s'Positive Magazin 05.2017

onexmagazin

AUSGABE 5 MAI 2017

Für mehr

Fairness

Sara Stalder

Die Geschäftsführerin der

Stiftung für Konsumentenschutz

spricht im Interview

über ihre Arbeit, Bschiss

und angemessene Preise.

ALGORITHMEN

Sie sind allgegenwärtig

und beeinflussen

unser tägliches Leben.

REISEZIEL FARÖER

Die Inseln im hohen

Norden bieten mehr

als nur Fussball.

MEDIZINGESCHICHTE

Wie Kranke in

früheren Zeiten

geheilt worden sind.


ZU VERMIETEN

Bannwil, Neufeldweg 2

Lager-, Produktions- und Büroräume

Rund 848 m 2 Lager- und Produktionsräume

im 1. OG sowie 282 m 2 Büroräume mit vielseitigen

Nutzungsmöglichkeiten (Atelier,

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Lage. Grosser Warenlift und Anpassrampe

vorhanden. Der Autobahnanschluss Niederbipp

ist nur 3 km entfernt.

Infos und Besichtigung: 079 431 56 42

Egerkingen, Widenfeldstrasse 12

5.5-Zimmer-Maisonettewohnung, 153 m 2

• Wohnzimmer, Küche und Nasszellen mit

Plattenboden

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Mietzins: CHF 1950.00 plus Akonto 200.00

Infos und Besichtigung:

MB Immobilien AG, Langenthal

Telefon 062 919 01 08

Langenthal, Brunnhofstrasse 11

Gewerberäume

Dieses Objekt liegt an zentraler Lage (Lotzwilstrasse,

an der Stadtausfahrt Langenthal

Richtung Lotzwil). In naher Umgebung befinden

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sowie ein Schwimmbad. Mit dem Bus

ist der Bahnhof Langenthal innert wenigen

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Im EG und 1. OG Büro- oder Praxisräume ab

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dazu gemietet werden.

Infos und Besichtigung:

MB Immobilien AG, Langenthal

Telefon 062 919 01 08

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Mietzins: CHF 1740.00 plus Akonto 190.00

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• grosses Kellerabteil

• Einbauschrank / Reduit

• EHP à CHF 130.00

Mietzins: CHF 1450.00 plus Akonto 170.00

Infos und Besichtigung:

MB Immobilien AG, Langenthal

Telefon 062 919 01 08

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3.5-Zimmer-Maisonettewohnung, 91 m 2

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Mietzins: CHF 1700.00 plus Akonto 180.00

Infos und Besichtigung:

MB Immobilien AG, Langenthal

Telefon 062 919 01 08

Wiler b. Utzenstorf, Überbauung

Hofacher, 4.5-Zimmer-Duplexwohnungen

(110 m 2 ) – ERSTVERMIETUNG

• Wohnzimmer, Küche und Nasszellen mit

Plattenboden

• Schlafzimmer mit Parkett

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• eigene Waschmaschine/Tumbler im UG

• grosses Kellerabteil

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Mietzins: CHF 1750.00 plus Akonto 230.00

Wiler b. Utzenstorf, Überbauung

Hofacher, 2.5-Zimmer-Parterrewohnungen

(69 m 2 ) – ERSTVERMIETUNG

• Wohnzimmer, Küche und Nasszellen mit

Plattenboden

• Schlafzimmer mit Parkett

• Dusche/WC

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• eigene Waschmaschine/Tumbler im UG

• grosses Kellerabteil

• Einbauschränke/Reduits

• Carport à CHF 90.00

Mietzins: CHF 1350.00 plus Akonto 180.00

Infos und Besichtigung:

MB Immobilien AG, Langenthal

Telefon 062 919 01 08

Rohrbach, Werkstatt

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Raumhöhe.

Infos und Besichtigung: 079 431 56 42

Rohrbach, offene Lagerhalle

Ab 500 m 2 offene, überdachte Lagerhalle.

Infos und Besichtigung: 079 431 56 42

MB Immobilien AG

Bahnhofstrasse 1 I 4914 Roggwil

www.mb-immo.ch

Tel. 062 919 01 08 I Fax 062 919 01 09


EDITORIAL / INHALT

Liebe Leserin,

lieber Leser

4

Zuweilen ärgere ich mich über den

Einkaufstourismus in die Nachbarländer.

Nicht weil überteuerte Importprodukte im

Ausland billig eingekauft werden, sondern

wegen der fehlenden Solidarität zu

Schweizer Firmen und zu unserer Landwirtschaft,

deren Produkte wegen höheren

Lohnkosten und behördlichen Auflagen

mehr kosten als vergleichbare Produkte

aus dem Ausland. Internationale

Konzerne erheben einen «Schweiz-

Zuschlag», ohne einen Mehrwert zu bieten.

Das ist ein Unding, und ich frage

mich, wie unsere Politiker so etwas durchgehen

lassen können. Wie kann es sein,

dass diesen unrühmlichen Machenschaften

nicht der Garaus gemacht wird? Das

grosse Interview mit Sara Stalder macht

Hoffnung. Die Geschäftsführerin der Stiftung

für Konsumentenschutz SKS erzählt

unter anderem, weshalb Einkaufstouristen

keine Landesverräter sind und was die

SKS gegen die Abzockerei tun will.

In seinem historischen Bericht gibt uns

Klaus Zaugg einen Einblick in eine Zeit, als

die Medizin noch vorwiegend Glaubenssache,

aber dafür noch bezahlbar war.

Er zeigt auf, welche Rezepte von damals

heute noch brauchbar sind, und welche

ins Reich des Abstrusen gehören.

Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft

spielt am 9. Juni im Rahmen der

Qualifikation für die WM 2018 gegen die

Auswahl der Färöer-Inseln. Statt einer

ausführlichen Vorschau stellen wir Ihnen

die Inselgruppe vor.

Viel Spass beim Lesen

Ihr Bruno Wüthrich

IMPRESSUM

Herausgeber: one X Services

Redaktion: Bruno Wüthrich,

Klaus Zaugg

Layout: tnt-graphics AG,

8305 Dietlikon,

www.tnt-graphics.ch

Auflage: 69 000 Exemplare

Druck: LZ Print,

Luzerner Zeitung AG

Versand: Die Post

Inserate-Annahme und Redaktion:

inserate@spositive.ch

4 INTERVIEW

Seit bald 20 Jahren leitet

Sara Stalder die Stiftung für

Konsumentenschutz und

setzt sich für die Anliegen

von Konsumentinnen und

Konsumenten ein.

12 ALGORITHMEN

Die Handlungsanweisungen

für Software treffen wir im

Alltag in allen Bereichen an:

Von der Verkehrssteuerung

über die Werbung bis zu jeder

Google-Anfrage.

18 WISSENSWERTES

Warum die Füsse des

Blaufusstölpels so knallblau

sind und wie man sich

richtig entschuldigt.

20 MEDIZIN

Von Aderlass bis Wunderheiler:

Mit welchen erstaunlichen

und fortschrittlichen

Methoden Kranke im

Oberaargau in früheren

Zeiten geheilt worden sind.

28 FUSSBALL-INSELN?

Die Faröer sind eine Reise

Wert. Nicht wegen Fussball,

sondern wegen der freundlichen

Menschen und der

prächtigen Natur.

34 DIE SEITE DER LESER

Leserbriefe, Impressum.

12

28

20

18

s’Positive 5 / 2017 3


SARA STALDER

Im Dienst der

Konsumenten

Zu hohe Preise, schlechte Qualität oder

ein Bschiss: Dies ist häufig ein Fall für die

Stiftung für Konsumentenschutz SKS.

Geschäftsführerin Sara Stalder erzählt

im Interview, worum es dabei geht.

TEXT: BRUNO WÜTHRICH, FOTOS: PIUS KOLLER

Wenn von der Wirtschaft die

Rede ist, sprechen wir von

Firmen, Konzernen, Verbänden,

Konjunktur, Bruttosozialprodukt,

Umsätzen

und Gewinnen. Dabei wird ein Faktor

oft übersehen, der im Endeffekt dafür zuständig

ist, dass der Wirtschaftsmotor läuft:

Die Verbraucher oder Konsumenten. Sie sind

jedoch gleichzeitig das schwächste Glied in

der Kette und brauchen deshalb Schutz. Seit

2008 leitet die in Dürrenroth aufgewachsene

und in Sumiswald lebende Sara Stalder die

Stiftung für Konsumentenschutz SKS.

s’Positive: Seit 2008 leiten Sie nun die

Stiftung für Konsumentenschutz (SKS).

Was wussten Sie über die SKS, bevor Sie

sich auf diese Stelle bewarben?

Sara Stalder: Das ist eine gute Frage, die mir

so noch nie gestellt wurde. Damals wusste

ich, dass die heutige Bundesrätin Simonetta

Sommaruga in der Stiftung tätig ist, dass die

Stiftung sich zu diversen Belangen der Konsumenten

pointiert äussert und deshalb viele

Themen zu bearbeiten hat.

Also ungefähr das, was ein normaler Bürger

und Konsument auch weiss.

Ja, so ungefähr. Und ich glaubte damals

fälschlicherweise, die SKS würde hauptsächlich

vom Bund finanziert.

Wie kamen Sie als ausgebildete Pädagogin

dazu, sich für diese Stelle zu interessieren?

Ich war in meinem vorherigen Erwerbsleben

vor allem im Schulbereich tätig, einerseits

als Lehrperson, andererseits als Schulleiterin,

und wollte deshalb auch noch etwas

anderes kennenlernen. Ich wollte mich in

einem ausserschulischen Gebiet beweisen

und bewarb mich zu dieser Zeit auf spannende

Stellen. An der SKS interessierte mich die

Themenvielfalt und dass ich mich für das

schwächste Glied in der Wirtschaftskette,

also die Konsumenten, einsetzen kann.

Was trafen Sie an, als Sie die Stelle antraten?

Die viel grössere Themenpalette, als ich dies

je hätte ahnen können. Angefangen mit der

Ferkelkastration bis hin zur Marktöffnung

beim Strom und zu unlauterem Wettbewerb

ist alles dabei. Ich musste mich unverzüglich

in die vielen Themen einarbeiten und be-

Sara Stalder hat sich

in der SKS in viele

verschiedene Themen

eingearbeitet.

4 s’Positive 5 / 2017


s’Positive 5 / 2017 5


SARA STALDER

«Wir sammeln Fakten, wenn wir von einem

Missstand hören. Wenn tatsächlich etwas

nicht in Ordnung ist, nehmen wir mit dem

Anbieter Kontakt auf. Oft müssen wir mit

der Öffentlichkeit oder mit einer Klage

drohen, bevor sie mit uns sprechen.»

nötigte dazu auch die Hilfe von externen

Experten. Die allergrösste Hilfe war jedoch

von Beginn weg mein topmotiviertes Team.

Sie sind jetzt seit neun Jahren dabei. Die

Aufgabe scheint nicht langweilig zu sein.

Nein, langweilig wurde es bisher tatsächlich

nie. Dafür ist die Themenvielfalt viel zu gross

und die einzelnen Themen und die diversen

Prozesse, beispielsweise bei der Gesetzgebung,

viel zu interessant und unvorhersehbar.

Wir müssen daher immer wieder unsere

Arbeitsweise und Themenplanung an der

Aktualität anpassen.

Sie brachten vorhin die Energiepolitik als

Beispiel, die ja längst nicht nur den Konsumentenschutz

beschäftigt. Besteht

nicht die Gefahr, dass die SKS bei diesen

Themen nicht nur Politik für die Konsumenten

macht?

Wir fokussieren uns auf die Belange der Konsumenten.

Doch es gibt kaum einen Bereich,

der uns als Konsumenten nicht betrifft. Deshalb

müssen wir uns thematisch immer wieder

einschränken: Wir äussern uns nur dort,

wo es aus Konsumentensicht relevant ist. Wir

grenzen uns zudem dort ab, wo sich Organisationen

mit grösserem Fachwissen darum

kümmern – so etwa bei Fragen des Mietrechts

oder bei Patientenfragen. Aber wir

nehmen dort den Faden auf, wo sich niemand

darum kümmert, wie zum Beispiel bei

Versicherungsthemen, dem Anlegerschutz

oder den Energiepreisen.

Bleiben wir doch gleich bei der Energiepolitik.

Die Energiewende wird ja eher

von links gepusht. Auch die SKS ist eine

Organisation, deren Themen eher von

Politikern aus dem linken Spektrum aufgenommen

werden. Wie sieht es mit den

zu erwartenden steigenden Kosten aus?

Diese wären ja nicht im Sinne der Konsumenten.

Müssen Sie da nicht sozusagen

«contre coeur» agieren?

Ob diese Kosten tatsächlich dermassen steigen

werden, ist höchst zweifelhaft. Denn

selbst Wirtschaftskreise attestieren, dass die

Preise von erneuerbarer Energie fallen werden,

im Gegensatz zu der Energie aus grossen

Kraftwerken. Gerade die Atomkraftwerke

arbeiten seit Jahren defizitär, und die Kosten

der Stilllegungen werden uns zusätzlich belasten,

wie in Kürze in Mühleberg. Wir sind

überzeugt, dass die dezentral produzierten,

erneuerbaren Energien in ein paar Jahren

am günstigsten sein werden. Zudem ist es

sinnvoll, hier auch beim Preis eine nachhaltige

Sichtweise zu haben. Denn es gibt nicht

nur die wirtschaftliche, sondern auch noch

eine ökologische und eine soziale Komponente,

die wir berücksichtigen. Dies handhaben

wir übrigens bei den allermeisten

Konsumbereichen so, beispielsweise bei den

Lebensmitteln. Auch hier geht es nicht nur

um den Preis, sondern auch um die Qualität

und die Art der Produktion.

Der Konsumentenschutz bezieht sich also

nicht nur auf den Preis?

In unserem Fokus stehen sowohl die Wirtschaftlichkeit

als auch die Umwelt und soziale

Komponenten.

Wenn es um Konsumentenschutz geht,

kommt uns nicht immer zuerst die SKS in

den Sinn. Da gibt es auch noch den Preisüberwacher

und den Kassensturz. Wie ist

da die Zusammenarbeit?

Diese Vielfalt in der Schweiz erschwert es

zu verstehen, wer wofür zuständig ist. Es

gibt zusätzlich das Büro für Konsumentenfragen.

Dies ist eine relativ unbekannte Verwaltungsstelle,

die aber der Grund sein

könnte, weshalb so viele Leute meinen, die

SKS sei eine Bundesstelle. Wir sind aber nur

zu einem kleinen Teil vom Bund finanziert,

nämlich zu 15 Prozent, und haben dafür

konkrete Vorgaben zu erfüllen. Eine grosse

Rolle spielen die Konsumentenmedien, mit

denen wir insgesamt eine gute Zusammenarbeit

pflegen. Es liegt in der Natur der Sache,

dass sie vor allem an Geschichten interessiert

sind, die möglichst viele Leser interessieren.

Unsere Aufgabe hingegen ist es,

auch über lange Zeit hartnäckig an einem

Thema zu arbeiten, vielfach auch im Hintergrund.

Hinzu kommt, dass es in unserem

Sara Stalder:

«Die Schweiz hinkt

der EU in Sachen

Konsumentenschutz

hinterher.»

Land insgesamt vier Konsumentenorganisationen

gibt, davon je eine im Welschland

und im Tessin. Seit Jahren koordinieren wir

Jahresthemen, was mit drei der vier Organisationen

gelingt.

Wie gehen Sie an ein neues Thema heran?

Zuerst sammeln wir die Fakten, wenn wir

aus den Beratungsanfragen oder über Medien

von einem Missstand hören. Wenn wir

merken, dass tatsächlich etwas nicht in Ordnung

ist, nehmen wir vielfach mit dem Anbieter

Kontakt auf. Nicht immer ist es nötig,

via Öffentlichkeit Druck zu machen. Es gibt

vereinzelt Anbieter, die sofort bereit sind,

Abhilfe zu schaffen.

Aber wenn nötig, arbeiten Sie mit öffentlichem

Druck?

6 s’Positive 5 / 2017


ZUR PERSON

Sara Stalder

Sara Stalder (50) wuchs in Dürrenroth

auf und war von 1987 bis 2001 als

Klassenlehrerin der Primarstufe im

Kanton Bern tätig, davon mehrere

Jahre in der Kurzenei, einem Weiler

in Wasen. Dort unterrichtete sie im

selben Klassenzimmer erst 16, dann

7 Schülerinnen und Schüler auf sechs

Schulstufen. Von 2001 bis 2008 arbeitete

sie als Schulleiterin für Kindergarten

und Primarschule. Seit April 2008

ist Sara Stalder Geschäftsleiterin der

Stiftung für Konsumentenschutz SKS.

Des Weiteren ist sie seit Juni 2010 im

Vorstand der Allianz der Konsumentenschutz-Organisationen

für die operative

Führung der Dachorganisation

zuständig. Sara Stalder lebt in Sumiswald,

ist verheiratet und hat 3 Kinder.

Ja. Oft verstecken sich Anbieter hinter einem

Artikel im Gesetz. Dann zeigen wir ihm auf,

dass es auch noch andere Gesetzesartikel

und Umstände gibt, die es in diesem Fall zu

beachten gibt. Gibt es keine Einigung, beziehen

wir die Öffentlichkeit mit ein.

Sind die fehlbaren Firmen oder Verbände

gerne bereit, mit Ihnen zu sprechen, oder

müssen Sie viel Druck aufsetzen?

Dies ist unterschiedlich und hängt auch vom

Projekt ab. In der Regel herrscht vorerst einmal

grosse Zurückhaltung. Man teilt uns mit,

man habe alles abgeklärt und es habe alles

seine Ordnung. Natürlich suchen die Firmen

für sich den grösstmöglichen Nutzen und

bewegen sich in Grauzonen. Oft müssen wir

deshalb mit der Öffentlichkeit oder mit einer

Klage drohen, bevor sie mit uns sprechen.

Die Stiftung für Konsumentenschutz besteht

seit 1964, also seit 53 Jahren. Was

hätten wir für eine Konsumentenschweiz,

wenn es die Organisation nicht gäbe?

Dann wäre eine andere Organisation in die

Bresche gesprungen. Davon bin ich überzeugt.

Denn es ging damals nicht anders,

europaweit wurden Konsumentenverbände

gegründet. Zu dieser Zeit begann die amerikanische

Mentalität bei uns Einzug zu halten.

Supermärkte lösten die Tante-Emma-

Läden ab. Damit wurden natürlich Tür und

Tor geöffnet, den Leuten Waren anzudrehen,

die mehr versprachen als sie hielten, oder

wo nicht überall drin war, was drauf stand.

Es mussten also Regeln her, und die galt es

zu überwachen. Dies ist ja bis heute so geblieben.

Wo etwas Neues aufkommt, müssen

wir hinschauen.

Werden Sie eigentlich von der Politik gut

unterstützt?

Wir führen mit Politikern jeder Couleur immer

wieder gute und konstruktive Gespräche.

Doch wenn es um die Abstimmung im

Parlament geht, sieht es etwas anders aus.

Gerade Politiker liberaler Parteien sind oft

an das gebunden, was ihnen die Partei- oder

Fraktionsspitze vorgibt, und dies ist dann

mehrheitlich gar nicht in unserem Sinn.

Dabei werden die Volksvertreter ja vom

Volk gewählt.

Ja, das stimmt. Aber gleich nach der Wahl

werden sie von den Wirtschaftsverbänden

und Interessensorganisationen absorbiert

und in Beschlag genommen. Ihnen werden

lukrative Verwaltungsratsmandate oder Beiratssitze

angeboten – dann ist es natürlich

vorbei mit der freien Meinung.

Kurz nach Ihrem Stellenantritt sagten Sie

in einem Interview, dass die Schweiz in

Sachen Konsumentenschutz weit hinter

der EU herhinke. Hat sich dies inzwischen

geändert?

Jede zweite Woche bin ich etwas deprimiert

und neidisch, da ich aus Deutschland regelmässig

einen Newsletter des dortigen Verbraucherschutzes

erhalte. Darin erfahre ich,

was in Europa in Sachen Konsumentenschutz

umgesetzt wird oder in Planung ist. In der EU

hat man begriffen, dass die grösste Stütze der

Volkswirtschaft der kleine Konsument ist, und

dass der umso mehr kauft, umso grösser sein

Vertrauen in die Anbieter ist. In der Schweiz

hinken wir da völlig hinterher. Wir öffnen

Märkte um Märkte, und der Konsument

s’Positive 5 / 2017 7


SARA STALDER

bleibt dabei auf der Strecke, denn seine Rechte

werden nicht in gleichem Mass verstärkt.

Um Ihre Frage zu beantworten: Es hat sich

insofern verändert, als dass der Abstand leider

noch grösser geworden ist.

Müssen wir in der Schweiz nicht automatisch

die EU-Standards übernehmen?

Doch, das müssen wir vielfach, damit keine

Handelshemmnisse entstehen. Aber beim

Konsumentenschutz tun die Politiker dies

immer auf dem kleinstmöglichen Level. Dies

ist ein Armutszeugnis für die Schweiz, denn

die Wichtigsten, aber gleichzeitig die

Schwächsten in der Wertschöpfungskette

werden systematisch vernachlässigt. Der

ehemals Vorzeige-Rechtsstaat Schweiz hat

seine Rolle längst verspielt, wie uns Rechtsprofessoren

immer wieder bestätigen.

Können Sie uns ein paar Beispiele nennen

von Standards, die in der EU gelten, und

die Sie sich in der Schweiz ebenfalls wünschen?

Zum Beispiel das Widerrufsrecht im Online-

Handel. Die EU kennt dies seit 15 Jahren.

Die Konsumenten in der Schweiz gehen

ebenfalls davon aus, dass ihnen dieses Recht

zusteht. Aber dies stimmt so nicht. Vor anderthalb

Jahren scheiterte diese Vorlage im

Parlament aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen

kann. Wünschenswert wäre auch

das Kleinanlegergesetz, das in der EU gilt.

In der Schweiz ist man jetzt daran, sich dies

ebenfalls zu überlegen – leider in deutlich

abgeschwächter Form. Auch bei den Versicherungsdienstleistungen

existieren in der

EU Vorschriften, die bei uns ebenfalls wünschenswert

wären. Und schliesslich wäre da

noch die Aufhebung der Roaming-Gebühren,

welche Mitte Juni in den europäischen Ländern

Wirklichkeit wird.

Aber eigentlich wäre es doch einfach: Ist

ein Produkt nicht gut genug, zu teuer oder

hält nicht, was sich die KonsumentInnen

davon versprechen, verschwindet es doch

von selbst vom Markt, weil es nicht mehr

gekauft wird.

Dies ist eben die reine Theorie. Würde Wirtschaft

in einem Vakuum stattfinden, könnte

dies so funktionieren. Wie ich schon erwähnte,

bewegen sich Firmen immer wieder in

Grauzonen. Selbst seriöse! Zum Beispiel die

Swisscom, die jetzt die persönlichen Kundendaten

weitergeben und damit eine neue

Einnahmequelle schaffen will. Zwar erhalten

die Kunden ein beschönigendes Schreiben

und es gäbe sogar eine Möglichkeit für jeden

Einzelnen, dies zu unterbinden. Aber der

Weg dahin wird äusserst kompliziert und

langwierig gestaltet: Das ist deshalb überhaupt

nicht konsumentenfreundlich!

Beschäftigen dürfte Sie auch die Hochpreisinsel

Schweiz.

«Wären bereits alle

Importprodukte in

der Schweiz zu fairen

Preisen zu haben,

würde sich die Fahrt

über die Grenze deutlich

weniger lohnen»

Das stimmt. Deswegen haben wir unsere

Volksinitiative «Stop der Hochpreisinsel –

Für faire Preise» eingereicht. Diese richtet

sich gegen überteuerte Importprodukte, also

gegen Produkte, die im Ausland billig hergestellt

und dort auch zu niedrigen Preisen

verkauft werden. In der Schweiz kosten diese

aber wesentlich mehr, weil die Preise für

den Verkauf in unserem Land künstlich massiv

heraufgesetzt werden, also grundlos ein

«Zuschlag Schweiz» draufgeschlagen wird.

Bei Preisvergleichen stellen wir immer wieder

fest, dass Schweizer für das genau gleiche

Produkt zwischen 30 und 200 Prozent

mehr bezahlen als Konsumenten im Ausland.

Sie erhalten für den deutlich höheren Preis

jedoch keinerlei Mehrwert.

Treffen Sie mit dieser Initiative, wenn sie

denn angenommen wird, nicht auch die

einheimische Landwirtschaft? Die Schweizer

Konsumenten, die im benachbarten

Ausland einkaufen, tun dies ja nicht nur

wegen der Importprodukte, sondern weil

sie auch die Lebensmittel ennet der Grenze

deutlich günstiger erhalten.

Unsere Initiative richtet sich nicht gegen

Produkte, die im Inland hergestellt werden,

also auch nicht gegen die Produkte, die unsere

Landwirte produzieren, und auch nicht

gegen die Preise, die sie dafür haben müssen.

Dieser Punkt ist sehr wichtig!

Die Preise für landwirtschaftliche Produkte

sind aber in der Schweiz ebenfalls höher

als im benachbarten Ausland.

Ja, aber die Schweiz auferlegt ihren Bauern

deutlich höhere Auflagen als dies im Ausland

der Fall ist. Dies verursacht auch höhere Kosten.

Ausserdem leidet unsere Landwirtschaft

Sara Stalder geht

gegen überteuerte

Importprodukte vor.

8 s’Positive 5 / 2017


ebenfalls unter künstlich erhöhten Preisen.

Dünge- und Futtermittel, Maschinen und

Saatgut stammen aus dem Ausland, und die

Preise dafür werden für Schweizer Landwirte

ebenfalls künstlich heraufgesetzt. Unter

dem gleichen Umstand leidet übrigens auch

unser Gewerbe, die Gastronomie und die

Hotellerie. Die Preise für Rohstoffe, Maschinenteile

und Hilfsmittel werden auch hier

für die Schweiz künstlich erhöht. Das erzeugt

einen Wettbewerbsnachteil, der nicht

aufzuholen ist, verglichen mit der Konkurrenz

in den angrenzenden Ländern.

Welche Rolle spielen die in der Schweiz

ebenfalls höheren Löhne?

Bei in der Schweiz hergestellten Produkten

spielen die Löhne eine grosse Rolle. Doch bei

allen anderen Produkten spielen die Löhne

insofern keine Rolle, als dass diese nicht davon

abhängig sind, wo das Produkt verkauft

wird. Der Arbeiter in einem Billiglohnland

verdient nicht mehr, nur weil das Produkt,

das er gerade fertigt, später in der Schweiz,

und nicht in Deutschland verkauft wird.

Was versprechen Sie sich von der Initiative?

Da die in der Schweiz produzierten

Güter davon nicht betroffen sind, würden

landwirtschaftliche Produkte aus der EU

trotzdem deutlich billiger bleiben, und

viele Menschen in den Grenzgebieten

würden trotzdem über die Grenze fahren,

um einzukaufen.

Wir sind überzeugt, dass deutlich weniger

Personen ins Ausland reisen würden, um

einzukaufen. Denn wären bereits alle Importprodukte

in der Schweiz zu fairen Preisen

zu haben, würde sich die Fahrt über die

Grenze deutlich weniger lohnen. Es sind ja

«Bei Preisvergleichen stellen wir immer

wieder fest, dass Schweizer für das

genau gleiche Produkt zwischen 30 und

200 Prozent mehr bezahlen.»

gerade die Importprodukte wie Kleider,

Schuhe, Sportartikel, Haushaltgeräte, Kosmetik

und Pflegeprodukte, auf denen die

höchsten Preisunterschiede bestehen.

Sie unterscheiden also bei den Preisen

zwischen den Produkten aus der Schweiz,

die wegen der hohen Auflagen und Kosten

in unserem Land unausweichlich sind,

und den im Ausland produzierten Gütern,

deren Preise künstlich erhöht werden.

Richtig!

Eine grosse Schweizer Tageszeitung beschimpfte

Konsumenten, die ennet der

Grenze einkaufen, auch schon als Landesverräter.

Ich wehre mich gegen diese Moralkeule. Wer

über die Grenze fährt, um künstlich verteuerte

Produkte günstiger einzukaufen, ist deswegen

noch lange kein Landesverräter. Verräter

sind für mich all die Konzerne, welche

die Produkte für Schweizer künstlich verteuern

und satte Gewinne abschöpfen. Sie schädigen

unsere Volkswirtschaft doppelt! Dagegen

wollen wir vorgehen. Es ist doch klar,

dass die Leute über die Grenze fahren, wenn

sie dort viel mehr für ihr Geld erhalten. Ebenso

klar ist, dass, wer schon mal drüben ist,

gleich auch noch in die Gestelle für Nahrungsmittel

greift, die dort ebenfalls billiger

sind. Der Drang, im Ausland einzukaufen,

würde bei fairen Preisen für Importprodukte

jedoch deutlich abnehmen. Dagegen muss

jetzt endlich etwas unternommen werden,

denn die Politik schaut seit Jahren tatenlos

zu. Es muss gelingen, die gierigen Konzerne

in Schranken zu weisen, damit in der Schweiz

ein anständiges Preisniveau herrscht.

Das Verbot für Parallelimporte ist doch

inzwischen gefallen. Versprochen hat

man sich davon deutlich günstigere Preise

für im Ausland produzierte Waren.

Weshalb ist dies nicht in gewünschtem

Masse eingetreten?

Das stimmt. Mit Ausnahme der Pharmaindustrie

ist das Parallelimportverbot überall

gefallen. Doch jetzt verhindern Absprachen

im Hintergrund die alternative Einfuhr.

Absprachen im Hintergrund?

Ja. Wer Waren nicht über den Generalimporteur,

sondern auf anderen Wegen einzuführen

versucht, wird vom Mutterhaus abgestraft.

Dieses hat sich vielfältige Kontrollmechanismen

ausgedacht, um Parallelimporte sofort

zu erkennen und zu blockieren. Passiert solches,

wäre dies eigentlich ein Fall für die Wettbewerbskommission

(WEKO). Doch die momentane

Gesetzgebung erlaubt es ihr nicht,

hier tätig zu werden. Deshalb ist die Kartellgesetzrevision

dringend notwendig, für die

sich die SKS mit der Volks initiative «Stop der

Hochpreisinsel – Für faire Preise» einsetzt.

Die SKS beschäftigt – Sie eingerechnet – 12

Mitarbeitende in etwas über 8 Vollzeitstellen

und hat über ein Budget von 1,7 Millionen

Franken. Die Behörden, die sich um

das Ähnliches bemühen, benötigen ein

Vielfaches. Wie schaffen Sie den ganzen

Aufwand mit so wenig Personal?

Dies ist tatsächlich ein Riesenspagat. Allein

die Pharmabranche betreibt ein Lobbybüro,

das über die doppelte Anzahl an Stellenprozenten

verfügt als die SKS. Auch die Banken

sind gut bestückt. Es ist immer ein Kampf von

David gegen Goliath. Wir sind deshalb gezwungen,

flink, agil und effizient zu arbeiten.

Zudem nehmen wir zuweilen auch die Hilfe

von externen Experten in Anspruch. Trotzdem:

Um alle Bereiche so gut wie nötig bearbeiten

zu können, würden wir ungefähr das

Zehnfache an Personal benötigen. Ein Vorteil

sind jedoch die kurzen Entscheidungswege.

Grosse Organisationen neigen dazu, träge zu

werden. Dies ist bei uns definitiv nicht der Fall.

Wie kommen die 1,7 Millionen zusammen?

Diese erwirtschaften wir zum grössten Teil

selbst. Dabei handelt es sich vorwiegend um

Kleinstspenden und Produktverkäufe. Die

Stiftung erfreut sich über eine stattliche Anzahl

von Mitgliedern, die jährlich 60 Franken

bezahlen. Hinzu kommen projektbezogene

Kleinstspenden von zufriedenen Konsumenten

und Verkaufseinnahmen von unseren

Ratgebern. Diese Einnahmen machen 85

Prozent unseres Budgets aus. Die restlichen

15 Prozent steuert der Bund bei. Diese sind

allerdings rückläufig und zudem mit klaren

Auflagen verbunden.

Kommen keine grösseren Spenden? Zum

Beispiel von Firmen, die damit verhindern

wollen, dass Sie sich um sie kümmern?

Die Versuchung besteht. Doch alle Spendenbescheinigungen

von mehr als 100 Franken

wandern über meinen Tisch. Da will ich persönlich

wissen, was dahintersteckt. Wir

s’Positive 5 / 2017 9


SARA STALDER

Sara Stalder kann mit negativen Reaktionen leben.

haben auch schon Geld von zweifelhafter

Herkunft wieder zurück überwiesen.

Die SKS existiert seit nunmehr 53 Jahren.

Wie hat sich das Tätigkeitsfeld seither

verändert?

1964 gab es noch kein Internet und keine

Mobiltelefone. Die Stiftung für Konsumentenschutz

machte damals Produktetests und

überprüfte beispielsweise, ob sich die angegebene

Menge in den Verpackungen befand,

was nicht immer der Fall war. Heute leben

wir in einer globalisierten Welt, in der wir

online von überall her Waren bestellen können.

Was früher überschaubar war und für

nur die Schweiz galt, gilt heute für die ganze

Welt. Alles ist zudem viel schneller geworden.

Produkttests sind sehr aufwändig und

teuer geworden.

Der wohl berühmteste Beitrag des Kassensturz

war der Ravioli-Test von 1978, an

den sich auch heute noch viele Zuschauer

erinnern können. «Kassensturz-Agenten»

hatten aufgedeckt, woraus Ravioli damals

wirklich bestanden. Was kommt Ihnen

dazu in den Sinn?

Dass dies tatsächlich die berühmteste Sendung

des Kassensturz war. Aber dass nicht

«Kassensturz-Agenten» hinter den Tests

steckten, sondern die SKS.

Wenn man Ihren Namen googelt, erscheint

zuoberst ein Artikel von «20 Minuten»

mit dem Titel: «Sara Stalder verblödet

langsam.» Werden Sie eigentlich

öfters angefeindet?

Mit dem Herrn, der sich so geäussert hat,

führte ich ein Gespräch hinter geschlossener

Tür. So lässt sich solches besser klären als im

Scheinwerferlicht. Er hat sich auch entschuldigt.

Aber es ist schon so: Manchmal bleiben

negative Reaktionen von Verantwortlichen

von durch uns aufgedeckten Machenschaften

nicht aus. Doch damit kann und muss

ich leben.

ZUSATZINFOS

Stiftung für Konsumentenschutz SKS

Die privatrechtliche Stiftung

für Konsumentenschutz wurde

1964 von vier Arbeitnehmerund

Konsum-Organisationen

gegründet und hat ihren Sitz

in Bern. Sie beschäftigt 12 Mitarbeitende

in 8 Vollzeitstellen.

Die SKS setzt sich in den Bereichen

Lebensmittel und Ernährung,

Mobilität und Freizeit,

Gesundheit und Prävention,

Energie und Umwelt,

Kommunikation und digitale

Welt, Finanzen und Versicherungen,

Konsumentenrechte

und Wirtschaftspolitik für die

Interessen der Konsumenten in

der Schweiz ein.

Ein zentrales Anliegen ist die

Information der Konsumenten.

Die SKS stellt dazu auf ihrer

Website kostenlose Merkblätter

zur Verfügung, verkauft

Ratgeber und gibt viermal

jährlich die Zeitschrift Blickpunkt

heraus. Zudem bietet

sie Beratung per Telefon und

E-Mail an. Die Stiftung ist an

den Preisvergleichsportalen

preisbarometer.ch und dschungelkompass.ch

beteiligt. Die

Stiftung setzt sich dafür ein,

dass Anbieter und Händler

die Konsumentenanliegen

berücksichtigen. Gelingt dies

nicht im direkten Dialog, beschreitet

sie in Musterfällen

den Rechtsweg.

Mit der Teilnahme an Vernehmlassungsverfahren

und

parlamentarischem Lobbying

ist die SKS auch in der Politik

aktiv. Sie äussert sich regelmässig

zu konsumrelevanten

Themen in den Medien.

Die Stiftung wird von rund

16 000 Gönnern und 14 000

Spendern unterstützt. Damit

finanziert sie rund drei Viertel

ihres Jahresbudgets von

1,7 Millionen Franken. Weitere

10 % werden durch Beratungstätigkeit

und den Verkauf

von Produkten erwirtschaftet.

Rund 15 % steuern Bundessubventionen

bei. Um ihre

Unabhängigkeit zu wahren,

nimmt die SKS keine Gelder

von Unternehmen oder politischen

Parteien an.

10 s’Positive 5 / 2017


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Sache!

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WISSEN

Algorithmen

Wie sie unser Leben steuern

Sie lenken den Strassenverkehr, steuern Flugzeuge,

Atomkraftwerke und Bankomaten. Und sie bestimmen,

welcher Link zuoberst steht, wenn wir einen Begriff

googeln. Algorithmen sind unsere Entscheider.

TEXT: BRUNO WÜTHRICH

Roboter werden

von Algorithmen

gesteuert.

12 s’Positive 5 / 2017


Fotos: shutterstock.com/asharkyu/Naypong

Folgende Geschichte war in der

renommierten «New York Times»

zu lesen: Ein Mann stürmt in die

Filiale einer Discounterkette. Erbost

beschwert er sich darüber,

dass seine Tochter ständig Rabattmarken

für Schwangerschaftsmode und Babyartikel

zugesandt erhalte. «Sie ist noch in der Highschool.

Wollen Sie sie ermuntern, schwanger

zu werden?» Der Filialleiter entschuldigte

sich für das Missverständnis. Doch kurz darauf

stellte sich heraus, dass die Tochter tatsächlich

in Erwartung war. Doch woher

wusste die Marketingabteilung des Unternehmens

von dieser Schwangerschaft? Ganz

einfach: Es analysierte Daten. Da die junge

Frau mit Kundenkarte zahlte, war jeder ihrer

Einkäufe gespeichert. Anhand der eingekauften

Produkte erkannte der Algorithmus

des Discounters zweifelsfrei Hinweise auf

eine Schwangerschaft. Die werdende Mutter

kaufte plötzlich unparfümierte Körperlotion,

eine neue Umhängetasche, die sich auch als

Wickeltasche verwenden liess, sowie Zinkund

Magnesiumtabletten. Für den Computer

ergaben sich aus diesen Einkäufen genügend

Hinweise, um die Werbung für Babybedarf

auszulösen.

IM ALLTAG VERWURZELT

«Algorithmen sind präzise Handlungsanweisungen,

um Probleme, die innerhalb verschiedener

Kontexte auftauchen, mit Hilfe

allgemeiner Schemata zu lösen.» So weit die

Definition. Üblicherweise verbinden wir mit

dem Begriff vor allem mathematische oder

informatische Herausforderungen, die nur

für Ingenieure und Softwareentwickler von

Bedeutung sind. Informatiker betonen aber

gerne, dass Situationen, die nach algorithmischen

Lösungen verlangen, durchaus auch

im Alltag zu finden sind. Die unter Informatikern

beliebten Beispiele, wie wir einen

Kuchen fair teilen können, den Ausgang aus

einem Labyrinth finden, das Bücherregal am

schnellsten nach einem bestimmten Buch

durchsuchen oder wie wir Umzugskartons

möglichst platzsparend packen, wecken

zwar tatsächlich unsere Neugier. Sie sind

aber nicht besonders geeignet, die Wich-

Woher wusste

die Marketingabteilung

des

Unternehmens

von dieser

Schwangerschaft?

Ganz einfach:

Es analysierte

die Daten der

Kundenkarte.

Bei der

medizinischen

Überwachung

helfen

Algorithmen.

s’Positive 5 / 2017 13


WISSEN

tigkeit der algorithmischen Welt für unsere

Gesellschaft deutlich zu machen. Wir kommen

in der Regel auch gut durchs Leben,

ohne solche Verfahren zu kennen oder gar

selbst anzuwenden. Die Brisanz von Algorithmen

wird jedoch eindringlicher, wenn

wir uns daran erinnern, dass sie zum Beispiel

Flugzeuge, Atomkraftwerke und Bankautomaten

steuern. Doch gerade hier sind in

erster Linie die Fachleute gefragt, die sich

kompetent um deren Sicherheit und Funktionstüchtigkeit

zu kümmern haben.

Dank Algorithmen

können vernetzte

Autos effizienter

durch den Verkehr

geleitet werden.

DER GOOGLE-ALGORITHMUS

Eine Ahnung von der versteckten Macht der

Algorithmen in Alltagssituationen erhalten

wir, wenn wir darüber nachdenken, wie der

geheime PageRank-Algorithmus bei Google

funktioniert. Dieser legt fest, welche Quellen

bei der Suche an oberster Stelle gelistet werden.

In einem in seiner Gesamtheit nicht mehr

überschaubaren Informationsnetz existiert

nur noch, was an möglichst hoher Stelle der

Suchergebnisse gefunden wird. Die Entscheidung

darüber, was wir oben gelistet finden,

treffen Algorithmen. Nur die wenigsten Nutzer

kennen das Prinzip, nach welchem die

Links gelistet werden. Unzählige weitere Beispiele

liessen sich nennen, die in ihrer Gesamtheit

belegen, dass wir zunehmend Entscheidungen

an Maschinen delegieren. Programme

treffen Entscheidungen über Aktienkäufe und

-verkäufe, steuern Produktionsabläufe und

bewerten medizinische Daten. Computerprogramme

sind deshalb nicht mehr nur die billigen

Hilfsarbeiter der Gesellschaft. Viel mehr

sitzen sie in den Entscheidungsgremien.

NICHT MEHR WEGZUDENKEN

Online-Angebote wie Suchmaschinen, Social

Media oder Online-Shops sind die Bereiche,

bei welchen uns das Wirken von Algorithmen

in unserem Alltag am ehesten auffallen.

Doch in der Welt der Algorithmen ist dies

nur die Spitze des Eisberges. Sie steuern Verkehrsregelungssysteme,

überwachen Geldüberweisungen

oder regeln die Automatik

in Fahrzeugen. Algorithmen machen bereits

einen grundlegenden Bestandteil unseres

täglichen Lebens aus.

Algorithmen

erkennen ungewöhnliche

Atemgeräusche

und warnen Asthma-

Patienten so vor

einem Anfall.

Ein Beispiel, wie gross der Einfluss von Algorithmen

sein kann, liefert die moderne

Gebäudetechnik. Vernetzte Sensoren, die

Temperatur und Luftfeuchtigkeit über den

Tag hinweg messen und die Ergebnisse mit

dem Heizverhalten abgleichen, können eine

optimale automatische Wärmeversorgung

bereitstellen. Noch effizienter wird das Energiemanagement,

wenn zusätzliche Komponenten

wie thermodynamische Eigenschaften

des Gebäudes, Wettervorhersagen, der

Energiebedarf und Strompreise in die Berechnungen

einfliessen. Mithilfe von Algorithmen

wird die Temperatur in Gebäuden

bei unterschiedlichen Wetterbedingungen

simuliert. Auf diese Weise können der Energiebedarf

und die Energiekosten um 10 bis

25 Prozent gesenkt und gleichzeitig kann das

Wohlbefinden der Menschen im Gebäude

verbessert werden.

Ein völlig anderes Beispiel kommt aus der

Medizin. So ist der sogenannte Wheezometer

eine App, die per Smartphone-Mikrofon

die Atmung von Asthma-Patienten überwacht

und schon im frühen Stadium eines

Asthma-Anfalls vorwarnen kann. Um verlässliche

Ergebnisse zu liefern, werteten die

Entwickler 40 000 Audiodateien unterschiedlicher

Personen aus und erstellten

14 s’Positive 5 / 2017


Vor dem Bau

neuer Brücken

simulieren

Algorithmen,

wie sich die

Materialien bei

Temperaturschwankungen,

Wettereinflüssen

und Belastungen

verhalten.

Fotos: shutterstock.com/Oscity/bubutu

anhand dieser Informationen einen Algorithmus,

der asthmabedingte, pfeifende oder

brummende Atemgeräusche – das Giemen

– erkennt. So können bedrohliche Situationen

schnell abgewendet und bisweilen Leben

gerettet werden.

Diese konkreten Beispiele zeigen, wie

Algorithmen den Alltag der Menschen positiv

verändern können. Autos nutzen Algorithmen

als Einparkassistenten oder Navigationssysteme

und für viele weitere Funktionen.

70 Prozent aller Finanztransaktionen

werden von Algorithmen gesteuert. Sämtliche

industriell gefertigten Produkte und

Lebensmittel entstehen mithilfe von Maschinen,

die Algorithmen nutzen. Vor dem Bau

neuer Brücken simulieren Algorithmen, wie

sich die Materialien bei Temperaturschwankungen,

Wettereinflüssen und Belastungen

durch Fahrzeuge verhalten. Der breite Einsatz

von Algorithmen ist möglich, weil in den

letzten Jahrzehnten die Rechenleistung der

Computer um ein Vielfaches gestiegen ist.

Erst die Verbreitung von Hardware, die in

der Lage ist, mit komplexen Algorithmen auf

grossen Datensätzen zu arbeiten, hat ihren

Siegeszug eingeläutet.

In den letzten Jahren kam ein weiterer

wichtiger Faktor hinzu: Die einzelnen Gerä-

te wurden miteinander vernetzt. In kleinem

Rahmen etwa in Autos, in denen bis zu 100

Steuergeräte (Electronic Control Units, ECU)

eingebaut sind, die miteinander interagieren.

Das Beispiel Auto eignet sich aber auch für

den grösseren Rahmen: Einzelne Autos werden

mit Verkehrsanlagen, der Strassenbeleuchtung

und Überwachungsanlagen verbunden.

Um den Verkehr effizient durch die

vernetzten Strassen zu leiten, sind wiederum

neue Algorithmen nötig. So treiben sich diese

Entwicklungen gegenseitig voran und sind

gleichzeitig voneinander abhängig.

Wir Menschen gewöhnen uns schnell an

Fortschritt. Was früher aussergewöhnlich

und aufregend war, ist heute Alltag. Mit zunehmender

Rechenleistung und Datenverarbeitungskapazität

werden wir immer

schneller und einfacher in der Lage sein,

grosse Mengen an Daten zu nutzen und komplexe

Probleme zu lösen.

MASSGESCHNEIDERTE WERBUNG

Doch steuern und überwachen Algorithmen

nicht nur Maschinen, Roboter und Systeme,

sondern beeinflussen auch uns Menschen

massiv. So wie Algorithmen zuverlässig im

Marketing arbeiten, werden sie auch beim

Onlinehändler Amazon eingesetzt. Das eigene

Kaufverhalten wird mit dem Verhalten

anderer Kunden verglichen, die ähnliche

Artikel anklickten. Durch den geschickten

Einsatz von Algorithmen hat es der Konzern

geschafft, seine Kunden digital zu «beraten»

(«Kunden, die diesen Artikel gekauft haben,

kauften auch ...»). Im Angebot von Amazon

finden wir mehrere Millionen Bücher. Apples

Musikdienst iTunes stellt über 30 Millionen

Songs zur Verfügung. Bei Netflix wählen wir

mittlerweile zwischen Tausenden Filmen,

Serien und Shows. Damit wir unser Online-

Leben nicht nur mit Suchen verbringen, verfügen

alle grossen Streamingdienste und

Internetkaufhäuser über Empfehlungs-Algorithmen.

Sie schlagen uns Waren, Lieder und

Filme vor, die uns mit grosser Wahrscheinlichkeit

gefallen.

INFORMATIONEN FÜR ALGORITHMEN

«Tagger» sind professionelle Zuschauer, die

jeden Film nach Mikrogenres analysieren.

Diese wiederum sind in einem 36-seitigen

Handbuch vermerkt und umfassen nicht nur

den Grad der Gewalt oder die Jahreszeit im

Film, sondern auch den Beruf der Hauptfigur.

Dabei ist wichtig, dass alle Angaben

nach einer fünf- bis zehnstelligen Skala bewertet

werden. So wird ein Film nicht nur

s’Positive 5 / 2017 15


Online-Shops

unterbreiten uns

gezielt Produke, die

dank Algorithmen

ausgesucht

werden.

Die Autocomplete-

Funktion bei

Google eignet sich

als Verleumdungsmaschine.

Wo früher getuschelt

wurde,

spuckt heute der

Computer ein

Gerücht aus.

danach taxiert, ob, sondern auch wie romantisch

er ist. Daraus ergeben sich eine Vielzahl

von Feinabstufungen und Kombinationsmöglichkeiten.

Diese sind die Basis für den

wichtigen Empfehlungsalgorithmus, der die

Daten der Tagger mit den Kundendaten kombiniert

und basierend auf diesen Ergenissen

den Kunden weitere Filme vorschlägt.

Das Wirken der Algorithmen ist für Laien

kaum erkennbar, deshalb rufen sie Vorbehalte

und Ängste hervor. Nicht ganz zu Unrecht.

Sie bestimmen so sehr unseren Alltag,

dass sie ein Synonym für Allmacht geworden

sind. Sie entscheiden, welche Geschichten

wir auf Facebook lesen, welche Leute wir auf

Tinder treffen oder welche Suchergebnisse

uns Google anzeigt. Doch wie objektiv sind

diese Informationen? Wissenschaftler der

Carnegie Mellon University und des International

Computer Science Institute in Berkeley

entwickelten ein Werkzeug namens Ad-

Fisher, welches die Suche im Netz simuliert,

und führten damit ein Experiment durch. Die

fiktiven Dummys starteten ohne Suchhistorie

und besuchten eine Jobbörse. Als sie

später eine Nachrichtenseite aufriefen, zeigte

Google ihnen Stellenanzeigen. Dies war

zu erwarten. Erstaunlich war jedoch, dass

männliche Nutzer – oder solche, die Google

für männlich hielt – häufig Annoncen für

Jobs mit hohem Einkommen angezeigt bekamen.

Wie war das möglich? Für die Wissenschaftler

sind zwei Ansätze denkbar:

Entweder verlangten die Anzeigenkunden,

dass die Werbung auf Männer zugeschnitten

wird. Oder die Algorithmen bestimmten,

dass Männer eher auf die Anzeige klickten.

DISKRIMINIERNDE WERTUNGEN

Können Algorithmen diskriminieren? Algorithmen

werden von Entwicklern gerne als

objektiv gepriesen, sie basieren auf Gleichungen

und Zahlen. Doch sie werden, wie

jede Software, von Menschen geschrieben.

Und die haben Vorurteile. Anna Lauren Hoffmann,

Forscherin an der School of Information

der University of California in Berkeley,

vertritt die These, dass Algorithmen per Definition

diskriminierend seien. «Sie verarbeiten

Instruktionen und Kalkulationen, um

spezifische Inputs in Outputs zu verwandeln.

Online-Algorithmen müssen zwischen relevanten

und nicht relevanten Informationen

differenzieren.» Darin liege eine diskriminierende

Wertung. Weil wir mit unseren Anfragen

die Algorithmen füttern, stellt sich die

Frage, ob und wie wir mit unseren Anfragen

unsere eigenen Vorurteile perpetuieren.

KRUDE UNTERSTELLUNGEN

Als die Harvard-Professorin Latanya Sweeney

ihren Namen googelte, tauchte eine Anzeige

mit dem Titel «Latanya Sweeney, Arrested?»

auf: Doch die Dozentin wurde weder verhaftet

noch hatte sie sich etwas zuschulden kommen

lassen. Die Vermutung, die Algorithmen

könnten aus ihrer afroamerikanischen Herkunft

eine kriminelle Neigung abgeleitet

haben, konnte nicht ausgeschlossen werden.

Sweeney nahm dies zum Anlass, eine Studie

über rassistische Hintergründe durchzuführen.

Sie suchte 2100 Namen lebender Personen

auf Google. Namen wie Travon, Rasheed

oder Tamika, die einen afroamerikanischen

Hintergrund vermuten lassen, riefen signifikant

mehr Haftanzeigen hervor als «weiss

klingende» Namen. Googles neue Foto-App

Photos kategorisierte dunkelhäutige Menschen

– versehentlich – als «Gorillas». Die

App verschlagwortet Bilder automatisch. Das

System soll helfen, sich in einer Fotosammlung

besser zurechtzufinden, etwa indem

Bildern eines Bergpanoramas der Begriff

«Berge» zugeordnet wird. Dem Programmierer

Jack Alciné fiel ein Fotoalbum von ihm

und seiner Freundin auf, das die Google-App

automatisch mit «Gorillas» überschrieben

hatte. Die Foto-App setzte einen Menschen

mit einem Gorilla gleich. Mit dem Problem

ist Google nicht allein. Auch das Fotoportal

Flickr ist wegen ähnlich falscher Zuordnungen

in die Kritik geraten. Dort hatten die

Algorithmen dunkelhäutige Menschen mit

«Affe» oder «Tier» gekennzeichnet.

Das Problem ist, dass Google die Wirklichkeit

verquer konstruiert. Wenn wir googeln,

machen wir uns im Kopf ein Bild davon,

wie die Welt da draussen aussieht. Die Suchmaschine

prägt Präferenzen und Wahrnehmungen.

Die Computerwissenschaftlerin

Cynthia Matuszek, die eine Studie zu diesem

Phänomen durchführte, sagt: «Wenn die

Leute nach ‹CEO› suchen und nur Männer

sehen, denken sie unterschwellig an Männer

als Chefs und klicken eher auf Bilder, die

diesem Vorurteil entsprechen. Der Algorithmus

lernt, dass das Bild ein vermeintlich

besseres Ergebnis ist, und zeigt mehr solche

Ergebnisse. Es ist ein sich selbst reproduzierender

Zyklus.»

Die Autocomplete-Funktion bei Google

eignet sich als Verleumdungsmaschine – sie

nimmt die seltsamsten Behauptungen auf.

Wo früher getuschelt wurde, spuckt heute

der Computer das Gerücht aus. Google sagt,

es handle sich bei den Algorithmen um nicht

moralisch wertende Maschinen. Das Motto:

Wir geben nur wieder.

Doch das Problem besteht. Ob die Wiedergabe

wertend ist oder nicht, spielt keine

Rolle. Wesentlich ist, dass Wertungen vorgenommen

werden. Und zwar durch die User.

Ob bewusst oder unbewusst, bleibt offen.

Foto: shutterstock.com/PeoGeo

16 s’Positive 5 / 2017


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WUSSTEN SIE SCHON

WO LIEGT DER UNTERSCHIED?

Grossbritannien oder «UK »

Viele verwechseln es. Oder sie wissen gar

nicht, dass es da einen Unterschied gibt. Korrekt

ist, dass der Begriff «Vereinigtes Königreich»

für den Staat steht, der sich aus den

vier Ländern England, Schottland, Wales

und Nordirland zusammensetzt. Der für uns

gebräuchlichere Begriff «Grossbritannien»

dagegen steht nur für die drei Länder auf der

Hauptinsel – also für England, Schottland

und Wales.

Das auf der Insel nebenan liegende Nordirland

hingegen gehört nicht dazu. Zur Verwirrung

trägt bei, dass das Autokennzeichen

«GB» auch für Nordirland gilt. Sowohl die

Nordiren als auch die Schotten haben übrigens

gegen den Brexit gestimmt und würden

eigentlich gerne in der EU bleiben.

In den genannten vier Ländern spricht

man immer, wenn es um das staatliche Gebilde

geht, von «UK», also von United Kingdom,

aber nie von «Great Britain». Kanadier

und Amerikaner sprechen aber ebenso von

»Brits« oder «Britons», wie wir Schweizer

und die Deutschen von den «Briten».

Dabei ist der Lokalpatriotismus so gross,

dass sich niemand als »Brite« bezeichnen

würde, sondern immer als Engländer, Schotte,

Waliser oder Nordire.

WUSSTEN

SIE SCHON?

1

18 s’Positive 5 / 2017


BLAUFUSSTÖLPEL

Sexy Füsse

Er ist eigentlich gar kein Tölpel. Biologen

kennen den Blaufusstölpel als sehr geschickt

sowohl beim Fliegen als auch bei der Jagd.

Während sein Gefieder in unauffälligem

Weiss und Braun gehalten ist, leuchten seine

Füsse in Türkisblau. Was für die Menschen

eine Laune der Natur ist, findet Frau Blaufusstölpel

ungeheuer sexy. Denn je intensiver

das Blau beim Männchen, desto besser ist

sein allgemeiner Zustand, und desto besser

ist es geeignet, die Rolle des Ernährers zu

übernehmen.

Bei den komplizierten Balzritualen der

Vögel stolziert das Männchen engagiert vor

dem auserwählten Weibchen herum. Gern

wird die am Boden sitzende Blaufusstölpel-

Dame auch von oben angeflogen, damit die

im Licht aufblitzenden Füsse optimal zur Geltung

kommen. Ist das Männchen erfolgreich

und kommt es zu Nachwuchs, legt das Weibchen

bis zu drei Eier.

Auch für die Aufzucht der Jungen spielen

die blauen Füsse eine Rolle: Wenn das Männchen

bei der Jagd nach Fischen nicht erfolgreich

war und folglich nicht ausreichend gefressen

hat, lässt die Färbung der Füsse schon

nach etwa 48 Stunden nach. In diesem Fall

konzentriert das Weibchen seine Fürsorge auf

das kräftigste Jungtier und beginnt, den Rest

zu vernachlässigen. Damit will es wenigstens

ein Junges sicher ans Ziel bringen.

2

ERFOLGREICH ODER NICHT:

Wie entschuldigt man sich richtig?

3

Fotos: shutterstock.com/Anton Balazh/javarman/stickerama

Bei welcher Form der Entschuldigung sind

wir am ehesten bereit, zu vergeben? Klar ist:

Mit einem schnellen «Tut mir leid» ist es oft

nicht getan. Nach einem schlimmen Fehltritt

oder einem Betrug hilft oft nur eine ernst

gemeinte Entschuldigung. Wissenschaftler

der Ohio State University haben im Rahmen

zweier Studien mit insgesamt 755 Versuchsteilnehmern

verschiedene Testsituationen

durchgespielt, bei denen es zum Beispiel um

finanzielle Übervorteilung oder sexuelle Untreue

ging. Gemäss der Studienresultate

spielten beim Vergeben sechs Vorgehensweisen

eine Rolle:

1. Man muss deutlich aussprechen, dass man

um Verzeihung bittet.

2. Man sagt dem anderen, was aus der eigenen

Sicht schiefgelaufen ist.

3. Man übernimmt für sein Handeln die volle

Verantwortung.

4. Man spricht deutlich aus, dass man bereut,

was passiert ist.

5. Man bietet an, den entstandenen Schaden

wiedergutzumachen.

6. Man bittet um Vergebung.

Nicht alle Faktoren sind gleich wichtig. Als

unverzichtbar hatte sich erwiesen, dass der

Schuldige die volle Verantwortung übernimmt

und dem Gegenüber nicht eine Teilschuld zuschiebt.

Das Angebot der Wiedergutmachung

stellte sich als zweitwichtigstes Element heraus.

Am wenigsten effektiv war für sich allein

genommen die Bitte um Vergebung.

Keinen Unterschied macht übrigens, ob

das Vergehen absichtlich oder unwissentlich

begangen wurde. Wohl aber, ob mangelnde

Kompetenz oder mangelnder Anstand Grund

für das Fehlverhalten war. Im letzten Fall

verziehen die Probanden nur widerwillig.

s’Positive 5 / 2017 19


HISTORY

Der Aderlass

war eine

sehr beliebte

Behandlungsmethode.

Bader, Scherer

und andere

Heilkundige

Die technischen Fortschritte der letzten 250 Jahre sind

uns bewusst. Doch noch viel erstaunlicher sind die

Entwicklungen in der Medizin. Ein Blick zurück in eine Zeit,

als auch im Oberaargau noch niemand etwas von Blutgruppen,

Narkose, Bluttransfusionen oder Bakterien wusste.

20 s’Positive 5 / 2017


Micheli

Schüppach hatte

viele vornehme

Patienten.

TEXT: KLAUS ZAUGG

Zwar zählte die Schweiz in den

1700er-Jahren manchen gelehrten

Arzt. Aber das, was wir heute unter

einem Arzt verstehen, waren

vor bald 300 Jahren sogenannte

Bader und Scherer. Bader waren Bademeister,

denen das Recht zustand, ihre Kunden

zu bewirten und zu schröpfen. Nicht in

Schwimmbädern. Sondern in den zahlreichen

Heilbädern, die eher Wirts- und Lusthäuser

waren. Die beliebten Badekuren, das

einst blühende «Bädergeschäft», dürfte dem

heutigen «Wellness-Business» recht nahegekommen

sein. Die Scherer waren von Haus

aus Friseure. Da beim Rasieren Schnittwunden

nicht immer zu vermeiden waren, durften

sie ihre Kunden auch verbinden und

pflegen. Mit der Zeit gestand man ihnen

überdies die Behandlung anderer Verletzungen

zu und nannte sie Wundärzte.

Nichts hinderte die Gäste, ihnen manch

kleinen Eingriff anzuvertrauen. Wie Schröpfen,

Zähneziehen, Bruchschneiden und den

unvermeidlichen Aderlass. So gab es einst

zwischen einem gewöhnlichen Scherer und

einem Chirurgen kaum einen Unterschied.

Später erst wurden die Chirurgen in Examen

und Ansehen den Ärzten gleichgestellt.

Zu den gesuchtesten Medizinpersonen

gehörte bis in die 1700er-Jahre ausgerechnet

der Scharfrichter. Blut, Haut und Fett von

Hingerichteten galten als äusserst wirksame

Heilmittel. Ihr Blut mehrte den Mut unternehmungslustiger

Burschen (so ungefähr

wie heute Kokain…), die Haut half gegen

Gliederreissen und das Fett gegen alles Erdenkliche.

In einem französischen Lehrbuch

wird gar noch 1818 Menschenfett zur Behandlung

von Gicht empfohlen. 1707 erhielt

in Luzern der Scharfrichter die Erlaubnis,

Hingerichteten «Schmalz aus dem Rücken

geheim ausschneiden zu dürfen». Willisau

gestand 1718 dem Wasenmeister, dem Totengräber,

die gleichen Freiheiten zu und in

Zürich war der Scharfrichter bis in die Mitte

des 18. Jahrhundert ein gesuchter «Arzt».

Sein Beruf verlieh ihm Kenntnisse des

menschlichen Körpers, um die ihn mancher

Mediziner beneiden konnte. Er wusste aus

seiner Berufstätigkeit nicht nur Glieder auszurenken

und zu brechen, was er ja tun

musste, wenn er einen Verurteilten aufs Rad

zu flechten hatte. Er verstand es auch, Glieder

und Knochen wieder zu richten.

KURPFUSCHER IN SCHAREN

Viel konnte die Regierung zur Besserung und

Regulierung der Heilkunde nicht vorkehren.

Es blieb ihr nur, Missständen zu begegnen.

Der Kampf galt vor allem den Kurpfuschern,

die auch den Oberaargau in Scharen überschwemmten.

Man fand gar nicht genug

Namen, sie zu brandmarken. Kurpfuscher,

Scharlatane, Winkelärzte, Stümper, Büsser,

Zahnbrecher, Gütterlischreier sind einige

davon. Man zählte zu ihnen alle, die medizinisches

Wissen und Können vortäuschten.

Meist waren es fahrende Leute. Marktschreierisch

lockten sie die Kundschaft an und

keine Prahlerei war ihnen zu grob. Einer soll

einmal in Langenthal geprahlt haben, seinen

Patienten eben von einem Herzpolypen geheilt

und das «Tier» durch den Stuhl abgetrieben

zu haben. Ärgerlich war den von der

Regierung anerkannten Heilkundigen,

s’Positive 5 / 2017 21


HISTORY

Schröpfen war

eine beliebte

Behandlung

in den Badehäusern.

«Arzt und Volk vertrauten

noch vor 200

Jahren fragwürdigen

Überlieferungen und

kümmerlichen Erfahrungen.

Es fehlten die

elementarste Kenntnis

vom Wesen der

Krankheiten.»

dass die Scharlatane sie mit der Höhe ihrer

Rechnungen zu überbieten verstanden.

Noch in den 1800er-Jahren empfahlen

Ärzte und Volk in unserer Gegend mehr als

30 Heilbäder, die es heute alle nicht mehr

gibt. Erst gegen Ende der 1800er-Jahre nahm

die Inanspruchnahme der Mineralquellen

ab. Durch die Erfindung neuer Medikamente

konnten manche Krankheiten, denen man

zuvor mit einer Badekur begegnet war, nun

vom Arzt behandelt werden.

Arzt und Volk vertrauten noch vor 200

Jahren fragwürdigen Überlieferungen und

kümmerlichen Erfahrungen. Es fehlte das

Experiment, die elementarste Kenntnis vom

Wesen der Krankheiten, ja der Natur des

menschlichen Körpers überhaupt.

In vielen Gegenden wurden die überlieferten

Rezepte gesammelt und es herrschte

im Volk damals die Überzeugung, dass die

Krankheit als etwas von aussen Kommendes,

Fremdes, den Menschen befällt und vertrieben

werden kann, wenn ihr etwas Gleichartiges

entgegengesetzt wird. Man suchte daher

etwas, das dem kranken Organ an Farbe,

Geruch, Form oder auch nur dem Namen

nach ähnlich erschien.

So glaubte man, Gämsenblut helfe gegen

Schwindel, weil die Gämsen schwindelfrei

sind. Hundefett gegen Lungenleiden, weil

die Hunde gute Lungen haben. Holunder

gegen Gliedersucht, weil seine Zweige den

menschlichen Knochen ähnlich sind. Waldschnecken

in Sirup zerstampft gegen Katarrh,

weil sie eine schleimige Spur hinterlassen.

Rote Beeren gegen Blutarmut. Die

weissen Mistelbeeren gegen Bleichsucht.

Zerquetschte Weinbergschnecken gegen

Augenleiden, weil ihr Gehäuse Ähnlichkeit

mit der Iris hat. Rebenabsud gegen Katarrh,

weil seine Zubereitung ein schnarchendes

Geräusch erzeugt. Oft ging die Vorstellung

ganz ins Abstruse und kaum mehr Nachzuprüfende

über. Bei Vereiterungen halfen

Mist und Glas. Weil Mist, wie Eiter, befreiend

einem Lebewesen entfliesst und Glas,

weil durchsichtig, als rein und daher reinigend

galt.

ALLHEILMITTEL ADERLASS

Das populärste Allheilmittel war jedoch auch

im Oberaargau der Aderlass. Noch zu Beginn

der 1800er-Jahre war es für Personen mittleren

Alters üblich, sich in gewissen Jahreszeiten

zur Ader zu lassen, um allfälligen Krankheiten

vorzubeugen. Man bereitete sich durch

Fasten, Beten und Almosengeben auf den

grossen Tag vor. Der Operateur vollzog die

Prozedur mit der galanten Umständlichkeit

der Zeit. Er unterband den Arm mit einer roten

Binde, rieb mit der flachen Hand die Stelle,

an der er die Wunde zu schlagen gedachte,

und hiess den Patienten feierlich mit ausgestrecktem

Arm einen langen Stab senkrecht

auf Boden zu stemmen. Das Blut sprang zwei

Handbreit hoch. Dann legte der Operateur

gewichtig seinen Daumen auf die Wunde,

anschliessend etwas Watte, ein Fünfbatzenstück,

wieder Watte und verband das Ganze.

Mit tiefer Verneigung zog er sich zurück, «Ihr

ganz gehorsamer Diener» flüsternd.

Zu Ader gelassen wurde damals bei jeder

erfassbaren Gelegenheit. «Vorbeugend» vor

22 s’Positive 5 / 2017


Ueli Zürcher, der

Wasendoktor,

begutachtet

den Urin eines

Patienten.

einer Geburt, nach einer Geburt, bei Bleichsucht,

aber auch dann, wenn die Krankheit

den Leidenden schon zu Tode geschwächt

hatte. Im Aderlass sahen viele wohl auch ein

Opfer, ein Blutopfer, den höheren Mächten

dargebracht.

Es gab einen starken Bund zwischen Medizin

und Religion. Das hatte durchaus seine

Logik. Die ersten Mediziner waren nicht

Ärzte, sondern Medizinmänner, Priester,

Bewahrer geheimen Wissens. Sie gingen

nicht die Natur um Heilung an, sondern die

Überirdischen, die Geister. Jahrtausende, bis

in die 1800er-Jahre hinein war auch bei uns

die Medizin eher Magie, Zauber und Religion.

Die Leidenden vertrauten sich den Priestern

oder den Medizinmännern an, die böse

Geister zu vertreiben und gute zum Beistand

heranzuziehen vermochten. Waren diese

«Heilkundigen» klug, versäumten sie es

nicht, den höheren Mächten und den Geistern

mit Salben, Kräutern, Tränken und rituellen

Handlungen beizustehen. Die Medizin

als Wissenschaft, so wie wir sie heute

kennen, gibt es in ländlichen Gebieten des

Alpenraumes erst seit den späten 1800er-

Jahren.

Die Kirche sah noch um 1800 herum in

der Krankheit Strafe und Prüfung, sie war

von Gott verfügt und daher hinzunehmen.

Wenn früher in vielen Kapellen Birkenzweige

und Binsengarben von Gläubigen niedergelegt

wurden, ist an einer religiösen Absicht

nicht zu zweifeln. Birkenzweige und Binsensträusse

wurden als Besen verwendet, Besen

zum Reinigen. Nach dem Volksglauben

wischten Birken und Binsen Ausschläge und

Geschwüre fort, nur muss der Segen der Höheren

dazu kommen, und diesen erlangt

man durch Darbringung der Symbole an

geweihter, bewährter Stätte.

HEILSAME WALLFAHRT

Vorzeitliche Glaubensreste finden und halten

sich bis heute in der Volksmedizin. Uralt

ist der Brauch der Menschen, an bestimmte

Stätten zu wallfahren. Dem gelehrten Glauben

entspräche es eigentlich anzunehmen,

dass ein allwissender, allgegenwärtiger Gott,

Schöpfer des Himmels und der Erde ein Gebet

von überall her mit gleicher Huld entgegennähme.

Aber Heiden wie Christen erwarteten

(und erwarten noch heute) an bestimmten

Gnadenstätten raschere Erhörung

und besondere Berücksichtigung bestimmter

Anliegen. Noch heute gibt es Dutzende Wallfahrtsstätten,

um deren Wirkung das Volk

schon zu alten Zeiten wusste. Die Vorbereitungen

zur Reise, die Wanderung, die Gesellschaft

in hochgestimmter Schar, die Feierlichkeit

der Gnadenstätte, das Wissen um

frühere Wunder steigern nicht nur die Inbrunst

des Gebetes, sondern auch die eigene

Heilsbereitschaft und der Einfluss der Seele

auf die Genesung wird gefördert.

So alt wie Wallfahrten und Zaubergebete

ist der Glaube, dass bestimmte Mächte sich

bestimmter Anliegen annehmen. Grosszügig

duldet die Kirche noch heute den Glauben,

dass einzelne Heilige sich um besondere Beschwerden

kümmern: Ottilie um die der

Augen, Agatha um die der Brust, Blasius

s’Positive 5 / 2017 23


HISTORY

um die des Halses, Rochus um die Pest, Wendelin,

wenn es dem lieben Vieh zu helfen

gilt. Lange mussten die Heiligen alleine heilen.

Erst im Laufe der 1800er-Jahre gesellten

sich ihnen nach und nach auch bei uns die

Ärzte zu. Kein anderer Berufsstand hat solche

himmlischen Helfer. Die Griechen gingen

noch einen Schritt weiter und erhoben

tüchtige Ärzte in den Stand der Heroen und

Halbgötter. Noch heute werden die Ärzte oft

als «Halbgötter in Weiss» verehrt.

Literatur: u.a. «Innerschweiz – Volk und

Medizin um 1800» von Kuno Müller. –

«Langnau» – Berner Heimtabücher. –

Geschichte der Medizin im Emmental von

Marta Meyer-Salzmann.

ZUSATZINFOS

Wenn altes Wissen

heute noch hilft

Ueli Zürcher (1801–1876) – genannt der

Wasendoktor – dürfte in unserer Gegend

einer der besten Mediziner seiner Zeit

gewesen sein.

Das Wissen von Ueli Zürcher – zu seiner

Zeit der «Wasendoktor» genannt – ist uns

durch eine Verkettung von glücklichen

Zufällen bis in die Gegenwart erhalten

geblieben.

Ueli Zürcher war Bauer und Viehinspektor

aus dem Wasen. Daher der

Namen «Wasendoktor». Ein intelligenter,

strebsamer und lernbegieriger Mann.

Er kam in den Besitz der alten, reichhaltigen

Aufzeichnungen von Andreas Sommer

aus dem Hornbachgraben. Er studierte

sie und bald war er ein vielgefragter,

über unsere Gegend hinaus bekannter

Mann. Er behandelte Arm- und Beinbrüche,

Verrenkungen und Schnittwunden

und auch innere Krankheiten. Wie bei

Micheli Schüppach (siehe Seite 26) gehörte

das «Wasserschauen» zu seiner Diagnostik.

Für die inneren Krankheiten verwendete

er Kräuter und Salben, die wohl

eher Heilkraft hatten als die Mixturen des

Langnauer Wunderdoktors. Uli Zürcher

war so erfolgreich, dass viele bei ihm geheimnisvolle,

hellseherische Fähigkeiten

vermuteten und ihn auch in ganz praktischen

Dingen um Rat fragten – wenn beispielsweise

etwas verlorengegangen war.

Er kam zu Ansehen und Reichtum und erregte

den Unmut der Obrigkeit. Mehrmals

wurde er wegen unbefugten «Arznens»

empfindlich gebüsst und im Jahre 1856

sass er deswegen gar sechs Wochen lang

im Schloss Trachselwald.

Der Wasendoktor

vermochte aus

dem Urin seiner

Patienten deren

Krankheiten zu

lesen.

METZGERMEISTER ERBT NACHLASS

Der berühmte Micheli Schüppach hat der

Nachwelt keine medizinischen Erkenntnisse

hinterlassen, die noch heute angewendet

werden können. Ueli Zürcher hingegen

schon.

Sein Nachlass ist in den 1980er Jahren

von Otto Mühle (1927–2003) übernommen

worden. Der Eriswiler Metzgermeister

war ein erfolgreicher Heilpraktiker,

der unter anderem vom Schweizer Fernsehen

in einem Dokumentarfilm gewürdigt

worden ist. Weil ihn seit Jahren ein

schmerzhaftes Gefässleiden plagte, hatte

der ehemalige Gemeinderats- und Bankpräsident

Otto Mühle 1986 seinen Metzgereibetrieb

einem geeigneten Nachfolger

übergeben. Fortan widmete sich «Mühli

Otti» den Nachforschungen über Leben

und Werk Uli Zürchers. Er war mit einer

Urenkelin des «Wasendoktors» verheiratet

und durch Erbgang in den Besitz seiner

Schriften und Rezepturen gekommen.

Er baute auf überlieferten Rezepten eine

Naturheilmittel-Apotheke auf und war

Mitglied Nummer 13 des Schweizerischen

Verbandes für natürliches Heilen. Auch

«studierte» Schulmediziner schickten Patienten

zu ihm, wenn sie am Ende ihres

Lateins waren.

NOCH HEUTE GÜLTIGE REZEPTE

Otto Mühles Apotheke befindet sich auch

heute noch in Eriswil. In Jürg Dutlys

«Gotthelfhaus» auf der Spissachen hat

sie ihre neue Heimat gefunden. Auch die

Rezeptbücher, nach denen «Otti» die Salben

und Tropfen von Ueli Zürcher herstellen

liess, sind nach wie vor vorhanden.

Sie sind auch heute noch teilweise

aktuell und werden von der Huttwiler

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HISTORY

ZUSATZINFOS

Micheli Schüppach – Popstar der Medizin

In der zweiten Hälfte der 1700er-Jahre hatten die Oberaargauer nicht weit, wenn sie

Heilung von ihren Leiden bei einem berühmten Arzt suchten. Sie reisten nach Langnau.

Dort praktizierte der «Berg- und Wunderdoktor»

Micheli Schüppach. Er war charismatisch

und populär, ein Popstar der

Medizin seiner Zeit. Sein Ruf als «Michel

Schüppach, le Médecin de la montagne»

reichte bis nach Paris und St. Petersburg,

Hamburg und Rom. Die Chirurgische Societät

der Gnädigen Herren und Oberen der

Stadt Bern (der Ärzteverband) ernannte

ihn 1747 im Alter von 49 Jahren zum

«Kunsterfahrenen Medicinae et Chirirgiae

Practico», die höchste offizielle Auszeichnung,

die es in diesen Zeiten gab. Zu ihm

strömten die Kranken und Bresthaften,

die Gwundrigen, Reich und Arm, Gläubig

und Ungläubig, um sich aus dem «Wasser»

Art und Ursache ihrer Übel lesen zu

lassen und aus seiner Hand das heilende

Mittel zu empfangen.

Alte Stiche zeigen, wie er auf bequemem

Sessel, auf dem Kopfe eine rotgelbe Kappe,

in einer Weste ohne Ärmel, dickleibig,

einem pfiffigen Dorfmagistraten, einem

wohlbeleibten Geistlichen nicht unähnlich,

in der Hand die halb gefüllte Flasche

mit dem Wässerchen, und vor ihm in

wartender Stille der Kranke. Er las die

Diagnosen aus dem Urin und erkannte

aus dessen Färbung alles, «unnatürliche

Hitze» oder «baldigen Tod». Er durchschaute

seine Patienten und soll immer

gemerkt haben, wenn ihm Männer das

Wässerchen einer Frau oder wenn ihm

gar Pferde urin dargereicht wurde.

NACH DEM BAUERN KAM DER PRINZ

Michel Schüppach wirkte vorerst in seinem

Hause unweit des «Bären» zu Langnau.

1758 liess er sich auf dem Dorfberg

nieder. Sein Haus wurde zum Mittelpunkt

für Gäste aus der halben Welt, ja zu einem

Wallfahrtort. Er führte über seine

Patienten sorgfältig Buch und seine Aufzeichnungen

lagern heute im Berner

Staatsarchiv. Ohne Ansehen der Person

kam einer nach dem anderen dran.

Schliesslich ist es im Emmental Brauch,

dass alle gleich sind und alle mit «Du»

angesprochen werden. Das soll Kaiser

Josef II von Österreich, als er das erfuhr,

so verärgert haben, dass er kurz vor

Langnau wieder kehrt machte. Bei Micheli

Schüppach sassen alle in der gleichen

Wartestube beisammen. Handwerker,

Mägde, Landvögte, Fürsten und Bauern.

Jeden Tag untersuchte er 25 bis 40 Personen.

Einem Prinzen aus dem russischen

St. Petersburg folgt Frau Hofstetter aus

Entlebuch, dann kam Madame la Duchesse

de Rochefort aus Paris an die Reihe,

sodann folgte das Babetli von Rohrbach,

der «Bur aus der Oberen Matte», anschliessend

Prince Camille de Soubise aus

Venedig, Karl Grütter aus Langenthal und

Fürst Lubomirski aus Krakau. Auch der

grosse Dichterfürst Johann Wolfgang

Goethe suchte den berühmten Doktor auf.

ZWISCHENTITEL ZUR AUFLOCKERUNG

Die Büchsen und Salbenschachteln in seiner

Apotheke versah er mit den drolligsten

Namen. Freudenöl, Profetenbeere,

Blüemlihärz oder grünes, liebreichsüsses

Himmelstau. Er kochte Kräuter und Wurzeln,

verwendete Fette von Hunden,

Bären, Füchsen, Dachsen und Schweinen,

mixte Heilmittel aus Butter, Honig, Ochsengalle,

Eselsmilch, Schneckenhäuschen,

Eierschalen, Hirschhorn. Er soll auch

Kröten, Frösche, Blindschleichen, Ameisen,

Regenwürmer, Spinnen und Skorpione

«beigezogen» haben. Er besass eine

wunderliche Elektrisiermaschine, die, aufgeladen,

kräftige Schläge austeilen konnte

und die er angeblich auch zum «Teufelsaustreiben»

einsetzte.

Er hatte zweifelsfrei Heilerfolge. Aber

wahrscheinlich weniger wegen der heilenden

Kräfte seiner wunderlichen Salben und

Micheli Schüppach

behandelt

einfache Bürger

und Adlige. Er las

die Krankheiten

aus dem Urin der

Patienten.

Säfte. Sie waren eher seinem unbestreitbaren

psychologischen Geschick, seiner

Schlauheit und seiner Klugheit geschuldet

– er vermittelte den Glauben an Heilung.

DER PATIENT BESTIMMTE DEN LOHN

Die Heilkunst brachte ihm Wohlstand.

Es wird überliefert, er habe meist keinen

Preis für seine Bemühungen verlangt

und es den Patienten offengelassen,

wieviel seine Dienste ihnen wert waren.

Wer mochte da durch Knausrigkeit und

Geiz die Heilkraft des Wunderdoktors

schwächen?

Aber auch an Micheli Schüppach trat der

Tod unversehens heran, noch mitten in

aller Tätigkeit im Alter von 74 Jahren.

Kurz war sein Leiden. Am 5. März 1781

schloss sich das Grab auf dem Friedhof

zu Langnau. Die Stätte wurde vergessen,

nicht aber sein Wirken. Ein Zeitgenosse

sprach das Wort: «Mit seinem Tode fiel

das Dorf Langnau seiner früheren Stille

anheim.» Es erwache daraus erst 180

Jahre später im Frühjahr 1961 durch den

ersten Aufstieg des SC Langnau (heute

SCL Tigers) in die NLA. Seither ist es im

Dorf nie mehr ruhig geworden.

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FÄRÖER

Punkte und Tore

am Ende der Welt

Dank dem Fussball wissen wir, dass es die Färöer-

Inseln gibt. Bald spielen unsere kurzbehosten

Eidgenossen dort um die WM-Qualifikation. Es

ist eine Reise ans freundliche Ende der Welt.

TEXT: KLAUS ZAUGG

28 s’Positive 5 / 2017


Der Gasadalur-

Wasserfall auf

der Färöer-Insel

Vagar.

Die Fussball-Nationalmannschaft

von den 18 Inseln im Nordatlantik

spielt in der gleichen WM-Qualifikationsgruppe

wie die Schweiz.

Fussball ist ein Stück der nationalen Identität

und Kultur. Die Namen der Spieler, die

am 12. September 1990 im Rahmen der EM-

Qualifikation Österreich 1:0 besiegt haben,

kennt praktisch jeder Einwohner auswendig.

Die Färöer sind erst 1988 Mitglied der

FIFA und danach 1990 der UEFA geworden.

Das Spiel gegen Österreich war das erste

Pflicht-Länderspiel in der Geschichte des

Inselstaates. Die Partie fand in Schweden

statt, da es auf den Färöern damals nur

Kunst rasenplätze gab. Allgemein wurde eine

himmelhohe Niederlage erwartet. Der österreichische

Nationaltrainer dachte an ein

10:0, und auch die Färinger rechneten mit

einer vernichtenden Niederlage. Ein 0:5 wäre

als Erfolg gewertet worden.

Bloss 1265 Fans waren ins Stadion von

Landskrona (Fassungsvermögen 14 000) gekommen,

die meisten waren Färinger. Etwa

100 Journalisten waren anwesend. Es war

das Ereignis mit der bislang grössten internationalen

Aufmerksamkeit für die Färöer.

Kurz vor Anpfiff des Spiels brach die

Übertragungsleitung des färöischen Radios

zusammen. Die beiden färöischen Fussballreporter

berichteten während der ersten

Halbzeit telefonisch. Zur Pause stand es 0:0.

In der 62. Minute fiel der entscheidende

Treffer durch Torkil Nielsen, der drei Abwehrspieler

umspielte und den Ball aus etwa

16 Metern Entfernung mit dem linken Fuss

hart und flach mitten ins Tor schoss. Die Siegermannschaft

wurde bei ihrer Ankunft in

Torshavn von etwa 20 000 Menschen begrüsst,

fast der Hälfte der Bevölkerung. Die

Spieler gelten seitdem als Nationalhelden.

Auf dieses Spiel gibt es eine Hymne. Reytt

og blátt og hvítt («Rot und blau und weiss»

in Anlehnung an die färöischen Landesfarben).

Im Refrain heisst es:

Merkið reytt og blátt og hvítt,

veittrar frítt um heimin vítt.

Fjøllini, fólkini stolt standa rætt,

Dávid her feldi Goliat.

Dávid her feldi Goliat.

Koyrið á…

Koyr á Føroyar…

Die Flagge rot und blau und weiss,

weht frei um die weite Welt.

Die Berge und das Volk stolz stehen sie da,

David stürzte Goliath.

David stürzte Goliath.

Vorwärts…

Vorwärts Färöer…

Foto: shutterstock.com/Marat Dupri s’Positive 5 / 2017 29


FÄRÖER

Klaksvik ist die

zweitgrösste Stadt

der Färöer und

hat einen natürlichen

Hafen.

Fussballinseln also. Als Feriendestination

sind die Färöer hingegen nahezu unbekannt

– und das war für mich erst recht ein Grund,

dort auszuspannen. Schliesslich war es einst

das Privileg der Reichen, der Sommerhitze

in kühlere Gefilde zu entfliehen. Nun ist auch

uns Proleten eine Reise in sommerliche Frische

gegönnt.

JEDEN TAG JEDES WETTER

Von Kopenhagen aus sind es noch zwei Flugstunden

Richtung Nordwesten. Nur die «Atlanic

Airways» fliegt von Kopenhagen aus

dieses wunderliche Inselreich an. Die Firma

besitzt lediglich drei Flugzeuge und der Flughafen

Vagar in der Nähe von Torshavn zählt

weniger Flugbewegungen als Belp. Die Güter

werden in erster Linie mit Schiffen zu den

Inseln transportiert und im Hafen von Torshavn

abgeladen. Im Dezember übrigens auch

eine Schiffsladung Tannenbäume. Auf den

praktisch baumlosen Inseln mag niemand auf

den Weihnachtsbaum verzichten. Die Hauptstadt

ist nicht ganz so gross wie Langenthal.

Die Konzentration auf den Schiffstransport

hat seinen Grund. Der Anflug ist wegen

schräg einfallender Winde und der kurzen

Landebahn so heikel, dass nur speziell ausgebildete

Piloten hier landen sollten. Die französische

Fussballnationalmannschaft pflegt

mit einem eigenen Jet zu reisen. Man hatte

den Franzosen angeboten, einen Piloten der

heimischen Fluggesellschaft zur Verfügung

zu stellen. Die Hilfe wurde abgelehnt und

beim Anflug wäre es um ein Haar zu einer

Katastrophe gekommen. Das Flugzeug kam

ZUSATZINFOS

Färöer

Die Färöer (die

Schafsinseln) sind

eine autonome, zur

dänischen Krone

gehörende Inselgruppe im Nordatlantik

zwischen Schottland, Norwegen

und Island. Die 18 Inseln sind bis auf

die kleinste alle permanent bewohnt.

Die knapp 50 000 Bewohner, die Färinger,

betrachten sich nicht als Dänen,

sondern als eigenständiges Volk. Sie

sprechen die färöische Sprache, die mit

norwegisch verwandt ist. Die Färöer

bilden zusammen mit Grönland eine

sog. «gleichberechtigte Nation» innerhalb

des Königreiches Dänemark und

damit weitgehende Autonomie. Torshavn

mit knapp 13 000 Einwohnern

ist die Hauptstadt. Die Färöer sind

anders als Dänemark nicht Teil der EU.

Seit dem 1. November 2006 bilden

die Färöer eine Wirtschaftsunion mit

Island, das ebenfalls nicht zur EU gehört.

FÄRÖER-INSELN

ISLAND

SCHOTTLAND

NORWEGEN

DÄNEMARK

Zentimeter vor dem Ende der Piste, dort, wo

es steil runter geht, doch noch zum Stillstand.

Was kann der Fremde hier unternehmen?

Wandern – und sonst nichts. Zwei Wochen

verbrachten wir in einem Haus auf Suðuroy,

der südlichsten Insel. Am Ende der Welt.

Oder vielleicht war die Welt ja am Anfang

so. Ohne Zeit. Mit richtigem Wetter. Ohne

Eile. Der Golfstrom sorgt dafür, dass es hier

nie richtig kalt wird. Nirgendwo ist es im

Winter so hoch im Norden so mild. Dank der

Lage so weit «oben» wird es auch nie richtig

warm. Im Hochsommer sind es in der Regel

10 Grad. Das Wetter bietet täglich alles. Regen,

Wind, Sonne und Nebel. Die Nächte

sind hell, tiefe, finstere Dunkelheit gibt es im

Sommer nicht – im Winter hingegen schon.

DIE BEIZ IST ZUHAUSE

Die Färöer-Inseln sind eine Oase ohne Kriminalität,

mit offenen Türen (niemand

schliesst sein Auto oder sein Haus ab), bewohnt

von freundlichen, eigenwilligen Menschen

und unzähligen Schafen. 80 000 Schafe

für 50 000 Menschen. Schafsinseln werden

sie daher auch genannt. Überall auf den

baumlosen, grünen Hügeln weiden einzelne

Schafe. Nicht Herden. Geschoren werden sie

nie, das Fell ist lang und zottelig. Gehalten

werden die Tiere meistens nur als Hobby und

zum Eigenbedarf. Betrieben wird also mehr

oder weniger eine «Hobby-Schafwirtschaft»

um nebenbei an die staatlichen Schafsubventionen

heranzukommen.

Wer gut essen will, muss selber kochen.

Die Restaurants auf den Inseln lassen sich

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FÄRÖER

«Eile, Stress und

unfreundliches Hasten

sind auf der Inselgruppe

unbekannt, Die

meisten Arbeitsplätze

bietet die staatliche

Administration.»

Die Halbinsel Tinganes in Thors haven

mit den Parlamentsgebäuden.

ZUSATZINFOS

Die Schweiz braucht viele Tore

Am 9. Juni spielt die Schweizer Fussball-

Nationalmannschaft in Torshavn in der

Qualifikation zur Fussballweltmeisterschaft

gegen die Färöer Inseln. Für die

noch verlustpunktlosen Schweizer gilt

es, ein ähnliches Debakel wie jenes der

Österricher von 1990 zu verhindern und

gleichzeitig etwas für ihr Torverhältnis

zu tun. Das Team von Vladimir Petkovic

an einer Hand abzählen. In den 17 Ortschaften

auf Suðuroy gibt es gar keines. Gute Restaurants,

wie wir sie kennen, findet man

eigentlich nur in Torshavn. Was jedoch nicht

als Zeichen für fehlendes Sozialleben oder

Geselligkeit gewertet werden kann. Gefeiert

wird viel und getrunken auch. Aber nicht in

der «Beiz». Sondern bei gegenseitigen Einladungen

zu Hause. Es gibt auch eine ganz

eigene Volksmusik mit schwermütigen, melancholischen

Liedern.

Eile, Stress und unfreundliches Hasten

sind auf der Inselgruppe unbekannt. Die

meisten Arbeitsplätze bietet die staatliche

Administration, dazu gibt es ein paar Jobs in

der Ölsuch-Industrie, im Transportwesen

und in der Fischerei. In den Buchten wird in

riesigen Netzen Lachs gemästet. Es soll der

beste Lachs der Welt sein. Dänemark subventioniert

sein Inselreich grosszügig, investiert,

wie es in Skandinavien der Brauch ist, viel in

Bildung und Allgemeinwohl. Zwischen den

Inseln verkehren Fährschiffe, günstig und

schneller sind jedoch die subventionierten

Verbindungen per Helikopter. Auf die kleinste

Insel wird für zwei Schüler regelmässig ein

Lehrer mit dem Helikopter eingeflogen.

Die Färöer-Inseln geniessen innerhalb des

Dänischen Königreiches Autonomie (aber

keine vollständige), haben deshalb ihren

eigenen Fussballverband und ihre Fussballnationalmannschaft.

Sie sind, anders als

Dänemark, nicht in der EU. Die Demokratie

ist direkt wie bei uns und die EU wird, so ist

hier zu erfahren, als Hort der Kontrolle und

Korruption abgelehnt.

Wer als Fremder kommt, wird neugierig

und freundlich ausgefragt. Woher? Warum

hierher? Mit einer Geschichte aus der Heimat

habe ich ungläubiges Staunen geerntet.

Ja, ich habe gespürt, dass man mir eigentlich

nicht recht geglaubt hat und wohl mancher

zu sich gesagt haben mag, was einst der

Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe seinen

Doktor Faust sagen liess: «Die Botschaft hör

ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.»

Diese kleine Geschichte – eigentlich mehr

eine Episode aus dem Alltag – ist wohl bekannt

in unserem Land und im Oberaargau.

Sie hat, wie ich damals doch recht überrascht

festgestellt habe, auch draussen in der Welt

Verwunderung geweckt. Und damit sind wir

doch noch beim Thema Politik und Kultur

und einer Geschichte aus dem Oberaargau.

Auf den Färöer-Inseln gibt es unendlich

viel Zeit und Raum. Es gibt wohl nur wenige

Gegenden auf dieser Welt (von Wüsten, Sibirien,

Australien und weiten Gegenden Amerikas

vielleicht abgesehen), wo es so einfach

wäre, sich gleich den Schafen irgendwo ungestört

zu erleichtern. Einfach spontan am

Rand der gut ausgebauten Strassen anhalten.

liegt derzeit drei Punkte vor dem gefährlichsten

Gruppengegner Portugal,

der im Hinspiel 2:0 geschlagen wurde.

Gewinnt Portugal das Rückspiel vom

10. Oktober mit dem gleichen Resultat

(was gewiss nicht auszuschliessen ist),

könnte die Tordifferenz den Ausschlag

geben. Da haben die Portugiesen klar

die Nase vorn.

WUNDERN ÜBER DIE SCHWEIZ

Trotzdem gibt es auf den Färöer in jedem

noch so kleinen Kaff (und deren sind hier

viele, manche nur aus zehn oder zwanzig

Häuser bestehend) eine schöne, geräumige,

saubere, öffentliche Toilette mit Brünnlein

zum Waschen der Hände und ausreichend

Papier. Fast so, als sei es ein Zeichen einer

hoch entwickelten Kultur, dass sich der

Mensch in anständiger Umgebung ungestört

erleichtern kann. Toiletten-Kultur. In dieser

direkten Demokratie der Färöer-Inseln kümmern

sich die Politikerinnen und Politiker

um die ganz elementaren Bedürfnisse der

Menschen.

Und so kommt es, dass ich mit meiner

Geschichte allenthalben Verwunderung erregte

wie wohl einst die Seefahrer, wenn sie

nach ihrer Heimkehr von wunderlichen Kreaturen

auf fremden Kontinenten erzählten.

Von Einhörnern, Seeungeheuern und Menschenfressern.

Dabei ist meine Geschichte so

einfach, so banal. Ich erzähle sie so: Es gab

im Herzen der Schweiz (eines der reichsten

Länder der Erde, das ist auch auf den Färöer-

Inseln bekannt) ein kleines, wohlhabendes,

schönes Städtchen mit knapp 5000 Einwohnerinnen

und Einwohnern in einer Gegend,

die Oberaargau heisst. Ein richtiges Städtchen,

nicht einfach ein Phantom wie Seldwyla.

Und dort wurde für viele Millionen ein

neuer Bahnhof gebaut. Aber man vergass die

Toilette, ignorierte das Wohl der Reisenden

und daraus wurde eine Geschichte, die landesweit

durch die Medien gegangen ist.

Aber das sei doch ganz und gar unmöglich,

wurde mir auf Färöer entgegnet. Wohin

muss dann, wer muss?

Auf diese naheliegende Frage hatte ich

keine Antwort gefunden und war umso

glücklicher, als ich einige Zeit nach meiner

Heimkehr feststellte, dass das Versäumnis

erkannt und beim Bahnhof Huttwil doch

noch ein schmuckes Urinarium gebaut worden

ist.

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32 s’Positive 5 / 2017


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IN EIGENER SACHE

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2., 3. und 5. Juni 2017

Oberaargauisches Schwingfest

Ort: Niederbipp

Zeit: Freitag ab 18 Uhr, Samstag und

Montag Kassenöffnung ab 6 Uhr.

6. Juni 2017

Tag der Tracht

Alphornbläsergruppe Oberaargau

in der Grossformation

Ort: Kornhaus Park,

Herzogenbuchsee

Zeit: ab ca. 17.00 Uhr

24. Juni 2017

100 Jahre Motorex Langenthal –

Jubiläumsfeier und grosses Fest

für alle

Tag der offenen Tür – Strassenkünstler,

Funpark und Alphorn-

Trio ARTix

Ort: Motorex-Gelände, Langenthal

Zeit: vormittags

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