"DIE NIEDERLANDE UND EUROPA**^ ~~ T T J

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"DIE NIEDERLANDE UND EUROPA**^ ~~ T T J

DAS N E U E E U R O P A

"DIE NIEDERLANDE

UND EUROPA**^

VORTRAGE VON

PROFESSOR DR. G. A. S. SNjjMR

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tipt MBLBTKEEK

UND H. C. VAN MAASDYJ^Ift/V

~~ T T J

GEHALTEN AUS ANLASS DER ^^~-~ =-S^'

GRÜNDUNG DER SOCIAAL ECONOMISCH GENOOTSCHAP

„NEDERLAND EN EUROPA"

MIT EINER EINLEITUNG

PROFESSOR DR. J. VAN

VON

LOON

HERAUSGEGEBEN VON DER

GESELLSCHAFT FÜR EUROPAISCHE WIRTSCHAFTS-

PLANUNG UND GROSSR AUMWIB TSCH AFT E. V., BERLIN

19 4 2


Druck von C. C. Meinhold ét Sijbnc GmbH, Dreiden


VOR^ÖRT

Es ist eine der wichtigsten Forderungen für die Wiedergeburt

Europas 1 ), da£S dieser gemeinsame Lebensraum der europaischen

Völkerfamilie wieder von den englischen Ideologien befreit wird, die

seine naturliche Struktur in den letzten zwei Jahrhunderten auf

wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiet zersetzten und

damit zugleich die Lebensganzheit und Lebensmüchtigkeit der europaischen

Völkerfamilie schwachten. An ihre Stelle müssen wieder

europaische Ideen treten, die auf die Starkung und Unabhangigkeit

eines jeden Volkes und seine natürliche politische, wirtschaftliche und

kulturelle Zusammenarbeit mit den übrigen europaischen Vólkern

gerichtet sind.

Diese Wiedergeburt Europas ist aber nur möglich über die

Wiedergeburt eines jeden einzelnen Volkes, die ihm eine neue nationale

und damit zugleich europaische Haltung verleiht. Diese Wiedergeburt

verlangt also, dafi jeder Europaer zuerst Bürger seines Volkes,

dann Bürger Europas und zuletzt erst Weltbürger ist. Nach dem

englischen Weltbild war es umgekehrt. Diese erneute Bindung des

einzelnen Menschen an Volkstum, Völkerfamilie und Welt ist die

Folge der unlösbaren biologischen Zusammengehörigkeit, der biologischen

Gravitation, die die einzelnen zum Volk, die Völker zur

Völkerfamilie bindet und dann erst, in der dritten Stufe, die Völkerfamilien

in der Menschheit zusammenfaBt.

Weil diese in der gegenwartigen Weltrevolution mit aller Harte

wieder in die Erscheinung tretenden Bindungen keine künstlichen und

erdachten, sondern natürliche und lebensgesetzliche sind, sind sie zugleich

auch sittliche. Denn sie bedeuten ja nicht nur Bindung, sondern

*) v gl- Werner Daitz: „Die englische Krankheit des Kontinents 1 ' im Mitteilungsblatt

der Gesellschaft für europiiische Wirtschaftsplanung und GroBraumwirtsehaft e. V.,

2. Jahrgang, Nr. 1, Januar/Februai 1942.

3


zugleich auch Berechtigung, also Freiheit in der natürlichen Gebundenheit.

Diese erneute sittliche Ordnung erlegt also dem einzelnen

gegenüber seinem Volk und dem einzelnen Volk gegenüber seiner Völkerfamilie

nicht nur Pflichten auf, sondern gewahrt ihnen auch entsprechende

Rechte: das Recht auf gegenseitigen Schutz und Bevorzugung

auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiet zur

Wahrung gröfitmöglicher Eigenstandigkeit des einzelnen innerhalb

der Volksgemeinschaft, des einzelnen Volkes innerhalb der Völkerfamilie

und der einzelnen Völkerfamilien innerhalb des Erdraumes.

Werner Daitz hat dieses neue europaische Sittengesetz folgendermaBen

formuliert: „Europaischer Gemeinnutz geht vor nationalistischem

Eigennutz." 1 ) Hieraus ergibt sich, daB die Völker der

europaischen Völkerfamilie unter voller Wahrung ihrer kameradschaftlichen

Verpflichtungen und Verbundenheit innerhalb der europaischen

Völkerfamilie und ihres gemeinsamen Grofilebensraumes

doch jedes ein möglichst eigenstiindiges Leben führen sollen. Denn

die europaische Völkerfamilie kann nur dann stark sein, wenn jedes

ihrer Glieder stark ist. So ist ja auch ein Wald gegenüber Katastrophen

nur dann widerstandsfahig, wenn jeder einzelne Baum

sich möglichst vollkommen nach seinem ihm innewohnenden unabanderlichen

Lebensgesetz und -stil entfalten kann: die Eiche als

Eichc, die Buche als Buche, die Birke als Birke usw. So kann auch

die europaische Völkerfamilie nur dann stark sein, wenn jedes europaische

Volk — ob groB oder klein — nach seinem ihm eingeborenen

Lebensgesetz und den Möglichkeitcn seines Raumes sich

möglichst frei und eigenstandig innerhalb der Bindung an die

Völkerfamilie entfalten kann. Ein englisches Weltwirtschaftssystem

im kleinen — also eine Aufteilung Europas in Monokuituren etwa

im Sinne von reinen Industrie- und Agrarstaaten — wird deshalb

als dem europaischen Sittengesetz widersprechend nicht in Frage

kommen. Eine europaische Arbeitsteilung, die die natürliche und

berechtigte Eigenstandigkeit jedes Volkes innerhalb der europaischen

Völkerfamilie inFrage stellt,wirdkeinenPlatz imneuen Europa finden.

J

) Vgl. "Werner Daitz: „Echte und unechte GroBianme" in „Reich, Volksordnung, Lebensraum",

Zeitschrift für völkische Verfassung und Verwaltung, 2. Band des 1. Jahrgangeü

1941.

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Zweifelsohne ist es notwendig, daB die in der europaischen Revolution

geborenen Grundprinzipien der lebensgcsetzlichen Neuordnung

jedes europaischen Volkes und der europaischen Völkerfamilie

als Ganzes nunmehr aus der Nacht des UnbewuBten in die Tageshelle

des BewuBtseins gehobcn und zur Erörtcrung zwischen den

europaischen Vólkern gestellt werden. Denn wie wir ja schon wiederholt

erwahnten, müssen diese alle europaischen Völker in gleicher

Weise verpflichtenden Grundprinzipien von jedem Volk seinem

Lebensstil gemaB selbst verwirklicht werden. Jedes europaische Volk

kann nur selbst seinen lebensgesetzlichen, d. h. autoritaren Aufbau

in Staat, Wirtschaft und Kultur vollziehen. Und nur so kann

auch eine europaische Gesamtplanung entstehen, die dem Lebensrecht

jedes Volkes und seiner Eigenart zu seinem und zum Nutzen

des Ganzen gerecht wird. Die Struktur des neuen'Europa wird keine

hiërarchische, von oben nach unten in unselbstandige Organe sich

ausgliedernde Einheit sein, sondern eine lebendige, aus selbstandigen

Völkerpersönlichkeiten bestehende kameradschaftliche Gemeinschaft

darstellen, die aus dem Boden der natürlichen biologischen Zusammengehörigkeit

erwaehst, eine Lebensgemeinschaft.

Aus diesem Grunde ist es notwendig, daB jedes Volk, ob groB

oder klein, seine Stimme erhebt und sich an dem europaischen

Gespriich über Zusammenarbeit und Planung auf allen Gebieten

beteiligt. Diese Zusammenarbeit der europaischen Völker auf Grund

gleicher Prinzipien wird sich naturgemaB auf dem Gebiete der Wirtschaft

am ehesten verwirklichen und auch erst dann in der europaischen

GroBraumwirtschaft ihre lebensgesetzliche Struktur gewinnen,

wenn die heute aus der Not geborene Kriegswirtschaft,

durch die sie noch verdeckt wird, nach Kriegsende durch eine gelenkte

Wirtschaft wird ersetzt werden können. Dies isL in allen

heutigen Erörterungen und Forschungen zu berücksichtigen.

Die Niederlande haben durch ihre frühere ausgesprochen weltbürgerliche

und kommerzielle Gesinnung und durch die schwere

Schuld ihrer letzten Regierung nun ihr stolzes Kolonialreich und

ihre bisherigen Lebensgrundlagen verloren. Sie sind damit unter den

Vólkern Europas mit am schwersten durch die gegenwiirtige Weltrevolution

betroffen worden. Es ist deshalb nicht verwunderlich,

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dafi sich gerade in den Niederlanden die Einsicht, daB es mit dem

bisherigen demokratischen und liberalen Leben vorbei ist und eine

neue Ordnung von Grund auf erfolgen muB, unter allen Westlandern

Europas am ehesten durchgesetzt hat. Die Sociaal Economisch

Genootschap „Nederland en Europa", die von hervorragenden

Mannern des niederlandischen Wirtschaftslebens gebildet ist, hat

sich zur Aufgabe gestellt, vom niederlandischen Gesichtspunkt die

wirtschaftliche Neuordnung ihres Landes sowie seine Stellung und

Zusammenarbeit in der europaischen GroBraumwirtschaft zu untersuchen

und ihre Forschungsergebnisse mit unserem Institut und

darüber hinaus mit den übrigen Forschungsinstituten in den anderen

Landern Europas auszutauschen.

Deutschland, das nicht nur geographisch in der Mitte Europas

liegt, sondern auf Grund seiner Leidenszeit von Versailles her, die

langer war als die jedes anderen europaischen Volkes, auch am tiefsten

von den Prinzipien der europaischen Revolution, der Neugestaltung

der europaischen Lebensgemeinschaft, erfaBt wurde, unterzieht

sich gern seiner europaischen Verpflichtung, einen solchen wirtschaftswissenschaftlichen

Forschungs- und Gedankenaustausch zwischen den

europaischen Vólkern zu vermitteln und so mit seinen Erfahrungen

den übrigen europaischen Vólkern zu helfen, um die natürliche europaische

wirtschaftliche Zusammenarbeit in Form der europaischen

GroBraumwirtschaft zu gemeinsamem Nutzen zu fördern.

Die Gesellschaft für europaische Wirtschaftsplanung und GroBraumwirtschaft

e. V. übergibt mit dieser Publikation der deutschen

Öffentlichkeit und den europaischen wirtschaftswissenschaftlichen

Institutionen, mit denen sie in Austausch steht, den ersten Beitrag

der Sociaal Economisch Genootschap „Nederland en Europa", in

dem die Niederlande sich zum Worte melden.

Wir hoffen, in Kürze aus anderen Landern Europas ahnliche

Beitrage der deutschen und der europaischen Öffentlichkeit vorlegen

zu können.

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Im Februar 1942.

FÜR EUROPAISCHE

GESELLSCHAFT

WIRTSCHAFTSPLANUNG

UND GROSSRAUMWIRTSCHAFT E.V., BERLIN


DIE NIEDERLANDE UND EUROPA

EINLEITENDE WORTE

VON

PROF. DR. JAN VAN

LOON

Nach dem ZusammenschluB des Sozialwirtschaftlichen Kreises

(„Kring") und der Gesellschaft „Die Niederlande und Europa" zum

Sozialwirtschaftlichen Verein „Die Niederlande und Europa" 1 )

ist von verschiedenen Seiten die Frage gestellt worden, ob dadurch

das Ziel, zu dem diese Vereinigungen gegründet wurden, sich verandert

habe.

Ich habe diese Fragesteller jedesmal darauf verwiesen, daB das

Ziel sich keinesfalls geandert habe. Das Ziel war und bleibt: eine

Zusammenarbeit zwischen allen Niederlandern herbeizuführen, die

auf Grund ihrer Überzeugung bereit und imstande sind, aktiv

mitzuwirken am sozialwirtschaftlichen Aufbau des neuen niederlandischen

Staates im Bereich des vereinigten Europa.

Parteipolitik ist dem neuen Verein fremd; damit befaBt unser

Verein sich nicht. Und ich glaube, daB die übergroBe Mehrheit des

niederlandischen Wirtschaftslebens dem begeistert zustimmen wird,

im Hinblick auf die groBen Verheerungen, die die Parteipolitik in

unserem Volk angerichtet hat.

Hat denn der Verein ganz und gar nichts mit Politik zu tun? —

Wenn man unter Politik die Kunst, etwas zu erreichen, versteht,

befafit sich der Verein in der Tat mit Politik, denn er strebt nach

einer sozialwirtschaftlichen Entwicklung des niederlandischen Volkes,

die es instand setzen soll, sich unter den Vólkern des europaischen

Kontinents seinen ehrenvollen Platz zu erhalten. Denn darum geht

es! Die Niederlande sind infolge ihrer Vergangenheit verpflichtet,

') Sociaal Economisch Genootschap „Nederland en Europa"

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nicht die Hande in den SchoJi zu legen und abseits zu stehen, jetzt,

da sie aus ihrer behaglichen Ruhe durch das Weltgeschehen aufgerüttelt

worden sind. Die Niederlande sind und bleiben ein Teil

von Europa. Würden sie nicht imstande sein, ihre Stellung im neuen

Europa zu behaupten, so könnten sie auch auBerhalb Europas keine

Bedeutung mehr haben. Für die Niederlande ist also ihre Stellung

in Europa von primarer Bedeutung. Die Aufrechterhaltung dieser

Stellung erfordert die Mitarbeit des gesamten niederlandischen

Volkes vom einfachsten Arbeiter bis zum gröfiten Unternehmer.

Wir müssen uns bewuBt sein, daB in Europa eine Umwalzung

vor sich geht. Jahrhunderte hindurch war in den Niederlanden der

Gedanke an ein zusammenarbeitendes Europa lebendig. Viele ernste

und weniger ernste Bemühungen sind unternommen worden, um

diese Zusammenarbeit zu ermöglichen. Bis jetzt aber sind alle Anstrengungen

gescheitert. Diese europaische Zusammenarbeit hat

gegenwartig eine groBe Möglichkeit zur Verwirklichung. DaB sie

erst durch einen

Krieg Tatsache wird und auf andere Weise

zustande kommt, als viele es sich ertraumt hatten, mag für groBe

Bevölkerungsteile eine liefe Enttauschung sein, darf jedoch niemals

ein Grund werden, sich der Pflicht zu enlziehen, die auf

allen Niederlandern in der Sorge dafür ruht, daB das Land

m neuen

Europa den Platz einnehmen wird, auf den es ein

Recht hat. Aber jedem Recht geht eine Pflicht voraus. W lr

können unser Recht nicht erwerben. ohne unsere Pflicht zu erfüll

en.

Der Sozialwirtschaftliche Verein ist sich seiner Pflicht vollkommen

bewuBt und geht mit groBem Eifer an seine Aufgabe, die in ihrer

Zielsetzung deutlich umrissen ist.

Wir können bereits jetzt feststellen, daB der Verein einen starken

Widerhall im niederlandischen Wirtschaftsleben gefunden hat.

Hunderte von Mitgliedern meideten sich an, und noch immer hört

der Zustrom neuer Mitglieder nicht auf.

Die

zahllosen Probleme, die unter den gegenwartigen Umstanden

im niederlandischen Wirtschaftsleben auftauchen, gaben

uns AnlaB zur Einsetzung mehrerer Arbeitskommissionen. Durch

diese, aus sachverstandigen Mitgliedern gebildeten Arbeitsausschüsse

wird der Verein trachten, in kürzester Frist mit Vorschlagen zur

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Lösung der bestenenden Probleme kommen zu können. Neben den

inlandischen Fragen steht das groBe Problem, wie der niederlandische

Unternehmungsgeist am wirksamsten auf den europaischen Kontinent

gerichtet werden kann, nun, da Schiffahrt und Handel nach Übersee

praktisch vollkommen lahmgelegt sind. In Südost- und Osteuropa

liegen auch für die Niederlande groBe Möglichkeiten, aber

nur dann, wenn die Gelegenheit dazu zeitig genug aufgegriffen wird.

Es gibt also auch für die Niederlande sehr viel Arbeit zu verrichten.

Die Devise des Sozialwirtschaftlichen Vereins wird dementsprechend

lauten: „Arbeiten und noch einmal arbeilen!" Dabei soll

nicht mehr geredet werden, als unbedingt erforderlich ist. Wir

können uns auf die Mitarbeit sehr vieler im Lande stützen, die aus

voller Überzeugung bereit sind, mitzuschaffen am sozialwirtschaftlichen

Aufbau der neuen Niederlande im Bereich eines geeinten

Europa.

So ist denn auch alle Veranlassung gegeben, der Zukunft des

Vereins hoffnungsvoll entgegenzusehen.

Die am 24. Juli 1941 zu Scheveningcn abgehallene Versammlung,

in der beinahe 300 Mitglieder und Teilnehmer anwesend waren,

hat viele aufgerüttelt.

Die bedeutsamen Reden der Herren Prof. Snijder und van

Maasdyk, die in dieser Versammlung gehalten wurden, haben

groBes Interesse erweckt. Von vielen Seiten wurden wir um denText

der Ansprachen gebeten. Aus diesem Gmnde hat der Verein beschlossen,

die Reden im Druck erscheinen zu lassen, so daB alle

Teilnehmer Gelegenheit haben, ihren Inhalt noch einmal ruhig zu

durchdenken.

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PROF. DR. G. A. S. SNIJDER :

Über die Ursachen, die zur Gründung des Vereins „Die Niederlande

und Europa" führten, haben Sie seinerzeit in der Presse, wenn

auch nur in kurzen Abrissen, lesen können. Warum wir uns entschlossen

haben, unseren jungen Verein mit dem etwas weniger

jungen Sozialwirtschafllichen Kreis zu vereinigen, hat Herr Prof.

van Loon bereits auseinandergesetzt. Ich kann mir übrigens nicht

vorstellen, daB es jemanden unter den Anwesenden gibt, der

sich nicht darüber freuen würde, wenn zwei, die ungefahr dasselbe

wollen, einander finden und die bestehenden, verhaltnisniaBig

kleinen Unterschiede beiseite stellen, um — was bei weitem die

Hauptsache ist —• das Gemeinschaftliche zu suchen.

Wenn hier schon von Unterschieden die Rede sein soll, dann geht

es höchstens um einen Unterschied des Akzentes. Der ursprüngliche

Kreis legte mehr den Nachdruck auf die praktische, die Gesellschaft

vielleicht etwas zu viel auf die theoretische Seite der Aufgabe. Wir

hoffen, daB diese Ehe zwischen Theorie und Praxis sich in jeder Hinsicht

als fruchtbar erweisen wird. Wo der Nachdruck aber in der

Hauptsache auf die Praxis gelegt werden muB, versteht es sich von

selbst, dafi Herr Prof. van Loon hier den Vorsitz angetreten hat.

Als 2. Vorsitzender hoffe ich dann, die eigentliche Arbeit mit der

etwas allgemeineren Melodie der Theorie begleiten zu können.

So kommt es, daB mir die Aufgabe zufallt, noch ein Wort von

allgemeinerer Art zu sagen.

Im ersten Aufruf haben wir betont, daB unser Verein auf der

Überzeugung beruht und alle Vorzeichen darauf hindeuten, daB

eine neue europaische Ordnung entsteht, in welcher das Deutsche

Reich den führenden Platz einnehmen wird.

Seitdem ist einige Zeit verflossen, und ein - - das bedeutsamste —

Vorzeichen ist in Erfüllung gegangen. Wenn bis vor kurzem manch

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einer noch zögerte und viele vielleicht noch den Krieg zwischen den

„Besitzenden und Nichtbesitzenden" als einen Machtstreit ansahen,

der wohl bedeutungsvoll war und der auch wohl für unser Land

Folgen haben würde, dessen Resultat man jedoch mit Gelassenheit

abwarten könne, dann ist das seit dem 22. Juni anders geworden.

Verstehen Sie mich recht. Auch vor dem Ausbruch des Kampfes

mit dem Bolschewismus war ich mir nicht darüber im Zweifel, daB

für unser Volk vitale Interessen auf dem Spiel standen. Auch damals

war es klar, daB es nicht etwa um die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen

Ordnungen ging, sondern um den Kampf zwischen

neuer Ordnung und Chaos. In dem Augenblick aber, da wir sehen,

wie das Alte, Abgetane sich mit der Unordnung des Bolschewismus

verbunden hat, und wir andererseits erleben, wie sich mitten im

Kampf die Verwirklichung der neuen Ordnung — begreiflicherweise

unter StöBen und Stürzen — vollzieht, kann es eigentlich niemandem

mehr entgehen, daB wir eine Umwalzung von gewaltigen AusmaBen

erleben. Wir wollen uns deshalb einmal — mit der berühmten hollandisehen

Nüchternheit — die Frage vorlegen, ob wir noch glauben,

,,wahlen" zu können zwischen der alten und der neuen Ordnung.

Nun, eine solche Wahlmöglichkeit besteht nicht mehr, aus dem

einfachen Grunde, weil die alte Ordnung und alles, was sich daran

klammert, durch die Verbindung mit dem Chaos zum Untcrgang

verurteilt ist.

Man kann also nicht mehr die alte Ordnung „wahlen", denn

eine solche hieBe die Unordnung, nein, arger: das Chaos walden.

Niemand gebe sich der Illusion hin, dafi das deutsche Volk sich,

nach seinen Erfahrungen des letzten Vierteljahrhunderts, wieder

gefiigig ins Joch spannen lieBe — gesetzt, daB die andere Partei

dazu je imstande sein würde. Wenn man sich jedoch nicht in törichten

Phantastereien wiegen will, wird man einsehen mussen, daB

diese Möglichkeit unter den gegebenen Umstanden einfach nicht

denkbar ist.

Wir suchen uns mit unseren Erwagungen allein auf den Boden

der Wirklichkeit zu stellen und halten uns frei von Gefühlsmomenlen

— es sei denn, daB man als Gefühlsmomenl unsere Vorliebe für

Ordnung, unsere Abkehr vom Chaos bezeichnen wollte. Unsere Über-

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zeugung bringt jedoch die Verpflichtung mit sich, mit ihr übereinstimmend

zu handeln. Dabei — es sei nochmals gesagt — geht es

nicht um unsere persönliche Vorliebe oder MiBbilligung, sondern

um die Frage: Welche Folgen bringt dieses alles mit sich für unser

Volk?

So wie die Lage zur Stunde ist, muB man feststellen, daB ein

grofier und wichtiger Teil unseres Volkes sich um die Entwicklung,

die sich vollzieht, gar nicht oder kaum kümmert. Man scheint nicht

zu begreifen, daB die Niederlande durch den kurzdauernden Krieg,

den sie zu eitragen hatten, nicht aus-, sondern eingeschaltet wurden,

daB sie — sei es auch mehr nolens volens — in eine Entwicklung

eingegliedert wurden, die mit oder ohne unser Mittun ihren Fortgang

nimmt. Ich habe früher schon einmal darauf hingewiesen, daB dieser

Krieg in jeder Hinsicht auBergewöhnlieh ist. Das Ungewöhnlichste

dabei — hierfür kann man bereits in der Weltgeschichte Parallelen

aufzeigen — ist wohl, daB er kein Krieg ist, der erst endet und

dann durch einen Frieden zwischen den kampfenden Parteien beschlossen

wird, sondern daB der Friede, nach dem wir alle verlangen,

im Krieg selbst mit Gewalt und Macht zustande gebracht wird.

Dieser Kampf wird nicht mit einem Vergleich enden; er geht um

alles. Das Ende des Krieges ist der Friede, und gegcnwartig — ich

wiederhole es — stehen wir mitten in den Unterhandlungen für

diesen Frieden.

Das will sagen — und es ist uns haufig und deutlich genug durch

den Reichskommissar gesagt worden: unsere jetzige Haltung und

unser Handeln werden unseren Platz und Wert in Europa nach dem

Kriege bestimmen.

Nicht jeder sieht das ein, viele wollen selbst diese Tatsache,

die uns taglich deutlicher vor Augen gestellt wird, nicht einmal

sehen. Wer es aber sieht, wer sich mit diesem Gedankengang vertraut

machen will, wer begreift, daB die Niederlande sich nicht wie

ein totes Stück Holz auf dem Strom der Geschehnisse mitschleppen

lassen dürfen und daB Aufmerksamkeit, Bereitsein zum Handeln

und Lenkung nötig ist, der möge sich uns anschlieBen. Wir können

uns nicht damit genug sein lassen, unsere eigenen Schwierigkeiten

seufzend zu betrachten, auch nicht, daB jeder für sich zwischen den

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unbekannten Klippen durchlaviert, so gut oder so schlecht es geht.

Wir müssen trachten, eine Übersicht über das Ganze zu erhalten, wir

mussen uns in die Zusammenhange vertiefen, um von höheren Gesichtspunkten

aus unseren Platz zu bestimmen und wenn nötig,

zu verteidigen. Auf dieser Zielsetzung ist unser Verein gegründet.

Wir suchen Manner, die als Niederlander ohne Vorurteile den FuB

wieder ans Ufer setzen und das Neuland Europa, das uns — wer

wird es in Abrede stellen wollen? — noch fremd und ungewohnt ist,

auskundschaften und dem nachgehen, was uns als Niederlandern

zu tun verbleibt.

Auf welche Weise, ist bereits kurz angedeutet. Wir können

von Stadt zu Stadt zusammenkommen, Manner, die auf verschiedenen

Gebieten arbeiten, die jedoch alle mit offenen Augen, jeder

auf seinem Gebiet, den Weg suchen, den auch unser Volk einmal

wird gehen können. Wir können in artverschiedenen Gruppen Probleme

von allgemeinem Interesse selbst untersuchen oder von anderen

behandeln lassen. Das Beisammensein von Niederlandern, die

in erster Linie einem überpersönlichen Interesse nachstreben und

das, was sie sonst vielleicht veruneinigt, zur Seite stellen, ist an

sich schon der Mühe wert. Weiterhin können wir durch die Bildung

von Fachgruppen für bestimmte Gebiete unsere Einsicht in die

einzelnen Probleme und Aufgaben vertiefen und durch ausgearbeitcte

Vorschlage aufklarend wirken. Das sind jedoch Fragen organisalorischer

Art, die hier nicht in Einzelheiten dargelegt zu werden

brauchen.

Die Hauptsache ist, wie wir hier noch einmal feststellen, dafi wir

uns nicht mit inneren politischen Gegensatzen beschaftigen wollen.

Das will nicht heiBen, daB wir uns ge gen politische Richtungen

stellen. A priori wird niemand auf Grund politischer Erwagungen

ausgeschlosscn oder gesucht. Es geht uns in erster Linie um eine

vorurteilsfreie, sachliche Zusammenarbeit.

Man wird uns vielleicht entgegenhalten, daB dies im Augenblick

in den Niederlanden nicht möglich ist. Es wird sich ergeben,. daB

es doch der Fall ist. Es würde daher zu beklagen sein, wenn man auf

Grund soldier nicht stichhaltiger Bedenken vermeinte, sich der

Vertrautmachung mit den Tatsachen enthalten zu müssen.

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Man wird uns vielleicht auch vorhalten, daB kein Niederlander

«ich gegenwartig von Gefühlsmomenten freimachen könne. Das

mag richtig sein. Wir handeln — Gott sei Dank — nicht nur auf

Grund rein verstandesmaBiger Argumente, und jeder hat seine

Gefühlserwagungen, die ihm, beinahe instinktiv, eine bestimmte

Richtung weisen. Darum kann es seinen Nutzen haben, einen

Augenblick gerade bei diesen „Gefühlsmomenten", die viele noch

davon abhalten, sich aus ihrer starren Tragheit loszureiBen, zu verweilen.

Tausche ich mich nicht, dann geht es hier in erster Linie

um das Gefühl von Freiheit, dessen Fehlen viele verhindert, ihre

Richtung zu bestimmen und sie dafür zum „Abwarten" verurteilt.

Diejenigen, die sich auf diesen Standpunkt stellen, vergessen

dabei eins: daB sie sich selbst gerade durch das „Abwarten" des

wichtigsten Elementes der Freiheit, der Wahl, auf die Dauer berauben.

Denn wenn die Entscheidung einmal gefallen ist, bleibt naturgemaB

nur eine Möglichkeit offen, und es scheint mir mehr als

zweifelhaft, ob man sich dann „freier" fühlen- wird als jetzt.

Aber wir wollen die Sache auch noch von einem anderen Gesichtspunkt

aus betrachten. Was haben wir unter dieser Freiheit

zu verstehen? Doch sicher nicht, dafi wir ganz unabhangig von jedem

EinfluB von auBen her imstande sind, so zu handeln, wie wir es

persönlich wollen. Denn die Freiheit haben wir niemals besessen

und werden sie auch nie besitzen. Wer danach strebt, auch der verstockteste

Individualist, tastet nicht allein die Grundlagen des

menschlichen Zusammenlebens überhaupt an, sondern kann auch

am vermeintlichen Erreichen oder selbst schon an dem Sichannahern

an sein Ideal in der Pracht seiner Isolierung zugrunde gehen. Denn

der Mensch kann nun einmal nicht ohne Bindung und Verpflichtung

leben und glücklich sein. Jeder Versuch dazu ist ein Anlauf zur

Selbstvernichtung und ein Anschlag auf die Gesellschaft. Ich weiB

wohl, daB etliche auf diesem Weg ein betrachtliches Stüclc vorwarts

gegangen sind. Aber ... wurden sie auch glücklich dadurch? Und

was kommt bei solchem AuBenseitertum heraus? Jeder normale,

gesunde Mensch braucht sich nur eben zu besinnen, um zu begreifen,

daB diese Freiheit nie und nimmer ein Ideal war, noch je sein kann.

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Die Freiheit ist nichts Absolutes; sie besteht nur in dem Gefühl,

frei zu sein in seinen Handlungen, und in dem, seine Entschlüsse in

Übereinstimmung mit der Grundlage seines Wesens und seiner vernünftigen

Einsicht zu treffen. Ich glaube jedoch zu wissen, daB

unter Ihnen kaum jemand ist, der nicht in den hinter uns liegenden

Jahren oft anders gehandelt und sich entschieden hat, als er selbst

es gewünscht haben würde. Unter Zwang von auBen her! Wir

waren doch an Begrenzungen und Beschriinkungen mehr oder weniger

gewöhnt, wir empfanden sie nur nicht jeden Augenblick als

solche.

„Aber nun ist es anders", wird man mir entgegenhalten, „unser

Land ist besetztes Gebiet, und wir können nicht mehr tun und

lassen, was wir wollen." In der Tat, wir leben im „besetzten Gebiet",

das braucht man mir wirklich nicht zu erzahlen, und ich glaube,

daB ich die Bedeutung dieser Tatsache besser verstehe als viele,

die sich über eine „Protestkundgebung" und durchgeschnittene

Kabel oder über andere unbesonnene Dummheiten ins Faustchen

lachen — Vorkommnisse, für die schon zu haufig Menschen büBen

muBten, die nicht den geringsten Anteil daran hatten. In der Tat,

es ist noch immer Krieg, und der Krieg hat sein eigenes Recht,

das Recht der Macht, wie jeder, der dies im kleinsten Geschichtsbuch

einmal nachlesen will, erfahren kann. Wir müssen uns darein

schicken und die uns auferlegten Beschrankungen tragen, wissend

und begreifend, daB es noch ganz anders sein könnte.

AuBerdem geht dieser Krieg — wie jeder — einmal vorüber.

Von diesem Gesichtspunkt aus aber fragen sich nun wieder manche:

Ist es nicht früh genug, unsere Entschlüsse zu treffen, wenn wenigstens

erst einmal die Besetzung aufgehoben ist?

Darauf müBte ich das Folgende erwidern: Diese Besetzung ist

nicht eine flüchtige, auf militarischen Notwendigkeiten beruhende

Tatsache, sondern — und das wird erheblich verkannt — ein Symbol,

ein Kennzeichen — für uns am scharfsten ins Auge springend —

einer gewaltigen Verschiebung der Machtverhaltnisse. Diese Verschiebung

wird das bleibende Resultat des Krieges sein, und wir

können diesem Umstand nicht früh genug Rechnung tragen. Es ist

die einzige Tatsache, nach der wir uns richten müssen, denn es gibt

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für uns keine Alternative. Wer in einer vagen Hoffnung noch

glaubt, dafi England — mit oder ohne Rufiland, mit oder ohne

Amerika — diesen Krieg militarisch gewinnen könnte, den möchte

ich bitten, vor sich selber diese Hoffnung einmal zu prazisieren.

Ich sehe keine Möglichkeit dazu! Und — eins weiU ich sicher: niemals

wird sich das deulscheVolk wieder in das englische Joch zwingen

lassen. Ein militariseher Sieg Englands bedeutet keine neueOrdnung —

welche auch immer es sein mag — sondern das vollkommene Chaos

und die Bolschewisierung, den Untergang Europas. So gesehen, besteht

für uns keine Alternative. Wir dürfen für unser Volk, und, in

weiterem Sinne für Europa, das Chaos nicht wünschen; wir müssen

uns jetzt bereits hineindenken in ein neu geordnetes Europa und

uns ihm — anpassen. Wir sind unserem Volke gegenüber verpflichtet,

an dieser Neuordnung mitzuarbeiten. Das bedeutet für uns alle

neue Bindungen und bisher ungekannte Verpflichtungen. Wir alle —

auch die, die nicht mittun wollen — sehen diese nah oder fern am

Horizont vor uns, und je nach dem MaC, in dem wir diese Bindungen

und Verpflichtungen wünschen oder suchen oder ihnen ausweichen

und sie abweisen, fühlen wir uns frei oder unfrei. Auf dieser Basis

liegt die Ursache für die Gründung dieses unseres Vereins und die

Notwendigkeit, uns vertraut zu machen mit unseren neuen Bindungen,

um so, und nicht anders, unsere innere Freiheit zurückzugewinnen.

Denn — haben wir einmal Einsicht in unsere neuen

Pflichten gewonnen, haben wir erkannt, dafi es unsere Pflichten

sind, dann können, ja, dann müssen wir diese als freie Menschen

auf uns nehmen und aus freiem Willen erfüllcn.

Ich will heute nicht von den Banden der Blutsverwandtschaft

sprechen, die uns mit dem anderen germanischen Volk, dem deutschen,

verbinden, sondern lediglich auf das hohe Ziel hinweisen, das

ihm und uns vor Augen gestellt ist: ein neues und besseres Europa.

Und ich will hier noch hinzufügen, dafi wir Niederlander in der

Vergangenheit und auch in der Gegenwart genügend bewiesen

haben, was twir vermogen, um es uns zur Ehre anzurechnen,

mitzubauen und an der Zusammenarbeit teilzunehmen. Es geht

um die Ehre unseres Volkes in der Zukunft; dadurch wird unsere

Pflicht deutlich genug.

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Und nun zum SchluB: Wie wird es mit unscrer Freiheit im auBeren

Sinne bestellt sein? Wird in der Zukunft unser niederlandisches

Volk mit seiner Eigenart, seinem eigenen Naturcll, seiner Sprache

und seiner eigenen ausgesprochenen Kultur als Volk bestehen bleiben?

— Das ist die Frage, die viele leidenschaftlich bewegt. Die

Zweifel hierin treiben sie zu starrem Stillstand.

Die Zweifel beruhen, meines Erachtens, auf einer Reihe verkehrter

Voraussetzungen und auf MiBverstandnissen. Ja, sehr viele,

die an die Selbstandigkeit unseres Volkes denken, können sich diese

nur vorstellen in den ihnen vertrauten staatlichen Formen. Ich

will selbst noch weiter gehen und sagen, daB sie sich unter Selbstandigkeit

nicht viel mehr vorstellen als das Beibehalten ciner Reihe

langst veralteter und verworfener Formen. Ihr Wünschen und ihr

Hoffen hangt an Formeln und Schemen, die nicht nur nicht in

Übereinstimmung mit der Realitat stehen, sondern auch des wirklichen

Inhaltes entbehren. Dieser Inhalt kann niemals etwas anderes

sein als das lebendige Volk. Erstarrt dieses Volk zur Leblosigkeit,

dann braucht es nicht zu hoffen, eine wirkliche politische

Form zu finden. Will es fatalistisch abwarten, bis es sich klar zeigt,

was aus ihm werden wird, dann braucht man über das Ergebnis

nicht im Zweifel zu sein. Die Antwort, das kann heute schon gesagt

werden, lautet: Nichts!

Man kann es nicht haufig genug wiederholen: keine auBer uns

liegende Macht bestimmt über unser Schicksal als Volk. Wir selbst —

jeder für sich und alle gemeinsam, das niederlandische Volk selbst —

haben unser Schicksal in Handen. Bleibt unsere Sprache, unsere

Kunst, unsere Art, bleibt die Weise und Beschaffenheit unserer

Arbeit niederlandisch, dann bleiben wir Niederlander. Das wird

aber nicht durch Worte, sondern durch Taten geschehen, das wird

nicht in defensiver AbschlicBung, sondern nur in offener, kampfbereiter

Zusammenarbeit erreicht werden können. Wir müssen uns

wieder an den weiten Raum, nicht allein zur See, sondern auch zu

Lande,'gewöhnen, wir müssen den Zusammenhang dieses Raumes

wieder erkennen lcrnen. Will man hier von dem „Reich", dem groBgermanischen

Reich, sprechcn, so ist es mir recht, wenngleich ich

dann im voraus vor der falschen Auffassung warnen mufi, daB

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„Das Reich" ein Imperium von sozusagen greifbarer Art sein wird,

nach dem Stil, der Art und Weise des altrömischen oder englischen

Imperiums. Das Reich mul3 man weit eher als eine bindende, verpflichtende

Idee sehen und empfinden, als eine unzerbrechliche

Schicksalsgemeinschaft aller, die diesen Gedanken als etwas Grofies

und Unantastbares in sich tragen — und behüten. Will man lieber

von einem germanischen Staatenbund sprechen, so ist mir dies

auch recht, jedoch fühle ich mich dann verpflichtet, darauf hinzuweisen,

daB der volle Nachdruck auf das Wort „Bund", die Verbundenheit,

zu legen ist.

In diesem grollen Ganzen ist, davon bin ich überzeugt, Platz

für uns als selbstandiges Volk. Seine politische Form kann dieses

Volk sich auf die Dauer nur selber schaffen. Ein geschenktes Flickenstück

überlieferter Formen aber kann niemals das passende Kleid

für einen lebenden Körper sein.

So liegt unsere innere und unsere aufiere Freiheit in unserer

eigenen Hand. Wir stehen jetzt wieder in einer Welt voller Leben

und Bewegung. Das deutsche Volk ist uns vorausgegangen, es ist

in neuer Gestalt wieder erstanden und hat die Zeichen vor uns begriffen.

An die Wand der Kammer, in der wir jetzt beklommen, beinahe

angstvoll und scheinbar von der Weltgeschichte vergessen

lebten, hat der Krieg mit feurigen Lettern eine harte Warnung geschrieben.

Lafrt diese Lehre nicht ungelesen verlöschen, und lafit

uns mit aller Kraft, mit allem Mut und Vertrauen, die in uns leben,

nach ihr handeln.

Solche Erkenntnis und solches Handeln anzuregen, ist das vornehmste

Ziel des Sozialwirtschaftlichen Vereins „Die Niederlande

und Europa".

18


H. C. VAN MAASDYK:

Meine Herren! Die Kommission für den Aufbau einer selbstandigen

Organisation des Wirtschaftslebens ist imAugenblick noch

mitten in ihrer Arbeil. Es ist also jetzt noch nicht an der Zeit,

eine zusammenfassende Übersicht über das von dieser Kommission

bisher Geleistete zu geben. Es würde auch unangebracht sein,

jetzt schon von den Fragen zu sprechen, mit denen sie sich im

Augenblick beschaftigt.

Es haben sich jedoch im Verlaufe dieser Arbeit die wichtigsten

Organisationsprobleme herausgeschalt, und es zeigte sich, hinsichtlich

welcher Punkte eine Erlauterung notwendig wurde. Ich will

daher hier an Hand der fraglichen Verordnungen einigen dieser

Punkte nachgehen.

Es ist Ihnen bekannt, dafi eine Organisation des Wirtschaftslebens

keineswegs eine neue Erscheinung ist, sondern daB man

bereits in früheren Zeiten eine weitgehende Ordnung des Handelsund

Gewerbelebcns gekannt hat. Ich erinnere hier an das Mittelalter,

in dem wir eine starke Reglementierung der gewerblichen

Wirtschaft und des Handels feststellen.

Eins der hervorstechendsten Merkmale der mittelalterlichen Wirtschaftsordnung

ist wohl das Gildewesen. Diese Gilden waren Organisationen

von Handel- und Gewerbetreibenden, die als Körperschaften

öffentlichen Rechtes anzusehen sind. Sie empfingen von der Obrigkeit

eine Stiftungsurkunde und erfüllten in gewissem Sinne eine

öffentliche Funktion. Einerseits arbeiteten sie im Interesse der

Handel- und Gewerbetreibenden, indem sie darüber wachten, daB

unerwünschte Elemente dem Betriebsleben ferngehalten wurden,

und dadurch, daB sie Preisvorschriften auferlegen konnten. Andererseits

arbeiteten sie auch im allgemeinen Interesse, denn auch die

19


Abnehmer wurden geschützt durch die Forderung nach Fachtauglichkeit

und Qualitat.

Diese Zeit der starken Reglementierung des Handels- und Gewerbelebens

war es, die die glanzenden Vorbilder von Handwerkskunst

erstehen lieB, ebenso wie sie die groBen Dome schuf. Jahrhundertelang

hat eine weitgehende Regulierung des Handelslebens

die Grundlage für die Kultur des Abendlandes gebildet.

Ebensowenig wie jede andere Regulierung aber konnte sie eine

für alle Zeiten taugliche Ordnung sein. Gewaltige Veranderungen in

der Struktur Europas machten eine Revision der alten Ordnung

erforderlich.

Die groBe Zunahme der Bevölke.rung, der stets starker werdende

Verkehr, die Erfindung neuer Maschinen lieBen auf die Dauer

Spannungen von einer Art und Starke entstehen, daB es nicht möglich

war, sie im Rahmen der alten Organisation zu bewültigen. Auch

damals, gerade wie jetzt, widersetzten sich viele einer neuen Ordnung.

Die Gewalt der Geschehnisse hat sie jedoch hinweggefegt,

so daB im Laufe der Jahre die Auffassungen, die einstmals als revolutionar

galten, nach und nach zum Gemeingut geworden sind.

Anfanglich sahen nur einzelne, spater jedoch immer mehr Menschen

ein, daB es nicht möglich war, auf dem alten FuBe fortzuleben.

Damals war aber viel weniger als heute die Richtung deutlich, in

der sich die kommenden Ereignisse bewegen würden.

Es ist begreiflich, daB viele eine absolute Freiheit forderten,

weil man an dem natürlichen Ablauf der Dinge glaubte erkennen

zu können, in welcher Richtung sich das wirtschaftliche Leben entwickeln

würde. Begreiflich ist es auch, daB dieser Ruf nach Freiheit

von solchen Elementen schnell aufgenommen wurde — z. B. von

den Juden in ihren Ghettos — denen unter den früheren Verhaltnissen,

sehr zu Recht, bestimmte Freiheiten versagt waren. Wir

wissen, daB der Ruf nach Freiheit auf diese Weise immer mehr zu

einer allgemeinen Losung wurde, ohne daB man dem Zweck Rechnung

trug, für den eine angemessene Freiheit notwendig sein konnte.

Wir wissen, wie in spateren Zeiten diese Losung zu einer Forderung

um ihrer selbst willen wurde und zu einem alles beherrschenden

Dogma erstarrte. Es tauchten damals Theorien auf, die davon aus-

20


gingen, dafi, wenn der einzelne nur seinem Eigenintcresse nachstrebte,

dem allgemeinen Interesse von selbst gedient sein würde.

Es ist aber merkwürdig, zu sehen, wie bald,nachdem dieses Dogma

allgemein durchzudringen begann, sich eine ihm entgegenarbeitende

Tendenz offenbarte. Völlige Freiheit hat man dem Wirtschaftsleben

nie gegeben. Ein groBer Teil der alten Reglementierung wurde

aufrechterhalten. Doch bald erwies sich die Notwendigkeit neuer

Vorschriften.

i§|Ieh will hier nur auf die Schwierigkeiten hinweiscn, die entstanden,

wenn in einem Betriebszweig sich der Produktionsapparat

als zu groB herausstellte und die Wirkung der freicn Konkurrenz,

infolge der Unbeweglichkeit des Kapitals, diesem MiBverhaltnis

kein Ende bereiten konnte. Wie haufig ist nicht durch Kartell- und

Trustbildungen usw. eine Regulierung der Produktion ohne Einwirkung

staatlicher Instanzen zustande gekommen! Doch schien auf

die Dauer eine Lösung der Probleme nur durch die Wirtschaftsbeteiligten

nicht erreichbar zu sein, so daB schlieBlich doch ein Eingreifen

des Staates erforderlich wurde. In vielen Fallen sehen wir,

daB der Staat dann als Ausgangspunkt die schon bestehenden Organisationen

aus dem Betriebsleben selbst übernahm und ihnen als

Obrigkeit durch ihre Sanktion eine allgemeinerc und kraftigere

Wirkung verlieh.

In einzelnen Landern ist man jedoch nicht den evolutionarcn

Weg gegangen, sondern hat nach einer Revolution einen völlig

anderen eingeschlagen. So hat Mussolini in Italien, nachdem er

im Jahre 1922 zur Macht gekommen war, eine Neugestaltung des

Verhaltnisses der Obrigkeit zum Wirtschaftsleben angekündigt. Man

hat aber in Italien nicht auf einmal ein ganz anderes System eingeführt,

sondern der Aufbau der wirtschaftlichen Organisation fand

allmahlich statt und ist auch jetzt noch nicht ganz abgeschlossen.

Ich will hier noch etwas naher auf die italienische Organisationsform

eingehen, weil sie in verschiedenen Punkten von der deutschen

abweicht. Der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer sind im Prinzip

getrennt organisiert. Die Mitgliedschaft innerhalb der Organisationen

der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber ist nicht obligatorisch, wohl

aber werden auch die nichtorganisierten Arbeitgeber und Arbeit-

21


uehmer durch die Organisationen, denen sie nicht angehören, vertreten.

Sie sind ebenso verpflichtet, die Anordnungen zu befolgen,

wie Beitrage zu zahlen usw. In jedem Wirtschaftszweig wird vom

Staat nur eine Organisation zugelassen.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden wiederum durch einen

höheren Verband vertreten: die Korporationen. Durch diese Korporationen

hat denn auch das italienische System den Namen: „Korporative

Organisation" erhalten.

Die Korporationen erstrecken sich über das ganze Land und umfassen

einen Betriebszweig im vertikalen Sinn, also z. B. die ursprünglichen

Produzenten — etwa die Bauern — ferner die verarbeitende

Industrie und schlieBlich den Handel. Zur Zeit bestehen

in Italien 22 derartige Korporationen, so beispielsweise für Getreide,

für Gartenbau, Viehzucht, Textilwesen usw.

An der Spitze einer Korporation steht ein Rat, der aus Vertretern

von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zusammengesetzt ist, wahrend

auBerdem auch Vertreter anderer Belange hier ihren Sitz haben,

z. B. Vertreter der Exportinteressen. AuBerdem sitzen im Rat drei

Vertreter der Partei, die darüber zu wachen haben, daB das Allgemeininteresse

im Auge behalten wird.

Die Organisation des Betriebslebens wird in Italien als ein

Staatsorgan angesehen. Neben einer allgemein beratenden Funktion

für die Regierung besitzen die Korporationen zugleich verordnende

Befugnis. Derartige Verordnungen können sich auch auf das Gebiet

der Preise und Tarife erstrecken.

Vom politischen Gesichtspunkt aus ist es weiterhin noch von

Interesse, daB diese Korporationen zugleich die Grundlage für eine

vertretende Körperschaft bilden, da sie einen Teil der Vertreter

stellen. AuBerdem haben in der Kammer dann noch Parteivertreter

ihren Sitz. Erst unlangst wurde das SchluBstück dieser Entwicklung

gebildet, indem jetzt eine Kammer für Fascien und Korporationen

eingesetzt ist.

In Spanien und Portugal sind entsprechende Organisationen

gebildet worden, die neben kleinen Unterschieden eine groBe Übereinstimmung

mit dem italienischen System zeigen. So sind die

Korporationen in beiden Landern ebenfalls aus Arbeitgebern und

22


Arbeitnehmern zusammengesetzt. In beiden Landern ist die Mitgliedschaft

ebenfalls nicht Pflicht, auch folgte man dem vertikalen

Einteilungsprinzip.

In den Niederlanden zeigte sich in den Jahren vor dem Mai

1940 die gleiche Entwicklung des immer weiteren Eingreifens des

Staates und die Tendenz des gruppenweisen Auftretens der Wirtschaft

streibenden.

Ich möchte Sie hier daran erinnern,da£S AbrahamKuyper schon am

Ende des vorigen Jahrhunderts den Gedanken verteidigt hat, neben

einer politischen Kammer auch eine Interessenkammer zu wahlen.

Gleichfalls bestand die Idee — nicht neben dem Reichsgesetzgeber,

sondern unter ihm — eine Körperschaft mit verordnender Befugnis

zu bilden. Eine erste Bemühung in dieser Richtung wurde von

Minister Talma unternommen, der im Jahre 1913 den Raten der

Arbeit verordnende Befugnis zuerkennen wollte. Dieser Plan kam

nicht zur Verwirklichung. Aber im Jahre 1922 nahm man in die

Grundgesetzrevision einen Artikel auf, demzufolge bestimmten

Körperschaften Verordnungsbefugnis gegeben werden konnte.

Bei der Grundgesetzrevision im Jahre 1938 hat man dies noch

erweitert und in das Grundgesetz eine Bestimmung aufgenommen,

nach der für das Berufs- und Betriebsleben Körperschaften eingesetzt

werden können, um regulierend zu wirken. Diese Körperschaften

sollten auch eine verordnende Befugnis erhalten können.

Ebenso hatte man schon vor der Grundgesetzanderung im Jahre

1938 im Betriebsrategesetz die Möglichkeit zur Bildung von Körperschaften

mit anordnender Befugnis für das Betriebsleben geschaft'en.

Diese Betriebsrate, die durch die Krone für eine bestimmte Wirtschaftsgruppe

eingesetzt werden sollten, sollten zur einen Halfte aus

Vertretern von Arbeitgebern, zur anderen aus Veitretern von Arbeitnehmern

gebildet werden. Dies erinnert also an die italienischen

Korporationen.

Auch in anderen Gesetzen wurde dem gruppenweisen Auftreten

der Beteiligten Rechnung getragen. Ich denke z. B. an das Gesetz

über das Verbindlicherklaren der kollektiven Arbeit sübereinkommen,

wobei man von den Fachvereinigungen der Arbeitnehmer und den

Vereinigungen der Arbeitgeber ausging und diese Anordnung durch

23


die behördliche Sanktion auch für diejenigen als verbindlich erklaren

wollte, die keine Pan ei im Kollektivkontrakt gebildet hatten.

Derselbe Fall zeigt sich bei dem Gesetz über das Verbindlichoder

Unverbindlicherklaren der Unternehmerübereinkommen. Auch

hier geht man von dem Bestehen der Organisationen der Beleiligten

aus. Die Behörde kann Beschlüsse, die diese Organisationen getroffen

haben, auch für Nichtmitglieder verbindlich erklaren. Diese Regelung

zeigt also ebenfalls groBe tjbereinstimmung mit der in den

lateinischen Landern, wo die Beteiligten, selbst wenn sie nicht zu

den Mitgliedern der Organisationen zahlen, nicht minder gebunden

sind.

In dieser Richtung bewegte sich die Entwicklung bei uns, bis

vor mehr als einem Jahr unser Land in den groBen Strom neuen

Lebens aufgenommen wurde, der in Deutschland seinen Ursprung

nahm. Es wird für unser Land erforderlich sein, danach zu trachten,

Schritt zu halten mit der schnelleren Arbeitsweise, die man in

Deutschland verfolgt.

Durch Minister Fischböck wurde in mehreren Reden auseinandergesetzt,

dafi es nötig sein würde, die niederlandische Organisation

des Wirtschaftslebens auf die deutsche abzustimmcn. Dieses sei allein

schon deswegen erforderlich, weil man über verschiedene wichtige

Punkte miteinander heraten müsse und in den Niederlanden bei

verschiedenen Wirtschaftsgruppen eine Vielzahl von Organisationen

bestehc, von denen haufig keine als genügend reprasentativ erachtet

werden kónne.

Eine straffe Organisation des niederlandischen Wirtschaftslebens

ist natürlich, auch in breiterem Zusammenhang gesehen, in einer

Zeitperiode, in der die wirtschaftlichen Möglichkeiten und Hilfsquellen

des europaischen Kontinents viel starker als bisher ausgeschöpft

und aufeinander abgestimmt werden müssen, unbcdingt

erforderlich.

Die Einschaltung der niederlandischen Wirtschaft, der natürlichen

Hilfscruellen des Landes, der Produktionskapazitat auf landwirtschaftlichem

Gebiet, der groBen Möglichkeiten, die das dichte

Verkehrsnetz zu Lande und zu Wasser in unserem flachen Deltaland

bietet, in eine geordnete, gelenkte europaische GroBraumwirt-

24


schaft macht es erforderlich, auch hierzulande einen zweckentsprechenden

Wirtschaftsapparat aufzubauen. Zweckentsprechend

bedeutet hier in erster Linie, dafi die Struktur eines solcheu Wirtschaftsapparates

nicht zu sehr von der deutschen abweicht. Man mufi

bei der Organisation des niederlandischen Wirtschaftslebens in

grofien Zügen dem deutschen Vorbild, das schon seit einer Reihe

von Jahren praktisch erprobt ist, folgen.

Selbstverstandlich' wird man dabei den besonderen niederlandischen

Verhaltnissen, die naturgemafi in einigen Punkten von den

deutschen abweichen, Rechnung tragen. Ich denke hier beispielsweise

an die Organisation des Handels — insbesondere des Transithandels

und des Handels in kolonialen Waren usw. — bei welchem

die Verhaltnisse höchst verschieden von denen in Deutschland sind.

Im Verordnungsblatt vom 12. November 1940 erschien ein Beschlufi

des Generalsekretars des Departements für Handel, Industrie

und Schiffahrt hinsichtlich des Aufbaues einer selbstandigen Organisation

zur Entwicklung des Wirtschaftslebens, wahrend gleichzeitig

eine Kommission eingesetzt wurde, um diese Organisation zustande

zu bringen. Schnell handeln und arbeiten war in diesem Fall

für die Kommission eine Notwendigkeit. Sie konnte weder dem

italienischen Vorbild folgen, wo man in Iangsamem Wachstum in

mehr als 15 Jahren die Organisation allmahlich geschaffen hat, noch

dem deutschen, wo der Aufbau ebenfalls eine Frucht jahrelanger

Arbeit gewesen ist. Schon vor einigen Monaten wurden beispielsweise

die Anordnungen der Lederindustrie verkündet, wahrend inzwischen

noch einige Wirtschaftsgruppen gebildet wurden und eine

Reihe anderer Gruppen im Begriff stehen, gebildet zu werden.

Die Organisationskommission, obwohl in der Gesamtheit der

Körperschaft geordnet versammelt, hat in sich verschiedene Unterkommissionen

für bestimmte Aufgaben gebildet. Ferner ernannte

sie für die verschiedenen Unterabteilungen Personen aus dem Wirtschaftsleben

zu Beratern, mit dem Zweck, der Organisationskommission

Bericht über die Lage in bestimmten Wirtschaftszweigen

zu erstatten und um Vorschlage für den Aufbau der Organisation

in den betreffenden Wirtschaftszweigen zu machen. Schon im Mai

1941 hat man eine grofie Anzahl von Berichten erhalten. Über die

25


hierfür geleistete Arbeit bekommt man einigermaBen eine Vorstellung,

wenn man weifi, daB sich darunter Berichte von 50, 70

und selbst einer von 235 Seiten befanden. Wenn man bedenkt, daB

sowohl die Arbeit der Mitglieder der Organisationskommission als

der Berater rein ehrenamtlich geschieht, dann wird es deutlich, daB

die Devise „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" in diesem Fall eine

wirksame Befolgung gefunden hat.

Sie sehen also wohl, daB sich der Geist der neuen Zeit auch in

der auBerordentlich umfangreichen Arbeit, die die Organisationskommission

auf sich genommen hat, widerspiegelt.

Die Organisation, die durch diese Kommission geschaffen werden

soll, wird, wie die Verordnung sagt, eine selbstandige Organisation

werden. Hierdurch ist zugleich von dem Gedanken eines

Staatssozialismus, also einer völlig als Behördcnapparat anzusehenden

Organisation, Abstand genommen worden. Man hat statt

dessen den fruchtbaren Gedanken der Selbstwahrnehmung ihrer

Interessen durch die Beteiligten verwirklichen wollen.

Dieser Gedanke hat auch der deutschen Organisation von Anfang

an zugrunde gelegen. In ihrer Erklarung vom 23. Marz 1933 sagt

die Reichsregierung: „Grundsatzlich wird die Regierung die Wahrnehmung

der Interessen des deutschen Volkes nicht über den Umweg

einer staatlich zu organisierenden Wirtschaflsbürokratie betreiben,

sondern durch die starkste Forderung der Privatinitiative

und durch die Anerkennung des Eigentums."

Mit dieser bedeutsamen Erklarung wird das Wirtschaftsleben als

ein selbstandiger Faktor anerkannt. Doch würde es nicht richtig

sein, daraus nun die Möglichkeit eines Gegensatzes zwischen den

Staatsinteressen und den Interessen des Wirtschaftslebens zu folgern.

Die Organisation der Wirtschaft bildet vielmehr das Verbindungsglied

zwischen Staatsführung und Wirtschaftsleben. Der vom Staat

auf das Wirtschaftsleben ausgehende Antrieb wird dieses über seine

eigene Organisation erreichen, wahrend umgekehrt über diese Organisation

die Forderungen und Wünsche der Wirtschaft der Staatsführung

zur Kenntnis gebracht werden.

Dieser Gedanke einer eigenen Organisation ist keineswegs neu,

sondern besteht beispielsweise schon in den Gemeinden und Pro-

26


vinzen. Auch da sehen wir, dafi man bestimmte InteresseD nicht

zentral regeln konnte, sondern dafi man sehr oft diese Regelung den

Beteiligten selbst überliefi.

Staacsrechtlich unterscheidet man hier noch zwischen der Selbstverwaltung

und der Autonomie. Unter der Selbstverwaltung versteht

man die Selbstausführung der An- und Verordnungen, die

von oben her gegeben werden, wahrend die Autonomie das Recht,

eigene Interessen selbst wahrzunehmen, bezeichnet. Diese beiden

Befugnisse sollen auch die neuen Körperschaften erhalten, denn zufolge

einer am 14. Mai 1941 verkündeten Abanderung des ursprünglichen

Beschlusses kann den Organisationen verordnende Befugnis

verliehen werden.

Wir können somit die Aufgabe, die den Körperschaften gestellt

werden soll, zusammenfassen in: ausführen, verordnen, Gutachten

erstatten und VorschlSge machen.

Die Staatsführung hat bei diesen Funktionen das letzte Wort

zu sprechen. Der Staat bestimmt, was die Organisation ausführen

wird, und entscheidet, welche Folgerungen er aus den erhaltenen

Gutachten und Vorsehlagen ziehen soll. In bezug auf die verordnende

Befugnis ist bestimmt, dafi die Verordnungen durch den

Generalsekretar des Departements für Handel, Industrie und Schifffahrt

vorher genehmigt werden müssen und er auch befugt ist,

beschlossene Verordnungen für nichtig zu erklaren.

Dr. Albert Pietsch, der Leiter der Reichswirtschaftskammer, hat

in einer Rede vom 8. Marz 1940 die Vorteile der Selbstausführung

seitens der Organisation des Wirtschaftslebens ausführlich geschildert.

Ich möchte auf einige Punkte dieser Rede hinweisen:

Auf vielen Gebieten sind die Beamten nicht ausreichend sachkundig,

jedenfalls nicht in dem Mafie wie die Angehörigen der Wirtschaft

selbst.

Haufig mufi bei einer Anordnung von seiten des Staates zu sehr

auf Einzeiheiten eingegangen werden, wahrend dies bei einem wirtschaftlichen

Selbstverwaltungsorgan mit eigener Initiative in Fortfall

kommt.

Sofern man selbst bestimmen kann und selber die Verantwortung

tragt, ist man eher geneigt, seine Arbeitskraft voll einzusetzen.

27


Es wird immer einen Puukt geben, in dem der Staat nicht mehr

selbst anordnen kann, sondern dieses den Unternehmern überlassen

muB, es sei denn, dafi der Staat die gesamte Produktion selbst in

die Hand nehmen will.

Über die Zusaiumensetzung der Organisation spricht ein erster

AusführungsbeschluB, der zugleich mit dem GrundbeschluB erschienen

ist. Die Mitglieder der Organisation sollen sich demnach

aus Einzelunternehmern und Gesellschaften zusammensetzen.

AuBerhalb der Organisation stehen somit die Arbeitnehmer.

Wir stellen hier also einen groBen Unterschied zu dem System der

lateinischen Lander fest. Eine andere Abweichung besteht darin,

daB die Mitgliedschaft als obligatorisch festgesetzt werden kann und

es in der Regel auch ist.

In Übereinstimmung mit der Zusammensetzung der Organisation

ausschlieBlich aus Unternehmern steht auch die Bestimmung, daB

sie lediglich die Wirtschaftsinteressen der Unternehmer zu wahren

hat. Die Behandlung sozialer Fragen liegt auBerhalb ihrer Aufgabe.

Es liegt auf der Hand, daB nun, wo die Wirtschaftsorganisationen

alle Unternehmer der betreffenden Branche umfassen, die bestehenden

Vereinigungen gröBtenteils verschwinden können. Eine Schwierigkeit

kann sich allerdings hierbei ergeben, namlich, wenn hierunter

Vereinigungen fallen, die soziale Vorkehrungen zum Inhalt ihrer

Tatigkeit gemacht haben, und dies wird noch kompliziert durch

die — für die verschiedensten Zwecke erfolgten — Kapitalsbildungen.

Hier wird man von Fall zu Fall eine Entscheidung treffen müssen.

Im zweiten AusführungsbeschluB, der ebenfalls zugleich mit dem

GrundbeschluB erschienen ist, wird die groBe Linie der Einteilung

verkündet. Es sollen sechs Hauptgruppen gebildet werden, namlich

für die Industrie, das Gewerbe, den Handel, das Bankwesen,

das Versicherungs- und das Verkehrswesen.

Aus dieser Aufzahlung ist bereits ersichtlich, daB man hier nicht

wie in den lateinischen Landern dem vertikalen, sondern dem horizontalen

Prinzip gefolgt ist.

Man hat also nicht die Produktionsverwandtschaft zur Grundlage

der Einstellung gemacht, sondern artgleiche Unternehmungen

organisatorisch zusammengefaBt.

28


Beide Arten der Zusammenfassung, die vertikale sowohl wie die

horizontale, haben natürlich jede ihre Vorteile, wahrend mit beiden

nalürlich auch Nachteile verknüpft sind. Die Wahl eines der beiden

Einteilungsprinzipien braucht es jedoch keineswegs mit sich zu

bringen, daB man nun alle Vorteile, die mit der anderen Organisationsform

verbunden sind, missen muB.

Wenn z. B. die Bauindustrie in die Hauptgruppe Industrie eingegliedert

und der Handel mit Baumaterialien in der Gruppe Handel

organisiert ist, dann ist es sehr wohl möglich, durch die Schaffung

von Querverbindungen zwischen diesen getrennien Organisationen

doch den nötigen Kontakt zu erzielen. Es ist auch nicht erforderlich,

daB diese Querverbindungen nur zeitweiliger Art sind, sondern

sehr wohl denkbar, daB man standige Körperschaften zu diesem

Zweck ins Leben ruft.

Ein anderes Problcm, das sich bei der Organisation ergibt, ist

die Frage der Grenzziehung zwischen den einzelnen Gruppen. Da

haben wir z. B den bekannten Streit über den Unterschied zwischen

Industrie und Gewerbe. Dieser Streit datiert nicht erst aus den

letzten Jahren, sondern besteht schon von dem Augenblick an, da

man einsah, daB es nötig war, ein Gewerbe gegen die Gefahren, die

von seiten der GroBindustrie drohten, zu schützen.

Alsbald nachdem in der Mitte des vorigen Jahrhunderts Schutzbestimmungen

für das Gewerbe und spater auch für den Kleinhandel

erlassen wurden, hat sich das Problem der Grenzen aufgetan. So hat

man beispielsweise den Unterschied zwischen Industrie und Gewerbe

darauf gründen wollen, ob der Leiter der Produktion an ihr selbst

teilnimmt oder nicht. Oder man hat ihn in der Anzahl der

Arbeiter, in der GröBe der Anlagen, im Umfang der Produktion,

oder in dem MaB, in dem die Arbeitsverteilung durchgeführt war,

gesucht, ferner darin, ob eine Vorratsproduktion stattfand, ob

Maschinen gebraucht wurden, ob man seine Ausbildung im Betrieb

erhielt usw.

Eine Schwierigkeit ergab sich bei der Organisationszuweisung

des Handels. Auf den ersten Bliek erscheint es verhaltnismaBig einfach

festzusetzen, was Handel ist und was nicht. Man muB dabei

jedoch bedenken, daB alle industriellen Unternehmungen ihre Pro-

29


dukte absetzen, also verkaufen müssen und somit am Handel tcilnehmen.

Doch wird man wohl nicht verlangen, dafi alle industriellen

Betriebe neben ihrer Zuteiiung zur Industrie gleichzeitig auch dem

Handel zugeteilt werden, wenn auch anerkannt werden muB, daB

es haufig gerade kommerzielle Fragen sind, durch die eine Zusammenfassung

von industriellen Betrieben im Gruppenverband erforderlich

ist.

Ich führe diese Beispiele an, um Ihnen Einsicht in die Vielfaltigkeit

der Probleme zu geben, vor die die Organisationskommission

sich bei ihren Arbeiten gestellt sieht.

Es bcsteht zuweilen hinsichtlich der Organisationskommission

die falsche Auffassung, daB sie auch befugt sei, selbst bestimmte

Regeln für das Wirtschaftsleben vorzuschreiben. Man muB jedoch

den Aufbau der Organisationen nicht mit den Arbeiten, die sie

spater selbst verrichten können, verwechseln. Es steht namlich im

ganzen noch nicht fest, wie die Organisationen arbeiten werden.

Der Organisationskommission obliegt es nur, die Einteilung der

Gruppen vorzunehmen und die Personen zu benennen, die bei diesen

ihre Funktionen ausüben sollen.

Wie die Organisationen arbeiten werden, hangt von zwei Faktoren

ab. Erstens, und darauf muB ich den Nachdruck legen, ist

dies zum sehr groBen Teil von den Gruppen selbst abhangig. Es ist

hier, wie überall, in der Hauptsache eine Frage der gröBeren oder

geringeren Energie, die von der Leitung entwickelt wird, von der

Initiative, die von ihr ausgeht. Es hangt aber auch weitgehend von

der Staatsführung ab, da sie schlieBlich bestimmt, was sie den

Gruppen überlassen will und was sie selbst in der Hand zu behalten

wünscht.

Doch es ist wohl sicher, daB sich die staatliche Direktive nun

keinesfalls aus allen Gebieten zurückziehen und daB das Ministerium

für Handel, Industrie und SchifTahrt seine Mit- und Einwirkung

zum groBen Teil aufgeben wird.

Selbst die Reichsstellen werden nicht ganz und gar verschwinden

können. Staatssekretar Dr. Landfried weist 1 ) in diesem Zusammen-

1

) lm Wirtschaftsblatt der Industrie- und Handelskaimner, Berlin, vom 2. Dezember 1939.

30


hang z. B. auf die Rohstoffversorgung hin und sagt: „Es ist nicht

die Aufgabe einer fachlich gegliederten Gruppe, über wirtschaftliche

Tatbestande zu befinden, die Produktionsumfang und Betriebsschicksal

von Mitgliedern anderer fachlicher Gruppen entscheidend berühren.

Hier handelt es sich vielmehr nach meiner Überzeugung

um Aufgaben, die sowohl ihrer Art als ihrer Bedeutung nach typische

Staatsaufgaben, namlich Hoheitsaufgaben sind. Würde heute erst

das Problem der Einfuhrüberwachung und der Rohstoffbewirtschaftung

entstehen, man müBte es, davon bin ich überzeugt, in der

gleichen Form lösen, wie es damals geschah."

Er will also prinzipiell bestimmte Gebiete dem Staat und eventuell

auch den betreffenden Reichsstellen überlassen. Sicher ist aber,

dafi ein grolJer Teil der Aufgaben der Reichsstellen von der neuen

Organisation übernommen werden kann.

Obschon also die Organisation des Wirtschaftslebens einen Teil

der Behördenaufgaben übernehmen soll, wird, wie oben gesagt,

der Beamtenapparat nicht entbehrt werden können.

Ebensowenig aber ist beabsichtigt, die neuen Organisationen an

die Stelle der Kartelle treten zu lassen. In Deutschland ging man

von der prinzipiellen Trennung dieser beiden Organisationen aus,

und es ist Kartellen verboten, sich Fachschaft oder Gruppe zu

nennen. Jedoch schreibt Dr. Eberhard Barth in seinem Buch

„Wesen und Aufgaben der Organisation der gewerblichen Wirtschaft"

im Anschlufi an den KartellerlaB vom 12. November 1936:

„Durch diesen ErlaB wurde eine vollkommene Wendung der

Gruppen bewirkt ... zu dem ihnen bis dahin verschlossenen

Gebiet der Marktordnung." 1 )

Zwar ist die Aufgabe der Gruppen: „Beaufsichtigung der markt -

regelnden Verbande", und sie stehen „über den marktregelnden Verbanden,

nicht neben ihnen", es können aber zuweilen doch, sagt

Barth, „bestehende Kalkulationskartelle auf die Gruppen überführt

werden."

„Darüber hinaus wird aber auch bei Preiskartellen und bei Vereinbarungen

über einheitliche Lieferungsbedingungen voraussicht-

*) Selte 32.

31


lich im Zuge der Entwicklung von Fall zu Fall mit immer gröBerem

Nachdruck geprüft werden, ob solche Marktverbande nicht auf die

Gruppe zu überführen sind, wenn ihre volkswirtschaftliche Notwendigkeit

erwiesen ist. Das wird zunachst bei allen Zwangskarlellen,

die auf Grund des Zwangskartellgesetzes vom 15. Juli 1933 gebildet

werden, vordringlich geprüft werden, wenn sich der Kreis der Mitglieder

mit demjenigen der Gruppengliederung deckt. Eine solche

Zusammcnlegung kann im Einzelfall Konzentration der Krafte und

Ersparnis von Kosten und Reibungsverlusten bedeuten." 1 )

Er geht jedoch noch weiter und sagt 2 ): „Dieser Überblick über

die Tatigkeit der Organisation auf dem Gebiete der Marktregelung

ware aber unvollstandig, wenn nicht auch hier vor allem die unzahligen

marktregelnden MaBnahmen erwahnt würden, welche insbesondere

die Gruppen gleichsam als stcllvcrtretende Gesetzgeber für den

Staat fast taglich in Form genehmigter Anordnungen erlassen."

Und weiter: „Zu Hunderten sind ergangen und ergehen weiter Anordnungen

und Regelungen über Beschrankungen in der Verwendung

von Rohstoffen, über Verwendung bestimmter Verfahren, über stoffsparendes

Zuschneiden, Verwendung von Resten, über Zuteilung

von Kontingenten an Rohstoffen, über Zulassigkeit von Rabatten,

über Höhe der Provisionen, über Forcierung des Absatzes bestimmter,

vorübergehend im ÜberfluB vorhandener Nahrungsmittel zum

Zwecke des Marktausgieiches durch Einzelhandel und ambulantes

Gewerbe usw."

Man kann also sagen, daB viele Kartelle unabhangig neben den

Gruppen stehen, aber der Aufsicht der Gruppen untcrworfen sind.

Daneben aber werden den Mitgliedern durch die Gruppen Kartellbestimmungen

auferlegt.

Nun ist, was unser Land anbetrifft, den Gruppen über die Kartelle

eine Aufsicht nicht ausdrücklich zuerkannt. Wohl aber steht im

Artikel a des Gmndbeschlusses, daB die Verordnungen der Organisationen,

die Kartellverhültnisse regeln, oder die Marktregelung vorher

durch den Generalsekretar des Departements von Handel, Industrie

und Schiffahrt genehmigt werden müssen. Dieses setzt also

>) Seite 79. -) Seite 83.

32


voraus, daB der Generalsekretar den Gruppen das Recht geben

könnte, Kartellverhaltnisse zu regeln, was also wiederum das Bestehen

von besonderen Kartellen voraussetzt, wihrcnd auBerdem

die Organisation auch selbst den Markt regeln darf.

Die Verordnungen der Organisationen dürfen aber nicht, wie

ausdrücklich bestimmt ist, auf die Vorschriften auf dem Gebiet der

Preisbildung einwirken. Der Preiskommissar kann also durch Vorschriften

der Grappen nicht behindert werden.

Das Führerprinzip ist auch in der neuen niederlandischen Organisation

der Wirtschaft gewahrleistet. Das will heiBen, daB der Vorsitzende,

dessen Amt etwa dem des deutschen „Leiters" einer Gruppe

entspricht, nicht der Ausführende eines Mehrheitsbeschlusses der

Mitglieder und nicht der Beauftragte seiner Gruppe ist, sondern eine

andere, ich möchte sagen doppelte Verantwortlichkeit tragt. Der

Vorsitzende tritt einerseits als der Vertreter seiner Gruppeninteressen,

andererseits als Vertreter der Allgemeininteressen auf.

Diese zwischen den zwei Polen des Allgemein- und des Einzelinteresses

befindliche Stellung des Vorsitzenden kommt auch in der

Art seiner Ernennung und dem durch die Mitglieder abzugebenden

Vertrauensvotum zum Ausdruck. Die Ernennung erfolgt von

oben her. Die Vorsitzenden der unteren Gruppen werden durch den

Vorsitzenden der Wirtschaftsgruppe ernannt, wahrend die Vorsitzenden

der Wirtschafts- und Hauptgruppe, also der höheren

Gruppen, durch den Generalsekretar des Departements für Handel,

Industrie und Schiffahrt ernannt werden.

Gegenüber dieser Ernennung von hoher staatlicher Stelle, die

die Gewahr schafft, daB die Allgemeininteressen über die Eigeninieressen

gestellt werden, steht nun das Vertrauensvotum, das dem

Vorsitzenden gewöhnlich jahrlich durch die Mitglieder ausgesprochen

wird. Man geht also davon aus, daB es nicht genügt, daB der Vorsitzende

das Vertrauen der Stelle genieBt, die die Beherzigung der

Allgemeininteressen gewahrleisten muB, sondern daB es zugleich

erforderlich ist, daB auch die Gruppe, die er leitet, Vertrauen in

seine Umsicht und seine Fiihigkeiten hat.

Diese veranderte Stellung des Vorsitzenden zeigt sich auch in

seinen wichtigen Befugnissen. Ich verweise hier auf den dritten

33


Abschnitt des Artikels 13 des dritten Ausführungsbeschlusses, worin

steht, dafi der Vorsitzende befugt ist, den Mitgliedern seiner Organisation

Anweisungen zu geben. Es geht hier also nicht um Beschlüsse

der Mitgliedcrversammlung, sondern um MaBregeln, die der Vorsitzende

selbst, aus eigener Verantwortlichkeit, im Interesse der

Gruppe treffen zu müssen glaubt.

Es ist klar, daB diese dem Vorsitzenden übertragene Machtbefugnis

eine ganz besondere geistige Einstellung verlangt; denn er

ist selbst Unternehmer. Die Anordnung sagt jedenfalls, daB der

Vorsitzende in der Regel aus Personen, die in dem betreffenden

Gebiet der Wirtschaft eine leitende Funktion bekleiden, gewahlt

wird. Es wird also von ihm erwartet, daB er sich gleichsam über sich

selbst erhebt und unbekümmert um sein eigenes Gruppeninteresse

das allgemeine Interesse im Auge behalt.

Aus der groBen Machtfülle des Vorsitzenden darf man nun aber

nicht ableiten, daB er tun und lassen und daB er von oben herunter

vorschreiben könne, was ihm beliebt. Der deutsche Reichswirtschaftsminister

sagt in seinem ErlaB vom 8. Juli 1936: „Die Organisation

der gewerblichen Wirtschaft ist, wie jede Organisation, lcbensnotwendig

darauf angewiesen, engste Fühlung mit ihren Mitgliedern

zu suchen und zu halten. Ich mache es den Leitern und Geschaftsführern

samtlicher Gruppen zur Pflicht, immer wieder von neuem

in unmittelbarer Gegenüberstellung und Aussprache den Mitgliedern

die Wirtschaftspolitik des Dritten Reiches, ihre Schwierigkeiten und

Erfolge im groBen vor Augen zu führen und von den Mitgliedern

Wünsche und Sorgen entgegenzunehmen. Dabei wird dem Verkehr

mit den Mitgliedern und ihrer Beratung und Betreuung in allen

Gliederungen besondere Sorgfalt zu widmen sein. Wo die GröBe

der Organisation jahrliche Gesamtmitgliedervcrsammlungen nicht

angezeigt erscheinen laBt, müssen andere Formen gesucht und gelünden

werden, welche die unmittelbare Fühlung mit den Mitgliedern

sicherstellen."

Sie sehen, der Reichswirtschaftsminister hat empfunden, daB

zugleich mit der Erteilung gröBerer Befugnisse an die Leitung einer

Gruppe der engste Kontakt mit den Mitgliedern einhergehen muB.

Der Vorsitzende muB stets wissen, was in seiner Gruppe vorgeht,

34


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W. der s.ch auch fur die Niederlande in unseren Tagen for.nt

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