Nachbarschaft / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 73 (4/2018)

derive

Ist Nachbarschaft mehr als ein räumliches Nebeneinander? Die Beiträge zum dérive-Schwerpunktheft Nachbarschaft (Heft 73, Oktober-Dezember 2018) setzen sich mit der Frage, welche Potenziale und Chancen auf der Ebene der Nachbarschaft für Demokratisierung und Teilhabe, für die Stärkung der StadtbürgerInnenschaft und des sozialen Zusammenhalts sowie für nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Wandel vorhanden sind, auseinander. Welche politischen, wirtschaftlichen und planerischen Strukturen fördern eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen selbstorganisierten Initiativen, Politik und Verwaltung? Welche KomplizInnenschaften lassen sich auf lokaler Ebene schließen, um gemeinsam lebenswerte Stadtteile zu schaffen? Wie kann eine Ökonomie des Alltags aussehen, die lokale Strukturen stärkt, sinnstiftende Tätigkeit befördert und sich am Bedarf der Nachbarschaften orientiert? Welche Räume braucht eine lebendige Zivilgesellschaft? Die inhaltliche Reise geht vom Nordbahnviertel in Wien über das Kottbusser Tor und den Mehringplatz in Berlin, Brooklyn und die Kleinstädte Neuenglands bis zu den Comunas in Venezuela. Das Heft kann hier https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-73 bestellt werden.

INTERVIEW MIT ULRIKE HAMANN UND SANY KALTENBORN

BASISARBEIT

an der DEMOKRATIE

Ihr kämpft seit vielen Jahren als Teil der Initiative Kotti & Co

gegen Mietsteigerung und Verdrängung am Kottbusser Tor.

Was ist der Kotti eigentlich für ein Ort?

Foto — Sandy Kaltenborn

Die Mietergemeinschaft Kotti & Co in Berlin kämpft

seit 2011 für bezahlbare Mieten im sozialen Wohnungsbau

und die Re-Kommunalisierung der Sozialbauten

am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg.

Mit ihrem Gecekondu 1 Protesthäuschen und dem

Slogan I love Kotti ist sie zum Symbol für geeinten

Widerstand und vielstimmigen Protest quer durch

soziale und kulturelle Milieus geworden. dérive hat

mit den MitbegründerInnen Ulrike Hamann und

Sandy Kaltenborn über die Erfahrungen der Initiative,

das Entstehen von Nachbarschaft und die

Selbstermächtigung durch Protest gesprochen.

Sandy Kaltenborn Während die meisten Leute bei Kreuzberg

eher an die Gründerzeitbauten denken, ist das Kottbusser

Tor durch Sozialbauten mit bis zu 12 Stockwerken aus den

1970ern definiert – also einer Gebäudehöhe, die weit über die

klassischen vier Gründerzeit-Etagen hinausgeht. Insgesamt gibt

es hier um die 1.000 Wohnungen, die alle sozialer Wohnungsbau

sind.

Der Kotti ist einer der bekanntesten Orte in Berlin und

über Berlin hinaus – mit einem eher schlechten Ruf. An

diesem Ort, der räumlich durch eine große Kreuzung geprägt

ist, laufen unterschiedliche Stränge zusammen: zum einen

die Geschichte der Migration, sei es Arbeitsmigration oder

Flucht – hier wohnen viele türkische und arabische Leute – und

gleichzeitig ist es ein Ort, der als Tor zur Oranienstraße gelesen

werden kann, einem der ehemaligen Zentren für Sub- und

Gegenkultur. Eine starke Kunst- und Off-Kultur-Szene, die

ihre Wurzeln in den 1970er/80er-Jahren hat, hat diesen Ort

gleichermaßen geprägt. Einstürzende Neubauten oder »Schade,

dass Beton nicht brennt« haben hier ihren Ursprung. Die

Geschichte der HausbesetzerInnenbewegung ist ebenso präsent.

Ein, zwei Straßen weiter stehen ehemals besetzte Häuser.

Das Kottbusser Tor ist also ein Ort der Diversität, hier leben

Leute aus verschiedenen Nationen, hauptsächlich arme Leute,

aber auch zunehmend Menschen aus der Mittelschicht und reichere

Leute. All das macht den Ort interessant.

Ulrike Hamann Das Kottbusser Tor war einer der Ausgangspunkte

für die geplante Umstrukturierung von Kreuzberg.

Der Ort wird heute von sozialem Wohnbau umfasst,

großen Blöcken, die in den 1970ern im Rahmen der sogenannten

Kahlschlagsanierung gebaut wurden. Damals sollte der

gesamte Altbaubestand abgerissen und durch Neubau ersetzt

werden. Kreuzberg lag direkt am Rande West-Berlins knapp

vor der Berliner Mauer, eine Gegend, die dem Abriss preisgegeben

worden war. Es kam dann bekanntermaßen nicht dazu,

weil sich viele gegen den Abriss der Gründerzeithäuser gewehrt

hatten. Die behutsame Stadterneuerung hat hier ihren

Ursprung. An diesem Punkt in den 1960/70ern beginnt auch

die Migrationsgeschichte des Stadtteils, weil die Häuser leer

standen und die VermieterInnen dachten, sie könnten migrantische

Mieter als ZwischennutzerInnen zu überteuerten Mieten

hereinholen, mit dem Kalkül, dass ihnen die MieterInnenrechte

06

dérive N o 73 — NACHBARSCHAFT

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine