSCHAFT


RICARDO VAZ

Selbstverwaltete

Communities

in VENEZUELA

Interview mit Dario Azzellini

»Die Comunas sollen der Raum sein, in dem wir den Sozialismus in

die Welt bringen«, verkündete Hugo Chávez in einer seiner berühmten

Fernsehansprachen. Dario Azzellini, der seit vielen Jahren sowohl

über Venezuela als auch zu Fragen der Selbstverwaltung forscht

und publiziert, spricht im Interview mit Ricardo Vaz über Formen der

Selbstverwaltung auf unterschiedlichen Ebenen der venezolanischen

Gesellschaft, ihre Erfolge, Schwierigkeiten und Widersprüche. Diese

Ebenen reichen von lokalen Nachbarschaftsversammlungen bis zu

kommunalen Städten.

In deinem Buch schreibst du, dass es in Venezuela sowohl einen Top-down- als auch einen

Bottom-up-Prozess gibt. Wie erklärst du diese zweigleisige Entwicklung?

Im Allgemeinen ist es so, dass manche Leute die Vorstellung haben, der Wandel käme

von oben. Man müsse die Staatsmacht und die Regierung übernehmen, dann könne

man alles Top-down ändern. Andere widersprechen und verfechten die Ansicht, dass

1

Der Begriff ist vom Spanischen

Empresas Recuperadas

por sus Trabajadores, ERT,

abgeleitet, der in Argentinien

definiert wurde und

von ForscherInnen aus

Brasilien und Uruguay übernommen

wurde. Als RBA

werden Betriebe bezeichnet,

die zuvor als kapitalistische

Unternehmen existierten

und deren Schließung

oder Bankrott zu einem

Kampf der ArbeiterInnen um

eine Übernahme unter kollektiver

ArbeiterInnenselbstverwaltung

geführt hat.

Neben einem Prozess der

Wiederinbetriebnahme sind

also die Anstrengungen von

den ArbeiterInnen zugunsten

einer von kollektiven

Entscheidungsstrukturen

geprägten Unternehmensform

ausschlaggebend. Ein RBA

ist ein sozialer und ökonomischer

Prozess.

eine Basisbewegung von unten agieren muss und auf diese Weise den Staat überwinden

kann.

Ich denke, das Beispiel Venezuela zeigt, dass der Staat da ist, ob man es will

oder nicht. Er verschwindet nicht einfach, indem man ihn ignoriert. Andererseits

haben wir auch gesehen, dass, wenn man versucht, etwas von oben zu verändern,

ohne selbstorganisierte Strukturen in der Gesellschaft zu haben, die sie stützen, sich

das Bewusstsein der Menschen nicht wirklich verändert und alles wie ein Kartenhaus

zusammenfallen kann, wenn die Staatsmacht plötzlich verloren geht.

Charakteristisch für einige der jüngsten Prozesse in Lateinamerika und insbesondere

in Venezuela mit all seinen Schwierigkeiten und Widersprüchen ist die

Kombination von Veränderungen und Reformen von oben mit einer starken Selbstorganisation

auf lokaler Ebene. Wenn wir uns erfolgreiche Beispiele besonders in Venezuela

ansehen, von den rückeroberten Betrieben unter ArbeiterInnenkontrolle (RBA) 1

bis hin zu den lokalen Selbstverwaltungen durch die kommunalen Räte und

die Comunas, waren es Strukturen, die von der Bevölkerung vor Ort geschaffen und

später von Hugo Chávez aufgegriffen und in Regierungspolitik umgesetzt wurden.

Der zweigleisige Ansatz bedeutet, dass es gleichzeitig Bemühungen um Veränderung

von oben und von unten gibt. Es kann in staatlichen Institutionen eine

Bottom-up-Logik vorherrschen, ebenso wie es in einigen Basisbewegungen eine hierarchische

Top-down-Konzeption gibt. Es ist also komplizierter, als es scheint.

Selbstverwaltung, Stadtteilversammlung, Nachbarschaft,

Bottom-up/Top-down, Venezuela, Gender, Sozialismus

Ricardo Vaz — Selbstverwaltete Communities in VENEZUELA

37


LEONHARD PLANK

FOUNDATIONAL

Economy

Die Infrastruktur des alltäglichen Lebens

Alltagsökonomie, Infrastruktur,

kollektiver Konsum, Wertschöpfung, Finanzialisierung,

Commons, Munizipalismus, De-Growth

Crest Hardware Art Show, 2012

(siehe auch den Artikel Die Nachbarschaft

zusammenschrauben S. 45-52); Foto: Garrett Ziegler

»Paving for Pizza« heißt die marketingtechnisch zweifellos

erfolgreiche Kampagne der seit kurzem weltweit größten Pizza-

Kette Domino’s. Dabei stellen die Pizzabäcker aus Michigan

ausgewählten US-Gemeinden in Aussicht, sich einmalig mit

5.000 US-Dollar an der Reparatur von Schlaglöchern und

anderen Straßenunebenheiten zu beteiligen. Ganz ohne Gegenleistung

geht das freilich nicht: Im Gegenzug müssen die ausgebesserten

Stellen mit dem Logo der Pizza-Kette sowie dem

Spruch »Oh yes we did« versehen werden. Im Gegensatz

zu kreativen Aktionen von BürgerInnen (z.B. Bepflanzung der

Schlaglöcher, Graffiti), die auf das Fehlen regelmäßiger

Instandhaltung von Straßen hinweisen, hat es diese Kampagne

zu nationaler Aufmerksamkeit gebracht. Vermutlich nicht

zuletzt, weil sie exemplarisch die Vorstellungen der Trump-

Administration und ihres Infrastructure Incentives Program verkörpert.

Damit sollen signifikante, private Kapitalströme durch

Public-Private-Partnerships zur Modernisierung der maroden

US-Infrastruktur aktiviert werden.

Aber auch auf dieser Seit des Atlantiks ist im Bereich

der Infrastruktur nicht alles rosig. Dies trifft nicht zuletzt die

kommunale Ebene in Österreich und Deutschland. Am Beispiel

Deutschland lässt sich dies auch grob quantifizieren. Auf Basis

des jüngsten Kommunalpanels 2018 schätzen die Kreditanstalt

für Wiederaufbau (KfW) und das Deutsche Institut für Urbanistik

(Difu) den Investitionsrückstand auf rund 159 Milliarden

Euro. In etwa 48 Milliarden Euro entfallen dabei auf den

Bereich Schulen und Bildungsinfrastruktur. Die notwendigen

Investitionen des Bundes und der Länder (z.B. Breitbandausbau,

Verkehrsinvestitionen für eine Mobilitätswende oder Spitäler)

sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Auch wenn diese

Investitionsrückstände räumlich unterschiedlich stark ausgeprägt

sind, kann festgehalten werden, dass Deutschland insgesamt

von seiner Substanz lebt.

42

dérive N o 73 — NACHBARSCHAFT


SHANNON MATTERN

Die NACHBAR-

SCHAFT

zusammenschrauben

Wie Eisenwarenhandlungen Dinge,

Nachbarschaften und die physische Welt ordnen

Einzelhandel, Alltag,

Nahversorgung, Kommunikation, Nachbarschaftszentrum,

Reparatur, Beratung, DIY

Crest Hardware Art Show, 2012; Foto: Garrett Ziegler

Shannon Mattern — Die NACHBARSCHAFT zusammenschrauben

45


Besprechungen

Freedom, generosity,

pleasure

Elisabeth Haid

Das ArchitektInnenduo Lacaton & Vassal hat

längst internationale Bekanntheit erlangt,

sei es durch ihre (unkonventionellen)

Wohnbauten – vom Einfamilienhaus bis zu

Großwohnsiedlungen –, Kulturbauten wie

das FRAC Nord-Pas de Calais (siehe Abb.)

oder die Adaptierung des Palais de Tokyo

in Paris. In letzterem findet man sich beim

Betreten der Ausstellung inhabiting: pleasure

and luxury for everyone im Innsbrucker

aut wieder: Ein Foto des Innenraums gibt

einen lebhaften, fast maßstabsgetreuen

Eindruck eines der größten Zentren für

zeitgenössische Kunst. Großzügigkeit,

Freiheit und Vergnügen – für das Schaffen

der beiden ArchitektInnen zentrale Begriffe

– treten bereits hier deutlich zutage und

werden greifbar.

Eine Besonderheit des 1999-2001 bzw.

2010-2012 von Lacaton & Vassal adaptierten

Museumsbaus ist die große Freiheit, die

er sowohl BesucherInnen, KünstlerInnen

als auch den ausgestellten Werken zuteil

werden lässt und ihn zu einem Ort der

Begegnung, Diskussion und Aneignung

macht. Dahinter steht die Vision, mit

gezielten, minimalen Eingriffen ein Maximum

an Raum zu bieten, wie auch die

Möglichkeit, die einzelnen Räume flexibel

und unabhängig zu nutzen. »Räumliche

Großzügigkeit ist wesentlich«, schreiben

Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal in

einem Text zur Ausstellung. »Uns geht es

darum, zusätzlichen Raum ohne vorgegebene

Funktion zu schaffen, um eine Vielzahl

von Nutzungen und Aneignungsmöglichkeiten

zu bieten. Dies entspricht unserem

Verständnis von Luxus, den wir im Sinn von

Großzügigkeit, freier Verwendung und

Freude neu definieren.« Ein Prinzip, dem

insbesondere auch in den Wohnbauten von

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal große

Bedeutung zukommt.

FRAC (Regionalfond für zeitgenössische Kunst)

Nird-Pas de Calais, Dunkerque,

2013 – 15 – (c) Courtesy Philippe Ruault

Diese bilden einen zentralen Bestandteil

der Ausstellung. Großformatig projizierte

Innenraumansichten geben Einblick in neun

zwischen 1993 und 2016 realisierte Projekte.

Die Fotografien ermöglichen es, in die

verschiedenen Projekte einzutauchen und

die Wohnräume aus der Perspektive der

Bewohner- und NutzerInnen wahrzunehmen.

Die im Ausstellungsraum platzierten

Möbel laden zum Verweilen ein und wirken

wie Versatzstücke aus den Fotografien.

Zusätzlich werden ebenfalls mittels

Projektionen in Form von (Kurz)Filmen und

Studien weiterführende Informationen

zugänglich gemacht. Da ist zum Beispiel die

Cité Manifeste in Mulhouse. Errichtet wurde

die experimentelle Reihenhaussiedlung

unter der Prämisse, bei gleichbleibenden

Kosten ein Maximum an hochwertigem

(Wohn)Raum zu schaffen. Entstanden sind

14 loft-ähnliche Wohnungen, die nicht

nur aufgrund ihrer Größe (sie weisen fast

das doppelte Raumvolumen des üblichen

Standards im sozialen Wohnbau auf)

das Potenzial der Aneignung und kreativen

Nutzung durch ihre BewohnerInnen in

sich tragen. Durch das »Setzen von

Prioritäten« und die Verwendung einfacher

und kostengünstiger Materialien gelingt es

Lacaton & Vassal »gute Architektur

leistbar zu machen« und hohe (räumliche)

Qualität zu schaffen.

Zu sehen ist auch das Haus Latapie, ein

Einfamilienhaus am Stadtrand von Bordeaux.

Es ist das erste realisierte Projekt der

beiden und nimmt bereits viele der

zentralen Aspekte und Grundzüge ihrer

Arbeit vorweg: Eine Stahlkonstruktion, zum

Garten hin mit durchsichtigem PVC

beplankt, umschließt einen einfachen

hölzernen Kubus, der alle grundlegenden

Funktionen beinhaltet. Sie bildet die

klimatische Hülle aus und definiert zusätzlichen,

flexibel nutzbaren Raum in Form eines

Wintergartens. Je nach Bedarf und

Jahreszeit kann das Gebäude durch Tore,

Fenster und Klappen den Bedürfnissen

der BewohnerInnen angepasst werden. Versatzstücke

und Elemente industrieller

Gewächshausanlagen bilden ein wiederkehrendes

Motiv in den Bauten von Lacaton

& Vassal. Sie ermöglichen es, das Raumklima

zu steuern und gleichzeitig kostengünstig

zusätzlichen Raum zu schaffen.

Eine zentrale Rolle kommt diesen meist frei

programmierbaren Räumen, von der

klimatischen Funktion ähnlich der eines

Wintergarten, auch bei der Transformation

und Erweiterung bestehender Großsiedlungen

zu.

2004 setzen Lacaton & Vassal gemeinsam

mit Frédéric Druot den Plänen der

französischen Regierung, etwa 200.000 in

den 1960er und 1970er Jahren errichtete

Besprechungen

53


Impressum

AutorInnen, InterviewpartnerInnen und KünstlerInnen

dieser Ausgabe: Dario Azzellini, Thomas Ballhausen, Elisabeth

Haid, Ulrike Hamann, Barbara Holub, Sandy Kaltenborn,

Silvester Kreil, Christoph Laimer, Shannon Mattern, Garrett

Dash Nelson, Stepan Nest, Christian Peer, Leonhard Plank,

Paul Rajakovics, Elke Rauth, Lina Streeruwitz, Lorenzo Tripodi,

Herwig Turk, Ricardo Vaz.

Anzeigenleitung & Medienkooperationen

Helga Kusolitsch, anzeigen@derive.at

dériveZeitschrift für Stadtforschung

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

dérive – Verein für Stadtforschung

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Vorstand: Christoph Laimer, Elke Rauth

ISSN 1608-8131

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz

Zweck des Vereines ist die Ermöglichung und Durchführung

von Forschungen und wissenschaftlichen Tätigkeiten zu den

Themen Stadt und Urbanität und allen damit zusammenhängenden

Fragen. Besondere Berücksichtigung finden dabei

inter- und transdisziplinäre Ansätze.

Grundlegende Richtung

dériveZeitschrift für Stadtforschung versteht sich als

interdisziplinäre Plattform zum Thema Stadtforschung.

Redaktion

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Tel.: +43 (01) 946 35 21

E-Mail: mail@derive.at

www.derive.at

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dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von 17.30 bis 18 Uhr

in Wien live auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

Chefredaktion: Christoph Laimer

Redaktion: Thomas Ballhausen, Tina Deschu, Andreas Fogarasi,

Barbara Holub, Michael Klein, Andre Krammer, Silvester Kreil,

Axel Laimer, Iris Meder, Erik Meinharter, Sabina Prudic-Hartl,

Paul Rajakovics, Elke Rauth, Manfred Russo, Jacob Scholz

Website: Christian Klettner, Artistic Bokeh, Simon Repp,

Robert Wildling

Grafische Konzeption & Gestaltung:

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Lithografie: Branko Bily

Coverfoto: Kottbusser Tor Sandy Kaltenborn

Hersteller: Resch Druck, 1150 Wien

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IG Kultur, INURA – International Network for Urban

Research and Action, Recht auf Stadt – Wien.

Die Veröffentlichung von Artikeln aus dérive ist nur mit

Genehmigung des Herausgebers gestattet.

60

dérive N o 73 — NACHBARSCHAFT


»Die Stadtversammlungen

Neuenglands«, schwärmte

Gropius, »bieten ein

gutes Beispiel für ein System

solider demokratischer

Nachbarschaften.«

»Die Stadt, das waren wir«, Garrett Dash Nelson, S. 12

Selbstverwaltung, Demokratie, Alltagsökonomie,

Nahversorgung, Mapping, everyday urbanism, kollektiver Konsum,

Munizipalismus, Kottbusser Tor,

Selbstermächtigung, Venezuela, Neuengland, Commons

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