Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-05-26 (Vorschau)

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22

26.5.2014|Deutschland €5,00

2 2

4 1 98065 805008

Serie: Zukunft der Industrie

Die Jagd nach dem Superding

Die vier Ringe im Krieg

Audi stellt sich seiner NS-Geschichte

Lebensversicherung

im Zins-Tief

Abschließen? Halten? Kündigen?

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Was schafft Inflation? Wie wird die Währung weich?

Die Europäische Zentralbank sucht nach neuen

Wunderwaffen für den Euro-Sieg. Von Roland Tichy

Die Zero-Zins-Zauberei

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Die neueste Zauberformel des

Geldmagiers Mario Draghi heißt

„negativer Zinssatz“. Vereinfacht:

Wer zukünftig Geld spart

oder anlegt, wird nicht mehr mit Zinsen

belohnt, sondern mit einer Strafgebühr,

dem negativen Zinssatz, abkassiert. Bei

solchem Teufelswerk braucht man schon

einen starken Zaubertrank, der die Menschen

zum Mitmachen verführt. Denn

freiwillig trägt niemand sein Erspartes zur

Bank, damit es dort weniger wird. Deshalb

schwören Draghi und seine Geldzauberer

aus der Europäischen Zentralbank

(EZB) seit Monaten die Fachwelt auf einen

raffinierteren Plan ein, der voraussichtlich

auf der nächsten Sitzung des

Zentralbankrats am 5. Juni – passend

nach der Europawahl – vorgestellt wird.

Dann wird voraussichtlich der Leitzins

von derzeit 0,25 Prozent auf 0,1 Prozent gesenkt.

Dann rutschen die Zinsen; für Sparbuch

oder Tagesgeld gibt’s dann auch nur

noch wenige Cent knapp über der Nulllinie

– noch kein Nullzinssatz, aber auch kein

Anreiz mehr zum Sparen. Der harte Negativzinssatz

ist für jene 100 Milliarden vorgesehen,

die die Banken bei der EZB parken,

weil sie vorübergehend dafür keine Abnehmer

finden. Dafür könnte dann eine

Strafgebühr von 0,1 Prozent kassiert werden.

Offiziell wird das damit begründet,

dass die Banken ja schließlich Kredite an

die Wirtschaft vergeben sollten, statt völlig

risikolos Geld bei der EZB anzulegen.

Die geheime Hoffnung der EZB-Geldkünstler

ist aber eine andere – die Banken

sollen stattdessen etwa italienische Staatsanleihen

kaufen oder ihr Geld in New York,

Südamerika oder sonstwo anlegen. Wenn

sie Staatsanleihen der südeuropäischen

Pleitestaaten kaufen, helfen sie deren Regierungen,

die ständig weiter wachsende

Staatsverschuldung zu finanzieren. Ebenso

chic ist es, wenn sie Euro in Dollar oder

Real tauschen: Das drückt den Wechselkurs

des Euro, und das wünschen sich die

Wirtschaftspolitiker in ganz Europa. Denn

ein niedriger Euro-Kurs verbilligt Exporte

und verteuert Importe. Das stützt die europäische

Exportwirtschaft – und importiert

Inflation, wenn Rohstoffe, Energie und

Konsumgüter bezahlt werden müssen.

Und genau darauf will Draghi hinaus:

Nichts fürchtet er so sehr wie stabile Preise.

Die EZB hat eine zweiprozentige Geldentwertung

als Normalfall definiert; derzeit

schrumpft die Kaufkraft des Geldes in

Deutschland aber nur um 1,3 Prozent. Die

Preise steigen derzeit nur bei Immobilien;

hier bläht sich eine gewaltige Immoblase

auf. Stabile Preise sind der Feind der Finanzminister,

die ihren gewaltigen Schuldeneisberg

vor sich herschieben: Ein kräftiger

Schuss Inflation, und der Gegenwert

der Staatsverschuldung schmilzt dahin.

Der ganze EZB-Zauber aber kann über

eine Tatsache nicht hinwegtäuschen: Die

Wirtschaft in den südeuropäischen Krisenländern

braucht keine Kredite: weil sie zu

wenig Geschäfte und Geschäftsideen hat,

und das kann noch so viel geldpolitische

Magie nicht ändern. Die EZB versucht darüber

hinwegzutäuschen, dass die

schlechte Verfassung und ausbleibende

Reformen die Wirtschaft in Italien und

Frankreich in die Knie zwingt – nicht ein

paar Zehntelprozent an Zinsen. Seine Zauberkunststücke

aber peitschen das Geldsystem

weiter in die Unseriosität, mit seinem

billigen Geld schummeln sich die

Regierungen in Rom und Paris an Reformen

vorbei. Schon 1967 kämpfte der damalige

Wirtschaftsminister der Großen Koalition,

Karl Schiller, für die Zinssenkung

mit dem Argument: „Die Pferde müssen

saufen.“ Ob es eine „Inflation nach Maß“

geben kann, titelte damals zweifelnd „Der

Spiegel“. Bald galoppierte die Inflation.

Nicht die Pferde.

CHEFWECHSEL BEI DER WIWO

Im Herbst wird Miriam Meckel die Chefredaktion

der WirtschaftsWoche übernehmen.

Meckel ist Direktorin des Instituts

für Medien- und Kommunikationsmanagement

der Universität St. Gallen und als frühere

Sprecherin des Ministerpräsidenten

von Nordrhein-Westfalen bekannt geworden

(siehe Seite 16). Bitte übertragen Sie das

mir entgegengebrachte Vertrauen auf meine

Nachfolgerin.

n

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 5

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

8 Seitenblick Netflix – der Angstgegner

10 Siemens: Tausende Jobs fallen weg

11 Mobilfunk: Vierter Anbieter für Deutschland

gesucht | IBM: Heimlicher Jobabbau

12 Interview: Hongkongs Vize Carrie Lam über

eine Start-up-Initiative der Sonderzone

13 Strenesse: Rettung in Sicht | Beuys-Sammlung:

Machtkampf um Kunstschatz | Drei

Fragen zur Zuwanderung

14 Kalte Progression: Mehr Transparenz

gefordert | Taxi I: Mittel gegen Mindestlohn |

Taxi II: Protesttag gegen Uber

16 Chefsessel | Start-up Marita Huurinainen

18 Chefbüro Norbert Walter-Borjans,

Finanzminister von Nordrhein-Westfalen

Politik&Weltwirtschaft

20 Außenhandel Warum das TTIP-

Abkommen Jobs und Wohlstand schafft

28 Interview: Barbara Hendricks Die Umwelt-

und Bauministerin über bezahlbares

Wohnen und die Endlagersuche

32 Russland Die Gaslieferungen nach China

sind für Moskau ein schlechtes Geschäft

33 Saudi-Arabien Das Königshaus steht vor

einer Zerreißprobe

36 Forum Rafael Seligmann über die Schwäche

des Westens

37 Global Briefing | Berlin intern

Titel Was tun mit der Police?

Bei Lebensversicherungen drohen

ab dem Sommer harte Einschnitte,

die Niedrigzinsen fordern ihren

Tribut. Höchste Zeit für einen Vertrags-Check:Abschließen?

Halten?

Kündigen? Wir zeigen, was Ihnen

am meisten bringt. Seite 78

Die Erblast der Auto Union

Die VW-Tochter Audi hat die NS-Vergangenheit aufgearbeitet. Die

Forschung belegt: Der frühere Vorstandschef Richard Bruhn (2. v. r.)

setzte KZ-Häftlinge skrupellos als Zwangsarbeiter ein. Seite 44

Der Volkswirt

38 Kommentar | New Economics

39 Deutschland-Konjunktur

40 Nachgefragt: Axel Honneth Der Direktor

des Frankfurter Instituts für Sozialforschung

über die Folgen von Ungleichheit

42 Denkfabrik Rolf Langhammer über die Folgen

einer Zinsfreigabe für Chinas Wirtschaft

Unternehmen&Märkte

44 Audi Der neue Blick des Autobauers auf

seine dunkle NS-Vergangenheit

50 Deutsche Bank Wer ist Colin Fan, der Chef

der umstrittenen Investmentsparte?

52 Interview: Stephanie Mair-Huydts Die Chefin

des größten deutschen Reisebuchverlags

MairDuMont entdeckt chinesische Touristen

54 ThyssenKrupp Endet der Verkauf der

U-Boot-Töchter in einer deutsch-französischen

Allianz?

55 Burger King Dem umstrittenen Franchisenehmer

Ergün Yildiz droht der Rauswurf

56 Veolia Der französische Versorger leidet

unter seinen Problemen in Deutschland

58 Serie Zukunft der Industrie (III) Konzerne

suchen mit Start-ups den großen Erfolg

Technik&Wissen

64 Raumfahrt Die Tage der Internationalen

Raumstation sind gezählt. Unternehmen

auf der ganzen Welt arbeiten daran,

Forschung im All preiswerter zu machen

Auf der Kippe

Das Transatlantische

Freihandelsabkommen TTIP

ist als Ökokiller in Verruf

geraten. Nun wollen Politiker

und Unternehmer – wie

Evelyn Dornseif – die Vorteile

für Arbeitsplätze und

Wohlstand herausstreichen.

Seite 20

TITELILLUSTRATION: CHRISTOPH NIEMANN

6 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 22, 26.5.2014

Teure Reise ins Weltall

Diese Woche fliegt ein deutscher Astronaut zur

Internationalen Raumstation ISS. Dabei ließe sich

deutlich billiger im All forschen. Seite 64

68 Stammzellen Ein Kind starb durch eine

dubiose Zelltherapie. Doch die Drahtzieher

machen weiter

69 Valley Talk

Management&Erfolg

70 Top-Manager Wie die neue Wirtschaftselite

tickt. Ein Psychogramm

76 China Warum deutsche Führungsmethoden

bei Chinesen nicht funktionieren

FOTOS: SZ PHOTO, ROBERT POORTEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, NASA, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

WiWo Green

Der Wert der Natur

Mit Hochdruck arbeiten Ökonomen an

der Formel für grünes Wachstum | Plus:

Exklusiv-Ranking der nachhaltigsten

Marken | Was grüne Versicherungen

taugen | Preisgekrönte Öko-Pioniere

(Start auf der Rückseite)

Gesunde Paranoia

Aufgeschreckt von den Erfolgen junger

Unternehmen in den USA, richten

Manager wie Stefan Jaroch von Bayer

bei deutschen Konzernen Brutstätten

für Gründer ein – in der Hoffnung, einen

Milliarden-Coup zu landen. Seite 58

Geld&Börse

78 Lebensversicherung Bei Vertragsende oder

vorzeitigem Ausstieg drohen Einbußen. Der

Vertrags-Check zeigt, was jetzt am meisten

bringt: abschließen, halten oder kündigen

86 Anwaltsranking Öffentliche Aufträge über

400 Milliarden Euro werden jährlich vergeben

– ein reiches Feld für Vergaberechtler

88 US-Aktien Anleger wetten auf ein Comeback

von Ex-Börsenstar Cisco. Zu Recht?

90 Steuern und Recht Frist Steuererklärung |

Erstattungszinsen | Werbungskosten bei

Leerstand | Haft für Kurspusher | Urlaubsanspruch

in der Pflegezeit | Elterngeld

92 Geldwoche Kommentar: Anlegerschutz im

Graumarkt | Trend der Woche: Gold | Dax-

Aktien: ThyssenKrupp | Hitliste: Internet-

Unternehmen | Aktien: Nestlé, Gazprom |

Anleihe: Polen | Zertifikat: Banken Short|

Investmentfonds: DWS Global Value |

Chartsignal: Internet-Aktien | Relative Stärke:

Defensive Aktien schieben sich vor

Perspektiven&Debatte

98 Garten Die neue Generation Gartenmöbel

sieht aus wie fürs Wohnzimmer gemacht

102 Kost-Bar

Rubriken

5 Einblick, 104 Leserforum,

105 Firmenindex | Impressum, 106 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche unter anderem mit

einem Video von der Internationalen

Raumstation. Ein

interaktiver Test zeigt Ihnen,

ob Sie aus Ihrer Lebensversicherung

jetzt

lieber aussteigen sollten.

wiwo.de/apps

n Europawahlen Die 28 EU-Staaten

wählen ein neues Parlament,

Deutschland ist am Sonntag dran.

Ergebnisse und Analysen finden Sie

auf wiwo.de/europawahlen

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 7

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Seitenblick

NETFLIX

Der Angstgegner

Der weltweit größte Video-on-Demand-Anbieter

Netflix startet zum Jahresende in Deutschland.

Das Unternehmen eilt von Erfolg zu Erfolg, stößt

aber in jüngster Zeit auch auf Kritik.

Erst Amerika, jetzt Europa

Länder, in denen Netflix verfügbar ist (orange) oder im Herbst startet (gelb)

48 Mio.

2,2Milliarden Stunden lang sind die

Filme und Serien insgesamt, die der amerikanische

Internet-Riese Netflix seinen Kunden in 41 Ländern Monat

für Monat überträgt. Damit ist er das größte Videoon-Demand-Unternehmen

der Welt. Im Herbst wird es

noch mehr, dann startet Netflix auch in Deutschland,

Österreich, Frankreich, Luxemburg, Belgien und der

Schweiz. Das Monatsabo dürfte wie in Holland 8,99 Euro

kosten. In Deutschland trifft Netflix auf Anbieter wie

Maxdome, eine Tochter der TV-Gruppe ProSiebenSat.1.

60000Mitarbeiter, 9000

Läden und sechs Milliarden Euro Umsatz machten

das US-Unternehmen Blockbuster Video im Jahr 2004

zur weltgrößten Videothekenkette – bis Netflix begann,

Videos übers Internet anzubieten. 2010 meldete

Blockbuster Insolvenz an. Netflix dagegen wächst

und produziert inzwischen selbst Filme und Serien.

„The Square“ wurde sogar für den Oskar nominiert.

Die Serie „House of Cards“ mit Hollywood-Star

Kevin Spacey (Foto) als skrupelloser Politiker Frank

Underwood gewann drei Emmys und einen Golden

Globe. Die Deutschlandrechte dafür liegen derzeit

allerdings beim Pay-TV-Sender Sky.

Maxdome

(ProSiebenSat.1)

Rest

(u.a. Unitymedia und

Kabel Deutschland)

Watchever (Vivendi)

Sky

Videoload (Telekom)

Nutzer hat Netflix weltweit

Schon jetzt umkämpft

Marktanteile von Online-Videotheken in Deutschland (2013)

12

4

8

11

36

%

12

17

iTunes

(Apple)

Lovefilm/Prime

(Amazon)

28Prozent des US-Internet-Verkehrs wird

von Netflix verursacht. Kürzlich schloss das Unternehmen

einen umstrittenen Deal mit dem US-Kabelbetreiber

Comcast: Gegen einen Millionenbetrag jagt er

die Videodaten von Netflix bevorzugt durchs Internet.

Kritiker sehen darin den ersten großen Verstoß gegen

die Netzneutralität, wonach alle Daten gleichberechtigt

durchs Netz geleitet werden sollen. thomas.stoelzel@wiwo.de

Zeitstrahl

Unterzeile bla blub

Gründung als Online-

Videothek mit

Postversand von DVDs

1997

Erstmals Abonnement

für unbegrenzten

Videoverleih

Quelle: xxxThomson Reuters, GfK, Sandvine, Netflix, eigene Recherche

Börsengang

1998 1999 2000 2001 2002

8 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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3Mrd.$

Auf allen Bildschirmen

Mit diesen Geräten können Zuschauer Netflix nutzen

gibt Netflix 2014 für Produktion

oder Lizenzierung von Inhalten aus

Smartphones

Tablets

Spielekonsolen

PCs

Blu-Ray-Spieler

Set-Top-

Boxen

Internet-fähige

TV-Geräte

Netflix-Umsatz

in Millionen Dollar

0

2001 2013

5000

4000

3000

2000

1000

Größter Datenverursacher

Anteile am Internet-Verkehr in

Nordamerika

28 %

17 %

3 % 1 %

Netflix YouTube iTunes Facebook

Heute ein Börsenstar

Der Netflix-Kurs im Vergleich

Indexiert: seit 2 Jahren

(= 100)

Netflix

Nasdaq 100

2012 2013 2014

700

600

500

400

300

200

100

0

100

Mio.$

kostete die Produktion der

Serie „House of Cards“ mit

Hollywood-Star Kevin Spacey

(Foto). Zudem produziert

Netflix auch die Serien „Lilyhammer“,

„Orange is the New

Black“ und „Hemlock Grove“

Einführung von Video-

Streaming

Angebot auf Spielekonsolen

und TV-

Set-Top-Boxen

Start auf iPhone und

iPad, Kanada wird

erster Auslandsmarkt

Serie „House of Cards“

ist die erste Eigenproduktion

im Programm

Netflix bezahlt Provider

für Highspeed-

Internet

2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

FOTO: DDP IMAGES/INTERTOPICS/LMK MEDIA

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 9

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Menschen der Wirtschaft

Düstere Aussichten

für Mitarbeiter

Siemens-Chef Kaeser

SIEMENS

Jobabbau nach Jobabbau

Im IT-Konzern sind Insidern zufolge rund

10 000 Arbeitsplätze gefährdet. Eine Folge

des geplanten Umbaus. Besonders hart

trifft es Erlangen.

Erst vor knapp einem Jahr hatte Siemens-Chef

Joe Kaeser ein „Bekenntnis zum Standort

Erlangen“ abgelegt. Für rund 500 Millionen Euro

wollte der Konzern in der fränkischen Stadt

einen Campus bauen. Immerhin beschäftigt das

Unternehmen dort 25 000 Mitarbeiter, weitere

20 000 in der Region und damit mehr als an jedem

anderen Ort. Doch jetzt dürfte Erlangen vom

geplanten Stellenabbau im Konzern besonders

betroffen sein.

Er wolle Siemens in den nächsten Monaten von

den bürokratischen Fesseln befreien, kündigte Kaeser

vor zwei Wochen an. Durch diesen Befreiungsschlag

fallen 10 000 Jobs weg, wie ein Insider des

Münchner Technologieriesen sagt. Gewerkschaftsvertreter

befürchten, dass Siemens vor allem in der

Verwaltung Stellen streicht. Besonders betroffen ist

demnach Erlangen. Von hier aus steuert Siemens

zurzeit noch sein Industrie- und Energiegeschäft

sowie die Sparte der Medizintechnik.

Der Siemens-Chef will das Unternehmen zu

alter Stärke zurückführen und rund eine Milliarde

Euro sparen. Die vier Sektoren ersetzt er durch

neun Geschäftsdivisionen. Das Energiegeschäft

steuert der Konzern künftig aus den USA. Dort sieht

Kaeser die größten Geschäftschancen. Der renditestarken

Medizintechniksparte gibt der Manager

mehr Freiheiten. Sie soll ein Unternehmen im Unternehmen

werden – späterer Börsengang nicht

ausgeschlossen.

Mit einem Jobabbau rechnet die IG Metall auch

in der Konzernzentrale in München. In der bayrischen

Hauptstadt arbeiten rund 8000 Mitarbeiter.

In den goldenen Zeiten Mitte der Achtzigerjahre

waren es 50 000.

Die Kürzungen beim Personal dürften das Betriebsklima

stark belasten, zumal schon Kaesers

Vorgänger Peter Löscher ein Sparprogramm aufgelegt

hatte. Allein dadurch verschwanden 15 000 Arbeitsplätze.

Sollte Siemens im Übernahmepoker

um den französischen Rivalen Alstom den Zuschlag

erhalten, drohen weitere Streichaktionen,

besonders in der Transportsparte, die die Hochgeschwindigkeitszüge

wie den ICE baut.

Die Gespräche der Konzernleitung mit den Vertretern

der Arbeitnehmer über den bevorstehenden

Jobabbau im Konzern haben schon begonnen.

Zu den Details wollte sich Siemens auf Anfrage

nicht äußern.

matthias.kamp@wiwo.de | München

Ungleichgewicht

Umsatz und Mitarbeiter

im globalen Vergleich

Europa, Afrika, Nahost

Umsatz

Anteil am

(in Milliarden €) Gesamtumsatz

(in Prozent)

39,9 53

Mitarbeiter

220000

Asien, Australien

Umsatz

Mitarbeiter

64000

Amerika

Umsatz

Anteil am

Gesamtpersonal

61

15,1 20

Mitarbeiter

78000

Quelle:Siemens

18

20,9 28

22

Anteil

Anteil

10 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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TELEFÓNICA/E-PLUS

Neuer Mobilfunker gesucht

Eigentlich sind die Aufgaben

klar verteilt: Die Wettbewerbshüter

der EU prüfen, ob bei einer

Megafusion eine dominante

Marktposition entsteht. Die

Bundesnetzagentur legt die

Spielregeln auf den Märkten

fest und vergibt Frequenzen.

Doch bei der Prüfung der Fusion

zwischen den Mobilfunkbetreibern

Telefónica und

E-Plus entwirft die EU-Kommission

ein völlig neues Regelwerk,

ohne dass die Bundesnetzagentur

einschreitet. Stein

des Anstoßes sind die Auflagen,

Keine Verbindung zur Netzagentur

EU-Kommissar Almunia

mit denen EU-Wettbewerbskommissar

Joaquín Almunia

die Marktmacht der verbleibenden

drei großen Mobilfunkbetreiber

beschränken will.

So plant er Starthilfen für einen

neuen, vierten Mobilfunkanbieter,

damit der mit Billigtarifen

die etablierten Anbieter

angreifen kann. Neben Frequenzen

soll der Neuling von

einer fusionierten Telefónica-

E-Plus-Gruppe auch Standorte

für Funkmasten, rund 200

Shops sowie ein Callcenter für

Kundenservice bekommen. Bis

zum 31. Dezember 2014 hat

Telefónica Zeit, Verträge mit

einem Neuling vorzulegen.

Noch aber ist kein Interessent

bekannt. Falls keiner auftaucht,

sollen quasi als Plan B Mobilfunkanbieter

wie United Internet

und Freenet, die kein eigenes

Netz besitzen, weitere

Zugriffsrechte bekommen.

Bei den Konkurrenten stoßen

die EU-Pläne auf Widerstand.

Sie befürchten eine Regulierung

durch die Hintertür. „Die

Auflagen schädigen alle Netzbetreiber“,

heißt es. Bleibe es bei

den Auflagen, wolle man juristisch

dagegen vorgehen.

juergen.berke@wiwo.de

Aufgeschnappt

Fix auferstanden 1953 tauchten

sie zum ersten Mal auf: Fix

und Foxi – die deutsche Antwort

auf Micky Maus. Das letzte Comic-Heft

erschien 2010. Jetzt

will Stefan Piëch, Neffe des VW-

Patriarchen Ferdinand Piëch

und Chef des Münchner Unternehmens

YFE, die beiden Füchse

auferstehen lassen. YFE hat

von Alexandra Kauka, der Witwe

des Fix- und Foxi-Erfinders Rolf

Kauka, alle Rechte gekauft und

plant Fix-und-Foxi-Filme.

Abdecken statt aufdecken New

Yorks Polizisten müssen sich mit

Spraydosen bewaffnen und sollen

die Graffitis in der Stadt unkenntlich

machen. „Spray ums

Graffiti ein Quadrat und fülle es

dann aus“, lautet der Einsatzbefehl.

Kritiker monieren: Die

Cops sollten lieber Verbrechen

aufdecken.

IBM DEUTSCHLAND

Heimlich

gekürzt

Ohne Aufsehen hat der amerikanische

IT-Giganten IBM in

Deutschland schleichend Arbeitsplätze

abgebaut. Zwischen

2007 und 2013 fielen 3700 Stellen

weg, das sind rund 18 Prozent

in sieben Jahren. Beschäftigte

IBM 2007 hierzulande

noch rund 20 600 Mitarbeiter,

waren es 2013 nur noch 16 900.

Die Zahlen ergeben sich aus

dem Handelsregister und gelten

für die 17 IBM-Gesellschaften

in Deutschland. Aus der

Deutschland-Zentrale des Konzerns

heißt es dazu auf Anfrage

nur: „Wir veröffentlichen

keine Beschäftigtenzahlen auf

Länderebene.“

Ende Mai 2012, vor genau

zwei Jahren, tauchten Gerüchte

auf, IBM wolle in Deutschland

bis zu 40 Prozent seiner damals

angeblich 20000 Mitarbeiter

abbauen. IBM-Deutschland-

Chefin Martina Koederitz

dementierte die Behauptung

erst einen Monat später. Inzwischen

ist klar: Schon damals

beschäftigte der IT-Riese in

Deutschland nicht einmal mehr

20 000 Mitarbeiter.

michael.kroker@wiwo.de

Sonntagsshopping

Am Wochenende bestellen die Deutschen im Internet, Mails checken sie lieber unter der Woche

Ostermontag

Sonntag

Feiertag Sonntag

Sonntag Sonntag

100

FOTO: IAMGO/IPON, LAIF/REPORTERS, PR

80

60

40

20

0

*Suchanfragen im Verhältnis zum Höchstwertvon Ebay (= 100); Quelle: Google

Höhe der Suchanfragen bei Google*

21. April 27. April 1. Mai 4. Mai

11. Mai 18. Mai

@

Amazon

Zalando

Ebay

GMX

Web.de

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 11

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Rente

mit 63

Hurra, hurra, es ist ein...

Rentenpaket. Eine schwere

Geburt. 170 Milliarden Euro

schwer. Ein echter Brocken,

der von Geburtshelferin

Andrea Nahles stolz und mit

extra viel Getöse präsentiert

wurde. Wie ein Automechaniker,

der sagt: „Ich kriege

zwar Ihre Bremse nicht repariert,

dann mache ich Ihnen

wenigstens die Hupe lauter.“

Bundesfinanzminister Wolfgang

Schäuble dagegen steht

das lichte Resthaar zu

Berge. Schließlich ist die

„Rente mit 63“ eine Sackgasse

auf dem Weg zur

Sanierung der Staatsfinanzen.

„Rente mit 93“

wäre da schon eher ein

Schritt in die richtige

Richtung. Und schließlich

gibt es genug Jobs, die man

machen kann, bis man auf

dem Friedhof liegt:Präsident

des Weltfußballverbandes

Fifa oder Papst – obwohl:

Mittlerweile gehen ja sogar

die in Rente.

DER FLOSKELCHECKER

Hans Gerzlich, 47, Diplom-

Ökonom, ehemaliger Marketing-Referent

und heute

Wirtschaftskabarettist und

Bürocomedian.

INTERVIEW Carrie Lam

»Fördermittel auch für

ausländische Gründer«

Hongkongs Vize-Regierungschefin will Start-ups

anlocken, plant ein Steuerabkommen mit

Deutschland und erwägt Einreisebeschränkungen.

Frau Lam, in Hongkong wuchs

die Wirtschaft im ersten

Quartal so schwach wie seit

zwei Jahren nicht mehr. Verlieren

Sie Ihre Wettbewerbsvorteile

gegenüber China?

Wieso? Wir erwarten für dieses

Jahr ein Plus von drei bis vier

Prozent, das ist doch nicht

schlecht. Wir hängen natürlich

stark an Exporten, die wegen

der niedrigen Nachfrage aus

den USA und Europa zuletzt

schwach ausgefallen sind. Von

der Nähe zu China hingegen

profitieren wir seit der Wiedervereinigung

1997 sehr stark:Wir

nutzen das Festland für die Produktion,

und Festland-Unternehmen

gehen über Hongkong

auf den Weltmarkt.

Investoren lassen im billigeren

China produzieren. Warum

sollten sie über Hongkong

exportieren oder dort ihre

Asien-Zentrale einrichten?

Sie haben ja recht, wir sind eine

Service-Ökonomie und kein

Produktionsstandort. Aber wir

sind weltweit Nummer eins bei

Lufttransporten und haben eine

effiziente Logistikbranche.

Und wir helfen Unternehmen

mit Rechtsdienstleistungen.

Die Rechtssicherheit in China

hat sich verbessert. Und wer

ein Problem mit chinesischen

Plagiatoren hat, muss sie auf

dem Festland verklagen.

In Hongkong sprechen wir

selbstverständlich Englisch,

was auf dem Festland nicht so

verbreitet ist. Wir haben nach

Tokio den größten Finanzplatz

in Asien und führen bei Börsengängen

auf dem Kontinent. Zudem

profitieren wir von der Öffnung

des chinesischen Markts:

Zum einen genießen Produkte

aus Hongkong bevorzugten Zugang

zum chinesischen Markt.

Zum anderen reisen viele Touristen

aus China zu uns.

Chinas Touristen sehen Hongkong

als Outlet-Laden und

fallen in Heerscharen ein.

Sicher ist es nicht einfach, wenn

50 Millionen Touristen in eine

Stadt mit 7,2 Millionen Einwohnern

kommen. Wir verstehen

DIE ANWERBERIN

Lam, 57, ist seit 2012

Chief Secretary und damit

Nummer zwei in der

Regierung von Chinas

Sonderverwaltungszone

Hongkong.

die Schwierigkeiten und denken

über Anpassungen nach.

Sie wollen die Einreisen aus

China begrenzen?

Das überlegen wir in der Regierung,

eine Entscheidung steht

noch aus.

Hongkong will zur Oase für

Start-ups werden, die Asien

erobern wollen. Was planen Sie?

Das beginnt mit dem Bildungssystem,

das wir stark internationalisiert

haben. Bis zu einem

Fünftel der Studierenden in

staatlich geförderten Bachelor-

Fächern kommen aus dem Ausland,

bei Master-Abschlüssen

gibt es keine Quoten mehr. Absolventen

erlauben wir den Aufenthalt

für zwölf Monate, auch

wenn sie keinen Job haben. Es

gibt in Hongkong zudem viele

Kapitalgeber für kleine und

mittlere Unternehmen, die gern

auch Start-ups helfen.

Hongkong zählt zu den teuersten

Städten der Welt. Wie

sollen sich klamme Start-ups

das Leben hier leisten?

Gründern bieten wir Startfinanzierungen

in Technologieparks,

die Fördermittel haben wir erst

kürzlich wieder aufgestockt –

und sie sind auch für ausländische

Gründer offen.

Hoffen Sie auf eine stärkere

Kooperation mit deutschen

Unternehmen?

Mit Deutschland planen wir ein

Doppelbesteuerungsabkommen.

Im Juni werden die Verhandlungen

mit dem Finanzministerium

beginnen. Ein

Dutzend EU-Länder hat schon

solch ein Abkommen.

Im Jahr 2047 endet der Vertrag,

der die politische Koexistenz

der politischen Systeme

von Hongkong und der Volksrepublik

China festschreibt.

Wird das Festland dann so

liberal und demokratisch wie

Hongkong oder Hongkong

so autoritär wie China?

Sie dürfen nicht erwarten, dass

ich Ihnen darauf eine Antwort

gebe. China hat selbst zu entscheiden,

wie es sein System

reformieren will.

florian.willershausen@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: DDP IMAGES/EYEPRESS

12 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Pluta und Strehle (rechts)

DREI FRAGEN...

...zur Zuwanderung

FOTOS: ROBERT POORTEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PHOTOTHEK/THOMAS KÖHLER, LAIF/HANS-CHRISTIAN PLAMBECK

STRENESSE

Rettung in Sicht

Die Chancen auf eine Rettung

des Nördlinger Modeunternehmens

Strenesse steigen. „Bei

der Sanierung ist Strenesse auf

einem guten Weg“, sagt Restrukturierungsvorstand

Michael

Pluta. „Nach unseren Planungen

werden wir im kommenden

BEUYS-SAMMLUNG

»Kalte

Enteignung«

In dieser Woche bekommt die

nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin

Hannelore

Kraft königlichen Besuch:

Willem Alexander und Máxima

aus den Niederlanden besuchen

einen Unternehmergipfel

auf Schloss Moyland bei Kleve,

nahe der niederländischen

Grenze. Was der royale Besuch

wohl nicht mitbekommen wird:

welcher Machtkampf sich in

der Stiftung Museum Schloss

Moyland abspielt, deren Kuratorium

Kraft qua Amt vorsitzt.

Die Stiftung, gegründet 1990

vom Land, den Brüdern und

Beuys-Sammlern Hans und

Franz Joseph van der Grinten

sowie der Schlosseigner-Familie

Geschäftsjahr, das im Juli beginnt,

bereits schwarze Zahlen

schreiben.“ Daher stehe das

Unternehmen bei der Suche

nach Investoren nicht unter

Zeitdruck. Mitte April hatte

Strenesse Insolvenz in Eigenverwaltung

beantragt. „Im Rahmen

der Sanierung mussten wir

uns von rund 40 der insgesamt

140 Mitarbeiter in der Zentrale

trennen“, sagt Vorstandschef

Luca Strehle. „Weitere Einschnitte

sind derzeit aber nicht

geplant, auch im Verkauf wird

es keinen Stellenabbau geben.“

Allerdings will Strenesse das

Vertriebsnetz straffen. Neben

einigen Shops stehen manche

der 14 Outlets zur Disposition.

In München verhandelt Strenesse

über einen neuen Standort.

Und an einer geplanten

Neueröffnung in Berlin halten

Strehle und Pluta fest. Zudem

wollen sie in Wachstum investieren.

„Priorität hat dabei der

Ausbau des Online-Geschäfts“,

so Strehle, „aber auch die Expansion

nach China ist im Gespräch.“

Derzeit werde ein Partner

gesucht. „In den nächsten

zwölf Monaten wollen wir dort

einsteigen.“

henryk.hielscher@wiwo.de,

nele hansen

Schlossherrn im Visier

Ministerpräsidentin Kraft

über privaten Stiftern“. Gerhard

van der Grinten, Stiftersohn

und Sprecher des Stiftungsvorstands,

wird noch deutlicher:

„Das ist der Versuch einer kalten

Enteignung.“

manfred.engeser@wiwo.de

Ingo Kramer

61, BDA-Präsident,

Vorstand

der Stiftung der

Deutschen

Wirtschaft

von Steengracht, hütet einen

wahren Kunstschatz: rund 6500

Originalwerke von Joseph Beuys

und rund 200 000 Archivalien

des weltberühmten Künstlers.

Doch seit Monaten tobt ein

juristischer Kleinkrieg zwischen

Familie van der Grinten

und der Landesregierung, der

auch die Staatsanwaltschaft

Kleve und den Landtag beschäftigt.

Hinter juristischen

Scharmützeln etwa um das

rechtmäßige Versenden von Tagesordnungen

vermuten mit

den Vorgängen Vertraute einen

perfiden Plan: Entgegen offiziellen

Beteuerungen wolle die

Landesregierung die Stiftung

bewusst schwächen, um mittelfristig

die Beuys-Werke von

Moyland nach Düsseldorf zu

holen.

FDP-Fraktions-Vize Ralf Witzel

kritisiert „das bedenkliche

Vorgehen des Landes gegenn

Herr Kramer, mehr Menschen

denn je ziehen derzeit

nach Deutschland. Ist der

Mangel an Fachkräften behoben?

So schön dieser Boom gerade

ist: Die Gefahr ist noch lange

nicht gebannt, denn der richtige

Fachkräftemangel kommt

erst noch in fünf bis zehn Jahren.

Deswegen müssen wir

uns kontinuierlich weiter bemühen,

alle Möglichkeiten für

den Arbeitsmarkt auszuschöpfen.

n Mit der deutschen Zuwanderungspolitik

sind Sie unzufrieden?

Programme wie die Blue Card

für hoch Qualifizierte sind ein

guter Anfang. Aber wir brauchen

viel mehr Zuwanderung

von Fachkräften ohne Studium.

Da herrscht mir in der Politik

zum Teil immer noch zu

sehr eine Lieber-nicht-Haltung.

Ich wünsche mir mehr

Mut zum Aufbruch. Dazu gehört,

dass wir die, die hier

sind, intensiver fördern. Wer

kein Deutsch lernt, kann nicht

kommunizieren. Aber das ist

im Leben wie im Beruf unerlässlich.

n Wo hapert es sonst noch?

Zuallererst in der Schule. Jeder

Jugendliche braucht

Schulabschluss und Ausbildung

– jeder! Allerdings sind

Jahr für Jahr rund 18 Prozent

der Schulabgänger ohne Abschluss

oder nicht ausbildungsfähig.

Das ist ein bildungspolitisches,

ökonomisches

und soziales Armutszeugnis.

Vom Idealzustand

sind wir sträflich weit entfernt.

max.haerder@wiwo.de I Berlin

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 13

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Menschen der Wirtschaft

STEUER

Bericht

eingefordert

Zusatzeinnahmen ausweisen

Steuerpräsident Holznagel

Der Bund der Steuerzahler

drängt auf mehr Transparenz

bei der kalten Progression,

nachdem sich Union und SPD

in der vergangenen Legislaturperiode

darauf geeinigt hatten,

regelmäßig über die Entwicklung

der staatlichen Zusatzeinnahmen

zu informieren. „Dieser

Bericht muss in diesem Jahr

auch tatsächlich durch die

Regierung vorgelegt werden“,

fordert Rainer Holznagel,

Präsident des Bundes der Steuerzahler.

Zudem sollte der Arbeitskreis

Steuerschätzungen künftig die

Einnahmen aufgrund der kalten

Progression separat ausweisen,

so Holznagel.

Der Einkommensteuertarif

müsse automatisch alle zwei

Jahre mindestens entsprechend

der Inflation angepasst werden.

„Sollte die politische Situation

es erfordern, dass die Anpassung

einmal ausgesetzt werden

muss, ist das Parlament gezwungen,

darüber zu debattieren“,

sagt Holznagel. „Wenn

aber die finanzielle Not so groß

ist, erwarte ich, dass dann auch

die Diäten und Gehälter der Abgeordneten

und Regierungsmitglieder

nicht automatisch

steigen.“

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

26.05. Ägypten Am Montag beginnt die zweitägige Wahl

des Präsidenten. Es gilt als ausgemacht, dass der

frühere Verteidigungsminister

und

ehemalige Armeechef

Abdel Fatah al-Sisi die

Abstimmung gewinnt.

Einziger Gegenkandidat

ist der linke Politiker

Hamdin Sabahi.

EZB Die Notenbank-Konferenz der Europäischen

Zentralbank (EZB) diskutiert in Portugal über die

„Geldpolitik in einer sich verändernden Finanzwelt“.

Darüber reden EZB-Präsident Mario Draghi,

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso

und Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem.

27.05. EU-Gipfel Die Staats- und Regierungschefs der

EU-Länder sprechen am Dienstag in Brüssel über

die Folgen der Wahl zum Europäischen Parlament.

Opel Das Landgericht Darmstadt verhandelt über

die Klage des Bochumer Opel-Betriebsratschefs

Rainer Einenkel. Er wirft dem Aufsichtsrat vor, dieser

habe ihn nicht nicht korrekt über die Pläne für

das Bochumer Werk informiert.

Ärztetag Die 250 Delegierten der 17 Ärztekammern

beraten in Düsseldorf über die Gesundheitspolitik.

Als Gastredner kommt Bundesgesundheitsminister

Hermann Gröhe (CDU).

28.05. Konjunktur Die Bundesagentur für Arbeit berichtet

am Mittwoch, wie sich der Arbeitsmarkt im Mai

entwickelt hat. Im April hatte sie 2,943 Millionen

Erwerbslose registriert, so wenig wie zuletzt vor

22 Jahren. Die Arbeitslosenquote sank von 7,1 auf

6,8 Prozent. Außerdem veröffentlicht die Gesellschaft

für Konsumforschung (GfK) ihren Konsumklima-Index.

Im April hatte er sich gegenüber März

nicht verändert.

TAXI II

Protesttag

gegen Uber

Seit Travis Kalanick mit seinem

Start-up Uber Limousinen samt

Chauffeur per Smartphone-

App vermittelt, schlägt ihm der

Hass der Taxifahrer entgegen.

Noch mehr entzürnt hat sie der

vor Kurzem in Berlin gestartete

Dienst Uber Pop, über den fast

jeder Autobesitzer Mitfahrer suchen

kann. Ob das Angebot

TOP-TERMINE VOM 26.05. BIS 01.06.

TAXI I

Mindestlohn

aushebeln

Nach den Schlachtereien versucht

auch das Taxigewerbe,

den gesetzlichen Mindestlohn

per Tarifvertrag zu umgehen.

Die Gewerkschaft Verdi und der

Deutsche Taxi- und Mietwagenverband

(BZP) könnten im Juli

Gespräche über einen Tarifvertrag

aufnehmen. „Wir haben

unsere Bereitschaft zu Verhandlungen

signalisiert“, heißt es bei

Verdi. Der Verdi-Bundesvorstand

ist informiert. Käme es zu

einer Einigung, müssten Taxibetriebe

den Stundenlohn von

8,50 Euro nicht schon vom 1. Januar

2015 an zahlen. Denn Abweichungen

vom Mindestlohn

nach unten sind per Tarifvertrag

erlaubt, sofern er bis Ende

2016 geschlossen wird.

Voraussetzung ist, dass sich

der Unternehmensverband

BZP auch als Arbeitgeberverband

formiert. Darüber will

der BZP laut Geschäftsführer

Thomas Grätz auf einer Mitgliederversammlung

Anfang

Juni entscheiden. Bei Verdi

heißt es, Abweichungen vom

Mindestlohn seien allerdings

nur denkbar, wenn dafür Zuschläge

bei Nacht- und Feiertagsdiensten

sowie Arbeitszeiten

tariflich geregelt würden.

max.haerder@wiwo.de | Berlin

überhaupt zulässig ist, prüfen

derzeit die Berliner Behörden.

Die Taxifahrer wollen sich damit

aber nicht abfinden. „Am

11. Juni wird es einen Aktionstag

der Taxiverbände in Berlin

geben“, sagt Thomas Grätz, Geschäftsführer

des Deutschen

Taxi- und Mietwagenverbandes.

Sie schließen sich damit ihren

Kollegen in London an, die

auch gegen Uber demonstrieren.

Mit Taxiverbänden in Paris,

Mailand, Lissabon und São

Paulo wollen die Deutschen sogar

einen weltweiten Protesttag

organisieren. Zudem bereitet

der Deutsche Taxiverband eine

Klage gegen Uber vor.

oliver.voss@wiwo.de

Taxifahrer sehen rot

Demofahrt in Berlin geplant

FOTO: WAZ FOTOPOOL/VOLKER HARTMANN, GETTY IMAGES/ANADOLU, MARCO URBAN

14 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

WIRTSCHAFTSWOCHE

Miriam Meckel, 46, wird

am 1. Oktober Chefredakteurin

der WirtschaftsWoche.

Sie folgt auf Roland Tichy, 58,

der als Geschäftsführer zum

neuen Unternehmen DvH

Ventures wechselt, das in digitale

Geschäftsfelder investieren

soll. Tichy habe seit

2007 die Marktführerschaft

der WirtschaftsWoche weiter

ausgebaut, sagte Verleger

Dieter von Holtzbrinck

(rechts). „Mit seinen publizistischen

Kommentaren zur

Wirtschaftspolitik hat er Debatten

angestoßen, welche

die Bedeutung marktwirtschaftlichen

Handels immer

wieder hervorgehoben haben.“

Meckel ist derzeit Direktorin

des Instituts für Medien-

und Kommunikationsmanagement

der Universität

St. Gallen. Ihre journalistische

Karriere startete sie

1990 in unterschiedlichen

Nachrichten- und Magazinformaten

für die Sender

WDR, RTL und Vox. Später

war sie Sprecherin der nordrhein-westfälischen

Regierung

und deren Staatssekretärin

für Europa. „Mit Miriam

Meckel konnten wir nicht nur

eine exzellente Journalistin,

sondern auch eine engagierte

Grenzgängerin zwischen Politik,

Wirtschaft und Wissenschaft

gewinnen“,sagte Gabor

Steingart, Vorsitzender der Geschäftsführung

der Verlagsgruppe

Handelsblatt, in der die

WirtschaftsWoche erscheint.

CELESIO

Marc Owen, 54, übernimmt

am 16. Juli den Vorstandsvorsitz

des Stuttgarter Pharmahändlers

Celesio, am selben Tag wird

Alain Vachon dort Finanzvorstand.

Beide Manager kommen

vom amerikanischen Gesundheitskonzern

McKesson, der im

Februar Celesio übernommen

hat. Sie lösen Marion Helmes,

48, ab, die derzeit beide Posten

innehat und danach Celesio

kurzfristig noch berät.

SCHOLZ & FRIENDS

Martin Pross, 48, Kreativchef

und Vorstand der Scholz &

Friends Group, verlässt die Werbeagentur

nach 18 Jahren, um

sich selbstständig zu machen.

Ein herber Verlust für die Berliner,

denn Pross sorgte maßgeblich

dafür, dass die Agentur bei

Werbewettbewerben regelmäßig

Preise abräumte.

MALLORCA

785 Millionen

Euro haben Ausländer 2013 auf den Balearen einschließlich Mallorca

investiert. Das ist historischer Rekord – und gegenüber dem

Vorjahr ein Anstieg von 196 Prozent. In ganz Spanien erhöhten

sich die Auslandsinvestitionen 2013 um 8,8 Prozent auf 15,8

Milliarden Euro. Davon kamen 63 Prozent aus den Niederlanden.

MARITA HUURINAINEN

Pelze und Pantoffeln

Fakten zum Unternehmen

Kosten ein Paar Schuhe kostet

etwa 200 Euro

Umsatz im Vorjahr 45 000 Euro,

dieses Jahr 100 000 Euro

Finanzierung durch ein finnisches

Programm bis zu 100 000 Euro

Mit Mode hatte Andreas Jank lange Zeit wenig am Hut. Der

32-Jährige arbeitete acht Jahre lang in London als Investmentbanker

bei der Citigroup. „Im Zuge der Finanzkrise wurde ich desillusioniert

und wollte lieber etwas Handfestes machen“, sagt Jank. Da

lernte er durch eine Freundin die Finnin Marita Huurinainen

kennen. Die Designerin bereitete sich auf einen Auftritt in der

Fernsehshow „Dragons’ Den“ vor, in der Gründer potenziellen Investoren

ihre Geschäftsidee vorstellen. Huurinainen gestaltet ausgefallene

Schuhe und Pelzmode – aber ihr fehlte es an kaufmännischem

Wissen. Das konnte Jank bieten. Vor anderthalb Jahren

stieg er mit 50 000 Euro in die Firma ein und zog nach Helsinki.

Seither läuft das Geschäft.

„Wir haben jetzt schon so viel Umsatz wie im Vorjahr“, sagt Jank.

Verkauft wird die Mode online sowie in Boutiquen in acht Ländern.

Die wichtigsten Märkte sind Japan, Russland und die USA.

In Deutschland gibt es die Schuhe mit der Holzsohle in Berlin und

München. „Bei Pelzen bieten wir eine ökologische und ethische

Alternative“, sagt Jank. Die Felle von Füchsen,Waschbären und

Mardern kauft er bei Jägern

ein, die sie bisher

weggeworfen haben.

Auch Nerze beschafft er

sich so. „Die sind aus

Pelzfarmen ausgebrochen

und werden gejagt,

weil sie das ökologische

Gleichgewicht stören.“

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PR (2), BILDAGENTUR ONLINE/UNIVERSAL IMAGE GROUP

16 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Norbert Walter-Borjans

Finanzminister von Nordrhein-Westfalen

Der Konferenztisch kommt aus

dem Knast, der Schreibtisch

auch. „Sie waren wesentlich

günstiger als Möbel aus dem

Fachgeschäft“, sagt Norbert

Walter-Borjans, 61, Nordrhein-

Westfalens Finanzminister. Die

Gefängnisschreinerei in Münster

hat sie vor zwei Jahren nach

seinen Entwürfen gebaut. Die

alten Tische konnte er ohnehin

nie leiden. Sie stammten von

seinem Vorvorvorvorgänger

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Heinz Schleußer und waren

aus Eiche. „Aber ich bin kein

Eichenfan“, sagt der Sohn eines

Schreiners, „ich möchte auch

nicht in einem Eichensarg

beerdigt

werden.“ Die neuen

Möbel sind aus Buche.

Vom Schreibtisch

aus kann der

Minister direkt in den

Düsseldorfer Hofgarten

schauen. Ein bisschen

Grün hat er sich ins Büro

geholt – einen Ficus-Baum, der

sich prächtiger entwickelt als

der Landeshaushalt. „Ich habe

einen grünen Daumen“, freut

sich der SPD-Politiker, der seit

Juli 2010 Finanzminister ist, seit

Hannelore Kraft mit einer rotgrünen

Koalition regiert. Inzwischen

leitet er auch

die Finanzministerkonferenz.

Im Wandschrank

gegenüber

der Fensterfront liegenBücher

und Kekse

– aber keine Steuer-CDs,

wie Walter-

Borjans versichert. Er

ist berüchtigt für seine Jagd auf

Steuersünder und den Ankauf

von CDs mit Steuerdaten. Davon

zeugt die Karikatur, die im

Regal hinter dem Schreibtisch

steht. Vor dem Schreibtisch

lagert auf einer Säule ein bearbeiteter

Stein aus weißem Marmor.

„Ich bin Hobbybildhauer“,

sagt Walter-Borjans. Jeden

zweiten Sommer besucht er einen

Künstlerkurs in der Toskana.

„Die Arbeit an den Steinen

macht den Kopf frei“, sagt der

Politiker und Diplom-Volkswirt,

„und abends gibt es ein

Fläschchen Wein.“

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

18 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»Auf Augenhöhe mit

dem Chlorhühnchen«

FREIHANDEL | Das europäisch-amerikanische TTIP-Abkommen ist als Ökokiller in Verruf

geraten. Gerade für Mittelständler geht es um weniger Kosten und mehr Arbeitsplätze.

Regierung und Wirtschaft gehen jetzt in die Offensive. Ein verspäteter Rettungsversuch.

sen sich bei ebm-pabst allein 15 Entwickler

mit der US-Zertifizierung beschäftigen.

Deshalb ist Hundsdörfer für TTIP. Er hofft,

dass dann eine Prüfung ausreicht und das

Ergebnis auch im anderen Land gilt. „Wir

können viel Geld besser in die Entwicklung

neuer Produkte stecken, damit hier Jobs sichern

und unsere Wettbewerbsposition

auf dem amerikanischen Markt stärken“,

schwärmt Hundsdörfer.

Sein plötzliches TTIP-Engagement sei

überfällig, sagt der Mittelständler selbstkritisch.

Zu lange habe man das Feld den

Angstmachern überlassen, „jetzt müssen

wir dem Chlorhühnchen auf Augenhöhe

begegnen“. Diese Einsicht dämmert inzwischen

vielen Wirtschaftsbossen. Zu lange

glaubte man, das Freihandelsabkommen

sei ein politischer Selbstläufer. Schließlich

lebt Deutschland ja vom Welthandel. Und

TTIP soll noch mehr Wohlstand schaffen,

zwischen 0,5 und 0,8 Prozent mehr BIP – je

nach Studie. Allerdings sind derartige abstrakte

Daten viel zu fern von den Wohlstandsbürgern,

die sich ganz konkrete Sorgen

um ihre Gesundheit machen.

Fünf Jahre lebte Rainer Hundsdörfer

in Connecticut, auf halber

Strecke zwischen New York und

Boston. Nie fürchtete der heute

56-Jährige, sich beim Essen zu

vergiften oder sich am Toaster einen elektrischen

Schlag zu holen. Im Gegenteil,

Hundsdörfer war beeindruckt von den hohen

Verbraucherstandards. Im Restaurant

fand er auf der Speisekarte neben den Gerichten

Angaben zur Kalorienzahl, im Supermarkt

imponierten ihm die detaillierten

Angaben zu den Zutaten und Herstellungsverfahren

der Lebensmittel.

Heute, in Mulfingen im Hohenlohekreis,

reibt sich Hundsdörfer erstaunt die Augen

angesichts der Angstdebatte um das geplante

Freihandelsabkommen zwischen

der EU und den USA (TTIP). Ob in der Zeitung,

im Radio, im Fernsehen – überall begegnen

ihm Sorgen über Genmais, Chlorhühnchen

und miese Umwelt- und Verbraucherstandards

der USA, die über den

Atlantik zu schwappen drohen. „Die meisten

Menschen hier haben leider keine Ahnung

von Amerika“, sagt Hundsdörfer und

ergänzt: „Umgekehrt leider auch nicht.“

Die Lebensqualität in den USA sei jedenfalls

nicht schlechter, versichert er und will

sich nun in die Debatte einmischen.

Auch aus beruflich-wirtschaftlichen

Gründen. Hundsdörfer ist Geschäftsführer

von ebm-pabst, einem mittelständischen

Unternehmen, das Ventilatoren herstellt.

Für Kühlschränke, für Sitzbelüftungen

oder auch für LED-Scheinwerfer. Alle Produkte

müssen zertifiziert werden und erhalten

dann das europäische CE-Prüfzeichen.

Leider haben die USA, ein wichtiger

Absatzmarkt, andere Normen. Also müskönnten

vor allem einkommensschwache

Bevölkerungsgruppen profitieren, da die

Lebensmittelpreise in den USA wesentlich

günstiger seien“, erklärt der Präsident des

Münchner ifo Instituts für Wirtschaftsforschung.

„Empfänger von Sozialhilfe wären

wahrscheinlich glücklich darüber, was sie

in einem amerikanischen Supermarkt alles

kaufen könnten.“

KULTURELLE VIELFALT

Die Konsequenz daraus ist klar: mehr über

die Vorteile reden. Dazu rief Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel (SPD) am

vorigen Mittwoch einen Beirat ins Leben.

Die 20-köpfige Expertentruppe vereint nicht

nur die Hauptnutznießer, sondern auch

Skeptiker wie die Kirchen, Verbraucher- und

Naturschützer sowie die Gewerkschaften.

Edda Müller, Vorsitzende von Transparency

International Deutschland, schlug in

der Sitzung vor, zunächst mal eine Liste all

jener Standards aufzustellen, die nicht

durch TTIP verändert würden. So ließen

sich manche Ängste nehmen. Hubert Weiger,

der Vorsitzende des Bundes für Umwelt

und Naturschutz (BUND), will zusammen

mit Müller und einigen Mitstreitern

diese Sammlung bis zur nächsten Sitzung

in sechs bis acht Wochen vorlegen. Etliche

Punkte dafür hat er bereits im Kopf. „Die

Vielfalt des nicht patentierten Saatguts“ gehöre

ebenso dazu wie „die kulturelle Vielfalt

der Landnutzung“. In Europa sei die

Landwirtschaft „bäuerlich geprägt, wir haben

hier keine Farm-Strukturen“.

„Wir müssen den Amerikanern klarmachen,

dass unsere Lebensweise und die

Vielfalt in Europa nicht zur Disposition stehen“,

verlangt Anton Börner, Präsident

KRITIK IST „IRRATIONAL“

Das bisherige TTIP-PR-Desaster ist für den

Münchner Professor Hans-Werner Sinn ein

Musterbeispiel der Public-Choice-Theorie.

Sie erklärt, warum sich kleine engagierte

Interessengruppen zum Nachteil einer

schweigenden Mehrheit durchsetzen können.

Offensichtlich sei dies hiesigen Hühnermästern

und anderen Lebensmittelherstellern

gelungen. „Viele, die deren Argumente

übernehmen, wissen wahrscheinlich

gar nicht, worüber sie reden“, sagt Sinn.

Er findet die Kritik irrational: „Tatsächlich »

FOTO: ANDREAS KÖRNER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

20 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Globale Physik

ebm-pabst-Chef

Rainer Hundsdörfer

hofft auf die gegenseitige

Anerkennung

von Zertifikaten:

„Die naturwissenschaftlichen

Gesetze

sind überall gleich,

nur die Zulassungsverfahren

sind

anders – und in den

USA zehnmal teurer

als in Deutschland“

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 21

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Politik&Weltwirtschaft

»

des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel,

Dienstleistungen (BGA). „Es

steht nicht zur Debatte, dass sich die Amerikaner

durchsetzen und auf dem Pariser

Platz, auf den Champs-Élysées oder auf der

Piazza Navona eine Rodeo-Show aufführen.“

Vielmehr gehe es um die prägende

Vorherrschaft westlicher Werte, „ob unsere

Gesellschaft, die durch Freiheit, Individuum

und Persönlichkeitsrechte geprägt ist,

künftig die gesellschaftlichen Normen

setzt. Sonst droht die Gefahr, dass totalitär

geprägte Gesellschaften die globale Zukunft

bestimmen. Diese Chance, eine freiheitliche

Weltordnung zu prägen und zu erhalten,

sollte man nicht durch kleinliche

Debatten über Chlorhühnchen gefährden.“

BRÄSIGE KÖRPERSCHAFTEN

Plötzlich melden sich Interessengruppen zu

Wort, die man beim transatlantischen Freihandel

nicht auf der Rechnung hatte. Die

Krankenkassen, die manchmal als etwas

bräsige öffentliche Körperschaften auffallen,

haben sich auf die Seite der Liberalisierung

geschlagen. Ihr Spitzenverband der gesetzlichen

Krankenversicherung (GKV) bat bereits

EU-Handelskommissar Karel De Gucht

um Hilfe: Die Prüfverfahren für Implantate,

Prothesen und andere Medizinprodukte seien

auf dem alten Kontinent zu lasch. Die

amerikanische Zulassungsstelle FDA arbeite

dagegen vorbildlich. Sie veröffentliche

Daten zur Sicherheit etwa von künstlichen

Herzklappen oder Stents bei verengten Blutgefäßen.

Träten vermehrt Komplikationen

auf, würden Einschränkungen verhängt und

veröffentlicht. Der GKV-Spitzenverband argumentiert:

„Besonders der Marktzugang

und die Überwachung sind nach unserer

Auffassung in den USA besser und transparenter

geregelt als in Europa.“

Die Ärzte, die sonst oft mehr Freiheiten

in der Berufsausübung und Bezahlung fordern,

stellen sich vehement gegen eine Öffnung

des Marktes. „Die Verhandlungen

sind für unseren Beruf äußerst problematisch“,

klagt der Präsident der Bundesärztekammer

(BÄK), Frank Ulrich Montgomery.

Standards für ärztliches Handwerk würden

abgesenkt, zudem erwartet er Vorgaben für

Behandlungen – zum Beispiel, wie eine

Mund-Kiefer-Spalte zu operieren sei. Auch

bei der Schönheitschirurgie drohten enge

Normen. Unsinn sei es auch, etwa neben

den Chirotherapeuten, die Ärzte sein müssen,

den Chiropractor als Berufsstand zu

etablieren. „Ein arztgleicher Beruf macht

keinen Sinn“, verteidigt Montgomery. Und

er warnt vor dem Kapitalismus im weißen

Bayrische Ventile für das Bellagio in Las Vegas

Schlimmer als die Zölle sind die bürokratischen Hürden für Bertram Kawlath:

„In meinem Geschäft zählen Handling and Speed.“ Wegen der Grenzhürden denkt

der Mittelständler darüber nach, in den USA eine zweite Produktion aufzubauen

Deutschlands wichtigste Partner

DiefünfgrößtenHandelspartner Deutschlands

(inMilliarden Euro)

Frankreich

USA

Großbritannien

Niederlande

China

100,2

64,0

88,4

48,5

75,7

47,1

71,0

89,2

67,0

73,6

Stand 2013; Zahlen gerundet;

Quelle: Statistisches Bundesamt

Exporte nach

Importe aus

Kittel. „Amerikanische Investoren könnten

reihenweise Kliniken, medizinische Versorgungszentren

oder Apotheken aufkaufen.“

Umso mehr wirbt die Wirtschaft nun für

das Abkommen. Auch DIHK-Präsident

Eric Schweitzer sitzt aus Überzeugung im

TTIP-Beirat. „Ziel von TTIP ist die Annäherung

industrieller Standards und Zollverfahren,

nicht aber die Senkung von Verbraucherschutzstandards.“

Für Schweitzer

ist die Debatte ein klarer Fall von Fehlinformation.

Politik, Wirtschaft, Medien und

auch die Vertreter der Zivilgesellschaft seien

daher gefragt, die Ziele des Abkommens

„klarer zu kommunizieren und so bestehende

Verunsicherung bei den Verbrauchern

aufzulösen“. Viele Menschen wüssten

nicht, „wie viele Formalitäten und damit

verbundene Kosten deutsche Unternehmen

im transatlantischen Handel bewältigen

müssen. Die deutsche Wirtschaft

FOTOS: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ROBERT POORTEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

22 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Die Aufregung um den Investitionsschutz

versteht der Mittelständler auch

nicht: „Investitionen sind Vertrauenssache.

Sie bedürfen des Vertrauensschutzes.

Das war in der Bundesrepublik immer so.

Das haben wir bereits in 131 Abkommen

geregelt. Und jetzt soll das 132. die Welt

verändern?“

Transatlantische Blockade fürs Trampolin

In Deutschland hat Evelyn Dornseif bei den Hüpfgeräten einen Marktanteil von rund

50 Prozent. Amerika würde sie reizen. „Aber ich komme gar nicht erst rein“, sagt die

Hudora-Chefin, weil die Kosten für die zusätzliche Zertifizierung viel zu hoch sind

und insbesondere der Mittelstand haben

daher hohe Erwartungen an TTIP.“

So wie Bertram Kawlath aus Ingolstadt.

Der Bayer warb Anfang Mai bei Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel leidenschaftlich

für das transatlantische Abkommen.

Kawlath stellt etwa 1,5 Millionen verschiedene

Ventiltypen her, ein Viertel des

Umsatzes macht er in den USA. Vor dem

berühmten Hotel Bellagio in Las Vegas

zum Beispiel regeln seine Ventile die bis zu

150 Meter hohen Wasserspiele. Aber: „Um

unsere Produkte auch in die USA liefern zu

können, mussten wir buchstäblich Zehntausende

von technischen Zeichnungen

ändern“, so Kawlath, „um uns an die Vielzahl

technischer Normen anzupassen.“ Inzwischen

überlege er wegen der Zusatzkosten,

in den USA eine zweite Produktion

aufzubauen. Diese Arbeitsplätze könnten

dann in Deutschland fehlen – ohne TTIP.

Europas wichtigste Partner

DiefünfgrößtenHandelspartner der EU

(inMilliarden Euro)

USA

Schweiz

China

Russland

Türkei

Norwegen

288,2

196,0

169,6

94,3

148,3

280,0

119,8

206,5

77,8

90,0

Stand 2013; Zahlen gerundet;

Quelle: Eurostat

Exporte nach

Importe aus

BESONDERS DREIST

Offenbar ist den TTIP-Gegnern der grundgesetzliche

Schutz von Eigentum und Investitionen

wurscht. Grünen-Fraktionschef

Anton Hofreiter stellte sich am vergangenen

Mittwoch auf die Wiese vor dem

Reichstag, um TTIP einmal mehr zu verdammen.

„Besonders dreist“ fand er, dass

Vattenfall derzeit die Bundesrepublik auf

3,5 Milliarden Euro Schadensersatz wegen

des Ausstiegs aus der Kernkraft verklage.

Immerhin hatte der Energieversorger – wie

die anderen – über viele Jahre Milliarden

Euro in die früher gewünschte Atomkraft

investiert, die nun aus politischen Gründen

à fonds perdu sind. Es klang, als möchte

Hofreiter in Zukunft nur noch entschädigungslos

enteignen.

EU-Handelskommissar De Gucht ahnte

von Anfang an: „Wir sollten uns nicht der

Illusion hingeben, dass dieser Prozess

einfach werden wird“, sagte er im Frühjahr

2013, ein Vierteljahr vor dem Startschuss

der Gespräche. „Wir können starken Gegenwind

erwarten.“ Der Belgier, der die

Verhandlungen mit den Amerikanern

für die 28 EU-Mitgliedstaaten führt, konnte

allerdings nicht mit einer derart steifen

Brise rechnen. Nichtregierungsorganisationen

(NGO) aller Couleur, aber auch

Parteien wie die Linke, die Grünen und

die AfD haben sich auf TTIP eingeschossen.

Die NGO Campact sammelte in kurzer

Zeit 470 000 Unterschriften gegen

das Abkommen. Der BUND hat 96 Kandidaten

für das Europäische Parlament

dazu bewogen, sich als Gegner von TTIP

zu outen. Obwohl es gar nicht um Chlorhühnchen

geht (siehe Seite 26), dominiert

die Furcht vor den chemisch gereinigten

Viechern die Debatte in den sozialen

Netzwerken.

Die Propaganda des Antilagers zeigt Wirkung:

In Deutschland ist die öffentliche

Meinung gekippt, bevor die Verhandler

überhaupt einen konkreten Vorschlag auf

den Tisch legten. Angst vor der Globalisierung

vermischt sich mit Antiamerikanismus.

Selbst Wirtschaftsminister Sigmar

Gabriel bedauert mittlerweile, dass „die

Debatte nicht ordentlich läuft“.

»

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 23

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Politik&Weltwirtschaft

KANADA

Testlauf für TTIP

Während die Verhandlungen zu

TTIP noch laufen, hat die EU-Kommission

ein ähnliches Abkommen

mit Kanada auf den Weg gebracht.

Lässt nichts übrig Schaufelbagger

beim Abbau von kanadischem Ölsand

Die politische Einigung über das Comprehensive

and Economic Trade Agreement

(Ceta) steht seit dem 18. Oktober vergangenen

Jahres. Jetzt werden noch die Einzelheiten

diskutiert, schon Ende 2015

könnten 99 Prozent aller Zolltarifpositionen

zwischen der EU und Kanada fallen.

Ebenso wie bei TTIP soll zudem der Zugang

zu öffentlichen Aufträgen für Unternehmen

beiderseits des Atlantiks erleichtert

werden. Gleichzeitig werden nach

dem Willen der Verhandlungsführer die

Standards zum geistigen Eigentum angepasst

und der in Europa geschätzte

Schutz von Herkunftsangaben – etwa für

Champagner oder Parma-Schinken –

anerkannt. Zudem soll der Dienstleistungsverkehr

liberalisiert und die gegenseitige

Anerkennung von Berufsabschlüssen

festgeschrieben werden.

Der Handel soll dank Ceta noch besser

laufen. 2013 betrugen die Exporte der EU

nach Kanada 31 Milliarden Euro, die

Importe von dort lagen bei 27 Milliarden

Euro.

Die Chancen für deutsche Unternehmen

sieht Mark Heinzel, Referatsleiter

Nord- und Lateinamerika beim DIHK, insbesondere

im Bereich

der erneuerbaren Energien

und des Maschinenbaus.

Aber auch die

Firmen aus dem Partnerland

werden nicht zu

kurz kommen, sagt er:

„Insbesondere im Bergbausektor

und im Bereich

Rohstoff und

Energie sind kanadische

Firmen weltweit

aufgestellt.“

Die Details werden

wie bei TTIP unter Ausschluss

der Öffentlichkeit

verhandelt. Deutsche

Parlamentarier

beklagen, keinen Einblick

in die Vorgänge zu

haben. Selbst die europäischen

Volksvertreter müssen während

dieser Phase lediglich über den Stand der

Verhandlungen unterrichtet werden. Erst

wenn das Abkommen fertiggestellt ist,

werden sie um Zustimmung gebeten. Ob

auch die nationalen Parlamente ratifizieren

müssen, prüft derzeit EU-Handelskommissar

Karel De Gucht noch.

Besonderer Streitpunkt ist wie bei TTIP

der Investitionsschutz: Unternehmen

könnten Staaten vor Schiedsgerichten auf

Schadensersatz verklagen, wenn sie ihre

durch das Handelsabkommen geschaffenen

Rechte beeinträchtigt sähen. Die

Idee ist nicht neu – in Entwicklungsländern

werden so Unternehmen vor politischen

Risiken geschützt. Auch Ceta sieht

den Schutz vor direkten und indirekten

Enteignungen vor. Was genau darunter zu

verstehen ist, ist noch unklar.

DER STAAT SOLL ENTSCHÄDIGEN

Aufsehen erregt hatte hierzulande die

Klage des Stromversorgers Vattenfall bei

einem internationalen Schiedsgericht. Die

Bundesrepublik soll das Unternehmen

wegen der Energiewende entschädigen.

Kritiker befürchten durch Ceta eine Flut

ähnlicher Fälle. Pikant dabei: Nicht nur

kanadische Unternehmen, auch US-amerikanische

Firmen mit Sitz in Kanada hätten

dann ein Klagerecht. Auch deshalb

gilt Ceta als Testlauf für das Freihandelsabkommen

mit den USA. Das deutsche

Wirtschaftsministerium setzte sich zumindest

bei TTIP zuletzt nicht mehr für

Investitionsschutzklauseln ein.

Mark Heinzel vom

DIHK beunruhigt das

nicht: „Ich habe Vertrauen

in den Rechtsstaat

Kanada, dort ist

ein Investitionsschutzabkommen

nicht zwingend notwendig.“

Den Vorteil

des Abkommens definiert

er so: „Die

Hauptbedeutung ist,

dass wir gemeinsam

Normen und Standards

setzen und dadurch

mit unserer

Spitzentechnologie

auf lange Zeit strategische

Positionen besetzen

können.“

julia schulte | politik@wiwo.de

Europadominiert

Anteileanden weltweitenExporten

(inProzent)

Europäische Union, gesamt: 32,4

EU ohne

Deutschland

Andere Länder

24,5

41,5

Deutschland

7,9

17,4

Stand 2012; * Brasilien, Russland, Indien, China;

Quelle: WTO

»

BRIC-Länder*

8,7

USA

Ökonomen prognostizieren vor allem

jenen Branchen, die in Deutschland ohnehin

gut aufgestellt sind, große Gewinne. Eine

Studie des britischen Centre for Economic

Policy Research (CEPR) sieht bei den

Exporten von Automobilbauern einen Anstieg

von 40 Prozent, in der Chemie von

neun Prozent und im Maschinenbau zwischen

sechs und zwölf Prozent.

Vor allem aus dem Automobil- und Maschinenbau

engagieren sich nun Unternehmer

pro TTIP. Und zwar Mittelständler,

die nicht wie die Konzerne mit großen

Werken in Spartanburg (BMW), Tuscaloosa

(Daimler) oder Chattanooga (VW) vor

Ort sind und leichter mit den unterschiedlichen

Standards umgehen können.

Jens Kieselstein, der mit 33 Mitarbeitern

in Chemnitz Maschinen für Schweiß-, Auto-

und Medizindrähte herstellt, kann

nicht so einfach ein zusätzliches Werk in

den USA aufziehen. Er muss mit dem Risiko

leben, dass er manchmal gar nicht weiß,

ob der jeweils zuständige US-Zöllner nun

zwei oder vier Prozent Abgabe festlegt. Gelegentlich

muss Kieselstein einen Broker

für die Zollabfertigung einschalten.

Tatsächlich herrscht in den USA selbst

ein Wirrwarr von unterschiedlichen Vorschriften.

Statt staatlicher Regeln gebe es

viele private Richtlinien und Standards,

nach denen sich Inspektoren richteten,

sagt Ulrich Ackermann vom Verband

Deutscher Maschinen- und Anlagenbau

(VDMA). Von der Ebene der Bundesstaaten

hinunter bis zu einzelnen Countys.

Auf TTIP hofft deshalb auch die Alfred H.

Schütte GmbH aus Köln, Weltmarktführer

für industrielle Schleifmaschinen. Wegen

des Wusts an unterschiedlichen Normen

müsse er bei Exporten in die USA mit

»

FOTO: CORBIS/AVID NUNUK

24 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

NAHRUNGSMITTEL

Die Schlacht ums

gute Essen

Lebensmittelgesetze sind in Europa

anders als in den USA. Wie sie genau

aussehen, ist kaum zu durchdringen.

US-amerikanische Fleischhersteller legen

geschlachtete Hühnchen in chlorhaltige

Desinfektionsbäder oder besprühen sie

mit hoch dosierter Chlorlösung. Das finden

die meisten Europäer widerlich. Und

so avancierten die Chlorhühnchen und ihr

möglicher Import zum Inbegriff aller Übel,

die Verbrauchern durch die TTIP-Verhandlungen

drohen könnten.

Tatsächlich ist eine solche

Chlorbehandlung für Fleisch in

Europa nicht zulässig.

Jüngst konterte EU-Handelskommissar

Karel De Gucht auf

einer Tagung in München allerdings,

er wisse gar nicht, worüber

die Europäer sich aufregten:

Schließlich werde hier der

verzehrfertig geschnibbelte Tütensalat

ebenfalls mit Chlorwasser gewaschen.

Wer blickt noch durch? Ob Salat in Europa

mit Chlor gewaschen wird, weiß selbst

EU-Kommissar De Gucht nicht so genau

Foto-Galerie

Was die einen am

Essen der anderen

ekelt, lesen und

sehen Sie in der

App-Ausgabe

CHLORDUSCHE FÜR EU-SALAT?

Tatsächlich ist Tütensalat mindestens so

empfindlich wie rohes Hackfleisch, was

den Befall mit Keimen angeht, bestätigt

Bernhard Trierweiler. Er ist Fachmann für

die sogenannte Nacherntebehandlung

am Max Rubner-Institut – dem Bundesforschungsinstitut

für Ernährung und Lebensmittel

– in Karlsruhe. Dass Tütensalat

allerdings mit Chlorwasser gewaschen

werde, sei ihm neu: „In Deutschland ist

das nicht gestattet.“ Und für den Rest von

Europa ist ihm nicht bekannt, dass dies

eine übliche Methode sei. Zwar sei in vielen

EU-Ländern eine milde Chlorbehandlung

des Trinkwassers erlaubt. Doch ist

der Chlorgehalt laut Trierweiler dann sehr

gering.

Den Widerspruch aufzulösen und die

tatsächliche Rechtslage herauszufinden

ist eine Sisyphusaufgabe – wie so oft im

europäischen Lebensmittelrecht. So verweisen

bei der vermeintlich simplen Frage

„wird Salat in der EU mit Chlorwasser

gewaschen“ verschiedenste Behörden

und Forschungsinstitute aufeinander,

erklären sich für unkundig oder nicht zuständig

– oder schicken seitenweise

nichtssagendes Info-Material, etwa über

Lebensmittelsicherheit im Allgemeinen.

Die Vertretung der EU-Kommission in

Berlin wird schließlich fündig: Der Einsatz

von Chlor zur Desinfizierung von

Obst und Gemüse muss in der

EU genehmigt werden, wofür jedes

Land selbst zuständig ist.

So verbieten Österreich und Dänemark

das Chlorieren des Salat-Waschwassers.

Belgien und

Frankreich gestatten es in sehr

geringem Maße. Die Dosis sei

aber viel niedriger als bei der

US-Chlordusche für Hühnchen, ordnet

ein Mitarbeiter der Bundesvereinigung

der Deutschen Ernährungsindustrie ein.

Auf Nachfrage in De Guchts Büro heißt

es nun: Es gehe nur um das Auswaschen

der Tüten mit Chlor. Da war wohl selbst

der EU-Kommissar nicht ganz korrekt informiert.

Die Frage, ob die Chlordusche von

Fleisch oder Salat aber sinnvoll – oder im

Gegenteil gesundheitsschädlich ist –

bleibt offen. Die meisten Verbraucher

wünschen sich jedoch eine Kennzeichnung.

Denn anders als die Amerikaner

fürchten sich Europäer weniger vor

Keimen als vor Chemikalien im Essen.

susanne.kutter@wiwo.de

Nackt-Parade Schlacht-Hühnchen dürfen

in Europa auf keinen Fall ins Chlorbad.

Verbraucher finden das widerlich

»

vier bis fünf Prozent Mehrkosten rechnen,

sagt Geschäftsführer Carl Welcker. In

Deutschland müssten beispielsweise die

Notabschaltknöpfe an seinen Maschinen

in 1,10 bis 1,30 Meter Höhe montiert sein,

in den USA dagegen in 0,90 bis 1,10 Meter

Höhe. Viele Normen seien historisch gewachsen,

einige seien hingegen durchaus

mit protektionistischen Absichten eingeführt

– das gelte für alle Länder. Nun seien

„Abrüstungsverhandlungen“ dringend

notwendig, sagt Welcker.

FEST ENTSCHLOSSEN

Die Friedensdividende, die ein transatlantisches

Freihandelsabkommen mit sich

bringt, könnte das Einkommen eines Vierpersonenhaushalts

im Jahr um 500 Euro

steigern, schätzt die EU-Kommission. Sie

hält Millionen neue Jobs in der europäischen

Exportindustrie für möglich.

Aber wie viel politischer Wille herrscht in

den USA, das Projekt voranzutreiben? Präsident

Barack Obama bekräftigte jüngst:

„Wir sind fest entschlossen, das transatlantische

Freihandelsabkommen TTIP abzuschließen.“

Erste Zweifel daran kamen allerdings

auf, als sie bei ihrem Vorschlag für

Zollsenkungen weit hinter den Europäern

zurückblieben, die für 90 Prozent aller Güter

die Grenz-Kosten komplett streichen

wollen.

Und kommt es wirklich zu einer gegenseitigen

Anerkennung von Sicherheits-,

Umwelt- oder Gesundheitsstandards? Für

Evelyn Dornseif ist die Frage entscheidend,

ob sie überhaupt am amerikanischen Markt

Fuß fassen kann. Mit ihrer Firma Hudora ist

sie hierzulande Marktführerin bei Freizeittrampolins.

Jedes zweite Hüpfgerät in deutschen

Gärten stammt von ihr. In den USA

liegt ihr Marktanteil bei null. „Ich komme

gar nicht erst rein“, sagt Dornseif, „weil die

Kosten für die Sicherheitsprüfung nach US-

Standard viel zu hoch für uns sind.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel und

Handelskommissar De Gucht nennen das

Jahr 2015 als Zieldatum. Doch das ist optimistisch.

Vergangene Woche trafen sich

die Unterhändler in den USA, im September

wird Handelskommissar De Gucht mit

dem US-Unterhändler den Zwischenstand

begutachten. Dann wird es erst mal eine

Pause geben, bis sich mit der neuen EU-

Kommission auch ein neuer Handelskommissar

in die Materie eingearbeitet hat.

Und ob der das Projekt mit demselben Ehrgeiz

verfolgt, muss sich erst noch zeigen. n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin, henning krumrey,

cordula tutt, silke wettach | Brüssel

FOTOS: ACTION PRESS/WIKTOR DABKOWSKI, VARIO IMAGES/ULRICH BAUMGARTEN

26 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»Das Leben ist

kein Ponyhof«

INTERVIEW | Barbara Hendricks Die Ministerin für Umwelt und

Bau über Sozialwohnungen, aufgegebene Dörfer, den

freiwilligen Verzicht fürs Klima und das Ende der Atom-Ära.

Frau Hendricks, Sie sind Anfang des

Jahres in Berlin umgezogen. Haben Sie

dabei etwas von zunehmender

Wohnungsnot in der Stadt gespürt?

Ich habe lange mit zwei Abgeordnetenkolleginnen,

die nun nicht mehr im Bundestag

sind, in einer WG gewohnt. Seit fünf

Jahren gehört mir eine kleine Wohnung am

Prenzlauer Berg, die bisher vermietet war.

Nun bin ich eingezogen. Mein Umzug war

also unproblematisch.

Die Mietpreise steigen in Boomstädten

und Vierteln wie dem Prenzlauer Berg,

gleichzeitig wird dort mehr gebaut. Der

Markt funktioniert also. Warum greift die

Regierung mit der Mietpreisbremse ein?

Weil Wohnraum bezahlbar bleiben muss.

Die Mieten steigen, weil immer häufiger

bei Wiedervermietungen ein richtig großer

Schluck aus der Pulle genommen wird. Bei

diesen Exzessen setzt die Mietpreisbremse

an. Sie erlaubt bei Wiedervermietungen

nur Mietsteigerungen um bis zu zehn Prozent

über dem ortsüblichen Vergleichswert.

In einigen Städten – in Hamburg,

München, an der Rhein-Main-Schiene von

Düsseldorf bis Frankfurt – herrscht in der

Tat Wohnungsmangel.

Dagegen wären schnellere Baugenehmigungen

das bessere Mittel.

Gegen den Mangel an Wohnungen hilft

nur Neubau. Aber auch der muss bezahlbar

bleiben. Nehmen Sie Münster, eine beliebte

Unistadt mit enormem Zuzug: Da

verdienen viele Menschen gut, aber nicht

alle, gerade Studenten nicht. Auch für die

muss neu und preiswert gebaut werden.

Was können Sie als Bundesbauministerin

überhaupt erreichen?

518 Millionen Euro bekommen die Länder

jedes Jahr von uns zur Förderung des sozialen

Wohnungsbaus. Damit müssen sie

verantwortungsvoll umgehen.

Was sie nicht immer tun. Einige Länder

zahlen mit dem Geld Schulden ab.

Die Verantwortung wird sehr unterschiedlich

wahrgenommen, das stimmt. Vorbildlich

läuft es in NRW, Hamburg und Bayern.

Berlin nutzt das Geld auch endlich wieder

verstärkt zum sozialen Bauen. Sachsen-

Anhalt hat damit eher Altschulden getilgt.

Wie effektiv ist so ein Programm dann?

Mir wäre mehr Neubau lieber, aber aus

Sicht mancher Länder sind andere Ziele

vernünftig. Sachsen-Anhalt braucht eben

kaum neue Wohnungen. Wir können das

Geld nicht nur an einzelne Länder geben.

Das verhindert der Föderalismus.

Wie kann man die Entstehung von

Ghettos in Sozialblocks verhindern?

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

28 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Die trostlosen Großsiedlungen der Siebzigerjahre

haben nicht funktioniert. Wenn

heute neu geplant wird, dann ist das eine

Kombination aus frei vermieteten und sozial

geförderten Einheiten. So ergibt sich

eine Mischung. Der soziale Wohnungsbau

richtet sich an breite Schichten, allein in

Düsseldorf hätte jeder zweite Haushalt

Recht auf eine Sozialwohnung. Als Familie

mit zwei Kindern ist man schnell dabei.

Können Sie dieses Umdenken bei der

Planung und Genehmigung fördern?

Der Bund wird in dieser Wahlperiode Flächen

für den Wohnungsbau zu verbilligten

Preisen abgeben. Das können frühere Kasernen

sein oder alte Gleisanlagen. Bei

Grundstücksverkäufen soll die Bundesanstalt

für Immobilienaufgaben bis zu einem

Wert von 100 Millionen Euro auf Höchstpreise

verzichten können – zugunsten des

Wohnungsbaus.

An vielen Stellen boomt das Land, anderswo

in Kleinstädten und Dörfern verfallen

Häuser. Was sollte die Politik tun?

Diese enorme Wanderung ist unsere große

Herausforderung. Wir können das kaum beeinflussen.

Ich glaube aber, dass kleinere

Städte langfristig als Zentren profitieren

BLUMEN UND BETON

Hendricks, 62, ist Bundesministerin für

Umwelt und Bau – und damit auch für die

Sicherheit und Abwicklung der Atomkraftwerke

zuständig. Seit 20 Jahren sitzt die

promovierte Lehrerin für die SPD im Bundestag.

Sie war Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium

und Schatzmeisterin ihrer

Partei. Hendricks ist außerdem Mitglied des

Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

können, gerade wenn die Dörfer schrumpfen.

Wir müssen dafür sorgen, dass Grundbedürfnisse

so lange wie möglich sichergestellt

sind: die medizinische Versorgung, der

Verkauf von Lebensmitteln oder der Nahverkehr.

Da gibt es kreative Lösungen. Nur steuern

oder umkehren können wir die Entwicklung

nicht. Es wird aufgegebene Dörfer und

Siedlungen geben, Fachleute sprechen von

Wüstungen. Dem müssen wir uns stellen.

In der Umweltpolitik sind die großen

Schlachten hingegen geschlagen. Was

bleibt außer geschicktem Verhandeln

und Verwalten – etwa bei CO 2 -Abgasen,

energiesparenden Geräten oder dem

Getränkepfand?

Klimaschutz ist eine große Aufgabe, der ich

mich intensiv widme. Wir müssen für die

UN-Klimakonferenz im Herbst 2015 in Paris

Impulse geben. Dafür müssen wir national

überzeugend Energieeffizienz und Klimaschutz

vorleben.

Und Sie müssen international sehr

mühsam verhandeln...

Das Leben ist kein Ponyhof. Zuerst müssen

wir das uns selbst gesetzte Klimaschutzziel

bis 2020 – 40 Prozent weniger CO 2 -Emissionen

gegenüber 1990 – erreichen. Dafür

müssen wir Überzeugungsarbeit leisten.

Wer soll welchen Beitrag leisten?

Alle energie- und emissionsintensiven Sektoren

müssen mehr tun: bei der Gebäudedämmung,

im Verkehrssektor, in der Industrie,

der Landwirtschaft, der Stromproduktion.

Wenn wir uns heute einfach mit

dem Erreichten zufriedengäben, würden

wir 2020 bei 33 Prozent Einsparung landen.

Das reicht nicht – das sieht auch die Kanzlerin

so. Deshalb wird es hierzu im Herbst

auch einen Kabinettsbeschluss der Koalition

geben. Wir bereiten ihn gerade vor.

International ist die Bereitschaft geringer.

Ich habe vor Kurzem meinen chinesischen

Kollegen getroffen. Der sagte mir: Wir »

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Politik&Weltwirtschaft

»

wollen den Klimaschutz nicht wegen

der UN, sondern weil er für die Gesundheit

unserer Bevölkerung notwendig ist. Diese

Bereitschaft in vielen Ländern müssen wir

nutzen. Von Deutschland wird international

eine Vorreiterrolle erwartet. Was wir

können, müssen wir tun.

Bedeutet Klimaschutz für uns Verzicht?

Wir müssen auf nichts verzichten, was unseren

Lebensstandard senkt. Wir werden

jedenfalls niemandem vorschreiben, wie er

zu leben hat. Jeder muss selber abwägen,

was ihm wichtiger ist: dickes Auto oder

Sprit sparen? Atomstrom oder Ökostrom?

Fliegen oder Zugfahren? Diese Verantwortung

will ich niemandem abnehmen.

Als Einschränkung empfinden Bürger die

Pfandvorgaben für Getränkeverpackungen.

Werden Sie für einen höheren Anteil an

Mehrwegflaschen kämpfen?

Der Umweltvorteil von Mehrweg ist klar erwiesen.

Trotzdem versuchen Teile der Getränkeindustrie

und Discounter, Mehrweg

mit Dumpingpreisen für Einweg zu verdrängen.

Bei Mineralwasser zeigt das Wirkung,

bei Bier ist der Mehrweganteil durch

das Pfand weiter stabil. Wir wollen Mehrwegflaschen

über eine Kennzeichnung am

Supermarktregal sichtbarer machen. Dann

wäre für die Verbraucher leichter erkennbar,

welche Getränke in Einweg- und welche

in Mehrwegverpackungen stecken.

Die Energiewende gelingt kaum ohne

mehr Effizienz. Wie wollen Sie erreichen,

dass Energie effizienter eingesetzt wird?

Die Menschen vergleichen ihre Energierechnung.

Wenn sie die Kosten für Energie

etwa im letzten Herbst mit denen vom

Herbst 2012 vergleichen, dann werden sie

selbst entscheiden, wie sie damit umgehen,

dass Energie teurer geworden ist. Viele

werden überlegen, wo sie sparen können.

Wird Energie teurer, fällt es auf. Bei

anderen alltäglichen Dingen ist das anders.

Kauft jemand im Jahr drei statt wie sonst

zwei Paar Schuhe, weiß er das am Jahresende

wahrscheinlich schon gar nicht mehr.

Soll die hohe Stromrechnung die

Menschen zur Sparsamkeit motivieren?

Nein, ausschlaggebend ist, dass man beim

Strom vergleichen kann – auch zwischen

Anbietern.

Zur Energiewende gehört die Abwicklung

der Kernkraft. Muss der Staat Verantwortung

übernehmen fürs sichere und

geordnete Ende der Atom-Ära?

Die Versorger haben die Verantwortung für

den sicheren Betrieb in der Restlaufzeit.

Dazu gehören der Rückbau und die sichere

Entsorgung der Kraftwerke. Das müssen

»Es werden Dörfer

aufgegeben.

Dem müssen wir

uns stellen«

die Versorger bezahlen. Wir sind für die Bestimmung

eines Endlagers verantwortlich.

Hier geht es nur schrittchenweise voran.

Anders geht es auch nicht bei einer solchen

Jahrhundertaufgabe. Für den hoch radioaktiven

Müll brauchen wir ein Endlager,

das die größtmögliche Sicherheit für einen

unvorstellbar langen Zeitraum gewährleistet.

Die neue Endlagerkommission hat am

Donnerstag erstmals getagt. Bis Ende 2016

soll sie Kriterien entwickeln, nach denen

dieses Endlager gesucht wird. Die Suche

wird wohl erst im Jahr 2031 abgeschlossen

sein. Danach erst kann es mit der Planung

und dem Bau weitergehen. Wenn ich es

realistisch sehe, kann mit der Einlagerung

des Mülls nicht vor 2050 begonnen werden.

Wichtig ist, dass jeder Schritt in diesem

Prozess offen und transparent erfolgt.

Der Rumpelstart der Kommission war

nicht vielversprechend.

Das waren Anlaufschwierigkeiten. Jetzt

haben wir zwei Vorsitzende für die Kommission,

und die Umweltverbände sind

mit an Bord. Da war viel Überzeugungsarbeit

nötig. Die andere Schwierigkeit ist

noch, neben Baden-Württemberg und

Schleswig-Holstein ein drittes Bundesland

zu finden, das Castor-Behälter zwischenlagert.

Die kommen ab 2015 aus Frankreich

und Großbritannien von der Wiederaufarbeitung

zurück. Ich bin zuversichtlich,

dass die Länder diese Frage zeitnah

klären. Schließlich sind sie gegenüber der

Bundeskanzlerin im Wort. Atomrechtlich

wären wir in der Lage, einen Standort zu

bestimmen.

Müsste man Anwohnern der Atomkraftwerke

sagen, dass bei ihnen in der Nachbarschaft

noch länger als eine Generation

Atommüll zwischengelagert wird?

Bis ein Endlager zur Verfügung steht, müssen

überirdische Zwischenlager an den

Standorten bestehen. Diese werden nur

genehmigt, wenn sie sicher sind. Verantwortungsvolle

Politik ist, das Endlager zu

finden und in einigen Jahrzehnten stark

strahlende Abfälle dorthin zu bringen.

Zurzeit scheint manchen Menschen das

geplante Freihandelsabkommen TTIP mit

den USA eher als Bedrohung. Sehen Sie

deutsche Umweltstandards in Gefahr?

Im Prinzip ist es vernünftig, wenn beide

Seiten Handelshemmnisse im Bereich

technischer Vorschriften durch ein Abkommen

beseitigen. Verbraucher machen

sich aber Sorgen um ihre Lebensmittel und

um die Umwelt. Das muss berücksichtigt

werden, sonst klappt es nicht.

Soll sich Europa stärker gentechnisch

veränderter Nahrung öffnen?

Aus meiner Sicht wird es eine solche Öffnung

nicht geben. Wir als Bundesregierung

sind gerade dabei, innerhalb Europas

nationale Gentechnik-Anbauverbote zu ermöglichen.

Deutlicher kann man nicht

machen, dass wir das nicht wollen.

Das könnte als Erfolg der SPD durchgehen,

die CDU lehnt Gentechnik weniger

ab. Auch sonst zeigt die Regierung sozialdemokratische

Handschrift. Warum hängen

Sie bei Umfragen um die 25 Prozent?

Ich weiß es nicht, aber ich neige nicht zum

Fatalismus. Wir werden anständige Arbeit

abliefern und dafür werben. Und bei den

nächsten Wahlen werden wir besser abschneiden

als beim letzten Mal.

An welchem Ziel wollen Sie nach vier

Jahren als Ministerin gemessen werden?

Erstens müssen Umweltschutz und Stadtplanung

besser verzahnt werden. Grüne

Städte sind lebenswerte Städte. Wir können

zweitens den demografischen Wandel

zwar nicht beeinflussen. Aber ich will die

Folgen gestalten, wenn die Menschen von

den Dörfern in größere Städte wandern.

Drittens: Ich will den nationalen Plan zum

Hochwasserschutz umsetzen. Starten wir

2015, wird es ohnehin noch zehn bis zwölf

Jahre dauern, ehe alle Menschen in flutgefährdeten

Gebieten besser geschützt sind.

Und schließlich: Wir müssen unsere

Klimaschutzziele erreichbar machen. n

cordula.tutt@wiwo.de | Berlin, max haerder | Berlin

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

30 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Fremde Freunde

RUSSLAND | Um unabhängiger von Europa zu werden, will Moskau

mehr Gas nach China liefern – und geht auf Dumpingpreise ein.

Ganz zum Schluss dieser erwartungsreichen

Reise durfte Gazprom-Chef

Alexej Miller doch noch verkünden,

womit niemand mehr gerechnet hatte: Der

staatliche Gaskonzern hat sich nach zehnjährigen

Verhandlungen mit China auf einen

Gasliefervertrag verständigt. Neben

Exporten in EU-Märkte, in denen Gazprom

das Gros seines Profits macht, wird der

Kreml-Konzern in den kommenden 30

Jahren bis zu 38 Milliarden Kubikmeter pro

anno an das chinesische Energieunternehmen

CNPC liefern – in etwa so viel, wie die

Bundesrepublik jährlich aus Russland importiert.

Für Kremlchef Wladimir Putin ist das ein

gewaltiger Erfolg. Nach innen wie außen

kann er nun die Botschaft verkünden:

Wenn der Westen mit Sanktionen droht

und von russischer Energie loskommen

will, dann handeln wir Russen eben mit

China. Als „größten Gasvertrag seit Sowjetzeiten“

bezeichnete Putin den Vertrag, dessen

Umsatzvolumen in Moskau auf 400

Milliarden Dollar geschätzt wird.

Einen Block bilden beide Staaten dennoch

nicht. Zwar stimmen die Länder im

UN-Sicherheitsrat oft gemeinsam ab, doch

bei einer Resolution zur Krim-Annexion

enthielt sich Peking. Auch die butterweich

formulierte Erklärung von Shanghai lässt

nicht den Schluss zu, China billige die russische

Annexion der Halbinsel Krim oder

regionale Referenden über die Unabhängigkeit.

„China und Russland verbinden

keine gemeinsamen Werte. Beide Länder

arbeiten nur punktuell zusammen, sofern

es ihnen nützt“, sagt Politologe Martin

Dimitrow von der Tulane-Universität in

den USA.

Politisch wie kulturell bleiben sich Bär

und Drache fremd. Die Ansiedlung chinesischer

Unternehmen im russischen

Grenzgebiet ist streng quotiert. Hohe Zölle

quer durch die Sektoren zeigen, dass Russland

den Wettbewerb mit China scheut.

Nur beim Öl läuft es wie geschmiert. Das

Handelsvolumen belief sich 2013 auf 90

Milliarden Dollar, fast so viel wie mit

Deutschland.

Bis 2020 wollen Russland und China Waren

im Wert von 200 Milliarden Dollar austauschen,

wozu vor allem die vor einem

Jahr geschlossenen Öllieferverträge im

Wert von 270 Milliarden Dollar bis 2038

beitragen könnten. Bei seinem Besuch in

Shanghai unterzeichnete Putin insgesamt

49 Abkommen, darunter für den Bau einer

Eisenbahnbrücke über den Grenzfluss

Bis 2020 soll

der Handel auf

200 Milliarden

Dollar steigen

Wem nutzt der Deal mehr? Gazprom-Chef Miller, Präsident Putin, Parteichef Xi Jinping

und CNPC-Chef Zhou Jiping bei Vertragsabschluss (von links nach rechts)

Amur und die gemeinsame Konstruktion

eines Langstreckenjets.

Pragmatisch sieht China auch den Gasdeal,

der auch wegen der niedrigen Preisvorstellungen

der Chinesen ein Jahrzehnt

lang in der Schwebe war. Auf die Preisformel

wollte Konzernchef Miller mit Verweis

auf „kommerzielle Geheimnisse“ nicht

eingehen, Analysten der Moskauer Bank

VTB Capital gehen aber von 350 Dollar pro

1000 Kubikmeter aus – ein Abschlag von 20

Prozent zum Preis, den derzeit die Europäer

zahlen. China hat also die missliche Lage

der Russen gut dazu genutzt, den Preis

nach unten zu drücken.

SAUBERE ALTERNATIVE

Kenner Chinas werten den Deal auch als

Zeichen, dass die Volksrepublik den Kampf

gegen die Luftverschmutzung ernster nehmen

will. Der Smog in den Städten treibt

die Menschen zunehmend zu Protesten

auf die Straße. Es hat sich inzwischen herumgesprochen,

dass ein Großteil der für

die Lunge gefährlichen Schadstoffpartikel

aus Kohlekraftwerken stammt. Erdgas aus

Sibirien wäre dazu eine sauberere Alternative.

Anfang des Jahres hat Peking seine

Zielvorgabe zum Gasverbrauch erhöht.

Langfristig, schätzt man beim Mercator-Institut

für China-Studien in Berlin, könnte

China ein Drittel seines Bedarfes mit russischem

Erdgas decken.

Bis dahin ist der Weg noch weit: Bislang

führt praktisch jede Pipeline der Russen in

den Westen, wo gerade mit der deutschen

Wirtschaft seit den Siebzigerjahren enge

Lieferbeziehungen bestehen. Nur einen

Teil der China-Exporte könnte Gazprom in

verflüssigter Form verschiffen – und schon

dafür fehlen die Kapazitäten. In den Aufbau

der Infrastruktur muss Gazprom 55

Milliarden Dollar stecken. Beobachter halten

Putins Energieminister Alexander Nowak

daher für einen Optimisten, wenn er

erste Lieferungen schon „in vier bis sechs

Jahren“ verspricht.

Zumal die dafür nötigen Felder noch angezapft

werden müssen. Das Gas für Europa

stammt vor allem aus Nordsibirien. Von

dort führen keine Leitungen zur viele Tausend

Kilometer entfernten chinesischen

Grenze. Darum wird Gazprom neue Vorkommen

wie Kowykta nordwestlich des

Baikalsees entwickeln müssen. So gesehen,

ist China zwar ein neuer Markt, aber

keiner, an den man das für Europa bestimmte

Gas umleiten könnte.

n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai,

florian willershausen

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32 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Stockendes Projekt

SAUDI-ARABIEN | Die Zukunft der Erdöleinnahmen ist ungewiss,

und das Königshaus steht vor einer Zerreißprobe.

Hoffnung auf den Nachwuchs Der zum Thronfolger designierte Königsbruder Prinz Muqrin

mit einem der vielen Prinzen aus der Urenkelgeneration der Dynastie

Es war bezeichnend, womit die arabischen

Ölmonarchien in den vergangenen

Tagen für Schlagzeilen in

Deutschland gesorgt haben. Das winzige

Katar will mit acht Milliarden Euro als

größter Anteilseigner bei der Deutschen

Bank einsteigen – und das große Saudi-

Arabien macht als bedeutendster nichtwestlicher

Kunde deutscher Waffenexporte

von sich reden. Der Unterschied: Katar

mit seinen 280 000 Untertanen und seinen

immensen Erdgas- und Ölvorkommen

weiß kaum noch, wo es sein Geld investieren

soll. Die saudische Königsfamilie verfügt

über wesentlich mehr Erdöl als Katar,

muss aber 21 Millionen Landeskinder in

einem Land von der sechsfachen Größe

Deutschlands ruhig halten.

Das kostet viel Geld, und das ist – seit der

Erdölpreis stagniert – auch für die Saudis

ein knappes Gut. Saudi-Arabien ist mit einer

täglichen Erdölförderung von ungefähr

zwölf Millionen Barrel nicht nur weltweit

größter Erdölproduzent, sondern hat mit

mehr als 60 Milliarden Dollar im Jahr den

fünftgrößten Militärhaushalt der Welt. Ein

Zeichen für Stabilität ist das nicht.

Dabei hat die hochgerüstete saudische

Armee kaum gleichwertige Feinde jenseits

ihrer Landesgrenzen. Ein Land- oder Seekrieg

mit dem Iran ist schon aus geografischen

Gründen schwer vorstellbar. Und Israel,

mit dem sich die Saudis formal seit

Die meisten

Ölvorkommen

liegen in einer

unsicheren Region

Jahrzehnten im Krieg befinden, ohne dass

je ein Schuss gefallen ist? „Wir rechnen

Saudi-Arabien nicht wirklich zu unseren

Feinden“, hört man aus dem Außenministerium

in Jerusalem. Warum also gibt das

Königreich dann weit über zehn Prozent

seines Bruttoinlandprodukts für Waffen

und Soldaten aus?

WAFFEN FÜR EINEN BÜRGERKRIEG

Ganz eindeutig: Panzer und selbst Flugzeuge

sind potenzielle Bürgerkriegswaffen,

sollte es zum Aufstand im Land kommen.

Im Satellitenstaat Bahrain war dergleichen

schon vor drei Jahren zu besichtigen: Die

Bürgerbewegung in der mit Saudi-Arabien

eng verbündeten Minimonarchie wurde

von Panzern niedergeworfen, die von den

saudischen Herrschern über die 25 Kilometer

lange Brücke in den kleinen Inselstaat

befohlen wurden.

Die Unruhen in Bahrain waren aus dem

Gegensatz zwischen den sunnitischen

Herrschern und einer schiitischen Bevölkerungsmehrheit

entstanden – aus

Sicht der saudischen Herrscher extrem bedrohlich:

Sie selber sind ebenfalls Sunniten

und begründen ihren mittelalterlichen

Absolutismus vor allem mit religiösen

Argumenten. Etwa 15 Prozent ihrer Untertanen

bekennen sich aber zur schiitischen

Variante des Islam, und diese Schiiten leben

vor allem im Nordosten um die Hafenstadt

Dammam. Ausgerechnet hier sind

die gewaltigen Ölvorkommen konzentriert,

und ohne die Hafenanlagen von

Dammam könnte das Land kaum noch

Erdöl exportieren.

Ein bedrohliches Szenario ist das für alle

Erdölverbraucher auf dem Globus. Nicht

nur, weil die Saudis derzeit mehr als 13 Prozent

des weltweit geförderten Rohöls produzieren.

Nach den Zahlen der Energieagentur

EIA, einer staatlichen Behörde in

Washington, liegt auch nach den neuen

Funden und Erschließungen in Nordamerika

ein Fünftel aller bekannten und wirtschaftlich

nutzbaren Erdölreserven der

Welt unter saudischem Boden. „Allein das

saudische Feld Ghawar mit etwa 70 Milliarden

Barrel unter der Erde enthält mehr

Erdöl als die bekannten Reserven in irgendeinem

Land der Erde“, schreiben die

amerikanischen Experten. Die ungeheure

Ballung des saudischen Erdölschatzes wäre

im Fall innerer Unruhen eine Schwäche:

Über die Hälfte der saudischen Reserven

liegen in nur acht Lagerstätten, allesamt im

politisch potenziell unzuverlässigen Nordosten

des großen Landes.

»

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 33

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Politik&Weltwirtschaft

»

Das saudische Königshaus bekämpft die

Gefahr mit je zwei unfriedlichen und friedlichen

Methoden. Unfriedlich sind die militärische

Aufrüstung und die brutale Unterdrückung

von Terroristen und Dissidenten

im eigenen Land. In den vergangenen

Wochen wurden mehrere liberal gestimmte

Blogger in Dschidda und Riad ins Gefängnis

gesperrt – so etwas passierte viele

Jahre nur mit den Sympathisanten des radikalislamistischen

Terrorismus.

Friedlich, aber teuer ist die Besänftigung

der Bevölkerung durch soziale Wohltaten.

„Und wegen dieser ganzen Sozialleistungen

gibt es so viele junge Saudis, die unterhalb

von Führungspositionen keine Jobs

annehmen wollen“, berichtet ein europäischer

Manager mit langer Erfahrung in der

Wirtschaftsmetropole Dschidda. Offiziell

liegt die Arbeitslosenquote konstant bei etwas

über zehn Prozent – bei den saudischen

Staatsbürgern ist sie mit Sicherheit

deutlich höher, weil es unter den sechs Millionen

Ausländern im Königreich kaum Arbeitslose

gibt.

Die großzügige Sozialpolitik – dazu gehören

nicht nur Altersrenten und Kindergeld,

sondern auch sehr hohe Beamtengehälter

und halb verschenkte Kredite für

junge Familien – behindert das große Projekt,

mit dem König Abdullah das Land

modernisieren und vom Erdöl unabhängig

machen wollte. Weil es an Humankapital

mangelt, scheint die 2010 proklamierte

Entwicklung von sechs neuen, hochmodernen

„economic citys“ zu stocken. Vom

saudischen Staat dominierte Konzerne wie

der Chemie- und Metallproduzent Sabic

investieren lieber im Ausland als im eigenen

Land. Auch reiche saudische Privatleute

stecken ihr Geld nur verhalten in die

großartigen königlichen Projekte zum Aufbau

von Spezialchemie, Fahrzeugbau und

Tourismus: Sie interessieren sich viel eher

für die Investitionsmöglichkeiten an den

Börsen der Industrieländer. Auf der anderen

Seite beziffern sich die ausländischen

Investitionen im Königreich nach offiziellen

Angaben auf 240 Milliarden Dollar, weniger

als beispielsweise in Polen.

WIRD AUCH DAS ÖL KNAPP?

Damit bleibt es auf absehbare Zeit bei der

Abhängigkeit vom Erdöl, und dabei können

sich die Saudis nicht wohlfühlen. Die

klügeren unter den Beratern der saudischen

Prinzen und Minister beschäftigen

sich mit Studien amerikanischer Erdölingenieure

über den geologisch bedingten

Rückgang der Ausbeute auf den Ölfeldern

Auf dem Weg in moderne Zeiten Saudische Industriekonzerne wie der Chemiegigant Sabic

aus Riad investieren oft lieber in der weiten Welt als zu Hause

in der arabischen Wüste. Eine in der Fachwelt

viel zitierte Studie der texanischen Beratungsfirma

Platt hatte schon 2006 prognostiziert,

die saudische Erdölförderung

werde ohne Erschließung neuer Quellen

schon bald um sechs bis acht Prozent im

Jahr zurückgehen. Das war sicher übertrieben,

aber von zwei bis drei Prozent Rückgang

sprechen auch Mitarbeiter des saudischen

Ölministeriums.

Die neuen Techniken, mit denen die USA

und Kanada heute ihre Ölförderung gewaltig

steigern, machen aus geologischen

Gründen im arabischen Wüstensand keinen

Unterschied. Nach Informationen des

US-Magazins „Bloomberg Businessweek“

haben die staatlichen saudischen Finanzplaner

mindestens 20 Milliarden Dollar weniger

Öleinnahmen in den kommenden

fünf Jahren eingeplant. Ob darunter der gigantische

Militärhaushalt leiden wird, die

spendable Sozialpolitik oder der Aufbau

der Wirtschaftsstädte – das wissen wohl

nur die allerhöchsten Kreise. Oder werden

die gar ihrer eigenen Familie Geld entziehen,

den 2000 engen und 15000 weitläufigen

Verwandten des Königs, die dank Öl

Die Öleinnahmen

werden bis 2019

um 20 Milliarden

Dollar sinken

und Absolutismus bisher in Saus und Braus

leben?

Das entscheidet prinzipiell nur der Herrscher.

Doch König Abdullah wird in diesem

Sommer 90 Jahre alt, und seine zunehmende

Hinfälligkeit lässt sich nicht mehr vertuschen.

Abdullah hat in 19 Jahren an der

Macht – erst als Vertreter des schwer kranken

Königs Fahd, seit 2005 als Monarch –

das in vielem rückständige Land vorsichtig

modernisiert:An der neuen King Abdullah

University for Science und Technology

sind die Geschlechtergrenzen weitgehend

aufgehoben. Es gibt seit ein paar Jahren

Kommunalwahlen für nicht besonders

einflussreiche Stadträte, und in der Hauptstadt

hat der König eine Art beratendes

Parlament mit von ihm selber ernannten

Mitgliedern einberufen. Das alles gegen

lautstarken Widerstand von Konservativen

aus Königshaus und Geistlichkeit. Auf der

anderen Seite des politischen Spektrums

fordern vor allem Blogger in sozialen

Medien weiter reichende Reformen.

Doch die werden seit ein paar Monaten

unterdrückt wie kaum je zuvor. Raif Badawi,

Gründer eines Internet-Forums zur

Diskussion der Rolle der Religion im Königreich,

wurde Anfang Mai zu zehn Jahren

Haft, 1000 Peitschenhieben und einer hohen

Geldstrafe verurteilt. Wie die Bloggerin

Eman al-Nafjan im Internet-Portal Al-Monitor

berichtet, ist jetzt der Jurist Waleed

Abulkhair verhaftet worden, der vergeblich

versucht hatte, Badawi vor Gericht zu vertreten.

Die Anklage gegen Abulkhair lautet

unter anderem auf Beleidigung der Justiz

und Untreue gegenüber dem König.

FOTO: REUTERS/FAISAL AL NASSER

34 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Nur der Monarch könnte wohl diesen

Spuk beenden, aber danach sieht es zurzeit

nicht aus. Der zögerliche Reformer Abdullah

gibt offenbar krankheitshalber die Zügel

der Macht langsam aus der Hand. Sein

Kronprinz, Verteidigungsminister Prinz

Salman, ist mit 78 Jahren wegen einer Demenzerkrankung

aus der Öffentlichkeit

verschwunden. Abdullah hat es aber gerade

noch geschafft, einen Nach-Nachfolger

zu küren: Der ehemalige Geheimdienstchef

Prinz Muqrin ist seit Februar stellvertretender

Ministerpräsident und damit

ranghöchster Politiker nach dem König. Bis

heute zirkulieren im Land Fotos des jungen

Prinzen Muqrin als Kampfpilot der saudischen

Luftwaffe. Vom Image her ist der

heute 70-Jährige also viel moderner als seine

fünf älteren Halbbrüder, die seit 1952 als

Könige herrschten.

ANGEBORENES MANKO

Doch für seine vielen Hundert Neffen und

Großneffen ist Muqrin ein Außenseiter, der

seinen Aufstieg nur der Tatsache verdankt,

dass er fast alle seiner zumeist viel älteren

44 Halbbrüder überlebt hat. Dabei hat

Muqrin als Sohn einer im Nachbarland Jemen

geborenen Nebenfrau des Staatsgründers

Ibn Saud ein angeborenes Manko gegenüber

den vielen Neffen, die alle über ihre

Mütter und Großmütter mit den großen

Familien der saudischen Stammesgesellschaft

verwandt sind. Und seine bisherige

Laufbahn prädestiniert ihn auch nicht gerade

zum Modernisierer von Wirtschaft

und Gesellschaft. Muqrin, der letzte Rüstige

unter den greisen Brüdern, sorgt für eine

Zerreißprobe in der Welt der saudischen

Paläste.

Politische Opposition von Bloggern lässt

sich mit Muqrins Geheimdienstmethoden

allerdings unterdrücken. Jedenfalls, solange

die Öleinnahmen fließen – aber auch

das ist unsicher – weil Saudi-Arabien einen

gigantisch wachsenden Anteil seiner Ölproduktion

selbst verbraucht. Von 2002 bis

2012 hat der staatliche Erdölmonopolist

Aramco seine Fördermengen um knapp 30

Prozent gesteigert. Gleichzeitig aber ist der

Erdölverbrauch im Land kontinuierlich

um insgesamt 76 Prozent gestiegen. Analysten

des Bankkonzerns Citigroup haben

diese beiden Wachstumskurven schlicht

extrapoliert. Danach wäre das Königreich

„schon 2030 ein Netto-Importeur von Erdöl“.

Wenn es 2030 noch ein Königreich ist,

wie wir es kennen. Muqrin, der letzte der

vielen Brüder, wäre dann 86 Jahre alt. n

hansjakob.ginsburg@wiwo.de

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 35

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Politik&Weltwirtschaft

Der verzagte Westen

FORUM | Moskaus aggressives Auftreten hat die große Schwäche der Politiker in Washington, Berlin

und im gesamten westlichen Bündnis enthüllt: Sie haben kein Selbstbewusstsein, keinen Stolz auf die

eigenen Werte und keine Visionen. Das war einmal ganz anders. Von Rafael Seligmann

Die Hilflosigkeit des Westens angesichts

der russischen Expansionspolitik

ist das Ergebnis

von Einfallslosigkeit und fehlender

Entschlossenheit der transatlantischen

Demokratien. Den Ländern

der EU und der Nato mangelt es an

Träumen, wie sie einst beispielsweise

Martin Luther King hegte. Pastor King

verkündete 1963 seinen Traum von

einem freien Amerika, frei von allen

Formen der Rassendiskriminierung.

King sprach vor einer Viertelmillion

Anhänger, die nach Washington marschiert

waren. Um Träume wahr zu

machen, das wusste King, muss man

eine kritische Menschenmasse zu ihrer

Durchsetzung gewinnen.

DAS WÄREN DIE VORBILDER

Mein Traum ist, dass in den USA ein

Präsident wie Ronald Reagan (Amtszeit

1981 bis 1989) amtierte, in London

die Premierministerin Margaret Thatcher (1979 bis 1990) und

in Rom Papst Johannes Paul II. (1978 bis 2005), der als polnischer

Erzbischof unter der russischen Dominanz gelitten hatte. In diese

Reihe gehört auch Helmut Kohl (1982 bis 1998). Dessen Nachfolgerin

in der CDU und als Bundeskanzlerin, Angela Merkel, besitzt

eine hohe Durchsetzungskraft, doch bleibt die Frage offen, ob die

pragmatische Ingenieurin der Macht Visionen besitzt oder ob sie

es mit ihrem sozialdemokratischen Vorvorvorgänger Helmut

Schmidt hält, der politische Visionäre am liebsten

zum Arzt geschickt hätte. Er war überzeugt, dass

Träumer ihn beim schnörkellosen Durchregieren

stören würden.

Schmidt sollte es mittlerweile besser wissen,

denn er selbst wurde von Helmut Kohl aus dem

Amt gedrängt, der politische Träume hegte. Denn

als sich 1989 die Gelegenheit zur Wiedervereinigung

bot, setzte Kohl diese mit überwältigender

Tatkraft, gekoppelt mit diplomatischem Geschick,

gegen die europäischen Partner um, die sich dermaßen

vor einem geeinten Deutschland fürchteten,

dass sie sich eine fortgesetzte Zersplitterung

der größten Wirtschaftsmacht auf ihrem Kontinent

wünschten. Kohl war zu seiner erfolgreichen Politik

in der Lage, weil er als deutscher Patriot – ein No-

Word in Nachkriegsdeutschland – nicht aufgehört

hatte, von einem einigen Vaterland zu träumen.

Die Richtung war klar Politische Führer Margaret

Thatcher, Helmut Kohl, Ronald Reagan (von links)

Seligmann, 66, ist Sachbuchautor,

Romancier,

Politikwissenschaftler

und Herausgeber der

Zeitschrift „Jewish Voice

from Germany“

Barack Obama ist als mächtigster

Politiker des Westens unfähig, von einem

entschlossenen Block der Demokratien

zu träumen, weil ihm das

Trauma der gescheiterten Militärmissionen

in Irak und Afghanistan noch

immer den Schlaf raubt. Und ähnlich

wie dem Amerikaner ergeht es den

meisten westlichen Regierungschefs.

TRAUMATA STATT TRAUM

Die westeuropäischen Spitzenpolitiker

fürchten, eine Eskalation in Osteuropa

könnte zur militärischen

Auseinandersetzung mit Moskau

führen. Die Vision eines demokratischen

Europas vom Atlantik bis zum

Ural ist ihnen abhanden gekommen.

Damit unterscheiden sie sich von

US-Präsident Ronald Reagan. Dieser

war überzeugt, dass politisch und

wirtschaftlich freie Länder den Kommunismus

ohne Krieg niederzwingen

würden – und konnte seine Vision umsetzen.

Die eigene traumatische Konfrontationsangst verleitet die westlichen

Politiker dazu, Moskau für genauso konfliktscheu zu halten,

wie sie selbst sind. Sie glauben darum, Putin werde sich mit Teilzielen

wie der Krim oder der Ostukraine zufriedengeben. Sie ignorieren,

dass Russlands Präsident Wladimir Putin in Wirklichkeit

die russischen Minderheiten nutzt, um das Sowjetimperium in alter

Größe zu restaurieren. Zudem wird immer wieder auf den Außenhandel

mit Russland verwiesen, insbesondere

auf die Energieimporte. Dabei besitzen die Volkswirtschaften

der EU und Nordamerikas gegenüber

Russland eine dermaßen überlegene Wirtschaftskraft,

dass der Kreml im Falle einer politisch-ökonomischen

Auseinandersetzung auf mittlere Dauer

unterlegen wäre.

Der Tiefschlaf des Westens wird aber enden, sobald

Putins Revisionismus die baltischen Staaten

trifft, die Mitglieder der EU und der Nato sind. Je

eher die westlichen Gesellschaften und ihre Regierungen

ihre Furcht überwinden und zu einer rationalen

Interessenwahrnehmung zurückkehren, desto

besser für alle Seiten. Denn eine Existenz ohne

Visionen und Selbstbewusstsein reizt die Gegenseite

lediglich zur Konfrontation. Daher ist die beste

Friedensstrategie eine Interessenpolitik mit realistischen

Träumen – in Washington wie in Berlin. n

FOTOS: ULLSTEIN BILD/KUCHARZ, PICTURE-ALLIANCE/DPA

36 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: JOHANN SEBASTIAN KOPP, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, REUTERS/THOMAS PETER

BRÜSSEL | Zu Hause

ist einfach alles besser

– nicht nur beim

Essen, sondern

auch bei der Wahl.

Von Silke Wettach

Ferne Heimat,

schlaffes Brot

Mit sechs Jahren, wenige

Wochen vor meinem ersten

Schultag, zog ich

nach Griechenland. Damals

habe ich mich oft

gefragt, warum meine Eltern

ein Land ausgesucht hatten, in dem

sich die Süßigkeiten auf Schokolade der

Marke „Lacta“ beschränkten, die nach

Staub schmeckte. Besucher aus der

Heimat bemaß ich fortan daran, wie viel

Milchschokolade sie mitbrachten. Gummibärchen

interessierten mich nicht.

Jahrzehnte später lebe ich in einem

Land, in dem Chocolatiers die Pralinen

mit der Hand machen. Für manch anderen

scheint Belgien essenstechnisch

allerdings Wünsche offen zu lassen. So

bekennt sich EU-Kommissar Günther

Oettinger dazu, aus Schwaben Schwarzund

Graubrot mitzubringen. Auch deutsche

Kollegen in Brüssel mäkeln am belgischen

Brot herum. Als „irgendwie gewöhnungsbedürftig“

beschreibt es eine

Radio-Kollegin. „Je ferner die Heimat,

desto schlaffer das Brot“, schreibt ein

Magazin-Journalist im Internet.

Man könnte es Thesenjournalismus

nennen. Oder eine dumpfe Sehnsucht

nach Gewohntem. Die Sehnsucht danach

ist in Europa stärker verbreitet, als wir uns

eingestehen wollen – und beschränkt sich

nicht nur aufs Essen. Die Europawahl etwa

kann in den 28 Mitgliedstaaten nicht an

einem Tag stattfinden, weil keiner von seiner

Gewohnheit abrückt. Briten und Niederländer

haben bereits am Donnerstag

ihr Kreuzchen gemacht, finden Wahlen

dort doch nie sonntags statt. Den Wahltag

dort oder bei uns zu verschieben wäre

aber wohl schlimmer, als Sechsjährigen

die Süßigkeiten zu nehmen.

Silke Wettach ist Brüssel-Korrespondentin

der WirtschaftsWoche.

BERLIN INTERN | Um den Wirtschaftsflügel der Union

zu besänftigen, wird das Rentenpaket noch einmal

150 Millionen Euro im Jahr teurer. Generationengerechter

wird es dadurch nicht. Von Henning Krumrey

Die Koalition packt ein

Persönlicher und zugleich brisanter

hätte der Abend nicht beginnen

können. Gastgeber Hubertus

Pellengahr, Geschäftsführer der

Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

(INSM), hält für den frischen Großvater

ein kleines Präsent bereit, aber auch eine

Mahnung: „Ihre Enkeltochter wird die Folgen

Ihres politischen Handelns spüren.“

Der Opa in Ausbildung heißt Peer

Steinbrück und schaut etwas gequält. Tochter

Anna hat ihm das Problem der Generationengerechtigkeit

in die Wiege gelegt. Schon

Zum Schreien Das Renten-Ja auch von

Steinbrück schockt die junge Generation

ist man mitten in der Debatte über das Rentenpaket,

das die Koalitionsfraktionen morgens

geschnürt haben. Abends vertritt der

frühere Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat

auf Einladung der INSM und der WirtschaftsWoche

„Steinbrücks Standpunkt“.

Die Pläne könnten gefährlich werden,

gibt der Gast unumwunden zu. „Das Problem

ist der Paketcharakter“, verweist

Steinbrück etwas umständlich auf die Kostentreiber:

Mütterrente, Rente mit 63, höhere

Zahlungen bei Berufsunfähigkeit –

macht 160 Milliarden Euro extra bis 2030.

Was Union und SPD in ihren Wahlprogrammen

aufgeschrieben hätten, sei kaum bezahlbar.

„Die Addition der beiden Wunschzettel

kann an der normativen Kraft des

Faktischen scheitern“, sagt der Finanzexperte.

Würde die Koalition auch noch die

versprochene Lebensleistungsrente als

Mindestausstattung für jeden Senior liefern,

blieben nur drei Möglichkeiten: Beiträge

rauf, Rentenniveau runter oder Bundeszuschuss

höher, was Steuererhöhungen

erforderte. Das käme aber erst „bestimmt

nach 2017“. Da steht nämlich die nächste

Bundestagswahl an, aber das sagt Steinbrück

mit Rücksicht auf die Kollegen nicht.

Das Rentenpaket stärke die soziale Gerechtigkeit,

begründet er seine Zustimmung.

Ihn besorgen „die Fliehkräfte in unserer

Gesellschaft“. Er wende sich „gegen ein

vulgäres Verständnis von Marktwirtschaft“.

Wer die Debatte über die Gerechtigkeitslücken

im Rentenpaket „nicht hilfreich“ genannt

habe, lässt WiWo-Chefredakteur

Roland Tichy den Gast raten. „Das war bestimmt

eine SPD-Politikerin“, mutmaßt der

Genosse. „Es war Angela Merkel“, lautet

die Lösung, und Steinbrück lacht: „Na,

dann habe ich ja richtig gelegen.“

Dem Wirtschaftsflügel der Union haben

die Koalitionsspitzen das Ja zum Paket

noch etwas erleichtert. Mit der „Flexi-Rente“

können Arbeitnehmer über die Pensionierung

hinaus angestellt werden – auf

Zeit, auch mehrmals hintereinander. „Erstmals“

sei es gelungen, befristete Arbeitsverträge

flexibler zu gestalten, freut sich

Michael Fuchs, Unions-Fraktionsvize für

Wirtschaft. Zudem zählen freiwillige Zahlungen

als Selbstständiger nun wie Arbeitslosigkeit

zu jenen 45 Beitragsjahren, die

man für die Rente mit 63 braucht. Macht

aber wieder 150 Millionen Euro pro Jahr.

Zwar nennen etliche Unions-Wirtschaftspolitiker

das Rentenpaket „eine große

Scheiße“ – aber stimmten dennoch zu.

Der Osnabrücker CDU-MdB Mathias

Middelberg kann dagegen dem verkorksten

Gesetz sogar einen politischen Vorteil

abgewinnen: „Ein gewisses Quantum an

Nöl-Masse ist gar nicht schlecht“, frohlockt

der Vorsitzende der niedersächsischen

Landesgruppe der Union. „Das ist das

Milchpulver, um die schwächelnde Zwergpartei

FDP wieder aufzupäppeln.“

In dem kleinen Präsent für die Enkelin,

sinniert Großvater Steinbrück beim Rausgehen,

sei vielleicht Schokolade drin. „Die

fress ich dann jetzt alleine.“ Recht hat der

fürsorgliche Opa. Schokolade wäre nicht

gesund fürs Baby – wenn auch längst nicht

so schädlich wie das Rentenpaket.

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 37

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Im Ranking der

wettbewerbsfähigsten Nationen

rückt Deutschland vor – aber wohl

nur für kurze Zeit. Von Bert Losse

Star auf Abruf

Jedes Jahr im Frühjahr

kommt das International

Institute for Management

Development (IMD) aus

Lausanne mit einem dicken

Wälzer auf den Markt. Seit 1989

analysiert die Schweizer Business

School mit Akribie die

Wettbewerbsfähigkeit von rund

60 Staaten; dafür werden 4300

internationale Geschäftsleute

befragt und die Länder nach

über 300 ökonomischen und

politischen Kriterien bewertet.

Die gute Nachricht lautet:

Deutschland zählt zu den Aufsteigern

und rückt gegenüber

dem Vorjahr um drei Ränge auf

Platz 6 vor. Laut Studie sind wir

weltweit Spitze bei der Produktivität

von Arbeitnehmern und Betrieben,

nirgendwo sonst ist der

Mittelstand so stark. Auch für die

politische Stabilität und die Finanzierungsbedingungen

der

Wirtschaft gibt es gute Noten.

Doch leider könnte es ein Erfolg

mit geringer Halbwertzeit

sein. Die Studie berücksichtigt

nur Daten und politische Vorgaben

bis Ende 2013. „Im

nächsten Jahr dürften sich die

wirtschaftspolitischen Entscheidungen

der deutschen Regierung

negativ auf die Platzierung

im Länderranking auswirken“,

sagt IMD-Direktor Arturo Bris im

Interview mit der WirtschaftsWoche*

– und hat dabei vor allem

den Mindestlohn, die Rente mit

63 und die drastisch steigenden

Energiekosten im Blick. Auch

langfristig ist der Wettbewerbsexperte

eher skeptisch: „In

den nächsten 10 bis 20 Jahren

werden die Energiepreise in

Deutschland vier Mal so hoch

sein wie in den USA. Das hält

kein Industrieland aus.“ Dabei

braucht die EU das ökonomische

Kraftzentrum Deutschland mehr

denn je. In vielen Problemländern

ist die Wettbewerbsfähigkeit

unverändert niedrig. Spanien

arbeitet sich im Ranking

zwar um sechs Ränge nach oben

(Rang 39). Griechenland, das

viele doch auf gutem Wege

wähnten, rutscht aber nochmals

um drei Plätze ab und liegt nun

auf Rang 57 – hinter Staaten wie

Peru und Jordanien. Das chronisch

reformresistente Italien

macht es auf Rang 46 (minus

zwei Ränge) nicht viel besser.

Euro-Zone Mittelmaß

Rankingder Wettbewerbsfähigkeit

Rang

1. USA

2. Schweiz

3. Singapur

4. Hongkong

5. Schweden

6. Deutschland

.

Quelle: IMD, World Competitiveness

Scoreboard

RangimVorjahr

(1)

(2)

(5)

(3)

(4)

(9)

27. Frankreich (28)

.

39. Spanien

(45)

.

46. Italien

(44)

.

57. Griechenland (54)

Diese Ergebnisse zeigen zweierlei.

Die ökonomische Krise Europas

ist noch lange nicht vorbei.

Nach innen geht die Schere immer

weiter auseinander – und

nach außen verlieren wir als

Wirtschaftsblock an Boden gegenüber

Asien und den USA.

Den Kampf für die europäische

Wettbewerbsfähigkeit – also für

überfällige Strukturreformen–

sollten das neu gewählte EU-

Parlament und die künftige EU-

Kommission daher als ihre dringlichste

Aufgabe betrachten.

* Das Interview lesen Sie unter

wiwo.de\bris

NEW ECONOMICS

Radikale Umkehr

In einem neuen Buch attackiert der US-Ökonom

William Easterly die klassische Entwicklungshilfe – weil

sie zu einer Kumpanei mit Despoten ausarten kann.

In vielen Entwicklungsländern

hat sich in den vergangenen

20 Jahren die ökonomische

Lage für die Menschen

verbessert. Doch noch immer

ist Armut in rund 40 Staaten der

Welt ein Massenproblem. Mehr

als 870 Millionen Menschen leiden

Hunger, so die Welternährungsorganisation

FAO. Woran

liegt das? Machen vielleicht

auch die vielen Entwicklungshilfeorganisationen

etwas

falsch?

Ja, meint der US-Ökonom

William Easterly. In seinem

neuen Buch „The Tyranny of

Experts: Economists, Dictators,

and the Forgotten Rights of the

Poor“ fordert er eine radikale

Umkehr vom derzeitigen Modell

der Entwicklungshilfe. Sie

basiere auf der Illusion, Armut

sei allein ein technisches Problem,

das Technokraten und

Ökonomen mithilfe etwa von

Düngemitteln, mehr Antibiotika

und Impfungen oder besserer

Ernährung lösen könnten.

Diese Sichtweise aber vernebele

das Recht der Menschen auf

politische und wirtschaftliche

Freiheit, argumentiert Easterly.

Stattdessen kusche die Entwicklungshilfegemeinde

vor Tyrannen

und Diktatoren, die dank

der wohlmeinenden technischen

Hilfe aus dem Westen in

ihrer Macht nurbestärkt würden.

Dabei seien Autokraten,

die den Menschen weder politische

noch gesellschaftliche

Freiheit

gewährten, Teil des

Problems. Nur ein

neues Entwicklungsmodell,

das auch

staatliche Machtstrukturen

infrage

stelle, kann laut Easterly

das Armutsproblem

lösen.

Eine provozierende These,

die ein Stück weit imperialistisch

anmutet. Doch das ist

nicht Easterlys Doktrin. Der

Professor für Wirtschaftswissenschaften

an der New York University

gilt als einer der profiliertesten

Kritiker westlicher

Entwicklungshilfepolitik. Er war

viele Jahre bei der Weltbank tätig.

Dort flog er 2001 raus, weil er

die eigene Organisation und ihre

Arbeit in den Entwicklungsländern

als ineffektiv kritisierte.

Die Weltbank halte in ihrer

Charta gar fest, das Wort „Demokratie“

in Zusammenhang

mit Entwicklungshilfeprojekten

nicht zu verwenden, wettert

Easterly. Das sei an Selbstzensur

nicht zu überbieten.

Der Ökonom analysiert in seinem

(in Deutschland noch nicht

erschienenen) Buch aktuelle

Hilfsprojekte, etwa in Uganda

und Äthiopien, und zeigt auf, wie

dort von der Weltbank finanzierte

Hilfsprojekte Menschenrechte

missachten. Easterly argumentiert

dabei nicht gegen Entwicklungshilfe

per se. Doch er wehrt

sich dagegen, dass die Idee der

individuellen Freiheit – in autokratischen

Gesellschaften als

„westliche Werte“ diffamiert –

von den Geberstaaten nicht offensiv

genug vertreten wird. Das

ursprüngliche Prinzip internationaler

Hilfsorganisationen –

ohne Demokratie keine Hilfe –

sei in Vergessenheit geraten.

Lesenswert!

angela.hennersdorf@wiwo.de

William Easterly

The Tyranny of

Experts. Economists,

Dictators, and the

Forgotten Rights of

the Poor

Basic Books 2014, 416

Seiten, 18,96 Dollar

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR

38 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Wirtschaft wächst auch

im zweiten Quartal

Das war ein echter Traumstart:

Um 0,8 Prozent ist die deutsche

Wirtschaft zwischen Januar und

März im Vergleich zum Vorquartal

gewachsen, vor allem

dank einer kräftigen Binnennachfrage.

Damit blieb

Deutschland die Konjunkturlokomotive

im Euro-Raum, der

insgesamt nur um mickrige 0,2

Prozent zulegte.

Doch ganz so gut wird es im

weiteren Verlauf des Jahres

nicht weitergehen. Im zweiten

Quartal dürfte das deutsche

Bruttoinlandsprodukt (BIP)

zwar um 0,5 Prozent gegenüber

der Vorperiode zulegen, zwischen

Juli und September

könnten es dann aber nur noch

0,3 Prozent sein. Das signalisiert

der vom Institut für Wirtschaftsforschung

in Halle

(IWH) exklusiv für die WirtschaftsWoche

erstellte BIP-

Flash-Indikator. In das Konjunkturbarometer

gehen rund

160 Einzelindikatoren ein.

„Der Aufschwung wird sich

im zweiten und dritten Quartal

fortsetzen, wenngleich etwas

weniger dynamisch“, resümieren

die IWH-Ökonomen in ihrer

Analyse für die Wirtschafts-

Woche. Mit ein Grund dafür:

Das hohe Wirtschaftswachstum

zu Jahresbeginn war wetterbedingt

überzeichnet – das Ausbleiben

von Frost und Schnee

führte dazu, dass die typische

Dynamik lässt etwas nach

konjunkturelle Frühjahrsbelebung

schlicht früher einsetzte.

Es sei etwa „zu berücksichtigen,

dass die Bauproduktion auch

aufgrund des ungewöhnlich

milden Winters so hoch war

und im Folgequartal mit einem

entsprechend niedrigeren Zuwachs

zu rechnen ist“, schreiben

die Ökonomen. Hinzu

kommen globale Wachstumsrisiken:

„Alles in allem haben

sich die weltweiten konjunkturellen

Aussichten in den letzten

Monaten etwas eingetrübt“, so

das IWH. Der Welthandel habe

seit Dezember nicht mehr zugelegt.

In Europa verschlechtere

der russisch-ukrainische Konflikt

die Aussichten.

bert.losse@wiwo.de

640

630

4

3

BIP-Niveau 2

620

2

610

0,5 0,3

1

600

0

590

Veränderung gegenüber

Prognose

Vorquartal 3

–1

580

–2

Reales Bruttoinlandsprodukt in Deutschland 1

570

2011 2012 2013 2014

–3

1

saison- und arbeitstäglich bereinigter Verlauf; 2 in Milliarden Euro; 3 in Prozent;

Quelle: Statistisches Bundesamt; Prognose: IWH

Industrie schaltet

Gang zurück

Die deutsche Industrie hat einen

leichten Dämpfer hinnehmen

müssen. Der vom Londoner

Forschungsinstitut Markit

erhobene Einkaufsmanagerindex

sank im Mai um 1,2 auf

52,9 Zähler. Der Frühindikator

liegt damit aber immer noch

deutlich über der Marke von

50 Punkten, ab der gemeinhin

Expansion einsetzt. Der Index

für den Dienstleistungssektor

kletterte überraschend um

1,7 auf 56,4 Punkte – stärkster

Anstieg seit fast drei Jahren.

Die Erzeugerpreise in Deutschland

sind im April auf Jahressicht

um 0,9 Prozent gesunken.

Gegenüber dem Vormonat kosteten

gewerbliche Produkte 0,1

Prozent weniger. Besonders

stark reduzierten sich die Preise

für Metalle (minus 4,6 Prozent)

und Getreidemehl (minus 13,1

Prozent). Teurer wurden hingegen

Investitionsgüter (plus 0,4

Prozent gegenüber Vorjahr).

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

2012 2013

Durchschnitt

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

0,5

0,9

0,7

–2,4

0,1

3,0

0,8

0,9

2012 2013

Durchschnitt

I/13

0,0

0,3

0,2

–1,4

–1,5

–0,9

–1,0

–0,5

Januar

2014

II/13 III/13 IV/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

–0,9

–4,2

0.1

3,3

105,0

46,7

5,9

2,0

2,0

2,1

2896

478

29006

–0,3

2,5

0,2

–0,2

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

435

29381

0,4

0,1

1,9

2,3

110,6

56,3

7,6

1,3

–1,1

–2,3

2912

443

29629

0,6

0,9

0,7

–1,3

111,3

54,8

8,2

1,2

–0,9

–2,7

2911

444

29693

–0,5

–2,8

0,1

–1,8

110,7

53,7

8,5

1,0

–0,9

–3,3

2897

446






111,2

54,1

8,5

1,3

–0,9


2872

448







52,9

8,5







5,1

3,1

–1,1

1,9

6,7

7,1

37,1




–2,5

3,2

1,5

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,7

0,6

–0,4

0,5

1,7

1,6

2,4

1,9

Februar

2014

0,3

0,2

1,2

0,1

2,1

1,4

0,2

0,8

März

2014

0,4

–0,1

0,0

1,4

1,4

1,2

2,7

0,6

April

2014

I/14

0,8








Mai

2014

Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

2,5

1,0

1,0

0,0

3,2

2,1

4,1

2,7

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 39

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Der Volkswirt

NACHGEFRAGT Axel Honneth

»Der Markt ist nur ein Instrument«

Warum ist Ungleichheit schlecht? Welche Freiheit wollen wir? Antworten

auf Fragen, die Bestseller-Ökonom Thomas Piketty offengelassen hat.

Herr Honneth, in Amerika

macht ein Buch des Ökonomen

Thomas Piketty Furore. Auf einen

Nenner gebracht: Leistung

lohnt sich doch nicht, weil der

Reichtum der Reichen schneller

wächst als die Einkommen

der arbeitenden Bevölkerung.

Leider verrät uns Piketty nicht,

warum soziale Ungleichheit

überhaupt ein Problem ist.

Können Sie uns helfen?

Wir müssen unterscheiden. Ungleichheit

als solche, also die

Diskrepanz zwischen niedrigen

Einkommen und riesigen Vermögen,

schadet der sozialen Integration.

Der Blick auf leistungslos

Begüterte vermittelt

vielen Bürgern das Gefühl, dass

die eigene Anstrengung nicht

ausreichend bestätigt und anerkannt

wird. Wenn sich solche

Gefühle zu Lebenseinstellungen

und Mentalitäten verhärten,

ist das schädlich für die Gesellschaft.

In einer zweiten

Hinsicht ist Ungleichheit ein

Problem, wenn Lebenslagen

geschaffen werden, die es einigen

Schlechtergestellten nahezu

unmöglich machen, noch an

politischen Prozessen teilzunehmen

oder kulturelle Errungenschaften

zu genießen. Das

ist in einigen westlichen Gesellschaften

erkennbar der Fall.

Leistung lohnt sich nicht,

Aufstieg ist unmöglich – was

steht mit dem meritokratischen

Prinzip auf dem Spiel?

DER SOZIALPHILOSOPH

Honneth, 64, ist Direktor des legendären

Instituts für Sozialforschung

in Frankfurt/Main („Kritische

Theorie“). Mit seiner „Theorie

der Anerkennung“ unterläuft

er systematisch die Lehre vom

nutzengetriebenen Homo oeconomicus.

Zuletzt erschienen:

„Das Recht der Freiheit“ (2011)

und als Herausgeber: „Der Wert

des Marktes“ (2014).

Eine der großen Legitimationsgrundlagen

moderner Gesellschaften.

Schließlich war das

Bürgertum im 18. Jahrhundert

angetreten, die Reichtumsbildung

von der Herkunft zu entkoppeln

und abhängig zu machen

von der individuellen

Leistung. Seither gehört das

meritokratische Prinzip zu den

Grundpfeilern unserer Sozialordnung.

Wenn nun laufend

neue Nachweise dafür erbracht

werden, dass es verletzt wird

und dass seine Verletzung begründete,

auf einem gesunden

Gerechtigkeitssinn basierende

Stimmungen des Neides und

der Empörung hervorruft, dann

scheint mir das auf eine Sozialkrise

hinzudeuten.

Sozialkrise? Heute? Vor 150

Jahren hatten Schlechtergestellte

Hunger. Heute Anspruch

auf 750 Euro im Monat.

Die Erfahrung von Ungleichheit

kennt weder historische noch

absolute Maßstäbe. Es geht immer

um relative Deprivation,

um Ungleichheit im Vergleich

zu den Bessergestellten in einer

Sozialgemeinschaft.

Ist die Ungleichheit des Bessergestellten

Bill Gates ein Problem?

Die eines Öloligarchen?

Oder sind beide Ungleichheiten

gleichermaßen problematisch?

Beide sind problematisch,

wenn auch nicht gleichermaßen.

Mancher Reichtum verdankt

sich dubiosen Quellen, ist

moralisch verwerflich. So etwas

hat es immer gegeben; so etwas

wird es immer geben. Philosophisch

interessanter ist der Fall

von Bill Gates. Er verdankt die

Masse seines Reichtums gesellschaftlichen

Voraussetzungen,

die wir alle – die amerikanischen

Bürger – geschaffen haben.

Ein Verdienst aber, der auf

der Basis gemeinsamer Errungenschaften

erworben wird

und solche Maße annimmt, ist

problematisch.

Warum? Der berühmte Gerechtigkeitsgrundsatz

des Philosophen

John Rawls lautet: Materielle

Ungleichheit ist prima,

solange sie Kooperativleistungen

erzeugt, die auch den

Schlechtergestellten nützen.

Ist der Reichtum von Bill Gates

also nur deshalb problematisch,

weil nicht mehr alle von

der Ungleichheit profitieren?

Nein. Auch aus anderen Gründen.

Rawls arbeitet mit der Vorstellung,

dass nur ökonomische

Anreize Leistungen erzeugen,

und sitzt damit den Grundannahmen

der herrschenden

Wirtschaftstheorie auf. Als seien

Märkte nur Anreizsysteme

und nicht auch Koordinationsmechanismen

für die Abstimmung

ökonomischer Interessen.

Der Markt stellt in guter

Weise Informationen darüber

bereit, welche Bedürfnisse und

Interessen es gibt...

FOTOS: BILDFOLIO/UTE SCHMIDT, CORBIS/HULTON-DEUTSCH COLLECTION

40 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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...und ist deshalb kein Zwillingsbruder

des Kapitalismus?

So ist es. Karl Marx hat die beiden

Begriffe – Marktwirtschaft

und Kapitalismus – nahezu synthetisiert.

Der Markt hatte die

soziale Gestalt des Kapitalismus

angenommen – und sollte

durch den Plan überwunden

werden. Inzwischen haben wir

die Erfahrung gemacht, dass

der Plan als alternatives Steuerungsmedium

zur Bedürfnisbefriedigung

nicht taugt. Deshalb

müssen wir heraustreten

aus der Marx’schen Entgegensetzung,

um überhaupt wieder

über alternative Gestaltungsformen

unseres Wirtschaftssystems

nachdenken zu können.

Wie könnte das gehen?

Ich denke, man muss den Begriff

des Kapitalismus vom Instrument

des Marktes entkoppeln.

Um erst mal wieder einen Einblick

zu gewinnen in die bloße

Instrumenthaftigkeit des Marktes.

Um uns ganz neu mit Fragen

beschäftigen zu können wie: An

welchen Orten unseres Zusammenlebens

halten wir den Markt

für wichtig? In welche sozialen

Formen wollen wir ihn einbetten?

In welchen Konstellationen

wollen wir ihn als Steuerungsinstrument

zur Geltung kommen

lassen – und in welchen nicht?

Und – an welchen Stellen ist

der Markt fehl am Platze?

Die meisten von uns sind wohl

der Überzeugung, dass der

Markt weder im Bereich der Bildung

noch der Kindererziehung

oder der Gesundheitsversorgung

dominant sein sollte.

Auch würde ich darüber nachdenken,

ob die Versorgung mit

Wohnraum ein nur dem Markt

zu unterstellendes Gut sein soll.

Das Entscheidende ist aber, sozusagen

vorgängig, die Rückgewinnung

unserer Fantasie. Dass

wir nicht immer schon so tun,

als sei der Markt, wo er existiert,

immer richtig am Platz – ohne

zum Beispiel historisch zu prüfen,

ob er institutionell dort

auch immer schon richtig am

Platze war. Das heißt, wir haben

gar nicht mehr den gedanklichen

Horizont, um uns Zeiten

vorzustellen, in denen bestimmte

Bereiche des gesellschaftlichen

Zusammenlebens

nicht vom Markt, sondern vom

Staat, von der Religion oder von

anderen zivilgesellschaftlichen

Kräften gesteuert wurden.

Wie konnte es dazu kommen?

Offenbar haben wir uns einschüchtern

lassen vom Bankrott

des Plan-Sozialismus. Seither

können wir uns nur noch

marktgängige Lösungen vorstellen.

Dadurch haben wir das

Gespür verloren für die Vielfältigkeit

unserer Freiheiten. Wir

haben uns durch die Dominanz

Reizfigur Adam Smith Eigennutz

als Quelle des Wohlstands

eines Modells von Freiheit – der

rechtlich verbürgten, individuellen

Freiheit – blind machen

lassen für ihre multiplen Dimensionen.

Von welchen Freiheiten

sprechen Sie?

Von Freiheiten, die wir in persönlichen

Beziehungen genießen

oder auch als Staatsbürger

in der demokratischen Willensbildung.

Von Freiheiten also,

die sich ausdrücklich nicht mithilfe

des Marktbegriffs erschließen

lassen. Es sind Freiheiten,

die wir nicht für uns je selbst erreichen,

sondern nur gemeinsam

verwirklichen können.

Zum Beispiel?

Freundschaften verlangen ein

ungezwungenes Zusammenspiel

von zwei Personen. Und

die Freiheit, die in der demokratischen

Willensbildung zum

Tragen kommen soll, ist eine

des sich wechselseitigen Ergänzens

der eigenen Meinungsbil-

dung in der Sphäre der Öffentlichkeit.

Eine soziale Freiheit.

Eine Freiheit, die ein Wir verlangt,

kein Ich.

Wie kommt es, dass ausgerechnet

der Markt, auf dem sich

zwei Menschen ja geradezu

beispielhaft begegnen, zum

Zentrum einer Theorie

individueller Eigeninteressen

werden konnte?

Gute Frage. Wahrscheinlich ist

Adam Smith dafür verantwortlich

– ausgerechnet! Denn Smith

war ja derjenige, der seine Bäcker

und Händler stets mit

reichlich Sympathie für seine

Mitbürger ausgestattet

»Wir müssen die

dominante

Theorie der VWL

in Einzelteile

zerlegen« Axel Honneth

hat. Gleichwohl neigt er im

„Wohlstand der Nationen“ zu

Formulierungen, die seinen eigenen

Beschreibungen zuwiderlaufen.

Das könnte also schon

die Quelle sein. Denn an Smith’s

Vorstellung des Eigeninteresses

haftet sich schon bald die Idee

des Homo oeconomicus – als sei

der Wirtschaftsbürger, den

Smith uns vorgestellt habe, rein

auf sich gestellt, auf die Mehrung

seines Nutzes aus. Schon

Marx kann dann nicht mehr sehen,

dass der Markt als Ort des

Austauschs auf einer Reihe von

sozialen Einstellungen fußt.

Und am Ende dieser Entwicklung

steht dann die ehemalige

britische Premierministerin

Margaret Thatcher, für die es

„keine Gesellschaft, nur Individuen“

gab...

Ich glaube, die ganze Disziplin

der Volkswirtschaft ist in eine

Sackgasse gelaufen.

Wie auch mit der Gegenüberstellung

von „Markt“ und

„Staat“, die es historisch ja nie

gegeben hat?

Die Ökonomen haben schon

sehr früh mit dem Gegensatz

von „Staat“ und „Markt“ operiert.

Und suggeriert, dass der

beste Markt ein von staatlichen

Einflüssen und Voraussetzungen

freier Markt ist. Ein Zerrbild,

das bis heute in unseren Köpfen

herumspukt. Als müsse es keine

staatlichen, rechtlichen, kulturellen

und bildungsmäßigen

Voraussetzungen geben, bevor

ein Markt auch nur halbwegs

angemessen funktionieren

kann. Es ist mir ein Rätsel, wie

man überhaupt auf so einen Gedanken

kommen kann. Und ein

noch größeres, dass der Gedanke

bis heute wirkmächtig ist.

In welchen Hinsichten ist der

Markt ein sozialer Ort?

Das haben bereits Sozialwissenschaftler

wie Émile Durkheim,

Albert Hirschman, Karl

Polanyi, Amitai Etzioni gezeigt.

Dass sich auf dem Markt nicht

nur eigennutzorientierte Akteure

begegnen. Dass der Markt

Machtsymmetrie voraussetzt,

also auf freien Verträgen basiert,

die ungezwungen und

nicht aus purer Not geschlossen

werden – ein Grundsatz, der

heute erkennbar oft verletzt

wird. Dass der Markt umso besser

funktioniert, je größer das

Einverständnis unter den

Marktakteuren ist, das

heißt:Man muss sich wechselseitig

schon anerkannt haben,

den anderen für zuverlässig

und rechtschaffen halten,

ihm jedenfalls keine Absicht zur

Täuschung unterstellen, um

überhaupt mit ihm in ein Geschäft

eintreten zu können.

Kurzum...

...wir müssen das wirtschaftstheoretisch

Dominante in seine

Einzelteile zerlegen. Uns einer

reichen Tradition des Marktdenkens

entsinnen. Und fantasievoll

darüber nachdenken,

wie anders wir den Markt gestalten

wollen, wo wir ihn zur

Geltung bringen, wo begrenzen

wollen – an welchen Stellen er

Gutes leistet und an welchen

Stellen nicht.

n

dieter.schnaas@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 41

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Chinas Regierung will die Zinsen für Spareinlagen freigeben. Ob die

Bürger auf die höheren Zinsen mit mehr oder weniger Ersparnis reagieren, ist nicht nur

für das Reich der Mitte von großer Bedeutung. Es wird Rückwirkungen für die gesamte

Weltwirtschaft haben, die von Chinas Sparern lebt. Von Rolf Langhammer

Sparen auf Chinesisch

Seit Jahren ist in China

eine auf den ersten

Anschein paradoxe

Situation zu beobachten:

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt

(BIP), sparen die

privaten Haushalte dort doppelt

bis dreimal so viel wie in

Japan, Südkorea, den USA

oder Frankreich. Dabei deckelt

die Regierung in Peking die Depositenzinsen,

lässt keinen

Wettbewerb zwischen Banken

zu und beschert Sparern eine

negative Realrendite. Diese sogenannte

finanzielle Repression

verteilt die Einkommen von

den Haushalten zu den staatseigenen

Betrieben, Provinzen

und Kommunen um, die sich

günstig verschulden können.

Nun aber hat die Kommunistische

Partei angekündigt, dass

die Zeit der Zinsdeckelung bald

zu Ende geht.

ZWEI EFFEKTE

Ob die Bürger auf den zu erwartenden

Zinsanstieg mit mehr

oder weniger Sparleistungen

reagieren, ist nicht nur für die

chinesische Wirtschaft wichtig,

sondern auch für das Ausland.

Denn bislang fließt ein Teil der

chinesischen Ersparnisse dorthin

(etwa zwei bis drei Prozent

des chinesischen BIPs) und finanziert

die Defizite in den

Staatshaushalten des Westens.

Grundsätzlich bestimmen

zwei Effekte die Reaktion der

Sparer auf veränderte Sparzinsen:

der Einkommens- und der

Preiseffekt. Beim Einkommenseffekt

wird auf ein bestimmtes

Ziel hin gespart, etwa eine Eigentumswohnung.

Sparer haben

einen kurzen Zeithorizont

(also eine hohe Zeitpräferenz)

und schränken bei höheren Habenzinsen

ihre Sparleistung ein,

da sie pro Spareinheit höhere

Erträge erhalten. Beim Preiseffekt

hingegen dominiert das Vorsorgemotiv.

Wer heute mehr spart,

kann sich später mehr leisten. Der

Zeithorizont ist länger, die Zeitpräferenz

niedriger. Dominiert

diese Sicht, sparen die Bürger

mehr.

Weltbankstudien zeigen, dass

in ärmeren Entwicklungsländern

nach dem Ende der finanziellen

Repression meist der Einkommenseffekt

dominiert, während in

fortgeschritteneren Ländern der

Preiseffekt vorherrscht. Das deckt

sich mit der Beobachtung, dass in

»Ein Teil der

chinesischen

Ersparnisse

finanziert die

Defizite in den

Staatshaushalten

des Westens«

armen Ländern die Zeitpräferenzrate

höher ist als in reicheren Ländern,

getreu dem chinesischen

Sprichwort: Der Reiche kümmert

sich um die Zukunft, der Arme um

die Gegenwart. Ebenfalls Einfluss

auf die Stärke von Einkommensund

Preiseffekt haben der Bildungsstand,

die Effizienz des Kapitalmarkts

sowie kulturelle Faktoren.

Welcher Effekt aber wird in China

dominieren? Dass die Chinesen

bislang trotz finanzieller Repression

viel sparten, spricht für die Dominanz

des Einkommenseffekts.

Die Bürger nahmen die niedrigen

Wohin mit dem Geld? Beratung

bei einer chinesischen Bank

quote der privaten Haushalte

demnächst sinkt, zumal die Älteren

überwiegend entsparen. Für

rückläufige Sparleistungen spricht

auch das 2011 in Kraft getretene

neue Sozialversicherungsgesetz,

das verschiedene Sicherungssysteme

zusammenfasst und eine

Grundsicherung für die städtische

und ländliche Bevölkerung bereits

ab dem Jahr 2015 anstrebt.

Doch es gibt auch Argumente,

die für eine höhere Sparleistung

und damit für die Dominanz des

Preiseffektes sprechen. So werden

die Sparprodukte in China

vielfältiger. Die privaten Haushal-

Realzinsen zum Anlass, mehr Geld

auf die hohe Kante zu legen, um

ihre konkreten Sparziele zu erreichen.

Nun könnten sie angesichts

steigender Zinsen ihre Sparleistungen

verringern. Hinzu kommt,

dass die Ersparnisse aus dem Erwerbseinkommen

gebildet werden.

Beide Größen entwickeln

sich parallel zueinander. In den

nächsten Jahren wird der Anteil

der Erwerbstätigen in China relativ

zum Anteil der nicht mehr aktiven

Bevölkerung sinken. Die demografische

Verschiebung, die bereits

1990 einsetzte, hat in den vergangenen

Jahren an Fahrt gewonnen.

Das spricht dafür, dass die Sparte

werden wohlhabender, und

die Lebenserwartung nimmt zu.

Das erweitert den Zeithorizont

und senkt die Zeitpräferenz. Die

Bürger könnten sich daher zunehmend

vom Zielsparer zum

Vorsorgesparer entwickeln.

KULTURELLER EINFLUSS

Zudem sprechen spezielle kulturelle

und demografische Bedingungen

für eine steigende Sparquote

in China. Untersuchungen

zeigen, dass schrumpfende Familiengrößen,

eine geringere

Kinderzahl und vor allem der

Männerüberschuss die Sparneigung

beflügeln. Letzterer verschärft

den Wettbewerb um

Frauen auf dem Heiratsmarkt,

der teilweise über die Vermögenspositionen

der männlichen

Kandidaten ausgetragen wird.

Das zwingt die Eltern von Söhnen

zu höheren Sparanstrengungen.

Auch die Eltern von Töchtern

müssen sparen, vor allem für

sich selbst. Denn in China ist es

Konvention, dass nicht die Töchter,

sondern die Söhne für die Eltern

im Alter sorgen.

Ob die Chinesen auf den erwarteten

Anstieg der Einlagenzinsen

mit mehr oder weniger

Sparleistung reagieren, ist daher

offen. Fest steht hingegen,

dass eine freiere Zinsbildung die

Kapitalströme effizienter lenkt,

als staatliche Zinsdiktate es vermögen.

Das spricht dafür, dass

Chinas Wirtschaft durch die

Freigabe der Zinsen langfristig

eine stabilere Basis erhält.

Rolf J. Langhammer ist

Wissenschaftler am Institut für

Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

Bis August 2012 war der

Handels- und Globalisierungsexperte

Vizepräsident des IfW.

FOTOS: ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CORBIS/IMAGINECHINA

42 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Für Führer, Volk

und Firma

AUDI | Nach Enthüllungen der WirtschaftsWoche stellt

sich die VW-Tochter nun ihrer NS-Vergangenheit.

Wegen der skrupellosen Ausbeutung von KZ-Häftlingen

und Zwangsarbeitern wird in Ingolstadt der Audi-

Gründervater Richard Bruhn vom Sockel gestoßen.

Martin Löwenberg ist jetzt 89.

Ein Schlaganfall, den er im

vergangenen Jahr erlitt, erschwert

ihm das Sprechen.

Aber die Erinnerungen

sind klar. Wegen seines jüdischen Vaters

habe er unter den Nazis als „wehrunwürdig“

gegolten, erzählt der gebürtige Breslauer,

der heute in einem Münchner Altenheim

lebt. 1943 kam er ins KZ. Der Grund:

Löwenberg hatte einem Zwangsarbeiter

Lebensmittelkarten zugesteckt.

Zwangsarbeiter war er dann bald selbst.

„Mit Hacke und Spaten“ musste der damals

18-Jährige im tschechischen Leitmeritz

die Stollen eines ehemaligen Kalkbergwerks

erweitern. Die wurden zur unterirdischen

Fabrik ausgebaut. „Wir führten

Sprengungen durch, dabei haben sich

Felswände unkontrolliert gelöst“, sagt Löwenberg.

Doch er habe „es noch gut“ gehabt:

„Ich gehörte zu denen, die in Baracken

schlafen durften“ – außerhalb der

Stollen. Viele andere der unterernährten

KZ-Häftlinge verbrachten die Nacht unter

Tage auf nassem Gestein. Kam Löwenberg

mit seiner Kolonne „morgens ins Bergwerk

zurück, haben wir zuerst die Leichen auf

Loren gepackt und hinaus befördert“.

Auch Bohumil Kos hat die Hölle von

Leitmeritz durchlitten. Der heute 90-Jährige

aus Revnice bei Prag war als politischer

Häftling im KZ Theresienstadt interniert.

In den nah gelegenen Stollen musste er

Bahngleise verlegen. Nur knapp hat er

Hunger, Kälte und die Grausamkeit der SS-

Aufseher überlebt: „Ich weiß nicht, warum.

Ich frage mich das oft.“ Als Tscheche sei er

nicht der größten Gefahr ausgesetzt gewesen:

„Ganz unten in der Lagerhierarchie

standen die Juden. Die Aufseher durften

sie erschlagen, wenn sie Lust dazu hatten.

Um uns Tschechen zu töten, brauchte man

einen Grund.“ Völlig abgemagert und infiziert

mit Typhus und Tuberkulose, wurde

Kos im Frühjahr 1945 befreit.

JAHRZEHNTELANG AUSGEBLENDET

69 Jahre später will Audi Löwenberg und

Kos kennenlernen. Denn die VW-Premiummarke

entdeckt gerade ihre Historie

neu. Hinter dem Rüstungsprojekt in Leitmeritz,

wo Tausende KZ-Häftlinge den Tod

fanden, steckte der zweitgrößte Autobauer

des Dritten Reiches, die Auto Union. Aus

dem sächsischen Autohersteller – entstanden

aus der Fusion von Audi, Wanderer,

Horch und DKW – war mit Kriegsbeginn

1939 ein Rüstungskonzern geworden. Der

produzierte im Zeichen der vier Auto-Union-Ringe

nun Panzermotoren und Torpedos.

Aus der 1949 in Ingolstadt neu gegründeten

Auto Union AG wurde 1985 Audi.

Jahrzehntelang blendete die Volkswagen-Tochter

Audi das dunkelste Kapitel ihrer

über 100-jährigen Firmengeschichte

aus. Nach Recherchen der WirtschaftsWoche

über die Verstrickung der Auto Union

in das NS-Regime (Heft 39/2010) ließ der

Konzern in den vergangenen vier Jahren

seine Kriegshistorie aufarbeiten.

Fazit der 500-Seiten-Studie, die an diesem

Montag als Buch erscheint: „Die Auto

Union ließ sich aus kriegswirtschaftlichen

Interessen heraus in skandalösem Maße in

den KZ-Komplex einbinden“. Die „moralische

Verantwortung für die Zustände in

Leitmeritz, wo 18 000 KZ-Häftlinge eingesetzt

wurden, von denen 4500 den Tod fanden“,

stehe „außer Frage“.

»

Tief im KZ-Komplex

2010 berichtete die WirtschaftsWoche

über das wahre Ausmaß der Zwangsarbeit

beim Audi-Vorgänger Auto Union.

Daraufhin beauftragte der Konzern Audi-Historiker

Martin Kukowski und den

Chemnitzer Geschichtsprofessor Rudolf

Boch mit einer Studie. Sie belastet Auto

Union und den damaligen Chef schwer:

44 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Dem Regime ganz nah

Adolf Hitler 1937 bei

der Autoschau in

Berlin mit Auto-Union-

Vorstandschef Richard

Bruhn (2. von rechts)

und den Auto-Union-

Vorständen Carl Hahn

(links) und William

Werner (rechts)

»Die Auto Union ließ sich aus kriegswirtschaftlichen

Interessen heraus

in einem skandalösen Maße in den KZ-

Komplex einbinden«

»Die moralische Verantwortung (des

Auto-Union-Vorstandes) für die Zustände

in Leitmeritz, wo 18 000 KZ-Häftlinge

eingesetzt wurden, von denen 4500

den Tod fanden, steht außer Frage«

»Bis in die letzten Kriegswochen betrieben

die Auto-Union-Vorstände (…)

den Einsatz tausender Zwangsarbeiter

und KZ-Häftlinge mit List und

sichtlichem Eifer«

»Der Vorstand ließ NS-Fanatikern

und ihren Mitläufern

allerhand Freiraum, ihren

Rassenhass auszuleben«

»Nur das nahe Kriegsende verhinderte

einen noch umfänglicheren KZ-Häftlings-Einsatz.

Entsprechende Planungen

lagen bereits vor«

Martin Kukowski, Rudolf Boch:

„Kriegswirtschaft und Arbeitseinsatz

bei der Auto Union AG

Chemnitz im Zweiten Weltkrieg“,

Franz Steiner Verlag 2014, 75 Euro

FOTO: SZ PHOTO/SCHERL, STEINER-VERLAG

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 45

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Unternehmen&Märkte

Bohumil Kos war Häftling im KZ

Theresienstadt und Zwangsarbeiter

im nahe gelegenen Leitmeritz. Dort

entstand eine Untertagefabrik für

Auto Union

Martin Löwenberg musste wie Kos

ab 1944 als KZ-Häftling in Leitmeritz

die Stollen des früheren Kalkbergwerks

zur Produktionsstätte für Auto

Union ausbauen

»

Audi will nun auf Überlebende des Nazi-

Terrors zugehen, die Darstellung in eigenen

Museen überarbeiten, sich an KZ-Gedenkstätten

engagieren – und den bislang

verehrten, durch die Studie aber stark belasteten

Gründervater Richard Bruhn vom

Sockel stoßen (siehe Interview Seite 49).

Eine Audi-Rentenkasse mit seinem Namen

soll umbenannt werden. Auch hat Audi

schon die Ingolstädter Stadtverwaltung

vorgewarnt: „Es wird wohl darum gehen,

ob die Bruhnstraße umbenannt wird“, sagt

Oberbürgermeister Christian Lösel. Sobald

der Stadt die Audi-Studie vorliege, würden

Ältestenrat und Stadtrat eingeschaltet.

Für die Studie erforschten der Chemnitzer

Geschichtsprofessor Rudolf Boch und

Audi-Historiker Martin Kukowski, wie die

Auto Union zu einem der eifrigsten Ausbeuter

von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen

wurde. Ihr Werk birgt eine Fülle

neuer Erkenntnisse – und viel Zündstoff.

Denn die erschreckenden Zustände bei

Auto Union beschränkten sich nicht auf

Leitmeritz, wo Auto Union 1944 und 1945

Panzermotoren baute. Neben diesem Außenlager

des KZ Flossenbürg hatte die SS

für die Auto Union in Zwickau und an anderen

Standorten sechs weitere KZ-Außenlager

eingerichtet. Die „Initiative zum

Produktionseinsatz von KZ-Häftlingen

ging“, so schreiben Kukowski und Boch,

vom Vorstand aus“.

Für die 18 000 KZ-Häftlinge, die die Leitmeritzer

Stollen zu Produktionsstätten

umbauten, aber nicht in der Motorenproduktion

eingesetzt wurden, sei Auto Union

moralisch, aber nicht rechtlich verantwortlich,

so die Studie. Denn diese Häftlinge

unterstanden der SS. Direkt unterstellt waren

der Auto Union aber weitere 3700 KZ-

Häftlinge und rund 16 500 Zwangsarbeiter.

Die Zahlen sind Stichtagsbetrachtungen.

Wegen der hohen Sterblichkeit der Arbeiter

war die Fluktuation groß und das tatsächliche

Ausmaß der Zwangsarbeit deshalb

weitaus größer.

ENTSCHEIDUNG IM VW-VORSTAND

Gemessen an der Zahl von rund 50 000

Konzern-Mitarbeitern 1944, war der Anteil

der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge bei

Auto Union vergleichsweise hoch und stieg

gegen Kriegsende steil an. „Auf dem Weg in

die Riege der schwerst belasteten Rüstungskonzerne

wie Flick oder I.G. Farben

kam das Kriegsende dem Auto-Union-

Konzern zuvor“, so die Studie. „Nur das nahe

Kriegsende verhinderte einen noch umfänglicheren

KZ-Häftlings-Einsatz. Entsprechende

Planungen lagen bereits vor.“

Audi ist der letzte der deutschen Autobauer,

der sich in dieser Form der Vergangenheit

stellt. Daimler hatte 1986 und 1994

den Anfang gemacht (siehe Kasten rechts).

20 Jahre später folgt nun das VW-Flaggschiff

aus Bayern. Konsequenzen hat das nicht

nur für Deutschlands beliebtesten Arbeitgeber,

als der Audi oft in WirtschaftsWoche-

Rankings brilliert, sondern auch für die

Konzernmutter in Wolfsburg. Im März

stand die NS-Studie auf der Tagesordnung

von Vorstandssitzungen bei Audi und VW.

Audi-Chef Rupert Stadler ließ danach

Texte im schicken Ingolstädter Markenmuseum

„museum mobile“ ändern. Dort bekennt

sich Audi nun dazu, dass es „in den

KZ-Außenlagern beim Auto-Union-Konzern

gut dreieinhalbtausend Produktionshäftlinge“

gab. Vor gut einer Woche hat Audi

entschieden, auf die KZ-Gedenkstätte

Flossenbürg zuzugehen, „um die Zwangsarbeitergeschichte

rund um das KZ-Außenlager

Leitmeritz aufzuarbeiten“. „Aktionen

gegen das Vergessen“ sollen Audi-

Azubis die Vergangenheit näher bringen.

„Wir setzen auf Aufklärung“, sagt Stadler:

„Mit der Studie haben wir uns sehr verantwortungsvoll

gezeigt.“

Schmerzhaft wird für viele Audianer die

nun unvermeidliche Entweihung des großen

Vorbilds Richard Bruhn (1886–1964).

Noch beim 100. Audi-Jubiläum vor fünf

Jahren stellte Stadler den Vor- und Nachkriegschef

von Auto Union in die erste Reihe

der Audi-Helden: „Diejenigen, die die

Geschicke der Marke lenkten und voranbrachten,

zeichneten sich durch Mut und

Tatkraft aus. Durch Pioniergeist und visionären

Weitblick. Durch Lust auf Innovation

und auf neueste Technologien. Das galt

für (Audi-Gründer) August Horch ebenso

wie später für Richard Bruhn. (...) Und natürlich

auch für (VW-Aufsichtsratschef)

Prof. Dr. Ferdinand Piëch und (VW-Vor-

FOTO: NIKOLA TACEVSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, SIMON KOY FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

46 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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standschef) Prof. Dr. Martin Winterkorn.“

Bruhn führte die Auto Union von 1932 bis

1945 und nach der Neugründung von 1949

bis 1956. Bis 1958 war er Chef des Aufsichtsrates.

1953 erhielt Bruhn das Große

Verdienstkreuz der Bundesrepublik

Deutschland.

Nun jedoch holt Audi das Vorbild vom

Podest. Die selbst in Auftrag gegebene Studie

lässt keine andere Wahl:

Arisierung: Die Auto-Union-Führung, so

heißt es in der Studie, „schaute sich einen

ihren Zwecken dienlichen und zur Arisierung

anstehenden Betrieb aus und setzte

dann alle Mittel daran, ihn unter Ausschaltung

der Alteigentümer möglichst günstig

zu erwerben“. Wenn es ihr nutzte, prangerte

die Auto-Union-Spitze in Briefen aktiv

die „jüdische Versippung“ der anvisierten

Unternehmen an. Die Historiker halten es

für „wahrscheinlich, dass Bruhn ohne moralische

Skrupel“ handelte, und vermissen

einen „Restanstand“. Für ausländische

Übernahmen kamen der Auto Union die

Eroberungsfeldzüge Hitlers gerade recht,

stellt die Studie heraus: „Die Auto Union

folgte im Kleinen den Handlungsmaximen

der deutschen Besatzungspolitik.“

Zwangsarbeit: Bruhn forderte offensiv

Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge vom NS-

Regime. „Durchaus mit Stolz“, so Kukowski

und Boch, „berichtete der Vorstand 1944

dem Aufsichtsrat, dass das Unternehmen

bald auf 50000 Beschäftigte anwachsen

werde.“ Zu diesem Zeitpunkt war jeder

dritte Mitarbeiter ein Zwangsarbeiter. Die

Historiker stellen fest:„Die Führungsspitze

mochte (ab Sommer 1944) den Krieg im innersten

Zirkel für verloren erachten und eine

Evakuierung der Unternehmensspitze

nach Süddeutschland in Erwägung ziehen.

All dies hinderte sie nicht daran (…) den

Einsatz tausender Zwangsarbeiter und KZ-

Häftlinge mit List und sichtlichem Eifer bis

in die letzten Kriegswochen zu betreiben.“

Muss man Bruhn mildernde Umstände

zugutehalten? Kaum: Ab 1942, so die Studie,

seien die Auto-Union-Entscheidungen

fast ausschließlich ihm anzulasten: „Der

Vorstand muss synonym mit Bruhn verstanden

werden, dem einzigen verbliebenen

regulären Vorstandsmitglied.“

Viele Unternehmen in der NS-Zeit verhielten

sich ähnlich, zeigen andere Studien.

Die Zahl der Arbeitssklaven stieg, je

mehr Männer an die Kriegsfronten mussten.

Angebote der NS-Behörden, in den

meist Rüstungsgüter produzierenden Unternehmen

Ausländer aus besetzten Ländern

und Kriegsgefangene einzusetzen,

konnten die Manager schwer ablehnen.

Kukowski und Boch verweisen dennoch

auf „Handlungsspielräume“ der Unternehmen

insbesondere beim Einsatz von KZ-

Häftlingen, „weil der NS-Staat nicht vornehmlich

mit Zwang, sondern mit ökonomischen

Anreizen agierte. Die Unternehmen

konnten die Spielräume nutzen, entweder

zum Wohl der eigenen Bilanz oder

der vom Regime Entrechteten. (…) Ein direkter

Zwang zum Einsatz von KZ-Häftlingen

bestand nicht.“ Opel, damals Marktführer

vor Auto Union, kam fast gänzlich

ohne Zwangsarbeit durchs Dritte Reich.

Kukowski und Boch sehen die Auto-Union-Elite

im böhmischen Leitmeritz, das

heute Litomerice heißt, in der Verantwortung:

Nur anfänglich hatten dort Rüstungsminister

Albert Speer und die SS das Sagen,

später übernahmen Bruhn und Kollegen

„die Führungsrolle“. Sie kannten die Gefährlichkeit

der Stollen: Im Sommer 1944

warnten die Bergbaubehörden vor Gefahren

für die Arbeiter. Dennoch galt „die Sorge

der Auto-Union-Führung weniger den

Zuständen auf der Baustelle als dem zügigen

Baufortschritt und der Unversehrtheit

des Maschinenparks“, entnehmen die Historiker

alten Vorstandspapieren.

Dabei habe es „Gewaltexzesse“ gegeben:

„Der Vorstand ließ NS-Fanatikern und ihren

Mitläufern allerhand Freiraum, ihren

Rassenhass auszuleben.“ Es gab „ein

schweres moralisches Versagen“ des Managements.

Bruhn ist das krasse Gegenteil

eines Oskar Schindler, der mit seinem Unternehmen

subversiv Juden vor der Gaskammer

rettete. Leitmeritz, ein Außenlager

des KZ Flossenbürg, hatte aufgrund der

hohen Todesraten ein viel genutztes Krematorium,

das noch zu besichtigen ist.

Politische Haltung: „Über Regime-Nähe

bedarf es bei Auto Union keiner Diskussion“,

so die Studie. Sie war „fest in das NS-

Regime eingebunden“, der Ausbau zum internationalen

Rüstungskonzern „eigeninitiiert“.

Bruhn hielt „engste Beziehungen“

zur NSDAP, war seit 1933 Mitglied, später

Wehrwirtschaftsführer und als einer der

führenden Rüstungsmanager monatelang

häufiger bei Speer und Adolf Hitler in Berlin

als in seinem Chemnitzer Büro.

Auto-Union-Vorstand William Werner

war laut NS-Studie „ein Nazi“, wobei ungeklärt

sei, ob „Mitläufer oder Überzeugungstäter“.

Andere Führungskräfte bekannten

sich als „begeisterte Nationalsozialisten“,

waren mit Hitlers Stellvertreter

Rudolf Hess befreundet, wurden auf persönliche

Weisung des Führers in die »

KONZERNE IM DRITTEN REICH

Massiv profitiert

Der Umgang deutscher Unternehmen

mit ihrer NS-Zeit.

Daimler ließ 1986 als erster Konzern

durch externe Historiker die NS-Zeit

aufarbeiten. Der Autobauer beschäftigte

in großem Stil Zwangsarbeiter.

Volkswagen engagierte 1986 Hans

Mommsen. VW setzte nahezu überall in

der Produktion Zwangsarbeiter ein.

Für die Deutsche Bank beleuchtete der

Historiker Harold James 1995 die Nazi-

Periode. James nannte die Haltung der

damaligen Banker „willfährig“.

BASF, Bayer, Hoechst öffneten in den

Neunzigerjahren ihre Archive. Insgesamt

beschäftigte die frühere I.G.

Farben über 80 000 Zwangsarbeiter.

Die Deutsche Lufthansa ließ 1999 den

Bochumer Historiker Lutz Budraß eine

Studie verfassen über ihre Beteiligung

beim Aufbau der Luftwaffe. Offiziell erschienen

ist das Werk nicht. Aber die

Fluglinie verschickt es auf Anfrage.

Krupp wurde vom Historiker Werner

Abelshauser durchleuchtet, der 2002

publizierte. Krupp galt als NS-Musterbetrieb

und beschäftigte zeitweise über

75 000 Zwangsarbeiter.

Bertelsmann beauftragte Saul Friedländer,

der seine Studie 2002 vorlegte.

Der heutige Medienriese profitierte

massiv vom Nazi-Regime.

Die Industriellenfamilie Quandt ließ den

Bonner Historiker Joachim Scholtyseck

2011 aufdecken, wie sich Günther

Quandt von 1933 bis 1945 bereicherte.

Oetker öffnete sich 2007 nach dem Tod

von Patriarch Rudolf-August Oetker, der

in der Waffen-SS war, Historikern.

Deren Erkenntnisse erschienen 2013.

Bosch hat laut dem 2013 erschienenen

Buch von Johannes Bähr geschätzt

20 000 Zwangsarbeiter beschäftigt.

Adidas lässt die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte

auch seine Vorgeschichte

im Dritten Reich erforschen.

Siemens öffnete seine Archive Historikern,

eine große Studie steht noch aus.

juergen.salz@wiwo.de, rüdiger kiani-kress,

peter steinkirchner, andreas wildhagen

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 47

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Unternehmen&Märkte

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»

NSDAP aufgenommen oder hatten eine

„Herrenmenschenperspektive“.

Bruhn führte seinen Erfolg auf seine

„kerngesunde Rasse“ zurück. „Bisweilen“,

so die Studie, „übermannte ihn die Rührung

über den eigenen Aufstieg aus einfachen

Verhältnissen.“ Nahe liegt die – nicht

beweisbare– Vermutung, dass die Stollen in

Leitmeritz nicht zufällig „Richard“ hießen,

sondern den Namen des Chefs trugen.

Im Image-Film „Deutsche Siege in drei

Erdteilen“ von 1937 verklärte Bruhn vor

der Hakenkreuzfahne die Rennsport-Erfolge

der Auto Union als „getreues Spiegelbild

der politischen Entwicklung unseres Vaterlandes“.

Bald nach Kriegsbeginn 1939

schrieb er an seinen kaufmännischen Direktor:

„Nachdem der Polenschreck erledigt

ist, wollen wir alle an die Arbeit. Wenn

der Engländer uns daran hindern wird,

werden wir ihm allerdings an die Gurgel

gehen, und Sie können sich darauf verlassen:

Die Auto Union wird dabei mittelbar

sehr mitwirken.“

AUFGESETZTE OPFERHALTUNG

Nach 1945 klang das dann alles ganz

anders. Kukowski attestiert Bruhn und

seinen Vorstandskollegen eine „in der

Nachkriegszeit eingenommene Opferhaltung“,

die „aufgesetzt“ gewesen sei.

Audi hinterfragte diese Haltung

bislang nicht. 2000 beteiligte

sich der Konzern an den Dr.-

Richard-Bruhn-Wochen in

Bruhns Geburtsort, dem schleswig-holsteinischen

Cismar. Ausgestellt

wurden dabei Devotionalien

wie Bruhns Bundesverdienstkreuz

.

Fotos

Unsere App zeigt

beeindruckende

Bilder des Auto-

Union-Zwangsarbeiter-Bergwerks

1 | Mai-Umzug bei Auto Union mit den Vorständen

Werner, Bruhn und Huschke (v. l.)

2 | „Richard“-Stollen der Auto Union in

Leitmeritz – hier starben 4500 KZ-Häftlinge

3 | Panzermotoren-Produktion bei Auto

Union 1943

Nun geht das Unternehmen auf Distanz.

Gesamtbetriebsratschef Peter Mosch ist

„sehr betroffen über das Ausmaß der Verstrickungen

der damaligen Auto-Union-

Führung in das System der Zwangsarbeit

und Sklavenarbeit. Dieses Ausmaß war mir

nicht bewusst. Wir begrüßen seitens des

Betriebsrats die Studie und haben jetzt

Fakten und Informationen, was damals

wirklich geschehen ist.“

Daher will der Audi-Betriebsrat „nicht

nur Erinnerungsarbeit leisten“, sondern arbeitet

an einem Konzept für ein Auszubildenden-Projekt

gegen Rechtsradikalismus

und Nationalismus. Dafür will Mosch den

Vorstand gewinnen. Zudem kündigt er an:

„Ich werde im Aufsichtsrat der Pensionskasse

eine Umbenennung vorschlagen,

um Bruhn aus dem Namen ,Dr.-Richard-

Bruhn-Hilfe-Altersversorgung der AUTO

UNION‘ zu streichen.“

Änderungen sind auch auf der Audi-

Homepage fällig, wo Bruhn noch als „Vater

der Auto Union“ und Mann mit

„honorigem Namen“ geehrt

wird: „Mit großer Umsicht gestaltete

er das Unternehmen zu einem

der führenden Kraftfahrzeugkonzerne

im damaligen

Deutschen Reich.“

Einen klugen Maßstab für den

Umgang heutiger Manager mit

den NS-Verstrickungen ihrer Unternehmen

hat der frühere Daimler-Finanzchef

Manfred Gentz formuliert, der vor 15 Jahren

den Beitrag der Wirtschaft zur Zwangsarbeiterentschädigung

im Rahmen der

Stiftung Erinnerung, Verantwortung und

Zukunft einsammelte: „Die Firmengeschichte

1933 bis 1945 tabulos zu beschreiben

gehört für mich zur Firmenhygiene.“

BEFANGENER AUTOR?

Ob Audi das nun geleistet hat, wird das Urteil

der Historiker über die neue Studie zeigen.

Kritiker werden sich daran stören,

dass Mitautor Kukowski Audi-Mitarbeiter

ist. Ohne direkten Bezug zum aktuellen Fall

sagt Martin Schulze Wessel, Geschichtsprofessor

an der Universität München und

Vorsitzender des Verbandes der Historiker

und Historikerinnen Deutschlands: „Wenn

ein Unternehmen eine Studie zur eigenen

Geschichte in Auftrag gibt und daran einen

Mitarbeiter mitschreiben lässt, steht immer

der Verdacht der Befangenheit im

Raum.“ Das könne nicht im Interesse des

Unternehmens sein: „Nur Forschung, die

wissenschaftlichen Kriterien gerecht wird,

kann glaubwürdige Antworten geben.“

Co-Autor Boch widerspricht: „Ich sehe

das nicht so, dass die Unabhängigkeit nicht

gegeben ist. Ich habe mir vertraglich zusichern

lassen, dass uns keiner reinredet.“

Audis neues Bekenntnis zur NS-Geschichte

kann auch wirtschaftliche Folgen

für das Unternehmen haben. Wenn die

nach dem Krieg in Ingolstadt gegründete

Auto Union juristisch als Rechtsnachfolgerin

der alten Auto Union gilt, könnten

Überlebende des Nazi-Terrors oder ihre

Nachfahren Schadensersatzforderungen

FOTOS: UNTERNEHMENSARCHIV AUDI AG, ARCHIV PAMÁTNÍKU TEREZÍN

48 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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INTERVIEW Thomas Frank

»Der Verantwortung bewusst«

Der Leiter von Audi Tradition will die Rolle von Auto-Union-Chef

Richard Bruhn in der NS-Zeit neu bewerten.

gegen Audi geltend machen. Die Studie

stellt klar: Nach dem Krieg sei die alte Auto

Union in Ostdeutschland zwar aufgelöst

worden. Doch die „Auto Union AG Ingolstadt

ist der Rechtsnachfolger, Auto Union

GmbH Ingolstadt der Produktionsnachfolger

der Auto Union“.

Betriebsratschef Mosch will sich daher

„beim Thema Entschädigungsleistungen

für frühere Auto-Union-Zwangsarbeiter

rückversichern“. Der VW-Konzern hat 1998

bereits einen eigenen Entschädigungsfonds

für Zwangsarbeiter eingerichtet und

sich später auch an den Entschädigungszahlungen

der Stiftungsinitiative der deutschen

Wirtschaft beteiligt. Damit sei, so

bislang die Sicht von Volkswagen, auch das

Unrecht bei Auto Union abgegolten. Unlogisch

daran erscheint, dass VW das wahre

Ausmaß der Zwangsarbeit bei Auto Union

um die Jahrtausendwende noch gar nicht

kannte.

Dass sich Audi nie am Entschädigungsfonds

der deutschen Wirtschaft beteiligt

hat, stößt bei der Stiftung Bayerische Gedenkstätten,

die unter anderem für die Gedenkstätten

Flossenbürg und Leitmeritz

zuständig ist, auf Unverständnis: „Die Auto

Union war einer der großen Nutzer von

Zwangsarbeit, sei es durch zivile Zwangsarbeiter

oder durch KZ-Häftlinge“, sagt Stiftungshistoriker

Ulrich Fritz. „Umso erstaunlicher

ist es, dass Audi, wo man sich

gern auf die technische Tradition der Auto

Union beruft, nicht selbstständig Mitglied

der Stiftungsinitiative geworden ist und damit

Verantwortung auch für diesen Teil der

Firmenhistorie anerkennt.“

n

harald.schumacher@wiwo.de,

martin.seiwert@wiwo.de | New York

Herr Frank, wie bewerten Sie die Ergebnisse

der Untersuchung „Kriegswirtschaft

und Arbeitseinsatz bei der Auto

Union im Zweiten Weltkrieg“?

Die Studie macht uns bewusst, wie die

Maschinerie im Dritten Reich funktioniert

hat und welche Menschenrechtsverletzungen

bei den Marken, aus denen

die heutige Audi AG hervorgegangen ist,

begangen wurden. Wir und nachfolgende

Generationen müssen dafür sorgen,

dass sich so etwas nicht wiederholt.

Daimler, VW und andere

Konzerne haben vor

rund 20 Jahren die

Verstrickungen in NS-

Kriegswirtschaft und

Zwangsarbeit untersucht

– warum Audi

erst jetzt?

Wir haben das Thema

bereits in den Achtzigerjahren

diskutiert

und reflektiert. Nach

der Wende konnte Audi

erstmals Originalakten

einsehen und in einem

Forschungsauftrag erschließen.

Zwischenzeitlich

hörten wir, es

gebe ein Habilitationsprojekt

an der TU

Chemnitz und verzichteten

zunächst auf eine

eigene Forschungsarbeit.

Als das nicht realisiert

wurde, haben wir

2010 die Zwangsarbeiterstudie angestoßen.

Ein wichtiger Impuls hierzu war

auch die Berichterstattung der WirtschaftsWoche

im September 2010.

Welche Konsequenzen wird Audi nun

aus der Studie ziehen?

Wir wollen unseren Auszubildenden die

Thematik in Diskussionsrunden und an

historischen Stätten näher bringen. Es

gibt auch ein Azubi-Projekt zur Spurensuche

rund um das ehemalige KZ-Außenlager

Kochendorf, einen Workshop

mit Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau

DER TRADITIONS-PFLEGER

Frank, 58, ist seit 1998 Leiter der

Audi Tradition. Die Gesellschaft

kümmert sich um die Bewahrung

und Darstellung der über 100-jährigen

Geschichte des Autoherstellers

und seiner Schwestermarken.

oder Zeitzeugen-Lesungen. Zudem fließt

die Studie ein in die Präsentation des

„museum mobile“ in Ingolstadt und in

das August Horch Museum in Zwickau.

Bei der 100-Jahr-Feier wurde Richard

Bruhn noch als einer der Väter der Auto

Union geehrt. Muss er nach der Lektüre

der Studie neu bewertet werden?

Seine Leistungen für das Unternehmen

nach dem Krieg sind unbestritten. Die

Zusammenhänge im Dritten Reich müssen

natürlich neu betrachtet werden.

Darüber sind sich

Unternehmen und

Betriebsrat im Klaren.

In Ingolstadt ist eine

Straße nach Bruhn

benannt. Gibt es da

Handlungsbedarf?

Die Stadt kennt die

Ergebnisse der Studie.

Wir wissen aber

noch nicht, wie sie entscheidet.

Zahlt Audi nun nachträglich

mehr Geld in

den Zwangsarbeiter-

Entschädigungsfonds

der deutschen Wirtschaft

ein?

VW hat sich als Konzernobergesellschaft

und damit auch für die

deutschen Töchter im

Rahmen der Stiftung

„Erinnerung Verantwortung

Zukunft“ engagiert

und gezeigt, dass die heutigen

Unternehmen sich ihrer Verantwortung

bewusst sind.

Gibt es im Konzern noch Überlegungen,

den Namen der Auto Union zu nutzen –

etwa für eine Volkswagen-Holding?

Dazu gibt es keine Überlegungen.

Wie viel Auto Union steckt heute in der

Marke Audi?

Die Auto Union mit ihrer zentralen

Marke DKW ist einer der Grundpfeiler

der heutigen Audi AG.

franz.rother@wiwo.de

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 49

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Unternehmen&Märkte

Der Mann mit dem Stahlkern

DEUTSCHE BANK | Mit einer Kapitalerhöhung stärkt Deutschlands Branchenprimus seine umstrittenste

Sparte, das Investmentbanking. Wie tickt ihr Chef Colin Fan, dem nun eine Schlüsselrolle zufällt?

Ausgesucht höflich bedankt er sich

am Ende für das Gespräch, lächelt

freundlich und schiebt noch eine

Floskel hinterher: Man müsse sich bald

wiedersehen. Und dann freue er sich darauf,

die Erfolge des Kulturwandels bei der

Deutschen Bank demonstrieren zu können.

Der Händedruck ist warm, das blütenweiße

Hemd mit den Doppelmanschetten

elegant, der marineblaue Anzug sitzt

perfekt. Colin Fan verlässt den Raum in der

Great Winchester Street Nr. 1, dem Sitz der

Bank in London, entspannt.

Er kann aber auch anders: „Ich habe die

Geduld verloren. Zu prahlen, indiskret

oder vulgär zu sein ist nicht in Ordnung“,

wendet sich Fan, der seit zwei Jahren gemeinsam

mit dem Australier Robert Rankin

an der Spitze des Investmentbankings

steht, in einer Videobotschaft an seine Untergebenen.

Das gelte für jede Art der Kommunikation,

die auch nur ansatzweise als

unprofessionell angesehen werden könne:

„Hört auf. Jetzt sofort“, sagt der 41-Jährige

abgehackt, starrt unbewegt in die Kamera,

sein Kopf wird nah herangezoomt, die Szene

hat etwas Bedrohliches. Die Botschaft

ist klar: Wir hier in London meinen es ernst

mit dem Kulturwandel.

SEHR AMERIKANISCH

Wohl kein Zufall: Das Video drang an die Öffentlichkeit,

kurz bevor die Deutsche Bank

eine Megakapitalerhöhung von acht Milliarden

Euro beschloss, die vor allem der Stärkung

des Investmentbankings dienen soll.

Anders als viele europäische Rivalen setzt

die Deutsche Bank nicht nur weiter auf diesen

Bereich, sondern schaltet sogar auf Angriff,

um den großen Wall-Street-Häusern,

die besser kapitalisiert sind, Paroli zu bieten.

„Wir werden die einzige wirklich globale

Investmentbank mit Sitz in Europa sein“,

prophezeit Co-Vorstandschef Anshu Jain.

Der neue Großaktionär der Bank,

Scheich Hamad bin Jassim al-Thani (genannt

„HBJ“) aus Katar, soll diese Strategie

ausdrücklich befürworten, ist in Londoner

Bankenkreisen zu hören. Damit kommt

Fan künftig eine Schlüsselrolle zu. Wie tickt

der Mann, der die umstrittenste, aber künftig

noch wichtigere Sparte von Deutschlands

größtem Geldhaus leitet?

Wenig Schmeichelhaftes fällt einem Mitarbeiter

ein, der anonym bleiben will: „Wie

man ihn knackt? Keine Ahnung. Er ist

glatt. Man kommt nicht an ihn ran.“ Es sei

sogar unklar, ob er eine sportliche Leidenschaft

habe. Fan wirke stets sehr amerikanisch,

er könne eine Stunde lang reden, ohne

wirklich etwas zu sagen. Abgesehen von

der Tatsache, dass er verheiratet ist und

vier Kinder hat, ist über Fans Privatleben

kaum etwas bekannt.

Fan und sein Vorgänger Jain kennen sich

nicht nur schon lange, sondern schätzen

Schlüsselposition in London

Investmentbanker Fan wird von

manchen bereits als Kandidat

für die Bankspitze gehandelt

FOTOS: MAURITIUS IMAGES/ALAMY, REUTERS/DANNY MOLOSHOK

50 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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sich auch sehr. Es wird schnell klar, dass

Fan seinen Chef für äußerst integer und

moralisch hält. Deshalb gilt er auch als eines

der treuesten Mitglieder von „Anshu’s

Army“. Beide haben US-Universitäten besucht,

sprechen die Sprache der internationalen

Finanzmärkte und haben keine

Angst vor intellektuellen Wortgefechten.

So sagt Fan über den Führungsstil seines

Chefs: „Er kontrolliert die, die an ihn berichten,

nicht bis ins kleinste Detail, aber er

stellt ihnen durchaus bohrende Fragen. Es

geht ihm darum, möglichst viel über ein

Thema zu erfahren. Und er will auch sicherstellen,

dass sein Gesprächspartner

selbst über das Thema gut informiert ist.

Das ist fair, und es motiviert.“

KARRIERESPRUNG MIT 28 JAHREN

Dem Vernehmen nach soll auch Fans Frau

große Stücke auf Jain halten und ihn als

charmant, warm und liebenswürdig bezeichnen

– einfach einen, den man zu einer

Dinnerparty mitnehmen würde.

Im persönlichen Gespräch wirkt der

Banker, der in China geboren wurde, in Kanada

aufwuchs und perfekt Mandarin

spricht, ganz anders als der roboterartige

Mann, der auf dem Video zu sehen ist. Er

lacht immer wieder auf und wählt gelegentlich

auch eine recht plastische Ausdrucksweise

– was seine Presseadjutanten

später wieder zu entschärfen wissen.

Eigentlich wollte der junge Colin Arzt

werden, stellte bei einem Praktikum bei einem

Kardiologen jedoch fest, dass Entscheidungen

über Leben und Tod nicht

seine Sache sind. Nach dem Studium der

Geschichte und Naturwissenschaften in

Harvard ging er an die Wall Street.

Wie Jain startete Fan seine Karriere bei

der Investmentbank Merrill Lynch, sein

erster Job war der Handel mit hoch riskanten

Kreditprodukten aus Lateinamerika.

Später wechselte er dann zur UBS und 1998

als Händler zur Deutschen Bank, wo er unter

anderem in New York und Hongkong

arbeitete und schon mit 28 Jahren zum Managing

Director befördert wurde.

Zehn Jahre später holte ihn Jain nach

London und übertrug ihm gemeinsam mit

dem damaligen Starhändler Boaz Weinstein

die Leitung des Handels mit Kreditprodukten.

Mit hochkomplexen Wetten an

den Kreditmärkten setzte Weinstein das

Kapital der Bank aufs Spiel. 2009 ging er

und gründete einen Hedgefonds. Überflieger

Fan blieb und machte Karriere.

In Fachkreisen wird Fan sehr geschätzt

und gilt manchen gar als möglicher

»

Defizitärer Hochrisiko-Trakt

So tickt die Investmentsparte der Deutschen Bank,

die künftig eine wichtigere Rolle spielen soll

Mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden

Paul Achleitner und dem Co-Vorstandschef

Anshu Jain sind zwei der

drei mächtigsten Führungspersonen

der Deutschen Bank lupenreine

Investmentbanker.

Trotzdem bringt das Geschäftmit

privaten und gewerblichen Kunden

den großen Gewinn (in Millionen Euro)...

...während das Investmentbanking

Geld verbrennt, rechnet man die interne

Bad Bank hinzu, deren Schrottgeschäfte

zumeist aus dem Investmentbanking

stammen (Verlust in Millionen

Euro).

2012 2013

2012 2013

Ein Grund für die Defizite im Investmentbanking ist die

horrende Höhe der Boni für die dortigen Mitarbeiter

Variable Vergütung insgesamt

(in Millionen Euro)*

2253

2190

Paul Achleitner

+1519

–32

2012 2013 2012 2013

Dagegen müssen sich die Mitarbeiter der Privat-und

Firmenkunden-Sparte mit viel geringeren Boni zufriedengeben.

Variable Vergütung insgesamt

(in Millionen Euro)

Pro Mitarbeiter

(in Euro)

*einschließlich interne Bad Bank mit Altlasten; Quelle: fairesearch, Unternehmen, eigene Berechnung

Anshu Jain

+1555

–243

72346 76877

Pro Mitarbeiter

(inEuro)

262 310

5759 6624

2012 2013 2012 2013

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 51

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Unternehmen&Märkte

»

Kandidat für die Bankspitze. „Er ist bekannt

dafür, dass er nach der Finanzkrise

dazu beitrug, im Kreditprodukte-Geschäft

der Bank aufzuräumen und beim Vorstoß

in die Schwellenländer eine führende Rolle

einzunehmen“, lobte das „Wall Street Journal“.

Der US-Sender CNN nennt ihn „einen

der vielversprechendsten Investmentbanker

seiner Generation“.

PRIORITÄT FÜR BROT UND BUTTER

Das Fachblatt „Financial News“ nahm ihn

einst in seine Liste der 40 wichtigsten Investmentbanker

unter 40 Jahren auf und

hob dabei die Vielseitigkeit Fans hervor,

der in vielen verschiedenen Anlageklassen

erfahren ist. Da er in Nordamerika, Asien

und Europa gearbeitet hat, repräsentiert er

wie kaum ein anderer Manager das internationale

Gesicht der Bank.

Wertvoll ist er in dieser Hinsicht auch für

Jain, der das Asiengeschäft fördern möchte.

Dabei hilft nicht nur, dass Fan in Hongkong

gearbeitet hat und fließend Mandarin

spricht, sondern auch seine chinesische

Herkunft: „Sie sind dort einfach begeistert,

wenn sie ihn sehen“, sagt ein hochrangiger

Deutschbanker. Selbst Kritiker räumen ein:

„Leute wie Fan und Rankin repräsentieren

die internationale Dimension der Deutschen

Bank, sonst wäre sie nichts anderes

als eine europäische Investmentbank.“

Nun kommt für Fan

die Bewährungsprobe

an der Spitze des Investmentbankings.

Weil

Wettbewerber wie die

schweizerische UBS und

die britische Barclays

Bank sich weitgehend

»Unser Ruf ist

alles. Denkt

genau darüber

nach, was ihr

sagt«

daraus zurückziehen,

sieht Jain die Chance,

neue Kunden und größere

Marktanteile zu gewinnen.

Doch es gibt Zweifler, auch unter

den Investoren. Sie fragen sich, ob die Bank

mit dieser Strategie aufs falsche Pferd setzt,

schließlich ziehen sich Barclays und UBS ja

aus gutem Grund zurück.

Denn die niedrigen Zinsen sind für den

Anleihehandel schlecht, der traditionell zu

den Stärken der Deutschen Bank gehört.

Die Reduzierung des außerbörslichen

Handels mit Derivaten drückt ebenso auf

die Gewinnmargen wie die Tatsache, dass

Investoren heute weniger komplexe Finanzprodukte

als früher kaufen.

Zudem hat sich seit der Finanzkrise die

Regulierung verschärft, auch die Deutsche

Bank trägt dem Rechnung. So wurde der

Eigenhandel dichtgemacht und der physische

Handel mit Rohstoffen komplett eingestellt.

„Wir müssen den einfachen Finanzprodukten,

unserem Brot-und-Butter-Geschäft,

Priorität einräumen“, sagt

Fan. Doch damit verdient man nicht so gut.

Zurzeit schwächelt das Investmentbanking,

im laufenden zweiten Quartal hat

sich noch keine Besserung eingestellt.

Der unabhängige Analyst Dieter Hein

von fairesearch in Frankfurt ist zudem der

Ansicht, dass die Deutsche Bank mit Bilanztricks

das wahre Ausmaß der Krise im

Investmentbanking verschleierte, indem

sie 2012 eine Bad Bank gründete, die Non

Core Operations Unit (NCOU): „Dieser Bereich

besteht zum allergrößten Teil aus Geschäft,

das ursprünglich das Investmentbanking

zu verantworten hat, jetzt aber

Milliardenverluste erzielt.“ Zusammengerechnet

haben Investmentbanking und die

Bad Bank 2012 einen Verlust von 32 Millionen

Euro und 2013 gar ein Minus von 243

Millionen Euro erzielt (siehe Grafik Seite

51). „Im ersten Quartal 2014 hat die Bank

erneut Geschäfte der Investmentbank mit

einem Verlust von 191 Millionen Euro an

NCOU abgegeben.“

Damit die Gewinnmaschine der Vergangenheit

wieder läuft, soll Fan nun auch dafür

sorgen, dass sich alte

Fehler nicht wiederholen.

Es laufen Ermittlungen

wegen des Verdachts

auf Manipulationen

von Referenzzinsen

sowie Devisenund

Goldkursen.

Fans Videobotschaft,

die am 25. April an alle

im Investmentbanking

ging, lässt dazu an

Deutlichkeit nichts zu

wünschen übrig. „Unser

Ruf ist alles. Denkt genau darüber nach,

was ihr sagt und wie ihr es sagt“, so sein Appell

an die Truppen in den Handelsräumen,

Devisen- und Analystenabteilungen.

Wer dem zuwiderhandle müsse mit „ernsten

Konsequenzen“ rechnen, warnt Fan,

bevor er abrupt vom Bildschirm verschwindet.

Fan gilt als Mann mit Stahlkern, der aber

jene souveräne Lässigkeit ausstrahlt, die

man von Harvard-Absolventen wie ihm erwartet.

Berufsanfängern gibt er gern auf

den Weg: „Das Glück begünstigt den Mutigen.“

Er wird es brauchen.

n

Investmentbanking-Chef Colin Fan

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

»Ich liebe

das«

INTERVIEW | Stephanie Mair-Huydts

Die Chefin von MairDuMont

will Deutschlands größten

Reisebuchverlag zum

Medienhaus wandeln und

China erobern.

Frau Mair-Huydts, im Buchhandel stehen

Reiseführer regalmeterweise, aber

braucht man heutzutage wirklich noch

gedrucktes Material, wenn man wegfährt?

Offenbar mehr denn je. Wir haben selbst

den Markt vor fünf Jahren nicht so optimistisch

eingeschätzt. Aber in diesem Zeitraum

gab es im Printbereich nach Angaben

von Media Control jährliche Marktzuwächse

von sechs Prozent.

Wie erklären Sie sich das?

Apps, Bücher, Internet – der Leser nutzt alle

Wege, sich zu informieren, und nimmt

am Ende immer noch was Gedrucktes mit.

Wie wird sich der Markt in Deutschland in

den kommenden fünf Jahren entwickeln?

Der Reiseführermarkt Print wächst weiter

moderat. Momentan haben wir mehr als

50 Prozent Marktanteil und streben 60 Prozent

an. Der digitale Markt ist schwerer abzugrenzen,

da spielt MairDuMont auf dem

gleichen Terrain wie Google, Tripadvisor

und andere internationale Player. Wir wollen

unseren Digitalumsatz mit E-Books,

Apps, Mediaumsätzen, E-Commerce und

Inhalte-Vertrieb stark ausbauen.

Wie verändert das Internet Ihr Geschäft?

Es ist durch den technischen Wandel vielfältiger,

aber auch komplexer geworden.

Inwiefern?

Wir müssen uns zum Medienhaus wandeln.

In den vergangenen fünf Jahren haben

wir für die Vernetzung von Print und

Online technische Strukturen und Datenbanken

aufgebaut und dafür einen siebenstelligen

Betrag investiert. Aber die Technik

nützt nichts, wenn nicht auch die Mitarbeiter

vernetzt denken. Wenn wir etwa in einem

Reiseführer einen Aussichtspunkt auf

einem Berg in China beschreiben, müssen

Mitarbeiter und Autor im Kopf haben, dass

dieser auch geocodiert werden muss –

nicht leicht ohne genaue Adresse. Auch die

Öffnungs-Angabe zu einer Kirche in Griechenland

„den Schlüssel können Sie im

52 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: DENIZ SAYLAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

DIE REISEFÜHRERIN

Mair-Huydts, 51, ist Enkelin von Gründer

Kurt Mair und seit 2010 Sprecherin der Geschäftsführung

von MairDuMont. Der Marktführer

für deutschsprachige Reiseführer mit

Sitz in Ostfildern bei Stuttgart setzt mit 400

Mitarbeitern 100 Millionen Euro um. Zu den

Marken zählen Marco Polo, Baedeker, Falk

und DuMont. Die promovierte Ökonomin ist

verheiratet und hat zwei Kinder.

ten wir leider in den vergangenen Jahren

Stellen streichen. Zu besten Zeiten hatten

wir 100 Kartografen, heute sind es noch 22.

Wir müssen uns dem schrumpfenden

Markt anpassen.

Und wo wollen Sie stattdessen wachsen?

In Deutschland wird das Erobern weiterer

Marktanteile schwieriger. Darum sind wir

vor drei Jahren nach England gegangen. Es

ist nicht so einfach, Fuß zu fassen in einem

Markt ohne Buchpreisbindung, dominiert

von Lonely Planet und Dorling Kindersley.

Aber wir haben es dort mit unserer Marke

Marco Polo auf Platz drei geschafft. Unser

Sommer bis Sonnenuntergang in der Taverne

gegenüber abholen“ ist nicht ganz

einfach in eine Datenbankstruktur zu

übersetzen.

Amazon hat angekündigt, ein eigenes

Verlagsgeschäft aufzubauen. Macht Ihnen

diese Ankündigung Angst?

Nein. In unserem Segment Reiseinformation

geht es nur zu einem ganz kleinen Teil

darum, Informationen digital und online

verfügbar zu machen. Unser Know-how

liegt darin, die richtige Mischung aus Text,

Bildern, Karten und Grafiken für den Reisenden

zusammenzustellen, und dies immer

aktuell zu vielen Destinationen.

Wo sehen Sie denn negative Tendenzen

und Herausforderungen?

Der Bereich Kartografie ist rückläufig, auch

wenn wir jedes Jahr immer noch fünf Millionen

Karten verkaufen. Aber die Leute

kaufen heute kaum mehr einen Shell Autoatlas,

wie wir ihn auch verlegen, sondern

verlassen sich auf das Navigationsgerät.

Das ist zwar ein Fehler, wenn man sich verfährt

(lacht), aber das ist Fakt. In diesem

Bereich, der unsere Keimzelle war, mussneuestes

Abenteuer heißt China. Das stellt

uns vor ganz spezielle Herausforderungen.

Vor welche denn?

Wir machen im Rahmen eines Joint Ventures

mit der Beijing Publishing Group Reisebücher

von Chinesen für Chinesen auf

Chinesisch – da muss man lernen, mit

Kontrollverlust zu leben. Zudem setzen die

Chinesen beim Reisen andere Schwerpunkte.

Shopping interessiert sie sehr. Drei

warme Mahlzeiten am Tag sind wichtiger

als das Hotelzimmer. Und bei Besichtigungen

gibt es andere Ziele: So pilgern Chinesen

gern zum Schweizer Berg Titlis. Auf

dem hatte der Turner Donghua Li die Eingebung,

bei Olympia in Atlanta 1996 Gold

zu gewinnen. Er hatte im Fels die Konturen

einer sitzenden Buddha-Statue erkannt –

und siegte tatsächlich. Deutsche Touristen

interessiert das eher weniger.

Aber wenn das alles in China auf

Chinesisch stattfindet, wofür brauchen

die Chinesen MairDuMont?

Weil wir das Know-how haben für den Aufbau

von Datenbanken, die Konzeption von

Reiseführern und den Aufbau einer Marke.

Wir hoffen auch auf Geschäfte mit chinesischen

Tourismusämtern, die ihre Destination

für europäische Kunden promoten

wollen. Wir können helfen, die richtigen

Wege und Produkte zu finden und zu gestalten.

Auf den Web-Sites mit unseren

deutsch- und englischsprachigen Produkten

können wir etwa das „chinesische Hawaii“,

die Insel Hainan, europäischen Touristen

näher bringen. Diesen Marktzugang

bietet ein chinesischer Anbieter nicht.

Was raten Sie jungen Frauen, die Karriere

machen wollen?

Auch mit Kindern möglichst voll weiterzuarbeiten.

Ich habe nach den Geburten meiner

Kinder kaum pausiert. Der typische

Halbtagsjob ist schwierig für die Karriere.

Wohin fahren Sie, wenn Sie privat reisen,

und recherchieren Sie dabei auch?

Ja, ich mache mir Notizen, aber die bleiben

privat. Mit der Familie fahren wir jedes Jahr

an die Nordküste der Bretagne. Große Wellen,

raues Wetter, viel Wind und Hummer

zu kleinen Preisen, das finde ich klasse. Ich

mag aber auch Fernreisen mit meinem

Mann. Dieses Jahr sind wir nach Angola zu

unserem Entwicklungshilfeprojekt Joint

Aid Management gefahren. Wir haben einen

Brunnen eingeweiht, und als ich die

jubelnden Kinder mit Wasser nass gespritzt

habe, war das einer der schönsten

Momente meines Lebens – ganz ohne Reiseführer.

n

katja marjan | unternehmen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 53

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Unternehmen&Märkte

Lautlose Avancen

THYSSENKRUPP | Endet der Versuch des Ruhrkonzerns, U-Boot-

Werften zu verkaufen, in einer Allianz mit Frankreichs Werft DCNS?

ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Ulrich

Lehner ist so weit zufrieden mit

seinem Konzernlenker Heinrich Hiesinger.

„Wir sind auf dem richtigen Weg“,

sagte er vor Kurzem, als der schwer gebeutelte

Konzern zum ersten Mal seit zwei Jahren

einen, wenn auch kleinen Quartalsgewinn

verkündete. „Aber“, so erhob Lehner

den Zeigefinger, „wir dürfen uns nicht zurücklehnen.

Das wäre fatal.“

Das weiß auch Konzernchef Hiesinger –

und mehr, als ihm lieb sein kann. Denn

während weiter die Stahlwerke in Amerika

die Zahlen verhageln, muss der 53-Jährige

eine neue Herkulesaufgabe angehen: den

völligen Umbau der Marinesparte mit ihren

Kriegsschiffen sowie den High-Tech-

U-Booten, die wegen ihrer Lautlosigkeit

bei Militärs besonders begehrt sind.

Dabei ist der Ex-Siemens-Manager ein

Getriebener, dem nun ein Streit mit der

Bundesregierung droht. Auf Druck des

schwedischen Finanzinvestors Cevian, der

15 Prozent an ThyssenKrupp hält, will Hiesinger

nämlich Teile der Maritim-Sparte

verkaufen. Bevorzugter Käufer ist der

schwedische Rüstungskonzern Saab, der

sich 1992 seiner Autotochter entledigte

und heute vor allem als Kampfjethersteller

dem Eurofighter Konkurrenz macht.

Doch offenbar hat Hiesinger den Geldregen

ohne Berlin geplant. Denn auf seiner

Verkaufsliste stehen ausgerechnet die beiden

U-Boot-Werften, die ThyssenKrupp

über seine Kieler Tochter HDW in Malmö

und Karlskrona in Schweden baut. Eine

Absichtserklärung ist unterschrieben,

mehr aber nicht.

ARGWOHN DER BUNDESREGIERUNG

Die Angelegenheit stockt, weil Beamte im

Bundesverteidigungsministerium fürchten,

dass sensibles Know-how zwischen den

schwedischen und deutschen Thyssen-

Krupp-Werften hin- und hergeschoben

wurde – und nun in ausländische Hände gelangen

könnte. Im Zentrum des Argwohns

stehen die U-Boote mit dem lautlosen

Brennstoffzellenantrieb, die ThyssenKrupp

in seinen Werften in Deutschland baut. Die

Technik unterliegt höchster Geheimhaltung

und wurde mit Steuergeldern gefördert.

Zwar bauen die ThyssenKrupp-Werften in

Unterwasser-Deals ThyssenKrupp will die

U-Boot-Geschäfte in Kiel neu ordnen

Malmö und Karlskrona U-Boote mit anderem

Antrieb. Und die Essener beteuern,

dass ihre Kieler Töchter gegenüber den

Schwestern in Schweden das Betriebsgeheimnis

hüten.

Doch in Berlin stößt das Versprechen auf

Skepsis. „Es steht zu vermuten, dass die

schwedischen ThyssenKrupp-Manager einen

recht guten Einblick in die Brennstoffzellentechnik

haben“, sagt ein Rüstungspolitiker

aus Berlin. Bestärkt wird die Zurückhaltung,

weil ThyssenKrupp-Großaktionäre

es nicht bei einem Verkauf der schwedischen

Werften belassen wollen, sondern

offenbar mehr anstreben.

Ob der Verkauf der beiden Werften in

Schweden, die ThyssenKrupp nach Angaben

aus Investorkreisen gut zwei Milliarden

Euro bringen könnten, noch in diesem

Jahr über die Bühne geht, dazu will

sich im Konzern niemand äußern. Zwar ist

eine offizielle Zustimmung des Bundessicherheitsrates,

eines für Rüstungsgeschäfte

zuständigen Sonderausschusses des

Bundeskabinetts, für das mögliche Geschäft

mit Saab nach Ansicht von ThyssenKrupp

nicht nötig, da der Konzern bestreitet,

dass es einen Know-how-Abfluss

zwischen der Kieler und der Malmöer

Werft gibt. Aber in Essen wird bestätigt,

dass sich Thyssen und die Bundesregierung

wegen des Deals „im ständigen Kontakt“

befinden. Der angestrebte Verkauf ist

zu komplex: Nicht nur, dass der Kaufpreis

und der Umgang mit den Patenten bis

heute völlig offen ist. Es geht mittlerweile

um mehr. Die Probleme haben auch wieder

die französische Werftengruppe

DCNS die Fühler ausstrecken lassen.

Schon einmal, vor drei Jahren, waren

Emissäre aus St. Nazaire an der Loire-Mündung

in der ThyssenKrupp-Zentrale vorstellig

geworden, um eine Zusammenlegung

des deutschen U-Boot-Baus mit der

DCNS-Marinesparte anzuregen. Vorbild

war der deutsch-französische Rüstungskonzern

EADS (heute Airbus). Die Gespräche

scheiterten an der Frage, wer das Sagen

im Unternehmen haben soll.

Der Druck, Geld in die Kasse zu bekommen,

könnte den ThyssenKrupp-Chef ins

Nachdenken bringen, so das Kalkül der

Franzosen. Eine Kooperation der HDW mit

DCNS, so heißt es im ThyssenKrupp-Umfeld,

sei wieder denkbar. Wenn das auch im

Konzern offiziell nicht bestätigt wird, sagt

ein französischer Unterhändler: „Wir wollen

ThyssenKrupp noch einmal für den alten

Plan begeistern.“

n

andreas.wildhagen@wiwo.de

FOTO: DDP IMAGES/DAVID HECKER

54 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Russischer

Schlüssel

BURGER KING | Ohne Rauswurf

des umstrittenen Franchisenehmers

Ergün Yildiz droht die

Wiedergutmachungskampagne

ins Leere zu laufen.

FOTO: ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, SZ PHOTO/ROBERT HAAS

Wenigstens an der Autobahn A 1

zwischen Hamm und Hagen

scheint die Welt von Burger King

noch in Ordnung sein. An der Raststätte

Lichtendorf wurde gerade eine neue Filiale

eröffnet – zusätzlich zum Restaurant auf

der gegenüberliegenden Seite der A1.

Es ist ein kleiner Lichtblick für den krisengeplagten

Deutschland-Chef Andreas Bork.

Doch ein Anruf in der Raststätte zeigt, wie

verunsichert die Betreiber nach den Berichten

über geschundene Mitarbeiter und

umetikettierte Salate sind. „In welcher

Fahrtrichtung befindet sich denn die neue

Filiale?“ Antwort: „Wir sagen gar nichts. Für

Auskünfte müssen Sie in München anrufen.“

Dort, in der deutschen Burger-King-Zentrale,

arbeitet Bork seit zwei Wochen im

Krisenmodus. In einem Werbespot entschuldigt

er sich derzeit persönlich für die

Versäumnisse und versucht so, dass Vertrauen

der Kunden zurückzugewinnen.

Nachdem der Enthüllungsjournalist Günter

Wallraff einem Millionenpublikum im

Fernsehen von Darmkeimen in der Küche

berichtet hatte, brach über Burger King ein

Shitstorm herein, wie ihn selten ein Unternehmen

in Deutschland erlebte.

Doch noch zweifeln viele Kunden von

Burger King, ob Bork wirklich reinen Tisch

macht, wie er im Fernsehen suggeriert. Die

Kritik zielt auf Ergün Yildiz, den Miteigentümer

der Yi-Ko-Holding, die in Deutschland

90 Burger-Buden betreibt. Zwar

wich Yildiz auf Borks Drängen aus

der Yi-Ko-Geschäftsführung, und

Bork riss die Kontrolle über dessen Filialen

an sich. Yildiz hatte Verträge

selbstherrlich außer

Kraft gesetzt und Betriebsräte

schikaniert.

Gleichwohl ist Yildiz weiter

Miteigentümer der Yi-

Ko-Holding, was vielen Kunden

übel aufstößt. Auf der

Facebook-Seite von Burger King stehen

viele Kommentare wie dieser: „Komplette

Kündigung des Vertrages mit Yi-Ko, alles

andere ist Augenwischerei.“

Dass Burger King bei Mängeln zu einer

harten Gangart fähig ist, weiß Willi Otto

Andresen. Ihm hat der Konzern 2011 die

Lizenz für seine zwei Restaurants in Hamburg

entzogen, unter anderem wegen

„falscher Lagerung von Bürsten“ oder

„Roststellen an Regalböden“. Andresen geht

dagegen vor und fordert von Burger King

116723 Euro Schadensersatz. Am Mittwoch

muss das Münchner Oberlandesgericht

entscheiden, wann vermeintliche Hygienemängel

den Rauswurf rechtfertigen. Im Vergleich

zu den Missständen bei Yi-Ko lege

der Burgerriese zweierlei Maßstäbe an, kritisiert

Andresen: „Es ist ein Witz, dass sie

nicht so hart durchgreifen wie bei mir.“

INTENSIVE GESPRÄCHE

Deutschland-Chef Bork weiß, dass er sich

angreifbar macht, solange Yildiz als Yi-Ko-

Miteigentümer über 90 Burger-King-

Filialen schwebt. Zwar wurden einige

seiner fragwürdigen Vorgaben zurückgenommen,

etwa möglichst wenig unverkaufte

Burger wegzuwerfen. „Es gibt

keine Vorgaben mehr, wie viele Produkte

maximal entsorgt werden

dürfen“, sagt Bork. Zudem

wird Yi-Ko ab Juni nach Tarif

Auf Demutstour

Deutschland-Chef Bork

bezahlen. Bork versucht auch, alle anderen

Franchisenehmer, die das noch nicht tun,

zur Zahlung von Tariflöhnen zu überreden.

Aber damit dürfte es nicht getan sein. „Es

stand auch die Option im Raum, alle Franchiseverträge

der Yi-Ko zu kündigen“, sagt

Bork. „Doch dann hätte eine große Gefahr

für 3000 Arbeitsplätze bestanden.“ Allerdings

sind die Pläne damit noch nicht vom

Tisch. „Wir schauen uns verschiedene Szenarien

an“, sagt Bork. Es gebe auch schon

Anfragen von Interessenten für die Burger-

Läden der Yi-Ko.

Die Schlüsselrolle bei einer möglichen

Trennung von Yildiz spielt Alexander Kolobov.

Der Russe steht nicht

nur für den zweiten Teil

des Holdingnamens Yi-

Ko, sondern hat vor allem

auch den bis zu 100 Millionen

Euro schweren Kauf

der 90 Filialen von der

Im Krisenmodus

Burger King prüft

verschiedene

Szenarien für umstrittene

Filialen

Interview

In unseren App-

Ausgaben lesen

Sie ein Interview

mit Burger-King-

Deutschland-Chef

Andreas Bork

Burger-King-Zentrale finanziert.

Seine Familie betreibt

in Russland Schokoladniza,

die größte Kaffeehauskette des

Landes, die dort erfolgreicher als Starbucks

ist. Zudem hat Kolobov Burger King in

Russland groß gemacht. Wie Kolobov in

Deutschland ohne seinen Kompagnon Yildiz

weitermachen könnte, wird nun geplant.

„Wir haben uns sehr intensiv mit

Herrn Kolobov unterhalten“, sagt Bork.

„Entscheidungen werden nicht ohne sein

Mitwirken passieren, und er begleitet die

Veränderungen aktiv und positiv.“ n

oliver.voss@wiwo.de

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 55

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Unternehmen&Märkte

Schnell anpassen

VEOLIA | Den französischen Versorger drücken enorme Schulden –

auch wegen Problemen in Deutschland. Doch gegen

den Umbaukurs des Vorstandschefs formiert sich Widerstand.

Als Antoine Frérot das Wort ergreift,

spricht der Chef des französischen

Versorgers Veolia viel von „Erneuerung

durch neues Wachstum“. In seinem

Rücken sprießt taufrisches Grün auf einer

Videoprojektion. Die Rede vor der Hauptversammlung

in Paris ist Verteidigung und

Werben zugleich. Frérot steht in der

Schusslinie wegen seines Konzernumbaus,

der in den Büchern und an der Börse bisher

den Erfolg vermissen lässt. Ein Putsch

gegen ihn ist erst wenige Wochen her. Und

auch nun lautet die erste Frage eines Aktionärs:

„Sind Sie in der Lage, das Unternehmen

zu führen?“

Veolia bezeichnet sich mit einem Umsatz

von zuletzt 22,3 Milliarden Euro als

weltgrößten Umweltdienstleister. Der Aktienkurs

des Konzerns mit den Bereichen

Wasser/Abwasser, Abfallwirtschaft und

Energie liegt allerdings nur bei rund 13 Euro.

Er ist zwar binnen eines Jahres

um 40 Prozent gestiegen – aber

noch weit entfernt von seinem Vorkrisenhoch

von 62 Euro. Ursache

dafür sind unter anderem Probleme

auf dem nach Frankreich wichtigsten

Markt Deutschland.

TEURE ABSCHREIBUNGEN

So war das Minus von 135 Millionen

Euro im Vorjahr – 2012 gab es

noch einen Gewinn von 404 Millionen

Euro – auch einer 150 Millionen

Euro teuren Wertberichtigung

auf das Abfallgeschäft in Deutschland

geschuldet. Angesichts sinkender

Erlöse in diesem Bereich

stellte sich der Kauf des Entsorgers

Sulo 2007 für 1,45 Milliarden Euro

als völlig überzogen heraus.

Zudem kehrte Veolia 2013 den

Berliner Wasserbetrieben nach

jahrelangem Streit den Rücken. Die

Hauptstadtbürger und das Bundeskartellamt

hatten Veolia und

den Essener RWE-Konzern, der

seine Anteile bereits 2012 an die

Stadt zurückgegeben hatte, für unverhältnismäßig

hohe Wassergebühren

verantwortlich gemacht.

Die Trennung brachte Veolia zwar einmalig

gut 600 Millionen Euro ein. Jedoch fehlen

damit in Deutschland künftig Einnahmen

von jährlich 50 bis 60 Millionen Euro.

Der Vertrag sollte bis 2028 laufen.

Frérot steuert seit gut zwei Jahren einen

Umbaukurs. So hat er die Zahl der Märkte,

in denen Veolia aktiv ist, um die Hälfte auf

rund 40 reduziert. Durch den Verkauf zahlreicher

Aktivitäten in diesen Märkten

drückte er die Schuldenlast auf zwölf Milliarden

Euro. Sie war infolge der ungezügelten

Expansionslust seines Vorgängers Henri

Proglio, heute Chef des Energiekonzerns

EdF, auf astronomische 21 Milliarden Euro

angewachsen. Allerdings sank auch der

Umsatz von 2011 noch 29,6 Milliarden Euro

auf zuletzt 22,3 Milliarden.

Putschversuch und Misstrauensvotum

Umstrittener Veolia-Chef Frérot

„Vor der europäischen Schuldenkrise

war das rapide Wachstum von Veolia möglich.

Nach der Krise nicht mehr. Ich musste

Veolia schnell an die veränderten Verhältnisse

anpassen“, betont Frérot im Gespräch

mit der WirtschaftsWoche. „Das wahre Ziel

für den Umbau unserer Gruppe ist es, sie

anzupassen an einen grundlegend veränderten

konjunkturellen Kontext. Er hat sich

sehr schnell verändert, und das dauerhaft.“

Branchenexperten geben dem 55-jährigen

Bauingenieur nur teilweise recht. „Es

stimmt, dass Frérot gute Arbeit geleistet

hat, die Bilanz wieder in Ordnung zu bringen.

Das war die höchste Priorität, als er

den Posten übernahm“, sagt ein Analyst.

„Was allerdings die Performance angeht,

sehen wir noch nicht genügend Anzeichen

für einen Turn-around.“ Frérot handle in

Buchhaltermanier, kritisieren andere.

KRACH IM AUFSICHTSRAT

Im ersten Quartal 2014 sank der Umsatz erneut,

diesmal durch den milden Winter

und daher niedrigere Einnahmen vor allem

im Heimatmarkt Frankreich. Seither

gibt es Spekulationen über einen Zusammenschluss

mit Konkurrent Suez Environnement

– was beide vehement bestreiten.

Nachdem ein Versuch, Frérot zu stürzen,

im Februar im Aufsichtsrat scheiterte,

trat der Vertreter des Rüstungskonzerns

Dassault (sechs

Prozent der Aktien) wutentbrannt

aus dem Kontrollgremium aus. Die

französische Staatsbank Caisse des

Dépôts (CDC), mit fast neun Prozent

größter Aktionär, enthielt sich

der Stimme. CDC und Frérot liegen

vor allem beim Management der

ehemaligen Verkehrssparte Veolias

über Kreuz, Transdev, an der beide

je zur Hälfte beteiligt sind.

Auch der Versicherer Groupama

(5,2 Prozent der Aktien) entzog

Frérot das Vertrauen und enthielt

sich beim Votum über den Chef.

Die Aktionärsversammlung bestätigte

ihn dennoch für weitere

vier Jahre in Personalunion als

Aufsichtsratschef und CEO. Grund

dafür war vermutlich auch die

Warnung von Veolia-Finanzchef

Philippe Capron, es sei „dramatisch

für ein Unternehmen, das so

einen großen Transformationsprozess

durchläuft, den Piloten mitten

im Flug auszutauschen“.

2014 wird Veolia wieder wachsen“,

verspricht Frérot. „Mag sein,

FOTOS: LAIF/REA, PR

56 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Aktien-Info Veolia

ISINFR0000124141

Indexiert: 1.1.2011 =100

110

100

Veolia Environnement

90

Suez Environnement

80

70

60

50

40

30

2011 2012 2013 2014

Veolia Suez

Umsatz 2013 (in Mrd. €)

Mitarbeiter

Präsent in ... Ländern

Operatives Ergebnis 2013 (in Mio.€)

Umsatzrendite (in %)

Eigenkapitalquote (in %)

Aktueller Börsenkurs (in €)

Börsenwert(in Mrd. €)

Kurs-Gewinn-Verhältnis

Dividendenrendite (in %)

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Thomson Reuters

22,3

200000

48

490,5

2,2

22,6

13,4

7,4

19,8

5,2

14,6

79000

70

1184

8,1

18,6

14,6

7,5

20,6

4,4

Hoch

Die Veolia-Aktie ist kurstechnisch angeschlagen. Zwar

zahlt das Unternehmen eine stabile Dividende, doch die

Bewertung ist bereits vergleichsweise hoch. Die Aktie

bleibt eine Wette darauf, dass der Konzernumbau gelingt

und das Unternehmen die Schuldenlast weiter senken kann.

INTERVIEW Etienne Petit

»Arbeit für Jahrzehnte«

Veolias Deutschland-Chef will vom Atomausstieg in der

Bundesrepublik profitieren.

Herr Petit, Veolia hat den Rückbau von

Atomkraftwerken als einen seiner künftigen

Wachstumssektoren identifiziert.

In Deutschland tut sich da ein großer

Markt auf. Werden Sie dabei sein?

In Deutschland ist dieses Potenzial sehr

groß – das ist ein Markt, der auf Jahrzehnte

hin Arbeit verspricht. Veolia kann

dort sein gesamtes Know-how in Sachen

Entsorgung, Abwasser und Energie einbringen.

Noch gibt es keine konkreten

Projekte für uns, wir führen zunächst

Gespräche mit möglichen Partnern.

Welche Partner brauchen Sie?

Das kommt auf das jeweilige Kraftwerk

und seinen Betreiber an. Klar ist, dass

Veolia sich nicht um die Entsorgung von

Uran kümmern wird oder um den Reaktorkern.

So etwas können spezialisierte

Nuklearunternehmen besser. Wir haben

andere Stärken, etwa die Dekontamina-

Diskussionen war, lag an dem von Berlin

1999 gewählten Teilprivatisierungsmodell.

Das muss man nicht dramatisieren.

Aber Ihnen wurde vorgeworfen, die

Gebühren in die Höhe zu treiben.

Gefühlsmäßig sind Gebühren ja praktisch

immer zu hoch. Aber objektiv stiegen sie

in Berlin nach der Teilprivatisierung viel

langsamer als vorher – und auch viel langsamer,

als es unter rein kommunaler Regie

geplant war. Wir haben unsere Lektion

gelernt:Wir sind Dienstleister – es ist nicht

unser Ziel, Unternehmen und Anlagen zu

besitzen. Wir kümmern uns um die Mitarbeiter,

optimieren den Betrieb und den

Energieverbrauch, reduzieren Wasserverluste

und so weiter – als Partner der kommunalen

Eigentümer. Beim Netzerwerb

können wir über Finanzierungspartner

unterstützen, etwa deutsche Fonds, die an

sicheren Langfristanlagen interessiert

dass es Aktionäre gibt, die nicht mit der

Strategie einverstanden sind. Aber sobald

über sie entschieden ist, kann ein Chef sie

nicht alle sechs Monate ändern.“ 750 Millionen

Euro Kosten will Frérot bis Ende

2015 einsparen.

Zu den Wachstumsfeldern zählt er die

Aufbereitung von Abwasser bei der Schiefergasgewinnung

in den USA und den

Rückbau stillgelegter Atomkraftwerke unter

anderem in Deutschland. Letzteres ist

ein riesiger Markt: Die Energieriesen E.On,

RWE, Vattenfall und EnBW haben insgesamt

etwa 35 Milliarden Euro dafür zurückgelegt,

die bis 2022 stillgelegten Kernkraftwerke

zu demontieren (siehe Wirtschafts-

Woche 21/2014 und Interview rechts).

In den kommenden Jahren soll zudem die

Abhängigkeit von Versorgungsverträgen mit

Kommunen drastisch sinken. Wenngleich

langfristige Abkommen mit städtischen Versorgern

als sichere Bank erscheinen, sollen

Verträge mit Industrieunternehmen für Abwasseraufbereitung,

Abfallentsorgung und

Verbesserung der Energieeffizienz künftig

die Hälfte der Umsätze sichern. Diese Strategiewende

ist auch eine Lehre aus den Problemen

in Deutschland.

n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

tion von radioaktiv belastetem Wasser

aus Kühl- und Sekundärkreisläufen.

Um welches Auftragsvolumen geht es?

Insgesamt geht es in diesem Markt um

enorme Summen. Allein die Kosten für

die Stilllegung eines Kraftwerks und die

Vorbereitung auf den Rückbau erreichen

schnell dreistellige Millionenbeträge.

Nach dem erzwungenen Ausstieg bei

den Berliner Wasserbetrieben 2013 hat

Veolia angekündigt, seine Dienste verstärkt

Industrieunternehmen anzubieten.

Ein Rückzug aus den Kommunen?

Zunächst muss man sagen, dass die Partnerschaft

mit Berlin eine Erfolgsgeschichte

war – für beide. Dass die Zusammenarbeit

Gegenstand kritischer

DER DEUTSCHLAND-STATTHALTER

Petit, 47, ist seit 2013 Veolia-Landeschef.

Zuvor war er stellvertretender Direktor und

Finanzchef für Europa. Deutschland ist

nach Frankreich der zweitwichtigste Markt

für Veolia, das hierzulande mit den Bereichen

Abfall, Wasser und Energie rund zwei

Milliarden Euro umsetzt.

sind. Unser Part sind dann technische

und kaufmännische Dienstleistungen, die

den operativen Betrieb sicherstellen.

Die Hinwendung zur Industrie ist also

kein Rückzug?

Im Gegenteil. Eine Stadt existiert noch in

200 Jahren, bei einem Unternehmen ist

das nicht so sicher. Verträge mit Kommunen

haben teils jahrzehntelange

Laufzeiten, bei der Industrie sind sie

meist deutlich kürzer. Wir wollen in wenigen

Jahren ein Gleichgewicht erreichen

zwischen kommunalen und Industriekunden.

In der Entsorgung machen

wir schon 80 Prozent des Geschäfts mit

Industrie- und Gewerbekunden.

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 57

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Unternehmen&Märkte

Die Jagd nach der

Milliardenidee

SERIE ZUKUNFT DER INDUSTRIE (III) | Deutsche Konzerne versuchen

mit klangvollen Start-up-Brutkästen, den großen Coup zu landen.

Doch das ist leichter geplant als gemacht.

Selbst Klaus Wowereit kann noch Eröffnungen

feiern. Vor zwei Wochen

weihte Berlins Regierender Bürgermeister

den sogenannten CoLaborator ein.

In den schicken Räumen mit den stylishen

grünen Sitzecken sieht es aus wie in einer

Werbeagentur, doch entscheidend sind die

hochmodernen Labore, in die sich Startups

einmieten können.

Gegründet hat den sogenannten

Inkubator, zu

Deutsch: Brutkasten, Bayer.

„Das ist ein wichtiges Element

unserer Innovationsstrategie“,

sagt der Leiter des

CoLaborators, Stefan Jaroch.

Der Leverkusener Pharmaund

Chemiekonzern betreibt

seit zwei Jahren in San Francisco

solch ein Gründer-Labor.

Nun will er junge Gründer

auch in den Berliner

Wedding locken. Den ersten

hat Bayer sogar schon aus

dem Silicon Valley losgeeist:

Robert Pytela hat seit 1988 an

der University of California in

San Francisco geforscht und

schon zwei Unternehmen

gegründet. Der 59-Jährige ist

Spezialist für die Entwicklung

von Antikörpern zur Krebsdiagnostik. Seine

erste Firma verkaufte er für 170 Millionen

Dollar an Abcam, den Weltmarktführer

für Antikörper aus Großbritannien. Seine

zweite schnappte sich der Schweizer

Pharmariese Roche. Bei Pytelas dritter Firma,

Calico, könnte irgendwann vielleicht

Bayer zum Zug kommen.

Die Leverkusener unternehmen derzeit

einiges, um sich frühzeitig den Zugriff auf

Innovationen zu sichern. So hat Bayer

ebenfalls in Berlin ein Accelerator-Programm

gestartet, für das noch bis Ende des

Monats fünf Start-ups gesucht werden. Ein

Accelerator ist ein Beschleuniger: Aussichtsreiche

Start-ups erhalten 50 000 Euro

Die Zukunft

der Industrie

Teil 1

15 Technologien für

Deutschlands Wohlstand

Teil 2

Blick in die Zukunftslabors

der Konzerne

Teil 3

Wie sich Unternehmen

mit Start-ups agil halten

Teil 4

Deutschlands Position in

der Spitzenforschung

Startgeld, Beratung, Büroflächen und „Kaffee

inklusive“, um sich zu entwickeln. Im

Gegenzug erhält Bayer die Option, Anteile

an den Unternehmen zu erwerben.

Mit seiner Start-up-Offensive ist Bayer

nicht allein. Der Blick in die USA, wo anscheinend

wie am Fließband neue Milliardenunternehmen

und Milliardäre entstehen,

macht die hiesigen Konzernchefs

nervös und weckt

Begehrlichkeiten. Um bei

dem Milliardenspiel nicht abseits

zu stehen, hat sich eine

ganze Reihe von ihnen entschieden,

in die Gründeraufzucht

einzusteigen.

Die Deutsche Telekom, Allianz,

Pro7 oder die Commerzbank

haben zu diesem

Zweck Accelerator-Programme

und Inkubatoren für

Gründer ins Leben gerufen.

Sie veranstalten regelmäßig

Castings für Start-ups und locken

Gründer mit Geld, Büroräumen

und Geschäftskontakten.

Im Gegenzug hoffen

sie möglichst früh Zugriff auf

neue Geschäftsideen zu erlangen,

um sich gegen Wettbewerber

zu wappnen oder

später selbst das dicke Geld zu verdienen.

Für deutsche Konzerne ist die Einbindung

von Start-ups – neben der Einrichtung

von Zukunftslabors – ein wichtiges Instrument,

um sich für die Zukunft zu wappen.

Statt von der Digitalisierung überrollt

zu werden, hoffen die etablierten Unternehmen,

so das berühmte „next big thing“,

das nächste große Ding, im eigenen Haus

auszubrüten. Oder sie trachten danach, auf

diese Weise potenzielle Wettbewerber im

Vorfeld auszubremsen.

„Wir versuchen so, Ideen, die uns gefährlich

werden könnten, rechtzeitig zu erkennen“,

sagt Marc Stilke, Chef von Immobilienscout24.

Das Internet-Portal hat es

selbst vorexerziert und den Verlagen Geschäft

mit den Immobilienanzeigen geraubt,

die jahrzehntelang die Wochenendausgaben

mit gut bezahlten Anzeigen füllten.

Heute läuft das Geschäft fast nur noch

im Internet, und Immobilienscout24 ist

mit einem Anteil von mehr als 60 Prozent

klarer Marktführer.

Trotzdem weiß Stilke, dass er sich auf der

dominanten Position nicht ausruhen kann.

Er attestiert sich eine „gesunde Paranoia“:

Was Internet und Immobilienscout24 mit

den Zeitungen gemacht haben, könne ihm

auch schnell selbst passieren. Aus diesem

Grund hat der 47-Jährige in der Zentrale am

Berliner Ostbahnhof einen Inkubator für

Start-ups namens You-is-now gegründet.

Vorbild für die etablierten Konzerne ist

die Firma Rocket Internet in der Berliner

Johannisstraße, die sich als „größten Inkubator

der Welt“ bezeichnet. 2007 von den

drei deutschen Brüdern Oliver, Marc und

Alexander Samwer gegründet, spuckt die

Start-up-Fabrik fast monatlich neue Firmen

aus, vielfach Kopien amerikanischer

Start-ups. Bisher berühmtestes Unternehmen

ist der Online-Händler Zalando.

TRÄNENREICHES ENDE

Der Erfolg von Rocket Internet hat inzwischen

eine wahre „Inkubatorenschwemme“

entstehen lassen, über die in der Branche

kritisch diskutiert wird. Vor allem in

der Großindustrie ist ein regelrechter Wettlauf

um aussichtsreiche Start-ups ausgebrochen.

Als zum Beispiel der Firmengründer

Korbinian Weisser in einem Branchenportal

seine Smartphone-App Qlearning

vorstellte, die Studenten Lernmaterialien

bietet, hatte er wenige Stunden später

eine Mail von der Deutschen Telekom im

Postfach. Wenn er Geld brauche, sollte

man sich doch mal treffen.

Heute arbeitet Weisser mit seinem Team

im Hub:raum. So heißt der Inkubator, den

die Telekom in Berlin im früheren Fernamt

1, der einst größten Telefon-Vermittlungsstelle

Europas, eingerichtet hat.

Main Inkubator nennt dagegen die Commerzbank

ihr Start-up-Treibhaus in Frankfurt.

Im vergangenen Monat traf sich erstmals

ein Investmentkomitee, um die Kandidaten

zu sichten. Die ersten Start-ups

sollen in der zweiten Jahreshälfte in das rote

Backsteingebäude einziehen.

„Wir suchen Milliardenunternehmen“,

sagt Marius Sewing, Leiter des Microsoft

Ventures Accelerators. Auch der US-Softwareriese

hat im November die Jagd auf

deutsche Gründer eröffnet. Dazu hat er

»

FOTO: WERNER SCHÜRING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

58 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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BAYER

CoLaborator

Stefan Jaroch

Im Inkubator CoLaborator können sich

sechs Start-ups einmieten. Nur im

Accelerator-Programm gibt Bayer Geld

und erhält dafür ein Recht auf Anteile

Geld für Start-ups 50 000 Euro

Firmenanteile für Bayer Verhandelbar

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 59

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Unternehmen&Märkte

ihre sieben bestehenden Start-ups konzentrieren.

Von den kürzlich noch 250 Mitarbeitern

werden derzeit laut Epic nur noch

200 weiter beschäftigt. Im März hatte Peric

noch drei Neugründungen angekündigt,

nun soll in diesem Jahr lediglich ein weiteres

Start-up hinzukommen.

Dabei ist ProSiebenSat1 durchaus erfolgreich

und zu einem der wichtigsten deutschen

Player im Online-Geschäft aufgestiegen.

Der Umsatz der Sparte stieg von

335 auf 484 Millionen Euro und macht fast

ein Fünftel des Gesamtumsatzes aus.

Um unabhängiger vom Werbegeschäft

zu werden, setzt die Gruppe auf Werbung:

ProSiebenSat1 erhält Anteile an den Jungunternehmen

oder deren Umsatz und gewährt

ihnen im Gegenzug Werbeplätze.

„Das ist unser Zaubertrank“, sagt ProSiebenSat1-Digitalchef

Christian Wegner. Die

Start-ups macht er damit in Kürze bei einem

Millionenpublikum bekannt. Mit 48

Start-ups hat ProSiebenSat1 inzwischen

solche Deals, darunter bekannte Namen

wie Zalando oder der Brillen-Online-

Händler Mister Spex. Im Rahmen des 2013

gestarteten Accelerator-Programms hat

sich die Gruppe noch an 20 weiteren Startups

je fünf Prozent gesichert.

»

in seiner neuen Hauptstadtrepräsentanz

Unter den Linden ein Accelerator-

Programm gestartet – und bietet den Rauchern

unter den Gründern einen Balkon

mit spektakulärem Blick vom Brandenburger

Tor bis zum Alexanderplatz. Die ersten

neun Teams haben gerade erfolgreich einen

Crashkurs bei Microsoft beendet, Microsoft-Deutschland-Vorstand

Peter Jaeger

wettet gar, dass schon eines dieser Startups

zum Milliardenunternehmen wird.

Doch wie groß sind die Chancen der

Großunternehmen wirklich, mihilfe von

Start-ups das ganz große Ding zu finden?

Wenn die Konzerne ihren Erfolg an Internet-Firmen

wie Twitter messen, werden

viele ihrer Versuche „tränenreich“ enden,

prophezeit Ciaran O’Leary, Partner beim

Risikokapitalgeber Earlybird. Er kritisiert

den „Tsunami“ an Start-up-Programmen

und warnt, besonders gute Gründerteams

würden oft nicht direkt bei einem Konzern

andocken wollen.

„So einfach wie das Auflegen ist es, die

Programme wieder dichtzumachen, wenn

ein Vorstand oder die Strategie wechselt“,

sagt O’Leary. So hat Bertelsmann gerade

AXEL SPRINGER

Plug & Play

Jörg Rheinboldt

In das Accelerator-Programm werden

drei Mal pro Jahr bis zu zehn Start-ups

aufgenommen

Geld für Start-ups 25 000 Euro

Firmenanteile für Springer 5 Prozent

geförderte Start-ups bisher 26

sein 2012 gegründetes „Innovation Lab“

Bevation stillgelegt. Von den sieben Unternehmen

sind zwei schon wieder vom Netz.

Wie schwer die Firmengründung am

Fließband sein kann, zeigt auch der Inkubator

Epic Companies. Den hatte der TV-

Konzern ProSiebenSat1 vor einem Jahr in

Berlin gegründet und den Ex-Rocket-Manager

Mato Peric als Leiter und Partner gewonnen.

Mit zwei weiteren Ex-Rocket-Managern

sollte Peric jedes Jahr mindestens

fünf Start-ups aufbauen.

Doch damit ist erst einmal Schluss. Der

Großteil der Epic-Mitarbeiter soll sich auf

KLEINER KRIEG

Doch noch so viel Zaubertrank von den

Konzernen sorgt nicht dafür, dass die Konkurrenz

schläft. Überall, wo ein Start-up

Neues entwickelt, tobt im Handumdrehen

der Wettbewerb. Zu den Start-ups von Immobilienscout24

etwa gehört auch Cleanagents,

eine Online-Plattform, die Reinigungskräfte

vermittelt. Ein lukratives Geschäft,

findet auch Google und hat mit anderen

Investoren 38 Millionen Dollar in die

US-Plattform Homejoy gesteckt, die seit

diesem Monat auch in Deutschland aktiv

ist. Zudem brachte Rocket Internet im

März sein Putzportal Helpling in den vier

größten deutschen Städten an den Markt.

Dafür brauchte Cleanagents ein halbes

Jahr. „Das ist jetzt ein kleiner Krieg“, sagt

Cleanagents-Gründer Sergiej Rewiakin.

Hier zeigt sich ein Grundproblem der

unternehmenseigenen Start-up-Brutkästen.

Zwar sind sie nicht in komplexe Entscheidungsstrukturen

von Konzernabteilungen

eingebunden und können deshalb

relativ autonom und flexibel agieren. Mit

langjährigen lupenreinen Start-up-Fabriken

wie Rocket Internet können sie aber

trotzdem nur schwer mithalten.

Denn statt zu klotzen, glauben viele Konzernlenker,

bei Start-ups kleckern zu kön-

FOTO: PR

60 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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nen, und das in mehrerlei Hinsicht. Sie

stellen meist nur kleine Summen zur Anschubfinanzierung

sowie ein paar Büroplätze

zur Verfügung. Dafür erhalten sie jedoch

nur eine kleine Minderheitsbeteiligung,

die ihnen zu wenig Einfluss auf die

Geschäftsentwicklung ermöglicht.

„Man wundert sich, wer alles Inkubatoren

gründet, ohne viel Geld, Infrastruktur

oder eigene Erfahrung“, sagt ein früherer

hochrangiger Rocket-Manager. Ein anderer

Seriengründer und Investor bei zahlreichen

Start-ups geht sogar noch einen

Schritt weiter und behauptet: „Die wirklich

guten Gründer gehen nicht zu einem Unternehmen.“

Die Schwierigkeiten einiger Konzerne

scheinen die These zu stützen. So ist die

Start-up-Offensive beim Lebensmittelriesen

Rewe vertrocknet. „Wir wollen innerhalb

der kommenden Monate eine Art Inkubator

für Start-up-Unternehmen aufbauen“,

hatte Rewe-Chef Alain Caparros

vor einem Jahr angekündigt. Zwar hat Rewe

zuletzt in den Rocket-Internet-Online-

Möbelhändler Home24 investiert und weitere

Beteiligungen angekündigt. Ein Inkubator

ist jedoch kein Thema mehr.

Berlin schlägt Bayern

Investitionen in IT-Start-ups nach Bundesländern

(in Millionen Euro)

Berlin

Bayern

Hamburg

Nordrhein-Westfalen

Brandenburg

Baden-Württemberg

136,2

123,4

45,7

34,2

13,3

15,0

12,1

12,5

9,4

2,8

8,6

23,7

2013

2012

Quelle: Bitkom

Auch der Münchner Versicherungskonzern

Allianz verkündete vor Monaten Großes.

„Good-bye, Tarnkappenmodus“, twitterte

die Assekuranz cool, als sie im vergangenen

August ihr Beschleunigungsprogramm

für Start-ups startete. Der Allianz

Digital Accelerator soll „Projekte, die

unser Kerngeschäft beeinflussen“, identifizieren.

Doch bislang konnte die Allianz

keine Start-ups präsentieren, die das Geschäft

des Konzerns „in der Breite voranbringen“.

Das liege auch an einem Missverständnis,

sagen die Münchner. „Ich ärgere mich

selbst manchmal über unseren Namen“,

sagt Sebastian Sieglerschmidt, Direktor im

Allianz-Accelerator. „Denn wir sind kein

klassisches Accelerator-Programm, sondern

helfen Start-ups, schneller mit der Allianz

zusammenzukommen.“ Vier solche

Kooperationen gebe es.

Die zahlreichen Accelerator- und Inkubator-Programme

unterscheiden sich

enorm – bei den Bezeichnungen und den

Bedingungen. Welche davon Unternehmen

und Start-ups Mehrwert bieten und

wie nachhaltig der Boom ist, werden die

kommenden zwei, drei Jahre zeigen. „Immer

mehr Unternehmen machen solche

Angebote, das scheint Mode zu sein“, sagt

Peter Borchers, Chef des Telekom-Inkubators

Hub:raum. In manchen Fällen sei eher

die Marketingabteilung der Treiber meint

Borchers. „Der eine oder andere wird womöglich

auch wieder aufgeben.“

Die Deutsche Telekom zählt zu den Unternehmen,

die von der überschäumenden

Risikokapital- und Start-up-Kultur in den

USA besonders gebeutelt sind. So sorgt der

kostenlose, erst fünf Jahre alte Message-»

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Unternehmen&Märkte

DEUTSCHE TELEKOM

Hub:raum

Peter Borchers

Die Telekom fördert in ihrem Inkubator

Hub:raum bis zu zehn Startups.

Im Accelerator-Programm gibt

es kein Geld und keine Anteile

Geld für Start-ups bis 300 000 Euro

Firmenanteile für Telekom

10 bis 15 Prozent

geförderte Start-ups bisher 42

»

Dienst WhatsApp dafür, dass immer

mehr Kunden Abstand von der SMS nehmen.

Dadurch gehen den Bonnern wertvolle

Einnahmen verloren, während sich

Facebook als Konzernmutter der beliebten

Smartphone-App über noch mehr Nutzer

freuen kann. Der Deutschen Telekom

bleibt deshalb nur, selbst neue Ideen ausbrüten

zu lassen.

Allerdings ist Telekom-Inkubator-Chef

Borchers realistisch genug, um keine zu

hohen Erwartungen an seine derzeit neun

Schützlinge zu schüren: „Wenn ein Super-

Start-up dabei sein sollte, wäre das spitze,

aber das kann man nicht planen.“ Er wolle

vielmehr ein gutes Portfolio in der Breite

aufbauen. Pro Jahr werden in seinem Inkubator

zehn bis zwölf Start-ups mit jeweils

bis zu 300 000 Euro finanziert, im Gegenzug

erhält die Telekom 10 bis 15 Prozent

der Firmenanteile. Das zusätzlich angebotene

Accelerator-Programm hat Borchers

jetzt umgestellt. Statt wie bislang einmal im

Jahr zu einem festgelegten Zeitpunkt können

nun permanent Start-ups neu aufgenommen

werden. Damit reagiert die Telekom

auf die bisherigen Erfahrungen seit

dem Start 2012 und die gewachsene Accelerator-Konkurrenz.

Geld und Anteile fließen

dort aber nicht. „Wir wollen nicht ganz

viele Drei- oder Fünf-Prozent-Beteiligungen

haben“, sagt Borchers.

ProSieben oder Axel Springer arbeiten

dagegen nach dem Schrotflintenprinzip.

Sie geben Start-ups jeweils 25 000 Euro und

sichern sich damit fünf Prozent an den Firmen.

Damit spielen die beiden Mediengiganten

nicht selten mit der Finanznot der

Kandidaten. Denn unter Umständen sind

25 000 Euro für fünf Prozent am eigenen

Start-up ein hoher Preis, den die Gründer

bezahlen müssen. „Für das bisschen Geld

würde man eigentlich keine Unternehmensanteile

abgeben“, sagt Jascha Chong

Luna, Gründer von Eyeglass24, einem Online-Spezialisten

für Brillengläser.

Wochenlang diskutierte Luna mit seinen

Mitgründern daher den Schritt. Er bereut

den Deal mit ProSiebenSat1 aber nicht. Für

Eyeglass24 sei die Rechnung aufgegangen,

da er durch den Accelerator Kontakte zu Investoren

fand und somit eine wesentlich höhere

und bessere Bewertung seines Startups

bei der nächsten Finanzierungsrunde

erzielt. Das gelingt jedoch nicht immer, weiß

auch Sieglerschmidt vom Allianz-Accelerator.

„Wenn sich ein strategischer Investor zu

früh beteiligt, kann das der Wertentwicklung

des Start-ups sogar schaden“, sagt Sieglerschmidt,

der einst selbst einen Online-Modeshop

mit Rocket Internet gegründet hat.

Auch deswegen hat sich die Allianz gegen

ein Beteiligungsmodell entschieden.

ALTER SACK WARTET AUF ANRUF

Trotzdem sind auch diese Start-up-Programme

der Konzerne bei Gründern gefragt.

Einige betreiben gar ein regelrechtes

Accelerator-Hopping. Get2Play, eine Online-Seite

zum Instrumentenlernen, war

erst bei Pro7 und dann bei Springer. Das

Hundehalter-Portal Leinentausch wurde

bis März dieses Jahres von Immobilientausch

gefördert und ist im Anschluss

ebenfalls in Springers Start-up-Wohngemeinschaft

gewechselt.

In dem Springer-Gründerlabor liegen

die alte und neue Medienwelt ganz dicht

beieinander. Direkt hinter der Eingangstür

liegt eine Holzpalette, auf der sich meterhoch

Druckerzeugnisse aus Deutschlands

größtem Verlagshaus stapeln, doch für

„Bild“, „Welt“ und „Morgenpost“ interessiert

sich hier keiner. Lediglich vom „Bitcoin-Magazin“,

das über die gleichnamige

Cyberwährung berichtet, sind nur noch

drei Exemplare übrig.

Die Wände des Zukunftslabors sind mit

absurden oder ordinären Graffitisprüchen

eines Künstlers bedeckt, der hier zuvor sein

Atelier hatte. „Alter Sack wartet auf Anruf“

lautet einer der Sprüche. Als Chefscout für

seine Start-ups hat Springer Jörg Rheinboldt

engagiert. Er hatte einst gemeinsam

mit den Samwer-Brüdern die Auktionsplattform

Alando mitgegründet und sie

später an Ebay verkauft. Danach hatten die

Samwer-Brüder begonnen, weitere Firmen

aufzuziehen. Rheinboldt blieb fünf Jahre

Chef von Ebay in Deutschland. Nun gibt er

sein Wissen an Gründer weiter und versucht

zu erahnen, welche Geschäftsideen

Axel Springer helfen könnten.

Idealerweise bieten diese Ideen Synergien

mit bestehenden Geschäften. Aus

Sicht der Unternehmen ist das vielfach ein

wichtiges Entscheidungskriterium für ein

Start-up. So sind bei Springer beispielsweise

gerade die Gründer des Start-ups Adincon

eingezogen, sie wollen die Platzierung

von Werbeanzeigen auf Internet-Seiten op-

FOTO: PR

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timieren. An den Tischen daneben entwickeln

die Gründer von SnapClip eine Plattform

zur Videobearbeitung.

Telekom-Manager Borchers wiederum

fördert die Gründer von Vigour. Das Startup

entwickelt eine Technologie, um Videos

oder Medieninhalte einfacher auf verschiedenen

Gerätetypen anzuzeigen, vom

Handy bis zum Fernsehen. Oder das Startup

Reputami, das Bewertungen von Hotels

oder Restaurants analysiert. „Es hilft auch

uns, wenn beispielsweise die Vertriebler

von T-Systems solch ein tolles, junges Produkt

mit zu den Kunden nehmen können“,

sagt Borchers. Die Start-ups wiederum bekommen

durch die Telekom schneller und

leichter Zugang zu Kunden.

Von diesem Geben und Nehmen profitieren

beide Seiten, junge Gründer und alteingesessene

Unternehmen. Deshalb will

die Bundesregierung den Schulterschluss

fördern. „Die deutschen Unternehmen

müssen Start-ups nicht als Bedrohung sehen,

sondern als Partner“, predigt Tobias

Kollmann, der für Wirtschaftsminister Sigmar

Gabriel den Beirat junge digitale Wirtschaft

leitet. In ihm sitzen Gründer und IT-

Experten. Allerdings sollten sich Unternehmen

bewusst sein, wie aufwendig die Entwicklung

eines langfristig erfolgreichen

Start-up-Programms ist, meint der Professor

für Betriebswirtschafslehre, Wirtschaftsinformatik

und insbesondere

E-Business sowie E-Entrepreneurship an

der Universität Duisburg-Essen in Essen.

Mancher Vorstand glaube, man müssen

nur den Mitarbeiter, der sowieso immer in

Turnschuhen rumläuft, mit der Betreuung

der Start-ups beauftragen, ätzt Ulrich

Schmitz, Technikchef bei Axel Springer, gegen

die eigene Zunft. Der Verlag sieht sich

derzeit in Deutschland als Vorreiter der Digitalisierung,

etwa indem er seine Top-Manager

medienwirksam ins Silicon Valley

schickt und sie in einer Wohngemeinschaft

in der US-Internet-Hochburg unterbringt.

IN FÜNF ODER SECHS JAHREN

Neben dem Waldschratbart-Look für

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann hat

Axel Springer in dem amerikanischen IT-

Mekka auch einen erfahrenen Partner für

seine Start-up-Aktivitäten gefunden: Der

Konzern-Inkubator Plug & Play investiert

dort seit Jahren in Start-ups und betreibt

nun den hiesigen Accelerator mit Springer

gemeinsam. Dies sei zwar „nicht der alleinige

Heilsbringer für die Digitalisierung“,

sagt Axel-Springer-Manager Rheinboldt.

Aber ein Baustein von vielen. „Strategisch

wesentlich wichtiger ist für uns der Kauf

von Unternehmen, die schon gezeigt haben,

dass sie erfolgreich sind“, sagt Springer-Manager

Schmitz. Das sei berechenbarer

als die Frühphaseninvestments.

Doch auch bei diesen Wetten auf neue

digitale Trends lagen Konzerne in den vergangenen

Jahren oft genug daneben. So

hat die Deutsche Telekom gerade die Plattform

Musicload aufgegeben, die Apples

iTunes-Store Paroli bieten sollte. Das zu

RTL gehörende soziale Netzwerk Werkennt-wen

schließt am 1. Juni. Beim Netzwerk

Lokalisten, das ProSiebenSat.1 vor

sechs Jahren für einen zweistelligen Millionenbetrag

kaufte, bleiben die Nutzer weg.

„Frühestens im fünften oder sechsten

Jahr sieht man, welche Modelle wirklich

funktionieren“, sagt Investor O’Leary. Daher

müssten nun auch die Unternehmen

erst einmal beweisen, ob sie mit ihren neuen

Start-up-Spielplätzen einen so langen

Atem haben.

n

oliver.voss@wiwo.de

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Technik&Wissen

Sinnsuche im All

RAUMFAHRT | Diese Woche fliegt der wohl letzte deutsche Astronaut zur Internationalen

Raumstation ISS. Denn die Tage des milliardenschweren Prestigeprojekts sind

gezählt. Und das ist gut. Forschung im Weltall geht – dank visionärer Unternehmer –

bald anders und günstiger.

Es gibt wohl kaum einen spektakuläreren

Arbeitsplatz als den

von Alexander Gerst: gut 400 Kilometer

über der Erde, 28 000 Kilometer

pro Stunde schnell.

Dennoch hat der deutsche Astronaut auf

der Internationalen Raumstation ISS einen

ziemlichen Routinejob. An einem typischen

Tag wird er Punkt 6 Uhr geweckt und

muss als Erstes den Sitz zweier Sensoren

auf Brust und Stirn überprüfen, die seine

Körpertemperatur bestimmen. Um 6.15

Uhr steht die Morgentoilette auf dem

Dienstplan, um 6.35 Uhr ein Urintest. Es

folgt das Frühstück. Anschließend Besprechungen,

weitere Experimente, eine Pressekonferenz,

Fitnesstraining, noch mehr

Experimente, noch mehr Besprechungen.

Schließlich um 21.20 Uhr muss Gerst die

beiden Sensoren noch einmal checken.

Zehn Minuten später heißt es: Licht aus.

166 Tage lang wird das so gehen, sofern

Gerst wie geplant am Mittwochabend als

dritter Deutscher zur ISS aufbricht. Der

promovierte Geophysiker wird dann die

Arbeit von Thomas Reiter und Hans Schlegel

fortsetzen. Wie seine Vorgänger wird er

Experimente zur Materialforschung und

Plasmaphysik durchführen, zum Erdmagnetfeld

und zur Suche nach kosmischen

Teilchen. Und er wird – im Dienste der Medizin

– selbst zum Versuchskaninchen.

Ob ihm ein weiterer deutscher Astronaut

folgen wird, ist indes fraglich: Die Raumstation

ist angezählt. Mindestens 80 Milliarden

Euro haben die 14 westlichen ISS-

Staaten seit Anfang der Neunzigerjahre in

Planung, Aufbau und Betrieb des Außenpostens

investiert. Die Ausgaben verteilen

sich zwar auf viele Jahre und viele Partner,

trotzdem geraten die Anhänger der Station

zunehmend in Erklärungsnot: Hoffnungen,

die Industrie würde auf der ISS experimentieren,

haben sich nicht erfüllt. Und

der Erkenntnisfortschritt durch die Grundlagenforschung

wird nur langsam sichtbar.

Vor allem die Europäer tun sich schwer,

Geld für den weiteren Betrieb aufzubringen.

Die Russen drohen sogar, ganz auszusteigen:

Verärgert über Sanktionen im Zuge

der Ukraine-Krise, hat der stellvertretende

Ministerpräsident Dmitri Rogosin

vergangene Woche angekündigt, 2020 den

Geldhahn zuzudrehen. Er ist einer der rus-

80 Milliarden

Euro haben Bau und

Betrieb der ISS bis

heute verschlungen

sischen Top-Politiker, denen die Europäische

Union die Einreise verboten hat.

Die Raumstation taugt damit womöglich

bald nicht mehr länger als Symbol der

friedlichen internationalen Kooperation.

Ursprünglich ein Produkt des Kalten Krieges,

ausgeheckt von US-Präsident Ronald

Reagan, hat die Station im Laufe ihrer Geschichte

Russen, Amerikaner, Kanadier, Japaner

und Europäer zusammengeschweißt.

Sogar für den Friedensnobelpreis

soll sie schon im Gespräch gewesen

sein. Doch das ist Geschichte.

Neue Ideen sind gefragt. Die Forschung

im All muss billiger, effizienter, schneller

werden. Aufblasbare Raumstationen, umgebaute

Touristenflieger und winzige Forschungssatelliten

könnten ihren Teil dazu

beitragen. Hinter diesen Konzepten stecken

visionäre Unternehmer, die Pioniergeist

mit Pragmatismus verbinden. Etwas,

was den großen staatlichen Raumfahrtagenturen

zu fehlen scheint.

KÖLSCH FÜR JEDEN DEUTSCHEN

Alexander Gerst wird sich all diese Diskussionen

nicht anmerken lassen, wenn er

Mittwoch in seine Sojus-Kapsel klettert.

Sechs Stunden soll der Flug zur ISS dauern,

fast sechs Monate der Aufenthalt an Bord.

Während dieser Zeit wird er mit voraussichtlich

mehr als 100 Experimenten in

Berührung kommen. Hauptsächlich geht

es dabei um Grundlagenforschung – getrieben

von Neugier, mit offenem Ergebnis,

ohne absehbaren Nutzen. Es kann dabei

das nächste Wundermaterial, die nächste

Wunderpille, gar der nächste Nobelpreis

herausspringen. Etwa wenn die Physiker

mithilfe des 8,5 Tonnen schweren Alpha-

Magnet-Spektrometers herausfinden, warum

nach dem Urknall die Antimaterie verschwand

– wäre das nicht passiert, gäbe es

uns heute nicht.

Die Forschung kann aber genauso gut im

Sande verlaufen.

„Für uns ist das Engagement auf der ISS

vergleichbar mit Investitionen in den Teilchenbeschleuniger

Cern oder andere

Großforschung. Es ist eine grundsätzliche

Entscheidung“, rechtfertigt Volker Schmid

die Ausgaben für die Station. Er leitet die

Fachgruppe ISS beim Deutschen Zentrum

FOTOS: NASA (7), LAIF/POLARIS/CNP, AGENTUR FOCUS, SCIENCE PHOTO LIBRARY

64 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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6.00 Wecken

6.15 Körperpflege 6.50 Frühstück

7.30 Teambesprechung

ISS

Arbeitsalltag

eines

Astronauten

9.00 Experimente

20.30 Freizeit

17.30 Fitnesstraining Wartungsarbeiten

für Luft- und Raumfahrt (DLR). Bisher hat

Deutschland etwa 3,5 Milliarden Euro investiert.

Die jährlichen Betriebsausgaben

belaufen sich – vom Management bis hin

zum Transport der Astronauten – auf rund

130 Millionen Euro. „Die ISS kostet somit

jeden Bürger ein Glas Kölsch oder eine Tasse

Kaffee im Jahr“, rechnet Schmid vor.

KALTES PLASMA GEGEN MIKROBEN

Die Ergebnisse der jahrelangen Forschung,

zumindest die handfesten, sind dennoch

überschaubar: So bauen sich in der Schwerelosigkeit

unvermeidlich die Knochen eines

Menschen ab. Aßen Astronauten mehr

Kochsalz, verschlimmerte sich das Problem

bei einigen von ihnen. Sollte sich der

Effekt bestätigen, würde das für eine kochsalzarme

Diät bei alten und bettlägerigen

Menschen sprechen. Versuche auf der ISS

haben zu einer besonders leichten und widerstandsfähigen

Titan-Aluminium-Legierung

geführt. Turbinenschaufeln aus dem

neuen Material könnten den Kerosinverbrauch

in Düsentriebwerken deutlich senken

und so die Emissionen verringern.

Besonders beeindruckend – aber auch

völlig unkalkulierbar – sind die zufälligen

Funde, die Abfallprodukte der Raumfahrt:

Seit 2001 experimentiert das Max-Planck-

Institut für extraterrestrische Physik in Garching

beispielsweise mit kalten Plasmen –

einem verdünnten Gemisch aus neutralen

und geladenen Atomen sowie Molekülen.

Auf der ISS untersuchten die Forscher damit

Kristalle. Auf der Erde erkannten sie

später, dass kaltes Plasma Wunden desinfiziert,

ohne die Haut zu schädigen. Sogar

Mikroben, die gegen Antibiotika resis-

»

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 65

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Technik&Wissen

Die Sternenflotte der Privaten

Forschen

Der Raumgleiter des Start-ups Swiss

Space Systems setzt Forschungssatelliten

in 80 Kilometer Höhe aus. Von

dort steigen sie aus eigener Kraft ins All.

Liefern

Das Raumschiff Dragon des US-Unternehmens

SpaceX hat schon dreimal

Nachschub zur ISS gebracht – deutlich

preiswerter als einst das Spaceshuttle.

Reisen

Ab 2017 will der US-Konzern Boeing

der russischen Sojus-Kapsel Konkurrenz

machen: Sein Raumschiff CST-100 soll

bis zu sieben Astronauten zur ISS fliegen.

»

tent geworden sind, werden getötet.

Nun soll ein tragbares Gerät zur Wunddesinfektion

entwickelt werden. „Da ist enorm

viel Potenzial vorhanden“, sagt Schmid.

Ein anderer Traum ist dagegen weitgehend

geplatzt. In den Anfangstagen der ISS

hofften Raumfahrtmanager, die Industrie

würde auf der Station forschen und produzieren.

„Das war damals sehr optimistisch“,

sagt Schmid. Heute ist klar: Die Planung eines

Weltraumexperiments mit allen nötigen

Genehmigungen dauert vielen Forschungsabteilungen

zu lange, die Ergebnisse

sind zu unberechenbar, der Ausflug

ins All gilt als zu teuer – obwohl das DLR

mitunter sogar Transport und Betrieb auf

der Station übernimmt.

SONNYBOY OHNE GITARRE

Nur zwei industriegetriebene Versuche

stehen auf Gersts Experimentierplan: Der

Raumfahrtkonzern Airbus Defence and

Space will ein per Funk kommunizierendes

Sensornetzwerk testen, das künftig im europäischen

Forschungsmodul Columbus

der ISS, aber auch in anderen extremen

Umgebungen arbeiten soll.

Der Schweizer Textilhersteller

Schoeller will gemeinsam mit

den Hohenstein Instituten und

der Berliner Charité die Geruchsentwicklung

seiner Funktionstextilien

von Astronauten

beurteilen lassen – eine Art

Gütesiegel, das sich gut fürs

Marketing nutzen lässt.

Video

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie Zeitrafferaufnahmen

vom Blick aus

der ISS

Im Kampf um Aufmerksamkeit – und

mehr Steuergelder – rücken daher andere

Aspekte in den Mittelpunkt: Bildung und

Öffentlichkeitsarbeit. Gerst hat sich in den

vergangenen Monaten zu einem Sonnyboy

und Werbeträger für die Raumfahrt gemausert.

Gitarre spielen und singen wie

sein kanadischer Kollege Chris Hadfield

will er zwar nicht, dessen Version des David-Bowie-Songs

„Space Oddity“ im Internet

millionenfach abgerufen wurde. Aber

Bildungsthemen haben es ihm angetan.

Mehrere Schülerexperimente, Live-Schalten

und Fotoaktionen sind während seiner

Mission geplant. „Ich empfinde es als meine

Verpflichtung, der kommenden Generation

zu zeigen, was wir am Weltall haben“,

sagt Gerst. Er wird das größtenteils in

seiner Freizeit erledigen. „Rein rechnerisch

stehen uns pro Flugperiode nur zwei

Stunden für Bildung zur Verfügung“, sagt

Schmid. „Die Wissenschaft bleibt stets im

Vordergrund.“

Das Trommeln für die Station ist dringend

erforderlich. Vor allem Italien und

Frankreich haben ihre finanzielle Unterstützung

zuletzt deutlich zurückgefahren;

Deutschland, das bislang

41 Prozent der europäischen

Ausgaben schulterte, hat seinen

Anteil auf 50 Prozent erhöht.

Trotzdem müssen die laufenden

Ausgaben für die ISS um 30 Prozent

gedrückt werden, unter anderem

bei der Betreuung der

Forscher, ebenso bei den Experimenten.

Und wie es nach 2015 weitergeht,

ist derzeit noch offen. Eine weitere

Milliarde Euro wird bis 2020 benötigt.

„Noch sind wir nicht ganz am Ziel, aber ich

bin zuversichtlich“, sagte Jean-Jacques Dordain,

Chef der Europäischen Weltraumorganisation

ESA, Anfang des Jahres bei einem

Besuch des europäischen Raumfahrtkontrollzentrums

in Darmstadt. „Allerdings

müssen wir dieses Jahr unbedingt eine Lösung

finden, andernfalls bekommen wir ein

großes Problem.“

RAUMMODUL ZUM AUFBLASEN

Volker Schmid plädiert jedenfalls dafür, die

ISS „zu nutzen, zu nutzen, zu nutzen, so

lange wie möglich“. Dennoch machen sich

die Raumfahrtagenturen bereits Gedanken,

was nach der Station kommen könnte.

Sicher scheint: Die Zeit der Mammutprojekte

im All ist vorbei. Neue Forschungseinrichtungen

müssen kleiner, modularer,

flexibler sein.

Eine mögliche Lösung kommt vom US-

Hotelmagnaten Robert Bigelow. Seit Juli

2006 lässt der Amerikaner bereits einen

unbemannten Testballon um die Erde kreisen:

Genesis I ist im Grunde ein überdimensionaler,

zylindrischer Schwimmflügel

– ein aufblasbarer Prototyp, der von einer

mehrlagigen Kunststoffhülle gegen Einschläge

von Asteroiden geschützt wird. Die

leichte, unkomplizierte Konstruktion lässt

sich deutlich günstiger transportieren und

betreiben als die ISS mit ihrer Spannweite

von mittlerweile 110 Metern.

»

FOTOS: PR (2), ACTION PRESS, GETTY IMAGES/AFP

66 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

»

Die Idee dafür hat Bigelow Ende der

Neunziger der US-Raumfahrtbehörde Nasa

abgekauft, die dem Konzept damals wenig

abgewinnen konnte. Nun dreht er es ihr

wieder an: 17,8 Millionen Dollar zahlt sie

an seine Firma, um ab kommendem Jahr

ein aufblasbares Modul an der ISS testen

zu können. Dort soll der knapp drei Meter

dicke Anbau namens Beam zwei Jahre lang

beweisen, dass er der kosmischen Strahlung,

dem ständigen Bombardement

durch Mikrometeoriten und den Temperaturschwankungen

im All trotzen kann.

Bewährt sich Beam, will Bigelow 2017 eine

eigene Station starten. BA 330 soll 14

Meter lang sein, Platz für sechs Astronauten

bieten und über einen mehr als doppelt

so großen Innenraum verfügen wie

das aktuelle ISS-Modul der Amerikaner –

bei nur 30 Prozent mehr Gewicht. 25 Millionen

Dollar soll es kosten, ein Drittel der

Station zwei Monate lang zu mieten. Angeblich

haben bereits mehrere Staaten,

Biotech-Unternehmen und Universitäten

Interesse bekundet.

Noch muss Bigelow aber warten. Ihm

fehlen schlicht die Raketen, um Menschen

zu solch einer Station zu transportieren:

Seit dem Ende der amerikanischen Shuttle-Flüge

im Juli 2011 können einzig die

russischen Sojus-Raketen Astronauten zur

ISS bringen. Gut 70 Millionen Dollar zahlen

die Amerikaner derzeit für jede Mitfluggelegenheit

in den dreisitzigen Kapseln.

Künftig soll der Transport günstiger und

unabhängig von den Russen werden. Seit

2010 unterstützt die Nasa daher US-Firmen

bei der Entwicklung eines eigenen Raumschiffs.

Drei Konzepte sind derzeit im Rennen,

darunter der Shuttle-ähnliche Dream

Chaser der Sierra Nevada Corporation, einem

mittelständischen Luft- und Raumfahrtunternehmen,

sowie eine Kapsel für

bis zu sieben Astronauten, die der Boeing-

Konzern gemeinsam mit Bigelow Aerospace

entwickelt.

70 Millionen

Dollar kostet Gersts

Flug mit der Sojus-

Kapsel zur ISS

MINISATELLITEN AUS DER SCHWEIZ

Am weitesten fortgeschritten ist das kalifornische

Unternehmen SpaceX mit seinem

Raumtransporter Dragon. Hinter dem

Unternehmen steckt der Multiunternehmer

Elon Musk, der bereits mit PayPal die

Finanzbranche und mit Tesla Motors die

Autoindustrie aufgemischt hat. Die unbemannte

Variante der Dragon-Kapsel transportiert

seit Mai 2012 Fracht zur Raumstation;

die Version für bis zu sieben Astronauten

soll 2015 erstmals abheben. SpaceX

peilt dann einen Startpreis von 140 Millionen

Dollar für das Raumschiff an – oder 20

Millionen Dollar pro Astronaut, sofern die

Kapsel voll besetzt ist.

Noch billiger könnte es werden, wenn

den Forschern wenige Minuten Schwerelosigkeit

für ihre Experimente genügen:

Raumschiffe, die zahlungskräftige Touristen

auf einer Parabelbahn an die Grenze

zum Weltall und wieder zurück bringen

sollen, eignen sich auch für wissenschaftliche

Versuche. Die Firma Virgin Galactic

des britischen Unternehmers Richard

Branson hat ihr SpaceShipTwo zum Beispiel

bereits an die Nasa vermietet.

Die ersten Flüge des Raumfahrzeugs, das

seit vielen Jahren in der Mojave-Wüste entwickelt

wird, sollen der Forschung gewidmet

sein. Vier bis fünf Minuten Schwerelosigkeit

verspricht Virgin Galactic – zu einem

Preis von etwa 1,2 Millionen Dollar.

Der Himmelsstürmer

Gerst, 38, startet am 28. Mai als dritter

deutscher Astronaut zur Raumstation

ISS. Seit 2009 bereitet er sich auf die

sechsmonatige Mission vor.

Noch muss das SpaceShipTwo allerdings

beweisen, dass es überhaupt 100 Kilometer

Höhe erreichen kann.

Vielleicht zeigen aber auch die Schweizer

dem Rest der Welt, wie es gut und günstig

funktioniert: Pascal Jaussi, ehemaliger

Testpilot der Schweizer Luftwaffe, will mit

seinem Unternehmen Swiss Space Systems

(S3) komplett auf experimentierende Astronauten

verzichten und stattdessen besonders

billige Forschungssatelliten ins All

schicken. Hierzu soll ein umgebauter Airbus

A300 ein Shuttle auf zehn Kilometer

Höhe transportieren. Das Raumfahrzeug

klinkt sich aus, zündet sein Triebwerk, klettert

auf 80 Kilometer und setzt dort Minisatelliten

aus. Die steigen aus eigener Kraft in

ihre Umlaufbahn, Flugzeug und Shuttle

landen wieder und lassen sich erneut nutzen.

„Wir werden ein Startsystem etablieren,

das nur ein Viertel so viel kostet wie aktuelle

Raketen“, sagt S3-Kommunikationsleiter

Grégoire Loretan.

Einer der ersten Kunden ist die schweizerisch-israelische

Firma Spacepharma,

die ab 2018 insgesamt 28 Starts anpeilt. In

ihren nur fünf Kilogramm schweren Satelliten

lassen sich chemische Verbindungen

synthetisieren, Genfunktionen testen, Viren

auf ihre Gefährlichkeit untersuchen –

immer im Hinblick auf neue Impfstoffe

und Medikamente. Etwa 350000 Dollar soll

solch ein Experiment kosten. Bis zu 540 Tage

kann ein Satellit im All bleiben.

ROBOTER ODER MENSCH?

Automatische Systeme werden künftig

aber auch auf großen Raumstationen, egal,

ob starr oder aufblasbar, eine wichtigere

Rolle spielen. Schon heute experimentiert

die Nasa in der ISS mit einem Robonauten

– einem Torso, der mit seinen Armen, Fingern,

Augen zunehmend anspruchsvolle

Aufgaben übernehmen soll.

Alexander Gerst hat dennoch keine

Angst um seinen Job. „Es wäre natürlich

blöd, teuer, unnütz, wenn Menschen Aufgaben

verrichten, die Roboter genauso gut

erledigen könnten“, sagt der Geophysiker.

Den Entdeckergeist, die Inspiration, die

Faszination der Raumfahrt können Maschinen

in seinen Augen allerdings nicht

vermitteln – dafür braucht es den Menschen

mit seinen Erinnerungen, mit seinen

Abenteuern, notfalls auch mit seiner Gitarre

und seinen Liedern. „Die Robotik eröffnet

der Raumfahrt neue Möglichkeiten“,

sagt der 38-Jährige, „die Menschen aber,

die geben ihr den Sinn.“

n

alexander stirn | technik@wiwo.de

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 67

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Technik&Wissen

Spritze ins Gehirn

GESUNDHEIT | Ein Kind starb durch eine dubiose Stammzellbehandlung

des Düsseldorfer Unternehmens XCell. Nun ist eine

Ärztin angeklagt. Doch der Medizin-Krimi geht weiter.

Geschäft mit der Hoffnung

Stammzellen müssen

sich erst noch bewähren

Der Ex-Chef

verdient weiter mit

seiner gefährlichen

Masche

Was die Forscher versprechen, ist

fantastisch: Künftig sollen Stammzellen

fast jedes Leiden heilen. Die

Zellen mit der ungeheuren Regenerationskraft

sollen zum Jungbrunnen für altersschwache

Herzen, Gehirne oder Gelenke

werden. Kaum eine andere medizinische

Methode weckt derzeit so viele Hoffnungen

– gerade bei schwer kranken Menschen

und Eltern behinderter Kindern.

Genau auf diese verzweifelte Patientengruppe

hatte es die Düsseldorfer Firma

XCell Center GmbH abgesehen. Sie hatte

sich von 2007 bis 2010 in zwei katholischen

Kliniken in Köln und Düsseldorf eingemietet.

Für Zehntausende von Euro versprachen

der Firmengründer Cornelis Kleinbloesem

und sein Ärzteteam Heilung von

zahlreichen schweren Krankheiten.

Damit war der niederländische Geschäftsmann

seiner Zeit weit voraus. Denn

seriöse Forscher betonen auch heute noch,

dass sich die meisten Stammzelltherapien

in einem frühen experimentellen Stadium

befinden – und damit Jahre von einer regulären

Standardbehandlung entfernt sind.

Weil XCell aber in einer rechtlichen Grauzone

agierte, konnten die Behörden das

Unternehmen erst im Jahr 2010 schließen,

als zwei Kinder schwere körperliche Schäden

durch die Injektion von Stammzellen

ins Gehirn davontrugen – und ein weiteres

starb (die WiWo berichtete mehrfach).

Das Unheimliche daran: Während die

Düsseldorfer Staatsanwaltschaft nun gegen

die behandelnde Ärztin Anklage erhoben

hat (Aktenzeichen 4KLS 6/14), bleibt

Ex-Chef Kleinbloesem unbehelligt. Noch

bedenklicher: Er bietet die lebensgefährlichen

Eingriffe am Gehirn weiterhin an.

Bei seiner zweiten Firma, der Cells4-

Health mit Hauptsitz im schweizerischen

Zug, fährt der gelernte Pharmazeut unverdrossen

dieselbe Masche: Auf der Homepage

offeriert er Stammzelltherapien, zu

Preisen von 13 145 Euro fürs Knie bis zu

38 445 Euro am Rückenmark. Und auch die

Behandlung von Hirnschäden steht wieder

auf der Liste: 27 445 Euro kostet das Spritzen

von Stammzellen ins Hirn. Genau deswegen

wurde XCell geschlossen und die

Ärztin nun angeklagt. Als Behandlungsorte

sind der Libanon, der Oman und Indien

genannt. Auf Nachfrage der Wirtschafts-

Woche, warum er diese Therapie weiter

anwendet, antwortete Kleinbloesem nicht.

Es scheint schier unmöglich, dem Mann

das Handwerk zu legen. Auch im Fall XCell

ist es für Staatsanwalt Christoph Kumpa

schwierig, die Chefs – Kleinbloesem und

seine leitenden Ärzte – auf die Anklagebank

zu bekommen. Denn anders als die

nun angeklagte Chirurgin kann Kumpa die

eigentlich Verantwortlichen der dubiosen

Firma nicht direkt mit den fatalen Eingriffen

in Zusammenhang bringen. Um sie

ebenfalls dingfest zu machen, müssen die

Strafverfolger sämtliche alten Patientenakten

durchsehen. Nur wenn sie zeigen können,

dass auch diese Herren die gefährlichen

Behandlungen am Hirn durchführten

oder sie deren Gefahren bei der Aufklärung

der Patienten kleinredeten, können

sie gegen sie Anklage erheben.

Kumpa hat aber ein Problem: Ihm fehlen

Zeit und Fachkenntnis, um die Akten selbst

durchzuarbeiten. Deshalb hat er die Ärztekammer

Nordrhein um Hilfe gebeten. Die

ließ sich vom Insolvenzverwalter der pleitegegangenen

XCell die Akten aushändigen

und lagerte sie ein. Dirk Schulenburg,

Justiziar der Ärztekammer, war damals

selbst dabei und weiß: „Es geht um 13 000

Patientenakten.“ Weil die Kammer ein großes

Interesse habe, den Fall aufzuklären,

werde sie Amtshilfe leisten.

OHNE RÜCKSICHT AUF VERLUSTE

XCell-Gründer Kleinbloesem scheint es

nicht zu scheren, dass die Therapien, die er

anbietet, weder erprobt noch zugelassen,

sondern mitunter lebensgefährlich sind. Es

ist nun schon sein dritter Anlauf. Schon vor

seinem Ausflug nach Deutschland hatte er

mit der damals in den Niederlanden beheimateten

Cells4Health genau dasselbe Konzept

verfolgt. Ein eigens verabschiedetes

Gesetz vermasselte ihm damals allerdings

das Geschäft in seinem Heimatland – bevor

Menschen zu Schaden kamen.

Einziger Trost für die Menschen, denen

XCell noch Geld schuldet: Wie der Anwalt

eines Geschäftspartners bestätigt, kommt

das noble Privatanwesen des Ex-Firmenchefs

in Kürze unter den Hammer. Der Lebemann

residierte im noblen Städtchen

Meerbusch vor den Toren Düsseldorfs –

ganz in der Nähe der Moderatorin Verona

Pooth, womit er sich gerne brüstete. n

susanne.kutter@wiwo.de

FOTO: RAINER FROMM

68 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Darf ein Konzernchef Kunden warnen,

wenn der Staat Produkte aus Gründen der nationalen

Sicherheit manipuliert hat? Von Matthias Hohensee

Ethisches Dilemma

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Cisco-Chef John Chambers ist für

seine rhetorischen Künste berühmt.

Bei Reden steht er nie auf

dem Podium, sondern schreitet

durch die Reihen seiner Zuhörer. Da er als

Legastheniker keinen Teleprompter nutzen

kann, hält er seine Vorträge aus dem

Gedächtnis, was umso eindrucksvoller

wirkt. Das Publikum gewinnt schnell den

Eindruck, der Fortschritt der Zivilisation

hänge vom Wohl Ciscos ab. Das ist mehr

als Show. Der Konzern ist der wichtigste

Internet-Ausrüster, den größten Teil des

Datenverkehrs steuern seine Produkte.

Chambers weicht auch kritischen Fragen

von Journalisten nicht aus. Er versucht so

offen zu sein, wie es für ihn als Chef eines

der größten börsennotierten Konzerne der

Welt möglich ist. Doch bei der Frage, die ich

ihm jüngst stellte, musste selbst er einräumen,

sie nicht beantworten zu können.

Mehr noch: dass es schier unmöglich sei,

darauf überhaupt eine Antwort zu geben.

Auslöser war die Enthüllung des Journalisten

Glenn Greenwald, dass die US-

Lauschbehörde NSA womöglich Produkte

von Cisco auf dem Weg zum Kunden abgefangen

und manipuliert habe. Indizien sind

Fotos von Edward Snowden. Ob dies tatsächlich

geschehen ist oder ob die NSA ihr

Können nur zu Trainingszwecken demonstrierte,

scheint selbst Cisco bislang nicht

herausgefunden zu haben. Aber es veranlasste

Chambers, sich bei US-Präsident

Barack Obama zu beschweren und höflich,

aber bestimmt auf die Gefahren für die

Weltwirtschaft hinzuweisen, wenn jemand

die Lieferkette manipuliere.

Worauf ich Chambers fragte, welche Interessen

er zuerst wahren müsse: die seiner

Kunden oder die seines Heimatlandes. Der

Dienst am Kunden hat für US-Firmen fast

religiösen Charakter. Cisco ist als eines der

Urgesteine des Silicon Valley stolz auf seine

amerikanischen Wurzeln. Für einen Sekundenbruchteil

rang Chambers um Fassung.

Um dann zu betonen, Cisco verstehe sich

als internationales Unternehmen. Und ja,

auch China sei ein Kernmarkt.

Die Frage war gemein. Aber sie illustriert

das ethische Dilemma, wenn einflussreiche

Unternehmen zum Instrument der Politik

werden, egal, ob in der Ukraine-Krise oder

unter dem Deckmantel der Terrorabwehr.

Darf ein Konzern Kunden warnen, wenn der

Staat das erworbene Produkt aus Gründen

nationaler Sicherheit manipuliert hat? Die

Diskussion darüber muss geführt werden.

Und sie wird kommen. Immerhin erwägt

auch der NSA-Untersuchungsausschuss

des Bundestages, die Chefs der wichtigsten

US-Internet-Konzerne als Zeugen zu laden.

DEN MOTOR NICHT ABWÜRGEN

Für Cisco steht viel auf dem Spiel. Der Konzern

will einer der ganz großen Anbieter im

„Internet of everything“ werden (siehe Seite

88). In diesem Szenario wird das Internet

allgegenwärtig, dringt via Sensoren und

Funkverbindungen in alle Lebensbereiche

und Branchen ein – ein Hunderte von

Milliarden Dollar schweres Geschäft für die

nächsten Jahrzehnte.

Das allgegenwärtige Internet kann sein

Potenzial nur entfalten, wenn seine Infrastruktur

vor kriminellem und staatlichem

Missbrauch geschützt wird. Es wäre fatal,

warnt Chambers, wenn das Internet fragmentiert

und in politische Interessenszonen

unterteilt werde. Doch die US-Regierung

beharrt darauf, dass ihre Spionage nur

der Terrorabwehr diene, nicht aber wirtschaftlichen

Zwecken. Da Innovationsfähigkeit

aber immer wichtiger für den Wohlstand

und damit die Sicherheit von Staaten

wird, lässt sich die Grenze immer schwerer

ziehen. China scheint da schon lange

keinen Unterschied mehr zu machen.

Immerhin hat niemand Interesse daran,

den nächsten großen Wachstumsmotor des

Internets abzuwürgen. Aber wie schnell er

künftig weiterlaufen wird, liegt momentan

in den Händen der Politik.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 69

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Management&Erfolg

Außen weich, innen hart

FÜHRUNGSKRÄFTE | Lange zuhören, zügig entscheiden, mehr Zeit für die Familie statt für

gesellschaftliche Auftritte und morgens auch mal mit der U-Bahn ins Büro: Junge

Vorstände unterscheiden sich deutlich von den alten Alphatieren der Deutschland AG.

Wie die neue Wirtschaftselite tickt – ein Psychogramm deutscher Chefetagen.

Ob er sie mal etwas fragen

dürfe, will der junge Berater

wissen. Ana-Cristina Grohnert

sitzt da gerade in der

Cafeteria ihres Arbeitgebers

am Standort Eschborn vor den Toren

Frankfurts und unterhält sich mit Kollegen

bei einem Cappuccino. Klar, sagt Grohnert,

46, Bankenexpertin und als Personalchefin

bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY

verantwortlich für rund 8000 Mitarbeiter.

Und nimmt sich Zeit für ein spontanes

Gespräch mit dem Endzwanziger aus dem

Kreditbereich. Wie es denn im Unternehmen

um die Familienförderung bestellt

sei, will der junge Kollege wissen. Und

beklagt, dass man im Kollegenkreis viel

zu oft maile, statt kurz ins Nachbarbüro

rüberzugehen und direkt miteinander zu

sprechen. Grohnert stimmt zu, bedauert,

dass auch ihr das nicht immer möglich sei.

Ob sie denn keinen Blog zu Personalthemen

habe oder twittere, will der junge

Mann von der gestandenen Managerin

wissen. „Dann kann jeder nachlesen, was

Sie beschäftigt.“

Den Namen des jungen Kollegen hat

Grohnert nicht behalten, aber seine Empfehlung

blieb hängen. „Ich denke nicht in

Hierarchien, man muss flexibel im Geist

sein, um Innovationen aufnehmen zu können,

neue Produkte und neue Lösungen zu

finden“, sagt die Top-Managerin. „Wer

nicht zuhört, kann nicht mehr bestehen als

Führungskraft.“

Grohnerts Konsequenz aus dem Gespräch

mit dem Kollegen: „My first time on

twitter“, ist ein paar Wochen später auf dem

sozialen Netzwerk zu lesen. Grohnerts Post

vom 6. März, ein „erster leiser Anfang“.

Seitdem twittert die Top-Managerin mit

Klarnamen, Position und Foto. „Ich twittere

aber nicht frei von der Leber weg“, sagt

Grohnert. Statt Bilder von sich oder ihrer

Familie postet sie lieber ein Foto ihres Gepäcks

am Ende einer langen Dienstreise

(„Goodbye NYC. Ich freue mich jetzt wieder

auf Frankfurt.“). Vor allem aber Links zu

Themen, die ihr wichtig sind: über Work-

Life-Balance („Bringt die Kinder mit ins

Büro“), über die Motivation von Mitarbeitern,

die Vorstellungen der Generation Y

(„will viele Freiheiten und fordert damit

Unternehmen heraus“). Oder die Frage, ob

und wie man das Smartphone am Wochenende

nutzen solle.

„Und über einen Blog“, sagt die Mutter

dreier schulpflichtiger Kinder, die etwa die

Hälfte der Woche auf Dienstreisen unterwegs

ist, aber auch mal ein Meeting verlässt,

um mit ihren Kindern zu telefonieren,

„denke ich jetzt auch noch nach.“

Glück und Kontakte

Welche Faktoren junge CEOs für ihre Karriere

verantwortlich machen*

25%

Glück

25%

Netzwerke/Unterstützung

9%

Umstrukturierungen, personelle

Verschiebungen im Unternehmen

6%

Internationale Tätigkeit

Sichtbarkeit durch vorstandsoder

aufsichtsratsnahe Tätigkeit

6%

2%

Erfahrung in verschiedenen

Branchen und Positionen

19%

Andere

*Mehrfachnennungen möglich;

Quelle:KienbaumExecutive Consultants/Haniel

Aufgeschlossen für die neuesten Möglichkeiten

digitaler Kommunikation, stets

ein offenes Ohr für Sorgen und Anregungen

von Mitarbeitern und Familie, 80-Stunden-

Wochen, die Hälfte der Woche auf Dienstreise:

Für Grohnert ist das Alltag. Die 46-Jährige

ist seit zweieinhalb Jahren Mitglied der

Geschäftsführung der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

EY, verantwortet

dort Organisationsentwicklung und Personalmanagement,

betreut außerdem

Mandanten aus der Finanzbranche.

FREI VON ALTEN ROLLENBILDERN

„Meine Familie und mein Beruf sind mir

wichtig. Beide verlangen Zeit und Energie,

aber ich nehme sie nicht als Belastung oder

Arbeit wahr“, sagt Grohnert. „Ein schlechtes

Gewissen gegenüber der Familie habe ich

nicht. Ich habe über die Jahre gelernt, mich

frei von diesem Rollenbild zu machen.“

Sich lösen von tradierten Vorstellungen:

Das gilt nicht nur für Grohnert und ihr

Selbstbild als Frau in einer noch immer

mehrheitlich von Männern dominierten

Welt der Top-Manager. Ob Männlein oder

Weiblein, Grohnert steht für eine neue Generation

von Führungskräften, die die Vorstandsetagen

der wichtigsten deutschen

Unternehmen erobert haben. Und der viel

zitierten Deutschland AG gerade endgültig

den Garaus machen.

Vorbei die Zeiten, in denen kantige, mitunter

selbstherrliche Patriarchen mit dicken

Zigarren, manchmal noch dickeren

Bäuchen, stets spitzen Ellbogen und livriertem

Chauffeur in Kungelrunden, verschanzt

hinter dicken Türen eichegetäfelter

Konferenzräume, über das Wohl und Wehe

eines Unternehmens entschieden, in dem

FOTO: JOHN WILDGOOSE

70 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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sie Jahrzehnte ihres Arbeitslebens verbracht

hatten. Alphatiere wie Hilmar Kopper,

Jürgen Großmann, Kajo Neukirchen

oder Jürgen Schrempp, die über viele Jahre

die Geschicke von Dickschiffen wie Deutscher

Bank, RWE, Metallgesellschaft und

DaimlerChrysler lenkten, eher auf Konfrontation

statt Ausgleich setzten und lieber laut

polternd auf Entscheidung beharrten, als

sich durch kleinlautes Zurückrudern einem

Weichei-Vorwurf auszusetzen. So jedenfalls

die Klischees über den Führungsstil der

Vorväter. Die Nachfolger geben sich smart.

ANA-CRISTINA GROHNERT, 46

Unternehmen EY

Position Vorstand Personal

Stationen Trainee bei Preussag,

erste Führungsverantwortung

mit 30 Jahren bei ABB, seit drei Jahren

im EY-Vorstand

Motto „Habe gelernt, mich von

traditionellen Rollenbildern zu befreien“

Eine neue Generation von Führungskräften

hat das Ruder übernommen. Sie bestimmt

geräuschlos, aber selbstbewusst

den Kurs milliardenschwerer Konzerne,

entscheidet über den Einsatz von Millionen

von Mitarbeitern. Selbstbewusst, durchsetzungsstark,

machtbewusst sind die Neuen

an der Spitze. Fleißig, bestens ausgebildet

und international verdrahtet, kommunikationsstark

und neuen Technologien gegenüber

so aufgeschlossen, dass sie einen Flug

im Internet lieber schnell selbst umbuchen,

statt mit großer Geste einen Mitarbeiter

»

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 71

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Management&Erfolg

»

damit zu behelligen. Sie sind teamorientiert

statt ichfixiert, unprätentiös und pragmatisch,

stellen die Belange der Familie im

Zweifel über die Karriere. Sie rauchen

kaum, trinken Alkohol allenfalls in Maßen

und achten auf eine gesunde Ernährung.

Sind in der Familie unter der Woche fürs

Frühstückmachen zuständig und sonntags

für den Gang zum Bäcker, gehen frühmorgens

regelmäßig joggen oder trainieren gar

für den nächsten Marathon. Krawatte und

Manschettenknöpfe bleiben immer öfter

im Schrank, der protzige Chronograf am

Handgelenk weicht einer Uhr, der man zumindest

nicht ansieht, wie teuer sie war.

Statt einer dicken Limousine wählen sie einen

familientauglichen Kombi als Dienstwagen,

statt einem Assistenten ihre dicke

Aktentasche aufzubürden, tragen sie das

Nötigste in einem Rucksack selbst von Termin

zu Termin – wie etwa Deutsche-Bank-

Co-Chef Anshu Jain. Traditionellen Netzwerken

wie den Rotariern bleiben sie ebenso

fern wie gesellschaftlichen Laufstegen

bei den Iffezheimer Galopprenntagen oder

den Bayreuther Festspielen. Lieber machen

sie mit Frau und Kindern eine Radtour ins

Grüne oder gehen mit ein paar Kumpels

aus Jugendtagen zum Kicken auf die Wiese.

Es sind auch Klischees. Nur andere: Die

vom Gutmenschen im Chefbüro.

SCHEU AUS SELBSTSCHUTZ

„Die jungen Vorstände sind auch durch die

modernen Kommunikationstools ständig

live im Job und haben kaum noch Gelegenheit,

Zeit mit Menschen zu verbringen, mit

denen sie wenig verbindet“, sagt Personalberater

Stefan Fischhuber, Partner bei

Kienbaum Executive Consultants. „Sie suchen

weniger die Öffentlichkeit, wollen

Privatsphäre und Familie schützen.“

Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie

von Kienbaum und Haniel. Das Beratungsunternehmen

und der Familienmischkonzern

wollten wissen: Wie ticken die neuen

Chefs? Wie verlaufen heute typische Karrierewege

solcher Spitzenkräfte? Welche

Netzwerke nutzen sie für ihren Aufstieg? Wie

gehen sie mit Rückschlägen um, wie kommunizieren

sie mit ihren Mitarbeitern? Was

beschäftigt sie in ihrer Freizeit? Welche Rolle

spielt die Familie, welche Pläne haben sie

nach dem Berufsleben?

Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten,

haben Kienbaum und Haniel dieser

Generation neuer Führungskräfte auf den

Zahn gefühlt: 76 Frauen und Männer standen

Rede und Antwort – sie hatten allesamt

ihr 50. Lebensjahr noch nicht vollendet

Unzufriedene Partner

Wie Top-Manager und ihre Lebensgefährten

ihre Work-Life-Balance beurteilen (in Prozent)

62

41

Zufrieden

25

36

Könnte

besser sein

Quelle: Kienbaum Executive Search/Haniel

STEPHAN BORCHERT, 44

Unternehmen Celesio

5 4

Unzufrieden

Position Vorstand Marketing/Vertrieb

Stationen Einstieg bei Peek & Cloppenburg,

Wechsel erst zu Roland Berger

nach Asien, leitet dann das Esprit-Asien-

Geschäft, wechselt in die Führungsebene

von Douglas und 2011 zu Celesio

Motto „Vorbilder sind wichtig“

Top-Manager

Lebenspartner

8

19

Keine

Angaben

und waren vor ihrem 45. Geburtstag Mitglied

eines Vorstands oder der Geschäftsführung

einer börsennotierten Aktiengesellschaft

oder eines großen Familienunternehmens

geworden.

Herausgekommen ist ein Sittengemälde

der Top-Etage der deutschen Wirtschaft:

Die jungen Spitzenmanager sind größtenteils

in Familien aufgewachsen, in denen

mindestens ein Elternteil akademisch gebildet

ist. Rund zwei Drittel der Befragten sind

der Ansicht, dass sich das Führungsverhalten

verändert hat, zu ihren Kernwerten zählen

sie Klarheit, Integrität und den respektvollen

Umgang mit Menschen. Sie definieren

sich und andere über ihre Fähigkeit, zu

kommunizieren und im Team zu führen. 68

Prozent beschreiben geordnete Familienverhältnisse

als sehr wichtig für die berufliche

Karriere, Familie steht für nahezu alle

jungen Top-Manager ganz oben auf der

Prioritätenliste. 61 Prozent der Befragten

treiben mindestens einmal wöchentlich

Sport, bevorzugt Joggen oder Radfahren,

und mehr als 90 Prozent sind Nichtraucher.

ÜBERKOMMENE VASALLENTREUE

„Kaminkarrieren, Vasallentreue und unreflektierte

Loyalität zu Unternehmen über

Jahrzehnte sind überkommene Werte“, sagt

Kienbaum-Berater Fischhuber. Für die

Karriere ist Wechselbereitschaft heute die

bessere Wahl. Nur 21 Prozent der jüngeren

Vorstände haben sich nach traditionellem

Muster in einem Unternehmen über Jahre

emporgearbeitet, der weit überwiegende

Teil mindestens einmal den Arbeitgeber

gewechselt. Gleichzeitig suchen und brauchen

die neuen Führungskräfte die Stabilität

der Familie. „Ich bin erstaunt“, sagt Berater

Fischhuber, „wie wertekonservativ

die jungen Manager da sind.“

Dabei lässt sich diese Haltung auch ökonomisch

stichhaltig erklären: Den familiären

Rückhalt zu gefährden und damit neben

der beruflichen Belastung eine weitere

Baustelle zu schaffen können und wollen

sie sich nicht erlauben.

Alles in allem also ein Schwenk von der

Generation Alpha zur Generation Weichei

oder Biedermann? Oder anders formuliert:

Geht Karriere heute auch in nett?

Einerseits ja. Doch die Generation Clever

& smart mag herzlicher sein im Ton als

viele ihrer Vorgänger. Unter der gefälligen

Oberfläche aber stecken knallharte, konsequente

Entscheider, stets dem Wohl des

Unternehmens verpflichtet, dem sie sich

gerade verschrieben haben.

„Auf diesen Personen lastet riesige Verantwortung.

Neben dem persönlichen Erfolgsdruck

gibt es überall massive Veränderungen,

alle Branchen sind globaler und

schneller geworden. Auf ihren Schultern

lasten riesige Erwartungen“, sagen Haniel-

Personaldirektor Sticksel und Kienbaum-

Geschäftsführer Fischhuber. „Jede Generation

bringt den Phänotyp an Führungskräf-

72 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PICTURE ALLIANCE/DPA/SEBASTIAN KAHNERT, FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

ten hervor, der gerade nötig ist. Der neue

Führungsstil ist keine Sozialromantik, sondern

die Basis des wirtschaftlichen Erfolgs

der Zukunft.“

Olaf Koch hat es vorgemacht. Als der

Mann mit dem kantigen, kahlrasierten

Schädel vor gut zweieinhalb Jahren, mit

damals gerade mal 41 Jahren, den Vorstandsvorsitz

beim Handelskonzern Metro

übernimmt, ist er der jüngste CEO eines

Dax-Konzerns.

Wie sein Vorgänger Eckhard Cordes will

Koch das Online-Geschäft stärken, mehr

Eigenmarken entwickeln und das lukrative

Cash & Carry-Geschäft weiter ausbauen.

Weshalb er gerade, als einziger deutscher

Top-Manager, zu Putins Wirtschaftsgipfel

nach Sankt Petersburg fuhr. Doch mehr Gemeinsamkeiten

mit seinem einstigen Mentor

sucht man vergeblich. „Es reicht nicht,

wenn der Vorstand ein paar Folien aufmalt

und das als die neue Weisheit verkündet“,

sagt Koch, als er Ende März 2012 die Bilanzzahlen

für 2011 bekannt gibt. Koch wünscht

sich kontroverse Diskussionen im Unternehmen,

in die möglichst viele Mitarbeiter

einbezogen werden müssten. Und geht direkt

nach Amtsantritt mit gutem Beispiel

voran – so, wie er es in einem Brief angekündigt

hatte, den er noch vor seinem offiziellen

Amtsantritt an alle damals rund

280 000 Mitarbeiter verschickt hatte.

Koch führt in den ersten drei Monaten

seiner Amtszeit Gespräche mit mehr als

300 Top-Managern des Konzerns, sucht

den Kontakt zu Marktleitern und Verkäufern.

„Veränderungen kann ich nur durch

engen Kontakt zur Basis steuern, nicht

über Zahlen und Verwaltungsanweisungen“,

sagt Koch. „Die Wahrheit lerne ich

nur im Laden auf der Fläche und beim

Kunden – bei den Menschen also.“

OLAF KOCH, 43

Unternehmen Metro

Position CEO

Stationen Top-Jobs bei Daimler und

Permira, Gründer eines Start-ups für IT-

Schulungen und -Bücher. Kommt durch

Ex-Daimler-Kollegen und Vorgänger

Eckhard Cordes zur Metro

Motto „Kontakt zur Basis ist wichtiger

als Zahlen auf Folien schreiben“

EXKURSION AN DIE BASIS

Dafür nimmt sich Koch auch immer wieder

Zeit. So wie neulich, als er eineinhalb

Tage in drei Märkten verbrachte, um mit

Abteilungsleitern und Storemanagern zu

reden und abtrünnige Kunden kennenzulernen.

Ergebnis der Exkursion an die Basis:

die Einführung italienischer und spanischer

Spezialitäten, für deren Präsentation

Koch in den Märkten 100 Quadratmeter

frei räumen lässt, um „die Waren mit Liebe

und Intensität zu inszenieren“. Also genau

so akribisch, wie er seinem Job nachgeht:

„Aus ist mein Blackberry nie“, sagt Koch,

„zur Not bin ich immer erreichbar.“

Das Wochenende aber hat er für Frau

und Kinder reserviert, die in Stuttgart leben,

während er in Düsseldorf arbeitet.

„Ich will meine Kinder groß werden sehen“,

sagt Koch, der den Nachwuchs auch mal

zum Schlagzeugunterricht oder zum Kita-

Fest begleitet. „Das gehört für mich dazu,

das ist für mich das Leben.“

Genauso wie der Griff zu seiner alten

E-Gitarre, um „dilettantisch, aber lautstark“

Rock’n’Roll-Riffs zu üben. Oder sich

mit ein paar alten Kumpels zum Fußball

oder Handball zu treffen.

Auch Personalerin Grohnert achtet bei

allem beruflichen Ehrgeiz darauf, den

Draht zu ihrer Familie nie zu verlieren.

Wenn sie, wie neulich, nach einem

14-Stunden-Arbeitstag kurz nach 20 Uhr

ihren kleinen, silbermetallicfarbenen Koffer

in einem schlichten Hotelzimmer abstellt,

klappt sie, obwohl der Magen knurrt,

noch ein letztes Mal an diesem Tag ihren

Laptop auf und geht ins Internet. Es surrt

ein wenig, bis sich die Verbindung aufgebaut

hat, als sie plötzlich ein riesiges Auge

auf dem Bildschirm anstarrt: Sohn Julius

hat sich ebenfalls eingewählt, neben ihm

sitzt Schwester Amelie – los geht der Videochat

zwischen Mutter und Kindern. Der

Neunjährige erzählt seiner Mutter vom

Hockeytraining in der Schule, die 14-jährige

Tochter hält ein selbst gemaltes Bild vor

die Kamera: „Sieht cool aus, kannst die Linien

noch etwas mehr verwischen“, empfiehlt

Mama Grohnert, bevor sie sich zum

Essen verabschiedet. „Antwortest du mir

noch, wenn ich dir jetzt was schreibe?“, will

Tochter Amelie wissen. „Ja, klar“, sagt die

Mama, „ich hab dich dabei, immer.“

Auch Marcus Vitt kann sich ein Leben

ohne elektronische Helferlein schlecht vorstellen:

„Ich wäre froh, es gäbe eine Kombination

aus Blackberry und iPhone, am besten

mit einer Tastatur auf der Rückseite“,

sagt der Banker, der mit 35 Jahren Vorstand

und mit 44 Chef der Privatbank Donner &

Reuschel in Hamburg wurde. „Ich bin nur

zwei Stunden im Jahr off, ich kenne keine

Trennung von Geschäft und Privatem,

denn wir leben und arbeiten in unserer

Klientel.“

»

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 73

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Management&Erfolg

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Ob per Smartphone oder im Vier-Augen-Gespräch:

Vitt will Anteil nehmen am

Leben seiner Mitarbeiter, ermutigt sie, zu

ihm zu kommen – auch mit Angelegenheiten,

mit denen er seine Vorgesetzten früher

nicht behelligt hätte. Egal, ob es um eine

knifflige berufliche Entscheidung geht, ob

es den Verlust eines Angehörigen zu betrauern

gilt. Oder ob er einer kranken Kollegin

kurzfristig einen dringend benötigten

Termin bei einer Arzt-Koryphäe verschafft.

„Bis eine gute Lösung da ist, bleibe ich

sehr hartnäckig“, sagt Vitt. „Ich bin kreativ

und das ist ein großes Geschenk.“

Eigenschaften, die er schon früh bewies

– ob als Pfadfinder, Klassensprecher oder

oberster Messdiener in der Kirchengemeinde

seiner Heimatstadt Siegen. Dass

damit schon der Grundstein für seine spätere

steile Karriere gelegt war, würde Vitt

nie behaupten – und befindet sich damit in

bester Gesellschaft seiner erfolgreichen Altersgenossen:

Laut der Kienbaum-Haniel-

Studie haben zwar 59 Prozent der befragten

Vorstände gezielt auf eine überdurchschnittliche

Karriere hingearbeitet, 46 Prozent

haben dieses Ziel auch schon in ihrer

Schul- oder Studentenzeit fest ins Auge genommen.

Aber 47 Prozent haben erst im

Job die oberste Führungsebene als Ziel

ausgemacht. Und seien sich dabei klar darüber

gewesen, dass sie sich auf dem Weg

dorthin nicht nur auf ihr Können allein verlassen

dürfen (siehe Grafik Seite 70): „Ich

hatte keinen Master-Karriereplan, habe

nicht am Reißbrett strategisch geplant“, bestätigt

Banker Vitt. „Ich habe das gemacht,

wo ich gestalten konnte, was viel Freude

macht, und hatte natürlich auch Glück.“

Etwa als Projektleiter bei der Einführung

der deutschen Terminbörse – die bekam

später einen hohen Stellenwert, auch für

seine Karriere. „Ich hatte immer begeisterte

Chefs, die Spaß an mir hatten, weil ich

nicht stromlinienförmig war, sondern öfter

mit neuen Ideen um die Ecke kam.“

MIT CHUZPE ZUM ERFOLG

So wie in seiner Zeit bei der BFG-Bank, als

er mit Anfang 20 unaufgefordert Verbesserungsvorschläge

direkt in die Zentrale

nach Frankfurt schickte – von umfassenden

Marketingkonzepten bis hin zu einer

Software für Anlageberater, die Vitt selbst

entwickelt hatte. Die wurde tatsächlich

bundesweit in allen BFG-Filialen eingeführt

– Vitts Lohn: eine Sonderprämie in

Höhe von 8000 Mark.

Wie schwer es sein kann, sein eigenes

Geld zu verdienen, hat Stephan Borchert

spätestens im Nachwuchsprogramm des

Modehändlers Peek & Cloppenburg erfahren.

„Den ganzen Tag in einem Laden zu

stehen und zu verkaufen – das ist harte Arbeit“,

erinnert sich der heutige Marketingvorstand

beim Pharmagroßhändler Celesio.

Parallel zum Trainee-Programm bei

P&C studiert er Wirtschaft – dazu hatte ihn

eine frühere Lehrerin durch einen Klassenbesuch

der Börse Düsseldorf inspiriert.

Weil ihm sein erster Chef bei Peek & Cloppenburg

rät, seinen Horizont zu erweitern,

MARCUS VITT, 47

Unternehmen Donner & Reuschel

Position Vorstandssprecher

Stationen Machte durch Projekte für

die Deutsche Terminbörse früh auf

sich aufmerksam, wurde mit 35 Vorstand

der Donner Bank

Motto „Bleib hartnäckig, bis eine gute

Lösung gefunden ist“

wechselt Borchert zu Roland Berger, den er

als „Charismatiker und hochintelligenten

Netzwerker“ kennen- und schätzen lernt.

„Solche Vorbilder und Mentoren“, sagt Borchert,

„sind wichtig.“

Grohnerts Karriereturbo war ebenfalls

ganz oben angesiedelt: Sie arbeitete seit einigen

Jahren bei ABB, als sie 1998 mit ihrem

ersten Kind Amelie schwanger war.

Und ein damaliger Top-Manager eigens ihretwegen

aus Schweden angeflogen kam,

um die werdende Mutter zu überzeugen,

weiter an ihrem Projekt zu arbeiten. Trotz

Kind. Also kam Baby Amelie einfach mit –

auch auf Dienstreisen.

Heute macht sie sich selbst stark dafür,

dass Mitarbeiter unabhängig von Geschlecht,

sexueller Orientierung, Hautfarbe,

Religion oder Herkunft so eingesetzt und

gefördert werden, wie es ihren Talenten entspricht

– als Personalchefin bei EY und als

Vorstandsvorsitzende bei der Charta der

Vielfalt, einem Zusammenschluss von 2000

Unternehmen mit insgesamt sieben Millionen

Mitarbeitern und Bundeskanzlerin Angela

Merkel als Schirmherrin. „Ich habe in

meiner Laufbahn gelernt, Menschen offen

zu begegnen“, sagt Grohnert. „Ich bin ein

Freigeist, kann immer wieder von anderen

Leuten lernen“, auf jeder Ebene.

„Ich brauche den Schutz der Hierarchie

nicht“, bestätigt auch Bankchef Vitt, „ich

bin praktisch, nah am Mitarbeiter und

Kunden – und fahre auch viel und gerne

mit der U-Bahn.“

VERZICHT AUF STATUSSYMBOLE

Metro-Chef Koch legt auf klassische Statussymbole

ebenfalls keinen Wert. Leibwächter?

Hält er für unnötige Relikte aus der

Zeit, als die RAF noch eine wirkliche Bedrohung

für Politiker, Spitzenmanager und

ihre Familien war. Auch auf einen eigenen

Chauffeur verzichtet er, bedient sich bei

Bedarf aus dem konzerneigenen Fahrerpool.

Oder setzt sich bei Dienstreisen einfach

selbst ans Steuer.

Eine Haltung, die ihm den Abschied von

der jetzigen Position einst leichter machen

könnte. Was er nach dem Top-Job bei der

Metro machen will? „Anderswo im Leben

noch mal einen Beitrag leisten“ möchte

Koch – also etwa jungen Leuten als Business

Angel beistehen. Oder, ganz einfach,

die Fußballmannschaft seines Sohnes betreuen.

Das habe ihm – in der Zeit zwischen

seinen Jobs bei Autobauer Mercedes und

Wagniskapitalgeber Permira – schließlich

schon einmal „tierisch Spaß gemacht“. n

claudia.toedtmann@wiwo.de, manfred.engeser@wiwo.de

FOTO: VISUM/ANDREAS MUELLER

74 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

»Regeln helfen kaum«

INTERVIEW | Ma Jianhong Warum deutsche und chinesische

Kollegen oder Geschäftspartner so oft aneinander vorbeireden.

Und was Tiger, die Bibel und teurer Rotwein damit zu tun haben.

DER BRÜCKENBAUER

Ma, 52, lehrt an der Zhejiang-Universität

in Hangzhou Psychologie und berät

Unternehmen im Umgang mit chinesischen

Mitarbeitern.

Professor Ma, Manager ausländischer

Unternehmen in China klagen oft darüber,

wie anstrengend es ist, chinesische

Mitarbeiter zu führen. Ist das wirklich so

schwer?

Führung von Mitarbeitern funktioniert

in China grundlegend anders, als ausländische

Manager es gewohnt sind.

Managementsysteme, die im Westen sehr

erfolgreich sind, versagen oft in China,

wenn sie nicht an die hiesige Kultur

angepasst werden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Das fängt schon bei scheinbar banalen

Dingen an: Wir haben zum Beispiel oft

gehört, dass chinesische Mitarbeiter

mit den Computerprogrammen von SAP

nicht gut zurechtkommen. Chinesen sind

damit nicht sehr glücklich – weil wir parallel

denken.

Parallel denken – was meinen Sie damit?

Die Kognitionspsychologie unterscheidet

zwischen zwei Prozessen: dem Treffen einer

Entscheidung und ihrer Implementierung.

Gerade die Deutschen verwenden

sehr viel Zeit darauf, im Vorfeld zu planen,

auf dieser Basis eine Entscheidung zu treffen

und diese dann auch exakt so umzusetzen.

Chinesen dagegen planen nicht gern,

sie probieren lieber aus und treffen die Entscheidung

irgendwann unterwegs. Chinesen

wollen sich einfach alle Möglichkeiten

so lange wie möglich offenhalten. Bei einem

System wie SAP funktioniert das genauso

wenig wie zum Beispiel im Einkauf.

Warum?

Ein Einkäufer von General Electric hat sich

einmal beklagt, von chinesischen Geschäftspartnern

nie einen klaren Preis für

ein Produkt oder eine Dienstleistung genannt

zu bekommen. Das chinesische Unternehmen

habe versucht, die endgültige

Festlegung so lange wie möglich hinauszuzögern.

Manchmal nennen Chinesen in

Verhandlungen auch einfach zwei Preise

oder machen den Preis vom jeweiligen Kunden

abhängig. Für Westler ist dieses Verhalten

verwirrend und wirkt intransparent.

Woher kommt diese Mentalität?

Von den unterschiedlichen kulturellen

Wurzeln. Während der Westen von der Bibel

geprägt ist, hatten die Chinesen Yi

Qing, das „Buch der Wandlungen“. Alles ist

demnach im Prozess begriffen und wird

nicht festgelegt. Das hängt direkt mit der

Frage zusammen, wie viel Unsicherheit eine

Kultur erträgt. In China ist dieser Faktor

sehr hoch, in Deutschland wohl extrem

niedrig. Wenn ein Westler einen Tiger

sieht, studiert er erst genau das Verhalten

des Tieres und überlegt dann, was zu tun

ist. Wir Chinesen setzen uns erst mal auf

den Rücken des Tigers und probieren, ob

man auf ihm reiten kann.

Und wie kriege ich chinesische Mitarbeiter

eines deutschen Chemieunternehmens

dazu, Schutzbrillen zu tragen?

Wenn die Schutzbrillen so gestaltet sind,

dass man sie gerne aufsetzt, ist schon viel

gewonnen. Auch drastische Warnhinweise

können helfen. Aber Regeln nützen wenig.

Für Chinesen haben sich in den letzten 30

Jahren so viele Regeln verändert, sie messen

ihnen keine große Bedeutung zu –

selbst einem Krankenwagen mit Blaulicht

wird kaum Platz gemacht.

Denken alle Asiaten so?

Dieses Denken ist originär chinesisch.

Japan ist anders, Indonesien auch. Indonesische

Arbeiter sind fast nur am Prozess

interessiert und kümmern sich wenig um

Resultate. Die Arbeit muss Spaß machen.

Mit mehr Geld für Überstunden können

Sie keinen Indonesier locken. Aber fast jeder

Chinese – vom Wanderarbeiter zum

Manager – leistet freiwillig Überstunden,

wenn er dafür mehr Geld bekommt.

Leiden Chinesen deshalb auch unter

Stress und Burn-out?

Solche Erkrankungen nehmen definitiv zu,

besonders bei jungen Uni-Absolventen.

Wer heiraten will, muss eine Eigentumswohnung

vorweisen können, das verlangen

die Schwiegereltern in spe. Die Leute

müssen also sehr viel Geld in kurzer

Zeit heranschaffen. Sie vergessen völlig,

dass Arbeit auch Spaß machen kann.

Sie hassen ihren Job, machen aber trotzdem

Überstunden. Vielen macht das

extrem zu schaffen. Andere nehmen Jobs

an, die sie völlig unterfordern und einengen,

nur weil sie bei den Eltern einen

hohen Stellenwert haben.

Was tun chinesische Unternehmen denn

dagegen?

Psychotherapie wird von vielen Chinesen

mit Verrücktheit und Gesichtsverlust

gleichgesetzt. Aber inzwischen bieten viele

Arbeitgeber sogenannte Employee Assistance

Programms an. Psychologen kümmern

sich in den Unternehmen um überlastete

Mitarbeiter oder versuchen, sie aus

ihrer sozialer Isolation zu holen, unter der

viele dieser Einzelkindergeneration leiden.

Dieser Generation wird auch oft extremer

Materialismus vorgeworfen. Zu Recht?

Materialismus ist leider stark korreliert

mit sogenanntem Workalism, also einer

Arbeitswut, die aber nicht mit Freude

an der Arbeit verbunden ist. Diese Menschen

merken irgendwann, dass zwar ihr

Einkommen steigt, nicht aber ihr Glücksempfinden.

Diesen Mangel versuchen sie

dann oft durch teure Statussymbole zu

kompensieren.

Indem sie teure Autos fahren und dicke

Uhren oder Designerkleidung westlicher

Luxusmarken tragen?

Oder teuren Rotwein trinken, um ihre

Zugehörigkeit zur Elite zu demonstrieren

– obwohl der Wein ihnen gar nicht

schmeckt.

n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

FOTO: PR

76 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Aus der Reserve gelockt

LEBENSVERSICHERUNG | Das Wehklagen der Versicherer über die niedrigen Zinsen

zeigt Wirkung. Schon bald könnten Versicherte bei Vertragsende oder vorzeitigem

Ausstieg noch weniger bekommen als heute. Zeit für einen Vertrags-Check:

Abschließen? Halten? Kündigen? Wir zeigen, was Ihnen am meisten bringt.

Der Mann ist Sauerländer, und

die sind nicht gerade für südländische

Wutausbrüche berüchtigt.

Doch die Allianz, die

habe ihn „bis aufs Blut gereizt“,

sagt Hans Berges. Auslöser war die

Schlussabrechnung seiner Lebensversicherung,

in die er 21 Jahre eingezahlt hatte

– völlig undurchsichtig fand er diese, und

mehr Geld als die angekündigten 28 025

Euro hatte er ohnehin erwartet.

Andere hätten das alles womöglich

schulterzuckend hingenommen. Berges

nicht. Er vertiefte sich ins Kleingedruckte

des Vertrags, ackerte sich durch Geschäftsberichte

und alte Bescheide der Allianz,

versuchte, die vielen Einzelposten seiner

Abrechnung zu entschlüsseln. Unter dem

Strich stand am Ende, dass er 656 Euro zu

wenig bekommen hätte – 2,3 Prozent der

Auszahlungssumme, nicht viel. Doch ihm

gehe es weniger um das Geld als ums Prinzip,

sagt Berges, der früher bereits von der

HDI Lebensversicherung rund 1140 Euro

Nachzahlung ertrotzt hatte. Mit Unterstützung

der Verbraucherzentrale Hamburg

und des Bunds der Versicherten verklagte

er die Allianz auf Nachzahlung. Sie habe

nicht gesetzeskonform gerechnet, sagt er.

Versicherer legen das Geld ihrer Kunden

an den Finanzmärkten an. Gewinne und

Zinsen gehören zum Großteil den Kunden.

Über deren Verteilung aber gibt es immer

wieder Streit. Im Lauf des Verfahrens zwischen

Berges und seinem Versicherer kam

heraus, dass die Allianz Kunden zwar – wie

vorgeschrieben – an entstandenen, aber

noch nicht realisierten Kursgewinnen beteiligt,

dafür aber andere, erst zum Vertragsende

auszuzahlende Überschüsse

kürzt. Das hatten sich Kunden wie Berges

anders vorgestellt. Diese Praxis sei „rechtlich

möglich“, sagt Felix Hufeld, Versicherungs-Chefaufseher

der Bundesanstalt für

Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

Bei Prozessen wie dem zwischen Berges

und der Allianz müssen Versicherer Zahlen

auf den Tisch legen. In der Regel aber behalten

sie für sich, in welchen Töpfen das

Geld der Kunden landet, was jeder Topf zur

Auszahlung beiträgt und welche Spielräume

sie bei Reserven und Überschüssen

nutzen. Undurchsichtigkeit scheint Methode

bei dem Vorsorgeprodukt, das rein

Anleger sollten

jetzt entscheiden,

ab Juli drohen

neue Regeln

statistisch jeder Deutsche, vom Kleinkind

bis zum Greis, abgeschlossen hat – 87 Millionen

Policen gibt es hierzulande.

Immer weniger vertrauen der Lebensversicherung.

Ein Grund: Nach 20 Jahren

bekommen Versicherte zum Vertragsende

rund 30 Prozent weniger ausgezahlt als

noch vor zehn Jahren. Ein Ende der Abwärtsspirale

ist nicht in Sicht. Im Gegenteil:

Die Versicherer rüsten sich bereits für weitere

Einschnitte. Aktuell bekommen Neukunden

nur noch 1,75 Prozent Zins garantiert

– aber nicht auf alles, was sie eingezahlt

haben, sondern nur auf den sogenannten

Sparanteil, der nach Abzug der

Kosten des Versicherers übrig bleibt. Je

nach Vertrag und Anbieter liegt der zwischen

60 und 80 Prozent der eingezahlten

Beiträge. Im kommenden Jahr könnte der

Garantiezins auf 1,25 Prozent fallen.

DER STREIT UM DIE RESERVEN

Klar, noch erhalten die meisten Kunden

mehr als nur den garantierten Zins. Dieses

Jahr werden den Versicherten im Schnitt

3,4 Prozent auf ihren Sparanteil gutgeschrieben,

bei 15 Prozent Kosten wären

dies immerhin noch 2,9 Prozent Rendite –

mehr, als die meisten anderen sicheren

Anlagen bringen.

Doch es wird weniger werden. Regierung

und Finanzaufsicht wollen die Ansprüche,

die Versicherte bei Kündigung

oder Vertragsende haben, drastisch senken.

Voraussichtlich ab dem Sommer sollen

Versicherte, deren Verträge auslaufen,

nicht mehr an Bewertungsreserven beteiligt

werden. Diese Reserven sind Kursgewinne,

die bislang nur in den Büchern stehen,

weil die dazugehörigen Papiere nicht

verkauft wurden. So soll weniger Geld von

Versicherern abfließen und das System Lebensversicherung

stabiler werden.

Tatsächlich habe das Vorhaben für viele

Versicherte aber einen „Hallo-wach-Effekt“,

sagt Stefanie Kühn, Honorarfinanzberaterin

aus Grafing. Die würden nun ihre

Verträge hervorkramen und kritisch

durchleuchten. Aus gutem Grund: Bei rascher

Kündigung könnten sie von den Vorteilen

der alten Regelung profitieren.

Solange die Zinsen unten bleiben, dürften

Lebensversicherungen immer weniger

abwerfen – allein schon deshalb, weil

»

ILLUSTRATION: OLIVER MUNDAY

78 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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Auf Schrumpfkurs

Wie viel Rendite Versicherer schaffen, was

Kunden zum Vertragsende bekommen

(in Prozent pro Jahr)

Nettorendite des Versicherers1

Beitragsrendite der Kunden2 6

5

4

3

2

1

0

04 05 06 07 08 09 10 11 12 133 143

1 auf die Kapitalanlagen inklusive Einmaleffekte; 2 ausgezahlte

Rendite bei 1200 Euro Jahresbeitrag und nach 20 Jahren Laufzeit;

3 teilweise Schätzung; Quelle: GDV, Map-Report, Assekurata

Alte Schätze

Wie viel Jahreszins auf den Sparanteil*

Versicherer Neukunden garantiert haben

(in Prozent pro Jahr)

86 94 00 04 07 12

* Beiträge abzüglich Kosten; Quelle: GDV

4,0

3,5

3,0

2,5

2,0

1,5

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 79

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Geld&Börse

VERSICHERUNGS-CHINESISCH

Zwischen den Zeilen

Versicherer verwirren mit sperrigen Begriffen und massenhaft Zahlen. Wie Sie Ihren Bescheid richtig lesen,

auf welche Details es ankommt.

1 Leistungsübersicht

Sie zeigt zum Stichtag („Stand 01.06.“)

was gezahlt wird, wenn der Versicherte

bis Vertragsende durchhält, wenn

er vorzeitig kündigt oder falls er stirbt.

1

2 Garantierte Kapitalleistung 2

Ergebnis aus den mit dem Garantiezins 3

verzinsten Beiträgen. Angelegt und verzinst

wird nur der Sparanteil der Beiträ-

4

ge. Der bleibt übrig, nachdem Vertriebsund

Verwaltungskosten abgezogen wurden.

Bei guten Versicherern werden 80

5

Prozent der Einzahlungen als Sparanteil

angelegt und verzinst, bei teuren nur 60.

Was garantiert ist, hat der Kunde sicher,

wenn er den Vertrag bis zur Fälligkeit

(2020) behält. Die Police hier wurde zum

1. Januar 2014 gekündigt, die Auszahlung

( 6 Deckungskapital, 65 688 Euro) ist

darum niedriger als die 2 garantierte

Kapitalleistung (79 878 Euro).

3 Überschussbeteiligung

Erwirtschaften Versicherer mit Kapitalanlagen

mehr als den Garantiezins, gibt es

für den Kunden noch etwas oben drauf.

Von den Zinsüberschüssen müssen sie

mindestens 90 Prozent an die Kunden

auszahlen, hier ist das die 3 garantierte

Leistung aus Überschussbeteiligung.

Von Gewinnen, die darüber hinaus entstehen,

wenn der Versicherer etwa die Verträge

günstiger führt als zuvor berechnet,

fließen maximal 75 Prozent in die Überschussbeteiligung.

Aus Überschüssen,

die den Kunden zustehen, speisen sie

auch die Zinszusatzreserve. Die Branche

bunkert dort aktuell 13,3 Milliarden Euro.

Jetzt ausgezahlte Verträge profitieren davon

nicht. Wenn weitere Überschüsse

bleiben, dürfen die Versicherer ihr Grundkapital

mit mindestens vier Prozent verzinsen.

Das passiert derzeit selten.

6

7 Bewertungsreserven

Sie entstehen durch Kursgewinne auf die

vom Versicherer gehaltenen Wertpapiere.

In unserem Fall sind die Bewertungsreserven,

die der Kunde bekommt, zwischen

dem 1. Juni 2013 und 1. Januar 2014 von

6629 auf 4896 Euro geschrumpft. Ob das

in Ordnung geht, kann nur die Aufsicht

BaFin nachrechnen. Tipp: Wenn Sie Ihren

Versicherer nach dem „Sockelbetrag“ und

dem „volatilen Anteil an den Bewertungsreserven“

fragen, kann er sie nicht mit

pauschal zu niedrigen Werten abspeisen.

4 Mögliche künftige Leistung

aus Überschussanteilen

Garantiert dem Kunden gutgeschrieben

wird ein Teil der jährlichen Überschüsse,

7

den Rest hält der Versicherer bis Vertragsende

in der Kasse. Diese Leistung

wird oft auch Schlussgewinn genannt.

Dessen Höhe ist nicht gesetzlich geregelt.

Verträge mit hohem Garantiezins haben

oft magere Schlussgewinne, die bei Kündigung

wegfallen können.

5 Leistung bei Rückkauf

Die Summe bekommen Kunden, die

kündigen, zum Stichtag. Hier sind 64 530

Euro garantiert, der Rest sind unverbindliche

Beteiligungen an Überschüssen.

heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt

80 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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»

viele hochverzinste Papiere, in die die

Versicherer Kundengelder gesteckt haben,

demnächst auslaufen. Das spricht meist

dagegen, eine neue Police abzuschließen

und oft für eine schnelle Kündigung. Hohe

Garantiezinsen und Steuervorteile aus Altverträgen

dagegen sind Argumente dafür,

bis zum Schluss durchzuhalten.

Die WirtschaftsWoche skizziert deshalb

Probleme und Chancen der Lebensversicherung

und zeigt Vorsorgesparern, wie sie

handeln sollen. Je nach Vertrag liefern wir

die Antwort auf die zentrale Frage: Abschließen?

Halten? Oder Kündigen?

ILLUSTRATION: OLIVER MUNDAY

GERINGERE AUSZAHLUNG DROHT

Seit 2008 müssen Kunden, die ausgezahlt

werden, zur Hälfte an den zuvor aufgelaufenen

Bewertungsreserven beteiligt werden.

Das Bundesverfassungsgericht hatte

gefordert, dass Versicherer bei Auszahlungen

auch aufgelaufene, aber nicht realisierte

Gewinne einbeziehen müssten (1 BvR

80/95): Es sollten alle „Vermögenswerte

angemessen berücksichtigt werden“, die

„mit den gezahlten Versicherungsprämien

gebildet worden sind“.

Das soll nun nicht mehr gelten. Die geplante

„Korrektur der Auszahlung von Bewertungsreserven

ist zwingend erforderlich“,

sagt Versicherungsaufseher Hufeld,

die aktuelle Praxis, sei eine „himmelschreiende

Ungerechtigkeit“ gegenüber allen,

deren Verträge noch weiter laufen, die also

heute noch nicht von den Kursgewinnen

profitieren.

Es geht nicht um Peanuts, sondern um

rund 70 Milliarden Euro, die in den Büchern

der Versicherer stehen. Dass die Bewertungsreserven

so anschwollen, ist auch

eine Folge der Finanzkrise: Seit Anfang

2008 sind die Zinsen und damit die Renditen

festverzinslicher Wertpapiere massiv

gesunken; die Jahresrendite einer zehnjährigen

Bundesanleihe hat sich gedrittelt.

Damit sind früher gekaufte Anleihen, die

Versicherer im Bestand haben, wertvoller

geworden. Eine 2008 emittierte Bundesanleihe

mit zehn Jahren Laufzeit notiert aktuell

bei etwa 116 Prozent. Lebensversicherer

haben 90 Prozent ihrer Kapitalanlagen in

festverzinsliche Papiere gesteckt, insgesamt

715 Milliarden Euro.

Versicherer und Finanzaufsicht halten es

für falsch, ausscheidende Kunden an diesen

Kursgewinnen zu beteiligen. Ihr Argument:

Versicherer würden Anleihen bis

Laufzeitende halten. Anleihen werden

dann zu 100 Prozent zurückgezahlt, die

Kursgewinne gehen also wieder auf null.

Wem gehören die

70 Milliarden

Reserven aus

Kursgewinnen?

Die Beteiligung der Kunden an den temporären

Kursgewinnen würde daher zulasten

verbleibender Kunden, „der Solidargemeinschaft“,

wie Hufeld sagt, gehen. Denn

das jetzt ausgeschüttete Geld verbleibe

nicht für spätere Auszahlungen im Topf.

Das ist im Prinzip richtig. Nur entspricht

die Regel den Vorgaben des Verfassungsgerichts:

Die Bewertungsreserven sind keine

Fata Morgana, die gehaltenen Anleihen

sind wertvoller geworden. Manche Versicherer

verkaufen solche Anleihen zudem

durchaus, um Kursgewinne zu realisieren

und das Kundengeld in andere, noch aussichtsreichere

Anlagen zu stecken.

AUFSEHER STÜTZEN VERSICHERER

Wenn ihre Anlagemanager nicht verkaufen,

ist das Teil der Anlagepolitik. Die Reserven

gibt es trotzdem. Die eigentliche

Frage ist daher, ob ausscheidende Kunden

auf ihnen zustehendes Geld verzichten,

um damit die Rendite nachfolgender Versicherter

aufzubessern. Heinrich Schradin,

Professor am Institut für Versicherungswissenschaft

der Uni Köln, hat dafür etwas übrig:

„Eine Lebensversicherung funktioniert

generationenübergreifend. Ihre Stärke ist

nicht die Rendite, sondern die Glättung

von Ertragsschwankungen.“

Noch ist die Reform nicht beschlossen,

ein Gesetzentwurf könnte spätestens im

Juli kommen. Die BaFin, vor allem interessiert

an stabilen Versicherern, unterstützt

die Branche. Schon 2005 hatten sie und die

Regierung sich gegen die Kundenbeteiligung

an den Reserven ausgesprochen.

Diese würde „die finanzielle Stabilität der

Versicherungsunternehmen und somit

auch die Belange der Versicherten stark gefährden“.

Die Aufsicht sei von der alten Maxime

„Schutz der Kunden durch Schutz der

Anbieter“ geprägt, sagt Professor Schradin,

der die BaFin berät. Problematisch ist dieses

Rollenverständnis, weil Kunden zwar

sicher stabile Versicherer wollen – aber

eben auch hohe Leistungen.

Hermann Weinmann, Professor für Finanzdienstleistungen

und Corporate Finance

an der Hochschule Ludwigshafen,

glaubt nicht, dass alle Versicherer geschützt

werden müssen: „Finanzstarke Lebensversicherer,

beispielsweise die Allianz,

können auch weiterhin ihre Versicherten

an den Bewertungsreserven beteiligen.“

Besser als eine pauschale Branchenlösung

sei eine Fallentscheidung, bei der finanzschwache

Versicherer die Ausschüttung

verringern oder aussetzen könnten. Die

»

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 81

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Geld&Börse

»

Versicherungsbranche habe aber kein

Interesse daran, da so finanzschwache Wackelkandidaten

bekannt würden.

Die Allianz etwa hätte eine Gesetzesänderung

nicht nötig. Ihre Kapitalanlagen

warfen 5,5 Prozent ab. Auch ohne Einmaleffekte

aus Verkäufen von Papieren waren

es noch 5,0 Prozent. Das lag vor allem daran,

dass der Dax gut lief und die Allianz ihre

Aktienquote 2013 von 7,9 auf 10,2 Prozent

der Kapitalanlagen hochgefahren hat.

Der Garantiezins

dürfte auf

1,25 Prozent fallen

AUS DER SUBSTANZ GEZAHLT

Wegen der niedrigen Zinsen fällt es vielen

anderen Versicherern schwer, die garantierten

Renditen noch zu erwirtschaften.

Kunden, die etwa 1999 unterschrieben haben,

müssen sie garantiert vier Prozent auf

den Sparanteil überweisen (siehe Grafik

Seite 79). Weil einige Versicherer allein mit

Dividenden und Zinsen die vier Prozent

nicht erreichen, müssen sie Vermögenswerte

verkaufen. Das geht eine Weile lang

gut. Doch wenn renditestarke Anlagealternativen

fehlen, geht den Lebensversicherern

irgendwann die Puste aus.

Reichen die Kapitalerträge eines Versicherers

nicht, um seine Auszahlungen zu

decken, ist das kurzfristig kein Drama. Versicherer

bauen in fetten Jahren einen Puffer

auf. Im Extremfall, wenn Versicherer

keine Erträge mehr erzielen, könnten sie

ihre Versicherten nur noch aus diesem Puffer

bedienen. Wie gut ein Versicherer vorgesorgt

hat, zeigt sich daran, wie lange der

Puffer dann halten würde. 2009 bis 2011

konnten die zwölf größten Lebensversicherer

diesen Wert noch steigern. 2012

sank er: Nun würde der Puffer im Schnitt

nur noch 1,87 Jahre reichen (siehe Tabelle

Seite 84). Unterstellt wird dabei, dass aus

dem Puffer die jährliche Gutschrift, das

heißt der Garantiezins plus zusätzlich geleistete

Überschüsse, gezahlt wird.

Schwach ist etwa die Generali. Ihr Puffer

würde nur für 0,8 Jahre reichen. Schlimmer

noch: Die laufenden Kapitalerträge der

Tochter des italienischen Konzerns brachten

2013 nur 3,0 Prozent Rendite, wenn

Einmaleffekte wie die aus dem Verkauf von

Kapitalanlagen mit Gewinn herausgerechnet

werden. Erst solche Gewinne verhalfen

Generali zu einer Nettoverzinsung von 4,1

Prozent, also noch knapp oberhalb des

höchsten Garantiezinses von 4,0 Prozent.

In Zukunft wird es für Generali schwerer,

die Rendite über Verkäufe aufzustocken.

Der Grund ist simpel: Sie hat weniger Kapitalanlagen,

deren Kurse über den Bilanzwerten

stehen. Die Bewertungsreserven

sind von 3,1 Milliarden Euro 2012 auf 1,7

Milliarden Euro Ende 2013 geschmolzen.

Auch bei HDI Leben sieht es düster aus.

Bei 2,2 Milliarden Euro Kundenbeiträgen im

Jahr erzielte der Versicherer nur sechs Millionen

Euro Gewinn. 97,5 Prozent des Überschusses

musste HDI zuvor an die Kunden

ausschütten, um die gesetzlichen Auflagen

zu erfüllen. Dass so wenig hängen bleibt,

»

ILLUSTRATION: OLIVER MUNDAY

Kündigen oder durchhalten?

Sie zweifeln an Ihrer Kapitallebensversicherung? Wir zeigen, ob Sie bleiben oder gehen sollten

Enthält Ihr Vertrag unverzichtbaren Risikoschutz (hohe Todesfallleistung, Berufsunfähigkeitsrente)?

Nein

Ja

Suchen Sie Angebote für separate Policen mit diesem Risikoschutz.

Prüfen Sie, ob Sie heute eine vergleichbare Police bekommen könnten!

Wann haben Sie Ihre Police abgeschlossen?

Ja

Ist ein Neuabschluss zu tragbaren

Konditionenmöglich?

Nein

Vor2005

VonAnfang 2005 bis Ende 2007 Seit Anfang 2008

Nicht kündigen! Fragen Sie, ob Sie unrentable Verträge

beitragsfreistellen können, ohne den Risikoschutz zu verlieren

Vertrag endet

2017 oder

später

Vertrag endet

vor 2017 und

läuftseit

wenigstens

12 Jahren

Prüfen Sie Ihre Widerrufsbelehrung!

Fehlt oder fehlerhaft

In Ordnung

Erfragen Sie bei Ihrem Versicherer den Rückkaufswertbei Kündigung zum nächstmöglichen

Zeitpunkt inklusive Bewertungsreserven** und die voraussichtliche Ablaufleistung zum

Vertragsende ohne Bewertungsreserven

Versicherer muss Beiträge plus Zinsen

minus Abzüge für Risikoschutz erstatten

Rückkaufswertist höher als die Summe

aus noch zu zahlenden Beiträgen plus

Ablaufleistung ohne Bewertungsreserven

Rückkaufswertist niedriger als die Summe

aus den noch zu zahlenden Beiträgen plus

Ablaufleistung ohne Bewertungsreserven

Nicht kündigen! Auszahlung auf

einen Schlag steuerfrei, hohe

Zinsen*sind garantiert

Widerruf attraktiv!

Schnelle Kündigung vorteilhaft!

Schnelle Kündigung lohnt nicht!

*bei Abschluss vor Juli 1986: 3,0 Prozent auf Beiträge minus Kosten, Juli 1986 bis Juni 1994: 3,5 Prozent, Juli 1994 bis Juni 2000: 4,0 Prozent, Juli 2000 bis Ende 2003: 3,25 Prozent, Januar bis Dezember

2004: 2,75 Prozent; ** bislang muss Ihr Versicherer Sie bei Kündigung oder Vertragsende zur Hälfte an erzielten, aber nicht realisierten Kursgewinnen (Bewertungsreserven) beteiligen.

Diese Beteiligung könnte bald abgeschafftwerden; Quelle: eigene Recherchen

82 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 83

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Geld&Börse

»

liegt auch an den hohen Verwaltungsund

Vertriebskosten der HDI Leben.

Die Schere zwischen guten und schlechten

Anbietern wird sich weiter öffnen. Dazu

trägt auch die Regulierung infolge der

Finanzkrise bei. Versicherer müssen heute,

wenn sie in riskantere und damit ertragreichere

Anlagen gehen, mehr Kapital zurücklegen.

Schwache Versicherer können

sich das nicht leisten und werden in sichere

Anlagen getrieben, die wenig Ertrag

bringen. Damit können sie aber keine Puffer

aufbauen – ein Teufelskreis.

Schon jetzt warnt die BaFin, ihre Prognosen

zu der Wirkung anhaltender Niedrigzinsen

zeigten, „dass sich die wirtschaftliche

Lage der Unternehmen im Jahr 2017

noch einmal verschärfen würde“. Eine weitere

Absenkung der Überschussbeteiligung

und damit des Geldes, das Anleger über

den Garantiezins hinaus bekommen,

könnte daher „erforderlich oder sogar unvermeidbar“

sein.

Ergo, Allianz oder Axa wollen das Problem

mit Policen lösen, die Kunden zum

Laufzeitende nur noch den Erhalt der Beiträge,

aber keine Mindestverzinsung garantieren.

Das Risiko, dass die Kapitalanlagen

der Versicherer floppen, wird weitgehend

auf den Kunden überwälzt. Dafür soll

es im Idealfall mehr Rendite geben.

GEHEN ODER BLEIBEN?

Finanzberaterin Kühn aus Grafing, kennt

sie, die dicken Versicherungsordner. Einige

Kunden haben acht Lebensversicherungen

– für Kühn ist das Alltag. Da ist das

Nürnberger Ärztepaar mit vier Kindern,

das immerhin auf ein Vollzeit- und ein Teilzeit-Einkommen

kommt, die laufenden

Versicherungsbeiträge aber trotzdem

kaum stemmen kann. „Das Paar hat über

Jahre 1300 Euro in mehrere Policen eingezahlt,

jeden Monat“, sagt Kühn. „Kein Wunder,

dass das Familienbudget so eng wurde,

dass der Kauf eines Hauses unmöglich erscheint.“

Solchen Kunden, denen Vertreter

zu viele Policen aufgeschwatzt haben, rät

sie oft zur Kündigung.

Der Zeitpunkt für eine Überprüfung der

eigenen Verträge ist günstig. Die mögliche

Abschaffung der Kundenbeteiligung an

den Bewertungsreserven kann für eine

schnelle Kündigung sprechen. Unser Grafik

(siehe Seite 82) zeigt, wie zweifelnde

Kunden vorgehen sollten.

Entscheidend sind relevante Informationen

zum Vertrag (siehe Seite 80). Kunden

ILLUSTRATION: OLIVER MUNDAY

Zahlen lügen nicht: Die Reserven schmelzen langsam ab

Wie gut die zwölf größten Lebensversicherer für eine lang andauernde Niedrigzinsphase gerüstet sind. Die aufgeführten Anbieter repräsentie

Lebensversicherer

Nürnberger

Bayern-Vers.

Württembergische

Allianz

R+V AG

Cosmos

Debeka

Ergo

Generali

AachenMünchener

Zurich Dt. Herold

HDI

Laufende Verzinsung

der Kapitalanlagen

(in Prozent)

ohne

Einmaleffekte 1

2013 2012

– 3,9

4,0 3,6

k.A. 6 k.A. 6

5,0 4,2

– 4,0

k.A. 6 k.A. 6

– 4,8

k.A. 6 k.A. 6

3,0 3,5

k.A. 6 k.A. 6

– k.A. 6

3,6 3,8

mit

Einmaleffekten 1

2013 2012

– 4,0

4,4 4,6

5,1 4,5

5,5 5,0

– 4,3

3,7 3,8

– 4,8

3,9 4,1

4,1 4,2

4,3 4,0

– 4,6

4,6 4,5

Bewertungsreserven

(in Mrd.

Euro)

2013 2012

– 1,6

2,1 3,1

1,6 3,2

22,1 29,5

– 5,8

0,4 0,6

– 5,0

3,7 5,2

1,7 3,1

1,2 2,0

– 3,6

1,3 2,3

in Prozent

der Kapitalanlagen

2013 2012

– 12,3

9,7 14,6

6,3 12,5

13,8 19,7

– 14,6

3,8 8,3

– 13,3

9,4 13,2

4,3 8,2

5,5 9,4

– 12,1

6,7 11,6

Anteil

Zinspapiere

an

Bewertungsreserven

2

2013 (2012)

(7)

7

5

5

(7)

4

(4)

5

4

7

(4)

7

Was der Versicherer verteilen

kann (Überschuss) 3

4 =hoch,7 =mittel,5 =niedrig; 1 Einmaleffekte: Gewinne und Verluste ausAnlageverkäufen sowie Zu- und Abschreibungen; 2 im Vergleich zum Branchendurchschnitt; 3 Kapitalerträge ober

durch zu hoch angesetzte Kostenfür Verwaltungund Vertrieb sowie Risiken (Berufsunfähigkeit,Tod); das Verhältnis vonÜberschuss zu Beiträgen zeigt, wie gut der Versicherer wirtschaftet;

laufende Auszahlungund die Schlussgewinnbeteiligung gebunden ist; 5 ein Wert vonbeispielsweise 2,0 besagt,dassder Versicherer seine laufende Überschussbeteiligung zwei Jahre langaus

desto finanzstärkerist der Versicherer;Werte unter 2,0 sind rot, Werte über2,0 grün markiert; 6 keine AngabenimGeschäftsbericht; Quelle: Geschäftsberichte derVersicherer,Prof. Hermann

(in Mio.

Euro)

2013


320

313

3376


514


403

290

607


244

(in Prozent

der Beiträge)

2013 2012

– 14,4

12,8 14,5

15,2 11,7

20,6 17,2

– 11,7

16,6 17,2

– 21,8

13,1 6,9

6,6 8,0

13,3 12,0

– 9,2

11,0 11,1

Freie Mittel

für Überschussbeteiligungen

4

(in Mio. Euro)

2013


608

551

5120


229


447

314

296


202

2012

902

587

577

4411

1632

273

744

479

461

211

222

123

Wie lange die

freien Mittel

reichen

(Bilanzpuffer

in Jahren) 5

2013


3,4

2,5

2,7


1,6


1,2

0,8

1,4


1,4

2012

3,2

3,1

2,9

2,6

2,4

2,1

1,3

1,3

1,0

0,9

0,8

0,8

84 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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sollten unverbindlich fragen, wie viel sie

denn bei Kündigung jetzt bekämen. Versicherer

lieben derartige Anfragen naturgemäß

nicht. Ein WirtschaftsWoche-Leser,

der vier Wochen vergeblich auf Antwort gewartet

hatte, bekam die Zahlen erst nach

einem Brief an den Vorstand.

Wer fragt, was

ihm zusteht,

bekommt nur

selten Antwort

DER TRICK MIT DER KÜNDIGUNG

Mauert der Versicherer, sollte der Kunde

erst einmal kündigen. Er kann die Kündigung

im Zweifel später zurückziehen – bis

wann, teilt ihm der Versicherer mit. Wer

monatlich Beiträge zahlt, kann zum Monatsende

mit vierwöchiger Frist kündigen.

Dann muss der Versicherer die Police abrechnen.

Nicht immer aber liefern die Daten,

die der Versicherer mit der Kündigungsbestätigung

schickt, ein vollständiges

Bild. Die Allianz etwa wies bei einem zum

1. April gekündigten Vertrag Anfang März

eine Auszahlung von nur rund 104 000 Euro

aus. In der Abschlussrechnung zehn Tage

vor der Auszahlung waren es auf einmal

114 000 Euro.

Dabei bleiben sollten Kunden, wenn der

Versicherer kontinuierlich überdurchschnittliche

Rendite liefert. Allenfalls bei

solchen Anbietern sollten Vorsorgesparer,

die sich das langfristige Sparen in Eigenregie

partout nicht zutrauen, heute noch einen

Vertrag abschließen. Unsere Daten zu

den zwölf größten Versicherern und das

jährliche Finsinger-Rating zur Lebensversicherung

(WirtschaftsWoche 40/2013)

bieten Orientierung. Policen, die vor 2005

abgeschlossen wurden, sind nach zwölf

Jahren steuerfrei, ihre Erträge nach Steuern

sind mit vergleichbar sicheren Anlagen

nicht zu schlagen. Wichtig: Sichert eine Police

Risiken ab, kann auch das gegen eine

Kündigung sprechen. Versicherte können

ihren Vertrag oft aber auch beitragsfrei stellen,

also nichts mehr einzahlen. Auf den

Risikoschutz müssen sie nicht verzichten,

wenn sie entweder Abschläge in Kauf nehmen

oder extra nur noch für den Todesfalloder

Berufsunfähigkeitsschutz zahlen.

Das frei gewordene Monatsbudget können

Aussteiger auf eigene Faust anlegen.

Bewährt hat sich das regelmäßige Sparen

in verschiedenen Anlageklassen. Vorsorgesparer

können monatlich je 30 Prozent ihrer

Anlagesumme in Aktien und Anleihen,

25 Prozent in Gold und 15 Prozent auf ein

Tagesgeldkonto einzahlen. Die Depotanteile

werden jährlich wieder angepasst. Mit

passenden Indexfonds sind solche Ratensparpläne

kostengünstig.

Wem das zu aufwendig ist, der kann auf

Mischfonds ausweichen. Gute Fonds überholen

Lebensversicherungen auf längere

Sicht locker. Der Kapital Plus aus der Allianz-Fondsschmiede

Allianz Global Investors

hat bei monatlich 100 Euro Einzahlung

über 20 Jahre 46 081 Euro Endstand erreicht.

Nach Abzug aller Kosten, aber vor

Steuern sind das 6,1 Prozent pro Jahr.

Klar, eine Garantieverzinsung wie die

Lebensversicherung bieten solche Strategien

nicht. Doch deren Bedeutung für die

langfristige Geldanlage wird ohnehin überschätzt.

So schwanken Aktienkurse kurzund

mittelfristig stark, der Langfristtrend

am Aktienmarkt geht aber schon deutlich

stabiler nach oben. Die garantierte Minirendite

bei Neuabschluss einer Lebensversicherung

bringt Vorsorgesparern wenig.

So wenig, dass sie im Zweifel darauf verzichten

können.

n

niklas.hoyer@wiwo.de, martin gerth,

heike schwerdtfeger | Frankfurt

ren etwa 60 Prozent des deutschen Marktes

Stärken(+) / Schwächen (–), die sich in

Niedrigzinsphasen besonders stark auswirken

– hohe Kosten, + hohe freie Mittel

+ hohe Reserven, + gute Kapitalanlage

+ hoher Anteil Fondspolicen

+ hohe Reserven, + gute Kapitalanlage

+ hohe Reserven, + gute Kapitalanlage

+ hoher Anteil Risikolebensversicherung

+ niedrige Kosten, + gute Kapitalanlage

– niedriger Anteil Fondspolicen

– mäßige Kapitalanlageergebnisse

– mäßige Kapitalanlageergebnisse

– hohe Kosten

– hohe Kosten, – hohe Altgarantien

halb der Garantieverzinsung+interne Überschüsse

4 Teil der Überschuss-Rückstellungen, der nichtdurch die

den freien Mitteln finanzieren kann; je höher der Faktor,

Weinmann (Hochschule Ludwigshafen)

Niedrigzins-

Risiko für

Anleger

7

5

7

5

5

7

7

7

4

4

7

4

Wie gut ist mein Versicherer?

Die wichtigsten Kennzahlen im Überblick

Hermann Weinmann, Wirtschaftsprofessor

an der Hochschule Ludwigshafen, hat für

die WirtschaftsWoche Daten zur Leistungsfähigkeit

der größten Versicherer ausgewertet.

Sie haben etwa 60 Prozent Marktanteil.

Soweit veröffentlicht, sind die Zahlen von

2013, ansonsten 2012.

Laufende Verzinsung: Diese Verzinsung ist

um Einmaleffekte aus Verkauf von Wertpapieren

bereinigt und zeigt, was Versicherer

pro Jahr aus Kapitalanlagen ziehen. Generali

etwa schaffte 3,0 Prozent – weniger als

die 3,1 Prozent, die die Branche Kunden im

Schnitt garantiert.

Bewertungsreserven: Sie entstehen, wenn

der aktuelle Marktwert von Wertpapieren

höher ist als der Wert, mit dem die Versicherer

sie in ihren Büchern stehen haben.

Um magere Renditen bei Zinspapieren auszugleichen,

können Versicherer einen Teil

dieser Reserven durch Verkäufe heben. So

machen sie Geld flüssig, das sie an Kunden

auszahlen könnten.

Überschuss: Mit den Kapitalerträgen

muss der Versicherer mindestens die

garantierten Leistungen finanzieren. Was

darüber hinaus bleibt plus eingesparte

Kosten, kann der Versicherer zusätzlich an

die Kunden ausschütten. Versicherer, die

sauber kalkulieren und kostengünstig

arbeiten, schaffen hohe Überschüsse. Für

die Finanzkraft des Versicherers ist die

Quote Überschuss/Beitragseinnahmen

entscheidend.

Freie Mittel: Versicherer bilden für zukünftig

fällige Überschussbeteiligungen

Rückstellungen. Das Geld stammt aus dem

Kapitalanlagetopf. Erwirtschaftet der

Versicherer mehr, als er den Versicherten

schuldet, kann er freie Rückstellungen

aufbauen.

Bilanzpuffer: Je höher die freien Rückstellungen

im Verhältnis zu den im Folgejahr

fälligen Überschussbeteiligungen sind,

desto länger kann ein Versicherer eine

Flaute auf dem Zinsmarkt aussitzen.

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 85

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Geld&Börse

Am Boden Auftragsvergabe für Berliner

Flughafen Ursache für Milliardenfiasko

Tückische Details

TOP-ANWÄLTE | Öffentliche Aufträge über 400 Milliarden Euro

werden jährlich vergeben – ein reiches Feld für Vergaberechtler.

Der Baukonzern Hochtief und sein

Anwalt Jürgen Leinemann von Leinemann

Partner waren sich schon

vor sieben Jahren einig: Das ambitionierte

Bauprojekt des künftigen Berliner Flughafens

BER konnte mit der neuen Planung

der Flughafengesellschaft nicht gut gehen.

Nachdem Hochtief und drei andere Bieter

ihre Angebote als Generalunternehmer für

das neue Terminal über je rund eine Milliarde

Euro abgegeben hatten, entschied

sich die Flughafengesellschaft um.

Sie wollte das Projekt auf eigene Faust

und ohne Generalunternehmer durchziehen

– um Geld zu sparen. Den Bau des Terminals

wollte sie in einzelne Gewerke aufteilen,

das Ganze sollte dann nur noch 650

Millionen Euro kosten. „Dass diese Zahl

unrealistisch ist, war von Anfang an klar,

denn die Baukosten des vergleichbaren

Terminal Zwei am Münchner Flughafen

betrugen 1,2 Milliarden Euro“, sagt Leinemann.

„Fachleute rieben sich schon damals

die Augen.“

Im Auftrag von Hochtief klagte Vergaberechtler

Leinemann gegen die nachträgliche

Aufhebung der Generalunternehmer-

Ausschreibung und die Verkleinerung des

Budgets – aber ohne Erfolg. „Die Kehrtwende

bei der Auftragsvergabe war die Ursache

des jetzigen Riesenfiaskos“, urteilt

Leinemann rückblickend. „Die Flughafengesellschaft

legte los, ohne nachzudenken,

und hat jetzt alle Schnittstellenrisiken

selbst am Hals“, so der Berliner Jurist. Wer

diese Risiken nicht managen kann, braucht

einen Generalunternehmer.

Das Vergaberecht, das erst Ende der

Neunzigerjahre in Kraft trat, ist ein lukratives

Tummelfeld für Anwälte. Die EU hat es

initiiert, indem sie europaweit geltende

Vorschriften für sämtliche Auftragsvergaben

der öffentlichen Hand erließ. So wollte Brüssel

Korruption und Vetternwirtschaft zulasten

der Steuerzahler bekämpfen. „Ab dann

war Schluss mit den Direktvergaben von

Aufträgen an die Freunde des Bürgermeisters“,

sagt Ute Jasper, Vergaberechtlerin bei

der Kanzlei Heuking Kühn in Düsseldorf.

Ausgeschrieben werden muss im Prinzip

heute alles, von der Bleistift-Beschaffung

Vergaberecht soll

Korruption und

Vetternwirtschaft

eindämmen

für Grundschulen über Putzaufträge für öffentliche

Gebäude bis hin zu milliardenschweren

Infrastrukturprojekten: Ein dicker

Brocken war zuletzt etwa der Ausbau

der A 1 zwischen Bremen und Hamburg

auf bis zu acht Spuren, inklusive Betreiberkonzession

für 30 Jahre. Wer hier den Zuschlag

bekommt, baut die Autobahn zunächst

auf eigene Kosten aus und darf sich

dann seine Milliarden über die Lkw-Maut

wieder hereinholen.

GIGANTISCHE KATALOGE

Für derartige Projekte erstellen die Auftraggeber

dann gigantische Anforderungskataloge.

Allein das Vergabeverfahren dauere

oft zwei Jahre, sagt Leinemann. Konsortien

aus Bauunternehmen, Betreibern, Banken,

und Investoren werden gebildet – und jedes

Mitglied braucht eigene Verträge. Bis

zu 15 Köpfe zählende Anwälteteams sind

am Start. Außer Vergaberechtlern mischen

Bankrechtexperten, Arbeits- und Versicherungsrechtler

und – sicher ist sicher – auch

Insolvenzprofis mit.

Kassiert ein Bieter dann eine Absage, sind

manche wegen des Riesenaufwands, den sie

bereits betrieben haben, durchaus geneigt,

per Überprüfungsverfahren gegen eine Absage

anzugehen. Die Aussichten, hier noch

etwas zu reißen, sind jedoch nicht gerade

rosig: „Die Chancen eines Angriffs auf ein

Vergabeverfahren liegen bei eins zu sieben –

gegen den Angreifer“, weiß Leinemann.

„Besonders viele Vergaberechtsklagen

gibt es in Deutschland, Österreich und in

Schweden“, sagt Jan Endler von der Law

Firm Linklaters. Typische Fehler von Behörden,

die eine Vergabe angreifbar machen,

sind zum Beispiel:

n Unterlagen werden nicht alle zum selben

Zeitpunkt kopiert und an die Bieter

verteilt.

n Die Bekanntmachung im Amtsblatt wird

im laufenden Verfahren geändert, wenn

beispielsweise aus einem 5000-Quadratmeter-Reinigungsauftrag

einer für 7000

wird, weil noch Räume eines Nebengebäudes

hinzukommen.

n Ein Vertrag mit einem erfolgreichen Bieter

wird nachträglich geändert, der Auftrag

aber nicht erneut ausgeschrieben.

Der Teufel steckt im Detail. „Es reicht,

wenn auf Seite 4000 eine Unterschrift fehlt

oder auf Seite 3500 zwei Schaltschränke einer

Klimaanlage vergessen wurden“, sagt

Leinemann. Angreifbar wird eine Vergabe

FOTOS: CORBIS/YANNICK TYLLE, HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR (4)

86 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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25 Top-Kanzleien in Deutschland: Vergaberecht

Welche Anwälte die Jury Auftraggebern und Unternehmen empfiehlt

Nr. Kanzlei

1 Allen & Overy LLP

2 Baker & McKenzie

3 Beiten Burkhardt

4 Bird & Bird

5 Boesen Rechtsanwälte

6 Brandi Rechtsanwälte

7 CBH Rechtsanwälte

8 CMS Hasche Sigle

9 FPS Rechtsanwälte & Notare

10 Freshfields Bruckhaus Deringer

11 Gleiss Lutz

12 Görg Rechtsanwälte

13 Heuking Kühn Lüer Wojtek

14 Heussen

15 HFK Rechtsanwälte LLP

16 Hogan Lovells

17 Kapellmann und Partner Rechtsanwälte

18 Leinemann Partner Rechtsanwälte

19 Linklaters

20 Müller-Wrede und Partner

21 Noerr

22 Orrick Herrington & Sutcliffe

23 PricewaterhouseCoopers Legal

24 Redeker Sellner Dahs

25 RWP Rechtsanwälte

Quelle: WirtschaftsWoche 2014

Name, Vorname

Otting, Olaf

Gabriel, Marc

Polster, Julian; Rechten, Stephan

Byok, Jan; Höfler, Heiko

Boesen, Arnold; Upleger, Martin

Dippel, Martin

Hertwig, Stefan

Heuvels, Klaus; Höß, Stefan

Rosenkötter, Annette

Prieß, Hans-Joachim

Neun, Andreas

Horn, Lutz

Hattenhauer, Daniela; Jasper, Ute; Kamphausen, Peter

Völlink, Uwe-Carsten

Franke, Horst

Schweda, Marc; Eggers, Jan Christian

Kulartz, Hans-Peter; Kus, Alexander

Leinemann, Ralf

Endler, Jan

Müller-Wrede, Malte

Wagner, Olav

Krohn, Wolfram

Kleinhenz, Bernhardine; Hausmann, Friedrich Ludwig

Glahs, Heike; Reidt, Olaf

Antweiler, Clemens

METHODIK

Preis-Vergabe

Die Auswahl der Top-Kanzleien zum

Vergaberecht und den einzelnen

Koryphäen basiert auf drei Schritten:

Im ersten Schritt wurden aus Datenbanken

und Expertengesprächen Kanzleien

und Anwälte mit positiven Bewertungen

herausgefiltert. Die dabei gefundenen

66 Kanzleien und 138 Anwälte wurden

in einem zweiten Schritt von 20 Experten

führender Wirtschaftskanzleien bewertet.

60 Anwälte aus 35 Kanzleien

qualifizierten sich, die wiederum von einer

neutralen Jury aus Wissenschaft,

Publizistik und Praxis beurteilt wurden.

Die Jury entschied nach vier Kriterien:

nachweisbare Erfolge, langjährige Erfahrung,

Stärke des Teams und Spezialisierung.

Die 25 Kanzleien und deren

Anwälte, die dabei die höchsten Punktzahlen

erreichten, sind in der nebenstehenden

Tabelle aufgeführt.

DIE JURY

Meinrad Dreher ist Wirtschaftsrechtprofessor

an der

Uni Mainz und im Vorstand

des Forums Vergabe

selbst dann, wenn eine „Bankbürgschaft

einer Bank“ statt „einer europäischen

Bank“ verlangt wird.

Seit knapp zwei Jahren müssen Regierungen

auch Verteidigungsaufträge europaweit

ausschreiben. Die Zeiten, in denen

militärische Beschaffungsaufträge nur mit

Haus- und Hoflieferanten abgewickelt

wurden, sollen vorbei sein. Anschaffungen

von Panzern für die Bundeswehr müssen

ebenso ausgeschrieben werden wie die

Wartungsverträge für ihre IT.

Anwälte verdienen gut an den Vergabeverfahren.

Partner der Kanzleien berechnen

pro Stunde 280 bis 450 Euro, angestellte

Anwälte zwischen 190 und 300 Euro.

Zu ihren häufigsten Kunden zählen die

Unternehmen der Pharma- und der Baubranche

sowie Reinigungsfirmen. Auch

Ministerien und Behörden wappnen sich

vor Gericht vorsichtshalber mit Advokaten.

Im Gesundheitssektor müssen sich nicht

nur Krankenhäuser, die der öffentlichen

Hand gehören, sondern auch privatisierte,

die öffentliche Gelder bekommen, an die

Vergaberechts-Spielregeln halten. Auch

gesetzliche Krankenkassen wie die AOK

müssen für Medikamente und Prothesen

in Ausschreibungsverfahren detaillierte

Vorgaben machen. „Insgesamt werden

rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

ausgeschrieben“, rechnet Jasper vor –

weit über 400 Milliarden Euro jährlich.

AUFTRAG NACH QUOTE

Neuen Stoff für Streitereien produziert die

Politik reichlich. In den ersten Bundesländern

sind nicht mehr nur Preise und Qualität

für die Vergabe von Aufträgen entscheidend,

sondern auch weiche Faktoren.

Etwa die, ob Unternehmen Mindestlohn

bezahlen oder ob sie Frauen fördern.

Da stellen sich Fragen, die kein Gesetzgeber

beantwortet. Wann kann man von

Frauenförderung sprechen, fragt etwa Anwältin

Ute Jasper: „Reicht ein Girls-Day

einmal im Jahr oder muss das Unternehmen

Frauen in Management-Funktionen

nachweisen?“

n

claudia.toedtmann@wiwo.de

Hans-Peter Müller ist im

Bundeswirtschaftsministerium

für die Weiterentwicklung

des Vergaberechts zuständig

Holger Franz ist Justiziar

der Wohnungsgesellschaft

Gagfah Group

Alexandra Genten ist Leiterin

der Konzern-Rechtsabteilung

der Energieversorgungs- und

Verkehrsgesellschaft Aachen

Mark von Wietersheim ist

Geschäftsführer des Vergabe-

Netzwerks Forum Vergabe

Achim Schunder ist Leiter

der Zeitschriftenniederlassung

des Verlags C.H.Beck

Roland Tichy ist

Chefredakteur der

WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 87

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Geld&Börse | Barron’s

Endlos-Schleife

IT-AKTIEN | Anleger lieben glanzvolle Comebacks gefallener Börsenstars.

Leider ist oft nicht viel Substanz hinter den Geschichten.

Ciscos Hardware austauschbar; alle Hardware

würde dann über eine Art Allzweck-

Software eingerichtet und gemanagt. Die

Vorreiterrolle haben Jungunternehmen

wie Cumulus, auch VM-Ware will in die Lücke

stoßen; sie alle bedrohen langfristig

Ciscos Pfründe. Chambers meint, Cisco

könne mit neuen Paketlösungen, die möglichst

viele der in den IT-Abteilungen von

Unternehmen erforderlichen Funktionen

abdecken, sowohl Arista als auch Softwareanbieter

wie Cumulus auf Abstand halten;

mit General Motors hat Cisco bereits einen

Vertrag zur Lieferung einer derartigen

Rundum-Paketlösung geschlossen.

Die Wall Street tickt wie Hollywood:

Sie liebt eingängige Geschichten.

Wie im Kino freuen

wir Anleger uns besonders, wenn

darin ein alter Bekannter auftaucht. Die

10 000 Mal geschriebene Geschichte vom

„überraschenden Comeback“ – wir lieben

sie. Anfang Mai wurde sie von Cisco aufgewärmt.

Cisco – neben Microsoft und Intel

der größte Börsenhit der Neunzigerjahre –

hatte anlässlich seiner jüngsten Quartalszahlen

Folgendes verkündet: Seine notorischen

Absatzprobleme bei Network-Switches,

zu Deutsch etwa: Netzwerkknoten,

auf die fast ein Drittel des Umsatzes entfällt,

ließen nach; für die nächsten Quartale

sei aber mit einer Erholung zu rechnen.

Am nächsten Tag stieg die Aktie um

sechs Prozent. Cisco konnte auch die Erwartungen

der Analysten für das dritte

Quartal schlagen. Müßig zu sagen: Nach

dem langen Niedergang waren diese Erwartungen

niedrig gewesen. Laut Cisco

wird der Umsatz im aktuellen Quartal fast

drei Prozentpunkte besser ausfallen als die

zuvor erwarteten minus fünf Prozent. Zwei

Prozent Umsatzminus waren also Grund

genug für die Freudensprünge der Aktie.

Schuld am schwindenden Geschäft war

laut Cisco-Chef John Chambers die Einführung

neuer, billigerer, Produkte – auch das

ein Phänomen, das wir schon gut von

früher kennen. Das wichtigste neue Produkt

ist die Nexus-9000-Switch-Serie. Damit

will Cisco dem neuen Konkurrenten

Arista, der demnächst an die Börse gehen

will, den Rang ablaufen. Arista verkaufte im

vergangenen Quartal Switches für 117 Millionen

Dollar. Das ist etwa die Hälfte des

Cisco-Umsatzes in diesem Bereich. Aktuelle

Cisco-Umsatzzahlen für die 9000er-Serie

sind zwar keine bekannt, aber Chambers

sagt, die Anzahl der Kunden sei in diesem

Quartal von knapp 90 auf 175 gestiegen,

was ein „erheblicher Markterfolg“ sei.

NEUE WETTBEWERBER

Auch diesen Teil des Skriptes kennen wir

schon: Cisco schwächelt, neue Konkurrenten

drängen ins Geschäft; Cisco fängt sich,

drängt sie aus dem Markt und wächst wieder

– wenn auch weniger als in der letzten

Wiederholung. Aber Hauptsache, Cisco

behauptet seine „führende Marktstellung“.

Prompt korrigierten denn auch die Analysten

ihre Prognosen allesamt nach

oben. Immerhin: Die Dividendenrendite

liegt inzwischen bei

3,2 Prozent, deutlich höher also

als in früheren Cisco-Zyklen.

Arista ist nur einer von einem

halben Dutzend neuer Konkurrenten,

die das IT-Netzwerk von

Grund auf verändern könnten.

Softwaredefinierten Netzen gehört

die Zukunft. Dabei würde

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

NOCH FALLHÖHE

Cisco-Fans hoffen, dass sich die neue, softwaredefinierte

Netzwerktechnologie als eine

der vielen Cisco-Episoden erweist, in

denen ein innovativer Senkrechtstarter

versucht, den Riesen herauszufordern –

und scheitert. Vermutlich wird Nexus Ciscos

Absatz von Switches kurzfristig tatsächlich

treiben; ob es zu nachhaltigem Umsatzwachstum

beitragen kann, ist eine andere

Frage. Immerhin: Cisco ist im Vergleich

zu anderen IT-Stars nicht teuer. Derzeit

wird die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis

(KGV) von zwölf auf Basis

der Gewinnschätzungen für die kommenden

zwölf Monate gehandelt.

Andere Papiere der Branche haben mehr

Fallhöhe. IT-Experte Mark Mahaney von

RBC Capital berichtet, die Kurse der Internet-Aktien

in seinem Anlageuniversum

hätten seit ihren Höchstständen allesamt

50 Prozent oder mehr nachgegeben. Wir

befänden uns „in einem der trübsten Quartale

seit 15 Jahren“. Kurse gäben selbst

dann nach, wenn die Unternehmen wieder

bessere Ergebnisse ablieferten. Billig ist

dennoch anders: Facebook etwa wird noch

immer zum 41-Fachen des für 2014 erwarteten

Gewinns gehandelt.

Citigroup-Analyst Mark May zog zeitgleich

zur Verteidigung Amazons zu Felde.

May meint, Anleger, die sich zur Zeit ihres

52-Wochen-Hochs bei 408 Dollar für die

Amazon-Aktie begeistern konnten,

sollten sie jetzt, nach 26 Prozent

Rückgang, erst recht lieben.

Aber so tickt die Börse nicht.

Aktien sind entweder in – und die

Kurse steigen, oder eben nicht.

Und bei Amazon könnte in diesem

Quartal bis zu eine halbe

Milliarde Dollar Verlust anfallen.

„Günstig“ ist also relativ. n

tiernan ray | geld@wiwo.de

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

88 Nr. 22 26.5.14 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Steuern und Recht

IMMOBILIEN

Mietersuche

senkt Steuer

LOHN- UND EINKOMMENSTEUER

Der Fiskus will es wissen

Wer seine Erklärung bis 2. Juni abgeben muss, wer sich noch Zeit lassen kann.

Dieses Jahr haben Steuerzahler zwei Tage mehr

Zeit, um ihre Steuererklärung zu erledigen. Der

letzte Abgabetermin 31. Mai fällt auf einen Samstag.

Daher ist der folgende Montag, der 2. Juni,

der Stichtag. Die Frist gilt für alle, die eine Steuererklärung

abgeben müssen, weil sie bestimmte

steuerliche Vergünstigungen nutzen, etwa das

Ehegattensplitting mit Steuerklasse V oder IV mit

Faktor. Auch eingetragene Lohnsteuerfreibeträge

(außer Behinderten-Pauschbetrag und Kinderfreibeträge)

führen zur Abgabepflicht. Diese

greift außerdem für Selbstständige und Freiberufler,

deren Einkommen im vergangenen Jahr

8130 Euro (Ledige) oder 16 260 Euro (Verheiratete)

überschritten hat. Auch Ex-Ehepartner,

die Unterhalt beziehen, Arbeitnehmer, deren

Nebeneinkünfte 410 Euro jährlich übersteigen,

sowie Elterngeldbezieher müssen ihre Unterlagen

bis Ende Mai einreichen. Mehr Zeit bleibt,

wenn Steuerberater oder Lohnsteuerhilfeverein

unterstützen. Dann gilt erst das Jahresende als

Abgabefrist. Wer seine Steuererklärung selbst

machen will, aber mehr Zeit braucht, kann einen

Antrag auf Fristverlängerung stellen. Ein Brief an

das Finanzamt (samt Steuernummer und Steuer-Identifikationsnummer)

mit der Bitte um

zwei oder drei Monate Aufschub und einer kurzen

Begründung (fehlende Unterlagen, Erkrankung

oder längere Abwesenheit) reicht meist.

Finanzbeamte freuen sich über den Hinweis,

dass bei einem gewährten Fristaufschub keine

schriftliche Nachricht nötig ist.

Abseits der Metropolen, passiert

es immer wieder, dass eine

Wohnung nach dem Auszug eines

Mieters leer steht. Bemüht

sich der Eigentümer darum, sie

wieder zu vermieten, darf er

Kosten, die in der Zeit des Leerstands

anfallen, weiter als Werbungskosten

von anderen Vermietungseinkünften

abziehen

und so seine Steuerlast senken.

Zu den anrechenbaren Kosten

zählen etwa Abschreibungen,

Ausgaben für die Mietersuche

wie Zeitungsannoncen sowie

die Darlehenszinsen für den

Wohnungskredit.

Finanzämter müssen den

Abzug selbst dann anerkennen,

wenn der Eigentümer zweigleisig

fährt und etwa wegen finanzieller

Schwierigkeiten auch

den Verkauf der Wohnung anstrebt.

Der Bundesfinanzhof

verlangt aber, dass er in diesem

Fall „nachweislich und ernsthaft“

weiterhin Mieter sucht. In

dem Fall, den die Richter entschieden

haben, hatte sich der

Eigentümer jedoch fünf Jahre

hauptsächlich um Käufer bemüht.

Ihm wurde der Abzug

nachträglicher Darlehenszinsen

gestrichen (IX R 37/12).

Nachträgliche Darlehenszinsen

zahlt der Eigentümer, wenn der

Verkaufspreis den Kredit nicht

kompletttilgt.

RECHT EINFACH | Fahrrad

Das schöne Wetter lockt zum

Fahrradfahren. Manche

Spritztour endet allerdings vor

dem Richtertisch.

§

Helm. Eine Fahrradfahrerin

aus Schleswig-Holstein raste

in eine plötzlich geöffnete

Autotür und flog im hohen

Bogen über die Straße. Vor Gericht

bekam sie jedoch nur einen

um 20 Prozent geminderten Anspruch

auf Schadensersatz und

Schmerzensgeld zugesprochen.

Grund: Sie hatte keinen Helm ge-

tragen (Oberlandesgericht Schleswig-Holstein,

7 U 11/12). Die Revision

vor dem Bundesgerichtshof

läuft. Nicht alle Gerichte urteilen

so. Ein helmloser Rennradfahrer

blieb in Niedersachsen von Abzügen

verschont. Die dortigen Richter

verwiesen darauf, dass es keine gesetzliche

Helmpflicht gebe (Oberlandesgericht

Celle, 14 U 113/13).

Flasche. Ein Radler aus Rheinland-

Pfalz fuhr nachts extreme Schlangenlinien.

Der Alko-Test fiel mit

2,44 Promille eindeutig aus. Die

Verkehrsbehörde lud daraufhin

zum Idiotentest. Die Schnapsnase

erschien nicht: Da er keinen Führerschein

habe, mache der Test keinen

Sinn. Das dann verhängte Fahrradverbot

war rechtens. Sein

Verhalten lasse auf „Ungeeignetheit“

für Fahrzeuge aller Art schließen

(Oberverwaltungsgericht

Rheinland-Pfalz, 10 A 10284/12).

Abschleppen. Ein Münsteraner

stellte sein Rad auf einem Gehweg

beim Hauptbahnhof ab. 70

Zentimeter ragte das Rad in den

sechs Meter breiten Gehweg. Zu

viel, befanden Ordnungshüter,

und brachten das Fahrrad zu einer

Sammelstelle. Der Besitzer

verklagte die Stadt. Zu Recht.

Auch Rollstühle und Kinderwagen,

so die Richter, wären noch

vorbei gekommen. Das Abschleppen

sei rechtswidrig gewesen

(Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen,

5 A 2239/08).

FOTOS: ALIMDI, GETTY IMAGES/LOOK, PR

90 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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AKTIEN-MANIPULATION

Tricksereien schützen vor Strafe nicht

Ende 2012 hat die Deutsche

Börse ein Segment des Aktienhandels

geschlossen, in dem

zahlreiche Titel notiert waren,

in die Anleger immer wieder

mit falschen Erfolgsmeldungen

und Empfehlungen per Telefon,

Internet-Meldungen und Fax

gelockt wurden. Die Drahtzieher

hatten sich die Schrottaktien

vorher billig besorgt. „Scalping“

heißt diese Technik:

Anleger werden angelockt,

dann werden wertlose Aktien

zu hohen Kursen bei ihnen abgeladen.

Staatsanwälte und

Aufseher sind dagegen vorgegangen,

als die Masche ausuferte.

Der Bundesgerichtshof bestätigte

jetzt die Haftstrafen für

Anlagebetrüger, die die Aktie

von De Beira Goldfields manipuliert

hatten (1 StR 106/13 i).

Die Richter stellten klar, dass

die Täter einer Bestrafung nicht

durch Tricks entkommen.

„Es schützt sie nicht, wenn sie

etwa kursbeeinflussende Informationen

gar nicht selbst veröffentlichen,

sondern eine Public-Relations-Agentur

damit

beauftragen“, sagt Alexander

Honrath, Partner in der Kanzlei

Heisse Kursawe Eversheds.

Für Kurspusher gelten auch

keine Berufsprivilegien wie eine

verkürzte Verjährung,die Journalisten

in Anspruch nehmen

PFLEGEZEIT

Urlaubsanspruch bleibt

Wer unbezahlten Urlaub

nimmt, verliert in dem Jahr

nicht zwangsläufig auch alle

normalen Urlaubstage. Arbeitgeber

dürfen nicht in jedem Fall

den gesetzlichen Anspruch kürzen,

entschied das Bundesarbeitsgericht

im Fall einer Krankenschwester.

Sie hatte von

Januar bis September 2011 unbezahlten

Sonderurlaub für die

Pflege von Angehörigen genommen

und das Arbeitsverhältnis

zu Ende September gekündigt.

Vom Arbeitgeber

SCHNELLGERICHT

verlangte sie, dass er 15 Tage Erholungsurlaub

auszahlt, die ihr

als Teilzeitkraft für das Jahr 2011

zustanden. Die Richter entschieden

zugunsten der Frau.

Für die Elternzeit oder den

Wehrdienst gebe es zwar schon

spezielle Regeln, durch die der

gesetzliche Urlaubsanspruch

gekürzt werden darf. Für den

Fall einer Pflegezeit seien sie

aber noch nicht eingeführt

worden. Daher hat die Klägerin

Anspruch auf das Geld (9 AZR

678/12).

dürfen, wenn sie ihre Sorgfaltspflichten

erfüllen. „Die längere

Verjährung ist ein Nachteil für

die Täter, hilft aber geschädigten

Aktionären nicht“, sagt Honrath.

Werden die Täter nach den

Normen des Wertpapierhandelsgesetzes

verurteilt, könnten

Aktionäre daraus nicht automatisch

einen Anspruch geltend

machen, so der BGH.

Scalping-Täter müssten

ebenso wie Finanzanalysten eigene

Wertpapierpositionen offenlegen.

Dies gelte nicht erst

ab bestimmten Meldeschwellen,

sondern immer, sobald sie

Aktien oder Derivate auf die Aktien

halten, die sie empfehlen.

ELTERNGELD

China-Lohn

zählt nicht

Seit Januar 2011 wird bei der

Berechnung des Elterngeldes

nur das im Inland versteuerte

Einkommen berücksichtigt. Eine

Lehrerin, die an einer deutschen

Schule in China gearbeitet

hatte, hat keinen Anspruch

auf mehr Elterngeld. Es half ihr

nicht, dass ihre Tochter im November

2010 und damit kurz

vor der Gesetzesänderung geboren

wurde (Bundessozialgericht,

B 10 EG 2/14 R).

STEUERTRICK

MARC KÜRTEN

ist Steuer-

Fachanwalt

und Berater

der Vereinigten

Lohnsteuerhilfe.

n Herr Kürten, Steuerzahler

können das Finanzamt zur

Geldanlage nutzen. Wie?

Bekommen Steuerzahler eine

Erstattung, muss das Finanzamt

Zinsen zahlen, wenn der

Bescheid 15 Monate nach Ende

des Jahres oder später ergeht.

Für weitere volle Monate

je 0,5 Prozent Zinsen.

n Wie nutzen Steuerzahler

die Regel zu ihren Gunsten?

Wer nicht zur Abgabe einer

Steuererklärung verpflichtet

ist, zum Beispiel viele Alleinstehende

mit Steuerklasse I,

kann noch vier Jahre nach Ende

eines Jahres eine Steuererklärung

abgeben: Die Erklärung

für 2013 also bis 2017.

Das Finanzamt müsste auf Erstattungen

für jeden vollen

Monat nach dem 1.4.2015

Zinsen zahlen. Und sechs Prozent

Zins pro Jahr sind derzeit

schon sehr attraktiv.

n Gibt es einen Haken?

Das Finanzamt wird nicht mitspielen,

wenn es ein System

erkennt. Nutzt jemand diese

Regel aus, kann dies eine unzulässige

Steuergestaltung

sein. Außerdem müssen Steuerzahler

auf die Erstattungszinsen

Steuern zahlen.

KRANKENKASSE HAT DREI WOCHEN ZEIT

§

Eine Krankenkasse muss einen Antrag zum Einsatz

eines künstlichen Kniegelenks innerhalb von

drei Wochen entscheiden. Sie kann dem Patienten

auch mitteilen, warum es länger dauert. Sonst gilt die

beantragte Operation als genehmigt (Sozialgericht

Dessau-Roßlau, S 21 KR 282/13).

ADOPTION FÜR LEBENSPARTNER ERLEICHTERT

§

Wer in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft

lebt, kann künftig auch ein Adoptivkind des Partners

nachträglich adoptieren. Bisher ging das nur bei

seinem leiblichen Kind. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts

vom vergangenen Jahr ändert

die Bundesregierung jetzt das entsprechende Gesetz.

GEWERKSCHAFTSMITGLIEDER BEVORZUGT

§

Eine Erholungsbeihilfe von 200 Euro durfte der

Autobauer Opel 2010 Mitgliedern der IG Metall

zahlen. Nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter,

die zur Opel-Rettung auf Lohn verzichtet hatten, klagten

vergeblich gegen die Ungleichbehandlung (Bundesarbeitsgericht,

4 AZR 50/13).

BIKINIBILD NUR MIT ZUSTIMMUNG

§

Steht eine Frau im Bikini am Strand zufällig neben

einem Prominenten, darf ein Foto nur mit ihrer Zustimmung

veröffentlicht werden. Schadensersatz gibt

es nicht, obwohl sich auch ein wenig schmeichelhafter

Text auf sie bezog: „Star A. in pikanter Frauen-Begleitung“

(Oberlandesgericht Karlsruhe, 6 U 55/13).

n Klappt es trotzdem?

Oft drohen Finanzämter, dass

sie auch bei freiwilliger Steuererklärung

Verspätungszuschläge

festsetzen können. In

der Praxis habe ich das aber

nie erlebt. Rechtlich hat das

Finanzamt dafür auch keine

Handhabe. Meine Klienten haben

Erstattung und Zins stets

bekommen. Bei wiederholter

sehr später Abgabe dürfte es

aber Probleme geben.

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 Redaktion: heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt, niklas hoyer

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Berlin verbessert

den Anlegerschutz am Graumarkt.

Für Entwarnung ist es aber noch zu

früh. Von Martin Gerth

Sanfte Peitsche

Der Titel der SM-

Schmonzette „50

Shades of Grey“

passt zum grauen

Kapitalmarkt, auf dem, anders

als an Börsen, weitgehend unbeaufsichtigt

Finanzprodukte

verkauft werden. Dort reicht die

Farbpalette von halbwegs seriös

über zweifelhaft bis zu betrügerisch.

Bisher konnten Anleger

kaum zwischen diesen Graustufen

unterscheiden. Es wird viel

versprochen, etwa zweistellige

Renditen, aber kaum etwas offengelegt.

Betrüger haben leichtes

Spiel. Investments im Graumarkt

bringen Anlegern daher

meist schmerzhafte Verluste.

Jetzt schwingt Finanzminister

Wolfgang Schäuble mit einem

neuen Aktionsplan die Peitsche

staatlicher Regulierung. Das

dürfte Anlagebetrügern – zumindest

auf den ersten Blick –

Angst einjagen.

Wie viel der Aktionsplan wert

ist, muss die Praxis zeigen. Beispiel:

Nicht nur geschlossene

Fonds (Beteiligungen, die das

Geld vieler Anleger bündeln und

in Unternehmungen packen) fallen

laut Plan unter die staatliche

Regulierung, sondern auch Kapitalanlagen,

die wirtschaftlich

betrachtet gleichwertig seien.

Gleichwertig ist ein dehnbarer

Begriff. Bisher ist es Betrügern

immer gelungen, ein Vehikel zu

finden, das anders als die regulierten

Produkte ist.

Spannend bleibt die Rolle der

Finanzaufsicht. Bisher konnten

sich die Aufseher beim Graumarkt

auf Formalien zurückziehen

(„wir kontrollieren nur, ob

ein Prospekt vollständig ist“) –

und nichts tun. Das geht nun

nicht mehr. Schäuble hat ihnen

ein großes Aufgabenpaket geschnürt:

Sie müssen Werbe- und

Vertriebsverbote durchsetzen

oder Sonderprüfungen initiieren.

Fragt sich, wie die Aufseher

das schaffen sollen; personell

und mit dem nötigen Biss.

Zudem offenbart der Aktionsplan

Lücken. Beispiel: Es fehlen

Vorschriften über Verträge, die

Anleger und Anbieter von Beteiligungen

schließen. Bei geschlossenen

Fonds führt diese

Gesetzeslücke dazu, dass der

Fondsinitiator sich und seine Getreuen

mit großem Einfluss ausstatten

kann. Die Anleger tragen

das Verlustrisiko, können aber

nicht mitreden, etwa darüber,

wie ein Fonds zu sanieren ist.

Es gibt auch Positives im Aktionsplan.

So müssen Graumarktanbieter

personelle Verflechtungen

im Umfeld der Beteiligung

offenlegen. So soll verhindert

werden, dass der Fondsinitiator

Freunde und Verwandte mit

Aufträgen versorgt, die die Kosten

hoch treiben.

SCHUTZ FÜR PENDLER

Neben vielen nützlichen Vorschriften,

enthält Schäubles

Paket auch Skurriles. So dürfen

Graumarktanbieter nicht mehr –

wie zuletzt der heute insolvente

Windparkfinanzierer Prokon –

mit Anzeigen in Straßenbahnen

werben. Für Graumarktprodukte

soll nur noch in Medien mit

Schwerpunkt Wirtschaft geworben

werden, bei denen den Lesern

bestimmte Vorkenntnisse

zu unterstellen seien.

Es drängen sich Fragen auf:

Sind Anleger, die Straßenbahn

fahren, dümmer als solche, die

sich auf einem Börsenportal verirren?

Müssen sie daher besser

geschützt werden als andere?

Klar ist: Aus Vorsicht einen Bogen

um Graumarktangebote zu

machen, kann nicht dumm sein.

TREND DER WOCHE

Metall für den Krisenfall

Der Goldpreis driftet weiter ab – es sei denn, die

Turbulenzen in Russland und China werden heftiger.

Licht am Ende des Tunnels?

Rekordförderung (hier Mine

in Mali) drückt Goldpreis

Zwei Wochen lang, als er bis auf

1392 Dollar stieg, hat der Goldpreis

auf die Ukraine-Krise reagiert.

Seitdem geben die Notierungen

für das Edelmetall

wieder nach, denn derzeit gibt

es mehr Argumente, die gegen

Gold sprechen als dafür:

n Die Minenproduktion läuft

auf vollen Touren. Inklusive Altgold

dürfte das Goldangebot in

diesem Jahr noch über den

4390 Tonnen von 2013 liegen.

n Die Verkaufswelle physisch

hinterlegter Goldfonds (2013:

865 Tonnen) ist zwar ausgelaufen,

die Schmucknachfrage in

den Schwellenländern stabil,

doch die Käufe von Barren und

Münzen gehen zurück, im ersten

Quartal um fast 40 Prozent.

n Niedrige Inflationsraten, die

Rückführung der US-Anleihekäufe

und das hohe Niveau bei

Aktien und Anleihen lassen

Gold unattraktiv erscheinen.

n Die europäischen Notenbanken

haben zwar gerade festgelegt,

auf absehbare Zeit keine

größeren Goldbestände zu verkaufen.

Dass die Notenbankkäufe

(die seit 2013 rückläufig

sind) deshalb wieder anziehen,

zeichnet sich aber nicht ab.

Insgesamt ist es gut möglich,

dass der Goldpreis bis Jahresende

in Richtung 1200 Dollar abdriftet.

Sollten jedoch die Unsicherheiten

in Russland und in

China stärker als erwartet auf

die Weltkonjunktur durchschlagen

und die amerikanische Notenbank

wieder auf vollen Expansionsmodus

schalten, kann

sich der Goldpreis schneller als

erwartet erholen.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 22.5.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9720,91 +0,7 +13,9

MDax 16490,97 +0,9 +15,7

Euro Stoxx 50 3187,63 +0,8 +12,4

S&P 500 1894,37 +1,3 +14,4

Euro in Dollar 1,3668 +0,1 +5,8

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,35 +0,02 2 –0,01 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,54 +0,04 2 +0,62 2

Rohöl (Brent) 3 110,73 +1,5 +7,9

Gold 4 1298,50 ±0 –7,8

Kupfer 5 6945,50 –0,1 –7,1

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 950,73 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BLOOMBERG NEWS/SIMON DAWSON, BLOOMBERG NEWS/JOHN RIZZO

92 Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Stahl-Spekulation läuft

Nach 8,3 Milliarden Euro Verlust in drei Jahren hat

ThyssenKrupp nun die Chance auf echte Gewinne.

HITLISTE

Nur 15 Millionen Euro netto

hat ThyssenKrupp in der ersten

Hälfte des laufenden Geschäftsjahrs

(bis September)

verdient. Und doch steckt in

diesem aus 21 Milliarden Euro

Umsatz schwer erarbeiteten

Minigewinn die Chance für

die Wende der Thyssen-Aktie.

Operativ kommt der Stahlund

Industriekonzern voran,

der Auftragseingang steigt.

Sogar das große Sorgenkind,

das Stahlwerk in Brasilien,

verringert seine Verluste. Ein

Risiko bleiben die Edelstahltöchter

VDM und Terni. Sie

könnten bei einem ungünstigen

Verkauf Thyssen dreistellige

Millionenabschreibungen bescheren.

Indes, so klamm, wie

noch vor Kurzem, ist Thyssen

nicht mehr: Die Schulden wurden

binnen drei Monaten von

5,3 auf 4,0 Milliarden gesenkt,

dazu kam eine Kreditlinie über

zwei Milliarden. Thyssen muss

das Edelstahlgeschäft nicht

verschleudern – und hat so

die Chance auf den ersten

Gewinnabschluss nach drei

Verlustjahren.

Wow! 19 747 Prozent

plus für Amazon seit

dem Börsengang 1997

INTERNET-AKTIEN

Kassenfüller

Vergleichbare Kursgewinne wie mit Amazon wären

mit den Aktien von Alibaba wohl nicht zu erzielen.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9720,91 +0,7 +13,9

Aktie

Stand: 22.5.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 77,55 –1,8 –11,5 4,33 5,08 15 16225 1,93

Allianz 121,90 –0,6 +0,1 13,57 13,97 9 55580 4,35

BASF NA 83,00 –0,2 +10,1 5,92 6,49 13 76234 3,25

Bayer NA 102,85 –0,5 +20,3 6,10 6,91 15 85052 2,04

Beiersdorf 73,46 –0,6 +3,9 2,56 2,84 26 18512 0,95

BMW St 89,34 +1,4 +21,8 8,68 9,17 10 57532 2,91

Commerzbank 11,42 +2,0 +36,5 0,71 1,08 11 13002 -

Continental 168,55 +3,9 +64,5 12,59 14,41 12 33711 1,48

Daimler 67,52 +2,3 +35,9 5,93 6,83 10 72208 3,33

Deutsche Bank 30,36 –1,2 –18,4 3,47 4,21 7 30949 2,47

Deutsche Börse 53,94 –2,8 +13,0 3,84 4,24 13 10410 3,89

Deutsche Post 26,80 +2,2 +30,0 1,71 1,91 14 32396 2,99

Deutsche Telekom 12,42 –5,3 +31,2 0,63 0,68 18 55261 4,03

E.ON 13,84 +6,7 +3,8 0,94 0,99 14 27694 4,34

Fresenius Med.C. St 47,71 –1,2 –11,5 3,64 4,02 12 14673 1,61

Fresenius SE&Co 108,00 –3,6 +12,1 6,34 7,17 15 24374 1,16

Heidelberg Cement St 60,73 –0,4 +2,7 4,01 5,04 12 11387 0,99

Henkel Vz 84,23 +0,2 +7,3 4,29 4,68 18 34221 1,45

Infineon 8,67 +1,1 +31,0 0,41 0,53 16 9369 1,38

K+S NA 26,13 –1,2 –20,4 1,36 1,49 18 5001 0,96

Lanxess 51,18 –4,2 –12,7 2,56 3,64 14 4258 0,98

Linde 152,60 +0,1 –0,5 8,10 9,09 17 28330 1,97

Lufthansa 18,32 +2,4 +11,2 1,90 3,01 6 8424 -

Merck 125,35 +1,7 +1,5 9,22 9,53 13 8100 1,52

Münchener Rückv. 158,95 +1,9 +7,7 17,17 17,64 9 28506 4,56

RWE St 28,62 +9,5 +2,9 2,37 2,26 13 17310 3,49

SAP 54,41 –1,8 –12,2 3,42 3,73 15 66843 2,02

Siemens 95,19 –1,3 +19,4 6,73 7,49 13 83862 3,15

ThyssenKrupp 21,94 –0,3 +40,2 0,54 1,18 19 11285 -

Volkswagen Vz. 190,85 +1,7 +10,6 21,95 24,65 8 88466 2,13

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Der chinesische Internet-

Händler Alibaba peilt die erste

Augustwoche an für sein Debüt

an der Wall Street. Das

könnte eng werden, die Stimmung

gegenüber Internet-Aktien

droht zu kippen (siehe

Chartsignal Seite 97). Nicht

auszuschließen, dass der Börsengang

vertagt oder Abstriche

beim Börsenerlös gemacht

werden müssen. Etwa 20 Milliarden

Dollar sollen zwölf Prozent

der Aktien einbringen.

Alibaba käme damit auf einen

Die weltweit erfolgreichsten Neuemissionen von

Internet-Unternehmen

Unternehmen

Amazon.com

14.5.97

ASOS 3.10.01

Tencent Holdings 4.6.04

Nacer 29.10.02

REA Group 1.12.99

Ebay 23.9. 98

Yahoo 11.4.96

Baidu

4.8 05

Netflix 22.5.05

Kakaku.com 9.10.03

Vipshop 23.3.03

Ctrip.com 9.12.12

GungHo Online 9.3.05

Tagdes

Börsengangs

Emissionsbetrag

in Mio.

Dollar

54,0

0,3

229,4

36,7

4,9

63,0

33,8

27,0

94,9

20,7

71,5

84,6

11,5

Kursentwicklung

seit

Emission

in Prozent

Marktwert von 165 Milliarden

Dollar. Selbst wenn alles glattgeht:

Atemberaubende Gewinne,

wie sie mit Amazon seit dem

Börsengang zu holen waren, sind

nicht drin. Der US-Online-Händler

sammelte im Mai 1997 nur

54 Millionen Dollar ein und trat

dann seinen Siegeszug an. Alibaba

aber ist schon groß. Der Börsengang

wirkt eher wie ein Kassenfüller

für die Großaktionäre

Softbank (37 Prozent), Yahoo (24

Prozent) sowie Unternehmensgründer

Jack Ma (7,5 Prozent).

Unternehmen

Tagdes

Börsengangs

Emissionsbetrag

in Mio.

Dollar

Kursentwicklung

seit

Emission

in Prozent

+19747

+19040

+14292

+12986

+9074

+6827

+6068

My EG Service

F5 Networks

NetEase

Resaas Serv.

VeriSign

Iliad

PChome Online

16.1.07

3.6.99

29.6.06

2.2.11

29.1.01

30.1.04

24.1.05

3,9

30,0

69,8

1,3

42,0

151,4

7,8

+2012

+1952

+1724

+1404

+1279

+1247

+1146

+5633 Google 18.8.04 1916,4 +1142

+4565

+2988

+2360

+2214

StartToday

Centratama

Priceline.com

M3

11.12.07

1.11.01

29.3.99

16.9.04

29,3

1,2

160,0

56,8

+1134

+1132

+1085

+1080

+2100 Quelle: Bloomberg; Stand: 19. Mai 2014

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 93

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Nestlé

So stark wie Siemens

und BASF zusammen

Süße Rendite Dividende seit

Jahrzehnten nur erhöht

Auf den ersten Blick hat der

Schweizer Nahrungsmittelkonzern

derzeit einen schweren

Stand: Mit der geplanten

Fusion der niederländischen

Master Blenders (Jacobs) und

der amerikanischen Mondelez

(ehemals Kraft) entsteht ein

starker Konkurrent auf dem lukrativen

Kaffeemarkt. Dennoch

geben Nestlé-Aktien ein

Signal zur Fortsetzung der langen

Hausse – zu Recht.

Mit 92 Milliarden Schweizer

Franken (CHF) Jahresumsatz

ist Nestlé der größte Nahrungsmittelhersteller

der Welt. Bis

zur Mitte des Jahrhunderts, so

rechnen die Zukunftsforscher

des Club of Rome, wird sich

der weltweite Nahrungsmittelbedarf

verdoppeln. Vor allem

in den Schwellenländern steigt

der Bedarf. Nestlé macht hier

schon jetzt die Hälfte seines

Geschäfts und wächst jährlich

um bis zu neun Prozent. 2013

musste Nestlé zwar Rückschläge

hinnehmen, weil Währungen

wie der brasilianische Real

oder der mexikanische Peso an

Wert verloren; derzeit aber erholen

sich diese Währungen.

Das stabile Nahrungsmittelgeschäft

ergänzt Nestlé durch

Zukäufe in der Sparte Gesundheitsprodukte.

Die Marktforscher

von Euromonitor rechnen

bei Spezialnahrung in

Zukunft mit doppelt so hohen

Wachstumsraten wie bei klassischen

Nahrungsmitteln. Mit

dem amerikanischen Biotechniker

CDI erforscht Nestlé die Zusammenhänge

von Ernährung

und Krankheiten; von Danone

könnte Nestlé das Geschäft mit

medizinischer Ernährung kaufen.

Ziel wäre die personalisierte

Nahrung: Ernährung gegen Massenkrankheiten

wie Diabetes

oder Alzheimer. Henri Nestlé,

der das Unternehmen 1866

gründete, war Apotheker. Nestlé

geht zurück zu den Wurzeln.

Seit dem Konzernumbau

2011/12 ist Nestlé nicht nur auf

Wachstumskurs, die Nettomargen

(Reingewinn vom Umsatz)

ziehen an und liegen über zehn

Prozent. 15 Milliarden CHF dürfte

Nestlé in diesem Jahr aus dem

laufenden Geschäft holen. Selbst

in Jahren der schweren Krise

2008/09 schafften die Schweizer

Cash-Flows in zweistelliger Milliardenhöhe.

Mit 63 Milliarden CHF hat

Nestlé etwa so viel Eigenkapital

in der Bilanz wie die (durchaus

solventen) Industriekonzerne

Siemens und BASF zusammen.

Aktionäre profitieren davon: Seit

mehreren Jahrzehnten steigt die

Nestlé-Dividende, ausgefallen ist

sie noch nie.

Nestlé

ISIN:CH0038863350

75

65

55

45

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

35

2009 10 11 12 13 14

Kurs/Stoppkurs (in CHF): 70,80/60,18

KGV2013/2014: 22,6/20,4

Dividendenrendite (in %): 3,1

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Thomson Reuters

Hoch

AKTIE Gazprom

Alles eine Frage des

Gaspreises

Dass die Sanktionsdrohungen

der Europäischen Union (EU)

gegenüber Russland zu einer

energiepolitischen Neuausrichtung

beim wichtigsten

Energielieferanten der EU führen

werden, bestätigte sich in

der vergangenen Woche in Peking.

Im Rahmen des Staatsbesuchs

des russischen Präsidenten

Wladimir Putin in

China kam es nach zehnjährigen

Verhandlungen zum Abschluss

des langfristigen, insgesamt

400 Milliarden Dollar

schweren chinesisch-russischen

Gasdeals (siehe auch

Seite 32). Vereinbart wurde,

dass der russische Staatskonzern

Gazprom durch eine

neue, 22 Milliarden Dollar teure

Pipeline von 2018 an über

einen Zeitraum von 30 Jahren

jährlich 38 Milliarden Kubikmeter

Gas nach China liefert.

Das wäre etwa ein Fünftel der

Menge, die Gazprom derzeit

nach Europa liefert. Auch zwischen

Russen und Chinesen

war letztlich alles eine Frage

des Preises. Gazprom wollte

einen Preis durchsetzen, der

sich an den Lieferkontrakten

in Europa orientiert. Dieser lag

2013 im Schnitt bei 380,50

Dollar pro 1000 Kubikmeter.

Die Chinesen wollten aber

Gas gehabt

Schalke-Profi Julian Draxler

nicht mehr zahlen als für Gasimporte

aus Asien, aktuell etwa

335 bis 350 Dollar. Irgendwo in

der Mitte wird man sich getroffen

haben. Zwar hat sich China

selbst zum Ziel gesetzt, die eigene

Erdgasproduktion bis 2020

auf 420 Milliarden Kubikmeter

zu steigern. Doch das wäre gegenüber

2013 eine Steigerung

um mehr als 150 Prozent und

dürfte kaum zu realisieren sein.

Weil niemand russische Aktien

mag, könnte gerade jetzt

der Zeitpunkt zum Einstieg gekommen

sein. Gazprom ist eine

politische Aktie, aber eine sehr

preisgünstige.

Gazprom

ISIN:US3682872078

22

18

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

14

10

8

6

4

2005 2010 14

Kurs/Stoppkurs (inEuro): 6,13/4,60

KGV2013/2014: 2,7/3,0

Dividendenrendite (inProzent): 5,2

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle: Thomson Reuters

FOTOS: GLOW IMAGES, SVEN SIMON, LAIF/LOOP IMAGES/PAWEL LIBERA, MAURITIUS IMAGES/ALAMY

94 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 22 26.5.2014 WirtschaftsWoche

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ZERTIFIKATE Banken Short

Utopisch anmutende

Prognosen

Banken im Zwielicht Zentralen

von HSBC und Barclays London

Ausgerechnet das umstrittene

Investmentbanking will die

Deutsche Bank mit dem Geld

stärken, das sie durch ihre

jüngste Kapitalerhöhung hereinbekommt.

Dabei wird das

Geschäft um Wertpapiere wegen

schärferer Vorschriften

und steigender Anforderungen

an die eigenen Mittel immer

schwieriger; riskant ist es

ohnehin (siehe auch Seite 50).

Kein Wunder, dass die Aktie

der Deutschen Bank unter

Druck bleibt.

Aus ganz Europa kommen

Warnsignale. Der Gewinn der

britischen HSBC sank im ersten

Quartal um ein Fünftel,

Zwei gegen die Bank

jetzt laufen Ermittlungen der

EU-Kommission wegen Zinsmanipulation

an. Konkurrentin

Barclays verdiente im Investmentbanking

nur noch halb so

viel wie im Vorjahr; die Credit

Suisse muss 2,6 Milliarden Dollar

Strafe in einem Steuerstreit

mit dem US-Justizministerium

bezahlen. Ebenfalls ins Visier

der US-Fahnder ist die französische

BNP geraten.

Die Aussichten sind alles andere

als rosig. Commerzbank-

Chef Martin Blessing warnt vor

einem „herausfordernden Jahr“.

Seine Bank kann zwar das Volumen

des Kerngeschäfts erhöhen,

wegen wachsender regulatorischer

Auflagen und extrem

niedriger Zinsen kommen die

Erträge jedoch nicht hinterher.

Geht es nach den Prognosen

der Analysten, sollen europäische

Banken in diesem Jahr 30

Prozent mehr verdienen. Angesichts

der realen Ergebnisse

mutet das utopisch an. Mit

Shortzertifikaten können Anleger

auf Rückschläge setzen.

Zertifikate auf einen Rückgang europäischer Bankaktien

(Branchenindex Stoxx 600 Banken, aktuell 197 Punkte)

Shortzertifikat mit moderatem Hebel Faktorzertifikat mit erhöhtem Hebel

Kurs (Euro)

Stoppkurs (Euro)

1,21

0,96

3,18

2,48

Funktion

Wandelt Kursverluste im Bankenindex

mit 1,6-fachem Hebel in Gewinne um;

Beispiel: Sinkt der Index in drei Wochen

um 10 Prozent, gewinnt das Zertifikat

rund 16 Prozent; keine Laufzeitgrenze;

Achtung: Kursgewinne im

Index ergeben 1,6-fache Kursverluste

im Zertifikat; steigt der Bankenindex

wider Erwarten bis zur Knockout-

Schwelle (aktuell 310,35 Punkte),

kommt es zum Totalverlust

Wandelt tägliche Kursverluste im

Bankenindex mit vierfachem

Hebel in Gewinne um; Beispiel:

Sinkt der Index an einem Tag um 2

Prozent, steigt das Zertifikat um

rund 8 Prozent; keine Laufzeitgrenze;

Achtung: tägliche Indexgewinne

ergeben vierfache Kursverluste

im Zertifikat; in Seitwärtsphasen

des Index sind leichte

Kursverluste möglich

Kauf-Verkaufs-

Spanne (Prozent)

0,8

0,6

Emittentin Commerzbank (0,9 Prozent = geringes Ausfallrisiko)

(Ausfallprämie)

ISIN

Chance/Risiko

DE000CM54A80

8/7

DE000CZ328U1

10/9

Quelle: Banken, Thomson Reuters

ANLEIHE Polen

Dollar aus

dem Osten

Ertragreiches Land Agrarwirtschaft

im Norden Polens

Polen ist ein zuverlässiger

Schuldner. Die Ratingagentur

Standard & Poor’s bewertet

polnische Staatsanleihen mit

der Note A. Das ist mittlerer

Investmentgrade, also eine

ziemlich sichere Anlage. Das

Problem für Polen-Anleger:

Die polnische Währung Zloty

schwankt erheblich. In den

vergangenen vier Jahren etwa

hat sie gegenüber dem Euro

vorübergehend bis zu 15 Prozent

verloren. Eine Alternative

wären polnische Staatsanleihen,

die in Euro notieren. Die

allerdings bringen wenig:

Papiere mit Laufzeit bis 2022

etwa (ISIN XS0282701514)

werfen gerade 1,8 Prozent Jahresrendite

ab.

Fast das Doppelte, nämlich

3,4 Prozent Jahresrendite,

bringen polnische Staatsanleihen,

die in Dollar notieren.

Dass sie als Fremdwährungsanleihen

vom Rating eine Stufe

tiefer angesiedelt sind (A-),

sollte bei einer Weltwährung

wie dem Dollar kein Nachteil

sein; vor allem, da die europäische

Notenbank derzeit alle

Hebel in Bewegung setzt,

den Euro nicht überschießen

zu lassen, und damit indirekt

den Dollar stabilisiert. In einem

Depot aus internationalen

Anleihen ist der Dollar eine

Kernwährung – und

Staatsanleihen aus Polensind

dafür interessante Papiere.

Seit Polen vor zehn Jahren

der EU beigetreten ist, blüht

das Land auf. Um 49 Prozent

ist das Bruttoinlandsprodukt

seitdem insgesamt gestiegen.

Mit seinen fast 40 Millionen

Menschen ist Polen die größte

Wirtschaft der neuen EU-Mitglieder

in Mittel- und Osteuropa.

Einerseits ist Polen über

einen lebhaften Handel besonders

eng mit der deutschen

Wirtschaft verflochten;

das ist angesichts der deutschen

Stärke ein Vorteil. Andererseits

ist Polen eine Drehscheibe in

die Länder der ehemaligen

Sowjetunion. Das ist derzeit angesichts

der Ukraine-Krise ein

Risikofaktor. Ein Handelskrieg

der EU mit Russland würde, so

rechnen die Volkswirte der polnischen

Großbank PKO hoch,

das Wachstum um 0,3 bis 0,6

Prozentpunkte drücken. Immerhin,

selbst dann sollten gut

zwei Prozent plus beim Inlandsprodukt

bleiben. Dabei hat die

Ukraine-Krise für Polen sogar

einen Vorteil: Sie dürfte die proeuropäischen

Kräfte stärken

und Premier Donald Tusk helfen,

im Land so bald wie möglich

den Euro einzuführen.

Finanziell ist Polen dafür reif.

Die Inflation pendelt wie in

Westeuropa zwischen ein und

zwei Prozent;die Neuverschuldung

dürfte in diesem Jahr dank

Verzicht auf Gehaltserhöhungen

im öffentlichen Dienst auf

rund drei Prozent der Wirtschaftsleistung

sinken. Und bei

den Staatsschulden (gemessen

am Inlandsprodukt) steht Polen

mit 57 Prozent sogar besser da

als Deutschland mit 78 Prozent.

Kurs (%) 111,03

Kupon (%) 5,00

Rendite (%) 3,41

Laufzeit bis 23. März 2022

Währung

Dollar

ISIN

US857524AB80

WirtschaftsWoche 26.5.2014 Nr. 22 95

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Geld&Börse | Geldwoche

FONDS DWS Global Value

Warten auf einen neuen

Einstiegszeitpunkt

Aus der Masse hervor

Nippon Telegraph mit Potenzial

Fondsmanager Peter Steffen

sucht für den DWS Global Value

weltweit nach unterbewerteten

Aktien mit Nachholpotenzial.

Die sind am Markt

gerade rar. „Es ist heute

schwieriger, passende Aktien

zu finden, als noch vor vier,

fünf Jahren“, sagt Steffen.

„Aber natürlich gibt es sie.“

Vor allem in den Branchen

Telekommunikation und Gesundheitswesen

sieht Steffen

Chancen. Die japanische Nippon

Telegraph & Telephone

(NTT) hat er als größte Position

in seinem Fonds aufgenommen.

Aber auch große

US-Technologieunternehmen

liegen in seinem Portfolio, wie

etwa Microsoft. Internet-Werte

dagegen passen trotz Kurskorrektur

nicht in sein Anlageprofil.

Denn Steffen sucht

nach soliden Werten, die Dividenden

zahlen oder die

zum Beispiel ein niedriges

Kurs-Umsatz-Verhältnis aufweisen.

Vor allem aber setzt er

auf Unternehmen mit einem

aktionärsfreundlichen Management,

das etwa durch Aktienrückkäufe

die Kurse

stärkt. Seine etwas defensivere

Strategie zahlt sich im Vergleich

zur Konkurrenz aus:

Sein Fonds ist weniger anfällig

für Schwankungen.

Das Fondsvermögen vom

Global Value liegt bei 490 Millionen

Euro. Etwa zehn Prozent

davon hält Fondsmanager

Peter Steffen gerade in bar:

„Das ist der Tatsache geschuldet,

dass einige meiner Aktien

2013 ihre Zielwerte so weit

übertroffen haben, dass ich verkaufen

musste.“ Ersatz für die

Renditebringer hat er noch

nicht gefunden. Zwar liegen in

seinem Fonds im Schnitt nur 30

bis 40 Aktien, trotzdem wartet

er auf einen besseren Einstiegszeitpunkt.

Denn die Luft ist raus, vor allem

Industrie- und Finanzwerte

hält Steffen für überbewertet.

Seine Beteiligungen an Versicherungen

und einigen Banken

hat er seit Jahresanfang von etwa

20 Prozent des Fondsvermögens

auf nun 15 Prozent abgebaut.

„Für das laufende Jahr bin

ich relativ vorsichtig, was die

Kursentwicklungen angeht. Ich

erwarte keinen Crash, aber eine

Korrektur, nachdem der Bullenmarkt

einen historisch langen

Zyklus von fünf Jahren erreicht

hat.“ Im laufenden Jahr dürfte es

schwierig werden, die Wertsteigerung

des Fonds von 2013 zu

wiederholen. Sechs Prozent

plus für die meisten seiner Aktien

dürften aber drin sein,

rechnet Steffen vor.

DWS Global Value

ISIN:LU0133414606

140

130

120

110

100

90

MSCI WorldValue Index

80

2011 2014

Chance

Risiko

Niedrig

auf 100 umbasiert; Quelle:Bloomberg

Hoch

Die besten internationalen Aktienfonds

Wie die erfolgreichsten Portfolio-Manager abgeschnitten haben

Fondsname

ISIN

Wertentwicklung

in Prozent

seit 3

Jahren 1

seit einem

Jahr

Volatilität

2

in

Prozent

Die Gewinner unter den volumenstärksten Fonds

DWS Global Value

Edmond de Rothschild Global Value

C&P Funds Classix

Blackrock Global SmallCap

GAM Star Worldwide Equity USD

Schoellerbank Aktienfonds

Templeton Global Euro

Templeton Global USD

StarCapital Starpoint EUR

Templeton Growth Inc. USD

DB Platinum CROCI World R1C-E

Templeton Growth Euro

Nordea-1 Global Stable Equity

Acatis Aktien Global

ACM Bernstein Global Value USD

Schroder ISF Global Smaller Companies

3 Banken Global Stock-Mix

Gottlieb Daimler Aktienfonds DWS

Franklin Global Small-Mid Cap Growth

Investec GSF Global Strategic Equity

SEB Global Chance/Risk

Goldman Sachs Global Small Cap Core

Noris-Fonds

Fidelity World

Fondis EUR

Standard Life Investments Global

RWS-Aktienfonds

Convest 21 VL EUR

Allianz Strategie Wachstum Plus

3 Banken Value Aktienstrategie

Robeco Global Stars Equities

Raiffeisen Global Aktien

UniValueFonds Global

Candriam Equities L Sustainable World

Fidelity Portfolio Selector Growth

DWS Akkumula

Vontobel Sustainable Global Leaders

Schoellerbank Aktienfonds Value

MFS Meridian Global Concentrated

Fidelity Selection Internationale

Newton Managed GBP

DWS Concept Winton Global Equity

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