Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-06-07 (Vorschau)

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7.6.2014|Deutschland €5,00

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Rückkehr der Magie

Apple auf der Jagd nach dem neuen Steve Jobs

Dax 10000

Wie lange geht die Party noch?

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBPGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

In diesen Tagen werden die großen Reformen der

SPD-dominierten Bundesregierung Gesetz – und im

Herbst kommt die nächste Runde. Von Roland Tichy

Hysterisches Gejaule

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Eine große Koalition kann halt flott

Gesetze machen; keine lästigen

Debatten, keine Sorge um Mehrheiten;

die Herde ist groß genug,

um sogar das eine oder andere schwarze

Schaf aus dem Wirtschaftsflügel zu ertragen

– da darf der eine oder andere sogar

frech dagegen stimmen und wird doch

wieder großmütig im wohlig warmen

Pferch der Mehrheit aufgenommen. Praktisch

auch, dass die Opposition aus Linken

und Grünen nicht nur argumentativ

schwach ist, sondern auch brav auf Gro-

Ko-Linie liegt: Sie werfen artig mit Wattebällchen,

weil sie ja doch nichts anderes

wollen als die große sozialdemokratische

Koalition, nur etwas mehr von dem angerührten

Brei sozialer Wohltaten wäre nett.

Und so geht es im 7. Regierungsmonat

der großen Koalition widerspruchsfrei und

schnell voran mit ihren Verschlimmbesserungen:

Aktuell ist das Mindestlohngesetz

dran; die Rente mit 63 und die Mütterrente

sind schon durch. Jetzt darf Wolfgang

Schäuble seinen Bundeshaushalt durchwinken;

auch daran wird sich keine hitzige

Debatte entzünden. Seine Zahlen sind ja

auch sehr schön: Kaum neue Schulden – es

ist der Höhepunkt und gleichzeitig krönende

Abschluss seiner glanzvollen Karriere.

Zukünftige Finanzminister werden an

Schäubles schwarzer Null gemessen. So sichert

man sich einen Platz im Geschichtsbuch.

Seine Erben werden es schwer haben.

Irgendwann werden die Zinsen für die

insgesamt 1100 Milliarden Euro angehäufte

Bundesschuld wieder steigen; dann rutscht

der Haushalt ganz von alleine ins Rote, sogar

ins Tiefrote. Das Rentenpaket mit einer

Kostenbelastung von mindestens 160 Milliarden

Euro wird spätestens ab 2017 auch in

den Bundeshaushalt durchschlagen, ahnt

Schäubles Vorgänger Peer Steinbrück: Das

Rentenpaket „kann an der normativen

Kraft des Faktischen scheitern“, formuliert

Steinbrück kompliziert, um die Härte der

Kritik durch flauschig-unverständliche

Schonsprache zu kaschieren – Klartext war

früher und wird nur noch angewandt auf

jene außerhalb der eigenen Reihen: Nur

„hysterisches Gejaule“ kann die große Sozialministerin

Andrea Nahles von den Kritikern

(und das sind praktisch alle Fachleute)

ihrer Reformen vernehmen: So viel Abwertung

und Arroganz war wohl noch nie im

politisch-parlamentarischen Betrieb. Aber

große, unkontrollierte Gestaltungsspielräume

verführen dazu, auch die Sprache zu gestalten,

um die Hirne zu erreichen: Das

Mindestlohngesetz geht nicht als das, was

es ist, nämlich ein staatliches Lohnfestsetzungsverfahren,

in das Gesetzgebungsverfahren.

Es wird vielmehr „Tarifautonomie-

Stärkungsgesetz“ genannt: eine Art

Neusprech der großen Koalition.

DIE NEUSPRECH DER GROKO

Während andere Länder ihre Wirtschaft

entlasten, will diese Bundesregierung also

mal wieder die Belastungsfähigkeit der

Wirtschaft testen. Dazu wird im Herbst die

nächste Woge von Wirtschaftsgesetzen

über uns hinwegschwappen, die derzeit die

zweite Reihe der SPD-Minister vorbereitet:

etwa die Frauenquote in Aufsichtsräten von

Familienministerin Manuela Schwesig; ein

tiefer Eingriff in die Organisationsfreiheit

der Unternehmen (siehe Seite 31). Und

Bundesjustizminister Heiko Maas will sich

an die Spitze der SPD-geführten Landesregierungen

stellen, die via Bundesrat ein eigenes

„Unternehmensstrafrecht“ als neue

Rechtsnorm einbringen wollen: Danach

sollen nicht mehr einzelne Manager für

Verstöße haftbar gemacht und bestraft

werden, sondern das jeweilige Unternehmen

in seiner Gesamtheit. Damit werden

auch die Belegschaften in Sippenhaft genommen

und verlieren möglicherweise

sogar ihre Jobs, denn das Gesetz will ausdrücklich

komplette Unternehmen liquidieren,

wenn sie auffällig im Sinne des Gesetzes

werden. Der Gesetzesentwurf aus

der Feder des nordrhein-westfälischen Justizministers

Thomas Kutschaty nimmt Familienunternehmer

ins Visier, die zweifach

bestraft werden können: in ihrer Doppelrolle

als Manager und als Eigentümer der

Personengesellschaften.

Aber Debatten im Bundestag darüber

sind natürlich nicht zu erwarten – nur hysterisches

Gejaule.

n

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Sportclubs der Superreichen

8 Putzportale: Schwesig gegen Samwer

9 Nürburgring: Verkauf verzögert | Mobilfunk:

Urlaubsangebot floppt

10 Interview: Porsche-Design-Chef Jürgen

Gessler will Asien erobern

11 HRE: Rücktritt mit Signalwirkung | Tabak:

Angst vor Handelskrieg | Klartext:Sportwetten-Regulierung

wird zum Fiasko

12 Samwers: Aufstieg in Milliardärsclub | IBM:

IT-Tochter geht an Arvato | Lebensmittel:

Salmonellen im Geflügel

14 Chefsessel | Start-up Geile Weine

16 Chefbüro Thomas Birtel, Vorstandschef des

Baukonzerns Strabag

Politik&Weltwirtschaft

18 Russland Wie Wladimir Putin sein Land

wirtschaftlich ruiniert

24 Haushalt Die Steuern sprudeln, aber es

fehlt schon wieder Geld. Warum eigentlich?

26 Interview: Eric Schweitzer Der DIHK-

Präsident attackiert die große Koalition

28 Großprojekte Eine neue Bausoftware soll

teure Planungspleiten verhindern

30 Wasserpreise Wie die Kommunen den

fehlenden Wettbewerb ausnutzen

31 Forum: Brun-Hagen Hennerkes Was die

Frauenquote für den Mittelstand bedeutet

32 Ägypten Der neue Präsident Sisi will den

Abstieg stoppen – ein Konzept hat er nicht

33 Global Briefing | Berlin intern

Der Volkswirt

34 Kommentar | New Economics

35 Konjunktur Deutschland Der Earlybird-

Frühindikator gibt nach

36 Weltwirtschaft Trotz der WM kommt

Brasiliens Wirtschaft nicht in Schwung

37 Denkfabrik ifo-Präsident Hans-Werner

Sinn warnt vor einer Diktatur der Alten

Unternehmen&Märkte

40 Apple Mit unkonventionellen Top-

Managern will Vorstandschef Tim Cook

die Magie des Gründers Steve Jobs in die

Zukunft retten

46 Siemens Eine Fusion von General Electric

und Alstom würde den Münchner Konzern

beim Energiegeschäft zurückwerfen

48 Wizz Air Der ungarische Billigflieger mit

extremem Magerservice strebt an die Börse

52 Banken Der Niedrigzins zwingt Geldinstitute,

Aufgaben an Billigtöchter auszulagern

55 Serie Turnarounder (I) Wie Osram-Chef

Wolfgang Dehen dem alten Glühbirnenhersteller

High Tech einhaucht

60 Spezial Mittelstand Fußball-WM – wie

deutsche Unternehmen vom großen Sportereignis

in Brasilien profitieren

Titel Noch spielt die Musik

Die Welle billigen Geldes treibt den Dax

scheinbar unaufhörlich. Anleger brauchen

Aktien, keine Frage. Doch viele

könnte es bald billiger geben. Im Interview

sagt der erfahrene Geldmanager

Jens Ehrhardt, warum die Börsen-Party

erst mal Pause macht. Seite 84, 87

Störfaktor Putin

Mit Hurra-Patriotismus und einem aggressiven außenpolitischen

Kurs will Wladimir Putin seine Macht sichern. Doch er verweigert Reformen,

verprellt Investoren und treibt Russland immer tiefer in eine

Wirtschaftskrise – unter der auch Deutschland leiden wird. Seite 18

»Outen Sie sich!«

Warum der Ex-Chef des britischen

Ölkonzerns BP homosexuellen

Managern zur Offensive rät.

Wie Unternehmen eine angstfreie

Kultur etablieren. Und wie er

sein erzwungenes Coming-out

erlebt hat. Seite 78

TITELFOTO: INTERFOTO, FOTOLIA; TITELMONTAGE: DMITRI BROIDO

4 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 24, 7.6.2014

Serie (I): Die Turnarounder

Nach jahrelangen Verlusten hat Wolfgang Dehen Osram

zurück in die Gewinnzone geführt – und sich nun überraschend

von Technikchef Peter Laier getrennt. Wie machte er

den Glühbirnen- zum High-Tech-Leuchten-Produzenten? Seite 55

Kulturschock im Kultkonzern

Vom Gangsta-Rapper bis zum Ex-Gegner: Mit neuen Top-

Managern versucht Konzernchef Tim Cook, Apple von

Neuem den Geist des verstorbenen Gründers Steve Jobs

einzuhauchen. Ohne dessen Magie droht dem iPhone- und

iPad-Hersteller der Erfolg abhanden zu kommen. Seite 40

Technik&Wissen

70 Internet Das grünere Web: Google und Co.

kühlen Computer in der Arktis oder verkaufen

Server als Heizung | Ein deutscher Gründer

macht Rechenzentren effizient wie nie

75 Fußball Datendetektive jagen mit neuer

Software die Wettmafia

77 Valley Talk

Management&Erfolg

78 Interview: John Browne Was der Ex-BP-

Chef nach seinem eigenen erzwungenen

Coming-out homosexuellen Managern rät

82 Anwälte Welche Kanzlei die beste PR in eigener

Sache macht, zeigt ein neues Ranking

Geld&Börse

84 Dax Die Welle billigen Geldes treibt die Börsen.

Wie lange sollen Anleger sie reiten? | Interview:

Vermögensverwalter Jens Ehrhardt

90 US-Börse Das Versagen der Aufsicht SEC

92 Grauer Kapitalmarkt Die nebulösen Immobiliendeals

der Euro Grundinvest

96 Steuern und Recht Versandhandel | Lärmbelästigung

durch Fußball-WM | Arbeitszimmer

absetzen | Baumängel | Mietrecht |

Schadensersatz für lange Verfahren

98 Geldwoche Kommentar: Schwindel bei

Hochzinspapieren | Dax-Aktien: Deutsche

Bank | Hitliste: Börsenphasen | Aktien: RWE,

Krones | Anleihe: Hochtief/ACS | Zertifikat:

US-Technologieaktien | Investmentfonds:

Echiquier Agressor | Chartsignal: Börse

Athen | Relative Stärke: Deutsche Euroshop

Perspektiven&Debatte

106 Brasilien Die Spielorte der Fußball-WM

bieten mehr als schöne Stadien

110 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 112 Leserforum,

113 Firmenindex | Impressum, 114 Ausblick

FOTOS: LAIF/JAMES HILL; THE GUARDIAN/MATTHEW FARRANT; XINHUA/PHOTOSHOT

Business und Spiele

Vom 12. Juni an rollt der Ball bei der Fußball-

WM in Brasilien. Die Stimmung im Land ist

mau, die Konjunktur läuft schlecht. Viele deutsche

Mittelständler stört das nicht. Sie zählen zu den Gewinnern

der WM und konnten etliche Aufträge einheimsen – vom Catering

bis zur Abwehr von Terrorattacken. Doch auch wer sich weder für

Fußball noch für Geschäfte interessiert, kommt auf seine Kosten:

Rund um die Spielorte gibt es noch andere Sehenswürdigkeiten

außer den Fußballarenen. Seiten 36, 60, 75 und 106

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche mit einem Videokommentar

darüber, warum sich

Apple mit dem „Next Big

Thing“ Zeit lassen darf,

und einem 360-Grad-

Blick ins Büro des Strabag-Chefs

Thomas Birtel.

wiwo.de/apps

n Älter werden Chips im Kopf oder

Bewegungsmelder in der Wohnung –

mit welchen Hilfsmitteln wir immer

älter werden könnten, wenn wir nur

wollten. wiwo.de/innovationen

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+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 5

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Seitenblick

MILLIARDÄRE

Sport ist

ihr Hobby

Berlusconi macht’s, Abramowitsch

und jetzt Steve Ballmer – immer

mehr Unternehmer und Milliardäre

leisten sich einen Sportclub.

Rinat Achmetov (1)

Vermögen: 12 Milliarden Dollar

Club: Schachtar Donetzk

Der Club des reichsten Ukrainers holte

fünf Meistertitel in Folge und verdrängte den

Dauerrivalen Dynamo Kiew.

Roman Abramowitsch (2)

Vermögen: 9 Milliarden Dollar

Club: FC Chelsea

Der russische Ölmagnat hat seit 2003 fast

eine Milliarde in Fußballspieler investiert.

Chelsea holte so drei Meistertitel in England

und gewann 2013 sogar die Champions

League.

Steve Ballmer (3)

Vermögen: 21 Milliarden Dollar

Club: Los Angeles Clippers

Der ehemalige Microsoft-Chef hat die LA

Clippers für die Rekordsumme von zwei Milliarden

Dollar gekauft, Vorbesitzer Donald

Sterling war wegen rassistischer Sprüche

auf Lebenszeit gesperrt worden. Basketballfan

Ballmer wollte früher schon die Seattle

Supersonics und die Sacramento Kings.

1

3 4

Micky Arison (4)

Vermögen: 6 Milliarden Dollar

Club: Miami Heat

Der Kreuzfahrt-König (Carnival Cruises) will

mit Miami und Superstar LeBron James den

dritten Titel der US-Liga NBA in Folge holen.

2

5

6 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Philip Anschutz (5)

Vermögen: 10 Milliarden Dollar

Clubs: Eisbären Berlin, Hamburg

Freezers, LA Kings (alle Eishockey),

LA Lakers, LA Galaxy

Zum Anschutz-Imperium gehören

neben Sportclubs auch Stadien,

wie die O2-Arena in Berlin. Die

Eisbären verpassten nach drei

Titeln in Folge in diesem Jahr die Meisterschaft,

dafür stehen die Kings derzeit im

Finale der US-Eishockey-Liga NHL.

Silvio Berlusconi (6)

Vermögen: 9 Milliarden Dollar

Club: AC Mailand

Wie mit Berlusconi geht es auch mit seinem

Club abwärts – der AC verpasste zum ersten

Mal seit 15 Jahren die Europacup-Plätze.

6

7

8

Dietrich Mateschitz (7)

Vermögen: 9 Milliarden Dollar

Clubs: RB Leipzig, Red Bull

Salzburg, Red Bull New York

Nach dem Aufstieg von RB Leipzig

erhofft sich der Red-Bull-Chef

in der nächsten Saison den Durchmarsch in

die Bundesliga. Zudem gehören ihm Eishockey-Clubs

in München und Salzburg.

Mark Cuban (8)

Vermögen: 3 Milliarden Dollar

Club: Dallas Mavericks

Der Internet-Milliardär holte 2011 mit dem

Deutschen Dirk Nowitzki den NBA-Titel.

Paul Allen (9)

Vermögen: 16 Milliarden Dollar

Clubs: Seattle Seahawks, Portland

Trailblazers

Das Football-Team des

Microsoft-Gründers gewann im

Februar erstmals den Super Bowl.

9

FOTOS: GETTY IMAGES/AFP/MIKE EHRMANN/NBAE/TIME LIFE PICTURES, REUTERS, WITTERS, ACTION PRESS; ULLSTEIN BILD; DDP IMAGES/INTERTOPICS/UPI PHOTO/EYEVINE

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 Redaktion: oliver.voß@wiwo.de

7

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Menschen der Wirtschaft

Putzplan in Arbeit

Familienministerin

Schwesig

HAUSHALTSHILFEN

Schwesig gegen Samwer

Das Familienministerium will Putzfrauen

im Internet vermitteln und macht

damit privaten Anbietern Konkurrenz.

Die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer

sind dafür berüchtigt, im DSL-Tempo Internet-

Dienste zu gründen. Mit Helpling, einer Online-

Plattform für die Vermittlung von Putzfrauen, haben

sie darin einen Rekord aufgestellt: Am 10. Januar

beschlossen die Samwers die Entwicklung, Ende

März ging das Portal online, und in der vergangenen

Woche starteten schon Ableger in Österreich,

Frankreich, Schweden und Holland.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig

braucht mehr Zeit. Auch ihr Haus will eine Plattform

zur Vermittlung von Haushaltshilfen aufbauen,

das Projekt haben CDU/CSU und SPD im Koalitionsvertrag

vereinbart. Schwesigs Dienst kann

jedoch frühestens im kommenden Jahr starten. Die

privaten Anbieter solcher Maklerdienste sind

schon jetzt aufgebracht.

„Wir sind dabei, das Problem der Schwarzarbeit

zu lösen“, sagt Helpling-Chef Benedikt Franke. „Private

Anbieter mit einem staatlichen Konkurrenzangebot

zu verdrängen ist der falsche Ansatz. Ich

glaube nicht, dass der Staat der bessere Internet-

Unternehmer ist.“ Denn auch das Putzfrauen-Startup

vermittelt nur legale Reinigungskräfte. Auch das

Berliner Start-up Cleanagents offeriert seit bald ei-

nem Jahr solch eine Plattform, einen weiteren Wettbewerber

haben zwei Gründer des Internet-Unternehmens

Lieferheld unter dem Namen Book a

Tiger gestartet, und die von Google und anderen

Investoren mit 38 Millionen Dollar finanzierte

US-Plattform Homejoy ist seit Kurzem in Deutschland

aktiv.

„Eine aus Steuermitteln finanzierte, bundeseigene

Plattform würde hier in einen gerade wachsenden

Markt eingreifen“, kritisiert Bernhard Rohleder,

Geschäftsführer des Branchenverbands Bitkom.

„Es geht nicht darum, die Start-ups vom Markt zu

drängen“, beschwichtigt das Ministerium. Stattdessen

will es auch Kooperationen ausloten. Wie sie

aussehen könnten, ist unklar. Derzeit stimmt sich

Schwesig mit dem Arbeitsministerium ab.

„Wir sind für eine Zusammenarbeit offen“, sagt

Helpling-Chef Franke. Zweifel an einer staatlichen

Plattform hegt er trotzdem. „Ich fürchte die Komplexität

eines solchen Projekts wird unterschätzt“,

sagt Franke. Der Staat solle daher lieber die Rahmenbedingungen

anpassen. So könnte die steuerliche

Absetzbarkeit der Putzfrauen von derzeit 20

Prozent auf 30 oder 50 Prozent wie in Frankreich

oder Schweden erhöht werden. Auch der Verwaltungsaufwand

könne reduziert werden. Franke:

„Wenn der Staat die steuerlichen Anreize verbessert

und das mit einer großen Kampagne kommuniziert,

wäre das Geld besser investiert.“

oliver.voss@wiwo.de

Glänzende

Aussichten

In wie vielen deutschen

Großstädten Reinigungs-

Start-ups aktiv sind

Helpling

Cleanagents

Zeitreicher

Book aTiger

Homejoy

14

13

4

3

1

Quelle:Unternehmensangaben,

eigene Recherche

8 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: ANATOL KOTTE/DIE ZEIT/LAIF; WIKTOR DABKOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE; PR

NÜRBURGRING

Verkauf noch nicht durch

An diesem Mittwoch wollte

EU-Wettbewerbskommissar

Joaquín Almunia eigentlich

grünes Licht geben für den Verkauf

des Nürburgrings an den

Autoteilehersteller Capricorn.

Doch der Düsseldorfer Investor

und die rheinland-pfälzische

Landesregierung müssen

weiter auf eine Entscheidung

der EU-Wettbewerbsbehörde

warten.

Der Abschluss der Beihilfeprüfung,

die seit 2012 läuft, verzögert

sich voraussichtlich

noch bis zum Ende des Monats.

In Brüssel ist von verfahrenstechnischen

Gründen die Rede.

Bekannt ist aber auch, dass der

unterlegene US-Investor NeXo-

Nach einemUrteil des Europäischen Gerichtshofs lassen Tausende Privatpersonen

von Google unliebsame Ergebnisse aus der Namenssuche löschen.

Film- und Musikindustrie entfernen sogar millionenfach Inhalte.

10 000

Quelle: Google

Millionenfaches Löschen

Nike statt Adidas Fast 80 Millionen

Mal haben Fans sich weltweit

im Internet das Reklame-Video

„Winner Stays“von Nike zur

Fußballweltmeisterschaft reingezogen.

Der US-Konzern hängt

damit seinen ärgsten Konkurvation

hofft, Almunia könnte

das Bieterverfahren auf den

letzten Metern noch für illegal

erklären.

NeXovation hatte mit 150

Millionen Euro deutlich mehr

für die Rennstrecke geboten als

Capricorn, das für 77 Millionen

Euro den Zuschlag erhalten hat.

Wegen angeblicher Bevorzugung

eines einheimischen Bieters

hatte NeXovation bei der

EU-Kommission eine offizielle

Beschwerde eingereicht und einen

intransparenten Verkaufsprozess

moniert. Im Entwurf

der Kommissionsentscheidung

wird beides als unbegründet

eingestuft und auf die fehlende

Finanzierungszusage von Ne-

Xovation verwiesen. Sollte es

dabei bleiben, gäbe es kein neues

Bieterverfahren.

Werner Langen, CDU-Europaabgeordneter

aus Rheinland-

Pfalz, der Heimat des Nürburgrings,

erwartet, dass der

Wettbewerbskommissar bei

seinem bisherigen Kurs bleibt.

„Ich gehe nicht davon aus, dass

Almunia den Beschluss noch

verändert.“ NeXovation ist bereit,

den Beschluss vor Gericht

anzufechten.

Löschanträge von Privatpersonen aus

Europa zu Treffern bei der Namenssuche

gehen pro Tag bei Google ein

Wöchentliche Löschanträge (weltweit)

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

Nicht rasend schnell

EU-Kommissar Almunia

2011 2012

Aufgeschnappt

renten ab, den offiziellen Fifa-

Partner Adidas. Dessen WM-

Werbespot „Messi’s Dream“

wurde bisher nur knapp 31 Millionen

Mal aufgerufen.

Hauskonzert statt Dividende

Rund 55 000 Euro wollte Popsänger

Thomas Godoj übers Internet

einsammeln, damit er

sein fünftes Studioalbum produzieren

kann. Mehr als 117 000

Euro sind schon zusammengekommen

– Crowdfunding-Rekord

für einen deutschen Musiker.

Statt einer Dividende bietet

Godoj den Investoren Wohnzimmerkonzerte

an, Führungen

durchs Musikstudio oder den

Besuch eines Videodrehs.

MOBILFUNK

Billigofferte

gefloppt

EU-Kommissarin Neelie

Kroes wollte den Sommerurlaubern

ein Geschenk präsentieren.

Vom 1. Juli 2014 an, so

hatte es Brüssel vor zwei Jahren

beschlossen, sollten die Roaming-Aufschläge

durch eine

neue Form des Wettbewerbs

wegfallen. Ohne Tausch der

Sim-Karte dürfen Mobilfunkkunden

während ihres Aufenthalts

im europäischen Ausland

zu einem günstigeren Anbieter

wechseln. Decoupling nennt

die EU dieses neue Verfahren.

Doch nur „ein, zwei kleinere“

Decoupling-Anbieter hätten

sich gemeldet, heißt es bei den

Mobilfunkbetreibern Deutsche

Telekom, Vodafone, E-Plus und

O2. Sie selbst bieten kein Decoupling

an, müssen aber Decoupling-Anbieter

in ihre Netze

lassen. Einen zweistelligen Millionenbetrag

hätten die technischen

Vorbereitungen gekostet,

das Geld sei verschwendet, sagt

ein Telekom-Manager. Denn

die EU-Kommission habe Interessenten

selbst verprellt. Mit

dem Vorstoß, dass Roaming-

Aufschläge schon im nächsten

Jahr ganz fallen müssen, lohnt

sich ein Decoupling jetzt nicht

mehr.

2013 2014

juergen.berke@wiwo.de

6 000 000

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WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Das

Aufgebot

Der Jogi und der Hansi

haben ihr Aufgebot bekannt

gegeben. Heiraten die? Wohl

kaum, aber jetzt ist wieder

Fußballweltmeisterschaft.

Diesmal in Brasilien – falls

die Stadien rechtzeitig fertig

werden und die Mannen von

Trainer Joachim Löw und

seinem Assistenten Hans-

Dieter Flick auflaufen

können. Bei der Vergabe der

WM-Ausrichtung geht es

nach strengen Kriterien: Wer

das meiste Bestechungsgeld

löhnt, erhält wohl den Zuschlag.

2018 findet die WM in

Russland (Erdgas-Milliarden)

statt, 2022 in Katar

(Öl-Fantastilliarden). Bei der

Vergabe des WM-Titels geht

es gerechter zu. Jeder kommt

mal dran. 1998 Adidas (rüstet

Frankreichs Elf aus), 2002

Nike (Brasilien), 2006 Puma

(Italien), 2010 wieder

Adidas (Spanien), 2014 ist

dann Nike wieder dran. Also

Brasilien. Oder Südkorea –

die spielen auch in Nike!

DER FLOSKELCHECKER

Hans Gerzlich, 47, Diplom-

Ökonom, ehemaliger Marketing-Referent

und heute

Wirtschaftskabarettist und

Bürocomedian.

INTERVIEW Jürgen Gessler

»Wearables werden ein

ganz großes Thema«

Der Chef des Unternehmens Porsche Design

will Asien erobern, die Zahl seiner Läden fast

verdoppeln und setzt auf Trendprodukte.

Herr Gessler, in Ihren Porsche-

Design-Läden stechen vor

allem die Damenhandtaschen

ins Auge. Wie passt das

zusammen – Porsche und

Damenhandtaschen?

Das passt perfekt. Denn wir

waren und sind keine Männermarke.

1992 hat Ferdinand Alexander

Porsche bereits eine Tasche

für Damen auf den Markt

gebracht. Heute machen wir 25

Prozent unseres Umsatzes mit

Produkten für Frauen. Und die

Damenhandtasche ist unser

zweiterfolgreichstes Produkt

nach dem Porsche-Design-

Smartphone.

Die Porsche AG, also der Autohersteller,

hält inzwischen

65 Prozent an Porsche Design.

Stimmen sich die Designer der

beiden Unternehmen ab?

Ferdinand Alexander Porsche

hat den Sportwagenhersteller

1972 als Designchef verlassen,

um sein eigenes Designstudio

und die Marke Porsche Design

zu gründen. Er wollte Dinge für

DER VEREDLER

Gessler, 50, leitet seit 2007 das

Unternehmen Porsche Design, das

rund 200 Mitarbeiter beschäftigt,

darunter 25 Designer.

sich kreieren und hielt sich

allein an seine zehn Designgebote

– an die wir uns noch

heute halten.

Was sind Ihre wichtigsten

Märkte?

Die USA, der Nahe Osten,

Deutschland und Hongkong.

Im Frühjahr haben wir den ersten

Store in Italien eröffnet, in

Mailand; und im Sommer machen

wir den ersten Store in Paris

auf. Außerdem gehen wir daran,

Asien zu erobern. In China

haben wir im vergangenen

Jahr ein Tochterunternehmen

gegründet und wollen dort

jetzt den ersten eigenen Store

bauen.

Nach Japan wollen Sie dieses

Jahr, hatten Sie angekündigt.

Unseren Start in Japan werden

wir noch einmal um ein Jahr

verschieben – das ist ein gewaltiger

Markt. Weltweit haben wir

jetzt insgesamt mehr als 156

Stores, darunter 33 eigene, die

anderen werden von Franchisenehmern

betrieben. Bis

zum Jahr 2018 planen wir weltweit

mit 290 Stores.

Obwohl immer mehr Menschen

übers Internet einkaufen?

Der Online-Anteil an unserem

Umsatz liegt deutlich unter

zehn Prozent. Aber viele Kunden

sehen im Internet unsere

Produkte, rufen dann in einem

unserer Stores an und lassen

sich die Ware von dort schicken.

Dieser Umsatz geht natürlich

nicht in den Online-Umsatz

ein. Unsere Stores machen über

den Versand deutlich mehr als

zehn Prozent des Umsatzes.

Die Porsche Design Group erzielte

2013 einen Umsatz von

128 Millionen Euro, zehn Prozent

mehr als im Vorjahr. Wie

viel erwarten Sie dieses Jahr?

Wir gehen von einer erneuten

Steigerung aus, aber Zahlen

können wir noch nicht kommunizieren.

Der Umsatz stieg auch, weil sie

weitere Läden eröffneten.

Mit dem Flächenumsatz kommen

wir nicht an Louis Vuitton

heran, aber mit anderen Luxusmarken

können wir uns durchaus

messen.

Sie schreiben schwarze

Zahlen?

Wir möchten das Lebenswerk

von Ferdinand Alexander Porsche

bekannt machen. Aber

nicht als eingetragener Verein,

sondern profitabel.

Nach welchen Kriterien stellen

Sie das Sortiment in den Stores

zusammen?

Derzeit haben wir zwölf Produktkategorien.

Aber wann immer

im Markt eine Produktgruppe

für unsere Kunden

relevant wird, überlegen wir,

wie unsere Antwort aussehen

kann. Wir sind weniger Trendsetter

im Erfinden neuer Produkte.

Unser Ziel ist es, Produkte

besser und cleverer zu

machen.

Was kommt denn als Nächstes?

Wearables sind ein großes

Thema, also etwa Armbänder,

die Ihre Schritte messen; die

messen, wie Sie sich fühlen, wie

Sie schlafen.

hermann.olbermann@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: MATTHIAS HANGST

10 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: ARGUM/THOMAS EINBERGER; CORBIS/ZUMA PRESS/WIKTOR DABKOWSKI

HYPO REAL ESTATE

Frust zum Finale

Der Verkauf der Deutschen

Pfandbriefbank PBB soll bald

starten. Doch der überraschende

Rücktritt ihrer Chefin

Manuela Better ist ein Rückschlag

für die Privatisierung der

Tochter der Hypo Real Estate

(HRE), die in der Finanzkrise

verstaatlicht wurde. „Das hat

Signalwirkung“, heißt es in Finanzkreisen.

Mögliche Interessenten

habe schon der kürzlich

abgeblasene Verkauf der irischen

HRE-Tochter Depfa verunsichert.

Der Bund hatte entschieden,

die Depfa trotz eines

ausgehandelten Kaufvertrags

selbst abzuwickeln. Interessenten

für die PBB dürften nun feste

Zusagen fordern, dass ein

Verkauf tatsächlich gewollt ist

und am Ende nicht erneut die

Abwicklung steht.

Anders als die Depfa gilt die

PBB als intaktes Institut mit stabilem

Neugeschäft. Ein Käufer

dürfte die Bank mit dem

ZIGARETTEN

Angst vor

Handelskrieg

Frankreich, Irland und Großbritannien

wollen für alle Zigarettenhersteller

einheitliche

Packungen vorschreiben, ohne

Markenlogo und ohne firmenspezifische

Unterschiede. Die

Aktion könnten auch andere

EU-Länder aufgreifen, obwohl

EU-Kommissar Tonio Borg auf

einen Zwang zur Einheitspackung

verzichtet hat. Schon

jetzt schüren die nationalen

Einschränkungen die Angst vor

einem Handelskrieg. Denn Indonesien

drohte bereits an, im

Gegenzug Einheitsverpackung

für Wein einzuführen.

Indonesiens Vorschrift zu

schmucklosen Weinetiketten

richtet sich zunächst gegen

Schwerpunkt bei der Finanzierung

von Immobilien dauerhaft

fortführen. Das Geschäft ist allerdings

wenig profitabel und

die Refinanzierung schwierig.

Better hatte sich vehement für

Vertrauen entzogen

Bankerin Better

Firmen fürchten Flächenbrand

EU-Kommissar Borg

Australien, wo Zigaretten schon

seit Dezember 2012 in einheitlichen

grünen Packungen mit

weißem Schriftzug verkauft

werden müssen. Indonesien

und vier weitere Länder haben

Australien deswegen vor der

Welthandelsorganisation

(WTO) verklagt. Auch wenn In-

den Verkauf der Depfa eingesetzt.

Die Absage habe sie als

persönlichen Entzug von Vertrauen

empfunden, sagen Insider.

Zusätzlich dürften länger

schwelende Querelen mit Vertretern

des staatlichen Eigentümers

– etwa dem Chef des Rettungsfonds

FMSA Christopher

Pleister – zu ihrem Rücktritt geführt

haben. Sie bekommt keine

Abfindung.

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

donesien die Einschränkung

für Weinetiketten noch nicht

umgesetzt hat, so löst alleine

die Ankündigung Unruhe aus.

„Die Drohung steht im Raum“,

sagt Sylvain Naulin, Handelsexperte

der Vereinigung der europäischen

Weinhersteller CEEV.

Auch schottische Whisky-Brennereien

und tschechische

Brauereien sind besorgt.

Irland begann 2013 mit Vorarbeiten

zu einem Gesetz für

einheitliche Zigarettenschachteln.

Die französische Gesundheitsministerin

Marisol Touraine

will noch im Juni solch ein

Gesetz vorschlagen. Die EU hat

in ihrem jüngsten Regulierungspaket

auf Einheitsschachteln

verzichtet, nachdem die

Branche dies als Enteignung

kritisiert hatte. EU-Staaten steht

es aber frei, national strengere

Regeln einzuführen.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

KLARTEXT | Die

deutsche Regulierung

von Sportwetten gerät

zum Fiasko.

Einsatz

verpasst

Für Wettbüros – ob im

Internet oder an der

Straßenecke – ist die

Fußballweltmeistschaft das,

was für Einzelhändler das

Weihnachtsgeschäft von vier

Jahren wäre. Doch rechtlich

bewegen sich Wettanbieter

wie Bwin und Tipico in einer

Grauzone. Und das wird

noch lange so bleiben.

Seit Jahren wird vor Gerichten

gestritten, welche Angebote

zulässig sind, an diesem

Donnerstag befasst sich einmal

mehr der Europäische

Gerichtshof mit dem deutschen

Glücksspielrecht. Es

prüft den Sonderweg von

Schleswig-Holstein, das 2012

48 Lizenzen an Anbieter von

Sportwetten und an

Online-Casinos erteilt hat. Inzwischen

trat das Land dem

Staatsvertrag bei, den die

anderen Bundesländer geschlossen

hatten. Auch er

sieht die Vergabe von Sportwett-Lizenzen

vor, aber bisher,

fast zwei Jahre später, ist

noch keine einzige Konzession

erteilt worden.

Vor einem halben Jahr hatte

das dafür zuständige hessische

Innenministerium erklärt,

keiner der bis zu 100

Bewerber erfülle die Mindestanforderungen.

Inzwischen

wurden Unterlagen nachgereicht,

in der zweiten Jahreshälfte

könnte entschieden

werden. Dann dürften all jene

klagen, die nicht zum Zuge

kommen. Sie werden behaupten,

die Festlegung auf 20

Konzessionen sei willkürlich.

Wetten?

oliver.voss@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 11

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Menschen der Wirtschaft

SAMWER

Aufstieg in

neue Liga

Bisher tauchten die Unternehmerbrüder

Oliver, Alexander

und Marc Samwer in den

Reichstenlisten nur unter „ferner

liefen“ auf. Doch nun zeichnen

sich zwei Börsengänge ab, die

die deutschen Internet-Investoren

in den Listen nach oben katapultieren

könnten. Wagen der

Online-Modehändler Zalando

und die Start-up-Schmiede

Rocket Internet Ende des Jahres

den Gang aufs Parkett, könnten

die Anteile der Samwers nach

Berechnungen der Wirtschafts-

Woche mit rund zwei Milliarden

Euro bewertet werden.

Basis sind Berechnungen des

schwedischen Unternehmens

Kinnevik, das an Rocket und Zalando

beteiligt ist. Die Schweden

beziffern den Wert von Zalando

mit 3,9 Milliarden Euro. Für

Rocket lässt sich aus Kinnevik-

Mitteilungen ein Wert von rund

zwei Milliarden ableiten. Bankanalysten

halten auch deutlich

höhere Marktpreise für möglich.

Die Samwers sind über ihren

European Founders Fund mit 17

und 65 Prozent an den Börsen-

Kandidaten beteiligt. Zweifel am

E-Commerce-Boom könnten

aber zu Abschlägen oder zum

Aufschub der Börsenpläne

führen. henryk.hielscher@wiwo.de

GEFLÜGEL

Salmonellen

im Hühnchen

10.06. Israel Das Parlament wählt am Dienstag den

Staatspräsidenten. Um das Amt bewerben sich

sechs Kandidaten; als Favorit gilt Reuven Rivlin,

74, von der Regierungspartei Likud. Die Amtszeit

des derzeitigen Staatsoberhaupts Schimon Peres,

90, endet im Juli.

11.06. Start-ups Berlins Regierender Bürgermeister eröffnet

am Mittwoch The Factory, einen Campus

für Start-ups. Zur Feier kommt auch Google-Chef

Eric Schmidt.

Ölpreis Die Organisation der Erdöl exportierenden

Länder (Opec) berät in Wien, wie viel Öl die Mitglieder

künftig fördern sollen. Bisher sind es 30 Millionen

Barrel täglich. Die Internationale Energieagentur

hat die Opec-Länder aufgefordert, die Quote zu

erhöhen, da sonst der Ölpreis stark steigen würde.

Die Opec-Länder produzieren rund 40 Prozent des

weltweit geförderten Erdöls.

Syrien-Sanktionen Das EU-Gericht entscheidet

über die Klage der Syria International Islamic

Bank. Sie wehrt sich dagegen, dass die EU Geld

der Bank eingefroren hat.

12.06. Glücksspiel Der Europäische Gerichtshof (EuGH)

entscheidet am Donnerstag darüber, ob das

Glücksspielrecht von Schleswig-

Holstein mit dem EU-Recht vereinbar

ist. Das Bundesland ist dem

deutschen Glücksspielvertrag 2012

nicht beigetreten, sondern hat sich

liberalere Regeln gegeben.

15.06. Weltkulturerbe Das Welterbekomitee der Unesco

berät am Sonntag über die Aufnahme weiterer

Anwärter. Deutschland hat das Kloster Corvey in

Nordrhein-Westfalen nominiert. Eine Entscheidung

fällt voraussichtlich am 21. oder 22. Juni.

Amerikaner

mögen’s gechlort

Rohes Hühnchen

TOP-TERMINE VOM 09.06. BIS 15.06.

Fast jedes fünfte Schlachthühnchen

in Deutschland ist mit Salmonellen

belastet. Das bestätigte

das Bundeslandwirtschaftsministerium

auf Anfrage. Ganz

genau sei es „eine Salmonellenkontaminationsrate

von 17,8

Prozent“. Die mit dem gefährlichen

Krankheitserreger infizierte

Ware wird aber nicht vernichtet,

sondern landet großteils

trotzdem im Supermarkt. Zur

Begründung heißt es aus dem

Ministerium, dass das Fleisch

„üblicherweise nicht roh verzehrt

wird, sondern gegart, gebraten,

gekocht, sodass Salmonellen

abgetötet werden“.

Im Einzelhandel

wurden noch

bei 6,3 Prozent

des frischen Geflügelfleischs

Salmonellen gefunden.

Die Zahlen basieren

auf dem Zoonosen-Monitoring,

mit dem die Lieferkette der Lebensmittelwirtschaft

kontrolliert

wird. Salmonellen sind der

Hauptgrund, weshalb in den

USA Hühnchen mit Chlor

desinfiziert werden –

eine Praxis, die die

Europäer in den Verhandlungen

um ein

Freihandelsabkommen

kritisieren.

christian.ramthun@wiwo.de |

Berlin

IBM DEUTSCHLAND

IT-Tochter

an Arvato

Der deutsche Ableger des amerikanischen

IT-Konzerns IBM

will große Teile seiner Tochter

IBM Mittelstand Service an die

Bertelsmann-Tochter Arvato

Systems verkaufen. Davon seien

300 bis 400 Beschäftigte betroffen,

heißt es in Kreisen des

IBM-Aufsichtsrats. Insgesamt

arbeiten 545 Kräfte für IBM Mittelstand

Service. Wer nicht zu

Weniger Arbeitsplätze IBM-

Deutschland-Chefin Koederitz

Arvato wechseln kann, soll in

anderen IBM-Gesellschaften

unterkommen. Der Betriebsübergang

erfolgt voraussichtlich

im dritten Quartal. IBM

wollte sich auf Anfrage nicht

äußern.

Grund für die Übernahme:

Anfang Mai hatte Arvato verkündet,

sich vom 1. Juli an um

die komplette IT von Rheinmetall

zu kümmern. Der Autozulieferer

und Rüstungskonzern

wiederum hatte seine IT im

Jahr 2002 im Rahmen eines

Outsourcing-Vertrags an IBM

abgegeben.

Mit dem Verkauf kann IBM-

Deutschland-Chefin Martina

Koederitz erneut Stellen reduzieren.

IBM hat in Deutschland

zwischen 2007 und 2013 fast

geräuschlos 18 Prozent der Arbeitsplätze

gestrichen und

zählt inzwischen nur noch

16 900 Beschäftigte.

michael.kroker@wiwo.de

FOTO: DDP IMAGES/JENS SCHLÜTER, GETTY IMAGES/PAUL POPLIS, FOTOLIA/ALEXANDR MITIUC

12 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

BAYER

Marijn Dekkers, 56, will

den Leverkusener Pharmaund

Chemiekonzern nur

noch bis Ende 2016 leiten.

Seinen Vertrag verlängerte

der gebürtige Niederländer

darum lediglich um zwei

Jahre. Danach will er mehr

Zeit mit seiner Familie verbringen.

Beste Chancen auf

Dekkers’ Nachfolge hat Werner

Baumann, 51, der nach

dem Wirtschaftsstudium

1988 bei Bayer anheuerte

und derzeit Finanzvorstand

ist. Vom 1. Oktober an verantwortet

er im Vorstand die

Kernthemen Strategie und

Portfoliomanagement. Finanzvorstand

wird dann Johannes

Dietsch, 52, ebenfalls

ein Bayer-Gewächs und bisher

zuständig für das China-

Geschäft des Konzerns.

UNILEVER

Ulli Gritzuhn, 52, wechselt

zum britisch-niederländischen

Konsumgüterkonzern:

Von Juli an führt er

die Geschäfte in Deutschland,

Österreich und der Schweiz.

Der Ökonom folgt auf den

Niederländer Harry Brouwer,

55, der die Leitung des globalen

Unilever-Geschäfts für Großverbraucher

übernimmt. Seit

2007 arbeitet Gritzuhn für

Nestlé.

SCHAEFFLER

Klaus Deller wird doch nicht

Chef des Autozulieferers. Ursprünglich

sollte er den Posten

Anfang Juli antreten. Interimschef

Klaus Rosenfeld bleibt Vorstandsvorsitzender,

sein Vertrag

läuft über fünf Jahre. Auch

Technologiechef Peter Gutzmer

verlässt Schaeffler nicht.

HANSGROHE

Thorsten Klapproth, 52,

übernimmt im Oktober den

Vorstandsvorsitz des Armaturenherstellers.

Zuletzt leitete

der Manager den Küchenausrüster

WMF, schied aber vor

einem Jahr aus. Bei Hansgrohe

löst er Siegfried Gänßlen, 68, ab.

VOEST ALPINE

Wolfgang Eder, 62, Chef des

österreichischen Stahlkonzerns,

soll am 6. Oktober zum

Präsidenten des Weltstahlverbandes

gewählt werden. Er löst

Joon-Yang Chung, 66, ab, Chef

des südkoreanischen Stahlkochers

Posco.

FAHRRAD

30 Prozent

der Haushalte in deutschen Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern

besitzen als Verkehrsmittel nur Fahrräder, aber kein Auto

und kein Motorrad. Vor zehn Jahren waren es erst 22 Prozent.

Im Bundesdurchschnitt sind es heute 15 Prozent. Aber nur zehn

Prozent der Beschäftigten fahren mit dem Rad zur Arbeit.

GEILE WEINE

Parfümerien als Vorbild

Fakten zum Start

Gründer Initiator Sedat Aktas, 36,

Weinhändler Michael Reinfrank,

31, Adidas-Marketingexperte

Kolja Orzeszko, 35

Umsatz 2014: 673 000 Euro;

2015: 2,1 Millionen Euro

Die traditionsbewussten Winzer in Rheinhessen und der Pfalz waren

geschockt. „Geile Weine“ taufte Sedat Aktas sein Unternehmen,

das im vergangenen Jahr startete. So überraschend wie der

Name ist seine jüngste Idee: Sie orientiert sich an Parfümerien.

Die bieten ihren Kunden seit jeher Probefläschchen an. Warum

nicht auch der Weinhandel, dachte sich Aktas. Von Juli an verkauft

er übers Internet 5cl-Flaschen, die Probierbox mit drei Minis zu

7,90 Euro. Haben die Kunden ihre Sorte gefunden, ordern sie größere

Flaschen, hofft Aktas und will sich so von anderen Weinversendern

abheben. Der Umsatz soll damit auf 673 000 Euro steigen,

2013 nahm er nach dem Start im Oktober 32 554 Euro ein.

Rund 200 verschiedene Weine enthält sein Sortiment, „meist

von Winzern aus der Region“, sagt der Mainzer Jungunternehmer.

An den Firmennamen haben sie sich gewöhnt. Mehr noch: Angehörige

von Winzerfamilien mischen inzwischen bei „Geile Weine“

mit. Mit Experten aus der Branche verhandelt Aktas über einen

Einstieg ins Unternehmen. Neben dem studierten Medienmanager

sind bisher vier Gesellschafter beteiligt. Rund 150 000 Euro hat

er anfangs selbst investiert,

weitere 200 000 Euro

über Crowdfunding eingesammelt.

Für den

nächsten Schritt braucht

er neues Geld: Er will

„Single-Flaschen“ einführen,

0,2 Liter groß, für

Alleinwohnende.

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTO: INGO RAPPERS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE; PR

14 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Thomas Birtel

Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Strabag

Vor einem Jahr wechselte

Thomas Birtel, 60, von der

Kölner Niederlassung des Baukonzerns

Strabag in die Konzernzentrale

nach Wien. Der

promovierte Ökonom trat damals

sein Amt als Vorstandsvorsitzender

an. Von der Tiefgarage

des Strabag-Turms fährt

er seither in die zwölfte Etage.

Da endet der Aufzug. Aber Birtel

muss noch eine Treppe höher

steigen, weil die Vorstandsbüros

in der 13. Etage liegen,

die intern Galerie heißt. Der

Strabag-Chef hat das Büro seines

Amtsvorgängers Hans Peter

Haselsteiner, 70,

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

übernommen. Der

Österreicher ist

Mehrheitsaktionär

von Strabag und sitzt

nun ein paar Zimmer

weiter. Er verzichtet

auf den Weitblick bis

zum Prater-Riesenrad,

Stephansdom und Wienerwald

mit den Erhebungen von

Kahlenberg und Leopoldsberg.

Dem Panorama und der Donau

kehrt Birtel den Rücken zu,

wenn er an seinem funktional

designten Schreibtisch vor der

mächtigen Fensterfront sitzt,

die den nüchternen Raum dominiert.

Die zwei Gemälde

gegenüber

stammen vom Maler

und Birtel-Freund

Wilfried Oelschläger,

der in Mülheim an

der Ruhr wohnt;dort

ist auch Birtel seit

Jahrzehnten zu Hause.

Das Werk „Abstrakt – konstruktiv“

hat Branchenbezug

und zeigt fotorealistisch eine

rostige Schaufel mit langem

Stiel vor abstrakt-grünem Hintergrund.

Es hängt über einem

Sideboard mit Büchern, Grußkarten

und Birtels Erinnerungsstücken.

Das zweite Oelschläger-Bild

ist ein Geschenk zum

Börsengang 2007 und zeigt

schemenhaft den damaligen

Strabag-Emissionskurs. Die

Lettern und Ziffern „EUR

47,00“ empfindet Birtel als „stete

Mahnung“ – heute notiert

die Aktie bei 22 Euro.

harald.schumacher@wiwo.de

FOTO: LUKAS BECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Störfaktor Putin

RUSSLAND | Mit Hurra-Patriotismus und einem aggressiven

außenpolitischen Kurs will Wladimir Putin seine Macht

sichern. Doch er verweigert Reformen, verprellt Investoren

– und treibt sein Land immer tiefer in eine Wirtschaftskrise,

unter der auch Deutschland leiden wird.

Die Neigung des russischen Präsidenten

Wladimir Putin zur

Selbstinszenierung ist der Welt

hinlänglich bekannt. Es gibt

ihn mit Sonnenbrille auf dem

Motorrad, mit einem (angeblich selbst geangelten)

21-Kilo-Hecht im Arm und mit

nackter Brust auf einem Pferd. Abgesehen

von der eher harmlosen Kraftmeierei, die

das russische Wahlvolk begeistert, verfügt

der Kremlchef aber auch über eine Kraft,

die Investoren gefährlich werden kann: Er

kann Kurse bewegen. Als er im Mai beim

Wirtschaftsforum Sankt Petersburg die

Wahl in der Ukraine zu „respektieren“ versprach,

legte der Rubel zu, der zuvor wegen

seiner Krim-Annexion abgestürzt war. Als

Putin dem russischen Google-Herausforderer

Yandex Kontakt zu US-Geheimdiensten

unterstellt hatte, ging es mit den Kursen

an der Börse bergab.

Nie war Putin so unberechenbar wie in

diesen Tagen, da er sich politisch auf dem

Zenit seiner Macht wähnt. Denn spätestens

mit der Krim-Annexion hat sich die

Funktionslogik des Regimes radikal verändert:

Da die Umverteilung von Wohlstand

wegen der verschleppten Modernisierung

nicht mehr gelingt, legitimiert Putin seinen

Machtanspruch im Innern mit einer Politik

der Stärke: Das Volk berauscht sich am Gefühl

des „Wir-sind-wieder-Wer“ und beschert

dem Kremlchef eine Popularität wie

lange nicht. „Das Fatale ist, dass diese Politik

keine Rücksicht auf die ökonomische

Entwicklung kennt und Russland in die

Selbstisolation führt“, sagt Stefan Meister

vom European Council on Foreign Relations.

Zum Jahrestag des D-Day in Paris

wollte vergangene Woche kein Staatschef

gern neben Putin sitzen, beim G7-Gipfel

tags zuvor in Brüssel hatte man den Russen

gleich ganz ausgeschlossen.

Wie lange kann das Modell Putin noch

gut gehen? Die je nach Berechnung sechstbis

achtgrößte Volkswirtschaft der Welt

schiebt einen Berg überfälliger Reformen

vor sich her und ist so abhängig von den

Rohstoffpreisen wie nie zuvor. Während

die Ineffizienz der Staatswirtschaft wächst,

hat das auf Verteilung von Petrodollars beruhende

Wirtschaftsmodell seine Grenzen

erreicht. Im Falle sinkender Ölpreise oder

verschärfter westlicher Sanktionen könnte

Russland in eine üble Rezession schlittern,

ähnlich dem Absturz von 2009, als das

Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,8 Prozent

einbrach.

DROHENDE STAGFLATION

Die Zeichen stehen bereits auf Rot: Trotz

stabiler Ölpreise und passabler Weltkonjunktur

steckt Russland für die nächsten

zwei, drei Jahre in der Stagflation fest. Laut

Prognose des Internationalen Währungsfonds

(IWF) wächst die Wirtschaft 2014 nur

noch um 1,3 Prozent, und das ist bereits ein

sehr optimistisches Szenario. Der ehemalige

russische Finanzminister Alexej Kudrin

sieht das Wachstum auf Jahre hinaus bei

null Prozent. Die Weltbank hält in ihrem

Negativszenario dieses Jahr sogar ein Minus

von 1,8 Prozent für möglich. Gleichzeitig

ist die Inflationsrate auf fast acht Prozent

gestiegen und zwingt die russische

Zentralbank, die Leitzinsen drastisch zu erhöhen

(siehe Grafik Seite 20). Was wiederum

die Investitionen abwürgt.

Die Probleme sind überwiegend hausgemacht.

Putins wirtschaftspolitisches Re-

»

FOTO: LAIF/JAMES HILL

18 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Augen geradeaus! In Moskau

schwenken Russen auf einer

Pro-Putin-Kundgebung riesige

Fahnen mit der Aufschrift:

„Wir stehen zusammen.“

19

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Politik&Weltwirtschaft

»

zept erschöpft sich in der Umverteilung

von Einnahmen aus dem Rohstoffverkauf,

wobei Löhne und Pensionen selbst ohne

Produktivitätssteigerungen erhöht werden.

Hinzu kommt nun, dass der Kremlchef mit

seiner antiwestlichen Rhetorik ausländische

Unternehmer verprellt, die mit Investitionen

zur dringend nötigen Modernisierung

und Diversifizierung des sowjetisch

geprägten Landes beitragen könnten. Letztere

Hoffnungen könne man „im Moment

völlig vergessen“, sagt der Moskauer Ökonom

Wladislaw Inosemzew. Putin sehe

sich als Gott und handle in den Tag hinein.

„Einen langfristigen Plan zur wirtschaftlichen

Entwicklung hat er nicht. Hatte er

noch nie.“

DEUTSCHE EXPORTE SINKEN

Fachleute tun sich schwer, den exakten Effekt

von Putins Ukraine-Politik zu beziffern.

„Die Wachstumsschwäche hat bereits

2013 begonnen“, sagt Frank Schauff, Geschäftsführer

der Association of European

Businesses in Moskau, „die Ukraine-Krise

und die folgende Sanktionsdebatte haben

die prekäre Wirtschaftslage aber verstärkt.“

Besonders betroffen ist die Autobranche,

auch die mit diesem Sektor verbandelten

Zulieferer und Anlagenbauer.

Nicht einmal der Konsum ist mehr eine

große Stütze der Konjunktur. Früher steckten

die mit Abwertungen erfahrenen Russen

gerade in Krisenzeiten ihr Geld in materielle

Werte. Nun aber scheinen die Bedürfnisse

eher gesättigt zu sein. Noch mieser

ist die Stimmung im Finanzsektor, wo

das Investmentbanking angesichts des Investitionsklimas

brach liegt und die Finanzierung

bei ausländischen Geschäftsbanken

wegen der hohen Risikobewertung im

Gedrosseltes Tempo In Russland sinkt der Absatz von Neuwagen. Volkswagen ist mit seinem

Werk in Kaluga südlich von Moskau betroffen, wo auch der Skoda Octavia gebaut wird

Russlandgeschäft kaum mehr möglich ist.

„Manch ein Banker würde am liebsten aus

dem Fenster springen“, sagt ein deutscher

Geschäftsmann in Moskau.

Besorgt ist auch die deutsche Wirtschaft.

Mit über 6000 Niederlassungen sind die

Deutschen im Land besonders stark vertreten.

Zwar gibt es immer noch Investitionspläne:

Der Troisdorfer Fensterbauer

Profine etwa plant in Russland ein drittes

Werk, SAP will mit dem Moskauer Telekomkonzern

Rostelekom Cloud-Systeme

für Russland entwickeln. Doch die deutschen

Exporte nach Russland sind im ersten

Quartal um 12,9 Prozent im Vergleich

zum Vorjahreszeitraum geschrumpft. Laut

einer Umfrage des Münchner ifo Instituts

spüren bereits 17 Prozent der befragten

Unternehmen die Auswirkungen der

Ukraine-Krise in Russland, ein Drittel rechnet

mit baldigen Folgen. „Viele Unternehmen

haben ihre Investitionen auf Eis gelegt“,

heißt es auch bei der deutsch-russischen

Auslandshandelskammer.

Putins Hang zum Interventionismus zerstört

das Vertrauen in den Standort: „Für

das Investitionsklima ist es wichtig, dass

Regeln und Gesetze eingehalten werden“,

sagt der auf Russland spezialisierte Mainzer

Investmentberater Jochen Wermuth

mit Blick auf die Krim-Krise: „Es nicht vertrauensbildend,

wenn man seinem Nachbarn

ein Stück Land wegnimmt.“ Der Rubel

verlor seit 2013 gegenüber Euro und Dollar

ein Drittel an Wert, auch weil im ersten

Quartal mit über 60 Milliarden Dollar mehr

Kapital abfloss als im Gesamtjahr 2013.

Zumindest in Moskau tut man sich

gleichwohl noch schwer, Zeichen der Krise

zu finden: Moderne West-Autos haben alte

Lada-Schiguli aus dem Stadtbild verdrängt,

neuerdings gibt es Parkuhren. Ständig öff-

Putins Probleme

Das Wachstum ist schwach...

(BIP gegenüber Vorjahr in Prozent)

...und weil der Rubel fällt...

(Rubel-Kurs zum Euro)

...erhöht die Notenbank die Zinsen

(Leitzinsen in Prozent)

5

52

12

4

51

10

2010 11 12 13 14

Quelle:IWF, Thomson Reuters

3

2

1

0

März April Mai

50

49

48

47

2008 09 10 11 12 13 14

8

6

4

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, PRIVAT

20 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Herr Hagemann, wie groß ist die

Furcht deutscher Unternehmen vor

weiter gehenden Sanktionen gegen

Russland?

Es ist eine deutliche Unruhe zu spüren.

Wenn Russland wegen eines Embargos

zum Beispiel die Einnahmen aus Rohstoffexporten

wegbrechen, würde der

dortigen Wirtschaft rasch das Kapital

zur Beschaffung deutscher Maschinen

oder Autos fehlen. Die Schwächung

der russischen Wirtschaft würde dann

die deutsche zeitversetzt ebenfalls

schädigen.

Bislang treffen die Maßnahmen von

EU und USA nur Einzelpersonen aus

Putins Umfeld – und nicht ganze

Wirtschaftszweige...

...aber in Russland sind viele deutsche

Mittelständler aktiv, die sich zum ersnen

neue Cafés mit Freiluft-Terrassen.

Gourmetköche aus dem Westen kochen

für Restaurants. Parks sind renoviert; der

trendige Russe flitzt jetzt auf breiten Skateboards

und Rollern über die Flusspromenade

am Gorki-Park. Man hat den Eindruck,

als wollten die Machthaber gegen

potenzielle Unzufriedenheit in der Bevölkerung

vorbauen, indem sie aktiv in Lebensqualität

investieren.

Wie ein Ereignis aus grauer Vorzeit wirken

in diesen Frühsommertagen die Massendemonstrationen

vom Dezember 2011.

Eine frustrierte Mittelschicht hatte damals

auf dem nahen Bolotnaja-Platz nach Wahlfälschungen

dem Unmut über Korruption

und Willkürherrschaft Luft gemacht. Putins

schlimmste Albträume wurden wahr:

Eine „bunte“ Revolution, gerichtet gegen

ihn! Doch der Kremlchef reagierte taktisch

klug, indem er die Protestler gewähren ließ

– und strategisch fatal, indem er danach zu

schärferer Repression überging und die liberalen

Kräfte aus dem Alltag verdrängte.

Heute ist Russland unter Putin so autoritär,

wie es selbst die Sowjetunion nicht immer

war. Kritik lässt der Kreml im Keim ersticken,

Demonstrationen sind meist verboten,

Andersdenkende werden verhaftet.

Mit Einschränkungen der Versammlungsfreiheit,

Gesetzen gegen Homosexualität

und der Ausweisung ausländischer Organisationen

als „Spione“ distanziert sich die

russische Elite von bürgerlichen Freiheiten

und politischen Rechten, die immer noch

in der Verfassung stehen. Wem dieses Klima

der Unfreiheit nicht passt, der wandert

aus – oft nach London, Berlin, San Francisco

und Hongkong. Wachsamen Beobachtern

fällt bei jeder Auslandsreise auf, wie

viele Russen ihrer Heimat den Rücken gekehrt

haben. Das war mal die neue Elite.

Die Abkehr vom Westen funktioniert, da

die Staatsmedien mit verblüffendem Erfolg

neue Feindbilder schaffen. Demnach marodieren

in der Ukraine Faschisten auf Befehl

der USA, die EU errichtet Konzentrationslager

für russische Gefangene. „Es wird

einem übel, wenn man in russische Nachrichten

zappt“, sagt ein deutscher Manager.

Dass die Proteste auf dem Maidan zu Beginn

weder proeuropäisch noch antirussisch

waren, sondern sich ähnlich wie in

Moskau gegen die Arroganz der Elite richteten,

ignorieren Putins Mediensoldaten.

Ebenso wie die „kontrollierte Destabilisierung“,

wie man in Moskau die Einflussnahme

auf die Ukraine bezeichnet.

Wenn der Westen zum Feind wird, drohen

auch Geschäftsleuten ungemütli-

»

INTERVIEW Dirk Hagemann

»Bis zu fünf Jahre Haft«

Der Experte für Exportrecht über die Sanktionen gegen Russland –

und die drohenden Strafen bei Verstößen.

»Russland

kann natürlich

jederzeit eigene

Embargos

verhängen«

ten Mal überhaupt mit der Gefahr eines

Embargos konfrontiert sehen. Wir registrieren

in den Unternehmen eine große

rechtliche Unsicherheit im Umgang mit

Sanktionen. Es geht ja zum Beispiel um

die Haftungsfrage, wenn ein Auftrag wegen

eines Embargos ausfällt – oder um

den richtigen Umgang mit gelisteten

Personen. Hinzu kommt, dass manche

Firmen, etwa Elektronikzulieferer aus

der Luft- und Raumfahrtbranche, schon

jetzt Verzögerungen bei Ausfuhrgenehmigungen

nach Russland beklagen. Die

Sanktionen sind für uns Wirtschaftsanwälte

ein Thema, obwohl – noch – kein

echtes Wirtschaftsembargo verhängt

worden ist.

DER JURIST

Hagemann, 37,

ist Rechtsanwalt

und Experte für

Exportrecht in

der Kanzlei Hohmann

im hessischen

Büdingen.

Wie wirkt sich die Möglichkeit härterer

Sanktionen auf den Handel und die

Investitionen aus?

Die wirtschaftlichen Sorgen und die

rechtliche Unsicherheit können im

Extremfall dazu führen, dass sich Unternehmen

auch aus dem legalen Russland-

und Ukrainegeschäft zurückziehen

– weil die rechtlichen Risiken und

der administrative Aufwand zu groß werden.

Wir kennen dieses Problem aus

dem Iran-Embargo.

Einige russische Politiker haben gedroht,

im Falle von Sanktionen die

Vermögen westlicher Unternehmen zu

beschlagnahmen. Ist das juristisch

möglich?

Eine Beschlagnahme als Enteignung

dürfte in jedem Fall rechtswidrig sein,

weil sie gegen den völkerrechtlichen

Mindeststandard für ausländische Unternehmen

verstößt. Russland kann aber

natürlich jederzeit eigene Embargos verhängen.

Ob diese dann mit dem Regelwerk

der Welthandelsorganisation WTO

vereinbar wären, ist zweifelhaft.

Wie sollten sich Unternehmen bei künftigen

Russlandgeschäften verhalten?

Es ist wichtig, eine funktionierende Exportkontrolle

zu installieren. Wer vorsätzlich

gegen das derzeitige Embargo

verstößt, dem drohen bis zu fünf Jahre

Gefängnis, bei Fahrlässigkeit ist eine

Geldbuße bis zu 500 000 Euro möglich.

Also sollte es ein deutscher Unternehmer

unbedingt vermeiden, mit einer

gelisteten Person Handel zu treiben oder

Geld an sie zu zahlen. Das ist im Moment

aber noch beherrschbar.

florian.willershausen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 21

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Politik&Weltwirtschaft

»

che Zeiten. Kremlnahe Politiker denken

laut über Gegensanktionen nach, nachdem

der Westen einzelnen Ober-Russen

Konten gesperrt hat und ihnen die Einreise

verweigert. Die russischen Ideen reichen

von der Zwangsschließung von McDonald’s-Filialen

bis hin zur Konfiszierung

von Vermögenswerten ausländischer Investoren.

Die Staatsduma arbeitet an einem

Gesetz, das dies möglich macht.

HEILIGER KRIEG GEGEN LIBERALE

Liberale haben es schwer in solchen Tagen.

Zwar halten sich einige Leichtgewichte

dieses früher mächtigen Flügels an den

Spitzen von Notenbank und Finanzministerium.

Einfluss auf Putin haben dagegen

radikale Wirrköpfe, die dem Land eine nationalistisch-konservative

Ideologie verpassen

wollen. Talkmaster Dmitri Kisseljow

hetzt im Fernsehen gegen den Westen,

der Politologe Alexander Dugin propagiert

einen „heiligen Krieg“ gegen den Liberalismus

im verweichlichten Westen. Sergej

Glasjew, der Putin in Wirtschaftsfragen berät,

forciert die Zuwendung Russlands hin

zu China und träumt den Traum der Eurasischen

Union (siehe Seite 23). Das nationalistische

Getrommel ist freilich auch

Ausdruck einer tiefen Enttäuschung über

den Westen. Auf Putins Idee der Freihandelszone

von Wladiwostok bis Lissabon

ging in der EU niemand ein, in der EU-

Nachbarschaftspolitik gegenüber der

Ukraine fühlt sich Russland übergangen.

Ökonomisch besonders fatal ist die Monostrukturierung

der Wirtschaft. Eigentlich

wollte Putin sein Land unabhängiger machen

von Öl- und Gasexporten. Man müsse

sich auf High Tech konzentrieren, um

künftig Wohlstand zu garantieren, schrieb

Öl für Putin Jedes Jahr steigert Russland die Ölförderung wie hier in Nordsibirien –

doch die Effekte für das Wirtschaftswachstum bleiben mittlerweile aus

Land daher Benzin und Diesel importieren.

Sogar Plastik-Mülltonnen führt Russland

aus Deutschland ein, weil es an petrochemischen

Betrieben fehlt. „Sie haben

aus der Rohstoffwirtschaft herausgeholt

was möglich war, aber nun müssen neue

Wachstumsquellen her“, sagt Christopher

Hartwell, Konjunkturforscher an der Skolkovo

School of Management. Dazu sei es

nötig, das „grauenvolle Investitionsklima“

zu verbessern.

Hier war Russland schon mal weiter. Als

Dmitri Medwedew 2008 Präsident wurde,

ließ er Beamte in Bussen in eine Kleinstadt

kutschieren, wo er mittelständische Betriebe

besuchte und sich von Erfahrungen mit

Behörden berichten ließ. Danach stauchte

er die Beamtenschar vor laufenden Kameras

zusammen, nannte sie einen „Albtraum

für Unternehmer“. Medwedew, heute

macht- und wirkungsloser Regierungser

im Januar 2012. Seither aber ist der Anteil

der Rohstoffeinnahmen am Staatshaushalt

und an den Exporten weiter gestiegen.

Und die jüngst mit China geschlossenen

Öl- und Gaslieferverträge dürften

Russland weiter in Richtung Petrostaat

treiben.

Obwohl die Ölförderung in den weithin

ausgebeuteten Feldern aus den Siebzigerjahren

weiter hochgefahren wird und der

Barrelpreis stabil um die 110 Dollar liegt,

trägt der Rohstoffreichtum nicht zur wirtschaftlichen

Entwicklung bei. Im Gegenteil.

Der Reichtum an Rohöl hemmt die

Entwicklung von Wertschöpfungstiefe, die

Russland schon wegen der Beschäftigungseffekte

dringend nötig hat. Die Gasund

vor allem Ölexporte nach Europa sind

für den russischen Fiskus so lukrativ, dass

die Rohstoffe kaum verarbeitet werden.

Mangels Raffineriekapazität muss das

Technik raus, Rohstoffe rein

Waswir nach Russland exportieren...

(in Milliarden Euro)

8,6 Kraftwagen und Zubehör

31,8

8,4

3,2

2,8

2,6

1,8

1,6

1,4

1,2

Maschinen

Chemische Erzeugnisse

DV, elektronische und optische Geräte

Elektrische Ausrüstungen

Pharmazeutische Erzeugnisse

Nahrungsmittel und Futtermittel

Metallerzeugnisse

Gummi- und Kunststoffwaren

2012;Quelle: Statistisches Bundesamt

...und was wir von dortbeziehen

(in Milliarden Euro)

3,6

3,5

1,0

0,8

0,3

0,2

0,1

0,1

Kohle

Metalle

Erdöl und Erdgas

Kokerei- und Mineralölerzeugnisse

Chemische Erzeugnisse

Flechtwaren ohne Möbel

DV, elektronische und optische Geräte

Maschinen

Papier, Pappwaren

Wir sind dann mal weg

Ausländische DirektinvestitioneninRussland

(in Milliarden Dollar)

2011 2012 2013 2014

Quelle: OxfordEconomics

80

70

60

50

40

30

20

10

0

FOTOS: AGENTUR FOCUS/JUSTIN JIN, ULLSTEIN BILD/NOWOSTI

22 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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chef unter Putin, wollte den Aufbau eines

innovativen Mittelstands fördern und das

Land aus der Ölabhängigkeit befreien.

Aus der Zeit des Aufbruchs ist nur ein futuristisches

Gebäude übrig geblieben. Es

besteht aus einem Plateau mit vier Hochhausquadern

und schaut aus wie ein

Raumschiff, das keine Landegenehmigung

für Moskau erhalten hat: Die Skolkovo

School of Management liegt in einem Dorf

am westlichen Stadtrand, wurde von Russlands

liberaler Wirtschaftselite finanziert

und 2010 eröffnet. Die Eliteschule ist eine

Oase von Innovation und Internationalität,

Symbol eines modernen Russlands, von

dem die neue Generation träumt.

Im hellen Foyer begrüßt Maxim Karpow

seine Besucher. Der Jurist kümmert sich

um Start-ups, ein angeschlossenes Gründerzentrum

hilft bei der Registrierung von

Patenten und der Arbeit am Businessplan.

„Innovationen scheitern in Russland nicht

an den Leuten. Kluge Kreative haben wir

reichlich“, sagt Karpow. Es hapere an der

Kommerzialisierung von Ideen und am Investitionsklima.

„Bei uns haben zu viele

postsowjetische Entscheider keynesianischer

Prägung das Kommando, die wollen

die Wirtschaft steuern und kontrollieren“,

so Karpow. „Echte Veränderungen, ein Klima

für Innovationen, müssen sich in Russland

von unten entwickeln.“

Das kann allerdings dauern. Sogar Absolventen

von Wirtschaftsuniversitäten arbeiten

derzeit lieber für Gazprom, als sich

selbstständig zu machen. Viele hoch qualifizierte

Russen verlassen ihr Land gleich

ganz. Zurück bleiben die Alten und gering

Produktiven, die dem Staat zumal in Krisenzeiten

auf der Tasche liegen.

Wie lange kann Putin seinen Kurs noch

durchhalten? Der Ökonom Jewgeni Gontmacher,

der damals an Medwedews Modernisierungspolitik

mittüftelte, sieht

Russland mit seinen hohen Währungsreserven

für eine längere Stagflation gewappnet.

„Die Teuerung dürfte zwar zu sozialen

Spannungen gerade unter Rentnern und

Staatsbediensteten führen“, so Gontmacher.

Aber der Mix aus Propaganda und Patriotismus

werde vorerst helfen, dass soziale

Unzufriedenheit nicht in politische Proteste

umschlägt – selbst wenn die Preise

fürs Brot schneller steigen als die Renten.

Im Falle sinkender Ölpreise aber wird

sich die ökonomische Schieflage nicht

mehr kaschieren lassen. Fehlen die Petrodollars,

wird es eng für Russland – und am

Ende auch für Putin selbst.

n

florian.willershausen@wiwo.de

BÜNDNISPOLITIK

Putins Bluff

Die auf Kremlinitiative geschaffene

Eurasische Union soll eine politische

Alternative zur EU werden – aber es

fehlt ihr an ökonomischer Substanz.

Dieses Ambiente dürfte Wladimir Putin

gefallen haben. Als der russische Präsident

Ende Mai den Gründungsvertrag für

die Eurasische Wirtschaftsunion unterzeichnete,

saß er auf einem Lehnstuhl,

der einem Thron glich. An seiner Seite:

die für demokratische Umtriebe nicht bekannten

Präsidenten von Kasachstan und

Weißrussland, Nursultan Nasarbajew und

Alexander Lukaschenko.

Mit ihrem Pakt wollen die drei Autokraten

ein wirtschaftliches Gegengewicht zu

EU, China und den USA schaffen. Ab

2015 ist der weitgehend freie Austausch

von Gütern, Dienstleistungen, Kapital und

Arbeitskräften geplant. Böse Zungen sehen

das Konstrukt als „Gegen-EU“ und

ersten Akt zur Wiedererrichtung der Sowjetunion.

Das bestreitet das Präsidenten-

Trio zwar nach außen hin. Kasachstans

Alleinherrscher Nasarbajew scheute allerdings

Vergleiche mit EU und den USA

nicht, Putin sah gar einen „historischen

Moment“ gekommen. Dessen Staatsmedien

posaunten die Botschaft in die Welt:

Die Russen sind wieder Großmacht im Osten

– ob es dem Westen passt oder nicht.

In der Tat trägt die Eurasische Union

den Stempel des Kreml. In dem neuen

Wirtschaftsraum sind 141 Millionen der

170 Millionen Einwohner Russen. Andere

Länder der Region wie Aserbaidschan

und Usbekistan sind zwar eingeladen,

wollen aber nicht mitmachen (und die

Ukraine sowieso nicht).

In den Hauptstädten abseits von Moskau

gibt es nicht wenige, die den Sinn des

Kunstprodukts nicht nur politisch, sondern

auch ökonomisch hinterfragen: Eine

Währungsunion etwa ist vom Tisch, denn

auf eine koordinierte Finanzpolitik wollen

sich die drei Autokraten lieber nicht verständigen.

Das rohstoffreiche Kasachstan

muss zudem noch bis 2025 auf den endgültigen

Wegfall der Handelsbarrieren im

Öl- und Gassektor warten, dessen Vereinheitlichung

Moskau ausbremst. Weißrussland

bricht derweil der lukrative Handel

mit Gebrauchtwagen weg, seit das Land

2011 – im Vorgriff auf die Union – die

russischen Außenzölle übernehmen

musste. Unter dem Strich profitieren von

dem Integrationsprojekt im Osten also vor

allem die Russen, die Nachbarländer mit

ihren Waren fluten. Und die Eurasische

Union nebenbei als politische Warnung

an den Westen inszenieren können.

GERINGE PRODUKTIVITÄT

Die Wirtschaftskraft der Eurasischen Union

liegt im Vergleich zur EU bei etwa einem

Siebtel. Zwar lagert unter der Erde

Russlands, Kasachstans und Weißrusslands

ein Fünftel der weltweiten Rohstoffvorkommen,

doch die lassen sich nicht

überall wirtschaftlich aus dem Boden holen.

Nach außen hat die neue Union erst

Autokraten-Trio Die Staatschefs

Nasarbajew, Lukaschenko und Putin beim

Gründungsakt der Eurasischen Union

recht wenig anzubieten: Mangels Produktivität

und teils recht hoher Lohnstrukturen

kann die Union als Werkbank nicht

mit China oder Indien konkurrieren.

Insofern gehört viel Selbstüberschätzung

dazu, wenn Putin die These wagt,

die EU sehe die Eurasische Union als Bedrohung

ihrer Konkurrenzfähigkeit und

schenke ihr darum keine Beachtung. Eher

hat wohl der Moskauer Ökonom Wladislaw

Inosemzew recht, der das Konstrukt

als „Putins politische Veranstaltung ohne

wirtschaftliche Bedeutung“ bezeichnet.

florian.willershausen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 23

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Politik&Weltwirtschaft

Mit der Lupe

FINANZEN | Der erste Etat der großen Koalition ist ein Schönwetterhaushalt

– und besteht zu 93 Prozent aus konsumptiven Ausgaben.

Werden wir in Deutschland jemals

ohne Schulden sein? Auf diese

Frage, die ihm gelegentlich von

jungen Leuten gestellt wird, antwortet

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

gerne so: „Hoffentlich nie, denn die Voraussetzung

dafür wäre eine Währungsreform,

und das ist immer eine große Katastrophe.“

Er sei schon froh, wenn die Schuldenlast

im Verhältnis zur Wirtschaftskraft

nicht immer größer werde, sondern sinke.

Der altgediente CDU-Politiker, der seit

1972 im Deutschen Bundestag sitzt und gegen

Ende dieser Legislaturperiode „mit 45

Jahren parlamentarischer Eckrentner“

wird (Schäuble über Schäuble), will sich

nur noch realistische Ziele setzen. Ein Bundeshaushalt

ohne Neuverschuldung zählt

dazu – und nächstes Jahr dürfte es so weit

sein. Dann soll der 300 Milliarden Euro

schwere Etat erstmals seit 45 Jahren ohne

Nettokreditaufnahme auskommen.

Den Schuldenberg – allein der Bund hat

bis März dieses Jahres 1 118 321 373 598 Euro

Miese angehäuft – trägt Schäuble damit

aber noch lange nicht ab. Er versucht es

nicht einmal. „Keine besonderen Leistungen“

könne er hier erkennen, kritisiert der

Präsident des Deutschen Industrie- und

Handelskammertages (DIHK), Eric

Schweitzer im Interview mit der WirtschaftsWoche

(siehe Seite 26). Vielmehr

betont der Wirtschaftsboss: Die Konsolidierung

erfolge „ausschließlich auf Grundlage

der guten Konjunktur, die die Steuereinnahmen

sprudeln lässt“.

„VÖLLIG UNAMBITIONIERT“

Die Haushaltspolitik der großen Koalition

sei „völlig unambitioniert“, urteilt auch Reiner

Holznagel, Präsident des Bundes der

Steuerzahler. Im Koalitionsvertrag komme

das Wort Einsparungen kein einziges Mal

vor. Stattdessen nutze die Koalition die Rekordsteuereinnahmen,

um neue Wohltaten

und Klientel-Programme zu beschließen.

Fast im gleichen Atemzug, in dem die

große Koalition einen nahezu ausgeglichenen

Bundeshaushalt für 2014 verabschiedet

und einen ausgeglichenen Etat für 2015

verkündet, teilt sie allerdings Wechsel aus,

die später fällig werden. Besonders ins

Hehres Ziel Schäuble will 2015 einen Haushalt

ohne Neuverschuldung präsentieren

Kontor der künftigen Generationen fallen

die Rentenbeschlüsse (abschlagfreie Rente

mit 63, Mütterrente). Sie dürften die Rentenkasse

in den nächsten Jahren mit rund

200 Milliarden Euro belasten. Bei den aktuellen

Beratungen über den Bundeshaushalt

2014 gab Schäuble zu Protokoll, die

Koalition habe beschlossen: „Wir können

uns das leisten.“

Wer ihn kennt, der weiß, dass er in Wirklichkeit

sagt: Wir können uns das nicht leisten.

Doch der Finanzminister mag sich

nicht mehr wehren. Pacta sunt servanda,

so lautet ein Lieblingsspruch des Juristen

Schäuble, und in diesem Fall ist es der Koalitionsvertrag,

dem er sich unterwirft.

Stattdessen kämpft er in den Niederungen

»Wir könnten bis

zu 20 Milliarden

Euro im Haushalt

einsparen«

Reiner Holznagel, Bund der Steuerzahler

der Ebene, um wenigstens seine kurzfristigen

Haushaltsziele zu erreichen. Kurz vor

den parlamentarischen Schlussberatungen

tauchten plötzlich neue Haushaltslöcher

auf. Allein 2,3 Milliarden Euro muss

der Bund in diesem Jahr an die Kernkraftwerksbetreiber

zurückzahlen, weil das

Hamburger Finanzgericht die Brennelementesteuer

für nichtig erklärte. Weitere

700 Millionen Euro fehlen, weil die Steuereinnahmen

in diesem Jahr doch nicht so

stark steigen wie zunächst angenommen.

Die Beamten im Bundesfinanzministerium

wollten daraufhin einfach die Neuverschuldung

von 6,5 auf 8,3 Milliarden Euro

hochfahren, also bis zu der Grenze, wo der

Haushalt noch als „strukturell ausgeglichen“

gilt. Doch Schäubles wichtigster Verbündeter

im Bundestag, der CDU-Haushaltspolitiker

Norbert Barthle, gab die Losung

aus, möglichst dicht bei den 6,5 Milliarden

Euro zu bleiben. Folglich suchten die

Haushaltspolitiker bis tief in die Nacht zum

Freitag noch nach Ausgaben, die sie eindampfen

konnten.

DAS PROBLEM DER GROKO

Dabei hätten sich die Haushaltspolitiker

und die Fachminister (die bei Abschlussberatungen

bisweilen wie Schulkinder vor der

Tür des Haushaltsausschusses warten müssen)

den Aufwand sparen können – wenn

sie sich zuvor richtig zum Sparen entschlossen

hätten. Eine Anleitung gibt es beim

Bund der Steuerzahler. „Nach unserer Analyse

könnten bis zu 20 Milliarden Euro im

Bundeshaushalt eingespart werden“, sagt

Holznagel. Auf seiner Streichliste stehen

ganz oben Subventionen in Höhe von sechs

Milliarden Euro, das Eltern- und Betreuungsgeld

mit drei Milliarden Euro und eine

Milliarde Euro, die sich durch eine Umstellung

beim Bafög von Zuschüssen auf Darlehen

abknapsen ließen. Holznagel: „Wir

brauchen klare Entscheidungen und Sparmaßnahmen,

damit die Schuldenbremse

eingehalten wird und Bürger gleichzeitig

entlastet werden können.“

Genau hier liegt das Problem – die Gro-

Ko traut sich nicht, substanziell zu sparen.

Sie verteilt stattdessen die im Wahlkampf

versprochenen Sozialleistungen und

bräunt sich ansonsten im schönen (Konjunktur-)Wetter.

Von den rund 300 Milliarden Euro, die

im Bundeshalt 2014 zu verteilen sind, entfallen

nach Berechnungen des DIHK 93

Prozent auf konsumptive Ausgaben. Mit

Abstand an der Spitze stehen die Zuschüsse

zur Rentenversicherung mit 83 Milliar-

FOTO: LAIF/DOMINIK BUTZMANN

24 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Sprudelnde Quellen

Steuereinnahmen von Bund, Ländern und

Gemeinden (in Milliarden Euro)

Bund

Gemeinden

Länder

2008 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18

Quelle: BMF, Arbeitskreis Steuerschätzungen;

ab 2014 Schätzungen

300

250

200

150

100

den Euro (siehe Tabelle rechts oben). Weitere

Sozialleistungen für die Grundsicherung

im Alter, ALG-II-Zuschüsse und Eingliederungshilfen

schlagen mit 37 Milliarden

Euro zu Buche. Erst dann kommt der

Etat für die Bundeswehr, dicht gefolgt von

den Zinsen für die Bundesschulden.

Investive Ausgaben hingegen muss man

schon fast mit der Lupe suchen – in der

50

Summe sind es mickrige sieben Prozent in

Schäubles Etat. Für die Sicherung des

Hochlohnstandorts Deutschland ist dies

fahrlässig wenig. Allein die Verkehrsinfrastruktur

rottet seit Jahren vor sich hin; statt

einen Marshallplan für die Straßen zu entwerfen,

lassen Bund, Länder und Kommunen

lieber ein paar Brücken sperren und

Schlaglöcher notdürftig flicken.

Wichtiger ist es für Schäuble, sich einen

Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern

– als erster Bundesfinanzminister seit 1969,

der einen schuldenfreien Haushalt hinbekommt.

Nächstes Jahr soll es so weit sein,

und dafür mobilisieren Schäubles Beamte

derzeit all ihre Kreativität. Sie haben den

Bundeszuschuss für die Krankenkassen

um ein paar Milliarden gesenkt und finanzierten

die Hochwasserhilfe des Jahres

2013 für die Länder vor, um die nachfolgenden

Haushalte mit Tilgungen aus den

Ländern aufzuhübschen. Zusätzliche Rentenleistungen

lassen sie von der Versichertengemeinschaft

bezahlen. Möglicherweise

müssen Schäubles Beamte nächstes Jahr

noch einen kreativen Schlussspurt einlegen

– wenn die Konjunktur wider Erwarten

einbrechen sollte.

Wohin das Geld fließt

Bundeshaushalt 2014,

(in Milliarden Euro, Auswahl)

Bundeszuschuss zur Rente

Verteidigung

Zinsen

ALG-II-Zuschüsse

Bildung und Forschung

Verkehrsinfrastruktur

Zuschuss gesetzliche Krankenkassen

Eingliederungshilfe für Behinderte

Entwicklungshilfe

Eltern- und Betreuungsgeld

Grundsicherung im Alter

Quelle: BMF-Kabinettsvorlage

83,0

32,8

30,1

23,4

14,0

12,6

10,5

8,0

6,4

5,9

5,5

Schäuble will auf keinen Fall das Schicksal

seiner Amtsvorgänger erleiden. Hans Eichel

(SPD) machte das Platzen der Internet-Blase

einen Strich durch die Rechnung. Peer Steinbrück

kam kurz vor dem Null-Schulden-

Haushalt die Weltfinanzkrise in die Quere.

Und 2015? Für böse Überraschungen ist

Schäubles Etatentwurf nicht ausgelegt. n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

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Politik&Weltwirtschaft

»Vor dem Kollaps«

INTERVIEW | Eric Schweitzer Der DIHK-Präsident attackiert die

Regierung – und warnt vor massivem Arbeitskräftemangel.

Herr Schweitzer, der Bundestag hat die

Rente mit 63 beschlossen, der Mindestlohn

und der fast ausgeglichene Etat sind

so gut wie durch. Schlägt die GroKo die

richtigen Pflöcke ein?

Der Staat verfügt über Einnahmen wie

noch nie. Aber das ist offenbar eine Versuchung.

Plötzlich ist es vorbei mit der Zurückhaltung,

die Regierung beschließt soziale

Wohltaten in enormem Ausmaß.

Aber es gibt auch mehr für Forschung,

Bildung und Infrastruktur.

Schauen wir uns das Gesamtbild an. 93

Prozent der Staatsausgaben fließen in den

Konsum. Nur sieben Prozent in Investitionen.

Dabei steht zum Beispiel unsere Verkehrsinfrastruktur

vielerorts vor dem Kollaps.

Statt einer Milliarde Euro mehr für

Straßen und Brücken bräuchten wir jedes

OBERHAUPT DER WIRTSCHAFT

Schweitzer, 48, ist seit März 2013 Präsident

des Deutschen Industrie- und Handelskammertages

(DIHK). Im Hauptberuf führt

der Betriebswirt zusammen mit seinem

Bruder das Entsorgungsunternehmen Alba.

Jahr fünf Milliarden Euro zusätzlich. Auch

müssten unternehmerische Investitionen

und Innovationen besser unterstützt werden,

etwa durch verbesserte Abschreibungsbedingungen...

...und durch eine steuerliche Förderung

von Forschung und Entwicklung?

Das wäre eine zusätzliche Subvention.

Deshalb bin ich kein großer Freund davon.

F&E-Ausgaben sind ohnehin steuerlich

voll absetzbar, und am Ende führen die

Forschungsanstrengungen auch zu höheren

Gewinnen. Das ist der entscheidende

Anreiz. Für besser halte ich die bisherige

Projektförderung. Insgesamt gibt Deutschland

für F&E rund drei Prozent des BIPs

aus, das ist ein Verdienst von Politik und

Wirtschaft. Aber das ist derzeit fast schon

der einzige Lichtblick für den Standort

Deutschland. Die Regierung tut bislang zu

wenig, um unser Fundament für wirtschaftliches

Wachstum zu erhalten.

Immerhin plant Finanzminister Wolfgang

Schäuble für 2015 einen Haushalt ohne

Neuverschuldung. Ist das nicht eine Leistung

– auch für künftige Generationen?

Ich habe großen Respekt vor Herrn Schäuble.

Er ist für Deutschland in diesen turbulenten

Euro- und Bankenkrisenzeiten der

richtige Minister. Bei der Haushaltskonsolidierung

kann ich allerdings keine besonderen

Leistungen erkennen. Sie erfolgt

ausschließlich auf Grundlage der guten

Konjunktur, die die Steuereinnahmen

sprudeln lässt.

Schäuble muss umsetzen, was die Koalition

vereinbart hat.

Richtig. Und leider gibt es im Bundestag

keine Partei, die sich gegen die neuen Sozialleistungen

stemmt. Seit dem Ausscheiden

der FDP tritt im Bundestag keine Partei

mehr für die Grundlagen unseres Wohlstandes

ein. Im Gegenteil, alle wollen den

Unternehmen noch mehr Lasten aufbürden.

Nun liegt die FDP auf der Intensivstation.

Könnte die AfD in die Fußstapfen der Liberalen

treten?

Ich kann nicht erkennen, dass die AfD die

Rolle der FDP übernimmt. Aus Sicht der

Wirtschaft wäre zudem ein Abschied vom

Euro verheerend. Für unsere Unternehmen,

die fast 40 Prozent ihrer Exporte im

Euro-Raum abwickeln, ist die einheitliche

Währung extrem wichtig.

Lange hat die Wirtschaft gegen die abschlagfreie

Rente mit 63 gekämpft. Was

wird schlechter für die Unternehmen?

Viele erfahrene Mitarbeiter scheiden früher

aus und reißen Lücken im Betrieb.

Die Wirtschaft könnte Anreize für Arbeit

ab 63 schaffen, um die Älteren zu halten.

Die Politik schafft mit viel Geld die Anreize,

früher auszusteigen, und wir sollen jetzt

verhindern, dass die Menschen das Angebot

annehmen? Nein, die Anreize eines abschlagfreien

Vorruhestandes sind zu stark.

Besonders ärgert mich, dass es sich hier

um ein Wahlgeschenk für eine bestimmte

Facharbeiterklientel handelt.

FOTO: LAIF/ANDREAS PEIN

26 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Für den Mindestlohn gilt das nicht. Davon

profitieren Millionen. Arrangieren sich die

Unternehmen nun damit?

Den Unternehmen bleibt ja gar nichts anderes

übrig. Denn an der Entscheidung

wird sich trotz aller Warnungen wohl

nichts mehr ändern. Aber die Auswirkungen

sind gravierend. Es gibt Studien, die sehen

bis zu einer Million Arbeitsplätze bedroht.

Ob sich das einstellt, wird sich zeigen.

Aber klar ist: Der Mindestlohn vernichtet

Jobs.

Der Inhaber der Friseurkette Klier hat wegen

des Mindestlohns bereits Preiserhöhungen

für Haarschnitte angekündigt.

Wie reagieren andere Branchen?

Der Mindestlohn trifft zum Beispiel auch

das Taxigewerbe und Reinigungsfirmen.

Wo die Unternehmen die gestiegenen Personalkosten

an den Verbraucher weitergeben

können, bedeutet das Preiserhöhungen.

Und wir werden Ausweichstrategien

erleben. Wird der Haarschnitt teurer, gehen

die Verbraucher vielleicht seltener

zum Frisör oder lassen es schwarz machen.

Der Mindestlohn schwächt so das Wachstum.

Und er bedroht gerade Jobs für gering

Qualifizierte.

»Jede siebte

Stelle droht unbesetzt

zu bleiben –

ein Wahnsinn«

Wieso?

Ich befürchte, dass viele Jugendliche das

Interesse an einer Ausbildung verlieren,

wenn sie kurzfristig mit Mindestlohn 1500

Euro pro Monat statt 700 Euro bekommen

können. Das rächt sich vor allem dann,

wenn die Konjunktur mal wieder schlechter

läuft. Wir haben heute schon 1,4 Millionen

Menschen zwischen 25 und 35 Jahre

ohne Ausbildung. Die Hälfte davon ist

nicht in Beschäftigung. Der Mindestlohn

setzt die Axt an den Anreiz, in die eigene

Zukunft zu investieren.

Die Unternehmen könnten die Ausbildung

ja attraktiver machen.

Was wollen Sie tun? Eine Ausbildung mit

1500 Euro Vergütung anbieten? Das ist

nicht möglich. Eine Ausbildung kostet Unternehmen

viel Geld. Ein Lehrling ist drei

oder vier Tage in der Woche im Betrieb,

den Rest in der Berufsschule. Die demografische

Entwicklung führt schon jetzt dazu,

dass Zehntausende Lehrstellen unbesetzt

bleiben. In den kommenden Jahren

werden noch weniger junge Menschen die

Schule verlassen. Das ist eine Gefahr für

den Standort.

Wie groß ist denn der Fachkräftemangel

wirklich?

Die Fachkräftesicherung ist das strategische

Thema der Zukunft. 38 Prozent unserer

Mitglieder warnen bereits, dass sich das

Fehlen von guten Leuten für sie zu einem

Geschäftsrisiko auswächst. Anfang 2010

haben das gerade mal 16 Prozent so gesehen.

Vor allem im Pflegebereich, bei Ingenieurbüros

und Softwarefirmen werden

Leute gesucht. Bis 2025 fehlen bis zu sechs

Millionen Arbeitskräfte. Mit anderen Worten:

Jeder siebte Arbeitsplatz droht unbesetzt

zu bleiben. Ein Wahnsinn.

Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen einen Mix an Maßnahmen.

Wir müssen beispielsweise Müttern die

Möglichkeit eröffnen, wieder schneller

»

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Politik&Weltwirtschaft

»

Vollzeit in den Arbeitsmarkt zurückzukehren.

Ein bedarfsgerechtes Kinderbetreuungsangebot

könnte 850 000 zusätzliche

Fachkräfte mobilisieren. Stattdessen

leistet sich Deutschland europaweit die

zweithöchste Teilzeitquote unter Frauen.

Auch bei Älteren liegen noch weitere Beschäftigungspotenziale

– was allerdings

durch die Rente mit 63 eher konterkariert

wird. Zudem brauchen wir mehr Zuwanderung.

Jedes Jahr müssten unter dem

Strich rund 300 000 Zuwanderer, einschließlich

Familien, nach Deutschland

kommen – das wären bis 2025 dann 1,5

Millionen Fachkräfte.

Ausländische Fachkräfte müssten den

Unternehmen doch eigentlich die Bude

einrennen. Warum tun sie das nicht?

Wir brauchen zum Beispiel eine noch bessere

Willkommenskultur. Einige IHKs unterstützen

bereits Welcome Center, um Zuwanderern

bei den ersten Behördengängen und

Sprachproblemen zu helfen. Das müssen

wir intensivieren. Im Kern muss es uns gelingen,

ein positives Bewusstsein zu schaffen,

dass wir in Deutschland Zuwanderung

brauchen. Das ist zentral für unseren Wohlstand.

Dabei sollten wir den Bürgern die

Angst nehmen, ihnen würden Jobs weggenommen,

oder es gäbe eine Zuwanderung

in die Sozialsysteme. Im Kern geht es um die

Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte.

In Deutschland beginnt mittlerweile jeder

zweite Jugendliche ein Studium. Das dürfte

Ihnen kaum gefallen, oder?

Den Trend zur Akademisierung um jeden

Preis müssen wir stoppen, damit Deutschland

nicht die praktisch ausgebildeten

Fachkräfte ausgehen. Zu viele Jugendliche

werden an Hochschulen geschickt, obwohl

sie da nicht hinpassen. Inzwischen bricht

fast jeder Vierte das Studium ab, in den Naturwissenschaften

sogar jeder Zweite. Das

ist menschlich ein Drama und volkswirtschaftlich

ein Desaster.

Wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt im

Verlauf des Jahres?

Wir rechnen mit einem Plus von 300 000

neuen Stellen. So brauchen Versicherungen,

Forschungsinstitute, IT-Firmen und

Beratungen rund 100 000 Fachkräfte zusätzlich.

Pflege und Gesundheit stocken

um 60 000 auf, die Metall- und Elektroindustrie

um 40 000, der Handel um 35 000

und die Baubranche um 20 000. Der Arbeitsmarkt

ist robust – zumindest so lange,

wie politische Fehlentscheidungen noch

nicht durchschlagen.

n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin,

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

Simcity lässt grüßen

GROSSPROJEKTE | Wer öffentliche Ausschreibungen gewinnen will,

muss künftig fünfdimensional bauen. Das soll Milliarden sparen.

Leider kein Spiel

Berliner Flughafen

versenkt Milliarden

Mitarbeiter des Flughafens in Berlin

(BER) nennen die Anlage nur

„Monster“. Seit Monaten suchen

sie nach Wegen, die Entrauchungsanlage

ans Laufen zu bekommen. Doch Raumnummern

widersprechen Bauplänen, Kabelstränge

winden sich irgendwie durch kilometerlange

Schächte, Brandmelder steuern

falsche Entrauchungsklappen an. Nach

der Entlassung des unter Korruptionsverdacht

stehenden Technikchefs sucht

Hartmut Mehdorn, Vorstandsvorsitzender

des BER, einen Nachfolger – ein Höllenjob.

Dabei hätte es die Probleme gar nicht geben

müssen, hätte eine zentrale Datenbank

alle Schritte vom Spatenstich über

den Rohbau bis zur Endfertigung notiert

und sämtliche Planänderungen abgespeichert.

Doch die gibt es nicht. Das heißt:anderswo

schon. Nur beim BER nicht. Dort

wurschtelt jeder vor sich hin.

BAUEN IN 5-D

In Zukunft soll so ein Bau-GAU wie in Berlin

unmöglich werden. Der Bund will digitale

Planungsmethoden, im Fachjargon

„Building Information Modeling“ (BIM),

zum Standard beim Bau öffentlicher Gewerke

erheben. Ein Großprojekt wird dabei

als dreidimensionales Modell entworfen.

Hinzu kommen Kosten- und Zeitprognosen.

Die Reformkommission „Großprojekte“,

die als Folge vermurkster Bauten wie

25 Prozent

der Baukosten lassen

sich durch virtuelle

Prototypen einsparen

BER, S21 und Elbphilharmonie regelmäßig

tagt, will so Zeit, Kosten und Ärger sparen.

Simcity lässt also grüßen. Denn wie bei

dem beliebten Computerspiel, bei dem

Nutzer ganze Städte errichten, entsteht bei

BIM ein Projekt zunächst als virtueller Prototyp.

„Ziel ist, erst digital, dann real zu

bauen“, heißt es in einem Ergebnisbericht

der Expertengruppe. BIM werde künftig

„unternehmensübergreifend von allen an

einem Projekt Beteiligten angewandt“. Auf

Architekten, Baufirmen und Subunternehmen

wirkt das disziplinierend, weil sie

schon im Vorfeld eines Projekts ihre Ideen

und Skizzen zur Verfügung stellen müssen.

Der Einsatz von BIM „stellt die Baubranche

vor einen Paradigmenwechsel“, sagt

Joaquín Díaz, Professor für Bausoftware an

der Technischen Hochschule Mittelhessen.

„Bislang zeichnen Ingenieurbüros ihre

Baupläne größtenteils noch zweidimensio-

FOTO: ACTION PRESS/BJÖRN KIETZMANN

28 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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nal, mailen sie herum und nehmen den

Ausdruck mit auf die Baustelle.“ Künftig

werde „ganzheitlich geplant“, so Díaz. Im

Fokus stehe der Lebenszyklus eines Bauwerks.

Die Beteiligten speichern auch Zusatzinfos

wie Herstelldatum technischer

Anlagen ab und ergänzen, wann die nächste

Wartung ansteht. „Andere Branchen wie

die Automobil-, Chemie- und Flugzeugindustrie

arbeiten seit Jahrzehnten mit diesen

Modellen“, sagt Díaz. „Die konservative

Baubranche hinkt Jahre hinterher.“

Die Einsparungen sind gigantisch. „Bis

zu 25 Prozent der Gesamtkosten eines

Großprojektes können eingespart werden“,

sagt Díaz. US-Studien gehen von bis zu 40

Prozent aus. Grund: Teurer wird ein Bauprojekt

dann, wenn Fehler bei Planung,

Ausführung oder Koordination später ausgebügelt

werden müssen. Das passierte

auch bei BER, S21 und Elbphilharmonie.

Im Ausland gehört digitales Bauen längst

zum Alltag. Um in Skandinavien eine Baugenehmigung

zu erhalten, müssen Firmen

ihre Unterlagen in BIM-Standard einreichen.

Ähnliches gilt in Holland, Australien

und den USA. Großbritannien macht BIM

ab 2016 zur Pflicht. Eine „BIM Task Group“

erarbeitet die Standards. Auch dem Bund

ist die Einrichtung einer BIM-Arbeitsgruppe

fünf Millionen Euro pro Jahr wert, heißt

es in dem Kommissionsbericht.

MITTELSTAND UNTER ZUGZWANG

Die Digitalisierung setzt die Baubranche

jedoch unter Druck. „Die vielen kleinen

Planungsgesellschaften mit ihren durchschnittlich

zehn Mitarbeitern in Deutschland

haben bislang nie großes Interesse an

der digitalen Transformation gezeigt“, sagt

Díaz. Für BIM müssten Beschäftigte firmenintern

geschult und abgestellt werden.

Dies sei allenfalls für die größeren Ingenieurbüros

mit bis zu 1000 Mitarbeitern

machbar. Und selbst die wirken im Gegensatz

zu britischen Planungsgiganten mit

15 000 Mitarbeitern wie Zwerge.

Der verpflichtende Einsatz von BIM bei

öffentlichen Aufträgen würde deutschen

Softwareschmieden jedenfalls einen

Schub bescheren. Größere Hersteller wie

Nemetschek und RIB sowie Start-ups wie

Sablono stammen aus Deutschland. Sie

verkaufen ihre Software vor allem ins Ausland.

Und bald wohl auch hier. Die Nemetschek-Tochter

Allplan startete jüngst mit

kostenlosen Infoseminaren. Vorstand Thomas

von Küstenfeld: „Die Veranstaltungen

waren deutlich überbucht.“

n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 29

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Politik&Weltwirtschaft

Preise

marsch!

WASSER | Seit die Kartellämter

nicht mehr einschreiten

dürfen, haben Kommunen

bei den Preisen freie Hand –

und nutzen das aus.

Andreas Mundt wählte scharfe

Worte: „Dieses Gesetz ist ein harter

Schlag für alle Wasserverbraucher“,

schimpfte der Präsident des Bundeskartellamtes

vor gut einem Jahr. „Unserer

Arbeit wird der Boden entzogen.“ Grund

seines Zorns war die „Achte Novelle des

Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen“,

mit der die schwarz-gelbe Bundesregierung

dem Kartellamt die Kontrolle über

die Wassergebühren entzog. Die Wettbewerbshüter

warnten, überfällige

Preissenkungen würden nun erst recht

unterbleiben. Die Wasserversorger

wiegelten ab. Heute zeigt sich: Mundt

hat recht behalten.

Der Wassermarkt ist Deutschlands

letztes Monopol. Obwohl wir eines der

wasserreichsten Länder der EU sind, gehören

die Preise zu den Höchsten. Das

Problem: Der Wasserpreis hängt stark von

lokalen Gegebenheiten ab und ist in seiner

Berechnung so komplex, dass eine Preiskontrolle

nur mit großem Aufwand erfolgen

kann. Über Jahrzehnte fand sie faktisch

gar nicht statt – bis die Kartellämter um die

Jahrtausendwende herum das neue Betätigungsfeld

entdeckten. Die Wettbewerbshüter

stießen schnell auf Unglaubliches:

Preisunterschiede von mehreren Hundert

Prozent, zum Teil zwischen benachbarten

Städten. Die personell

schlecht ausgestatteten

Marktwächter setzten gegenüber

den Wasserwerken (von

denen es mehrere Tausend

gibt) auf eine Abschreckungsstrategie:

Einzelne, aufsehenerregende

Verfahren mit hohen Schadenssummen

sollten andere Anbieter

gar nicht auf die Idee bringen,

Wucherpreise zu kassieren.

Dafür nutzten sie ein rechtliches

Vakuum. Auf dem Papier

sind die Kartellbehörden nur für

die Preiskontrolle privater Unternehmen

zuständig. Viele Wasserwerke

haben zwar einen privatrechtlichen

Organisationsmantel,

doch die Wahl der Rechtsform

steht ihnen frei. Sind sie

öffentlich-rechtlich organisiert

(und nehmen statt Preisen

Gebühren), ist die Kommunalaufsicht

zuständig. Bis 2013

war nicht explizit geregelt, ob die

Kartellbehörden trotzdem auch

gegen überhöhte Gebühren einschreiten

können. Also taten sie

es einfach und bekamen in

mehreren Verfahren recht. 2010

etwa verlor die Stadt Wiesbaden

vor dem Bundesgerichtshof und

musste ihre Preise um 40 Prozent

senken. Die Stadtwerke Mainz

senkten ihre Entgelte 2012 um 15

Prozent. Vor vier Wochen schließlich

wurden die Berliner Stadtwerke

dazu verdonnert, ihre

Wasserkunden um satte 18 Prozent zu

entlasten.

Leider dürfte dies der letzte Erfolg im

Sinne der Verbraucher sein. Das Berliner

Verfahren stammt noch aus der Zeit vor

der GWB-Novelle, seit 2013 ist klar: Kommunale

Eigenbetriebe bleiben den Kartellämtern

verschlossen. Mehr und mehr zeigen

sich nun die Folgen der Gesetzesänderung.

„Unternehmen können sich durch

eine einfache Umstrukturierung jederzeit

der Kontrolle durch die Kartellbehörden

entziehen. Das schafft eine Vorfeldwirkung“,

schimpft Mundt. Wenn Kartellbehörden

beginnen, die Preisgestaltung eines

Wasserbetriebs zu hinterfragen, sind

sie der Gefahr ausgesetzt, dass dieser flugs

seine Rechtsform ändert. Mundt: „Es gibt

genügend Beispiele von Stadtwerken, die

im laufenden Verfahren ihre Organisationsform

geändert haben.“

KARTELLÄMTER RESIGNIEREN

Die meisten Kartellämter haben aufgegeben

und strengen keine neuen Verfahren

an. Denn auch der politische Wind hat sich

gedreht. In Hessen, wo das Wirtschaftsministerium

über Jahre den Kampf gegen hohe

Wasserpreise vorantrieb, ist das Thema

gar völlig aus dem Aufgabenbereich des

Kartellamts verschwunden. Für Wasser ist

nun ein „Referat für Energieregulierung“

zuständig. Dem umtriebigen Kartellamtsleiter

wurde der Aufgabenbereich „Nahmobilität“

übertragen.

Vor wenigen Wochen haben die hessischen

Industrie- und Handelskammern

die Wasserpreise im Land vergleichen lassen.

Sie tun das immer mal wieder, früher

folgte zuverlässig ein Fanal aufgebrachter

Politiker, die nach Preissenkungen riefen.

Diesmal war es anders. Zwar liegt die

Streuung der Preise nach wie vor bei 400

Prozent. Auch das Niveau steigt weiter an.

Doch die Reaktion des Innenministers Peter

Beuth (CDU) ging in die andere Richtung:

Man weise die Kritik „mit aller Deutlichkeit

als nicht sachgerecht“ zurück. n

konrad.fischer@wiwo.de

FOTOS: FOTEX/L.KARL, GETTY IMAGES/PLAINVIEW; MONTAGE: DMITRI BROIDO

18 Prozent

zu hoch waren jahrelang die Wasserpreise in

Berlin

Um400 Prozent

unterscheiden sich die Wasserpreise

allein in Hessen

30 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Zu kurz gedacht

FORUM | Die Pläne der großen Koalition für eine Frauenquote in der Wirtschaft könnte zu Ausweichreaktionen

der betroffenen Betriebe führen. Die Quote berührt die Eigentumsfreiheit der Unternehmer

– und dürfte am Ende vor dem Bundesverfassungsgericht landen. Von Brun-Hagen Hennerkes

FOTOS: ACTION PRESS/DIE BILDSTELLE, VISUM/STEFAN BONESS

Seit Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) und Justizminister

Heiko Maas (SPD) ihre Leitlinien für die geplanten

Geschlechterquoten veröffentlichten, herrscht Unruhe in

der Wirtschaft. Unternehmen, die sowohl paritätisch mitbestimmt

als auch börsennotiert sind, müssen ab 2016 ihre Aufsichtsratssitze

weiblich besetzen, bis ein Anteil von 30 Prozent Frauen erreicht ist.

Ansonsten bleiben die vakanten Aufsichtsratssitze leer.

Da stellt sich die Frage: Warum darf sich nach diesen Kriterien

die Bosch-Gruppe (im Inland

rund 107 000 Mitarbeiter,

nicht an der Börse) eine

geringere Frauenquote erlauben

als der Druckmaschinenhersteller

Koenig &

Bauer (im Inland rund 4000

Mitarbeiter und börsennotiert)?

Einen Eingriff in der

vorgesehenen Dimension

muss der Gesetzgeber sehr

gut rechtfertigen. Börsennotierte

Aktiengesellschaften

sind wegen des Anlegerschutzes

bereits stark reguliert.

Die Frage, ob gesellschaftspolitische

Ziele eine

weitere Regulierung rechtfertigen,

dürfte ein weiteres

Mal vor dem Bundesverfassungsgericht landen. Denn die Frauenquote

tangiert das Grundrecht auf Eigentum des Unternehmers in

dreifacher Weise: bei der Personalauswahl, bei der Organisation

sowie der Finanzierung seiner Firma.

Von oben verordnet Die Bundesregierung will Unternehmen zwingen,

mehr Führungspositionen mit Frauen zu besetzen – und einen

Frauenanteil in den Aufsichtsräten von 30 Prozent durchsetzen.

UNGEWÖHNLICHE FRIST

Erstens: Der Unternehmer ist in einem Kernbereich, bei der Auswahl

seiner Aufsichtsratsmitglieder und Mitarbeiter, nicht mehr

frei. Nach den bisher veröffentlichten Leitlinien soll jedes börsennotierte

Unternehmen sowie jedes in irgendeiner Form mitbestimmte

Nichtbörsenunternehmen verpflichtet werden, sich eine

Zielvorgabe für den Frauenanteil in Aufsichtsrat, Vorstand und

den zwei Führungsebenen unterhalb des Vorstands zu geben. Die

Verpflichtung ist innerhalb der 18. Legislaturperiode (sie endet

2017) zu erfüllen. Diese Frist ist ungewöhnlich; letztlich geht es

wohl darum, rechtzeitig zur nächsten Wahl Erfolgsmeldungen

auszusenden. Dafür müssen laut den beiden Ministerien 3500 Unternehmen

herhalten, darunter ein guter Teil der Königsklasse der

deutschen Familienunternehmen. Im Januar hatte die Ministerin

nur von 2500 betroffenen Betrieben gesprochen.

Eine einmal festgelegte Frauenquote kann das Unternehmen

auch nachträglich nicht korrigieren. Die Firma muss Frauen einstellen,

auch wenn diese nicht die Qualifikation von am Markt verfügbaren

männlichen Bewerbern besitzen. Im Baugewerbe liegt

der Anteil von Frauen in Führungspositionen bei 15 Prozent, im

verarbeitenden Gewerbe bei 17 Prozent. Nur 16 Prozent aller weiblichen

Studienanfänger wählten die Fachbereiche Mathematik, Informatik,

Naturwissenschaft und Technik (2010).

Kluge Köpfe werden einwenden, Unternehmen könnten sich ja

eine möglichst niedrige Quote geben. Das ist ziemlich kurz gedacht.

Die Listen genau dieser Firmen

werden schon bald in

den Medien zirkulieren. Und

das ist von der Regierung

wohl so einkalkuliert.

Zweitens: Der Gesetzgeber

mischt sich mit dem geplanten

Regelwerk tief in die

Organisation der Unternehmen

ein. Die Zielvorgaben

für die selbst gesetzte Frauenquote

sollen bei Personalentscheidungen

bis in

die zweite Hierarchieebene

unterhalb des Vorstands

gelten. Bei den flachen Hierarchien

der Familienunternehmen

wirkt die Quote sogar

bis auf die Abteilungsleiterebene.

Wer der Quote ausweichen will, wird also entweder nur

scheinbar einflussreiche Positionen kreieren, auf die er Quotenfrauen

setzt, oder neue Führungsebenen einziehen, um die tiefer

gelegenen vor den Zielvorgaben zu bewahren. In jedem Fall befördert

der Gesetzgeber so eine ineffiziente Form der Organisation.

Drittens behindert der Gesetzgeber mit der Frauenquote den

Gang der Unternehmen an die Börse. Wenn die Regierung börsennotierten

Unternehmen neue Regulierungen auferlegt, dann

drängt sie die Wirtschaft vom Kapitalmarkt weg.

Für Familienunternehmen sind die vorgesehenen Regeln zudem

ein Anreiz, um Strukturen aufzuspüren, durch die sich eine paritätische

Mitbestimmung vermeiden lässt – etwa durch die Rechtsformwahl

der europäischen Aktiengesellschaft oder den Einsatz

von Spaltungsmodellen. Als die Arbeitnehmer in die Aufsichtsräte

einzogen, folgte ein jahrelanger Streit, ob hierdurch das Grundrecht

auf Eigentum verletzt sei. Die Kritik ist heute weitgehend verstummt.

Die Frauenquote könnte sie wieder aufleben lassen. n

Brun-Hagen Hennerkes, 74, ist Rechtsanwalt

und Vorsitzender der gemeinnützigen Stiftung

Familienunternehmen in Stuttgart.

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 31

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Politik&Weltwirtschaft

Ruhe, bitte!

ÄGYPTEN | Der neue Präsident Sisi will den wirtschaftlichen

Niedergang stoppen – ein realistisches Rezept hat er nicht.

völkerungswachstum. An der Arbeitslosigkeit

– offiziell 13,4 Prozent, in Wirklichkeit

wohl das Doppelte – und der Massenarmut

ändert das nichts.

Auch der Tourismus, der vor 2011 immerhin

zwölf Prozent der ägyptischen Arbeitnehmer

beschäftigte, dürfte erst langsam

wieder in Gang kommen. Die Hotels

in den Badeorten am Roten Meer waren im

Hauptreisemonat Mai höchstens zu 60

Prozent belegt, auf der von Terroristen bedrohten

Sinaihalbinsel zu 35 Prozent, und

in Kairo war gerade mal jedes fünfte Bett

gebucht. Die Sicherheitsbedenken potenzieller

Ägypten-Touristen mögen unter Sisi

langsam zurückgehen – dafür kommt auf

Reisende eine neue Unbill zu. Dem Land

droht das Erdgas auszugehen, weil der mit

den Moslembrüdern sympathisierende

Hauptlieferant Katar den Ägyptern nichts

mehr schenken will. Ohne Erdgas oder

Strom aus Gaskraftwerken könnten in vielen

Hotels die Klimaanlagen abgeschaltet

werden.

Millionen Ägypter verlassen das

fruchtbare Land am Nilufer und

ziehen in die wasserlose Wüste.

Sie bohren Brunnen und bauen 48 neue

Großstädte, acht neue Flughäfen, viele Kilometer

Schnellstraßen und Eisenbahnlinien.

Überbevölkerung und Armut werden

überwunden, Ägypten ist nach über 5000

Jahren überlieferter Geschichte zum ersten

Mal unabhängig vom Nil. Die größte Volkswirtschaft

Nordafrikas entwickelt sich vom

größten Weizenimporteur der Welt zur

Kornkammer des Nahen Ostens.

Glaubt man Abdelfattah al-Sisi, vorige

Woche mit großer Mehrheit zum Präsidenten

von 86 Millionen Ägyptern gewählt, ist

das kein orientalisches Märchen. Den utopisch

anmutenden Entwicklungsplan hat

Sisi sich von einem in den USA lehrenden

ägyptischen Geologieprofessor einflüstern

lassen: Farouk Baz war vor vielen Jahren

Berater der Nasa und predigt seinen

Landsleuten nun, nur ein radikaler Umbau

Ägyptens führe zum Wohlstand.

INDUSTRIE AM BODEN

Die Visionen des Wissenschaftlers und

frischgebackenen Präsidentenberaters helfen

freilich wenig, den trostlosen Zustand

der ägyptischen Wirtschaft in absehbarer

Zeit zu verbessern. Die Industrieproduktion

des Landes brach im vergangenen Jahr

Der zivile Anzug ist gewöhnungsbedürftig

Ex-General Sisi nach der Wahl

um 44 Prozent ein. Aus dieser Krise muss

der bisherige Generalfeldmarschall Sisi

als Präsident erst einmal herausfinden, will

er nicht enden wie sein 2011 gestürzter

Vorvorgänger, der General a. D. Hosni

Mubarak.

Mit der Wahl Sisis „verbinden die Menschen

die Hoffnung auf Sicherheit, Ordnung

und eine Erholung der Wirtschaftslage“,

sagt Rainer Herret, Geschäftsführer der

Deutsch-Arabischen Industrie- und Handelskammer

in Kairo. Die Ägypten-Fachleute

des Internationalen Währungsfonds

(IWF) prognostizieren nach dem Wirtschaftseinbruch

der Revolutionszeit allerdings

nur ein durchschnittliches Wachstum

von 2,4 Prozent in den kommenden

Jahren, das entspricht ungefähr dem Be-

Ausländische

Unternehmen

hoffen auf Sicherheit

und Ordnung

ABHÄNGIG VON NACHBARN

Erschwerend kommt hinzu, dass Ägypten

wirtschaftlich von den arabischen Monarchien

abhängig ist. Sisi wird jeden wichtigen

Schritt mit seinen Geldgebern in Riad

und Abu Dhabi absprechen müssen. Seit

dem Sturz der Moslembrüder vor elf Monaten

haben die Ölmonarchien Saudi-Arabien

und Vereinigte Arabische Emirate

rund 15 Milliarden US-Dollar für das neue

Regime in Kairo springen lassen, darunter

sechs Milliarden zinsfreie Einlagen bei der

ägyptischen Zentralbank und vier Milliarden

für kostenlose Erdöllieferungen. Der

scheidende Ministerpräsident Ibrahim

Mehleb, ein treuer Gefolgsmann Sisis,

überschlägt sich im Lob für die „arabischen

Synergien“ bei der Zusammenarbeit

mit den Herrschern in Riad und Abu Dhabi.

Die halten das viele Geld für eine gute

Versicherung gegen die gestürzten und

heute brutal unterdrückten Moslembrüder

und gegen die aus ihrer Sicht noch gefährlicheren

Demokraten, die im „Arabischen

Frühling“ von 2011 die Region in Aufruhr

versetzt haben.

Auch den herrschenden Militärs und Politikern

geht es zunächst nur um Ruhe. Darum

ließ sich die Regierung am vergangenen

Wochenende anlässlich der Wahl Sisis

etwas Besonderes einfallen: Es gab eine

zehnprozentige Gehaltsaufbesserung für

die sieben Millionen Beschäftigten im öffentlichen

Dienst.

n

hansjakob.ginsburg@wiwo.de

FOTO: ACTION PRESS/ABACA PRESS

32 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

FOTO: SASCHA PFLAEGING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, MARCO UR-

BAN

NEW YORK | Wie

sich ideologische

Gräben in den USA

einfach zuschütten

lassen. Von Martin

Seiwert

Money, Money,

Money

Drogenpolitik, Einwanderung,

Todesstrafe – nach

einem halben Jahr als „US

Resident“ habe ich mir angewöhnt,

einen Bogen um

diese heiklen Themen zu

machen. Sie können den schönsten Abend

ruinieren, so tief ist der Graben zwischen

Linken und Rechten. Doch je mehr die

Ideologien das Land spalten, umso mehr

werden schnöde Dollar zum gesellschaftlichen

Kitt: Marihuana zu legalisieren finden

die Republikaner gar nicht mehr so übel,

seit der Bundesstaat Colorado mit Steuern

auf Marihuana-Produkte erfolgreich seine

Staatskasse saniert. Bessere Schulen

dank legalisiertem Kiffen – der Gesetzesentwurf

ist schon fertig. Und die Erkenntnis,

dass Amerikas Wirtschaft ohne illegale

Latinos im Land nicht funktionieren würde,

scheint endlich den Weg zu einer Einwanderungsreform

zu ebnen.

Selbst bei der Todesstrafe gilt: It’s the

economy, stupid! Der Rückhalt für Giftspritzen

und den neuerdings in Tennessee

wieder hervorgekramten elektrischen

Stuhl bröckelt unaufhörlich. Aber nicht,

weil unlängst zwei Hinrichtungen schiefgingen

und die Gefangenen förmlich zu Tode

gefoltert wurden, auch nicht, weil einer

von 25 Hingerichteten erwiesenermaßen

unschuldig ist. Sondern weil ein Todestrakt

mehr kostet als Fünf-Sterne-Hotels in Beverly

Hills. Wegen des jahrelangen juristischen

Tauziehens bis zu einer Hinrichtung

ist die Todesstrafe für den Staat rund zehn

Mal teurer als ein Lebenslänglich. Das sagen

die amtlichen Zahlen. Ist Rache süß?

Oder primitiv? Gar kein gutes Thema für ein

harmonisches Frühlings-BBQ. Ich sage

jetzt immer, dass ich Rache zu teuer finde.

Das kommt gut an.

Martin Seiwert ist Korrespondent der

WirtschaftsWoche in New York.

BERLIN INTERN | Ungewohntes Gefühl: In der SPD ist

die Oppositionslust so gering wie nie – und die

pragmatischen Regierungs-Sozis sind auf einmal die

Hauptströmung. Von Henning Krumrey

Genossen genießen

Kursbestimmung Auf der „Havel Queen“ ist

Kahrs (rechts) Chef, Gabriel nur Passagier

Langsam vorankommen, aber beständig.

Schon eine Welle machen,

aber nur eine kleine. Kurs

halten und nicht kentern. So sehen

sie sich am liebsten, die „Seeheimer“

in der SPD-Bundestagsfraktion. Schönster

Ausdruck des Selbstverständnisses der

staatstragenden Genossen ist die traditionelle

Spargelfahrt. Einst schipperten sie

von Bonn den Rhein hinauf, nun pflügen

sie einmal im Jahr über den Wannsee. Vergangene

Woche gingen wieder einige Hundert

Abgeordnete, Mitarbeiter, Journalisten,

sonstige Gäste und Lobbyisten, äh,

Sponsoren an Bord der „Havel Queen“.

„Im vergangenen Jahr“, beginnt der

SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann

seine kurze Rede, habe es „zwei gesellschaftliche

Tiefpunkte gegeben: Erst fiel

die Spargelfahrt aus, dann ging die Bundestagswahl

verloren.“ Damals sagten die Veranstalter

die Dampfer-Sause ab, weil in

Ost- und Süddeutschland den Hochwasseropfern

gerade Hab und Gut absoffen.

Diesmal ist die Stimmung so fröhlich wie

seit Jahren nicht. Stolzestrunken beklatschen

sie „sozialdemokratische Reformen

im Wochentakt“, die Oppermann bejubelt.

Nur dass Nahles’ Rentenreform schon fertig

ist „dank der Andrea“, da bleibt der Szenenapplaus

aus. Einmal in Fahrt, staunt Oppermann

über „Talente, die man gar nicht

erwartet hatte: Der Sigmar hält staatsmännische

Reden und Frank-Walter Steinmeier

hält Wutreden.“ Für den weiteren Erfolg der

Sozialdemokratie sei es am besten, „Frank

hält ab und zu Wutreden und Sigmar hält ab

und zu keine Wutrede“. Da brummt der Parteivorsitzende

Sigmar Gabriel von seinem

Tisch aus dazwischen: „Wenn du so weitermachst,

halte ich doch eine!“

Beide sind freilich nur Gast an Bord. Für

den Seeheimer Kreis kritisiert Johannes

Kahrs, einer der drei Sprecher, puristische

Parteifreunde, die trotz des SPD-Kurses der

Bundesregierung immer noch rumnölten.

„Auch wenn man nur 95 Prozent durchsetzt,

ist es gut.“ Das ist in der Tat deutlich

mehr, als nach den 25,7 Prozent bei der

Bundestagswahl zu erwarten war. Noch zwei

Prozentpunkte mehr bei der Europawahl

eine Woche zuvor sorgen für eitel Freude.

Gabriel mahnt, die SPD müsse „zeigen,

dass wir nicht Opposition in der Regierung

spielen. Das versteht man nicht.“ Den Seeheimern

muss er das nicht sagen. In dem losen

Club versammeln sich jene, die regieren

wollen. Konservative oder rechte Genossen

seien sie aber „ganz sicher nicht“, protestieren

die drei Sprecher Kahrs, Petra Ernstberger

und Carsten Schneider. Seit ihrem

Entstehen – eine formelle Gründung hat es

nie gegeben – sind die Seeheimer der pragmatisch-staatstragende

Teil der roten Fraktion.

Vorläufer ab Mitte der Fünfzigerjahre

waren die legendären „Kanalarbeiter“, die

sich auch „Freunde sauberer Verhältnisse“

nannten – für das Godesberger Reformprogramm

von 1959, gegen linke Ideologen.

Aus ihrem späteren Tagungsort, dem Lufthansa-Schulungszentrum

in Seeheim an

der Bergstraße, entstand der heutige Name.

In dieser Legislaturperiode sind die Seeheimer

noch stärker das Rückgrat der Fraktion

als früher. „So geschlossen habe ich

die Fraktion noch nicht erlebt“, erinnert

sich Dennis Nocht, der Geschäftsführer

des Kreises. Die Genossen sind mit sich und

ihrer Arbeit im Reinen.

Für die Seeheimer gilt das allemal. Ulrich

Freese beispielsweise, erstmals im Bundestag

und bis Mitte 2013 stellvertretender

Vorsitzender der IG BCE. Er freut sich über

den „Industrieminister“ Gabriel, der Arbeitsplätze

erhält und Kostensteigerungen

für energieintensive Betriebe begrenzt.

Pragmatisch eben.

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 33

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die Europäische

Zentralbank soll die Preise stabil

halten. Doch sie hat diese Aufgabe

umgedeutet. Von Malte Fischer

EZB-Neusprech

Erinnern Sie sich noch

an den Roman „1984“

von George Orwell? In

dem 1949 erschienenen

Werk zeichnet der britische

Autor die düstere Vision

eines Überwachungsstaates.

Um das Denken der Menschen

in staatlich vorgedachte Bahnen

zu lenken, manipuliert die

Regierung die Sprache, deutet

Wörter um, erfindet neue und

streicht bekannte. „Neusprech“

nannte Orwell diese

politisch bereinigte Sprache.

Wer es nicht gut mit der Europäischen

Zentralbank (EZB)

meint, könnte sich in diesen Tagen

an Neusprech erinnert fühlen.

Wie anders soll man es werten,

dass die Frankfurter

Währungshüter, deren gesetzliche

Aufgabe es ist, für stabile

Preise zu sorgen, seit Jahren der

Öffentlichkeit einzubläuen versuchen,

die von ihnen angestrebte

Inflationsrate von

„knapp unter zwei Prozent“ sei

mit Preisstabilität identisch?

SCHLEUSEN GEÖFFNET

Die semantische Vergewaltigung

des Stabilitätsbegriffs

dient der EZB nun als Argument,

um angesichts der aktuellen

Teuerungsrate in der Euro-

Zone von nur noch 0,5 Prozent

vor Gefahren für die Preisstabilität

zu warnen – und die geldpolitischen

Schleusen weiter zu

öffnen. Strebte die Notenbank

wirklich stabile Preise an, müsste

sie dann nicht den Rückgang

der Teuerungsrate in Richtung

null Prozent begrüßen? Doch ihr

geht es nicht um Preisstabilität

im engeren Sinne, sondern um

eine höhere Inflation. Zudem

soll mit Blick auf die Exportindustrie

der Wechselkurs des Euro

gedrückt werden.

Dabei ist die Steuerung des

Preisniveaus durch die Zentralbank

ohnehin ein fragwürdiges

Unterfangen. Das fängt schon

mit der Messung an. So stellen

die Statistiker bei der Preismessung

mit der Auswahl des Warenkorbs

auf die Kaufgewohnheiten

eines durchschnittlichen

Haushalts ab. Doch nur die wenigsten

Haushalte dürften diesem

Idealtypus entsprechen.

Dazu kommt, dass sich das

Kaufverhalten der Menschen

Abwärts

Inflationsrate in Deutschland

und der Euro-Zone

3,0

2,5

2,0

1,5

1,0

Deutschland

Quelle: Destatis, Eurostat

EZBZielmarke

0,5

Euro-Zone

0,0

2010 11 12 13 14

ständig ändert. Dieses durch einen

über längere Zeit unveränderten

Warenkorb abzubilden

geht an der Realität vorbei. Fragwürdig

ist zudem die Gewichtung

der Produkte mit deren Anteilen

an den Gesamtausgaben.

Ebenso gut könnte man die Häufigkeit

heranziehen, mit der die

Waren gekauft werden. Das Ergebnis

fiele ganz anders aus.

Zudem verfälscht das Herausrechnen

von Preisschwankungen,

denen Qualitätsänderungen

zugrunde liegen, das

Resultat, falls die Qualitätsänderung

für den Käufer irrelevant

ist. Die Bürger sollten daher auf

der Hut sein – vor der Statistik

und der Politik der Europäischen

Zentralbank.

NEW ECONOMICS

In der Nische

Eine neue Studie analysiert die Rahmenbedingungen

für Existenzgründer in 70 Ländern. Deutschland

schneidet dabei nur mittelmäßig ab.

Physische Infrastruktur*

Schutz geistigen Eigentums

Öffentliche Förderprogramme

Wertschätzung neuer Produkte**

Berater und Zulieferer für neue Unternehmen

Seit Schumpeter wissen

wir: Die Quelle des Fortschritts

ist der „Pionierunternehmer“,

der die Etablierten

mit neuen Produkten und

Ideen unter Druck setzt. Doch

„kreative Zerstörer“ fallen nicht

vom Himmel – sie brauchen ein

gutes Gründungsklima.

Wie es um die Rahmenbedingungen

für Start-ups bestellt ist,

beschreibt nun der Global Entrepreneurship

Monitor (GEM),

die weltweit größte Studie zur

Analyse von Gründungsaktivitäten,

an der sich Wissenschaftler

aus knapp 70 Ländern beteiligt

haben. Für Deutschland

ergibt sich darin ein gemischtes

Bild. „Obwohl es reichlich Förderprogramme

gibt, liegen wir

bei den Gründungsaktivitäten

nur im hinteren Mittelfeld“, sagt

Rolf Sternberg, Leiter des GEM-

Deutschlandteams. Die sogenannte

TEA-Quote ist das zweite

Jahr hintereinander gefallen

und liegt nun unter fünf Prozent.

Sie gibt den Anteil der 18-

bis 64-Jährigen an, die während

der vergangenen 42 Monate ein

Unternehmen gegründet haben

oder dies soeben tun. Der relativ

schlechte Wert hängt auch

mit der guten Lage am Arbeitsmarkt

zusammen. „Wer einen

sicheren und gut bezahlten Job

hat, scheut oft die Selbstständigkeit

– die Opportunitätskosten

wären zu hoch“, sagt Sternberg.

Und daran dürfte sich

vorerst nicht viel ändern: Der

Anteil der Bürger, die aktuell

gute Gründungschancen in ihrer

Region sehen, ist von 35 auf

32 Prozent gefallen. Obendrein

scheint es generell an Pioniergeist

zu mangeln: Nur 38 Prozent

der 18– bis 64-Jährigen

glauben, für eine Selbstständigkeit

ausreichende Fähigkeiten

zu besitzen. Fast 50 Prozent hält

das Risiko des Scheiterns von

einer Gründung ab.

Lob von Gründungsexperten

erhält Deutschland für seine Infrastruktur,

den Patentschutz

und umfangreiche Förderprogramme.

Schlechte Noten gibt

es für die schulische Gründungsausbildung.

„Ökonomische

Themen führen an den

meisten Schulen immer noch

ein Nischendasein“, sagt Sternberg.

„Dass Selbstständigkeit eine

Alternative zur abhängigen

Beschäftigung ist, wird im Bildungswesen

nicht vermittelt –

und vorgelebt schon gar nicht.“

Licht und Schatten

Wie Gründungsexperten die Rahmenbedingungen für Start-ups in

Deutschland bewerten

–1,02

–0,22

–0,24

–0,37

–0,38

+0,69

+0,44

+0,40

+0,39

*Verfügbarkeit von Büros/Gewerbeflächen, Verkehrswege, IT-Infrastruktur; ** durch Konsumenten;

indexierter Mittelwertauf einer Skala von 1bis 5; Quelle: GEM-Expertenumfrage

bert.losse@wiwo.de

+0,29

Wissens- und Technologietransfer

Marktzugangsbarrieren

Regulierung, Steuern

Prioritätund Engagement der Politik

Schulische Gründungsausbildung

1 2 3 4 5

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

34 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Die Wirtschaft verliert

etwas an Fahrt

Geht dem Aufschwung langsam

die Puste aus? Der Earlybird-

Frühindikator, den die Commerzbank

exklusiv für die WirtschaftsWoche

ermittelt, hat

überraschend den Rückwärtsgang

eingelegt. Das Barometer,

das einen Vorlauf gegenüber

der Realwirtschaft von sechs bis

neun Monaten hat, sank im Mai

um 0,24 auf 2,04 Punkte (siehe

Grafik). Der Indikator erfasst

den Außenwert des Euro, die

kurzfristigen Realzinsen sowie

(als Messgröße für die Lage der

Weltwirtschaft) den Einkaufsmanagerindex

für die US-Industrie

(ISM). Grund für den

aktuellen Rückgang waren steigende

Realzinsen, die durch ein

besseres weltwirtschaftliches

Umfeld nur zum Teil kompensiert

werden konnten.

Es sei zwar „übertrieben, das

Ergebnis als Alarmzeichen für

die Konjunktur zu interpretieren“,

schreiben die Commerzbank-Ökonomen

in ihrer Analyse

– zumal der Earlybird

immer noch auf höherem Niveau

liege als vor der Finanzkrise.

Sie betonen aber auch: „Vorerst

ist bei der Wachstumsrate

und den Stimmungsindikatoren

kaum noch Aufwärtspotenzial

vorhanden.“

Wieder leicht nach oben zeigt

derweil der vom ifo Institut exklusiv

für die WirtschaftsWoche

erstellte Exportklimaindex, der

in den beiden Vormonaten gesunken

war. Er stieg im April auf

0,32 Punkte. Der Indikator bündelt

den realen Außenwert des

Euro – also die preisliche Wettbewerbsfähigkeit

der Ausfuhrwirtschaft

– sowie das Konsumund

Geschäftsklima auf unseren

wichtigsten Absatzmärkten.

Grund für den Anstieg war vor

Dynamik lässt nach

Bruttoinlandsprodukt und

Earlybird-Konjunkturbarometer

4,0

2,0

0

–2,0

–4,0

Earlybird 2

Bruttoinlandsprodukt 1

4,0

2,0

0

–2,0

–4,0

08 09 10 11 12 13 14

1

zum Vorquartal (in Prozent); 2 gewichtete Summe

auskurzfristigem realem Zins, effektivem realem

Außenwertdes Euro und US-Einkaufsmanagerindex;Quelle:Commerzbank

allem ein höheres Unternehmens-

und Verbrauchervertrauen

in Großbritannien und den

USA. Der Euro-Dollar-Wechselkurs

veränderte sich im April

kaum. Die ifo-Ökonomen sagen

nun einen „moderaten Anstieg

der deutschen Ausfuhr im zweiten

Quartal“ voraus.

bert.losse@wiwo.de

Starker Euro bremst

Exportklima und Ausfuhren

0,25

0,20

0,15

0,10

0,05

0

–0,05

–0,10

–0,15

–0,20

–0,25

Exportklimaindikator

1

Exporte (real,

saisonbereinigt,

Veränderung zum

Vorjahr in Prozent)

08 09 10 11 12 13 14

1 Geschäfts- und Konsumklima auf den wichtigsten

Absatzmärkten sowie realer Außenwertdes

Euro (Indexpunkte);Quelle:ifo

1,5

1,0

0,5

0

–0,5

–1,0

–1,5

–2,0

–2,5

–3,0

–3,5

Industrie mit

Problemen

Die Hurra-Stimmung in der

deutschen Industrie verflüchtigt

sich zusehends: Der vom

Londoner Forschungsinstitut

Markit ermittelte Einkaufsmanagerindex

ist im Mai um 1,8

auf 52,3 Punkte gefallen. Das ist

der schlechteste Wert seit sieben

Monaten. Das Barometer

liegt damit allerdings noch

deutlich über der Marke von

50 Zählern, ab der gemeinhin

Wachstum einsetzt. Der entsprechende

Index für den

Dienstleistungsbereich stieg

derweil um 1,3 auf 56 Zähler.

In der Euro-Zone fiel das Industriebarometer

um 1,2 auf

52,2 Punkte. Die meisten Probleme

macht derzeit Frankreich

– hier rutschte der Indikator sogar

unter die 50-Punkte-Wachstumsschwelle.

„Das Land ist

derzeit wie ein Boot, das nicht

mit der Flut steigt“, warnt

Markit-Chefökonom Chris

Williamson.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0.1

3,3

105,0

46,7

5,9

2,0

2,0

2,1

2896

478

29006

0,5

0,9

0,4

–2,4

–0,2

3,0

0,9

1,5

–0,3

2,5

0,2

–0,2

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

435

29370

I/13

0,0

0,3

0,0

–1,4

–1,5

–0,9

–0,7

0,2

Februar

2014

0,6

0,9

0,7

–1,3

111,3

54,8

8,2

1,2

–0,9

–2,7

2917

444

29668

II/13 III/13 IV/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,7

0,7

–0,2

0,5

1,7

1,6

2,5

1,5

März

2014

–0,5

–2,8

0,1

–1,8

110,7

53,7

8,5

1,0

–0,9

–3,3

2906

445

29730

0,3

0,3

0,7

0,1

2,1

1,4

–0,1

0,8

April

2014



–0,9


111,2

54,1

8,5

1,3

–0,9

–2,4

2881

446


0,4

–0,3

–0,3

1,4

0,2

1,2

2,5

1,3

Mai

2014





110,4

52,3

8,5

0,9



2905

443


I/14

0,8

0,7

0,4

3,3

3,6

–0,8

0,2

2,2

Juni

2014







8,5







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

2,5

1,1

0,5

6,0

10,2

3,3

5,5

6,2

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

5,1

3,1

3,4

1,9

4,5

5,9

30,8




–1,9

3,5

1,6

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 35

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Der Volkswirt

WELTWIRTSCHAFT

Gelbe Karte

Brasiliens Wirtschaft wächst nur noch langsam, die

Stimmung der Konsumenten und Unternehmen ist

schlecht. Daran dürfte auch die WM nichts ändern.

Der brasilianische

Finanzminister

Guido Mantega ist

wahrlich nicht zu beneiden. Seit

drei Jahren muss er nun schon

die immer schlechteren Konjunkturdaten

Brasiliens schönreden.

Das war auch vergangene

Woche wieder so: Das Bruttoinlandsprodukt

ist im ersten Quartal

im Vergleich zur Vorperiode

und der private Konsum „deutlich

zulegen“.

Wie so oft steht Mantega mit

seinen optimistischen Prognosen

ziemlich alleine da. Nicht

einmal während der Weltwirtschaftskrise

2008/09 waren die

Aussichten für Brasiliens Wirtschaft

so negativ wie derzeit.

Gerade haben Investmentbanken

wie ItaúUnibanco die

Quartale seit Langem – und das

trotz der am 12. Juni beginnenden

Fußball-WM, die doch

auch ökonomisch neuen

Schwung bringen sollte.

Der positive Wachstumseffekt

durch den Stadion- und

Straßenbau für die WM hat sich

aber längst verflüchtigt, und die

Proteste in der Bevölkerung gegen

die hohen Kosten des Spektakels

halten an. Mehr noch:

Die WM dürfte das verarbeitende

Gewerbe Brasiliens sogar belasten.

Zum einen fallen jede

Menge Arbeitstage aus – alle

zwölf WM-Städte haben „Sonderfeiertage“

eingeführt, um

ein Verkehrschaos an den Spieltagen

zu verhindern und einen

reibungslosen Ablauf zu ge-

Zu wenig Offensivkraft

Wachstumsrate Brasiliens

(in Prozent)

ballerischen Ausnahmezustands

das Wachstum im zweiten

Quartal um 0,2 Prozent

schrumpfen könnte. Zumal

auch die erhofften Einnahmen

durch WM-Touristen von umgerechnet

5,5 Milliarden Euro

zu hoch gegriffen sein dürften.

Viele der wirtschaftlichen

Probleme Brasiliens sind hausgemacht.

Ökonomen zeigen der

Regierung schon seit Längerem

die gelbe Karte, weil sie keine

stringente Geld- und Fiskalpolitik

fährt. Einerseits hatte sie die

(nicht unabhängige) Zentralbank

aufgefordert, ab Mitte

2011 die Zinsen zu senken, obwohl

die Inflation nicht unter

Kontrolle war. Gleichzeitig gab

sie das Geld mit vollen Händen

für Konjunkturprogramme aus.

Als die Preise in die Höhe

schossen, dauerte es zu lange,

bis Politik und Notenbank das

Ruder herumrissen.

Baustelle Brasilien

Kurz vor dem WM-Anpfiff ist vieles noch

nicht fertig – wie hier in Porto Alegre

nur um 0,2 Prozent gewachsen,

gleichzeitig hat die Inflation ein

Niveau von rund 6,5 Prozent erreicht.

In nur einem Jahr musste

die Zentralbank die Leitzinsen

von 7,5 Prozent auf inzwischen

11,0 Prozent erhöhen. Kurzum:

Die Wirtschaft stagniert bei einer

hartnäckigen Inflation und

den höchsten Leitzinsen weltweit

– doch Mantega gab sich

unverdrossen hoffnungsvoll.

Die schwache Konjunktur in Europa

und den USA sei schuld an

der Misere und natürlich die

Trockenheit in Brasilien zum

Jahresanfang. Im zweiten Halbjahr

werde die Inflation sinken

Wachstumsprognose für 2014

auf rund ein Prozent reduziert –

für ein aufstrebendes Schwellenland

der BRIC-Gruppe (Brasilien,

Russland, Indien, China)

ein trostloser Wert. Das Vertrauen

der Konsumenten und Unternehmer

ist auf den niedrigsten

Wert seit sechs Jahren

gesunken. Niemand will kaufen,

niemand will investieren.

„Die Unternehmer lassen das

Geld lieber auf dem Konto oder

sparen“, sagt der Ex-Minister

und Ökonom Luiz Carlos Mendonça

de Barros. Bauwirtschaft,

Autobauer und Elektronikhersteller

erleben die schwächsten

8

7

6

5

4

3

2

1

0

–1

2008 09 10 11 12 13 14* 15*

*Prognose; Quelle: IWF

währleisten. Und wenn die heimische

Seleção auf dem Platz

steht, bleiben sowieso viele Büros

und Fabriken geschlossen.

Zum anderen erwarten nicht

wenige Ökonomen negative Effekte

auf den Konsum. Zwar

mögen die Brasilianer in den

kommenden Wochen mehr

Bier trinken und Chips essen.

Doch dürften viele ihre sonstigen

Shoppingaktivitäten zurückschrauben

und erst recht

keine größeren Anschaffungen

vornehmen, befürchten Wirtschaftsverbände.

Die Analysten

von ItaúUnibanco halten es für

möglich, dass wegen des fuß-

HOFFEN AUF DIE MITTE

Allerdings gibt es auch Hoffnungsschimmer:

Die erfolgreiche

Armutsbekämpfung und

gesunkene Arbeitslosigkeit der

vergangenen Jahre haben den

Aufstieg einer neuen Mittelschicht

ermöglicht. Diese ist

besser ausgebildet, arbeitet zumeist

in regulären Vollzeitjobs

und hat eine neue Nachfrage

nach Dienstleistungen geschaffen,

für die vor einer halben Dekade

noch gar kein Markt existierte:

für Versicherungen und

Tourismus, für Bildung, Freizeit

und Finanzdienstleistungen.

Die Mittelschicht könnte am

Ende auch einen Wettbewerb

entscheiden, der für das Land

wichtiger ist als die WM: Am 15.

Oktober finden in Brasilien Präsidentschaftswahlen

statt. Und

hier kommt nun wieder der

Fußball ins Spiel: Ein Erfolg der

Seleção – nur der Sieg zählt, alles

andere wäre ein nationales

Fiasko – könnte der in der Wirtschaft

unbeliebten Rousseff

helfen, die Stimmung im Land

zu heben, und den Weg zu einer

weiteren Amtszeit ebnen.

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo

FOTO: IMAGO/FOTOARENA

36 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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DENKFABRIK | Die demografische Zeitbombe tickt: Um das Jahr 2015 herum verlieren

die Jungen rechnerisch die politische Mehrheit in Deutschland. Die Babyboomer werden

ihre Macht einsetzen und den Nachkommen immer mehr Lasten aufbürden. Steuert

die Politik nicht um, droht eine Zerreißprobe für die Demokratie. Von Hans-Werner Sinn

Deutsche Gerontokratie

FOTOS: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE-ALLIANCE/DPA

Deutschlands demografische

Zeitbombe

tickt. Die Babyboomer,

die 1964

geboren wurden, sind jetzt 50

Jahre alt und wollen in 15,

wenn nicht 13 Jahren ihre Rente

beziehen. Doch durch die

Kombination besonders vieler

Alter mit besonders wenigen

Jungen entsteht ein fast unlösbarer,

aber jetzt schon genauestens

vorhersehbarer Generationenkonflikt.

Im Jahr 2000

mussten 100 Personen im Erwerbsalter

(15–64 Jahre) 24

Personen im Rentenalter (ab

65 Jahre) finanzieren – 2011

waren es schon 31 Personen. In

15 Jahren werden knapp 47

und in 20 Jahren schon 55 Personen

zu finanzieren sein, mehr

als doppelt so viele wie zum Beginn

dieses Jahrhunderts.

ge Menschen miternähren musste

wie heute. Vorläufig wird es sie

auch nie wieder geben. Die Finanzierung

der Eltern können sich die

Babyboomer mit ihren vielen Geschwistern

teilen, und die Finanzierung

der Kinder entfällt mangels

Masse. Deshalb bleibt viel

Geld für einen beispiellosen Konsumstandard

übrig. Aber das

schöne Leben wird in etwa 15

Jahren jäh in Verzweiflung umschlagen,

wenn alle Babyboomer

gleichzeitig in die Rente gehen

und von Kindern ernährt werden

wollen, die es nicht gibt. Der Sturz

»Wir müssen die

Diskriminierung

der Familien

beenden –

etwa durch eine

Kinderkomponente

in der

Rentenformel«

vom Konsumhimmel in die Altersarmut

wird jäh, tief und schmerzlich

sein.

Die politischen Gefahren dieser

Entwicklung sind immens. Die

Babyboomer werden ihre politische

Macht einsetzen, um der

absehbaren Altersarmut zu entkommen,

indem sie ihren wenigen

Nachkommen immer mehr Lasten

aufbürden. Wie Silke Übelmesser

und ich bereits 2002

prognostiziert hatten, kippt die

rechnerische politische Mehrheit

der Jungen bereits um das Jahr

2015. Danach haben jene Wähler,

die hinreichend alt sind, um von

Renten- und Beitragserhöhungen

ZU WENIG GEBURTEN

In der Geburtenstatistik der

OECD steht Deutschland weit

unten: Mit 8,4 Geburten pro

1000 Einwohner hat es sich

2012 vom letzten Platz, den es

lange innehatte, vor Japan auf

den zweitletzten Platz vorgerobbt.

Und auch dies gelang nur

wegen der Einwanderer, deren

Kinder mittlerweile ein Drittel

der Neugeborenen in Deutschland

ausmachen. Ohne sie

lägen wir weit abgeschlagen auf

dem letzten Platz der Geburtenstatistik.

Noch ahnen die Babyboomer

nicht, was ihnen blüht,

weil sie von einer glücklichen

und historisch einmaligen

Konstellation profitieren. Noch

nie hat es in der Geschichte

Deutschlands eine Gruppe von

50-Jährigen gegeben, die relativ

gesehen so wenige alte und junzu

profitieren, mehr Stimmen als

diejenigen, die dabei per saldo,

über das ganze Leben gerechnet,

verlieren. Deutschland wird also

zur Gerontokratie.

Auch wenn sie in der Minderheit

sind, werden sich die jungen

Menschen freilich nicht widerstandslos

ausbeuten lassen.

Wenn sie einen immer größeren

Anteil ihres Einkommens an den

Staat abführen sollen, um die

Renten der Alten zu finanzieren,

werden sie auswandern oder auf

die Straße gehen, um ihren Unmut

kundzutun. Der deutschen

Kinder, Kinder Deutschland

braucht mehr Krippenplätze

Demokratie droht somit eine gefährliche

Zerreißprobe. Dass dann

gleichzeitig die vielen ungedeckten

Schecks aus der Rettung südeuropäischer

Krisenstaaten präsentiert

werden, macht die Sache

nicht einfacher.

Was aber lässt sich gegen die

demografische Misere tun? Eine

Teillösung liegt in höheren Einwanderungszahlen.

Die Massenimmigration,

die Deutschland wegen

der Krise in Südeuropa

bereits erlebt, wird sich von ganz

allein verstärken, wenn immer

mehr Arbeitsplätze frei werden.

Auch dürfte das Rentenalter wieder

erhöht werden, ungeachtet

der rückwärtsgewandten Koalitionsbeschlüsse

der letzten

Zeit. Die Schätzungen des bei

der Erhöhung des Rentenalters

und der Immigration Nötigen

überschreiten freilich die Vorstellungskraft

und Toleranz der

Bevölkerung um ein Vielfaches.

NEUE RENTENFORMEL

Deshalb führt an einer Steigerung

der Geburtenzahlen kein

Weg vorbei. Dazu muss endlich

die Ausbeutung und Diskriminierung

der Familien beendet

werden. Wenn die Rentenformel

um eine Kinderkomponente

ergänzt wird, die den Eltern wieder

mehr Anteil an den Ergebnissen

ihrer Erziehungsarbeit

belässt, wird es sicher mehr

Kinder geben. Je mehr Kinder

jemand großzieht, desto mehr

Zuschläge zur Rente sollte er

erhalten. Schließlich sind es ja

die Kinder selbst, die diese

Zuschläge einmal werden bezahlen

müssen.

Besonders wirksam wäre ein

rascher Krippenausbau, um die

Wartelisten junger Familien zu

verkürzen. Wie das ifo Institut

jetzt in einer umfangreichen

Studie gezeigt hat, führen der

Bau und die Besetzung von 100

neuen Krippenplätzen derzeit

statistisch gesehen zur Geburt

von etwa zehn weiteren Kindern.

Wenn es wieder mehr Kinder

in Deutschland gibt, besteht

eine größere Chance, die Gerontokratie

und die absehbare

demografische Krise friedlich zu

überwinden.

Hans-Werner Sinn ist Präsident

des ifo Instituts und Ordinarius

an der Ludwig-Maximilians-

Universität in München.

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 37

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Unternehmen&Märkte

FOTO: PHOTOSHOT/XINGHUA

40 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Kulturschock

im Kultkonzern

APPLE | Gangsta-Rapper, Musikproduzent, Modemanagerin,

Gegenspieler – mit ausgefallenen Top-Managern will

Vorstandschef Tim Cook die Magie des verstorbenen Gründers

Steve Jobs in die Zukunft retten.

Der Nachlassverwalter

Tim Cook Apple-Chef

Der Erwartungsdruck, den Apple-Fans

und Investoren auf den einst treuen

Gefolgsmann von Konzerngründer Steve

Jobs aufbauen, ist groß.

Es war die Show des Craig Federighi.

Nicht sein Chef Tim Cook,

nein, der ergraute Langhaarige

mit jugendlichem Appeal hielt

den größten Teil der zweistündigen

Rede, mit der der kalifornische

Computerbauer Apple vergangenen Montag

seine jährliche Entwicklerkonferenz

einläutete.

Entspannt, fast gelöst, präsentierte der

Apple-Softwarechef auf der Bühne in San

Francisco die neuen Versionen seiner Betriebssysteme.

Als „Superman“ lobte Konzernchef

Cook den 44-Jährigen. Unter dem

2011 verstorbenen Apple-Gründer Steve

Jobs hätte es das nicht gegeben. Der hätte

die Präsentation einer Innovation nie anderen

überlassen.

Die neue Linie bei Apple hat System.

Weil der Hersteller des iPods, iPhones und

iPads seit dem Tod seines Ausnahme-Visionärs

Jobs Wert an der Börse, vor allem

aber Magie beim Publikum verloren hat,

macht Nachfolger Cook aus der Not eine

Tugend. Statt dass der eher reservierte

53-Jährige vergeblich Jobs nacheifert,

schiebt er Top-Manager aus der zweiten

Reihe ins Rampenlicht – und setzt alle

Hoffnungen auf sie. Ihre Mission ist keine

geringere, als die Lücke, die Jobs hinterließ,

gemeinsam zu füllen. Sie sollen Apple wie

einst nach dem Wiedereinstieg von Gründer

Jobs 1997 zum dritten Mal in eine neue

Epoche katapultieren.

Im Zentrum der Strategie finden sich neben

Softwarechef Federighi, Design-Guru

Jonny Ive und Marketingchef Phil Schiller

nun neue Stars, die Cook um sich und sein

bisheriges Top-Team versammelt, um zum

Aufbruch zu blasen:

n Ganz vorn Angela Ahrendts, Ex-Chefin

des britischen Modelabels Burberry, die

seit Kurzem für die weltweiten Apple-

Shops sowie den Internet-Store des Konzerns

verantwortlich ist. Marc Benioff,

Gründer und Chef des US-Cloud-Computing-Riesen

Salesforce, wähnt in der Amerikanerin

bereits die „künftige Apple-Chefin“

und sieht in ihr „Tim Cooks wichtigste

Personalentscheidung“. Die 53-Jährige gilt

als extrem talentierte Managerin und

Expertin fürs internationale Geschäft.

n Die schillerndsten Neuen bei Apple sind

Jimmy Iovine, 61, und der US-Rapper Dr.

Dre, 49, Gründer des Kopfhörerherstellers

Beats Electronics, den Apple unlängst für

drei Milliarden Dollar übernahm. Die

blendenden Kontakte sowie der Streaming-Dienst

der beiden, mit dem sich

Musik direkt aus dem Internet hören lässt,

machen das Duo für Cook so wertvoll.

n Kevin Lynch, 46, einstiger Technik-Vorstand

der Softwareschmiede Adobe (bekannt

für ihre Leseprogramme für gedruckte

Textvorlagen sowie Multimedia-

Software) dürfte Apple ins Internet der

Dinge führen, in dem Gegenstände wie

Türschlösser und Thermostate miteinander

vernetzt sind und dadurch ganz neue

Dienste ermöglichen.

ANFÄLLIG FÜR ATTACKEN

Die Gruppe der Gewaltigen hinter Konzernchef

Cook steht unter großem Zeitdruck.

Unter Vorgänger Jobs ist Apple nicht

nur zum teuersten Unternehmen mit einem

Wert von aktuell rund 550 Milliarden

Dollar geworden. Spätestens nach seinem

Tod zeigte sich auch, dass der Konzern

nach seinem explosionsartigen Wachs-

»

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 41

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Unternehmen&Märkte

»

tum zu einem komplexen Gebilde mutiert

war. Dadurch wächst die Gefahr, wichtige

Trends zu verschlafen oder sie aus

Rücksicht aufs angestammte, hochprofitable

Geschäft nicht konsequent genug aufzugreifen.

Bahnbrechende Neuerungen

wie das iPhone und das iPad fehlen. Das

macht Apple immer anfälliger für Attacken

der Konkurrenz. Die Erfolge von Google

mit dem mobilen Betriebssystem Android

oder von Samsung mit den Galaxy-

Smartphones zeigen das.

Zugleich sind die offenen Baustellen im

Apple-Reich unübersehbar. Jahrelang hatte

der Konzern die Musikbranche geprägt,

indem er über seinen Store die Möglichkeit

bot, gegen Bezahlung Songs auf den iPod,

das iPhone oder das iPad herunterzuladen.

Nutzer haben das seit Start des Online-Musikshops

im April 2003 rund 30 Milliarden

Mal getan. Doch die Downloads gehen zurück.

Schuld sind der freche schwedische

Musikstreaming-Dienst Spotify und Wettbewerber

wie Slacker, Rdio oder Google

Play All. Sie bieten gegen eine monatliche

Gebühr an, so viel Stücke wie gewünscht

aus Musikbibliotheken von bis zu 20 Millionen

Titeln direkt via Internet zu hören.

Apple schaute bis vor Kurzem mehr oder

weniger hilflos zu.

Gleichzeitig macht sich Lethargie in den

stationären Shops breit. Im Sommer 2011

hatte der Konzern Ron Johnson, der gemeinsam

mit Jobs das Konzept der Apple

Stores entwickelt hatte, an den US-Einzelhändler

J.C. Penney verloren. Sein Nachfolger

John Browett, von Cook angeheuert,

war früher Chef der britischen Elektronikkette

Dixons und vergraulte die Mitarbeiter

in den Stores. Browett ließ die Verkäufer,

die bei Apple Specialist heißen, kürzer arbeiten,

baute sogar Stellen ab und verscherzte

es sich so mit der restlichen Apple-Führung.

Nach einem kurzen Gastspiel

von April bis Oktober 2012 musste der vermeintliche

Aufräumer gehen, ohne dass

sein Posten bis zum 1. Mail 2014 besetzt

wurde. Die Expansion geriet ins Stocken. In

China gibt es erst 10 statt wie geplant 25

Stores. In Berlin sucht Apple seit Jahren erfolglos

einen zweiten Standort im Osten

der Stadt.

MERKWÜRDIGER MENSCH

Eine herausragende Aufgabe kommt

deshalb Neuzugang Ahrendts zu, die

Cook höchstpersönlich von Burberry abgeworben

haben soll, um in den Verkauf

der Apple-Geräte wieder Dynamik zu

bringen. Die Anfangfünfzigerin gilt als

erfolgreichste Modemanagerin der vergangenen

Jahre. Als sie 2006 den Chefposten

bei Burberry übernahm, war das

Label in erbärmlichem Zustand. Lizenznehmer

weltweit benutzten das seit 1924

legendäre Karomuster für alles Mögliche

bis hin zu Wegwerfwindeln für Hunde,

verkauften die Ware zu Ramschpreisen

und ramponierten das Luxus-Image. Ahrendts

fackelte nicht lang, kaufte 23 Lizenzvereinbarungen

zurück und stellte 35 Produktkategorien

ein. Das war teuer, zahlte

sich aber aus. Der Umsatz von Burberry

verdreifachte sich, Ahrendts wurde 2013

zur bestbezahlten Top-Managerin Großbritanniens.

Mindestens so wichtig wie Ahrendts’

Sinn für Luxus ist für Apple ihre Nähe zu digitalen

Technologien. Die in einem typischen

US-Vorort geborene Amerikanerin

hatte schon bei Burberry enge Kontakte zu

Apple und Google geknüpft. Im September

des vergangenen Jahres lieferte Apple vor

der Markteinführung mehrere iPhone 5s

an Burberry, damit das Modehaus mit den

neuen Smartphones eine komplette Modenschau

fotografieren, filmen und über

soziale Netzwerke verbreiten konnte. Die

Kleidung im Flagship-Store auf der Londoner

Regent Street ließ Ahrendts mit RFID-

Chips ausstatten. Treten Kunden vor einen

Bildschirm im Laden, erkennt der Funkchip

die Ware, und es startet ein Film über

das Kleidungsstück.

Starke Apple-Konkurrenten

Marktanteile der Hersteller bei Smartphones

und Tablets (nach Umsatz 2013)

Andere

Andere

Quelle: Gartner

39,3 %

31,2 %

Samsung

31,0 %

Smartphones

Apple

36,0 %

Tablets

15,6 %

Huawei 4,8 %

LG Electronics 4,8 %

Lenovo 4,5 %

19,1 %

Apple

Samsung

Asus 5,6 %

Amazon 4,8 %

Lenovo 3,3 %

Ahrendts beschreibt sich selbst als einen

etwas merkwürdigen Menschen, dessen

zwei Gehirnhälften gleichsam leistungsfähig

seien – die für Emotionen zuständige

rechte und die analytische linke. „Ich nehme

Veränderungen instinktiv wahr“, sagte

sie kürzlich bei einem Vortrag. Schaden

kann das nicht, wenn es darum geht, demnächst

das in die Jahre gekommene Einrichtungskonzept

der Apple Stores zu

überarbeiten. „Das jetzige ist mittlerweile

immerhin 15 Jahre alt. Auch wenn es immer

noch frisch wirkt, ist es nicht mehr revolutionär“,

sagt Archibald Horlitz, Gründer

und früherer Eigner des größten unabhängigen

deutschen Apple-Händlers

Gravis.

VOR ALLEM TALENT-AKQUISE

Eine völlig andere Rolle als Ahrendts sollen

die beiden Beats-Gründer spielen. Dr. Dre,

der mit bürgerlichem Namen André Young

heißt, ist einer ganzen Generation als

Super-Rapper bekannt. Er war die Schlüsselfigur

in der Entstehung und Verbreitung

des West-Coast-G-Funk, einer Musikrichtung,

die Rap mit Synthesizer-Musik

und schweren Bässen vereint. Die Musiklegende

Iovine arbeitete mit Stars wie Bruce

Springsteen, John Lennon, Tom Petty, U2

und Shock-Rocker Marilyn Manson zusammen

und gilt als einer der Entdecker und

wichtigsten Förderer des Gangsta-Raps.

Der 61-jährige Iovine, der seine Karriere

als Hausmeister in einem Plattenstudio

startete, war mit Jobs befreundet und half

diesem beim Start des iTunes Stores beim

Verhandeln von Verträgen mit Plattenfirmen

und Künstlern. Dr. Dre wuchs im

kriminalitätsgeplagten Osten von Los Angeles

auf und wurde mit der Entdeckung

von Superstars wie Eminem und Snoop

Dog zu einem der einflussreichsten Hip-

Hop-Produzenten.

Ins Geschäft mit potenziellen Apple-

Kunden stiegen Iovine und Dr. Dre ein, indem

sie 2008 das Unternehmen Beats

Electronics gründeten. Dessen knallrote,

bassstarke Kopfhörer und Lautsprecher

haben mit Apple-Geräten etwas Wichtiges

gemeinsam. Sie werden von ihren Fans abgöttisch

geliebt und von ihren Kritikern abgrundtief

gehasst. Als Anfang Mai in Los

Angeles und im Silicon Valley die ersten

Gerüchte über den Kauf von Beats Electronics

durch Apple die Runde machten, taten

viele Beobachter dies erst einmal als wilde

Spekulation ab.

Doch langsam machen sich Kenner der

Szene einen Reim auf die Übernahme. „Es

42 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Das Verkaufsgenie

Angela Ahrendts Apple Store

Die Marketingexpertin interessierte sich früh für Kleidung. Sie heuerte

beim Modelabel Donna Karan an. Zwischen 2002 und 2006

war die gebürtige US-Amerikanerin für die Marke Liz Claiborne verantwortlich

und sanierte dann das Londoner Modehaus Burberry.

Die Musiklegende

Jimmy Iovine iTunes

In den Siebzigerjahren arbeitete Iovine als Toningenieur mit

Stars wie John Lennon und stieg zum Plattenboss bei Interscope

Geffen A&M auf. 2006 gründete er mit Dr. Dre Beats. Parallel

wirkte er bei der US-TV-Talentshow „American Idol“ mit.

FOTOS: PICTURE PRESS/CAMERA PRESS/TOM STOCKILL, CORBIS/SPLASH NEWS

ist vor allem eine Talent-Akquise“, meint

Apple-Analyst Amit Daryanani von RBC

Capital Market aus San Francisco. Tatsächlich

könnten Iovine und Dr. Dre, die mit einem

Teil ihrer Mitarbeiter zu Apple wechseln,

beim Kampf gegen die Streaming-

Dienste helfen, die Apple im Geschäft mit

Musik-Downloads arg zusetzen. Denn viele

Künstler sind mittlerweile von den mickrigen

Tantiemen genervt, die sie von

Diensten wie Spotify erhalten. Ein Ausweg

könnte sein, dass sie direkt von Vertriebspartnern

wie Apple unter Vertrag genommen

und gefördert werden, ohne zusätzliche

Mittelsmänner einschalten zu müssen.

Dafür braucht es viel Vertrauen in der Szene,

Kontakte und Marketinggespür.

Alle drei Dinge bringt das Duo

unbestritten mit, inklusive

wirtschaftlichem Erfolg.

Trotzdem ist es für beide

Seiten ein Kulturschock.

Denn der leutselige und

schillernde Iovine, der seinem

Herzen gern Luft macht, ist die

Die Neuen in

Apples Top-

Management

sind ein echter

Kulturschock

absolute Antithese zum verschwiegenen

und diskret auftretenden Apple-Chef

Cook. Dr. Dre, der in einem Internet-Video

mit dem Schauspieler Tyrese Gibson anscheinend

betrunken über seinen neuen

Apple-Reichtum schwelgte, soll mit der

Prahlerei sogar die Verkaufsverhandlungen

verzögert haben. Zudem kommt der

im Januar gestartete Streaming-Dienst der

beiden namens Beats Music gerade mal

auf schätzungsweise 200 000 Abonnenten –

gegenüber zehn Millionen zahlenden Käufern

beim schwedischen Konkurrenten

Spotify. Für Apple-Chef Cook ist es ein gigantisches

Experiment, das sowohl

als genialer Schachzug oder aber als

Katastrophe enden kann.

Endlich wieder einen ganz

großen Wurf erhofft sich der

Apple-Chef durch Ex-Adobe-Technikchef

Lynch. Sein

Feld wird der vielversprechende

Markt für tragbare

Geräte der neuen Generation

sein, die sogenannten Wearables,

die auf dem Internet der Dinge aufbauen.

Samsung ist mit seinen Computeruhren

und Google mit seiner Datenbrille

Google Glass bereits vorgeprescht.

Lynch ist bei Apple ein alter Bekannter.

Von ihm stammt die Adobe-Multimedia-

Software Flash, die Apple-Gründer Jobs

nicht auf dem iPhone zulassen wollte.

Flash sei ein Relikt der PC-Ära, giftete er in

einem offenen Brief. Lynch ätzte zurück:

Jobs gehe es mehr um Machtspiele als um

Technik. Vier Jahre ist die Episode her, und

Flash läuft noch immer nicht auf dem

iPhone – was inzwischen kaum noch jemand

als Manko ansieht, hat sich doch

dort der von Jobs bevorzugte HTML5-Standard

durchgesetzt. Dafür ist Lynch übergelaufen

– zu Apple. Im März 2013 heuerte er

am Konzernsitz in Cupertino an, als „Vizepräsident

für Technik“. Seitdem rätseln Beobachter,

warum Apple sich ausgerechnet

einen Erzfeind ins Haus holt und was dieser

dort genau treibt.

Lynch verrät auf seiner Homepage nur,

er arbeite „mit einem unglaublich talen-

»

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 43

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Unternehmen&Märkte

»

tierten Team“. Aber woran? Klar ist: Ein

Top-Talent wie Lynch muss bei Apple eine

strategische Position übernehmen. Berichten

zufolge leitet er eine neue Arbeitsgruppe

aus Ingenieuren, die zuvor am iPod arbeitete.

Nur sollen sie keinen neuen iPod

entwickeln – sondern etwas völlig Neues.

LOGBUCH DES KÖRPERS

So befeuert Lynchs Wechsel zu Apple

das Gerücht, dass der Konzern ein neues

„Big Thing“ plant, endlich wieder ein ganz

großes Ding. Vielleicht ist es eine Sensoruhr,

vielleicht wird sie iWatch heißen,

vielleicht wird es aber auch ein ganz

anderes Wearable sein, das irgendwelche

Daten anzeigt.

Noch ist alles pure Spekulation.

Einen großen Sprung erwarten

Experten allerdings vor allem

bei neuen Geräten mit Sensoren,

die permanent das

Befinden ihrer Besitzer

überwachen. Ob Blutdruck,

zurückgelegte Schritte oder

Schlafrhythmus. Im Zentrum

stehen die Gesundheit und die

Annahme: Je mehr Daten der

Mensch über seinen Körper sammelt, desto

besser könne er ungesundes Verhalten

abstellen und drohende Krankheiten erkennen.

Den ersten Schritt in diese Richtung hat

Apple auf der Entwicklerkonferenz Anfang

vergangener Woche getan und eine

Smartphone-App namens „Health“ vorgestellt.

Sie soll im Herbst erscheinen und eine

Art Patientenkladde für das Handy werden,

die Körperwerte wie Blutdruck oder

Gewicht und Trainingsdaten beim Sport

Da beschwört

einer den

Geist von

Apple-

Gründer

Steve Jobs

erfasst. Zahlreiche Armbänder, Körperwaagen

oder Glucose-Messgeräte sammeln

solche Daten heute schon und legen

sie in eigenen Handy-Apps ab. Neu ist, dass

Apple diese Protokolle zu einem Logbuch

des körperlichen Wohlbefindens zusammenführt.

Auch Laborergebnisse, Schlafverhalten

und Ernährungsgewohnheiten

soll das Programm speichern.

Eine Idee mit Zukunft, findet Ulli Jendrik

Koop, Vorstand bei XLHealth. Der Berliner

Kapitalgeber finanziert Start-ups, die digitale

Gesundheitsdienste entwickeln – etwa

die Wiener Neugründung Mysugr,

mit deren App Diabetiker ihre Blutzuckerwerte

protokollieren können. „Wenn

Nutzer ihre Glucose-Werte künftig

mit Daten über Sport, Ernährung

oder Schlafverhalten abgleichen“,

sagt Koop, „dann können

sie so ganz neue Muster

erkennen.“

Geht es nach Apple, dann

senden Handynutzer mit der

neuen App bald Daten, etwa

Blutdruckwerte, auch an ihren

Arzt – zusammen mit einer Warnung,

falls Grenzwerte überschritten

sind. 23 Krankenhäuser in den USA wollen

mit dem IT-Konzern zusammen solche

Dienste entwickeln.

Das Geschäft, auf das Lynch zusammen

mit seinem Team bei Apple schielt, ist riesig.

Denn der Markt für Gesundheitsdienste

auf dem Handy wächst bis 2017 um

mehr als das Zehnfache auf 26 Milliarden

Dollar, prognostizieren die Marktforscher

von Research2guidance in Berlin.

Auffällig dabei ist, dass Apple in den vergangenen

Monaten ein halbes Dutzend

Top-Medizinexperten eingestellt hat.

Unter ihnen sind ein Schlafexperte vom

niederländischen Technologiekonzern

Philips, der Chefingenieur eines Start-ups

namens C8 MediSensors, das an einer

Methode zur Blutzuckermessung durch

die Haut arbeitet, sowie eine Entwicklerin,

die vermutlich an einer Art Pflaster tüftelt,

das eine Reihe von Blutwerten ermitteln

kann.

Prominentester Zugang auf diesem Feld

ist allerdings Jay Blahnik, ein US-Fitnessexperte,

der zuvor für den US-Sportartikelhersteller

Nike das Fitnessarmband Fuelband

mitentwickelt hat, das im Februar

2012 auf den Markt kam. Kurze Zeit später

gab Nike bekannt, die Entwicklung des

Display-Armreifs einzustellen. Weil Apple

selbst eines plant? Das fragen sich nun Beobachter.

ZUKUNFT DES SHOPPINGS

Branchenkenner erwarten von Apple nun

eine Flut von Fitness-, Gesundheits- und

Heimautomatisierungsgeräten. Damit

kann der Konzern auf seine starken Geschäftsfelder

iPhone, iPad sowie Mac-

Rechner aufsetzen. „Später in diesem Jahr

werden wir die beste Produktpalette haben,

die ich in meinen 25 Jahren bei Apple

gesehen habe“, prahlte Apple-Internet-

Softwarechef Cue bereits Ende Mai auf einer

Technologiekonferenz.

Will Apple die Magie behalten, wird es

für den Konzern jedoch wichtig sein, wieder

einmal etwas Revolutionäres auf den

Markt zu bringen. Vielleicht ist dazu Ex-

Burberry-Chefin Ahrendts die Richtige, indem

sie bei Apple die Zukunft des Shoppings

vorwegnimmt. Schon heute können

700$

600 $

500$

400$

300$

iPad

200$

100$

2010

iPhone

iOS4

67

iPhone 4,

iAds

59

MacBook Air

Apple TV,

iPods,

iTunes 10

In mehreren Schüben

Wiedie Präsentationen neuer Geräte den Kurs der Apple-Aktie beeinflussen

2011

iPad2

OS XLion,

iCloud,

iOS5

iPhone 4S

iPad, Apple TV,

iPhoto füriOS

iBooks für

Textbooks

iOS6,

Apple

Maps

Tage zwischen Produktpräsentationen

2012

iMac,

iPadMini

iPhone 5,

iPodTouch,

iPodNano

Mac Pro,

OS XMavericks,

iOS7,

iTunes Radio

iPhone 5C

iPhone 5S

2013 2014

iPadAir

iPadMiniRetina

85 48 132 95 116 106 46 97 92 39 230 92 42 223

Health Kit

iCloud Drive

iOS8

OS XYosemite

44 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Der frühere Erzfeind

Kevin Lynch Internet der Dinge

Lynch startete im Elektronischen Visualisierungslabor der Universität

von Chicago. Später ging er zur US-Softwarefirma Macromedia.

Als Adobe diese 2005 kaufte, wurde er Technikchef. Mit Apple-

Gründer Jobs stritt er, weil der die Adobe-Flash-Technik hasste.

Der Gangsta-Rapper

Dr. Dre (André Young) iTunes

Young war als Teenager DJ, rappte in der Hip-Hop-Gruppe N.W.A

und gründete 1991 das Musiklabel Death Row Records. Er verpflichtete

die späteren Megastars Eminem und 50 Cent. 2006

startete er mit Jimmy Iovine den Kopfhörerbauer Beats.

FOTOS: LAIF/REDUX/JONATHAN SPRAGUE, CONTOUR BY GETTY IMAGES/SCOTT COUNCIL

Kunden im Apple Store mit einer

Smartphone-App bezahlen, ohne dass ein

Verkäufer dazu nötig ist.

SIGNALE AUS DEM OBSTREGAL

Den Handel regelrecht revolutionieren soll

eine Technologie namens iBeacon, die auf

der Entwicklerkonferenz vor einem Jahr

vorgestellt wurde. iBeacons sind winzige

Sender, mit deren Hilfe die Kunden im Laden

direkt angesprochen werden können.

Auf diese Weise würden Supermarktbetreiber

einem Kunden etwa eine Nachricht

aufs Handy schicken, dass es in dem Obstregal

vor ihm gerade Äpfel im Sonderangebot

gibt. Die US-Handelsriesen Macy’s und

Walmart sowie die britische Supermarktkette

Tesco erkunden

gerade die Einsatzmöglichkeiten

der Technik, die dem Ortungssystem

GPS ähnelt.

In Deutschland testet jetzt der

Outdoor-Ausrüster Mammut als

einer der ersten Markenanbieter

in seinem Laden in Frankfurt die

Video

In der App-Ausgabe

finden Sie

einen Kommentar

über Apples

Produktstrategie

neue Technik:Kunden, die sich die entsprechende

Mammut-App auf ihr Apple-Gerät

geladen haben, werden im Laden vom Bildschirm

direkt zum neuen Bergschuh oder

der wetterfesten Jacke geführt. Viele Apple

Stores in den USA wurden in den vergangenen

Monaten mit iBeacons ausgerüstet.

Weil die Technologie am Montag voriger

Woche aber mit keinem einzigen Wort erwähnt

wurde, erwarten Brancheninsider,

dass Apple in den nächsten Monaten Größeres

dazu präsentieren wird.

Apple-Kenner spekulieren, dass sich der

Computerbauer in den kommenden Monaten

auch als Finanzdienstleister versuchen

wird und dafür an einem mobilen Zahlungssystem

arbeitet – einer Art

Apple Bank. So schrieb das Unternehmen

im vergangenen Jahr die

Stelle eines „Ingenieurs für Zahlungssoftware“

aus, „der dabei

hilft, Zahlungssysteme der nächsten

Generation zu entwickeln“.

In der Jobbeschreibung heißt

es, die Person werde vor allem

Erfahrungen mit globalen Zahlungssystemen

im Einzelhandel sammeln. Die Basis

für ein solches System besitzt Apple mit

Daten von bald einer Milliarde Kreditkartenbesitzern,

die sich damit unter anderem

bei iTunes und im Online-Store des Konzerns

registriert haben.

GEIST DES GRÜNDERS

Gangsta-Rapper, Musiker, Modemacher,

Schlafforscher und Gegenspieler – die Führungselite

von Apple war selten so bunt. Sie

alle sollen in die Richtung marschieren, die

Apple-Chef Cook am vergangenen Montag

bei seinem Auftritt vorgab. „Wir können wie

kein anderer Hard- und Software zum Wohle

der Nutzer miteinander vereinen“,

schwärmte er über sich und Apple.

Wer auf der Entwicklerkonferenz zugegen

war, der spürte, da beschwört einer

den Geist von Apple-Gründer Jobs, den

nun ein Top-Team aus der zweiten Reihe in

die Zukunft retten soll.

n

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley,

andreas menn, thomas stölzel

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 45

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Unternehmen&Märkte

Kein Deal

um jeden

Preis

SIEMENS | Welche Folgen hätte

ein Zusammenschluss von

General Electric und Alstom für

Deutschlands wichtigsten

Technologiekonzern?

Noch einmal will Jeff Immelt nicht

nach Paris reisen, um Parlament

und Regierung seine Pläne für die

Übernahme des angeschlagenen Alstom-

Konzerns zu erklären. Bei seinem letzten

Auftritt vor der Nationalversammlung in

der französischen Hauptstadt hatte der

CEO des amerikanischen Mischkonzerns

General Electric (GE) versprochen, keine

Jobs zu streichen, sondern im Gegenteil

1000 neue Stellen in Frankreich zu schaffen.

Von einem „verbesserten“ und „gestärkten“

Angebot sprach Frankreichs

Staatspräsident François Hollande nach

Immelts Auftritt. Das sei nun aber das letzte

Wort gewesen, nochmals nachgebessert

würde die Offerte nicht, heißt es in GE-

Kreisen. „Immelts Schicksal wird schließlich

nicht in Paris, sondern am Ende aller

Tage an der Wall Street entschieden.“

Immelts Gegenspieler Joe Kaeser will sich

bis zum 16. Juni zu einem Angebot für die

Energietechniksparte der Franzosen äußern.

Der Siemens-Chef beklagt allerdings,

die Deutschen hätten nicht den gleichen Zugang

zu den Alstom-Büchern wie GE. Nicht

wenige Beobachter halten diesen Vorwurf

allerdings für eine Taktik, mit der Kaeser

schon mal den Ausstieg aus dem politisch

initiierten Milliarden-Übernahmevorhaben

einklingeln wolle. Zu groß sind die Herausforderungen

von Kaesers geplantem Konzernumbau

schon ohne den Alstom-Deal.

Doch wie bedrohlich wären die Folgen

einer amerikanisch-französischen Allianz

für Deutschlands bedeutendsten Technologiekonzern?

Die vier wichtigsten Fragen

und Antworten:

Wie gefährlich wäre eine

Übernahme von Alstom

durch GE für das Energiegeschäft

von Siemens?

Der Auftrieb war gewaltig, als GE in der

vergangenen Woche auf der Messe Power-

Gen Europe in Köln seine neue hocheffiziente

Gasturbine vom Typ 9H vorstellte.

Die Veranstaltung am Rhein ist die wichtigste

für Kraftwerkstechnik und Energiewirtschaft

außerhalb der USA. GE nutzte

sie, um ein Zeichen in Richtung München

zu setzen. Denn auch Siemens hat mit seiner

in Berlin gefertigten 8000H-Gasturbine

eine ähnlich moderne Anlage mit hohem

Wirkungsgrad im Angebot.

Es ist vor allem das Geschäft der Münchner

mit der Energieerzeugung aus fossilen

Pokern mit Paris Die Braut Alstom schaut

sich Siemens-Chef Kaeser ganz genau an

Brennstoffen, das im Falle einer Allianz aus

GE und Alstom einen mächtigen Gegenspieler

bekäme. Die Franzosen erzielten

zuletzt 70 Prozent ihres Umsatzes von 20

Milliarden Euro mit Energietechnik.

Schon vor mehr als einem Jahrzehnt hatten

die Amerikaner von Alstom das Gasturbinengeschäft

mit den dazugehörigen

Werken im elsässischen Belfort übernommen.

Weil die Franzosen dort auch ihre

Dampfturbinen bauen, fertigen seitdem

beide Unternehmen in der französischen

Stadt auf gegenüberliegenden Straßenseiten

ihre Anlagen.

Bei einer Alstom-Übernahme bekäme

GE auch eben jenes Dampfturbinengeschäft

der Franzosen in die Hand. Es entstünde

ein neues Schwergewicht, dessen

Sparte für Energietechnik doppelt so groß

wäre wie die des deutschen Konkurrenten.

Siemens erwirtschaftete mit Energietechnik

im Geschäftsjahr 2013 (zum 30. September)

einen Umsatz von fast 27 Milliarden

Euro.

Zwar läuft das Kraftwerksgeschäft in Europa

wegen der Energiewende seit einigen

Jahren schleppend, die Musik spielt hier

FOTOS: IMAGO/IPON, BILDFOLIO/UTE SCHMIDT

46 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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zurzeit in Asien und Amerika. Allerdings

sitzt Alstom auf einem gewaltigen Bestand

lang laufender Wartungsverträge für Kraftwerke,

vor allem in Deutschland. Der Konzern

aus Frankreich gilt als größter unabhängiger

Serviceanbieter auf diesem Feld.

Auch und vor allem auf diese Verträge haben

es die Amerikaner abgesehen, denn

das Servicegeschäft wirft extrem hohe Renditen

ab.

Sehr stark ist Alstom außerdem bei der

Stromübertragung, einem Bereich, in dem

Siemens zuletzt Probleme hatte und den

GE bisher noch nicht im Portfolio hat.

Fazit: Beim Geschäft mit Energieerzeugung

aus fossilen Brennstoffen bekäme

Siemens einen mächtigen Wettbewerber.

Kaesers Plan, künftig vor allem auf das Ölund

Gasgeschäft in den USA zu setzen, wäre

mit neuen Herausforderungen behaftet.

Was würde aus der Vormachtstellung

von Siemens

bei Windkraftanlagen?

Mit einem Marktanteil von 7,4 Prozent ist

Siemens der weltweit viertgrößte Anbieter

von Windkraftanlagen. Vor den Münchnern

liegen nur noch Vestas aus Dänemark,

der chinesische Hersteller Goldwind

und Enercon aus Aurich in Ostfriesland.

In Brande in Dänemark haben die

Münchner hochmoderne Fertigungsstraßen

aufgebaut. Dort bauen sie auf einer

Plattform verhältnismäßig kostengünstig

zahlreiche unterschiedlich große Modelle.

Von der Strategie profitiert Siemens inzwischen

auch in den USA, dem Heimatmarkt

von GE: Ende 2013 konnten die Münchner

gleich zwei Milliardenaufträge zur Bestückung

zweier amerikanischer Windparks

an Land ziehen.

Bei großen Anlagen für den Einsatz auf

hoher See ist Siemens sogar Weltmarktführer.

Kein anderer Hersteller hat so viele

Windräder vor deutschen, britischen, niederländischen

und dänischen Küsten in

den Schlick gerammt. Vor allem mit seiner

gewaltigen Sechs-Megawatt-Turbine setzt

Siemens Maßstäbe. Vor der Nordseeinsel

Juist wird der Konzern demnächst zwei

Windparks mit insgesamt 100 dieser leistungsstarken

Anlagen bestücken.

GE setzt bisher eher auf kleinere Windturbinen

für die Energieerzeugung an

Land. Die Anlagen für den europäischen

Markt baut der Konzern aus dem US-Bundesstaat

Connecticut im niedersächsischen

Salzbergen. Alstom dagegen hat

Windkraftanlagen für den Offshore-Betrieb

im Angebot.

Fazit: Auch wenn GE durch eine Übernahme

des Energiegeschäfts von Alstom zu einem

bedeutenden Mitspieler beim Geschäft

mit Windkraftanlagen auf hoher See

würde: Siemens’ herausgehobene Stellung

im Windgeschäft bliebe auf längere Sicht

erhalten.

Was ändert sich für Kaesers

geplanten Konzernumbau?

Hinter vorgehaltener Hand heißt es bei Siemens,

eine Übernahme der Alstom-Energiesparte

sei angesichts der Umwälzungen,

vor denen man in München derzeit stehe,

schwer zu bewältigen. Kaeser peile daher

keinen Deal um jeden Preis mit den Franzosen

an. Er wolle sich allerdings in fünf

Jahren auch nicht vorwerfen lassen, die

Chance für eine Übernahme des Alstom-

Energiegeschäfts verpasst zu haben.

Die meisten Analysten warnen denn

auch, eine Allianz mit Alstom könnte Kaesers

Anfang Mai vorgelegtes Restrukturierungsprogramm

Vision 2020, mit dem der

Siemens-Chef eine Milliarde Euro einsparen

will, über den Haufen werfen.

Die Gefahr steige, warnen etwa die Analysten

von JP Morgan, dass Großprojekte

scheiterten. Solche Fehlschläge, von denen

es in der Ära von Kaeser-Vorgänger Peter

Löscher viel zu viele gab, will der Siemens-

Chef um jeden Preis vermeiden.

¹ inklusive Wasserkraft; ² gesamte

Division Fossil Power Generation

inklusive Service; ³ inklusive

Turbinen für Atomkraftwerke;

Quelle: Unternehmen

Als der Siemens-Chef im vergangenen

Jahr seinen Posten antrat und sich ausrechnen

ließ, wie viele neue Mitarbeiter in

den zurückliegenden Jahren eingestellt

worden waren, war er geschockt: Ohne

dass der Umsatz gestiegen war, hatte sein

Vorgänger Löscher 2011 und 2012 netto

36 000 neue Jobs geschaffen.

Daher sollen schon ohne einen Zusammenschluss

mit den Franzosen bei Siemens

in den kommenden Jahren bis zu

11 600 Stellen wegfallen. 4000 Arbeitsplätze

werden überflüssig, weil Siemens sich

von seiner Cluster-Struktur verabschiedet,

mit der der Konzern bislang sein globales

Geschäft regional organisiert hat. Weitere

7600 Jobs sind betroffen, weil Kaeser die

Führungsebene der Sektoren inklusive

der zugehörigen Supportfunktionen streichen

will.

Fazit: Das Restrukturierungsprogramm

wäre für Siemens ohne eine Allianz mit

Alstom leichter zu bewältigen. Kaeser

könnte sein Ziel, das Unternehmen zu alter

Stärke zurückzuführen, schneller erreichen,

wenn er sich nicht mit der schwierigen

Integration des Alstom-Geschäfts herumschlagen

müsste.

Was passiert mit der margenschwachen

Zugsparte?

Als Vision klang alles so gut: Siemens

übernimmt von Alstom die Energietechnik,

und im Gegenzug bekommen die

Groß schluckt Klein

Wie stark Siemens und Alstom im Energiesektor sind

Umspanntechnik und Energieübertragung Windenergie Gas- und Dampfturbinen

Umsatz

6,2 Mrd. €

3,8 Mrd. €

Mitarbeiter

Siemens

Alstom

Umsatz

Umsatz

5,2 Mrd. € 10,7 Mrd. €²

1,8 Mrd. €¹ 9,2 Mrd. €³

Mitarbeiter

Mitarbeiter

21 870 19 000 6900 9400 30 290 37 000

»

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 47

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Unternehmen&Märkte

»

Franzosen von den Deutschen die

Zugsparte übertragen. So entstehen zwei

europäische Champions: Der eine mit

Sitz in Paris wird mit seinen ICEs und

TGVs zu einem Global Player beim Geschäft

mit Hochgeschwindigkeitszügen,

der andere aus München ein Schwergewicht

bei der Energietechnik. Siemens

wäre mit dem deutsch-französischen

Deal außerdem ein Sorgenkind los. Denn

das Geschäft mit den Hochgeschwindigkeitszügen

bereitete den Münchnern zuletzt

viel Ärger.

So weit, so schön ausgemalt. Bleibt allerdings

ein großes Aber: Wird aus der Allianz

aus Siemens und Alstom nichts, müssen

die Deutschen ihre Zugsparte selbst in

Ordnung bringen.

Das wird keine leichte Aufgabe. Wegen

technischer Probleme musste Siemens die

Auslieferung von 16 ICE-Zügen an die

Deutsche Bahn immer wieder verschieben.

Schwierigkeiten bereitete vor allem

die Steuerungssoftware der Züge mit einem

Gesamtauftragswert von 530 Millionen

Euro. Die peinlichen Verzögerungen

haben zu Sonderbelastungen im dreistelligen

Millionenbereich geführt.

Softwareexperten bei Siemens hatten

indes schon lange vor den Problemen gewarnt.

Der Zeitplan, den Kaeser-Vorgänger

Löscher den Zugtechnikern vorgegeben

hatte, war viel zu ambitioniert. Ein

professionelleres Projektmanagement ist

denn auch ein wesentlicher Pfeiler von

Kaesers Restrukturierungsprogramm für

den Konzern.

Die Siemens-Arbeitnehmervertreter befürchten

zudem, ein Zusammenschluss

mit Alstom könnte zu beträchtlichen Jobverlusten

in der Zugsparte führen. Betroffen

von Stellenstreichungen wären vor allem

die Produktionsstandorte Krefeld und

Allach in Bayern.

Fazit: Bekommt General Electric am Ende

den Zuschlag für den Alstom-Deal und

bleiben damit die Züge bei Siemens, hat Jochen

Eickholt einiges zu tun. Der Manager

wird künftig die Division Mobility führen,

in der das Zuggeschäft gebündelt ist. Bei

der Marge rangiert die Division im Siemens-internen

Vergleich am unteren Ende.

Als oberste Priorität hat Kaeser seinem

neuen Mobility-Chef daher vor allem ins

Programm geschrieben: „Stringente Projektausführung

des Auftragsbestands sicherstellen.“

Angesichts der vielen Pannen

in der Löscher-Ära eine gewaltige Herausforderung.

n

matthias.kamp@wiwo.de | München

Die Geizmeister

WIZZ AIR | Extremer Magerservice und Niedrigkosten haben

die ungarische Linie zu Osteuropas größtem Billigflieger gemacht.

Jetzt soll der Börsengang folgen.

Als Ryanair-Chef Michael O’Leary Europas

größtem Billigflieger im

Herbst eine Service-Initiative verordnete,

hielt das selbst seine ärgste Konkurrentin

für eine Zeitenwende: „Ohne guten

Kundendienst hat in unserer Branche

keiner Erfolg“, lobte Easyjet-Chefin Carolyn

McCall die Entscheidung, nicht mehr für

jede Kleinigkeit die Hand aufzuhalten.

Das sieht József Váradi anders. Der Chef

und Gründer des ungarischen Billigfliegers

Wizz Air kassiert seit gut einem Jahr nicht

mehr nur für Getränke oder Sitzreservierungen.

Bei Wizz zahlen Kunden bis zu 40

Euro, wenn sie statt einer kleinen Tasche

den üblichen Kabinentrolley mit an Bord

nehmen wollen.

Die Strenge hat dem Erfolg nicht geschadet.

Geizmeister Wizz, der an deutschen

Durchstarten an die Börse Wizz Air greift

die etablierten Billigflieger an

Flughäfen wie Köln, Dortmund, Hahn,

Weeze oder Memmingen pro Jahr fast eine

Million Kunden hat, verzeichnet das größte

Wachstum unter Europas fünf größten Billigfliegern.

Dabei war Wizz Air dank des

dichten Streckennetzes bis nach Dubai

und des Wirtschaftswachstums in Osteuropa

2013 operativ sogar profitabler als die

Wettbewerber.

Nun wagt Váradi den nächsten Schritt.

Noch im Juni will er das 2003 gegründete

Unternehmen in London an die Börse

bringen. Bei einem geschätzten Börsenwert

von gut einer Milliarde Euro erhoffen

sich Váradi und seine Miteigner wie der

US-Fonds Indigo Partners sowie eine Tochter

der genossenschaftlichen DZ Bank aus

Deutschland Einnahmen von 200 Millionen

Euro.

Das Geld kann Wizz gut brauchen. Denn

das bisherige Wachstum hat die Linie finanziell

ausgelaugt. Um weiter zuzulegen,

hat sie 67 weitere Flugzeuge fest bestellt.

„Wizz hat klar zu wenig Kapital, um den

bisherigen Kurs fortzusetzen“, heißt es in

einer Studie der auf die Flugbranche spezialisierten

Beratung Capa aus Sydney.

Mit dem Börsengeld jedoch stünden die

Chancen gut, sagt Analyst Peter Morris

vom renommierten Londoner Marktforschungsunternehmen

Ascend Aviation. Er

gründet den Optimismus auf die ungewöhnlichen

Ideen des Managements um

Váradi und seinen Verwaltungsratschef

William Franke.

ORIGINELLE SPARIDEEN

Franke steuerte sein Wissen als Ex-Chef

von Billigfliegern wie Frontier aus den USA

oder Tiger Airways aus Singapur bei, Váradi

brachte seine Erfahrung vom amerikanischen

Konsumgüter-Riesen Procter &

Gamble ein – und beide ergänzten das mit

ein paar Extras zum Modell Wizz. „Wizz hat

das Regelbuch für Low Cost um ein paar

originelle Ideen erweitert“, urteilt etwa der

britische Branchendienst Anna.aero.

Um die Kosten zu drücken, nutzt Wizz

nicht nur wie andere Billigflieger auch gern

kleinere Flughäfen mit extrem niedrigen

Gebühren. Die Linie hat auch die niedrigs-

FOTO: PR

48 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Im Windschatten der Großen

Europas selbstständige Billigflieger

Airline Sitz Umsatz (Mrd. €) Operative Rendite* Passagiere Kosten (Cent)** Flotte

Easyjet

Ryanair

Norwegian

Wizz Air

Pegasus

Großbritannien

Irland

Norwegen

Ungarn

Türkei

* Einnahmen vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen zu Umsatz; ** Ausgaben pro angebotenen Passagierkilometer;

Angaben für jüngstes Geschäftsjahr; Quelle: Unternehmen, Capa

ten Verwaltungskosten und den höchsten

Umsatz pro Mitarbeiter. Sie kümmert sich

selbst nur um zentrale Bereiche und verteilt

diese quer durch Europa an den jeweils

günstigsten Standort. So sitzen Finanzabteilung

und Chefetage in der Bankenmetropole

London, der Flugbetrieb in

Ungarn und der einfachere Teil der Verwaltung

in der von den aktuellen Unruhen

kaum berührten westlichen Ukraine.

Das Gros der Arbeit erledigen günstige

Dienstleister aus Osteuropa. Nur die Wartung

übernimmt die relativ teure Lufthansa

5,1 17 % 60 800 000

226

5,0 23 %

1,9 18 %

1,0 24 %

0,9 22 %

81 700 000

20 700 000

13 900 000

17 000 000

303

Technik. „Doch das rechnet sich, weil die

Maschinen weniger Pannen haben und

der Name Lufthansa den Verdacht zerstreut,

Wizz könne an der Sicherheit sparen“,

sagt Váradi.

MEHR KOSTENPFLICHTIGE EXTRAS

Die Einnahmen steigert Wizz durch das im

Vergleich zum Rest der Branche besonders

breite Angebot an kostenpflichtigen Extras.

Neben den üblichen Offerten wie Sitzen

mit mehr Beinfreiheit oder Gebühren für

aufgegebenes Gepäck verkauft die Linie

94

50

51

auch das Recht auf kostenlose Umbuchung

oder Entschädigung bei Verspätungen (jeweils

zehn Euro), schnellere Sicherheitskontrollen

(vier Euro) und einen Rabatt

von zehn Euro pro Flug (für 30 Euro pro

Jahr). Das Modell kommt bei den Kunden

an: Mit gut 25 Euro pro Passagier hat Wizz

derzeit in Europa den höchsten Umsatz abseits

des Ticketverkaufs.

Wizz hilft auch die starke Stellung in Osteuropa.

Weil sie vor allem Flugbegleiter aus

der Region anstellt, ihre Internet-Seite in 19

Sprachen anbietet und 17 Währungen akzeptiert,

ist sie zwischen der Ostsee und

dem Schwarzen Meer in fast jedem Land

eine der beiden größten Fluglinien und

profitiert deshalb vom wirtschaftlichen

Aufschwung in der Region.

Somit glauben die Analysten von Ascend

und Capa, dass Wizz den Siegeszug fortsetzt,

selbst wenn Easyjet oder Ryanair aus

Mangel an Wachstumschancen in Westeuropa

verstärkt in den Osten ziehen. „Noch

ein, zwei Jahre, dann sind wir so groß, dass

uns die Großen kaum mehr schlagen können“,

prophezeit ein Wizz-Insider. „Dann

bleibt denen nur noch, uns zu kaufen.“ n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

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Unternehmen&Märkte

Zehn Minuten im Minus

BANKEN | Um zu sparen, lagern die Geldhäuser immer mehr Aufgaben an Billigtöchter aus.

Was sind die Folgen für Mitarbeiter und Kunden?

Banking am Fließband

Mitarbeiter einer Deutschen-Bank-

Tochter wickeln den Zahlungsverkehr ab

Attraktiver kann eine Bankfiliale

kaum gelegen sein: Die Stammbelegschaft

der Berliner Volksbank genießt

nahe der Shoppingmeile am Kurfürstendamm

den Blick auf das Raubtiergehege

im Tiergarten gegenüber. Weniger idyllisch

residieren ihre 330 Ex-Kollegen in einer

Servicegesellschaft, die seit rund vier

Jahren in einem schäbigen Bürocenter am

Flughafen Tegel Sicherheiten für die in den

Filialen vergebenen Kredite erfassen oder

Grundbucheinträge veranlassen.

Die Auslagerung von Aufgaben und Jobs

in der Finanzbranche nimmt zu, weil der

Kostendruck durch das immer niedrigere

Zinsniveau und die strengere Regulierung

steigt. „Banken reagieren mit Personalabbau,

bei dem Stellen gestrichen oder in

Servicegesellschaften ausgelagert werden“,

sagt Reinhard Messenböck, Partner und

Experte für Retailbanking bei der Beratung

Boston Consulting Group (BCG) in Berlin.

„Die Finanzinstitute setzen angesichts

sinkender Erträge im Privatkundengeschäft

stärker auf Industrialisierung“, beobachtet

Jürgen Moormann, Professor an der

Frankfurt School of Finance. Bankeigene

Servicetöchter oder Fremdanbieter halten

Zahlungsverkehr, Wertpapiergeschäft oder

Kreditabwicklung laut Moormann viel

günstiger am Laufen: nicht nur wegen der

niedrigeren Löhne, sondern weil sie sich

aufs Massengeschäft spezialisiert haben.

Wie viel deutsche Banken insgesamt

auslagern, ist nicht mit Zahlen belegt. Der

Trend lässt sich aber deutlich ablesen:

n So streicht die Commerzbank 5200 Stellen

bis 2016, während ihre Servicetöchter

zusätzliche Tätigkeiten übernehmen und

ihre niedriger entlohnten Belegschaften

aufstocken (siehe Interview Seite 54).

n Die Deutsche Bank hat im April 10 000

Servicemitarbeiter aus den eigenen Reihen

und der übernommenen Postbank in einer

Dienstleistungsgesellschaft gebündelt, um

dank einheitlicher Standards und geringerer

Personalkosten jährlich 770 Millionen

Euro zu sparen. Der Kündigungsschutz gilt

nur bis Ende 2014.

n Die HypoVereinsbank hat im Sommer

2013 ihre Rechenzentren mit rund 300 Mitarbeitern

in ein Gemeinschaftsunternehmen

mit dem IT-Riesen IBM ausgelagert.

Der Schritt ist Teil eines groß angelegten

Verlagerungsprojekts der italienischen

HVB-Mutter UniCredit, die von der IBM-

Expertise profitieren will. Sie spart aber

auch Geld, weil Aufgaben künftig teilweise

an billigeren Standorten in der Slowakei

oder Tschechien erledigt werden.

Internationale Wettbewerber machen

den deutschen Banken vor, wie weit sich

das treiben lässt: Nach einer Untersuchung

der Daten von zehn global agierenden

Banken durch die US-Beratung McLagan

haben diese im Durchschnitt fast 40 Prozent

ihrer Belegschaften an Standorte mit

besonders niedrigen Löhnen ausgelagert.

Doch welche Folgen hat das Verschieben

für Banken, Mitarbeiter und Kunden?

Die Kreditinstitute sparen dank dieser

Maßnahmen nicht nur Geld. Sie können

dem Personal in den Servicetöchtern zudem

leichter kündigen und flexiblere Arbeitszeiten

vereinbaren. Durch die Spaltung

der Belegschaft in zwei Klassen erhö-

FOTO: LAIF/FRANZ BISCHOF

52 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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hen die Arbeitgeber zudem den Druck auf

die Stammbeschäftigten, um diese bei den

im Mai gestarteten Tarifverhandlungen zu

Zugeständnissen zu bewegen – etwa den

Samstag als Normalarbeitstag einzuführen.

„Die Drohung weiterer Tarifflucht

schwingt immer mit“, sagt Mark Roach,

Banken-Experte bei der Dienstleistungsgewerkschaft

Verdi.

Die Servicetochter der Berliner Volksbank

etwa bezahlt Altbeschäftigte weiter

nach Tarif. Aber für Neuankömmlinge werden

meist schlechtere Konditionen mit weniger

Gehalt und Urlaub vereinbart. Zudem

sind betriebsbedingte Kündigungen

laut Arbeitnehmervertretern nun einfacher,

denn die Mutterbank muss dafür nur

den Umfang der Aufträge reduzieren.

AUF EFFIZIENZ GETRIMMT

Wie sich der steigende Druck auf die Mitarbeiter

äußert, lässt sich bei einer der größten

Finanzfabriken des Landes beobachten.

Diese trägt den schmucklosen Namen

BCB Betriebs-Center für Banken und sitzt

in einem ebenso schmucklosen Bürokomplex

hinter dem Frankfurter Hauptfriedhof.

2004 von der Postbank ausgegründet, gehört

die Servicetochter nach der Übernahme

der Postbank durch die Deutsche Bank

2010 nun zum Branchenprimus. Die

deutschlandweit 2200 BCB-Mitarbeiter

halten den Zahlungsverkehr für Deutsche

Bank und Postbank am Laufen, aber auch

für die Konkurrenten HypoVereinsbank

und HSH Nordbank.

Die BCBler checken jeden Morgen an

der Stechuhr ein, und die macht einen kleinen,

aber feinen Unterschied, der zeigt, wie

der Ablauf in den Servicetöchtern auf Effizienz

getrimmt wird. Den Mitarbeitern

knappst der Arbeitgeber seit 2011 täglich

zehn Minuten der erfassten Zeit ab, weil er

den Weg zwischen den Stempelstellen an

den Eingängen und in der Tiefgarage nicht

mehr als Arbeitszeit anerkennt. Gewerkschaft

und Arbeitnehmer müssen die Kröte

schlucken, weil sonst längere Arbeitszeiten

und Urlaubsabzug drohen.

Noch feiern die Gewerkschaften den

Schritt als Kompromiss, weil die Deutsche

Bank bis Ende des Jahres auf betriebsbedingte

Kündigungen verzichtet und bis Ende

2016 Standortgarantien ausgesprochen

hat. Doch der Weg in die Zwei-Klassen-Gesellschaft

für die Belegschaft ist beschritten,

denn den gewünschten Spareffekt erreichen

die Banken nicht allein mit Nadelstichen

wie der Zehn-Minuten-Minusbuchung,

sondern auch durch die Übertragung

des Fließbandprinzips aus der Industrieproduktion

auf den Finanzsektor.

„In den Servicefabriken zerhacken die

Banken die Aufgaben in so kleine Teile,

dass sie immer weniger Qualifikation und

Verantwortung erfordern“, sagt Verdi-

Mann Roach. Die Beschäftigten lassen sich

mit dieser Methode auf niedrigeren Gehaltsstufen

eingruppieren.

Frei vom Bankentarif sind die Servicetöchter

der Commerzbank, die sich in

strukturschwachen Regionen wie dem

Ruhrgebiet oder in Ostdeutschland angesiedelt

haben. Mit vielen der dortigen Mitarbeiter

sind flexible Arbeitsverträge vereinbart,

bei denen die Regelzeit von 35

Stunden je Woche um sieben Stunden

über- oder unterschritten werden kann – je

nach Arbeitsanfall.

Die Kunden profitieren vom Auslagern

durch besseren Service. So sind Hotlines

wegen flexiblerer Arbeitszeiten rund um

die Uhr erreichbar. Und Anfragen über soziale

Netzwerke an die lokale Bank wie »

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Unternehmen&Märkte

INTERVIEW Frank Annuscheit

»Niedrigeres Lohnniveau«

Der Commerzbank-Personalvorstand baut Stellen ab und verlagert

Aufgaben in billigere Servicetöchter.

DER HAUSMEISTER

Annuscheit, 51, steuert seit

Ende 2006 als Chief Operating

Officer die internen Prozesse

der Commerzbank. 2008

zog er in den Vorstand ein, wo

er die IT verantwortet und

seit Jahresanfang auch das

Personalressort.

Herr Annuscheit, Sie

sind seit Januar neuer

Personalvorstand und

müssen gleich Tausende

Jobs streichen. Wie weit

sind Sie?

Es läuft schneller als gedacht.

Ein gutes Drittel

der 5200 abzubauenden

Stellen haben wir bereits

geschafft und ein weiterer

Abbau ist schon vertraglich

fixiert. Deshalb

bin ich optimistisch,

dass wir das wie geplant

bis 2016 schaffen.

Wird der „Bankbeamte“

mit seinem sicheren und

gut bezahlten Job zum

Auslaufmodell?

Den gibt es schon lange

nicht mehr. Internet,

neue Medien, aber auch

die neuen Aufsichtsregeln

erfordern andere Fähigkeiten von

unseren Mitarbeitern. Zudem ist das Gehaltsniveau

in der Branche immer noch

zu stark von den guten Zeiten des Bankgewerbes

geprägt.

Wer erledigt jetzt die Aufgaben der

ausscheidenden Mitarbeiter?

An vielen Stellen sorgen automatische

Prozesse dafür, dass vorher manuelle Tätigkeiten

wegfallen. Darüber hinaus betreiben

wir schon länger spezialisierte

Servicetöchter, in die zunehmend Aufgaben

verlagert werden. Diese Bereiche

wickeln immer mehr Geschäft ab, auch

die Zahl der dort Beschäftigten steigt.

Mittlerweile arbeiten dort mehr als 2000

Personen, und noch im laufenden Jahr

planen wir einen weiteren Ausbau um

circa 300 neue Mitarbeiter.

Was tun die Servicetöchter genau?

Zunächst wurden dort vorwiegend standardisierte

Tätigkeiten wie Zahlungsverkehr

oder einfache Kontoführung bearbeitet.

Die Servicetöchter übernehmen

nun aber immer höherwertige Aufgaben

wie Softwaretests, Teile der Wertpapierabwicklung

oder der

Kreditsachbearbeitung.

Warum wächst die

Bedeutung der Servicegesellschaften?

Die konzerneigenen

Töchter ermöglichen es,

unsere Dienstleistungen

kostengünstiger zu erbringen.

Unser Konzept

ist dem Auslagern an externe

Dienstleister in

vielen Punkten überlegen.

Wir müssen uns so

die Kostenersparnis mit

keinem Fremdanbieter

teilen und behalten

zudem die Kontrolle.

Letzteres wird immer

wichtiger, weil die Bankenaufsicht

auch auf

diesem Feld ihre Anforderungen

verschärft.

Was zahlen Sie den Leuten

der internen Servicegesellschaften?

Die Standorte liegen meist in Regionen,

die ein niedrigeres Lohnniveau haben

als unser Hauptsitz in Frankfurt, also etwa

im Osten Deutschlands oder in Polen.

Aus Sicht der dortigen Bevölkerung

sind die Servicegesellschaften attraktive

Arbeitgeber. Es gibt dort aber zunehmend

auch sehr gut bezahlte Stellen,

abhängig von Ausbildung und Einsatzgebiet.

So schaffen wir in strukturschwachen

Regionen begehrte Arbeitsplätze,

die durch ihren Effizienzgewinn auch

die Jobs in der Konzernmutter sichern.

Keine Angst, dass die Servicebelegschaften

in die Gewerkschaft eintreten

und in den Bankentarifvertrag drängen?

Natürlich steht es den Mitarbeitern dort

frei, sich zu organisieren und tarifrechtlich

vertreten zu lassen. Wir müssen aber

an allen Stellen Kosten sparen, dazu

zwingt uns das schwierige Marktumfeld

etwa durch niedrige Zinsen sowie die

steigenden Kosten für strengere Regulierungsauflagen.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

»

in der Sparkassen-Gruppe können

schneller von einer extra dafür zuständigen

Tochter beantwortet werden. Kostenlose

Girokonten, wie sie etwa die Commerzbank

anbietet, rechnen sich nur,

wenn die Maschinenräume im Hintergrund

effizient laufen. Und das tun sie am

billigsten bei den Servicetöchtern oder

Spezialanbietern etwa für Wertpapierdienste.

Der Finanzaufsicht BaFin in Bonn ist der

Trend zum verstärkten Zentralisieren und

Auslagern nicht verborgen geblieben.

Denn Banken lagern nicht nur konzernintern

Dienstleistungen aus, sondern vergeben

auch zuvor selbst erledigte Aufgaben

an Fremdfirmen. Was die Aufseher sorgt:

Von deren potenziellem Ausfall wäre dann

gleich ein Großteil der Branche betroffen.

Als HypoVereinsbank und HSH Nordbank

ihre Maschinenräume an die damalige

Postbank-Tochter BCB auslagerten,

ahnten sie nicht, dass diese später übernommen

würde. Jetzt hängen die Münchner

und die Landesbanker aus dem Norden

von dem großen Konkurrenten Deutsche

Bank ab.

TEURE SCHNITTSTELLEN

Die Auslagerung an Fremdfirmen hat noch

andere Nachteile. So müssen sich HSH und

HVB den Preisvorteil der Auslagerung mit

der Deutschen Bank teilen und Umsatzsteuer

zahlen, die sie als Bank nicht vom

Finanzamt erstattet bekommen. Hinzu

kommt:„Die Banken geben damit Kontrolle

auf und müssen gleichzeitig teure

Schnittstellen für die IT einrichten“, sagt

BCG-Berater Messenböck. Diese Kosten

verringern die Ersparnis beträchtlich.

Die Commerzbank hat daher nach der

Übernahme der Dresdner Bank 2008 ihren

Wertpapierservice von der großen Frankfurter

Dienstleisterin dwp Bank zurückgeholt.

Sie spart daher verstärkt im eigenen

Haus, wobei die Löhne nicht die einzige,

aber eine wichtige Stellschraube sind.

Einige Mitarbeiter in den Servicetöchtern

der Commerzbank verdienten mit

7,50 Stundenlohn und Teilzeitverträgen

anfangs so schlecht, dass sie ihre Löhne

mit Zuschüssen der Arbeitsagentur aufstocken

mussten. Erst als die Arbeitnehmerseite

dies im Aufsichtsrat der Commerzbank

zur Sprache brachte, führte diese im

Frühjahr 2013 eine Lohnuntergrenze von

8,49 Euro je Stunde ein. Der jetzt so gut wie

beschlossene gesetzliche Mindestlohn

liegt nur einen Cent darüber.

n

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: PR

54 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Die Licht-Gestalt

SERIE DIE TURNAROUNDER (I) | Osram Vom Glühbirnenhersteller zum High-Tech-Konzern:

Vorstandschef Wolfgang Dehen hat den einstigen Verlustbringer in die Gewinnzone

gebracht. Wie führt er das Traditionsunternehmen ins digitale Zeitalter?

FOTO: PATRICK WACK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Osrams Zukunft beginnt in einem

Gewerbegebiet neben

der A 3 am Stadtrand von Regensburg.

In langen, hell getünchten

Hallen wachen rund

1000 Mitarbeiter über die Halbleiterproduktion.

In kleinen Labors nebenan tüfteln

Entwickler an ultraflachen und biegsamen

Leuchten, die bald auf den Hecks von

BMW, Audi und Mercedes kleben sollen.

Ingenieure führen Kunden neue Anwendungen

vor, etwa einen ins Smartphone integrierten

Beamer, mit dem der Nutzer

spontan eine Präsentation an die Wand

werfen kann.

Der größte der weltweit mehr als 30 Osram-Standorte

befindet sich im Niederbayrischen

und will so gar nicht zum angestaubten

Image des traditionsreichen

Glühbirnenherstellers passen. In der Kantine

wird an vielen Tischen Englisch gesprochen.

Chinesen, Koreaner, Amerikaner und

Deutsche diskutieren bei Salat und Steaks

über die Vorteile von Sechs-Zoll- gegenüber

Vier-Zoll-Wafern. Vor den Glasfronten

erstrecken sich großzügige Grünanlagen –

das Gelände in Regensburg könnte auch

ein Campus im Silicon Valley sein.

Der Mann, der dafür sorgen soll, dass es

künftig überall in der weitverzweigten Osram-Welt

so aussieht, sitzt in einem

schlichten Büro über den Fabrikhallen.

Wolfgang Dehen ist seit gut drei Jahren Vorstandsvorsitzender

bei Osram. Der 60-jährige

Westfale hat dem Konzern einen harten

Sanierungskurs verordnet und ihn

nach vielen verlustreichen Jahren schließlich

zurück in die Gewinnzone geführt. Im

Juli 2013 hat Dehen mitgeholfen, das Unternehmen

vom Mutterkonzern Siemens

abzuspalten und erfolgreich an die Bör-

DIE TURNAROUNDER

Neue Serie:

Die WirtschaftsWoche analysiert

in loser Folge, wie die

Chefs von Krisenunternehmen

die Wende geschafft haben.

»

Aufrechte Haltung

Osram-Chef Dehen

gilt als knallharter

und rücksichtsloser

Sanierer

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 55

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Unternehmen&Märkte

»

se zu bringen. In dieser Woche schließlich

hat er sich im Kampf um den künftigen

Kurs und das Tempo des Umbaus gegen

seinen 15 Jahre jüngeren Technikvorstand

Peter Laier durchgesetzt. Der wird nun seinen

Posten räumen.

Osram ist ein Vorzeigebeispiel dafür, wie

man ein krisengeschütteltes Unternehmen

auf Vordermann bringen kann. Die WirtschaftsWoche

startet in dieser Ausgabe eine

Serie, in der sie in loser Folge über Turnarounds

berichten wird. Mit welchen Instrumenten

haben die Chefs die Wende geschafft?

Wie haben sie Widerstände überwunden?

Wie sichern sie das Erreichte ab

und treiben das Unternehmen voran?

Bei Osram trug ein ganzes Bündel von

Maßnahmen zum Erfolg bei:

n Konsequent hat der Osram-Chef das

margenstarke Geschäft mit Spezialbeleuchtung

und Lichtquellen für die Autoindustrie

ausgebaut. Hier gilt Osram inzwischen

weltweit als Platzhirsch.

n An allen Standorten hat Dehen die Produktion

auf Effizienz getrimmt. Beim Materialeinkauf

tut sich Osram jetzt mit anderen

Abnehmern zusammen, um bei den

Lieferanten günstigere Preise zu erzielen.

n Der Osram-Chef investiert große Summen

in Zukunftstechnik wie halbleiterbasierte

Leuchtmittel. Hier hat er die Forschungsaktivitäten

massiv hochgefahren.

n Dehen hat die Organisation kräftig verschlankt

und flexibler gemacht, indem er

den Großteil der alten Führungsmannschaft

entlassen hat. Die Bürokratie aus

Siemens-Zeiten ist Vergangenheit.

n Massive Einsparungen konnte der Osram-CEO

erzielen, indem er beim traditionellen

Geschäft, etwa mit Leuchtstoffröhren,

Kapazitäten abgebaut hat.

n Dehen investiert in den Boomstaaten

Asiens, wo Urbanisierung und rasch zunehmender

Wohlstand zu zweistelligen

Wachstumsraten beim Geschäft mit

Leuchtmitteln führen. Soeben hat Osram

eine Fabrik in Wuxi bei Shanghai eröffnet,

die LED-Leuchten für den chinesischen

Markt herstellt. Das Werk kostete einen

dreistelligen Millionenbetrag.

Trotzdem ist der Osram-Chef noch nicht

am Ziel angekommen. Im aktuellen Geschäftsjahr

(zum 30.9.) wird der Umsatz

nur stagnieren, statt wie geplant um drei

Prozent zu wachsen, gab das Unternehmen

in der vergangenen Woche bekannt.

Der Umbruch, in den der rasante Wandel

in der Lichtindustrie den Münchner

Konzern gestürzt hat, ist tiefer greifend, als

auch Sanierer Dehen zunächst geglaubt

hat. Der kantige Manager aus Solingen

muss noch stärker aufs Gas treten.

Das zeigt auch der Börsenkurs des

MDax-Unternehmens. In den vergangenen

drei Monaten hat das Papier, das vor

einem Jahr mit knapp 24 Euro in den Handel

kam und bis auf 50 Euro kletterte, ein

Drittel seines Werts verloren. Mittelfristig,

da ist sich Dehen allerdings sicher, sind die

Chancen größer als die Risiken. „Wir haben

auf einmal ein digitales Produkt“, sagt

er und deutet auf die kleinen Leuchtdioden

in der Deckenlampe über ihm.

Dadurch, dass traditionelle Leuchtmittel

wie die Energiesparlampe – die alte Glühlampe

mit dem Faden aus Wolfram sowieso

– nach und nach durch Leuchtmittel auf

der Basis von Halbleitern ersetzt würden,

eröffneten sich Möglichkeiten, von denen

heute noch niemand etwas ahne, so Dehen:

„LED-basierte Produkte und Lösungen

könnten in speziellen Anwendungen

zum Beispiel einem Jetlag vorbeugen, ein

Feuer melden oder einen Alarm auslösen.“

Die rasanten Umwälzungen in der Lichtindustrie

vergleicht der Osram-Chef mit

Digitale Lampen

Die Leuchtmittelindustrie steht vor

gewaltigen Umwälzungen.

Kaum einen Haushalt

gab es in

Deutschland, in

dessen Wohnzimmer-

oder Küchenlampe

nicht die

gute alte Osram-

Glühlampe mit

Wolframfaden

steckte. Die Zeiten sind vorbei. Das

Licht kommt künftig aus Leuchtdioden.

Die neuen LED-Leuchtmittel sind äußerst

energiesparend und halten lange.

Die Experten der Unternehmensberatung

McKinsey prognostizieren, dass

der LED-Anteil am Beleuchtungsmarkt

2016 weltweit auf

rund 45 Prozent

steigt, bis 2020 sogar

auf 70 Prozent.

Bis dahin dürfte der

Umsatz von heute

11 Milliarden auf

etwa 70 Milliarden

Euro steigen.

der digitalen Revolution in der Medienwelt

oder in den Fabriken, wo unter dem

Schlagwort Industrie 4.0 Fertigungsprozesse

vollständig automatisiert werden.

Dehen will das Unternehmen, das vor

fast 100 Jahren in Berlin als einfacher

Glühlampenhersteller begann, nun noch

schneller ins digitale Zeitalter führen.

Im März 1906 meldet die Deutsche Gasglühlicht-Anstalt

das Warenzeichen Osram

für die Produkte „Elektrische Glüh- und

Bogenlichtlampen“ beim Kaiserlichen Patentamt

in Berlin an. Der Name ist eine

Schöpfung aus den Bezeichnungen für die

Elemente Osmium und Wolfram.

MEHR ALS 100 JAHRE TRADITION

Um die Kräfte zu bündeln und im Wettbewerb

gegen GE und Philips bestehen zu

können, schließen sich 1920 die drei deutschen

Glühlampenhersteller zusammen:

AEG, Siemens und die Deutsche Gasglühlicht,

die das Glühlampen-Geschäft 1919 in

die neu gegründete Osram GmbH ausgelagert

hat. Sitz wird Berlin.

Das Geschäft mit den Glühbirnen floriert.

Schon in den Dreißigerjahren ist Osram

einer der größten Hersteller der Welt,

mit Niederlassungen unter anderem in

Shanghai und Rio de Janeiro. In Deutschland

kommt Osram auf einen Marktanteil

von 70 Prozent. Kaum ein Haushalt im

Nachkriegsdeutschland, in dessen Wohnzimmerlampen

keine Osram-Birnen stecken.

„Hell wie der lichte Tag“: So wirbt das

Unternehmen seit Jahrzehnten an den historischen

Geschäfts- und Bürogebäuden

am Münchner Karlsplatz.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verlegt

Osram den Sitz nach München. Die

Leuchtstoffröhre kommt, die Halogenlampe,

später die Energiesparlampe. Osram

investiert, expandiert und mischt in allen

Segmenten kräftig mit. So wird das Unternehmen

zum Beispiel zu einem der wichtigsten

Leuchtenlieferanten der Autoindustrie.

1978 schließlich übernimmt Siemens

Osram komplett. Gut 35 000 Mitarbeiter

erwirtschaften zuletzt einen Umsatz

von fast 5,3 Milliarden Euro.

Doch der Vormarsch der LED-Leuchten

beschert dem Konzern unruhige Zeiten,

wie er sie in seiner langen Geschichte noch

nicht erlebt hat. Denn das Geschäft mit traditionellen

Leuchtmitteln – also Leuchtstoffröhren,

aber auch Energiesparlampen

– schrumpft, und das viel schneller, als

auch Konzernchef Dehen erwartet hat.

Einer, der den Schrumpfkurs in dem Geschäft

verwalten muss, ist Willi Sattler. An

FOTOS: AKG IMAGES, PR, ANDREAS POHLMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

56 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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einem sonnigen Vormittag sitzt der Betriebsratschef

des Osram-Werks in Augsburg

in seinem Büro gleich hinter dem Fabriktor.

Der Blick geht auf ein Stehcafé mit

frühstückenden Rentnern auf der anderen

Straßenseite. Gleich hinter Sattler beginnen

die grauen Werkshallen mit den orangefarbenen

Osram-Schriftzügen. Die Stimmung

an den Fließbändern ist schlecht.

„Bis jetzt haben wir die Jobkürzungen

hier ohne betriebsbedingte Kündigungen

hinbekommen“, sagt Sattler. Denn noch gilt

für den Stellenabbau in Augsburg der großzügige

Sozialplan der einstigen Mutter Siemens.

Doch die Unsicherheit ist groß. „Wie

viele Arbeitsplätze fallen hier noch weg?“,

fragt Sattler besorgt. Vor sieben Jahren haben

bei Osram in Augsburg noch 2000

Menschen gearbeitet; heute sind es 1300.

„Und weitere 300 Stellenstreichungen sind

geplant“, rechnet Betriebsrat Sattler vor.

MASSIVES SPARPROGRAMM

Das Werk in Augsburg verkörpert den Abstieg

einer alten, nicht mehr konkurrenzfähigen

Industrie. In der 1922 eröffneten Fabrik

erfanden Osram-Tüftler einst die Energiesparlampe.

Hier wurden Blitzwürfel gebaut,

die auf den einfachen Fotoapparaten

der Siebzigerjahre saßen. Heute produziert

Osram in Augsburg hauptsächlich Leuchtstoffröhren

und das Glas dafür. Doch die

Nachfrage schrumpft. Jährlich 200 Millionen

Leuchten wurden in Augsburg vor sieben

Jahren gefertigt. Heute sind es noch

135 Millionen, Tendenz fallend.

Sattler weiß um die großen Chancen, die

die Umstellung in der Beleuchtung auf

energiesparende LEDs bietet. „Da stehen

wir in der Entwicklung erst ganz am Anfang“,

sagt der Betriebsrat und verweist auf

mögliche Verwendungen in Smartphones.

Doch für Augsburg hat die neue Entwicklung

bislang nichts gebracht. „Natürlich

würden wir hier auch gerne LED-Leuchten

bauen“, sagt Sattler. Doch dafür gibt es bei

Osram bisher keine Pläne.

Dehen ist im Moment vor allem damit

beschäftigt, Osram weiter auf Effizienz zu

trimmen. Hinter dem griffigen Titel „Push“

verbirgt sich ein Programm, mit dem er bis

Ende des Jahres 1,2 Milliarden Euro einsparen

will. 8700 Arbeitsplätze, davon 1450

in Deutschland, fallen weg. 11 von weltweit

44 Standorten will Dehen schließen.

Der Osram-Chef legt großen Wert auf

Begrifflichkeiten. „Push“ sei kein bloßes

Restrukturierungsprogramm, bei dem nur

gespart und gekürzt werde, betont er, sondern

ein Verbesserungsprogramm:„Damit

vollziehen wir den Wandel in der Lichtindustrie

von analog zu digital nach.“

Die Anstrengungen zahlen sich aus. Erstmals

nach mehreren verlustreichen Jahren

hat Osram im Ende September 2013 abgelaufenen

Geschäftsjahr wieder einen kleinen

Gewinn erwirtschaftet. Und zwischen

Oktober 2013 und März 2014 verdoppelte

sich die Umsatzrendite (Ebita) im Vergleich

zum Vorjahr auf acht Prozent. Dies

ist auch die Zielvorgabe für das aktuelle

Geschäftsjahr.

Das Problem: Weil das Geschäft mit den

klassischen Leuchtmitteln schneller

schrumpft als erwartet, sank der Umsatz

zwischen Oktober und März um drei Prozent

auf 2,6 Milliarden Euro. Dehen kündigte

Ende April an, man werde das Geschäft

Ausgebrannt Osram-Technikvorstand Laier

wollte das hohe Tempo seines Chefs bei der

Sanierung nicht mitgehen

Saubere Leistung Reinraum im Osram-

Halbleiterwerk im bayrischen Regensburg

mit konventionellen und halbleiterbasierten

Leuchten organisatorisch voneinander

trennen. Bei Letzteren verbucht Osram derzeit

Zuwächse von fast 50 Prozent.

FEINDE IM KONZERN

Dem Kapitalmarkt gefällt Dehens konsequentes

Vorgehen. Im aktuellen Quartal

werde Osram kräftig wachsen, meinen etwa

die Analysten von Warburg Research.

Dank des weitreichenden Umstrukturierungsprogramms

habe Osram gute Chancen,

die angepeilten Margen zu erreichen.

Mit seinem forschen Vorgehen macht

Dehen sich im Unternehmen auch Feinde.

Nicht wenige sind über die rabiaten Methoden

bei der Sanierung ihres Unternehmens

entsetzt. Weltweit habe er mehr als

zwei Drittel der Führungsmannschaft mit

teils „sehr unschönen Methoden“ entfernt,

sagt ein Mitglied des Aufsichtsrats. Der studierte

Betriebswirt gilt manchen als skrupellos,

eiskalt, als knallharter Sanierer.

Dehen fechten solche Vorwürfe nicht an.

„Ich versuche, ein konsequenter und konsistenter

Mensch zu sein“, sagt er und nuschelt

dabei ein wenig, die Beine weit von

sich gestreckt. Natürlich sei es für einen

Manager manchmal leichter Ja als Nein zu

sagen. „Ich gehe aber nicht den leichten

Weg“, sagt Dehen.

Vielleicht braucht ein Unternehmen in

einer Branche, die einem so raschen Wandel

ausgesetzt ist, einen wie Dehen. Und

der oft ein wenig spröde und unzugänglich

wirkende Manager holzt ja nicht nur, sondern

investiert auch und schafft neue Jobs.

Eichstätt ist ein Städtchen im Altmühltal

in Bayern. Sträßchen mit Kopfsteinpflas-

»

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 57

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Unternehmen&Märkte

»

ter durchziehen den Ortskern. Rund um

den Marktplatz gruppieren sich hell verputzte

Häuser. Wenige Meter weiter beginnen

die grünen Hügel oberhalb des Flusses.

Kaum 12 000 Menschen wohnen in

Eichstätt, und wer nicht in der Landwirtschaft

oder einem der Geschäfte im Dorf

arbeitet, der ist bei Osram beschäftigt.

Bislang fertigen die 700 Mitarbeiter vor

allem Halogenlampen für die Autoindustrie,

außerdem Spezialleuchten, etwa für

Beamer oder Filmvorführgeräte in Kinos,

mit denen Osram besonders hohe Margen

erzielt. Doch das wird bald nicht mehr

alles sein.

PREISVERFALL BEI LEDS

Zurzeit legen Arbeiter letzte Hand an eine

neue Fertigungsstraße. Von diesem Sommer

an werden rund 60 Osram-Mitarbeiter

LED-Leuchten für den Privathaushalt fertigen.

Die Technik: Strom wird in einen winzigen

Halbleiterkristall geleitet und erzeugt

dort einen Lichtblitz.

Etwa zehn Euro dürfte die LED-Lampe

in klassischer Birnenform mit einer Leistung

von 40 Watt, die Osram europaweit

anbieten will, im Baumarkt kosten. Viel

Geld, doch vor wenigen Jahren musste der

Kunde dafür noch 70 Euro zahlen. Das

neue Osram-Produkt spart viel Energie

und hat eine Lebensdauer von rund 25 000

Stunden. Eine klassische Glühlampe gibt

nach etwa 2000 Stunden den Geist auf.

Gut zehn Millionen Euro investiert Osram

in die neue Fertigung in Eichstätt. Dehen

setzt damit auf die rasche Verbreitung

der LED-Lampen. In Deutschland liegt der

LED-Anteil schon bei 25 Prozent mit stark

steigender Tendenz. Im Herbst, so erwarten

Experten, wird für Endverbraucher

Guter Start

Entwicklung der Osram-Aktie seitdem

Börsengang

Quelle: Thomson Reuters

2013 2014

in Euro

50

40

30

20

erstmals die Preisschwelle von zehn Euro

unterschritten. Das dürfte noch einmal für

kräftigen Rückenwind beim Geschäft mit

LED-Leuchten für Privathaushalte sorgen.

Osram erzielt 34 Prozent seines Umsatzes

mit den neuen Leuchten auf Halbleiterbasis;

in drei Jahren sollen es 50 Prozent

sein. Insgesamt wächst der weltweite

Lichtmarkt, vor allem dank der raschen Urbanisierung

in Schwellenländern, jedes

Jahr um sieben Prozent. In China sind es

sogar gut 20 Prozent.

Das LED-Licht bietet, anders als traditionelles

Licht, neue Möglichkeiten: Es sorgt

nicht nur für helle Wohnungen, Büros oder

Straßen, sondern beeinflusst auch die Befindlichkeit.

Im Münchner Klinikum rechts

der Isar etwa verwenden die Mediziner

LED-Leuchten in der Schmerztherapie.

Auf Langstreckenflügen kann das neuartige

Licht den gefürchteten Jetlag mildern.

Möglich machen dies die unterschiedlichen,

sehr feinen Farbabstufungen, die

sich mit LED-Licht erzielen lassen. Biodynamisches

Licht nennen das die Forscher

bei Osram in Regensburg.

Zusammen mit der Hochschule München

testet Osram, wie Licht die Aufmerksamkeit

der Studenten beim Lernen beeinflusst.

In einem Seminarraum der Hochschule

hat Osram dazu zwölf LED-Deckenleuchten

aufgehängt. Mit ihnen lässt sich

das Licht jeder Tageszeit simulieren; vor allem

das für die Steuerung aller biologischen

Funktionen so wichtige blaue Licht.

Die Augen haben spezielle Zellen, die nur

dieses Licht aufnehmen und verarbeiten.

Erste Resultate zeigen, dass die Aufmerksamkeit

durch das gesteuerte LED-Licht

um 30 Prozent höher ist als bei traditionellem

Licht. Vor allem das gefürchtete Mittagstief

setze gar nicht mehr oder erst später

ein, berichten die Studenten.

Um bei solchen Anwendungen vorne

mitzuspielen, investiert Osram kräftig in die

Forschung. 6,4 Prozent seines Umsatzes hat

Osram im vergangenen Jahr konzernweit

dafür ausgegeben. In Regensburg, dem

Zentrum der LED-Aktivitäten mit gut 1500

Mitarbeitern in der Forschung, liegt die

Quote sogar bei zehn Prozent.

ZUKUNFTSMARKT ASIEN

Dehen macht Druck, denn anders als beim

traditionellen Licht dauert ein Entwicklungszyklus

in der LED-Technologie nur

sechs bis neun Monate statt fünf Jahre.

Gleichzeitig sitzt dem Osram-Chef die

Konkurrenz aus Asien im Nacken. Hoch innovative

Schwergewichte wie Samsung,

LG, Sharp und Toshiba drängen mit Macht

ins LED-Geschäft. Nicht leichter wird Dehens

Aufgabe durch den kontinuierlichen

Preisverfall bei LEDs. Im Schnitt verbilligen

sich die Chip-Leuchten jedes Jahr

»

Erstes Etappenziel erreicht

Wichtige Osram-Kennzahlen (Amtsantritt von Vorstandschef Wolfgang Dehen im April 2011)

Umsatz

in Milliarden Euro

5,5

Zahl der Mitarbeiter

in Tausend

42

Gewinn nach Steuern*

in Millionen Euro

400

Ebita-Marge*

in Prozent

10

Bilanzsumme

in Milliarden Euro

5,2

5,4

5,3

5,2

5,1

5,0

40

38

36

200

0

–200

8

6

4

2

5,0

4,8

4,6

4,4

4,9

34

–400

0 4,2

2011 2012 2013 2011 2012 2013 2011 2012 2013 2011 2012 2013 2011 2012 2013

*Performance im Geschäftsjahr 2012 aufgrund hoher Restrukturierungskosten; Quelle: Geschäftsberichte, Börsenprospekt

58 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Asien im Blick

In der Nähe von

Shanghai fertigt

Osram LEDs für

den chinesischen

Markt

FOTO: PATRICK WACK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

»

um 20 Prozent. Gut für den Kunden,

doch Osram muss ständig nach Wegen suchen,

die Kosten weiter zu reduzieren.

Dehen denkt darum bereits darüber

nach, was nach dem Ende des Restrukturierungsprogramms

„Push“ kommen

könnte. Die stärker als erwarteten Rückgänge

im traditionellen Lichtgeschäft machen

weitere Schritte nötig. „Der Wandel

im Lichtmarkt von den traditionellen zu

den halbleiterbasierten Produkten hat sich

weiter beschleunigt“, sagt Dehen. Daher

werde es auch nach 2014 Restrukturierungen

geben, die dann Teil des normalen Geschäftsverlaufs

würden. So würden eben

auch 2015 die Kapazitäten im traditionellen

Lichtgeschäft der Marktentwicklung

weiter angepasst. Der Abbau von 8700 Arbeitsplätzen

dürfte daher noch nicht das

Ende der Fahnenstange sein.

Auch in anderen Bereichen sind Dehens

Leute ständig auf der Suche nach weiterem

Sparpotenzial. In Eichstätt etwa arbeiten die

Forscher daran, den Glasanteil an der

Leuchte zu verringern. Auch tut Osram sich

mit anderen Abnehmern zusammen, um

bei Lieferanten von Rohstoffen wie Wolfram,

Quarz oder Xenon bessere Preise erzielen zu

können. Für die LED-Birne in Privathaushalten

hat Osram eine Plattform entwickelt,

mit der das Unternehmen viele Varianten zu

relativ niedrigen Kosten anbieten kann.

Branchenkenner empfehlen den Deutschen

allerdings deutlich radikalere

Schritte. „Osram sollte die LED-Chips zukaufen,

statt sie selbst herzustellen“, rät etwa

Roger Chu, Chefanalyst und LED-

Experte beim Branchendienst Trendforce

in Taipei. Zudem sollte der Konzern noch

viel stärker auf Lösungen mit höherer

Wertschöpfung setzen, etwa Spezialbeleuchtungen

mit den dazugehörigen

Steuerungssystemen.

TRIUMPH UM JEDEN PREIS

Dehen lässt solche Einwände nicht gelten.

Um höchste Qualität zu gewährleisten,

müsse Osram die Chips selbst herstellen.

Außerdem benötige der Konzern das

Know-how aus dem Massengeschäft, um

bei den hochprofitablen Nischenprodukten

wirklich erfolgreich zu sein.

Fast wie ein Besessener arbeitet der immer

etwas unnahbar wirkende Westfale

daran, den Traditionskonzern ins digitale

Zeitalter zu führen. Dehen will den Triumph

um jeden Preis, denn seine Mission

bei Osram ist auch seine ganz persönliche

Abrechnung mit der einstigen Konzernmutter

Siemens, wo der Manager viele Demütigungen

ertragen musste. Der Zeitpunkt

ist für Dehen gekommen, es allen

noch einmal zu zeigen.

Als Siemens 2001 den Autoelektronikhersteller

VDO gekauft hatte, machte der

Konzern Dehen zum Chef der neuen Tochter.

Anfang 2007 bekam er die Order, VDO

an die Börse zu bringen. Doch das misslang.

Der Autozulieferer Continental war

als Interessent aufgetaucht und übernahm

im Sommer 2007 VDO für gut elf Milliarden

Euro. Dehen konnte nur zuschauen.

Ein Jahr später rückte der Westfale in den

Siemens-Vorstand auf und wurde gleichzeitig

Chef des Energiegeschäfts. Doch bei

der Mannschaft in Erlangen kam er nie

richtig an. „Das sind kernige Typen in der

Energiesparte“, sagt ein ehemaliger Siemens-Manager,

„Ingenieure mit Öl an den

Händen.“ Nichts für den nüchternen Zahlenmenschen

Dehen.

Ein Briefing nach dem anderen habe er

abgehalten und sehr viel Papier produziert,

erinnert sich ein Ex-Siemens-Kollege, und

dabei unablässig sein Mantra gepredigt:

„Make your numbers, no surprises, no excuses.“

Erreicht hat Dehen damit wohl

kaum einen der Siemensianer.

Selbst nachts an der Bar auf den Führungskräftetagungen

am Starnberger See

taute Dehen selten auf; stets blieb er die

kalte Autorität. Im April 2001 schließlich

schob der damalige Siemens-Chef Peter

Löscher den Manager ab auf den Osram-

Chefsessel. Dort sollte er den Börsengang

des Leuchtenherstellers vorbereiten.

Doch auch daraus wurde zunächst nichts.

Wegen mangelnden Interesses wurde Osram

vor einem Jahr mithilfe eines Spinoffs

von der Mutter abgespalten und börsennotiert.

Dehen weiß, dass seine Mission noch

nicht beendet ist. Das ist sie erst, wenn er

Osram dauerhaft auf die Erfolgsspur gesetzt

hat. Wie lange das noch dauert, ist ungewiss.

Bei der Frage, ob er seinen Vertrag

als Vorstandsvorsitzender über März 2016

hinaus verlängern wolle, taut Dehen auf:

Der Osram-Chef antwortet, ohne etwas zu

sagen – mit einem leichten Lächeln. n

matthias.kamp@wiwo.de | München

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 59

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Spezial | Mittelstand

Hoffnung auf Verlängerung

FUSSBALL-WM | Kleine und mittelgroße deutsche Unternehmen profitieren von dem

großen Sportereignis in Brasilien. Die Chancen sind groß, danach so richtig ins Geschäft

zu kommen – sofern die Firmen die speziellen Widrigkeiten des Marktes meistern.

Zum Eröffnungsspiel am 12.

Juni serviert Klaus-Peter Kofler

das brasilianische Nationalgericht

Feijoada: Bohneneintopf mit

Fleisch, dazu geröstetes Maniokmehl und

Orangenscheiben. Während unten auf dem

Rasen des Stadions in São Paulo die Teams

aus Brasilien und Kroatien um den ersten

WM-Sieg kämpfen, beköstigt Koflers

Catering-Unternehmen Kofler & Kompanie

oben auf den teuren Rängen rund 15 000

VIP-Gäste.

Der 49-jährige Mittelständler aus Berlin

(Jahresumsatz:72 Millionen Euro) ist, soviel

steht jetzt schon fest, einer der Gewinner

der Fußball-WM 2014 in Brasilien. In insgesamt

vier der zwölf Weltmeisterschafts-Stadien

übernimmt Kofler, der auch schon

beim Geburtstagsdinner von Kanzlerin Angela

Merkel oder beim Staatsbesuch der

englischen Queen in Deutschland aufgetischt

hat, die Versorgung der Edelfans mit

erlesenen Speisen und Getränken. Als einzigem

nicht brasilianischen Unternehmer

hat der allmächtige Weltfußballverband Fifa

dem gelernten Konditor Kofler das Catering

herausragender Gäste übertragen. Erwartete

Zusatzeinnahmen: 30 Millionen Euro.

WM-GEWINNER AUS DEUTSCHLAND

Was Fans die schönste Nebensache der Welt

nennen, ist für Unternehmer wie Kofler ein

lohnendes Geschäft – und der Einstieg in

den wichtigen Wachstumsmarkt Brasilien.

Ähnlich wie der Berliner Catering-Unternehmer

entdecken auch andere deutsche

Mittelständler die Chancen, welche die

siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt ihnen

bietet: Von dem zu erwartenden Investitionsboom

des Landes in den nächsten Jahren

profitieren auch kleine und mittlere Unternehmen.

Die Haushaltseinkommen steigen,

die brasilianische Mittelschicht wächst

– und damit auch die Nachfrage nach teureren

Produkten und Serviceleistungen.

Bisher haben sich vor allem Großkonzerne

wie VW oder BASF im Land am Amazonas

niedergelassen. Nun registriert die

Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer

in São Paulo, dass immer mehr

deutsche Mittelständler nach Brasilien kommen

– in den vergangenen Jahren etwa 200.

Viele von ihnen haben wie Caterer Kofler&Kompanie

über die Fußball-WM den

Einstieg in den brasilianischen Markt gefunden.

Denn in den zwölf Fußballpalästen, in

denen das Turnier ausgetragen wird, steckt

jede Menge deutsche Wertarbeit: Duscharmaturen

von Hansgrohe aus dem Schwarzwald,

Dachkonstruktionen von Hightex aus

Bernau am Chiemsee und dem Berliner Architekturbüro

GMP. Airsense aus Schwerin

liefert Detektoren im Kampf gegen Terro-

»

Gegen Hunger, Unwetter und Terroristen

Was deutsche Spezialisten zum Gelingen der WM in Brasilien beitragen – zum Beispiel

Kofler (Catering)

Unternehmensumsatz

72 Millionen Euro

Lufft (Wettersensoren)

Unternehmensumsatz

17 Millionen Euro

Airsense (Detektoren)

Unternehmensumsatz

4 Millionen Euro

Ort des Eröffnungsspiels

Stadion São Paulo

FOTO: GETTY IMAGES/AFP

60 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

»

rismus und Lufft aus Fellbach (bei Stuttgart)

Sensoren für bessere Wetterprognosen.

Die Technik von Goal Control aus Würselen

bei Aachen überwacht elektronisch, ob der

Ball die Torlinie überschritten hat und die

Rasenbewässerung stammt vom hessischen

Unternehmen Wisy.

Die Liste der deutschen WM-Gewinner

lässt sich locker verlängern. Der Münchner

Modehändler Hirmer etwa errichtet über

seine Immobilientochter das Camp der

DFB-Elf und ihrer Betreuer im Bundesstaat

Bahia – inklusive Trainingsplatz, Swimmingpool

und Medienzentrum. In einem

der 14 Apartments auf der Anlage wohnt

auch Bäckermeister Günther Thiermann

aus Bad Hönningen bei Koblenz, der eigens

mitreist, um Lahm, Özil, Götze und

Co. mit Vollkornware zu versorgen.

Klar ist: Für viele Mittelständler ist die

WM ein Sprungbrett auf den brasilianischen

Markt. Caterer Kofler hat sich bereits

Folgeaufträge gesichert. Für die nächsten

zehn Jahre wird seine Kompanie in den

Stadien von Belo Horizonte, São Paulo und

Porto Alegre alle Fans bei allen Spielen der

brasilianischen Liga bewirten. Und einen

Großauftrag für die Olympischen Sommerspiele

2016 in Rio – das nächste sportliche

Großereignis – hat er fast sicher.

Der Zeitpunkt zum Einstieg in den brasilianischen

Markt ist günstig. Zwar legt das

Bruttoinlandsprodukt des lateinamerikanischen

Flächenstaates derzeit nur um etwa

zwei Prozent zu – statt etwa 7,5 Prozent

Kofler & Kompanie Catering

Klaus Peter Kofler, Inhaber

Der Berliner Mittelständler bewirtet die

VIP-Gäste in vier WM-Arenen. Von dem

großen Fußballturnier erhofft er sich

Zusatzeinnahmen von 30 Millionen Euro.

im Rekordjahr 2010. Die Inflation steigt, die

Unternehmer investieren weniger, und

auch die Konsumenten halten sich nach

Jahren des Booms erstmalig zurück.

Für Neueinsteiger aus dem Mittelstand

ist das ein Vorteil, findet Ferdinand Rogoschewski,

der die Niederlassung des westfälischen

Industrieventilatorenherstellers

Reitz in Brasilien leitet: „Im Boom haben es

Mittelständler schwer, überhaupt wahrgenommen

zu werden.“ So kann man heute

Vizeweltmeister Brasilien

In welchen Ländern Unternehmen am

liebsten investieren*

56 %

52 %

37 %

* Mehrfachnennungen möglich; Quelle: PwC

34 %

26 %

China Brasilien Indien USA Mexiko

wieder Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt

finden, ohne sie für absurd hohe Gehälter

anheuern zu müssen. Auch bei Fabrik- und

Büroimmobilien gibt es ein Überangebot,

das die Preise sinken lässt. Der schwächere

Real hat zudem die Kosten einer Investition

reduziert. Außerdem haben potenzielle

Kunden mehr Zeit: „Bei Ingenieurbüros

und Großkonzernen bekam man vor drei,

vier Jahren als deutscher Mittelständler

keinen Termin“, sagt Rogoschewski. Das sei

jetzt ganz anders. „Die Kunden wollen den

Wettbewerb unter ihren Zulieferern.“

INVESTITION IN INFRASTRUKTUR

Zumindest auf mittlere Sicht stimmen die

Perspektiven Investoren optimistisch. Die

Mehrheit der 190 Millionen Brasilianer verfügt

über ein weit höheres Einkommen als

etwa Inder oder Chinesen. Deutsche Unternehmen

können zudem auf die großen

Investitionsprogramme des Landes hoffen,

die Brasiliens Regierung anschieben will,

um die Mängel bei der Stromversorgung,

im Straßen- und Schienennetz, bei den

Airports sowie den Häfen zu beseitigen.

Ein Unternehmerparadies ist Brasilien allerdings

nicht, wie auch einige der WM-Investoren

aus dem Mittelstand feststellen

mussten. Hansgrohe, der Armaturenhersteller

aus dem Schwarzwald, klagt etwa

über die vergleichsweise hohen Steuern, die

schon mal mehr als ein Drittel des Gewinns

ausmachen können. Zudem ändern sich

die Steuergesetze häufig und willkürlich

»

FOTO: DDP IMAGES/DAPD

62 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

in den Laboren messen. Herstellern von

Windrädern helfen die Schwaben, ihre

Turbinen so auszurichten, dass sie möglichst

viel Energie erzeugen.

In Brasilien sind die Fellbacher über ihren

Vertriebspartner RoMiotto schon seit

mehr als zehn Jahren vertreten. Der WM-

Auftrag, sagt Hirzel, dient auch der Imagepflege;

gerade einmal 120 000 Euro erwirtschaften

die Sensorspezialisten damit. Hirzel

hofft nun auf einen viel größeren Coup

im Wachstumsmarkt Brasilien: Die mehr

als 60 Flughäfen des Landes wollen die Sicherheit

am Rollfeld optimieren und benötigen

dafür präzise Messtechnik.

Während der WM vom 12. Juni bis 13. Juli

erwartet Lufft übrigens vergleichsweise

kühle Temperaturen und große Niederschlagsmengen.

Fritz-Walter-Wetter also,

benannt nach dem Kapitän der deutschen

Weltmeister-Elf 1954 – kein schlechtes

Omen für die deutsche National-Elf.

AIRSENSE

Die Sprengstoffschnüffler

»

(siehe dazu auch Kasten Seite 69). Die

Dachkonstrukteure von Hightex verzweifelten

an der mangelnden Kooperation ihres

brasilianischen Partners. Und Catering-Unternehmer

Kofler kann viel über die Mühlen

der brasilianischen Bürokratie erzählen. Allein

die Gründung einer brasilianischen

Tochterfirma fresse neun Monate, die Kontoeröffnung

noch mal vier Monate.

Weil der Berliner Unternehmer das

wusste, nahm er sich viel Zeit im Land und

eröffnete schon ein Büro in Rio de Janeiro.

„Wir sind da am Anfang ohne Auftrag hin“,

erinnert sich Kofler. Seine Zuversicht reichte

aus, das Potenzial für Sport-Catering zu

erkennen. Um in Brasilien Fuß zu fassen,

investierte er rund eine Million Dollar.

LUFFT

Die Wetterpropheten

Lufft Wettersensoren

Klaus Hirzel, Miteigentümer

Der schwäbische Unternehmer rüstet die

WM-Stadien mit Messgeräten aus. Das

bringt 120 000 Euro mehr Umsatz. Nach

der WM hofft Hirzel auf weitere Aufträge.

Eine „WM der Strapazen“ erwartet Bundestrainer

Jogi Löw. Temperaturen von

mehr als 30 Grad Celsius und bis zu 80 Prozent

Luftfeuchtigkeit machen jede körperliche

Anstrengung zur Qual. Stetig droht

ein Wolkenbruch, der jede Spielfläche unter

Wasser setzen kann – wie 1974 beim Regenmatch

zwischen Deutschland und Polen.

Binnen einer Stunde kann es in Brasilien

leicht 100 Liter und mehr pro Quadratmeter

regnen.

Klaus Hirzel, Miteigentümer des schwäbischen

Mittelständlers Lufft aus Fellbach

bei Stuttgart, wird solche meteorologischen

Albtraum-Szenarien nicht verhindern

können. Aber er kann rechtzeitig warnen:

Lufft (Jahresumsatz 2013: 17 Millionen

Euro, rund 100 Mitarbeiter) rüstet alle

zwölf WM-Stadien mit mobilen Wetterstationen

aus. Dank schwäbischer Präzisionstechnik

lassen sich Sturm, Blitz, Platzregen

oder extreme Hitze auf die Stunde genau

vorhersagen. Die Gastgeber haben dann

noch Zeit, um den Austragungsort zu

wechseln oder den Anstoß zu verschieben.

Das Traditionsunternehmen Lufft, 1881

gegründet, ist in 60 Ländern aktiv, wichtigste

Märkte sind China und die USA. Die Exportquote

liegt bei 80 Prozent. Zu den Kunden

zählen etwa Pharmaunternehmen, für

die Lufft-Sensoren das Umgebungsklima

Das Schlimmste, das bei der Fußballweltmeisterschaft

passieren kann: Terroristen

zünden in einem der Stadien oder an einem

öffentlichen Platz in Rio de Janeiro eine

Bombe, möglicherweise versetzt mit radioaktiven

Stoffen. Eine abstrakte Fantasie?

Nicht für Wolf Münchmeyer und Andreas

Walte, Geschäftsführer des Schweriner

Unternehmens Airsense Analytics

GmbH (vier Millionen Euro Jahresumsatz,

24 Mitarbeiter, 97 Prozent Exportquote).

Die beiden Deutschen stellen seit zehn

Jahren Sprengstoffdetektoren her, die Terrorattacken

wie diese verhindern sollen –

auch bei der Fußball-WM in Brasilien.

Rund 80 Airsense-Detektoren werden

beim Turnier im Einsatz sein – in Stadien,

auf Plätzen und Flughäfen. Auch bei den

Olympischen Spielen 2016 in Brasilien sollen

die Messgeräte aus Mecklenburg-Vorpommern

für Sicherheit sorgen.

Die Geräte wirken wie bunte Handstaubsauger.

Die Detektoren sollen dank empfindlicher

Sensoren Salzsäure, Blausäure,

chemische Kampfstoffe und radioaktive

Substanzen ausfindig machen. Vereinfacht

gesagt, erkennen die Geräte das Gasgemisch,

das solche Stoffe ausstoßen.

An Terroranschläge hatten Elektrotechniker

Münchmeyer und Physiker Walte

überhaupt nicht gedacht, als sie Airsense

1996 als Spinoff der TU Hamburg gründeten.

Die beiden Naturwissenschaftler zielten

auf die Lebensmittelindustrie als

»

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

64 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

»

Kunden. Ihre Detektoren hatten sie darauf

getrimmt, zu erkennen, wann Joghurt

schimmelt oder Nüsse ranzig werden.

Doch das Geschäft lief nur schleppend

an. „Hätte ich in den ersten beiden Gründungsjahren

nicht nebenbei Schiffsstabilisatoren

programmiert, wäre die Firma

nicht am Leben geblieben“, sagt Münchmeyer.

Der Umschwung kam mit den Terroranschlägen

vom 11. September 2001. Die Airsense-Gründer

erkannten die Sicherheitsbranche

als Wachstumsmarkt. Statt auf Lebensmittel

programmierten sie ihre Detektoren

nun auf Sprengstoffe.

Nach zwei Jahren Entwicklung und zahlreichen

Sondergenehmigungen zum Umgang

mit radioaktiven Stoffen und speziellen

Chemikalien ging das erste Gerät 2004

in Serienreife. Einer der ersten Käufer war

das italienische Innenministerium. Mittlerweile

exportiert Airsense seine Detektoren

in fast alle Länder Europas, nach Brasilien,

Russland, Indien und China. Preis: je

nach Gerät und Ausstattung zwischen

10 000 und 300 000 Euro. Ein zweistelliger

Millionenumsatz dürfte für Airsense bei

der Fußball-WM in Brasilien anfallen.

Um an den Auftrag zu gelangen, konnte

Airsense mit der leichten Bedienbarkeit

der Geräte und internationaler Erfahrung

Hansgrohe

Armaturen- und Brausenhersteller

Carsten Voß, Verkaufsleite

Lateinamerika

Mit Edelduschen in zwei Stadien ist der

Bad-Spezialist aus Schiltach im Schwarzwald

bei der WM dabei. 2013 erzielte Voß

ein zweistelliges Umsatzplus in Brasilien.

punkten. „In Brasilien gibt es etwa andere

Putzmittel als in Deutschland“, sagt Walte.

„Daher müssen wir die Geräte anders einstellen,

damit sie nicht ausschlagen.“

Gründer Münchmeyer wird bei der WM

in Brasilien am Ort sein. Zumindest dann,

wenn er nicht von einem der Sprengstoffdetektoren

an den Flughäfen aufgehalten

wird. „Man muss bei den Tests mit Sprengstoffen

absolut sauber arbeiten. Wenn

auch nur die geringe Spuren von Sprengstoff

am Anzug sind, schlagen die Detektoren

am Flughafen sofort an und dann hat

man viel Erklärungsbedarf.“

GERKAN, MARG UND PARTNER

Die Stadionplaner

Wenn es um weltweiten Stadionbau geht,

kommt am Hamburger Architekturbüro

Gerkan, Marg und Partner (gmp) kaum einer

vorbei. „Gmp hat bei den Stadien quasi

eine Monopolstellung“, sagt Gerhard Zach,

Vorsitzender des Verbandes Deutscher Architekten.

Die Architekten-Sozietät gmp (Jahresumsatz

2013: 90 Millionen Euro) ist auf

Großprojekte spezialisiert. Nicht immer

geht alles glatt. Beim Bau des Berliner Pannenflughafens

BER räumt gmp zwar Fehler

ein; die hätten jedoch nicht zu der Verzögerung

um mehrere Jahre geführt.

Mit Sportstätten lief es bislang besser: Für

die Fußballweltmeisterschaften in Deutschland

und Südafrika sowie für die Olympischen

Spiele in Peking hat gmp die Arenen

konzipiert – weltweit sind es mittlerweile

über 20 Stadien. In Brasilien sind das Nationalstadion

in der Hauptstadt Brasilia sowie

die Arena da Amazônia in Manaus im Norden

des Landes unter Federführung der

deutschen Architekten entstanden. Für das

Stadion in Belo Horizonte im Südosten

lieferte gmp den Entwurf.

Der Bau in Manaus, wo etwa am 22. Juni

die deutschen Vorrundengegner USA und

Portugal aufeinandertreffen, war aufgrund

der langen Transportwege eine große logistische

Herausforderung. Die Hauptstadt

des brasilianischen Bundesstaates Amazonas

liegt mitten im Dschungel direkt am

Amazonas und etwa 1300 Kilometer vom

Meer entfernt.

Vier Arbeiter kamen dort während der

Bauphase ums Leben. „Die technischen

Geräte und Gerüste sind auf dem neuesten

Stand gewesen“, sagt gmp-Partner Hubert

Nienhoff. Die nötigen Sicherheitsvorkehrungen

seien getroffen worden. „Menschliches

Versagen gibt es auf Baustellen leider

immer wieder.“

Vor acht Jahren war Architekt Nienhoff

zum ersten Mal nach Brasilien gereist, um

den Markt zu sondieren. Trotz der jahrelangen

Vorbereitungszeit sind die Stadien

erst mit Verspätung fertiggestellt worden.

Am Anfang der Planung habe es auch den

einen oder anderen lokalen Partner mit zu

wenig Leistungsfähigkeit und Kompetenz

gegeben, formuliert er diplomatisch.

Letztlich sind die Stadien doch fertig geworden.

Laut Betreiber belaufen sich die

Kosten für das Stadion in Brasilia auf umgerechnet

460 Millionen Euro, für die Arena

da Amazônia auf knapp 200 Millionen.

Wie viel bei gmp hängen geblieben ist, vermag

Nienhoff nicht zu sagen. Gerhard

Zach vom Verband Deutscher Architekten

glaubt, dass die Hamburger Stadionplaner

ihren Schnitt gemacht haben: „Ein Unternehmen

wie gmp würde sich sonst nicht

auf ein solches Großprojekt einlassen.“

FOTO: VICTOR AFARO FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

66 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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HANSGROHE

im Osten des Landes, wo etwa die Mannschaften

lockt bereits das nächste Prestigeprojekt:

aus Holland, Frankreich und Spa-

die Olympischen Spiele in Brasilien.

Die Wasser-Weltmeister

nien Vorrundenspiele bestreiten, konnte

Brasilien gewinnt, Deutschland ist abgeschlagen

Hansgrohe publicityträchtig mit Armatu-

HIRMER IMMOBILIEN GMBH

– zumindest beim Duschen. Im ren ausstatten. „Das sind schöne Projekte,

Auftrag des Armaturen- und Brausenherstellers

die unseren Bekanntheitsgrad steigern“,

Die Quartiermacher

Hansgrohe aus Schiltach im sagt Carsten Voß, Hansgrohe-Verkaufslei-

In den 14 weißen Bungalows mit den auf-

Schwarzwald hat das britische Marktforschungsinstitut

ICM Research die Badegewohnheiten

in verschiedenen Ländern erforscht.

Ergebnis: Mit mehr als 100 Minuten

täglich verbringen die Brasilianer weltweit

die meiste Zeit im Bad, die hitzegeplagten

Südamerikaner duschen gerne

auch zweimal am Tag. Die Deutschen – mit

ter für Lateinamerika. 2013 erzielte der Armaturen-Manager

trotz Währungsturbulenzen

ein zweistelliges Umsatzwachstum

in Brasilien.

Solche Erfolge trösten Hansgrohe-Statthalter

Voß über die Anlaufprobleme und

Schwierigkeiten im brasilianischen Markt

hinweg. Zwar liegt der Hafen Santos nur 50

fälligen braunen Dächern, direkt am Meer,

werden die 23 deutschen Nationalspieler

plus Betreuer wohnen. An alles ist gedacht:

Pool, Grillplatz, Trainingsgelände. ARD

und ZDF werden aus der Nähe des Camps

in Bahia im Osten Brasiliens berichten.

Hinter der Anlage steckt die Münchner

Firma Hirmer Immobilien GmbH. Fast alle

einer durchschnittlichen Verweildauer von Kilometer von der Hansgrohe-Niederlassung

Münchner kennen das Eckhaus in der Nähe

49 Minuten – müssen dagegen fast schon

als Körperpflege-Muffel gelten.

Seit 2010 ist Hansgrohe (Jahresumsatz

2013: 841 Millionen Euro) mit einer Niederlassung

im boomenden Nasszellender

in São Paulo entfernt. Doch weil

Hafenausbau stockt und die Containerterminals

überlastet sind, importieren die

Schwarzwälder ihre Duschen und Wasserhähne

über den 1000 Kilometer nördlich

des Marienplatzes mit dem üppigen Ge-

ranienschmuck und den Rundbögen am

Eingang. Drinnen beraten Damen vom

Fach beim Kauf von Maßanzügen und

Manschettenknöpfen. In den Regalen des

Markt Brasilien vertreten. Die aufsteigende von São Paulo gelegenen Atlantikhafen Herrenbekleidungshauses (geschätzter

Mittelschicht des Landes kann sich inzwischen

die teuren, importierten Armaturen

aus Schiltach für ihre Badezimmer leisten.

Auch bei der WM mischen die Armaturenhersteller

Vitória. „Als Mittelständler geht man im

Hafen von Santos unter“, erklärt Voß.

„Der Markt ist riesig, da nehmen wir vorübergehend

höhere Kosten und eine noch

Jahresumsatz: 192 Millionen Euro) liegen

Trachtenjanker und Armani-Hosen. Uli

Hoeneß, inzwischen inhaftierter Steuerbetrüger,

war dort Stammgast.

aus dem Schwarzwald mit. nicht optimale Infrastruktur in Kauf“, trös-

Der Immobilien-Ableger von Hirmer, der

Die Stadien in Porto Alegre und Curitiba tet sich der Hansgrohe-Manager. Und 2016 Objekte in München, Leipzig und Dres-»

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Spezial | Mittelstand

»

den verwaltet, ist dagegen kaum bekannt.

Weil sie für die Bekleidungshäuser

sowieso ständig auf der Suche nach geeigneten

Verkaufsflächen und Standorten ist,

entschied die Geschäftsleitung vor 20 Jahren,

ins Immobiliengeschäft einzusteigen.

Ende 2013 erhielt Geschäftsführer Christian

Hirmer den Zuschlag für den Bau des

DFB-Mannschaftsquartiers mit Trainingsgelände

im Bundesstaat Bahia. Das Grundstück

hatte der 43-Jährige schon vor vier

Jahren erworben. Angesichts der anstehenden

Olympiade und der WM – sowie der

aufstrebenden Mittelschicht des Landes –

wollte Hirmer dort in Luxusresorts investieren,

kam mit der Bebauung jedoch kaum

voran. Vor eineinhalb Jahren stellte das brasilianische

Unternehmer-Netzwerk LIDE

dann den Kontakt zwischen Hirmer und

dem DFB her. Ende Dezember wurden die

Deutschen in die Gruppe G gelost. Da war

klar, dass die DFB-Elf nur rund zwei Flugstunden

vom Grundstück der Hirmers entfernt

spielen wird. Der DFB entschied, das

Mannschaftsquartier dort bauen zu lassen.

Für Hirmer begann eine große Herausforderung:

In dem abgelegenen 800-Seelen-Dorf

Santo André gab es praktisch keine

funktionierende Infrastruktur, die Straßen

glichen Sandpisten. Einen Brunnen

und eine Anlage zur Frischwasseraufbereitung

musste der Immobilien-Unternehmer

erst anlegen lassen.

Innerhalb von fünf Monaten auf 15 000

Quadratmetern 14 Luxusbungalows und

einen Trainingsplatz zu bauen – das ist

Hightex Dachspezialisten

Frank Molter, Geschäftsführer

Dank des High-Tech-Dachs aus Bayern fällt

beim Finale im Maracanã-Stadion kein

Schatten auf den Rasen. Die WM brachte

25 Millionen Euro Zusatzeinnahmen.

selbst in Deutschland knapp bemessen.

Ob alles rechtzeitig fertig wird, wird sich

wohl dann auch erst in letzter Minute entscheiden.

Hirmer setzt auf die Kombination

von „deutscher Organisation und brasilianischer

Improvisationskunst“. Nach der

WM will er die Anlage als Luxusresort vermarkten.

Dass auf dem Gelände einst die

deutsche National-Elf campiert hat, dürfte

dabei sicher nicht hinderlich sein.

HIGHTEX

Die High-Tech-Dachdecker

Beim WM-Finale am 13. Juli wird auf dem

Rasen des Maracanã-Stadions in Rio de

Janeiro kein einziger irritierender Schatten

eines Pfeilers zu sehen sein. Grund dafür

ist das ringförmige, weiße Dach. Eine

selbsttragende Felgenkonstruktion, über

die sich eine lichtdurchlässige, weiße

Membran spannt – made in Germany, gefertigt

von dem bayrischen Unternehmen

Hightex (Umsatz 2012: 18 Millionen Euro,

25 Mitarbeiter) aus Bernau am Chiemsee.

Die Bayern sind hoch spezialisierte

Dachdecker. Neben dem Finalstadion Maracanã

haben die Ingenieure vom Chiemsee

auch die Innendecke des Stadions in

Natal erstellt und das blumenartige Dach

der Arena in Porto Alegre konstruiert: Von

der Mitte des Stadions aus gehen blütenblätterartige

Segel ab, die bis auf den Boden

reichen. Bis zu 240 Stundenkilometer

Wind kann die Konstruktion aushalten.

Hightex ist spezialisiert auf den Aufbau

von Leichtbaudächern aus sogenanntem

PTFE-Glas, das sich durch hohe Beständigkeit

auszeichnet. Auch für die WM-Stadien

in Südafrika haben die Bayern bereits Stadiondächer

gefertigt.

Brasilien hat sich aber als besonders

schwieriger Markt erwiesen. „Wir haben

dort viel über unsere eigenen Schwächen

gelernt“, sagt Hightex-Geschäftsführer

Frank Molter. „ Deutsche und Brasilianer

sind, was Streitkultur angeht, diametral

entgegengesetzt, die Brasilianer nehmen

Rücksicht auf alles“, sagt Molter am Firmensitz

in Bernau. Projektleiter Johannes

Maier nickt. Der groß gewachsene Mann

hat mit seiner achtköpfigen Mannschaft

ein Jahr lang in Brasilien gelebt und dort

die Baustellen geleitet. Direkte Kritik gelte

in Brasilien als unangebracht, sagt er. Niemand

soll bloßgestellt werden. Nur führe

das dazu, dass Entscheidungen sehr langsam

getroffen werden. „Und dann muss auf

einmal alles ganz schnell gehen“, so Maier.

Hightex bekam das bei der Zusammenarbeit

mit seinem brasilianischen Partner

zu spüren: Um lokale Kontakte zu nutzen,

gingen die Bayern ein Joint Venture mit

dem brasilianischen Membran-Spezialisten

SEPA ein. Doch das Unternehmen hielt

seine Fristen nicht ein und lieferte auch die

zur Bilanzerstellung benötigten Zahlen

nicht. Die Konsequenz: Die kleine Hightex

GmbH, deren Muttergesellschaft an der

Londoner Börse notiert ist, wurde sechs

Monate vom Handel ausgeschlossen.

Trotzdem ist Maier mit seiner Arbeit zufrieden.

„Wir sind pünktlich fertig geworden,

und technisch waren wir einwandfrei.“

In den vergangenen Jahren hat

Hightex mit seinen drei WM-Projekten

einen Umsatz von 25 Millionen Euro erwirtschaftet.

Unter dem Strich sorgten die

Turbulenzen des brasilianischen Partners

für einen Verlust bei Hightex.

Nun hoffen Molter und Maier auf Folgeaufträge.

Hightex verhandelt bereits in

Russland, wo 2018 die nächste WM stattfinden

soll, und auch schon in Katar, dem voraussichtlichen

Austragungsort für 2022. n

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo, marc etzold,

jacqueline goebel, franz hubik, andreas macho,

max nowroth, anja stehle

FOTO: WOLF HEIDER-SAWALL FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

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STEUERN UND RECHT

Rigide und

willkürlich

Woran deutsche Mittelständler in

Brasilien oft scheitern.

nehmen im Schnitt 34 Prozent Steuern auf

den Gewinn – der weltweite Durchschnitt

liegt bei 27 Prozent. Doch es ist nicht nur

die Höhe der Steuern, über die sich die

Unternehmer ärgern. Gleichzeitig ändern

sich Steuergesetze häufig und willkürlich.

Kleinste Fehler bei den Angaben können

sich nach ein paar Jahren zu horrend teuren

Strafen aufsummieren.

Umwelt- und Arbeitsgesetze: Ausländische

Firmen werden von den Behörden

meist genauer geprüft. Die Umweltgesetze

sind mittlerweile genauso streng wie in den

USA. Wer ein Unternehmen kauft und die

Immobilie nicht sorgfältig auf Altlasten

durchcheckt, kann böse Überraschungen

erleben. „Gerade Mittelständler verzichten

oft darauf, vor einer Übernahme die Unternehmen

auf Herz und Nieren zu prüfen“,

beobachtet Rechtsanwältin Maria Beatriz

Kowalewski, die bei der Sozietät Tozzini-

Freire in São Paulo für deutsche Firmenkunden

zuständig ist. „Deutsche Geschäftsführer

sind oft zu gutgläubig.“

Das arbeitnehmerfreundliche Arbeitsrecht

Brasiliens stammt aus den Dreißiger-

Der bürokratische Aufwand ist kafkaesk.

Drei Jahre lang brauchte der Armaturenhersteller

Hansgrohe aus dem Schwarzwald,

bis die bereits gegründete brasilianische

Niederlassung eine vollwertige

Importlizenz für ihre eigenen Produkte

bekam. Mittelständler, die in Brasilien investieren,

unterschätzen regelmäßig die

Startschwierigkeiten. Überrascht stellen

viele Neueinsteiger fest, dass im tropisch

lockeren Brasilien die Rahmenbedingungen

im Geschäftsalltag rigide sind. Die

wichtigsten Fallstricke:

Steuern: Die Abgaben und Aufschläge

sind hoch und komplex. Laut einer Studie

der Wirtschaftsprüfer von KPMG aus dem

Jahr 2011 zahlen brasilianische Unterjahren

und kann Unternehmern ebenfalls

zum Verhängnis werden. Wer zum Beispiel

die Arbeitszeiten seiner Angestellten

nicht kontrolliert, kann auch Jahre später

von Gerichten hohe Nachzahlungen für

angeblich geleistete Überstunden aufgebrummt

bekommen.

Personal: Die Qualität einheimischer

Manager ist durchwachsen. Fehlbesetzungen

für den Posten des Geschäftsführers

oder Filialleiters vor Ort kommen durchaus

häufig vor. „Auf der Führungsebene

mangelt es in Brasilien noch an einer konsequenten,

nachhaltigen Unternehmensführung“,

beobachtet Wilhelm Goschy aus

dem Vorstand der Staufen AG, einer auf

den Mittelstand spezialisierten Unternehmensberatung

aus Köngen bei Stuttgart.

Goschy rät daher Mittelständlern, die in

Brasilien investieren, lieber dazu, einen

qualifizierten Personalberater zu bezahlen,

als dem Rat eines Amigos zu vertrauen.

Ein Vorteil ist es auch, wenn der brasilianische

Geschäftsführer zuvor mal in

Deutschland gearbeitet hat.

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo

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Technik&Wissen

Mit der Sonne rechnen

INTERNET | Je mehr Daten durchs Web rauschen, desto mehr Strom saugen die

Rechenzentren. Nun starten Google, Facebook und Co. eine Ökooffensive:

Sie bauen Solarparks, kühlen ihre Computer in der Arktis oder verkaufen Hausbesitzern

Server als Heizung. Das Netz wird grüner – und treibt die Energiewende voran.

Drei gleißende Lichter strahlen

über die Mojave-Wüste in der

Nähe von Las Vegas. Mancher

Autofahrer, der hier auf dem

Interstate Highway Nummer

15 in Kalifornien unterwegs ist, könnte sie

für eine Fata Morgana halten.

Es sind die Türme von Ivanpah, einem

gigantischen neuen Kraftwerk, das seinesgleichen

sucht. Es erzeugt aus Sonnenwärme

Dampf, der Turbinen antreibt. Die produzieren

so viel Strom, wie 140 000 Haushalte

verbrauchen. Die drei Kolosse, jeder

fast so hoch wie der Kölner Dom, sind getaucht

in flirrende Sonnenstrahlen, gebündelt

von 347 000 Spiegeln, die sich wie ein

See aus Quecksilber in die Wüste ergießen.

Das Kraftwerk ist das größte seiner Art

und hat einen ungewöhnlichen Investor:

Google. Der Internet-Konzern hat 170 Millionen

Dollar in das Solarprojekt gesteckt.

Und das ist nur der kleine Teil einer gewaltigen

Ökooffensive des Suchmaschinen-

Riesen: Für mehr als eine Milliarde Dollar

baut Google Windräder und Solarparks mit

der Leistung zweier Atomkraftwerke.

Nicht Gutmenschentum treibt die Nerds

aus Kalifornien ins Geschäft mit dem Ökostrom

– sondern der Hunger nach Energie.

E-Mails, Videos und Bilder mögen nur aus

Bits und Bytes bestehen. Doch je mehr Daten

wir um die Welt schicken, je mehr

Cloud-Dienste wir nutzen, desto größer

wird der ganz reale Stromverbrauch der

Datenzentren und Netzwerke.

Allein Googles Rechner-Heer schluckt

3,3 Terawattstunden im Jahr, so viel wie eine

mittlere Großstadt. Addiert man den

Verbrauch aller anderen Netzdienste wie

Facebook oder Dropbox hinzu und rechnet

Grüne Datenflut

Weltmarkt für energiesparende

Rechenzentren

17,1

Mrd. $

2012

Quelle: Pike Research

45,4

Mrd. $

2016

auch den Betrieb der Datennetze mit ein,

ergibt sich laut der Umweltorganisation

Greenpeace ein Stromkonsum von 684 Terawattstunden.

Im Länderranking der

Stromverbraucher käme das Internet auf

Platz sechs. Zwei Prozent der globalen

CO 2 -Emissionen verursacht der Betrieb

von Servern, Monitoren und PCs, schätzt

die IT-Nachhaltigkeitsinitiative Gesi.

STROMKOSTEN KAPPEN

Damit ist das Web schon so schmutzig wie

der Flugverkehr. Dabei hat die Vernetzung

des Planeten gerade erst begonnen: Zwischen

2012 und 2017, schätzt der US-Netzwerkkonzern

Cisco, verdreifacht sich der

Datenverkehr zu den Rechenzentren.

Nicht nur für Umweltschützer, auch für

viele Akteure in der Branche steht fest: Es

ist höchste Zeit für eine Energiewende des

World Wide Web. Vor allem Google, Facebook

und Apple, die drei Riesen aus dem

Silicon Valley, machen vor, wie es geht. Sie

investieren Milliarden Dollar in grüne

Kraftwerke. Das Ziel steht fest – 100 Prozent

Ökostrom. Nicht nur, weil es gut fürs Image

ist, sondern auf Dauer auch billiger, wenn

fossile Rohstoffe immer teurer werden.

Denn die Stromrechnung macht 40 Prozent

der Betriebskosten eines Datenzentrums

aus. Wer Strom spart, macht mehr

Gewinn. Ideen gibt es dazu genug: Clevere

Cloud-Anbieter verzichten auf Klimaanlagen

und postieren ihre Server stattdessen

in der Arktis. In Stockholm speisen Datenzentren

ihre Abwärme ins Fernwärmenetz

– gegen Bezahlung. Das Dresdner Start-up

Cloud&Heat verkauft Server gar an Hausbesitzer

– als Heizung, die kein Öl benötigt.

Grüne Datenzentren, melden die Marktforscher

von Pike Research, sind das neue

Boom-Business: Das weltweite Geschäft

wachse jährlich um rund 30 Prozent – auf

45 Milliarden Dollar im Jahr 2016.

Unternehmen wir eine Reise durch das

nachhaltige Internet – auf fünf Stationen

von Island über die USA bis nach Berlin.

1 | SERVER AM POLARKREIS

Schwefel liegt in der Luft, als Örn Orrason

seinen Wagen auf die Schnellstraße nach

Keflavik lenkt. Lava, die hier vor Tausenden

Jahren floss und dann erkaltete, hat die Gegend

rund um die isländische Hafenstadt

in eine Mondlandschaft verwandelt. Und

tief unter dem Gestein, das verrät der Geruch,

brodelt noch immer ein Höllenfeuer

aus den Urzeiten der Erdgeschichte.

Touristen lieben die Vulkanlandschaft,

weil sie hier in heißen Quellen baden können,

in der berühmten Blauen Lagune, und

dabei einen Blick erhaschen in die feurige

Vergangenheit der Insel. Orrason liebt sie,

FOTO: GETTY IMAGES/ETHAN MILLER

70 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Strom für die Suchmaschine

Google investiert massiv in Solarenergie – wie

hier im kalifornischen Kraftwerk Ivanpah

3Mal mehr Daten als

heute strömen im Jahr

2017 durch die Netze

684

Terawattstunden Strom

verbrauchen Datenzentren

und -netze pro Jahr

2Prozent der Kohlendioxid-Emissionen

verursachen Rechner

weil er in ihr Islands Zukunft sieht – eine

Zukunft aus Siliziumchips, Glasfaserkabeln

und Tausenden Festplatten. Lange

hat Island nur Fisch exportiert. „Jetzt“, sagt

Orrason, „exportieren wir Bits und Bytes.“

Der Isländer arbeitet bei Farice, einem

Betreiber zweier Seekabel, die die Insel seit

2004 und 2009 mit Schottland, Dänemark

und dem globalen Datennetz verbinden.

So einsam das Vulkan-Eiland im Nordatlantik

liegt – in letzter Zeit erhält Orrason

oft Besuch von Firmenchefs, die seine Internet-Schnellstrecke

nutzen möchten.

In der Branche spricht sich herum, dass

nah am Polarkreis ideale Bedingungen

herrschen, um energiehungrige Server aufzustellen.

Selbst an heißen Sommertagen

wird es nicht wärmer als 25 Grad. Die ganzjährig

kalte Luft macht Klimaanlagen überflüssig.

Die verbrauchen 40 Prozent des

Stroms in einem Rechenzentrum. Gleichzeitig

ist Ökostrom aus Wasserkraft und

Erdwärme im Überfluss vorhanden.

Die Nachbarn in Skandinavien erleben

dank dieser Vorzüge schon einen IT-Boom:

Google hat im finnischen Hamina ein Rechenzentrum

gebaut, das mit Wasser aus

der Ostsee gekühlt wird, und investiert nun

weitere 600 Millionen Dollar in den Standort.

Facebook errichtet im schwedischen

Luleå am Polarkreis bereits seinen zweiten

Serverpark. Microsoft zieht nach und stellt

für 250 Millionen Dollar einen Cloud-Speicher

in Finnland auf.

Auch Island entwickelt sich nun zu einem

grünen Daten-Eldorado. Weil der

Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull

vielen Geschäftskunden noch präsent ist,

muss Kabelbetreiber Orrason sie vor

»

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 71

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Technik&Wissen

»

allem von einem überzeugen: dass ihre

Server nicht von Lava verschluckt oder von

Erdbeben zerrüttet werden. Als ob im Silicon

Valley keine Erdstöße drohten.

Vulkane hin oder her: Längst haben

zahlreiche Unternehmen ihre Server in Island

postiert, viele auf einem ehemaligen

Militärgelände der Nato, in das Orrason

nun mit seinem Wagen einbiegt. In Lagerhallen,

groß wie Fußballfelder, hat das britische

IT-Unternehmen Verne Global Ende

2011 eines der modernsten Datenzentren

der Welt eröffnet – und eines der grünsten.

Auf dem Hof begrüßt Orrason den Deutschen

Andreas Sturm. Der drahtige Netzwerkexperte

betreut bei Verne Global das

Geschäft im deutschsprachigen Raum.

Sturm führt die Besucher durch mehrere

Sicherheitsschleusen, hinein in eine Halle

voller Serverschränke. Ventilatoren pressen

kühle Außenluft durch die Schrankreihen,

es brummt wie im Bienenstock.

„Die Computer hier brauchen fünf Megawatt

elektrische Leistung“, sagt Sturm. So

viel wie 6000 Haushalte. Für Islands Energieversorger

Landsvirkjun kein Problem.

Dieses Jahr nimmt er ein neues Wasserkraftwerk

mit 95 Megawatt Leistung in

Betrieb. Der Strom kostet in Island für Industriekunden

im Idealfall nur 3,2 Cent pro

Kilowattstunde – in Deutschland 8,6 Cent.

Mehr als ein Dutzend Kunden nutzen

Vernes Ökodatenzentrum. Etwa der Autobauer

BMW, der hier die Aerodynamik seiner

Fahrzeuge berechnet, Unfälle simuliert

und das Design optimiert – und damit so

viel CO 2 spart, wie das Verbrennen von 1,5

Millionen Liter Benzin freisetzt. Und Climate

Action, ein Klimaschutzprogramm

der Vereinten Nationen, speichert seine

E-Mails auf Verne-Servern.

In einem nahe gelegenen Serverpark des

isländischen IT-Dienstleisters Advania hat

der norwegische Web-Browser-Anbieter

Opera Dutzende Server in zwei blauen

Containern postiert. Ruft ein Handynutzer

irgendwo in Europa oder Afrika eine Web-

Seite auf, dann komprimieren die Computer

auf Island sie zuvor auf ein Zehntel der

Datenmenge. 1,4 Milliarden Web-Seiten

rechnen die Opera-Computer auf Island

pro Tag klein. Surfen im Netz wird so

schneller und billiger.

Noch haben die beiden Datenleitungen

zur Eis-Insel reichlich Platz, dem IT-Boom

steht nichts entgegen. Aber wenn wieder

Vulkane ausbrechen? „Die sind Hunderte

Kilometer entfernt“, sagt Verne-Manager

Sturm. „Und Asche in der Luft erkennen

wir mit Laser-Sensoren.“ Dann schließen

Warme Quelle Ein Kraftwerk an Islands Blauer Lagune erzeugt sauberen Strom aus Erdwärme

sich die Fenster – und ein Wärmetauscher

kühlt die Luft für die Computer.

2 | GRÜNSTROM VON APPLE

Schweine, Mais, Kartoffeln: Iowa, der US-

Bundesstaat im Mittleren Westen, ist bekannt

für seine bodenständigen Exportwaren.

Nun bietet der Mais-Staat ein weiteres

Naturprodukt feil – Strom aus Windkraft.

656 Windräder will der Energiekonzern

MidAmerican Energy aus Des Moines,

Hauptstadt des Bundesstaates, in der weiten

Landschaft aufstellen – für 1,9 Milliarden

Dollar. Es ist die größte Investition in

Iowas Geschichte. Und es ist ein offenes

Geheimnis, welcher Konzern die Entscheidung

angestoßen hat: Facebook. Das soziale

Netzwerk baut in Iowa ein 300 Millionen

Dollar teures Datenzentrum, das

Strom aus den Windparks beziehen wird.

So werden die großen Internet-Konzerne,

oft als Umweltsünder gescholten, nun

zu Treibern der Energiewende. Auch Google

hat schon mehrere Energieversorger in

Oklahoma und North Carolina dazu gedrängt,

in Ökokraftwerke zu investieren.

Und die IT-Konzerne bauen selbst gewaltige

grüne Kraftwerke. Apple hat an seinem

Rechnerpark in North Carolina zwei

Solarparks mit insgesamt 40 Megawatt

Leistung installiert. Nachts erzeugen

Brennstoffzellen Strom aus Biogas. Auch

Erdwärme und Windkraft nutzt der Apfel-

Konzern für seine vier Serverparks. iCloud,

Siri, Maps: Sämtliche Cloud-Dienste von

Apple saugen 100 Prozent Grünstrom.

Andere Internet-Konzerne interessieren

sich allerdings kaum für sauberen Strom.

Vor allem Amazon, inzwischen einer der

größten Cloud-Anbieter weltweit, bezieht

immer noch zum Großteil Energie aus

Kohle und Gas. Der Konzern ist vor allem

an geringen Strompreisen interessiert.

Doch das könnte ein strategischer Fehler

sein. Denn schon jetzt zeichnet sich ab,

dass künftig jene Datenzentren die besten

Preise bieten können, die nicht von steigenden

Ressourcenkosten abhängig sind –

und jene, die wenig Strom verbrauchen.

3 | SCHWIMMENDE SERVER

Computer in Wasser zu tauchen, das weiß

selbst der Laie, ist weder für den Computer

noch für seinen Benutzer gut. Michael

Kopka schert sich nicht darum. Um sein

neues Kühlverfahren für Server zu demonstrieren,

lässt der Manager beim US-

Technologiekonzern 3M auf Messen in

Deutschland schon einmal ganze Server

bei laufendem Betrieb in einem Becken

voll Flüssigkeit baden gehen.

Der Kurzschluss bleibt aus – dank der geheimen

Zusammensetzung der Flüssigkeit:

Sie sieht wie Wasser aus, ist aber keines.

Sie leitet keinen Strom, aber umso besser

Wärme. Und sie lässt sensible Elektronik

nicht korrodieren. „Gegenüber heutigen

Kühlverfahren“, sagt Kopka, „spart die

Methode 97 Prozent Energiekosten.“

Grüne IT, das wird immer klarer, ist vor

allem gutes Wärmemanagement. Zum Beispiel,

indem Ingenieure die kalte Luft gezielter

durch die Serverschränke leiten.

Dazu stellen sie die Server so einander gegenüber,

dass sich in den Gängen je die

kalten oder die warmen Seiten begegnen.

So strömt kalte Luft direkt zu den Prozessoren,

ohne sich schon vorher zu erwärmen.

Aber auch die IT selbst wird effizienter.

Alle 18 Monate verdoppeln Computer-

FOTOS: ACTION PRESS, LAIF/POLARIS/SPENCER MANDELL, PR

72 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Wärmequelle Server im Stockholmer Datenzentrum Prionen heizen Wohnungen und Büros

chips ihre Rechenleistung – bei gleichbleibendem

Stromverbrauch. Sparsame SSD-

Speicher ersetzen rotierende Festplatten.

Und Virtualisierungssoftware verschiebt

Daten so auf einzelne Geräte, dass diese

am effizientesten ausgelastet werden (siehe

auch Seite 74).

Trotzdem: Datenzentren bleiben Heizkraftwerke.

Der Strom, der in Computer

fließt, wird nahezu komplett in Wärme umgesetzt.

„Die Abwärme lässt sich aber nutzen“,

sagt Ralph Hintemann, IT-Experte

beim Berliner Borderstep Institut. „Darin

steckt ein Riesenpotenzial.“

4 | WOLKE IM KELLER

Daten seien das neue Öl, heißt es oft sprichwörtlich,

aber für Matthias Kutschmar hat

dieser Satz eine handfeste Bedeutung. Der

Kaffeeunternehmer hat in seinem neuen

Einfamilienhaus am Stadtrand von Berlin

eine ungewöhnliche Heizung installiert.

Zwei brummende Stahlschränke, je zwei

Meter hoch: Computerserver.

Die Schränke in Kutschmars Haus sind

via Datenleitung mit dem Internet verbunden.

Sie sind Teil einer Cloud, eines vernetzten

Rechnerparks also. Aber zugleich

geben sie ihre Hitze über einen Wärmetauscher

an einen großen Wassertank ab. Mit

dem Wasser kann Kutschmar auch an kalten

Wintertagen das ganze Haus heizen

und nebenbei ein heißes Bad nehmen.

„Ich habe alles durchgerechnet“, sagt der

47-Jährige, „und das hier ist die preiswerteste

Heizung, die ich auftreiben konnte.“

Die hat der Berliner beim Dresdner

Start-up Cloud&Heat gekauft. Preis: 12 000

Euro. Dafür garantiert der Anbieter 15 Jahre

genug Warmwasser und Heizleistung für

den Bedarf einer Familie. Er zahlt auch den

Strom, der zu 100 Prozent aus erneuerbaren

Quellen stammt, die Internet-Anbindung

und die Wartung. „Um Öl- und Gaspreise“,

sagt Ralf Knobloch, Technik-Chef

bei Cloud&Heat, „machen sich unsere

Kunden keine Gedanken mehr.“

Vor allem in gut isolierten Gebäuden mit

Passivhaus-Standard spielt die Datenheizung

ihre Stärken aus. Ein Serverschrank

spart hier gegenüber Öl und Gas in 15 Jahren

30 Prozent Betriebskosten ein – sofern

Heizöl jährlich fünf Prozent teurer wird.

Auch die Cloud-Kunden sparen Geld:

Die Server für den Heizungskeller sind im

Vergleich zu zentralen Rechenzentren um

60 Prozent günstiger, da Klimatisierung,

Umhausung und Bewachung weniger kosten.

Wer versucht, sie gewaltsam zu öffnen,

löst eine Zwangsabschaltung aus, die zugleich

die virtuellen Schlüssel zu den Da-

12000

Euro kostet ein

Serverschrank

als Heizung fürs

Einfamilienhaus

30

Prozent Kosten

spart das

System gegenüber

Heizöl

ten löscht. Manchen mag das nicht sicher

genug sein. Aber mehrere Start-ups und

Mittelständler haben Cloud&Heat ihre Informationen

schon anvertraut.

Und was im kleinen Heizkeller funktioniert,

klappt auch im großen Datenzentrum:

Der Stockholmer Cloud-Anbieter

ISP Bahnhof, bekannt geworden durch ein

architektonisch spektakuläres Datenzentrum

in einem alten Atombunker, hat bereits

zwei seiner fünf Rechenfabriken an

das Fernwärmenetz der schwedischen

Hauptstadt angeschlossen – und kassiert

sogar Geld dafür. „Die Hitze der Server hat

uns immer Geld gekostet“, sagt Gustav

Bergquist, Cloud-Chef bei ISP Bahnhof.

„Jetzt beschert sie uns Einnahmen.“

Nach spätestens fünf Jahren soll sich die

Investition bezahlt machen. Seine nächsten

Datenzentren will ISP Bahnhof von

Grund auf für die optimale Nutzung der

Wärme konzipieren – und damit einen

neuen Effizienzrekord erreichen.

5 | ALGEN ZÜCHTEN

Seit in der schwedischen Kleinstadt Växjö

ein Datenzentrum den Betrieb aufgenommen

hat, ist das ganze Jahr über Fußballsaison.

Denn die Abwärme der Rechner

fließt in einen Wasserkreislauf direkt unter

ein Rasenfeld und hält es frei von Schnee.

Energiekreisläufe, wie die Schweden sie

nutzen, will auch Oliver Fronk anzapfen –

und für die Landwirtschaft einsetzen. Der

Datenzentren-Spezialist des IT-Dienstleisters

Prior1 in St. Augustin bei Bonn hat ein

preisgekröntes Konzept mit entwickelt, das

die Wärme von Servern in Hochhausfarmen

speist.

Dort heizen die Rechner

Treibhäuser, in denen Gemüse

wächst; sie wärmen

Zuchttanks für Fische; und

sie spenden Reaktoren

Energie, in denen Algen

gedeihen – der Rohstoff

der Zukunft für Biogas,

Kosmetika, Tiernahrung

und Medikamente.

Schon in drei bis vier

Jahren, glaubt Fronk,

könnten solche Serverund

Algenfarmen den Betrieb

aufnehmen. Und sie

wären dann buchstäblich

grüne Datenzentren. n

andreas.menn@wiwo.de

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WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 73

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Technik&Wissen

SOFTWARE

Bloß keine Lücken

Florian Leibert hat die Technik von Twitter mit aufgebaut. Nun hilft

sein Start-up, Rechenzentren effizient wie nie zu managen.

Von Finnland ganz im Norden bis nach

Chile weit im Süden: Google betreibt über

die Welt verteilt 13 Rechenzentren, damit

Internet-Nutzer möglichst schnell Aktienkurse

suchen, Videos bei YouTube speichern

und E-Mails abrufen können. In riesigen

Hallen werkeln dazu Tausende

Hochleistungscomputer, die hungrig

nach Daten sind – und nach Energie. Jede

der Rechenfabriken verbraucht so viel

Strom wie eine Kleinstadt.

Der Energiehunger könnte noch viel

größer sein. Doch ein System mit Codenamen

Borg hilft dem Internet-Giganten,

seine Daten besser zu verwalten als viele

andere Firmen. Es reduziere den Bedarf

an Serverleistung um mehrere Prozent,

so John Wilkes, der bei Google für dessen

Weiterentwicklung verantwortlich ist. Das

klingt nach etwas Kostenoptimierung, hat

aber enorme Konsequenzen: „Das entspricht

einem weiteren Datencenter, das

wir nicht bauen müssen“, erklärt Wilkes.

Borg verteilt Daten und Rechenaufgaben

möglichst optimal auf alle Server. Wilkes

vergleicht das mit der Aufgabe, verschieden

große Holzscheite in Körbe zu

sortieren. Das System ordnet sie so an,

dass möglichst keine Lücken bleiben.

Lange war Borg eins der am strengsten

gehüteten Geheimnisse Googles, denn es

verschaffte dem Konzern enorme Wettbewerbsvorteile.

Inzwischen nutzen immer

mehr Firmen vergleichbare Technik.

BETRIEBSSYSTEM FÜR DIE CLOUD

Eine entscheidende Rolle spielt dabei ein

deutscher Softwareingenieur: Florian

Leibert. Er hat zwischen 2009 und 2011

beim Kurznachrichtendienst Twitter die

Suchfunktion mit entwickelt. Auch die

Empfehlungen, welcher anderen Person

ein Nutzer folgen sollte, gehen auf ihn zurück.

Sein vielleicht größter Dienst für

Twitter war, den Vortrag seines Freundes

Ben Hindman zu organisieren. Der war

damals Doktorand an der Universität in

Berkeley, wo er mit anderen ein Programm

namens Mesos entwickelt hat.

Zwar interessierten sich nur acht Mitarbeiter

bei Twitter dafür. Doch das waren immerhin

zehn Prozent der Belegschaft. Vor

allem aber waren drei Ex-Google-Mitarbeiter

dabei, die in Mesos ihr Borg-System

wiedererkannten.

Und so heuerte der Zwitscherdienst

Hindman an, um das System einzuführen.

Dort geht inzwischen nichts mehr ohne Mesos.

Leibert erkannte das Potenzial und

gründete gemeinsam mit Tobias Knaup, einem

Schulfreund aus Schweinfurt, vor einem

Jahr Mesosphere. Übrigens nicht die

Von Schweinfurt ins Silicon Valley Florian

Leibert will mit Open Source Geld verdienen

erste Firma der beiden: Bereits mit 15 hatten

sie ihr eigenes Unternehmen und entwickelten

E-Commerce-Dienstleistungen.

Inzwischen hat Mesosphere 23 Mitarbeiter,

darunter ehemalige Entwickler von

Amazon, Adobe oder Intel. Prominent sind

auch die Investoren: Zu den Geldgebern gehören

die Risikokapitalgeber Andreessen

Horowitz und Kleiner Perkins, die einst

auch Facebook oder Twitter finanzierten.

Um zu erklären, was Mesos genau ist,

vergleicht Leibert es mit einem Betriebssystem.

Windows etwa sagt dem PC, welche

Rechenoperationen die Prozessoren erledigen

müssen. Genauso organisiert Mesos

riesige Big-Data-Analysen. „Es lässt das Rechenzentrum

wie einen Riesencomputer

aussehen“, so Leibert. „Das ist wie ein Betriebssystem

für Datencenter und die

Cloud.“

Heute braucht jede IT-Firma Experten,

die für Datencenter individuell Rechenprozesse

oder komplexe Big-Data-Abfragen

konfigurieren. Mesos soll das enorm

vereinfachen. Auch in Notfällen sind weniger

Spezialisten notwendig. Streiken etwa

Teile eines Rechenzentrums, verteilt

Mesos die dort geplanten Aufgaben automatisch

neu. Vor allem aber kann die Effizienz

enorm gesteigert werden. „Die

meisten Rechenzentren laufen heute mit

einer Auslastung zwischen 8 und 15 Prozent“,

sagt Leibert. Mesos könne man

den Wert auf 25 bis 30 Prozent steigern.

SERVERKOSTEN HALBIERT

Die Vorteile erkennen immer mehr Unternehmen.

So setzen neben Twitter auch

Ebay, PayPal und die Videoplattform Vimeo

auf Mesos. In Deutschland hat Leibert

Gespräche mit ersten Interessenten

geführt. Um den hiesigen Markt zu erobern,

hat das Unternehmen im Mai ein

Büro in Hamburg eröffnet.

Wie viel das System bringen kann, zeigt

das Softwareunternehmen HubSpot:

Dank Mesos konnte der Marketingspezialist

die Zahl der bei Amazon angemieteten

Server deutlich reduzieren, die Kosten

sanken um bis zu 50 Prozent.

Am stärksten setzt derzeit Airbnb auf

das Mesos. Die Online-Zimmervermittlung

hat ihre komplette Infrastruktur auf

das System umgestellt. Verantwortlich

dafür: Leibert und sein Freund Knaup.

Ihre Firma Mesosphere steht noch ganz

am Anfang, doch Leibert hofft auf gute

Geschäfte. Dabei ist das Programm kostenlos,

denn es ist eine Open-Source-Anwendung

wie das Betriebssystem Linux.

„Man muss aber ein relativ hohes technisches

Verständnis haben, um Mesos aufzusetzen“,

sagt Leibert. Sein Start-up

agiert daher bisher als Dienstleister. Bis

Anfang kommenden Jahres will er zudem

ein Softwarepaket entwickeln, das auch

kostenpflichtige Teile beinhaltet. Das Geschäftsmodell

von Mesosphere sei mit

der US-Firma Red Hat vergleichbar: Der

größte Linux-Anbieter erzielte im Vorjahr

einen Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar.

Nur Google wird Leibert wahrscheinlich

nicht als Kunden gewinnen: Der Konzern

arbeitet an einem eigenen Nachfolgesystem

für Borg. Der Projektname dafür lautet

Omega – die Technik soll Mesos noch

stärker ähneln als das derzeitige System.

oliver.voss@wiwo.de

FOTO: PRIVAT

74 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Zocken als Beruf Asien gilt als Hochburg

für Schiebereien bei Sportwetten –

und wäscht dabei auch noch Schwarzgeld

FOTO: LAIF/SINOPIX/COLIN GALLOWAY

Liebe zur Geometrie

FUSSBALL | Sportwetten bewegen Milliardenbeträge – und locken

Betrüger. Auch bei der Fußball-WM in Brasilien drohen Manipulationen.

Wie Datendetektive den Schiebern auf die Spur kommen.

Zahlenkolonnen flackern über einen

abgenutzten Röhrenbildschirm. Er

ist die einzige Lichtquelle im dunklen,

drückend heißen Zimmer. Ein junger

Asiate sitzt davor und starrt auf den Monitor

voller Quoten, Wetteinsätze und einer

nicht enden wollenden Liste von Fußballspielen.

Leise klackert seine Tastatur, er riskiert

immer nur kleine Summen, setzt auf

immer andere Turniere.

Als es nach einer langen Nacht auf den

Straßen hell wird, geht er nicht etwa zur Arbeit,

sondern macht weiter. Denn er spielt

nicht zum Vergnügen – es ist sein Job. Nach

den Befehlen seiner Mafia-Bosse mischt er

als Strohmann im Online-Wettmarkt mit.

Anonyme Marionetten wie den jungen

Spieler gibt es vor allem in Asien zu Tausenden.

Der Kontinent gilt als eine Hochburg

für Geldwäsche und Manipulation bei

Sportwetten. Rund 100 Milliarden Euro

wäscht die organisierte Kriminalität weltweit

laut einer Studie der Pariser Universität

Panthéon-Sorbonne pro Jahr über dieses

Geschäft, das von Land zu Land mehr

oder weniger reglementiert ist. Insgesamt

sollen auf dem Wettmarkt rund 200 bis 500

Milliarden Euro umgesetzt werden, 80 Prozent

über illegale Geschäfte. Betroffen von

den kriminellen Aktivitäten sind fast alle

Sportarten, sei es Kricket, Basketball oder

Fußball – bis hin in kleine Ligen.

Jetzt, kurz vor der Fußballweltmeisterschaft

in Brasilien, mehren sich die Bedenken,

dass auch dort die Wettmafia aktiv

sein wird. Ralf Mutschke, der Sicherheitschef

des Weltfußballverbandes Fifa, warnte

bereits Anfang des Jahres: „Wir müssen

ganz klar davon ausgehen, dass die organisierte

Kriminalität versucht, auch WM-

Spiele zu manipulieren.“

Denn für Kriminelle ist es nicht nur lohnen,

illegale Einnahmen durch Wetten

reinzuwaschen – sie lassen sich so gleich

vermehren. Am leichtesten, wenn das Ergebnis

vorher feststeht. So wohl geschehen

bei Testspielen kurz vor der letzten WM in

Südafrika, wie ein geheimer Bericht der Fifa

dokumentiert, den die „New York Times“

Manche Gauner

sind so dreist

und kaufen ganze

Sportvereine

kürzlich öffentlich gemacht hat. Hier hat

ein Schiedsrichter für das gewünschte

Spielergebnis gesorgt, aber auch Spieler

oder gar Trainer machen mit. Und regelmäßig

auch in Europa: Nach Ermittlungen

der Polizeibehörde Europol hat die Wettmafia

zwischen 2008 und 2011 etwa 380

Spiele manipuliert, teils in der Champions

League und während der WM-Qualifikation.

Insgesamt 425 Spieler, Schiedsrichter

und Verbandsfunktionäre sollen beteiligt

gewesen sein. Zu Verhaftungen kam es

aber nur in rund 50 Fällen.

Um diese Machenschaften aufzudecken,

sind Datenreihen und Statistiken zum unverzichtbaren

Hilfsmittel für Ermittler und

Wettanbieter geworden. Bei den Analysen

geht es nicht nur um Einsätze und Gewinnquoten,

sondern künftig auch um das Verhalten

der Spieler und Schiedsrichter.

Noch immer wetten viele Sportfans in

Hinterzimmern und auf der Straße. Aber

mehr und mehr Geschäft läuft über das Internet.

Längst setzen die Zocker nicht mehr

nur auf Spielergebnisse, sondern auch auf

die Zahl der Tore in der ersten Halbzeit, der

gegebenen Ecken oder welche Mannschaft

als erste ein Tor schießt. All das bietet Gelegenheit

für Manipulationen – und erzeugt

nebenbei eine riesige Menge an Bits und

Bytes. Big Data lässt grüßen.

KRITIK AN DER FIFA

Im eigenen Interesse versucht die Wettmafia,

über Strohmänner so unauffällig wie

möglich Profite herauszuschlagen. Selten

sind Kriminelle so dreist und kaufen vor einem

Spiel ganze Fußballclubs, um die

Mannschaft dann nach Belieben umzubauen,

wie 2005 im Fall des finnischen AC

Allianssi. Der chinesische Geschäftsmann

Zheyun Ye, in der Wettszene kein Unbekannter,

erwarb den Verein überstürzt und

ließ neue Spieler inklusive eines Ersatztorwarts

für ein entscheidendes Spiel antreten:

Die Mannschaft verlor mit 0:8.

Um Unregelmäßigkeiten im Sport aufzudecken,

hat die Fifa 2007 in Zürich das „Early

Warning System“ (EWS) gegründet. „Unsere

Hauptarbeit ist die Analyse wettmarktrelevanter

Daten“, sagt Jacek Wojdyla, zuständig

für internationale Zusammenarbeit

beim EWS. Angaben der Wettanbieter bilden

eine der Informationsquellen. „Wir

überwachen Wettangebote, Quotenbewegungen

und verfolgen die Liquidität des

»

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 75

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Technik&Wissen

Hitze des Gefechts Heatmaps verraten, wo sich Fußballer – in diesem Beispiel

Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger – auf dem Platz bevorzugt aufhalten

»

Marktes mit einem technischen System“,

so Wojdyla. Komme es dabei zu auffälligen

Mustern, etwa wenn sich die Wettquoten

für die Gesamtzahl der Tore noch kurz vor

dem Spiel stark ändern, meldet das EWS

dies an die Fifa. Einfluss auf den Wettmarkt

oder dessen Anbieter nehmen darf es aber

nicht. Zudem halten Kritiker die 100-prozentige

Tochter der Fifa für zu abhängig,

um effektiv zu arbeiten. Ihre Nähe zum Verband

sei ein Hindernis, klagt unter anderem

Transparency International.

WENN GROSSRECHNER BLIND SIND

Das EWS ist nur eines von vielen Warnsystemen.

Die Wettbranche selbst beschäftigt

Mathematiker und Informatiker, um Betrügereien

aufzudecken. Daneben greift sie

schon länger auf Datensammler wie die St.

Gallener Firma Sportradar zurück. Die liefern

die Basis für mathematische Tests, ob

etwa ein Spielausgang plausibel ist.

„Wir erheben Daten über circa 200 000

Sportereignisse pro Jahr in den unterschiedlichsten

Sportarten“, sagt Johannes

Ranke, Direktor für Sports Data & Licensing

bei Sportradar. „Scouts vor Ort im Stadion

oder TV-Übertragungen liefern Informationen,

die wir neben den Medien auch

Wettanbietern zur Verfügung stellen.“

Denn um ein Spiel effektiv beurteilen zu

können, fließen in das Warnsystem namens

„Fraud Detection System“, das Sportradar

anbietet, nicht nur Marktstatistiken.

Es erfasst auch Spiel-Ergebnisse, Tabellenplätze

von Mannschaften oder Spielaufstellungen.

Erst so lassen sich überhaupt Abweichungen

von einem erwarteten oder

sehr wahrscheinlichen Ausgang eines

Spiels errechnen. Wettmuster, die auffällig

sind und sonst in einer Masse von Transaktionen

untergehen, fischen Großrechner

dann nach Wahrscheinlichkeitsgesetzen

heraus. Ein einzelner Mensch kann das

nicht mehr leisten, weil sich nur im riesigen

Gesamtbild der Zahlen Muster abzeichnen.

Aber auch Zahlendetektive und Computer

müssen sich in einigen Fällen geschlagen

geben. Heute sind sie blind, sobald es

keine Bewegungen auf dem Wettmarkt gibt

und nicht Geschäftemacherei im Vordergrund

steht. Etwa wenn nur einige wenige,

ein Abwehrspieler oder Torwart, am Spiel

drehen. Oder wenn politische Interessen,

wie in der WM 1978, eine Rolle spielen.

Vieles deutet darauf hin, dass die Nationalmannschaft

von Peru damals Argentinien

mit einem 0:6 zum Einzug ins Finale verholfen

haben soll. Als Gegenleistung soll

das Militärregime in Argentinien politische

Störenfriede für Peru beseitigt haben.

Doch in Zukunft sollen Daten auch in

diesen Fällen helfen herauszufinden, ob etwas

faul war an einem Match. So zumindest

die Vision zweier Informatiker der

Universität Konstanz. Mit einem Projekt zu

„Soccer Analytics“ und dem Betrachten

von „Fußballspielen als System“ wollen

Zocken im Netz

Das Geschäft mit Online-Sportwetten wächst

rasant –weltweit und in Europa

Nettoumsätze (in Milliarden Dollar)

Welt Europa

3,7

2008

4,3 4,4

5,3

* geschätzt;

Quelle: bet-at-home.com, H2 Gambling Capital

5,9

2,5 2,8 3,4 3,4 3,8

2009

2010

2011* 2012*

Sven Kosub und Ulrik Brandes von diesem

Jahr an mit ihren Studenten Mustern in

Spielen auf die Spur kommen. Vergleichbare

Projekte zur Analyse von Interaktionen

im Fußball verfolgen Forscher an der

Deutschen Sporthochschule in Köln.

WEG VON DER ZAHLENFIXIERUNG

Heute erfassen bei jedem Bundesligaspiel

Vereine und einzelne Unternehmen schon

Positionsdaten der Spieler, teils mit Sensoren

in Schienbeinschonern oder über Videoanalysen.

Sie ermitteln, wie viele Kilometer

ein Philipp Lahm gelaufen ist oder

wie viele Fehlpässe sich Rafael van der

Vaart erlaubt hat. „Was nicht passiert in einem

Spiel, ist meist am interessantesten“,

sagt Brandes, Professor für Algorithmik.

Statt nur Statistiken zu wälzen und Daten,

herausgelöst aus ihrem Kontext, zu betrachten,

fordern er und Kollege Kosub eine

Art ganzheitliche Analyse von Spielen.

Die Geometrie sei dabei ein Schlüssel, also

die räumlichen Beziehungen zwischen

den Spielern und die Netzwerke, die sie bilden.

Es bringe nichts, zu wissen, wie viel

ein Stürmer im Spiel gerannt sei. Wann er

wo auf dem Spielfeld war und nichts tat, sei

ebenso wichtig, so die Forscher. „Damit

lässt sich die Leistung eines Fußballers

besser beurteilen“, erklärt Sven Kosub.

So ließe sich auffälliges Verhalten einzelner

Fußballer womöglich irgendwann

ebenso ablesen wie deren Fitness. Doch

umfassend ausgewertet werden die Daten

nach Meinung der Informatiker nicht.

„Selbst an den Universitäten ist das Potenzial

der Netzwerkanalyse noch nicht richtig

verstanden“, so Brandes. „Ich halte es für

sehr unwahrscheinlich, dass die Wirtschaft

oder Vereine weiter sind.“

Firmen wie Opta und Impire nutzen Positionsdaten

bisher vor allem, um Spiele im

Nachhinein grafisch darzustellen. Wo es

auf dem Platz besonders heiß herging, verdeutlichen

sie in Heatmaps oder machen

Spielzüge in Momentaufnahmen nachvollziehbar.

Die wertvollen Daten halten sie

nur für ihre zahlenden Kunden bereit – zum

Bedauern der Informatiker. Noch ist die Erfassung

solcher Informationen aufwendig

und damit eine schützenswerte Investition.

Sollte sich die Analyse der räumlichen Positionen

von Spielern als wirksames Instrument

bewähren, könnte die Wettbranche

zum neuen Kunden der Positions-Tracker

werden. Und die Fixierung der Buchmacher

auf reine Zahlen würde dann durch

die Liebe zur Geometrie ergänzt.

n

peter gotzner, technik@wiwo.de

FOTO: IMPIRE AG A DELTATRE COMPANY

76 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Erst pumpten russische Investoren

Milliardensummen ins High-Tech-Tal. Jetzt versuchen

die Chinesen ihr Glück. Von Matthias Hohensee

Geld und Geduld

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Ausländer prägen seit Jahren das

Silicon Valley. 36 Prozent der

Einwohner wurden im Ausland

geboren, US-weit sind es 13 Prozent.

60 Prozent der Ingenieure hier stammen

aus dem Ausland. Nach Englisch und

Spanisch ist Chinesisch dritthäufigste Sprache

in den Haushalten des High-Tech-Tals.

Die Einwanderer bringen nicht nur Talente

mit, sondern auch Kapital – oder sie ziehen

es an. Zwar gibt es keine Erhebungen,

wie viel der zwölf Milliarden Dollar an Wagniskapital,

die vergangenes Jahr ins Silicon

Valley flossen, aus ausländischen Quellen

stammen. Schätzungen gehen aber von bis

zu 40 Prozent aus. So hat etwa russisches

Kapital den Boom der sozialen Netzwerke

in der vergangenen Dekade befeuert, allem

voran die Digital-Sky-Gruppe um Wagnisfinanzierer

Yuri Milner.

Nach den Russen kommen nun Gelder

aus Asien, vor allem aus China. Seit Jahren

schon kaufen Chinesen Immobilien im

High-Tech-Tal. Doch sie investieren auch

in Unternehmen. Nach Studien des Marktforschungsunternehmens

CB Insight

haben Finanziers aus China und Taiwan

seit 2007 mindestens 2,6 Milliarden Dollar

in Internet-Unternehmen in den USA gesteckt.

Die chinesischen Internet-Giganten

Alibaba und Tencent haben eigene Fonds

aufgelegt. Ebenso wie der chinesische

Mischkonzern Fosun, der ein eigenes Büro

im Silicon Valley eröffnet und 100 Millionen

Dollar für Investitionen reserviert hat.

Aufsehen erregt nun die Suchmaschine

Baidu. Das Google Chinas hat angekündigt,

300 Millionen Dollar in ein Forschungszentrum

für künstliche Intelligenz (KI)

zu stecken. Es soll bis zu 200 Mitarbeiter

beschäftigen und hat dafür Andrew Ng

gewonnen. Der leitete bis vor Kurzem das

KI-Labor an der Stanford-Universität und

arbeitete zuvor als Forscher bei Google.

Im Kern geht es darum, mit künstlicher

Intelligenz Informationen nicht nur gründlicher

zu analysieren, sondern auch ihren

Kontext zu verstehen, um besser entscheiden

zu können. Google etwa erwarb dafür

gerade das britische Start-up Deep Mind,

angeblich für eine halbe Milliarde Dollar.

Auch Facebook besitzt ein KI-Labor.

Der Baidu-Plan unterstreicht laut Anand

Sanwal, dem CEO von CB Insight, die

unterschiedliche Investment-Philosophie

der Chinesen. Während Geldgeber aus

den USA und Europa vor allem auf den

amerikanischen Markt schauen, sehen

chinesische Investoren das Silicon Valley

als Forschungs-Brückenkopf. Sie werben

damit, mithilfe des Know-hows aus Kalifornien

weitgehend unerschlossene Internet-

Wachstumsmärkte in Asien besetzen

zu können. Und sie verweisen auf ihre Expertise

in der Fertigung.

UNGLEICHER WETTBEWERB

Wie stark chinesisches Kapital die Internet-

Branche in den USA prägen wird, hängt

auch von der Politik ab. In Washington wird

schon länger kritisiert, dass sich chinesische

Online-Riesen wie Baidu oder Alibaba

auf dem US-Markt tummeln können, während

das Reich der Mitte für Anbieter wie

Facebook oder Twitter ganz verschlossen

oder der Marktzugang im Fall von Google

mit Auflagen versehen ist. Doch interveniert

haben die USA nur, wenn chinesische

Unternehmen, etwa der Telekommunikationsanbieter

Huawei, sicherheitskritische

Technologien kaufen wollten.

Zudem müssen die chinesischen Investoren

auch noch beweisen, dass sie an die

Erfolge der Russen anknüpfen können.

Unternehmen mit chinesischer Beteiligung

wie die Fertiger JustFab und Fab.com etwa

straucheln derzeit. Doch die Chinesen

haben Geduld und können – mit der Regierung

im Rücken – lange durchhalten.

Nicht zufällig ist Lenovo heute der größte

Computerkonzern der Welt. Seine Anleger

tolerieren mickrige Margen – oder müssen

sie akzeptieren.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 77

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Management&Erfolg

»Outen Sie sich –

je früher, desto besser«

INTERVIEW | John Browne Wie der Ex-BP-Chef sein erzwungenes Coming-out erlebt hat.

Und was er Unternehmen im Umgang mit homosexuellen Managern rät.

Lord Browne, in Ihrem gerade veröffentlichten

Buch plädieren Sie für die Vorteile

des Coming-out und empfehlen Unternehmen

einen offen Umgang mit Homosexualität.

Bedauern Sie, sich nicht früher

öffentlich zu Ihrer Homosexualität bekannt

zu haben?

Ja. Aus heutiger Sicht wünsche ich mir, ich

hätte diesen Schritt früher getan.

Glauben Sie wirklich, dass Sie trotzdem

noch BP-Chef geworden wären?

Schwer zu sagen. Ich nehme an, Offenheit

über meine sexuelle Orientierung wäre in

der Ölbranche zu Beginn meiner Karriere

tatsächlich unmöglich gewesen. Als ich

Vorstandsvorsitzender wurde, vor allem

aber am Ende meiner Amtszeit, hätte ich es

wahrscheinlich wagen können.

Und sich die Schmach des erzwungenen

Outings erspart...

Ich war 59 Jahre alt, als ich 2007 zu diesem

Schritt gezwungen wurde. Die Mauern, die

ich um mein Privatleben gebaut hatte, begannen

zu zerfallen. Als ich dann im Auto

saß und den Konzern verließ, den ich mit

aufgebaut hatte, fühlte es sich an, als ob ich

sterben würde.

Haben Sie den Rücktritt je bereut?

Nein. Ich bin sehr froh, dass ich an diesem

Punkt die Bremse gezogen habe. Ich war

bereit, mein Leben komplett zu ändern.

Was hat Sie davon abgehalten, sich früher

und aus eigenen Stücken zu Ihrer Homosexualität

zu bekennen?

Einerseits die Geschichte, schließlich wurden

Homosexuelle in der Vergangenheit

oft verfolgt, anderseits meine Erziehung.

Ich glaubte früher, dass meine Beziehungen

im Beruf und Privatleben Schaden

nehmen würden. Es war die Angst – und es

ist auch heute immer noch die Angst –, die

Menschen davon abhält, sich offen zu ihrer

Sexualität zu bekennen.

Sie haben 1966 mit 21 Jahren direkt

nach dem Studium bei BP angeheuert,

wurden nach Alaska geschickt und zum

Öl-Ingenieur ausgebildet. Würden Sie heute

einem Berufsanfänger in einer ähnlichen

Situation empfehlen, sich zu outen?

Ja, absolut. Ich rate jedem homosexuellen

Manager, sich zu outen – je früher, desto

besser. Als ich jung war, war es sehr aufregend,

ein Doppelleben zu führen, aber je

älter ich wurde, desto anstrengender wurde

es. Ich bin heute davon überzeugt, dass

es besser ist, sich nicht zu verstecken, authentisch

zu sein, und das schon zu einem

Zeitpunkt, wo man im Berufsleben noch

keine Lügengeschichte entwickelt hat, die

dazu dient das Privatleben zu verschleiern.

Sie haben sich zeitlebens nicht einmal

Ihrer Mutter offenbart...

Korrekt. Meine Mutter war in Auschwitz inhaftiert,

hat dort homosexuelle Mitgefangene

erlebt und mir stets abgeraten, anderen

»Ich bin schwul«

Diese Manager stehen zu ihrer

Homosexualität.

Christopher Bailey, 43,

Burberry

Der Chef der britischen

Luxusmarke ist der erste

CEO eines wichtigen, börsennotierten

britischen Unternehmens,

der offen zu seiner Homosexualität steht.

Ulrich Köstlin, 61,

Bayer Schering

Der Ex-Vorstand des

Pharmakonzerns outete

sich 2003 und ist damit die

Ausnahme unter deutschen Top-Managern.

Seit 2011 ist Köstlin im Ruhestand.

Peter Thiel, 46,

Investor

Der Co-Gründer des Online-Bezahlsystems

PayPal

und Facebook-Großinvestor

ist laut Magazin „Out“ einer der

mächtigsten Homosexuellen Amerikas.

Menschen persönliche Geheimnisse zu verraten.

Ich bin sicher, dass sie meine Homosexualität

als Nachteil betrachtet hätte, der

verborgen werden musste, um eine Katastrophe

zu verhindern. Sie war außerdem

sehr praktisch veranlagt. Hätte ich ihr meine

sexuelle Neigung verraten, hätte sie gesagt:

Mir ist das egal, heirate, bekomme Kinder

und behalte es für dich. Denn es kommt ja

nichts Gutes dabei heraus. Traurig ist nur,

dass auch im Jahr 2014 viele Menschen

nicht wagen, sich im beruflichen Umfeld offen

zu ihrer sexuellen Neigung zu bekennen.

Woran liegt die Zurückhaltung?

Oft sind es Defizite in der Unternehmensführung.

Das Top-Management versäumt es

meist, klar erkennbar zu demonstrieren,

dass ein tolerantes Umfeld für ein Comingout

ein Wert ist, dem man sich verpflichtet

fühlt.

Was sollten die Unternehmen tun, damit

sich diese Situation ändert?

Erkennen, dass es nicht um etwas geht, das

man einfach an die Personalabteilung delegiert,

sondern von der Führungsebene

angepackt werden muss. Es muss für Minderheiten

Vorbilder geben, denen sie

nacheifern können und die signalisieren,

dass man es schaffen kann. Außerdem ist

es wichtig, dass man als Führungskraft in

einem Unternehmen dafür sorgt, dass

auch die heterosexuellen Mitarbeiter – und

die sind nun mal in der Mehrheit – eine

Unternehmenspolitik unterstützen, die der

Inklusion verpflichtet ist. Nur wenn man

ein sicheres und akzeptierendes Umfeld

schafft, ermöglicht man sexuellen Minderheiten

das Coming-out.

Warum muss man denn seine sexuelle

Neigung im beruflichen Umfeld so

offensiv nach außen tragen? Das ist doch

Privatsache.

Schon. Aber kleine Dinge können Großes

bewirken und ein neues Klima schaffen. Es

beginnt schon damit, dass man im Gespräch

nicht von vorneherein annehmen

sollte, jeder habe einen Partner des je-

»

FOTOS: DDP IMAGES/CAMERA PRESS/TRISTAN GREGORY, PICTURE-ALLIANCE/DPA/GERO BRELOER, VISUM/ANDREAS MÜLLER, THE GUARDIAN/MATTHEW FARRANT

78 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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DER TABU-

BRECHER

Lord Browne of

Madingley, 66, war

von 1994 bis 2007

CEO von BP. Eine

Falschaussage im Zusammenhang

mit einer

homosexuellen Affäre

zwang ihn zum Rücktritt.

Soeben erschien sein drittes

Buch „The Glass Closet“ (Random

House, 34,99 US-Dollar)

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 79

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Management&Erfolg

»

weils anderen Geschlechts. Man muss

sich einfach mal in die Lage des anderen

hineinversetzen – was es bedeutet, wenn

man auf dem Schreibtisch nicht selbstverständlich

ein Foto seines gleichgeschlechtlichen

Lebenspartners aufstellen

kann. Wenn man im Büro nie darüber

sprechen kann, was man am Wochenende

gemacht hat. Oder darüber, dass der Partner

im Krankenhaus liegt und man ihn

vielleicht nicht besuchen darf – ist das

nicht schrecklich?

Manche Personalabteilungen fragen

Mitarbeiter sogar schriftlich nach ihrer

sexuellen Orientierung.

Auch da geht es manchmal einfach nur um

ganz praktische Dinge. Denken Sie an international

tätige Konzerne, die ihre Mitarbeiter

in Länder entsenden, in denen Homosexualität

illegal ist oder sogar unter Todesstrafe

steht – was in 77 Ländern weltweit

der Fall ist.

Meist schweigen Konzernchefs aber wenn

es um dieses Thema geht, um

die Geschäfte in diesen Ländern nicht

zu gefährden.

Oberste Priorität hat die Sicherheit der

eigenen Mitarbeiter, niemals darf ein Chef

etwas tun, was sie gefährden würde. Firmen

können versuchen, Meinungen zu beeinflussen,

und als ich bei BP war, haben

wir das auf verschiedenen Wegen getan. Ist

die Lage völlig inakzeptabel, muss man

sich sogar aus einem Land zurückziehen.

Heute hält BP knapp 20 Prozent am

Staatskonzern Rosneft – sollte BP-Chef

Bob Dudley da im Hinblick auf die

Anti-Schwulen-Politik der russischen

Regierung Kritik üben?

Ich will nicht darüber reden, was BP tun

sollte, denn ich habe das Unternehmen

verlassen. Ganz allgemein gilt aber: Kritik

bringt nichts, wenn einem die Leute die

Tür vor der Nase zuschlagen. Wichtig ist, in

möglichst vielen Ländern der Welt innerhalb

des Unternehmens ein Umfeld zu

schaffen, in dem Minderheiten gleiche

Chancen haben.

Verhängnisvolle

Affäre Browne auf

einer Bootstour mit

seinem damaligen

Freund Jeff Chevalier,

der den BP-Chef als

homosexuell outete

und diesen zu einer

Falschaussage vor

Gericht verleitete, die

2007 in Brownes

Rücktritt mündete

Ein Klima der Offenheit und Toleranz

für Minderheiten ist gut fürs Geschäft

Sie selbst haben sich damals bei BP ausdrücklich

für die Förderung von sexuellen

Minderheiten eingesetzt. Hat es geholfen,

dass niemand wusste, dass Sie selbst

betroffen waren?

Ich war jedenfalls recht deutlich in meiner

Position, hatte aber gleichzeitig Angst vor

den Folgen. Selbst der linksliberale „Guardian“

veröffentlichte damals die Schlagzeile:

„BP fördert Schwule“! Das sagte viel darüber

aus, wie das Klima damals war.

Hat Sie in den vier Jahrzehnten bei BP

je jemand nach Ihrer sexuellen Neigung

gefragt?

Viele Leute vermuteten wohl, dass ich homosexuell

bin, aber gefragt hat in all den

Jahren nur einmal ein Journalist.

Und was haben Sie ihm geantwortet?

Sie haben den falschen Mann.

Warum ist das Coming-out der Mitarbeiter

eigentlich gut für ein Unternehmen?

Ist doch ganz einfach: Wenn jemand für

mich arbeitet, will ich sicher sein, dass ich

sein oder ihr ganzes Hirn zur Verfügung

habe. Ich will nicht, dass jemand sich darauf

konzentriert, einen Teil des eigenen

Lebens zu verbergen und alle möglichen

Strategien zu entwickeln, damit nicht herauskommt,

dass er oder sie homo- oder

bisexuell ist. Denn das alles verursacht versteckte

Kosten und reduziert die Produktivität.

Manche Studien kommen zu dem

Schluss, dass die Produktivität eines Mitarbeiters

in so einem Fall um 30 Prozent

sinken kann. Das hat also auch volkswirtschaftliche

Nachteile.

Das wirklich zu messen ist ja wohl kaum

möglich, oder?

Fest steht, dass ein Mitarbeiter, der authentischer

ist, bessere zwischenmenschliche

Beziehungen und mehr Vertrauen aufbaut.

Das hilft auch dem Verhältnis zu externen

Kunden. Ein Klima, das Offenheit und Toleranz

für Minderheiten schafft, ist gut fürs

Geschäft, weil man Produkte besser vermarkten

kann – schließlich gibt es jede

Menge schwuler und lesbischer Konsumenten.

Es könnte aber gewisse Kreise, die

für Unternehmen ökonomisch ebenfalls

attraktiv wären, auch abschrecken...

Allerdings. Tatsächlich hat mir neulich ein

junger Ingenieur und Berater erzählt, er

müsse seine Sexualität geheim halten, da

dies seine Kunden abschrecken könnte.

Auf jeden Fall will man als Unternehmen

die besten Talente anziehen, und unter

den Minderheiten sind oft Überflieger, die

sich besonders anstrengen – die kommen

unter Umständen aber nicht, wenn man

ihnen nicht das richtige Umfeld bietet.

Ist in manchen Branchen das Coming-out

für Homo-, Bi- und Transsexuelle schwerer

als in anderen?

Das gilt sicherlich für die Branchen Energie

und Bergbau. Soweit ich weiß, gibt es dort

in den oberen Führungsetagen keinen einzigen

Homosexuellen. Bei den Medien und

Kreativen ist es anders, auch im Finanzund

Bankenbereich. Generell, glaube ich,

ist es für Einzelkämpfer einfacher als für

Mitarbeiter in großen Organisationen. Soweit

bekannt, gibt es unter den Fortune-500-Unternehmen

keinen einzigen

homosexuellen Chef und hier in Großbritannien

mit Christopher Bailey bei Burberry

auch erst einen einzigen Vorstandsvorsitzendenden

eines großen, börsennotierten

Unternehmens.

Kennen Sie in Deutschland einen homosexuellen

Konzernchef?

Nein, ich habe nicht einmal Gerüchte gehört.

Wohl kaum, weil es keinen gibt?

Dafür gibt es eigentlich nur zwei Erklärungen:

Entweder trauen sich die Betroffen

nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Oder

es gibt die Schere im Kopf: Jemand sagt

sich, ich bin schwul und werde mich deshalb

gar nicht erst darum bemühen, an die

Spitze zu kommen. Das wäre dann wieder

die Angst vor der möglichen Demütigung.

Die hat der frühere deutsche Fußballprofi

Thomas Hitzlsperger offenbar inzwi-

»

FOTO: DAILY MIRROR

80 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

»

schen überwunden – er hat sich im

vergangenen Jahr geoutet. Sie kennen

sich – was hat ihn zu diesem Schritt

bewogen als ehemaliger Aktiver einer

Sportart, in der Homosexualität noch

immer ein Tabuthema ist?

Ich war sicherlich nur einer von vielen, mit

denen sich Thomas beraten hat. Ich traf ihn

am Wochenende bei gemeinsamen Freunden

auf dem Land – ich kann nicht verraten

wo –, und wir haben viel gesprochen.

Worüber?

Er hat damals über vieles nachgedacht, unter

anderem, ob er für seinen Schritt kritisiert

werden würde. Ich habe ihm gesagt, es ist

dein Leben, denk an dich selbst und nicht an

die anderen. Er hat dann mit dem Interview

einen sehr eleganten Weg gewählt.

Sie sind immer noch in der Energiebranche

tätig, die als besonders homophob gilt.

Was tun Sie heute bei Riverstone dafür,

dass sich das ändert?

Riverstone ist ja nur ein kleines Unternehmen

mit knapp 20 Mitarbeitern, außer mir

gibt es noch einen weiteren homosexuellen

Kollegen hier. Wir haben kaum Hierarchien,

und so ist das kein Problem. Grundsätzlich

bin ich jetzt stärker daran interessiert, in der

Wirtschaft generell etwas zu verändern und

nicht nur in einem einzelnen Unternehmen

oder einer Branche wie dem Energiesektor.

Mein Buch und die gleichnamige Web-Site

„www.glasscloset.org“, die wir eingerichtet

haben, sollen dazu beitragen. Dort kann

man sich austauschen, findet Beispiele von

Erfahrungen anderer Schwuler und Lesben

im Berufsleben, und es gibt Links zu Netzwerken

wie Outstanding.

Sie sind in Hamburg geboren und haben

jetzt schon einige Jahre einen Partner

vietnamesisch-chinesischer Abstammung,

dessen Familie Südvietnam verlassen

musste und der in der Nähe von Hannover

aufgewachsen ist. Könnten Sie sich eine

Hochzeit in Deutschland vorstellen?

Ich habe ja durchaus eine enge Beziehung

zu Deutschland: Ich war der erste Ausländer,

der in einem deutschen Aufsichtsrat

saß – dem von Daimler Benz. Und natürlich

war ich für BP viel geschäftlich in Deutschland

unterwegs. Heute bin ich nur noch

privat dort. Früher habe ich auch Deutsch

gesprochen. Aber heiraten würde ich hier

in England. Als Mitglied des House of Lords

kann ich Ihnen sagen: Es war schwer genug,

das entsprechende Gesetz durchs Parlament

zu bekommen. Ich denke immer

über eine mögliche Eheschließung nach –

aber dazu gehören bekanntlich zwei. n

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

Relevanz beweisen

ANWÄLTE | Mandanten imponieren, neue Klienten akquirieren,

beim Nachwuchs punkten: Juristen werben zunehmend in eigener

Sache. Wer das am besten kann, zeigt ein exklusives PR-Ranking.

Mal geht es um Beratung spektakulärer

Fusionen, mal um aktuelle

Gerichtsurteile, mal um die Ernennung

neuer Partner: Nüchtern, aber regelmäßig

mehrmals monatlich vermeldet

die Pressestelle von Freshfields, was sich

gerade so tut bei der internationalen Großkanzlei.

Gewohnt nüchtern auch der Ton

einer Mitteilung von Mitte Januar: Man habe

erstmals eine Platzierung auf dem Stonewall

Top 100-Index erreicht, schreibt die

Kanzlei, die allein in Deutschland auf eine

knapp 175-jährige Tradition verweisen

kann. Das britische Ranking zeichnet Arbeitgeber

aus, „die sich um Gleichstellung

von schwulen, lesbischen, bi- oder transsexuellen

(LBGT) Mitarbeitern am Arbeitsplatz

bemühen“. Freshfields landete auf

Platz 66 von 369 Unternehmen. Die ungewohnte

Offenheit zahlte sich aus: Mehrere

Medien griffen die Freshfields-Meldung

auf, bis hin zur „FAZ“.

„Eine der seltenen Gelegenheiten, das

Engagement unserer LGBT-Mitarbeiter

nach außen zu würdigen, weil wir ein klares

Bekenntnis zu Diversity brauchen, um

auch künftig Top-Talente im juristischen

Nachwuchs an uns zu binden“, freut sich

Freshfields-Managing-Partner Klaus-Stefan

Hohenstatt. Außerdem klopften internationale

Kunden in ihren Ausschreibungen

ab, was Kanzleien für Diversity tun.

Ob internationale Großsozietät oder

etablierte mittelständische Kanzlei: So wie

Freshfields denken mittlerweile viele Anwälte

über den Wert professioneller Kommunikation

– und rüsten ihre Presseabteilungen

auf. Vorbei die Zeiten, in denen Assistentinnen

Journalisten Auskunft gaben.

Weil Juristen einerseits immer stärker über

das Schicksal einzelner Manager und kompletter

Unternehmen mitentscheiden, andererseits

sich der Kampf um Mandate und

Talente verschärft hat, übernehmen immer

mehr Kommunikationsfachleute die Informationspolitik

und Außendarstellung der

Paragrafen-Profis, um Expertise und Profil

ihrer Kanzlei öffentlich zu schärfen.

„Anwaltsleistungen sind eine Vertrauensleistung,

deren Ergebnisse sich erst

später zeigen und für Kunden nur schwer

einschätzbar sind“, sagt Kay-Uwe Bartels,

Strategieberater für Kanzleien. Da wird PR

in eigener Sache zum unverzichtbaren

Werkzeug, um Mandanten die eigene Relevanz

zu beweisen, neue Klienten zu akquirieren

und beim Nachwuchs zu punkten.

Aus diesem Grund hat die Wirtschafts-

Woche mit dem Dienstleister Landau Media

zum siebten Mal die Presseresonanz

der 50 umsatzstärksten Wirtschaftskanzleien

in Deutschland analysiert – 18 Medien

wurden untersucht, von der „Süddeutschen

Zeitung“ übers „Manager Magazin“

bis zum „Focus“, mit einer Gesamtauflage

von mehr als 265 Millionen Exemplaren.

Erstmals ergänzend ermittelt wurden – von

der Kommunikationsagentur Faktenkon-

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/MARTIN GERTEN

82 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Wunsch nach positiven Schlagzeilen

Die Kanzleien drängen in die Öffentlichkeit

tor – auch die Treffer in Online-Publikumsmedien

von Spiegel Online bis Focus.de.

Mit 1349 Treffern lag die Ausbeute in den

digitalen Medien um gut zehn Prozent

über der in den Printmedien.

Das Ergebnis: Mit insgesamt 249 Nennungen

in Print- und Online-Medien

eroberte Freshfields Platz eins der meist

erwähnten Kanzleien, gefolgt von Konkurrent

Gleiss Lutz. Auf Platz drei landete

Hengeler Müller, die meisten Ränge machte

Norton Rose gut: Die Kanzlei schob sich

in der öffentlichen Wahrnehmung von

Rang 41 auf 21 vor (siehe Tabelle).

Ein Mehrwert für die Kanzleien – denn

laut Landau-Media-Analyse sind 95 Prozent

der Artikel neutral-informativ gehalten

– nur in zwei Prozent der Veröffentlichungen

herrscht ein negativer Unterton.

Womit es Kanzleien in die Presse schafften?

Neben dem Erläutern juristischer

Sachverhalte und dem Erteilen von Rechtsrat

werden Kanzleien immer häufiger auch

im Kontext ihrer Mandaten genannt.

DAUERBRENNER FRAUENQUOTE

Die Themen, zu denen die Top-Juristen zitiert

wurden, sind aber breiter gefächert:

Zu den Dauerbrennern zählten laut Uwe

Mommert, Chef von Landau Media, Diskussionen

um die drohende Frauenquote

für Aufsichtsräte ebenso wie Ratschläge zu

Selbstanzeigen für Steuersünder.

Besonders erpicht sind die Kanzleien außerdem

darauf, sich als attraktive Arbeitgeber

für Junganwälte zu präsentieren – vor

allem bei den weiblichen. Denn dass sie zu

wenig Partnerinnen an Bord haben, macht

den Sozietäten Sorgen. Ihre Erfahrung: Gerade

junge Juristinnen kehren ihnen oft

nach kurzer Zeit den Rücken und wechseln

lieber in den Staatsdienst, weil ihnen dort

nach einer Kinderpause die Rückkehr in

den Beruf keinen Karriereknick beschert.

Nur folgerichtig, dass Porträts von weiblichen

Vorbildern Konjunktur hatten: etwa

von Daniela Weber-Rey, dreifache Mutter

und bis vergangenen Mai Partnerin bei Clifford

Chance, Mitglied der Regierungskommission

Deutscher Corporate Governance

Kodex und seit gut einem Jahr bei der Deutschen

Bank als Chief Governance Officer.

Oder Daniela Seeliger, Partnerin von

Linklaters und Kartellrechtsexpertin, die

ebenfalls drei Kinder großzieht und jungen

Kolleginnen als Mentorin beisteht. n

claudia.toedtmann@wiwo.de

Freshfields klar vorn

Wie oftdie Top-50-Wirtschaftskanzleien in den Medien von sich reden machen

Rang

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50

Trend 1

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7

5

5

7

7

Kanzlei

Freshfields Bruckhaus Deringer

Gleiss Lutz

Hengeler Müller

CMS Hasche Sigle

Clifford Chance

Flick Gocke Schaumburg

White & Case

Linklaters

Hogan Lovells

Allen & Overy

Rödl & Partner

Baker & McKenzie

Noerr

Görg

DLA Piper

Taylor Wessing

Shearman & Sterling

Latham & Watkins

Redeker Sellner Dahs

Osborne Clarke

Norton Rose

Graf von Westfalen

Mayer Brown

Beiten Burkhardt

Jones Day

P+P Pöllath + Partners

Skadden Arps Slate Meagher & Flom

Bird & Bird

Oppenhoff & Partner

SZA Schilling Zutt & Anschütz

GSK Stockmann + Kollegen

Heuking Kühn Lüer Wojtek

Ashurst

McDermott Will & Emery

Salans

Orrick Hölters & Elsing

Cleary Gottlieb Stehen & Hamilton

Friedrich Graf von Westphalen & Partner

Heisse Kursawe Eversheds

SJ Berwin

WilmerHale

Luther

Menold Bezler

Weil Gotshal & Manges

CBH Rechtsanwälte

K&L Gates

Milbank Tweed Hadley & McCloy

Kümmerlein

Esche Schümann Commichau

Oppenländer

Artikel gesamt

249

157

154

143

131

115

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5

3

1 nur Print; 2 Juli 2012–Juni 2013; 3 Januar–Dezember 2013; 4 im Vorjahr nicht gelistet

Print 2013 (2012) 2

110 (93)

75 (110)

75 (70)

79 (54)

63 (65)

65 (50)

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55 (55)

49 (44)

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50 (–) 4

53 (45)

43 (45)

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41 (26)

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22 (14)

29 (14)

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7 (17)

12 (16)

12 (5)

18 (18)

14 (35)

12 (13)

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1 (2)

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6 (6)

3 (7)

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3 (3)

2 (6)

2 (9)

3 (0)

1 (2)

Online 3

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68

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40

47

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25

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18

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7

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5

5

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2

2

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 83

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Geld&Börse

»Sie können nicht anders«

AKTIEN | Die Welle billigen Geldes treibt die Börsen scheinbar unaufhörlich

nach oben. Wie lange sollen Anleger sie reiten?

März 2000

bis März 2003

Januar 1994

bis März 2000

Aktien für alle

Der Telekom-Börsengang

1996 (Foto: Ex-Chef Ron

Sommer) macht aus

Sparbuch-Deutschen

Aktionäre. Sie kaufen,

was das Zeug

hält, und pumpen

die Blase auf.

Internet- und

Medienbuden

werden milliardenschwer.

Böses Erwachen

Die Internet-Blase platzt.

2000 muss Thomas Haffa

(Foto) als EM.TV-Chef

seine Prognosen kippen.

Es wird klar, dass

das Geschäftsmodell

vieler

Börsenstars

nur

auf heißer

Luft

beruht.

1994 1996 1998 2000 2002

Als statt TV-Journalisten noch

Aktienhändler und Makler das

Frankfurter Parkett bevölkerten,

versorgte der Börsenvorstand

diese reichlich mit Kalorien:

Immer, wenn der Dax eine runde

Marke nahm, gab es Torte. Bei 5000 Punkten,

im März 1998, „30 Kilo gekochte Walnusscreme

mit fünf Biskuitböden“, zum

letzten Mal bei 8000, kurz vor dem 2000er-

Crash. Danach war Schluss mit dem fetten

Leben – kein Konditor musste mehr bereitstehen,

um bei Anruf schnell eine Tausender-Zahl

aus Zuckerguss zu spritzen.

In den letzten Tagen wäre die Geduld der

Buttercreme-Bereitschaftstruppe auch arg

strapaziert worden. Immer wieder tastete

sich der Dax an die 10 000 heran und prallte

ab. Bis Redaktionsschluss – vor dem

Zinsbeschluss der Europäischen Zentralbank

(EZB) am Donnerstag – hatte er sie

noch nicht genommen. Profis zögern mit

Käufen: „Die globale Liquiditätsschwemme

wird uns zwar noch lange begleiten, aktuell

werden wir aber eher verkaufen als

kaufen“, sagt Maik Käbisch, Vorstand des

Vermögensverwalters Döttinger/Straubinger,

der eine Milliarde Euro managt: „Wir

hatten bis Mai tolle Monate. Wer seine Jahresziele

schon erreicht hat, fragt sich, was

er zu verlieren hat, wenn er Aktien in seinem

Portfolio reduziert.“ Sicher könne der

Dax über 10 000 Punkte hinausschießen,

FOTOS: AP PHOTO/BERND KAMMERER, INTERFOTO/

LOOKBACK, AP PHOTO/RON EDMONDS, PR, PICTURE-

ALLIANCE/DPA/SERGIO GARCIA

84 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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10 000

Dax

8000

6000

März 2003

bis Juli 2007

Neue Sorglosigkeit

Fed-Chef Alan Greenspan

hält die Zinsen unten

und legt die Saat der

Subprime-Krise. Amerikaner

bekommen billige

Kredite. Viele beleihen

ihr Haus und konsumieren

– oder kaufen Aktien.

Juli 2007 bis

Februar 2009

Weltweites Beben

Im Juli 2007 muss Stefan

Ortseifen (Foto), Chef der

biederen IKB, massive

Verluste durch US-Subprime-Papiere

melden.

Damit ist klar: Die US-Immobilienkrise

wird zum

globalen Problem, das

dann in Lehman-Pleite,

2008er-Crash und

Rezession mündet.

Seit Februar 2009

Gigantische Geldflut

Weltweit fluten Zentralbanken

die Märkte mit

Geld und senken die Zinsen

auf null. EZB-Präsident

Mario Draghi (Foto)

verspricht im Juli 2012,

er werde den Euro

„um jeden Preis“

retten – und die

Börse jubelt.

4000

2000

1800

2004 2006 2008 2010 2012 14

„aber grundsätzlich sehe ich Rückschlagpotenzial“,

so Käbisch. Die Börse ignoriere

zu viele Probleme, wie die Kämpfe in der

Ukraine und Konflikte in Asien. Nur zu gut

sind Anlegern die Abstürze nach früheren

Hochs in Erinnerung (siehe Grafik oben).

Ist die Party an den Börsen schon vorbei?

Oder können Anleger weiter auf die Geldflut

der Notenbanken bauen, die die Aktienkurse

treibt – trotz einiger Warnsignale?

Fest steht: Langfristig gehören Aktien ins

Depot. „Anleihen und Sparkonten bringen

auf Jahre hinaus einfach nichts“, sagt der erfahrene

Geldmanager Jens Ehrhardt (siehe

Interview Seite 87). „Man muss Aktien haben,

sonst wird man kalt enteignet, weil die

Inflation höher liegt als die Renditen.“

Das ist das „Einerseits“. Das „Andererseits“:

Alles ist eine Frage des Timings. „Der

beste Zeitpunkt, auf breiter Front in Aktien

zu gehen, ist bereits vorbei“, sagt Ehrhardt.

Aktien seien in einem „sehr reifen Bullenmarkt“,

bestätigt Eberhardt Unger, Chefvolkswirt

von Fairesearch. Er bezweifelt,

dass Konjunktur und Unternehmensgewinne

durch die Maßnahmen der EZB wie

von der Börse erhofft steigen: „Wer bei 0,25

Prozent nicht investiert, tut es auch bei 0,1

Prozent nicht.“ Ehrhardt und Käbisch sind

als Vermögensverwalter, die vor allem Kapital

bewahren wollen, vorsichtige Naturen.

Bankanalysten, die Aktien verkaufen

wollen, sind optimistischer.

»

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 85

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Geld&Börse

Die Geldspritzen der EZB helfen. Sie

senken die Finanzierungskosten der

Unternehmen, schreiben die Analysten der

Société Générale. Dies und ein schwächerer

Euro seien gut für die Unternehmensgewinne.

Die Analysten haben untersucht,

welche Aktien von den geldpolitischen Lockerungen

in den USA und Japan besonders

profitiert haben: Bankaktien und Papiere

von Produzenten zyklischer Konsumgüter,

etwa Autoaktien. Wiederholt sich das

in Europa, wäre das gut für Daimler und Co.

Der Dax orientiert sich seit jeher stark an

der US-Börse. Insofern ist es eine gute

Nachricht, dass US-Unternehmen zuletzt

positiv überraschten. Über 70 Prozent der

Unternehmen im Index S&P 500 verdienten

laut einer Analyse des Bankhauses

Warburg im ersten Quartal mehr als erwartet.

Stabilere Konjunktur, eine immer noch

üppige Geldversorgung durch die Fed und

zunehmend Kapitalrückflüsse aus dem

Ausland sprechen für US-Aktien. „Mit dem

frischen Geld der Fed haben Amerikaner

stark in Europa gekauft, nachdem EZB-

Präsident Mario Draghi seine Garantie für

Anleihen ausgesprochen hatte“, sagt Christopher

Nichols, der für den schottischen

Versicherer Standard Life mehr als 30 Milliarden

Euro verwaltet, „nun holen sie es zurück

in die USA, wo man für sein Geld derzeit

mehr Wachstum bekommt.“

Anleger ignorieren

Risiken wie die

Ukraine-Kämpfe

Monetärer Rückenwind flaut ab. An

den Börsen, sagt Unger, zähle Liquidität

aktuell mehr als Umsätze und Gewinne.

Dank des billigen Geldes seien die Kurse

„alle künstlich aufgebläht“. Doch die US-

Notenbank Fed bremst. Monat für Monat

verringert sie ihre Anleihekäufe und drosselt

die Zufuhr frischen Geldes an die Börse.

Seit Beginn des schrittweisen Abschieds

vom Gelddrucken („Tapering“) hat sie ihre

monatlichen Anleihekäufe halbiert. In China

ist die Überschussliquidität, der Teil der

Geldmenge, der nicht zur Finanzierung des

Wirtschaftswachstums gebraucht wird und

an die Kapitalmärkte fließt, schon negativ.

Dort könnte Geld knapp werden; gar nicht

gut für die Börsen. Auch in Europa herrschen

deflationäre Kräfte, die Gift für die

Börse sind: Konsumenten und Unternehmen

sparen und entschulden sich, Kredite

werden kaum vergeben. „Die Börse hatte

nun sechs Jahre lang geldpolitisch optimale

Bedingungen; die Erwartungen der von

den Notenbanken verwöhnten Anleger

sind entsprechend hoch. Da drohen empfindliche

Rückschläge“, warnt Ehrhardt.

Anteil stark steigender Aktien sinkt.

Wenn nur noch wenige Aktien eine

Hausse treiben, deutet dies eine Trendwende

an. In Europa haben 57 Prozent der 500

größten Börsenwerte auf Zwölfs-Monats-

Sicht stärker zugelegt als der entsprechende

Index. Zwar wird der Anstieg damit noch

breit getragen (im Mittel seit 2001 liegt der

Anteil der Kurstreiber bei 60 Prozent). Doch

seit Mitte 2013 ist der Wert von 70 Prozent

zurückgefallen, ein Warnzeichen.

Krisenherd Ukrainischer Soldat an einem

Armee-Checkpoint im Donezk-Gebiet

Aktien sind hoch bewertet. Das signalisiert

das Shiller-Kurs-Gewinn-

Verhältnis, eine robuste Kennzahl. Für das

von Nobelpreisträger Robert Shiller erfundene

Maß wird der Börsenwert der Unternehmen

durch deren gemittelten, inflationsbereinigten

Gewinn der letzten zehn

Jahre geteilt. Die Langfristperspektive soll

verhindern, dass Anleger sich von optimistischen

Gewinnprognosen zu Aktienkäufen

verleiten lassen. Für den S&P 500 liegt das

Shiller-KGV bei 25,9 – über dem Durchschnitt

seit 1881 (16,5) – allerdings auch unter

dem Rekordhoch von 44,2 in 1999.

Ähnlich ist das Bild im Dax, orientiert

man sich an den erwarteten Gewinnen:

Der Börsenwert der Dax-Aktien entspricht

dem 17-Fachen der von Analysten für 2014

erwarteten Nettogewinne, deutlich über

dem langfristigen Mittel von knapp 12.

Alternativen nicht in Sicht. Anleger

sollten bei der Bewertungsfrage aber

nicht nur auf historische Durchschnittswerte

schauen, „sondern auch einen Vergleich

zu anderen Vermögensklassen ziehen, etwa

Anleihen und Immobilien; relativ sind Aktien

nach wie vor billig“, sagt Käbisch. Philipp

Vorndran, Stratege bei Flossbach von

Storch, geht davon aus, dass Pensionsfonds

und Versicherungen mehr Aktien nachfragen

werden. „Sie können gar nicht anders“,

sagt er. „Noch halten sie sich zurück; keiner

will der Idiot sein, der als Letzter bei 10 000

Punkten aufgesprungen ist; aber wenn die

Marke nachhaltig fällt, werden die Versicherungen

kommen; sonst schaffen sie keine

Rendite für ihre Kunden mehr.“ n

hauke.reimer@wiwo.de | Frankfurt,

stefan hajek, niklas hoyer

Für Langfrist-Anleger mit Nachholbedarf

Gut gemanagte Fonds, die sich weltweit oder in den USA auf unterbewertete Titel konzentrieren, und zwei kostengünstige Indexfonds

Fondsname

Robeco CG Global Premium Equities

Loys Global P

Invesco US Value Equity

iShares S&P 500 ETF

Deka Dax ETF

Fondswährung

Euro

Euro

US-Dollar

Euro

Euro

ISIN

LU0940004830

LU0107944042

LU0607514121

DE000A0YBR61

DE000ETFL011

Wertentwicklung 1

2014

5,2

6,2

5,8

5,4

5,7

5 Jahre 1

16,9

15,2

18,7

16,4

14,3

Volatilität 2

1 in Prozent, bei fünf Jahren pro Jahr (in Euro gerechnet); 2 je höher die Jahresvolatilität (Schwankungsintensität um den Mittelwert) in den vergangenen drei Jahren, desto riskanter der

Fonds; Quelle: Morningstar, eigene Recherchen: Stand: 4. Juni 2014

10,6

9,8

11,9

10,2

18,1

Strategie

Weltweiter Aktienmix; aktuell 56% USA, 13% Euro-Zone, 11% Großbritannien;

wichtigste Einzelwerte: CVS Caremark, Comcast, Roche, Macy’s

Aktienmix mit 53% Titeln aus der Euro-Zone, 12% USA, 12% Japan;

wichtigste Werte: Bechtle, BP, Deutsche Post, Groupe Bruxelles Lambert

US-Aktienschwerpunkt; am stärksten sind Aktien der Branchen Finanzen,

Gesundheit, Energie vertreten; wichtigste Werte: Citigroup, Weatherford

Günstiger Indexfonds mit allen Aktien des US-Leitindex

Günstiger Indexfonds mit allen Aktien des deutschen Leitindex

FOTO: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

86 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

»Die Party macht erst mal Pause«

INTERVIEW | Jens Ehrhardt Der erfahrene Geldmanager erklärt, warum er kurzfristig Risiken für die

Börse sieht, langfristig aber Aktien in jedes Depot gehören.

FOTO: CORBIS/DEMOTIX/PETR SHELOMOVSKIY

Herr Ehrhardt, der Dax hat die

10 000 Punkte im Visier. Kommt

die nächste Stufe der Rally?

Man sollte diese runden Marken

nicht unterschätzen. Sie sind oft

zähe Widerstände; fallen sie aber,

kann darauf ein langer, stabiler

Aufwärtstrend folgen, weil mehr

Leute ermutigt werden, Aktien zu

kaufen. Zauderer sehen: Die

Marke hält, sie legen ihre Bedenken

ab. Beim Dow Jones zumindest

war es so. Der Dow nahm

drei Anläufe und brauchte zehn

Jahre – 1972 bis 1982 –, um die

damals gigantisch erscheinende

Marke von 1000 Punkten zu überwinden.

1982 stand die Weltwirtschaft

am Beginn des Globalisierungsbooms,

die Börsen profitierten

vom Abbau von Handelsbeschränkungen.

Insofern ist das schwer mit der

heutigen Situation vergleichbar,

schon richtig. Vor allem waren Aktien

damals billig; nach der langen

Seitwärtsphase von 1966 bis 1980

gab es viele Papiere mit einstelligen

Kurs-Gewinn-Verhältnissen

(KGV) und hohen Dividendenrenditen.

Das ist heute anders?

Ja, Aktien sind im historischen

Vergleich nicht mehr günstig. Die

KGVs sind zwar noch nicht so

hoch wie in echten Blasenzeiten.

In Deutschland hatten Aktien

1999/2000 ein durchschnittliches KGV von

fast 45; zehn Jahre davor, in der japanischen

Spekulationsblase, waren die Werte

in Tokio sogar noch teurer. Heute liegen die

Bewertungen eher im historischen Mittel

oder leicht darüber. Aber: Die Kurse sind

jetzt mehr als zwei Jahre lang gestiegen,

während die Unternehmensgewinne stagniert

haben. Das macht sich in gestiegenen

Bewertungen bemerkbar. Wirklich

günstige Aktien findet man kaum noch. Vor

allem arbeiten die meisten Unternehmen

schon mit rekordhohen Gewinnmargen,

das macht ihre Gewinne anfällig und die

DER GELDMENGEN-EXPERTE

Ehrhardt, 72, ist Gründer, Hauptaktionär und Vorstandschef

einer der größten unabhängigen Vermögensverwaltungen

Europas, der DJE Kapital aus Pullach bei München. Zusätzlich

berät er zahlreiche Fonds. Ehrhardt gilt als der erfahrenste

Geldmanager Deutschlands. Er promovierte 1974 über den

Einfluss der Geldpolitik auf die Aktienmärkte.

stimmung. So weit sind wir bei

Weitem nicht. Die Aktie gilt breiten

Anlegerschichten noch immer

als riskant, übrigens nicht nur

Kleinsparern, sondern besonders

auch den Großen, wie etwa Versicherungen.

Also fehlt noch das große Finale

vor dem nächsten Crash?

Ich denke schon. Zudem enden

die meisten lang anhaltenden

Haussen nicht, weil den Marktteilnehmern

auf einmal dämmert,

dass Aktien zu teuer seien und sie

anfangen zu verkaufen.

Nicht? Viele glauben das.

Das wird meist als Erklärung im

Nachhinein für einen Abschwung

angeboten. Eine fundamentale

Überbewertung ist fast nie der

Auslöser einer Talfahrt.

Was dann?

Die Geldpolitik, genauer gesagt:

die Versorgung der Märkte mit

frischem Geld und die Zinsen.

Beides beeinflusst die Kurse sehr

viel stärker als die Bewertung von

Aktien. Ich habe die Börsen-

Wendepunkte der vergangenen

40 Jahre untersucht und festgestellt,

dass langjährige Haussen

immer erst endeten, nachdem

zuvor mehrfach und substanziell

die Zinsen erhöht worden waren.

Nur wenn Sie also glauben, dass

in den nächsten Monaten die

Zinsen steigen, sollten Sie raus

aus Aktien.

Und was glauben Sie?

Ich denke, dass die Zinsen nahezu weltweit

noch für lange Zeit niedrig bleiben werden.

Denn die Schuldenlast der Staaten hat sich

seit Beginn der Krise nicht verringert – im

Gegenteil. Würden die Notenbanken die

Zinsen substanziell steigen lassen, drohten

unmittelbar Staatspleiten. Ex-US-Notenbank-Präsident

Ben Bernanke soll auf einer

Party jüngst ausgeplaudert haben, er

sei der Meinung, dass es keine nennenswert

höheren Zinsen geben werde, solange

er lebe. Er ist erst 60. Etwas plakativ, aber

Aktien verwundbar. Trotzdem können die

Kurse, unter dem Gesichtspunkt der Bewertungen,

gut und gerne noch 20, 30 Prozent

steigen, bevor es wirklich bedenklich

wird.

Was macht Sie da so zuversichtlich?

Erstens ist die Stimmung noch nicht euphorisch

genug, es ist keine Hausfrauenoder

Taxifahrer-Hausse wie Ende der

Neunzigerjahre. Damals redete alle Welt

von Aktien; Börsenlaien verschuldeten

sich, um Aktien auf Pump zu kaufen. Die

Unternehmenschefs vom Neuen Markt

waren Popstars, es herrschte Goldgräber- durchaus denkbar.

»

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 87

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Geld&Börse

Die niedrigen Zinsen dürften also weiter

dafür sorgen, dass Anleger mehr Aktien

kaufen und die Hausse befeuern?

Ja, auf lange Sicht schon. Die Niedrigzinsen

machen Aktien nun mal relativ gesehen attraktiver.

Vor allem, weil die Alternativen

zur Aktie alle noch teurer sind: Eine Immobilie

in guter Lage kostet umgerechnet den

25- bis 35-fachen Jahresgewinn; sie sollte

eigentlich günstiger sein als eine gute Aktie,

weil sie nicht so liquide handelbar ist.

Eine Staatsanleihe, die zwei Prozent Zins

bringt, hat umgerechnet ein KGV von 50.

Aktien sind preislich der Einäugige unter

den Blinden.

Also sollte man welche haben?

Ich denke, ganz ohne geht es nicht. Und

die von den meisten Experten seit drei

Jahren gebetsmühlenartig herbeigeredete

„Great Rotation“, die massenhafte Flucht

von Großanlegern wie Versicherungen

und Pensionsfonds aus Anleihen, hat

noch kaum stattgefunden. Es ist nicht viel

passiert, wenn man deren jetzige

Aktienquoten mit den Neunzigern

vergleicht. Das Gros der Mittel

bleibt am Rentenmarkt investiert.

In den ersten Monaten 2014

gab es sogar eine leicht rückläufige

Tendenz: Renten- und Geldmarktfonds

hatten wieder netto

Zuflüsse, vor allem in den USA.

Die Manager großer Mischfonds

und -portfolios in den USA haben

derzeit sehr hohe Cash-Quoten.

Da ist noch Munition für steigende

Kurse.

Und was macht der deutsche

Privatanleger?

Der ist diesmal gar nicht dabei;

die Zahl der freien Aktionäre sinkt

und sinkt, obwohl die Kurse steigen.

Die Gefahr besteht durchaus,

dass der deutsche Privatanleger

wieder erst einsteigt, wenn die

Party schon vorbei ist.

Warum sollte die Party denn

vorbei sein?

Vorbei noch nicht; aber mit einer

Pause in den kommenden Wochen

oder Monaten rechne ich.

Das Wachstum der Geldmengen

und, davon abgeleitet, die Überschussliquidität,

also die Liquidität,

die nicht zur Finanzierung des

Wirtschaftswachstums benötigt

wird und zum Teil an die Kapitalmärkte

fließt, signalisieren dies.

Das Wachstum der Geldmenge

M1...

...außerhalb der Banken zirkulierendes

Bargeld und täglich kündbare Einlagen...

...ist einer der besten Börsenindikatoren,

die ich kenne. Es läuft den Kursen um

sechs Monate voraus, es flacht sich in der

Euro-Zone deutlich ab. Zuletzt betrug es

gegenüber dem Vorjahr noch 5,6 Prozent,

vor einem Jahr waren es noch fast neun,

2009 auch schon mal 13 Prozent.

Wie sieht es mit der Geldversorgung der

Börsen aktuell aus?

Da müssen wir nach Wirtschaftsräumen

differenzieren. Die Stammtischmeinung,

es werde weltweit immerzu Geld gedruckt,

die Geldmenge explodiere, und das fließe

alles in die Kapitalmärkte, stimmt so pauschal

nicht. Ansatzweise ist das in den USA

der Fall, hierzulande nicht. Unbestritten

ist, dass die lockere Geldpolitik der vergangenen

Jahre den Aktienkursen geholfen

hat. Sehr viel besser kann es für die Börse

monetär aber nun nicht mehr werden. Da

drohen Enttäuschungen, sollte die Geld-

»Das große Finale haben

wir nicht gesehen, dazu

fehlt noch die Euphorie«

politik auch nur geringfügig konservativer

sein als von den Anlegern erwartet.

Und, wird sie konservativer?

Der monetäre Rückenwind lässt jedenfalls

nach. Die USA verringern ihre Anleihekäufe.

In Japan verpuffen die Gelddruckprogramme,

weil die Banken das neue Geld

bei der Notenbank zurückparken, anstatt

Kredite zu vergeben – ähnlich wie in Südeuropa,

wo starke deflationäre Kräfte wirken.

Und in den Schwellenländern ist das

Geldmengenwachstum eingebrochen. Insgesamt

kann also von einer Liquiditätsflut

derzeit keine Rede sein.

Was sollten Privatanleger tun?

Wer noch keine Aktien hat, sollte trotz der

gestiegenen Kurse einige kaufen. Wie viel,

hängt stark von persönlichen Umständen

wie Alter, Anlageziele und Risikofreude ab.

25 Prozent des Vermögens in Aktien ist

aber sicher nicht zu viel.

Aber eine ganze Menge, wenn man von

null kommt...

Man sollte jetzt auch nicht alles

auf einmal investieren, sondern in

mehreren kleinen Schritten, besonders

nach Rückschlägen. Mit

solchen ist jederzeit zu rechnen.

Generell wäre ich derzeit vorsichtig

mit deutschen Aktien, lieber

sollte man international breit gestreut

kaufen.

Warum das?

Der Dax hat in den letzten sechs

Jahren stärker als andere Börsen

von zwei starken Treibern profitiert:Von

der lockeren Geldpolitik

in den USA und dem Boom

Chinas; beide aber schwächen

sich ab. Gekauft haben im Dax vor

allem angelsächsische Großinvestoren,

munitioniert mit dem frischen

Geld der US-Notenbank.

Teilweise sind sie auch im Nebenwerteindex

MDax engagiert, der

noch teurer ist als der Dax. Die

Amerikaner sind jetzt entsprechend

stark in Europa und speziell

in Deutschland investiert

und dürften künftig eher daheim

kaufen, auch weil sich die US-

Konjunktur besser entwickelt als

die europäische. US-Anleger, die

jetzt aus Dax-Aktien aussteigen,

würden zudem gute Währungsgewinne

realisieren.

Und China?

China droht vom Treiber zum Risikofaktor

für deutsche Aktien zu

werden. Ich glaube zwar nicht an

FOTO: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, VISUM/PANOS PICTURES/QILAI SHEN

88 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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eine harte Landung, aber die US-

Industrie ist weniger abhängig

von China als die deutsche, für die

China nach Frankreich und den

USA bereits der drittwichtigste

Markt ist. Das macht den Dax derzeit

wesentlich riskanter als die

großen US-Indizes, die viel Technologie,

Pharma und starke Binnenwerte

enthalten. Defensive,

weltweit aktive Unternehmen haben

wir in Deutschland kaum.

Große Binnenwerte auch nicht.

Was droht in China?

Der Immobilienboom könnte ein

abruptes Ende nehmen. Die Bautätigkeit

nahm 2013 fast zwölf Prozent

der Gesamtwirtschaftsleistung

ein – viel zu viel und annähernd

so hoch wie in Spanien

oder Irland zu Zeiten der dortigen

Immobilienblasen. In China kaufen

viele Menschen Wohnungen,

ohne sie je gesehen zu haben, nur, um sie

mit möglichst viel Gewinn schnell wieder

zu verkaufen, ein klares Blasensymptom.

Erste Vorboten eines Crashs gibt es schon,

etwa geringere Kreditvergabe und rückläufige

Bautätigkeit.

Was hat die Immobilienblase in China mit

dem Dax zu tun ?

Viele Wohnungen in China stehen leer, da

sie ja reine Spekulationsobjekte sind. Können

diese nicht wie gedacht teurer verkauft

werden, werden viele Spekulanten ihre

Kredite nicht mehr bedienen. Die Banken

und Schattenbanken, die viel finanziert haben,

müssten sie abschreiben. Sie kämen

selbst in Schieflage, die Kreditvergabe an

die Industrie und Privatleute käme zum Erliegen

– wie in der US-Subprimekrise eben.

Das würde die Wirtschaft der gesamten Region

in Mitleidenschaft ziehen und damit

auch die deutschen Exporte. Die starke Abhängigkeit

vom Export und von Asien kann

also für den Dax zum Bumerang werden.

Aber Asien macht mir noch aus anderen

Gründen Sorge.

Aus welchen denn?

Ich spreche viel mit Managern asiatischer

Unternehmen. Alle haben Angst vor China.

Sie fürchten, dass China seinen Machtbereich

und den Zugang zu Rohstoffen in der

Region aggressiv ausweiten könnte.

Sie reden von Krieg?

Das ist in der Tat die Angst vieler, ja. Mit Vietnam

gibt es Spannungen, mit Korea,

auch mit Japan. Auch die Annäherung Chinas

an Russland sehen viele mit Sorge. Die

geopolitischen Risiken – auch die Ukraine-

»Chinas Immobilienboom

hat bedenkliche Ausmaße,

er könnte abrupt enden«

Krise ist ja alles andere als ausgestanden –

und China sind die beiden großen Risiken

für den Dax. Treten sie nicht ein, sollten

Aktien in den kommenden Jahren besser

laufen als andere Anlageformen; kommt es

aber zur Eskalation der einen oder anderen

Krise, würde speziell der deutsche Aktienmarkt

leiden.

Wie sollen Anleger mit dieser Situation

umgehen ?

Um es klar zu sagen: Der beste Zeitpunkt,

auf breiter Front in Aktien zu gehen, ist vorbei.

Voll rein in Aktien muss man, wenn die

Geldpolitik gelockert wird, die Zinsen gesenkt

und die Konjunktur noch unten ist.

Dann haben Aktien den größten Hebel.

Wenn die Konjunktur bereits wieder

brummt, ist das Beste gelaufen.

Der beste Zeitpunkt ist vorbei, aber was

ist die Alternative zu Aktien?

Das ist der Punkt. Wir erleben die historisch

seltene Konstellation, dass Zinsprodukte

wie Anleihen und Sparkonten auf

Jahre hinaus einfach nichts bringen. Man

muss also Aktien haben, sonst wird man

kalt enteignet, weil die Inflation höher liegt

als die Renditen.

Derzeit ist die Inflation schwach.

Ja, aber auch bei 1,5 Prozent Inflation verlieren

Sie mit 0,2 Prozent Rendite nach

Steuern in ihrem Depot Kaufkraft, genauso

wie bei 10,0 Prozent Inflation und acht Prozent

Zins. Die Finanzrepression hat viele

Spielarten, aber sie ist Fakt. Die Lösung

heißt – auch, wenn das keiner mehr hören

will – breit diversifizieren.

Was schlagen Sie vor?

Gekauft wie gesehen Käufer in

China kennen Wohnungen oft

nur als Modell, hoffen auf schnellen

Gewinn

Mit einem Drittel Aktien, einem

Drittel Immobilien und einem

Drittel kurzfristigen Zinsanlagen

machen Sie nicht viel falsch.

Gold?

Wird weiter eher schwach tendieren;

kurzfristig sieht Gold technisch

etwas überverkauft aus, ich

sehe aber nicht, was den Goldpreis

mittelfristig sehr stark treiben

sollte. Als Krisenschutz für

den Fall der Fälle können Anleger

aber ein wenig Gold beimischen.

Welche Aktien?

Den Dax würde ich nicht mehr

kaufen; klar, es gibt Unternehmen,

deren Geschäft selbst im Fall eines

China-Crashs laufen würde, etwa

die Post, aber da sind Hinz und Kunz schon

drin. Die Börsen in den USA und Großbritannien

gefallen mir besser. Weltweit sind

die Gewinnmargen der Unternehmen und

die Cash-Flow-Renditen aber nahezu ausgereizt.

Was wir nun an der Börse brauchen,

ist neues Umsatzwachstum. Angelsächsische

Unternehmen scheinen tatsächlich anzufangen

zu investieren, was langfristig gut

für die Konjunktur wäre, die US-Maschinen

und andere Ausrüstungen sind im Schnitt

über 20 Jahre alt. Die schlechte dortige Produktivität

könnte verbessert werden.

Investitionen kosten Geld. Wenn Unternehmen

investieren, drohen niedrigere

Dividenden und Gewinne, also wären höhere

KGVs die Folge.

Richtig, aber mit etwas Verzögerung würden

die Aktien dann über Umsatzwachstum

neuen Schub kriegen. Auch diese Verzögerung

spricht dafür, größere Käufe erst

nach Rücksetzern zu wagen. Europäische

Titel würde ich nur noch sehr wenige kaufen.

Ölwerte wie Total oder Statoil gefallen

uns noch gut, sie haben die Hausse kaum

mitgemacht und investieren weniger, was

steigende Cash-Flows bringt. Generell ist

Europa aber schon gut gelaufen. In der Euro-Krise

ist es ruhig; sie kann aber jederzeit

wieder aufflammen. Die Probleme, Staatsverschuldung

und Arbeitslosigkeit, sind

ungelöst. Eine neue Zuspitzung droht,

wenn sich bei den nächsten Wahlen der

Trend zu rechtspopulistischen, euroskeptischen

Parteien manifestiert und diese mit

einem Euro-Austritt ernst machen. n

stefan.hajek@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 89

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Geld&Börse | Barron’s

Raubtiere angreifen

US-BÖRSE | Die Aufsicht SEC versagt noch immer. Das zeigen drei

aktuelle Fälle, sagt Ex-Hedgefondsmanager David Rocker.

Übernahmeangebot war eine

Umgehung des Insiderhandelsverbots

zu beobachten: Ackman,

der potenzielle Übernahmepartner,

kaufte am freien Markt noch

rasch nahezu zehn Prozent der

Allergan-Aktien. Damit sicherte

er sich einen Gewinn, denn er

wusste ja, dass die Übernahme

stattfinden würde. Wegen Verstoßes

gegen die Insiderregeln kann er nicht

zur Rechenschaft gezogen werden, das verhindert

eine kleine Formsache: Die sind

nur verletzt, wenn der Insider durch die

Weitergabe dieser Information seine

Pflichten gegenüber seinen Aktionären

verletzt. Valeant aber hat mit der Weitergabe

der Information an Ackman gegen keine

Insiderregel verstoßen, denn Ackman und

Valeant sind Partner. Beraten wurde Ackman

vom ehemaligen SEC-Chefermittler

Robert Khuzami, der im Vorjahr die Seiten

wechselte. Als Partner der Rechtsanwaltskanzlei

Kirkland und Ellis arbeitet er für

fünf Millionen Dollar Jahreshonorar für die

Leute, die er zuvor regulierte.

Ist die US-Aufsicht SEC in der Lage, Probleme

früh zu erkennen und gefährlichen

Praktiken einen Riegel vorzuschieben?

Oder ist sie ein ineffizienter

Weisungsempfänger, der immer erst reagiert,

wenn es zu spät ist? Haben die Markthüter

das Rüstzeug und die Motivation, um

potenziell destabilisierendes Verhalten zu

verhindern?

Die Erfolgsbilanz ist entmutigend. Die

SEC war im Vorfeld der Skandale um Enron,

Bernie Madoff und eine ganze Reihe

anderer ausführlich gewarnt worden.

Trotzdem unternahm sie wenig, um Anleger

zu schützen. Höchst beunruhigend ist

auch das hartnäckige Schweigen der

Markthüter angesichts einer Reihe aktueller

Fälle.

Erster Fall: Die Umstände rund um die

jüngste Geldbeschaffungsaktion des Elektroautoherstellers

Tesla würden eine sofortige

Untersuchung rechtfertigen. Es gälte,

festzustellen, ob die chinesische Mauer

zwischen Wall-Street-Analysten und Investmentbankern

nicht längst zu einem japanischen

Stellschirm verkommen ist:

Adam Jonas, Tesla-Analyst bei Morgan

Stanley, hob am 25. Februar sein Kursziel

für die Tesla-Aktie auf 320 Dollar an. Dabei

notierte die Aktie zu dem Zeitpunkt bereits

bei 218 Dollar. Ihr Kurs hatte sich in den

vorhergehenden zwölf Monaten vervierfacht.

In den nachfolgenden beiden Tagen

kletterte der Kurs auf 253 Dollar. Genau

hier kam Tesla ins Spiel: Das Unternehmen

begab eine Wandelanleihe mit fünf Jahren

Laufzeit, mit dem bescheidenen Kupon

von 0,25 Prozent und zum festgelegten

Wandlungspreis von 360 Dollar – also 42

Prozent über dem nach der Morgan-Stanley-Analyse

stark gestiegenen Kurs.

Morgan Stanley war einer der vier Konsortialführer.

Ein offensichtlicher Interessenskonflikt?

Darüber machen sich zahlreiche

Wall-Street-Kommentatoren seither

Gedanken. Die SEC aber schweigt. Tesla sicherte

sich mit dem Deal eine erstaunlich

günstige Finanzierung, die Investmentbanken

kassierten mehrere zehn Millionen

Dollar an Gebühren, und die Anleger sitzen

jetzt mit Wandlern da, die mehr als 100

Millionen Dollar weniger wert sind.

Zweiter Fall: Hedgefondsmanager Bill

Ackman will mit dem kanadischen Pharmakonzern

Valeant den Botox-Hersteller

Allergan übernehmen. Vor dem

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

ANGST VOR KONFLIKTEN

Dritter Fall: Wall-Street-Kritiker Michael

Lewis nimmt in seinem neuen Buch „Flash

Boys“ den Hochfrequenzhandel unter die

Lupe. Sinn und Zweck der SEC ist, „die Anleger

zu schützen und das faire, ordnungsgemäße

und effiziente Funktionieren der

Märkte sicherzustellen“. Es gibt reihenweise

Untersuchungen, die belegen, wie sich

Hochfrequenzhändler mit ihren blitzschnellen

Computerprogrammen in Millisekunden

Vorteile zulasten regulärer Anleger

verschaffen. Sie investieren Millionen

von Dollar in Hochleistungstechnologie,

nur um diesen Millisekundenvorsprung

nutzen und ungestraft stehlen zu können

(siehe auch WirtschaftsWoche 23/2014).

Die Regulierungsbehörden rühren auch

hier keinen Finger.

Sie haben offenbar die Verantwortung

abgegeben. Finanziert werden sie vom US-

Kongress, wo Lobbyisten der Finanzbranche

zahlreicher denn je sind. Die SEC steht

folglich unter beträchtlichem Druck. Ihr

Job wäre es aber, sich an Gesetze zu halten,

nicht an die Gesetzgeber. Die SEC agiert,

als hätte sie zu viele Rechtsanwälte und zu

wenige Analysten und Wirtschaftsprüfer.

Die leitenden Beamten wollen sich offenbar

nicht mit den Lobbyisten und großen

Anwaltskanzleien anlegen, weil sie nach

Beendigung ihrer Tätigkeit bei der SEC von

diesen zu enormen Gehältern

eingestellt werden.

Wer die Amerikaner vor den

Raubtieren der Wall Street schützen

will, muss mit Zuckerbrot

und Peitsche arbeiten: Höhere

SEC-Gehälter und Regeln, die einen

Seitenwechsel mitten in der

Schlacht verhindern, wären ein

Anfang.

n

geld@wiwo.de

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

90 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Zu viel Schlechtfeld

EURO GRUNDINVEST | Das Fondshaus fällt mit nebulösen Immobiliendeals

auf und lässt Anleger von einem Phantom beruhigen.

keine „Brigitte Lorenz“. Und Projekte im

Umfang von 100 Millionen Euro gibt es laut

einer von der EGI selbst erstellten Übersicht

von Anfang März auch nicht.

Es ist vielmehr unklar, wo das Kapital der

einzelnen Fonds konkret steckt. Fragen

hierzu beantwortet die EGI nur rudimentär.

Sie kann nicht einmal erklären, mit

welchen Geschäften der bereits aufgelöste

erste Fonds der Gruppe, der EGI 12, eine

jährliche Rendite von zwölf Prozent pro

Jahr erwirtschaftet haben will. Genauso

dubios ist, dass die Gruppe im Juni 2011 eine

„City Residenz“ in München mit einer

angeblich sensationellen Rendite verkauft

haben soll – die Gesellschaft aber keine Angaben

zum Objekt machen kann.

Malte Hartwieg ist ein äußerst vielseitiger

Geschäftsmann: Ursprünglich

gelernt hat er den Beruf

des Maurers. 2008 finanzierte er seiner

Ehefrau in München ein Spa für Männer.

Stolz erzählte er im Fernsehinterview, dass

er das Nobel-Etablissement aus der eigenen

Tasche bezahlen konnte. Parallel betrieb

er bis vor Kurzem den Finanzvertrieb

dima24, dessen Mitarbeiter am Telefon geschlossene

Fonds diverser Anbieter an Privatanleger

verscherbelten. Und weil Hartwieg

so gut weiß, wie man mit Geld umgeht,

legte er zuletzt auch eigene Fonds auf,

die das Geld der Dima-Kunden gewinnbringend

in Immobilien, Edelmetalle, Öl

und Gas in Deutschland, Nahost oder der

Karibik investieren sollten.

Doch Hartwieg hat sich offensichtlich

verschätzt. Nicht nur, dass der Männer-Spa

seine Pforten geschlossen hat: Anleger, die

in Fonds aus dem Hartwieg-Reich mit den

Namen Selfmade und NCI investiert hatten,

haben seit Monaten keine Ausschüttungen

gesehen (siehe Kasten Seite 94).

Laut Eigenwerbung hat Dima Fondsbeteiligungen

für 2,3 Milliarden Euro vermittelt.

Zwischen 200 und 320 Millionen davon

sollen nach Schätzungen von Unternehmenskennern

in Hartwieg-Fonds wie Selfmade

oder NCI geflossen sein.

FÜR GENIESSER Promi-Koch Holger

Stromberg kochte für Tünde und Malte

Hartwiegs Männer-Spa (von links)

TOLLE NEWS VON EINEM PHANTOM

Entspannt zurücklehnen konnten sich bislang

nur die Zeichner von fünf Immobilienfonds

mit dem Namen Euro Grundinvest

(EGI), die auch zur Hartwieg-Gruppe

gehören – die Deutschland-Fonds EGI 12,

15, 17 und 18 und ein Spanien-Fonds.

Erst kürzlich überbrachte eine Dame namens

„Brigitte Lorenz“ den Anlegern des

Fonds EGI 15 im Namen der Gesellschaft

fantastische Nachrichten: „Die Euro

Grundinvest ist einer der solidesten Bauträger

Münchens“, heißt es in einem Brief.

Das aktuelle Projektvolumen läge mit

mehr als 100 Millionen Euro deutlich über

dem bisher platzierten Eigenkapital. „Diese

Entwicklung macht es nun möglich, für

Sie die im Prospekt versprochenen Erfolge

zu realisieren.“ Will heißen: Die Anleger

des EGI 15 sollen die angekündigten acht

Prozent Zinsen und auch noch eine Gewinnbeteiligung

von bis zu vier Prozent

pro Jahr auf ihre Einlagen bekommen.

Die Sache hat nur einen ganz kleinen

Haken: Bei der Euro Grundinvest gibt es

WO SIND DIE MILLIONEN?

Bis März 2013 flossen knapp 54 Millionen

Euro in die EGI-Fonds. Wie viel danach

noch verkauft wurde, ist nicht bekannt.

Über Genussrechte sollen laut Schätzung

eines Unternehmenskenners bis heute

weitere zehn Millionen in die Gruppe geflossen

sein. Wie viel insgesamt zusammenkam,

sagt EGI nicht.

Die Fonds selbst erwerben keine Immobilien.

Vielmehr soll der Großteil des eingezahlten

Kapitals an andere Unternehmen

der Gruppe weitergereicht werden,

die Malte Hartwieg über mehrere Zwischengesellschaften

bis Mai komplett gehörten.

Wo das Geld jedes einzelnen Fonds

steckt, erklärt die EGI nicht. Ob es gewinnbringend

investiert wurde, ist unklar.

n In den 2010 aufgelegten EGI 12 zahlten

Anleger knapp 11,7 Millionen Euro ein. Vor

und bei der Auflösung des Fonds Mitte

2013 erhielten sie 15,7 Millionen Euro zurück.

Sollte die Differenz in Höhe von vier

Millionen Euro tatsächlich erwirtschaftet

worden sein, wäre das ein außerordentliches

Kunststück: Von den 11,7 Millionen

Euro, die Anleger eingezahlt hatten, wurden

9,6 Millionen Euro an eine Gesellschaft

weitergereicht, die das Geld investieren

sollte. Der Rest war für Fondskosten

einkalkuliert. Die EGI müsste mit diesem

Betrag 64 Prozent Rendite gleich 6,1 Millionen

Euro Gewinn gemacht haben. Nur so

wären für die Fondszeichner zwölf Prozent

Rendite pro Jahr herausgekommen.

Die EGI behauptet, dass die Rendite von

der Euro Grundinvest Objekt München

GmbH komme, die auch noch Renditen für

den Fonds EGI 18 abwerfen soll. Wie diese

das Wunder vollbracht hat, erklärt die EGI

nicht. Sollte die GmbH tatsächlich Profit in

der Höhe gemacht haben, dann aber ver-

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/ROBERT HAAS

92 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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mutlich nicht durch gewinnbringende Immobiliengeschäfte:

In der letzten publizierten

Bilanz der Gesellschaft von 2011 findet

sich kein Hinweis auf Grundeigentum.

Laut der Bilanz der Mutter hatte die Objekt

München GmbH ihr Eigenkapital 2012 sogar

aufgezehrt und stand mit knapp

100 000 Euro im Minus. Und einer internen

Aufstellung der EGI ist zu entnehmen, dass

die Objekt München GmbH auch im März

2014 weder ein Haus noch ein Grundstück

besaß. Beim Grundbuchamt München war

Mitte März ebenfalls kein Immobilienbesitz

verzeichnet.

n Dass die Gewinne des EGI 12 aus dem

Verkauf einer „City Residenz“ im Münchner

Stadtteil Bogenhausen stammen, ist

zumindest fraglich. Im Juni 2011 wurde

zwar auf diversen Internet-Portalen, über

die Unternehmen ihre Pressemitteilungen

verbreiten, eine spektakuläre Erfolgsmeldung

veröffentlicht: EGI habe das Mehrfamilienhaus

„City Residenz“ in München

mit 1100 Quadratmetern an einen „institutionellen

Investor aus dem Mittleren Osten“

verkauft. Nach nur sechs Monaten,

mit einem „hohen Ertrag“. Ein wahres Luxusobjekt

soll das gewesen sein, mit extra

großen Stellplätzen für Limousinen bis

sechs Meter Länge und einer sportwagentauglichen

Tiefgarageneinfahrt.

Einem Unternehmenskenner zufolge

hat EGI diesen Bau aber nie besessen. EGI

behauptet, die Meldung stamme nicht von

ihr, sie müsse herausfinden, wer sie eingestellt

habe und um welches Objekt es sich

handle. Was bei der Suche herauskam, teilte

sie auch zwei Monate nach einer Anfrage

der WirtschaftsWoche nicht mit.

n Dass die Gruppe Projekte mit einem Volumen

von 100 Millionen Euro besitzen

soll, wie die erfundene EGI-Mitarbeiterin

Brigitte Lorenz den Anlegern des EGI 15

»Die Euro Grundinvest

ist einer der

solidesten Bauträger

Münchens«

Fiktive Mitarbeiterin in einem Brief an Anleger

berichtete, ist ebenfalls höchst verwunderlich.

Denn laut einer „vorläufigen“ Liste der

EGI von Anfang März verfügt die Gruppe

inklusive der Objekte in Spanien nur über

Projekte im Umfang von 81 Millionen Euro.

Eine endgültige Aufstellung, die bis Mitte

Mai avisiert wurde, lieferte EGI nicht.

MÄRCHENHAFTE GEWINNE

Spannender als das Projektvolumen, worunter

die EGI die unbelasteten Sachwerte

und die erwarteten, aber keineswegs sicheren

Einnahmen ihrer Objekte zusammenfasst,

ist ohnehin, wie viel Geld tatsächlich

in Immobilien investiert wurde.

Für drei von sieben Projekten in

Deutschland beziffert die EGI die Investitionen

auf 3,9 Millionen Euro. Zu den anderen

Objekten nennt sie keine Zahlen. Ein

Unternehmenskenner schätzt die Investitionssumme

für zwei weitere Objekte auf

zwölf Millionen Euro. Hinzu kommen zwei

bislang unbebaute Grundstücke, darunter

48100 Quadratmeter in München, die beim

Grundbuchamt als „Schlechtfeld/Ackerland“

geführt werden. Damit dürfte sich

das in deutsche Immobilien investierte Kapital

auf weniger als 20 Millionen Euro belaufen

– so viel hatte allein der Fonds EGI 17

bis März 2013 an Kapital eingesammelt.

Fraglich ist, ob das reicht, um an alle Anleger

nicht nur jedes Jahr die versprochenen

Zinsen, sondern am Ende auch das

eingesetzte Kapital plus etwaiger Gewinnbeteiligungen

und Frühzeichnerboni auszuzahlen:

n Komplett fertiggestellt wurde bislang nur

ein einziges Bauwerk. Das Haus mit 30 Eigentumswohnungen

in Karlsfeld bei München

soll 11,5 Millionen Euro eingespielt

haben. Nach Informationen der WirtschaftsWoche

hat das Objekt rund 7,3 Millionen

Euro gekostet. Demnach bliebe ein

Gewinn von 4,2 Millionen Euro. Die EGI

äußert sich zu den Kosten nicht.

n Das Jacobi-Palais im Münchner Stadtteil

Bogenhausen ist in sechs Eigentumswohnungen

unterteilt. Fünf davon sollen bislang

verkauft worden sein. Insgesamt soll

das Projekt, das laut einem Insider nur 4,5

Millionen gekostet hat, stolze 8,1 Millionen

Euro wert sein. Das scheint sportlich kalkuliert:

Laut einer Immobilienanzeige kostet

dort ein Quadratmeter im ersten Stock

knapp 7249 Euro. Das macht bei einer verkaufbaren

Fläche von insgesamt 776 Quadratmetern

5,6 Millionen Euro. Selbst

wenn das Penthouse zu einem höheren

Preis verkauft wurde, dürften sich schwer

mehr als sechs Millionen Euro mit dem

Objekt erzielen lassen – macht 1,5 Millionen

Euro Gewinn.

Zusammen mit den 4,2 Millionen Gewinn

aus Karlsfeld käme die Gruppe mit

ihren direkten Immobilieninvestments

bislang also auf einen Gesamtgewinn von

5,7 Millionen Euro – ein Erfolg, wenngleich

sie die Summe noch nicht komplett auf

dem Konto hat. Verglichen mit den 6,2 Millionen

Euro Gewinn, den die Objektgesellschaften

allein für die Anleger des EGI 12

erwirtschaftet haben sollen, erscheint ein

Gesamtgewinn von 5,7 Millionen Euro für

die gesamte Gruppe und damit alle EGI-

Fonds aber mickrig.

»

GEMISCHTE BILANZ Die Euro Grundinvest hat in Karlsfeld (links) ihr erstes Objekt vollendet. In Gilching (rechts) stockt der Bau

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 93

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Geld&Börse

»

Bei anderen Projekten läuft dagegen vieles

nicht nach Plan:

n So verkündet die EGI bereits im April

2012, dass die Vorbereitungen für den Bau

von Einfamilienhäusern und Doppelhaushälften

in Dachau „auf Hochtouren laufen“.

Im März 2014 hieß es: „Das Immobilienprojekt

in Dachau ist auf der Zielgeraden

und soll im Sommer abgeschlossen werden.“

Bislang steht dort erst ein Gebäude.

n Das gleiche Bild in Röhrmoos: Im April

2012 verkündet die EGI, dass dort im März

die Bauarbeiten für 16 Doppelhaushälften

beginnen. Gelogen hat EGI nicht. Schließlich

sagte sie nicht, im März welchen Jahres.

Und so lässt sich Anlegern das Projekt

zwei Jahre später noch mal als „neues Immobilienvorhaben“

unterjubeln, dessen

Baustart nun „im Sommer geplant“ ist.

Unter Umständen liegt es an der mangelnden

Qualifikation von EGI-Geschäftsführer

Erwin Beran, dass die Projekte nicht

»Die EGI investiert

in inflationsgeschützte

Sachwerte«

Werbebroschüre der Euro Grundinvest AG

in Schwung kommen. Laut einem Insider

war Beran vor seinem anspruchsvollen Job

bei der EGI Hartwiegs Chauffeur. Die Frage,

welche Ausbildung Beran qualifiziere,

mit Anlegergeld finanzierte Millionenprojekte

zu managen, beantwortet EGI nicht.

Sie verweist lapidar auf dessen „langjährige

Tätigkeit im Wirtschaftsbereich“.

Hartwieg hat derweil eine neue Spielwiese

gefunden. Beim Unternehmen Crypsilon

stand er bis vor Kurzem im Impressum.

Hier sollen Anleger Rechenleistung

für „High Performance Computer“ buchen.

Mit denen sollen Einheiten der virtuellen

Währung Bitcoin generiert werden.

Laut Homepage des Unternehmens hat

sich eine solche Investition „bereits nach

wenigen Monaten“ amortisiert. Und mit

seiner Beteiligung Krüger Sachwert GmbH

hat Hartwieg auch bereits eine neue Vertriebsplattform

für Finanzprodukte.

Bleibt abzuwarten, was er sich als Nächstes

einfallen lässt, wenn auch dieses Business

nicht funktionieren sollte.

n

melanie.bergermann@wiwo.de

DIMA 24

Maltes Imperium

Auf drei Kontinenten wurde mit dem

Geld der Hartwieg-Anleger jongliert.

Bei „Nitro“ denken nicht nur Chemiker an

Sprengstoff – es ist eine geläufige Kurzform

für Nitroglyzerin. An was Malte Hartwieg

dachte, als er eine seiner zentralen

Firmen „Nitro Invest“ nannte, ist nicht

überliefert. Fakt ist aber, dass der gelernte

Maurer und spätere Finanzvertriebler

rund um die Nitro Invest GmbH ein hochexplosives

Anlagekonstrukt gebastelt hat.

Vier Emissionshäuser haben 21 geschlossene

Fonds und Genussrechte aufgelegt,

Tausende Anleger bis zu 320 Millionen

Euro in das Konglomerat gesteckt – meist

vermittelt über dima24.de, ein Online-

Portal, das ebenfalls Hartwieg hochgezogen

hat (WirtschaftsWoche 04/2014).

Nun droht alles in die Luft zu fliegen.

n Selfmade Capital: Hartwiegs erstes eigenes

Emissionshaus hat neun geschlossene

Fonds aufgelegt. Sechs Emirates-

Fonds von Selfmade sollten laut

Prospekten in Immobilien oder Infrastrukturprojekte

im arabischen Raum investieren,

der India-Fonds in Infrastruktur in Indien,

der Caribbean-Fonds in ein

Luxus-Ferienresort in der Karibik und der

Brazil-Fonds in brasilianische Wohnimmobilien.

Die Beteiligungen

sind fragwürdig gestrickt:

Die deutschen Fondsgesellschaften

zeichnen Genussrechte

von Firmen in den

Zielländern, konkrete Vorgaben

für die Verwendung

der Mittel gibt es nicht. Was

in den Emiraten, der Karibik

und anderswo mit dem Geld

passierte, ist unklar. Auszahlungen

bekommen Anleger

jedenfalls nicht mehr.

Der von Hartwieg beauftragte

Anwalt Werner Klumpe

teilte Anlegern im April mit,

dass er daran arbeite, den

Verbleib des Geldes zu klären.

Schuld an der Misere sei Geschäftspartner

Christian K., der vor Ort verantwortlich

gewesen sei.

n Euro Grundinvest: Nach der Selfmade-

Welle nahm Hartwieg Immobilien ins Programm.

Über seine Holding Nitro Invest

GELDFAHNDER

Anwalt Klumpe

sucht für Hartwieg

verschwundene

Anleger-Millionen

gründete er das Emissionshaus Euro

Grundinvest. Dieses legte fünf geschlossene

Fonds und zuletzt Genussrechte auf.

n New Capital Invest (NCI): Von den fünf

Fonds der Nitro-Tochter investierten drei

in Öl- und Gasquellen in den USA, dazu

gibt es einen Fonds für die Goldsuche in

Kanada und einen Silberfonds. Die Lage

ist bei der Mehrzahl der NCI-Fonds so

trostlos wie bei Selfmade: Anleger bekommen

keine Auszahlungen mehr, die

Anwaltskanzlei versucht zu klären, was

mit dem Geld passiert ist. Auch hier soll

laut Anwalt Klumpe Hartwiegs Geschäftspartner

Christian K. der Schuldige sein.

n Panthera: Dieses Emissionshaus der

Nitro-Holding brachte bislang erst einen

geschlossenen Fonds auf den Markt. Er

investiert laut Eigenwerbung über eine luxemburgische

Gesellschaft in Derivate.

Anleger können nach drei Jahren kündigen,

empfohlen wird allerdings eine Haltedauer

von fünf Jahren mit einer möglichen

Rendite von 173 Prozent. Wer 30

Jahre dabei bleibt, soll sagenhafte 2691

Prozent erhalten. Wo die herkommen sollen,

ist ein Rätsel– zumal nach Abzug der

Nebenkosten nur gut drei Viertel des Anlegergeldes

investiert werden.

STAATSANWÄLTE PRÜFEN

Während die Nitro Invest GmbH nach wie

vor Hartwieg gehört, hat der 41-Jährige

die Anteile an der Verkaufsplattform dima24.de

Anfang des Jahres

an seine Mitarbeiter Renate

Wallauer und Frank Schuhmann

abgegeben. Die Lage

bei Nitro Invest, dima24.de,

Selfmade Capital und NCI sowie

den meisten ihrer Fonds

ist kritisch: Hartwiegs Anwalt

Klumpe warnt in einem

Schreiben vom April dieses

Jahres vor zahlreichen Insolvenzen,

wenn Anleger Schadensersatzansprüche

erfolgreich

geltend machen. Die

Staatsanwaltschaft München

bestätigt, dass ihr mehrere

Strafanzeigen gegen Hartwieg

und K. vorliegen. Seit

Anfang des Jahres prüft die Behörde, ob

sie ein Ermittlungsverfahren einleitet.

Hartwieg äußerte sich auf Nachfrage

nicht zu den Anzeigen, K. war für eine

Stellungnahme nicht zu erreichen.

florian.zerfass@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: BRAUERPHOTOS/S.BRAUER

94 Nr. 24 7.6.14 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Steuern und Recht

VERSANDHANDEL

Zurück auf eigene Kosten

Vom 13. Juni an gelten neue gesetzliche Regeln für den Online-Handel.

Wer bei Amazon, Zalando oder einem anderen

Online-Händler bestellt, muss sich ab Mitte Juni

auf neue Regeln einstellen. Bisher gab es ein automatisches

Rückgaberecht. Künftig muss der

Kunde innerhalb von 14 Tagen die Bestellung widerrufen.

Ein Musterformular für den Widerruf

muss der Händler mitsenden, spätestens dann,

wenn die Ware ausgeliefert wird. Für die Kosten

der Rücksendung muss der Kunde aufkommen.

In der Praxis werden Online-Käufer jedoch meist

nicht zur Kasse gebeten. So glaubt Christoph

Wenk-Fischer, Chef des Bundesverbands E-Commerce,

dass die meisten Online-Händler weiterhin

kostenfreie Rücksendungen anbieten werden

(WirtschaftsWoche 21/2014). „Einige Anbieter

könnten jedoch versuchen, Rücksendegebühren

RECHT EINFACH | Allergie

Pollen, Chemikalien, Bekleidung:

Allergien nehmen zu. Einige

Allergiker ziehen vor Gericht.

§

Birkenpollen. In den Siebzigerjahren

pflanzte eine

Gemeinde entlang einer

Straße Birken. Jahrzehnte

später verlangte ein Anwohner,

die Bäume zu fällen. Grund: Wegen

einer Allergie gegen Birkenpollen

sei er häufig krank. Seine

Klage scheiterte. Bei Umwelteinflüssen

sei ein „durchschnittlich

empfindlicher Mensch“ maßge-

bend, so die Richter. Das Grundstück

sei trotz Pollenflug nutzbar,

ein Kahlschlag daher unangemessen

(Verwaltungsgericht Neustadt,

4 K 923/12 NK).

Heiße Tücher. Eine Flugpassagierin

vertrug keine dampfenden Erfrischungstücher.

Bei einem Langstreckenflug

von Indien nach

Frankfurt machte die Dame ein

Crewmitglied beim Einsteigen auf

ihre Unverträglichkeit aufmerksam.

Als die dampfenden Tücher dennoch

verteilt wurden, bekam die

im Kleingedruckten, zu verstecken“, sagt Albrecht

von Breitenbuch, Partner der Kanzlei Orrick,

Herrington & Sutcliffe in Berlin. Von der Rücksendung

ausgeschlossen sind Waren, die aus

hygienischen Gründen versiegelt sind und deren

Verpackung geöffnet wurde. „Das gilt auch für

elektronische Datenträger, bei denen die Versiegelung

geöffnet wurde und bei denen unklar ist,

ob sie benutzt wurden“, sagt Anwalt von Breitenbuch.

Online-Händler müssen ihren Kunden

mindestens eine kostenfreie, zumutbare Bezahlmöglichkeit

anbieten. Zuschläge, beispielsweise

für den Kauf mit Kreditkarte ohne vergleichbare

Alternativen, sind nicht zulässig. Ebenso ist es

unzulässig, im Online-Bestellformular kostenpflichtige

Zusatzleistungen bereits anzukreuzen.

Passagierin einen Anfall. Ein Gericht

sprach ihr hierfür 1500 Euro

Schmerzensgeld zu. Nach dem

entsprechenden Hinweis hätten

die Flugbegleiter die Allergikerin

vor einem Kontakt mit den

Tüchern schützen müssen (Oberlandesgericht

Frankfurt , 16 U

170/13).

ARBEITSZIMMER

Bei Telearbeit

selbst zahlen

Wer als Arbeitnehmer zu Hause

arbeitet, kann die Aufwendungen

für sein häusliches Arbeitszimmer

absetzen. Nicht jeder

Arbeitsplatz in eigenem Haus

entspricht jedoch den steuerrechtlichen

Vorgaben. Mitunter

lassen sich die Kosten dafür

nicht absetzen. So wollte ein

Arbeitnehmer den Telearbeitsplatz

in seinem Haus geltend

machen. Er hatte mit seinem

Arbeitgeber eine Vereinbarung

geschlossen, dass er zwei von

fünf Arbeitstagen in der Woche

von zu Hause arbeitet. Das

Finanzamt lehnte es ab, die

Kosten für den Telearbeitsplatz

steuerlich anzurechnen.

Schließlich, so das Finanzamt,

hätte er jederzeit seinen Arbeitsplatz

im Unternehmen

nutzen können. Die Ausgaben

für das häusliche Arbeitszimmer

seien demnach gar nicht

notwendig gewesen. Gegen den

Bescheid klagte der Telearbeiter.

Der Bundesfinanzhof stellte

sich allerdings auf die Seite des

Finanzamts (VI R 40/12). Steuerrechtlich

sei sein Telearbeitsplatz

kein häusliches Arbeitszimmer,

weil der Arbeitgeber

einen anderen Arbeitsplatz zur

Verfügung gestellt habe. Der

Telearbeiter muss die Kosten

fürs Arbeitszimmer aus eigener

Tasche bezahlen.

Schutzanzug. Ein Mediziner arbeitete

als Zeitsoldat bei der Bundeswehr.

Bei einem Probealarm wurde

bei ihm eine Allergie gegen die

ABC-Schutzausrüstung festgestellt.

Der Arzt klagte daraufhin,

aus dem Soldatenverhältnis entlassen

zu werden. Vergebens. Laut

Dienstvorschriften könnten Stabsärzte

auch Verwaltungsaufgaben

übernehmen, so die Richter. Es sei

daher möglich, sie vom Tragen der

Schutzausrüstung zu befreien

(Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz,

10 A 10926/13.OVG).

FOTOS: AGENTUR FOCUS/OSTKREUZ/JULIAN RÖDER, DDP/SASCHA SCHUERMANN, PR

96 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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BAUMÄNGEL

Wer pfuscht, muss entschädigen

Die Eigentümer eines Grundstücks

schlossen 1999 mit einem

Bauunternehmen einen

Bauvertrag für ein Holzblockhaus

für umgerechnet 201 960

Euro. Das Haus bestand aus einer

Hauptwohnung und einer

Einliegerwohnung in der unteren

Etage, die vermietet werden

sollte. Im Februar 2000 waren

nach Abzug bereits geleisteter

Abschlagszahlungen noch

18 463 Euro offen. Nach Besichtigung

des Hauses lehnten die

Bauherren die Abnahme wegen

Mängeln ab. So fehlten unter

anderem in der Einliegerwohnung

die Fenster. Weil sich das

Bauunternehmen weigerte, die

Mängel zu beseitigen, bevor die

18 463 Euro bezahlt wurden, beauftragten

die Bauherren ein

anderes Unternehmen, die Einliegerwohnung

bewohnbar zu

machen. Der Rest des Hauses

war wegen Mängeln unbewohnbar.

Die Eigentümer zogen

in die untere Etage. Die

Bauherren verklagten darauf

das Bauunternehmen auf Ersatz

der ausgefallenen Mieteinnahmen

für die Einliegerwohnung

sowie eine Entschädigung

dafür, dass sie die Hauptwohnung

des Hauses nicht nutzen

konnten. Der Bundesgerichtshof

bestätigte den Anspruch der

Bauherren auf Entschädigung

MIETRECHT

Hausrecht geht vor Kontrolle

Die Vermieterin eines Hauses

wollte in der Wohnung eines

Mieters die installierten Rauchmelder

kontrollieren. Als sie

versuchte, Räume zu betreten,

in der keine Rauchmelder waren,

forderte der Mieter sie auf,

die Wohnung zu verlassen. Als

sie sich weigerte zu gehen, trug

sie der Mieter aus dem Haus.

Daraufhin kündigte die Vermieterin

den Mietvertrag fristlos,

hilfsweise innerhalb der gesetzlichen

Frist. Gegen die Kündigung

klagte der Mieter. Der

SCHNELLGERICHT

STADT DARF TAUBEN-FÜTTERN VERBIETEN

§

Die Stadt Stuttgart darf einer Einwohnerin verbieten,

Tauben zu füttern. Es sei legitim, so die Zahl

der Vögel im Stadtgebiet zu begrenzen und Gefahren

durch die Übertragung von Krankheiten abzuwehren

(Verwaltungsgericht Stuttgart, 5 K 433/12).

SCHNARCHEN IST ZUMUTBAR

§

Wer als Kassenpatient während eines Krankenhausaufenthalts

in einem Mehrbettzimmer untergebracht

ist, muss Ruhestörungen durch Besuche

von Angehörigen oder das Schnarchen anderer Patienten

hinnehmen. Er hat keinen Anspruch darauf,

dass die Krankenkasse die Kosten für ein Einzelzimmer

trägt (Sozialgericht Detmold, S 5 KR 138/12).

Bundesgerichtshof entschied,

dass sowohl die fristlose als

auch die ordentliche Kündigung

unwirksam waren (VIII ZR

289/13). Die Vermieterin habe

das Hausrecht ihres Mieters

verletzt und trage daher eine

Mitschuld am rabiaten Rausschmiss,

so die Richter. Zwar

habe der Mieter die Grenzen

der zulässigen Notwehr überschritten,

sein Verstoß sei aber

nicht so gravierend gewesen,

dass dies eine Kündigung gerechtfertigt

hätte.

(VII ZR 199/13). Schließlich sei

die Einliegerwohnung mit 75

Quadratmeter nur etwa halb so

groß gewesen wie die unbewohnbare

Hauptwohnung mit

136 Quadratmetern, so die

Richter. Ein Anspruch auf eine

Entschädigung scheide nicht

schon deshalb aus, weil ein anderes

Gericht den Bauherren

bereits Schadensersatz für den

Mietausfall zuerkannt hatte.

Der Schadensersatz für die entgangenen

Mieten und die Entschädigung

für den Nutzungsausfall

müssten aber verrechnet

werden. Wegen formaler Fehler

muss das Oberlandesgericht

Stuttgart erneut entscheiden.

GERICHTSVERFAHREN

Geld für lange

Wartezeit

Dauert ein entscheidungsreifes

Gerichtsverfahren bei einem Finanzgericht

unverhältnismäßig

lange, kann der Kläger dies rügen

und Schadensersatz von

1200 Euro pro Jahr verlangen. In

dem vom Bundesfinanzhof entschiedenen

Fall dauerte das

Verfahren 34 Monate (X K

8/13). Der BFH hielt 24 Monate

für angemessen, für die übrigen

neun Monate erhielt der Kläger

900 Euro Schadensersatz.

WIDERRUF MUSS SPEICHERBAR SEIN

§

Widerrufsbelehrungen, die Unternehmen ihren

Kunden im Internet anbieten, sind unwirksam,

wenn sie sich nur aufrufen, aber nicht speichern oder

ausdrucken lassen (Bundesgerichtshof, III ZR

368/13). Kunden, die ihren Vertrag widerrufen, müssen

daher die Widerrufsfrist von zwei Wochen nach

Vertragsschluss nicht einhalten. Eine Frau hatte sich

am 9. August 2010 für einen Lehrgang für Naturheilverfahren

angemeldet. Der Kurs sollte vom 9. April

2011 bis 20. Mai 2012 stattfinden. Am 19. Dezember

2010 sagte die Frau den Kurs ab. Sie zahlte freiwillig

zehn Prozent der Lehrgangsgebühren. Der Anbieter

verlangte die volle Summe. Zu Unrecht, wie der BGH

befand, denn die Widerrufsbelehrung sei unwirksam.

WM-SONDERREGELN

TOBIAS MAHLSTEDT

ist Fachanwalt

für

Mietrecht in

der Kanzlei

Börgers in

Berlin.

n Herr Mahlstedt, für diese

Weltmeisterschaft gibt es

erstmals Sonderregeln,

nach denen der Lärmschutz

gelockert wird. Was ist neu?

Durch die Zeitverschiebung

werden viele Spiele erst nach

22 Uhr angepfiffen. Die Bundesländer

können es Kommunen

daher erlauben, dass Fanmeilen

und Wirte Spiele auch

nach 22 Uhr zeigen dürfen –

ausnahmsweise sogar nach

Mitternacht. Die Sonderregel

gilt für Fußballübertragungen

auf öffentlichen Plätzen oder

in Kneipen. Das heißt: Mietern,

die sich vom Lärm im

Biergarten belästigt fühlen,

wird die Polizei bis Mitternacht

nicht weiterhelfen.

n Bei Lärmbelästigung darf

ein Mieter seine Miete

mindern. Fällt das dann weg?

Wenn der Vermieter nicht für

Ruhe sorgen kann, bleibt der

Anspruch auf eine Mietminderung

gegenüber dem Vermieter

bestehen. Der Mieter muss

aber zum Beispiel anhand eines

Lärmprotokolls nachweisen,

dass seine Ruhe nach 22

Uhr mehrfach mit mindestens

40 Dezibel gestört worden ist.

Und da die Weltmeisterschaft

rund einen Monat dauert,

könnte die Lärmbelastung von

einem Gericht durchaus als

wesentlich eingestuft werden.

n Was gilt bei privaten

Feiern?

Für private WM-Partys auf

Balkonen, der Terrasse oder

im Garten gilt nach wie vor:

Um 22 Uhr ist Nachtruhe.

Anschließend darf in der

Wohnung zwar weitergefeiert

werden, aber bei deutlich

reduzierter Lautstärke.

WirtschaftsWoche 7.6.2014 Nr. 24 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de, annina reimann | Frankfurt

97

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Das Spiel mit den

Hochzinsanleihen läuft immer

wieder nach dem gleichen miesen

Skript. Von Annina Reimann

Schmierenkomödie

Gewiefte Anwälte und

pfiffige Banker spielen

am Anleihemarkt

nach immer gleichem

Muster Theater. Erster Akt: Ein

klammes Unternehmen

braucht Geld, die Bank will

nichts mehr geben. Es legt eine

Hochzinsanleihe auf, einen

Junkbond – übersetzt: Schrott.

Damit Anleger anbeißen, werden

sie mit rund acht Prozent

Zins geködert. Verbindliche Finanzkennzahlen

(Covenants)

suggerieren Sicherheit. Sinkt

etwa die Eigenkapitalquote unter

eine Schwelle, dürfen Anleger

ihr Geld zurückfordern. In

der Praxis aber läuft das anders:

Reißt ein Unternehmen

Covenants, setzt es Anlegern

die Pistole auf die Brust. Falls

sie nicht zustimmten, dass Regeln

geändert würden, komme

die Pleite. Der als Retter gefeierte

Investor des Fahrradbauers

Mifa etwa verlangt Verzicht.

Nichts fürchten Unternehmer

mehr, als dass nicht genug Geld

zusammenkommt. Immer wieder

höre ich, dass Eigentümer

privat Millionen in Bonds stecken,

aber schnell verkaufen,

nachdem man Anlegern die Jubelnachricht

überbracht hat,

dass das Ding spielend platziert

wurde. Für Sparer sieht das so

aus, als ob die Anleihe ein voller

Erfolg wäre. Hilft alles nichts,

sollen auch heimlich Provisionen

von Unternehmen an die

Schrottverkäufer fließen.

Der zweite Akt, die Aufstockung

der Anleihe, läuft meist

hinter den Kulissen. Anleger bekommen

nur die Meldung, dass

das Unternehmen bei einer Privatplatzierung

frische Millionen

aufgenommen hat. Folge: Schulden

und Zinslast steigen, jeder

zuvor investierte Euro wird

wackliger. Der Tütensuppenhersteller

Zamek war ein Jahr nach

der Aufstockung pleite.

Alarmstufe Rot herrscht,

wenn das Unternehmen in ein

niedrigeres Segment der Börse

wechselt – in Frankfurt etwa

vom Entry Standard ins Quotation

Board. Es muss weniger Zahlen

melden. Dem Abstieg folgt

oft die Pleite – wie bei Windreich

und Payom Solar. Die Anleihe

des Spiele-Vermarkters Gamigo

wechselt zum 20. Juni aus

Kostengründen ins Quotation

Board. Ein Witz, der Entry Standard

kostet im Jahr 5000 Euro,

und Kosten für Finanzberichte

will Gamigo nicht sparen, die soll

es weiter geben.

TRAURIGES FINALE

Ist die Pleite klar, betreten neue

Darsteller die Bühne: Insolvenzverwalter,

die es verstehen, die

Leiche zu fleddern. Sie entlohnen

sich fürstlich, für die Anleger

bleibt fast nichts. Oft steht

im Skript der Spezialisten ein

Debt-to-Equity-Swap: Schulden

werden in Aktien getauscht, Anleger

enteignet – Solarworld

lässt grüßen.

Brummt das Geschäft wider

Erwarten, wird die Anleihe vorzeitig

gekündigt. Stand ja so im

Prospekt. Chemiker Nabaltec

etwa zog Anlegern ihre Papiere

unterm Hintern weg. Ähnliches

droht bei Dürr: Der Maschinenbauer

darf eine Anleihe im September

kündigen. Anleger bekämen

100 Prozent – auch, wenn

sie zu 105 gekauft haben.

Der Vorhang fiel in den letzten

Monaten oft – doch Ausfälle wie

Mifa, Rena, S.A.G. Solarstrom,

3W Power werden keine Ausnahme

bleiben. Die Zugabe

kommt: Ab 2015 laufen Junkbonds

über Milliarden aus.

Casino Royale

466 Milliarden Dollar

Wertpapierkredite

TREND DER WOCHE

Zwangsverkäufe drohen

An der Wall Street wurden massenhaft Aktien auf

Pump gekauft – ein Warnsignal.

Das Ende der vergangenen zwei

Haussen an Wall Street kündigte

sich in einer raschen Ausweitung

der Spekulationsneigung

der Anleger an. Abzulesen war

das an der Entwicklung der für

den Kauf von Aktien beliehenen

Wertpapierdepots. An der New

York Stock Exchange (Nyse) erreichten

die Wertpapierkredite

im Februar ein neues Rekordvolumen

von 466 Milliarden

Dollar. Der steile Anstieg startete

im August 2012. Angefacht

wurde die Spekulationsmanie

damals vor allem durch den

Freifahrtschein, den der damalige

US-Notenbankpräsident

Ben Bernanke mit der Ankündigung

einer dritten Runde von

Anleihekäufen ausstellte. Bis

zum Hoch im Februar weiteten

Anleger ihre auf Pump finanzierten

Wertpapierkäufe um

fast 190 Milliarden Dollar aus.

Unter Berücksichtigung der von

Aktienfonds gehaltenen Cashreserven

fiel die Nettoliquidität

auf ein Rekordminus von 209

Milliarden Dollar. Fallen die

Kurse der auf Pump gekauften

Aktien, sinken Beleihungsgrenzen

der Depots. Werden diese

unterschritten, gehen Aktien

automatisch in den Verkauf.

Das drückt die Kurse zusätzlich.

Ansatzweise war das bisher erst

zu spüren bei Trendaktien aus

Internet und Social Media. Seit

Februar schrumpfte das Wertpapierkreditvolumen

an der

Nyse um gut sechs Prozent.

Nach dem Platzen der Blasen

von 2000 und 2007 hatte es sich

jeweils mehr als halbiert, bevor

es wieder nach oben ging.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 4.6.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9926,67 –0,1 +19,7

MDax 16865,02 –0,3 +20,4

Euro Stoxx 50 3237,93 –0,3 +17,5

S&P 500 1926,49 +0,9 +18,1

Euro in Dollar 1,3627 +0,1 +4,1

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,42 +0,06 2 –0,13 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,59 +0,11 2 +0,45 2

Rohöl (Brent) 3 107,82 –1,7 +5,8

Gold 4 1245,25 –1,4 –11,0

Kupfer 5 6835,00 –2,8 –6,8

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 914,75 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BLOOMBERG NEWS/JIN LEE, LAIF/CHRISTIAN SCHMID

98 Nr. 24 7.6.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Strafkurse für Banken

Drohende Prozesse dürften den Ausgabepreis der

neuen Deutsche-Bank-Aktien empfindlich drücken.

HITLISTE

Dass der französischen BNP

Paribas wegen Verletzung der

US-Sanktionspolitik eine Strafe

von zehn Milliarden Dollar

droht, kommt für die Deutsche

Bank zur Unzeit. Eigentlich

ist die Deutsche gerade

dabei, über eine Kapitalerhöhung

acht Milliarden Euro

einzusammeln, um damit vor

allem im Wertpapiergeschäft

in die Offensive zu gehen.

Nun dürfte sie allein mit Blick

auf ihre etwa 1000 größere

Rechtsstreitigkeiten und das

drakonisch gestiegene Strafmaß

einen wesentlichen Teil

der Einnahmen für mögliche

Straf- und Vergleichszahlungen

reservieren. Bisher hat die

Deutsche dafür nur zwei Milliarden

Euro zurückgestellt.

Der Kursabschlag, mit dem

derzeit neue Aktien der Deutschen

Bank angeboten werden,

dürfte eher größer ausfallen.

Wahrscheinlich werden es

bis zu 30 Prozent gegenüber

den Altaktien. Für die neuen

Anteile ergäbe das Kurse

zwischen 20 und 22 Euro. Mehr

zahlen sollten Anleger nicht.

Magere Zeiten Sparer

werden Spekulanten

DAX

Keine Einbahnstraße

Wer jetzt noch auf den Börsenzug aufspringen will,

sollte defensive Werte wählen.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9926,67 –0,1 +19,7

Aktie

Stand: 4.6.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 77,95 –0,9 –6,7 4,17 5,06 15 16308 1,92

Allianz 123,50 –1,0 +3,7 13,65 13,96 9 56310 4,29

BASF NA 85,09 +0,3 +13,3 5,92 6,45 13 78153 3,17

Bayer NA 105,55 +0,8 +28,7 6,10 6,93 15 87284 1,99

Beiersdorf 73,95 +0,2 +7,7 2,56 2,84 26 18635 0,95

BMW St 91,27 –0,1 +24,5 8,68 9,18 10 58697 2,85

Commerzbank 11,44 –4,6 +46,3 0,63 1,06 11 13025 -

Continental 173,45 –0,9 +72,8 12,64 14,37 12 34691 1,44

Daimler 69,31 ±0 +42,6 6,06 6,83 10 74122 3,25

Deutsche Bank 29,72 –1,8 –19,1 2,94 4,08 7 30291 2,52

Deutsche Börse 55,44 ±0 +10,3 3,80 4,22 13 10700 3,79

Deutsche Post 27,12 ±0 +40,7 1,71 1,91 14 32782 2,95

Deutsche Telekom 12,41 +1,5 +42,5 0,63 0,68 18 55239 4,03

E.ON 14,31 +1,0 +11,3 0,94 1,01 14 28624 4,19

Fresenius Med.C. St 48,34 –0,4 –7,2 3,64 4,01 12 14865 1,59

Fresenius SE&Co 110,35 +0,5 +19,9 6,34 7,17 15 24904 1,13

Heidelberg Cement St 64,05 +0,2 +8,8 4,01 5,04 13 12009 0,94

Henkel Vz 85,25 +0,9 +13,8 4,30 4,68 18 34658 1,43

Infineon 9,07 –0,2 +37,7 0,41 0,53 17 9800 1,32

K+S NA 25,13 –3,0 –19,9 1,43 1,52 17 4810 0,99

Lanxess 51,70 –0,7 –10,4 2,25 3,59 14 4302 0,97

Linde 155,40 +1,1 +6,9 8,08 9,07 17 28850 1,93

Lufthansa 19,69 +1,6 +15,2 1,90 3,00 7 9056 -

Merck 126,65 –0,1 +3,2 9,20 9,56 13 8184 1,50

Münchener Rückv. 160,75 –1,2 +13,6 17,37 17,59 9 28829 4,51

RWE St 29,52 +0,8 +12,5 2,22 2,27 13 17880 3,39

SAP 55,61 –0,