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Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

Erinnerung an Völkermord als politische Waffe in der Gegenwart ...

© 2012 Egbert Jahn –

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 4 manischen Armeniern und sein Charakter als Völkermord wird bis heute von der türkischen Regierung und dem größten Teil der türkischen öffentlichen Meinung und Wissenschaft geleugnet. Allenfalls wird zugegeben, daß einige Hunderttausend (300.000 oder mehr) Armenier im Zusammenhang mit ihrer Deportation nach Mesopotamien, wo nur wenige ankamen und überlebten, und mit der Niederschlagung armenischer Aufstände umgekommen seien. Insgesamt seien weit mehr Moslems (Türken, Kurden und andere) von den verbündeten Russen und Armeniern umgebracht worden als Armenier von den Türken und Kurden. Die wechselseitigen Massaker – der Ausdruck Völkermord wird in der offiziellen und offiziösen türkischen Literatur kategorisch abgelehnt – seien durch die armenischen Nationalrevolutionäre, die von Rußland, Großbritannien, Frankreich und den USA angestachelt und finanziert worden seien, ausgelöst worden. Alle Opfer der Massaker seien somit bedauerliche, schreckliche Begleiterscheinungen eines von den Armeniern begonnenen Bürgerkrieges im Rücken der Fronten im Westen, Nordosten und Südosten des Osmanischen Reiches, das von der Zerstükkelung bedroht war, und in dem das türkische Volk um seine Existenz rang. In der armenischen Literatur wird hingegen überwiegend von einem osmanisch-türkischen Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern gesprochen und einer geringen Zahl von muslimischen Opfern (Türken, Kurden, Aserbaidschanern und anderen) infolge von armenischen Revanchemassakern, die bei armenischen Widerstandsaktionen und im Rücken der in das Osmanische Reich eingedrungenen rußländischen Armeen stattfanden. Einige Autoren werfen dem Deutschen Reich, das im Ersten Weltkrieg die politischmilitärische Kontrolle über das Osmanische Reich ausgeübt habe, die Hauptverantwortung oder gar die Urheberschaft für den Völkermord an den Armeniern vor und weisen den Türken, Kurden und anderen Moslems eher ausführende Funktionen zu. So wurde der Völkermord an den Armeniern auch als „Holokaust vor dem Holokaust“ an den Juden bezeichnet und eine Kontinuität deutscher Vernichtungspolitik konstruiert. Der deutsche Bundestag hat am 16. Juni 2005 erstmals gewagt, auf Antrag aller vier Fraktionen, der „Vertreibungen und Massaker an den Armeniern 1915“ zu gedenken. Dabei wurde der Ausdruck Völkermord vermieden, aber es war von „Verbrechen am armenischen Volk“ die Rede. „Deutschland muß zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen“ hieß es im Titel des Beschlußantrages. In den Jahren zuvor waren entsprechende Initiativen mit Rücksicht auf den NATO-Partner Türkei und die deutschen Interessen in der Türkei stets gescheitert. Bis zum Gedenken im Bundestag hatten allerdings die Regierungen oder die Par-

© 2012 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 5 lamente schon in zahlreichen anderen Ländern den Völkermord an den Armeniern verurteilt und die Türkei zur Anerkennung der historischen Tatsache desselben aufgefordert. Das französische Parlament ging im Dezember 2011 und Januar 2012 einen Schritt weiter und verabschiedete ein Gesetz, das die Verherrlichung oder Leugnung von offiziell konstatierten Völkermorden wie den an den Juden und Armeniern begangenen unter Strafe stellen sollte. Es wurde allerdings am 28. 2. 2012 vom Verfassungsrat als verfassungswidrig annulliert, da es die Meinungsfreiheit verletze. Die Aufforderungen vor allem türkischer Autoren zur Anerkennung der historischen Tatsache von Massakern armenischer Aufständischer und Truppenverbände sowie rußländischer Streitkräfte an den Moslems in Ostanatolien und im Kaukasus blieben ohne Resonanz. Hierbei zeigte niemand ein Interesse für diese Taten aus offenkundigen, wenn auch entgegengesetzten Motiven den Ausdruck Völkermord zu benutzen. Beim Streit um den massenhaften Tod der Armenier im Osmanischen Reich geht es um mehrere, analytisch trennbare Gegenstände. Nicht wenige Mißverständnisse werden schon durch unterschiedliche Verständnisse des Begriffs Völkermord ausgelöst, der heute einen immer noch nicht völlig klar umrissenen völkerrechtlichen Strafbestand bezeichnet, im Ersten Weltkrieg aber noch gar keiner war. Überwiegend wird er als ein politisch-moralischer Begriff benutzt. Wahrscheinlich ist vom Mord an Völkern schon sehr früh gesprochen worden, das Wort Genozid ist aber erst 1943 von dem Polen Raphael Lemkin in Hinblick auf die Ermordung von Polen durch Deutsche geprägt und im Jahr darauf auch auf die Ermordung der Juden angewandt worden. Holokaust (griech. für Brandopfer) hingegen ist ein schon vor sehr langer Zeit im Deutschen gebrauchtes Wort für Massenmord, wurde aber in widersinniger Sprachgewohnheit erst in amerikanischer Schreibweise und Aussprache als Holocaust durch den gleichnamigen Film aus dem Jahr 1979 allgemein bekannt. Die Debatte über den Völkermord an den Armeniern wird dadurch erschwert, daß er oftmals auch als Vorläufer- Holokaust mit dem außergewöhnlichen und einzigartigen Völkermord an den Juden gleichgesetzt wird, nicht aber als ein eigenständiger, unter den besonderen Bedingungen eines Weltkrieges und einer drohenden Teilung des Landes entstandener Völkermord unter vielen anderen. Durch die Gleichsetzung der beiden Völkermorde werden von der Türkei ähnliche Entschädigungsleistungen wie die Deutschlands erwartet. Umstritten ist ferner die Zahl der armenischen Opfer, sind die Bedingungen, unter denen sie sterben mußten: Waren es absichtlich herbeigeführte, bloß in Kauf genommene oder kaum abwendbare in einem schrecklichen Krieg auf osmanischem Territorium. Verschwiegen, betont oder propagandistisch überzeichnet wird eine sich hinziehende Grausamkeit des Tötens