Die Kinder von Cali - Jesuitenmission

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Die Kinder von Cali - Jesuitenmission

Die Kinder von CaliSeit fünfundzwanzig Jahrenkämpft P. Alfredo Welker SJfür ein menschenwürdigesLeben im Slum El Retiro derkolumbianischen Stadt CaliEin Bericht von Peter Balleis SJ„Seit ich hier in Cali in Agua Blancaarbeite, bin ich zu der Überzeugung gekommen,dass es das Böse gibt“, sagt JesuitenpaterAlfredo Welker nachdenklichbei einem abendlichen Bier. Am Morgenwar Doña Maria gekommen, um für dieBeerdigung ihrer 32 Jahre alten TochterHilfe zu erbitten. Die Tochter von DoñaMaria ist am Wochenende bei einemFest mit einem Kopfschuss aus nächsterNähe umgebracht worden. „Warum?Keiner weiß es. Wer? Jeder weiß es, aberkeiner will es sagen.“ Doña Maria wirdsich um die fünf hinterbliebenen Kinderihrer Tochter kümmern. Pater Welker erzähltnoch mehr. „Anfang August habenfünf junge Leute aus dem Viertel offensichtlichim Auftrag die Polizeistationin Agua Blanca am frühen Morgen miteiner Granate in die Luft gejagt. FünfPolizisten waren tot. Keine drei Stundenspäter waren alle fünf Täter auch tot, alssie sich ihre Bezahlung für ihre Auftragsarbeitabholen wollten.“ Wer waren diepolitischen Auftraggeber? Die Guerilla?Diese Gewalt scheint so sinnlos, sodumm. Die Aussage von Dietrich Bonhoefferin seinem Brief aus dem Gefängniskommt mir wieder in den Sinn; erschreibt: „Das Böse ist dumm.“Wunder in der Hölle von CaliVor fünfundzwanzig Jahren, Ende 1981,begann Pater Welker in dem damals berüchtigtstenSlum von Cali, in El Retiroim Stadtviertel Agua Blanca, mit seinerArbeit. Afro-Kolumbianer hatten dasoft überschwemmte Gebiet besetzt undihre Hütten gebaut. Damals beschriebPater Welker die Misere der Menschenals „Hölle von Cali“. Er ließ sich aufdiese Hölle ein und begann mit denMenschen zu leben und zu arbeiten. EinBautrupp half beim Häuserbau. Wegewurden angelegt. Das Gelände wurdedurch Bauschutt gehoben, um es gegendie Überschwemmungen des Abwasserkanalszu schützen. Ein Kindergartenund Schulen für die Kinder von Califolgten. Zehntausend Kinder gingen damalsim Werk „El Señor de los Milagros“zur Schule. Es war ein Wunder, wie sichdie Lage für alle verbesserte.Es war auch ein Wunder, als PaterWelker vor über zehn Jahren bei einemÜberfall nur einen Streifschuss in denArm bekam. „Mein alter Bischof vonCali fragte mich neulich wieder, ob ichdenn immer noch bei den Schwarzen inEl Retiro sei“, berichtet der Pater. DieAntwort lautet dann: „Seguro – natürlich“.„Das freut mich“, erwiderte derBischof. Und im Rückblick auf fünfundzwanzigJahre Wirken in El Retiro meintder Pater: „Es erwartete wohl keiner,dass ich so lange hier aushalten undüberleben würde!“„Hier kann man schnell sterben“„Padre“ – so kennt und ruft man AlfredoWelker in Agua Blanca und außerhalb.Sein zerbeulter, zerkratzter Toyota iststadtbekannt. Mit dem Padre durchAgua Blanca zu fahren ist der besteSchutz. Pater Welker SJ ist mit denSchwarzen – den Afro-Kolumbianern –einen langen Weg gegangen. Inzwischenist die erste Generation der „Kinder vonCali“ erwachsen. Mitglieder dieser Generationleiten das Sozialwerk, die SchulePater Alfredo Welker SJ mit „seinen“ Kindern.für heute dreitausendfünfhundert Kinder,die Klinik und Frauengruppen. Esist ihr Zentrum. Sie sind auch politischerwachsen geworden und kennen dasGewicht ihrer Stimmen. „Es wird hierin Cali keiner mehr Bürgermeister ohnedie Stimmen der Leute in Agua Blanca“,sagt Pater Welker. „Über 1,3 MillionenMenschen leben in diesem Stadtteil vonCali. Ein Drittel der Gesamtbevölkerungder Stadt sind Schwarze, aber es gibtkeinen einzigen schwarzen Stadtrat.Das werden wir ändern. Wir arbeitennun gezielt mit unseren politischenGruppen darauf hin, dass ein schwarzerKandidat bei den nächsten Wahlen inden Stadtrat kommt. Wir haben einenKandidaten. Wenn nötig, sage ich kritischeSachen gegen die Stadtverwaltung,damit unser Kandidat nicht mit demLeben bedroht wird, denn hier kannman schnell sterben.“


Hier berichten zwei der mittlerweile erwachsen gewordenen Kindervon Cali, was ihnen das Sozialwerk „el Señor de los Milagros“ undder Einsatz von P. Alfredo Welker SJ bedeuten:Ich heiße Carlos Alberto CueroValencia und bin 34 Jahre alt.Als meine Familie vor 25 Jahren indas Barrio El Retiro kam, fehlte hieralles, was zum Leben notwendig ist.Es gab keine Schulen, keine Gesundheitszentren,keine Arbeitsplätze. DieBewohner waren mehrheitlich von derPazifikküste zugezogen. Sie hatten großeFamilien mit 10 bis 12 Kindern, wareneinfache Arbeiter, zum Teil Analphabeten,die Kinder unterernährt.Dann erschien ein Deutscher mitsozialistischen Ideen, wandte sich denBedürftigsten, den Kindern, zu undschuf mit der „Corporación el Señorde los Milagros“ eine Oase inmitteneiner vom Staat verlassenen Wüste desElends. Unserem Volk hat alles gefehlt.Vor 26 Jahren gab es in unserem Distriktnur drei Barrios – El Retiro, El Vergelund Laureano Gómez – mit rund 3000Bewohnern. Heute sind es über 180 Barriosmit über einer Million Einwohnern.Die soziale Vernachlässigung von Seitender Stadt und damit auch das Elendwerden jeden Tag größer. Dagegen istdie ständige soziale Hilfe, die moralischeund spirituelle Begleitung, die Beschaffungvon Arbeit, die die Corporaciónel Señor de los Milagros der armenBevölkerung des Distrikts Agua Blancazur Verbesserung ihrer Lebensqualitätund ihrer Selbstachtung angeboten hat,musterhaft.Ich bin ein Sohn der Corporación. Siehat mich seit meiner Kindheit geformt,und so wie mich gibt es viele andere hier.Über 100 von uns haben ein Stipendiumfür ein Universitätsstudium erhalten.Wir haben ein Friedenstraining mitgemacht,um die Gewalt in unserenReihen zu reduzieren. Mit den emotionalenund intellektuellen Fähigkeiten,die wir hier erworben haben, üben wirDruck auf den Staat aus, damit er seineverfassungsmäßigen Pflichten erfüllt unduns hilft. Wir sind strikte Gegner derKorruption unter den Regierenden derStadt, des Distrikts und der Nation. Wirsind die einzige Gruppe in Kolumbien,die anerkannt ist für ihre umfassendesoziale Tätigkeit, für die transparenteHandhabung der finanziellen Hilfen.Wir sind die einzige Corporación, diesich durch Gemeinschaftsgeist ohneGewinnsucht 25 Jahre lang gehalten hat.Jetzt sind wir sozial und politisch schongut organisiert, um vom Staat unsereRechte einzufordern durch eine politischeBeteiligung im Stadtrat von Cali.Wir wollen von dort aus eine echtesoziale Revolution beginnen, in der dieGrundsätze unserer Cooperación gelten,die die Bedürftigen einschließen undnicht ausschließen. Die Politiker habenbisher nur das Elend und die Ignoranzder Leute ausgenützt, um sie jeden Tagärmer zu machen. Unsere Regierendeninvestieren nicht im sozialen Bereich,denn das bringt kein Ansehen. Siegeben lieber große Summen für den Bauvon Prestigeobjekten wie Brücken undStraßen aus. Währenddessen sterben dieLeute vor Hunger. Hier in der Corporaciónarbeiten wir nicht für Brücken,Straßen und große Infrastrukturen. Hierarbeiten wir mit menschlichen Wesen,mit Drogenabhängigen, mit Waisenkindern,mit körperlich und geistig Behinderten,mit alten Leuten, mit verlassenenMüttern, mit Kranken – eine Arbeit, diewir Tag für Tag tun. Und doch sind dieProbleme so groß, dass sie täglich nochwachsen. Wenn es in Cali zehn Organisationenwie die unsere gäbe, sähe dieSituation anders aus.Ich möchte in meinem Namen undim Namen meiner kolumbianischenLandsleute im Distrikt Agua Blancadafür danken, dass Sie Padre AlfredoWelker geschickt und unterstützt haben.Er hat eine außergewöhnliche Arbeitgeleistet mit unermüdlichem Geist,mit Menschenfreundlichkeit und miteiner Einsatzfreude, die wir bei keinemKolumbianer gefunden haben. Ein Ausländerhat uns das vorgelebt. Ohne ihnwäre nichts von alledem geschehen, waswir erlebt haben. Obwohl ihn bei einemAttentat eine Kugel getroffen hat, ließ ersich nicht abschrecken. Er blieb seinerBerufung treu, den Ärmsten zu dienen.In einem Land wie Kolumbien, in demein ungezügelter Kapitalismus herrscht,wird jeder, der auf sozialem Feld arbeitet,immer als Bedrohung gesehen. Deshalbmüssen wir das Volk aufrütteln, damites seine Rechte einfordert, die man ihmgeraubt hat.Wir sind ein Team, das bereits aufgerütteltist und das jetzt unsere Gemeindeaufrüttelt. Wir umgeben und unterstützenunseren Padre, wir lassen ihn indiesem Kampf nicht allein. Wir nehmenunsere Verantwortung wahr und bringendiese Corporación voran, die in ihrerganzen Geschichte nur das eine Zielhatte: einer vergessenen und vom Staatausgebeuteten Gemeinde zu dienen.Carlos Alberto Cuero ValenciaExekutivdirektor des Sozialwerkes


Ich heiße Kelly Rosa SevillanoFajardo und bin 27 Jahre alt.Ich lebe im Barrio El Vergel, einemvernachlässigten Sektor der Stadt Caliim Distrikt Agua Blanca. Ich lebezusammen mit meiner Mutter und zweiSchwestern. Mein Vater wurde vor fast13 Jahren im Kreuzfeuer eines Bandenkampfesgetötet. Mein Vater hatte alsAutomechaniker gearbeitet und meineMutter als Verkäuferin von Fischgerichten.Meine Schwestern und ich hatteneinen komplizierten Tagesablauf, ummeiner Mutter bei der Zubereitung derFische zu helfen. Wir sind morgens zurSchule gegangen, und diejenige, die alserste aus der Schule nach Hause kam,war dafür verantwortlich, das Mittagessenzu kochen. Wenn meine Mutterdann von der Arbeit kam, musste jedevon uns im Hof fast vier Stunden jedenTag damit verbringen, zwischen 40und 50 Pfund Fische zu schuppen undauszunehmen. Das hat uns zu verantwortungsbewusstenFrauen gemacht, diehart arbeiten können und füreinandereinstehen.Als mein Vater starb, hatten wir dasGefühl, als würden wir mit ihm sterben.Ich war damals 15 Jahre alt und studierteam Colegio el Señor de los Milagros.Aus Schmerz über seinen Tod wollte ichnicht mehr weiter studieren. Meine Lehrerinhatte große Mühe, mich am Kollegzu halten. Sie besuchte mich immer wiederund insistierte auf meinem weiterenStudium. Meine Mitstudenten wähltenmich dann zur Vorsitzenden des Studentenrates,was für die Entwicklung meinerPersönlichkeit sehr wichtig war. DieseAufgabe brachte mich auch in näherenKontakt mit Padre Alfredo und seinemWerk, das wir schon oft bewunderthatten, ohne die einzelnen Aspekte inunserer Umgebung genauer anzusehen.Als ich mein Bachelor-Studium abgeschlossenhatte, gab mir der Pater dieGelegenheit, im Gesundheitszentrumzu arbeiten und vertraute mir die Kassemit den Spenden für die deutschenÄrzte an, die dort arbeiteten. In dieserZeit und mit Unterstützung von PadreAlfredo studierte ich zwei Jahre langSystemanalyse und -programmierung.Dann begann ich an der UniversitätAntonio Nariño ein Abendstudium inPsychologie mit der Unterstützung vonzwei Spenderinnen aus Deutschland, diemir über Padre Alfredo das Geld für dieStudiengebühren schickten, was michungemein motivierte.Die Verleihung meines akademischenGrades war der glücklichste Tag meinesLebens. Als ich die Urkunde überreichtbekam, nach der ich den Titel Psychologinführen darf, versammelten sich alle,die das mit ihrer Unterstützung, ihrerBegleitung und Motivation möglichgemacht haben, darunter auch meineMutter und Padre Alfredo Welker SJ.Ich erhielt einen Vertrag mit der Familienwohlfahrtund arbeitete für dasProgramm der Gemeinschaftsheime.Ich war damit auch Kontaktpersonzwischen der Familienwohlfahrt undder Corporación el Señor de los Milagros,wo man in diesen Jahren erreichthat, dass die Regierung teilweise dieVerantwortung für das Wohl der Kinderin diesem Sektor übernommen hat. Sieunterstützt 26 Gemeinschaftsheimemit je 12 Kindern, d.h. insgesamt 312Minderjährige von 2 bis 5 Jahren. In derNachbarschaft beobachte ich ständigbittere Armut, Entwurzelung, vielfacheNöte und Gewalt in jeder Form. Vieledieser Familien kommen aus verschiedenenTeilen des Landes. Die Familienkonstellationensehen in der Mehrzahlder Fälle so aus: Mutter, Kinder undStiefvater; Vater, Kinder und Stiefmutter;Mutter und Kinder; jüngere Kinderzu Lasten der älteren. Es gibt auch vieleKinder, die mit Großvätern, Onkelnoder Pflegepersonen leben. Soziale Problemewie Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung,der Mangel an Erziehung,Ortswechsel, Armut und Elend bringensoziale Gewalt im Distrikt Agua Blancahervor. Sie äußert sich in Diebstahl,Überfällen, Drogenhandel, Kinderarbeit,Prostitution, Bettelei. Die Situationverschärft sich durch den ständigenbewaffneten Konflikt in den ländlichenZonen, der die gewaltsame Umsiedlungder Landbevölkerung in die Städte zurFolge hat. Auf diesem Hintergrundund im Blick auf die Krankheits- undSterblichkeitsrate in dem Sektor war dasSozialwerk el Señor de los Milagros inden 25 Jahren seiner Arbeit mit den undfür die Minderbegünstigten die einzigeOption, Licht am Ende des dunklenTunnels zu sehen. Es hat geholfen, dasLeben, das vorher mit so viel seelischerund wirtschaftlicher Bedürftigkeit gefülltwar, zu verändern. Es hat geholfen, vomreinen Kampf des Überlebens zu einerStrategie des Lebens zu finden.Kelly Rosa Sevillano FajardoPsychologinWeitere Informationen:JesuitenmissionKönigstraße 6490402 NürnbergTel. (0911) 23 46-160Fax (0911) 23 46-161www.jesuitenmission.deDie Jesuitenmission hat eineigenes Spendenkonto für die„Kinder von Cali“ eingerichtet:Kto. 2500, Liga Bank Nürnberg,BLZ 750 903 00

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