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Robert Klement

SPURLOS

DAS DÜSTERE TAL


Robert Klement

SPURLOS

DAS DÜSTERE TAL

Obelisk Verlag


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Neue Rechtschreibung

© 2020 by Obelisk Verlag, Innsbruck – Wien

Lektorat: Regina Zwerger

Alle Rechte vorbehalten

Produktion: Druckerei Finidr s.r.o., Cesky Tesin, Tschechien

ISBN 978-3-85197-948-0

www.obelisk-verlag.at


INHALT

Das Mädchen 7

Die Suche nach Glück 20

Eine große Liebe 41

Verräterisches Tagebuch 56

Panik 75

Die Sache mit Noah 89

Nachwort 102

Der Autor 103


DAS MÄDCHEN

„He, ihr dort!“

Sie konnten nicht gleich feststellen, woher dieser Ruf

gekommen war, und blickten sich suchend um.

„Ja, euch beide mein ich.“

Der alte Mann stand zwischen zwei Felstürmen oberhalb

des Hanges. Sein langes Haar leuchtete schneeweiß.

Einzelne Strähnen hingen ihm wirr ins Gesicht und

wehten im Wind.

„Ihr solltet nicht durch dieses Tal gehen!“ Seine Stimme

klang seltsam gepresst. Er stieß die Worte hervor, es

schien ihm große Anstrengung zu bereiten.

„Wieso denn?“, rief Tim. Doch da war der Mann plötzlich

hinter den Felsen verschwunden.

Die beiden Wanderer hatten kurz zuvor beschlossen,

eine Abkürzung zu nehmen, um schneller nach

Fort William zu kommen. Tim hatte seine Wetter-App

gecheckt, weil plötzlich dunkle Wolken aufgezogen

waren.

„Was will der Opa von uns?“, fragte Julian.

Vielleicht war es ein Wildhüter oder der Besitzer des

Grundstücks. Es gab in Schottland einige Farmer, die

etwas dagegen hatten, dass immer mehr Wandergruppen

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über ihre Weideflächen trampelten. Es war jedoch weit

und breit kein Hinweis zu sehen, der den Durchgang

durch dieses Tal untersagt hätte.

Nach etwa einer halben Stunde verdüsterte sich der

Himmel völlig. Das Licht über der Heide hatte nun etwas

Schauerliches und das welke Gras leuchtete goldbraun.

Sie erreichten einen Fluss, aus dem Dunstschwaden

stiegen und das Tal wie unter einer Decke verhüllten.

Dort flatterte ein Moorhuhn auf. Plötzlich ertönte ein

Brausen. Am Horizont zuckten Blitze zwischen dahinstürmenden

schwarzen Wolken und es begann zu regnen.

Tim und Julian hörten ein Grollen, das unheilvoll

herankroch und sich zu einem rhythmischen Donnern

ganz in ihrer Nähe auswuchs.

Sturm und Regen wurden rasch stärker. Die beiden

kamen nur quälend langsam voran. Oft sanken sie bis

zu den Knöcheln in Morast und traten auf Steine, die

schmatzend im Boden verschwanden.

„Wir sollten umkehren!“, schrie Julian mühsam gegen

das Heulen des Sturmes an, doch Tim drängte weiter

vorwärts. „Das geht vorbei. Es wird nicht lange dauern.“

Durch den peitschenden Regen waren sie im Nu völlig

durchnässt. Die Blitze zuckten jetzt in immer schnellerer

Folge über den Himmel. Sie kamen zu einer schmalen

Straße. Vielleicht gelang es, ein Auto anzuhalten. Doch

es ließ sich keines blicken.

Im Schein eines ungewöhnlich hellen Blitzes erkannten

sie ein einsames Haus. Beim Näherkommen hörten sie

das heftige Bellen eines Hundes.

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Die Fensterläden waren geschlossen. Die drei Stufen,

die zur Tür führten, waren so verrottet, dass man Angst

haben musste, durchzubrechen. Wo einst die Klingel war,

hingen Drähte aus der Mauer, daher trommelten sie mit

den Fäusten gegen die Tür. Sofort hörten sie eine forsche

helle Mädchenstimme:

„Wer ist da?“

„Wir sind zwei Schüler, wir haben uns verirrt.“

„Ich bin allein und darf niemanden einlassen.“ Der

Hund bellte, als wollte er die Tür aus den Angeln heben.

„Wir bleiben nur so lange, bis der Regen nachlässt.

Lass uns bitte rein!“ Julian glaubte, man müsse sein

Zähneklappern sogar durch die geschlossene Tür hören.

„Ich kann euch nicht helfen. Tut mir leid. Ich …“ Der

Rest ging im Tosen des Sturmes unter. Vielleicht half

eine kleine Unwahrheit: „Mein Freund hat sich am Fuß

verletzt, er kann nicht mehr weiter.“

„Das ist ein mieser Trick. Geht bitte weg von da, ihr

macht meinen Hund verrückt!“

„Wie heißt du?“

„Ist doch egal, wie ich heiße. Ihr kommt hier nicht rein.“

Tim wusste instinktiv, dass er sie im Gespräch halten

musste. Solange sie antwortete, bestand Hoffnung. „Wir

sind hier auf Sprachferien. Ich bin Tim, mein Freund

heißt Julian. Wir kommen aus Österreich.“

Es würde vielleicht Vertrauen schaffen, wenn sie

wusste, mit wem sie es zu tun hatte. Keine Antwort.

„Sie ist weg“, sagte Tim.

„Scheiße, was machen wir jetzt?“, fragte Julian. Ein

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weiterer Blitz zeigte, dass weit und breit kein anderes

Haus in der Nähe war.

Plötzlich … das Geräusch eines zurückgeschobenen

Riegels. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Die

schwere, mit Eisen beschlagene Tür ging auf. Das

Mädchen hatte größte Mühe, den Hund am Halsband

zurückzuhalten.

„Ruhig, Winston, ruhig!“, kreischte es.

Julian nahm zunächst nur ihre Umrisse wahr, da

seine Brille angelaufen war. Die beiden bedankten und

entschuldigten sich; nach jedem Schritt hinterließen sie

Rinnsale, die sich rasch zu Pfützen ausweiteten. Das

Mädchen führte sie in ein Zimmer. Im hohen Kamin

prasselte ein Feuer.

„Wir bringen die Pizza“, scherzte Julian.

„Hab aber nichts bestellt“, antwortete das Mädchen und

zwang sich ein Lächeln ab.

Sie breitete ein Plastiktischtuch über das Sofa und

schaltete den Computer aus. Dann ließ sie sich in einen

wuchtigen braunen Ledersessel fallen. Sie musterte ihre

beiden Gäste mit einer Mischung aus Ungläubigkeit,

Belustigung und Wissbegierde. Fast so, wie man ein seltenes

Tier betrachtet. Dann hauchte sie mit einem Lächeln:

„Ich bin Aileen.“

In Tims Ohren klang der Name wie eine einschmeichelnde

Melodie. Sie hatte große Augen, die sich einem

ins Herz bohrten. Das lange, rotblonde Haar umrahmte

ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem

Kinngrübchen, das ihr einen Hauch von Verwegenheit

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verlieh. Ihre Handgelenke wirkten zart und zerbrechlich.

Sie trug ein silbernes Piercing über der linken Braue,

ein schwarzes Sweatshirt und modisch verschlissene

schwarze Jeans.

„Ohne wetterfeste Kleider und mit Turnschuhen durch

die Highlands. Einfach verrückt!“, sagte Aileen. „Noch

nie was von Outdoor-Bekleidung gehört?“

„Ein Regenschirm hätte es auch getan“, sagte Julian und

lachte selber am meisten über diesen Scherz.

„Tja, die Wanderung hat sich zufällig so ergeben“,

meinte Tim. „Als es zu regnen begann, haben wir gehofft,

dass uns ein Auto mitnimmt. Aber wir haben keines

gesehen. Es kam bloß ein Motorrad.“

Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und machte

einem Ausdruck von Verwunderung Platz, ein leichtes

Zittern durchlief ihren Körper.

„Ein Motorrad? Bist du sicher?“

„Klar. Warum?“

Sie starrte einen Moment mit weit aufgerissenen Augen

ins Leere, schüttelte den Kopf und bewegte stumm die

Lippen.

Die beiden Freunde blickten sich um. Die Einrichtung

war karg, doch der Raum strahlte Behaglichkeit aus. An

einer Wand reihte sich Buch an Buch in hellen Regalen.

An der anderen hingen Landschaftsbilder – von Aileen

gemalt, wie sie später erfahren sollten. Die Situation war

an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Sie saßen da wie zwei

begossene Pudel.

Wie gerne hätte sich Julian gerade diesem Mädchen mit

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seiner fein zurechtgemachten Strähnchenfrisur gezeigt.

„Ich mache gerade Tee. Wollt ihr auch …?“, fragte

Aileen.

Die beiden waren sich einig, dass heißer Tee im

Moment genau das Richtige wäre.

Sie hörten, wie Aileen in der Küche Tassen auf ein

Tablett stellte und mit den Löffeln klapperte. Winston

näherte sich Tim und hechelte.

„Ein Dobermann-Mischling“, sagte Julian mit Kennerblick.

„Die sind nicht so wild, wie sie aussehen.“

Das konnte Tim nicht beruhigen. Das Tier mit dem

schwarz-braunen Kurzhaarfell wirkte kraftvoll und war

beachtlich groß. Aileen kehrte mit dem Tee zurück und

nahm wieder Platz.

„Zieht euch aus!“, sagte sie unvermittelt. Als sie das

Entsetzen in den Gesichtern ihrer Gäste sah, fügte sie

rasch hinzu: „Das nasse Zeug macht euch noch krank.“

„Nein, nein, nicht notwendig“, stammelte Tim und

errötete zart.

„Das trocknet auch so“, sagte Julian.

„Ihr braucht euch nicht zu genieren. Ihr seid nicht die

Ersten, die es in diesem Tal böse erwischt hat.“

Um Julians Socken hatte sich eine kleine Pfütze auf

dem Parkettboden gebildet. Es sah ja wirklich so aus, als

wären sie nicht durch dieses Tal gewandert, sondern in

ihren Kleidern zu diesem Haus hergeschwommen.

„Ich bringe euch Decken. Zieht euch aus! Ihr holt euch

noch eine Verkühlung.“

Die Decken waren flauschig und dufteten nach Laven-

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del. Aileen zog sich diskret in die Küche zurück und

kehrte mit einer Plastikleine zurück. Wenig später hingen

die Kleider nahe dem Kamin.

„Milch? Auch Zucker?“, fragte sie.

Aileen war eines von diesen Mädchen, die mit Charme

und Anmut Menschen anzogen, ohne sich darum bemühen

zu müssen. Ganz ungeschminkt zog sie die Blicke

auf sich. Tim und Julian kannten Mädchen, die sich für

Selfies dicke Schichten Make-up ins Gesicht spachtelten.

Aileen ging in Fort William zur Schule. Ihre Mutter

arbeitete dort im Krankenhaus, ihr Vater war Beamter,

sie hatte keine Geschwister. Das Haus war eine ehemalige

Bed-&-Breakfast-Unterkunft. Aileens Eltern nahmen

schon seit Jahren keine Gäste mehr auf, da immer weniger

Touristen durch das Tal von Glen Coe wanderten.

Dann erzählte Aileen von unheimlichen Begebenheiten

in den Scottish Highlands. Hier würden häufig selbst

erfahrene Tourengänger in den nebeligen und wetterunbeständigen

Bergen verschwinden. Fast überall

im Hochland wiesen „MISSING“-Plakate auf spurlos

Verschwundene hin. Wanderer wurden aufgefordert,

wachsam zu sein und Hinweise an die Polizei weiterzugeben.

Die Fremdenverkehrsämter des Landes warnten

ausdrücklich vor dem unbeständigen Wetter in den

Highlands.

„Manchmal kommen Angehörige bei uns vorbei“, sagte

Aileen. „Sie zeigen Bilder der Vermissten. Sie sagen, dass

die Gegend sehr einsam ist und es doch möglich sei, dass

der Gesuchte hier vorbeigekommen ist.“

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Mitunter fand man unter Erde, Moos und Heidekraut

Kleiderfetzen. Überwuchert, beinahe schon wieder vom

Erdboden verschluckt. Kein Ausweis, kein Name gab

Hinweis auf eine Person. Nirgends fanden sich Knochen.

In seltenen Fällen stieß man auf Spuren der Vermissten.

Wanderer entdeckten menschliche Überreste – aufgewühlt

von streunenden Hunden, Füchsen oder Wildkatzen.

Die schottische Wildkatze mit ihren markanten

gelb-grünen Augen und dem buschigen Schwanz galt

als harmlos. Gefährlich waren jedoch die zahlreichen

Hundemeuten. Die Highlands waren ein beliebtes Jagdrevier.

Immer wieder gingen dort Hunde verschiedener

Rassen verloren, die sich in den Schluchten zusammenrotteten

und Wanderer anfielen.

Julian schlug die Decke enger um sich, als könnte

er sich damit vor dem soeben Gehörten schützen. Der

Regen prasselte wie ein Trommelwirbel aufs Dach.

„Bei mir seid ihr in Sicherheit“, beruhigte Aileen. „Ein

Glück, dass ihr mich gefunden habt.“

Hier saß ein Engel. Vielleicht sogar ihre Lebensretterin?

Tim hatte schon oft von vermissten Jugendlichen

aus Wien gehört. „Ich habe mich schon immer gefragt,

wie Menschen einfach verschwinden können“, sagte er.

„Sie verschwinden, ohne auch nur die geringste Spur zu

hinterlassen.“

„Sie sind verschwunden“, sagte Aileen. „Aber sie sind

immer da, die ganze Zeit.“

Das verstanden die beiden Freunde nicht. Bevor sie

fragen konnten, lieferte Aileen einen Erklärungsversuch.

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Manche Menschen im Hochland glaubten, die Ursache

für diese bedauernswerten Schicksale zu kennen: „Viele

Highlander meiden dieses Tal, sie sagen, es sei verflucht.“

Als Aileen vom Mord an ihren Vorfahren erzählte,

stockte sie manchmal, als versuchte sie, etwas zu

beschreiben, für das es keine Worte gab. Im Glen Coe

tötete der Clan der Campbells einst Angehörige der

MacDonalds, darunter Kinder, Frauen und alte Männer.

Im Morgengrauen eines klirrend kalten Februartages

fielen sie über die Talbewohner her und zündeten ihre

Häuser an. Fast 400 flohen im Schneesturm ins nahe

Lost Valley, wo sie erfroren. Einige MacDonalds, darunter

Aileens Verwandte, hatten nur deshalb überlebt, weil sie

rechtzeitig gewarnt worden waren.

Das Massaker lastete noch heute auf dem Tal wie

ein böser Fluch. Seither hieß es auch „Tal der Tränen“.

Manchen erschien der Taleingang sogar als „Tor zur

Hölle“. Die Geister der MacDonalds würden mit den

später spurlos Verschwundenen noch heute ruhelos im

Tal umgehen, hieß es.

Einen Moment lang hockte Aileen da, reglos, mit

zusammengepressten Lippen. Dann sagte sie, dass sie

den Namen ihrer Vorfahren mit großem Stolz trage und

die Campbells für immer hassen würde.

Der folgende Donnerschlag ließ die Gläser in der Vitrine

klirren und steigerte die unheimliche Atmosphäre.

Tim wollte das Gespräch in harmlosere Bahnen

lenken. An einer Pinnwand hatte er mehrere Fotos mit

Basketballspielern entdeckt. Natürlich war ihm auch der

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Basketballkorb vor dem Haus nicht entgangen. In seinem

Wiener Verein war er Spielmacher und Topscorer.

„Du spielst …?“, fragte er und zeigte auf den Ball in

der Ecke.

„Ich nicht, mein Freund.“

Julian war längst aufgefallen, dass auf den Fingerknöcheln

ihrer rechten Hand NOAH eintätowiert war. Neben

dem Ball stand ein Paar Basketballschuhe, die unmöglich

Aileen gehören konnten, denn sie waren so groß, dass

eine Katzenfamilie darin Platz gefunden hätte.

Wenn Aileen von Noah erzählte, erschien dieses besondere

Leuchten in ihren Augen.

„Ich habe leider nicht so viel Talent wie er“, schmunzelte

sie. „Aber wenn mein Freund hier ist, spielen wir

ein Match. Meine Eltern und ich gegen Noah. Manchmal

lässt er uns gewinnen.“

Tim war mit 1,86 Meter hoch aufgeschossen für seine

15 Jahre. Der wuchtige Center konnte seine Teamkameraden

mit klugen Pässen in Szene setzen, die Würfe seiner

Gegner blocken und blitzschnell auf Angriff umschalten.

Der Trainer lobte seine gute Übersicht und sein hohes

Spielverständnis. Selten verfehlte einer seiner Distanzwürfe

den Korb.

Der Sturm tobte nun mit dämonischer Wut. Aileen

strich sich mit einer geschmeidigen Geste eine Haarsträhne

aus dem Gesicht. Dann erzählte sie, dass in den

unübersichtlichen Schluchten des Glen Coe zwei aus dem

Gefängnis entsprungene Schwerverbrecher viele Monate

unentdeckt geblieben waren. Sie hatten sich von Beeren,

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Pilzen und Quellwasser ernährt. Erst vor wenigen Tagen

waren sie der Polizei in der Nähe von „Devil’s Staircase“

ins Netz gegangen.

Besonders eindringlich sprach sie über die Geheimnisse

des Coe, diesen grün schäumenden Fluss, der sich

durch das Tal schlängelte und in eine Felsspalte des

Hidden Valley stürzte. Wie ein unterirdischer Wasserfall.

Es ging vielleicht 10 oder 15 Meter tief hinab, ein tosendes,

dunkles Loch, aus dem Nebelschwaden stiegen.

Die Höhlen im Glen Coe waren Tore zu einer geheimnisvollen

Unterwelt mit Gängen, die zu gewaltigen unterirdischen

Anlagen führten. Mit Zeichen an den Wänden,

die aus der Zeit der Kelten stammten. Niemand wusste

sie zu deuten.

Es bereitete Aileen allem Anschein nach Vergnügen,

ihren Gästen Gruseliges zu erzählen und sie zu verunsichern.

Sicher glaubte dieses Mädchen nicht wirklich

an Geister. Aber war an diesen Geschichten vielleicht

doch etwas dran? Mussten sie diesem Mädchen dankbar

sein, dass es sie vor den abgrundtiefen Schrecken dieses

Landstrichs gewarnt hatte?

Julian wollte hier nicht bleiben. Nein, nicht dass er an

Geister glaubte, das nun wirklich nicht. In ihm begann

ein Gedanke zu bohren: Wie kommen wir möglichst

unbeschadet wieder raus aus diesem merkwürdigen Tal,

durch das die Düsternis kroch wie eine giftige Schlange?

Sofort musste er an die fast beschwörende Warnung des

alten Mannes zwischen den Felstürmen denken. Hoffentlich

waren die Kleider bald trocken. Nur rasch fort von

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hier! Ihm gruselte bei dem Gedanken, dort draußen als

Schattenwesen oder Phantom zu enden.

Wahrscheinlich gehörte Aileen zu jenen friedlichverschrobenen,

schwarz gekleideten Jugendlichen, die

dunklen Gedanken nachhingen und sich zum Düster-

Morbiden hingezogen fühlten. Dazu passte auch das

gruselige Poster der finnischen Metal Band „Nightwish“

neben dem Kamin.

„Ich muss euch unbedingt die Geschichte eines spurlos

Verschwundenen erzählen“, sagte Aileen. „Der Mann

hieß Alan MacFarlane und war ein bekannter Filmregisseur

aus den USA. Er bereitete seinen nächsten Film

vor, war in Schottland auf der Suche nach Locations. Er

wollte geeignete Drehorte besichtigen. Davon gibt es hier

mehr als genug.“

Das zuckende Licht eines Blitzes drang durch die Spalten

der Fensterläden. „Eine unglaubliche Geschichte“,

sagte Aileen mit halb geschlossenen Augen und blinzelte

wie eine zufriedene Katze. Sie hatte das Schicksal des

Regisseurs zu einer Erzählung verarbeitet. Aileen ging

in ihr Zimmer und kam mit einem Stoß Manuskripte

zurück. Sie suchte, blätterte, dann räusperte sie sich wie

jemand, der jetzt etwas Bedeutendes sagen will:

„Alles hat sich genau so zugetragen“, betonte sie, als

ob sie daran gewöhnt wäre, dass ihr Ungläubigkeit und

Zweifel entgegenschlugen.

Draußen stimmte der Sturm ein schauriges Geheul an.

Tim und Julian hingen an ihren Lippen, nippten hin und

wieder am Tee und gaben sich dem sanften Wohlklang

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ihrer Stimme hin. Manchmal schien es, als hörte sich

Aileen völlig hingerissen selbst beim Reden zu, dann

wiegte sie den Kopf, blickte nach oben, setzte geheimnisvolle

Pausen und betrachtete ihre Hände.

Winston legte den Kopf auf die Vorderläufe. Er

brummte, schloss die Augen und schlief ein.

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DIE SUCHE NACH GLÜCK

Alan MacFarlane saß im Flugzeug, das ihn nach Schottland

bringen sollte, die Heimat seiner Vorfahren. Im

Bordprogramm standen zehn Filme zur Auswahl, doch er

wusste, dass sie ihn bloß langweilen würden. Ein langer

Flug durch die Nacht begann.

MacFarlane wollte keine Movie-Klamotte sehen, in

seinem Kopf lief ein Film, der dort schon Hunderte Male

gelaufen war. Untermalt vom monotonen Rauschen der

Triebwerke, tauchten faszinierende Bilder auf von edlen

Rittern, schönen Frauen, Mönchen, Hexen und urwüchsigen

Highland-Kämpfern. Sein nächster Film sollte seine

bisherigen Erfolge noch bei Weitem übertreffen.

Als sich am Horizont die ersten Lichtstreifen zeigten,

wurde das Frühstück serviert. Die Boeing der American

Airlines düste auf einer Reiseflughöhe von 12 000 Metern

dahin. Der Himmel war von Osten her in ein überwältigend

schönes Morgenrot getaucht. Mitunter glitzerte

durch silbrige Schleier blaugrün der Atlantik.

Plötzlich geriet Flug AA 278 in gefährliche Schräglage,

Kaffeebecher kippten um, die Passagiere wurden in

die Gurte gepresst und klammerten sich aneinander.

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Fehlerhafte Messdaten, verursacht durch einen einzigen

defekten Sensor, hatten die Flugcomputer verwirrt und

den Passagierjet vom stabilen Geradeausflug abgebracht.

Im Cockpit brach Hektik aus. Die verzweifelten Befehle

des Kapitäns wurden von den Bordrechnern ignoriert.

Dann spielten die Bildschirme verrückt, Notsignale

schrillten.

„Let us pray!“, sagte eine Frau zu ihrem Mann, als die

Maschine rüttelte und ächzte. Ein Bub drückte seinen

Teddybären an sich. MacFarlane hörte das Wimmern,

Weinen, das Würgen. Dann drehte die Boeing scharf

nach links ab – wie ein Papierflieger, der von einem plötzlichen

Luftzug erfasst wird. Entsetzen, Panik, Schreie.

Der Jumbo taumelte 14 Sekunden lang, eine gefühlte

Ewigkeit, dem Abgrund entgegen und rollte mehrmals

um seine Längsachse. Im Cockpit begann ein Kampf auf

Leben und Tod: Piloten gegen Computer. Schließlich

gelang es dem Kapitän, die Stromzufuhr zu den fehlerhaften

Rechnern zu kappen, das Hightech-Flugzeug von

Hand abzufangen und mit geschickten Steuerimpulsen

zu stabilisieren.

Die Boeing 787, auch Dreamliner genannt, befand sich

wieder auf Kurs. Wohl jeder der 232 Passagiere wusste in

diesem Augenblick, dass ihn dieser Albtraum für immer

verändern würde.

In Edinburgh machte sich MacFarlane sofort auf Entdeckungstour

Richtung Norden. Er hatte nicht viel Zeit,

aber einen genauen Plan. Er wollte spektakuläre Orte mit

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Atmosphäre finden. Wie ein Rumpelstilzchen genoss er

es, unerkannt zu sein. Nirgends lauerte ihm ein Fotograf

auf, niemand bedrängte ihn um Autogramme oder

Selfies.

Der ungewohnte Linksverkehr machte ihm anfangs

erheblich zu schaffen, beim ersten Kreisverkehr wäre es

beinahe zu einem Crash gekommen. Da er in seinem

Leben stets aufs Tempo drückte, überschritt er gleich

auf den ersten 20 Meilen die zulässige Höchstgeschwindigkeit.

Prompt wurde er von einer Streife angehalten.

Ungläubig musterte der Polizist den Verkehrssünder

und dessen amerikanischen Führerschein.

„Sind Sie etwa Alan MacFarlane, der Filmregisseur?“

„So ist es.“

„Sir, dann wünsche ich Ihnen gute Fahrt“, sagte der

bullige Mann mit dunklem Schnauzbart. „Genießen Sie

den Urlaub in unserem schönen Schottland. Und schauen

Sie bitte auf den Tacho. Ach, noch etwas, meine Frau liebt

Ihre Filme, sie würde sich …“

Weiter musste er nicht sprechen, denn schon hatte

MacFarlane eine Autogrammkarte mit seinem Konterfei

gezückt. Der Polizist reichte ihm den Stift, mit dem er

soeben die Strafverfügung hatte ausstellen wollen. Er

bedankte sich, nahm Haltung an und salutierte. MacFarlane

brauste davon.

Er strahlte Coolness aus wie kaum ein anderer der

Traumfabrik Hollywood: lässige Bräune im Gesicht,

Wuschelhaare, Dreitagebart. Die klaren, grünen Augen

stets hinter einer modischen Sonnenbrille verborgen.

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Als Zeichen des Erfolgs trug er ein beständiges Grinsen

zur Schau.

Viele hielten ihn für ein Genie und lobten seine virtuose

Technik. Er war Perfektionist und quälte die Schauspieler,

ließ Szene-Einstellungen oft schier endlos wiederholen,

bis auch das kleinste Detail stimmte. Schon Jahre zuvor

hatte er sich mit der Geschichte und Geografie Schottlands

beschäftigt. Seine Location-Scouts hatten ihm

mehrere Vorschläge für interessante Plätze unterbreitet,

doch er wollte an Ort und Stelle die Drehbedingungen

prüfen und Probeaufnahmen machen. Das würde

Zeit und vor allem Geld sparen, denn jeder Drehtag

verschlang ein Vermögen.

In Perth besichtigte er eine alte Brücke für ein Duell,

das für den Unterlegenen im Fluss enden sollte. Waghalsige

Stunts waren ein Markenzeichen seiner Filme. In

Aberdeen hatten ihn seine Scouts auf einen mittelalterlichen

Marktplatz aufmerksam gemacht. Er sollte

Schauplatz einer Hexenverbrennung sein. Drei Tage lang

würden hier am Set rund 300 Mitarbeiter der Filmcrew

arbeiten – für letztlich zehn Minuten Spielfilmzeit. Allein

für das Schminken und Einkleiden der Schauspieler und

Komparsen wurden 25 Mitarbeiter benötigt. Securities

würden dafür sorgen, dass alles ungestört ablief. Ein

Großteil des Films wurde dann in den Hollywood-Studios

gedreht. Schon in vier Monaten sollte der Filmtross

anrücken.

MacFarlane drehte mit einer kleinen Handkamera und

schoss Fotos, um das Flair festzuhalten. Er prüfte den

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Lichteinfall auf den Fassaden, legte die Kamera-Fahrten

und -Positionen fest und sprach Regieanweisungen auf

sein Diktiergerät. In „Deacons Tavern“ trank er vor der

Weiterfahrt noch schnell einen Espresso. Plötzlich musste

er an den Kaffee auf den Jeans seiner Sitznachbarin hoch

über dem Atlantik denken, und er schob den Gedanken

rasch beiseite, um sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Als er von Aberdeen nach Westen aufbrach, spürte er

ein belebendes Prickeln, denn er näherte sich den wildromantischen

Highlands. Hier hatte sein Urgroßvater vor

mehr als hundert Jahren gelebt. Die weiten Hochebenen

würden eine großartige Kulisse in seinem neuen Film

abgeben. MacFarlane sah finstere Moore, Weiden, auf

denen die langmähnigen schottischen Bergrinder und

Schafe grasten. Verkrüppelte Bäume wirkten so verwunschen

wie in den vergilbten Märchenbüchern seiner

Kindheit.

Leider hatte sich das Wetter verschlechtert. Oft konnte

man die Schönheit der Landschaft nur erahnen.

„Sie kennen Schottland nicht wirklich, wenn Sie es

nicht bei Regen und Sturm erlebt haben“, sagte die Dame

an der Hotel-Rezeption am Abend des ersten Tages.

In Inverness entdeckte er am nächsten Morgen eine

Gasse, die mittelalterliches Flair verströmte. Für den Dreh

musste man bloß zwei Verkehrsschilder abmontieren.

Er sah bereits seinen Helden durch diese Häuserzeile

reiten. Auf der Straße nach Dingwall hatten Bauarbeiter

das Grab zweier Frauen entdeckt, die im Mittelalter als

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Hexen hingerichtet worden waren. Ihre Kleider waren mit

15 Nägeln am Boden fixiert worden, damit sie ihr Grab

nicht mehr verlassen konnten. Sie waren nicht verbrannt,

sondern zur Enthauptung „begnadigt“ worden.

Die Einkäufer der großen Filmverleihfirmen zeigten

Interesse an seinem Projekt. Alle bisher in Schottland

gedrehten Filme hatten sich als Publikumsmagnete

erwiesen.

Alles lief wie am Schnürchen, und für den Erfolg fehlte

bloß noch ein glücklicher Windstoß.

Glück, das musste für MacFarlane etwas Messbares

sein: Erfolg an der Kinokasse, Besucherzahlen, großer

Umsatz bei geringen Produktionskosten, Auszeichnungen,

Kritikerlob. Er drehte Filme, weil ihm ihr Erfolg

wie nichts sonst das Gefühl gab, geliebt und geschätzt

zu werden. Die Filme verzehrten einen Großteil seiner

Leidenschaft, für die Liebe blieb da nicht viel mehr übrig

als flüchtige Affären und unverbindliche Spielerei.

Um einen internationalen Mega-Hit zu landen, musste

man den Zuschauer emotional ergreifen. Große Gefühle

waren gefragt. Gefühle, die jeder kannte. Und so sollte

im neuen Streifen die Liebe im Mittelpunkt stehen. Eine

Liebe, die alle Widerstände überwindet und über den Tod

hinaus hält.

Den Hintergrund bildete der Hexenwahn, dem allein

in Schottland rund 4000 Menschen zum Opfer gefallen

waren. Verfilmt werden sollte die wahre Geschichte des

Grafen von Moncrieff, der seine Geliebte vor dem Scheiterhaufen

rettete. Man hatte die Frau der Hexerei verdäch-

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tigt, weil sie Heilerin war. Nach der kühnen Flucht aus

dem Kerker fand ihr Befreier den Tod.

Liebe, Verzweiflung, Hass, Eifersucht, Verzicht – die

Kunst der großen Gefühle beherrschte MacFarlane wie

kein anderer. Er glaubte an die Kraft seiner Geschichte.

„Filme sind eine höchst emotionale Sache“, predigte er

den Studenten einer Filmhochschule. „Bei den erfolgreichsten

Filmen aller Zeiten hat das Publikum geweint

oder gelacht oder wurde vor Angst geschüttelt.“

Während der Fahrt nach Ullapool wurde seine Geduld

auf eine harte Probe gestellt. Er stand immer wieder in

einer Schafherde und wartete, dass die Tiere Notiz von

ihm nahmen. „Bei uns in Schottland gehen die Uhren

langsamer als bei euch in Amerika“, sagte ihm der Wirt

eines Pubs.

Eine angeborene Ruhelosigkeit arbeitete in ihm, der

Drang, sich etwas beweisen zu müssen, und die Angst,

dass der Erfolg irgendwann ausbleiben könnte. Er war

eben ein Besessener, immer im Grenzbereich, immer auf

der Überholspur. Menschen, die ihn kannten, beschrieben

ihn als freundlich, smart, selbstbewusst. Partygäste

scharten sich um ihn, weil er ein amüsanter Unterhalter

war. Viele hoben vor allem seinen großen Ehrgeiz hervor.

Ja, er sei geradezu zerfressen davon. Diesen Hunger,

nach oben zu kommen, den trug er in sich, seit er denken

konnte. In jungen Jahren hatte er sich mit dem Dreh von

dämlichen Werbespots über Wasser gehalten und einzig

und allein von Hollywood geträumt.

Er kannte auch den Spott der Kritiker, die Rückschläge

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und Misserfolge. Nach dem mäßigen Publikumserfolg

seines letzten Streifens hoffte er nun auf den großen

Coup. „Schlechte Kritiken kann er einfach nicht verkraften“,

meinte ein Kollege aus der Branche. Niederlagen,

Pleiten, Aufgeben – das alles war für ihn undenkbar.

Schließlich war der MacFarlane-Clan für seine kämpferische

Natur bekannt. Die Männer hatten in bedeutenden

Schlachten gegen die englische Queen Mary gekämpft.

Durch seine Raubüberfälle und Viehdiebstähle war

dieser Highland-Clan bei seinen Nachbarn jedoch sehr

unbeliebt gewesen.

Am dritten Tag blickte er hoch im Norden von John

o’ Groats hinüber zu den Orkney-Inseln. Vom Meer her

wehte eine leichte, würzige Brise. MacFarlane schnupperte

Salzluft und fühlte den Wind. Das Brandungsgetöse

vermischte sich mit dem Vogelgekreisch zu einem ohrenbetäubenden

Lärm. Der Fels schien unter dem Anprall

der gewaltigen Brecher zu zittern. Hier und da ergoss

sich die See in Gesteinslöcher und floss brodelnd wieder

heraus. Er beobachtete Sturmtaucher und Basstölpel, die

aus großer Höhe wie lebendige Pfeile ins Meer schossen

und mit ihrer Beute wieder auftauchten.

Es war ein Ort, an dem Minuten und Stunden ihre

Bedeutung verloren. Die Welt mit all ihrem Getöse und

Geplapper war weit weg. Er fühlte sich leicht und frei.

Kein Gedanke daran, was sein wird und was gewesen

war. MacFarlane dachte: Vielleicht ist es Glück.

Am Himmel kreuzten sich die weißen Spuren zweier

Flugzeuge. Plötzlich fühlte er sich aus der Idylle gerissen

27


ROBERT KLEMENT

Geboren am 10.1.1949 in St. Pölten. Neben seiner beruflichen

Tätigkeit als Hauptschullehrer begann er, Reportagen für Zeitungen

und Magazine („Profil“) zu schreiben.

Seit 1986 veröffentlichte er 26 Bücher. Seine an Tatsachen

anknüpfenden Romane beruhen auf genauen Recherchen.

Gleich in seinem ersten Buch („Durch den Fluss“) prangert er

Menschenrechtsverletzungen in der damaligen CSSR an. Nach

einer Flugblattaktion für den Charter-Gründer und späteren

Staatspräsidenten Vaclav Havel wird er 1989 in Prag inhaftiert.

In Brasilien mischt er sich unter Straßenkinder, die von Todesschwadronen

bedroht werden. Nach dem schweren Erdbeben

in Armenien versucht er, die Schicksale der Opfer und Helfer

aufzuzeichnen. Im Himalaya recherchiert er die verschlungenen

Wege der Pelztier-Mafia, die den Schneeleoparden jagt.

Seine Studienreisen führen ihn von Alaska bis Neuseeland, von

Kuba bis zu den Philippinen.

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