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GrundschulEltern

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Ein Ratgeber für Familie und Schule

Die Grundschule als Lern- und Lebensraum

Die Lernbereiche der Grundschule

Kinder, Eltern, Schule


Liebe Eltern,

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens

nach sich selber.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,

Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,

Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Diese Sätze des Philosophen Khalil Gibran werden oft

zitiert. Aber was bedeuten sie für das tägliche Miteinander

von Eltern und Kindern – und deren LehrerInnen?

In den letzten Jahren sind Bildung und Schule wieder in

der öffentlichen Diskussion: Lernen unsere Kinder genug?

Ist der Leistungsdruck zu groß? Kommen alle Kinder

in der Schule zu ihrem Recht? Viel wird über eine angemessene

Organisation der Schule nachgedacht. Auch der

Nutzen unterschiedlicher Unterrichtsmethoden wird intensiv

diskutiert. Dabei gerät oft aus dem Blick, wie wichtig

die Personen sind, denen die Kinder begegnen: in der

KiTa, in der Schule – und in der Familie und ihrem Umfeld.

Pädagogik lebt von Haltung. Es sind die Menschen, die

Kinder prägen. Die ihnen Selbstbewusstsein vermitteln

– oder nehmen. Die ihre Interessen anregen und ihnen

Fenster öffnen in fremde Welten. Die als Modelle hilfreich

sind – oder hinderlich.

»Allen Kindern gerecht werden« – diesen Anspruch hat

der Grundschulverband zur Leitidee für seine pädagogische

und bildungspolitische Arbeit erklärt. In den folgenden

zwölf Kapiteln werben wir dafür, die Kinder als

selbstständige Persönlichkeiten ernst zu nehmen: als

Partner mit individuellen Vorstellungen und Interessen.

Und als Denker, die sich ihr eigenes Bild von der Welt machen:

wie technische Geräte funktionieren; was gerecht

ist; aber auch, was es mit Schrift und Zahlen auf sich hat.

Das hat Folgen für Unterricht. Er kann keine Einbahnstraße

sein. Entsprechend tiefgreifend hat sich die Grundschule

in den vergangenen mehr als 30 Jahren verändert.

Der Grundschulverband hat deutlich gemacht,

was »Fördern durch Teilhabe« heißt: »Kindern wird Mitsprache

und Mitverantwortung für ihr Lernen zugestanden

und abverlangt«. Davon schreiben wir auf den folgenden

Seiten. Wir selbst haben diese Veränderungen

in verschiedenen Rollen miterlebt: als SchülerInnen, als

Eltern, als LehrerInnen, als bildungspolitisch engagierte

BürgerInnen und über unsere Forschungsarbeit. Uns hat

fasziniert, Kinder zu beobachten, wie sie sich die Welt erobern.

Etwas von dieser Faszination wollen wir hier weitergeben.

Und Sie anregen, sich ebenfalls für die Rechte

der Kinder und bessere Lebens- und Lernbedingungen

zu engagieren. In Schule und Familie.

Ihre Redaktion

Hans Brügelmann in Zusammenarbeit mit Axel Backhaus,

Erika Brinkmann und Babette Danckwerts

Inhalt

Die Grundschule als Lern- und Lebensraum

Schulanfang heute 1

Sind altersgemischte Klassen erfolgreicher? 3

Je früher, desto besser? 3

Inklusion – Integration 5

Gemeinsamer Unterricht: auch für unser Kind möglich? 6

Untersuchungen zum gemeinsamen Unterricht 7

Die Not mit den Noten 9

Was leisten Noten – nicht? 10

Tests oder Texte –welche Alternativen

gibt es für Noten? 11

Schulwechsel:

Welche Schule ist gut für unser Kind? 13

Entscheidung über die weiterführende Schule 15

Die Lernbereiche der Grundschule

Kinder erforschen die Welt – wie Wissenschaftler 17

Die Welt zeigen und erklären –

oder die Kinder selbst entdecken lassen? 18

Lernen durch Anschauung und Selbsttätigkeit 19

Kinder: Entdecker und Erfinder –

auch beim Lesen- und Schreibenlernen 21

Freies Schreiben von Anfang an – oder :

Lernen Kinder besser mit der Fibel? 23

PISA und IGLU: Ist die deutsche Schule nur Mittelmaß? 23

Rechnen – auf eigenen Wegen 25

Jeder rechnet anders … Befunde aus der Forschung 26

Ideen zur Anregung und Unter stützung

mathematischen Lernens 27

Was ist Dyskalkulie? 27

Ästhetisches Lernen: Malen, Singen,

Tanzen, Spielen, Bewegen … 29

Lernen mit allen Sinnen – aber mit Sinn 30

Macht Musik schlau? 31

Kinder bestimmen mit –

in Familie und Schule 33

Offener Unterricht, Freiräume im Unterricht 35

Kinder, Eltern, Schule

Hausaufgaben: wozu und wie? 37

Tipps für Hausaufgabenbetreuung im Alltag 38

Was bringen Hausaufgaben? 39

Hausaufgaben oder Schularbeiten?

Alternativen aus der Praxis 39

Kinder mit Problemen – Probleme mit Kindern? 41

Fragen zu ADHS, Legasthenie,

Medikamente ja oder nein 42

Umgang mit Schwierigkeiten im Alltag 43

Kinder und die »neuen Medien« 45

Schaden oder nutzen die »neuen Medien«? 46

Zum Umgang mit den Medien im Alltag 47


Schulanfang heute …

… ist in vieler Hinsicht nicht mehr so

wie vor 20 oder 30 Jahren. Wundern Sie

sich deshalb nicht, wenn in der Klasse

Ihres Kindes manches anders ist als

zu Ihrer eigenen Schulzeit, vielleicht

aber auch anders als in der Schule des

Nachbarorts.

Beispiele aus einigen Klassen:

●●

Die Kinder arbeiten miteinander an

Gruppentischen. Dabei müssen sie nicht

die ganze Zeit auf ihren Stühlen sitzen.

Kinder haben nicht nur einen Kopf, sie

haben einen Körper, der viel Bewegung

braucht, und Sinne, mit denen sie vielfältig

wahrnehmen und sich ausdrücken

wollen – und dies jedes zu seiner Zeit.

●●

Es ertönt kein Klingelzeichen. Die

Gruppen und auch einzelne Kinder arbeiten

in ihrem eigenen Rhythmus

von Anstrengung und Entspannung –

und der folgt nun einmal nicht den früher

üblichen 45-Minuten-Sprüngen der

Schuluhr.

●●

Zur Lerngruppe gehören auch Kinder

mit besonderem Förderbedarf und andere

mit besonderen Begabungen. Der

Unterricht ist für individuelle Lernwege

geöffnet. Oft wird mit zusätzlicher Unterstützung

jahrgangsübergreifend unterrichtet

(s. S. 3). So kann gemein sames

Lernen produktiv werden.

●●

Nebeneinander arbeiten Kinder an

verschiedenen Aufgaben. Sie bringen

sehr unterschiedliche Voraussetzungen

mit (s. Abb. rechts) und arbeiten nicht

gleich schnell. Wie sollten sie erfolgreich

lernen können, wenn alle zur gleichen

Zeit auf derselben Seite desselben Schulbuchs

arbeiten? Allerdings stellen sie sich

ihre Ergebnisse und Arbeiten gegenseitig

vor.

●●

Im Zeugnis stehen keine Ziffernnoten.

Denn diese sind weder objektiv noch

vergleichbar, sie zeigen weder den individuellen

Lernfortschritt noch geben sie

Hinweise, wie das Kind am besten gefördert

werden kann.

●●

Aussagekräftiger sind Berichte oder

Beobachtungsbögen, die die Fortschritte

der einzelnen Kinder genau beschreiben

und zeigen, wie es weitergehen kann.

Einige Schulen benennen auch die vorgegebenen

Lernziele und markieren,

wann diese vom einzelnen Kind erreicht

sind. Oft werden sie durch eine Selbsteinschätzung

des Kindes ergänzt (s. Abb.

Entwicklungsunterschiede wichtiger Fähigkeiten

zwischen 7-jährigen Kindern

(nach: Largo 2009, S. 284; mit frdl. Gen. des Autors)

S. 2) – und die Zeugnisübergabe durch

ein gemeinsames Gespräch von Lehrerin,

Kind und Eltern ersetzt.

●●

Fachstunden sind nicht fest im Stundenplan

ausgewiesen. Der Unterricht

orientiert sich an situativen Anlässen und

Erfahrungen der Kinder, und die lassen

sich nun einmal nicht in die Schubladen

von Fächern zwingen.

(Fortsetzung S. 2)

Liebe Eltern,

ohne Sie kann die Arbeit der Schule nicht

erfolgreich sein. Vor allem die Grundschule

ist auf die Zusammen arbeit mit

Ihnen angewiesen:

● ● beim gemeinsamen Nachdenken

über die Erziehung und die Lernentwicklung

Ihres Kindes;

● ● durch Ihre Beiträge zum Unterricht,

z. B. als »Leseeltern« oder als Experten

in einem Projekt;

● ● bei sozialen Aktivitäten wie Ausflügen

und Festen;

● ● durch ihre Anregungen für die

weitere Entwicklung der Schule;

● ● wenn es um Entscheidungen in den

Gremien der Schule geht.

Schule sollte ein Ort der Begegnung sein:

zwischen Kindern mit unterschiedlicher

Lerngeschichte, zwischen Kindern und

ihren Lehrerinnen – und von Lehrerinnen

und Eltern. Dass Ihre Kinder sich gut

entwickeln, kann nur durch eine enge

Zusammen arbeit erreicht werden. Und

zwar auf Augenhöhe. So steht es auch in

vielen Programmen, so hört man es bei

offiziellen Reden. Der Alltag sieht leider

oft anders aus. Der Grundschulverband

hat mit seiner Beilage » «

versucht, Brücken zu bauen. In diesem

Heft haben wir Ihnen die Beiträge zu den

zwölf Themen noch einmal kompakt zugänglich

gemacht.

Wir bieten Ihnen Anregungen für die

Er ziehung Ihres Kindes und Hinweise, wo

und wie Sie in der Schule aktiv werden

können. Und auch, warum Sie es sollten.

Wir sammeln Beispiele guter Praxis und

wir kommentieren aktuelle Informationen

aus der pädagogischen Forschung

und aus der Bildungspolitik. Zu jedem

Thema finden Sie ergänzende Hinweise

und Materialien über www.grundschuleltern.info/

➝ Weitere Informationen … ➝

Grundschuleltern zur Ansicht.

Hinweis

Dank der UN-Konvention über die

Rechte von Menschen mit Behinderungen

(Menschen, die Beeinträchtigungen

aufweisen, wie Menschen, die

durch Rahmenbedingungen behindert

werden) haben Eltern in vielen

Bundesländern die Möglichkeit, auch

Kinder mit Förderbedarfen auf allgemeinbildenden

Schulen anzumelden.

Dies wird nach und nach zum

Regel fall werden. Wir alle müssen helfen,

dass Inklusion – ein Konzept mit

dem Ziel, alle Menschen mit all ihren

Unter schiedlichkeiten wertzuschätzen

– gelingen kann. Sorgen um den

Lern erfolg muss man sich nicht machen!

Zahlreiche Studien bestätigen:

Sowohl behinderte als auch nicht behinderte

Kinder können von einem

gemeinsamen Unterricht profitieren

(s. S. 7).

01 • Mai 2011

1


(Schulanfang heute …; Forts. von S. 1)

Stattdessen gibt es Tages- oder Wochenpläne

(s. Abb. unten), evtl. mit besonderen

Aufgaben für einzelne Kinder.

Wochenplan

2

01 • Mai 2011

●●

Es gibt nur wenige oder gar keine

Hausaufgaben. Vor allem Ganztagsschulen

bieten oft betreute Arbeitszeiten.

Im Übrigen sollen Hausaufgaben

so bemessen sein, dass Schulanfänger

nicht mehr als eine halbe Stunde brauchen.

Und – wichtig! – sie sollen sie

selbstständig erledigen können.

●●

Die Lehrperson arbeitet nicht (nur) mit

Schulbuch und Übungsheften. Kinder

lernen am besten, wenn sie selbst etwas

herstellen, in die Hand nehmen, ausprobieren

– mit Materialien aus der Alltagswelt

oder indem sie aus der Schule

herausgehen.

●●

Vielerorts lernen die Kinder Lesen und

Schreiben ohne Fibel und ohne Arbeitsblätter.

Die Lehrerin liest viel vor, um die

Kinder anzuregen, eigene Geschichten

mit Hilfe einer Anlaut tabelle zu schreiben.

Diese werden dann mit einer Übersetzung

in Erwachsenenschrift versehen

oder in korrigierter »Buchschrift« in der

Klasse als Lesestoff für andere »veröffentlicht«

(s. Abb. rechts). Die Kinder »drucken«

mit der Hand, mit Stempeln oder

am PC und entwickeln erst später eine

verbundene Schrift. In freien Lese zeiten

wählen sie selbstständig aus, was sie

lesen möchten.

●●

In Mathematik werden nicht mehr

nur Päckchen »gerechnet«. Das mathematische

Denken anzustoßen verlangt

anspruchsvolle und offene Aufgaben.

Manchmal erfinden die Kinder auch eigene

Aufgaben für die anderen – jedes

auf seinem Entwicklungsstand.

●●

Die Kinder arbeiten an verschiedenen

Sachthemen, um im Anschluss daran ihre

Ergebnisse der gesamten Gruppe vorzustellen.

Das einzelne zeichnet, was ihm

oder ihr wichtig ist und wie es sich etwas

vorstellt. Jedes entscheidet sich für ein

Gedicht oder Musikstück, um es für

einen gemeinsam gestalteten Anlass zu

üben. Im Sportunterricht testen sie ihre

Möglichkeiten und Grenzen an selbst gewählten

Geräten und in unterschiedlichen

Aktivitäten aus. Insgesamt: Selten

wird nur einfach nachgemacht, wird isoliert

geübt. So wichtig Wiederholung ist

– sie ist wirkungsvoller in für das Kind

sinn vollen Zusammenhängen.

●●

Der Religionsunterricht wird nicht

nach Konfessionen getrennt, und es werden

nicht nur Geschichten aus der Bibel

erzählt. Schulanfänger heute bringen

ganz verschiedene Religionen mit (oder

gar keine). Sie alle aber haben persönliche

Vorstellungen über den Sinn des Lebens,

haben Ängste und Hoffnungen –

und die müssen wir ernst nehmen, um

die Kinder auch als Personen zu stärken,

unabhängig von ihrer fachlichen Förderung.

●●

Viel Zeit wird aufgewandt, um miteinander

zu reden: vor Beginn des Unterrichts

im Morgenkreis, um aufzunehmen,

was die Kinder außerhalb der Schule

bewegt, was sie in den Unterricht mit hineintragen;

freitags im Klassenrat, um

gemeinsam darüber nachzudenken, was

in der Woche gut gelungen ist und was

verändert werden soll. Die Kinder sollen

allmählich zu einer Gruppe zusammenwachsen,

sie können den Sinn von

Regeln aber oft erst an Störungen des

Selbsteinschätz

ungsbogen der

Grundschule

Harmonie Eitorf

Quelle: www.grund

schule-harmonie.de

Zusammen lebens begreifen und dann

gemeinsam neue Lösungen finden.

●●

Im Unterricht und in den Heften tauchen

Wörter in verschiedenen Sprachen

auf. Unsere Kinder heute wachsen mit

Freunden und Freundinnen aus verschiedenen

Kulturen auf. Und sie werden in

einem Europa leben, in dem Offenheit

für andere Sprachen lebensnotwendig

ist. Darum begegnen sie oft schon in der

ersten Klasse einer fremden Sprache.

Arbeit am Wochenplan: Notiz eines Kindes

Schulanfang heute ist oft sehr anders –

er stellt aber auch ähnliche Aufgaben

wie vor 20 oder 30 Jahren. Er ist ein

großer Schritt für alle Beteiligten:

für Ihr Kind, für Sie selbst und auch für

die Lehrerinnen. Uns Erwachsenen fällt

es oft schwer

● ● die Kinder loszulassen,

● ● ihnen etwas zuzutrauen,

● ● sie auf ihrem eigenen Weg

zu unterstützen.

Nicht nur Ihr Kind steht vor einem neuen

Anfang – mit vielen Chancen, wenn

Sie ihm Raum für seine Entwicklung

gewähren.

Fragen Sie die Lehrerin Ihres Kindes,

wenn Sie etwas nicht verstehen.

Lassen Sie sich auch beraten bei den

ganz konkreten Fragen:

Was für eine Tasche (oder Ranzen)

ist geeignet? Was ist beim Kauf von

Schreibmaterialien zu beachten? Wie

können die Kinder auf den Schulweg

vorbereitet werden? Was sollen sie

zum Essen und Trinken mitnehmen?


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

In dieser Rubrik wollen wir Fragen aufgreifen, die Eltern bewegen:

Nutzen von Hausaufgaben; Objektivität und Vergleichbarkeit von Ziffernnoten;

Vor- und Nachteile von gemeinsamem Unterricht mit behinderten Kindern;

die Wirkung häufigen Fernsehkonsums auf die Entwicklung des Lesens usw.

Schon einmal vorweg: Forschung

ist selten eindeutig. »Dasselbe«

menschliche Verhalten hat je nach

Kontext unterschiedliche Bedeutung.

Dasselbe Programm oder dieselbe Methode

entfaltet deshalb auch an

verschiedenen Orten unterschiedliche

Wirkungen. Pädagogik ist keine Technik.

Anders als oft in den Naturwissenschaften

gibt es keine stabilen Regeln, nach

denen sich die Wirkung einer Methode,

eines Programms für alle Fälle sicher

vorhersagen lässt.

Der Nutzen von Forschung liegt darin,

gut begründete Annahmen zu erzeugen:

Über viele Fälle hinweg folgt mit größerer

Wahrscheinlichkeit (!) Wirkung X auf

Maßnahme Y. Im Durchschnitt (!) schneidet

Programm A besser ab als Programm

B. Beispielsweise liegt die Leseleistung

von Mädchen als Gesamtgruppe über

der von Jungen. Aber viele Jungen lesen

genauso gut wie viele Mädchen – einige

sogar besser. Die Leistungsverteilungen

beider Geschlechter überlappen sich

eben stark! Und das gilt auch für alle

anderen Merkmale.

Manchmal findet man für eine Unterrichtsmethode

oder ein Förderprogramm

in einer Studie deutliche Vorteile.

Das bedeutet aber nicht, dass diese sich

auch bei jeder Lehrerin oder bei jedem

Kind zeigen müssen. Besonderheiten

der Person und ihrer konkreten Umwelt

spielen eine große Rolle.

Das muss man bedenken, wenn man

Befunde der Forschung richtig verstehen

und sinnvoll nutzen will.

Sind altersgemischte Klassen

erfolgreicher?

In vielen Bundesländern werden die ersten

beiden Klassen jahrgangsübergreifend

geführt (»flexible Schuleingangsphase«).

Manche Schulen bilden auch Lerngruppen

über die ganze Grundschulzeit hinweg,

so dass pro Jahr nur ein Viertel der

Kinder wechselt. Das Modell entspricht

dem Lernen vor der Schule in Familie und

Kindergarten wie auch im »wirklichen

Leben« neben und nach der Schule.

Kinder gleichen Alters liegen in jedem

Entwicklungsbereich drei bis vier Jahre

auseinander (s. Abb. S. 1). Im jahrgangsgemischten

Unterricht werden diese Unterschiede

sichtbarer. Er fordert deshalb

besonders dazu heraus, die Lernangebote

auf die individuellen Voraussetzungen

und Möglichkeiten der Kinder abzustimmen.

Weitere Vorteile: Langsamer lernende

Kinder bekommen mehr Zeit, können

aber anders als beim Sitzenbleiben in der

vertrauten Lerngruppe bleiben. Schnelle

Lerner können rascher fortschreiten –

müssen aber ebenfalls nicht die vertraute

Lerngruppe wechseln.

Im Vergleich zu Jahrgangsklassen zeigt

sich in der Regel (!) über verschiedene empirische

Studien hinweg:

● ● In den fachlichen Leistungen gibt es

kaum Unterschiede.

● ● In Arbeitsverhalten und Sozialkompetenz

hat die Jahrgangsmischung

Vorteile.

Auffällig ist aber eine große Streuung in

beiden Typen – je nach Unterrichtsform.

So kann die Jahrgangsmischung ihre

Stärken nur entfalten, wenn die Altersgruppen

nicht als getrennte Abteilungen

in demselben Raum nebeneinander

unterrichtet und keine festen Leistungsgruppen

gebildet werden.

Videotipp: »Treibhäuser der Zukunft!«

Lesetipp: Vgl. auch das Gutachten von

Carle über den Link auf unserer Internetseite

www.grundschulverband.de/

grundschuleltern

Drei Sechstklässler (aus Largo 1999;

s. auch S. 4): Schon die Körpergröße

unterscheidet sich dramatisch –

ungleich bedeutsamer sind Unterschiede

im IQ, in der Lesefähigkeit, in

der Sozialkompetenz …

Je früher, desto besser?

Wann sollte ein Kind eingeschult werden?

Auch auf diese Frage gibt es keine

eindeutige Antwort. In Deutschland

haben die Bundesländer das Einschulungsalter

immer mal wieder herauf- bzw.

heruntergesetzt. Derzeit gibt es einen

deutlichen Trend zur früheren Einschulung.

In den Nachbarländern schwankt

das Einschulungsalter dagegen zwischen

fünf und sieben Jahren. Zudem wird die

Lernzeit in Kindergärten, Vorschulen und

auch im Anfangsunterricht jeweils sehr

unterschiedlich gestaltet.

Auch wissenschaftliche Studien geben

keine klare Antwort. Ob ein Kind in der

Schule erfolgreich lernt, Beziehungen

zu anderen Kindern und Erwachsenen

aufbaut, hängt nicht allein vom Einschulungsalter

ab. Andere Bedingungen

spielen auch eine wichtige Rolle:

● ● Wie sicher und selbstständig ist das

Kind?

● ● Interessiert es sich bereits für Zahlen,

Buchstaben?

● ● Geht es neugierig auf die Welt zu,

will es wissen, wie unbekannte Dinge

funktionieren, warum Regeln sind,

wie sie sind?

● ● Wird es gemeinsam mit Freunden die

Schule besuchen können?

● ● Wie groß sind die Eingangsklassen

der Schule?

● ● Geht der Unterricht auf individuelle

Unterschiede im Können ein?

● ● Was sind Ihre eigenen Erwartungen

und Motive als Eltern für eine frühere

oder spätere Einschulung?

Bei der Entscheidung sind also mehrere

Faktoren zu bedenken. Sie ist insofern

von Fall zu Fall zu treffen.

Dafür sind Gespräche hilfreich

● ● mit den Pädagoginnen im Kindergarten,

● ● mit der zukünftigen Lehrerin und vor

allem:

● ● mit dem Kind selbst!

Denn nur, wenn es selbst schon in die

Schule möchte, wird es seine fachbezogenen

Stärken nutzen können.

Lesetipps: Hilfreiche Hinweise gibt

das »Familienhandbuch« unter

www.familienhandbuch.de/cmain/f_

Aktuelles/a_Schule/s_1374.html

(Rechtsvorschriften allerdings

Stand 2004/05)

Die aktuell geltenden Regelungen

der einzelnen Länder hat die KMK

zusammengestellt unter

http://ksdev.de/Schulpflicht.htm

01 • Mai 2011

3


Informationen

zum Schulanfang

Die Bundesländer, aber auch größere

Städte oder Landkreise geben oft eigene

Broschüren heraus. Diese sind vor allem

hilfreich, um Ansprechpartner vor Ort

zu finden.

Als allgemeine Orientierung informativ:

Wann komme ich in die Schule?

Die Kindergartenzeitschrift

Leseempfehlungen

für die Eltern

Anschaulich, mit konkreten Beispielen

und Befunden (aus diesem Buch sind

auch die Abb. auf S. 1 und S. 3), dazu

inhaltlich sehr überzeugend und gut

verständlich geschrieben:

Schülerjahre

R. Largo

hervorgegangen ist: In ihren Beiträgen

erklären Expertinnen und Experten verschiedener

Disziplinen, was wir heute

wissen über das Lernen von Kindern in

den Fächern, aber auch über ihre persönliche

und soziale Entwicklung: In der

Auseinandersetzung mit den Anregungen

ihrer Umwelt entwickeln Kinder individuelle

Zugänge zu Sprache, Schrift

und Mathematik, aber auch eigene Theorien

über die natürliche, die technische

und die soziale Umwelt. Fehler sind dabei

unvermeidlich – und wichtige Zwischenstufen

auf dem Weg zur Norm.

Themenheft 8/2007

Verlag: Friedrich

Preis: 10,00 EUR

Ebenfalls empfehlenswert und direkt im

Inter net beziehbar ist der Elternratgeber

2010/11:

Willkommen in der Schule

Pädagogisches Institut, Bozen

Kostenloser Download unter

www.provinz.bz.it/schulamt/

aktuelles/417.asp

Nachdenkliches zum

Schulanfang

»Seit ihr hier sitzt, gehört ihr zu einer

bestimmten Klasse. Noch dazu zur

untersten. Der Klassenkampf und die

Jahre der Prüfungen stehen bevor.

Früchtchen seid ihr, und Spalierobst

müsst ihr werden! Aufgeweckt wart

ihr bis heute, und einwecken wird man

euch ab morgen! So, wie man’s mit

uns getan hat. Vom Baum des Lebens

in die Konservenfabrik der Zivilisation?

Das ist der Weg, der vor euch liegt.

Kein Wunder, dass eure Verlegenheit

größer ist als eure Neugierde.«

(Aus: Erich Kästner, »Ansprache zum Schulbeginn«)

4

01 • Mai 2011

Taschenbuch: 336 Seiten

Erschienen: 2010 (1. Aufl. 2009)

Verlag: Piper

Preis: 12,95 EUR

Wie unterschiedlich sich Kinder entwickeln

und dass dies ganz normal ist

(gerade nicht eine gleiche Entwicklung

aller Kinder), belegt der Kinderarzt

und Entwicklungsforscher Remo

Largo an Befunden aus einer großen

Längsschnittstudie in der Schweiz.

Er macht zugleich deutlich, warum

es wichtig ist, Kindern Raum zu

geben für ihre eigenen Interessen:

damit sie aktiv werden und ihre individuellen

Potenziale entfalten können.

Kinder lernen anders:

vor der Schule – in der Schule

H. Brügelmann u. a.

Kartoniert: 232 Seiten

Erschienen: 2000 (1. Aufl. 1998)

Verlag: Libelle

Preis: 17,40 EUR

Was Largos Thesen für das fachliche

Lernen von Kindern und damit für den

Unterricht in der Grundschule bedeuten,

findet man im Band »Kinder lernen

anders«, der aus den Beiträgen

zur Siegener »ElternSchule an der Uni«

Kinderbücher

zum Schulanfang

… die sich auch zum gemeinsamen

Anschauen und Vorlesen eignen:

Nur Mut, Willi Wiberg!

G. Bergström

Gebunden: 32 Seiten

Erschienen: 2009 (1. Aufl. 1983)

Verlag: Oetinger

Preis: 9,90 EUR

Weitere Buchvorschläge

für Kinder und ihre Eltern

Muss man Miezen siezen?

Gerda Anger-Schmidt /

Renate Habinger

(Sprachspiele, Geschichten usw.

für Schulanfänger)

Nella-Propella

Kirsten Boie

Fischer Schatzinsel (Erfahrungen im

letzten Kindergartenjahr)

Trauriger Tiger toastet Tomaten

Nadia Budde

(ein wunderbares ABC-Buch

für Kinder)

Benni und die Wörter

Carli Biessels/Wolf Erlbruch

(ein Vergnügen vor allem für Eltern!)

T wie Tukan

Katharina Lausche

(ein ästhetisch besonders schön

gestaltetes ABC-Buch)


Inklusion – Integration

Zeichnung: Volker Fredrich

Wer ist normal?

Sams Bericht zufolge fehlte es ihm nie an Spielkameraden

… Als er sich allmählich für die Umgebung außerhalb

seiner Familie zu interessieren begann, wurde er

auf ein gleichaltriges Mädchen aus der Nachbarschaft

aufmerksam. Nach einigen zögerlichen Näherungsversuchen

wurden sie Freunde. Sie war als Spielkameradin

nicht übel, wäre da nicht das Problem gewesen, dass sie

so ›komisch‹ war. Er konnte sich nicht so mit ihr unterhalten

wie mit seinen Brüdern oder seinen Eltern. … Nach

mehreren vergeblichen Versuchen, sich mit ihr zu unterhalten,

gab er schließlich auf und machte ihr stattdessen

durch Zeigen oder indem er sie mit sich zog, klar, was er

wollte. Er wunderte sich zwar über das seltsame Leiden,

mit dem sie behaftet war, da sie jedoch einen Weg gefunden

hatten, sich miteinander zu verständigen, gab er

Kommunaler Index für Inklusion

(Fortsetzung S. 6)

Schon länger gibt es einen »Index für Inklusion« für

Schulen und Lehrer/innen (➝ ). Ergänzend hat die

Montag Stiftung »Jugend und Gesellschaft« einen

Krite rienkatalog entwickelt, der sich an alle Bürger/innen

richtet. Er ist vor allem für Eltern interessant, die

sich an der Schulentwicklung vor Ort beteiligen wollen:

www.montag-stiftungen.de/jugend-und-gesellschaft/

Liebe Eltern,

für viele ist Inklusion ein neues Wort, für andere ein neuer

Begriff für das, was vorher Integration hieß. Dabei besteht

ein großer Unterschied zwischen beiden Ideen: Eine integrative

Schule versucht eine besondere Gruppe (Jungen,

MigrantInnen, Kinder mit Beeinträchtigungen) in die

Gruppe von »Normalen« zu integrieren. Sie bleibt aber

eine besondere Gruppe, für die spezielle Maßnahmen

notwendig sind. Dabei sind alle Kinder unterschiedlich.

Um jedem einzelnen Kind gerecht zu werden, ist es wichtig,

auf diese Unterschiede einzugehen, sich auf jedes einzelne

Kind einzulassen, sei es ein Junge, ein Migrant oder

ein behindertes Kind – oder alles auf einmal (s. das Schaubild

S. 7 oben und ergänzende Erläuterungen ➝ ).

Es geht also nicht nur um Behinderungen. Allerdings: Durch

die Behindertenrechtskonvention der UN hat die Forderung

nach einem solchen »inklusiven Bildungs system«

eine rechtliche Grundlage erhalten. Dies zeigt der Artikel

24 dieser Konvention: »Die Vertragsstaaten anerkennen

das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung.

Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage

der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten

die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem

auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen (…).«

Kinder verhalten sich anders als Erwachsene – und als

sie erwarten. Wie schnell heute ein »abweichendes«

Verhalten für »nicht normal« erklärt wird, erläutert und

kritisiert fachkundig der Psychiater Allen Frances in seinem

Buch »Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer

Diagnosen«. DuMont Verlag: Köln 2013.

Die Bezeichnung »integratives« Bildungssystem ist ein

Übersetzungsfehler in der – alleinstehend nicht gültigen

– deutschen Fassung. Die UN spricht von Inklusion

➝ . Auch in vielen Schulen wird bereits heute oder in

der nahen Zukunft von Inklusion die Rede sein. Deshalb

widmen wir dieses Heft diesem Thema.

Uns ist bewusst, wie schwierig die Umsetzung des Anspruchs

einer inklusiven Schule ist. Aber das ist nicht

anders als mit der Demokratie: Begründet ist sie durch

grundlegende Werte. Schwierigkeiten im Alltag stellen

diese Werte nicht in Frage. Sie können aber Anlass sein,

über Formen und Bedingungen der Umsetzung nachzudenken

– und sich für deren Verbesserung zu engagieren

(s. dazu auch die Ergänzungen im Internet; diese gibt es

immer, wenn dieses Zeichen auftaucht).

04 • Februar 2012 5


Gemeinsamer Unterricht:

auch für unser Kind möglich?

Foto: Anne Höfer

Zeichnung: Manfred von Papen

(Wer ist normal …, Fortsetzung von S. 5)

sich damit zufrieden und ging auf ihre besonderen Bedürfnisse

ein.

Sam erinnert sich noch lebhaft, wie er eines Tages endlich

begriff, dass seine Freundin tatsächlich höchst seltsam

war. Sie spielten bei ihr zu Hause, als plötzlich ihre

Mutter hereinkam und lebhaft die Lippen bewegte. Wie

durch einen Zauber nahm das Mädchen das Puppenhaus

und stellte es an einen anderen Platz. Sam war völlig perplex

und ging nach Hause, um sich bei seiner Mutter zu

erkundigen, was für ein Leiden das Mädchen von drüben

eigentlich genau habe. Seine Mutter erklärte, sie sei ›hörend‹

und könne deswegen nicht ›gebärden‹; stattdessen

würden sie und ihre Mutter ›sprechen‹, ihre Münder

bewegen und so kommunizieren. Daraufhin fragte Sam,

ob das Mädchen und seine Familie die einzigen seien, die

›so‹ seien. Seine Mutter erklärte, dass im Gegenteil fast

alle Menschen so seien wie die Nachbarn und seine Familie

die Ausnahme. Er erinnert sich, wie er bei sich dachte,

was für ein merkwürdiges Mädchen die Nachbarin

sei, und wenn das ›hörend‹ bedeutete, wie seltsam doch

Hörende waren.

nach: Padden, C./ Humphries, T. (1991): Gehörlose. Eine Kultur

bringt sich zur Sprache. Signum Verlag: Hamburg, 21 – 22)

Eltern sein bedeutet Freude, aber immer auch eine

enorme Herausforderung und Verantwortung. Eltern

eines behinderten Kindes zu sein umfasst noch mehr.

Oftmals sind besonderes Engagement, Eigeninitiative,

Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen nötig,

um für das Kind die gewünschte Unterstützung zu bekommen

und damit es dabei so normal wie möglich

aufwachsen kann. Eltern wollen das Beste für ihr Kind

und sie möchten mitbestimmen: die Art der Therapien,

den geeigneten Kindergarten oder die Wahl der

Schule.

Die Entscheidung »Welche Schule ist die beste für mein

Kind?« ist für die Eltern häufig sehr schwierig, begleitet

von zahlreichen Abwägungen und von Widerständen.

Viele wünschen, das Kind möge trotz Beeinträchtigung

so wie die Geschwister oder die Kinder aus der Nachbarschaft

aufwachsen. Das spricht für den gemeinsamen

Unterricht in der nahegelegenen Grundschule.

Ganz selbstverständlich lernen und leben hier alle Kinder

zusammen. Sie haben den gleichen Schulweg und

Freundschaften können geknüpft werden, die über den

Schulvormittag hinaus Bestand haben. Die Grundschullehrerin

arbeitet hier mit einer Lehrerin der Förderschule

zusammen, sodass eine individuelle Förderung aller

Kinder möglich ist – egal, ob mit oder ohne Beeinträchtigung.

Aber ist sie das wirklich? Manche Eltern haben Zweifel,

wünschen sich Normalität und können sich einen solchen

Unterricht nicht recht vorstellen. Sind die Klassen

für den gemeinsamen Unterricht nicht viel zu groß?

Werden die Bedürfnisse und Möglichkeiten meines Kindes

wirklich wahrgenommen oder wird es untergehen?

Und wie reagieren die nichtbehinderten Kinder? Ist die

Gefahr nicht groß, dass mein Kind hier eher zum Außenseiter

wird? Sind die Bedingungen einer spezifischen

Förderschule – kleinere Lerngruppen, speziell ausgebildete

Lehrer, Therapiemöglichkeiten vor Ort und niedrigere

Lernanforderungen – nicht vorteilhafter?

Eltern können eine größere Sicherheit bei der Entscheidung

für eine geeignete Schule bzw. für den gemeinsamen

Unterricht bekommen, wenn sie folgende Schritte

bedenken:

1.

Frühzeitig (vor der Einschulung) Kontakte zu

anderen betroffenen Eltern knüpfen, um gemeinsame

Interessen auszuloten und Strategien zu planen.

2.

In unterschiedlichen Schulen (in Förderschulen

und im GU) hospitieren und dort mit Lehrerinnen/Lehrern

und betroffenen Eltern sprechen.

6 04 • Februar 2012


3.

Frühzeitig Kontakt mit dem zuständigen Schulamt

aufnehmen, um Informationen über die rechtliche

Lage und zum Verfahren einer Feststellung des sonderpädagogischen

Förderbedarfs zu erhalten.

4.

Örtliche Vereine oder Initiativen, die sich einsetzen

für die Belange von behinderten Menschen

und ihre selbstverständliche Teilhabe am alltäglichen

Leben, auf Unterstützung ansprechen.

Abb.: Von der vollständigen Ausgrenzung über die getrennte

Förderung und die Einbeziehung der Behinderten als Sondergruppe

zur Anerkennung aller Menschen als »besonders«

Quelle des Bildes: www.inklusion-olpe.de/inklusion.php

Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Untersuchungen zum

gemeinsamen Unterricht

Ist gemeinsamer Unterricht wirklich besser als

eine Differenzierung nach Leistung?

Also als erstes: Inklusion ist ein Menschenrecht – von der UN

noch einmal ausdrücklich proklamiert und von Deutschland

auch rechtlich akzeptiert. Insofern kann Forschung nur eine

stützende oder relativierende Funktion bei der Umsetzung

haben. Aber sie kann dieses Recht weder begründen noch

in Frage stellen. Insofern ist klar: Die Beweislast liegt bei der

Begründung getrennter Förderung, nicht bei der Rechtfertigung

gemeinsamen Unterrichts .

Wie sieht es denn für Kinder mit besonderen

Schwierigkeiten aus?

Sowohl nach deutschen wie auch internationalen Studien

erbringen sie im Durchschnitt höhere fachliche Leistungen

in Regelklassen. Sie machen auch eine positivere

soziale Entwicklung bei gemeinsamem Unterricht. Diese

Durchschnittswerte setzen sich allerdings aus vielen breit

streuenden Einzelbefunden zusammen. Das verweist auf

die Bedeutung der Rahmenbedingungen und bedeutet

für Eltern, im Einzelfall genau hinzuschauen: Was braucht

mein Kind, wie sieht es in der konkreten Einrichtung aus.

Können Förderschulen Kinder mit gleichen Schwierigkeiten

in den Kleingruppen nicht doch besser fördern?

In der Regel nicht – trotz bester Bemühungen. Aber es

fehlen die Anregungen durch leistungsstärkere Schüler/

innen. Zudem senken viele Lehrer/innen in Förderschulen

das Anspruchsniveau ihrer Aufgaben und haben geringere

Leistungserwartungen.

Leidet nicht das Selbstwertgefühl leistungsschwacher

Schüler/innen im gemeinsamen Unterricht?

Beim Wechsel auf die Sonder-/Förderschule atmen manche

Kinder anfangs auf. Aber diese Wirkung lässt bald

nach. In der neuen Lerngruppe bildet sich rasch eine

neue Rangordnung heraus. Zum anderen verliert ein höherer

interner Rang an Wert, wenn den Kindern das niedrige

Ansehen der ganzen Einrichtung bewusster wird.

Und wo bleiben die leistungsstarken Schüler/innen

in einem gemeinsamen Unterricht?

Sie werden dann unterfordert, wenn sich der Unterricht

am niedrigeren Durchschnitt oder gar an den Leistungsschwächsten

orientiert. Gemeinsamer Unterricht bedeutet

aber nicht Gleichschritt. Er lebt von der Öffnung für individuelle

Voraussetzungen und Möglichkeiten. Wenn im

Unterricht versucht wird, jedem einzelnen Kind gerecht

zu werden, profitieren alle Kinder.

Aber werden die behinderten Kinder nicht leicht

zu Außenseitern?

In allen Gruppen gibt es mehr oder weniger beliebte

Kinder. Anlass können auch äußere Auffälligkeiten sein.

Entscheidend ist aber die Persönlichkeit – und wie die Besonderheiten

eines jeden Kindes in einer Klasse bewertet

werden. Dabei spielt die Lehrperson eine wichtige Rolle.

Sie ist wesentlich an der Entwicklung gültiger Normen

beteiligt. So hat gerade der gemeinsame Unterricht oft

positive Wirkungen auf die Entwicklung sozialer Verhaltensweisen.

Siehe ausführlicher das Video-Interview mit Hans Brügelmann

und die Zusammenfassung der empirischen Befunde

von Demmer-Dieckmann / Preuss-Lausitz (2008)

Immer wenn Sie dies Symbol sehen, erfahren Sie Näheres auf www.grundschuleltern.info

unter »Weitere Informationen«.

04 • Februar 2012 7


Informationen & Lesetipps

Gemeinsamer Unterricht – Erfahrungen aus der Praxis

Vielfältige Einblicke bieten Themenhefte

von Zeitschriften z. B. mit dem

Schwerpunkt Vorschule »Inklusion

statt Integration!« (Theorie und Praxis

der Sozialpädagogik 1/2011) und

für die Grundschule »Integration,

Inklu sion, gemeinsamer Unterricht«

(Grundschulzeitschrift Nr. 230/2009).

Zur Vertiefung eignen sich besonders

die Bände

Inklusive Schule

P. Thoma / C. Rehle

Erschienen: 2009

Verlag: Klinkhardt

Preis: 18,90 Euro

Eine eindrucksvolle Dokumentation

der besonderen Chancen gemeinsamen

Unterrichtes, aber auch seiner

hohen Anforderungen zeigt der Film

»Klassenleben«

H. Siegert

DVD, 87 Min.

Bezug über: www.klassenleben.de

Preis: 16,00 Euro

In einer integrativen fünften Klasse

der Berliner Fläming-Schule lernen

u. a. lernbehinderte Schüler, eine

schwerst mehrfachbehinderte Schülerin

sowie ein Schüler mit Hochbegabung

gemeinsam.

Kinderbücher zum Thema

Ein Bilderbuch über Tiere, die nicht

»vollständig« sind, macht Kindern die

Bedeutung von »Anderssein« auf indirektem

Wege zugänglich:

Was soll ich da erst sagen?

M. Baltscheit, A. Drescher

Erschienen: 2011

Verlag: Bajazzo

Preis: 14,90 Euro

Alle sind verschieden.

Auf dem Weg zur Inklusion

in der Schule

J. Schöler

Erschienen: 2009

Verlag: Beltz

Preis: 29,95 Euro

Eine »Übersetzung« der UN-Behindertenrechtskonvention

in einer einfach

lesbaren Form findet sich unter:

www.lebenshilfe.de/wDeutsch/

in_leichter_sprache/downloads/

Kurzfassung_UN_Konvention_in_

Leichter_Sprache.pdf

Ergänzende Materialien und Kommentare,

siehe .

Mit dem »Jakob-Muth-Preis« werden

»inklusive Schulen« ausgezeichnet,

die sich in besonderer Weise für den

gemeinsamen Unter richt engagiert

haben:

www.bertelsmann-stiftung.de ➝

Suchwort: Jakob Muth

Beispielfilme zu den Preisträgern der

Vorjahre finden Sie auf Youtube:

➝ Eingabe: Gesamtschule Linden

➝ Eingabe: Inklusive Schule 2010

Sehr einfühlsam und fair in der Darstellung

unterschiedlicher Sichtweisen

schildert der Film »Ich bin Sam« den

Kampf eines behinderten Vaters (Sean

Penn) um das Sorgerecht für seine

ihm geistig überlegene Tochter: http://

de.wikipedia.org/wiki/Ich_bin_Sam

Missverständnis

Kürzlich erzählte ein Kollege engagiert

von seinen »fünf Inklusionskindern«.

Er war sehr irritiert, als er

gefragt wurde, ob seine Klasse wirklich

nur aus fünf Kindern bestünde

… Sein Missverständnis: Anders als

in der integrativen Schule reicht es

für Inklusion nicht, »die anderen« in

die Gruppe »der Normalen« aufzunehmen.

So wichtig dieser Schritt

war: Inklusion fordert mehr: jede

und jeden Einzelnen als besonders

wahrzunehmen. Damit verändert

sie den Blick auf alle – und verlangt

eine Öffnung des Unterrichts für individuelle

Lernwege.

Ein Geburtstag

D. Meißner-Johannknecht,

M. Kemmler

Erschienen: 2007

Verlag: Bajazzo

Preis: 14,90 Euro

Die Autorin schildert die Geburtstagsvorbereitungen

eines Jungen für sich

und seinen schwerbehinderten Zwillingsbruder.

Eine Liste mit weiteren Empfehlungen

haben wir auf unserer Homepage zusammengestellt

➝ .

Um sich in die Lage von Menschen mit

besonderen Behinderungen hineinzuversetzen,

sind autobiografische Berichte

besonders hilfreich ➝ .

8 04 • Februar 2012


Die Not mit den Noten

Die Klasse hat einen Aufsatz geschrieben. Fünf Kinder

haben dieselbe Note bekommen: eine 3. Mario entwickelt

eine originelle Idee, zeigt aber einige Unklarheiten

im Aufbau und die Zahl der Rechtschreibfehler liegt

deutlich über dem Durchschnitt der übrigen Kinder.

Sarahs Geschichte ist gut nachvollziehbar, aber etwas

langweilig, zudem sind einige Schwächen im Ausdruck

anzumerken. Die Arbeiten von Pedro, Larissa und Ria zeigen

ähnliche Stärken und Schwächen. Ria schreibt sonst

aber viel bessere Texte, schon die frühe Abgabe und das

äußere Erscheinungsbild zeigen, dass sie sich dieses Mal

nicht viel Mühe gegeben hat. Pedros Geschichte dagegen

überrascht positiv, vor allem im Stil sind deutliche

Fortschritte gegenüber früheren Texten erkennbar. Larissas

Note entspricht den Erwartungen, allerdings macht

sie mehr Ausdrucksfehler als sonst; demgegenüber ist es

ihr besser gelungen, den Ablauf der Handlung nachvollziehbar

darzustellen.

Fünf Kinder – dieselbe Note – aber ganz unterschiedliche

Leistungen. Ist das gerecht? Vor allem, wenn man

überlegt, was eine »Leistung« eigentlich ausmacht: eine

brillantere Geschichte zu schreiben als andere, wenn

man besonders sprachbegabt ist und aus einer Familie

kommt, in der viel gelesen wird – oder einen sprachlich

weithin normgerechten Text zu verfassen, wenn zu Hause

kaum Deutsch gesprochen wird?

Hinzu kommt, dass sich die Benotung einer Leistung

leicht ändern kann, wenn Kinder die Klasse wechseln

oder eine neue Lehrerin bekommen. »Gerecht«, weil

Zahlen so neutral aussehen? (s. ausführlicher ➝ Nr. 4).

Tipp

»Inklusion« war Thema

des vorhergehenden Kapitels.

Der Kinofilm »Berg

Fidel – eine Schule für

alle« dokumentiert lebendig

Erfahrungen mit

gemeinsamem Lernen in

einer Münsteraner Grundschule.

Im März erscheint

er als DVD: www.bergfidel.

wfilm.de/berg_fidel/DVD.

html

Liebe Eltern,

Noten sind aus vielen Gründen problematisch (s. den

Überblick über die Forschung S. 10). Andere Formen der

Leistungsbeurteilung (s. S. 11) können diese Probleme

aber nur teilweise lösen.

Der Grund: In unserem Schulsystem geht es nicht nur um

Förderung, sondern auch um Auslese. Zurückstellung

am Schulanfang; Versetzung oder Klassenwiederholung;

Überweisung auf separate Förderschulen; Verzweigung

der Wege nach Klasse 4 auf unterschiedlichste weiterführende

Schulen, insbesondere die Zulassung zu den

begrenzten Plätzen im Gymnasium erzwingen einen

Vergleich der Leistungen untereinander. Selbst wenn

alle Kinder gesetzte Lernziele erreichen, werden Lehrer/

innen gezwungen, Rangplätze zu vergeben – zum Beispiel

indem sie Aufgaben in Klassenarbeiten schwerer

machen, bis sich die Leistungen wieder nach der Glockenkurve

verteilen (vgl. den »Fall Czerny« in Bayern ➝

Nr. 1c).

Das steht zwar im Widerspruch zu den rechtlichen Vorgaben,

wie sie die Kultusministerkonferenz bereits 1968

vereinbart hat, als sie die Notenstufen auf das Erreichen

inhaltlicher Anforderungen bezog. Aber die Praxis sieht

meist anders aus. Und das liegt an den Auslesezwängen

unseres Schulsystems. Wenn wir über Noten reden, geht

es also nicht nur um Verfahren und Formen der Beurteilung

– so wichtig deren Verbesserung ist (vgl. das Konzept

der »Pädagogischen Leistungskultur« des Grundschulverbands

➝ Nr. 1c). Wir müssen auch über die

Strukturen unseres Schulsystems sprechen. Damit sind

wir wieder beim Thema unseres Heftes 4: längeres gemeinsames

Lernen und Inklusion. Hier sind klare bildungspolitische

Entscheidungen nötig – und eine entsprechende

Unterstützung derjenigen, die sie vor Ort

umsetzen sollen. Richtlinien und Lehrpläne, die einerseits

Individualisierung fordern und andererseits gleiche

Leistungsanforderungen für alle zum selben Zeitpunkt

(»Regelstandards«) vorgeben, bringen Lehrer/innen in

ein unauflösbares Dilemma.

08 • Februar 2013 9


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Was leisten Noten – nicht?

Mit Noten werden besondere Ansprüche verbunden, die

sie nicht besser einlösen als Alternativen wie Entwicklungsberichte

(vgl. zusammenfassend ➝ Nr. 5 und

ausführlich zur Forschung ➝ Nr. 3):

●●

Noten sind nicht eindeutig. Differenzierte Leistungsprofile

in einem Fach schrumpfen auf eine Ziffer, die

für sehr Unterschiedliches stehen kann (vgl. S. 9).

●●

●●

●●

●●

●●

●●

Noten sind nicht objektiv. Verschiedene Lehrer/innen

beurteilen dieselbe Leistung unterschiedlich – selbst

in einem scheinbar objektiven Fach wie Mathematik.

Noten sind nicht verlässlich. Selbst dieselbe Lehrperson

beurteilt dieselbe Leistung unter anderen Bedingungen

oft anders.

Noten sind über Klassengrenzen hinweg nicht vergleichbar.

Sie orientieren sich am Klassenmittelwert

und sind deshalb nicht fair.

Noten erlauben keine Vorhersage des weiteren Schuloder

gar Berufserfolgs.

Noten sind nicht informativ – insbesondere, was die

notwendige Förderung betrifft. Sie bewerten den aktuellen

Stand, geben aber keine Hinweise, wo genau

was zu tun ist.

Noten schaden der inhaltlichen Motivation – auch der

der leistungsstarken Kinder, da diese sich für gute

Noten nicht anstrengen müssen. Noten lenken den

Blick vom Sachinteresse auf Fremdbelohnung – und

sie gehören (wie die Angst vor Nichtversetzung) zu

den häufigsten Ängsten von Kindern.

Auch die Alternativen leiden unter einigen dieser Schwächen,

dennoch haben sie ganz entscheidende Vorzüge.

Zwar sind Entwicklungsberichte nicht objektiver und

auch nicht verlässlicher, da sie wie Noten auch vom Lehrerurteil

abhängen. Aber sie machen dessen Subjektivität

sichtbar und damit diskutierbar – sofern die Ziffern

nicht lediglich in Verbalformeln übersetzt werden. Dann

können sie informativer sein und verdeutlichen, unter

welchen Bedingungen Leistungen zustande gekommen

sind. Vor allem können sie konkrete Hinweise für die

nächsten Schritte geben.

Ergebnisse einer Umfrage des

Deutschen Kinderschutzbunds

… zum Stress in der Grundschule sind hier

zusammengefasst:

www.focus.de/wissen/diverses/druck-in-dergrundschule-viele-kinder-spueren-schon-in-dergrundschule-stress_aid_865423.html

(bzw. www.focus.de > bei Suchfunktion eingeben:

Druck in der Grundschule Stress)

Ganz fremd?

Trifft der Pudel seinen Freund, den Dackel.

„Was schaust du denn so traurig?“, fragt er ihn.

Antwort: „Ich bekomme jetzt so lange eine Fünf, bis

ich ein Schäferhund bin…“

(Idee: Ernst Böse)

Aber warum haben sich Noten dann so lange gehalten?

Sie sind den Betroffenen seit Jahrzehnten vertraut. Sie

lassen sich mit geringem Aufwand vergeben. Sie ermöglichen

ein »Ranking«, wie es die problematischste Funktion

der Schule, die Auslese, erfordert. Und sie erscheinen

vielen schon in der Grundschule notwendig, weil es in

den weiterführenden Schulen Noten gibt.

Dabei könnte man überall dort ohne Probleme auf Ziffernnoten

verzichten, wo der Elternwille bei der Schulwahl

nach Klasse 4 entscheidet. Dann wäre für die Eltern,

aber auch für die aufnehmende Schule eine verbale

Rückmeldung zu den Leistungen und Lernentwicklungen

der Kinder hilfreicher.

Schulen ohne Noten

in anderen Ländern

Viele Länder geben in der Grundschule, oft sogar

weit darüber hinaus, keine Noten. Sie sind nicht nötig,

weil die Kinder in diesen Ländern länger gemeinsam

lernen. Auch Sitzenbleiben und Aussonderung sind

seltener. Unter diesen Ländern sind bei PISA bzw. IGLU

erfolgreiche Schulsysteme wie die skandinavischen,

vor allem Finnland, und Südtirol in Italien.

Aber auch in einigen dieser Länder schwankt die

Politik – je nachdem, welche Partei an die Regierung

kommt (z. B. in England und in Schweden).

Mehr dazu ➝ Nr. 8 »Internationale Vergleiche«.

Immer wenn Sie dies Symbol sehen, erfahren

Sie Näheres auf www.grundschuleltern.info

unter »Weitere Informationen«.

10 08 • Februar 2013


Tests oder Texte –

welche Alternativen gibt es für Noten?

Viele sehen in Tests die Lösung für die Probleme des fehleranfälligen

Lehrerurteils. Die Aufgaben, ihre Durchführung

und ihre Auswertung sind standardisiert. Also sollten

die Ergebnisse objektiv, eindeutig und vergleichbar

sein. Leider ist dem nicht so.

Aufgabentexte müssen gelesen werden, also wird z. B.

in Mathematik auch die Lesefähigkeit mitgetestet. Schüler/innen

können Aufgaben unterschiedlich verstehen.

Oder sie kreuzen eine Antwort aus anderen Gründen

an, als der Test unterstellt. Für »falsche« Lösungen kann

es gute Gründe geben (vgl. die Beispiele in ➝ Nr. 6).

Aber auch eine »richtige« Lösung kann auf verschiedene

»Kompetenzen« verweisen: intelligente Problemlösung;

Wissenstransfer aus ähnlichen, geübten Aufgaben; Abruf

einer angelernten Lösung; geschicktes Raten.

Um nicht in die Notenfalle zu geraten, haben sich einige

Vorkehrungen als nützlich erwiesen:

●●

Wie beim Autoführerschein entscheiden die Kinder

selbst, wann sie sich welchen Teilprüfungen stellen

wollen.

●●

In einem Raster mit konkreten Lernzielen wird vermerkt,

wann ein Kind welche (Teil-)Leistungen erbracht

hat.

Selbst- und Fremdeinschätzung im Dialog

Lerngespräch statt Ziffernzeugnis

Tests sind zudem punktuelle Leistungssituationen: Der

eine kann mit dem Zeitdruck besser umgehen als andere.

Ob jemand einen »guten« oder »schlechten« Tag

hat, beeinflusst, ob er bzw. sie vorhandenes Wissen und

Können abrufen kann. In größeren Gruppen gleichen

sich solche Abweichungen ein Stück weit aus. Für Urteile

über einzelne Personen sind Tests dagegen zu fehleranfällig.

Sie bieten Lehrer/inne/n zusätzliche Daten, können

deren Urteil aber nicht ersetzen, sondern lediglich die

Basis für dieses Urteil erweitern.

Bleiben ausformulierte Berichte. Verbale Beurteilungen

sind nicht objektiver als Noten. Aber sie beanspruchen

dies auch nicht – dafür machen sie die Subjektivität des

Lehrerurteils durchsichtig und diskutierbar. Allerdings ist

es nicht damit getan, Ziffern durch Wörter zu ersetzen.

●●

●●

In solchen Rastern schätzen die Kinder sich gelegentlich

selbst ein, ehe die Lehrperson ihre Beurteilung

einträgt – Anlass für ein gemeinsames Bilanzgespräch,

evtl. zusammen mit den Eltern.

Leistungen werden nicht nur im Blick auf die allgemeinen

Anforderungen, sondern auch mit Bezug auf die

individuellen Voraussetzungen bewertet – mit Hinweisen

auf sinnvolle »nächste Schritte« (sensibel geschriebene

Entwicklungsberichte finden sich in dem

Buch von Bambach, s. S. 12). Wie man mit dem bestehenden

Notenzwang noch einigermaßen erträglich

umgehen kann, zeigen die Beispiele ➝ Nr. 7).

Ohne Noten keine Leistung?

In einer Hamburger Studie von (LAU-Studie von Lehmann

u. a. 1997) wurden die Leistungen am Ende der

Grundschulzeit mit standardisierten Tests verglichen.

In Klassen mit Noten waren sie nicht besser als in denen,

die Kindern eine individuelle Rückmeldung gegeben

hatten. Und selbst bei denselben Noten hatten Kinder

aus bildungsnahen Familien eine höhere Chance auf

das Gymnasium zu kommen als Unterschichtskinder.

Ein weiteres Problem unseres selektiven auf Noten

basierenden Schulsystems. Mehr dazu ➝ Nr. 3

08 • Februar 2013 11


Informationen & Lesetipps

Erziehung in Familie und Schule

Ein sehr persönlich geschriebener,

engagierter, zugleich aber auch differenzierter

Elternratgeber, der auf zu

simple Vereinfachungen verzichtet:

Warum es nicht so schlimm ist, in

der Schule schlecht zu sein: Schulschwierigkeiten

gelassen meistern

Heidemarie Brosche / Björn Maier

Erschienen: 2008

Verlag: Kösel

Preis: 16,95 Euro

Ermutigungen, Nicht Zensuren.

Ein Plädoyer in Beispielen

Heide Bambach

pädagogische Diskussion zur Leistungsbeurteilung

insgesamt gibt die

Expertise

Sind Noten nützlich und nötig?

Arbeitsgruppe Primarstufe

Erschienen: 2005

Verlag: Grundschulverband

Preis: 18,00 Euro

Weitere Literaturempfehlungen für

Eltern finden sich ➝ Nr. 1

Geschichten für Kinder

zum Thema

Schokolade und

andere Geheimnisse

Heike Brandt / Susanne Göhlich

Heißer Tipp:

Hör-Geschichten für Kinder,

gesprochen von Profis wie

Anke Engelke, kostenlos herunter -

zuladen unter www.ohrka.de

(OHRA – Netzwerk Hörmedien

für Kinder e. V.)

wie sie sein kann, wenn Lehrer/innen

Unterricht und Klassenleben gemeinsam

mit den Kindern gestalten.

Verkleidet in eine Geschichte ist dieser

Lernhelfer für Kinder, die Schwierigkeiten

damit haben, sich und ihre

Arbeit für die Schule zu organisieren:

Gute Noten mit Frau Ulkig – oder:

Was hilft die Noten zu verbessern

Anette Neubauer/ Mirella Fortunato

Erschienen: 2008

Verlag: Albarello

Preis. 10,90 Euro

Konkrete Alternativen

zu Ziffernnoten

Erschienen: 1994

Verlag: Libelle

Preis: 14,80 Euro

Eindrucksvolles Plädoyer einer Lehrerin,

die viele Jahre ohne Noten unterrichtet

hat – mit überzeugenden Beispielen

aus ihren Klassen.

Einen systematischen Überblick über

die Forschung zu Noten und über die

Erschienen: 2011

Verlag: Gerstenberg

Preis: 2,95 Euro

Eine spannende, einfühlsam erzählte

Geschichte über Lügen, Geheimnisse

und den Leistungsdruck, den manche

Eltern auf ihre Kinder ausüben, vor allem

beim Übergang auf das Gymnasium

– aber auch über Grundschule,

Mehr Informationen unter

www.grundschulverband.de/veroef

fentlichungen/mitgliederbaende/

12 08 • Februar 2013


Schulwechsel:

Welche Schule ist gut für unser Kind?

Foto: Bert Butzke

Pädagog/inn/en sind sich in dieser Frage nicht einig. Das

zeigt schon die große Breite an Reformschulen: Es gibt

Waldorfschulen, Montessori-Pädagogik, den Jena plan

von Petersen, die Freinet-Kooperative und noch viele andere

freie Schulen.

Auch Eltern haben unterschiedliche Erwartungen.

Schulen, die alle Wünsche erfüllen, gibt es nicht. Eltern

können aber prüfen, ob sich eine Schule ernsthaft bemüht,

ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Lassen Sie

sich also nicht durch Hochglanzbroschüren blenden,

schauen Sie hinter die Fassade. Gleichzeitig gilt: Selbst in

einer durchschnittlichen Schule kann es Ihrem Kind gut

gehen. Denn letztlich kommt es auf die konkreten Personen

an, mit denen es täglich zu tun hat: Lehrer, Mitschüler

– und auch Sie als Eltern.

Für den Alltag wichtig sind praktische Bedingungen:

Wie weit ist der Schulweg? Kann Ihr Kind mit Freunden,

mit Nachbarskindern auf diese Schule gehen? Gibt es Betreuungsmöglichkeiten?

Prüfen Sie, welches pädagogische Konzept eine Schule

hat – und was im Alltag hinter ihren Mauern passiert.

Meldung

Das Land Baden-Württemberg hat die bindende

Empfehlung der Grundschule zugunsten einer Elternwahl

der weiterführenden Schule gekippt. Obwohl

es Hinweise gibt, dass die Lehrerempfehlungen

– allerdings nur schwach – prognostisch sicherer sind

(nachzu lesen zum Beispiel bei Hartmut Ditton) ist

dies die richtige Entscheidung. Nutzen Sie aber die

Möglichkeit, sich beraten zu lassen!

Folgende Punkte sprechen für eine »gute Schule«:

Die Kinder gehen gerne zur Schule

1 Wecken die Lehrer/innen Lust aufs Lernen und die

Bereitschaft, sich anzustrengen – statt unnötig Druck

auszuüben? Fällt Unterricht aus, sollte dies nicht als Erlösung

erlebt werden – und das Ende der Ferien nicht als

Graus, der Bauchschmerzen und Schlaflosigkeit auslöst.

2

Foren

… mit interessanten Beiträgen und Diskussionen

zum Thema »gute Schule« gibt es viele.

Neben www.guteschule.eu/ erscheinen uns die

folgenden besonders interessant – vor allem wegen

der konkreten Beispiele »guter Schulen«:

www.adz-netzwerk.de

www.BlickueberdenZaun.de

www.starke-grundschulen.de/school_map.cgi

www.schulen-der-zukunft.org/

Die Schule fordert und fördert Leistung

Allen Kindern werden anspruchsvolle Aufgaben gestellt

– bezogen auf ihr jeweiliges Können. Die Anforderungen

sind für Schüler/innen und Eltern durchsichtig.

Die Schule rühmt sich nicht nur ihrer Preisträger und

Stars – sie hat auch eine niedrige Quote an Wiederholern

und nur wenige Abgänge in niedrigere Schulformen. Besondere

Neigungen und Begabungen finden ihren Ort in

Chor, Mathematik-AG, Orchester, Erfinder-, Theater- oder

Sportgruppen, in Angeboten für Praktika und in internationalen

Austauschprogrammen.

Bei Problemen erhalten Schüler/innen Hilfe

3 Der Unterricht nimmt Rücksicht auf unterschiedliche

Voraussetzungen. Bei schwachen Leistungen werden

Schüler/innen nicht bloßgestellt. Rückmeldungen beschränken

sich nicht auf Noten. Unter Schülerarbeiten

stehen hilfreiche Kommentare, statt Ziffernzeugnissen

gibt es Informationen zur Lernentwicklung. An Sprechtagen

(und möglichst öfter …) finden Beratungsgespräche

mit Eltern und Schulkindern statt.

(Fortsetzung S. 14)

03 • November 2011 13


(Schulwechsel …, Fortsetzung von S. 13 )

4

Lehrer/innen respektieren ihre Schüler/innen

Die UN-Kinderrechtskonvention gilt auch für und

in Schulen. Darum sind Schüler/innen über Klassen räte,

Schülerparlament und Streitschlichterprogramm an

wichtigen Entscheidungen zu beteiligen. Auch im Unterricht

können Kinder mitbestimmen. Innerhalb von Rahmenthemen

sollten sie entscheiden können, was und wie

sie lernen.

Statt gleichschrittigem Arbeiten nach Vorgabe werden

zwischen Lehrer/in und Schulkind gemeinsam die nächsten

Lernschritte überlegt und in Vereinbarungen festgehalten.

Für den Umgang gibt es klare Vereinbarungen

5 Regeln werden nicht einfach vorgegeben, sondern

gemeinsam entwickelt – bis hin zu »Verträgen« mit Einzelnen.

Sie gelten auch für die Lehrer/innen (z. B. »Nicht

dazwischen reden!«, »Pünktlich sein!«).

6

Die Schule ist auch als Lebensort gestaltet

Im Gebäude fühlt man sich wohl: »Der Raum ist der

dritte Pädagoge«. Nicht nur Schüler/innen, sondern auch

Lehrer/innen können dort arbeiten. Lässt die Ausstattung

(Bilder! Plakate!) ein Wir-Gefühl und einen Einblick in den

Schulalltag erkennen oder dienen Ausstellungen eher der

Selbstdarstellung? Besucher/innen werden in den Sprachen

der Schüler/innen begrüßt, Hinweisschilder helfen

zu einer raschen Orientierung, Informationen am Schwarzen

Brett sind aktuell. Die Wände sind nicht verdreckt,

sondern ästhetisch ansprechend gestaltet, Schaukästen

nicht verstaubt. Auf den Fluren und dem Schulhof liegt

Die Wartburg-Grundschule in Münster – eine pädagogisch

wie architektonisch besondere Schule!

kein Unrat herum, und die Toiletten schrecken nicht von

ihrer Nutzung ab. Generell, vor allem in Ganztagsschulen:

Gibt es auch Freizeit- und Rückzugsmöglichkeiten?

7

Die Schule ist keine pädagogische Insel

Es gibt Kontakte in den Stadtteil, Kooperationen mit

anderen Einrichtungen wie Sportvereinen, Bibliotheken,

Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Die pädagogischen

Aktivitäten hören nicht am Zaun des Schulhofs

auf: Projekte ermöglichen Recherchen außerhalb; sachkundige

Erwachsene werden eingeladen, um den Unterricht

mit ihren persönlichen Erfahrungen, ihrem fachlichen

Wissen und Können zu bereichern.

8

Lehrer/innen sind keine Einzelkämpfer

Sie arbeiten in Teams zusammen und besuchen regelmäßig

Fortbildungen. Gemeinsam mit Schulkindern,

Eltern und weiteren Beteiligten haben sie ein Schulpro-

Foto: Stadt Münster

Klassenrat – eine Versammlung, um gemeinsame Anliegen zu besprechen und demokratisch zu entscheiden

Foto: Simone Knorre

14 03 • November 2011


gramm erarbeitet. Seine Umsetzung wird regelmäßig

überprüft. Die ganze Schule versteht sich als lernende

Einrichtung.

9

Eltern arbeiten aktiv in der Schule mit

Eltern unterstützen die Arbeit der Schule über einen

Förderverein. Sie sind nicht nur als Kuchenbäcker für

Schulfeste oder beim Basteln für den Weihnachtsbasar

gefragt. Ihr Engagement in Gremien und ihre Hospitation

im Unterricht werden gefördert.

10

Fühlen Sie selbst sich in der Schule wohl?

Bitten Sie die Schulleitung um ein Gespräch.

Schon deren Bereitschaft ist ein wichtiges Zeichen für

eine gute Schule.

Zur Vorbereitung können Sie Unterlagen aus der

Selbst- oder Fremdevaluation erfragen (Schülerbefragungen,

Lernstandserhebungen, Schulinspektion). Besuchen

Sie außerdem Informationsabende und »Tage der

offenen Tür«. Lassen Sie sich dabei von einem Schulkind

begleiten und die Räume aus dieser Sicht zeigen und erklären.

Sprechen Sie mit anderen Eltern oder mit ehemaligen

Schulkindern aus Ihrer Nachbarschaft.

Eine gute Schule hat ein »Gesicht«. Sie hat gemeinsame

Ziele, für die sich alle Beteiligten gemeinsam einsetzen.

Auch gegen Widerstände.

Aber denken Sie daran: Keine Schule kann alle

Ansprüche erfüllen. Wenn es Schwierigkeiten gibt:

Suchen Sie das Gespräch mit den Lehrpersonen. Ob es

Ihrem Kind gut geht, hängt zum großen Teil auch von

Ihnen ab …

Was können Eltern für einen guten Übergang tun?

●●

Achten Sie auf die besonderen Stärken und Neigungen

Ihres Kindes. Respektieren Sie aber auch seine Grenzen.

●●

●●

●●

Nutzen Sie die Flexibilität des Systems – soweit gegeben.

Ihr Kind kann die Schule wechseln, aber auch die

Schulform. Höhere Abschlüsse lassen sich auch nachholen.

Bedenken Sie: Auch eine »gute Schule« besteht nicht

nur aus »guten« Lehrpersonen.

Stehen Sie hinter Ihrem Kind, wenn es Schwierigkeiten

hat. Nehmen Sie aber auch die Überlegungen der Lehrer/innen

ernst und bleiben Sie fair.

»Eine Schule ist gut, wenn Schüler traurig sind,

dass Unterricht ausfällt.«

(Pädagogenweisheit)

Foto: Bert Butzke

Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Entscheidung über die weiterführende Schule

Den Übergang am Ende der Grundschulzeit erleben alle

Beteiligten als schwierige Phase. Denn alle Bundesländer

verlangen nach der Grundschule die Aufteilung der Kinder

auf verschiedene Schularten. Rechtlich stellt sich die Frage:

●●

Wer sollte und wer darf über den Zugang zu den Schularten

entscheiden?

Das Verfahren ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich.

Auch innerhalb der Länder ändern sich Regeln.

Zurzeit ist der Trend, das Elternrecht zu stärken (siehe im

Einzelnen zu den Regelungen ➝ ).

Konkret sagt die Forschung:

●●

Die Übergangsempfehlungen von Lehrer/innen sind

sehr unsicher. Vor allem bevorteilen sie bei gleichen

Leistungen Kinder aus höheren sozialen Schichten.

●●

Die Prognosen von Tests sind ebenfalls nicht verlässlich

genug. Schulerfolg lässt sich bei Zehnjährigen

nicht vorhersagen.

●●

Selbst ein späterer Zeitpunkt des Übergangs – z. B.

nach Klasse 6 (wie in Berlin und Brandenburg) – verbessert

die Treffsicherheit der Vorhersagen nicht.

●●

●●

●●

●●

Deshalb wäre es besser, wenn Schüler/innen länger

gemeinsam lernen könnten. Lernen in leistungsgemischten

Gruppen ist kein Nachteil.

Solange das nicht möglich ist, sollten Eltern und Kinder

entscheiden.

Allerdings schlägt dann die soziale Herkunft noch stärker

durch als beim Lehrervotum.

Deshalb sollte die Beratung mit Lehrer/innen beider

Schulstufen gesucht werden.

(siehe ergänzend zu einzelnen Fragen das Video-Interview

und die Nachweise unter )

Immer wenn Sie dies Symbol sehen,

erfahren Sie Näheres auf

www.grundschuleltern.info

unter »Weitere Informationen«.

03 • November 2011 15


Informationen & Lesetipps

Was ist eine gute Schule?

Zu dieser Frage haben mehrere Zeitschriften

eigene Themenhefte herausgebracht.

Sie benennen eigene

Kriterien, stellen aber auch interessante

Beispiele vor, z. B.

SPIEGEL-Wissen Mai 2011,

GEO-Wissen November 2009,

STERN Ratgeber Bildung 1/2010.

Zwei kürzlich erschienene Bücher

wählen einen ähnlichen Ansatz. Bei

ihren Schulporträts gehen sie aber

mehr in die Tiefe:

Die gute Schule.

Wo unsere Kinder gerne lernen

C. Füller

Erschienen: 2009

Verlag: Pattloch

Preis: 16,95 Euro

Lernen geht auch anders.

Reformschulen sind die bessere

Alternative

H. Papenfuss

Erschienen: 2009

Verlag: Patmos

Preis: 16,90 Euro

Konkrete »Standards« für eine gute

Schule hat der Schulverbund »Blick

über den Zaun« veröffentlicht (➝

www.BlickueberdenZaun.de). Sie beziehen

sich auf die drei Ebenen Unterricht,

Schule und schulische Rahmenbedingungen.

Schulqualität hängt

danach von dem Zusammenwirken

der einzelnen Lehrer/innen, der Schulgemeinschaft

sowie Politik und Verwaltung

ab.

Die Jury für den Deutschen Schulpreis

hat sechs Anforderungen an

eine gute Schule formuliert (➝ http://

schulpreis.bosch-stiftung.de).

Und was macht den Alltag einer guten

Schule aus? Deutlich wird das in

Büchern, die von Lehrerinnen selbst

geschrieben wurden:

So dumm sind sie nicht.

Von der Würde der Kinder in der

Schule

U. Andresen

Erschienen: 2002

Verlag: Beltz Taschenbuch

Preis: 14,00 Euro

Was wir unseren Kindern

in der Schule antun

… und wie wir das ändern können

S. Czerny

Erschienen: 2010

Verlag: Südwest

Preis: 17,99 Euro

Kinder können mehr.

Anders lernen in der Grundschule

F. Czisch

Erschienen: 2005

Verlag: Antje Kunstmann

Preis: 22,00 Euro

Unermesslich.

Jenseits von Pisa

N. Simon

Erschienen: 2011

Arbeitsgruppe Primarstufe /

Universität: Siegen

Preis: 7,00 Euro

Übergänge

… werden im gestuften Bildungssystem

mehrfach zum Thema: als Wechsel

vom Kindergarten in die Grundschule

(s. S. 1 ff.), von der Grundschule

in die weiterführenden Schulen, von

dort in den Beruf oder an die Hochschule.

Speziell zum Wechsel von der

Grundschule auf die Sekundarstufe:

Den Übergang gestalten.

Wege vom 4. ins 5. Schuljahr

G. Beck

Erschienen: 2002

Verlag: Kallmeyer

Preis: 7,95 Euro

Ein Jugendbuch zum Thema:

Echt Susi

Chr. Nöstlinger

Erschienen: 2002

Verlag: Dachs

(leider vergriffen;

nur über Amazon,

ca. 2,50 Euro, oder

als Audio-Kassette

[Jumbo 2000],

9,99 Euro)

Wie Schülerinnen und Schüler den

Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden

Schule erleben, zeigen

die Ergebnisse einer aktuellen Befragung

von Stefanie van Ophuysen u. a.:


Starke Grundschulen

… nennt der Grundschulverband

sein Netzwerk von Schulen, die

»gemeinsam unterwegs« sind:

nicht Leuchtturmschulen, keine

»fertigen« Schulen, sondern Schulen

in Entwicklung, die am Austausch

mit anderen interessiert

sind (vgl. »Grundschule aktuell«

H. 118 / 2012). Nach 21 Kriterien erschließbar

lassen sich Programme

und Standorte dieser Schulen auf

einer interaktiven Landkarte finden:

www.starke-grundschulen.

de/school_map.cgi

16 03 • November 2011


Kinder erforschen die Welt –

wie Wissenschaftler

Der Schweizer Psychologe Jean Piaget hat sich viel mit

Kindern darüber unterhalten, was sie über die Welt denken

(➝ 1b). Ihre Theorien über die Umwelt und deren

Rätsel sind spannend. Beispiel ist die Erfahrung, dass

Sonne und Mond auch dann bei uns bleiben, wenn wir

uns bewegen:

Cam (6 Jahre) sagt von der Sonne: »Sie kommt mit uns,

weil sie uns zuschaut.« – »Warum schaut sie uns zu?« – »Sie

schaut, ob man brav ist.«

Gespräch mit Jac (6;6 Jahre): »Was tut der Mond, wenn

man spaziert?« – »Er rollt mit uns.« – »Warum?« – »Weil der

Wind ihn antreibt.«

Duc (7;6 Jahre): »Was macht die Sonne, wenn du spazieren

gehst?« – »Sie leuchtet.« – »Folgt sie dir nach?« – »Nein, aber

man sieht sie überall.« – »Warum?« – »Weil sie sehr groß ist.«

(nach Piaget »Das Weltbild des Kindes«, S. 178, 180)

Für Kinder ist es überraschend, dass Sonne und Mond

immer »mit uns gehen« – anders als Häuser oder Bäume.

Zur Erklärung greifen sie auf vertraute Vorstellungen

zurück. Nach Piaget ist dies eine typische Entwicklung:

Erst wird den Gestirnen ein eigener Wille unterstellt (wie

bei anderen Lebewesen); danach vermuten die Kinder,

dass eine äußere Kraft wirkt (der Wind). In früheren

Zeiten haben auch Erwachsene so gedacht.

hen oder gar »auszulöschen« – bis heute. Dabei wissen

wir, dass Kinder neues Wissen nur aus dem entwickeln

können, was sie schon mitbringen.

Kinder erkunden die Welt wie Wissenschaftler. Sie bilden

Vermutungen, sie probieren ihre Denkmodelle aus. Solange

diese Vorstellungen funktionieren, behalten sie sie

bei, z. B. dass es kalt ist, weil es geschneit hat (und nicht

umgekehrt).

Aber auch wenn die Erklärungen nicht mehr passen,

braucht es Zeit, bis die Kinder ihre Vorstellungen an neue

Erfahrungen anpassen. Wie auch wir Erwachsene Zeit

brauchen, um unsere Vor-Urteile zu überwinden. Und

selbst Wissenschaftler: Die Geschichte der Physik ist voll

von solchen Weltbild-Kämpfen: die Erde als Scheibe oder

Kugel; die Sonne, die um die Erde kreist – oder umgekehrt;

der Streit zwischen Wellen- und Teilchen- Modellen

in der modernen Atomphysik. Theorien werden immer

weiter verfeinert – aber wir wissen nie, ob unser jetziges

Weltbild nicht noch besser werden kann. Um im Alltag

klar zu kommen, reichen uns Laien einfachere Theorien

als Wissenschaftlern.

Auch Kinder entwickeln ihre ganz eigenen Vorstellungen

– passend auf ihre persönlichen Erfahrungen und

auf ihren geistigen Entwicklungsstand. Wir sehen oft nur

»Fehler«, wo Kinder die komplexe Wirklichkeit vereinfachen

– passend für den aktuellen Stand ihres Denkens.

Beobachten, wie Pflanzen wachsen

Jeder Mensch sucht nach Sinn. Sinnvoll kann aber nur

sein, was in die individuelle Denkwelt und die umgebende

Kultur passt.

Wir sollten diese Erklärungen ernst nehmen und respektieren.

Denn nur aus diesen einfachen Vorstellungen

kann sich Fachwissen entwickeln. Immer wieder

hat Schule versucht, falsche Vorstellungen zu überge-

Liebe Eltern,

der Alltag ist die beste Lernsituation. Kinder untersuchen

alles, was ihnen unter die Finger kommt. Sie probieren es

aus, sie bauen etwas zusammen, sie tun »als ob« – und

sie denken nach. Kinder sind Forscher.

Das Kochgeschirr in der Küche, ein altes Radio, die Büsche

im Park um die Ecke: Für Kinder ist die Welt voller

Herausforderungen und Wunder. Im Alltag können sie

so viel lernen – wenn wir ihnen Raum und Zeit geben

und für ihre Fragen offen sind. Wie eine gute Schule. Statt

sie ständig belehren zu wollen. Wie eine schlechte Schule.

Piaget wusste, warum er so viel Zeit mit Kindern verbracht

hat … Ihn hat interessiert, wie Kinder die Welt sehen.

Er hat sie intensiv befragt, wie sie Naturphänomene

und technische Probleme deuten, aber auch wie sie soziale

Regeln erklären. Und auch ihnen damit geholfen, sich

über ihr Denken klarer zu werden.

09 • Mai 2013 17


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Die Welt zeigen und erklären – oder die Kinder selbst ent decken lassen?

Eines vorweg: Kinder können viel lernen von Erwachsenen,

die sachkundig sind, die verständlich erklären und

die dies auch noch auf anregende Weise tun. Diese Fähigkeit

zu entwickeln, ist also eine wichtige Aufgabe für

Lehrer / -innen. Noch wichtiger ist aber die Frage, wie

eine Lehrperson diese Fähigkeit einsetzt. Angesichts der

großen Unterschiede zwischen Kindern gleichen Alters

(s. S. 3 und 22) verbietet es sich, eine Lerngruppe über

längere Zeit im Gleichschritt zu belehren. Da alle Lerner

ihre individuelle Sichtweise von Welt immer auf Basis

ihrer Erfahrungen »konstruieren«, müssen Kinder möglichst

oft selbst aktiv werden können.

Gemeinsam forschen – mit erweiterten Sinnen

In der Forschung finden sich viele Befunde, die die Vorzüge

des aktiven Tuns bestätigen (vgl. Hartinger / Lohrmann

➝ 3). Uneins sind die ForscherInnen aber über

die Frage, wie stark das entdeckende Lernen von Erwachsenen

vorstrukturiert werden sollte.

Denn »entdeckendes Lernen« kann sehr unterschiedlich

aussehen.

●●

Ist bei Aufgaben oder Experimenten genau vorgegeben,

was am Ende herauskommt, sprechen manche

von »Ostereier-Didaktik«. In dieser Art sind auch sog.

»Experimentierkästen«, z. B. von Kosmos, oft gestaltet.

●●

●●

Anders, wenn offene Fragen oder Probleme gestellt

werden, die sich auf verschiedene Weise bearbeiten

lassen. Dabei bringen die einzelnen Kinder unterschiedliche

Fähigkeiten ein – und sie lernen auch Unterschiedliches.

Wieder anders ist die Situation, wenn Kinder ihren eigenen

Themen und Fragen nachgehen können, an

denen sie – allein oder in kleinen Gruppen – arbeiten;

am Ende stellen sie ihre Ergebnisse den anderen vor,

werden also selbst zur »Lehrperson«. Unterstützt wird

ein solches offenes Experimentieren durch Baukästen

wie von Anker, Lego oder Fischer-Technik angeboten.

Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Ergebnisse

von Untersuchungen zu verschiedenen Unterrichtsformen

aus. Insbesondere die neuerdings viel zitierte

»Metaanalyse« von Hattie (➝ 3) macht deutlich, wie

sehr die Wirkung einer Methode durch die Art ihrer Umsetzung

und von den konkreten Randbedingungen bestimmt

wird (s. S. 3 und 35).

Tipp: Zeitschriften statt Bücher

Viele Verlage, die Bücher oder Zeitungen für Erwachsene

herausgeben, bieten inzwischen sehr unterschiedliche

Zeitschriften für Kinder an: Flohkiste, GEOlino,

National Geographic World, ZEIT Leo, usw. Sie versuchen,

Wissen aus ganz verschiedenen Bereichen auf unterhaltsame

Weise zu vermitteln. Aber jedes Kind hat

da andere Vorlieben. Probieren Sie also Einzelhefte aus.

Oder bestellen Sie erst ein Probeabo. Gute Überblicke

finden Sie bei der Stiftung Lesen oder beim Institut für

angewandte Kindermedienforschung (z. B. in einer Suchmaschine

»IFAK« & »Kinderzeitschriften« eingeben).

Die Einschätzung des Erfolgs einer Methode hängt aber

auch davon ab, was erreicht werden soll: Je enger die

Lernziele, desto eher kann ein vorgegebener Lehrgang

dazu beitragen, dass die Kinder bestimmte Fakten und

Begriffe lernen und wiedergeben können. Unsere Gesellschaft

entwickelt sich aber so schnell, dass man vor

allem lernen muss, sich Fragen zu stellen, Strategien zur

Lösung von Problemen zu entwickeln, Informationen

selbstständig ausfindig zu machen. All das lernt man nur,

indem man es tut – in Kindergarten und Schule, aber

auch zu Hause (vgl. ➝ 1a und 2).

Kinder haben es gut, wenn auch ihre Eltern neugierig,

handwerklich geschickt – und geduldig sind: mit ihnen

basteln, Bücher lesen, in den Wald gehen, ein Technikmuseum

besuchen, ein Baumhaus bauen. Dabei kommt

es nicht auf die Perfektion des Produkts, sondern auf die

Erfahrungen in der (Zusammen-)Arbeit an.

Hüttenbauen auf einem Bauspielplatz

Foto: RaBauKi e. V. Siegen

18 09 • Mai 2013


Lernen durch Anschauung und Selbsttätigkeit

Aus Büchern und anderen Medien können Kinder viel

über die Welt lernen. Vor allem über die Welten, die der

eigenen Erfahrung nicht zugänglich sind: über vergangene

Zeiten, über andere Länder und auch über Bereiche,

die dem Laien oft verschlossen sind – wie das Innenleben

von Maschinen oder die Abläufe in einem Krankenhaus.

Dennoch: Die persönliche Erfahrung ist meist intensiver,

das eigene Probieren nachhaltiger.

Gilt also: Je mehr Kinder sehen, je mehr sie selber tun –

desto besser lernen sie? So einfach ist es nicht (s. auch

S. 31). Ein Alltagsexperiment macht es klar: Bitten Sie jemanden,

das Ziffernblatt seiner Armbanduhr aus dem

Kopf möglichst genau aufzuzeichnen. Nicht wenige

werden Schwierigkeiten haben, obwohl sie doch täglich

mehrmals auf die Uhr schauen. Aber dabei gilt ihr Interesse

der Zeitangabe, nicht der Form des Ziffernblatts.

Insofern macht es wenig Sinn, Kinder mit einer Vielfalt

von Sinneseindrücken zu überschütten. Ein berechtigter

Vorwurf gegen viele (Lern-)Programme auf PCs oder im

Fernsehen: Nur bunte Bilder, durch Bewegung animiert

und mit Musikteppichen unterlegt, dienen dem Lernen

nicht.

Und Anschauung alleine reicht nicht: Wer keine Frage,

wer kein gezieltes Interesse hat, läuft blind durch die

Welt. Das gilt ebenso für den Gang durch den Wald wie

für einen Besuch im Museum.

Darum sind Eltern wichtig (und Kindergärten und Schulen).

Es reicht eben nicht, im Kinderzimmer oder in der

Schulklasse eine Alphabet-Leiste aufzuhängen. Erst

wenn man gezielt einzelne Buchstaben abdeckt und die

Kinder auffordert, die Leerstelle zu füllen, bilden sie eine

»Anschauung im Kopf«. Ein solches »inneres Alphabet«

hilft dann beim Suchen im Lexikon oder im Telefonbuch.

Auf ähnliche Weise kann man Kinder unterstützen, eine

Vorstellung vom Zahlensystem zu entwickeln: Erst deckt

man auf einer Hunderter-Tafel eine Zahl durch eine Marke

ab und lässt das Kind diese Leerstelle benennen. Später

bittet man es: »Stell dir vor, du bist bei der 24 und gehst

eine Reihe tiefer (nächste Stufe: …und dann noch drei

nach rechts). Welche Zahl steht da?«

Eine innere Anschauung entsteht also aus der Selbsttätigkeit.

Indem Kinder ein Fahrrad oder eine Blume zeichnen,

machen sie sich bewusst, wie die Dinge in ihrer Umwelt

genau aussehen. Eine besonders ergiebige Aufgabe

ist das Ausfüllen einer »black box«. Bitten Sie Ihr Kind

zu bauen oder zu zeichnen, wie es sich das Innere eines

Bohrers, einer Brotschneidemaschine oder einer Kaffeemühle

vorstellt.

Saschas, Katrins und Olivers Entwürfe für eine Stampfmühle

(Abb. aus: Möller 2000, 99 ➝ 1b)

Dafür können Baukästen hilfreich sein. »Rezeption durch

Produktion«, Verstehen durch Bauen. So gehen auch Forscher

vor. Um zu verstehen, wie wir sehen, laufen, sprechen,

denken, bauen sie Roboter, die genau diese Leistungen

erbringen sollen. Auch auf diesem Niveau gibt es

hoch spezialisierte Experimentierkästen für Kinder. Aber

man sollte Vor- und Grundschulkinder nicht mit komplizierter

Technik überfordern. Einfache Bausteine lassen

mehr Raum für die eigene Phantasie. Und sie helfen

Kindern, ihre Vorstellungen zum Ausdruck zu bringen,

Probleme auf ihrem Entwicklungsstand zu bearbeiten.

Konstruieren – Probieren – Nach-Denken

Noch vielfältiger sind die Möglichkeiten, die die natürliche

Umwelt bietet: Zweige, Blätter, Steine, Moose. »Waldkindergärten«

oder »Draußentage« in der Grundschule

nutzen diese Chance. Aber am schönsten für Kinder sind

Ausflüge mit den eigenen Eltern: in den Park um die Ecke,

an den Fluss, auf den Bauernhof. Wer dann noch ein (einfaches

und robustes!) Mikroskop oder auch nur eine Lupe

mitnimmt, kann auch unter die Oberfläche schauen.

Foto: Grundschule Buschhütten

09 • Mai 2013 19


Informationen & Lesetipps

Kinder müssen viel wissen und viel

können, um in unserer Welt selbstständig

zurechtzukommen. Nur wenig

davon lernen sie in der Schule,

zeigt das beeindruckende Buch:

Weltwissen der Siebenjährigen. Wie

Kinder die Welt entdecken können

Donata Elschenbroich

Fantasiemaschinen

konstruieren

virtuell über Apps für Smartphone

und Tablets / Pads:

Sven Nordquist (2012):

Petterssons Erfindungen 1 & 2.

Filimundus AB, jeweils rund

1,50 bis 2,00 €

Ähnlich vielseitig ist der Band:

Neue spannende Experimente

Hermann Krekeler

Wie man im Alltag unaufwändig interessante

Versuche durchführen kann,

zeigt die anregende Sammlung:

Was blubbert da im Wasserglas

Gisela Lück

Erschienen: 2011

Verlag: Ravensburger

Preis: 16,80 Euro

Erschienen: 2002

Verlag: Goldmann

Preis: 9,90 Euro

Kinderbuch-Tipp

»Inklusion«

Ein besonderes Buch über ein

besonderes Kind:

Müller, Birte (2012): Planet Willi.

Klett-Kinderbuch: Leipzig. 13,90 €

Erschienen: 2008 (3. Auflage)

Verlag: Herder

Preis: 13,90 Euro

Versuch macht klug: Bei echten Experimenten

weiß man nie genau wie das

Ergebnis ausfallen wird.

»Was passiert, wenn ich …« ist die

wichtigste Frage, damit Kinder Zusammenhänge

erkennen und Verknüpfungen

erstellen – mit ihrem bereits

vorhandenen Wissen. Ein spannendes

Buch für kleine und große Forscher!

Unter www.hkrekeler.de finden sich

weitere Hinweise, z. B. auf Experimentier-Kisten

für Versuche mit Alltagsmaterialien.

Ein besonderes Bilder- und Lesebuch

für Kinder vor der Schule:

Alle Zeit der Welt

Antje Damm

Heißer Tipp »Fremdsprachen«

Auf Seite 36 stellen wir den TING-Lesestift vor. Ergänzend dazu gibt es bei

Cornelsen in der lex:tra JUNIOR-Reihe zu vielen Sprachen (neben Englisch

und Französisch auch Migrantensprachen wie Russisch und Türkisch)

zweisprachige Bände unter dem Titel »Unser erstes Bildwörter buch«.

Der Grundwortschatz ist alphabetisch (in beiden Richtungen) und nach

Themenseiten erschlossen und kann über den Stift auf Deutsch und in

der Fremd sprache »vorgelesen« werden.

Erschienen: 2010

Verlag: Moritz Verlag

Preis: 13,80 Euro

Viele verschiedene Augenblicke hält

Antje Damm in diesem anregenden

Büchlein fest – zum Anschauen,

Diskutieren und Nachdenken … Zeit

wird fassbar, spürbar und sichtbar.

Naturwissenschaften in der Grundschule?

Im Verlag Krüger erschien 2013 das Plädoyer »Rettet die Neugier! Gegen

die Akademisierung der Kindheit« von Salman Ansari. Für die Grundschule

heißt das: »Ausgangspunkt und Ziel sind nicht in erster Linie die Naturwissenschaften,

sondern es sind die Natur, das Naturerleben, die Naturerfahrungen,

die Naturerforschung der Kinder.« So steht es im Editorial

von Grundschule aktuell, H. 119/2012. Dort finden sich auch viele anregende

Beispiele, wie ein solcher Unterricht konkret aussehen kann.

20 09 • Mai 2013


Kinder: Entdecker und Erfinder –

auch beim Lesen- und Schreibenlernen

Die Fibel führt Kinder in die Schriftsprache

ein. So hat die Schule fast 500 Jahre lang

gedacht. Heute wissen wir: Der Schulanfang

ist keine Stunde Null. Schulanfänger

kennen im Durchschnitt etwa 10 Buchstaben.

Die meisten können zumindest ihren

Namen schreiben. Und viele bringen bereits

Vorstellungen mit, wozu Lesen und

Schreiben gut ist. Aber auch, wie Schrift

funktioniert. Diese Vorstellungen mögen

noch unvollständig oder falsch sein (➝

Abb. 1). Dennoch beeinflussen sie, wie

Kinder das aufnehmen, was der Unterricht

ihnen anbietet und abverlangt. Wir

müssen ihre Vorstellungen verstehen und

ernst nehmen, wenn wir sie dort abholen

wollen, wo sie jeweils stehen.

(aus: Ferreiro / Teberosky 1979/1982)

Abb. 1: Ein Vorschulkind

schreibt

vier Buchstaben für

»vier Katzen« und

zwei Buchstaben

für »zwei Katzen«

Denn Fehler sind Versuche. Beim Lernen

vereinfachen auch wir Erwachsenen die

erwartete Leistung, z. B. wenn wir eine

Fremdsprache lernen. Solche Vorformen

sind für uns selbstverständlich, wenn

Kinder vor der Schule laufen, denken

und sprechen lernen. Sie sagen HEIZ-

SCHRANK zum Herd und erzählen uns,

dass die VOGELS GESINGT haben.

Auch beim Lesen zeigen sich in den

Fehlern wichtige Vorformen. Wenn ein

Kind POLIZEI liest, wo POST steht, hat es

schon viel von der Schrift verstanden.

Es beachtet die Gleichheit der Anfangsbuchstaben

und nicht mehr unwesentliche

Merkmale des Wortes, z. B. seine

Länge oder Farbe.

Nun kann es den nächsten Schritt

tun. Es erliest dann alle Buchstaben

nacheinander. Dabei entstehen aber oft

Kunstwörter wie P-OOO-SS-T. Die Kinder

müssen also eine weitere Strategie erwerben:

die aktive Sinnerwartung. Nach

dem Lautieren müssen sie also bewusst

überlegen: »Was für ein Wort kann das

werden?«

Der Rechtschreibung nähern sich Kinder

ebenfalls über Vor- und Zwischenformen,

wie Abb. 2 zeigt. Zunächst wird

der Anlaut erkennbar aufgeschrieben. Im

zweiten Beispiel sind alle Mitlaute wiedergegeben.

Die vollständige Lautschrift

BLETA ermöglicht dem Leser, das Wort

genauso auszusprechen wie die Schreiberin

und es auf diesem Weg zu verstehen.

Beim vierten und fünften Versuch

werden schon Rechtschreibmuster genutzt.

Diese können nicht mehr allein aus

dem Abhören abgeleitet werden.

Abb. 2: Ein Kind

schreibt alle paar

Monate das Wort

BLÄTTER – immer

falsch, aber immer

»besser falsch«

Diese Abfolge ist typisch für viele Kinder.

Zwar gibt es individuelle Abweichungen

wie PLETA oder BLETR. Aber die Fehler

folgen einer Logik: Die Kinder bewältigen

eine Schwierigkeit nach der anderen. Wie

die Schreibversuche in Abb. 3 zeigen, ist

diese Entwicklung normal: Leistungsstarke

Kinder machen dieselben Fehler wie

leistungsschwache – nur viel früher und

teilweise schon vor Schulbeginn.

Abb. 3: Kinder schreiben über die Grundschulzeit

hinweg alle sechs Monate

»Blätter«: linke Spalte ein besonders

leistungsstarkes Kind, rechts ein langsamer

Lerner (nach: May, P. (1991, S. 95): Kinder lernen

rechtschreiben)

(Fortsetzung S. 22)

Ermutigung

Ein neues Schuljahr beginnt – lassen

Sie sich als Elternvertreter in die entsprechenden

Gremien der Schule

Ihres Kindes wählen! So bekommen

Sie einen unmittelbaren Einblick in

die Grundschularbeit. Und Sie haben

die Möglichkeit, gemeinsam mit dem

Lehrerkollegium Schule zu gestalten.

Gute Schule kann ohne Eltern nicht

gelingen!

Liebe Eltern,

kann das wirklich sein, dass Kinder Schrift

und Zahlen nicht nur entdecken, sondern

sogar selbst erfinden? Ja, viele Untersuchungen

belegen, was die Beispiele auf

diesen Seiten anschaulich zeigen: Kinder

sind kreativ, sie machen sich eigene Gedanken,

wenn sie lernen zu lesen und zu

schreiben (und ebenso zu rechnen usw.).

Kinder (und Erwachsene …) ahmen beim

Lernen nicht einfach nach, was ihnen

vorgemacht wird. Sie machen sich ihren

eigenen Reim auf die Welt, auch auf die

Welt der Schrift. Üben kann diese eigenen

Versuche nicht ersetzen. Es kann helfen

Verstandenes zu festigen. Aber Üben

gegen das aktuelle Denken verspricht

keinen Erfolg.

Und woher weiß man, was Kinder über

Schrift, Zahlen und Schule denken? Indem

man sie fragt! Oder ihnen passende

Geschichten vorliest, um mit ihnen ins

Gespräch zu kommen, z. B. »Neues vom

Franz« von Christine Nöstlinger, »Ich will

auch in die Schule« von Astrid Lindgren

oder »Das Olchi-ABC« von Erhard Dietl.

Auf www.grundschuleltern.info haben

wir Ihnen eine Liste von Titeln zusammengestellt,

die sich auch als Grundstock

für eine kleine Klassenbibliothek eignen.

3x FALSCH und 2x RICHTIG?

(2) KINO

(5) KINO

(1) KINO

(3) KINNO

(4) KIENO

(Auflösung s. S. 24)

02 • September 2011 21


(… Kinder sind Erfinder; Forts. von S. 21)

Drei bis vier Jahre liegen die Kinder in

ihren Voraussetzungen auseinander – in

der Schrifterfahrung, aber auch in allen

anderen Bereichen, wie Remo Largo festgestellt

hat (s. S. 3).

Jedes Kind macht Fortschritte von

seinem jeweiligen Ausgangspunkt aus.

So kann man aus Abb. 3 nicht erschließen,

wann die Stammschreibung (»ä«

und nicht »e«) oder die Konsonantenverdopplung

nach Kurzvokal Thema im Unterricht

waren.

Abb. 4: Beim morgendlichen Kämmen

ihrer langen Haare sagt die sechsjährige

Eveline: »jetzt weiß i endlich, warum ich

drei Kämm‘ in mein’m Namen hab‘.«

Christian schreibt sogar seinen schon oft

richtig geschriebenen Namen plötzlich

als GRISDIJAN. Hat er im Kindergarten

noch das Schriftbild kopiert, versteht er

jetzt, dass die Buchstaben sich an den

Sprechlauten orientieren. Dies ist eine

ganz zentrale Einsicht. Kinder gewinnen

sie am leichtesten, wenn sie früh anfangen,

eigene Wörter zu schreiben. Zum

Beispiel mit Hilfe einer Anlauttabelle

(s. Kasten rechts). Dabei entstehen Fehler.

Wie Untersuchungen zeigen, behindern

diese das Lernen nicht (s. S. 23). Die

Kinder erfahren ja im Unterricht, dass die

Erwachsenen Wörter auf eine bestimmte

Weise schreiben. So schreiben viele

Lehrer/-innen unter oder neben die Texte

der Kinder eine Übersetzung in »Buchschrift«

oder »Erwachsenenschrift«. Nicht

als Korrektur, sondern als Anregung und

Herausforderung.

Grundsätzlich ist es wichtig, die

Lese- und Schreibversuche der Kinder

zu respektieren und die Fortschritte zu

würdigen. Auch dann, wenn sie noch

fehlerhaft sind. Die Kinder schaffen in

zwei, drei Jahren, wofür die Menschheit

mehrere tausend Jahre gebraucht hat:

von der Bilderschrift über die Lautschrift

zur Rechtschreibung zu kommen.

Lesen- und Schreibenlernen

mit einer Anlauttabelle

In vielen Eingangsklassen lernen die Kinder

heute Lesen und Schreiben mit Hilfe

einer Anlauttabelle. Mit ihr können sie

von Anfang an selbstständig schreiben,

indem sie sich die Wörter vorsprechen

und Laut für Laut verschriften. Anfangs

noch langsam, mit zunehmender Übung

immer schneller sind Schulanfänger in

der Lage, den Lautstrom der gesprochenen

Wörter zu erfassen, zu gliedern und

in Schriftzeichen zu übersetzen. Die Anlauttabelle

hilft ihnen mit ihren Bildern

dabei, die Buchstaben zu finden und aufzuschreiben.

Um die Verbindung von Laut und

Buchstabe deutlich zu machen, gibt es zu

jedem Schriftzeichen (Groß- und Kleinbuchstabe

immer zusammen) eine entsprechende

Abbildung, die mit dem Laut

beginnt. So gehört die Sonne zum »S«,

der Ball zum »B« (vgl. Abb. 5).

-Schreibtabelle

Abb. 5: Anlauttabelle in Grundschrift

Manche Buchstaben können lang oder

kurz ausgesprochen werden. Das »E«

klingt in »Esel« lang, in »Ente« dagegen

kurz. Die unterschiedliche Lautung wird

beim Schreiben jedoch mit demselben

Buchstaben, dem »E« abgebildet. In einigen

Anlauttabellen werden die Kinder

daher mit zwei Bildern auf solche Zusammenhänge

aufmerksam gemacht. Wichtige

Voraussetzung ist, dass die Abbildungen

erklärt werden, so dass das Kind

mit ihnen wirklich das Gemeinte verbindet.

Eine Alternative ist die »wachsende

Anlauttabelle«: Die Felder für die Bilder

sind leer und werden von jedem Kind

nach und nach mit selbst gezeichneten

oder eingeklebten Bildern gefüllt. Inzwischen

gibt es Lernsoftware, mit denen

solche individuellen Tabellen sehr einfach

hergestellt werden können (s. z. B.

die »Buchstabenwerkstatt« ➝ S. 24).

Bis alle Kinder mit einer Anlauttabelle

vertraut sind und sie völlig selbstständig

als Hilfsmittel nutzen können, braucht es

aber immer Zeit und vor allem regelmäßige

Übung.

Verbundene Ausgangsschriften:

Hilfe oder Umweg?

Schulanfänger lernen das Lesen und

Schrei ben heute fast überall mit der

Druckschrift. Unterschiedlich sind dann

die Wege zur eigenen Handschrift. Ziel

ist also nicht mehr eine genormte Schrift

für alle, sondern die Entwicklung individueller

– gut lesbarer und flüssiger –

Handschriften. In mehreren Bundesländern

werden aber verbundene Schriften

wie die Lateinische Ausgangsschrift den

Kindern als Zwischenschritt vorgegeben,

bevor sie ihre persönliche Handschrift

entwickeln dürfen. Zunächst muss dann

jede Buchstabenform möglichst genau

der Vorlage entsprechen.

Aber alle vorgegebenen verbundenen

Schriften bereiten den Kindern beim Lernen

Probleme. Und von ihren mühsam

erlernten Besonderheiten bleibt in den

ausgeschriebenen Erwachsenenschriften

kaum etwas übrig. Der Erfolg ist also

zweifelhaft – und die Klagen der weiterführenden

Schulen sind laut. Diese Klagen

gibt es zwar schon lange. Zum Teil sind

sie aber berechtigt, da nach dem Erwerb

der verbundenen Ausgangsschrift dem

Schreiben der Kinder oft nicht mehr die

notwendige Aufmerksamkeit geschenkt

wird. Für die Entwicklung ihrer persönlichen

Handschrift brauchen die Kinder

sinnvolle Anregungen und individuelle

Unterstützung, damit diese zunehmend

flüssig wird und dabei gut lesbar bleibt.

Um die Lehrer/-innen dabei zu unterstützen,

hat der Grundschulverband die

»Grundschrift« entwickelt – eine Druckschrift

mit Verbindungshilfen (➝ Abb. 5

und www.die-grundschrift.de). Mit ihr

kann den Kindern der Umweg über eine

vorgegebene verbundene Schrift erspart

werden. Die Aufmerksamkeit wird

im Unterricht von Anfang an darauf gelenkt,

gemeinsam aus der Druckschrift

individuelle Handschriften zu entwickeln

und diese mit immer mehr Schwung zu

schreiben.

Einen ausführlicheren Beitrag

zu diesem Thema finden Sie unter

www.grundschuleltern.info – dort

auch eine Liste mit Tipps zu sinn vollen

Aktivitäten mit Kindern vor

der Schule und am Schulanfang.

Besonders hilfreich für Eltern ist das

Buch von Mechthild Dehn: »Kinder

lernen lesen und schreiben« (s. S. 24).

Im Buch »Kinder lernen anders«

(»Tipp«, S. 4) werden Kinder als »Entdecker

und Erfinder« auch in anderen

Lernbereichen vorgestellt.

22 02 • September 2011


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Freies Schreiben von Anfang an –

oder: Lernen Kinder

besser mit der Fibel?

BTRETN VABOTN schreibt der 6-jährige

Mario an seine Zimmertür. Selbstständig

schreiben zu können macht stark. Aber

führen solche Falschschreibungen nicht

in eine Sackgasse, weil sich Fehler einschleichen?

Leselehrmethoden waren schon früher

umstritten: Manche Fibeln fingen mit

ganzen Wörtern oder Sätzen an (Ganzheitsmethode),

andere Lehrgänge mit

einzelnen Buchstaben und Lauten (synthetische

Methode). Der Vergleich in den

1960er Jahren endete in einem Patt.

Heute wird darüber gestritten, ob Kinder

»Lesen durch Schreiben« lernen sollen

– oder dürfen. Dieser Ansatz ist seit

den 1980er Jahren mit dem Namen des

Schweizer Lehrers Jürgen Reichen verbunden.

Wörter selbstständig zu »konstruieren«

hilft Kindern, die Beziehung zwischen

Sprachlauten und Buchstaben zu

verstehen und zunehmend zu meistern.

Dabei schulen sie beiläufig auch ihre

»phonologische Bewusstheit«: die Fähigkeit,

neben der Bedeutung eines Wortes

seine Lautform zu beachten. Schon Maria

Montessori hat Kinder Wörter nach den

abgehörten Lauten aufschreiben lassen.

Andere Reformpädagog/inn/en haben

in den 1920er Jahren die Kinder erfolgreich

von Anfang an Geschichten schreiben

und in der Klasse vortragen lassen.

Mit Hilfe einer Druckerei konnten Kinder

diese Texte vervielfältigen und als Plakat,

Buch oder Zeitung an Dritte weitergeben.

Diese Praxis findet sich heute vor allem

in Klassen, die sich an der Päda gogik

Célestin Freinets oder am »Spracherfahrungsansatz«

orientieren (➝ ). Der

Bezug auf die inhaltlichen Erfahrungen

und die Sprache der Lernenden erzeugt

eine hohe Motivation für das Lesen- und

Schreibenlernen. Dies hat sich als besonders

wichtig erwiesen bei Kindern, die zu

Hause kaum Erfahrung mit der Schriftsprache

machen (können).

Trotzdem gibt es Vorbehalte gegen

eine solche Öffnung des Unterrichts:

Falschschreibungen könnten sich »einprägen«;

Kinder hätten keinen Anlass,

sich auf die Mühen der Rechtschreibung

einzulassen, wenn andere ihre Texte

doch auch so lesen können; Kinder aus

schriftfernen Milieus fehle die Motivation,

selbst Texte zu verfassen, und die für

einen nur kleinen Erfolg aufzuwendende

Kraft sei so groß, dass die Motivation

schnell verloren gehe.

Inzwischen gibt es eine Reihe von Untersuchungen

zu diesen Fragen. Manche

machen mit dramatisierenden Aussagen

auch die Runde durch die Tagespresse

und verunsichern Eltern wie Lehrer/-

innen. Dabei sind die Ergebnisse keineswegs

auf einen Nenner zu bringen.

Ein Gutachten für den Grundschulverband

fasst sie übersichtlich zusammen

(➝ ).

Die Erklärung für unterschiedliche

Befunde und für Widersprüche in den

Deutungen ist im Grunde einfach. Auch

beim »freien Schreiben« spielt die Art der

Umsetzung eine große Rolle: Wird den

Kindern ernsthaft Raum für ihre Schreibversuche

gewährt – daneben aber auch

die Bedeutung der Rechtschreibung vermittelt?

Erhalten sie Hilfen, um persönlich

wichtige Wörter zu sammeln und zu

üben? Werden an Besonderheiten dieser

»eigenen« Wörter gemeinsam typische

Rechtschreibmuster besprochen?

Unter den Lehrgängen gibt es ebenfalls

große Unterschiede: Starrer Gleichschritt

steht neben flexibleren Ansätzen.

Einige Lehrwerke orientieren sich an Silben,

während andere ganze Wörter oder

einzelne Buchstaben / Laute in den Vordergrund

rücken.

Kein Wunder also, dass die Lernerfolge

verschiedener Klassen, die nach »demselben«

Ansatz arbeiten, breit streuen.

Dagegen unterscheiden sich die Erfolge

verschiedener Methoden Ende Klasse

4 im Durchschnitt nur wenig. Zudem

schneidet mal die eine, mal die andere

Methode besser ab.

Müssen sich Eltern also Sorgen machen

oder nicht, wenn ihr Kind in der

Schule lautorientiert schreibt? Wie sonst

auch kommt es auf die Erfahrung und

das methodische Können der Lehrer/-

innen an. Noch unsichere Kolleg/inn/en

finden Stützen in neuen Lehrwerken, die

offener angelegt sind als früher. Wenn

Kinder neben dem freien Schreiben dann

auch noch viel und »frei lesen«, besteht

kein Anlass zur Besorgnis – aber große

Hoffnung, dass die Kinder auch außerhalb

der Schule Lust aufs Lesen und

Schreiben bekommen.

PISA und IGLU:

Ist die deutsche Schule

nur Mittelmaß?

Kaum waren die PISA-Ergebnisse 2000

verkündet, wurde von vielen mit dem

Finger auf die Grundschule gezeigt. Viele

führten die schwachen Ergebnisse der

deutschen 15-Jährigen auf die schlechte

Frühförderung und eine erfolglose

Grundschularbeit zurück. Denn für Probleme

z. B. beim Lesen konnten Sekundarschulen

nicht verantwortlich sein – schien

es. So wurden hektisch Maßnahmen wie

Sprachstandstests (»DELFIN 4«) im Kindergarten

und Vergleichsarbeiten (»VerA«) in

der Grundschule eingeführt. So bedenkenswert

sie auch sind – Mängel in der

Förderung des weiterführenden Lesens

kamen so gar nicht in den Blick.

Umso überraschender war es deshalb

für viele, als die IGLU-Studie – »PISA für

Grundschulkinder« – ganz andere Ergebnisse

erbrachte. Im Gegensatz zu den

Erwartungen vieler und zu den Ergebnissen

der 15-Jährigen war die Grundschule

im internationalen Vergleich erfolgreich.

So fanden sich die deutschen

Grundschüler mit ihren Leseleistungen

im oberen Drittel und nicht im unteren

Mittelfeld. Die Leistungsunterschiede

zwischen den Kindern streuten zudem

nicht so breit und die Abhängigkeit

der Leistungen von der sozialen Herkunft

der Eltern war nicht so stark wie in

den weiterführenden Schulen. Auch der

Rück stand der Migrantenkinder und der

Jungen war nicht so groß (beide Befunde

wurden später bestätigt ➝ ).

Zwar dürfen sich die Lehrer/-innen von

Grundschulkindern deshalb nicht zufrieden

zurücklehnen. Aber: Trotz (oder

gerade wegen?) der neuen und oft ungewohnten

Arbeitsweisen in der Grundschule

lernen die Kinder in der Regel

erfolgreich. Und trotz aller noch offenen

Baustellen: Die Grundschule arbeitet erfolgreicher

als das anschließende gegliederte

System der Sekundarschulen. Dieser

Befund ist besonders bedenkenswert

in der aktuellen Diskussion über ein längeres

gemeinsames Lernen.

Zur aktuellen Diskussion

über freies Schreiben mit der

Anlauttabelle siehe die Beiträge

unter

www.grundschulverband.de/

extraseiten/aktuelles/

02 • September 2011 23


Informationen & Tipps

»Was Erwachsene wissen sollten« heißt

eine Reihe des Kallmeyer-Verlags zu

den verschiedenen Lernbereichen der

Grundschule. Die Bücher sind gut verständlich

geschrieben und enthalten

viele anschauliche Beispiele. Zu unserem

Thema ist zu empfehlen:

Kinder & Lesen und Schreiben

M. Dehn

Was Erwachsene

wissen sollten

139 Seiten

Erschienen: 2007

Verlag:

Kallmeyer

Preis: 17,95 Euro

Viele Anregungen zur Leseförderung

mit konkreten Buchvorschlägen finden

sich in dem ebenfalls gut lesbaren Buch:

Leselust.

H. Niemann

Kinder und

Bücher – ein

Ratgeber

96 Seiten

Erschienen: 2004

Verl.: Kallmeyer

Preis: 8,95 Euro

Vorlesen ist die beste Vorbereitung auf

das Lesen. Auch noch in der Schule,

denn Kinder begegnen so der Schriftsprache

in gesprochener Form. In vielen

ersten Klassen wirken deshalb Erwachsene

als »Lesepaten« (➝ www.lese

paten.net/) mit.

Besonders ertragreich wird das Vorlesen,

wenn man mit den Kindern über

Unter der Oberfläche …

Kommentar zu den Schreib proben S. 21:

Kind 1 schreibt KINO, weil es jeden Tag

an dem Schild in seiner Straße vorbeiläuft

und sich die Buchstaben gemerkt

hat. Kind 2 lautiert das Wort und setzt

für jeden Laut einen passenden Buchstaben.

Kind 3 erinnert sich, dass beim

langen /i:/ etwas besonders war, weiß

aber nicht mehr, was. Kind 4 dagegen

nutzt die Regel: langes /i:/ wird fast

immer geschrieben. Kind 5 weiß

das auch, aber es kennt auch schon

einige Ausnahmen.

das Gelesene spricht: »Erinnerst du dich

noch, was Mira am Strand erlebt hat?«;

»Was, denkst du, wird der Löwe jetzt

machen?« Zu diesem dialogischen Vorlesen

gibt es ein Video mit vielen hilfreichen

Szenen aus Kindergärten:

Lesen im Dialog.

Jugendamt der Stadt Nürnberg (Hrsg.)

DVD-Box mit Begleitheft

(in deutscher und

türkischer Sprache)

Dauer: 21 Min.

Erschienen: 2006

Verlag: Finken

Preis: 19,80 Euro

Der Film illustriert auch diesen Vorlesetipp

für mehrsprachige Familien: Selbst

Eltern, die im Deutschen nicht so sicher

sind, können ihren Kindern aus deutschen

Büchern vorlesen. Anschließend

sprechen sie mit ihnen in der Muttersprache

über den Inhalt. So werden die

Kinder in beiden Sprachen gestärkt.

Sprachen sind Fenster zur Welt. Diese

Grundidee steckt schon hinter dem

mehrsprachigen Bild-Wörter-Buch » Orbis

sensualium pictus«, das der berühmte

tschechische Pädagoge Comenius vor

350 Jahren für den Schulunterricht entwickelt

hat (➝ http://de.wikipedia.org/

wiki/Orbis_sensualium_pictus). Aktuell

findet sich die Idee in dem schön gestalteten

Lese-Schatz-Buch »ABC und alles

auf der Welt« (1984/2002):

ABC und alles auf der Welt.

U. Andresen und M. Popp

Ein Lese-Schatz-

Buch, 160 Seiten

Erschienen: 2002

(1. Aufl. 1984)

Verlag: Beltz und

Gelberg

Preis: 9,90 Euro

(auch als Hörbuch

für 8,90 Euro zum

Download: http://hoerstern.de/index_

product_info.php/kinder-hoerbuchdownload/ute-andresen/abc-und-allesauf-der-welt/978-3-935036-63-4/)

Über das Angebot handlicher Karten

öffnet Rotraut Susanne Berner diese

»Welt in Wort und Bild« zum Staunen,

Erzählen, Ordnen, Spielen und Lernen.

Sie bezieht wie Comenius weitere Sprachen

ein. Sie gibt den Kindern Raum für

eigene Erfahrungen – und für die Ergänzung

des »Wort-Schatzes« durch eigene

Begriffe. Schon kleine Kinder können

mit diesen Karten die Welt erkunden

– und man kann ganz unterschiedlich

mit diesen Karten spielen (vgl. den ergänzenden

didaktischen Kommentar

➝ ):

Einfach alles. Die Welt in Bildern.

R. S. Berner

150 Bilderkarten

Erschienen:

2009

Verlag: Klett

Kinderbuch

Preis:

24,90 Euro

Lesen und Schreiben lernen Kinder in

der Schule. Zu Hause brauchen sie nicht

zusätzlich unterrichtet zu werden. Sie

sollten aber an beiden Orten Gelegenheit

zum selbstständigen Schmökern in

Büchern und Zeitschriften erhalten (➝

siehe die Empfehlungsliste unter ).

Und sie können Briefe oder eigene kleine

Geschichten schreiben.

Käufliche Materialien für das Üben zuhause

sind meist wenig hilfreich. Vor

allem Lern-Software ist nur selten didaktisch

durchdacht. Zu den wenigen

empfehlenswerten Programmen gehören

die CDs aus der ABC-Lernlandschaft:

ABC-Lernlandschaft.

Brinkmann, E. u. a. (2008 ff.)

Verlag für pädagogische Medien (vpm) /

Klett: Stuttgart (jede CD 24,95 Euro).

Die Programme konzentrieren sich jeweils

auf einen typischen Stolperstein

beim Lesen- und Schreibenlernen:

Die Aufgaben der »Lauschwerkstatt«

(ISBN 978-3-12-011116-0) zum Erkennen

und Vergleichen von Einzellauten in

Wörtern bereiten auf das selbstständige

Schreiben und Erlesen von Wörtern vor.

In der »Buchstabenwerkstatt« (ISBN

978-3-12-010520-6) hilft den Kindern

eine »sprechende Anlauttabelle« bei den

ersten Versuchen lautorientierten Schreibens

– und sie können sich ihre Schreibversuche

vom Computer vorlesen lassen.

Anschließend lernen die Kinder in

der »Wörterwerkstatt« (ISBN 978-3-12-

011118-4) Rechtschreibmuster kennen

und ausgewählte Wörter richtig zu

schreiben.

24 02 • September 2011


Rechnen – auf eigenen Wegen

Liebe Eltern,

was sagt Ihnen das nebenstehende Bild?

Abb. aus: Keller / Brandenburg (1999)

Obststand auf dem Marktplatz. Marco, 9 Jahre alt, hilft

seiner Großmutter beim Verkauf von Äpfeln, das Stück

für 35 Cent.

Käuferin: Ich möchte gerne vier Äpfel. Was macht das?

Marco: Drei wären hundertfünf; plus dreißig, das sind

hundertfünfunddreißig … ein Apfel ist fünfunddreißig

… das macht … eins vierzig.

Einige Tage später. Marco, der die dritte Klasse besucht,

soll in der Schule die Aufgabe 35 × 4 rechnen.

Er denkt laut: »Vier mal fünf ist zwanzig. Zwei übertragen.

Zwei plus [3…] ist fünf, mal vier ist zwanzig. Geschriebene

Lösung: 200«.

Schule und Leben: zwei Welten nebeneinander – auch in

der Mathematik. Die Schule sieht dabei nicht immer gut

aus neben der sog. »Straßenmathematik«. Viele Kinder

kämpfen mit dem Fach. Andererseits wurde festgestellt,

dass Kinder und Erwachsene auch in Kulturen ohne Schule

anspruchsvolle Rechenaufgaben bewältigen können.

(Fortsetzung S. 26)

Heißer Tipp:

»Mathematik zum Anfassen«

Wer im Raum Gießen wohnt oder dort unterwegs ist,

hat die große Chance, das »Mathematikum« zu besuchen,

um »eine neue Tür zur Mathematik« zu öffnen

(www.mathematikum.de/). Vielen ist dies aber wegen

zu weiter Anfahrt nicht möglich. Für sie gibt es

die Wanderausstellung »Mathematik zum Anfassen«

(www.mathematikum-unterwegs.de/). Die Buchung

ist nicht ganz billig, aber es lohnt sich. Vielleicht ist

ein Förderer vor Ort zu finden, oder sonst können sich

auch verschiedene Einrichtungen zusammentun.

Erwachsenen fällt spontan ein:

»Wir sitzen alle in einem Boot« oder

»Das Boot ist voll« oder

»Gleich und gleich gesellt sich gern«

Kindern wurde zu dem Bild die Frage gestellt: »Wie alt ist

der Kapitän?« – offensichtlich eine Aufgabe, die sich so

nicht lösen lässt. Viele versuchen sie trotzdem. Sie rechnen,

indem sie irgendwie die Anzahl der Tiere nutzen.

Sind sie dumm? Keller / Brandenburg (1999 ➝ ) haben

Kinder gefragt, wie sie zu ihrem Ergebnis gekommen

sind und erhielten interessante Antworten:

»Der Kapiten ist 28 Jahre alt. Ich habe die Kühe gezählt,

weil sonst käme man nie auf das Ergebnis.«

»28. Weil wenn man Geburtstag hat, schenkt man

30 Rosen oder eben halt 12 Ziegen und 16 Schafe. Dann

habe ich es zusammengezählt …«

»20 Jahre alt. Weil ein Schaf nich viel elter werden kann.«

Kluge Begründungen. Vor allem, wenn man die Kommentare

der Kinder liest, wie sie die Aufgabe fanden:

»Ich finde die Aufgabe lustig und einbische komisch.«

»… ich fürchte dass dass eine Scherzfrage ist aber vielleich

auch nicht so zu sagen wie auch alle anderen Aufgaben

die wir in der Schule machen.«

Der letzte Satz sollte uns nachdenklich stimmen. Zumal

Untersuchungen zeigen, dass von Klasse 1 an die Zahl

der Kinder zunimmt, die solche unlösbaren Aufgaben

»rechnen« ➝ . Anlass für eine kritische Frage: Behindert

unser Unterricht Kinder beim Denken?

»Auf eigenen Wegen« lernen Kinder vor und neben der

Schule – warum dann nicht auch in der Schule?

Im vorhergehenden Kapitel haben wir gezeigt, wie Kinder

sich die Schriftsprache selbstständig erobern. Jedes

startet von seinen ganz persönlichen Voraussetzungen

aus. Deshalb ist für jedes Kind der nächste Schritt auch

ein anderer. Und manche gehen dabei unerwartete

Wege. Aber erfolgreich. Nicht anders ist das in Mathematik.

Das heißt nicht: Kinder lernen von selbst. Sie

brauchen Herausforderungen, Modelle, Hilfen – bei der

Lösung von Problemen, die sie interessieren. Gerade in

Mathematik kommt es auf Verstehen an. Und das gelingt

am ehesten an Aufgaben oder Fragen aus dem eigenen

Erfahrungsbereich (TIPP: Timo Leuders / Juliane Leuders

(2012): Mathe können. Ein Ratgeber für Eltern. Kallmeyer /

Klett: Seelze).

05 • Mai 2012 25


(Rechnen – auf eigenen Wegen, Fortsetzung von S. 25)

Jeder rechnet anders …

Befunde aus der Forschung

Die Beispiele auf den ersten Seiten stammen aus größeren

Untersuchungen ➝ . Die wichtigsten Ergebnisse

von Nunes u. a. (1993) zur sog. »Straßenmathematik«:

aus: Selter, C. u. a. (2011): Kinder rechnen anders. Beiheft zur

DVD. TU: Dortmund / Deutsche Telekom Stiftung: Bonn. S. 8

Bei uns wiederum können viele Kinder vor der Schule

weit über den Stoff des ersten Schuljahres hinaus rechnen.

Diese Überraschung können Lehrer/innen auch bei

jeder neuen Unterrichtseinheit erleben, wenn sie den

Kindern sog. »Überforderungsaufgaben« stellen (Aufgaben,

die die Kinder nach den Lehrplanvorgaben noch

gar nicht können »dürften«). Obwohl der Stoff noch nicht

»dran war«, kommen viele Kinder zu sinnvollen Ergebnissen

– wenn man sie auf eigenen Wegen rechnen lässt.

aus: Selter, C. u. a. (2011), S. 6

Ein weiteres Problem des Mathematikunterrichts: Die in

der Schule vermittelten Standardverfahren werden nur

wenig genutzt. Wenn Erwachsene im Alltag 327 und 446

addieren sollen, dann geht das meist so: 300 plus 400

sind 700; 20 plus 40 sind 60, also 760; 7 plus 6 sind 13,

760 plus 13 macht 773. Obwohl sie in der Schule gelernt

haben, erst die Einer zu addieren, dann die Zehner, dann

die Hunderter – und das alles auch noch schriftlich.

Hinweis für Eltern

●●

Machen Sie Ihr Kind auf Mathematik im Alltag

aufmerksam und nutzen Sie Spiele, in denen es um

Mengen und Zahlen geht (s. S. 27), aber lassen Sie Ihr

Kind selbst wählen – auch wie lange sie spielen!

●●

Akzeptieren Sie fehlerhafte Zähl- und Rechenversuche

als eigenständige Annäherungs versuche

der Kinder.

● ● Unterrichten Sie nicht »gegen die Schule« –

und falls es Schwierigkeiten gibt: reden Sie mit der

Lehrerin und klären Sie Ihr Vorgehen mit ihr ab …

●●

Selbst in Kulturen ohne (verpflichtende) Schule entwickeln

Erwachsene für ihre Aufgabenbereiche effektive

Verfahren des Rechnens, Messens usw.

●●

Schreiner, Fischer und andere Fachleute, die dort keine

Schule besucht haben, schneiden bei Sachaufgaben

meist besser ab als Schüler/innen, die den entsprechenden

Stoff im Unterricht bearbeitet haben.

Nach der Schule nutzen Erwachsene auch in unserer

Kultur lieber Alltags- statt Schulverfahren.

●●

●●

Sogar im Unterricht wenden Schüler/innen gelernte

schulische Verfahren oft nicht an, sondern greifen auf

Alltagsverfahren zurück.

●●

Wenn sie ihre eigenen Methoden anwenden, machen

sie zudem weniger Fehler, als wenn sie schulische

Vorgaben einhalten. Die Begründung dafür ist einfach:

Nicht verstandene Algorithmen sind störanfällig.

Diese Befunde machen deutlich: Rechnen nach Normalverfahren

steht am Ende eines Lernprozesses. Sie

dürfen den kindlichen Rechenwegen nicht vorzeitig

aufgezwungen werden.

Gestützt wird diese Forderung durch Untersuchungen

der deutschen Mathematikdidaktiker Christoph

Selter und Hartmut Spiegel. Ihre Ergebnisse lassen sich

in vier Thesen zusammenfassen:

●●

Kinder rechnen oft anders als Erwachsene. Auch deshalb

fällt es vielen Kindern schwer, das zu übernehmen,

was sie ihnen beizubringen versuchen.

●●

Kinder rechnen oft anders, als Erwachsene vermuten.

Diesen fällt es schwer, hinter den Fehlern der Kinder die

meist durchaus logischen Ansätze zu erkennen. Dann

nutzen ihre »Hilfen« aber auch nur wenig.

●●

Kinder rechnen oft anders als andere Kinder. Eine

Normierung des Vorgehens wird diesen Unterschieden

nicht gerecht und darf nicht zu früh gefordert werden.

●●

Kinder rechnen anders als sie selbst – bei anderen

Aufgaben. In der Geldwelt kann ein Kind weiter sein als

beim Uhren-Lesen und Zeitvergleich. Beim Messen von

Längen geht es vielleicht anders vor als beim Wiegen

von Gewichten. Mathematisch mag es sich um gleiche

Anforderungen handeln und doch: Für Kinder gibt es

nicht die eine »Zahlenwelt«.

26 05 • Mai 2012


Ideen zur Anregung und Unter stützung

mathematischen Lernens

Es sind die kleinen Dinge im Alltag, die Zahlen, Mengen,

Formen für Kinder interessant machen ( ➝ ). Auf

der Autobahn: »Du zählst die VWs, ich die Opel«. Beim

Kochen, Backen und Werken das Messen, Wiegen und

Zählen. Preisvergleiche und der Umgang mit Geld beim

Einkaufen – ein wichtiger Grund für ein eigenes kleines

Taschengeld schon vor Schulbeginn. Beim »Mensch ärgere

dich nicht« und ähnlichen Spielen erfassen die Kinder

Würfelpunkte, aber auch die Schritte auf dem Spielplan

zunehmend auf einen Blick, das Zusammenzählen

der beiden Würfel trainiert das Rechnen im Zahlenraum

bis zwölf, also ganz selbstverständlich auch über den

Zehner hinaus.

Oft unterschätzt werden geometrische Erfahrungen:

das Nachlegen oder Zusammensetzen von Formen; der

Bau von Gegenständen nach

zweidimensionalen Bildern –

z. B. mit LEGO oder anderen

Baukästen.

Weitere anschauliche Vorschläge

finden sich in

(Bezugsquelle siehe

»Hintergrundliteratur« ➝

zu: »Hilfen für Eltern« )

Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Was ist Dyskalkulie?

Der Begriff wird leider sehr unterschiedlich verwendet –

manchmal nur als Fremdwort für »Schwierigkeiten beim

Rechnen«. Für andere geht es um Kinder, die zwar mindestens

durchschnittlich intelligent sind, aber trotzdem

in Mathematik Probleme haben. Ähnlich wird der Begriff

»Legasthenie« verwendet für Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten

»wider Erwarten«. Umstritten ist aber, ob

die Abgrenzung einer solchen Gruppe sinnvoll ist. Dazu

sind vier Fragen zu klären:

Gibt es zumindest andere Ursachen für die

Schwierigkeiten »wider Erwarten«?

Manche behaupten, die Schwierigkeiten seien über eine

gestörte Hirnentwicklung erklärbar oder sogar erblich

bedingt. Beide Deutungen sind umstritten – und zudem

nicht sehr hilfreich: Beispielsweise gibt es Kinder mit ähnlichen

Besonderheiten im Gehirn oder ähnlicher familiärer

Belastung, die trotzdem erfolgreich lesen / schreiben

bzw. rechnen lernen. Die Umwelt behält also auch dann

ihren Einfluss und Entwicklungschancen bestehen auch

bei der sog. „Dyskalkulie“ – so dass die vierte Frage bleibt:

Lässt sich die Gruppe eindeutig von allgemein

schulschwachen Kindern abgrenzen?

Das ist nicht der Fall: je nach eingesetztem Intelligenztest,

je nach ausgewähltem Mathematik- oder Lesetest

ergeben sich andere Zuordnungen. Und außerdem

kommt es darauf an, wo genau man bei den Testwerten

die Grenze zieht und damit Kinder zu »Dyskalkulikern«

erklärt. Verschärft wird diese Unklarheit noch dadurch,

dass Testleistungen schwanken: Je nach Tagesform fällt

ein Kind dann unter die Schwelle oder nicht.

Machen Kinder mit einer Rechen- oder Lese-/Rechtschreibschwäche

»wider Erwarten« andere Fehler, haben sie

besondere Probleme?

Nein. Zum einen gibt es innerhalb der Gruppe sehr unterschiedliche

Schwierigkeiten. Zum anderen finden

sich alle Fehler auch in der jeweils anderen Gruppe. Man

muss also individuell überprüfen, wo ein Kind konkret

Schwierigkeiten hat. Das Dyskalkulie-Etikett hilft diagnostisch

nicht weiter.

Brauchen diese Kinder eine andere Förderung?

Nach dem bisher Gesagten verwundert das Fazit der Forschung

nicht: Es gibt keine speziellen Methoden oder

Programme, die nur bei Kindern mit Rechenproblemen

»wider Erwarten« oder bei ihnen besonders wirksam

sind. Bei jedem Kind muss man sich die konkreten Fehler

und Schwierigkeiten jeweils genau anschauen und ihm

dann individuell helfen. Kinder brauchen zu derselben

Zeit Verschiedenes. Und selbst bei demselben Problem

hilft nicht allen dieselbe Methode.

Weiterführend siehe auch »Hintergrundliteratur« ➝

zum Stichwort »Förderung«.

Immer wenn Sie dies Symbol sehen, erfahren

Sie Näheres auf www.grundschuleltern.info

unter »Weitere Informationen«.

05 • Mai 2012 27


Informationen & Lesetipps

Anregungen für Eltern

Minis entdecken

Mathematik

Christiane Benz,

Johanna Zöllner

Erschienen: 2010

Verlag: Westermann

Preis: 14,95 Euro

Eine Sammlung

von »Lernchancenkarten«, die zeigen,

welche mathematischen Entdeckungen

man mit Alltagsmaterialien

machen kann. Hier wird anregend

vorgestellt, wie Kinder Mathematik

entdecken: selbstständig, auf unterschiedlichen

Wegen und miteinander.

Die Welt durch die mathematische

Brille sehen: »Wie viele Haare wachsen

auf deinem Kopf?«, »Wie viel Geld

passt in eine Schultasche?« Eine Aufgabenkartei

zum Mathematisieren

des Alltags:

Die Fermi-Box

Andreas Büchter u. a.

Erschienen: 2007

Verlag: vpm / Klett

Preis: 27,50 Euro

Hintergrundliteratur

In der Reihe »Was Erwachsene wissen

sollten« gibt es auch eine empfehlenswerte

Einführung in das mathematische

Denken von Kindern:

Kinder und Mathematik.

Was Erwachsene wissen sollten

Hartmut Spiegel, Christoph Selter

Erschienen: 2003

Verlag: Kallmeyer

Preis: 18,95 Euro

Üben macht wenig Sinn, wenn man

nicht verstanden hat, was man übt.

Unterrichtsbeispiele, die zeigen, wie

man von den individuellen Vorstellungen

der Kinder ausgehen und über

den Austausch zwischen ihnen zu

Standardverfahren kommen kann, haben

die Dortmunder Arbeitsgruppen

KIRA und PIK AS entwickelt, die auch

hilfreiche Informationen für Eltern anbieten:

www.kira.tu-dortmund.de/beispiele

www.pikas.tu-dortmund.de/eltern

Bücher für Kinder zum Thema

Es fährt ein Boot nach Schangrila.

Ein Zähl- und Reimbuch.

Lene März, Barbara Scholz

Erschienen: 2006

Verlag: Thienemann

Preis: 12,90 Euro

Ein Bilderbuch voller Wimmelbilder

und mit Zähl-Reimen von 1 bis 10 und

wieder von 10 bis 1 rückwärts.

Wollen wir Mathe spielen?

Witzige Spiele und kniffelige Rätsel.

Kristin Dahl, Mati Lepp

Erschienen: 2000

Verlag: Oetinger (5. Aufl.)

Preis: 12,90 Euro

»Fast alles in unserer Umgebung

hängt mit Mathematik zusammen.

Mathematik ist nämlich viel mehr als

Rechnen in der Schule. Mathematik ist

auch, wenn du am Kiosk Süßigkeiten

kaufst und dein Geld zählst. Wenn du

einen Apfel in der Mitte durchschneidest

und zwei gleich große Hälften

bekommst. Wenn du den Tisch

deckst …«

Eine Liste mit weiteren Empfehlungen

haben wir auf unserer Homepage

zusammengestellt zum Stichwort

»Kinderbücher« ➝

Viele Gesellschaftsspiele fördern

beiläufig den Umgang mit geometrischen

Formen (z. B. »Set«, »Ubongo«,

»Tangram«). Andere fordern das Erfassen

von Mengen und das Rechnen mit

kleinen Zahlen (z. B. »Mensch ärgere

dich nicht« mit zwei Würfeln) bis hin

zu großen Summen (z. B. »Mono poly«).

Weitere Tipps:

»Ligretto«: Zahlen und Farben

simultan erfassen;

»Trio«: aus drei Zahlen eine vorgegebene

zusammensetzen;

»TicTacToe« (auch: »3 gewinnt«).

Hilfe bei Schwierigkeiten

Neues zu lernen ist immer schwierig. Dabei brauchen manche Kinder

besondere Unterstützung. Der Grundschulverband hat unter dem Titel

»Kompetenzen stärken – individuell fördern« Ideen für Mathematik und

für die anderen Lernbereiche in zwei Bänden seiner »Beiträge zur Reform

der Grundschule« zusammengestellt: Nr. 134 für die Eingangsstufe (Klasse

1/2) und Nr. 135 (ab Klasse 3). Die Aufgaben richten die Aufmerksamkeit auf

»kritische Stellen«, typische Hürden, an denen Kinder immer wieder scheitern.

28 05 • Mai 2012


Ästhetisches Lernen

Malen, Singen, Tanzen, Spielen, Bewegen …

Kinder sind voller Phantasie und Kreativität. Sie malen,

was sie denken, fühlen und erleben – nicht nur, was sie

sehen oder hören.

Kinder bauen eigene Welten aus Alltagsgegenständen

und mit Sand am Strand, sie machen Musik mit Töpfen

und Löffeln. Ihre Rollenspiele

nehmen

Mit langen Beinen weglaufen –

mit langen Armen fangen …;

aus: Seitz, R. (1985): Die Bildsprache

unserer Kinder. In: spielen

und lernen, H. 9 / 85, S. 16 – 19

Umwelterfahrungen

auf, passen sie aber

auch eigenen Bedürfnissen

an (»du hättest

mir gegeben …«).

Das leichtfertige Urteil:

»Die spielen ja

nur!« verkennt, was

für eine Bedeutung

die Entfaltung der

kindlichen Eigenwelt

für die Entwicklung ihrer geistigen Fähigkeiten hat. So

setzen sich Kinder auch mit technischen Fragen auseinander,

wenn sie ein Fahrrad zeichnen, z. B. mit der Übersetzung

von Tret kurbel zu Hinterrad.

Über diesen indirekten Nutzen darf aber der Eigenwert

von Musik, Bewegung, Kunst nicht aus dem Blick geraten.

Das bedeutet vor allem, die Formen anzuerkennen, die

Kinder selbst wählen, sich die Welt zu erklären und sie zu

gestalten: nicht Geigenunterricht

mit

vier Jahren, sondern

ein Glockenspiel zum

Ausprobieren von

Tönen und Melodien,

Tanzen zu einer

CD im Wohnzimmer;

kein Leistungsdrill im

Sportverein, sondern

Aus: Möller (1998), in: Brügelmann,

Kinder lernen anders. Libelle, S. 92

gemeinsame (Ball-)Spiele im Garten oder einer Parkanlage;

und statt die Tulpe nach Vorlage auszumalen das freie

Zeichnen und Malen.

Pablo Picasso

»Als Achtzehnjähriger war ich

technisch so gut wie Raffael.

Den Rest meines Lebens habe ich gebraucht,

um wie ein Kind malen zu lernen.«

Tipp

»Inklusion« war Thema unseres zweiten Kapitels. 2012

startete der Film »Berg Fidel – eine Schule für alle« in den

Kinos. Er dokumentiert lebendig Erfahrungen mit gemeinsamem

Lernen in einer Münsteraner Grundschule:

www.bergfidel.wfilm.de/berg_fidel/Start.html l

Liebe Eltern,

nach PISA hat sich Schule zunehmend auf die vermeintlichen

Kernfächer konzentriert: auf Deutsch und Mathematik,

auf Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Innerhalb

dieser Fächer wiederum stehen meist abprüfbare

Leistungen im Vordergrund. Die Aufgabe von Schule ist

jedoch mehr als die Vermittlung abprüfbarer Kenntnisse.

Schule ist auch ein Raum der Persönlichkeitsentwicklung,

in dem Kinder gefördert und gefordert werden. Im letzten

Heft haben wir die Mitbestimmungsrechte der Kinder

und ihre Entwicklung zu aktiven Bürgern betont. Nicht

minder wichtig ist es, ihnen Möglichkeiten zu eröffnen,

wie sie die Welt musisch-ästhetisch erfahren und gestalten

können: durch Musik und Bewegung, über Sprache

und Bilder. Tanz, Theater, Dichten – es gibt viele Möglichkeiten

sich auszudrücken.

Dabei ist nicht die Hinführung zur »Hochkultur« gemeint,

zu Bach, Dürer, Goethe, Wagner. Vielmehr geht es darum,

die sinnliche Wahrnehmung zu entwickeln, eigene Vorstellungen

darzustellen und anderen mitzuteilen – mit der

Hilfe von Musik, Bewegung, bildender Kunst, Theater und

Literatur. Diese Sichtweise hat seit Anfang des 20. Jahrhunderts

über die Reformpädagogik an Gewicht gewonnen.

Leider werden aber auch heute Musik, Bewegung,

Kunst oft nur als Mittel gesehen, um fachliches Lernen zu

fördern. So soll Fußballspielen mathematisches Lernen

fördern (s. analog Musik zur Intelligenzsteigerung, S. 31).

Ästhetische Wahrnehmungs- und Ausdrucksformen haben

einen Eigenwert für Kinder und ihre Entwicklung:

beim Theaterspielen, beim Vortrag eines selbst gewählten

Gedichts, beim Drehen eines Films – und vor allem

beim Spielen im Alltag. Dafür Räume zu schaffen und

Anregungen zu bieten, ist eine besondere Aufgabe auch

der Familie – zum Beispiel als Ausgleich zu der in vielen

Schulen dominanten (Kern-)Fachorientierung.

07 • November 2012 29


Lernen mit allen Sinnen – aber mit Sinn

Wenn Kinder die Welt erkunden, sind alle Sinne beteiligt.

Kinder lernen, wenn sie an Pflanzen riechen und auf Bäume

klettern, wenn sie ihren Körper ertasten oder einfach

»matschen«. Sie sammeln dabei gleichzeitig Erfahrungen,

die für ihr mathematisches und sprachliches Lernen

wichtig sind, z. B. wenn sie Reime singen oder mit Klötzen

einen Turm bauen.

Ästhetik der Mathematik

Die Eleganz von Formeln verstehen Kinder noch nicht.

Aber die Schönheit geometrischer Formen nehmen sie

wahr – und gestalten sie selbst. Beispielsweise mit Alltagsmaterialien.

»Gleiches Material in großer Menge«

ist das einfache Prinzip. »Kinder erfinden Mathematik«

nennt Kerensa Lee diesen Ansatz ( Nr. 1 ➝ »Praktische

Tipps«). Indem die Kinder Cent-Stücke, Eislöffel, Kronkorken

ordnen und zu »schönen« Formen zusammenfügen,

lernen sie auch viel über Mengen und Zahlen.

Foto: Fabian Bojé

Aber Schule wird nicht dadurch besser, dass sie bloß bunter

und lauter wird. Lernprogramme für den PC nutzen

Farbe, Ton und Bewegung, um Kinder »zu motivieren« –

und lenken sie damit oft von dem ab, was inhaltlich gelernt

werden soll. Kinder verstehen nichts vom Aufbau

der Schrift, wenn sie mit nackten Füßen über Buchstaben

aus Seilen balancieren. Im Gegenteil: dabei wird das »W«

Theater statt – oder fürs

Mathematik lernen?

»Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden hat ein Drittel

des klassischen Fachunterrichts abgeschafft. Die

Schüler spielen stattdessen Theater – und sind gleichzeitig

besser in Mathematik. Die Schule ist Preisträgerin

des Deutschen Schulpreises 2007.«

www.adz-netzwerk.de/Helene-Lange-Schule-Wiesbaden.php

(dort auch ein Kurzfilm, ein Interview und

weitere Informationen zum Konzept und zu den praktischen

Erfahrungen der Schule mit diesem Ansatz)

plötzlich zum »M« oder das »n« zum »u«. Und wenn sie

Buchstaben als Russisch Brot essen, nutzt das ebenfalls

der Schriftkenntnis wenig.

»Lernen mit allen Sinnen« ist eine werbewirksame Formel,

die Verlage gerne nutzen, um ihre Materialien attraktiv

zu machen. Räucherkerzen und das Schwingen

mit farbenfrohen Tüchern mögen zum allgemeinen

Wohlbefinden beitragen – das Lernen fachlicher Inhalte

erfordert spezifischere Hilfen.

Sinnvoll ist es beispielsweise, wenn Kinder sich unbekannte

Wörter in einem Buch mit Hilfe eines Vorlesestifts

anhören können – oder Geräusche von Tieren, von Maschinen

(s. »Heißer Tipp«, S. 36 unten). Ihnen hilft, geometrische

Formen aus Puzzleteilen nachzulegen oder

Wörter Laut für Laut aus einzelnen Buchstaben zu stempeln.

Dann stützen Anschauung und äußere Handlung

den Aufbau innerer Vorstellungen.

In Zeichnungen wie in anderen Ausdrucksformen gelingt

es Kindern aber auch, reale und Wunschwelt bruchlos

zu verbinden – wie die siebenjährige kurzhaarige Lisa

ihre (tatsächlichen) Zahnlücken

mit den (erträumten) langen

Haaren.

Auch hier gilt: Maßstab für Kinder

ist nicht die naturgetreue

Kopie, sondern die Stimmigkeit

zu ihren Vorstellungen. Abweichungen

von unserer Erwachsenensicht

sind kein Fehler,

sondern Annäherungen auf der

jeweiligen Entwicklungsstufe.

Uns eröffnen sie Fenster für Einsichten in ihre individuelle

Denk- und Gefühlswelt.

Kindern wiederum fällt der Weg in die Erwachsenenkunst

leichter, wenn sie selbst aktiv werden können: ein

zerschnittenes Gedicht wieder zusammenbauen, in einer

»Fälscherwerkstatt« bewusst die Bildsprache von Picasso

oder Monet nachempfinden, ein Musikstück in farbige

Bilder übersetzen (zu weiteren Ideen s. Nr. 1 ➝ »Praktische

Tipps …«).

»Rhythm is it«

Ein Film über Schüler/innen, denen kaum jemand etwas

zutraut – außer dem Tanzlehrer Royston Maldoom

und dem Stardirigenten Sir Simon Rattle. Sie bereiten

die Jugendlichen aus Berliner »Problemschulen« in

wenigen Wochen auf eine Aufführung in der Arena

Berlin mit den Berliner Philharmonikern vor … Einige

eindrucksvolle Einblicke in den Film finden sich hier:

www.rhythmisit.com/de/

30 07 • November 2012


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Macht Musik schlau?

Immer wieder geistern Meldungen durch die Presse, das

Hören von Musik (sog. »Mozart-Effekt«) oder das Spielen

eines Instruments steigere die Intelligenz bzw. bestimmte

fachliche Leistungen. Das Problem mit den zitierten

Studien: Effekte der untersuchten Förderprogramme

oder -einrichtungen lassen sich nicht eindeutig der Musik

zuordnen. So können sich die Angebote auch in weiteren

Merkmalen unterscheiden. Das Personal könnte

engagierter oder kompetenter gewesen sein. Oder es

könnten bestimmte Kinder bzw. Eltern sein, die solche

Aktivitäten wählen.

Positive Effekte gemeinsamen Musizierens lassen sich

jedenfalls auch indirekt erklären, zum Beispiel über eine

Verbesserung der individuellen Lernmotivation bzw.

der sozialen Beziehungen in der Gruppe. Insofern ist gemeinsames

Musizieren – ganz unabhängig von beiläufigen

fachlichen Lerneffekten – eine Aktivität, die nicht

nur Freude macht, sondern sich auch lohnt. Kunst, Musik,

Bewegung gehören zu einer ganzheitlichen Entwicklung

dazu und bieten besondere Möglichkeiten sich auszudrücken

– gerade für Kinder, die in der Schule nicht so

erfolgreich sind.

Besser lernen durch eigenes Tun

Von Konfuzius wird die Mahnung überliefert:

Erkläre mir, und ich vergesse.

Zeige mir, und ich erinnere.

Lass es mich tun, und ich verstehe.

In heutigen Fachbüchern findet sich diese Einsicht

übersetzt in scheinpräzise Prozentwerte:

Soweit sich Wirkungen feststellen ließen ( Nr. 1 ➝

»Untersuchungen«),

●●

beziehen sie sich jedenfalls nur auf aktives Musizieren,

nicht bloßes Musikhören,

●●

waren sie vergleichsweise gering (wenige IQ-Punkte

über viele Jahre hinweg),

●●

sind sie überwiegend an Berufsmusikern gewonnen

und lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf andere

Berufs- bzw. Altersgruppen übertragen,

●●

ist die Nachhaltigkeit früher Fördereffekte für die weitere

Entwicklung noch nicht gesichert,

●●

konnten die unterstellten Wirkungszusammenhänge

noch nicht befriedigend erklärt werden,

●●

ließen sie sich nicht spezifischen Bereichen zuordnen

(z. B. Mathematik oder Sprache).

Zudem sind selbst die geringen Fördereffekte nur bei einem

erheblichen Aufwand (Regelmäßigkeit und Dauer

des Übens) zu beobachten. Insofern wäre zu prüfen, ob

nicht auch andere Hobbys oder Förderprogramme vergleichbare

Wirkungen haben können.

Vor allem ist zu bedenken: Breit und vielfältig angeregt

wird auch ein Kind, dass mit seinem Metallkasten baut,

mit Freunden spielt, Bilder malt, am Gameboy (!) spielt,

Fahrrad fährt – und die (hoffentlich …) vielfältigen Angebote

seiner Schule nutzt.

aus: Hüholdt, J. (1997): Wunderland des Lernens,

S. 248

Aber so plausibel das nach der Alltagserfahrung

scheint: Es gibt keine Untersuchungen, die solche

Allgemeinaussagen erlauben. Man muss genauer hinschauen,

wenn das Lernen »mit allen Sinnen« Sinn machen

soll (s. die Hinweise S. 30).

Immer wenn Sie dies Symbol sehen, erfahren

Sie Näheres auf www.grundschuleltern.info

unter »Weitere Informationen«.

07 • November 2012 31


Informationen & Lesetipps

Materialien für die Eltern

Warum das Huhn vier Beine hat.

Knut Philipps

Erschienen: 2011 (3. Aufl.)

Verlag: Toeche-Mittler

Preis: 24,00 Euro

Heißer Tipp:

Inzwischen ist der 10. Band der

Musicalreihe Ritter Rost mit Phantasiegeschichten

und mitreißender

Musik (inkl. Noten) von Jörg Hilbert

und Felix Janosa im Terzio-Verlag

erschienen. Für alle Altersstufen.

Geschichten zum Thema

Schon für jüngere Kinder:

Die Königin der Farben.

Jutta Bauer

Erschienen: 2012 (15. Aufl.)

Verlag: Beltz & Gelberg

Preis: 12,95 Euro

Zur kindlichen Entwicklung der Bildsprache

und ihrer Eigengesetzlichkeit,

die Erwachsene kennen sollten, um

auf die individuellen Fähigkeiten der

Kinder reagieren (und auf Schablonen

verzichten …) zu können.

Anregungen für Kinder und Hilfen zur

Vorbereitung der interessanten Aktivitäten

für Erwachsene bieten

So seh ich das!

Bildnerisches Gestalten mit Kindern

Diemut Schilling

Erschienen: 2005

Verlag an der Ruhr

Preis: 21,00 Euro

Hundert einfache und anspruchsvollere

Spiele zu Musik und Bewegung

mit hilfreichen Kommentaren finden

sich in übersichtlicher Form in

Klangdörfer

Klaus Holthaus

Erschienen: 1994 (2. verb. Aufl.)

Verlag: Fidula

Preis: 14,90 Euro

Anregungen zum Selbertun

KINDER KÜNSTLER MITMACHBUCH

Ohne die Unterstützung von Erwachsenen

für Kinder direkt nutzbar:

Aufschlagen – Loslegen –

Spaß haben

Labor Ateliergemeinschaft

Erschienen: 2012 (4. Aufl.)

Verlag: Beltz & Gelberg

Preis: 9,95 Euro

Die schwarz-weiße Königin Malwida

entdeckt die Bedeutung und das Zusammenspiel

der Farben. Ein Buch zum

Anschauen und für eigene Versuche.

Ottokar der Elefant aus Sansibar.

Hückstädt, C., Anita Andrzejewska &

Andrzej Pilichowski-Ragno

Erschienen: 2010

Verlag: Bibliographisches Institut

Preis: 12,95 Euro

Skurrile Geschöpfe aus Alltagsgegenständen,

kommentiert in originellen

Gedichten, regen zum Selberbasteln

an.

Weitere Empfehlungen ➝ Nr. 2

und ein zweiter Band von derselben

Autorin (ebenfalls in dieser Reihe):

Das bin ich!

Bildnerisches Gestalten mit Kindern

Weitere Empfehlungen ➝ Nr. 1 ➝

»Hilfen zum Verständnis« und »Prak-

tische Tipps«

Immer wenn Sie dies Symbol

sehen, erfahren Sie Näheres

auf www.grundschuleltern.

info unter »Weitere Informationen«.

Ebenso vielseitig, aber auf Hilfe von

Erwachsenen angewiesen:

Kunst. Ein Mitmachbuch für Kinder

Rosie Dickins

Erschienen: 2008

Arena : Würzburg

Preis: 12,95 Euro

Kunst von Kindern für Kinder

– und für Erwachsene

In Berlin gibt es ein Kinder-Kunst-

Museum. Seine Idee (s. www.kkmberlin.de):

Wir sind ein "Museum im Koffer",

auf Wanderschaft mit interaktiven

Projekten.

Unsere Philosophie: Kindern Mut zu

machen, etwas Eigenes zu erschaffen,

worauf sie stolz sein können.

Wir wollen gemeinsam malen, musizieren,

Theater spielen, filmen, unsere

Ausstellungen gestalten und

Bücher publizieren.

32 07 • November 2012


Kinder bestimmen mit –

in Familie und Schule

Alexander S. Neill, Gründer und Leiter der freien Schule

»Summerhill« in England, erinnert sich, wie eine Mutter

ihre Tochter zur Anmeldung mitbrachte:

»Ich warf einen Blick auf Daphne, die mit ihren schweren

Schuhen auf meinem Konzertflügel stand. Sie machte

einen Satz auf das Sofa und stieß beinahe die Sprungfedern

durch. ›Sehen Sie, wie natürlich sie ist‹, sagte die

Mutter. ›Das Neill‘sche Kind!‹ Ich fürchte, ich bin rot geworden.«

Neill kommentiert:

»Diesen Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit

können viele Eltern nicht begreifen. In einem Heim,

in dem Disziplin herrscht, haben Kinder keine Rechte. In

einem Heim, in dem sie verwöhnt werden, haben sie alle

Rechte. In einem guten Heim haben Kinder und Erwachsene

jedoch gleiche Rechte. Und dasselbe trifft auf die

Schule zu« (Neill 1969, S. 116 – 117).

Auch in anderen reformpädagogischen Konzepten wurde

schon vor hundert Jahren gefordert, dass Kinder über

ihr Lernen und das Zusammenleben in der Schule (mit)

bestimmen sollen. Das bedeutet nicht: Jedes Kind kann

tun und lassen, was ihm gefällt oder gerade in den Sinn

kommt. Auch eine demokratische Schule braucht Regeln.

Der wesentliche Unterschied zur herkömmlichen Schule

ist aber: Die Regeln fallen nicht vom Erwachsenen-

Himmel: sie werden von Lehrer/inne/n und Kindern gemeinsam

entwickelt und kontrolliert.

(Fortsetzung S. 34)

Liebe Eltern,

wozu ist die Schule eigentlich da?

Damit die Kinder »etwas lernen«. So oder ähnlich antworten

viele Menschen, wenn man sie im Alltagsgespräch

fragt. Vor allem Lesen, Schreiben und Rechnen sollen die

Kinder lernen. Das war so in der alten Volksschule und ist es

auch heute noch in der Grundschule. Fachliches Lernen sehen

viele als das Zentrum der Schule. Unter anderem deshalb

konzentrieren sich PISA, IGLU und die anderen großen

Untersuchungen auf den Vergleich von »Leistungen«.

Gemeint sind damit Fachleistungen. Aber ist das alles?

»Die Schule der Nation ist die Schule«, hat Bundeskanzler

Willy Brandt in seiner ersten Regierungserklärung 1969

betont. Und in der Tat: Die Zusammenarbeit in Arbeitsgruppen,

die gemeinsame Lösung von Konflikten, der

Umgang zwischen Stärkeren und Schwächeren – solche

Erfahrungen von Kindern bestimmen mit, ob sie sich als

Erwachsene demokratisch verhalten.

Aber es geht nicht nur darum, »Demokratie zu lernen« – für

die Zukunft. Sondern auch darum, sie jetzt schon leben zu

dürfen. Dieses Recht räumt nämlich die bereits 1989 verabschiedete

UN-Konvention schon Kindern ein (s. S. 36). Einerseits

stärkt sie die Schutzrechte der Kinder, z. B. tabuisiert

sie Gewalt. Darüber hinaus aber formuliert sie Beteiligungsrechte.

Kinder sollen über ihr Leben selbst entscheiden, zumindest

aber mit-bestimmen. Partizipation, d. h. Mitwirkung

der Kinder ist ein hoher Anspruch an Familie und Schule, in

der bisher meist die Erwachsenen das Sagen hatten. Schule

hat also nicht nur die Aufgabe, auf das zukünftige Leben

vorzubereiten. Als öffentliche Einrichtung hat sie auch ihren

Alltag demokratisch zu gestalten (s. ➝ Nr. 5).

Und das fachliche Lernen? Kommt es dabei nicht zu kurz?

Nein. Man lernt auch besser, wenn man sich selbst Ziele

setzen kann, wenn man an der Auswahl der Inhalte beteiligt

ist, wenn man die Arbeitsformen (mit)bestimmen

darf. Das zeigen psychologische Untersuchungen – und

wir wissen das alle ja auch aus eigener Erfahrung. Trauen

wir es auch unseren Kindern zu!

© Grundschule Harmonie, Eitorf

Die eigenen Angelegenheiten gemeinsam regeln

Kinderrechte ins Grundgesetz

Seit über hundert Jahren kämpfen Frauen für ihre Gleichberechtigung

mit Männern, die erst 1949 im Grundgesetz

verankert wurde. Mit der UN-Konvention von 1989 stehen

wir nun vor der gleichen Aufgabe für die Selbst- und

Mitbestimmungsrechte der Kinder: www.kinderrechteins-grundgesetz.de/

06 • September 2012 33


(Kinder bestimmen mit – in Familie und Schule, Fortsetzung von S. 33)

Selbst- und Mitbestimmung in der Schule

In der Schule gibt es unterschiedliche Bereiche, in denen

Kinder selbst oder mit-bestimmen können:

●●

im Unterricht (»Freiarbeit«),

●●

bei Verständigungen in der Lerngruppe (»Klassenrat«),

●●

bei klassenübergreifenden Entscheidungen (»Schülerparlament«).

Freiarbeit gibt es in sehr verschiedenen Formen, die sich

vor allem im Grad der Öffnung unterscheiden. Das lässt

sich gut an zwei Beispielen für Wochenpläne illustrieren

(vgl. Brügelmann / Brinkmann (1998, S. 57 ff.).

Der erste Wochenplan zielt auf die unterschiedlichen

Voraussetzungen der Kinder. Die Lehrerin differenziert

die Aufgaben immerhin nach drei Leistungsstufen. Je

nachdem, zu welcher Gruppe ein Kind gehört, bekommt

es genau vorgeschrieben, woran und wie es zu arbeiten

hat. Aber anders als im üblichen Klassenunterricht kann

jedes Kind individuell bestimmen, in welcher Reihenfolge

es sich die Aufgaben vornimmt und es kann sie in seinem

eigenen Tempo bearbeiten.

Der zweite Wochenplan ist sehr viel offener. Jedes Kind

macht eigene Vorschläge, woran es arbeiten möchte. Die

Lehrerin kommentiert diese Vorschläge, sie gibt Hinweise,

stellt Rückfragen, erinnert an noch nicht eingelöste

Absprachen. Weder verordnet sie die Aufgaben noch

sind deren Lösungen immer schon absehbar und einfach

abzuhaken.

Die Arbeit mit solchen individuellen Plänen, deren Inhalte

zwischen Lehrer/in und Kind ausgehandelt werden,

bildet den Kern eines offenen Unterrichts. Der Austausch

über die Ergebnisse in der Lerngruppe fordert heraus,

regt an, erweitert die Perspektiven.

Diese soziale Dimension wird noch deutlicher in der Institution

des Klassenrats. In ihm werden Angelegenheiten

behandelt, die alle betreffen: Konflikte zwischen

Kindern; die Planung einer Klassenfahrt; Absprachen

über ein gemeinsames Projekt im Unterricht. Die Kinder

wechseln sich in der Leitung und beim Protokollieren ab.

So übernehmen sie Verantwortung nicht nur für die eigene

Arbeit, sondern auch für ein gedeihliches Zusammenleben

in der Gruppe – wie bei der Familienkonferenz

zu Hause (s. S. 36 und ➝ Nr. 1). Im Schülerparlament

geht es um noch grundsätzlichere Fragen. Gewählte Vertreter/innen

aller Klassen beraten über Entscheidungen,

die alle betreffen: Schulordnung, Gestaltung des Schulhofs,

Konflikte (z. B. zwischen den »Großen« und den

»Kleinen«). An manchen Schulen treffen sich alle Kinder

und alle Erwachsenen regelmäßig, zum Beispiel in einer

wöchentlichen Vollversammlung, um gemeinsame Angelegenheiten

zu beraten. Dort können auch inhaltliche

Ergebnisse den anderen Klassen vorgestellt werden.

Gemeinsam ist allen Formen: die Kinder lernen für die

Zukunft, indem sie schon jetzt ihre Rechte wahrnehmen.

34 06 • September 2012


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Es gibt Unterrichtsformen, die dem demokratischen Anspruch

besser gerecht werden, und andere, die dies weniger

tun. Eine stark ausgeprägte Selbst- und Mitbestimmung

ist Kennzeichen des sog. »offenen Unterrichts«.

Diese Alternative zu einem vom Lehrer gesteuerten Unterricht

wird seit vielen Jahren auch wissenschaftlich untersucht.

Die Ergebnisse sind nicht leicht einzuschätzen,

weil Lehrer/innen in verschiedenen Schulen, aber auch

verschiedene Forscher/innen unter diesem Begriff sehr

Unterschiedliches verstehen.

Wie verbreitet ist offener Unterricht?

Je höher der Anspruch an Mitwirkungsrechte von Kindern

ist, desto seltener finden wir diese im Unterricht und

im Schulleben umgesetzt. In der Regel können Kinder

eher über die Reihenfolge ihrer Arbeiten bestimmen als

zwischen verschiedenen Aufgaben zu wählen. Sie können

eher eigene Lösungswege ausprobieren als selbst

über Inhalte oder Ziele ihrer Arbeit zu entscheiden. Bei

manchen Lehrer/inne/n gibt es Freiarbeit nur in festgelegten

Stunden, bei anderen bestimmt sie den Unterricht

insgesamt ➝ Nr. 3.

Gleiche Freiräume für alle Kinder?

Grundsätzlich: JA. In der Demokratie werden Rechte nicht

nach Kompetenz gewährt. Aber manche Kinder sind von

zu Hause weniger Selbstständigkeit gewöhnt als andere.

Insofern ist es sinnvoll, mit ihnen zusammen über Hilfen

nachzudenken. Zum Beispiel kann am Anfang ein Tagesplan

statt eines Wochenplans helfen, die eigene Arbeit

fristgemäß zu erledigen. Anderen hilft vielleicht die Zusammenarbeit

im Team, sich besser zu organisieren.

Wie (oft) erleben Kinder Freiräume im Unterricht?

Selten. Weniger als 20 % der Dritt- und Viertklässler/innen

sagen, dass sie zumindest »häufig« bestimmen dürfen,

was in den Schulstunden gemacht wird. Und auch

Lehrer/innen schätzen die Häufigkeit von Wahlmöglichkeiten

für die Kinder in ihrem Unterricht geringer ein, als

es ihrem eigenen Anspruch entspricht ➝ Nr. 3.

Lernen Kinder im offenen Unterricht besser?

Das kommt darauf an – wie bei allen pädagogischen Konzepten

… Im Durchschnitt der verschiedenen Studien ergibt

sich folgendes Bild: In den fachlichen Leistungen finden

sich kaum nennenswerte Unterschiede, allenfalls mit

leichten Vorteilen für traditionellen Unterricht. Aber die

Streuung innerhalb der Konzepte ist größer. In den sogenannten

Schlüsselqualifikationen wie Selbstständigkeit

und Fähigkeit zur Zusammenarbeit ist offener Unterricht

deutlich überlegen ➝ Nr. 4.

© Bert Butzke, Mülheim

Ein Grundschulkind leitet den Klassenrat

Werden Kinder heute freier erzogen als früher?

Ja. In den Familien gibt es einen Wandel »vom Befehlshaushalt

zum Verhandlungshaushalt«. So sagen 43 % der

Unter-30-Jährigen »Ich durfte schon als Kind vieles selbst

entscheiden« – aber nur 15 % der Über-60-Jährigen. Von

denen wiederum sagen fast zwei Drittel, sie seien »streng

erzogen worden« ➝ Nr. 6.

Welcher Erziehungsstil ist denn nun besser?

Es ist leichter zu sagen, welche Erziehungsformen

schlecht sind. Auf der Gefühlsebene: wenig persönliche

Zuwendung, aber auch eine zu starke Bindung, also die

Unfähigkeit, die eigenen Kinder loslassen zu können,

sind nicht förderlich. Deren Entwicklung wird ebenfalls

behindert, wenn Eltern alles für sie entscheiden, ihnen

zum Beispiel vorgeben, wann und wie sie Hausaufgaben

zu machen haben. Aber auch wenn die Eltern sozusagen

»verschwinden«, nicht mehr als Gegenüber erkennbar

sind, ihre eigenen Bedürfnisse denen des Kindes unterordnen,

tut dies den Kindern nicht gut. Die optimale Balance

zwischen diesen Extremen lässt sich allgemein nur

schwer bestimmen.

Grundbedürfnisse des Menschen G

Eine »Selbstbestimmungstheorie der Motivation« haben

die US-amerikanischen Psychologen Deci und Ryan entwickelt.

In ihren vielfältigen Untersuchungen haben sie

drei Grundbedürfnisse herausgearbeitet. Die Motivation

zu lernen hänge davon ab, dass eine Person sich erlebt

als …

●●

autonom: »Ich darf selbst entscheiden«

●●

zugehörig: »Andere mögen mich, ich bin

anerkannt«

●●

kompetent: »Ich kann etwas gut«

Immer wenn Sie dies Symbol sehen, erfahren

Sie Näheres auf www.grundschuleltern.info

unter »Weitere Informationen«.

06 • September 2012 35


Informationen & Lesetipps

Erziehung in Familie und Schule

Immer noch aktuell (inzwischen in der

49. Auflage!) und trotz des irrführenden

Titels ein eindrucksvolles Plädoyer

für einen respektvollen Umgang

mit Kindern: Neills lebendig geschriebener

Erfahrungsbericht aus einer der

ersten demokratischen Schulen:

Theorie und Praxis der

anti autoritären Erziehung.

Das Beispiel Summerhill

Alexander S. Neill

Erschienen: 1969

Verlag: Rororo 200446

Preis: 9,99 Euro

Heißer Tipp:

Vorlesestifte zum selbstständigen Lesen

Vorlesen ist für viele Kinder eine der schönsten Situationen.

Und sie lernen dabei viel über die Schrift. Leider haben Erwachsene

oft zu wenig Zeit. Vorlesekassetten oder CDs laufen wiederum

einfach ab. Die Kinder können nicht selbst bestimmen, was genau sie

anhören wollen.

Da helfen »Lese-Stifte«, mit denen Kinder sich in bestimmten Büchern

Texte, einzelne Wörter oder auch ergänzende Kommentare und

Hörspiel szenen gezielt auswählen können ➝ Nr. 7

Demokratie – erklärt für Kinder

Geschichten zum Thema

Willibald schwingt sich zum tyrannischen

Boss eines Mäuserudels auf. Nur

das viellesende Mäusemädchen Lilli

widersetzt sich und wird verbannt.

Doch eines Tages kommt ihre Chance.

Familienkonferenz: Die Lösung von

Konflikten zwischen Eltern und Kind

Thomas Gordon

Erschienen: 1989

Verlag: Heyne Sachbuch Nr. 15

Preis: 9,95 Euro

Das Buch »Familienkonferenz« entfaltet

(ebenfalls schon in der 29. Auflage)

praktische Konsequenzen für eine Erziehung,

die Kinder als eigenständige

Persönlichkeiten auch in der Familie

wahr- und ernstnimmt,

– ergänzt vom Verfasser um zwei

Nachfolgebände:

Die Neue Familienkonferenz:

Kinder erziehen ohne zu strafen

und

Familienkonferenz in der Praxis: Wie

Konflikte mit Kindern gelöst werden

Nachgefragt:

Menschenrechte und Demokratie.

Basiswissen zum Mitreden

Christine Schulz-Reiss

Erschienen: 2008

Verlag: Loewe Verlag

Preis: 12,90 Euro

Und speziell zu den 1989 von den UN

proklamierten Rechten der Kinder – in

Kindersprache:

Die Rechte der Kinder –

von logo! einfach erklärt

Benno Schick / Andrea Kwasniok

Erschienen: 2008 (8. Auflage)

Hrsgg. vom Bundesministerium für

Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Kostenloser Download ➝ Nr. 1

Kinderwille

Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene

Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden

Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung

des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife.

(UN-Kinderrechtskonvention Art. 12 I)

Der überaus starke Willibald

Willi Fährmann

Erschienen: 1999

Verlag: Arena

Preis: 5,99 Euro

Ausdrücklich angesprochen werden

die Kinderrechte in der Geschichte:

Justine und die Kinderrechte

Antje Szillat

Erschienen: 2009

Verlag: Edition Zweihorn

Preis: 7,95 Euro

Justine und ihr Kater Joschi tauchen

immer dort auf, wo die Rechte eines

Kindes in Gefahr sind. Aber nur mit

Hilfe vieler Kinder können sie die Kinderrechte

bekannt machen und ihnen

helfen, sie umzusetzen.

Für weitere Buchempfehlungen siehe

➝ Nr. 2

36 06 • September 2012


Hausaufgaben: wozu und wie?

Hausaufgaben gehören für viele zu den Selbstverständlichkeiten

von Schule – wie die Noten, das Sitzenbleiben und

der 45-Minuten-Takt des Unterrichts. Gleichzeitig sagt die

Hälfte der Eltern, dass es zu Hause täglich oder mehrmals

pro Woche Streit wegen der Hausaufgaben gebe (ELTERN/

family 2011 ➝ 2c). Häufig liegt das an unterschiedlichen

Vorstellungen darüber, was Hausaufgaben leisten sollen:

●●

durch Übungsaufgaben die Inhalte des Unterrichts

festigen;

●●

durch angemessene Aufgaben (Eigenverantwortung)

zum selbstständigen Arbeiten hinführen;

●●

durch Sammel- oder Forscheraufträge neue Themen

vorbereiten;

●●

den Lehrpersonen eine Rückmeldung zum Erfolg

ihres Unterrichts geben;

●●

Eltern über den Lernstand, die Fortschritte und

Schwie rig keiten ihrer Kinder informieren.

Um unnötige Konflikte zwischen Schule, Eltern und Kindern

zu vermeiden, ist es Aufgabe der LehrerInnen, Klarheit

zu schaffen über ihre konkreten Ziele.

Vor allem dürfen sie Eltern nicht als HilfslehrerInnen in

die Pflicht nehmen. Gerade in der Halbtagsschule besteht

die Gefahr, dass die öffentliche Schule über Hausaufgaben

heimlich »privatisiert« wird. In Deutschland

boomt der Nachhilfesektor: Über eine Million SchülerInnen

bekommen regelmäßig bezahlten Zusatzunterricht.

Über eine Mrd. Euro geben die Familien pro Jahr dafür

aus – seit 2002 mit wachsender Tendenz.

Hausaufgaben dürfen den Kindern nicht die Luft nehmen

für selbstbestimmte Aktivitäten, für ein informelles

Lernen außerhalb der Schulfächer, für soziale Beziehungen.

Insofern sind die Vorgaben der Erlasse ( ➝ 2c) für

zeitliche Grenzen sehr ernst zu nehmen: 30 Minuten in

Klasse 1 und 2, 60 Minuten in Klasse 3 und 4; Eltern müssen

sich den Kindern gegenüber auf »Hilfe zur Selbsthilfe«

beschränken (s. S. 38); man muss nach Alternativen zu

den traditionellen Formen suchen (s. S. 39).

Lernerfolg durch Unterricht –

oder durch Nachhilfe?

Deutschland hat sich von PISA 2001 bis 2010 verbessert.

Politiker sollten aber vorsichtig sein mit vorschnellen

Erfolgsmeldungen. Die Fortschritte sind nicht zwangsläufig

auf einen besseren Unterricht zurückzuführen.

Seit 2002 bekommen nämlich immer mehr SchülerInnen

Nachhilfe – vor allem diejenigen an Hauptschulen, wie

die SHELL-Studie von Albert u. a. zeigt. (2010 ➝ 2c)

Liebe Eltern,

Schule und Familie – eine schwierige Beziehung. Lehrer

fühlen sich bedrängt von Eltern, die meinen, alles besser

zu wissen. Und die häufiger als früher vor Gericht klagen.

Familien leiden vor allem unter der Hausaufgabenlast.

Gewachsen ist diese Belastung noch durch G8 und durch

Ganztagsschule mit anschließenden Hausaufgaben.

Viele nehmen dann – für die Kinder auch noch zusätzlich

– bezahlte Nachhilfe in Anspruch. Und schon in der

Grundschule gibt es in vielen Familien Konflikte wegen

der Hausaufgaben. Je näher der Übergang in die Sekundarstufe

rückt, umso mehr.

Wie so oft gäbe es viele Probleme nicht, wenn alle Seiten

mehr und offener miteinander redeten. Wenn die LehrerInnen

deutlich machten, worum es ihnen bei den Hausaufgaben

geht. Und die Kinder nachfragten, wenn sie

etwas nicht verstanden haben. Eltern wiederum sollten

Schwierigkeiten nicht verdecken, indem sie schwierige

Aufgaben für ihre Kinder erledigen. Sondern der Schule

mitteilen, wo es gehakt hat.

Aber das setzt Vertrauen voraus. Hier sind Eltern wie

LehrerInnen gefragt. Nehmen Sie dieses Heft doch zum

Anlass, einen Elternabend zum Thema »Hausaufgaben«

zu vereinbaren! Es kann hilfreich sein, erst einmal zu sammeln,

wie verschiedene Beteiligte die Situation erleben

– vor allem auch die Kinder …

© Schule CH-3662 Seftigen

10 • September 2013 37


Tipps für Hausaufgabenbetreuung im Alltag

Es gibt nicht »die beste« Art Hausaufgaben zu machen.

Jedenfalls nicht für alle Kinder gleichermaßen. Das ist

nicht anders als bei uns Erwachsenen. Auch jeder von

uns hat seine eigene Art, wie er am besten arbeitet. Aber

das bekommt man nur heraus, wenn man Verschiedenes

ausprobiert – und dann bewusst entscheidet.

Wie und wo kannst DU deine

Hausaufgaben am besten machen?

●●

●●

●●

●●

●●

Vielleicht hilft dir, vorweg eine Liste der Aufgaben

zu machen. Dann kannst du durchstreichen, was

schon erledigt ist. Und du siehst, was noch zu machen

ist.

Willst du nach dem Essen lieber erst eine Pause

machen? Oder geht es dir besser, wenn du die Aufgaben

gleich hinter dich bringst?

Nimmst du als erstes lieber eine Aufgabe, die du

gerne machst – weil dann das Anfangen leichter

fällt? Oder fängst du lieber mit einer schwierigen

Aufgabe an – damit du dann das Unangenehmste

schnell hinter dir hast?

Hilft es dir, vorweg darüber zu sprechen, wie du

eine Aufgabe bearbeiten willst? Oder möchtest du

erst einmal versuchen, die Aufgabe allein zu lösen,

und wir reden dann über das, was schwierig war?

Probiere verschiedene Orte aus! Wo kannst du am

besten arbeiten: in deinem Zimmer, am Wohnzimmertisch,

in der Küche, wenn eine Person dabei

bist oder wenn du allein bist?

Eltern sollten mit ihrem Kind gemeinsam darüber nachdenken,

was ihm die Hausaufgaben erleichtert und was

stört. »Gleich nach dem Essen anfangen« ist nicht grundsätzlich

besser als »erst mal eine Pause machen«. Manche

fangen lieber mit einer leichten Aufgabe an, um schnell

etwas erledigt zu haben. Andere wollen lieber loswerden,

was sie besonders drückt.

Ob Hausaufgaben nutzen, hängt aber auch vom Lehrer

ab. Sie sind förderlicher

−−

wenn sie aus dem Unterricht erwachsen (und nicht

einfach als ein »Mehr« drangeklebt werden),

Der besondere Tipp: »Kindertausch«

Hausaufgaben können den Familienfrieden nachhaltig

stören. Oft tragen Eltern und Kinder dabei Kämpfe

aus, die gar nichts mit den Aufgaben selbst oder mit

ihrem Inhalt zu tun haben. Da kann es entspannen,

wenn man zwischen befreundeten Familien die Kinder

tauscht. Oder wenn das Kind eine Freundin, einen

Freund zum Hausaufgabemachen mitbringen darf.

Mario, 9 Jahre: »Wenn meine Mutter Staub saugt, kann ich nicht

denken.«

Aus: Kohler 2003, S. 47 ( ➝ Nr. 2a)

−−

wenn die Ergebnisse in der nächsten Stunde aufgegriffen

werden,

−−

wenn es Musterlösungen zur Selbstkontrolle gibt oder

wenn der Lehrer die Aufgaben des Vortages (zumindest

stichprobenweise) kontrolliert.

Es muss auch klar sein, welche Funktion die Hausaufgaben

haben: Dienen sie zur Vertiefung eines Inhalts – oder

sollen sie ein neues Thema vorbereiten? Geht es um das

Einüben von Fertigkeiten (1 x 1 automatisieren, Vokabeln

lernen, Textlesen) oder soll das Verständnis vertieft werden

(Regeln finden, ein Experiment machen, Übertragung

auf neue Inhalte).

Ziel der Hausaufgaben sollte es sein, dass die Kinder lernen,

ihre Arbeit selbst zu organisieren. Sie sind sinnlos,

wenn zwar das Ergebnis stimmt – aber nur weil die Eltern

geholfen haben.

Die allerdings sollten aufpassen, dass der Zeitaufwand

sich im Rahmen hält. In den Schulvorschriften der meisten

Bundesländer steht: 1. und 2. Klasse höchstens 30 Minuten,

3. und 4. Klasse eine Stunde.

Hilfe bei Hausaufgaben:

Nach-Fragen statt Vor-Sagen

Was können Eltern tun bei konkreten Schwierigkeiten?

Grundtipp: Nehmen Sie Ihrem Kind seine

Arbeit nicht ab. Helfen Sie ihm durch Rückfragen,

selbst weiterzukommen:

●●

Ich kann gerade nicht, versuch es erst noch mal

allein.

●●

Ist dir klar, worum es bei der Aufgabe eigentlich

geht?

●●

Wo genau hast du Schwierigkeiten?

●●

Wie könntest du anfangen? Wenn du den Einstieg

hast: Wie könnte es weitergehen?

●●

Ist das nicht ähnlich wie …?

●●

Schau dieses Stück noch einmal durch.

38 10 • September 2013


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Was bringen Hausaufgaben?

Empirisch untersucht wurden vor allem zwei Fragen

(➝ Nr. 2b):

−−

Lernen SchülerInnen, die regelmäßig Hausaufgaben

aufbekommen, besser als diejenigen ohne Hausaufgaben?

−−

Welche Form der Begleitung von Hausaufgaben durch

Eltern wirkt sich förderlich aus – welche nicht?

Zur ersten Frage ist die Forschungslage unübersichtlich.

Je nach Fach bzw. Leistungsbereich, Alter der SchülerInnen,

Art der Aufgabe spricht mal mehr, mal weniger für

Hausaufgaben. Einerseits profitieren SchülerInnen aus

höheren sozialen Schichten stärker, andererseits auch

besonders leistungsschwache Kinder.

Eine Faustformel für die Praxis: Wenn Hausaufgaben gestellt

werden, versprechen eher kürzere Aufgaben, regelmäßig

gestellt und vom Lehrer kontrolliert, Erfolg.

Kindermund

»Hausaufgaben sind blöd,

weil ich zu Hause Überstunden machen muss!«

Deutlicher sind die Befunde zur zweiten Frage: Wenn Eltern

die Erledigung der Aufgaben eng überwachen, hat

das negative Auswirkungen auf die schulischen Leistungen.

Vertrauen in das Kind, Ermutigung und Unterstützung

durch die Eltern wirken sich dagegen positiv aus.

Man muss allerdings auch die Randbedingungen beachten.

Die meisten Studien sind in Ländern mit Ganztagsschulen

durchgeführt worden. Diese Situation ist neu in

Deutschland – denn hier liegt der Anteil der Ganztagsschulen

erst bei 10 bis 15 %.

Schulerfolg hängt in hohem Maße von Anregungen und

Unterstützung zu Hause ab. In Deutschland noch mehr

als in anderen Ländern. Das ist einer der pädagogischen

Gründe für die Einführung der Ganztagsschule (neben

den Betreuungsnotwendigkeiten). Denn bei den Hausaufgaben

wirken sich Unterschiede in den familiären Bedingungen

besonders stark aus: weil die »Hilfslehrerinnen

der Nation« unterschiedlich viel Zeit erbringen, und

weil sie auch unterschiedlich gut helfen können. Oder

Nachhilfe organisieren und bezahlen …

Ein Blick in andere Länder zeigt aber: Hausaufgaben verschwinden

nicht einfach, wenn es Ganztagsschulen gibt.

Zumal der Druck bei den Eltern bleibt, das Beste aus Ihrem

»Juwel« machen zu wollen. In Ländern wie Japan

schicken Eltern die Kinder sogar am späten Nachmittag

noch in private Nachhilfeschulen.

Umgekehrt zeigt ein Blick in deutsche Schulen: Auch in

Halbtagsschulen kann man Hausaufgaben anders stellen

– und betreuen:

Hausaufgaben oder Schularbeiten?

Alternativen aus der Praxis

Zentrale Aufgabe der Schule ist es, Kindern zu helfen, ihr

Lernen selbst in die Hand zu nehmen. Dieses Ziel kann

in einer Ganztagsschule grundsätzlich leichter erreicht

werden, weil sie mehr Zeit für freies Arbeiten bietet. Die

Betreuung durch die LehrerInnen sichert gleichzeitig Unterstützung,

wenn Kinder Fragen oder Schwierigkeiten

haben. Es gibt aber auch Halbtagsschulen, die mit Freiarbeitsphasen

oder flexiblen Wochenplänen Räume für

selbstständiges Arbeiten eröffnen – und die Kinder stärker

in die Verantwortung für ihr Lernen nehmen.

Ein Beispiel: In der Libellen-Grundschule in Dortmund

haben Eltern und LehrerInnen in der Schulkonferenz beschlossen,

Hausaufgaben probeweise ganz abzuschaffen.

Stattdessen bietet die Schule sogenannte »Lernzeiten«,

in denen Kinder individuell an Aufgaben arbeiten,

die auf ihren Lernstand abgestimmt sind (siehe zu dem

Konzept: www.libellen-grundschule.de ➝ Wichtiges für

Eltern ➝ Hausaufgaben).

Parallel dazu gibt die Schule Elternseminare zum Thema

»Lernzeit statt Hausaufgaben«. Dort erhalten die Eltern

auch Anregungen für Aktivitäten zu Hause, bei denen

Kinder wichtige und für schulisches Lernen förderliche

Erfahrungen machen können (Beispiel s. Kasten und zur

Sprachförderung die Homepage).

Mathematik kann auch in den

Alltag integriert werden,

●●

●●

●●

●●

●●

●●

●●

●●

●●

indem Sie Ihrem Kind ein kleines Taschengeld

geben (50 Cent / Woche),

indem Sie es beim Einkaufen beteiligen

(z. B. suche die billigste Milch),

indem Sie mit ihm kochen und backen

(Mengen angaben wie: 3 Eier, 500 g Mehl)

indem Sie mit Ihrem Kind bauen und basteln

(Geometrie)

indem Sie mit Ihrem Kind Mathematik

in der Umwelt entdecken

(Zahlen, Zeiten, Fahrpläne, Entfernungen …)

indem Sie mit Ihrem Kind spielen,

indem Sie gegenseitig Ihre Körpergröße messen,

indem Sie Ihr Kind in die Terminplanung einbeziehen,

indem Sie die Uhr für Absprachen mit Ihrem Kind

benutzen …

10 • September 2013 39


Informationen & Lesetipps: Erziehung in Familie und Schule

Ein informativer Überblick über den

(Un-)Wert von Hausaufgaben mit Beispielen

für sinnvolle Formen und mit

handfesten Ratschlägen für ihre Begleitung

zu Hause, auch bei den üblichen

Schwierigkeiten:

Auf Selbstständigkeit zielt

»Mein Aufgabenheft Deutsch 1/2«

… zum individuellen Arbeiten mit vielfältigen Übungsmöglichkeiten aus

dem Klett-Verlag (ISBN 978-3-12-011415-4). Zu Hause oder in freien Arbeitszeiten

in der Schule kann sich jedes Kind passende Aufgaben heraussuchen.

Im dem Heft mischen sich Aufgaben (steigender Schwierigkeit) aus allen

Lernbereichen des Sprachunterrichts: Sprechen und Zuhören, Schreiben,

Lesen sowie Sprache und Sprachgebrauch untersuchen.

Hausaufgaben: Helfen – aber wie?

Britta Kohler

Erschienen: 2003 (7. Aufl.)

Beltz Verlag

Preis: 14,90 Euro

Als Impuls für Diskussionen auf einem

Elternabend eignen sich Ausschnitte

aus dem Video eines Vortrags von

Detlef Träbert (2012) in Koopera-

Hausaufgaben

als Vorwand …

Mangels einer öffentlichen Bibliothek

und weil die privaten Leihbüchereien

hohe Gebühren verlangten,

lieh sich der Kinderbuchautor

Paul Maar kostenlos Erwachsenenbücher

in der Bibliothek des

Amerika-Hauses Schweinfurt aus,

auch wenn er sie nicht immer verstand.

Weil er daheim nicht lesen

durfte, deponierte er die Bücher

bei einem Freund, den er unter

dem Vorwand, dort Hausaufgaben

zu machen, besuchte. Er las

dann in dessen Zimmer, während

der Freund mit seinem Bruder

draußen Fußball spielte.

(aus: Wikipedia, 12. 6. 2013)

tion mit dem Landeselternbüro des

Landes elternverbandes Vorarlberg:

»Hausaufgaben =

Hausfriedensbruch?«

Themen: »Sollen Eltern überhaupt bei

den Hausaufgaben helfen, und wenn

ja, wie? Oder können SchülerInnen

ihre Hausaufgaben selbstständig und

effektiv erledigen?«

Download: www.youtube.com/

watch?v=yGViBYcRs5U

Hilfreich sind auch die Vorschläge von

Träbert in seinem Buch »Disziplin, Respekt

und gute Noten« ( ➝ 2a).

Dieses Buch verknüpft geschickt eine

amüsante Geschichte rund um ›Hausaufgaben‹

mit Tipps für den alltäglichen

Umgang mit ihnen:

Frau Ulkig – oder: Wie man

Hausaufgaben richtig macht

Annette Neubauer /

Mirella Fortunato

Erschienen: 2005

Albarello Verlag

Preis: 10,90 Euro

In manchen Bereichen reicht es nicht,

die Grundlagen zu verstehen. Oft gebrauchte

Fertigkeiten müssen automatisiert

werden. Dass man die dafür erforderlichen

Übungen auch reizvoller

als über Arbeitsblätter gestalten kann,

zeigen die Audiobücher aus der Reihe

»Junge Dichter und Denker«, z. B.

Das kleine 1 × 1 als Rap,

2 Audio-CDs

Inkl. Karaoke-Version

Erschienen: 2006

Schroedel Verlag

Preis: 21,00 Euro

Raus-Aufgaben

statt Hausaufgaben

Viele Anregungen, was Eltern mit

ihren Kindern als Ausgleich zur

Schule machen und wie sie ihr

Lernen breiter und vielfältiger anregen

können, findet sich in dem

reich bebilderten Buch

Komm, wir gehen raus:

Mit Kindern aktiv sein: forschen,

entdecken, basteln, spielen

von Sabine Lohf u.a.,

erschienen bei Kösel:

München 2010 (14,95 Euro).

40 10 • September 2013


Kinder mit Problemen –

Probleme mit Kindern?

aus: Heinrich Hoffmann »Der Struwwelpeter«, 1854

Wie gehen wir mit

Verhaltens»störungen« und

Lern»schwächen« um?

Liebe Eltern,

das Thema dieses Hefts ist besonders schwierig. Es geht

um Situationen, die mit hohen Belastungen für die Beteiligten

verbunden sind. Aber auch für uns war es nicht

einfach, dieses Thema zu bearbeiten. Die Probleme fingen

schon bei der Suche des Titels an. Was trifft es besser:

»Problemschüler« oder »Risikokinder« oder »Verhaltensstörungen

und Lernschwächen« oder »Kinder mit Auffälligkeiten«

oder …? Jeder Titel signalisiert eine besondere

Sicht: Sind die Kinder das Problem? Rühren die Probleme

aus persönlichen Eigenschaften des Kindes? Oder haben

die Kinder Probleme – mit sich und mit ihrer Umwelt?

Haben vielleicht gar nur bestimmte Erwachsene Probleme

mit dem Kind?

Wir haben uns entschieden für einen Titel mit Fragezeichen.

Damit wollen wir deutlich machen: Auch sog.

»Problemkinder« haben viele Seiten, und ihre sichtbaren

Schwierigkeiten sind nur eine davon. Wir lassen zudem

bewusst offen, wo die Ursache für diese Schwierigkeiten

liegt. Denn das ist eine der wichtigsten Botschaften der

Forschung zu »Lernschwächen« und »Verhaltensstörungen«:

Diese sind keine festen Eigenschaften – und

darum setzen wir diese Begriffe auch in Anführungszeichen.

Je nach den Umständen, unter denen ein Kind aufwächst,

können sich seine Anlagen sehr unterschiedlich

entwickeln. Und auch ein »schwieriges Kind« kann sich

plötzlich ganz anders verhalten, wenn sich die Situation

verändert, in der es lebt und lernt. Nicht beliebig, aber oft

doch erstaunlich anders: Einige haben Schwierigkeiten

zu Hause, sind aber »problemfrei« in der Schule; andere

haben Probleme in der Schule, aber keine in der Freizeit.

Verhalten ist nicht fest vorprogrammiert.

Genau darin liegt unsere große Chance als Eltern und

PädagogInnen: Die Bedingungen so zu gestalten, dass

es dem Kind leichter fällt, zurechtzukommen. Und ihm

gleichzeitig Aufgaben zu stellen, an denen es wachsen

kann. Die es herausfordern, aber nicht überfordern.

Wir wissen wohl: Das ist leichter gesagt als getan – zumal

schon der Alltag vielfältige Anforderungen bereithält. Da

wird jede/r von uns immer mal wieder an diesem hohen

Anspruch scheitern. Aber wichtig ist die Grundhaltung:

Dass das Kind spürt: Selbst wenn das Leben schwierig ist

– das Problem bin nicht ich.

Wir wünschen Ihnen die Kraft, diese Haltung auch unter

Stress bewahren zu können – möglichst oft …

Und noch eins: Medikamente sind Nothelfer. Sie auf

Dauer zu nehmen, schließt meist ungewollte Nebenwirkungen

ein. Wenn ein Kind weniger unruhig wird, verliert

es auch seine Lebendigkeit. Der Preis für eine stärkere

Konzentration auf »Aufgaben«: weniger Offenheit für Interessantes

in der Welt »drumrum«.

Kinder und ihre Eltern haben oft schwierige Entscheidungen

zu fällen. Die Grundfrage: Wie möchte ich selber

sein? Und wer darf ich sein – in der Gesellschaft, in der

ich lebe und leben werde? Bei solchen Überlegungen

können andere, auch Fachleute, hilfreiche Berater sein.

Abnehmen können sie die Entscheidung nicht.

Helfen Sie Ihrem Kind,

●●

●●

●●

●●

Räume zu finden, um seine Stärken zu entfalten

und an Selbstwert zu gewinnen;

an seinen Schwächen zu arbeiten, damit diese es

selbst und seine Umwelt möglichst wenig belasten;

wenn der Aufwand dafür zu groß wird:

die Schwäche zu akzeptieren und im Alltag Hilfsstrategien

zu nutzen;

sich selbst mit seinen Stärken UND Schwächen als

einen besonderen Menschen anzunehmen.

12 • Februar 2014 41


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Was bedeuten Etiketten wie »ADHS«

oder »Legasthenie«?

Zunächst einmal sind solche Fachbegriffe nur Namen für

für bestimmte Auffälligkeiten und noch keine Diagnosen

(ausführlicher ➝ Nr. 1a). Immerhin sind sie genauer

definiert als Alltagsbegriffe wie »Unaufmerksamkeit«

und »ständige Unruhe« oder als die Beschreibung »Probleme

beim Lesen und Schreiben«. Damit liefern sie aber

noch keine Erklärung. Für den Umgang mit betroffenen

Kindern heißt das erst einmal nicht mehr als: Achtung –

in diesem Bereich müssen wir besonders aufmerksam

sein und genauer hinschauen. Erklärungen und Lösungen

bieten diese Etiketten aber nicht. Denn festzuhalten ist:

●●

In jeder dieser Schubladen finden sich Kinder mit ganz

unterschiedlichen Schwierigkeiten.

●●

Selbst für oberflächlich ähnliche Schwierigkeiten innerhalb

einer Schublade kann es sehr verschiedene

Gründe geben.

●●

Deshalb hilft den Kindern einer Gruppe auch keine

einheitliche Förderung; Unterstützung muss vielmehr für

jedes Kind individuell abgestimmt werden.

Mit Sammelbegriffen kann man die Vielfalt von Auffälligkeiten

zwar grob sortieren. Ja, Menschen brauchen sogar

Schub laden, um die Fülle der Welt zu ordnen – und in ihr

handeln zu können. Aber Schubladen sind nicht »gegeben«,

sie sind von Menschen erfundene Hilfskonstruktionen.

Und diese verändern sich rasch. Noch vor wenigen

Jahren gab es die Diagnose MCD. Heute weiß kaum

jemand mehr, was man damals unter einer »minimalen

cerebralen Dysfunktion« verstand.

Sind Besonderheiten wie »ADHS«,

»Legasthenie« usw. angeboren?

Jede Leistung, jedes Verhalten ergibt sich aus dem Zusammenspiel

von Begabung, Erfahrung und konkreten

Lebensbedingungen. Auch die Gene wirken auf das Können

und Verhalten ein, aber sie bestimmen es nicht. Unbestreitbar

ist: Manche Menschen erwerben bestimmte

Fähigkeiten leichter, z. B. ein Instrument zu spielen, weil

sie besonders musikalisch sind. Andere wiederum haben

es in bestimmten Situationen schwerer, z. B. weil

sie besonders impulsiv sind. Aber festgelegt ist ihre

Entwicklung damit nicht. Insofern lassen sich besondere

Verhaltensweisen auch nicht allein aus persönlichen

»Eigenschaften« erklären: Ob sich jemand »konzentrieren

kann« hängt auch von der Aufgabe und den Umständen

ab. Zum Beispiel davon, ob sich das Kind für das konkrete

Thema interessiert. Also muss man schauen, günstige

Bedingungen zu schaffen – am besten in Absprache mit

dem Kind.

Darf oder soll man sogar

Medikamente geben?

Menschen sind auch chemische Wesen. Manche verzichten

tagelang auf Kohlenhydrate, damit sie dünner werden.

Anstieg der Verkäufe von Methylphenidat (Ritalin usw.)

Quelle: Paul-Ehrlich-Institut (BfArM), 2010

Viele trinken Wein und Bier, um sich in Stimmung zu

bringen. Andere nehmen Medikamente: Antidepressiva,

Beta-Blocker – und eben auch Methylphenidat, bekannt

etwa unter dem Markennamen »Ritalin«. Chemie wirkt.

Und sie bewirkt viel Gutes. Deshalb sollte man auch bei

Kindern den Einsatz von Medikamenten nicht grundsätzlich

verteufeln. Aber sie allein bieten noch keine Lösung.

Allenfalls verschaffen sie den Beteiligten Luft, um nach

Wegen zu suchen, wie die Bedürfnisse und Möglichkei ten

des Kindes besser mit den Anforderungen seiner Umwelt

in Einklang zu bringen sind – und umgekehrt. Die zunehmende

Verschreibung von Ritalin in den letzten Jahren

(s. Abb.) ist auffällig. Sie kann positiv zwar damit erklärt

werden, dass bestimmte Probleme heute mehr Aufmerksamkeit

finden. Umgekehrt muss die Zunahme auch als

Modeerscheinung gedeutet werden. Viele Kinder erhalten

heute ein Medikament, ohne dass es indiziert ist.

Es sollte deshalb nur in Absprache mit allen Beteiligten

– und befristet verordnet werden (ausführlicher ➝

Nr. 1b). Und dann beginnt erst die eigentliche Arbeit …

Kinder mit einer besonders reizempfindlichen Wahrnehmung

erleben ihre Welt so intensiv, dass ihr »anderes«

Verhalten ein oft lebensnotwendiges Ventil für den

kaum aushaltbaren inneren Überdruck ist. Nachvollziehbar

wird dies aus der Innensicht in: Fleischmann, A. /

Fleischmann, C. (2013): »In mir ist es laut und bunt.« Eine

Autistin findet ihre Stimme – ein Vater entdeckt seine Tochter.

Wilhelm Heyne 64049: München (engl. 2012).

Literatur zu den Verweisen ➝ findet sich unter

www.grundschuleltern.info ➝ »Weitere Informationen«

➝ »GrundschulEltern zur Ansicht«

42 12 • Februar 2014


Umgang mit Schwierigkeiten im Alltag

ADHS, Legasthenie usw. werden oft als »Krankheit« bezeichnet.

Damit wird unterstellt, dass Abweichungen

vom Durchschnitt immer als Defizit zu betrachten sind.

Aber was den einen stört, ist für einen anderen noch

normal – oder sogar interessant. Und: Jede »Schwäche«

kann auch eine Stärke sein. Es kommt jeweils auf die

Umstände an. So suchen Softwarefirmen wie SAP und

ORACLE für die Entwicklung von Computerprogrammen

gezielt Autisten wegen ihrer besonderen Fähigkeiten.

Und mancher Popstar ist erfolgreich gerade durch

seine Hyperaktivität. Unsere Gesellschaft braucht keine

»Standard«-Menschen, sondern – in jede Richtung – besondere

Menschen.

Ab wann werden solche Besonderheiten aber zu Problemen?

Leistungen wie auch Verhaltensweisen verschiedener

Menschen unterscheiden sich in allen Bereichen

sehr stark. Das ist normal. Dabei handelt es sich zudem

um graduelle Unterschiede. Es ist also willkürlich und

letztlich eine Vereinbarung, an welchem Punkt man die

Grenze zum »Unnormalen« und damit zur »Krankheit«

setzt. Dennoch ist klar: Je mehr wir in die Extrembereiche

kommen, desto stärker kann eine Minderleistung,

eine Verhaltensauffälligkeit, aber auch eine besondere

Begabung belasten: das Kind selbst und seine Umwelt.

Darum brauchen manche Kinder mehr Aufmerksamkeit

und mehr Hilfe als andere. Daraus folgt aber noch nicht,

dass sie etwas anderes brauchen, ein »Training« oder eine

»Therapie« oder ein »Medikament«. So lange die Beteiligten

es können, sollten sie es mit mehr Zuwendung, mehr

Übrigens …

Auffälliges Verhalten kann ein Warnsignal sein. Es ist

oft ein Anzeichen für Probleme, die das Kind in anderen

Bereichen hat. Das gilt besonders, wenn ein Kind

sich (plötzlich) anders verhält als zuvor: sich stärker zurückzieht,

ständig stört, »den Kasper spielt« …

Dann hat das Verhalten gar nichts mit der aktuellen

Situation in der Schule zu tun, sondern mit Schwierigkeiten

zu Hause. Oder umgekehrt. Darum ist es wichtig,

dass Eltern und LehrerInnen miteinander sprechen.

Wenn ein entsprechendes Vertrauensverhältnis besteht,

sollten Eltern die LehrerInnen unbedingt über

familiäre Probleme informieren – wenigstens in allgemeiner

Form. Auch wenn es schwer fällt, z. B. bei einer

bevorstehenden Trennung. Doch möglicherweise hilft

erst das dem Lehrer, das Kind zu verstehen, ihm die

Spielräume zu eröffnen, die es braucht, um auch in

dieser Situation leben und lernen zu können.

Unterstützung, mehr Anerkennung versuchen. Wann das

nicht mehr reicht, lässt sich nur fall- und situationsbezogen

entscheiden – nicht durch eine auf die Person beschränkte

»Diagnose« allein (s. »ADHS- na und?«, S. 44).

Hilfen bei auffälligem Verhalten

Menschen »stören«, wenn ihre persönlichen Bedürfnisse

nicht verträglich sind mit den äußeren Umständen. Sie

kommen eher zurecht, wenn sie Raum für eigene Entscheidungen

und ein Gefühl der Sicherheit haben – und

wenn sie sich sozial anerkannt fühlen.

Manche brauchen festere Strukturen, andere mehr Freiraum.

Das muss man gemeinsam erspüren, am besten

konkret ausprobieren. Gerade in unsicheren Beziehungen

sind Regeln unverzichtbar. Allerdings heißt das nicht:

Vorgabe von außen oder gar von oben. Absprachen sind

wichtig, damit die Lösung individuell »passt«. Aber auch

damit sich die Kinder als aktiv erleben – und damit sie

Mitverantwortung für die Regelung von Konflikten übernehmen.

Das ist oft schwierig. Manchmal hilft eine äußere Veränderung

der festgefahrenen Situation: Einzelarbeit statt

Lerngruppe oder ein Wechsel der Bezugsperson für bestimmte

Aufgaben (z. B. älterer Schüler statt Eltern). Manche

Kinder fühlen sich einfach überwältigt von Gefühlen,

die sie nicht unter Kontrolle bringen können. Hilfreich

können in diesen Fällen Tipps sein, wie sie im Programm

»Faustlos« vorgestellt werden ( ➝ www.faustlos.de ).

Schwierigkeiten beim

fachlichen Lernen

Etwas Neues zu lernen kostet alle Menschen Anstrengung.

Je nach ihren persönlichen Voraussetzungen und

je nach den äußeren Umständen unterschiedlich viel.

Je anspruchsvoller der Gegenstand und je schlechter

die Voraussetzungen, desto wichtiger wird die Motivation.

Am stärksten wirkt ein persönliches Interesse (s.

»Der Lesemuffel« ➝ S. IV). Lesen und Schreiben kann

man über Texte zu ganz verschiedenen Themen lernen,

Rechnen mit Mengen und Maßen in verschiedenen Bereichen.

Lassen sich keine Brücken zu persönlichen Interessen

schlagen, können externe Verstärker helfen:

Fehlerkurven, um auch kleine Fortschritte sichtbar zu

machen; Belohnungen, wenn bestimmte Absprachen

eingehalten oder vereinbarte Ziele erreicht sind (s. »Wie

aus dem kleinen Kater Leo ein Löwe wurde« ➝ S. IV und

zum methodischen Vorgehen im Einzelnen die Empfehlungen

in GSE Nr. 2 [Lesen und Schreiben] und Nr. 5

[Mathematik] sowie die Literatur zu diesem Beihefter

unter ➝ Nr. 1c).

12 • Februar 2014 43


Informationen & Lesetipps (Zu weiterer Literatur siehe ➝ Nr. 1 und 2)

Auffälliges Verhalten

Einen differenzierteren Blick auf die

Ursachen der sog. ADHS und den Umgang

mit besonders sensiblen und aktiven

Kindern vermittelt:

ADHS –

na und?

Helmut Bonney

Erschienen: 2012

Verlag:

Carl Auer

Preis: 16,95 €

Nur selten in den Blick genommen wird

die Sicht von Kindern – hier sehr persönlich

dargestellt und ergänzt um die

Perspektiven ihrer Bezugspersonen:

Moritz« von Wilhelm Busch. Ihnen

sind auch manche neuere Bücher

nachempfunden wie »Lola rast« von

Wilfried von Bredow.

Für ältere Kinder – und spezifischer

auf ADHS bezogen – empfehlen wir

Kopfüber –

Kopfunter

Anja Tuckermann

Erschienen:

2013

Verlag: KLAK

Preis: 6,90 €

Dieses Buch ist auch auf eindrucksvolle

Weise verfilmt worden.

Für manche Jüngere hilfreich: die

»Selbstwert stärkende Geschichte für

Kinder mit ADHS. Inklusive einer fachlichen

Information für Eltern« in dem

(Vor-)Lesebuch

Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten

Aus langjähriger praktischer Erfahrung

in der Förderung von Kindern

erwachsen ist der übersichtlich gestaltete

und verständlich geschriebene

Ratgeber für Eltern mit vielen konkreten

Aufgaben und Hilfen

Jedes Kind kann

lesen und schreiben lernen

Ingrid Naegele

Erschienen: 2011

Verlag: Beltz

Preis: 12,95 €

Die große Bedeutung der Motivation

für die Überwindung von Lernschwierigkeiten

zeigt das Buch für Kinder

(und Eltern …)

ADHS?

Ein Buch von Kindern für Kinder

Katja Heinrich / Jörg Letzel

Erschienen: 2011 (2. Aufl.)

Verlag: Militzke

Preis: 10,00 €

Unter den Kinderbüchern gibt es immer

noch gerne (vor-)gelesene Klassiker

wie »Der Struwwelpeter« von

Heinrich Hoffmann oder »Max und

Standards für die Zusammenarbeit

von Familie und Schule

●●

●●

●●

●●

●●

●●

Alle Familien in der Schul gemeinschaft willkommen heißen

Sich regelmäßig und offen miteinander austauschen

Gemeinsam den Lernerfolg der Kinder unterstützen

Eltern als Fürsprecher ihrer Kinder anerkennen und ermutigen

In gleichberechtigter Partnerschaft zusammenarbeiten

Andere Einrichtungen zur Unterstützung einbeziehen

nach Peters, in: Grundschulzeitschrift 271 (2014), S. 7

Wie aus dem kleinen Kater Leo

ein Löwe wurde

Monika Kreyenbühl-Blaser /

Margret Baumann

Erschienen: 2012

Verlag: Books on Demand

Preis: 18,80 €

Der Lesemuffel

Saskia Hula / Ute Krause

Erschienen: 2007

Verlag: Patmos/ Sauerländer

Preis: 9,90 €

Muffel kann so viel – nur lesen mag

er nicht. Bis ihm Sofie ein Buch über

Fische schenkt: Da der Inhalt ihn interessiert,

bekommt auch die Anstrengung

des Lesens einen Sinn.

44 12 • Februar 2014


Gewaltvideos

machen aggressiv bis hin

zum Amoklauf

Computerspiele

trainieren Konzentration

und Reaktionsfähigkeit

Das Fernsehen

verdrängt das Lesen

Erfahrung aus

zweiter Hand trübt

den Realitätssinn

Fernsehen und Internet

öffnen Fenster

in unbekannte Welten

Kinder und die

»neuen Medien«

Lernsoftware

motiviert mehr

als Übungshefte

Die neuen Medien treiben

Kinder in die soziale Isolation

Liebe Eltern,

»ein richtiger Junge verkriecht sich nicht hinter Büchern!«,

musste man sich in den 1950er Jahren sagen lassen.

»Neue« Medien gibt es nicht erst seit heute:

Schriftrollen, Bücher, Zeitungen, Telefon, Film, Fernsehen,

PC, Internet – für die ältere Generation war es schon

immer schwierig sich umzustellen. Und sie hatte Angst

um die Entwicklung ihrer Kinder, wenn diese unbefangen

nutzten, was den Alten fremd war. Kinder wachsen

oft selbstverständlich mit dem jeweils neuen Medium

auf (heute als »digital natives«), um sich dann nur zehn,

zwanzig Jahre später Sorgen über die Veränderungen in

der Lebenswelt ihrer eigenen Kinder zu machen: Anlass

zu etwas mehr Gelassenheit.

Das heißt nicht, die Kinder sich selbst zu überlassen. Aber

statt »die neuen Medien« pauschal zu verteufeln, sollten

wir die Kinder begleiten, ihnen helfen, verantwortungsvoll

mit mit dem vielfältigen Angebot an Medien umzugehen

– und sie gemeinsam mit ihnen nutzen, wo sie

hilfreich sein können. Auch wenn das zunächst anstrengender

erscheint als ein schnell ausgesprochenes Fernseh-

oder Computer-Verbot und umgekehrt ihr Einsatz

als Babysitter …

11 • November 2013 45


Fragen von Eltern – Antworten aus der Forschung

Schaden oder nutzen die »neuen Medien«?

So fragen nicht nur Eltern. Auch die Forschung hat Medienwirkungen

lange Zeit als Einbahn-Straße betrachtet.

Das Medium ist die Botschaft – schrieb 1968 Marshall

McLuhan: Jedes Medium präge die Menschen in einer

bestimmten Weise. Unabhängig vom Inhalt und von der

Situation, in der der Fernseher, der PC, das Buch genutzt

wird. Und es wirke auf alle Menschen in gleicher Weise.

Die heutige Medienforschung fragt anders: Wer nutzt

das Medium? Mit welchen Inhalten? Und vor allem: in

welcher Form und unter welchen Bedingungen?

Oft wird behauptet, dass Kinder schlechter lesen, wenn

sie mehr fernsehen als andere. Untersuchungen zeigen

allenfalls, dass Kinder, die drei und mehr Stunden am Tag,

also außerordentlich lange vor dem Fernseher sitzen, in

Lesetests schlechter abschneiden. Und da stellt sich die

Frage: Was ist die Ursache? Ist es vielleicht umgekehrt,

und sie sehen so viel fern, weil sie schlecht lesen?

Oder gibt es einen dritten Faktor, z. B. die Vernachlässigung

zu Hause, die die beiden anderen Verhaltensweisen,

den hohen Fernsehkonsum und die

Probleme beim Lesen, hervorruft? Viel spricht dafür,

dass übermäßiger Medienkonsum nur ein Symptom

ist, Hinweis auf tiefer liegende Probleme:

●●

dass es Kindern langweilig ist,

●●

dass sie keine sozialen Kontakte haben,

●●

dass ihnen Spielmöglichkeiten im Freien fehlen.

Durch ein schnell erteiltes Fernsehverbot für Kleinkinder

lassen sich diese Ursachen nicht aus der Welt

schaffen.

In ihrem Buch »Die Wunschmaschine« (1985) beschreibt

die Psychologin Sherry Turkle, wie unterschiedlich

verschiedene Kinder mit dem damals

noch ganz neuen PC umgingen. Sie untersuchte

Formen des Programmierens und fand sehr unterschiedliche

Stile, z. B. einen eher »weichen« (häufiger bei

Mädchen) und einen eher »harten« – bei vielen Jungen.

Ihre faszinierende Untersuchung zeigte, wie alte Bedürfnisse

auf neue Medien projiziert werden. Die Nutzer bestimmen

also den Umgang mit dem Medium maßgeblich

mit. Wie bei anderen Werkzeugen. Ein Messer kann

man zum Schnitzen eines Kunstwerks nutzen – oder zum

Töten. Jedes Medium birgt Chancen und Gefahren. Ein

PC beispielsweise erlaubt mehr Eigenaktivität, gibt mehr

Gestaltungsfreiheit als ein Fernseher, der wiederum erlaubt

es, komplexere Vorgänge genauer zu betrachten

als eine Zeichnung.

Ähnlich ist es mit der Gewalt. In den Jahren, in

denen in den USA der Konsum von Gewalt -

vi deos zugenommen hat, hat die Gewaltkriminalität

unter Jugendlichen z. B. abgenommen!

(➝ Nr. 3). Und auch für Einzelne gilt nicht: je

mehr Gewaltspiele, desto aggressiver. Mit diesen

Hinweisen sollen die Probleme nicht verharmlost

werden. Aber sie zeigen, dass das Wirkungsverhältnis

komplizierter ist als ein einfaches »je

mehr – desto …«.

Generell kommt es darauf an, welche Programme

ein Kind am Computer spielt, ob es allein oder

mit seinen Eltern fernsieht, ob es eher ängstlich

oder selbstbewusst ist – und auch, ob die neuen

Medien nur ein Element seines Alltags sind oder diesen

dominieren. Viele Studien zeigen, dass die meisten

Kinder einen Medien-Mix nutzen – sehr individuell und

ohne andere Aktivitäten zu vernachlässigen. (➝ Nr. 3

Wagener 2012 und Kai Schubert 2013). Es kommt darauf

an, welche Aktivitäten wir unseren Kindern ermöglichen.

46 11 • November 2013


Zum Umgang mit den Medien im Alltag

Fast 80 Prozent der 6- bis 13-Jährigen sehen (beinahe) jeden

Tag fern (KIM-Studie 2012 ➝ Nr. 3). Eine andere

Befragung von 9- bis 14-jährigen Kindern zeigt: nur 5 %

haben zu Hause keinen Zugang zu einem Computer,

knapp 10 % keinen Zugang zum Internet (LBS-Kinderbarometer

2011 ➝ Nr. 3). Aber: Sitzen unsere Kinder

nur noch alleine vor dem Bildschirm? Nein, in der Regel

ist die Mediennutzung eingebunden in soziale Aktivitäten:

mit Freunden, mit Geschwistern und Eltern.

Alleine vor und mit dem Bildschirm …

Und auch das Lesen wird nicht verdrängt. Die IGLU-Studien

haben für die letzten 10 Jahre sogar eine Zunahme

der Leselust festgestellt (Bos u. a. 2012, 58➝ Nr. 3).

Historische Vergleiche sind sowieso nur schwer durchführbar.

Soweit einigermaßen verlässliche Zahlen vorliegen,

zeigen sie aber: Kinder heute lesen eher mehr als

Kinder früher – und vor allem lesen sie mehr als Erwachsene

heute (die übrigens weit mehr fernsehen als die

Vor- und Grundschulkinder!).

Im Vor- und Grundschulalter ist der Fernsehkonsum dagegen

seit den 1990er Jahren konstant geblieben – während

er bei den älteren Menschen stark zugenommen

hat …

Das Problem sind also nicht die Kinder und auch nicht

Medien allein, sondern wir Erwachsenen: als (schlechte)

Modelle – und indem wir die Medien gerne als bequeme

Babysitter nutzen.

Das Fazit aus der Forschung ist jedenfalls einfach:

Eltern sollten ihre Kinder weder vor »neuen Medien bewahren«

noch sie mit den Medien allein lassen. Sie sollten

vielmehr ihre Reaktionen genau beobachten. Das

eine Kind lacht über Prügelszenen in einem Zeichentrickfilm

– und weint, wenn die kleine Ente im Bilderbuch seine

Mutter verliert. Manche Kinder bekommen Albträume,

weil ihnen Märchenfiguren Angst machen. Andere

können nicht schlafen, weil sie die Kriegsbilder in den

Nachrichten nicht aus dem Kopf bekommen.

Erste Regel also: Eltern sollten möglichst oft gemeinsam

mit den Kindern (vor)lesen, fernsehen, am Computer

spielen – und mit ihnen über das Gesehene und Gehörte

reden. So können sie ihnen helfen, dass sie das Erlebte

besser verstehen und einordnen. Zugleich bekommen

sie Hinweise, was ihr Kind überfordert oder belastet –

aber auch, was es interessiert, was es besonders gut

kann.

Zweiter Tipp: den Kindern Gelegenheiten anbieten, die

Medienerfahrung aktiv zu verarbeiten – über das Erzählen,

durch Zeichnungen und Malen, im Rollenspiel, mit

Puppen.

Drittens bekommen Kinder ein anderes Verhältnis zu

den Medienangeboten, wenn sie selber etwas produzieren

– wenn sie Geschichten erfinden und einem Erwachsenen

diktieren oder sie (später) selbst aufschreiben

oder wenn gemeinsam ein Hörspiel oder ein Video mit

besonderen Effekten erstellt wird oder wenn die Kinder

mit »Scratch« programmieren (s. S. 48).

Viertens: Der Zugang zu Medien sollte nach sachlichen

Gesichtspunkten geregelt – und nicht als Belohnung

oder als Strafe eingesetzt werden. Sonst wird aus dem

Sach- ein Beziehungsproblem. Am besten sind gemeinsame

Vereinbarungen, in die Erwachsene und Kinder

ihre Vorstellungen und Wünsche einbringen können.

Ratgeber (wie »Kinder&Medien«, S. 128 ff. ➝ S. 48) können

hilfreiche Hinweise geben. Aber allgemein gültige

Regeln gibt es nicht. Dazu sind die Bedürfnisse, die

Normvorstellungen und die Rahmenbedingungen in

verschiedenen Familien zu unterschiedlich. Wichtig aber

ist: Überzeugend sind Regeln für Kinder nur, wenn sich

auch die Erwachsenen an sie halten. Und ganz generell:

Die Vorbildwirkung der Eltern ist mit am wichtigsten.

… oder gemeinsam mit anderen

11 • November 2013 47


Informationen & Lesetipps

Leseempfehlungen für Eltern

Fachlich fundiert, durch viele praktische

Beispiele anschaulich gestaltet

und vor allem unaufgeregt in seinen

Folgerungen ist der Eltern-Ratgeber:

Kinder & Medien

Was Erwachsene wissen sollten

Norbert Neuss

Erschienen: 2013

Verlag: Friedrich

Preis: 24,95 Euro

Auch wenn es den Medien, ihrem Gebrauch

und ihren Wirkungen nur ein

Kapitel widmet, ist das Buch

Wie Kinder heute wachsen

Herbert Renz-Polster / Gerald Hüther

Erschienen: 2013

Verlag: Beltz

Preis: 17,95 Euro

besonders empfehlenswert. Denn es

verzichtet auf Pauschalurteile und stellt

– über das Medien-Kapitel hin aus – das

Thema in einen weiteren Kontext. Vor

allem machen die Autoren deutlich,

dass Kinder mehr brauchen als ein Kurieren

an den (Medien-)Symptomen:

sie brauchen tragfähige und anregungsreiche

Beziehungen zu Erwachsenen

und zu Gleichaltrigen und sie

brauchen Räume, in denen sie die Welt

selbstständig erkunden können.

Praktische Tipps und Hintergrundinformationen

für Eltern, die Facebook

nicht verbieten, sondern ihre Kinder

beim richtigen Umgang mit Facebook

unterstützen wollen:

Mein Kind ist bei Facebook

Thomas Pfeiffer /

Jöran Muuß-Merholz

Erschienen: 2012

Verlag: Addison-Wesley

Preis: 19,80 Euro

Auch erwachsene Einsteiger finden

außerdem Erklärungen, wie Facebook

funktioniert und was eine Milliarde

Menschen dort eigentlich machen.

Es gibt auch einen Elternbrief mit Informationen

»für mehr Sicherheit von

Kindern im Netz«:

www.bmfsfj.de/BMFSFJ/kinder-undjugend,did=200174.html

Empfehlenswerte Kindermedien

Als Fernsehsendung für Grundschulkinder

sticht »Logo« mit Nachrichten

und Informationen in verständlicher

Sprache heraus:

www.tivi.de/fernsehen/logo/start

im Radio der tägliche »Kakadu« bei

Deutschlandradio Kultur:

www.kakadu.de

dessen Sendungen auch über die Website

(nach-)gehört werden können.

Auf dem PC können Kinder selbst aktiv

werden und mit »Scratch«:

http://scratch.mit.edu

etwas Eigenes, Neues erschaffen, z. B.,

um dadurch andere Medienerfahrungen

zu verarbeiten (sehr beliebt sind

eigene Geschichten zu bekannten

Trickfilmserien o. Ä.).

Immer noch empfehlenswert sind Klassiker

wie die »Unglaubliche Maschine«:

www.techspot.com/downloads/5852-

the-incredible-machine-2.html

Für die Förderung schulisch relevanter

Fähigkeiten gibt es nur wenig geeignete

Software. Darum noch einmal

der Hinweis auf den TING-Stift, der

Bücher zum Sprechen bringt (s. GSE 6

und 9).

Link-Tipps, die im Internet zu besonders

interessanten Suchmaschinen für

Kinder führen:

www.blinde-kuh.de

www.fragfinn.de

und zu Kinderforen, in denen die Kinder

selber zu Wort kommen können –

Internet von und für Kinder:

www.klickerkids.de oder

www.labbe.de/mellvil

Ein Hinweis zum Schluss: Für die Entwicklung

von Kindern sind Geschichten

unentbehrlich: erzählte, (vor-)gelesene,

(vor-)gespielte, auf CD gehörte,

von DVD gesehene Geschichten über

Erlebnisse anderer Menschen und wie

sie daran gewachsen sind. Für manche

sicher überraschend: Die Forschung

zeigt, dass es oft die »neuen« Medien

sind, die Kinder (und Erwachsene …)

zum Genuss derselben Geschichte in

den »alten« Medien führen …

Dieser Elternratgeber ist ein überarbeiteter

Sammelband der Serie »GrundschulEltern«

aus den Heften der Zeitschrift

»Grundschule aktuell« (Mai 2011

bis Februar 2014). Zu einigen Themen

sind auch noch 25er-Pakete für Elternabende

erhältlich.

Herausgeber: Grundschulverband e. V.

in Zusammenarbeit mit Hans Brügelmann.

Redaktion: Axel Backhaus, Erika Brinkmann,

Hans Brügelmann und Babette

Danckwerts.

Fotos Titel und Rücktitel: Bert Butzke,

Mülheim

Hinweise auf ergänzende Informationen

im Internet – meist mit dem Zeichen

– lassen sich verfolgen über

www.grundschuleltern.info/ ➝ »Weitere

Informationen …« ➝ »Grundschuleltern

zur Ansicht«.

Bestell-Nr. 6064, 7,50 Euro

(für Mitglieder 5,50 Euro)

48 11 • November 2013


Der Grundschulverband e. V.

setzt sich für die Weiterentwicklung der Grundschule

ein. Er will bundesweit und in den einzelnen

Bundesländern

bildungspolitisch

die Stellung der Grundschule als grundlegende

Bildungseinrichtung verbessern und die notwendigen

Investitionen für ihren Ausbau zur zeitgemäßen

und kindgerechten Schule von den politisch

Verantwortlichen einfordern,

schulpädagogisch

die Reform der Schulpraxis und der Lehrerbildung

entsprechend den Erkenntnissen aus Wissenschaft

und Praxis unterstützen und

wissenschaftlich

neue Erkenntnisse über die Bildungsmöglichkeiten

und Ansprüche von Kindern fördern und verbreiten.

Wirksam wird der Grundschulverband über regionale

Aktionen, bundesweite Initiativen und

seine Veröffentlichungen: Buchreihe »Beiträge

zur Reform der Grundschule«, wissenschaftliche

Expertisen, die viermal jährlich erscheinende Verbandszeitschrift

Grundschule aktuell, die interessante

Expertenbeiträge, jeweils zu einem Schwerpunktthema,

ein Praxisdossier und passend dazu

Berichte aus der Grundschulforschung enthält,

Nachrichtenseiten in verschiedenen Grundschulzeitschriften.

Der Grundschulverband bietet Ihnen vielfältige

Anregungen, Ideen und Hilfen für die praktische

Arbeit und einen Rahmen für Ihr Engagement für

eine kindgerechte Grundschule. Wir brauchen Ihre

Erfahrungen und Ihr Engagement. Nutzen und

multiplizieren Sie die Erkenntnisse einer Gemeinschaft

reformorientierter Pädagoginnen und Pädagogen

und werden Sie Mitglied im Grundschulverband!

Sitz und Geschäftsstelle des Grundschulverbandes

ist Frankfurt am Main.

www.

www.grundschulverband.de

Buchpublikationen

der letzten Jahre in der Reihe

»Beiträge zur Reform der Grundschule«

138 Inklusive Schule (2014)

137 Lernwerkstätten – Potenziale

für Schulen von morgen (2014)

136 Sachunterricht in der Grundschule:

entwickeln – gestalten – reflektieren

135 Kompetenzen stärken – individuell fördern,

Schuber II (ab Kl. 3)

134 Kompetenzen stärken – individuell fördern,

Schuber I in der Eingangsstufe (Kl. 1 und 2)

133 Schreibkompetenz und Schriftkultur

131 Grundschule entwickeln –

Gestaltungsspielräume nutzen

130 Aktuelle Kindheiten

129 Allen Kindern gerecht werden.

Aufgabe und Wege

126 Fremdsprachen in der Grundschule.

Auf dem Weg zu einer neuen

Lern- und Leistungskultur

125 Schule außerhalb der Schule.

Lehren und Lernen an außerschulischen Orten

124 Pädagogische Leistungskultur: Ästhetik, Sport,

Englisch, Arbeits-/Sozialverhalten

123 Leben und Lernen in jahrgangs -

gemischten Klassen

122 Auf dem Weg zur Ganztagsgrundschule

121 Pädagogische Leistungskultur:

Materialien für Klasse 3 und 4

120 Deutsch als Zweitsprache lernen

119 Pädagogische Leistungskultur:

Materialien für Klasse 1 und 2

118 Leistungen von Kindern

wahrnehmen – würdigen – fördern

117 Mathematik für Kinder –

Mathematik von Kindern

116 Kinder beteiligen – Demokratie lernen?

115 Länger gemeinsam lernen.

Positionen, Forschungsergebnisse, Beispiele

114 Freiarbeit in der Grundschule –

offener Unterricht in Theorie und Praxis

113 Schatzkiste Sprache 2

111 Schulanfang ohne Umwege

104 Schatzkiste Sprache 1

92/93 Religion in der Grundschule

87 Leistung der Schule – Leistung der Kinder


Schulanfang

Die Not mit den Noten

Kinder erforschen die Welt –

wie Wissenschaftler

Hausaufgaben: wozu und wie?

Schulwechsel: Welche Schule ist gut

für unsere Kinder?

Kinder und die »neuen Medien«

Ästhetisches Lernen: Malen, Singen,

Tanzen, Spielen, Bewegen …

Inklusion – Integration

Rechnen –

auf eigenen Wegen

Kinder: Entdecker und Erfinder –

auch beim Lesen- und Schreibenlernen

Kinder bestimmen mit –

in Familie und Schule

Kinder mit Problemen –

Probleme mit Kindern

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