Jahrbuch Global Compact Deutschland 2016: Migration und Flucht im Fokus

macondogroup

Über 65 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Hinzu kommen weitere hunderte Millionen, die aus Armut Heim und Familien verlassen müssen. "Das ist eine globale Frage, auf die wir auch globale Antworten finden müssen", schreibt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Grußwort zum neuen Jahrbuch Global Compact Deutschland. Die aktuelle Ausgabe beleuchtet, welche gemeinsamen Anstrengungen hierzulande im vergangenen Jahr von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in der Flüchtlingshilfe unternommen wurden. Gleichzeitig geht es den Motiven und Ursachen von Flucht und Migration in Zeiten der Globalisierung auf den Grund. Weitere zentrale Fragen, denen die Autoren der aktuellen Ausgabe aus verschiedenen Blickwinkeln nachgehen, sind: Welche Rolle spielen künftig die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) bei der Bewältigung dieser globalen Herausforderungen? Und welche Hebel und Mittel besitzen der UN Global Compact und seine nationalen Netzwerke, um Unternehmen bei deren Implementierung und Umsetzung zu unterstützen?

We support

global

Deutschland

compact

Flucht und

Migration

2016


Herausgegeben mit freundlicher Unterstüzung durch:


Grusswort

Ban Ki-moon, UN-Generalsekretär (2007 – 2016)

I have had the privilege of watching closely as the Global Compact has

grown and matured over nearly ten years as Secretary-General.

This is one of the most successful initiatives launched by the United Nations.

Although it was established under my predecessor, Kofi Annan, it has expanded

very significantly during my time in office.

I have visited more than two dozen Local Networks on travels around the world.

I have launched eight issue platforms for companies − many of which are making

an enormous difference in areas including peace and security, climate, gender,

water, and management education.

All these activities reflect my strong faith in the Global Compact.

This concept resonates throughout the United Nations and with companies everywhere:

do business right, take an active role in creating the world we want, and

build partnerships to deliver progress.

Around the world, recognition of these principles has grown over the past decade.

The importance of bringing all stakeholders together … The key role of business

in preventing and mitigating the impact of climate change … The fundamental

relationship between sustainable economic development and human

rights … These ideas are now mainstream.

globalcompact Deutschland 2016

3


Grusswort

„Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich

viel Geld habe, sondern ich habe viel

Geld, weil ich gute Löhne bezahle.“ Diese

Aussage von Robert Bosch klingt banal, aber

die dahinterstehende Idee war lange Zeit

leider keine Selbstverständlichkeit. Wirtschaftliche

Interessen und faire Entlohnung,

Wachstum und Umweltschutz, Globalisierung

und Menschenrechte schienen lange

unvereinbar zu sein.

Dr. Frank-Walter Steinmeier,

Bundesminister des Auswärtigen

Kofi Annan, damals Generalsekretär der

Vereinten Nationen, hatte vor 16 Jahren

eine andere Idee. Als er 1999 die Unternehmensvorstände

in aller Welt dazu aufrief,

sich an universellen Prinzipien auszurichten,

tat er das auch aus der Überzeugung

heraus, dass nachhaltige Entwicklung nicht

durch Grabenkämpfe zwischen Staaten und

Unternehmen, sondern nur durch Frieden,

Gerechtigkeit, Innovation und Partnerschaft

zu erreichen ist.

Heute ist der von Kofi Annan ins Leben gerufene

UN Global Compact die größte Initiative

für unternehmerische Verantwortung

und Nachhaltigkeit. Aus anfänglich 30 Unternehmen

sind über 9.000 geworden. Im

deutschen Global Compact Netzwerk allein

haben sich über 320 Unternehmen den

10 Zielen zu Menschenrechten, Arbeitsnormen,

Umwelt und Klima sowie Korruptions-

4 globalcompact Deutschland 2016


prävention verschrieben. Global Compact

bedeutet national wie international immer

auch, Akteure und Institutionen aus Wissenschaft,

Zivilgesellschaft und dem öffentlichen

Sektor einzubeziehen.

Das Umfeld für verantwortliches Engagement

von Unternehmen ist dabei nicht einfacher

geworden. 65 Millionen Menschen

sind weltweit auf der Flucht vor Krieg und

Gewalt. Das ist eine globale Frage, auf die

wir auch globale Antworten finden müssen.

Das hat die Staatengemeinschaft mit

dem VN-Gipfel zu Flucht und Migration

am 19. September 2016 getan und damit

einen wichtigen Schritt hin zu mehr globaler

Verantwortungsteilung in Flüchtlingskrisen

durch alle Akteure vollzogen. In der New

York Declaration for Refugees and Migrants

haben die Staats- und Regierungschefs den

Privatsektor ausdrücklich eingeladen, an

Multi-Stakeholder-Allianzen zur Umsetzung

dieser Beschlüsse mitzuwirken. Der

UN Global Compact mit seinen nationalen

Netzwerken ist für mich eine solche Allianz.

sich die Weltgemeinschaft zu Nachhaltigkeit

und Transformation bekannt. Die Agenda

ist ein Weltzukunftsvertrag, an dem wir

alle, Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft

und Zivilgesellschaft, unser Handeln

ausrichten sollten.

Der UN Global Compact und sein deutsches

Netzwerk bieten dafür ein hervorragendes

Forum. Unternehmen, Zivilgesellschaft und

Politik können unter dem Dach des Global

Compact die großen Zukunftsaufgaben mit

anpacken. Wenn sich immer mehr Unternehmen

die 10 Prinzipien des Global Compact

zur Richtschnur machen und die Agenda

2030 als Chance betrachten, wird unsere

Welt ein nachhaltigeres, gerechteres und

inklusiveres Gesicht bekommen.

Diese Investition wird

sich für uns alle lohnen.

Inmitten aller Krisen macht mir auch Hoffnung,

dass die Vereinten Nationen im vergangenen

Jahr eine zentrale Richtungsentscheidung

getroffen haben. Mit der Agenda

2030, bei deren Entstehung sich der Global

Compact maßgeblich einbringen konnte, hat

globalcompact Deutschland 2016

5


Inhalt

3

4

10

14

20

24

28

30

Grußworte:

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon (2007 – 2016)

Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier

Flucht und Migration

„Wir fühlen uns lieber schuldig als ohnmächtig“

Interview mit Stephan Grünewald

Wanderung von Waren statt von Menschen

Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker

Migration und Flucht in Zeiten der Globalisierung

Dr. Pedro Morazán und Katharina Mauz

Die Agenda 2030 im Kontext von Migration

Marlehn Thieme

Flüchtlingshilfe von Firmen

Info: Praxisbeispiele

8Flucht und Migration

35

40

42

45

46

48

50

Teilhabe und Integration – Was kann die schulische

Bildung beitragen?

Ina Bömelburg und Katharina Tesmer

Unternehmen und Menschenrechte

Zunehmende Verrechtlichung von

Menschenrechtsaspekten

Laura Curtze

Effiziente Vertragsgestaltung in der Lieferkette

Robert Grabosch

Info: Fünf Maßnahmen der DAX 30-Unternehmen

zur Achtung der Menschenrechte

Isabel Ebert

Schutz der Menschenrechte als Faktor bei

Geschäftsinvestitionen

Dr. Christoph Regierer und Kai M. Beckmann

Unterstützung durch das Deutsche Global Compact

Netzwerk

Konfliktregionen – Potenzial für mehr und besseres

unternehmerisches Engagement

Dr. Melanie Coni-Zimmer

38

Unternehmen und Menschenrechte

114

Die Nachhaltigen Entwicklungsziele

(SDGs)


Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs)

116

Netzwerken zum Wohl von Wirtschaft

und Weltgemeinschaft

122

Der „SDG Compass“ in einer sich

rasant verändernden Welt

121

Interview mit Marcel Engel

Berliner Forum: Auf dem Weg zur Umsetzung der SDGs

126

Info: Praxisbeispiel

Symrise: Umsetzung der SDGs

54

58

60

62

64

66

Good Practice

Die Nachhaltigkeitsmatrix

ABB

Menschenrechte – durch Schulungen schafft ABB

Kompetenz und Verständnis

Audi

Integration von Flüchtlingen: So hilft Audi

Aurubis

Aurubis‘ Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung

BASF

Starting Ventures helfen beim Erreichen der globalen

Entwicklungsziele

Bayer

Intelligente Lösungen für die Landwirtschaft

von morgen

84

86

88

90

92

94

96

E.ON

Gemeinsam gegen Energiearmut

Evonik

Auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft

EY

Integration von Flüchtlingen gemeinsam gestalten

Freudenberg

Integration durch Bildung

gmc²

Durch gelebte Verantwortung unsere Zukunft

gestalten

HOCHTIEF

Baustellen zum Anfassen

HypoVereinsbank

Sprache ist der Schlüssel

68

Bosch

Gelebte Integration

98

K+S

K+S ist Teil der Lösung

70

CEWE

CEWE betreibt Klimaschutz

100

MAN

MAN fährt beim Thema Digitalisierung vorweg

72

CHT / BEZEMA

Langfristig Talente fördern

102

Merck

Glimmer-Lieferkette: Kein Platz für Kinderarbeit

74

76

CiS

CiS: Auf dem Weg in die Zukunft …

Daimler

Systematischer Ansatz zu menschenrechtlicher

Sorgfalt bei Daimler

104

106

Miele

Mit nachhaltigem Personalmanagement auf

Erfolgskurs

Roever Broenner Susat Mazars

Von CSR zu Shared Value

78

DAW

Nachhaltige Farbe. Trend oder Öko-Nische?

108

Tchibo

Wie aus Flüchtlingshilfe Erfolgsgeschichten werden

80

Deutsche Bahn

Digitalisierung ist Hebel zu mehr Nachhaltigkeit

110

TÜV Rheinland

Gemeinsam für die Zukunft: Integration als Chance

82

Deutsche Telekom

Flüchtlingsengagement neu ausgerichtet

112

Weidmüller

Die Mitarbeiter mitnehmen – Arbeit 4.0


Agenda

Migranten und Flüchtlinge sind keine Figuren auf

dem Schachbrett der Menschheit. Papst Franziskus

8 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Flucht

und

Migration

„Die einzige Grenze, die uns trennt, ist

die Menschlichkeit.“ Mit diesen Worten

ermahnte die junge Jesidin und ehemalige

IS-Gefangene Nadia Murad die Staatschefs

beim UN-Flüchtlingsgipfel in New York.

Über 65 Millionen Menschen sind derzeit

weltweit auf der Flucht. Hinzu kommen

weitere hunderte Millionen, die aus Armut

Heim und Familien verlassen müssen.

Flucht und Migration sind Ausdruck von

gescheiterter Staatlichkeit und fehlgeleiteter

Globalisierung. Das schiere Ausmaß hat

auch in unseren westlichen Gesellschaften

eine Demokratie- und Wertediskussion ausgelöst,

deren Ausgang ungewiss ist.

globalcompact Deutschland 2016

9


Agenda

„Wir fühlen uns

lieber schuldig als

ohnmächtig“

Ob nun die geopolitische Lage, die Flüchtlingstragödien oder die Globalisierung und ihre Abkommen

− die Welt, wie sie gerade ist, macht vielen von uns Angst. Angst ist bekanntlich eine

Emotion und entsprechend hitzig verlaufen hierzulande die Diskussionen zu solchen Themen.

Im Gespräch mit dem Psychologen und Bestseller-Autor Stephan Grünewald gehen wir der

Frage nach, was uns das Fürchten lehrt.

Von Dr. Elmer Lenzen

Die Welt wird immer komplizierter, aber die Antwort immer einfacher.

Herr Grünewald, Sie sind von Haus aus Psychologe und können uns

dieses Phänomen bestimmt erklären!

Wir haben einen paradoxen Befund: Deutschland ist als

Exportweltmeister ein Globalisierungsgewinner. Dennoch

haben wir hierzulande große Ängste vor der Globalisierung.

Warum? Weil die Globalisierung, so glaube ich, zu einer

Schimäre und zu einem reinen Platzhalter geworden ist

für all das, was die Menschen als ungerecht, als unfassbar,

als schwer nachvollziehbar betrachten. Wir erleben eine

gesellschaftliche Spaltung, bei der Teile der Bevölkerung das

Gefühl haben, abgehängt zu sein. Sie sehen sich als „Hartzer“,

als Verlierer ohne jede Perspektive. Deutschland hat immer

davon gelebt, dass beim nächsten Wirtschaftswachstum auch

strukturelle Gerechtigkeitsprobleme aufgegriffen werden.

Dieser Glaube an eine bessere Zukunft ist verlorengegangen.

Diese Menschen fühlen sich von den Parteien verraten und

haben das Gefühl, sie werden nicht genügend wertgeschätzt.

Dieses explosive Gebräu entlädt sich derzeit in Hasstiraden

und in Populismus-Sehnsucht. Zu diesem Empfinden tragen

auch „die da oben“ bei: Gesellschaftliche Verlierer erleben seit

Langem nicht mehr die Solidarität der Eliten. Vielmehr empfinden

sie, dass die Eliten hochnäsig von einem überlegenen

moralischen Standpunkt auf sie herabblicken. Wie zeigt sich

das? Indem beispielsweise bestimmte Lebensäußerungen

und Ausdrucksformen wie etwa Alkoholkonsum, Rauchen,

fettes Essen, Süßkonsum, Rezeption von Unterschichten-TV

tabuisiert werden.

Bei der Elitenschelte schwingt also viel Verdruss mit. Immer mehr

Menschen glauben, sie wären die besseren Journalisten oder Politiker

− dabei beherrschen sie nicht einmal den Konjunktiv, beklagt

der Kolumnist Jan Fleischhauer süffisant. Brauchen wir hierzulande

wieder ein Elitebewusstsein?

Eliten zeichnen sich dadurch aus, dass sie etwas für die

Gesellschaft leisten, was andere nicht leisten können. Diese

Leistung muss aber auch erbracht werden: Schauen wir aber

beispielsweise auf die Bankenkrise, dann muss man sagen,

dass die Finanzeliten die Entwicklungen falsch eingeschätzt

oder sich zum Teil schlichtweg verzockt haben. Trotzdem

bekommen sie große Boni. Das ist für viele Leute nicht vermittelbar.

Der Kern des Eliten-Argwohns lautet also: „Die

bringen ihre Leistung nicht“. Dennoch lassen sie sich in ihren

eigenen Kreisen feiern. Die US-Präsidentenwahl von Trump

ist im Grunde genommen der Denkzettel dafür. Nach dem

Motto: Jetzt kriegt ihr mal mit, was ihr alles übersehen habt.

10 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Populisten wie Trump arbeiten sich ja durchaus erfolgreich am Konzept

der „political correctness“ ab. Andreas Rödder, Historiker der Universität

Mainz, beklagt, wir seien das selbst schuld: Wir hätten Themen

wie Diversität, Antidiskriminierung, Gleichstellung etc. in den letzten

Jahren derart ideologisch überhöht, dass es schon Züge einer repressiven

Toleranz angenommen habe. Ist an dem Gedanken etwas dran?

Ich würde es anders formulieren. Es ist eine mehrfache Kränkung

in der Gesellschaft. Die Kränkung, dass die Prosperität

an manchen vorbeigeht und die Schere zwischen Arm und

Reich immer größer wird. Dann die Kränkung, dass einige sich

nicht wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen, sondern im

Gegenteil, dass das, was ihnen lieb und wichtig ist, tabuisiert

wird. Das spitzt sich in der Flüchtlingsthematik noch weiter

zu, wenn das Gefühl aufkommt, dass „der Syrer“ mehr zählt

als „der Sachse“. Die Kränkung und das Gefühl, nicht wertgeschätzt

zu werden, führen zu Verbitterung und zu Eifersucht.

Erleben wir mit dem Populismus jetzt die „Rückabwicklung“ der

Globalisierung? Ist das die Konsequenz aus der von Ihnen beschriebenen

Kränkung?

Was ich beschreiben möchte, ist eine Gerechtigkeitsproblematik,

ein Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden, sowie eine

Zur Person

Stephan Grünewald ist ein deutscher Psychologe und Geschäftsführer

des Markt- und Medienforschungs-Instituts rheingold.

Er ist Autor von Bestsellern wie „Deutschland auf der Couch“

sowie „Die erschöpfte Gesellschaft“. „Der Psychologe der Nation“

(Frankfurter Allgemeine Zeitung) führt am rheingold Institut

jedes Jahr mehr als 5.000 Tiefeninterviews zu aktuellen Fragen

aus Markt, Medien und Gesellschaft durch.

Eifersuchtsproblematik, wieso andere hofiert und bevorzugt

werden und ich nicht. Frau Merkel hat das jahrelang kongenial

gelöst, indem sie den Menschen vermittelt hat: „Ihr könnt mir

vertrauen. Ich steuere euch nicht in eine ungewisse Zukunft.“

Wir haben vor zwei, drei Jahren in Forschungsinterviews

immer wieder gespiegelt bekommen, dass viele das Gefühl

haben, Deutschland ist eines der letzten Paradiese und wir

sind umbrandet von ungeheuer vielen Krisenherden. Wenn

wir in die Zukunft blicken, haben wir das Gefühl, es wird nicht

besser, sondern es kann nur schlimmer werden. Das führte

dazu, dass wir an eine permanente Gegenwart glauben, >>

globalcompact Deutschland 2016

11


und Angela Merkel ist die Sachwalterin, weil sie den Menschen

sinngemäß sagt: „Ich fahre auf Sicht, ich führe euch nicht in

etwas Ungewisses, sondern ich garantiere, dass alles so bleibt,

wie es ist.“ Unmut dagegen hat sich nur an den Rändern der

Gesellschaft artikuliert. Zu einer Wellenbewegung wurde das

erst im letzten Jahr, als auch die gesellschaftliche Mitte von

der Verunsicherung erfasst wurde. Und dann brachen auch

sehr schnell bestimmte Kultiviertheitsstandards, nach dem

Motto: Jetzt darf es mal alles ausgesprochen werden. Damit

wurde nicht nur der inhaltliche Radius erweitert, sondern

auch die Affektwucht, mit der Debatten ausgetragen wurden.

Das traditionelle Grundversprechen ist ja, dass unsere Kinder es

einmal besser haben sollen. Das ist heute längst nicht mehr ausgemacht.

Können Sie die Angst der Eltern verstehen?

Die Menschen spüren die kippelige Weltsituation. Bernd

Ulrich hatte letztes Jahr ein Buch geschrieben, in dem er

Gespräche mit Politikern beschreibt, in denen sie ratlos sind

und angesichts der globalen Konfliktverwerfungen auch nicht

weiterwissen. Ich habe das mal mit dem Bild beschrieben,

dass Deutschland eine „Goretex-Republik“ ist: Das Gute aus

Deutschland dringt weiterhin nach außen, es macht uns

beispielsweise zum Export- und zum Reiseweltmeister, aber

das Krisenhafte bleibt außen vor. Was wir dann in 2015 erlebt

haben, war die Umkehrung dieser Semipermeabilität. Auf

einmal strömte es von außen scheinbar ungehindert rein, und

von innen kamen auch nur noch der VW-Abgas-Skandal oder

der Deutsche-Bank-Skandal heraus.

Die „Raute“ von Angela Merkel war immer auch ein Sinnbild

für eine fürsorgliche Umgrenzung der Republik. Damit

hat sie signalisiert: Ich lasse nichts an euch heran. In dem

Moment aber, als sie stattdessen die Arme ausgebreitet hat,

ist sie von der Befürworterin der permanenten Gegenwart

zum internationalen Willkommensengel geworden, der uns

in eine ungewisse Zukunft schickt. Da bekommt die lange

schwelende Eifersuchtsproblematik eine ganz neue Dynamik

und mündet in der tiefenpsychologischen Frage: Wen liebt

die Mutter eigentlich? Die eigenen Kinder oder die fremden

Kinder? In einer Studie, die wir Anfang des Jahres über Ängste

rund um die Flüchtlingspolitik gemacht haben, haben sehr

viele Befragte geantwortet: Die liebt die fremden Kinder mehr.

Die riskiert dafür ihr eigenes politisches Schicksal. Warum?

Mit dieser Kränkung kommen dann auch Ängste auf: Viele

von uns leben mit der Mentalität einer saturierten Vollkasko-

Gesellschaft, die jetzt auf Menschen trifft, die todesmutig sind,

die auf der Flucht jedes Risiko in Kauf genommen haben,

um sich eine bessere Zukunft aufzubauen. An dieser Stelle

beschleicht manche das Gefühl, da kommt eine Power ins

Land, die uns überlegen ist. Das ist der psychologische Grund,

warum ein Land mit einer ungeheuren Leistungsbilanz nicht

das Gefühl hat, wir schaffen das, sondern auf einmal die Angst

hat, die schaffen uns.

Und nun?

Globalisierung gilt für viele nicht mehr als Zukunftsoption,

und auch auf ein Modell der permanenten Gegenwart können

12 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Globalisierung gilt für viele nicht mehr als

Zukunftsoption, und auch auf ein Modell der

permanenten Gegenwart können wir uns nicht

mehr verlassen, also suchen wir unser Heil in der

Rolle rückwärts. Wir versuchen, Verhältnisse zu

restaurieren − das Amerika der Sechzigerjahre,

Deutschland vor der Wende.

wir uns nicht mehr verlassen, also suchen wir unser Heil in

der Rolle rückwärts. Wir versuchen, Verhältnisse zu restaurieren

− das Amerika der Sechzigerjahre, Deutschland vor

der Wende etc. Wir versuchen damit, Kindheitserinnerungen

wiederzubeleben. Der Psychologe würde sagen, wir regredieren

auf einfache Muster.

Aus Angst wird irgendwann immer Wut, und Wut ist per se ungezügelt.

Sie haben in einem früheren Interview den Umgang mit

Migranten und Flüchtlingen provokativ mit der mittelalterlichen

Hexenverfolgung verglichen. Was meinen Sie damit?

Das ist zum Teil vereinfacht aufgegriffen worden. Ich habe

mich nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern gefragt, wie

es kommt, dass die Angst vor Flüchtlingen in Regionen größer

ist, die kaum mit Flüchtlingen Kontakt haben. Die Flüchtlinge

werden hier zu einer Projektionsfläche für all die Probleme, die

manche Menschen haben, und ein Projektionsmechanismus

funktioniert dann am besten, wenn er nicht durch Realitätserfahrungen

korrigiert wird. Ich kann also das Gefühl, die

Flüchtlinge sind schuld an allem, nur aufrechterhalten, wenn

ich nicht mit ihnen in Kontakt komme.

Das Problem mit Ängsten, und dazu zählen eben auch die

Globalisierungsängste, ist, dass sie zunächst etwas Unfassbares

umschreiben. Es gibt eine Tendenz im Seelischen damit umzugehen,

indem man es fassbar macht. Darum kommt es zu diesen

Projektionen. Im Mittelalter gab es die großen Seuchen, und

überall starben die Menschen, ohne dass man damals wusste,

woran dies lag, weil man Viren und Bakterien noch gar nicht

kannte. Also hat man stattdessen angefangen, Juden, Hexen

oder wen auch immer damit in Zusammenhang zu bringen.

Dann hat die Angst ein Gesicht und man kann dagegen angehen.

Auch wenn man weiß, dass es Unschuldige trifft?

Ja, auch dann. Unsere seelischen Mechanismen sind so, dass

wir uns lieber schuldig als ohnmächtig fühlen. Noch besser

ist es, einen Schuldigen zu finden, dann können wir nämlich

Macht an den Tag legen.

Aber dann müssen wir dem Angstgefühl ein anderes Bild, einen

besseren Gesellschaftsentwurf entgegenstellen!

Richtig. Wir brauchen ein positives Bild. Deutschland ist

mehr als nur das vergangene Bild der Dichter und Denker

und des Erfindungsgeistes. Wir brauchen neue, zeitgemäße

und übergreifende Mythen und Bilder, um das Gefühl zu

vermitteln, ja, das ist deutsch.

Die zweite Aufgabe ist, dass es uns wieder gelingen muss,

die Sprachlosigkeit zu überwinden. Wir müssen vermitteln,

dass wir noch in der Lage sind, den Staat umzubauen. Sonst

gewinnt das Gefühl überhand, dass harsche Systemkorrekturen

notwendig sind. Dann glauben die Leute, man braucht einen

Zertrümmerer wie Trump, um etwas zu bewegen.

Vielen Dank für das Gespräch!

globalcompact Deutschland 2016

13


Agenda

Wanderung von

Waren statt von

Der dominante Grund für transnationale Wanderungen ist die Not. Die Menschen verlassen

die Heimat, wo Hunger oder Bürgerkrieg herrschen. Sie streben dorthin, wo sie diesen Gefahren

für die eigene Existenz entrinnen können. Die heutige Flüchtlingsbewegung nach Europa ist

hier keine Ausnahme.

Von Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker

14 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Die Flucht aus dem Süden in das warme Nest des Nordens

Menschen

Das Sehnsuchtsziel der Flüchtlinge und sonstigen Auswanderer

aus den armen Ländern (aus dem „Süden“) sind die reichen

Länder („der Norden“), in denen Wohlstand herrscht, in denen

man hoffen kann, Arbeit zu finden, mit deren Lohn man sich

und seine Familie ernähren kann, in denen es mannigfache

soziale Absicherungen gibt, wie sie der Sozialstaat europäischen

oder nordamerikanischen Zuschnitts zur Verfügung stellt.

Ich werde im Folgenden zur vereinfachten Darstellung von

den beiden Globalregionen „Norden“ und „Süden“ sprechen.

Es lohnt sich kurz zu rekapitulieren, welche Institutionen es

sind, die das Erfolgsmodell des Nordens ermöglicht haben. Es

handelt sich um die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft,

wie sie sich im Verlauf der letzten 250 Jahre entwickelt haben,

die „große Transformation“ (Karl Polanyi): ein Rechtsstaat, der

Rechtssicherheit und die Gleichheit vor dem Gesetz gewährt;

das Gewaltmonopol des Staates, das Bürgerkrieg verhindert;

die Gewaltenteilung, die Demokratie und individuelle Freiheit

ermöglicht; eine wettbewerblich verfasste Marktwirtschaft,

die in diesem staatlichen Rahmen Anreize für Effizienz und

materiellen Fortschritt schafft; Freiheit der Wissenschaft, die

neues, nützliches Wissen generiert; Meinungsfreiheit und Mehrheitsprinzip,

die für gewaltfreie Formen des Machtwechsels

und somit für gesellschaftliche Integration der meisten Bürger

sorgen; ein Sozialstaat, der bei allen Bürgern ein Interesse an

der Stabilität der öffentlichen Zustände generiert: „Die Rente

ist sicher“ (Norbert Blüm).

Die Antwort: Global-Soziale Marktwirtschaft

Ein ungehemmter Zustrom von Menschen aus dem Süden in

den Norden würde das Erfolgsmodell des Nordens zerstören.

Es muss daher im Interesse des Nordens liegen, viel dafür zu

tun, dass sich die große Diskrepanz in den Lebensbedingungen

zwischen Norden und Süden vermindert. Der Norden

steht vor der großen Aufgabe, die Soziale Marktwirtschaft zu

globalisieren. Wenn er seine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung

retten will, muss er sie zu einer Global-Sozialen

Marktwirtschaft ausbauen.

Ungefähr in der Mitte des 21. Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung

die 10-Milliarden-Grenze überschreiten. Im

Vergleich zu heute vermehrt sie sich damit innerhalb weniger

Jahrzehnte um ein Drittel. Dieses Wachstum geht vor allem

in den Ländern der Dritten Welt vor sich. Es stellt diese Länder

vor große Herausforderungen. Dazu kommt: Je ärmer

ein Land ist, desto schneller wächst seine Bevölkerung. Die

Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Hunger und Bürgerkrieg

in vielen dieser Länder zunehmen werden. Die Ursachen für

transnationale Wanderungen werden voraussichtlich stärker

werden. Dann werden sich die Flüchtlingsströme verstärken;

es sei denn, dass die reichen Länder kräftig darauf hinarbeiten,

diesen Ursachen zu begegnen.

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Angus Deaton hat in seinem

Buch „The Great Escape“ eine genauere Analyse der institutionellen

Dynamik vorgelegt, die dem Norden im Verlauf von

zwei Jahrhunderten diese „Flucht aus der Not“ ermöglicht hat.

Ich verstehe den Prozess der Globalisierung als ganz wesentlich

getrieben von dem Versuch der Menschen aus dem Süden,

die Erfolgsgeschichte des Nordens nachzumachen. Wenn

das Ziel die Global-Soziale Marktwirtschaft ist, dann bleibt

gar nichts anderes übrig, als diesen allgemeinen Prozess der

Globalisierung weiter laufen zu lassen, ja ihn, wenn möglich,

zu beschleunigen.

Damit die Dritte Welt vorankommt in Richtung auf das Ziel,

Teil einer weltweiten Sozialen Marktwirtschaft zu werden, muss

sie die Kultur der erfolgreichen Marktwirtschaft erlernen. Das

geschieht keinesfalls durch Kapital-Entwicklungshilfe >>

globalcompact Deutschland 2016

15


Agenda

seitens des Nordens. Diese war in der Vergangenheit schon

kein Erfolg. Und sie wird es in der Zukunft nicht werden

können. Denn durch die Kapitalentwicklungshilfe werden

in aller Regel die falschen Anreize gesetzt: Je ärmer man ist,

desto mehr „Anrecht“ hat man auf diese Entwicklungshilfe.

Sie wirkt damit wie eine Bremse für effizientes Wirtschaften

oder, anders ausgedrückt, wie eine Belohnung von Verschwendung

und eines Beibehaltens der Machtverhältnisse, die dem

Wohlstandswachstum der Gesamtbevölkerung entgegenstehen.

Sinnvoll kann eine Kapitalentwicklungshilfe dann sein, wenn

sie sich auf ganz bestimmte Projekte, z.B. Infrastrukturprojekte,

bezieht, die dem wirtschaftlichen Wachstum des Empfängerlandes

förderlich sind. Derartige Hilfe besteht meist aus Darlehen,

die aus den direkten oder indirekten Erträgen des Projekts

bedient werden können. Sie tragen daher zur Disziplinierung

des Wirtschaftens im Empfängerland bei. Die Weltbank hat

hier als Kapitalgeber einen großen Erfahrungsschatz gesammelt.

Lernen vom Norden durch Export in den Norden

Aber der wichtigste Lernprozess des volkswirtschaftlich erfolgreichen

Wirtschaftens ist der Warenexport des Südens in

den Norden. Indem Länder des Südens mithilfe ihrer Waren

und Dienstleistungen Bedürfnisse ihrer Abnehmer im Norden

bedienen, stehen sie Kunden gegenüber, die Teil einer erfolgreichen

Wirtschaftskultur sind. Damit sie bei diesen Kunden

reüssieren, müssen sie sich deren Usancen und derernKultur

annähern. Sie lernen, dass man Absatz in den Ländern der

reichen Welt nicht durch Bestechung des Einkäufers des

Kunden generiert, sondern durch das Angebot guter Ware zu

konkurrenzfähigen Preisen und mit pünktlicher Lieferung.

Sie lernen damit die Kaufmannstugenden der modernen Welt.

Je mehr ein Land des Südens Waren in den Norden exportieren

kann, desto schneller passt sich seine Kultur, passen sich seine

Institutionen denjenigen des Nordens an, desto erfolgreicher

ist es beim Wachstum des heimischen Wohlstands.

Paradebeispiele dieser Lehre bieten einige ostasiatische Staaten

wie Japan, Südkorea, Taiwan, Malaysia, Thailand und vor allem

auch die Volksrepublik China. Der rasante Wachstumsprozess

dieses Riesenlandes im Verlauf der letzten 35 Jahre ist eines

der erstaunlichsten Phänomene der Weltgeschichte. Im Jahre

1980 lebten noch drei Viertel der Bürger Chinas unter der

absoluten Armutsgrenze. Heute gibt es bei den Han-Chinesen

wohl niemand mehr, der mit weniger als einem Dollar pro Tag

und pro Kopf auskommen muss. China ist heute der größte

Verbraucher fossiler Energien, der größte Pkw-Hersteller

der Welt, das Land mit den weitaus meisten Ingenieuren. Es

ist auch militärisch so stark, dass man es angesichts seiner

wirtschaftlichen und rüstungsmäßigen Potenz als eine zweite

Weltmacht neben den USA bezeichnen kann.

In unserem Zusammenhang ist nun interessant, dass dieser

stürmische chinesische Wachstumsprozess nicht etwa durch

Kapitalhilfe der übrigen Welt zustande gekommen ist, sondern

im Gegenteil − durch hohe Exportüberschüsse. China hat

16 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

seit den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts regelmäßig

wertmäßig weit mehr exportiert als importiert. Das bedeutet

zugleich, dass China im Saldo Kapital exportiert und nicht

importiert hat. Die Zentralbank der Volksrepublik China ist

der weitaus größte Eigentümer US-amerikanischer Staatsanleihen.

Man kann sagen: China ist der wichtigste Finanzier der

Haushaltsdefizite des US-amerikanischen Bundesstaates. Oder

auch: China ist der bedeutendste Finanzier des chronischen

US-amerikanischen Importüberschusses, bedeutender als die

reichen Ölstaaten vom persischen Golf.

Heute können wir China zusammen mit den OECD-Ländern

zum „Norden“ zählen. Auch seine Demografie ist der europäischer

Staaten oder Japans ähnlicher als dem typischen Land

aus dem Süden. Und so entsteht innerhalb dieses so abgegrenzten

Nordens die scheinbar paradoxe Situation, dass das

ärmste Mitglied, also China, dem reichsten und mächtigsten

Mitglied, also den USA, viel Geld schickt; und das mit dem

größten Vergnügen.

Diese scheinbare Paradoxie löst sich auf, wenn man daran

denkt, dass es genau der Export von Waren ist, der es China

ermöglicht hat, den Vorsprung des Nordens stark zu verringern,

wesentlich schneller wirtschaftlich zu wachsen als die

Mitglieder des Clubs der Reichen. Es ist der Export, der die

Transformation Chinas von einem rückständigen Reich der

Kulturrevolution zu einem äußerst potenten Industriestaat

bewirkt hat. Durch ihn vor allem sind die dafür notwendigen

sozialen Lernprozesse in Gang gekommen. Nach der fatalen

ersten Kulturrevolution Mao Tse Dungs sind wir nun Zeuge

eines ganz anderen Kulturwandels, der, gestreckt über ein

halbes Jahrhundert, dem chinesischen Volk die Erfolgsgeheimisse

der europäischen Moderne beschert. Im Zeitraffer

vollzieht China hier nach, wozu Europa und Nordamerika

zwei Jahrhunderte gebraucht haben. Dieser Prozess ist in

China noch keineswegs abgeschlossen. Und man kann nicht

ausschließen, dass er immer noch scheitert oder doch noch

einmal zurückgeworfen wird. Auch die Modernisierung eines

Landes wie Deutschland ist in den letzten zwei Jahrhunderten

nicht geradlinig verlaufen. Man denke nur an das „Dritte Reich“.

Bewegung. Der Wahlkampf eines Donald Trump zentriert

sich bei den Sachthemen genau um das Versprechen, die an

Mexiko und China verlorenen Arbeitsplätze zurück in die

USA zu holen. Die Volksabstimmung, die zum Brexit führte,

war sehr stark durch protektionistische Emotionen geprägt.

Es besteht gar kein Zweifel, dass im Norden einzelne Branchen

durch die ost- und süd-ost-asiatische oder auch mexikanische

Industrie-Konkurrenz massiv Arbeitsplätze eingebüßt haben.

Davon sind zum Teil auch ganze Regionen betroffen. Die Globalisierung

mag auch dazu beigetragen haben, dass einfache

Arbeit in den Ländern des Nordens schlechter entlohnt wird

als sie ohne den Ausbau des internationalen Handels bezahlt

worden wäre. Die Einkommensverteilung mag innerhalb der

Staaten des Nordens wegen dieser Globalisierung ungleicher

geworden sein. Diese Aussage gilt jedoch nur für die „Primärverteilung“

der Einkommen, während sie nach Berücksichtigung

der staatlichen Umverteilung zumindest in den europäischen

Ländern nicht ungleicher geworden ist.

Insgesamt war jedenfalls dieser Globalisierungsprozess ein

großer Erfolg für die Volkswirtschaften des Nordens. Länder

wie Deutschland, die USA, Japan, die Schweiz, Schweden,

Kanada haben ihr Sozialprodukt globalisierungsbedingt stark

steigern können. Das liegt einerseits daran, dass die Schwellenländer

kraft ihres Wachstums zu wichtigen Abnehmern

von Hochqualitätsgütern wurden. Dazu gehören die Produkte

des Silicon Valley, der pharmazeutischen Industrie, des gehobenen

Maschinen- und Anlagenbaus, des gehobenen >>

Die Vor- und Nachteile für den Norden

Die Transformation Chinas und überhaupt Ostasiens in die

Moderne ist im Abendland mit gemischten Gefühlen aufgenommen

worden. Neben der Genugtuung über den daran

erneut sichtbar werdenden Erfolg des eigenen Modells, neben

auch der Sympathie darüber, dass hier ein Teil der Menschheit

die bittere Not hinter sich gelassen hat, gibt es eine markante

Konkurrenzangst. Diese ist kein neues Phänomen. Schon Kaiser

Wilhelm II sprach von der „Gelben Gefahr“. Aber richtig

handgreiflich wurde sie erst in den letzten Jahrzehnten. In

den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren des zwanzigsten

Jahrhunderts war es die Japan-Phobie, die einen wichtigen

Platz im öffentlichen Diskurs erhielt. Doch seitdem ist es die

steigende Konkurrenzangst vor China, die ein Dauerthema der

öffentlichen Debatte ist. Sie führt, wie gerade jüngste Ereignisse

zeigen, zu einer stärker werdenden protektionistischen

globalcompact Deutschland 2016

17


Agenda

Automobilbaus, der Versicherungswirtschaft, partiell des

Gesundheitswesens, der Vermögensverwaltung und anderer

Branchen mehr.

Darüber hinaus haben alle Länder des Nordens davon profitiert,

dass die Schwellenländer zahlreiche Produkte sehr preiswert

produzieren konnten. Das Faktum, dass man in Deutschland

als Sozialhilfeempfänger nicht an der Kleidung erkannt werden

kann, verdankt man den günstigen Bekleidungsimporten aus

China oder Bangladesch.

Die Wirkung des Kapitalexports aus dem Süden in den

Norden

Schließlich ist der Wohlfahrtsgewinn nicht zu unterschätzen,

der dem Norden dadurch zufiel, dass er im großen Stil Kapital

aus China und anderen Schwellenländern zu günstigen Konditionen

importieren konnte. Die Wohnungsversorgung in der

reichen Welt hat sehr davon profitiert, dass die Kreditzinsen

wesentlich niedriger liegen als früher. Und dies ist nicht zuletzt

Folge davon, dass die Bewohner Chinas heute im großen Stil

sparen und ihre Sachwalter auf dem Weltkapitalmarkt nach

Anlagemöglichkeiten dieser Ersparnisse suchen. Die „Sparschwemme“,

die wir seit einiger Zeit konstatieren können,

rührt nicht zuletzt auch daher.

Natürlich ging dieser Globalisierungsprozess nicht reibungslos

vonstatten. Immer wieder entstanden Krisen, die schließlich

in der weltweiten Finanzkrise seit 2008 kulminierten.

Hier ist nicht der Ort für eine genaue Ursachenanalyse der

Finanzkrise. Nur so viel: sie ist in ihrer Schwere und Länge

ganz wesentlich dadurch erklärbar, dass die meisten Köpfe

die Bewegungsgesetze dieses Globalisierungsprozesses noch

nicht erfasst haben. Daher tut man sich zum Beispiel auch so

schwer mit dem fortdauernden Nullzinsphänomen, das ich

primär als durchaus positiv zu beurteilende Begleiterscheinung

der Globalisierung und ihrer demografischen Folgen

interpretiere. Als Kontrast denke man nur an den hypothetischen

Fall, dass Chinas Bevölkerung aus Armutsgründen

so wachsen würde wie die Afrikas. Die daraus resultierende

Entwicklung für die Weltbevölkerung wäre katastrophal für

die Stabilität des Erfolgsmodells des Nordens. Aber je mehr

Länder den demografischen Übergang („demographic transition“),

wie jetzt China, beendet haben, desto stärker wird

die „Sparschwemme“ werden. Es wird also gerade der Erfolg

des Globalisierungsprozesses mitsamt seinen demografischen

Wirkungen sein, der zu niedrigen Zinsen führt, mit denen

der Finanzsektor und die gesamtwirtschaftliche Steuerung

fertig werden müssen.

Der Handel als die Schule der Moderne

Wenn China und überhaupt Ostasien als Vorbild dienen können,

dann sollte die „Leistung“ des Nordens für den Süden darin

bestehen, dass man die Süd-Exporte von Industriewaren und

Dienstleistungen bewusst fördert, dass man diesen Export als

Schule der Moderne kräftiger macht, um so den Wanderungsdruck

aus dem Süden in den Norden abzubauen. Die Waren

sollen wandern, nicht die Menschen.

Diese Schule der Moderne kann insbesondere durch zwei

Maßnahmen des Nordens gedeihen. Erstens: Abbau von Handelshemmnissen

für Waren, die im Süden hergestellt und im

Norden verbraucht werden. Zweitens: ein für den Export aus

dem Süden günstiger Wechselkurs zwischen der „Währung“

des Nordens und der des Südens. Eine derartige Politik des

Nordens kann und sollte im Süden zu einem Überschuss der

wertmäßigen Exporte über den wertmäßigen Importen führen.

Denen steht spiegelbildlich im Norden ein Überschuss

der wertmäßigen Importe über den wertmäßigen Exporten

gegenüber. Indem der Norden sich großzügig als Absatzgebiet

für südliche Waren und Dienstleistungen zur Verfügung stellt,

schafft er indirekt Arbeitsplätze im Süden, trägt er zur Prosperität

im Süden bei. Das ist die für den Süden selbst voreilhafte

Wanderungsbremse. Diese aber muss vital im Interesse des

Nordens sein, wenn er seine materiell so erfolgreiche Kultur

aufrechterhalten will.

18 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

In diesem kurzen Abriss kann ich auf Details nicht eingehen.

Es kommt mir hier auf den Grundgedanken an. Nicht die

Kapitalentwicklungshilfe des Nordens ist der richtige Weg,

sondern quasi sein Gegenteil: die Öffnung der Märkte des

Nordens für den Süden, der damit seinen Vorteil niedriger

Löhne ausspielen kann und im Verlauf die Erfolgskultur des

Nordens von seinen nördlichen Kunden lernt.

Wie schon im Falle Chinas oben gezeigt, würde der Norden von

einem solchen Politikwechsel profitieren, selbst wenn man den

Effekt der Wanderungsbremse nicht in Rechnung stellt: zwar

würden in einigen Branchen Arbeitsplätze wegfallen; jedoch

würden andere entstehen, solange der Norden durch eine geeignete

Globalsteuerung“ dafür sorgt, dass Vollbeschäftigung

bestehen bleibt. Der mit dem Importüberschuss einhergehende

Kapitalimport aus dem Süden hätte einen zins-senkenden Effekt

auf dem Kapitalmarkt. Sofern die Zinsen nicht weiter sinken

können, weil sie schon bei null angekommen sind, kann sich

der Staat quasi kostenlos zusätzlich verschulden, um auf diese

Weise der Sparschwemme entgegen zu wirken und durch seine

schuldenfinanzierte Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen

für Vollbeschäftigung zu sorgen. Diese Staatsverschuldung

ist kostenlos, weil der Fiskus auf seine Staatsschulden keine

Zinsen zahlen muss, da ja voraussetzungsgemäß die Kapitalmarktzinsen

bei null liegen. Die Steuern können bei gegebenen

Staatsausgaben gesenkt werden, weil der Staat einen Teil der

Steuereinnahmen durch fortdauernde Nettoneuverschuldung

ersetzen kann. Diese Nettoneuverschuldung zum Zins null

dient somit einerseits dazu, den Wohlstandsgewinn des Nordens

aus einer solchen Politik durch Aufrechterhaltung der

Vollbeschäftigung Realität werden zu lassen; er dient andererseits

dazu, dem aus dem Süden hereinfließenden Kapital eine

Anlagemöglichkeit zu schaffen.

Der wichtigste Grund für diesen Politikschwenk ist allerdings

die damit einhergehende Beschleunigung des Wachstums im

Süden − mit der für den Norden bedeutsamen Einrichtung

einer Wanderungsbremse, soweit es die Wanderung vom

Süden in den Norden betrifft.

Natürlich sind nicht alle Staaten des Südens in gleicher Weise

darauf vorbereitet, auf den Märkten des Nordens konkurrenzfähig

zu sein. Einige Länder wie zum Beispiel Indien, Bangladesch,

Brasilien, Mexiko, Vietnam, Ägypten mögen in der Lage sein,

von den geöffneten Toren des Nordens gewinnbringenden

Gebrauch zu machen. Andere Staaten, geplagt von Bürgerkrieg

oder völlig rückständigen Machteliten, mögen hier im

Vergleich weiter zurückfallen. Das aber ist kein Einwand gegen

eine solche Politik. Im Gegenteil, je zahlreicher die Beispiele

erfolgreicher Nutzung eines freien Marktzugangs sind, desto

stärker werden auch in den rückständigen Ländern die Kräfte

werden, die auf Reform im Interesse höherer Konkurrenzfähigkeit

drängen. Erfolg wirkt ansteckend.

Zur Person

Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker ist Fachmann für theoretische

Fragen der Volkswirtschaftslehre, der Wettbewerbsund

Energiepolitik. Seit seiner Emeritierung 2003 ist er Senior

Research Fellow am interdisziplinär ausgerichteten Max-Planck-

Institut zur Erforschung der Gemeinschaftsgüter in Bonn.

globalcompact Deutschland 2016

19


Agenda

Migration und Flucht

in Zeiten der Globalisierung

Gegenwärtig versucht die Politik immer intensiver, eine klare Grenze zwischen „Flüchtling“ (auf

der Suche nach Schutz) und „Migrant“ (auf der Suche nach sozio-ökonomischer Verbesserung) zu

ziehen. In der Praxis ist eine Trennungslinie aber alles andere als klar.

20 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Von Dr. Pedro Morazán und Katharina Mauz

In der gesellschaftlichen Debatte wird von Migration sehr

häufig als „Problem“ gesprochen, das schnell politisch gelöst

werden müsse. Reflexartig wird für strengere Grenzkontrollen

und gar für eine Sicherung bzw. Schließung von Grenzen

plädiert − wenn nötig auch mit „Schießbefehl“. Übersehen

wird allerdings, dass Migration Teil eines breiteren und weltweiten

Prozesses von Entwicklung, Globalisierung und sozialer

Transformation ist, welcher die Menschheit seit Jahrhunderten

begleitet und auch künftig begleiten wird.

Die Ursachen von Migration und Mobilität sind nicht eindimensional.

Es wäre zu kurz gegriffen, Armut oder Globalisierung

als die einzigen Migrationsursachen zu betrachten. Es

gibt Umstände in den Herkunftsländern, die Auswanderung

auslösen − sogenannte Abstoßkräfte (push factors). Dazu gehören

ethnische oder religiöse Diskriminierung ebenso wie

schlechte Arbeitsbedingungen und Armut. Das allein erklärt

aber nicht die Entscheidungen der Menschen auszuwandern.

Anziehungskräfte der Zielländer (pull factors), wie höhere Löhne,

Bedarf an saisonalen Arbeitskräften in der Landwirtschaft oder

im Pflegebereich sowie an hochqualifizierten Fachkräften im

IT-Bereich, beeinflussen ebenfalls die Migration.

Migration ist nicht gleich Migration

Das Zusammenwirken verschiedener Faktoren wie Wohlstand,

geographische Nachbarschaft, Transportverbesserungen oder

plötzliche Ereignisse schaffen die Bedingungen und das Umfeld,

in dem Menschen die Entscheidung zwischen Gehen

oder Bleiben treffen − dies sind die Motive oder Ursachen der

Migration. Insgesamt sechs Tendenzen der Migration werden

in der Migrationsforschung identifiziert:

• Erstens die Globalisierung der Migration, d. h. immer mehr

Länder weltweit sind von der Migration betroffen.

• Zweitens der Richtungswechsel der Migrationsbewegungen,

d. h. die Süd-Nord-Migration ist heute stärker als die

Nord-Süd-Migration der Vergangenheit (von Europa nach

Argentinien, Australien etc.).

• Drittens die Differenzierung der Migration, d. h. die meisten

Länder haben mit verschiedenen Migrationsformen zu tun.

• Viertens die Proliferation von Migrationsübergängen, d. h.

viele Auswanderungsländer werden zunehmend zu Einwanderungsländern.

• An fünfter Stelle die Feminisierung der Arbeitsmigration,

d. h. anders als in der Vergangenheit sind es heute in zahlreichen

Migrationsbewegungen mehrheitlich Frauen, die

ihre Heimatländer verlassen.

• Und sechstens die steigende Politisierung von Migration,

d. h. Migration bestimmt immer mehr die Innen-, Außenund

Entwicklungspolitik der beteiligten Länder.

Ursachen:

1) Globale Ungleichheit

Während sogenannte Wirtschaftsmigranten − per Definition

− ihr Migrationsziel hinsichtlich eines höheren Beschäftigungseinkommens

wählen, geht es bei den politischen Flüchtlingen

in erster Linie darum, ihr Leben zu retten und sich in

Sicherheit zu bringen. Die sogenannten Wirtschaftsmigranten

hoffen, in den Zielländern mit besseren Arbeitsbedingungen

und angemessenerer Entlohnung ihr Wohlstandsniveau verbessern

zu können. Es muss allerdings festgehalten werden,

dass auch politische Flüchtlinge eher in Ländern mit geringer

Arbeitslosigkeit, wie Deutschland, Österreich oder Schweden,

Schutz suchen als in Ländern mit Beschäftigungsproblemen,

wie Griechenland oder vielen osteuropäischen Ländern.

Die Verbindung zwischen Migration und Beschäftigung ist

inzwischen als entscheidend für Armutsbekämpfung und Entwicklung

anerkannt. Die Lohndisparitäten zwischen reichen,

entwickelten Industrieländern und Entwicklungs- bzw. Schwellenländern

sind groß und haben in den letzten Jahren der

Wirtschaftskrise weiter zugenommen. Der Durchschnittslohn

lag 2013 in den entwickelten Ländern bei 3.000 US-Dollar − pro

Monat gemessen in Kaufkraftparität − verglichen mit einem

Durchschnittslohn von 1.000 US-Dollar in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Der US-amerikanische Durchschnittslohn

ist mehr als dreimal so hoch wie der chinesische Durchschnittslohn.

Zwar ist der Lohnunterschied zwischen beiden Ländern

leicht zurückgegangen, die Arbeitsbedingungen haben sich

allerdings nicht verbessert.

2) Klimawandel und Umweltzerstörung

Insbesondere in armen Entwicklungsländern hat der Klimawandel

zu einer signifikanten Steigerung von Migration und

Umsiedlung geführt. Zwischen 2008 und 2013 mussten weltweit

ca. 165 Millionen Menschen wegen durch den Klimawandel

bedingte Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen. Jedoch

nicht immer haben sogenannte Umweltflüchtlinge die Möglichkeit,

frei darüber zu entscheiden, ob sie migrieren oder

bleiben. Diese Entscheidungen hängen von den Umständen ab,

unter denen Menschen von Umweltereignissen betroffen sind.

Opfer von schweren Naturkatastrophen oder Enteignungen

haben kaum die Kontrolle darüber, wie und wann sie ihren

angestammten Wohnsitz verlassen und wo sie Schutz suchen

können. Für die Bewohner vieler Regionen in Entwicklungsländern

ist Migration der einzige Ausweg, sich an >>

globalcompact Deutschland 2016

21


Agenda

schwerwiegende Umweltveränderungen, beispielsweise Dürren

oder Überschwemmungen, anzupassen. Wenn Menschen ihre

Heimat aufgrund der unmittelbaren Folgen des Klimawandels

verlassen, dann bewegen sie sich meist innerhalb ihrer

Heimatländer oder zwischen den Nachbarländern. Man spricht

deshalb auch von „trapped populations“ [„gefangene Bevölkerung“].

Nichtsdestotrotz ist die zunehmende Migration aus

Afrika über das Mittelmeer nach Europa unter anderem auch

eine Folge von tiefgreifenden Umweltveränderungen in der

Sahelregion und Subsahara-Afrika. Die Menschen sehen sich

zu Migration gezwungen, weil sie sich nicht mehr ernähren

können und deshalb ihr Überleben nicht mehr gewährleistet ist.

Die wirtschaftlichen und politischen Folgen von klimatisch

bedingten Umweltveränderungen sind schwerwiegender als

angenommen. Ein Beispiel ist der Krieg in Syrien, der als Folge

einer ganzen Reihe von ineinandergreifenden Entwicklungen

zu sehen ist. Im Fokus der Öffentlichkeit stand zwar der Protest

gegen das Al Asad-Regime, aber neben den bekannten religiösen,

ethnischen und wirtschaftlichen Hintergründen spielten

auch Umweltfaktoren eine nicht zu unterschätzende Rolle.

3) Krieg und Gewalt

Ein Großteil der Flüchtlinge kommt aus fragilen Staaten,

Kriegsgebieten und Konfliktregionen. Die meisten von ihnen

bleiben in ihrer Region, da sie sich die Reise nach Europa,

bei der sie möglicherweise auf Schlepper angewiesen wären,

finanziell nicht leisten können. Gegenwärtig sind es besonders

Syrer und Eritreer, die flüchten müssen und in einem anderen

Land, beispielsweise in Deutschland, Schutz suchen. In fragi-

Fragiles Afrika

Bis 2030 wird die Anzahl der Menschen, die in Trockengebieten

in Westafrika leben, um 65 bis 80 Prozent steigen, so die

Schätzungen der Weltbank. Alarmierend ist auch, dass infolge

des Klimawandels der Anteil der Fläche, die als Trockenland

eingestuft wird, um mindestens 20 Prozent wachsen wird.

Der Zwang zur Migration und Vertreibungen werden in Afrika

zunehmen. Besonders stark betroffen sind mehr als 300

Millionen Menschen, die in Trockengebieten im Westen und

Osten Afrikas leben.

In Westafrika sprechen US-amerikanische Migrationsforscher

von einem Spannungsbogen (arc of tension), der das Zusammenwirken

zwischen Klimawandel, politischer Instabilität und

Migration entlang der vier Länder Nigeria, Niger, Algerien und

Marokko beschreibt. Diese vier Länder, teilweise verbunden

durch die Sahara, wurden von Sicherheitsexperten bisher

eher selten als eine geopolitische Konfliktregion angesehen.

Erst durch die neue Migrationskrise versteht man allmählich,

dass der Klimawandel Auslöser für weitere Krisen ist. Es ist

abzusehen, dass sich der Verteilungskampf um immer knapper

werdende Ressourcen in Zukunft zuspitzen wird.

22 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Die wirtschaftlichen und politischen Folgen

von klimatisch bedingten Umweltveränderungen

sind schwerwiegender als angenommen.

len Staaten können in Teilen des Landes oder im gesamten

Staatsgebiet die öffentliche Sicherheit nicht gewährleistet und

Bildung, Gesundheit, wirtschaftliche Entwicklungschancen,

Rechtsordnung und -sprechung sowie Umweltschutz nicht

bereitgestellt werden. Fundamentale Infrastruktur oder Kommunikationseinrichtungen

fehlen. In diesem Vakuum übernehmen

Guerilla- und Rebellenbewegungen, Stammesfürsten,

Warlords, religiöse Führer oder Dorfälteste die Macht. Kurz:

Offizielle Strukturen werden zunehmend unterwandert und

ausgehöhlt und der Prozess des Zerfalls schreitet voran.

Rücküberweisungen

Die zehn Länder, die am meisten

von Rücküberweisungen profitieren

(als Anteil des BIP 2014)

47,2 %

29,2 %

25 %

Tadschikistan

Kirgisistan

Lesotho

Lange Zeit wurde die Bedeutung von Rücküberweisungen als

wichtiger Entwicklungsfaktor in Rahmen der Migrationsforschung

verkannt. Dies hat sich geändert, seit der wirtschaftliche

Gewinn deutlich geworden ist, den die Herkunftsländer

aus dem Geldtransfer erzielen, welchen Migranten von ihren

neuen Standorten aus veranlassen. Im Jahr 2015 betrug der

Wert von Rücküberweisungen in Entwicklungsländer 432

Milliarden US-Dollar. Außerdem spielen Rücküberweisungen

eine große Rolle für die Privathaushalte in den Herkunftsländern,

eröffnen neue Bildungschancen, verringern die Armut

und führen zu Verbesserungen in der Gesundheitsversorgung.

Migration bietet somit Potenziale für die Herkunftsländer

der Migranten und fördert dort die lokale Wirtschaft und

Infrastruktur.

Der Zusammenhang zwischen Rücküberweisungen und sogenanntem

„brain drain“ (Abwanderung von qualifizierten

Arbeitskräften) kann jedoch auch negative Auswirkungen

auf die Herkunftsländer haben. Qualifizierte Arbeitskräfte

verlassen ihre Herkunftsländer im Globalen Süden und hinterlassen

eine entscheidende Lücke, die sich negativ auf den

Transformationsprozess dieser Länder auswirkt.

Bisher sind die Rücküberweisungen von Industrieländern in

die Herkunftsländer der Migranten recht kostspielig. Durchschnittlich

acht Prozent des Transferbetrags wird von der

Bank einbehalten. Möchte man Geld in die Subsahara-Region

verschicken, kann das sogar bis zu zwölf Prozent des Betrags

kosten. Die Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development

Goals, SDG) und der im November 2015 von der

EU verabschiedete Notfall-Treuhandfonds für Afrika sehen

vor, die Kosten für Rücküberweisungen bis 2030 auf mindestens

drei Prozent und maximal fünf Prozent zu senken.

23,7 %

Moldawien

23,7 %

Nepal

23,4 %

Liberia

22,6 %

Samoa

20,5 %

Haiti

Info

Quelle: DAC Statistik

und Worldbank 2014

18,6 %

18,5 %

Westjordanland

und Gazastreifen

Armenien

Weitere und vertiefende Informationen finden Sie in der Südwind-

Studie „Migration und Flucht in Zeiten der Globalisierung. Die

Zusammenhänge zwischen Migration, globaler Ungleichheit und

Entwicklung“, Bonn 2016.

globalcompact Deutschland 2016

23


Agenda

Die Agenda 2030

im Kontext von Migration

Von Marlehn Thieme

Das Thema Flucht und Migration hat die deutsche, europäische

und internationale Politik auch 2016 deutlich geprägt und Spuren

hinterlassen. Anfang Mai präsentierte der Generalsekretär

der Vereinten Nationen (VN) − und diesjährige Gewinner des

deutschen Nachhaltigkeitspreises − Ban Ki-moon einen viel

beachteten Bericht zur Lage der Migranten und Flüchtlinge

weltweit („In Safety and dignity“). Darin fordert er die internationale

Staatengemeinschaft auf, den effektiven Schutz und

die rechtlichen Rahmenbedingungen der Flüchtenden wie

auch Migrantinnen und Migranten zu verbessern. Gleichzeitig

warnt er vor Rassismus und Xenophobie. Wenige Monate

nach Erscheinen des Berichts trafen am 19. September 2016

erstmals in der Geschichte der Vereinten Nationen Staats- und

Regierungschefs aus aller Welt zu einem Migrationsgipfel zusammen.

In der abschließenden New York Erklärung stießen

sie Aushandlungsprozesse für zwei globale Pakte an: Einen für

Flüchtlinge und einen weiteren Pakt für sichere, geordnete und

reguläre Migration. Beide sollen bis 2018 verabschiedet werden.

Grundlage für die neuen Pakte ist auch das Versprechen der

Agenda 2030, „niemanden zurückzulassen“ und die Zielvorgabe,

„eine geordnete, sichere, reguläre und verantwortungsvolle

Migration und Mobilität von Menschen zu erleichtern“. Die

Agenda 2030 hat den Anspruch, die Lebensbedingungen und

die Lebensqualität der Menschen weltweit zu verbessern. Für

die gelebte Realität wird die Umsetzung dieser Absichten

vor Ort entscheidend sein. Hoffnung gibt die Agenda 2030

für nachhaltige Entwicklung durch ihre festgeschriebene

Erkenntnis der Interdependenz aller Staaten dieser Welt und

der Notwendigkeit eines ganzheitlichen Governance-Ansatzes.

Politisch gesehen befindet sich die Weltgemeinschaft bezüglich

Flucht und Migration in einem Lernprozess. Mehr

denn je wird den Menschen bewusst, wie wichtig es ist, über

Fach- und Ländergrenzen hinweg voneinander zu lernen und

miteinander zu arbeiten, um Lösungsansätze für gemeinsame

Herausforderungen zu entwickeln.

24 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Im Jahr 2016 sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht − so viele waren es zuletzt während

des 2. Weltkrieges. Nur die wenigsten von ihnen kommen nach Europa: Zwei Drittel der Geflüchteten

bleiben im eigenen Land, viele andere zieht es in angrenzende Staaten. So leben insgesamt

86 Prozent der Flüchtlinge in Entwicklungsländern, während die sechs größten Volkswirtschaften

weniger als neun Prozent aufgenommen haben. Was die Geflüchteten kurzfristig brauchen,

sind Nahrung und Schutz vor Witterung. Mittelfristig gilt es, die notwendige Infrastruktur aufzubauen

und Bildungs- sowie Verdienstmöglichkeiten zu schaffen. Langfristig benötigen die

Flüchtlinge eine Perspektive und nachhaltige Entwicklung.

Von der Entwicklungszusammenarbeit zum

ganzheitlichen Governance-Ansatz

Die zunehmenden globalen Herausforderungen betreffen

auch das Entwicklungsressort, dessen Bedeutung innerhalb

der Gesellschaft durch die weltweite Flüchtlingskrise zugenommen

hat. Zur Fluchtursachenbekämpfung werden daher

erhebliche zusätzliche finanzielle Mittel bereitgestellt. Mit

dem Regierungsentwurf für 2017 haben sich die Ausgaben

in den Politikbereichen Entwicklungszusammenarbeit und

Auswärtiges seit Beginn der Legislaturperiode 2013 um mehr

als 30 Prozent auf 13 Milliarden Euro erhöht.

Alleine werden diese Ressorts die Herausforderungen allerdings

nicht bewältigen können. So herrscht, verstärkt durch die

Verabschiedung der Agenda 2030, in der klassischen, ODAfinanzierten

Entwicklungszusammenarbeit seit längerem

eine gewisse Orientierungslosigkeit. Neben den klassischen

Anfang Mai präsentierte der Generalsekretär der

Vereinten Nationen (VN) − und diesjährige Gewinner

des deutschen Nachhaltigkeitspreises − Ban Ki-moon

einen viel beachteten Bericht zur Lage der Migranten

und Flüchtlinge weltweit („In Safety and dignity“)

Nord-Süd-Beziehungen wurden etwa Süd-Süd und / oder trilaterale

Partnerschaften immer wichtiger. Viele ehemalige

Entwicklungsländer treten mittlerweile selber als Geber auf.

Durch die zunehmende Komplexität der Herausforderungen

verliert die Entwicklungspolitik ihre Exklusivität für im

Ausland unterstützte Entwicklungsprozesse. Eine kohärente

Vorgehensweise wird damit erschwert, bleibt aber mehr als

zuvor notwendig. >>

globalcompact Deutschland 2016

25


Agenda

Wie schwierig dies mitunter sein kann, zeigt sich seit längerer

Zeit an der Schnittstelle von Entwicklungszusammenarbeit

und humanitärer Hilfe. Wann handelt es sich (nur) um eine

kurzfristige Notsituation, und wann ist eine gegebenenfalls

jahrzehntelange Unterstützung in einem Land nötig? Der

Klimawandel verschärft die Notwendigkeit, beides zusammen

zu denken: Zunehmende Naturkatastrophen erfordern eine

kurzfristige emergency response, langfristig aber müssen die

Länder bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützt

werden. Durch den transformativen Charakter der Agenda

2030 kommt hinzu, dass nun alle Länder zu Entwicklungsländern

werden. Für den Erfolg sind alle Ressorts gleichermaßen

verantwortlich.

auszutauschen, neue Perspektiven und Lösungsansätze kennenzulernen,

handlungsorientierte Netzwerke zu knüpfen

und sich gegenseitig zu inspirieren und zu motivieren.

Die Rolle der Privatwirtschaft

Die Politik alleine wird die Umsetzung der SDGs nicht bewältigen

können. Schon vor ihrer Verabschiedung diskutierten daher

im Juli 2015 in Addis Abeba im Rahmen der dritten internationalen

Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung Experten

aus aller Welt über Möglichkeiten, die Privatwirtschaft stärker

als bislang in die Verantwortung zu nehmen. So gilt es, zur

Verbesserung der Situation in den Ländern des globalen Südens

Open SDGclub.Berlin

Um sich über die in der Agenda 2030 festgelegten Ziele und

die Erfahrungen in der bisherigen Umsetzung auszutauschen,

organisierte der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) im Jahr

2016 den Open SDGclub.Berlin. Geladen waren Akteure, die in

ihrem jeweiligen Kontext für die Umsetzung der Agenda 2030

zuständig sind und / oder dafür werben. Angesprochen waren

vor allem Vertreter von Nachhaltigkeitsräten und ähnlicher

Multi-Stakeholder-Einrichtungen und zivilgesellschaftliche

Netzwerker auf unterschiedlichen Handlungsebenen.

Die Open-SDGclub.Berlin-Teilnehmenden kamen aus über

zwanzig verschiedenen Ländern, viele davon aus Ländern, die

2016 beim High Level Political Forum (HLPF) berichtet haben

oder vorhaben, dies 2017 zu tun. Der Open SDGclub.Berlin

stellte eine Gelegenheit dar, sich aus unterschiedlichsten

Erfahrungshorizonten heraus über Umsetzungserfahrungen

die wirtschaftliche Entwicklung vor Ort zu fördern. Ebenso

wichtig ist jedoch, dass sich international tätige Unternehmen

ihrer Verantwortung stellen und transparent handeln.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat deshalb bereits 2011

den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (Sustainability Code) eingeführt,

durch den die Mindeststandards der Bundesregierung

und Europäischen Kommission anerkannt und in praktisches

Handeln umgesetzt werden. Mit dem Transparenzstandard

können Unternehmen von ihrem jeweiligen Standpunkt aus

ihre Nachhaltigkeitsleistungen beschreiben und aufzeigen, wo

sie derzeit im Prozess hin zu einem integrierten Nachhaltigkeitsmanagement

stehen. Beispiele hierfür sind die Verknüpfung

von Nachhaltigkeitskriterien in der Managementvergütung; der

Anteil des Gesamtumsatzes, der in Forschung und Entwicklung

für Nachhaltigkeitsprodukte und Dienstleistungen investiert

wird und wie viele Gelder ein Unternehmen in Betriebsrenten

u. ä. anlegt.

26 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Gleichzeitig bietet ihnen der Kodex Ansatzpunkte für weitere

ökologische und soziale Verbesserungen. Damit werden

die Unternehmen zur lernenden Organisation und

glaubwürdiger. Dazu gehört auch, Schwachstellen in den

Lieferketten aufzuzeigen: Hochglanzberichte, die nur die

erste Stufe der Lieferkette aufzeigen, aber keine tieferen

Einblicke in ihre Produktionsabläufe gewähren, sind nicht

zielführend. Wenn Unternehmen, die mit ihrer Nachhaltigkeit

werben, aufgrund von Profitstreben nicht für

Nachhaltigkeit und die Beachtung der Menschenrechte

entlang ihrer Lieferkette einstehen, ist dies unaufrichtig.

Sorgfaltspflicht sollte das Gebot der Stunde sein. Transparenz

ist die Voraussetzung für Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

ihre gesamte Arbeit an der 2030-Agenda auszurichten. Die

Aufgabe der anstehenden deutschen Präsidentschaft wird

nun sein, diesen umzusetzen.

Vom 21. bis 23. November 2016 lud der Rat für Nachhaltige

Entwicklung erstmalig zum „Open SDGclub.Berlin“ ein.

Auf der internationalen Konferenz ging es um erste Erfahrungen

mit der Agenda 2030 der Vereinten Nationen.

Nach der wirtschaftlichen und informationellen Globalisierung

brauchen wir nun eine soziale Globalisierung und eine

weltweit stärkere Beachtung der Menschenrechte. Menschenrechtsverletzungen

sind nach der Reduktion von Treibhausgasen

das nächste Hochrisikothema (Divestment) für zahlreiche

Investoren. Bei soft commodities wie beispielsweise Palmöl

ziehen sich bereits große institutionelle Investoren zurück,

wenn ihre Investitionen mit Menschenrechtsrisiken behaftet

sind. Auf dem Markt der Zukunft wird daher nur bestehen,

wer Nachhaltigkeitsthemen frühzeitig erkennt, angeht und

offenlegt.

Die Beachtung von Nachhaltigkeitskriterien in der gesamten

Lieferkette wird international zunehmend relevanter und soll

auch eines der Themen der Deutschen G20-Präsidentschaft

sein. Beim Gipfeltreffen in Hangzhou, China, hatten die G20-

Staats- und Regierungschefs bereits einen G20-Aktionsplan

zur 2030-Agenda vereinbart, mit dem sie sich verpflichten,

Über die Autorin

Marlehn Thieme ist seit 2003 Mitglied des

Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

und seit 2004 Mitglied im Rat für Nachhaltige

Entwicklung. Seit 2012 ist sie die Vorsitzende

des Rates. Von 1986 bis Ende 2013 arbeitete die

Juristin bei der Deutsche Bank AG als Direktorin

im Bereich Corporate Social Responsibility und

als Mitglied des Aufsichtsrates. Marlehn Thieme

ist Aufsichtsratsvorsitzende der Bank für Kirche

und Diakonie (KD-Bank) und Vorsitzende des

ZDF-Fernsehrates.

globalcompact Deutschland 2016

27


Agenda

Flüchtlingshilfe

von Firmen

Die Flüchtlingshilfe war und ist bis heute vielfältig. Neben den unzähligen freiwilligen Helfern

sind es vor allem Firmen, die spenden und Jobperspektiven geben. Einen Überblick gibt eine

Studie der Bertelsmann Stiftung.

Die aktuellen Flüchtlingszuströme haben in Deutschland

eine Welle der Hilfsbereitschaft mobilisiert. Viele Privatpersonen

engagieren sich in Organisationen oder mit Sach- und

Geldspenden. Diese Hilfsbereitschaft zeigt sich auch bei

Unternehmen: Ein großer Teil setzt sich für die direkte Unterstützung

von Flüchtlingen ein. 74 Prozent der befragten

Unternehmen geben mindestens eine Maßnahme an, mit der

sie zur Flüchtlingshilfe beitragen. Die meisten engagieren sich

mit unterschiedlichen Maßnahmen: Von sieben möglichen

Tätigkeiten gaben die Unternehmen durchschnittlich 2,3 Betätigungsfelder

an. Dieses Engagement erfolgt am häufigsten

in Form von Sachspenden. Die Hälfte der Unternehmen unterstützt

die Flüchtlinge durch die Bereitstellung materieller Güter.

Besonders Dienstleistungsunternehmen wählen diese Form

der Hilfsleistung: Der Anteil der Dienstleistungsunternehmen

mit 250 bis 499 Mitarbeitern, die Sachspenden bereitstellen,

Direkte Unterstützung von Flüchtlingen in Prozent nach Mitarbeiterzahl und Branche

Praktikumsplätzen

62,2

Ausbildungsplätzen

48,3

Arbeitsplätzen

47,4

Berufsvorbereitungsmaßnahmen

40,2

Berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildungen

34,3

Berufsinformationsveranstaltungen

32,7

Sprachkursen

29,8

Mentoring / Coachingprogrammen

26,7

Sonstigen Angeboten

13,5

Studienstipendien

6,1

Quelle: Bertelsmann Stiftung / IW Consult 2016; n = 279 | Frage, nur den Unternehmen gestellt, die angegeben haben, Flüchlinge mindestens in geringem

Maße bei der Arbeitsintegration zu unterstützen: „Unterstützt Ihr Unternehmen Flüchtlinge bei der Arbeitsmarktintegration durch das zusätzliche Angebot von ...?“

28 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

liegt mit 50 Prozent gut neun Prozentpunkte höher als der

Anteil der Betriebe aus dem Verarbeitenden Gewerbe und

Baugewerbe derselben Größenklasse. Ab einer Größe von

über 500 Beschäftigten gibt es hier keinen nennenswerten

Unterschied mehr zwischen den Branchen.

Ein ebenfalls hoher Teil von Unternehmen gibt an, unternehmenseigene

Kompetenzen zur Flüchtlingshilfe bereitzustellen.

Das wäre bei kleineren Unternehmen etwa der Fall, wenn ein

ortsansässiges Fotostudio die Flüchtlinge mit Passfotos bei

der Beantragung von Genehmigungen oder Ausweispapieren

unterstützt oder eine Fahrradwerkstatt bei der Reparatur oder

Montage von Fahrrädern hilft. Dadurch wird die direkte Hilfe

besonders effizient. Auch bei dieser Maßnahme ist der Anteil

an Dienstleistungsunternehmen höher als im Verarbeitenden

Gewerbe und Baugewerbe.

genannt. Auch behördliche Restriktionen, die der grundsätzlichen

Bereitschaft zum Engagement entgegenstehen, werden

thematisiert: „Wir würden uns gerne in der Flüchtlingsintegration

engagieren, haben aber noch keine Möglichkeiten,

da diese [Flüchtlinge] erst nach einer längeren Zeit arbeiten

dürfen.“ Daher ist zu erwarten, dass sowohl aufgrund der

steigenden Zahl von Arbeitserlaubnissen als auch aufgrund der

Umsetzung von Maßnahmen, die gerade in Planung sind oder

angeschoben werden, sich künftig noch mehr Unternehmen

für die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen einsetzen.

Darauf weisen auch Umfragen zu den künftigen Plänen der

Unternehmen hin. >>

Auffällig ist jedoch, dass kein merklicher Unterschied zwischen

der Größe der Unternehmen besteht. Während sich bei den

meisten anderen Maßnahmen verstärkt große Unternehmen

mit über 500 Mitarbeitern engagieren, ist der Unterschied bei

der Einbringung unternehmenseigener Kompetenzen geringer.

Im Verarbeitenden Gewerbe und Baugewerbe engagieren sich

in diesem Bereich mit 33 Prozent die kleineren Betriebe sogar

leicht mehr als die großen Betriebe der Branche mit 31 Prozent.

Neben Geldspenden, die rund 36 Prozent der Unternehmen

aufbringen, stellen jeweils ein Drittel der befragten Unternehmen

Infrastruktur bereit oder Mitarbeiter für ehrenamtliches

Engagement frei. Mit der Organisation von Informations- oder

Begegnungsveranstaltungen engagiert sich ein geringerer

Anteil von jeweils knapp einem Fünftel.

Arbeitsmarktintegration

Im Bereich der Arbeitsmarktintegration engagieren sich deutlich

weniger Unternehmen als in der direkten Hilfe. Rund

die Hälfte der befragten Unternehmen gibt an, Flüchtlinge

oder Asylberechtigte aktuell mindestens in geringem Maße

bei der Arbeitsmarktintegration zu unterstützen. Knapp ein

Viertel setzt sich in mittlerem oder hohem Maße dafür ein,

ein weiteres Viertel in geringem Maße. Auffällig ist, dass

es beim Ausmaß dieses Engagements kaum Unterschiede

zwischen den Branchen gibt. Größere Unternehmen engagieren

sich jedoch erwartungsgemäß zu einem höheren

Anteil als kleinere.

In der aktuellen Debatte wird häufig auf die Faktoren hingewiesen,

die das Engagement bei der Integration von Flüchtlingen

auf dem Arbeitsmarkt erschweren. Vor allem mangelnde

Sprachkenntnisse, fehlende Qualifikationen oder Informationen

darüber sowie aufenthaltsrechtliche Restriktionen

erschweren die Einstellung von Flüchtlingen − selbst dann,

wenn diese von beiden Seiten gewünscht ist. Anmerkungen

aus der Unternehmensbefragung geben ebenfalls Hinweise

auf derartige Restriktionen. Unter anderem werden die jetzt

erst anlaufenden Maßnahmen, die mangelnden rechtlichen

Möglichkeiten und fehlende Unterstützung für Unternehmen

globalcompact Deutschland 2016

29


Agenda

Dieses Engagement kann durch verschiedene Maßnahmen

erfolgen. Aktuell engagierte Unternehmen bieten meistens

Praktika an. Von den Unternehmen, die sich mindestens in

geringem Maße für die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

engagieren, stellen 62 Prozent zusätzliche Praktikumsplätze

zur Verfügung. Knapp die Hälfte bietet zusätzliche

Ausbildungsplätze an. Damit scheint ein Schwerpunkt des

Engagements die Unterstützung junger beziehungsweise

ungelernter Flüchtlingen zu sein. 47 Prozent engagieren

sich jedoch auch durch das zusätzliche Angebot von Arbeitsplätzen.

Der Anteil von Dienstleistungsunternehmen, die

zusätzliche Arbeitsplätze anbieten, liegt mit 51 Prozent um

zehn Prozentpunkte höher als der der Betriebe des Verarbeitenden

Gewerbes und Baugewerbes. Jeweils ungefähr ein

Drittel der Unternehmen unterstützen Flüchtlinge durch

berufsbegleitende Fort- und Weiterbildungen sowie durch

Berufsinformationsveranstaltungen.

Aus der Praxis

Motive

Die Integration von Menschen mit Behinderung, Menschen

mit Migrationshintergrund und älteren Arbeitnehmern in die

Belegschaft kann für Unternehmen eine Möglichkeit darstellen,

auf den demografischen Wandel und gesellschaftliche Veränderungsprozesse

zu reagieren. Unternehmen können durch eine

erfolgreiche Integration dieser Personen auf einen größeren

Bewerberpool zurückgreifen und die Kompetenzvielfalt der

Belegschaft erhöhen. Gleichzeitig fördert die Berücksichtigung

von Gruppen mit erschwerten Zugangsvoraussetzungen zum

Arbeitsmarkt die Chancengleichheit und kann damit zur

Verringerung der sozialen Ungleichheit beitragen.

Umfragen zeigen, dass Unternehmen, die Maßnahmen im

Diversitäts- und Integrationsmanagement durchführen, zwei

Hauptmotive haben. Sie wollen zum einen ihr Rekrutierungspotenzial

erhöhen, indem sie Personengruppen gezielt

ansprechen, und gleichzeitig ihr Arbeitgeberimage verbessern.

Damit ist der Fachkräfte- beziehungsweise Bewerbermangel für

72 Prozent der Unternehmen ein wichtiger Beweggrund. Zum

anderen wollen viele Unternehmen durch die Maßnahmen

das Know-how und die Arbeitsprozesse verbessern. 65 Prozent

versprechen sich von einer multikulturellen Belegschaft mehr

Kreativität, Innovationskraft und Wissensvielfalt. Diversität

als Mittel zur internationalen Reputation und zum verbesserten

Marktzutritt erhofft sich mit jeweils etwa 40 Prozent ein

weitaus geringerer Anteil von Unternehmen.

Eines der wichtigsten Elemente in der

Flüchtlingshilfe ist Geduld: Es wird nicht

alles auf Anhieb klappen. Die Integration

der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt ist

ressourcen- und betreuungsintensiv.

Es braucht Zeit, um eine neue Sprache

zu lernen und sich auf dem deutschen

Arbeitsmarkt sowie in den Unternehmen

inklusive der jeweiligen Unternehmenskultur

zurechtzufinden. Da es gut

ein Jahr oder auch länger dauern kann,

bis Asylverfahren und Integrationskurs

abgeschlossen sind, ist es sinnvoll,

Qualifizierungsmaßnahmen und Berufsorientierung

bereits währenddessen

anzubieten.

Allerdings hat dieses Motiv für Betriebe des Verarbeitenden

Gewerbes und des Baugewerbes eine größere Bedeutung als

für Dienstleistungsunternehmen.

Mehr zum Thema

Weitere Informationen finden Sie in der Bertelsmann Studie

„Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen angesichts

neuer Herausforderungen und Megatrends“.

30 globalcompact Deutschland 2016


Praxisbeispiele

Berufsvorbereitung und Berufseinstieg

„Gemeinsam handeln!“ − dieser Name ist Programm: Gemeinsam

mit zahlreichen Partnern hat Deutsche Post DHL Group ein

deutschlandweit koordiniertes Projekt ins Leben gerufen, um

in der Flüchtlingskrise nachhaltige und langfristige Unterstützung

zu bieten. Das Projekt fußt auf der Expertise anerkannter

Organisationen und konzentriert sich darauf, das gesellschaftliche

Engagement der Mitarbeiter zu fördern und zu stärken,

Flüchtlingen eine berufliche Orientierung zu ermöglichen

sowie Bund, Länder und Kommunen zu unterstützen. Der

Startschuss fiel im September 2015. Zu Beginn war besonders

eine schnelle, unbürokratische und effektive Unterstützung

gefordert: Die Grundbedürfnisse der Geflüchteten − Unterkunft,

medizinische Versorgung, Unterstützung bei der Asylbürokratie

sowie Beschulung − standen im Vordergrund. Mittlerweile

fördert Deutsche Post DHL Group die Integration durch gezielte

Unterstützung des Spracherwerbs und der Berufsvorbereitung.

Um zielgerichtet helfen zu können, hat das Unternehmen ein

bundesweites Netzwerk aus 100 Koordinatoren in den Niederlassungen

aufgebaut. Diese haben die Aufgabe, gemeinsam

mit den beteiligten Hilfsorganisationen in ganz Deutschland,

jeweils auf lokaler Ebene zu unterstützende Projekte zu identifizieren

und zu betreuen. Sie dienen auch den Mitarbeitern

als Ansprechpartner vor Ort.

>>

Praktikum statt Krieg und Terror

Von der Westküste Afrikas an die Ruhr:

Im Briefzentrum Essen absolviert derzeit

Mamadou Diallo ein Praktikum

im Bereich Briefsortierung. Seit zwei

Jahren lebt der Flüchtling aus Guinea

in Deutschland und bekommt nun bei

der Deutschen Post DHL Group die

Chance, wertvolle Qualifikationen für

das Berufsleben zu erwerben − sei es

in Europa oder Afrika.

Für Deutschlands größtes Logistikunternehmen

ist es eine Selbstverständlichkeit,

Menschen in Notsituationen zu helfen.

„Wir nehmen, als einer der größten Arbeitgeber

Europas, unsere gesellschaftliche

Verantwortung außerordentlich

ernst“, erklärt Karl-Heinz Behrens. Er

ist Niederlassungsleiter der Deutschen

Post in Essen. „Die Flüchtlingshilfe ist ein

konkretes Beispiel dafür, dass wir bei dem

Thema Unternehmensverantwortung

zwar langfristig denken und planen, aber

auch in der Lage sind, uns kurzfristig auf

gesellschaftliche Herausforderungen

einzustellen.“

Mamadou Diallo und die vielen Menschen,

die genau wie er auf der Flucht vor Krieg

und Terror in Deutschland Asyl gefunden

haben, werden von der Deutschen Post

umfassend unterstützt. Spracherwerb

und berufliche Qualifikation steht im

Mittelpunkt des Praktikumsprogramms

für Flüchtlinge, für die das Unternehmen

deutschlandweit 1.000 Plätze geschaffen

hat. Die Praktikanten aus den Krisengebieten

erleben so einen ersten Blick in

das Logistikunternehmen − wie es auch

viele deutsche Praktikanten erstmals

kennenlernen. Sollte sich am Ende eines

Praktikums der Wunsch nach einem

Ausbildungsplatz ergeben, ist dies ganz

im Sinne der Post. „Im Praktikum kann

ich mich über den Arbeitsalltag und die

Möglichkeiten bei der Post genau informieren“,

bestätigt Mamadou Diallo.

Rund 100 Mitarbeiter wurden als Praktikumskoordinatoren

für die Menschen aus

Afrika und dem Nahen Osten qualifiziert.

Sie sind die Schnittstelle zwischen den

Postbeschäftigten und den humanitären

Stellen, die Menschen auf der Flucht

versorgen. Rund eine Million Euro stellt

die Deutsche Post im ersten Jahr des

Projekts für die Flüchtlingshilfe vor Ort

zur Verfügung.

Im Unternehmen trifft das Engagement

auf breite Zustimmung und Unterstützung

durch die Mitarbeiter. Rund 10.000

Mitarbeiter setzen sich deutschlandweit

ehrenamtlich für unterschiedliche

Flüchtlingsprojekte ein und organisieren

beispielsweise Sachspenden oder Freizeitaktivitäten

für die Menschen in Not.

globalcompact Deutschland 2016

31


Praxisbeispiele

Berufsvorbereitung und Berufseinstieg

Das Familienunternehmen Bahlsen bietet Flüchtlingen in

seinen Standorten Praktikumsplätze und eröffnet berufliche

Chancen. Ziel ist es, den Menschen nach Monaten der Ungewissheit

wieder eine Perspektive zu geben und sie dabei zu

unterstützen, in ihrer neuen Heimat beruflich Fuß zu fassen.

Mitarbeiter von Bahlsen sind in die Initiative eingebunden. Sie

begleiten Flüchtlinge durchs Unternehmen und arbeiten eng

mit ihnen zusammen. Beim Einsatz im Schichtbetrieb wird

auf die besonderen Rahmenbedingungen der Flüchtlinge (z. B.

durch eingeschränkte Mobilität) Rücksicht genommen. Soweit

möglich werden die Flüchtlinge nach ihrem Praktikum an das

Unternehmen Bahlsen gebunden.

Daimler hat im ersten Halbjahr 2016 rund 300 Flüchtlingen

ein sogenanntes Brückenpraktikum angeboten. Im Spätsommer

2016 begann die zweite Welle dieser Brückenpraktika

in einer ähnlichen Größenordnung. Darüber hinaus hat

das Unternehmen noch weitere Praktikumsplätze vergeben,

Ausbildungsplätze geschaffen und Flüchtlinge fest eingestellt.

Die Flüchtlinge erlernen im Brückenpraktikum praktische

Grundkenntnisse zur Arbeit in der Industrieproduktion und

besuchen täglich einen Deutschkurs. Die Sprachkurse zielen

auch darauf ab, den Teilnehmern in der deutschen Arbeitswelt

weiterzuhelfen. So werden zusammen Bewerbungsunterlagen

erstellt und Vorstellungsgespräche auf Deutsch trainiert. Die

Bundesagentur für Arbeit finanziert die ersten sechs Wochen

des Brückenpraktikums. In den restlichen Wochen vergütet

Daimler die Arbeitszeit auf Basis des Mindestlohngesetzes.

die eine Willkommenskultur für Geflüchtete in Deutschland

stärken. Die Think-Big-Projekte helfen beispielsweise dabei,

zwischen Behörden und Flüchtlingen zu vermitteln, Begegnungen

zu ermöglichen und Zugang zu Freizeitaktivitäten zu

schaffen. Telefónica-Mitarbeiter unterstützen einige Projekte

als ehrenamtliche Paten.

Die Commerzbank setzt sich ein, um jungen, nach Deutschland

geflohenen Menschen den Start ins Berufsleben zu erleichtern:

In den kommenden drei Jahren unterstützt das Finanzinstitut

den Auf- und Ausbau von „Kompass“ − dem neuen Programm

von „Joblinge“ zur Integration von jungen Flüchtlingen in den

ersten Arbeitsmarkt. Seit 2007 engagiert sich „Joblinge“, um

Jugendlichen mit schwierigen Startbedingungen eine tatsächliche

und qualifizierte Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt

zu ermöglichen. „Joblinge“ wurde hierfür schon 2014 von der

Deutschlandstiftung Integration ausgezeichnet. „Kompass“

richtet sich gezielt an die zahlenmäßig größte Gruppe der nach

Deutschland geflüchteten Menschen: Jugendliche zwischen

18 und 25 Jahren mit niedriger bis mittlerer Qualifikation. In

dem neuen Programm wird insbesondere auf die Aktivierung

des Selbsthilfepotenzials und der damit verbundenen Stärkung

der Selbstbestimmung Wert gelegt. Ehrenamtliche geschulte

Mentoren stehen den jungen Menschen für die Gesamtdauer

des Projekts von rund einem Jahr zur Seite. Neben sprachlicher

und beruflicher Qualifizierung nimmt die Sensibilisierung für

interkulturelle Belange einen großen Raum ein.

Tchibo und seine Mitarbeiter engagieren sich in Hamburg und

bundesweit mit Corporate-Volunteering-Maßnahmen, Beschäftigungsangeboten

sowie Sachspenden für die Integration von

Geflüchteten. Die Tchibo Patenschaft für Geflüchtete setzt drei

Schwerpunkte: Kooperationen und Corporate Volunteering,

Beschäftigung sowie bedarfsgerechte Sachspenden. Auf dieser

Basis setzt Tchibo nun ein langfristiges Corporate-Volunteering-Programm

auf. Angedacht sind Kooperationen mit einer

Erstaufnahmeeinrichtung sowie einer Schule in Hamburg.

Projekt- und Abteilungsteams können hier Teamtage vor Ort

durchführen. Darüber hinaus haben Tchibo-Mitarbeiter die

Möglichkeit, ehrenamtlich als Mentor zu fungieren.

Das Ziel von Telefónica Deutschland ist, Flüchtlingen bei der

Integration zu helfen. Ein wichtiger Ansatzpunkt dafür ist das

erfolgreiche Jugendprogramm „Think Big“, in dem engagierte

Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren eigene soziale und

digitale Projektideen verwirklichen und dabei mit fachlichem

Coaching und finanziellen Mitteln unterstützt werden. Mit

der Patenschaft ermöglicht Telefónica auch Jugendprojekte,

Corporate-Volunteering-Programm bei Tchibo

32 globalcompact Deutschland 2016


Ausbildung und Arbeit

Die Deutsche Bahn baut ihr Engagement zur Integration von

Flüchtlingen aus. In den Jahren 2017 und 2018 werden 150

zusätzliche Plätze in den Qualifizierungsprogrammen der DB

angeboten. Sie kommen zu den insgesamt rund 120 Flüchtlingen

hinzu, die 2016 bei der DB qualifiziert wurden. Ziel der

DB ist es, die Flüchtlinge mit zertifizierten Qualifizierungen

nachhaltig in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Schon

seit Ende 2015 hat die DB erfolgreich Qualifizierungsprogramme

angeschoben. Bei „Chance plus für Flüchtlinge“ werden

junge Leute über mehrere Monate fit für eine Ausbildung

gemacht, die „Umschulung für Flüchtlinge“ zum Elektroniker

für Betriebstechnik in München dauert bis zu 28 Monate und

richtet sich an Berufserfahrene. Beide Programme beinhalten

intensive Sprachkurse.

Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit. Damit das Programm

die Teilnehmer bestmöglich unterstützen kann, werden die

angebotenen Praktika und Ausbildungsplätze u.a. durch

interkulturelle Trainings, ein Mentoring- und Patensystem

sowie eine psychologische Hotline begleitet. >>

McDonald’s setzt sich zum Ziel, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt

zu integrieren. Seit Beginn des Zustroms Anfang 2015 haben

McDonald’s Deutschland und seine Franchise-Partner über

900 Flüchtlingen ein Beschäftigungsverhältnis ermöglicht.

Ende 2015 hat man in Kooperation mit der Bundesagentur für

Arbeit (BA) im Rahmen eines Pilotprojekts in den Restaurants

Bewerbertage speziell für Flüchtlinge durchgeführt. Daraus ist

ein Leitfaden entstanden, der das Einstellen von Flüchtlingen

in die Restaurants deutschlandweit und die Abstimmung mit

den Behörden erleichtern soll.

thyssenkrupp hat das Programm „we help“ im September 2015

ins Leben gerufen, um zusätzliche 150 Ausbildungsplätze und

230 Praktikumsplätze für Flüchtlinge zu schaffen. Das Unternehmen

möchte damit einen Beitrag leisten, den Flüchtlingen

die Integration zu erleichtern und ihnen die Möglichkeit zu

geben, sich aus eigener Kraft ein Leben in Deutschland aufzubauen.

Das zunächst auf zwei Jahre angelegte Programm

„we help“ wird vom Gesamtkonzern und dem Engagement

seiner Mitarbeiter getragen, die sich vor Ort als Ausbilder,

Integrationshelfer und Mentoren um die Integration der

Flüchtlinge in den Betriebsablauf und das Miteinander mit

den Kollegen kümmern.

Wie gut das gelingt, zeigt das Beispiel von Amanuel aus Eritrea,

der seit Kurzem eine Ausbildung bei thyssenkrupp macht.

Gemeinsam mit vielen anderen bereits eingestellten jungen

Zuwanderern profitiert er von den professionellen Ausbildungsmöglichkeiten

des Konzerns sowie von der toleranten,

multinationalen Atmosphäre unter den Kollegen. Die Ausbildungs-

und Praktikumsplätze werden sowohl im gewerblichen

als auch im kaufmännischen Bereich an unterschiedlichen

Standorten von thyssenkrupp in Deutschland geschaffen. Im

Mittelpunkt des Programms „we help“ steht die Integration von

thyssenkrupp-Auszubildender Amanuel aus Eritrea

globalcompact Deutschland 2016

33


Praxisbeispiele

Bürgerschaftliches Engagement

Für das „Ankommen“ in Deutschland und die Integration in

den Arbeitsmarkt werden gute Deutschkenntnisse benötigt.

Daher unterstützt Innogy Flüchtlinge durch Dolmetschertätigkeit

und beim Erlernen der deutschen Sprache. Konkret stellt

Innogy bis Ende 2017 mindestens 15 Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter für Dolmetschertätigkeiten zur Verfügung, um

arabisch-, französisch- und englischsprachige Flüchtlinge zu

unterstützen. Zusätzlich bietet Innogy in Kooperation mit der

Caritas Essen Sprachkurse für mindestens 60 Flüchtlinge für

das Jahr 2016 an. Bis zu 20 Flüchtlinge drücken bei Innogy

zweimal in der Woche die Schulbank und lernen Deutsch.

Insgesamt meldeten sich mehr als 70 Mitarbeiter. Die Kurse

finden während der Arbeitszeit in Räumen der Innogy SE statt.

So unterstützt der Vorstand das ehrenamtliche Engagement

der Mitarbeiter. Den ersten erfolgreichen Pilot-Kurs gab es

bereits von Februar bis April. Auch die Innogy-Kollegen lernen

bei den Sprachkursen dazu. So erweitern sie zum Beispiel ihr

interkulturelles Wissen, üben Moderationstechniken und

freies Sprechen − und nebenbei erfahren sie viel Herzlichkeit.

Die Integration von Flüchtlingen gehen der FC und die Stiftung

1. FC Köln sportlich an. Fußball ist die ideale Sportart,

um Menschen jeden Alters, jeder Nation und jeder Religion

zusammenzuführen. Fußball verbindet Menschen, Fußball

ist international. Sprachbarrieren spielen bei diesem Sport

keine Rolle. Seit Herbst 2015 ermöglicht die FC-Stiftung ein

wöchentliches Training für Flüchtlingskinder zwischen acht

und 14 Jahren. Bei den Einheiten zeigen bis zu 15 Kinder

aus der Flüchtlingsunterkunft Neusser Straße ihr fußballerisches

Können. Sie kicken gemeinsam mit Kindern des

CfB Ford-Niehl, einem Partnerverein des 1. FC Köln. So wurden

zahlreiche neue Freundschaften geknüpft, die den Start in ein

neues Leben in Köln vereinfacht haben.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) steht bei der Betreuung von

Flüchtlingen vor gewaltigen Herausforderungen. Deshalb stellt

die Stiftung der Airbus Group dem DRK auf unbestimmte Zeit

eine mobile Gesundheitsstation für die medizinische Versorgung

von Flüchtlingen zur Verfügung. Mit der Übergabe der

mobilen Gesundheitsstation soll die medizinische Versorgung

von 5.000 Flüchtlingen im niederbayerischen Feldkirchen

gewährleistet und entscheidend verbessert werden. Das DRK

kann hierdurch die gesamte medizinische Palette anbieten

− von der Behandlung kleinerer Verletzungen bis zur notfallmedizinischen

Versorgung. Die mobile Gesundheitsstation

kann bei Bedarf an anderen Orten aufgestellt werden − national

sowie international.

Vissmanns unterstützt die Renovierung und Ausstattung des

Flüchtlingsheims in Battenberg. Die ersten Erfahrungen sind

sehr positiv. Die Flüchtlinge sind überaus motiviert und die

Vissmann Mitarbeiter engagieren sich mit großem Einsatz bei

der Betreuung. Insgesamt sieht man in der Region sowohl bei

den Menschen als auch bei den Unternehmen eine hohe Bereitschaft,

die Menschen, die zu uns kommen, zu unterstützen

und möglichst schnell zu integrieren.

Mit verschiedenen Projekten engagiert sich VAUDE gemeinsam

mit seinen Mitarbeitern für die Integration von Flüchtlingen.

Dabei spielt für den Hersteller von Outdoor-Artikeln

auch der Sport eine wichtige Rolle. So können Flüchtlinge

an vielfältigen Sportkursen teilnehmen, die im Rahmen des

betrieblichen Gesundheitsmanagements bei VAUDE angeboten

werden. Dazu gehören beispielsweise auch Kletterkurse

an der betriebseigenen Kletterwand. Ein weiteres konkretes

Projekt: Gemeinsam mit Flüchtlingen werden in der VAUDE

Fertigung am Firmenstandort in Tettnang nachhaltige Taschen

aus Stanzresten gemeinnützig produziert. Auf diese Weise

bietet das Unternehmen Zuwanderern eine sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit

bei der sie gleichzeitig erste Erfahrungen

im deutschen Arbeitsalltag sammeln können. Darüber hinaus

organisiert der Outdoor-Ausstatter in diesem Jahr einen Tag

der offenen Tür speziell für Flüchtlinge. Hierbei erfahren sie

nicht nur, welche Arbeitsbereiche und Stellen es bei VAUDE

gibt, sondern können auch an Bewerbungstrainings teilnehmen

sowie bei Führungen den Arbeitsalltag kennenlernen.

Quelle

Eigene Beiträge und Beispiele von „Wir-Zusammen. Initiative

der deutschen Wirtschaft zur Unterstützung der Integration von

Flüchtlingen in Deutschland.“

34 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

Teilhabe und Integration

Was kann die schulische Bildung beitragen?

Deutschland ist und bleibt ein Einwanderungsland. In diesem Kontext führen chancengleiche

Bildung und Teilhabe nicht nur zu individuellen, sondern auch gesamtgesellschaftlichen Vorteilen.

Bildung trägt dazu bei, dass Kinder und Jugendliche lernen, sich in der Welt zu orientieren, sie

zu verstehen, zu reflektieren, in ihr eine Rolle zu finden und sich an ihrer Gestaltung zu beteiligen.

Dabei geht es um die Entwicklung von Kompetenzen, um am gesellschaftlichen und politischen

Leben unserer Demokratie mitzuwirken. Die Schule ist eine Gesellschaft im Kleinen, wo junge

Menschen all dies lernen können.

Von Ina Bömelburg und Katharina Tesmer

Bis Ende des Jahres 2016 werden ca. 1,3 Millionen Menschen

in Deutschland als schutz- und asylsuchend registriert sein, gut

200.000 von ihnen im schulpflichtigen Alter zwischen sechs

und 16 Jahren, gut 750.000 jünger als 25 Jahre. So verwundert

es nicht, dass die bildungspolitischen Debatten derzeit stark

geprägt sind von Fragen der Migration und der Integration

junger Menschen in das deutsche Bildungssystem.

In ihrer „Erklärung zur Integration von jungen Geflüchteten

durch Bildung“ hat die Kultusministerkonferenz (KMK) Anfang

Oktober 2016 festgehalten: „Wir werden aber auch im

kommenden Jahr die bislang eingeleiteten Maßnahmen und

Angebote zur schulischen und beruflichen Bildung junger Geflüchteter

fortführen, weiterentwickeln und ausbauen müssen.“

Dafür haben die Bundesländer im Schuljahr 2015/2016 unter

anderem etwa 13.000 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen.

Aber nicht nur der politische Handlungsdruck ist gewachsen.

Die Bildung junger Geflüchteter in den Blick zu nehmen, ist

eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deutschland hat >>

globalcompact Deutschland 2016

35


Agenda

eine starke Zivilgesellschaft, wie zuletzt der Freiwilligen-Survey

vom Frühjahr 2016 und eine Studie des Berliner Instituts

für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)

der Humboldt-Universität zu Berlin zeigten: Im Jahr 2014

sollen 43,6 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren

freiwillig engagiert gewesen sein und es hat sich gezeigt, dass

sich immer mehr Menschen in Deutschland ehrenamtlich für

Flüchtlinge engagieren. Vereine verzeichneten in den Jahren

2013 bis 2015 einen Anstieg um 70 Prozent. Ehrenamtliche

vermitteln zwischen Familien und Schulen oder engagieren

sich im Sprachunterricht.

Die Stiftung Mercator mit ihren thematischen Schwerpunkten

in der internationalen Zusammenarbeit, der Wissenschaftsförderung,

dem Klimawandel, der Integration und kulturellen

Bildung versteht sich als Teil der Zivilgesellschaft. Wir sind

für die Bildung aktiv, weil wir dort einen drängenden gesellschaftlichen

Bedarf erkennen und zugleich mit unserem

Engagement etwas bewegen können.

Wie aber kommen wir von den Zielen gleicher Bildungs- und

Teilhabechancen zu tatsächlichen Veränderungen? Wer sind

die entscheidenden Akteure? Wie findet Integration durch

Bildung statt? Und was können wir als Stiftung zu einer gelingenden

Integration in der Schule beitragen?

Schulen und Lehrkräfte brauchen Unterstützung

Trotz bestehender Schulpflichtregelungen der Bundesländer

gilt die Schulpflicht nicht überall von Anfang an, insbesondere

für Asyl suchende Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen

Alter. In der Praxis ist der Schulzugang daher für viele prekär.

Sind die Kinder und Jugendlichen einer Schule zugeordnet,

werden sie entweder direkt in Regelklassen aufgenommen oder

in den sogenannten Willkommens- oder Seiteneinsteigerklassen

unterrichtet. Welches Modell hierbei am günstigsten ist, ist

wissenschaftlich noch nicht bewertet worden. Klar ist jedoch,

dass es vielfach an qualifiziertem Lehrpersonal fehlt. Und

zunehmend wird deutlich, wie zentral eine psychologische

Betreuung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen ist.

Umgang mit zunehmender Diversität wird Kernaufgabe

von Schule

Die hohe Zahl der neu eingewanderten schulpflichtigen

Kinder und Jugendlichen stellt das Schulsystem aktuell vor

große Herausforderungen. Laut Bevölkerungsstatistik wird in

nur wenigen Jahren mehr als die Hälfte aller Schüler einen

Migrationshintergrund haben. Sie kommen aus unterschiedlichen

kulturellen, religiösen und sozialen Kontexten und

bringen Herkunftssprachen aus aller Welt mit. Die bereits

vorhandene Diversität im Klassenzimmer wird dadurch also

weiter verstärkt. Schulen und Lehrkräfte müssen sich der

wachsenden sozialen, sprachlichen, kulturellen und religiösen

Heterogenität der Schülerschaft stellen, die Schule und ihren

Unterricht grundlegend verändern.

Insbesondere können Einstellungen, Haltungen und Erwartungen

von Lehrkräften einen Einfluss auf die Leistungen von

Schülern haben. Ein defizitär geprägter Blick auf Menschen

kann dazu führen, ihre Potenziale zu verkennen. Die Stärken

von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund,

wie beispielsweise ihre Mehrsprachigkeit, eine ausgeprägte

Leistungsorientierung und hohe Flexibilität, werden im Bildungssystem

immer noch zu wenig erkannt und gefördert.

Neben der einzelnen Lehrkraft spielt die Schule an sich ebenfalls

eine entscheidende Rolle beim Abbau von Bildungsungleichheit.

Die Schule als Gesamtes muss sich interkulturell

öffnen: „Bei der interkulturellen Öffnung des Schulsystems

geht es um einen veränderten Blick der Institution Schule

sowie der in ihr verantwortlich Handelnden auf die durch

Migrationsprozesse veränderte Schulrealität insgesamt sowie

um eine Anpassung der Institution in ihren Strukturen,

Methoden, Curricula und Umgangsformen an eine in vielen

Dimensionen plurale Schülerschaft“, schreibt die Migrations-

und Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakaşoğlu.

Diesen Handlungsbedarf hat auch die Politik erkannt: Mit

dem Beschluss „Interkulturelle Bildung und Erziehung in

der Schule“ fordert beispielsweise die Kultusministerkonferenz,

allen Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer

Herkunft umfassende Teilhabe an Bildung und Chancen

für den größtmöglichen Bildungserfolg zu eröffnen, indem

Diskriminierung abgebaut wird und verschiedene Kulturen

selbstverständlicher Teil der Schule werden.

Eine erfolgreiche Integration kann also nur dann gelingen,

wenn Schulen gut mit der zunehmenden Diversität umgehen

können. Dabei darf es nicht um eine Weiterentwicklung

kompensatorischer Förderstrategien gehen, sondern

um die Verankerung einer Anerkennung und Achtung von

Vielfalt. Aber bekommen Schulen die dafür notwendige

Unterstützung? Zu wenig, resümieren das Mercator-Institut

36 globalcompact Deutschland 2016


MIGRATION

für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und der

Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und

Migration nach einer Untersuchung darüber, wie Lehrkräfte

in Deutschland in ihrer Ausbildung und in der Fortbildung

lernen, mit kulturellen und sprachlichen Unterschieden im

Klassenzimmer angemessen umzugehen. Sie haben Prüfungs-,

Studienordnungen und Fortbildungskataloge analysiert und

sind zu dem Schluss gekommen, dass Lehrkräfte in nur sechs

deutschen Bundesländern den Umgang mit sprachlicher und

kultureller Vielfalt systematisch lernen. Es gibt noch zu wenige

wirksame und wenig praxisnahe Qualifizierungsangebote. Die

zentrale Empfehlung lautet, dass die Lehrerbildung an Universitäten,

im Referendariat und in der Fort- und Weiterbildung

entsprechend angepasst werden muss.

Um Schulen und Lehrkräfte bei dieser Herausforderung zu

unterstützen, verstärken wir unser Engagement für einen besseren

Umgang mit Diversität in der Schule. Daneben sind wir

in langjährig aufgebauten Handlungsfeldern aktiv, mit denen

wir zu mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland beitragen

möchten. Hier einige Schlaglichter bezogen auf die Schule.

Durchgängige Sprachbildung fördern

Im Handlungsfeld der sprachlichen Bildung und Sprachförderung,

das als wichtiger Faktor für einen guten Umgang mit

Diversität zu verstehen ist, haben wir darauf hingearbeitet,

die Projekte im Hinblick auf das Ziel der chancengerechten

Teilhabe systemisch anzulegen; weg von additiven, zusätzlich

geförderten Maßnahmen wie dem Förderunterricht, hin zu

einer systemischen Förderung, bei der die Akteure im Schulsystem

− in der Regel die Lehrer − qualifiziert und begleitet

werden. Die wissenschaftliche Forschung, die praktische Schulund

Unterrichtsentwicklung, die Lehrerbildung und politische

Kommunikation greifen ineinander, damit Schülerinnen

und Schüler verbesserte Lernbedingungen und bestmögliche

Unterstützung erfahren.

Bildungsübergänge verbessern

Neben sprachlichen Hürden lässt sich beobachten, dass Schüler

mit Migrationshintergrund und / oder aus Nichtakademiker-

Familien insbesondere beim Übergang von einer Bildungsinstitution

in die nächsthöhere Probleme haben. Dies führt

dazu, dass viele junge Menschen nicht die Bildung erhalten,

die ihren Fähigkeiten entspricht.

Dies gilt besonders für neu eingewanderte junge Menschen,

bei denen es aufgrund mangelnder Sprach- und Kulturkenntnisse

besonders schwierig ist, ihre Kompetenzen richtig einzuschätzen

und entsprechende Übergangsempfehlungen

auszusprechen. Aus diesem Grund haben wir gemeinsam

mit der RuhrFutur gGmbH, einer Partnergesellschaft der

Stiftung Mercator, beispielsweise das Programm „Wegbereiter“

entwickelt, das Kommunen und Schulen im Ruhrgebiet u. a.

dabei unterstützt, bessere Diagnoseverfahren zu entwickeln

und eine durchlässige schulische Integration der geflüchteten

Kinder zu ermöglichen.

Qualität im Ganztag verbessern

Auch setzen wir auf die Verbesserung der Qualität im Ganztag,

weil der Ganztag die Schulform der Zukunft in einer

vielfältigen Gesellschaft ist. Er bietet optimale Bedingungen,

um gerade sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche (und

damit auch neu eingewanderte junge Menschen) individuell

und unabhängig von den Unterstützungsmöglichkeiten des

Elternhauses zu fördern. In den Projekten dieses Handlungsfelds

wie beispielsweise „LiGa − Lernen im Ganztag“ zeigt sich,

dass es in Ganztagsschulen besonders gut gelingt, geflüchtete

Kinder und Jugendliche von Anfang an ins Sozialleben und

Regelangebot der Schule einzubeziehen.

Kulturelle Bildung als Mittel zur Integration

Aktivitäten im Bereich der kulturellen Bildung sind ein wichtiges

Mittel, um die nachhaltige Integration neu eingewanderter

Kinder und Jugendlichen in der Schule den Boden zu bereiten.

Gerade künstlerische Aktivitäten wie gemeinsames Singen

oder Tanzen sind besonders geeignet, Kinder und Jugendliche

unmittelbar in Interaktionen und Kommunikationen ohne

Sprachbarrieren zu bringen. Einige unserer Projekte im Bereich

„Kulturelle Bildung“ setzen daher genau hier an.

Gesellschaftliche Diskurse versachlichen

Die Schule steht nicht allein, sondern ist Teil gesellschaftlicher

Diskurse und Entwicklungen. Was eine Schule ausmacht, ist

eben nicht nur die Struktur, ihre Organisation und das fachliche

Know-how der Pädagogen, sondern auch die Einstellungen und

Haltungen zu Integration und Diversität. Ein chancengleicher

Zugang zu Bildung für alle Kinder und Jugendlichen ist nur

dann möglich, wenn auch die Gesellschaft Einwanderung

und Vielfalt positiv gegenübersteht. Zwar überwiegen nach

wie vor positive Einstellungen in der deutschen Bevölkerung,

der aktuelle Trend hin zu einer Ablehnung der Vielfalts- und

Willkommenskultur allerdings markiert einen verstärkten

Handlungsbedarf von Zivilgesellschaft und Staat. Durch die

Förderung des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für

Integration und Migration oder Studien wie „ZuGleich − Zugehörigkeit

und Gleichwertigkeit“ möchte die Stiftung Mercator

beispielsweise zur Versachlichung der öffentlichen Debatte

beitragen und eine unabhängige, faktenbasierte Politikberatung

ermöglichen.

Über die Autorinnen

Ina Bömelburg und Katharina Tesmer sind als Projektmanagerinnen

im Bereich „Integration“ der Stiftung Mercator tätig.

Dort entwickeln und begleiten sie Projekte und Initiativen für

gerechtere Bildungschancen in Deutschland. Sie verantworten

insbesondere die Handlungsfelder zur Förderung einer durchgängigen

Sprachbildung, für einen positiven Integrationsdiskurs und

besseren Umgang mit sozialer, kultureller und religiöser Diversität

in Schule und Gesellschaft.

globalcompact Deutschland 2016

37


Agenda

Unternehmen und

Wie kaum ein zweites Nachhaltigkeitsthema

erleben die Menschenrechte

derzeit eine Entwicklung hin zu mehr

Verbindlichkeit. Angestoßen hat diesen

Prozess vor fünf Jahren John Ruggie

mit der Entwicklung der UN-Leitprinzipien

für Wirtschaft und Menschenrechte.

Aber auch Katastrophen wie

das Unglück in der Textilfabrik Rana

Plaza, der schwierige Umgang mit

Konfliktmineralien und die Vermeidung

von Kinderarbeit führen zu zunehmender

staatlicher Regulierung. Durch die

Verpflichtung zu verantwortlichem

und integrem Handeln – auch entlang

ihrer Lieferketten − können Unternehmen

entscheidend zur Umsetzung der

Menschenrechte beitragen. Modernes

Menschenrechtsmanagement formuliert

nicht nur Herausforderungen,

sondern Unternehmen können dies

auch als Leitmotiv verstehen und als

Chance, Nachhaltigkeitsthemen voranzutreiben.

38 globalcompact Deutschland 2016


Menschenrechte

Menschenrechte

globalcompact Deutschland 2016

39


Agenda

Zunehmende Verrechtlichung von

Menschenrechtsaspekten

Dass Menschenrechte auch Unternehmen etwas angehen, hat sich heute als weitgehender

Konsens durchgesetzt. Verschiedene gesetzgeberische Initiativen befassen sich mit unterschiedlichen

Teilaspekten der menschenrechtlichen Verantwortung wirtschaftlicher Akteure.

Was das in der Praxis bedeutet und warum sich daraus auch Chancen für Unternehmen

ergeben, zeigt das Beispiel des britischen Modern Slavery Act.

Von Laura Curtze

Transparenz in der Lieferkette

Seit Oktober 2015 sind mit dem britischen Modern Slavery

Act neue Transparenzbestimmungen für Unternehmen in

Kraft. Demnach müssen Firmen jährlich öffentlich zugängliche

Erklärungen darüber abgeben, welche Maßnahmen sie

ergreifen, um moderner Sklaverei in ihren Lieferketten und

Geschäftstätigkeiten vorzubeugen und entgegenzuwirken.

Moderne Sklaverei umfasst dabei nicht nur Zwangsarbeit im

herkömmlichen Sinne, sondern auch Menschenhandel mit dem

Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung. Berichten müssen alle

Unternehmen, deren Jahresumsatz über 36 Millionen Pfund

liegt und die zumindest einen Teil davon durch Tätigkeit in

Großbritannien erbringen. Das schließt auch eine große Zahl

deutscher Unternehmen mit ein.

Das Gesetz an sich schreibt zwar nicht vor, was genau in den

Erklärungen enthalten sein muss. Der begleitende Leitfaden

der britischen Regierung allerdings empfiehlt deutlich, sowohl

Informationen über den eigenen Betrieb und relevante

interne Richtlinien bereitzustellen als auch zu beschreiben,

wie genau vorgegangen wird, um Risiken moderner Sklaverei

zu erkennen und zu mildern. Nicht die Risikovermeidung

steht hierbei im Vordergrund, sondern Transparenz und ein

effektiver Umgang mit eventuellen Negativauswirkungen im

Sinne einer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht.

Internationale und nationale Rahmenwerke

Dieser Ansatz bildet spätestens seit der Beschließung der

UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte durch

den UN-Menschenrechtsrat den Rahmen für die soziale Verantwortung

wirtschaftlicher Akteure. In der Praxis bedeutet

das für Unternehmen, potenzielle Negativauswirkungen ihrer

direkten und indirekten Aktivitäten auf die Menschenrechte

zu identifizieren, zu minimieren und wiedergutzumachen.

40 globalcompact Deutschland 2016


Menschenrechte

Auch auf gesetzlicher und politischer Ebene ist die Verantwortung

von Unternehmen zur Achtung der Menschenrechte

zunehmend fest verankert. Bislang haben Regierungen in acht

Staaten ihre Strategie zur Umsetzung der UN Leitprinzipien

in Nationalen Aktionsplänen festgehalten, in gut 30 weiteren

Ländern sind entsprechende Konzepte in Arbeit, darunter

auch Deutschland. Ein dem Modern Slavery Act ähnliches

Gesetz verpflichtet bereits seit 2010 in Kalifornien tätige

Unternehmen, über Risiken in Bezug auf Zwangsarbeit und

Menschenhandel zu berichten. In Frankreich befindet sich ein

Gesetzesentwurf zur unternehmerischen Verantwortung für

Menschenrechte in der Abstimmung, in der Schweiz wird eine

entsprechende Volksabstimmung vorbereitet und europaweit

müssen EU-Mitgliedsstaaten − sofern noch nicht geschehen

− die sogenannte CSR-Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung

umsetzen.

Menschenrechte zunehmend relevant

Diese Entwicklungen tragen einer veränderten Realität Rechnung:

Mit zunehmend globalen und komplexen Liefer- und

Wertschöpfungsketten steigt für Unternehmen auch das Risiko,

direkt oder indirekt zu Menschenrechtsverletzungen beizutragen.

Der Einsturz der Rana Plaza Textilfabrik in Bangladesch,

Berichte über Arbeitssklaven auf thailändischen Fischtrawlern

oder prekäre Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern in

Europa − all das sind Szenarien, die den daraus entstehenden

Handlungsbedarf unterstreichen.

Eine große und stetig wachsende Zahl von Unternehmen setzt

sich daher aktiv für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen

und Minimierung von menschenrechtlichen Risiken in ihren

Lieferketten und Geschäftsbeziehungen ein. In Umfragen unter

Geschäftsleuten landen Menschenrechte immer häufiger unter

den wichtigsten Themen der Nachhaltigkeitsagenda. Als vor

Kurzem das britische Business & Human Rights Resource Centre

eine Befragung unter den DAX 30-Unternehmen durchführte,

nahmen mehr als zwei Drittel der kontaktierten Firmen teil

und machten teils detaillierte Angaben dazu, was sie zur

Achtung der Menschenrechte unternehmen.

Was machen Unternehmen?

Auch die Transparenzbestimmungen des Modern Slavery Act

spielen hierbei eine Rolle. Ergon Associates, eine auf Wirtschaft

und Menschenrechte spezialisierte Beratung, analysiert

die Umsetzung der Berichtspflicht des Modern Slavery Act

seit dessen Inkrafttreten. Eine kürzlich mit Historic Futures

durchgeführte Studie ergab, dass der Modern Slavery Act erheblich

dazu beigetragen hat, die Führungsebene britischer

Unternehmen für soziale und menschenrechtliche Risiken

in der Lieferkette zu sensibilisieren. Auch der Fokus auf die

Identifizierung und Überwachung von Risiken habe nach

Einführung des Modern Slavery Act weiter zugenommen.

Das zeigt sich − zumindest teilweise − auch in den bislang veröffentlichten

Berichten. Knapp 1.000 Modern-Slavery-Erklärungen

sind mittlerweile in dem von zivilgesellschaftlichen

Organisationen getragenen zentralen Register hinterlegt. Auch

eine Zahl deutscher Unternehmen ist darunter. Die inhaltliche

Tiefe der Berichte variiert stark: Eine Analyse der rund 250

ersten Berichte durch Ergon Associates zeigte, dass nur knapp

20 Prozent der gemachten Erklärungen genauere Angaben

dazu enthielten, wie die Unternehmen Zwangsarbeits- und

Menschenhandelsrisiken in der Lieferkette identifizieren und

bekämpfen. Auch ein Jahr nach Inkrafttreten der Berichtspflicht

sind dies Bereiche, zu denen viele Unternehmen lediglich vage

Informationen bereitstellen. Gleichzeitig ist jedoch auch zu

beobachten, dass gerade größere, global agierende Firmen

detaillierte Erklärungen abgeben, oftmals integriert in die

breitere Nachhaltigkeits- oder Menschenrechtsberichterstattung,

die ihren Umgang mit Risiken moderner Sklaverei ausführlich

beschreiben. Das ist nicht nur im Sinne des Gesetzes, sondern

auch von strategischer Bedeutung.

Die Berichtspflicht als Chance

Denn der Umgang von Unternehmen mit menschenrechtlichen

und sozialen Risiken wird auch für zivilgesellschaftliche

Beobachter, Geschäftspartner und Konsumenten immer wichtiger.

Und auch für Investoren spielt das menschenrechtliche

Risikomanagement von Unternehmen eine wachsende Rolle.

Das zeigt sich zum Beispiel in der Erweiterung des Dow

Jones Sustainability Index um einen Indikator zum Thema

Wirtschaft und Menschenrechte oder in der Entwicklung von

Initiativen wie dem Corporate Human Rights Benchmark, der

sich auf die vergleichende Bewertung von unternehmerischen

Sorgfaltspflichtsprozessen konzentriert. Auch für kleinere

Betriebe wird eine transparente Haltung zum Thema Menschenrechte

zunehmend relevant, nicht zuletzt aufgrund

von Kundenanfragen.

Vor diesem Hintergrund bietet die Berichterstattung unter

dem Modern Slavery Act Unternehmen auch klare Chancen:

Zum einen kann die Berichtspflicht dabei helfen, Nachhaltigkeitsthemen

intern zu priorisieren und eigene Prozesse

zur Risikoidentifizierung und -minimierung anzustoßen, zu

evaluieren und zu optimieren. Darüber hinaus stellen die zu

veröffentlichenden Erklärungen auch eine Gelegenheit für

Unternehmen dar, verstärktes Engagement zu demonstrieren,

Transparenz herzustellen − und so nicht zuletzt gegenwärtigen

und zukünftigen Anforderungen seitens Konsumenten,

Kunden, Investoren und Gesetzgebern entgegenzukommen.

Die Berichte und Analysen von Ergon Associates zum Modern Slavery Act sind

abruf bar unter: www.ergonassociates.net

Über die Autorin

Laura Curtze arbeitet als Researcher bei Ergon Associates, einer

Unternehmensberatung mit Hauptsitz in London, die Kunden aus

ganz Europa zu menschenrechtlichen Sorgfaltspflichtsprozessen,

Arbeitsnormen, sozialer Nachhaltigkeit in der Lieferkette und

Reporting berät.

globalcompact Deutschland 2016

41


Agenda

Effiziente

Vertragsgestaltung

in der Lieferkette

CSR-Vereinbarungen sind ein gutes Mittel unternehmerischer Sorgfalt, sagt der Jurist

Robert Grabosch und erläutert, wie Verträge entsprechend gestaltet werden können.

Die Anforderungen an die unternehmerische Sorgfalt steigen.

Das betrifft alle vier Themen des UN Global Compact.

Die Sorgfalt darf sich in allen Geschäftsfeldern nicht mehr

auf die unmittelbaren Geschäftspartner des Unternehmens

beschränken. Sie muss − wo angezeigt − auch tiefer in die

Wertschöpfungskette hineinreichen. Ausweislich der neuen

CSR-Berichtspflichten betrifft dies alle verschiedenen

nichtfinanziellen Belange. Gleichzeitig zeigen Investoren

und Kunden im Falle eines Skandals immer weniger Geduld.

Dass in der Lieferkette Probleme auftreten können, ist keine

neue Erkenntnis. Der hilflose Einwand, man könne für das

Verhalten von Lieferanten oder deren Geschäftspartner keine

Verantwortung übernehmen, wirkt heute eher unbeholfen

denn glaubwürdig. Kann ein Unternehmen im Skandalfall

nicht angemessen handeln, erwägen inzwischen selbst solche

Investoren einen Ausstieg, die sich Nachhaltigkeit nicht

ausdrücklich auf die Fahne geschrieben haben.

Umso wichtiger wird es, Informationsrechte und Einflussmacht

in Verträgen zu gestalten. Dazu sollten mit den sorgfältig

ausgewählten Geschäftspartnern klare Absprachen getroffen

werden. Dass Geschäftspartner rein mündlich formulierte

oder gar stillschweigende Erwartungen erfüllen, ist nicht

ernsthaft zu erwarten. Es gilt der Grundsatz: Was wichtig ist,

wird schriftlich fixiert. Aber nicht alle Probleme lassen sich

durch klare Verhaltensregeln vermeiden. Deswegen ist in

Vertragswerken auch festzuhalten, wie die Vertragspartner mit

Problemfällen umgehen werden. Nur so vermeiden Geschäftsführer

und Vorstände es, in Skandalfällen handlungsunfähig

zu sein und sich in peinliches Schweigen hüllen zu müssen.

Dieser Beitrag gibt einen Überblick darüber, welche Vereinbarungen

mit Lieferanten in Betracht kommen. Die neuen

CSR-Berichtspflichten auf Grundlage der EU-Richtlinie vom

22.10.2014 sollten den mit CSR-Aufgaben betrauten Mitarbeitern

Anlass bieten, die Vertragswerke gemeinsam mit internen oder

externen Rechtsberatern auf Verbesserungspotential zu prüfen.

CSR in Verträgen thematisieren

Nicht wenige Unternehmen erwarten von ihren Geschäftspartnern

schlicht, dass sie ihren Verhaltenskodex zur Kenntnis

nehmen und bestätigen. Ob damit aber irgendeine rechtliche

Verbindlichkeit einhergeht und wie mit möglichen Verstößen

gegen den Kodex umgegangen werden soll, bleibt zwischen

den Vertragspartnern ungeklärt.

Wer zeigen will, dass er es mit der Unternehmensverantwortung

ernst meint, muss sie in seinen Vertragswerken thematisieren.

Vereinbarungen zum Umgang mit CSR-Belangen sind heutzutage

in den Geschäftsbeziehungen großer Unternehmen

bereits weit verbreitet. Doch häufig erschöpfen sie sich in

vagen Wunschvorgaben oder gar apodiktischen Behauptungen.

So heißt es etwa in den allgemeinen Einkaufsbedingungen

eines großen deutschen Einzelhändlers, der Lieferant „versichert,

dass die gelieferte Ware weder durch ausbeuterische,

gesundheitsschädigende oder sklavenartige Arbeit noch durch

Kinderarbeit, Zwangsarbeit oder sonst die Menschenwürde

verletzende Gefängnisarbeit hergestellt worden ist.“ Doch

was genau bedeutet das beispielsweise für Hersteller von Lebensmitteln

mit Zutaten aus Kolumbien oder für Lieferanten

42 globalcompact Deutschland 2016


Menschenrechte

von Non-Food-Waren aus Pakistan? In welcher Form und auf

welcher Grundlage „versichern“ sie all diese Umstände? Wann

ist Arbeit überhaupt „ausbeuterisch“? Genauere Vorgaben für

die wichtigsten Produktarten und Geschäftsregionen lassen

die Vertragswerke häufig vermissen. Es ist kein Wunder, wenn

Lieferanten derartige Klauseln mehr oder weniger bewusst

übersehen.

Das Unternehmen kann dann im Konfliktfall noch nicht einmal

verlangen, dass der Geschäftspartner sich an die getroffene

Vereinbarung hält. Wegen Unklarheiten bei der Formulierung

ist nämlich schon zweifelhaft, ob die jeweilige CSR-Klausel

überhaupt rechtlich wirksam ist. Denn Vertragswerke, die

für eine mehrfache Verwendung vorformuliert worden sind,

behandelt das Gesetz als „Allgemeine Geschäftsbedingungen“.

AGB müssen einige gesetzliche Anforderungen erfüllen − auch

wenn sie ausschließlich für den Geschäftsverkehr mit Unternehmen

gedacht sind. Klauseln müssen klar formuliert sein,

vom gesetzlichen Leitbild nicht zu sehr abweichen und den

Geschäftspartner nicht unangemessen benachteiligen. Auch

darf eine CSR-Klausel nicht am Ende einer ganz anderen ausführlichen

Regelung − etwa der Liefermodalitäten − „versteckt“

werden. In all diesen Fällen ist die CSR-Klausel unwirksam.

Relevante Inhalte konkretisieren

CSR-Klauseln müssen aber auch nicht bis hin zur lästigen,

unnötigen Kleinlichkeit ausgedehnt werden. Welche Themen

sind es, die besonders genau geregelt werden sollten? Das zeigen

die Ergebnisse der Umfeld- und Geschäftspartneranalysen, die

selbstverständlich auch im Hinblick auf die vier Gebiete des

UN Global Compact durchzuführen sind. Aus dem vielfältigen

Bestand an Standards für verschiedene Branchen können

passende ausgewählt werden. In den allermeisten Fällen

bedarf es keiner Neuerfindung von Standards und Zertifizierungssystemen.

Die Grundzüge eines passenden Standards

werden dann im Vertrag beschrieben, ggf. wesentliche Inhalte

hervorgehoben, und ihr Text als Anlage dem Vertrag beigefügt,

falls er nicht bereits als bekannt vorausgesetzt werden kann.

Jedenfalls für große kapitalmarktorientierte Unternehmen

und deren Geschäftspartner sind auch die neuen CSR-Berichtspflichten

auf Grundlage der europäischen Richtlinie 2014/95

wichtig. Damit die Controlling-Abteilung die nichtfinanziellen

Berichte vorbereiten kann, muss die Geschäftsleitung relevante

qualitative und quantitative Informationen bestimmen. Die

Sammlung der Informationen bei den Geschäftspartnern, ggf.

gar durch die Lieferkette hinweg, sollte durch vertragliche

Verpflichtungen zur Selbstauskunft gesichert werden.

Die im deutschen Vertragsrecht anerkannte Gestaltungsfreiheit

ermöglicht außerdem vielfältige Vereinbarungen zugunsten

Dritter, die selbst nicht Vertragspartner sind. Derartige Klauseln

können zum Beispiel betroffene indigene Bevölkerungen

oder Arbeiter auf Plantagen unmittelbar ermächtigen, gesundheitsschützende

Maßnahmen oder Schadensersatz vom

Lieferanten zu verlangen. Es kommt dann nicht mehr darauf

an, ob derartige Ansprüche in der dortigen (ausländischen)

Rechtsordnung vorgesehen sind oder vom Lieferanten gegenüber

seinen Arbeitnehmern zugesagt worden sind. >>

globalcompact Deutschland 2016

43


Agenda

Folgen von Verstößen

Verstöße gegen die vereinbarten Standards lassen sich nie ganz

ausschließen, auch nicht durch höchste Sorgfalt bei der Auswahl

zuverlässiger Lieferanten. Bisher verlassen sich Unternehmen

überwiegend darauf, dass der Lieferant in Problemfällen von

sich aus Maßnahmen weitgehend tolerieren wird, um seine

Geschäftsbeziehung zu erhalten. Nur durch geeignete Klauseln

zum Informationsfluss und Krisenmanagement sichert sich das

Unternehmen jedoch seine Handlungsfähigkeit. Stehen ihm

vereinbarte Anreiz- und Sanktionsinstrumente zur Verfügung,

kann es zügig angemessene Maßnahmen einleiten und seine

Geschäftspartner zur Mitwirkung bei der Problemlösung zwingen.

CSR-Probleme müssen dann nicht mehr in Blamagen enden.

Ebenso wie Belohnungen, z. B. Bonuszahlungen, für die Erreichung

prüf barer Indikatoren gewährt werden können, lassen

sich auch Schadensersatzpflichten und Vertragsstrafen in Fällen

festgestellter Verstöße vereinbaren.

Für Fälle festgestellter Verstöße sollte sich das Unternehmen

auch eine Auswahl an praktisch sinnvollen Konsequenzen

sichern. Inwiefern muss sich der Lieferant an einer Krisenbewältigung

beteiligen und wann ist eine außerordentliche

Kündigung des Liefervertrages möglich? Die meisten der

bisherigen Kündigungsklauseln in Verhaltenskodizes sind

nicht rechtswirksam, denn sie stellen nicht darauf ab, ob

der Lieferant hinreichend Möglichkeit hatte, den Verstoß zu

verhindern oder zu beseitigen.

Einflussmacht durch Kontrollinstrumente

Wichtig ist es auch, Kontrollinstrumente zwecks Überprüfung

der Einhaltung der ausgewählten Standards zu vereinbaren.

Andernfalls ist kein Verlass darauf, dass der Lieferant an Kontrollen

mitwirkt oder auch nur Auskunft über Betriebsvorgänge

erteilt und ggf. bei Dritten einholt. Hier sind die Vor- und

Nachteile von Zertifizierungen, Audits und Besuchen bei

Lieferanten durch eigenes Personal abzuwägen. Audits sind

zwar weit verbreitet, aber nicht ohne Weiteres zuverlässig.

Wie den Auditoren zusätzliche Anreize für eine gründlichere

Prüfung gesetzt werden kann, sollte im Verhältnis zum Audit-

Unternehmen bei der Verhandlung der Auftragsbedingungen

bedacht werden.

Weitergeleitete CSR-Vereinbarungen

Durch eine Vereinbarung mit dem Lieferanten können nicht

unmittelbar auch dessen Vor-Lieferanten Pflichten auferlegt

werden. Damit auch Vor-Lieferanten in die Pflicht genommen

werden können, muss der Lieferant verpflichtet werden, die

Inhalte der CSR-Klauseln an die Vor-Lieferanten zu berichten

und sich bestmöglich darum zu bemühen, diese entsprechend

zu verpflichten und die Einhaltung der Pflichten regelmäßig

zu prüfen.

Zusammenfassung

Eine effiziente Vertragsgestaltung macht andere Maßnahmen

unternehmerischer Sorgfalt nicht überflüssig. Vielmehr setzt

sie eine gründliche Risikoanalyse voraus und ergänzt andere

Maßnahmen wie Monitoring-Systeme, Multi-Stakeholder-

Initiativen, Schulungen u.s.w. So verstanden und umgesetzt

sichern CSR-integrierte Verträge die unternehmerische Handlungsfähigkeit

in Problemsituationen und sind die Grundlage

für ein vorbildliches Krisenmanagement. Gerade in Regionen

mit niedrigen Lebensstandards und in typischerweise gefahrgeneigten

Branchen können so beachtliche Erfolge erzielt

werden. Das Unternehmen hat dann in jeder Problemsituation

die Chance, seine angemessene Risikovorsorge unter Beweis

zu stellen.

Über den Autor

Robert Grabosch ist Rechtsanwalt & Wirtschaftsmediator bei der

deutsch-niederländischen Anwaltskanzlei Grabosch Timmermans.

Diese berät Unternehmen auf dem Gebiet des Zivilrechts sowie der

Corporate Responsibility.

44 globalcompact Deutschland 2016


Info

Fünf Maßnahmen der DAX 30-Unternehmen

zur Achtung der Menschenrechte

Von Isabel Ebert

Deutsche DAX30-Unternehmen können als Pioniere voranschreiten und die Menschenrechte in

ihren Sektoren und dem Mittelstand innerhalb Deutschlands und im Ausland achten oder gar

fördern. Schöpfen die Konzerne dieses Potenzial aus? In einer kürzlich durchgeführten Umfrage

unter den führenden börsennotierten deutschen Unternehmen (DAX30) haben zwei Drittel der

Unternehmen sich dazu entschieden, Informationen über ihre Menschenrechts-Policies und

-Praktiken über die Company Action Platform des Business and Human Rights Resource Centre

zu veröffentlichen. Die Unternehmen hoben fünf Schlüsselbereiche hervor, in denen sie Maßnahmen

zur Achtung der Menschenrechte ergreifen:

1. Beschwerdemechanismen: Der Zugang zu betrieblichen

Beschwerdemechanismen unterstützt ein Unternehmen bei der

Etablierung eines Frühwarnsystems zur Verhinderung von Menschenrechtsverletzungen

sowie zur Minderung von eventuellen

Missständen. Als eines der ersten Unternehmen, das seinen

Beschwerdemechanismus an die UN-Leitprinzipien zu Unternehmen

und Menschenrechten (UN Guiding Principles on Business

and Human Rights / UNGPs) angepasst hat, führte Adidas einen

weltweiten Beschwerdemechanismus ein. Auf regionaler Ebene

startete Adidas im Jahr 2012 einen SMS-Beschwerdemechanismus

für Arbeitskräfte seiner Fertigungspartner in Indonesien. Bisher

umfasst der Mechanismus 14 Fabriken und 80.000 Arbeitskräfte.

Dieser ermöglicht Adidas, unabhängig zu verfolgen, wie Lieferanten

vor Ort mit Beschwerden umgehen.

2. Einbindung von lokalen Gemeinden und Stakeholder-

Gruppen: Um ein besseres Bild der Interessen und Bedürfnisse

lokaler Gemeinden zu gewinnen, welche von den Aktivitäten eines

Unternehmens betroffen sind, werden konkrete Maßnahmen zur

Beteiligung von Stakeholder-Gruppen durch mehrere DAX 30-Unternehmen

ergriffen. Die Allianz verweist auf ihr ESG-Rahmenwerk

als Kerndokument, in dem der Ansatz des Unternehmens zu

Menschenrechten zusammengefasst wird. Die Community Advisory

Panels der BASF dienen als Diskussionsforum auf lokaler

Ebene. Die Panels bestehen aus einer Gruppe von Anwohnern einer

Chemiefabrik, welche die Interessen der Gemeinden im Rahmen

des Panels gegenüber der Betriebsführung vertreten.

3. Schulungen zu Menschenrechten: Bayer weist auf die Durchführung

von Menschenrechtsschulungen hin, an welchen im

vergangenen Jahr 52 Prozent seiner Belegschaft teilnahmen. Die

Deutsche Post unterstreicht spezifische Trainings ihrer Mitarbeiter

im Rahmen des Employee Relations Forum, welches im Jahr 2013

als Governance-Gremium bestehend aus Mitarbeitervertretenden

aller Unternehmensbereiche und der Konzernzentrale gegründet

wurde. Mit der Kampagne zu „Diversity & Inclusion“ aus dem Jahr

2015 zielt Henkel darauf ab, das Verständnis von Vielfalt und

respektvollem Verhalten im Konzern zu stärken.

4. Einbindung von Geschäftspartnern und menschenrechtliche

Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette: Im Rahmen

der Global Business Partner Risk Management-Richtlinie legt

Merck fest, dass alle Partner zur Einhaltung von international

anerkannten Menschen- und Arbeitsnormen verpflichtet sind.

Volkswagen verwies neben ähnlichen Maßnahmen auf eine neue

Leitlinie zu Konfliktrohstoffen.

5. Impact Assessment zu Menschenrechten (Human Rights

Impact Assessments): Als entscheidender Schritt für ein Unternehmen,

um seine Auswirkungen auf die Menschenrechte

abzuschätzen, unterstreichen die UNGP die Notwendigkeit,

spezifische Impact Assessments zu Menschenrechten durchzuführen.

Im Rahmen des „Human Rights Respect System“ erhebt

Daimler an den Produktionsstandorten Informationen zur

Menschenrechtssituation. Daimler betont, auf der Grundlage der

Ergebnisse des Impact Assessments zu handeln und Maßnahmen

umzusetzen. Bayer identifizierte die Vermeidung von Kinderarbeit

als eine zentrale Herausforderung für ein nachhaltiges Lieferantenmanagement.

Daher hat Bayer CropScience Maßnahmen zur

Vermeidung von Kinderarbeit in der Saatgutversorgung in Indien,

Bangladesch und den Philippinen durch Kinderbetreuungsprogramme

eingeführt.

Quelle: UmweltDialog.de

globalcompact Deutschland 2016

45


Agenda

Schutz der

Menschenrechte als

Faktor bei Geschäftsinvestitionen

Wirtschaft und Menschenrechte: Dieses Spannungsfeld wurde in den letzten Jahrzehnten immer

wieder umfassend diskutiert und auch weltweit institutionalisiert. Doch haben wir erst kürzlich

damit begonnen uns die Frage zu stellen: „Welche Rolle übernimmt die Wirtschaft dabei?“

Von Dr. Christoph Regierer und Kai M. Beckmann

Weitverbreitet herrscht die Vorstellung, die Verknüpfung

von Menschenrechten und Wirtschaft bedeute, dass Unternehmensinvestitionen

in Übereinstimmung mit etablierten

Menschenrechtsstandards getätigt werden sollten. Diese Annahme

ist jedoch so nicht hinreichend: Die Integration von

Menschenrechten in das unternehmerische Denken setzt bereits

wesentlich früher an. Es geht darum, wie Unternehmen

ihre Gewinne erwirtschaften und nicht wie sie sie investieren.

Dabei handelt es sich auch nicht um einen rein philanthropischen

Ansatz: Menschenrechte zu schützen bedeutet, das

Geschäftsmodell und die Leitlinien eines Unternehmens so zu

definieren, dass grundlegende Prinzipien gelten und verbindlich

eingehalten werden. Die Leitplanken für das eigene Handeln

sind so zu definieren, dass die genaue Position immer wieder

mit internen und externen Anspruchsgruppen ausgehandelt

wird. Dabei sollte die Berücksichtigung von Menschenrechten

immer im Blick sein − gerade bei internationalem Engagement,

bzw. als Bestandteil globaler Lieferketten.

Während die Aufwände für die Berücksichtigung von Menschenrechten

relativ gering sind, ist die daraus erwachsende

Rentabilität erheblich. Bei der Investition in den Schutz von

Menschenrechten ist es wichtig, vollständig zu verstehen, was

Menschenrechte im geschäftlichen Umfeld des jeweiligen

Unternehmens bedeuten. Nur so können die richtigen Kennzahlen,

die Key Performance Indicators (KPIs), identifiziert

und die Rentabilität überwacht werden. Laut dem von Mazars

mitentwickelten und international gültigen United Nations

Guiding Principles Reporting Framework sollten Unternehmen

als Erstes fragen: „Welches sind unsere herausragenden

Menschenrechtsthemen?“

Nur wenn ein Unternehmen definiert und identifiziert hat,

was ‚Menschenrechte‘ tatsächlich in der Verbindung mit der

eigenen Geschäftstätigkeit bedeuten, kann es anfangen, diese

in sein Geschäftsmodell zu integrieren. In der Rohstoffindustrie

werden sich beispielsweise herausragende Menschenrechtsthemen

um die Auswirkungen auf die Allgemeinheit sowie

Umweltschäden, Gesundheits-, Gefahren- und Sicherheitsthemen

drehen, während in einem anderen Sektor vollkommen

andere Risiken im Fokus stehen können.

Risiken für Menschen − Risiken für Unternehmen

Bei der Identifizierung von „herausragenden Menschenrechtsthemen“

spielt ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle: Es ist

entscheidend, dass die relevanten Risiken als die Risiken für

Menschen und nicht etwa als Risiken für Unternehmen definiert

sind. Würden wir nur auf die Risiken für Unternehmen

schauen, übersähen wir einige herausragende Risiken für

Menschenrechte. Paradoxerweise kann man üblicherweise

diese Risiken nicht von den Risiken für ein Unternehmen

trennen. Wir müssen nur den Blickwinkel ändern, mit dem

wir auf für uns potenziell schädliche Risiken schauen.

Sind diese Risiken erst einmal identifiziert, die relevanten

Prozesse implementiert und die Kennzahlen zur Überwachung

46 globalcompact Deutschland 2016


Menschenrechte

des Schutzes der Menschenrechte verstanden, lässt sich auch

der Nutzen für das Unternehmen schnell erkennen. Er zeigt

sich nicht nur in Form von gesteigerter Reputation, sondern

auch in Form von erhöhter Profitabilität: Das Risiko von

Rechtsstreitigkeiten und den damit zusammenhängenden

Kosten sinkt, Versicherungskosten sinken voraussichtlich

ebenfalls, das Vertrauen von kritischen Stakehodern wächst,

die Mitarbeiterbindung steigt, globale Beschaffung wird sicherer,

weniger Lieferantenthemen fallen an.

Es gilt, die Hürden zu überwinden

Besonders wichtig ist für Unternehmen das Verständnis darüber,

inwiefern der Schutz der Menschenrechte zur Steigerung der

Unternehmensleistung beitragen kann. Die genannte Studie

zeigt, dass Unternehmen das Thema als hilfreich bewerten

beim Aufbau guter Beziehungen mit der lokalen Bevölkerung

(48 Prozent), beim Schutz von Marke und Reputation (43

Prozent) und bei sittlich-ethischen Erwägungen (41 Prozent).

Streng genommen kann jedoch nur einer dieser Punkte als

wertschöpfend kategorisiert werden: der Schutz von Marke

und Reputation. So scheint es bei der Ausbildung für unternehmerische

Verantwortung ebenfalls noch Nachholbedarf

zu geben.

Des Weiteren ist entscheidend, dass Unternehmen lernen, über

kurzfristige Profitabilitätsziele hinaus zu denken und sich

mit der langfristigen Nachhaltigkeit ihres Geschäftsmodells

auseinanderzusetzen. Die aktuellen Kapitalmarktregelungen

verpflichten börsennotierte Unternehmen, vierteljährlich über

ihre Finanzdaten zu berichten. Das zwingt Unternehmen

aus Gründen der Kurspflege zugunsten ihrer Shareholder

vor allem kurzfristige Profitabilitätsziele im Blick zu haben.

Die zwangsläufige Folge ist ein Konflikt mit der langfristigen

Ausrichtung eines Unternehmens. Diese Regelungen bedürfen

einer Reform, um den unbeabsichtigten Auswirkungen des

Quartalsreportings vorzubeugen, da so für alle Stakeholder

ein Mehrwert geschaffen werden kann.

Quelle: UmweltDialog.de

Über die AutorEn

Dr. Christoph Regierer ist Mitglied des Group Executive Board

Mazars bei Roever Broenner Susat Mazars.

Kai Michael Beckmann verantwortet bei Roever Broenner Susat

Mazars den Bereich Corporate Responsibility (CR).

globalcompact Deutschland 2016

47


Agenda

Unterstützung durch das

Deutsche Global Compact Netzwerk

Die Prinzipien des Global Compact entsprechen auch den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte, einem internationalen Referenzrahmen für Wirtschaft und Menschenrechte.

Dieser formuliert die grundlegende gesellschaftliche Erwartung, dass Unternehmen weltweit

die Verantwortung haben, Menschenrechte zu achten, die im Zusammenhang mit der eigenen

Geschäftstätigkeit und den Geschäftsbeziehungen stehen.

Im Arbeitsfeld „Wirtschaft und Menschenrechte“

unterstützt das DGCN Unternehmen

bei der Umsetzung ihrer sozialen Verantwortung,

indem es:

• die Relevanz der Achtung der Menschenrechte

entlang der Wertschöpfungskette

für Unternehmen aufzeigt,

• Unternehmen mit praktischen Lösungen

und Instrumenten dazu befähigt, die

menschenrechtliche Sorgfaltspflicht in

Managementprozessen unter Einbindung

interner und externer Stakeholder zu

verankern,

• eine Plattform zum kontinuierlichen Austausch

bietet, um Strategien und Maßnahmen

zu diskutieren und unternehmensbezogene

Ansätze weiterzuentwickeln.

Je nach Kenntnisstand können Unternehmen

aus folgenden Formaten auswählen:

ANGEBOTE FÜR EINSTEIGER

Ein Dreiklang aus Publikationen, einem Webinar und einem Coaching ermöglicht

den Einstieg in die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht − Teilnehmer erhalten

konkrete Anhaltspunkte, um sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen.

• Die Publikationen „Menschenrechte achten − ein Leitfaden für Unternehmen“

und „5 Schritte zum Management der menschenrechtlichen

Auswirkungen“ zeigen die Bedeutung einzelner Menschenrechte für Unternehmen

auf und begleiten Unternehmen bei ersten Maßnahmen auf dem

Weg zu menschenrechtlicher Sorgfalt.

• Das Online-Portal www.MR-Sorgfalt.de vermittelt Unternehmen einen

schrittweisen Einstieg ins Management der menschenrechtlichen Auswirkungen

und bietet handlungsorientierte Anleitung sowie weiterführende

Ressourcen.

• Das Gruppencoaching „Menschenrechte achten“ ermöglicht den Teilnehmern,

menschenrechtliche Risiken ihres Unternehmens abzuschätzen

und anzugehen. Anhand von Praxisbeispielen und Übungen vertiefen sie ihre

Kenntnisse und entwickeln erste eigene Lösungs- und Handlungsansätze.

48 globalcompact Deutschland 2016


Menschenrechte

ANGEBOTE FÜR ANWENDER

PEER LEARNING

Für Unternehmen, die sich mit dem Thema bereits beschäftigen,

stehen vertiefende Angebote zu spezifischen Themen

und Herausforderungen bereit:

• Webinare: Regelmäßig stattfindende Webinare greifen

praxisrelevante Fragestellungen aus dem Themenbereich

Menschenrechte auf, etwa zur Stakeholder-Beteiligung

oder zur Stärkung der Frauen im Unternehmen.

• Publikationen: In Zusammenarbeit mit Fachexperten und

Kooperationspartnern stellt das DGCN praktische und

anwendungsorientierte Leitfäden zu wichtigen Themen

bereit, beispielsweise zur Ermittlung menschenrechtlicher

Risiken und Auswirkungen im Unternehmen.

• Mit dem Online-Tool „Human Rights Capacity Diagnostic

(HRCD)“ können Unternehmen unter MR-Sorgfalt.de

ihre Management-Kapazitäten bei der Umsetzung der

UN-Leitprinzipien einschätzen und ausbauen.

Austauschformate ermöglichen Praktikern, Lösungsansätze

gemeinsam weiterzuentwickeln, sich kontinuierlich zu

Themen auszutauschen und voneinander zu lernen:

• Lerngruppe: Derzeit besteht eine Lerngruppe aus zehn

Unternehmen verschiedener Branchen. Die Alumni der

Coachings tauschen sich unter Leitung der Geschäftsstelle

on- und offline über ihre Erfahrungen aus und entwickeln

ihre Ansätze gemeinsam mit Experten weiter. Die Ergebnisse

werden dem breiteren Netzwerk anonymisiert

zugänglich gemacht.

• Workshops: Bei den halbjährlichen DGCN-Netzwerktreffen

finden regelmäßig Workshops zu Menschenrechtsaspekten

statt. Diese Angebote werden im Anschluss

online zur Verfügung gestellt und stehen damit

allen Teilnehmern zur Verfügung.

globalcompact Deutschland 2016

49


Agenda

Es gibt keinen Weg zum Frieden,

der Frieden ist der Weg.

Mahatma Gandhi

50 globalcompact Deutschland 2016


Menschenrechte

Konfliktregionen

Potenzial für mehr und besseres

unternehmerisches Engagement

Unternehmen können in Konfliktregionen wichtige Beiträge zu Frieden und Sicherheit leisten.

Durch die konfliktsensitive Ausrichtung ihrer Geschäftstätigkeit und von CSR-Maßnahmen

können sie vermeiden, neue Konflikte zu schaffen oder bestehende Konflikte zu verschärfen.

Darüber hinaus können sie aber auch positive Beiträge zu nachhaltigem Frieden leisten.

Von Dr. Melanie Coni-Zimmer

Konfliktprävention ist für kein Unternehmen eine einfache

Aufgabe, sie ist dennoch dringlich. Die weltweite Zahl der gewaltsam

ausgetragenen Konflikte steigt. Weit mehr als 100.000

Menschen starben im Jahr 2014 durch organisierte Gewalt, das

ist die höchste Zahl seit 1994. Der Global Peace Index 2016

zeichnet ebenfalls eine negative Entwicklung in den letzten

zehn Jahren nach und verweist zudem auf die ökonomischen

Kosten weltweiter Gewalt, die auf 13,3 Prozent des weltweiten

GDP geschätzt werden.

Für Unternehmen entstehen durch Gewaltkonflikte nicht nur

Risiken für Personal und Anlagen oder für ihre Lieferbeziehungen,

sondern auch für ihre Reputation. Unternehmen müssen

nicht in einer Konfliktregion tätig sein, um einen Einfluss auf die

− positive wie negative − Entwicklung von gesellschaftlichen

Konflikten zu nehmen. Sie tun dies auch über ihre Lieferketten.

Die wohl bekanntesten Beispiele hierfür sind im Rohstoffsektor

zu finden, wie die Diskussionen um Konfliktmineralien zeigen.

Was können Unternehmen tun?

Für Unternehmen gilt zunächst, dass sie sich am Prinzip des

„Do no harm“ orientieren sollten. Sie sollten durch ihre Aktivitäten

keine neuen Konflikte verursachen oder bestehende

Konflikte verschärfen. Dieser scheinbar einfache Grundsatz stellt

aber bereits hohe Ansprüche an unternehmerisches Handeln.

Darüber hinaus können Unternehmen auch anstreben, einen

positiven Beitrag zu Frieden und Sicherheit zu leisten.

Im Global Compact beschäftigt sich seit dessen Gründung ein

Arbeitsprozess mit der Geschäftstätigkeit von Unternehmen

in Konfliktregionen. Seitdem ist eine Reihe von Handreichungen

für Unternehmen vorgelegt worden, an denen sich

Unternehmen orientieren können. Dazu gehört etwa die im

Jahr 2010 veröffentlichte „Guidance on Responsible Business

in Conflict-Affected and High-Risk Areas“. Ein Engagement

von Unternehmen kann in sehr unterschiedlichen Bereichen

sinnvoll und wünschenswert sein, je nach Konfliktphase, Konfliktgegenstand

oder der Rolle des Unternehmens im Konflikt.

Konflikt ist nicht gleich Konflikt. Es kann sich um soziale

Unruhen oder eher lokal begrenzte Konflikte handeln. Ein

Unternehmen kann mit einem akuten Gewaltkonflikt zwischen

verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen mit landesweiten

Auswirkungen konfrontiert sein oder aber es handelt sich um

eine Post-Konflikt-Gesellschaft, in welcher der gewaltsame

Konfliktaustrag beigelegt wurde. Dementsprechend stellen

sich sehr unterschiedliche Aufgaben. Diese können in der

Phase eines akuten Gewaltkonflikts von der Initiierung und

Förderung von Dialogprozessen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen

Gruppen über Friedensverhandlungen bis hin zur

Nothilfe für die betroffene Bevölkerung und für Gewaltopfer

reichen. In einer Nachkriegsgesellschaft stehen Aufgaben wie

die Aussöhnung zwischen Bevölkerungsgruppen und die Entschädigung

von Opfern, der Aufbau des Sicherheitssektors und

anderer staatlicher Institutionen oder auch die Reintegration

von Ex-Kombattanten im Vordergrund.

>>

globalcompact Deutschland 2016

51


Unternehmerisches Engagement mit dem Ziel des „Do no

harm“ beginnt mit der Einhaltung von Sorgfaltspflichten in

der Lieferkette, aber geht auch darüber hinaus. Maßnahmen

können von der Korruptionsbekämpfung, der Einhaltung von

Umweltstandards, einer konfliktsensiblen Personalpolitik bis

hin zur Einführung von Standards im Umgang mit privaten

und öffentlichen Sicherheitskräften reichen. Unternehmen

können Dialogprozesse fördern oder Projekte zur Einkommensschaffung

für bestimmte Bevölkerungsgruppen durchführen.

Ein besonders wichtiger Bereich ist die Einhaltung

von menschenrechtlichen Standards in Konfliktregionen.

Menschenrechtsverletzungen können sowohl eine Ursache

als auch eine Folge von Gewaltkonflikten sein. So verweisen

auch die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte

auf das erhöhte Risiko von Menschenrechtsverletzungen in

Konfliktregionen und das Risiko, dass Unternehmen hierin

verwickelt werden. Auch wenn der Nationale Aktionsplan

Wirtschaft und Menschenrechte hinter den Erwartungen einiger

Stakeholder zurückbleiben wird, wird dieser zukünftig eine

zentrale Referenz für verantwortungsvolles unternehmerisches

Verhalten in Konfliktregionen sein.

Nicht jede unternehmerische Maßnahme ist ein Beitrag zu

Frieden und Sicherheit. Maßnahmen müssen dem spezifischen

Gewaltkonflikt angemessen sein, d. h. dessen Ursachen,

Auslöser und Dynamiken adressieren. Das erfordert ein hohes

Maß an Kenntnis über den entsprechenden Konfliktkontext.

Die Durchführung einer Konfliktanalyse ist ein erster Schritt,

um festzustellen, wie das Unternehmen einen negativen Einfluss

auf einen Konflikt vermeiden kann bzw. positive Effekte

maximieren kann. Besonders größere Unternehmen und solche,

die bereits seit Langem in einem bestimmten Land tätig

sind, mögen über entsprechende Kapazitäten und Expertise

verfügen. Für kleinere Unternehmen oder solche ohne direkte

Präsenz in einem Land ist dies eher schwierig und erfordert

die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, die über

entsprechende Expertise verfügen.

Entscheidend dafür, welchen Beitrag ein Unternehmen zu

Frieden und Sicherheit leisten kann, ist auch, ob und wie ein

Unternehmen oder eine bestimmte Branche in einen Konflikt

verwickelt ist. Besonders deutlich wird dies, wo es um die

Förderung und den Import von Rohstoffen geht, die allzu oft

eine negative Rolle bei der Entstehung und Eskalation von

gewaltsam ausgetragenen Konflikten spielen. Unternehmen

dieser Branchen sind direkt mit Konfliktdynamiken verbunden

und haben entsprechend einen größeren direkten Einfluss.

Zugleich sind die Interventionen von Unternehmen hier

höchst sensibel und vorbelastet. Hier ist die Wahl geeigneter

Partner eine wichtige Strategie.

Geeignete Partner

Die Konsultation von Stakeholdern und die Zusammenarbeit

mit internationalen und lokalen Partnern kann sowohl die

B4ROL

Business for the Rule of Law

Der UN Global Compact entwickelt seine Initiative für mehr

Rechtsstaatlichkeit weiter. „Business for the Rule of Law“

(B4ROL) bietet unter dem Dach des UN Global Compact

einen Rahmen für Unternehmen, die sich für die Einhaltung

rechtsstaatlicher Prinzipien engagieren. Die B4ROL-Initiative

hat hierzu begleitende Guidelines entwickelt. Folgende

zentrale Handlungsfelder werden vom UNGC ausgemacht:

• Kerngeschäft

• Strategisches soziales Investment

• Philanthropie

• Advocacy & Public Policy Engagement

• Partnerschaften & „Collective Action“

Weitere Infos: https://www.unglobalcompact.org/library/1341

52 globalcompact Deutschland 2016


Menschenrechte

Analyse eines Konfliktkontexts als auch das Design und die

Durchführung von Maßnahmen erleichtern. Wertvolle Informationen

können dabei sowohl Organisationen in Deutschland als

auch solche vor Ort in Konfliktregionen geben. Geschäftspartner

und andere Unternehmen sind mit Sicherheit erste Anlaufstellen

für einen Informationsaustausch. In einigen Ländern gibt

es kollektive Unternehmensinitiativen, denen Unternehmen

sich anschließen können. Aber gerade auch internationale

Organisationen, zivilgesellschaftliche oder wissenschaftliche

Institutionen, Agenturen der Entwicklungszusammenarbeit

(wie die GIZ) verfügen über wichtige unabhängige Expertise.

Bei der Wahl von Partnern sollte insbesondere Wert auf deren

Reputation gelegt werden, vor allem darauf, ob eine Organisation

bei bestimmten Konfliktparteien auf Vorbehalte stoßen

könnte. Eine Kooperation mit staatlichen Akteuren mag etwa

in vielen Fällen wichtig oder gar unabdingbar sein. Gleichzeitig

ist der Staat aber häufig eine Partei im Gewaltkonflikt und

damit alles andere als ein neutraler Akteur.

Privatwirtschaft sollte ihre Potenziale ausschöpfen

Die Realität sieht leider nicht sehr rosig aus. Unternehmen

schöpfen ihr Potenzial, zu Frieden und Sicherheit beizutragen,

nicht aus. Sicherlich sind Interventionen von externen Akteuren

in Konfliktkontexten generell höchst sensibel und schwierig

und erfordern einen langen Atem. Dies gilt nicht nur, aber eben

auch für Erwartungen an Unternehmen, einen substanziellen

Beitrag zur Friedensentwicklung in einer Gesellschaft zu leisten.

Kein Unternehmen wird einen Gewaltkonflikt alleine lösen.

Jedoch legen sowohl die Zivilgesellschaft als auch die Wissenschaft

immer wieder dar, wie Unternehmen zur Verschärfung

von Konfliktdynamiken beitragen. Konfliktmineralien aus der

Demokratischen Republik Kongo oder Kohle aus Kolumbien

sind aktuell kontrovers diskutierte Beispiele. Unternehmen,

die erste Schritte zu mehr Transparenz machen und neue

Maßnahmen entwickelt haben, sollten ermutigt werden, diesen

Weg weiterzugehen. Insgesamt ist aber erschreckend, wie viele

Unternehmen sich angesichts des Themas Gewaltkonflikte

noch immer einem kritischen Dialog verweigern und sich

ihrer Verantwortung entziehen.

Dilemmata für Unternehmen und die deutsche Regierung

Unternehmen stehen vor einer durchaus schwierigen Aufgabe,

wenn sie Beiträge zu Frieden und Sicherheit leisten wollen.

Die Erwartungen der Stakeholder an unternehmerische Standards

− gerade auch die der Zivilgesellschaft in Deutschland

− sind hoch und dürfen dies auch sein. Für Unternehmen ist die

Aufgabe jedoch alles andere als einfach. Wenn ein Unternehmen

sich mit seinen Auswirkungen auf gesellschaftliche Konflikte

auseinandersetzen will, erfordert dies nicht nur entsprechende

Kapazitäten. Es kann für Unternehmen auch zu schwierigen

Situationen führen. Maßnahmen zum Lieferkettenmanagement

mögen etwa auf wenig Zustimmung bei den Zulieferern stoßen

oder von Konkurrenten zum eigenen Vorteil ausgenutzt werden.

Ein gerne verwendetes Argument aufseiten von Unternehmen

ist, dass das Unternehmen sich engagieren werde, wenn dies

von der Regierung des Gastlandes gewollt ist. Regierungen −

und hier besonders solche jenseits der OECD-Welt − stehen

jedoch unter dem Druck, Unternehmen ein attraktives Umfeld

bieten zu wollen, um von deren Tätigkeit zu profitieren.

Folglich stellen sie oft keine entsprechenden Forderungen, die

vielmehr von gesellschaftlichen Akteuren formuliert werden.

Dieses „Schwarze-Peter-Spiel“ sollte aber keine Entschuldigung

für Unternehmen dafür sein, sich nicht zu engagieren.

Auch die deutsche Bundesregierung ist bisher sehr zurückhaltend,

wenn es darum geht, von Unternehmen ein stärkeres

konstruktives Engagement in Konfliktkontexten einzufordern

oder gar Mindeststandards zu setzen. Die Bundesregierung

sollte sich hier stärker engagieren, um von deutschen Unternehmen

ein verantwortliches Handeln in Konfliktkontexten

einzufordern und Unternehmen als ernsthafte Partner für die

Krisenprävention zu gewinnen.

Über die Autorin

Dr. Melanie Coni-Zimmer ist Projektleiterin im Programmbereich

„Private Akteure im transnationalen Raum“ am Leibniz-Institut

Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK).

globalcompact Deutschland 2016

53


Good Practice

Die Nachhaltigkeitsmatrix

Konzeption: Dr. Elmer Lenzen

Ziel 7: Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger und zeitgemäßer

Energie für alle sichern.

Ziel 13: Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels

und seiner Auswirkungen ergreifen.

Ziel 14: Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne

einer nachhaltigen Entwicklung erhalten und

nachhaltig nutzen.

Ziel 15: Landökosysteme schützen, wiederherstellen

und ihre nachhaltige Nutzung fördern,

Wälder nachhaltig bewirtschaften,

Wüstenbildung bekämpfen, Bodenverschlechterung

stoppen und umkehren

und den Biodiversitätsverlust stoppen.

Umweltschutz

Planet

- Umweltperformance

- CO 2

-Bilanz

- Scope 1 – 3

- Ressourceneffizienz

Arbeitsnormen

Ziel 8: Dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges

Wirtschaftswachstum,

produktive Vollbeschäftigung und

menschenwürdige Arbeit für alle fördern.

Ziel 1: Armut in jeder Form und überall beenden.

- Menschenrechte

- Arbeitsnormen

- Einbindung und Entwicklung

der Gemeinschaft

People

Ziel 2: Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit

und eine bessere Ernährung erreichen und eine

nachhaltige Landwirtschaft fördern.

Menschenrechte

Ziel 3: Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters

gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.

Ziel 4: Inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten

und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle fördern.

Ziel 5: Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen

und Mädchen erreichen.

MAKING

LINKING GRI’S G

EUROPEAN DIR

AND DIVERSITY

Ziel 6: Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung

für alle gewährleisten.

54 globalcompact Deutschland 2016


Frieden

Ziel 16: Friedliche und inklusive Gesellschaften im Sinne einer nachhaltigen

Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und

effektive, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen

auf allen Ebenen auf bauen.

Profit

- Wirtschaftliche Performance

- Faire Geschäftspraktiken

- Produktverantwortung

- Konsumentenbelange

Ziel 9: Eine belastbare Infrastruktur auf bauen, inklusive

und nachhaltige Industrialisierung fördern und

Innovationen unterstützen.

Ziel 11: Städte und Siedlungen inklusiv, sicher,

widerstandsfähig und nachhaltig machen.

Finanzen

26000

Ziel 12: Für nachhaltige Konsum- und

Produktionsmuster sorgen.

Sustainable

development

G o a l s

- Organisationsführung

- Managementansatz

- Compliance

- Diversity

Management

Korruptionsvermeidung

Partnerschaft

Ziel 10: Ungleichheit innerhalb von und zwischen Staaten verringern.

Ziel 17: Umsetzungsmittel stärken und die globale Partnerschaft für nachhaltige

Entwicklung wiederbeleben.

© macondo publishing 2016

globalcompact Deutschland 2016

55


Good Practice

Good Practice

Für die redaktionellen Beiträge dieser Rubrik sind ausschließlich die Unternehmen und ihre Autoren selbst verantwortlich.

58

ABB

60

Audi

62

Aurubis

64

BASF

66

Bayer

68

Bosch

70

CEWE

72

CHT / BEZEMA

74

CiS

76

Daimler

78

DAW

80

Deutsche Bahn

82

Deutsche Telekom

84

E.ON

56 globalcompact Deutschland 2016


86

Evonik

88

EY

90

Freudenberg

92

gmc²

94

HOCHTIEF

96

HypoVereinsbank

98

K+S

100

MAN

102

Merck

104

Miele

106

Roever Broenner Susat Mazars

108

Tchibo

110

TÜV Rheinland

112

Weidmüller

globalcompact Deutschland 2016

57


Good Practice

Menschenrechte – durch

Schulungen schafft ABB

Kompetenz und Verständnis

ABB setzt sich als global führendes Technologieunternehmen in den Bereichen Energie und

Automation gezielt dafür ein, die Achtung der Menschenrechte in die Unternehmensleistung

einzubeziehen. In umfassenden Schulungsmaßnahmen klärt ABB Mitarbeiter darüber auf,

wie sie menschenrechtsbezogene Risiken erkennen, mildern und vermeiden können.

Von Ronald Popper, Leiter Corporate Responsibility, ABB

2011 nahmen alle Staaten die UN-Leitprinzipien

für Wirtschaft und Menschenrechte

an. Sie bilden den Grundstein des

Bestrebens von ABB, eine Sensibilisierung

für Themen herzustellen, die im

Zusammenhang mit der Einhaltung der

Menschenrechte existieren.

Im Jahr 2000 begann ABB, sich ernsthaft

in diesem Bereich zu engagieren.

Damals trat das Unternehmen als Gründungsmitglied

dem United Nations

Global Compact bei und unterzeichnete

dessen zehn Prinzipien, von denen die

ersten beiden den Menschenrechten

gewidmet sind. In den folgenden Jahren

überprüfte ABB ihre Vorschriften und

Verfahren darauf, wo sie inner- und

außerhalb des Unternehmens Menschenrechtsfragen

berühren. Dieser

Prozess führte dazu, dass Menschenrechtskriterien

in wichtige geschäftliche

Entscheidungsprozesse integriert

wurden und eine Menschenrechtsleitlinie

(Human Rights Policy) Ende 2007

eingeführt wurde.

Voraussetzung für eine Verbesserung

der Leistungen im Bereich der Menschenrechte

sind Schulungen. Diese

sensibilisieren die Teilnehmer für die

Thematik und ermöglichen ihnen, ihre

Kompetenzen weiterzuentwickeln. Daher

ist ABB seit 2011 weltweit in diesen

Bereichen aktiv.

Für den Zeitraum 2014 bis 2020 legte der

ABB-Konzern neun Nachhaltigkeitsziele

fest. Eines der Ziele greift das Thema

Menschenrechte auf. Bis zum Jahr 2020

will ABB im gesamten Unternehmen ein

umfassendes Verständnis in Bezug auf

menschenrechtsbezogene Risiken in der

Wertschöpfungskette von ABB erschaffen.

Dazu hat ABB zwei Schulungsziele definiert:

Bis Ende 2016 sollten 600 hochrangige

Führungskräfte in verschiedenen

Teilen der Welt darüber aufgeklärt

werden, wie sie potenzielle Risiken im

Geschäftsbetrieb erkennen, mildern und

vermeiden können. Außerdem sollte bis

2016 ein Netzwerk von Menschenrechtsexperten

aufgebaut werden, die dem

Unternehmen als fachkundige Berater

zur Seite stehen. Weitere Ziele folgen

für die folgenden Jahre.

Das weltweite Sensibilisierungsprogramm

richtet sich an hochrangige

Führungskräfte in wichtigen Produktions-

und Exportländern von ABB. Das

Unternehmen führte das Programm

bereits in 13 Ländern durch, in einigen

Staaten bereits zum zweiten Mal. Die

Vorgaben hat ABB bereits nahezu erfüllt:

Anfang 2016 haben bereits über 500

Mitarbeiter an den Schulungen teilgenommen.

Der jüngste Kurs fand 2016

in Deutschland statt.

Die Schulungen stützen sich sowohl auf

die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte als auch auf andere

Standards und Gesetze. Teilnehmer des

Seminares sollen erkennen, dass die

Wahrnehmung der Sorgfaltspflicht auf

menschenrechtsbezogene Risiken im

Geschäftsbetrieb essenziell ist. Der Kurs

stellt anschauliche ABB-Fallstudien aus

verschiedenen Teilen der Welt vor.

Der Schwerpunkt liegt auf verschiedenen

Bereichen, in denen ABB Auswirkungen

auf die Menschenrechte haben kann.

Dies ist als Lieferant von Produkten und

Dienstleistungen für Kundenprojekte

und bei der Arbeit an sensiblen Standorten

der Fall. Auch der Umgang und

das Verhalten inner- und außerhalb des

Unternehmens gegenüber Kollegen und

Kolleginnen zählen zu den Schulungsschwerpunkten.

58 globalcompact Deutschland 2016


ABB führte die Schulungen in verschiedenen

Regionen in Asien, Europa, Afrika

und Nord- und Südamerika durch. Zum

Teilnehmerkreis zählen Country Manager

und Leiter von Geschäftsbereichen

sowie Vertreter verschiedener Funktionen

wie Supply Chain Management,

Legal and Integrity, Human Resources

und Sustainability.

Ein Kompetenzentwicklungsprogramm

ergänzt die derzeitigen Schulungen. Diese

Initiative soll es ABB ermöglichen,

potenziell nachteilige menschenrechtliche

Auswirkungen zu erkennen und

zu vermeiden. Zu diesem Zweck wird

in mehreren Ländern ein Netzwerk von

geschulten Mitarbeitern aufgebaut, die

das Unternehmen in Menschenrechtsfragen

kompetent beraten. Die Nachhaltigkeitsziele

von ABB sahen vor, bis

Anfang 2016 ein Netzwerk von speziell

geschulten Beratern zu entwickeln. Das

von zwei ABB-Experten geleitete detaillierte

Schulungsprogramm startete 2012,

und das Netzwerk wurde weit vor dem

Zieldatum aufgebaut.

Die Gruppe trifft sich zweimal im Jahr,

um eine Vielzahl von Fragen zu erörtern.

Auf der letzten Versammlung Mitte 2016

wurden den Mitgliedern Erkenntnisse

aus einer unlängst abgehaltenen Tagung

der Global Business Initiative on Human

Rights vermittelt, der ABB als Mitglied

angehört. Weitere Themen waren die

Auswirkungen des britischen „Modern

Slavery Act“, die Reaktionen von ABB auf

dieses Gesetz und eine Initiative in Südafrika

zur Stärkung von LGBT-Rechten.

Zudem stellte ABB ein Programm vor,

das bei der Lieferantenentwicklung und

der Erhöhung des Lieferantenstandards

ebenfalls Arbeits- und Menschenrechte

aufgreift.

Die Versammlungen bieten ein Forum

für lebhafte Diskussionen unter den 20

bis 30 Netzwerkmitgliedern. Zum einen

sind die Teilnehmer dadurch über aktuelle

Entwicklungen und neue Erkenntnisse

informiert und zum anderen können sie

Führungskräfte von ABB in ihren Regionen

oder Ländern kompetent beraten.

Ergänzend zu den Schulungen führte

ABB im Unternehmen ein E-Learning-Tool

ein, das einen erweiterten Personenkreis

über die Verantwortung von ABB für die

Achtung der Menschenrechte aufklärt.

globalcompact Deutschland 2016

59


Good Practice

Integration von Flüchtlingen:

So hilft Audi

Angesichts der großen Not der Flüchtlinge in Europa hat die AUDI AG im September 2015

eine Million Euro für Flüchtlings-Hilfsprojekte an den Produktionsstandorten Brüssel, Győr,

Ingolstadt und Neckarsulm zur Verfügung gestellt. Im Mittelpunkt stand anfangs die Soforthilfe

für die vielen Menschen, die im Sommer 2015 nach Europa kamen. Mittlerweile konzentrieren

sich die Hilfsprojekte vor allem auf die Themen Spracherwerb, berufliche Qualifikation und

kulturelle Integration, um den Geflüchteten in Deutschland neue Perspektiven zu eröffnen.

Von Hannah van Basshuysen, Standortprojekte,

und Jasmin Lotze, Nachhaltigkeit, AUDI AG

Antrag zur finanziellen Unterstützung

für Flüchtlingshilfe. Ein Spendengremium

entscheidet anschließend auf Basis

festgeschriebener Richtlinien, welche

Summen bewilligt werden.

In der Region Ingolstadt

Rund um den Audi Stammsitz in Ingolstadt

wurden bereits mehr als 30

Flüchtlingsprojekte von Mitarbeitern

eingereicht und vom Unternehmen finanziell

über den Spendentopf sowie

organisatorisch von der Abteilung Standortprojekte

unterstützt.

den Hausaufgaben oder konnten einen

Design-Workshop besuchen, den Audi-

Designer ehrenamtlich durchführten.

Schon früh wurde deutlich: Aufgrund

kultureller Unterschiede haben weibliche

Flüchtlinge einen ganz besonderen

Förderbedarf. Daher startete im

September 2016 eine weitere Klasse an

der Berufsschule I in Ingolstadt nur für

geflüchtete Frauen zwischen 18 und

30 Jahren. Audi finanziert dabei zehn

Wochenstunden sozialpädagogischen

Unterricht und anfallende Nachhilfe-

Mitarbeiter werden in ihrem ehrenamtlichen

Engagement unterstützt

Audi-Mitarbeiter, die sich bereits ehrenamtlich

bei einer gemeinnützigen Organisation

im Bereich der Flüchtlingshilfe

engagieren, können bei Audi schnell

und unbürokratisch auf die finanzielle

Unterstützung des Unternehmens zugreifen.

Durch den regelmäßigen Kontakt

mit den Einrichtungen am jeweiligen

Standort wissen sie bestens, bei welchen

regionalen Projekten Bedarf zur Unterstützung

besteht.

Im Audi Intranet findet zudem eine

regelmäßige Berichterstattung über

Flüchtlings-Hilfsprojekte statt. Dort

finden die Audi-Mitarbeiter auch eine

Auswahl an konkreten Projekten, bei

denen sie sich direkt als ehrenamtliche

Helfer anmelden können sowie den

Das Thema Bildung nimmt hierbei einen

hohen Stellenwert ein. Audi brachte

relevante Akteure der regionalen Flüchtlingshilfe

an einen Tisch, um die bestehenden

Bedarfe zu identifizieren und

gemeinsam Projekte auf den Weg zu

bringen. Daraus entstand ein großes

Bildungsprojekt in Kooperation mit der

Stadt Ingolstadt, der VHS und der Berufsschule

I: 24 junge Flüchtlinge zwischen

18 und 26 Jahren besuchen seit Januar

2016 eine Klasse an der Berufsschule in

Ingolstadt. Sie werden unter anderem

in den Fächern Deutsch, Mathematik

und Kulturkunde unterrichtet. Mit der

Fortführung der Klasse im Schuljahr

2016/17 soll das Ziel der Ausbildungsreife

erreicht werden. Ehrenamtliche

Betreuer, darunter auch Audi-Mitarbeiter,

begleiten die jungen Erwachsenen

über den Unterricht hinaus

− beispielsweise erhalten sie Hilfe bei

Richtlinie:

„Audi Förderleitlinie

für gesellschaftliches

Engagement“

Bereits 2012 hat die AUDI AG im

Rahmen ihrer unternehmerischen

Verantwortung eine Richtlinie für

gesellschaftliches Engagement

beschlossen. Sie gilt an allen Audi

Produktionsstandorten weltweit

und sorgt dank konkreter Förderkriterien

für klare Prozesse beim Engagement

in den Bereichen Bildung,

Technik und Katastrophenhilfe.

Daran orientiert sich Audi auch im

Rahmen der Flüchtlingshilfe.

60 globalcompact Deutschland 2016


Links: Mitarbeiter engagieren sich im

Rahmen des Audi Freiwilligentages für

unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Rechts: Beim Verkehrserziehungskurs

lernen Schüler aus Afrika, Afghanistan und

Pakistan die deutschen Verkehrsregeln

kennen.

stunden. Die Frauen lernen eine Vielzahl

an möglichen Ausbildungswegen

und potenziellen Berufe kennen.

Auch das Thema Sicherheit fördert Audi

mit regionalen Partnern: Schon im Sommer

2015 finanzierte das Unternehmen

integrative Schwimmkurse der DLRG. Im

Juni 2016 nahm die von Audi unterstützte

Flüchtlingsklasse am Pilotprojekt „Verkehrserziehungstag“

in Zusammenarbeit

mit der Verkehrswacht Ingolstadt teil. Das

Projekt soll fortgeführt und auch anderen

Flüchtlingsgruppen angeboten werden.

Neben Kursen zur Sprachförderung und

interkultureller Beratung zeigen weitere

von Audi unterstützte Projekte, dass Integration

auch auf spielerische Art Früchte

trägt: Für die Theateraufführung der

Bremer Stadtmusikanten probten einheimische

und geflüchtete Jugendliche fünf

Monate lang gemeinsam und erhielten

bei ihren Aufführungen dafür tosenden

Applaus. Im Projekt „Willkommen im

Fußball“ in Zusammenarbeit mit dem

FC Ingolstadt und der Bundesligastiftung

engagieren sich Audi-Mitarbeiter ehrenamtlich

als Fußballtrainer.

Neckarsulm

Auch am Standort Neckarsulm hat Audi

bereits rund 20 Projekte unterstützt.

Beispielsweise hat das Unternehmen

dort im Sommer 2015 Sprachkurse für

Asylbewerber im Landkreis Heilbronn

ermöglicht. Die Kurse bauten auf dem

Grundsprachkurs auf, der jedem Asylbewerber

zusteht. In 40 Unterrichtseinheiten

lernten die Teilnehmer in mehreren

Gruppen nicht nur die Sprache, sondern

auch die Kultur kennen.

In Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsinitiative

Bad Rappenau und der Jugendpflege

der Stadt Bad Rappenau wurden

gespendete Fahrräder wieder verkehrstauglich

gemacht, Fahrradhelme und

-schlösser beschafft und Fahrradunterricht

erteilt. Auch die Audi-Auszubildenden

engagierten sich fleißig: Für die

Johannes Diakonie in Mosbach errichteten

sie einen Grillplatz für unbegleitete

minderjährige Flüchtlinge. Das Baumaterial

für Bänke, Tische und den Grill

wurde von Audi finanziert.

Brüssel

Der Audi Standort in der Gemeinde Forêt /

Forest in Brüssel konzipierte in Kooperation

mit dem europäischen „think & do

tank“ Pour la solidarité (PLS) ein umfassendes

Flüchtlings-Hilfsprojekt: verschiedene

Bedarfe der Flüchtlinge wurden

identifiziert und die bereits bestehenden

gemeinnützigen Einrichtungen, die in

der Lage sind, diese Notwendigkeiten zu

decken, finanziell unterstützt.

Győr

In Ungarn war die Situation der Flüchtlinge

im Spätsommer 2015 besonders akut.

Mithilfe der finanziellen Mittel der Audi

Soforthilfe konnte das Flüchtlingslager

Vámosszabadi in der Nähe von Győr winterfest

gemacht werden. Um die Flüchtlinge

mit warmen Getränken zu versorgen,

wurde für die ungarischen Malteser ein

Fahrzeug umgebaut und als Teewagen

genutzt. Darüber hinaus finanzierte Audi

dem Roten Kreuz einen Rettungswagen

samt Ausstattung und unterstützte eine

gemeinnützigen Organisation bei der

kulturellen und therapeutischen Integrationsarbeit

für Frauen und Kinder.

Ehrenamtsvermittlung online

Als Teil der Initiative „Wir zusammen“

ist Audi als Marke auf der Internetplattform

des Volkswagen Konzerns unter

www.audi-hilft.de vertreten. Die Plattform

informiert mit Artikeln, Fotos und

Videos über zahlreiche Projekte im Bereich

der Flüchtlingshilfe. Daneben werden

regelmäßig Gesuche nach ehrenamtlicher

Unterstützung oder Sachspenden

eingestellt. Die offene Plattform bietet

somit die Möglichkeit, sich unverbindlich

über die Bedarfe in den Regionen

der Unternehmensstandorte Ingolstadt

und Neckarsulm zu informieren und

sich bei Interesse an die angegebene

Kontaktperson zu wenden. Auch über

die Werksgrenzen hinaus können sich

Interessierte informieren und sind eingeladen,

sich in sozialen Projekten zu

engagieren.

globalcompact Deutschland 2016

61


Good Practice

Aurubis‘ Beitrag zu einer

nachhaltigen Entwicklung

Aurubis ist der führende integrierte Kupferkonzern und der größte Kupferrecycler weltweit. Gemäß

dem Leitspruch „Our Copper for your Life“ produziert Aurubis hochreines und hochwertiges

Kupfer und verarbeitet es weiter zu Vorprodukten. Pro Jahr werden mehr als eine Million Tonnen

börsenfähiger Kupferkathoden hergestellt, davon über ein Drittel aus Recyclingmaterialien.

globalen nachhaltigen Entwicklungsziele

der Vereinten Nationen, der Sustainable

Development Goals (SDG), möchte der

Kupferproduzent seinen Beitrag leisten.

Der Anspruch ist, Aurubis als ein Nachhaltigkeit

lebendes Unternehmen erfolgreich

zu führen. Dies ist nicht allein für

die rund 6.300 Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter von großer Bedeutung, sondern

auch für die Nachbarn, Lieferanten,

Partner und Kunden.

Die Gewinnung und Nutzung von Metallen

sind weltweit grundlegende Voraussetzungen

für technischen Fortschritt

und damit höheren Lebensstandard. Aurubis

trägt hier zur Bedarfsdeckung bei.

Sowohl primäre als auch sekundäre Rohstoffe

werden beschafft und verarbeitet.

Aurubis ist sich der Verantwortung in der

Lieferkette bewusst und arbeitet daran,

die Umsetzung von ökologischen und

sozialen Standards und damit ein nachhaltiges

Wirtschaften an verschiedenen

Standorten der Zulieferer zu fördern. Als

elementares Prüfinstrument für nachhaltige

Standards wird beispielsweise ein

Business Partner Screening eingesetzt.

Im Jahr 2016 beging Aurubis gemäß dem

Motto „150 Jahre Zukunft“ das 150. Jubiläum

der Firmengründung. Seit jeher sind

nachhaltiges Handeln und Wirtschaften

zentrale Bestandteile der Unternehmensstrategie

und spielen bei sämtlichen Aktivitäten

des Konzerns eine Rolle. Das

schließt die vielschichtigen Aspekte der

Lieferketten ebenso mit ein wie den sorgsamen

Umgang mit Umwelt und Ressourcen

und die Menschen im Fokus ihres

täglichen Miteinanders, ihre Gesundheit

und Sicherheit, ihre Qualifikationen, ihre

Motivation, ihre Zusammenarbeit. Um zu

einer nachhaltigen Entwicklung beitragen

zu können, hat das Unternehmen sich in

seiner Nachhaltigkeitsstrategie 15 klare

Ziele gesetzt.

Die Aurubis Nachhaltigkeitsstrategie

Seit Ende 2014 nimmt Aurubis am Global

Compact der Vereinten Nationen teil

und unterstützt dessen Prinzipien zur

sozialen und ökologischen Gestaltung der

Globalisierung. Auch zur Erreichung der

62 globalcompact Deutschland 2016


Für einen wirksamen und nachhaltigen

Umweltschutz sind modernste Techniken

unabdingbar. Durch eine kontinuierliche

Investition in die Anlagen − seit

dem Jahr 2000 wurden im Bereich der

Kupfererzeugung rund 530 Mio. € allein

in Umweltschutzmaßnahmen investiert

− hat Aurubis im weltweiten Vergleich

eine Spitzenposition im Umweltschutz

erreicht. Qualität und Umweltschutz stehen

im gesamten Produktionsprozess im

Vordergrund; die Managementsysteme

sind nach anerkannten internationalen

Standards zertifiziert.

Hier wird 1.200 Grad heißes Kupfer bei Aurubis vergossen.

Kupfer trägt maßgeblich zur Energiewende

und zur Verbesserung der CO 2

-Bilanz

bei, denn es ist Bestandteil innovativer

Technologieentwicklungen und kann

immer wieder und ohne Qualitätsverlust

recycelt werden. Durch das umweltfreundliche

und energieeffiziente Multi-

Metal-Recycling schließt Aurubis den

Wertstoffkreislauf für Kupfer sowie viele

weitere Metalle und Elemente. Mithilfe

des Ansatzes „Closing the loop“ werden

Kunden gleichzeitig zu Lieferanten und

der Vertrieb der Kupferprodukte mit der

Beschaffung von Recycling-Rohstoffen

verbunden. Das Recycling bildet in einer

rohstoffarmen Region wie Europa eine

wichtige Rohstoffquelle für die Zukunft.

Politisch wird dem Recyclinggedanken

unter anderem durch die europäische

Direktive „Waste Electrical and Electronic

Equipment“ (WEEE) für Elektro- und

Elektronik-Altgeräte und dem Gesetzespaket

der EU-Kommission zur Kreislaufwirtschaft

„Circular Economy Package“

Rechnung getragen. Aurubis war zudem

an der Entwicklung des freiwilligen

„WEEE End Processor Standard“ beteiligt,

der einen weltweiten Wettbewerb um die

Verwertung von Elektronikschrotten auf

höchstem technischen Niveau zum Ziel

hat − ein wichtiger Beitrag zu international

geordneten Verwertungs- und Entsorgungsprozessen.

2015 wurde Aurubis

entsprechend zertifiziert. Des Weiteren

wurde Aurubis von der Investoreninitiative

„Carbon Disclosure Project“ (CDP)

ausgezeichnet. Zu dem guten Abschneiden

haben die Nachhaltigkeitsstrategie

sowie die transparente Darstellung des

Umgangs mit den Chancen und Risiken

des Klimawandels geführt. Auch die Kupferprodukte,

die zu einer Effizienzsteigerung

von Anwendungen beitragen, sowie

die effektiven Produktionsprozesse, das

Energiemanagement und Investitionen

in Energie- und CO 2

-Effizienzoptimierungen

flossen in die Bewertung ein. Der

produktbezogene CO 2

-Ausstoß konnte

beispielsweise seit dem Jahr 2000 um 36

Prozent vermindern werden.

Aurubis hat sich ein konzernweites Klimaschutzziel

gesetzt − die Reduktion

der CO 2

-Emissionen um 100.000 Tonnen

CO 2

durch Energieeffizienzprojekte und

interne Stromproduktion bis 2018. Ein

Beitrag dazu: Innerhalb des Hamburger

Klimaschutzkonzeptes hat sich das Unternehmen

verpflichtet, weitere 12.000

Tonnen CO 2

pro Jahr einzusparen. Es wird

aber schwieriger, hier signifikante Fortschritte

zu erreichen, denn schon heute

besteht ein Konflikt zwischen Energieeffizienz

und Ressourcenschonung. Ein

wachsender Anteil des Stroms entfällt auf

Umweltschutzmaßnahmen. Außerdem:

Es ist eine volatile Produktionsfahrweise

erwünscht, um regenerative Energien

besser nutzen zu können, was aber die

Energieeffizienz eher vermindert. Aurubis

stellt sich dieser Herausforderung

und geht innovative Wege. Neben großen

Projekten zur Steigerung der Energieeffizienz

− wie an den Standorten Hamburg,

Lünen und Pirdop die Dampfturbinen zur

Stromerzeugung aus Prozessabwärme −

sind auch ein energiebewusstes Verhalten

und die Mitarbeit aller Mitarbeiter gefragt.

Um für das Thema zu sensibilisieren, werden

Energietage durchgeführt; darüber

hinaus finden regelmäßig Energieschulungen

statt.

2012 hat Aurubis in Hamburg die „Partnerschaft

für Luftgüte und schadstoffarme

Mobilität“ unterzeichnet, dessen Ziel

die Reduktion der Stickstoffemissionen

ist, die insbesondere durch den Verkehr

verursacht werden.

Nachhaltigkeit beginnt in der

Ausbildung

Aus- und Weiterbildung sind zentrale

Bestandteile unserer Personalpolitik,

denn eine hochwertige Ausbildung und

gezielte Investitionen in die Qualifikation

der Mitarbeiter sichern den langfristigen

Erfolg eines Unternehmens. Da

der Wettbewerb um talentierte und gut

ausgebildete Mitarbeiter durch den demografischen

Wandel zunimmt, bilden

wir selber aus und stellen sicher, dass

wir über eine ausreichende Zahl an qualifizierten

Mitarbeitern verfügen. Dabei

verfolgt Aurubis stetig das Ziel, mehr

Frauen für die Mitarbeit im Konzern zu

gewinnen und gezielt zu fördern.

Ebenso wichtig ist, dass bereits die Auszubildenden

ihren Beitrag dazu leisten,

die vereinbarten Maßnahmen und Ziele

der Aurubis-Nachhaltigkeitsstrategie

umzusetzen. Deshalb ist Nachhaltigkeit

inzwischen ein fester Bestandteil der

Ausbildung. Den Auftakt haben Hamburger

Auszubildende im Jahr 2015 mit

einer Nachhaltigkeitswoche gebildet.

Sie analysierten den Weg des Kupfers

bei Aurubis unter dem Gesichtspunkt

der Nachhaltigkeit und stellten die Ergebnisse

ihrer Arbeit im Rahmen einer

Veranstaltung aus.

globalcompact Deutschland 2016

63


Good Practice

Starting Ventures helfen

beim Erreichen der globalen

Entwicklungsziele

Wir wollen zu einer Welt beitragen, die eine lebenswerte Zukunft mit besserer Lebensqualität für

alle bietet, und haben dies in unserem Unternehmenszweck „We create chemistry for a sustainable

future“ verankert. Innovationen aus der Chemie nehmen dabei eine Schlüsselrolle ein, denn

sie liefern einen entscheidenden Beitrag für eine nachhaltige Zukunft einer wachsenden Weltbevölkerung.

Mit unserem Starting Ventures Programm wollen wir Menschen, deren elementare

Grundbedürfnisse derzeit noch nicht erfüllt sind, dabei unterstützen, ihr Einkommen und ihre

Lebensqualität aus eigener Kraft zu verbessern. Wir tragen damit zum Erreichen der globalen

Entwicklungsziele der UN bei.

Von Courtney Lee Hagewood und David Möller, Sustainability Strategy, BASF

Mehr als eine Milliarde Menschen haben

sich seit 1990 aus extremer Armut

befreien können. Trotz dieses bemerkenswerten

Erfolges haben immer noch

vier Milliarden Menschen − die Mehrheit

der Weltbevölkerung − nur ein geringes

Einkommen. Weltweit strebt diese bis

2050 am stärksten wachsende Bevölkerungsschicht

nach besserer Beschäftigung,

um sich bessere Ernährungs-,

Wohn- und Hygieneverhältnisse leisten

zu können − für sich selbst und für ihre

Kinder.

Armut bekämpfen, Nahrungssicherheit

und Wasserversorgung sicherstellen,

Energie- und Klimawandel − das sind

auch die Ziele der 17 umfassenden und

übergreifenden UN Sustainable Development

Goals. BASF hat sich in Arbeitsgruppen

aktiv an der Entwicklung der UN

SDGs beteiligt. Insbesondere Themen wie

Ernährung, sauberes Wasser und sanitäre

Anlagen, erneuerbare Energien, Beschäftigung

und wirtschaftliches Wachstum,

Innovationen und Infrastruktur, nachhaltiger

Städtebau, verantwortungsvolle

Produktion und Verbrauch, Klimaschutz

und die internationale Zusammenarbeit

sind von großer Bedeutung für BASF als

global agierendes Unternehmen, das mit

seinen Innovationen zu einer nachhaltigen

Zukunft beiträgt.

Die Rolle der Unternehmen

Alle Gesellschaftsbereiche sind gefragt,

wenn es darum geht, diese Probleme zu

mindern. Dazu gehört auch die Privatwirtschaft,

die auf vielfältige Weise die

Lebensqualität einkommensschwacher

Menschen positiv beeinflussen kann. Unternehmen

ermöglichen sowohl Chancen

für Beschäftigung und Unternehmertum

als auch den Zugang zu bezahlbaren

Produkten und Dienstleistungen, die

wesentliche Grundbedürfnisse erfüllen.

Einkommensschwache Bevölkerungsschichten

stellen weltweit aber auch ein

großes Potenzial für Unternehmen dar.

Als Zulieferer, Distributoren und Kunden

in ihre Wertschöpfungsketten integriert,

erschließen sich für Unternehmen vielfältige

Möglichkeiten für Innovation und

Wachstum in neuen Märkten.

Als global agierendes Chemieunternehmen

ist BASF gut positioniert, um diese

Rolle zu erfüllen. Unser breiter Marktzugang

und die Entwicklung unseres

Portfolios zu nachgelagerten Industrien

ermöglichen uns, positive Veränderungen

anzustoßen. Die enge Zusammenarbeit

mit der Zivilgesellschaft, dem

öffentlichen Sektor und Partnern entlang

der Wertschöpfungskette sind dabei ein

Schlüssel zum Erfolg.

Beispielsweise hat unsere Initiative

zur Nahrungsmittelanreicherung den

64 globalcompact Deutschland 2016


Mangel an Mikronährstoffen bei Millionen

von Menschen in Entwicklungsländern

erfolgreich reduziert − eine der

weitverbreitetsten Formen der Mangelernährung.

Projekte wie dieses haben

uns vielfältige Lernerfahrungen geboten

und uns 2016 in die Lage versetzt, den

nächsten Schritt zu tun.

Was wir tun

Starting Ventures ist ein konzernweites

Programm. Es schafft unternehmerische

Freiräume für Lösungen, die Menschen

mit geringem Einkommen die

Möglichkeit geben, ihre Lebensqualität

aus eigener Kraft zu verbessern. Zu

diesen unternehmerischen Lösungen

gehören beispielsweise die Vermittlung

von Fähigkeiten für verbesserte Beschäftigungschancen

sowie der Zugang zu

bezahlbaren Produkten für gesunde Ernährung,

Hygiene und Wohnen. Starting

Ventures konzentriert sich auf neue Geschäftsmodelle

und sektorübergreifende

Partnerschaften, um Zugang zu neuen

Märkten zu erhalten. Das Programm

berücksichtigt dabei auch bisherige

Markteintrittsbarrieren, wie Verbraucherverhalten,

finanzielle Möglichkeiten

und unzureichende Infrastruktur.

Das Programm Starting Ventures stellt

unseren Geschäftseinheiten die Ressourcen,

diese neuen Wege des Unternehmertums

zu verfolgen. Außerdem

fördert das Programm den Austausch von

Erfahrungen und Expertise innerhalb

der gesamten Organisation.

Starting Ventures

Die Auswahl der Projektideen durch

einen zentralen BASF-Lenkungskreis

erfolgt nach Kriterien in drei

Bereichen: gesellschaftliche Wirkung,

innovativer Geschäftsansatz

sowie Geschäftspotenzial. Die

UN Sustainable Development Goals

(Nachhaltigkeitsziele der Vereinten

Nationen) bilden die Grundlage für

die Kriterien zu gesellschaftlicher

Wirkung.

Das Programm wurde 2016 erfolgreich gestartet.

Die vom zentralen Lenkungskreis

(s. Infobox) ausgewählten Projektvorschläge

aus verschiedenen Geschäftseinheiten

spiegeln die Vielfalt unserer Kundenindustrien

und unseren weltweiten

Marktzugang wieder. Die ausgewählten

Projekte erhalten finanzielle Unterstützung

durch einen internen Fonds.

Ein Projektbeispiel − Espacio Inclusivo

− stammt aus der Automobilindustrie

in Südamerika. Das Projekt baut auf

vorangegangenen Erfolgen mit Jugendlichen

aus strukturschwachen städtischen

Gebieten in Chile auf und weitet das

Projekt jetzt auch auf Argentinien und

Uruguay aus. In diesen Ländern haben

Jugendliche aus einkommensschwachen

Familien häufig nur geringe Chancen

auf eine Berufsausbildung. Gleichzeitig

leiden die Werkstätten zur Fahrzeuglackierung

und -reparatur − unsere

Kunden − an einem Fachkräftemangel.

Wir haben deshalb begonnen, arbeitslose

Jugendliche als Fahrzeuglackierer

auszubilden. Damit versetzen wir sie in

die Lage, Stellen bei unseren Kunden

zu besetzen. Die bisherigen Erfolge in

Chile haben gezeigt, dass die Jugendlichen,

die erfolgreich ihre Ausbildung

beendet haben, mindestens 55 Prozent

mehr als den gesetzlichen Mindestlohn

verdienen.

Das Projekt Espacio Inclusivo bildet in Chile,

Argentinien und Uruguay Jugendliche als

Fahrzeuglackierer aus.

Unser Ansatz

Vor dem Hintergrund globaler unternehmerischer

Aktivitäten arbeiten wir daran,

die sich wandelnden Bedarfe und Erwartungen

unserer Stakeholder zu erfüllen.

Unsere Rolle als Unternehmen beruht

dabei auf einem Verständnis, das neue

Entwicklungen wie die Leitprinzipien

für Wirtschaft und Menschenrechte oder

auch die nachhaltigen Entwicklungsziele

der Vereinten Nationen integriert.

Starting Ventures ist unser Weg, einkommensschwache

Menschen zum

wechselseitigen Vorteil in die Wirtschaft

einzubinden und damit langfristigen

Wert für unser Geschäft und zugleich

eine positive gesellschaftliche Wirkung

zu erzielen. Indem sich beide Ziele gegenseitig

verstärken, ermöglichen sie

den kontinuierlichen Ausbau unserer

Aktivitäten: je größer der Beitrag zu

unserem langfristigen Erfolg, desto

größer unsere positive Wirkung in der

Gesellschaft.

globalcompact Deutschland 2016

65


Good Practice

Intelligente Lösungen für die

Landwirtschaft von morgen

Die Ernährungssicherheit zählt zu den dringlichsten Herausforderungen einer stetig wachsenden

Weltbevölkerung. Neue Anbauflächen für die weitere landwirtschaftliche Entwicklung sind jedoch

knapp. Nur mit einer nachhaltigen Landwirtschaft lassen sich auch in Zukunft genügend Nahrungsmittel

für uns und unsere Nutztiere produzieren. Mit seinem innovativen Geschäftsmodell

„Digital Farming“ trägt Bayer zur Bewältigung dieser Aufgabe bei. Bayer unterstützt damit das

zweite Ziel nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen: „Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit

und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“

und stellt sein Engagement für den UN Global Compact unter Beweis.

Von Tobias Menne,

Leiter Digital Farming, Bayer

Die Situation ist alarmierend: Laut UN-

Studien wird die Weltbevölkerung bis

2050 auf mehr als neun Milliarden Menschen

steigen. Infolgedessen steigt auch

die globale Nachfrage nach Nahrungsmitteln.

Gleichwohl ist die verfügbare

Anbaufläche, mit der die stetig steigende

Weltbevölkerung versorgt werden muss,

begrenzt. Die Landwirte müssen somit

höhere Erträge auf derselben Fläche erwirtschaften.

Deshalb ist es notwendig,

die landwirtschaftlichen Produktionsmittel

wie Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmittel

so genau wie möglich

zu wählen, um die Nahrungsmittelproduktion

auf Dauer zu sichern.

Vorteile von Digital Farming

aller wetterbedingten Ernteschäden

lassen sich mithilfe von Wettermodellen

und Methoden der Präzisionslandwirtschaft

vermeiden.

Quellen: IBM Research, CEMA, FAO

kann der Landwirt jährlich sparen,

indem er ein Satellitennavigationssystem

mit einem Autopilotsystem

kombiniert.

Für Bayer ist die digitale Innovation ein

wichtiger Schlüssel zu einer Produktionssteigerung,

bei der die Ressourcen des

Planeten effizienter und nachhaltiger

genutzt werden können. Denn mit ihr

lassen sich höhere Erträge erzielen, ohne

die Umweltauswirkungen der Landwirtschaft

außer Acht zu lassen. Anstatt die

Komplexität zu erhöhen, macht sie die

Welt der Landwirtschaft berechenbarer

und hilft den Landwirten, das zu tun,

was sie am besten könne: Nahrungs- und

Futtermittel zu produzieren − jetzt und

in Zukunft.

Digitalisierung der Landwirtschaft

Ackerland kann sehr unterschiedlich

beschaffen sein, selbst innerhalb ein und

muss die landwirtschaftliche

Produktivität steigen, um die Menschheit

2050 ausreichend zu ernähren. Digitale

Innovationen wie das Internet der Dinge

können ein Wachstumsmotor sein.

dieselben Parzelle, je nach Topografie,

Bodenart und bodenbedingter Wasserund

Nährstoffversorgung der Pflanzen.

Alle diese Faktoren wirken sich auf die

Biomasse aus. Digital Farming − die

nächste Entwicklungsstufe in der Digitalisierung

der Landwirtschaft − wird in

Zukunft hyperlokale und feldspezifische

Informationen liefern können, die ein

schnelles und intelligentes Eingreifen

auf dem Feld ermöglichen.

Unser Unternehmen bietet großen und

kleineren Betrieben in aller Welt aktuell

eine Vielzahl digitaler Entscheidungshilfen.

Ein Expert-Tool liefert dem

Landwirt beispielsweise Analysen zum

Infektionsprozess bei Pilzerkrankungen,

zur Entwicklung und Ausbreitung von

Schädlingen und zum wetterbedingten

Lagerrisiko. Anwendungen zur Unkrauterkennung

helfen dem Landwirt, die

richtige Behandlung zu wählen, und

digitale Anwendungen, die zurzeit noch

66 globalcompact Deutschland 2016


entwickelt werden, sollen Kleinbauern

bei der Betriebsführung unterstützen.

Echtzeitanalysen werden in nicht allzu

ferner Zukunft helfen, Schädlinge,

Krankheiten und Unkräuter, die die

Ernte gefährden, bis auf den Quadratmeter

genau zu lokalisieren. Sensoren

und bildgebende Verfahren grenzen das

Problem präzise ein und ermöglichen es

dem Landwirt, das Problem direkt an der

Ursache zu bekämpfen. Feldspezifische

Modelle und die Integration von öffentlichen

und eigenen Daten ermöglichen

zielgerichtete Empfehlungen, auf die

sich der Landwirt verlassen kann.

Schon jetzt ist eine Vielzahl von Daten

vorhanden. Moderne Satellitentechnik

liefert detaillierte Karten und Wetterdaten

oder berechnet sogar die Biomasse

eines Feldes, um das Ertragspotenzial

oder mögliche Unkrautprobleme zu bestimmen.

Im Betrieb selbst wird anhand

der Daten, die der Landwirt im Laufe

der Anbausaison erfasst, eine Datenspur

erstellt. Die verwendete Saatgutsorte,

GPS- und Produktdaten der Maschinen,

Wasserverbrauch und Erträge − ein

Großteil dieser Informationen wird gesammelt

und gespeichert, um einen

Vergleich über die Anbausaison hinweg

zu ermöglichen. Die Frage lautet:

Wie lässt sich diese Unmenge an Daten

sinnvoll auf bereiten? Letztlich kommt

es darauf an, die ungeheuren Datenmengen

richtig zu interpretieren. Der

technische Fortschritt macht es möglich,

dass Software-Programme unzählige

Datenpunkte durchforsten, analysieren,

kombinieren und in Beziehung zueinander

setzen, um daraus eine individuelle

Empfehlung abzuleiten.

Wie können alle diese Daten

nutzbar gemacht werden?

Digital Farming: Landwirte erhalten unmittelbar

spezifische Informationen für eine

optimale Bewirtschaftung einer Ackerfläche.

Wir übertragen diese Rohdaten in praxisrelevante

und verwertbare Entscheidungshilfen,

die es den Landwirten ermöglichen,

Böden und Wasserressourcen

besser zu bewirtschaften und die Auswirkungen

bestimmter Maßnahmen

genauer abzuschätzen, zum Beispiel die

Wahl des Saatguts, die Dosierung von

Pflanzenschutzmitteln und den Erntezeitpunkt.

Risiken lassen sich so leichter

beherrschen, Ressourcen schonen und

die Erträge steigen nachhaltig. Die individuellen

Empfehlungen lassen sich

direkt auf die Maschinen des Landwirts

übertragen. Geoinformationssysteme

spielen demzufolge eine wichtige Rolle

für die nachhaltige Landwirtschaft der

Zukunft. Wir wollen das Angebot der

digitalen Dienste für unesere Kunden

weiter ausbauen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir

wollen den Landwirten helfen, ihre landwirtschaftlichen

Entscheidungen mit

noch nie dagewesener Präzision, Effizienz

und Einfachheit umzusetzen. Indem

wir den perfekten Zeitpunkt und die

ideale Menge einer Produktanwendung

für jedes Feld bestimmen, personalisieren

wir quasi unsere Produkte für jeden

Einzelnen. Diese Unterstützung wird eines

Tages bis zum letzten Quadratmeter

eines Feldes möglich sein.

globalcompact Deutschland 2016

67


Good Practice

Gelebte Integration

Bosch begreift nachhaltiges unternehmerisches Handeln als einen festen Bestandteil seiner

Unternehmensstrategie. Die Orientierung an einem gemeinsamen Wertekanon hat dabei eine

tiefe Verwurzelung: So folgte das Unternehmen während seiner gesamten Entwicklung den

ethischen Prinzipien und sozialen Aktivitäten seines Gründers Robert Bosch. Dieses gelebte

Verantwortungsbewusstsein zeigt sich unter anderem im persönlichen Engagement der Belegschaft

bei der Integration von Flüchtlingen.

Von Bernhard Schwager, Leiter Geschäftsstelle

Nachhaltigkeit, Bosch

Die immer noch große Zahl von Flüchtlingen,

die derzeit auf der Suche nach

Sicherheit und einer besseren Zukunft

nach Europa kommen, stellt die Mitgliedstaaten

vor teils enorme Herausforderungen.

Seit 2015 steht auch Deutschland

vor einer besonderen Aufgabe: Weit über

eine Million Menschen haben seitdem

in der Bundesrepublik Schutz gesucht.

Diese Situation sorgt für kontroverse

Diskussionen und wirft viele Fragen auf.

Ungeachtet dessen ist sich die Mehrheit

aus Politik, Wirtschaft und Bevölkerung

einig: Um die Lage in den Griff zu bekommen,

müssen alle Beteiligten zusammenarbeiten.

Und dabei ist auch der Beitrag

der Wirtschaft wichtig, denn gerade bei

der Integration von Flüchtlingen können

Unternehmen vielfältig unterstützen.

Spenden für lokale

Hilfsorganisationen

Vor diesem Hintergrund fanden 2015 und

2016 in verschiedenen Bosch-Ländern gezielte

Hilfsaktionen statt. So startete beispielsweise

die von Bosch-Mitarbeitern

getragene Hilfsorganisation Primavera

e.V. einen groß angelegten Spendenaufruf.

Mithilfe der Bosch-Geschäftsführung,

dem Konzernbetriebsrat und

dem Konzernsprecherausschuss wurden

im Dezember 2015 alle Mitarbeiter um

Unterstützung für die Flüchtlingshilfe

gebeten. Das erfreuliche Ergebnis: Mehr

als 400 000 Euro sind aus den verschiedenen

Ländern zusammengekommen.

Bosch hat die Spendensumme wie zuvor

angekündigt verdoppelt. 820 000 Euro

kamen so nachhaltigen Vor-Ort-Projekten

zugute, die gezielt Flüchtlinge unterstützen.

Zudem konnten die Mitarbeiter

selbst Hilfsorganisationen für die Förderung

vorschlagen. Dahinter steckte die

Überlegung, dass diese meist am besten

wissen, welche sozialen Aktivitäten im

Umfeld ihrer Standorte wichtig sind.

Infrage kamen gemeinnützige Initiativen,

die bereits von aktiven oder ehemaligen

Bosch-Mitarbeitern unterstützt werden

und sich im Idealfall in der Nähe eines

Bosch-Standorts befinden. Die Verteilung

der Gelder bestimmte ein Gremium, in

dem der Verein Primavera, der Gesamtbetriebsrat

und das Unternehmen selbst

vertreten waren. Auf diese Weise hat

Bosch bereits über einhundert Projekte

gezielt gefördert.

Mitarbeiter als Mentoren

Darüber hinaus übernimmt Bosch gesellschaftliche

Verantwortung für die

Integration der Geflüchteten und trägt

so dazu bei, den Neuankömmlingen

den Start in Deutschland zu erleichtern.

Dazu hatte das Unternehmen bereits

vor der oben erwähnten Spendenaktion

500 000 Euro für Integrationsmaßnahmen

an den Standorten bereitgestellt.

Außerdem bietet Bosch Städten und

Gemeinden Grundstücksflächen zur

Errichtung von Notunterkünften sowie

freie Wohnungen an.

Zudem hat Bosch in 2015 über 400

Flüchtlingen berufsorientierende Praktikumsplätze

zur Verfügung gestellt, die

auf eine Ausbildung oder den Eintritt in

den deutschen Arbeitsmarkt vorbereiten.

Mentorenschaften von Bosch-Mitarbei-

„Die Integration von Flüchtlingen ist eine

gesellschaftliche Aufgabe von überragender

Bedeutung. Daher wollen auch wir bei Bosch

einen aktiven Beitrag zur Unterstützung der

Integration leisten. Wir sehen uns hier in

einer langen Tradition, die wirtschaftliches

Handeln und soziale Verantwortung vereint.

Gemeinsam mit unseren engagierten Mitarbeitern

wollen wir so Menschen unterstützen,

in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen

und ihnen eine Zukunftsperspektive bieten.“

Dr. Volkmar Denner, Vorsitzender der

Geschäftsführung, Robert Bosch GmbH

68 globalcompact Deutschland 2016


tern und begleitende Deutschkurse sollen

parallel dazu beitragen, dass sich die

Praktikanten schnell in der neuen Umgebung

zurechtfinden. Hierzu arbeitet

das Unternehmen eng mit öffentlichen

Institutionen zusammen, um bestehende

Qualifizierungsprogramme sinnvoll zu

ergänzen. Mit diesem Ziel vermittelt

auch die Bosch-Jugendhilfe Mitarbeiter

als Mentoren für Flüchtlingskinder an

die Organisation „KinderHelden“. Als

engagierte Ansprechpartner helfen sie

Kindern und Jugendlichen beim Einstieg

in die Schule und stehen ihnen im schulischen

Alltag mit Rat und Tat zur Seite.

Im Verbund mit der Wirtschaft

Bosch ist außerdem Teil der bundesweiten

Wirtschaftsinitiative „Wir zusammen“.

Auf dieser Plattform bündeln

mehr als 120 große und mittelständische

Unternehmen ihre Projekte und

inspirieren andere, sich ebenfalls für

Flüchtlinge einzusetzen. Stellvertretend

für die vielen Initiativen an fast 30 deutschen

Standorten übernimmt Bosch die

Patenschaft für ein Projekt in Immenstadt

im Allgäu. Es handelt sich dabei

um eine Initiative, die 24 unbegleitete

jugendliche Flüchtlinge betreut und

ihnen unter anderem im Zusammenspiel

mit der Berufsschule Immenstadt

sechswöchige Praktika bei Bosch ermöglicht.

Die ersten Praktikumssequenzen

wurden bereits durchlaufen und waren

aufgrund der außerordentlichen Motivation

der Praktikanten sehr erfolgreich.

Dieses Projekt ist stellvertretend für die

lokalen Aktivitäten, weil es zeigt, was

eine gemeinsame Initiative von Auszubildenden,

der örtlichen Werkleitung

und vieler weiterer Mitarbeiter bewirkt.

Kultureller Austausch

Nicht zuletzt lebt die Flüchtlingshilfe von

dem Engagement der vielen freiwilligen

Helfer in Europa. Auch bei Bosch gibt es

zahlreiche Mitarbeiter, die auf diesem

Wege zum Gelingen von Integration beitragen.

Erwähnt sei hier eine Auszubildenden-Initiative

aus Deutschland, die

den kulturellen Austausch zwischen verschiedenen

Nationalitäten fördern möchte.

Dazu treffen sich die Teilnehmer regelmäßig

mit Flüchtlingen, um gemeinsam zu

kochen oder lokale Veranstaltungen zu

besuchen. An anderen Bosch-Standorten

organisieren Mitarbeiter regelmäßig Sammelaktionen,

um Neuankömmlinge mit

den wichtigsten Alltagsutensilien auszustatten.

Wieder andere ermöglichen

Sprach- und Mathematik-Unterricht.

Fazit

Alle diese Aktivitäten liefern allein keine

abschließende Lösung für die erfolgreiche

Integration von Flüchtlingen

in Europa. Aber: Das Engagement von

Unternehmen wie Bosch und ihren Belegschaften

zeigen Wege auf, sich der

historischen Herausforderung zu stellen

und Verantwortung zu übernehmen. Es

geht darum, konkrete Integrationsmöglichkeiten

für den Einzelnen zu schaffen,

Gemeinsamkeiten mit den Menschen

aus anderen Kulturkreisen zu finden

und Unterschiede zu entdecken, die

unsere Gesellschaften bereichern und

nach vorne bringen. Und hier kann sich

jeder einbringen. Ob mit großem oder

kleinem Einsatz: Jede Hilfe zählt.

globalcompact Deutschland 2016

69


Good Practice

CEWE betreibt Klimaschutz

CEWE, Europas führender Fotofinisher und kommerzieller Online-Druckpartner, produziert ab

sofort seine gesamte Markenproduktpalette klimaneutral. Das Oldenburger Unternehmen unterstützt

ein umfassendes Klimaschutzprojekt in Kenia und gleicht dadurch sämtliche bei der Herstellung

der jährlich produzierten Exemplare des CEWE FOTOBUCHs, der CEWE KALENDER,

CEWE CARDS, CEWE WANDBILDER und CEWE SOFORTFOTOS entstehenden CO 2

-Emissionen aus.

Von Dr. Christine Hawighorst,

Leiterin CSR und PR, CEWE

Wir verfolgen seit vielen Jahren eine

nachhaltige Klimaschutzstrategie. Jetzt

hat CEWE dieses Umweltengagement

deutlich erweitert. Das CEWE FOTO-

BUCH und alle anderen CEWE Markenprodukte

werden ab sofort klimaneutral

hergestellt und das nachweislich

und ohne Mehrkosten für den Kunden.

Wir übernehmen damit volle Klimaverantwortung

und schützen die Umwelt.

Die Kompensation von CO 2

-Emissionen

erfolgt durch den Schutz bestehender

Wälder in Kenia mit dem Projekt Kasigau

Wildlife Corridor.

Transparenz und Glaubwürdigkeit

Um den CO 2

-Fußabdruck so gering wie

möglich zu halten, arbeiten wir mit

ClimatePartner zusammen. ClimatePartner

berechnet die CO 2

-Emissionen der

CEWE Fotoprodukte und Dienstleistungen

und entwickelt Strategien, diese mit

Emissionszertifikaten zu kompensieren.

Klimaneutralität mit ClimatePartner

ist TÜV-Austria-zertifiziert und das unterstützte

Klimaschutzprojekt Kasigau

ist nach dem strengen Verified Carbon

Standard (VCS) sowie dem CCB Standard

„Gold Level“ zertifiziert. Der CCB Standard

bezieht sich auf Landnutzungs- und

Forstprojekte, die entsprechenden Projekte

müssen sich einem zweiphasigen

Evaluierungsprozess unterziehen. „Vollständige

Transparenz ist entscheidend,

um unser Engagement beim Klimaschutz

glaubhaft zu vermitteln, denn unsere

Klimaschutzstrategie ist seit Langem ein

wichtiger Teil unseres Unternehmens“,

erläutert Dr. Rolf Hollander, Vorstandsvorsitzender

von CEWE. „Wir übernehmen

konsequent Verantwortung für die

Umwelt. Und wir freuen uns, mit dem

klimaneutralen CEWE FOTOBUCH und

den klimaneutralen Markenprodukten

einen weiteren Beitrag zum Klimaschutz

leisten zu können.“

Wald von der doppelten Fläche

Berlins in Kenia unter Schutz

Als Papier verarbeitendes Unternehmen

fühlen wir uns sehr eng mit dem Thema

Waldschutz verbunden. Das Projekt Kasigau

erstreckt sich im Südwesten Kenias

und schützt den durch Brandrodung und

Abholzung gefährdeten Trockenwald auf

einer Fläche von rund 200.000 Hektar;

das entspricht etwa der doppelten Fläche

Berlins. Um die bei CEWE anfallenden

CO 2

-Emissionen der CEWE FOTOWELT zu

kompensieren, wird die CO 2

-Speicherkraft

70 globalcompact Deutschland 2016


einer Waldfläche von etwas über 26 km 2

− etwa 3.700 Fußballfelder − benötigt.

Vielfältige nachhaltige Projekte, Aufklärungsprogramme

und Aufforstung helfen

bei der Erhaltung einer natürlichen Kohlenstoffsenke

und schützen gleichzeitig

die lokale Biodiversität in Kenia.

Projekt Kasigau Korridor Kenia

Die Wälder im Kasigau Korridor wurden

bisher durch die Anwohner abgeholzt,

um unter anderem Holzkohle zur Essenszubereitung

herzustellen. Mit den

Geldern des Projekts werden Alternativen

finanziert, die den rund 118.500

Bewohnern der Region eine nachhaltige

Lebensgrundlage sichern, ohne dass Wälder

abgeholzt werden müssen. So wurden

zum Beispiel eine alternative Holzkohleherstellung

initiiert und Wasserstellen

mit unbeschränktem Zugang für die

Anwohner ausgehoben. 40 Prozent des

gesamten Geldes werden in Bildungsprojekte

investiert, da die weiterführenden

Schulen in Kenia nicht kostenfrei sind.

Darüber hinaus werden Arbeitsplätze

geschaffen, wie zum Beispiel durch ein

Tierschutzprojekt, bei dem 100 junge

Männer als Ranger ausgebildet wurden,

die sich rund um die Uhr um den Erhalt

der lokalen Tierwelt kümmern. Damit

das Projekt auch in der Zukunft Bestand

hat, werden neue Bäume, darunter auch

Fruchtbäume, gezüchtet. Bisher wurden

bereits 55.000 neue Setzlinge gepflanzt.

Nachhaltig auf ganzer Linie – von

der Bestellung bis zum Briefkasten

Zum ökologischen Wirtschaften gehört

bei uns eine gesamthaft nachhaltige

Lieferkette. Von der Wahl der Rohstoffe,

dem Einkauf, über die Produktion bis

hin zur Auslieferung gestaltet CEWE

die gesamte Wertschöpfungskette klimaneutral.

Schon 2009 hatte CEWE im

Bereich Postversand das Projekt GoGreen

mit der Deutschen Post aufgegriffen,

um so den CO 2

-neutralen Versand in

die Praxis umzusetzen. Allein über den

CO 2

-neutralen Versand hat CEWE 2015

insgesamt 877 Tonnen CO 2

-Emissionen

durch klimaneutrale Produkte und Services

zertifiziert ausgeglichen. Sie beinhalten

Emissionen aus Transport und

Logistik sowie vorgelagerte Emissionen

aus Kraftstoff- und Energieerzeugung.

Nachhaltigkeit ist ein wichtiges

Element der Unternehmenskultur

Das gesamte Unternehmen arbeitet daran,

seinem Markenversprechen über

alle Produkte und Leistungen hinweg

verantwortungsvoll und nachhaltig gerecht

zu werden. Umweltschonendes,

gesellschaftlich engagiertes Handeln

und ein fürsorglicher Umgang mit Mitarbeitern

sind wichtige Eckpfeiler der

Unternehmenskultur. Zur Schonung

der Umwelt legen wir großen Wert auf

umweltbewusste Maßnahmen. Jedes

Jahr veröffentlichen wir den Nachhaltigkeitsbericht

zur Dokumentation unserer

Fortschritte und Zielsetzungen in diesem

Bereich. Dazu gehören Zertifizierungen

des Umweltmanagements nach ISO

14001 genauso wie der Einsatz von FSC®zertifiziertem

Papier (FSC®-C101851) bis

hin zum CO 2

-neutralen Druck und dem

CO 2

-neutralen Versand der Produkte. Das

gesellschaftliche Engagement mit den

SOS-Kinderdörfern hat CEWE in vielen

Bereichen erweitert. Gefördert werden

insbesondere Projekte für Kinder und Familien

an den Unternehmensstandorten

Oldenburg, Mönchengladbach, Freiburg

und Germering. Daneben unterstützt

CEWE überregionale Partnerschaften

mit den SOS-Kinderdörfern in Ghana.

Für unsere Mitarbeiter übernehmen

wir aktiv soziale Verantwortung. Dazu

gehören Themen wie die Vereinbarkeit

von Familie und Beruf oder die Förderung

ehrenamtlicher Engagements. Seit

2014 ist CEWE von der Hertie-Stiftung

im Audit Vereinbarkeit von Familie und

Beruf zertifiziert und zudem vom TÜV

Rheinland als Ausgezeichneter Arbeitgeber

prämiert. Als Auszeichnung für das

nachhaltige Engagement erhielt CEWE

den ersten CHIP FOTO AWARD für Nachhaltigkeit,

der auf der photokina 2016

verliehen wurde.

Mehr Informationen zum Nachhaltigkeitsengagement

von CEWE finden Sie unter:

http://company.cewe.de/de/nachhaltigkeit.html

globalcompact Deutschland 2016

71


Good Practice

Langfristig Talente fördern

Die CHT / BEZEMA Gruppe ist eine weltweit agierende Unternehmensgruppe, deren Fokus auf

der Entwicklung und Herstellung von Spezialchemikalien als Funktionsgeber, Hilfsmittel und

Additive für industrielle Prozesse liegt. Unsere Produkte verbessern die Qualität, die Funktionalität

und die Performance von Textilien, Baustoffen, Farben, Lacken, Papier, Leder sowie von

Reinigungs- und Pflegeprodukten für verschiedene Anwendungsgebiete. Darüber hinaus bedienen

wir die Formenbau- und Prototyping-Industrie, Medizintechnik sowie Elektronikindustrie

mit hochwertigen Silikonelastomeren.

Von Dr. Annegret Vester, Head of Corporate Marketing and Communications, CHT / BEZEMA Gruppe

72 globalcompact Deutschland 2016


Das Thema Nachhaltigkeit nimmt bei

der CHT / BEZEMA Gruppe einen hohen

Stellenwert ein − Nachhaltigkeitsaspekte

werden in unserer traditionsbewussten

Unternehmensgruppe im Stiftungsbesitz

schon sehr lange gelebt. Wir verstehen

unter Nachhaltigkeit einen langfristig

angelegten, global vernetzten und verantwortungsbewussten

Umgang mit allen

Ressourcen unter Einbeziehung aller

drei Dimensionen − Ökonomie, Ökologie

und Soziales. Eine Verpflichtung

gegenüber den künftigen Generationen

in Form einer langfristig angelegten

Zukunftsstrategie verbindet den wirtschaftlichen

Erfolg mit gesellschaftlicher

und sozialer Verantwortung und dem

Schutz der Umwelt.

Entsprechend verankern wir Nachhaltigkeit

sowohl strategisch als auch organisatorisch

im Unternehmen. Wir setzen

uns im Rahmen der unternehmerischen

Selbstverpflichtung messbare Nachhaltigkeitsziele

und definieren Maßnahmen zu

deren Umsetzung. Strategisch betrachtet

ist unser Nachhaltigkeitsmanagement

darauf ausgerichtet, erstens als Arbeitgeber

und Geschäftspartner einen Beitrag

zum sozialen Fortschritt der Gesellschaft

zu leisten, zweitens durch weitsichtiges

Handeln ökologische, ökonomische und

personelle Risiken zu minimieren, drittens

zusätzliche Geschäftschancen zu

erschließen, viertens die vertrauensvolle

Beziehung zu unseren Stakeholdern

auszubauen und fünftens als der bevorzugte

Partner und die führende Referenz

für nachhaltige chemische Lösungen in

unseren Märkten aufzutreten.

Als ein Teil der sozialen Dimension wurde

2016 der Verhaltenskodex „Code of

Conduct“ der CHT / BEZEMA Gruppe

veröffentlicht, welcher grundlegende

Standards definiert und Erwartungen an

das Handeln von Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern im Unternehmensalltag beschreibt.

Denn verantwortungsbewusstes,

gesetzestreues und integres Verhalten ist

von höchster Bedeutung für das Ansehen

unseres Unternehmens und das Vertrauen

unserer Geschäftspartner sowie der

Gesellschaft. Daher ist das vorrangige

Ziel des Code of Conduct, Verstöße von

vornherein zu vermeiden.

Als einen wesentlichen und wichtigen

sozialen Nachhaltigkeitsaspekt wollen

wir Menschenrechte weltweit einhalten

und einfordern. Unser Unternehmen

ist einer humanen Grundüberzeugung

verpflichtet und achtet strikt auf die

Einhaltung und Achtung der Menschenrechte

in unserem Handlungs- und

Einflussbereich. Mehr noch, wir sehen

unsere Verantwortung für die Achtung

der Menschenrechte als integralen Bestandteil

unserer nachhaltigen Unternehmensführung.

Diese Verantwortung nehmen wir aktiv

an allen Standorten wahr. Führungskräfte

und Geschäftsführer wissen um ihre

verantwortliche Position hinsichtlich der

Sicherstellung zur Einhaltung des Code

of Conduct sowie der Menschenrechte.

Regelmäßig durchgeführte Corporate

Self-Assessments aller Managing Directors

weltweit beinhalten sämtliche im

Code of Conduct definierten Themen

und gewährleisten die Berichterstattung

und Dokumentation. Die strikte

Einhaltung der Menschenrechte auch

aufseiten unserer Geschäftspartner ist

für uns ein Kriterium für dauerhafte

Geschäftsbeziehungen. Mit der Einführung

unserer Compliance-Richtlinien,

die die Inhalte unseres Code of Conduct

widerspiegeln, wollen wir ab 2016 auch

unsere Geschäftspartner an diese Richtlinien

binden, um so eine Einhaltung

der Menschenrechte zu gewährleisten.

Des Weiteren wollen wir vor Diskriminierung

schützen. Unsere Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter spiegeln unsere globale

Präsenz und unsere Philosophie für kulturelle

Vielfalt wider. Als internationale

Unternehmensgruppe, die Menschen

aus vielen unterschiedlichen Nationen

beschäftigt, steht der Schutz vor Diskriminierung

an oberster Stelle. Wir

tolerieren keinerlei Benachteiligungen

aus Gründen der Rasse, ethnischen Herkunft,

der Religion, der Weltanschauung,

des Geschlechts, einer Behinderung, des

Alters oder der sexuellen Identität unserer

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Regelmäßige Schulungen gewährleisten,

dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

mit den Inhalten des Allgemeinen

Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) vertraut

sind und sich entsprechend diesen

Regeln verhalten. In allen Bereichen

unseres Unternehmens und ebenfalls

gegenüber unseren Geschäftspartnern

gelten die gleichen Werte für die Zusammenarbeit.

Mit der verbindlichen, weltweiten

Einführung des Verhaltenskodex

„Code of Conduct“ in 2016 wollen wir

die Einhaltung der Gleichbehandlung

sicherstellen.

Selbstverständlich lehnen wir auch jegliche

Form von Kinderarbeit strikt ab. An

unseren Standorten halten wir die lokal

geltenden Vorschriften zum Mindestalter

unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

konsequent ein. Ist keine solche Vorschrift

vorhanden, halten wir uns an das

in Deutschland geltende Gesetz.

Die Rechte unserer Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter fördern wir ausdrücklich.

Dazu zählt auch im Rahmen der

Vereinigungsfreiheit das Recht unserer

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Gewerkschaften

beizutreten und sich von

diesen in Übereinstimmung mit den geltenden

nationalen Gesetzen vertreten zu

lassen. Für alle unsere Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter, die Unternehmensleitung

ausgenommen, gelten Kollektivvereinbarungen.

Im Rahmen des ONE Company Ansatzes

werden wir uns 2017 gruppenweit mit

dem Thema Diversity beschäftigen. In einem

ersten Schritt sollen alle knapp 2.000

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ihrer

Wahrnehmung zum Thema Chancengleichheit

in der CHT / BEZEMA Gruppe

befragt werden und diese bewerten.

Langfristig geht es uns darum, alle Talente

zu fördern, unabhängig von Alter,

Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität und

persönlichen Lebensbedingungen.

globalcompact Deutschland 2016

73


Good Practice

CiS: Auf dem Weg

in die Zukunft …

Kabelkonfektionierung gehört in beste Hände, denn für eine

rundum zuverlässige Funktion komplexer Systeme muss auf

die Verkabelung und Verbindungstechnik absolut Verlass sein.

CiS ist ein führender Hersteller von kundenspezifischer Verbindungstechnik

in der Elektronik – mit großem Produktmix, vom

Einzelstück bis zur Großserie und höchster Zuverlässigkeit in

Qualität und Termintreue seit über 40 Jahren in allen Bereichen.

Von Doris Wöllner, CSR Beauftragte, CiS

In der CiS Gruppe spielen Werte wie

Menschenrechte, Umweltschutz, Arbeitsnormen,

Korruptionsbekämpfung und

ein wertschätzender Umgang in internen

und externen Bereichen immer schon

eine wichtige Rolle.

Seit drei Jahren sind wir offizielles Mitglied

des UN Global Compact und verpflichten

uns auch öffentlich, jederzeit

für diese Werte einzustehen. Auch unsere

Geschäftspartner werden aufgefordert,

unseren Code of Conduct einzuhalten.

Die CiS Gruppe ist ein inhabergeführtes

Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland

und Produktionsstandorten in Tschechien

und Rumänien. Derzeit beschäftigen

wir insgesamt über 1.100 Mitarbeiter.

Als Kabelkonfektionär und Systemlieferant

trägt CiS eine besondere Verantwortung

für Kunden, Mitarbeiter, Umwelt

und Gesellschaft. Seit über vier

Jahrzehnten beschäftigen wir uns mit

Kabelkonfektionierungen, Sondersteckverbindern

und Mechatronik. Damit

leisten wir einen entscheidenden Beitrag

zu den Produkten unserer Kunden in den

Bereichen Automotive, Maschinen- und

Anlagenbau, Elektrotechnik, Medizintechnik,

Energie- und Umwelttechnik,

Sicherheitstechnik, Luft- und Raumfahrttechnik.

Um Vielfalt in der Breite

der Märkte und Qualität auch in Zukunft

fest im Unternehmen zu verankern, gilt

es, die Herausforderungen und Probleme

einer Welt in Bewegung zu verstehen

und zu lösen.

Auch in Zukunft wollen wir unserer Verantwortung

weiterhin gerecht werden.

Die CiS Gruppe hat ihre Unternehmensstrategie

„iSpeed“ neu ausgerichtet und

bereitet sich intensiv auf die zu erwartenden

Veränderungen der industriellen

Entwicklung in den nächsten Jahren vor.

Industrie im Wandel der Zeit –

Digitalisierung als Chance …

Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts

hat die 1. industrielle Revolution mit

der Erfindung der Dampfmaschine begonnen.

Die 2. industrielle Revolution

begann Ende des 19. Jahrhunderts mit

der Einführung der Elektrizität und

der Erfindung der Fließbandfertigung.

Ab den 1970er Jahren startete die 3. industrielle

Revolution mit der weiteren

Automatisierung und Einführung von

Computer, Internet und Robotik. Zum

Ende des 20. Jahrhunderts hat die 4. industrielle

Revolution begonnen.

Nichts bewegt die deutsche

Industrie derzeit mehr als die

magische „4.0“

Industrie 4.0 ist der Begriff für moderne

Technologie und Produktion im Zeitalter

der digitalen Revolution. Damit ist

nicht eine industrielle Entwicklung weiterer

Technologien gemeint, sondern die

veränderte Produktions- und Arbeitswelt

im globalen Zeitalter. Zu den wichtigsten

Zielen von Industrie 4.0 gehören

die Eliminierung von Kapitalbindung

durch unnötige Vorratswirtschaft und

maximale Flexibilität für die Erfüllung

kurzfristiger Kundenanforderungen.

Das bedeutet einen Wandel mit zunehmender

Geschwindigkeit in allen

Bereichen des Marktes und damit auch

in unserem Unternehmen: von der gemeinsamen

Entwicklung mit unseren

Kunden über die gesamte Lieferkette,

durch die Produktion bis hin zum Service

und der Entsorgung. Die Digitalisie-

74 globalcompact Deutschland 2016


ung der Dinge und die Automatisierung

auch der administrativen Bereiche wird

zu einem zentralen Hebel zukünftiger

Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit.

„Alles, was digitalisiert werden

kann, wird digitalisiert − und alles, was

automatisiert werden kann, wird automatisiert!“

− so verkünden es bereits

seit geraumer Zeit die Zukunftsforscher.

Als Folge der zunehmenden Digitalisierung

muss sich die Industrie großen

Herausforderungen stellen. Kunden

suchen nach intelligenten und einfachen

Lösungen in einer immer komplexeren,

zunehmend digitalisierten Welt.

Das bedeutet, Unternehmen müssen

flexibler werden und ihre Effizienz

steigern − bei gleichbleibender oder

steigender Qualität. Aber es bedeutet

auch unzählige Herausforderungen

und neue Chancen! Das wirtschaftliche

Potenzial ist angesichts der sich bietenden

Möglichkeiten enorm. Es geht dabei

um die Digitalisierung der physischen

Welt und die Verbindung von Dingen,

Menschen, Prozessen und Daten bis hin

zur Dematerialisierung. Viele Produkte

werden künftig durch eine APP ersetzt.

Für uns stellt sich die Frage: Wie generieren

wir durch Industrie 4.0 Lösungen

und messbare Mehrwerte für unsere

Kunden und unser Unternehmen?

Mit unserem Projekt „CiS 2020“ bereiten

wir uns auf die enormen Veränderungen

am globalen Markt vor. Ziel ist, unser

Unternehmen so aufzustellen, dass wir

weiterhin schnellster und zuverlässigster

Kabelkonfektionär in diesen veränderten

Märkten der Zukunft sind. Die

dazu eingesetzte Methodik ist u. a. die

Wertstromanalyse in Bezug auf maximal

sinnvolle Automatisierung möglichst

vieler Prozesse und Verkürzung aller

Durchlaufzeiten.

CiS verfolgt mit der langfristig angelegten

Strategie „iSpeed“ die Entwicklungen

des Marktes und setzt als führender

Markenkonfektionär auf nachhaltige

Konzepte, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit

auf höchstem Qualitätsniveau. Um

die globale Entwicklung auf höchstem

wissenschaftlichem Niveau verfolgen

zu können, unterstützt CiS aktiv das

Forschungsprojekt „Deutschland 2030“,

Eine Gruppe von Wirtschaftsvertretern,

Wissenschaftlern und Zukunftsinteressierten

möchte der vorherrschenden „Zukunftsblindheit“

entgegentreten und hat

daher mit Unterstützung des „Senat der

Wirtschaft e.V.“ www.senat-deutschland.de

als strategischen Partner die Initiative

D2030 ins Leben gerufen. Die Initiatoren

dieses Projektes sind u. a. die bekannten Zukunftsforscher

Klaus Burmeister und Beate

Schulz-Montag von www.Foresightlab.de.

Ihr Ziel ist es, einen unabhängigen, interdisziplinären

Diskurs über die Entwicklung

Deutschlands in den nächsten

15 Jahren und darüber hinaus zu

ermöglichen. Deutschland wird dabei

selbstverständlich nicht isoliert betrachtet,

sondern in seiner internationalen

politischen, ökonomischen und kulturellen

Vernetzung. Genau deshalb sollen

Szenarien für Deutschland im Jahr 2030

entworfen werden. CiS verfolgt als aktives

Mitglied die Ergebnisse der Forschung

und passt frühzeitig seine Strategie

„iSpeed“ der zu erwartenden Entwicklung

an. Mit diesen Maßnahmen können wir

langfristig wettbewerbsfähig bleiben und

unsere Arbeitsplätze sichern.

globalcompact Deutschland 2016

75


Good Practice

Systematischer Ansatz

zu menschenrechtlicher

Sorgfalt bei Daimler

Mit dem Daimler „Human Rights Respect System“ entwickelt das Unternehmen einen systematischen

Ansatz zur Erfüllung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten gemäß der „UN-Leitprinzipien

für Wirtschaft und Menschenrechte“. Die Risiko-Bewertungsphase dieses Ansatzes

zur Ermittlung menschenrechtlicher Auswirkungen der Daimler-Einheiten in Mehrheitsbeteiligung

wurde 2016 erfolgreich pilotiert.

Von Dr. Wolfram Heger, Senior Manager Corporate Responsibility Management, Daimler AG

Daimler entwickelt seit 2008 kontinuierlich

einen systematischen und unternehmensspezifischen

Menschenrechtsansatz.

Als Grundlage dienten von Beginn an die

Anforderungen des UN Global Compact

sowie, seit 2011, die „UN-Leitprinzipien

für Wirtschaft und Menschenrechte“

als handlungsleitende Referenzrahmen.

Verantwortlich für Menschenrechtsfragen

ist das Vorstandsressort „Integrität

und Recht“.

Der Einsatz des zunächst von 2011 bis

2015 verwendeten Instruments des „Human

Rights Compliance Assessments“

vom renommierten Danish Institute for

Human Rights brachte wichtige erste

Erkenntnisse und Erfahrungen zur Achtung

der Menschenrechte im wirtschaftlichen

Kontext. Dabei wurde jedoch auch

klar, dass, um der Erwartungshaltung

der UN-Leitprinzipien wirklich gerecht

zu werden, ein spezifischer Ansatz für

das Unternehmen selbst notwendig ist.

Das in diesem Sinne entwickelte Daimler

„Human Rights Respect System“ fokussiert

zunächst auf die von Daimler kontrollierten

Einheiten und wird derzeit

schrittweise umgesetzt.

Daimler „Human Rights Respect

System“: Systemischer Ansatz mit

Platz für Einzelfall-Betrachtung

Oberstes Ziel des Daimler „Human

Rights Respect System“ ist es vor allem,

systemische Risiken und mögliche

negative Auswirkungen von operativem

Handeln auf Menschenrechte frühzeitig

und vorausschauend (also auch, wenn

sich diese noch nicht konkret manifestiert

haben) zu erkennen und diese zu

mitigieren. Hierfür umfasst das Daimler

System insgesamt vier Prozessschritte,

welche die menschenrechtliche Expertise

mit den langjährigen Prozess- und

Methodenerfahrungen aus dem bereits

etablierten Compliance Management

Ansatz des Bereiches „Group Compliance“

zusammenbringt:

1. die Identifikation potenzieller Menschenrechtsrisiken,

2. die Einleitung und Steuerung von

Gegenmaßnahmen,

3. ein Monitoring, das sich vor allem

auf Hochrisikoeinheiten konzentriert,

4. ein regelmäßiges Reporting, das intern

über relevante Fragen berichtet

und zugleich externe Berichtsanforderungen

erfüllt.

Daimler „Human Rights Respect

System“: Risikobewertung zu

menschenrechtlichen Auswirkungen

Die UN-Leitprinzipien schreiben fest, dass

Unternehmen ihre menschenrechtlichen

Auswirkungen hinsichtlich der Risiken

für die jeweiligen Rechtsträger ermitteln

sollen (Leitprinzip 18). Hierauf fokussiert

im Daimler „Human Rights Respect System“

die Risiko-Bewertungsphase, die wir

im Jahr 2016 pilotiert haben.

Die Risiko-Bewertung besteht aus zwei

Verfahrensschritten: In einem ersten

Schritt werden die kontrollierten Einheiten

des Konzerns auf Basis festgelegter

Kriterien bewertet. Dabei wird einerseits

die landesspezifische menschenrechtliche

Risikolage betrachtet. Andererseits

76 globalcompact Deutschland 2016


determiniert das Geschäftsmodell der

betrachteten Einheit das potenzielle Risiko.

Beide Kriterien gemeinsam betrachtet

erlauben eine erste Einschätzung darüber,

welche unserer weltweiten Einheiten

relativ gesehen einem erhöhten bzw.

einem geringeren menschenrechtlichem

Risiko ausgesetzt sind.

Auf Grundlage dieser Bewertung werden

in einem zweiten Schritt die Einheiten

mit potenziell erhöhten Menschenrechtsrisiken

vor Ort überprüft. Es wird also

untersucht, inwiefern konkrete Risiken

für Rechtsträger bestehen und wie das

Unternehmen diesen menschenrechtlichen

Risiken begegnet. Für diese Vor-

Ort-Überprüfung wurde eine eigene

Methodik entwickelt, welche aus einer

Mischung von detaillierten, fokussierten

und explorativen Interviews sowie Vor-

Ort-Betrachtungen besteht.

Inhaltlich wird dabei ein breites Spektrum

an Menschenrechtsaspekten abgedeckt.

Ein modularer Ansatz erlaubt es

uns, sowohl zentrale Normen des internationalen

Menschenrechts abzudecken (Allgemeine

Erklärung der Menschenrechte,

Internationale Pakte über bürgerliche und

politische sowie ökonomische, soziale

und kulturelle Rechte, ILO Kernnormen

etc.) als auch unternehmensspezifische

potenzielle Risiken an unseren Produktionsstandorten

zu adressieren − zum

Beispiel die Arbeit mit schwerem Gerät

oder Gefahrenstoffen.

Des Weiteren erlaubt die modulare Vorgehensweise,

den Prüfungen zusätzliche

thematische Module hinzuzufügen,

u. a. wenn der länderspezifische Kontext

dies erforderlich macht (z. B. Länder, in

denen die Rechte bestimmter Minderheiten

oder der Zugang zu bestimmten

Lebensgrundlagen besonderer Betrachtung

bedürfen).

Daimler „Human Rights Respect

System“: Einbindung potenziell

betroffene Gruppen

Um den Anforderungen der UN Leitprinzipen

weiter Rechnung zu tragen,

beinhaltet das Daimler „Human Rights

Respect System“ explizit auch Konsultationen

„mit potenziell betroffenen

Gruppen … die der Art und des Kontexts

der Geschäftstätigkeit Rechnung tragen“

(Leitprinzip 18). Daher wird der Ermittlung

von Sichtweisen und den Themen

der Rechtsträger bei der Vor-Ort-Betrachtung

der Risikolage viel Platz eingeräumt

− so zum einen in Form von Gesprächen

mit Mitarbeitern sowie deren offiziellen

Repräsentanten (Gewerkschafts- oder

Arbeitnehmervertretern) oder bei Begehungen

der Arbeitsplätze (z. B. Produktion,

Gefahrengut-Lager). Überprüft

wird hierbei die Kohärenz zwischen der

tatsächlichen Situation vor Ort und den

Anforderungen, die für Daimler durch

Richtlinien und menschenrechtliche

Normen entstehen.

Daimler „Human Rights Respect

System“: Ausblick

Aufgrund der positiven Erfahrungen,

die wir mit der Pilotierung des Risiko-

Assessments sammeln konnten, werden

wir das Daimler „Human Rights Respect

System“ kontinuierlich weiterentwickeln

und schrittweise umsetzen − auch

mit Unterstützung von externen Stakeholdern,

wie jüngst beim 9. „Daimler

Sustainability Dialogue“. Gleichzeitig

werden die Programmelemente „Steuerung

erforderlicher Maßnahmen“ sowie

„Monitoring und Reporting“ aufgesetzt.

Insgesamt leistet das Daimler „Human

Rights Respect System“ so einen Beitrag

zur Erreichung der Zielsetzungen

des UN Global Compacts sowie der

„UN Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte“.

globalcompact Deutschland 2016

77


Good Practice

Nachhaltige Farbe.

Trend oder Öko-Nische?

Die neue Dialogreihe der DAW stellt die Gebäudehülle in den Mittelpunkt.

Von Bettina Klump-Bickert,

Head of Sustainability, DAW

Als inhabergeführtes mittelständisches

Unternehmen entwickelt, produziert

und vertreibt die DAW Firmengruppe

seit fünf Generationen innovative Beschichtungssysteme

für Gebäude und

den Bautenschutz. Mit mehr als 5000

Mitarbeitern ist die DAW SE in über

40 Ländern und rund 30 Produktionsstandorten

vertreten. Die bekanntesten

Marken sind Caparol und Alpina − mit

Europas meistgekaufter Innenfarbe:

Alpinaweiß.

Im September 2015 haben die Vereinten

Nationen die „Agenda 2030 für Nachhaltige

Entwicklung“ beschlossen, die mit den

neuen Sustainable Development Goals

(SDG) eine Richtschnur für eine nachhaltigere

Welt bildet. Als Unterzeichner des

Global Compacts, zu dessen 10 Prinzipien

sich die DAW SE ausdrücklich bekennt,

möchten wir einen aktiven Beitrag zu

Realisierung der Agenda 2030 zu leisten.

Innovation und Nachhaltigkeit

Aufgrund ihrer generationenübergreifenden

Ausrichtung legt die DAW SE besonderen

Wert darauf, den wirtschaftlichen

Erfolg im Einklang mit ökologischen

und gesellschaftlichen Ansprüchen zu

erzielen. Daher wurde bei der DAW Geschäfts-

und Produktphilosophie schon

seit jeher Nachhaltigkeit integriert. Um

dies konsequent umzusetzen, sieht die

DAW Innovation als wichtigsten Wettbewerbsfaktor

an.

Vor diesem Hintergrund wurde im letzten

Jahr damit begonnen, den traditionell

starten Fokus auf Innovation strategisch

neu aufzusetzen. Die neue Innovationsstrategie

folgt den vier Leitprinzipien

Ästhetik, Funktionalität, Ökologie sowie

Energieeffizienz und setzt sich aus den

drei verbundenen Bausteinen Innovationskultur,

Innovationsmanagement und

Innovationsinhalt zusammen.

Als Voraussetzung für jegliche Form von

Innovation sieht die DAW eine gelebte

Innovationskultur, die das gesamte Unternehmen

einschließt. Alle Mitarbeiter

sind eingeladen, kreativ zu sein und neue

Ideen zu generieren. Um diesen Weg

beschreiten zu können, bietet das Unternehmen

ein Maximum an Offenheit

und fördert vielfältige Möglichkeiten zur

Weiterentwicklung. Als weiteren Baustein

zur Förderung von Innovation wurde

eine Ideenplattform aufgebaut, die den

78 globalcompact Deutschland 2016


Mitarbeitern die Möglichkeit gibt, mit

ihren Ideen und Vorschlägen zur Weiterentwicklung

des Unternehmens und der

Produkte beizutragen. Nach einer ersten

Bewertung durchlaufen die besten Ideen

den neu eingeführten und mehrstufig

angelegten Innovationsprozess. Somit

können die Ideen noch zielgerichteter herausgefiltert,

kanalisiert und für das Unternehmen

weiterentwickelt zu werden.

Leitthema Gebäudehülle

Doch welche Nachhaltigkeitsthemen haben

nun das größte Innovationspotenzial,

welche nachhaltigen Aspekte sind für die

DAW wesentlich und wo liegen Chancen

und Risiken? Vor diesem Hintergrund hat

die DAW einen Stakeholder-Dialog unter

Alpina Klima-Weiß –

gut für Erd- und Raumklima

Mit Alpina Klima-Weiß bietet Alpina

erstmalig eine klimaneutral hergestellte

Innenfarbe an, die zudem frei

von Löse- und Konservierungsmittel

ist. Das enthaltende Bindemittel

wurde zu hundert Prozent durch

nachwachsende Rohstoffe ersetzt

und der Rumpf des Farbeimers aus

recycelten Rohstoffen hergestellt.

CapaGeo – lässt

Farben nachwachsen

Auch die neue Produktlinie CapaGeo

steht ganz im Anspruch des Unternehmens,

Farben und Nachhaltigkeit

in Einklang zu bringen. Mit CapaGeo

wurde ein nachhaltiges Produktkonzept

im Profi-Bereich eingeführt, das

von Anfang an auf eine Reduktion

von fossilen Rohstoffen wie Erdöl

und Ergas setzt. CapaGeo ist ein

integraler Bestandteil des Caparol

Premium Sortiments und setzt mit

Innenfarben und wasserverdünnbaren

Lacken den Beginn einer ressourcenschonenden

Produktfamilie.

dem Leitthema Gebäudehülle gestartet,

der sich intensiv mit den Anforderungen

bezüglich Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit

und Energieeffizienz für das

kostenintensivste Bauelement auseinandersetzt.

Als Hersteller von innovativen

Beschichtungssystem ist es der DAW ein

besonders Anliegen, das Wissen rund um

die Bedeutung der Gebäudehülle für eine

nachhaltige Gebäude- und Infrastruktur

durch einen Stakeholder-Dialog zusammenzuführen

und zu fördern.

Stakeholder-Dialog „Nachhaltige

Farbe. Trend oder Öko-Nische?“

Nachdem die ersten Veranstaltungen

aus aktuellem Anlass das Thema Wärmedämmung

konstruktiv beleuchtet

hatten, beschäftigte sich der aktuelle

Stakeholder-Dialog nun mit der äußersten

Schutzschicht der Gebäudehülle −

den Lacken und Farben.

Unter dem Motto „Nachhaltige Farbe.

Trend oder Öko-Nische?“ diskutierten

und vertieften externe Stakeholder und

Mitarbeiter des Unternehmens vielfältige

Aspekte von nachhaltig gestalteten

Farben und Lacken. So bestand zum

Beispiel im Rahmen eines Mobildialogs

die Möglichkeit, in drei Diskussionsfeldern

die Themen „Definition von Nachhaltigkeitskriterien“,

„Nachwachsende

Rohstoffe vs. Petrochemie“ und „Sozialer

Produktnutzen von Farbe“ gemeinsam

zu vertiefen und zu konkretisieren.

Hierdurch entstand eine Vielzahl an

Perspektiven und Beiträgen, die die DAW

künftig in die Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsstrategie

einbeziehen kann.

Bei dem Austausch wurden auch die

aktuell neu in den Markt eingeführten

und auf Nachhaltigkeit ausgerichteten

Produktlinien insgesamt positiv gewertet

(siehe Kasten).

Erforschungsdialog 2036

Weiterhin wurde in einem Erforschungsdialog

zu einem gemeinsamen Diskurs in

das Jahr 2036 eingeladen. Wie wird der

Markt der Zukunft für Farbe und Lacke

aussehen? Wie wird sich das Umfeld

gestalten? Obwohl ein konkreter Blick in

die Zukunft nicht möglich ist, konnten

doch anhand von Fakten und Trends

mögliche Szenarien abgeleitet werden.

So zeichneten sich für die Zukunft Veränderungen

an der Gebäudehülle ab,

die neue Perspektiven für den Anwendungsbereich

von Farben und Lacken

eröffnen, wie beispielweise eine Erhöhung

der Funktionalität von Fassaden,

der vermehrte Einsatz von vorgefertigten

Modulen oder ein zunehmendes Maß an

Automatisierung.

Dialog-Reihe „Zukunft der Gebäudehülle“

wird fortgesetzt

Die Dialog-Reihe „Zukunft der Gebäudehülle“

wird auf Wunsch der externen

Stakeholder voraussichtlich im Sommer

2017 mit einem vergleichbaren Stakeholder-Dialog

fortgeführt. Aufgrund der

regen Teilnahme und des konstruktiven

Austausches in diesem Dialog wird die

Arbeit an einzelnen ausgewählten Themen

unter Einbezug der Stakeholder bis

zum nächsten Stakeholder-Dialog weiter

vertieft werden.

globalcompact Deutschland 2016

79


Good Practice

Digitalisierung ist Hebel

zu mehr Nachhaltigkeit

Die Digitalisierung im Schienenverkehr nimmt deutlich Fahrt auf. Der öffentliche Verkehr steckt

voller Chancen. Denn integrierte Konzepte für nachhaltige Verkehrssysteme werden mit den

digitalen Technologien leichter realisierbar. Für den Kunden wird die Kombination verschiedener

Verkehrsmittel einfacher und bequemer. Die Schiene – als energieeffizientester und umweltfreundlichster

Verkehrsträger – spielt bei der Gestaltung nachhaltiger Mobilität eine Schlüsselrolle.

Mit der fortschreitenden Digitalisierung wird sie weiter an Bedeutung gewinnen.

Von Dr. Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender und

Chief Sustainability Officer der Deutschen Bahn

Auf dem Mobilitätsmarkt ist eine ungeheure

Dynamik zu beobachten. Nicht

zuletzt unsere Besuche im Silicon Valley

führen uns als Deutsche Bahn deutlich

vor Augen, dass die Innovationen im

Umfeld digitaler Technologien auf einem

Gebiet stark ausgeprägt sind − und das

ist der Mobilitätsmarkt. In den kalifornischen

Innovationszentren beschäftigen

sich über 60 Prozent der Start-ups mit

neuen Mobilitätslösungen. Das autonome

Fahren auf der Straße ist dabei von

besonderer Bedeutung − nicht nur für

die Autoindustrie, sondern auch für

Google oder Uber.

Was das für den Bahnsektor bedeutet?

Ganz klar: Auch wir erwarten viel mehr

und viel stärker Wettbewerber aus allen

Richtungen. Deshalb müssen wir

die Vorteile ausspielen, die die Bahn als

sicherstes, bequemstes und klimafreundlichstes

Verkehrsmittel bietet. Bei der

DB arbeiten wir unternehmensweit intensiv

an der digitalen Zukunft − nicht

nur im Schienenverkehr. Für uns ist die

Digitalisierung ein geschäftsfeldübergreifendes

Anliegen. Alle Bereiche unseres

Mobilitäts- und Logistik-Portfolios sind

involviert. Vom Personenverkehr über

den Gütertransport, die Infrastruktur

und die Produktion bis hin zur IT und

der neuen Arbeitswelt 4.0.

Lösungen für die Kunden:

digital, einfach, schnell

Diese Veränderungen gehen wir mit

vollem Engagement an. Erstens weil

wir Treiber sein wollen, und zweitens,

weil wir die digitalen Technologien als

80 globalcompact Deutschland 2016


Fortschritt verstehen und einen Markt

für nachhaltige neue datenbasierte Geschäftsmodelle

sehen.

Unsere nachhaltige Konzernstrategie

DB2020+ gibt uns die Richtung vor: Wir

wollen Digitalisierung und Nachhaltigkeit

verknüpfen. Was heißt das konkret?

Der nachhaltige Verkehr der Zukunft

bedeutet für uns dreierlei:

• Er ist individuell − wir wollen noch

kundenspezifischere Lösungen bieten,

die der Vielfalt unserer Kunden

Rechnung tragen;

• Er ist flächendeckend − wir wollen

Verkehrsangebote noch effizienter

gestalten und für noch mehr

Menschen den Zugang zu Mobilität

ermöglichen;

• Er ist ökologisch − wir wollen die

Ökobilanz unserer Verkehre weiter

verbessern.

Ein anderes Beispiel ist Qixxit: Der mobile

Reiseassistent vergleicht verschiedene

Verkehrsmittel. Der Kunde entscheidet,

ob er schnell, preiswert oder besonders

umweltfreundlich reisen will. Qixxit

bezieht auch die Car Sharing-Angebote

von Flinkster und mehr als 10.000 Call

a bike-Mietfahrräder mit ein, die eine

„Tür-zu-Tür“-Mobilität ermöglichen. Da

setzen wir an, wenn wir die Zukunft

gestalten. Es geht um die nahtlose Mobilitätslösung:

einfach, ohne komplizierte

Buchungs- und Bezahlprozesse. In wenigen

Klicks, in Sekunden zur Lösung

− das ist das Ziel.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit

verknüpfen

Weil möglichst viele Menschen flächendeckend

Zugang zu Mobilität haben sollen,

beschäftigen wir uns auch mit dem autonomen

Fahren auf der Straße − für Auto,

Bus und Lkw. Hier wollen wir neue Geschäftsmodelle

entwickeln. Selbst fahrende

Autos werden einen neuen Markt entstehen

lassen: Der klassische motorisierte

Individualverkehr und der öffentliche

Verkehr verschmelzen zum individuellen

öffentlichen Verkehr. Mobilitätsangebote

werden „on demand“ produziert. So werden

neue Räume erschlossen − etwa über

eine bessere Vernetzung auf dem Land.

Mit diesen Aktivitäten stärken wir auch

unsere ökologische Leistung. Denn eines

ist klar: Die Schiene ist und bleibt der

Motor der Energiewende im Verkehr.

Jedes Jahr entlastet die Deutsche Bahn

Deutschlands Straßen um 1,5 Milliarden

Auto- und 8 Millionen Lkw-Fahrten. Bis

2020 wollen wir als DB-Konzern zudem

unsere spezifischen CO 2

-Emissionen um

30 Prozent gegenüber 2006 reduzieren.

Diese Zielsetzung macht deutlich: Wir

nehmen unseren Anspruch, Umwelt-

Vorreiter zu sein, sehr ernst. Die mit

der Digitalisierung verbundenen Effizienzpotenziale

wollen wir dabei gezielt

nutzen. Das vollautomatische Fahren auf

der Schiene ist hier wichtiger Baustein,

kann es doch Effizienz und Leistung

deutlich erhöhen. Auch das passiert

nicht von heute auf morgen. Aber wir

wollen Vorreiter sein und suchen dafür

die Kooperation mit den Partnern in der

Industrie, anderen Bahn-Unternehmen,

der Politik und unseren Mitarbeitern.

Mit unserer Vision eines nachhaltigen

Verkehrs der Zukunft leisten wir unseren

Beitrag zur Agenda 2030 und den 17 Sustainable

Development Goals (SDGs) der

Vereinten Nationen. Die Digitalisierung

ist ein enormer Hebel hin zu mehr Nachhaltigkeit,

dafür müssen beide Themen

von vorneherein zusammen gedacht

werden. Wenn wir die Weichen jetzt

richtig stellen, können wir den Wandel

positiv gestalten. Die Deutsche Bahn

wird mit gutem Beispiel vorangehen.

Weitere Informationen zum Engagement der DB:

www.deutschebahn.com/de/nachhaltigkeit

www.deutschebahn.com/sdg

Individuell passende Mobilität ist gleichbedeutend

damit, dass Reisen einfacher,

bequemer, flexibler und persönlicher

wird. Digitalisierung bedeutet in erster

Linie: Der Kunde findet rasch die für

ihn geeignete Lösung. Da hat sich viel

getan: So ist das Smartphone längst Fahrplanauskunft,

Ticketschalter und Reisebegleiter

in einem. Das lässt sich gut an

unserer App „DB Navigator“ ablesen: Mit

täglich vier Millionen Reiseauskünften

oder monatlich rund dreieinhalb Millionen

verkauften Online- und Handytickets

ist der DB Navigator die erfolgreichste

Mobilitäts-App. Über die Hälfte der Tickets

im Fernverkehr werden online

gebucht − mit steigender Tendenz. Das

mobile Internet als Vertriebskanal wächst

dabei besonders stark.

globalcompact Deutschland 2016

81


Good Practice

Flüchtlingsengagement

neu ausgerichtet

Auch nach über einem Jahr Flüchtlingshilfe in Deutschland ist das Thema aktueller denn je.

Die Herausforderungen für Unternehmen, die sich nachhaltig engagieren wollen, sind hoch.

Spracherwerb und zielgerichtete Angebote sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren für eine gute

Integration.

Von Sabrina Haag, Deutsche Telekom

Im August 2015 hat der Vorstand der

Deutschen Telekom unmittelbar auf

die stark wachsende Anzahl Zuflucht

suchender Menschen in Deutschland

reagiert und die Task Force „DT hilft

Flüchtlingen“ gebildet. Der Fokus der

Task Force lag vor allem auf der Ersthilfe.

Erste wirksame Maßnahmen waren die

Versorgung vieler Erstaufnahmeeinrichtungen

mit WLAN, die Bereitstellung

von Immobilien, die Personalvermittlung

von Beamten an das Bundesamt für

Migration und Flüchtlinge (BAMF) und

das Onlineportal www.refugees.telekom.de.

Neben Praktikums- und Ausbildungsplätzen

wurden in der Folge auch spezielle

Stipendien für die Telekom-eigene

Hochschule für Telekommunikation in

Leipzig an Flüchtlinge vergeben. Viele

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben

sich zudem ehrenamtlich engagiert und

wurden dabei von der Deutschen Telekom

finanziell, mit Freistellungen und

mit Infrastruktur unterstützt.

Lag der Schwerpunkt im Jahr 2015 noch

auf dem Ankommen und der ersten

Orientierung, stand in 2016 die Klärung

von Aufenthaltsstatus, Wohnort und

Integration in Umfeld und Arbeitsmarkt

in Deutschland im Mittelpunkt.

„Blicken wir auf unser bisheriges Engagement

zurück, so konnten wir in der

Phase des Ankommens auf Basis unserer

Kernkompetenzen viel Unterstützung

bieten. Doch nun müssen wir uns neu

ausrichten. Die nachhaltige Integration

82 globalcompact Deutschland 2016


von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt

stellt sich als eine viel größere

Herausforderung dar, als ursprünglich

angenommen“, so Barbara Costanzo,

Leiterin der Einheit Group Social Engagement

und Verantwortliche für die

Task Force „DT hilft Flüchtlingen“ bei

der Deutschen Telekom AG .

Um die Integration in den Arbeitsmarkt

zu fördern gründete die Telekom 2016

gemeinsam mit Henkel, der Deutschen

Post / DHL und der Bundesagentur für

Arbeit die Initiative „Praktikum PLUS

Direkteinstieg“.

Nach aktuellen Erkenntnissen verfügen

ca. 86 Prozent der geflüchteten Menschen

über keine formale berufliche

Qualifikation oder zumindest über keine,

die in Deutschland Anerkennung

findet. Damit sind viel weniger Fachkräfte

nach Deutschland gekommen

als zunächst angenommen. Praktikum

PLUS Direkteinstieg richtet sich an genau

diese Zielgruppe. An Flüchtlinge mit

Integrationshemmnissen wie nicht abgeschlossene

Ausbildung im Herkunftsland,

aber gutem Potenzial: Flüchtlinge

mit Berufserfahrung, die einen direkten

Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt

anstreben. Bundesweit werden insgesamt

zunächst 100 Stellen von den drei beteiligten

Unternehmen angeboten. Ziel ist

es, in einem Zeitraum von 2,5 Jahren die

berufliche Perspektive zu verbessern und

die Chancen für den deutschen Arbeitsmarkt

zu erhöhen. Die ersten 6 Monate

werden als Orientierungsphase in Form

von Praktika umgesetzt, an die sich unmittelbar

eine befristete Anstellung für

2 Jahre anschließt. Das Besondere dabei:

Die Integration in das Arbeitsleben

erfolgt bei gleichzeitiger Fortsetzung

der Teilnahme an Integrations- und

Sprachkursen und der Einstieg über

die beiden Phasen bietet die Möglichkeit

eines niederschwelligen Übergangs in

die Arbeitswelt, da die Verantwortung

im Job langsam ansteigt.

„Ohne den Erwerb der deutschen Sprache

können wir in einem Unternehmen wie

unserem, in dem das gesprochene und

geschriebene Wort zu den wichtigsten

Arbeitsinstrumenten gehört, keine Perspektive

bieten“, so Barbara Costanzo.

Nicht nur der Spracherwerb, der deutlich

länger dauert als zunächst angenommen,

stellt sich als große Hürde heraus. Auch

die verschiedenen Aufenthaltsstatus

machen es Unternehmen nicht leicht,

passende Angebote für Flüchtlinge zu

schaffen. Die rechtliche Lage ist komplex,

zusätzlich stellen sich ändernde

rechtliche Rahmenbedingungen Unternehmen,

die in gut abgestimmten

Prozessen arbeiten müssen, immer

wieder vor neue Herausforderungen.

Sich darauf einzulassen erfordert ein

Umdenken− Standardprozesse müssen

oft auch für kleine Zielgruppen angepasst

werden, selten sind hierfür notwendige

Ressourcen vorgehalten. Auch haben

die Menschen aus der Zielgruppe häufig

andere Erfahrungen mit dem Einstieg in

den Arbeitsmarkt. Eine irakische Praktikantin

der Deutschen Telekom formuliert

es so: „Wenn Du bei uns Koch sein

willst, denn gehst Du in ein Restaurant

und bist es! Ausbildung und die vielen

Bezeichnungen für Berufe kennen

wir nicht.“ Zudem haben viele junge

Flüchtlinge sich nicht damit auseinander

gesetzt, was sie einmal beruflich tun

möchten. In Deutschland ist dies in jeden

Lehrplan von weiterführenden Schulen

inklusive berufliche Praktika und vieles

mehr eingebunden. Auch im privaten

Umfeld spielt die Frage: „Was möchtest

Du einmal werden?“ von Kindesbeinen

an eine wichtige Rolle. Das ist in den

Herkunftsländern vieler Flüchtlinge

nicht selbstverständlich.

Mit der Neuausrichtung des Flüchtlingsengagements

will die Deutsche Telekom

insbesondere auch eine Erhöhung der

Bewerberzahlen erreichen. Nur mit einer

ausreichenden Anzahl an Bewerbungen

können die Kandidaten gefunden werden,

die gut zur Stelle und ins Unternehmen

passen.

Auf Basis der Erfahrungen und Erfolge

der ersten Projektphase wird auch

das Flüchtlingsportal neu ausgerichtet

und mit neuen Partnern fortgeführt.

Das Engagement der Mitarbeiter wird

verstärkt für die Integration der neuen

Kollegen eingesetzt, indem diese zum

Beispiel Flüchtlinge beim Spracherwerb

unterstützen.

Kooperationen mit Firmen, aber auch

NGOs helfen dabei, Erfahrungen besser

nutzbar zu machen und Angebote noch

besser zu positionieren und auszubauen.

So wird es bei der Telekom eine

neue Kooperation mit help e.V. geben,

die Menschen auch in den Herkunftssprachen

unterstützt, sofern sie dies

wünschen. Diese wird das langjährig

erprobte Angebot zur Mitarbeiter- und

Führungskräfteberatung auch in psychosozialen

Fragestellungen über die B.A.D

GmbH ergänzen.

Um ihr gesellschaftliches Engagement

zielgerichtet weiterzuentwickeln, nutzt

die Telekom den regelmäßigen Austausch

mit anderen Unternehmen, NGOs,

Behörden, Ehrenamtlern, Menschen aus

der Zielgruppe sowie Experten. Gemeinsam

werden Ideen diskutiert und Problemstellungen

− wie die derzeit noch

mangelnde Anzahl an Bewerbern − aus

verschiedenen Perspektiven betrachtet,

um neue Lösungsansätze zu entwickeln

und zu erproben.

„Für das Jahr 2017 rechnen wir mit einer

großen Anzahl von Menschen, die nach

der Teilnahme an Sprach- und Integrationskursen

bereit sind für den Einstieg

in den Arbeitsmarkt. Darauf richten wir

uns aus. Weil wir als eines der führenden

DAX-Unternehmen Verantwortung

übernehmen und weil wir wissen, dass

die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

ist, die uns alle angeht“, so Barbara

Costanzo.

globalcompact Deutschland 2016

83


Good Practice

Gemeinsam gegen

Energiearmut

Kein warmes Wasser, keine Möglichkeit zu kochen oder Wäsche zu waschen: In Deutschland wird

jedes Jahr 350.000 Haushalten laut Bundesnetzagentur der Strom abgestellt. Für die Betroffenen

sind diese Sperrungen dramatisch und können zum sozialen Abstieg führen. Aber auch Energieanbietern

entstehen dadurch hohe Kosten, zusätzlicher bürokratischer Aufwand und eine negative

Außenwirkung. E.ON hat das Problem erkannt und für finanzschwache Kunden eigens ein Programm

entwickelt. Dieses hilft den Betroffenen, ihre Energieschulden in kleinen Schritten zu

begleichen, so die Energiesperrungen zu vermeiden und bietet eine erste Hilfe auf dem Weg aus

der Schuldenfalle.

Von Dr. Joachim Klein,

Head of Customer Relations, E.ON

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum

Menschen ihre Stromrechnung nicht

rechtzeitig bezahlen: Viele Betroffenen

kontrollieren ihren Zählerstand nicht und

sind sich über ihren tatsächlichen Verbrauch

nicht bewusst. Als Folge stimmen

die Abschlagszahlungen nicht mit dem eigentlichen

Stromverbrauch überein, und

es kommt zu hohen Nachforderungen.

Lösungen bei Zahlungsproblemen

Tatsächlich hängen Energieschulden

aber oft auch mit anderen Schuldenproblemen

zusammen. „Wir kooperieren

deshalb in dem Zahlhilfe-Programm auch

eng mit den Jobcentern der Bundesagentur

für Arbeit und den Schuldnerberatungen

der Wohlfahrtsverbände“, erklärt

Sandra Turner, Strategie Kundenbindung

bei E.ON. „Dieses intersektorale Angebot,

das unterschiedliche Perspektiven vereint

und gemeinsam versucht, den Kunden in

ihrer Notsituation bestmöglich zu helfen,

ist in dem Bereich wirklich einzigartig.“

Hilfe zu Selbsthilfe für zahlungsschwache

E.ON-Kunden

Das Zahlhilfe-Programm von E.ON begegnet

deshalb dem Problem der Energiearmut

der Kunden auf unterschiedlichen

Ebenen. Kurzfristig ist das Ziel, die drohende

Sperrung aufzuhalten, mittelfristig

gilt es, die Energieschulden der Betroffenen

abzubauen, und langfristig soll

das Entstehen neuer Schulden vermieden

werden. Dabei geht es auch darum, jenen

Menschen, die sich nicht selbst zu

helfen wissen, eine Orientierungshilfe

zu geben und Perspektiven aufzuzeigen:

„Wir bieten unseren Kunden nachhaltige

Lösungen, die speziell an ihren Bedürfnissen

orientiert sind, damit sie künftig

ihre Energiekosten selbstständig im Griff

haben“, so Turner weiter.

haben. Zu diesen Maßnahmen zählen

unter anderem ...

Für Kunden:

• Kunden mit Zahlungsschwierigkeiten

haben die Möglichkeit, einen zwölfmonatigen

Ratenplan zur Rückzahlung

mit E.ON zu vereinbaren. Hierzu

können sie sich an das sogenannte

Zahlhilfe-Team wenden, das den Betroffenen

bei Fragen weiterhilft.

• Auf Wunsch vermittelt E.ON einen

Termin bei einer gemeinnützigen, telefonischen

Schuldnerberatung, die

Externe Unterstützung

Um das zu erreichen, setzt sich das Programm

aus verschiedenen Maßnahmen

für Kunden und Jobcenter / Schuldenberatungen

zusammen. Diese greifen je

nach individueller Problemlage des Betroffenen

und den jeweiligen Ursachen,

die zur Energieverschuldung geführt

84 globalcompact Deutschland 2016


die finanzielle Situation der Kunden

analysiert, einen Haushaltsplan erstellt

und eine zahlbare Ratenhöhe ermittelt.

Zur langfristigen Unterstützung kann

der Kontakt zu einer Beratungsstelle

vor Ort hergestellt werden.

• Um eine Sperrung zu vermeiden, können

Kunden bar in Einzelhandelsgeschäften

wie dm, Penny, REWE, der

Deutschen Telekom oder real unbürokratisch

Teilbeträge auf die Energierechnung

überweisen. Die Zahlscheine

erhalten sie per E-Mail oder SMS.

Weitere Informationen finden sie unter

www.eon.de/barzahlen.

Sperrung vermeiden

• Die Broschüren „E.ON unterstützt“ bieten

Kunden einfach verständliche Informationen

und Hilfestellungen zu Themen

wie Energieverbrauch, Nachzahlung,

Zahlungsschwierigkeiten oder Sperrung.

Sie werden direkt an betroffene Kunden

verteilt, den Mahnungen beigelegt oder

auf Wunsch in Jobcentern ausgelegt.

Im Internet sind die Flyer in 15 verschiedenen

Sprachen erhältlich.

Wir sprechen Ihre Sprache

• In der Zahlhilfe-Rubrik www.eon.de/

zahlhilfe bekommen die Kunden alle

Hilfsangebote aus den Broschüren

und weitere nützliche Links wie zum

Beispiel zur Online-Schuldnerberatung

der Caritas aufgeführt. Außerdem können

sie hier die Adressen des Stromspar-Checks

per PLZ-Suche finden, um

einen Termin zu vereinbaren, bei dem

ein Stromspar-Team unter anderem

den Energieverbrauch des Haushalts

prüft.

Prävention

Für Jobcenter und Schuldnerberatungen:

• Jobcenter und Schuldnerberatungen haben

die Möglichkeit, sich innerhalb des

Zahlhilfe-Teams über eine Hotline an

„Berater-Spezialisten“ zu wenden. Diese

sind besonders geschult und haben

einen größeren Handlungsspielraum

als andere E.ON-Mitarbeiter. So können

diese Berater den Sperrprozess stoppen,

sobald ein Jobcenter oder eine Beratungsstelle

für einen Kunden anruft.

• Danach wird geprüft, ob der Kunde

einen Ratenplan ohne Zinsen und Gebühren

erhalten kann. Das Jobcenter

prüft wiederum die Vergabe eines Darlehens

für die Energieschulden. Sollte

beides nicht möglich sein, bietet E.ON

im Einzelfall den „Ratenplan Zahlhilfe“

mit einer längeren Laufzeit an.

Die Schuldnerberatungen erarbeiten

dann mit dem Kunden eine realistische

Ratenhöhe, die in das Gesamtbudget

passt.

• E.ON bietet den Mitarbeitern der Jobcenter

ein „Zahlhilfe-Set“ an. Gemeinsam

können sie so mit dem Kunden

die Ursachen für die Energieschulden

frühzeitig identifizieren.

Kundenzentrierte Entwicklung des

Programms

E.ON hat 2014 angefangen, das Zahlhilfe-

Programm im Unternehmen voranzutreiben.

Dabei orientierte sich der Energieanbieter

am Konzept des sogenannten

Service Designs, mit dessen Hilfe Unternehmen

methodisch Dienstleistungen

aus Sicht von Kunden entwickeln. Um die

genauen Bedürfnisse zu ermitteln, führte

E.ON Interviews mit Betroffenen, den

Jobcentern und Schuldnerberatungen

durch: „Kunden sind teilweise überfordert,

wenn der Schuldenberg anwächst.

Dann bedienen sie eher die Gläubiger,

die am meisten Druck machen“, erklärt

Turner. „Zur Existenzsicherung ist die

Zahlung von Strom, Heizung und Miete

aber am wichtigsten. Dazu raten auch

Schuldnerberatungen.“

In einem zweiten Schritt hat man bei

E.ON die unterschiedlichen Dienstleistungen

ein halbes Jahr lang an 300

echten Kundenfällen und involvierten

Jobcentern und Beratungsstellen getestet,

um so die notwendigen Ressourcen und

Kompetenzen für die eigenen Serviceleistungen

aufzubauen: „Mit dem Zahlhilfe-Programm

haben wir die Themen

Energiearmut, Zahlungsprobleme und

Stromsperrungen nachhaltig im Unternehmen

verankert. Um eine positive

Wirkung der Initiative zu gewährleisten,

führen wir kontinuierlich Evaluationen

durch, sodass wir Optimierungspotenziale

schnell erkennen und im Programm

umsetzen können“, so Turner weiter.

Momentan findet der bundesweite Rollout

statt, bei dem E.ON-Mitarbeiter das

Programm den regionalen Vertretungen

der Bundesagentur für Arbeit und den

Jobcentern vor Ort in Informationsveranstaltungen

vorstellen.

E.ON beschränkt sein Engagement für

finanzschwache Kunden mit Energieschulden

aber nicht nur auf Deutschland.

So bietet das Unternehmen Programme

mit kleinerem Umfang auch beispielsweise

in UK und Ungarn an.

globalcompact Deutschland 2016

85


Good Practice

Auf dem Weg in eine

nachhaltigere Zukunft

Profitables Wachstum und zukünftige Geschäftserfolge beruhen maßgeblich auf vorausschauendem

und verantwortungsvollem Handeln. Davon sind wir bei Evonik überzeugt. Dies gilt für

jeden einzelnen unserer weltweit rund 33.000 Beschäftigten. Die zehn Prinzipien des UN Global

Compact sind dabei eine wichtige Richtschnur.

Von Dr. Detlef Männig, Corporate Responsibility, Evonik

Unser Handeln zielt darauf ab, durch

innovative Produkte das Leben der Menschen

gesünder und lebenswerter zu

machen. Das erwarten insbesondere

unsere Kunden von uns, bei denen wir

eine steigende Nachfrage nach Produkten

beobachten, die eine ausgewogene

Balance ökonomischer, ökologischer

und sozialer Faktoren aufweisen. Vor

diesem Hintergrund richtet Evonik seine

Geschäftsaktivitäten zunehmend auf

Nachhaltigkeit aus.

Nachhaltigkeitsanalyse unserer

Geschäfte

Im Rahmen unserer langfristig ausgerichteten

Strategie haben wir 2015 die strukturierte

Nachhaltigkeitsanalyse unserer

Geschäfte fortgesetzt und in den drei

Chemiesegmenten auf alle 22 Geschäftsgebiete

ausgedehnt. Hierbei zeigte sich,

dass Evonik bereits über 50 Prozent des

Umsatzes mit Produkten für ressourcenschonende

Anwendungen erzielt.

Fundierte Analysen helfen uns, die Auswirkungen

unserer Produkte transparent

zu machen. Das stärkt unsere Glaubwürdigkeit

als zuverlässiger Lösungsanbieter

für unsere Kunden und hilft uns,

die Nachhaltigkeit unserer Geschäfte

kontinuierlich weiter zu verbessern.

Inzwischen hat Evonik bereits rund 70

Prozent des Außenumsatzes seiner drei

Chemiesegmente mittels ökobilanzieller

Betrachtungen untersucht. Angestrebt ist

eine Ausdehnung auf 80 Prozent.

Unser aus Wissenschaftlern und Ingenieuren

interdisziplinär zusammengesetztes

Life-Cycle-Management-Team (LCM)

hat seit dem Jahr 2009 über 100 lebenszyklusbasierte

Analysen für Produkte,

Prozesse oder ganze Standorte erstellt.

Produktbeispiele sind Aminosäuren für

die Tierernährung sowie Straßenmarkierungen,

die auf dem Reaktionsharz

DEGAROUTE® basieren. Darüber hinaus

bringen sich die LCM-Experten mit ihrer

Erfahrung in die Weiterentwicklung der

Methodik von lebenszyklusbasierten

Analysen ein. Dies erfolgt sowohl national

als auch international im Rahmen

von Nachhaltigkeitsinstitutionen und

-netzwerken wie dem World Business

Council for Sustainable Development.

Hohe Ausgaben für Forschung und

Entwicklung

Evonik ist ein forschungsintensives Unternehmen

und gibt jedes Jahr mehr als

3 Prozent seines Umsatzes für Forschung

und Entwicklung aus. Dieses hohe Niveau

wollen wir beibehalten. In den nächsten

zehn Jahren sollen insgesamt mehr als 4

Milliarden € in Forschung und Entwicklung

fließen. Die Nachhaltigkeitsaktivitäten

sind in unseren operativen Segmenten

unmittelbar an die Verantwortung für

Produkt- und Geschäftsentwicklung angeschlossen,

also an der produktnahen

Forschung & Entwicklung. In der Grundlagenforschung

hat unsere strategische

Forschungseinheit Creavis einen I2P³-

Prozess („Innovation to People, Planet,

Profit“) eingeführt. Bei der Produkt- und

Verfahrensentwicklung berücksichtigt

dieser schon in einem frühen Stadium

neben ökonomischen auch ökologische

und soziale Fragestellungen. Damit sind

Nachhaltigkeitskriterien dem Innovationsprozess

quasi von der Wiege an eingeimpft.

Nachhaltigkeit als Wachstumstreiber

In vielen unserer Geschäfte erleben wir

Nachhaltigkeit inzwischen als Wachstumsund

Innovationstreiber. Ein aktuelles

Beispiel sind unsere Biotenside für Waschund

Reinigungsmittel auf Basis von Sophorolipiden.

Diese sind zu 100 Prozent

aus nachwachsenden Rohstoffen mittels

biotechnologischer Verfahren hergestellt.

Sie weisen sehr gute Reinigungseigenschaften

auf, haben ein herausragendes

toxikologisches und ökologisches Profil

und sind vollständig biologisch abbaubar.

REWOFERM® SL 446 wurde daher

als „Biobased Material of the Year 2016

ausgezeichnet.

86 globalcompact Deutschland 2016


Links: REWOFERM® SL 446

Rechts: SEPURAN® Hohlfasermembranbündel

Unten: Met-Met für Garnelen

Eine weitere Innovation von Evonik

zielt auf die Aquakultur, die aufgrund

der Überfischung der Ozeane zunehmend

an Bedeutung gewinnt. Tatsache

ist aber, dass zurzeit das Futter für diese

Anwendung hauptsächlich aus Fischmehl

besteht und damit die weitere

Überfischung sogar fördert. Evonik hat

deshalb das Dipeptid Met-Met entwickelt.

Es ermöglicht, den pflanzlichen Anteil

an Protein in der Nahrung deutlich zu

erhöhen. So werden Lachse und Garnelen

quasi zu Vegetariern.

Bevor Biogas ins Erdgasnetz eingespeist

werden kann, sind eine umfangreiche

Aufbereitung und Reinigung nötig. Neue,

besonders selektive SEPURAN® Polymermembranen

von Evonik verwandeln

Rohbiogas einfach und effizient in hochreines

Biomethan. Das steigert den Ertrag

und schont wertvolle Ressourcen.

Das Produktportfolio von Evonik umfasst

zahlreiche weitere ressourcenschonende

Lösungen. Dazu zählen beispielsweise

Öladditive, die den Treibstoffverbrauch

von Hydraulikmaschinen deutlich senken

oder Hochleistungskunststoffe zur

Gewichtsreduzierung in der Automobilund

Luftfahrtindustrie. Systemlösungen

für Windkraftanlagen helfen bei der

Erzeugung von erneuerbaren Energien.

Auch beim Ausbau unseres Corporate-

Venture-Capital-Portfolios ist Nachhaltigkeit

ein wichtiges Kriterium. Ein Beispiel

dafür ist unser Engagement bei Biosynthetic

Technologies. Das Unternehmen

stellt eine neue Klasse biobasierter Öle

her, die als Hochleistungsschmierstoffe

Anwendung finden.

Evonik erstmals im Dow Jones

Sustainability Index

Unser Nachhaltigkeitsengagement wird

anerkannt. So wurde Evonik Anfang

2016 erstmals im renommierten Nachhaltigkeitsjahrbuch

von RobecoSAM als

„Sustainability Leader“ mit der Auszeichnung

„Silver Class“ gewürdigt. Auf Anhieb

konnten wir uns unter den besten

Zehn der weltweit etwa 70 bewerteten

Chemieunternehmen platzieren. Im

weiteren Verlauf des Jahres wurde Evonik

erstmals in die Dow Jones Sustainability

Indizes World und Europe aufgenommen

sowie für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis

in den Kategorien „Deutschlands

nachhaltigste Großunternehmen“ und

„Forschung“ nominiert. Diese Auszeichnungen

sind für uns Ansporn, den Nachhaltigkeitsnutzen

unserer Produkte und

Lösungen konsequent auszubauen.

globalcompact Deutschland 2016

87


Good Practice

EY: Integration von Flüchtlingen

gemeinsam gestalten

Die hohe Zahl an Flüchtlingen stellt Politik, Gesellschaft und Wirtschaft vor große Herausforderungen.

Angesichts von demografischem Wandel und Fachkräftemangel hierzulande kann das

aber auch eine Chance sein. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist die erfolgreiche Integration

der Menschen. Das Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY widmet sich dieser Aufgabe mit

vier zentralen Maßnahmen: mit Praktikumsangeboten, dem „Runden Tisch der Charta der Vielfalt“,

der Investition in Bildung sowie durch das Engagement seiner Mitarbeiter.

Von Dr. Sonja Würtemberger, Head of Strategy &

Governance, Talent Team GSA, EY

Die Geschichte von Mohammed Basel

Alyounes liest sich wie ein „Integrationsmärchen“:

Der Syrer floh im August 2015

nach seinem Wirtschaftsstudium aus Damaskus

nach Deutschland. Dass er heute

bei EY in Berlin arbeitet, verdankt er, wie

er selbst sagt, Zufall, Glück und Verstand.

Von einem TV-Reporter nach seinen Träumen

gefragt, antwortete er, dass er gerne

für Ernst & Young arbeiten würde. Diesen

Fernsehbeitrag sah Ana-Cristina Grohnert

aus der Geschäftsführung von EY. Es

gelang ihr, Mohammed Basel Alyounes

über eine syrische Facebook-Gruppe ausfindig

zu machen, sie lud ihn zu einem

Gespräch ein und bot ihm anschließend

ein Praktikum an. Inzwischen betreut er

bereits die ersten Kunden und unterstützt

andere Flüchtlinge als Mentor und ist

Teil des Projektteams „Onboarding und

Integration Geflüchtete@EY“.

Praktika als erster Einstieg in die

Berufswelt

EY hat mittlerweile mehrere Flüchtlinge

als Praktikanten eingestellt, zwei davon

wurden in ein festes Arbeits- bzw. Ausbildungsverhältnis

übernommen. Der erste

Kontakt erfolgt in der Regel über private

Kontakte, Job-Portale und soziale Medien,

danach werden sie zu Bewerbungsgesprächen

bei EY eingeladen. Während

eines drei- bis sechsmonatigen Praktikums

profitieren sie von Unterstützungsangeboten

wie Sprachkursen, Freizeitangeboten

zum Netzwerken und einem sich im

Auf bau befindlichen Buddy-Programm.

Anschließend haben sie die Chance auf

eine Verlängerung bzw. eine weitere Beschäftigung.

EY arbeitet derzeit, basierend

auf den ersten Erfahrungen, an einem

einheitlichen Einstiegsmodell, um den

Integrationsprozess in das Unternehmen

zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Integration gemeinsam bewältigen

Um im Schulterschluss mit Politik, Gesellschaft

und weiteren Unternehmen

einen konkreten Beitrag zur Integration

zu leisten, ist EY darüber hinaus der

Initiative „Wir zusammen“ beigetreten.

Ziel des Netzwerks ist es, einen Überblick

über die zahlreichen Angebote in der

Flüchtlingshilfe zu geben und weitere

Firmen zum Mitmachen zu bewegen.

88 globalcompact Deutschland 2016


Alle Teilnehmer wissen, dass Integration

nur durch gemeinsames Handeln erfolgreich

gestaltet werden kann.

Anlässlich eines Besuchs von Bundespräsident

Joachim Gauck bei den Mitgliedern

der Initiative sagte der Vorsitzende der

Geschäftsführung von EY, Hubert Barth:

„Mit unserem Unternehmensleitbild ‚Building

a Better Working World‘ machen wir

es uns zur Aufgabe, die Wirtschaftswelt

von morgen nachhaltig mitzugestalten.

Wir sind uns bewusst, dass wir als internationales

Unternehmen eine Verantwortung

für unser Umfeld tragen − dazu

zählt auch die Bewältigung des Flüchtlingszustroms.“

Aus dieser Grundüberzeugung heraus

initiierte EY Ende 2015 einen „Runden

Tisch“ innerhalb der „Charta der Vielfalt“.

Dieser soll dabei helfen, die Flüchtlingshilfe

innerhalb der deutschen Wirtschaft

besser zu koordinieren. Die Charta der

Vielfalt ist eine Unternehmensinitiative

zur Förderung von Vielfalt in der Unternehmenskultur.

Mehr als 2.350 Unternehmen

und Institutionen haben sie bisher

unterzeichnet.

Die Idee für den „Runden Tisch“ entstand

bei einem Treffen der Unternehmensvorstände

mit der Staatsministerin Aydan

Özoğuz im September 2015. Bei einem

anschließenden Kick-off-Meeting bei EY

in Berlin bildeten sich drei Schwerpunkte

heraus: die Entwicklung einer internen

Kommunikationsplattform, um Best Practices

und Erfahrungen auszutauschen

− diese ist seit September 2016 live geschaltet;

die Erarbeitung einer Informationsplattform

für Flüchtlinge; ein dritter

Arbeitskreis beschäftigt sich mit Einstiegsmodellen

für den deutschen Arbeitsmarkt,

z. B. durch Sprachkurse oder Praktika.

Im Dezember 2016 trifft sich der Runde

Tisch zum vierten Mal unter dem Motto

„Ein Jahr Runder Tisch − was haben wir

gemeinsam erreicht?“

„Vielfalt bereichert unsere

Arbeitswelt“

Ebenfalls Ende 2015 hat EY den Verein

„EYcares e.V.“ ins Leben gerufen, der

Flüchtlinge, aber auch politisch, rassistisch

und religiös Verfolgte unterstützt.

„Wir sind überzeugt, dass eine von Vielfalt

geprägte Arbeitswelt bereichernd ist und

wollen dabei helfen, Flüchtlinge schnell

in Gesellschaft und Arbeitsleben zu integrieren.

Gleichzeitig wollen wir ein Auseinanderdriften

der verschiedenen Teile

der Gesellschaft verhindern. Deswegen

setzen wir uns nicht nur für Flüchtlinge

ein, sondern auch für die Integration

anderer, bereits in Deutschland beheimateter,

benachteiligter Gruppen in die

Wirtschaft“, erläutert Ana-Cristina Grohnert,

Mitglied der Geschäftsführung und

personalverantwortliche Partnerin. Als

erste Maßnahme rief EY seine Mitarbeiter

zu Spenden für die Organisation „Save

the Children“ auf, die sich unter anderem

für Flüchtlingskinder einsetzt. Gleich zu

Beginn spendete EY 50.000 Euro.

Mitarbeiter engagieren sich

Der Empfang von Flüchtlingen mit

Essen am Bahnhof, der Besuch eines

Basketballspiels, die Verabredung zum

gemeinsamen Fußballgucken oder die

Gründung eines Lauftreffs sind Beispiele

dafür, wie sich auch EY-Mitarbeiter privat

für die Integration der Flüchtlinge in die

Arbeitswelt einsetzen. Das Unternehmen

fördert dieses Engagement, indem

es seinen Mitarbeitern ein bestimmtes

Zeitbudget für ehrenamtliche Tätigkeiten

zur Verfügung stellt. Insgesamt haben

sich EY-Mitarbeiter so bereits über 1.000

Stunden in der Flüchtlingshilfe engagiert.

An vielen Standorten haben zudem

Spenden, Ausflüge und Sammelaktionen

gestartet und laufen immer noch.

Bildungsengagement

Der Zugang zu Bildung ist für EY ein

weiterer entscheidender Schritt hin zu

einer schnellen Eingliederung. Dafür

setzt sich das Unternehmen mit seinen

Kompetenzen und Ressourcen ein. So

unterstützt EY etwa die Kiron University,

eine Online-Universität für Flüchtlinge,

beim Auf bau eines Rechnungswesens

sowie ihrer HR-Systeme und bei der

Entwicklung eines zu den besonderen

Anforderungen eines sozialen Start-Ups

passenden Vergütungsmodells. Die Kiron

University ist nicht nur in Deutschland

tätig, sondern unterhält Dependancen

in Jordanien und der Türkei, um Bildung

dorthin zu bringen, wo die meisten

Flüchtlinge sind. Bei der Umsetzung

dieser Strategie steht EY der Kiron University

mit seinen Kenntnissen der lokalen

rechtlichen und regulatorischen

Anforderungen zur Seite.

Zudem hat EY mit Spenden zur Entwicklung

einer Sprach-Lern-App (Lugha)

beigetragen, die seit Anfang November

kostenlos in den App-Stores erhältlich ist.

Zusätzlich entwickelt man gemeinsam

mit der The DO School einen Lösungsansatz

zur Integration von Flüchtlingen

in den Arbeitsmarkt. Darüber hinaus begleitet

EY operativ und beratend die Facebook-Seite

des Syrischen Hauses, ein Projekt

des Vereins „Integration HUB e.V.“.

Die Facebook-Seite hat bereits über

120.000 Follower und wird von Menschen,

die aus Syrien nach Deutschland

geflohen sind, dafür genutzt, sich zu

vernetzen und über das Leben und Arbeiten

in Deutschland zu informieren.

globalcompact Deutschland 2016

89


Good Practice

Integration durch Bildung

Für Freudenberg als werteorientierter Technologiekonzern in

Familienbesitz bedeutet Erfolg nicht nur finanziell erfolgreich zu

sein, sondern immer auch die Übernahme von Verantwortung für

die Gesellschaft. Seit 2015 engagieren sich das Unternehmen

und seine Mitarbeiter in vielfältigen Aktionen für Geflüchtete.

Im Mittelpunkt steht die Förderung von Sprache und Bildung,

insbesondere für Familien mit Kindern und für junge Menschen.

Von Laura Rech, Corporate Communications,

Freudenberg Group

Den Startpunkt der Flüchtlingshilfe-

Initiative bildete eine weltweite Spendenaktion,

zu der das Unternehmen alle

40.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

Pensionäre sowie Gesellschafter aufrief.

Für jeden gespendeten Euro gab

Freudenberg zwei Euro hinzu − verdreifachte

also die Summe. Insgesamt

kamen so bis Dezember 2015 gut 1,6

Millionen Euro zusammen. Mehr als die

Hälfte des Betrags ist bereits eingesetzt:

Rund 60 Projekte − von der lokalen Bürgerinitiative

bis hin zu internationalen

Hilfsorganisationen wie der Deutschen

Welthungerhilfe und dem Türkischen

Roten Halbmond − haben eine Unterstützung

aus dem Spendentopf erhalten.

Letztere leisten wichtige Soforthilfe in

den Krisenregionen vor Ort.

Mitarbeiter engagieren sich

Die meisten Projekte haben Mitarbeiter

und Gesellschafter selbst vorgeschlagen.

„Wir unterstützen bevorzugt Initiativen

an unseren Standorten, zu denen unsere

Mitarbeiter einen persönlichen Bezug

haben − wir sind stolz auf das Engagement

jedes Einzelnen“, so Dr. Mohsen

Sohi, Sprecher des Vorstands der

Freudenberg Gruppe. Viele Mitarbeiter

der Freudenberg Gruppe engagieren

sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit in

Kleiderkammern, Nähkursen, Fahrradwerkstätten

oder Begegnungscafés. Immer

wieder berichten sie, dass Geflüchtete

− insbesondere die jungen unter

ihnen − den Wunsch haben, so schnell

wie möglich Deutsch zu lernen, zur

Schule zu gehen, zu studieren oder eine

Ausbildung zu absolvieren.

Sprache als Schlüssel zu Integration

„Sprachkenntnisse sind eine Grundvoraussetzung

für gesellschaftliche Teilhabe

und berufliche Chancen“, so Sohi. „Da

Sprache der Schlüssel zur Integration

ist, sind wir froh darüber, mit dem

Goethe-Institut einen perfekten Partner

für unser Engagement gefunden

zu haben.“ Neben der Förderung von

Deutschkursen für junge Geflüchtete

übernimmt das Unternehmen die Kosten

für Lehrgänge an allen Goethe-Instituten

in Deutschland, die ehrenamtlichen

Helfern Grundkenntnisse des Deutschunterrichtens

vermitteln. Auch viele

Mitarbeiter haben bereits an einem der

Lehrgänge teilgenommen.

Sprachlernspiele in Kooperation mit

dem Goethe-Institut

Nach dem Kurs erhalten die Teilnehmer

„Sprachlernspiele“, die ebenfalls

im Rahmen der Kooperation mit dem

Goethe-Institut entstanden sind. Sie geben

ehrenamtlichen Helfern ein konkretes

Werkzeug an die Hand, mit dem

Geflüchtete schnell und einfach lernen

können, erste Gespräche auf Deutsch

zu führen. Einkaufen, Verabredungen

treffen, sich in der neuen Umgebung

zurechtfinden: Die Spielkarten decken

verschiedene Alltagssituationen in 53 Varianten

ab. Sie stehen zur Ausleihe in den

zwölf Goethe-Instituten in Deutschland

zur Verfügung und lassen sich zudem −

mitsamt den Spielregeln und weiteren

Tipps für die Spracharbeit − auf goethe.

de/willkommen herunterladen.

Einblicke in die Arbeitswelt

ermöglichen

Eines von vielen Beispielen für das herausragende

Engagement der Freudenberg-

Standorte ist das Werk in Kufstein, Österreich.

Hier engagieren sich Mitarbeiter

für junge, unbegleitete Geflüchtete.

Mit finanzieller Unterstützung von

Freudenberg fördern sie rund 30 Afghanen,

Syrer, Iraker, Somalier und Guineaner

zwischen 14 und 17 Jahren, etwa

durch Hausaufgabenhilfe, Deutschunterricht

oder gemeinsame Unternehmungen.

Besuche im Werk und Gespräche mit

Mitarbeitern ermöglichen den Jugendlichen

erste Einblicke in die deutsche

Arbeitswelt.

90 globalcompact Deutschland 2016


Das Pilgerhaus, eine Einrichtung der Jugendund

Behindertenhilfe, betreut derzeit rund

hundert unbegleitete junge Geflüchtete in

Weinheim, dem Stammsitz der Freudenberg

Gruppe. Mit finanzieller Unterstützung von

Freudenberg lernen die Jugendlichen unter

fachlicher Begleitung Merkmale des deutschen

Alltagslebens kennen, werden in ihrer

sozialen Interaktion gefördert – wie hier beim

gemeinsamen Gärtnern – und schulisch

unterstützt.

Praktika machen fit für die

Arbeitswelt

Duale Ausbildung eröffnet

Zukunftsperspektiven

Am Stammsitz in Weinheim geht das

Unternehmen noch einen Schritt weiter:

Zu einer gemeinsamen Informationsveranstaltung

von Freudenberg

und der Industrie- und Handelskammer

Rhein-Neckar waren im Sommer 2016

Jugendliche eingeladen, die als Geflüchtete

oder Migranten nach Deutschland

gekommen sind. „Viele dieser jungen

Menschen wissen häufig gar nicht, was

eine duale Ausbildung ist und sie wollen

am liebsten studieren. Doch das ist

nicht für alle der richtige Weg − zumal

es häufig an den Deutschkenntnissen

fehlt“, sagt Dr. Rainer Kuntz, Leiter des

Freudenberg-Ausbildungszentrums und

Gastgeber der Veranstaltung. Einige stünden

unter hohem Druck, schnell Geld

zu verdienen, beispielsweise, um ihre

Familien in der Heimat zu versorgen.

„Da liegt es für manche erst einmal näher,

einfache Hilfsjobs anzunehmen − leider.

Denn diese Tätigkeiten bieten keine Entwicklungsperspektive.

Unser Ziel ist es,

den Jugendlichen das duale Ausbildungssystem

zu erklären, sie zu motivieren

und ihnen eine Perspektive aufzuzeigen“,

sagt Kuntz. Abgerundet wurde die Veranstaltung

durch eine Führung in der

Lehrwerkstatt, die einen Einblick in den

praktischen Teil der Berufsausbildung

ermöglichte.

Seit Oktober 2016 sind acht junge Geflüchtete

regelmäßig in der Freudenberg-

Lehrwerkstatt anzutreffen. Sie absolvieren

ein schulbegleitendes Praktikum, das

sie auf eine Ausbildung in einfachen

Metallberufen wie Industriemechaniker,

Metallbauer oder Maschinen- und Anlagenführer

vorbereitet. In gemeinsamen

Pausen und bei Mahlzeiten kommen die

jungen Geflüchteten in Kontakt mit den

Jugendlichen, die regulär eine Ausbildung

bei Freudenberg oder einem Partnerunternehmen

des Ausbildungsverbunds

machen. Das erleichtert die Integration

und erhöht die Motivation, nach dem

Praktikum einen Ausbildungsplatz zu

finden.

Links: Deutschunterricht ebnet den Weg zur

Integration. Viele Freudenberg-Mitarbeiter

engagieren sich ehrenamtlich als Lernbegleiter

für Flüchtlinge. Freudenberg unterstützt

zudem eine Vielzahl von lokalen und landesweiten

Sprachangeboten für Geflüchtete.

Rechts: In einem Praktikum lernen junge

Geflüchtete bei Freudenberg die Grundtechniken

der Metallarbeit kennen. Ziel des

gemeinsamen Projekts mit einer berufsbildenden

Schule ist es, die jungen Männer für

einen dualen Ausbildungsplatz fit zu machen.

globalcompact Deutschland 2016

91


Good Practice

Durch gelebte

Verantwortung

unsere Zukunft

gestalten

Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und CSR als

selbstverständlichen Bestandteil in die Unternehmenskultur

integrieren – eine Idee, die auch kleine Unternehmen umsetzen

sollten? Unbedingt, sagt die gmc² gerhards multhaupt consulting

GmbH aus Bonn. Das Unternehmen macht sich stark für den

Gleichklang aus Ökonomie, Ökologie und Sozialem und lebt das

Konzept des „nachhaltigen Wirtschaftens“ seit jeher. Dabei

pflegt gmc² auch den intensiven Dialog mit Kunden, Partnern

und Interessierten.

„Mensch sein heißt verantwortlich sein“

− besser als mit den Worten des französischen

Schriftstellers Antoine de

Saint-Exupéry lässt sich unser unternehmerisches

Selbstverständnis nicht

beschreiben. Der Ausspruch bildet die

Maxime, nach der wir handeln, für die

wir Bewusstsein schaffen wollen. Achtung

und Respekt gegenüber Mensch

und Natur sind Werte, für die wir aus

vollster Überzeugung einstehen und die

ein integraler Bestandteil unserer Unternehmensphilosophie

sind. Bio-Milch

und Ökostrom sind zwar ein Anfang, wir

finden aber, dass zu unternehmerischer

Verantwortung weitaus mehr gehört.

Von Anna Muntzos, redaktionelle Assistentin, und Stephan Multhaupt, Geschäftsführer, gmc²

Deshalb setzen wir uns u. a. für faire

Arbeitsbedingungen ein, die deutlich

über gesetzliche Mindestanforderungen

hinausgehen. So möchten wir eine

Unternehmenskultur schaffen, die den

Einzelnen in den Mittelpunkt stellt und

in der sich unsere Mitarbeitenden ausleben,

einbringen und weiterentwickeln

können. Wir vertrauen darauf, dass dies

der richtige Weg zu maximalem Unternehmenserfolg

ist − für alle Beteiligten.

Unsere Mitgliedschaft beim UN Global

Compact verstehen wir deshalb als ausdrückliches

Bekenntnis zu unseren gelebten

CSR-Leitlinien.

Soziale Verantwortung:

Gerade die Wirtschaft ist gefragt

Gegenwart verändern – Zukunft gestalten /

Mit innovativen Lösungen und starken Netzen nachhaltig Werte und Bewusstsein schaffen

Beim aktuellen Thema „Verantwortung“

bildet die Integration der vielen Zufluchtsuchenden

eine wichtige Aufgabe. Wir

sind der Überzeugung, dass es an dieser

Stelle ohne die Unterstützung der Wirtschaft

nicht geht. Arbeit ist ein wichtiger

Motor für eine gelungene Integration.

Arbeit ermöglicht Ankommen und einen

Neustart, nirgends kann eine Gesell-

92 globalcompact Deutschland 2016


schaft mit all ihren Eigenschaften besser

kennengelernt werden. Um aber in der

deutschen Arbeitswelt überhaupt Fuß

fassen zu können, ist es wichtig, die

„Spielregeln“ des hiesigen Bewerbungsund

Arbeitsmarktes zu kennen und zu

verstehen. Und das ist der Punkt, an dem

wir ansetzten konnten.

Im Juni 2016 startete auf Initiative von

drei Mitarbeiterinnen unser Integrationsprojekt

„Hand in Hand − Brücken bauen“.

Ziel dieses Pilotprojektes war es, jungen

Geflüchteten einen Weg durch den Deutschen

Bewerbungs-Dschungel zu zeigen

und ihnen somit einen erfolgreichen Start

in ein neues Leben zu ermöglichen. Ganz

im Sinne des Mottos „Hilfe zur Selbsthilfe“

gingen unsere Mitarbeitenden gemeinsam

mit den Teilnehmenden allen wichtigen

Fragen rund um das Thema „Bewerbung“

nach: Wo finde ich eine Stellenanzeige?

Wie sieht eine gute Bewerbung aus? Was

passiert in einem Vorstellungsgespräch?

Und wer ist eigentlich Max Mustermann?

Da ein solches Coaching auch für uns

Neuland darstellte, bekamen wir wertvolle

Hilfe vom Forum Ehrenamt in

Königswinter. Eine Partnerschaft, die sich

ausgezahlt hat: Mit großem Elan, Zuversicht

und vor allem sehr viel Spaß konnte

bereits ein Teil der Teilnehmenden in ihr

erstes Praktikum in Deutschland starten.

Der Erfolg unseres Coachings hat uns

regelrecht beflügelt − ein Erlebnis, mit

dem wir noch eine Vielzahl an Unternehmen

inspirieren möchten. Wir hoffen,

diese Erfahrung mit anderen teilen zu

können, um miteinander und voneinander

zu lernen und um diese Werte

gemeinsam weiterzutragen.

Zukunftsfähige Geschäftsmodelle

dank CSR

Leider lassen die Worte „soziale und

ökologische Verantwortung“ insbesondere

kleine Unternehmen aus Angst vor

zeitlichem Mehraufwand und hohen

Kosten schnell zurückschrecken. Dabei

profitieren gerade auch diese Unternehmen

von der unternehmerischen Verantwortungsübernahme.

Denn immer

häufiger werden Kaufentscheidungen

aufgrund nachhaltigkeitsbezogener Kriterien

getroffen. CSR bildet also gewissermaßen

den Königsweg zum Erfolg.

Unternehmen erzielen so mittel- und

langfristig wichtigen Mehrwert: von

stabilen Lieferantenbeziehungen und

einer optimalen Qualität von Produkten,

über eine gesteigerte Attraktivität des

Unternehmens bis hin zu motivierten,

zufriedenen Arbeitnehmern, um nur

einige zu nennen.

„Mit unserer Erfahrung und

unserer Expertise möchten wir

alle Interessierten auf ihrem

CSR-Weg begleiten und unterstützen.

Hand in Hand auf

Augenhöhe, damit wir gemeinsam

die Gegenwart verändern und

die Zukunft gestalten. “

Damit diese Vorteile überhaupt erreicht

werden können, muss CSR erst einmal

systematisch in den Unternehmensalltag

Einzug finden. Mögliche Handlungsfelder

müssen identifiziert und zielführende

Maßnahmen abgeleitet werden. Solche

Maßnahmen können beispielsweise aus

Mitarbeiterfortbildungen und der Minimierung

von Emissionen bestehen, oder

aber aus der Einführung innovativer

BI-Lösungen für transparente Businessmodelle

von morgen. Eine der größten

Herausforderungen in diesem Zusammenhang

ist nicht nur die Identifikation

der Handlungsfelder, sondern auch die

Steuerung und damit die Messbarkeit des

Erfolges. Während sich der Verbrauch von

Ökostrom etwa sehr leicht feststellen lässt,

bildet das Monitoring der Mitarbeiterzufriedenheit

einen deutlich abstrakteren

Gegenstand. Doch wie lassen sich Konzepte

zur Steuerung solch abstrakter Werte

praktikabel in der Realität anwenden?

Die Antworten können nur gefunden

werden, wenn Forschung und Wirtschaft

Hand in Hand gehen und die Bedeutung

der Thematik von jedem Einzelnen verstanden

und aufgenommen wird.

Darauf möchten wir zusammen mit

unseren Partnern und Kunden Einfluss

nehmen. Wir wollen das Bewusstsein

für die Relevanz sozialer, ökologischer

und ökonomischer Aspekte schaffen. Für

uns, unsere Umwelt und für ein faires

Miteinander. Denn eines ist sicher: Hier

liegt die Chance, die Wertschöpfungspotenziale

von morgen zu entdecken. Wir

hoffen, dass unsere Begeisterung für das

Thema ansteckend ist.

CSR für gmc²

Corporate Social Responsibility (CSR)

beschreibt die unternehmerische

Übernahme gesellschaftlicher, ökologischer

und sozialer Verantwortung.

Für uns bedeutet das: faire Arbeitsbedingungen

über gesetzliche Mindestanforderungen

hinaus und ein

Geschäftsmodell, das unsere Wertvorstellungen

mit unserer Kernkompetenz,

den innovativen BI-Lösungen,

verbindet. So schaffen wir das Bewusstsein

für den Gleichklang von

Ökonomie, Ökologie und Sozialem.

So verändern wir die Gegenwart,

so gestalten wir die Zukunft.

globalcompact Deutschland 2016

93


Good Practice

Baustellen zum Anfassen

Die Wörter „Autobahn“ und „Baustelle“ in einem Satz werden oft mit „Stau“ und „Stillstand“

assoziiert. Das macht es für das Bauunternehmen, das die Straße ausbaut oder auch ein Gebäude

errichtet, eine Brücke saniert oder einen Tunnel bohrt, nicht leicht. Es berührt das Leben vieler

Menschen. Deshalb gehört es zu den Aufgaben der Verantwortlichen, die Bedürfnisse aller zu

berücksichtigen und früh zu informieren: Verkehrsplaner müssen genauso mit ins Boot geholt

werden wie Umweltschutzorganisationen, Pendler oder Anwohner. Sie alle haben ein Recht

darauf zu erfahren, wann Sperrungen entstehen, wie tief der Eingriff in die natürlichen Begebenheiten

ist oder ob sie mit größeren Beeinträchtigungen rechnen müssen.

Wenn Verkehrsteilnehmer und Anwohner

verstehen, welche Verbesserungen

nach der Fertigstellung auf sie zukommen,

wächst folglich die Akzeptanz der

Baumaßnahme. Dabei ist es wichtig,

dass Bauherren, Planer, Projektsteuerer

und Ingenieure an einem Strang ziehen.

Bei HOCHTIEF, dem internationalen

Baukonzern mit Sitz in Essen, gewinnt

die Abstimmung unter allen Beteiligten

immer mehr an Bedeutung. Denn das

gemeinsame Ziel ist es, dass Anwohner

und Pendler, Kunden, Politiker, Nachunternehmer,

spätere Nutzer und weitere

Interessierte stets frühzeitig informiert

werden. Nur so kann ein Projekt erfolgreich

realisiert werden. Folglich beschäftigen

sich immer mehr Ingenieure und

Projektleiter mit Kommunikationsfragen.

Dies geschieht in enger Abstimmung

mit der HOCHTIEF-Konzernkommunikation.

Schließlich hat der Auftritt nach

außen Auswirkung auf die Reputation

des Unternehmens.

Gerade bei großen Infrastrukturprojekten

ist das öffentliche Interesse stark

− wie beim Ausbau der Autobahn 7

nördlich von Hamburg. Auf 65 Kilometern

Strecke wird die A7 bis Ende 2018

verbreitert. Ein Projekt, das die Gemüter

bewegt: Etwa 155.000 Fahrzeuge pro

Tag − besetzt mit Anwohnern, Urlaubern,

Berufspendlern oder Lieferanten

Auch bei widrigen Wetterbedingungen

auf Sendung: Der Austausch mit Medien,

Anwohnern und Pendlern ist Alltag für die

Kommunikationsverantwortlichen beim

Ausbau der A7.

94 globalcompact Deutschland 2016


− nutzen den Abschnitt zwischen den

Autobahndreiecken Hamburg-Nordwest

und Bordesholm. Für die Nutzer und

Anwohner sind zeitnahe und umfassende

Informationen notwendig: Wann

ist welche Ausfahrt gesperrt? Müssen

Brücken abgerissen werden? Kommt

es zur Vollsperrung? Die Anforderungen

sind durch die Möglichkeiten, die

das Internet mit sozialen Netzwerken

bietet, höher als noch vor einigen Jahren.

Dadurch steigen auch die Chancen,

möglichst viele Menschen zu erreichen.

Eine stets aktuelle Website trägt zum

lückenlosen Informationsfluss wesentlich

bei.

Die A7 führt durch zwei Bundesländer.

Christian Merl, der Kommunikationsverantwortliche

der Konzessionsgesellschaft

Stakeholder-Einbindung

bei HOCHTIEF

Ein fester Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie

ist der kontinuierliche

Austausch mit den verschiedenen Interessengruppen,

auch Stakeholder

genannt. Neben der Kommunikation

im Alltag mit Kunden, Nachunternehmen,

Journalisten oder Analysten gibt es deshalb einen Termin im Jahr, an

dem Vertreter aller Gruppen zu einem konzentrierten CR-Stakeholder-Dialog

zusammenkommen. Ziel ist es dann, die Themenfelder der Nachhaltigkeit

bei HOCHTIEF zu diskutieren und zu bewerten: Stellt HOCHTIEF sicher, dass

Themen wie faire Arbeitsbedingungen, Korruption oder Umweltschutz zufriedenstellend

behandelt werden? Wie kann Arbeitssicherheit weiter verbessert

werden? Tut der Konzern genug, um nachhaltige Produkte zu realisieren?

Vorstandsmitglied Nikolaus Graf von Matuschka diskutiert mit und lobt die

stets vertrauensvolle, persönliche und offene Diskussion: „Die Ideen und Einschätzungen

der Stakeholder sind für die Weiterentwicklung von HOCHTIEF

von großer Bedeutung.“

„Via Solutions Nord“ mit HOCHTIEF als

Federführer, stimmt sich eng mit den

Verkehrsministerien ab. Wöchentliche

Berichte an die Zuständigen von

HOCHTIEF, an die Vertreter der Konzessionsgesellschaft

und die Bauherren

sind daher Pflicht. Der regelmäßige

Austausch trägt viel zum konstruktiven

und reibungslosen Projektverlauf

bei. Christian Merl steht in direktem

Kontakt zu Journalisten, Anwohnern

und Pendlern und findet auf jede Frage

eine Antwort: „Bei berechtigten Einwänden

kläre ich mit allen Beteiligten

ab, ob wir ohne großen Aufwand eine

Lösung finden können.“ Eine positive

Rückmeldung sei in jedem Fall gut für

das Projekt, das dann auch in der Öffentlichkeit

mit einem guten Stimmungsbild

wahrgenommen werde.

Bei einem anderen wichtigen Verkehrsprojekt,

an dem HOCHTIEF wesentlich

beteiligt ist, sind die Kommunikationsverantwortlichen

ebenfalls gefordert.

Beim Brückenprojekt „Queensferry

Crossing“ nördlich von Edinburgh in

Schottland wurde schon in der Startphase

ein „Contact & Education Center“

eingerichtet. Dort gibt es eine Brücke

„zum Anfassen“, Modelle, Broschüren

und Filme. Zehntausende Besucher

haben sich bereits über das populäre

Projekt informiert: Denn das Bauwerk

über den Firth of Forth, das 2017 eröffnet

werden soll, wird die längste dreitürmige

Schrägseilbrücke Europas sein. Schulklassen

aus der Umgebung besuchen

die Baustelle, und es gibt „Tage der offenen

Baustelle“. Organisatorisch sind

diese aufwendig: Die Sicherheit muss

gewahrt, der Baufortschritt darf nicht

beeinträchtigt werden.

Nicht zuletzt ist interne Kommunikation

essenziell, vor allem, wenn bei Großprojekten

wie hier zu Spitzenzeiten zirka

1200 Menschen auf der Baustelle arbeiten.

Ein interner Newsletter informiert

dann die Baubeteiligten über den allgemeinen

Baufortschritt, Sicherheitsfragen

und wichtige Details. „Dies ist auch für

die Motivation der Kollegen wesentlich“,

sagt David Watt, Kommunikationsverantwortlicher

für das Konsortium Forth

Crossing Bridge Constructors.

Baustellenbesichtigungen bieten einen

Blick hinter die Kulissen und sorgen

dafür, Interesse zu wecken und Achtung

vor der Meisterschaft der Ingenieure

zu schaffen; gegenseitiges Vertrauen

entsteht. Auch auf vielen Hochbau-

Baustellen gehören solche Informationskampagnen

dazu, Beispiele sind die

Elbphilharmonie in Hamburg und das

Berliner Schloss / Humboldtforum.

Diese Beispiele zeigen, wie vielfältig die

Kommunikation sein kann und sein

muss. HOCHTIEF legt viel Wert darauf,

dass der Austausch zwischen allen relevanten

Interessengruppen dynamisch

und wechselseitig ist. So wird der Blick

auf den Markt und relevante Einflussfaktoren

deutlich geschärft. Denn für

die Reputation, die Zukunftsfähigkeit

und den Erfolg eines Unternehmens

wie auch eines Projekts ist es wichtig,

die Wünsche und Anforderungen aller

Interessengruppen zu berücksichtigen.

Damit beeinflussen sie die Entscheidungsprozesse

und die Strategie des

Konzerns.

Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen,

sich ernst nehmen und achten.

Schließlich freuen sich alle über ein

erfolgreich abgeschlossenes Projekt.

globalcompact Deutschland 2016

95


Good Practice

Sprache ist der

Schlüssel

HVB-Mitarbeiterin Monika Blaes

hilft Ahmed als Mentorin, Deutsch

zu lernen. Sein Ziel ist es, die Sprache

bald so gut zu beherrschen, dass er

eine Ausbildung beginnen kann.

Jeder braucht eine Aufgabe und ein soziales Netz zur persönlichen Entfaltung. Eine Ausbildung

bietet beides. Doch für viele Jugendliche – und besonders auch für junge Flüchtlinge – ist es oft

nicht einfach, den Weg in die Arbeitswelt zu finden. In Kooperation mit der gemeinnützigen Initiative

JOBLINGE begleiten HVB-Mitarbeiter deshalb Jugendliche ohne Ausbildung und Flüchtlinge

auf dem Weg ins Berufsleben. Ein Engagement, von dem beide Seiten profitieren.

Von Irina Detlefsen, Corporate Sustainability, HypoVereinsbank

Jeden Dienstag treffen sich Monika Blaes

und der 21-jährige Ahmed im Münchner

Westend. Ein schlichtes Büro wird

dann zum Mini-Klassenzimmer. Denn

jede Woche hilft die HVB-Mitarbeiterin

ihrem Schützling u. a. dabei, die deutsche

Sprache zu lernen. Ahmed kam

vor sieben Monaten aus Eritrea und hat

inzwischen ein Bleiberecht. Seit April

2016 nimmt er am neu geschaffenen

Flüchtlingsprogramm von JOBLINGE teil.

Bewährte Partnerschaft

Mit über 100 Mentoren ist die Hypo-

Vereinsbank der größte Kooperationspartner

der gemeinnützigen Initiative

JOBLINGE, die Jugendliche mit Startschwierigkeiten

auf dem Weg in die

Arbeitswelt begleitet. Seit vielen Jahren

arbeitet die HypoVereinsbank im Rahmen

ihres gesellschaftlichen Engagements

mit JOBLINGE zusammen. Rund

160 Jugendliche ohne Ausbildung haben

die HVB-Mentoren seither bei ihrem Start

in die Berufswelt unterstützt. Im Zuge

der HVB-Flüchtlingsinitiative weitete die

Bank die Zusammenarbeit nun aus. Denn

auch JOBLINGE entwickelte sich weiter

und schuf ein Programm, das speziell

auf Flüchtlinge zugeschnitten ist. Seit

Anfang 2016 haben HVB-Mitarbeiter

nun die Möglichkeit, hier auch für junge

Flüchtlinge aktiv zu werden.

Die Kooperation mit JOBLINGE ist eine

von vielen Maßnahmen im Rahmen

der HVB-Flüchtlingsinitiative, die die

HypoVereinsbank mit Spenden und

gemeinsam mit ihren Mitarbeitern, die

sich ehrenamtlich engagieren, unterstützt

(siehe Kasten). Für Stefan Löbbert,

Leiter Corporate Sustainability,

entspringt die Hilfe für Flüchtlinge aus

dem Selbstverständnis der Bank: „Als

Teil der Gesellschaft helfen wir, wo

wir können. Mit gezielten Maßnahmen

wollen wir zur nachhaltigen Integration

96 globalcompact Deutschland 2016


der Flüchtlinge beitragen. Sprache und

Ausbildung sind dabei zwei sehr bedeutsame

Säulen.“

Sprache als Schlüssel

Da Sprache und Ausbildung auch die

Kernthemen im JOBLINGE-Flüchtlingsprogramm

sind, ergänzt es das Engagement

der HypoVereinsbank für Flüchtlinge

in besonderem Maße. Das Flüchtlingsprogramm

von JOBLINGE baut auf den

Erfolgsfaktoren des erprobten Mentoringprogramms

auf: individuelle Betreuung,

Praxisnähe und Bezug zum Alltag der Jugendlichen.

Mangelnde Sprachkenntnisse

sind die größte Hürde für den Einstieg in

bringt sich die HypoVereinsbank mit

ihren Mitarbeitern ein: Seit Mitte August

2016 bieten 15 HVB-Mitarbeiter gemeinsam

neben der Arbeit einen zehnwöchigen

Intensivsprachkurs an. Das Ziel: Die

Chancen der Teilnehmer − zehn junge

Männer aus Syrien, Eritrea und dem Iran

− auf dem Arbeitsmarkt weiter erhöhen.

Neben einfachen Sätzen und Grammatik

üben sie mit den Flüchtlingen gezielt

Fachvokabeln aus der Verwaltungs- und

Bankenbranche und informieren sie über

das deutsche Bildungssystem und den

Arbeitsmarkt. Um die Mitarbeiter auf ihre

Aufgabe als Sprachlehrer vorzubereiten,

arbeitet die Bank auch hier Hand in

Hand mit JOBLINGE. Eine weitere Veranstaltung

ist derzeit in Vorbereitung: In

einem Workshop sollen Auszubildende

der Bank jungen Flüchtlingen vorstellen,

worauf es bei Bewerbungen ankommt.

der Gesellschaft Fuß fasst, ist eine große

Aufgabe. Doch wenn das geschafft ist,

profitieren beide Seiten. „Man lernt viel

über andere Menschen und Kulturen,

aber auch über sich selbst und die eigene

Welt“, sagt Blaes.

Mut wird belohnt

den Arbeitsmarkt, deshalb liegt gerade

am Anfang der Fokus auf der Sprachausbildung

der jungen Flüchtlinge.

Nach einem anfänglichen Basissprachkurs

nehmen die wöchentlichen Treffen

mit den Mentoren wie Monika Blaes

und vielen anderen HVB-Mitarbeitern

einen besonderen Stellenwert ein. Hier

können die Jugendlichen Fragen stellen,

die sich aus ihrem Leben in Deutschland

ergeben, und Verständnisschwierigkeiten

besprechen. Die Herausforderung: „Als

Mentorin muss man fordern und zugleich

Vertrauen auf bauen, man muss

sich auf die Jugendlichen einstellen und

ihnen etwas Heimat bieten“, so Monika

Blaes. Schulungen bereiten die Freiwilligen

auf diese Aufgabe vor.

Breites Engagement

Interkulturelle Trainings, Unterstützung

bei Behördengängen und branchenspezifische

Sprachkurse in verschiedenen

Unternehmen ergänzen das JOBLINGE-

Programm für die Flüchtlinge. Auch hier

Bei all ihren Engagements legt die Hypo-

Vereinsbank großen Wert darauf, ihren

Mitarbeitern die Möglichkeit zu bieten,

sich zu engagieren. Sie unterstützt sie

mit Sonderurlaub, zusätzlichen Spenden

und steht jederzeit mit Rat und Tat zur

Seite. Denn als Mentor oder Sprachlehrer

aktiv zu werden braucht oft auch

etwas Mut. Die Verantwortung dafür

zu tragen, dass ein junger Mensch in

Verständigung für Integration –

die HVB-Flüchtlingsinitiative

Eine Aufgabe, ein Ziel und ein soziales Netz

zu haben, ist für jeden Menschen wichtig.

Eine Ausbildung oder ein Studium bieten

den jungen Flüchtlingen dafür die beste

Voraussetzung.

Die HypoVereinsbank hilft Flüchtlingen, in Deutschland Fuß zu fassen: mit

dem „Konto für jedermann“, indem sie Kunden bei der Finanzierung von Flüchtlingsunterkünften

unterstützt und indem sie unter dem Motto „Verständigung

für Integration“ Sprache, Ausbildung und persönliche Begleitung fördert. Die

Bank ermöglicht Sprachkurse, unterstützt die Initiative JOBLINGE, bietet Freizeitprogramme

und gibt ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, sich zu engagieren.

Über 200 HVB-Mitarbeiter bringen sich inzwischen ehrenamtlich dafür ein und

erhalten für ihren Einsatz bis zu zwei Tage Sonderurlaub.

Die HVB-Flüchtlingsinitiative ist Teil des gesellschaftlichen Engagements der

HypoVereinsbank. Mit ihren langjährigen Aktivitäten in diesem Bereich verfolgt

sie das Ziel, alle Menschen am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben

teilhaben zu lassen. Dafür sowie für ihre gesamten Leistungen im Bereich

Nachhaltigkeit wurde die Bank bereits mehrfach ausgezeichnet.

globalcompact Deutschland 2016

97


Good Practice

K+S ist Teil der Lösung

Eine ausgewogene Düngung ermöglicht erhebliche Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft.

Im Zusammenspiel mit der Reduzierung von Nach-Ernte-Verlusten und einer verbesserten Infrastruktur

bietet dies die Chance auf ausreichende Nahrung für die wachsende Weltbevölkerung.

Die K+S Gruppe ist mit ihren Produkten zur Pflanzenernährung auf Basis von Kali und Magnesium

Teil der Lösung.

Von Britta Sadoun,

Sustainability Management, K+S

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation

der Vereinten Nationen

(FAO) sagt einen Verlust der pro Kopf

zur Verfügung stehenden Ackerfläche

bis 2050 um fast ein Drittel voraus. Das

Problem knapper Ressourcen wird unter

anderem durch den Klimawandel

und die zunehmende Konkurrenz um

landwirtschaftlich nutzbare Flächen verschärft.

Weltweit sind Landwirte daher

gefordert, den zur Verfügung stehenden

Boden optimal zu nutzen, um genügend

Lebensmittel für eine stetig wachsende

Weltbevölkerung produzieren zu

können.

K+S respektiert die international anerkannten

Menschenrechte und unterstützt

deren Einhaltung. Dazu gehört das Recht

auf ausreichende Ernährung, welches

in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

verankert und in Artikel 11

des Sozialpakts festgeschrieben ist. Noch

immer hungern fast 800 Millionen Menschen.

Zwar ist die Zahl der Hungernden

weltweit zurückgegangen, doch das Recht

auf angemessene Nahrung ist erst dann

verwirklicht, wenn jedem Menschen zu

jeder Zeit Zugang zu Ressourcen gewährt

wird, um Nahrung zu produzieren, zu

verdienen oder zu erwerben.

Neue Chancen für Kooperationen

und Austausch

Wie bei allen großen komplexen Fragen

− viele davon zusammengefasst in den 17

Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs)

− kann nur eine gemeinsame Bearbeitung

der Themen zu Erfolgen führen.

Die handelnden Akteure im Bereich

Ernährung müssen und werden viele

sein: Regierungen und Nichtregierungsorganisationen,

Wissenschaftler und

Unternehmen und natürlich Landwirte.

Denn ob die Welt im Kampf gegen den

Hunger erfolgreich sein wird, hängt im

Wesentlichen davon ab, wie auf dem

Land gewirtschaftet wird. K+S fördert

den Austausch von Ideen und Strategien

zur Bekämpfung des Hungers und zur

langfristigen Sicherung der Welternährung

und lud deshalb im Oktober 2016

zum zweiten Future Food Forum nach

98 globalcompact Deutschland 2016


Berlin ein. Dieses Zukunftsforum zur

Welternährung bietet eine Plattform für

einen aktiven Dialog zentraler nationaler

wie internationaler Stakeholder aus

Politik, Wissenschaft und NGOs (siehe

Textbox rechts).

Projekt „Growth for Uganda“

Zugleich geht K+S neue Wege vor Ort.

Das 2013 ins Leben gerufene Projekt

„Growth for Uganda“ der K+S KALI GmbH

in Kooperation mit der Sasakawa Africa

Association hat bisher mehr als 92.500

Bauern geschult, um bessere Techniken in

der Landwirtschaft anwenden zu können

sowie Nachernteverluste zu reduzieren.

So konnte das Leben von fast 650.000

Familienmitgliedern verbessert werden.

Die Versorgung mit selbst angebauter

Nahrung wurde zuverlässiger, die Erträge

sind erheblich gestiegen und durch

deren Vermarktung andere Leistungen

erschwinglich geworden.

Rohstoffe schaffen Werte

In der zweiten Projektphase geht es −

neben der Basisarbeit − nun stärker um

den geschäftlichen Aspekt „Farming as

a Business“. In einem Umfeld, in dem

kleinbäuerliche Strukturen dominieren,

soll eine Infrastruktur für den Düngemittelabsatz

ausgebaut werden. Dazu zählt

das Angebot von Düngemitteln in Kleingrößen,

wie sie vor Ort besonders gefragt

sind, sowie die Schulung von Händlern.

Das Projekt leistet zudem Hilfestellung

für die fachgerechte und damit weniger

verlustreiche Lagerung der Ernte sowie

die Verarbeitung der Rohstoffe zu hochwertigeren

Produkten mit höheren Margen.

K+S leistet damit einen Beitrag zur

Erreichung des SDG 2, macht gleichzeitig

Erfahrungen in einem sich entwickelnden

Markt und gewinnt somit Erkenntnisse

über neue Vertriebs- und Beratungswege.

Das Engagement verbessert also vor Ort

die Lebenssituation vieler Menschen und

eröffnet dem Unternehmen gleichzeitig

neue Möglichkeiten.

Future Food Forum

Alle zwei Jahre veranstaltet K+S im

Vorfeld des Welternährungstages im

Oktober das Future Food Forum in

Berlin. Es bietet eine internationale

Plattform für den Austausch von Ideen

zur Bekämpfung des Hungers und

bringt Akteure aus Politik, Wirtschaft

und Wissenschaft zusammen. Dabei

konzentriert sich die Aufmerksamkeit

schwerpunktmäßig auf die Frage, wie

die Land- und Ernährungswirtschaft

vor Ort Produktionsmethoden und

Distributionskanäle verbessern kann.

Auch die Rolle der internationalen

Zusammenarbeit wird thematisiert.

K+S fördert und veredelt seit über 125 Jahren mineralische Rohstoffe. Die Wertschöpfungskette

erstreckt sich über sechs Schritte: Exploration, Förderung, Produktion,

Logistik, Vertrieb / Marketing und Anwendung. Ein Großteil der hergestellten

Produkte kommt in der Agrarwirtschaft zum Einsatz. Im Kerngeschäft trägt K+S

somit insbesondere zum Ziel 2 „Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und

eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“

bei. Berührungspunkte bestehen mit zahlreichen anderen Zielen. Deshalb gleicht

K+S im Rahmen des Nachhaltigkeitsmanagements seine Unternehmensaktivitäten

mit allen 17 SDGs, deren 169 Zielvorgaben und Indikatoren systematisch ab. So

können auch weniger offensichtliche Bezüge zu den SDGs und deren Zielvorgaben

herausgefiltert werden.

Das K+S-Düngemittelportfolio

Das universell einsetzbare mineralische Düngemittel Kaliumchlorid wird insbesondere

bei wichtigen Anbaukulturen wie Getreide, Mais, Reis und Sojabohnen angewandt.

Kaliumchlorid wird direkt auf den Äckern ausgebracht, mit anderen Einzeldüngern

in Mischdüngeranlagen zu sogenannten „Bulk Blends“ gemischt oder mit anderen

Nährstoffen weiterverarbeitet.

Die Düngemittelspezialitäten der K+S KALI GmbH unterscheiden sich vom klassischen

Kaliumchlorid entweder durch Chloridfreiheit oder unterschiedliche Nährstoffrezepturen

mit Magnesium, Schwefel, Natrium und Spurenelementen. Diese Produkte werden

für Kulturen eingesetzt, die einen erhöhten Magnesium- und Schwefelbedarf haben,

wie z. B. Raps oder Sonnenblumen, sowie bei chloridempfindlichen Sonderkulturen

wie Kartoffeln, Zitrusfrüchte, Wein oder Gemüse.

Zu den prominenten Rednern des Future

Food Forums am 13. Oktober 2016

zählten Friedensnobelpreisträger Prof.

Muhammad Yunus, Prof. Dr. Klaus

Töpfer, langjähriger Bundesminister

und früherer Leiter des Umweltprogramms

der Vereinten Nationen, sowie

Charles Ogang von der World Farmers

Organisation. Yunus, auch Gründer der

Grameen Bank, die für die Erfindung

sogenannter „Social-Business-“ und

Mikrokredite steht, plädierte auf dem

Future Food Forum 2016 für mehr Unternehmertum

zur Abwendung einer

möglichen neuen Ernährungskrise. Am

Beispiel der Geschichte seines Unternehmens

berichtete er, wie es vor einigen

Jahrzehnten nach einer Hungersnot

in Bangladesch gelang, Millionen

Menschen aus der Armut zu befreien.

globalcompact Deutschland 2016

99


Good Practice

MAN fährt beim Thema

Digitalisierung vorweg

Die Digitalisierung erfasst zunehmend unseren Alltag und die Arbeitswelt. Das betrifft auch die

Transportbranche. Der Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern MAN will den digitalen Wandel aktiv

mitgestalten und setzt dabei auf neue Produkte und Geschäftsmodelle, die das Transportgeschäft

effizienter und nachhaltiger gestalten sollen. Ein Beispiel ist das „Platooning“. Darunter versteht

man das vernetzte Fahren im Konvoi, das sich bereits in der Praxis bewährt hat.

Von Peter Attin,

Head of Corporate Responsibility, MAN

Ob Lebensmittel oder Baumaterialien:

Der größte Teil des Güterverkehrs in

Deutschland rollt noch immer über

Straßen − Tendenz steigend. So wird

das Transportaufkommen innerhalb

des deutschen Verkehrsnetzes laut einer

aktuellen Prognose des Bundesamtes für

Güterverkehr insgesamt von 4.256,4 Millionen

Tonnen im Jahr 2015 auf 4.308,6

Millionen Tonnen im Jahr 2018 steigen.

Das wäre eine Zunahme von etwa einem

halben Prozent Jahr für Jahr. Für die

Transportleistung wird für denselben

Zeitraum sogar eine Steigerung von gut

4,5 Prozent von 665,5 Milliarden Tonnenkilometer

auf dann 696,6 Milliarden

Tonnenkilometer erwartet.

Wie kann man dieses Aufkommen effizienter

und damit letztendlich auch

nachhaltiger organisieren? Intelligentes

Datenmanagement ist hierfür ein

Schlüssel: Schon heute können viele Informationen

über den Einsatz eines Lastkraftwagens

digital erfasst werden. So

können nicht nur die Lenk- und Ruhezeiten

sowie die technischen Betriebsdaten

des Fahrzeugs, sondern auch der Zustand

der Ladung überwacht und Routendaten

nachverfolgt werden. Werkstattaufenthalte

können damit früher geplant,

die Personaldisposition erleichtert und

die Kraftstoffverbrauchsdaten exakter kalkuliert

werden. Dennoch ist das Potenzial,

das die Digitalisierung der Transportbranche

etwa unter Umweltschutzaspekten

bietet, noch nicht voll ausgeschöpft.

Um die Digitalisierung der Nutzfahrzeug-

und Logistikwelt voranzutreiben,

investierte MAN im Jahr 2015 insgesamt

rund 43 Millionen Euro und gründete

einen eigenen Geschäftsbereich hierfür.

Die „Telematics and Digital Solutions“ in

der Parkstadt in München-Schwabing

bündelt die IT-Spezialisten von MAN, die

hier an neuen smarten Produkten und

Services arbeiten. Zu ihren Aufgaben

gehört auch, künftig stärker als bisher

über den herkömmlichen Tellerrand der

Nutzfahrzeugsparte hinauszuschauen.

100 globalcompact Deutschland 2016


Ein Beispiel dafür ist das offene, cloudbasierte

Betriebssystem „Rio“, das auf

der IAA 2016 seine Weltpremiere feierte

und die gesamte Transportbranche − vom

Versender über Speditionen bis hin zu

Transportunternehmen und Fahrer −

miteinander vernetzen soll. Als Datenlieferanten

dienen unter anderem die

in den LKW verbauten Telematiksysteme.

Das System soll unabhängig von

der Marke arbeiten und damit auch die

Daten anderen LKW-Hersteller ohne Probleme

einbeziehen. Der Austausch von

Informationen über globale Lieferketten

hinweg ist nämlich für alle Beteiligten

von Vorteil und eröffnet jedem Chancen

auf neue Geschäftsmodelle.

diese dem anderen Verkehrsteilnehmer

Platz und lösen den Verbund auf.

Verlässt das Fahrzeug die Lücke wieder,

fügt sich die Kolonne wieder zusammen.

Der computergesteuerte LKW reagiert

dabei schneller auf Hindernisse und

andere Verkehrsteilnehmer als jeder

Mensch. Die Technik könnte also nicht

nur dabei helfen, die Umwelt und den

Kraftfahrer zu entlasten, sondern auch

dazu beitragen, den Verkehr sicherer

MAN-Entwickler arbeiten bereits seit Längerem

an solchen Technologien zum automatisierten

und vernetzten Fahren. Mit

der Teilnahme an der „European Truck

Platooning Challenge“ Anfang 2016 demonstrierte

MAN, dass die entsprechenden

Systeme jetzt einsatztauglich sind.

Die technische Serienreife wird voraussichtlich

2021 / 22 erreicht. Die Testfahrt

nach Rotterdam war der Anfang. Die

Kooperation mit den Logistikern von DB

Schenker schlägt das nächste Kapitel in

Sachen Mobilität der Zukunft auf: Ziel

der Entwicklungspartnerschaft ist es,

die Logistikabläufe noch transparenter,

schneller und umweltfreundlicher zu

gestalten. Im Rahmen dessen werden

erstmals ein Fahrzeughersteller und

ein Logistikkonzern gemeinsam an der

Ein Beispiel ist das „Platooning“ − vor

allem dann, wenn es flottenübergreifend

stattfindet: Beim Platooning fahren

mindestens zwei LKW in einem Abstand

von etwa zehn bis fünfzehn Meter beziehungsweise

einer halben Sekunde

Fahrzeit im Konvoi hintereinander. Dadurch,

dass die nachfolgenden LKW im

Windschatten fahren, verbrauchen sie

bis zu zehn Prozent weniger Treibstoff.

Die CO 2

-Emissionen verringern sich im

gleichen Maße.

Damit es beim dichten Auffahren nicht

zu Unfällen kommt, sind die LKW über

die sogenannte Car-to-Car-Kommunikation

miteinander vernetzt und mit

Fahrassistenz- und Steuerungssystemen

ausgestattet. Diese wiederum werden von

Radaren, Laserscannern und Kameras

mit den notwendigen Umgebungsinformationen

versorgt.

Der erste Truck in der Kolonne gibt das

Tempo und die Fahrtrichtung vor, alle

anderen folgen. Schert ein anderes Fahrzeug

zwischen den LKW ein, machen

zu machen. Denn etwa 86 Prozent der

Verkehrsunfälle in Deutschland sind

heute auf menschliches Fehlverhalten

zurückzuführen.

„Platooning ist ein echter Gewinn für

die Verkehrssicherheit. Menschliches

Versagen gehört leider zu den häufigsten

Ursachen für Auffahrunfälle. Die elektronische

Kopplung von LKW gibt uns hier

einen vielversprechenden Lösungsansatz.

Windschattenfahren senkt maßgeblich

den Kraftstoffverbrauch. Gleichzeitig

können wir mit Platooning die Verkehrsinfrastruktur

deutlich effizienter nutzen“,

fasst Joachim Drees, Vorsitzender des

Vorstands von MAN SE und MAN Truck

& Bus, die Vorteile zusammen.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt

schickte gemeinsam mit dem CEO von

Volkswagen Truck & Bus, Andreas Renschler,

und dem CEO von MAN Truck & Bus, Joachim

Drees, den MAN-Platoon auf die Reise nach

Rotterdam zum European Truck Platooning

Challenge 2016.

Entwicklung vernetzter LKW-Kolonnen

arbeiten. Eine Erprobung im Echtbetrieb

auf der A9 zwischen München

und Nürnberg ist für 2018 vorgesehen.

In einem zweiten Schritt plant man den

Einsatz autonom fahrender LKW auf dem

Nürnberger DB Schenker-Werksgelände.

Noch fehlen allerdings auf öffentlichen

Straßen die gesetzlichen Voraussetzungen

für die Platooning-Technik. So ist in

Deutschland derzeit etwa ein Mindestabstand

von 50 Metern zwischen zwei LKW

vorgeschrieben. Sobald die rechtlichen

Rahmenbedingungen geschaffen sind,

wird MAN ein entsprechendes System

am Markt anbieten.

globalcompact Deutschland 2016

101


Good Practice

Glimmer-Lieferkette:

Kein Platz für Kinderarbeit

Ob Lippenstift, Lidschatten oder Autolack: Für den schönen Schimmer sorgt oft das Mineral

Glimmer. Der begehrte Rohstoff wird unter anderem im Norden Indiens in den Bundesstaaten

Jharkhand und Bihar abgebaut. Die Region ist geprägt von politischer Instabilität und Armut.

Kinderarbeit ist weit verbreitet. Auch Merck nutzt Glimmer als Hauptrohstoff für seine Effektpigmente.

Das Wissenschafts- und Technologieunternehmen lehnt Kinderarbeit strikt ab und

setzt sich für sichere Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter ein. Außerdem unterstützt Merck

Bildungs- und Gesundheitsprojekte, die das Leben der Familien in den Abbaugebieten verbessern.

Von Gregor Hilkert, Head of Business Support,

Pigments & Functional Materials, Merck

Glimmer ist nach seiner Fähigkeit benannt,

Licht zu brechen und zu reflektieren.

Der Rohstoff kommt an vielen Orten

vor. Merck bezieht ihn vor allem aus

Indien, aber auch aus den Vereinigten

Staaten und Brasilien. Das Unternehmen

benötigt den natürlichen Glimmer − neben

synthetischen Substraten − für die

Herstellung seiner hochwertigen Effektpigmente.

Sie kommen unter anderem in

Automobil- und Industrielacken und in

der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie

zum Einsatz.

Null Toleranz gegenüber

Kinderarbeit

Merck bekämpft seit 2008 Kinderarbeit

im indischen Glimmerabbau. Anlass war

eine unternehmensinterne Untersuchung.

Sie hatte ergeben, dass die Bewohner der

Region Jharkhand Glimmer in stillgelegten

Minen oder vom Boden sammeln

− vereinzelt auch gemeinsam mit ihren

Kindern. Ein klarer Verstoß gegen die

Unternehmenswerte und die Prinzipien

der Menschenrechts-Charta von Merck:

„Die Einhaltung grundlegender Arbeitsstandards

bei unseren Lieferanten hat für

uns höchste Priorität. Wir haben daher

sofort, nachdem wir von den Vorfällen

erfahren hatten, Maßnahmen ergriffen,

um Kinderarbeit vollständig zu unterbinden“,

erklärt Michael Heckmeier,

Leiter der Geschäftseinheit Pigments

& Functional Materials bei Merck. Das

Unternehmen hat seine Lieferkette

komplett umgestellt und setzt sich dafür

ein, die Arbeitsbedingungen der

Minenarbeiter in Indien zu verbessern.

„Wir unterhalten inzwischen direkte

Geschäftsbeziehungen mit Glimmer-

Minen und den Glimmer-verarbeitenden

Betrieben. In diesem, im Gegensatz zur

Sammlung formalen Arbeitsumfeld haben

wir deutlich mehr Einfluss“, sagt

Heckmeier. Darüber hinaus hat Merck

Kontrollmechanismen eingeführt und

so einen umfassenden Überblick über

die gesamte Lieferkette.

102 globalcompact Deutschland 2016


Hohe Lieferketten-Standards

Mit verschiedenen Maßnahmen sichert Merck die Umsetzung sozialer Standards:

• Merck bezieht Glimmer ausschließlich aus kontrollierten Minen: Nur die formelle

Arbeitsumgebung gewährleistet die Einhaltung globaler Standards.

Wird Glimmer in öffentlich zugänglichen Bereichen gesammelt, kann Kinderarbeit

nicht ausgeschlossen werden.

• Mithilfe eines Nachverfolgungssystems stellt das Unternehmen sicher, dass

der gelieferte Glimmer ausschließlich aus Minen stammt und nicht aus unkontrollierten

Quellen: Die Minenbesitzer halten die tägliche Fördermenge einer

Mine in einem Logbuch fest. Diese dokumentierten Glimmermengen sind die

Basis für die Lizenzgebühren, die die Minenbesitzer an die Regierung zahlen

müssen. Wenn Glimmer aus unkontrollierten Quellen mit verwendet würde,

müssten die Minenbesitzer auch für diese Glimmermengen Lizenzgebühren

zahlen. Dies ist wirtschaftlich nicht sinnvoll, denn der Glimmer wäre für den

Minenbesitzer teurer als der in seiner Mine geförderte. Merck überprüft monatlich

die im Logbuch gemeldeten und die an weiterverarbeitende Betriebe

gelieferten Glimmermengen.

• Mit Audits kontrolliert das Unternehmen das regelkonforme Verhalten der

Partner. Hierzu zählen beispielsweise das Alter der Arbeiter, die Arbeitszeiten

und die gezahlten Löhne, aber auch die durchgeführten Gesundheitschecks

und Sicherheitsübungen. Zusätzlich kontrollieren Merck-Mitarbeiter vor Ort

die Zulieferer in regelmäßigen Abständen. Darüber hinaus führen das Environmental

Resource Management (ERM) und IGEP als unabhängige Drittparteien

eigene Audits durch. Während IGEP einmal im Monat die Einhaltung der Arbeitsstandards

kontrolliert, überprüft ERM jährlich die Arbeitsbedingungen und die

Einhaltung von Umwelt-, Sicherheits- und Gesundheitsstandards.

Sozioökonomischer Hintergrund

Merck hat sich bewusst dazu entschieden,

seine Geschäftsbeziehungen im

nördlichen Indien aufrechtzuerhalten.

Das Unternehmen übernimmt Verantwortung

für die Region: Arbeitsplätze

sollen erhalten bleiben.

Wie wichtig dieser Ansatz ist, zeigen die

sozialen Umstände in Jharkhand und Bihar.

Sie bilden einen idealen Nährboden

für Kinderarbeit: Beide Bundesstaaten

zählen zu den ärmsten Regionen Indiens.

Die Alphabetisierungsquote und die Anzahl

der Kinder, die eine Schule besuchen,

liegen laut einer Studie von Terre des

Hommes und SOMO (Stichting Onderzoek

Multinationale Ondernemingen /

Centre for Research on Multinational

Corporations) aus dem Jahr 2016 weit

unter dem Landesdurchschnitt.

Investitionen in Bildung und

Gesundheitsversorgung

Um die Lebenssituation der Familien zu

verbessern, hat Merck nicht nur seine

Glimmer-Lieferkette umgestellt, sondern

gemeinsam mit seinem lokalen

Partner IGEP soziale Projekte für die

Bevölkerung der Region initiiert. Das

gemeinsame Ziel ist, den Zugang zur

Gesundheitsversorgung zu verbessern

und den Kindern eine schulische und

berufliche Perspekte zu bieten:

• Merck betreibt in den Dörfern Tisri,

Barkitand und Saphi Schulen mit angeschlossenen

Kindergärten, die von

über 500 Schülern besucht werden.

Auf dem Stundenplan stehen auch Aufklärung

über Hygiene und Gesundheit.

In Tisri können sich die Jugendlichen

außerdem zu Tischlern oder Schneidern

ausbilden lassen. Merck unterstützt

darüber hinaus eine vierte Schule in

Koderma mit Stipendien für 150 Schüler.

• In Saphi hat Merck ein Gesundheitszentrum

eingerichtet. Dort arbeiten zwei

Ärzte und eine Krankenschwester, die

auch die medizinische Versorgung der

Schulen übernehmen. Sie besuchen

außerdem die Schulen und Dörfer in

der Umgebung.

Für sein Engagement erhält Merck vonseiten

der Zivilgesellschaft viel Anerkennung.

Laut der SOMO-Studie führt das

Unternehmen im Vergleich zu anderen

Glimmer-Importeuren bei Weitem die

besten Maßnahmen durch, um Kinderarbeit

in der Lieferkette auszuschließen und

die Lebensbedingungen der Menschen zu

verbessern. Merck engagiert sich darüber

hinaus an Multistakeholder-Dialogen

und -Initiativen für eine Verbesserung

der Lebens- und Arbeitsbedingungen in

der Glimmer-Region.

globalcompact Deutschland 2016

103


Good Practice

Mit nachhaltigem Personalmanagement

auf Erfolgskurs

Nachwuchssicherung, die Förderung von Fach- und Führungskräften sowie Vielfalt und Chancengleichheit

werden angesichts von demografischem Wandel, Fachkräftemangel und einer zunehmenden

Internationalisierung immer wichtiger. Das weiß man auch beim Hausgerätehersteller

Miele. Der respektvolle Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist hier seit Generationen

fester Bestandteil der Unternehmenskultur und auch der Nachhaltigkeitsstrategie. Folgerichtig

ist Miele langjähriges Mitglied des UN Global Compact und seit 2004 nach dem international

anerkannten Sozialstandard SA8000 zertifiziert.

Mit der „Agenda 2030 für nachhaltige

Entwicklung“ hat sich die Weltgemeinschaft

viel vorgenommen − besonders

mit Blick auf die Arbeitswelt. So lautet

etwa Ziel 8 der Sustainable Development

Goals, ein dauerhaftes und breitenwirksames

Wirtschaftswachstum zu fördern

und dabei zugleich produktive Vollbeschäftigung

und menschenwürdige

Arbeit für alle sicherzustellen.

Wie das in der Praxis aussehen kann,

zeigt das Beispiel Miele: Das Gütersloher

Familienunternehmen legt traditionell

großen Wert auf einen respektvollen Umgang

mit seinen Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern. Deshalb haben hohe soziale

und ethische Standards wie die Einhaltung

grundlegender Menschenrechte,

eine faire Vergütung, Weiterbildungsangebote,

betriebliche Mitbestimmung

sowie Maßnahmen zu Sicherheit und

Gesundheitsvorsorge höchste Priorität.

Sie bilden die Grundlage des strategischen

Personalmanagements.

Das gilt weltweit: Die freiwillige Zertifizierung

nach dem „Social Accountability

8000“-Standard (SA8000) bescheinigt,

dass Miele diese hohen Ansprüche gegenüber

seinen weltweit über 18.000

Mitarbeitern einhält. Inzwischen erfüllen

alle Werkstandorte die SA8000-Anforderungen

oder bereiten die entsprechende

Zertifizierung vor.

Der SA8000-Standard

Der SA8000-Standard wurde 1997 von

der gemeinnützigen Organisation Social

Accountability International (SAI)

mit dem Ziel ins Leben gerufen, die

Arbeiter von Firmen, NGOs oder staatlichen

Einrichtungen zu stärken und zu

schützen. Das schließt laut Leitfaden alle

Arbeiter ein, die von der Organisation

selbst, deren Sub-Unternehmern und

Unterlieferanten beschäftigt werden

sowie die Heimarbeiter. SA8000 beruht

auf der UN-Menschenrechtserklärung

und berücksichtigt Übereinkommen der

International Labour Organization (ILO),

internationale Menschenrechte und Anforderungen

aus nationalem Arbeitsrecht.

Bei Miele werden die Kriterien und ihre

Einhaltung im Rahmen von externen und

internen Audits geprüft. Die Steuerung

des Auditierungs- und Zertifizierungsverfahrens

liegt in der Verantwortung

des Zentralen Qualitätsmanagements

am Stammsitz in Gütersloh. Für die Umsetzung

und Einhaltung der Vorgaben

an den Miele-Standorten sind wiederum

die Werk- und Abteilungsleiter zuständig.

Die interne Auditierung wird von

erfahrenen, entsprechend qualifizierten

Miele-Auditoren im Rahmen einer

Selbstüberwachung durchgeführt. So

sollen Abweichungen frühzeitig identifiziert

und Gegenmaßnahmen eingeleitet

werden. Die externe Prüfung findet halbjährig

statt. Eine Rezertifizierung aller

Werke erfolgt alle drei Jahre, zuletzt 2014.

104 globalcompact Deutschland 2016


Gemäß den Anforderungen von SA8000

werden diese Grundsätze allen Mitarbeitern

bei Eintritt in das Unternehmen

kommuniziert. Sie gelten für jeden einzelnen

Arbeitnehmer und als Maßstab

für das tägliche Handeln. Dazu zählt

ausdrücklich das Verbot von Zwangs-,

Pflicht- oder Kinderarbeit. Damit befindet

sich Miele im Einklang mit den

Zielvorgaben der nachhaltigen Entwicklungsagenda,

die ebenfalls auf die

Abschaffung von Kinder- und Zwangsarbeit

zielt.

Mitbestimmung und Vorschlagswesen

Neben seiner Verpflichtung, Risiken für

den Gesundheitsschutz und die Sicherheit

am Arbeitsplatz zu vermeiden und

falls nötig zu beseitigen, hat für Miele

auch die betriebliche Mitbestimmung

einen hohen Stellenwert. Im Rahmen

des Programms „Welcome@Miele“ informiert

das Unternehmen neue Mitarbeiter

unmittelbar bei Arbeitsbeginn über ihre

Rechte zur Mitbestimmung.

Wesentliches Merkmal der Miele-Unternehmenskultur

ist außerdem die Einbindung

der Meinungen und Ideen der

Mitarbeiter im Rahmen des betrieblichen

Vorschlagswesens. Im Geschäftsjahr

2015/16 wurden allein in den deutschen

Werken über 2.000 Vorschläge zu Einsparungen

und Verbesserungen von Produkten

und Arbeitsabläufen eingereicht.

Zudem hat Miele an jedem Standort in

Deutschland eine Beschwerdestelle gemäß

dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz

(AGG) eingerichtet.

Anti-Diskriminierung und

leistungsgerechte Vergütung

Miele hat sich zum Ziel gesetzt, überall

im Unternehmen ein Bewusstsein für das

Potenzial der Vielfalt zu schaffen und jegliche

Form der Diskriminierung − etwa

aufgrund von Rasse, Staatsangehörigkeit,

Religion, Behinderung, Geschlecht, sexueller

Orientierung, politischer Ansichten,

Alter oder Ähnlichem − zu unterbinden.

Deshalb unterstützt das Unternehmen

die Charta der Vielfalt und trägt seinen

Teil durch die Etablierung eines integrierten

Diversity Managements bei.

Zum Selbstverständnis von Miele als

sozial verantwortlichem Arbeitgeber

zählt auch ein angemessener Lohn für

alle Mitarbeiter, bei dessen Festlegung

keine Unterscheidung nach Geschlecht

gemacht wird und der sich an tarifvertraglichen

und betrieblichen Vereinbarungen

orientiert, sowie umfassende

Sozialleistungen − etwa zur Förderung

der privaten Altersvorsorge.

Frauen- und Nachwuchsförderung

Die Gleichstellung der Geschlechter

und Stärkung aller Frauen und Mädchen

erreichen − so lautet das Ziel 5 der

Sustainable Development Goals. Auch

und gerade für technisch geprägte Unternehmen

wie Miele werden hochqualifizierte

Frauen immer wichtiger. Mit

verschiedenen Maßnahmen wie flexiblen

Teilzeitmodellen oder der Unterstützung

bei der Kinderbetreuung will Miele

Frauen deshalb ermutigen und dabei

unterstützen, trotz Familienplanung

Führungspositionen anzustreben. Außerdem

beteiligt sich Miele an Förderprojekten

wie dem „Frauen-Karriere-Index“,

engagiert sich im Nationalen Pakt für

Frauen in MINT-Berufen und hat bereits

2007 den Miele-Ingenieurinnen-Treff ins

Leben gerufen.

Zur Nachwuchsförderung bietet Miele

seit 1995 ein Duales Bachelorstudium an.

Weitere Einstiegsmöglichkeiten in das

Unternehmen sind das Master@Miele-

Programm für Bachelorabsolventen oder

das Trainee-Programm für Absolventen

mit Masterabschluss. Zudem kann sich

der Nachwuchs bereits vor Studien- und

Ausbildungsbeginn, zum Beispiel am

„Tag der offenen Ausbildung“, über die

vielfältigen Berufsangebote bei Miele

informieren.

globalcompact Deutschland 2016

105


Good Practice

Von CSR zu Shared Value

Was strategische Corporate Social Responsibility

mit Geschäftsinvestition zu tun hat

Wirtschaft und CSR: Dieses Spannungsfeld wurde im letzten Jahrzehnt zunehmend häufiger

umfassend diskutiert. Doch welche Rolle übernimmt hierbei eigentlich die Wirtschaft?

Von Dr. Christoph Regierer und Kai M. Beckmann,

Roever Broenner Susat Mazars

Verbreitet herrscht die Vorstellung, die

Verknüpfung von CSR und Wirtschaft

bedeute, dass Unternehmensinvestitionen

in Übereinstimmung mit etablierten

oder zukünftigen CSR-Standards getätigt

werden sollten. Doch die Integration

von CSR in das unternehmerische Denken

setzt bereits wesentlich früher an:

Es geht darum, wie Unternehmen ihre

Gewinne erwirtschaften und welche

Auswirkungen das eigene unternehmerische

Handeln hat und nicht nur, wie

Unternehmen investieren.

CSR ist kein philanthropischer Ansatz.

Die Herausforderung besteht darin, die

wachsende Bedeutung von CSR früh zu

erkennen und in Geschäftsmodelle und

Leitlinien zu überführen. Das schwer

Greif bare greif bar zu machen, zu definieren,

zu systematisieren und in die

Unternehmensprozesse zu integrieren −

das ist vielen Unternehmen heute noch

lästig, perspektivisch aber unerlässlich!

Dabei gilt es, nicht nur einen verlässlichen

Rahmen für das eigene Handeln

festzulegen, sondern auch übergeordnete

Leitplanken, wie z. B. die Sustainable

Development Goals (SDGs) und internationale

Standards, im Blick zu haben.

Strategische CSR –

Chancen für Unternehmen

Der Vorteil strategischer CSR zeigt sich

nicht nur in gesteigerter Reputation, sondern

auch in Form erhöhter Profitabilität:

Das Risiko von Rechtsstreitigkeiten und Bei der Beurteilung wesentlicher CSRden

damit zusammenhängenden Kosten

sinkt, Kapitalkosten werden immer gewichtige Rolle: So ist es entschei-

Themen spielt ein weiterer Faktor eine

stärker durch CSR beeinflusst, Vertrauen dend, als relevante Risiken auch jene

von Stakeholdern wächst, Mitarbeiterbindung

steigt, globale Beschaffung wird erfassen, die sich unmittelbar aus der

unternehmerischen Folgerisiken zu

sicherer. Diese Betrachtung erscheint eigenen Unternehmenstätigkeit ergeben.

SHARED VALUE

SHARED Shared Value VALUE

Einkauf

Personal

Produktion

Vertrieb

...

Einkauf

Personal

Produktion

Vertrieb

...

CSR-

Controlling

allerdings vielen Unternehmen auf den

ersten Blick nicht plausibel: Welches

Unternehmen erfasst schon alle kumulierten

CSR-Kosten aus Einkauf, Claim-

Management, Qualitätssicherung, Markenimage

oder Reputation und setzt

diese in Bezug zu CSR-Zielen?

Positionierung

Kostentransparenz

CSR-

Controlling


Konnektivität

Positionierung

Kostentransparenz


Neue Märkte,

Geschäftsprozesse,

internationale

Projekte, etc.

Diese Folgerisiken, die häufig in Zusammenhang

mit der Lieferkette stehen,

werden in der Regel nicht als

klassische Unternehmensrisiken aufgenommen.

Der US-amerikanische

Dodd-Frank Act zielt auf genau ein

solches Folgerisiko, nämlich die Fi-

Konnektivität

106 globalcompact Deutschland 2016


nanzierung von Rebellengruppen im

Kongo durch „Konfliktmineralien“. Wir

sollten also den Blick, mit dem wir bisher

auf CSR-Risiken geschaut haben,

erweitern. Denn sind diese Folgerisiken

erst einmal identifiziert, die Kennzahlen

zur Überwachung verstanden und

die passenden Steuerungsprozesse implementiert,

lässt sich neben Risikoprävention

häufig ein Nutzen für das

Unternehmen erkennen: die Fähigkeit

des Unternehmens zur Konnektivität.

Konnektivität ist ein zunehmend wichtiger

Erfolgsfaktor. Hier geht es darum,

dass z. B. international Projekte vermehrt

über strategische Allianzen und

Partnerschaften entwickelt und bearbeitet

werden, wie etwa internationale

Allianzen und Fonds, die im Bereich

der internationalen Gesundheitspolitik

entstanden sind. Ein Beispiel ist die

Global Alliance for Vaccines and Immunisation.

Sie wurde ins Leben gerufen

mit dem Ziel, jedem Kind Impfschutz

Beispiel Menschenrechte:

Es gilt, die Hürden zu überwinden

Dass Unternehmen in dem Zusammenhang

noch großes Entwicklungspotenzial

haben, zeigt das Thema „Menschenrechte“.

Eine Umfrage des Economist Intelligence

Unit (EIU) ergab, dass 83 Prozent

der befragten Unternehmensvertreter die

Wirtschaft als einen wichtigen Protagonisten

beim Schutz der Menschenrechte

sehen. Gleichzeitig konnten jedoch nur

wenige Studienteilnehmer erklären, wie

der Schutz der Menschenrechte entlang

ihrer eigenen Zulieferkette integriert ist.

Das Ergebnis zeigt: Der Wille ist da, in

der Praxis gibt es jedoch noch Hürden zu

nehmen. Das Beispiel verdeutlicht auch,

dass der Blick auf die eigene Lieferkette

noch zu sehr auf ausgewählte Aspekte

fokussiert ist und mögliche Chancenpotenziale

− z. B. hinsichtlich ihrer Konnektivität

− unzureichend erfasst und

bewertet werden.

Creating Shared Value

Je internationaler ein Unternehmen ist,

desto komplexer und anspruchsvoller ist

die Berücksichtigung der wachsenden

regulativen und marktgesteuerten CSR-

Anforderungen. Eine zentrale Steuerung

dieser Herausforderungen ist ohne definierten

Organisationsrahmen kaum

möglich. Für den internationalen Mittelstand

stellt diese Entwicklung eine

besondere Herausforderung dar, denn

viele dieser zum Teil familiengesteuerten

Unternehmen bewerten die eigene

CSR-Performance noch immer stark aus

einem traditionellen Werteverständnis

heraus. Dabei bleibt die Erwartungshaltung

wichtiger Auslandsmärkte häufig

unzureichend berücksichtigt.

Unsere Überzeugung ist: Unternehmen,

die CSR systematisch in die Organisation

und in ihr Handeln integrieren, sind

produktiver und schaffen Mehrwert. Für

viele Unternehmen ist dazu nur ein letzter

Schritt erforderlich, doch ohne diesen

bleibt der CSR-Blick zu stark eingeschränkt.

Grundlage ist dafür ein tiefes

Verständnis und Engagement gegenüber

Mitarbeitern, Lieferanten, kulturellen Besonderheiten,

Gesetzgebern und der Zivilgesellschaft.

Dieses umfassend zu bewerten

und in Bezug zum eigenen Handeln

zu setzen, kann Ausgangspunkt für neue

Geschäftschancen sein (Konnektivität).

Unternehmen, die dieses Engagement

bei der Erwirtschaftung ihrer Gewinne

einbeziehen, gehen über CSR hinaus und

beginnen Shared Value zu schaffen, indem

sie die Interessen der Wirtschaft mit

denen der sie umgebenden Gemeinschaften

und der Umwelt in Übereinstimmung

bringen. Wir sind der Überzeugung, dass

hier die unternehmerische Zukunft liegt:

Der Jahresbericht 2014/15 unserer internationalen

Mazars Gruppe trägt den Titel

„Creating Shared Value“.

gegen die wichtigsten Infektionskrankheiten

zu ermöglichen; getragen wird

die Allianz von privaten Stiftungen,

internationalen Organisationen (UNICEF,

WHO,Weltbank), Regierungen, Forschungseinrichtungen,

Unternehmen

und NGOs.

In einer solchen Kooperation Partner zu

sein, eröffnet neue Märkte und Geschäftspotenziale.

Doch ist der Zutritt oft mit

hohen Anforderungen an Transparenz,

Glaubwürdigkeit und Integrität verknüpft.

Ein umfassendes CSR-Verständnis, das

die Auswirkungen des eigenen Handels

einschließt, eröffnet oft erst den Blick

auf diese neue Art an Geschäftspotenzial

und ist zugleich eine wichtige Zugangsvoraussetzung.

WP/RA/StB Dr. Christoph Regierer,

Managing Partner bei

Roever Broenner Susat Mazars

Kai Michael Beckmann,

Director Compliance, Risk & Responsibility

bei Roever Broenner Susat Mazars

globalcompact Deutschland 2016

107


Good Practice

Wie aus Flüchtlingshilfe

Erfolgsgeschichten werden

Mehr als eine Million Menschen sind im Jahr 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.

Ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Integration ist eine große Herausforderung. Das können

Staat und die vielen Ehrenamtlichen nicht alleine leisten, sondern hier sind alle Teile der Gesellschaft,

also auch die Unternehmen gefordert. Tchibo setzt sich in der Flüchtlingshilfe mit drei

Maßnahmen ein: dem ehrenamtlichen Einsatz der Mitarbeiter, Beschäftigungsangeboten sowie

bedarfsgerechten Sachspenden. Zusätzlich ist Tchibo im Juni 2016 der Integrationsinitiative der

deutschen Wirtschaft „Wir zusammen“ beigetreten.

Von Monika Focks,

Managerin Unternehmensverantwortung, Tchibo

Mitarbeiter im Einsatz für den

guten Zweck

Bei Tchibo ist man davon überzeugt,

dass geflüchtete Menschen unsere Gesellschaft

bereichern. „Dazu benötigen

sie Unterstützung bei ihrer Integration.

Tchibo als global tätigem Unternehmen

ist es wichtig, zusammen mit den Mitarbeitern

einen Beitrag zu Integration

und Beschäftigung zu leisten“, erläutert

der Vorsitzende der Geschäftsführung,

Dr. Markus Conrad. Deshalb unterstützt

Tchibo seine Mitarbeiter dabei, ehrenamtlich

in der Flüchtlingshilfe aktiv

zu werden. Den Auftakt dazu machte

im Januar 2016 eine Aktion, bei der

24 Tchibo-Mitarbeiter in einer Erstaufnahmeeinrichtung

Kleiderspenden sortierten.

Im Anschluss an diese positive

Erfahrung entwickelte das Unternehmen

dann ein umfassendes Corporate-

Volunteering-Programm im Umfeld

der Flüchtlingshilfe. Ein wesentliches

Element ist die Zusammenarbeit mit

zwei entsprechenden Institutionen: einer

Erstaufnahmeeinrichtung sowie einer

Schule mit einem sehr hohen Anteil an

Kindern von Geflüchteten.

Im August 2016 organisierten 40 Tchibo-

Mitarbeiter an zwei Nachmittagen Kinderfeste

in der Erstaufnahmeeinrichtung

„Sportallee“ in Hamburg. Hier werden

rund 750 Bewohner meist für einen

Zeitraum von bis zu acht Monaten untergebracht.

Für ihren Einsatz − etwa

beim Kinderschminken, Dosenwerfen

oder bei Bastelaktionen − ernteten die

freiwilligen Helfer strahlende Gesichter

und jede Menge Kinderlachen: „Die

Fröhlichkeit der Kinder zu erleben war

einzigartig!“, schilderte eine Beteiligte

ihre Erfahrungen. Neben vom Unternehmen

organisierten Aktionen wie dieser

können sich Tchibo-Mitarbeiter auch

als ehrenamtliche Mentoren engagieren,

108 globalcompact Deutschland 2016


zum Beispiel als Begleiter bei Ausflügen.

Jochen Eckhold, Director Human

Resources, weiß: „Es ist gut, über den

Tellerrand zu schauen; die Distanz zur

täglichen Arbeit erweitert die eigene

Perspektive, es macht etwas mit einem.“

Spenden in Höhe von zwei Millionen

Euro

Als weitere Maßnahme spendete Tchibo

2015 und 2016 dringend benötigte Waren

aus dem eigenen Produktsortiment

an Hilfsorganisationen wie das Deutsche

und Österreichische Rote Kreuz oder den

Türkischen Roten Halbmond, darunter

Spielsachen, Bettwäsche und Kleidung.

Große Wäsche- und Kleiderspenden gingen

auch an das LaGeSo in Berlin, die

Hamburger Kleiderkammer sowie die

Erstaufnahme „Sportallee“. Seit 2015

hat Tchibo Waren im Verkaufswert von

insgesamt rund zwei Millionen Euro

gespendet.

Wie gelingt eine nachhaltige

Integration?

Während Unternehmen ihre Hilfsangebote

für Flüchtlinge oft zunächst auf die

Grundversorgung und Unterstützung

von Erstaufnahmeeinrichtungen konzentrierten,

rückt jetzt allmählich die Frage

in den Blickpunkt, wie eine langfristige

Integration der Menschen in die Gesellschaft

und den hiesigen Arbeitsmarkt

gelingen kann. Der überwiegende Teil

der Geflüchteten ist jünger als 25 Jahre

und befindet sich somit noch im Schuloder

Ausbildungsalter. Der Zugang zu

schulischer und beruflicher Bildung

bedeutet für sie einen entscheidenden

Schritt für eine erfolgreiche Integration.

Für die deutsche Wirtschaft wiederum,

deren Belegschaften im Durchschnitt

immer älter werden, bieten diese jungen

Asylsuchenden ein hohes Potenzial in

einem zunehmend wettbewerbsintensiven

Arbeitsmarkt. Eine Schlüsselrolle

nehmen dabei berufsvorbereitende Maßnahmen

wie Praktikums- und Ausbildungsangebote

ein.

Erste Erfolgsgeschichten

Tchibo kann bereits mehrere Erfolgsgeschichten

im Zusammenhang mit der

Beschäftigung von Flüchtlingen erzählen:

So nahmen Ahmad Y. aus Afghanistan

und Kinda F. aus Syrien im Februar 2016

im kaufmännischen Bereich ihre Arbeit

als Praktikanten bei Tchibo auf. Ahmad

Y. unterstützte den Bereich International

Sales und wurde inzwischen aufgrund

seiner sprachlichen und fachlichen Qualifikation

in eine Festanstellung übernommen.

Kinda F. half in der Abteilung

Human Resource Planning beim Aufbau

eines neuen IT Human Resource Tools

und schloss ihr Praktikum ebenfalls erfolgreich

ab. Vier weitere Geflüchtete

erhielten bislang die Möglichkeit, verschiedene

Bereiche des Unternehmens im

Rahmen eines Praktikums kennenzulernen

und ihre Sprach- und Fachkenntnisse

zu vertiefen. Bis Ende des Jahres sollen bis

zu zehn kaufmännische und gewerbliche

Praktikumsplätze von jungen Migranten

genutzt werden.

Darüber hinaus beteiligt sich Tchibo

mit Beschäftigungsangeboten im Mitarbeiterrestaurant

und in der Rösterei

an dem Programm zur sogenannten

Ausbildungsvorbereitung für Migranten

(AvM-Dual). Der auf zwei Jahre ausgelegte

und Anfang 2016 als bundesweit

einzigartiges Projekt in Hamburg gestartete

Bildungsgang zielt darauf, junge

Flüchtlinge durch eine enge Verzahnung

von Sprachförderung, Schulunterricht

und betrieblichen Praktikumsphasen

besser auf den Einstieg in die Berufswelt

vorzubereiten. So bietet sich bei Tchibo

bei entsprechender Eignung etwa die

Chance auf eine Ausbildung zum Koch

oder aber als Maschinenführer in der

Rösterei.

Auf unterschiedlichem Weg zu

einem gemeinsamen Ziel

Tchibo ist überzeugt, dass die Integration

der Flüchtlinge nur durch gemeinsames

Handeln gelingt. Deshalb hat sich das

Unternehmen im Juni 2016 der Integrationsinitiative

der deutschen Wirtschaft

„Wir zusammen“ angeschlossen. Mehr als

160 Unternehmen engagieren sich bereits

in dem Netzwerk (Stand August 2016)

und nutzen es als Plattform, um eigene

konkrete Projekte vorzustellen sowie

andere Firmen und deren Mitarbeiter

dazu zu motivieren, ebenfalls in der

Flüchtlingshilfe aktiv zu werden. „Mit

dem Engagement für die Integration von

Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt sowie

Soforthilfen durch den ehrenamtlichen

Einsatz der Mitarbeiter und Sachspenden

leistet Tchibo einen wertvollen Beitrag

dazu, den Neuankömmlingen eine Perspektive

für ihr Leben in Deutschland

zu bieten“, so die Projektleiterin der

Initiative, Marlies Peine.

Wie viele Menschen nach 2016 als

Flüchtlinge nach Deutschland kommen

werden, lässt sich laut einer aktuellen

Studie von „Wir zusammen“ nur schwer

abschätzen. Angesichts der vielen weltweit

von Flucht und Vertreibung betroffenen

Menschen bleibt Flüchtlingshilfe

ein zentrales Thema. Tchibo will sich

der „großen Gemeinschaftsaufgabe“ Integration

auch in Zukunft stellen und

sein Engagement auf verschiedenen

Ebenen fortsetzen. Und damit den bisherigen

Erfolgsgeschichten viele weitere

hinzufügen.

globalcompact Deutschland 2016

109


Good Practice

Gemeinsam für die Zukunft:

Integration als Chance

Mitarbeiter aus 86 Nationen weltweit: Bei TÜV Rheinland wird interkulturelle Vielfalt wertgeschätzt.

Denn Facettenreichtum ist etwas, was uns bereichert und stark gemacht hat – sowohl

nach innen, als auch nach außen. Für TÜV Rheinland ist es deshalb selbstverständlich, sich

nachhaltig für die Integration von Geflüchteten einzusetzen und dazu beizutragen, dass aus

Herausforderungen Chancen werden.

Von Susanne Dunschen und Dr. Hannes Hofmann,

CSR und Nachhaltigkeit, TÜV Rheinland

65 Millionen Menschen waren im Jahr

2015 auf der Flucht. Davon kamen allein

890.000 nach Deutschland. Laut Angaben

des Bundesministeriums des Innern

wurden im Jahr 2015 beim Bundesamt

für Migration und Flüchtlinge knapp

477.000 formelle Asylanträge gestellt −

mehr Anträge als jemals zuvor und fast

doppelt so viele wie im Vorjahr 2014.

Das sind Zahlen, auf die Bevölkerung, Politik

und Wirtschaft so nicht vorbereitet

waren. Umso wichtiger ist es, Strukturen

und Maßnahmen für eine erfolgreiche

Integration so schnell, aber auch so gut

durchdacht wie möglich auszubauen und

so den vielen Geflohenen, die aufgrund

von Kriegen, politischer Verfolgung und

Diskriminierung nicht in ihre Heimatländer

zurückkehren können, eine reelle

Chance auf ein neues Leben in Deutschland

zu geben. Mit dem im Mai 2016

verabschiedeten Integrationsgesetz hat

die Bundesregierung einen wichtigen

Schritt getan, um die Einstellung von

Geflüchteten für Unternehmen zu erleichtern.

Dennoch bleiben Sprachbarrieren

und teilweise mangelnde oder

schwer nachweisbare Qualifizierung eine

Herausforderung für die Wirtschaft, der

es sich gezielt zu stellen gilt.

TÜV Rheinland bekennt sich seit 2006

zu den zehn Prinzipien des UN Global

Compact und versteht diese als Werterahmen

des täglichen unternehmerischen

Handelns. Aus diesem Bekenntnis

werden Programme und Maßnahmen

abgeleitet, um zum einen innerhalb des

Unternehmens der Verantwortung gegenüber

Umwelt und Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern gerecht zu werden und

sich in der Erbringung unserer Dienstleistungen

verantwortungsbewusst

zu zeigen. Zum anderen versteht sich

TÜV Rheinland als Teil der Gesellschaft,

in der es wirtschaftet, und sieht sich in

der Pflicht, einen aktiven Beitrag zur

Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen

zu leisten. Deshalb ist es für

TÜV Rheinland selbstverständlich, sich

auch mit der Frage auseinanderzusetzen,

wie für Geflüchtete eine neue Perspektive

geschaffen werden kann.

Soforthilfe durch engagierte

Mitarbeiter und Orientierung

durch Angebote der

TÜV Rheinland Akademie

Fundament des Engagements von TÜV

Rheinland ist die große Hilfsbereitschaft

der Mitarbeitenden selbst. An den drei

größten deutschen Standorten des Unternehmens,

in Berlin, Nürnberg und Köln,

führte im Spätsommer 2015 der Aufruf

zur Soforthilfe durch Sachspenden für

Flüchtlingserstaufnahmestellen zu einer

überwältigenden Menge und Vielfalt an

Gebrauchsgegenständen. Darüber hinaus

engagierten sich Teile der Belegschaft

ehrenamtlich in verschiedenen Hilfsprojekten

in Köln, Berlin und Nürnberg. TÜV

Rheinland unterstützte hierbei und stellte

Helferinnen und Helfer für die entsprechenden

Einsatztage von der Arbeit frei.

Als zweiten wichtigen Baustein zur Integration

bietet die TÜV Rheinland Akademie

seit Ende 2015 Sprachkurse für

Geflüchtete an. Im Vordergrund steht

die Vermittlung von Sprachkenntnissen,

die bei der Bewältigung von Alltagssituationen

helfen sollen. Bislang haben weit

über 1.000 Geflohene dieses Angebot

wahrgenommen. Parallel dazu entwickelten

Fachleute der TÜV Rheinland

Akademie im Auftrag des Goethe Instituts

München eine virtuelle Entdeckungsreise

durch die deutsche Arbeitswelt. Sie leisten

dadurch einen Beitrag zum Projekt „Mein

Weg nach Deutschland“, das Menschen

bereits vor dem Start von Integrationskursen

helfen soll, sich mit der deutschen

Arbeits- und Alltagswelt schrittweise und

spielerisch vertraut zu machen.

Ausbildungsplätze schaffen

Integration und bieten Zukunftsperspektiven

In enger Zusammenarbeit mit der IHK

Köln hat TÜV Rheinland Einstiegsqualifizierungen

und Praktika für Geflüchtete

am Standort Köln angeboten. Darauf

auf bauend hat das Unternehmen zwölf

110 globalcompact Deutschland 2016


neue Ausbildungsplätze geschaffen, von

denen acht in den Bereichen IT, Baustoffund

Werkstoffprüfung und Gastronomie

in Nürnberg und Köln besetzt sind. Acht

besetzte Ausbildungsplätze − das mag auf

den ersten Blick nicht nach viel klingen,

bedeutet für TÜV Rheinland jedoch konkret,

dass die für das Ausbildungsjahr

2016 in ganz Deutschland geplanten 30

Ausbildungsplätze um fast ein Drittel aufgestockt

wurden, um Geflüchteten einen

Alseny Barry (l.) und

Tobias Hainke (r.) treffen sich

regelmäßig im Rahmen der

Integrationspatenschaften.

Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt

zu ermöglichen. Durch dieses Angebot

will TÜV Rheinland dazu beitragen, dass

auch Menschen, die ihre Erfahrungen

nicht für einen direkten Einstieg in den

deutschen Arbeitsmarkt nutzen können,

gezielt für bestimmte Stellen qualifiziert

werden und somit durch Bildung

in ihre Zukunft investieren. Um den

erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung

zu gewährleisten, werden die neuen Auszubildenden

in einem firmeninternen

Programm intensiv begleitet. So besuchen

sie wöchentlich einen am Standort organisierten

Deutschkurs und nahmen an

einem verpflichtenden interkulturellen

Training teil. Nicht zuletzt sind es jedoch

„Respekt und Toleranz sind Grundwerte unserer

Unternehmenskultur. Es ist für uns als

verantwortlich handelndes Unternehmen

selbstverständlich, sich damit auseinanderzusetzen,

wie wir für Menschen, die vor Krieg

und Katastrophen geflohen sind, eine Perspektive

schaffen können – ganz gleich, ob

sie dauerhaft bleiben wollen oder nicht. Dies

sehen wir als kontinuierliche Aufgabe.“

Dr. Michael Fübi, Vorstandsvorsitzender der

TÜV Rheinland AG

die zwischenmenschlichen Beziehungen

über den eigenen Arbeitsplatz hinaus, die

für die besondere Atmosphäre bei TÜV

Rheinland sorgen. Aus diesem Grunde

stehen den neuen Auszubildenden am

Firmenhauptsitz in Köln seit Beginn des

Ausbildungsjahres engagierte Integrationspaten

und -patinnen an der Seite. Sie

sind während des ersten Ausbildungsjahres

persönliche Ansprechpartner, bieten

Orientierung im Unternehmen und ermöglichen

durch regelmäßige Gespräche

eine zusätzliche Sprachförderung.

Durch Beharrlichkeit

und Ausdauer ans Ziel

Nun erlöschen Krisenherde nicht über

Nacht. Es ist davon auszugehen, dass

auch in den nächsten Jahren Kriegsflüchtlinge

nach Deutschland kommen

werden. Darüber hinaus werden sich

auch viele Klimaflüchtlinge aus ihrer

durch Dürre, Überschwemmung und

andere Naturkatastrophen unbewohnbar

gewordenen Heimat auf den Weg in

eine sicherere Zukunft, zum Beispiel in

Deutschland, begeben. Auch sie werden

auf Arbeitsplätze angewiesen sein und

sich die Suche danach unter anderem mit

denjenigen Geflüchteten teilen, die schon

länger in Deutschland leben und ebenfalls

auf Arbeit angewiesen sind. Die Bereitstellung

und Besetzung zusätzlicher

Ausbildungsplätze durch Geflüchtete

soll daher bei TÜV Rheinland keine einmalige

Maßnahme bleiben. Durch den

Beitritt zur Initiative „wir zusammen“, einem

Netzwerk, das das Engagement von

Unternehmen für Geflüchtete bündelt

und auf einer gemeinsamen Plattform

präsentiert, bekennen wir uns öffentlich

zur Fortführung unserer Maßnahmen.

So sollen für das Ausbildungsjahr 2017

neue Ausbildungsplätze an weiteren

deutschen Standorten TÜV Rheinlands

geschaffen werden. Auch die in Köln

gestarteten Integrationspatenschaften

sind schon jetzt ein Erfolgsmodell. Derzeit

noch als lokales Pilotprojekt, sollen

Patenschaften sukzessive auf weitere

Ausbildungs-Standorte in Deutschland

ausgeweitet werden.

Mit seinem Engagement für Geflüchtete

hat TÜV Rheinland einen Weg eingeschlagen,

der zahlreiche Akteure auf unbekanntem

Terrain zusammenbringt. Nur

wenn wir voneinander lernen, langfristig

zusammenarbeiten und uns unterstützen,

kann Menschen, die vor Krieg und Verfolgung

fliehen mussten, ein solides Fundament

für ihr zukünftiges Berufsleben

geboten werden und eine erfolgreiche

Integration in den Arbeitsmarkt gelingen.

TÜV Rheinland möchte Perspektiven

schaffen: jetzt und in Zukunft.

„Die Integration von Geflüchteten ist ein

langer Weg und der Zugang zum deutschen

Arbeitsmarkt stellt einen wesentlichen

Pfeiler dar. Eine hervorragende

Ausgansposition bietet eine solide

Berufsausbildung, deren Erfolg wir durch

flankierende Integrations- und Förderprogramme

sicherstellen wollen.“

Thomas Biedermann, Personalvorstand und

Arbeitsdirektor der TÜV Rheinland AG

globalcompact Deutschland 2016

111


Good Practice

Die Mitarbeiter mitnehmen

– Arbeit 4.0

Steigender Wettbewerbsdruck, drohender Stellenabbau und schleichende Übernahme von

menschlichen Tätigkeiten durch Roboter bereiten vielen Sorge. Oft zu Unrecht, denn durch

Industrie 4.0 bedingte Entwicklungen bringen bei den künftigen Tätigkeiten von Arbeitnehmern

vielmehr neue Kompetenzprofile hervor. So warten anspruchsvollere Aufgaben mit höherer

Wertschöpfung und mehr Abwechslung. Die individuelle Expertise wird dabei immer mehr an

Bedeutung gewinnen. Wissensaneignung im Beruf stellt künftig keinen temporären, sondern

einen dauerhaft wiederkehrenden Vorgang dar.

Von Dr. Eberhard Niggemann,

Leiter Weidmüller Akademie

Insgesamt wird durch die Digitalisierung

eine Vielzahl neuer Geschäftsfelder

und Arbeitsplätze geschaffen. Da

gerade Deutschland prädestiniert ist,

durch Industrie 4.0 die Wettbewerbsfähigkeit

deutlich zu steigern, wird sich

die Arbeitskräftebilanz wahrscheinlich

sogar ins Plus verschieben. Zwar werden

nach Untersuchungen des Instituts

für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

(IAB) durch den digitalen Wandel in

Deutschland in den kommenden Jahren

ca. 490.000 Jobs mit niedriger Qualifikation

entfallen, darunter viele Routinearbeiten,

aber auch körperlich schwere

und gefährliche Arbeit. Dem gegenüber

stehen aber auch 430.000 neue Stellen.

Diese neuen Jobs entstehen vor allem

im Bereich der Informationstechnologie,

in naturwissenschaftlichen Berufen, in

der Unternehmensberatung sowie in

der Aus- und Weiterbildung, der in den

kommenden Jahren eine entscheidende

Rolle zukommen wird.

Bei Weidmüller, dem Elektrotechnikspezialisten

aus Detmold ist man sich

bewusst, dass Industrie 4.0 frühzeitig in

112 globalcompact Deutschland 2016


die Entwicklung von Mitarbeitern integriert

werden muss, damit der Wandel

hin zur Smart Factory gelingen kann. In

der unternehmenseigenen Weidmüller

Akademie wurde bereits das Aus- und

Weiterbildungskonzept auf das Zukunftsthema

ausgerichtet. Das Ziel ist

es, Mitarbeiter so früh wie möglich für

das Thema zu begeistern. Denn man

hat bei Weidmüller erkannt, dass das

lebenslange und selbstgesteuerte Lernen

deutlich an Bedeutung gewinnen wird.

Bei Industrie 4.0 kommt es auf fachübergreifendes

Wissen, Verständnis für

die Arbeits- und Denkweisen korrespondierender

Disziplinen und Denken

in übergreifenden Prozessen an. Der

Mitarbeiter muss zusätzlich zu seiner

jeweiligen Fachkompetenz mit Spezialwissen

mehr Systemwissen aufbauen. Bei

den neuen Lernmustern, die in der Akademie

entwickelt wurden, geht es mehr

und mehr in Richtung informelles und

interaktives Lernen. Lernen via Tablet

oder Smartphone kann überall und zu

jeder Zeit stattfinden. Auch dies fußt auf

der Erkenntnis, dass neue Multimedia-,

Social Media- und Cloud-Technologien

das Lernen weiter verstärken und revolutionieren

werden.

Hightech-Assistenzsysteme im

Testeinsatz

Bei Weidmüller hat die Industrie 4.0

längst in den Arbeitsalltag Einzug gehalten.

Schon seit 2011 hat das Unternehmen

ein intelligentes Energiemanagement

eingeführt, das Teil des „Fertigungsalltags“

geworden ist. Derzeit

werden verschiedene Pilotprojekte durchgeführt.

Außerdem testen der hausinterne

Bereich Continuous Improvement

und die Instandhaltung gemeinsam den

Einsatz von Augmented Reality und die

praktische Verwendung virtueller Datenbrillen

für die Produktion. Mit deren

Hilfe können Bilder auf einen Computer

übertragen werden. Das ist vor allem

in der globalen Instandhaltung für die

Themen Fernwartung und Reparatur

interessant.

Dazu gehören neben dem Einsatz von

Datenbrillen auch Mensch-Maschine-

Kollaborationen mit Robotern sowie

der Umgang mit selbstoptimierenden

Systemen. Bei der Mensch-Maschinen-

Kollaboration stieß bei ersten Versuchen

in der Montage die Zusammenarbeit mit

dem Roboter auf eine hohe Akzeptanz.

Das liegt unter anderem an den vorhersehbaren

Bewegungen des Roboters

und der Vorgabe der Arbeitsgeschwindigkeit

durch die Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter.

Hochtechnologie am Puls der Zeit

Ein weiteres Projekt ist das Computer

Aid Facility Management (CAFM), bei

dem mithilfe der Software visTable die

optimale Aufstellung einer zukünftigen

Fabrik am Computer geplant werden

kann. Auf Knopfdruck können Engpässe

im Materialfluss sichtbar und

Flächen bilanziert werden. Darüber

hinaus beschäftigt sich Weidmüller mit

den Möglichkeiten des 3D-Drucks und

der Maschinendatenerfassung (BDE).

Knapp 210 Maschinen an den weltweiten

Standorten sind zur Datenerfassung

an ein Monitoring angeschlossen. Mithilfe

der Daten werden wichtige Rückschlüsse

gezogen, was in den einzelnen

Produktionsprozessen überflüssig ist.

So wird die gesamte Wertschöpfung

verbessert.

Neben der Einführung der Funktion

des „Chief Digital Officers“ wurde im

Juli dieses Jahres eine neue Abteilung

Global Factory Digitalization and Intelligence“

geschaffen. Zu den Aufgaben

gehören vor allem die Integration von

Industrie 4.0-Technologien in die globale

Supply Chain, die standortübergreifende

Abstimmung und Koordination dieser

Themen, die Entwicklung und Umsetzung

der Roadmap sowie die Bündelung

der verschiedenen Aktivitäten.

Veränderte Arbeitswelten

Arbeit 4.0 zeichnet sich aber vor allem

durch Interdisziplinarität aus. Durch

Kooperationen mit Hochschulen gibt es

eine Vielzahl von Abschluss- und Projektarbeiten,

in denen Studierende und

Professoren mit Weidmüller-Mitarbeitern

zusammenarbeiten. So wird kontinuierlich

Know-how im Unternehmen aufgebaut.

Im Zuge einer Kooperation mit der

Hochschule OWL wird seit 2016 ein neuer,

praxisorientierter Dualer Studiengang

„Technische Informatik“ angeboten. Er

fokussiert auf eine noch stärkere Hybridisierung

der Wissensfelder Technologie

und Software. In weiteren Initiativen

und Arbeitsgruppen mit Hochschulen

können anwendungsorientierte Weiterbildungsmodule

aus der Hochschule

für das Unternehmen entwickelt und in

die verschiedenen Ausbildungskonzepte

integriert werden.

Doch nicht nur für den Nachwuchs, auch

für erfahrenere Mitarbeiter wurden Modelle

entwickelt, um die Fachexpertise

langjähriger Kollegen optimal nutzen zu

können. Bereits zehn Jahre vor dem tatsächlichen

Renteneintritt können bspw.

verschiedene Freizeitmodule genommen

werden. So werden die Regenerationsphasen

in den letzten Arbeitsjahren

erhöht und damit Arbeitsfähigkeit und

Arbeitsfreude nachhaltig gesteigert. „Unser

Interesse war, vor dem Hintergrund

des demografischen Wandels ein Programm

zu schaffen, das es uns ermöglicht,

gute Fach- und Führungskräfte

länger im Berufsleben zu halten“, erläutert

Andreas Uhlitz, Leiter Personal /

Grundsatzfragen bei Weidmüller. Neben

der klassischen Teilzeitlösung gibt es

auch die Möglichkeit, den Jahresurlaub

zu erhöhen, dreimonatige Sabbaticals

zu nutzen oder eine Viereinhalb-Tage-

Woche in Anspruch zu nehmen. Ergänzt

wird das Programm durch Module aus

dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement,

an dem auch die (Ehe-)Partner

teilnehmen können. Uhlitz: „Wir haben

länger hochmotivierte und leistungsfähige

Mitarbeiter.“

globalcompact Deutschland 2016

113


Agenda

Die Nachhaltigen

Die Staats- und Regierungschefs von 193 Mitgliedstaaten

der Vereinten Nationen haben sich

am 25. September 2015 auf einen Katalog von

17 nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs nach

dem englischen Akronym) geeinigt. Mit diesem

Zielkatalog sollen bis zum Jahr 2030 Armutsreduzierung,

Umweltschutz und nachhaltiges

Wirtschaften weltweit vorangetrieben werden.

Eine besondere Rolle kommt dabei der Wirtschaft

zu: Unternehmen sollen mehr gesellschaftliche

Verantwortung übernehmen – durch

Innovationen, Wachstum und faire Produkte

sowie Arbeitsbedingungen. Was auf dem Papier

plausibel klingt, ist in der Praxis oft kompliziert.

Das Deutsche Global Compact Netzwerk ist hier

ein wichtiger und hilfreicher Begleiter.

114 globalcompact Deutschland 2016


SDGs

Entwicklungsziele (SDGs)

globalcompact Deutschland 2016

115


Agenda

Netzwerken

zum Wohl von Wirtschaft

und Weltgemeinschaft

Der Global Compact ist die weltweit größte und wichtigste Initiative für unternehmerische

Verantwortung und Nachhaltigkeit. Angesichts riesiger Aufgaben wie den UN-Entwicklungszielen

und globalen Herausforderungen wie Klimawandel und Ressourcenverknappung

kommt es in den nächsten Jahren besonders auf solche Organisationen an. Hier bündeln sich

Größe und Glaubwürdigkeit zu einem wichtigen Umsetzungshebel. Wir sprachen darüber mit

Marcel Engel, dem neuen Leiter des Deutschen Global Compact Netzwerks.

Von Dr. Elmer Lenzen

Hallo Marcel, du bist von der international ausgerichteten Organisation

WBCSD zum Deutschen Global Compact Netzwerk (DGCN)

gewechselt. Was ist anders? Was ist ähnlich?

Beide Organisationen fördern unternehmerische Verantwortung

sowie den Beitrag der Wirtschaft zur nachhaltigen Entwicklung

entlang der Sustainable Development Goals (SDGs). Dies ist

der gemeinsame Nenner. Ein wichtiger Unterschied besteht

darin, dass der WBCSD ein von Großunternehmen getragener

Verband ist, während das DGCN − als lokales Netzwerk des UN

Global Compact − eine von den Vereinten Nationen legitimierte

Multi-Stakeholder-Plattform ist, in welcher neben Großunternehmen

auch KMUs, die Zivilgesellschaft, die Wissenschaft und

die Politik vertreten sind. Ein zweiter wichtiger Unterschied

ist natürlich, dass der WBCSD eine globale Ausrichtung hat,

während das DGCN vor allem auf nationaler Ebene agiert,

wenngleich wir zunehmend auch mit deutschen Unternehmen

und deren Zulieferern im Ausland zusammenarbeiten.

Da globale Initiativen der lokalen Umsetzung bedürfen, und

wir auch viele mittlere und kleine Unternehmen zu unseren

Teilnehmern zählen, sind die Aktivitäten des DGCN wesentlich

praxisorientierter ausgerichtet.

Die Teilnahme am DGCN ist freiwillig, aber viele der Themen, die

hier behandelt werden, sind es längst nicht mehr. Sei es die EU-

Berichtspf licht, Kinderarbeitsauf lagen aus UK und natürlich die

Dekarbonisierungsthematik im Nachgang zum Pariser Klimabeschluss.

Inwieweit verändert diese Pf licht und damit ja auch der Zwang den

Charakter und die Arbeitsweise einer Initiative wie dem DGCN?

Richtig ist, dass der Global Compact von Anfang an auf

Freiwilligkeit der Teilnehmer setzte und auch weiter setzen

wird − das heißt aber nicht, dass alle der im Compact

behandelten Themen ebenfalls freiwillig sind und sein

müssen: im Gegenteil, Arbeitsstandards oder Korruptionsbekämpfung

sind seit jeher in fast allen Ländern der Welt

im Gesetz festgeschrieben. Ich würde behaupten, dass durch

den nun zunehmenden Pflichtcharakter, auch etwa im Bereich

Menschenrechte, das Interesse eher gestiegen ist. Wir

können nun auch Unternehmen erreichen, die sich bislang

noch nicht ernsthaft der Nachhaltigkeitsthematik gewidmet

haben. Somit nimmt auch deren Bedarf an Unterstützung

in der Wahrnehmung ihrer neuen Pflichten zu. Im DGCN

versuchen wir dieser Nachfrage mit angepassten Lern- und

Dialogformaten zu begegnen, die sich an Unternehmen

116 globalcompact Deutschland 2016


SDGs

ZUR PERSON

Am 1. April 2016 übernahm Marcel Engel die Leitung der

Geschäftsstelle des Deutschen Global Compact Netzwerks

(DGCN) in Berlin. Er bringt über zwei Jahrzehnte Berufserfahrung

in der Zusammenarbeit der Entwicklungshilfe

mit der Wirtschaft mit. Durch seine langjährige Tätigkeit

beim World Business Council for Sustainable Development

(WBCSD) in Genf greift er auf fundierte Erfahrungen in

der Förderung verantwortungsvoller und nachhaltiger

Unternehmensführung zurück und bringt diese im DGCN

ein. Beim WBCSD baute er als Führungskraft das globale

Netzwerk von Partnerorganisationen auf. Gleichzeitig

führte er zahlreiche Projekte in enger Zusammenarbeit

mit weltweit tätigen Unternehmen. Schwerpunktthemen

waren dabei unter anderem Armutsbekämpfung, Einkommensbeschaffung,

Menschenrechte und Reporting.

unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsstands in der

Umsetzung von Sozial- und Umweltstandards richten. Dazu

gehören sowohl allgemeine Online-Seminare für Einsteiger

wie auch Trainings für fortgeschrittene Anwender oder Peer-

Learning Groups, in welchen sich führende Unternehmen

zu Best Practices austauschen können.

Da möchte ich nachhaken: Für viele Teilnehmer ist die Beteiligung

am Global Compact etwas, mit dem sie sich positiv hervortun können.

Manche nutzen CSR sogar als ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber

Wettbewerbern. Wenn jetzt aber alle zu verantwortlichem Handeln

gedrängt werden, dann ist CSR ja nichts besonderes mehr. Welchen

Anreiz gibt es dann für weitere Akteure, vor allem aus dem Mittelstand,

sich beim DGCN zu beteiligen?

Es ist nicht unser Ziel, Unternehmen zu gewinnen, damit

diese sich mit dem UN-Logo schmücken können, sondern

um sie zu unterstützen, sich kontinuierlich zu verbessern.

Die Teilnahme am Global Compact ist mit einer Selbstverpflichtung

der Unternehmen verbunden, die zehn Prinzipien

des Global Compact zu Menschenrechten, Arbeitsnormen,

Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung umzusetzen −

und jährlich über ihre Fortschritte zu berichten. Andernfalls

droht der Ausschluss, und dies traf auch schon über 5.000

Teilnehmer seit Gründung der Organisation im Jahr 2000.

Das gibt der Initiative Glaubwürdigkeit und wird auch

in Zukunft ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des UN

Global Compact sein. Im Übrigen ist der Global Compact

von ursprünglich 50 Gründungsmitgliedern im Jahr 2000

kontinuierlich auf heute über 13.000 Teilnehmer gewachsen.

Auch in Deutschland hatten wir einen Zuwachs von über

zehn Prozent im letzten Jahr auf nunmehr knapp 450 Teilnehmer

− über 80 Prozent davon Unternehmen. Ein weiterer

wichtiger Faktor für den Zuwachs ist sicherlich, dass der

„Business Case“ für Unternehmen immer offensichtlicher

wird: verantwortungsvolle Unternehmen minimieren ihre

Risiken, indem sie gegen kostspielige und rufschädigende

Vergehen gegen Arbeitnehmer oder die Umwelt vorbeugen;

sie können neue Geschäftsmöglichkeiten entwickeln, indem

sie innovative Technologien und Lösungen für Nachhaltigkeitsherausforderungen

entwickeln; und schließlich werden

sie auch erfolgreicher beim Rekrutieren der hart umkämpften

Talente auf dem Arbeitsmarkt sein, die ein Unternehmen

mit gutem Ruf vorziehen werden. >>

globalcompact Deutschland 2016

117


Agenda

UN-Entwicklungsziele

Mit den UN-Entwicklungszielen (SDGs) haben wir auf internationaler

Ebene bis 2030 einen politischen Handlungsrahmen mit klarem

Mandat. Der Global Compact versteht seine Aufgabe darin, die

SDGs in Wirtschaftssprache zu übersetzen. Kannst du uns diesen

Übersetzungsauftrag erläutern? Was heißt das konkret?

Als in der UN verankerte Organisation hat der Global Compact

tatsächlich ein Mandat erhalten, Unternehmen bei der

Auslegung und Umsetzung der SDGs zu unterstützen. Und

es ist essenziell, die Wirtschaft einzubinden, da ohne deren

Innovations- und Investitionskraft die ambitionierten Ziele für

eine gerechtere und nachhaltige Welt nicht erreicht werden

können. Daher sind wird auf globaler wie nationaler Ebene

bestrebt, die SDGs den Unternehmen schrittweise näherzubringen.

Dabei geht es zunächst einmal darum, die Relevanz

einzelner SDGs für Unternehmen zu erläutern, sowohl in Bezug

auf Risiken als auch auf Chancen, die je nach Land und Sektor

erheblich variieren können. Wir haben auch mehrere konkrete

Fallbeispiele von Unternehmen im DGCN dokumentiert,

die ebenfalls als Referenz hilfreich sein können. Ebenso sind

wir bestrebt, durch hochkarätige Großveranstaltungen und

regionale Roadshows in Zusammenarbeit mit verschiedenen

Industrie- und Handelskammern Unternehmer für die SDGs

zu sensibilisieren.

Wenn man die SDGs zu Ende denkt, ist das ja nicht ohne: Der Global

Compact steht ursprünglich für den defensiven Gedanken „do

no harm“. Es geht also darum, so zu wirtschaften, dass künftige

Generationen möglichst viele Optionen behalten. Die SDGs wiederum

bedeuten „be part of the change“. Unternehmen sollen also offensiv

die Welt und die Situation künftiger Generationen ändern. Sind

das nicht komplett neue Spielregeln?

Es bleibt aber immer ein Vakuum politischer Legitimation. Unternehmen

sind nicht legitimiert, politische Aufgaben zu übernehmen. Aber

kommen wir nicht unweigerlich in solche Fahrwasser, wenn Firmen

in den Feldern Bildung, Gesundheit, Sicherheit staatliche Aufgaben

übernehmen? Gerade auch in Staaten mit schwacher Staatlichkeit?

Die SDGs wurden einstimmig von der Weltgemeinschaft

verabschiedet, repräsentieren daher einen breiten Konsens

und haben einen hohen Grad an Legitimität, auf die sich

auch Unternehmen berufen können. Die Herausforderung

ist vielmehr, Unternehmen substanzieller an der Umsetzung

der SDGs zu beteiligen − nicht, sie davon abzuhalten.

Dies bedarf zum einem Partnerschaften mit Regierungen

und der Zivilgesellschaft, um Barrieren zu überwinden und

nachhaltigkeitsfördernde regulatorische und institutionelle

Rahmenbedingungen zu schaffen. Es bedarf aber auch einer

Bewusstseinsänderung in der Wirtschaft, verbunden mit

dem Verständnis, dass die Umsetzung der SDGs letztendlich

in ihrem eigenen Interesse ist. Wie eben erläutert, können

Unternehmen Risiken minimieren, neue Geschäftsmöglichkeiten

entwickeln und ihre Reputation anhand der SDGs

verbessern. Zudem gilt das englische Sprichwort: „business

can´t succeed in a society that fails“. Insofern leisten die

SDGs auch einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Verbesserung

der Rahmenbedingungen für die Wirtschaft in Form

von stabileren Gesellschaften, wachsenden Märkten, besser

ausgebildeten Arbeitskräften, effizienteren Institutionen und

der längerfristigen Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen,

von denen viele Unternehmen abhängig sind.

Bei den SDGs geht es nicht um ein „Entweder-oder“ sondern

vielmehr um ein „Sowohl-als-auch“. Es muss vermieden werden,

dass Unternehmen ihre Verantwortung vernachlässigen

und sich die SDGs heraussuchen, die ihnen am besten passen

− also sozusagen „Rosinenpicken“ betreiben. Das wäre absolut

kontraproduktiv. Vielmehr geht es darum, zunächst einmal

die negativen Folgen ihres unternehmerischen Handelns

durch die konsequente Anwendung des Vorsorgeprinzips zu

minimieren − also dem „do no harm“. Dies fördert der UN

Global Compact aktiv seit seiner Gründung, indem er Unternehmen

unterstützt, die zehn Prinzipien zu Menschenrechten,

Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruptionsprävention

umzusetzen, die sich allesamt in den SDGs widerspiegeln.

Auf bauend auf der Erfüllung ihrer Pflicht zum verantwortungsvollen

Handeln unterstützt der Global Compact Unternehmen

natürlich auch, neue Geschäftsmöglichkeiten im

Rahmen der SDGs zu identifizieren und zu nutzen, also im

„find opportunities“. Angesichts der dringend erforderlichen

Privatinvestitionen zur Verwirklichung der SDGs gibt es viele

Möglichkeiten für Unternehmen, durch innovative Produkte

und Dienstleistungen nicht nur direkt zur Verwirklichung der

SDGs beizutragen, sondern auch neue Märkte zu entwickeln

und zu erweitern. Eine klassische Win-win-Situation also.

118 globalcompact Deutschland 2016


SDGs

Lieferketten

Im Moment wird die Nachhaltigkeits-Diskussion oft so geführt, als

läge der Ball im Feld der Wirtschaft. Das gilt vor allem beim Thema

Lieferkette. Das DGCN verstärkt deshalb sein Engagement im Ausland,

hier vor allem in Südafrika und Indien. Was macht ihr dort?

In der Tat werden Unternehmen in unserer vernetzten und

transparenten Gesellschaft nicht nur für ihre eigenen Aktivitäten

zur Rechenschaft gezogen, sondern zunehmend auch

für die ihrer Zulieferer. Daher ist die Lieferkettenthematik ins

Zentrum der Aufmerksamkeit geraten, nicht zuletzt infolge

von tragischen Unfällen oder Vergehen, die die Lieferketten

einer breiten Palette von Sektoren betroffen hat, u. a. in der

Textilindustrie, in der Forstwirtschaft, in Verbindung mit

gewissen Rohstoffen − wie Diamanten und Rohöl − oder Agrarprodukten

− wie Kakao und Palmöl.

Daher bezieht sich bereits seit einiger Zeit ein Großteil unserer

Aktivitäten im DGCN direkt auf die nachhaltige Gestaltung

von Lieferketten, sei es über das Management von Scope 3 −

Treibhausgasemissionen, Geschäftspartner-Compliance oder

das Achten von Menschenrechten. Dabei bieten wir unsere

Lern- und Austauschformate zunehmend auch im Ausland an,

so zum Beispiel Trainings zur menschenrechtlichen Sorgfalt

in der Lieferkette für deutsche Niederlassungen und ihre

Zulieferer in Südafrika und Indien, die wir Ende 2016 durchgeführt

haben. Extrem wertvoll waren dabei unsere Global

Compact-Partnernetzwerke vor Ort sowie die Auslandshandelskammern,

bei denen wir die Trainings veranstaltet haben. Die

sehr positive Resonanz zeigt uns, dass wir mit dem Ansatz

durchaus richtig lagen und nun schauen müssen, wie wir

diese Pilotformate weiter ausbauen.

Lieferketten sind von Natur aus komplex und sensibel. Die klassischen

Ref lexe angesichts von potenziellen Risiken sind Kontrollen,

Sanktionsandrohungen, hierarchische Beziehungen. Kann man solche

Geschäftsbeziehungen auch anders, intrinsischer organisieren, oder

ist das Sozialromantik?

Es gibt in Lieferbeziehungen für beide Seiten genügend handfeste

Gründe, sich stärker für ein nachhaltiges Management

zu engagieren − und wir sprechen hier vor allem von einem

Engagement jenseits von Checklisten und strikten Kontrollen.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Beispiele von Firmen, die ihre

Lieferkette nicht mehr alleine über Audits steuern, die oftmals

diesen angesprochenen „hierarchischen“ Charakter haben

und im schlimmsten Fall dazu führen, dass der Zulieferer

nur noch eine Liste abarbeitet, aber keine Sensibilität für die

notwendigen Verbesserungen entwickelt.

Vor allem gemeinsam gestaltete Aus- und Weiterbildungsformate

sowohl für das Management der Zuliefererbetriebe als

auch für die Arbeiterinnen und Arbeiter erweisen sich hier

als sehr wertvolle Ergänzung. Weniger Fluktuation unter

den Angestellten, geringere Anfälligkeit für Streiks bis hin zu

verbesserter Produktivität: All das wurde von fortschrittlichen

Unternehmen in diesem Kontext bereits nachweislich erreicht.

Wir Deutschen neigen dazu, unsere eigene Rolle in der Welt als sehr

stark und bestimmend anzusehen, und für Lieferketten-Akteure heißt

das, dass sie nach unseren Wünschen spuren sollen. Andere Länder

haben aber ihre eigenen Ansichten, und viele Lieferanten sind alles

andere als Lauf burschen. Wie können wir in der Praxis globale

Lieferketten effektiv managen und dabei nationale und kulturelle

Befindlichkeiten einfangen?

Zunächst einmal beruhen die allermeisten Standards und Anforderungen

an das nachhaltige Management von Lieferketten

nicht auf deutschen Initiativen, sondern sind in internationalen

Vereinbarungen festgeschrieben. Somit gelten sie grundsätzlich

für die Zuliefererbetriebe genauso wie für die deutschen (und

anderen europäischen) Counterparts. Problematisch wird es für

die Nachhaltigkeit in der Lieferkette ja besonders in Ländern

mit schwachen legalen und institutionellen Rahmenbedingungen,

in welchen also die Regierung entweder nicht in der

Lage oder nicht willens ist, gewisse Standards festzuschreiben

oder durchzusetzen. Wenn sich hier deutsche und internationale

Unternehmen stärker engagieren, ist das erst einmal

uneingeschränkt positiv zu bewerten. Um jedoch dann nicht

in eine Rhetorik des „Wir gegen die“ abzurutschen und die

Lieferanten nicht wie Lauf burschen zu behandeln, empfiehlt

sich als Grundkonzept genau der vorhin angesprochene Fokus

auf die gemeinsame Gestaltung der Geschäftsbeziehungen.

Bewusstseinsbildung, Dialog und gemeinsame Lernformate

als Ausgangspunkt sind sicherlich vielversprechender als ein

einmal jährliches Audit. >>

globalcompact Deutschland 2016

119


Agenda

Globalisierung

Globalisierung ist das Stichwort für den letzten Themenblock. Der

Global Compact entstand zur Jahrtausendwende in einer Zeit, als viel

Angst vor der Globalisierung herrschte. Heute sind wir wieder in so

einer Situation. Sieht das DGCN sich als aktiven Teil einer Debatte

um Globalisierungsängste, Freihandelsabkommen und den neuen

Nationalismus? Oder sind diese Themen nicht Teil der Agenda?

Der Global Compact wurde tatsächlich vom damaligen UN-

Generalsekretär Kofi Annan ins Leben gerufen, um die Kräfte

der Märkte mit universellen Idealen zu verbinden − und so

sicherzustellen, dass die Globalisierung auch den Benachteiligten

und den zukünftigen Generationen zugutekommt.

Der Globalisierungsprozess hat ohne Frage maßgeblich dazu

beigetragen, dass Hunderte von Millionen Einwohner in

Entwicklungs- und vor allem Schwellenländern der Armut

entrinnen und ihre Lebensverhältnisse verbessern konnten.

Allerdings haben sich die ökologischen Herausforderungen

eher verschärft − ebenso wie die sozialen Ungleichheiten in

vielen Ländern. Dies kombiniert mit einer diffusen Angst vor

Überfremdung, gerade unter den sich vernachlässigt fühlenden

Verlierern der Globalisierung, trägt sicherlich dazu bei,

dass rückwärtsgewandte, nationalistische Kräfte vielerorts an

Auftrieb gewinnen. Dies ist natürlich ein zentrales Thema für

den Global Compact. Die konsequente Umsetzung der SDGs

ist das beste Mittel, um der aufkeimenden Abschottung, dem

Nationalismus und dem Populismus entgegenzuwirken. In

den SDGs ist der Teil der Globalisierungsthematik enthalten,

der bisher vernachlässigt wurde und dringend stärker in den

Fokus gerückt werden muss, um im Sinne unseres Gründers,

Kofi Annan, der Globalisierung ein „menschliches“ (ich würde

auch „ökologisches“ hinzufügen) Antlitz zu verleihen, bevor

es zu spät ist.

Der Grundgedanke des Global Compact beruht auf Multi-Stakeholder-

Beteiligung und Multilateralismus. Jetzt erleben wir aber eine Zeit,

in der immer weniger Bereitschaft herrscht, gemeinsame Lösungen

zu finden. Politik und Wirtschaft sind stattdessen von Uneinigkeit

bestimmt. Konsens ist ein Fremdwort. Ist die Idee und auch das

Ideal des Global Compact also noch zeitgemäß?

Ich würde eher behaupten, dass sich unter allen Stakeholdern

zahlreiche Akteure finden lassen, die an einer Zusammenarbeit

für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft interessiert sind.

Ein gutes Beispiel für eine effektive Zusammenarbeit in diesem

Sinne stellt der dreijährige Vorbereitungsprozess der SDGs dar,

an welchem Teilnehmer aus der Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft

und Wirtschaft intensiv teilnahmen. Die SDGs wurden

dann auch einstimmig von allen 193 UN-Mitgliedstaaten im

September des vorigen Jahres verabschiedet. Ganz im Sinne

des SDG 17 geht es also darum, effektive Partnerschaften von

gleichgesinnten Stakeholdern zu schaffen, um die Agenda

2030 voranzutreiben − auch gegen Opposition. Also eine Art

„Coalition of the Willing“, aber unter anderen Vorzeichen als

denjenigen, unter denen dieser Begriff im letzten Jahrzehnt

konzipiert wurde.

Welche Impulse und Richtungsvorgaben erwartet respektive erhofft

sich das DGCN vom neuen UN-Generalsekretär António Guterres?

Als ehemaliger Regierungschef seines Heimatlandes und Hoher

Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen bringt Guterres

einen idealen Erfahrungsschatz und hohe Glaubwürdigkeit in

die Position mit. Dass António Guterres zuletzt eine führende

internationale Rolle in einer Thematik ausübte, die uns in

Deutschland besonders intensiv beschäftigt, ist ein zusätzlicher

Pluspunkt aus unserer Perspektive. Er wird der UN sicherlich

neue Impulse geben, und wir erwarten, dass er ebenso wie

seine Vorgänger zu einem enthusiastischen Unterstützer des

UN Global Compact wird. Denn die effektive Einbindung der

Wirtschaft für eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft ist

im Hinblick auf die erwähnten enormen sozio-ökonomischen,

ökologischen und politischen Herausforderungen heute wichtiger

denn je.

Lieber Marcel, herzlichen Dank für das Gespräch.

120 globalcompact Deutschland 2016


SDGs

Berliner Forum:

Auf dem Weg zur

Umsetzung der SDGs

Die Frage, wie die globalen Nachhaltigkeitsziele umgesetzt werden können, bestimmte das

inhaltliche Programm des diesjährigen Berliner Forums, welches das Deutsche Global Compact

Netzwerk (DGCN) in Partnerschaft mit econsense veranstaltet hat. Mehr als 350 Gäste kamen,

um sich über die SDGs sowie die Neuauflage der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie zu informieren

und auszutauschen.

Das Museum für Kommunikation in Berlin war Schauplatz der

Impulse für Nachhaltigkeit − Berliner Forum 2016. Marcel Engel,

Geschäftsleiter des DGCN und Dr. Wolfgang Große Entrup,

Vorstandsvorsitzender von econsense, konnten zahlreiche

hochrangige Sprecher und Vertreter aus der Wirtschaft, der

Politik und der Zivilgesellschaft in dem geschichtsträchtigen

Gebäude begrüßen.

Unter ihnen war auch Lise Kingo, die Exekutivdirektorin des

UN Global Compact, die es sich nicht nehmen ließ, für die

Veranstaltung extra aus New York anzureisen. Sie attestierte,

dass man einen guten Start nach der Verabschiedung der SDGs

im vorigen Jahr hingelegt habe, und es nun darum gehen müsse,

noch aktiver auf die Implementierung der Zielumsetzung in

die tägliche Praxis hinzuarbeiten.

Tanja Gönner, Vorstandsmitglied der Deutsche Gesellschaft

für internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, pflichtete

ihr bei und sagte, dass es wichtig sei, nicht global mit einer

Generallösung zu arbeiten, sondern länderspezifische

Maßnahmen zu ergreifen − ganz im Geiste des Mottos des

UN Global Compact „Making Global Goals Local Business“.

Thomas Silberhorn, Staatssekretär im Bundesministerium

für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ),

unterstrich: „Es ist wichtig, dass sich die Wirtschaft unter dem

Dach der Agenda 2030 versammelt.“

In den Panels auf dem Berliner Forum diskutierten unter anderem

Lenkungskreismitglieder des DGCN, wie Dr. Meike Niedbal

von der Deutsche Bahn AG, die Rolle der Wirtschaft im Hinblick

auf die Umsetzung der SDGs, Digitalisierung und Innovation.

Dabei zeigten sie Antworten der Wirtschaft auf die Herausforderungen

der Nachhaltigkeitsagenda sowie Verantwortung in

globalen Lieferketten auf. Als Keynote-Speaker sprach Prof. Dr.

Helge Braun, Staatsminister im Bundeskanzleramt, über die

Neuauflage der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.

Global Compact Direktorin Lise Kingo (Mitte) und das

Team der DGCN-Geschäftsstelle.

DGCN und econsense konnten nicht nur wichtige Impulse mit

Blick auf die Beteiligung der Wirtschaft bei der Umsetzung

der SDGs setzen, sondern nutzten den Rahmen des Berliner

Forums auch, um die Ergebnisse einer Umfrage bei 380 Firmen

vorzustellen. Das Ergebnis ist, dass 52 Prozent der Befragten

sich bereits mit den SDGs beschäftigen. Die fünf wichtigsten

Themen sind Arbeitsbedingungen und Wachstum (Ziel 8),

Innovation und Infrastruktur (Ziel 9), Klimaschutz (Ziel 13),

Bildung (Ziel 4) sowie bezahlbare Energie (Ziel 7).

globalcompact Deutschland 2016

121


Agenda

Der

„SDG Compass“

in einer sich rasant

verändernden Welt

122 globalcompact Deutschland 2016


SDGs

Ob Bevölkerungswachstum, Wohlstandsverteilung, Ressourcenverbrauch

oder Klimawandel − die Welt steht vor gewaltigen globalen Herausforderungen.

Die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (UN Sustainable Development Goals

− SDGs) setzen hierzu klare Ziele auf globaler, regionaler und lokaler Ebene, um

den größten dieser Risiken entgegenzuwirken. Für Unternehmen bedeuten diese

globalen Veränderungen zunächst einen enormen Anpassungsdruck. Aber sie

können auch neue Aktionsfelder und Chancen beinhalten: In den Megatrends

stecken für Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten, sich zu positionieren und zu

einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen.

Arbeiten mit dem SDG Compass

Um Firmen die Integration der SDGs in ihre Strukturen und

die Umsetzung zielführender Maßnahmen zu erleichtern, hat

der UN Global Compact in Zusammenarbeit mit der Global

Reporting Initiative (GRI) und dem World Business Council for

Sustainable Development (WBCSD) einen Leitfaden erstellt, der

in fünf Schritten Ansätze zur Ausrichtung unternehmerischen

Handelns sowie Hilfestellungen zum Reporting bietet:

Der „SDG Compass“ hilft, die UN-Entwicklungsziele anhand

der unternehmensspezifischen Handlungsspielräume zu priorisieren

und entsprechende Maßnahmen daraus abzuleiten.

Der Leitfaden ist in fünf kurze Kapitel gegliedert, in denen er

Wissen über die SDGs liefert und Instrumente zur Umsetzung

bietet. Die fünf Kapitel sind gleichzeitig fünf aufeinander

auf bauende Aktionsschritte:

Schritt 1: Die SDGs verstehen

Die SDGs sind letztendlich nicht philanthropisch, sondern

auch im Eigeninteresse: Kein Unternehmen kann in einem

Umfeld gut funktionieren, in dem die Probleme ungelöst

bleiben. Im Umkehrschluss wird daraus der Business-Case

für die SDGs: Diejenigen Unternehmen, die zur Umsetzung

der SDGs beitragen, können sich durch Innovationen neue

Marktfelder erschließen − etwa in der Erschließung neuer

Gesundheitsversorgung. Sie erfüllen die Erwartungen, die von

verschiedenen Seiten an sie gestellt werden und minimieren

damit Risiken, denen andere Unternehmen sich aussetzen. Sie

nutzen die Potenziale erneuerbarer Energien und eines geringeren

Ressourcenverbrauchs. Letztlich tragen sie durch stabilere

Gesellschaften, mehr Marktteilnehmer und größere Märkte

sowie Marktregelungen zur wirtschaftlichen Stabilität bei.

1. SDGs verstehen,

2. Die tatsächlichen Auswirkungen des Unternehmens priorisieren

und den SDGs zuordnen,

3. Konkrete Ziele sowie KPIs bestimmen, denen jeweils auch

ein zeitlicher Rahmen zugeordnet wird und Bekenntnis zu

den SDGs,

4. Nachhaltigkeit im Kerngeschäft integrieren und dabei über

die reine Funktionalität für das Unternehmen hinaus gehen

sowie Partnerschaften mit anderen Organisationen eingehen,

5. Über den Erfolg und die Herausforderungen berichten.

Schritt 2: Prioritäten definieren

Nachdem sich die Unternehmen in Schritt 1 mit den SDGs

vertraut gemacht haben, geht es in Schritt 2 und 3 des „SDG

Compass“ darum, die jeweiligen Handlungsprioritäten der

Unternehmen zu identifizieren und diese mit Zielen zu versehen.

Dazu sollten die Unternehmen zuerst eine Analyse ihrer

positiven und negativen Auswirkungen auf die SDGs entlang

der gesamten Wertschöpfungskette vornehmen. Die größten

Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit auf die SDGs fallen

meist in der Lieferkette (Rohmaterialien oder Produktion), der

Logistik, dem Vertrieb oder der Nutzung der Produkte an. Eine

Analyse der eigenen Wertschöpfungskette stellt sicher, dass

die wichtigsten Möglichkeiten, aber auch Risiken, die sich aus

den SDGs ergeben, wahrgenommen werden.

>>

globalcompact Deutschland 2016

123


Agenda

Unternehmen wählen dazu für jeden identifizierten Bereich

mit (potenziell) großen Auswirkungen geeignete Indikatoren.

Wenn möglich sollten hierbei Inputs (aufgewendete Ressourcen),

Outputs (Resultat einer Aktivität wie Anzahl erreichter

Menschen), Outcomes (Ergebnisse wie z. B. Änderungen im

Leben der durch die Unternehmensaktivitäten erreichten

Menschen) und Impacts (langfristige Auswirkungen der Unternehmensaktivitäten)

gemessen werden. Allerdings sind

Impacts schwierig zu messen, weil sie langfristig auftreten

oder die Messbasis derzeit noch diskutiert wird. Falls die Auswirkungen

tatsächlich zu schwierig zu messen sind, können

Outputs oder Outcomes als Indikatoren nützlich sein.

Darauf auf bauend können die Unternehmen unter Einbeziehung

der Stakeholder dann ihre Handlungsprioritäten

definieren. Dabei ist es wichtig, auch marginalisierte Bevölkerungsgruppen

wie etwa Frauen oder beeinträchtigte Personen

zu berücksichtigen. Außerdem müssen die Unternehmen den

jeweiligen (länderspezifischen) Kontext beachten, in dem sie die

Geschäftstätigkeit ausüben. Einerseits könnte das Unternehmen

beispielsweise arbeitsintensive Aktivitäten in einem Land

unterhalten, in dem die Löhne niedrig sind oder Arbeitsrechte

nicht durchgesetzt werden. Andererseits können aber auch

hergestellte Produkte oder angebotene Dienstleistungen die

Lebensbedingungen von Menschen verbessern.

Um Unternehmen den Einstieg in die Umsetzung der SDGs

zu erleichtern, hat der UN Global Compact gemeinsam mit

Partnern verschiedene Tools wie die „SDG Industry Matrix“

entwickelt. Ziel der „SDG Industry Matrix“ ist es, über Maßnahmen

zum Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele zu

informieren und zu Umsetzungsideen anzuregen. Die Matrix

wurde in dem Bewusstsein erstellt, dass die Möglichkeiten für

Unternehmen, zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen,

je nach Branche variieren. Sie enthält deshalb mehrere

Publikationen mit Beispielen für die besten und effektivsten

Möglichkeiten zur Umsetzung der SDGs aus spezifischer

Branchenperspektive.

Bislang sind Praxisbeispiele aus folgenden Branchen erhältlich:

• Financial Services

• Food, Beverage & Consumer Goods

• Climate Extract

• Healthcare and Life Sciences

• Industrial Manufacturing

• Energy, Natural Resources, Chemicals (Consultation Draft)

Schritt 3: Ziele setzen

Jetzt kann sich das Unternehmen Ziele setzen, die zur Erreichung

der SDGs beitragen. Ein Bekenntnis des Unternehmens

zur Nachhaltigkeit und zu den SDGs ist glaubhafter, wenn

entsprechende spezifische, messbare und zeitlich begrenzte

Unternehmensziele vorliegen. Die ausgewählten KPIs, anhand

derer der Fortschritt oder der Erfüllungsgrad der Ziele

bestimmt wird, müssen die Outcomes und Impacts der Unternehmensaktivitäten

abbilden. Die Auswahl von Output- oder

Outcome-Indikatoren als Ersatz für Impact-KPIs kann durch

Stakeholder-Engagement verbessert oder gestärkt werden.

Die 5 Schritte des SDG Compass

als Wegweiser für die Integration

verantwortungsvoller und

nachhaltiger Geschäftstätigkeit

Schritt 4: Integration der SDGs in die

Unternehmensstrategie

Laut einer Befragung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft

PwC sind 71 Prozent der Unternehmen bereits

dabei, ihren Umgang mit den SDGs zu planen, und 34 Prozent

der Unternehmen haben bereits konkrete Pläne beschlossen

und / oder sind dabei, diese umzusetzen. 37 Prozent der Unternehmen,

die an der Befragung teilgenommen haben, arbeiten

zurzeit an einer Strategie.

5.

Reporting

4.

Integration

1. SDGs verstehen

2. Prioritäten

definieren

3. Ziele

setzen

124 globalcompact Deutschland 2016


SDGs

Schritt 5: SDGs kommunizieren

Die Qualität und Quantität der globalen Nachhaltigkeitsberichterstattung

hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Das

ist freiwilligen Initiativen wie dem Global Compact und vor

allem der Global Reporting Initiative (GRI) zu verdanken. Aber

auch verstärkte Gesetzgebung wie die EU-CSR-Berichtspflicht

tragen in großem Maße dazu bei.

Die klassische Nachhaltigkeitsberichterstattung ist nicht 1:1

auf eine SDG-Berichterstattung übertragbar. Hierfür sind

Transferschritte notwendig. So haben sich UN Global Compact

und GRI Ende September 2016 darauf verständigt, im Rahmen

der Initiative „SDG Leadership through Reporting“ (https://www.

globalreporting.org/information/news-and-press-center/Pages/GRI-and-

UN-Global-Compact-partner-to-shape-the-future-of-SDG-reporting.aspx)

klare Regeln für das SDG-Reporting aufzustellen.

Was macht einen SDG-Report aus?

Der zentrale Unterschied beim SDG-Reporting zu anderen

Nachhaltigkeitsberichtsformaten ist die deutlich erkennbare

Kontextualisierung des eigenen Engagements mit relevanten

globalen Entwicklungen und Zielen. So kann ein Unternehmen

beispielsweise beim Thema Wasser seine eigenen Aktivitäten

und die in seinen Lieferketten in den Verständnis- und Handlungskontext

der SDGs „Zugang zu Wasser“ bzw. „Sanitäre

Grundversorgung“ einbringen. Anhand dieser Ziele lassen

sich die unternehmerischen Auswirkungen dann ganz konkret

identifizieren und messen.

Was ist die beste Ausgangslage für einen SDG-Report?

Nach Ansicht des „SDG Compass“ sind besonders hilfreich für

die SDG-Berichterstattung:

1. Wesentlichkeit:

Der Materialitätsansatz ermöglicht schon in der Grundausrichtung

eine Einbindung der Themen, die im SDG-Prozess

identifiziert wurden.

2. Anschlussfähigkeit:

Die Anknüpfung an GRI erlaubt, bestehende Managementstrukturen

weiter zu nutzen, die Einbeziehung von Stakeholdern

(stakeholder inclusiveness) sowie die gemeinsame

Kommunikation der Ergebnisse.

3. Messbarkeit:

Darüber hinaus bieten verschiedene ISO-Standards die

Möglichkeit, die SDGs klar in den Geschäftsprozess zu integrieren.

Dazu zählen etwa ISO 14064 (Treibhausgase / GHG-

Protokoll), ISO 50001 (Energie Management), ISO 14001

(Umwelt-Management). Mittelständische Unternehmen, die

eine umfangreiche ISO-Implementierung scheuen, sollten

die nicht-zertifizierbare ISO-Norm 26000 in Betracht ziehen:

Sie bietet ergänzend oder sogar alternativ zu GRI gute

Möglichkeiten, die SDGs thematisch und auf Prozessebene

einzufangen.

Tipps zur Integration der SDGs in Ihrem Unternehmen

Unternehmen, die die SDGs umsetzen wollen, sollten folgende Schritte beachten:

• Entdecken Sie die Möglichkeiten, die sich für Ihr Unternehmen

aus den SDGs ergeben. Verbinden Sie diese mit Ihrer CSRoder

Nachhaltigkeitsstrategie!

• Nutzen Sie die Wesentlichkeitsanalyse Ihrer tatsächlichen

Unternehmensauswirkungen als wichtige Voraussetzung für

die Priorisierung der SDGs.

• Identifizieren Sie aufbauend auf den zehn Prinzipien des

UN Global Compact die Möglichkeiten, die sich aus den SDGs

für Ihr Unternehmen ergeben. Analysieren Sie, welche Ziele

für Ihr Unternehmen relevant sind.

• Leiten Sie daraus ein strategisches Konzept und unternehmerische

Maßnahmen ab. Mit welchen Kompetenzen und

Maßnahmen kann Ihr Unternehmen zur Lösung der globalen

Herausforderungen beitragen?

• Diese Maßnahmen haben sich bewährt: die SDGs als wichtig

kommunizieren; die SDGs explizit in die Wesentlichkeitsanalyse

einbinden; die SDGs als Leitbild verwenden für spezifische

und messbare langfristige Unternehmensziele; regelmäßige

Berichterstattung über Fortschritte zu jedem Ziel sowie über

weitere Schritte

• Schulen Sie sich und Ihr Team! Die SDGs sind weniger abstrakt,

wenn man sich z. B. die 169 Unterziele (Targets)

anschaut. Mit Schulungsangeboten und dem SDG Compass

zur Erstorientierung sowie Best Practices von großen Unternehmen

werden Sie schnell herausfinden, welche konkreten

Handlungsfelder sich für Sie ergeben.

• Seien Sie kreativ und innovativ! Die Umsetzung der SDGs

erfordert neue Wirtschaftsweisen, die für Sie ein neues und

lohnenswertes Geschäftsfeld bedeuten können.

globalcompact Deutschland 2016

125


Praxisbeispiel

Symrise: Umsetzung der SDGs

Wie Unternehmen ihre Handlungsprioritäten definieren

und darauf auf bauend Ziele zur Erreichung der SDGs setzen

können, zeigt das Engagement der Symrise AG mit Sitz in

Holzminden. Diese stellt Duft-, Geschmacks- und Wirkstoffe

für Kosmetika und Lebensmittel her. Symrise bezieht

sein Nachhaltigkeitsengagement auf das gesellschaftliche

Umfeld, in dem sich das Unternehmen bewegt. Hier gilt es

seiner ökologischen und sozialen Verantwortung so nachzukommen,

dass sich sowohl das Unternehmen selbst und

seine Kunden als auch die Mitarbeiter und die Gesellschaft

positiv und nachhaltig darin entwickeln können. Gemäß dem

eigenen Leitbild „Sharing Values“ wird dabei die gesamte

Wertschöpfungskette − vom Rohstofflieferanten bis zum

Endverbraucher − einbezogen, wie die Nachhaltigkeitsbilanz

des Unternehmens informiert.

Die Unternehmensstrategie stützt sich auf die vier Säulen der

Nachhaltigkeitsagenda von Symrise: Footprint, Innovation,

Sourcing und Care. In diesen Bereichen will das Unternehmen

die negativen Auswirkungen der Geschäftstätigkeit konsequent

minimieren und seinen gesellschaftlichen Mehrwert steigern.

Auf diese Weise will Symrise aktiv zur Erreichung der SDGs

beitragen. Ausformulierte kurz-, mittel- und langfristige Ziele

messen die Umsetzung der Ambitionen.

• Ziel „Footprint“

Minimierung des ökologischen Fußabdrucks entlang der

gesamten Wertschöpfungskette, um Ressourcen zu schonen,

die Umweltauswirkungen zu verringern und Risiken

vorzubeugen.

• Ziel „Innovation“

Maximierung des sozialen und ökologischen Mehrwerts

der Produkte. Die konsequente Beachtung von Nachhaltigkeitskriterien

in der Produktentwicklung führt nicht nur zu

ressourcenschonenden und geschäftssteigernden Effekten

innerhalb der eigenen Wertschöpfung, sondern beeinflusst

auch das Konsumentenverhalten positiv.

• Ziel „Sourcing“

Bleibenden Wert für die Mitarbeiter und Standortgemeinden

generieren. Außerdem Stärkung der Infrastruktur

und Gemeinschaft, um neue Talente zu gewinnen und die

Motivation der Mitarbeiter zu steigern.

• Ziel „Care“

Nachhaltige Entwicklung der Rohstoff-Beschaffung und

deren Lieferketten. Im Mittelpunkt stehen dabei eine stabile

Versorgung mit qualitativ hochwertigen Rohstoffen und die

größtmögliche Transparenz und Kontrolle der ökologischen

und sozialen Auswirkungen.

Um die Relevanz der einzelnen SDGs und die Einflussmöglichkeiten

von Symrise zu bestimmen, hat das Unternehmen

eine diesbezügliche Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt.

Die wesentlichen Themen

Symrise hat die unterschiedlichen Nachhaltigkeitsthemen

nach ihrem „Wert für die Gesellschaft“ und nach ihrem „Wert

für Symrise“ eingeteilt und sie nach ihrem größten Potenzial

für eine gemeinsame Wertschaffung identifiziert. Die Prioritäten

der wichtigsten Anspruchsgruppen, zu denen Kunden,

Mitarbeiter, Aktionäre, Nachbarn, Politik, Nichtregierungsorganisationen

und ihre Geschäftspartner gehören, hat Symrise

dabei im Rahmen des am AA1000 Stakeholder Engagement

Standards orientierten Stakeholder-Managements ermittelt.

126 globalcompact Deutschland 2016


Den Handlungsfeldern „Gewährleistung höchster Produktsicherheit“,

„Anlagensicherheit“, „Einhaltung der Menschenrechte“

und „Compliance“ wurde dabei ein höherer „Wert

für Symrise“ zugeschrieben; neu ergänzt wurde zudem das

Handlungsfeld „Tierwohl“.

Neben der strategischen Orientierung dient die Identifikation

wesentlicher Themen gleichzeitig zur Strukturierung der

Berichterstattung gemäß den GRI G4-Leitlinien: Zu Themen,

denen das Unternehmen einen hohen Wert sowohl für

Symrise als auch für die Gesellschaft zugeordnet hat, wird

vollständig berichtet. Über Themen, die eine hohe Relevanz

in nur einer Dimension aufweisen, berichtet Symrise mit

mindestens einem Indikator. Über die Nachhaltigkeitsleistungen

und Kennzahlen wird in der Nachhaltigkeitsbilanz

Rechenschaft abgelegt.

In der Wesentlichkeitsmatrix vereint Symrise drei Dimensionen:

So spiegelt die X-Achse den „Wert“ der jeweiligen Handlungsfelder

für Symrise wider, während die Y-Achse den „Wert für

die Gesellschaft“ aufzeigt. Die Größe der Handlungsfeldkreise

gibt das Ausmaß der Erwartungen, die dem Handlungsfeld aus

der Perspektive der Stakeholder zukommt, wider.

Um die Auswirkungen von Symrise auf die jeweiligen SDGs

zu bewerten, hat das Unternehmen die identifizierten Handlungsfelder

bezüglich der vier Säulen der Nachhaltigkeitsagenda

Footprint, Innovation, Sourcing und Care analysiert.

Eine Matrix stellt den direkten und indirekten Einfluss von

Symrise und die Höhe der Relevanz hinsichtlich der SDGs dar

und führt sie entsprechend auf.

Für die Säule „Footprint“ bedeutet dies beispielweise, dass

Symrise durch seine Fortschritte innerhalb der definierten

Handlungsfelder Ressourcenschonung und Emissionsreduzierung,

effiziente Rohstoffnutzung und Erhalt der Biodiversität

einen direkten Einfluss auf folgende SDGs hat, deren Relevanz

für Symrise als hoch einzuschätzen ist:

• SDG 7: Zugang zu bezahlbarer, verlässlicher, nachhaltiger

und zeitgemäßer Energie für alle sichern,

• SDG 8: Dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum,

produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige

Arbeit für alle fördern,

• SDG 9: Eine belastbare Infrastruktur auf bauen, inklusive

und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen

unterstützen,

• SDG 12: Für nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster

sorgen,

• SDG 13: Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des

Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen,

• SDG 15: Landökosysteme schützen, wiederherstellen und

ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften,

Wüstenbildung bekämpfen, Bodenverschlechterung

stoppen und umkehren und den Biodiversitätsverlust

stoppen.

globalcompact Deutschland 2016

127


Agenda

Stiftung

Deutsches Global Compact Netzwerk

Mit der Stiftung hat das Deutsche Global Compact Netzwerk

(DGCN) im Frühsommer 2009 ein Instrument geschaffen, über

das sich die Teilnehmer auch finanziell an den kontinuierlich

zunehmenden Aktivitäten des Netzwerks beteiligen können.

Bis dato wurde das DGCN vor allem von der deutschen

Bundesregierung aus dem Etat des Bundesministeriums für

wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert.

Mit der Stiftung soll sich dies ändern: Die überwiegende

Mehrheit der beteiligten Unternehmen hat zugestimmt, die

gemeinsamen Aufgaben künftig zu möglichst gleichen Teilen

aus privaten und öffentlichen Geldern zu finanzieren − und

so dem Anspruch einer unternehmensgetriebenen Multi-

Stakeholder-Initiative voll gerecht zu werden.

Die Stiftung fördert die Tätigkeiten des

UN Global Compact und des DGCN.

Sie verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige

Zwecke. Die Stiftung ist weder rechtlich noch organisatorisch

mit der in den USA registrierten Global Compact Foundation

verbunden, welche das New Yorker Büro und weltweite Aktivitäten

des UN Global Compact unterstützt. Finanzierungsentscheidungen

der DGCN-Stiftung werden vom Lenkungskreis

des DGCN getroffen, der auch die drei Beiratsmitglieder stellt.

Rechtliche Trägerin der Stiftung ist die Macenata Management

GmbH. Die Stiftung ist damit unabhängig vom Focal Point

des DGCN.

Deutsche Unternehmen können entscheiden, wie sie am

besten den Global Compact unterstützen möchten.

Sie können an die nach deutschem Recht gemeinnützige und

daher steuerlich begünstigte DGCN-Stiftung spenden, die

hauptsächlich die Arbeit in Deutschland fördert. Eine andere

Möglichkeit ist die Unterstützung der US-amerikanischen Global

Compact Foundation, welche in Deutschland steuerlich nicht

begünstigt ist. Die Stiftung empfiehlt, beides zu kombinieren:

Sie spenden einen Betrag in die deutsche DGCN-Stiftung

und veranlassen die Stiftungsverwaltung, einen von Ihnen

bestimmten Teilbetrag als zweckgebundene Spende an die

Global Compact Foundation weiterzuleiten. Auf diese Weise

bedeutet Ihre Unterstützung einen minimalen administrativen

Aufwand für Ihr Unternehmen.

Kontoinhaber:

Stiftung Deutsches Global Compact Netzwerk

Kto. Nr. 138412000

BLZ: 700 303 00 (Bankhaus Reuschel)

IBAN: DE75700303000138412000

S.W.I.F.T-BIC: REUCDEMMXXX

An der Ausrichtung und Arbeitsteilung der Arbeit im Deutschen

Global Compact Netzwerk ändert sich dadurch nichts: Alle

inhaltlichen Entscheidungen verbleiben im Lenkungskreis

mit Vertretern von Unternehmen, der Zivilgesellschaft und

den Bundesministerien. Der Lenkungskreis arbeitet nach dem

Konsensverfahren. Dies gilt auch für die Verabschiedung des

Budgets. Darüber hinaus werden wichtige Entscheidungen

im Verlauf der DGCN-Arbeitstreffen vorbereitet und diskutiert.

Die operative Realisierung der Aktivitäten des DGCN,

z. B. Veranstaltungen und Publikationen, verantwortet wie

bisher der „Focal Point“ als Sekretariat des DGCN, der von der

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gestellt

wird. Aktuelle Informationen zur Stiftung und ihrem Budget

finden Sie im internen Bereich der DGCN-Webseite.

128 globalcompact Deutschland 2016


Impressum

Verlag:

macondo publishing GmbH

Dahlweg 87

48153 Münster

Tel.: +49 (0) 251 – 200782-0

Fax: +49 (0) 251 – 200782-22

Mail: info@macondo.de

URL: www.macondo.de

USt-Id-Nr.: DE 292 662 536

Chefredakteur:

Dr. Elmer Lenzen

Redaktion:

Sonja Scheferling, Milena Knoop

Bildredaktion:

Marion Lenzen

Gestaltung:

Magnus A. Sundermann

Lektorat:

Marion Lenzen, Milena Knoop

Klimaneutralität:

Das vorliegende Druckerzeugnis ist

durch anerkannte Klimaschutzprojekte

klimaneutral gestellt worden.

(Nature Office Gold Standard Portfolio -

GS, VER)

klimaneutral

natureOffice.com | DE-223-320876

gedruckt

Papier:

Plano® Art, FSC zertifiziert

Grußworte:

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon,

Rede beim UN Global Compact Board

Meeting, 22. Juni 2016

Bundesaußenminister

Dr. Frank-Walter Steinmeier

Autoren dieser Ausgabe

(in alphabetischer Reihenfolge):

Peter Attin, Hannah van Basshuysen,

Kai M. Beckmann, Ina Bömelburg,

Dr. Melanie Coni-Zimmer, Laura Curtze,

Irina Detlefsen, Susanne Dunschen,

Isabel Ebert, Marcel Engel, Monika

Focks, Robert Grabosch, Dr. Rüdiger

Grube, Stephan Grünewald, Sabrina

Haag, Courtney Lee Hagewood,

Dr. Christine Hawighorst, Dr. Wolfram

globalcompact Deutschland 2016

Heger, Gregor Hilkert, Dr. Hannes

Hofmann, Dr. Joachim Klein, Bettina

Klump-Bickert, Dr. Elmer Lenzen,

Jasmin Lotze, Dr. Detlef Männig,

Katharina Mauz, Tobias Menne, David

Möller, Dr. Pedro Morazán, Stephan

Multhaupt, Anna Muntzos, Dr. Eberhard

Niggemann, Ronald Popper, Laura Rech,

Dr. Christoph Regierer, Britta Sadoun,

Bernhard Schwager, Katharina Tesmer,

Marlehn Thieme, Dr. Annegret Vester,

Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker,

Doris Wöllner, Dr. Sonja Würtemberger

Namentlich gekennzeichnete

Beiträge geben nicht die Meinung des

Herausgebers wieder.

Bildnachweis:

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8), UN Photo/JC McIlwaine (S. 6 Mitte,

38 - 40), UN Photo/Cia Pak (S. 6 unten,

114/115), Rheingold Institut/Jurga Graf

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(S. 14), UN Photo/Jawad Jalali (S. 16),

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Eskinder Debebe (S. 18), Christian Martinez/fresnel6/Fotolia.com

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(S. 20), UN Photo/Martine

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Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE)

(S. 26/27), Martin Joppen/Rat für Nachhaltige

Entwicklung (RNE) (S. 27 unten),

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(S. 52 rechts), UN Photo/Tobin Jones

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(S. 59), Audi (S. 61), Aurubis (S. 63),

BASF (S. 65), Bayer/Michael Rennertz

(S. 67), Bosch/Thomas Bauer (S. 68),

Bosch (S. 69), CEWE (S. 70/71), CHT/

BEZEMA (S. 72), CiS/Gerhard Ledwinka/

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Deutsche Bahn/Pablo Castagnola (S. 81),

Deutsche Telekom/Iris Schröder (S. 82/

83), E.ON (S. 84/85), Evonik (S. 87), EY/

Clemens Bilan (S. 88/89), Freudenberg/

Marco Schilling (S. 90), Freudenberg/

Peter Dorn (S. 91), gmc2/nopparit/

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HVB/Stefan Obermeier (S. 96), HVB/

Jürgen Sauer (S. 97), K+S (S. 98), K+S/

Harry Soremski (S. 99), MAN/Max Kratzer

(S. 100), MAN/Silvio Wyszengrad

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(S. 121) sowie Symrise (S. 126/127).

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schriftlicher Zustimmung des Verlags.

Für unverlangt eingeschickte

Manuskripte, Fotos und Illustrationen

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ISSN 1614-7685

ISBN-13: 978-3-946284-02-4

Printed in Germany © 2016

Anschrift DGCN:

Geschäftsstelle Deutsches Global

Compact Netzwerk (DGCN)

Deutsche Gesellschaft für

Internationale Zusammenarbeit

(GIZ) GmbH

Reichpietschufer 20

10785 Berlin

Tel.: +49 (0) 30 72614-204

Fax.: +49 (0) 30 72614-130

Mail: globalcompact@giz.de

URL: www.globalcompact.de

129


Die 10 Prinzipien

des United Nations

Global Compact

Im Mittelpunkt der Global Compact-Initiative stehen zehn Prinzipien zu Menschenrechten,

Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung. Der Global Compact ruft weltweit

Unternehmen dazu auf, sich zu diesen Prinzipien öffentlich zu bekennen und aktiv für ihre

Umsetzung einzusetzen.

Menschenrechte

Prinzip 1: Unterstützung

und Respektierung

der internationalen

Menschenrechte im eigenen

Einflussbereich

Prinzip 2: Sicherstellung,

dass sich das eigene

Unternehmen nicht an

Menschenrechtsverletzungen

beteiligt

UmweLT

Prinzip 7: Unterstützung eines

vorsorgenden Ansatzes im

Umgang mit Umweltproblemen

Prinzip 8: Ergreifung von

Schritten zur Förderung einer

größeren Verantwortung

gegenüber der Umwelt

Prinzip 9: Hinwirkung

auf die Entwicklung und

Verbreitung umweltfreundlicher

Technologien

Arbeitsnormen

Prinzip 3: Wahrung der

Vereinigungsfreiheit und

wirksame Anerkennung

des Rechts zu

Kollektivverhandlungen

Prinzip 4: Abschaffung jeder

Art von Zwangsarbeit

KORRUPTIONsbekämpfung

Prinzip 10: Unternehmen sollen

gegen alle Arten der Korruption

eintreten, einschließlich

Erpressung und Bestechung

Prinzip 5: Abschaffung der

Kinderarbeit

Prinzip 6: Beseitigung von

Diskriminierung bei Anstellung

und Beschäftigung

130 globalcompact Deutschland 2016


www.kod-druck.de

Dr. Horst Köhler,

Deutscher Bundespräsident

German Federal President

Dr. Angela Merkel,

Deutsche Bundeskanzlerin

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Titel_2005_RZ 06.01.2006 15:02 Uhr Seite 2

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