Leseprobe: Kein Herz ohne Zweifel

annasusannebastian

Lesen Sie das erste Kapitel dieses ungewöhnlichen Liebesromans.

Mit vor Aufregung geröteten Wangen sah Hanne in den bodentiefen

Spiegel, der eine komplette Seite des großzügigen

Ankleidezimmers einnahm. Die Seidenbluse in frischem Grün

betonte geschickt ihren gesunden Teint, die neue Jeans saß tadellos.

Prüfend betrachtete Hanne ihr Hinterteil, und die Freude

über vier verlorene Kilogramm ließ sie übermütig damit hin- und

herwackeln. Dann öffnete sie fröhlich summend eine Schublade,

in der sich ein umfangreiches Sortiment modischer Accessoires

befand. Für einen Sonntagsspaziergang in den Weinbergen sollte

der Gürtel nicht zu protzig sein. Nach kurzem Überlegen wählte

Hanne ein dunkelblaues Modell, bei dem das Designerlabel so

dezent angebracht war, dass nur Kenner es bemerkten.

Sie griff nach dem bunten Seidenschal, drehte sich nochmals um

die eigene Achse und fühlte sich wie ein Teenager. Ihre Tennisfreundinnen

erkundigten sich seit einigen Wochen regelmäßig

danach, welches Wundermittel für die auffallende Veränderung

verantwortlich war. Die Erklärung, dass die Wechseljahre sie endlich

aus dem hormonellen Klammergriff entlassen hatten und es

ihr deswegen plötzlich blendend ging, glaubten nur die Wenigsten.

Ein Großteil diagnostizierte hinter vorgehaltener Hand, der

Grund für diesen Wandel läge in der Überwindung ihrer Trauer,

in der sie fünf lange Jahre gefangen war. Hanne fühlte sich tatsächlich

wie befreit und lächelte so unschuldig wie möglich,

wenn die Nachfragen immer bohrender wurden und die Mutmaßungen

gefährlich nah an die Wahrheit herankamen.

Das Hüten von Geheimnissen fiel ihr leicht. Sie war eine Meisterin

der Illusion, wenn es darum ging, anderen Menschen eine

heile Welt vorzugaukeln. Diese Fähigkeit war nicht nur Basis

ihrer Ehe gewesen, die ein Vierteljahrhundert gedauert hatte

und niemals den Anschein erweckte, dass damit etwas nicht

stimmte. Auch das harmonische Familienleben mit drei Söhnen

war sorgsam inszeniert. Richard legte bis zum letzten Tag größten

Wert darauf, dass nur nach außen drang, was seinem

Ansehen als erfolgreicher Investment-Banker nicht schadete. Er

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