SCHLOSS PASCOAES

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SCHLOSS PASCOAES

SCHLOSS PASCOAES

ALBERT VIGOLEIS THELEN


DC] ON Q #13


SCHLOSS PASCOAES


Die Einfahrt in SchloB Pascoaes


Albert Vigoleis Thelen

SCHLOSS PASCOAES

RHEIN-VERLAG A.G. — ZURICH


Teixeira de Pascoaes, dem Meister tmd

Freunde zur Vollendung seines óssten Lebensjahres

gewidmet von seinem Übersetzer

SCHLOSSPASCOAES

im Frühjahr 1942


VORSPRUCH

An den

Dichter

Du bist des Zweifels nagendes Verneinen

und der GewiBheit eingeborenes Wort.

Du bist des Fluches dunkles Widerscheinen —

und bist der Gnade reich gesalbter Hort.

Du bist die Zeit im SchoB der Ewigkeiten

und bist die Ewigkeit im Wurf der Zeit.

Du bist der Seele flügelweites Schreiten —

und eines Leibes nackte Wirklichkeit:

So bist Du deines Todes Überwinder,

der Schlafe Traum und aller Traume Künder.


DAS KIRCHSPIEL

Amarante

Grau im Kranz der Berge eingebettet

und von Föhren immergrün umhegt,

bronzen an den schwarzen FluB gekettet,

wahrend WeiB sich auf die Brücke legt,

um dem Gold aus Garten zu begegnen,

das zu Rostbraun stark die Töne stimmt,

sen ich blau die Fliederbüsche regnen,

und ein Rot mir fast den Atem nimmt

mit der Küpe kochendem Fanal.

Aber dann kühlt mich ein topasgelber

Anhauch des Mimosenhains im Tal,

wo sich silberseidig zu dem Felber

hell die Birke fügt. Von Facherpalmen

dunkelt dumpf Beryll und Malachit.

Bleich im Plissé sich die Dacher walmen

und wie Wolken klar im Kolorit.

II


Doch der Bister alter Hauserfronten

mischt sich trübend in den Farbeffekt,

aufgefrischt vom hohen, fahlbesonnten

Maisgeströhde, das die Landschaft scheckt,

die sich malven schmiegt in weichen Falten

und wie Sammet frauenhaft im Griff,

denn, der Töne Drangen hinzuhalten,

staubt des Nebels feines Fixativ.

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EINFAHRT UND AUFGANG

Die

Einfahrt

Aus dem Staub der glühenden Chaussee

wie aus einem Mörser vorgeschnellt,

bremst der Wagen scharf in die Allee,

wo ein Dunkel ihm den Weg verstellt —:

Schwarz an schwarz des Korkbaums Karyatiden

tragend stumm die glanzend fette Fron

eines zehn-mal-hundertjahrig müden

Blatterdoms, der seine hoh'n

Kuppeln trage wie ein Nilpferd badet,

grunspanhautig in der Sonnenschwemme,

wahrend innenschiffs die Kühle ladet,

und sich zwischen dem Trajekt der Stamme

die Transsepten lichten. In den Beikapellen

stehn die Gruppen des Laokoon:

Aste winden sich, man hort das Geilen

aufgeklaffter Korke — Sohn auf Sohn

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weichen sie dem BiB der grünen Schlangen ...

Dann die Wehr der Mauer, aus Granit gequadert,

und der Wagen gleitet einen endlos langen

Weg entlang, bis hell am Ende hadert

himmelwarts ein Eukalyptus seine Trauer —

klagend schwankt der losen Rinde Band —:

Wo hat jemals die Natur genauer

Menschliches gewiesen als an Hand

dieses Baums? In neuen Kehren

bricht sich dreimal noch der Bliek

und laBt Kastanien, Platanen, Koniferen

mit Reben leiterhoch berankt zurück.

Vom stumpfen Mahlgang alter Ochsenkarren ausgewaschen

senkt sich der Weg. Die Bremsen singen.

Der Wagen stolpert, fangt sich in den Schattenmaschen

des Melanoxylons — da plötzlich springen

zwei Flügel auf: das erste Tor.

Ein Paradies? Der Hesperiden Garten?

Auf schwarzem Laub der flammend laute Chor

der Mandarinen und als Liedgefahrten

der schrillende Diskant der neidisch gelben

Limonen. Der Wagen halt, und klaffend jagen vor

mit tappisch plumpem Satz die goldgestromten Welpen:

Woher? Wohin? — Das zweite Tor.

Ihr Früchte schweigt! Ihr Hunde, zahmt die Zungen!

Der groBe Rufer hat allein das Wort!

Mein Bliek ist auf das Torgesims gesprungen —

In Reih'n gestuft, auf Sockeln ragen dort

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in TodesgröBe neun heraldische Figuren,

graniten schwarz, verwittert das Gebaren,

das sie durch tausend Licht- und Regenspuren

aus ihres Hauses groBer Zeit bewahren.

Ein Wappenschild über des Bogens Runde —

Der Greif setzt an zum Flug, da geht ein RiB

quer durch den Stein und weist ihm seine Stunde.

Im Felde links das Kreuz des Dom Diniz.

Die Fahrt ist frei. Gebrochen ist der Bann

der Zeit mit Helmzier, Degen und Brokat,

die Korn für Korn durch ihren Trichter rann,

bis sie sich sammelte um das Quadrat

des Innenhofs, der fiebert heiB im Licht,

so ausgeliefert seinen Mittagshöhen,

als hielten hundert Sonnen über ihn Gericht

und peitschten ihn mit ihren Flammenböen.

Das SchloB steht stumm. Die weiten Sale schweigen.

Nur aus dem Brunnen blüht ein scheues Lied,

bis sich vergilbt die welken Töne neigen

im schwülen Wind, der groB aus Süden zieht.

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Der

Treppenaufgang

Mein FuB scheint lange trimmend hinzuschweben,

eh' er die Wirklichkeit des Steins erkennt,

der sich zu Tritten stuft, die schon dem Leben

entfremdet sind im krausen Ornament

der Fliesfiguren, ratselhaften Zeichen,

des rieselnden Verfalies letzte Wehr.

Ich steig hinan und fühl' die Faulnis reichen

bis an mein Herz, wie wenn ein Wogenmeer

mich schwindelnd hüb' über den Grund der Zeiten

und abermal verschleiert Traum den Bliek...

Dann ruft mit seiner Rampenarme weiten

Gebarden mich das Haus zu sich zurück.

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DIE

SALE

Im indischen

Saal

Die Wande schrein im Blut der Purpurschnecke,

das des Getafers welkes Grenadill

fast höhnend übertönt bis zu der Decke

gestülpten Briinne, die entfliehen will

vor soviel ungestümer Münder Schelten —

Doch halt mit Zindel, Zimt und Tamarin

ein Düften schwer und wie aus Frauenzelten

der fremden Schatze bangen Baldachin:

Der Drachen Tappe, ihres Atems Greifen

aus heiliger Dynastien Herrlichkeit,

und der Pagoden blütenhaftes Reifen.

Und eingesargt in schwarzgelackter Lade

der bösen Steine stumme Ewigkeit —

und Buddha, leiderlöst, im Schlaf aus Jade.

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Der

Büchersaal

Aller Dichter An-die-Sterne-Greifen,

aller Denker Rechten mit der Welt;

Hoffnungen, die kühn ins Leere reifen,

Glauben, taub und blind auf Stein gestellt;

Liebe, die die Herzen meerhaft weitet,

HaB, der glühend über Leichen schreitet;

Freude, die aus Dunkel Licht bereitet,

Schmerz, der heilig übers Antlitz gleitet —:

wie dammerst du und du und du im Düster

der Schafte, die euch Hamen sind und Herd,

wie wird zum Schrei das schwelende Geflüster,

wenn eines Lesers Hand die Seiten kehrt...

Und neigt der Tag. Und wandeln sich die Bande

aus Rot und Gold und Blau ins Schwarz der Nacht.

Und aus den Schatten wachsen nackte Hande

und bahren kalt den Katafalk der Wande,

wo nur der Totenwurm im Holze wacht.

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Im kleinen

Büchersaal

Hier traumt er wachen Bucks inmitten

der ewig ausgetraumten Traume Zeugen —

und leidet noch, was jene schon gelitten,

wenn sich der Seele Schau die Worte beugen,

um gegen ihn, den Schöpfer, aufzustehen

zu ihres Hochgerichtes jüngster Nacht —:

Kein Zeugendes kann ungestraft geschehen

am Wort, das deutend aller Werke wacht

und wachsend steigt über ein enges Leben

und über einen Tod und einen Traum.

O komm und sieh: aus tausend Banden heben

ihn tausend Hande über Zeit und Raum.

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Das

Königszimmer

Noch halt der Spiegel irgendwo im Grunde

vom groBen Glanze einen kargen Rest,

der wie der Rose Duft über die Stunde

des Blühens wahrt, wenn schon der schonen Frauen

schenkende Lippen sich im Traumesfest

des Schlafs verblichener vom Weinen schauen,

und ihres Atems heiBes Jagen weicht

dem Schluchzen urn betrogener Liebe Grauen,

und früher Morgen stumm die Wangen bleicht,

daB sie sich tiefer in die Kissen schmiegen —

so traumverwandt der Saai dem Glücke gleicht,

des' bunte Scherben noch am Boden liegen

zwischen der Stühle steifgestelltem Chor,

so steif, daB selbst der Tülle weiBes Wiegen

zum matten Blumenkristallit gefror,

und langst das Lacheln auf den Wandportraten

sich kalt an Bram und Hermelin verlor

und an der Kammerherren blinde Ketten —

O, schauerlich zerfallner GröBe Statten.

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Der

Musiksaal

Nur noch in Nachten, wo die Luster traumen,

und sich ihr Staub zu Klangfiguren fügt,

mit MondweiB sich die Wandbehange saumen,

daB es den Hof der Menuette lügt,

klagt aus der Harfe harmend auf ein Tonen,

erst flüsternd wie verschwiegener Minne Wort,

an das sich Liebende im Lenz gewöhnen,

um dann, wie Sommer groB, zum Klavichord

einherzugehn in reifer Liebe Greifen,

die fernsten Garten zu sich niederwerbend

mit ihres Saitenspiels erwachtem Blut...

Dann roten östlich sich die fahlen Streifen,

bis kalt das Lied, am letzten Stern versterbend,

wie ein Insekt im gelben Amber ruht.

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Der

Negersaal

DaB sie den gefürsteten Herren

böte die Würze des Mahls,

stand mit Banjo, Pauken und Plarren

die Bande des Negersaais.

Des Urwalds wilde Klange,

des Heimwehs weinendes Lied,

der brullenden Ströme Gesange —

wie das durch die Sale zieht.

Wie der meerbefahrenen Sippe

zum Feste wurde das Mahl,

wie gröhlte mit wulstiger Lippe

die Bande im Negersaal.

Doch als den gefürsteten Herren

der Kronreif in Stücke sprang,

da verstummte mit Pauken und Plarren

im Saaie der Niggersang.

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Der

Remter

Lichter wissen milder dem Mahle zu dienen,

sieben mal sieben mal ins Dammern gestellt.

Maisbrot und Wein künden gulden beschienen

Friede dem Gast einer friedlosen Welt.

Sanft der Agapen unsichtbar heiliges Walten.

Schalen blaB mit der Herbstzeitlosen Verzicht.

Kühl in den Krügen der Trunk. Auf Weinlaub die kalten

Feigen, und, ob des Stummseins, still der Fische Gericht.

Schone Gesprache rühren an letzte Dinge.

Silbern zum Trinkspruch klingt der Kristall.

Rings aus den Ampeln wolken die düftenden Ringe,

und frommer Segen endet dankbar das Mahl.

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Der

Fremdensaal

Deine Nacht raunt bange Sage,

dunkel von Truhe und Stuhl gewuBt.

Ahnenschatten halten der Klage

alten Sang wie ein Mal bewuBt.

Bar und Bankel meinem Schlafen

sollen sie Wiege und Schlaflied sein?

Armer Fremdling, schaudernd trafen

hier wie dich der Geister Reih'n

tausend schon. Auch Greif und Hinde

geben Laut. Aus dem Umspuk der Nacht

lost sich ein Ruf. Das Ingesinde

halt beim Becher noch larmend Wacht.

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DER

FLUR

Der Flur bei

Nacht

Die letzte Tür ist dumpf ins Schloö gesunken,

und bald ist Nacht bis um das letzte Ding.

Die Kunkeln ruhn. Nur einmal glimmen Funken

noch auf im Wind, der sich im Rauchfang fing —

Und dann liegt leblos hingefallt die Stille,

und tappt das Dunkel bang den Gang entlang,

der nirgend endet — nirgendwo ein Wille,

zu halten dieses Hauses Untergang?

Aus den Verliesen dünstet feucht die Faule,

der Fledermause Flattern schreckt im Flur,

langhingezogen scheucht ein Schrei der Eule, —

und an den Tod vergeudet sich die Uhr.

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1


AM

HERDSTEIN

Meditation

Und nun bin ich allein

mit meiner Stunden

saumendem Einsamsein,

das wie der Wunden

Rander sich raB um mein Leben legt.

Hat sich die Tür bewegt?

Gehen noch Schritte?

Horch, wie das Pulsen schlagt

aus Herzens Mitte.

Hat sich ein Stern gezeigt

über der Nacht?

Siehe, das Dunkel neigt

die Wimper sacht.

Und muB ich so dauern

wie ohne Sinn

in meiner Mauern

blindem Beginn?

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Und wann wird mir Friede —

und wann mir die Zeit

zur Chrysalide der Ewigkeit?

WeiB wer, wo ich bin?

WeiB wer, wer ich bin?

Mein eigen Wissen

reicht nirgend hin.

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DIE

SYMBOLE

Die

Kreuzabnahme

(Nach einem Fresco-Fragment der SchloBkapelle)

Er hing am Kreuz. Der Erde Beben

warf die Gaffenden aufs Angesicht.

In den Schachern zuckte noch das Leben,

und der Kriegsknecht tat die letzte Pflicht

mit dem Stich der Lanze, — wie ein Brand

fraö das Blut den glatten Schaft sich weiter

und besudelte des Schergen Hand.

Dann gebot der Hauptmann, eine Leiter

aufzurichten an dem Pfahl der zwei Gehenkten —

und sie brachen ihnen das Gebein.

Schauerlich bezeugen mit verrenkten

Gliedern sie des Todes letzte Pein.

Wenig trennt sie mehr von dem Gewiirme,

das sich specken will an ihrem Aas,

wahrend Er, der Herr, Turm aller Türme,

aller MaBe ÜbermaB

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wie ein leerer Weinbalg niedersackt

in der frommen Salberinnen SchoB. —

Und sie salben. Da, vor ihren Blieken, nackt

liegt die Zeugung, noch im Tode groB

und beweisend: Dieser war wie alle,

die im Fleisch aus Gottes Handen gehn;

doch das Ysoprohr mit Schwamm und Galle

hob ihn über irdisches Geschehn

in das Reich, wo aller Traum beginnt,

aller Himmelfahrten Ziel und Ende ...

Aber an den Malen schon das Blut gerinnt,

und wie im Geize krampfen sich die Hande.

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Der Ölgarten (I)

(Nach der Illumination eines alten Missals)

Er geht hinaus. Vom letzten Passahmahl

liegt zwischen Krumen noch ein Bissen Brot.

Im Kruge steht der Wein schon welk und schal.

Auf Wolkenbarken rettet sich das Abendrot

und segelt müde und versinkt im Belt der Nacht,

die wie ein Buch mit allen Sternensiegeln schweigt,

soweit ihr Atem geht von Mizpas steiler Wacht

bis wo sich gegen Judas Stamme neigt

der schauerliche Graberfall des Hinnomtals.

Dann reiBt die Stille, und von All zu All

zieht langhinheulend sich das Halsen des Schakals,

der auch sein Teil begehrt vom Brot und Wein des Mahls.

Und steigt hinauf und schrickt vor seinem Stern,

der über Bethlehem gestanden hat,

mit lerchenhohem Himmelslied aus Nah und Fern

die Völker rufend nach dem Krippenstall.

Nun hangt sein Menetekel wie ein Blutgemenge

geronnen über der Kalvarienstatt

und weist ihm seines Kreuzes Erdenfall.

Die Elfe folgen ihrem Herrn.

Der hebt den Stein, und eines Wurfes Lange

trennt ihn von einem Engel, der

ihn dreimal fallen sieht,

wie du, wie ich, wie irgendwer,

an dem ein Unerhörtes sich vollzieht,

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für seines Nackens Bug zu schwer,

dreimal des Kelches Wiederkehr, —

und nimmer je ein Mensch wie er

d§s Gottseins Teil verriet.

Was wissen wir? Der Sagenkreis ist weit.

Hinter dem letzten Stern beginnt die Ewigkeit —

und hinter allen Ewigkeiten Gott?

Hat Er den Herling in den Wein getan?

Geschah ein Wunder wie zu Kanaan,

als sich der SchweiB verwandelt in des Blutes Spott?

Indes die Jünger walzten sich im Schlafe schwer

und irrten traumend von des Meisters Wegen.

Dann ging ein Rauschen wie von Sommerregen

in sie hinein, und sie erschraken sehr —:

Sind sie beim Fischzug noch auf weitem Meer?

Doch wo ist dieser, dem gehorchen Meer und Wind?

Da senken sie in Scham der Stirnen Neige,

die noch vom Spiel des Traums beflogen sind,

vor seinem Bliek,

denn aus der Todesangste schwarzem Labyrinth

kommt er, schon wieder stark, zurück

und schilt sie feige.

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Der

Facher

(Aus dem indischen NachlaB einer

groBen Liebenden)

Kühlender du in den Handen

heimlich geliebter Frau —

breitest im spielenden Wenden

deiner Betaubungen Schau:

Blatternder Stabe Verwandlung,

vierfach im schwirrenden Schlag

der schon geheiligten Handlung,

welcher wie du vermag

so im Gleichnis der Bilder

östlicher Opferwelt

Herzens Verwirrungen milder

und reiner der Seele gestellt

zu söhnen dem südlichen Blute,

bis aus dem SchoBe bricht

heilig im Schöpfermute

erlösenden Todes Gesicht,

je nur gewahret in Stunden

lachelnd gelitt'nen Verzichts,

wenn sich die Bache der Wunden

schaumender stürzen ins Nichts.

Kühlender du in den Handen

heimlich geliebter Frau, —

lange erloschener Lenden

immer noch tröstender Tau.

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Die

Muschel

(Aus der Truhe der Descobertas)

Ich bin die Muschel, die das Meer nicht mag —

in meinen Gangen wird es niemals Tag.

Ein Kind halt horchend mich ans Ohr —

im Rauschen sich mein Lied verlor.

Jahrtausendfluten schufen meinen SchoB —

und eine Ebbe legt mein Leben bloB.

Das Meer setzt mich wie einen Findling aus —

ich bin das Haus und bin doch ohne Haus.

In mir erstarb des Lebens stummer Schritt —

das Meer rauscht weiter, und ich rausche mit.

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Stabat

Mater

(Nach einer Plastik im Herrgottswinkel

des Büchersaais)

Sieh: aus der SchöBe SchoB,

Mutter, dem Sohn

gab deiner GröBe Los

Speichel und LanzenstoB,

INRI und Ysophohn.

Sternbild des Schmerzes steigt

zu Haupten auf.

Mutter, dein Weinen zeigt

steinern ins Kreuz geneigt

all unser Tranen Lauf.

Göttlicher Mutterschaft

irdisches Leid

weitet der Klage Kraft

heilig und menschenhaft,

welten- und himmelweit.

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DIE

BRUNNEN

Fons

Delphinis

Aus der Delphine plattem Maul gespieh

senkt sich das Wasser singend in die Schale,

drin Fische silbern ihre Ringe ziehn,

versteinter Spender stumme Ebenmale,

die, wenn es tagt, sich gegen Abend neigen

und in der Nacht schon gegen Morgen flehn —:

Wann wird des Brunnens Spiegel endlich steigen

und mit der Ströme Rauschen übergehn

ins weite Meer, in Licht, in Freiheit, Leben —

1st Gottes Allmacht hier ein Ziel gesetzt?

Die Schale gibt, was Strahl um Strahl gegeben,

jndes der Fabelfische Leiber glanzen,

vom Schuppenspiel der Sprüher übernetzt,

und steinern speien mit verschrankten Schwanzen.

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Fons

Androgyni

Selbst wenn er Flügel hatte, war der Engel nicht

von seines Brunnengottes Haupt gewichen,

und noch im Steine lachelt rührend der Verzicht,

ganz von des Gebens GröSe ausgeblichen

an den, der die Jahrhunderte bestritt,

aus seiner Fratze harten Backen speiend

des Wassers weiBe Lava, wie Granit

poros und spröde, ewig überschreiend,

was lüstern um die Paarung buhlt seit alters:

des Faunes Steinlast mit dem Flug des Falters

in ihres Spiegelbildes mildem Licht —.

Doch rauschend bauscht der Strahl die nassen Decken,

mit Moos und Algen harrt das Hochzeitsbecken —

und Gott und Engel sehn einander nicht.

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Fons

Silentii

Hier ist die Stille ein Gebet des Steines,

der seines Schweigens nackten Schatten legt

auf das Verführende des frühen Weines,

der rühmend seiner Büschel Blühen tragt

bis an des Speiers müdgespiene Röhre,

aus der noch von des letzten Strahles Lied

— eh es sich namenlos im Park verlöre —

ein Klingen singend durch die Nische zieht.

Und siehe: Feld um Feld fügt sich die Webe,

aus ratselhafter Drüsen Saft gespritzt,

indes die Stille ganz zu Stein verdichtet —

bis endlich Maske, Becken, Rohr und Rebe

im engen Maschenwerk gefangen sitzt,

wo Spinne Zeit die Opfer grausam richtet.

39


DIE

MADONNEN

Schrein der Verkündigung

(Aus einem Schlafgemach)

Nie hub aus altem Ebenholz ein Kiinden

so sagend an wie auf dem Flügelschrein,

wo sich des Engels Hande preisend runden

zu seines GruBes groBem Benedein.

Hinhorchend eingeneigt ins Wort der Gnade

beugt sich die Jungfrau dem Magnifikat —:

1st es ihr SchoB, in den des Herren Pfade

einmünden zu des Heils gesalbter Saat?

Da bricht eip. Leuchten an auf ihrem Leibe,

und aller Schwarze bar erglanzt der Schrein —

Was wundersam geschehen diesem Weibe

wandelt noch Ebenholz in Elfenbein.

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Madonna

im Mimosenhain

(Nossa Senhora dos Milagres)

•Wie in den Strophen eines alten Leis

des Herren Lob aus banger Drangsal quillt,

steht auf dem Hügel zu des Himmels Preis

der Jungfrau wundertatig Gnadenbild.

Des Mantels Falten fliefien gold ins Blau

und stimmen sternbereift des Stirnreifs Glanz

zum holden Lacheln unsrer Lieben Frau,

indes des Kindes blanke Augen ganz

sich geben an den blonden Blütenflor

und an der Blatter wedelzartes Wehn, —

o, wie der Düfte Hauch das Herz betaubt!

Da, leisen Tritts, lost sich vom dunklen Chor,

des Waldes Winterwunder nah zu sehn,

die Magd und steht bestürzt und gelb bestaubt.

42


Die

Romaria

(Nossa Senhora do Vao)

Alljahrlich leiht der Himmel seinen Himmel

mit steilster Sonne Sengen diesem Tag,

damit der Waller larmendes Gewimmel

sich froher füge zu der Pauke Schlag;

und zum Gebet der gramgebeugten BüBer,

und zu der Scharlatane Feilgebot;

ünd daB der Schonen Augenspiel sich siiBer

und heiBer paare mit dem Lippenrot.

In ihrer Kirchweihwamser steifem Zwange

feilschen die Hausler um ein Ochsenjoch.

Am KreuzesfuB liegt die Gelahmte bange

und harrt des groBen Wunders immer noch.

Und fleht die Stumme zu der Jungfrau Lippen,

daB sie die Zunge lose durch ein Wort.

Die Schauben hochgeschürzt stelzt über Klippen

endlos der Frauen Zug zum Gnadenort.

Und fleht die Schwangere gewölbten Leibes

um Beistand in den Noten der Geburt,

daB Schmerz sie wandele ins Glück des Weibes,

zur Schutzpatronin von der Guten Furt.

Und naht lebendig eingesargt ein Sunder;

vier Manner schleppen schwer den Sühneschrein.

Das Volk erbleicht, ein Schrecken schlagt die Münder,

und Todesgrauen schleicht ins Herz hinein.

43


Dann scheppern wieder hell die Beckenschlager,

die Fiedel singt, die Floten trillern leis,

und um den wimpelbunten Schellentrager

schliefit sich zum Chulaspiel der Paare Kreis.

So gleitet reich der Rosenkranz der Freude,

und klagt des Kreuzes wehes Kyrie —

Maria lachelt lieb zu allem Leide

und lachelt lieb als aller Freude Fee.

44


DIE

FLUR

Der

Park

Liegt der Park mit allen Sternen

tief in Schwermut eingesunken,

lautet wie aus Spharenfernen

fein das Glockenspiel der Unken.

Hebt das Herz mit hellem Klingen,

führt die Seele traumverloren —

O, wie kann sich aufwarts singen,

was zum HaBlichsein geboren.

Stehen Palmen stumm und lauschen,

laBt der Mond die Ruder sinken,

halt der Wind in seinem Rauschen,

reinster Tone Tau zu trinken.

Liegt der Park mit allen Sternen

tief in Demut eingesunken,

fliegt mein Herz mit alien Fernen

auf dem Glockenton der Unken.

45


Die Runde der

Melancholie

Welchen der Wege du wahlst

durch der welkenden Blatter Fall —

immer ist Trauer um dich

und des Sterbens ein Vorgefühl.

Nirgend dem Düster der Seele

klart sich die Landschaft auf,

noch beut sich dem Kreuz des Müden

zum Ruhen ein Fels.

GroB zieht der Adler im Tag.

Schon augt er im Tale das Aas,

wo klagender die Eukalypten

stehen mit jedem Herbst

und herbstlicher mit jedem Gang

dem Ratsel des Todes sich

deines Lebens Frage neigt

in den Schatten der Zeder.

46


Der

Rosengarten

Wo stehen Rosen so gedrangt in Rainen,

daB ihrer Dornen Hecke sich zum Hohn

der Krone flocht für eines Haupt, der keinen

Lorbeer sich zog im Garten seiner Fron?

Der Blatter Blut lechzt in den schonen Schelchen

nach Wunden, die kein Engel wehren kann,

und die kein Chrisam heilt aus frommen Kelchen

es brache denn ein neuer Aon an,

von der Plejaden hellstem Stern verkündet,

und trieb aus alter Weisheit neues Reis.

Der Geist ist rein dem Göttlichen verbündet,

schlieBt Mandragor und Widerton den Kreis.

47


Solarium vel descriptum

Wie einer Fürstin Hand den Facher hebt,

gelassen ihrer Wangen Glut zu kühlen;

wie das Ver wenende von Wolken schwebt

im müden Mahlen alter Flügelmühlen;

wie Brunnenschalen, die sich zögernd neigen

in ihrer Teufe dunkelfeuchten Schacht;

wie Nebeldünste, die aus Flüssen steigen

ins schwüle Schlafen einer Sommernacht —:

so schleicht des Schattenstreifs geheimes Walten

lautlos und vipernglatt und biBbereit

über der Sonnenfratze welke Falten —

und hauft der Stunden, Tage, Jahre Leichen

ins raume Massengrab der Ewigkeit,

auf dem der Zeiger steht im Kreuzeszeichen.

48


Der

Feigenhain

Emsig im Haine der reifend seimenden Feigen

Imme und Imse heimsen den süBen Topas,

der aus den Früchten seigert wie Mais aus den Beigen

lattiger Speicher ins heimlich wartende Gras.

Pan gab des Waldschlafs lüstern hintraumende Stunde,

könnte er naschen mit Feigschnepfe, Biene und Bilch,

Falter und Miere vom mittaglich glühenden Munde

Speise der Götter bereitet aus Honig und Milch.

Doch aus Agaven schiefien die brünstigen Stiele,

von der Libelle glasernen Lusten umschrillt,

Hornissen schwirren wild ihre giftigen Spiele,

bis sich der tödliche Stachel an Blut gestillt.

49


Der Ölgarten (II)

Geliebte, sieh: im Ölbaumgarten

fiimmert silbrig das Licht,

wehen die Blatter den elfenzarten

Atem dir übers Gesicht.

Achte des Stamms: nur ein Krüppel weint

so seine Seele aus.

Was sich im Tode zu krümmen scheint,

tragt noch ein trachtiges Haus.

Schauert der Wind: da zittert es bang

tief in der Früchte SchoS,

saumt es die silbernen Wolken entlang

bis in der Stamme Moos.

Geliebte, sieh: im Ölbaumgarten

übt sich verhalten das Licht,

um dir beim Mondschein aufzuwarten

mit seiner Traume Gedicht.

50


DER

WEIN

Die keltische

Keiter

Der Spillbaum wringt sich achzend ins Gegange

und hebt die tausendjahrige Wucht des Steins,

daB ihrem Druck das garende Gedrange

aus eines reifen Herbstes Weingehange

sich keltere zum dunklen Blut des Weins —.

Und immer höher winden sich die Blöcke,

und immer kreiBender stöhnt es im Holz,

und immer zaher lost der Saft der Stöcke

das volle MaB des hohen Sonnensolds —

Bis sich der Querbaum senkt im Fall der Zeit:

Des Weinjahrs Weiser stent auf Ewigkeit.

5*


Das

Weingewölbe

Wie wild aus Wuhnen über strudelndem Woog

zu Tage schieBet der Strahl —

so denk dir gurgelnd im schaumenden Sog

aus Kübel und Kruke, Trotte und Trog

sich füllen der Kufen ragende Zahl.

Und denk dir das larmende Bacchanal

der Traubentreter; den rhythmischen Sang,

und denk dir der Knaben Überschwang

und des Torkels polternden Gang.

Und steigend des Weines betaubenden FluB

und des Küfers rügenden Ruf —

und drauBen weiBglühend der Sonne GuB,

der die Rebe zum Segen schuf —

Und wisse: das Jahr war gut

und golden wie Ophirs Hort —

Und ob golden verdammert des Tages Glut,

der Keltgang geht fröhlich fort.

52


Das

Weingedicht

Der du die Traube betreust,

sommernder Herbstl

Mit deiner Strahlen schragem Verglühen

schon in der Küpe farbst

du des Weinlaubs mürbes Verblühen.

Aber noch saugen sich röhrig die Safte,

sammeln sich süBer die pulsenden Krafte

heiB unterm Blattgezelt,

was Rank und Rebe halt:

Wieder der Reife ein Tag gediehen,

wieder ein Glückes mehr

ewiger Wiederkehr

göttlich verliehen.

Und deiner Nachte

tröpfelnder Tau,

wie tauft er der Traube

blutschwellendes Blau

im Namen des Geistes, der in ihr gart

und mit seinem Segen die Geister mehrt

Weil du die Traube betreust,

sommernder Herbst!

53


IN

MEMORIAM

Der letzte Pair von Portugal

(Zur Erinnerung an den Vater des Dichters,

1923 im freiwilligen Exil auf Pascoaes gestorben)

Von Portugal der letzte Pair —

er war ein GroBer im Land.

Sein Name galt von Meer zu Meer,

wie wahrte des Reiches Siegel schwer

die treue Dienerhand.

Von Portugal der letzte Pair

stand ritterlich zu Thron.

Er war der wachsenden Meuchler Wehr —

wie stahlte die Herzglut der Liebe Speer

dem königstreuen Sohn.

Von Portugal der letzte Pair —

ihm starb auf den Lippen das Wort;

es rollte zu Boden die Trane schwer,

als Reisige brachten die Schreckensmar

vom feigen Königsmord.

55


Von Portugal der letzte Pair

konnt tragen nicht die Schmach.

Da ward ihm des Alters Bürde schwer,

wie nahm der Gram seine Seele her —

bis ihm das Auge brach.

56


SCHLUSZSTÜCK

Mondaufgang über Pascoaes

Schon hebt der Mond sein Leuchten

über den Rand der Nacht —

Meine Augen haben die feuchten

Lider zugemacht.

Es geht ein Wind aus Süden,

die Sterne scheinen so mild —

O, wann wird meiner müden

Seele Sehnsucht gestillt.

Schon flieBt des Mondes Trosten

all übers Angesicht —

und noch im traumerlösten

Schlafe blüht sein Licht.

57


1

I

J

I

I


INHALT

Widmung 7

Vorspruch

An den Dichter 9

Das Kirchspiel

Amarante 11

Einfahrt und Aufgang

Die Einfahrt 13

Der Treppenaufgang 16

Die Sale

Im indischen Saal 17

Der Büchersaal 18

Im kleinen Büchersaal 19

Das Königszimmer 20

Der Musiksaal 21

Der Negersaal 22

Der Remter 23

Der Fremdensaal 24

Der Flur

Der Flur bei Nacht 25

Am Herdstein

Meditation 27

Die Symbole

Die Kreuzabnahme 29

Der Ólgarten (I) 31

59


Der Facher 33

Die Muschel 34

Stabat Mater 35

Die Brunnen

Fons Delphinis 37

Fons Androgyni 38

Fons Silentii 39

.Die Madonnen

Schrein der Verkündigung 41

Madonna im Mimosenhain 42

Die Romaria 43

Die Flur

Der Park 45

Die Runde der Melancholie 46

Der Rosengarten 47

Solarium vel descriptum 48

Der Feigenhain 49

Der Ölgarten (II) 50

Der Wein

Die keltische Keiter 51

Das Weingewölbe 52

Das Weingedicht 53

In Memoriam

Der letzte Pair von Portugal. 55

SchluBstück

Mondaufgang über Pascoaes 57

Colophon 61

60


COLOPHON

SchloB Pascoaes ist im Monat April 1942 in der Antique Type

von Monotype bei der Druckerei G. J. Thieme, Nijmegen

gesetzt und auf Prima Luxe Text Papier gedruckt worden.

Das Frontispiz, die Einfahrt in SchloB Pascoaes

darstellend, hat der portugiesische Maler Carlos Carneiro

für diesen Zyklus gezeichnet. Die Auflage

belauft sich auf 150 numerierte Exemplare. Die

Nummern 1, 2, 3, 7, 13, 33, 50, 100 und 150 sind

vom Verfasser signiert und nicht im Handel

befindlich. Darüber hinaus sind 10 nicht

numerierte Exemplare abgezogen worden.

Dieses Buch tragt die Nummer

6l

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