BIBER 04_21 OLA 4-8

dasbibermitscharf

Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

MIT SCHARF

APRIL

2021

+

TERROR IN WIEN:

ANGEHÖRIGE KLAGEN AN

+

AUSZUG VON MEINEN

TÜRKISCHEN ELTERN

+

FREE AHMED:

WIENER STUDENT IN

ÄGYPTISCHER HAFT

+

„MAMA, NICHT

MEHR LERNEN!“

WARUM STUDIEREN FÜR ALLEIN­

ERZIEHENDE KEIN KINDERSPIEL IST


1 2

3

Nastavite da štitite sebe i druge, i od sada se

redovno testirajte. Bilo u ulicama za testiranje,

apotekama, na poslu ili kod kuće.

Ali imajte na umu: Negativan test je samo

trenutno stanje i ne štiti od infekcije.

Dodatne informacije na oesterreich.gv.at

Čuvaj

sebe,

Nosite FFP2

masku.

čuvaj

mene.

Držite rastojanje

od dva metra.

Testirajte se

svaka tri dana.

3

minuten

mit

Toxische

Pommes

Irina, besser bekannt als „toxische

Pommes“, schlüpft auf Tiktok

humorvoll in die Rollen von

Wiener Bobos namens Lorenz

oder von hitzigen Balkanmüttern

und macht auch vor der Woke-

Bubble keinen Halt. Wir trafen

die Wienerin mit montenegrinischen

Wurzeln ganz privat.

Interview: Nada El-Azar, Foto: Zoe Opratko

BIBER: Wie kam das Pseudonym „toxische

Pommes“ zustande?

IRINA: Nach einer Trennung vergangenes

Jahr ging ich auf Tiktok, um mich

aufzuheitern. Ich war in einer toxischen

Beziehung und ich liebe Pommes.

Deine Videos bekommen viele Tausend

Likes. Gibt es auch negatives Feedback?

Viele Menschen wissen gar nicht,

dass ich selber Migrationshintergrund

habe, und finden es rassistisch, wenn

ich „Jugo“ sage und mich Stereotypen

bediene. Aber ich versuche auf

humoristische Art Dinge zu verarbeiten,

mit denen ich als Kind oft konfrontiert

wurde. Es gibt ein Tiktok, in dem ich

in der Bim BKS rede und eine Frau

um klammert sofort ihre Handtasche

fester – so was ist mir in Wiener Neustadt,

wo ich aufgewachsen bin, auch

wirklich passiert. Ein großes Problem

sind auch sexistische Kommentare. Mir

schreiben Leute teilweise, dass ich aussehen

würde wie ein Mann. Abgesehen

davon, dass das ziemlich transphob ist:

Wen juckt’s?

Was hast du über dich mit deinen Tiktoks

lernen können?

Ich entdeckte diese „Jugo-Seite“

von mir erst jetzt, über die Videos.

Die längste Zeit wollte ich die perfekt

integrierte Österreicherin sein und

hatte in Wiener Neustadt auch immer

viele österreichische Freunde. Meine

Eltern steckten mich unabsichtlich in

eine fancy Schule, wo man Französisch

lernt. Dort gab es nicht viele Migrantenkinder.

Erst als ich mit 18 nach Wien

zog, um Jus zu studieren, begann ich

meine Identität zu hinterfragen. Zum

Beispiel auch, warum ich mich als Kind

geschämt habe eine andere Sprache

als Deutsch zu sprechen.

Wie hast du das Aufwachsen in Niederösterreich

erlebt?

Meine Familie ist 1992 vor dem Krieg

nach Österreich geflüchtet. Mein Vater

hat nie so richtig Anschluss gefunden

und meine Mutter hat ihr Medizinstudium

erst nach fünf Jahren hier anerkennen

lassen. Sie sind beide Akademiker,

haben aber hier jahrelang geputzt oder

auf dem Feld gearbeitet. Als ich klein

war, haben meine Eltern auf Straßenkehrer

gezeigt und gesagt, dass das ich

sein könnte, wenn ich nicht gut in der

Schule bin. Zugegeben, schwarze Pädagogik.

Das hat mich stark geprägt.

Wurdest du in Wien öfter erkannt?

Ja, manchmal sogar auf Tinder (lacht).

Ich war einmal in einem Geschäft auf

der MaHü und die Verkäuferin hat mich

gefragt, ob ich Tiktoks mache. Als ich

„Ja“ sagte, begann sie plötzlich zu

heulen. Sie war wahrscheinlich um die

25 Jahre alt - das war merkwürdig.

Manchmal wache ich nachts auf und

denke mir: Oh Gott, ich werde niemals

einen Job finden. Ich habe die Untiefen

meiner Persönlichkeit ausgebreitet,

mich im Internet geoutet… dabei bin ich

im echten Leben eher peinlich berührt

in sozialen Situationen.

Name: Irina / „Pommes“

Beruf: Juristin

Funfact: Hat Angst vor Hamstern

/ 3 MINUTEN / 3

BKA_SADSAM_123_srb_Biber_207x270abf.indd 1 07.04.21 09:13



3 3 MINUTEN MIT

TOXISCHE POMMES

Wir trafen die Wiener Tik-Tok-Sensation

ganz privat.

8 IVANAS WELT

Dreißig Tage Quarantäne und Corona mit

quengelndem Baby – Ivana Cucujkić hat es

gelebt.

10 FACE OF THE MONTH

Starmania-Kandidatin Teodora Špirić

im Interview über den Eurovision Song

Contest und ihre „Mörderstimme“.

POLITIKA

12 DIE MENSCHLICHKEIT

IST TOT

Hinterbliebene der Opfer des Terroranschlags

vom 2. November über fehlende Unterstützung

vom Staat.

18 SEXUELLE BILDUNG FÜR ALLE

Menerva Hammad ist Muslima und spricht

offen über Sex. Warum denn auch nicht?

20 OHNE KLAGE IN HAFT

Seit Februar befindet sich der Wiener

Student Ahmed Samir Santawy in Ägypten

in Untersuchungshaft, ohne Kontakt zur

Außenwelt. Wir sprachen mit seinen

Angehörigen.

26 „CORONA HAT WIEN

500 MILLIONEN EURO

GEKOSTET“

Finanz-Stadtrat Peter Hanke über Gastroinseln,

Frauenquote und Club-Öffnungen.

RAMBAZAMBA

30 ZWISCHEN WICKELTISCH

UND HÖRSAAL.

Auf sich allein gestellt: Der harte Alltag

alleinerziehender Studentinnen.

35 DER STAAT KANN NICHT

MIT DATEN UMGEHEN

Adam Bezeczky über Impfungen, teure

Lautsprecher und die neue Mondbasis

38 AUSZUG VON MEINEN

20

„AUF DEN

KANZLER HABEN

WIR VERGEBLICH

GEWARTET“

Nedzip Vrenezi war

eines der Opfer der

Wiener Terrornacht.

Ein halbes Jahr

danach fühlt sich die

Familie des Austro-

Mazedoniers von der

Politik völlig im Stich

gelassen.

OHNE KLAGE IN HAFT

Der Wiener Student Ahmed Samir Santawy

sitzt seit Monaten ungerechtfertigt in Ägypten

in Untersuchungshaft. Wir haben mit seinen

Angehörigen gesprochen.

12

30

„MAMA, NICHT MEHR LERNEN!“

Alleinerziehende Studentinnen über

den harten Alltag zwischen Wickeltisch

und Seminarraum.

IN HALT APRIL

2021

38

DER TÜRKISCHE

ALBTRAUM

Als junge Türkin

unverheiratet

von den Eltern

ausziehen? Keine

Selbstverständlichkeit.

Unsere Autorin hat es

trotzdem getan.

© Mafalda Rakoš, © bereitgestellt, © Zoe Opratko, © Linda Steiner ,Cover: © Zoe Opratko

TÜRKISCHEN ELTERN

Naz Kücüktekin über das Stigma des Alleine-

Wohnens in ihrer Community.

LIFE&STYLE

41 BOTOX UND UNTERGRUND

Aleksandra Tulej erklärt, wie Face-Liftings und

zwielichtige Milieus zusammenhängen.

42 CECI N’EST PAS UN

KOPFTUCH

Ein Kunstprojekt als Antwort auf die ewige

Kopftuch-Diskussion.

44 TSCHETSCHENISCHE

HELDIN

Über Emanzipation in der tschetschenischen

Community.

KARRIERE

46 ACH, DIE JUNGEN KOMMEN

SCHON ZURECHT!

StudentInnen bleiben im Krisen-Management

der Regierung auf der Strecke,

findet Anna Jandrisevits.

48 GERECHTE ENTLOHNUNG

STATT APPLAUS, BITTE

24-Stunden-Pflegerinnen berichten über ihren

Alltag zwischen Applaus und Verzweiflung.

KULTUR

51 IN ÖSTERREICH FEILSCHT

MAN NICHT!

Jad Tujrman wollte in einem Wiener

Schuhgeschäft um den Preis verhandeln. Das

ging ziemlich schief.

52 LIEBES TAGEBUCH

Nada El-Azar liefert uns private Einblicke in ihr

altes Tagebuch und gibt Kultur-Tipps für den

Frühling.

54 TODOR

Leiden beeindrucken Leute.



IMPRESSUM

Liebe Leserinnen und Leser,

was kann man erwarten, wenn der Sohn bei einem Terrorattentat im eigenen

Land getötet wird? Einen Anruf und eine Entschuldigung vom Innenminister?

Immerhin war der Attentäter bekannt und der Bundesverfassungsschutz

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21, Musuemsplatz 1, E-1.4,

1070 Wien

HERAUSGEBER

Simon Kravagna

CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia-Tatić

STV. CHEFREDAKTEUR:

Amar Rajković

CHEFiN VOM DIENST:

Aleksandra Tulej

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH Quartier 21, Museumsplatz 1,

E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528 redaktion@dasbiber.at marketing@

dasbiber.at abo@dasbiber.at

WEBSITE: www.dasbiber.at

hat offenkundig Fehler gemacht. Kann man erwarten, mehr als 3600 Euro

Begräbniszuschuss zu bekommen? Die Familie von Nedzip Vrenezi, einem der

vier Terroropfer, weiß sechs Monate später: Nein, zu viel erwartet. Sie fühlt

sich im Stich gelassen. Unser stellvertretener Chefredakteur Amar Rajković

CHEFREPORTERIN:

Aleksandra Tulej

FOTOCHEFIN:

Zoe Opratko

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

ÖAK GEPRÜFT laut Bericht über die Jahresprüfung im 1. HJ 2020:

Druckauflage 70.663 Stück

verbreitete Auflage 66.363 Stück

DRUCK: Mediaprint

besucht mit Nedzips Cousin den Ort des Geschehens, redet mit ihm über

Frust und Trauer. Die Reportage „Die Menschlichkeit ist gestorben“ zeigt, wie

weit die mediale Inszenierung von Politikern und der reale „Papierkrieg“ für die

Angehörigen auseinanderklaffen. Seite 12.

KOLUMNIST/IN:

Ivana Cucujkić-Panić, Todor Ovtcharov, Jad Turjman

LEKTORAT: Florian Haderer

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Adam Bezeczky, Nada El-Azar, Hanna Begic, Sandra

Schmidhofer, Sven Beck,Anna Jandrisevits

Dann bist du nicht mehr

unsere Tochter!“ droht ihr

Vater. Vergeblich: biber-

Autorin Naz Kücüktekin zieht

trotzdem von daheim aus.

Es war keine Entscheidung

gegen die Eltern, sondern eine

für sich. Wie sie als 19-Jährige

ohne jegliche familiäre

Unterstützung ihren Wunsch

nach Unabhängigkeit verwirklicht

hat, erzählt sie in einem

bewundernswerten, persönlichen

Text. Mein Lesetipp,

Seite 38.

Delna Antia-Tatić “

Chefredakteurin

Ein anderer Fall, ein anderes Land: Ahmed Samir Santawy ist nicht gestorben.

Und doch wurde der Wiener Student von einem Moment auf den anderen

aus seinem Leben gerissen. Während eines Familienbesuchs in Kairo wurde

er Anfang Februar überraschend verhaftet und sitzt in Untersuchungshaft

– ohne Aussicht auf einen fairen Prozess. Die Anschuldigungen gegen ihn

wirken bizarr, weltweit gibt es Protestaktionen für seine Freilassung. Biber-

Redakteurin Nada El-Azar hat sich auf Spurensuche begeben: Was für ein

Mensch ist Ahmed eigentlich? Und wie geht es seiner Familie und Verlobten?

In ihrer Reportage „Wie vom Erdboden verschluckt“ erzählen Freunde von

Ahmeds Naivität, Reiselust und seinen Bedingungen in ägyptischer Haft.

Seite 20.

Auf einer ganz anderen Ebene setzt sich diese Wienerin für Menschenrechte

ein: Menerva Hammad ist Bestseller-Autorin und eine bekannte Mama-

Bloggerin, jetzt bildet sie sich zur Sexualpädagogin weiter. „Sexuelle Bildung

ist ein Menschrecht“ sagt die Muslima im biber-Interview und erzählt über

die Bedürfnisse ihrer muslimischen Kundinnen und über Mythen rund ums

Jungfernhäutchen. Seite 18.

Aber auch abseits von tabuisierter Bildung, ist der Zugang nicht leicht.

Nämlich dann, wenn man Anfang zwanzig ist und alleinerziehend. „Nicht mehr

lernen, Mama!“ fordert die Tochter unserer Autorin Sandra Schmidhofer.

Sandra ist nicht nur Stipendiatin der biber-Akademie, sondern auch

alleinerziehende Mutter. Die junge Frau berichtet in ihrer Reportage über

den anstrengenden Unialltag mit Kleinkind und warum das alles, nur kein

Kinderspiel ist. Seite 30.

Mit diesen und noch vielen anderen Geschichten schenken wir Euch

Ablenkung und Auszeit im gefühlt ewigen Lockdown-Leben!

CONTENT CREATION, CAMPAIGN MANAGEMENT

Aida Durić

SOCIAL MEDIA:

Weronika Korban

REDAKTIONSHUND:

Casper

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

npo-fonds.at

Weil ich in

unserem Verein

mein Bestes

geben kann.

Der NPO-Fonds unterstützt

gemeinnützige Organisationen.

Unsere Gesellschaft braucht

dieses Engagement.

Jetzt

Antrag

stellen !

Erklärung zu gendergerechter Sprache:

In welcher Form bei den Texten gegendert wird, entscheiden

die jeweiligen Autoren und Autorinnen selbst: Somit bleibt die

Authentizität der Texte erhalten - wie immer „mit scharf“.

Foto: © stock.adobe.com/maranso

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG

Haltet die Ohren steif und die Regeln ein!

Bussis, Eure biber-Redaktion

6 / MIT SCHARF /

© Zoe Opratko

Mit dem NPO-Fonds konnten bisher bereits knapp 20.000 Vereine und Organisationen

aus den Bereichen Sport, Kunst und Kultur, Umweltschutz oder Soziales

in der Corona-Krise unterstützt werden.

Sichern auch Sie sich Hilfe für Ihren Verein.

Jetzt für die Monate Oktober bis Dezember 2020 Antrag stellen !

Alle Informationen dazu auf www.npo-fonds.at



In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

Ivan Minić

NEMA PROBLEMA

FOTONOVELA

BEZAHLTE ANZEIGE

Jelena wird nach 11 Monaten in ihrem neuen Job

als Kellnerin schwanger. Als sie es ihrem Chef sagt,

kündigt er sie einfach. Jelena ist am Boden zerstört,

doch Mama Senada will kein Jammern hören.

NEUES AUS DEM LEBEN

DER FAMILIE PRAVDOVIĆ

YOU GIVE ME FEVER

Was soll

ich jetzt nur

machen? Ich krieg

gleich einen mental

Breakdown.

Ich

konnte kein

Deutsch, kannte

niemanden, nix…

Und…

Jaja Mama,

ich weiß schon.

Aber das hilft mir jetzt

echt nicht weiter.

Corona 2021:

Wir waren dabei. Dreißig Tage Quarantäne. Wo ist mein Orden?

„Nicht mit der Zahnbürste auf die Klobrilleee!“

Ritsch. Ratsch. Mein Dreijähriger übt Revolte. Er

mag nicht mehr. Nicht mehr zuhause sitzen. Das

muss er nämlich seit vierzehn Tagen als sogenannte

K1 Person (Kontaktperson 1). Die britische Mutation

des Coronavirus kursierte im Kindergarten und

erwischte seine Erzieherin. Zwei Wochen Heimquarantäne

für die Kindergartengruppe, so lautet die

Verordnung.

zen ins Bett, schnürt mir den Hals zu. Ich tippe in

Gedanken schon die 144. Zwei Stunden später wiege

ich schmerzfrei auf dem Balkon das Baby in den

Schlaf, genieße die frische Luft. Das Leben in mir

keimt wieder auf. Das war also jetzt dieses Corona.

Alles wieder vorbei? Am selben Abend zittere ich

vor Schmerzen in den Muskeln, jeder Schritt eine

Tortur.

Alo was

soll das?! Glaubst

du, dass ich es mit so

einer Einstellung aus

dem Krieg geschafft

hätte??

Boah,

schon wieder

das… Hätte ich mal

lieber den Mund

gehalten.

KEINER SCHÜTTELT QUARANTINIES…

Und da hocken wir nun aufeinander. Mit einem

Säugling im Wachstumsschub, der uns kaum schlafen

lässt und einem Kleinkind in der Autonomiephase,

dessen stündlichen Wutanfälle unsere Geduld in

der Toilette versenkt. Zehn Tage waren geschafft,

wir längst durch. Glück gehabt. Ist doch nicht so

ansteckend, wie alle propagieren… Das geregelte

Leben war bereits in Griffweite und dann kam Tag

elf. Fieber, Kopfweh, Halsschmerzen. Schwindel,

Schwitzen. Das Essen schmeckt nicht. Zwei Striche

für jeden.

Und nein, es ist eben nicht wie eine Grippe. Wenn

diese deinen Körper niedermäht, verkriechst du

dich mit Hühnersuppe und Medikamenten unter die

Decke. Es geht dir dreckig, aber jeden Tag ein wenig

besser, und dann bist du wieder fit.

…ODER BÄCKT BANANENBROT

Mit Corona ist es wie in einer toxischen Beziehung.

Der Virus gibt mir Zuckerbrot und Peitsche. Zuerst

katapultiert er mich mit hämmernden Kopfschmercucujkic@dasbiber.at

WARM SOCKS EVERY DAY KEEPS THE

VIRUS AWAY

Und mein Umfeld? Das zeigt sich wenig beeindruckt

von meiner Virus-Erkrankung, die grad den halben

Planeten bedroht. „Vielleicht, weil du ständig ohne

Socken herumläufst? Und du stillst ja noch. Kein

Wunder, dass dein Immunsystem so schwach ist.“

Die größte Sorge im Leben von Balkaneltern ist es,

dass ihre Kinder niemanden unehelich schwängern

oder geschwängert werden. Und ich bekomme auf

meine Covid-Erkrankung ein „du rennst halt ohne

Socken herum“. Statt Drama und Mitleid gibt’s ein

„Weitermachen, Soldat!“ und einen „Vielleicht hilft

ja Schnaps? lol“-Witz hinterhergeworfen.

Zehn unlustige Tage haben wir noch abzusitzen.

Erziehung und Struktur laufen im Notfallbetrieb.

Wir gehen konflikttechnisch den geringsten Widerstand

und reizen das tägliche Trickfilm-Pensum

maximal aus. Schlafenszeit ist dann auch mal um

23 Uhr und Gummibärchen zum Frühstück ist grad

null Problemo. Ja, und die Socken, die ziehen wir

jetzt auch alle brav an.

Fotos: Zoe Opratko

Nenad schreit

vom Sofa: „Wenn

du nicht wieder Mamas

Lebens geschichte hören

willst, hör lieber mal zu,

was die AK dazu sagt.

Rufst

du etwa grad

an???

Ja klar, hab

die Gerechtigkeit

schon dran!

Schwanger! Und jetzt? Schau AK TV auf Youtube!

AK Juristin Sara

Pöcheim und AK

Jurist Alexander

Tomanek erklären dir

Schritt für Schritt,

welche Rechte du

jetzt hast.

8 / MIT SCHARF /



FACE

OF THE MONTH:

TEODORA SPIRIĆ

Von Hanna Begić, Foto: Zoe Opratko

Teodora Spirić spielt mit ihren zarten 20 Jahren viele Rollen:

als Lehramtsstudentin, Callcenter-Telefonistin und jetzt Starmania-

Kandidatin. Ihr Traum: Die Leidenschaft Musik zum Hauptberuf zu

machen. Dabei unterstützen sie auch ihre Eltern, mit denen sie

sogar den Song „Sudnji dan“ (dt.: Der Tag des Jüngsten Gerichts)

komponiert hat. Teodora ist jung, aber beileibe nicht unerfahren in

der Talenteshow-Szene. In den letzten Jahren hat sie sowohl 2019

für Österreich als auch für Serbien im Jahr 2020 an den nationalen

Ausscheidungen für den Eurovision Song Contest teilgenommen.

Dort stellte sie eindrucksvoll ihre Songwriter-Skills unter

Beweis. Auf der serbischen Beovizija hat sie im Finale den 10.

Platz eingenommen und in Österreich war sie unter den Top 3.

Die Karriere als Pop-Star ist kein Zufall, sondern harte Arbeit. Die

Austro-Serbin hat zahlreiche Songwriter Camps besucht, unter

anderem das Songwriting Camp CZ in Tschechien, das seit 2018

jährlich stattfindet und internationale Interpreten, Produzenten,

Komponisten und Texter verbindet. Sogar ihr Studium ist in ihre

musikalischen Aspirationen integriert. Liedertexte zu schreiben

muss ja gelernt sein und ein Lehramtsstudium für Englisch und

Deutsch dürfte da kein Nachteil sein. Die aufgeweckte Brünette

ist eine aufmerksame Beobachterin, die ihr eigenes aber auch

das Leben anderer in den Songs wiedergeben möchte. Angesprochen

auf ihre Identität, hat Teodora eine klare Vorstellung. Ganz

nach dem Motto „Sowohl als auch“ sieht sie sich als Österreicherin

und Serbin. An Nationalitäten möchte sie sowieso nicht ihre

Zeit verschwenden, viel wichtiger sind ihr SängerInnen, mit denen

sie kollaborieren möchte. Da wäre der Song-Contest Teilnehmer

für Österreich Vincent Bueno, die Pop-Sängerin Sanja Vučić

aus Serbien oder auch Nathan Trent. Besonders Sanja

Vučić, die selbst 2016 Serbien beim Eurovision

Song Contest vertreten hat, gilt für

Teodora als Vorbild mit ihrer

“Mörderstimme”, wie

sie schwärmt.

Für das Starmania-Finale am 7 Mai hofft Teodora,

ihren eigenen Song singen zu dürfen.

Die Chancen stehen nicht schlecht. Sie kam

mit dem Star-Ticket direkt in die nächste

Runde. Wir drücken der Wienerin mit Wurzeln

in Kladovo die Daumen für den weiteren

Verlauf.

10 / MIT SCHARF /

/ MIT SCHARF / 11



„Die Menschlichkeit

ist gestorben.“

Er war erst 21 Jahre und feierte seine Abrüstung vom Bundesheer als Nedzip Vrenezi vom

islamistischen Attentäter in Wien erschossen wurde. Fast ein halbes Jahr nach der Terrornacht

fühlt sich die Familie des Austro-Mazedoniers von der Politik völlig im Stich gelassen.

Die bisherige Bilanz: 3.600 Euro fürs Begräbnis, sechs Stunden an psychosozialer Beratung

und ein Innenminister auf Tauchstation.

Text: Amar Rajković, Mitarbeit: Aleksandra Tulej, Fotos: Mafalda Rakoš

Es ist ein wechselhafter Apriltag mitten im Lockdown.

Es sind nur wenige Menschen in den verwinkelten

Gässchen des Wiener Bermuda-Dreiecks

zu sehen. Eugen Kaba ist einer von ihnen. Der

35-jährige Besitzer einer Reinigungsfirma hält kurz inne, als

er sich über den grauen Gedenkstein am Desider-Friedmann-

Platz im 1. Bezirk beugt. Dort steht eingraviert: „In Gedenken

an die Opfer des Terroranschlags vom 2. November 2020“,

darunter die Übersetzung auf Englisch und ein Wappen der

Stadt Wien. Schluss. Kaba telefoniert bei unserer Ankunft.

Wortfetzen wie „Verfassungsschutz“, „Gericht“ oder „so

schnell wie möglich“ sind zu vernehmen. Er wirkt müde,

geschlaucht. Die fünf Monate seit dem Anschlag haben ihre

Spuren hinterlassen. Körperlich, aber vor allem seelisch.

Kabas 21-jähriger Cousin Nedzip Vrenezi war das erste Opfer

des ebenfalls aus Mazedonien stammenden Terroristen. Er

feierte an diesem Abend das Ende seines Präsenzdienstes

und wurde auf der Jerusalemstiege erschossen, einen Steinwurf

vom schmucklosen Gedenkstein entfernt, wo wir im

einsetzenden Schneetreiben Fotos von Kaba schießen.

VIEL IST NICHT PASSIERT

Am 2. November 2020 tötet ein Islamist

vier Menschen im beliebten Ausgehviertel

„Bermudadreieck“ in der Wiener

Innenstadt. Das ganze Land steht unter

Schock. Bürgermeister Ludwig spricht

von einer „Zäsur“, Bundeskanzler Kurz

„von einem Anschlag auf die freie

Gesellschaft“. Der für diese Anlässe

typische Satz „Unsere Gedanken und

unser Mitgefühl sind bei den Opfern und

Die einzigen PolitikerInnen,

die sich gemeldet

haben, waren Bundespräsident

Alexander

Van der Bellen und die

Wiener Kultur stadträtin

Veronica Kaup-Hasler.

ihren Angehörigen“, ist omnipräsent. Die Mittäter würden zur

Rechenschaft gezogen, das Land würde zusammenrücken in

diesen schwierigen Zeiten, die Familien der Opfer ihre Unterstützung

bekommen, war der Grundtenor.

UND, WAS IST PASSIERT?

Nicht viel, wenn man den Ausführungen Kabas zuhört: „Bei

uns Muslimen sind die Türen bis drei Tage nach dem Tod

eines Angehörigen für jeden offen. Auf den Besuch des

Innenministers oder Kanzlers haben wir vergeblich gewartet“,

erinnert er sich und konstatiert: "Die Menschlichkeit ist

gestorben." Die einzigen PolitikerInnen, die sich bei ihnen

gemeldet hätten, seien Bundespräsident Alexander Van der

Bellen und die Wiener Stadträtin für Kultur Veronica Kaup-

Hasler gewesen. Zwar auch nur in Form eines Briefes, aber

immerhin. Das seien aber die falschen Personen. Bundeskanzler

Kurz und Innenminister Nehammer müssen sich bei

ihm und seiner Familie entschuldigen, fordert Kaba, der im

Namen der Familie spricht. Nehammer, weil er als Innenminister

die Verantwortung für den Bundesverfassungsschutz

trage, und Kurz, weil er der Chef der Regierung ist. Der

zweifache Familienvater, der in letzter

Zeit öfters im Fernsehen zu sehen

war, werde sich auch von anonymen

Drohanrufen nicht einschüchtern lassen,

verkündet er. Einschüchtern lassen?

Kaba zuckt mit den Achseln: „Ich wurde

vor ein paar Tagen von einer anonymen

Nummer angerufen, die Stimme am

Telefon riet mir, ich solle gefälligst die

Schnauze halten. Einschüchtern lasse

ich mich sicher nicht!“ Matthias Burger,

Mir geht es gut. Ich habe

Kinder zu Hause, die ich

heute noch sehen werde.

Eugen Kaba,35, ist der

Cousin des ermordeten

Nedzip und Sprecher seiner

traumatisierten Familie

12 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 13



Matthias Burger

vertritt die

Familie gegen

die Republik.

der Anwalt der Familie, hatte Mitte Februar bekanntgegeben,

die Republik mit einer Amtshaftungsklage zu belegen. Da

seiner Meinung nach das Verschulden des Innenministeriums

auch laut der eigenen Untersuchungskommission nachgewiesen

wurde, fordert der Anwalt je 30.000€ Trauerschmerzen-Entschädigung

für Mutter, Vater, Bruder und 26.000 für

das Begräbnis, welches in Nordmazedonien stattgefunden

hat. Die vom Staat zugeschossenen 3.600€ seien da schon

einkalkuliert, so Burger.

Eine Woche vor unserem Treffen am Desider-Friedmann-

Platz telefoniere ich mit Karl Newole. Der Wiener Anwalt

vertritt 19 Angehörige und Opfer des Anschlags. Auf ihn

aufmerksam wurde ich durch einen TV-Auftritt auf Oe24.

Zusammen mit Kewen und Kexin Li, die Töchter eines

erschossenen austro-chinesischen Restaurantbesitzers,

erhob der Anwalt dort schwere Vorwürfe gegen die österreichische

Republik. In einem früheren Interview sagte Newole,

„die Entschädigungssummen verdienen den Namen ‚Entschädigung‘

gar nicht.“ Konkret hätten die beiden jungen

© Stephan Mussil

Frauen und ihre Mutter jeweils 2.000€ erhalten. „2.000€?“,

frage ich sicherheitshalber nach. Newole bestätigt. Warum

seine KlientInnen – genauso wie Nedzips Familie – bis jetzt

ignoriert wurden und keine zuständige PolitikerIn den Telefonhörer

angerührt hat, ist dem Anwalt rätselhaft. Er kann

nur mutmaßen, vielleicht ließe sich „Minister Nehammer erst

dann blicken, wenn eine Klage gegen die Republik droht“, so

Newole.

WUNDEN, DIE NICHT HEILEN

Kurz bevor ich die Fragen an die Pressestelle des Innenministers

abschicke, fällt mir ein: Erst vorletzte Woche habe ich

ein Kurier-Interview mit der Schwester und der Mutter der

getöteten deutschen Kunststudentin gelesen. Dort kritisiert

die in Tränen aufgelöste Mutter die österreichische Politik

scharf und sagt anschließend, sie habe jetzt endlich ein

Gespräch mit Innenminister Nehammer führen können und

dieser habe sich „sehr empathisch“ gezeigt. Das macht für

mich keinen Sinn. Warum sollte der Innenminister die Angehörigen

des deutschen Opfers treffen und die Angehörigen

der österreichischen Opfer mit Balkan-Background ignorieren?

Stimmt der Vorwurf des Anwalts, oder ist das alles im

Corona-Wahnsinn untergegangen? Ich ergänze die Fragen

und drücke auf „Senden.“

Zurück im Bermudadreieck. Kaba hat mittlerweile widerwillig

für unsere Kameras posiert und führt uns auf die Spur

des Attentäters. „Hier wurde Nedzip erschossen und dort

haben sie ihn gefunden. Schau hier vor dem Kaktus hat der

Attentäter die Person erschossen, von der im Netz Kameraaufnahmen

kursierten, lange bevor sie die großen Sender

zeigten“, zeigt Kaba auf den Fenstervorsprung, wo das Opfer

mit Schüssen niedergestreckt wurde. Wie es ihm jetzt gehe,

wenn er den Tatort begeht, möchte ich von Kaba wissen.

Der Angehörigen-Anwalt

Karl Newole schrieb diesen

Brief an den damaligen

Interims-Justizminister

Werner Kogler. Bis Redaktions

schluss kam keine

Antwort.

Einschusslöcher an der

Tür des erschossenen

Restaurantbesitzers und

Familienvaters Qang Li

14 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 15



Bezahlte Anzeige

„Ich habe Kinder zu Hause“, antwortet

er. Ich bin verdutzt. Wie meint er das?

„Mir geht es gut, ich habe Kinder zu

Hause, die ich heute noch sehen werde.

Das können die Eltern von Nedzip nie

wieder behaupten.“ Er wiederholt:

„Nie wieder.“

„Nie wieder.“

„Nie wieder.“

„Niemals werden die Wunden

verheilen. Du kannst ja nicht Bepanthen

draufschmieren und gut ist.“ Kaba spaziert

weiter. Bedrückende Stille erfüllt

die mit Pflastersteinen bedeckte Gasse,

an denen teilweise noch die Spuren der

Kripo zu sehen sind.

AUF AUGENHÖHE BEGEGNEN

Das Sozialministerium verweist auf den eigens für Verbrechensopfer

eingerichteten Verein „Weisser Ring“ (siehe

Infobox „Wer hat Hilfen in Anspruch genommen?“). Der

Verein kümmert sich um die Abwicklung der Leistungen an

die Angehörigen des Terroranschlags. Zu diesen Leistungen

gehören das Auszahlen von Schmerzensgeld (Pauschalbeiträge

belaufen sich zwischen 2.000 und 12.000€),

das Übernehmen der Kosten für eine etwaige Bestattung,

Psychotherapie, Heilfürsorge. Für den Angehörigen-Vertreter

Newole als auch für den Cousin des ermordeten Nedzip ist

das reine Augenauswischerei. Newole verlangt eine Entschädigung

von über einer Million Euro für die 19 Opfer, am

besten auf einem außergerichtlichen Weg, weil ein Prozess

die Angehörigen retraumatisieren könnte. „Stattdessen

handelt die Regierung hier kleinkariert, man schickt die Opfer

auf Gerichtswege und in den Papierkrieg“, erzürnt sich der

Anwalt. In eine ähnliche Kerbe schlägt Kaba: „Jeder, der

seine Arbeit nicht gut macht, muss Konsequenzen tragen“,

fordert er. „Es sei ganz klar, dass das BVT (Anm. d. Red.:

Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung)

hier Fehler gemacht habe. Außerdem musste die

TERROR VON WIEN: WER HAT HILFE IN ANSPRUCH GENOMMEN?

Aus dem Sozialministerium heißt es: „Im Zusammenhang

mit dem Terroranschlag in Wien am 2. November

2020 haben bislang 68 Personen Leistungen nach dem

Verbrechensopfergesetz (VOG) beantragt, wovon an 41

bereits Leistungen ausbezahlt wurden. Das kann jeder

beantragen, der vom Anschlag betroffen ist. Weiters

heißt es: „Die Höhe der Pauschalentschädigung für

Schmerzensgeld ist abhängig vom Ausmaß der erlittenen

Gesundheitsschädigung. Insgesamt haben zudem

50 Opfer und Hinterbliebene um Unterstützung für

Psychotherapie und/oder Krisenintervention angesucht.

Davon konnten bereits 46 Anträge bewilligt werden.“

All diese Hilfen verdienen das Wort „Entschädigung“

Warum ignoriert Innenminister

Nehammer den Großteil der

Angehörigen? Leider wollte er uns

diese und weitere Fragen nicht

beantworten.

© Tobias Steinmaurer / picturedesk.com

Mutter von Nedzip nach ihrer sechsten

Behandlung mit der Psychotherapeutin

einen Antrag bei der Krankenkasse stellen,

um „20–30% der Kosten rückerstattet

zu bekommen“, so Kaba bedrückt.

Wir sind am Ende unserer Terror-

Tour angelangt. Kaba hat es eilig und

streckt uns die Faust als Verabschiedung

entgegen. Ich möchte von ihm

abschließend wissen, ob er und die

Familie eine verspätete Entschuldigung

des Innenministers oder Bundeskanzlers

annehmen würden. Er grinst: „Bei uns

in Mazedonien sagt man dazu – entschuldige

den Ausdruck – Scheiße mit

Pisse wegwischen.“ Die Untätigkeit der

Politik hat tiefe Spuren hinterlassen. Die

traumatisierte Mutter, die jeden Sonntag zum Tatort fährt,

um Blumen niederzulegen, sei „eine gebrochene Person, die

am liebsten zu Nedzip gehen möchte. „Selbst Putin würde

die Terroropfer besuchen“, wirft Kaba noch ein. Tatsächlich

ist Österreichs Politik weit entfernt von den Aktionen eines

französischen Präsidenten Macron, der zum Begräbnis von

Terroropfern kommt, oder einer neuseeländischen Premierministerin

Jacinda Ardern, die aus Solidarität zu den Opfern

des Moschee-Anschlags in Christchurch ein Kopftuch trug

und die Trauernden umarmte. Einladung zum Trauergottesdienst

im Stephansdom wäre ein Anfang gewesen, oder

auch ein Treffen des Innenministers mit Angehörigen, wie

von Anwalt Newole und dem Cousin des ermordeten Nedzip

Vrenezi gefordert.

Die Fragen von biber an das Innenministerium blieben bis

Redaktionsschluss unbeantwortet.

In Gedenken an Nedzip Vrenezi, Qang Li, Vanessa Preger-

McGillivray und das vierte Todesopfer, deren Angehörige

nicht den Namen in der Öffentlichkeit lesen wollen. ●

gar nicht und wären ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen,

so Opfer-Anwalt Karl Newole, der 19 Betroffene

vertritt. Der Anwalt fordert rund eine Million Euro von

der Republik, am besten auf au8ergerichtlichen Weg,

um die wirtschaftlichen Schäden abzufedern. Von der

kurz nach dem Terroranschlag bekannt gewordenen

politischen, einen Entschädigungsfonds für Hinterbliebene

einzurichten, hat Newole noch nichts erfahren: „Das

wurde uns versprochen, sieht jedoch mehr nach einer

Beruhigungs- bzw. Marketingaktion aus.“ Aus dem Sozialministerium

heißt es dazu: „Die Frage der Einrichtung

eines gesonderten Fonds zur Entschädigung von Terroropfern

wird derzeit auf politischer Ebene diskutiert.“

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16 / POLITIKA /

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„Sexuelle Bildung ist ein

BIBER: Menerva, du machst

gerade die Ausbildung zur

Sexualpädagogin. Was ist

der Unterschied zwischen

einer Sexualtherapeutin und

einer Sexualpädagogin?

Wieviel kostet dann so ein

Gespräch mit dir?

MENERVA HAMMAD: Derweil

nichts. Ich will einfach

Frauen in ihrer Sexualität

bestärken und ich werde

erst dann Beratung anbieten,

wenn ich mit der Ausbildung

fertig bin. Ich beantworte die

Fragen momentan per Mail

oder wir machen uns ein

Gespräch über Zoom aus.

Der Unterschied ist, dass

Sexualpädagogik die sexuelle

Bildung als Auftrag hat. Eine

Sexualtherapeutin macht

etwas anderes, da werden

PatientInnen therapiert, eben

wie beim Psychotherapeuten.

Mir geht es einfach darum,

zu sagen, dass sexuelle

Bildung ein Menschenrecht

ist und mit den Mythen

aufzuräumen und Fakten

darzustellen.

Menschenrecht“

Eine Muslima, die offen über Sex spricht? Davon gibt es im deutschsprachigen Raum viel zu

wenige, findet Menerva Hammad. Deshalb tut sie es. Menerva ist Autorin, Journalistin und

angehende Sexualpädagogin. Sie räumt mit Mythen rund um Sex und den weiblichen Körper

auf. Außer- aber auch vor allem innerhalb der muslimischen Community.

Interview: Aleksandra Tulej, Foto: Asma Aiad

Welche Mythen sind das dann

zum Beispiel?

Ich bin sehr wohl in der Lage,

zu sagen: was ist Kultur, was

ist Tradition, was ist Religion.

ich bin davon überzeugt,

dass manches einfach falsch

übernommen wurde. Das

erste Wort im Koran ist „lies“-

also “bilde dich weiter.” Und

ich finde, damit sollte man

sofort anfangen. Vor allem

beim eigenen Körper und

bei der eigenen Sexualität.

Was die Mythen angeht:

Vor allem die rund um das

Jungfernhäutchen. Im Koran

steht nirgendwo, dass du

in der Hochzeitsnacht zu

bluten hast, und diese ganze

Geschichte mit dem Bettlaken

auch nicht. 50 Prozent

aller Frauen bluten nicht beim

ersten Mal. Das sind Flausen,

die wir in den Kopf gesetzt

bekommen. Ein Tampon kann

dich nicht entjungfern, genauso

wenig wie irgendein Sport.

Du bist keine Jungfrau mehr,

sobald du Sex hattest. Punkt,

aus, Ende. Alles andere sind

irgendwelche Erfindungen.

Aber genau das scheint ja viele junge

Frauen zu beschäftigen. Und da kommst

du ins Spiel.

Es sind sehr oft Fragen, die kulturell –

und hier sage ich bewusst nicht islamisch

– verankert sind. Aber auch Fragen wie:

„Ich habe nach der Geburt meines Kindes

keine Lust mehr auf Sex, was mache ich

jetzt?” Aber ganz oft kommt die Frage

“Ich bin keine Jungfrau mehr, aber werde

bald heiraten. Was soll ich tun? Soll ich

das Jungfernhäutchen rekonstruieren

lassen oder es ihm sagen?” Wenn sich

eine junge Frau an mich wendet, die sich

verliebt hat, dem Mann vertraut hat und

mit Aussicht auf Heirat mit ihm geschlafen

hat. Und dann war er weg. Die Frau

ist dann fix und fertig und hat das Gefühl,

dass sie mit niemandem darüber sprechen

kann, weil sie sonst verurteilt wird.

Und was antwortest du dann so einer

Frau?

Das Erste, was ich ihr dann klar mache,

ist, dass Sex außerhalb der Ehe für Mann

und Frau verboten ist. Das gilt für beide

gleichermaßen. Das ist keine Sache, für

die sie sich jetzt schämen muss. Das

ist islamisch gesehen eben ein Fehler

den sie gemacht hat und jetzt geht das

Leben weiter. So auf: Vergiss diesen

Fuckboy und gut is’ (lacht). Du bist

deswegen jetzt nicht weniger wert oder

hast weniger Ehre. Ich rate so einer Frau

dann, ehrlich zu ihrem Nächsten zu sein.

Wenn er ein richtiger Ehrenmann (lacht)

ist, nimmt er dich für das, was du bist,

und nicht für das, was vorher war. Wenn

die Frau das will, kann ich auch gerne

mit ihren Eltern sprechen. Natürlich ist

das schwierig, denn viele Eltern denken

anders, die Gesellschaft denkt anders,

die Community denkt anders. Das Problem

ist nämlich, dass viele die Religion

nicht gelesen haben, sondern durch

Hörensagen weitervererbt bekommen

haben. Vor allem in der Generation unserer

Eltern. Unsere Generation liest und

recherchiert nach. Ich bleibe natürlich

im islamischen Rahmen, aber ich bin der

Meinung, dass man nicht alles einfach so

hinnehmen sollte, sondern sich auch mal

fragen kann, ob einige Dinge nicht falsch

interpretiert wurden.

Wer richtet sich denn hauptsächlich an

dich?

Meist Musliminnen aus dem deutschsprachigen

Raum. Ob verheiratet oder

unverheiratet. Sie finden einfach keine

Anlaufstelle, wenn es um Fragen zu ihrer

Sexualität geht. Angenommen, ich bin

vegan und suche eine Ernährungsberaterin.

Dann wende ich mich an eine

Ernährungsberaterin, die auf vegane

Ernährung spezialisiert ist. Denn da

geht es ja auch nicht nur darum, keine

tierischen Produkte zu essen, sondern

um die Lebenseinstellung. Und da gehe

nicht zu jemandem, der mich verurteilt,

oder sich nicht auskennt. Du willst nicht

hingehen und dich erstmal zwei Stunden

erklären. Das was ich mache, machen

viele. Aber eben als deutschsprachige

Muslima jemanden, der dich versteht

und in diesem Rahmen mit dir spricht,

zu finden… das gibt's nicht. Oder es

wird nicht darüber gesprochen, wenn

dann nur wissenschaftlich und trocken.

Und genau deshalb bin ich da (lacht). Es

wenden sich aber auch Frauen außerhalb

der Community an mich.

Warum glaubst du, dass die Arbeit, die

du leistest, in der muslimischen Community

so wichtig ist?

Es ist islamisch gesehen nicht haram

oder verboten, sich mit der eigenen

Sexualität zu befassen. Dass man weiß,

wie der eigene Körper ausschaut, dass

man sich einmal klarmacht, wie eine

Klitoris wirklich aussieht, oder wie sie

richtig zu stimulieren ist. 80 Prozent der

hetero Frauen kommen nicht nur durch

Penetration zum Orgasmus. Da musst

du schon bissi mehr machen. Und wenn

das weder die Frau noch der Mann weiß,

dann wirds schwierig. (lacht) Es geht

aber nicht nur um Sex, sondern um den

Zugang zum eigenen Körper. Einmal hat

sich eine 17-Jährige an mich gewandt,

die ein Vulva-Lippen-Lifting machen

wollte, weil sie sich untenrum hässlich

fand. Weil einfach nicht kommuniziert

wird, dass es da kein schirch und kein

schön gibt. Junge Frauen sind da oft

verunsichert. Ich spreche auch über Themen

wie Monatshygiene, Alternativen zu

Binden und Tampons und alles, was den

weiblichen Körper angeht.

Wie ist die Resonanz aus der Community?

Alle Frauen feuern mich an - egal ob

innerhalb oder außerhalb der Community.

Bei Männern ist das gemischt, es gibt

solche und solche. Aber einige Menschen

sind aufgrund meines Kopftuchs

verwirrt. Ich bekomme dann Kommentare

wie “Du trägst den Hijab nicht

richtig, weil man deinen Hals oder deinen

Haaransatz sehen kann.” Dann heißt es,

ich solle das Kopftuch doch ablegen, weil

das nur halbe Sachen sind, die ich damit

repräsentiere. Aber dann kommt wieder

die Frage “Wie kannst du Sexualpädagogin

sein und das mit deinem Kopftuch

vereinbaren?” - Und dann denke ich mir

“Na hallo, ich dachte mein Kopftuch zählt

nicht?” Dann ist der Hijab aber plötzlich

doch genug.

Einblicke in Menervas Arbeit findet ihr

auf ihrem Blog „Hotel Mama“ und auf

instagram unter @kakaotschifrau.

LUST AUF MEHR?

Menerva hat ab Mai auf SALAM FM,

dem ersten deutsch-muslimischen

Radiosender, eine eigene Sendung

zu weiblicher Sexualität. Unbedingt

reinhören!

Menervas Buch „Wir treffen uns in der

Mitte der Welt: Von fehlender Akzeptanz

in der Gesellschaft und starken

Frauen“.

Menerva hat Frauen auf der ganzen

Welt über ihr Leben interviewt und

erzählt deren Geschichten. So schreibt

sie über eine Genitalverstümmlerin,

die später zur Sexualberaterin wird,

von einer jungen Frau, die aus einer

Zwangsehe entkommen konnte, und

von unzähligen anderen spannenden

Lebensgeschichten. Braumüller

Verlag, 22 €.

18 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 19



WIE VOM

ERDBODEN

VERSCHLUCKT

Seit Februar diesen Jahres befindet sich der Wiener Student Ahmed Samir

Santawy in seiner Heimat Ägypten in Untersuchungshaft. Ohne Aussicht

auf einen fairen Prozess. Santawy ist nur einer von tausenden friedvollen

Menschen, die zur Zielscheibe von repressiver Politik unter Präsident

Sisi wurden. BIBER sprach mit jenen Angehörigen und Freunden des

Masterstudenten, die unermüdlich für seine Freilassung kämpfen.

Text: Nada El-Azar

© Zoe Opratko

Souheila kam gegen Mittag

aus Gent in Alexandria an. Es

war der 1. Februar 2021. In

der ägyptischen Metropole

am Mittelmeer sollte sie ihren Verlobten

Ahmed nach Monaten der Fernbeziehung

endlich wieder in die Arme schließen. Sie

rief Ahmed an. Er hob nicht ab. Immer

wieder versuchte sie, ihn zu erreichen.

Keine Antwort. Also stieg Souheila alleine

in den Zug von Alexandria nach Kairo, wo

ein gemeinsamer Familienbesuch geplant

war. Angekommen in der Wohnung von

Ahmeds Eltern machte sich Sorge breit.

Ahmed war von einem vermeintlich

harmlosen Termin auf der Polizeistation

nicht zurückgekommen. Er hätte nur ein

paar Fragen beantworten sollen, doch

bis in den Abend hinein fehlte jedes

Lebenszeichen.

Sein Vater ging schlussendlich zur

Polizei und fragte nach ihm. Doch die

Beamten entgegneten ihm nur, dass

ihnen niemand mit dem Namen Ahmed

Samir Santawy bekannt sei. In dieser

Nacht kehrte Ahmed nicht heim, und

auch in den folgenden Tagen fehlte jede

Spur vom 29-Jährigen. Er war wie vom

Erdboden verschluckt. Erst nach fünf

Tagen gab es die Gewissheit: Ahmed war

tatsächlich verhaftet worden und befand

sich seither in Untersuchungshaft.

„Es war ein so merkwürdiges Gefühl“,

erinnert sich Souheila, „ich war zum

ersten Mal seit anderthalb Jahren wieder

in Ägypten und verbrachte die Zeit nicht

an Ahmeds Seite, sondern mit seiner

Familie, wartend. Wir warteten auf seine

Freilassung aus dem Gefängnis.“

INTERNATIONALE

AUFMERKSAMKEIT

Souheila erzählt mir dies bei einem

Zoom-Gespräch zwischen Wien und dem

belgischen Gent. Zu diesem Zeitpunkt

war Ahmed schon seit fast zwei Monaten

in Untersuchungshaft, ohne Anklage

oder Aussichten auf einen Prozess. Die

Belgierin mit türkischen Wurzeln kann

die Geschehnisse der letzten Wochen so

detailliert erzählen, als hätte sie einen

Kalender vor ihrem geistigen Auge. Ich

wurde auf den Fall

Ahmed zunächst

über Facebook

aufmerksam. Eine

Bekannte von mir

nahm an der Kundgebung

teil, die

Mitte Februar vor

der ägyptischen

Botschaft stattfand

und bei der

Demonstranten

Ahmeds Freilassung forderten. Im Text

zum Protestaufruf stand, ein Student, der

an der Wiener Central European University

(CEU) studiert und im Rahmen seiner

Masterarbeit zum Thema Abtreibungsrechte

in Ägypten geforscht hätte, wäre

überraschend in Kairo festgenommen

worden. In den österreichischen, wie

internationalen Medien wurde der Fall

sehr breit aufgegriffen. Ich wollte wissen:

Ahmed forschte zu

Abtreibungsrechten

in Ägypten.

Was für ein Mensch ist Ahmed? Und

warum wurde er verhaftet?

Souheilas Blick schweift in die Ferne,

wenn sie an ihre Zeit mit Ahmed in Wien

denkt. „Wir waren überall in der Stadt

spazieren, haben Museen besucht und

Ausstellungen gesehen. Unser Lieblingsort

war das Café Central in der

Herrengasse. Wir hatten es mit diversen

Shishabars versucht, jedoch fand Ahmed

keine von ihnen gut genug“, lacht Souheila.

Sie lernte Ahmed im Jahr 2009

an der Universität Kairo kennen. Sie

interessierten sich beide für arabische

Literatur, jedoch vergingen Jahre, bis aus

ihrer Freundschaft

im Jahr 2017

allmählich eine

Liebesbeziehung

wurde. Drei Mal

jährlich flog Souheila

nach Ägypten,

um mit Ahmed

sein zu können.

2019 begann er

an der CEU in

Wien Kultur- und

Sozialanthropologie im Master zu studieren.

Er interessierte sich besonders für

Menschenrechte, im Speziellen für die

reproduktiven Rechte von Frauen und für

LGBTQ-Rechte. Traurig und doch unbeirrt

wirkt Souheila vor ihrer Webcam. Sie

kann mir nicht beantworten, ob Ahmed

zu unvorsichtig auf Facebook gewesen

sein könnte. „Ahmed ist manchmal wie

ein kleines Kind. Er denkt niemals an ein

20 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 21



Souheila und Ahmed während eines Spaziergangs im Wiener Stadtpark. Ihr

Lieblingsort war jedoch das Café Central in der Herrengasse.

Morgen, er lebt von einem Tag in den

nächsten“, beschreibt die Arabischlehrerin

ihren Freund. Der 31-Jährigen entkommt

stets ein kleines Lächeln, wenn

sie seinen Namen sagt.

„ER WAR EIN WENIG

ZU NAIV.“

Ähnlich spricht auch Ahmeds beste

Freundin Rawda über ihn, mit der ich

auch ein Gespräch

über Zoom führte.

„Es ist schwer,

Ahmed in Worte zu

fassen“, sagt sie.

Die 23-jährige Studentin

sitzt dabei

vor ihrem Laptop

in einem Zimmer

irgendwo in der irischen

Hauptstadt

Dublin und kommt

ins Grübeln. „Er ist ein sehr lebenslustiger

Mensch“, fährt sie fort, „er liebte

es, zu reisen und neue Leute kennenzulernen.

Deswegen ging er auch nach

Europa.“ Rawda lernte Ahmed beiden im

Jahr 2017 während des Studiums in Kairo

kennen und sie studierten später auch

gemeinsam an der Central European

Er war ehrlich gesagt

ein wenig naiv, dass er

nichts gelöscht hat.

University in Budapest, bevor er nach

Wien zog. Zuletzt hatten sie Ende Jänner

über Facebook Kontakt. Ahmed sagte ihr

damals, dass er seinen Heimatbesuch in

Ägypten noch etwas verlängern wolle.

Es gefiel ihm, zurück bei seiner Familie

zu sein, und er traf viele Freunde, die er

lange nicht mehr gesehen hatte. „Es war

ehrlich gesagt ein wenig naiv, dass er

nichts gelöscht hat, bevor er nach Kairo

ging. Aber das war

seine Persönlichkeit,

er hatte keine

Angst vor nichts.

Ich würde dieselben

Fehler nicht

machen“, gibt

Rawda enttäuscht

zu. Ahmed soll

auf Facebook sehr

aktiv gewesen

sein. „Er schrieb

über alles Mögliche und teilte seine

Meinung zu aktuellen Themen zu Frauenrechten

und #MeToo.“ Auch Rawda

interessiert sich, ähnlich wie Ahmed, für

Menschenrechte und forscht intensiv zu

Themen wie fairen Rechtsbeiständen für

Frauen. Sie ist auch gebürtige Ägypterin.

Über Stipendien hatte sie die Möglichkeit

bekommen, im Ausland zu studieren.

Der Arabische Frühling von 2011 hat ihre

Perspektiven und ihre Lebenseinstellung

nachhaltig geprägt. „Die Revolution

passierte, als ich 13 Jahre alt war. Wir

wuchsen mit dem Bild auf, alles verändern

zu können, dass sich das Land in

eine neue, bessere Richtung entwickeln

könnte. Weg von der Korruption, weg

von der Polizeigewalt. Scheinbar haben

wir aber alles verloren, wofür in der

Revolution gekämpft wurde. Menschen

werden willkürlich verhaftet und mit

absurden Anschuldigungen konfrontiert“,

sagt die 23-Jährige. Nach einer Reihe im

Jahr 2018 neu verabschiedeter Gesetze

werden in Ägypten Inhalte auf Social-

Media-Accounts verstärkt reguliert. Das

offizielle Ziel der neuen Regelungen

war, Fake-News besser unterbinden zu

können. Jedoch hat die Kontrolle ein

erschreckendes Ausmaß angenommen.

„Die Polizei hält Menschen auf der Straße

an und kontrolliert deren Handys. Alles,

was regimekritisch ist, kann gegen einen

verwendet werden. Tausende Webseiten

von NGOs und ähnlichen Institutionen

wurden blockiert“, so Rawda.

TAUSENDE POLITISCHE

GEFANGENE

Seit dem 6. Februar sitzt Ahmed im

Liman Tora Gefängnis, das sich einige

Stunden entfernt von Kairo am Nil befindet.

Es ist in Ägypten bekannt, dass viele

politische Gefangene in diesem Hochsicherheitsgefängnis

festgehalten werden.

Internationalen Menschenrechtsorganisationen

zufolge sollen zwischen 40.000

und 60.000 politische Gefangene in

Ägypten inhaftiert sein. Viele von ihnen

befinden sich in Untersuchungshaft,

wie Ahmed. Laut Angaben der Human

Rights Watch hat sich die Lage im Land

seit dem Amtsantritt von Präsident Abdel

Fattah as-Sisi drastisch verschlechtert.

Beamte der ägyptischen Staatssicherheit

sollen regelmäßig Menschenrechtsverletzungen

begehen – auch Folter und

außergerichtliche Exekutionen sollen

keine Seltenheit sein.

Nach 17 Tagen in Einzelhaft wurde

Ahmed von Behörden der ägyptischen

Staatssicherheit befragt. Er wurde in

drei Punkten beschuldigt: Mitgliedschaft

bei einer terroristischen Gruppierung,

Verbreitung von Falschmeldungen und

© bereitgestellt

© Zoe Opratko

Benützung eines Accounts im Internet

zur Verbreitung dieser Falschmeldungen.

Nach jener Befragung vom wurde ein

weiterer Punkt hinzugefügt: Finanzierung

einer terroristischen Gruppierung.

Ahmed soll über den letzten Punkt im

Befragungszimmer sogar laut gelacht

haben. „Ich bin mit einem Transitflug

über die Türkei nach Ägypten gekommen,

weil ich als Student keine 1000

Euro für einen Direktflug zahlen konnte.

Wie sollte ich denn dann eine Terrororganisation

finanzieren?“, soll er laut

seiner Familie gesagt haben. „Typisch

ägyptisch!“, kommentierte Souheila

dies. Auch wenn die Lage hoffnungslos

erschien, hatte Ahmed seinen Humor

nicht verloren.

Der CEU-Student soll insgesamt

fast einen Monat in Einzelhaft verbracht

haben und klagte über seine kalte

Gefängniszelle. Das bestätigen Berichte

von NGOs, sowie Rawda und Souheila.

Ahmed befand sich vom 6. Februar bis

zum 2. März in Einzelhaft. In dieser Zeit

blieben ihm sowohl Besuch als auch Geld

verwehrt, was auch nach ägyptischem

Recht gesetzeswidrig ist. In der Regel

sollten Inhaftierte nach elf Tagen in

U-Haft Zugang zu Besuch und Geldmitteln

bekommen. Seine beste Freundin

Rawda kauerte förmlich vor ihrem

Laptop, als sie versuchte, sich in Ahmeds

Lage in Einzelhaft zu versetzen. „Als ich

hörte, dass Ahmed verhaftet worden war,

dachte ich mir: Wie soll er denn in einer

Zelle bleiben? Er hält es für gewöhnlich

keine drei Tage an einem Ort aus. Das

würde ihn buchstäblich verrückt machen.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie er den

ganzen Tag an diese Wände gestarrt

haben kann“, sagte sie bestürzt. Sie

sprach auch mit Ahmeds Bruder Abdelrahman.

„Für seine Familie ist das alles

ein Schock. Niemand hatte sich jemals

ausmalen können, dass Ahmed so etwas

zustoßen könnte. Er war kurz davor,

seinen Masterabschluss zu machen. Er

strebte eine akademische Karriere an,

wollte noch einen PhD machen. Das alles

ist auf einen Schlag weggerissen worden“,

sagte sie und wischte sich mit dem

Ärmel ihres Pullovers über das Gesicht.

Seit Ahmeds Inhaftierung kämpft Rawda

als Teil eines Kampagnenteams der CEU

für seine Freilassung.

Ahmeds Studienkollegin Gabriela sieht in seiner Inhaftierung einen Angriff auf

akademische Freiheit. Die Brasilianerin hielt eine Rede bei einer Protestaktion in Wien.

KEIN STATEMENT

VON ÄGYPTISCHER

BOTSCHAFT

Auf einer Amnesty-Kundgebung vor

der Kulturabteilung der ägyptischen

Botschaft in Wien lerne ich Ahmeds

Studienkollegin Gabriela kennen. Der

Protest war einer von vielen, die weltweit

am 10. April auch in den Städten Tunis,

Beirut, Gent, Sofia, Berlin und Belgrad

stattgefunden

haben, bei der

Menschen erneut

auf seine Freilassung

pochten. Die

Brasilianerin ist

ebenfalls Teil des

Kampagnenteams,

kennt Ahmed seit

Beginn des Masterstudiums

und

ist seine Nachbarin

im Studentenheim. „Er ist ein so hilfsbereiter,

gutmütiger Mensch“, so Gabriela.

Auf Facebook waren die beiden auch

befreundet, aber Ahmeds Profil ist mittlerweile

deaktiviert. „An der Uni wissen

alle über Ahmed Bescheid, es gehen

viele Solidaritätsmails herum“, so die

28-Jährige. Die ägyptische Botschaft in

Niemand dachte,

dass Ahmed so etwas

zustoßen könnte.

Wien hat auf meine Anfrage kein Statement

zu Ahmeds Inhaftierung oder den

Demonstrationen abgegeben. Jedoch

ist die Botschaft, laut Aussage einer

Amnesty-Aktivistin, dazu verpflichtet, der

ägyptischen Regierung zu melden, wenn

international Proteste vor ihren Toren

geschehen.

Ahmed Samir Santawy ist nicht der

einzige internationale Student, der sich

in Gewahrsam

der ägyptischen

Behörden befindet.

Auch sein

Bekannter Patrick

George Zaki, ein

Kopte und Student

der Universität

Bologna, befindet

sich schon ähnlich

lange in Haft,

wegen ähnlicher

Anschuldigungen. Berichten zufolge soll

Patrick bei seiner Befragung gefoltert

worden sein. Sowohl Rawda als auch

Souheila bestätigen, dass auch Ahmed

nicht von physischer Gewalt durch die

Polizei verschont geblieben sein soll.

Beamte sollen ihm schon während seines

ersten Verhörs bei der Polizei ins Gesicht

22 / POLITIKA /

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Seit dem 6. Februar 2021 sitzt Ahmed im Liman Tora Gefängnis.

Es ist bekannt dafür, dass viele politische Gefangene dort in Haft sind.

geschlagen und ihm in den Bauch

getreten haben. Als Ahmeds Mutter ihn

kurz vor Ende seiner Zeit in Einzelhaft für

20 Minuten besuchen durfte, passierte

dies nur unter strenger Aufsicht von

Gefängniswärtern. Frei sprechen konnte

Ahmed über die Umstände während

seiner Einzelhaft mit ihr also nicht. Seine

Lage soll sich jedoch seit seiner Überführung

in eine andere Gefängniszelle,

die er sich mit einem weiteren Häftling

teilt, laut Berichten der Angehörigen

gebessert haben. Mit dem Geld, das ihm

seine Familie schickt, kann er sich in

der Kantine des Gefängnisses adäquate

Mahlzeiten kaufen, und auch Kleidung

soll er erhalten haben. Für Souheila war

das eine kleine Erleichterung. „Er hatte

einen ganzen Monat nur jenes weiße

T-Shirt an, das er zum Termin auf der

Polizeistation trug“, sagt sie.

„DIE ANSCHULDIGUNGEN

SIND ABSURD.“

Für Michael Ignatieff, Direktor der Central

European University, ist die Inhaftierung

seines Studenten ein alarmierendes

Einschüchterungsmanöver. „Seit

Ahmeds Inhaftierung in Kairo haben

wir eng mit den österreichischen und

amerikanischen Behörden zusammengearbeitet“,

berichtet er, „und es ist sehr

wichtig, dass der Fall Ahmed Santawy

von österreichischen und amerikanischen

Botschaftern auf der höchsten

Ebene des ägyptischen Staates zur

Sprache gebracht wurde.“ Amerikanische

Behörden seien deshalb involviert,

weil die CEU in New York akkreditiert ist

und amerikanische Abschlüsse vergibt.

Eine der größten Schwierigkeiten sieht

der CEU-Direktor in der Tatsache, dass

Ahmed ein ägyptischer Staatsbürger ist,

und deshalb die ägyptische Regierung

seine Haft als nationale Angelegenheit

handhabt. Trotzdem sieht er es in seiner

Verantwortung, weiter Ahmeds Freilassung

voranzutreiben.

Dass

der 29-Jährige

beschuldigt wurde,

Mitglied einer

terroristischen

Organisation zu

sein, hält er für

absurd. Zwar

wurde nicht näher

ausgeführt, um

welche Terrororganisation

es sich handeln würde, jedoch

versichert Ignatieff, dass Ahmed keinerlei

Verbindungen zu irgendeiner islamischfundamentalistischen

Gruppe gepflegt

habe oder pflegen würde.

„Ich denke, dies ist eindeutig ein

Versuch, nicht nur diesen ägyptischen

„Niemand im Westen

soll über die Situation

in Ägypten Bescheid

wissen.“

Studenten, sondern alle ägyptischen

Studenten einzuschüchtern. Unsere

Universität heißt junge Menschen aus

120 Ländern willkommen, und viele von

ihnen kommen aus Staaten mit schwierigen

Regimen. Und ich bin sehr besorgt

darüber, dass dieser Fall nicht nur für

ägyptische Studenten, sondern auch

für ausländische Studenten in Ägypten

auf ganzer Linie eine abschreckende

Wirkung haben könnte. Sie werden keine

einzige Sache auf Facebook, Twitter und

anderen sozialen Medien veröffentlichen

wollen. Und dies ist in meinen Augen

eine Verletzung ihres persönlichen

Rechts auf Freiheit.“

„AHMED LIEBT ÄGYPTEN

ÜBER ALLES.“

Mit Ahmeds Partnerin Souheila sprach

der CEU-Direktor auch persönlich. In

ihren Augen tut die Universität aber

noch längst nicht genug, um Ahmed zu

helfen. „Ich wünschte, die Uni würde

mehr Druck auf die Regierung ausüben.

Ahmed lebt in Europa und sollte Rechte

haben. Die Verhandlungen sollten mit

einem viel strengeren Tonfall ablaufen,

aber intakte Beziehungen zu Ägypten

scheinen offenbar wichtiger“, so die

Arabischlehrerin. Auch sollte Österreichs

Bundesregierung ihrer Meinung nach

schärfer mit Ägypten verhandeln und

Sanktionen ankündigen.

Seit November 2020 hat Souheila

Ahmed nicht mehr persönlich gesehen.

Als sie in Kairo war, durften nur verwandte

Familienmitglieder Besuche im

Gefängnis abstatten.

Die beiden

sind lediglich

islamisch verlobt

und wollten eigentlich

bald heiraten.

Einen Brief, den

sie an Ahmed

verfasst hat, durfte

sein Vater bei

seinem letzten

Treffen nicht in den

Besuchsraum mitnehmen. Souheila fragt

sich bis heute, ob Ahmed jemals verhaftet

worden wäre, wäre er wie geplant im

Jänner nach Österreich zurückgekommen.

Ahmed liebt Ägypten über alles.

Das erzählten mir Rawda und Souheila

© KHALED DESOUKI / AFP / picturedesk.com

© Manfred Weis

unabhängig voneinander. Er war stets

der festen Überzeugung, dass er eines

Tages, wo auch immer es ihn hin

verschlagen haben könnte, für immer

nach Ägypten zurückkehren würde.

Doch was sind nun die Perspektiven

für den 29-jährigen Masterstudenten,

sollte er aus der Haft entlassen werden?

Für Rawda gibt es zwei Szenarien.

„Entweder darf Ahmed Ägypten

verlassen und dafür nie wieder zurückkehren.

Oder er bekommt ein Ausreiseverbot

und würde niemals richtig in

Freiheit leben und arbeiten können.

Beide Möglichkeiten sind schrecklich,

wenn man bedenkt, wie sehr Ahmed

an Ägypten hängt. Er würde das wahrscheinlich

nur schwer ertragen können“,

so die 28-Jährige. Sie kann nur

spekulieren, was genau an Ahmed in

den Augen der ägyptischen Regierung

so bedrohlich sein könnte. „Niemand

im Westen soll über die Situation in

Ägypten Bescheid wissen. Es ist ein

Land, in dem ein Großteil der Frauen

sich mit sexueller Gewalt konfrontiert

sieht. Menschen wie Ahmed, die zu

solchen Themen forschen, sind in Sisis

Regime eine Bedrohung.“ Rawda fügt

hinzu, dass man gesellschaftlichen

Aufruhr mit allen Mitteln zu unterbinden

versucht. Aber sie wird weiterhin

versuchen, möglichst viel Aufmerksamkeit

auf die Entlassung ihres

Freundes Ahmed zu richten. Weltweit

sollen Proteste stattfinden, bis etwas

passiert. Dafür wird sie kämpfen. ●

„DRUCK AUS DEM AUSLAND IST

AHMEDS EINZIGE HOFFNUNG.“

BIBER: Wie wird in Ägypten über den

Fall Ahmed Santawy berichtet?

KARIM EL-GAWHARY: Eigentlich null.

Die unabhängige Nachrichtenplattform

„MadaMasr“ hat über Ahmed Santawy

geschrieben, diese ist aber in Ägypten

blockiert. Sonst ist es in den Medien hier

zu Lande still um den Fall. Sehr viele

von ihnen sitzen dort ohne Anklage, wie

Ahmed. Die Anwälte können in diesen

Fällen wenig tun, weil es nie einen Prozess

gab.

Was ist die Rechtsgrundlage für Ahmeds

Inhaftierung?

Ahmed sitzt momentan in Untersuchungshaft.

Diese kann nach ägyptischem

Recht alle 15 Tage verlängert

werden, auf bis zu zwei Jahre. Nachdem

diese zwei Jahre abgelaufen sind,

passiert es nicht selten, dass ein Fall in

einen neuen Fall gesteckt wird – und

die Untersuchungshaft so fortgesetzt

werden kann. Die größte Chance, wieder

freizukommen, haben prominente Fälle.

So wie es beim Menschenrechtler Gasser

Abdel Razek und zwei weiteren Inhaftierten

gewesen ist, die nach internationalem

Druck freigelassen wurden. Ich

denke, dass Ahmeds einzige Hoffnung

Druck aus dem Ausland ist. Er hat Glück,

dass der Direktor seiner Uni gut vernetzt

ist.

Ahmed beschäftigte sich mit dem Thema

Abtreibung in Ägypten. Ist das der Grund

für seine Haft?

Ich bin mir nicht sicher, ob man die

Anschuldigungen tatsächlich auf Ahmeds

Forschungsarbeit beziehen kann. Dafür

sind sie zu vage formuliert. Wir wissen

oft überhaupt nicht, wo die roten

Linien sind. Es gibt Menschen, die mehr

kritische Dinge als Ahmed auf Facebook

Karim El-Gawhary ist Nahostkorrespondent

und leitet seit 2004 das ORF-Nahostbüro

in Kairo. Auch er berichtete über den Fall

Ahmed Santawy und weiß aus erster Hand,

wie es um politische Gefangene in Kairo steht.

posten und nicht verhaftet werden, so

wie jene, die weniger als er posten und

trotzdem verhaftet werden. Das lässt

sich nicht immer mit Logik erschließen.

Stimmt es, dass die Polizei willkürlich

Mobiltelefone kontrollieren kann?

Das ist eine Methode, die die Polizei seit

etwa zwei Jahren anwendet. Sie halten

Leute auf der Straße an und fordern sie

auf, ihr Handy zu entsperren. Tut man

das nicht, kann man ebenso mitgenommen

werden. Sie checken konsequent

deine Fotos und Social Media. Finden sie

etwas, kommt man mit.

Was haben arabische Autokratien seit

der Revolution von 2011 gelernt?

Sie lassen keinerlei politischen Spielraum

zu, in dem sich irgendetwas entwickeln

könnte, was ihnen zum Verhängnis wird.

Man darf sich nicht versammeln, nicht

organisieren. Gleichzeitig wächst die

Unzufriedenheit in der Bevölkerung – und

das nicht wegen der politischen Lage,

sondern vielmehr der sozialen Lage.

Den Leuten geht’s einfach schlecht.

Ein Drittel der Bevölkerung in Ägypten

lebt unter der Armutsgrenze von 1,30

Euro am Tag. Vielerorts auf der Welt hat

sich die Schere zwischen arm und reich

verkleinert. Nur in der arabischen Welt

nicht. Da ist in den letzten 10 Jahren

der Anteil an Menschen, der in extremer

Armut lebt, angewachsen. Viele

stehen in wirtschaftlicher und sozialer

Hinsicht mit dem Rücken zur Wand. Und

diesem Frust können sie keinen Raum

geben. Auf Dauer ist das natürlich eine

sehr gefährliche Sache. Man kann bis zu

einem gewissen Punkt mit Repressionen

Friedhofsruhe schaffen. Das ist aber

nicht nachhaltig.

24 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 25



„Herr Hanke, wie steht es

um die Wiener Clubs?“

Der Wiener Stadtrat für Finanzen Peter Hanke möchte einen

Kultursommer auf die Bühne bringen, wartet mit kreativen Lösungen

zum „Aufsperren Wiens“ auf und erzählt im biber-Interview, warum es

das Ausbildungsstipendium im Pflegebereich braucht.

BIBER: Herr Finanzstadtrat, bevor wir

loslegen, eine dringende Frage aus der

Redaktion: Haben Sie einen Laptop?

PETER HANKE: Ja. Ich habe auch ein

iPad und ein Handy. Es gelingt mir

durchaus mit der modernen Technologie

mitzuhalten und ich verwende sie auch.

Da sind wir erleichtert. Wir blicken auf

ein Jahr Corona-Pandemie zurück:

Haben Sie sich im März 2020 das wirtschaftliche

Ausmaß der Krise so vorgestellt?

Nein. Es ist überraschend. Wir alle dachten,

dass nach dem ersten Lockdown

ein Stück des Weges gegangen ist, und

konnten uns nicht vorstellen, dass es

einen weiteren geben würde. Heute sind

wir sehr realistisch und wissen, welche

Auswirkungen die Krise hat – insbesondere

auf die Arbeitnehmerinnen und

Arbeitnehmer. Die Tragik ist die: Hunderttausende

Menschen sind arbeitslos

geworden, Hunderttausende sind in

Kurzarbeit und viele Zehntausende sind

in Quarantäne.

Bleiben wir bei den Zahlen: Wie viel

hat Corona denn die Stadt Wien bisher

gekostet?

Bis dato hat Corona rund 500 Millionen

Euro gekostet. Ich glaube, dass jeder

Euro, der jetzt in das Thema Arbeit investiert

wird, ein doppelter ist. Wien ist eine

Von Delna Antia-Tatić, Fotos: Zoe Opratko

junge Stadt, viele junge Familien sind

betroffen, die jetzt unsere Unterstützung

ganz besonders brauchen.

Trotz dieser halben Milliarde Euro

zusätzlicher Ausgaben hört ein jeder von

individuellen Pleiten und von Hilfen, die

nicht ankommen. Frustriert Sie das?

Persönlich gehen mir diese menschlichen

Schicksale besonders ans Herz.

Es ist auch schmerzhaft zu sehen, wie

viele Einpersonenunternehmen (EPUs)

und Kleinunternehmen mit dieser Krise

in eine Schräglage gekommen sind. Im

beruflichen und politischen Bereich ist

aber jetzt auch die Zeit, um mit kreativen

Lösungen in der Wirtschaft neue Projekte

voranzutreiben.

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe die

Wiener*innen vor einem wirtschaftlichen

Ruin zu „retten“ – oder inwieweit ist das

in einer Pandemie individuelles Schicksal?

Nein, es kann nie individuelles Schicksal

sein. Wir alle haben uns als Ziel gesetzt,

niemanden in Wien zurückzulassen.

Wenn wir diese Ansage ernsthaft leben,

haben wir den Schulterschluss mit jenen

Gruppen zu finden, die jetzt in der Krise

besonders betroffen sind: Das sind

die EPUs, die kleinen Gesellschaften,

das sind die Branchen vom Handel,

Tourismus und Kongressbereich – und

das ist der gesamte Kulturbereich, der

zum Erliegen gekommen ist. Das sind

tausende Einzelschicksale. Da müssen

wir versuchen, jetzt Lösungen zu finden

– und das tun wir.

Wie sehen solche Lösungen aus?

Wir haben in den letzten 12 Monaten

vier Corona-Hilfspakete geschnürt – und

ich befürchte, das hat noch kein Ende,

sondern glaube, dass weitere Unterstützungen

notwendig sein werden. Wir

versuchen, zusätzlich den Kultursommer

wieder auszurufen, wir werden über

sechs Millionen Euro in die Hand nehmen,

um Künstlerinnen und Künstlern

kleinräumig die Möglichkeit des Auftritts

in den Grätzeln zu geben, damit sie auf

kleinen Bühnen und coronatauglich ihr

Programm gestalten können. Wir haben

die Vienna-Experience-Card eingeführt,

die Wien einmal von einer anderen Seite

erlebbar macht: ein Museumsbesuch

zu Nachtstunden etwa. Und darüber

hinaus planen wir die Gastro-Inseln. Das

„Aufsperren Wiens“ liegt in diesen Tagen

zwar noch in der Ferne, aber wir wollen

am Tag eins gerüstet sein und den

Schanigarten im Großen in allen Wiener

Bezirken aufsperren.

Wie ich gehört habe, muss man sich

dafür bewerben – oder ist Platz für alle

Betriebe?

Nein, es ist nicht Platz für alle. Es ist

Platz für eine Auswahl jener Betriebe, die

keinen Schanigarten haben. Wir setzen

die Aktion jedoch Monat für Monat an,

sodass wir mit einem Wechsel möglichst

viele Gastronomen berücksichtigen

können. In allen 23 Bezirken planen wir

zwei Standorte und zusammen mit dem

Schanigarten-Hotspot, dem Stadtpark,

werden insgesamt 300 Gastronomen

aufsperren können.

Wird bei der Auswahl auch die Vielfalt

der Lokale berücksichtigt – wie etwa die

Lokale der Märzstraße?

Nein, das werden wir so nicht schaffen

können. Nachdem es zwei Standorte pro

Bezirk geben soll, ist natürlich hier die

Buntheit des Bezirks schon gefragt. Die

Auswahl wird per Los unter notarieller

Beglaubigung stattfinden. Daher können

wir nicht sagen, ob sich alle wiederfinden

– aber es soll eine bunte Mischung sein.

Bleiben wir beim Vergnügen. Was unsere

Leserschaft natürlich besonders interessiert:

Wie steht es um die Clubs? Wann

kann man in Wien wieder feiern – und

gibt es dann überhaupt noch Clubs, oder

sind die dann alle schon „tot“?

Das hoffe ich nicht. Wir haben bereits

eine Club-Förderung auf Landesebene

generiert. Momentan sehen wir jedoch

keine baldige Öffnung. Es ist für diese

Branche sehr schwierig geworden

und daher überlegen wir auch, in den

nächsten Monaten hier eine weitere

Unterstützung zu geben. Denn ich weiß,

dass es – trotz Kurzarbeit und Unterstützungsleistungen

von Bund und Land

– eine unglaublich schwere Zeit für jeden

Clubbesitzer ist. Aber auch für alle Angestellten.

Trotz allem: Das Lebensgefühl

wird sich nicht ändern. Es wird hoffentlich

rasch wieder die Zeit kommen, wo

wir die Clubatmosphäre in Wien genießen

können.

Nun soll man Krisen bekanntlich für

Investitionen nützen – und auch darüber

wollen wir heute reden. Konkret über das

Ausbildungsstipendium von 400€, das

die Stadt Wien vergibt. Worum geht es

dabei genau?

Wir sehen, wie sich Branchen verändern

und dass wir gerade im Pflege- und

Gesundheitsbereich viele Tausende neue

WER IST ER?

Name: Peter Hanke

Alter: 57

Funktion: Amtsführender Stadtrat für Finanzen, Wirtschaft,

Arbeit, Internationales und Wiener Stadtwerke

Besonderes: Glaubt an einen positiven Effekt der Frauenquote

bei staatlichen Unternehmen

26 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 27



ansprechen. Uns ist es wichtig, Fachkräfte

der Zukunft zu entwickeln, aber

auch Verantwortung zu übernehmen,

sodass es keine Corona-Generation gibt.

Wenn wir im Bereich der Arbeitslosigkeit

das Mengenverhältnis anschauen, sind

es natürlich junge Leute, die zwischen

19-24 Jahren besonders betroffen sind.

Entgeltliche Einschaltung

Foto: BMF/Adobe Stock

"Eine Frauenquote macht Sinn", so Peter Hanke beim Gespräch im Rathaus.

Stellen besetzen müssen. Auch in der

Elementarpädagogik herrscht Handlungsbedarf.

Deshalb gibt es jetzt das

Ausbildungsstipendium. Das ermöglicht,

aus einer Branche bzw. einem bestehenden

Arbeitsverhältnis, bei dem man

nicht glaubt, dass dies die große Zukunft

ist, in eine neue Branche, den Gesundheits-

und Pflegebereich, zu wechseln.

Dort brauchen wir bis 2030 über 9000

Stellen und wir wollen den Interessenten

mit dem Ausbildungsstipendium

den Umstieg leichter machen. Denn

das Arbeitslosenentgelt – das sind rund

815 Euro – ist zu wenig, wenn man eine

qualifizierte, längerfristige Ausbildung

von ein bis zwei Jahren in Angriff nimmt.

Deshalb gibt es jetzt diese 400€ pro

Person, pro Monat, die es einem ermöglichen

sollten, den Umstieg in einen

neuen Job mit einer sicheren Zukunft zu

gewähren.

Bekomme ich das Stipendium von 400€

nur, wenn ich arbeitslos gemeldet bin?

Sagen wir, ich bin eine Kellnerin in Kurzarbeit

und möchte umsatteln, bekomme

ich die 400€ dann auch?

Wenn die Kellnerin eine Pflegeassistenz

anstrebt, dann muss sie die Ausbildungszeit

von einem Jahr vollständig in die

Ausbildung investieren, das bedeutet,

sie wird keinen anderen Job ausüben

können. Damit bekommt sie vom AMS

automatisch 815 Euro, bekommt dann

noch 400 Euro Stipendium dazu und mit

1200 Euro netto kann man sich dieses

Überbrückungsjahr leisten. Denn das

ist mein Anliegen: Dass sich ein Familienvater,

eine alleinerziehende Mutter

diese Veränderung leisten kann und die

Chance auf einen Job mit Karrieremöglichkeit

erhält.

Die Krise betrifft auch stark jene, die zum

ersten Mal einen Fuß in die Arbeitswelt

setzen. Stichwort Lehre. Wie viele junge

Wiener*innen suchen derzeit einen Lehrstellenplatz?

Es sind mehr als 3000 und wir können

einer Vielzahl einen guten Ausbildungsplatz

in unseren eigenen Strukturen

ermöglichen. Wir haben hier aufgestockt.

Wir nehmen jetzt bei den Wiener

Stadtwerken 150 neue Lehrlinge auf und

wollen insbesondere auch junge Frauen

Mädchen werden seit Jahren besonders

dazu aufgerufen, sich für Jobs in

techniknahen Berufsfeldern zu interessieren.

Was halten Sie denn von einer

Frauenquote, zumindest in den großen

staatsnahen Betrieben? Und wo stehen

wir derzeit bei 15.000 Mitarbeiter*innen

bei den Stadtwerken?

Bei den Stadtwerken liegt der Anteil an

Frauen bei rund 20 Prozent. Ich glaube,

dass eine Frauenquote Sinn macht – weil

wir einfach die Durchmischung zu erhöhen

haben. Aber eines ist auch klar: Gut

qualifizierte Frauen werden immer ihren

Weg finden und sie werden ihre Chance

am Arbeitsmarkt haben. Dennoch glaube

ich auch, dass staatliche Systeme aufgerufen

sind, hier noch mal nachzubessern

und in ihren eigenen Unternehmen den

Frauenanteil erhöhen sollten.

Letzte Frage: Sie werden medial gern als

„Sir“ beschrieben. Woher kommt diese

Bezeichnung? Sind Sie ein besonderer

Gentleman, Teetrinker – gefällt Ihnen das

Image?

Mir gefällt der Respekt anderen Menschen

gegenüber und ich versuche

kultiviert, mit Vernunft und Weitblick

aufzutreten. Ich bin nicht der klassische

Politiker, ich habe Jahrzehnte in der Wirtschaft

gearbeitet, habe mich dort sehr

wohl gefühlt und mache diesen Job nun

mit Überzeugung. Vieles, das ich da an

Erfahrungen gesammelt habe, kann ich

jetzt auch umsetzen. Ich versuche, meinen

Tonfall den Themen der Sachlichkeit

anzupassen, und bin daher vielleicht

nicht so in marktschreierischen Gazetten

zu lesen wie andere. Am Ende ist es

meine Art, Politik zu machen, zu der ich

stehe und mit der ich glaube, meinen

Beitrag in dieser Stadtregierung leisten

zu können.

bmf.gv.at/corona

Ausfallsbonus

Erhöhte Hilfe erstmals

seit 16. April beantragbar

• Statt 30 %, werden für März und April jeweils insgesamt bis

zu 45 % des Umsatzes ersetzt, max. 80.000 Euro pro Monat

• Kann bereits ab 40 % Umsatzausfall über FinanzOnline

beantragt werden

28 / POLITIKA /

Alle Informationen auf bmf.gv.at/corona oder unter 050 233 770



„Nicht mehr lernen,

Mama!“

Wickeltisch statt WG-Party: Der Alltag als

alleinerziehende Studentin ist kein Kinderspiel.

Von Sandra Schmidhofer, Fotos: Zoe Opratko

Nicht mehr lernen, Mama“, ruft meine Tochter.

Tränen laufen über ihr Gesicht. Omas Beruhigungsversuche

helfen nicht mehr. Es ist der

fünfte Tag in Folge, an dem ich von morgens bis

abends an meinem Laptop sitze, denn in wenigen Tagen ist

Abgabetermin. Mit meinem Kind, das noch keine zwei Jahre

alt ist, habe ich seit Tagen nur in meinen Schreibpausen

gespielt. So läuft es jedes Mal, wenn ich eine Seminararbeit

abgeben oder für Prüfungen lernen muss.

Ich war gerade im dritten Semester meines Bachelorstudiums

in Kultur- und Sozialanthropologie, als ich schwanger

wurde. Damals war ich 21 Jahre alt und von Beginn an

alleinerziehend. Und damit war ich nicht alleine: 7,5 % aller

österreichischen Student:innen haben Kinder. Das ergibt die

Studierenden-Sozialerhebung 2019. Das sind in etwa 22.400

Personen. Alleinerziehend sind etwa 2.800

Studierende, darunter fast nur Frauen.

Auch bei meinen alleinerziehenden

Freundinnen Corinna und Katharina, 30 und

24 Jahre alt, hat sich während des Studiums

Nachwuchs angekündigt. Katharina hat

genauso wie ich Kultur- und Sozialanthropologie

studiert, Corinna Spanisch und Französisch

auf Lehramt. Unser Alltag auf der Uni

hat sich mit der Geburt schlagartig geändert.

„Bis kurz vor dem Entbindungstermin

habe ich Seminararbeiten geschrieben, eine

davon musste ich in den Wochen nach der

Geburt fertigstellen“, erzählt Katharina. Das

30 / RAMBAZAMBA /

Ohne Kinder hätte

ich mein Studium

2019 abgeschlossen.

Jetzt haben

wir 2021 und ich

bin immer noch

nicht fertig.

war auch bei mir so. Ausruhen im Wochenbett? Ja, mit Baby

im Arm und Laptop am Schoß. Denn Deadline ist Deadline,

auch wenn man gerade ein Baby bekommen hat.

KEINE KLASSISCHE KARENZZEIT

Kurze Zeit später saß ich schon wieder im Hörsaal. Meine

Tochter war zwei Monate alt und blieb während der wenigen

Lehrveranstaltungen, die mir noch gefehlt haben, meistens

mit Oma zuhause. 2019 schloss ich mein Studium ab. Aber

der Weg war kein leichter - wie bei Corinna. Sie hat ebenfalls

zwei Monate nach der Geburt ihrer Drillinge wieder angefangen,

für Prüfungen zu lernen. Katharina hingegen blieb ein

Jahr zuhause. Ein schlechtes Gewissen hatten wir alle. Egal

ob zwei oder zehn Monate: Die Zeit mit dem Baby war zu

kurz.

„Warum sind wir nicht länger zuhause

geblieben?“, frage ich beide. „Ich habe

jetzt einen Menschen mehr, für den ich

sorgen muss. Da wollte ich schnell fertig

werden, um finanziell besser aufgestellt

zu sein. Ich hatte auch das Gefühl, dass

die Gesellschaft von mir erwartet, mein

Studium möglichst bald zu beenden. Es

gibt schließlich viele Vorurteile gegenüber

jungen Müttern ohne Job und ohne abgeschlossene

Ausbildung“, erzählt Katharina.

Jaja, ATV‘s „Teenager werden Mütter“ lässt

grüßen. „Gleichzeitig wird aber erwartet“,

fährt Katharina fort, „dass man so lange

Da sich Lehrveranstaltungszeiten

jedes Semester

ändern, muss alle

paar Monate neu

organisiert werden.

Sandra, 25, Autorin, Mutter

und alleinerziehende

Studierende.

/ RAMBAZAMBA / 31



Die Doppelbelastung fordert manchmal ihren Schlafzoll.

wie möglich mit dem Kind zuhause bleibt.“ Die schnelle

Rückkehr zur Uni hatte für uns trotzdem was Bereicherndes.

Durch das Studieren konnten wir einen Teil unseres „alten“

Lebens behalten. Leichter wurde es deswegen nicht, ganz im

Gegenteil.

In einer Facebookgruppe studierender Eltern der Universität

Wien tauschen sich Jungmütter darüber aus, wie

Studieren mit Baby in der Praxis am besten funktioniert.

Einige Mütter erzählen, dass sie ihr Baby im Tragetuch mit

in die Vorlesung bringen. Bei anderen

warten Kind und Betreuungsperson vor dem

Hörsaal. Als ich das lese, fühle ich mich

erleichtert. Corinna, Katharina und ich sind

nicht alleine!

„KOMMST DU MIT AUF

EIN BIER?“

Student:in sein ist mehr als nur Studieren.

Jedenfalls vor der Pandemie. „WG-Leben,

auf Partys gehen, sich selbst finden. Sich

vielleicht politisch oder sozial engagieren,

eine Weltreise machen. Das alles gehört

für mich zum Unileben dazu. Bei mir ist das

weggefallen“, so Katharina. Wenn mich

Studienkolleg:innen fragten „Kommst du

In Wien gibt es

knapp 25 Eltern-

Kind-Cafés,

aber die größte

Hochschule

Österreichs

scheitert an einer

Umsetzung?

mit auf ein Bier?“, musste ich meistens ablehnen. Nicht, weil

ich keine Lust gehabt hätte. Nicht, weil ich nicht gerne mit

Unikolleg:innen Freundschaften schließen wollte. Sondern

weil ich nachhause zu meinem Baby wollte.

Im Uni-Alltag aus Vorlesungen und Seminaren beschäftigt

uns Alleinerziehende allerdings diese Frage am meisten:

Wer passt auf die Kinder auf? Regelmäßige Betreuung gibt

es in Kindergärten, Schulen und Horten. Doch wohin mit den

Kleinen, wenn Seminare am späten Nachmittag, Übungen

am Abend und Blockveranstaltungen am Wochenende

stattfinden? Corinna und ich haben Familie und Freundinnen

in der Nähe, die gerne aufpassen. Das ist ein Riesenvorteil.

Doch der gute Wille alleine reicht nicht aus. Die Frage, ob

Oma oder die Freundin auf mein Kind aufpassen können,

hängt auch von deren Berufstätigkeit, Gesundheit und

Belastbarkeit ab. Da sich Lehrveranstaltungszeiten jedes

Semester ändern, muss alle paar Monate neu organisiert

werden. Da kann es auch passieren, dass mal keiner Zeit

hat. Und was dann? „Mich hat man schon gefragt, warum

ich mir keine Nanny nehme. Wie soll ich mir das bitte leisten

können?“, fragt Corinna ein wenig belustigt, den Vorschlag

findet sie absurd. Laut Studierenden-Sozialerhebung

können 61 % der alleinerziehenden Studierenden keine:n

Babysitter:in finanzieren. Für Studierende mit Kindern ist es

so fast unmöglich, das Studium ohne Verzögerungen abzuschließen.

Wer keine Betreuung findet, kann nicht zur Lehrveranstaltung

und nicht für die Prüfung lernen. Chronischer

Schlafmangel, weil das Baby nachts ständig aufwacht, macht

weniger leistungsfähig. Und wenn das Kleinkind im Winter

alle zwei Wochen krank ist, kommt man auch nicht wirklich

voran. Corinna kann davon ein Lied singen: „Ohne Kinder

hätte ich mein Studium 2019 abgeschlossen. Jetzt haben wir

2021 und ich bin immer noch nicht fertig.“ Warum sind wir

eigentlich so abhängig von unserem privaten Umfeld? Wo ist

die Unterstützung durch die Universität?

BREMEN ZEIGT, WIE‘S GEHT

Dass es nicht so sein muss, zeigt ein Blick zu unseren

nördlichen Nachbarn. Katharina studiert nicht mehr in Wien,

sondern an der Universität Bremen in Deutschland. „Hier

gibt es vier Unikindergärten. Pädagogik-Studierende bieten

kostenlose, flexible Kinderbetreuung an

und bekommen dafür ECTS-Punkte. Es gibt

Betreuungsräume für Kinder, einen großen

Spielplatz in der Mensa, Kinder essen

gratis.“ Wow! Was für mich wie ein Märchen

klingt, ist für meine Freundin Realität.

Von Angeboten wie diesen kann man in

Wien nur träumen. Uni-Kindergärten haben

zu wenig Plätze, außerdem sind sie fast

doppelt so teuer wie städtische Kindergärten.

Was vor allem fehlt: Eine Möglichkeit,

Kinder spontan und für kurze Zeit betreuen

zu lassen, ohne dabei pleite zu gehen.

Wenn ich bei Ikea ein neues Sofa kaufe,

geht das. Dort gibt es nämlich einen Kinderbereich.

Wenn ich am späten Nachmittag

STUDIEREN

MUSS MAN SICH

LEISTEN KÖNNEN

Viele Studierende gehen nebenbei arbeiten.

Für Alleinerziehende ist das schwierig. Die

Studierenden-Sozialerhebung zeigt, dass

Student:innen mit Kindern im Schnitt 71

Wochenstunden für Studium und Kinderbetreuung

aufwenden. Für sozialbedürftige

Studierende gibt es die Möglichkeit, Studienbeihilfe

zu beantragen. Ob ein:e Student:in

als sozialbedürftig gilt, hängt vor allem vom

Gehalt der Eltern ab. Für das Selbsterhalterstipendium

muss man mindestens vier

Jahre gearbeitet haben. Wer die Kriterien

nicht erfüllt, von der eigenen Familie aber

finanziell nicht unterstützt wird, muss im

schlimmsten Fall das Studium schmeißen.

Bei Louise, einer ehemaligen BOKU-Studentin,

war das so: „Mir haben nur noch

ein paar Prüfungen gefehlt. Ich fand keine

Arbeit, die mit Studium und Kinderbetreuung

vereinbar gewesen wäre. Auf Studienbeihilfe

hatte ich auch keinen Anspruch, Mindestsicherung

bekommt man keine, wenn man

studiert. Ich habe mein Studium dann nicht

abgeschlossen, weil ich es mir nicht leisten

konnte.“

32 / RAMBAZAMBA /

/ RAMBAZAMBA / 33



zum Bachelor-Seminar muss, geht das nicht - denn

Platz für Kinder gibt es an den Universitäten nicht.

Ich habe bei den zuständigen Stellen der Uni Wien

nachgefragt, warum das so ist. Die Antworten sind

ernüchternd: Eine flexible Kinderbetreuung scheitere

an einer schwierigen Gesetzeslage, sagt mir Karoline

Iber, eine Mitarbeiterin des Rektorats der Universität

Wien. Einen Lernraum für Studierende mit Kindern

gibt es aus Versicherungsgründen nicht. Wirklich

nachvollziehen kann ich das nicht. In Wien gibt es

knapp 25 Eltern-Kind-Cafés, aber die größte Hochschule

Österreichs schafft die Umsetzung eines notwendigen

Angebots aus „versicherungstechnischen

Gründen“ nicht? Auch die anderen Hochschulen in

Wien haben diesbezüglich wenig zu bieten. Studierenden

mit Kindern unter die Arme zu greifen, scheint

auf der Prioritätenliste nicht weit oben zu stehen.

SO KANN ES NICHT WEITERGEHEN

„Ich würde so gerne nach dem Diplomstudium weiter

studieren“, erzählt Corinna, „aber ich schaffe das

nicht mehr. Die körperliche und mentale Belastung ist

zu hoch.“ Ich habe mir schon nach meinem Bachelor-

Abschluss gedacht: „Noch zwei Jahre für den Master

packe ich nicht.“ Mehr Unterstützung würde vieles

erleichtern. Das, was Universitäten bisher bieten–

(teure) Unikindergärten, Betreuung während der

Ferien, Still- und Wickelräume, Infobroschüren, Vernetzungsgruppen

für Studierende mit Kind(ern) – ist

toll, es reicht aber nicht aus. Ausreden ziehen nicht

mehr. Woran es uns fehlt, wird schließlich seit Jahren

erhoben. Da muss mehr gehen! ●

NACHGEFRAGT

IM BÜRO VON

BILDUNGSMINISTER

HEINZ FASSMANN:

Was macht das Bildungsministerium, um

vor allem alleinerziehenden Müttern das

Studieren zu erleichtern?

Es gibt bereits seit mehreren Jahren

Maßnahmen, die die besondere Situation

von Studierenden mit Kindern

berücksichtigen.Erhöhte Altersgrenze

für Studierende mit Kind(ern) (35

statt 30 Jahre); Berücksichtigung von

Schwangerschaft und Kindererziehung

als Gründe für die Verlängerung der

Anspruchsdauer und diverser anderer

studienförderungsrechtlicher Fristen.

Studierende mit Kind(ern) erhalten unabhängig

von ihrem Alter und Wohnsitz die

Höchststudienbeihilfe. Zusätzlich erhalten

sie für jedes Kind einen Zuschlag

von 112 Euro monatlich. Studierende

mit Kind(ern), die sich in der Studienabschlussphase

befinden, erhalten einen

Zuschuss zu den Kinderbetreuungskosten.

Für die Bemessung des Anspruchs auf

Studienbeihilfe wird das Gehalt der Eltern

herangezogen. Gibt es hier Sonderregelungen

für Studierende mit Kindern? Die

Lebenserhaltungskosten von Studierenden

mit und ohne Kinder unterscheiden

sich ja stark.

Das Studienförderungsgesetz enthält

Sonderregelungen für die Beurteilung

der sozialen Förderungswürdigkeit von

Studierenden mit Kind(ern): Bei diesen

dürfen die Eltern etwas mehr verdienen.

Somit ist nicht nur die Studienbeihilfe

von Studierenden mit Kind(ern) höher,

Auf ein Bier spontan nach der Vorlesung? Nicht, wenn die

Tochter vom Kindergarten abgeholt werden muss.

sie haben auch bei etwas höherem

Einkommen der Eltern eher noch eine

Chance auf Studienbeihilfe.

Warum gibt es keinen generellen

Anspruch auf Studienbeihilfe für Alleinerziehende?

Die soziale Förderungswürdigkeit ist in

erster Linie vom Einkommen der Eltern

der Studierenden abhängig. Die Unterhaltspflicht

der Eltern gegenüber studierenden

Kindern endet nicht, wenn diese

selbst ein Kind haben. Eine generelle

Förderung aller Studierenden mit Kindern

(oder auch nur aller Alleinerziehenden)

unabhängig von der wirtschaftlichen

Leistungsfähigkeit der unterhaltspflichtigen

Eltern würde den Prinzipien des

österreichischen Studienförderungsrechts

widersprechen.

© Marko Mestrovic, HUAWEI Technologies, Popori Acoustics, Twitter/SpaceX

MEINUNG

Der Staat kann

nicht mit Daten

umgehen

Eigentlich wäre es sehr einfach gewesen,

eine umfassende Impfkampagne

zu organsieren. Der Staat hat alle

Daten, die es dafür braucht: Sozialversicherungsnummern

enthalten

Geburstage und Krankenakten. Es sind

zwei Excelsheets, die man miteinander

vergleichen muss, plus die Menge an

Impfdosen die man zur Verfügung hat

- das ergibt einen vorraussichtlichen

Impfzeitpunkt. Klar, ich mache es mir

hier zu einfach – der Daten- und Patientenschutz.

muss beachtet werden.

Trotzdem ist ein gewisser Frust bei der

Bevölkerung zu verstehen. Man kann

nur hoffen, dass mit dem neuen Impfstoff

von Johnson&Johnson nun endlich

was weitergeht. Beruhigend ist, dass

Astrazeneca nach wie vor sicher ist. Die

Wahrscheinlichkeit, schwere Nebenwirkungen

zu erleiden ist viel geringer,

als bei einer „natürlichen“ Corona-

Erkrankung auf die Intensivstation zu

müssen. Lassen wir uns nicht von einer

Medienhysterie verrückt machen – alle

zugelassenen Impfstoffe sind wirksam

und gut verträglich. Ein Restrisiko bleibt

immer – bei allem. Das nennt man

umgangssprachlich einfach „leben“.

bezeczky@dasbiber.at

TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

Edel-Lautsprecher

aus Ungarn

Hauchdünn, soundstark

und ganz ungewöhnlich:

das sind die

Merkmale des Popori

Acoustics WR1 Lautsprechers.

Basierend

auf dem elektrostatischen

Prinzip werden

Töne über Schwingung

einer Membran erzeugt.

Egal wie laut oder leise,

die Töne spielen glaskar

ohne Verzerrungen.

Einziges Manko des

Lautsprechers ist der

Preis: ab umgerechnet

35.000 Euro zu haben...

Russland und China

wollen Mondbasis

Die beiden östlichen Supermächte machen

im Weltraum gemeinsame Sache. Zusammen

möchten sie auf dem Mond eine Basis erricheten.

Bisher haben nur Menschen aus den USA

den Mond betreten, nun sollen Kosmo- und Taikonauten

(so nennt man RaumfahrerInnen aus

diesen Ländern) auf dem Erdtrabanten landen,

leben und forschen. Passend dazu auf Apple+

die Serie "For all mankind".

GUTER SOUND

MUSS NICHT

TEUER SEIN

Der chinesische Mobilfunkriese

Huawei hat

mit den neuen Huawei

FreeBuds 4i neue in-Ear

Kopfhörer vorgestellt, die

dem Rivalen aus Cupertino

das Fürchten lehren sollen.

Mit aktiver Geräuschunterdrückung

sollen sie 7.5

Stunden mit einer Ladung

auskommen und mit dem

neuen Bluetooth Funkstandard

5.2 funktioniert auch

die Soundübertragung gut.

Neben diesen Features

springt auch der Preis ins

Auge: für unter 100 Euro

gibt’s eigentlich nichts zu

meckern. Erhältlich in den

Farben weiß, schwarz und

rot.

34 / RAMBAZAMBA /

/ TECHNIK / 35



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MIETERHILFE –

KOSTENLOS & KOMPETENT

Fragen zu Wohn- und Mietrecht, Wohnungsgemeinnützigkeitsrecht

sowie Wohnungseigentumsrecht?

Die ExpertInnen der MieterHilfe

stehen telefonisch unter 01/4000 8000 von

Mo-Fr in der Zeit von 9-16 Uhr zur Verfügung.

Die MieterHilfe ist eine kostenlose Serviceeinrichtung

der Stadt Wien und stellt online ein hilfreiches

Glossar zu Fachbegriffen sowie Mustermietverträge

und Fallbeispiele zur Verfügung. Und auch offline

können WienerInnen das Team der MieterHilfe für

Beratungen kostenlos telefonisch und per E-Mail

befragen.

Gerade in Pandemiezeiten wächst bei vielen

Menschen der Wunsch nach den eigenen vier

Wänden. Die Wohnberatung Wien steht mit

einem großen Beratungsangebot zur Seite. Egal

ob geförderte Miet- und Genossenschaftswohnungen,

geförderte Eigentumswohnungen,

gefördert sanierte Wohnungen, wiedervermietete

Wohnungen oder Gemeindewohnungen –

für jeden ist etwas dabei.

Online unter wohnberatung-wien.at möglich:

→ Anmeldung für das Wiener Wohn-Ticket

→ Hochladen aller Unterlagen

→ Online-Suche nach der eigenen Gemeindewohnung

oder geförderten Wohnung

→ Individuelle Präferenzen und Angebote unter

dem Suchprofil speichern

Jetzt online:

Mietzinsrechner, Downloads wie Mustermietverträge

und Stundungsaufschub und mietrechtliches

Glossar mit vielen Beispielen unter:

www.mieterhilfe.at

© Jenny Fetz, © Ludwig Schedl

Noch Fragen?

Die MitarbeiterInnen der Wohnberatung Wien

stehen für persönliche Beratung telefonisch

Mo–Fr in der Zeit von 7–20 Uhr unter

01/24 111 zur Verfügung.



DER TÜRKISCHE ALBTRAUM:

Wenn die Tochter auszieht

Mit 19 zog Autorin Naz Kücüktekin von Zuhause aus. Was in

Österreich für viele so normal ist, war für sie lange nur ein unrealistischer

Traum, den sie sich hart erkämpfen musste. Und das,

obwohl ihre Eltern zu der “liberaleren Sorte Türken” gehören.

Von Naz Kücüktekin, Illustrationen: Linda Steiner

© Andrea Zapanta Scharf

Irgendwann in der Oberstufe sollten wir in der Schule auf

die Tafel schreiben, was wir uns von unserem späteren

Leben wünschen. Die anderen schrieben Sachen wie

eine glückliche Familie, eine erfolgreiche Karriere oder

ein großes Haus hin. Ich schrieb Unabhängigkeit hin. Ich kann

mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Auch daran,

dass ich mich danach fragte, ob ich diese Unabhängigkeit

wohl je erreichen würde. Als Kind ist es normal, dass Eltern

für dich Entscheidungen treffen. Irgendwann sollte dann aber

doch der Zeitpunkt kommen, wo ein erwachsener Mensch

selbst bestimmen kann, wie er oder sie lebt. Nun ja, in meiner

Familie wäre dieser Zeitpunkt aber nie gekommen.

„DANN BIST DU FÜR UNS GESTORBEN“

Meine Eltern kommen aus einer kleinen Küstenstadt am

Schwarzmeer. Für türkische Verhältnisse ist das wahrscheinlich

eine der Regionen, die halbwegs liberal ist. Eine Region,

wo man im Sommer im Bikini am Strand liegt und abends Raki

zu seinem Fisch trinkt. Meine Eltern und Familie passen da

ganz gut hin. Ich würde sie weder als besonders konservativ

noch als sehr religiös bezeichnen. Ich durfte auf jede Klassenfahrt

mitfahren, anziehen, was ich wollte, fortgehen, Alkohol

trinken – alles kein Problem. Als ich meinen Eltern erzählte,

dass ich mich als Atheistin sehe, war die Antwort nur: OK,

aber erzähl es bitte nicht deiner Oma. Doch wenn es darum

ging, dass ich bei Freunden schlafe, einen Freund habe oder

ein Tampon benutze – da stießen meine Eltern aber doch sehr

schnell an ihre Grenzen. In eine eigene Wohnung ziehen zu

wollen, gehörte da auch dazu.

Das Elternhaus zu verlassen, vor allem als Frau, ist in der

türkischen Kultur auch heutzutage Großteils noch ein Tabu.

Die einzigen legitimen Umstände sind, wenn man heiratet oder

fürs Studium oder Arbeit an einen anderen Ort ziehen muss.

Dass man in derselben Stadt wie seine Eltern lebt, aber eine

eigene Wohnung hat, wirft schnell mal die Frage auf: „Warum

brauchst du eine eigene Wohnung?“ Wobei der eigentliche

Subtext dieser Frage ist: „Warum brauchst du eine eigene

Wohnung? Du hast doch bestimmt etwas Unsittliches vor!“

Studieren, bis 30 zu Hause zu leben und dann zu heiraten,

wären auch meine auferlegten Aussichten gewesen.

Genau solche Ansichten machten neben der Tatsache,

dass ich mir ein Zimmer mit meinem Bruder teilte und mich

mit meinen Eltern nicht besonders gut verstand, meinen

Wunsch nach den eigenen vier Wänden aber nur noch größer.

Anfangs lächelten meine Eltern diesen Wunsch noch ab.

„Jaja, mach nur“, sagten sie dann oft, überzeugt davon, dass

ich es sowieso nicht schaffen werde. Zugegeben, es ist auch

wirklich schwer, auszuziehen, wenn man null Unterstützung

hat – weder finanziell noch sonst irgendwie. Ich suchte mir

im ersten Jahr meines Studiums also einen Job und legte

über Monate hinweg jeden Cent beiseite. Später lernte ich

meine jetzige Mitbewohnerin kennen, und wir beschlossen,

uns gemeinsam eine Wohnung zu suchen. Als wir dann auch

begannen, zu Besichtigungen zu gehen, kippte die Stimmung

meiner Eltern sehr schnell. „Wenn du ausziehst, ist es aus,

dann bist du für uns gestorben“, drohte mir mein Vater. Meine

Mutter sagte dann oft einfach gar nichts mehr. Insgeheim

wusste ich immer, dass sie das eher sagen, um mich davon

abzuhalten. Aber selbst wenn, wäre es mir egal gewesen.

Im Sommer 2015 zog ich mit 19 Jahren aus. In eine winzige

Wohnung. Und konnte kaum glücklicher sein.

“WAS, DAS MÄDCHEN IST AUSGEZOGEN?

ALLEINE?“

Meine Entscheidung ist in meiner Familie heute noch umstritten.

Meine Eltern machten ihre Drohung, wie erwartet, nicht

wahr und halfen mir sogar bei meinem Auszug. Dennoch wurde

mir immer wieder vorgeworfen, ich hätte meine Familie „im

Stich gelassen“ und mich von ihnen abgewandt. Sie werden

wahrscheinlich nie verstehen, dass ich mich lediglich für mich

entschieden habe. Nicht gegen sie.

Von meinem Bruder erfuhr ich Jahre später, dass sie

38 / RAMBAZAMBA /

/ RAMBAZAMBA / 39



davon ausgingen, ich würde

es alleine eh nicht schaffen

und wieder zurückkommen.

Irgendwann akzeptierten sie

es aber wohl, oder zumindest

die Tatsache, dass sie

nichts daran ändern konnten.

Dass ich nicht mit ihnen

wohne, ist mittlerweile kein

Thema mehr und unser

Verhältnis nicht großartig

anders als zuvor – eher

oberflächlich. Für mehr sind

wir, glaube ich, einfach zu verschieden. Auszug hin oder her.

Eine andere Tante erzählte mir, dass es ihrer Schwester,

also meiner anderen Tante, auch oft unangenehm sei, wenn

Bekannte oder andere Verwandte nach mir fragen und sie

dann das Thema wechselt. „Was, das Mädchen ist ausgezogen.

Alleine?“

Andere in meiner Familie aber bewunderten mich für meine

„Stärke“. Manche beneiden mich sogar. Die Frau meines

Onkels erzählte mir kurz nach meinem Auszug, dass sie auch

am liebsten schon Anfang 20 ihr Elternhaus verlassen hätte.

Ihre Worte dazu hallen bis heute noch in meinen Ohren: „Bei

uns bist du einfach nie ein Individuum. Entweder du heiratest

und wirst die Frau von jemanden, oder du bleibst halt die

Tochter oder die Schwester. Nicht mal einen eigenen Haushalt

kriegt man.“ Ich glaube, treffender hätte man es nicht formulieren

können.

Wenn ich zurückblicke,

habe ich auch das Gefühl,

dass mein Leben erst so

richtig mit meinem Auszug

vor sechs Jahren losging.

Ich war niemanden mehr

Rechenschaft schuldig, wie

lange ich wegbleibe, wo ich

hingehe. Ich musste nicht

mehr aufpassen, was ich

erzähle. Ich lernte meinen

Freund kennen und konnte

meine Beziehung so führen,

wie ich es wollte. Für all diese Freiheiten musste ich aber viel

auf mich nehmen, mein Leben komplett selbst auf die Reihe

kriegen. Während die meisten meiner studierenden Freundinnen

und Freunde monatlich Geld von Papa und Mama aufs

Konto überwiesen bekamen, arbeitete ich teilweise in drei

Jobs gleichzeitig, um meine Miete bezahlen zu können. Den

Anker „Eltern“ hatte ich ab dem Zeitpunkt meines Umzugs

nicht mehr.

Meine Entscheidung auszuziehen habe ich trotzdem keinen

einzigen Moment bereut oder je zurückgeblickt. Vor allem,

weil ich auch weiß, dass ich viel Glück habe. Ich weiß, dass

es viele Frauen gibt, die nicht einfach so ausziehen können,

die von ihren Familien verfolgt werden würden. Ich weiß, dass

Selbstbestimmung für viele Frauen, auch in Österreich, nur ein

Traum bleibt. ●

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© Zoe Opratko, Neutrogena, Selfmade, BPA / Action Press / picturedesk.com

MEINUNG

Botox und

Untergrund

Ich werde in einem Jahr 30. Das

bedeutet in Ostblock-Jahren

gerechnet circa 60. Zumindest was

Schönheits-OPs angeht. Während

hierzulande auf ungeschminkte

Natürlichkeit gepocht wird, nimmt

die Anzahl meiner polnischen

Freundinnen, die noch „all natural“

sind, stetig ab: Es scheint, als hätte

Hyaluronsäure die Heirat vor 30 in

Polen abgelöst: Ob Lippen, Augenpartie

oder Stirn – gefühlt jede hat

schon etwas „nachgeholfen“. Und

wisst ihr was? Ich bin ur neidisch.

Es ist kein Geheimnis, dass ich

zwei große Träume im Leben habe:

Irgendeinen shady Unterwelt-

Skandal aufdecken, für den ich

bereit bin, mein Leben zu riskieren.

Und: Endlich meine Augenringe

liften lassen. Aber das eine geht

nicht ohne das andere. Deshalb

bitte, spielt mir Quellen, Dokumente,

Telefonnummern aus zwielichtigen

Milieus zu. Dann werde

ich berühmt und habe das Geld,

mein Gesicht standesgemäß zu

präsentieren. Macht Sinn, oder?

Am besten halt noch, bevor ich 30

werde. Ihr wisst ja, der Ostblock

verzeiht nicht.

tulej@dasbiber.at

LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt

Von Aleksandra Tulej

GOOD TO GLOW

Es steht „Glow“ und „Boost“

drauf. Die zwei Worte haben

auf mich dieselbe Wirkung

wie „Döner“ und „mit Scharf“:

Ich bin gleich interessiert.

Wie an dem neuen revitalisierenden

Glow-Boost-Serum

von Neutrogena. Es aktiviert

den natürlichen Hauterneuerungsprozess

und liefert eine

strahlende Haut. Es riecht gut

und man spürt es kaum auf der

Haut. Übrigens ist die ganze

neue Glow Boost-Serie von

Neutrogena ziemlich cool: Peeling,

Gesichtscreme und LSF 30

Fluid – meine Haut ist nach dem

Winter immer voll ausgetrocknet,

da kommt das sehr gelegen.

Watch me glow. Oder so.

MACHS EINFACH SELBST

An alle, die durch die gefühlt tausend Lockdowns

zu DIY-Talenten wurden: Geht euch nach einem

Jahr die Inspiration aus? Im SELFMADE Store in

Wien im Gewerbepark Stadlau könnt ihr euch alles

holen, was euer DIY-Herz begehrt. Neben Nähmaschinen.

einer großen Auswahl an Stoffen, Wolle,

Garnen und weiteren Nähmaterialien findet ihr

auch Schnittmuster sowie weitere DIY-Utensilien.

Do it yourself!

Nostalgie

GOLD ODER

GAR NICHT

Vergesst bitte alle diese

schirchen braunen Louis

Vuitton-Taschen, die die Wiener

Schickeria um ca. 2006

herum am Graben herumgetragen

hat. Just go Gold.

Wie Paris Hilton mit ihrer

Miroir Alma Limited Edition

Louis Vuitton Tasche anno

2006. Fun Fact: In der 2020

erschienenen Doku „This is

Paris“ erzählt sie, dass ihre

damalige Assistentin Kim

Kardashian (der Name könnte

euch bekannt vorkommen)

sie damals gezwungen hat,

diese Tasche zu tragen –

aber es war nichts drin. Paris

hat die Metallic-Tasche einfach

leer getragen. Fazit: Ich

will das Teil bitte. Ich habe

ur viel Zeug, das ich reintun

kann, ich schwöre.

40 / RAMBAZAMBA /

/ LIFESTYLE / 41



Ceci n’est pas

un Kopftuch.

„Das hier ist kein Kopftuch“ – Das von

dem belgischen Maler René Magritte

inspirierte Projekt der Wiener Künstlerin

Asma Aiad ist eine Antwort auf die

ewige Kopftuch-Debatte.

Text: Aleksandra Tulej, Fotos: Asma Aiad

Welches Bild entsteht in unseren Köpfen, wenn wir eine

Hijabi sehen, die über ihrem Kopftuch eine blonde Perücke

trägt? Oder ein Nudelsieb auf dem Kopf? Oder ein Tuch à

la Marylin Monroe? Wieso stören die einen Bilder mehr und

die anderen weniger? Diese Fragen stellte sich die Wiener

Künstlerin Asma Aiad – inspiriert von René Magrittes

berühmtem Werk „Ceci n’est pas une pipe“ fotografierte sie

eine Bilderserie mit dem Namen „Ceci n’est pas un voile“ –

(dt. „das hier ist kein Kopftuch“).

„Ich will dem Zuseher selbst überlassen, ob er auf dem

Foto ein Kopftuch sieht oder nicht. Das was man wahrnimmt,

und welche Assoziation dabei entsteht, macht den

Unterschied.“, so die Künstlerin. Mit ihrem Projekt will

Asma die ewige Diskussion rund um das Kopftuch aufarbeiten.

Das Projekt wurde letztes Jahr als eine Installation

an der Akademie der Bildenden Künste in Wien ausgestellt,

erlangte vor kurzem aber vor allem aufgrund der Kopftuch-

Debatte in Frankreich wieder an Aktualität. „Und wieder ist

das Kopftuch Thema, und wieder wird fremdbestimmt. Und

wieder gibt es irgendwelche Gesetze, die muslimischen

Frauen vorschreiben sollen was sie tragen oder nicht tragen

sollen. Wenn es um das Kopftuch und das Bestimmen über

den Körper von Musliminnen geht, dann sind sich plötzlich

viele einig: Pseudo FeministInnen, Rechte, Islamisten, Linke

– plötzlich hat jeder eine Meinung dazu, was muslimische

Frauen tragen oder nicht tragen sollen. Aber wisst ihr was?

Nur wir bestimmen über unseren Körper!“ In Asmas Fotoserie

tragen sie unter anderem ein Nudelsieb auf dem Kopf

– was sagt ihr jetzt? Ist das jetzt ein Kopftuch? Est-ce-que

c’est un Kopftuch?

Mehr von Asmas Arbeit findet ihr auf instagram: asmaaiad

42 / RAMBAZAMBA /

/ RAMBAZAMBA / 43



Während der Uni-Zeit in einer WG mit der besten Freundin wohnen. Anziehen, was

man möchte. Rausgehen, mit wem man will. Was für die meisten Frauen Anfang

Zwanzig selbstverständlich ist, musste sich unsere tschetschenischstämmige Autorin,

die anonym bleiben möchte, erst hart erkämpfen.

WIE ICH MEINE

EIGENE HELDIN

WURDE

Dieser Artikel ist im Zuge des Projekts „Du bestimmst.Punkt.“

entstanden. Das Projekt findet im Rahmen des Aufrufs

„Maßnahmen gegen Gewalt und zur Stärkung von Frauen und

Mädchen im Kontext von Integration“ statt. Dieses Projekt wird

durch den Österreichischen Integrationsfonds finanziert. Die

redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber.

© Zoe Opratko

A

ls keines Mädchen war es für

mich selbstverständlich, dieselben

Freiheiten wie meine

jüngeren Brüder zu genießen.

Als wir älter wurden, bemerkte ich, dass

wir an einen Scheidepunkt kamen. Ich

wurde getadelt, weil ich kein Interesse an

Kochen oder Hausarbeit hatte. Dieselbe

Diskussion kam bei meinen Brüdern gar

nicht erst zustande. Typisch für eine

tschetschenische Familie. Meine Eltern

waren soweit fair, dass sie sie zumindest

beauftragten, ihre eigenen Zimmer in

Ordnung zu halten. Allgemeine Hausarbeit

kam für sie aber gar nicht infrage.

Geschirr spülen, Staubsaugen, Saubermachen

– das waren alles im Vorhinein

uns Mädchen zugeschriebene Aufgaben.

Das ging so weit, dass meine Mutter mich

einmal zu Ramadan mitten in der Nacht

weckte, um ihr beim Kochen zu helfen.

Obwohl ich am nächsten Tag Schule

hatte. Damals traute ich mich nicht das

zu hinterfragen – ich war sehr schüchtern

gegenüber meinen Eltern, insbesondere

meinem sehr strengen Vater. Wie das

eben in der patriarchalen tschetschenischen

Community so ist. Ich tat das, was

von mir erwartet wurde. Und das war so

einiges. Außer der Sache mit der Hausarbeit

kamen für mich noch gefühlt hundert

andere Regeln dazu. Heute bin ich 21

Jahre alt und blicke darauf zurück:

AUF KRIEGSFUSS MIT

EINEM STÜCK STOFF

Ab meinem 11. Geburtstag ging es dann

rasant voran - ich durfte keine Hosen

mehr tragen, ich traute mich nicht mehr,

mit meinen männlichen Spielkameraden

aus der Schulzeit zu spielen und

ich musste mir immer öfter Ausreden

einfallen lassen, wenn ich zu meinen

Freundinnen wollte. Mit 13 zwang mich

mein Vater schließlich dazu, das Kopftuch

aufzusetzen. Natürlich traute ich

mich nicht, etwas dagegen zu sagen,

aber in dieser Zeit veränderte sich etwas

in mir. Mir wurde bewusst, dass ich ein

eigenständiger Mensch war und dass

niemand ohne meine Zustimmung so

tief in meine Persönlichkeit eingreifen

durfte - nicht einmal meine Eltern. Ein

Gedanke, der für viele Kinder in ausländischen

Familien schwer zu fassen ist, da

hier meist das Zusammenhaltsgefühl viel

tiefer empfunden wird.

Ich war zwar gläubig und praktizierend,

aber ironischerweise wurde das

Kopftuch für mich zu einer Art Feindbild.

Ich weinte, ich sträubte mich, ich hasste

es, ich schrie innerlich – ich stand auf

dem Kriegsfuß mit einem Stück Stoff. In

den nächsten Jahren begann ein Krieg

für mich, primär gegen das Kopftuch

gerichtet, in Wahrheit jedoch gegen

alles, wofür es in meinen Augen damals

stand: die patriarchalen Strukturen

unserer Community und die systematische

Benachteiligung unserer Frauen. In

meinem Kopf war die Angst vor meinem

Vater, vor unserer Community und der

Respekt vor unseren Richtlinien tief

verankert. Ich konnte mir nicht vorstellen,

was passieren würde, wenn ich mal

NICHT tat, was von mir verlangt wurde

und mich offen dagegen wehren würde.

Irgendwann aber wagte ich den Sprung

ins kalte Wasser und stellte mich gegen

die Regeln meiner Eltern. Zuerst nur bei

Kleinigkeiten, dann schon bei größeren

Dingen, die mich betrafen und mit denen

ich nicht einverstanden war.

„DAD, ICH ZIEHE

JETZT AUS“

Mein Vater reagierte wütend, entsetzt

und aggressiv, aber das war auch schon

das Schlimmste. Mir wurde plötzlich klar,

dass diese Angst, die ich zuvor empfunden

hatte, nur in meinem Kopf existiert

hatte und dass ICH diejenige war, die

sich selbst diese Grenzen gesetzt hatte

und nicht die anderen. Von dem Moment

an als ich erkannte, dass jede Veränderung

in meinen eigenen Händen lag und

ich diese Schranke in meinem Kopf überwunden

hatte, wurde alles möglich für

mich. Mittlerweile trage ich seit Jahren

kein Kopftuch mehr, verfolge Hobbys, die

mich interessieren, gehe aus, mit wem

ich möchte, und bald ziehe ich sogar

mit meiner besten Freundin in eine WG.

Das hätte ich mir vor fünf Jahren nie

erträumen können. Es hat sehr mich viel

Überwindung und Herzrasen gekostet,

mich vor meinen Vater zu stellen und

ihm zu sagen „Dad, ich ziehe jetzt aus.“

Es hat gedauert, aber ich konnte meine

Eltern überzeugen. Zuerst meine Mutter,

und dann meinen Vater. Mit Argumenten,

dass ich es dann näher zur Uni hätte

und mehr Ruhe zum Lernen. Und vielen

Gesprächen. Ich kam irgendwann durch.

Mein jüngerer Bruder ist der Einzige, der

sich noch dagegen sträubt, dass ich ausziehe.

Weil er dann keine Kontrolle mehr

hat. Aber ich brauche niemanden, der

mich kontrolliert. Meine Eltern wissen,

dass ich gescheit und reif bin und keinen

Blödsinn machen werde. Sie wissen,

dass sie mir vertrauen können. Und ich

weiß auch, dass ich ihnen vertrauen

kann.

TRADITIONEN SIND

NUR REGELN TOTER

MENSCHEN

Ich weiß, wie schwer es ist, ehrlich

und offen gegenüber seinen tschetschenischen

Eltern zu sein, glaubt mir.

Bei all den Tabus und Verboten. Meine

Eltern waren nicht immer perfekt – ich

bestimmt auch nicht - und es war auch

schwer für sie, zu akzeptieren, dass ich

nicht ihren Normen entspreche. Aber

letzten Endes haben sie es getan und

sie lieben mich mittlerweile für meine

Starrköpfigkeit und Entschlossenheit.

Ich hatte mir als junges Mädchen immer

einen Helden gewünscht, jemand der in

mein Leben kommen würde und schnipsen

würde und dafür sorgen, dass sich

all meine Probleme wie von Zauberhand

auflösen würden. Heute kann ich sagen,

dass ich meine eigene Heldin geworden

bin.

Allen anderen, denen es so geht

wie mir, kann ich nur raten: Traut euch.

Redet mit euren Eltern. Vertraut ihnen,

dann werden sie euch auch vertrauen.

Es ist okay, wenn man nicht mit allen Traditionen

der Community einverstanden

ist. Das bedeutet nicht gleich, dass man

seine Identität aufgibt. Aber manche

Traditionen sind im Grunde einfach nur

Regeln von toten Menschen. Und die

können und werden nicht unser Leben

bestimmen. Und vor allem: Am Ende des

Tages weiß ich, dass meine Eltern mich

mehr lieben, als ihre Kultur. ●

Zur Autorin: Die Autorin, die anonym

bleiben möchte, ist 21 Jahre alt und in

Tschetschenien geboren. Sie wird ab

nächstem Jahr studieren – ein großer

Schritt Richtung Selbstbestimmung,

die sie sich in ihrem Umfeld erkämpfen

musste und nun jüngere Frauen ermutigen

will, es ihr gleich zu tun.

44 / EMPOWERMENT-SPECIAL /

/ EMPOWERMENT-SPECIAL / 45



KARRIERE & KOHLE

Para gut, alles gut

Von Anna Jandrisevits

FOMO („FEAR OF MISSING OUT“) WAR GESTERN!

Was ist dein Erfolgserlebnis?

„Ich bin 2016 aus Syrien nach Österreich gekommen. Ich sprach

damals kein Deutsch – von der VHS bekam ich die Möglichkeit einen

Basisbildungskurs zu besuchen.“ Nach einem erfolgreichen Kursabschluss

hat sich Mohammed als Lehrling bei der VHS beworben. Nun

ist er selbst ein Teil der VHS! Egal ob du neue Talente entdecken oder

einen zweiten Bildungsweg einschlagen willst, die VHS hilft dir über

dich selbst hinauszuwachsen. Mit über tausend Kursen kannst du dich

ständig weiterentwickeln und neue Perspektiven entdecken. Bereit für

ein neues Erfolgserlebnis? Schau vorbei auf vhs.at.

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MEINUNG

Jung und ignoriert

Ich weiß nicht, ob die Regierung uns ghostet

oder einfach vor jeder Pressekonferenz zu

dem Schluss kommt, dass es zu Studierenden

eh nichts zu sagen gibt. Frei nach dem Motto:

Ach, die Jungen, die kommen schon zurecht!

Dem ist aber leider nicht so. Seit mehr als

einem Jahr herrscht für junge Erwachsene

Stillstand. Statt mit uns zu reden, wird in der

Politik über unsere Köpfe hinweg bestimmt,

meist ohne Fortschritt. Studierende stehen

vor finanziellen Problemen und Existenzängsten,

wie soll man in der größten Wirtschaftskrise

seit dem 2. Weltkrieg einen Job finden?

Die Situation ist psychisch enorm belastend,

immer mehr leiden neben der Einsamkeit

unter depressiven Verstimmungen, fühlen sich

hoffnungslos oder erschöpft. Trotzdem werden

Studierende im öffentlichen Diskurs vergessen.

Wer weiß, wie lange diese Krise noch

andauern wird? Mehr Lernzonen, verstärkte

psychologische Betreuung und Möglichkeiten

zum Online-Austausch wären ein guter (später)

Anfang. Noch immer ist Distance Learning

vielerorts nur digitaler Frontalunterricht

mit hohem Lernaufwand. Das Ersatzangebot

reicht für den Studienfortschritt nicht aus.

Und dass Studierende weiterhin teils hohe

Studiengebühren zahlen müssen, obwohl sie

ihre Hochschule seit November nicht mehr

betreten haben, ist sinnlos. Das soll keine Kritik

an den Corona-Maßnahmen sein. Eher eine

Kritik an dem Krisenmanagement, das junge

Erwachsene völlig außer Acht lässt.

jandrisevits@dasbiber.at

46 / KARRIERE /

Online-Event Schnelle Hilfe

DIE LANGE

NACHT DER

UNTERNEHMEN

Bereits zum siebten Mal

findet am 5. Mai die

Lange Nacht der Unternehmen

statt. Dieses Mal

können Studierende und

Absolvent*innen online

den Weg ins Berufsleben

wagen, aufgrund

der Pandemie findet das

Event in digitaler Form

statt. Unternehmen öffnen

online ihre Türen und

geben Einblick in ihre

Büros, Produktionsstandorte

und Filialen. So kann

man mögliche, zukünftige

Arbeitgeber*innen durch

Live-Part Site-Visits und

1-1-Chats schon kennenlernen.

Nach dem Karrieretalk

geht es direkt zum

After Event-DJ-Streaming!

Weitere Infos:

www.dielangenachtderunternehmen.at

PSYCHISCHE

PROBLEME

Schulpsychologie:

Psychologische Beratung für

Schüler*innen, Lehrkräfte und Erziehungsberechtigte.

Montag–Freitag 9–21 Uhr; Samstag

9–17 Uhr.

Tel.: 0800 21 13 20

Chatberatung

Telefonseelsorge:

Sofortchat als Ergänzung zum Notruf

(142), der vor allem jungen Menschen

dient.

Täglich 17-22 Uhr.

www.onlineberatung-telefonseelsorge.at

Hotline für

Essstörungen:

Kostenlose Beratungsstelle für Angehörige

und Betroffene mit Essstörungen.

Montag–Donnerstag 12–17 Uhr. Tel.:

0800 20 11 20.

E-Mail: hilfe@essstoerungshotline.at

© Zoe Opratko, pixabay.com / Joseph Mucira

Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

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ZWISCHEN APPLAUS

UND AUSBEUTUNG:

Sie pflegen Österreichs „Alte“

und haben selbst Angst davor,

alt zu werden. Wer sind die

osteuropäischen Betreuerinnen,

die in Tausenden als 24-Stunden-

Pflegerinnen herkommen? Wieso

ist ihr Lohn immer noch viel

zu niedrig und warum tut sich

trotz der Systemrelevanz der

Arbeiterinnen so wenig?

Von Sven Beck, Fotos: Zoe Opratko

DIE VERZWEIFLUNG DER

24H-PFLEGERINNEN

48 / GESELLSCHAFT /

Katarína ist wütend. Tag und

Nacht arbeitet sie durch,

schmeißt den Haushalt,

pflegt Patienten und leistet

lebenswichtige medizinische Hilfe, im

ersten Lockdown monatelang ohne Pause.

Trotzdem kommt ihr Gehalt nicht über

drei Euro die Stunde. Sie hat Angst vor

dem Alter: nicht genug Pension, Angst

vor Unfällen, keine ausreichende Sozialversicherung

– Angst vor der Zukunft.

Statt sie aufzunehmen und sozial gebührend

abzusichern, diskriminiert die österreichische

Politik Frauen wie Katarína

systematisch. Vor genau einem Jahr kam

die Corona-Krise und mit ihr Applaus und

Schokolade. Aber um Anspruch auf die

staatliche Unterstützung von einmaligen

500€ zu erhalten, mussten die

PflegerInnen ein österreichisches Konto

vorweisen. Viele 24h-PflegerInnen haben

jedoch keines, weil die wenigsten von

ihnen ÖsterreicherInnen sind. Sie waren

deshalb auf die Familien ihrer Kunden

angewiesen, um einen Antrag zu stellen.

Katarína ist 50 Jahre alt, kommt aus

der Slowakei, ihren Nachnamen sollen

wir nicht nennen. Sie ist eine von 65.000

Betreuerinnen, vereinzelt auch Betreuern,

die Österreichs „Alte“ ununterbrochen

in den eigenen vier Wänden

pflegen. „24-Stunden-Betreuung“ heißt

das Prinzip, das erst 2007 legalisiert

wurde und sich seitdem als die Zukunft

der Pflege etabliert hat. Die Zahl der

Pflegebedürftigen in Österreich dürfte bis

2050 auf 650.000 Personen steigen. Wie

Katarína reisen die nötigen Fachkräfte

aus osteuropäischen Ländern an: Rumänien,

Bulgarien, Ungarn. Einige siedeln

irgendwann über, die allermeisten jedoch

verbringen zumindest die Hälfte ihres

Lebens arbeitsbedingt in der „zweiten

Heimat Österreich“. Nur sind sie keine

Österreicher. Das macht Ausbeutung

möglich und das 24h-System zur günstigen

Alternative zum Pflegeheim. Im

ersten Lockdown zeigte sich, wie wichtig

diese Frauen für das Land sind. Sie

wurden auf vom Staat per Sonderzügen

hertransportiert.

SELBSTSTÄNDIGKEIT

KOMMT VOR

UNGERECHTIGKEIT

„Den Job macht keine Österreicherin,

weil man vom Verdienst kaum seinen

Lebensunterhalt decken kann.“ Bettina

Haberl von der Agentur help-24 bestätigt

diese Tatsache. „Die Betreuerinnen

Unser Gehalt kommt

nicht über drei Euro

die Stunde.

lösen einen Gewerbeschein“, erklärt sie.

„Dadurch sind sie selbstständig und nicht

mehr an Überstunden oder Feiertage

gebunden. Unsere Aufgabe als Agentur

ist die Vermittlung zwischen ihnen und

den Familien, bei denen sie arbeiten

und während dieser Zeit auch wohnen.

Ihr Honorar bekommen sie vom Kunden.

Das kann ca. 70 Euro am Tag sein,

abzüglich der Sozialversicherung. Regularien

gibt es keine: Sie sind schließlich

ihre eigenen Unternehmen.“ Von fairen

Arbeitsverhältnissen hat Katarína aber

nie etwas gehört. „Ich glaube, die sind

alle gleich. Beweggrund ist immer das

Geld“, schüttelt die Betreuerin ihren

Kopf. „Nur mein Lohn ist im Jahr 2000

stecken geblieben", kritisiert Katarina.

Sie selbst zahlt 500 Euro jährlich an ihre

Agentur für die Vermittlung, mehr als das

Doppelte von dem, was help-24 verlangt.

„Das Problem ist, dass es sehr viele

Agenturen gibt“, meint Bettina Haberl.

„Auch solche, die nur auf Profit aus sind

und nicht auf das Wohl der Betreuungskräfte.“

Und wer pflegt Katarína irgendwann?

„Das ist eine gute Frage“, lacht

sie bitter. „Eine noch bessere Frage ist,

was ich mache, wenn ich einen Unfall

habe oder plötzlich krank werde.“ Selbstständig

etwas für den Notfall zur Seite zu

legen, ist unter den jetzigen Umständen

utopisch.

/ GESELLSCHAFT / 49



„Betreuungskräfte sind keine Sklaven“, beklagt Katarina.

VON MACHT UND

ÜBERGRIFFEN

Doch Geld ist nicht das einzige Problem.

Wenn eine Pflegekraft sich nicht auf

ihre Vermittler verlassen kann, wenn

es Probleme mit Kunden gibt, kann es

zu menschenunwürdigen Situationen

kommen. „Für manche sind wir wirklich

das Mädchen für alles“, berichtet Katarína,

„sie denken, sie haben uns für den

ganzen Tag bezahlt, dann müssen wir

auch den ganzen Tag arbeiten. Wie eine

billige Dienerin.“ Auch Haberl erzählt von

Übergriffen und Frauen, die, aus Angst

vor Jobverlust, gar nicht erst laut werden.

„Da gibt es wirklich Leute, die ihre

Pflegerinnen im Keller schlafen lassen.“,

sagt sie ernst: „Oder im selben Raum wie

die Kunden. Betreuungskräfte sind keine

Sklaven und dürfen auch niemals so

behandelt werden.“ Bei Demenzerkrankten

ist auch sexuelle Belästigung keine

Seltenheit. Dann müsste eigentlich ein

männlicher Pfleger her. Die gibt es aber

kaum und sie werden oft nicht gewollt.

Peter Kovacs ist eine dieser Seltenheiten.

Statistiken gibt es keine, aber

von den 150 Menschen, die aktiv in

seiner Agentur sind, ist er der einzige

Mann. Viele vermitteln ohnehin gleich

ausschließlich weibliches Personal. Der

46-jährige Slowake hat im Zivildienst mit

der Pflege angefangen und seitdem nicht

mehr aufgehört, sich um alte Menschen

zu kümmern - um Freunde, um Verwandte

und seit 2007 in Österreich auch legal

um ihm zugeteilte Pflegebedürftige. Er

liebt den Beruf. Am Telefon schwärmt

er von Dankbarkeit und Freude, die er

auslösen könne. Dann wird seine Stimme

ernst und traurig: „Nur leider, wenn sich

jetzt nichts ändert, muss ich mir bald

was anderes suchen.“ Er findet keine

gut bezahlte Stelle, habe es schwer als

männlicher Betreuer. Er rechnet lange

und mehrfach durch, dass er von seinem

verdienten Geld, wenn er Miete und

Steuern bezahlt, letzten Endes einfach

nicht leben kann. Gerade ist er in der

Slowakei, in seinem Haus nahe Kosice.

Sich in Österreich anzusiedeln, ist finanziell

keine Option. Trotzdem ist es seine

„zweite Heimat“ meint er. Auf die Frage,

ob er von so etwas Ähnlichem wie einer

Gewerkschaft gehört habe, meint er, es

gebe eine Interessensgemeinschaft, aber

er habe keine Hoffnung, dass diese wirklich

etwas erreichen könne. Wie auch?

Peter ist müde. Er weiß, dass sich etwas

ändern muss, er weiß aber nicht wie. Als

Einzelner sieht er sich ohne Stimme. In

einem Verbund ist er nicht organisiert.

So wartet er, ohne zu wissen, worauf.

VIELE HABEN ANGST

„Ein Ende der Scheinselbstständigkeit!“,

forderten Plakate der Weltfrauentags-

Demonstration am 8. März. Nur dadurch

sei ein „Ende der Ausbeutung!“, ebenso

ein Slogan der DemonstrantInnen,

möglich. Die „Interessensgemeinschaft

24“ oder „IG-24“, die sich politisch nicht

nur auf Demos, sondern auch durch

Lobbyarbeit für die 24h-Betreuung

einsetzt, formulierte die Veränderung

dieser Verhältnisse bei ihrer Gründung

als zentrales Anliegen. Der Zusammenschluss

entstand aus Facebook-Gruppen,

in denen Pflegerinnen sich austauschten,

Feedback zu bestimmten Agenturen

gaben, Erfahrungen und Schwierigkeiten

austauschten. Anna Leder, die seit einem

Jahr für die „IG“ politisch unterwegs ist,

räumt allerdings ein, dass Türkis-Grün

und Gesundheitsminister Anschober ein

echtes Angestelltenverhältnis aus Kostengründen

gar nicht zur Debatte stellen.

Streiks sind so gesetzlich unmöglich

und selbst wenn, fehle es an Solidarität:

„Ich glaube, viele haben Angst!“, sagt

Katarína. „Es ist ja schon nochmal was

anderes, ob man auf Facebook etwas

kritisiert, oder wirklich etwas tut. Der Job

ist immer unsicher.“

Hoffnung besteht darin, dass die

Probleme in der 24h-Pflege wirklich als

österreichische Probleme thematisiert

werden, auch wenn die BetreuerInnen

keine Staatsbürgerschaft haben. Das

Argument „Aber die leben doch gar nicht

hier“ zählt nicht. Für Katarína ist Wien

zweite Heimat. Sie hat, als ihre Kinder

groß wurden, mit einer Freundin eine

Wohnung angemietet und ist hergezogen.

Von der „IG-24“ erwartet sie jetzt

Veränderung. Und schöpft Hoffnung:

„Es tut gut zu wissen, dass wir jemanden

im Rücken haben.“ ●

Robert Herbe

KOLUMNE

DER BAZAR IM SCHUHGESCHÄFT

Ich möchte euch eine Geschichte über den

Unterschied beim Einkaufen zwischen

Araber*innen und Österreicher*innen

erzählen.

Einmal, als ich ganz neu in Österreich

war, brachte Lisa, meine Asylheimbetreuerin,

einen Freund und mich zu einem

Kaufhaus, um Schuhe zu kaufen. Meine

einzigen Schuhe hatten schon längst den

Geist aufgegeben. Es waren dieselben

Turnschuhe, mit denen ich den Weg von

Syrien nach Österreich zurückgelegt hatte.

Lisa setzte uns bei einem Schuhgeschäft

ab und ging ihre eigenen Einkäufe erledigen.

Es dauerte nicht lange, bis ich mich

für ein Paar entschieden hatte, das für alle

Zwecke geeignet schien. Ich bin beim Einkaufen

generell schnell und unkompliziert. „Achtzig Euro

ist etwas teuer, Bruder, oder?”, fragte Ahmad. „Du hast

keine Ahnung, über welche Feilschkünste ein Damaszener

verfügt!”, antwortete ich und rieb mir die Hände voller

Vorfreude auf das Wortgefecht und ging zur Kassa.

DAS DUELL UM DEN PREIS

Die freundliche und zuvorkommende Kassierin, etwa

Mitte Vierzig, mit kurzem, blondem Haar, scannte die

Schuhe ein, packte sie in einen Papiersack und meinte:

„Achtzig Euro!” Hier beginnt normalerweise in Syrien das

Duell um den Preis und das ist für den Araber wichtiger

als das Gekaufte selbst. Der Araber liebt das Feilschen,

weil er damit mehrere Künste zugleich übt: Rhetorik,

Schauspiel, Überzeugungskraft, soziale Kompetenz und

Eloquenz. Es ist eine lebendige Angelegenheit, bei der

man Körpersprache, Mimik, Gestik, Tonalität und Empathie

gleichzeitig einsetzt. „Und für uns? Wir sind das erste

Mal in Ihrem Geschäft und hoffentlich werden wir hier

Stammkunden. Kommen Sie uns nicht ein wenig entgegen?

Ich zahle zwanzig Euro”, erwiderte ich und dachte an

die Worte meines Vaters, der meinte, ich sollte zu Beginn

des Feilschens ein Viertel anbieten und damit einen Anker

setzen. Somit hätte der Verkäufer seinen Einkaufspreis

turjman@dasbiber.at

Jad Turjman

ist Comedian, Buch-Autor

und Flüchtling aus Syrien.

In seiner Kolumne schreibt

er über sein Leben in

Österreich.

bereits in der Tasche und was er darüber hinaus

verhandeln würde, wäre sein Gewinn.

„Entschuldigung?”, fragte mich die Kassierin

mit großen Augen und verständnislos.

„Schauen Sie einmal, Sie sehen so nett

und zuvorkommend aus und werden uns

sicher nicht zurückgewiesen und enttäuscht

gehen lassen. Und ich möchte auch nicht bei

meinem ersten Einkauf knausrig und stur

sein, ich gebe Ihnen vierzig Euro. Somit

haben Sie die Hälfte”, entschied ich mich,

begann, das Geld zusammenzufalten, und

legte es vor sie auf die Ablage. „Entschuldigung,

was verstehen Sie nicht, es kostet

achtzig Euro, das steht auf dem Etikett,

hier ist doch kein Basar!”, wurde sie etwas

ungehalten.

„BEI UNS IN ÖSTERREICH FEILSCHT MAN NICHT“

„Etikett, Etikett, was ist das für eine lieblose Begegnung.

Was ist der Unterschied zu einem Basar? Es ist wohl einer,

aber mit einem Dach“, sagte ich zu mir. Da erinnerte ich

mich an die Worte meiner Mutter: Wenn der Verkäufer

hartnäckig und eigensinnig bleibt, verwende die Jokerkarte,

tu so, als würdest du gehen, aber geh langsamen

Schrittes, er wird dich sicher zurückrufen und dir einen

besseren Preis machen. Ich nahm mein Geld, zwinkerte

Ahmad zu, bedankte mich und ging langsam hinaus. Meine

Schritte wurden immer langsamer, aber von der Kassierin

kam keine Reaktion. Beim Ausgang widerstand ich

meiner Entscheidung, nicht zurückzublicken, und schaute

doch zu ihr. Kopfschüttelnd packte sie die Schuhe wieder

aus und wunderte sich sicherlich über die zwei Gestörten.

Lisa lachte sich kaputt über uns. „Du warst doch oft

im Supermarkt und hast erlebt, dass man bei uns nicht

um den Preis feilscht”, meinte sie. “Ja, bei uns im Supermarkt

und im Restaurant auch nicht, aber im Handel ist

es unerlässlich”, war ich enttäuscht von dieser Erfahrung.

Letztendlich ging Lisa noch einmal allein in das Schuhgeschäft

und holte die Schuhe ab. Mein dämlicher Stolz

erlaubte mir nicht mitzugehen.

50 / GESELLSCHAFT /

/ MIT SCHARF / 51



MEINUNG

Liebes Tagebuch…

Nachdem alle Filme und Serien von

der Watchlist geschaut sind, das

ganze Bananenbrot gebacken und

die täglichen 10.000 Schritte an der

frischen Luft gegangen sind, kann es

ziemlich öde im Lockdown werden.

Mein neuestes Hobby ist es nun, in

meinen alten Tagebüchern zu lesen.

Seit ich einen Stift halten konnte,

schrieb ich meine Gedanken auf – was

in einer Gemeindebauwohnung mit

vier Geschwistern und strengen Eltern

eigentlich nicht empfehlenswert war.

Und trotzdem bin ich beeindruckt

davon, wie viel ich damals geschrieben

habe, an manches konnte ich

mich nur mithilfe der Tagebücher

erinnern. Ziemlich verrückte Sache:

Ich kann heute eine Zeitreise unternehmen

und mich in mein jugendliches

Ich zurückversetzen. Und ich

frage mich, was ich davon gehalten

hätte, wenn man mir damals erzählt

hätte, dass ich eines Tages beruflich

schreiben würde. Mein jugendliches

Ich wäre wahrscheinlich auf der Stelle

in Tränen ausgebrochen, wie sich

unschwer an der verwaschenen Tinte

erkennen lässt, die in viele Seiten

eingetrocknet ist. Memories.

el-azar@dasbiber.at

KULTURA NEWS

Klappe zu und Vorhang

auf!

Von Nada El-Azar

Kurzfilmfestival

VIENNA SHORTS

2021

Das 18. internationale Kurzfilmfestival

Vienna Shorts wird in diesem

Jahr als hybrides Festival geführt.

Auf der neuen Streaming-Plattform

„This is Short“ kann erstmals von 1.

April bis 30. Juni das vollständige

Programm von insgesamt vier Kurzfilmfestivals

mithilfe eines digitalen

Passes gesehen werden. Das sind

über 300 Kurzfilme und viele Extras!

Die Vienna Shorts sind online von

27. Mai bis 1. Juni verfügbar.

Mehr Informationen gibt es unter:

www.thisisshort.filmchief.com/hub

Podcast-Tipp

REMBRANDT,

HABIBI

Begleitend zur Ausstellung „Rembrandts Orient“, die bis

14. Februar im Kunstmuseum Basel gezeigt wurde, hat

Journalistin Amina Aziz fünf Podcastfolgen

produziert, die das Werk des alten

Meisters unter die postkoloniale Lupe

nimmt. Über Orientalismus in der Kunst

und vieles mehr wird mit verschiedenen

AkteurInnen aus Wissenschaft, Kunst

und Politik diskutiert.

Verfügbar auf Spotify oder iTunes

Buch-Tipp

„PATHOS“

Die 1985 geborene Journalistin

Solmaz Khorsand spürt

in ihrem Essay „Pathos“ den

verschiedensten Ausprägungen

von Ergriffenheit, Klage

und Empörung in unserer

Gesellschaft nach.

Erschienen bei Kremayr &

Scheriau; Wien, 128 Seiten,

€18,-

© Christoph Liebentritt, Vienna Shorts, Kremayr & Scheriau, instagram.com/kunstmuseumbasel, © Annemone Taake

3 FRAGEN AN…

BRIGITTA KANYARO

Brigitta Kanyaro (*1991 in Várpalota, Ungarn)

ist eine rumänische Schauspielerin, Autorin und

Regisseurin, die 2001 nach Österreich kam. Für

ihre Hauptrolle in der ORF-Serie „Letzter Wille“

ist sie für einen ROMY nominiert.

Du bist in diesem Jahr für einen ROMY-Publikumspreis in

der Kategorie „Beste Nachwuchsschauspielerin“ nominiert.

Wie fühlst du dich?

Mein Herz ist voll. Das Publikumsvoting ist ja ein kleiner

Wahlkampf und ich habe noch nie so viel Unterstützung

von so vielen Seiten gespürt. Meine rumänische Familie

ist involviert und bekommt faktisch zum ersten Mal nach

8 Jahren etwas von meinem Arbeitsleben hier mit, alte

Schullehrer voten, sowie Nachbarn und Bekannte. Ich

schwebe in Dankbarkeit, Demut und Stolz.

Welche Rolle spielen die rumänische Kultur und besonders

Transsilvanien in deinen Projekten?

Ich bin eine Transit-Seele der Diaspora. Ich wandle

umher und suche ein Zuhause. So wie bei vielen

Migrierten meiner Generation ist und bleibt Identität

mein Kernthema. Wir haben alle unsere Mittel und

Wege, damit umzugehen, und ich mache Filme darüber.

Tatsächlich suche ich es mir gar nicht wirklich aus - es

beschäftigt mich und ich muss es verarbeiten, sonst

werde ich noch eine einsame Verrückte. (lacht)

Was hast du im Lockdown kreativ für dich entdecken

können?

Lustigerweise war es mein produktivstes Jahr bislang!

Der Lockdown hat für mich den Druck herausgenommen.

Weil ich das Gefühl hatte, dass irgendwie nichts

passiert und eh keiner arbeitet, konnte ich ohne Stress

nicht auf Deadlines, sondern eher auf Spaß hinarbeiten.

Ich habe den Kurzfilm „STILLE POST“ fertiggestellt,

welcher bald die Festivalreise antreten wird und zwei

Spielfilmideen ausgearbeitet, die ich heuer direkt für die

Finanzierung einreichen konnte. Aus dem Schauspiel

kommend hat es

etwas gedauert,

mich als Autorin

und Regisseurin

ernst zu nehmen,

zumal 2020 spielerisch

fast nichts

lief. Als Nicht-

Muttersprachlerin

und Schulabbrecherin

hielt ich

es ohnehin für

unrealistisch fürs

Schreiben bezahlt

zu werden - aber

Spaß hat es mir

immer schon

gemacht.

Patricia Piccinini, The Bond, 2016. Courtesy of the artist

PATRICIA

PICCININI

Embracing the Future

bis 03.10.2021

52 / KULTURA /



fm4.orf.at

#radiofm4

„Die Leiden des jungen Todor“

Von Todor Ovtcharov

Leiden beeindrucken Leute

Es gibt unterschiedliche Wege, um andere

Menschen zu beeindrucken. Einige setzen

auf ihre muskulösen Körper, andere auf ihren

Intellekt und dritte auf ihr Vermögen. Es gibt aber

auch einen vierten Weg, um aus der Menge herauszustechen:

Man erzählt über seine schwierige Kindheit

und Leiden beim Aufwachsen, wie schwer sie es

in der Vergangenheit hatten – und schon erwarten sie

Aufmerksamkeit. Man kommt sich vor wie in einem

Monty-Python-Sketch.

Tobi aus Frankfurt erzählte einmal einer Gruppe

von jungen Mädchen, wie schwer seine Kindheit in

Frankfurt am Main war. Drogensüchtige hatten ihn am

Bahnhof mit einem Messer bedroht und wollten sein

Taschengeld. Frankfurt am Main sei nicht so sicher

wie Wien. Nur die Starken schaffen es dort. Tobi

schaut die Mädchen mit Hoffnung in den Augen an,

sucht nach ihrem mitfühlenden und bewundernden

Urteil - schließlich steht er lebend und gesund vor

uns und das kann doch nur heißen, dass er stärker

als jeder Gangster ist.

Jose aus Lima greift ins Gespräch ein und erzählt

uns, wie er eines Tages auf dem Schulweg von einer

Bande Gleichaltriger angegriffen wurde. Sie hätten

ihn nackt ausgezogen und ihm seine Kleider gestohlen.

Alles hätten sie ihm genommen – die Klamotten,

die Schuhe, selbst die seit drei Tagen nicht

gewaschenen Socken. Danach habe er stundenlang

versteckt in einer Baustelle auf den Einbruch der

Dunkelheit gewartet – wie sonst hätte er nackt nach

Hause kommen sollen? Einer fragt ihn, warum er seine

Freunde nicht angerufen hatte, begreift aber sehr

schnell die Absurdität seiner Frage. Wo sollte das

Handy versteckt sein, wenn er doch ganz nackt war?

Ali aus Aleppo erzählt, wie er sich auf der

türkisch-griechischen Grenze stundenlang unter

einem Lkw verborgen gehalten hatte, in der Hoffnung,

dass ihn die Grenzbeamten nicht finden und

blau verprügeln. Er erzählt mit allen Einzelheiten, was

mit denen passiert war, die gefangen worden sind.

Diese Erzählung ist so blumig, dass wir mittlerweile

vergessen, dass er unter einem Lkw gelegen ist, und

sind einfach froh, dass er nicht gefangen worden war.

In dieser Situation muss ich mich einmischen, um

auch als ein harter Typ zu gelten. Ich erzähle, dass

es in der Plattenbausiedlung, wo ich aufgewachsen

bin, keinen einzigen Baum gegeben hatte und meine

Familie sich entschied, den ersten einzupflanzen. Wir

kauften also einen Baum, gingen auf die Wiese vor

unserem Bau und setzten ihn in ein Loch, das mein

Vater gegraben hatte. Ich bin sehr zufrieden schlafen

gegangen.

Am nächsten Tag war der Baum weg. Wir kauften

einen neuen Baum und pflanzten ihn wieder ein.

Dieses Mal mit drei Metallstäben dazu, um den Baum

besonders vor Diebstahl zu schützen. Am nächsten

Tag war der Baum wieder weg und die Stäbe auch.

Wir pflanzten zum dritten Mal einen Baum und auch

ihn ereilte das gleiche Schicksal wie die vorigen zwei.

Danach entschied mein Vater, dass wir umziehen

sollten. Wenn wir es weiter versucht hätten und

irgendwann Erfolg gehabt hätten, würde heute Mitten

im Plattenbaudschungel ein kleiner Wald stehen.

Ali aus Aleppo, Jose aus Lima und Tobi aus Frankfurt

vergessen ihre fürchterlichen Geschichten und

schlagen mir vor, mit mir dorthin zu fahren, um neue

Bäume einzupflanzen. Hoffentlich ist es nicht schon

zu spät. ●

54 / MIT SCHARF /



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