CMS Stiftungsmagazin RADAR Nr. 6: Wie wohnen im Alter?

christophmerianstiftung

Dieses RADAR vermittelt Ihnen einen Überblick über Forschungsresultate zum Thema «Leben und Wohnen im Alter, lässt Expertinnen und Experten zu Wort kommen – und hat sechs ganz unterschiedliche Menschen aus drei Generationen zu ihren Vorstellungen befragt.

Das Magazin der Christoph Merian Stiftung

Wie wohnen

im Alter?

Atelier Mondial

Nr. 6 Dezember 2018


Editorial

DIE ZEICHEN

DER ZEIT

ERKENNEN

Die Christoph Merian Stiftung (CMS) engagiert sich seit Jahrzehnten

im Altersbereich und hat in den 50er-Jahren des

letzten Jahrhunderts mit der Errichtung von Alterssiedlungen

Pionierarbeit geleistet. Sie ermöglichte in den schwierigen

Nachkriegsjahren und danach mit ihren Alterssiedlungen

gerade auch wenig begüterten älteren Menschen ein Leben

in damals modernen Wohnungen zu moderaten Preisen.

Seither haben sich die Ausgangslage und die Bedürfnisse

von Seniorinnen und Senioren entscheidend verändert: Die

Lebenserwartung ist markant gestiegen, der Umzug in eine

Alterssiedlung erfolgt immer später. Somit haben das Durchschnittsalter

und die Verletzlichkeit der Bewohnerinnen und

Bewohner stark zugenommen, ebenso die sozialen Anforderungen

und die ökonomischen Auswirkungen.

Die CMS hat erkannt, dass sie als Vermieterin für diese

anspruchsvolle Aufgabe nicht mehr das zwingend nötige

Know-how mitbringt. Deshalb hat sie sich entschieden, die

Verantwortung und den Betrieb ihrer Alterssiedlungen einer

Institution anzuvertrauen, die für diesen spezifischen Bereich

über eine reiche Erfahrung verfügt und auch zertifiziert ist.

Nicht irgendeiner Institution oder privaten auswärtigen Investoren,

die im Altersbereich aufs schnelle Geld aus sind, sondern:

dem Bürgerspital Basel. Ein idealer Partner, weil es eine

Institution der Bürgergemeinde ist und wie die CMS öffentlich-rechtlich

und eng verbunden mit der Stadt Basel.

Wir sind uns bewusst, dass Neustrukturierungen auch

Verunsicherungen auslösen können. Gerade bei den Bewohnerinnen

und Bewohnern der CMS-Alterssiedlungen, denen

wir uns als Liegenschaftsbesitzerin und Vertragspartnerin des

Bürgerspitals verpflichtet fühlen. Die CMS fädelt sich aus dem

Engagement für die ältere Generation mit der Übergabe

unserer Alterssiedlungen an das Bürgerspital im Übrigen auch

nicht aus. Ganz im Gegenteil. Wir werden uns im Förderbereich

für neue Projekte im Altersbereich vor allem in wenig

privilegierten Quartieren einsetzen und bestehende Projekte

noch gezielter auf spezifische Bedürfnisse der älteren Generation

hin ausrichten.

Dieses RADAR vermittelt Ihnen einen Überblick über Forschungsresultate

zum Thema ‹Leben und Wohnen im Alter›,

lässt Expertinnen und Experten zu Wort kommen, individuelle

Stimmen – und hat sechs ganz unterschiedliche Menschen aus

drei Generationen zu ihren Vorstellungen befragt.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!

Dr. Lukas Faesch

Präsident der Kommission der Christoph Merian Stiftung

Balsam

Wie illustriert man ‹Wohnen im Alter›? Mit Fotos

lächelnder Seniorinnen und Senioren? RADAR

hat einen anderen Weg gewählt. Wir haben das

Basler Illustrations- und Projektkollektiv Balsam

beauftragt. Seit Oktober 2016 stellt das Netzwerk

im St. Johann jungen Illustratorinnen und Illustratoren

temporäre Arbeitsplätze zur Verfügung

und unterstützt sie bei Aufträgen und Auftritten.

Eine von ihnen, Annina Burkhard, hat für diese

Ausgabe das Titelbild und die Porträts der sechs

Menschen gezeichnet, die wir zum Leben und

Wohnen – heute und im Alter – befragt haben.

www.balsam.cc

3 Neuorientierung der

CMS-Altersstrategie

Gut bleiben, aber anders

4 Alter ist nicht gleich Alter

Erkenntnisse aus der Altersforschung

5 Gefragt: Radikales Umdenken

Die neuen Alten ticken anders

6 Wie hätten wir’s denn gerne?

12 Fragen an 6 Menschen

aus 3 Generationen

12 Vom Land zurück in die Stadt

Wohnräume und -träume einer

grauen Pantherin

13 Jeder Mensch eine Autorin

Sein eigenes Buch schreiben mit

der Edition Unik

14 4seasons

Saisongerecht kochen und erst

noch Spass haben

15 Hundert Jahre Iglingerhof

Einst fast eine visionäre Kleinstadt

16 Aktuelles aus der CMS

Hasel und Hartriegel, junge Mütter

und ihre Kinder

2


Strategie

UNSER ENGAGEMENT

FÜRS ALTER

NICHT WENIGER,

ABER ANDERS

Die Alterssiedlungen der Christoph Merian

Stiftung (CMS) waren einst Pionierprojekte.

Das ist lange her. Seither hat sich vieles

verändert: Das Durchschnittsalter der Bewohnerinnen

und Bewohner ist deutlich

höher. Die Anforderungen an die Betreuung

älterer Menschen sind gestiegen. Und auch

die Vorstellungen und Bedürfnisse älterer

Menschen, wie sie leben und wohnen möchten,

haben sich gewandelt. Die CMS hat den

Betrieb ihrer traditionellen Alterssiedlungen

einer kompetenten, lokalen Partnerinstitution

übergeben: dem Bürgerspital Basel.

Im Interesse vor allem der Bewohnerinnen

und Bewohner. Ein Rückblick und Ausblick.

Seit den 1950er-Jahren engagiert sich die CMS in

Wohnprojekten für ältere Menschen. Sie leistete nach

dem Krieg im Alterswohnungsbau sogar eigentliche

Pionierarbeit. 1954 errichtete sie eine erste Alterssiedlung

an der Rheinfelderstrasse mit 95 Wohnungen für

rund hundert Personen. Die Mietzinse waren moderat

und betrugen damals zwischen CHF 63.– und 68.– pro

Monat. Weitere Alterssiedlungen folgten: 1960 die

Alterssiedlung Gellertfeld, 1966 die Alterssiedlung

Albert Schweitzer-Strasse und 1981 schliesslich die

Alterssiedlung Friedrich Oser-Strasse. Darüber hinaus

übernahm die Stiftung den Betrieb der Alterssiedlung

Basler Dybli von der gleichnamigen Stiftung in Riehen

und den Dalbehof von der Sevogel-Stiftung an der

Kapellenstrasse.

Mit dem wachsenden Wohlstand stieg gleichzeitig

der individuelle Raumbedarf. Bereits in den 1980er-

Jahren reagierte die Stiftung darauf und legte die kleinen

Einzimmerwohnungen (einst ohne Warmwasser)

zu komfortableren Zweizimmerwohnungen zusammen.

So halbierte sich das Wohnungsangebot an der Rheinfelderstrasse

und im Gellertfeld. Der Dalbehof sowie

die Friedrich Oser-Strasse berücksichtigten bereits bei

der Erstellung das Bedürfnis nach mehr Wohnraum.

Danach geschah dreissig Jahre lang wenig bei den

Alterssiedlungen, auch jenen der CMS. Veränderungen

gab es hingegen im klassischen Altersheimbereich in

der Schweiz und auch in Basel: Weil ältere Menschen

in immer höherem Alter in ein Heim übersiedelten,

begannen Altersheime zusätzlich Pflegeleistungen

anzubieten und wurden zu kombinierten Alters- und

Pflegeheimen. Die Alterssiedlungen der CMS funktionierten

dagegen weiterhin als Teil des regulären Vermietungsgeschäfts.

Ab 2010 begann sich abzuzeichnen, dass die Ausstattung

der CMS-Alterssiedlungen den aktuellen

Anforderungen der immer älteren Bewohnerinnen und

Bewohner zum Teil nicht mehr genügte: In den 276

Wohnungen lebten mittlerweile 300 Bewohnerinnen

und Bewohner mit einem Durchschnittsalter von 84

Jahren. Dies zwang die Stiftung zum Handeln, im

betrieblichen wie im baulichen Bereich. Zum einen

wollte sie die Alterssiedlungen mit dem gemeinsam mit

der Age-Stiftung entwickelten Konzept ‹Avantage›

nach den Ansätzen der Gemeinwesenarbeit weiterentwickeln,

zum anderen realisierte sie mit einem altersgerechten

Neubau an der Wettsteinallee ein Vorzeigeprojekt

und unterzog in den Jahren 2013 bis 2014 die

Altersresidenz Dalbehof einer aufwendigen Sanierung.

Dringend nötige Standortbestimmung

Der Bedarf älterer Menschen generell und einzelner

Mieterinnen und Mieter der CMS-Siedlungen nach mehr

(Zusatz-)Betreuung, mehr Service und auch Pflege

stieg unterdessen kontinuierlich. Dies bewog die CMS

2017 zu einer Standortbestimmung. Sie beauftragte

Roland Wormser, einen ausgewiesenen Alters- und

Organisationsexperten, mit einer umfassenden Analyse

(siehe Seite 4). Diese zeigte klar auf, dass Zustand und

Ausrichtung der CMS-Alterssiedlungen in der heutigen

Form aktuellen und künftigen Anforderungen an Wohnen

in (hohem) Alter nicht mehr genügten. Weder

bezüglich Betreuung noch bezüglich Service und Pflege

oder baulicher Ausstattung: Die CMS-Immobilien aus

den 1950er- bis 1980er-Jahren sind nicht durchgehend

barrierefrei. Es fehlen zum Beispiel vereinzelt Lifte.

Nasszellen und Küchen sind nicht überall altersgerecht.

Zudem liegen zwei der Siedlungen an schlecht erschlossenen

Orten auf dem Bruderholz – was im Widerspruch

steht zu den heutigen Vorstellungen von altersgerechtem

‹Wohnen im Alter›: Mobilität und Einkaufen sind

für gehbehinderte Menschen schwierig bis unmöglich.

Die Analyse hat zudem auch aufgezeigt, dass klassische

Alterssiedlungen ohne Pflegeangebote ausgedient

haben.

Was also tun? Mit einem historisch gewachsenen,

veralteten Modell weitermachen als auf diesem Gebiet

nicht spezialisierte Förderstiftung? Nein. Die CMS hat

deshalb entschieden, ihre Alterssiedlungen nicht selber

weiterzuführen, sondern einen kompetenten, verläss-

lichen Partner zu suchen, der über eine hervorragende

Fachkompetenz im Altersbereich verfügt.

Zukunftsweisende Kooperation

Mit dem Bürgerspital Basel hat sie ihn gefunden. Das

Bürgerspital, eine Institution der Bürgergemeinde und

wie die CMS eine renommierte öffentlich-rechtliche

Basler Institution, hat eine fundierte Erfahrung im

Altersbereich. Es betreibt bereits sechs Alterszentren

und ist damit in Basel der grösste Anbieter. Die CMS

wird dem Bürgerspital per März 2019 den Betrieb von

vier ihrer sechs Alterssiedlungen übergeben (Basler

Dybli, Dalbehof, Gellertfeld, Wettsteinpark). Die Liegenschaften

selber bleiben im Besitz der CMS. Wo nötig,

werden von der CMS altersgerechte Umbauarbeiten

vorgenommen.

Unter dem Titel ‹Wohnen mit Service› garantiert das

Bürgerspital neu ein umfassenderes Betreuungs-

angebot, als die CMS dies bisher anbieten konnte.

Neben den im Pensionspreis inbegriffenen Leistungen

(wie zum Beispiel Sprechstunden, 24-Stunden-Notruf,

Anlässe und vieles andere) können neu individuell à la

carte zusätzliche, kostenpflichtige Leistungen des

Bürgerspitals vor Ort und unkompliziert in Anspruch

genommen werden (Coiffeur, Handwerker, Wäscherei,

Schneiderei etc.).

Die beiden schlecht erschlossenen und nicht altersgerechten

CMS-Alterssiedlungen auf dem Bruderholz

(Friedrich Oser-Strasse und Albert Schweitzer-Strasse)

werden nicht mehr als Alterssiedlungen weitergeführt.

Die jetzigen Bewohnerinnen und Bewohner können, so

lange sie wollen, dort wohnen bleiben – oder in eine

andere Alterssiedlung umziehen. Frei werdende Wohnungen

in diesen beiden Siedlungen werden künftig vor

allem auch an jüngere Interessenten vermietet – was ein

spannendes Zusammenwohnen von Jung und Alt

ermöglicht, das auch in den Interviews in diesem RADAR

von allen Generationen gewünscht wird (Seiten 6-11).

Für eine Übergangsphase von zwei Jahren bietet

die CMS mit dem Bürgerspital überdies den Bewohnern

der beiden Bruderholz-Siedlungen einen zusätzlichen

mobilen Service mit Sprechstunden, Tages- und Notfallnummern

und Mittagstischen an. Dieses attraktive

Zusatzangebot ist gleichzeitig ein möglicherweise

zukunftsweisendes Pilotprojekt: Wenn es erfolgreich ist

und auch genutzt wird, prüft die CMS ein solches

Angebot auch für ihre anderen Liegenschaften. Eine

interne Untersuchung bei einer CMS-Liegenschaft im

Gellert hat beispielsweise ergeben, dass dort 38 Prozent

der Bewohnerinnen und Bewohner über 75 Jahre

alt sind. Da immer mehr ältere Menschen so lange wie

möglich in ihrer angestammten Wohnung bleiben und

nicht in ein Alters- und Pflegeheim wechseln möchten

(vgl. die Beiträge in diesem RADAR), könnten solche

mobilen CMS-Services für ältere Mieterinnen und Mieter

einem grossen Bedürfnis entsprechen.

Die Übergabe der CMS-Alterssiedlungen an das

Bürgerspital Basel erfordert auch neue Verträge der

bisherigen Bewohnerschaft mit dem Bürgerspital, der

neuen Betreiberin. Die neuen Pensionsverträge entsprechen

den hohen Schweizer und Basler Standards für

Alterssiedlungen mit Service, sind seit Jahren für solche

Wohnformen eigentlich üblich und bieten überdies

einen noch umfassenderen Kündigungsschutz als die

alten Verträge.

Es bleibt noch viel zu tun

Die CMS wird sich über die Kooperation mit dem Bürgerspital

hinaus weiter in anderen Bereichen für die Anliegen

der älteren Generation in der Stadt Basel engagieren.

Auch und gerade im Förderbereich. Die Abteilung

Soziales hat 2016 eine umfassende Bedarfsanalyse

durchgeführt. Das Resultat: Viele sozial Benachteiligte,

finanziell schlecht gestellte und vereinsamte ältere

Personen, auch mit Migrationshintergrund, Menschen

im hohen Alter, die sich auf Wohnungssuche begeben

müssen, und pflegende Angehörige bräuchten eigentlich

viel mehr Unterstützung und Hilfe. Hier klaffen noch

immer gravierende Lücken im sozialen Netz, auch in

Basel. Ein Thema sind auch neue Formen von Nachbarschaftshilfe.

In all diesen Bereichen wird die CMS sich

weiter engagiert einsetzen.

Dr. Beat von Wartburg

Direktor Christoph Merian Stiftung

3


Forschung

ALTER IST NICHT

GLEICH ALTER

Die Vorstellung davon, wie wir im Alter

leben und wohnen wollen, hat sich

in den letzten Jahren grundlegend

verändert. Das hat nicht nur, aber

auch Konsequenzen für die Wohnungswirtschaft

und die Planung und

Gestaltung von Wohnraum für ältere

Generationen. Die CMS hat sich

bei der Neuausrichtung ihrer Alterssiedlungen

auf aktuellste Erkenntnisse

gestützt. Eine Übersicht.

‹Wohnen im Alter› ist zu einer Formel geworden, die so geläufig wie un-

präzise ist. ‹Wohnen im Alter› umfasst vom selbstständigen Wohnen älterer

Menschen in ihrer angestammten Wohnung bis hin zur Vollbetreuung in

einem Pflegeheim die unterschiedlichsten Wohnformen.

Denn Alter ist nicht gleich Alter. Die Grenze beim AHV-Alter um das

65. Lebensjahr anzusetzen ist wenig hilfreich, weil Alternsprozesse vielfältig

und mehrdimensional sind. Der bekannte Altersforscher François

Höpflinger 1 hat vor mehr als zwanzig Jahren eine Einteilung verschiedener

Alternsphasen vorgenommen, die unter Fachleuten noch heute anerkannt

und auch für die Abklärung der Lebens- und Wohnbedürfnisse älterer

Menschen nützlich ist:

1. Alternsphase

Noch Erwerbstätige (50+) beginnen sich mit dem Übergang in die nachberufliche

Phase zu beschäftigen. Viele überprüfen ihre Wohnsituation.

2. Alternsphase

Menschen im gesunden Rentenalter (65+) erleben heute dank moderner

Medizin und gesunder, aktiver Lebensführung eine lange Phase behinderungsfreier

Lebensjahre, oft für zwanzig Jahre und länger. Dank der

heutigen Altersvorsorge können sie diese Phase oft autonom gestalten.

3. Alternsphase

Verstärkte Fragilisierung. Gesundheitliche Beschwerden und funktionale

Einschränkungen (Hören, Sehen, Gehen) können ein selbstständiges

Leben erschweren oder verunmöglichen. Ein geeignetes Wohnumfeld ist

jetzt wichtig – und oft auch Hilfe im Alltag (Putzen, Einkaufen).

4. Alternsphase

Pflegebedürftigkeit. Mehr als ein Drittel der über 85-Jährigen in der

Schweiz ist pflegebedürftig. Über vierzig Prozent von ihnen sind an De-

menz erkrankt. Wohnen sie noch zu Hause, benötigen sie meist tägliche

Betreuung und Pflege durch Angehörige oder professionelle ambulante

Dienste, oder sie sind in einem Alters- und Pflegeheim.

Wohnbedürfnisse und gewünschte Wohnformen sind weiter abhängig

vom Bildungshintergrund und den Einkommens- und Wohneigentumsverhältnissen.

Auch regionale Faktoren spielen eine grosse Rolle, zum

Beispiel ob jemand in einer städtischen oder ländlichen Umgebung lebt.

Wohnbedürfnisse und Wohnästhetik sind schliesslich von der individuellen

Lebensgeschichte geprägt. Jeder ältere Mensch trägt Spuren

früherer Zeiten in sich. Die eigene Wohnung ist für sie oder ihn weit mehr

als nur ein ‹Wohnraum›, sie ist vielmehr ein Ort persönlicher Erinnerungen

und Gegenstände. Bei einem Wechsel in ein Alters- oder Pflegeheim wollen

Menschen deshalb oft nicht nur ‹Nützliches› mitnehmen, sondern das, was

ihnen lebensgeschichtlich wichtig ist.

Die neuere Forschung bestätigt die lebensgeschichtliche Prägung

der Wohnbedürfnisse eindrücklich. Die Altersforscherin Joëlle Zimmerli 2

hat nachgewiesen, dass unser Bild der heutigen älteren, pensionierten

Generation noch immer stark vom traditionellen Gesellschaftsmodell

der Vorkriegsgeneration mit den Jahrgängen 1915 bis 1942 bestimmt ist

(Sparsamkeit, Bescheidenheit und traditionelle Rollenbilder). Die heute

über 75-Jährigen werden jedoch bei besserer Gesundheit älter, sie möchten

so lange wie möglich im privaten Zuhause wohnen und nicht in ein Altersheim

übersiedeln. Der Übertritt in ein Pflegeheim findet in dieser Generation,

verglichen mit früheren Generationen, deutlich später oder gar

nicht mehr statt und beschränkt sich auf wenige, aber pflegeintensive

Jahre (4. Alternsphase nach Höpflinger). Ihre Kinder wiederum, die heute

55- bis 75-jährigen Babyboomer (Jahrgänge 1943 bis 1963), sind mobiler,

trennen sich häufiger vom Lebenspartner und wechseln auch ihr Wohn-

umfeld häufiger. Für die Wohnungswirtschaft hat dies zur Folge, dass der

Anteil alter Mieterinnen und Mieter aus beiden Generationen steigt und

immer mehr alte Menschen zu Hause betreut werden möchten.

Diesen Trend bestätigt auch die vom Kanton Basel-Stadt regelmässig

durchgeführte ‹Befragung 55plus›. In der letzten von 2015 3 gaben rund

achtzig Prozent der Befragten an, dass sie im Alter sicher oder eher zu

Hause bleiben möchten, eventuell mit Unterstützung etwa durch die

Spitex. Nur rund dreizehn Prozent konnten sich gut vorstellen, in eine

Seniorenresidenz überzusiedeln. ‹Zu Hause bleiben› ist also ein zentrales

Anliegen.

Die unterschiedlichen Anforderungen der verschiedenen Alterns-

gruppen an Wohnformen hat die im Altersbereich tätige Ökonomin Ruth

Köppel 4 in einer richtungsweisenden Publikation von 2016 gebündelt. Sie

definiert zwei Wohnmodelle der Zukunft:

Wohn-Typ A

Altersgerechte Wohnungen für frühzeitigen Einzug für die 1. und 2. Alterns-

phase nach Höpflinger. In solche barrierefreien Wohnungen an möglichst

zentraler und gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossener Wohnlage

ziehen meist Paare, weil ihnen zum Beispiel ihre bisherige Wohnung

zu gross oder zu teuer geworden ist oder weil sie das Einfamilienhaus den

Kindern übergeben wollen. Der Wohnungsmix umfasst 2½- bis 4½-Zimmer-Wohnungen;

wichtig ist die Möglichkeit, Parkplätze zu mieten. Wer

einzieht, bleibt lange. Bei günstigen Mietzinsen kann es Jahre dauern, bis

Interessierte oben auf der langen Warteliste angekommen sind. Die

Bewohnerinnen und Bewohner brauchen weder Notruf noch Serviceleistungen

und sind deshalb erst bereit, für diese zu zahlen, wenn sie sie auch

beanspruchen.

Wohn-Typ B

Betreute Wohnungen für späten Einzug für die Alternsphase 3 nach Höpflinger.

Hier ziehen Hochbetagte (80 Jahre alt und älter) erst ein, wenn

sie die gebotenen Leistungen inkl. Pflege auch wirklich benötigen. Die

Betreuungspauschale beträgt oft mehrere hundert Franken monatlich.

Der Anteil der Alleinstehenden ist hoch. Der Wohnungsmix besteht aus

kleineren Wohnungen (oft 1½-Zimmer- bis höchstens 3½-Zimmer-Woh-

nungen). Die Aufenthaltsdauer ist kürzer, und Wohnungen werden schneller

frei. Parkplätze sind nur vereinzelt gefragt.

Die Forschungsergebnisse und Analysen zeigen auf, dass es neue Wohnmodelle,

Wohnformen und Wohnangebote für die ältere Generation

braucht. Hier ist die Wohnwirtschaft gefordert – aber auch Stiftungen

wie die CMS, welche die Herausforderung angenommen hat und ihre

Alterssiedlungen nach neuesten Erkenntnissen in Kooperation mit dem

Bürgerspital Basel neu ausrichtet.

Dr. Roland Wormser

ROLAND WORMSER

Roland Wormser ist Partner bei H Focus AG, einem privaten

Kompetenz- und Beratungszentrum im Gesundheitswesen.

Seit über zwanzig Jahren berät er Organisationen

in der Strategie- und Organisationsentwicklung

mit Schwerpunkt im Altersbereich. Elf Jahre lang war

er Verwaltungsratspräsident eines Alterszentrums. Die

CMS hat er bei der Strategieentwicklung für ihre Alterssiedlungen

unterstützt.

1 François Höpflinger/Joris Van Wezemael (Hg.): Age Report III, Wohnen in höherem Lebensalter. Grundlagen und Trends. Zürich/Genf 2014.

2 Joëlle Zimmerli: Wohnbedürfnisse und Wohnmobilität im Alter – heute und in Zukunft. Studie im Auftrag des Amts für Raumentwicklung Kanton Zürich. Zürich 2012,

online: http://www.zimraum.ch/studien/wohnbeduerfnisse-und-wohnmobilitaet-im-alter-heute-und-in-zukunft

3 Online: http://www.statistik.bs.ch/befragungen/kantonal/befragung-55plus.html

4 Ruth Köppel: Was Betagte sich wünschen. In: Age-Stiftung (Hg.): Age Dossier 2016. Betreute Wohnungen mit Heimvorteil. Zürich 2016, S. 5–10,

online: https://www.age-stiftung.ch/fileadmin/user_upload/Publikationen/Age_Dossier/Age_Dossier_2016.pdf (alle abgerufen am: 08.11.2018).

4


Expertin

«HÖCHSTE ZEIT,

DASS WIR HANDELN!»

scy Wer heute pensioniert wird, wird älter und bleibt länger jung

als alle Generationen vor uns. Das erfordert ein radikales Umdenken

der künftigen Lebens- und Wohnformen von Seniorinnen und

Senioren. Anna Ravizza ist interimistische Leiterin der Abteilung

‹Wohnen im Alter› der CMS. RADAR hat mit ihr über Irrtümer,

die neuen Herausforderungen und Chancen gesprochen. Und über

brachliegende Ressourcen.

Die Gerontologin, Human-Resources-Managerin und Unternehmensberaterin

Anna Ravizza ist seit Januar 2018 interimistische Leiterin des Bereichs ‹Wohnen im

Alter› der CMS. Die passionierte Golferin wohnt am Murtensee und pendelt von

ihrem Wohnort seither dreimal in der Woche nach Basel, wo sie die innovative

Neuausrichtung der CMS-Alterssiedlungen mitkonzipiert hat und begleitet. Die

Beschäftigung mit Altersfragen ist für sie zu einer Herzensangelegenheit geworden.

Und das kam so:

Anna Ravizza hat sich 2005 beim Uhrenunternehmen Rolex in Biel als eine der

ersten Personaldirektorinnen systematisch um die Lebensplanung der Mitarbeitenden

auch über die Pensionierung hinaus gekümmert. Weil sie der Überzeugung

war, dass ein Unternehmen gerade auch gegenüber langjährigen Mitarbeitenden

eine Verantwortung trage. Sie hat bei Rolex das Projekt ‹58plus› initiiert und Mitarbeitende

ab 58 mit fünf Weiterbildungstagen pro Jahr auf die Pensionierung

vorbereitet. Ist so etwas denn überhaupt nötig? «O ja», sagt Ravizza. «Aus dem

Arbeitsprozess austreten, noch fit sein, aber plötzlich nicht mehr ‹gebraucht› oder

wahrgenommen werden: Da kommt oft die grosse Leere. Das kann depressiv

machen oder zu Suchtproblemen führen. Wie und wo möchte man in den nächsten

zwanzig, dreissig Jahren leben und wohnen, was tun mit all der Freizeit? Sich erst

mit 65 mit diesen Fragen auseinanderzusetzen ist viel zu spät.»

Die Erfahrungen mit ‹58plus› und die Gespräche mit Mitarbeitenden waren

für Ravizza ein persönliches Aha-Erlebnis. Das Thema hat sie gepackt und ihr

Interesse an Altersfragen erst recht geweckt. Sie hat sich in Gerontologie weitergebildet

und in Biel eine neue Altersresidenz aufgebaut und geführt, die ganz

anders war als bisherige ‹Heime›. Kein isoliertes, beschauliches, blüemletes Trögli

am Waldrand weit weg vom Schuss, sondern das pure Gegenteil: modern, mitten

in der Stadt, mit öV gut erreichbar, mit einem Mix von Wohnungen und Einzelzimmern

im Pflegebereich, zwei Restaurants, Seminarräumen mit viel Publikumsverkehr,

integriertem Fitness-Center, einer Kita, einem stufenlosen Pflegeangebot

von Null bis Intensivpflege und einzeln buchbaren Serviceleistungen. Ravizza: «Die

‹bescheidene› und ‹dankbare› Nachkriegsgeneration, die sich an den Waldrand

ausgrenzen liess, stirbt weg. Die nachrückenden Seniorinnen und Senioren bleiben

länger jung, sind autonomer, selbstbewusster und wollen weder bemuttert noch

‹parkiert› werden.»

Klar, nicht alle älteren Menschen würden sich für einen Umzug in eine Altersresidenz

entscheiden, auch nicht in eine moderne. Die meisten wollten so lange

wie möglich selbstständig zu Hause wohnen. Aber egal, ob jüngere oder ältere

Seniorinnen, ob zu Hause oder in Altersresidenzen: «Man will Teil der Gesellschaft

bleiben, wahrgenommen werden! Unter Menschen sein, weiterhin eine Rolle spielen

und aktiv mitgestalten. Das grosse Potenzial der Menschen über 65 wird heute

noch viel zu wenig erkannt. Wer pensioniert wird, verschwindet heute oft vom

gesellschaftlichen Radar. Das ist schlecht für die Betroffenen und schlecht für

unsere Gesellschaft.»

Wer heute 65 sei, sei so fit wie früher 55-Jährige, das belegten zahlreiche

Studien, sagt Ravizza. Die Generation Ü65 sei mobiler, sportlich häufig sehr aktiv

und gegenüber neuen Technologien im Übrigen entgegen allen Clichés sehr offen.

«Fitte ältere Menschen könnten und müssten deshalb viel stärker für Gemeinschaftsaufgaben

gewonnen werden. In beider Interesse. Für Engagements in der

Nachbarschaftshilfe zum Beispiel, auch für die Betreuung von noch älteren

Menschen. Wer keine Betreuungsaufgaben übernehmen will, kann sich ja rein organisatorisch

betätigen. Etwa generell bei der Freiwilligenarbeit auch auf anderen

Gebieten. Oder sich politisch engagieren! Der Anteil der über 65-Jährigen

in der Politik ist gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil viel zu klein.» Die erfahrene

Altersexpertin: «Da sind vor allem die Gemeinden und die Quartiere gefordert.

Jemand muss den Lead haben, Ideen entwickeln und den Anstoss geben. Nicht von

oben herab etwas verordnen, sondern unkompliziert Vernetzungen ermöglichen.»

Für die ‹neuen Alten› sei vor allem auch eine ganz neue Wohnraumplanung

und -politik nötig, ist Ravizza überzeugt. Für ältere Menschen, die sich gegen einen

Umzug in eine Altersresidenz entscheiden und so lange wie möglich selbstständig

wohnen wollten, seien die heutigen Wohnungsangebote ungenügend. Es mangle an

zentral gelegenen und mit öV gut erreichbaren, nicht zu teuren Zwei- bis höchstens

3½-Zimmer-Wohnungen (für Ehepaare) mit Lift, Internet, schwellenlosem Zugang

auch zu und in den Nasszellen und der Möglichkeit, je nach individuellem Bedarf

Dienstleistungen à la carte beziehen zu können: Essen, Reinigung, Putzdienst,

Spitex. Zumal mobile Angebote weniger Kosten verursachten. Auf jeden Fall keine

Alters-Ghettos, sondern idealerweise eine durchmischte Mietklientel.

Gemischte Wohnmodelle mit Jung und Alt: tönt wunderbar. Aber was, wenn

die Partys der Hipster die Älteren stören, wenn Babys nachts durchschreien und

die Pingeligkeit der Älteren die Jüngeren nervt? Ravizza: «Unabdingbar ist bei

gemischten Wohnmodellen, dass Alte und Junge Räume haben, in denen sie sich

untereinander austauschen können. Es muss eine kontinuierliche Kommunikation

sichergestellt sein. Das trägt zum Verständnis bei. Warum nicht in solchen neuen

Wohnmodellen institutionell eine Mediatorin oder einen Mediator anstellen, die

bei Konflikten gezielt vermitteln und eine gute Kommunikation ermöglichen? Das

kommt allen zugute und wäre eine gute Investition.» Liegenschaftsbesitzer, -vermieter

und Immobiliengesellschaften hätten das grosse Potenzial neuer,

zukunftsgerichteter Wohnmodelle leider noch immer nicht erkannt. Gerade ältere

Mieterinnen und Mieter seien langjährige, treue Mieter. Zögen nicht alle zwei Jahre

aus wie jüngere, was Hausbesitzern auch viele Umtriebe erspare. «Die Herausforderung

ist: Wir müssen auch bei der

ANNA RAVIZZA

Planung von Wohnraum immer zwanzig

Jahre vorausdenken, entsprechend riere in jungen Jahren als Fernmeldesekretärin bei

Die 65-jährige Anna Ravizza begann ihre Berufskar-

bauen und renovieren. Wir leben in den ehemaligen PTT. Danach hat sie sich umfassend

unserer Gesellschaft zum ersten Mal weitergebildet: Wirtschaftsdiplom, Personalmanagement,

General-Management, Master in Human

mit vier bis fünf Generationen zusammen.

Das ist eine völlig andere Aus-

Resources, dipl. Heimleiterin, dipl. Gerontologin,

CAS-Weiterbildungen im Gesundheitswesen und im

gangslage als noch bis vor Kurzem.

Management. Sie war Personalchefin bei diversen

Höchste Zeit, dass wir handeln.» Grossunternehmen (u.a. Bernmobil und Rolex) und

Direktorin verschiedener Alterszentren. Seit Januar

2018 ist sie interimistische Leiterin ‹Wohnen im

Alter› der CMS. Nach der Neupositionierung der

CMS-Alterssiedlungen wird sie ab Frühjahr 2019 zum

Bürgerspital Basel wechseln, das die CMS-Alterssiedlungen

neu betreiben wird. Dort wird sie den

Ausbau des neuen Geschäftsfelds ‹Wohnen mit

Service› begleiten.

5


Nachgefragt

LEBEN UND

WOHNEN

HEUTE UND

IM ALTER

12 FRAGEN AN 6 MENSCHEN

AUS 3 GENERATIONEN

ANITA TRAUB, 85

Schweizerin, pensionierte Buchhalterin,

keine Kinder, lebt allein in der

CMS-Alterssiedlung Gellertfeld

6


Nachgefragt

scy RADAR hat sechs ganz unterschiedliche Menschen

in Basel persönlich in Interviews befragt: zu existenziellen

Fragen des Lebens, Zusammenlebens, sozialer

Kontakte, Wohnens, Alterns, Sterbens – aber auch zu

scheinbar Nebensächlichem wie Musikvorlieben und

Lieblingsspeisen.

Die beiden ältesten sind über achtzig Jahre alt und

leben heute schon nicht mehr so, wie viele unserer

überholten Alterskonzepte gegenwärtig noch funktionieren:

mit Café complet und Schweizer Ländlern am

Waldrand in einem Altersheim parkiert. Sie wollen weiterhin

autonom leben und wünschen sich allenfalls

punktuelle Unterstützung beim selbstständigen Leben

und eine bessere Infrastruktur in ihren Wohnungen. Die

beiden jüngsten Befragten sind noch keine zwanzig

und gehen frühestens in 46 Jahren in Pension, ab 2064.

Diese Generation wird gemäss demografischen Prognosen

multikultureller sein und noch unterschiedlichere

Biografien und Bedürfnisse haben als frühere. Nur ein

Detail: Riz Casimir, Braten, klassische Musik oder Rock

sind bei dieser Generation out. Angesagt sind hingegen

Rap und internationale Küche, auch des Herkunftslands.

Auch das wird, dereinst, die Rahmenbedingungen

der künftigen Altersbetreuung mitbestimmen.

Allen ist trotz aller Unterschiede etwas gemeinsam:

Freunde, Familie und gute Kontakte zu einer möglichst

gleichgesinnten, toleranten Nachbarschaft sind zentral

für ihr Wohlbefinden. Alter ihres gewünschten

Lebensumfelds: irrelevant. Gleichsam ein Plädoyer für

gemischte Wohnformen.

Sie alle verbindet zudem die Sorge, im Alter dement

zu werden, Kinder und Familie zu belasten und die Kontrolle

über sich selbst zu verlieren. Deshalb ist auch der

Freitod für einige ein Thema – als noch unbeantwortete

Frage, mit grossen Zweifeln behaftet.

Ahmad Schech Mohamed (18), Mira Rauscher (19),

Emanuel Strässle (54), Silvia Gnech (54), Hans Lengsfeld

(81) und Anita Traub (85) haben uns Antworten

gegeben zu ihrem Alltag und existenziellen Lebensfragen.

Wir geben sie hier kurz und pointiert wieder, in der

Reihenfolge ihres Alters.

AHMAD SCHECH MOHAMED, 18

kurdischer Syrer, Praktikant Fachmann

Betreuung in der Alterspflege, lebt mit

Eltern und sechs Geschwistern im Gundeli

7


Nachgefragt

WAS MUSS IHRE WOHNUNG

UNBEDINGT HABEN, DAMIT

SIE SICH WOHLFÜHLEN?

SILVIA GNECH, 54

italienischschweizerische Doppelbürgerin,

dipl. Therapeutin/Masseurin, lebt allein im

Klybeckquartier

AHMAD Küche, Bad und zwei Zimmer. Am

liebsten würde ich in einem Dorf leben, das

aber nicht zu weit weg von der Stadt liegen

sollte. Lieber nicht in einem Appartement

mit vielen Leuten, die aufeinander hässig

sind und streiten.

WAS IST DAS WICHTIGSTE

FÜR SIE IM LEBEN?

AHMAD Meine Familie ist mir das Allerwichtigste.

MIRA Die Menschen, die mir nahestehen.

EMANUEL Freiheit, Freiraum, freies Schaffen.

Auch deshalb bin ich Künstler.

SILVIA Ein guter Freundeskreis, ein erfüllender

Beruf und eine gesunde Lebensführung

mit guter Ernährung und genügend Schlaf.

Und ein Ort, an dem ich mich zu Hause fühle

und mich auch mal zurückziehen kann.

HANS Meine Familie. Wichtig sind mir auch:

Unabhängigkeit, Freiheit und Mobilität.

ANITA Freunde und gutes Essen! Ein gemütliches

Essen mit lieben Menschen ist für mich

etwas vom Schönsten.

WAS WÜRDEN SIE IN

IHREM LEBEN ÄNDERN,

WENN SIE KÖNNTEN?

AHMAD Ich wünschte, die Schule wäre nicht

so schwierig.

MIRA Im Moment gar nichts! Ich bin sehr

zufrieden mit meinem bisherigen und heutigen

Leben.

EMANUEL Da ich keinen anderen Job

machen könnte, wäre es gut, wenn ich mit

meiner künstlerischen Arbeit mehr Geld verdienen

würde. Dann könnte ich auch mehr

reisen: zum Beispiel nach Kalifornien, um

alte Freunde zu besuchen, bevor sie wegsterben.

Ich würde auch gerne mehr in der Natur

sein. Aber dafür fehlt mir momentan die Zeit.

SILVIA Ich hätte meinen beruflichen Weg

vielleicht etwas früher gezielter einschlagen

sollen.

HANS Eigentlich nichts. Oder doch, etwas

ganz Praktisches: Ich hätte gerne einen Lift

zu meiner Altbauwohnung im dritten Stock,

in der ich seit fünfzehn Jahren wohne.

ANITA Ich würde wohl nicht mehr heiraten.

MIRA Unbedingt ein grosses, gemütliches

Wohnzimmer mit einem grossen Sofa, in

dem das gemeinschaftliche soziale Leben

stattfindet! Wichtig ist mir auch ein eigenes

Zimmer, in das ich mich zurückziehen kann,

ganz für mich. Und ein kleiner Balkon.

EMANUEL Sie muss vor allem ruhig sein. Ich

bin extrem geräuschempfindlich. Und sie

muss hell sein. Ich bin auf dem Land aufgewachsen,

lebe aber gerne in der Stadt. Ich

brauche beides: die Natur und die Anonymität

der Stadt. Ich liebe das Urbane. Ich habe

lange Zeit im Gotthelfquartier gewohnt. Das

war mir aber zu bürgerlich, zu wenig lebendig.

SILVIA Licht und Sonne und einen Balkon!

Sonst brauche ich keinen grossen Komfort.

Am wohlsten fühle ich mich in Altbauwohnungen.

HANS Sie muss zentral in der Stadt liegen

und mit öV gut erreichbar sein, damit ich ins

Kino, ins Theater, ins Konzert, in Museen und

in die Lesegesellschaft gehen kann. Und sie

sollte einen Balkon haben. Und jetzt im Alter

einen Lift.

ANITA Eine schöne Küche, ein schönes Bad

und einen Balkon, auf dem man Blumen

pflanzen kann. Die Wohnung muss zentral

gelegen sein – und es muss auch Grün drum

rum haben. Wie die früher Alterssiedlungen

geplant haben weit weg vom Zentrum:

furchtbar!

8


Nachgefragt

EMANUEL STRÄSSLE, 54

Schweizer, Künstler, lebt mit der

erwachsenen Tochter im Kleinbasel

WEN HABEN SIE LIEBER

ALS NACHBARN:

GLEICHALTRIGE ODER

GLEICHGESINNTE?

AHMAD Ich wohne gerne mit jungen Menschen

zusammen, aber auch mit alten. Ich

habe alte Leute sehr gerne, weil sie so viele

spannende Geschichten erzählen.

MIRA Nachbarn sollten tolerant sein, auch

wenn man nicht viel mit ihnen zu tun hat.

Wie alt sie sind, spielt für mich keine Rolle.

EMANUEL Auf jeden Fall Gleichgesinnte. Ich

lebe in einem Haus, in dem auch andere

Kunstschaffende und kulturell interessierte

Menschen wohnen. Im Nebenhaus ist eine

Studenten-WG. Die machten früher öfters

bis zum frühen Morgen Partys auch unter

der Woche. Ich reflektiere aber am besten

frühmorgens und brauche mindestens sechs

Stunden Schlaf. Da musste ich dann schon

intervenieren, um meine Arbeit überhaupt

noch tun zu können.

SILVIA Ganz klar: Gleichgesinnte. Mir ist

wichtig, dass ich mich mit den Nachbarn

gut verstehe, egal wie alt sie sind.

HANS Mir sind Nachbarn wichtig, denen ich

vertrauen kann. Das müssen nicht Menschen

aus dem gleichen Umfeld sein. Das

Alter spielt keine Rolle. In unserem Haus

wohnt eine Familie mit Kindern. Das finde

ich sehr schön.

ANITA Das Alter spielt für mich keine Rolle.

Wichtig ist mir, dass ich mich mit meinen

Nachbarn gut verstehe, dass sie ein gewisses

Niveau haben – und dass ich mit ihnen gute

Gespräche führen kann! Ob 20 oder 100: egal.

WER KOCHT BEI IHNEN

ZU HAUSE – UND WAS

ESSEN SIE AM LIEBSTEN?

AHMAD Meine Mutter und meine älteste

Schwester kochen. Am liebsten mag ich

Mahshi mit gefüllten Weinblättern, Fleisch,

Reis, Kartoffeln, Auberginen und Tomaten.

MIRA Meine Mutter und mein Bruder kochen.

Am liebsten mag ich Currys, asiatisch oder

indisch.

EMANUEL Ich koche gerne, für mich alleine,

meine Tochter und auch für Freunde: Pasta,

Risotto, mediterrane Küche, viel Gemüse

und saisonales Obst. Ich esse seit ein paar

Jahren kein Fleisch mehr. Meine Tochter ist

Veganerin, da musste ich mir in der Küche

etwas einfallen lassen.

SILVIA Ich koche selbst für mich – und meine

Freunde. Am liebsten mag ich Braten mit

Kartoffelstock und Rotkraut mit Marroni.

HANS Ich lebe allein und koche nur, wenn

ich Besuch habe, zu Weihnachten zum Beispiel

Rindsbraten für die Familie. Mittags

gehe ich in die Kantine meines ehemaligen

Arbeitgebers, abends esse ich kalt. Am liebsten?

Italienisch vielleicht, Spaghetti Bolognese.

ANITA Ich koche selber für mich, und das

sehr gerne. Jeden Tag mindestens einmal

warm mit allem Drum und Dran und schön

präsentiert mit Stil. Am liebsten habe ich Riz

Casimir. Oder eine schöne Gemüsesuppe.

WELCHE MUSIK HÖREN

SIE AM LIEBSTEN?

AHMAD Songs vom amerikanischen Rapper

Whiz Kalifa, zum Beispiel ‹See you again›.

Aber natürlich auch kurdische und arabische

Musik. Und Musik vom deutschen Rapper

Kurdo, der kurdisch-irakische Wurzeln hat.

MIRA Bands vor allem. Alles von Hip-Hop,

Rap, Indie bis Ska und Reggae, ausser Charts

Musik.

EMANUEL In meinen Jugendjahren gerne

Pink Floyd, die Stones, die Beatles und später

auch gerne deutschsprachige Liedermacher,

heute querbeet. Vor zwei Jahren habe ich

Akkordeon zu spielen begonnen. Ich versuche

Lieder zu spielen, die mich bewegen. So

wollte ich unbedingt das Wiegenlied lernen,

das ich für meine Tochter gesungen habe,

‹Bajuschki Baju›, ein wunderschönes russisches

Wiegenlied.

SILVIA Ich gehöre zur Rock-Generation und

mag Rock am liebsten, auch Punkrock und

Hardrock. Die Rolling Stones sind meine

Lieblinge.

HANS Ich habe bis vor Kurzem noch Klavier

gespielt. Klassische Musik sagt mir am meisten

zu – das bürgerliche Repertoire eben.

Auch zum Beispiel Beatles oder Leonard

Cohen. Ich höre aber wenig Musik – und nie

nebenbei.

ANITA Klavierkonzerte, zum Beispiel von

Beethoven. Und dazwischen sehr gerne auch

Ländler.

9


Nachgefragt

MIRA RAUSCHER, 19

Schweizerin, Biologiestudentin

im ersten Semester, lebt mit

der Familie im Gotthelfquartier

WENN SIE ALT UND

GEBRECHLICH SIND:

WELCHE UNTERSTÜTZUNG

ERWARTEN SIE VON

IHREN KINDERN, FREUNDEN,

VOM STAAT?

WIE OFT TREFFEN SIE

SICH MIT FAMILIE UND

FREUNDEN?

AHMAD Ich wohne ja noch zu Hause und

sehe meine Familie immer. Richtige Freunde

habe ich hier keine. Ich meine richtige

Freunde, die immer für dich da sind. Ein

richtiger Freund ist mein Cousin, der im

Kriegsgebiet in Syrien lebt. Aber nette Kollegen

habe ich schon, und die sehe ich auch

häufig. Zweimal pro Woche im Fussballtraining

– und auch liebe Kollegen aus meiner

ehemaligen Schule hier.

MIRA Ich wohne noch zu Hause und sehe

meine Familie täglich. Auch meine Freundinnen

und Freunde treffe ich jeden Tag. Entweder

im Zusammenhang mit meinen Hobbys

Fasnacht und Volleyball – oder in der Stadt,

an Partys, Konzerten und Festivals. Das wird,

je nach Belastung im Studium, sicher abnehmen

in Zukunft.

EMANUEL Meine Tochter sehe ich natürlich

regelmässig. Mittags esse ich oft mit meinen

Künstlerkolleginnen und -kollegen und koche

auch gerne für Freunde. Zwei meiner Geschwister

leben in der Region, die treffe ich

regelmässig.

SILVIA Ich gehe jede Woche meine betagten

Eltern besuchen, und am Freitag und Samstag

gehe ich immer mit Freunden in den

Ausgang. Ich tanze sehr gerne!

HANS Rund einmal pro Woche besuche ich

eines meiner vier Kinder und deren Familien

in Zürich und Basel. Dazwischen verabrede

ich mich auch mit Freunden, zum Wandern

zum Beispiel. Und ich besuche regelmässig

meine Freundin, die in Deutschland lebt.

ANITA Meinen Bruder und meine Schwägerin

treffe ich regelmässig oder telefoniere mit

ihnen. Und ebenso oft meine Freundinnen

und Freunde. Mit den Kindern meiner ehemaligen

Pflegekinder fahre ich manchmal

mit meinem elektrischen Rollstuhl aus. Die

steigen dann auf den Rollstuhl auf und fahren

mit – und wir finden das alle sehr lustig!

WEN BITTEN SIE UM HILFE,

WENN SIE EINE SCHWERE

GRIPPE HABEN?

AHMAD Meine Familie natürlich, meine Mutter

vor allem.

MIRA Meine Familie, mit der ich zusammenwohne

und die mich umsorgt.

EMANUEL Ich kann es mir kaum leisten,

krank zu werden, und bin es zum Glück auch

selten. Ich versuche darum zu meinem Körper

zu schauen. Im Notfall würde ich auch

Freunde oder Leute im Haus um Hilfe bitten.

SILVIA Vor ein paar Jahren hätte ich noch

meine Mutter gefragt, aber sie ist mit ihren

82 Jahren jetzt zu alt und braucht selber

Hilfe. Ich habe einen guten Freundeskreis,

da hilft man sich gegenseitig.

HANS Meine Ex-Frau, die mir eine vertraute

Freundin geblieben ist.

ANITA Für Kleinigkeiten frage ich meine

Nachbarinnen. Wenn es etwas Ernsteres ist:

meinen Bruder und meine Schwägerin oder

meine Nichten und Neffen.

AHMAD In unserer Kultur ist es selbstverständlich,

dass sich die Familie um ältere

Menschen kümmert. Bei uns geht niemand

in ein Altersheim. Aber ich finde das schon

ok hier, dass die Menschen im Altersheim

sind. Wenn Bewohnerinnen und Bewohner

zum Beispiel dement sind und die Verwandten

keine Zeit haben, muss sich ja jemand

um sie kümmern.

MIRA Wenn ich vielleicht mal Kinder habe,

würde ich nicht von ihnen verlangen, dass

sie mich unterstützen oder pflegen. Ich

möchte diese Verpflichtung auch gegenüber

meinen Eltern nicht eingehen müssen. Dafür

gibt es heute und wohl auch in Zukunft

Menschen, die dafür ausgebildet und auch

bezahlt werden. Vom Staat? Ich denke, ich

werde mal genug verdienen, dass staatliche

Unterstützung nicht nötig sein wird.

EMANUEL Meiner Tochter möchte ich möglichst

nichts aufbürden. Ich kann mir nicht

vorstellen, dass ich je in ein Altersheim

gehen würde. Generationenübergreifende

Alters-Wohnprojekte finde ich zwar gut –

aber ich bin sozial nicht durchwegs kompatibel.

Ich könnte mir Alternativen vorstellen,

etwa in ein Kloster zu gehen.

SILVIA Kinder habe ich keine. Ich möchte

mal in eine Alters-WG ziehen, sodass man

sich gegenseitig helfen kann: Der eine kann

vielleicht nicht mehr gut laufen, die andere

sieht vielleicht nicht mehr gut. Vielleicht

ziehe ich auch mit meiner Schwester zusammen.

Vom Staat? Ich habe immer geschaut,

dass ich gut versichert bin und mein Leben

möglichst selbst bestreiten kann.

HANS Meine Kinder haben ihre eigenen

Familien und sind beruflich sehr gefordert.

Und solche Freunde habe ich nicht, von

denen ich Unterstützung oder Hilfe erwarten

würde. Ich werde wohl mal auf Spitex

und Essen auf Rädern zurückgreifen. Im

Moment hätte ich sehr gerne Unterstützung

bei der Wohnungssuche, denn ich muss

wegen der Treppen wohl in absehbarer Zeit

raus aus meiner Wohnung. Es fehlt mir aber

an Energie dafür.

ANITA Ich habe keine Kinder. Wenn es mir

wirklich schlecht geht, dann höre ich einfach

auf zu essen und zu trinken. Dann werde ich

schwach und schlafe nur noch. Die Nebenwirkungen

überwacht mein Hausarzt, zu

dem ich grosses Vertrauen habe – und er wird

die entsprechenden Massnahmen treffen.

10


Nachgefragt

HANS LENGSFELD, 81

Deutscher, pensionierter Mitarbeiter

eines grossen Basler Pharmaunternehmens,

lebt allein in der Innenstadt, vier erwachsene

Kinder und sieben Grosskinder

WIE GUT KOMMEN SIE KLAR

MIT IHREM HEUTIGEN

EINKOMMEN? REICHT ES FÜR

HEUTE UND AUCH MORGEN?

AHMAD Ich verdiene ein bisschen und gebe

zu Hause etwas ab. Aber ich werde sicher

mal einen guten Job haben als Krankenpfleger

und werde dann hoffentlich genug verdienen.

MIRA Ich habe eben mein Studium begonnen

und rechne damit, dass ich einmal einen

gut qualifizierten und bezahlten Job haben

werde, der mir Freude macht und mich auch

im Alter gut abstützt. Im Moment jobbe ich

und verdiene mir einen Zustupf zu meinem

Studium.

EMANUEL Eigentlich reicht es heute schon

nicht. Deshalb mache ich mir manchmal

grosse Sorgen, wie das wird, wenn meine

körperlichen Kräfte weiter schwinden. Aber

irgendwie ging es ja immer. Ich hoffe natürlich

immer wieder, dass ich auch Kunstobjekte

verkaufen kann.

SILVIA Ich lebe bescheiden und halte mich

an mein Budget. Wenn etwas mehr in der

Kasse ist, reserviere ich das für schlechtere

Zeiten.

HANS Ich habe mehr als dreissig Jahre lang

bei einem der grossen Basler Pharmaunternehmen

gearbeitet und habe eine gute Pension

und natürlich AHV. Es reicht – auch in

Zukunft, hoffe ich.

ANITA Es reicht gut. Aber ich brauche auch

nicht viel. Meine Haare schneide ich mir zum

Beispiel selber und spare so auch Geld für

den Coiffeur. Ich schnipple einfach ab, was

raussteht. Und sehe doch immer elegant aus

– nicht wahr?

WORAN DENKEN SIE,

WENN SIE AN IHRE LETZTE

LEBENSPHASE DENKEN –

UND WAS MACHT IHNEN

DABEI AM MEISTEN SORGEN?

AHMAD Vor Schmerzen habe ich Angst.

Oder dass ich dement werde und dann vielleicht

unhöflich werde und Menschen verletze.

MIRA Wenn ich mal dement und sehr krank

werden sollte, würde ich nicht weiterleben

wollen. Dann käme für mich Sterbehilfe

schon infrage.

EMANUEL Dass ich nicht genügend aufgeräumt

habe und dass meine Tochter meine

Wohnung oder mein Atelier räumen müsste.

Vielleicht gehe ich, wenn es nicht mehr geht,

in den Wald und lebe in der Natur und mit

Tieren und sterbe dann dort einen natürlichen

Tod. Vorstellbar ist für mich auch ein

Freitod. Das Leben selbst zu beenden ist

meiner Meinung nach ein Grundrecht. Ich

hoffe und denke, dass meine Tochter diese

Entscheidung akzeptieren würde.

SILVIA Ich hoffe, dass ich möglichst lange

gesund bleibe, beschwerdefrei gehen kann

und nicht blind werde.

HANS Die Unplanbarkeit des Alters beschäftigt

mich. Und dass ich meine geistige

Autonomie verlieren könnte und dement

werde. Ich bin unentschlossen: Exit ist für

mich ein Thema, wenn es so weit ist. Andererseits

war es für mich sehr wichtig, das

natürliche Lebensende meiner Grosseltern

und Eltern mitzuerleben. Um diese Erfahrung

möchte ich meine Kinder und Enkel eigentlich

nicht bringen.

ANITA Mir macht gar nichts Sorgen! Ich

weiss, was ich will – und ich kann mich auch

wehren. Und ins Spital lasse ich mich auch

nicht mehr einliefern. In letzter Zeit habe ich

das Vertrauen in diese Institutionen verloren.

Dasselbe gilt für Pflegeheime.

WIE ALT MÖCHTEN

SIE WERDEN?

AHMAD 150! Ich möchte in die Zukunft

sehen können und wissen, wie das dann

sein wird. Ob es dann immer noch Kriege

gibt und die Menschen sich um Öl streiten.

Ich hoffe, es wird dann nur noch ein Land

geben, nämlich das Land Erde – und nicht so

viele Länder, die sich bekriegen.

MIRA Ich möchte so alt werden, dass ich

mich noch gesund und fit fühle und das

Leben noch geniessen kann.

EMANUEL Ich habe mit der Instanz ‹oben›

mal 86 abgemacht. Wenn ich aber schon

früher nicht mehr frei sein kann, möchte ich

nicht auf dieser Zahl beharren. Natürlich

hoffe ich, dass ich die Zeichen der Zeit frühzeitig

erkennen und danach handeln kann.

SILVIA Hundert Jahre alt! Das wollte ich

schon als Kind.

HANS So alt, solange mein Verstand mich

nicht im Stich lässt.

ANITA Ich sagte früher: Ich will mal 124

Jahre alt werden. Heute sage ich: Ich will

noch so lange leben, solange ich noch

Freude am Leben habe. Sobald ich abhängig

werde, will ich nicht mehr weiterleben.

11


Graue Panther

«WIR SOLLTEN MÖGLICHST VIELEN

DAS MÖGLICHE ERMÖGLICHEN»

Die 75-jährige Elisabeth Nussbaumer

ist Vizepräsidentin der ‹Grauen

Panther Nordwestschweiz›, einer

Lobby-Organisation für ältere

Menschen in der Region. Für RADAR

hat sie ihre persönlichen Wohnerfahrungen

und -vorstellungen festgehalten.

Und sie sagt auch:

Hört auf, nur in Alterskategorien

zu denken.

Wohnen im Alter: Zu diesem Thema werden zahlreiche Studien

erstellt, veröffentlicht, diskutiert – in öffentlichen Foren, in der Politlandschaft,

im Freundes- und Bekanntenkreis. Da frage ich mich

manchmal schon: Gibt es eigentlich auch Studien zum Wohnen mit

25, mit 40? Und wenn nein, warum nicht? Welchen Hintergrund hat

das Kümmern um die Wohnbedürfnisse der Alten – und was heisst

denn eigentlich im Alter?

Wohnen war für mich immer ein ganz wichtiger Bestandteil

meiner Lebensqualität. Sich zu Hause wohlfühlen ist elementar für

meine Befindlichkeit. Das hat einerseits mit dem Ort, mit der Lage,

mit der Architektur, mit der Umgebung zu tun – aber vor allem mit

den Menschen im nächsten Umfeld.

Ich habe auch in jungen Jahren nie in einer WG gewohnt – ich

brauche meine eigene Küche! Zu Beginn unserer Familienphase

haben wir in Reinach so gewohnt, dass rund um uns andere Familien

waren, mit denen zusammen wir Mittagstische, Spielgruppen, Babysitting

etc. organisierten. Die Kontakte untereinander haben sich

bis heute erhalten, und wenn sich die damaligen Kleinkinder nach

vierzig Jahren irgendwo treffen, tauschen sie Erinnerungen an

damals aus. Später haben wir zusammen mit einer dieser Familien

ein altes Bauernhaus in einem Baselbieter Dorf gekauft und umgebaut.

Auch dort war es wieder so, dass wir uns als Hausgemeinschaft

mit zunächst drei und später vier Familien den Alltag unseren

Bedürfnissen entsprechend geteilt haben. Familie und Beruf waren

darum kein Problem. Es war garantiert, dass immer jemand zu

Hause war, wenn die Kinder von der Schule heimkamen, und dass

unter der Woche abwechselnd gekocht wurde. Diese Möglichkeit von

Gemeinsamkeit und gleichzeitiger Privatsphäre in der eigenen Wohnung

finde ich optimal. Abends nach der Arbeit spontan bei einem

Glas Wein zusammensitzen, aber sich auch zurückziehen können,

wenn einem danach ist, das ist für mich Wohnglück pur.

Ich bin kein ‹Landkind›. Ich bin in einem Vorort von Basel aufgewachsen,

und es war für mich immer klar, dass ich – wenn ich denn

einmal älter sein würde – in die Stadt zurückkehren wollte. Ein Trämli

vor dem Haus, zu Fuss auf den Markt, ins Kino oder ins Theater, alles

Wesentliche in der Nähe, Freundinnen und Freunde, die spontan vorbeikommen

können.

Lange habe ich mich vor allem theoretisch mit Zukunftsperspektiven

beschäftigt. Denn mein ‹Traumhaus› auf dem Land wollte

mich nicht loslassen. Zudem gab es, auch nachdem Ehepartner und

Kinder ausgezogen waren, keinen zwingenden Grund dafür, sofort

etwas an meiner Wohnsituation zu ändern. Es war für mich klar,

dass ich nicht irgendwo in der Stadt allein in einer Wohnung zusammen

mit wildfremden Menschen zusammenleben wollte.

Wie aber eine Hausgemeinschaft neu aufbauen, wie ich sie

während 35 Jahren erlebt hatte? Unkompliziert, tolerant, verbindlich

und dennoch flexibel? Ich habe mich bei diversen Gruppierungen

kundig gemacht, einmal bin ich sogar fast in ein Projekt in der Stadt

eingestiegen. Allerdings zeigte sich hier der Unterschied zwischen 30

und 65! Die Leichtigkeit, mit der wir uns als junge Familien mit anderen,

ähnlich ‹gestrickten› Leuten zusammengetan hatten, ist eben

im höheren Alter nicht mehr vorhanden. Alle bringen unendlich viele

Erfahrungen mit. Und alle wissen – viel besser als vor fünfzig Jahren

–, was sie wollen oder vielmehr: nicht (mehr) wollen. Ich hatte dann

den Mut oder die Energie nicht, mich auf das Experiment einzulassen.

Weil ich unsicher war, ob ich mich wohlfühlen würde – vielleicht

auch, weil ich die andern zu kompliziert fand. Zudem wohnte ich

nach wie vor sehr günstig in meinem viel zu grossen Haus, und es

bestand kein unmittelbarer Zwang, mich zu entscheiden.

Ich habe dann den Schritt doch gewagt. Seit gut vier Jahren

wohne ich jetzt tatsächlich in der Stadt. Durch Bekannte wurde ich

auf eine Wohnung aufmerksam, die von der Lage, von den Räumlichkeiten

und von den Mitbewohnern her eine so attraktive Alternative

zu meinem Haus im Dorf bot, dass ich mich spontan begeistern

liess. Ich hab’s bisher nie bereut. Ich habe den Rhein vor meinen

Fenstern, das Trämli in der Nähe, bin zu Fuss in fünf bis zehn Minuten

fast überall in der Stadt, und die meisten meiner Freundinnen

und Freunde wohnen in erreichbarer Nähe. Auch für die Grosskinder

bin ich in zehn Minuten erreichbar. Glück gehabt – einmal mehr!

Auch mein Bedürfnis nach unkomplizierter Nachbarschaft hat

sich in Bezug auf Verlässlichkeit und Toleranz erfüllt. Bekannte fanden

zwar, mit siebzig solle man nicht in eine Wohnung ohne Lift

ziehen. Aber das tägliche Treppensteigen hält mich vorläufig noch

fit. Ich hoffe, ich schaffe das mindestens noch fünf bis zehn Jahre

lang – sonst ist dann halt wieder ein Wohnungswechsel fällig.

Wohnen im Alter – es ist mir klar, dass es da noch viele anderen

Facetten gibt. Probleme mit der Vertreibung von langjährigen Mieterinnen

und Mietern aus der gewohnten Umgebung, unbezahlbare

Mieten, Vereinsamung. Vieles ist in Bewegung, es gibt Projekte in

den Quartieren, die sich mit den Problemen auseinandersetzen. Es

gibt viele Ideen für neue Wohnprojekte und ‹altersgerechte› Überbauungen

auch für generationenübergreifendes Wohnen. Bei einem

Rundgang durch diverse Quartiere mit dem Schwerpunkt ‹Wie erreichen

wir die unerreichbaren älteren Menschen?› ist mir allerdings

aufgefallen, dass sich Herausforderungen für das Zusammenleben

wohl nicht nur mit Konzepten vom Reissbrett lösen lassen. Nachbarschaftshilfe

kann man nicht verordnen. Dort, wo in Quartieren

bisher tatsächlich etwas geschah, waren es immer einzelne Menschen,

die sich an ihrem Arbeitsort oder innerhalb einer Siedlung

unkompliziert und gezielt um andere kümmerten und so sehr viel

bewirken konnten.

Es gibt nicht einfach ‹das Alter› und es gibt nicht ‹die Alten›.

Es gibt kein Universalrezept – denn es gibt unendlich viele Individuen

und wohl ebenso viele unterschiedliche Vorstellungen und Träume

in Bezug auf Leben und Wohnen. Wir sollten möglichst vielen das

Mögliche ermöglichen.

Elisabeth Nussbaumer

Vizepräsidentin ‹Graue Panther Nordwestschweiz›

www.grauepanther.ch

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Unik

SCHREIBT

EUER BUCH!

scy Jahrelang hat Gudrun Löffler ihre schwierige Kindheit

aufzuarbeiten und niederzuschreiben versucht. Erst mit

Unterstützung der Edition Unik ist es ihr gelungen. Sie hat

sich freigeschrieben und ist vom Projekt so begeistert, dass

sie nach ihrem ersten Buch gleich ein zweites Buch in

Angriff nimmt. Dieses Mal in Basel, wo die Edition Unik

nach Zürich seit diesem Herbst ebenfalls Begleitung bis

zum fertigen Buch anbietet. RADAR hat sie erzählt, wie es

dazu kam.

Auf das Schreibprojekt Edition Unik ist Gudrun Löffler durch Zufall gestossen.

In der Beilage einer Zeitung las sie davon und war zuerst skeptisch.

Sie hatte zuvor ihre Kindheitserinnerungen aufzuschreiben versucht.

Etwas unstrukturiert und chaotisch, wie sie selber sagt. Sie habe immer

gerne geschrieben. Aber es blieb ein ungeordnetes Sammelsurium mit

vielen Notizen und Zetteln. Sie informierte sich auf der Website der Edition

Unik. «Schreib dein Buch», stand dort. Es liess sie nicht mehr los.

Gudrun Löffler hat sich vor einem Jahr im damals noch ausschliesslich

in Zürich durchgeführten Projekt angemeldet, nahm an der Einführungsveranstaltung

teil, an den Workshops und wurde unterstützt: beim

Sammeln ihres Materials, beim Strukturieren, bei technischen Problemen

bis hin zur Gestaltung und zum fertigen Buch, das sie nach einem

17-wöchigen Schreibprozess heute stolz in den Händen hält: in senfgelbes

Leinen gebunden, sorgfältig editiert und gedruckt wie Bücher der Weltliteratur.

Nur dass darauf nicht ein illustrer Name steht, sondern: ‹Gudrun

Löffler – Geist, schaff’ Leben – Vom Fliegenlernen›. Den Titel hat sie ganz

bewusst gewählt, in Anlehnung und Abgrenzung zum christlich ausgerichteten

Herder-Verlag in Freiburg im Breisgau. Ein emanzipatorischer

Imperativ, gleichsam ein Appell an sich selber, denn das Motto des Verlags

lautet anders, nämlich: ‹Geist schafft Leben›. Der Freiburger Verlag hat

sehr direkt mit ihrer Biografie zu tun. Und nur schon der Buchtitel war

eine Befreiung.

Der Geist, der in ihrem erzkatholischen, konservativen Umfeld

herrschte und angeblich Leben schaffen sollte, habe ihr Leben mehr

behindert als ermöglicht, sagt Gudrun Löffler heute. Und das fing früh

an. Ihre Eltern, beide Religionspädagogen und Sozialarbeiter, gaben sie,

das älteste von fünf Kindern, bereits als Säugling zu Pflegeeltern. Das

Kind war emotional zwischen den leiblichen und den Pflegeeltern hin und

her gerissen, litt, besuchte das katholische Mädchengymnasium, brach

es wieder ab, wurde vom Vater ebenso wie zwei ihrer Brüder in den Herder-Verlag

geholt, schloss die Ausbildung als Verlagskauffrau ab und verliess

den Verlag danach sofort.

Viel später hat Gudrun Löffler sich von ihrem belastenden Umfeld gelöst,

sich weitergebildet und ein eigenständiges Leben geführt – die letzten

Jahre in Basel. Was sie zwischen ihrer Geburt und ihrer Emanzipation

erlebt und erlitten hat, steht heute zwischen leinengebundenen, senfgelben

Buchdeckeln. Nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern in ihrem

Buch. Nur für sie und ihre Freundin, die sie zum Schreiben ermuntert und

ihr auch bei der Bildgestaltung geholfen hat.

«Ich habe meine Kindheit und Jugend in Therapien aufzuarbeiten

versucht, wie viele andere das ja auch tun», sagt Gudrun Löffler. Therapeuten

hätten ihr auch schon geraten, sich ihre Lebensgeschichte von

der Seele zu schreiben, aber es habe nie geklappt. Erst mit diesem begleiteten,

strukturierten Schreibprozess bei der Edition Unik sei es ihr endlich

gelungen. «Nichts bisher hat mich so sehr befreit wie dieses Projekt.

Respekt für meine Ressourcen zu erfahren, war ein unheimlich gutes

Gefühl. Ich bin sehr glücklich, dass ich das gemacht habe, auch wenn es

zwischendurch hart war und mich psychisch sehr gefordert hat.»

Die Erfahrung mit ihrem ersten Buch hat sie so begeistert, dass sie

sich gleich an ein zweites gemacht hat. Dieses Mal in Basel, wo die Edition

Unik seit diesem Herbst neu ebenfalls jährlich zwei Schreibrunden

anbietet. Das nächste Buch wolle sie, sagt Gudrun Löffler, dann nicht nur

für sich selber, sondern auch für andere, vor allem Familienmitglieder

schreiben. «Eine Art Leitfaden, eine Emanzipationshilfe als Ermutigung,

wie man sich aus belastenden Fesseln befreien könnte.»

EDITION UNIK

Die vom Basler Kulturunternehmer und Kurator Martin Heller und seinem Zürcher Unternehmen

Heller Enterprises 2014 lancierte Edition Unik ist ein Kulturprojekt, das Menschen die

Möglichkeit gibt, ihre (Lebens-)Geschichte aufzuschreiben. Zielpublikum sind vor allem

Personen, die noch nie geschrieben haben. Sie werden beim Sammeln und Strukturieren ihres

Materials und ihrer Ideen unterstützt und in Workshops angeleitet. Nach rund vier Monaten

wird das Material zu einem hochwertigen Buch gedruckt. Je nach Bedürfnis bleibt es bei zwei

Ausgaben pro Teilnehmerin und Teilnehmer oder es werden mehrere Bücher für den privaten

Gebrauch produziert – aber nicht öffentlich verlegt. Das Basispaket kostet 550 Franken für

zwei Bücher – ohne Korrektorat, Mentoring und zusätzliche Bücher. Seit Herbst 2018 ist das

Projekt von Zürich auf Basel ausgeweitet worden. Die nächste Runde startet im Frühjahr 2019.

Bisher sind in der Edition Unik rund 300 Bücher entstanden.

Die Christoph Merian Stiftung unterstützt das Projekt im Jahr 2018 mit CHF 30’000.

www.edition-unik.ch

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4seasons

4SEASONS

EIN WERKSTATTBERICHT

sen Dessertträume aus Gemüse, Kochen mit Eingemachtem. Oder

doch lieber eine Pilzexkursion, ein Workshop zum Thema Food-

Waste? Das Kursprogramm des Projektes ‹4seasons› liest sich verführerisch.

Die Entscheidung fällt nicht leicht. Sofort schmecke

ich süss-aromatische Gewürze auf der Zunge, sehe knackiges

Gemüse vor meinem geistigen Auge, rieche den Duft von feuchtem

Waldboden in der Nase.

Ich entscheide mich für den dreistündigen Kochkurs zum Thema Essig. Kursort ist

die Kochnische in der Basler Markthalle. An diesem Dienstagabend findet sich eine

bunt gemischte Gruppe aus lernwilligen, begeisterungsfähigen Menschen unterschiedlichen

Alters zusammen. Der Ort ist ansprechend, die Atmosphäre locker und

unkompliziert. Sofort ergibt sich ein reger Austausch unter den Kursteilnehmenden.

Um Essig selber herzustellen – so lernen wir – braucht es viel Zeit. Mehr Zeit, als wir

im Kurs zur Verfügung haben. Ziel des Abends ist deshalb nicht die Herstellung von

frischem Essig. Sondern wir veredeln jeweils in kleinen Gruppen gekauften Essig.

Mit Gewürzen, Beeren oder Wurzeln – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Genau darum geht es den Initiantinnen von ‹4seasons›. Sie wollen bei den

Teilnehmenden die Lust wecken, Neues auszuprobieren, mit altem Wissen zu experimentieren,

gemeinsam zu kochen und sich schliesslich beim Verkosten am grossen

Tisch darüber auszutauschen. Denn das Ziel des Projektes ist es, über neue

Erfahrungen das Bewusstsein für nachhaltige Ernährung zu schärfen. Umweltschonende

Ernährung muss – allen Vorurteilen zum Trotz – nicht teuer sein. Im

Gegenteil: Der Verein 4seasons bietet gezielt Kochkurse, Exkursionen und Workshops

für Menschen mit kleinem Budget an. Denn für eine gesunde und nachhaltige

Ernährung braucht es kein dickes Portemonnaie, sondern vielmehr gute Kenntnisse

über Lebensmittel, wie sie produziert werden und wo sie in der Region beschafft

werden können. Kochpraxis ist natürlich von Vorteil.

Gemeinsam mit den Teilnehmenden gehen die Kursleitenden von ‹4seasons› in

kurzweiligen und lebhaften Kursen der Frage nach, wie sich die Ausgaben für

Lebensmittel niedrig halten lassen. Gleichzeitig wird gelernt, saisongerecht und

gesund zu kochen, ohne dabei Lebensmittel zu verschwenden. Lebensmittelproduzentinnen

und -produzenten erklären in Workshops und auf Exkursionen die

Herstellungsbedingungen von Nahrungsmitteln. Fachleute vermitteln Wissen über

ökologische Zusammenhänge und die Auswirkungen des eigenen Konsumverhaltens

auf die Umwelt. Interessierte begegnen sich in Gärten und an Küchentischen

zum Austausch.

Die Veranstaltungen von ‹4seasons› rund um gesunde und nachhaltige Ernährung

für Menschen mit wenig Geld – oder auch mit mehr Geld – sind im Raum Basel

einzigartig. Durch die Zusammenarbeit mit den lokalen sozialen Organisationen

wird ein ansprechendes Angebot erarbeitet, das nicht nur Wissen vermittelt, sondern

auch den Wissensaustausch fördert. Das Projekt, von der CMS mit jährlich

CHF 18’000 in den Jahren 2018 bis 2020 gefördert, zeigt auf, dass eine nachhaltige

Lebensweise nicht vom Einkommen abhängig ist. Es macht Lust aufs Entdecken.

Mir hat es auf jeden Fall den Ärmel reingezogen. Zusammen mit den anderen

Kursteilnehmenden fülle ich meinen mit Himbeeren und Ingwer veredelten Essig

in schöne Glasflaschen ab. Die beiden Kursleiterinnen haben aus einem Fair-Teiler

Salat, Gemüse und Nüsse mitgebracht. Zusammen mit selbst gebackenem Brot

können wir nun unseren Essig degustieren. Gemeinsam an einem langen Tisch, in

regem Austausch über die gemachten Erfahrungen, fällt es den Teilnehmenden

schwer, die gemütliche Runde am Schluss des Abends wieder zu verlassen.

www.4seasons-basel.ch

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Iglingerhof

FAST WÄRE ER EINE

KLEINSTADT GEWORDEN:

DER IGLINGERHOF

asa Der Iglingerhof bei Magden (AG) ist der älteste Landwirtschaftsbetrieb

der Christoph Merian Stiftung (CMS).

Den Pachthof umgibt eine vielfältige Hügellandschaft

mit Wiesen, Weiden, Hochstamm-Obstbäumen, Hecken,

Ackerland und Wald. Ebenso vielfältig ist die Betriebsform:

Die Pächterfamilie hält Milchvieh, Mastvieh und Pferde und

betreibt Ackerbau. Seit genau hundert Jahren ist der Iglingerhof

im Besitz der CMS.

Der gekaufte Gaul

Ein Pferd, «das mager auf den Markt kommt, aber gesund, recht gebaut

und in guten Jahren ist» – so landwirtschaftlich stimmig empfiehlt 1918

ein Gutachten der Christoph Merian Stiftung den Iglingerhof. Zum Hof,

wo noch Petroleumlampen Licht spenden, gehören damals verschlafene

66 Hektaren. Die CMS will aber genau solche Bauernhöfe kaufen. Sie ahnt,

dass ihr stadtnaher Landwirtschaftsbesitz früher oder später vom stetig

wachsenden Basel übernommen wird. Am 20. September 1918 wird der

Kauf des Iglingerhofs besiegelt, und ein Pächter übernimmt den Betrieb.

Die Anfangszeit ist nicht einfach. Der Präsident der Stiftungskommission

will nicht froh werden, als er in der Stiftungsgeschichte von 1936

über den Ankauf des Iglingerhofs schreibt. Der Betrieb rentiert nicht,

der Pachtzins ist sogar gesunken. Der Ärger über den Besitz des Iglingerhofs

quillt aus jeder seiner Zeilen. Man liest Worte wie «ungünstiger

Zeitpunkt», «übersetzte Preise», «Zweifel an der Zweckmässigkeit»,

«erschwerte Aufsicht», «nicht im besten Zustande» und schliesslich das

Totschlagargument für jeden Bauernhof: «ganz ungenügende Wasserversorgung».

Wahrscheinlich denkt er sich, dass man 1918 das Pferd doch

gründlicher hätte anschauen sollen. Und dennoch: Andere Stiftungshöfe,

die nach der vorletzten Jahrhundertwende angekauft wurden und näher

bei der Stadt lagen, wurden meist industriell erschlossen und gingen allesamt

der Landwirtschaft verloren. Der Iglingerhof hat gut überlebt, und

sein Umfang ist heute etwa der gleiche wie vor hundert Jahren. Es hätte

aber auch anders kommen können.

Satellitenabsturz in Iglingen

Die 1960er-Jahre sind die Zeit von Hochkonjunktur und Babyboom, die

Zukunft erscheint im hellsten Licht. Nun werden Idealsiedlungen für

mehrere Tausend Bewohnerinnen und Bewohner auf der grünen Wiese

geplant. Die Basler Chemie gründet 1962 die ‹AG für Wohnbauplanung

der Industrie› mit dem Ziel, das Fricktal für ihre Angestellten zu erschliessen.

Der Gemeindeplaner von Magden sieht seine Chance gekommen.

Zusammen mit dem Geographischen Institut der Universität Basel und

der CMS studiert er 1963/64 die Möglichkeit einer Satellitenstadt auf dem

Boden, auf dem auch der Iglingerhof steht. Die Studien sind gigantisch.

Sie rechnen mit 2’250, 3’000 und mindestens (!) 5’000 Menschen. Die

aargauische Kantonsverwaltung hält das alles aber für ein «reines Spekulationsobjekt»

und verweigert jegliche Unterstützung. Die Iglinger

Visionäre schaffen es nicht, die zuständigen Stellen aus deren, wie sie

meinen, Schlaf zu rütteln. Der Satellit Iglingen wird gegroundet, die

stadtplanerischen Visionen für das Fricktal werden in der Liebrüti bei

Kaiseraugst und im Augarten bei Rheinfelden Realität.

Sankt Nikolaus bei der Scheune

Wäre Iglingen zur Satellitenstadt geworden, hätte vom Hof nur sie überlebt:

die merkwürdige spätgotische Kapelle. Heute ist sie der Abschluss

einer Stallscheune, einst war sie der Chor einer 1860 abgebrannten Klosterkirche.

Diese architektonische Kuriosität ist mindestens 500 Jahre alt,

der Iglingerhof selbst entstand als alemannische Siedlung vor rund 1’500

Jahren. Der Name Iglingen bedeutet vermutlich ‹Bei den Leuten des Igo›.

Was für eine Siedlung Iglingen war, um wen es sich beim Germanen Igo

handelte und was in den folgenden Jahrhunderten geschah, ist nicht

bekannt. 1255 kauft das Kloster Olsberg die Siedlung, lässt dort den sehr

beliebten Heiligen Nikolaus verehren und richtet eine klösterliche Niederlassung

für Männer, ab 1465 eine für Frauen ein.

Das religiöse Zusammenleben endet nach der Reformation im 16.

Jahrhundert, der Bauernhof besteht aber weiter. Als die CMS das Anwesen

erwirbt, ist die Kapelle ein baufälliger Geräteschuppen. 1945/46 finanziert

die Stiftung die Wiederherstellung. Eines der erneuerten Kapellenfenster

zeigt nun das Wappen der Familie Merian. Die Kapelle steht sowohl unter

dem Schutz des Bundes als auch unter dem des Kantons Aargau, jener

des Himmels scheint gegeben.

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Aktuell

ASTHAUFEN

aba Auch wenn die Astern verblüht sind und die

Sammlungen ruhen, gibt es in den Merian Gärten

viel zu sehen und zu bestaunen. Jedes Jahr

wächst ab November auf dem Brüglingerhof ein

Berg Äste und Zweige in die Höhe, so mächtig

wie eine weitere Scheune. Ein verblüffter Besucher

fragte kürzlich: Was ist das für ein riesiger

Haufen?

Simon Goll, Obergärtner in den Merian Gärten, weiss die Antwort:

Ich finde, der Asthaufen gehört im Winter einfach zu den Merian Gärten. Er ist

Anziehungspunkt für Kinder (hier finden sich die besten Stecken zum Spielen),

temporäres Naturkunstwerk und vor allem Zeugnis unserer Winterarbeit. Denn im

Winter stehen bei mir als Leiter des Teams Landschaftspflege fast täglich Holzarbeiten

auf dem Programm: Wildhecken, Waldränder und andere Gehölze müssen

gepflegt werden.

In den Wildhecken entfernen wir aufgekommene Bäume, welche die Hecke zu

stark beschatten – meist handelt es sich um schnellwachsende Arten wie Eschen

und Robinien. Bei den Sträuchern nehmen wir die Arten zurück, die andere verdrängen,

wie Hasel oder Hartriegel. Umgekehrt stellen wir auch einzelne Sträucher wie

Kreuzdorn oder eine schöne Kornelkirsche frei, um sie zu fördern. So sichern wir,

dass die Vielfalt erhalten bleibt. Diese Arbeit muss im Winter gemacht werden, da

in dieser Zeit keine Vögel in den Hecken brüten. Um die Störung der Wildtiere gering

zu halten, sind die Heckenbereiche in Sektoren unterteilt und werden alternierend

nur alle drei Jahre bearbeitet.

Auch die Pflege der Waldränder gehört zu unserer Winterarbeit. Wir entfernen

die Bäume und Sträucher, welche zu weit über die Wiesen hinauswachsen. Unser

Ziel ist ein gestufter Waldrand mit einem sanften Übergang vom Krautsaum über

Kleinsträucher zu den Bäumen. Wichtige Vorgaben für die Eingriffe liefert dabei die

Biodiversitätsstrategie, auf deren Basis wir den langfristigen Pflegeplan erarbeiten.

Zentral für uns ist auch die Ästhetik. Wir sind ein Garten, da steht das Besuchserlebnis

im Vordergrund. Unsere Eingriffe erfolgen deshalb gezielt, damit das Erscheinungsbild

auch nachher natürlich und harmonisch wirkt. Ich bin froh, dass unser

Team damit viel Erfahrung hat. Wir schauen jeweils vor Ort gemeinsam an, was

zurückgeschnitten werden soll und was stehen bleibt. Wir sind mit Motorsägen,

Schnittschutzausrüstung, Gesichts- und Gehörschutz ausgestattet und können die

Arbeiten dann gleich erledigen. So ist keine grosse Kennzeichnung wie im Forst

nötig und die Auswirkung auf die Besucherinnen und Besucher bleibt (nebst dem

Maschinenlärm) gering.

Das Holz, das anfällt, wird übrigens direkt im Garten sortiert. Was sich als

Brennholz eignet, wird zugeschnitten, gespalten und für den Holzofen im Lehmhaus

eingelagert. Der Rest landet hier auf dem Asthaufen und wartet auf den Häcksler.

Das ist eine grosse Maschine, welche alles zu Holzschnitzeln für unsere Heizung

verarbeitet. Pro Winter ergibt das im Schnitt rund 200 Kubikmeter Schnitzel – deren

Energie würde ausreichen, um sechs Einfamilienhäuser ein Jahr lang zu heizen.

Ich staune immer wieder über den Berg Holz, der klein beginnt, aber schnell

auf vierzig Meter Länge und fünf Meter Höhe anwächst. Während man in den

Hecken und Gehölzen unsere Eingriffe kaum sieht, zeigt sich hier, wie viel Material

der Garten liefert. Und obwohl das Holz ein wichtiger Ertrag für uns ist, freuen wir

uns, wenn Besucherinnen und Besucher den einen oder anderen Ast mitnehmen

und sich zu Hause ein Stück Merian Gärten in die Vase stellen.

JUNGE MÜTTER – LEBENSGESCHICHTEN

ccl Jung, keine abgeschlossene Berufsausbildung – und schwanger.

Junge Mütter leben mit einem hohen Risiko, in ökonomischer

Abhängigkeit zu verbleiben und keine sozial eigenständige Biografie

aufbauen zu können. In Basel leistet der Verein AMIE seit 2007

Pionierarbeit im Bereich der Berufsintegration junger Mütter. Das

Programm von AMIE stellt sicher, dass junge Mütter auf ihrem Weg

in ein eigenständiges und unabhängiges Leben die Unterstützung

bekommen, die sie benötigen.

Zum Beispiel Lucia, die ihr ungewolltes Kind einer Pflegefamilie überlassen

wollte und sich dann doch anders entschied. Oder Yangdron,

die aufgrund ihrer Schwangerschaft den Einstieg ins Berufsleben

verschieben musste.

Das Porträtbuch gibt Einblick in das Leben junger Mütter und

soll auf ihre Situation aufmerksam machen. Die Autorin und Journalistin

Martina Rutschmann hat mit neun Frauen ausführliche

Gespräche geführt. Die porträtierten Mütter erzählen ungeschminkt

von ihrem Lebensweg, ihren Gefühlswelten und ihrem Alltag.

Ausgewählte Fachbeiträge vertiefen die Problematik und beleuchten

das Thema aus gesellschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher

Perspektive. Der Fotograf Daniel Infanger setzte mit den jungen Frauen

jeweils individuelle Bildserien um, die sie in ihrem eigenen Umfeld, in

ihrem Alltag und in Bewegung zeigen.

‹Junge Mütter – Lebensgeschichten› ist ein einfühlsames Porträtbuch

über das frühe Muttersein, über Freundschaft, Mut und

Durchhaltevermögen. Die Publikation erschien im Oktober 2018 im

Christoph Merian Verlag.

Amie Basel (Hg.)

Junge Mütter

Lebensgeschichten

240 Seiten, 113 farbige Abbildungen,

Klappenbroschur, 15 × 21 cm

CHF 29.-/EUR 28,–

ISBN 978-3-85616-878-0

Redaktion: Carlo Clivio (ccl), Elisabeth Pestalozzi, Kommunikation CMS; Sylvia Scalabrino (scy), Basel

Mitarbeit: Alexandra Baumeyer (aba), Leiterin Vermittlung & Kommunikation Merian Gärten;

Sandra Engeler (sen), Projektleiterin Soziales CMS; André Salvisberg (asa), Archivar CMS

Gestaltung: BKVK, Basel – Beat Keusch, Anna Klokow

Illustrationen: Balsam, Basel – Annina Burkhard

Korrektorat: Dr. Rosmarie Anzenberger, Basel

Druck und Bildbearbeitung: Gremper AG, Basel/Pratteln

Auflage: 3’500 Exemplare; erscheint dreimal jährlich (April, August, Dezember)

Bildnachweis: Archiv Gudrun Löffler (S. 13), Kathrin Schulthess (S. 14, S. 15 unten, S. 16 oben), Archiv CMS (S. 15)

St. Alban-Vorstadt 12

Postfach

CH-4002 Basel

T + 41 61 226 33 33

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