Z21/22 ReformaFiktion 5.5 vorab

pischka

Die Aufgabe im Produktions-Prozess 65 Seiten von voraussichtlich 120 Seiten

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f ü r Z u k u n f t

REFORMA

FIKTION 5.2

DIE WELT FRAGT

NICHT NACH KIRCHE

SIE SUCHT ECHTES

A u s g a b e # 2 1 / 2 2

Z für Zukunft

1

w w w . Z f ü r Z u k u n f t . d e


Leitthema

Foto: © DesktopPapers.co

Reformafiktion 5.1

Der zweite Teil einer Fiction, in der wir uns vorstellen, eine umfassende Reformation

wäre möglich. Aber als erstes, vergessen wir, was wir uns von Reformation vorgestellt

haben. Versetzen wir uns in das Jahr 2137.

Peter Ischka

Mit der

HDS-Bank stieß

Lary Bracks eine

Kettenreaktion

an und schuf

einen Kollateral-

Gewinn von

unschätzbarem

Wert

Sie erinnern sich noch, was am 31.

Oktober 2117 Tagesthema war?

Nein, nicht das 600-Jahr-Jubiläum

der Reformation, das hat kein Aufsehen

erregt. Ich meine die Eröffnung

der HDS-Bank, der Bank mit dem absurden

Geschäftsmodell: Wer die Geschäftsbedingungen

akzeptiert, bekommt alle seine Schulden erstattet

und erhält einen monatlichen Prosperitätssatz bis

zum Lebensende. Das hat eine umfassende Reformation

ausgelöst, es hat unser Land tiefgreifend

verändert. Was die Entmachtung von „Schuld“

ausrichten kann – wir hätten es uns nicht träumen

lassen.

Alles ausgelöst durch Larry Bracks; der Billiardär

investierte sein gesamtes Vermögen in diese

Idee. Was er mit Worten nicht auszudrücken vermochte,

fasste er ins HDS-Modell: Habit, Debit,

Save!

Als global vernetzter und äußerst korrupter

Geschäftsmann hatte er zuvor unzählige Menschenleben

auf dem Gewissen; dann war er zur

falschen Zeit am falschen Ort und wurde Opfer

eines Terroranschlags. Dem Tode nahe, stand ihm

die Frage vor Augen: „Was ist ein Menschenleben

eigentlich wert?“ Das hatte ihn noch nie gekümmert,

aber nun wurde er diesen Gedanken nicht

mehr los. Rob, ein schrulliger Außenseiter und

Sohn eines guten Geschäftspartners, brachte ihn

auf die Spur, wie er die volle Vergebung seiner

unvorstellbaren Gräueltaten erlangen konnte.

Bracks ist kein Mann großer Worte, aber er ver-

6

Z für Zukunft


Leitthema

steht etwas von Geld – und die Sprache des Geldes

versteht doch jeder. So beschloss Bracks,

seinen Zeitgenossen mithilfe der HDS-Bank zu

zeigen, was Vergebung bewirkt und wie sich ein

Leben ohne Schuld anfühlt.

War es Zufall, dass am Tag der Eröffnung, am

31. Oktober 2117, auch das Reformationsjubiläum

begangen wurde? Oder wollte Bracks damit

ein Zeichen setzen? Ursprünglich ging es bei

der Reformation sechs Jahrhunderte zuvor doch

um die Wiederentdeckung der bedingungslosen

Entschuldung, der Rechtfertigung aus Glauben:

Schuldvergebung ohne religiöses Wenn und Aber.

Doch hat die lutherische Institution sich von ihrer

Herkunft und ihrem Erbe so weit entfernt – durch

linksliberale Ideologie und atheistisch-humanistische

Denkmuster –, dass eine Beziehung zum historischen

Ereignis jetzt nur noch von höchst spezialisierten

Fachkräften erahnt werden kann.

Die HDS-Erfolgsstory im Großen …

Nach dem ersten Jahr hatte die HDS-Bank 2,49

Millionen Kunden; 236 Milliarden Euro Schulden

wurden ausgeglichen. Nach dem zweiten Jahr

verzeichnete man bereits 19,64 Millionen Kunden,

die Schuldentilgung erreichte über 22,5 Billionen

Euro (1 Billion = 1000 Milliarden, eine Eins

mit zwölf Nullen). Der Passus in den Geschäftsbedingungen,

dass Kunden den eigenen Schuldnern

ebenfalls die Schulden erlassen müssen, stieß

eine Kettenreaktion an und schuf einen Kollateral-Gewinn

von unschätzbarem Wert – monetär,

psychisch, sozial, metaphysisch.

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2137. Die

Mitgliederzahl der Luther-Institution ist in den

letzten beiden Jahrzehnten weiter gesunken,

unter die 2-Prozent-Marke; parallel dazu sind

über 40 Prozent der Bevölkerung direkt oder

indirekt durch die HDS-Bank entschuldet. Was

Luther einst wiederentdeckte, seine Nachfolgeinstitution

aber schon lange nicht mehr vermitteln

kann, realisiert nun eine Bank. Deren Kunden

haben nicht nur ihre finanziellen Probleme in

den Griff bekommen; sie bemerken auch Veränderung

in ihren Beziehungen und in den eigenen

Emotionen: Ihre Ängste haben sich verloren, sie

sehen die Welt nun mit ganz anderen Augen, und

Misstrauen und Neid lösen sich mehr und mehr

auf. Das Prinzip „Vergebung“ findet universale

Anwendung und zeitigt ungeahnte Vorteile: Es

gibt immer weniger Grund, sich krankzusorgen;

der Gesundheitszustand der HDS-Kunden hat

sich enorm verbessert und die Krankheitsindustrie

musste gravierende Einschnitte hinnehmen.

… und im Kleinen

In Teil 1 der Reportage (»Z« 19/20,Titelgeschichte)

haben wir ein paar Schicksale kennengelernt:

Kuno Bretschneider wurden 127 000 Euro an

Schulden erstattet; seitdem erhält er monatlich

einen Prosperitätssatz von 5430 Euro. Seine

Geldsorgen waren ihm früher richtig unter die

Haut gegangen; die psychosomatische Erkrankung

hat er aber längst überwunden. Vielfach

ausgezahlt hat sich die Weiterbildung in kreativer

Kommunikation – inzwischen bekleidet er eine

leitende Position in einer namhaften Werbeagentur.

Aber auch in einem umfassenderen Sinn hat

sich für ihn die Welt der Kommunikation eröffnet:

Bretschneider hat festgestellt, dass man oft unter

ein und demselben Wort etwas völlig anderes verstehen

kann – das verspricht Missverständnisse

en gros! Diesem Phänomen ist Kuno an die Pelle

gerückt; sein „Wörterbuch der Missverständnisse“

ist Bestseller geworden. –

Manchmal denkt er zurück an die alten Zeiten

mit den Schulden und der Angst, und dann ist er

doppelt dankbar, dass er diese Last vom Hals hat.

Tagtäglich profitiert er von den Auswirkungen auf

die Kommunikation von Mensch zu Mensch.

Der einst hoch verschuldete, dem Bankrott

nahe Unternehmer Fries konnte sein Unternehmen

in eine fast mitbewerberfreie Nische führen

und hat kräftig expandiert. Von dem Passus in

den HDS-Geschäftsbedingungen, dass den eigenen

Schuldnern die Schulden zu erlassen sind,

profitierten vor allem die langjährigen Mitarbeiter;

die Folge: eine starke Identifikation mit der

Firma. Das Misstrauen hat einer vorbildlichen

Vertrauenskultur Platz gemacht, man kann sich

auf ein Wort wieder verlassen.

Was Luther

einst wiederentdeckte,

seine Nachfolgeinstitution

aber

schon lange

nicht mehr

vermitteln kann,

realisiert

inzwischen

eine Bank

Z für Zukunft

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Leitthema

Larry Bracks war ganz oben im Finanzsystem dieser

Welt; aber nach der Rettung aus den Trümmern

der Flughafenhalle in Amsterdam und aus

seinen Todesängsten beschloss er einen radikalen

Systemwechsel. Er suchte Befreiung von

einer unvorstellbaren inneren Schuldenlast:

Seine skrupellosen Entscheidungen hatten Bürgerkriege

ausgelöst, sie entzogen Ländern der

Dritten Welt Rohstoffe in Billiardenhöhe; er vergeudete

Menschenleben, um seine globale Expansionsmaschine

am Laufen zu halten. Wie kann

jemand für all das Vergebung erlangen? Unvorstellbar.

Und doch – Brack fand sie!

Die unbeschreibliche Freiheit, die sich Bracks

dadurch eröffnete, motivierte ihn, das Unbeschreibliche,

das er erlebt hatte, anderen zu vermitteln:

Möglichst viele sollten erleben, wie es

ist, wenn man von Schuldenlast befreit wird. So

also entstand die HDS-Bank, deren ausschließliches

Geschäftsziel es ist, die Schulden anderer

zu tilgen.

Foto: © U.S. National Archives and Records Administration

Lary Bracks

einsten

skrupellosen

Entscheidungen

hatten Bürgerkriege

ausgelöst

und unzähliche

Menschenleben

gekostet

Die einst alleinerziehende Mutter Jasmin

Bauer hat den Vater ihres Kindes geheiratet und

ein zweites Kind bekommen – glückliche Kindheit,

wenn die Eltern keinen Mangel haben! Der Junge

träumt davon, als Quantenphysiker in die Grundlagenforschung

zu gehen; er steht kurz vor dem

Abitur und ist Klassenbester. Nachdem die HDS-

Bank Jasmins Schulden ausgeglichen hatte, strich

sie dem Vater ihres Kindes die Schulden, also ihre

Forderung an Unterhaltszahlungen, denen er sich

entzogen hatte; das war der Anfang des Weges in

eine glückliche Ehe.

Geschäftsschädigend

Die in Frankfurt gegründete Bank gibt es

inzwischen in allen Ländern der Welt, auch im

hintersten Winkel kann man sich jetzt seiner

Schulden entledigen. Nicht jeder findet das gut,

denn Schulden geben Macht – jenem, dem die

Forderung zusteht. Schulden machen Angst und

wer Angst hat, ist manipulierbar. So sind Schulden

ein wichtiger Motor auch in der Politik und im

Zusammenspiel der Völker. Weniger Angst heißt:

Diese Menschen, diese Länder lassen sich nicht

mehr so leicht manipulieren. Wer Manipulation

strategisch einsetzt, der empfindet die HDS-Bank

als geschäftsschädigend.

So suchen IWF, FED und die EZB seit knapp

zwanzig Jahren nach Wegen, um Larry Bracks

Einhalt zu gebieten; auch Banken leben ja

bekanntlich von den Schulden der anderen. Die

Absurdität, eine Bank zu gründen, die Schulden

bezahlt, versetzte das Finanzsystem erst einmal

in Schockstarre; der Rest der Welt freute sich am

befreiten Leben.

Doch jetzt hat sich eine andere Angst eingestellt,

die Angst vor Überwachung durch unsichtbare

Datenkraken. Nach und nach haben große

Internetkonzerne die Kontrolle erlangt über ein

Vielfaches aller Daten von BND, NSA und FSB

zusammengenommen. Wollte man nur mal wissen,

wie lange man nach New York fliegt, wird

man umgehend mit Werbung von New Yorker

Coffee-Shops und ähnlichem zugemüllt. Die

hörenden Freunde im Wohnzimmer, Alexa und

Co, gehen einkaufen und machen sich im Internet

schlau. Aber der unermüdliche Butler hört auch

sonst mit und flüstert alles getreulich weiter –

und das ist nur die Spitze eines riesigen Eisbergs.

Wer weiß schon, wer alles wie viel über mich

gespeichert hat? Und wie können wir uns die-

8

Z für Zukunft


Leitthema

ser Kontrolle entziehen? Regierungen stehen vor

schier unlösbaren Aufgaben – schließlich finden

sie diese Datenkraken selber ganz nützlich.

Der Daten-Super-Deal

Beim vorletzten Weltwirtschaftsgipfel gaben

die großen Internetkonzerne den überforderten

Regierungen ein Dokument in die Hand, einen

Masterplan gegen diese Ängste: Künftig werden

die Daten an den Bürger gewissermaßen zurückübertragen,

damit muss er sie selber hüten;

niemand darf darauf zugreifen, es sei denn, er

erlaubte es freiwillig. Mit im Paket ist das großzügige

Angebot der dafür nötigen Sicherheitsprüfung;

den Konzernen steht ja eine bewährte Infrastruktur

zur Verfügung. Ein Beispiel: Will jemand

einen Versicherungsvertrag abschließen, liefern

diese Konzerne die globale Sicherheit – Kredite

gibt es nur inklusive Bonitätsprüfung. Wer die

Versicherung möchte oder einen Kredit aufnehmen

will, wird also gefragt, ob er seine Daten

„freiwillig” zur Verfügung stellen möchte. Sonst,

klar, es zwingt ihn ja keiner … Wer also am gesellschaftlichen

Leben teilhaben möchte, wird früher

oder später seine Daten „freiwillig” preisgeben;

so geben viele aus eigenem Entschluss die Hoheit

über ihre Daten wieder aus der Hand. Ein Masterplan

so recht nach dem Geschmack der Regierungen,

nimmt er ihnen doch komplexe Aufgaben ab.

Geregelt würde das alles in der „Globalen Datenschutz-Grundverordnung”

(GDSGVO): Der Bürger

bekommt die Hoheit über seine Daten zurück

und ist nun selbst verantwortlich dafür, sie freizugeben,

wenn er „kaufen und verkaufen” will.

Wer Daten ohne Einwilligung gebraucht,

macht sich strafbar in Millionenhöhe. Wer eine

Visitenkarte entgegennimmt, bräuchte sozusagen

eine schriftliche Genehmigung, dass er diese personenbezogenen

Daten auch aufbewahren und

verwenden darf; andernfalls hätte er sich bereits

straffällig gemacht. Man sollte also immer einige

Exemplare der Einverständniserklärung zur

Hand haben, man kann ja nie wissen, wen man

kennenlernt.

Fotos, auf den Menschen abgebildet sind, werden

nun nicht mehr als Bilder gewertet, auch das

sind jetzt personenbezogene Daten. Würde ein

Foto veröffentlicht ohne die Einwilligung jedes

Einzelnen, der darauf zu sehen ist, wäre das

eine kriminelle Handlung. Wie schnell geschieht

es, dass auf einem privaten Urlaubsfoto im Hintergrund

andere Leute stehen? Schwere Zeiten

für Whistleblower: Wenn ein Foto oder ein Text

z. B. die kriminelle oder korrupte Handlung eines

Unternehmers oder Politikers aufdecken, auch

dann müsste dieser zuerst um Einwilligung gebeten

werden.

Sie erinnern sich an die Gründungsstory der

HDS-Bank? Richtig, Larry Bracks eingeklemmt

unter Teilen der Flughafenhalle. Islamistisch

motivierter Selbstmordanschlag, hieß es damals;

dank privaten Fotos konnte das aufgeklärt werden:

Kurz vor den Wahlen wollten Linksradikale

verunsichern und destabilisieren. Laut der neuen

GDSGVO dürfen solche Fotos nicht mehr herangezogen

werden, weil es unmöglich ist, die freiwillige

Einwilligung aller Abgebildeten zu erlangen.

Teilhabe gibt es also nur gegen die „freiwillige“

Preisgabe der eigenen Daten, wer aber

etwas ans Licht bringen will, der kann ganz leicht

zum Schweigen gebracht werden.

Das Spiel mit der Angst

Larry Bracks hat dieses globale Spiel mit der

Angst genau beobachtet. Inzwischen haben 135

Millionen Kunden der HDS-Bank erlebt, wie

durch ihre Entschuldung Angst von ihnen genommen

wurde: Existenzangst, Angst, nicht genug zu

Wer am

gesellschaftlichen

Leben teilhaben

möchte, wird

früher oder

später seine

Daten „freiwillig”

preisgeben

Wnschen demonstrieren mit

einer Datenkrake, gebaut von

dem Künstler Peter Ehrentraut

für den FoeBuD e. V

Foto: © -wikipedia, Matthias Hornung

Z für Zukunft

9


Leitthema

Foto: © Agentur PJI UG, Montage

Lary Bracks

gründet

eine etwas

andere Bank,

um zu erklären,

was es bedeutet,

wenn einem

die Schulden

erlassen

werden

haben, Angst, übervorteilt zu werden. Das hat Vertrauen

aufgebaut. Man kann wieder offen miteinander

kommunizieren. Wer keine Angst hat, übervorteilt

zu werden, braucht auch nicht zu fürchten,

dass Gesagtes und Geschriebenes missbraucht.

Die Macht der Datenkraken …

Larry Bracks weiß bestens, wie man globale

Fäden zieht; er hat schnell durchschaut, dass mit

der neuen GDSGVO den Internetkonzernen nur

noch mehr Macht in die Taschen geschoben wird.

Die Länderregierungen dagegen bleiben machtlos.

Bracks hat eine wissenschaftliche Studie in

Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob Google

und Facebook wirklich die größten Datenkraken

sind, die die Zeitgenossen identifizieren, analysieren,

kategorisieren und von jedem Einzelnen

ein individuelles Profil erstellen. Er wollte

wissen, welche Firmen hinter dem gigantischen

globalen Datenhandel stecken; die meisten arbeiten

ja abseits der Öffentlichkeit und sind nahezu

unbekannt. Dabei stellte sich heraus: Das US-

Software-Unternehmen Oracle ist wohl einer der

größten Datenhändler der Welt; ständig kauft es

weitere Firmen im Big-Data-Business auf.

Diese Firmen arbeiten daran, jedem Menschen

eine eindeutige Identifikationsnummer zuzuordnen

– über Lebensbereiche, Geräte, Plattformen

hinweg. Dank der Cloud ist das immer besser

möglich. Mittels Milliarden von Cookies werden

Geräte-IDs auch von Smartphones gesammelt.

Nachfolge-Firmen von „Cambridge Analytica“

werten Emotions- und Persönlichkeitsanalysen

aus, um personalisierte Botschaften zu senden

und die Empfänger nach Wunsch des Auftraggebers

zu manipulieren.

… und die Bracks-Lösung

Larry Bracks fragt sich, wie er seine Kunden vor

dieser Manipulation schützen kann. Die Angst vor

Geldsorgen konnte er ihnen nehmen; nun steht er

vor der gigantischen Herausforderung, auch die

Angst vor den Manipulier-Datenkraken zu lösen.

Die Analyse gewährt ihm einen guten Überblick

über die wichtigsten Unternehmen: Einige

waren ihm schon bekannt, die meisten aber agieren

verborgen, im Hintergrund, und die machen

das eigentliche Big-Data-Business. Die Zahlen

und Fakten liegen auf dem Tisch: Börsenwert insgesamt

etwa 2578 Billionen Euro, Jahresrendite

im Schnitt 22,8 Prozent. Hmm. Wenn jeder HDS-

Kunde 19,10 Euro investieren würde, könnte man

den riesigen Datenkrakenladen in andere, in vertrauenswürdige

Hände bringen.

In geheimen Besprechungen mit seinen engsten

Vertrauten entwickelt er eine Strategie, wie

diese Überlegung umgesetzt werden könnte.

Pünktlich zum 31. Oktober 2137 – keiner ahnte

etwas –, kam es zu einer Börsen-Explosion: Mit

einem Schlag wurden an diesem Tag 87 Prozent

der Aktien der zehn bedeutendsten Daten-Konzerne

aufgekauft. Keiner war fähig zu erklären,

wie das sein konnte.

Die extreme Nachfrage katapultierte die Werte

dieser Aktien in astronomische Höhen; schon

eine halbe Stunde nach Handelsbeginn legten

die Werte der betroffenen Titel bis zu 287 Prozent

zu, für die wenigen am Markt verbliebenen

Aktien wurde jeder Preis gezahlt. Am Ende des

Tages lagen die Kurse bei einem Plus von durchschnittlich

224 Prozent; die Megarallye hielt noch

einige Tage an.

Larry Bracks hat es durch sein HDS-Netz möglich

gemacht: Alle 135 Millionen Kunden wurden

mit einem Schlag zu Aktionären der größten

Daten-Konzerne. 34 Prozent der Aktien wurden

unverzüglich wieder abgestoßen, solange sie

noch hoch im Kurs standen; auf diesem Wege

10 Z für Zukunft


Leitthema

konnten sofort zwei Drittel der Gesamtinvestition

zurückgeholt werden. Das Ziel war erreicht:

Die HDS-Aktiengemeinschaft hält nun 53 Prozent

der Aktien der zehn größten Daten-Konzerne und

nimmt direkt Einfluss auf die Unternehmensstrategie

und den Umgang mit den Daten.

Die EKD in der Klemme

Wie bereits mitgeteilt, ist die Mitgliederzahl

unter 2 Prozent der Bevölkerung geschrumpft.

Aufgrund des demografischen Wandels hatte die

Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2120 nur

noch 62 Millionen Einwohner. Das sind 20 Millionen

weniger als vor 100 Jahren; nur dem Zustrom

von Migranten ist zu verdanken, dass die Auswirkungen

weniger dramatisch ausgefallen sind als

befürchtet.

Wie die lutherische Institution gerade veröffentlicht

hat, kann sie noch gut 1,1 Millionen Mitglieder

verzeichnen; über die Jahre hat sie sich

zu einem Nischenspezialist entwickelt: Aufgrund

des starken Engagements für sexuelle Vielfalt hat

sie aus diesem Segment großen Zuspruch erhalten.

Nur – in der demografischen Realität ist diese

Vielfalt in der Minderheit; trotz großer Veränderungen

leben über 80 Prozent der Bevölkerung

immer noch in Gemeinschaften, in denen Kinder

von einem männlichen Vater und einer weiblichen

Mutter erzogen werden. Die große Ausnahme

sind die Pfarrer und Pfarrer*Innen: Über

60 Prozent von ihnen leben in einer homosexuellen

Beziehung.

Die Ratsvorsitzende Belinda Stronofski erscheint

bei ihren öffentlichen Auftritten meist in Begleitung

ihrer Lebenspartnerin, wie kürzlich, als sie

sich zum aktuellen Finanzbericht der EKD äußerte.

Nach der Novelle von 2122 des Staatskirchenrechts

war endgültig Schluss mit den Entschädigungsleistungen

des Staates für die Enteignung

von Kirchengütern nach dem Reichsdeputationshauptschluss

1803. Da der Mitgliederanteil unter

die 4-Prozent-Linie eingebrochen ist, wurde auch

die Erhebung der Kirchensteuer durch den Staat

eingestellt. Die Umstrukturierung erwies sich für

die EKD als kompliziert, die Einnahmenausfälle

waren höher als erwartet. 63 Prozent der Liegenschaften

konnten veräußert werden. Stronofski

betont, man habe besonders darauf geachtet, dass

die spirituelle Nutzung erhalten bliebe; so habe

man den muslimischen Schwestern und Brüdern

Raum schaffen können: Viele Kirchen wurden zu

Moscheen umgewidmet. Wegen des Wegfalls der

Subventionierung können drei Viertel der Kitas

und diakonischen Einrichtungen nicht mehr wie

bisher betrieben werden; damit fiel ein weiterer

großer Einnahmenposten weg.

Trotzdem gibt es immer noch zu viele ungenutzte

kirchliche Immobilien. Personal- und

Instandhaltungskosten sind kaum in den Griff

zu bekommen, seit vielen Jahren übersteigen sie

die Planzahlen. Die Verschuldung ist ins Unermessliche

gestiegen. Man hat eben versäumt,

die laufenden Kosten der sinkenden Mitgliederzahl

anzupassen; die zugrunde liegenden Budgets

stammen aus Zeiten, als noch 10 Prozent der

Bevölkerung Kirchensteuer zahlte.

In allen Gremien berät man sich über die

Zukunft der EKD; die bundesweiten evangelischen

Kirchenparlamente tagen in Wittenberg –

die Generalsynode der VELKD, die Vollkonferenz

der UEK und die Synode der EKD. Die Fakten liegen

auf dem Tisch, die Überschuldung beträgt

inzwischen 238 Milliarden.

Euro. Die

W-I-Frage steht im

Raum: Wann ist der

beste Zeitpunkt, die

Insolvenz der EKD

anzumelden?

Ein Synodale

aus Sachsen-Anhalt

reicht eine Wortmeldung

ein und

fragt, ob man nicht

in Erwägung ziehen

könnte, den Überschuldungsfall

bei

der HDS-Bank einzureichen;

seine

privaten Schulden

in Höhe von 37 000

Euro seien umgehend

und unbürokra-

Wie kann man

politisch korrekt

die Schulden eingestehen

und

immer noch gut

weg kommen?

Foto © Agentur PJI, Mongage

Z für Zukunft

11


Leitthema

Foto: © Agentur PJI, Montage

Menschen umarmen sich,

Mauern gesellschaftlicher

Isulation werden

durchbrochen. Es entstehen

Beziehungen.

Plötzlich redet

man wieder miteinander

und

kommt in Beziehung.

Das Grundmuster

von

Kirche wäre wiederhergestellt

tisch getilgt wurden. Er skizziert die Geschäftsbedingungen

und erklärt, man müsse seine Schulden

eingestehen und den eigenen Schuldnern die

Schulden erlassen; seines Wissens gelte dieses

Angebot zwar bisher nur für Privatpersonen, aber

es könnte sich lohnen, mit dem Management der

HDS-Bank in Verhandlung zu treten.

Man diskutiert, wie das politisch korrekt kommuniziert

werden könne, die Schulden auf diese

Weise einzugestehen und damit öffentlich zu

machen. Wie steht die EKD dann da, mit all den

Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte? Das

käme ja einem Schuldgeständnis gleich!

Schließlich wählt man aus dem Finanzausschuss

eine dreiköpfige Delegation und

beschließt, mit einem Insolvenzantrag noch zu

warten, bis das Verhandlungsergebnis vorliegt.

Bracks spricht Klartext

Larry Bracks wurde unmittelbar über diesen

Antrag informiert – und ließ es sich nicht nehmen,

die Abordnung persönlich zu empfangen.

Er erklärt das HDS-Geschäftsmodell: „Entschuldet

aus Gnade“. Einer der Delegierten meint sich

zu erinnern: „Da war doch was“ – ja, richtig, diesen

alten Lehrsatz hat der konservative Flügel

immer wieder auf die Tagesordnung zu bringen

versucht. „Gerechtfertigt aus Glauben“ – das war

doch einfach nicht mehr zeitgemäß. Luther war

eben Kind seiner Zeit und hatte nicht das Wissen,

das die moderne Theologie inzwischen zu Tage

befördert hat.

Bracks hakt ein: HDS bediene keine theologischen

Theorien, sondern beseitige ganz konkrete

Geldschulden; zu philosophischen Träumereien,

konservativ hin oder her, gebe er sich nicht her –

„Wollen Sie nun die Schulden getilgt haben

oder nicht?“ Ja, das wollte man natürlich.

Blieb die Frage, wie die vier Punkte der

Geschäftsbedingen in diesem Fall anzuwenden

seien. Die EKD ist ja keine Privatperson, sondern

eine Körperschaft mit noch 1,1 Millionen

Mitgliedern.

Die HDS-Geschäftsbedingungen:

• Ich erlasse meinen Schuldnern alle Schulden zu

100 % und verzichte vollständig und endgültig

auf alle diese Forderungen.

• 25 % meines Prosperitätssatzes verwende ich

dafür, die Lebensbedingungen von Menschen in

meinem Umfeld zu verbessern.

• Ich wähle eine Erwerbstätigkeit und/oder ein

Ehrenamt, in dem ich mich meinen Fähigkeiten

und Begabungen entsprechend weiterentwickeln

kann.

• Ich treffe mich regelmäßig mit zwei bis drei Personen

meines Vertrauens zum Essen, um mich

über Fragen des Lebens und über Probleme

des Alltags auszutauschen, von den Erfahrungen

der anderen zu lernen und zu einer positiven

Motivation beizutragen.

Larry Bracks überlegt kurz und macht dann

einen interessanten Vorschlag: „Wir bleiben unserem

HDS-Konzept treu: Nur für Privatpersonen!

Also legen wir die Verschuldung auf die Mitglieder

um, macht Pi mal Daumen etwa 200 000 Euro pro

Kopf. Diesen Betrag bekommt der Einzelne von

der HDS-Bank ausbezahlt und spendet ihn der

EKD. Das geht aber nur, wenn jeder Einzelne in ein

Vertragsverhältnis mit HDS kommt und die weiteren

drei Punkte der Geschäftsbedingungen auf

privater Ebene erfüllt: Jedes Mitglied erhält einen

Prosperitätssatz und verwendet davon wie vorgesehen

25 Prozent dafür, die Lebensbedingungen

von Menschen in seinem Umfeld zu verbessern,

wählt ein Ehrenamt und trifft sich regelmäßig

mit zwei, drei Personen, um eine Beziehungs- und

Gesprächskultur zu entwickeln.“

12

Z für Zukunft


Die Delegation zog sich zur Beratung zurück:

Ist das machbar? Dazu braucht die EKD die Einwilligung

aller 1,1 Millionen Mitglieder. Ein komplexer

Prozess – wann hat man das letzte Mal mit

der Basis so direkt kommuniziert? Aber es könnte

klappen, lautet der Konsens nach heftiger Diskussion.

Denn das Angebot mit dem Prosperitätssatz

als monatlichem bedingungslosem Betrag für

jeden (einzige Bedingung ist die Verwendung der

25 Prozent), das könnte doch für alle ein Anreiz

sein, war man überzeugt. Damit könnten trotz der

zunehmenden Isolation von Einzelnen die Barrieren

überwunden und alle zu einem Ehrenamt und

diesen Treffen motiviert werden.

Mit diesen „Hausaufgaben“ wurde die Delegation

entlassen. Die lutherische Institution muss

nun einen Weg finden, die Einwilligung jedes einzelnen

Mitglieds zu bekommen.

Auf dem Rückflug ist Larry Bracks in Gedanken

versunken: Was wird wohl daraus werden?

Die Mitglieder werden es honorieren, dass die

EKD auf solche Weise ihren Bankrott erklärt, und

die Einwilligung erteilen. Wer zu seinem Versagen

steht, hat immer die besseren Karten. Gut,

und der Prosperitätssatz wird allen ein Anreiz

sein. Doch kaum auszumalen, was für eine unvorstellbare

Dynamik das auslösen wird: Plötzlich

werden alle im Ehrenamt aktiv, man redet wieder

miteinander und kommt in Beziehung. Bracks

schmunzelt: Das Grundmuster von Kirche wäre

auf diesem Weg wiederhergestellt.

Der Vorab-Test

Achtung: Das war eine fiktive Geschichte; bitte

nicht traurig sein, wenn Sie das noch nicht so

erleben! Sie könnten aber mit Freunden einzelne

Module testen; warten Sie nicht bis 2137, sondern

probieren Sie aus, ob die Fiktion vielleicht

schon heute Realität werden kann.

Leitthema

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Z für Zukunft

13


Z-aktuell

Foto: © Fil Luther 2003

95 Humanismus-Antithesen

an die Tore liberaler Kirchen

Ignace Demaerel

Humanismus

bedeutet: Der

Mensch steht im

Mittelpunkt und

macht sich zu

Gott, zum Maß

aller Dinge

Luther ahnte nicht, dass seine Thesen

eine Revolution auslösen und die

geistliche Landschaft Europas völlig

verändern würden. Seine 95 Thesen

entsprangen seiner aufrichtigen

Empörung – oder sogar einem heiligen Zorn –

über falsches Handeln, das sich nicht mit der Bibel

begründen ließ und auch dem gesunden Menschenverstand

widersprach. Luther war ein Whistleblower

seiner Zeit und es grenzt an ein Wunder,

dass er das nicht mit dem Leben bezahlte.

Heute ist der atheistische Humanismus ein

tausendfach größeres Übel als seinerzeit das

Ablass-Unwesen. Das Heil, das Gott als Geschenk

anbietet, hat man damals aus Geldgier den Menschen

verkauft. Sie wurden zwar geschröpft, aber

hoffentlich dennoch gerettet.

Diese „95 Thesen“ nun, die sich mit der Ideologie

des Humanismus befassen, sind aus ähnlicher

Empörung heraus entstanden. Der Aufbruch

im Mittelalter gegen die Bevormundung und den

Machtmissbrauch seitens der Institution Kirche

führte in zwei Richtungen: einerseits hin zu Gott,

andererseits total von ihm weg.

Humanismus bedeutet: Der Mensch steht im

Mittelpunkt. Der Mensch macht sich zu Gott, zum

Maß aller Dinge. In der Befreiung von dem fal-

14

Z für Zukunft


Leitthema

schen Gottesbild, das eine machthungrige Kirche

vermittelt hatte, hat man es über die Jahrhunderte

nicht richtiggestellt, sondern Gott gleich

ganz aus dem Bild gerückt. Da Gott aber nun mal

unverrückbar ist, hat sich der Mensch selber ins

Abseits gestellt und sich damit dem Segen Gottes

entzogen, der doch die Quelle seiner Kraft ist.

Zur Zeit Luthers wurde den Gläubigen gegen

viel Geld das Heil verkauft (Ablass). Das war

Betrug und Diebstahl aus purer Geldgier. Wenigstens

wollten die Gläubigen damit noch vor Gott

besser dastehen.

Heute ist die Kirche in einem weit schlimmeren

Zustand als zur Zeit Luthers: Der Humanismus

hat das Denken durchdrungen und kaum einem

ist noch bewusst, dass er einer Beziehung zu Gottes

bedarf. Gott und Sünde wurden zuerst relativiert,

dann mussten sie der Beliebigkeit ganz weichen.

Die überhöhte Vernunft meint, sie könnte

Gott beibringen, wie er sich zu verstehen habe.

Der Vergleich von nützlicher Saat und Unkraut

in den Evangelien veranschaulicht die Situation

sehr gut: 1

„Dass Jesus als souveräner König die Herrschaft

hat, kann man vergleichen mit dem Bauern,

der den guten Samen der Reformation auf

seinen Acker säte. In der Nacht kam sein Feind

und säte heimlich den Humanismus als Unkraut

dazwischen.

Als die Saat aufging, kam auch das Unkraut

zum Vorschein. Was tun? ‚Sollen wir das Unkraut

ausreißen?‘ – ‚Nein‘, war die Antwort, ‚ihr würdet

mit dem Unkraut auch den Weizen ausreißen.

Wenn die Ernte kommt, sollen die Erntearbeiter

das humanistische Unkraut ausreißen und es verbrennen.

Dann soll die Frucht einer umfassenden

Reformation eingebracht werden!‘

Kurz darauf redete Jesus mit seinen Freunden

Klartext: ‚Der Mann, der den guten Samen

aussät, ist der Menschensohn. Der Acker ist die

Welt. Der gute Same sind die Menschen unter

der Herrschaft Gottes; das Unkraut sind die Menschen,

die dem Bösen folgen, und der Feind, der

das Unkraut gesät hat, ist der Teufel. (Einem

„vernünftigen“ Menschen wurde beigebracht, des

gebe keinen Teufel. Das ist für diesen das beste

Argument, in seinen bösen Aktivitäten ungestört

zu bleiben). Die Ernte ist das Finale dieser Welt.

Da wird alles aus meinem Reich entfernt werden,

was nicht nach Gottes Ordnung ist. Und dann

werden die aus Glauben Gerechtfertigten im

Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne.‘“

Wie viele Denkkonzepte nimmt man heute einfach

hin, ohne sie ernsthaft zu hinterfragen?! Von

den Medien werden sie gebetsmühlenartig wiederholt;

so entsteht der Eindruck, jeder sähe es

so. Doch bei näherer Betrachtung erweist sich

vieles als heiße Luft.

Verbannt man Gott aus dem Weltbild und macht

den Menschen zum Maß aller Dinge, sind Probleme

vorprogrammiert; wer erkennt schon, wie sehr der

Zeitgeist im Widerspruch steht zum gesunden

Menschenverstand und zur Würde des Menschen?

Deshalb sollen diese neuen 95 Thesen zum Humanismus

wie die Thesen Luthers eine Einladung sein

zu einer grundlegenden Debatte – und sie sind der

Rahmen für ein Buch mit gleichem Titel, das umfassend

auf Zusammenhänge und Folgen eingeht. 2

Dabei wollen wir differenzieren zwischen dem

Humanismus als Denkmuster, als Ideologie, und

seinen Vertretern, den Humanisten, unter denen

es ehrenwerte, vorbildliche Menschen gibt, die

viel Gutes bewirkt haben. Wir wollen die Konzepte

und Werte analysieren, die hinter dem

Humanismus stecken, und so dieses Denksystem

entlarven.

Das Muster ist

uralt, es wird uns

in einem der ersten

Texte der Bibel überliefert,

im Bericht

vom sogenannten

Sündenfall – und der

führt uns zum Urproblem

der Menschheit

schlechthin: „Sollte

Gott gesagt haben?“

Die Kirche

heute ist in einem

weit schlimmeren

Zustand als zur

Zeit Luthers:

Der Humanismus

hat das Denken

durchdrungen und

kaum einem ist

noch bewusst,

dass er einer

Beziehung zu

Gottes bedarf

Der Vergleich von

nützlicher Saat

und Unkraut in

den Evangelien

veranschaulicht die

Situation sehr gut: In

der Nacht kam der Feind

und säte heimlich den

Humanismus als Unkraut

dazwischen.

Foto: Wikipedia, Dalibri

Z für Zukunft

15


Z-aktuell

Danach eröffnet Jesus den Jüngern, dass er

demnächst in Jerusalem getötet wird. Petrus,

ganz aufgebracht: „Gott behüte dich, Herr! Dies

wird dir keinesfalls widerfahren.“ Jesus erwidert:

„Geh hinter mich, Satan! Du willst mich zu Fall

bringen. Was du denkst, das kommt nicht von

Gott, sondern ist humanistisch!“ 3

Antike Götter, die Vorbilder

humanistischen Denkens:

Cronus (Saturn) kastriert

seinen Vater Uranus, den

griechischen Himmelsgott

bevor Zeus in Spiel kam.

Fresko von Vasari &

Cristofano Gherardi, um

1560, Sala di Cosimo I,

Palazzo Vecchio, Florenz.

Es ist

intellektuell

aber unredlich,

wenn man das

Schlechteste

vom Anderen

mit dem eigenen

Besten

vergleicht

Suchen wir nach Gottes Konzept, oder halten

wir uns für schlauer? Im Buch Genesis (1. Mose)

3 können wir es nachlesen: „Keinesfalls wird es so

sein, wie Gott gesagt hat. [Klingt wie eine aktuelle

TV-Doku.] Vielmehr werden eure Augen aufgehen

und ihr werdet sein wie Gott [ihr werdet zum Maß

aller Dinge], erkennend Gutes und Böses.“ Was

war das Ergebnis dieses faulen Versprechens?

Sie „erkannten“, dass sie ohne Beziehung zu Gott

nackt waren, und mussten sich verstecken. Na

super! Und ohne es richtig zu begreifen waren sie

humanistisch und von der Abhängigkeit von Gott

befreit – und flogen zum Paradies hinaus. Dumm

gelaufen.

Eine Begebenheit mit Jesus wirft zusätzlich

Licht auf diese Thematik.

Mit seinen Freunden macht er einen Ausflug

nach Cäsarea Philippi, um ihnen etwas zu veranschaulichen

am Tempel des Gottes Pan (von

dem das Wort „Panik“ abgeleitet ist, weil er Menschen

extrem erschreckt haben soll). Jesus fragt

sie: „Was meint ihr, wer ich bin?“ Petrus antwortet:

„Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen

Gottes.“ Jesus darauf: „Volltreffer! Das ist

keine humanistische, von Menschen stammende

Erkenntnis, sondern eine Offenbarung direkt aus

dem Himmeln, die hast du von meinem Vater.

Ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diese Worte

der Offenbarung meines Vaters werde ich meine

ekklesia (Kirche) bauen, und die Pforten des

Hades werden ihr nicht standhalten können.“

Der Humanismus will Gottes Absichten durchkreuzen.

Ist eine Kirche von humanistischem

Denken infiziert, ist sie zum Scheitern verurteilt:

die Pforten des Hades werden sie verschlingen.

Der Tod ist im Topf.

Die neuen 95 Thesen – Eine Kostprobe

These 2: „Human” und „humanistisch” haben

dieselben Wurzeln, aber unterscheiden sich

genauso voneinander wie „sozial” und „sozialistisch”.

Jeder „-ismus” ist eine unverhältnismäßige

Ableitung von einem Prinzip oder einem Teil

davon. Zu meinen, nur Sozialisten wären sozial,

das würde vielen Unrecht tun, und nicht selten

legen Sozialisten oder sozialistische Regimes ein

äußerst unsoziales Verhalten an den Tag.

These 7: Angriffe gegen die Kirche haben ihren

Ursprung darin, dass die Kirche viel Nebensächliches

um das Zentrum des christlichen Glaubens

herum aufstellte, und manches als heilig, ewig und

unfehlbar erklärte (z. B. Heiligenverehrung), das

es gar nicht war. Diese Verwirrung und Veräußerlichung

schwächte und verwässerte die Botschaft.

Das lieferte Gegnern „billige Munition”.

These 11: Der Humanismus zeigt eine sehr

begrenzte Vorstellung von Religion, als wäre jede

Religion per se einengend, als wäre Glaube nur

eine sinnlose Unterwerfung unter irrationale Dogmen,

ein Abschalten des Denkens … Man schließt

aus, dass der christliche Glaube befreiend, bereichernd

und erfreuend sein könnte. – Es ist intellektuell

unredlich, wenn man das Schlechteste

vom Anderen mit dem eigenen Besten vergleicht.

Der Humanismus schafft zunächst eine Karikatur,

diese zerlegt er dann – und meint, damit hätte er

das Christentum ausgehebelt.

16

Z für Zukunft


Leitthema

These 16: Der Humanismus, die Renaissance

und die Aufklärung wandten sich der klassischen

Antike und deren Göttern zu, hielten sie für eine

Alternative zur christlichen Lehre, und schlossen

dabei die Augen für deren dunkle, irrationale Seiten.

Die christliche Sicht über Gott und sein Wort

wurden als naiv verachtet und als Erfindung abgetan;

stattdessen hing man eigenartigen Mythen

nach, widersprüchlichen Ideen und Göttern mit

fragwürdigem Lebenswandel. Für die Aufklärung

war die Bibel primitiv, aber selber wählte sie noch

„primitivere” religiöse Formen, zog „Spielzeuggötter”

dem wirklichen Gott vor.

These 19: Der „Glaube an die Menschheit” wird

verkündet als Alternative zum „Glauben an Gott”.

Das Wort „Glauben” jedoch erhält je nach Objekt

eine völlig andere Bedeutung – es ist doch ein großer

Unterschied, ob man sagt: „Ich liebe meine

Frau”, oder: „Ich liebe Eiscreme”. Wer will das

glauben, dass der Mensch allmächtig, vollständig

gut, allwissend oder unfehlbar wäre? Diese Idee

brachte Verwirrung und ideologischen Nebel.

These 25: In seinem Glauben an die Menschheit

bezeichnet der Humanismus die Demokratie als

eine der wichtigsten „Errungenschaften”. Doch

deren treibende Kraft ist das große Misstrauen

gegen den Menschen, nämlich die Befürchtung,

er könnte seine Macht missbrauchen. Gegen

diese Gefahr braucht Demokratie viele Schutzmechanismen,

aber dieser Schutz kann eine Gesellschaft

zum Erstarren bringen.

These 29: Der Humanismus leidet unter einer

gefährlichen Naivität. Sein Optimismus betreffs

der Menschheit verschließt systematisch die

Augen vor der Realität. Ein General, der so den

Feind unterschätzte, würde viele Soldaten in den

Tod schicken; das würde ihn den Job kosten und

die Geschichte würde ihn verdammen. Jeder,

der das Gute im Menschen als Dogma annimmt,

leugnet die Wirklichkeit des Dämonischen (z. B.

Süchte, Chauvinismus und Rassismus, blindes

Wüten …) und gibt ihm Raum.

These 30: Wer weiterhin Wissenschaft und

Vernunft als den einzigen Zugang zu Erkenntnis

sieht, wird bei einer materialistischen Weltsicht

enden und die geistliche, höhere, unsichtbare

Realität verpassen. Durch ein Mikroskop wird

man niemals Sterne beobachten oder das große

Ganze sehen können: Die Art der Linse bestimmt,

was man sieht und was nicht.

These 38: Der Humanismus appelliert an die

Vernunft, lat. ratio, aber im Sprachgebrauch unterscheiden

wir zwischen „rational” und „vernünftig”.

Intellektualismus und Rationalismus sind von

Natur aus unausgewogen. Sie sind kleinlich und

machen beziehungsarm, sie behindern Kreativität

und sind kalt und stolz; um sich zu schützen, wollen

sie alles kontrollieren. Und umgekehrt: Luther

sprach von der „Hure Vernunft”, die sich von allen

missbrauchen lässt, die sie begehren.

These 43: Die Ansicht, alle Religionen wären

gleich und führten zum selben Ziel, scheint eine

„höhere”, universelle Einsicht zu sein, eine überlegene

Weisheit; sie ist aber nur Meinung von vielen.

Das Aufkommen einer „universalen Religion” führt

hingegen zu einem menschengemachten „religiösen

Esperanto”, das keinen zufrieden stellt. Es

gleicht einem Mann, der „die Frau” generell kennenlernen

möchte und sich deshalb „allen Frauen”

zuwendet und mit allen schläft. Kennt er „die Frau”

deshalb besser, als ein treuer Ehemann es könnte?

These 45: Der Humanismus predigt Autonomie

und Selbstbestimmung: Auf philosophisch-moralischer

Ebene widersetzt er sich fundamental

Nicht selten legen

Sozialisten oder

sozialistische Regime

äußerst unsoziales

Verhalten an den Tag.

Bild: Sowjetisches Probaganda-

Plakat mit Marx, Engels, Lenin

und Stalin

Humanistische

Ideologien des

letzten Jahrhunderts

haben

unvorstellbar

mehr Opfer

gekostet als alle

Religionskriege

zusammen

Mit einem

Mikroskop

wird man

niemals

Sterne

beobachten

können

Z für Zukunft

17


Z-aktuell

„Freiheit führt

das Volk an“

Romantische historien

malerei. Im Gedenken

an die Französische

Revolution von 1830

Eugène Delacroix,

Louvre, Paris

Freiheit, das

schönsten Ideale

auf Erden.

Im Mund von

Demagogen wird

es schnell zur

billigen Phrase

jeder Autorität; Werte und Normen bestimmt der

Einzelne selber. In allen Lebensbereichen lässt

der gesunde Menschenverstand erkennen, dass

etwas Übergeordnetes nötig ist: in der Familie,

beim Fußball, in der Wirtschaft, in Armee, Regierung,

Schule … Wie widersinnig, wenn ausgerechnet

in den wichtigsten Lebensbereichen jeder tun

und lassen kann, was er möchte! Es gleicht einem

Land, in dem jeder König ist – scheinbar „demokratisch”,

frei und angenehm, aber das Endergebnis

ist völlige Nivellierung und Anarchie.

These 49: Der Humanismus behauptet, er

strebe die Freiheit der Menschen an, und wehrt

sich gegen alle Bedrückung durch religiöse Systeme.

Aber jede Religion, Ideologie, politische

Bewegung, Revolution, Therapie, Sekte … behauptet

doch auch, Freiheit zu bringen! Jedes System

oder Regime bringt eine gewisse Form von Unterdrückung

mit sich, und der Humanismus ist da

keine Ausnahme. Freiheit ist eines der schönsten

Ideale auf Erden, aber schnell wird sie zur billigen

Phrase im Mund von Demagogen. Je nach Art der

„Freiheit” landet man dann eher in einer anderen,

meist ärgeren Form von Sklaverei.

These 50: „Toleranz” ist der höchste Wert des

Humanismus; aber Toleranz hat ihre Grenzen –

alles zu tolerieren (z. B. Pädophilie, Kindesmissbrauch,

Vergewaltigung …) geht unmöglich! In

der Realität jedoch wird der Begriff „Toleranz”

mit Absicht als Waffe gebraucht: Im Konflikt

beschuldigen sich beide Seiten der Intoleranz;

„Sieger” wird, wer lauter schreit.

These 53: Sind christliche Werte getrennt von

der Quelle der Inspiration (Gott), dann gleicht das

Schnittblumen in einer Vase: Eine Weile sehen sie

hübsch aus, aber sie verwelken. Christliche Prinzipien

von Gott zu trennen macht sie zu abstrakten

Regeln und Allgemeinplätzen, bringt aber

kein Leben hervor.

These 63: Der Humanismus wurde in einer

säkularen Gesellschaft zur neuen Staatsreligion:

Die Entwertung der Kirche als Autorität führte zu

einem Vakuum; das hat sich gefüllt mit einer radikalen

Selbstbestimmung. Über Definitionen, Rahmenbedingungen

und Bezugspunkte ist ein geistlicher

„Krieg” entbrannt; wer lauter schreit, der

drückt dem Anderen seine Weltsicht auf. Längst

hat der Humanismus neue Regeln und Rahmenbedingungen

festgelegt,unter dem Vorwand der

„Neutralität”.

These 64: Der Humanismus nennt ständig Religionen

als Ursache von Kriegen und Blutvergießen,

übersieht aber vorsätzlich die Tatsache,

dass die aus humanistischen Ideologien geborenen

atheistischen Diktaturen des letzten Jahrhunderts

unvorstellbar mehr Opfer gekostet haben

als alle Religionskriege zusammengenommen.

(Man denke nur an die Sowjetunion, das Dritte

Reich, China, Kambodscha, Nordkorea und zum

Vergleich an den Siegeszug des Islams im frühen

Mittelalter, den Kreuzzügen, dem Dreißigjährigen

Krieg, Al-Kaida und IS …)

These 65: Der Humanismus präsentiert sich

gerne humaner als das Christentum, aber an seinen

„Früchten” sehen wir das Gegenteil: Erniedrigung

des Menschen. Bei der Anwendung seiner

ethischen Einstellung, zum Beispiel zu Abtreibung

und Euthanasie, wird das Leben des Menschen

systematisch ab- und nicht aufgewertet.

These 67: Der Humanismus hat die Sicht auf

Sexualität radikal verändert; er brachte eine

sogenannte „Befreiung” von der „Unterdrücker”-

Ethik der christlichen Ehe. Heute wirkt diese

sexuelle Freiheit zerstörerischer, als die Tabus

von früher es je hätten sein können. Die Treue in

18

Z für Zukunft


Leitthema

der Ehe wird geopfert auf dem Altar des Individualismus;

Kinder haben in der totalen Selbstbestimmung

beider Eltern nicht wirklich Platz.

These 71: Humanistisches Denken hat die

christlichen Kirchen seit Jahrhunderten infiltriert.

Jede gute Absicht in den „modernen” Kirchen,

das Evangelium annehmbarer, niederschwelliger

zu machen – alles „Anstoßerregende” zu beseitigen

– war nur destruktiv: Die Folgen waren ein

Verlust an Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft,

ein Mehr an Anpassung und die Verwässerung

des Glaubens. Kurz, das humanistische Denken

führt zu einer kraftlosen Christenheit, die sich

der Beliebigkeit preisgegeben hat.

These 75: Mit den Anfangsworten der Bergpredigt

„Selig sind die Armen im Geist” legte Jesus

dem Humanismus eine Bombe, somit auch unserem

oberflächlichen Selbstvertrauen und unserer

Selbstgefälligkeit. Von Natur aus ist doch jeder

mehr oder weniger humanistisch kontaminiert;

jeder, der dieser Ideologie entgegentreten will,

muss zunächst einigermaßen fertigwerden mit

seiner Ich-Bezogenheit und Selbstgerechtigkeit

sowie der seiner Kirche.

These 77: Wer behauptet, das Evangelium „verbessern”

zu wollen, erweist sich meist als arrogant;

das Ergebnis zeigt genau das Gegenteil.

Wer sich als Teil einer „humanistischen Bewegung

in der Christenheit” sieht, muss sich entscheiden,

um welchen Mittelpunkt er sich dreht

– welchem Gott er dient: dem Gott der Bibel oder

der Menschheit? Passen wir die Bibel an den Zeitgeist

an oder richten wir unser Denken an der

Gesinnung des Gottes der Bibel aus?

These 79: „Moderne” Bewegungen in Kirchen

als Ausdruck humanistischen Christentums laufen

der Welt nach und folgen den Trends, statt

prophetische Vorläufer zu sein. „Jesus verwandelte

Wasser in Wein; auch die moderne Theologie

wirkt ‚Wunder‘: Sie verwandelt Wein wieder

zu Wasser!” Verständlich, dass viele dieses verwässerte,

geschmacklose Christentum angewidert

ausgespuckt haben. Der dramatische Verfall

der Kirche in Europa zeigt, dass Gott nicht im

Mittelpunkt stand.

These 89: Die Finanz- oder Bankenkrise ist ein

gutes Gleichnis für die aktuelle ideologische Krise:

Wenn Derivate nicht mehr durch reale Werte

gedeckt sind, bricht das System zusammen. Wie

die Bankenkrise verursacht wurde durch übermäßiges

Investment mit geborgtem Geld und durch

Handel mit virtuellem Geld, so wird auch der

„Markt der Ideologien” erschüttert – der Humanismus

arbeitet nur mit „geborgten Werten”.

These 79: Die Ichbezogenheit sitzt tief und ist

nahezu unverwüstlich. Sie entspricht ganz unserer

Natur und ist schwierig zu überwinden. Nur

Gott kann uns befreien von dieser Tyrannei unseres

Ichs! Nur ein vollkommener, guter und heiliger

Gott ist der zentrale Bezugspunkt für Normen

und Werte, für Lebenssinn und -zweck. Nur

er kann ein unparteiischer Vermittler sein und

uns helfen, den Irrgarten des Lebens von oben

zu betrachten.

Ignace Demaerel, Denker, Schriftsteller, Theologe, Kolumnist;

Jahrgang 1961, lebt nahe Brüssel

1 Nach Matthäus-Evangelium 13,24–30.38–43.

2 Fördern Sie das Buchprojekt mit Ihrer Subskription:

www.agentur-pji.com/95thesen.

3 Matthäus-Evangelium 16,18–23.

Auch die

humanistische

Theologie wirkt

‚Wunder‘: Sie

verwandelt

Wein wieder

zu Wasser!

Humanismus:

In einer

säkularen

Gesellschaft

die neuen

Staatsreligion

Z für Zukunft

19


Z-aktuell

Foto: © Pixabay, MarleneBitzer

Das Filetstück der Reformation

Statt moralischer Berechnung – fröhlicher Austausch; durch Bekennen – Vergebung

erlangen: Ohne diese anhaltende Erfahrung macht sich Kirche überflüssig

Rainer Mayer

Was soll Buße?

Das bezeichtnet

eine notwendige

Richtungskorrektur,

eine

Umkehr: statt

gegen die Wand,

aufs Ziel zu

Selbstgerechtigkeit –

oder Umkehr zu Jesus Christus?

Die erste der 95 Thesen Martin Luthers vom 31.

Oktober 1517 lautet: „Da unser Herr und Meister

Jesus Christus spricht: Tut Buße!, will er, dass

das ganze Leben seiner Gläubigen eine stete und

unaufhörliche Buße sein soll.” Diese These ist wie

eine Überschrift mit Doppelpunkt; die folgenden

Thesen entfalten diese Grundaussage weiter. –

Was ist gemeint?

Wenn das ganze Leben eines Christen eine

stete und anhaltende Buße sein soll, dann brauchen

wir eine grundsätzliche innere Haltung

und neue Einstellung Gott gegenüber. Man kann

mit Gott nicht wie im Business aufrechnen und

gegenrechnen, nach dem Motto: „Du gibst mir

Vergebung, ich gebe dir ‚gute Werke‘.“ Vielmehr

ist alles, wirklich alles, reines Geschenk – also

Gnade –, sowohl die Vergebung selbst als auch

die daraus folgenden guten Taten.

Denn beim Zuspruch der Vergebung im Namen

von Jesus Christus wird nicht nur im juristischen

Sinne die Schuld vor Gott getilgt, sondern durch

die Kraft des Heiligen Geistes vollzieht sich eine

Veränderung des Menschen. Zwar wird ein Christ

lebenslang immer wieder von Verfehlungen übereilt

werden, doch geschieht durch anhaltende

Hingabe an Jesus Christus und die dabei empfangene

Vergebung stetig Veränderung; der Einzelne

merkt das selber oft weniger als seine Umgebung.

Das Leben bekommt eine andere Gesamtrichtung;

Liebe, Freude und Friede erfüllen die

Persönlichkeit. Der Mensch wird umgestaltet

durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Luthers fröhliche Wirtschaft

Beim Generalkonvent des Augustiner-Ordens im

April 1518 in Heidelberg sagte Luther in der letzten

seiner dortigen 28 Thesen: „Die Liebe des

Menschen entsteht an ihrem Gegenstand”, also

z. B. an einem anderen Menschen, einem Kunst-

20

Z für Zukunft


Leitthema

werk oder der Natur; „aber die Liebe Gottes findet

ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft

ihn sich.” Es handelt sich um Neuschöpfung! –

Schlicht und einfach heißt das: Im moralischen

Sinne vermag ein Mensch gewiss viel Gutes zu

tun, aber vor Gott kann er das nicht aufrechnen.

Denn auch die Kraft zum Guten ist ein Geschenk

Gottes! In seinem Lied von 1524 (EG 299,2) hat

Luther es so ausgedrückt:

„… es ist doch unser Tun umsonst,

auch in dem besten Leben.

Vor dir niemand sich rühmen kann,

des muss dich fürchten jedermann

und deiner Gnade leben.“

Hinzu kommt, dass das in unserer menschlichen

Sicht vermeintlich Gute auch auf Irrtum

beruhen kann und dann letztlich alles andere

als gut ist. Auch können die Folgen einer Tat in

all ihren Konsequenzen häufig nicht abgeschätzt

werden, so dass unser guter Wille manchmal

überhaupt nicht zum Guten beiträgt. Und umgekehrt

kann Gott auch auf krummen Linien gerade

schreiben. Menschliche Aktion kann ihn jedenfalls

nicht aus seiner Weltregierung ausschließen.

Dem Vorwurf, durch diese Sichtweise würde

es überflüssig, Gutes zu tun, hat Luther entschieden

widersprochen. 1520 veröffentlichte er

einen „Sermon von den guten Werken“, und im

Kleinen und Großen Katechismus stellte er die

Zehn Gebote an den Anfang der Erklärung des

Glaubens. Nein, Gutes zu tun ist weder überflüssig

noch belanglos. Frei wird der Mensch jedoch

erst, wenn er sich ganz und vorbehaltlos „mit

Haut und Haaren“ der Gnade und Barmherzigkeit

des himmlischen Vaters ausliefert. Es geht

schlicht darum, loszukommen von einer rechnenden

und berechnenden, ja letztlich fordernden

inneren Haltung Gott gegenüber.

Im zwölften Artikel seiner Schrift „Von der

Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) hat

Luther dafür das schöne Bild vom „fröhlichen

Tausch“ gebraucht: Das Wollen und Vollbringen

des gläubigen Menschen nennt er „Seele“; Jesus

Christus nennt er den „Bräutigam“. Beim glaubenden

Christen geschieht nun folgender Tausch:

Wie Braut und Bräutigam in der Ehe eins werden,

so geschieht es auch zwischen Christus und

der menschlichen Seele, „… so dass, was Christus

hat, das ist eigen der gläubigen Seele; was

die Seele hat, wird eigen Christi. So hat Christus

alle Güter und Seligkeit: die sind [nun] der Seele

eigen; so hat die Seele alle Untugend und Sünde

auf sich: die werden [nun] Christi eigen. Hier

erhebt sich nun der fröhliche Wechsel … Ist nun

das nicht eine fröhliche Wirtschaft, da der reiche,

edle, fromme Bräutigam Christus das arme,

verachtete, böse Hürlein [Seele] zur Ehe nimmt

und sie entledigt von allem Übel, zieret mit allen

Gütern? So ist’s nicht möglich, dass die Sünden

sie verdammen, denn sie liegen nun auf Christo

und sind in ihm verschlungen.“

Freiheit ist nicht Beliebigkeit

Erst durch solche innige Glaubensgemeinschaft

– einer Verschmelzung mit Jesus Christus, die von

allen Berechnungen absieht und ganz aus freudiger

Dankbarkeit lebt – erst dadurch entsteht die

Heilsgewissheit. Wohlgemerkt: Gewissheit, nicht

aber falsche Sicherheit und Gleichgültigkeit. Wer

von Dankbarkeit und Freude erfüllt ist, wird nicht

gleichgültig – im Gegenteil, er ist leidenschaftlich

und brennt!

Damit ist allen Missverständnissen abgesagt,

die die „Freiheit eines Christenmenschen“ mit

Gleichgültigkeit, ja Beliebigkeit verwechseln. –

Solchen Missbrauch gibt es freilich. Da wird dann

die Sünde gerechtfertigt statt des Sünders. Falsche

Sicherheit wird propagiert, statt zu echter

Reue und Umkehr aufzurufen. Bonhoeffer nannte

Verkündigung dieser Art „billige Gnade“; eine

derartige Entstellung der Rechtfertigungsbotschaft

verurteilte er aufs Schärfste.

Gnade ist kein abstraktes

Prinzip, sondern ein göttliches

Geschenk, das im Lebensvollzug

erfahren wird. Die Reformation

war keine Verbilligung christlicher

Lebenspraxis, sondern ist im

Gegenteil eine große Konzentrationsbewegung

weg vom Nebensächlichen

hin auf das Zentrum:

Nein, Gutestun

wir durch Gnade

nicht überflüssig.

Frei wird

der Mensch

jedoch nur,

wenn er sich

der Gnade und

Barmherzigkeit

Gottes ausliefert

Bonhoeffer sprach von

billiger Gnade, leisen Sie

dazu den Artikel „Billige

Gnade, Todfeind der Kirche“

Seite 38 Z#19/20

Z für Zukunft

21


Z-aktuell

“Martin Luther

inwendig voller Figur”,

Aquarellzeichnung von

Michael Mathias Prechtl,

1983. Mit dem Titel ist

Albrecht Dürer zitiert:

“Dann ein guter Maler ist

inwendig voller Figur ...”

„Ihr sollt Nicht

lutherisch, sondern

Christen

heißen. Was

ist Luther? …

ein stinkender

Madensack, man

soll die Kinder

Christi nicht

nach meinem

heillosen Namen

nennen!“

Bibel, Gnade, Glaube

sowie vor allem und

in allem – hin zu Jesus

Christus!

Seelsorge, von

Anfang bis Ende

Die Wurzeln der

Reformation liegen

in der Seelsorge. Sein

Leben lang ist Luther

Beichthörer und Seelsorger

gewesen und

er hat selber Seelsorge

in Anspruch

genommen.

Man kann nun

unterscheiden zwischen

Seelsorge im

zentralen und im weiten

Sinn. Zum weiten

Verständnis der

Seelsorge gehört jedes Miteinander, das im Ringen

um Glauben und Tat geschieht. So schrieb

Luther z. B. von der Veste Coburg aus Trostbriefe

an Philipp Melanchthon, der beim Reichstag zu

Augsburg (1530) als Wortführer die evangelische

Sache vertrat und doch gar keine Kämpfernatur

war.

Bis zum Lebensende betrieb Luther Seelsorge:

Er vermittelte in dem schlimmen Bruderstreit der

beiden Landesherren Albrecht und Gebhard von

Mansfeld, wo die Juristen nicht mehr weiterkamen.

Nach dem guten Abschluss sorgte er dafür,

dass „die Brüder wieder Brüder werden“.

Auch das brüderlich-geschwisterliche Trösten

gehört dazu; am Anfang allerdings steht die persönliche

Beichte, von der aus auch die Reformation

ihren Anfang nahm. Luther hat die „Ohrenbeichte“

nicht abgeschafft, wie oft irrtümlich

behauptet wird; er hat sie sein Leben lang geübt.

Wer die Beichte verachtet, ist nach

Luther gar kein Christ

Im Anhang des Kleinen Katechismus findet sich

eine Anleitung zur persönlichen Beichte, die auf

Luther zurückgeht. Im Unterschied zu der Praxis,

die Ausgangspunkt der 95 Thesen war, enthält

diese Beichte (nur) zwei Hauptstücke, nämlich

das ehrliche Bekenntnis des Herzens und vor

allem die Absolution als vollmächtigen Zuspruch

der Vergebung, gültig für Zeit und Ewigkeit.

Für Luther war es undenkbar, dass ein Christ

das Angebot der Beichte ausschlagen könnte. Im

Großen Katechismus schreibt er gar: „Willst du es

aber verachten und so stolz und ungebeichtet hingehen,

so schließen wir das Urteil, dass du kein

Christ bist … Denn du verachtest, was kein Christ

verachten soll … und ist auch ein gewisses Zeichen,

dass du das Evangelium verachtest.“

Das Gegenteil von Stolz ist die Demut vor

Gott. Luther lebte in dieser Demut. Er hat sich

auch gegen Personenkult gewehrt: „Zum ersten

bitte ich, man solle meines Namens schweigen

und sich nicht lutherisch, sondern Christen heißen.

Was ist Luther? … Wie käme denn ich armer

stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder

Christi nach meinem heillosen Namen nennen

sollte?“

Dietrich Bonhoeffer erläuterte den Zusammenhang

mit der Demut in seiner Schrift „Gemeinsames

Leben“: „In der Beichte geschieht der Durchbruch

zum Kreuz. Die Wurzel aller Sünde ist der

Hochmut, die superbia … Geist und Fleisch des

Menschen sind vom Hochmut entzündet; denn

der Mensch will gerade in seinem Bösen sein wie

Gott. Die Beichte … schlägt den Hochmut furchtbar

nieder.“ Aber: „Es ist ja kein anderer als Jesus

Christus selbst, der den Schandtod des Sünders

an unserer Stelle in aller Öffentlichkeit erlitten

hat … es ist ja nichts anderes als unsere Gemeinschaft

mit Jesus Christus, die uns in das schmachvolle

Sterben der Beichte hineinführt, damit wir

in Wahrheit teilhaben an seinem Kreuz.“

Gewiss kann Seelsorge auch missbraucht werden.

Aber Missbrauch hebt den rechten Gebrauch

nicht auf. Machtmissbrauch wird am ehesten verhindert,

wenn Beichte nicht an Hierarchien gebunden

wird und nur derjenige Beichte hört, der selbst

in der Beichte lebt. Das wäre auch der eigentliche

Sinn des „Priestertums aller Gläubigen“.

22

Z für Zukunft


Leitthema

Vergebungskultur, nicht Schuldkultur

Seelsorge im Kleinen, im persönlichen Bereich

hat bedeutende Auswirkungen im Großen: Wo

viele Einzelne in Buße leben, wird ein ganzes Volk

verändert. In unserem Land wird von „protestantischer

Schuldkultur” geredet. Das weist auf fehlende

Seelsorge hin; denn wo Seelsorge lebt, entsteht

das Gegenteil von Schuldkultur, nämlich die

dankbare Gewissheit der Vergebung mit neuen

„guten Früchten”: Vergebungskultur!

Schuldkultur jedoch entsteht da, wo man die

Schuld autonom „abarbeiten“ will, statt im Namen

von Jesus Christus Vergebung zu suchen. Das ist

ein höchst gefährlicher Weg, der besonders hierzulande

verbreitet ist. Wer alles durch Moralismus

wiedergutmachen will, gerät auf die abschüssige

Bahn der Selbstrechtfertigung durch Leistung. Das

Denken verkrampft. Die Menschen werden selbstgerecht

– eine moderne Form des Ablasshandels!

Nicht nur Wurzel, sondern Bestandsschutz

Doch liegen in der Seelsorge nicht nur die

Wurzeln der Reformation, sondern auch der

Bestand ihrer vielfältigen Frucht. Denn ein Baum,

den man von seiner Wurzel getrennt hat, stirbt ab

– mitsamt all seinen guten Früchten. Eine Kirche,

die Seelsorge vernachlässigt, wird zur bloßen

Moralanstalt; der Moralismus strahlt aus bis auf

die Politik, und schließlich spaltet sich die Gesellschaft

in Gruppen, die sich gegenseitig beschuldigen.

Dabei beruft sich jede Seite auf Moral, heute

sagt man „Werte“, und schließlich kann der Staat

seinen Ordnungsauftrag nicht mehr wahrnehmen.

– Befinden wir uns auf einem solchen Weg?

Darum: Zurück zu Jesus Christus, zurück zum

Zentrum der Reformation! Die Kirche im Sinne

der lebendigen Gemeinde Jesu Christi wird nicht

untergehen; für die verfasste Kirche mit all ihren

Institutionen und Strukturen gilt jedoch: Die Kirche

der Zukunft wird eine Kirche der Seelsorge

sein, eine, in der Schuld bekannt und Vergebung

empfangen wird – oder sie wird nicht sein!

Prof. Dr. Rainer Mayer, bis zum Ruhestand Professor für Systematische

Theologie und Religionspädagogik an der Universität

Mannheim.

Z für Zukunft

23


Z-aktuell

Foto: © Gebetshaus Augsburg

Das Missions-Manifest

10 Thesen für ein „Comeback der Kirche”

Die

Katholischen

Kirche auf

der reformatorischen

Überholspur

Das sind mutige Reformations-Thesen,

die da im Januar 2018 in Augsburg

an die MEHR-Tür genagelt

wurden. Gut, dass es keine 95 sind!

Diese 10 hat man schnell gelesen,

sie sind herausfordernd und gut nachvollziehbar

(natürlich müssten sie auch noch gelebt werden).

Damit gehen unsere katholischen Geschwister

deutlich auf Überholspur, wogegen die lutherische

Kirche in der Rückschau auf ihre Geschichte

zur 500-Jahr-Feier den Missionsgedanken so

ziemlich an den Nagel gehängt hat.

Die Idee zu dem Manifest entstand im Juni 2017

bei einem Treffen im Gebetshaus Augsburg. Zu

den Initiatoren zählen der katholische Theologe

Dr. Johannes Hartl, Leiter des Gebetshauses Augsburg;

P. Karl Wallner, Zisterzienser und Direktor

von Missio Österreich; Bernhard Meuser, Mitverfasser

des Youcat (katholischer Jugendkatechismus);

Martin Iten aus der Schweiz; Paul Metzlaff,

Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonfe-

renz; sowie Benedikt Michal, JAKOB (Jugendarbeit

der Österreichischen Bischofskonferenz).

Hier nun die zehn Augsburger MEHR-Thesen

und anschließend mein Kommentar:

THESE 1 — Uns bewegt die Sehnsucht,

dass Menschen sich zu Jesus Christus

bekehren. Es ist nicht mehr genug, katholisch

sozialisiert zu sein. Die Kirche muss wieder wollen,

dass Menschen ihr Leben durch eine klare

Entscheidung Jesus Christus übergeben. Sie ist

ja weniger eine Institution oder Kulturform als

eine Gemeinschaft, mit Jesus in der Mitte. Wer

Jesus Christus als seinem persönlichen Herrn

nachfolgt, wird andere für eine leidenschaftliche

Nachfolge Jesu entzünden.

THESE 2 — Wir wollen, dass Mission zur

Priorität Nummer eins wird. Und zwar durch

eine Fokussierung der finanziellen und personellen

Ressourcen der Kirche auf die Evangelisie-

24

Z für Zukunft


Leitthema

rung. „Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch!”

(Ad gentes, 2) Der finale Auftrag Jesu

an seine Freunde lautet: „Geht zu allen Völkern

und macht alle Menschen zu meinen Jüngern”

(Mt. 28,19). Eine Kirche, die nicht freudig und

überzeugend auf alle zugeht, hat keine Mission;

sie verliert ihr Warum und Wozu. Sie steht für

nichts. Und sie schrumpft statt zu wachsen. Für

unsere Länder heißt das: „The Church will send

or the Church will end.”

THESE 3 — Wir glauben, dass die Chancen

nie größer waren als jetzt. Das Defizit an privater

und gemeinsamer Hoffnung in der Welt wird

von Tag zu Tag größer. Viele suchen und geben

sich mit kleinen Antworten zufrieden. Dabei ist

die denkbar größte Hoffnung bereits in der Welt.

Das Evangelium hat nichts von seiner Attraktivität

verloren. Wir Christen sind dazu da, diese

Hoffnung zu teilen, statt sie für uns zu behalten.

Wo das geschieht, wird es für Menschen unserer

Zeit verlockend, Christ zu sein. Weltweit nehmen

200 Millionen Christen sogar Verfolgungen in

Kauf, weil sie von Jesus, ihrer einzigen Hoffnung,

nicht lassen können.

THESE 4 — Wir sprechen alle Menschen

in unseren Ländern an und machen keinen

Unterschied (wie Jesus keinen Unterschied

gemacht hat). Wir gehen auf Christen, Nichtchristen,

Andersgläubige und Menschen, die nicht

mehr glauben, zu. Es gibt keinen Menschen, für

den Jesus nicht gestorben ist und der Jesus nicht

kennenlernen sollte. Gott ist „die Liebe” (1. Joh.

4,16) und will, „dass alle Menschen gerettet werden

und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen”

(1. Tim. 2,4). Das wollen wir auch.

THESE 5 — Wir glauben, dass unsere

Mission so kraftvoll sein wird, wie es

unsere Gebete sind. Ein missionarischer Neuaufbruch

kann nicht anders beginnen als mit

einem Neuaufbruch in Fasten und Gebet. Gott,

der alle Menschen leidenschaftlich liebt, hat

gehandelt und wird auch jetzt handeln, wenn wir

ihn persönlich und rückhaltlos anrufen. Es werden

Wunder geschehen. Gott wird den Menschen

über den Weg laufen und sei es in Träumen und

inneren Eingebungen. „Haben wir keine Scheu,

Gott selbst um die schwierigsten Dinge zu bitten,

wie die Bekehrung großer Sünder oder ganzer

Völker” (Charles de Foucauld).

THESE 6 — Wir danken allen Christen

außerhalb der katholischen Kirche, die

heute schon mit Hingabe missionieren,

taufen und Menschen zu Jesus führen. Wir

Christen in der katholischen Kirche sehen ihre

Treue zur Heiligen Schrift und ihre entschiedene

Nähe zu Jesus. Wir haben Wertschätzung für die

positiven Impulse der Reformation. Wir wollen

demütig lernen – auch und gerade von den Freikirchen

– und mit allen unseren Geschwistern in

der Ökumene kooperieren, um selbst missionarischer

zu werden. Wir wissen, dass die Welt nur

zu Christus findet, wenn wir die Einheit wiederfinden

und sie in Gebet und Mission schon heute

einüben (vgl. Joh. 17,21).

THESE 7 — Wir müssen die Inhalte des

Glaubens neu entdecken und sie klar und

mutig verkündigen, sei es nun „gelegen oder ungelegen”

(2. Tim. 4,2). Wir haben sie durch Gottes

Offenbarung empfangen, finden sie gefasst im

Urdokument der Heiligen Schrift und lebendig

überliefert im Verstehen der Kirche, wie es der

Katechismus lehrt. Die Geheimnisse des Glaubens

müssen vollständig, ganzheitlich, in rationaler

Klarheit und in der Freude der Erlösten verkündigt

werden. Sie müssen leuchten. Wer anderen

Menschen den Glauben verkünden will, darf nicht

dilettieren; er muss zuerst an

sich arbeiten – an seinem Leben,

an seiner Liebe und an seinem

Wissen. Der missionarische Aufbruch

erfordert eine neue Lernbewegung

des Glaubens, denn wir

haben verlernt, was es heißt, missionarisch

zu sein.

„The

Church will

send or the

Church

will end!”

Auch der Papst Franziskus

bekam das 10 Thesen-

Manifest überreicht.

Foto:© Vatikanmedia

Z für Zukunft

25


Z-aktuell

Drei der Initiatoreden des

Mission Manifests:

(v.l.n.r) Karl Wallner, Johannes

Hartl und Bernhard Meuser

Foto: © Gebetshaus Augsburg

Jede

Konfession

hat ihr eigenes

Verständnis von

Begriffen.

Was versteht

man eigentlich

unter Kirche?

Weltweit gibt es

immerhin etwa

46 000 christliche

Denominationen

THESE 8 — Wir wollen missionieren, nicht

indoktrinieren. Die Mission Jesu zu überbringen,

hat stets den Charakter einer Einladung; Mission ist

die Sehnsucht, die eigene Freude mit anderen zu teilen;

ein freies, respektvolles Angebot an freie Menschen.

Mission bedeutet, den Menschen die Füße zu

waschen, nicht den Kopf. Sie überredet nicht, übt

keinen Druck aus und ist mit Zwang oder Gewalt

unvereinbar. Christen sind nicht nur tolerant gegenüber

Andersdenkenden – sie engagieren sich sogar

aktiv für Religionsfreiheit. Den Wahrheitsanspruch

des christlichen Glaubens vertreten wir ohne jede

Aggression. Wir können unmöglich schweigen von

der Hoffnung, die uns erfüllt (1. Petr. 3,15).

THESE 9 — Wir brauchen eine „Demokratisierung”

von Mission. Nirgendwo steht,

dass die Mission, die Jesus uns gegeben hat, sich

auf Spezialisten, professionelle Verkündiger, Theologen,

Kleriker oder Mitglieder von Ordensgemeinschaften

beschränkt. Missionarisch zu sein

ist der Auftrag Christi an alle Getauften. Mission

beschränkt sich auch nicht auf bestimmte („nichtchristliche”)

Länder, Kulturen und/oder Religionen.

Mission ist jederzeit und überall. Sie ist die

große, oft vergessene Querschnittsaufgabe aller

Christen in allen Ländern und Kulturen.

THESE 10 — Wir müssen uns selbst zur

Freude des Evangeliums bekehren, um

andere zu Jesus führen zu können. Wo wir

uns im Denken, Handeln und Fühlen einem allgemeinen

humanistischen Mainstream angepasst

haben, müssen wir entschiedene Anstrengungen

unternehmen, um uns, wie Papst Benedikt XVI.

sagt, von der Weltlichkeit der Welt zu lösen. Nur

als geisterfüllte „neue Menschen” haben wir missionarisches

Profil. Wir sollten allerdings damit

rechnen, dass der ersehnte Aufbruch im Glauben

nicht immer nur eine Erfolgsgeschichte sein wird.

Doch im treuen und freudigen Zeugnis für Jesus

erstrahlt auch aus Leiden und Widerständen eine

Schönheit, die früher oder später fruchtbar wird.

Der Kommentar

Die Initiatoren sind namhafte Vertreter der

römisch-katholischen Kirche. Wenn hier also ganz

allgemein von Kirche gesprochen wird, ist anzunehmen,

dass die römisch-katholische gemeint ist.

Dieses Manifest richtet sich auch als ersten an die

katholischen Christen. Sie plädieren für ein Comeback.

War sie denn weg? Oder was soll da zurückkommen?

– Wie wäre es mit einer Kirche ohne den

Ballast der Tradition, eben so, wie Jesus Christus

sie gegründet hat?

Jede Denomination, jede Konfession hat ihre

eigene Bezeichnung und interpretiert die Begriffe

für sich. Was ist eigentlich Kirche? Weltweit gibt es

immerhin etwa 46 000 christliche Denominationen.

Zu These 1: Die Sehnsucht, dass Menschen sich

zu Jesus als ihrem persönlichen Herrn bekehren,

ihm „folgen”: Ja, das ist der Kern der Sache. Ohne

Mittler und religiösen Schnickschnack – das wäre

genial.

Zu These 2: Mission soll Priorität Nummer eins

werden. Eine Kirche, die nicht missioniert, die

steht für – nichts, das ist richtig. Aber Achtung:

Wohin soll missioniert werden? Zu Jesus? Oder in

eine katholische, evangelische, Baptisten- oder

sonstige Organisation?

Zu These 3: Wenn die Chance jetzt so groß ist

wie noch nie, hilft uns das nur, wenn wir sie auch

nutzen. Im Laufe der Kirchengeschichte gab es

immer wieder große Chancen, die auch mutig

genutzt wurden; die großen Kirchen haben das

aber oft hart bekämpft.

26

Z für Zukunft


Leitthema

Zu These 4: Das ist wirklich eine große Herausforderung,

keinen Unterschied zu machen.

Ja, Gott will, dass alle Menschen gerettet werden

(1. Timotheus 2,4), und das ist schön. Will ich das

auch? Zumindest für die Menschen, die ich kenne

und zu denen ich Kontakt habe?

Zu These 5: Kraftvolles Gebet war immer der

Vorläufer wirksamer Erneuerung. Aber es ist

trügerisch zu meinen, viel Gebet und Fasten

bewirkte viel. Als ob wir Gott bestechen könnten.

Viele Gebete sind von vornherein wirkungslos;

das Modellgebet zeigt die Richtung: „Dein

Wille geschehe, dein Reich komme …” Das impliziert,

dass die Beter den Willen Gottes kennen

und autorisiert sind, des Königs Herrschaft auszubreiten.

Zu These 6: Der Respekt vor Christen außerhalb

der katholischen Kirche ist bemerkenswert,

und auch, dass sie als Vorbild für gelebte Mission

geschätzt werden. Aber die große Frage ist: Wie

geht Einheit? Unsere Antwort darauf ist weithin

noch zu sehr institutionell geprägt. Gemäß These

1 stelle ich fest: In dem Maß wie jemand eins ist

mit Jesus Christus als seinem persönlichen Herrn,

der kann auch eins sein mit jedem anderen, der in

ähnlichem Maß eins ist mit Jesus.

Zu These 7: Ja, wir müssen die Inhalte des

Glaubens neu entdecken. Die Betonung liegt auf

neu. Die Überlieferung der Kirche, das Verständnis,

wie es der Katechismus lehrt, ist aber nicht

„neu”, sondern überlagert von einer jahrhundertealten

Decke der Tradition (Überlieferung).

– Wer anderen Menschen den Glauben verkünden

will, dürfe nicht dilettieren. Was heißt das? Dilettieren,

das ist, wenn man etwas ohne Expertise

tut, ohne Fachkenntnis. „Wenn ihr nicht werdet

wie die Kinder …”! Das Geheimnis des Glaubens

bleibt oft unerklärbar, hat aber durch das Leben

umso größere Zeugniskraft.

Zu These 8: Mission solle nicht indoktrinieren:

diese These relativiert den subtile Indoktrinierungsanspruch

der vorigen. – Absolut richtig:

„Den Wahrheitsanspruch des christlichen

Glaubens vertreten wir ohne jede Aggression,

ohne Druck, im Respekt gegenüber Andersdenkenden.”

Wenn wir zur Freiheit freigemacht sind

(Galater 5,1), dann gilt das auch für die Art und

Weise, wie wir weitergeben, was wir glauben.

Zu These 9: „Demokratisierung” trifft es nicht

ganz; was praktisch überall not tut, ist die „Entklerikalisierung”

– das wäre die Lösung des Problems

der Christenheit spätestens seit Konstantin

im 4. Jahrhundert, als durch die Trennung „Hier

Klerus, da Laien” dem Kirchenvolk die Mündigkeit

abgesprochen und das „allgemeine Priestertum”

verwehrt wurde.

Zu These 10: Sich „von der Weltlichkeit der

Welt lösen und die Gedankengebäude des humanistischen

Mainstreams verlassen” – das klingt

gut. Aber wohin soll die Reise gehen? Religiosität

ist nur eine fromme Erscheinungsform der Weltlichkeit.

Wenn diese These sagen will, dass wir

uns erst einmal selber zum Evangelium bekehren

sollten, gut, aber doch möglichst zum richtigen:

Jesus sprach ausschließlich vom Evangelium des

Reiches Gottes, und dieses Reich liegt bis heute

im Widerstreit mit dem Reich dieser Welt. Wenn

wir sprechen: „Dein Reich komme!”, dann wünschen

wir doch einen Herrschaftswechsel, und

zwar ganz konkret. Da können wir, wie in These

7 verlangt, wirklich Neues entdecken: den Paradigmenwechsel

von einem „Ich-meiner-mir-mich-

Evangelium” zu dem Evangelium, in dem die

Königsherrschaft Jesu im Alltag „aktiviert” wird,

zur Geltung kommt.

Zusammenfassend ist zu betonen: Glaube

ist eine Herzenssache. Mit dem Herzen wird

geglaubt (Römer 10,10); und wovon das Herz voll

ist, davon geht der Mund über (Matthäus 12,34).

Ist das Herz voll, sollte Mission kein so großes

Problem sein.

Quelle der 10 Thesen: www.missionmanifest.online,

Missio – Päpstliche Missionswerke in Österreich

Das Buch „Missions Manifest” finden Sie auf:

http://shop.agentur-pji.com/mission-manifest.html

Es ist

wichtig zu

verstehen:

Das Missions

Manifest

richtet sich in

erster Linie an

katholische

Christen

Das Buch zum Manifest hat

240 Seiten und lohnt sich

zu lesen

Z für Zukunft

27


Z-aktuell

Foto: © Carlos Martínez

Als Pantomime bereist

Carlos Martínez seit mehr

als 35 Jahren mit seinen

Soloprogrammen die Welt.

Dank seiner universellen

Ausdruckssprache verfügt der

Spanier über eine besondere

Begabung, mit Menschen

jeder Herkunft schnell einen

Kontakt herzustellen. Seit

seinem 12. Lebensjahr

wohnt er in Barcelona.

Foto: © Carlos Martínez

Die Kirche der Zukunft

wird wieder lachen

Carlos Martínez auf der »SCHØN«-Konferenz im Gespräch mit Peter Ischka

Zu Beginn meiner Pantomime-Karriere,

in den achtziger Jahren, bekam

ich oft zu hören: „Pantomime hat

keine Zukunft“; man sagte mir, ich

solle mich etwas anderem widmen.

Ja, es war schwierig. Freunde klopften mir auf

die Schulter und sagten: „Das ist eine brotlose

Kunst.“ Als ich nach einigen Auftritten das erste

Geld verdiente, meinten sie, ich hätte eben Glück

gehabt, und bestanden darauf: Pantomime hat

keine Zukunft. Dieses Jahr feiere ich mein 36-

jähriges Bühnenjubiläum und stehe immer noch

international auf vielen Bühnen.

Das Geheimnis meines Erfolgs

Auch heute bekommen viele junge Menschen,

viele angehende Künstler solche Sätze zu hören.

Ja, ich habe einen Beruf gewählt, der in den

Augen vieler keine Zukunft zu haben scheint;

die beste Antwort darauf ist ein Blick auf meinen

Tourplan. Was war das Geheimnis? Ich möchte

jungen Künstlern helfen; darum habe ich meine

Karriere analysiert – also das Geheimnis ist: Du

brauchst ein Team um dich herum! Baue es auf

und fang mit dem Manager an.

Die Zukunft der Kirche? Da sehe ich durchaus

Parallelen. Mein Manager hat mich ganz am

Anfang gefragt: „Willst du berühmt werden – oder

28

Z für Zukunft


Z-aktuell

willst du viele Jahre auftreten können?“ Für mich

ist der Ruhm eine Konsequenz, aber kein Ziel. Auf

jeden Fall wollte ich meine Kunst für viele Jahre

ausüben und weiterentwickeln können. „Okay“,

befand mein Manager, „genau in diese Richtung

arbeiten wir dann.“

Ich bin der Künstler, ich konzentriere mich auf

die heutige Aufführung und vielleicht auch schon

auf die von morgen, aber langfristig planen, das

kann ich nicht. Als Künstler widme ich mich der

Gegenwart. Mein Manager befasst sich mit der

Zukunft.

Ich denke, Pastoren haben mit Künstlern manches

gemein; ich bin mir sicher, dass sie ein Team

brauchen, damit sie ihre Arbeit viele Jahre lang

gut machen können.

Damit die Kunst Zukunft hat:

Was ein guter Manager tut

Ich erinnere mich an zwei Auftritte in der Schweiz,

einer war am Mittwoch und der andere am Sonntag.

Ich dachte, es wäre am besten, wenn ich am

Dienstag fliegen und bis Sonntag bleiben würde,

das Flugticket wäre so viel günstiger. Aber mein

Manager sagte Nein – es habe Priorität, dass ich

nach Hause komme und Zeit habe für meine Familie,

auch wenn ich dafür etwas mehr Geld ausgeben

müsse. Damit habe ich in meine Zukunft

investiert, der Fokus liegt auf der emotionalen

Stabilität und weniger auf der wirtschaftlichen.

So viel zum Manager. Ansonsten sind da noch

die Agentur, der PR-Fachmann, der Bühnen-

Regisseur. In all diesen Jahren hatte ich nie einen

„Burn-out”, und ich bin mir sicher, dass das unter

anderem daran liegt, dass ich ein Team habe, das

mich auf diesem Abenteuer begleitet hat und das

gemeinsam mit mir die Verantwortung trägt. Aber

wir sind alle nur Menschen; sowohl mein Manager

und ich als auch der Rest des Teams, wir alle

machen Fehler, treffen manchmal falsche Entscheidungen.

Deshalb sollten wir unseren Blick auf den

„Chef-Manager” richten und ihn um Rat bitten,

damit wir langfristig weitermachen können.

Foto: © Carlos Martínez

Ab und zu wurden mir gut dotierte Jobs angeboten,

aber mein Manager riet mir, abzulehnen.

Vielleicht hätte ich viel Geld verdient, aber es

passte nicht in die Linie, die wir professionell und

geistig entwickelt hatten.

Ich habe ständig verrückte Projekte und allerlei

Ideen im Kopf. Nicht allein zu sein – das ist eine

Entscheidung, die ich mir selber auferlegt habe;

sie verpflichtet mich, meinem Team alle „Verrücktheiten”

zu unterbreiten und dann herauszufinden,

welche für meine Karriere die beste ist.

Wenn ich mit Pastoren darüber rede, sagen

sie mir oft: „Ich habe keinen Manager” – höchstens

einen Mentor, der ihnen helfe, sich als Pastor

weiterzuentwickeln – als Pfarrer, Geistlicher

oder wie auch immer; sie sind so auf das Heute

konzentriert, dass sie keine Zeit haben, ein Morgen

zu planen. Ich glaube, auch Kirchen brauchen

so etwas wie einen Manager, Menschen mit einer

Die Zukunft

der Kirche?

Auch Pastoren

bräuchten einen

Manager

Z für Zukunft

29


Z-aktuell

Der Chor hinter der Bühne bzw.

dem Altar; auf der anderen

Seite, vor dem Altar bzw. der

Bühne, der Rest – als gäbe es

zwei Kategorien von Menschen.

Foto © Agentur PJI, Montage

„Ich kann nicht

für euch auftreten,

wenn

mir jemand im

Rücken sitzt“

spirituellen und strategischen

Vision für die Zukunft.

Die Kirche der

Zukunft:

Lächeln dank

Auferstehung

Meine eigentliche Empfehlung

für die Kirche der

Zukunft ist, dafür zu sorgen,

dass ihre Mitglieder wieder

lachen können. Die Leute

haben vergessen, wie wichtig

das Lachen ist. Ich kenne

viele gute Prediger, die theologisch

top ausgebildet sind,

aber wenn sie es nicht schaffen,

eine Prise Humor einzustreuen,

dann schaltet das „Publikum” ab.

Wenn ich auf den gekreuzigten Christus

schaue, dann kann ich nicht lachen; der auferstandene

Christus aber lässt mich wieder

lächeln. Ich war schon in traurigen Gemeinden

– es scheint, als hätten sie vergessen, dass Jesus

lebt. Was uns Hoffnung gibt, ist die Auferstehung.

Darin liegt die Zukunft der Kirche.

Diese Auferstehung wirkt sich auch aus auf

meinen künstlerischen Ausdruck. In meinen

Shows gibt es inmitten der vielen Tragödien des

Lebens immer eine Botschaft der Hoffnung. Wir

müssen den Menschen ihr Lächeln zurückgeben.

Nach einer Vorstellung kam ein Mann zu mir

und sagte: „Danke. Seit Monaten, seit dem Tod

meines Sohnes, konnte ich heute zum ersten Mal

wieder lächeln.” Ich konnte seinen Sohn nicht von

den Toten erwecken, aber ich habe mitgewirkt an

der Erweckung seines Lächelns.

Zweierlei Menschen?

Einmal musste ich in einer Kirche auftreten, in

der es wohl zweierlei Menschen gab: Auf der

einen Seite war der Chor, der saß hinter der

Bühne bzw. dem Altar; auf der anderen Seite,

vor dem Altar bzw. der Bühne, saß der Rest – als

gäbe es zwei Kategorien von Mensch. Als mein

Auftritt an die Reihe kam, war mir klar, dass ich

nur für eine dieser Gruppen auftreten konnte; die

anderen würden meine Gesten nicht sehen. So

erklärte ich dem Chorleiter: „Ich kann nicht für

euch auftreten, außer ihr setzt euch zu dem Rest

der Gemeinde, nach unten.” Das taten sie – und

nach dem Gottesdienst erklärte mir der Pfarrer,

zum ersten Mal seit Jahren habe die Gemeinde

sich vereint gefühlt und einstimmig gelacht.

Das wäre für mich die Kirche der Zukunft:

wenn sie wieder zu lachen lernt.

Die Kirche und ihre Künstler

Wenn ein Arzt seinem Seelsorger anvertraut, im

Krankenhaus habe er eine Versuchung, und ihn

um Rat bittet, würde der Pastor – außer ihn zu

ermahnen – ihm sehr wahrscheinlich versprechen:

„Ich bete für dich.” Aber wenn es kein Arzt

wäre, sondern ein Künstler, könnte es durchaus

sein, dass der geistliche Leiter ihm rät, dieses

verlockende Leben zu verlassen, und ihm empfiehlt,

stattdessen einem „ordentlichen” Beruf

nachzugehen.

Selten würde der Pastor so etwas einem Arzt,

einem Lehrer oder einem Anwalt raten. Versuchungen

gehören zum Menschsein, unabhängig

vom Beruf. Sogar Hirten haben damit zu kämpfen.

Meine Gemeinde betet jeden Donnerstag für

mich. Ich empfehle Künstlern, sich in ihrer Kirche

zu engagieren und ihren Platz dort zu finden

und auszufüllen, und ermutige die Pastoren, ihre

Künstler zu segnen.

Künstler, wie andere Fachleute auch, können

Orte erreichen, an die Pastoren in der Regel nicht

kommen. Wir sind Licht und als solches müssen

wir hoch platziert werden, damit wir gut sichtbar

sind. Man schaltet ja auch nicht ein Licht an und

stülpt dann eine Kiste darüber, sondern man stellt

es auf einen Leuchter; dann leuchtet es allen.1

Das tun Künstler, wenn sie auf die Bühne treten.

Aber Christen sind nicht nur das Licht, sondern

auch das Salz.

30

Z für Zukunft


Z-aktuell

Salzig sein, was ist das?

Wenn wir im Spanischen sagen, dass jemand „salzig”

ist, meinen wir: Der hat Pep, ist sympathisch

und hat Humor. Das Salz, im richtigen Maß, gibt

der Suppe einen guten Geschmack. Sollte die

christliche Botschaft nicht auch eine würzige

Note haben? Ich sage nicht, dass wir sie verändern

müssten; sie soll ganzheitlich vermittelt

werden: vertikal und horizontal – wir dürfen nicht

ihre „menschliche” Seite aus den Augen verlieren:

Streuen wir doch ein wenig Humor drüber.

Ich weiß nicht, wie die Kirche der Zukunft sein

wird; meine Aufgabe ist es, ihren Leitern Hilfsmittel

anzubieten. Als Pantomime trainiere ich

mit Pastoren die Körpersprache. Das hilft ihnen,

jene kleinen Gesten hinzuzufügen, die die Wörter

brauchen, damit man die Botschaft hören und

sehen kann.

Mein Ziel ist nicht nur, dass sie besser predigen,

sondern dass sie ihren eigentlichen Platz in

der Kirche entdecken. Meiner Meinung nach ist

ihr Platz nicht nur auf der Kanzel, sondern ganz

nah bei den Leuten. Körpersprache ist nicht nur

am Altar wichtig, sondern im Kontakt mit dem

Einzelnen. Der Körperausdruck, die Präsenz sind

Teil der Botschaft.

Meine Arbeit tue ich nicht nur auf der Bühne,

sondern auch anschließend, wenn ich ungeschminkt

am Ausgang stehe und mit den Leuten

Kontakt aufnehme – ein Händedruck, ein Lächeln,

ein Autogramm …

Ein Traum wird wahr

Einmal hatte ich eine Aufführung in einem kleinen

Dorf mit nur 300 Einwohnern. Der Pastor wollte

jedes Jahr den Traum eines Einheimischen wahr

machen; in diesem Jahr hatte er eine Gruppe von

Teens gefragt: „Wer von euch hat einen Traum?”

Ein Junge sagte: „Mein Traum wäre, dass Carlos

Martínez hier bei uns auftritt.” Das Problem: Keiner

außer dem Jungen wusste, wer Carlos Martínez

war. Gut, dass es das Internet gibt, und zum

Glück fanden auch der Bürgermeister und einige

Geschäftsleute aus der Gegend diese Idee gut. Sie

Foto: © Carlos Martínez

entdeckten mich online, unterschrieben den Vertrag

mit meiner Agentur und ließen mich in der

Mehrzweckhalle auftreten. Am Ende der Vorstellung

bat ich den Jungen auf die Bühne und überreichte

ihm meine Handschuhe.

Sieben Jahre später traf ich ihn wieder. Er war

zum Mann geworden und schmiedete als Student

der Ingenieurwissenschaften an seiner Zukunft .

Ich fragte ihn nach der Aufführung damals, und

er strahlte. Die Handschuhe habe er immer noch,

zur Erinnerung daran, dass Träume wahr werden

können.

Wenn Pastoren und Künstler ein Team um sich

haben und Menschen, die sich um die Zukunft

kümmern, können sie sich besser der Gegenwart

widmen, dem Heute, dem Hier und Jetzt.

Das heißt: Sie erarbeiten nicht nur theologisch

korrekte Predigten oder erschaffen authentische

Kunstwerke, sondern sie streuen auch etwas Salz

darüber, diese Prise Humor, dank der die Kirche

sich mit einem Lächeln neu entdecken kann.

So in die Gegenwart zu investieren, das sorgt

für die besten Zukunftsaussichten.

www.carlosmartinez.de

1 Lukas 11,33.

Wenn ich mit

Pastoren Körpersprache

trainiere,

geht es nicht

darum, dass sie

besser predigen,

sondern dass sie

ihren eigentlichen

Platz in der Kirche

entdecken.

Z für Zukunft

31


Public Relation

Krankenversicherung

ab 0,85 pro Tag

Brückenbauer zwischen den Kulturen:

Internationale Krankenversicherung

Die Care Concept AG (CCAG) versichert Deutsche

im Ausland, Ausländer in Deutschland und Reisende

weltweit für kurz-, mittel und langfristige Aufenthaltsdauern.

Die Produkte erfüllen die Voraussetzungen

der nationalen Gesetzgeber, so sind sie beispielsweise

Schengenkonform. Die Prämien betragen

0,85 € pro Tag z. B. für den Care Visa Protect oder

ab 28 EUR mtl. für die Krankenversicherung von

Sprachschüler und Studenten Care College.

Schwerpunkt der Unternehmenstätigkeit ist

die Internationale Krankenversicherung.

Die Produkte können ergänzt werden durch

Unfall-, Haftpflicht-, Krankentagegeld- oder

Reiserücktritts-Versicherungen.

Die CCAG zeichnet sich aus durch:

- faire, kompetent kalkulierte und langfristig stabile

Preise

- Mehrsprachigkeit : Die Homepage ist in 7 Sprachen

übersetzt. Die Mitarbeiter sprechen 19

Sprachen.

- schlanke Online–Verfahren mit kürzesten Bearbeitungs-

und Reaktionszeiten

Die christliche Prägung der CCAG:

- Beratung der Kunden u. Kooperationspartner unter

Nennung der Vor- und Nachteile der Produkte

- Tatsache, dass sich die CCAG der Entwicklung von

CSR-Projekten verpflichtet fühlt (Corporate Social

Responsibility), wie zum Beispiel der Mikrokrankenversicherungen

für die Ärmsten der Armen

- Kooperation der CCAG mit Entraide Missionaire

(EMS), einem an den Vatikan angegliederten

Versorgungswerk. Im Rahmen dieser Kooperation

können konfessionsübergreifend Christen

im Ausland eine sehr kostengünstige und unbefristete

Krankenversorgung erhalten.

Selbstverständlich stehen die Produkte der

CCAG Angehörigen aller kulturellen und religiösen

Gruppen zur Verfügung.

Weitere Informationen

- zur christlichen Prägung des Unternehmens finden

Sie unter www.care-concept.de/ichthys.

- zu allgemeinen Fragen oder Vertragsabschlüssen

über das Internet unter www.care-concept.de

- persönliche Beratung: Frank Brandenberg (Leiter

Vertrieb), f.brandenberg@care-concept.de

32

Z für Zukunft


Z-aktuell

Ende Juni 2018 fand im hessischen Kirchheim der erste „Christus Convent Deutschland“

(CCD) statt; 200 Leiter von von ca. 100 Kirchen, Bewegungen, Werken und

Gemeinschaften aus vielen Konfessionen kamen zusammen. Der CCD ist das bisher

breiteste Treffen christlicher Leiter in diesem Land und hat etwas wahrhaft Historisches:

Sein Ziel ist Einheit – aber nicht durch Übereinstimmung in allen Punkten, sondern

durch den Blick auf Christus, durch Liebe zueinander und die Bereitschaft zur

gemeinsamen Mission.

Peter Ischka

Von den drei CCD-Tagen gäbe es viele

Highlights zu berichten; ich konzentriere

mich hier auf drei Schlüssel-

Beiträge. Sollten diese „Ohren finden,

die auch in der Lage sind zu

hören“, hätten sie elementare Sprengkraft für

Kirche und Gesellschaft.

Johannes Hartl vermittelte, was in ihm brennt:

eine Ahnung von einer Kirche der Zukunft, etwas,

das in vielerlei Hinsicht anders sein werde, als

wir es bisher gewohnt seien – etwas Wunderbares.

Er ist überzeugt: Die Gestalt von Christentum

und Kirche muss sich auf entscheidende und tiefgreifende

Weise verändern und reformieren – und

das wird sie auch.

Aber was mag dieses Neue sein? Das fragte

Hartl sich und im Gebet Gott und stieß auf die

TV-Sendung „Sing meinen Song“; hier singen

bekannte Popstars einander ihre Lieder vor und

erzählen aus dem Leben – mit höchsten Einschaltquoten.

Erstaunlich: Fast in jeder Sendung ging

es irgendwie auch um Gott, und oft fiel das Wort

„spirituell“. Patrick Kelly zum Beispiel erzählte

ganz offen, wie er zum Glauben an Jesus Christus

gefunden hat. Bezeichnend die Frage an Kelly:

„Du bist Christ, aber trotzdem gut drauf!?“ – Welches

Bild hat man da wohl vom Christentum?,

stellte Johannes Hartl in den Raum.

In Kreativität und Kunst, hier: bei Musikern,

liegen Fragen nach dem Spirituellen und nach

Gott sehr nahe. In den Sendungen flossen auch

Tränen, offensichtlich gab es Raum für Nähe;

dabei habe man das Gefühl, dass hier niemand

verurteilt werde; es sei okay, Gefühle zu zeigen.

Viele Lieder handeln von Schmerz und Verlust,

Johannes Hartl ist deutscher

katholischer Theologe, Buchautor,

Referent, Liedermacher und

Gründer und Leiter eines

Gebetshauses in Augsburg

Z für Zukunft

33


Z-aktuell

Ende Juni 2018 fand im

hessischen Kirchheim

der erste „Christus Convent

Deutschland“ (CCD)

statt; 200 Leiter von

Kirchen, Bewegungen,

Werken und Gemeinschaften

aus vielen Konfessionen

kamen zusammen.

Wir sind in einem

Transformationsprozess,

weg vom

kleinkirchlichen

Mauerdenken

und hin zum

Reich Gottes

Tod und Abschied. Für Hartl hat dieses Setting

nahezu etwas Therapeutisches, es zeige jedenfalls

starke Empathie und Mitgefühl. Sein Resümee:

Wenn diese vier zusammenkommen, Spiritualität,

„gut drauf sein“, Kreativität und Empathie,

dann öffnen Menschen ihr Herz.

Und dann fragt Hartl die Zuhörer, und er

schont sie nicht: Finden wir diese vier Elemente

auch unter Christen? Wenn sich jemand in Ihrer

Stadt „spirituell“ auf die Suche begibt, wo geht er

hin – geht er in eine Kirche? Wenn man im Internet

Angebote zur Spiritualität sucht, ist die Antwort

klar: Diesen Markt hat die Christenheit verloren.

Sind es nicht die Christen, die besser drauf

sind, oder warum erntet Paddy Kelly einen solchen

Kommentar? Und wie steht es unter Christen

mit dem Künstlerischen und der Kreativität?

Hartl zitiert einen Freund, der ist Barkeeper auf

Sylt bei den Schönen und Reichen: „Das Leben

meiner Freunde ist sinnlos und leer, aber alles,

was sie machen, ist klasse. Wenn sie ein Hotel

führen, gibt es dort super Service, sie sind

freundlich, das Essen ist toll und alles sieht gut

aus. Ihr Christen redet immer von Freundlichkeit

und Schönheit, aber das Personal ist unfreundlich,

die Tischdecken sind hässlich, das Essen

schlecht und dann ist es nicht einmal billig.“

Betroffen schaut Hartl in die Runde; dann die

letzte seiner Fragen: Wenn du auf der Straße fragen

würdest, wo die Leute hingehen würden,

wenn es ihnen mies geht, also bei wem sie sich

sicher sein könnten, dass sie nicht verurteilt würden

– was würden sie dir antworten? „Zu den

Christen“? Oder würden sie sagen: „Zu meinen

schwulen Freunden, die verstehen mich; Christen

würden mir eher erklären, was ich alles falsch

gemacht habe“?

Deshalb betont Hartl: Unsere Welt schreit

nach Angenommensein, sie sehnt sich nach Hoffnung

und wahrer Freude und sie ist für Geistliches

grundsätzlich offen. Dann stellt er die entscheidende

Frage: Was würden wir erleben, wenn

diese vier Bereiche zusammenwirken, Spiritualität,

„gut drauf sein“, Kreativität und Empathie?

Ernsthaft: Es reicht natürlich nicht, einfach nur

gut drauf und nett zu sein.

Johannes Hartl, ein Reformator unserer Zeit,

fasst seine Perspektiven nicht in 95 Thesen, sondern

in eine einzige: „Wenn Spiritualität, ‚gut

drauf sein‘, Kreativität und Empathie zusammenkommen,

erleben wir die Kultur des Reiches Gottes.

– Wir sind in einem Transformationsprozess,

weg vom kleinkirchlichen Mauerdenken und hin

zum Reich Gottes. Es gibt nur eine Sache, die

am Christentum attraktiv ist, nur eines, was Kirchen

attraktiv macht: und das ist Jesus Christus!“

Alle evangelikalen Freunde, die hier gerne einwenden:

Aber, aber, Herr Hartl ist doch katholischer

Theologe!, mögen sich in Erinnerung rufen:

Luther war das auch.

Für Hartl hat diese Transformation zwei entscheidende

Fundamente: Wort Gottes und Gebet;

nur auf diesem Fundament kann die Kultur des

Reiches Gottes hervorkommen und sich zeigen

in Spiritualität, „gut drauf sein“, Kreativität und

Empathie. Das wäre ein radikales Gegenmodell

zur Welt. Um jedes Missverständnis auszuräu-

34

Z für Zukunft


Z-aktuell

men: Wir wollen gerade keine niederschwellige

Kopie der Welt produzieren, sondern das glatte

Gegenteil, denn nur das Echte erfüllt die tiefsten

Sehnsüchte der Menschen.

Johannes Hartl ist sich sicher, dass das Evangelium

nichts an Kraft verloren hat; seiner Meinung

nach wird es nur zu selten verkündigt und dort,

wo es verkündigt wird, steht das Gesagte oft in

krassem Gegensatz zu dem, was der Hörer erlebt.

Laut Hartl schreit diese Generation: „Wir wollen

das Reich Gottes erleben, nicht in Worten, sondern

in Kraft – wie damals bei den ersten Christen!“

Die Welt sehnt sich nicht nach Kirche, sehr

wohl aber nach dem Reich Gottes; Hartl zitiert

aus dem Römerbrief: Die ganze Schöpfung wartet

darauf, sehnt sich danach, dass die Söhne Gottes,

die sein Reich verkörpern, sichtbar werden. 1

Die Teilnehmer des CCD fordert er heraus zu

überlegen: Wie wäre es, wenn wir dem Herrn sagten,

dass wir dem, was er an Neuem tut, nicht im

Wege stehen wollen?

Was Gewinn schien,

als Verlust verbuchen

Frau Prof. Mihamm Kim-Rauchholz doziert

an der Internationalen Hochschule Bad Liebenzell.

Sie wirft zwei Themen ins Feld; damit hat

das Neue Testament immer schon für Zündstoff

gesorgt: Tischgemeinschaft und Heidenmission –

oder: Die Öffnung des Evangeliums über nationale

Grenzen hinweg. An den aktuellen Schlagwörtern

Außengrenzen, Obergrenzen, ausgrenzen und

eingrenzen haben sich schon hochrangige Nachfolger

Jesu der ersten Stunde wundgerieben.

Prof. Kim-Rauchholz hatte entdeckt, dass von

allen neutestamentlichen Autoren besonders Paulus

über die Kulturen und Grenzen hinweg das

Evangelium brachte, von Syrien bis nach Italien,

vielleicht sogar bis nach Spanien. Das faszinierte

sie; aber warum ausgerechnet Paulus? Warum er,

der nach eigenen Angaben so überzeugt war von

seiner eigenen Religion, seinem eigenen Volk und

seinen eigenen Werten , dass er sogar bereit war,

andere dafür zu töten?

Prof. Kim-Rauchholz sieht verschiedene Gründe

dafür; eine entscheidende Voraussetzung hat die

Theologin in ihrer Radikalität immer wieder fasziniert

– Paulus formuliert sie in einem Brief über

sich selbst so: „Alles, was mir Gewinn war,

habe ich als Schaden erachtet, als Kot, damit

ich Christus gewinne; ja wirklich, ich erachte

alles als Verlust um der unübertrefflichen

Größe willen der Erkenntnis Jesu Christi,

meines Herrn.“ 2

Faszinierend für Frau Kim-Rauchholz ist: Paulus

verwirft nicht seine schlechten Eigenschaften,

seine Sünden; nein, er verwirft das, was uns

erstrebenswert scheint, was uns in dieser Welt

Vorsprung verschafft: unsere Bildung, unser Titel,

unsere Position, unsere Prägung, unsere Traditionen,

unsere Werte und Tugenden. Alles, was

unsere Identität ausmacht.

Wenn sich jemand etwas einbilden könnte auf

seinen Status, dann Paulus: eindeutige Abstammung

aus dem Volk Israel, ein Oberpharisäer,

nach dem Gesetz fehlerlos. 3

Titel, Positionen, Tradition: „Was mir Gewinn

war“, erachtet Paulus als Dreck – diese radikale

Botschaft hörten Bischöfe, Priester, Pastoren

und Leiter der koptischen, orthodoxen, römischkatholischen,

lutherischen, evangelikalen und

Pfingst-Kirche aus dem Munde einer Frau, die

einen Kopf kleiner ist als viele von ihnen.

Das Statement von Paulus fordert die Entscheidung,

Christus über alles zu stellen. Ihn, Paulus,

hatte es jedenfalls alles gekostet: seine Kultur,

seine Karriere in der religiösen Oberschicht, sein

Ansehen, seine Identität und am Ende auch das

Leben. Aber das gab ihm die Kraft, als einst glühender

Verfechter seiner eigenen Religion und

Nationalität die berühmten Worte an die Galater zu

schreiben: „Hier ist nicht Katholik, noch Lutheraner,

nicht Evangelikaler noch Pfingstler, auch nicht

Toilettenputzer noch Bischof, hier ist auch nicht

Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in

Jesus Christus.“ 4 (Alle linksliberal-gegenderten Illusionen

in so manchen Kirchen könnten dadurch mit

einem Schlag wirksam beantwortet werden.)

Mit ruhiger Stimme unterstreicht Prof. Kim-

Rauchholz: „Mit weniger als dem, was Paulus hier

schreibt, nämlich der radikalen Fokussierung auf

Jesus Christus, können wir den Herausforderungen

unserer Zeit nichts Substanzielles entgegenstellen.“

Es geht um unsere Identität in Christus.

Mihamm Kim-Rauchholz

ist eine koreanische Theologin

mit einem Lehrstuhl für Neues

Testament und Griechisch an

der Internationalen Hochschule

Liebenzell (IHL)

Titel, Positionen,

Tradition: „Was

mir Gewinn war“,

als Verlust erachten

– diese radikale

Botschaft

hörten Bischöfe,

Priester, Pastoren

auf dem CCD –

um die Identität

in Christus zu

finden.

Z für Zukunft

35


Z-aktuell

Der Fokolare-

Bewegung ist

es gelungen,

Bischöfe

aus allen

Bischofskirchen

zu sammeln

Foto:: 2014 in Rom © SegVes

Christian Krause

ist evangelischer Theologe

und ehemaliger Landesbischof

der Evangelisch-Lutherischen

Landeskirche in Braunschweig

mit Sitz in Wolfenbüttel. Von

1997-2003 Präsident des

lutherischen Weltbundes

Die bunten Bischöfe

Bischof Christian Krause, Präsident des lutherischen

Weltbundes (von 1997-2003), hat zusammen

mit Kardinal Edward Idris Cassidy am 31.

Oktober 1999 in Augsburg die „Gemeinsame

Erklärung der Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet.

Dahinter standen immerhin 30 Jahre Dialog,

in dem sich die Partner nichts geschenkt hatten.

Bischof Krause erzählte von seinen Begegnungen

mit Papst Johannes Paul II., die maßgeblich dazu

beitrugen, dass die massiven Widerstände auf

katholischer Seite gegen diese Erklärung überwunden

werden konnten; auf der evangelischen

Seite, so betonte er, waren es nur die Deutschen,

die dagegen aufmarschierten.

Damals entdeckte Krause die Fokolare-Bewegung

mit Chiara Lubich und ihren vielen Jugendlichen;

dieser Bewegung ist es gelungen, Bischöfe

aus allen Bischofskirchen zu sammeln. Bischof

Krause nennt sie die „bunten Bischöfe“. Sie sind

nicht nach Hierarchie ausgewählt, sondern nach

einem Gleichklang, diese Bischöfe der ost-orientalischen

Kirchen, der Ostkirchen, der Anglikaner,

der Katholiken und Lutheraner sowie der

Methodistenkirche. Bischof Krause ist einer von

etwa 50, die sich jedes Jahr an irgendeiner Stelle

treffen, von der sie meinen, dass das Zeugnis dort

wichtig sei. Sie geben keine Erklärung ab, sie sind

einfach da, zum Beispiel an der Seite der Kopten

in Kairo. Die „bunten Bischöfe“ kann man nicht

übersehen, wenn sie auf der Straße marschieren.

Letztes Jahr waren sie in Polen, um mit ihren

Geschwistern über Europa zu reden; vor einigen

Jahren waren sie in Istanbul und sie haben im

letzten Augenblick Damaskus besucht.

Diese Bischöfe verbindet eines: Jedes Mal, wenn

sie sich treffen, schließen sie einen Pakt gegenseitiger

Liebe. Ihr Gelübde sprechen sie jedes Jahr aufs

Neue: „Im Namen Jesu vereint versprechen wir

uns für das ganze Leben, dass wir vor allem und in

allem einander lieben wollen, wie Jesus uns geliebt

hat. Schenke uns, Vater, die Gnade, in deinem Geist

so miteinander eins zu werden, dass das Kreuz des

einen das Kreuz des anderen ist, die Freude des

einen die Freude des anderen, die Sehnsucht des

einen die Sehnsucht des anderen, damit alle eins

seien und die Welt staune.“ Sie unterzeichnen dieses

Gelübde feierlich und halten einen Gottesdienst

– zusammen mit vielen Menschen, und er endet in

einem Freudenfest.

Bischof Krause erinnert sich: „Früher dachte

ich: Und wenn einer dabei ist, den ich nicht leiden

kann? Das könnte ja vorkommen in so einer

großen Gruppe. Aber das ist nie so gewesen. Im

Gegenteil, wir sind zueinandergekommen und es

ist immer wieder eine große Freude, wenn wir

uns sehen, denn das gilt: Dein Kreuz ist mein

Kreuz, deine Freude ist meine Freude.“

Fazit dieser drei Schlüssel-Beiträge

Die Welt sehnt sich nicht nach Kirche, sehr wohl

aber nach dem Reich Gottes – und das nicht in

Worten, sondern in Kraft 5 . Was sich u. a. im Vierklang

von Spiritualität, „gut drauf sein“, Kreativität

und Empathie zeigt. Das Reich Gottes tritt in

Erscheinung nicht als billige Kopie der Welt, sondern

als radikales Gegenmodell.

Die Gestalt von Christentum und Kirche wird,

ja muss sich auf entscheidende und tiefgreifende

Weise verändern und reformieren. In vielerlei

Hinsicht wird sie anders sein, als wir es gewohnt

waren.

36

Z für Zukunft


Z-aktuell

Das Gewohnte, das wir bisher für Gewinn

erachtet haben, wird gelegentlich als Schaden

erkannt werden, um Christus zu gewinnen. Wenn

unsere Bildung, unser Titel, unsere Positionen,

unsere Prägungen, unsere Traditionen, unsere

Werte und Tugenden unsere Identität ausmachen

und nicht Christus, dann ist es, in der Radikalität

von Paulus ausdrückt, scheiße! Mit weniger als

dem, was Paulus in Philipper 3 schreibt, mit weniger

als einer radikalen Fokussierung auf Jesus

Christus, werden wir den Herausforderungen

unserer Zeit nichts Substanzielles entgegenhalten

können. Es gibt nur eines, was am Christentum

attraktiv ist, nur eines, was Kirche attraktiv

macht: Jesus Christus! Wer seine Identidät in

Christus hat, kann mir jemanden, der seine Identität

in Christus hat eins sein.

Nehmen wir uns, auf welcher Ebene auch immer,

an den „bunten Bischöfen“ ein Beispiel: „Wir wollen

vor allem und in allem einander lieben. Lasst

uns im Geist Gottes so miteinander eins werden,

dass das Kreuz des einen das Kreuz des anderen

ist, die Freude des einen die Freude des anderen,

die Sehnsucht des einen die Sehnsucht des anderen,

damit wir eins seien und die Welt staune.“

Die Welt wird auch deshalb staunen, weil sie

erlebt: Da kommt Reich Gottes und da geschieht

Gottes Wille. Es erfüllt sich, was wir immer schon

im Vaterunser gesprochen haben. So nebenbei

wird dann Spiritualität, „gut drauf sein“, Kreativität

und herzliche Empathie erlebt, wie es die

Welt nicht bieten kann. Das könnten die Konturen

einer Kirche der Zukunft sein.

1 Römer 8,19.

2 Philipper 3,7–8.

3 Philipper 3,5–6.

4 Galater 3,28 (freie Wiedergabe der Redaktion).

5 1 Korinther 4,20

„Einheit“, ein Thema, über das große Uneinigkeit herrscht.

Eines aber ist sicher: Es gibt jemanden, der tut alles, um sie zu

verhindern. Wo ihm das nicht gelingt, erzeugt er die schillernsten

Imitationen von Einheit.

In dem Buch kommen wir dem näher, was Jesus meinte, als er von

Einheit sprach. Worum hat er in Johannes 17 eigentlich gebetet?

– Erstaunlicher Weise nicht um Einheit. Er hat um drei andere

Dinge gebetet, damit dadurch Einheit überhaupt erst möglich

wird. Versäumen wir diese drei Dinge, bleibt Einheit weiterhin ein

Traum. Wir sollten auch dieses Gebet Jesu, als Prototyp wie das

Vaterunser verstehen.

In dem Buch finden sie eine Anleitung für ihr persönliches „Einheits-

Entwicklungs-Labor“ und ganz konkrete Hinweise, wo Einheit

anfängt und wie Einheit in ihrer Stadt aktiviert werden

kann. – Sie selbst spielen dabei eine Schlüsselrolle!

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Z für Zukunft

37


Z-aktuell

Fotos: © Afrikanerin:

Pixabay, wjgomes

Araber: Pixabay, ArmyAmber

Südamerikaner:

wikipedia, Cacophony

Chinesin: Pixabay,

jeltevanoostrum

Sind Sie auch Christ?

Entschuldigen sie diese indiskrete Frage. Der persönliche Glaube gehört inzwischen ja

zum Intimbereich. Wir wurden christlich sozialisiert und weil wir in eine christlich geprägt

Kultur hineingeboren wurden, zählen wir uns einfach dazu. Aber stimmt denn das?

Erkennen Sie

die Christen

aus Afrika, dem

Nahen Osten,

Südamerika und

China?

Früher war das noch deutlicher: Wessen

Glauben der Fürst, so auch das

Volk. Wer anders glaubte, sollte besser

das Land wechseln. Nach siegreichen

kriegerischen Auseinandersetzungen

wurden ganze Völker annektiert und

Zwangstaufen, christianisiert. Niemand hat sie

nach einer Überzeugung gefragt. Die meisten

wussten gar nicht worum es ging.

Das passiert bis heute, nur sicher etwas

freundlicher. Aber damals, als sie als Baby rituell

befeuchtet wurden, hat sie genauso keiner

gefragt, ob sie das wollen, wie damals im 17 Jh.

Bei Kirchenstatistiken gibt es die Rubrik „Austritte”

und dem gegenüber werden in einer Spalte

„Taufen” aufgeführt. Wenn die Zahl der Austritte

und der Taufen ausgeglichen sind, simuliert das

Zufriedenheit. Diese Art von Taufe kann so quasie

38

Z für Zukunft


Z-aktuell

als eine ungefragte Mitgliederrekrutierung, als

Neuzugänge verstanden werden.

Konkret: Köksal, der Teppichhändler

Bei einem Türkei-Aufenthalt freundete ich mich

mit einem Teppichhändler im Basar an. Er war

muslimisch sozialisiert – keiner würde von so

jemandem erwarten, dass er sich für einen Christen

hält. Über seine alten Teppiche kamen wir

dann auch auf das Christentum zu sprechen, ist

doch die antike Türkei dessen Wiege.

Eines Nachts hatte Köksal 1 einen Traum: Er

sah sich am Boden liegen, in Ketten gefesselt; vor

ihm eine Person, hell gekleidet, und ich stand an

der Seite. Mit der Hand wies der Mann in Weiß

auf den Teppichhändler und aus der Handinnenfläche

kam ein starker Lichtstrahl, der die Ketten

sprengte. Dann wies er auf mich: „Den Weg, den

er geht, den gehe!”

Als wir uns das nächste Mal trafen, wollte

Köksal unbedingt wissen, welchen Weg ich gehe;

der Traum bewegte ihn immer noch. Ich erklärte

ihm, dass ich Jesus nachfolge – er ist sozusagen

der Regierungschef in meinem Leben. „Wenn du

auch diesen Weg gehen möchtest, brauchst du so

etwas wie einen Wechsel der Staatsbürgerschaft:

Du musst den Herrschaftsbereich des Islams verlassen

und Staatsbürger im Reich Gottes werden;

dort regiert Jesus, den du im Traum gesehen

hast. Der übrigens alle Autorität im Himmel und

auf der Erde hat.” 2

Der Traum war für ihn so deutlich gewesen, ja,

unbedingt, diesen Weg wolle er gehen. So knieten

wir uns auf den schönen Teppichen nieder

und Köksal bat um Vergebung dafür, dass er bisher

unter anderer Herrschaft war, und für alles,

was aus dieser Abhängigkeit heraus schiefgelaufen

ist – und nahm die Erlösung, die Jesus am

Kreuz erwirkt hat, für sich in Anspruch. Er erbat

und erhielt Vergebung; er übergab Jesus die Herrschaft

über sein Leben und lud den Heiligen Geist

ein, ihm zu helfen, Jesus nachzufolgen. Anschließend,

um das freudige Ereignis zu feiern, nahmen

wir das Herrenmahl: „Nehmt das Brot, es steht

für meinen Leib, der für euch gegeben wurde,

sagte Jesus. Nehmt den Wein, er steht für das Blut

des Bundes, das für euch vergossen wurde. Damit

ihr so richtig mit mir im Bunde stehen könnt.” 3

Etwas später ließ Köksal sich im Meer taufen,

als Ausdruck seiner Entscheidung – durch komplettes

Untertauchen identifizierte er sich mit

dem Tod von Jesus: mitgestorben! Im Auftauchen

drückte er aus: Ich habe Anteil am Auferstehungsleben

von Jesus. 4 Nachdem Köksal aus dem Wasser

aufgetaucht war, zitierte er etwa fünfzehn Minuten

lang Bibelstellen, die er zuvor noch nie gelesen

oder gehört hatte – das war wie eine prophetische

Aussicht auf das, was er bald erleben sollte, und

das war alles andere als ein Spaziergang! Wenn ein

Muslim sich zu Jesus, dem Sohn Gottes, bekehrt,

hat das oft schlimme Folgen. Köksal kam nur ins

Gefängnis, aufgrund falscher Anschuldigungen.

(Das ist eine Geschichte für sich, zu lesen in dem

Buch „Auf der Suche nach Kraft”).

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie so klar

zeigt, wie jemand Christ wird. In Köksals Fall verstehen

wir das. In unseren Breiten aber hält man

sich oft für einen Christen, ohne tatsächlich einer

zu sein, und aufgrund dieses Missverständnisses

wird die Einladung, Christ zu werden, häufig

ausgeschlagen: „Was wollen Sie, ich bin doch

Christ … ich bin ja Mitglied in der …” Schön und

gut, aber man hat nicht die „Staatsbürgerschaft”

gewechselt und ist somit nicht Bürger dieses Reiches,

in dem Jesus regiert.

Ein neuer Pass

Das Bild von einer neuen Staatsbürgerschaft

veranschaulicht den Sachverhalt recht gut. Ein

Flüchtling verlässt seine Heimat, weil er Diktatur

und Unterdrückung entfliehen will, und sucht

sich ein Land, das ihm Freiheit gewährt. Wenn er

die Einbürgerung bekommt, erhält er einen neuen

Pass. Alle Einträge im alten Pass, die ihn belasten

würden, sind nicht mehr vorhanden. Er

hat sozusagen eine neue Identität. 5

Der Vater im Himmel hat uns errettet

aus dem Machtbereich der Finsternis und

uns versetzt in das Reich seines geliebten

Sohnes, in dem wir die Erlösung haben,

nämlich die Vergebung der Sünden. 6

Von einem

Teppichhändler

in einem

türkischen Basar,

würde niemand

erwarten, dass

er sich für einen

Christen hält

Die ganze Geschichte über Köksal

lesen Sie in diesem Buch mit

herrlichen Panoramafotos.

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Z für Zukunft

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Z-aktuell

Ian McCormack berichte

von seinen Erfahrungen

nach dem er gestorben war

Foto © Agentur PJI

Nach Kant

haben wir

uns in der

Aufklärung

von einer selbstverschuldeten

Bevormundung

befreit, einer

höheren

Ordnung

über uns

Buch und DVD

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Tappen im Dunkeln

Der westeuropäische Kulturkreis wurde in den

letzten Jahrhunderten von einem humanistischen

und zunehmend atheistischen Denkkonzept

geprägt: der Mensch sieht sich als das Maß aller

Dinge, als Gott. Nach Immanuel Kant haben wir

uns in der Aufklärung von einer selbstverschuldeten

Bevormundung befreit, einer höheren Ordnung

über uns, also Gott. Die „Vernunft” wurde

dabei zu neuen Religion erhöht.

Auch wenn eine Mehrheit behauptet: „Es gibt

keinen Gott”, hat das auf die Wirklichkeit seiner

Existenz keinen Einfluss. Einer meiner Professoren

sagte öfters: „Die Masse ist blöd!” Ich weiß nicht,

ob er recht hat, aber solche Denkkonzepte oder

Festlegungen hindern natürlich daran, Wirklichkeiten

zu erkennen, die unseren Horizont übersteigen.

Die Ursache liegt in eben in dieser Finsternis,

über die der Apostel Paulus an seine Freunde in

Kolossä schreibt: 5 „Sie tappen im Dunkeln …”

Erscheint es nicht anmaßend, aus einer niedrigen

Ordnung eine höhere erklären zu wollen?

Also: wenn Menschen Gott erklären wollen? Wäre

es nicht vernünftiger, die Erklärungen heranzuziehen,

die Gott über sich verfügbar gemacht hat?

Eine nüchterne Entscheidung

Durch die rituelle Befeuchtung eines Babys wird

man nur Mitglied einer kirchlichen Organisation,

aber nicht Bürger des Reiches Gottes.

Mit aller Bestimmtheit sagte Jesus zu einem

Theologen seiner Zeit: „Wenn jemand nicht von

Neuem (d. h. geistlich) geboren wird, kann er das

Reich Gottes nicht sehen – für ihn bleibt es finster.

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass

er seinen einzigen, in dieser Art geborenen Sohn

gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren

geht, sondern ewiges Leben hat. Wer an den

Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem

Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen,

wegen der Abwesenheit Gottes in ihm.” 7

Christ zu werden, das bedarf der freiwilligen

Entscheidung, die „Staatsbürgerschaft” zu wechseln;

der Neubürger wechselt vom Reich der

Finsternis dieser Welt zum Reich der Liebe. Wer

bewusst sagt: „Gott, dein Reich komme in meinem

Leben! Dein Wille geschehe durch mich” 8 ,

der begibt sich aktiv unter den Einfluss des Königs

Jesus Christus. Und wer sich unter seine Regierung

stellt, wird Bürger seines Reiches. Ganz

logisch. Und er akzeptiert die dazugehörende Verfassung,

die in der Bibel zugrunde gelegt ist.

Das ist kein frommer Gefühlsdusel; hier ist

eine ganz nüchterne Entscheidung gefragt: Ich

komme vom Herrschaftsbereich des Fürsten dieser

Welt unter die Herrschaft von Jesus Christus.

– Treffe ich diese nüchterne Entscheidung nicht,

bleibe ich weiterhin unter dem Einfluss des bisherigen

Regimes, ob mir das bewusst ist oder nicht.

Sterbe ich unter dieser Herrschaft, bin ich auch

danach unter diesen Machtverhältnissen.

Die Drohung mit der Hölle: „Wenn du nicht

glaubst …” vor dem Hintergrund eines strafenden,

bösen Gottes erzeugt ein völlig verzerrtes,

falsches Bild. Nicht Gott straft, sondern jeder

bestraft sich selbst, wenn er zu blöd ist (oder zu

stolz), diesen jedem zugänglichen Herrschaftswechsel

zu vollziehen.

Konkret: Sunnyboy auf Mauritius

Der aufgeklärte Mensch sieht sich über diesen

Dingen stehend, das meint er zumindest. Himmel

und Hölle schickt er in die Märchenabteilung.

Mein Freund Ian starb bei einem Tauchunfall;

er wurde von fünf Nesseln eines der giftigsten

Lebewesen getroffen, der Würfelqualle. Nachdem

40

Z für Zukunft


Z-aktuell

er gestorben war, hatte er Einblick in Himmel und

Hölle nehmen können. Zuvor war er alles andere

als fromm gewesen; man kann also nicht sagen,

er hätte nur die Projektion seiner Wunschvorstellungen

wahrgenommen.

Auf dem Seziertisch des Krankenhauses kam

er ins Leben zurück; inzwischen hat er Abertausenden

davon berichtet.

Ian hatte das Leben genossen: Als Sunnyboy

ging er vor Mauritius surfen; die anderen großen

Themen seines Lebens waren „Sex, Drugs and

Rock’n’Roll”.

Er wusste, dass ein Schlag von der Würfelqualle

tödlich ist. In seinem Todeskampf erinnerte

er sich an die Worte seiner Mutter: „Wenn

du in Not bist, ruf zu Jesus.” Aber er hatte keine

Ahnung, was er da rufen sollte. Im Rettungswagen

erschienen ihm die Worte des Vaterunsers

vor seinen Augen: „Dein Reich komme … Dein

Wille geschehe … Vergib mir meine Schuld, wie

ich meinen Schuldnern vergebe …”

Der Weg ins Krankenhaus dauerte zu lange.

Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun.

Er sah sich selbst dort liegen und entschwand

in bedrückende, absolute Dunkelheit. Ein Lichtstrahl

zog ihn heraus; er fand sich wieder vor

einer Person, die so hell war, dass er nichts

erkennen konnte; nur eine unbeschreibliche

Liebe überwältigte ihn, die von dieser Person ausging.

Er sah Landschaften, unglaublich schön.

„Ich habe das nicht verdient”, dachte er bei sich

und erhielt zur Antwort, sein Stoßgebet in letzter

Minute habe alles verändert: „Du hast damit

dieses Reich gewählt und du hast vergeben – und

deshalb wurde auch dir vergeben.” 9

Für seine Mutter war Ian der verlorene Sohn,

der die Sünde liebte, und dieser Schmerz sollte

von ihr genommen werden; Ian wollte, dass sie

erfährt, dass sich sein Leben gravierend geändert

hatte. So konnte er zurück in seinen Körper, aber

nicht nur, um es seiner Mutter zu sagen; Tausenden

und Abertausenden hat er seitdem bezeugt,

dass der Himmel Realität ist. Am nächsten Tag

verließ er das Krankenhaus, völlig wiederhergestellt.

10

Aber es geht dabei primär gar nicht darum,

dass wir einmal in den Himmel kommen. Nur

deshalb gläubig zu werden, wäre etwas zu kurz

gedacht, sogar ein wenig egoistisch. Das mag verwundern,

aber der Himmel ist nur eine logische

Folgeerscheinung.

Die Episode im Garten Eden

Und Gott sprach: „Lasst uns Menschen machen

nach unserm Bild, uns ähnlich! Sie sollen herrschen

über die verschiedenen Lebewesen und über die

ganze Erde. … Von jedem Baum des Gartens darfst

du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten

und Bösen nicht; denn an dem Tag, da du davon

isst, musst du sterben!” Da sagte die Schlange zur

Frau: „Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern

Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure

Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie

Gott, erkennend Gutes und Böses.”

Sie aßen davon – da gingen beiden die Augen

auf. Sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie

bedeckten sich mit Feigenblättern. 11

Was ist damals passiert? Parabel hin oder

her, hier geht es um ein elementares Prinzip.

Ursprünglich wurde dem Menschen die Erde

als Herrschaftsgebiet übergeben; davon handelt

diese Geschichte, doch Herrschaftsansprüche

sind nicht „in Stein gemeißelt”, Regierungsautorität

kann in andere Hände gelangen – durch Heirat,

durch Siege oder auch durch Betrug.

In der Anfangszeit war es für den Menschen völlig

normal gewesen, Gott

zu begegnen und mit ihm

ganz direkt einige Worte

zu wechseln. Es gab eine

unmittelbare Beziehung

(und diese Beziehung

war es, die damals starb).

„Sollte Gott gesagt

haben?“ Diese Frage

wird aus atheistischhumanistischer

Perspektive

auch heute jeden Tag

gestellt – damals nahm

sie ihren Anfang.

Sollte Gott

gesagt haben?

... Nein, wenn

ihr von dieser

Frucht esst,

werdet ihr nur

Humanisten,

sein wie Gott

Bild: Ausschnitt aus

„Adam und Eva im Garten

Eden“, Lucas Cranach d. Ä.:

Z für Zukunft

41


Z-aktuell

Es wurde nicht

nur den Schuldschein

des Einzelnen

eleminiert,

sondern

Machtverhältnisse

wurde völlig auf

den Kopf gestellt

Dem Menschen war die Herrschaft über die

Erde gegeben, aber Satan wollte sie unbedingt

selber haben. Was tun? Er schlug einen äußerst

linken Deal vor: verbotene Frucht essen gegen

eine Art Neuprogrammierung mit Bewusstseinserweiterung:

„Keineswegs werdet ihr sterben!

Eure Augen werden geöffnet und ihr werdet sein

wie Gott.” – Das Maß aller Dinge … Die Augen

gingen ihnen jedenfalls auf – und was sahen sie?

Dass sie nackt waren. – Super!

Der Mensch hat sich übel austricksen lassen

und sein Erbrecht für ein „Linsengericht” verkauft,

– hat die Herrschaft über die Erde eingetauscht

gegen den Genuss dieser ominösen

Frucht. Die unmittelbare Beziehung zu Gott starb

und Satan wurde zum „Fürsten dieser Welt”.

Wie diesen linken Deal

wieder rückgängig machen?

In Anknüpfung an diese Katastrophe wird Jesus

„der letzte Adam” genannt. 12 Durch seinen Tod am

Kreuz und die Auferstehung hat er das Verlorene

zurückgekauft. Darin steckt aber viel mehr, als

üblicherweise gesehen wird! In einer Ankündigung

seines Todes zeigt Jesus, wie sehr alles auf diesen

Fürsten dieser Welt abzielte: „Jetzt ist das Gericht

dieser Welt, jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen

werden. … Der Fürst dieser Welt

kommt, aber in mir hat er keine Anrechte.“ 13

Was hatte er nicht, dieser „Fürst dieser Welt“?

Er hatte keinen Deal mit Jesus, es gab kein Vertragsverhältnis,

worauf er hätte Anspruch erheben

können. Durch diesen ursprünglichen „linken Deal“

waren zunächst die ersten Menschen, „der erste

Adam“, und anschließend die ganze Menschheit

in einer Vertragsabhängigkeit gefangen. Jesus als

„der letzte Adam“ aber war davon frei und konnte

deshalb nicht korrumpiert werden. Dadurch hatte

Jesus Christus das volle Recht und die Möglichkeit,

die Menschheit aus dieser tödlichen Abhängigkeit

herauszukaufen und uns das ursprüngliche Recht,

über die Erde zu herrschen, zurückzugeben.

Der Apostel Paulus hat das zutiefst erkannt:

„Ihr wart tot in euren Verfehlungen, in denen ihr

unterwegs wart gemäß dem Zeitgeist dieser Welt,

gemäß seinem Fürsten, als Söhne des Ungehorsams.“

14 Das Evangelium will uns nicht in erster

Linie nicht nur der Konsequenz unserer Sünden

entheben (das natürlich auch); es bezweckt

vor allem die Veränderung von Machtverhältnissen;

Sündenvergebung ist dabei eine notwendige

Nebenwirkung! „Er hat uns errettet aus den

Machtverhältnissen der Finsternis und uns versetzt

in den Herrschaftsbereich des Sohnes seiner

Liebe; dadurch haben wir auch die Erlösung von

den Verfehlungen unserer Sünden im Beipack.“ 15

Paulus selbst hat seinen Auftrag so beschrieben:

„… den Menschen die Augen zu öffnen, dass

sie sich von der Finsternis zum Licht und von dem

Machtanspruch des Satans zu Gott bekehren,

damit sie Vergebung der Sünden empfangen und

ein Erbe im Reich Gottes.“ 16

Den vollen Umfang verstehen

Es fällt uns nicht leicht zu begreifen, wie umfassend

das war, was Jesus Christus in Tod und Auferstehung

erreicht hat; zu sehr sind wir geprägt

von einem verkürzten Evangelium humanistischer

Denkart.

„Gottes Gerechtigkeit aber durch den Glauben

an Jesus Christus gilt für alle, die glauben. Denn

es ist kein Unterschied: Alle haben gesündigt und

erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden

umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade,

durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ 17

Das war die umwerfende Erkenntnis des jungen

Martin Luther – und sie ist unverzichtbar für

jeden Einzelnen, der die Vergebung der Sünden

42

Z für Zukunft


Z-aktuell

zu erlangen sucht und die Rechtfertigung vor

Gott. Wohlgemerkt: ohne Gegenleistung!

So weit, so gut, und jedes Wort ist wahr. Aber

die Auswirkung des Kreuzes ist weit umfassender,

ja „universell“, ganz und gar systemverändernd.

Jesus Christus hat nämlich nicht nur den

Schuldschein eleminiert, der gegen uns gerichtet

war, indem er ihn ans Kreuz nagelte; sondern vor

allem hat er die Gewalten und die Mächte (des

Fürsten dieser Welt) völlig entwaffnet und sie

öffentlich blos gestellt. In Christus hat Gott den

Triumph über diese Mächte voll ausgedrückt. 18

Urteil und Vollstreckung

Wenn wir uns nun die Weltlage anschauen, kommen

wir in einen Konflikt; alles sieht schlimmer

aus denn je, und man hat gar nicht den Eindruck,

dass das Böse irgendwo entwaffnet wäre. Korruption

und Terror scheinen sich auszubreiten. Hat

Jesus Christus den Fürsten dieser Welt nun hinausgeworfen

oder nicht?

Der Autor des Hebräerbriefes gibt darüber

Aufschluss: „Gott ließ nichts übrig, was er Christus

nicht unterworfen hätte. Jetzt aber sehen wir

ihm noch nicht alles unterworfen.“ 19 An anderer

Stelle heißt es: „Christus wartet, bis seine Feinde

zu seinem Fußschemel gemacht werden.“ 20

Das könnte man vergleichen mit dem Richter-

Henker-Prinzip: Der Richter fällt ein Urteil, das

aber bedarf der Vollstreckung. In der Zwischenzeit

ändert sich für den Verurteilten nicht viel und

auch nicht für die Geschädigten, die auf Gerechtigkeit

hoffen.

Daher ist es wichtig, dass das umfassende

Evangelium Beachtung findet: Die Frohe Botschaft

ist zunächst für jeden persönlich die Vergebung

der Sünden und die Rechtfertigung aus

Glauben; aber darüber hinaus und übergeordnet

verkündet sie, dass der Fürst dieser Welt alles

Recht an der Welt verloren hat und per Gerichtsurteil

entmachtet ist. – Aber das Urteil muss zur

Vollstreckung gebracht werde.

Welche Rolle spielen wir?

Gott will das Herrschaftsverhältnis, das bei der

Schöpfung ursprünglich vorgesehen war, wiederherstellen:

„Christus muss freilich im Himmel

aufgenommen werden bis zu den Zeiten der Wiederherstellung

aller Dinge, von denen Gott durch

seine Propheten von jeher geredet hat.“ 21

Jeder einzelne Mensch, der die Erlösung Jesu

im Glauben für sich in Anspruch nimmt, also Christ

im eigentlichen Sinne des Wortes geworden ist

und die Veränderung der Herrschaftsverhältnisse

erkennt und an sich vollzogen hat, nimmt die neue

Staatsbürgerschaft des Reiches Gottes an. Wer

„von Neuem“, also aus dem Geist Gottes geboren

ist (hier wird das geboren, was damals im Garten

gestorben war), der überwindet die Welt und wechselt

die Machtverhältnisse – er ist also nicht mehr

gleichförmig mit diesem Weltsystem, nicht mehr

von ihm ferngesteuert. Diese „Wiedergeborenen“

können über sich und Christus sagen: „Wir haben

die Welt überwunden. Denn der, der in uns ist, ist

größer und stärker als der, der in der Welt ist.“ 22

Jesu Worte an Gott, seinen Vater, machen das

noch deutlicher: „Ich habe ihnen dein Wort, das

Evangelium vom Reich Gottes, weitergegeben;

dafür hasst sie die Welt, weil sie ihr nicht gleichförmig

sind, so wie auch ich nicht zur Welt gehöre.

Ich bitte dich nicht, sie aus der Welt herauszunehmen;

aber ich bitte dich, sie vor dem Bösen zu

bewahren. Sie gehören so wenig zur Welt, wie ich

zur Welt gehöre. So wie du mich aus deinem Reich

in die Welt gesandt hast, habe auch ich sie als Vertreter

meines Reiches in die Welt gesandt.“ 23

Hier schließt sich der Kreis: „Wer überwindet,

der wird mit mir auf dem Thron sitzen, wie

auch ich überwunden und mich mit meinem Vater

auf seinen Thron gesetzt habe.“ 24 Wer sitzt auf

dem Thron? Üblicherweise der, der regiert. Der

Mensch als Überwinder wäre dann wieder genau

in der Position wie bei der ursprünglichen Auftragserteilung:

„Sie sollen herrschen über die

ganze Erde und über alle Lebewesen.” 25

Total inkompatibel

Aber alles, was gleichförmig ist mit dieser Welt, ist

absolut inkompatibel mit dem Reich Gottes – und

umgekehrt. Deshalb der energische Aufruf: „Seid

nicht gleichförmig mit dieser Welt!” Jede Gleichförmigkeit

bedeutet Kooperation mit dem Fürsten

dieser Welt und nährt dessen unrechtmäßigen,

längst verurteilten Herrschaftsanspruch. Er hat

Welche Rolle

spielen Sie

in diesem

Sachverhalt?

Wer will nicht

auf der

Siegerseite

stehen?

Wer auf dem Thron sitzt,

regiert üblicherweise.

Die ursprünglichen

Auftragserteilung soll wieder

hergestellt werden: „Sie sollen

herrschen über die ganze Erde

und über alle Lebewesen.”

Foto: © pinterest.de

Z für Zukunft

43


Muslime

träumen von

Jesus! Lesen Sie

in diesem Buch

tolle Berichte

davon

Z-aktuell

nämlich nur die Macht, die ihm dummerweise eingeräumt

wird von jenen Christen, die nur Mitläufer

einer Organisation sind und das Evangelium nicht

umfassend kennen. Aber wo immer ihm widerstanden

wird, entzieht ihm das seine Macht; das lässt

ihn zum Fußschemel werden.

Ein spannender Bericht von Pilgerreisen auf den Spuren des Apostels Paulus. Sie

werden zur Suche nach der Kraft des Glaubens und führen zu aufschlussreichen

historischen Plätzen der ersten Christen in „Kleinasien“, der heutigen Türkei.

Herrliche Panoramabilder begleiten den mitreißenden Text (80 Farb- und 34 s/w-Fotos).

Der Leser spürt etwas von der Leidenschaft der ersten Christenheit.

Geschichte und Gegenwart verschmelzen: Istanbul – Konstantinopel, das Tor zum

Orient. Über Ankara geht es zu den tausend Höhlenkirchen in Kappadokien. Auch die

Stätten der sieben apokalyptischen Gemeinden fehlen nicht.

An der türkischen Südküste, wo die erste Reise des Paulus ihren Ausgang nahm,

sollte Peter Ischka vieles selbst erleben, wovon in der Apostelgeschichte berichtet wird:

Er bekommt den „Auftrag“, einen jungen Christen, der auf Grund seiner Bekehrung

ins Gefängnis kam, daraus zu befreien. In diesem Buch lesen Sie, wie das Unmögliche

tatsächlich geschah. Daumennagelgroße Nierensteine verschwinden nach schlichtem

Gebet. Jesus begegnet Muslimen in Träumen und Visionen.

Sogar ein Esel wird von dieser Kraft übernatürlich berührt.

Dieses Buch liest sich wie die Fortsetzung der Apostelgeschichte

und macht Mut, längst in Vergessenheit geratenes

Glaubensgut wieder beim Wort zu nehmen.

Gebunden, 160 S., 32 Seiten Panorama-Fotos, 17 x 25 cm, Best.-Nr. 453.103.778

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Widerstand und bessere Karten

Widerstand – wie soll das gehen? Ganz einfach.

Sagen Sie jeden Tag: „Dein Reich komme. König

Jesus, regiere du in meinem Leben. In mir und

meinem Leben hat der Fürst dieser Welt keine

Regierungsgewalt mehr! Ich habe die Staatsbürgerschaft

gewechselt. Vater, dein Wille geschehe

in meinem Leben und nicht die bösen Pläne dieser

Welt.” – Und schon hat sich das Reich Gottes

um ein paar Zentimeter erweitert. Dort, wo Jesus

regieren kann, da ist Reich Gottes. Lesen Sie

regelmäßig in seiner Verfassung, in der Bibel.

Wie wäre es, wenn Sie die Staatsbürgerschaft

wechseln und Bürger des Reiches werden, dessen

Regent Liebe in Vollendung ist und außerdem alle

Macht und Autorität im Himmel und auf der Erde

hat? Mit Christus als persönlichem Regierungschef

sind sie Christ im eigentlichen Sinne und

haben dazu noch eindeutig die besseren Karten.

1 Name geändert.

2 Matthäus 28,18.

3 Lukas-Evangelium 22,19–20.

4 2. Timotheus 2,11; Kolosser 2,12.

5 2. Korinther 5,17.

6 Kolosser 1,13–14.

7 Johannes 3,3;16;36.

8 Matthäus 6,10.

9 Matthäus 6,14–15.

10 Ausführlich berichten davon das Buch „Ich war tot” und inzwischen

auch ein Kinofilm: „Die perfekte Welle” mit Scott Eastwoods

Sohn Clint in der Hauptrolle.

11 1. Mose 1,26; 2,17; 3,4–5; 3,7.

12 1. Korinther 15,45.

13 Johannes 12,31; 14,13.

14 Epheser 2,1–2.

15 Kolosser 1,12–14.

16 Apostelgeschichte 26,18.

17 Römer 3,22–24.

18 Kolosser 2,14–15.

19 Hebräer 2,8.

20 Hebräer 10,13.

21 Apostelgeschichte 3,21.

22 1. Johannes 5,4; 4,4.

23 Johannes 17,14–18.

24 Offenbarung 3,21.

25 1. Mose 1,26.

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Z für Zukunft


Z-aktuell

Luther und die Neuzeit

Die evangelische Kirche ist heute durch eine Inflation des Kreuzes gekennzeichnet,

stellt Norbert Bolz leidenschaftlich fest.

Nur noch selten hört man etwas

über das Ärgernis und den Skandal

des Wortes von dem einen

Kreuz, wie es im Zentrum der Paulus-Briefe

steht. Dafür bekommt

man sonntags viel zu hören über die Kreuze dieser

Welt – Hunger, Flüchtlingselend, Klimakatastrophe

und so weiter, und dazu die Zusammenhalt-Parole

„Reden wir miteinander“.

Für Sören Kierkegaard war das schon vor 160

Jahren „Geschwätz“. Der Pfarrer kommt immer

häufiger als Gutmensch daher – in der Sprache

des Neuen Testaments: Pharisäer, und die Predigt

verkommt zu einem sentimentalen Moralismus.

„Nichts entvölkert unsere Kirchen so sehr, als

dass man es in ihrem Gottesdienst so viel mit den

persönlichen Ansichten ihrer Prediger zu tun hat“,

attestierte schon der Kirchenhistoriker Franz

Overbeck. Sentimentales Moralisieren – eine

Hauptquelle der protestantischen Heuchelei.

Die evangelische Kirche heute geht Konflikten

aus dem Weg, indem sie immer weniger behauptet.

Sie hat Angst vor den eigenen Dogmen und möchte

um keinen Preis als orthodox erscheinen. Aber nicht

orthodox sein zu wollen, das ist für einen Glauben

paradox. Kennt die evangelische Kirche überhaupt

noch den Unterschied zwischen Christentum und

einem diffusen Humanitarismus?, fragt Prof. Bolz.

Sie ersetzt den Skandal des Gekreuzigten zunehmend

durch einen neutralen Kult der Menschlichkeit.

Thomas Mann hat das schon vor hundert Jahren

„Verrat am Kreuz“ genannt.

Dieses Wohlfühlchristentum befriedigt ein tiefes

Bedürfnis nach Betäubung. Wenn Marx vom

„Opium des Volkes“ sprach und Nietzsche von

einem „opiatischen Christentum“, meinten sie

eigentlich: Nicht Religion an sich ist Opium, sondern

der moderne Mensch macht aus Religion ein

Opiat. Das Christentum als Droge, zur Beruhigung.

Jede Spur christlicher Erschütterung wird

sorgfältig vermieden. Man lässt sich zwar noch

von Jesus-Geschichten rühren, z. B. an Weihnachten;

aber vom Jüngsten Gericht will niemand

Kennt die

evangelische

Kirche überhaupt

noch den Unterschied

zwischen

Christentum und

einem diffusen

Humanitarismus?

Z für Zukunft

45


Z-aktuell

Foto: © Die zehn Gebote, Screenshot

Das goldene Kalb, um das

heute getanzt wird, ist der

Götzen „Mensch“. Man

liebt die Menschheit, um

Gott verdrängen

zu können.

Aus

Gott wurde

„der liebe Gott“,

aus Jesus ein

guter Mensch

– ein Integrationsbeauftragter

höherer

Ordnung.

Der Erlöser

hingegen wird

verdrängt

etwas hören. Aus Gott wurde „der liebe Gott“ und

aus Jesus ein guter Mensch – gewissermaßen ein

Integrationsbeauftragter höherer Ordnung, wie

Norbert Bolz es ausdrückt. Jesus, der Erlöser

Christus wird verdrängt.

Gott als Vater ansprechen, das hat die moderne

evangelische Kirche als Gefühlsduselei missverstanden.

Der Soziologe Max Weber hat sie immer

wieder daran erinnert, dass der Vater des Gottessohns

„kein zärtlicher moderner Papa“ ist, sondern

eher ein strenger Hausvater. Doch dass Gott kein

netter Papa ist und Jesus nicht sozial war, das wagt

die Kirche heute kaum mehr auszusprechen. Prof.

Bolz will an Luthers schlichten Wesenskern erinnern,

nämlich: an Christus und das Kreuz zu glauben

und Mildtätigkeit gegen die Armen zu zeigen.

Wohlfühlchristentum ohne Happyend

Neben den Wohlfühlchristen des Wohlstandsalltags

gibt es aber auch die intellektuellen Esoteriker

eines Christentums ohne Happy End, also

ohne Auferstehung.

Die letzten Worte Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht“,

hat der evangelische Theologe Rudolf

Bultmann so gedeutet, „dass mit dem Kreuz Jesu

Werk abgeschlossen ist und keiner Ergänzung

durch eine körperliche Auferstehung bedarf“. Bolz

fragt, ob eine christliche Theologie ihre Aufgabe

in der modernen Gesellschaft denn noch erfüllen

kann, wenn sie in Jesus nur noch jemanden ohne

Auferstehung, ohne ewiges Leben sieht?

Die Geschichte am Karfreitag findet also

nicht hindurch zum leeren Grab, an das sich das

Dogma der Auferstehung hält; man hört nur den

Urschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du

mich verlassen?“ Für das esoterische Christentum

ohne Happy End gibt es nur die Wahrheit dieses

Schreis, „der noch an den ‚toten Gott‘ gerichtet

sein könnte“. Es gibt also keine Erwartungen.

Jesus war, aber er ist nicht mehr.

Sowohl die Wohlfühlchristen als auch die intellektuellen

Esoteriker hängen also einem halbierten

Christentum an. Die einen hören gerne Jesus-

Geschichten, wollen vom Karfreitag aber nichts

wissen. Die anderen wollen nur an den Karfreitag

glauben, an Ostern jedoch nicht. Nur: Ohne Kreuz

und Auferstehung gibt es keinen christlichen

Glauben! Papst Benedikt XVI.: „Mit der Auferstehung

beginnt eine neue Schöpfung. Gott greift

hier nicht nur mit seinem Wort, sondern unmittelbar

materiell in die Geschichtswelt ein.“ Ähnlich

wie die Jungfrauengeburt ist das für das moderne

Denken unerträglich. Für die alten Griechen war

das Wort vom Kreuz ein Ärgernis, für die Juden

war es ein Skandal. Für den modernen Menschen

aber ist die Auferstehung das Ärgernis, das kann

er mit seiner Vernunft einfach nicht vereinbaren.

Das leere Grab passt nicht in sein Weltbild.

„Zivilreligion“ als Glaubnesminimum

Bolzens Ruf „Zurück zu Luther!“ richtet sich aber

nicht nur gegen Wohlfühlchristen und intellektuelle

Esoteriker; er richtet sich auch gegen die

Reduktion des christlichen Glaubens auf eine

„Zivilreligion“ – so nennt er die Schwundstufe

eines Christentums, das nicht mehr in seinem

Wahrheitsanspruch ernst genommen wird, sondern

nur noch wegen seiner ethisch und politisch

stabilisierenden Funktion.

Der Staat fragt heute selbst nach den integrierenden

Werten der modernen Gesellschaft;

man kennt diese Frage aus den Weihnachtsansprachen

der Politiker. Die Zivilreligion fasst die

religiösen Restbestände zusammen: die Kirchen,

in denen wir getauft werden und heiraten; die

Grundgesetze, die ohne göttliche Abkunft leer

wären; die Schwüre bei Gott, mit denen Staatsoberhäupter

ihr Amt antreten.

46

Z für Zukunft


Z-aktuell

„Grundwerte“ als das Dogma dieser Zivilreligion?

Eine Paradoxie, wie der ehemalige Bundesverfassungsrichter

Ernst-Wolfgang Böckenförde

klar gesehen hat: „Der freiheitliche, säkularisierte

Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht

garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das

er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“ Man

will die Bibel durch die Verfassung ersetzen.

Die Zivilreligion ist also das Glaubensminimum,

resümiert Prof. Bolz, das wir gegenüber

Andersgläubigen und auch gegenüber Ungläubigen

zur Geltung bringen müssen, damit eine

moderne Gesellschaft funktioniert. Also Glaubensinhalt,

den man zwar nicht glauben, aber dem

man doch Geltung verschaffen muss.

Humanismus statt Inhalt

Für eine Zivilreligion hat der Protestantismus die

großen Themen wie Kreuz, Erlösung und Gnade

aufgegeben und durch einen diffusen Humanismus

ersetzt. Damit ist er in die Modernitätsfalle

geraten. Franz Overbecks Studie über die Christlichkeit

heutiger Theologie endet mit der scharfen

These, „dass die Theologie stets modern gewesen

ist, und eben darum auch stets die natürliche Verräterin

des Christentums war“. Ihr fehlt der Mut

zur Unzeitgemäßheit. „Gerade das Unhandliche

des Paulinismus, gerade das Weltfremde, Unpopuläre

des Protestantismus ist sein bestes Teil“,

so heißt es bei Karl Barth.

Weil sie so modern und „aufgeklärt“ ist, kann

die evangelische Kirche nicht mehr das Heil versprechen,

keine neue Welt prophezeien. Selbst

Nietzsche hat das gesehen: „Je mehr man sich

von den Dogmen loslöste, umso mehr suchte man

gleichsam die Rechtfertigung dieser Loslösung in

einem Kultus der Menschenliebe.“

So sieht Norbert Bolz das goldene Kalb, um

das heute getanzt wird, in dem Götzen „Mensch“.

Das müsste für einen Theologen genauso evident

sein wie für einen Psychoanalytiker: Man liebt die

Menschheit, um Gott verdrängen zu können. Und

hier wird die christliche Lehre vom Antichrist

brennend aktuell: So wie der Antichrist am Ende

der Tage kommen wird, um Christus zu imitieren,

so erscheint in der Moderne der Götze Mensch

als teuflischer Nachahmer des Menschensohns.

Seit es das Christentum gibt, ist Gott der große

Störfaktor in der Gesellschaft. Kein Wunder also,

dass man ihn immer wieder fälschen, verdrängen,

ersetzen wollte. In der Moderne ist Gott erst

durch die Gesellschaft ersetzt worden und dann

durch das Individuum.

Atheistische Religio:

Erlösung durch Gesellschaft:

Mit dem Untergang des Kommunismus schien

zwar die atheistische Religion, die den Glauben

an die Erlösung durch Gesellschaft gepredigt

hat, ruiniert zu sein. Aber in der Rede von der

„sozialen Gerechtigkeit“ hält sich diese Religion

weiter am Leben. Diese Ersatzreligion herrscht

fast uneingeschränkt über die Seelen moderner

Menschen. Aber was antwortet sie auf die große

Frage: Was darf ich hoffen?

Zum Kult des Sozialen fügt sich heute passgenau

der Kult des Individuums, präzisiert Prof.

Bolz. Man müsse nur die Zauberwörter „Selbstverwirklichung“

und „soziale Gerechtigkeit“

aussprechen, um die moderne Massendemokratie

in politische Trance zu versetzen. Mit diesen

Zauberwörtern könne man alle Widerworte zum

Schweigen bringen. „Das Ich und das Soziale sind

die beiden Götzen“, hat die französische Philosophin

Simone Weil einmal sehr schön gesagt.

Das moderne Individuum entstand schon vor

500 Jahren auf der Suche nach dem eigenen Heil –

und genau das wird durch Luthers Leben und Werk

markiert. Aber in der Zwischenzeit hat das moderne

Individuum den Weg vom Seelenheil zum Sozialheil

zurückgelegt. Und

zugleich versenkt

es sich in sich selbst,

weil es das eigene

Heil nicht mehr von

außen erwartet, wie

Bolz feststellt. Das

Individuum wurde

zu seinem eigenen

Willkürgott.

Das leere

Grab ist für

modernen

Menschenein

Ärgernis und

passt nicht in

sein Weltbild

Foto: © www.turnbacktogod.com

Z für Zukunft

47


Z-aktuell

Das Individuum

wurde zu seinem

eigenen

Willkürgott.

Wer sich selbst

sucht, findet sich

– das ist seine

Strafe, die Hölle

Das Resultat der

Aufklärung war ja die

Entzauberung der Welt.

Die Erde ist nicht der

Mittelpunkt, der Mensch

ist auch nur ein Tier.

Bild: Wikipedia,

Camille Flammarion, 1888

Und damit beginnt die Religion der Einmaligkeit.

Ihre Varianten sind bekannt: Ich erlöse

mich selbst, kaufe mir in einer Religionsboutique

einen europäisch verschlankten Buddhismus.

Errege mich selbst durch Drogen. Fordere

mich selbst heraus, indem ich an einem Gummiseil

von der Brücke springe. Ich beschäftige mich

mit mir selbst, indem ich meine eigenen Leiden

und Beschädigungen studiere – am besten in einer

Selbsterfahrungsgruppe: die Suche nach dem Heil

im eigenen Selbst. Kultzentrum ist das „Selbst“

jedes Einzelnen. Man berauscht sich an sich

selbst – Selbstverwirklichungs-Opiate. Fénelon

spricht vom Götzendienst des Ich: „Wer sich selbst

sucht, findet sich – das ist seine Strafe, die Hölle.

Um aus dieser Sackgasse herauszufinden, braucht

der Mensch die Beziehung auf den ganz Anderen.

Er braucht die Öffnung zur Transzendenz.“

Entzauberung der Welt

Es gibt keine Persönlichkeit ohne Transzendenz,

weiß Norbert Bolz. Das ist dem aufgeklärten

Bewusstsein der Neuzeit besonders schwer zu

vermitteln, weil es sich mit dem Götzendienst

des Ich gepanzert hat gegen die eigenen wissenschaftlichen

Erkenntnisse.

Das Resultat der Aufklärung war ja die Entzauberung

der Welt; schmerzhaft wurde sie vor

allem als Entzauberung des Menschen in einer

Folge narzisstischer Kränkungen. Diese Kränkungen

seines Selbstwertgefühls beginnen mit

Kopernikus und gehen über Darwin und Freud

bis hin zu Alan Turing. Ihre Erkenntnisse sind für

den menschlichen Geist unerträgliche Zumutungen:

Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt,

der Mensch ist auch nur ein Tier, das Ich ist nicht

Herr im eigenen Haus, und

Intelligenz ist eine Dienstleistung

von Maschinen.

Aber auch schon Luther

bringt eine der großen narzisstischen

Kränkungen: Der Mensch

ist auch nicht der Mittelpunkt

der Schöpfung. Dass er die Welt

durch die christliche Wahrheit

kränkt, erhebt Luther geradezu

zum Programm: Er will ärgern! Luther zeigt sich

hier immer wieder als das extremste Gegenteil

eines Relativisten – er ist der Antipode des Skeptikers.

Kurt Flasch hat von Luthers Behauptungsstil,

ja Behauptungswut gesprochen.

Fatale Selbstsicherheit

Dass der Mensch im Mittelpunkt stehen will, ist

für Luther das entscheidende Problem. Von dieser

falschen Selbstsicherheit befreit uns nur die

Erkenntnis, dass wir Sünder sind. Denn wer von

Sünde weiß, der kommt an Gott nicht vorbei, und

er kennt seine Unzulänglichkeit.

In Glauben und Liebe zeige ich mich als

bedürftig: Ich stehe nicht im Mittelpunkt, ich bin

nicht souverän. Das Ich ist nicht mein Zentrum.

Ich habe Hilfe nötig. Genau das wird durch den

Begriff „Existenz“ zum Ausdruck gebracht: Das

Wesentliche kommt von außen. Existieren heißt

endlich sein, abhängig sein, angewiesen sein auf

Hilfe von außen. Gewissheit finden wir also nur

außerhalb von uns selbst. Das ist gemeint mit

„Öffnung zur Transzendenz“.

Allgemeine Verunsicherung

Wenn Norbert Bolz auf Luthers Behauptungswut

und seine Formel absoluter Gewissheit hinweist,

so ist das vor dem Hintergrund einer allgemeinen

Verunsicherung zu sehen; wenige Daten mögen

hier genügen: 1452 entsteht die Gutenberg-Bibel

nach der von Johannes Gutenberg entwickelten

Technik des Drucks mit beweglichen Lettern.

1492 entdeckt Christoph Kolumbus Amerika.

1509 entwickelt der Astronom Nikolaus Kopernikus

in seinem noch nicht für die Öffentlichkeit

bestimmten „Commentariolus“ (Kleiner Kommentar)

das neue heliozentrische Weltbild. Denn im

kopernikanischen Weltbild gibt es ja nicht mehr

das über der Erde aufgeschlagene Himmelszelt

– anders ausgedrückt: Der Himmel ist leergeräumt.

Jacob Taubes resümiert: „Auf der kopernikanischen

Erde kann die Erlösung allein das Werk

der Gnade sein, zu der der Mensch nicht das Mindeste

beizutragen hat.“

Zitiert aus und nach: Norbert Bolz, „Zurück zu Luther“. Wilhelm

Fink Verlag 2016, ISBN 978-3-7705-6086-8, Seite 101–108,

redaktionell bearbeitet.

48

Z für Zukunft


Z-aktuell

Norbert Bolz über sich:

Wie viele andere auch, wurde ich vom Zeitgeist der

1970er-Jahre geprägt und als Student der Geisteswissenschaften

war ich natürlich links. Die wenigen,

die das nicht waren, die blieben unter der

Wahrnehmungsschwelle. Das war damals weniger

von Ideologie geprägt; es war einfach Mode.

Als ich nach Berlin kam, traf ich an der Freien

Universität Berlin auf einige wichtige Personen;

einer davon war der Philosoph und Judaist Jakob

Taubes, mein späterer Chef. Was ich von ihnen

zu hören bekam, war einerseits faszinierend und

andererseits völlig neu; mit diesen Welten hatte

ich bis dahin überhaupt nichts zu tun gehabt.

Ich dachte vielmehr, Philosophie hieße „Adorno,

Frankfurter Schule und Kritische Theorie“, und

darüber hinaus brauche man nichts zu wissen.

Das Bekenntnis zur Kritischen Theorie implizierte

aber auch eine Menge Tabus; vieles durfte man

gar nicht lesen – u. a. Heidegger.

Faszinierend unverständlich

Es war mir unerklärlich, warum Taubes mich zu

seinem Assistenten gemacht hatte. Ich war nicht

einmal einer seiner Schüler gewesen, einfach aus

Ignoranz, weil ich dem allem nicht folgen konnte.

Alles war faszinierend, aber gleichzeitig unverständlich.

Für mich war das wie eine Inkubationszeit;

erst Jahre später ist herausgebrochen, was

damals in mir angelegt wurde.

Dass ich zu so einem Thema wie Luther

schreibe, brauchte eine längere Entwicklung.

Allerdings gab es schon einen Startschuss bei

meiner Habilitationsschrift „Auszug aus der entzauberten

Welt“. Wie der Untertitel verdeutlicht,

„Philosophischer Extremismus zwischen

den Weltkriegen“, war die intellektuelle Zeit zwischen

1919 und 1939 deshalb so aufregend, weil

es damals in der Einschätzung der Situation zwischen

den extrem linken und extrem rechten Denkern

kaum Unterschiede gab. Das war für mich

unglaublich – nach dem üblichen Verständnis war

die Welt ja in Gut und Böse eingeteilt: die Linken

waren die Guten und die Rechten die Bösen.

Mein Chef Taubes forderte mich auf: Hören Sie

doch auf mit der kindischen Angst vor der Reaktion

anderer, wenn Sie die „falschen“ Autoren studieren

– es ist doch lächerlich zu glauben, es gäbe

Autoren, die tabu seien. – Das war ein wichtiger

Impuls für mich: Lerne etwas von diesen „bösen

Buben“! In diesem Zusammenhang wurde ich

mit vielen Überlegungen konfrontiert, die mich

zunächst völlig aushebelten. Ich war damals wirklich

ein Adornit.

Bei meiner Habilitationsarbeit wollte ich mich

ganz mit Adorno beschäftigen. Taubes fragte,

warum ich dann nicht gleich Benjamin machen

würde, da stehe sowieso alles drin, was Adorno

gedacht habe, nur unendlich viel mehr. So kam

ich mit Walter Benjamin in Berührung – und das

brachte den Stein erst richtig ins Rollen: Themen

wie „Politische Theologie“ und Gnosis bekamen

Bedeutung.

Ich bin konservativ, was soll´s

Mein politisches Spektrum hat sich inzwischen

sehr verändert. Erst mit dem Alter, und das ist

bei mir noch nicht lange her, hatte ich den Mut

zu sagen: „Ich bin konservativ, was soll’s.“ Im universitären

Bereich, gerade in den Geisteswissenschaften

ist das eine Position, durch die man sich

von allem ausschließt.

„Hören Sie

doch auf mit

der kindischen

Angst vor der

Reaktion

anderer“

Z für Zukunft

49


Z-aktuell

Das humanitaristische

Gerede, der

evangelischen

Kirchevertreter,

war mir einfach

unerträglich

Die Lehre Luthers ist klar

und einfach. Man muss

einfach hinschaut,

was dasteht.

Foto: © Norbert Bolz

So bin ich in diese theologischen Reflexionen

immer tiefer vorgedrungen, war aber nicht

etwa gläubig – war ja aus der Kirche ausgetreten,

wie man das damals so gemacht hat. Dogmatische

Themen hatten mich nie gekümmert. Das

änderte sich aber, weil die Themengebiete des

Religiösen eine immer größere Rolle spielten.

„Politische Religion“ ist eine solche Dimension,

aber auch Dogmen – die christlichen Religionen

in der Spannung zu dem, was die Neuzeit zur

Neuzeit gemacht hat. Dazu ist Hans Blumenbergs

Buch „Die Legitimität der Neuzeit“ für mich eines

der großartigsten Bücher. Die Ablösung aus der

christlichen Tradition, die Selbstbehauptung des

neuzeitlichen Geistes gegen den Absolutismus

der Gottgläubigkeit Luthers – all das war für mich

von außerordentlicher Bedeutung.

Mein Buch: Zurück zu Luther“

Mein Buch ist, wenn man so will, das Komplementärbuch

zu dem von Blumenberg, nur nicht so seitenstark.

Das „neuzeitliche Selbstverständnis“

bei Blumenberg ist eine hervorragende Ergänzung

zu dem, was wir bei Luther als Glaubensüberzeugung

finden.

Was war nun der konkrete Anlass zu diesem

Buch „Zurück zu Luther“?

Ich bin wieder in die Kirche eingetreten, aus

einem ganz besonderen Grund – der in dem Buch

klar zum Ausdruck kommt, denn es hat ja auch

eine polemische Seite. Dieses humanitaristische

Gerede, das ich von Vertretern der evangelischen

Kirche zu hören bekam, war mir einfach unerträglich.

Ich hatte immer den Eindruck: „Das

kann doch nicht wahr sein – und es entspricht

auch nicht dem Geiste Luthers.“ Das war aber

zunächst nur ein Gefühl.

Dann tauschte ich mich mit einem Kollegen

und Freund darüber aus: „Was hältst du von meinem

Unbehagen, kann man das konkretisieren

und begründen?“ – „Ja, aber du musst Luther

gründlich lesen.“ Nun ist Luther-Latein sehr

schwer zu lesen und auch die unbearbeiteten

deutschen Texte sind nicht leicht genießbar. Aber

es gibt eine Übersetzung der wichtigsten Texte

von Luther, sie stammt von Aland; die habe ich

von A bis Z studiert. Dann war ich mir sicher, dass

ich so ein Buch schreiben könnte. Denn irgendwie

hat alles zusammengepasst! Bei einem komplexen

Autor ist es ja normalerweise so, dass es

verschiedene Fäden gibt, und die zerfasern sich

leicht – man versteht nicht alles, und dann weiß

man doch nicht so recht, wie man es auf den

Punkt bringen kann.

Als religiös Unmusikalischer

Aber hier war es für mich genau umgekehrt: Alles

hat von Anfang an zusammengepasst. Wenn das

für mich Laien, den religiös „Unmusikalischen“,

gilt, dann müsste das doch erst recht für die nachvollziehbar

sein, die einen Glauben haben (oder

zumindest per Taufe und Geburt dieser Kirche

angehören), aber jeden Sonntag unglücklich sind

über das, was sie in der Predigt zu hören bekommen.

– Das also war der Anlass für dieses Buch.

Darin habe ich versucht, zwei Dimensionen zu

vereinigen. Zum einen diese polemische Dimension

gegen den Istzustand der evangelischen

Kirche – ich habe versucht, nicht einfach nur zu

sagen: „Ich finde es schrecklich!“, sondern zu

begründen, warum das so ist. Und zum anderen

eine Art analytische, pädagogische Dimension:

Ich habe die Hauptlehrstücke von Luther herausgegriffen

und versuche, zu jeder dieser Lehrfragen

auf wenigen Seiten eine klare Antwort zu

geben – zum Beispiel: Was heißt Erbsünde? Was

heißt „gnädiger Gott“? Was ist die Zwei-Reiche-

Lehre? Es soll eindeutig werden, was mit diesen

Begriffen gemeint ist. Denn allgemein wird suggeriert,

das alles sei sehr zweifelhaft, sehr strittig

und mehrdeutig; das entspricht aber überhaupt

nicht meinem Eindruck.

Was Luther zu sagen hat, kann man ganz klar

wiedergeben. Es müsste keine großen Kontroversen

über Luther geben. Wenn man einfach hinschaut,

was dasteht – also seine Lehre ist klar und

einfach, und deshalb kann man sie auch einfach

und klar darstellen. Genau das wollte ich mit diesem

Buch zum Ausdruck bringen.

Aus einem Vortrag in der Bibliothek des Konservatismus, Berlin,

Februar 2017

50

Z für Zukunft


Z-aktuell

Foto: © Willow-Kongress

Willow-Kongress –

und die Kirche der Zukunft?

Auf dem Willow-Leiterkongress Anfang Februar in Dortmund habe ich eine außerordentliche

Erfahrung gemacht – sie kommt einer „Erleuchtung“ nahe, einer erschreckenden

allerdings: Trotz hohem Vernetzungsgrad so isoliert, dass die Rechte nicht

bemerkt was bei der Linken gerade geschieht?

Gigantisch: 12 000 Teilnehmer, starker

Lobpreis, super Bühne mit

allen technischen Effekten. Willow

steht für Exzellenz. „Willow Creek

Deutschland“ hat eine über 20-

jährige Geschichte; unzählige erfolgreiche Projekte

in den evangelischen Kirchen in Deutschland

gehen auf Willow-Kongresse und -Impulse

zurück. Ihren Ursprung hat die Organisation in

der „Willow Creek Community Church“ in South

Barrington (Chicago); mit 24 000 Gottesdienstbesuchern

ist das eine der größten Gemeinden

der USA. Weltweit zählen sich über 10 000

Gemeinden zum Willow-Netzwerk; Willow-Leiterkongresse

finden in 128 Ländern statt. Durch dieses

Netzwerk wurden viele Tausende mit Jesus

bekannt, und jedes Mal wurde im Himmel dafür

ein Fest gefeiert!

Foto: © Willow-Kongress

Das große Thema des Kongresses in Dortmund

war die Kirche der Zukunft; darüber sprach im

Besonderen der katholische Theologe und Generalvikariatsrat

Dr. Christian Hennecke. Auf seine

hervorragenden Impulse komme ich später zurück;

zuerst meine „erschreckende Erleuchtung“:

Hybels: nur noch 248 Arbeitstage

Bill Hybels, Gründer der „Willow Creek Community

Church“, hat nach 15 460 Arbeitstagen nur

Hybels neue

Idee hatte

Cunningham

vor 43 Jahren

– kann das

Zukunft

sein?

Z für Zukunft

51


Z-aktuell

Heather Larson und

Steve Carter treten in die

Fußstapfen von Bill Hybels

Foto: © Bildzitat aus Willow-

Magazin 4/17

Bill Hybels

hat eine neue

Idee, Loren

Cunningham hat

sie veröffentlicht

– aber schon vor

43 Jahren

Loren Cunningham, Gründer

von Jugend mit einer Mission

Foto: © YWAM

noch 248 vor sich, dann übergibt er an seine

Nachfolger. Sechs Jahre hat man sich darüber

Gedanken gemacht, wer das sein könnte. Ein

säkularer Berater analysierte messerscharf: „Was

macht Bill eigentlich? Er leitet und er lehrt, und

dafür braucht er 85 Stunden in der Woche.“ Der

Berater wollte wissen, wer denn so einen Job

haben möchte. Die Lösung: Sie suchten bei Willow

den besten Leiter und den besten Lehrer –

und wurden fündig. In Zukunft werden also zwei

Personen Bill Hybels ersetzen: Heather Larson

(42) wird leiten und Steve Carter (38) lehren.

Bill Hybels hat eine neue Idee

Was wird Bill Hybels nun tun? Mehr segeln als bisher,

aber er erzählte auch von einer ganz neuen

Idee: Die Missstände der Gesellschaft hingen

zusammen mit dem Zustand des Menschenherzens;

in seiner neuen Vision sieht er die Kirche in

der Gesellschaft umgeben von der Geschäftswelt,

der Politik, dem Bildungswesen, dem Gesundheitswesen

und Unterhaltungsbusiness. Die Geschäftsleute

in den Gemeinden sollten ein Segen sein für

die Geschäftswelt – und überhaupt: jeder für den

Gesellschaftsbereich, in dem er tätig ist.

Was ist daran erschreckend, fragen Sie?

Loren Cunningham, der Gründer von „Jugend

mit einer Mission“, hat das schon 1975 von Gott

gehört; er sprach von sieben Bereichen, in die wir

als Missionare hineinwirken. Noch am selben Tag,

an dem Cunningham diese Vision hatte, erhielt er

von Bill Bright (Campus für Christus) einen Anruf

– der hatte dieselbe Vision! Damit nicht genug:

Drei Wochen später sah Lorens Frau Darlene im

Fernsehen einen Vortrag von dem Theologen und

Philosophen Dr. Francis Schäffer („Wie können

wir denn leben?“), und auch er sprach über diese

sieben Bereiche. Heute sind diese Gedanken als

das „7-Berge-Prinzip“ in verschiedenen Bewegungen

im Gespräch; in den letzten zehn Jahren sind

etliche Bücher dazu erschienen. (Wer bemerkt,

was mich hier so erschreckt?)

Am Stand von Gott24.TV konnte ich die »Z«

präsentieren; dabei kam ich mit einigen der Top-

Leitern ins Gespräch. Wir kennen uns seit Jahren,

sie haben das »Z«-Magazin in ihrer Post. Auf

meine Frage, ob sie in die letzte Ausgabe, die zum

Thema Reformation, schon mal hineinschauen

konnten, antworteten alle mit großem Aufstöhnen:

„Wie stellst du dir das vor, bei den Türmen

Papier, die sich auf meinem Schreibtisch stapelt!“

Das kann ich natürlich gut nachvollziehen.

Top-Leiter – sicher auch mit 85 Wochenstunden

… Könnte das der Grund sein, warum Bill

Hybels bisher nichts von dem Sieben-Bereiche-

Prinzip gehört hat, über das Loren Cunningham

seit 43 Jahren spricht (und nach ihm sicher weitere

fünfzig namhafte Leiter)? Hätte Bill Hybels

diese „neue“ Vision schon vor 15 oder 20 Jahren

gehabt, könnten heute bereits Hunderttausende

die Früchte davon genießen.

Trotz hohem Vernetzungsgrad isoliert?

Ist es nicht ein teuflischer Raub, dass wir trotz

großer Netzwerke in unseren Denominationen

oft isolierter sind, als wir denken? Wir treffen uns

mit gleichgesinnten Top-Leitern, klopfen uns auf

die Schultern und bestärken einander in dem uns

bereits Bekannten. Wie soll da etwas Neues entstehen?

Kann das die Zukunft sein?

Doch wie kann diese Mauer durchbrochen

werden? Wie kann eine vielleicht bedeutende

Vision eines nicht so namhaften Leiters die Festung

der 85-Stunden-Berge durchdringen?

Zwei sind besser als einer,

dem Handbuch entsprechen würden fünf

Noch älter als die Vision der sieben Gesellschaftsbereiche

von Loren Cunningham ist die Strategie

des Top-5-Leiterteams, das schon der alte Fuchs

Paulus den Ephesern erklärte: „Wenn ihr so etwas

wie Willow ordentlich leiten wollt, dann braucht ihr

exzellente Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten

und Lehrer.“ Einer, ein Einziger ist nur Gott,

52

Z für Zukunft


Z-aktuell

alle anderen brauchen einander. Also Bill Hybels ist

gegenüber vielen anderen dem eigentlichen Konzept

jedenfalls einen Schritt nähergekommen: Man

hat für seine Nachfolge ein Zweierteam gewählt.

Zwei sind besser als einer, aber das sind immer

noch nicht fünf. Und eins habe ich bei Willow noch

nie gehört: dass hier von Propheten die Rede ist.

Dabei zählen die Propheten doch zur Grundlage

der Gemeinde, auf die aufgebaut werden sollte!

Die Kirche der Zukunft?

Nun die Impulse von Dr. Hennecke: Bei dem dichten

Programm war er für mich das Glanzlicht zum

Thema „Kirche der Zukunft“.

Der Katholik zitiert Bonhoeffer: „Das Wort Gottes

so aussprechen, dass sich dadurch die Welt verändert

und erneuert.“ Das wäre dann prophetisch!

Unser größtes Hindernis sei, wenn wir uns weiter

um uns selbst kreisen. Wir brauchen Umkehr

und eine neue Geburt. Das könne schmerzhaft

sein. Wenn man meine, man habe ja genügend

Finanzen und Macht – das verzögere nur alles.

Nicht nach hinten schauen! „Siehe, ich wirke

Neues! Jetzt sprosst es auf. Erkennt ihr es nicht?“

(Jesaja 43,19). Sollten wir das Neue nicht mitbekommen,

Gott mache es trotzdem.

Wie Hennecke sich die Kirche der Zukunft vorstellt?

So: Gott wird sie auf den Kopf stellen.

Nur Christus macht Kirche zur Kirche. Christus

in unserer Mitte – das ist entscheidend.

Die Kirche der Zukunft sei mit Sicherheit katholisch,

weil sie die umfassende Weite habe. Und sie

sei jedenfalls evangelisch, weil sie nur vom Evangelium

herkommen könne. Sie ist unbedingt

orthodox, weil sich daraus viele Traditionen neu

erschlössen; und sie sei natürlich pfingstlich, denn

was sollten wir ohne den Geist Gottes anfangen!

Dr. Hennecke zitiert Lothar Zenetti, den katholischen

Theologen, Priester und Schriftsteller:

„Frag 100 Katholiken: Was ist das Wichtigste

an der Kirche? Und sie werden dir sagen: Die

Messe. Frag 100 Katholiken: Was ist das Wichtigste

an der Messe? Und sie werden dir sagen:

Die Wandlung. Sag 100 Katholiken: Das Wichtigste

an der Kirche ist die Wandlung. Und sie

werden sich empört abwenden.“ Sie wollen, das

alles so bleibte, wie es ist.

Foto: © Wikipedia, Sandstein

Ja, das sei die Frage: Ob wir Wandlung wollen.

Wandlung, Veränderung habe nämlich mit Sterben

und Auferstehen zu tun. Es dürfe also ruhig

etwas sterben. Ein wesentlicher Teil des Wandels

sei deshalb nicht kirchliche Intensivmedizin, sondern

Hospizarbeit. Im Glauben wüssten wir, dass

dann etwas Neues entstehe. Wandel: vom Machen

und Herrschen zum Dienen und Ermöglichen.

Die Zukunft der Kirche hängt mit dem

Reich Gottes zusammen

Die Kirche, die kommt, diese Kirche ist das Volk Gottes,

in dem alle gleich würdig sind, in dem die Gaben

und Talente hervorgerufen werden. Damit Christus

herrschen darf und sein Wort das Sagen hat.

Sie ist die Blumentopf-Kirche: Die Leiter bilden

den Boden des Blumentopfs und tun alles, damit

die Blumen herrlich in die Welt hinaussprießen.

Wie wäre es, wenn sich Top-Leiter mit vier anderen

zusammentun würden und gemeinsam den

Boden von solchen Blumentöpfen bildeten? Dann

hätten sie wieder Zeit, auf den Herrn zu warten, um

zu hören, was der Geist heute der Gemeinde sagt.

Wie kann diese vernetzte Isolation

durchbrochen werden?

Die Kirche der

Zukunft: Gott

wird sie auf den

Kopf stellen

Dr. Christian Hennecke,

katholische Theologe

und Generalvikariatsrat,

Hildesheim

Foto: © Willow-Kongress

Z für Zukunft

53


Z-aktuell

Hyper-Grace

die noch billigere Gnade

Michael L. Brown schreibt in seinem Buch „Gnade ohne Ende?“ über die Problematik

der modernen Gnaden-Bewegung.

Michael L. Brown, Autor,

Professor und Leiter der

Coalition of Conscience,

North Carolina, USA.

Foto: © Wikipedia

Es stellt sich die Frage, auf welcher

Seite man vom Pferd fallen möchte:

auf der Seite der religiösen Gesetzlichkeit

oder auf der Seite einer selbstfokussierten

Hyper-Gnade. Dabei wäre

es viel komfortabler, fest im Sattel zu sitzen.

Die zerstörerische Wirkung von Gesetzlichkeit

haben wir gesehen – die Frucht einer von außen

auferlegten Religion, von Regeln ohne Beziehung,

von Gesetzen ohne Liebe. Brown hat die

befreiende Auswirkung der Gnade selbst massiv

erlebt. Er kann sich nicht vorstellen, auch nur

eine Minute lang ohne diese Gnade Gottes leben

zu wollen, auch beabsichtigt er auf keinen Fall,

Gottes Gnade zu schmälern oder sie für selbstverständlich

zu halten.

Aber Gnade kann leider auch missverstanden

werden; sie ist nicht nur die unverdiente Gunst

Gottes, die auch als „Reichtum Gottes auf Christi

Kosten“ erklärt wird (englisch: „God’s Riches At

Christ’s Expense“). Gnade ist auch seine beständige

Bevollmächtigung, seine kontinuierliche

Arbeit an uns, die wir gerettet sind. Brown zitiert

A. M. Hunter: „Gnade ist vor allem die geschenkte

vergebende Liebe Gottes in Christus für Sünder

und ihre Wirkung im Leben von Christen.“

In den letzten Jahren ist die Botschaft von

der Gnade, mit schwerwiegenden Verzerrungen

und Irrtümern vermischt, als neue Offenbarung

oder gar als „Gnadenrevolution“ auf den Markt

gekommen. Brown kennt viele Berichte von positiven

Lebensveränderungen dank dieser Bewegung,

sieht aber auch viel Negatives durch diesen

54

Z für Zukunft


Z-aktuell

neuen Trend der „Hyper-Grace“ – von Kirchenspaltungen

und Abwegen durch Verirrungen ganz

zu schweigen.

Brown schreibt, er habe dieses Thema nicht

gesucht, vielmehr sei er mit dieser „Gnaden-

Lehre“ konfrontiert worden durch eine übertriebene,

biblisch fragwürdige und aufdringliche Art

und Weise.

Die HyperGrace-Vertreter rückgefragt

Er habe sich sehr intensiv mit alledem auseinandergesetzt

und damit gerungen, weil er nicht aus

einer rückständigen Perspektive habe schreiben

wollen. Mit seinem Buch wolle er Gnade hochhalten,

er wolle aufbauen und nicht niederreißen

und habe sein Bestes gegeben, um Irrtümern

dem Gesamtbild der Bibel entgegenzusetzen, so

Dr. Brown.

Dazu hat er eine Reihe von Leitern kontaktiert,

mit deren Lehren er nicht einverstanden war, um zu

fragen, ob er ihre Position richtig verstanden habe

bzw. ob sie immer noch ihre Ansichten verträten.

Die Bezeichnung „HyperGrace“ wird von den

einen im Sinne von „hervorragend, grandios“ verstanden;

andere verstehen darunter „übertrieben,

verfälscht, gefährlich“.

In seinem Buch bezeichnet Brown diese Botschaft

auch als „die moderne Gnadenbotschaft“,

aber nicht als „gefälschte Gnade“, weil er glaubt,

dass viele dieser Leiter wunderbare Wahrheiten

über Gnade verbreiten und dadurch schon viele

profitieren konnten und von gesetzlichen Konzepten

frei wurden. In Anbetracht dessen war Brown

bestrebt, sich sehr vorsichtig auszudrücken, um

nicht die zu berauben, die durch die moderne Gnaden-Botschaft

Hilfe erfahren haben. Und für jene,

die wegen einseitiger Darstellung und deren Auswirkung

Gnade sogar ablehnen, hofft er, dass sie

doch einen ausgewogenen Zugang dazu finden.

Die Vermischung mit Gutem ist die Krux

In Michael Browns Augen ist die moderne Gnadenbotschaft

ziemlich vermischt; sie kombiniert gute

Einsichten, mit ernsthafter Fehlinterpretation der

Bibel, „gnadenloser“ Rhetorik und überzogenen

Reaktionen gegenüber Andersdenkenden. Zu oft

bekommt sie Applaus von jenen Christen, die nicht

nur von Gesetzlichkeit frei werden wollen, sondern

gleich von allen Maßstäben Gottes.

Mit Hyper-Grace sieht Brown eine Bewegung

aufkommen, die ihre eigene Form von Gesetzlichkeit

hat, indem sie die einzigartige Wahrheit des

Wortes Gottes mit destruktivem Irrtum vermischt.

Dabei ist es für ihn keine Frage, dass die

Kirche von heute, besonders in der westlichen

Welt, eine massive Reformation und Veränderung

brauchen könnte.

Er befürworte nicht alles, was frühere Reformer

gebracht hätten, beteuert Brown; so folge er nicht

dem Calvinismus von Johannes Calvin und dessen

Taufverständnis; da sehe er sich auf der Seite der

Wiedertäufer, auch gegen Martin Luther.

Die Hyper-Grace-Botschaft liefert in Browns

Augen eine verzerrende Fehlinterpretation des

Wortes Gottes. Er findet es erstaunlich, dass dieser

Trend gerade jetzt aufkomme, in einer Zeit,

in der die Kirche der westlichen Welt einen eindringlichen

Weckruf zu einer neuen Begegnung

mit Jesus brauche, heraus aus einer Phase lähmenden

Schlafes.

Brown zitiert Pastor Whitten (einen der Hyper-

Grace-Prediger): „Wer verlangt, einen fortwährenden

Prozess der Heiligung zu trainieren, der predigt

‚Verhaltensveränderung‘. Der

ist im (lukrativen!) Geschäft des

‚Sündenmanagements‘ tätig

und propagiert ‚dieselbe

geistliche mörderische Lüge‘,

wie Luther und Calvin es

taten. Sie brauchen die

großartige Offenbarung

dieser neuen Reformation,

der Gnadenrevolution.“

Eine der Grundlagen der Hyper-

Grace-Botschaft lautet, dass in dem

Moment, in dem jemand errettet wurde,

Gott ihm nicht nur die früher begangenen

Sünden vergeben hat und die, die er im Moment

begeht, sondern auch die, die er in Zukunft

begeht.

Ken Whitten, Pastor, Idlewild

Baptist Church, Florida, USA

Es ist nur die

Frage, auf welcher

Seite man

vom Pferd fallen

möchte: auf der

religiösen oder auf

der einer selbstfokussierten

Hyper-

Gnade

Z für Zukunft

55


Z-aktuell

Joseph Prince, Sprecher

auf der Holy Spirit Night

Stuttgart, des Gospel-Forum

Foto: Screenshot vom Promotions-

Video

Was

Michael Brown

beunruhigt,

ist die Gnadenlosigkeit,

mit der

jene diffamiert

werden, die

nicht zu ihrem

Lager gehören

Philip Gulley und James

Mulholland, die Autoren des

Buches „If Grace Is True

Fotos: © YiuTube u. facebook

Ist das Vaterunser wirklich out?

Jede Kirche in der Welt, die in ihrer Liturgie noch

das Vaterunser betet, bekräftige damit „schlechte

Nachrichten“. Gemäß der Hyper-Grace-Auffassung

ist es nämlich verkehrt, Gott um Vergebung zu bitten,

wenn man heute sündigt. Doch das Vaterunser

beinhaltet genau diese Bitte: „Vergib uns unsere

Schuld [und damit ist Sünde gemeint], wie auch

wir vergeben unsern Schuldigern“ [das sind diejenigen,

die gegen uns sündigen], und Jesus fügt

noch hinzu: „Denn wenn ihr den Menschen ihre

Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer

Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den

Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater

eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ 1

Die modernen Gnadenlehrer bestehen darauf,

dieses von Jesus gelehrte Gebet sei nicht den

Christen heute gegeben worden.

Der All-Versöhnungs-Faktor

Aber die Ansichten dieser Bewegung gehen noch

viel weiter: Wenn Sie immer noch glauben, dass

Millionen von (nicht bekehrten) Menschen das

Gericht der Hölle erleiden werden, dann haben Sie

die Gnade vielleicht noch nicht weit genug gefasst.

Diesen Denkansatz behandeln Philip Gulley und

James Mulholland in ihrem Buch „If Grace Is True:

Why God Will Save Every Person“ (Wenn Gnade

wahr ist: Warum Gott jeden Menschen erretten

wird). Darin vertreten Gulley und Mulholland die

These, dass letztendlich alle Menschen gerettet

werden. – Aber warum sollten wir bei der Errettung

aller Menschen stehenbleiben? Warum dann

nicht gleich glauben, dass sogar die Dämonen und

Satan selbst gerettet werden?

Kreuz und Spaß – passt das zusammen?

John Crowders „Mystical Union“ (Mystische Einheit)

liefert noch einen Aspekt. Er schreibt:

„Wenn Sie an das Kreuz denken, denken Sie dann

an Spaß? Wenn die Antwort ‚Nein‘ lautet, dann

wurde Ihnen das Kreuz nicht richtig gelehrt.“ Dieser

Autor behauptet: Wer angesichts des qualvollen

Todes Jesu am Kreuz nicht an „Spaß“ denke,

der liege schief.

Aber oft ist es nicht die Botschaft von der

Gnade selbst, die die Kontroversen entfacht; es

ist eine Fehlinterpretation der Gnadenbotschaft,

die Widerspruch hervorruft.

Wo ist die Gnade

im Hyper-Grace-Lager?

Wo ist die Sanftheit des Geistes, die Freundlichkeit

des Herzens, die tiefe Sicherheit, die sich

nicht schnell erzürnen lässt, die Christus-ähnliche

Haltung, die darauf verzichtet zu kontern, die

gnädige Geisteshaltung derer, die Gnade empfangen

haben?

Was Michael L. Brown besonders beunruhigt,

ist die Gnadenlosigkeit, in der sie die diffamieren,

die nicht zu ihrem Lager gehören.

Ein früherer Leiter aus diesem Lager veröffentlichte

was ihm mitgeteilt wurde, nachdem

er die Bewegung verlassen hatte: „Ich wurde

als ›Mix-Prediger‹, ›Pharisäer‹, ›Gesetzes-Hurenbock‹

und als ›die christliche Gedankenpolizei‹

etikettiert, und viele Male wurde mir gesagt, ich

solle doch ›endlich mal erwachsen werden‹.“

Die zentrale Frage in dieser Kontroverse lautet

also: Hat Gott uns auch unsere zuküftigen Süden

bereits vergeben? Wenn Ja: Was bedeutet das

praktisch und was bedeutet es nicht?

Brown lässt immer wieder Joseph Prince zu

Wort kommen, einen Hauptvertreter der Gnaden-

Lehre: „Seine [Gottes] Gnade wird billig gemacht,

wenn Sie denken, dass er Ihnen nur die Sünden

bis zu dem Zeitpunkt Ihrer Errettung vergeben

hat und Sie danach von Ihrem Sündenbekenntnis

abhängig sind, um Vergebung zu erhalten. Gottes

Vergebung wird nicht auf Raten gegeben.“

56

Z für Zukunft


Z-aktuell

Pastor Ryan Rufus betont: „Aber sogar nach

dem ‚wenn wir sündigen‘ fangen Sie nicht an,

Gott um Vergebung zu bitten. Versuchen Sie

nicht, diese Sünde zu bekennen. Wandeln Sie weiter

im Bund der Gnade. Verkünden Sie weiter Ihre

absolute Vergebung.“

Es ist wahr, dass zu dem Zeitpunkt, als Jesus

für die Menschheit starb, unsere Sünden noch

„zukünftig“ waren, wir waren ja noch nicht

einmal geboren. Insofern Ja: Jesus starb und

bezahlte für unsere „zukünftigen“ Sünden. Aber

hatten wir damals bereits Sündenvergebung?

– Absolut nicht! Erst mit dem Schritt der Bekehrung

sei das, was zuvor potenziell vorhanden

war, für den einzelnen Christen aktiviert worden,

betont Michael L. Brown.

Einmal errettet, immer erettet?

Da Hyper-Grace-Lehrer glauben, einmal errettete

Christen bräuchten Gott ihre Sünden nicht zu

bekennen noch ihn um Vergebung zu bitten.

Der Apostel Johannes klärt diesen Irrtum in

seinem ersten Brief eindeutig auf: „Wenn wir

unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht,

dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt

von jeder Ungerechtigkeit.“ 2

Aber Ryan Rufus sieht das anders: „Als ein von

Neuem geborener Gläubiger des neuen Bundes

hinzugehen und um Vergebung zu bitten, nachdem

man gesündigt hat, ist eine Sünde. Es ist die

Sünde des Unglaubens. Sie glauben nicht an das

vollendete Werk des Kreuzes.“

Ob er da nicht etwas total missversteht?

Kostenfreie Autowäschen garantiert

David Ravenhill gebraucht ein anschauliches Bild

für diesen Sachverhalt: „Stellen Sie sich ein Autohaus

vor, das jedem Autokäufer kostenfreie Autowäschen

garantiert, solange er das Auto besitzt.

Der Verkäufer versichert Ihnen, alle zukünftigen

Autowäschen, die Sie jemals brauchen, sind

mit dem Autokauf vollständig bezahlt. Einige

Tage später fahren Sie durch schlammige Schlaglöcher

einer Landstraße, der Wagen ist von oben

bis unten vollgespritzt. Aber kein Problem, Sie

können Ihre kostenfreie Autowäsche ja nützen.

Aber einer Ihre Freunde teilt Ihnen mit, dass Sie

nicht mehr dorthin zu fahren bräuchten, die erste

Autowäsche wäre absolut ausreichend gewesen.

Jede Überlegung, eine weitere Autowäsche zu brauchen,

sei nicht nur falsch, sondern eine Lüge. 3

In der Tat: Alles, was wir brauchen, ist vom

Sohn Gottes bezahlt worden und steht uns zur

Verfügung. Gelegentlich müssen wir trotzdem

noch zur Waschstation, aber dafür müssen wir

nichts bezahlen und wir brauchen dabei auch

kein schlechtes Gewissen zu haben. Während wir

mit Jesus durch die Welt laufen, empfangen wir

Vergebung, Reinigung, Führung und Versorgung,

so wie wir es brauchen – sei es Tag für Tag oder

von einem Augenblick zum nächsten.

Jesus sagt: „Ich überführe und züchtige alle,

die ich liebe. Sei nun eifrig und tu Buße! 4 Überführung

und Züchtigung ist doch nichts Schlechtes,

es ist ein Zeichen für Gottes Liebe zu uns, ein

Ausdruck seiner Gegenwart und Güte.

„Aber“, wendet vielleicht jemand ein, „der Heilige

Geist möchte nicht, dass ich mich schlecht

fühle. Er will nur, dass ich mich gut fühle!“ Hier

wird Michael L. Brown sehr direkt: „Dies ist eine

sehr unreife Haltung. Es ist eine unglaublich

oberflächliche Einstellung gegenüber dem Leben

ganz allgemein.“

Wohfühl-Christen sind so mit sich selber

beschäftigt. Werden sie jemals in der Lage sein,

dieser Welt etwas zu geben?

Auszug aus Michael L. Brown, „Gnade ohne Ende? -

Die moderne Gnaden-Bewegung“, Glaubenszentrum e.V.,

ISBN 978-3-9816146-7-1,

http://shop.agentur-pji.com/gnade-ohne-ende.html

1 Matthäus 6,12.14–15.

2 1. Johannes 1,9.

3 David und Nancy Ravenhill, „Rooting Out Fuzzy Theology

Behind the Hyper-Grace Message”, CharismaNews.com, 13.

April 2013, http://www.charismanews.com/opinion/39015-

rooting -out-fuzzy-theology-behind-the-hyper-grace-message

(aufgerufen am 3. September 2013).

4 Offenbarung 3,19.

„Der Heilige Geist

möchte nicht, dass

ich mich schlecht

fühle.“

„Dies ist wohl

eine sehr

unreife Haltung.

Wohfühl-Christen

sind zu sehr

mit sich selber

beschäftigt

John Crowders

Foto: © LinkedIn

Ryan Rufus

Foto: © www.newnatureministries.org

David Ravenhill

Foto: © www.davidravenhill.com

Z für Zukunft

57


Z-aktuell

Hinrichtung

von Wiedertäufern

Stick von Jan Luyken

(1649 - 1712)

Der rote Faden, Teil zwei

Der erste Teil fand seinen Abschluss mit dem Tod von Hans Denck 1 ; nach jahrelanger

Verfolgung starb er 1527 geschwächt im Haus eines Freundes in Basel, wahrscheinlich

noch keine dreißig Jahre alt.

Hans Denck war sehr

einflussreich unter den

Wiedertäufern. Er fragte:

Was fehlt der Lehre Luthers?

Kindertaufe oder Glaubenstaufe? Diese

Frage trennt bis heute; jahrhundertelang

war die Taufe, so wie im Neuen

Testament von ihr berichtet wird,

verboten und wurde mit dem Tode

bestraft. Heute kann man nur seinen Job verlieren,

falls man z. B. in einem kirchlichen beschäftigt

wäre.

Der Schweizer Reformator Johannes Zwingli

forderte die Todesstrafe gar für diejenigen, die in

Lehrfragen von seiner Ansicht abwichen. In früheren

Jahren hatte er enge Verbindung zu Wiedertäufern,

befasste sich ernsthaft mit der Tauffrage

– und stellte fest, dass für die Kindertaufe sich in

der Schrift kein Beleg finde. Aber die zivile Gewalt

sorgte rigoros für die Durchsetzung auch kirchlicher

Beschlüsse, daher änderte er seine Haltung.

Hans Denck, 1500–1527

Gehen wir für den zweiten Teil unseres „Roten

Fadens” einen Schritt zurück und beginnen wir

mit dem Bayern Hans Denck 1 (1500–1527; auch

Johannes oder Johann Denk oder Dengk). In Basel

hatte er promoviert; dort war er mit Erasmus

in Berührung gekommen und mit anderen klugen

Köpfen, die sich alle mit den verordneten

Denkmustern ihrer Zeit nicht abfinden wollten.

Dann wurde Denck nach Nürnberg berufen, dort

sollte er an einer namhaften Schule unterrichten.

Nürnberg, eine Hochburg der Reformation – mit

hohen Erwartungen macht Denck sich auf den

Weg, sicher herrschen hier Sittlichkeit und Aufrichtigkeit.

Aber Denck wird bitter enttäuscht, er

findet das genaue Gegenteil. Wie kann das sein?

58

Z für Zukunft


Z-aktuell

Da muss etwas nicht ausgewogen sein an Luthers

Lehre: richtig, die Betonung der Rechtfertigung

aus Glauben, ohne Werke! Ja, Luther hat viele

Missstände behoben, die sich in der römischen

Kirche etabliert haben. Aber die Folge des christlichen

Glaubens muss doch – ein mündiger Gehorsam

sein!? Das fehlt Denck: Die Lehre aus Wittenberg

mache nur „sicher und sorglos“. Denn eine

Lehre, die sich gegen „fleischliche Begierden“

wendet, hört man auch im „neuen Glauben“ nicht

gern. Man möchte als Christ angesehen werden;

reicht es denn nicht, dass Gott uns für gerecht

hält? – So durften sich sogar die Schlimmsten,

gerade auch unter dem Klerus, zu den Heiligen

zählen. Wer zur Buße von dem sündigen Wandel

aufforderte, der konnte sein Bündel schnüren und

woanders ein neues Publikum suchen; und das

war noch eine milde Konsequenz.

Hans Denck prangerte das an. Über ein öffentliches

Streitgespräch wird berichtet, „dass Denck

sich so tüchtig zeigte, dass man es für zwecklos

ansah, mündlich mit ihm zu streiten“. Man forderte

von ihm, sieben Hauptpunkte schriftlich

niederzulegen, denen wollte man entgegnen;

aber auch dazu war man nicht fähig. Das Ergebnis:

Denck wurde aufgefordert, Nürnberg noch

vor Nacht zu verlassen. Die Begründung: Er habe

unchristliche Irrlehre eingeführt und gewagt, sie

zu verteidigen, und er sei unbelehrbar. Seine Antworten

seien so unehrlich und listig, dass ein Versuch,

ihnen zu begegnen, zwecklos sei.

Denck sprach über die Verderbtheit des Menschen

und dessen Verlangen nach Leben und

Seligkeit. Diese könne man ja durch Glauben

erlangen, hielt man ihm entgegen; aber für Denck

war Glauben mehr als die bloße Zustimmung

zu dem, was man gehört oder gelesen hat. Er

stellte fest, die Schrift könne man nicht durch

bloß „äußerliches Lesen“ verstehen, sondern

nur, wenn der Heilige Geist sie dem Herzen und

Gewissen eröffne.

Ein Dokument lutherischer Geistlicher zu

Dencks Vertreibung besagte, er meine es gut,

seine Worte seien mit solch christlichem Verständnis

geschrieben, dass seine Gedanken und

Ansichten wohl gestattet werden könnten; doch

aus Rücksicht auf die Einheit der lutherischen

Kirche sei es nötig, anders zu handeln.

In Augsburg fand Denck Aufnahme und Arbeit;

dort begann er, jene Bürger zu sammeln, die inmitten

des allgemeinen Sittenverfalls ihren christlichen

Glauben im Alltag leben wollten. Unter

denen, die es ernst meinten mit dem Glauben

und Leben, waren viele „glaubensgetauft“, hatten

sich also aus eigenem Entschluss taufen lassen.

Ein Besuch Dr. Balthasar Hubmayrs (1485–1528,

starb als Täufer den Märtyrertod) 2 brachte Denck

zu dem Entschluss, sich ihnen anzuschließen und

sich ebenfalls taufen zu lassen.

Ein Schreiber jener Zeit hielt fest: „Es war ein

schönes Ideal, das den reinen Geistern unter den

Wiedertäufern vorschwebte. Mit Verlangen schauten

sie auf die herrliche Zeit, da die ersten Apostel

von Stadt zu Stadt zogen und die ersten Christengemeinden

gründeten, wo alle im Geist der Liebe

als Glieder eines Leibes zusammenkamen.“

Sektierertum

Sekte bedeutet „Begrenzung“, „Abgrenzung“:

Man begreift eine Aussage, einen Teil der Heiligen

Schrift, das Herz antwortet darauf und nimmt

es an. Die erkannte Wahrheit wird betont, erklärt,

verteidigt, ihre Kraft und Schönheit begeistert ihre

Anhänger. Eine andere Seite dieser Wahrheit, eine

weitere Sicht, die auch zur Schrift gehört, scheint

die Wahrheit, die man als so kraftvoll empfindet,

aber zu schwächen oder ihr gar zu widersprechen;

so werden in eifersüchtiger Besorgnis um die vertretene

Lehre die ausgleichenden Aspekte abgewertet,

wegerklärt oder bestritten.

So gründen sich Sekten auf einen Teil einer

Wahrheit des Wortes Gottes, das aber begrenzt

und ist unausgeglichen, weil sie nicht das ganze

Spektrum sehen. Ihren Anhängern wird damit

nicht nur eine Reihe von Zusagen der Bibel vorenthalten,

sie werden auch von der Gemeinschaft

mit anderen Gläubigen abgetrennt.

Wen wollte man da des Sektierertums bezichtigen

in dieser von Lehrfragen so bewegten Zeit,

und wen nicht?

Dr. Balthasar Hubmayr

brachte Hans Denck dazu,

sich taufen zu lassen

Sekten gründen

sich auf einen Teil

einer Wahrheit des

Wortes Gottes, das

begrenzt und ist

unausgeglichen,

man sieht nicht das

ganze Spektrum.

Ihren Anhängern

wird damit nicht

nur einiges vorenthalten,

sie trennen

sich auch von

anderen ab

Z für Zukunft

59


Z-aktuell

Foto: © nightphotos.de, Roland Falk

Im Turm der Lambertikirche

hängen noch immer die 3 Käfige,

in denen 1536 die Leichen

der öffentlich hingerichteten

Anführer der Täuferbewegung

zur Schau gestellt wurden.

Menno Simons

Caspar von schwenkfeld

Menno Simons 3 , 1496–1561

„Siebzehn Jahre lang habe ich der Lehre von

Münster 4 widerstanden und dagegen gekämpft

in Wort und Schrift. Jene, die wie die Leute von

Münster das Kreuz Christi verwerfen, das Wort

des Herrn verachten und irdischen Lüsten unter

der Vorgabe rechten Tuns nachgehen, werden wir

nie als unsere Brüder anerkennen. Wenn unsere

Ankläger behaupten, dass wir, da wir äußerlich in

der gleichen Weise getauft worden sind wie jene,

auch der gleichen Gemeinschaft zugezählt werden

müssen, antworten wir: Wenn äußerliche Taufe so

viel vermag, dann mögen sie selbst bedenken, welche

Art Gemeinschaft die ihre ist, denn es ist klar,

dass Ehebrecher und Mörder und ähnliche dieselbe

Taufe empfangen haben wie sie!“

Das schrieb der niederländisch-friesische

Priester Menno Simons, von dem die Mennoniten

ihren Namen haben. Nach den Ausschreitungen

zu Münster wurden alle als Gläubige Getauften

der Mittäterschaft beschuldigt und heftiger verfolgt

denn je. Trotz größter Gefahr suchte Menno

Simons die verstreuten und gehetzten Übriggebliebenen

auf und stärkte sie im Glauben.

Über seine jungen Jahre schrieb er: „Was die

Schrift angeht, so habe ich sie noch nie im Leben

angerührt, denn ich fürchtete, dass, wenn ich sie

läse, ich verführt werden könnte. Später kam mir, so

oft ich in der Messe mit Brot und Wein zu tun hatte,

der Gedanke, dies könnte vielleicht doch nicht des

Herrn Fleisch und Blut sein.“ Wenn unter Kollegen

die Rede auf die Heilige Schrift kam, wusste er sich

nur darüber lustig zu machen.

„Dann beschloss ich, das Neue Testament

einmal sorgfältig zu lesen. Ich war noch nicht

weit gekommen, als mir aufging, dass wir betrogen

worden waren. Tag für Tag machte ich Fortschritte

in der Kenntnis der Schrift.“ [Es bestätigt

sich immer wieder: Selber lesen lohnt sich!]

„Bis dahin hatte ich noch nie von Wiedertäufern

gehört. Damals geschah es, dass ein ehrenwerter,

frommer Mann enthauptet wurde, weil er

sich zum zweiten Mal hat taufen lassen. Es klang

eigentümlich in meinen Ohren, dass da von einer

anderen Taufe gesprochen wurde. Ich las genau

darüber in der Schrift, aber ich konnte nichts über

die Kindertaufe finden. Als ich das erkannt hatte,

sprach ich darüber mit meinem Priester und wir

mussten feststellen, dass die Kindertaufe in der

Schrift keine Grundlage hat.“ Menno zog weitere

Brüder zu Rate und fragte bei Luther nach, bei

Brucer und anderen – und jeder nannte ihm einen

anderen Grund für die Kindertaufe, aber nichts

davon stimmte mit der Schrift überein.

„Dann fing ich an, öffentlich von der Kanzel

das Wort von der Buße zu verkündigen, das Volk

auf den schmalen Weg zu weisen, alle Sünden und

Gottlosigkeit zu verurteilen, auch Götzendienst

und falschen Gottesdienst, und frei zu bezeugen,

was Taufe und Herrenmahl nach dem Willen

Christi bedeuten, soweit ich bis dahin Gnade von

Gott empfangen hatte.“

Menno Simons verschrieb sich der Sammlung

und Auferbauung der Christen, die durch die Verfolgung

zerstreut waren, zunächst in den Niederlanden,

bis er 1543 geächtet und auf seinen Kopf

ein Preis gesetzt wurde; wer ihn versteckte, war

des Todes schuldig, jeder Verbrecher aber, der

ihn dem Henker überliefern würde, sollte begnadigt

werden. Nach vielen Wanderungen und

Gefahren fand er in Holstein Zuflucht.

Caspar von Schwenkfeld 5 , 1490–1561

Schwenkfeld hielt sich von der römisch-katholischen

wie auch von der lutherischen und reformierten Kirche

fern; er schloss sich auch nicht den Wiedertäufern

an, und doch hatte der schlesische Adelige großen

Einfluss. Er machte Geschäfte mit deutschen

60

Z für Zukunft


Z-aktuell

Fürstenhöfen und hatte mit dem Glauben nicht viel

am Hut; mit etwa dreißig Jahren aber stieß er auf

Luther, die „wunderbare Trompete Gottes”.

Es dauerte nicht lange, bis er in Luthers Lehre

einige Punkte zu beanstanden fand, besonders seine

Abendmahlslehre – worauf Luther ihn heftig angriff;

er setzte seine Macht ein und brandmarkte ihn als

Ketzer. Schwenkfeld riet seinen Anhängern: „Lasst

uns glaubensvoll für sie (unsere Gegner) zu Gott

beten, denn es muss endlich die Zeit kommen, da

sie mit uns allen gemeinsam unsere Unwissenheit

vor dem einen Meister, Christus, zugeben.“

Schwenkfeld wurde zum leidenschaftlichen

Bibelleser; er überließ es dem Heiligen Geist, ihn

beim Lesen zu leiten. „Christus“, so sagt er, „ist die

Summe der ganzen Bibel“, und „der Hauptzweck

der ganzen Heiligen Schrift ist, dass wir den Herrn

Christus völlig erkennen“. Als sichere Regel für

den Ausleger gab er an: „Bei strittigen Stellen

muss der gesamte Text herangezogen werden,

Schrift muss Schrift erklären, Einzelstellen müssen

im Zusammenhang gelesen und miteinander

verglichen werden, man muss die Bedeutung feststellen,

nicht nur nach dem äußeren Erscheinungsbild

der einzelnen Stelle, sondern entsprechend

dem Sinn der ganzen Schrift.“

„Wenn wir nicht alles verstehen“, so Schwenkfeld,

„wollen wir deshalb nicht die Schrift tadeln,

sondern vielmehr unsere Unwissenheit.“ – „Wenn

wir die Kirche reformieren wollen, müssen wir

die Heilige Schrift und besonders die Apostelgeschichte

zur Hand nehmen. Da kann man klar

erkennen, wie es am Anfang war und was recht

und was nicht recht ist.“

Er fragte, wo schriftgemäße Versammlungen

„heute“ zu finden seien: „Die Schrift kennt keine

anderen als solche, die Christus als ihr Haupt anerkennen

und sich willig der Leitung des Heiligen

Geistes unterstellen, der sie mit geistlichen Gaben

und Erkenntnis ausrüstet.“ Jegliche Einschränkung

des allgemeinen Priestertums der Gläubigen war

für Schwenkfeld eine Einschränkung des Heiligen

Geistes. „Wenn man zur Zeit Pauli so gehandelt und

nur denen zu predigen erlaubt hätte, die von der

Behörde ernannt wurden, wie weit wäre dann der

christliche Glaube wohl gekommen?“ Einige seien

zu besonderem Dienst erwählt; der Geist Gottes

befähige sie dazu und nicht etwa Studium, Auswahl

oder Ordinierung; dass Christus mit ihnen sei, zeige

sich in Gnade, Kraft und Segen.

1529 musste Schwenkfeld seine Heimat verlassen;

die restlichen 30 Jahre seines Lebens war

er Wanderer, verfolgt von der lutherischen Kirche.

Seine Verbannung führte zur weiteren Ausbreitung

seiner Lehre.

Verbotenes Herrenmahl

in Frankreich

Im Jahre 1533 hatten Gläubige in Südfrankreich

den Wunsch, häufiger zum Lesen der Schrift zusammenzukommen.

Zu der Zeit heiratete Margarete,

Königin von Navarra (1492–1549), in diese Gegend;

mit ihr kamen der Theologe und Bibelübersetzer

Jacques Lefèvre d’Étaples (1450/1455–1536) 6 und

sein Schüler Gérard Roussel (um 1500–1550) 7 .

Sie pflegten die katholische Kirche zu besuchen

und anschließend im Schloss Zusammenkünfte mit

einem biblischen Vortrag abzuhalten, wozu auch

viele aus der Bevölkerung erschienen.

Einige hatten den Wunsch, das Mahl des Herrn

zu feiern, trotz der damit verbundenen Gefahr.

Man wählte eine große Halle, abseits öffentlicher

Aufmerksamkeit; hier wurde ein Tisch mit Brot

und Wein aufgestellt und alle nahmen am Herrnmahl

teil, ohne jede kirchliche Form. Die Königin

und die aus niedrigem Stand bekundeten ihre

Gleichheit in der Gegenwart des Herrn. Das Wort

Gottes wurde gelesen und ausgelegt, man nahm

eine Sammlung für die Armen vor, und dann ging

man wieder auseinander.

Um die gleiche Zeit war dort auch Johannes Calvin

(1509–1564) 8 , der wegen seiner Lehre genötigt

worden war, Paris zu verlassen. Man sprach über

Luther und Zwingli und ihre Lehren, und die katholische

Kirche wurde offen kritisiert. Als es gefährlich

wurde, gingen die Christen in eine unbewohnte

Gegend außerhalb der Stadt und trafen sich in

einer größeren Höhle, dort brach man unter Gebet

und Schriftlesung das Brot; und wer den Eindruck

hatte, dass der Heilige Geist ihm ein Wort der

Ermahnung oder Auslegung gegeben hatte, konnte

in aller Freiheit reden.

„Wenn wir die

Kirche reformieren

wollen, müssen wir

die Heilige Schrift

und besonders die

Apostelgeschichte

zur Hand nehmen.

Da kann man klar

erkennen, wie es

am Anfang war und

was recht und was

nicht recht ist.“

Margarete, Königin von Navarra

Jacques Lefèvre d’Étaples

Johannes Calvin

Z für Zukunft

61


Z-aktuell

Paris während der

Bartholomäusnacht.

Die Häuser der Hugenotten

waren gekennzeichnet,

Männer, Frauen und Kinder

wurden gnadenlos erschlagen.

Zeitgenössisches Gemälde von

François Dubois

Jeanne d‘Albret

Papst Pius V

König Heinrich IV

Ab 1560: Die Hugenotten

Die Mitglieder von solchen Versammlungen wurden

oft „Evangeliumsleute” genannt oder „die Frommen”

und schließlich als „Hugenotten” gebrandmarkt.

Im Südosten Frankreichs war der überwiegende

Teil der Bevölkerung hugenottisch; anderswo

waren die Hugenotten nur eine kleine Minderheit.

Ein Erlass des Königs gewährte eine gewisse

Freiheit des Gottesdienstes; es bestand Hoffnung,

die Unterdrückung könne überwunden werden.

Die Königin-Mutter von Medici, Jeanne III. von

Navarra, besser bekannt als Jeanne d‘Albret

(1528–1572), 9 schrieb an Papst Pius V: „Die Zahl

derer, die sich von der römischen Kirche getrennt

haben, ist so groß, dass sie nicht länger durch

die Strenge des Gesetzes oder durch Waffengewalt

unterdrückt werden können. Sie sind durch

die adeligen Beamten, die sich der Partei angeschlossen

haben, so stark geworden, sie halten so

fest zusammen, dass sie in allen Teilen des Königreichs

mehr und mehr gefürchtet werden.“

Der Papst, der später heiliggesprochen wurde,

war jedoch dagegen, die Evangeliumsleute gewähren

zu lassen, und beide Parteien machten sich

bereit für militärische Auseinandersetzungen.

1572: Die Bartholomäusnacht

1562 wurde eine große Versammlung unbewaffneter

Gottesdienstbesucher in einer Scheune

umzingelt; die wehrlosen Opfer wurden abgeschlachtet.

Ein Bürgerkrieg war die Folge, er verwüstete

große Teile Frankreichs.

1572 kam es zur Hochzeit von Heinrich von

Béarn, König von Navarra (1533– 1610 10 ),

inzwischen Führer der hugenottenischen Sache,

und Margarete 11 (1553–1615), Tochter der Katharina

von Medici. Für die Hugenotten sah es aus,

als bringe das Frieden, daher versammelte sich

eine große Zahl von ihnen in Paris, um den Feierlichkeiten

beizuwohnen.

Eine Woche nach der Hochzeit in Notre-Dame,

in der Nacht zum Tag des heiligen Bartholomäus,

überraschten katholische Truppen die Nichtsahnenden;

es kam zu einem Blutbad. Zuvor waren

die Häuser der Hugenotten gekennzeichnet worden,

Männer, Frauen und Kinder wurden gnadenlos

erschlagen. In ganz Frankreich kam es zu

ähnlich grauenhaften Handlungen. Die Zusammenkünfte

der Hugenotten wurden verboten und

man entzog ihnen ihre Kinder, um sie im Kloster

katholisch zu erziehen.

1594 bestieg Heinrich von Navarra als Heinrich

IV. den Thron Frankreichs. Er war kein religiöser

Mensch und sah die Hugenotten eher als politische

Partei. Als protestantischer Herrscher in

einem katholischen Land hatte er es nicht leicht.

Um seinen Thron zu sichern, wurde er katholisch,

nutzte aber seine Stellung, um Gesetze zugunsten

der Hugenotten zu erlassen. 1598 wurde durch

das Edikt von Nantes den Hugenotten die Freiheit

des Gewissens und des Gottesdienstes zuerkannt.

Zwölf Jahre danach wurde der König ermordet,

die Hugenotten kamen wieder in Bedrängnis.

1685 wurde das Edikt von Nantes aufgehoben.

Alle Prediger mussten innerhalb von 14 Tagen das

Land verlassen, 800 Versammlungsstätten wurden

zerstört. Wer sich nicht „bekehren“ wollte:

Männer kamen lebenslang auf Galeeren, Frauen

ins Gefängnis. Heimlich, auf verbotenen Pfaden,

versuchten viele mit ihren kleinen Kindern, den

Alten und Kranken das Land zu verlassen – ein

Exodus der Besten des französischen Volkes. Für

die Länder, die die Flüchtlinge aufnahmen – die

Schweiz, Preußen, Holland, England, Nordamerika

und andere – waren sie eine Bereicherung,

diese tüchtigen, ehrlichen Menschen; neben ihrer

Gottesfurcht brachten sie auch ihre Fähigkeiten

in Handwerk und Handel mit und engagierten

sich in der Politik.

62

Z für Zukunft


Z-aktuell

1620: Aufbruch in eine neue Welt

Meinungsverschiedenheiten unter den nicht

katholischen Christen waren gang und gäbe: Die

einen vertraten die Glaubenstaufe, andere sahen

gute Gründe, die Kindertaufe beizubehalten. Die

einen waren der Ansicht, der Staat habe kein Recht,

sich in religiöse Angelegenheiten einzumischen

oder irgendeine Richtung zu begünstigen; andere

hielten es für seine Pflicht, eine gewisse Aufsicht

und Kontrolle über die Kirche auszuüben. Und nicht

wenige, die selber protestierten gegen die Zwangsmaßnahmen,

unter denen sie litten, verweigerten

diese Freiheit denen, die ihren Glauben anders lebten

und anders dachten als sie.

Der Gedanke, in der „Neuen Welt“ jenseits des

Atlantiks Gewissens- und Glaubensfreiheit zu finden,

bewegte viele Christen, naturgemäß besonders

die, die genug hatten von den Entbehrungen

der Flucht.

Eines der ersten Schiffe mit den Verfolgten,

das sich nach Westen aufmachte, war 1620 die

Speedwell 12 . Am Delfter Hafen wurde den Scheidenden

die Worte des englischen Puritaners

John Robinson (1575–1625) 13 auf den Weg mitgegeben:

„Wenn Gott euch irgendetwas durch ein

anderes seiner Werkzeuge offenbart, seid bereit, es

so willig anzunehmen, wie ihr die Wahrheiten hier

angenommen habt. Denn ich bin überzeugt, dass

der Herr noch weitere Wahrheiten hat, die aus

seinem heiligen Wort geschöpft werden können.

Ich kann den Zustand der reformierten Kirche

nicht genug beklagen, die zum Stillstand gekommen

ist und heute nicht weiter geht als ihre

Reformatoren. Die Lutheraner können nicht dazu

gebracht werden, über das hinauszugehen, was

Luther sah; was auch immer unser Gott Calvin

offenbart haben mag: sie werden lieber sterben

als es annehmen; und die Calvinisten stecken da

fest, wo sie von dem großen Gottesmann gelassen

worden sind, der doch auch nicht alles gesehen

hat. Das ist eine beklagenswerte Not, denn

obwohl sie zu ihrer Zeit brennende Lichter waren,

drangen sie doch nicht in den ganzen Ratschluss

Gottes ein. Denn es ist nicht möglich, dass die

christliche Welt, die erst vor Kurzem aus so tiefer

antichristlicher Finsternis herausgekommen ist,

die volle Erkenntnis auf einmal erfasste.“

Zur Speedwell gesellte sich die Mayflower

(„Maiblume“), die eine Gruppe aus England hinüber

in die „neue Welt“ brachte. Beide Schiffe stachen

in See; ein Leck an der Speedwell zwang sie

jedoch zur Umkehr nach Plymouth. Dort drängten

sich alle auf der kleinen Mayflower zusammen. Ein

furchtbarer Sturm zwang auch sie fast zur Umkehr,

aber entschlossen setzen die Pioniere die Reise fort,

kämpften sich durch und nach neun schrecklichen

Wochen landeten 102 Personen in der Plymouth-Bai

in Neuengland. Hier gründeten sie einen Staat, der

nie das Gepräge des Charakters der Männer und

Frauen verlieren sollte, die ihn in Gottesfurcht und

Freiheitsliebe ins Leben riefen.

John Wesley, 1703–1791 14

Johns Mutter Susanna war eine würdige Ehefrau

ihres Mannes, eines anglikanischen Geistlichen;

wenn dieser abwesend war – und das war

er oft – hielt die Mutter von 19 Kindern (neun

starben sehr früh) selber die Familienandacht, da

wurde in der Schrift gelesen und darüber gesprochen.

Auch andere baten darum, teilnehmen zu

dürfen; bisweilen versammelten sich über hundert

Personen. Man beschwerte sich bei ihrem

Mann, sie maße sich einen Platz an, der ihr als

Frau nicht zustehe; sie entgegnete: „Ich bin Frau,

aber genauso bin ich Herrin einer großen Familie.

Und in deiner Abwesenheit kann ich doch nichts

anderes tun, als auf jede Seele zu achten, die du

meiner Obhut unterstellt hast.”

Mayflower & Speedwell im Hafen

von Dartmouth, Gemälde von

Leslie Wilcox

Der Gedanke,

in der „Neuen

Welt“ Gewissensund

Glaubensfreiheit

zu finden,

bewegte viele

Christen

John Robinson im Gebet auf der

Speedwell

Z für Zukunft

63


Z-aktuell

Als Wesley die Kanzel der

Pfarrkirchen verboten war,

begann er im Freien

zu predigen

Bild: © Wellcome Collection

Peter Böhler

Nikolaus Ludwig

Graf von Zinzendorf

George Whitefield

Susannas Söhne Charles und John wurden

wie ihr Vater anglikanische Geistliche, aber auch

nach ihrer Ordinierung konnten sie noch keinen

eigenen Glauben bezeugen. Auf einer Reise nach

Amerika lernten sie „mährische Brüder“ 15 kennen

(Herrnhuter). Ihre Demut, ihr Friede und ihr Mut

machten auf John Wesley großen Eindruck.

Die Reise war für ihn ein Fehlschlag: „Ich ging

nach Amerika, um die Indianer zu bekehren. Aber

ach! wer bekehrt mich?“ 1738, wieder zurück in

England, traf er abermals Herrnhuter, und mehrere

tiefgründige Gespräche mit Peter Böhler

öffneten ihm die Tür zum Glauben. Auf die zweifelnde

Frage, ob er das Predigen aufgeben sollte,

antwortet Böhler: „Nein, predige den Glauben,

bis du ihn hast; danach wirst du, weil du ihn hast,

den Glauben predigen.“

So verkündigte John Wesley in vielen Londoner

Kirchen eifrig das „freie (unverdient geschenkte

und unverdienbare) Heil durch den Glauben an

das Blut Christi“; und in einer nach der anderen

wurde ihm mitgeteilt, das sei seine letzte Predigt

hier gewesen.

Daraufhin besuchte er Herrnhut und begegnete

dort auch Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf,

das war ihm eine große Hilfe.

Wieder in England, traf er in Bristol seinen

alten Freund George Whitefield (1714–1770);

dem erging es ähnlich wie John: Der Klerus war

so aufgebracht, dass auch ihm der Zugang zu fast

allen Kanzeln verwehrt wurde. Freunde rieten

ihm, er könne ja den Kumpels in den Kohlegruben

predigen, um die kümmere sich keiner. Was Whitefield

denn auch tat: „Da mir die Kanzeln

verschlossen waren und die armen Kohlearbeiter

aus Mangel an Erkenntnis umzukommen drohten,

ging ich zu ihnen und predigte auf einem Berg

vor über zweihundert Arbeitern. Das Eis war

gebrochen und ich hatte wieder Boden gewonnen.“

Bei seiner nächsten Predigt kamen zehntausend!

Whitefields Predigt ging ihnen durchs

Herz – die Tränen hinterließen weiße Spuren auf

ihren schwarzen Wangen.

Whitefield bat John Wesley, ihm zu helfen. Wesley

war der Ansicht gewesen, Seelen retten könne man

nur in einer Kirche; nun predigte er zum ersten Mal

im Freien: „Ich sprach von einer kleinen Anhöhe

nahe der Stadt vor ungefähr 3000 Menschen.“

Nun war das Evangelium aus den grauen Kirchenmauern

herausgekommen, und es eroberte

das Land: Nicht nur die Ärmsten in den Elendsvierteln

bekehrten sich, auch der Adel wurde erreicht.

Es mangelte an Geistlichen, aber nicht lange, und

der Theologe Wesley erkannte, dass der Heilige

Geist zahlreiche Laien befähigte, das Evangelium

mit Kraft zu verkündigen – auch ohne Ausbildung

waren sie mächtige Zeugen Jesu. Anfangs gab es

bei den Zusammenkünften seltsame Erscheinungen:

Zuhörer stürzten mit Zuckungen zu Boden

und schrien vor Reue oder Furcht.

Wesley, Whitefield und andere waren ständig

auf Reisen, durchzogen England und Wales. Eine

große Erweckung erfasste das Land und ergriff

auch Irland, Schottland und sogar Neuengland in

Amerika.

Lehr- und Meinungsverschiedenheiten

Es verwundert nicht, dass es auch Meinungsverschiedenheiten

gab über die „neuen”, bis dahin

vernachlässigten Wahrheiten. Bei Lehrstreitigkeiten

steht nicht immer Wahrheit gegen Irrtum; so

hat die auch Lehre von der Rechtfertigung allein

aus Glauben, ohne Werke, ein Gegenüber: die der

Notwendigkeit guter Werke als Folge und Beweis

des Glaubens. In der Tat hat jede große Lehre

der Heiligen Schrift ein Gegenstück; erst beide

zusammen lassen das Ganze sehen.

Einige betonten mehr die eine Seite, andere

wieder eine andere Seite; und jeder neigte dazu,

seiner Ansicht mehr Nachdruck zu verleihen und

64

Z für Zukunft


Z-aktuell

in der anderen eine Gefahr zu wittern. Die Größe

und Vielseitigkeit von Gottes Offenbarung führt

oft dazu, dass sie nur zu einem Teil und unterschiedlich

begriffen wird.

So war es auch bei Wesley und den Herrnhutern

– nach und nach kam es über verschiedene

Punkte zu unterschiedlichen Ansichten. Ihre Herkunft

und ihre Geschichte verlieh den Herrnhutern

Züge, die Wesley abgehoben und weltfremd

vorkamen; seine Persönlichkeit war pragmatisch,

praktisch, zupackend.

Schon früh unterschieden sich auch Wesley und

Whitefield in Lehrfragen; die calvinistische Sicht

Whitefields sagte Wesley gar nicht zu. Ihre Beziehung

litt aber nicht darunter, und beider Verkündigung

der Rechtfertigung aus Glauben war gleich

wirksam: Sowohl bei Wesley als auch bei Whitefield

bekehrten sich die Sünder in Scharen.

Auch die Predigtstile der beiden unterschieden

sich sehr, und doch zeigten sie die gleiche Wirkung.

Whitefield predigte leidenschaftlich, geradezu

dramatisch – Wesley war klar und logisch,

seine Predigten enthielten vor allem Auslegung,

und doch fesselten sie auch die rohesten Zuhörer.

Und heute?

Ist Kirche, sind Versammlungen nach dem Vorbild

des Neuen Testaments heute noch möglich?

Die Antwort darauf – also ob Kirche heute der

Lehre und dem Vorbild des Neuen Testaments

gerecht werden kann –, hängt sehr davon ab, aus

welchem Blickwinkel man es betrachtet; gelingt

es, die traditionellen Vorgaben zu integrieren, zu

modifizieren, oder müssen wir sie eliminieren?

1. Das „Vorbild“ dürfte den Ritualkirchen nicht

allzu erstrebenswert erscheinen; meint man dort

doch, über die Jahrhunderte habe man etwas

Besseres erreicht als das, was anfangs praktiziert

wurde; die Schrift wurde durch Überlieferung

„erweitert“ oder gar verdrängt.

2. Der Rationalismus betrachtet es ebenfalls als

Rückschritt, wenn man auf die originalen Muster

zurückgreift. Für ihn ist die Schrift nicht

bindende Autorität.

3. Reformatoren bestehender Kirchen – Luther,

Spener und andere – versuchten, einen Kompromiss

zu erwirken; in manchem blieben sie

hinter dem zurück, was sie erkannt hatten.

4. Einige, wie die Mystiker, gaben auf und strebten

nur noch nach einer Art Isolations-Heiligung

und der engen Verbindung zu Gott.

„Äußerlichkeiten“ wie Taufe und Abendmahl

wurden vernachlässigt; man lehnt die verbindliche

Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ab

und spricht vom „Zerfall der Kirche“.

5. Evangelistische Bewegungen hielten diese Fragen

nicht für so wichtig; sie befassten sich vorwiegend

mit der Bekehrung von Sündern und

wie man sie anschließend organisieren kann.

6. Zu allen Zeiten hat es aber auch solche gegeben,

die die Frage nach dem „Zurück zum

Original“ mit Ja beantwortet haben: Katharer,

Novatianer, Paulizianer, Bogomilen, Albigenser,

Waldenser, Wiedertäufer und unzählige

andere (ausführlich dazu siehe „Der rote

Faden“ Teil 1, »Z« 19/20, ab S. 48). Sie waren

eins in dem Bestreben, im Neuen Testament zu

forschen und dem Vorbild der neutestamentlichen

Gemeinde zu folgen.

Rezension mit Auszügen aus „2000 Jahre Gemeinde Jesu –

Schmach und Segen christlicher Pilgerschaft“. Eine spannende

Kirchengeschichte besonderer Art von E.H. Broadbent, CV Dillenburg

2016 (redaktionell bearbeitet).

http://shop.agentur-pji.com/2000-jahre-gemeinde-jesu-3.html

1 Hans Denck (auch Johann(es) Den(c)k, authentische Namensform

Dengk

2 Balthasar Hubmaier (auch Huebmör, Hubmör, Hubmair, Hubmayr,

Hubmeier; Friedberger, um 1485–1528) war eine führende

Täuferpersönlichkeit der Reformationszeit, was ihn das

Leben kostete.

3 Menno Simons, 1496–1561, niederländisch-friesischer Theologe.

Simons war einer der führenden

4 Das „Täuferreich von Münster” in den 1530er-Jahren in Münster

(Westfalen) um den Prediger Bernd Rothmann war eine sich

zunehmend radikalisierende Bewegung hin zu einem das Ende

der Welt erwartenden Regime. Die Stadt wurde von katholischen

Truppen eingekesselt und ausgehungert; das „Täuferreich”

griff zu offener Gewalt. Auch in Lehrfragen und in der

Sittlichkeit kam es zu groben Verirrungen.

5 Caspar von Schwenkfeld (1490–1561), auch Kaspar

Schwen(c)kfeld von Ossig, war Theologe, Reformator und Verfasser

christlicher Bücher.

6 Jacques Lefèvre d’Étaples (auch Jacobus Faber Stapulensis

(1450/1455–1536) war französischer Theologe und Humanist.

Sein Name verbindet sich vor allem mit „La Sainte Bible en français”

(1523–30), der ersten vollständigen französischen Bibelübersetzung.

7 Gérard Roussel (lateinisch: Girardus Ruffus, um

1500–1550) war ein französischer Humanist und

In Streitigkeiten

steht nicht immer

Wahrheit gegen

Irrtum: Die Rechtfertigung

allein aus

Glauben, ohne Werke.

Die guten Werke als

notwendigen Folge

des Glaubens.

Jede große Lehre der

Heiligen Schrift hat

einen scheinbaren

Gegensatz.

Erst beide

zusammen lassen

das Ganze sehen.

„2000 Jahre Gemeinde Jesu

– Schmach und Segen christlicher

Pilgerschaft“. E.H. Broadbent,

CV Dillenburg 2016

http://shop.agentur-pji.com/

2000-jahre-gemeinde-jesu-

3.html

Z für Zukunft

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