Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-05-12 (Vorschau)

1230296.3mk4k

Neue Serie

Die Zukunft

der Industrie

15 Technologien,

die Deutschland

neuen Wohlstand

bringen

20

12.5.2014|Deutschland €5,00

2 0

4 1 98065 805008

Deutsche Bank

Der Höllenjob des Anshu Jain

Kalte Progression

Hoffen auf SPD-Chef Sigmar Gabriel

Warum das Risiko steigt.

Wie Sie Ihr Depot absichern

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Einblick

Die Verhandlungen zum transatlantischen Freihandel

stocken. Die Deutschen fürchten die Freiheit,

obwohl sie gewinnen könnten. Von Roland Tichy

Angst vor Hühnern

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

AmHähnchen haben sich schon

Männer die Zähne ausgebissen,

deren Namen wir heute ehrfürchtig

im Geschichtsbuch lesen.

Konrad Adenauer, Charles de Gaulle

und John F. Kennedy – Männer, die weder

die Sowjets, die Nazis oder den Mann im

Mond fürchteten, scheiterten an Hühnern,

tiefgekühlten Schenkeln, Flügeln

und Brüsten; genauer gesagt: an der Frage,

ob und wie diese ohne Zollschranken

tiefgekühlt den Atlantik überqueren dürfen.

Die Protokolle zum Élysée-Vertrag,

als deutsch-französisches Freundschaftsabkommen

einer der Grundpfeiler der

EU, dokumentieren umfangreiche und

knochenharte Auseinandersetzungen zur

Hähnchen-Importfrage. Der europäischamerikanische

Freihandel scheiterte damals

daran. Seither ist die Welt größer

und bunter geworden. Aber dass die

Amerikaner ihre Hähnchen zum Abtöten

böser Bakterien in Chlor tunken, ist noch

immer ein Importhindernis. Neu dazugekommen

sind Risiken, die Europäer anfallen,

sollten sie zu Hause genmodifizierten

Mais essen, der ihnen beim

USA-Urlaub so schmeckt.

Die andere Seite ist nicht weniger pingelig.

Europas Autos müssen wegen Italiens

verwinkelter Gassen die Außenspiegel

einklappen können – was im Land der unendlichen

Prärie unnötig ist. Und Rohmilchkäse

gilt dort als so gefährlich wie

hierzulande hormonbehandelter Schinken.

Ja, der Teufel liegt eben immer im Detail.

Frankreichs Filmindustrie fürchtet

sich vor Hollywood. Und in den USA darf

der Blinker am Heck rot, in Europa muss er

gelb sein.

Neu indes ist: Nicht nur einzelne Wirtschaftsinteressen

machen gegen das

Freihandelsabkommen mobil – auch

viele selbst ermächtigte Verbände, Verbraucherschützer

und NGOs haben bereits

Hunderttausende Unterschriften gesammelt.

Dabei wären gerade die Deutschen die

Nutznießer des Freihandels: Als Exportnation

beweisen die Deutschen tagtäglich,

dass sie nichts mehr fürchten müssen außer

willkürliche Zollschranken. Auch das

Schiedsgerichtsverfahren im Rahmen des

Freihandels, das Investitionen vor willkürlichen

Gesetzesänderungen schützen soll,

bewahrt die Deutschen und ihre Direktinvestitionen

von sagenhaften 1,196 Billionen

Euro rund um den Globus vor dem Zugriff

gieriger Politiker. Investitionsschutzabkommen,

die früher deutsche

Unternehmen vor den Kleptokratien in

Entwicklungsländern schützen sollten,

werden heute abgelehnt. Auch Deutschland

hat vergessen, dass Investitionen, die

auf Jahrzehnte angelegt sind, vor dem willkürlichen

Zugriff der Politik geschützt

werden müssen, weil Investoren eines

brauchen: langfristigstabile Rahmenbedingungen.

Die deutsche Energiepolitik

beispielsweise hat mittlerweile das Verlässlichkeitsniveau

der Politik von Simbabwe.

DER KRIEG DER WELT

Daher würde tatsächlich das transatlantische

Freihandelsabkommen Europa wieder

dazu bringen, die lästige und überflüssige,

in der Summe schädliche Regelungswut

zu überprüfen, die mal Glühbirnen

und Staubsaugermotoren, mal Desinfektionsmittel

oder Autospiegel zwangsnormiert.

Der britische Historiker Niall Ferguson

zeigt in seinem Werk „Krieg der Welt – Was

ging schief im 20. Jahrhundert?“: Um 1900

war die Welt so offen, so globalisiert und so

vernetzt, wie sie es erst heute wieder ist. In

der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg

wurden allüberall Schutzzölle, Überregulierung,

Besteuerung und Defizitfinanzierung

eingeführt – und der

Wohlstand der Welt schrumpfte noch

schneller, verschärfte die innenpolitischen

Krisen bis zur Katastrophe. Noch am besten

kam das britische Empire davon, weil

es in sich eine riesige Freihandelszone war.

Am ärgsten traf die Krise kleinere, auf sich

zurückgeworfene Binnenwirtschaften wie

Deutschland und Italien – die dann den

Raubzug nach Lebensraum antraten. Freiheit

ist eben auch immer Handlungsfreiheit

– und Öffnung der Märkte wohlstandssteigernd.

n

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 3

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Das Ein-Kilometer-Hochhaus

8 Steuerhinterziehung: BaFin torpediert

Selbstanzeigen von Steuersündern

9 Burger King: Dramatischer Absturz |

Schwarzarbeit: Höherer Schaden

10 Interview: Friedensnobelpreisträger Al Gore

prophezeit Europas Niedergang

12 Qatar Airways: Zweifel am A380 | MBB

Clean Energy: Angst um Anleihe | Berliner

Schloss: Steuergeld statt Spenden

14 Chefsessel | Start-up QLearning

16 Chefbüro Jürgen Leiße, Deutschland-Chef

des Lebensmittelmultis Mondelez

Politik&Weltwirtschaft

18 Steuern Wie sich die Bundesregierung an

den Arbeitnehmern noch bereichern will

21 Ortstermin Jungunternehmer trifft auf SPD

22 Landwirtschaft Bauern verdienen mit

ihren Kühen wieder richtig Geld

24 Indien Im Wettstreit der asiatischen Wirtschaftsmächte

hinkt das Land hinterher.

Bringt der Machtwechsel die Wende? | Interview:

Unternehmer Anand Mahindra über

wirtschaftspolitische Defizite seines Landes

32 Forum Europaparlamentarier Alexander

Graf Lambsdorff über Verteilungskämpfe in

der Energiepolitik

33 Global Briefing | Berlin intern

Der Volkswirt

34 Kommentar | New Economics

35 Konjunktur Deutschland

36 Rohstoffradar Die Krise in der Ukraine

treibt die Preise

37 Denkfabrik ifo-Präsident Hans-Werner

Sinn attackiert die Strategie der EZB

Unternehmen&Märkte

38 Deutsche Bank Zwei Jahre nach dem Start

ist noch nicht klar, ob Anshu Jain der richtige

Chef für das Geldinstitut ist | Die Bank greift

bei Verfehlungen jetzt hart durch

46 Interview: Rupert Stadler Der Audi-Chef

erhöht beim Dreikampf die Drehzahl

49 Media-Saturn Dem nächsten Chef der Elektronikkette

droht ein Drei-Fronten-Krieg

50 Merckle Adolf Merckles Sohn Ludwig hat

den Pharmahändler Phoenix gerettet. Doch

nun gefährdet der Erbe den Erfolg wieder

52 Friedberg Wie eine Schraubenfabrikantin

den Strukturwandel gemeistert hat

54 Bayer Nach der jüngsten Übernahme sondiert

Konzernchef Marijn Dekkers weitere

Coups. Doch Kaufkandidaten sind rar

56 CTS Eventim Der Ticket-Riese baut seine

Macht aus und will offenbar nach Übersee

59 Interview: Trevor Edwards Der Nike-

Marken-Chef attackiert den Konkurrenten

Adidas vor der Fußball-WM in Brasilien

Titel Dax an der Decke

China schwächelt, die Gewinnmargen

vieler Unternehmen sind ausgereizt,

und die Ukraine-Krise ist längst nicht

gelöst:Nach fünf Jahren Hausse steigt

an der Börse das Risiko. Wie Anleger

ihr Depot jetzt vor möglichen Rückschlägen

schützen. Seite 76

Zahmer Tiger

Anshu Jain ist nach zwei

Jahren an der Spitze der

Deutschen Bank ein

Fremder geblieben. Von

Beginn an stand er auf

der Kippe. Sein Job ist

ein Wettlauf gegen seine

Vergangenheit.

Seite 38

Geld her!

Die neue Steuerschätzung

zeigt:Bundesfinanzminister

Wolfgang

Schäuble schwimmt in

den kommenden Jahren

im Geld. Nun wächst

der Druck auf Berlin, die

Steuerzahler in dieser

Legislaturperiode zu entlasten

– zumindest bei

der kalten Progression.

Seite 18

TITELILLUSTRATION: DMITRI BROIDO

4 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTOS: LAIF/STEFAN KRÖGER, LAIF/DOMINIK BUTZMANN, PR; ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

Neue Serie: Zukunft der Industrie

Selbstfahrende Autos, smarte Roboter, mobiles Internet – 15 Technologien

entscheiden über Deutschlands künftigen Wohlstand. Eine

exklusive Studie verrät, wie wir den Umbruch schaffen. Seite 60

Einen Schlag mehr

Mehr Engagement, höhere Rendite: warum es sich für Arbeitgeber

lohnt, ihre Angestellten am Kapital des Unternehmens zu beteiligen.

Und warum Angestellte das Angebot annehmen sollten. Seite 70

Jungbrunnen

Gesundheit ist der

Deutschen höchstes Gut.

Luxushotels wie das

Oceano auf Teneriffa laden

zu Sesamölmassagen

oder zum Entspannungsbad

im hauseigenen Spa.

Seite 98

Nr. 20, 12.5.2014

Technik&Wissen

60 Serie Zukunft der Industrie 15 Innovationen

haben das Zeug, die Wirtschaft radikal

zu verändern | Interview: Der Präsident

der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer,

fordert ein europäisches Google

Management&Erfolg

70 Mitarbeiterbeteiligung Warum es sich für

Arbeitgeber lohnt, ihre Angestellten am

Kapital des Unternehmens zu beteiligen

74 Kolumne: Sprengers Spitzen Wertschätzung

muss neu interpretiert werden

Geld&Börse

76 Spezial Aktien Die Risiken an den

Börsen nehmen zu. Anleger sollten ihr

Depot absichern

86 Steuerhinterziehung Wie deutsche Fahnder

Schwarzgeld-Anleger jagen, die ihr Geld

schon früh aus der Schweiz abgezogen haben

88 US-Aktien Wasser wird weltweit knapp.

Das eröffnet Chancen

90 Steuern und Recht Kindergeld | Lebensversicherung

| Besteuerung von Gold-

Wertpapieren | Eigenbedarfskündigung |

Widerruf bei Internet-Bestellung

92 Geldwoche Kommentar: Von Shortsellern

lernen | Trend der Woche: Neue Internet-

Blase platzt | Dax-Aktien: Bayer | Hitliste:

Exotenbörsen | Aktien: Conoco Phillips,

Hawesko | Anleihe: COE Bank | Chartsignal:

US-Dollar | Investmentfonds: Metzler

European Growth | Nachgefragt:Vermögensverwalter

Bert Flossbach warnt vor Hochfrequenzhandel

Perspektiven&Debatte

98 Urlaub Kliniken setzen auf Luxus, Hotels

auf medizinische Anwendungen

102 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 104 Leserforum,

105 Firmenindex | Impressum, 106 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche erklären wir, warum

es sich für Arbeitgeber lohnt,

Angestellte am Kapital zu

beteiligen. Außerdem

gibt es wieder einen

360-Grad-Einblick ins

Chefbüro.

wiwo.de/apps

n ADAC Der krisengebeutelte Autoclub

debattiert auf seiner Hauptversammlung

in Saarbrücken, wie

man das verlorene Vertrauen zurückgewinnen

kann. wiwo.de/adac

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 5

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Seitenblick

WOLKENKRATZER

Ein Kilometer Hochhaus

Es soll das höchste Haus der Welt werden - der Kingdom Tower in

Saudi-Arabien. Deutsche Unternehmen wetteifern um Aufträge für

den milliardenschweren Prestigebau.

Die höchsten Häuser der Welt

Empire State

Building

381 Meter

New York

1930–1931

Sears Tower

442 Meter

Chicago

1970–1974

Petronas Towers

452 Meter

Kuala Lumpur

1992–1998

Taipei 101

508 Meter

Taipeh

1999–2004

Schwergewicht Eigentlich sollte der Kingdom Tower

1,6 Kilometer hoch werden. Dies aber ließ der

Boden nicht zu. Selbst die Schrumpfversion wird

fast eine Million Tonnen wiegen.

Burj Khalifa

828 Meter

Dubai

2004–2010

Sky City

838 Meter

Changsha/China

geplant

Kingdom Tower

1007 Meter

Dschidda

im Bau

1000 m

900 m

800 m

700 m

600 m

500 m

400 m

300 m

200 m

100 m

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


1007Meter wird der Kingdom

Tower im saudischen Dschidda hoch

sein und damit das erste Haus der Welt, das

die Ein-Kilometer-Marke durchbricht. In

diesen Tagen beginnen die Hochhausarbeiten

an dem 1,2 Milliarden Dollar teuren Projekt.

Auf 200 Etagen entstehen Hotels, Wohnungen,

Büros und Läden. Der Einzug ist für 2018

geplant. Angetrieben wird es vom saudischen

Prinzen al-Walid ibn Talal Al Saud. Generalunternehmer

ist die Bin-Laden-Gruppe,

gegründet von Osama Bin Ladens Vater.

300Pfähle hat die bayrische

Tiefbaufirma Bauer 110 Meter tief in den

Boden getrieben, um den Kingdom Tower zu

verankern. Auch andere deutsche Unternehmen

wollen an dem Prestigebau mitwirken,

darunter Putzmeister. Der baden-württembergische

Mittelständler hatte schon für das

bisher höchste Haus der Welt, Burj Khalifa

in Dubai, die Betonpumpen geliefert. Und

Duravit möchte den Superwolkenkratzer wie

bereits das Burj Khalifa mit Toiletten und

Bidets ausrüsten.

40Millionen Euro will Thyssen-

Krupp in einen 244 Meter hohen Wolkenkratzer

investieren – in Rottweil im

Schwarzwald. Dort will der Essener Konzern

Aufzüge für Superwolkenkratzer testen –

beim Kingdom Tower kommt er aber nicht

zum Zuge. Hier setzte sich Branchenkreisen

zufolge der deutsch-finnische Konkurrent

Kone durch. Er entwickelte ein Kohlefaserkabel,

mit dem Aufzüge einen Höhenunterschied

von einem Kilometer überwinden

können. thomas.stoelzel@wiwo.de

FOTO: JEDDAH ECONOMIC COMPANY/ADRIAN SMITH + GORDON GILL ARCHITECTURE,

DESIGN ARCHITECTS OF THE PROJECT: ADRIAN SMITH AND GORDON GILL

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 7

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

Bringt Banker in

Bredouille

BaFin-Chefin König

FINANZAUFSICHT

Schlag gegen Steuersünder

Die Finanzaufsicht BaFin torpediert

die strafbefreiende Selbstanzeige

für Steuersünder – ohne Debatte auf

dem kurzen Dienstweg.

Eigentlich ist Elke König als Präsidentin der

Finanzaufsicht BaFin die Chefin einer Behörde. Die

Kontrolleurin erlässt keine Gesetze, sondern achtet

darauf, dass andere – vor allem Banken – sie hierzulande

einhalten. Nun aber torpediert ihre Behörde

ein Gesetz, auf dessen Erhalt sich die Bundesländer

gerade erst geeinigt haben: den Paragrafen in der

Abgabenordnung, der einem Steuersünder erlaubt,

sich selbst anzuzeigen und damit straffrei davonzukommen.

Wer den Weg wählt, muss seine kompletten

Finanzen offenlegen. Ein Teilgeständnis reicht

nicht. Hierfür brauchen Steuersünder aber meist

die Hilfe ihrer Banker. Die wissen am besten, wie

viel Geld wo angelegt und wann genau es wohin

transferiert wurde. Doch den Berater des Vertrauens

einzubinden kann jetzt gefährlich werden.

Grund ist ein Rundschreiben, das die BaFin am

5. März verschickt hat. Es führt offenbar dazu, dass

Banker die Kunden, die sich selbst anzeigen

wollen, wegen Verdachts auf Geldwäsche den

Kriminalämtern melden.

Dazu sind die Banker laut BaFin-Schreiben verpflichtet,

wenn „nicht auszuschließen ist“, dass

über ihren Arbeitgeber Transaktionen gelaufen

sind, die mit der Steuerhinterziehung im Zusammenhang

stehen. Das wird ein Banker wohl nie

ausschließen können, zumal er keine Beweise für

eine Geldwäsche haben muss. Es reichen schon

Hinweise, dass es so gewesen sein könnte. „Doch

genau das kann ein Banker im Einzelfall ja gar nicht

prüfen“, sagt ein Bankvorstand. „Um sich nicht

selbst strafbar zu machen, wird er deshalb im Zweifelsfall

immer eine Verdachtsanzeige abgeben.“

Damit wird die Selbstanzeige faktisch bedeutungslos:

Sobald der Banker die Anzeige einreiche,

sei die Tat einer Strafverfolgungsbehörde bekannt,

sagt Christian Rosinus von der Kanzlei AC Tischendorf.

Eine Selbstanzeige sei aber nur so lange strafbefreiend,

wie die Tat entweder unentdeckt sei oder

der Täter zumindest davon ausgehen könne, dass

er noch nicht aufgeflogen sei. Beides dürfte künftig

in vielen Fällen nicht mehr gegeben sein sein.

Die BaFin ist sich der Folgen ihres Schreibens

durchaus bewusst. „Es ist nicht zu verkennen“, teilt

die Aufsichtsbehörde in einer Stellungnahme mit,

dass die Verwaltungspraxis in Verbindung mit dem

Geldwäschegesetz Auswirkungen auf eine beabsichtigte

Selbstanzeige von Bankkunden haben

könne.

Im Klartext: Die BaFin hat damit die strafbefreiende

Selbstanzeige praktisch abgeschafft – auf dem

kleinen Dienstweg, ohne Bundestagsdebatte.

melanie.bergermann@wiwo.de | Frankfurt

Erledigt

Steuerstrafverfahren,

die aufgrund von Selbstanzeigen

eingestellt

wurden

8172

2009

16014 16059

Quelle:Deutscher Bundestag

11900

2010 2011 2012

FOTOS: LAIF/CHRISTOPH PAPSCH, PR, PLAINPICTURE/HIROYA MINAKUCHI

8 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


BURGER KING

Dramatischer Absturz

Vor gut einem Jahr hat Burger

King 91 Filialen dem Franchisenehmer

Yi-Ko Holding

überlassen, seither reißt der Ärger

nicht ab, wie die Wirtschafts-

Woche berichtete. Nachdem

auch RTL die skandalösen Zustände

aufzeigte, laufen Burger

King die Kunden weg. Nur 15

Prozent aller potenziellen

Kunden würden dort jetzt einen

Hamburger bestellen, ergab

eine Analyse des Meinungsforschers

YouGov. Der Wert hat

sich binnen Kurzem halbiert.

„Auch das Image ist im freien

Fall“, sagt YouGov-Manager Markus

Braun. Auf einer Skala von

plus 100 bis minus 100 stürzte

der Image-Wert von plus 5,7 auf

minus 29,5 Punkte ab. Schichtleiter

berichten von „dramatischen

Umsatzeinbußen“. Auch

Andreas Bork, Deutschland-

Chef von Burger King, räumte

Rückgänge ein und versucht

nun, die Probleme zu lösen.

Noch in dieser Woche trifft er

sich mit Vertretern der Gewerkschaft

NGG. Sie wollen über die

Arbeitsbedingungen und die

vielen Kündigungen reden, die

Yi-Ko gegen Betriebsräte aussprach.

In rund 300 Fällen hatte

die NGG Mitarbeitern der Burgerkette

geholfen, nicht oder

zu spät gezahlte Löhne und

Zuschläge einzuklagen. Etwa

zwei Drittel der Verfahren sind

noch offen. „Unser Ziel ist es,

für einen Großteil der Fälle eine

schnelle, einvernehmliche

Lösung innerhalb der nächsten

sechs Wochen zu finden“, teilt

Burger King jetzt mit.

Das Unternehmen verzichtet

dabei künftig auf den umstrittenen

Rechtsanwalt Helmut

Naujoks, den Yi-Ko angeheuert

hatte. Der auf die „Kündigung

der Unkündbaren“ spezialisierte

Jurist werde nicht mehr

beschäftigt, so Burger King.

Kunden flüchten

Deutschland-Chef Bork

oliver.voss@wiwo.de

Aufgeschnappt

Wal verhökert Ein fettes Angebot

stellte die kanadische Gemeinde

St. George bei Ebay ein: einen

zwölf Meter langen Pottwal. Er

war angeschwemmt worden,

starb, doch dem Dorf fehlte das

Geld zum Abtransport. Dutzende

Gebote gingen ein, das höchste

lag bei 2000 Dollar. Dann stoppte

Ebay die Auktion. Tiere – tot

oder lebendig – dürfen dort nicht

versteigert werden.

Medaillen versilbert Die Erinnerung

an ihre Siege kann ihr niemand

nehmen, ihre Medaillen

gibt Sandra Völker notgedrungen

ab. Rund 400 Auszeichnungen

versteigert die ehemalige

Spitzenschwimmerin im Internet,

darunter auch die Silbermedaille,

die sie bei den Olympischen

Spielen 1996 in Atlanta

gewonnen hat. 100 000 Euro erhofft

sich die 40-Jährige durch

die Auktionen. Dann käme sie

aus der Privatinsolvenz heraus.

SCHWARZARBEIT

Höherer

Schaden

Schwarzarbeiter haben den

deutschen Staat im vergangenen

Jahr um rund 777 Millionen

Euro geschädigt, etwa durch die

Nichtzahlung von Sozialbeiträgen.

2012 hatte der Schaden

knapp 752 Millionen betragen.

Allein die Finanzkontrolle

Schwarzarbeit (FKS) überprüfte

2013 etwa 64 000 Arbeitgeber,

davon rund 25 300 Baubetriebe.

Gegen die Sünder verhängten

die Zollprüfer von Bundesfinanzminister

Wolfgang

Schäuble (CDU) Geldbußen

in Höhe von 44,7 Millionen Euro.

Das geht aus Stellungnahmen

des Ministeriums auf Anfragen

der Grünen-Fraktion im

Bundestag hervor. 2012 hatte

die FKS 66 000 Firmen kontrolliert

und damit 2000 mehr als

2013, aber weniger Bußgeld

kassiert:41,3 Millionen Euro.

Von 2015 an soll die FKS auch

überwachen, ob Firmen den

Mindestlohn zahlen. Die grüne

Abgeordnete Beate Müller-

Gemmeke kritisiert, mit 6481

Planstellen könne die FKS „weder

ihrer Aufgabe noch die Bundesregierung

ihrer Schutzfunktion

für die Beschäftigten

gerecht werden“.

max.haerder@wiwo.de I Berlin

* gerundet; Quelle: Parteiangaben

Wenig Aufwand für Brüssel

Kosten der Wahlkampagnen (in Millionen Euro)*

Europawahl 2009

Europawahl 2014

Bundestagswahl 2013

10 10 20 11 11 23 1 2 6 3 3 6 1 1 4 2 2

IN EIGENER SACHE

Neues, schlankes Logo

Die markanten roten Quadrate

bleiben. Aber nach fast 20

Jahren war es an der Zeit, das

bekannte zweizeilige Logo der

WirtschaftsWoche ein wenig

zu überarbeiten. US-Zeitschriftendesigner

Mario Garcia hatte

es 1996 entwickelt. Nun wurde

der Klassiker von Creative

Director Holger

Windfuhr und

dem bekannten

britischen Logodesigner

Miles Newlyn behutsam

modernisiert – ohne dass

der Wiedererkennungswert

leidet. Die Schrift kommt nun

deutlich schlanker daher, von

einigen horizontalen Serifen

befreit. Kleine Diagonalen unterstreichen

den dynamischen

und frischen Gesamteindruck.

Ihre Meinung? Wir

freuen uns auf Ihr

Feedback.

wiwo@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 9

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Kalte

Progression

Der Frühling naht, die kalte

Jahreszeit geht. Und wenn es

nach Sigmar Gabriel geht,

geht bald auch die kalte

Progression. Dann wird es

wärmer in Deutschland.

Schließlich will die SPD eine

Fortschrittspartei sein. Die

eiskalte Progression spielt

zwar dem Finanzminister in

die Karten, aber „Mehr Netto

vom Brutto“ ist gerechter.

Wer hat’s erfunden? Okay,

die FDP. Nun ja, besser gut

geklaut als schlecht selbst

erfunden. Schließlich will

die SPD eine Gerechtigkeitspartei

sein. Und wenn einem

außerdem die Kanzlerin

sonst schon alle Themen

weggenommen hat...

Schließlich will die SPD

wieder kanzlerfähig werden.

Und Siggi Pop den Sessel

mit der ganz hohen Lehne

besetzen. Daher ist die

Bekämpfung der kalten Progression

für den SPD-Chef

wichtig – der Finanzminister

ist ja von der Konkurrenz...

DER FLOSKELCHECKER

Hans Gerzlich, 47, Diplom-

Ökonom, ehemaliger Marketing-Referent

und heute

Wirtschaftskabarettist und

Bürocomedian.

INTERVIEW Al Gore

»Europa steht vor einem

historischen Niedergang«

Der Friedensnobelpreisträger und frühere

US-Vizepräsident beklagt Fehler in der Euro-Politik

und hofft auf ein Freihandelsabkommen.

Herr Gore, Sie haben analysiert,

wie sich die Welt politisch

ändert, und prognostizieren:

Die USA verlieren an Macht,

Nationalstaaten an Gewicht.

Fühlen Sie sich durch die

Ukraine-Krise bestätigt?

Ich bin sehr besorgt über die Situation

dort. Mir wäre lieber, ich

läge falsch. Fakt ist:Russland

testet seine Grenzen aus und

spürt wenig Gegenwind. Das

Land sucht seine Rolle in einer

Welt, in der die machtpolitischen

Verhältnisse in Bewegung

sind. Die USA im Westen

und China im Osten sind feste

Größen. Russland fühlt sich zu

klein im Konzert der Großen.

Die Ukraine ist da eine willkommene

Spielwiese, da das Land

innerlich zerrissen ist.

Wie lässt sich die Gewalt in der

Ostukraine eindämmen?

Dank der engen wirtschaftlichen

Verflechtungen ist auch

Russland unter Druck. Die

Wirtschaft schwächelt, die

Börsen sind abgestürzt. Russlands

Präsident Putin spielt ein

gefährliches Spiel. Das müssen

wir ihm klarmachen – und ihn

auffordern, mäßigend auf die

Separatisten einzuwirken.

Wie bewerten Sie die Rolle

Europas – in einem Konflikt,

der direkt an den Außengrenzen

der Europäischen

Union tobt?

Europa steht in meinen Augen

an der Schwelle zu einem historischen

Verlust an Macht, Einfluss

und Perspektiven. Ausgangspunkt

war die Schaffung

der Euro-Zone, bei der es die

Politik verpasst hat, die notwendige

finanzpolitische Integration

herbeizuführen. Aus diesem

Versäumnis heraus entwickelte

DER WELTRETTER

Al Gore, 66, ist Autor, Berater

und NGO-Gründer. Für seinen

Einsatz für den Klimaschutz

erhielt der ehemalige Vizepräsident

der USA den Friedensnobelpreis.

Am Montag erscheint

sein neues Buch „Die Zukunft –

Sechs Kräfte, die unsere Welt

verändern“.

sich eine schwere politische

und wirtschaftliche Krise, die

bis heute nicht gelöst ist. Es ist

für mich daher keine Überraschung,

dass Europa den

Russen wenig entgegenzusetzen

hat.

Die EU und die USA verhandeln

über einen gemeinsamen

Binnenmarkt. Könnte das

Freihandelsabkommen den

Niedergang der USA und der

EU abmildern?

Ich bin seit jeher ein Verfechter

des Freihandels und würde es

sehr begrüßen, wenn Europa

und die USA einen gemeinsamen

Binnenmarkt schüfen. So

entstünden auf beiden Seiten

des Atlantiks viele Jobs, und es

würde ein bisschen den Verlust

der Arbeitsplätze kompensie-

ren, die durch den Einsatz von

Maschinen sowie durch die

Verlagerung von Jobs in Niedriglohnländer

verloren gegangen

sind.

Die Gespräche werden überschattet

von der Abhöraffäre

des US-Geheimdienstes NSA.

Wie bewerten Sie die Überwachung

der Bürger im Inland

und im Ausland durch die US-

Regierung?

Die USA spionieren im großen

Stil, nicht nur die NSA. Telefone

werden abgehört, Zollbeamte

dürfen Dateien von privaten

Computern kopieren – ohne jeden

Verdacht. Die Regierung

bezuschusst Kameras, die – auf

Streifenwagen montiert – die

Nummernschilder sämtlicher

Autos fotografieren, die ihnen

begegnen. Die Angst vor Terroranschlägen

dient als Rechtfertigung

für ein Maß an staatlicher

Überwachung, das noch

vor wenigen Jahren die meisten

Amerikaner schockiert hätte.

Sie fordern seit Langem mehr

Umweltschutz. Fakt ist: Die

globalen Treibhausgase steigen

weiter. Was ist zu tun?

Wir müssen den Übergang zu

einer kohlenstoffarmen Welt

beschleunigen. Ich schlage vor,

eine CO 2 -Steuer einzuführen,

die den für die globale Erderwärmung

verantwortlichen

Treibhausgas-Emissionen einen

angemessenen Marktpreis

zuweist. Gekoppelt werden sollte

das mit niedrigen Grenzwerten

für Emissionen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel

lehnt zu strenge Grenzwerte

etwa beim CO 2 -Ausstoß von

Neuwagen mit Blick auf die

heimischen Autobauer ab.

Ich verstehe, dass Bundeskanzlerin

Angela Merkel unter enormem

Druck der Wirtschaft steht.

Deutschland ist in vielen Punkten

beim Klimaschutz – etwa

beim Ausbau der erneuerbaren

Energien – Vorreiter. Aber im

Verkehr müssen wir umweltfreundlicher

werden. Da müssen

wir mehr tun, in den USA

und auch in Deutschland.

tim.rahmann@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: PR

10 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

QATAR AIRWAYS

Zweifel am

Super-Airbus

Angst ums Hemd der Passagiere

Qatar-Chef Al Baker

Bisher hat Airbus-Chef Tom

Enders für seinen Riesenflieger

A380 nur 180 sichere Bestellungen

erhalten – zu wenig, um

jemals die Entwicklungskosten

von geschätzt bis zu 15 Milliarden

Euro zu verdienen. Da zieht

Akbar Al Baker auch noch

über den Superjumbo her. „Der

A380 war ein effizientes Flugzeug

bei einem Ölpreis von 30

bis 40 Dollar pro Barrel“, sagt

der Chef der Nobellinie Qatar

Airways aus dem Emirat Katar.

Er selbst hat 13 Exemplare geordert,

aber das bremst ihn nicht

in seiner Kritik. „Jetzt bei einem

Ölpreis von weit über 100 Dollar

ist die Maschine bestenfalls

ein schwieriges Flugzeug, und

auf extrem langen Strecken verliert

man mit ihm leicht das

letzte Hemd“, kritisiert Al Baker.

Er will sein Urteil nicht ändern,

obwohl Airbus jetzt diskutiert,

ob die Triebwerke durch

effizientere Motoren der neuen

Generation ersetzt werden sollen.

„Das“, sagt Akbar, „spart am

Ende nur ein bis zwei Prozent

der Betriebskosten und lohnt

den Aufwand nicht.“

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

TOP-TERMINE VOM 12.05. BIS 18.05.

12.05. DGB Der Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes

(DGB) in Berlin wählt am Montag

einen neuen Vorsitzenden. Kandidat ist Reiner

Hoffmann, 58. Amtsinhaber Michael Sommer, 62,

tritt nicht mehr an.

13.05. Bankenrecht Der Bundesgerichtshof verhandelt

am Dienstag darüber, ob Banken und Sparkassen

von Kunden ein Bearbeitungsentgelt fordern dürfen,

wenn die einen Darlehensvertrag abschließen.

Rundfunkgebühr Der Verfassungsgerichtshof

Rheinland-Pfalz entscheidet, ob die Anfang 2013

eingeführte Zwangsabgabe für den Rundfunk

rechtmäßig ist. Zwei Tage später, am Donnerstag,

verkündet der Bayerische Verfassungsgerichtshof

sein Urteil zum neuen Rundfunkbeitrag.

14.05. Porsche Das Landgericht Braunschweig

verhandelt am Mittwoch

über Klagen von Fonds und Anlegern,

die von Porsche Schadensersatz

von insgesamt 212 Millionen

Euro fordern. Hintergrund ist der gescheiterte Plan

von Porsche, 2008/09 VW zu übernehmen.

15.05. Konjunktur Das Statistische Bundesamt berichtet

am Donnerstag über das deutsche Bruttoinlandsprodukt

(BIP) im ersten Quartal. Im vierten Quartal

war es gegenüber dem Vorquartal um 0,4 Prozent

gestiegen und gegenüber dem Vorjahresquartal

um 1,3 Prozent. Über das BIP der Euro-Länder

informiert die EU-Behörde Eurostat.

18.05. Mindestlohn Die Schweizer stimmen am Sonntag

darüber ab, ob das Land einen gesetzlichen

Mindestlohn von 22 Franken (rund 18 Euro) pro

Stunde einführen soll. In Deutschland gilt von 2015

an ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro.

MBB CLEAN ENERGY

Angst um Anleihe

In die Liste notleidender Mittelstandsanleihen

wie Zamek

oder Strenesse reiht sich

womöglich auch MBB Clean

Energy ein. Das bayrische

Unternehmen sammelte

2013 bei Anlegern 72 Millionen

Euro ein. Das Geld sollte

in bestehende Wind- und

Solarparks fließen. Am Dienstag

sagte MBB-Clean-Energy-

Chef Eckhart Misera die

erstmals fällige Zinszahlung

von 4,5 Millionen Euro ab. Er

will die Auszahlung „zeitnah“

nachholen. Das hänge von

einem neuen Investor ab.

Skeptische Anleihegläubiger

fürchten hingegen um ihr Geld.

Denn wofür Misera die 72 Millionen

Euro ausgegeben hat, ist

unklar. Jedenfalls nicht für angeblich

schon abgeschlossene

Geschäfte. So dementierte der

BERLINER SCHLOSS

Steuergeld

statt Spenden

Der Nachbau des Berliner

Schlosses droht den Steuerzahler

stärker zu belasten als kalkuliert.

Insgesamt soll es 619 Millionen

Euro kosten, davon

Wirtschaft hält sich zurück

Modell des Berliner Schlosses

sollen 109 Millionen Euro aus

Spenden finanziert werden.

Bisher gingen laut Bundesbauministerium

aber nur 17,6 Millionen

Euro an Spenden ein.

Bleibt es bei der Zurückhaltung

bis zur Fertigstellung 2018,

könnte der Bund gezwungen

sein, nachzuschießen. Eigentlich

soll er nur 478 Millionen

Euro zahlen. 32 Millionen Euro

übernimmt die Stadt Berlin.

Für Arbeiten an Fassade und

Kuppel „benötigen wir in diesem

und im nächsten Jahr weitere

Millionenspenden“, so die

Stiftung Berliner Schloss. Bisher

lägen „keine größeren Spendenzusagen

aus dem Kreis der

deutschen Wirtschaft vor“.

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

US-Maschinenbaukonzern

Dresser-Rand im Februar den

von MBB Clean Energy angekündigten

Erwerb von drei Solarparks

auf Sizilien. Und den

Windpark Nulvi-Tergo auf Sardinien,

den Misera im September

2013 erworben haben will,

führt der angebliche Verkäufer

Fri-el immer noch im eigenen

Portfolio. MBB Clean Energy erklärt

auf Anfrage, dass sich der

Kauf dieser Parks „aufgrund der

Gespräche mit Großinvestoren

verzögert“ habe.

harald.schumacher@wiwo.de, mario brück

FOTOS: GETTY IMAGES/BLOOMBERG, BLOOMBERG/PETER FOLEY, LAIF/ZENIT/LANGROCK

12 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

SIEMENS

Lisa Davis, 50, leitet von

August an das Energiegeschäft

des Münchner Technologiekonzerns

sowie dessen

Aktivitäten in Nord- und

Südamerika. Derzeit führt

die Chemie-Ingenieurin die

Strategieabteilung des britisch-niederländischen

Ölkonzerns

Shell und sitzt dem

Aufsichtsrat von Shell

Deutschland vor. Bei Siemens

löst sie Michael Süß,

50, ab. Der Personalwechsel

ist Teil eines breit angelegten

Programms, mit dem Siemens-Chef

Joe Kaeser, 56,

das Unternehmen zu alter

Stärke zurückführen will. In

den vergangenen Jahren waren

die Münchner im Vergleich

zu General Electric bei

Rendite und Innovationen

zurückgefallen. Davis soll

neue Akzente setzen.

BEIERSDORF

May Shana’a wird Anfang Oktober

Entwicklungschefin des

Hamburger Kosmetikkonzerns.

Der bisherige Leiter der Hautforschung,

Klaus-Peter Wittern,

gilt bei Beiersdorf als Ikone, seit

1977 arbeitet er schon beim Nivea-Hersteller.

Wittern war es,

der den hauteigenen Q10 als

Wirkstoff in Hautpflegeprodukten

entdeckte und das Nivea

Black & White Deo entwickelte,

die erfolgreichsten Produktneuheit

in der über 130-jährigen

Firmenhistorie. Shana’a war

mehr als 20 Jahre lang im Bereich

der Körperpflege und Kosmetik

tätig. Zuletzt leitete sie die

Forschungs- und Entwicklungsabteilung

der amerikanischen

Chemiefirma Ashland Specialty

Ingredients. Zuvor war sie in

den Forschungsabteilungen

von Johnson & Johnson (bebe)

sowie bei Unilever (Dove).

SAP

Vishal Sikka, 46, Technikvorstand

des Softwarekonzerns, ist

zurückgetreten – „aus persönlichen

Gründen“, so SAP. Für

Sikka rücken Vertriebschef Rob

Enslin, 51, und Bernd Luekert,

46, Chef der Anwendungsentwicklung,

in den Vorstand auf.

Sikka galt als Schützling von

SAP-Gründer Hasso Plattner,

70, der betonte: „Unsere

Freundschaft bleibt bestehen.“

WiWo-Reise zu Start-ups

Wollten Sie schon immer

einmal den experimentellen

Gründergeist der Berliner

Start-up-Szene – natürlich

außerhalb des Regierungsviertels

– persönlich und live

erleben? Sich von neuen

Geschäftsideen inspirieren

lassen? Dann melden Sie

sich umgehend an für die

einmalige WirtschaftsWoche

Start-up-Tour am 13. Juni

dieses Jahres.

Alle Details zu dieser

exklusiven Erkundungsreise

finden Sie im Internet unter:

www.wiwo.de/startup

QLEARNING

Büffeln per Smartphone

Wie viele Studenten ärgerte sich Korbinian Weisser (2. Reihe

Mitte) über die Materialien zur Vorbereitung einer Klausur. Gemeinsam

mit seinem Kommilitonen Felix Klühr (ganz links) entwarf

der angehende Betriebswirt eigene Tests zum Üben. „Es wäre

schade um die Arbeit, wenn die nach uns keiner weiternutzt“, sagte

sich Weisser. Da zwei andere Studenten für ihren Kurs eine Smartphone-App

programmieren mussten, taten sie sich zusammen.

Nach dem Uni-Abschluss gründeten sie das Start-up QLearning.

Mit ihrer kostenlosen App bieten sie nun Studenten Multiple-

Choice-Tests und andere Materialien zur Prüfungsvorbereitung

an. Der Schwerpunkt liegt auf Wirtschaftswissenschaften, Materialien

für Ingenieure und Naturwissenschaftler sollen verstärkt

hinzukommen. Die Inhalte sind auf spezifische Kurse zugeschnitten

und werden von Studenten erstellt, die diese erfolgreich

absolviert haben. Geld verdient QLearning mit Werbung von

Unternehmen wie Deloitte, Roland Berger oder Rewe.

Unter den 45 Hochschulen sind auch erste Institute aus anderen

Ländern, so aus der Schweiz und aus den Niederlanden.

Weisser will in weitere

Fakten zum Start

Team momentan 15 Mitarbeiter

Angebot derzeit Materialien für

220 Kurse an 45 Hochschulen

Finanzierung von der Deutschen

Telekom, K5 Venture und M-Investar

mehrere Hunderttausend Euro

europäische Staaten

expandieren. „Speziell in

Großbritannien und in

Skandinavien, aber auch

ein wenig in Polen, Frankreich,

Italien oder Spanien“,

kündigt der Unternehmensgründer

an.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, PR

14 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Jürgen Leiße

Deutschland-Chef des Lebensmittelmultis Mondelez

Noch prangt Jacobs auf dem

blauen Banner, das im Chefbüro

hängt. „Nur die großen geschäftstreibenden

Marken stehen

darauf“, sagt Jürgen Leiße,

51, der die Geschäfte des amerikanischen

Lebensmittelriesen

Mondelez in Deutschland, Österreich

und der Schweiz leitet.

Milka-Schokolade, Philadelphia-Käse

und Oreo-Kekse gehören

ebenso dazu wie Jacobs

und Tassimo. Doch die beiden

Kaffeemarken kann Leiße bald

streichen. Mondelez bringt sie

in das Unternehmen Jacobs

Douwe Egberts ein, das der

Konzern jetzt mit der niederländischen

Kaffeefirma D.E.Masters

Blenders gründet. Hinter

ihr steht die deutsche Unternehmerfamilie

Reimann.

Seit Sommer

2010 residiert Leiße

im Chefbüro in Bremen,

gemeinsam mit

dem hiesigen Finanzchef

und dem Chefjuristen.

Die letzten

Einzelbüros wurden

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

2012 aufgelöst. „Sie passen

nicht mehr zu der Art und Weise,

wie wir operieren wollen:

transparent und schnell“, sagt

Leiße. „Wir haben einen anderen

Kommunikationsstil als

früher.“ Dazu trügen nicht nur

Notebooks und Smartphones

bei, sondern eben auch die

Form der Büros. „Die Leute verstehen

sich ganz anders, wenn

sie keine Wände zwischen

sich haben“,

lobt Leiße. Genauso

wichtig ist ihm sein

„Tagesjournal“. So

nennt er die Kladde,

die er fast immer bei

sich trägt. „Ich schreibe

permanent mit“,

zumal er in Konferenzen sein

Smartphone ausschaltet und

auf seinen Laptop verzichtet.

„Der Respekt gegenüber den

Kollegen gebührt es, dass man

in Besprechungen nicht permanent

mit dem iPhone operiert.“

Komplett abschalten kann

Leiße zu Hause – am Herd. „Kochen

hat was Entspannendes“,

sagt Leiße. „Ich probiere viel

aus. Manchmal freut sich meine

Familie, manchmal nicht. Mit

seiner Frau und seinem fünfjährigen

Sohn wohnt er in

einem Bremer Vorort „mit dörflichem

Charakter“, wie Leiße

betont. Aber „in weniger als

20 Minuten bin ich im Büro“.

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTO: ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

Wolfgang, rück die

Kohle raus!

STEUERN | Die neue Steuerschätzung belegt: Der Staat schwimmt geradezu im Geld.

Noch weigert sich der Bundesfinanzminister, die durch kalte Progression geschröpften

Arbeitnehmer in Deutschland zu entlasten. Doch der Druck auf Wolfgang Schäuble

wächst – auch aus der SPD und den Gewerkschaften.

Der Silvester-Klassiker „Dinner

for one“ lässt grüßen. „Same

procedure as last year“, fragt

der getreue Diener seine Chefin.

Und Miss Angie antwortet

wie stets: „Same procedure as every year,

Wolfgang!“

Finanzminister Schäuble kann sich vorerst

darauf einrichten, dass Kanzlerin Angela

Merkel beim traditionell eingeübten

Ablauf bleibt: Mögen die Hochrechnungen

der Steuerschätzer auch immer weiter

steigende Einnahmen hergeben, es bleibt

beim strengen Nein auf die Frage, ob die

Bürger nicht endlich wenigstens etwas von

dem zurückbekommen könnten, was sie

durch die sogenannte kalte Progression zu

viel beim Finanzamt abliefern müssen.

Dieses Mal setzte Miss Angie sogar noch

einen drauf. Ihr fehle die „Fantasie“, um

sich vorzustellen, wie sich eine Rückgabe

des Extra-Inkassos überhaupt finanzieren

ließe.

Seit Donnerstag vergangener Woche bedarf

es freilich keiner blumigen Vorstellungskraft

mehr, denn der Beweis liegt

Schwarz auf Weiß vor: Dank des Wirtschaftswachstums

und der Preissteigerungen

sprudeln die Steuereinnahmen unvermindert

weiter. Bis zum Ende des Prognosezeitraums

2018 summiert sich das Plus

für Bund, Länder und Kommunen im Vergleich

zu diesem Jahr auf über 240 Milliarden

Euro. Allein im Jahr 2018 stehen ihnen

dann satte 96 Milliarden mehr zur Verfügung.

Das sind noch einmal 16,4 Milliarden

Euro mehr als bei der letzten Steuerschätzung

im vergangenen November kalkuliert.

Die Stadtkämmerer und Finanzminister

eilen von Rekord zu Rekord.

Es läuft und läuft und läuft...

Einnahmen desStaates ausder kalten

Progression beider Einkommensteuer*

2011

2012

2013

2014

2015

2016

2017

2,9

5,7

7,6

9,2

12,2

* in Milliarden Euro; Quelle: Bund der Steuerzahler

15,7

18,7

Doch Schäuble rechnet sich trickreich

arm. Nicht mit Bedauern, eher mit stiller

Zufriedenheit stellt der Kassenwart fest,

dass „entgegen vieler Spekulationen“ nun

doch kein Geld für Steuerentlastungen in

Sicht sei, „keinerlei Spielraum“. Für das laufende

Jahr ergebe sich sogar ein kleiner

Rückgang bei den Einnahmen. Und natürlich

habe man für die Berechnungen noch

nicht einmal „Verschlechterungen aus den

geopolitischen Entwicklungen“ einkalkuliert.

Ein möglicher Konjunktureinbruch

durch die Ukraine-Krise ist also gedanklich

noch zusätzlich abzuziehen.

Statt mit der November-Prognose vergleicht

er die am Donnerstag vorgestellte

Schätzung lieber mit dem Eckwertebeschluss

für den 2014er-Bundeshaushalt

und der mittelfristigen Finanzplanung

vom März. Da hatte die Regierung schon

mit höheren Einnahmen kalkuliert – aber

auch mit höherem Finanzbedarf. Denn die

neue schwarz-rote Regierung hat in ihrem

Koalitionsvertrag etliche neue Ausgaben

festgeschrieben, die finanziert sein wollen:

für Bildung und Forschung, für soziale Förderung

und Straßenbau, für Entwicklungshilfe

und Wohnungsbau. Nur für die Steuerzahler,

deren Belastung durch die kalte

Progression von Jahr zu Jahr wächst, bleibt

wieder nichts übrig. Die Steuerquote steigt.

Bei historisch niedriger Geldentwertung

von unter zwei Prozent pro Jahr klingt ein

steuerlicher Inflationsausgleich vielleicht

zunächst vernachlässigbar. Beim genauen

Nachrechnen entpuppt sich die kalte Progression

aber als gigantische Umverteilung

von Privat zum Staat. Gerechnet seit dem

Jahr 2010, addieren sich die Sonderlasten

der Bürger und kleinen Unternehmen, die

beispielsweise als GbR oder Einzelkaufmann

nach der Einkommensteuertabelle

abkassiert werden, auf gigantische 72 Milliarden

Euro, hat das Steuerzahlerinstitut errechnet.

Allein in dieser Legislaturperiode

werden es 55,8 Milliarden Euro sein, weil

die schwarz-gelbe Bundesregierung ihr

Entlastungs-Vorhaben zu spät startete und

es den SPD-geführten Ländern im Bundesrat

leicht machte, den damaligen Gesetzentwurf

zu blockieren.

ENORME SUMME

Die enorme Summe kommt zustande, weil

selbst eine Lohnerhöhung, die nur die

Preissteigerung ausgleicht, zu einem höheren

Steuersatz führt. In einem progressiven

Steuertarif steigt die Belastung auch dann,

wenn die Kaufkraft real gar nicht zunimmt.

Das nennen Experten „kalte Progression“.

Das Steuerzahlerinstitut nimmt als Basis

für seine Berechnungen das Ausgangsjahr

2010, weil der Lohn- und Einkommen-

»

FOTO: LAIF/STEFAN THOMAS KRÖGER

18 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


€Bis 2018 summiert sich das

Steuer-Plus für Bund, Länder und

Kommunen im Vergleich zu diesem

Jahr auf über 240 Milliarden Euro.

Allein im Jahr 2018 stehen ihnen

dann rund 96 Milliarden Euro

mehr zur Verfügung.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

steuertarif damals letztmalig reformiert

und angepasst wurde. Seitdem hat der Gesetzgeber

lediglich in diesem Jahr den

Grundfreibetrag von 8004 auf 8130 Euro erhöht.

Im Januar 2015 springt er dann auf

8354 Euro. Deren Entlastungswirkung haben

die Wissenschaftler bereits einkalkuliert.

Trotzdem kommen jene horrenden

55,8 Milliarden Euro zusammen. Der Sachverständigenrat

berechnet seine Progressionswerte

sogar auf der Basis von 2006,

während das Bundesfinanzministerium

das Jahr 2013 als Ausgangswert ansetzt.

Kein Wunder, dass bei den Regierungsbeamten

geringere Werte herauskommen.

RUF NACH ENTLASTUNG

Kein Wunder aber auch, dass angesichts

der immer neuen realen Einnahmerekorde

die Rufe nach Entlastung immer lauter

werden. „In die Steinkohlesubventionierung

fließen Milliarden, für die Förderung

von Kinofilmen wie ‚Monuments Men‘ haben

die Steuerzahler über 8,5 Millionen

Euro bezahlen müssen“, schimpft Reiner

Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler.

„Damit Kleingärtner mehr über

die Ökologie erfahren, stellt die Politik über

160 000 Euro zur Verfügung. Wenn es aber

um den Abbau der kalten Progression geht,

entdecken unsere Spitzenpolitiker Haushaltslöcher,

Investitionsbedarf bei der Infrastruktur

und die Notwendigkeit, noch

mehr Geld in die Bildung zu investieren.“

Sparen, entlasten und Prioritäten setzen

seien im politischen Berlin anscheinend

Fremdwörter. Holznagels Forderung: „Angesichts

der gigantischen Steuereinnahmen

müssen endlich die Steuerzahler entlastet

werden – sprich: Die kalte Progression

muss abgebaut werden!“

Im Lichte der Rekordeinnahmen kommt

Unterstützung neuerdings sogar von der

SPD. „Schäuble muss einen Vorschlag machen,

wie wir das Thema kalte Progression

in dieser Legislaturperiode lösen können“,

verlangt der Parteivorsitzende und Vizekanzler

Sigmar Gabriel vom Finanzminister.

„Das kann man nicht machen, bei diesen

Riesensteuereinnahmen das Thema

nicht anzugehen.“

Zwei Gründe führt er an, weshalb jetzt

alles anders sei als vor der Bundestagswahl.

„Damals hatten wir diese Riesensteuereinnahmen

nicht – und jetzt haben

wir die Gewerkschaften an unserer Seite.

Das ist ein großer Vorteil.“ Und der zeige

bereits Wirkung, denn unter den Genossen

bröckele der Widerstand gegen einen Abbau

der kalten Progression, den die SPD im

Klammheimlich kassiert der Staat immer mehr

Zusätzliche Belastung durch die kalte Progression in dieser Legislaturperiode (in Euro)

Zu versteuerndes

Jahreseinkommen*

24 000

42 000

75 000

120 000

250 000

24 000

42 000

75 000

120 000

250 000

Kalte

Progression

2014

175

399

558

558

1110

Single

Familie (Ehepaar mit 2 Kindern)

151

298

663

1115

1115

Kalte

Progression

2015

* Basisjahr 2010 (letzte Tarifreform), Annahmen: Tarif 2014; keine Tarifänderungen 2015 bis 2017; unterstellte Inflationsraten

2011 bis 2017: (2,1 %; 2,0 %; 1,5;1,5 %; 1,8 %; 1,8 %; 1,8 %); Solidaritätszuschlag ist berücksichtigt;

Quelle: Deutsches Steuerzahlerinstitut des Bundes der Steuerzahler

Wahlprogramm fest mit einer Erhöhung

des Spitzensteuersatzes verknüpft hatte.

„In der Fraktion teilen die meisten meine

Position. Da sind nur noch ganz wenige

anderer Meinung.“ Außerdem erinnert Gabriel

daran, dass eine Gegenfinanzierung

durch einen höheren Spitzensteuersatz für

gut Verdienende nicht mehr infrage komme.

„Die SPD-Mitglieder haben mit 80 Prozent

gegen Steuererhöhungen gestimmt“,

verweist er fast schon frech auf die hohe

Rate, mit der die Genossen in der Mitgliederbefragung

dem Koalitionsvertrag ihren

Segen gaben.

Wo geht es hin, das schöne Geld?

Ausgaben des Bundes nach Aufgabenbereichen

Politische Führung/Verwaltung

Verteidigung

Bildung, Forschung, Kultur

Soziale Sicherung

Gesundheit, Umwelt, Sport

Wohnungswesen

Ernährung

Gewerbe, Energie, Wasserwirtschaft

Verkehrs- und Nachrichtenwesen

Finanzwirtschaft, Schulden

Zum Vergleich:

Steuereinnahmen des Bundes

* Entwurf des Bundeshaushaltes

2005

7,8

27,8

11,4

133,0

0,9

1,8

1,0

5,5

11,1

38,5

190,2

243

531

724

724

1430

230

420

887

1447

1447

Kalte

Progression

2016

313

668

893

893

1755

312

543

1122

1787

1787

Kalte

Progression

2017

385

812

1066

1066

2086

400

671

1366

2131

2131

In dieser Legislaturperiode

zu viel gezahlt

1116

2410

3241

3241

6381

1093

1932

4038

6480

6480

Auch ein Veto der SPD-regierten Bundesländer

hält der Parteichef heute für

weitaus unwahrscheinlicher als vor der

Bundestagswahl: „Für die SPD-Länder wäre

es heute viel schwieriger, das zu verweigern“,

glaubt Gabriel. „Man sollte nicht unterschätzen,

dass die Haltung der Gewerkschaften

auch in den Ländern wirkt.“

Mit den üppigen Lohnabschlüssen von

über drei Prozent sehen vor allem die Chemiegewerkschaft

IG BCE und die IG Metall

dringenden Bedarf, dass von dem Geldsegen

der Arbeitgeber auch genügend bei

den Kollegen ankommt. Der DGB warb gar

2014*

13,8

32,4

19,2

148,2

2,0

2,2

1,0

4,4

16,4

35,8

268,2

Veränderung

(in Mrd. Euro)

6,0

4,6

7,8

15,2

1,1

0,4

0

–1,1

5,3

–2,7

78,0

Veränderung

(in Prozent)

76,9

16,5

68,4

11,4

122,2

22,2

0

–20,0

47,7

–7,0

41,0

FOTOS: CORBIS/WESTEND61/BERG/MITO IMAGES

20 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

mit dem Argument, durch einen Abbau der

kalten Progression ließe sich die wachsende

Kluft zwischen Arm und Reich wenigstens

ein wenig verringern.

UNION VERÄRGERT

Der Koalitionspartner Union sieht die Vorstöße

aus dem Lager der Genossen mit

wachsendem Ärger. Schließlich hatte die

SPD in der vergangenen Legislaturperiode

den entsprechenden Gesetzentwurf der

schwarz-gelben Regierung zweieinhalb

Jahre lang blockiert. „Damals hätten wir

die Spielräume gehabt“, schimpft die sonst

so ruhige CSU-Landesgruppenvorsitzende

Gerda Hasselfeldt. „Jetzt haben wir einen

ausgeglichenen Haushalt als oberstes Ziel

vereinbart.“ Außerdem sei ein 23 Milliarden

Euro schweres Ausgabenpaket zu

schultern. Bei der Entlastung der Steuerzahler

brauche die Union keine Nachhilfe.

„Ich hätte mir gewünscht, dass die SPD die

Vertretung der Arbeitnehmerinteressen

früher entdeckt hätte.“ Jetzt stelle sie munter

Forderungen auf, und die Union solle

dann sagen, dass die nicht finanzierbar

sind. „Diese Arbeitsteilung ist unkollegial.“

SPD-Chef Gabriel will das nicht auf sich

sitzen lassen: „Das Spiel können wir endlos

weiterspielen: Warum hat die Union damals

nicht zugestimmt, als wir die Entlastung

mit Subventionsabbau gegenfinanzieren

wollten? So kommen wir nicht weiter.“

NEUE SPIELRÄUME AB 2016

Auch Hasselfeldts Parteifreund Hans Michelbach

wirbt für mehr Mut – und Geduld.

„Es ist verständlich, dass man erst

mal das Ziel des ausgeglichenen Haushalts

erreichen will“, sagt der Finanz- und Mittelstandspolitiker.

„Aber danach kann man

sich ja neue Ziele setzen.“ Der Haushalt ohne

neue Schulden werde ja schon 2015

Realität. „Ab 2016 gibt es neue Spielräume.

Der steuergefräßige Staat kann nicht auf

Dauer die Einnahmen aus der kalten Progression

für sich behalten.“ Wenn die Inflation

nur etwas ansteigt, werde das für die

Arbeitnehmer zum Problem.

Schäuble indes ist entschlossen, keinen

Euro rauszurücken. „Die Aufgabe der Regierung

ist es, auf die Faktenlage hinzuweisen“,

sagt er nüchtern. Und das will er beständig

tun, denn „schon die alten Römer

wussten: Die Wiederholung ist die Mutter

allen Lernens.“ Die Anwälte der Steuerzahler

müssen also mindestens genauso ausdauernd

mahnen wie Schäuble. Same procedure

as every year, Wolfgang.

n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

So fern –

und doch fast nah

BUNDESTAG | Junge Unternehmer hospitieren eine Woche lang bei

Abgeordneten. Kann man bei dieser Politik miteinander reden?

Es ist Tag drei von fünf in der Hauptstadt,

als Maurice Dietrich sein Besteck

neben das Mittagsschnitzel

legt, um ein Vorurteil abzuräumen, ein für

alle Mal. „Die müssen“, sagt er, „echt viel

tun für ihre Diäten.“ Die, das sind die Abgeordneten

des Deutschen Bundestages.

Und Dietrich – 25 Jahre, Prokurist bei der

gleichnamigen Mittelständlergruppe seines

Vaters – weiß jetzt, wovon er redet. Er

ist schließlich so nah dran wie nie zuvor.

„Junge Wirtschaft trifft Politik“ heißt das

Programm, das 150 Mitglieder aus dem

Verband der Wirtschaftsjunioren und

ebenso viele Parlamentarier zu ungewohnten

Pärchen verkuppelt. Miteinander diskutieren

statt übereinander schimpfen – so

lautet die inoffizielle Überschrift. Und

gleichzeitig die Hoffnung. Denn zu streiten,

über Rente oder Mindestlohn, gäbe es

gerade genug, besonders wenn man wie

Dietrich in der Regierungsfraktion der SPD

hospitiert. Gegen die Rentenpläne organisieren

die Jungunternehmer in ihrer Berlin-Woche

sogar eigens eine Demo.

Warum, dass erfährt die SPD-Abgeordnete

Petra Crone gleich am Montag, schon

wenige Minuten nach dem freundlichen

Willkommens-Händedruck in ihrem Büro.

Da erzählt Dietrich seiner Gastgeberin von

einem seiner altgedienten Mitarbeiter, der

die Tage zählt, bis die abschlagsfreie Rente

ab 63 endlich Gesetz ist. Er schildert, welche

Schwierigkeiten er hat, diese Lücke auf

die Schnelle zu füllen.

Aber Streit? Streit klingt anders. „Kritik

an unserer Politik ist in Ordnung“, sagt Crone.

„Ich erkenne sie an – aber ich muss

eben auch andere Sichtweisen berücksichtigen.“

Crone und Dietrich kommen aus

demselben Wahlkreis Olpe/Märkischer

Kreis in Nordrhein-Westfalen, Dietrichs

Onkel ist in der Heimat sogar Crones Nachbar.

Außerdem: Bei Problemen wie

»Die müssen

echt viel tun

für ihre Diäten«

Wie nett hier!

Petra Crone trifft

Maurice Dietrich

»

Maurice Dietrich

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 21

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

Fachkräftemangel und Landflucht sind

sich die beiden sehr schnell wieder einig.

Das hilft.

Die Sozialdemokratin muss sich in einem

tiefschwarzen Wahlkreis behaupten,

gerade deswegen will sie die örtlichen

Handwerkskammern und Arbeitgeberverbände

nicht alleine der CDU-Konkurrenz

überlassen, regelmäßig besucht sie Betriebe.

Dass die SPD keine Wirtschaftspartei

sei, „stimmt doch gar nicht“, findet sie. Deshalb

mache sie ja auch bei diesem Programm

mit: „Weil ich die Denke noch besser

verstehen will.“

Das Tempo im Regierungsviertel wiederum

nötigt Dietrich Respekt ab. Arbeitsgruppe,

Fraktionssitzung, das Rennen von

Ausschuss zu Ausschuss, Papiere hier, Anfragen

dort, vielleicht noch eine Rede im

Plenum, Abendempfänge, so geht es vom

frühen Morgen bis hinein in die Frühlingsnächte.

Dienstschluss? Die Leben als Unternehmer

und als Politikerin haben da eine

bemerkenswerte Parallele: Sie saugen

einen ziemlich auf. Sie lassen wenig Zeit

zum Innehalten, Nachdenken – erst recht

nicht zum Infragestellen.

EIGENTLICH NIE FEIERABEND

Dietrich hat im 70-Leute-Betrieb des Vaters

schon als Schüler sein erstes Geld verdient

und später dort Industriekaufmann

gelernt. Heute leitet er den Betrieb für filigrane

Kunststoffkomponenten in Autos

oder Medizingeräten schon mit, obwohl zu

seinem Management-Bachelor in Köln

noch vier Klausuren fehlen. Isst er abends

mit seinen Eltern, dann gibt es immer das

gleiche Tischgespräch als Beilage: das Geschäft.

„Eigentlich ist nie Feierabend“, sagt

er, „die Firma ist immer im Kopp.“

Dass dieses vermeintlich ferne, hektische

Schauspiel namens Politik für Dietrich

und seine Leute ziemlich handfeste

Folgen haben kann, wird ihm endgültig

deutlich, als er am vergangenen Donnerstag

im Bundestag auf den Besucherplätzen

sitzt und der Debatte zum Erneuerbaren-

Energien-Gesetz lauscht. In diesem Jahr

hat die Firmen-Gruppe die EEG-Befreiung

verloren. „Das ist schon ein bisschen Geld“,

sagt der Juniorchef. „Und da brauchen Sie

keinem Kunden mit kommen.“ Will heißen:

Die Firma muss es mühsam an anderer

Stelle herausschwitzen.

Petra Crone wird auch über dieses Gesetz

abstimmen und vielleicht bei ihrer

Entscheidung an Maurice Dietrich und die

Folgen denken. Vielleicht.

n

max.haerder@wiwo.de I Berlin

Milchgeld

LANDWIRTSCHAFT | Fünf Jahre nach der großen Milchkrise:

Der Strukturwandel hat stattgefunden, doch von klagenden Bauern

hört man nichts mehr. Denn wer heute noch Kühe hat, verdient

gutes Geld damit.

Ihre Kühe sind weg, nach 600 Jahren

Familienbetrieb. Christine Schneebichler

und ihr Mann haben die Tiere verkauft,

alle 50, auf einen Schlag. Sie sagt:

„Wir haben einfach nicht mehr länger

durchgehalten.“ Schneebichler ist eine beherzte

Bäuerin, Ende 40, aus dem oberbayrischen

Dorf Neubeuern. Ihr Leben

spielte sich immer irgendwo ab zwischen

Hof, Dorf und der einen oder anderen

Fahrt ins benachbarte Rosenheim, von Zeit

zu Zeit ging es auch mal nach München.

Vor fünf Jahren aber wurde auf einmal alles

anders. Statt in Neubeuern war sie nun in

Berlin, campierte auf der großen Wiese

zwischen Kanzleramt und Bundestag. Besser:

Sie stand im Hungerstreik – und

Deutschland schaute ihr dabei zu. Denn

Schneebichler war plötzlich zum Mittelpunkt

einer bundesweiten Diskussion

geworden, die in der Rückschau fast ein

bisschen absurd, zumindest aber ziemlich

überdreht anmutet.

Im Frühling 2009, während die Welt über

die Finanzkrise grübelte, gab es in

Deutschland nur ein Thema: den Milchpreis.

Auf 23 Cent war der Abnahmepreis

gesunken, die Bauern

sagten: Davon können wir

nicht leben. So vergossen

sie ihre Milch auf der Straße.

Und Deutschland

nahm Anteil.

Im Frühling 2014 liegt

der Milchpreis bei über

40 Cent. Wer immer

noch Kühe hat, der

verdient gerade gutes

Geld damit. In fünf Jahren

hat sich in der

Milchwirtschaft alles

geändert. Damit ist die

Branche ein eindringliches

Beispiel dafür,

was passiert, wenn

Subventions- auf

Marktwirtschaft trifft –

und wie heilsam es ist,

wenn diese Verbindung

endet.

Lukratives Melken

Milchpreis in Euro

(Jahresmittel)

40

35

30

25

20 05 13

Quelle: Milchindustrie

40 Cent, das bedeutet einen Preisanstieg

um mehr als 50 Prozent. Innerhalb von

fünf Jahren. Gerade haben die Discounter

wieder ihre Preise für das kommende halbe

Jahr verhandelt. Hätte das 2009 einer

vorhergesagt, die Öffentlichkeit hätte über

die Bauern vielleicht die Nase gerümpft, so

wie es heute der eine oder andere tut,

wenn er an den Streik der Lufthansa-Piloten

denkt.

DIE BAUERN KLAGTEN

Doch die Lage war anders. Milchbauern

hatten sich über Jahrzehnte an Subventionen

gewöhnt, Milchseen waren in den

Achtzigerjahren ein Synonym für die Fehlsteuerungen

der EU, wie es heute Olivenkännchen

oder die Gurkenkrümmung

sind. Lange Jahre hatte man den Bauern einen

auskömmlichen Milchpreis garantiert.

2015 aber wird die Quote fallen. Um das

vorzubereiten, wurde sie Jahr für Jahr erhöht.

Die Bauern erhöhten die Produktionsmengen

– und es gab zu viel Milch auf

dem Markt. Das nutzten die großen Lebensmitteleinzelhändler.

Sie drückten die

Preise, man könnte das Marktwirtschaft

nennen. Die Bauern aber klagten

und fanden Gehör.

Christine Schneebichler engagierte

sich damals im Bund der

Milchviehhalter. So wortgewandt

sie ist, so schnell wurde

sie zum Vorsprecher der

Gruppe. Noch heute

ist sie begeistert, wie

gut das damals geklappt

hat. „Wir haben

überall gespürt, dass das

Schicksal der Bauern die

Menschen betroffen macht“,

sagt Schneebichler. Sie wurde

zu Talkshows eingeladen,

organisierte Demonstrationen.

So wurde auch ihre Forderung

ziemlich schnell salonfähig:

Der Markt ruiniert

uns, die Politik soll helfen.

Konkret wollte sie erreichen,

dass der Milchpreis in die

FOTOS: DDP IMAGES/STEFFI LOOS, FOTOLIA

22 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Im Frühjahr 2009 trat Christine Schneebichler

in den Hungerstreik – aus Protest

gegen den niedrigen Milchpreis. Der hat

aktuell ein Rekordhoch erreicht, doch davon

hat sie nichts. Die Kühe sind verkauft – ihr

geht es trotzdem gut

Hand der Bauern gelegt würde, die ihn an

den Produktionskosten ausrichten würden.

Klingt nach Sozialismus, doch 2009

konnte man das sagen.

Schneebichler wollte einen „Milchgipfel“,

auf dem die Politik das beschließen

sollte. Als daraus nichts wurde, campierte

sie im Mai 2009 mit 200 anderen Bauern

vor dem Kanzleramt. Sechs von ihnen hörten

auf zu essen. Es war der Höhepunkt der

Milchkrise, Schneebichler wurde zum

Symbol der Verzweiflung einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

„Damals hat das ganze

Bundeskabinett über mich gesprochen“,

sagt sie heute stolz.

Die Bäuerinnen beendeten den kräftezehrenden

Streik schließlich mit einem

vermeintlichen Erfolg. Bundeskanzlerin

Angela Merkel hatte sie eingeladen und

mit pathetischen Worten Hilfe zugesagt.

„Die Lage der Milchbauern ist extrem

ernst“, so Merkel damals. Noch vor der

Sommerpause wolle sie sich kümmern.

2014 sind es nicht mehr Discounterpreise,

sondern chinesische Beamte, vor denen

die Milchbauern zittern. Denn aus Merkels

Ankündigungen ist nie etwas geworden.

Stattdessen haben die Milchbauern sich

selbst geholfen. In den vergangenen Jahren

ist die Anzahl der produzierenden Betriebe

gesunken, zugleich sind die durchschnittlichen

Mengen pro Betrieb gestiegen,

Marktbereinigung der klassischen

Art.

Auch haben die Bauern

neue Märkte erobert. Der Export

in Länder außerhalb der

Europäischen Union macht

derzeit schon 14 Prozent der

Gesamtmenge aus. Allein

die Ausfuhren nach China

haben sich innerhalb des

vergangenen Jahres verdoppelt.

Dort ist Deutschland

inzwischen der wichtigste

Importeur von Milchprodukten,

zu einem Durchschnittspreis

von deutlich

über zwei Euro pro Liter.

Anfang des Jahres haben

die chinesischen Behörden

erstmals ihre eigenen

Kontrolleure nach

Deutschland geschickt, um die Qualität des

wichtigen Importgutes zu überprüfen: „Sie

waren sehr zufrieden“, jubelt ein Sprecher

des Verbandes der Milchwirtschaft.

Christine Schneebichler bekommt von

diesem Boom nichts mehr mit. Im Sommer

2012 hat sie ihre Kühe verkauft. Auf

dem Dach des einstigen Stalles stehen

heute Solaranlagen, drinnen haben sich

Handwerksbetriebe und Logistiker eingemietet.

Die Schneebichlers selber leben

von der Miete und der Herstellung von

Saatgut. Die Milchwirtschaft hat sich in den

kleinen Ställen mitten im Ort einfach nicht

mehr gelohnt. Denn Neubeuern liegt an

der Kreuzung zweier Autobahnen, noch

dazu im erweiterten Münchner Umland,

Traumlage für Immobilienbesitzer. „Uns

geht es heute finanziell besser“, sagt sie.

KEINE KÜHE, KEINE MÜHE

Schneebichler erzählt dann, wie enttäuscht

sie von der Politik ist und wie viele andere

Höfe entweder aufgegeben hätten oder

kräftig gewachsen seien. Sie berichtet voller

Wut, beklagt das Ende der bäuerlichen

Landwirtschaft. Doch eigentlich ist ihre Geschichte

ein Beleg für wirtschaftlich höchst

erfolgreichen Strukturwandel: Die Betriebe,

die heute noch existieren, verdienen

dank effizienter Anlagen und hoher Nachfrage

gutes Geld. In Orten wie Neubeuern

lässt sich mit anderen Dingen mehr verdienen,

also setzen sie sich durch. Zumindest

eine gute Sache findet daran sogar Christine

Schneebichler: „Wenn heute ein Dorffest

ist, dann kann ich sogar mal bis zum

Ende bleiben.“ Keine Kühe, keine Mühe. n

konrad.fischer@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 23

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

Narenda Modi

und das

Rennen der Elefanten

INDIEN | Im Duell der asiatischen Wirtschaftsmächte hinkt das Land seinem ewigen Rivalen China

hoffnungslos hinterher. Narendra Modi, der Wunschkandidat der indischen Wirtschaft, will das

ändern. Ende dieser Woche steht er aller Voraussicht nach als Sieger der Parlamentswahl fest. Doch

mit ihm verbinden sich nicht nur Hoffnungen, sondern auch die Angst vor ethnischen Konflikten.

Ideen hat Anil Khaitan viele. „Das Rückgrat

einer Volkswirtschaft der Größe Indiens

muss das produzierende Gewerbe

sein“, sagt er, denn nur so ließen sich auch

Jobs für die jungen Leute schaffen, die jährlich

neu auf den Arbeitsmarkt strömen.

Wenn Indiens Wirtschaft um acht Prozent

wachsen solle, müsse die Industrie rund

doppelt so viel produzieren wie derzeit.

Geschieht dies nicht, sieht er für die Zukunft

schwarz: „Wenn jeder zweite junge

Inder keine ökonomische Perspektive hat,

wird er im schlimmsten Fall ein Terrorist.“

Dies zu verhindern, glaubt Anil Khaitan,

setzt eine bessere Bildung, eine funktionierende

Infrastruktur und eine liberalere

Wirtschaftspolitik voraus. „Wir müssen

aufhören, den Leuten Fische zu schenken“,

sagt er, „gebt ihnen lieber eine Angel, damit

sie selber fischen können.“

Khaitan redet wie ein Politiker, ist aber

Unternehmer – durch und durch. Als Juniorchef

von Shalimar Industries führt er

einen Mischkonzern mit Unternehmen in

der Stahl-, Pharma-, Papier- und Rohstoffbranche.

Alle zusammen setzen sie pro

Jahr eine halbe Milliarde Dollar um. In der

indischen Parlamentswahl, die schon seit

dem 7. April läuft und deren Sieger am

Freitag dieser Woche feststehen wird, hat

er seine ganz Hoffnung auf Narenda Modi

gesetzt, den 63-jährigen Spitzenkandidat

der Indischen Volkspartei BJP. Der hat als

Regierungschef der Provinz Gujarat seinen

Landstrich in ein westindisches Musterländle

verwandelt. Nun, so hoffen viele in

der indischen Wirtschaft, soll er die Wandlung

im Großen vollbringen. Modi „führt

Indien dorthin, wo China heute ist“, hofft

Anil Khaitan, er werde dieses riesige Land

wie ein CEO führen – und die lähmende

Korruption mit starker Hand bekämpfen.

Nötig wäre es, denn die aktuelle Regierung

unter Führung der vom Gandhi-Klan

dominierten Kongresspartei hinterlässt

das Land als Sanierungsfall. Mit Protektionismus

und einer inkonsistenten Wirtschaftspolitik

hat sie die Wirtschaft des

Landes gelähmt. Direkte Hilfen für Arme

und Festpreise für Agrarprodukte sollten

bei der Armutsbekämpfung helfen – dabei

liegt der Mangel eher darin, dass das Land

zu wenig Nahrungsmittel produziert. Die

Notenbank musste unlängst mit drastisch

»Die Regierung

teert am Tag

1,5 km Straße,

versprochen

waren 11«

Satyakam Kohli, BJP-Partei

einmal der Strom aus. Die neue Regierung

muss auch am Investitionsklima feilen, damit

ausländische Investoren ihr Geld nicht

länger lieber nach China tragen. Der ewige

Rivale Indiens ist zwar härter umkämpft, hat

höhere Löhne und schärferen Wettbewerb

auf den Märkten, zieht aber noch immer das

Gros gerade der deutschen Asien-Investitionen

an. Um hier aufzuholen, müsste Indien

auch einen radikalen Kampf gegen Korruption

und bürokratische Ineffizienz führen.

„Ohne Schmiergeld geht in diesem Land

nichts“, sagt ein deutscher Investor.

So ruht die Hoffnung auf dem Sohn eines

Teehändlers. Doch allen Vorschusslorbeeren

aus Wirtschaftskreisen zum Trotz – so

ungetrübt ist der Glanz des bärtigen Hoffnungsträgers

nicht. Als 2002 in Gujarat Unruhen

zwischen Hindus und Muslimen

ausbrachen, soll er als Regierungschef der

Provinz die Polizei absichtlich zurückgehalten

haben, bis am Ende ein Massaker

mit rund 1000 überwiegend muslimischen

Opfern zu beklagen war. Was Modi vehement

als „Propaganda“ bestreitet, wirft ihm

die Opposition bis heute vor. Modi hat dies

den Ruf als Spalter eingebracht, der dem

hindu-nationalistischen RSS innerhalb der

BJP-Partei nahesteht: einer Art Geheimbund,

der die Dominanz der Hindu-Kultur

im Vielvölkerstaat propagiert.

erhöhten Leitzinsen massive Kapitalabflüsse

und den Absturz der Landeswährung

Rupie stoppen. Letztlich hat die Regierung

weder die Armut noch die Inflation

gestoppt, wohl aber die Investitionen abgewürgt.

Im vergangenen Jahr stieg das Bruttoinlandsprodukt

(BIP) nur mehr um 4,6 Die USA und die EU hatten ihn deswegen

NEIGUNG ZUM AUTORITÄREN

Prozent – das schwächste Wachstum seit bis vor Kurzem mit einem Einreiseverbot

fünf Jahren.

belegt. In Indien selbst wurde er hingegen

Soll sich der Trend wenden, muss die von einem Gericht freigesprochen. Ob also

neue Regierung vor allem die Infrastruktur der Machtmensch mit seiner unverhohlenen

Neigung zum Autoritären die liberalen

entwickeln. Dafür gibt es zwar gigantische

Pläne – aber die stehen bislang nur auf Papier.

Im Alltag fällt selbst in der Industrie-

auf das ganze heterogene Land übertragen

Reformen aus Gujarat im Handumdrehen

hochburg Pune wöchentlich mindestens kann, ist fraglich. Selbst mit einem star-»

FOTO: REUTERS/AMIT DAVE

24 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Zweikampf der asiatischen Wirtschaftsriesen

IndiensWirtschaftwächst langsamer...

Bruttoinlandsprodukt

Veränderung zum Vorjahr in Prozent

15

...produziertweniger Wohlstand...

Reales Pro-Kopf-Einkommen

kaufkraftbereinigt, in 1000 Dollar

12

...und schafftweniger Jobs

Arbeitslosenrate

in Prozent

12

Indien

China

12

9

6

10

8

6

4

2

10

8

6

04 05

06 07 08 09 10 11 12 13 14

3

99 01 03 05 07 09 11 13

0

04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14

4

ab 2013 Prognose; Quelle: IHS

Soll Indien dahin führen,

wo China heute ist

BJP-Spitzenkandidat Modi

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 25

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

ken Wahlergebnis im Rücken wird sich

die BJP – wie in Indien üblich – mit vier bis

fünf Koalitionspartnern arrangieren müssen.

Was per se jedes Reformvorhaben gefährden

kann.

„Modi könnte Indien zumindest in eine

autoritäre Richtung treiben“, fürchtet Klaus

Voll, der seit mehr als 30 Jahren im Land

lebt und derzeit unter anderem ein dortiges

Fraunhofer-Institut berät. In dessen

Partei gebe es viele Strömungen, die Indien

als Reich der Hindus sehen, was wiederum

Konflikte mit ethnischen Minderheiten

heraufbeschwören könnte. Der liberale

Wirtschaftsflügel dagegen ist nur einer

von vielen – und derzeit auch nicht unbedingt

der stärkste. Andere Beobachter

stellen fest, dass Modi in den vergangenen

Jahren sehr viel pragmatischer und moderater

geworden sei: „Modi wird sich mit

anderen Parteien in einer Koalitionsregierung

arrangieren müssen“, sagt Lars Peter

Schmidt von der CDU-nahen Konrad-

Adenauer-Stiftung in Neu-Delhi, „sofern er

nationalistische Vorstellungen hat, wird er

sie gegen seine Partner nicht durchsetzen

können.“

Indien fällt zurück

Internationale Währungsreserven (ohne Gold)

in Indien und China

04 05

ab 2013: Prognose; Quelle: IHS

China

in Billionen Dollar

Indien

06 07 08 09 10 11 12 13 14

Auf Chinas Spuren

KALTE LUFT

Dienstag vergangener Woche in Neu-Delhi,

der Wahlkampf läuft seit Wochen auf

Hochtouren, drei Tage später wird auch in

der Hauptstadt gewählt. Nalin Satyakam

Kohli, den man in Deutschland wohl Generalsekretär

nennen würde, sitzt im Botschaftsviertel

in einer Hinterhofbaracke

und will erklären, was Modis Partei in Sachen

Wirtschaft vorhat. Hinter ihm bläst eine

Klimaanlage kalte Luft in den Raum, vor

ihm flimmern die Bilder einer Farbbeutel-

Attacke auf Arviond Kejriwal über den Monitor

– den Anti-Korruptions-Kämpfer und

Modi-Gegner.

Kohli macht den Mund auf und formuliert

druckreif: „Die Regierung teert am Tag

nur 1,5 Kilometer Straße, versprochen waren

11.“ Das Wachstum stürze ab, und

schuld sei nur die Kongresspartei: „Als sie

die Regierung von uns übernahmen, war

Indien ein Stern am Himmel. Heute ist die

Wachstumsstory gescheitert.“ Auch in Indien

sollte man nicht mit einem Parteikader

sprechen, wenn man Konkretes über

Inhalte und politische Programme erfahren

will.

Ohnehin ist das Durchsetzen von Reformen

in Indien eine vertrackte Sache. Selbst

die neuerdings als wirtschaftsfeindlich verschriene

Kongresspartei hat unter Führung

des greisen Ministerpräsidenten Manmohan

Singh eine Liberalisierung vorangebracht

– um damit im Parlament krachend

zu scheitern. Das galt etwa für die Öffnung

des Einzelhandels, wo zwar Ein-Marken-

Geschäfte wie Adidas mittlerweile erlaubt

sind, nicht aber Handelsketten mit zig Marken

im Sortiment. Mächtige Konzerne wie

Wal-Mart und Tesco haben in den vergangenen

Jahren immer wieder den Eintritt in

den Wachstumsmarkt Indien versucht, nur

um stets am Widerstand der Behörden zu

scheitern.

Der Handel ist ein schwieriges Terrain in

Indien. Mehr als vier Fünftel der Beschäftigten

sind in der Subsistenzwirtschaft tätig,

was neben kleinbäuerlichen Strukturen

vor allem die im Stadtbild omnipräsenten

Shops in Blechverschlägen einschließt. Die

Händler, noch mehr aber die Agrarproduzenten

fürchten die Konkurrenz durch internationale

Handelsketten – und lobbyieren

erfolgreich gegen deren Zulassung. Die

Verhandlungen über Freihandel mit der

5

4

3

2

1

0

Absturz gestoppt

Ein EuroinIndischen Rupien

04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14

Quelle: IHS

Exporte und Importe (in Prozent des Bruttoinlandsprodukts)

Importe

*ab2013 Prognose; Quelle: IHS

Indien

25

20

15

Exporte

in Rupien

EU sind hieran gescheitert, und auch die

BJP rückt keinen Meter vom Widerstand

gegen diese „Multi-Brand-Retailer“ ab.

Insofern hat die Metro Group noch

einmal Glück gehabt. Der Düsseldorfer

Handelskonzern darf sich als Großhändler

in Indien niederlassen und ist seit 2003 mit

16 Märkten in zwölf Städten präsent. Für

einen Markt mit 1,2 Milliarden Einwohnern

ist das erstaunlich wenig. „Das

Finden passender Grundstücke ist eine

Herausforderung bei der Expansion in Indien“,

sagt Rajeev Bakshi, Managing Direktor

von Metro Cash & Carry Indien. Land

sei in den stark besiedelten Urbanisationen

nicht nur schwer zu finden und damit

meistens teuer, auch der Kaufprozess und

die Registrierung brauchen in der Regel ihre

Zeit. „Insofern wachsen wir in Indien

bisher zwar nicht rapide, dafür aber stetig

und nachhaltig“, so der Manager. Auch hat

in Indien jeder Laden seine eigenen Einkaufsstrukturen

und seine eigenen Liefe-

90

80

70

60

50

China

Exporte

Importe

10

15

04 06 08 10 12 14 04 06 08 10 12 14

40

35

30

25

20

26 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTO: CONI HÖRLER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

„Gebt den Leuten eine Angel – keine Fische“ Unternehmer Anil Khaitan

ranten. Es dauert beinahe eine Woche, bis

ein Lkw aus Bangalore die 2000 Kilometer

bis Delhi bewältigt hat. Folglich kann

der deutsche Großhändler seine Filialen

nicht aus Zentrallagern bedienen, wie das

sogar in den riesigen Weiten Russlands

möglich ist.

ABSURDE SITUATION

Laut Studien vergammelt die Hälfte der in

Indien angebauten Lebensmittel auf dem

Weg zum Markt, da der Transport zu lange

dauert oder geeignete Lagerkapazitäten

fehlen. Was zu der absurden Situation

führt, dass ein Land mit einigen Hundert

Millionen Bauern auf den Import von Lebensmitteln

angewiesen ist, was auf die

Leistungsbilanz drückt. Statt gut geplant

und koordiniert einfach nur Straßen und

Schienen zu bauen, müht sich die Regierung

in Megaprojekten wie dem Delhi-

Mumbai-Korridor ab: ein auf 90 Milliarden

Dollar taxierter Ausbau von Straßen, Zugund

Flugverbindungen zwischen den beiden

Wirtschaftszentren, flankiert von Gewerbegebieten.

Bislang sind dies nur hehre Pläne. In der

Realität stecken Autofahrer in Bangalore

ständig im Stau fest, und selbst auf halbwegs

befahrbaren Autobahnen wie jener

zwischen Mumbai und Pune kraxeln

klapprige Lkws im Schneckentempo die

Berge hinauf, weil die Motoren vor den

Steigungen kapitulieren.

»Das Finden

passender Grundstücke

ist eine

Herausforderung«

Rajeev Bakshi, Metro-Manager

Es sind derlei Bürden des Alltags, die Indien

als globale Wachstumslokomotive

ausbremsen. China dagegen ist wesentlich

effizienter organisiert – nicht nur, weil es

sich das leisten kann, sondern auch, weil

sein autoritärer Kontrollstaat nicht so viele

Interessen austarieren muss und Ressourcen

einfach umverteilen kann. Andererseits

hat Indien, was China fehlt: eine kluge

High-Tech-Elite, die als Programmierer

zum Beispiel für SAP und Microsoft arbeisen

produktiven Inseln stinken die Slums

in den Himmel, versinken die Städte im

Verkehrschaos, wuchert die Korruption,

funktioniert nichts.

Eine dieser Inseln ist das neue Forschungszentrum

von Henkel in Pune. Dort

beliefert der Düsseldorfer Chemiekonzern

die Autoindustrie mit Klebstoffen. Das

klingt simpel und erfordert auf den ersten

Blick sicher kein Entwicklungszentrum.

Aber dessen Direktor Pradhyumna Ingle

widerspricht: „Wer in Indien erfolgreich

sein will, muss sich diesem Markt anpassen.“

Was für Klebstoffe bedeute, dass die

Haftfestigkeit an die höhere Luftfeuchtigkeit

adaptiert werden muss. Das übernehmen

Chemiker, die in Testgeräten Klimaänderungen

simulieren und am Mikroskop die

Konsistenz der Materialien untersuchen.

Zwar könnte man dies auch in Düsseldorf

machen. Aber: „Wir pflegen einen ständigen

Kontakt zu den hiesigen Kunden, die

ihre Ideen und Verbesserungsvorschläge

einbringen“, sagt Entwicklungschef Ingle.

Henkel ist mit Klebstoffen gut im Geschäft,

auch wenn die Autobranche kriselt

und das Wachstum niedrig ist. Allerdings

haben die Düsseldorfer im Konsumgütersektor

die Flinte ins Korn geworfen: Aus

dem Handel mit Waschmitteln hat sich das

Unternehmen zurückgezogen, weil die

deutsche Marke in Indien nicht etabliert

werden konnte. Damit kämpfen auch andere

Markenhersteller, etwa Dr. Oetker – deren

Branding schon bei der Aussprache an

Grenzen stößt. Die Bielefelder fahren dennoch

eine Fertigung nahe Neu-Delhi hoch,

auch wenn sie nicht viel darüber reden.

Indien beherbergt im Grunde eine Binnenwirtschaft.

Der Außenhandel mit

Deutschland ist von 2011 bis 2013 um 2 auf

16 Milliarden Euro gesunken, was nicht

einmal einem Fünftel des Handelsvolumens

mit Russland entspricht. Dennoch

verspricht Indien prinzipiell hohe Wachstumsraten

– sofern man vor Ort Präsenz

zeigt und Produkte in Indien für Indien

produziert. Das predigt Heinrich Bruellau,

der gerade im westindischen Pune im Auftrag

des Wuppertaler Mittelständlers

Schmersalin eine Schalter-Fertigung aufbaut,

seit Jahren. Der Grauschopf kam

einst als VW-Manager nach Pune, ist nun

über 60 und somit schon aus Altersgründen

für Inder ein respektierter Partner.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb er das

Werk in der für Indien kurzen Zeit von nur

zwei Jahren aus dem Boden gestampft hat.

Deutsche Wertarbeit beginnt für Bruellau

damit, dass er im Werke nicht ein

tet. Forscher, die mitdenken, statt bloß Befehle

der Vorgesetzten zu befolgen. Darum

sind Inder potenziell innovativer als Chinesen,

sagen deutsche Manager.

In jeder Stadt und jedem Staat findet

man Ecken, in denen echte Hochtechnologie

entwickelt wird, wo global wettbewerbsfähige

Unternehmen vom Schlage

des IT-Entwicklers Infosys sitzen. Das Problem

ist nur: Links und rechts neben die- »

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 27

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Anand Mahindra

»Schreibt

Indien

nie ab!«

Der Chef eines der größten

indischen Mischkonzerne über

die schlechte Konjunktur und

den vermutlichen Wahlausgang.

„Meine Leute müssen sich an Reinheit gewöhnen“ Deutscher Ex-Pat-Manager Bruellau

»

Körnchen Staub zulässt. Einsam kurvt

deswegen ein junger Inder mit der Putzmaschine

durch die Halle. Tag für Tag, von

morgens bis abends. „Der Staub zieht

durch alle Ritzen, und die Mitarbeiter

kümmern sich nicht darum“, sagt der Kaufmann.

Der Fulltime-Job des Putzmanns

soll psychologische Effekte haben: „Meine

Leute müssen sich angewöhnen, wie wichtig

Reinheit in der Produktion ist.“

Im Moment ist das ein Leichtes: Sechs

Mitarbeiter montieren im Monat 1000

Stecker, kaum ein Drittel des riesigen blauweißen

Neubaus ist belegt. „Indien steckt in

der Wirtschaftskrise, viele Kunden halten

ihre Investitionen zurück“, erklärt Bruellau.

„Aber der Markt wird wieder anspringen,

und dann müssen Sie vor Ort sein.“ Denn

Indien sei preislich so sensibel, dass Importe

aus Deutschland den Kunden schon wegen

der hohen Steuern und Zöllen zu teuer

seien, Wertarbeit hin oder her. „Wenn Sie

über die lokale Produktion die niedrigen

Lohnkosten mitnehmen und deutsche

Qualität beibehalten“, sagt Bruellau, „dann

sind Sie hier gut im Geschäft.“

Überheblichkeit beim Produktmanagement

betrachtet Heinrich Bruellau als einen

von drei typischen Fehlern, die deutsche Investoren

beim Markteintritt in Indien machen.

Ein anderer sei, dass Ausländer den

Ärger beim Kauf von Land unterschätzen,

dessen Besitzrechte häufig nicht geklärt seien.

Drittens nehme der Deutsche den Auf-

wand bei der Qualifizierung von Fachpersonal

auf die leichte Schulter. Nur weil die Inder

leidlich Englisch sprechen, könnten sie

noch keine Maschine bedienen.

LIEBER HEUTE ALS MORGEN

Trotz Erfahrung und respektablem Alter

musste auch Heinrich Bruellau seine

Schneisen durch den Dschungel der indischen

Bürokratie schlagen. Er ließ 200 Bäume

pflanzen und vier Treppenhäuser betonieren,

um die Auflagen von Umwelt- und

Brandschutzbehörden akkurat zu erfüllen.

Andere schmieren die Beamten, die Deutschen

natürlich nicht. „Die Inder schießen

sich mit diesem hohen Maße an Korruption

selbst ins Knie“, sagt Bruellau, „denn das

bremst ihren Aufschwung.“ Er rechnet damit,

dass die neue indische Regierung die

Bürokratie abbauen und Indien als Standort

für Investitionen attraktiver machen wird.

„Deutsche Unternehmen sollten sich lieber

heute mit Indien als Markt beschäftigen“,

rät der Indien-Veteran, sonst sei gegen

die lokalen Wettbewerber morgen kein

Boden mehr gutzumachen. Und vor Narendra

Modi hat er keine Angst? Der Hamburger

will es mal so formulieren: Er hoffe,

dass die neue Regierung die indische Wirtschaft

nicht zu ungestüm nach vorne bringe.

„Wenn ein Elefant zu rennen beginnt,

kann es für alle anderen sehr schnell gefährlich

werden.“

n

florian.willershausen@wiwo.de

Herr Mahindra, die indische Wirtschaft

wuchs 2013 so schwach wie seit fünf

Jahren nicht. Was bedeutet das für Ihre

Geschäfte?

Als Unternehmer wünsche ich mir natürlich,

dass die Wirtschaft stärker

wächst. Aber wir konnten die konjunkturelle

Großwetterlage antizipieren und

waren darauf vorbereitet, die Kosten

rechtzeitig zu senken. Das ist uns auch

gelungen, und deswegen haben wir das

vergangene Jahr trotz des negativen

Wirtschaftsklimas gut überstanden. Uns

hilft aber auch, dass wir um bestimmte

Sektoren einen großen Bogen machen –

zum Beispiel Bau und Infrastruktur.

Wieso das? Gerade in diesen Bereichen

plant doch die indische Regierung

Investitionen in Milliardenhöhe.

Höflich ausgedrückt, erfordern solche

Projekte in Indien Ressourcen und Fähigkeiten,

die wir nicht haben. Wir müssten

uns stark mit den Behörden auseinandersetzen,

um bevorzugten Zugang

etwa zu Rohstoff-Projekten zu bekommen.

Das wollen wir nicht, das können

wir nicht. Also machen wir überhaupt

keine Geschäfte, die staatliche Lizenzen

erfordern oder bei denen wir uns einer

staatlichen Regulierung unterwerfen

müssten. Wir ziehen ein Engagement in

Sektoren vor, die mit dem Privatkonsum

zusammenhängen – so können wir unser

Schicksal selbst bestimmen.

Viele Unternehmer machen die indische

Regierung für den Abschwung verantwortlich.

Was lief aus Ihrer Sicht falsch?

Man hat Infrastruktur-Investitionen verschlafen,

Genehmigungen verschleppt,

es kam zu Stillstand und Blockaden im

politischen Prozess, sodass schließlich

die Investitionen in die indische Ökono-

FOTOS: CONI HÖRLER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, GETTY IMAGES/HINDUSTAN TIMES/JASJEET PLAHA

28 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


mie zurückgingen. Aber diese Schwächephase

hatte auch positive Aspekte: Aufgrund

der Überregulierung kam es zu

einem enormen Aufschrei wegen des willkürlichen

Rent-Seeking...

...also Fällen, in denen Beamte die Hand

aufhalten oder sich Behördenvertreter

schmieren lassen, um bestimmten Unternehmen

Vorteile zu verschaffen.

Oder sogar willkürlich Lizenzen zur Förderung

von Rohstoffen vergeben. Dagegen

sind die Inder vorgegangen: über den

Rechtsweg, mit öffentlichen Anfragen,

mithilfe der Medien. Schon das Vorgehen

gegen Willkür macht unser Land stärker.

Indien ist keine Bananenrepublik. Dies ist

kein Wirtschaftssystem, das nur ein oder

zwei Business-Familien dominieren. Wir

haben viel mehr Tiefgang. Und wann immer

hier jemand versucht, zu viel Macht in

seinen Händen zu halten, wird die demokratische

Gesellschaft reagieren.

Reichen staatliche Investitionen aus,

um Indiens Wachstum wieder in Richtung

zehn Prozent zu führen?

Nein, aber wir sollten eines nicht vergessen:

Indien hat eine hohe Sparquote, fast

30 Prozent. Daraus lassen sich Investitionen

finanzieren. Global ist zudem Geld im

Überfluss vorhanden – und es gibt in der

Welt nur sehr wenige Möglichkeiten, es

sinnvoll zu investieren. Als der Markt

jüngst bemerkte, dass die indische Notenbank

den Abwärtstrend der Rupie aufhalten

würde, ging es mit der Währung sofort

aufwärts. Und nun notieren unsere Börsen

auf einem Allzeithoch.

Scheinbar erwarten die Märkte den

Wahlsieg von Narendra Modi, der als

Hoffnungsträger der Wirtschaft gilt...

Ja, das hat mich auch überrascht. Wenn

die Märkte also schon vor der Stimmenauszählung

so positiv reagieren, dann

können wir im Falle eines eindeutigen

Wahlergebnisses mit Kapitalzufluss rechnen.

In der Welt liegt noch viel Geld auf

Halde, das womöglich bald nach Indien

fließt, sobald es weitere Zeichen für eine

stabile wirtschaftliche Entwicklung gibt.

Vor allem in Neu-Delhi freut sich jeder

Unternehmer auf den wahrscheinlichen

Wahlsieg der BJP. Warum?

Wir haben keine Präferenz für einzelne

Parteien, sondern sponsern alle Parteien

in gleichem Maße. Und zwar seit fünf Legislaturperioden

– und völlig transparent.

Wir wollen die Demokratie fördern und

keine Partei. Wenn eine Regierung an der

Macht ist, machen wir hartes Lobbying für

das, was das Land voranbringt.

Die Frage war auch nicht, wen Sie fördern.

Sondern warum die indische Wirtschaft

geschlossen hinter Modi steht.

Die Wirtschaft hofft stets auf Stabilität.

Und das ist beim klaren Sieg einer Partei

wahrscheinlicher. Vermutlich ist es der

Wunsch nach stabilen Verhältnissen, den

man gerade unter Neu-Delhis Unternehmern

spürt. Aus privaten Gesprächen

weiß ich, dass alle Unternehmer dieselbe

Meinung über ihn haben.

DER PRAGMATIKER

Mahindra, 59, ist in dritter Generation

führender Manager der Mahindra Group,

einem der größten Mischkonzerne Indiens.

Fürchten Sie einen Börsencrash, wenn

das Wahlergebnis eine breite Koalitionsregierung

nötig macht?

Nein, selbst dann mache ich mir keine Sorgen.

In der Vergangenheit ist Indien selbst

dann gewachsen, wenn eine ineffiziente

Regierung an der Macht war. Zugegeben,

internationale Investoren waren in den

vergangenen fünf Jahren enttäuscht, weil

unser Land hinter den ökonomischen Erwartungen

zurückgeblieben ist. Aber nun

strömt so schnell so viel Kapital zurück ins

Land, dass die Botschaft für alle lautet:

Schreibt Indien niemals ab!

Würden Sie sagen, ausländische Investoren

unterschätzen den indischen Markt?

Ja, absolut. Indien ist ein Zirkus, wo immer

etwas los ist. Und selbst wenn die

versprochene große Show nicht stattfindet,

erscheinen immer ein paar Solokünstler,

die etwas können. In der vergangenen

Legislaturperiode waren das

der Chef der Notenbank, Raghuram

Rajan, und der Finanzminister, die gute

Arbeit geleistet haben. Also kauft Tickets

für die Indien-Show!

Indien ist ein gewaltiger Binnenmarkt,

kaum integriert in die Weltwirtschaft.

Glauben Sie, dass sich Indien bald der

Welt öffnen wird?

Wir werden nie ein großer Rohstoff-Exporteur

werden, aber als Importeur

spielt Indien eine immer größere Rolle in

der Weltwirtschaft. Unsere Exporte

werden in dem Maße wachsen, wie wir

unsere Infrastruktur-Probleme in den

Griff kriegen. In Chennai ist ein großer

Hafen für die Verschiffung von Autos in

Betrieb gegangen, was etwa Hyundai

ermöglicht, aus Indien in die Welt zu

exportieren. Mit dem Wachstum von

Importen und Exporten werden auch

unsere Geschäftsleute verstärkt im

Ausland investieren und die Integration

des Landes in die Weltwirtschaft stärken.

Das setzt aber voraus, dass die teils

hohen Schutzzölle reduziert werden,

von denen auch Ihre Gruppe profitiert.

Fürchten Sie niedrigere Zölle?

Ob die Zölle hoch sind oder niedrig,

spielt keine Rolle. Alle namhaften

Fahrzeughersteller sind vor Ort und produzieren

zu indischen Bedingungen.

Umgekehrt sind indische Unternehmen

global wettbewerbsfähig, sofern wir

effiziente Strukturen haben. Es ist für

ausländische Unternehmen ein Leichtes,

in Indien zu investieren. Unser

Land hat einen der offensten Märkte

der Welt.

Die EU verhandelt seit Jahren über ein

Freihandelsabkommen mit Indien –

ohne Erfolg. Hat der Handel mit Europa

für Indien keine Priorität mehr?

Jedes Handelsabkommen ist wichtig.

Die Verhandlungen mit der EU stocken,

weil sich Brüssel gegen die Öffnung der

Dienstleistungssektoren für indische

Wettbewerber sträubt. Hier kommt uns

die EU sehr protektionistisch vor, was

uns wiederum in Bezug auf den Einzelhandel

vorgeworfen wird. Das ist ein Geben

und Nehmen.

n

florian.willershausen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 29

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

Wettbewerb statt Anarchie

FORUM | Das Erneuerbare-Energien-Gesetz führt zu grotesken Verteilungskämpfen. Nur der Umstieg

auf marktwirtschaftliche Anreize macht Strom sicher und preiswert. Von Alexander Graf Lambsdorff

Schaut die Welt auf Deutschlands

Energiepolitik, dann

reibt sie sich die Augen: Da

kämpfen Windenergie-Länder gegen

Biomasse-Länder; beide gemeinsam

gegen industriell geprägte

Länder und den Bund; der Bund

wiederum gegen die Europäische

Kommission, die Deutschland den

Spiegel seiner Subventionswirtschaft

vorhält. Kurz gesagt: Am

Futtertrog des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes

(EEG) wird es eng.

Verbraucher und Industrie wollen

ihn nicht länger beliebig füllen.

Kaum einer versteht mehr, warum

der Staat Industrie und Verbraucher

mit 21 Milliarden Euro für die Produktion

regenerativer Energie belastet,

die einen Marktwert von etwa

einem Zehntel dieser Summe besitzt.

Da werden die Sitten rauer.

„Gruppen-anarchische Kämpfe“ hat das Walter Eucken, der

geistige Vater der sozialen Marktwirtschaft, genannt. Sie entstehen

immer dann, wenn Branchen planwirtschaftlich gelenkt werden.

Dann nämlich denkt niemand mehr darüber nach, wie er durch

gute Produkte zu günstigen Preisen am Markt erfolgreich ist. Alle

gedankliche Energie wird stattdessen für die Frage aufgewendet,

wie man den Gesetzgeber dazu bringt, den Fluss

der Subventionen in die eigene Tasche zu lenken.

KEIN STROM, ABER GELD

Die Ergebnisse dieser Verteilungskämpfe sind grotesk:

EEG-Strom wird ohne Rücksicht darauf produziert,

ob er überhaupt nachgefragt wird und abtransportiert

werden kann. Notfalls wird er zu Negativpreisen

ins Ausland verramscht und überlastet

die Netze unserer Nachbarn. Fehlen die Verteilnetze,

etwa bei Windparks in Küstennähe, werden

diese regelmäßig zwangsabgeschaltet. Es fließt

zwar kein Strom, aber das Geld der Verbraucher.

Die aktuell diskutierte EEG-Reform beseitigt diese

Missstände nicht. Im Gegenteil: Windräder an

windarmen Standorten sollen jetzt sogar einen Bonus

erhalten.

Die nukleare Bilanz ist ebenfalls zweifelhaft:

Deutschland kann seinen Atomausstieg derzeit nur

fortsetzen, weil wir die Stabilität der Stromversorgung

mit französischem Atomstrom absichern. Das

verlässliche Atomkraftwerk Grafenrheinfeld wird

abgeschaltet, während im Erdbebengebiet westlich

Lambsdorff, 47, ist seit

2004 Mitglied des Europäischen

Parlaments.

Davor arbeitete der FDP-

Politiker ab 1995 in verschiedenen

Funktionen

im Auswärtigen Amt der

Bundesregierung.

des Rheins das älteste Kernkraftwerk

Frankreichs, Fessenheim, bereitstehen

muss, um einen deutschen

Blackout abzuwenden.

Die wohlfahrtsökonomischen

Ergebnisse sind bizarr: Investoren

profitieren von der garantierten

Förderung eigener EEG-Anlagen,

während alle Haushalte, auch einkommensschwache,

mit der EEG-

Umlage belastet werden. Das EEG

vernichtet volkswirtschaftliche

Werte, es gefährdet die industrielle

Basis unseres Landes und damit

Arbeitsplätze.

Deutschland muss dringend aufwachen:

Das Ziel einer nachhaltigen,

sicheren und günstigen Energieversorgung

ist nur im Einklang

mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten

und ökonomischer Vernunft

zu erreichen. Daher benötigen wir

sofort den Stopp der finanziellen Förderung neuer EEG-Anlagen

und so schnell wie möglich den Ausstieg aus dem EEG.

Statt einer heiß laufenden Subventionsmaschine brauchen wir

den frischen Wind des Wettbewerbs: ein europaweites Mengensystem

statt 28 nationale Fördersysteme. Die Energieversorger

wären verpflichtet, einen bestimmten Anteil erneuerbarer Energien

zu verkaufen, aber ohne planwirtschaftliche

Detailvorgaben und Vergütungsgarantien. So gäbe

es echten, europaweiten Wettbewerb, in dem sich

besonders günstige oder verlässliche Anbieter

durchsetzen.

In einem europäischen Markt könnte der Verbraucher

auch sehen, dass Strom in Finnland nur

etwa die Hälfte kostet, und selbst entscheiden, wie

viel ihm Strom welcher Erzeugungsart wert ist. Die

deutsche Politik könnte sich nicht länger durch

protektionistische Abschirmung dem Wettbewerb

entziehen. Unser Land kann seinen Wohlstand

mehren, wenn der Ökostrom dort produziert wird,

wo das am besten funktioniert: Solarstrom aus

Südeuropa, Wasserkraft aus Skandinavien und

Windenergie von der deutschen Küste würden

den Geldbeutel der Bürgerinnen und Bürger schonen

und über bezahlbare Strompreise die internationale

Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen

sichern.

Europäischen Wettbewerb bei der Energie statt

planwirtschaftlicher Gruppenanarchie – das

braucht die deutsche Energiepolitik!

n

FOTOS: LAIF/ZENIT/LANGROCK, GETTY IMAGES/KOEHLER

32 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTOS: SAMMY HART, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ACTION PRESS/WIKTOR DABKOWSKI

PARIS | Kreditkarte?

Non merci! Die

Franzosen lieben

ihre altmodischen

Schecks. Von Karin

Finkenzeller

Amour fou am

Marktstand

Neulich auf dem

Wochenmarkt am Pariser

Boulevard Richard Lenoir:

Während ich am Gemüsestand

stehe, nimmt die

Kundin vor mir einen

Bund Karotten in Empfang. Doch anstatt

der Marktfrau ein paar Münzen in die

Hand zu drücken, zückt sie einen Block

und beginnt zu schreiben. Da ist er wieder:

der unkaputtbare französische Scheck.

Andernorts in Europa fast ausgestorben,

von Kredit- und EC-Karten erstickt,

ist er in Frankreich nicht unterzukriegen.

Laut Zentralbank stellten die Franzosen

2012 insgesamt 2,8 Milliarden Schecks

im Wert von knapp 1,63 Billionen Euro

aus. Frankreich liegt damit an der Spitze

Europas. 66 Prozent aller Schecks, die

auf dem Kontinent eingereicht werden,

sind französischer Natur. Einkäufe, Miete,

Stromrechnung, Kinderkrippe, Schulkantine,

die Anzahlung für den nächsten

Urlaub, ja selbst Löhne werden häufig

noch mit signierten Papieren beglichen.

Es ist wie eine Amour fou. Schecks gelten

in Frankreich als vertrauenswürdiger

Bargeldersatz, sie sind immer griffbereit

und vor allem: gebührenfrei. Vor ein paar

Jahren wollten die Banken mal Gebühren

einführen, weil sie die Bearbeitung der

Schecks pro Jahr 2,5 Milliarden Euro

kostet. Nach einem Proteststurm knickten

die Finanzinstitute aber schnell

wieder ein. Zur Umstellung auf SEPA-

Überweisungen in diesem Jahr teilten sie

ihren Kunden beflissen mit, dass sich am

Gebrauch der Schecks selbstverständlich

nichts ändern werde. Für ein wenig Nostalgie

muss man also auch künftig in

Frankreich nicht weit gehen – allenfalls

bis zum nächsten Marktstand.

Karin Finkenzeller ist Frankreich-

Korrespondentin der WirtschaftsWoche.

BERLIN INTERN | Der Europawahlkampf stellt die

deutsche Politik vor Probleme. In Brüssel wollen ihre

Parteifamilien etwas völlig anderes, als die Spitzenleute

hierzulande versprechen. Von Henning Krumrey

Vielfache Einfalt

Wer zu Schizophrenie neigt, kann

entweder zum Psychiater gehen

oder für das Europaparlament

kandidieren. Bei den Kampagnen für den

Straßburg-Brüsseler Abgeordnetenolymp

ist eine gespaltene Persönlichkeit äußerst

hilfreich. Zu sehr klaffen die Ziele der europäischen

Parteiverbünde und die heimischen

Wahlversprechen auseinander.

Die bürgerlichen Parteien präsentieren

sich zwischen Flensburg und Passau als

Hüter der Stabilität und eines starken Euro.

Der von der rot-grünen Bundesregierung

Ihr Name ist Bond – Euro-Bond Spitzenkandidaten

Juncker, Schulz, Verhofstadt

unter Gerhard Schröder aufgeweichte

Maastricht-Vertrag sei nachzuschärfen.

Und vor allem: keine Vereinigten Staaten

von Europa und keine Euro-Bonds, also

gemeinsame Einheitsschuldtitel von soliden

und allzu freigiebigen Ländern. Einheit

in Vielfalt, lautet das Motto.

Dumm nur, dass die europäischen Parteifamilien

und deren Spitzenkandidaten

das ganz anders sehen als deren deutsche

Ableger. Die Traditionsparteien setzen auf

vielfache Einfalt, dass die Wähler die Unterschiede

schon nicht bemerken.

So plädierte Jean-Claude Juncker, der

ehemalige luxemburgische Ministerpräsident

und heutige Vormann der Europäischen

Volkspartei EVP, in der Euro-Krise als

einer der Ersten für den gemeinsamen

Schuldentopf; bei Euro-Bonds haften alle

gemeinsam für die Verbindlichkeiten einzelner

Staaten des Währungsverbundes.

Jahrelang wurde Juncker nicht müde, seine

Forderung zu wiederholen. Erst seit er Spitzenkandidat

der Europäischen Volkspartei

ist, tritt er leiser auf, sagt aber weiterhin:

„Ich halte sie langfristig für ein richtiges

Instrument.“

„Juncker ist gegen Euro-Bonds, das hat

er klar gesagt“, versichert dagegen der

Spitzenkandidat der CDU für Deutschland,

der frühere niedersächsische Ministerpräsident

David McAllister. Und auch Finanzminister

Wolfgang Schäuble weiß von der

Wandlung des schlitzohrigen Luxemburgers

nur Gutes zu berichten: „Ich habe ihn

überzeugt“, verkündet er stolz. Es habe

allerdings einige Mühe gekostet.

Auch die Sozialdemokraten haben ein

Problem mit ihrem Spitzenmann. „Ich bin

nach wie vor für Euro-Bonds“, verteidigt

Martin Schulz seine traditionelle Position,

während die SPD inzwischen – aus Angst

vor dem deutschen Wähler – einen Altschuldentilgungsfonds

favorisiert, der nur

eine teilweise Vergemeinschaftung von

Schulden vorsieht. Dafür wirbt er hierzulande

für eine Rückverlagerung von Kompetenzen

aus Brüssel in die nationale

Zuständigkeit, was seine Freunde der

Europäischen Sozialdemokraten nicht

so vehement verlangen.

Die Liberalen behelfen sich gar mit einem

Trick. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner

und sein heimischer Spitzenkandidat

Alexander Graf Lambsdorff preisen den

finnischen Parteifreund Olli Rehn als Stabilitätsanker

an. Der verteidige als EU-Währungskommissar

einen starken Euro. Den

wahren liberalen Spitzenkandidaten, den

EP-Fraktionsvorsitzenden Guy Verhofstadt,

verschweigen die beiden deutschen

Wahlkämpfer dagegen verschämt.

Kein Wunder, denn der Belgier ist ein

glühender Verfechter eines zentralistischen

Europas, das die FDP nun gerade bekämpft.

Eine EU-eigene Steuer, Mehrheitsentscheidungen

im Rat über den Haushalt,

die „Vereinigten Staaten von Europa“. Und

natürlich „so schnell wie möglich“ Euro-

Bonds als „einzigen Weg, die Krise zu stoppen“,

verlangte er noch 2012.

Ungespalten treten nur Grüne und Linke

auf: Die sagen national wie kontinental,

dass sie Euro-Bonds wollen.

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 33

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die EZB will im Juni

an der Zinsschraube drehen. Das

weckt Zweifel an ihrer Unabhängigkeit.

Von Angela Hennersdorf

Kampfansage

Zweimal im Jahr geht

der Rat der Europäischen

Zentralbank

(EZB) auf Reisen.

Dann beraten die Notenbanker

ihre geldpolitische Strategie

nicht im Frankfurter Eurotower,

sondern folgen der

Einladung einer nationalen

Zentralbank. Am vergangenen

Donnerstag lud die Belgische

Nationalbank in ihr Domizil in

Brüssel. Und da all die Notenbanker

schon einmal in der

europäischen Hauptstadt versammelt

waren, schaute auch

Euro-Gruppen-Chef Jeroen

Dijsselbloem vorbei. Im Gepäck

hatte der Niederländer eine

Präsentation über die ökonomische

Lage in den Euro-Ländern.

Was Dijsselbloem präsentierte,

brachte EZB-Präsident

Mario Draghi ins Schwärmen.

„Tolle strukturelle Reformen“

habe etwa Portugal vollzogen,

so Draghi. Jetzt die positiven

Fortschritte in den Euro-Krisenländern

zu sehen, nach „all

den Schmerzen“, die diese

durchgemacht hätten, das sei

doch fantastisch.

WARTEN AUF DEN JUNI

Na, wenn das so ist, warum

macht sich Draghi dann Sorgen?

Zwar hat die EZB in der

vergangenen Woche den Leitzins

auf einem Rekordtief von

0,25 Prozent und den Einlagensatz

bei null belassen. Der Spitzenrefinanzierungssatz

blieb

unverändert bei 0,75 Prozent.

Doch im gleichen Atemzug

kündigte Draghi an, im Juni die

Leitzinsen senken zu wollen,

um die Wirtschaft in den Euro-

Ländern zu stützen. Der Zusatz

„falls nötig“, den er sonst immer

lautstark betont, war diesmal

kaum zu hören.

Beugt sich Draghi hier etwa

dem Druck von außen? In den

vergangenen Wochen sind die

als gute Vorschläge getarnten

Attacken immer heftiger geworden.

IWF-Chefin Christine Lagarde

forderte Draghi mehrmals

auf, via Geldpolitik die Wirtschaft

im Euro-Raum anzukurbeln.

Kürzlich folgte die Organisation

für wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung

(OECD). Sie verlangte von

der EZB, wegen der anhaltend

niedrigen Inflation die Leitzinsen

zu senken.

DEN EURO DRÜCKEN

Vor knapp zwei Wochen kündigte

dann auch noch der neue

französische Regierungschef

Manuel Valls an, das Thema

Geldpolitik nach der Europawahl

auf die Agenda zu setzen.

Es gelte, den Euro-Wechselkurs

kräftig zu drücken. Der französische

Wirtschaftsminister Arnaud

Montebourg will gar „eine

Schlacht eröffnen, um den Euro

zu senken“.

Diese Äußerungen sind eine

Kampfansage an die Unabhängigkeit

der Notenbank. Er sei ja

dankbar für all die Ratschläge,

die er erhalten habe, sagte

Draghi in der vergangenen Woche,

beeilte sich aber hinzuzufügen:

„Wir sind unabhängig.“

Doch genau daran zweifeln Kritiker,

seit die EZB im Gespann

mit IWF und EU Pleitestaaten

und deren marode Banken zu

retten versucht. Spätestens mit

der Ankündigung Draghis, im

Juni an der Zinsschraube drehen

zu wollen (weil der EZB der

starke Euro in Verbindung mit

niedriger Inflation starke Sorgen

mache), stellt sich die Frage

nach der Unabhängigkeit mit

neuer Heftigkeit.

NEW ECONOMICS

Papier macht ungleich

Ein neues Ökonomie-Buch kommt zu einem provokanten

Schluss: Gegen Ungleichheit helfen keine höheren

Steuern. Nötig ist ein anderes Geldsystem.

Wenn es um die Frage

geht, warum die Reichen

immer reicher

werden: Kann da ein Büchlein

mit gerade mal 180 Seiten, ohne

Formeln, Grafiken und Tabellen,

mit dem datenbeladenen

und hochgelobten 700-Seiten-

Wälzer des französischen Ökonomen

Thomas Piketty konkurrieren?

Die Antwort lautet: Ja!

Weil es eine Erklärung UND einen

Ausweg aus der Misere präsentiert.

Die Rede ist von dem

soeben erschienenen Buch der

Ökonomen Andreas Marquart

und Philipp Bagus mit dem Titel

„Warum andere auf Ihre

Kosten immer reicher werden

...und welche Rolle der Staat

und unser Papiergeld dabei

spielen“. Die zentrale These in

diesem blendend geschriebenen

Werk lautet:Schuld an der

zunehmenden Ungleichheit

von Einkommen und Vermögen

ist unser Geldsystem.

KREDIT AUS DEM NICHTS

Das staatliche Papiergeldmonopol

ermöglicht es den Zentralbanken

im Zusammenspiel mit

den Geschäftsbanken, Geld

und Kredite aus dem Nichts zu

schöpfen. Es reizt Regierungen,

Unternehmen und Bürger an,

sich über alle Maßen zu verschulden.

Bei dieser Kreditbonanza

aber sind all die im Vorteil,

die nahe an der Geldquelle

sitzen: Finanzindustrie, Staat

und Großunternehmen.

Sie erhalten das

aus dem Nichts erzeugte

Geld als Erste

– und können Waren

und Vermögensgüter

kaufen, wenn deren

Preise noch niedrig

sind. Arbeitnehmer

und Rentner hingegen,

die das frisch gedruckte

Geld – wenn überhaupt

– als Letzte erhalten, gucken in

die Röhre. Sie können erst kaufen,

wenn die Preise bereits gestiegen

sind. Auf der Gewinnerseite

steht mithin, wer schon

Vermögen hat. Er kann es beleihen,

um mit dem Kredit weitere

Vermögensgüter wie Aktien

und Immobilien zu erwerben.

Die Kreditschöpfung beschleunigt

so die Kapitalkonzentration

in den Händen der Vermögenden.

Die Ungleichheit nimmt

zu. Schuldner gewinnen, Sparer

verlieren. Weil der Staat unbegrenzten

Zugang zu Krediten

hat, weitet er seine Aktivitäten

ungehemmt aus. Seine auf

Pump finanzierten Sozialleistungen

verdrängen privates Engagement.

Soziale und familiäre

Strukturen erodieren, es

entsteht eine „schwere Moralund

Wertekrise“, so die Autoren.

Als Gegenmittel schlagen sie einen

radikalen Schnitt vor: Dem

Staat müsse das Geldmonopol

entrissen werden. Geld müsse

wieder werden, was es einmal

war: ein durch eine Handelsware

wie Gold vollgedecktes

Tauschmittel des freien Marktes.

Das Buch, das sich ausdrücklich

auch an Nichtökonomen

wendet, führt den Leser

auf leicht verständliche Weise

in die „Österreichische Schule“

der Nationalökonomie ein. Wer

wissen will, wie unser Geldsystem

funktioniert und warum

es zu schweren Krisen

führt, der sollte

dieses Buch lesen.

malte.fischer@wiwo.de

Andreas Marquart,

Philipp Bagus

Warum andere auf

Ihre Kosten immer

reicher werden

FBV, 16,99 Euro

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

34 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Signale stehen weiter

auf Aufschwung

Noch schlagen die Ukraine-Krise

und die neue Eiszeit mit

Russland nicht auf die Konjunktur

durch. In ihrer neuen Frühjahrsprognose

sagt die EU-

Kommission für 2014 ein

Wachstum in der Euro-Zone

von 1,2 Prozent voraus, 2015

sollen es 1,7 Prozent werden.

Auch in Deutschland stehen die

Konjunktursignale auf Grün:

Der Earlybird-Frühindikator,

den die Commerzbank exklusiv

für die WirtschaftsWoche ermittelt,

ist im April um 0,23 auf 2,28

Zähler gestiegen und hat damit

seinen Rückgang im Vormonat

größtenteils wettgemacht (siehe

Grafik). Das Konjunkturbarometer

hat einen Vorlauf gegenüber

der Realwirtschaft von

sechs bis neun Monaten. Es erfasst

den Außenwert des Euro,

die kurzfristigen Realzinsen sowie

(als Messgröße für die Lage

der Weltwirtschaft) den Einkaufsmanagerindex

für die US-

Industrie (ISM).

Grund für den aktuellen Aufwärtstrend

war vor allem ein

niedrigerer Realzins. Zudem

präsentierte sich die Weltwirtschaft

in besserer Verfassung als

im Vormonat – der ISM-Index

ist im April erneut gestiegen.

Zwar fiel das amerikanische

Wirtschaftswachstum im ersten

Quartal mit 0,1 Prozent überraschend

schwach aus. Doch

dürfte dies vor allem am extrem

strengen Winter in den USA gelegen

haben.

Getrübt wird das konjunkturelle

Umfeld in Deutschland

derzeit durch den starken Euro,

der deutsche Exporte verteuert.

Der reale Außenwert liegt aktuell

etwa 3,5 Prozent höher als

vor einem Jahr. „So stark wie in

den vergangenen eineinhalb

Jahren hat der Euro in den vergangenen

zehn Jahren nie zugelegt“,

schreiben die Commerzbank-Ökonomen

in ihrer

Analyse. Doch „angesichts des

guten Zustandes der Weltwirtschaft

und der sehr expansiv

ausgerichteten Geldpolitik

dürfte die Aufwertung des Euro

kaum ausreichen, um den Aufschwung

zu stoppen“.

Wieder erholt

Bruttoinlandsprodukt und Earlybird-Konjunkturbarometer

4,0

3,0

2,0

1,0

0

–1,0

–2,0

–3,0

–4,0

Bruttoinlandsprodukt 1 Earlybird 2

bert.losse@wiwo.de

08 2009 2010 2011 2012 2013 2014

1

zum Vorquartal (in Prozent); 2 gewichtete Summe aus kurzfristigem realemZins, effektivemrealem

Außenwertdes Euro und US-Einkaufsmanagerindex;Quelle:Commerzbank

4,0

3,0

2,0

1,0

0

–1,0

–2,0

–3,0

–4,0

Rückschlag für

die Industrie

Damit hatten die wenigsten Analysten

gerechnet: Die Auftragseingänge

der deutschen Industrie

sind im März erstmals seit

vier Monaten wieder zurückgegangen.

Die Bestellungen sanken

vor allem wegen einer

schwächeren Nachfrage aus der

Euro-Zone um 2,8 Prozent gegenüber

dem Vormonat. Im Februar

hatte es in den Auftragsbüchern

der Unternehmen noch

ein Plus von 0,9 Prozent gegeben.

Während ausländische Kunden

insgesamt 4,6 Prozent weniger

orderten, schrumpfte die

inländische Nachfrage etwas

moderater (minus 0,6 Prozent).

Den stärksten Einbruch verzeichneten

die Hersteller von

Konsumgütern (minus 5,3

Prozent).

Ökonomen sehen das Minus

gleichwohl gelassen, da es vor

allem auf eine hohe Zahl von

Großaufträgen im Vormonat

zurückgeht.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Reales Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0,1

3,3

105,0

46,7

5,9

2,0

2,0

2,1

2897

478

29006

0,4

0,9

0,7

–2,4

0,1

3,0

0,8

0,9

–0,2

2,5

0,2

–0,2

106,9

50,6

6,5

1,5

–,1

–2,5

2950

435

29381

IV/12 I/13 II/13 III/13 IV/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

–0,5

0,1

0,1

–0,3

–1,1

1,1

–1,6

–0,9

Januar

2014

0,4

0,1

2,0

2,2

110,6

56,3

7,6

1,3

–1,1

–2,3

2927

443

29629

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,0

0,3

0,2

–1,4

–1,5

–0,9

–1,0

–0,5

Februar

2014

0,6

0,9

0,4

–1,4

111,3

54,8

8,3

1,2

–0,9

–2,7

2911

444

29693

0,7

0,6

–0,4

0,5

1,7

1,6

2,4

1,9

März

2014

–0,5

–2,8

–0,7


110,7

53,7

8,5

1,0

–0,9

–3,3

2897

446


0,3

0,2

1,2

0,1

2,1

1,4

0,2

0,8

April

2014





111,2

54,1

8,5

1,3



2872

448


0,4

–0,1

0,0

1,4

1,4

1,2

2,7

0,6

Mai

2014







8,5







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

1,3

1,0

1,0

0,0

3,2

2,1

4,1

2,7

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

5,1

3,1

–1,9

4,6

6,7

12,4

37,1




–2,5

3,2

1,5

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 35

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der Volkswirt

WELTWIRTSCHAFT

Vorsicht, Engpass

Die eskalierende Ukraine-Krise ist nicht nur ein Risiko

für den internationalen Öl- und Gasmarkt – sie treibt

auch die Preise für andere Rohstoffe in die Höhe.

Wenn Ökonomen über

Bodenschätze und deren

Preise diskutieren,

geht es selten allein um die

Gesetze von Angebot und Nachfrage

– sondern fast immer auch

um Politik und Psychologie. Kein

anderer Wirtschaftsbereich ist

derart von „geopolitischen“ Faktoren

beeinflusst wie der Rohstoffmarkt.

In der jüngeren Vergangenheit

waren es vor allem

Unruhen im Nahen Osten, die

die Notierungen auf Achterbahnfahrt

schickten. Nun sind es

der drohende Bürgerkrieg in der

Ukraine und der machtpolitische

Konflikt zwischen dem

Westen und Russland.

„Wenn die Lage in der

Ukraine weiter eskaliert

und es womöglich zu einem

offenen Konflikt

zwischen Russland

und der Ukraine

kommt, werden die

Preise für viele Rohstoffe

steigen“, warnt

Eugen Weinberg,

Chef-Rohstoffanalyst

der Commerzbank.

Schon jetzt sind manche

Notierungen nach

oben geschossen. So

hat sich etwa der Preis

des für die Edelstahlproduktion

wichtigen Rohstoffs

Nickel seit Jahresbeginn um

rund 30 Prozent erhöht. Aktuell

notiert Nickel auf dem höchsten

Stand seit mehr als einem Jahr,

Tendenz weiter steigend. Spätestens

im dritten Quartal droht eine

massive Angebotslücke.

Der Startschuss für die

Nickel-Hausse ertönte zwar fern

von Russland: Im Januar verhängte

der wichtige Exporteur

Indonesien ein Ausfuhrverbot

für Nickelerz. Doch dürfte die

Energie

Erdöl

(Brent)

Diesel

Ukraine-Krise den Preistrend

weiter angeheizt haben. Denn

der weltgrößte Einzelproduzent

von veredeltem Nickel heißt Norilsk

Nickel – und sitzt in Moskau.

Für die Märkte gibt es derzeit

zwei Schreckensszenarien.

Erstens, dass der Westen seine

Sanktionen gegen Russland

verschärft und dabei auch den

Import russischer Rohstoffe einschränkt.

Und zweitens, dass

Zucker

Weizen

Gasöl

Raps

Kohle

Landwirtschaftsprodukte

Mais

Volatilitäten im Zeitraum

vom 1.5.2013 bis 30.4.2014

23,1

Strom

Kakao

Baumwolle

Flugbenzin

Emissionsrechte

16,3 14,8

15,6

16,7

16,7

22,4

19,0

38,1

Vergleichswerte

in

%

100

62,7

50

30

20

10

6,3

0

10

24,0 18,3 20

22,0

Palladium

Russlands Präsident Putin trotz

der damit verbundenen Einnahmeausfälle

bestimmte Rohstoffexporte

drosselt, um dem Westen

zu schaden.

Ein möglicher Kandidat wäre

neben Nickel das Edelmetall Palladium,

wichtig vor allem für die

Chemie- und Autoindustrie.

Russland ist bei diesem Rohstoff

mit einem Weltmarktanteil von

rund 40 Prozent die Nummer

eins. „Ein Ausbleiben der russischen

Lieferungen würde bei einigen

Automodellen womöglich

einen kompletten Produktionsstopp

bedeuten. Die Lagerbestände

sind wegen der starken

physischen Anlegernachfrage

und einer fallenden Minenproduktion

gering“, warnt Experte

Weinberg.

30 29,4

50

100

Euro-/

Dollar-

Kurs

16,0

Silber

Zinsen

18,1

18,3

19,9

18,6

21,8

16,6

19,4

19,2

17,9 20,4

Platin

Eisenfeinerz

Edelmetalle

Quelle:

Commerzbank

Gold

Blei

Aluminium

n Der Rohstoffradar misst die Volatilität ausgewählter Preise und ist

damit ein wichtiger Indikator für Unternehmen und Anleger.

Er stellt die durchschnittliche prozentuale Abweichung vom Mittelwert

der vergangenen zwölf Monate grafisch dar. Hohe Schwankungsbreiten

signalisieren steigende Preis- und Planungsrisiken. Der Rohstoffradar

erscheint dreimal jährlich exklusiv in der WirtschaftsWoche.

Zinn

Kupfer

Nickel

Zink

Was steigt, was fällt

Preisentwicklungausgewählter

Rohstoffe seit Jahresbeginn

Angespannt ist die Lage auch

bei Weizen. Zum Jahresbeginn

rechneten die meisten Investoren

mit fallenden Preisen –

stattdessen ist Weizen über 20

Prozent teurer geworden. Hauptverantwortlich

dafür ist zwar die

Trockenheit in wichtigen Anbaugebieten

der USA. Aber auch

beim Weizen ist die Ukraine-

Krise ein psychologischer

Katalysator für Preissprünge:

Russland ist der fünftgrößte

Weizenexporteur

der Welt, die Ukraine

liegt auf Rang sechs.

Richtig ist allerdings

auch dies: Entspannen

sich Erntesituation

und Ukraine-Krise,

könnte der Preis wieder

herunterkrachen. Weizen

zählt zu den Rohstoffen

mit den höchsten

Preisausschlägen nach

oben und unten. Das zeigt

der Rohstoffradar, den die

Commerzbank dreimal jährlich

für die WirtschaftsWoche ermittelt

und der die Volatilität widerspiegelt.

Bei nur drei Rohstoffen

(Silber, Mais, Zucker) schwankten

die Notierungen in den vergangenen

zwölf Monaten stärker

als bei Weizen. Der Silberpreis

pendelte um 29,4 Prozent um

seinen Mittelwert. Bei Weizen

waren es 22,4 Prozent – und

womöglich bald mehr.

Industriemetalle

Nickel

Weizen (CBOT)

Mais

Palladium

Gold

Zucker

Benzin (95)

Rohöl (WTI)

–3

–9

Quelle: Commerzbank;

Stand 6.5.2014

21

20

14

9

6

4

1

Diesel

Kupfer

in Prozent

34

bert.losse@wiwo.de

36 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


DENKFABRIK | Das Quantitative-Easing-Programm der Europäischen Zentralbank

ist ein Fall für das Bundesverfassungsgericht. Denn es geht hier nicht um Geldpolitik,

sondern um fiskalische Rettungsaktionen. Wie bei den bisherigen Euro-Rettungsschirmen

muss am Ende der Steuerzahler die Zeche zahlen. Von Hans-Werner Sinn

Neues Schutzversprechen

FOTO: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, F1ONLINE

Quantitative Easing

(QE), also quantitative

Lockerung, heißt

das neue Zauberwort

der Europäischen Zentralbank

(EZB). Gemeint ist das hinter

verschlossenen Türen vorbereitete

Programm zum Aufkauf

privater und staatlicher Wertpapiere

durch die EZB, das den

Banken und der Wirtschaft

Südeuropas helfen soll. Der

EZB-Rat hat das Programm auf

seiner Sitzung am vergangenen

Donnerstag wegen großer Widerstände

in einigen Euro-Ländern

zwar noch nicht aktiviert,

doch er hält es weiter in petto.

derter Gewinnausschüttungen

der Notenbanken an die Finanzminister

oder in Form von Verlusten

der Rettungsschirme, die von

den Parlamenten im Nachhinein

aufgespannt werden müssen, um

die EZB zu entlasten. Dem deutschen

Verfassungsgericht ist wegen

der Mandatsüberschreitung

der EZB vor Kurzem bekanntlich

der Kragen geplatzt – die Richter

haben der EZB Machtmissbrauch

vorgeworfen.

Das Gericht sollte nun auch das

neue QE-Programm der EZB einer

kritischen Prüfung unterziehen.

Denn hier geht es trotz aller gegenteiligen

Beteuerungen aber-

»Die Stresstests

für die Europäische

Bankenunion

könnten zu

einem Desaster

führen«

mals um fiskalische Rettungsaktionen

statt um Geldpolitik. Als die

vom Euro hervorgerufene inflationäre

Kreditblase platzte, wurden

in die Bilanzen der Banken Frankreichs

und Südeuropas riesige Löcher

gerissen.

Man hat die Öffentlichkeit darüber

bislang noch mithilfe einer

kreativen Buchführung hinweggetäuscht,

doch ist die Not groß,

weil sich die Wahrheit nicht mehr

lange zurückhalten lässt. Die in

diesem Jahr anstehenden Stresstests

für die neue Bankenunion

könnten zu einem Desaster führen,

wenn keine Maßnahmen zur

Wertsicherung der Bankaktiva ergriffen

werden. Der Erwerb der ge-

BAIL-OUT-PROGRAMME

Wenn die Notenbank große Programme

mit undurchsichtigen

Namen ankündigt, müssen die

Steuerzahler stets auf der Hut

sein. Denn dahinter verbirgt

sich regelmäßig ein Bail-out-

Programm zur Rettung bedrohter

Banken oder Staaten sowie

ihrer Gläubiger. So war es mit

dem Securities Markets Programme

(SMP), mit dem für

223 Milliarden Euro Staatspapiere

der Krisenländer gekauft

wurden, oder mit den Outright

Monetary Transactions (OMT),

mit denen die EZB ankündigte,

solche Staatspapiere in Zukunft

notfalls unbegrenzt zu kaufen.

Auch die durch die sogenannten

Target-Salden gemessenen

Sonderkredite aus der Druckerpresse

für die Banken Südeuropas

erwiesen sich als ein

gigantisches fiskalisches Rettungsprogramm,

das mit Geldpolitik

wenig zu tun hat.

Die drohenden Verluste aus

solchen Politikmaßnahmen werden

beim Steuerzahler abgeladen.

Er trägt sie in Form verminfährdeten

Papiere mit frischem

Geld aus der Druckerpresse erscheint

vielen als einzige Möglichkeit,

dieses Ziel zu erreichen.

Man hätte auch den Weg der

Rekapitalisierung der Banken mit

den Mitteln des Rettungsschirms

ESM wählen können. Da dieser

Weg jedoch auf wachsende Widerstände

bei den Parlamenten

stieß, nimmt der EZB-Rat die Sache

jetzt selbst in die Hand. Irgendeine

geldpolitische Begründung

wird sich schon finden

lassen, und später muss man halt

noch die Parlamente überzeugen,

mit fiskalischen Rettungsaktionen

nachzurücken.

Dass die EZB jetzt aktiv werden

will, liegt auch daran, dass sie ohnehin

schon gefährdet ist – weil

sie immer schlechtere Papiere als

Pfand für ihre Kredite akzeptiert

hat. So akzeptierte sie Staatspapiere,

die von den Ratingagenturen

kein Investment Grade mehr

erhalten, sowie nicht gehandelte

ABS-Papiere, die sich Banken aus

ihrem Investitionsschrott zusammengeklebt

hatten. Die Hälfte der

Zentralbankgeldmenge des Euro-

Systems wurde auf diese Weise zu

Target-Krediten für die Banken

der Krisenländer.

Es ist nicht ganz klar, ob das

neue QE-Programm mit einer Ausweitung

der Geldmenge einherge-

hen soll oder ob die Geldmengenwirkungen

durch eine

Rücknahme der Refinanzierungskredite

sterilisiert werden

sollen. Auf die erste Möglichkeit

spekuliert etwa der neue französische

Ministerpräsident Manuel

Valls, der von der EZB eine ultralockere

Geldpolitik und aktive

Wechselkurspolitik fordert. Valls

hofft, dass der Euro-Kurs dadurch

fällt und den lahmenden

Export seines Landes ankurbelt.

EURO-KURS SOLL SINKEN

Die Schutzversprechen in Form

des OMT-Programms und das

Aufkaufversprechen seitens des

Rettungsschirms ESM hatten

den Kauf der Staatspapiere

Südeuropas für Investoren aus

Nicht-Euro-Ländern attraktiv

gemacht. Dadurch kam es zu einer

spürbaren Euro-Aufwertung.

Wenn aus dem Schutzversprechen

eine tatsächliche

Kaufhandlung wird, so tritt die

gegenteilige Wirkung ein. Denn

nun werden private Anleger aus

Nicht-Euro-Ländern verdrängt

und überweisen ihr Geld ins

Ausland – was wiederum den

Euro-Kurs senkt.

Sollte die EZB hingegen das

QE-Programm sterilisieren wollen,

ähnelt die Situation dem,

was bei einem formellen Bankenkonkurs

geschieht: Sie

tauscht ihre Kreditforderungen

gegen die Banken gegen Eigentum

an den Bankaktiva ein. Sie

erspart den Banken die Konkursprozedur

und kann den guten

Schein der Finanzstabilität

wahren.

Hans-Werner Sinn ist Präsident

des ifo Instituts und Ordinarius

an der Ludwig-Maximilians-

Universität in München.

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 37

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Chef im Schatten

DEUTSCHE BANK | Seit zwei Jahren steht Anshu Jain neben

Jürgen Fitschen an der Spitze von Deutschlands größtem

Kreditinstitut. Seit zwei Jahren macht er fast alles

richtig. Und hat für seine Kritiker trotzdem noch nicht

bewiesen, dass er der Richtige für den Job ist.

Dann eben auch mal Wuppertal.

130 Angestellte der

Deutschen Bank sind in die

größte Filiale im Stadtteil

Elberfeld gekommen, um

ihren obersten Chef zu treffen. Eineinhalb

Stunden beantwortet Anshu Jain

Fragen auf Englisch, was er sagt, wird

auf Wunsch simultan übersetzt. Er erklärt,

bleibt freundlich, sachlich auch

bei kritischen Fragen. Da gibt es viele:

Wie konnte es mit der Bank so weit

kommen? Was wusste er selbst? Wann

ist es endlich vorbei? Und wer zahlt am

Ende für die Verfehlungen? Jain weicht

nicht aus, berichten Teilnehmer, er

wirkt offen, ehrlich und bekommt dafür

am Ende auch etwas geschenkt: einen

Bildband über die Geschichte der

Wuppertaler Schwebebahn.

Die Exkursion an die Basis füllt einen

weißen Fleck auf Jains innerer Deutschlandkarte.

Das Land ist seit zwei Jahren

die berufliche Heimat des gebürtigen

Inders, doch es ist ihm fremd geblieben.

Öffentlich ist er kaum präsent, mitunter

wirkt es, als verstecke er sich. Und wenn

er auftritt, tut er das so harmlos, glatt

und gefällig, dass es umgehend vergessen

wird. Seine Zeit an der Spitze der Investmentbank

hängt an ihm wie Blei.

Die Skandale machen ihn zum Chef auf

Abruf und seinen Job zum Wettlauf gegen

die eigene Vergangenheit.

Intern dagegen hat er seine Rolle als

Co-Chef der Deutschen Bank sofort gefunden.

Seit er und Jürgen Fitschen Mitte

2012 an die Spitze gerückt sind, bauen

sie das Institut so schnell und tief

greifend um, dass gestresste Top-Manager

von einem Motorwechsel bei Vollgas

auf der Autobahn sprechen. Jain tut

sich dabei als Antreiber hervor. Das

Programm ist gewaltig: Die Bank baut

Altlasten ab, passt sich an völlig veränderte

Regulierung an, spart und integriert

fast wie nebenbei auch noch die

Postbank.

WIE EIN WILDES TIER

Jain macht da eigentlich alles richtig und

hat so intern auch Skeptiker auf seine

Seite gezogen. Dabei hatten seine Gegner

vor dem Start Angst verbreitet, als

käme demnächst ein wildes Tier aus dem

Dschungel gesprungen. Jain hat sie eines

Besseren belehrt. „Vom ersten Tag an ist

er als Chef der gesamten Bank aufgetreten“,

sagt ein Manager. Also nicht als reiner

Investmentbanker, der den biederen

Filialanhang mehr duldet als schätzt. Mit

seinem Co-Chef Jürgen Fitschen bildet er

ein sehr ungleiches, aber harmonisches

Paar. Und trotz ehrgeiziger Sparziele hält

er sich beim Abbau von Personal zurück.

Das kommt bei den Vertretern der Arbeitnehmer

an. „Die Führung hat unser

Vertrauen, weil sie Altlasten entschlossen

beseitigt und Wert auf Integrität und

Kundenorientierung legt“, lobt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende

Alfred Herling.

„Fitschen und Jain sind glaubwürdige

Vertreter eines Wandels zum Besseren“,

sagt Stephan Szukalski, der für die

Gewerkschaft DBV im Aufsichtsrat sitzt.

„Wir würden uns nur wünschen, dass sie

in schwierigen Situationen mehr erklären

und kommunizieren.“

»

38 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Stärken, Schwächen

Was für und was gegen

einen Deutsche-Bank-Chef

Anshu Jain spricht.

Jain gilt fachlich weltweit

unbestritten als einer der besten

Banker seiner Generation

Nach fast 20 Jahren kennt

er sich in der Bank mehr als

bestens aus und hat einen

klaren Plan für deren Umbau

Jain ist ein sehr fordernder,

aber auch motivierender Chef,

dem seine Mitarbeiter vertrauen

Als oberster Investmentbanker

trägt er zumindest die

politische Verantwortung für

Verfehlungen der Vergangenheit

Bei Politikern und Aufsehern

ist er ein wenig glaubwürdiger

Vertreter eines Neustarts

Obwohl er sich bemüht,

spricht Jain nach wie vor nur

wenig Deutsch

Von Anfang an in der

Defensive Deutsche-

Bank-Co-Chef Jain

FOTO: LAIF/DOMINIK BUTZMANN

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 39

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

Auch im direkten Umgang mit Mitarbeitern

hat Jain positiv überrascht. Er ist ein

fordernder Chef, der keine Schwäche duldet.

Wer nicht in sein Tableau passt, wird

umgehend und ohne viel Aufsehen entfernt.

Aber er ist fair, schätzt im direkten

Gespräch auch Widerspruch und bemüht

sich in größerer Runde um Offenheit. Das

war früher anders. Da schickte er die erlaubten

Fragen per Mail vorab an Untergebene

herum. Abweichungen unerwünscht.

Jain hat sich so stark gewandelt, dass er

auch Weggefährten verblüfft. Frühere Top-

Manager erinnern sich noch gut daran, wie

er über die Postbank lästerte oder das Geschäft

mit dem Mittelstand als zu margenschwach

kritisierte und eindampfen wollte.

Heute umschmeichelt er das emsige

Rückgrat der deutschen Wirtschaft bei jeder

Gelegenheit. Und tut auch was dafür:

12 000 große Mittelständler hat die Bank

organisatorisch von der Investmentbank in

die Filialen des Privatkundengeschäfts verlagert,

damit sie besser betreut werden.

EIN CHEF FÜR ALLE

Ob Berechnung oder Überzeugung: Jain

weiß, was seine Rolle verlangt. So fliegt er

nur noch alle zwei Wochen nach London,

sein Glasbüro am Rande des Handelssaals

hat er geräumt. Ein Drittel der Zeit ist er

jetzt in Frankfurt, wo er mit seiner Frau

Geetika eine Wohnung hat. Und wo sein

Büro im 32. Stock zeigt, dass er ein Chef für

alle sein will. Vor der Tür hängt das von ihm

selbst geschossene Foto eines jungen Tigers,

drinnen stehen Trophäen aus seiner

Investmentbank-Zeit. Ein Glasrahmen

zeigt aber auch ein mit Autogrammen

übersätes Trikot des Postbank-Werbepartners

Borussia Mönchengladbach. Jain lernt

unverdrossen Deutsch, viel Zeit hat er

Aktien-Info Deutsche Bank

ISIN DE0005140008

350

300

250

200

150

100

50

Indexiert: 1.6.2012=100

2012 2013

2014

Bilanzsumme(in Mrd. €)

Vorsteuergewinn (in Mrd. €)

Kapitalquote (in %)

Effizienz* (in %)

Kurs (in €)

KGV2013

Börsenwert(in Mrd. €)

Chance

Risiko

Niedrig

Deutsche Bank

*Cost-Income-Ratio;

Quelle: Thomson Reuters, Bloomberg

Deutsche

Société

Générale

Bank

1637

1,7

9,5

77

30,80

10,1

31,4

UBS

UBS

807

1,2

13,2

81

15,00

16,1

58,0

Société

Générale

1266

0,7

10,1

66

44,00

11,4

35,0

Hoch

Die meisten europäischen Banken haben die Deutsche

Bank weit abgehängt. Kurzfristig belastet vor allem die Unsicherheit

über eine weitere Kapitalerhöhung die Aktie.

Wenn hier Klarheit herrscht und die Bank zudem den

Stresstest im Herbst gut besteht, könnte es aufwärtsgehen.

nicht, aber für eine längere Ansprache zur

Hauptversammlung am 22. Mai reicht es.

Bei vielen Zielen, die Jain und Fitschen

zu Beginn ihrer Amtszeit für 2015 anvisiert

hatten, sind sie im Plan oder diesem voraus.

Das Sparziel von jährlich 4,5 Milliarden

Euro ist zur Hälfte erreicht. Die in eine

Abbaubank ausgegliederten Vermögenswerte

haben sich von 120 auf 50 Milliarden

Euro reduziert. Die Vermögensverwaltung,

die im gesamten Jahr 2012 nur 150 Millionen

Euro vor Steuern verdiente, wirft mittlerweile

in jedem Quartal mehr ab.

Trotz dieser Erfolge ist von Aufbruchstimmung

in der Bank nichts zu spüren, im

Gegenteil. Das Befinden ist schlecht, „sauschlecht“

sogar, wie ein Insider sagt. Allenfalls

stabilisiert sich die Lage allmählich.

Die ständigen Skandale und Verfehlungen

sorgen für eine gereizte Atmosphäre. Das

Selbstverständnis ist angeknackst. Zu tief

war der Absturz, zu schwer die Kränkung.

Lange wähnte sich die Bank stark und

unverwundbar. Dafür hatte vor allem Jains

Vorgänger Josef Ackermann gesorgt. Der

hatte stets erklärt, dass in erster Linie er

persönlich, in zweiter aber auch die Bank

Gewinner der Krise seien. Als die Konkurrenz

2009 noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt

war, setzte er ein absurdes Zehn-

Milliarden-Euro-Gewinnziel für 2011 in

die Welt, als wäre nichts gewesen.

Vermisst wird Ackermann heute kaum

noch, viele sind wütend, fühlen sich betrogen.

Denn geblieben ist ein Berg von Altlasten,

deren Beseitigung Milliarden kostet

und immer mal wieder den Staatsanwalt

auf den Plan ruft. Die Deutsche Bank, das

dämmert jedem, war längst nicht so gut in

Form wie behauptet. Das Verhältnis von

Kosten zu Ertrag lag bei 90 Prozent, das von

Eigenkapital zu Risikoaktiva hätte nach

den heute geltenden Standards läppische

sechs Prozent betragen.

Ackermanns letzte Amtsjahre gelten, abgesehen

vom Kauf der Postbank, als verlorene

Zeit, seine Ansprüche aber wirken

fort. Demut passt nicht zur Bank, auch Jain

will an der Weltspitze mitmischen. Statt einer

Eigenkapitalrendite von 25 Prozent vor

Steuern wollen er und Fitschen zwölf Prozent

nach Steuern erreichen. Momentan

sind sie davon meilenweit entfernt.

Von Jaipur nach Frankfurt Die wichtigsten Stationen der Karriere von Anshu Jain.

1963–1983

Jain wächst in Jaipur in Indien

und zeitweise in Kabul auf,

zieht nach dem Studium in

die USA

1988–1995

Nach einer ersten Station bei

Kidder Peabody macht Jain

als Investmentbanker bei

Merrill Lynch in New York

rasch Karriere und steigt bis

zum Managing Director auf

1995–2012

Mit seinem im Jahr 2000 bei

einem Flugzeugabsturz verstorbenen

Mentor Edson

Mitchell geht

er zur Deutschen

Bank

nach London.

Gefördert von

Josef Ackermann,

steigt

er bis in den

Vorstand auf

seit 2012

Nach langem Machtkampf

tritt Jain mit Jürgen

Fitschen die Nachfolge

von Ackermann

an. Die Bank

gerät wegen

vergangener

Verfehlungen

immer

mehr ins

Zwielicht

40 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


2013 verdiente die Bank 1,5 Milliarden

Euro vor Steuern, 2012 war es nur halb so

viel. Belastungen durch Abschreibungen,

Vergleiche in Rechtsstreitigkeiten und Strafen

verhageln das Ergebnis. So geht es erst

mal weiter. 2014 werde sicher nicht besser

laufen, heißt es in Vorstandskreisen, wieder

werde es Milliarden an Strafzahlungen

und Abschreibungen geben. Wieder geht

es also mehr ums Aushalten als ums Wachsen.

Disziplin bleibt höchstes Gebot.

FOTOS: AKG/ROLAND AND SABRINA MICHAUD, PICTURE-ALLIANCE/DPA (2), ULLSTEIN BILD, FRANK BAUER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Kein Nachfolger in Sicht Aufsichtsratschef

Achleitner will an Jain festhalten, solange es

geht – plant aber für den Notfall

HOFFEN AUF DIE WENDE

Ab 2015 soll die Bank auf Wachstum umschalten.

Die Pläne liegen bereit: Die Führung

will die Vermögensverwaltung ausbauen,

sich in den Metropolen der Schwellenländer

engagieren, bei der Konsolidierung

der Branche mitmischen und auch

technisch ganz vorne dabei sein.

Der Auftakt dazu ist gemacht. Neulich

hat Jain im Rechenzentrum in Eschborn

bei Frankfurt vor mehr als 1000 Bankern

erklärt, wie radikal neue Technologien wie

der Mobilfunkstandard 4G das Leben der

Kunden und damit das Bankgeschäft verändern.

An seiner Seite Privatkundenvorstand

Rainer Neske, den er bei der Gelegenheit

als obersten Digital-Beauftragten

der ganzen Bank vorstellte. Ein cleverer

Schachzug: In Jains Anfangstagen galt Neske

als Vertreter der Traditionalisten – und

damit als möglicher Gegenspieler.

Jain weiß, was er will, er kann seine Pläne

mit ein paar Strichen auf dem Notizblock

deutlich machen. Und hat doch nicht alles

unter Kontrolle. Wie faulige Blasen poppten

nach seinem Amtsantritt Skandale an

die Oberfläche. Mögliche Manipulationen

von Libor-Zinsen, Devisenmärkten und

Goldpreis sowie Ermittlungen von Staatsanwälten

wegen Falschaussagen im Kirch-

Prozess und Steuerbetrug mit Klimazertifikaten

dominieren das Bild der Bank.

So auch bei der jährlichen Pressekonferenz

Ende Februar. Jain und Fitschen wollen

ihre maue Bilanz für 2013 als Erfolg verkaufen.

Fast neun Milliarden Euro Gewinn

habe die Bank ohne Sonderbelastungen

gemacht, das zweitbeste Ergebnis aller Zeiten.

Doch beide wirken alles andere als euphorisch.

Und das Ergebnis ist eh zweitrangig.

„Warum sind Sie der Richtige?“,

„Was wussten Sie von der Manipulation

von Zinssätzen?“ – Fragen wie im Polizeiverhör

verfolgen Jain auf Schritt und Tritt.

Mindestens so schwer wie das moralische

Misstrauen wiegt das der Investoren.

Aktuell beklagen sie zu wenig Transparenz

bei der Vergütung. Die größten Sorgen machen

sie sich aber wegen der nach wie vor

schwachen Kapitalbasis, eine weitere Kapitalerhöhung

ist wahrscheinlich. „Die Bank

hat ihre Kapitalposition zwar schon dramatisch

verbessert, ist aber immer noch

auf der niedrigen Seite“, rügt David Moss,

Chef des europäischen Aktiengeschäfts

beim britischen Vermögensverwalter F&C.

In Führungskreisen der Bank kommt die

Botschaft offenbar an: „Wir haben nie gesagt,

dass das Thema Kapital für uns erledigt

ist“, sagt ein Top-Manager.

DIE KONKURRENZ ZIEHT DAVON

Darunter leidet einmal mehr der Aktienkurs,

der seit Jahren um die 30 Euro stagniert.

Das Geschäftsmodell gilt als zu

kompliziert, die Kapitalbasis als zu

schwach für die weltweiten Ambitionen.

Nach dem Stresstest der EZB Ende des Jahres,

so die Hoffnung der Führungsspitze,

könne sich der Kurs an 50 Euro annähern.

Das wäre bitter nötig. Denn die Flaute ist

intern ein Stimmungskiller. Die Investmentbanker

in New York und London bekommen

einen großen Teil ihres Salärs in

Aktien. Allmählich werden sie unruhig,

wollen auch mal verkaufen, Kasse machen.

Die Chance ist bisher ausgeblieben.

Gleichzeitig zieht die Konkurrenz davon.

In ihrem Selbstverständnis ist die Bank die

Nummer eins in Europa, nach dem Börsenwert

steht sie nicht mal mehr unter den

ersten 15. Die US-Wettbewerber spielen

längst in einer ganz anderen Liga. JP Morgan

hat 2013 trotz ebenfalls heftiger Strafzahlungen

13 Milliarden Euro verdient.

Symbolhaft für die Kluft sind zwei Auftritte,

bei denen Jain im vergangenen Jahr

mit JP-Morgan-Chef Jamie Dimon diskutierte.

Der steht auch unter Druck, tönt

aber trotzdem laut und selbstbewusst, dass

Amerika gefälligst stolz auf die Bank sein

solle. Dagegen wirkt Jain kleinlaut. Höflich,

fast schüchtern gelobt er Besserung und

bittet um Geduld. Natürlich werde es dauern,

bis die Finanzindustrie das zu Recht

verlorene Vertrauen zurückerobert habe.

„Wir sind alle verunsichert“, gibt ein Vorstandskollege

zu. „Aber Anshu ist besonders

vorsichtig. Jeder wartet auf einen Fehltritt.“

Dabei ist das Ducken eigentlich nicht

seine Sache. „Jain ist immer ein absoluter

Meinungsführer gewesen“, sagt ein Manager,

der jahrelang mit ihm im obersten

Führungsgremium der Bank saß. „Es muss

ihn schmerzen, dass er von Beginn an in

die Defensive geraten ist und den Eindruck

kaum noch korrigieren kann.“

Die Skepsis ist weiter allgegenwärtig.

„Jain hat sehr lange Verantwortung für kritische

Geschäfte getragen“, sagt ein Bankenaufseher.

„Unabhängig von konkreten

Verfehlungen muss sich die Bank fragen,

ob so viel personelle Kontinuität ein glaubhaftes

Zeichen für Wandel ist.“

Das Jain-Lager versucht tapfer, genau

das zu vermitteln. Er kenne die Bank genau

und habe genug Erfahrung und Autorität,

um andere Banker vom Wandel zu überzeugen.

Und schließlich sei jeder Investmentbanker,

der in den Vorkrisenjahren

Verantwortung trug, auf dem gleichen Irrweg

gewesen. Jetzt sei die Branche klüger.

So sieht das auch Paul Achleitner. Der

Aufsichtsratsvorsitzende hat Jain früh von

jeder direkten Verantwortung für die Manipulation

der Libor-Zinssätze freigespro-

»

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 41

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

chen und hält weiter treu zu ihm. Achleitner

hat die Sitzordnung im Aufsichtsrat

so umgestellt, dass dessen Mitglieder nun

alphabetisch und nicht mehr nach Arbeitnehmern

und Kapital getrennt angeordnet

sind. Er legt auch sonst viel Wert auf Balance.

Mit dem früheren UBS-Finanzchef John

Cryan hat er Jain in dem Gremium einen

ebenbürtigen Experten zur Seite gestellt.

Beide lieferten sich schon Rededuelle, denen

die Kollegen nur mit Mühe folgen

konnten, etwa zu einer weiteren Kapitalerhöhung.

Cryan war dafür, Jain wollte sie

lieber vermeiden, um bessere Argumente

für seinen Sparkurs zu haben.

Gerüchteweise könnte Cryan Jain ersetzen,

sollte der wegen einer Verfehlung stürzen.

In Kreisen des Aufsichtsrats heißt es,

Jain sitze fest im Sattel. Eine Ablösung war

bei den letzten Sitzungen kein Thema. Die

kritischsten Fragen müsse sich derzeit Finanzvorstand

Stefan Krause anhören. Aber

jedem ist klar, dass ein neuer Skandal Jains

Ende wäre. Für diesen Fall will die Bank gerüstet

sein. Angeblich soll bereits ein Personalberater

nach einem externen Kandidaten

suchen, der Jain, Fitschen oder

gleich beide ersetzen kann.

Fitschens wunder Punkt sind die Ermittlungen

wegen angeblicher Falschaussagen

im Kirch-Prozess. Er hat bisher nicht definitiv

erklärt, dass er bleibt, wenn gegen ihn

ein Strafverfahren beginnt. Ob es so weit

kommt, dürfte sich bald entscheiden. Intern

gilt die Situation als „kompliziert“.

Jains wunder Punkt sind neun Millionen

E-Mails. 300 Experten, darunter 150 externe

Anwälte, durchsuchen den elektronischen

Schriftverkehr nach Hinweisen auf

Manipulationen von Referenzgrößen.

Über die Geschehnisse beim Libor gibt es

inzwischen Klarheit: „Die Untersuchung

ist abgeschlossen, wir wissen genau, was

passiert ist“, heißt es in hochrangigen Kreisen

der Bank. Es handele sich um Verfehlungen

Einzelner. Mit dem Abschluss aller

Verfahren rechnen die Verantwortlichen

nicht vor Ende des Jahres, wenn die Aufseher

in den USA und Großbritannien ihr

Strafmaß verkündet haben.

TREIBER STATT GETRIEBENER

Schluss ist dann noch lange nicht. Anzeichen

für eine Schrauberei am Goldpreis

gibt es bisher nicht. Im Vorstand und bei

den Aufsehern gilt vor allem die mögliche

Manipulation von Devisenkursen wegen

der Größe des Marktes als heikel. Die Untersuchungen

sind noch am Anfang. Im

Fall eines Händlers für argentinische Peso

gibt es klare Indizien für eine Absprache.

Ob er aber wirklich einen Manipulationsversuch

gestartet hat, ist nicht klar.

Sollte sich ein Beleg für ein direktes Mitwissen

oder gar eine Anstiftung durch Jain

finden, wäre er sofort erledigt. Enge Mitarbeiter

glauben das nicht. „Sein moralischer

Kodex ist so streng, dass es schon fast irritierend

ist“, betont einer. Aber kommt es

wirklich darauf an, ob sich irgendwo die eine

Mail findet, die ihn überführt? Jain hat

als Ober-Investmentbanker über Jahre alles

getan, um sein Geschäft auszubauen. Er

war kein Getriebener, sondern Treiber.

Und damit bei allen Irrwegen vorne dabei.

In seiner Amtszeit zogen Vertriebstruppen

los, um komplexe Derivate an Kommunen

zu verticken, die deren Finanzplanung

ruinierten statt sanierten. Der Aufstieg

zu einem der größten Spieler auf dem

Markt für verbriefte US-Immobilienkredite

schwacher Bonität war vor allem Jains

zweifelhaftes Verdienst. Hier drohen weiter

die höchsten Strafzahlungen. Intern gilt es

schon als Erfolg, dass sich die Bank in einem

Verfahren kürzlich auf eine Strafe von

1,4 Milliarden Euro geeinigt hat, während

die Bank of America wenig später fast zehn

Milliarden Dollar zahlen musste.

Jain will alle Altlasten schnell weghaben.

So hat er auch besonders darauf gedrängt,

925 Millionen Euro nach München zu

überweisen, um endlich den Streit um die

Kirch-Pleite im Jahr 2001 zu beenden.

Nach außen erkauft sich die Bank so etwas

Frieden. Intern sorgen die Summen

für Unruhe. Denn das Sparprogramm

„Operational Excellence“ verordnet jeder

Abteilung ein knallhartes Sparziel. Stellen

werden nicht wieder besetzt, sogar die

Drucker bedrucken das Papier seit Kurzem

nur noch beidseitig. Abteilungsleiter rechnen

aus, wie viele Jahre es dauert, bis ihre

Einsparungen den Kirch-Vergleich finanziert

haben. Und kommen auf Jahrzehnte.

Es grummelt gewaltig. Bei Überweisungen

im Privatkundengeschäft sind schon

immer Kontrollen wie das Vier-Augen-

Prinzip vorgesehen, während Milliardenspiele

im Investmentbanking unbehelligt

abliefen. Ackermann und Jain fuhren die

Überwachung teilweise zurück. Kein Wunder,

dass Banker beider Lager einander mit

Skepsis begegnen. Bei den Kulturwandel-

Seminaren erforschen Führungskräfte aus

allen Bereichen, wie es zu den Sünden

kommen konnte. Die Investmentbanker

haben da erst mal einen schweren Stand.

Mancher in der Bank stellt den Kurs der

vergangenen 20 Jahre komplett infrage.

Erst investierte sie Milliarden in den Aufbau

des Kapitalmarktgeschäfts, verdiente

so eine Weile Milliarden und zahlt dafür

»

Auf Schrumpfkurs

Entwicklung der Deutschen Bank seit Amtsantritt von Jürgen Fitschen und Anshu Jain

Aktienkurs

in Euro

35

Vorsteuergewinn

in Milliarden Euro

4

Bilanzsumme

in Billionen Euro

2,3

Kapitalbasis 1

in Prozent

18

Effizienz 3

in Prozent

60

Beschäftigte

in Tausend

102

34

2

2,1

16

80

101

33

32

0

1,9

14

12

100

100

99

31

–2

1,7

10

120

98

2012 13 14

30

2012 13 14

–4

1,5

2012 13 14

8

140

2012 13 14 2 2012 13 14

2012 13 14

97

1

Verhältnis Kapital zu Risikoaktiva; 2 neue Eigenkapitalstandards; 3 Verhältnis Kosten zu Erträgen; Quelle: Unternehmensangaben

42 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


KULTURWANDEL

Kontrolle ist besser

Die Bank will bei Verfehlungen knallhart durchgreifen.

Auf der Vorderseite der Postkarte ist ein

Spiegel, auf der Rückseite stehen Werte

wie Integrität, Kundenorientierung und

Disziplin. Etliche dieser Pappen hat die

Deutsche Bank kürzlich an ihre Mitarbeiter

verteilt. Die sollen sie sich immer mal

wieder vors Gesicht halten und selbstkritisch

prüfen, ob sie die dort formulierten

Ansprüche im Alltag einlösen.

Die Kärtchen sind nur ein kleiner Baustein

des Großprojekts Kulturwandel. Das

haben Anshu Jain und Jürgen Fitschen

mit ihrem Amtsantritt ausgerufen. Die

Bank soll aus den Sünden der Vergangenheit

lernen. Zentrale Figur für die technische

Umsetzung ist der frühere Investmentbanker

Stephan Leithner. Als

Vorstand für Personal und Recht ist er

auch der oberste Verwalter der juristischen

Altlasten. „Unser Fokus sind einwandfreie

Transaktionen“, sagt Leithner.

„Wir machen nicht bei jedem Geschäft

mit, nur weil es profitabel ist.“

Die Deutsche-Bank-Dreifaltigkeit für ein

anständigeres Kreditinstitut Vorstände

Fitschen, Leithner und Jain

Das gilt auch für vier Händler, denen die

Bank wegen der möglichen Manipulation

der Libor-Referenzzinsen gekündigt hat.

Die bisherigen Prozesse hat sie verloren, zu

einem Vergleich war sie nicht bereit. Auch

bei der möglichen Trickserei mit Devisenkursen

hat sie belastete Händler gefeuert.

Wichtiger als Strafe ist die Vorsorge.

Mehr als eine Milliarde Euro gibt die Bank

für Kontrollsysteme aus. „Das Pendel

schlägt teilweise schon zu weit in die andere

Richtung aus“, klagt ein Banker. Umstritten

ist intern etwa die „Red Flag“-Datenseine

Kunden ansprechen, die sich besonders

positiv oder negativ geäußert haben.

„Die Kunden sind beeindruckt, dass

wir uns melden und das Gespräch suchen“,

sagt Bubmann. „Die Telefonate

helfen uns, den Bedürfnissen besser gerecht

zu werden.“ Kunden zuhören und

auf sie eingehen sind Grundtugenden, die

die Bank vernachlässigt hat.

Zusätzlich ziehen jährlich Tausende

Testkäufer los, um die Beratung zu prüfen.

Neue Produkte werden umfassender

getestet: auf Verständlichkeit, ein ausgewogenes

Verhältnis von Chance und Risiko,

rechtliche Unbedenklichkeit und negative

Folgen für den Ruf. „Wir betreiben

einen sehr hohen Aufwand, um falsche

Beratung auszuschließen und Fehler früh

zu finden“, sagt Bubmann. Doch kann

sich die Bank mehr Moral leisten? „Wenn

FOTO: DDP IMAGES/THOMAS LOHNES

RISIKO FÜR DEN RUF

So habe die Bank kürzlich den Kauf eines

großen Pakets notleidender Immobilienkredite

aus Spanien gestoppt, obwohl ein

Team wochenlang an der Transaktion gearbeitet

hatte. Das Risiko für den Ruf war

zu hoch. In der Branche gilt auch das Ende

der Geschäftsbeziehung zum umstrittenen

Hedgefondsmanager Steven Cohen

als Beispiel für die moralische Reißleine.

Die Bank will das nicht kommentieren.

Lieber verweist Leithner auf erste Erfolge.

Die Vergütung ist deutlich langfristiger

und richtet sich bei Vorständen jetzt auch

danach, dass sie sich dem Wertekanon

gemäß verhalten. Und Tausende Schulungen

sollen Banker zu verantwortungsvollem

Handeln anleiten.

Nicht zuletzt geht es um null Toleranz

gegenüber Fehlverhalten. Die fängt mit

Details an. So hat die Bank die einst nach

Indien ausgelagerte Spesenabrechnung

wieder in die Hände der örtlichen Vorgesetzten

gelegt. Die beiden Chefs des Japan-Geschäfts

hat sie wegen überhöhter

Abrechnungen gefeuert. Die Botschaft:

Wer trickst und täuscht, muss gehen.

bank: Sie erfasst alle Verstöße gegen die

neuen Regeln, etwa verspätete Schulungen.

Seinen Effekt verfehlt das digitale

Klassenbuch nicht: Die Zahl der Verstöße

ist zuletzt um 20 Prozent gefallen.

Auch Zockerei auf eigene Rechnung und

Übertölpelung von Kunden sollen passé

sein. Als eine Art Pionier des guten Geistes

schiebt die Bank da gerne Christoph Bubmann

vor, seit 2009 „Chief Client Officer“

im Geschäft mit Privatkunden. Bubmann

will nichts beschönigen, er weiß, wie das

Image gelitten hat. Aber er hält die Lage

nicht für hoffnungslos.

Dabei setzt er vor allem auf die Kunden.

Mehrere Millionen befragt die Bank jährlich

nach ihrer Zufriedenheit. Jeder der insgesamt

fast 11 000 Berater soll dann zeitnah

wir die Leitlinien erklären, reagieren Kunden

sehr positiv“, sagt Leithner. Nachteile

fürchtet er nicht. Interne Skeptiker sind

nicht überzeugt. Die ambitionierten Ziele

in einem schrumpfenden Markt ließen es

kaum zu, Chancen wegen moralischer

Skrupel auszulassen.

Auch die Finanzaufsicht BaFin hat beklagt,

dass sich bei der Bank ohne Druck

wenig tut. „Veränderungen brauchen

Zeit“, sagt Leithner. Bei einem Treffen

von 300 deutschen Führungskräften im

März in Berlin hätten mehr als 80 Prozent

erklärt, dass der Wandel spürbar sei und

ihre Arbeit beeinflusse. Sie sollen Botschaften

und Verhaltensweisen nun an ihre

Leute weitergeben und selbst vorleben.

cornelius.welp@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 43

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

nun Milliardenstrafen. In der Führung

heißt es, die Bilanz des Investmentbankings

insgesamt sei positiv und die Bank

nur wegen ihm als einzige in Deutschland

international wettbewerbsfähig. Doch die

Filialmitarbeiter zahlen einen hohen Preis,

wenn ihre Kunden sie auf die neueste Ungeheuerlichkeit

der Kollegen ansprechen.

Da ist es ein schwacher Trost, dass Jain

keinen Bereich der Bank so radikal umkrempelte

wie seinen eigenen. In der Investmentbank

hat er seit 2012 das härteste

Sparprogramm durchgezogen. 2000 Stellen

fielen weg, und das schwache Geschäft

dürfte dafür sorgen, dass der Schrumpfprozess

noch weitergeht. Wie ihre Wettbewerber

leidet die Deutsche Bank unter

dem schwachen Handel mit Anleihen und

einem lahmen Devisengeschäft.

WEICHES THEMA IN HARTER ZEIT

Dabei geht es nicht nur um eine der üblichen

Flauten, sondern um tief greifende

Veränderungen durch Regulierung. Die betrifft

vor allem den Handel mit Anleihen,

Devisen und Rohstoffen, aus dem Jain selbst

kommt. „Die Welt hat sich verändert, und

wir müssen uns anpassen“, sagt Colin Fan,

der das Geschäft gemeinsam mit Robert

Rankin leitet, seit Jain an die Spitze der gesamten

Bank gerückt ist. Die Bank hat den

Eigenhandel dichtgemacht und den physischen

Handel mit Rohstoffen eingestellt.

Anders als mancher Wettbewerber will sie

aber grundsätzlich weiter alle wesentlichen

Dienstleistungen anbieten. Nur so könne sie

ihre globalen Ambitionen aufrechterhalten.

Die verkörpert Fan ähnlich wie Jain, zu

dessen engsten Vertrauten er zählt. Er wurde

in China geboren und wuchs in Kanada auf.

Seine wichtigste Aufgabe ist es nun, den von

Jain und Fitschen ausgerufenen Kulturwandel

(siehe Seite 43) auch den hartgesottenen

Händlertruppen zu vermitteln. Leicht ist das

nicht. „Alle waren überrascht über das vermeintlich

weiche Thema in einer Zeit, in der

die Bank mit Herausforderungen in ihrem

Kerngeschäft konfrontiert ist“, sagt Fan.

Damit es nicht nur Gerede bleibt, wird

das richtige Verhalten in Rollenspielen eingeübt.

Wer nicht hören will, muss büßen.

„Strafen für Fehlverhalten müssen drastisch

ausfallen. Wir sollten diese Personen

enttarnen, ihnen kündigen, ihre Boni und

Belegschaftsaktien kassieren und die Aufsichtsbehörden

informieren“, droht Fan.

Auf die Skandale reagiert die Bank mit

deutlich mehr Kontrollen und mit Rückzug,

etwa bei der Ermittlung des Goldpreises

oder von einigen Devisenkursen. „Wir

44 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


können unsere Teilnahme nicht komplett

einstellen, weil wir in manchen Märkten

ein wichtiger Teilnehmer sind. Bis dato haben

wir die Zahl der Fixings, an denen wir

teilnehmen, um zwei Drittel gesenkt“, sagt

Fan. Um Fehlverhalten auszuschließen,

wird stärker automatisiert:Rund die Hälfte

des Devisenhandels wird elektronisch abgewickelt,

der Anteil dürfte bald auf 80 bis

90 Prozent steigen. Und Fan setzt auf einfache

Produkte, er wolle „dem Brot-und-Butter-Geschäft

Priorität einräumen“.

Vertraute wie Fan sollen verhindern,

dass Jains größte Angst wahr wird und aus

Geschäften von heute Altlasten von morgen

werden. Ein neuer Libor-/Devisen-/

Kirch-Fall wäre das Ende seiner Karriere

und ein weiterer Tiefschlag für das Image

der Bank. Nur wenn sie längere Zeit sauber

bleibt, kann Jain zu einem ganz normalen

Manager werden, dem die Leute vertrauen.

DURCH DIE HINTERTÜR

Nirgends fehlt es daran so wie in Berlin. 15

Mal im Jahr ist Jain in der Hauptstadt, sie ist

sein deutscher Lieblingsort. Die Ministerien

aber betritt er durch den Hintereingang.

Sich mit ihm zu zeigen gilt unter Politikern

als unschick, viele würden ihn gerne

abgelöst sehen.

Da muss Jain jede Chance nutzen. Im Innenhof

der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft

in Berlin steht das Deutsche-Bank-

Logo in der Ecke. Mitte Februar stellt Ex-

Kanzler Gerhard Schröder hier ein neues

Buch vor, und weil Schröders Agenda heute

als deutsches Erfolgsrezept gilt, ist der Saal

voll. Jain ist ein artiger Gastgeber, er kommt

genau pünktlich, dunkelblauer Anzug, die

rechte Hand lässig in der Hosentasche, lächelt

er freundlich, fast schelmisch. Er

macht das souverän, zitiert auf Englisch sogar

Thomas Mann: „Wir wollen kein deutsches

Europa, sondern ein europäisches

Deutschland.“ Es ist ein kurzer Auftritt ohne

Widerhaken. Nach fünf Minuten ist die

Pflicht vorbei. Als Belohnung für Jain gibt es

gemeinsame Fotos in den Zeitungen.

In seiner Ansprache hat Jain Schröder

gelobt, weil der auch gegen Widerstände

durchsetzte, was er für richtig hielt. Heute

bekommt Schröder anders als für seine

Freundschaft zu Wladimir Putin dafür Applaus.

Jain strebt nicht wie sein Vorgänger

Ackermann einen Platz in einem Geschichtsbuch

an. Wenn es irgendwann hieße,

dass er der richtige Mann am richtigen

Ort war, würde ihm das schon reichen. n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt,

yvonne esterhazy | London

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 45

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»Wichtig ist, cool zu bleiben«

INTERVIEW | Rupert Stadler Der Audi-Chef kündigt ein Modellfeuerwerk und eine Globalisierungsoffensive

an, sieht aber keinen Grund für einen Kurswechsel. Carsharing ist für ihn kein Thema.

FOTO: WOLF HEIDER-SAWALL FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

46 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Herr Stadler, etwa ein Jahr ist es her, dass

Ursula Piëch in den Aufsichtsrat von

Audi eingezogen ist. Wie hat sich das auf

die Arbeit in dem Gremium ausgewirkt?

Frau Piëch kennt unser Unternehmen seit

vielen Jahren hautnah, sowohl aus der Zeit,

als ihr Mann hier bei Audi Vorstandschef

war, als auch aus der Konzernperspektive.

Sie ist sehr nah dran am Geschehen. Insofern

ist sie für uns ein absoluter Zugewinn.

Kritik haben Sie von ihr im Aufsichtsrat

also noch nicht zu hören bekommen?

Diese Frage ist falsch adressiert. Ich sitze

dem Vorstand vor, nicht dem Aufsichtsrat.

Dann frage ich Sie direkt. Audi hat im

ersten Quartal den Umsatz um sieben

Prozent gesteigert, den Absatz um elf

Prozent, das operative Ergebnis aber nur

um 0,5 Prozent. Ist das nicht sehr mager?

Audi hat in den letzten Jahren einen sehr

guten Job gemacht. Bei der operativen Rendite

sind wir mit 10,1 Prozent vor BMW und

Mercedes klar der Champion. 2013 haben

wir toll abgeschnitten mit einem Absatz

von über 1,5 Millionen Autos. Diese Marke

hatten wir uns erst für 2015

gesetzt.

Dafür scheint nun aber

die Puste auszugehen.

Wie kommen Sie darauf?

Wir hatten in den ersten

vier Monaten ein Absatzplus

von rund zwölf Prozent,

wachsen auf allen

Weltmärkten, sind Premiummarke

Nummer eins in

Europa und China. Ebenso

wichtig ist unsere hohe Ertragskraft.

Wir tätigen unsere

Investitionen aus einer sehr soliden

Cash-Flow-Position heraus.

Dennoch ist das Konzernergebnis vor

Steuern im ersten Quartal gesunken. Und

für das Gesamtjahr erwarten Sie einen

Umsatz, der nur leicht über Vorjahr liegen

wird. Wie erklären Sie das?

Das operative Ergebnis ist stabil geblieben,

trotz der enorm hohen Vorleistungen, die

wir im Moment erbringen. Und bei der

operativen Umsatzrendite markieren wir

die Spitze im Wettbewerbsumfeld.

Sie lehnen sich also zufrieden zurück?

Das werden Sie weder bei mir noch bei

einem der mehr als 70 000 Audianer

erleben. Unser Umfeld ändert sich fast täglich,

aber wir gehen unseren Weg in aller

Ruhe und Klarheit. Bis 2020 durchlaufen

wir eine weitere Produktoffensive und das

größte Investitionsprogramm unserer Geschichte.

MANN MIT WEITSICHT

Stadler, 51, folgte im Januar

2007 Martin Winterkorn auf

den Posten des Vorstandschef

der VW-Tochter Audi. Der Finanzexperte

begann seine

Karriere unter dem heutigen

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand

Piëch im Controlling.

Später war er der Büroleiter

von Piëch in Wolfsburg und

Konzern-Produktplaner.

VW-Chef Martin Winterkorn hat kürzlich

Extrarunden angekündigt, um schneller

auf gesellschaftliche und technische

Veränderungen zu reagieren. Gibt es auch

für Audi Extrarunden?

Unsere Branche befindet sich in einer Phase

des Umbruchs, gleichzeitig ist der Wettbewerb

so intensiv wie nie. Wir erleben,

wie sich politische, gesellschaftliche und

wirtschaftliche Rahmenbedingungen ständig

verändern. Neben der notwendigen

Aufmerksamkeit für die Tagesarbeit haben

wir daher unseren Blick auch sehr weit in

die Zukunft gerichtet und dafür unter anderem

vor fünf Jahren die Urban-Future-

Initiative gestartet. Mit diesem Programm

erforschen wir, wie individuelle Mobilität

in Megastädten effizienter und zukunftsorientiert

gestaltet werden kann.

Winterkorn will Lebenszyklen verkürzen,

auch Modelle aussortieren. Haben Sie

schon die Audi-Modellpalette überprüft?

Das machen wir permanent. Solche Fragen

wird aber jede Marke selbst zu entscheiden

haben. Es gibt Modelle von Audi, die sich

nach neun Jahren Lebensdauer

immer noch gut verkaufen.

Warum soll man da

vorzeitig einen Modellwechsel

vornehmen? Für

unsere Marke sehen wir

noch viele Potenziale. Heute

haben wir in unserem

Portfolio etwa 50 verschiedene

Modelle und Derivate.

Wir werden dieses Modellangebot

in den kommenden

Jahren in Richtung

60 erweitern. Vor diesem

Hintergrund fragen wir uns natürlich

immer wieder: Wie viel Potenzial hat der Cabriomarkt,

wo gibt es Chancen für ein Coupé,

was gibt das Sportwagensegment noch

her und der Markt für SUVs? Bei steigendem

Wachstum und zunehmender Globalisierung

einer Marke muss man sich solchen

Fragen natürlich noch intensiver stellen.

Audi produziert Autos in Spanien, in

China, bald auch in Mexiko...

Wir waren noch nie so international wie

heute. Dieses Jahr werden wir zum ersten

Mal mehr Autos im Ausland produzieren

als in Deutschland. Wir werden in zwei

Jahren allein unter der Marke Audi 13 Produktionsstandorte

weltweit betreiben. Dafür

investieren wir bis 2018 insgesamt 22

Milliarden Euro.

Aber doch wohl nicht nur in neue Werke.

Auch in neue Technologiefelder, von denen

man heute noch nicht genau weiß,

welche Wirkungen sie erzeugen werden.

Derzeit müssen so viele Dinge gleichzeitig

angepackt werden wie noch nie in der Automobilgeschichte.

Das ist trotz aller Herausforderungen

die reizvollste Phase, die

es in einer Unternehmensentwicklung

gibt. Unser Ziel ist es, bis 2020 über zwei

Millionen Autos weltweit zu verkaufen.

Das Ziel des Programms „Audi 2020“ hatten

Sie schon vor vier Jahren verkündet.

Werden Sie noch mal nachlegen?

Unsere Strategie hat alle Zutaten, uns auch

über die Zwei-Millionen-Grenze zu tragen.

Wir brauchen kein grundsätzlich neues

Programm. Es geht jetzt darum, die nächsten

Etappen zu realisieren, wie etwa die Internationalisierung

unserer Produktion

und die zweite Stufe der Modelloffensive.

Das ist ein rollierender Prozess, der ständig

auf neue Rahmenbedingungen reagiert.

Beispielsweise auf neue Wettbewerbssituationen:

Mercedes kommt näher.

Wettbewerb belebt das Geschäft. Aber es ist

auch wichtig, das Lenkrad ruhig zu halten

und mit unserer Marke auf dem klar

gesteckten Kurs zu bleiben. Das zeigt sich

gerade auf dem Gebiet der Elektromobilität.

Hat da Audi einen klaren Kurs? Erst hieß

es, mit Elektroautos sei kein Geschäft

zu machen. Nun forciert Audi die Arbeit

wieder daran. Was denn nun?

Wenn viele Wege nach Rom führen, dann

bringen uns viele Pfade zur Elektromobilität.

Wir haben vor gut zwei Jahren den

R8 e-tron nicht in Serie gehen lassen, weil

wir mit einer Reichweite von 250 Kilometern

nicht zufrieden waren. Den viel zitierten

Stecker haben wir technologisch niemals

gezogen. Heute sind wir beim R8

e-tron bei einer Reichweite von 450 Kilometern.

Damit wird es ein Geschäftsmodell.

Vom nächsten R8 wird es deshalb eine

Variante mit Elektroantrieb geben.

Das klingt nach einem kleinen Wunder.

Wunder gibt es in unserer Branche nicht.

Technologischer Fortschritt muss hart erarbeitet

werden, zum Beispiel bei den Batterien,

dem bisher schwächsten Glied in

der Kette. Wir haben deshalb entschieden,

in der ersten Phase der Elektromobilität

zunächst auf den Plug-in-Hybrid zu setzen.

Der A3 e-tron bietet 50 Kilometer elektrische

Reichweite, aber einen noch größeren

Aktionsradius mit einem Verbrennungsmotor

als zweitem Antrieb. In der Summe

kommen sie auf über 900 Kilometer. Wir

werden den neuen Q7 ebenfalls als Plugin-Hybrid

anbieten, auch den nächsten A6

und den nächsten A8. Und wenn sich die

Zelltechnologie weiter so vielverspre-

»

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 47

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

chend entwickelt, wird es auch bei Audi

weitere reine Elektroautos geben.

Aber nicht mehr in diesem Jahr?

In diesem Jahr kommt der A3 e-tron auf

den Markt. Er wird weltweit ausgerollt.

Dann sieht es aber in diesem Jahr mit

Modellneuheiten von Audi mau aus. Außer

dem neuen TT ist nichts zu erwarten, der

Anlauf des neuen A4 wurde verschoben.

Wir sehen das anders. Wir haben neben

dem neuen TT in diesem Jahr 16 verschiedene

Derivate bestehender Modelle, die

wir in Produktion und Vertrieb bringen. Wir

arbeiten intensiv am Modularen Längsbaukasten.

Ab 2015 zünden wir damit..

Nächstes Jahr, aber nicht dieses.

Das ist kein Thema , wenn wir trotzdem mit

zwölf Prozent wachsen. Das zeigt, dass Audi

eine überaus starke Marke mit sehr wettbewerbsfähigen

Modellen ist. Wir haben

sehr genau geplant, wann für welches neue

Modell der richtige Zeitpunkt ist. Entscheidungen

trifft man nicht mit Blick auf den

Wettbewerb. Wichtig ist, das Ziel 2020 im

Auge zu behalten und cool zu bleiben.

Der neue A4 sollte nach meinen Informationen

im Herbst kommen. Nun kommt er

erst 2015. Warum die Verzögerung?

Für jeden Modellwechsel gibt es ein zeitliches

Fenster, und der A4 liegt innerhalb

dieses Zeitrahmens.

Sie werben derzeit für besonders effiziente

Modellvarianten namens Ultra. Will

sich Audi etwa an die Spitze der Ökobewegung

setzen?

Wir wollen mit Ultra dokumentieren, dass

Audi die Speerspitze in Sachen Effizienz ist.

Das wollen wir deutlich machen, bewusster

und auch etwas lauter als bisher.

Getrommelt, so scheint es, wird aber vor

allem im Ausland. Ganz bewusst?

Weil wir dort große Potenziale haben. In

China nehmen wir jetzt das Werk Foshan

in Betrieb, wo der A3 produziert wird. Wir

Kampf um die Krone

Die Kennziffern der drei deutschen Premiumhersteller im Vergleich

BMW 1 Audi 2 Mercedes Pkw 3

500000

450000

400000

350000

300000

2012

Absatz

2013 2014

20,0

17,5

15,0

12,5

10,0

2012

»Ich will keine Audi-

Modelle als rollende

Litfaßsäulen in den

Städten sehen«

haben die Entscheidung zum Bau eines

Werks für 150000 Autos pro Jahr in Mexiko

getroffen, mit dem wir vom Dollar unabhängiger

werden und noch stärker in den

USA Fuß fassen. Wir haben die Entscheidung

getroffen, in Brasilien den Q3 und die

A3-Limousine zu fertigen. Aber natürlich

werden wir auch in Europa und in Deutschland

weiter ein starkes Standbein haben.

Mit Foshan können Sie in China mehr als

700000 Autos produzieren. Begeben Sie

sich damit nicht in zu starke Abhängigkeit

von diesem Markt?

Das Risiko, in China nicht dabei zu sein, ist

viel größer, als dort ein aktiver Spieler zu

sein. Wir haben uns entschieden, zusammen

mit den Joint-Venture-Partnern bis zu

700 000 Autos pro Jahr lokal zu produzieren.

Und in drei Jahren werden wir sicher

über weiteres Potenzial reden. Der Anteil

des Premiummarkts an den Gesamtzulassungen

beträgt dort nur rund zehn Prozent,

ist also ausbaufähig.

Wo sehen Sie noch Wachstum für Audi,

wenn wir über die Modellpalette schauen?

Umsatz (in Mrd. €)

jeweils 1. Quartal; 1 nur BMW; 2 nur Audi; 3 Mercedes/Smart; Quelle: Unternehmen

2013 2014

2,0

1,5

1,0

0,5

Gewinn vor Steuern (in Mrd. €)

0

2012

2013 2014

Wir sind heute mit unseren Modellen der

A-Reihe gut aufgestellt. Oben gibt es sicher

um den A6 herum noch Wachstumschancen,

etwa mit einem sportlichen Modell.

Potenziale sehen wir vor allem im SUV-Bereich,

der weltweit wächst. Wir werden

deshalb unsere Q-Reihe deutlich verbreitern.

Ab 2016 vermarkten wir den Q1, der

in Ingolstadt gefertigt wird. Auch oberhalb

des Q7 sehen wir gute Chancen für ein zusätzliches

Produkt.

Der Q7 ist doch schon ein riesiges Auto.

Darüber soll es noch was geben?

Daran arbeiten wir gerade. Zudem ist zwischen

Q5 und Q7 und zwischen Q3 und Q5

noch Platz. Wir haben gerade in China eine

TT-Studie mit vielen SUV-Attributen gezeigt.

Die ersten Reaktionen sind sehr gut,

das werden wir bei unserer Modellplanung

berücksichtigen. Es gibt also noch einige

Möglichkeiten für ertragsreiches Wachstum.

Denn die SUV-Kunden geben gerne

etwas mehr Geld aus für Ausstattung.

Den Audi-Mitarbeitern wird derzeit der

A1 mit Sonderkonditionen geradezu aufgedrückt.

Läuft der Verkauf so schlecht?

Keineswegs. Der A1 ist sehr stark und stabil

im Markt unterwegs. In Kürze wird er eine

Produktaufwertung bekommen. Dass wir

ein solch attraktives Modell auch unseren

Mitarbeitern anbieten, ist ganz normal.

Das Verkaufsvolumen des A1 ist mit rund

120 000 Einheiten seit vier Jahren stabil, geplant

war ehemals eine Jahresproduktion

von 80000 Autos. Das Ding sitzt.

Wann rollt Audi eigentlich sein Carsharing-Konzept

aus? BMW und Daimler sind

mit Drive Now und Car-to-Go weit voraus.

Seit drei, vier Jahren beschäftigen wir uns

intensiv mit dem Thema.

Auf der Straße sieht man aber nicht viel.

Mit gutem Grund. Denn wir wollen unsere

Autos nicht zu Flatrate-Konditionen in den

Markt drücken. Ich will keine Audi-Modelle

als rollende Litfaßsäulen in den Städten.

Wir gehen dieses Thema anders an.

Nämlich?

Wir suchen unsere Bühne dort, wo unsere

Kunden sind. So bieten wir zum Beispiel

mit Audi Select in einem Pilotprojekt die

Möglichkeit, innerhalb eines Jahres drei

unterschiedliche Automobile zu fahren. Sie

können also für vier Monate ein A5-Cabriolet

fahren, dann einen Q5 und anschließend

einen R8. Für einen gewissen Mehrpreis

bekommt der Audi-Kunde im Rahmen

seines Leasingvertrags diese Flexibilität.

Das tut unserer Marke gut und kommt

bei Premiumkunden besser an.

n

franz.rother@wiwo.de

FOTO: WOLF HEIDER-SAWALL FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

48 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Stress auf

der Agenda

MEDIA-SATURN | Dem nächsten

Chef des Elektronikhändlers

droht ein Drei-Fronten-Krieg.

FOTO: ACTION PRESS/JOCHEN ZICK

Der Milliardär war außer sich. Er sei

„in tiefer Sorge darüber, wie Media-

Saturn derzeit von der Metro verwaltet

wird“, schimpfte Erich Kellerhals,

Minderheitsgesellschafter des Elektronikhändlers,

Ende April in einer öffentlichen

Stellungnahme. Über mangelnde Experimentierfreude,

halb leere Regale und die

„unbefriedigende Performance der Geschäftsführung“

maulte der 74-Jährige, der

das Unternehmen einst mitgegründet hat.

Von „unternehmerischer Führung“, so Kellerhals,

könne keine Rede sein.

Wenige Tage genügten, um die Thesen

des Elektro-Veterans Realität werden zu

lassen. Nach der Attacke des Gesellschafters

quittierte vergangenen Dienstag der

Chef der Media-Saturn-Holding, Horst

Norberg, entnervt den Dienst. Die Ingolstädter

Elektroniktruppe steht jetzt tatsächlich

ohne Führungsspitze da.

Die Suche nach einem Nachfolger dürfte

sich schwierig gestalten. Ein interner Kandidat

aus dem Kreis der verbliebenen Geschäftsführer

soll bereits abgewinkt haben.

Kein Wunder: Der Job gilt als eine Art Blauhelm-Mission

der deutschen Wirtschaft,

ein Mandat irgendwo zwischen Kampfeinsatz

und diplomatischem Dienst.

Der Norberg-Erbe wird sich mit drei

Kernproblemen herumschlagen müssen.

Erstens steht das Unternehmen durch die

Abwanderung der Kundschaft ins Internet

operativ unter Zugzwang. Zweitens hat der

künftige Anführer intern nur begrenzte

Handlungskraft und muss alte Seilschaften

zerschlagen sowie personellen Filz auflösen.

Und drittens muss er vermeiden, in

der Dauerfehde der Gesellschafter zum

Spielball zu werden.

Bildstörung Die Eigentümerfehde bei

Media-Saturn hat das Zeug zur Seifenoper

IM VERBALKRIEG

Der Streit zwischen den Anteilseignern

währt nun schon seit Jahren. Auf der einen

Seite steht Mitbegründer Kellerhals, auf

der anderen Olaf Koch, Chef des Düsseldorfer

Handelskonzerns Metro, der über 78

Prozent der Anteile an Media-Saturn gebietet.

Kellerhals ist zwar nur Minderheitsgesellschafter,

hat sich vor Jahrzehnten

aber Vetorechte ausbedungen. Über eine

Beiratskonstruktion hebelte die Metro-

Führung diese Konstruktion 2011 aus. Seither

beharken sich die Parteien.

Juristisch ist der Streit mittlerweile weitgehend

zugunsten von Metro entschieden.

Dafür teilt Kellerhals nun verbal umso heftiger

aus. Koch sitze nur „missmutig mit

seinen Anwälten“ im Beirat und „lässt Vorlagen

abnicken“, schreibt Kellerhals in seiner

jüngsten Generalabrechnung. Metro

verweist derweil auf die „diversen Eskapaden“

des Geschäftspartners. In Düsseldorf

glauben viele, dass Kellerhals mit seinem

Schreiben eigentlich darauf zielt, die anstehende

Vertragsverlängerung von Koch als

Metro-Chef zu torpedieren.

Längst ist der Streit zum Kulturkampf

mutiert. Kellerhals schwört auf die alten

Media-Markt-Tugenden, auf hemdsärmeliges

Unternehmertum vor Ort. Was zunächst

überzeugend klingt, erweist sich in

der Praxis immer dann als heikel, wenn

11,5Mrd. Euro

setzten Media Markt und

Saturn in der ersten Hälfte

dieses Geschäftsjahrs um

Manager ihre Freiheiten zur Selbstbedienung

missbrauchen. So gilt das Media-

Markt-System in der Branche als notorisch

korruptionsanfällig.

Jüngstes Beispiel: Ende Februar verurteilte

die dritte Strafkammer des Landgerichts

Nürnberg einen Immobilien-Manager

der Media-Saturn-Holding wegen Bestechlichkeit

zu drei Jahren Haft, bestätigte

die Staatsanwaltschaft der Wirtschafts-

Woche. Er soll einem Bauträger Aufträge

zugeschanzt und über einen Beratervertrag

Schmiergeld kassiert haben. Das Urteil

ist noch nicht rechtskräftig. Schon 2012

hatte ein Bestechungsskandal um den früheren

Deutschland-Chef von Media Markt,

Michael Rook, für Schlagzeilen (WirtschaftsWoche

8/2012) gesorgt.

UMSATZFRESSER INTERNET

Die größte operative Herausforderung des

Neuen ist die Abwanderung der Kunden

ins Internet. Das Wachstum der hauseigenen

Web-Shops kann den Schwund im stationären

Geschäft bis dato nicht kompensieren.

So steigerten die Ingolstädter ihre

Online-Umsätze im ersten Halbjahr

2013/14 um 35 Prozent auf rund 800 Millionen

Euro. Trotzdem sackte der Gesamtumsatz

der Sparte um 2,1 Prozent auf 11,5 Milliarden

Euro.

Dadurch rücken harte Einschnitte bis

hin zu Ladenschließungen auf die Agenda.

Stress mit den Immobilienbesitzern, die

ihre Häuser an Media Markt vermieten, ist

dabei programmiert. Und ausgerechnet einer

der größten Vermieter ist besonders

kampferprobt – Mitgründer Kellerhals. n

henryk.hielscher@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 49

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Vaters Vertraute

MERCKLE | Nach dem Freitod des Patriarchen Adolf Merckle hat

Sohn Ludwig den Pharmahändler Phoenix vor dem drohenden

Zerfall gerettet. Doch nun gefährdet der Erbe seinen Erfolg wieder.

Lieber im Hintergrund

Phoenix-Eigentümer

Ludwig Merckle

zettelte die Rabattschlacht

an

Sein größtes Unternehmen stand vor

dem Zerfall; Finanzinvestoren witterten

bereits ihre Chance. Nach dem

Freitod des Eigentümers Adolf Merckle war

der milliardenschwere Mannheimer Pharmagroßhändler

Phoenix finanziell schwer

angeschlagen. Schulden in Höhe von gut

400 Millionen Euro drückten. Dutzende

Gläubigerbanken drängten auf rasche Lösungen,

von ihnen eingesetzte Treuhänder

durchforsteten das undurchschaubare

Merckle-Imperium.

Doch Merckles Sohn Ludwig gelang das

fast Unmögliche. Er bewegte in zähen Verhandlungen

die Gläubigerbanken erst zu

einem Stillhalteabkommen, dann zu neuen

Krediten. Am Ende blieb Phoenix – der

Name leitet sich von dem mythischen

Wundervogel der Antike ab – in Familienhand.

Drei Jahre nach seinem Sieg versucht

Ludwig Merckle jetzt erneut, die Familienehre

und verlorenes Geld zu retten: Am

Mittwoch beginnt vor dem Landgericht

Braunschweig ein Prozess um 213 Millionen

Euro Schadensersatz. Die Merckles

machen Porsche für die massiven Verluste

verantwortlich, die der Senior bei Spekulationen

mit VW-Aktien erlitt. Die Erfolgschancen

sind allerdings gering, da VW und

Porsche kürzlich ähnliche Prozesse in erster

Instanz gewannen.

ÄRGER IM HEIMATMARKT

Zugleich droht Ludwig Merckle auch an

anderer Stelle zu verlieren: Der 48-jährige

Erbe gefährdet durch einen riskanten Zickzackkurs

seinen bisherigen Erfolg bei

Phoenix. „Die Branche schüttelt den Kopf

über die“, sagt ein Kenner des Unternehmens.

Hohe Rabatte an die Apotheker-

Kundschaft belasten die Erträge. Insider erwarten

für 2013 sogar einen Verlust auf

dem Heimatmarkt zwischen 60 und 80 Millionen

Euro.

Phoenix hat 28700 Mitarbeiter und beliefert

70000 Kunden, vor allem Apotheken,

in Deutschland und Europa mit Medikamenten.

Mit 21,2 Milliarden Euro bringt

der Pharmagroßhändler mehr Umsatz auf

die Waage als Dax-Schwergewichte wie

Henkel oder der Chemiekonzern Lanxess.

Mitte der Neunzigerjahre hatte Merckle

senior still und heimlich eine Handvoll regionaler

Pharmagroßhändler zusammengekauft

und so einen schlagkräftigen Verbund

geschaffen. Das neue Unternehmen

Phoenix erreichte in Deutschland schnell

einen Marktanteil von 30 Prozent – zum

Verdruss der Konkurrenten Gehe und Anzag.

Bei Phoenix wirkte Sohn Ludwig, ein

Wirtschaftsinformatiker, einige Jahre als

Vorstandsassistent. Später ging er zur Beratung

Roland Berger und kümmerte sich

dann um andere Merckle-Beteiligungen.

Der heimliche Riese Phoenix schottet

sich nach außen hin ab und gilt als öffentlichkeitsscheu.

Auch intern, in der Mannheimer

Zentrale, geht es eher formal und

distanziert zu. Selbst langjährige Kollegen

schreiben sich immer noch Mails, die mit

„Sehr geehrter Herr...“ oder, seltener, „Sehr

geehrte Frau...“ beginnen. Viele Mitarbeiter

arbeiten seit Jahrzehnten für Merckle.

Auch die Vertrauten des Vaters, die zusammen

mit Ludwig Merckle auch für die

aktuellen Probleme verantwortlich zeichnen,

sind nahezu alle noch da, allen voran

Unternehmenschef Oliver Windholz und

der mächtige Beiratsvorsitzende Bernd

Scheifele, der zugleich die Merckle-Beteiligung

HeidelbergCement führt. Formal das

letzte Wort hat zwar Sohn Ludwig. Der

stimmt sich jedoch eng mit Scheifele ab

und bleibt lieber im Hintergrund.

Im Herbst 2011 trafen Merckle, Scheifele,

der damalige Vorstandschef Reimund

Pohl, ebenfalls ein alter Merckle-Vertrauter,

und der seinerzeitige Vertriebschef

Windholz eine folgenschwere Fehlentscheidung.

Als sich die Margen für Pharmagroßhändler

nach regulatorischen Eingriffen

der Bundesregierung immer weiter

verschlechterten, kürzte Phoenix – auch

auf Anraten der Beratung Boston Consulting

– seinen Kunden, den Apothekern, die

Rabatte. Statt drei bis vier Prozent vom

Umsatz für Großabnehmer waren jetzt nur

noch ein bis zwei Prozent drin.

Etliche Apotheker kündigten darauf ihre

Phoenix-Verträge und wechselten etwa

zum Essener Wettbewerber Noweda, der

bessere Konditionen bot. Ende 2012 sank

der Phoenix-Marktanteil in Deutschland

auf 25 Prozent. Die Schmerzgrenze war erreicht.

Merckle und Scheifele entschlossen

sich zum radikalen Kurswechsel. Phoenix

setzte die Rabatte wieder hoch – im wahrsten

Sinne des Wortes ohne Rücksicht auf

Verluste. Marktanteil ging jetzt vor Ertrag.

Um Kosten zu sparen, strich Phoenix bis zu

380 Arbeitsplätze, etwa ein Zehntel der Belegschaft

im Heimatmarkt.

Für das Geschäftsjahr 2013/14, das am

31. Januar endete, sind nach Angaben eines

Insiders im wichtigen Heimatmarkt

mit einem Umsatzanteil von einem Drittel

Verluste zwischen 60 und 80 Millionen an-

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA (2)

50 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


gefallen. Zu den Zahlen will Phoenix vor

der Bilanzvorlage am Freitag keine Stellung

nehmen. Auch früher hatte sich das

Unternehmen mit Angaben zur Ertragslage

in Deutschland zurückgehalten. Noch bis

vor etwa zwei Jahren sollen im Heimatmarkt

aber Gewinne im hohen zweistelligen

Millionenbereich angefallen sein.

Weitgehend gerettet

Was aus den Unternehmen des

Patriarchen Adolf Merckle wurde.

ADOLF MERCKLE

Nach dem Freitod 2009

stand sein Firmenimperium

auf der Kippe

PHOENIX (Pharma)

Nach zähen Verhandlungen mit den

Banken blieb der Pharmagroßhändler

in Familienbesitz

Umsatz 21,2 Milliarden Euro

HEIDELBERGCEMENT (Zement)

Die Familie reduzierte ihren Anteil von

75 auf 25 Prozent

Umsatz 14 Milliarden Euro

RATIOPHARM (Pharma)*

Der israelische Teva-Konzern kaufte

den Medikamentenhersteller 2010 für

3,6 Milliarden Euro

Umsatz 1,6 Milliarden Euro

ZOLLERN (Metallprodukte)*

Weiter zu 50 Prozent Familie Merckle

Umsatz 600 Millionen Euro

KÄSSBOHRER (Pistenbullys)*

Der Geländefahrzeug-Spezialist ist

weitgehend im Familienbesitz

Umsatz 200 Millionen Euro

* jeweils letzter verfügbarer Umsatz

GELD ZURÜCKHOLEN

Für Deutschland erwarte man „Umsatzzugewinne“,

heißt es im knappen Zwischenbericht

zum dritten Quartal 2013/14. Phoenix

räumt allerdings ein, dass die „hohe

Wettbewerbsintensität, insbesondere in

Deutschland“ sowie negative Wechselkurseffekte

den Ertrag belastet hätten.

Zugleich leidet Phoenix auch in Frankreich

unter den Folgen der Rabattschlacht.

In Osteuropa behindern staatliche Eingriffe

das Geschäft, sagen Branchenkenner.

Der Geschäftsverlauf dort sei aber positiv,

schreibt Phoenix im Zwischenbericht.

Inzwischen hat Phoenix wie auch andere

Wettbewerber begonnen, sich durch die

Hintertür Geld von den Apothekern wieder

zurückzuholen. In einem Schreiben an

umsatzschwächere ostdeutsche Apotheker,

das der WirtschaftsWoche vorliegt, ist

etwa von einem „Leistungsbeitrag“ die Rede,

den die Apotheker zahlen soll – was auf

eine Kürzung des Rabattes hinausläuft.

„Der deutsche Markt ist zurzeit der irrationalste“,

sagt Stefano Pessina, Chef des

britischen Pharmagroßhändlers Alliance,

der kürzlich die deutsche Anzag geschluckt

hat. „Aber die Marktteilnehmer sind selbst

für diese Situation verantwortlich.“ Seit einigen

Jahren liefern sich insbesondere

Phoenix, Noweda und Gehe, die Deutschland-Tochter

des Stuttgarter Pharmagroßhändlers

Celesio, Rabattschlachten.

Mit Alliance sowie dem US-Konzern

McKesson, der vor einigen Monaten den

Phoenix-Erzrivalen Celesio übernommen

hat, sind den Mannheimern zwei gefährliche

Rivalen entstanden. Alliance und

McKesson, beide deutlich größer als Phoenix,

dürften mit ihrer Marktmacht bald

deutlich bessere Einkaufskonditionen bei

den Pharmaherstellern herausschlagen.

„Phoenix hat zwei strategische Probleme“,

sagt ein Manager aus der Branche.

„Das Unternehmen ist zu stark vom

schwierigen deutschen Markt abhängig

und besitzt zu wenige eigene Apotheken.“

Denn mit denen – anders als in Deutschland

dürfen etwa in England oder Norwegen

Konzerne Apotheken betreiben – lassen

sich bessere Margen erzielen als mit

dem klassischen Großhandelsgeschäft. Alliance

verfügt über 3100 eigene Apotheken,

McKesson/Celesio betreibt 2200 Pharmazien,

Phoenix nur etwa 1500. Neben den

Ertragsproblemen im Inland droht das Unternehmen

damit auch im internationalen

Konkurrenzkampf zurückzufallen. Sinnvoll

wären daher Zukäufe im Ausland – die

sind in Mannheim immerhin angedacht.

Phönix, der Wundervogel aus der Antike,

galt übrigens deswegen als mythisch, weil

er sich immer wieder selbst regenerieren

konnte. Inwieweit das dann auch auf Phoenix,

den Pharmagroßhändler, zutrifft, wird

Ludwig Merckle nun zeigen müssen. n

juergen.salz@wiwo.de

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Gegenwind gewohnt

Unternehmerin

Brand-Friedberg in der

Produktionshalle

Die Schraubenkönigin

FRIEDBERG | Ein Lehrstück für erfolgreichen Strukturwandel: wie die

Ruhrpott-Unternehmerin Ingrid Brand-Friedberg aus dem Bergbau-

Zulieferer einen Weltmarktführer für Windrad-Schrauben schmiedete.

Wenn die das macht, geht die Firma

pleite“, hatte ein Verwandter prophezeit,

als Ingrid Brand-Friedberg

die Führung des Gelsenkirchener Schraubenherstellers

August Friedberg übernahm.

23 Jahre war die studierte Ökonomin damals

alt. Ihr Vater war wenige Tage zuvor gestorben,

und der Familienrat hatte ihr die

Unternehmensleitung angetragen.

Heute, 43 Jahre später, ist Ingrid Brand-

Friedberg noch immer Chefin des Familienbetriebes.

Dem ist das entgegen allen

Unkenrufen gut bekommen: Der Umsatz

ist seitdem um das Achtfache auf mehr als

100 Millionen Euro gestiegen; die Mitarbeiterzahl

wuchs von 300 auf 450. Basis war

die Weitsicht von Brand-Friedberg: Sie

baute den Bergbau-Zulieferer früh in ein

internationales, diversifiziertes Unternehmen

um. So ist Friedberg heute etwa ein

Weltmarktführer für Windrad-Schrauben.

Es ein kleines Wunder, dass es das Unternehmen

überhaupt noch gibt. Denn Friedberg

gehörte zu den vielen Betrieben im

Ruhrgebiet, die fast ausschließlich von Lieferungen

an die Kohlezechen lebten. „Wir

fertigten fast nur Standardschrauben“, erinnert

sich Brand-Friedberg, „und die

standen unter einem enormen Preisdruck.“

Alle damaligen Wettbewerber im Pott sind

inzwischen vom Markt verschwunden.

SCHRAUBEN ALS MEISTERWERK

Friedberg überlebte nur, weil der jungen

Chefin schon bald nach ihrem Start klar

wurde, dass der Bergbau in Deutschland

keine Zukunft bieten würde. Bereits 1974

gründete sie daher ein Zweigwerk in Monte

Mor im brasilianischen Bundesstaat São

Paulo, das für den südamerikanischen

Markt produziert. Gleichzeitig erschloss sie

neue Abnehmerbranchen.

Schon zehn Jahre nachdem sie das Steuer

übernommen hatte, spielte der Bergbau

in dem 1884 vom Essener Schmiedemeister

August Friedberg gegründeten Unternehmen

keine große Rolle mehr, heute ist

er ganz Historie. Die Umsätze stammen zu

je einem Drittel aus der Autoindustrie, Maschinen-

und Stahlbau sowie dem Geschäft

mit Schrauben für Windräder.

In diesem Segment gehört Friedberg zu

den Weltmarktführern. „Diese Technik hat

uns gereizt, weil hier die Anforderungen besonders

hoch sind“, sagt Brand-Friedberg.

Extreme Belastbarkeit, Haltbarkeit über Jahrzehnte

trotz Wind und Wetter – es gibt nur

wenige Anwendungen, die anspruchsvoller

sind. Brand-Friedberg: „Da konnten wir unseren

technischen Vorsprung ausspielen.“

Schrauben für Windräder sind technische

Meisterwerke. Die schwersten Exemplare

wiegen mehr als 20 Kilo, sind 60 Zentimeter

lang und 7 Zentimeter dick. Aus

verzinkten Edelstählen gefertigt, enthalten

sie hohe Anteile von Mangan, Chrom oder

Nickel, sind säurefest und reagieren kaum

auf Wärme oder Kälte.

Zwar ist auch das Geschäft mit der Windenergie

kein Selbstläufer mehr, die goldenen

Jahre sind vorbei. Dennoch bereut

Brand-Friedberg ihre Entscheidung nicht:

„Wir hatten im Windkraftgeschäft Jahre mit

bis zu 30 Prozent Wachstum – längere

Schwächeperioden gab es nicht.“ Seit fünf

Jahren gehe es mal auf-, mal abwärts. Zurzeit

laufe das Geschäft „recht ordentlich“.

FOTO: FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

52 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Die Branche ist volatil geworden. Die Internationale

Energie Agentur in Paris geht

zwar von einer Verdoppelung der weltweiten

Windenergiekapazitäten auf 587 Gigawatt

bis 2020 aus. Für 2014 erwartet der

Energieexperte des deutschen Maschinenbauverbandes

VDMA, Thorsten Herdan,

bei neu installierten Windkraftkapazitäten

ein Rekordniveau von 45 000 Megawatt

weltweit. 2013 war diese Zahl um 15 Prozent

auf 39 000 Megawatt eingebrochen.

Doch Gegenwind ist die Chefin gewohnt.

Als sie Anfang der Neunzigerjahre

entschied, in die Windenergie einzusteigen,

winkten die Banken erst mal ab. „Wie

kann man nur in eine solche Branche investieren“,

hatten die Banker gefragt. Windenergie

galt damals als Marotte für Ökofreaks

und nicht als seriöses Geschäft.

Auch im Unternehmen gab es kritische

Stimmen. „Das war für uns eine neue

Welt“, erinnert sich Brand-Friedberg, „aber

ich hatte das Bauchgefühl, dass sich hier

ein riesiger Markt entwickelte.“ Die Chefin

zog die Entscheidung zügig durch und

startete ohne Banken. 1998 verfügte Friedberg

bereits über eine gesonderte Forschungs-

und Entwicklungsabteilung für

die Windenergie.

Der Erfolg sei eine Teamleistung, betont

Brand-Friedberg. Im Gespräch entfaltet sie

einen kühlen Charme. Sie gilt als gute Zuhörerin,

lässt aber keinen Zweifel daran,

wer entscheidet.

Die Durchsetzungsfreude von Brand-

Friedberg, die auch Vorsitzende der Arbeitgeberverbände

Emscher-Lippe ist, bekommen

auch die Gewerkschaften zu spüren.

„Sie ist fair, aber hart in Verhandlungen“,

sagt Robert Sadowsky, erster Bevollmächtigter

der IG Metall in Gelsenkirchen.

EXOTIN IN DER MACHO-KULTUR

Doch ohne ihre Standhaftigkeit hätte es

Brand-Friedberg nie geschafft. Von einer

fließenden Übergabe des Chefpostens

konnte keine Rede sein: Der Tod des Vaters

kam plötzlich. Sie hatte gerade erst ihr

Ökonomie-Studium in Gießen beendet

und wollte noch ein paar Jahre in anderen

Unternehmen Erfahrungen sammeln.

Nach nur 14 Tagen in der Buchhaltung des

Wetzlarer Metallurgiekonzerns Buderus

war damit Schluss. Für ihre Mutter, die als

Hausfrau die Familie umsorgt hatte, kam

100Millionen

Euro setzt das Unternehmen

um – gut das

Achtfache, seit Brand-

Friedberg Chefin wurde

die Leitung nicht infrage. Und die jüngere

Schwester war noch nicht alt genug.

„Am Anfang habe ich viel gefragt und zugehört“,

sagt Brand-Friedberg, „und meinem

gesunden Menschenverstand vertraut.“

Das Studienwissen habe ihr kaum

geholfen. Ein eingespieltes Team von Kaufleuten

unterstützte die junge Frau. Aber es

gab auch Manager, die ihr das Leben

schwer machten, weil sie gehofft hatten,

nach dem Tode des Patriarchen mehr Einfluss

zu bekommen. Brand-Friedberg ließ

die Quertreiber gegen die Wand rennen.

Führungsfrauen waren damals in der

Macho-Kultur der Ruhrpottbetriebe rar.

„Als junge Frau war ich da eine Exotin“, erzählt

Brand-Friedberg, „aber das war kein

Nachteil.“ Männer unter sich verhielten

sich viel emotionaler und unversöhnlicher

als in Anwesenheit einer Frau, ist die Beobachtung

der Mutter von zwei Töchtern:

„Daran hat sich bis heute nichts geändert.“

Inzwischen ist fast die gesamte Familie

im Unternehmen tätig. Der Ehemann ist

geschäftsführender Gesellschafter am

Standort im brandenburgischen Finsterwalde,

der Schrauben für die Autoindustrie

fertigt. Tochter Beatrix, 35, ist seit zehn Jahren

im Unternehmen und übernimmt immer

mehr Führungsaufgaben.

Bis zur vollständigen Ablösung werden

aber noch einige Jahre vergehen. Die

66-jährige Brand-Friedberg verweist auf

ihren Mann, der mit Mitte 70 noch täglich

im Geschäft aktiv ist. „Ich habe noch so viele

Ideen“, sagt sie. Vor allem mit der Fabrik

in Brasilien („mein Baby!“) hat sie viel vor.

Die Nutzung der Windenergie steckt im

größten Land Südamerikas noch in den

Kinderschuhen. Seit 2010 hat sich die installierte

Kapazität aber schon verdreifacht,

die Regierung hat den Ausbau angekündigt.

Die damit verbundenen Chancen

will sich die Schraubenkönigin aus dem

Ruhrgebiet nicht entgehen lassen. n

lothar schnitzler | unternehmen@wiwo.de

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Dankend abgewinkt

BAYER | Nach der Übernahme der rezeptfreien Medikamente von Merck & Co. wird es schwer für

den Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern, wie angekündigt Weltmarktführer zu werden.

Jagd auf kleine Kandidaten

Bayer-Chef Dekkers

Die Verhandlungen waren auf der

Zielgeraden. Trotzdem fand Marijn

Dekkers, Chef des Pharma- und

Chemieriesen Bayer (40 Milliarden Euro

Umsatz) Muße für einen kurzen Fußballkick.

Der 56-Jährige köpfte, dribbelte – und

passte dann hinüber zu einem Mitspieler,

einem 17-jährigen Brasilianer.

Der Auftritt des Niederländers im Foyer

der gläsernen Konzernzentrale in Leverkusen

diente der Vorstellung des Fußballs

„Brazuca“. Der kommt von Mitte Juni an bei

der Weltmeisterschaft in Brasilien zum

Einsatz und enthält auch einige Kunststoffe

von Bayer. Den entscheidenden Treffer

landete Dekkers allerdings wenige Tage

später, am Dienstag vergangener Woche,

als er die Übernahme der rezeptfreien Arzneimittel

vom US-Konzern Merck & Co. für

rund zehn Milliarden Euro bekannt gab.

Gesundes Angebot

Bayers wichtigste rezeptfreie Medikamente nach dem Merck-Deal

Produkt

Claritin

Aspirin

Aleve

Bepanthen

Canesten

Dr Scholl's

Alka-Seltzer

Coppertone

OneADay

Supradyn

Quelle: Unternehmen

Anwendung Hersteller Umsatz 2013 (in Millionen Euro)

Allergien

Schmerzen

Schmerzen

Hautpflege

Pilzerkrankungen

Fußpflege

Schmerzen

Hautpflege

Nahrungsergänzung

Nahrungsergänzung

Merck &Co.

Bayer

Bayer

Bayer

Bayer

Merck &Co.

Bayer

Merck &Co.

Bayer

Bayer

257

232

214

207

176

158

321

310

464

576

RENDITE OHNE RISIKO

Doch der Jubel an der Börse über die zweitgrößte

Übernahme in der 150-jährigen Firmengeschichte

nach dem Kauf von Schering

2006 hielt sich in Grenzen. Der Kurs

der Bayer-Aktie zeigte kaum Bewegung –

vielen Aktionären erschien der Preis für die

Merck -& -Co.-Sparte zu hoch; zudem war

der Deal seit Wochen erwartet worden.

Für Skepsis sorgt Dekkers Ankündigung,

Bayer zur weltweiten Nummer eins bei rezeptfreien

Arzneien zu machen. Seinen

Übernahme-Coup bezeichnete der Konzernchef

als „Meilenstein auf dem Weg

zum globalen Marktführer“. Doch dabei hat

er noch eine steinige Strecke vor sich.

Denn der Abstand zum Marktführer

GlaxoSmithKline ist groß. Die Briten haben

gerade die Sparte rezeptfreier Medikamente

des Schweizer Wettbewerbers Novartis

geschluckt und so den Jahresumsatz auf etwa

zehn Milliarden Dollar gesteigert. Mit

künftig 7,4 Milliarden Dollar (5,5 Milliarden

Euro) liegt Bayer trotz des Deals vorige Woche

deutlich hinter dem Branchenprimus

zurück. Zudem ist die Zahl der Kandidaten,

mit deren Hilfe die Leverkusener Glaxo-

SmithKline ein- und überholen könnten,

klein und der Wettbewerb um sie groß.

In Fachkreisen heißen rezeptfreie Arzneien

OTC-Präparate, weil sie einfach über

FOTO: INGO RAPPERS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

54 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


die Ladentheke – auf Englisch: Over the

counter (OTC) – verkauft werden dürfen.

Das Geschäft mit Alltagsarzneien von Aspirin

bis Alka-Seltzer ist für die Hersteller

hochattraktiv. Zwar sind die Gewinnmargen

niedriger als bei verschreibungspflichtigen

Arzneien, doch mit 15 bis 20 Prozent immer

noch stattlich. OTC-Präparate sind zudem

oft schon seit Jahrzehnten auf dem Markt,

Ärger, drohende Klagen wegen plötzlich

auftretender Nebenwirkungen oder ungünstige

Ergebnisse klinischer Studien sind

daher selten. Weltweit werden jährlich rund

200 Milliarden Dollar mit rezeptfreien Arzneien

umgesetzt, schätzt Norbert Hültenschmidt,

Partner und Pharmaexperte der

Unternehmensberatung Bain.

Für den Merck-Deal hatte sich Dekkers

in jüngster Zeit warmgeschossen. Vor gut

einem Jahr übernahm Bayer den deutlich

kleineren Wettbewerber Steigerwald aus

Darmstadt, einen Hersteller pflanzlicher

Arzneimittel, darunter das Magenmittel

Iberogast. Seit einigen Monaten ist Dekkers

dabei, sich den chinesischen Hersteller Dihon

einzuverleiben, die Übernahme soll

im zweiten Halbjahr abgeschlossen sein.

Für die Aufholjagd gegen GlaxoSmith-

Kline sind das Peanuts. Größere Kaufkandidaten

sind rar. Zwar haben die Briten

und Bayer durch ihre Übernahmen den

Druck auf die verbliebenen kleineren Anbieter

wie die deutsche Merck und Boehringer

Ingelheim erhöht. „Nun müssen

sich solche Unternehmen mehr denn je

überlegen, welche Perspektiven ihr OTC-

Geschäft in einem sich immer stärker konsolidierenden

Markt hat“, sagt ein Insider,

der nicht genannt werden möchte.

Aktuell stehen die Geschäfte nicht zur

Disposition. Der Darmstädter Pharmaund

Chemiekonzern Merck – mit dem

gleichnamigen US-Konzern nicht geschäftlich

verbandelt – hat abgewinkt. Das Dax-

Unternehmen will an seinen rezeptfreien

Arzneien (Jahresumsatz: etwa 480 Millionen

Euro) wie dem Nasenspray Nasivin

festhalten. Gerade erst haben die Hessen

die lange kriselnde Sparte saniert.

Auch Boehringer Ingelheim hegt keine

Verkaufsabsichten. Die Rheinland-Pfälzer

haben sich mit ihren Spitzenprodukten

Buscopan und Thomapyrin gegen Schmerzen

erfolgreich einen Markt geschaffen

und setzten mit rezeptfreien Medikamenten

zuletzt 1,5 Milliarden Euro um.

Dekkers weiß um die Schwierigkeiten

und hat deshalb die Parole ausgegeben,

aus eigener Kraft im OTC-Geschäft zu

wachsen. Hoffnungen macht ihm die stark

Aktien-Info Bayer

ISINDE000BAY0017

150

140

130

120

110

100

90

2013 2014

Umsatz (in Mrd. €)

Mitarbeiter

Gewinn (Ebit, in Mrd. €)

Eigenkapitalrendite (in %)

Umsatzanteil rezeptfreier Med. (in %)

Kurs (in €)

KGV2014

Börsenwert(in Mrd. €)

Chance

Risiko

Niedrig

Bayer

40,2

113200

6,5

16,3

9,7

98,49

16,1

81,4

Kurven in Euro, Glaxo umbasiert;

Quelle: Thomson Reuters, Bloomberg, Unternehmen

GlaxoSmithKline

Bayer GlaxoS.K.

31,2

99451

8,9

85,0

19,4

19,85

15,3

96,5

Hoch

Die Anleger haben bei Bayer wie beim Erzrivalen Glaxo

mit Kursgewinnen die jüngsten Übernahmen und neue

Medikamente bereits vorweggenommen. Erst wenn die

versprochenen Ergebnisse folgen, dürftedie Aktie wieder

kräftiger anziehen.

gewachsene Produktpalette, die ihm die

Übernahme der entsprechenden Sparte

von Merck & Co. beschert. Zu Bayer-Klassikern

wie Aspirin, Alka-Seltzer, Canesten

(Fußpilz) und Bepanthen (Hautsalbe)

kommen nun Präparate wie das Allergiemittel

Claritin oder Dr. Scholl’s Fußpflege.

WARTEN AUF DIE VERLÄNGERUNG

Bisher hat der US-Konzern seine Mittelchen

vorwiegend im Heimatmarkt verkauft.

Darin sieht Dekkers seine Chance.

Mit der Vertriebspower des Konzerns will

Bayer die Merck-Mittel künftig verstärkt in

anderen Ländern anbieten. „Interessante

Märkte für die Einführung internationaler

OTC-Marken sind Südamerika, China,

Südosteuropa, Skandinavien und Polen“,

sagt Thimo Sommerfeld, Geschäftsführer

der auf die Gesundheitsbranche spezialisierten

Beratung Abolon aus München.

Einen zusätzlichen Jahresumsatz von

400 Millionen Euro erwartet Dekkers durch

die globale Vermarktung der Merck-Präparate.

Dabei will der Bayer-Boss, so ließ er

durchblicken, aggressiv vorgehen.

So gewaltig der Schub für Bayer dadurch

ausfallen mag, so wenig dürfte er reichen,

GlaxoSmithKline einzuholen. „Nur mit organischem

Wachstum kann Herr Dekkers

sein Ziel, die Nummer eins im OTC-Markt

zu werden, in den kommenden fünf Jahren

nicht erreichen“, sagt Berater Sommerfeld.

Dekkers bleibt deshalb wohl nur, sich

mit „kleineren Zukäufen“ zufriedenzugeben,

von denen er nach dem Merck-Deal

gesprochen hat. Ins Visier seiner hauseigenen

Übernahmespezialisten, die jedes Jahr

25 bis 30 Akquisitionskandidaten prüfen,

dürften nun mittelständische Hersteller

wie das bayrische Unternehmen Bionorica

mit dem Erkältungsmittel Sinupret, die

belgische Omega Pharma (Nahrungsergänzungsmittel

Abtei) oder die Frankfurter

Merz-Gruppe (Spezialdragees) geraten.

Zumindest sehen Experten in ihnen mögliche

Kandidaten – falls deren Eigentümer

irgendwann einmal verkaufen wollen, wofür

es jedoch keine Anzeichen gibt.

Grundsätzlich hält Oliver Scheel, Partner

und Pharmaexperte der Beratung A.T.

Kearney, Investitionen etwa in wirksame

Kosmetika, neue medizinische Messgeräte

oder digitale Gesundheitslösungen für

sinnvoll: „Unternehmen mit starken

Wachstumsambitionen bieten sich auch

außerhalb des klassischen OTC-Segments

genügend Möglichkeiten, um ihr Geschäft

mit verbrauchernahen Gesundheitsprodukten

zu stärken“, so Scheel.

Auch dies könnte eine Möglichkeit für

Dekkers sein. Doch ob der Niederländer

den Sprung an die Spitze bei rezeptfreien

Präparaten als Bayer-Chef noch erleben

wird, steht dahin. Sein Vertrag läuft Ende

dieses Jahres aus, eine Verlängerung steht

noch aus. „Es gibt dazu weder einen Beschluss

noch eine Beschlussvorlage“, beschied

der Aufsichtsratsvorsitzende Werner

Wenning auf der Hauptversammlung

Ende April die Aktionäre. Etwas befremdlich

ist das schon: In vielen Konzernen ist

es üblich, den Kontrakt des Vorsitzenden

etwa ein Jahr im Voraus zu verlängern.

Nicht, dass die Kontrolleure an Dekkers’

bisheriger Arbeit viel auszusetzen hätten.

Seit seinem Amtsantritt hat sich der Aktienkurs

mehr als verdoppelt. Doch angeblich

soll der polyglotte Manager damit liebäugeln,

seinen Vertrag statt der üblichen

fünf nur noch um drei Jahre zu verlängern,

um dann Ende 2017, in seinem 60. Lebensjahr,

mit seiner Frau in die USA zurückzukehren.

Den Fußball für die nächsten Weltmeisterschaft

2018 in Russland mit Kunststoffen

von Bayer müsste dann ein anderer Konzernchef

vorstellen.

n

juergen.salz@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 55

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Skalpierte Fans

CTS EVENTIM | Der Bremer Ticketriese baut krakenhaft seine Marktmacht

aus und will nun offenbar auch nach Übersee. In Deutschland

regt sich erster Widerstand.

Die Leute, die sich an diesem Morgen

im Berliner Bahnhof Friedrichstraße

die Füße platt treten, stehen nicht

Schlange für ein Schnäppchen. Ihre Geduld

gilt einem der 18000 Tickets für das Konzert

der Rolling Stones am 10. Juni in der Berliner

Waldbühne – Preis: bis zu 250 Euro.

Doch die Mühe erweist sich als vergeblich.

Der Vorverkauf „war beendet, bevor er

anfing“, erinnert sich Barbara Möckel, Geschäftsführerin

der Vorverkaufsstelle. „Wir

haben nicht eine Karte aus dem Buchungssystem

erhalten.“ Ähnliches passierte später

in Düsseldorf beim Vorverkauf für den Auftritt

der Altrocker am 19. Juni in der dortigen

Esprit-Arena mit 43 000 Plätzen. Am Rhein

hieß es nach 25 Minuten „ausverkauft“.

GEWINNMASCHINE INTERNET

Diese Knappheit hat eine bisher wenig beachtete

Ursache: den Internet-Tickethändler

CTS Eventim. Der baut seine Macht im

Geschäft mit Eintrittskarten immer weiter

aus – und das nicht nur, indem er die rund

3000 unabhängigen Vorverkaufsstellen

hierzulande bei der Zuteilung von Tickets

zunehmend austrocknet.

Experten gehen davon aus, dass der Branchenriese

mit Sitz in Bremen und Beteiligungen

in 21 Ländern bald den Schritt auf

einen anderen Kontinent wagt, etwa in die

USA oder nach Lateinamerika. Indiz dafür

ist die Änderung der Rechtsform von einer

Aktiengesellschaft in eine Kommanditgesellschaft

auf Aktien durch die Hauptversammlung

am vergangenen Donnerstag.

Das ermöglicht CTS-Chef Klaus-Peter

Schulenberg, neue Gesellschafter aufzunehmen

und damit das Kapital zu erhöhen,

ohne dass er seine 50,2-prozentige Mehrheit

am Unternehmen reduzieren muss.

Kenner von CTS glauben, dass der 62-jährige

Gründer demnächst wohl einen dreistelligen

Millionenbetrag ins Unternehmen

schaufelt, um über Europa hinaus zu expandieren.

Schulenberg selbst schweigt dazu.

CTS Eventim verkauft hierzulande etwa

80 Prozent aller Eintrittskarten für Pop- und

Rock-Konzerte, schätzen Branchenkenner.

Hinzu kommen europaweit gut 180000 weitere

Events, bei denen die Bremer ihre Finger

im Spiel haben, darunter exklusiv die

vergangene Winterolympiade im russischen

Sotschi, die Eishockey-Spiele der Kölner

Haie, das Konzert der Heavy-Metal-

Band Metallica in Hamburg und die angesichts

hoher Preise lukrative Hochkultur wie

die Darbietungen des legendären Mailänder

Opernhauses Scala.

Den ersten Platz unter Europas Ticketverkäufern

verdankt CTS Eventim der Strategie,

die der einer Krake ähnelt. Schulenberg

greift inzwischen nach allen vor- und nachgelagerten

Bereichen des Kartengeschäfts.

Im Zentrum steht die Veranstaltung von

Konzerten und Aufführungen auf eigene

Rechnung, wo CTS Eventim es weltweit

zum drittgrößten Anbieter gebracht hat.

Diese Doppelrolle macht das Unternehmen

zum Schrecken klassischer Vorverkaufsstellen.

Denn sie erlaubt CTS, die Kartenvolumina

dorthin zu schieben, wo der Absatz

am meisten Gewinn bringt – also auch an

die eigene Ticket-Verkaufsabteilung.

Die hat Schulenberg zu einer Gewinnmaschine

ausgebaut, die mittlerweile gut die

Hälfte des Geschäfts rund um ein Musikund

sonstiges Ereignis abgreift. Motor des

Profits ist dabei das Internet, das CTS Eventim

virtuos einsetzt. „Die Wertschöpfung ist

im Internet-Vertrieb sechsmal höher als

beim klassischen stationären Verkauf“, sagt

Schulenberg. „Dafür haben wir in den vergangenen

Jahren mehr als 100 Millionen

FOTOS: LAIF/ANDREAS HERZAU, IMAGO/XINHUA, AKG IMAGES/MARION KALTER, LAIF/UPI

1

1|Der Meister des Mehrwerts

CTS-Eventim-Chef Schulenberg

56 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Euro in unsere IT-Systeme gesteckt.“ 240 der

insgesamt 1800 Mitarbeiter tun nichts anderes,

als ein Buchungssystem zu optimieren,

auf das drei Millionen Kunden gleichzeitig

zugreifen können. Noch läuft der Vorverkauf

meist über den Schalter. Doch das

ändert sich: 2013 verkaufte CTS jede fünfte

Karte online – 16 Prozent mehr als 2012.

Da CTS online nicht mit anderen teilen

muss, kann das Unternehmen bis zu 40 Prozent

des eigentlichen Kartenpreises als Zusatzumsatz

von den Kunden kassieren. Das

sei „leicht verdientes Geld, ohne irgendein

wirtschaftliches Risiko zu tragen“, sagt der

Berliner Veranstalter und Buchautor Berthold

Seliger („Das Geschäft mit der Musik“).

„To scalp the fans“, würden das die Amerikaner

nennen, so Seliger: „Den Kunden wird

das Fell über die Ohren gezogen.“

In der Praxis funktioniert das so: In der

Regel kassiert CTS Eventim wie die meisten

Vorverkaufsstellen 10 bis 15 Prozent des Ticketpreises

als Vorverkaufsgebühr. Als

Nächstes verlangt Schulenberg von den stationären

Vorverkaufsstellen, die Tickets

über CTS Eventim beziehen, eine sogenannte

Systemgebühr bis zu zwei Euro pro

Karte. Für die Buchung selbst kassiert CTS

Eventim bis zu zwei weitere Euro.

Wer das Ticket am heimischen PC ausdrucken

will, zahlt für diesen einzigen

Knopfdruck weitere 2,50 Euro. Wer es per

Post möchte, zahlt CTS für das Eintüten des

Tickets und Freistempeln des Couverts 4,90

Euro. Eine Ticketversicherung, die beim Bestellvorgang

praktischerweise mit Häkchen

aktiviert ist, bringt CTS weitere 3,50 Euro.

„Eventim hat ein Gebührenmodell gesellschaftsfähig

gemacht, das alle Mitbewerber

mehr oder weniger kopieren“, sagt Branchenkenner

Hans-Wolfgang Trippe aus Bad

Münstereifel bei Bonn. Dabei bringt das

Veranstalten von Konzerten und sonstigen

Ereignissen vor allem Umsatz, der Verkauf

der Tickets dagegen den großen Gewinn.

JUNGE MIT DER MUNDHARMONIKA

So entfielen 2013 fast 60 Prozent des Umsatzes

von 628,3 Millionen Euro auf das Veranstaltungsgeschäft.

Hier geht CTS Eventim

das Wagnis ein, für viel Geld etwa Rockgruppen

zu engagieren, Hallen zu mieten

und Werbung zu schalten, in der Hoffnung,

die Ausgaben durch den Ticketverkauf einzuspielen.

Risikolos ist dagegen der Verkauf

von Tickets, bei dem der Händler weder in

Vorkasse treten noch Ware auf eigene Rechnung

erwerben und losschlagen muss.

Folge: Während das Veranstaltungsgeschäft

60 Prozent des Umsatzes bringt,

stammten drei Viertel des Gewinns aus dem

Ticketverkauf. Der Profit vor Zinsen, Steuern,

Abschreibungen im Gesamtkonzern

machte 2013 einen Sprung um fast 14 Prozent

auf 136,3 Millionen Euro. Kein Wunder,

dass „mittelfristig die Hälfte des gesamten

Ticketvolumens über das Internet verkauft

werden soll“, wie Schulenberg ankündigt.

Der Bremer ist die Sorte Selfmademan,

der es in vier Jahrzehnten mit viel Aggressivität

zum Milliardär gebracht hat. Noch

nicht volljährig, nahm er 1971 den Schnulzensänger

Bernd Clüver („Der Junge mit

der Mundharmonika“) als Manager unter

seine Fittiche. Zwei Jahre später, während

des Studiums, das er später sausen ließ,

gründete er die Konzertagentur KPS.

Seinen größten Coup landete er 1996 mit

dem Kauf des defizitären Ticketvermarkters

Computer Ticket Service (CTS). Schulenberg

witterte als einer der Ersten das große

Geschäft rund um Musik- und sonstige

Events. Er brachte den Laden in Schwung

und 2000 als CTS Eventim an die Börse.

Der Drang nach immer mehr Macht gehört

zu Schulenberg wie die Eintrittskarte

zum Konzert. Als er 2011 den größten heimischen

Konkurrenten Ticket Online übernahm,

ahnten Wettbewerber das Unheil.

Das Bundeskartellamt urteilte zwar, „dass

CTS Eventim durch den Zusammenschluss

insbesondere auf dem Markt für elektronische

Ticketsysteme hohe Marktanteile erreichen

wird, die eine marktbeherrschende

Stellung möglich erscheinen lassen“. Dagegen

vorzugehen lehnte es jedoch ab, auch

weil Schulenberg den Anteil am Hamburger

Konkurrenten FKP Scorpio Konzertproduktionen

auf 45 Prozent reduzierte.

Doch Schulenberg wäre nicht er selbst,

überließe er sein Stammgeschäft Konzertund

Tour-Management der Konkurrenz.

»

2 3 4

2|Begehrte Legende Die aktuellen

Konzerte der Altrocker Rolling Stones

waren nach Minuten ausverkauft

3|Lukrative Hochkultur

Karten von CTS Eventim für die

Mailänder Scala

4|Olympia exklusiv Dank ihrer Töchter

in Russland war CTS Eventim alleiniger

Tickethändler der Winterspiele in Sotschi

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 57

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

Also übernahm CTS Eventim im Laufe

der Jahre die Creme der deutschen Veranstalter

wie die renommierte Marek Lieberberg

Konzertagentur (MLK) in Frankfurt.

Der Übernahmezug machte Schulenberg

auch zum Herrscher über die immer zahlreicheren

Musikfestivals in Deutschland wie

Rock am Ring. „Nicht nur wesentliche Teile

des deutschen Tour- und Konzertgeschäfts,

sondern auch mindestens 16 der 20 größten

deutschen Musikfestivals sind damit praktisch

in der Hand eines einzigen Unternehmens“,

sagt Branchenkenner Seliger.

Ticketexperte Trippe ergänzt: „CTS Eventim

geht es darum, möglichst viele Stufen

der Wertschöpfungskette zu verknüpfen

und zu kontrollieren: vom Veranstalten eigener

Events, als Betreiber von Spielstätten

bis zum Verkauf der Eintrittskarten.“

FREIBRIEF VOM KARTELLAMT

Ein Ende dieser Wertschöpfungskette

scheint nicht in Sicht. Zurzeit buhlt CTS

Eventim mit dem Berliner Konzertveranstalter

Deutsche Entertainment um die

Pacht der Berliner Waldbühne. Schulenberg

sicherte sich 2009 den Betrieb der traditionsreichen

Freilichtbühne, die die Nazis zu

den Olympischen Spielen 1936 anlegen ließen.

Sie ist nicht die einstige Location, die

CTS Eventim betreibt. Seit 2011 betreibt CTS

auch den Berliner Eventtempel Tempodrom

(gut 3000 Plätze). 2012 kamen das weltbekannte

Hammersmith Apollo (knapp 8700

Plätze) in London und die Lanxess Arena in

Köln (bis zu 20000 Plätze) dazu.

Auch hier kann CTS Eventim auf die Gnade

des Bundeskartellamtes bauen, das in

der Marktmacht quer durch das Veranstaltungsbusiness

noch immer keine Gefahr für

den Wettbewerb sieht. Die Bonner Beamten

prüften die Frage, ob CTS Eventim seine

Marktposition missbraucht, indem das Unternehmen

konkurrierende Veranstalter

Aktien-Info Eventim

ISINDE0005470306

70

60

50

40

30

Eventim

20

2013 2014

Umsatz (in Mio.€)

Gewinn (Ebit, in Mio.€

Mitarbeiter

Eigenkapitalrendite (in %)

Kurs (in €)

KGV

Börsenwert(in Mio.€)

Chance

Risiko

Niedrig

LiveNation

Kurven in Euro, Live Nation umbasiert;

Quelle: Thomson Reuters

Eventim

628,3

112,1

1505

27,93

44,86

27,29

2153,0

Live Nation

4879,2

81,2

7400

–3,14

15,35

negativ

3075,3

Hoch

Die traumhafte Stellung von Eventim und das Wachstum

des Konzertmarkts haben die Kurssteigerungen der

vergangenen Jahre bereits zu einem großen Teil abgebildet.

Bis zu einer weiteren Expansion dürfteder Kurs

bestenfalls moderatzulegen.

von der Lanxess Arena fernhält oder durch

schlechtere Buchungsbedingungen behindert.

Und das Amt prüft, ob CTS Eventim

Druck auf Fremdveranstalter ausübt, um

den Ticketvertrieb aller dort stattfindenden

Veranstaltungen an sich zu reißen.

Die Antwort des Bundeskartellamtes fiel

im Sinne von CTS aus:„Die mit hoher Wahrscheinlichkeit

bestehenden marktbeherrschenden

Stellungen von Eventim im Veranstalter-Markt

und im Ticketvertriebsmarkt

werden durch den Erwerb der Lanxess

Arena nicht verstärkt.“ Es gebe ja für

Veranstalter genug Ausweichmöglichkeiten

zur Lanxess Arena, etwa die König-Pilsener-

Arena in Oberhausen. Außerdem erwartet

das Amt nicht, dass CTS fremden Veranstaltern

vorgeben kann, Tickets nur über das

Eventim-System zu vertreiben.

Für Schulenberg ist das wie ein Freibrief,

ungehemmt weiter zu wachsen. „Bei uns

wird jeder Veranstalter gleich behandelt“,

behauptet er, „unabhängig davon, ob er zur

Gruppe gehört oder nicht.“

Branchenexperte Trippe schmunzelt darüber

nur. „Eventim kann sehr wohl deutlich

machen, wer Herr im Hause ist“, sagt

er. „Die können mit exklusiven Vorverkaufsaktionen,

die den Direktvertrieb und

die damit verbundenen Gebührenerlöse

forcieren, dafür sorgen, dass lediglich deren

Web-Shop oder Callcenter freigeschaltet

werden soll.“ Scumeck Sabottka, Chef

der Berliner MCT Agentur GmbH, behauptet

sogar, „dass Veranstalter, die das Kartengeschäft

nicht aus der Hand geben wollen,

eine höhere Miete zahlen müssen“.

Sabottka, der die Touren der Bands

Rammstein und Kraftwerk organisiert und

2014 den britischen Superstar Robbie Williams

sowie die kanadische Indie-Rockgruppe

Arcade Fire durch Deutschland

schickt, geht darum eigene Wege. So bucht

er nicht die von CTS gepachtete Waldbühne,

sondern das Amphitheater Wuhlheide

im Osten Berlins. Dazu verkauft er die Karten

über die Online-Plattform tickets.de,

die er 2005 gründete. Vorverkaufsgebühr

zehn Prozent, Zusatzkosten: keine.

„Eventim mit ihrem unverschämten Gebührengebaren

meide ich wie die Pest“,

sagt Sabottka. „Durch jede zu viel gezahlte

Gebühr wächst die Kriegskasse der an CTS

Eventim gebundenen Tournee- und Konzertveranstalter.

Damit erhalten die ihre

Monopolstellung.“

n

bernd mertens | unternehmen@wiwo.de

Überall die Finger drin

Geschäftsfelder der CTSEventim

Verkauf und Ausstellung von Eintrittskarten

Ticketing-System

Eigenvertrieb

Ausstellungvon Tickets über Ticketverkauf über eigene Callcenter,

Buchungssystem für 20 000 Vorverkaufsstellen

sowie gut 100 Sportver-

Provision sechsmal höher als beim

Web-Seiten wie eventim.de sowie Apps.

eine und Verbände in 21 Ländern reinen Ticketing

Gemeinschaftsunternehmen

Kooperation mit Regionalzeitungen

(Rheinische Post) für kleine Veranstaltungen.

Zeitungen sorgen für

Werbung vor Ort

Weiterverkauf

Fansale.de erlaubt Schwarzhändlern

bei ausverkauften Veranstaltungen

Verkauf zu höheren Preisen und bringt

hohe Provision

Live-Entertainment

Management von Veranstaltungsorten

Betrieb von Veranstaltungsstätten wie

Waldbühne (Berlin) oder Lanxess Arena

(Köln). Dadurch Einnahmen durch Gastronomie

sowie Show- und Operproduktionen

Konzertveranstalter

Eigene Veranstaltungstöchter wie Peter

Rieger, Beteiligungen an Großagenturen

(Marek Lieberberg) und Spezialisten

(Semmel Concerts –Show und Schlager)

Neue Felder

Zugangskontrollsysteme

Entwicklung von Technik für Veranstaltungen

und Kontrolle von Weiterverkauf

Marketing

Entwicklung von Mailings, möglichst

exklusiver Verkauf von Eventreisen

Sonstiges

Papierloses Ticket für alle Veranstalter

Musik-Downloads

Quelle:CTS Eventim

58 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


»Sind Nummer eins im Fußball«

INTERVIEW | Trevor Edwards Der Chef der Marke Nike attackiert den Konkurrenten Adidas vor der Fußball-WM

in Brasilien und plant weitere eigene Läden in Europa.

FOTO: GETTY IMAGES/AFP

Mr. Edwards, Nike verlangt für sein

neuestes Fußballschuhmodell Mercurial

Superfly, das etwa der portugiesische

Starkicker Cristiano Ronaldo trägt, 275

Euro. Warum ist der so teuer?

275 Euro kostet das Spitzenmodell, wir bieten

den Schuh in weiteren Varianten an,

die günstigste für 70 Euro. Im Mercurial

Superfly haben wir wie bei unserem Modell

Magista unsere neuesten Entwicklungen

eingesetzt. Bei beiden setzen wir etwa

auf unsere Flyknit-Technik, bei der das

Oberteil der Schuhe aus einzelnen Fasern

regelrecht gestrickt wird. Der Schuh reicht

bis zum Knöchel und sitzt praktisch wie ein

Strumpf. Außerdem verwenden wir für den

Mercurial Superfly eine Sohle aus Karbonfaser,

was den Schuh sehr leicht macht.

Sollen solche Preise ausgleichen,

dass der Fußballmarkt in Deutschland

laut Sportartikelhändlern stagniert?

Unser Fußballgeschäft stagniert nicht. Wir

sind die Nummer eins, das schließt

Deutschland mit ein. Wir wachsen in allen

großen Märkten. Und dazu tragen neue

Modelle wie der Mercurial Superfly bei.

Adidas will vor allem dank der WM in Brasilien

2014 mehr als zwei Milliarden Euro

im Fußballgeschäft umsetzen und sieht

sich als Nummer eins. Nike setzt mit Fußball

erst 1,4 Milliarden Euro um. Wieso

beanspruchen Sie die Marktführerschaft?

Unterschiedliche Marken zählen in ihren

Sportarten unterschiedliche Produkte zum

Umsatz, das macht Vergleiche schwierig.

Wir beziehen uns auf die Zahl der verkauften

Fußballschuhe, das ist eine klare Größe.

Und da sehen wir uns als Marktführer.

Was erwarten Sie von der WM?

Bei der WM rüsten wir zehn Nationalteams

mit Trikots aus, mehr als jede andere Marke.

Das verschafft uns einen großen Vorteil,

denn als Hersteller gewinnt man bei der

WM bereits, bevor das erste Spiel angepfiffen

wird. Je mehr Hoffnung die Fans auf

den Titel haben, um so mehr Trikots kaufen

sie. Für uns ist das eine großartige Gelegenheit,

denn wir statten ja unter anderem

das Team des Gastgebers Brasilien aus.

Nike hat 2012 und 2013 in Europa bei

Umsatz und Marktanteilen stark zugelegt.

.Haben Sie hier vorher geschlafen?

KOPF DER MARKE

Edwards, 51, ist globaler Markenchef von

Nike. Der gebürtige Londoner ist ein Kandidat

für die Nachfolge von Vorstandschef

Mark Parker, der den weltgrößten Sportkonzern

seit 2006 führt. Der Nike-Konzern

setzte zuletzt 25,3 Milliarden Dollar um.

Dass unser Europageschäft gut läuft, liegt

an zwei Dingen. Erstens konzentrieren wir

uns vor allem uns auf Fußball, Basketball,

Running und Frauen-Fitness. Zweitens

arbeiten wir jetzt in Europa mit einer

gemeinsamen Strategie für alle Märkte.

Der Ausrüstervertrag zwischen

Manchester United und Ihnen läuft bald

aus. Ist ManU überhaupt noch attraktiv

genug für Nike, nachdem sie derzeit in

der englischen Liga nur Siebter sind?

Wir befinden uns in Gesprächen mit

Manchester United und kommentieren

deshalb das Thema zurzeit nicht.

Sie haben gerade in Berlin zwei neue

Läden aufgemacht. Wird Nike weitere

Shops eröffnen? Bislang halten Sie sich da

ja im Vergleich zu Adidas spürbar zurück.

Ja, wir werden künftig weitere Geschäfte

in Europa eröffnen, Ende Mai etwa ein

weiteres in Berlin. Einige dieser Läden

haben einen Schwerpunkt auf bestimmte

Sportarten. So arbeiten wir bei dem

„House of Hoops“-Konzept mit Schwerpunkt

Basketball mit der Kette Footlocker

zusammen. Und unser Laden in Berlin-

Mitte bietet vor allem Laufprodukte an. Dazu

organisieren wir dort Kundenveranstaltungen

wie einen Nachtlauf durch die Stadt

nur für Frauen.

Es kursiert das Gerücht, Nike wolle die

Produktion seines Fitness-Messgerätes

Fuelband beenden. Ist da was dran?

Wir werden weiterhin Fuelbands verkaufen

und unterstützen.

Aber Nike stellt sie nicht mehr selbst her?

Wir haben noch genügend Produkte und

verkaufen sie weiter. Heute nutzen 28 Millionen

Kunden weltweit Nike+, um ihre Aktivitäten

zu messen und im Netz zu teilen.

Wir wollen die Zahl auf mehr als 100 Millionen

steigern. Als wir Fuel erfanden, ging

es primär darum, Menschen zu motivieren,

sich zu bewegen, nicht um die Herstellung

eines Armbands. Deshalb wollen wir

stärker mit Partnern arbeiten, um die Verbreitung

von Fuel schneller zu steigern.

Mit welchen Partnern?

Wir pflegen seit Langem eine Partnerschaft

mit Apple. Und gerade haben wir unser

Nike+Fuel-Lab in San Francisco eröffnet.

Dort arbeiten wir mit Partnern aus der

Digitalszene an Angeboten rund um Fuel.

Einzelheiten dazu sind noch vertraulich. n

peter.steinkirchner@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 59

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

Neuverteilung der Welt

SERIE ZUKUNFT DER INDUSTRIE (I) | Autos fahren autonom, Roboter werden alltäglich, Fabriken

steuern sich selbst: Neue Technologien schaffen Märkte und Jobs schnell wie nie –

und vernichten bestehende erbarmungslos. Die WirtschaftsWoche analysiert auf Basis einer

exklusiven McKinsey-Studie, wie gut Deutschland für den Umbruch gerüstet ist.

Bauteile wuseln über Bänder

von Bearbeitungsstation zu

Bearbeitungsstation – anscheinend

gelenkt von einer höheren

Macht. Doch in Wirklichkeit

organisieren die Werkstücke ihre Herstellung

zum fertigen Produkt selbst. Dazu

führen sie Funkmodule, Minichips und ihren

Fertigungsauftrag mit. Bei der Reise

über die Bänder sprechen sie untereinander

ab, welche Maschine gerade frei ist und

ob diese alles Material für den nächsten

Produktionsschritt parat hat. Am Ende

plumpsen etwa komplette Rücklichter für

Autos in die Versandkisten.

Es ist der Testlauf in eine neue Ära der Industrieproduktion

– mit Mitteln und Methoden

des Internets. Und deutsche Unternehmer

und Forscher sind ganz vorn beim

Eintritt in diese digitale Fabrikwelt, bei der

alles mit jedem vernetzt ist – der größten

Umwälzung seit Erfindung des Fließbands

vor gut 140 Jahren.

Siemens beispielsweise erprobt

die sich selbst optimierende

Produktion in seinem

Vorzeigewerk im bayrischen

Amberg, in dem rund 1000

Beschäftigte elektronische

Steuerungen für Getränkeabfüllanlagen,

Skilifte oder

Müllwagen herstellen. Der

baden-württembergische

Mittelständler Wittenstein

tastet sich bei der Produktion

von Zahnrädern an die Prinzipien

der Selbstorganisation

heran. In Bremen sammeln

Ingenieure des Instituts für

Produktion und Logistik der

Die Zukunft

der Industrie

Teil 2

Blick in die Zukunftslabors

der Konzerne

Teil 3

Wie sich Unternehmen

mit Start-ups agil halten

Teil 4

Deutschlands Position in

der Spitzenforschung

dortigen Universität in Deutschlands derzeit

wohl modernster Modellfabrik neue

Erkenntnisse zu dem Thema.

Vordenker wie der frühere SAP-Chef

Henning Kagermann, heute Präsident der

Technikakademien in Deutschland (Acatech),

erwarten von der digitalen Fabrik

wahre Wunderdinge. Seine Prognose: In

ihr sollen selbst Einzelstücke eines Tages

nicht mehr kosten als heutige Massenware

– dank Produktivitätssprüngen von 50 Prozent

und ebenso großen Material- und

Energieeinsparungen.

Damit ist klar: Das Land, das als erstes

erfolgreich Internet-Technologien in die

Produktion integriert, hat allerbeste

Wachstumsperspektiven. Deutschland befindet

sich – so die frohe Botschaft – bei der

Perfektionierung des Internets der Dinge,

wie Fachleute die Vernetzung aller Gegenstände

und Geräte miteinander nennen, in

einer aussichtsreichen Startposition.

Zu diesem Ergebnis kommen

jedenfalls die Experten

der global tätigen Unternehmensberatung

McKinsey.

Exklusiv für die Wirtschafts-

Woche haben sie analysiert,

bei welchen Technologien

wir stark sein müssen, um

auch im nächsten Jahrzehnt

vielen Millionen Menschen

Arbeit bieten und unseren

Wohlstand mehren zu können.

Und da hat das Internet

der Dinge, das etwa auch die

intelligente Steuerung von

Logistikketten und Verkehrsströmen

umfasst, das größte

Potenzial.

Gelänge es der deutschen Wirtschaft, auf

diesem Gebiet Standards zu setzen und

umsatzstarke Geschäftsmodelle zu entwickeln,

dann könnte das unser Bruttoinlandsprodukt

(BIP) im Jahr 2025 um gleich

207 Milliarden Euro oder umgerechnet fast

fünf Prozent nach oben treiben. Das sind

noch einmal gut 20 Milliarden Euro mehr,

als die chemisch-pharmazeutische Industrie

heute jährlich hierzulande umsetzt.

Parallel entstünden viele neue Jobs. Davon

ist Andreas Tschiesner überzeugt, Direktor

und führender Kopf bei McKinsey

Deutschland für die Bewertung fortschrittlicher

Technologien. Im Umkehrschluss

bedeutet dies aber auch: Misslingt der Umstieg,

geht im Extremfall ebenso viel Wirtschaftsleistung

verloren – mit allen negativen

Folgen für die Beschäftigung.

Das Spiel um die Neuverteilung der Welt

hat begonnen. Jetzt entscheidet sich, ob

wir auch in den nächsten Jahrzehnten eine

führende Wirtschaftsnation bleiben.

FORTSCHRITT MIT SPRENGKRAFT

„Würde Deutschland bei der Vernetzung

aller Dinge versagen, wäre unsere gute

Wettbewerbsposition massiv erschüttert“,

warnt Tschiesner. Die Gefahr hält er aber

für gering. „Alle maßgeblichen Akteure haben

die Wichtigkeit des Wandels erkannt

und kämpfen um eine Führungsrolle.“

Technologien waren zu allen Zeiten Treiber

gesellschaftlichen und ökonomischen

Fortschritts. Doch nur wenige haben die

Sprengkraft, Spielregeln komplett über den

Haufen zu werfen und die Machtverhältnisse

auf den Märkten zu erschüttern. Ökonomen

bezeichnen sie als disruptiv. Auf sie

haben sich die Berater konzentriert.

»

ILLUSTRATIONEN: THOMAS FUCHS; KRISTINA DÜLLMANN

60 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


1193 Milliarden Euro Geschäft verheißen Roboter und Co.

Um 25 Prozent können die Innovationen das BIP erhöhen

207 Milliarden soll das Internet der Dinge bringen

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 61

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

Wir stehen vor der totalen digitalen

Transformation der Wirtschaft

»

In der Vergangenheit haben Erfindungen

wie die Dampfmaschine, das Auto

oder der Computer die gewohnten Verhältnisse

auf den Kopf gestellt. Zuletzt haben

Internet und Mobilfunk Büros und unser

Privatleben radikal verändert. Seither sind

wir jederzeit erreichbar und können praktisch

an jedem Ort der Welt arbeiten.

Doch nun tritt neben die allgegenwärtige

Kommunikation von Mensch zu Mensch

die noch viel umfassendere der Maschinen.

Und das ist nur eine Facette. Die McKinsey-

Fachleute erwarten diesmal einen ganzen

Kanon globaler Umwälzungen, deren

Wucht alles Bekannte in den Schatten stellt:

Die Software verdrängt die Hardware;

Roboter ersetzen Pfleger und Reinigungskräfte;

autonom fahrende Autos bringen

uns an Ziel, wir können währenddessen

arbeiten oder uns im Internet spielend vergnügen;

Expertensysteme diagnostizieren

Krankheiten zuverlässiger als Ärzte und

klären knifflige juristische Fragen schneller

als jeder Anwalt.

All das schafft und vernichtet Märkte

und Jobs in einem nie da gewesenen Tempo.

„Das wird ein Beben“, ist sich McKinsey-Mann

Tschiesner sicher. „Unternehmen

müssen sich unentwegt neu erfinden,

um nicht den Anschluss zu verlieren.“

Ist Deutschland auf diesen Epochenwechsel

vorbereitet? Oder verharren wir

„in einer gesellschaftlichen Sättigungshaltung“,

die Tschiesner aktuell diagnostiziert?

Reporter und Redakteure der WirtschaftsWoche

sind ausgeschwärmt, um

der Nation den Puls zu fühlen. Sie haben

sich gründlich bei Forschern, Gründern

und Unternehmen umgesehen, bei all denen,

die Zukunft gestalten. Und sie haben

geschaut, was die Politik tut, um den Wandel

zu befördern. In vier Folgen analysieren

sie, wie gut Deutschland für diesen radikalen

Umbruch gerüstet ist.

AUFSCHWUNG – ODER ABSTURZ?

Den Auftakt bildet die McKinsey-Studie.

Und der Blick auf die Liste der 15 wichtigsten

disruptiven Technologien macht deutlich:

Nicht neue chemische Mixturen oder

noch leistungsstärkere Automotoren entscheiden

über unser künftiges Wohlergehen.

Die Frage ist vielmehr, ob wir bei der

anstehenden totalen digitalen Transformation

der Wirtschaft mithalten können.

Von den acht Entwicklungen mit dem

stärksten Einfluss auf unsere Wertschöpfung

haben sechs unmittelbar mit diesem

Megatrend zu tun: neben dem Internet der

Dinge die Automatisierung von Wissensarbeit,

das mobile Internet, die Analyse riesiger

Datenmengen (Big Data), die Nutzung

von Software, Rechen- und Speicherkapazität

in der Datenwolke (Cloud Computing)

und die Sicherheit der Datennetze.

Zusammen haben sie das Potenzial, 2025

ein Sechstel der gesamten hiesigen Wirtschaftsleistung

auszumachen – oder sie

um diesen Wert abstürzen zu lassen (siehe

Tabelle rechts).

Momentan ist die Gefahr groß, dass das

Pendel ins Negative schlägt. Auch das zeigt

die Studie. Mit Ausnahme des Internets der

Dinge stufen die McKinsey-Analysten die

Wettbewerbsstärke Deutschlands in den

anderen Feldern mäßig bis niedrig ein.

Den Grund für die Schwäche verrät der

Blick auf die sechs entscheidenden Kriterien,

von denen abhängt, ob wir das Potenzial

der digitalen Umwälzung nutzen können.

Fast durchweg fehlt es dort an global

führenden Mittelständlern wie an einer dynamischen

Gründerszene. Auch bei der

Forschung hängt Deutschland zurück. Zudem

engagiert sich der Staat zu wenig; und

es mangelt an aktiven Technologie-Clustern

aus starken Forschungseinrichtungen

und Unternehmen, die zur Aufholjagd blasen

würden (siehe Tabelle Seite 65).

Die Fahne hoch halten wenige Konzerne.

Allen voran die Walldorfer Softwareschmiede

SAP, groß geworden mit ihrer

Standardsoftware für die Unternehmenssteuerung.

Doch Nullachtfünfzehn-Lösungen

für alle verlieren rapide an Bedeutung.

Deshalb investieren die Walldorfer verstärkt

in maßgeschneiderte Spezialprogramme

– etwa für intelligente Bohrroboter

– oder in solche, die branchenspezifisch

Markt- und Kundenrisiken analysieren

und Gegenstrategien vorschlagen.

Auch der Autozulieferer Bosch oder der

Logistikkonzern DHL sind inzwischen gut

darin, aus ihrem riesigen Fundus an Daten

profitable digitale Dienstleistungen mit

Kundennutzen zu generieren. Etwa ihren

Kunden eine kostensparende Lieferkette

vorzuschlagen. Aber in der Breite fehle es

bei vielen Managern immer noch am Bewusstsein

dafür, dass Daten der wichtigste

Rohstoff der digitalen Ökonomie seien und

derjenige gewinne, der sie am intelligentesten

nutzt, sagt Tschiesner.

Selbst in der Robotik, wo deutsche Hersteller

noch den Takt vorgeben und anscheinend

alles auf überlegene Mechanik

und Elektronik ankommt, geraten die Gesetze

des bisherigen Wirtschaftsmodells

ins Wanken, erwächst den etablierten Anbietern

unerwartete Konkurrenz.

Für Thomas Bauernhansl, Leiter des

Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik

und Automatisierung (IPA), ist

es jedenfalls kein Zufall, dass der Web-

Gigant Google gleich acht Roboterhersteller

gekauft hat. Die Amerikaner würden, da

ist er sich sicher, alles daran setzen, die aufwendige

Programmierung und Steue-

»

ILLUSTRATIONEN: THOMAS FUCHS; KRISTINA DÜLLMANN

62 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Denkende Maschinen, totale Vernetzung, smarte Dienste

15 Technologien, die über Deutschlands Wohlstand entscheiden: ihr Markt- und Jobpotenzial – und wie gut wir dafür gerüstet sind

Internet der Dinge

Die Verknüpfung aller Gegenstände ermöglicht

es, sie über Datennetze zu orten,

zu kontrollieren und zu koordinieren

Automatisierung Wissensarbeit

Lernende Softwaresysteme erkennen

Zusammenhänge, analysieren Probleme

und ziehen daraus Schlussfolgerungen

Fortgeschrittene Robotik

Roboter bauen sich selbst, finden sich in

der Umwelt zurecht und stellen sich auf

den Menschen ein

Alternative Antriebe

Elektro-, Brennstoffzellen- und Wasserstoffantrieb

oder Hybridlösungen

Mobiles Internet

Smartphone, Tablet-PC oder Datenbrille

verbinden Nutzer jederzeit und überall mit

dem Internet

Big Data

Analyse riesiger Datenmengen, die Sensoren,

Rechner, Handys, intelligente Zähler

und Autos ständig sammeln und übermitteln

Cloud Computing

Aus der Datenwolke können Unternehmen

und Private via Internet Software, Rechen-,

Speicher- und Netzwerkkapazität be-

Cybersecurity

Sicherheit und Schutz digitaler Daten gegen

Zugriff durch unbefugte Dritte, etwa Konkurrenten,

Kriminelle und Geheimdienste

(Teil-)autonomes Fahren

Pkws, Lkws und Busse, die dem Fahrer ganz

oder teilweise das Lenken abnehmen und

selbstständig durch den Verkehr navigieren

Genomik

Kombination aus Gensequenzierungstechniken,

Big-Data-Analysen und gezielten

Eingriffen ins Erbgut

Saubere Energien

Erzeugung von Strom und Wärme aus

regenerativen Energiequellen wie Sonne,

Wind und Biomasse

Hochleistungswerkstoffe

Materialien, die Forscher im Labor mit

überragenden Eigenschaften und Funktionen

ausstatten, etwa Hitzebeständigkeit

3-D-Druck

Fertigungsverfahren, bei dem aus einem

digitalen Modell Schicht für Schicht ein

reales Objekt entsteht

Energiespeicher

Ökostrom wird in Batterien, Salzkavernen,

Pumpspeichern oder, umgewandelt zu

künstlichem Erdgas, zwischengelagert

Wasseraufbereitung

Technologien, die Abwässer reinigen, Giftstoffe

entfernen und selbst in extremen

Trockengebieten Trinkwasser bereitstellen

1 nominales Bruttoinlandsprodukt, McKinsey schätzt es im Jahr 2025 für Deutschland auf 4350 Milliarden Euro gegenüber 2738 Milliarden Euro heute; Zahlen gerundet;

Umrechnung Dollar/Euro zum Kurs 30.4.2014; Quelle: McKinsey

Wichtige Anwendungen

Intelligente Steuerung globaler Logistikketten

und des Verkehrs; medizinische

Ferndiagnosen; Gebäudeautomation;

sich selbst optimierende Fabriken

Erledigung von Aufgaben in Büro und

Verwaltung; Abwicklung von Dienstleistungen;

Erstellung von Entscheidungsvorlagen;

medizinische Diagnosen

Industrielle Produktion; Chirurgie;

Pflege; vielseitige Helfer im Alltag, etwa

beim Putzen oder Rasenmähen

Privat und gewerblich genutzte Fahrzeuge;

Fuhrparks; Busse; Schiffe und

Flugzeuge

E-Commerce; Online-Lernen; Telemedizin,

z. B. Überwachung des Gesundheitszustands

chronisch Kranker; Mobile

Payment; Gastronomietipps

Angebot individueller Produkte und

Dienstleistungen; Börsenhandel;

Marktprognosen; Entdeckung neuer

Geschäftsmodelle

Programme, IT-Infrastruktur und

Internet-Plattformen werden gemietet

statt gekauft – bedarfsgerecht und

technisch auf dem neuesten Stand

Schutz von Industrieanlagen und

Kraftwerken vor Spionage und Sabotage;

Verhinderung des Missbrauchs

persönlicher und Unternehmensdaten

Computergesteuerter Verkehrsfluss:

Fahrzeuge warnen sich vor Staus und

Unfallgefahren; Nutzung mobiler Internet-Dienste

während der Fahrt

Neue Medikamente etwa gegen Krebs;

personalisierte Medizin; Entwicklung

ergiebiger Nutzpflanzen, z. B. für Biokraftstoffe

Blockheizkraftwerke für Industrie

und Privathaushalte; Solaranlagen;

Windparks; Erdwärmesonden;

Biogasherstellung; Gezeitenkraftwerke

Leichte und dennoch stabile Bauteile

aus Carbon für Autos und Flugzeuge;

sterile Kunststoffe; besonders leitfähige

Metalle und Halbleiter

Individualisierte Produkte wie Schmuck

und Brillen; Ersatzteile; passgenaue Prothesen;

künstliche Organe; High-Tech-

Bauteile wie Turbinenschaufeln

Stabilisierung der Stromnetze; Reservekapazitäten;

unabhängige Energieversorgung

von Kommunen, Privathaushalten

und Unternehmen; Elektromobilität

Meerwasserentsalzung; Kläranlagen;

Gewässersanierung; geschlossene Wasserkreisläufe

in Fabriken; Trinkwassergewinnung

etwa mittels Membranen

Einfluss auf das BIP 1

2025 (in Mrd. Euro),

Anteil am BIP

207 Milliarden

= 4,8 Prozent

192 Milliarden

= 4,4 Prozent

175 Milliarden

= 4,0 Prozent

111 Milliarden

= 2,6 Prozent

91 Milliarden

= 2,1 Prozent

82 Milliarden

= 1,9 Prozent

73 Milliarden

= 1,7 Prozent

71 Milliarden

= 1,6 Prozent

59 Milliarden

= 1,4 Prozent

37 Milliarden

= 0,9 Prozent

28 Milliarden

= 0,6 Prozent

25 Milliarden

= 0,6 Prozent

17 Milliarden

= 0,4 Prozent

16 Milliarden

= 0,4 Prozent

9 Milliarden

= 0,2 Prozent

Effekt auf Arbeitsplätze

Wettbewerbsstärke

Deutschlands

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 63

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

»

rung der Maschinen durch ein einfaches,

intuitives Bediensystem radikal zu vereinfachen.

So wie sie es bei Smartphones

schon gemacht haben. Dann könne fast jeder

mit so einem Gefährten umgehen – ob

Fabrikarbeiter oder Privatperson. Das erweitere

den Markt enorm. „Unsere etablierten

Roboterhersteller werden sich wundern,

wenn Google in zwei Jahren die Rollladen

hochzieht“, sagt Bauernhansl voraus.

„Da wächst ein ernsthafter Konkurrent heran“

(siehe Seite 66).

ZWEIKAMPF MIT DEN USA

Bei allen Schwächen – Grund zur Panik besteht

keiner. Denn bei der Basis allen Wirtschaftens,

der Produktion und den Produkten

selbst, ist Deutschland im Vorteil. Kein

zweites Land verdient – relativ gesehen –

annähernd so viel Geld mit hochwertigen

Technologien wie wir: Autos, Maschinen,

chemische Grund- und Spezialstoffe. 8,1

Prozent der gesamten Wertschöpfung sind

es hier – die USA schaffen gerade 1,7 Prozent

(siehe Grafik Seite 69). Die Statistik

zeigt aber auch: Bei wissensintensiven

Dienstleistungen sind Amerika und selbst

Großbritannien uns weit voraus.

Wollen wir unseren Vorsprung bei der

Hardware verteidigen, müssen wir den

Rückstand bei den digitalen Diensten dringend

verkürzen. Die USA treiben ihre Reindustrialisierung

massiv voran, beflügelt

von konkurrenzlos niedrigen Energiepreisen

und einem Milliarden-Dollar-Programm

von Präsident Barack Obama.

Gewinnen wird den Zweikampf, davon

ist McKinsey-Mann Tschiesner überzeugt,

wer die Schnittstelle zum Kunden besetzt.

Fahren zum Beispiel Autos erst einmal autonom,

entscheidet nicht mehr in erster

Linie die PS-Stärke über den Kauf eines

Wagens. Sondern wer das bessere Navigationssystem

anbietet, um schnell das Ziel

zu erreichen. Dabei könnte dann Google

statt Volkswagen im Vorteil sein.

Dreh- und Angelpunkt wird mithin die

Hoheit über die Daten. Die liegt momentan

meist bei Amazon, Facebook und

Google. Um sie ihnen zu entreißen, drängt

Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer

zum Aufbau eines europäischen

Google-Pendants. „Das ist die einzige

Chance, die Kontrolle zurückzugewinnen“

(siehe Interview Seite 68).

Lesen Sie nun, was Deutschland in den

fünf ökonomisch wichtigsten Zukunftstechnologien

zu bieten hat und wie es auf

die Siegerstraße kommen kann.

dieter.duerand@wiwo.de

INNOVATIONEN

Die disruptiven fünf

Von Industrie 4.0 bis zum mobilen Internet: welche Technologien

die deutsche Wirtschaft am stärksten verändern.

Internet der Dinge

Auf dem Weg

an die Spitze

Im globalen Geschäft mit komplexen Maschinen

macht deutschen Unternehmen

so leicht niemand etwas vor. Doch beim

wichtigsten Innovations- und Wachstumstreiber

der vergangenen Dekaden, der Informationstechnik,

rangiert Deutschlands

Industrie weit abgeschlagen hinter den

Konzernen und Start-ups der USA.

Noch. Glaubt man den Prognosen der

Berater von McKinsey, bietet ausgerechnet

die jüngste Evolutionsstufe der Digitalisierung

– das Internet der Dinge – die Chance,

den Rückstand nicht nur aufzuholen: Die

Verknüpfung von Maschinen und Geräten

könnte Deutschland bis 2025 sogar weltweit

an die Spitze katapultieren.

Denn jetzt werden sie abgesteckt, die

Claims für innovative Hard- und Softwareangebote

sowie Internet-Dienste. Es geht

um Werkstücke, die auf autonom arbeitenden

Produktionsstraßen den Maschinen

vorgeben, wie sie die Bauteile montieren

sollen. Um Bagger und Lastwagen, die auf

Baustellen selbst koordinieren, wer wann

welche Baumaterialien abholt oder abliefert.

Oder um Autos, die einander vor Gefahrenstellen

warnen und bremsen, bevor

der Fahrer sehen kann, was los ist.

Wo Internet und Produktion verschmelzen,

komplizierte Maschinen oder schlichte

Haushaltsgegenstände ohne menschliches

Zutun effizienter produzieren oder

mehr Lebensqualität im Alltag ermöglichen,

können deutsche Schlüsselbranchen

wie Auto- und Maschinenbau, Elektrooder

Medizintechnik reüssieren.

Die neue Weltsprache der Produktion

soll aus Deutschland kommen

ILLUSTRATIONEN: THOMAS FUCHS; KRISTINA DÜLLMANN

64 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Diese Chance wollen Politik und Wirtschaft

unbedingt nutzen: Unter dem

Schlagwort Industrie 4.0 treiben sie die Verschmelzung

von IT- und Produktionswelt

voran, koordinieren Forschung und Förderung

und definieren einheitliche Standards.

Das ist dringend nötig, denn laut McKinsey

sind Datenschutzbedenken, rechtliche Beschränkungen

und unzureichende staatliche

Regulierung noch Hemmschuhe bei

der Nutzung des Internets der Dinge.

DROHT EIN FÖRDERDESASTER?

„Die neue Weltsprache der Produktion

muss aus Deutschland stammen“, trommelt

deshalb auch Hartmut Rauen, Geschäftsführer

beim Verband Deutscher

Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Seine Organisation, der Zentralverband

Elektrotechnik- und Elektronikindustrie,

sowie der Spitzenverband der IT-Branche,

Bitkom, betreiben ein gemeinsames Industrie-4.0-Projektbüro,

um ihre Mitgliedsunternehmen

zu sensibilisieren. Führende

Industriekonsortien wie die M2M-Alliance

propagieren branchenübergreifend das

Geschäft mit der Maschine-zu-Maschine-

Kommunikation – erst in Deutschland,

nun auch international.

Zugleich investiert der Bund im Rahmen

seiner High-Tech-Strategie in den nächsten

Jahren 200 Millionen Euro allein in die Förderung

internetbasierter Produktionssysteme

und Dienste. Zwar zeigen Förderdesaster

wie bei der Fotovoltaik, dass staatliche

Programme nicht per se zu erfolgreichen

Produkten und Marktführerschaft

führen. Fachleute fordern daher, bei der

Vernetzung der Maschinen nicht Produktentwicklung

zu alimentieren, sondern Forschung

an Technologiegrundlagen.

Doch koordinierte Industriepolitik kann

auch funktionieren. Das belegen erfolgreiche

Forschungsprogramme wie etwa der

2013 abgeschlossene Großversuch zum

vernetzten Fahren, SimTD. Er hat Autoindustrie

und Wissenschaft ermöglicht, unter

Realbedingungen Verfahren zu entwickeln,

mit denen sich Verkehrsfluss und

-sicherheit deutlich verbessern lassen.

Nun geht es darum, den Kompetenzvorsprung

zu nutzen. Denn noch ist offen, ob

vom Internet der Dinge eher Unternehmen

profitieren, die dank Technik-Know-how

die Produktwelt dominieren. Oder eben

doch – wie im klassischen Internet – jene,

die die Mehrwertdienste dafür liefern?

Droht etwa Autokonzernen das Los der

PC-Hersteller, die – mit minimalen Margen

– nur noch die Hardware liefern, während

Bedingt fortschrittsbereit

Bei vielen der marktrelevanten Zukunftstechnologien schwächelt Deutschland

Internet der Dinge

Hochleistungswerkstoffe

Fortgeschrittene Robotik

Alternative Antriebe

Saubere Energie

(Teil-)autonomes Fahren

Genomik

3-D-Druck

Energiespeicher

Wasseraufbereitung

Wissensarbeit

Mobiles Internet

Big Data

Cloud Computing

Cybersecurity

Staatliche

Unterstützung

: = stark;- = schwach; Quelle: McKinsey

die Googles oder IBMs das margenstarke

Software- und Dienstegeschäft dominieren?

Projekte wie die selbstfahrenden Autos

von Google zeigen, wo die heutigen Internet-Giganten

(auch) ihre Zukunft sehen.

Der Kampf um das Internet der Dinge

beginnt jetzt. Wer als Erster Regeln und

Standards in der Wirtschaftswelt vernetzter

Maschinen definiert, wird ihn gewinnen.

thomas.kuhn@wiwo.de

Wissensarbeit

Zu lange

gepennt

Jeder Schreibtischarbeiter kennt Microsoft

Office, aber nur wenige kennen Microsoft

Oslo. Dabei könnte das neue Programm,

das der Softwarekonzern ab Herbst anbieten

will, die Büroarbeit tief greifend verändern.

Denn mit ihm erhält jeder Nutzer einen

eigenen Assistenten – virtuell zwar,

aber dafür rund um die Uhr hilfsbereit. Vor

einer Besprechung etwa sucht Oslo passende

Hintergrundartikel im Internet, zeigt

relevante Blogeinträge von Kollegen an

und listet die wichtigsten E-Mails auf.

Die neue Bürosoftware ist ein Vorgeschmack

darauf, wie radikal sich Wissens-

:

-

-

:

:

-

-

-

:

:

-

-

-

-

-

Weltklasse-

Forschungsinstitute

Klassenprimus:

:

:

:

:

-

Mitläufer

Nachsitzer

:

:

:

-

-

-

-

-

-

-

Aktive

Technologie-

Cluster

-

:

:

-

:

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

Dynamische

Gründerszene

:

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-

:

-

-

-

Mittelständische

Weltmarktführer

arbeit in den kommenden Jahren verändern

wird. „Computer agieren künftig wie

Butler“, sagt Andreas Dengerl, Leiter des

Bereichs Wissensmanagement am Deutschen

Forschungszentrum für Künstliche

Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern. „Sie

lernen stetig dazu und bieten ihren Nutzern

situationsbezogen die passenden Informationen

an.“ Damit werden viele Aufgaben,

die bisher eine Sekretärin erledigt

hat – Recherchen anstellen, Berichte verfassen

– automatisiert.

Nicht nur Recherchen, sondern Wissensarbeit

jeder Art steht vor einer Welle

der Digitalisierung. Lernende Maschinen

ersetzen menschliche Gehirne: Sie bewerten

Finanzkennzahlen, beantworten Kundenanfragen

oder erstellen nach Prüfung

Abertausender Studien medizinische Diagnosen.

Das wird möglich, weil Computer

inzwischen riesige Datenmengen, auch Big

Data genannt, speichern und blitzschnell

analysieren – und mithilfe intelligenter

Software den Sinn komplizierter Texte und

Zusammenhänge erschließen.

Die gute Nachricht: Für die deutsche

Wirtschaft ist der Trend zum Roboter-Büro

ein potenzielles Milliardengeschäft. Auf

265 Milliarden Dollar taxiert McKinsey den

möglichen Beitrag intelligenter Software

-

:

:

-

-

-

-

:

-

-

-

-

-

-

-

Technologisch

führende

Konzerne

:

:

-

:

:

:

:

-

:

:

:

-

:

:

-

»

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 65

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

Der Robotik-Weltmarkt wächst laut

Prognosen jährlich um sechs Prozent

»

zum deutschen BIP im Jahr 2025. Die

schlechte Nachricht: Bisher sieht es nicht

so aus, als würde die deutsche Informationstechnikbranche

dieses Potenzial auch

voll erschließen. Im Rennen der IT-Riesen

liegt Deutschland derzeit weit hinter den

Vereinigten Staaten zurück. Virtuelle Assistenten

werden vor allem im englischsprachigen

Raum eingesetzt – und auch dort

entwickelt.

Lichtblicke sind Forschungseinrichtungen

wie das DFKI, an denen Wissenschaftler

künstliche Intelligenz ergründen und

erschaffen. Im Projekt Argumentum etwa

entwickeln die Kaiserslauterer eine Software

für Juristen, die binnen Sekunden in

Handbüchern, Fachzeitschriften und im

Internet Argumente für einen bestimmten

Streitfall findet – eine Arbeit, für die Menschen

bisher viele Tage recherchierten.

ZU WENIG GRÜNDER

Allerdings: Nur wenige Forschungsergebnisse,

bemängelt McKinsey, führen auch

zu Unternehmensgründungen, die Produkte

daraus entwickeln. Und so bleibt als

IT-Konzern von Weltrang einzig das Walldorfer

Softwareunternehmen SAP, das digitale

Werkzeuge für Wissensarbeiter entwickelt

und rund um den Globus vertreibt.

Mit seiner Plattform Hana können Unternehmen

aus Abertausenden Dokumenten,

Web-Seiten oder Tabellen binnen Sekunden

Trends herausfiltern und Prognosen

anstellen, etwa darüber, wie oft sich ein

bestimmtes Produkt verkaufen wird, welche

Mengen an Rohstoffen in der Produktion

benötigt werden oder welches Medikament

für welchen Patienten geeignet ist.

Dem Beispiel SAP müssen in Deutschland

weitere folgen. Sonst schafft der Computer

bis 2025 weniger neue Jobs, als er alte

überflüssig macht.

andreas.menn@wiwo.de

Roboter

Deutsche Mittelständler

vorn

Timo Boll schwitzt. Der erfolgreichste

deutsche Tischtennisspieler liegt 0:6 zurück,

es ist ein mieses Match. Dabei ist sein

Gegner kein Sportler, nicht mal ein

Mensch. Boll spielt gegen einen Roboter,

einen Arm aus Stahl, der vor der Tischtennisplatte

postiert ist. Er schlägt wie ein Karate-Kämpfer

zu: schnell, kraftvoll, präzise.

Und trifft jeden Ball.

Bolls Kampf gegen die Maschine ist inszeniert

– für einen Werbespot. Produziert

hat ihn der Roboterhersteller Kuka aus

Augsburg. Im März hat Kuka eine Fabrik in

China eröffnet, dem wichtigsten Wachstumsmarkt

für Robotik. Der neue Werbeclip

soll potenziellen Kunden dort zeigen,

wie gut die Maschinen der Augsburger

sind.

Roboter sind gefragt, nicht nur in China.

Denn die smarten Maschinen helfen, Kosten

zu sparen, die Qualität der Fertigung zu

steigern und weniger Strom zu verbrauchen.

Automatisierung macht Laptops billiger,

Handys robuster, Flugzeuge leichter.

Und weil sich in Wachstumsländern wie

China immer mehr Menschen diese Produkte

leisten können, werden dort Roboter

in den Fabriken immer wichtiger.

VERSTÄNDNIS FÜR KUNDEN

Pro Jahr wird der Weltmarkt Prognosen zufolge

um sechs Prozent wachsen. Und

schon heute stammt mehr als jeder zehnte

Roboter weltweit aus deutscher Herstellung.

20 000 Stück verkauften Mittelständler

wie Kuka und Co., die hiesige Produktion

wächst jährlich um 14 Prozent. Nur die

Japaner sind ähnlich erfolgreich.

Die Vorzüge der Deutschen: hohe Qualität,

zahlreiche Innovationen und ein tiefes

Verständnis für die Bedürfnisse der Kunden,

24-Stunden-Service inklusive. Auch

die sehr gute Ausbildung der Ingenieure

hilft der Branche, sich weltweit an der Spitze

zu behaupten. Zudem profitieren die

Hersteller von der Stärke der hiesigen Industrie

– sie setzt seit Jahren auf Automatisierung,

um Personalkosten zu sparen. Einer

der größten Abnehmer für deutsche

Roboter ist die hiesige Autobranche.

ANGRIFF VON GOOGLE

Sich auf den Erfolgen auszuruhen könnte

indes gefährlich werden. Denn mit Google

drängt ein mächtiger Internet-Konzern in

den Markt – acht Robotik-Unternehmen

haben die Kalifornier kürzlich gekauft. Zudem

werden die Maschinen für völlig neue

Zwecke eingesetzt: Chirurgen nutzen sie

für Operationen, Logistiker für den Warentransport,

Verbraucher zum Staubsaugen.

Und so liegt die Zukunft nicht allein in

schweren Industrierobotern – sondern in

leichten, kleineren Maschinen, die mit

Menschen in Fabriken, Werkstätten oder

Laboren zusammenarbeiten. Dieser neue

Typ Helfer lässt sich per Tablet oder

Sprachsteuerung programmieren. Er erfasst

mit Sensoren die Umwelt, findet von

selbst Werkzeuge, erkennt Hindernisse

und wird Menschen nicht gefährlich.

Auch Kuka setzt auf den Volksroboter:

Kürzlich haben die Augsburger einen Robo-Arm

namens LBR iiwa vorgestellt, den

Arbeiter für verschiedenste Aufgaben nutzen

können. Ob er auch für das Tischtennistraining

eingesetzt wird – wer weiß?

andreas.menn@wiwo.de

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS; KRISTINA DÜLLMANN

66 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Alternative Antriebe

Forscher

am Steuer

Stoppen. Anfahren. Stoppen. Anfahren. Bis

zu 200 Mal am Tag und bis zu 300 Tage im

Jahr. Waren und Pakete in der Innenstadt

auszuliefern ist für Lieferwagen ein Härtetest

– und ihre lauten und stinkenden Dieselmotoren

sind für die Anwohner ein Ärgernis.

In Bonn ist das anders. Dort fahren

rund 20 gelbe Transporter der Deutschen

Post DHL dank Elektroantrieb Pakete und

Briefe lautlos und abgasfrei aus. Bis Anfang

2016 sollen es innerhalb des Pilotprojektes

sogar 141 Fahrzeuge werden, die dann pro

Jahr voraussichtlich rund 500 Tonnen des

klimaschädlichen Gases Kohlendioxid

(CO 2 ) einsparen.

Entwickelt und gebaut hat die gelben

Leisetreter aber nicht ein etablierter Autohersteller

– von denen holte sich die Post

2009 etliche Absagen –, sondern die

Streetscooter GmbH und Institute der

Rheinisch-Westfälischen Technischen

Hochschule (RWTH) in Aachen.

Die sauberen Lieferfahrzeuge sind ein

anschauliches Beispiel für die Leistungsstärke

der deutschen Forscher und Entwickler

bei alternativen Antrieben – und einer

der großen Pluspunkte, wenn es um

die Nutzung dieser Zukunftstechnologie

geht. Auch an staatlicher Unterstützung

mangelt es nicht, und die deutschen Autohersteller

und -zulieferer gelten schon

heute als führend. Gute Aussichten die 111

Milliarden Euro Umsatz, den die McKinsey-Berater

2025 für realistisch halten,

auch tatsächlich zu erzielen.

KONKURRENZ FÜR KONZERNE

Der Streetscooter ist ein erster Schritt in

diese Richtung. Er ist mittlerweile solch ein

Erfolg, dass auch die Städteregion Aachen

noch in diesem Jahr ein Dutzend der Elektrowagen

bestellen und im Lieferverkehr

einsetzen will. Überzeugt haben sie die

niedrigen Kosten des 4,60 Meter langen

Fahrzeugs mit einer Reichweite von bis zu

120 Kilometern. So ist der Streetscooter besonders

reparaturfreundlich. Im Lieferverkehr

kommt es schnell zu kleinen Beulen

und Kratzern. Deshalb ist die Karosserie im

Bereich der Türen, Front und des Hecks

modular aufgebaut. Bei Bagatellschäden

lassen sich die Teile so kostengünstig und

schnell reparieren.

Wichtigster Partner für das junge Unternehmen

Streetscooter ist aber weiter die

Post. Der Bonner Konzern verfügt über eine

Flotte von rund 80 000 Fahrzeugen, die

er modernisieren will. Das ehrgeizige Ziel:

Bis 2020 möchte die Post ihre CO 2 -Bilanz

gegenüber 2007 um 30 Prozent verbessern.

Wenn die Streetscooter-Fahrzeuge dazu

entscheidend beitragen können, bedeutet

das auch für das Aachener Unternehmen

so etwas wie einen Ritterschlag.

Einer der Treiber des Projekts ist Achim

Kampker, 40-jähriger Professor für Produktionsmanagement

an der RWTH. Er will

unter anderen beweisen, dass sich kleine

Serien für spezielle Einsatzzwecke, wie etwa

der Lieferwagen für die Post, kostengünstig

in Deutschland entwickeln und fertigen

lassen. Mehr als 60 Mitarbeiter umfasst

die Streetscooter GmbH mittlerweile –

und wächst weiter.

Die kleine Firma rüttelt damit auch an

den großindustriellen Strukturen der Autoindustrie,

die mit mehr als zwei Billionen

Dollar Gesamtumsatz jährlich zu den

größten Branchen weltweit zählt.

juergen.rees@wiwo.de

Mobiles Internet

Gefangen in der

Warteschleife

Wer hätte gedacht, dass penetrante Fantasiefiguren

wie Crazy Frog oder der Hase

Schnuffel einmal so wichtig für den Standort

Deutschland würden? Mit diesen und

anderen Figuren warben vor rund zehn

Jahren die Brüder Oliver, Marc und Alexander

Samwer im Fernsehen für die Handyklingeltöne

ihrer Firma Jamba. Das Trio

gab damals mehr Geld für TV-Spots aus als

der Fast-Food-Riese McDonald’s – eine Investition,

die sich auszahlte: Die Gründer

verkauften den Klingeltonanbieter für 273

Millionen Dollar an den US-Kommunikationskonzern

Verisign.

Das Geschäft verschaffte ihnen die nötigen

Mittel, um ihr Internet-Imperium aus

dem Boden zu stampfen. Ihre Firmenschmiede

Rocket Internet ist heute ein

Zentrum der Berliner Gründerszene. Die

Gebrüder schicken immer wieder neue

Online-Firmen wie den Modehändler Zalando

an den Start, dessen Kollektionen

Kunden zunehmend auch mobil ansteuern.

Andere Unternehmen setzen gleich

ganz auf das mobile Internet. Payleven

etwa macht Handys zu Kreditkartenlesern.

Vor allem aber ist Rocket die inoffizielle

deutsche Gründeruni. Dutzende ehemalige

Mitarbeiter der Talentschmiede haben

eigene Start-ups gegründet. Einer der er-»

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 67

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

»

folgreichsten hat sein Handwerk sogar

noch bei Jamba gelernt. Sieben Jahre war

Jens Begemann bei der Klingeltonfirma,

2009 gründete er dann Wooga. Heute ist

das Unternehmen mit 250 Mitarbeiter einer

der führenden Entwickler von Computerspielen

für Smartphones und Tablets.

ZAUDERER UND ZÖGERER

Die dynamische Gründerszene ist laut

McKinsey ein deutscher Trumpf im Bereich

mobiles Internet. Allerdings ist die

Vielfalt an Start-ups auch die einzige deutsche

Stärke, an global führenden Großunternehmen

oder Mittelständlern mangelt

es dagegen. Auch bei den Aktivitäten von

Forschungseinrichtungen und staatlicher

Förderung gibt es Nachholbedarf.

Die Berater bescheinigen dem Standort

Deutschland daher eine geringe Wettbewerbsfähigkeit.

Ein wesentlicher Grund:

Datenschutzbedenken und rechtliche Beschränkungen;

das mobile Internet werde

daher nur langsam eingeführt. Zudem gebe

es keine eigene Technologiehoheit.

Dazu passend haftet selbst den erfolgreichsten

deutschen Gründern das Image

eines Klon-Kriegers an. Die Samwers sind

dafür berüchtigt, erfolgreiche Geschäftsmodelle

aus den USA zu kopieren.

Letztlich ist die Zahl global erfolgreicher

Start-ups aus Deutschland begrenzt. Zu

den international relevanten Entwicklern

von Smartphone-Apps gehören etwa Eye-

Em, Konkurrent der Bilderplattform Instagram,

oder 6Wunderkinder mit ihren

To-do-Listen Wunderlist. Erst kürzlich

benannten die Macher von iLiga ihre beliebte

Fußball-App in Onefootball um. Damit

wollen sie jenseits von Deutschland

noch erfolgreicher werden – schon jetzt

stammen 80 Prozent des Wachstums aus

dem Ausland.

Zwar wächst allmählich das Interesse

ausländischer Investoren und Konkurrenten

an den hiesigen Unternehmen. So gab

es in diesem Jahr schon einige Finanzierungsrunden

in zweistelliger Millionenhöhe.

Doch der große Exit eines deutschen

Start-ups mit einer milliardenschweren

Bewertung lässt noch auf sich warten.

Vorläufige Höhepunkte sind Übernahmen

wie der Kauf von Skobbler, einem Berliner

Entwickler von Karten- und Navigations-Apps

für fast 24 Millionen Dollar durch

einen US-Konkurrenten. Umgekehrt

scheint kein deutscher Anbieter das Zeug

dazu zu haben, durch Zukäufe zu einem

globalen Marktführer aufzusteigen.

oliver.voss@wiwo.de

WETTBEWERB | INTERVIEW Reimund Neugebauer

»Endlich loslaufen«

Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft über die Lehren aus der

NSA-Affäre – und warum er ein europäisches Google fordert.

Herr Neugebauer, Kanzlerin Angela

Merkel hat jüngst gewarnt, Deutschland

könne in Sachen Innovation den Anschluss

verlieren. Ist die Lage so dramatisch?

Wenn es so schlimm wäre, würden uns

nicht immer wieder Politiker aus dem Ausland

besuchen. Sie wollen jedes Mal wissen,

warum Wissenschaft und Wirtschaft

in unserem Innovationssystem so erfolgreich

zusammenarbeiten. Erst kürzlich waren

die US-Wirtschaftsministerin Penny

Pritzker und die südkoreanische Präsidentin

Park Geun-hye bei uns. Die französische

Regierung hat Vertreter des Bundesforschungsministeriums

und von Fraunhofer

eingeladen, weil sie etwas Ähnliches

wie die High-Tech-Strategie des Bundes

einführen will. Das zeigt: Unser methodisches

Vorgehen ist sehr gut.

Wir brauchen uns also nicht zu sorgen?

Wir sind im internationalen Vergleich sehr

leistungsfähig. Das belegt auch die Statistik:

Unser Anteil forschungsintensiver Waren

am Weltmarkt ist, bezogen

auf die Bevölkerungsgröße, der

höchste der Welt. Wir liegen hier

vor Japan, den USA und China.

Bei wissensintensiven Diensten

und bezogen auf absolute Umsätze

sieht das Bild anders aus

(siehe Grafik). Haben wir bereits

an Innovationskraft verloren?

Audio

In unserer App-

Ausgabe können

Sie hier Reimund

Neugebauer im

Original hören

DER UMFORMER

Neugebauer, 60, leitet seit 2012 die

Fraunhofer-Gesellschaft, die mit einem Etat

von rund zwei Milliarden Euro und 23 000

Mitarbeitern Europas größte Organisation

für anwendungsnahe Forschung ist. Neugebauer

hat davor das Fraunhofer-Institut

für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik

in Chemnitz geleitet.

Moment, ich habe über das methodische

Vorgehen gesprochen, wie wir Innovationen

erzeugen. Der andere Aspekt ist, in

welchen Branchen sie entstehen. In klassischen

Branchen wie Maschinenbau, Autound

Chemieindustrie sind wir nach wie vor

weit vorne. Anders sieht es in der Informationstechnik

(IT) und der Biotechnik aus,

dort haben wir Nachholbedarf.

Wir können aber nicht nur vom Alten

leben. Bei Zukunftsthemen, etwa Big Data,

der Analyse riesiger Datenmengen, hat uns

Google abgehängt. Nun investiert

der Konzern in alltagstaugliche

Roboter, in Heizungssteuerungen

oder automatisches Fahren und

wird bald viele Dienste um diese

Produkte herum anbieten. Verschlafen

wir diese Entwicklung?

Sie haben recht, die Internet-

Konzerne drängen mit Macht in

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/SCHMIDT

68 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


»IT-Sicherheit

wird

zum Die Zukunf Wettbewerbsvorteil«

der Industrie

Richtung Produkte, dort wo unsere Stärke

liegt. Aber wir stehen nicht mit leeren Händen

da. Auch wir rüsten Autos und Maschinen

mit Intelligenz aus. Jetzt kommt es darauf

an, schnell zu lernen, unseren Vorsprung

bei den Produkten für die Entwicklung

neuer Geschäfte zu nutzen. Es gilt,

endlich loszulaufen – und zwar mit Wucht.

Wer die Daten von Handys und künftig von

Servicerobotern besitzt, kennt das Verhalten

der Kunden sehr genau und kann ihnen

maßgeschneiderte Angebote machen. Sind

wir nicht zu ingenieurgetrieben, statt an

den Kunden zu denken?

Wenn das zuträfe, wären wir weder Exportweltmeister,

noch besäßen wir unter unseren

Mittelständlern so viele Weltmarktführer.

Die wissen insbesondere bei Investitionsgütern

sehr genau, was der Markt verlangt.

Und sie haben ein feines Gespür dafür,

wann es sich lohnt, ins Risiko zu gehen.

Warum halten sie sich dann in der

digitalen Welt so zurück?

Vielen fehlt das Vertrauen in die Netze.

Schauen Sie sich einmal an, wie viele Attacken

es im Cyberraum gegen Firmen gibt.

Bots, also Schadprogramme, die sich still

und heimlich auf den PC schleichen und

diesen fernsteuern, können im Internet gebucht

werden. Jeder vernünftige Manager

überlegt da zwei Mal, wie viel Risiko er verantworten

kann – Geschäft hin oder her.

Können die Unternehmen das nötige Maß

an Datensicherheit selbst hinbekommen,

oder muss die Regierung eingreifen?

Es geht nicht ohne die Politik – und es bewegt

sich etwas. Das Forschungsministerium

hat zwei Sicherheitszentren gegründet

und zusätzlich vor Kurzem mit uns und

dem Innenministerium eine Arbeitsgruppe

zur Internet-Sicherheit gebildet. Seit

dem NSA-Skandal hat die Regierung erkannt,

dass ihr das Thema Wirtschaftsspionage

nicht gleichgültig sein kann.

Wir bilden Arbeitsgruppen, derweil

schaffen Amazon, Google und Facebook

Fakten. Sie greifen Daten ab, wo es nur

geht – in Zukunft die wichtigste Währung.

Deshalb brauchen wir für Europa eine Alternative

zu Google. Das ist die einzige

Chance, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Wir würden uns freuen, im Auftrag des

Bundes gemeinsam mit Industriepartnern

ein solches Datennetz aufzubauen.

Wie stehen die Chancen dafür?

Die Diskussion darüber läuft. Ich sage

aber: Jeder Monat, den wir weiter warten,

ist einer zu viel. Denn wer über die Daten

herrscht, besitzt einen unschätzbaren Vorsprung.

Europa braucht dringend mehr eigene

Kompetenz in allen relevanten Internet-Technologien

– ob bei Big Data oder

der Nutzung von Software und Speicherplatz

in der Datenwolke, der Cloud.

Und Sie trauen Europa die Aufholjagd zu?

Fachleute und Wissen haben wir. Daher

bin ich zuversichtlich, dass wir das Problem

der Datensicherheit lösen werden. Es

ist schlicht zu wichtig, um daran zu scheitern.

Umgekehrt gilt: Gelingt es etwa Maschinenbauern,

ihre Anlagen gegen Angriffe

abzuschirmen, verschafft ihnen das einen

unschätzbaren Wettbewerbsvorteil.

Schließlich wird künftig fast jede Maschine

und jedes Gerät vernetzt sein.

Welche Bereiche haben noch das Zeug,

die Wirtschaft grundlegend zu verändern?

Dazu zählt sicher die Biotechnik. Da haben

wir Stärken, etwa wenn es um das Zusammenspiel

mit der klassischen Produktionstechnik

geht. Ein einfaches Beispiel: Viele

Metall verarbeitende Betriebe kühlen ihre

Maschinen mit speziellen Flüssigkeiten. In

denen reichern sich giftige Schwermetalle

an, die sich nur schwer herausholen lassen.

Ein neues Verfahren nutzt Sulfat reduzierende

Mikroorganismen. Sie binden die

Schwermetalle und lassen sich anschließend

auswaschen und entsorgen. Dass

Biotechniker mit Metallverarbeitern reden,

war vor zehn Jahren noch undenkbar. Und

auch bei Biowerkstoffen aus nachwachsenden

Rohstoffen spielen wir vorne mit.

Weniger rosig sieht es bei der Anwendung

der Gentechnik aus.

Damit gehen wir Deutsche sicher sensibler

um als andere Länder. Ich verstehe die

Skepsis. Wir sollten aber nicht die Möglichkeiten

aus den Augen verlieren, die etwa

die personalisierte Medizin bietet. Zum

Beispiel können Ärzte anhand einer Erbgutanalyse

klären, welche Medikamente

einen Patienten am besten heilen können.

Wo erwarten Sie ähnliche Fortschritte?

Sicherlich in der Materialforschung. Da haben

wir es etwa geschafft, piezoelektrische

Fasern großserientauglich zu machen. Mit

ihrer Hilfe wird es möglich, weit dünnere

Bleche als heute in Autokarossen einzubauen.

Beginnt das Blech zu schwingen,

merken die Fasern das und dämpfen die

Schwingung ab. So bleibt das Blech stabil,

und der Spritverbrauch sinkt, weil die Karosserieteile

leichter sein können.

Und die erneuerbaren Energien, haben

Sie die abgeschrieben?

Keineswegs. Wir brauchen die Erneuerbaren

allein schon aus dem Grund, weil die

fossilen Rohstoffe irgendwann zu Ende gehen.

Doch derzeit sind vor allem die USA

mit ihrer Fracking-Förderung von Öl und

Gas dabei – ohne Rücksicht auf die Umwelt

zu nehmen –, unsere Industrie mit niedrigen

Energiepreisen im Wettbewerb zu benachteiligen.

Deshalb müssen wir uns Alternativen

überlegen. Langfristig können

wir auf die Erneuerbaren nicht verzichten.

Woran denken Sie konkret?

Wir haben zum Beispiel hervorragende

Verfahren, um die heimische Braunkohle

zu verwerten, mit einem Wirkungsgrad,

der sich sehen lassen kann. Das sollten

wir mit in die Waagschale werfen, um

Durststrecken mit international deutlich

niedrigeren Energiepreisen als bei uns

zu überbrücken.

n

lothar.kuhn@wiwo.de, dieter dürand

Im Modernisierungsstau

Deutschlandist stark beider Weiterentwicklungvon Produkten - beiSpitzentechnologien und

wissensintensiven Dienstleistungen hingegen liegen teilsunsere härtesten Konkurrenten vorn*

1,7 2,9

USA

33,4

1,7 2,2

33,3

Großbritannien

8,1

hochwertige

Technologie

2,5

23,9

Deutschland

Spitzentechnologie

6,2 7,3

Südkorea

* Anteile an der Wertschöpfung in Prozent; Quelle: Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI)

20

wissensintensive

Dienstleistungen

4,9 3,3

19,5

Japan

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 69

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

Einen Schlag mehr

MITARBEITERBETEILIGUNG | Mehr Engagement, höhere Rendite: warum es sich für

Arbeitgeber lohnt, ihre Angestellten am Kapital des Unternehmens zu beteiligen.

Hochwertige Badmöbel, ebenerdig

begehbare Dusche, große

Fliesen: Das Bad von Gunther

Lang kann sich sehen lassen.

Ein paar Tausend Euro hat

es wohl gekostet – finanziert hat es die Allianz.

Aber nicht, weil ein Rohbruch die Versicherung

zum Einspringen zwang, sondern

weil der Bauherr clever investiert hat: Lang

leitet bei der Allianz nicht nur einen IT-Bereich,

er ist über Aktien auch an seinem Arbeitgeber

beteiligt.

20 Prozent Rabatt bekommen Allianz-Angestellte

in Deutschland, wenn sie Geld in

Belegschaftsaktien stecken. „Ein sehr attraktives

Investment“, sagt Wirtschaftsinformatiker

Lang, der seit 2002 regelmäßig Anteile

kaufte. Um möglichst viel Eigenkapital in

seinen Hausbau stecken zu können, trennte

er sich 2010 von einem Viertel seiner Aktien

– etwa im Wert seiner Bad-Ausstattung. Den

Rest will der 46-Jährige fürs Alter aufheben.

Wie Lang profitieren in Deutschland

32 000 Allianz-Mitarbeiter vom Aktienprogramm

des Dax-Konzerns. Aber auch der

Arbeitgeber bietet solche Vergünstigungen,

die jährlich mehrere Millionen Euro kosten,

nicht aus reinem Gutmenschentum an.

„Die Belegschaftsaktionäre sehen das Unternehmen

nicht nur mit den Augen des

Mitarbeiters, sondern auch mit denen des

Eigentümers“, sagt Werner Zedelius, Personalvorstand

in der Holding des Versicherers.

„Das erhöht die Identifikation.“

Ein Gefühl, das Lang bestätigt. „Bei

schlechten Zahlen leide ich mit, bei guten

Ergebnissen freue ich mich umso mehr.“

So profitieren beide Seiten: Lang von den

finanziellen Vorteilen, Zedelius von einer

engagierten Truppe.

Vom Arbeiter zum Aktionär

Was Unternehmen durch aktienbasierte

Mitarbeiterbeteiligung erreichen (in Prozent)

Aktionärsstruktur stabilisieren

69

Identifikation mit dem Arbeitgeber erhöhen

66

Mehr Engagement bei der Arbeit

60

Anforderungen guter Unternehmensführung einhalten

44

Mitarbeiter für die eigene Strategie gewinnen

41

Mitarbeiter binden

41

Marktübliches Vergütungspaket anbieten

39

Quelle: Geo Global Equity Insights 2014

Diese Aussicht auf doppelte Rendite

durch Mitarbeiterbeteiligung war in

Deutschland einige Jahre ignoriert worden.

Denn im Zuge der geplatzten Börsenblase

und der Pleiten zahlreicher New-Economy-

Unternehmen rauschten die Kurse in den

Keller. Und auch die Belegschaftsaktien –

1998 noch bei etwa 1,7 Millionen Arbeitnehmern

Teil der Geldanlage – waren so erst in

Verruf und dann in Vergessenheit geraten.

Von Verlusten enttäuscht, wandten sich viele

Deutsche von der volatilen Anlage ab. Einige,

wie Mitarbeiter des US-Telekommunikationsriesen

Worldcom, traf es besonders

hart: Das in einen Betrugsskandal verwickelte

Unternehmen meldete Insolvenz an,

die Mitarbeiter verloren ihre Einlagen.

Seit einigen Jahren erlebt die Mitarbeiterbeteiligung

eine Renaissance: Wie die Allianz

setzen laut Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung

deutschlandweit inzwischen

rund 4500 Unternehmen auf die positiven

Effekte des Finanzinstruments – vom traditionsreichen

Familienbetrieb über international

agierende Mittelständler bis hin zum

Dax-Konzern. Der simple Grund: „Teilhabende

Mitarbeiter sind bereit, für ihr Unternehmen

mehr zu leisten“, sagt Michael Kramarsch,

Geschäftsführer der Beratung hkp.

ÖKONOMISCH SINNVOLL

Das belegt auch die Studie Geo Global

Equity Insights 2014, die der Wirtschafts-

Woche exklusiv vorliegt. Und an der neben

hkp auch die internationale Global Equity

Organization, die über aktienbasierte Vergütung

aufklärt, die Konzerne Siemens und

SAP, die Universität Göttingen und Computershare,

ein australischer Dienstleister für

Mitarbeiterbeteiligungsprogramme, mitgearbeitet

haben. Das Konglomerat befragte

169 Konzerne aus aller Welt zur Ausgestaltung

von und Gründen für ihre Programme.

Das Ergebnis: eine stabilere Aktionärsstruktur,

höhere Identifikation und mehr Engagement

der Mitarbeiter (siehe Grafik links).

Die Folge: Je mehr Mitarbeiter am Aktienprogramm

ihres Arbeitgebers teilnehmen,

desto erfolgreicher ist das Unternehmen.

„Aus ökonomischer Sicht“, sagt BWL-Professor

Michael Wolff von der Uni Göttingen,

„gibt es kaum etwas Sinnvolleres für Unternehmer

und Arbeitnehmer, als Mitarbeiterbeteiligungsprogramme

aufzulegen.“

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der

britische New UK Employee Ownership Index.

Während die börsennotierten Unternehmen

auf der Insel 2013 ihren Wert im

Schnitt um 21 Prozent steigern konnten, legten

Konzerne, die mindestens drei Prozent

ILLUSTRATION: DANIEL STOLLE

70 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


ihres Kapitals in die Hände ihrer Mitarbeiter

gelegt hatten, um mehr als 50 Prozent zu.

Kein Wunder also, dass die Unternehmen

Interesse daran haben, die Zahl ihrer Mitarbeiteraktionäre

zu erhöhen – mit Erfolg:

Laut Deutschem Aktieninstitut ist die Zahl

der Belegschaftsaktionäre, in den vergangenen

fünf Jahren um rund ein Drittel auf 1,2

Millionen angestiegen. Hinzu kommen laut

Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung etwa

eine Million, die vor allem als stille Gesellschafter

oder über Genussrechte teilnehmen.

Laut Geo-Studie bieten immerhin

31 Prozent der in Deutschland befragten

Unternehmen eine aktienbasierte Mitarbeiterbeteiligung

an, europaweit sind es 39

Prozent. Am verbreitetsten ist sie traditionell

in Nordamerika – dort sind Aktien wichtiger

Bestandteil der Altersvorsorge.

So auch beim Medienkonzern Discovery

Communications, zu dem TV-Kanäle wie

DMAX oder Animal Planet gehören. Obwohl

das Unternehmen nur 6000 Mitarbeiter hat,

bietet es sein Aktienprogramm in 20 Ländern

von Mexiko bis nach Polen an. „Das ist

für ein so kleines Unternehmen bemerkenswert“,

sagt Wolff. Schließlich ist der Aufwand

enorm – gilt es doch in den verschiedenen

Ländern unterschiedliche Vorschriften für

Aktienhandel und steuerliche Vergünstigungen

einzuhalten (siehe Kasten Seite 72).

Doch das schreckt Ralph Beidelman, bei

Discovery Communications für die Mitarbeiterbeteiligung

zuständig, nicht ab.

Ständig versucht er, weitere Länder ins Programm

aufzunehmen. Auch die 90 deutschen

Mitarbeiter können mitmachen.

Somit spielt die Beteiligung von Arbeitnehmern

auch in den international aus-

»

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 71

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

STAATLICHE FÖRDERUNG

So klappt’s!

Was Unternehmen und

Arbeitnehmer bei der Mitarbeiterbeteiligung

beachten müssen.

Um den Mitarbeitern die Beteiligung

am eigenen Unternehmen schmackhaft

zu machen, geben Arbeitgeber Anteile

meist vergünstigt oder gratis aus.

Dadurch entsteht Arbeitnehmern ein

finanzieller Vorteil, der versteuert und

mit Sozialabgaben belegt werden muss

– zumindest jenseits des Freibetrags

von 360 Euro – im internationalen

Vergleich eine bescheidene Summe:

In Österreich liegt die Grenze bei 1460

Euro, in den Niederlanden bei mehr als

1200 Euro.

Gibt es vom Arbeitgeber keine Vergünstigung,

der Mitarbeiter wandelt ein

Teil seines Gehalts aber trotzdem in

Anteile oder Aktien um, fallen für diese

Investition bis 360 Euro zwar die

Steuern weg, Sozialabgaben müssen

aber dennoch gezahlt werden.

DREI BEDINGUNGEN

Außerdem wird der Freibetrag nur unter

folgenden Bedingungen gewährt:

n Ob Vollzeit-Festangestellte, geringfügig

Beschäftigte, Teilzeitkräfte

oder Auszubildende: Das Angebot muss

allen Mitarbeitern offenstehen, die

mindestens ein Jahr für den Betrieb

arbeiten.

n Es muss sich um reale Anteile am

Unternehmen handeln. Aktienoptionen

werden nicht begünstigt.

n Unterschiedliche Konditionen für verschiedene

Mitarbeiter sind nur zulässig,

wenn der Arbeitgeber diese sachlich

begründen kann. So kann das Unternehmen

zum Beispiel Vorstände, in

deren Vergütungspaket ohnehin Aktien

enthalten sind, von dem Beteiligungsprogramm

ausschließen.

Ledige Mitarbeiter mit einem Einkommen

von unter 20 000 Euro und Verheiratete

mit weniger als 40 000 Euro

Jahresgehalt können eine Mitarbeitersparzulage

beantragen. Diese zusätzliche

staatliche Förderung beträgt

20 Prozent der Investition, maximal

aber 80 Euro beziehungsweise 160 Euro

pro Jahr.

»Belegschaftsaktionäre sind ein

Erfolgsmotor«

Michael Wolff, Universität Göttingen

»

getragenen War for Talents hinein. Seit

Personalarbeit mehr ist als das Abarbeiten

sich auftürmender Bewerbungsmappen

und Unternehmen sich als attraktive Arbeitgeber

präsentieren müssen, um auf dem

schrumpfenden Bewerbermarkt die Besten

von sich zu überzeugen, setzen sie auf Beteiligungsprogramme

als Köder.

So auch der südbadische Verpackungsproduzent

August Faller. „Bei einer Arbeitslosenquote

von drei Prozent in unserer

Region“, sagt Geschäftsführer Michael Faller,

„wird es immer schwieriger, an qualifizierte

Fachkräfte zu kommen.“ Ein Grund, um

2013 eine Mitarbeiterbeteiligung einzuführen.

Auch in Stellenanzeigen

und Vorstellungsgesprächen will

Faller das Programm zukünftig

als Trumpf einsetzen. Eine Verzinsung

von mindestens vier

Prozent erhalten die stillen Gesellschafter,

sobald das Unternehmen

ein Plus erwirtschaftet.

Thomas Domeyer hat indes erkannt,

dass sich solche Programme

nicht nur auf die Geldbeutel der Arbeitnehmer

auswirken. „Kollegen, die Anteile

halten, arbeiten sorgfältiger und machen einen

Schlag mehr“, sagt der 53-Jährige, der

die Finanzbuchhaltung beim Bauunternehmen

Goldbeck aus Bielefeld leitet und Mitglied

im Partnerschaftsausschuss ist, der die

teilhabenden Mitarbeiter vertritt.

Mittelständler Goldbeck gibt seinen Mitarbeitern

die Möglichkeit, jedes Jahr bis zu

fünf Anteile am Unternehmen zu kaufen –

bezuschusst. Der Zinssatz variiert mit dem

Gewinn – 18 Prozent jährlich erhalten die

stillen Gesellschafter seit 2007. Für Mitarbeiter,

wie Domeyer, die von Anfang an da-

Mehr

Sechs Beteiligungsmodelle

im

Vergleich finden

Sie in unserer

App-Ausgabe

bei sind, macht das schnell ein Plus von

3500 Euro pro Jahr.

Vor 30 Jahren etablierte das Familienunternehmen

das Modell vor allem, um Liquidität

aufzubauen. Heute sieht der Sohn des

Firmengründers und Geschäftsführer Jörg-

Uwe Goldbeck andere Vorteile: „Die Mitarbeiterbeteiligung

ist Ausdruck unserer Unternehmenskultur,

die von Eigenverantwortung

geprägt ist“, sagt der 46-Jährige. „Jeder

trägt mit seinem Handeln zum Erfolg bei.“

Diese Motivation unterstreicht auch Joe

Kaeser. Das Credo des Siemens-Chefs: „Mitarbeiter

treten den Kunden mit Selbstbewusstsein

und Stolz gegenüber, sie bringen

mehr Ideen ein.“ Weltweit halten

140000 Siemensianer Belegschaftsaktien

– 50 Prozent mehr als

noch vor fünf Jahren. Damit sie ihre

vergünstigten Aktien langfristig

halten, setzt der Konzern auf einen

sogenannten Share-Matching-

Plan. Dabei bekommen Aktionäre

für je drei Papiere, die sie drei Jahre

halten, eine Gratisaktie dazu. „Mitarbeiter“,

sagt der Siemens-Chef, „haben

durch ihren Arbeitsplatz ein natürliches

Interesse an nachhaltigem Erfolg.“

An eine Mehrheit bei Hauptversammlungen

sei zwar nicht zu denken, so Vergütungsexperte

Kramarsch. „Aber in kritischen

Situationen, etwa einer feindlichen

Übernahme, könnten die Belegschaftsaktionäre

das Zünglein an der Waage sein.“

Oder Interessenten direkt abschrecken.

„Ein hoher Anteil an Belegschaftsaktionären“,

sagt BWL-Professor Wolff, „ist nicht

nur Erfolgsmotor, sondern auch der beste

Schutz vor feindlichen Übernahmen.“ n

kristin.schmidt@wiwo.de

ILLUSTRATION: DANIEL STOLLE

72 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

SPRENGERS SPITZEN

Blutleer und selbstgerecht

Warum wir den strapazierten Begriff der Wertschätzung neu interpretieren müssen.

Wie heißt die heilige Kuh der

Mitarbeiterführung? Genau:

Wertschätzung. In welche

Führungsleitlinie man auch

schaut, mit welchem Personalmanager,

welchem Betriebsrat man auch spricht:

Dieser Begriff fehlt nie. Mal wird der

„wertschätzende Umgang“ gefordert,

mal gar eine „Kultur der Wertschätzung“

oder die sprachspielerische „Wertschöpfung

durch Wertschätzung“.

Wer etwas prosaischer veranlagt ist,

mag sich mitunter fragen: Verdankt sich

die Konjunktur des Begriffs seiner mangelnden

Kontur? Ist er ein gedankenloses

Passepartout für allgemein Wünschbares?

Oder fehlt es insgesamt an Wertschätzung,

wie die aktuellen Verkaufszahlen

der Chefbeschimpfungsbücher

nahelegen? Es muss ja eine Gesellschaft

der Nicht-Wertgeschätzten sein, die mit

diesem Begriff kollektive Sehnsüchte

sammelt.

Aber, im Ernst, wollen wir wirklich alles

ernst nehmen, nur um der Forderung

nach Wertschätzung zu genügen? Und

um welchen Wert handelt es sich eigentlich,

der da im Unternehmen, unter Vorgesetzen

und Mitarbeitern geschätzt

werden soll?

Verstehen wir soziale Beziehungen in

diesem Kontext als Leistungs-Partnerschaften,

dann schätzen wir eine konkrete

Person, wenn sie ihre Rolle oder Aufgabe

gut ausführt. Wir schätzen den Verkäufer, wenn er gut Umsätze

bringt; den Produktentwickler, wenn ihm ein marktfähiges Produkt

gelingt. Geschätzt wird also Leistung, konkretes Handeln,

Vernunftfähigkeit, Erfolg, das Verhältnis von Geben und Nehmen.

NICHT EINKLAGBAR

Und das ist auch die traditionelle Bedeutung der Wertschätzung:

Sie kommt ursprünglich aus der Ökonomie und wandert erst im

18. Jahrhundert in die Moralphilosophie ein. Sie basiert auf einem

Tausch: Wertschätzung gegen Leistung. Fällt die Leistung weg, fällt

auch die Wertschätzung weg. Dann wird der Wert dessen, was da

angeboten wird, gering geschätzt. Und genau das passiert ja auch

im Unternehmen: Unser Wert wird permanent geschätzt, abgewogen,

beurteilt.

Reinhard Sprenger, 60, Ex-Manager bei 3M

und Adecco, zählt zu den renommiertesten

deutschsprachigen Managementautoren.

»Was ist gewonnen,

wenn wir jemanden

ausnahmslos

so sehen, wie er sich

selbst sieht?«

Ist Wertschätzung aber der Preis in einem

Tauschgeschäft, muss man um diesen

Preis kämpfen. Wertschätzung ist eine

Preis-Verleihung. Man kann sich praktisch

eben nicht wertschätzend verhalten,

ohne dass da ein Wert ist, der von Beobachtern

auf Märkten unterschiedlich geschätzt

wird. Ja, ohne Leistung gibt es keinen

Wert; aber ohne Schätzung eben

auch nicht. Das ist der Kern: Wertschätzung

ist nicht einklagbar.

PASSEN WIR ZUSAMMEN?

Vor diesem Hintergrund läuft die Forderung

nach wertschätzendem Umgang darauf

hinaus, auf die Bewertung des Leistungsbeitrags

eines Mitarbeiters zu verzichten

– sie gleichsam vorbehaltlos anzuerkennen.

Aber kann Zusammenarbeit

enttäuschungsfrei sein? Was ist gewonnen,

wenn wir jemanden ausnahmslos so

sehen, wie er selbst sich sieht?

Das bedeutet auch: Wenn ich mich

nicht wertgeschätzt fühle, habe ich mindestens

eine wertvolle Information – dass

nämlich der Wert meiner Arbeit an dieser

Stelle nicht geschätzt wird und meine Sozialchancen

auf diesem Spielfeld eher gering

sind. Mein selbst definierter Eigen-

Wert ist dann höher als der Wert, den ein

anderer mir zubilligt. Offenbar fürchtet

der andere nicht, dass ich meine Leistungsbemühungen

mangels Wertschätzung

einstelle oder anderweitig anbiete –

weil er ohnehin darauf verzichten kann.

Das heißt: In einer modernen, pluralistischen Gesellschaft, die

von Subjektivität und Individualität, mithin vom Wertkonflikt geprägt

ist, sollten wir die Wertschätzung nicht verstehen als mechanische

Anerkennung dessen, was ist. Nicht als blutleere Selbstgerechtigkeit.

Wir sollten Wertschätzung vielmehr verstehen als Beginn

eines Gesprächs, als Auseinandersetzung um den richtigen

Weg, das Verhandeln unterschiedlicher Erwartungen und unterschiedlicher

Maßstäbe.

Denn das ist doch die entscheidende Frage: Passen wir zusammen?

Oder passen wir nicht zusammen? Und diese ernsthafte

Auseinandersetzung um die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft

darf nicht durch die imperative Forderung nach Wertschätzung

zugekleistert werden.

n

FOTO: LITERATURTEST/SABINE FELBER

74 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Die Lunte

glimmt weiter

SPEZIAL | AKTIEN Die Risiken an den Börsen nehmen zu,

der Dax droht nach unten abzudrehen. Wie Anleger jetzt

ihr Depot sinnvoll vor Rückschlägen absichern.

Die Überraschung ist Wladimir

Putin gelungen: Am Mittwoch

verkündete der russische Präsident,

die ihm wohlgesinnten

Aufständischen in der Ukraine

sollten die Abspaltung des Ostens nicht

weiter vorantreiben; das dafür am 11. Mai

geplante Referendum solle „verschoben“

werden, meint Putin. Politiker in Washington,

Brüssel und vor allem in Kiew reagierten

zurückhaltend; sie trauen dem Braten

noch nicht: echtes Entspannungssignal

oder neuerliche Finte? An der Börse aber

zündete Putins Rede sofort:Seit Tagen hatten

Nachrichten über bürgerkriegsartige

Zustände in der Ukraine den Dax gedrückt;

nun hievte Putin ihn ins Plus.

Vorerst. Die Lage kann jederzeit wieder

eskalieren. Und die politische Nervosität

überträgt sich auf die Anleger. Deutliches

Zeichen dafür ist die Heftigkeit der Kursschwankungen.

Auch charttechnisch gerät

der Dax in unruhigere Gefilde: Der seit

2009 bestehende Aufwärtstrend verliert an

Schwung; die Rückschläge einzelner Aktien

werden gravierender, Zahl und Dynamik

der steigenden Papiere sinkt. Der Dax,

den viele Kommentatoren zur Jahreswende

schon bald jenseits der 10 000 Punkte-

Marke gesehen hatten, hat sich festgelaufen

(siehe Analyse Seite 78), die Anleger

richten den Blick wieder nach unten.

„Viele unserer Kunden meinen, dass die

Hausse jetzt mal eine Pause bräuchte; entsprechend

zögerlich sind sie mit Neukäufen“,

beobachtet Dieter Helmle, Vorstand

von Capitell Vermögens-Management in

Frankfurt. Die Hausse läuft seit März 2009,

geht also in ihr sechstes Jahr. Viele Aktien

sind inzwischen nicht mehr günstig. Die

Vorstände börsennotierter Konzerne sehen

das ähnlich und haben in den letzten

Wochen so viele Aktien ihrer eigenen Firmen

verkauft, wie seit Langem nicht. Diese

sogenannten Insiderverkäufe gelten als guter

Indikator, denn Insider sehen Risiken

oft früher als weniger gut informierte

Marktteilnehmer.

Einiges spricht also dafür, jetzt zumindest

einen Teil seiner Aktien zu verkaufen.

Das Problem: Langfristig gibt es noch mehr

gute Gründe, Aktien zu haben. „Halbwegs

ausfallsichere Anleihen und Tagesgeldkonten

dürften noch auf Jahre hinaus nach

Abzug der Inflation Verlust bringen“, meint

Ralf Zimmermann, Anlagestratege der

Lampe-Bank. Viele Anleger haben auch

noch Aktien aus der Zeit vor 2009, bei denen

abgeltungsteuerfreie Gewinne aufgelaufen

sind. Im Falle eines Verkaufs und

späteren Rückkaufs wäre die Steuerfreiheit

weiterer Gewinne unwiederbringlich verloren.

Nicht zuletzt ist das Timing-Talent,

Aktien rechtzeitig vor einem Einbruch zu

verkaufen und danach günstig zurückzuholen,

nur den wenigsten Anlegern beschert.

Aber es gibt einen dritten Weg:

Aktiendepots lassen sich mit überschaubarem

Aufwand wirksam gegen drohende

Verluste absichern.

»

FOTO: ACTION PRESS/ZUMA PRESS

15.04.2014 +++ Ukraine: Lage eskaliert; Kiew sendet Truppen in den

76 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Blockade

Der Einsatz der Armee in der

Ostukraine bremst weltweit

die Aktienkurse

Osten +++ Dax –1,5 % +++ Dax-Put +14,8 % +++ Depot –0,02% +++

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 77

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

+++ 07.05.2014 +++ US-Notenbank-Chefin Yellen sieht US-Konjunktur optimistisch, Putin brem

land ist der drittwichtigste Handelspartner

der EU, mit einem Anteil von 7,2 Prozent

am Außenhandel. Kursrückgänge von Unternehmen

mit starkem Russlandgeschäft

„sind ein Klacks gegen das, was droht,

wenn es zu drastischen Sanktionen oder zu

einer Spirale aus Sanktionen und Gegensanktionen

mit Russland kommt“, sagt Michael

A. Gayed, Chefanleger des Fondshauses

Pension Partners in New York.

Moskau dürfte auf schärfere Sanktionen

mit Gaslieferstopps reagieren. Die Gaspreise

in Westeuropa würden steigen, die DZ

Bank schätzt: um bis zu 20 Prozent. Ein

russischer Gaslieferstopp und scharfe

Sanktionen der EU könnten die deutsche

Wirtschaft nächstes Jahr mehr als einen

Prozentpunkt Wachstum kosten, schätzt

Stefan Bielmeier, Analyse-Chef der DZ

Bank. „Statt um rund 2,7 Prozent würde

das deutsche Bruttoinlandsprodukt, BIP,

dann 2015 nur noch um 1,5 Prozent wachsen“,

meint Bielmeier. Die japanische Nomura

schätzt den Schaden für Europas

Konjunktur auf 0,7 Prozentpunkte Wachstumseinbuße.

SORGE UM CHINA

Auch ohne Eskalation in der Ukraine drohen

Rückschläge. Sorgen bereitet vor allem

China. Gayed fürchtet, dass dort der Immobilienboom

seinen Zenit überschritten

hat. „Das chinesische Wirtschaftswunder

beruhte zuletzt stark auf einer Ausweitung

der Kreditvergabe, die meisten Kredite

flossen in Immobilienprojekte“, sagt er,

„der Anteil des Wohnungsbaus an der Gesamtwirtschaftsleistung

lag Ende 2012 mit

Verluste drohen vor allem bei einer Zuspitzung

der Ukraine-Krise. Die ließ die

Börsen bisher, von kurzen, heftigen Rücksetzern

abgesehen, weitgehend kalt. Nur

wenige deutsche Unternehmen hängen so

stark am Exportgeschäfts mit Russland wie

der Pharmakonzern Stada (20 Prozent des

Konzern-Umsatzes), die Handelskette Metro

oder Chemiekonzern BASF, bei dem

rund 14 Prozent der Exporte nach Russland

gehen. Doch nur auf direkte Einbußen

zu schauen greift womöglich zu kurz.

Eine Eskalation – Bürgerkrieg oder gar Einmarsch

russischer Truppen in den Osten

der Ukraine – hätte böse Folgen für die europäische

Konjunktur.

Die beginnt zaghaft, sich von der Euro-

Krise zu erholen. Irland, Griechenland und

Portugal konnten wieder Staatsanleihen

verkaufen. Der Internationale Währungsfonds

(IWF) geht davon aus, dass die Euro-

Zone nach zwei Jahren in der Rezession

2014 wieder um etwas mehr als ein Prozent

wachsen wird; in Portugal und Spanien gebe

es erste Hoffnungsschimmer.

Schickte Russland aber Truppen in die

Ukraine, würde der Westen darauf mit

scharfen Wirtschaftssanktionen reagieren.

Neben einem Boykott russischer Rohstoffe

sind auch Exportverbote für westliche Unternehmen

denkbar. Und Europas Banken

haben hohe Forderungen gegen Russland

in den Büchern. 190 Milliarden Dollar Darlehen

und Investitionen wären gefährdet.

Die Volkswirte der DZ Bank gehen davon

aus, dass im Fall harter Sanktionen die

deutschen Exporte nach Russland bis 2015

um die Hälfte einbrechen würden; Russzehn

Prozent auf einem Level, das auch in

anderen Ländern herrschte, bevor deren

Immobilienblasen platzen, etwa Spanien.“

Schulden waren der Motor des chinesischen

Wachstums in den letzten zwei Jahren

– nicht mehr steigende Exporte in den

Westen, der wegen der Finanzkrise weniger

kaufte. Die Kreditvergabe in China geht

nun erstmals seit Jahren stark zurück. Das

nährt die Sorge, dass die Nachfrage nach

Immobilien leiden und die heiß gelaufenen

Preise ins Rutschen geraten könnten.

Abschreibungen auf ausgefallene Hypothekenkredite

bei chinesischen Banken

und Schattenbanken könnten dann eine

ähnliche Hypothekenkrise wie 2008 in den

USA auslösen, fürchtet Gayed.

DIE HAUSSE WIRD ALT

„Die mögliche Belastung für die Weltwirtschaft

durch China wird unterschätzt“,

meint auch Albert Edwards, Anlagestratege

der Société Générale. Edwards fürchtet gar

fallende Preise, also Deflation – nicht nur

für Immobilien, sondern auf breiter Front

in China. Die Gewinne westlicher Konzerne

im Chinageschäft drohten dann zu kollabieren,

folgert er. Denn viele Konzerne

können in China höhere Gewinnmargen

durchsetzen als in ihren Heimatmärkten;

Apple zum Beispiel, das dort für ein neues

iPhone im Schnitt 900 Dollar erlöst, in den

USA nur 700. Ähnlich sind die Relationen

bei VW, BMW und Daimler. Fällt in China

die Nachfrage, kämen die Unternehmensgewinne

doppelt unter Druck.

Die normale Dauer eines Aufwärtszyklus

an den Börsen liegt bei etwa fünf Jahren –

Oben festgefahren

Viermal hat der Dax bisher einen Anlauf in

Richtung 10 000 Punkte gestartet, jedes Mal

kippte er vorher nach unten weg. Dieses Abdrehen

ist ein Schwächesignal. Ein Wunder

ist das nicht, denn allein in den vergangenen

drei Jahren hat sich der Dax verdoppelt und

damit einen Berg an Buchgewinnen aufgehäuft.

Sowohl von der Ausdehnung als auch

von der Dynamik her erinnert der Anstieg dabei

an die großen Aufwärtsbewegungen der

Jahre 2009 bis 2011 und 2005 bis 2007.

Auch da hatte sich der Dax mehrere Monate

lang festgefahren, bevor er nach unten wegbrach.

Noch ist es nicht zum großen Verkaufssignal

gekommen. Dazu müsste der

Dax den 2011 bis 2014 bestehenden Aufwärtstrend

und die Durchschnittslinie der

vergangenen 200 Börsentage schneiden.

Das wäre bei einem Rutsch unter 9000

Punkte der Fall. Dann aber könnte es, wie die

Kursrückgänge 2008 und 2011 zeigen,

schnell gehen. Erstes Ziel wäre die Unterstützung

der alten Hochspitzen bei 8100. Sollte

diese Linie nicht halten, läge die nächste

Unterstützung bei 7500. Im Extremfall, wenn

es zu einer Abwärtsdynamik wie 2008 und

2011 kommt, wäre sogar ein Crash in Richtung

6000 Punkte nicht ausgeschlossen.

Kursverlauf des Dax seit 2005

10

9

Unterstützungen

8

Dax

7

6

5

Aufwärtstrends

200-Tage-Linie

4

3

05 06 07 08 09 10 11 12 13 14

Quelle: Thomson Reuters

78 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


st Separatisten in der Ostukraine +++ Dax +0,6 % +++ Dax-Put –8 % +++ Depot –0,15 % +++

FOTO: CORBIS/ROOKS KRAFT

ihre durchschnittliche Lebenserwartung

hat die aktuelle Hausse

also bereits überschritten. Immer

mehr Anleger bangten, dass die

Party enden werde, sagt David

Kostin, Anlagestratege bei Goldman

Sachs: „Im Prinzip hat in den

letzten Tagen jeder Kunde schon

mal nach Gewinnmitnahmen gefragt.“

Die Kurse haben, global gesehen,

vor Kurzem wieder das Niveau

von vor Beginn der weltweiten

Finanzkrise im Sommer 2008

erreicht. Der Dax notiert sogar gut

1000 Punkte höher als damals,

liegt seit dem Finanzkrisentief im

März 2009 fast 160 Prozent im

Plus.

Klar: Ein Teil davon geht auf das

Konto von Dividenden, die den

Anlegern niemand mehr nehmen

kann. Doch nun verliert die

Hausse an Schwung; dem Dax

droht die Puste auszugehen.

„Zwar halten sich die großen Indizes

wie S&P 500, Dax und Dow

Jones noch gut. Aber darunter finden

starke Bewegungen bei den

einzelnen Aktien statt, vor allem bei den

kleinen“, beobachtet Uwe Wiesner, Portfoliomanager

beim Vermögensverwalter

Hansen & Heinrich in Berlin. Die Warnsignale

mehren sich:

n Viele Wachstumsaktien – also Papiere

mit überdurchschnittlichem Umsatz- und

Gewinnwachstum und hoher Börsenbewertung

– sind von ihren Nachkrisenhochs

in kurzer Zeit stark gefallen. Netflix, Tesla,

oder Twitter sind schon mehr als 30 Prozent

von ihren zwischenzeitlichen Hochs

entfernt, auch Schwergewichte wie Google

und Amazon haben gelitten.

n Bei Nebenwerten gab es besonders starke

Kursrückgänge in den vergangenen Wochen;

der deutsche Index für mittelgroße

Werte, MDax, hat von seinem Hoch Ende

Februar bereits 1000 Punkte verloren, er

lief in den letzten drei Wochen damit deutlich

schlechter als der Dax.

n Die Schwäche vieler kleiner Aktien führt

dazu, dass sich der Anteil der Aktien insgesamt,

die noch steigende Kurse aufweisen,

gegenüber jenen mit fallenden Kursen seit

Beginn des Jahres drastisch verschlechtert

hat. Wenn immer weniger Titel eine

Hausse tragen, droht Gefahr. „In den USA

Harte Hand Anleger fürchten Janet Yellens Geldpolitik

gab es seit März ein regelrechtes Blutbad

bei den kleinen Nebenwerten“, bemerkt

Gayed, „das blieb aber von der breiten Öffentlichkeit

unbemerkt, weil viele nur auf

die bekannten Indizes S&P 500 und Dow

Jones schauen.“

Auch sind Aktien im Durchschnitt nicht

mehr billig. Der Börsenwert der Dax-Aktien

entspricht dem 13-Fachen der von

Analysten für die kommenden zwölf Monate

erwarteten Nettogewinne der 30 Konzerne.

„Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt

zwar nicht weit über dem Durchschnitt der

letzten zwölf Jahre von 11,6“, sagt Zimmermann;

aber die Gewinnschätzungen, besonders

für das erste Halbjahr 2015, seien

zu optimistisch: „Sie dürften im Laufe des

Jahres noch sichtbar nach unten korrigiert

werden. Die Weltwirtschaft wird 2014 und

2015 nicht stark genug wachsen, um die

derzeit angenommenen zweistelligen Zuwachsraten

der Unternehmensgewinne zu

ermöglichen“, sagt Zimmermann.

So rechnen Analysten für das erste Quartal

2015 im Schnitt mit einem Gewinnplus

von 20 Prozent, was die Gewinne nahe an

ihren historischen Bestwert von 2007

brächte. Berechnet man das KGV nicht auf

Basis (unrealistisch hoher) Gewinnschätzungen,

sondern anhand

der bereits verbuchten Gewinne,

trübt sich das Bild ein: Aktien

sind demnach bereits sehr

teuer. So liegt das KGV des Dax

auf Basis der Gewinne von 2013

schon bei 18,3. Noch plastischer

zeigt die hohe Bewertung das

Shiller-KGV, eine Kennziffer, die

der Nobelpreisträger und Yale-

Professor Robert Shiller ersann:

Beim Shiller-KGV dividiert

man den Börsenwert der Unternehmen

durch deren gemittelte,

inflationsbereinigte Gewinne der

letzten zehn Jahre. So werden saisonale

Schwankungen und Fehlprognosen

der Analysten eliminiert.

Das Shiller-KGV des S&P

500 liegt bei knapp 26, der langjährige

Durchschnitt (seit 1920)

ist 16,9. Das Shiller-KGV war allerdings

auch schon einmal bei

45. Doch das war 1999, kurz vor

dem Jahrtausend-Crash. Dennoch:

„So ein Bewertungsniveau

ist crashanfällig“, meint Zimmermann,

„eine hohe Bewertung alleine ist

zwar selten ein Crash-Grund, sie legt aber

die Basis dafür.“

GEWINNMARGEN AUSGEREIZT

Nun braucht es nur noch einen Auslöser;

der könnte die Ukraine-Krise sein oder

auch eine Reihe von Gewinnwarnungen.

Die dürften früher oder später kommen,

denn viele Konzerne arbeiten mit rekordhohen

Margen (Anteil des Gewinns am

Umsatz). Die Margen sind ausgereizt,

durch niedrige Kapital- und Rohstoffkosten,

Sparprogramme und die Lohnzurückhaltung

der Mitarbeiter in den Krisenjahren.

„In den USA, China, Großbritannien

und Deutschland werden die Löhne steigen,

und der Druck durch Rohstofflieferanten

und Zulieferer auf die Gewinnmargen

wird zunehmen“, meint Gayed.

Aktien könnten natürlich auch in die

derzeit hohe Bewertung hineinwachsen.

Da aber die Gewinnmargen ausgereizt

sind, bräuchte es dazu mehr Umsatzwachstum;

das ist – trotz Linderung der

Euro-Krise und relativ starker US-Konjunktur

– in vielen Branchen nicht in Sicht.

Denn die zarte Erholung der Konjunktur

»

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 79

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

+++ 22.04.2014 +++ EZB deutet Anleihekäufe an +++ Dax +1,7 % +++ Dax-Put –13 % +++

»

in den Industrieländern wird konterkariert

durch die Schwäche Chinas und der

anderen Schwellenländer. 2012 und 2013

wurden die Kurse fast nur noch von höheren

Bewertungen getrieben; das heißt, dass

die Anleger an der Börse für denselben

Euro Gewinn eines Unternehmens mehr

bezahlten. Sie gestanden den Aktien also

immer höhere KGVs zu. Dabei geholfen hat

das ultrabillige Geld der Notenbanken:

Weil niedrige Zinsen Anleihen im Vergleich

zu Aktien unattraktiv machen und

die Unternehmen zudem von niedrigen

Kapitalkosten profitieren, wirkte die Geldpolitik

wie Doping auf die Börse. Doch die

US-Notenbank Fed reduziert die Dosis.

Portfoliomanager Wiesner: „Seit Januar hat

die Fed ihre Anleihekäufe aber schon von

85 auf 45 Milliarden Dollar monatlich reduziert;

und die Bilanzsumme der Europäischen

Zentralbank, EZB, hat sich seit

dem Höhepunkt der Euro-Krise halbiert;

lässt EZB-Präsident Mario Draghi seinen

Worten nicht bald Anleihekäufe folgen und

behält die US-Notenbank unter der neuen

Präsidentin Janet Yellen ihr Drosseltempo

bei, dann ist der zusätzliche Kurstreiber

billiges Geld bald nicht mehr existent.“

INSIDER VERKAUFEN

Beunruhigende Signale senden auch die

Unternehmensinsider, also Vorstände und

Aufsichtsräte der Konzerne. Insider wissen

in der Regel schneller und besser über Dinge

wie Auftragseingang, Kostenentwicklung

oder Zinskonditionen Bescheid als

außenstehende Analysten, Volkswirte und

Anleger. Zwar ist die Zahl der Vorstände

und Aufsichtsräte, die privat Aktien der von

ihnen geleiteten Unternehmen verkaufen,

fast immer höher als die der Käufer. Denn

viele Chefs bekommen Aktienoptionen als

Vergütungsbestandteil, die sie in Aktien

»

Wetten, Hoffen, Bangen

Chancen und Risiken der 30 Dax-Aktien, wenn sich die Krisenfaktoren (Russland, China, Weltkonjunktur) zuspitzen

Aktie

Adidas

Allianz

BASF

Bayer

Beiersdorf

BMW

Commerzbank

Continental

Daimler

Deutsche Bank

Deutsche Börse

Deutsche Post

Deutsche Telekom

E.On

Fresenius Med. Care

Fresenius SE

HeidelbergCement

Henkel

Infineon

K+S

Lanxess

Linde

Lufthansa

Merck

Münchener Rückv.

RWE

SAP

Siemens

ThyssenKrupp

Volkswagen

Kurs

(in Euro)

78,05

121,45

82,39

100,80

72,65

88,30

12,03

166,80

65,00

31,09

55,02

27,29

12,49

13,45

48,39

108,70

62,07

84,15

8,64

25,19

54,16

146,20

18,14

122,00

157,60

27,66

55,47

96,83

20,69

191,45

KGV

2014

18

9

14

17

28

10

17

13

11

9

14

16

20

14

13

17

16

20

21

20

21

18

10

13

9

12

16

14

38

9

Dividendenrendite

(in Prozent)

1,7

3,7

3,2

2,1

1,0

2,8


1,5

3,5

2,4

4,2

2,6

5,6

4,5

1,6

0,9

0,8

1,5

1,4

1,0

1,9

1,9


1,4

4,4

3,6

2,0

3,1


1,9

Anlagekommentar

bevorstehende WM bringt kaum Impulse, hoher Russlandanteil führt zu Unsicherheit, Aktie teuer

niedriges Zinsniveau bremst operatives Wachstum, Russlandgeschäft (4500 Beschäftigte) ausgeprägt, Halteposition

großer Asien-Anteil birgt China-Risiko, konjunkturabhängig, Öl- und Gasgeschäft als Ausgleich, vorerst kein Kauf

lukrativer Zukauf bei rezeptfreien Medikamenten, stabile Aussichten bei Pharma, Bewertungsaufschlag möglich, halten

stabiles, wenig konjunkturabhängiges Wachstum, späte Expansion in Schwellenländern, aber Aktie schon gut bezahlt

erfolgreiche Modellpolitik, Währungsabsicherung durch starken US-Markt, konjunkturempfindlich, bei Schwäche kaufen

operative Erholung mühsam, Kapital verbesserungswürdig, riskante, aber nicht aussichtslose Wette auf Banken-Erholung

Zuliefergeschäft mit Assistenzsystemen aussichtsreich, günstige Kautschukpreise treiben Reifen-Marge, Aktie überzogen

Nutzfahrzeuge von Schwellenländern abhängig, milliardenstarkes Russlandgeschäft als Risiko, kein Kauf mehr, halten

Wertpapier-Geschäft schwierig, Behörden fordern mehr Eigenmittel, Kapitalerhöhung dürfte Kurs dämpfen, abwarten

Umsätze steigen bei hoher Volatilität an den Börsen; aber regulatorische und juristische Risiken, vorerst kein Kauf

Gewinner des Online-Booms, wenig krisenanfällig trotz Russlandanteil (3000 Mitarbeiter), Rücksetzer abwarten

Heimatmarkt stabil, US-Mobilfunkgeschäft krisenresistent, Expansion in Osteuropa birgt Risiken, Halteposition

Unsicherheit durch große Abhängigkeit vom Russlandgeschäft (Gaslieferungen, Pipelines, Förderung), kein Kauf

langfristig wenig konjunkturabhängiges Wachstum, jedoch Risiken durch US-Gesundheitspolitik, meiden

starke Position auf dem Gesundheitsmarkt schützt vor Krisen-Rückschlägen, Schulden hoch, Kauf nur bei Schwäche

Branchenfusion kann Zementpreise stabilisieren, hoher Russland-Anteil riskant, Verschuldung drückt, Kurs anfällig

trotz hohen Umsatzanteils in Russland und der Ukraine stabiler Geschäftsverlauf, Bewertung fortgeschritten, abwarten

Chip-Aufschwung läuft, doch Nachfrage großer Kunden aus der Autoindustrie könnte im Krisenfall sinken, halten

weiterhin Risiken am Kali-Markt, Ukraine-Krise macht alte Kartellpreise unwahrscheinlich, Erholung wacklig

noch zu sehr abhäng vom Reifengeschäft, Druck von niedrigen Kautschukpreisen, hoher Asien-Anteil, Aktie teuer

Industriegase-Geschäft wächst langsamer, hoher Umsatz-Anteil in asiatischen Schwellenländern, Aktie halten

Geschäft krisenanfällig, steigender Ölpreis würde belasten, erwarteter hoher Gewinnanstieg unrealistisch, meiden

durch Ausbau des Geschäfts mit der Elektronikindustrie erhöhen sich Asien-Anteil und Konjunkturanfälligkeit, abwarten

Top-Position auf Rückversicherungsmarkt gleicht Preisdruck zum Teil aus, wenig krisenanfällig, Daueranlage

Umbau nach Energiewende mühsam, Verkauf der Fördertochter Dea an russische Investoren umstritten, noch meiden

wenig krisenanfälliges Basisgeschäft, mittelfristig geringere Renditen durch Cloud-Expansion, Kauf bei Schwäche

Kampf um Alstom könnte Renditekurs bremsen, unsicherer Konzernumbau, Russland dürfte halten, dennoch vorerst meiden

Strompreisrabatte helfen bei Stahlproduktion, großes Werk im Krisenland Brasilien belastet, nur Spekulation für Mutige

Unsicherheit durch starkes Geschäft in Russland und China, deutliche Konjunkturabhängigkeit, kein Kauf mehr

Gewinne/KGV und Ausschüttung/Dividendenrendite im Krisenfall nicht (grün), etwas (gelb) oder stark (rot) gefährdet; Quelle: Thomson Reuters, eigene Recherche

80 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

+++ 24.04.2014 +++ Deutsche Bank braucht angeblich 10 Milliarden Euro frisches Kapital; Aktie

»

wandeln und verkaufen. Solchen

Verkäufen müssen keine

schlechten Nachrichten aus den

Unternehmen zugrunde liegen.

Dennoch war das Verhältnis

von Verkäufern zu Käufern bei

US-Unternehmen in den letzten

20 Jahren nur zwei Mal höher als

im April 2014: Anfang 2007 und

Anfang 2011 – also jeweils ein paar

Monate vor einem Kurseinbruch.

Das Warnsignal wird noch deutlicher,

wenn man die Insiderverkäufe

um die Verkäufe aus ausgeübten

Aktienoptionen bereinigt,

wie es Nejat Seyhun, Finanzprofessor

von der University of Michigan,

kürzlich getan hat. Seyhun

studiert das Handelsgebaren der

US-Unternehmensinsider seit

Jahrzehnten, er sagt: „Um Optionen

bereinigt, waren die Insiderverkäufe

seit 25 Jahren nicht mehr

so hoch. Zuletzt hatten wir sechs

Mal mehr Verkäufer als Käufer,

normalerweise liegt das Verhältnis

bei drei.“

In Europa bietet sich das gleiche Turmhohe Schulden Banken brauchen wieder neues Geld

Bild: „Wenn der Markt eine Weile

lang stark gestiegen ist, ist es zwar normal,

dass die Insider vermehrt Aktien verkaufen;

sie verhalten sich traditionell antizyklisch“,

sagt Patrick Hable, Gründer von

2IQ-Research, der aus London die Insider-

Deals europäischer Unternehmenslenker

untersucht. „Im Moment ist das Verhältnis

von Käufern zu Verkäufern aber extrem

niedrig. Auf 100 Verkäufer kommen nur 13

Käufer. Anfang 2014 waren es noch 40 Käufer.

Alles unter 20 ist ein Alarmzeichen“,

warnt Hable.

BESSER ABSICHERN

Anleger, die dennoch nicht verkaufen wollen,

müssen möglichen Rückschlägen aber

nicht schutzlos ausgeliefert sein. Im Folgenden

zeigen wir, wie sich zum Beispiel

ein Depot aus Dax-Aktien im Wert von

50 000 Euro mithilfe von Put-Optionen und

Shortzertifikaten absichern lässt. Die Optionen

gleichen dabei die Verluste der Aktienposition

aus. Die Alternative wäre, seine

Aktien jetzt aus Angst vor einem Crash

ganz oder teilweise zu verkaufen.

Doch das ist tückisch, denn langfristig

gibt es gute Gründe, Aktien zu halten.

n Über lange Zeiträume bieten sie die beste

Chance, die Inflation zu schlagen.

n Nur Aktien gewähren Teilhabe an der

Entwicklung des Produktivvermögens einer

Volkswirtschaft.

n Wer Aktien aber kurzfristig verkauft und

später wieder zurückkauft, hat hohe Kosten:

Bankprovisionen; bei kleineren Werten

auch die hohen Spannen zwischen

Kauf- und Verkaufspreis und vor allem die

Steuereffekte sind mit einzukalkulieren –

nur Kursgewinne auf vor 2009 gekauften

Aktien sind für alle Zeiten steuerfrei.

Vor allem aber ist das Risiko, den richtigen

Zeitpunkt zum Wiedereinstieg zu verpassen,

ziemlich groß. „Viele Anleger haben

schlicht Bedenken, dass sie nach der

Korrektur nicht rechtzeitig wieder in den

Markt kommen – zum Wiedereinstieg wird

bekanntlich keine Glocke geläutet“, sagt

Wiesner von Hansen & Heinrich. Gründe

gibt es also genug, jetzt nicht aus Angst vor

dem Tode Selbstmord zu begehen und das

Depot komplett leerzuräumen.

An dieser Stelle kommen Derivate (von

anderen Papieren abgeleitete Finanzinstrumente

wie Optionen, Optionsscheine

und Zertifikate) ins Spiel. Viele

Anleger setzen Optionen mit Spekulation

gleich. Gerade in turbulenten

Marktphasen wie zurzeit

können diese aber defensiv wirken,

wie eine Art Versicherung.

Sie gleichen Verluste bei Aktien

teilweise aus und schützen so das

Gesamtdepot vor starken Verlusten,

die sonst schwer wieder aufzuholen

wären. Dass dies in der

Praxis funktioniert und auch kein

kompliziertes Hexenwerk oder

übermäßig teuer ist, zeigen die

Beispielrechnungen in der Tabelle

auf Seite 83.

Absicherung – nicht Spekulation

– ist der eigentliche Zweck

von Optionen; dafür gab es sie

bereits im Altertum. Phönizische

Kaufleute etwa sicherten damit

den Wert ihrer Waren, bevor sie

diese über das Mittelmeer schickten.

Die ersten Optionsscheine

heutiger Machart wurden von der

Kayserlich Indischen Compagnie

1728 in den Niederlanden herausgegeben.

Technisch verbrieft eine Option

das Recht, eine Aktie oder auch den Dax zu

einem festgelegten Zeitpunkt und einem

fixen Preis kaufen oder verkaufen zu dürfen.

Wer in sechs Monaten zu einem heute

festgelegten Preis kaufen will, erwirbt eine

Kaufoption (Call), wer zu einem bestimmten

Preis verkaufen möchte, erwirbt eine

Verkaufsoption (Put). Ein Put, der dem Anleger

das Recht gibt, den Dax in sechs Monaten

für 9500 Euro zu verkaufen, wird um

so wertvoller, je stärker der Dax fällt, je

mehr er sich also von den 9500 Punkten

nach unten entfernt.

Wichtig: Formal sind Optionsscheine

(und Zertifikate) Inhaberschuldverschreibungen,

deren Rückzahlung auch von der

Finanzstärke der Emissionsbank abhängt.

Wie bei Anleihen sollten Anleger daher auf

die Bonität der Bank achten, die den Dax-

Put ausgegeben hat. Abzulesen ist diese an

der Prämie, die für eine Versicherung gegen

Kreditausfälle dieser Bank am Markt

gezahlt wird. Banken mit Ausfallprämien

von mehr als 1,5 Prozent sollten Anleger

meiden. Zum Vergleich: Wer sich gegen eine

Pleite deutscher Staatspapiere absichern

will, zahlt nur 0,2 Prozent Prämie.

»

FOTO: ACTION PRESS/PETER VON STAMM

82 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


eißt den Dax mit nach unten +++ Dax –2,1 % +++ Dax-Put +22 % +++ Depot +0,03 % +++

Strategien gegen Dax-Korrektur und Crash

Absicherungen für ein Aktiendepot aus Standardwerten, das bei einem Dax von 9500 Punkten 50 000 Euro wert ist

Szenario und Einsatz

5830 Euro für eine

möglichst komplette

Absicherung gegen

Kursrückschläge, Korrekturen

oder einen

Crash bis Dezember

1428 Euro für eine

kurzfristige Absicherung

gegen Rückschläge

in den nächsten acht

bis zehn Wochen

1159 Euro für eine

Absicherung gegen einen

Crash im Zeitraum

Sommer bis Herbst,

vorübergehende Dax-

Korrekturen werden in

Kauf genommen

Derivate

Shortzertifikate mit

aktuell neunfacher

Hebelwirkung, Knockout-Schwelle

10500

Punkte, Laufzeit bis

18. Dezember 2014,

Kurs 10,60 Euro, ISIN

DE000DT3E1B7

Put-Optionsscheine

mit Restlaufzeit bis 17.

September 2014 und

14-facher Hebelwirkung,

Kurs 0,70 Euro,

ISIN DE000CZ63E23

Put-Optionsscheine

mit Restlaufzeit bis

18. Februar 2015 und

neunfacher Hebelwirkung;

Kurs 0,95 Euro,

ISIN DE000DT12ND1

Funktion

Bei Dax-Korrektur auf 8100 steigt Short

um 13,40 Euro auf 24 Euro; bei Crash

auf 6000 um 34,40 Euro auf 45 Euro;

zum Ausgleich der Crash-Verluste

(18 400 Euro im Aktiendepot) sind 535

Zertifikate notwendig, zum Ausgleich der

Korrektur-Verluste (7350 Euro) ca. 550

Zertifikate: Gesamtaufwand 5830 Euro

Dax-Rückschlag auf 8100 drückt

Depotwert auf 42650 Euro, Put steigt

um 3,60 Euro auf 4,30 Euro 1 ; zum Ausgleich

der Depot-Verluste (7350 Euro)

sind etwa 2040 Puts notwendig: Gesamtaufwand

1428 Euro

Dax-Crash auf 6000 drückt Depotwert

auf 31600 Euro; Put steigt um 15,05

Euro auf 16,00 Euro 2 ; um Aktienverluste

(18400 Euro) auszugleichen, sind etwa

1220 Puts notwendig: Gesamtaufwand

1159 Euro

1 hochgerechneter Kurs bis 15. Juni 2014 inklusive der in Rückschlägen leicht erhöhten Schwankungsbreite (Volatilität); 2 hochgerechneter Kurs bis 15. September 2014 inklusive der in

Crash-Phasen stark erhöhten Schwankungsbreite (Volatilität); Quelle: Banken, eigene Berechnungen

Vorteil

Schutzwirkung steigt

parallel zu den Dax-

Rückgängen gleichmäßig

an; kein Zeitwertverlust

bei Seitwärtsbörse

Enorme Hebelwirkung

von Puts mit

knapper Restlaufzeit

macht kurzfristige Absicherungen

günstig

Bei scharfen Dax-

Rückschlägen gewinnen

Puts wegen der

hohen Schwankungen

(Volatilität) zusätzlich

an Wert

Nachteil

Bei Dax-Anstieg Kursverluste

der Zertifikate

in ähnlicher Höhe wie

mit Aktien; gemessen

am Depotwert, vergleichsweise

hoher

Aufwand

Nur vorübergehender

Schutz, der ab Juli

merklich an Wirkung

verliert; nur geringe

Gewinne bei leichter

Baisse; bei Dax-Anstieg

starke Verluste

Bei Seitwärtsbewegung

deutlicher Zeitwertverlust

der Puts; bei Dax-

Erholungen starker

Kursrückgang

Taktisches Vorgehen

Shortzertifikate bei starken

Dax-Rückschlägen schrittweise

verkaufen; in jedem Fall mit

Stoppkurs versehen (rund 20

Prozent unter dem zuletzt gestiegenen

Kurs), da Zertifikate

bei Dax von 10500 und mehr

wertlos verfallen

Puts bei eingetretenem Dax-

Rückschlag sofort verkaufen;

bei unerwarteter Dax-Erholung

Stoppkurs beachten (etwa bei

0,30 Euro)

Tritt Crash wie erwartet ein,

Puts verkaufen; in Seitwärtsphasen

und bei Dax-Anstieg

Stoppkurs beachten (etwa bei

0,40 Euro)

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

+++ 23.01.2014 +++schwache Konjunkturdaten aus China +++Dax –1,3 % +++Dax-Put +12,4 %

»

Unter den börsengehandelten

andererseits besteht das

Wertpapieren

Aktiendepot ja nach wie vor

gibt es prinzipiell zwei Arten,

die sich für eine Depotabsicherung

– und das macht, wenn die

Zertifikate wegen des steirückschläge

gegen Kursgenden

Dax verlieren, logi-

gut eignen:

scherweise Gewinn.

Shortzertifikate und Put-

Grundsätzlich gilt: Je länger

Optionsscheine. Beiden gemeinsam

ist, dass ihre eigene

Wertentwicklung der des

Basiswertes (also zum Beispiel

der des Dax) diametral

entgegen läuft und sie dazu

eine gewisse Hebelwirkung

entfalten. Das heißt, sie legen

Turmbau zu Hongkong Chinesen kaufen Immobilien – zu fast jedem Preis

und je umfassender der

Schutz gegen mögliche Verluste,

desto teurer. Die Absicherung

sollte daher nicht

für allzu lange Zeit konstruiert

werden; derzeit ist eine

Sicherung über die Sommermonate

sinnvoll (siehe

überproportional zu,

Tabelle Seite 83). „Wer sich

wenn der Dax fällt. Sinkt der Dax an einem

Tag um 1,5 Prozent, so steigt etwa ein Dax-

Put oder ein Dax-Shortzertifikat mit zehnfachem

Hebel um 15 Prozent.

WAS DIE PREISE BESTIMMT

Das ist das grundlegende Wirkprinzip; die

Preisfindung selbst ist – besonders bei Optionsscheinen

– aber komplex, sie hängt

von zahlreichen Variablen ab. Stark beeinflusst

wird sie davon, wie stark der Dax

schwankt. Je stärker die Ausschläge (Volatilität)

sind, desto größer ist die Chance, dass

die Optionswette am Ende aufgeht.

Ein Gewinn wird damit wahrscheinlicher,

das verteuert den Dax-Put. Dieser

verlust ist am Anfang der Laufzeit kaum zu

merken, er beschleunigt sich zum Ende der

Laufzeit aber.

Wird es an den Börsen sehr hektisch,

schwanken die Kurse also stark, bekommen

Optionsscheine kurzfristig einen Extra-Kick.

Idealerweise kauft man die Papiere

also, bevor es sehr unruhig wird, denn

mitten im Sturm sind sie wegen der dann

schon hohen Volatilität der Kurse teurer.

Shortzertifikate haben eine Knockout-

Schwelle. Berührt oder überschreitet der

Dax diese Grenze, verfallen die Papiere

wertlos. Wer Shortzertifikate einsetzt, muss

also genügend Spielraum zwischen dem

aktuellem Dax-Stand und Totalverlustschwelle

kurzfristig gegen einen crashartigen Einbruch

an der Börse wappnen will, fährt mit

hoch gehebelten Put-Optionsscheinen besser

als mit Zertifikaten“, sagt Vermögensverwalter

Helmle, „deren Kursgewinn wäre

dann so groß, dass wenige Stücke genügen.“

Um zum Beispiel ein Depot aus Dax-Aktien

im Wert von 50 000 Euro gegen einen

drastischen Absturz des Dax (hier: auf 6000

Punkte) abzusichern, reichen schon rund

1100 Euro. Wollen Anleger sich nur für wenige

Wochen absichern, fällt der Zeitwertverlust

zudem kaum ins Gewicht. Wer über

einen längeren Zeitraum (sechs Monate

oder mehr) sein Depot komplett absichern

will, sollte Shortzertifikate bevorzugen, die

schwankungsbedingte Aufschlag wird

vorsehen (mindestens zehn Pro-

bei gleichbleibendem Dax-Stand keinen

während der Laufzeit des Scheines sukzessive

kleiner. Optionsscheine büßen deshalb,

unabhängig vom Basiswert, während

ihrer Laufzeit stetig an Wert ein, man

spricht vom Zeitwertverlust. Der Zeitwertzent);

zudem sollte ein Stoppkurs gesetzt

werden, bei dessen Unterschreiten die Papiere

automatisch verkauft werden. Der

Anleger fährt dann mit den Zertifikaten einerseits

einen herben Verlust ein. Doch

Wertverlust erleiden. Diese Absicherungsstrategie

ist aber bei gleichem Depotwert

teurer. In der Tabelle auf Seite 83 hat die

WirtschaftsWoche drei realistische Absicherungsszenarien

durchgerechnet.

ABSICHERN FÜR EINSTEIGER

Hilfreicher Hebel

Gerade weil sie so schnell steigen

können, eignen sich Zertifikate und

Optionsscheine für die Defensive.

A Zertifikate und Optionsscheine sind

abgeleitete (derivative) Wertpapiere, die

in steigenden (als Call/Long) oder fallenden

Märkten (als Put/Short) gewinnen.

A Grundsätzlich ergibt sich der Kurs eines

Shortzertifikats aus der Rechnung

Basispreis minus Basiswert. Beispiel: Ein

Short mit Basispreis 10 500 ist bei einem

Dax (Basiswert) von 9500 Punkten 1000

Euro wert. Der gesamte Dax wird über 100

Zertifikate abgebildet, ein Zertifikat kostet

also 10 Euro.

A Die Hebelwirkung entsteht, weil nur für

die Differenz zwischen Basispreis und

Basiswert Geld eingesetzt wird. Sinkt der

Dax etwa von 9500 auf 8100, wären das

14,7 Prozent minus. Shortzertifikate mit

Basis 10 500 aber steigen dann von 10 auf

24 Euro. Das wären 140 Prozent plus.

A Bei Optionsscheinen hängen die Kurse

zusätzlich von der Volatilität ab. Diese

Kennzahl gibt an, wie heftig die Schwankungen

im Dax sind. Eine steigende Volatilität

macht Optionen teurer. Da Schwankungen

vor allem bei Börsenrückschlägen

und Crashs zunehmen, lohnen sich Puts

hier besonders.

A Wer sein Aktiendepot absichern

will, kann vorübergehend bis zu zehn

Prozent seines Depots in Shorts oder

Puts stecken. Wie bei einer normalen Versicherung

gilt auch hier: Je kurzfristiger

und genauer man sich gegen ein Risiko

schützen will, desto effektiver und

günstiger wird die Depotabsicherung.

FOTO: REUTERS/BOBBY YIP

84 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


+++ Depot +0,06 % +++

DEN RICHTIGEN SCHEIN FINDEN

An deutschen Börsen werden 18 000 Puts

auf den Dax gehandelt. Vier Kriterien bestimmen

die Auswahl.

n Emissionsbank. Über 20 Banken haben

derzeit Puts im Angebot. Marktführerin ist

die Deutsche Bank; ihre Ausfallprämie (0,7

Prozent) signalisiert Sicherheit.

n Laufzeit. Gesucht wird eine Absicherung,

die Rückschläge bis in den Herbst

kompensiert. Da Optionsscheine in den

letzten Wochen vor Fälligkeit stark über

den Zeitwert verlieren, sollte der Schein

mindestens sechs Wochen über den Absicherungszeitraum

hinaus laufen; das

bringt uns Spielraum beim Verkaufszeitpunkt.

Ausgewählt haben wir daher einen

Schein mit Fälligkeit Februar 2015.

n Hebel. Um bei kleinem Einsatz den gewünschten

Absicherungseffekt zu erzielen,

muss der Schein einen großen Hebel haben.

Zwölf Puts haben einen Hebel von 9,3

– ausreichend für unsere Zwecke.

n Basispreis. Unter diesen hoch gehebelten

Scheinen ist jener der beste, dessen Basispreis

möglichst hoch liegt. Der Basispreis

gibt an, wie viel ein Schein am Ende

seiner Laufzeit wert ist. Beispiel: Steht der

Dax bei 9000 Punkten, ist ein Schein mit

Basis 9500 zunächst 500 Euro wert. Da sich

100 Puts einmal auf den Dax beziehen, notiert

der Schein zur Fälligkeit bei 5 Euro.

Während der Laufzeit führt ein hoher Basispreis

bei Puts dazu, dass sie bei Seitwärtsbewegungen

des Marktes etwas weniger

verlieren als Scheine mit niedrigerer

Basis. Der geeignete Put mit dem höchsten

Basispreis (DE000DT12ND1) kostet beim

aktuellen Dax von 9500 Punkten 0,95 Euro.

Gut 1200 Stück reichen für unsere Zwecke

(siehe Tabelle Seite 83, unterste Zeile).

Gerade die Absicherung gegen einen extremen

Kursrutsch ist nicht teuer. Und sie

hat, neben dem monetären, auch einen

psychologischen Effekt: Anleger können

dem hektischen Treiben der Börse den

Sommer über wieder gelassener zusehen.

Fast so gelassen, wie in den Fünfzigerjahren,

als in den USA das Börsenmotto „sell in

May and go away (over the summer)“ entstand.

Damals verkauften Broker noch im

Mai, um acht oder neun Wochen Sommerfrische

an der See verbringen zu können –

ohne dabei von verängstigten Kunden gestört

zu werden. Ach, gute alte Zeit. n

stefan.hajek@wiwo.de, anton riedl

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 85

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Tausend auf

einen Streich

STEUERHINTERZIEHUNG | Deutsche Fahnder wollen jetzt Schwarzgeld-

Anleger schnappen, die ihr Geld früh aus der Schweiz abgezogen

oder besonders clever versteckt haben. Wer muss zittern?

»Liebe Schweizer!

Bitte liefert uns innerhalb eines Jahres die

Namen aller Bankkunden, die in unserem

Land steuerpflichtig sind und außerdem

die folgenden beiden Kriterien erfüllen:

l Sie parken mehr als eine Million

Schweizer Franken auf einem Konto bei

Eurer Großbank UBS (oder sie verwalten

ihr dortiges Konto über eine Offshore-

Gesellschaft – dann spielt das Anlagevolumen

keine Rolle).

l Sie kassieren bei der UBS Kapitalerträge

von mindestens 100 000 Euro pro Jahr.

Hochachtungsvoll,

Barry B. Shott, Internal Revenue Service

(IRS), Vereinigte Staaten von Amerika.«

Dies war der – frei übersetzte – Wortlaut

der berühmtesten Gruppenanfrage aller

Zeiten, mit der sich die USA 2009 die Namen

von 4450 amerikanischen UBS-Kunden

besorgten. Ein wahrer Coup, denn bis

dahin hatten die diskreten Schweizer nur

Bankdaten geliefert, wenn ausländische

Fahnder einen Namen nennen und ihren

Verdacht detailliert begründen konnten,

aber nie, wenn pauschal einfach eine

Gruppe unter Verdacht gestellt wurde.

Doch nach massivem politischem Druck

aus Washington lieferten sie plötzlich Tausende

ans Messer, nur auf Basis eines Verhaltensmusters,

das für Hinterziehung

spricht. Mit einer einzigen Anfrage

schnappte der IRS somit Scharen von Hinterziehern

– ganz ohne lästige Vorermittlungen

gegen einzelne Verdächtige. Kein

Wunder, dass deutsche Steuerfahnder damals

neidisch gen Übersee blickten.

Doch inzwischen können sie ihren US-

Kollegen nacheifern: Bereits im Februar

2013 hat sich die Schweiz verpflichtet, auch

Gruppenanfragen aus Deutschland zu beantworten.

Allein, passiert ist seither

nichts. Während Politiker vollmundig den

Kampf gegen Steuerhinterzieher ausgerufen

haben, bleibt eines der effektivsten Instrumente

ungenutzt.

DER COUNTDOWN LÄUFT

Die Finanzbehörden geben sich bei Fragen

nach dem Timing und dem Stand der Vorbereitungen

zugeknöpft. Das für Gruppenanfragen

zuständige Bundeszentralamt für

Steuern (BZSt) in Bonn verweist auf das

Bundesfinanzministerium (BMF), das aber

kann derzeit „leider keine Stellung nehmen“.

Nach Informationen aus der Finanzverwaltung

werden die Vorbereitungen jedoch

bald abgeschlossen sein. Vertreter

der Bundesländer und des BZSt haben

demnach in einer Arbeitsgruppe bereits

mehrere Entwürfe für Gruppenanfragen

erstellt. In Kürze soll entschieden werden,

welcher zuerst nach Bern geschickt wird.

„In Berlin will man sichergehen, dass der

erste Schuss ein Treffer ist“, erklärt ein Beamter

das langwierige Prozedere. Eine

Gruppenanfrage sei schließlich eine heikle

bilaterale Angelegenheit, da wolle niemand

ein Nein der Schweiz riskieren.

Denn trotz der prinzipiellen Kooperationsbereitschaft

der Schweiz ist klar: Ein

Selbstläufer ist die Sache nicht. Die Eidgenossen

betonen, dass sie rasterfahndungsähnliche

Anfragen ins Blaue hinein nicht

beantworten werden. Ein bisschen Bankgeheimnis

soll doch noch bleiben.

Deshalb wurden im neuen Schweizer

„Steueramtshilfegesetz“ vom 21. März

2014 die Vorgaben für Gruppenanfragen

präzisiert. „Demnach müssen die deutschen

Behörden das verdächtige Verhaltensmuster

detailliert beschreiben und

nachvollziehbar begründen, warum dieses

Verhalten ein Indiz für Steuerhinterziehung

ist“, erklärt Marcus Hornig, Leiter

Private Clients bei der Kanzlei WTS in

Düsseldorf.

Das Problem: Wann genau die Schweizer

diese Vorgaben als erfüllt ansehen,

weiß niemand. „Uns werden sie nicht so

Verpfiffen UBS (hier: Hauptsitz Bahnhofstrasse

Zürich) lieferte 4450 Kundennamen

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA/KEYSTONE/MARTIN RUETSCHI, CARO FOTOAGENTUR/ANDREAS RIEDMILLER

86 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


ereitwillig Auskunft geben wie den Amerikanern“,

vermutet ein Beteiligter. Deshalb

laute die Vorgabe aus dem BMF, zunächst

„absolut wasserdichte Anfragen“ zu stellen

und sich erst danach „weiter vorzutasten“.

Aber an welche Verhaltensmuster denken

die Beamten? Wer muss befürchten,

durch Gruppenanfragen aufzufliegen?

Klar ist, dass Steuerfahnder nun auf breiter

Front all jene schnappen wollen, die

sich gegen eine Selbstanzeige entschieden

haben und stattdessen versucht haben, ihr

Schwarzgeld besser zu verstecken.

MANTEL DES SCHWEIGENS

Zum Beispiel in Versicherungsmänteln.

Die Strategie funktionierte in der Vergangenheit

so: Banken boten Kunden an, ihr

Depot in eine Lebensversicherung einer

kooperierenden Assekuranz einzubringen.

Dadurch fielen keine laufenden Erträge

mehr an, schließlich werden Zinsen und

Dividenden bei Lebensversicherungspolicen

erst am Laufzeitende ausgeschüttet.

Keine Erträge bedeutet aber auch: keine

Hinterziehung. Nach Ablauf der zehnjährigen

Verjährungsfrist sei das Schwarzgeld,

so das Versprechen, somit weißgewaschen.

Bis 2005 war zudem die Ablaufleistung

nach deutschem Recht steuerfrei.

„Diese Strategie wurde speziell für Steuerhinterzieher

konzipiert und eifrig genutzt“,

sagt Steuerberater Hornig. Er vermutet

deshalb, dass die Behörden in ihrer

ersten Gruppenanfrage nach den Namen

deutscher Bankkunden fragen, „die ein

Wertpapier-Depot in Versicherungsmäntel

bestimmter Anbieter eingebracht haben“.

Eine solche Anfrage, meint Hornig,

wäre zulässig, weil Versicherungsmäntel

„ein starkes Indiz für Steuerstraftaten“ seien.

Dass der Fiskus solche Modelle bevorzugt

ins Visier nimmt, legt eine Stellungnahme

des BMF gegenüber der WirtschaftsWoche

nahe. Anlass für eine Gruppenanfrage

könne ein Modell sein, „das

von Anlegern zur Verschleierung von Einkünften

genutzt werden kann“, heißt es.

Allerdings dürfen Fahnder in der

Schweiz nur nach Vorgängen ab dem 1. Februar

2013 fragen. Wer sein Depot schon

vorher ummantelt hat, geriete durch eine

Gruppenanfrage also nicht ins Visier – vorerst

zumindest. „In Zukunft könnte die Finanzverwaltung

aber fragen, welche deutschen

Kunden Abschlusszahlungen aus einem

Versicherungsmantel erhalten“, sagt

Hornig. Selbst nach zehn Jahren Laufzeit

wären Steuervergehen dann nicht verjährt.

Zwar werden Anlegern in dieser Zeit keine

Erträge gutgeschrieben. Aber die deutschen

Finanzbehörden erkennen Lebensversicherungsmäntel

nicht an – und behandeln

Anleger deshalb so, als würden sie

die Kapitalerträge direkt einstreichen.

Eine weitere Gruppenanfrage dürfte jene

betreffen, die sich geweigert haben, ihrer

Schweizer Bank einen Steuernachweis vorzulegen.

Seit 2013 haben Schweizer Banken

alle ihre deutschen Kunden aufgefordert

zu belegen, dass sie Kapitalerträge in

der Heimat versteuern. Wer sich weigere,

so die Banker, fliege raus. „Eine Weigerung

Endstation Schließfach Seit 1. Februar

2013 nicht so sicher, wie mancher glaubt

Wer vor Februar

2013 sein Konto

abräumte, könnte

davonkommen

wäre ein klares Indiz für Hinterziehung

und damit ein zulässiger Anlass für eine

Gruppenanfrage“, sagt Hornig. Damit wird

es eng für alle, die ihr Geld in vermeintlich

sichere Gefilde – etwa nach Singapur oder

Panama – transferiert oder in bar in die

Heimat geschmuggelt haben.

Zahlreichen Kunden ist es gelungen,

Geld abzuheben. Der deutsche Zoll berichtet

aktuell von einem „unglaublichen

Bargeldstrom“ an der Schweizer Grenze.

Zeitweise werde man bei jedem dritten Auto

fündig (WirtschaftsWoche 17/2014).

Hinweise darauf, dass viele Hinterzieher

Bargeld-Reserven in der Schweiz horten,

mehren sich. So finden deutsche Zöllner

bei Reisenden immer öfter Schlüssel von

Bankschließfächern. Die Eidgenössische

Finanzkommission (EFK) kritisiert in einem

Bericht, dass die zwölf „Zollfreilager“ in

»

SELBSTANZEIGE

Strengere

Regeln

Steuerhinterzieher, die sich selbst

anzeigen, werden mehr zahlen.

Voraussichtlich vom Januar 2015 an

müssen Steuerhinterzieher tiefer in die

Tasche greifen, wenn sie ohne strafrechtliche

Konsequenzen davonkommen

wollen. Bund und Länder haben

sich auf die Grundzüge der neuen Regeln

für strafbefreiende Selbstanzeigen

geeinigt. Endgültig beschlossen sind sie

noch nicht. Wichtigste geplante Änderung:

Künftig sollen Steuerhinterzieher

alle Steuervergehen für einen Zeitraum

von zehn Jahren offenlegen. Bislang

reichten in vielen Fällen fünf Jahre.

Damit wird die strafrechtliche an die

steuerrechtliche Verjährung angepasst.

HÖHERE STRAFZUSCHLÄGE

Schon diese Änderung ist für Steuerhinterzieher

eine Hürde. Oft fällt es ihnen

schwer, für einen so langen Zeitraum alle

Unterlagen zu besorgen; die eigenen

Konto- oder Depotauszüge haben die

Steuerhinterzieher meist vernichtet, um

keine Spuren zu hinterlassen. Auf Hilfe

ihrer Bank sollten Steuerhinterzieher

besser nicht bauen, jedenfalls dann

nicht, wenn die in Deutschland sitzt.

Die Finanzaufsicht BaFin hat Banker

verpflichtet, ihre Kunden, die eine Steuersünde

beichten, wegen Geldwäsche-

Verdachts anzuzeigen (siehe Seite 8).

Wer dennoch eine Selbstanzeige

wagt, dürfte bei höheren hinterzogenen

Summen künftig mehr zahlen. Zusätzlich

zu den sechs Prozent Verzugszinsen

pro Jahr soll es gestaffelte Strafzuschläge

geben: ab hinterzogenen

25 000 Euro würden zehn Prozent, ab

100 000 Euro 15 Prozent und ab einer

Million Euro 20 Prozent der Steuerschuld

zusätzlich fällig. Bislang wurden

nur fünf Prozent Strafzuschlag erhoben,

und die auch erst ab hinterzogenen

50 000 Euro. Die absehbare Verschärfung

dürfte Steuerhinterzieher dazu

bringen, noch 2014 reinen Tisch zu machen.

Ein von Finanzpolitikern gezielt

befeuerter Schlussspurt läuft bereits.

niklas.hoyer@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 87

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

»

der Schweiz immer öfter als Depots für

Wertgegenstände und Bargeld genutzt würden.

Diese Freilager sollen es Händlern

möglich machen, Transitware kurzfristig zu

lagern, ohne Zoll und Mehrwertsteuer zu

zahlen. Die EFK fürchtet aber, dass Kunden

dort zunehmend Besitztümer vor dem heimischen

Fiskus verstecken, Vermögen also

über Jahre aufbewahren. Das berge ein „Reputationsrisiko“

für die Schweiz.

Mit anderen Worten: Wenn sich herausstellt,

dass die Freilager Schwarzgeld-Anlegern

als Versteck dienten, wird die Schweiz

erneut unter internationalen Druck geraten.

Bislang haben Steuerfahnder keine

Chance, an Informationen über in Zolllagern

gebunkerte Preziosen zu kommen.

Über eine Gruppenanfrage aber könnte

mancher, der sein Geld in einem Zollfreilager

oder Bankschließfach versteckt oder

bereits erfolgreich am Zoll vorbeigeschmuggelt

hat, doch noch auffliegen –

weil seine Weigerung, einen Steuernachweis

vorzulegen, und die anschließende

Kontoauflösung genau dokumentiert sind.

Vorerst außer Gefahr sind nur Anleger,

die ihr Geld schon vor dem 1. Februar 2013

abgezogen haben – Anfragen, die sich auf

Vorgänge vor diesem Stichtag beziehen,

laufen ins Leere. Gut informierte Steuerhinterzieher,

die früh die Zeichen der Zeit

erkannt haben, könnten davonkommen.

ANFRAGE IN DER SCHUBLADE

Sicher ist kein Geldversteck. Die Schweiz

etwa könnte die Zolllager nach dem EFK-

Bericht zu mehr Transparenz verpflichten.

Singapur hat sich am vergangenen Dienstag

formell zum weltweiten automatischen

Informationsaustausch bekannt, ebenso

wie Luxemburg, die Schweiz und Österreich.

Singapur steht zudem unter massivem

Druck, Gruppenanfragen zuzulassen.

Möglich sind diese bereits auch in Österreich

und Luxemburg. „Die Steuerabkommen

mit beiden Ländern lassen Raum dafür“,

sagt Steuerberater Hornig. Gruppenanfragen

entsprechen seit 2012 dem

OECD-Standard, den Luxemburg und Österreich

akzeptiert haben. Österreich habe

bereits Bereitschaft signalisiert, eine deutsche

Gruppenanfrage zu beantworten,

heißt es in der bayrischen Finanzverwaltung.

Ein Entwurf liege deshalb in der

Schublade. Sicherheitshalber warten die

Beamten nur noch, bis in Österreich das

Amtshilfegesetz in Kraft tritt, das Gruppenanfragen

ausdrücklich erlaubt.

Bereits am 1. Juni könnte es so weit sein. n

daniel schönwitz | geld@wiwo.de

Barron’s

Immer schön flüssig

US-AKTIEN | Wasser wird knapp. Das bietet Chancen für Hersteller

von Pumpen, Rohren und Wasseraufbereitungsanlagen.

Wir stehen vor gewaltigen Umwälzungen,

denn Wasser ist

das Öl des 21. Jahrhunderts“,

schrieb Bank of America Merrill

Lynch im vergangenen Monat in einem

133 Seiten starken Bericht. Die Bankanalysten

bezeichnen den Wassermangel als

„globalen Megatrend“ und meinen, „Investoren

müssen jetzt auf das kostbare

Nass setzen“.

Irgendwie werden wir den Verdacht

nicht los, dass die Bank sich kräftig bemüht

zu sparen. Denn diese Analyse recycelte sie

in den vergangenen Jahren schon einige

Mal. Der Ertrag, den das Thema bisher

gebracht hat, war bisher jedoch eher überschaubar:

Der S&P Global Water Index hat

über die letzten drei Jahre durchschnittlich

eine Rendite von 12,1 Prozent erzielt. Damit

hat er zwar die 9,5 Prozent des marktbreiten

S&P Global 1200 übertroffen, ist

gegenüber den 13,9 Prozent des auf die

USA fokussierten Standard &

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

Poor’s 500 Index jedoch merklich

zurückgeblieben.

Vielleicht sind die Chancen

aber tatsächlich deutlich besser,

als man aus den jüngsten Renditen

schließen würde. Dabei geht

es nicht darum, sich Wasserressourcen

zu sichern (was auch

moralisch ein Problem sein

könnte), sondern um Infrastruktur.

In den USA verfällt die Wasser-Infrastruktur,

da die Kommunen deren Sanierung

aus Budgetgründen ständig aufschieben.

Das hat einen enormen Nachfragestau

nach Rohren, Pumpen und Anlagen

für die Abwasseraufbereitung entstehen

lassen.

MASSENHAFT ROHRBRÜCHE

Wasserrohrbrüche treten heute in den Leitungsnetzen

von Städten wie San Francisco,

Milwaukee und Springfield/Massachusetts

häufiger auf als früher. In den Schwellenmärkten

konsumiert die wachsende

Mittelschicht immer mehr wasserintensive

Produkte, allen voran Fleisch, und fordert

Dinge, die für Amerikaner selbstverständlich

sind, wie etwa sauberes Trinkwasser

aus dem Wasserhahn.

Das Problem bei Themeninvestments

besteht jedoch darin, dass die Aktienrenditen

zum Teil von Faktoren getrieben werden,

die nichts mit dem Thema

an sich zu tun haben. Dazu zählt

insbesondere die Bewertung –

der Preis, den ein Anleger berappt,

ist für den langfristigen Ertrag

ebenso wichtig wie das, was

er kauft. Der S&P Global Water

Index wurde vor Kurzem zu einem

Kurs-Gewinn-Verhältnis

(KGV) von 23 auf Basis bereits erzielter

Gewinne gehandelt, der

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

88 Nr. 20 12.5.14 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


S&P 500 zu 18. Wer in Wasser investieren

will, muss darauf achten, nicht zu viel dafür

zu bezahlen. Zu den Firmen mit Potenzial

zählen Rexnord, HD Supply Holdings,

American Water Works und zwei weitere,

im Folgenden beschriebene.

Unser blauer Planet verfügt zwar über

reichlich Wasser, aber nur 2,5 Prozent davon

sind Süßwasser. Der Süßwasserbestand

ist seit 1970 um 35 Prozent zurückgegangen,

da Grundwasserspiegel gesunken

sind und Feuchtgebiete an Qualität verloren

haben. Gleichzeitig ist der Wasserbedarf

der Landwirtschaft und der Energiewirtschaft

in die Höhe geschnellt. Bis 2030

wird die globale Wassernachfrage das verfügbare

Angebot um 40 Prozent überschreiten.

BESSER ROHRE ALS PUMPEN

Wassermangel wird langfristig das Wirtschaftswachstum

bremsen, sofern die

Staaten nicht mehr Geld in die Abwasserreinigung,

die Meerwasserentsalzung und

den Bau effizienterer Leitungen investieren.

Die Bank of America geht davon aus,

dass Unternehmen, die diesen Bedarf decken,

viele Jahre hindurch überdurchschnittlich

stark wachsen werden.

Investoren müssen jedoch noch weitere

Faktoren berücksichtigen. So sollten Aktienkäufer

jetzt zum Beispiel eher auf Rohrleitungen

denn auf Pumpen setzen, meint

Matt Sheldon, Manager des Fonds Calvert

Global Water, der seit drei Jahren jährlich

12,9 Prozent erwirtschaftet hat. In den letzten

zehn Jahren hat der Fracking-Boom in

der Öl- und Gasförderung die Nachfrage

nach Pumpen getrieben und Unternehmen

wie Flowserve überdurchschnittliche

Erträge beschert. Dessen Aktienkurs hat

sich in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht.

Jetzt hat sich das Wachstum allerdings

verlangsamt, das Papier scheint

ausgereizt zu sein. Flowserve erwartet für

dieses Jahr eine Umsatzsteigerung von weniger

als vier Prozent, das KGV 2014 liegt

bei 19.

Eine Wiederbelebung des US-Häusermarktes

sollte indessen die Ergebnisse jener

Firmen beflügeln, die Bauunternehmen

und Kommunen Leitungssysteme

verkaufen. Sheldon favorisiert Rexnord

(ISIN: US76169B1026), einen Hersteller

von Ventilen, Schleusentoren, Rückstauklappen

und sonstigen wassertechnischen

Produkten. Dessen Umsatz sollte sich im

aktuellen, bis März 2015 laufenden Geschäftsjahr

um sieben Prozent erhöhen.

Die Aktie weist ein KGV von 16 auf.

HD Supply (ISIN: US40416M1053) konnte

den Umsatz mit einer breiten Palette von

Produkten für Bau und Instandhaltung um

acht Prozent steigern und verzeichnete

speziell in der Wassertechnik flottes

Wachstum. Das Unternehmen – eine frühere

Tochter der Baumarktkette Home Depot

– ging im vergangenen Jahr an die Börse

und konnte für das Gesamtjahr bereits

einen Gewinn melden. Die Aktie wird zu

einem KGV von 20 auf Basis der Gewinnprognose

für das laufende Jahr gehandelt,

wobei der Gewinn von einer niedrigen

Ausgangsbasis aus dynamisch zulegt. Auf

Grundlage der Erwartungen für das nächste

Jahr sinkt das KGV auf 13, für 2016 sogar

auf unter 10. Letzten August schrieb Barron’s,

der Aktienkurs werde binnen Jahresfrist

um 20 Prozent anziehen. Seither ist der

Titel – im Gleichschritt mit dem S&P 500 –

um elf Prozent teurer geworden.

Auch Versorger bieten einen Zugang

zum Wasser. American Water Works (ISIN:

US0304201033) ist in den USA das größte

in Investorenbesitz stehende Wasser- und

Abwasserversorgungsunternehmen und

hat Kunden in 40 Bundesstaaten. Für Versorger

stellen die in die Jahre gekommenen

Wasserleitungsnetze nicht nur zukünftige

Kosten, sondern auch künftige Gewinne

dar. Die amerikanischen Regulatoren erlauben

es ihnen nämlich, für Investitionen

in die Infrastruktur nette Eigenkapitalrenditen

einzustecken.

ANREIZ FÜR INVESTITIONEN

In vielen US-Bundesstaaten können die

Versorger den Kunden sogar Aufschläge

berechnen, wenn die tatsächlich realisierten

Renditen hinter den Erwartungen zurückbleiben.

American Water Works sollte

seinen Umsatz dieses Jahr um sieben Prozent

in die Höhe schrauben. Die Aktie ist

zum 19-Fachen des für das laufende Jahr

geschätzten Gewinns zu haben. Janney Capital

Markets empfiehlt die Aktie auch deshalb,

weil sie das Potenzial hat, stabile und

steigende Erträge zu liefern. Die Aktienrendite

liegt bei 2,7 Prozent. Das Management

macht Ausschüttungen vom Gewinn abhängig,

der laut Janney langfristig um sieben

bis zehn Prozent pro Jahr zulegen wird.

Was Schwellenländer betrifft, sieht Bank

of America – wenig überraschend – vor allem

China als besonderen Hoffnungsmarkt

für Investitionen in die Wasserversorgung.

In China entfallen 20 Prozent des gesamten

Wasserverbrauchs auf die dort stark verbreiteten

Kohlekraftwerke. Ihr Anteil könnte

im Lauf der nächsten zehn Jahre 40 Prozent

erreichen. Beijing Enterprises Holdings

(ISIN: HK0392044647) beschäftigt

sich nicht nur mit Mautstraßen, Bier und

Gasleitungen, sondern eben auch mit Wasseraufbereitung

und Abwasser. Die Aktie

notiert zum 18-Fachen des für dieses Jahr

prognostizierten Gewinns. Angesichts des

erwarteten Umsatzwachstums von 16 Prozent

im laufenden und 21 Prozent im

nächsten Jahr wirkt sie damit günstig.

Weil klamme Kommunen Investitionen

aufschieben, verfällt das Leitungsnetz

EXPORTWERTE BEVORZUGT

Um in Schwellenländer zu investieren,

muss man nicht unbedingt Schwellenländeraktien

kaufen, meint Andreas Fruschki,

Manager des Fonds Allianz GI Global Water,

der laut Morningstar bei den Rohstofffonds,

an der Dreijahresperformance gemessen,

unter den besten sechs Prozent

rangiert. Fruschkis Fonds ist nur zu zehn

Prozent in Unternehmen investiert, die in

Schwellenländern ansässig sind. Er investiert

in diese Märkte lieber über globale

Unternehmen, die in die Schwellenländer

exportieren.

Die Spitzenposition des Fonds war zuletzt

Danaher (ISIN: US2358511028), ein

Konzern, der stark von Zukäufen getrieben

wird. Danaher konzentriert sich auf Nischenmärkte,

unter anderem auf Wasseranalyse

und -aufbereitung sowie Testsysteme

für den Einsatz in der Elektronik und

der medizinischen Forschung. Sein Umsatz

soll dieses Jahr um fünf Prozent wachsen.

Die Aktien von Danaher kosten fast das

20-Fache des für dieses Jahr geschätzten

Gewinns. Allerdings erwirtschaftet das Unternehmen

mehr Cash, als der Gewinn vermuten

lässt, da dieser noch durch Belastungen

aus der Vergangenheit gedämpft

wird. Die Aktie kostet weniger als das 17-Fache

des für das laufende Jahr prognostizierten

freien Cash-Flows, ist also ein Kauf. n

jack hough | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 89

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Steuern und Recht

KINDERGELD

Zweitausbildung mit Tücken

Eltern volljähriger Kinder können den Anspruch auf Kindergeld schnell verlieren.

Für volljährige Kinder haben Eltern bis zum 25.

Lebensjahr Anspruch auf Kindergeld, wenn die

sich in Erstausbildung oder Erststudium befinden.

Seit 2012 spielen Einkünfte und Vermögen

des Kindes dabei keine Rolle mehr – eine Vereinfachung.

Doch sobald das Kind in eine Zweitausbildung

wechselt, fällt der Anspruch weg, wenn

es einer „anspruchsschädlichen Erwerbstätigkeit“

nachgeht. Diese muss auf die Erzielung von

Einkünften ausgerichtet sein und mehr als 20

Stunden pro Woche ausgeübt werden. In der

Zweitausbildung befindet sich ein Kind schon,

wenn es einen berufsbefähigenden Abschluss

hat, etwa abgeschlossene Lehre oder Bachelor-

Studium. In einem aktuellen Fall absolvierte ein

volljähriger junger Mann eine duale Ausbildung

RECHT EINFACH | Beleidigung

Gerichtsverfahren wegen Rufschädigung

treiben bisweilen

seltsame Blüten – wie folgende

Beispiele zeigen.

§

Berlichingen. Eine Frau bestellte

in Schwaben ein Taxi

zum Bahnhof. Das Taxi kam

verspätet; der Zug war weg.

Erbost rief die Kundin den Chef

des Taxiunternehmens an: Das

Unternehmen solle sie per Taxi an

ihr Endziel bringen. Der Unternehmer

sagte: „Leck mich am

Arsch“, und legte auf. Die Beleidi-

gungsklage der Kundin wurde abgewiesen.

Der Richter klärte die Dame

auf, dass im „schwäbischen

Sprachgebrauch“ das beanstandete

Götz-Zitat „alltäglich“ verwendet

werde. Es diene dazu, ein Gespräch

endgültig zu beenden oder eine „als

Zumutung empfundene Bitte zurückzuweisen“

(Amtsgericht Ehingen,

2 Cs 36 Js 7167/09).

Pumuckl. Nach einem Drittligaspiel

zwischen SSV Jahn Regensburg

und Carl-Zeiss Jena gerieten in einem

Regensburger Biergarten Fans

als Industriekaufmann mit Bachelor-Studium in

Betriebswirtschaft. Als Azubi war er einem Unternehmen

zugeteilt. Nachdem er die Prüfung zum

Industriekaufmann bestanden hatte, arbeitete er

– parallel zum Studium – 24 Stunden pro Woche

im Unternehmen. Prompt strich die Familienkasse

das Kindergeld: Der junge Mann sei nicht

mehr in der Erstausbildung und arbeite mehr als

20 Stunden pro Woche. Das Finanzgericht Münster

sprach den Eltern trotzdem Kindergeld zu

(4 K 635/14 Kg): Die Ausbildung sei hier erster

Baustein einer dualen Ausbildung. Damit sei die

Überschreitung der 20-Stunden-Grenze egal. Die

Revision ist möglich. Am Bundesfinanzhof läuft

bereits ein ähnliches Verfahren, in dem die Vorinstanz

anders entschieden hatte (XI R 1/14).

beider Vereine aneinander. Eine

Polizistin schaltete sich ein und

wollte schlichten. Statt Dank erntete

sie Spott. „Hat der Pumuckl

heute auch was zu sagen?“,

schrie ein Fan. Der Spruch brachte

ihm zwei Monate Strafe auf Bewährung

wegen Beleidigung

(Amtsgericht Regensburg, 24 Ds

125 Js 16800/12).

LEBENSVERSICHERUNG

Versicherte

sind fein raus

Der Bundesgerichtshof (BGH)

hat Lebensversicherten eine

neue Option eröffnet, wie diese

aus ungeliebten Verträgen aussteigen

können. Prinzipiell

kommt dies für zwischen 1994

und 2007 abgeschlossene Verträge

infrage. Versicherte können

aus diesen fliehen, wenn

sie unzureichend oder falsch

über ihr Widerrufsrecht belehrt

worden sind. Eine gesetzliche

Regel, wonach selbst bei fehlender

Belehrung ein Widerruf ein

Jahr nach Zahlung des ersten

Beitrags unmöglich sei, ist laut

BGH unwirksam (IV ZR 76/11).

Damit könnten Betroffene ihre

Verträge, ob schon gekündigt

oder noch laufend, widerrufen

und müssten Beiträge verzinst

erstattet bekommen. Allein für

den geleisteten Risikoschutz

wären Abzüge eventuell zulässig.

Wie viele Kunden von unwirksamen

Belehrungen betroffen

sind, ist strittig. Der Verband

der Versicherer GDV spricht

von „Einzelfällen“. Verbraucherschützer

gehen davon aus, dass

wenigstens rund 30 Prozent der

Verträge betroffen sind. Kunden

sollten vor dem Widerruf Vorund

Nachteile ihrer Police genau

prüfen. Einmalauszahlungen

aus vor 2005 abgeschlossenen

Policen sind steuerfrei –

ein großer Vorteil.

Disco-Nebel. Trotz Rauchverbots

pafften in einer Erfurter Disco

zwei Männer. Als sich eine Studentin

beschwerte, blies ihr einer

der beiden eine Lunge voll feuchten

Zigarettendunstes ins Gesicht.

Die Studentin warf ihm als Reaktion

ein Glas an den Kopf. Der Raucher

zeigte die Studentin wegen

Körperverletzung an. Vergebens.

Die Richter sahen in der Qualm-

Attacke eine demütigende Ehrverletzung.

Der Glaswurf sei daher

Notwehr gewesen (Amtsgericht

Erfurt, 910 Js 1195/13 48 Ds).

FOTOS: CARO FOTOAGENTUR/SEPP SPIEGL, ACTION PRESS/GEORG MORITZ, PR

90 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


PRIVATKREDIT

Verwandte bekommen mehr Spielraum

Der Vater eines Bäckers gewährte

dem Sohn einen Kredit

über 55 000 Euro. Mit dem Geld

kaufte der Sohn das Inventar

seiner Bäckerei. Auf den Kredit

ohne feste Laufzeit sollten jährlich

acht Prozent Zins anfallen,

die auf den Kredit aufgeschlagen

werden sollten. Der Mann

schenkte die Kreditforderung

dann je zur Hälfte seinen zwei

Enkeln, den Kindern des Bäckers.

Als der Bäcker die Zinslast

als Betriebsausgaben von

der Steuer absetzte, lehnte das

Finanzamt dies ab. Die Kreditkonditionen

seien unüblich

und hielten einem Fremdvergleich

nicht stand. Unüblich

PARTNERSCHAFT

Eine folgenreiche Reise

Ein älteres unverheiratetes Paar

plante eine mehrmonatige Europareise.

Um die Frau für den

Fall seines Todes abzusichern,

übertrug der Mann ihr die Hälfte

eines Sparbriefs von 50 000

Euro. Die Reise fand statt, der

Mann überlebte sie auch – nur

die Beziehung ging kurz darauf

in die Brüche. Nun forderte er

sein Geld zurück. Doch weder

die Frau noch ihr späterer

Nachlassverwalter wollten es

herausgeben. Vor dem Bundesgerichtshof

bekam der Mann

SCHNELLGERICHT

nun recht:Durch den Übertrag

sollte laut Gericht die Beziehung

„zu Lebzeiten bekräftigt

werden“. Da der Übertrag

zweckgebunden war und der

Vorsorgeaspekt mit dem Beziehungsende

wegfiel, stehe dem

Mann das übertragene Geld zu

(X ZR 135/11). Der Prozesserfolg

dürfte ihm praktisch allerdings

wenig bringen: Die beklagte

Ex-Partnerin war bei

ihrem Tod offenbar so verarmt,

dass beim Nachlassverwalter

nichts mehr zu holen ist.

seien zum Beispiel die unbegrenzte

Laufzeit, die jährliche

Hinzurechnung der Zinsen

zum Kredit und der Verzicht auf

Kreditsicherheiten. Doch der

Bundesfinanzhof (BFH) sprach

dem Bäcker den Zinsabzug zu

(X R 26/11). Zwar halte der Kredit

keinem strengen Fremdvergleich

stand. Doch bei der Prüfung

spiele der Anlass der

Kreditgewährung eine wichtige

Rolle. Ein strenger Drittvergleich

sei zum Beispiel nötig,

wenn der Kreditnehmer dem

Kreditgeber das als Kredit ausgezahlte

Geld vorher geschenkt

habe. Solch eine Konstruktion

deutet auf das gezielte Ausnutzen

von Steuervorteilen hin. Ersetzt

der Kredit hingegen sonst

nötige Bankmittel und dient direkt

der Einkünfteerzielung, sei

die Prüfung weniger streng, so

der BFH. In diesem Fall reiche

der Vergleich mit Vertragsgestaltungen,

die bei Geldanlagen

üblich seien. Damit müssten

nur die generellen Chancen

und Risiken wie bei Verträgen

mit Fremden verteilt sein. Das

Bundesfinanzministerium hat

die Finanzbehörden der Länder

Ende April bereits angewiesen,

die Grundsätze dieses Urteils

auf alle vergleichbaren, noch

offenen Fälle anzuwenden

(IV C 6 – S 2144/07/10004).

INTERNET-BESTELLUNG

Einfach

widerrufen

Eine Münchnerin buchte online

einen Schwimmkurs. Sie

änderte dann ihre Meinung

und fühlte ein Stornoformular

aus. Der Anbieter schickte ihr

eine Stornomail, die sie erneut

bestätigen sollte. Das machte

die Frau nicht, sodass der Anbieter

die Kursgebühr forderte.

Zu Unrecht, so das Amtsgericht

München (261 C 3733/14, nicht

rechtskräftig). Eine Bestätigung

extra sei nicht erforderlich.

GOLD-INVESTMENTS

SEBASTIAN MEINHARDT

ist Steuerberater

und

Partner bei

KPMG am

Standort

Frankfurt.

n Herr Meinhardt, aktuelle

Urteile helfen Anlegern, die

spezielle Gold-Wertpapiere

gekauft haben. Wie?

Es war strittig, ob für mit Gold

besicherte Wertpapiere, sogenannte

ETCs, die Steuerregeln

für physisches Gold oder die

Regeln der Abgeltungsteuer

gelten. Die Finanzgerichte

Münster und Sachsen haben

sich nun gegen die Abgeltungsteuer

entschieden. Damit

bleiben Gewinne mit Gold-

ETCs nach einem Jahr Mindesthaltedauer

steuerfrei.

Entscheidend war, dass die

ETCs Anlegern nur den Anspruch

auf Lieferung von physischem

Gold geben, aber keinen

Geldleistungsanspruch

gegenüber dem Emittenten.

n Können sich andere Anleger

auf die Urteile berufen?

Urteile sind generell Einzelfallentscheidungen.

Die unterlegene

Finanzverwaltung kann

auch noch Revision beim Bundesfinanzhof

(BFH) einlegen.

Doch selbst dann würden die

Verfahren anderen Anlegern

helfen, da sie Einspruch gegen

ihren Steuerbescheid einlegen

könnten und das Ruhen

des Verfahrens erreichen, bis

der BFH entschieden hat.

VERMIETER KOMMT NICHT AN DIE KAUTION

§

Vermieter dürfen während eines laufenden Mietverhältnisses

nicht an die Kaution, um daraus ihre

strittigen Forderungen gegen den Mieter zu erfüllen.

Eine entsprechende Mietvertragsklausel ist unwirksam.

Im Urteilsfall hatte ein Vermieter sich nach einer

strittigen Mietminderung einfach einen Teil der Kaution

ausgezahlt (Bundesgerichtshof, VIII ZR 234/13).

ROLLATOR DARF NEBEN HAUSTÜR

§

Eine gehbehinderte Mieterin darf ihren Rollator

neben der Haustür abstellen, solange dadurch

niemand behindert oder beeinträchtigt wird. Der Vermieter

ist zur Duldung verpflichtet (Amtsgericht

Recklinghausen, 56 C 98/13).

GELDAUTOMAT BRICHT FINGER

§

Banken müssen Kunden nicht entschädigen,

wenn die sich am Geldautomaten klemmen. Ein

Mann, der sich den Mittelfinger gebrochen hatte,

ging leer aus. Solange die Bank Wartungs- und Kontrollpflichten

nachkomme, trage sie keine Schuld,

entschied das Landgericht Düsseldorf (6 O 330/13).

ZWEIMAL ABBIEGEN IST RISKANT

§

Fährt ein Autofahrer von einem Grundstück nach

links auf eine Straße und biegt dann erneut links

ab, muss er für die Folgen eines Auffahrunfalls unter

Umständen alleine aufkommen. Es handele sich um

ein gefährliches Fahrmanöver, das erhöhte Sorgfalt

erfordere (Oberlandesgericht Hamm, 9 U 210/13).

n Was ändert sich bei Verlusten

mit Gold-Papieren?

Bei Verlusten könnte die neue

Rechtsauffassung Nachteile

bringen. Nur bei einer Haltedauer

von maximal zwölf

Monaten würden Verluste

berücksichtigt, könnten dann

aber nur mit anderen Spekulationsgewinnen

verrechnet

werden. Bei längerer Haltedauer

würden sie steuerlich

unberücksichtigt bleiben.

WirtschaftsWoche 12.5.2014 Nr. 20 Redaktion: niklas.hoyer@wiwo.de

91

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Was Anleger von

Shortsellern, die auf fallende

Kurse wetten, lernen können.

Von Hauke Reimer

Abgezwitschert

Aktie des sozialen

Netzwerks im Tiefflug

Königsgeier

Shortselling ist die Königsdisziplin

der Börse.

Shortseller leihen

sich Aktien, bei denen

sie mit fallenden Kursen rechnen,

und verkaufen diese. Fallen

die Kurse tatsächlich, kaufen

sie die Aktie zu einem

niedrigeren Preis an der Börse

und geben sie dem Verleiher

zurück. Die Differenz zwischen

Verkaufs- und Rückkaufpreis ist

ihr Gewinn.

Wer von Krisen profitiert, hat

Feinde. Shortseller sind als Aasgeier

verrufen, zeitweise wurden

ihre Geschäfte verboten – zuletzt

Shorts mit Bankaktien. Wie

Geier in der Savanne sind aber

auch die Shorties an der Börse

nützlich. Geier räumen Aas weg,

Shorties korrigieren Übertreibungen.

Verbietet man sie, „wäre

keiner mehr da, der falschen

Optimismus, der immer ins Desaster

führt, bändigen würde“,

sagte der berühmte Spekulant

Bernard Baruch einst.

Wer eine Aktie einfach nur

hält, hat theoretisch unbegrenzte

Gewinnchancen: Die Aktie

kann sich vertausendfachen.

Das Verlustrisiko dagegen ist begrenzt:

Sie kann nur auf null fallen.

Bei Shortsellern ist es andersherum.

Denn wenn die

Kurse der von ihnen verkauften

Aktien nicht fallen, sondern steigen,

drohen ihnen theoretisch

unendlich hohe Verluste.

Shortseller beeindruckt diese

Warnung vor unbegrenzten Verlusten

wenig. „Sie haben viel

mehr Aktien auf null fallen als

unendlich steigen sehen“, spottet

die US-Autorin Kathryn F.

Staley in der Leerverkäufer-

Bibel „The Art of Shortselling“.

Laut Staley bevorzugen Shortseller

seit jeher drei Kategorien

von Aktien:

n Aktien von Unternehmen,

deren Manager Anleger belügen;

n im Kurs grotesk aufgeblasene

Papiere;

n Aktien von Unternehmen, die

von markanten Veränderungen

betroffen sind, wie etwa der Kaliproduzent

K+S nach dem Zusammenbruch

des weltweiten

Kalikartells 2013. K+S gehört

auch aktuell zu den am meisten

geshorteten deutschen Aktien.

CHINA-DESASTER

In die erste Kategorie („Manager

lügen oder reden Risiken klein“)

fallen chinesische Aktien, die

nur in Deutschland an die Börse

kamen. Deren Eigner verkauften

fleißig. Jetzt sind viele zusammengekracht.

Deutsche Behörden

sind machtlos: Die Betrüger

sitzen in China. Die chinesischen

Behörden lässt das kalt:

Betroffen sind ja nur deutsche

Anleger. Die Shorties aber klatschen

in die Hände. Der Hedgefonds

Tiger Global etwa ging

schon 2012 in der China-Aktie

Asian Bamboo short; die verlor

seither 85 Prozent.

Normalanlegern bleiben solche

Wetten verwehrt – sie können

keine geliehenen Aktien verkaufen.

Um auf fallende Kurse

zu setzen, brauchen sie Puts

oder Shortzertifikate. Die bieten

Banken aber nur für große

Aktien an. Für Twitter etwa, die

zu Kategorie zwei („Aktien mit

aufgeblasenen Kursen“) zählen.

Seit unserer Verkaufsempfehlung

(WirtschaftsWoche 5/2014)

hat sich der Kurs halbiert, das

Twitter-Shortzertifikat liegt 180

Prozent im Plus. Die streicht

aber nur ein, wer zeitweise 25

Prozent Verlust aussitzen konnte.

Shorties brauchen, wenn

eine Wette gegen sie läuft, eben

Geduld und starke Nerven.

TREND DER WOCHE

Twitter-Menetekel

14 Jahre nach dem Platzen der ersten Internet-Blase

geht jetzt ihrer Neuauflage die Luft aus.

Nach dem Platzen der Dotcom-

Blase im Jahr 2000 hat die US-

Notenbank Fed die Leitzinsen

bis Mitte 2004 tief gehalten, obwohl

sich die Wirtschaft bereits

drei Jahre vorher wieder erholt

hatte. Das Ergebnis dieser lockeren

Geldpolitik war die US-Immobilienblase

und nach deren

Platzen die weltweite Finanzkrise.

Diese bekämpfte die Fed

mit Billionen Dollar schweren

Käufen von Staats- und Hypothekenanleihen

und einer Nullzinspolitik.

Inzwischen verharren

die Zinsen gar schon mehr

als vier Jahre unten. Jetzt scheint

sich, angesichts der absurd hohen

Bewertungen, die Internet-

Unternehmen unlängst wieder

erreicht haben, der Kreis zu

schließen. „Es wird Blasen geben,

die wir nicht erkennen“,

sagte der ehemalige Fed-Chef

Ben Bernanke. Für die der Internet-Werte

dürfte das nicht gelten.

Indikator schlechthin war

im Februar Facebooks 19 Milliarden

Dollar schwerer Kauf von

50 Mitarbeitern des Messenger-

Dienstes WhatsApp. Doch jetzt

droht auch die Dotcom-Blase

2.0 zu platzen. Nach Ablauf der

Haltefrist für Altaktionäre wurde

in der vergangenen Woche der

Kurznachrichtendienst Twitter

zum Abschuss freigegeben. Angeschossen

nach 30 Prozent

Kursverlust in diesem Jahr

ist auch die Aktie des Online-

Händlers Amazon. Dessen

chinesisches Pendant Alibaba

wird sich also beeilen müssen,

damit es noch was wird mit dem

gerade angekündigten Gang an

die New Yorker Börse.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 8.5.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9607,40 ±0 +16,5

MDax 16293,92 +1,3 +18,0

Euro Stoxx 50 3204,30 +0,2 +15,1

S&P 500 1888,16 +0,2 +15,6

Euro in Dollar 1,3953 +0,7 +6,2

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,45 –0,02 2 +0,17 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,61 +0,01 2 +0,83 2

Rohöl (Brent) 3 107,28 –0,1 +2,0

Gold 4 1287,00 +0,7 –13,9

Kupfer 5 6690,50 +0,3 –8,7

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 928,44 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, REUTERS/BRENDAN MCDERMID, CORBIS/XINHUA PRESS/PAN CHAOYUE

92 Nr. 20 12.5.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


DAX-AKTIEN

Teuer und wertvoll

Auf seinem Weg zum Pharmakonzern kommt Bayer

einen wichtigen Schritt weiter – gut für die Aktie.

HITLISTE

Scheinreich

In Dubai tobt der

Spekulanten-Mob

Rund zehn Milliarden Euro

für das Geschäft mit rezeptfreien

Medikamenten der

amerikanischen Merck sind

ein hoher Preis: Bayer zahlt

mehr als das Sechsfache des

Jahresumsatzes der Merck-

Sparte (1,6 Milliarden Euro).

Damit liegt der Preis um 50

Prozent über dem, was in der

Branche für die mögliche

Übernahme des britischen

Konkurrenten AstraZeneca

derzeit im Gespräch ist. Immerhin,

mit rund 30 Prozent

operative Rendite sind die

von Merck zugekauften Geschäfte

rentabler als Bayers eigene

Sparte Consumer Health

(24 Prozent operative Rendite).

Zudem kann Bayer mit Steuervorteilen

rechnen, mit wechselseitigen

Einsparungen und

damit, dass der eigene Vertrieb

mit neuen Medikamenten von

Merck zusätzliche Umsätze hereinholt.

Unterm Strich wird

sich nicht nur Bayers Nettogewinn

schon ab 2014 erhöhen;

Bayer wird immer mehr als reine

Pharma-Aktie angesehen.

Das lässt die Bewertung steigen.

EXOTENBÖRSEN

Gier und Angst

Steigende Börsenkurse signalisieren nur selten

ökonomische Prosperität.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio.€) rendite

(%) 1

Dax 9607,40 ±0 +16,5

Aktie

Stand: 8.5.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 78,05 +1,5 –7,8 4,33 5,25 15 16329 1,73

Allianz 121,45 –2,7 +3,4 13,57 13,86 9 55375 3,71

BASF NA 82,39 –1,2 +11,9 5,92 6,55 13 75673 3,16

Bayer NA 100,80 +0,8 +21,0 6,10 6,85 15 83356 2,08

Beiersdorf 72,65 +0,5 +3,5 2,56 2,85 25 18308 0,96

BMW St 88,30 –2,1 +24,3 8,68 9,12 10 56921 2,83

Commerzbank 12,03 –6,1 +50,5 0,71 1,15 10 13696 -

Continental 166,80 –1,2 +67,8 12,59 14,29 12 33361 1,50

Daimler 65,00 –2,6 +49,2 5,93 6,93 9 69513 3,46

Deutsche Bank 31,09 –2,1 –15,6 3,47 4,86 6 31688 2,41

Deutsche Börse 55,02 +4,2 +14,3 3,84 4,25 13 10619 4,18

Deutsche Post 27,29 +0,6 +42,3 1,70 1,90 14 32994 2,57

Deutsche Telekom 12,49 +3,4 +30,7 0,63 0,71 18 55595 5,60

E.ON 13,45 –2,4 +1,6 0,94 0,98 14 26913 4,45

Fresenius Med.C. St 48,39 –2,4 –8,8 3,64 4,07 12 14881 1,55

Fresenius SE&Co 108,70 –0,8 +13,7 6,34 7,29 15 24532 0,87

Heidelberg Cement St 62,07 –0,7 +9,0 3,97 5,02 12 11638 0,76

Henkel Vz 84,15 +4,8 +11,7 4,29 4,68 18 34498 1,45

Infineon 8,64 +3,1 +29,0 0,41 0,51 17 9339 1,39

K+S NA 25,19 –0,1 –27,4 1,29 1,39 18 4821 0,99

Lanxess 54,16 –1,2 –3,0 2,56 4,00 14 4506 1,85

Linde 146,20 –2,2 –1,2 8,37 9,29 16 27142 1,85

Lufthansa 18,14 +0,3 +13,8 1,90 2,94 6 8343 -

Merck 122,00 +0,4 +1,0 9,17 9,50 13 7884 1,39

Münchener Rückv. 157,60 –5,3 +4,0 17,17 17,64 9 28264 4,44

RWE St 27,66 +0,6 –0,2 2,37 2,28 12 16752 3,62

SAP 55,47 –4,4 –11,7 3,42 3,75 15 68145 1,98

Siemens 96,83 +1,9 +23,5 6,73 7,57 13 85307 3,10

ThyssenKrupp 20,69 +0,8 +40,7 0,54 1,18 18 10642 -

Volkswagen Vz. 191,45 –1,4 +20,9 21,95 24,60 8 88332 1,86

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Gier und Angst treiben die

Kurse an vielen Exotenbörsen.

In Dubai etwa, wo 2009

eine Schuldenkrise ausbrach,

hat sich schon die nächste

spekulative Blase gebildet.

In der Ukraine dagegen flüchten

Sparer aus der Heimatwährung

Leu in Aktien, um so

zumindest einen Teil ihrer

Ersparnisse über die Runden

zu bringen.

Wie sich d