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Leseprobe Zwei im Baumhaus

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Käthe Recheis

Zwei im

Baumhaus


Käthe Recheis

Zwei im

Baumhaus

mit Farbbildern

von Franz Hoffmann

Obelisk-Verlag


Es waren einmal

eine kleine Katze

und ein kleines Kaninchen.

5


Sie wohnten

in einem alten Baum.

Die Haustür war ganz unten

am Stamm zwischen

zwei großen Wurzeln.

Nicht weit von ihrem Baum

floss ein Bach vorbei.

Am Ufer wuchsen

Büsche und Weiden,

im Gras blühten Blumen.

6


Die kleine Katze

und das kleine Kaninchen

waren immer beisammen.


Sie spielten miteinander,

sie standen auf

zur gleichen Zeit

und gingen schlafen

zur gleichen Zeit.

Bessere Freunde als die zwei

konnte man nirgends finden.

Nur eines war nicht so,

wie es sein sollte.


Das kleine Kaninchen

fürchtete sich immer.

Die kleine Katze aber

hatte niemals Angst.

Auch dann nicht,

wenn die Nacht kam

und es dunkel wurde

und es einmal da knisterte

und einmal dort.

10


„Kaninchen“,

sagte die kleine Katze,

„du brauchst

keine Angst zu haben.

Ich bin sehr mutig,

und ich beschütze dich

vor Tigern und Riesen

und Ungeheuern.“


„Ich habe keine Angst“,

sagte das kleine Kaninchen.

Seine großen Ohren zitterten,

denn irgendwo raschelte es

und knackte es.

„Kaninchen!“,

rief die kleine Katze.

„Du wirst dich doch nicht

schon wieder fürchten!“


„Ich fürchte mich nicht“,

wollte das kleine Kaninchen

sagen, aber dazu

kam es nicht mehr.

Es hatte sich schon hinter dem

nächsten Busch verkrochen.

Ja, das war schlimm!

Immer hatte

das kleine Kaninchen Angst.

Nichts konnten die beiden

in Ruhe tun.

13


Wenn sie beim Essen waren

und es sich

schmecken ließen,

da brauchte die kleine Katze

nur zu sagen:

„Hab keine Angst, Kaninchen,

ich beschütze dich

vor Tigern und Riesen

und Ungeheuern …“

– und schon kroch

das kleine Kaninchen

unter sein Bett

und wagte sich

nicht mehr hervor.

14


Waren sie auf der Wiese,

rannte das kleine Kaninchen plötzlich

mitten im Spiel fort.

Es versteckte sich im Haus,

nur weil die Wellen

im Bach plätscherten

oder ein Ast im Wind seufzte.

„Dieses Kaninchen

macht mich

noch ganz verrückt!“,

dachte die kleine Katze.


Eines Abends

saßen sie am Bach.

Es war ein

wunderschöner Abend.

Der Mond stand am Himmel,

rund und weiß.

Auf dem Wasser

blitzten Funken.

Die Welt war still und feierlich.

Nur die Wellen glucksten,

und irgendwo

regte sich ein Vogel.

17


„Ach“, sagte die kleine Katze,

„gibt es etwas Schöneres

als da sitzen

und im Mondlicht träumen?“

„Nein“,

sagte das kleine Kaninchen.

Seine großen Ohren zitterten

und lauschten und horchten.

„Kaninchen!“,

rief die kleine Katze.

„Du wirst dich

doch nicht schon wieder ...“

Und dann sagte sie

nichts mehr.

18


Das kleine Kaninchen

war ins Haus gerannt

und hatte sich

unter dem Bett verkrochen.

„Jetzt ist es zu viel!“,

sagte die kleine Katze.

„Nichts kann ich in Ruhe tun.

Nicht einmal im Mondlicht träumen!

Was nützt es,

einen Freund zu haben,

wenn man dabei verrückt wird!“


Die kleine Katze ging fort

und wanderte

am Bach entlang.

Als sie lange gewandert war,

setzte sie sich am Ufer nieder,

schaute zum Mond auf

und träumte.

21


„Wie gut ist es,

dass ich allein bin“,

dachte die kleine Katze

und war glücklich.

Jetzt endlich

hatte sie ihre Ruhe.

„Ich werde mir

ein neues Baumhaus suchen“,

sagte sie,

„und dort will ich dann leben,

ganz allein.“

22


Die kleine Katze hätte

dem Kaninchen gern erzählt,

was sie vorhatte

und wie schön

das Leben sein würde,

ganz allein.

Aber das kleine Kaninchen

war nicht da.

Es war daheim,

saß unterm Bett

und fürchtete sich.


Die kleine Katze

wanderte weiter.

Am Ufer saß ein Waschbär

und holte Krebse

unter den Steinen hervor.

„Waschbär“,

sagte die kleine Katze,

„ich suche ein Baumhaus,

hörst du,

dort will ich dann leben,

ganz allein.“

Der Waschbär

gab keine Antwort.

25


Er war viel zu eifrig dabei,

Krebse zu fangen.


„Es ist schön, allein zu sein!“,

sagte die kleine Katze

und ging weiter.

Schade nur, dass ihr niemand

zuhörte.

Die kleine Katze

wanderte weiter

und weiter

und kam zu den Fischottern.


„Fischotter“,

sagte die kleine Katze,

„ich suche ein Baumhaus,

hört ihr,

dort will ich dann leben,

ganz allein.“

Die Fischotter

gaben keine Antwort.

Sie schlitterten vom Ufer

ins Wasser,

kletterten heraus

und schlitterten wieder hinein.

28


Sie merkten nicht,

dass die kleine Katze da war,

so vertieft waren sie

in ihr Spiel.


DIE AUTORIN: Käthe Recheis

Käthe Recheis wurde am 11. März 1928 in Engelhartszell

(Oberösterreich) als das vierte Kind eines Landarztes

geboren. Sie besuchte die Volksschule in Hörsching und

maturierte in Linz. In der Folge war sie als Redaktionssekretärin

tätig. 1956 - 1961 Leitung des österreichischen Büros einer

internationalen Katholischen Organisation zur Betreuung von

Auswanderern. Seit 1961 freie Schriftstellerin. Als Autorin und

Übersetzerin hat sie über 60 Kinderbücher veröffentlicht, für die

sie u.a. zwölfmal mit dem Österreichischen Kinderbuchpreis

und zehnmal mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt

Wien ausgezeichnet wurde. Für ihr Gesamtwerk erhielt sie den

Österreichischen Würdigungspreis für Kinderliteratur. Zudem

wurde ihr der Berufstitel „Professorin“ verliehen. Gleichsam einen

zweiten Beruf hatte Käthe Recheis in ihrem Engagement für die

Indianer Nord- und Mittelamerikas. Zusammen mit ihrem Bruder

hat sie Indianerschulen gegründet, indianische Texte herausgegeben

und übersetzt. Käthe Recheis ist am 29. Mai 2015

in Linz gestorben. Davor lebte sie in Hörsching, wo sowohl die

Volks- als auch die Hauptschule nach ihr benannt sind.

DER ILLUSTRATOR: Franz Hoffmann

geboren 1958 in Jois (Bgld.), ist als Grafiker Autodidakt.

Seit 1989 illustriert er Kinderbücher, Schulbücher und

Bildgeschichten. Er lebt in Wien und im Burgenland.

Im Obelisk Verlag sind zahlreiche Bücher mit Hoffmann-

Illustrationen erschienen.

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