Red Bulletin Aug 2021

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DEUTSCHLAND

AUGUST / SEPTEMBER 2021

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Wie Hip-Hop-

Weltmeister

Majid Kessab

den Fußballgott

das Tanzen lehrte

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E D I T O R I A L

WILLKOMMEN

AUF DEM

DANCEFLOOR

IMMER IM BILD

Hier sehen wir US-Fotograf

Keith Ladzinski,

dem wir eine abenteuerliche

Bildstrecke verdanken,

bei der Arbeit.

Und zwar in einer Wand

im Zion- Nationalpark

im Bundes staat Utah.

Seine Bilder ab Seite 22.

Ganz im Rhythmus der Musik aufgehen, das Leben

wieder fühlen, zu unseren Lieblingssongs mit anderen

Menschen feiern: Wenig haben wir in den letzten

Monaten dermaßen vermisst

wie unsere Rückkehr auf die

Tanz fläche. Von der Magie des

Tanzens kann kaum jemand

besser er zählen als unser Cover-

Held Majid Kessab, 28. Als schüchternes

Kind stärkten die Tanz-

Auftritte sein Selbstvertrauen.

Mittlerweile ist der Krefelder mit

irakischen Wurzeln zweifacher

Hip-Hop-Weltmeister, Tanzschullehrer

und angehender Schauspieler. Ab Seite 42

erfährst du, wie Majid seinen Beat im Leben fand und

dass er sogar Lionel Messi Unterricht gab. Eine Geschichte,

die Lust macht, uns diesen Sommer endlich

wieder die Seele aus dem Leib zu tanzen.

Gute Unterhaltung

mit der neuen Ausgabe

von The Red Bulletin!

Die Redaktion

TONY HAWKS

ERSTES BRETT

Er hat Skaten in den Achtzigern

neu erfunden und posiert hier

mit einem aktuellen Modell.

Hawks allererstes Skateboard

zeigen wir auf Seite 16.

WENN HERZEN

KREISEN …

… treibt es unser Gehirn

bunt. Jochen Schievinks

Illustrationen (u. a.

„Zeit“, „Süddeutsche“)

zieren unsere Gehirn-

Story: ab Seite 76.

JEDE MENGE

TAKTGEFÜHL

Autorin Anne Waak

(u. a. „Die Welt“) traf

Hip-Hop‐Weltmeister

Majid Kessab in seiner

Heimatstadt Krefeld.

Ihr Porträt ab Seite 42.

KEITH LADZINSKI (COVER), ATIBA JEFFERSON, CHRISTIAN WERNER JOCHEN SCHIEVINK

4 THE RED BULLETIN


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Marleen Scholten @postbeforelost

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INHALT

The Red Bulletin

im August / September 2021

COVERSTORY

42 FINDE DEINEN BEAT

Vom Einwandererkind zum

Hip-Hop-Weltmeister: der

unglaubliche Weg des Krefelder

Tänzers Majid Kessab.

MODE

60 TRIUMPHZUG

EINER KREATIVEN

Die österreichische Designerin

Marina Hoermanseder begeistert

mit ihren Entwürfen

nicht nur Lady Gaga.

42

MIT TAKTGEFÜHL Hip-Hop-Weltmeister Majid

Kessab brachte Fußballgott Messi Tanzen bei.

PORTFOLIO

22 STEILE WELTREISE

Fotograf Keith Ladzinski zeigt

seine besten Kletter-Motive

rund um den Planeten.

WAKEBOARDEN

36 AN DER STRIPPE

Warum Athlet Felix Georgii

seine kreative Ader wichtiger

ist als das Gewinnen.

ARCHÄOLOGIE

38 RETTERIN DER INKA

Wie Forscherin und Model

Terry Madenholm antike

Stätten für morgen bewahrt.

WINDSURFEN

40 DER TRAUMTÄNZER

Warum sich Legende Robby

Naish keine Ziele setzt,

sondern Träume verwirklicht.

STREETBALL

52 KÖNIGE DER STRASSE

West 4th Street ist New Yorks

legendärster Basketballplatz –

zu Besuch im „Käfig“.

WELLENREITEN

66 SURFIN’ AFRICA

Warum die Zukunft des Sports

in Afrika liegt.

GEHIRNFORSCHUNG

76 BUNTE VORSTELLUNG

Zwei Forscher verwandeln

Hirnströme in Kunst und erklären,

wie das Gehirn arbeitet.

GUIDE

Tipps für ein Leben

abseits des Alltäglichen

83 REISEN. Auf Boulder-Tour im

Schweizer Tessin mit Kletter-Profi

Maestro Giuliano Cameroni.

88 LESESTOFF. Es geht noch böser –

Märchen neu erzählt.

90 TIPPS & TRENDS. Vom Skate-

Trolley zum weltgrößten Games-

Event – unsere aktuellen Favoriten.

92 BOULEVARD DER HELDEN. Als

Schwimmer Mark Spitz im Sommer

1972 zum Teenie-Schwarm wurde.

40

MIT DER STRÖMUNG Windsurf-Legende

Robby Naish sucht die längste Welle der Welt.

52

CHRISTOPH VOY, CRAIG KOLESKY/RED BULL CONTENT POOL, ANTHONY GEATHERS, ALAN VAN GYSEN

8 GALLERY

14 ZAHLEN, BITTE!

16 FUNDSTÜCK

18 DAS PHILOSOPHEN-INTERVIEW

20 MEIN ERSTES MAL

96 IMPRESSUM

98 CARTOON

MIT LEIDENSCHAFT Zu Besuch auf New Yorks

legendärstem Streetball-Platz

6 THE RED BULLETIN


66

MIT PIONIERGEIST

South-African-Open-

Champion Joshe Faulkner

(o.) und die neue Welle

afrikanischer Top-Surfer

THE RED BULLETIN 7


RAUNHEIM, DEUTSCHLAND

Robert geht

ein Licht auf

An dieser Location an der A3 südwestlich von

Frankfurt ist Fotograf Robert Garo gut tausend

Mal vorbeigedüst, ohne sie zu bemerken. Erst

ein Stau änderte das. Und zum Glück kam Garo

nachts wieder, um das Bauwerk näher in Augenschein

zu nehmen. Erst da bemerkte er, dass

das Ding sogar beleuchtet war. Genau die richtige

Kulisse, um Skateboarder Milan Hruska in Szene

zu setzen. Und um bei Red Bull Illume, dem

größten Action- und Adventure-Fotowettbewerb

der Welt, eine gute Figur zu machen.

Mehr meisterhafte Fotos: robertgaro.net

ROBERT GARO/RED BULL ILLUME


9


10


WINDHOEK, NAMIBIA

Schau mir

in die Augen

Diese Aufnahme sieht wie ein Schnappschuss

aus, die Sache war aber deutlich komplizierter:

Zuerst mussten mehrere Nashörner (die in

einem Reservat leben, Anm.) wochenlang an die

Rampe und an die Bewegungen des namibischen

BMX-Könners Eric Garbers gewöhnt werden.

Da die Tiere ziemlich schlecht sehen, aber umso

besser hören, versuchte Garbers vom Bike aus

beruhigend auf sie einzureden. Fotograf Shawn

van Eeden hingegen musste gaaaanz leise sein.

Und dann entstand dieser magische Schuss,

auf dem Nashorn Mattanu und der Biker einander

direkt in die Augen sehen.

Shawn van Eeden unterstützt das Rhino Momma

Project zum Schutz der Tiere: creativelab.com.na

SHAWN VAN EEDEN/RED BULL ILLUME


ÖTZTAL, ÖSTERREICH

Höchste

Eisenbahn!

Die ungewohnte Perspektive, die grafische

Strenge des Bildausschnitts, die fast beiläufige

Integration der Wakeboarderin Anne Eaton

an diesem See im Freizeitpark „Area 47“

(rechts im Bild): Es hat Gründe, warum es dieses

Foto des Münchner Fotografen Lorenz Holder

ins Finale von Red Bull Illume 2019, Kategorie

„Innovation“, geschafft hat. Falls du jetzt

das Gefühl hast, das kann ich auch, dann ist

Eile geboten: Anmeldeschluss für den aktuellen

Fotowettbewerb ist der 31. Juli.

Schnellster Weg an den Start:

QR‐Code links scannen.

Alle Infos: redbullillume.com


LORENZ HOLDER/RED BULL ILLUME

13


Z A H L E N , B I T T E !

INDIANA JONES

Mit Peitschen und Trompeten

Vierzig Jahre nach Teil eins, „Jäger des verlorenen Schatzes“, starten diesen Sommer

die Dreharbeiten zu „Indiana Jones V“. Hier die Fakten zum berühmtesten Archäologen

der Kinogeschichte: von der 5000-Schlangen-Szene bis zum Hasenhaar-Filzhut.

150

Dollar pro Woche verdiente Harrison

Ford, heute 78, zu Beginn seiner

Filmkarriere 1966. 2008 kassierte

er für „Der Tempel des Kristallschädels“

65 Millionen Dollar.

5000

Schlangen wurden für die Höhlenszene

in „Jäger des verlorenen

Schatzes“ aus Holland nach

Tunesien eingeflogen.

929

Teile umfasst „Der Tempel des

Kristallschädels“, das größte von

19 Indiana-Jones-Lego-Sets.

3129

Meter lang war der Filmstreifen,

der „Jäger des verlorenen Schatzes“

1981 auf die Leinwand zauberte.

73

Drehtage brauchte Regisseur

Steven Spielberg für den

ersten Teil – 14 Tage weniger

als vom Studio vorgegeben.

4

Trompeten des London Symphony

Orchestra spielen den „Raiders

March“, das „Indiana Jones“-Thema

des Komponisten John Williams.

1170

Dollar kostet eine der 10 Fuß

langen „No. 455“-Peitschen der

Firma David Morgan heute. Bei

den ersten drei „Indiana Jones“-

Produktionen waren mehr als

30 von ihnen im Einsatz.

58

ist die Hutgröße von Harrison

Fords ikonischem Fedora,

einem Modell aus Hasenhaarfilz

namens „The Poet“ von der

Herbert Johnson Hat Company

in der City von London.

37

1.961.339.569

Jahre alt war die Figur des Indiana

Jones im ersten Teil. Darsteller

Harrison Ford (78) war beim Kinostart

1981 zwei Jahre älter. Dollar spielten die vier Indy-Filme weltweit an den

Kinokassen ein – die Gesamt-Produktionskosten

betrugen 281 Millionen Dollar.

40

Jahre nach dem ersten

Abenteuer erscheint im

Sommer 2021 eine Sammelbox

mit Remasters aller

vier Filme in 4K Ultra-HD.

43,5

ist Harrison Fords Schuhgröße.

Als Indiana Jones verlässt er sich

auf rahmengenähte Arbeitsschuhe

der Marke Alden, Modell

405 mit Trubalance-Leisten.

GETTY IMAGES (3), PICTUREDESK.COM CLAUDIA MEITERT

14 THE RED BULLETIN


DER VOLLELEKTRISCHE

FORD MUSTANG MACH-E.

BIS ZU 610 KM REICHWEITE. 1

Verbrauchswerte nach § 2 Nrn. 5, 6, 6 a Pkw-EnVKV in der jeweils geltenden Fassung: n. v.*

Verbrauchswerte nach WLTP: Stromverbrauch 19,5–16,5 kWh/100 km (kombiniert); CO 2

-Emissionen im

Fahr betrieb: 0 g/km (kombiniert).

* n. v. = Daten nicht verfügbar. Der Gesetzgeber arbeitet an einer Novellierung der Pkw-EnVKV und empfiehlt in der Zwischenzeit für Fahrzeuge, die nicht mehr auf Grundlage

des Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) homologiert werden können, die Angabe der realitätsnäheren WLTP-Werte. Diese sind in der nachfolgenden Zeile zu finden.

1

Gemäß Worldwide Harmonised Light Vehicles Test Procedure (WLTP) können bis zu 610 km Reichweite bei voll aufgeladener Batterie erreicht werden – je nach vorhandener

Konfi guration. Die tatsächliche Reichweite kann aufgrund unterschiedlicher Faktoren (Wetterbedingungen, Fahrverhalten, Fahrzeugzustand, Alter der Lithium-Ionen-

Batterie) variieren.


F U N D S T Ü C K

Der Gottvater der

Skateboarder: Der

Kalifornier Tony

Hawk, 53, machte

eine Gegenkultur

weltweit populär.

TONY HAWK

Am Anfang

war das Brett

Das erste Board der lebenden Skater-Legende, Smithsonian National Museum of American History, 1977

Tony Hawk, heute 53, war gerade einmal neun Jahre alt, als er 1977 das abgelegte Skateboard seines älteren

Bruders Steve bekam: ein Brett der Marke Bahne, Baujahr 1975. Es sollte sein Leben und die Welt verändern:

Mit 14 wurde Tony Profi, in den 80ern kreierte er über hundert Tricks und erfand damit das Skateboarden neu.

In diesem Jahrtausend wurde sein Name über ein Videospiel weltweit zum Begriff. Und er hatte maßgeblichen

Einfluss darauf, dass Skateboarden jetzt kein öffentliches Ärgernis mehr, sondern olympisch ist.

MIKE BLABAC, ATTIBA JEFFERSON

16 THE RED BULLETIN


D A S F I K T I V E P H I L O S O P H E N - I N T E R V I E W

SCHOPENHAUER SAGT:

„Selbstverwirklichung

ist Blödsinn“

Wer wirklich zu sich selbst finden will, muss sich zuerst

selbst vergessen. Denn prinzipiell steht unserem Glück

nur eines im Weg: Wir wollen zu viel. Das behauptet der

deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer in unserem

fiktiven Interview mit Christoph Quarch.

the red bulletin: „Du musst dein wahres

Selbst finden!“ – „Du musst dich selbst

verwirklichen!“ – „Du musst dein

Potenzial entfalten!“ So oder ähnlich

bekommen wir es ständig gepredigt.

Was halten Sie davon?

Arthur schopenhauer: Nichts

halte ich davon, rein gar nichts.

Das ist in meinen Augen Küchenpsychologie,

die vielleicht für bunte

Wochenend-Illustrierte taugt, aber

nicht fürs wirkliche Leben.

Das heißt: Wir sind nichts anderes

als das, was wir zu sein glauben.

Kein Selbst, keine Seele, kein

Wesenskern oder so etwas? Und

alle Bemühungen, das wahre

Selbst zu finden, sind Quatsch?

Sagen wir mal so: Da ist schon

etwas im Hintergrund Ihres Ichs,

dessen Sie sich nicht bewusst sind

und was Sie unaufhaltsam vor sich

hertreibt. Psychologen nennen es

„das Unbewusste“. Ich nenne es „den Willen“. Und ich

verstehe darunter eine schwer greifbare Dynamik, die

überall in der Welt zugange ist: Evolution, Fortschritt,

Entwicklung, Geschichte, Ihre Biografie – das alles

wird unermüdlich vom Willen angetrieben. Wenn es

irgendetwas wie Ihr wahres Wesen gibt, dann ist das

dieser in Ihnen wabernde Wille.

Aber ist das nicht nur ein anderes Wort für die Seele

oder das Selbst, das zu entdecken uns die von Ihnen

so wenig geschätzten Psychologen nahelegen?

Nein, der Wille, von dem ich rede, ist unpersönlich.

Er ist die treibende Kraft, die nichts und niemanden

je zur Ruhe kommen lässt. Dieser elende Wille macht

uns fertig. Ihn als „Potenzial zu entfalten“ wäre das

Dümmste, was Sie tun können. Das führt zu nichts als

Stress. Wollen, wollen – immer mehr, immer Neues.

Mein Gott! Das mag zwar gut fürs Business sein, aber

Sie, mein Freund, gehen in diesem Hamsterrad vor

die Hunde. Was glauben Sie, weshalb so viele Leute

„Ich warne Sie

eindringlich:

Von dem, was in

Ihnen steckt,

lassen Sie besser

die Finger.“

an Burnout leiden? Weil sie zu viel wollen. Deshalb

warne ich Sie eindringlich: Von dem, was da in Ihnen

steckt, lassen Sie besser die Finger.

Sich selbst zu verwirklichen, halten Sie für kontraproduktiv?

Damit stehen Sie ziemlich alleine da.

Ist mir doch egal, solange es der Wahrheit

entspricht. Und das tut es: erstens, weil es

dieses ach so tolle Selbst gar nicht gibt;

zweitens, weil uns das Wollen auf

Dauer versklavt. Ist doch furchtbar,

ewig ein Sklave des Willens zu sein

– ewig irgendetwas sein zu wollen,

was es in Wahrheit gar nicht gibt.

Okay, aber was gibt’s dann

eigentlich noch für uns zu tun?

Gar nichts zu wollen und gar nichts

zu sein klingt irgendwie trostlos.

Bingo, genau so ist es: trostlos. Das

Leben ist eine ziemlich trostlose

Angelegenheit – oder sagen wir so:

Es wäre komplett trostlos, wenn es da

nicht etwas gäbe, was uns von dem

ganzen Elend des Wollens befreit.

Da machen Sie mich jetzt aber

neugierig. Was denn?

Resignation! Na, na, nun schauen

Sie nicht so bedröppelt. Ich meine

das zwar ernst, habe aber noch mehr zu bieten. Das

Beste, was Sie tun können, wenn Sie glücklich werden

wollen, ist, dieses ganze Rumgestochere in sich selbst

aufzugeben und sich etwas hinzugeben, bei dem Sie

sich komplett selbst vergessen. Kunst oder Musik zum

Beispiel. Das schaltet den Willen aus, da kommen Sie

zur Ruhe – und vielleicht ja auch zur Wahrheit, die

dort beginnt, wo der Wille aufhört. Fußballgucken ist

übrigens auch gut. Werde gleich einmal schauen, was

die Eintracht macht …

ARTHUR SCHOPENHAUER (1788–1860) ist der wohl einflussreichste

Philosoph Europas. Seine vollständig erhaltenen Dialoge

verraten nicht nur eine beachtliche literarische Begabung,

sondern auch die Fähigkeit, die Weisheit der griechischen Antike

in einer Philosophie zusammenzufassen.

CHRISTOPH QUARCH, 57, ist deutscher Philosoph, Gründer

der Neuen Platonischen Akademie (akademie-3.org) und Autor

zahlreicher philosophischer Bücher. Zuletzt erschienen:

„Kann ich? Darf ich? Soll ich? Philosophische Antworten

auf alltäg liche Fragen“.

DR. CHRISTOPH QUARCH BENE ROHLMANN

18 THE RED BULLETIN


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M E I N E R S T E S M A L

MARTIN GRUBINGER:

„In Japan hab ich gemerkt:

Schlagzeug ist mein Ding!“

Der Salzburger zählt heute zu den besten klassischen Perkussionisten der Welt.

Hier erzählt er von seinem Erweckungserlebnis als Jugendlicher:

einer Reise zu einem Musikwettbewerb, bei dem er eigentlich verlieren wollte.

Viele kennen ihn als Kolumnisten der „Kronen Zeitung“,

andere als Fernsehmoderator beim Bayerischen Rundfunk.

Die Musikwelt feiert den 38-jährigen Salzburger

als schnellsten Trommler von allen (40 Schläge pro

Sekunde), als musikalischen Ausdauersportler

(Konzerte können

bis zu sieben Stunden dauern)

und als Allrounder, der klassisches

Schlagzeug, Marimba und

andere Percussion-Instrumente

auf Weltklasse-Niveau spielt.

Prestigereiche Konzertsäle –

vom Wiener Musikverein bis zur

Carnegie Hall in New York – füllt

er bis auf den letzten Platz.

Hier erzählt Grubinger von

der Zeit vor seinen großen Gigs.

„1999 war ich ein junger Student,

ich hatte schon zwei Jahre in Linz

am Bruckner-Konservatorium

hinter mir. Dass ich gut war am

Schlagzeug, das wusste ich. Aber

es gab noch kein YouTube, kein

Internet. Ich hatte also keine

Ahnung, wie die Kids in Amerika

oder in Japan drauf waren. Dann

erzählte mir mein Lehrer von

der World Marimba Competition

in Okaya, Japan. Das ist so etwas

wie die Kitzbüheler Streif für

Marimba-Spieler und Schlagzeuger.

‚Da könntest du mitmachen‘,

meinte er. Einfach mitmachen,

olympischer Gedanke,

dabei sein ist alles. Die anderen Teilnehmer waren alle

älter und erfahrener, zwischen 22 und 30 Jahre alt.

Meine Idee: Ich scheide in der ersten Runde aus, dann

höre ich den anderen zu, lerne und knüpfe Kontakte.

Das Ganze ist schrecklich losgegangen: Mein Vater

hätte mich begleiten sollen, aber am Salzburger Flughafen

hat er festgestellt, dass sein Pass abgelaufen war.

Ich sitz also allein im Flieger nach Japan. Dann vom

Tokioter Flughafen direkt nach Shinjuku, einen der

größten Bahnhöfe der Welt. Ich – ein echtes österreichisches

Landei – war völlig geflasht. Und als ich

0:00–45:40

Martin Grubinger

Mein erstes Mal – der Podcast

„Ich war allein in Okaya,

nervös und völlig naiv.

So konnte ich total

unbeschwert loslegen.“

Martin Grubinger, 38,

über sein Aha-Erlebnis als Musiker

dort ankomme, treffe ich hundert andere Schlagzeuger

aus der ganzen Welt, die alle monatelang auf

diesen Wettbewerb hintrainiert haben. Da war schon

eine ziem liche Grundnervosität da. Ich war aber

gleichzeitig völlig naiv. Und das

war gut so. Denn das hat es mir

ermöglicht, völlig unbeschwert

loszulegen. Ich übersteh also die

erste Runde. Die zweite Runde.

Die dritte. Halbfinale. Und plötzlich

steh ich im Finale!

Am Abend davor saß ich im

Hotelzimmer und hab noch einmal

die Töne gelernt, weil ich

das Programm für die späteren

Runden schon wochenlang nicht

mehr geübt hatte. Ich hatte

nicht damit gerechnet, so weit

zu kommen. Für die besten drei

hat es am Ende nicht gereicht,

aber ich hab zum ersten Mal

gemerkt: Hey, da kann ich mithalten!

In dem Moment habe ich

zum ersten Mal gespürt: Schlagzeug

ist mein Ding. Ich habe

dort so viel Selbstvertrauen mitgenommen,

dass ich mit einem

Schlag gleich noch viel besser

war – ohne dass ich irgendetwas

ver ändert hätte. Beflügelt von

diesem Erlebnis, habe ich daraufhin

noch härter trainiert. Zum

Teil zwölf Stunden nonstop. Weil

dieser Trip mir vor Augen geführt

hatte, dass man mit harter Arbeit sogar als Salzburger

Landei mit den Besten der Welt mithalten kann.“

„MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE,

in der Helden über ihre Anfänge sprechen. Die aktuelle Folge

mit Martin Grubinger, in der er auch

verrät, warum er bald in Pension gehen

will, gibt’s im Podcast-Kanal von

The Red Bulletin.

Zu finden auf allen

gängigen Platt formen

wie Spotify und auf

redbulletin.com/podcast

SIMON PAULY

20 THE RED BULLETIN


DEN MYTHOS ZUM

LEBEN ERWECKT.

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auf das Serienfahrzeug): innerorts 16,1 – 16,2; außerorts 8,9 – 8,8; kombiniert 11,6 – 11,5. CO 2

-Emissionen kombiniert: 265 – 263 g/km. Abbildungen

zeigen Individualisierungsmaßnahmen nach den Regelungen der StVZO für Änderungen an in Verkehr befindlichen Fahrzeugen. Stand 30.4.2021

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P O R T F O L I O

Wände

hoch!

In zehn Abenteuern um die Welt:

US-Fotograf Keith Ladzinski

begleitet die besten Kletterer

überallhin. Hier erzählt er die

Geschichten hinter seinen Bildern

– vom Eisberg in Grönland bis

zum „Super Mario“-Felsen in China.

Protokoll DAVID MAYER

Hier kommt Alex

Alex Honnold, Kalymnos,

Griechenland

„Einmalige Kalkfelsformationen,

über wältigende Ausblicke, jede Menge

Sonne – die kleine Insel Kalymnos vor

der türkischen Südwestküste ist ein

absolutes Kletterparadies. Diesen Spot

entdeckten Alex und ich, als wir die

Gegend mit Rollern erkundeten.“

22 THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN 23


P O R T F O L I O

24 THE RED BULLETIN


Wüste Route

Mike Brumbaugh,

Großes Becken,

Nevada, USA

„Die Wüste in Nevada

ist eine Schatztruhe

voller Sandstein-

Kletter routen, die

noch kein Mensch

bezwungen hat. Hier

versucht sich Mike an

einer Erstbesteigung

eines ebenso steilen

wie makellosen

Felsen.“

THE RED BULLETIN 25


P O R T F O L I O

Alles im Griff

Dave Graham,

Grampians National Park, Australien

„In der Great Dividing Range im Südosten Australiens,

dem größten Gebirgszug des Kontinents, liegt eine

der schwierigsten Boulder-Passagen der Welt, genannt

‚The Wheel of Life‘. Über 60 Handgriffe brauchen

Kletterer, um sie zu bezwingen. Mich faszinierte,

wie leicht Dave diesen Kampf aussehen ließ.“

26 THE RED BULLETIN


Sie will nur spielen

Tara Brouwer, Yellowstone Lake,

Wyoming, USA

„Die meisten Menschen sehen hier ein traumhaftes

Panorama im Yellowstone-Nationalpark, Tara hin gegen

sieht einen Spielplatz. Als wir hier ankamen, legte sie

spontan einen einhändigen Radschlag hin. Das Foto

beweist: Selbst die außergewöhnlichsten Orte der Welt

können wir mit unserer Fantasie noch bereichern.“

THE RED BULLETIN 27


P O R T F O L I O

28 THE RED BULLETIN


Am Mondberg

Emily Harrington,

Yangshuo, China

„Vor etwa 500 Millionen

Jahren entstanden im

Süden Chinas diese fast

unwirklichen Karst landschaften

aus Kalkstein –

mich erinnern sie an die

asiatisch angehauchten

Naturwelten der ‚Super

Mario‘-Spiele. Hier sehen

wir Emily bei einer kurzen

Pause am Moon Hill,

bevor sie die kühne Route

weiterklettert.“

THE RED BULLETIN 29


P O R T F O L I O

Hängepartie

Joe Kinder, Mojave Desert, Utah

„In der Kletterfotografie geht es darum, Schlüsselmomente

einzufangen. Hier meistert Joe eine besonders

kni≠lige und damit entscheidende Stelle der

steilen Route Visitor Q hoch über der Mojave-Wüste

im Südwesten Utahs. Er besteigt sie hier zum allerersten

Mal und scheint förmlich am Fels zu kleben.“

Es werde Licht

Jonathan Siegrist, Estes Park, Colorado, USA

Bild rechts: „Manchmal reicht ein Lichtstrahl, um einer

Kletterroute völlig neuen Glanz zu ver leihen. An diesem Tag

traf die Sonne im Estes Park in Colorado zufällig exakt

die ‚Grand Ol’ Opry‘, als Jonathan auf den Felsen kletterte.

Die Route führt über unebenen, leicht überhängenden

Granit – ein echter Kraftakt.“

30 THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN 31


P O R T F O L I O

Das gibt ihnen Berge

Mike Libecki und Ethan Pringle,

Grönland, Dänemark

„Seekrank wurden Mike und Ethan nicht auf unserer

elf Tage langen Bootsreise durch die unberührten

Weiten Grönlands. Doch als wir einige Zeit vergeblich

nach besteigbaren Eisbergen gesucht hatten, befiel

sie heftiges Kletterfieber. Wir verschafften ihnen

mit einem Stopp an diesem Eisberg Linderung.“

32 THE RED BULLETIN


Abstecher ins Blaue

Erik Leidecker, Südisland

„Du stellst dir Island als lebendige und etwas

verwunschene Insel vor? Genauso ist es auch.

Profi‐Kletterer, die einen richtigen Nervenkitzel suchen,

steigen hier in Eishöhlen ab. Hier macht sich Erik

zu einem Tagesausflug in die tiefblauen Welten auf.“

THE RED BULLETIN 33


P O R T F O L I O

34 THE RED BULLETIN


DER FOTOGRAF

„Für ein großartiges

Foto musst du zwei

Dinge gleichzeitig

einfangen: einen

Schlüsselmoment und

das richtige Licht“,

erklärt US-Fotograf Keith Ladzinski, 45,

sein Handwerk. Es ist nicht übertrieben,

zu sagen, dass er die Übung perfektioniert

hat. Vor allem der Einsatz mitgebrachten

Lichts und das Vertrauen auf sein gutes

Auge zeichnen die Bildsprache des

New Yorkers aus, der in Colorado aufgewachsen

ist. Renommierte Auftraggeber

wie „National Geographic“, die

„New York Times“ oder Apple schicken

ihn für seine Missionen zu Themen wie

Natur, Klimawandel oder Extremsport

inzwischen rund um die Welt. Dabei ist

er von Anfang an seinen beiden Leidenschaften

treu geblieben: Skateboarden

und Klettern. „85 Prozent des Aufwands

gehen für die Location-Suche drauf“, sagt

Ladzinski. „Oft waren wir über 30 Tage

unterwegs, bevor jemand zum ersten

Mal geklettert ist. Das ist Wahnsinn!“

Mit Keith um den Globus: ladzinski.com

Das ist die Härte!

Arjan de Kock,

Waterval Boven, Südafrika

„Viel schwieriger als hier im Nordosten

Südafrikas wird es für Kletterer nicht.

Das gilt sowohl für die oft überhängenden

Routen als auch für das Gestein an sich.

Es handelt sich um extrem harten Quarzit,

der Arjan – und vor allem seinen Schultern

– alles abverlangt.“

THE RED BULLETIN 35


Wakeboarden

Felix Georgii

lässt seiner Kreativität beim Wakeboarden freien Lauf:

mit einer tragbaren Seilwinde und Tricks aus dem Zirkus.

Das findet mitunter sogar die Polizei spannend.

Interview JOHANNES MITTERER

Foto MARCO FREUDENREICH

Felix Georgii, 28, ist Profi-Wakeboarder

und wird von Kollegen als

„König des Winchens“ bezeichnet.

Winchen bedeutet, dass er mit

seinem Board und einer mobilen

Seilwinde, der Winch, in Bächen,

Wehren oder Kanälen unterwegs ist.

Bei den X Games gewann der Allgäuer

Gold, sein Markenzeichen sind

seine kreativen Videos. Im Interview

erklärt er, warum ihn Kreativität

noch mehr anspornt als Medaillen.

the red bulletin: Wie reagieren

die Leute, wenn du mit der mobilen

Seilwinde und dem Wakeboard

in der Stadt unterwegs bist?

felix georgii: Es kann sein, dass

500 Leute drum herum stehen und

alle klatschen und schreien. Es kann

aber auch sein, dass ein böser alter

Mann da ist – oder eine böse alte

Frau –, die sagen: „Das ist verboten!

Ihr seid schlechte Vorbilder!“

Und dann rufen sie die Polizei?

Kommt vor. In Amsterdam waren

wir mal in einem Kanal zugange,

nach drei Stunden war die Polizei

da. Die Beamten sagten: „Ihr fahrt

hier schneller als die erlaubten

6 km/h.“ Das respektieren wir

dann auch.

Du erfindest oft neue Stunts, zuletzt

den Sprung durch einen Reifen.

Woher nimmst du die Ideen?

Vom Snowboarden und Skaten her

reizt es mich, meine Tricks aus dem

Park an einem Street-Spot zu testen.

Und dann will ich einfach den Sport

immer weiter denken. Die Reifen-

Idee kommt aus dem Zirkus. Wir

haben sogar kurz überlegt, ob der

Reifen nicht brennen sollte. Das hat

dann aber nicht ins Konzept gepasst.

Wie wichtig sind dir Wettkämpfe?

Seine krassesten Skills auf Knopfdruck

abzurufen und in einem Run

zusammenzupacken – wie der perfekte

Athlet –, das ist ein Hammergefühl.

Gleichzeitig ist aber immer

jemand anderer enttäuscht, und damit

konnte ich nie umgehen. Daher

hatte ich nie diesen Ansatz, zu sagen:

„Ich muss jetzt hier gewinnen.“

Heute gibt es wegen Social Media

auch beim Wakeboarden einen

Wettbewerb in Kreativität. Ist das

dann nicht das Gleiche?

Beim Contest bist du auf dich allein

gestellt. Machst du einen Fehler,

dann ist es dein Fehler. Winchen

und davon Videos machen ist hingegen

Teamwork: Die einen bedienen

die Winde, andere filmen, und wenn

das am Ende geil aussieht, ist das

nicht nur mein Verdienst. Da ist die

Belohnung größer. Und über die

Videos werden auch Außenstehende

aufs Wakeboarden aufmerksam.

Ich werde noch zu oft gefragt, was

Wakeboarden überhaupt ist. Eine

Stadt oder eine Wehr sind den Leuten

näher als ein weißes Plastik-Hindernis

in einem Wake-Park.

Im August findet „Red Bull Wake

Capital“ in Hamburg statt, direkt

unterhalb der Elbphilharmonie

in der Speicherstadt. Es ist eine

Mischung aus beiden Welten: ein

klassischer Contest, aber mitten in

der Stadt und mit einem kreativen

Parcours, den du mitentwickelst.

Wie sieht deine Mitarbeit aus?

Ich war beim ersten Location-Check

dabei und habe mit meinem Verständnis

vom Winchen versucht, den

Contest in die Stadt zu integrieren.

Für den Hamburg-Vibe verwenden

wir als Obstacles zum Beispiel auch

sogenannte Spülschuten – Pontonschiffe,

die sonst für Bauarbeiten benutzt

werden. Diese Schuten füllen

wir mit Wasser, sodass erhöhte Pools

entstehen und wir mit verschiedenen

Wasserebenen spielen können.

Du startest auch selbst. Hast du

Elemente eingebaut, die dir besser

liegen als der Konkurrenz?

Es wird auf jeden Fall so ein paar

Sachen … ähm … na ja, eigentlich

nicht! Aber es wird so einen Bagger

geben, den man in einem Wake-Park

eher nicht findet. Das ist etwas ganz

Neues. Da bin ich selber aufgeregt.

Ring frei: Felix Georgii beim Dreh

des Videos „We’re Open“ in Duisburg

Erlebe den

fliegenden Felix

Am 7. August steigt „Red Bull

Wake Capital” in Hamburg.

Einzigartige Hindernisse, 16 internationale

Spitzenfahrer, und das alles

mitten in der Speicherstadt: So es die

dann aktuellen Vorschriften erlauben,

kannst du das spektakulärste Wakeboard-Event

des Jahres hautnah erleben.

Alle Infos und Tickets unter: redbull.com

STEFFEN VOLLERT/RED BULL CONTENT POOL

36 THE RED BULLETIN


„Du zeigst deinen

Wakeboard-Trick

mitten in der

Stadt. 500 Leute

stehen da und

schreien.“

Felix Georgii (28) über die Motivation

für seine Video-Extratouren

THE RED BULLETIN 37


Archäologie

Terry Madenholm

hat zwei interessante Jobs: Sie ist Archäologin und nebenbei

gefragtes Model. Hier erklärt die 31-Jährige, wie sie antike

Inka-Siedlungen mittels Drohnentechnik retten will.

Text RACHAEL SIGEE

Foto CHRIS SAUNDERS

Wir erreichen Terry Madenholm

in ihrer Pariser Wohnung. Sie steckt

gerade mitten in den Vorbereitungen

für eine Rettungsaktion: Es geht um

die Ausgrabung einer über 500 Jahre

alten Inka-Siedlung in der Provinz

Cotopaxi in Ecuador, die von Klimawandel,

Bebauungsplänen und – besonders

unberechenbar – einem seit

2015 aktiven Vulkan bedroht ist. Die

31-Jährige gehört zu einem Team,

das diesen Kulturschatz mittels

modernster Drohnentechnologie

und digitaler 3D-Rekonstruktion im

allerletzten Moment für die Nachwelt

bewahren will.

Madenholm, in Stockholm geboren

und in Polen aufgewachsen,

hat in Paris aber noch andere Sachen

zu tun: Sie stand bereits für Werbekampagnen

so schillernder Marken

wie L’Oréal, Clarins oder L’Occitane

als Model vor der Kamera. Ursprünglich

dienten ihr solche Jobs nur

zur Finanzierung des Archäologiestudiums.

Doch die Modelkarriere

nahm derart schnell Fahrt auf, dass

sie ihre Zeit heute zu gleichen Teilen

zwischen Ausgrabungen und Fotoshootings

aufteilt. „Ich sehe mich

als Archäologin, die zufällig auch

modelt“, sagt Madenholm. „Immer,

wenn ich bei Ausgrabungen etwas

finde, erscheint es mir wie eine

Reise in die Vergangenheit. Indem

ich verschwitzt und voll Schlamm

meine Hände in die Erde stecke,

starte ich eine Zeitmaschine.“

the red bulletin: Wie fühlt

es sich an, bei Ausgrabungen

mitzumachen?

terry madenholm: Es ist eine

intensive Erfahrung und erfordert

viel Durchhaltevermögen und Demut,

weil man seine Ziele nicht immer erreicht.

Manchmal sucht man monateoder

sogar jahrelang nach etwas,

das dann nicht so ergiebig ist wie erhofft.

Abgesehen davon sind die Ausgrabungen

sehr anstrengend. Man

kämpft ständig mit sich selbst und

geht an seine Grenzen. Aber genau

das mag ich an der Archäologie:

Man spürt so richtig, dass man lebt.

Wie kartieren und bewahren Sie

antike Stätten?

Mit Tools wie LiDAR, das steht für

Light Detection and Ranging. Es

funktioniert im Grunde ganz einfach:

Ein Laser tastet die Erdoberfläche

ab und erzeugt ein 3D-Bild

dessen, was darunter versteckt liegt.

Diese Werkzeuge sind in der Archäologie

ziemlich neu, aber sie bringen

uns schneller voran. Die Drohnen

verschaffen uns einen besseren Überblick

über die Ausgrabungsstätte,

sodass wir mit unseren Aufzeichnungen

schneller fertig sind.

Was bedeutet diese Technologie

für die Zukunft der Archäologie?

Sie kann neue Perspektiven eröffnen.

Wir können plötzlich größere, mutigere

Fragen stellen. Ich glaube, die

Geschichte der alten Kulturen wird

neu zu schreiben sein. Monumente

und Artefakte können mittels 3D-

Nachbildungen originalgetreu für die

Nachwelt bewahrt und für Publikum

zugänglich gemacht werden. So wird

die Archäologie auch demokratisiert:

Jeder kann sich die Stätten ansehen,

ohne selbst hinzufahren.

Was war für Sie der bisherige

Höhepunkt Ihrer Karriere als

Archäologin?

Die Entdeckung eines zweitausend

Jahre alten Rings an der Küste von

Tel Aviv. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten

Monate an einem Projekt und

träumen die ganze Zeit nur davon,

etwas Großartiges zu finden. Dann,

im letzten Moment, kurz bevor das

Projekt in die Winterpause geht, finden

Sie plötzlich diesen Ring unter

der Erde! Es fühlte sich irgendwie an,

als hätte jemand den Ring vor zweitausend

Jahren fallen lassen, damit

ich ihn finde. Wenn man so ein persönliches

Stück findet, dann spinnt

man sofort eine Geschichte darüber,

wer ihn gefertigt, wer ihn getragen

hat. In meinem Kopf entstand das

Bild eines dicken Kaufmanns, denn

der Ring war riesig, und ich konnte

ihn leicht über zwei Finger ziehen.

Was erhoffen Sie sich in Zukunft

für Ihre Arbeit?

Überraschungen – die sind das Beste

an der Archäologie. Denken Sie nur

an die Ausgrabungen von Pompeji

in Italien. Die Historiker waren ursprünglich

überzeugt, dass der Vesuv

am 24. August 79 n. Chr. ausgebrochen

sei. Dann wurde 2018 eine alte

Inschrift in Kohle entdeckt, aus der

hervorging, dass der Ausbruch zwei

Monate später statt gefunden hatte.

Daran sieht man, dass Archäologen

und Historiker manchmal falschliegen.

Diese Geschichte spricht mich

sehr an. Ich will einfach Überraschungen

erleben. Ich will von meinen

Funden so richtig umgehauen

werden!

Terry Madenholm ist Projektpartnerin von

Drone Archaeology: dronearchaeology.com

38 THE RED BULLETIN


„Was ich an der

Archäologie

mag? Man

spürt so richtig,

dass man lebt.“

Terry Madenholm, hier an der

Aus grabungsstätte La Cave aux Fées

in Brueil-en-Vexin bei Paris, über

die Faszination ihres Hauptberufs

THE RED BULLETIN 39


Surfen

Robby Naish

hat sich nie Ziele gesetzt, sondern immer nur Träume

verwirklicht. Das hält die Windsurf-Ikone bis heute so.

Text JÜRGEN SCHMIEDER

1976, mit dreizehn (!), holte Robby

Naish den ersten von 24 WM-Titeln,

er trieb Innovationen wie kürzere

Boards und Fußschlaufen voran,

sein Abbild schmückte bis in die

90er-Jahre als Poster Kinderzimmer

rund um den Globus. Kurz: Naish

hat Windsurfen zum Welterfolg gemacht

und erfindet den Sport bis

heute immer wieder neu (so war er

auch am Aufstieg von Kitesurfen

und Stand-up-Paddling beteiligt).

Nun erscheint eine Doku über sein

Leben nach der Titeljagd – höchste

Zeit für ein Gespräch über die

wahren Gründe für seinen Erfolg.

the red bulletin: Mister Naish …

robby naish: Bitte „Robby“.

Okay. Jetzt einmal ehrlich, Robby:

Wo befindet sich dieser Jungbrunnen

auf Hawaii, in den du

gefallen bist? Oder gibt es gar ein

geheimes Fitnessprogramm?

Im Gegenteil: Ich mache kein Yoga,

ich dehne nicht einmal. Ich will, dass

die Muskeln hart und kräftig sind.

Sollten ein Fitnesstrainer und ein

Psychologe herkommen, würden sie

denken, sie hätten es mit einer Laune

der Natur zu tun. Ich mache so

ziemlich alles falsch, was man falsch

machen kann. Ich mache das, was

ich auch mit zwanzig gemacht habe.

Klingt ziemlich old school …

Ich versuche, fast täglich ins Wasser

zu gehen. Man verletzt sich dort

nicht so schnell: Man plumpst rein,

und das war es meistens. Ich bin bis

auf einen Beckenbruch vor einigen

Jahren von größeren Verletzungen

verschont geblieben.

Bereust du etwas im Leben?

Ich habe das Leben nie so betrachtet,

weil einen so was fertigmacht. Sehr

oft sind die Leute, die viel haben,

diejenigen, die am unglücklichsten

sind – weil sie immer mehr wollen

und sagen: „Oh, ich habe so viel geopfert,

ich sollte noch mehr haben!“

So will ich nicht sein. Ich bin nicht

perfekt – aber ich bin unfassbar

glücklich, der zu sein, der ich bin.

Du hast leicht reden: Du bist

immerhin 24-facher Weltmeister!

Aber der letzte Titel liegt Jahrzehnte

zurück. Ich bin keiner, der von der

guten alten Zeit schwärmt. Ich will

auch nicht zu viel an die Zukunft

denken. Ich nehme jeden Tag, wie

er kommt. Ich feile noch immer an

meiner Technik oder entwickle eine

neue Disziplin.

In der TV-Doku „The Longest

Wave“ reist du um die Welt, um

möglichst lange Wellen auf einem

Stand-up-Paddle-Board zu surfen.

War das dein Ziel, eine neue

Sportart populär zu machen?

Ich habe mir nie ein Ziel gesetzt, sondern

eher Träume verwirklicht. Ich

wollte nie etwas erreichen. Ich liebe,

was ich tue – und ich bin ein Glückspilz,

weil ich tun darf, was ich mag.

Wer mit Zielen durchs Leben läuft,

fragt sich irgendwann: Und nun?

Die Surf-Kultur hat sich durch

die sozialen Medien gewaltig

verändert. Was meinst du dazu?

Die positive Seite: Jeder kann sein

Können präsentieren. Er braucht

keinen Manager oder Magazin- Fotografen

mehr, um berühmt zu werden.

Jeder hat die gleiche Chance.

Das klingt doch gut …

Aber auch die Liste der negativen

Aspekte ist lang. Die sozialen Medien

verändern, wie gerade junge Leute

die Welt sehen. Es geht nicht mehr

darum, gut in etwas zu werden –

sondern berühmt. Daraus entsteht

ein Wettbewerb: Du bist nur so viel

wert wie dein letztes Posting.

Du machst aber auch mit.

Ich passe mich an. Für junge Leute

ist das jedoch gefährlich, weil sie

glauben, dass sie berühmt werden,

ohne dafür arbeiten zu müssen.

Doch auf den einen, der berühmt

wird, kommen Tausende, die es

nicht schaffen. Ich wünsche mir,

dass die Leute einfach die Reise

genießen, statt dem nächsten Foto

nachzujagen. Das Leben ist kein

Beliebtheitswettbewerb. Es geht

darum, Glück in dem zu finden, was

man tut. Das Ziel sollte sein, die

Fahrt zu genießen und das Gefühl,

etwas erreicht zu haben.

Robby jagt

die längste Welle

Eine neue Doku zeigt das jüngste

Abenteuer des Altmeisters.

Von Namibia über Peru bis Costa Rica:

Drei Jahre reiste Robby Naish immer

wieder um die Welt, um mit seinem Standup-Paddle-Board

die längsten Wellen

der Welt zu reiten. Begleitet vom oscarnominierten

Filmemacher Joe Berlinger,

entdeckt der Surfer dabei nicht nur eine

neue Sportart, sondern auch ein wenig

sich selbst. Die daraus entstandene Doku

„The Longest Wave“ zeigt das wohl aufwühlendste

Abenteuer in Naishs Karriere.

Aktuell in der ZDFmediathek, ab 10. August

auch auf Red Bull TV; Infos: redbull.com

CRAIG KOLESKY / RED BULL CONTENT POOL

40 THE RED BULLETIN


„Ich bin ein

Glückspilz,

weil ich tun

darf, was

ich mag.“

Robby Naish, 58, über

seine Lebenseinstellung

THE RED BULLETIN 41


Dance

Messis Tanzlehrer

MAJID KESSAB kam als Kleinkind aus dem Irak nach

Deutschland. Jetzt ist er 28, Hip-Hop-Weltmeister

und Tanzschulbesitzer. Und er hat Fußballgott

Lionel Messi elegante Moves beigebracht.

Das alles reicht ihm allerdings noch nicht.

Text ANNE WAAK

Fotos CHRISTOPH VOY

AUF GROSSEM FUSS

Majids Bewegungen sind

einzigartig. Im Tanz hat

der Krefelder, hier in seiner

Heimatstadt, seine Ausdrucksform

entdeckt.

42


43


AUGENBLICK!

Majid beim Porträt-

Shooting für

The Red Bulletin in

Krefeld. In der TV-

Show „Got to Dance“

begeisterte er

Millionen Fans.


Dance

Sein Stil wirkt,

als tanze er

unter Wasser.

Seine

Bewegungen

sind unglaublich

fließend.

Ein Schrottplatz mitten in

Krefeld. Der knallblaue

Himmel kontrastiert das

Rostrot der riesenhaften

Rohre, auf denen Majid

Kessab posiert. Er balanciert

auf einem Bein, biegt

den Kopf nach hinten,

ein Arm hinterm Rücken.

Er hält die Pose mühelos,

bis das Bild im Kasten ist.

Jemand hat mal über

seinen Stil gesagt: Es sei, als würde er

unter Wasser tanzen. Und es stimmt:

Egal was er macht – ob Moves, die aus

dem Freestyle stammen, oder welche,

die eher an die eckigen Verrenkungen

eines Roboters erinnern –, Majids Bewegungen

sind unglaublich fließend und

geschmeidig. In Sachen Körperbeherrschung

ist der 28-Jährige einzigartig.

Nicht nur das: Als zweimaliger Hip-

Hop-Weltmeister ist er einer der besten

Tänzer der Welt. Im Dezember wird er

beim globalen Finale von Red Bull Dance

Your Style in Südafrika antreten – ein

Contest, der vor allem die Improvisationsgabe

der Tänzer fordert. Majids Ziel

dafür ist klar: gewinnen, was sonst?

Majid ist Erfolg gewohnt. Tatsächlich

scheint es, als würde ihm alles, was er

anfängt, gelingen. Dabei ist es längst nicht

nur das Tanzen, was ihn interessiert. Seine

Ambitionen gehen weiter, viel weiter. Er

wurde 1993 als jüngstes von vier Kindern

im nordirakischen Zakho geboren, seine

kurdischen Eltern – der Vater Ölunternehmer,

die Mutter Lehrerin – flohen

nach Deutschland, als Majid drei Jahre

alt war. Die Familie landete in Krefeld,

in dem Teil Nordrhein-West falens, der

an die Niederlande grenzt. Der Vater eröffnete

einen Kiosk, die Mutter kümmerte

sich um die Kinder.

Es war keinesfalls von Anfang an klar,

dass er einmal Tänzer werden würde.

Zwar war sein Vater immer ein begnadeter

Folklore-Tänzer, der seine Künste auf

Familienfeiern vorführte, aber Majids

Ding war der Fußball. Es war seine

Schwester, die den damals Achtjährigen

drängte, es doch mit dem Tanzen zu

versuchen. „Ich glaube, das war eigentlich

eher ihr Wunsch, aber sie hat sich

geschämt“, sagt Majid. „Also habe ich

das für sie ausgelebt.“

Damals fehlte es ihm an Selbstbewusstsein,

und wenn er sprach, dann

nuschelte er so stark, dass man ihn kaum

verstand. Das Tanzen änderte das. „Es

war mein Sprachrohr, mit dem ich meine

Emotionen ausdrücken konnte, und ein

Ventil für meine Energie“, sagt er. Bald

sah er erste Erfolge und gewann Wettbewerbe.

„Das hat mich gestärkt und mir

Selbstsicherheit gegeben.“

MIT MESSI BEIM DREH

Majid mit seinem berühmtesten

Schüler 2013 in Barcelona:

Für einen Werbeclip entwarf er

eine Choreografie und zeigte

Lionel Messi die Schritte.

THE RED BULLETIN 45


Dance

Doch das Tanzen veränderte sein

Leben auch in anderer Hinsicht,

denn es hatte Einfluss auf seinen

Freundeskreis. Die, mit denen er

rumhing, bevor er mit dem Tanzen

in Berührung kam, sind alle

irgendwann mit dem Gesetz kollidiert.

Majid hat wenig Zweifel daran, dass es

ihm genauso ergangen wäre.

Aber gleich seine erste Straftat – eine

dumme Geschichte um ein geklautes

BMX-Bike – führte ihn an einen Ort, der

wie kein anderer sein Leben prägen sollte

und bis heute prägt. Er bekam Sozialstunden

verordnet, abzuleisten in einem

kirchlichen Krefelder Jugendzentrum.

Der Ort sollte sich als besonders einflussreich

für sein Leben erweisen. „Das

Jugendzentrum war alles für mich, ich

habe da so viel gelernt“, sagt er. Auch

nach seinen Sozialstunden ging er weiter

hin, weil dort Platz zum Tanzen war und

er andere traf, die seine Leidenschaft

teilten. Damit er noch mehr Zeit im

Jugendzentrum verbringen konnte,

absolvierte er auch noch das Praktikum

im Rahmen seines Fachabiturs dort.

Jugendzentren wie jenes in Krefeld

entstanden ab Ende der 1960er-Jahre

oft auf Initiative von Gymnasiasten, die

für sich Räume einforderten, in denen

ihnen weder der Staat noch die Stadt

rein redeten. Gedacht waren sie als Orte,

an denen jungen Menschen Demokratie

und Werte vermittelt werden, um schließlich

eine bessere Welt zu schaffen. Heute

geht es in diesen Einrichtungen weniger

um politische Bildung als darum, Jugendlichen

ein kostenloses Freizeitangebot

zu bieten, einen Treffpunkt abseits von

Fußgängerzonen und Einkaufszentren,

einen Fokus, der nicht das eigene Handy

ist. In Majids Fall war es einer der wenigen

Plätze, an denen er mit anderen Tänzern

sein Wissen austauschen und seine Fähigkeiten

ausbauen konnte. YouTube gab es

vor zehn, zwölf Jahren zwar bereits, es

war aber noch nicht die Plattform, auf

FREEZE!

Bei dieser Pose

stoppt Majid abrupt

seine flüssigen

Bewegungen und

„friert“ sie ein.

Als Kind

nuschelte Majid

so stark, dass

man ihn kaum

verstand. Heute

spielt er in

Kinofilmen mit.

46


DIE NÄCHSTEN

SCHRITTE

Majid in der Nähe seiner

Tanzschule in Krefeld,

mit der er bald umzieht.

Viele seiner Schüler

wohnen in Siedlungen

wie dieser hier im

Hintergrund.


Dance

Er will den Kids

mehr beibringen

als Tanzen:

stark sein,

an sich glauben,

sich selbst

fordern.

der man Tutorials zu jedem erdenklichen

Nischenhobby hätte finden können. Tanzschulen

waren noch nicht eingerichtet

auf Kurse für seine Art des Tanzens, jedenfalls

nicht auf solche, die mehr als die

Grundlagen vermittelten.

Daneben spielte Majids ältester Bruder

eine wichtige Rolle für seine tänzerische

Entwicklung. Er war es, der ihn und seine

Freunde tagelang mit dem Auto durch

halb Europa fuhr, zu Tanzcamps und auf

Battles nach Tschechien, Österreich und

in die Schweiz.

Die Schule machte Majid nebenbei,

ohne auch nur einmal sitzenzubleiben.

Eine gute Ausbildung war

seinen Eltern immer wichtig;

seine Geschwister arbeiten heute

als Apothekerin, Ingenieur und

Mechatroniker. Nach der Schule etwas

ratlos, wie es weitergehen sollte, studierte

Majid Elektrotechnik – nur um nach ein

paar Wochen abzubrechen. Auch das

Architekturstudium schmiss er nach zwei

– eigentlich erfolgreichen – Semestern.

In der Zwischenzeit war er nämlich

mit dem Tanzen so erfolgreich geworden,

dass sich die Frage, wohin es ihn in

Zukunft ziehen würde, gar nicht mehr

stellte. 2014 sollte sein bis dahin bestes

Jahr werden: Er nahm am Juste Debout

teil, dem internationalen Gipfeltreffen

in Sachen urbaner Tanz in Frankreich.

Im Vorfeld behauptete er auf Facebook

öffentlich, er werde das Ding gewinnen.

Damit legte er sich die Latte ziemlich

hoch – wer will nach so einer Ansage

schon scheitern? Aber er sollte recht

behalten: Er gewann den Wettbewerb

und war damit Hip-Hop-Weltmeister.

Seither steht für ihn fest: Erfolg ist allein

eine Frage der Einstellung, des Mindsets.

„Wenn ich an mir zweifle, dann verliere

ich.“ Wenn er jedoch an sich glaubt, kann

ihn nichts und niemand aufhalten. Bis

jetzt hat das jedenfalls immer gestimmt.

Dank des Tanzens ist der Majid von heute

das genaue Gegenteil des unsicheren

Jungen von einst.

Ebenfalls 2014 eröffnete er gemeinsam

mit einem Freund in einem kleinen Raum

des Krefelder Bahnhofsgebäudes seine

Tanzschule AREA UDC und nahm an der

ProSieben-Castingshow „Got to Dance“

teil, die ihn auch außerhalb der Tanz-

Community bekannt machte. Majid sagt,

er sei kein Fan von solchen Shows, denen

es vor allem um die Schauwerte und

Einschaltquoten geht und nicht um die

Kultur hinter dem Tanz. Aber als die

Produktionsfirma ihn kontaktierte und

einlud mitzumachen, sah er die Möglichkeit,

in der Sendung mit einem Aufdruck

auf seinem Sweatshirt für seine Schule

zu werben. Als ihm bewusst wurde, wie

hoch die Einschaltquoten der ersten Folge

waren, nahm er die Show ernst. Und was

Majid ernst nimmt, will er auch gewinnen.

Die Jury liebte ihn von Anfang an,

besonders die britische Tänzerin und

Choreografin Nikeata Thompson war

gleich nach seinem ersten Tanz vollends

begeistert von ihm. Der Rest war ein

Durchmarsch, im Finale setzte er sich

gegen neun andere Tänzer, Duos und

Crews durch. Er gewann 100.000 Euro –

die er als Anzahlung für ein Haus für

seine Eltern verwendete. Er verdankt

dem Tanzen viel, aber seiner Mutter und

seinem Vater alles. Der Sperrbildschirm

seines Handys zeigt ein aktuelles Bild

der beiden.

49


GANZ BEI SICH

Für unser Shooting

improvisiert Majid,

wie er es beim Tanzen

oft tut. Hier in einer

riesigen Metallröhre.


Dance

2022 will

Majid als

erster Tänzer

zum dritten Mal

Weltmeister

werden.

TOMISLAV MOZE/RED BULL CONTENT POOL

Seither kennt Majids Karriere nur

eine Richtung: bergauf. Vor drei

Jahren zog er mit der Tanzschule

in größere Räume, sie belegt jetzt

fast 300 Quadratmeter in einem

Industriekasten unweit des Bahnhofs.

Ein Dutzend Leute arbeiten hier für

ihn, sie alle sind Freunde, die er noch aus

dem Jugendzentrum kennt. Vor Corona

trainierten sie 300 Schülerinnen und

Schüler, und er hat keine Zweifel, dass es

nach der Pandemie mindestens genauso

viele sein werden. Der nächste Umzug

in noch größere Räume steht bald an.

Dennoch ist es ihm wichtig, dass die

Tanzschule den Charakter des Jugendzentrums

behält, in dem er damals so viel

Freundschaft und Unterstützung fand.

„Die Leute können uns immer privat

schreiben, wenn sie allein trainieren oder

ein eigenes Projekt verfolgen wollen.“

Für die Jugend in Krefeld sind sie auch

Sozialarbeiter, die den Kids mehr beibringen

als Tanzen: nämlich Selbstbewusstsein,

Charakterstärke, Persönlichkeit.

Und sich selbst zu fordern.

Längst ist Majids Talent auch außerhalb

der Dance-Community gefragt. Vor

ein paar Jahren choreografierte und trainierte

er mit Fußballgott Lionel Messi

eine Tanzszene in einem Werbespot für

Qatar Airways, es folgte sein Schauspieldebüt

in der Serie „Crews & Gangs“ des

deutschen Streaming-Anbieters Joyn.

Sein jüngstes Schauspielprojekt ist „Fly“,

ein Film der deutschen Regisseurin

Katja von Garnier, der im Herbst ins Kino

kommen soll. In beiden Filmen spielt er

Kleinkriminelle mit Migrationshintergrund

– eher keine Sympathieträger. Er

ist stolz auf die Rolle, auch wenn es ihn

ein wenig nervt, dass sie gängigen Klischees

über Menschen entspricht, deren

Eltern oder Großeltern nicht in Deutschland

geboren wurden. Aber Majid sagt,

dann dreht er eben einfach selbst einen

Film, der mit diesen Vorurteilen bricht.

„Fly“ soll sein Einstieg in die Schauspielerei

sein, aber sie ist nur eines von

vielen Zielen. „Ich habe in den letzten

Jahren geschäftlich so viel erreicht“, sagt

Majid. „Aber es ging mir nie um Geld

oder Bekanntheit. Ich will die Möglichkeiten,

die ich bekommen habe, an

andere weitergeben.“ In den Tagen vor

dem Gespräch hat er im Stadtbad Krefeld

einen Film mit Tänzern der Schule abgedreht,

ein paar Tage später wird er

in Bochum ein Battle mit 200 Tänzern

unter freiem Himmel veranstalten.

2022 will er der Erste sein, der bei

Juste Debout zum dritten Mal Weltmeister

wird. Er plant ein Tanzprojekt

mit einem Kinderheim im Irak. Und denkt

über die Eröffnung einer zweiten Tanzschule

nach. Es besteht wenig Zweifel

daran, dass er all das schaffen wird.

Majid heißt immerhin: der Tüchtige.

Mehr Majid in allen Lagen auf Instagram: @majidk

Deutschlands beste

Tänzer live erleben!

Ende August startet wieder

Red Bull Dance Your Style.

Ein Floor, zwei Kontrahenten, deine

Stimme: Hier zeigen die Tanzenden

Moves zu Musik aus allen Genres, die

Zuschauer entscheiden, wer gewinnt

und zum Weltfinale in Südafrika fährt.

Qualifier: 28. 8. München, 29. 8. Frankfurt,

4. 9. Berlin, 5. 9. Köln; nationales

Finale: 11. 9. Hamburg; Infos: redbull.com

THE RED BULLETIN 51


Basketballspiel im

Käfig an der West 4th

Street in New York:

Die Enge des Kult-

Platzes sorgt für

intensive Stimmung.

52

EIN KÄFIG


Streetball

West 4th Street

ist New Yorks

legendärster

Basketballplatz.

Stars wie Denzel

Washington pilgern

an seine Zäune,

Spieler aller Ethnien

kämpfen in hitzigen

Partien um Respekt.

Zu Besuch an einem

Ort, der für viel mehr

steht als Sport.

Text DAVE HOWARD

Fotos ANTHONY GEATHERS

VOLLER HELDEN


D

er Platz ist klein

Das ist das Offensichtliche, wenn man

den West 4th Street Park in New York City

betritt. Würde man die Drei-Punkte-Linie

auf NBA-Distanz setzen – als Zugeständnis

für die Profis, die hier manchmal

trainieren –, läge sie fast schon am Mittelkreis.

Schaut man sich eines der großen

Summer-Leagues-Matches im Cage an,

dem „Käfig“, wie dieser sagenumwobene

Platz genannt wird, kommt es einem vor,

als hätten Riesen einen Kinderspielplatz

überrannt.

Versucht man herauszufinden, inwieweit

die Maße des Platzes tatsächlich

von den regulären abweichen, wird es

interessant. Google wirft unterschiedlichste

Schätzungen aus, von „ein bisschen

kleiner als die Norm“ (das steht auf

Basketball-Cracks beim Einlauf zu einem Summer-Leagues-Playoff-Match 2016:

Das Spiel im Käfig „körperbetont“ zu nennen ist eine krasse Untertreibung.

Hier darfst du keine Schwäche

zeigen, sagen die Locals. Sonst

machen dich die Gegner platt.

der offiziellen Homepage des New Yorker

Parks) bis hin zur „Hälfte des Standards

von 94 Fuß“ (28,65 Meter). Auch die

Legenden des Käfigs äußern sich ausweichend:

Die Spiele können sich schon

eng anfühlen, hört man da, sogar ein bisschen

klaustrophobisch. Kenny Graham,

Gründer der „Summer Leagues“, die den

West 4th zu einem Streetball-Hotspot

und einem weltbekannten Geheimtipp

für Touristen gemacht haben, zuckt nur

mit den Schultern und antwortet, dem

grünen Rechteck seien schon „viele

Größen nachgesagt“ worden. „Das lieben

die Leute ja so an diesem Platz.“ Warum

mit dem Maßband den ganzen Spaß

verderben, scheint er sagen zu wollen.

Die ungewöhnlichen Abmessungen

tragen zur Aura des Ortes bei, aber nicht

nur: Sie verändern tatsächlich das Spiel.

Wer auf Geschwindigkeit und Wendigkeit

setzt, hat ein Problem, denn alle sind so

eng zusammengepfercht, dass es sich anfühlt,

als wären doppelt so viele Spieler

auf dem Feld wie sonst. Der Zaun, der

das Spielfeld umschließt, verstärkt den

Eindruck der Enge noch. Der Käfig belohnt

diejenigen, die ohne viel Platz gute

Würfe oder Rebounds zustande bringen

oder die, besser noch, sich selbst Platz

verschaffen können in jener Zone, die die

Veteranen einst „Death Valley“ nannten.

Das Spiel hier „körperbetont“ zu nennen

ist eine gewaltige Untertreibung.

Und da das hier New York ist, sind

einige der Zuschauer, die sich von außen

an den Zaun drücken, Zwischenrufer,

und sie lassen es dich wissen, wenn du

Mist baust. Jason Curry ist der Gründer

und Präsident von Big Apple Basketball.

Als er klein war, schaute er seinem Vater

zu, der hier an spontanen Freundschaftsmatches

teilnahm, sogenannten Pickup

Games. Später spielte Curry selbst und

trainierte Spitzenspieler im West 4th.

Nach einem Fehler, den er hier machte,

dachte er: „Der wäre mir besser an jedem

anderen Ort passiert.“ Viele Leute täten

sich schwer im West 4th, weil der Platz

so eng ist, erklärt er. „Es ist fast wie das

Gesetz des Dschungels. Man darf in keiner

Hinsicht eine Schwäche zeigen, sonst

machen sie dich platt.“

Der Platz ist eine große Bühne

Als Kenny Graham 1976 auf diesen Ort

stieß und bei Spontan-Matches mitspielte,

spürte er sofort, dass der Platz anders

war. Er war als Lebensmittellieferant

viel unter wegs. Im Gegensatz zu den

typischen Basketballplätzen in New York,

54 THE RED BULLETIN


Streetball

Spielszenen aus

dem Käfig: Hier

zählen Können,

Härte und Respekt.

Im letzten Viertel

dieses knappen Spiels

ist die Spannung auf

dem Platz und daneben

förmlich zu greifen.

THE RED BULLETIN 55


Angriff gestoppt:

Das wilde Spiel im

New Yorker Käfig

brachte zahlreiche

lokale Stars hervor.

Hip-Hop-Größen schauen regelmäßig

vorbei. EA Sports baute den Court

für ein Computerspiel nach.

56 THE RED BULLETIN


Streetball

„Es ist fast so, als würdest du

mitten am Broadway spielen – alle

Augen sind auf dich gerichtet.“

auf denen nur Leute aus dem Viertel anzutreffen

waren, kamen hier Spieler aus

allen Teilen der Stadt zusammen – und

das heißt: Spieler aus der ganzen Welt.

„Du triffst hier auch heute noch Juden,

Italiener, Iren, Schwarze, Native Americans,

alles Mögliche“, sagt Graham. „In

keinem anderen Park im ganzen Land

hast du so eine Diversität.“

Die besondere Lage spielt natürlich

auch eine Rolle. Die meisten Outdoor-

Basketballplätze New Yorks verstecken

sich in entlegenen Winkeln der Stadt,

aber der West 4th liegt in Greenwich

Village, an der 6th Avenue, einer der

großen Verkehrsadern Manhattans.

Die U-Bahn-Station West 4th Street ist

ein Knotenpunkt für das öffentliche Verkehrsnetz

– ein Ausgang befindet sich

gleich neben dem Platz. „Es ist fast, als

würdest du mitten am Broadway spielen“,

meint Jason Curry. „Alle Augen sind auf

dich gerichtet.“

Die Spiele hier ziehen schon lange

Passanten an. Irgendwann in den Sechzigern

gab es schon mal eine Liga, die

aber nur ein paar Jahre überlebte. Als

einige Trainer entschieden, die West 4th

League neu zu organisieren, erkannte

Kenny Graham das Potenzial für etwas

Großes. Er heuerte bei der Liga an und

stieg innerhalb von zwei Jahren zu ihrem

Co-Commissioner und Direktor auf.

In diesen Funktionen zeigte sich

Grahams Händchen für den Aufbau

einer Marke. Er schuf „Kenny Graham’s

West 4th Street Pro-Classic“ mit eigenem

Logo und Merchandising. In den frühen

Achtzigern zogen die Summer Leagues

immer größere Namen aus der College-

Liga, selbst aus dem Profi-Lager an. Die

Sache schaukelte sich hoch: Je höher das

Niveau, desto mehr Publikum kam, und

so wurden die Namen noch größer. Sogar

Julius Erving alias Dr. J, in den Siebzigern

einer der Überflieger der NBA, stopfte

damals ein paar Körbe im Käfig.

Schon bald beehrten nicht mehr nur

New Yorker Spieler den winzigen Platz.

Jason Curry erinnert sich, wie einmal

vor etwa zehn Jahren plötzlich Dwight

Howard auftauchte – es war zu jener Zeit,

als er als aufregendster Spieler der Welt

gefeiert wurde –, nur um sich ein Match

anzuschauen.

Die Popkultur folgte. Die Hollywood-

Stars Denzel Washington und Spike Lee

waren da. Hip-Hop-Größen schauen

vor bei, und Werbespots für nationale

Kam pagnen werden hier gedreht. Wer es

persönlich nicht auf den West 4th schafft,

kann sich dort virtuell austoben: im Videospiel

„NBA Street V3“ von EA Sports.

Die Pandemie zwang den Summer

Leagues eine einjährige Pause auf.

Wenn die Stadt wieder voller Leben ist,

werden sich auch wieder Touristen zu

den Stamm-Zuschauern am Käfig gesellen.

Graham wird Kappen und Trikots

verkaufen an Menschen aus Südkorea,

Norwegen und Brasilien und ihnen das

Gefühl geben, genau hier im Zentrum

der Basketballwelt zu sein.

Der Platz ist ein Fluchtort

Jack Ryan wuchs als Basketball-Wilder in

Brooklyn auf. Als er zwölf Jahre alt war,

konnte ihm kein Gleichaltriger mehr das

Wasser reichen, sein vier Jahre älterer

Bruder ließ ihn bei seinen Freunden

mitspielen. Als er auch die an die Wand

spielte, fand Ryan, dass es an der Zeit

sei, sich in Manhattan zu messen. „Ich

sagte mir, okay, mal sehen, wie gut ich

wirklich bin“, erinnert er sich. Wo er

hingehen musste, war klar: in den Park

an der West 4th Street.

So nahm die Legende von „Black

Jack“ Ryan in den Achtzigern ihren Anfang.

Ryan wurde auch dafür berühmt,

dass er Angebote von Colleges und aus

der NBA in den Wind schlug – seine

Unreife und eine schwierige Kindheit

trugen sicherlich viel dazu bei. Der

Kose name seines Vaters für ihn war ein

F-Wort, sein eigentliches Zuhause war

der West 4th. Black Jack und der Platz

waren wie füreinander geschaffen.

Einmal flog er wegen zu viel Show aus

einem College-Team, aber Streetball

funktioniert anders: Im Käfig war sein

aufreizendes Spiel eine Waffe.

Gegen Phil Sellers, einen ehemaligen

Profi der Detroit Pistons, machte Ryan

einmal 44 Punkte. Als ihn ein Freund

darauf ansprach, antwortete er: „Wer

ist Phil Sellers?“ Von dem Hall-of-Fame-

Mitglied Chris Mullin, auch eine New

Yorker Basketball-Legende, ist das Statement

überliefert, Black Jack sei der

beste Werfer, den er außerhalb der NBA

je gesehen habe. Hier im West 4th umgab

Ryan eine Familie, das spürte er.

Zuseher am Zaun an der West 4th Street: Beleidigungen gehören hier zum guten Ton.

THE RED BULLETIN 57


Streetball

Hier war Beständigkeit: Dass der Punktezähler

Omar vor den Spielen immer

viel zu viel billiges Bier trank und sich

prompt verzählte, sodass Graham ihn

korrigieren musste, änderte nichts daran,

dass Omar weiterhin für die Punkte verantwortlich

blieb. Ryan gefiel das. Die

Sticheleien des Sprechers, der ballettgleiche

Wettkampf, Kenny Grahams

strenge Regeln gegen Gewalt – das alles

sorgte für Stabilität in einer sonst völlig

instabilen Welt.

Jack Ryan war MVP („most valuable

player“ – der wertvollste Spieler) in

einer der Ligen, auf seiner Wade prangt

ein Tattoo des West-4th-Logos. Und er

trifft sich immer noch mit Leo, Sherm,

Doc – all den Männern, mit denen er

Freundschaft geschlossen hat in seinen

fast vierzig Jahren auf dem Platz. „Jetzt,

da ich älter bin, ist das meine Familie“,

sagt Ryan. „West 4th Street ist mein

zweites Zuhause. Mein Hinterhof.“

Der Platz ist eine Gemeinschaft

Das mag seltsam klingen, denn das Spiel

ist so körperbetont, dass es sich an der

Grenze zu offener Feindseligkeit bewegt.

Nach einigen Schlägereien hat Kenny

Graham Nulltoleranzregeln aufgestellt.

Wer gegen sie verstößt, kann des Platzes

verwiesen werden.

Aber es gibt eine große Wertschätzung

zwischen den Spielern. Alle mühsam

erarbeiteten, liebevoll gehegten Animositäten

verpuffen in dem Moment, in dem

sich alle zur nächsten Runde, zum nächsten

Match versammeln.

„Bei aller Härte herrscht ein unglaublicher

Kameradschaftsgeist“, sagt Jason

Curry. „Jedem, der auf den Platz geht,

wird Respekt entgegengebracht.“ Die

Leute passen aufeinander auf.

Die Spiele im Käfig sind für viele ein

wichtiger Teil ihres Lebens. 70 Teams

treten hier in Ligen gegeneinander an: je

20 für Männer und High-School-Schüler,

16 für Frauen, 14 für Nachwuchsteams.

Graham, heute 69, zeigt keine Ermüdungserscheinungen,

obwohl er erklärt,

im Ruhestand zu sein. Im West 4th, so

sagt er, „sieht man die Früchte meiner

Arbeit“. Im Moment versucht er die

Magie dieses Ortes, die multikulturelle

Mischung des Käfigs in die Welt hinauszutragen.

Er arbeitet mit Offiziellen

aus der Dominikanischen Republik an

einem Austauschprogramm.

Für ihn war das während der Pandemie

vielleicht auch ein guter Zeitvertreib.

Bald jedoch wird alles wieder

so sein wie früher: Die Spieler werden

auftauchen, so verlässlich, dass man

die Uhr nach ihnen stellen könnte. Die

Fans, die während der Summer Leagues

Abend für Abend denselben Platz am

Zaun besetzen, werden ihre Posten wieder

einnehmen. Den Käfig gibt es jetzt

schon so lange, dass er Teil von Familiengeschichten

geworden ist: Generationen

kommen gemeinsam. Eltern reichen die

Erfahrung des Spielens oder Zuschauens

im West 4th wie ein Erbstück feierlich

an ihre Kinder weiter. Der Platz ist also

noch etwas: eine Zeitkapsel.

Mit den Jahrzehnten verändert sich

Manhattan, es verwandelt sich immer

wieder, nimmt ständig neue Formen an.

Gebäude werden abgerissen und gebaut,

Restaurants wechseln den Besitzer und

die Identität, Parks verwahrlosen und

werden wiedergeboren.

Aber dieses kleine Rechteck, das da

irgendwie in Greenwich Village hineingequetscht

wurde? Dieser Käfig, so scheint

es, ist für die Ewigkeit.

Gleich geht’s los: Zwei Spieler der New Yorker Männerliga sind bereit für das Spiel.

Alle Animositäten verpuffen in

dem Moment, in dem sich alle zum

nächsten Match versammeln.

Streetball vom Feinsten

Am 18. Juli steigt in Berlin das

Finale von Red Bull Half Court.

Sechs Spieler, ein Korb und jede Menge

Action: Sei dabei, wenn in Berlin Deutschlands

beste 3-gegen-3-Streetball-Teams

zur nationalen Ednrunde antreten. Die

Gewinner reisen zum Weltfinale nach

Russland und treffen auf die Sieger aus

über 20 weiteren Nationen.

Detaillierte Infos über das Turnier:

redbull.com

58 THE RED BULLETIN


Hier teilen sich zwei

Schüler mannschaften

den Platz, der viel

kleiner ist als ein normales

Basketballfeld.

Fast jedes Match

ist intensiv, aber der

Höhepunkt sind die

All-Star-Games, wie

hier im Bild: Da spielen

die Besten der Saison

gegeneinander.

THE RED BULLETIN 59


Designerin Marina Hoermanseder (35)

in ihrem Atelier in Berlin.

Ihr Markenzeichen stammt in diesem Fall

aus einem orthopädischen Korsett.


Mode

„Die Schnalle

war mein

größtes Glück“

Die Schnalle ist das Markenzeichen

der österreichischen Designerin

MARINA HOERMANSEDER.

Am Anfang ihrer Karriere fällt sie auf,

weil Lady Gaga ihre Sachen trägt.

Inzwischen hat sie Briefträgern Coolness

verliehen, Uhren entworfen und

tritt mit Heidi Klum im Fernsehen auf.

Porträt einer Frau, die weiß,

wie man Aufmerksamkeit erregt.

Text WOLFGANG WIESER

Fotos DAVID FISCHER

THE RED BULLETIN 61


Mode

Ein paar Zentimeter über

ihrem linken Handgelenk

hat Marina Hoermanseder

eine kleine Tätowierung.

Es ist nicht die einzige, da

ist auch noch ein Kreuzchen

knapp unterhalb des Ellbogens,

ein gefräßiger Pac-Man und ein zartes

Porträt einer Löwin auf dem rechten

Unterarm.

Aber nur diese drei blassen Großbuchstaben

über dem rosa Uhrband, das sich

zweimal um ihr Handgelenk schlingt,

irritieren den Betrachter – auch auf den

zweiten Blick.

Da steht: GUT.

Erster Gedanke: Was, bitte, ist GUT?

Zweiter Gedanke? Meint Marina Hoermanseder

damit sich selbst?

Ganz so einfach ist es – wie so oft –

nicht. Tatsächlich werden sich diese drei

Buchstaben als Statement entpuppen –

allerdings ganz anders als gedacht. Aber

davon später.

Marina Hoermanseder, gerade 35

geworden, hat in den vergangenen acht

Jahren eine beneidenswerte Karriere

hingelegt – von null auf hundert in Nullkommanichts

könnte man sagen. Zuerst

schafft sie das Kunststück, dass Lady

Gaga einen ihrer Entwürfe trägt. Drei

Jahre später feiert sie die Modebibel

„Vogue“ als „neue Modestimme“ Berlins,

wo sich inzwischen ihr Hauptquartier

befindet. Und heute gilt sie außerdem als

Königin der Kooperationen, eine Frau von

„entschieden ungewöhnlicher Substanz“,

wie es in einem Statement der Schweizer

Uhrenmarke Rado heißt, die sich von

Hoermanseder eben eine Uhr hat entwerfen

lassen.

„Ich sehe mich als fleißige, kreative

Unternehmerin, das beschreibt mich

am besten“, sagt Marina Hoermanseder,

„mein Leben ist auf Werte gebaut, die mir

stets gegenwärtig sind.“

the red bulletin: Und die wären?

marina hoermanseder: Fleiß,

Anstand, Dankbarkeit und Loyalität –

auf mich kann man sich verlassen.

Du hast ja geradezu rasant Karriere

gemacht.

Das habe ich damals gar nicht so erlebt,

nicht so wahrgenommen. Ich habe die

Firma gegründet, weil Lady Gaga meine

erste Kollektion bestellt hat. Man kann

sagen: Ich habe einfach auf den Zuspruch

reagiert, den ich bekommen habe.

Marina Hoermanseder in Berlin

bei der Arbeit, erste Skizzen vor sich

„Ich habe meine

Lookbooks in die

Briefkästen der zehn

Top-Stylisten in L. A.

werfen lassen.“

Lady Gaga in der Buckle-Jeans

von Marina Hoermanseder, getragen

2015 bei New Yorks Pride Parade

US-Sängerin Janelle Monáe in Hoermanseder

auf dem „Variety“-Cover

Wie bist du damit umgegangen?

Es war wie ein Wirbelwind, bei dem

ich in der Mitte war. Aber im Zentrum

eines Sturms ist es immer am ruhigsten.

Ich habe einfach in Ruhe gemacht und

gemacht und gemacht.

Erzähl doch bitte, wie Lady Gaga

auf dich gekommen ist.

Ich gehe mit offenen Augen durchs

Leben, ich interessiere mich für Erfolgsgeschichten.

Und überlege mir, was ich

daraus lernen kann. Ich hatte gelesen,

dass Ed Hardy (US-Tattookünstler, Anfang

des neuen Jahrtausends für kurze

Zeit als Designer extrem populär; Anm.)

seine T-Shirts und Kappen vor Hotelzimmern

deponierte, in denen Stars

übernachteten. Und seine Sachen hat

dann immerhin Madonna getragen. Also

habe ich 2013 eine Liste mit den zehn

wichtigsten Stylisten in L. A. gemacht

und eine Freundin gebeten, meine Lookbooks

in deren Briefkästen zu werfen.

Und das hat tatsächlich funktioniert.

Der Mann, der sich für Hoermanseders

Entwürfe interessiert, heißt Nicola Formichetti.

Er ist zu dieser Zeit auch für die

Outfits von Popstar Lady Gaga verantwortlich

– er ist es etwa, der der Sängerin

das berühmt gewordene „Fleisch-Kleid“

verpasst. Und er erkennt das Potenzial

von Marina Hoermanseder.

Lady Gaga schlüpft schließlich 2015 bei

der Pride Parade in New York in die Buckle-

Jeans der Österreicherin – Jeans, die an der

Vorderseite mit Schnallen in Regenbogenfarben

geschmückt sind. Stars wie Kylie

Jenner, Kourtney Kardashian und Jennifer

Lopez kopieren den Trend. Und Marina ist

praktisch über Nacht berühmt. Ein Kinderspiel,

könnte man glauben. Tatsächlich

hat sie all das akribisch vorbereitet.

Marina Hoermanseder absolviert

ein Wirtschaftsstudium, das Vater Wilhelm,

langjähriger Vorstandschef des

österreichischen Industrieunternehmens

Mayr-Melnhof Karton, ihr abgerungen

hat. 2010 liefert sie ihre Diplomarbeit ab,

belegt parallel Kurse am Central Saint

Martins College of Art and Design in London

und wechselt schließlich nach Berlin

an die Mode-Uni ESMOD. 2012 macht sie

ein Praktikum im Unternehmen des 2010

verstorbenen britischen Star-Designers

Alexander McQueen, das heute von

Kreativ direktorin Sarah Burton geführt

wird. Als sie für ihre Abschlusskollektion

recherchiert, entdeckt sie orthopädische

DDP IMAGES

62 THE RED BULLETIN


Im Atelier von Marina Hoermanseder

in Berlin. Das Schild hielt ein Model

in der Herbst/Winter-2020/21-

Runway-Show, die ein Strapskirt

aus veganem „Ananas-Leder“ trug:

„Mein Rock ist aus Ananas.“


Die Erleuchtung: Zwischen

ihren Schuhen im Atelier

schnappt sich Marina

Hoermanseder spontan eine

Neon röhre als Accessoire

für das letzte Bild.


Mode

PICTUREDESK.COM, MAKE-UP: SHIRIN KÜRSCHNER/NINA KLEIN

Korsetts. Deren morbider Charme und das

für ihre Anfertigung nötige handwerkliche

Können faszinieren sie. Daraus entsteht

Marina Hoermanseders Markenzeichen:

der Strapskirt, ein enger Rock aus kreuz

und quer übereinandergelegten Lederstreifen,

die mit Schnallen verziert sind.

„Mein größtes Glück ist, dass ich die

Schnalle gefunden habe – daran man

erkennt sofort, dass es ein Stück von mir

ist. Und ich sitze nie vor einem weißen

Blatt Papier. Ich arbeite immer um die

Schnalle herum.“

Hattest du so etwas wie einen Businessplan,

also zum Beispiel: zuerst

Aufsehen erregen und dann souverän

den Mainstream erobern?

Ich habe Wirtschaft studiert. Viele

meiner Kollegen sitzen heute in den

Marketingabteilungen großer Unternehmen.

Und natürlich weiß ich, dass

das Allerwichtigste die Ökonomie der

Aufmerksamkeit ist. Andere würden

sagen, ich bin der Lobbyist der Truppe.

Ich bin einfach von Natur aus Netzwerkerin,

aber ich gebe meinem Netzwerk

auch immer etwas zurück.

Warum ist das wichtig?

Weil Dankbarkeit zählt. Tatsächlich habe

ich einige Jobs nur bekommen, weil ich

immer die Einzige bin, die sich bedankt.

Man darf nicht nur verlangen – jeder,

der Hilfe braucht, bekommt sie von mir

auch. Ich hatte nie Berührungsängste –

vielleicht, weil ich eine halbe Französin

bin (ihre Mutter stammt aus Frankreich;

Anm.) –, ich bin weltoffen, und es geht

mir außerdem darum, Kräfte zu bündeln.

Du bist für deine vielen Kooperationen

bekannt – du hast etwa die Mitarbeiter

von Österreichs Post neu eingekleidet.

Wenn ich Kooperationen mache, stehe

ich auch wirklich dahinter. Ich suche mir

meine Partner ganz genau aus. Ich muss

hinter dem Produkt stehen. Und ich

möchte nicht das Zugpferd sein. Mein

Anspruch ist es, mit jeder Kooperation

meine Bekanntheit zu steigern.

Deine Uhr für die Schweizer Marke

Rado ist unverkennbar Marina Hoermanseder.

Ich wollte schon immer eine Uhr machen,

wo das Uhrband eine Schnalle ist. Dieses

„Captain Cook“-Modell, das eigentlich

gar nicht so feminin wirkt, ist ein echtes

Statement Piece. So etwas hat es noch

Hoermanseder mit Angestellten der

Österreichischen Post, denen sie

neuen Chic verpasst hat.

Ihr jüngster Coup: eine Uhr

für Rado. Rechts darüber ist die

GUT‐Tätowierung zu erkennen.

„Die Reaktionen auf

die Hasskommentare

haben gezeigt, wie

sehr meine Community

hinter mir steht.“

Id molutet volupta turemquuntis

aute none nonesto il ipiduciet quunda

idis sequae. Ex el imet at.

Führung durchs Atelier in Berlin:

Marina trägt ihre Kreationen.

nicht gegeben – und wer genau hinsieht,

erkennt auch das eingravierte Strapmuster

auf dem Zifferblatt.

Die Uhr wird auf Marinas Instagram-

Account vom Publikum übrigens

begeistert aufgenommen. Auszug aus

den Kommentaren: „Sieht mega aus“,

„so sexy“, „… ist der Hammer“.

An gleicher Stelle ist beispielsweise

auch dokumentiert, wie ein Vasenkleid

für Hip-Hop-Superstar Nicki Minay entsteht:

Es wird gehämmert, geschliffen und

gebohrt. Und wir sehen Marina erst hochschwanger

und gut gelaunt im knappen

Bikini durchs Bild hüpfen und später mit

blankem Busen Baby Lotti stillen. Nicht

immer aber ist alles eitel Wonne.

Nach deinem Auftritt bei Heidi Klums

TV-Show „Germany’s Next Topmodel“

hast du einen heftigen Shitstorm geerntet,

weil du eine der Teilnehmerinnen

kritisiert hattest.

Die Reaktionen auf die Hasskommentare

böser Trolls (die sich unter anderem über

das Stillen des Babys lustig machten;

Anm.) nach dem Auftritt bei „GNTM“ haben

gezeigt, wie sehr meine Community

hinter mir steht. Mein Vater hat immer

gesagt: „Ruhm und Ruhe sind selten

Freunde.“ Man muss halt lernen, sich wie

ein nasser Hund abzuschütteln.

Würdest du’s wieder machen?

Solche Shows machen mir die größte

Freude! Natürlich würde ich wieder

mitmachen und wieder den Designer

raushängen lassen. Das ist ein Unterhaltungsformat

– wer das nicht versteht,

hat in der Branche nichts zu suchen.

Letzte Frage, Marina: Warum hast du

GUT auf deinem Unterarm tätowiert?

(Lacht.) Da hast du nicht alles gesehen:

Eine Silbe fehlt auf dem Foto. Bei einem

unserer Events war auch ein Tätowierer,

und ich habe meine Mitarbeiterinnen

nach einem Wort gefragt, das ich immer

sage – eines, das sie mit mir verbinden.

„Urgut“, haben sie gesagt. Und das steht

da jetzt auch, in Großbuchstaben.

Urgut, das ist die in diesem Fall bessere

Version von Gut. Ein Gut mit Augenzwinkern.

Und Selbstironie ist nur eine Eigenschaft,

die Marina vergessen hat, in ihrer

Persönlichkeitsbeschreibung zu erwähnen.

Mehr Marina: @marinahoermanseder

THE RED BULLETIN 65


Die Zukunft

des Surfens

ist afrikanisch

Über den blauen Augen blonder Wellenreiterstars vergaß die Welt,

dass dunkelhäutige Menschen in Polynesien diesen Sport erfunden

hatten. Dann kamen die Brasilianer und verärgerten die Beach-Eliten

mit ihrer leidenschaftlichen Exzellenz. Jetzt zieht der „African Storm“

auf und erfindet das Surfen neu – mit Krügen voller Ozeanwasser

im Wohnzimmer und dem Zauber, der aus der Schönheit

des Nichtbesserwissens erblüht.

Text FLORIAN OBKIRCHER

TATE DRUCKER, NICOLE SWEET


Surfen

Zwei Helden aus dem Buch

„Afrosurf“, das Afrikas neue

Surfszene vorstellt: Sung

Min Cho (linke Seite) ist

drauf und dran, Mosambiks

erster Profisurfer zu werden.

Diese Seite: Der Senegalese

Cherif Fall ist der erste

schwarze Surfer,

der die West Africa Tour

zweimal gewonnen hat.

67


Surfen

Es

gibt da in der legendären Surfer-Doku

„The Endless Summer“ aus dem Jahr

1966 eine ziemlich bezeichnende Szene:

Die Helden des Films, die US-Surfer

Mike Hynson und Robert August, unternehmen

eine Weltreise auf der Suche

nach der perfekten Welle. Auf ihrem Weg

durch Afrika machen sie in Ghana Sta tion.

Am Labadi Beach holen sie die Surfbretter

raus und ziehen vor scheinbar

verblüfften Einheimischen eine Show ab,

dass denen die Kinnlade runterfällt.

So suggeriert der Film, dass die Ghanaer

so etwas noch nie zuvor gesehen

hätten. Aber wer genau hinschaut, erkennt

bei der Ankunft von Hynson und

August am Strand im Hintergrund ein

paar Burschen, die auf Schwemmholz

die Wellen reiten – was in der Doku

jedoch niemals angesprochen wird.

Eine Beobachtung, die Teil eines

größeren Problems ist: Die Surfkultur

wurde praktisch von Anfang an über

Bilder von blonden Menschen mit blauen

Augen definiert. Das Anfang des Jahres

erschienene Buch „Afrosurf“ will dieses

Narrativ nun korrigieren – Herausgeber

sind unter anderen Selema Masekela, 49,

US-amerikanischer TV-Moderator und

Surfer mit südafrikanischen Wurzeln

(Selema ist Sohn der südafrikanischen

Jazz-Legende Hugh Masekela), sowie

das Team der afrikanischen Surfmarke

Mami Wata. Zum ersten Mal wird darin

die Surfbewegung Afrikas umfassend

dokumentiert – von Marokko bis Somalia,

vom Senegal über Mosambik bis

Südafrika.

Mit über 200 Fotos, 25 Porträts der

besten afrikanischen Surfer und 14 kulturwissenschaftlichen

Texten stellt das

Buch die üblichen Surfklischees infrage.

Nur ein Beispiel unter vielen: Entgegen

einer weit verbreiteten Meinung war

es nicht ein Botaniker in Diensten des

Dass es so etwas wie

eine afrikanische Surfszene

gibt, zeigte erstmals

die Doku „Sliding

Liberia“ (2007). Sie

beschäftigte sich mit

dem lokalen Pionier

Alfred Lomax (hier auf

der Welle) und begeisterte

mit Bildern von

unberührten Stränden.

68 THE RED BULLETIN


„Es war doch immer so:

Um als Surfer ernst genommen

zu werden, musstest du blonde

Haare und blaue Augen haben.“

ARTHUR BOURBON

THE RED BULLETIN 69


Der südafrikanische

Big-Wave-Surfer

Grant „Twiggy“ Baker

in seinem Element. Er

meint: „In 20 Jahren

gibt es mindestens

so viele schwarze

Weltklasse-Surfer wie

jetzt brasilianische.“


Surfen

MARTIN CAPRILE

Weltumseglers Captain James Cook,

der 1767 in Tahiti zum ersten Mal in der

Geschichte einen Surfer beobachtete;

tatsächlich stammt die erste erhaltene

Aufzeichnung aus den 1640ern aus jenem

Gebiet, auf dem sich heute Ghana

befindet. Im Interview erklärt Selema

Masekela, wie es zum Erblühen des

Surfens in Afrika kam und warum es

nur eine Frage der Zeit ist, bis Afrikaner

die weltweite Szene aufmischen.

the red bulletin: Herr Masekela,

was hat Sie zu Ihrem Buch „Afrosurf“

über Afrikas Surfkultur inspiriert?

selema masekela: Mein Vater hat sich

auf dem Totenbett gewünscht, dass ich

seine Arbeit fortsetze – die Beziehung

der Leute zum afrikanischen Kontinent

zu fördern und ihren Eifer, ihn zu entdecken.

Nach seinem Tod 2018 dachte

ich darüber nach, wie ich dieses Vermächtnis

einlösen würde. Ich wollte die

Sache über das Surfen anlegen. Wir begannen

zu diskutieren, wie Surfen als

ein Brennglas einsetzbar wäre, um die

Schönheit Afrikas zu zeigen: Bilder, die

noch niemand gesehen hatte, und Geschichten,

die noch nie erzählt wurden.

Warum hat die Welt dieses Buch

gebraucht?

Seit ich denken kann, zeigen 99,9 Prozent

der gängigen Surfbilder Menschen, die

keine große Ähnlichkeit mit mir hatten.

Es war doch immer so: Um als Surfer

ernst genommen zu werden, musstest du

blonde Haare und blaue Augen haben.

Das ist das sichtbare Erkennungszeichen

von Surfern – ungeachtet der Tatsache,

dass das Surfen von Süd-Polynesiern

erfunden wurde …

… und von Afrikanern auf dem Gebiet

des heutigen Ghana, wie wir im Buch

lernen. Wie konnte dieser wichtige

„Wir wollten

das Surfen als

Brennglas einsetzen,

um die Schönheit

Afrikas zu zeigen.“

Der US-amerikanische TV-Moderator Selema Masekela ist einer der Herausgeber des

Buchs „Afrosurf“, das erstmals die gesamte Wellenreiterszene Afrikas dokumentiert.

Es ist das Ergebnis eines Versprechens, das er seinem Vater auf dem Totenbett gab.

Aspekt so lange ignoriert werden,

sogar innerhalb der Szene?

Da gibt es all diese merkwürdigen Methoden,

mit denen die Geschichte weißgewaschen

und so verändert wird, damit

es so aussieht, als ob ein bestimmter Teil

der Menschheit die Dinge erfunden hat,

weil er großartiger, talentierter und von

Gott gesegnet ist. Lauter Dinge, von denen

wir überzeugt worden sind, richtig?

Das hat zu einer Menge Missverständnissen

geführt: Ich sehe immer wieder die

Reaktionen von Menschen auf Bilder, die

Afrikaner beim Surfen auf hohem Niveau

zeigen. Ungefähr so: „Hä?“ Als ich seinerzeit

surfen lernte, fragten mich die Leute:

„Wie kann es sein, dass du surfen lernst,

wenn Menschen wie du doch nicht einmal

schwimmen können?“ Wenn du dir

Surfvideos anschaust: Die Mehrzahl von

ihnen wurzelt in der Idee, dass weiße

Menschen exotische Gegenden aufsuchen

und unglaubliche Wellen reiten,

während die Einheimischen am Strand

stehen und ihnen ungläubig zuschauen.

Der Film „The Endless Summer“ ist das

klassische Beispiel dafür.

Hatten Sie vor, die Praxis des Weißwaschens

in der Geschichte des Surfens

aufzudecken?

Unsere Absicht war es nicht, zu sagen:

„Hey, alles, was sie dir bis jetzt übers

Surfen erzählt haben, ist eine Lüge.“

Wir wollen nur den Blickwinkel dafür

erweitern, wie wir den Surfsport wahrnehmen,

und darüber hinaus einen

Einblick in den Reichtum Afrikas bieten.

Dieses Buch ist eigentlich nur ein kleiner

Kratzer an der Oberfläche.

THE RED BULLETIN 71


Surfen

Mitglieder des 2012 ins Leben gerufenen Bureh Beach Surf Club in Sierra Leone. „Nur

wenige wussten damals, was Surfen ist“, sagt Mitgründer Jahbez Benga (nicht im Bild).

Der südafrikanische Surfprofi Grant

„Twiggy“ Baker meint, dass das Surfen

in Afri ka soeben im Begriff ist, zu

explodieren – so wie die brasilianische

Szene vor zehn Jahren. Sehen Sie das

auch so?

Total. Der „Brazilian Storm“ war etwas,

was das Mainstream-Surfen nicht kommen

gesehen hat. Die Brasilianer wurden

immer als Belästigung gesehen, weil sie

kulturell anders waren. Das Maß ihrer

Leidenschaft fürs Surfen war anders, und

die Leute verstanden nicht, wie sie plötzlich

auf der Weltbühne auftauchten. Als

der Sturm 2011 ankam, drehte er alles.

Es war sehr schierig für die Surf-Community,

das zu verdauen und die Dominanz

und das Leistungsniveau zu akzeptieren,

das die Brasilianer brachten – bis zu

dem Punkt, an dem sie sich für ihren Stil

entschuldigen sollten. Ich hätte damals

nicht gedacht, dass brasilianische Surfer

je Teil der globalen Teams der größten

Marken der Welt sein würden, aber heute

beherrschen sie die World Surf League

Championship Tour … Ich glaube, der

„African Storm“ entwickelt sich gerade.

Afrika hat die jüngste Bevölkerung und

ist ein riesiger Kontinent. Es ist nicht die

Frage, ob der afrikanische Profisurfer-

Sturm kommt, sondern nur, wann.

Warum passiert das erst heute und

nicht schon vor zehn Jahren?

„Wenn ich früher

mit einem Board in

die Hotellobby kam,

erstarrten alle.“

Das ist die 15-jährige Senegalesin Aita Diop.

Ihre Fähigkeiten auf dem Board brachten ihr ein

Stipendium der International Surfing Association.

Für talentierten Nachwuchs in der beständig

wachsenden Szene ist jedenfalls gesorgt.

Weil es heute Vorbilder gibt. 2018 war

der Südafrikaner Mikey February der

erste nicht weiße Surfer auf der World

Tour. Das öffnete die Tür sowohl für afrikanische

Kids überall auf dem Kontinent

als auch für schwarze Surfer auf der ganzen

Welt. Vor Mikey wussten sie nicht,

dass es überhaupt möglich war, so auszusehen

und das zu machen. In ganz

Afrika wurde Surfen historisch als ein

Sport für Weiße gesehen.

Warum denn das?

In Südafrika zum Beispiel wurde Surfen

durch die Apartheid eindeutig geregelt.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich

1991 am North Beach von Durban verhaftet

werden sollte. Das war nach der

Aufhebung des Segregationsgesetzes

(das den verschiedenen Rassen zwischen

1951 und 1991 unterschiedliche Wohngebiete

zuwies), also rein technisch war

meine Anwesenheit dort erlaubt. Aber

der Umstand, dass ich dort war und mir

nichts, dir nichts „ihr Ding“ machte, hat

die Cops dermaßen aufgeregt, dass sie

mich drei Tage lang beobachtet haben,

bevor sie irgendeinen lächerlichen

Grund fanden, um mich festzunehmen.

So war das damals. Ich erinnere mich

noch daran, wie ich mit einem Surfboard

aus dem Aufzug in die Hotellobby kam

und alle in der Sekunde erstarrten. Sie

glotzten mich an und bewegten sich

nicht mehr. Es war ein Anblick, den sie

nie im Leben erwartet hatten.

Und das ist nur dreißig Jahre her …

Sogar im Südafrika von heute gibt es

noch eine Menge Leute, die an eine

Wohltätigkeitssache glauben, wenn sie

schwarze Kids surfen sehen – eine Aktion

des guten Willens. Es ist, als würden sie

eine Tür aufhalten, um sie hereinzulassen

– dabei gehört das Surfen genauso gut

uns wie ihnen.

Im Buch sagen viele Surfer, dass ein

besonderes Kennzeichen der afrikanischen

Surfkultur darin besteht, dass

es keine gibt. Dass sie sie erfinden,

während sie surfen.

Das ist richtig. Die Abwesenheit von Magazinen

oder einer Gehirnwäsche über

Generationen – in der Art von „Du musst

das so und so machen, sonst machst

MAGNUS ENDAL, DJIBRIL DRAME

72 THE RED BULLETIN


South-African-Open-

Champion Joshe

Faulkner zeigt, was er

kann. „Ein schwarzer

Surfer zu sein be deu tet

mir eine Menge“,

sagt er, „gerade weil

es ein von Weißen

dominierter Sport ist.“

„Es ist nicht die Frage, ob der

afrikanische Profisurfer-Sturm kommt,

sondern nur, wann.“

MARTIN CAPRILE ,DJIBRIL DRAME, ALAN VAN GYSEN

Auf 30.500 Kilometern

Küste gibt es natürlich

auch den einen oder

anderen Geheimtipp:

hier ein nahezu jungfräulicher

Traumstrand

im Süden Angolas mit

drei Kilometern Wellen.

THE RED BULLETIN 73


Surfen

Der Südafrikaner

Mikey February, 28,

scha≠te es 2018

als erster Schwarzer,

sich für die World Surf

League Champion ship

Tour zu qualifizieren.

Er ist der Held von

Legionen afrikanischer

Jugendlicher.


„Der Zauber beginnt, wenn dir niemand

diktiert, was richtig oder falsch ist.“

In einem Essay schreibt der südafrikanische

Surfstar Mikey February:

„Ich habe das Gefühl, dass die afridu

es nicht richtig“ erlaubt einen völlig

anderen Zugang. Die Schönheit des

Nichtbesserwissens ist genau der Punkt,

wo der Zauber passiert. In der Kunst, in

der Musik und überhaupt im Leben ist es

ja dasselbe: Keine Instanz zu haben, die

dir diktiert, was richtig oder falsch ist,

war immer schon der Schlüssel, um kulturverändernde

Momente zu schaffen.

ALAN VAN GYSEN, YORIYAS YASSINE ALAOUI ISMAILI

Wenn man sich die Porträts der

afrikanischen Surfhelden anschaut,

scheint es einen roten Faden zu geben:

die spirituelle Verbindung zum Meer.

Diese Idee des Surfens als sexy Freizeitvergnügen

existiert in der afrikanischen

Kultur nicht; stattdessen gibt es eine

starke Verehrung für den Ozean. Als

mein Vater jung war und damit anfing,

Konzertreihen in den südafrikanischen

Townships zu spielen, hat ihn meine

Oma gebeten, Krüge mit Ozeanwasser

aus bestimmten Regionen mitzubringen,

das war ihr einziger Wunsch. Sie hat

diese Krüge auf einem Regal im Wohnzimmer

aufgehoben. Mein Vater hat auch

einen Song mit dem Titel „Mami Wata“

geschrieben – eine Ode an die spirituelle

Energie des Ozeans.

Hat dieser spirituelle Aspekt irgendeine

Auswirkung auf den Zugang der

Leute zum Surfen?

Die Gemeinschaft und die Nähe in indigenen

Kulturen sind einzigartig. Im Fall

Südafrikas besteht etwa die Ubuntu-

Philosophie darin, dass das Teilen alle

Menschen miteinander verbindet. Wenn

du das auf die Einstellung zum Surfen

überträgst, kommst du zu völlig anderen

Ergebnissen als die Surfer anderswo.

Glauben Sie, dass Sie dieser Sinn

für Gemeinschaft zu einem besseren

Surfer gemacht hat?

Wenn du dir die weltbesten Surfer – ganz

egal, welcher Hautfarbe und Kultur – anschaust,

dann hatten viele von ihnen mit

Widrigkeiten zu kämpfen. Sie mussten

Hindernisse überwinden, um gut zu

werden. Kelly Slater hatte ein kaputtes

Elternhaus, mit Alkoholismus in seiner

Familie, also wurde das Surfen zu seiner

Oase. Oder schau dir die Geschichten

dieser brasilianischen Surfer an: Viele

von ihnen kommen aus den sehr starken

Ramzi Boukhiam vertritt Marokko bei den Spielen in Tokio. „Wir sind eine Surfnation“,

sagt er. „Wir haben 3000 Kilometer Küste mit Weltklassewellen.“

Gemeinschaften ihrer Favelas, nicht? Sie

haben es alle geschafft, wirtschaftliche

Krisen zu überwinden. Wenn wir lernen,

unsere Kultur mit unserem Talent, harter

Arbeit und Chancen zu verbinden, dann

werden wir aufsteigen.

Wie sehen Sie die Zukunft der

afri kanischen Surfkultur?

Das wird davon abhängen, wie die Surf-

Communitys quer über den ganzen Kontinent

ihre eigene Definition von Surfkultur

hinkriegen – von der Gründung

von Marken, die Menschen weltweit

ansprechen, bis zur Neuausrichtung des

Surftourismus. Im Augenblick wird die

Szene noch von Amerikanern und Australiern

dominiert, die nach Afrika gehen

und dort Einheimische engagieren – sie

bestimmen, wie die Geschäfte laufen.

Doch was wäre, wenn das Business

von Afrikanern geführt werden würde –

anstatt dass Ausländer diese Wir-obenihr-unten-Situation

schaffen? Das wäre

eine riesige Chance für Einheimische,

ihre eigene Version solcher Betriebe

aufzubauen und zu gestalten.

kanischen Surf-Communitys in Zukunft

viele Menschen auf der ganzen

Welt beeinflussen werden.“ Stimmen

Sie dem zu?

Ja. Mikey sagt, dass die afrikanische Art,

Dinge auszudrücken, sehr roh und ehrlich

ist. Da gibt es keine hohlen Phrasen,

und niemand versucht, andere zu beeindrucken.

Das ist ganz wichtig, denn all

deine Erfahrungen an Land prägen dich,

wenn du auf dem Board stehst. Das ist

es, was du ausstrahlst – das Essen, die

Musik, das Tanzen. Kultur und Tradition.

All diese Dinge, die für deine Kultur

einzigartig sind, prägen dich auch beim

Surfen. Das ist auch der Grund für die

Ausstrahlung der Brasilianer und dass

die Menschen in Tahiti tanzen, wie sie

tanzen. Im Wesentlichen ist es das, was

dem Surfen seinen Reichtum verleiht,

seine Tiefe und seine Vielfalt. Das ist es,

was Surfen so cool macht.

„Afrosurf“,

320 Seiten,

Ten Speed Press,

z. B. bei Amazon

um ca. 33 Euro.

mamiwatasurf.com/

pages/afrosurf

THE RED BULLETIN 75


Gehirnforschung

Liebe

ist stärker

als Kokain

Das Gehirn hat den Menschen

zum intelligentesten Lebewesen

der Erde gemacht. Aber nicht klug genug,

um die Funktionsweise dieses Organs

vollständig zu verstehen. Die deutsche

Therapeutin Anja Hussong und der

Schweizer Wissenschaftler Philipp

Stämpfli arbeiten in unter schiedlichen

Fachrichtungen mit dem Gehirn:

Hier erklären sie, warum wir beim

Duschen Lösungen finden, uns Laufen

beim Erinnern hilft und Liebe stärker

wirkt als jede Droge.

Text WOLFGANG WIESER

Illustrationen JOCHEN SCHIEVINK

76 THE RED BULLETIN


KUNSTWERK IM KOPF

Mittels Magnetresonanz lässt sich das Netzwerk

der Nervenfasern im Gehirn darstellen.

Neben ihrer wissenschaft lichen und therapeutischen

Arbeit erschaffen die beiden

Forscher Anja Hussong und Philipp Stämpfli

aus solchen Aufnahmen bunte Gehirn-

Kunstwerke wie dieses Exemplar.

BRAINPICS GMBH

THE RED BULLETIN 77


So arbeitet

unser Gehirn

2

Wie Gehirntraining

dabei hilft, vernünftig

mit Geld umzugehen

... oder warum wir Lotto spielen,

obwohl wir statistisch betrachtet

450.000 Jahre spielen müssten,

um eine 95-prozentige Chance

auf einen Jackpot zu haben.

FORSCHER & THERAPEUTIN

MIT GEMEINSAMER MISSION

Philipp Stämpfli und Anja Hussong

machen die Schönheit des Gehirns

sichtbar. Mit Wissenschaft und Kunst.

Die Mission von Anja

Hussong und Philipp

Stämpfli ist es, „die Schönheit

und Einzigartigkeit

des menschlichen Gehirns

in die Welt zu tragen“.

Hussong ist Neurofeedback-Therapeutin,

Stämpfli

ist Informatikingenieur

und leitet das Zentrum

für Magnet resonanz-

Bildgebung an der

Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich,

zudem ist er Hypnosetherapeut. Gemeinsam

haben sie die Firma BrainPics gegründet.

Das Ziel des Unternehmens ist,

mit Hilfe eines komplexen Verfahrens,

der sogenannten diffusionsgewichteten

Bildgebung, die Schönheit der Struktur

der Nervenfaserverbindungen sichtbar

zu machen – gern auch vom Gehirn

der Kunden. Diese Netzwerke steuern

unsere Denkleistung, Konzentration und

Gefühle. Was dabei so abgeht? Hier sind

neun Beispiele aus der Hirnforschung.

1

Warum wir

unter der

Dusche

oft die

besten

Ideen haben

Die Erklärung: Duschen ist wie ins Kaminfeuer

starren – man erreicht einen

fast hypnotischen Zustand. Das Unterbewusstsein

liefert Antworten, die

rational (noch) nicht greifbar wären.

Im Detail: Warmes Wasser umhüllt

den Körper. Die Muskeln entspannen

sich. Der Duft der Seife bahnt sich

durch die Nase den Weg in den

Mandelkern (Amygdala) im Zentralgehirn.

Er wandelt Wahrnehmungen

in Gefühle um und weckt Erinnerungen.

Das Gehirn produziert vermehrt

beruhigende Alpha-Theta-Wellen.

Schließen wir jetzt noch die Augen,

aktiviert sich das „Default Mode“-

Netzwerk (Ruhenetzwerk). Die Ablenkung

von außen wird verringert,

der Geist findet Zugang zum Unterbewusstsein

– plötzlich tauchen Antworten

auf Fragen oder Lösungen

auf, die vorher nicht greifbar waren.

Die Erklärung: Mittels Neurofeedback

lässt sich der Frontalkortex (Stirnhirnlappen)

trainieren, er ist für die Impulskontrolle

zuständig. Weil wir Menschen

aber grundsätzlich Opti misten

sind, probieren wir das Lottospielen

ent gegen besserem Wissen trotzdem

immer wieder – die Verlockung

des schnellen Gewinns ist zu groß.

Im Detail: Es gibt Untersuchungen, die

zeigen, dass die meisten Menschen

eher davon ausgehen, zu denen zu

gehören, denen etwas Gutes widerfährt

– etwa ein Lottogewinn. Gleichzeitig

wird die Möglichkeit, dass

einem etwas Schlimmes passiert, als

eher unwahrscheinlich eingeschätzt.

Dabei spielt der Frontalkortex eine

große Rolle. Er ist sozusagen die

letzte Instanz in der Netzwerkreihe

des Gehirns und entscheidet, ob

eine Handlung ausgeführt wird oder

nicht. Eine Unteraktivierung des

Frontalkortex kann dazu führen, dass

jemand spielt, obwohl es kein logisches

Argument dafür gibt. Ein gezieltes

Neurofeedback-Training zur

verstärkten Aktivierung des Frontalkortex

kann helfen, den Impuls zum

Spielen zu kontrollieren. Besse re

Impulskontrolle hilft übrigens bei

allen Süchten. Vorteil: Der Frontalkortex

ist sehr lernfreudig – weil wir

dabei Lust empfinden.

BRAINPICS GMBH

78 THE RED BULLETIN


Gehirnforschung

3

Warum uns

zu viele

Drinks

geschwätzig

machen

Die Erklärung: Alkohol bringt vor

allem zwei Botenstoffe im Gehirn

ins Ungleichgewicht – und das

lockert unsere Zunge.

Im Detail: Alkohol aktiviert den Botenstoff

GABA (Gamma-Aminobuttersäure).

Wir fühlen uns entspannter.

Gleichzeitig wird der Botenstoff

Glutamat, der für das „schnelle

Denken“ zuständig ist, blockiert.

Enthemmt und denkfaul – schon ist’s

passiert: Wir plaudern ein Geheimnis

aus, das sonst niemals über unsere

Lippen gekommen wäre.

Wir können unser

Hirn mit Dauerläufen

trainieren. Körperliche

Anstrengung

lässt die Zellen

im Hippocampus

wach sen. Das

steigert Kurz- und

Langzeit gedächtnis.

4Wie ein

übereifriges Gehirn

Ehen gefährden kann

Die Erklärung: Das zum limbischen

System gehörende Cingulum (Teil

des Frontalhirns) steuert das Sozialverhalten.

Ist es zu aktiv, werden

wir nachtragend, unkooperativ und

grantig. Und das hat noch keiner

Beziehung gutgetan.

Im Detail: Das Cingulum ist verantwortlich

für die kognitive Flexibilität

und die soziale Anpassung an den

Alltag, entscheidet über die Kooperationsbereitschaft

und die Fähigkeit,

Chancen zu erkennen und zu ergreifen.

Ist dieser Bereich über- oder

unteraktiviert, kann es zu Problemen

im täglichen Miteinander kommen.

Diese Menschen neigen dazu, sich

ständig zu sorgen, sind nachtragend,

unflexibel und zwanghaft – Eigenschaften,

die zu Problemen in Beziehungen

führen können. Ein

Ansatz zur Abhilfe kann Neurofeedback

sein. Wichtige Voraussetzung:

der Wille, wirklich etwas zu ändern.

5

Warum Laufen

Erinnerungen bewahrt

Die Erklärung: Eine Studie hat gezeigt,

dass der Hippocampus, die zentrale

Schaltstelle des limbischen Systems,

mit Dauerläufen trainiert werden

kann. Gut in Form, macht er höhere

Denkleistungen möglich und hat ein

stärkeres Erinnerungsvermögen.

Im Detail: Der Hippocampus ist das

Zentrum für Erinnerungen aus dem

Kurz- und Langzeitgedächtnis. In

ihm wird bei Erwachsenen auch das

Protein BDNF (Brain-Derived Neurotrophic

Factor) gebildet. Eine Studie

zeigte, dass ein niedriger BDNF-

Spiegel mit einem kleineren Hippocampus

verbunden sein kann. Dies

lässt den Rückschluss zu, dass ein

kleinerer Hippocampus mit schlechteren

Gedächtnisleistungen einhergeht.

Die Bildung des BDNF wird unter

anderem angeregt, wenn Muskeln

sich zusammenziehen. Das heißt:

Körperliche Anstrengung lässt die

Gehirnzellen im Hippocampus wieder

wachsen und optimiert so seine

Leistung im Kurz- und im

Langzeit gedächtnis.

THE RED BULLETIN 79


Gehirnforschung

6

Wie wir

uns zum

Traumjob

denken

Die Erklärung: Glaube kann Berge

versetzen – das stimmt tatsächlich.

Eine präzise Vorstellung wird vom

Gehirn als wahr betrachtet und führt

dazu, dass zum Beispiel der Traumjob

Wirklichkeit wird.

Im Detail: Jeder Gedanke, der intensiv

genug ist, löst im Gehirn die Ausschüttung

von Nervenbotenstoffen

(Neurotransmittern) aus. Bei negativen

Gedanken erzeugen sie Stress,

bei positiven machen sie uns zu erfolgreichen

Menschen. Aus diesem

Grund gilt: „Achte auf deine Gedanken

– sie erzeugen deine Welt!“

Für die Ausschüttung der Botenstoffe

spielt es erstaunlicherweise keine

Rolle, ob wir uns eine Situation nur

vorstellen oder sie echt erleben, denn

das Unterbewusstsein kann nicht zwischen

Fiktion und Fakten, zwischen

Traum und Wirklichkeit unterscheiden.

Eine im Unterbewusstsein verankerte

Vorstellung wird auf die Art

zur „persönlichen Wahrheit“. Jeder

Gedanke hinterlässt im Gehirn eine

Gedächtnisspur – ein Muster, das abgerufen

und verfestigt wird, je öfter

wir diese Spur benutzen. Denken wir

uns also nur oft genug in unseren

Traumjob (und tun natürlich auch

etwas dafür, dass wir dort gebraucht

werden), steigert das die Chancen,

diese Stelle tatsächlich zu bekommen.

Genau so verwurzeln sich auch andere

Glaubenssätze, positive wie – aufgepasst!

– negative: Die Sätze „Du

taugst nichts“, „Das schaffst du nie“,

„Du bist zu dick“ können so zur fixen

Idee und in der Folge wahr werden.

7Warum Multitasking

Blödsinn ist (und

trotzdem ans Ziel

führen kann)

Die Erklärung: Multitasking funktioniert

nicht, sagt die Hirnforschung.

Wer trotzdem alles gleichzeitig macht,

wünscht sich vermutlich unbewusst

eine Änderung seines Lebens.

Im Detail: Wer mehrere Dinge zur

gleichen Zeit macht, schenkt keiner

von ihnen die nötige Aufmerksamkeit.

Das führt zu Schlampereien und

Fehlern. Im Wiederholungsfall wird

womög lich der Chef reagieren – etwa

mit Versetzung oder Kündigung

– und so für die unbewusst herbeigesehnte

Veränderung sorgen.

8Warum Verliebtsein

stärker (und gesünder)

als jede Droge ist

Die Erklärung: In der Verliebtheitsphase

werden vom Gehirn die gleichen

Neurotransmitter ausgeschüttet

wie beim Kokainkonsum. Die Folge:

das gleiche Hochgefühl, aber ohne

die gesundheitlichen Risiken.

Im Detail: Die ersten Auswirkungen

von Sich-Hals-über-Kopf-Verlieben

und dem Konsum von Kokain sind

recht ähnlich. Man spürt unfassbare

Euphorie, mitunter Appetitlosigkeit

und überbordende Motivation –

das ist bei Liebe und Droge gleich.

Nervenbotenstoffe (Neurotransmitter)

lassen sich also durch einen

anderen Menschen oder mit Chemie

beeinflussen. Die Liebe schädigt

allerdings nachweislich weder die

Herzwände noch die Organe, und

irgendwann stabilisiert sich auch

der Schlaf rhythmus wieder.

Ein verliebtes Gehirn schüttet

die gleichen Neurotransmitter

aus wie beim Drogenkonsum.

Aber ohne Risiko für die Gesundheit.

80 THE RED BULLETIN


9

Wie wir

der Angst

die Kraft

nehmen

Die Erklärung: Angstzustände werden

oft durch eine falsche „Programmierung“

im Unterbewusstsein verursacht

– und sind durchaus behandelbar.

Im Detail: Das Unterbewusstsein ist

leider – im Gegensatz zum Bewusstsein

– nicht rational und analytisch,

sondern stellt oft Verknüpfungen her,

die nicht logisch sind. Solche „Fehlprogrammierungen“

können Ängste,

aber auch Blockaden, Suchtverhalten,

Allergien oder andere körperliche

Symptome auslösen, deren Ursache

analytisch nicht zu ergründen ist.

Durch moderne Hypnosetherapie

kann jedoch der Ursprung des Angstgefühls

aufgedeckt und neutralisiert

werden. Das Ergebnis der Veränderung

ist messbar, indem man beispielsweise

die Hirnleistung in einem

bestimmten Netzwerk in gewissen

Situationen vor und nach einer

Therapie misst. Ein Trauma kann

innerhalb weniger Millisekunden

entstehen – aber mit einer Therapie

auch ebenso schnell aufgelöst

werden.

BRAINPICS GMBH

GEHIRNE ABSTRAKT

Zwei weitere Magnetresonanz-Kunstwerke

von Hussong und Stämpfli. Wer sein eigenes

Gehirn als Bild an die Wand hängen will,

kann eine Sitzung hier buchen: brainpics.ch

THE RED BULLETIN 81


A N Z E I G E

must-haves

1

2

3

4

1 JUNGE LIEBE

Tim Thoelke, Stadionsprecher von RB Leipzig, interviewt

44 Fans: Egal ob Lokführer, Lehrerin, Professor

oder Boxerin – sie erzählen von den schönsten

Momenten der jungen Vereinsgeschichte. Fotograf

Enrico Meyer porträtiert die Fans für diesen einzigartigen

Text-Bild-Band, der zeigt, dass Fußball ein

Sport ist, der ohne Fans nur halb so großartig wäre!

pantauro.com

4 PERFECT MATCH

Was kommt dir in den Sinn, wenn du an das perfekte

Mountainbike denkst? Richtig, das brandneue

SCOTT Spark. Warum? Tja, abgesehen davon, dass

es schnell, leicht und für verschiedenstes Terrain

geeignet ist, sieht es auch verdammt gut aus. Sportliches

Trail Bike? Downcountry Rig? Race Maschine?

Es bleibt ganz dir überlassen, wie du es nennst.

scott-sports.com

5

2 SPECIAL EDITION

In Zusammenarbeit zwischen CASIO EDIFICE und

dem F1-Rennstall AlphaTauri ist ein neuer Connected

Chronograph entstanden: Die EQB-1000AT-1AER

verkörpert gekonnt sportliche Leistungskraft und

einen lässigen Lifestyle. Markante Stilelemente aus

der Welt des Motorsports spiegeln sich im Design

wider, das Gehäuse ist aus massivem Edelstahl.

edifice.de

5 DIE SPORTBRILLE FÜR ALLES

Egal ob zum Biken, Wandern oder Laufen: Die federleichte

Sportbrille The HAWK von NAKED Optics

wird allen Anforderungen gerecht. Der stylishe Allrounder

ist sehr flexibel und durch das magnetische

Schweißband und das Brillenband angenehm zu

tragen. Für die beste Sicht bei allen Bedingungen

sorgen insgesamt 6 Wechselgläser.

nakedoptics.net

6

3 WILDES DING

Die Brixton Felsberg 125 XC verwandelt jedes noch

so schwierige Gelände in ein Paradies. Gebaut nach

dem Vorbild einer klassischen Enduro, wurde dieses

Motorrad entwickelt, um immer wieder schmutzig

gemacht zu werden. Mit seinem hohen Vorderradkotflügel

und dem starken Unterbodenschutz ist

die Felsberg 125 XC für jedes Abenteuer gerüstet.

brixton-motorcycles.com

6 EASY TO LOVE

Skandinavisches Design gepaart mit Premium-

Qualität: Die leichte und schlanke Suunto 9 Peak

überzeugt bei Tag und Nacht mit viel Leistung und

höchstem Komfort. Mit bis zu 170 Stunden GPS-

Akkulaufzeit, über 80 Sportarten, Barometer,

Herzfrequenz- und Blutsauerstoffmessung ist

sie ein stylisher Begleiter für alle Abenteurer.

suunto.com


GUIDE

Tipps für ein Leben abseits des Alltäglichen

FELS IM GRIFF

Die Schweiz mediterran:

auf Boulder-Tour

im Tessin mit Maestro

Giuliano Cameroni

STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL SIMON SCHREYER

83


GUIDE

Reisen

„Im Tessin gibt es eine

höhere Konzentration

an kniffligen Felsproblemen

als überall

sonst in Europa.“

Boulder-Profi Giuliano

Cameroni, 24, erzählt uns

von seiner Kletter-Heimat

I

ch war noch nicht einmal geboren,

da war ich schon auf den Felsblöcken

des Tessins unterwegs. Meine Mutter

ließ es sich nämlich nicht nehmen, sogar

während der Schwangerschaft zu

bouldern (also in Absprung höhe zu klettern,

Anm.). Auch mein jüngerer Bruder

Diego und mein Vater Claudio (der ganz

besonders!) sind in meiner Heimat als

Boul derer bekannt. Mein Vater hat sogar

vier beliebte Guides über das Tessin

verfasst. Klettern ist bei uns also eine

echte Familienangelegenheit. Und die

Boulder-Felder der Umgebung waren

bereits meine Spielwiese, als ich erst

vier Jahre alt war.

Im Tessin befinden sich vier wichtige

Boulder- Gebiete: Cresciano, Chironico,

Brione und den Gotthardpass. Sie alle

zeichnen sich durch hohe Felsqualität

aus. Die Granit- und Gneisblöcke verfügen

über kompakte Strukturen – gerade genug

für Griffe und Leisten. Es kommt so

gut wie nie vor, dass ein Griff ausbricht.

Außerdem ist der Fels so gestaltet,

dass sich die Bewegungen ganz von

selbst ergeben. Es ist beinahe so, als

hätte die Schöpfung für uns mitgedacht.

Hier spricht der Fels zu den Kletterern.

Steiniges Zuhause: Boulder-Profi Giuliano Cameroni auf einem Felsblock im Tessin

Der klare Bergbach

im Tessiner Verzascatal

erzeugt natürliche

Whirlpools. Hier findet

man nach dem Bouldern

herrliche Abkühlung.

84 THE RED BULLETIN


Anreise

Mit dem Auto: Von Zürich

aus erreicht man den

Gotthardtunnel in etwa

eineinhalb Stunden (keine

Maut!). Eine Autobahn-

Vignette für 10 Tage kostet

€ 9,40 / CHF 10.29. Am

besten gleich einen

Zwischenstopp einlegen,

denn der Gotthardpass ist

für sich schon ein Boulder-

Traumziel. Fährt man doch

durch den Tunnel, so erreicht

man ungefähr eine

Stunde nach der Tunnelausfahrt

Bellinzona. Von dort

sind es nur noch wenige

Minuten bis Cresciano.

Bern

Mit der Bahn: Die Fahrzeit

von Zürich nach Bellinzona

beträgt etwa 2 Stunden.

(Ticket: € 71,– / CHF 77.80).

Schweiz

KANTON TESSIN

Cresciano

Lugano

Zürich

Der Ort Lavertezzo in der Valle Verzasca: Hier können Besucher bouldern und wildbaden.

STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL, EVOLUTIONCENTER.CH,

GETTY IMAGES (2) SIMON SCHREYER

Im Tessin gibt es so eine höhere Konzentration

an kniffligen Felsproblemen

als überall sonst in Europa – genau das

begeistert den ambitionierten Boulderer.

Und meine Erfahrung ist: Jeder Felsen

hat seine ganz eigene Energie.

Ob Anfänger oder Experten:

Hier können alle klettern

Drei der Boulder-Probleme möchte ich

hier genauer vorstellen. Sie befinden sich

in meinem Lieblingsgebiet – in Cresci ano.

Fangen wir mit dem schwierigsten an (in

der Klammer steht jeweils der Boulder-

Schwierigkeitsgrad aus der Skala bis

9a): Dreamtime (8b+/8c), 7 Meter lang,

3 Me ter hoch, ist ein Klassiker mit

Für Regentage: Kletterhalle Evolution in Taverne

Gut zu wissen

Unterkunft: Barbara und Cornelia

betreiben das Ostello Cresciano, das

sich unter Kletterern zunehmender

Beliebtheit erfreut. Dort ist das

Frühstück inkludiert, das Wi-Fi gratis

und die Lounge gemütlich. Als Alternative

bieten sich Airbnb an oder drei

Campingplätze (Al Censo, Bellinzona

oder Agri turismo La Finca), wenn ihr

mit dem Van anreist.

An Regentagen bieten sich zwei

Indoor-Anlagen zum Klettern an:

Alphaboulder in Giubiasco und

die Sportkletterhalle Evolution

(Bild links) in Taverne.

Infos: ostello-cresciano.online

THE RED BULLETIN 85


GUIDE

Reisen

Die Ponte dei Salti im Verzascatal lädt Wagemutige zum Sprung ins Wasser.

20 Zügen und einem Dyno (Sprung) am

Ausstieg. Die Route führt durch einen

45-Grad-Überhang, steigt von rechts

nach links und führt dann mittig nach

oben. Was ich hier mag, ist der geschmeidige

Bewegungsfluss.

La grotte des soupirs (7c), 4 Meter

lang, 2 Meter hoch, ist ein höhlenartiges

Dach mit weiten Griff abständen.

Sie bietet einen nicht zu schwierigen,

aber kräftezehrenden Ablauf. Anstrengung

und Akustik haben Erstbegeher

Fred Nicole zu dem Namen inspiriert:

die Höhle der Seufzer.

Il Cerchio Celtico (6a+), 4 Meter

lang, 2 Meter hoch, wohl ein ehemaliger

keltischer Kultplatz, befindet sich

auf einem Hügel mit unglaublichem

Panorama. Auf den Boulder führen

fünf Routen, die sich zum Aufwärmen

für Könner oder als Startpunkt für Anfängerinnen

und Anfänger eignen.

Die meisten Boulder stehen tief

in der wilden Landschaft versteckt,

weitab jeder Zivilisation. Ein weiterer

„Im Tessin spricht

der Fels zu

den Kletterern.“

Giuliano Cameroni, 24, Boulder-Profi

Pluspunkt der Gegend: Im Tessin lässt

sich das ganze Jahr über klettern. Und:

Es scheint extrem oft die Sonne!

Zur Abkühlung in der

Verzasca baden

Dazu kommt noch, dass die Gegend

eine besonders friedvolle Ausstrahlung

hat. Falls in Cresciano einmal viel

los sein sollte (was aber selten vorkommt),

kann man immer noch nach

Chironico in Leventina ausweichen.

Zur Abkühlung baden meine Freunde

und ich gern in der Verzasca. Der

klare Bergbach in dem idyllischen Tal

erzeugt natürliche Whirlpools mit sanfter

Strömung. Attraktive Alter native

dazu: Ponte Brolla im nahe ge legenen

Maggiatal. Dort kann man aus mehreren

Metern Höhe ins Wasser springen

und manchmal auch professionellen

Cliff-Divern zuschauen.

Mehr über Giuliano Cameroni:

Instagram: @giuliano_cameroni,

redbull.com

GETTY IMAGES, STEFAN KUERZI/RED BULL CONTENT POOL SIMON SCHREYER

86 THE RED BULLETIN


Spitz

die Ohren

The Red Bulletin gibt’s nun auch zum

Anhören: inspirierende Interviews, scharfe

Porträts, abenteuerliche Reportagen.

Jeden Mittwoch –

überall, wo es Podcasts gibt.

Jetzt reinhören

und gleich abonnieren.

Plus:

MICHAEL KÖHLMEIERS

Kolumne

Boulevard der Helden

als Podcast-Serie


GUIDE

Lesestoff

KLASSIKER, NEU ERZÄHLT

Märchenhaft böse

„Alice im Wunderland“ und andere Geschichten auf die harte Tour: US-Bestsellerautorin

Christina Henry interpretiert weltberühmte Kinderbuch-Klassiker für Erwachsene neu.

Text JAKOB HÜBNER

Lewis Carroll war nicht

nur Schriftsteller, Fotograf

und Theologe – er

war auch studierter Mathematiker.

Und als solcher

mit den Grundsätzen der

Logik bestens vertraut. Der

Brite wusste also ganz genau,

wo er den surrealen Hebel

ansetzen musste, als er 1865

sein weltberühmtes Nonsens-

Märchen „Alice im Wunderland“

zu Papier brachte. Das

schmale Büchlein entfaltete

breite Wirkung. Die Abenteuer

der kleinen Alice, die via Kaninchenbau

in ein absurdes

Fantasiereich plumpst, sind

ein verlässlicher Kandidat

in sämtlichen Ranglisten mit

der Überschrift „Klassiker

der Weltliteratur“. Außerdem

schaute Alice in den vergangenen

150 Jahren einer Reihe

von namhaften Künstlern

– von Salvador Dalí bis John

Lennon – konspirativ über die

Schulter. Und ganz nebenbei

wurde die Geschichte und

ihre Fortsetzung „Alice hinter

den Spiegeln“ bis heute rund

50 Mal verfilmt.

Nicht schlecht für ein

Kinderbuch.

Noch tiefer aus dieser

sprudelnden Inspirationsquelle

schöpft die US-amerikanische

Autorin Christina

Henry. Anstatt lediglich ein

paar Rosinen aus dem Wunderland

zu picken, schnappt

sie sich gleich den ganzen

Kuchen. Ihre dunklen „Chroniken

von Alice“ sind so etwas

wie eine literarische Coverversion

des Märchens für Erwachsene.

Der Ordnung halber

muss man an dieser Stelle

sagen, dass sie nicht die Erste

ist, die eine Neu interpretation

dieses Kinderklassikers wagt

(siehe Tipps rechts), allerdings

ist sie die bisher Erfolgreichste

– und die bei weitem

Böseste.

Henry verankert ihre

„Alice“-Adaption in zwei Bereichen.

Erstens: Alle tragenden

Figuren stammen aus

dem Original. Zweitens: Das

Absurde kommt auch bei

ihr mit der entwaffnenden

Selbstverständlichkeit eines

VINZ SCHWARZBAUER

88 THE RED BULLETIN


Erster Absatz aus

„Finsternis im Wunderland“

Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, sich bis ganz nach

oben streckte, die Wange an die Wand legte und den Kopf nach

links drehte, konnte sie durch die Gitterstäbe gerade so den

Rand des Monds sehen. Eine Scheibe Käse, eine Scheibe Kuchen,

eine Tasse Tee, um der Höflichkeit Genüge zu tun. Einmal

hatte ihr jemand eine Tasse Tee angeboten, jemand mit blaugrünen

Augen und langen Ohren. Komisch, dass sie sich nicht

an sein Gesicht erinnern konnte. Dieser Teil ihrer Erinnerung

war nebelig, wie in Rauch gehüllt, abgesehen von den Augen

und den Ohren. Und die Ohren waren lang und pelzig gewesen.

LESETIPPS

Es war einmal …

Noch mehr Märchen

für Erwachsene

Traums daher – diesfalls jedoch

mit der eines Albtraums.

Alice, missbraucht und von

ihrer Familie verstoßen, sitzt

seit rund zehn Jahren in der

gut gepolsterten Zelle einer

düsteren Irrenanstalt, deren

therapeutische Fähigkeiten

sich auf zwei Dinge reduzieren:

sedieren und wegsperren.

Abgesehen von den sadistischen

Pflegern hat sie – durch

ein von einer Maus gegrabenes

Loch – nur zu einem Menschen

sozialen Kontakt: ihrem

Zellennachbarn Hatcher. Der

ist ein Axtmörder mit einer bipolaren

Störung – sonst aber

ein liebenswerter Mensch und

ein virtuoser Kämpfer.

Als in der Anstalt Feuer

ausbricht, können Alice und

Hatcher gemeinsam fliehen.

Beide sinnen auf blutige Rache.

Auf ihrer Liste: der Grinser,

die Raupe, das Walross,

das Kaninchen, der Jabberwock

und die weiße Königin.

Während Hatcher den Weg

mit recht rustikalen Methoden

freihackt, dämmert Alice

allmählich, dass ihr Wahnsinn

einen gewissen Zauber in

sich birgt …

Obwohl man die 1974 geborene

Christina Henry nicht als

Newcomerin bezeichnen kann

– ihre „Black Wings“-Serie

sammelt bereits seit Jahren

eifrig Sternchen –, kam der

Hype um Alice doch ein wenig

überraschend. Der erste Band

„Finsternis im Wunderland“

enterte vom Stand weg die internationalen

Bestsellerlisten

und wurde in „Amazon’s Best

Books of the Year“ gewählt.

Begleitet wurde der kommerzielle

Erfolg von wohlwollenden

Worten aus Feuilletons,

die derartige „U-Literatur“

normalerweise bestenfalls

vom Wegsehen kennen. Was

vermutlich nicht nur an der

berühmten Vorlage, sondern

auch an Henrys zutiefst eigenwilligem,

kindlich-brutalem

Erzählstil liegt, dessen Ambivalenz

eine ganz seltsame

Stimmung erzeugt. Streckenweise

fühlt man sich, als lausche

man dem düsteren Betthupferl

am Lagerfeuer eines

Jungscharcamps, aber dann

haut Henry auch immer wieder

Sätze raus, die man sich

am liebsten einrahmen und an

die Wand hängen würde.

Und da kommt noch mehr:

Die dunklen Chroniken von

„Peter Pan“ sind für 21. Juni

angekündigt, und auch jene

von „Meerjungfrau“ und „Rotkäppchen“

sind bereits in der

Übersetzung. Mit dem Spruch

„Erzähl mir keine Märchen!“

braucht man Christina Henry

also nicht zu kommen …

CHRISTINA HENRY

„Finsternis im Wunderland.

Die Chroniken von Alice“

Deutsch von Sigrun Zühlke

Penhaligon, 352 Seiten

FRANK BEDDOR

Frank Beddor, der mit dem

US-Ski-Team zweimal die

Freestyle-Weltmeisterschaft

holte, stürzt sich in seiner

Interpretation von „Alice

im Wunderland“ ohne Rücksicht

auf Verluste in einen

Fantasy-Thriller voller Action,

in dem aber auch der Humor

nicht zu kurz kommt.

Im Vorwort verspricht der

Autor eine Geschichte

„voll Blut vergießen, Mord,

Rache und Krieg“.

Und er hält Wort.

„Das Spiegellabyrinth“

(dtv)

NICOLE BÖHM

Für ihre Jugendbuchserie

„Die Chroniken der Seelenwächter“

wurde Nicole Böhm

bereits zweimal mit dem

Deutschen Phantastik Preis

ausgezeichnet. Das gelang

ihr auch mit dem – deutlich

düsterer angelegten – Roman

„Wer hat Angst vorm bösen

Wolf?“, der gemeinsam mit

„Spieglein, Spieglein an der

Wand“ eine märchenhafte

Dilogie bildet, in der

neben Spannung auch

die Romantik knistert.

„Das Vermächtnis

der Grimms“

(Drachenmond Verlag)

WALTER MOERS

Walter Moers (bzw. sein Alter

Ego Hildegunst von Mythenmetz)

ist vermutlich der

genialste Märchenonkel der

Gegenwartsliteratur. In „Ensel

und Krete“ versetzt er das

berühmte Geschwisterpaar

der Brüder Grimm in sein

legendäres Zauberreich

Zamonien, in dem sich –

vom gemeingefährlichen

Laubwolf bis zum doppelköpfigen

Wollhühnchen –

allerhand absonderliche

Geschöpfe tummeln.

„Ensel und Krete“

(Penguin Verlag)

NELSON MANDELA

In dieser 2004 erschienenen,

prächtig illustrierten Anthologie

versammelt der Freiheitskämpfer,

Friedensnobelpreisträger

und erste

schwarze Präsident Südafrikas

die schönsten Märchen

seines Kontinents.

Das Buch ist eine wahre

Schatztruhe voll poetischer

Juwele, die vor Witz und

Weisheit nur so funkeln und

deren exotischer Zauber Kinder

ebenso in seinen Bann

zieht wie Erwachsene.

„Meine afrikanischen

Lieblingsmärchen“

(dtv)

THE RED BULLETIN 89


GUIDE

Tipps & Trends

ZUG UM ZUG BESSER WERDEN

CHESSUP: SCHLAUER SCHACH SPIELEN LERNEN

Die Idee: Schachspielen lernen beziehungsweise sein

Schachspiel ver bessern – per Interaktion mit dem Brett,

einer schlauen Software und echtem Know-how von Großmeister

Levon Aronian. Für Weihnachten notieren – das

Gerät soll im November marktreif sein. indiegogo.com

DIE WOLLEN

NUR SPIELEN

GAMESCOM 2021

Brandneue Games, innovative

Technik und jede Menge Unterhaltung:

Ende August (25. – 27.)

steigt das größte Games-Event

des Planeten nochmals rein

digital. Los geht’s mit der Show

„gamescom: Opening Night

Live“. gamescom.de

STARKES

LEICHTGEWICHT

Wiegt 4 Kilo, fasst

41 Liter und

ist kabinentauglich.

EINFACH BLAU MACHEN

FLOYD CABIN

Ein Koffer, der so viel Schwung bringt wie die Skateboarder

in den 1970er-Jahren. Deshalb auch die knallroten Rollen

– als Verweis auf die Inspiration durch die frühen Asphalthelden.

Die schöne Farbe heißt „Miami Blue“, innen gibt’s

zwei große verschließbare Fächer. floyd.one

KOELNMESSE/GAMESCOM/OLIVER WACHENFELD, STEFAN VOITL/RED BULL CONTENT POOL

90 THE RED BULLETIN


BOOTS FÜR ABENTEURER

BALLY NOKOR

Ein Schuh, der auch Professor Indiana „Indy“ Jones

ge fallen würde – feinstes Leder, trittfeste Sohle, bestens

geeignet für aufregende Höhlenabenteuer inklusive

weniger erfreulicher Schlangen-Begegnung. bally.eu

BOCK AUF STIL

Das feine Leder

aus Italien wurde

pflanzlich gegerbt.

Richtig gutes Zeug

Ein schlaues Brett, eine tiefschwarze Uhr und ein Skater-

Trolley – unsere besten Empfehlungen. Text WOLFGANG WIESER

CHAMPIONS AUF PUMP

RED BULL UCI PUMP TRACK WORLD CHAMPIONSHIPS

Rasantes Tempo, steile Kurven, pures Spektakel: In der

Disziplin Pump Track beschleunigen die Biker (rechts im

Bild: Martin Söderström) mittels Hochdrücken des Körpers

aus der Tiefe („Pumpen“). Am 28. August gastiert die

Weltmeisterschaft im Mellowpark in Berlin. redbull.com

SCHWARZE

SCHÖNHEIT

TUDOR BLACK BAY CERAMIC

Diese Uhr macht ihrem Namen

alle Ehre: Selbst ihr Werk ist tiefschwarz.

Es ist der erste Master

Chronometer der Marke, heißt:

Bei Präzision, Magnetfeldresistenz

und Gangreserve werden

höchste Standards erfüllt – per

Test bestätigt. tudorwatch.com

THE RED BULLETIN 91


B O U L E V A R D D E R H E L D E N

MARK SPITZ

VERLIEBT IN SUPERMAN

Serie: MICHAEL KÖHLMEIER erzählt die außergewöhnlichen Geschichten

inspirierender Figuren – faktentreu, aber mit literarischer Freiheit.

Folge 5: Teenie-Schwärmerei für einen Meisterschwimmer im Sommer 1972.

Das ist eine alte Geschichte, an die

manchmal gern, manchmal ungern

erinnert wird. Sie trug sich im

Sommer 1972 zu. Die Olympischen

Spiele fanden in München statt.

Wir alle, die damals so viel Freude am

Sport hatten, denken gern daran – mein

Onkel Hans war Schiedsrichter beim Hochsprung

der Damen; und wir denken nicht

gern daran, denn ein großes Verbrechen

war geschehen: Palästinensische Terroristen

überfielen das Camp der israelischen

olympischen Mannschaft und ermordeten

zwei Sportler. Insgesamt starben siebzehn

Menschen.

So viel Freiheit war in meinem Leben

damals. Ich war Student, in den Semesterferien wollte

ich arbeiten, um wenigstens einen Teil meines Studiums

selbst zu verdienen. Genauso mein Freund. Es gab die

Möglichkeit, in der Schweiz auf den Feldern Bohnen

zu ernten, da konnte man gut Geld machen und eine

interessante sonnenbraune Haut bekommen, aber die

Arbeit war beschwerlich – und: Wir wären nicht dazugekommen

fernzusehen, wir hätten die meisten Wettbewerbe

verpasst. Das allein war unser Antrieb, dem

ORF ein Hörspiel anzubieten, das erste, wir hatten

keine Erfahrung. Aber der ORF nahm an, und wir

verdienten etwa genauso viel wie auf den Schweizer

Bohnenfeldern. Und wir konnten uns im Fernsehen

die Olympischen Spiele ansehen.

Das war Glück.

Meine Familie hatte damals noch keinen Fernseher.

Aber die Familie meines Freundes hatte einen. Er

studierte auch, fast das Gleiche wie ich, er hatte eine

sehr liebe kleine Schwester, sie war erst vierzehn und

interessierte sich überhaupt nicht für Sport. Sie mochte

ihren Bruder gern, und mich mochte sie auch, ich darf

MICHAEL KÖHLMEIER

Der Vorarlberger

Bestsellerautor gilt

als bester Erzähler

deutscher Zunge.

Zuletzt erschienen:

„Die Märchen“,

816 Seiten, Verlag

Carl Hanser.

mir sogar einbilden, sie mochte mich besonders

gern, und deshalb setzte sie sich zu uns

und schaute sich gemeinsam mit uns an,

was da alles in München geschah. Und dann

verliebte sie sich. Und sie verliebte sich so

heftig, so bedingungslos, voll Hingabe und

Verzweiflung – nie in meinem Leben bin ich

einem solchen Überschwang begegnet.

Sie verliebte sich in Mark Spitz.

Und das war ja auch ganz leicht. Mark

Spitz war Schwimmer, er trat für die USA

an. Er war ein schöner Mann – das erstens.

Zweitens war er am Ende der Spiele der

erfolgreichste olympische Sportler aller

Zeiten. Sieben Goldmedaillen hat er gewonnen!

Außerdem sieben Mal Weltrekord!

Und das innerhalb einer Woche! Zu groß, um es nur zu

erwähnen; ich will, ich muss aufzählen: Am 28. August

200 Meter Schmetterling und 4 × 100 Meter Freistil,

am 29. August 200 Meter Freistil, am 31. August

100 Meter Schmetterling und 4 × 200 Meter Freistil,

am 3. September 100 Meter Freistil, am 4. September

4 × 100 Meter Lagen. Während sich seine Konkurrenten

alle Haare vom Körper rasieren ließen, um

dadurch vielleicht um ein paar Hundertstel schneller

zu sein, trat Mark Spitz mit fast schulterlangen braunen

Locken auf und mit einem attraktiven Schnurrbart.

Hundertstelsekunden spielten bei ihm keine

Rolle, wo er doch alle anderen manchmal sogar um

einige Längen hinter sich ließ.

Die Schwester meines Freundes versäumte keinen

Start. Sie fieberte. Sie fieberte nicht, weil sie sich

um einen Sieg ihres Idols sorgte. Nein. Jeder

wusste, Mark Spitz würde in allen Disziplinen, in denen

er antrat, gewinnen. Sie fieberte, weil sie fürchtete,

er könnte schon vergeben sein. Sie war vierzehn

MICHAEL KÖHLMEIER BENE ROHLMANN, CLAUDIA MEITERT GETTY IMAGES

92 THE RED BULLETIN


THE RED BULLETIN 93


B O U L E V A R D D E R H E L D E N

Jahre alt, aber doch nicht so naiv, dass sie dachte,

sie könne diesen Prinzen des Wassers erobern. Nicht

in der Wirklichkeit jedenfalls. Aber in ihren Träumen.

Nur Verrückten gelingt es, ihre Träume ganz und gar

von der Wirklichkeit zu lösen – ich kann mir nicht

einbilden, ein Wolf zu sein, aber ich kann mir einbilden,

einen dressierten Wolf zu besitzen. Ich will

der Schwester meines Freundes einen Namen geben,

einen falschen Namen, ich hoffe, das wird mir niemand

nachtragen. Ich nenne sie Marianne. Mariannes

Traum wäre zerstört worden, hätte sie erfahren, Mark

Spitz sei verheiratet oder verlobt oder sonst wie gebunden.

Sie stutzte ihre Träume zurecht. Wenigstens

die Hand wollte sie ihm geben. Wenigstens ein paar

Worte wollte sie mit ihm wechseln. Vielleicht ihm das

Handtuch reichen, wenn er aus dem Bassin steigt.

Und dann war sie weg. Es war am 4. September,

Marianne war verschwunden.

Ohne einen Brief. Ohne jemandem etwas zu sagen.

Ihr Bruder berichtete, er sei früher als sonst aufgewacht,

er wollte Marianne wecken, sie war nicht

mehr da. Als sie bis zum Abend nichts von ihr hörten,

verständigten die Eltern die Polizei.

Ach, es ist eine merkwürdige Geschichte! Meine

Familie hatte damals nicht nur keinen Fernseher,

wir hatten auch kein Telefon. Wenn ich telefonieren

wollte, ging ich in den Gemischtwarenladen

in unserer Straße. Jeder in unserer Straße kannte die

Nummer dieses Ladens. Marianne auch. Am Morgen

des 5. September klingelte es an unserer Haustür,

die Angestellte des Ladens stand draußen und sagte,

ich werde am Telefon verlangt. Es war Marianne. Sie

rief aus München an, von einer Telefonzelle. Sie habe

leider nur wenige Münzen sagte sie, sie sprach schnell

und mit hoher, aufgeregter Stimme. Ich solle bitte

ihren Eltern ausrichten, es gehe ihr gut, sie sei sehr,

sehr glücklich. Mich bat sie, ich solle sie in München

abholen, sie habe kein Geld mehr für die Rückreise.

Ich fragte, wo ich sie denn treffen könne. Sie rief in den

Hörer: „Bei Mark …“ Dann brach die Verbindung ab.

Ich mochte Marianne von Herzen gern, also fuhr

ich nach München. Aber wo ist „bei Mark“? Dass sie

Mark Spitz gemeint hatte, das war klar. In diesen

Tagen war dieser Mann der größte Star der Welt. Den

kann man nicht einfach treffen. Zugleich aber dachte

ich, wenn es jemand kann, dann Marianne. Was wird

sie tun? Mit dem unbedingten Zutrauen eines vierzehnjährigen

verliebten Mädchens wird sie sich durch die

„Mark Spitz habe ihr

einen Kuss gegeben.

Auf den Mund.

Hundertprozentig.“

Stadt zum olympischen Dorf fragen und dort zu den

amerikanischen Sportlern und dort zu Mark Spitz.

Also, dachte ich, mache ich es genauso. Und ich traf

sie. Sie saß, an die Wand einer Baracke gelehnt,

im amerikanischen Bezirk und lachte mir entgegen.

Sie habe, rief sie mir schon weitem zu, Mark Spitz

getroffen. Er habe sie auf eine Jause eingeladen und

ihr eine Limonade spendiert. Und dann habe er ihr

einen Kuss gegeben. Auf den Mund. Hundertprozentig.

„Gott, ich lüge nicht!“

Was soll ich sagen: Ich glaubte ihr.

„Glaubst du mir?“, fragte sie.

„Ich glaube dir“, sagte ich.

„Hundertprozentig?“

„Hundertprozentig.“

Sie war glücklich. Wir gingen den weiten Weg

in die Stadt, und dort lud ich sie auf ein Eis ein, nicht

irgendein Eis, sondern ein sechsstöckiges, das nur zur

Hälfte abgeschleckt werden konnte, der Rest tropfte

ihr über die Hand und den Ärmel hinunter auf die

Beine und die Schuhe, es war ein sehr heißer Tag.

Sie lachte darüber. Sie war glücklich. Über und über.

„Also erzähl“, sagte ich. „Wie ist er?“

Sie wollte gerade beginnen – ich schwöre –, da war

um uns herum plötzlich ein Tumult – Polizeisirenen

heulten, Menschen schrien, Durchsagen ertönten.

Was war geschehen? Terroristen hatten das Haus des

israelischen Olympiateams gestürmt, zwei Männer

erschossen und die anderen als Geiseln genommen.

Einer neben uns sagte, sie hätten auch Mark Spitz in

ihrer Gewalt, er sei zwar Amerikaner, aber Jude, und

die Terroristen wollten alle Juden töten.

Marianne brach zusammen und weinte und weinte

weiter, noch als wir erfuhren, dass Mark Spitz in Sicherheit

sei. Er sei unter einer Decke in einem Auto aus

dem olympischen Dorf gebracht und nach London

ausgeflogen worden.

Dreißig Jahre später war Marianne in Amerika. Sie

besuchte ihren Bruder, meinen Freund, er war

inzwischen ein ziemlich berühmter Rockmusiker.

Sie erkundigte sich nach Mark Spitz, fand heraus, wo

er lebte, mietete sich einen Pontiac Firebird, fuhr nach

Modesto in Kalifornien und klingelte an seiner Tür.

Und Mark Spitz himself öffnete.

Und Mark Spitz himself lud sie zu sich in sein Haus

ein, er selbst ließ ihr einen Kaffee aus der Espressomaschine

rinnen, er selbst holte einen Kranz Eiskuchen

aus dem Tiefkühlschrank. Er sah immer noch gut aus,

die Haare waren inzwischen grau geworden, auch der

Oberlippenbart – Marianne vermutete, er färbe ihn

den Haaren nach, was sie als geschmackvoll wertete.

Sie verbrachten einen netten Nachmittag miteinander.

Marianne erzählte ihm, dass sie vor dreißig

Jahren einen sehr, sehr guten Freund angelogen habe,

dass sie diesem Freund erzählt habe, sie habe ihn,

Mark, in München während der Olympischen Spiele getroffen,

ihn persönlich, im olympischen Dorf, sie habe

94 THE RED BULLETIN


„Sie habe kein Glück

mit Männern, sagte sie.

Sie habe sich mit vierzehn

in Superman verliebt,

das sei ihr Verhängnis.“

ihm, Mark, die Hand gegeben und er, Mark, habe sie

auf die Wange geküsst. Sie habe den langen Weg nach

Modesto zurückgelegt, um diese Lüge auszulöschen.

Ob er, Mark, sie, bitte, auf die Wange küssen wolle.

Das tat er.

Weitere zehn Jahre später traf ich Marianne

in Wien. Wir hatten uns in all den Jahren

aus den Augen verloren. Aber das bedeutete

nichts. Sie hatte geheiratet, sich scheiden lassen,

wieder geheiratet, sich wieder scheiden lassen. Sie

sagte zu mir, ich sei der beste Freund in ihrer Jugend

gewesen. Sie sagte, ich solle mich nicht wundern, aber

sie wolle mir das Geld zurückgeben, das ich damals

für ihre Rückfahrt aus München ausgelegt habe. Sie

habe kein Glück mit Männern, sagte sie. Sie habe sich

als Vierzehnjährige in Superman verliebt, das sei ihr

Ver hängnis gewesen. Und dann erzählte sie mir von

ihrem Nachmittag im Haus von Mark Spitz in Modesto

in Kalifornien.

Und was soll ich sagen: Ich glaubte ihr.

„Glaubst du mir?“, fragte sie.

„Ich glaube dir“, sagte ich.

„Hundertprozentig?“

„Hundertprozentig.“

Michael Köhlmeiers Geschichten gibt es auch zum Anhören

im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen

gängigen Plattformen wie Spotify, auf redbulletin.com/podcast

oder einfach den QR-Code scannen.

DAS JAHRESABO

12 The Red Bulletin Ausgaben

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Erhältlich am Kiosk, im Abo, als E-Paper, auf theredbulletin.com

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IMPRESSUM

THE RED

BULLETIN

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Aktuell erscheint

The Red Bulletin

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Österreich-Ausgabe zeigt

den brasilianischen Slackliner,

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über den Wolken von Rio,

abgelichtet von US-Fotograf

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dessen imposantes Portfolio

auf Seite 22 beginnt.

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des Alltäglichen findest du auf:

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Gesamtleitung

Alexander Müller-Macheck, Sara Car-Varming (Stv.)

Chefredaktion

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Die nächste Ausgabe des RED BULLETIN erscheint am 14. September 2021.

NICOLAS MAHLER

98 THE RED BULLETIN


3 TIPPS

VON JEDEM GAST

FÜR DEINEN ALLTAG

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die innovativen Rezepte hinter ihrem Erfolg.

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ZEITNEHMER OLYMPISCHER TRÄUME SEIT 1932

Alle Athleten haben einen Traum. Er lebt in ihren Herzen

und lässt sie nach dem Sieg greifen. An den Olympischen

Spielen in Tokio wird diesen Träumen eine Bühne gegeben.

Es ist der Moment, an dem Inspiration auf Leistungskraft

trifft, Ehrgeiz auf Präzision, und an dem der Offizielle

Zeitnehmer OMEGA dies alles festhält.

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