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Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

© 2012 Egbert Jahn –

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 12 die Armenier aus der Welt schafft. Von vereinzelten Ausrottungsabsichten läßt sich aber nicht auf eine tatsächliche Ausrottungspraxis schließen. Im Ersten Weltkrieg benutzten die Westmächte und Rußland den armenischen und griechischen Nationalismus für ihre imperialen Zwecke, wie es das Osmanische Reich und die Mittelmächte mit dem Nationalismus der muslimischen Völker (Aserbaidschaner, Tataren etc.) in Rußland und im Britischen Reich ebenfalls taten. Die Nationalisten aller kleinen Völker trachteten ihrerseits, die Großmächte für ihre nationalen Zwecke zu instrumentalisieren. Als die Briten Anfang 1915 ihre Offensive auf Gallipoli/Gelibolu an den Dardanellen begannen und die rußländischen Truppen über den Kaukasus bis weit nach dem Südwesten vordrangen, war die Gefahr einer Separation der ostanatolischen Wilayets als armenischer Nationalstaat also durchaus real. Der hier kurz skizzierte Zusammenhang zwischen imperialer Großmachtpolitik und Nationalstaatsbildung bildet den Hintergrund für den Völkermord an den Armeniern. Das kleine Volk der Armenier von rund 4,5 Millionen Menschen hat wohl mehr als ein Siebentel aller Todesopfer des Ersten Weltkrieges erbracht. Man muß aber vier Gruppen von diesen Todesopfern unterscheiden: 1. Soldaten und andere bewaffnete Kämpfer, die im Staatenkrieg oder in armenischen Aufständen gefallen sind, 2. Zivilisten und Kriegsgefangene, die frontnah im engen zeitlichen und örtlichen Zusammenhang mit Kriegshandlungen ermordet wurden (gewöhnliche Kriegsverbrechen), 3. Dorfbewohner und Deportierte, die unbeabsichtigt aufgrund staatlicher Desorganisation sterben mußten wie viele Türken auch und selbst osmanische Soldaten, weil die staatlichen Behörden zur Versorgung von Teilen der Bevölkerung oder der Deportierten nicht in der Lage waren, 4. Zivilisten und politische Inhaftierte, die systematisch von staatlichen Amtsträgern aufgrund amtlicher Befehle erschossen, erschlagen, ertränkt und verbrannt, an private Mordbanden oder an den Tod durch Durst, Hunger, Krankheiten ausgeliefert wurden. Hierbei sollen sich die Sondereinsatzgruppen der Teşkilât-i Mahsusa von rund 30.000 Mann hervorgetan haben, die zum Teil aus freigelassenen Schwerstverbrechern gebildet worden waren und dem Kriegsministerium unterstanden. Aber auch Polizeiverbände und zum geringeren Teil auch einzelne Armeeeinheiten haben sich an den Greueltaten beteiligt. Manche Beamte leisteten Widerstand gegen die Armenierverfolgung und wurden schwer bestraft. Es wurden aber auch einige Personen zum Tode verurteilt, die sich durch unerwünschte Grausamkeit hervortaten. Nur im Falle der vierten Gruppe sollte man von Opfern des Völkermordes sprechen. Ihre Zahl dürfte nach unterschiedlichen Schätzungen um die 650.000 liegen, plus minus 200 – 300.000.

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 13 Welche der Zahlen auch immer empirisch am stichhaltigsten ist, an der Tatsache eines umfangreichen Völkermordes an Hunderttausenden von Armeniern, im wesentlichen organisiert durch staatliche Behörden im Schatten des Weltkrieges und der drohenden Aufspaltung des Osmanischen Reiches, kann kein ernsthafter Zweifel bestehen. Eine gewisse Rolle im Streit um die Ereignisse spielen die Prozesse des Osmanischen Reiches, dessen Nachkriegsregierung versuchte, die alliierten Sieger dadurch günstig für die Erhaltung des Reiches und des Regierungssystems zu stimmen, daß sie selbst 1919/20 einige Verantwortliche für den Armeniermord vor Gericht stellten, diesen aber nicht als Werk der Regierung und des Staates, sondern der Partei İttihad ve Terakki und der prodeutschen Minister, des Kriegsministers Enver Pascha, des Marineministers Cemal Pascha und des Innenministers Talat Pascha darstellten. Damals sprach man offiziell von 800.000 umgekommenen Armeniern. 17 Todesurteile wurden verhängt, die meisten in Abwesenheit, da die Massenmörder rechtzeitig geflohen waren, zum Teil in die Weimarer Republik. In Berlin wurde 1921 Taalat Pascha von einem Armenier ermordet, der dann in einem spektakulären Prozeß freigesprochen wurde. Drei Todesurteile wurden noch im Osmanischen Reich vollstreckt, an Personen, für die später Denkmäler als Nationalhelden errichtet wurden. Die Alliierten nahmen keine Rücksicht auf die osmanische Regierung und verlangten von ihr die Unterzeichnung des Vertrages von Sèvres vom 10. August 1920, der nicht nur die Abtretung der letzten äußeren Reichsgebiete, sondern auch die Teilung Anatoliens und selbst die Zerstückelung des türkischen Siedlungsgebietes vorsah. Dies provozierte die von Militärs unter Mustafa Kemal geführte nationalrevolutionäre Bewegung zum Sturz der osmanischen Herrschaft, zur Konstitution der Republik Türkei und zur Rückeroberung Anatoliens. Kemal, der später den Ehrentitel Atatürk erhielt, hatte anfangs durchaus den Völkermord an den Armeniern verurteilt, als aber die militärisch und politisch wichtigen Führer der Ittihadisten, die sowohl die osmanische Nachkriegsregierung als auch die Briten vor Gericht stellen wollten, zur nationalrevolutionären Bewegung überliefen, war es nicht mehr opportun, den Völkermord unter osmanischer Herrschaft zu kritisieren. Außerdem dient seither die Leugnung oder gar die Rechtfertigung der Massenmorde als heroische nationale Verteidigungstaten dem Schutz vor Restitutionsansprüchen auf geraubtes Eigentum durch die Verwandten der Völkermordopfer. Die unselige Verknüpfung der territorialen Aufteilung Anatoliens und der Bestrafung der Völkermörder in der alliierten Politik schuf umgekehrt ein Interesse an der Verknüpfung der Wahrung der territorialen Einheit der Türkei und der Leugnung des Völkermords. Großbritannien plante anfangs ein internationales Kriegsverbrechertribunal gegen die

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