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WIRTSCHAFT+MARKT Nur mit Steuerbonus (Vorschau)

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A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 23. Jahrgang ■ März 2012 ■ Preis: EURO 3,50

Wirtschaft&Markt

Wirtschaft&Markt

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN

MARKEN

Irrer Duft von Erfolg

MACHER

Formel 1 unter Strom

MÄRKTE

Zeit für neue Strategien

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TOP 100

IN OSTDEUTSCHLAND

Handwerks-Präsident Kentzler zur Energiewende:

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EDITORIAL

Gauck im Glück

HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

MÄRKISCHE

BILDUNGS-

MESSE 2012

Schirmherr: Matthias Platzeck,

Ministerpräsident des Landes Brandenburg

Liebe Leserin, lieber Leser,

Deutschland suchte den Superpräsidenten

und es schien, als habe der allenthalben

beklagte Fachkräftemangel das

höchste Amt erreicht. Potenzielle Nachmieter

für das Schloss Bellevue winkten

ab. Der Boulevard bestand auf dem »Präsidenten

der Herzen« und führte 54 Prozent

pro Gauck bei einer Blitz-Umfrage

ins Feld – und die kleinere Regierungspartei

entdeckte, dass nur dieser Kandidat

bürgerlich-liberal sei. Also schwarzgelb,

nachdem er vor 20 Monaten noch

rot-grün war. Gauck im Glück. So schnell

kann’s gehen – hoffentlich geht’s gut.

Denn es hat schon etwas, wenn Kanzlerin

und Präsident die Ungnade der ostdeutschen

Geburt hintertreiben. Es hat

schon etwas, wenn der Schwanz mit dem

Hund wedelt, wie die FDP mit der Union.

Angela Merkel hatte nicht von ungefähr

etwas gegen Joachim Gauck. Ihr Argwohn

dürfte sich nicht nur aus einer

Quelle speisen. Und sie hat es immer verstanden,

die Zeit für sich arbeiten zu lassen,

Niederlagen in Siege zu verwandeln.

Je nun – Präsidenten kommen und gehen.

Die Probleme bleiben. Eurokrise,

Energiewende und besagter Fachkräftemangel

vor dem Hintergrund der demografischen

Entwicklung (S. 10). Die Suche

nach geeignetem Nachwuchs, gern auch

mittleren Alters, treibt Unternehmerinnen

und Unternehmer um. Nach Einschätzung

des VDI geht in Deutschland

die Hälfte aller Ingenieure demnächst in

Rente. Heute liegt deren Durchschnittsalter

bei 50 Jahren. Es mag zynisch

klingen, aber welcher Geschäftsführer

ersetzt heute eine 65-jährige Fachkraft

durch eine 60-jährige? 2010 bot beispielsweise

Siemens Leuten ab Jahrgang 1954

eine Abgangsprämie von 35.000 Euro an,

um in einem Tochterunternehmen Stellen

abzubauen. Das mag betriebswirtschaftlich

vernünftig sein, volkswirtschaftlich

– wenn es alle so halten – ist es

schlicht kontraproduktiv.

Womit wir wieder beim künftigen

Bundespräsidenten wären, der sich mal

als einen linken, liberalen Konservativen

bezeichnet hat. Bisher hat er öffentlich

viel über Freiheit und Eigenverantwortung

nachgedacht, weniger über Zusammenhalt

und Solidarität. Aber wem Gott

ein Amt gibt, heißt es, den segnet er

auch mit (Sach-)Verstand. Das gilt nicht

nur für 72-Jährige wie den Rostocker Ex-

Pfarrer, sondern auch für Endfünfziger

im Beruf. Sie verdienen das Glück einer

Chance. Auch die Antwort auf die Frage,

ob Gauck ein gescheiter Präsident für

alle Deutschen wird, kann nicht aus der

Vergangenheit und der Erfahrung, sondern

muss aus der Zukunft kommen.

Herzlichst

Ihr

30.-31. März

POTSDAM

Filmpark Babelsberg, Großbeerenstraße

Veranstalter:

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ÖFFNUNGSZEITEN

3.11.: 11-20 Uhr

4.11.: 11-18 Uhr

3.-4. N OVEMBER


INHALT

WIRTSCHAFT & MARKT

im März 2012

INTERVIEW W&M PLUS BERICHT

SEITE 28

SEITE 22 SEITE 60

BURGBACHER ZU CHINA:

Chancen nutzen, Risiken beachten

TOP 100 ARBEITGEBER OST:

Verkehrs- und Handelsunternehmen vorn

LOGISTIK IM RAUM LEIPZIG/HALLE :

Ansturm auf Schkeuditzer Frachtdrehkreuz

Editorial

Aktuell

3

6

Gauck im Glück

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum

Wirtschaft und Politik

Special

Analyse

TITEL

10

14

36

20

52

OTTO KENTZLER, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks,

über meisterliche Frauen, die Energiewende und die Blockade der Gebäudesanierung

SOLARENERGIE: Solarion AG leuchtet hell, doch auf die Branche fallen Schatten

CEBIT 2012: Mit Cloud-Tech auf infomationstechnologischer Wolke 7

FINANZMÄRKTE 2012: Zeit für neue Strategien im Investment

FÖRDERMITTEL IN MITTELDEUTSCHLAND: Abschied von der Gießkanne

Fotos: BMWi, T. George, H. Lachmann

Interview

Serie

W&M Plus

W&M-Service

Verbands-News

Bericht

W&M-Automobil

Tourismus

Ständige Rubriken

W&M-Privat

Kolumnen

22

44

24

28

46

54

56

60

58

59

62

64

34

66

ERNST BURGBACHER, Mittelstandsbeauftragter der Bundesregierung,

zur Entwicklung der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit

PROF. OLIVER HOLTEMÖLLER UND DR. JUTTA GÜNTHER, Interimsvorstände des

Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, zum Aufholprozess und zur Förderpolitik

MARKEN-MACHER-MÄRKTE: Miltitz Aromatics: Ein irrer Duft von Erfolg

LÄNDERREPORT: Die Top 100 der ostdeutschen Unternehmen

Steuern, Geld, Recht

VBIW: Auf Erdgas setzen

WARMBOLD ENERGIE UND KLIMA GMBH: Formel 1 unter Strom

LOGISTIK IN MITTELDEUTSCHLAND: Schkeuditzer Frachtdrehkreuz

NEUFAHRZEUGE IM TEST: Fiat Panda und Citroen DS5

WELLNESS IN BAD SULZA/THÜRINGEN: Top-Form

UV-AKTUELL: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden

Bücherbord, Leute & Leute, Leserbriefe

HEINER FLASSBECK: Statistik und andere Lügen

KLAUS VON DOHNANYI: Mehr politische Zivilcourage

Inhalt

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 5


AKTUELL

Fotos: DPA, Archiv (2)

INTERVIEW

ROLF PAUKSTAT,

Präsident

des Unternehmerverbandes

Norddeutschland

Mecklenburg-

Schwerin e.V.

Kooperation ist Trumpf

W&M: Herr Paukstat, Ihr Verband

verzeichnet einen deutlichen Mitgliederzuwachs.

Wie kommt’s?

PAUKSTAT: Die Stimmung in der

Wirtschaft Westmecklenburgs

ist überwiegend positiv. 2011

war gut. Den Schwung haben

wir mitgenommen ins Jahr 2012.

W&M: Auch in die Verbandsarbeit?

PAUKSTAT: Die Unternehmer

fühlen sich von uns gut vertreten.

Wir passen unsere Arbeit

der Problemlage an.

W&M: Und die wäre?

PAUKSTAT: Jahrelang haben wir

auf die Ansiedlung von Großindustrie

gehofft. Das hat sich

nicht erfüllt. Wir setzen jetzt auf

regionale Kooperationen.

W&M: Was geschieht da aktuell?

PAUKSTAT: Der Verband ist regional

organisiert, orientiert an

den Landkreis- bzw. Strukturen

der kreisfreien Städten. So können

wir die Probleme der örtlichen

Wirtschaft aufgreifen

und vertreten. Aktuell ergänzen

wir dies um eine Kooperation

mit den Verbänden Rostock und

Vorpommern. Ziel ist ein intensiverer

Wissensaustausch.

W&M: Mit welchen Schwerpunkten?

PAUKSTAT: Energiewirtschaft

inklusive Photovoltaik, Gesundheitswirtschaft,

verarbeitendes

Gewerbe, Tourismus und tourismusaffine

Dienstleistungen.

W&M: Wie steht der Verband zum

Mindestlohn?

PAUKSTAT: So, wie die Politik das

sieht, wird es bei uns nicht gehen.

Schon gar nicht im saisonabhängigen

Dienstleistungsgewerbe.

Unsere Strategie heißt:

Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern

und -nehmern entsprechend

den konkreten Branchen-

und Betriebsbedingungen.

Nicht politisch, sondern betriebswirtschaftlich

orientiert.

Interview: Peter Jacobs

Firmengründungen

Hauptstadt im Boom

Berlin zählte 2011 über 40.000 Firmengründungen.

Doppelt soviel wie im Bundesdurchschnitt.

UNESCO-Kandidat

TRADITIONSMARKEN

Meißen will es wissen. Oberbürgermeister

Olaf Raschke hat

die Bewerbung um den Namen

»Porzellanstadt Meißen« eingereicht.

Die Elbestadt bringt ihr

berühmtestes Unternehmen in

Stellung, um sich einen Platz

auf der Weltkulturerbeliste zu

erobern. Obwohl die von König

August dem Starken gegründete

heutige Staatliche Porzellan-

Manufaktur Meissen zurzeit

in wirtschaftlichen Schwierigkeiten

steckt, genießt der

Name weiterhin Weltruf. Im

Rahmen der Sanierung will das

Unternehmen nun auch in den

Bereichen Schmuck, Architektur

und Inneneinrichtung international

tätig werden.

DYNAMIK-RANKING

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und die Wirtschafts-

Woche bewerten jedes Jahr die Entwicklung der Bundesländer

Entwicklung der Jahre 2007 bis 2010 in Punkten

1. Brandenburg 65,4

2. Berlin 60,1

3. Mecklenburg-Vorpom. 60,0

4. Sachsen 54,4

5. Sachsen-Anhalt 53,8

6. Thüringen 52,1

7. Hamburg

...

50,2

12. Hessen: 45,3

Die Zahl von 40.000 neu

gegründeten Unternehmen

verzeichnete

im vergangenen Jahr Berlin.

Junge Existenzgründer suchen

ihre Chancen besonders

im Gesundheits- und Sozialwesen.

Die IHK Berlin sieht

darin vor allem eine Reaktion

auf das wachsende Gesundheitsbewusstsein

und eine

stärkere Orientierung auf die

Probleme des demographischen

Wandels. Zugleich ziehe

Berlin immer mehr internationales

Publikum an und

biete mit seiner robusten Konjunktur

auch für ausländische

Firmengründer eine attraktive

Wachstumsbasis.

Kaffee-Jubiläum

30 Jahre ist es her, seit in der

Magdeburger Kaffeefabrik

Röstfein das Wirbelschicht-

Röstverfahren eingeführt

wurde. Eine sparsame Methode,

bei der die Bohnen nicht

mehr in der Trommel, sondern

schwebend im Wasserdampf

zur Trinkreife gebracht werden.

Damals ein Notbehelf der

Mangelwirtschaft, ist das Verfahren

bis heute einmalig in

der Welt. Und die Marke Röstfein,

vornehmlich die mit kandierten

Bohnen veredelte

Spezialität RONDO, ist nicht

nur in europäischen und arabischen

Läden von Belgien bis

Dubai gefragt, sondern steht

sogar in den Regalen des

Kaffeelandes Elfenbeinküste.

100 FAKTOREN, von der Arbeistplatzversorgung bis zur Schuldnerquote,

gehen ein in das jährliche Dynamik-Ranking. Dank der Nachholbemühungen

sehen sich die neuen Länder dabei zumeist im Vorteil.

AUS DEN LÄNDERN

Thüringen

Zum 15. Mal ist der Innovationspreis

Thüringen für neue Produkte

und Technologien ausgelobt worden.

Mit einem Fond von 100.000

Euro gilt dieser als einer der bestdotierten

Preise Deutschlands.

Stifter sind das Wirtschaftsministerium,

die Technologie-Stiftung, der

TÜV Thüringen und die Ernst-Abbé-

Stiftung. Seit 1994 haben sich

mehr als 1.100 Unternehmen und

Forschungseinrichtungen beworben.

Sachsen

Sächsischen Jugendlichen, besonders

solchen aus ländlichen

Gegenden, wird in der zweiten

Märzwoche Gelegenheit gegeben,

kostenlos zu Firmen und Institutionen

zu reisen, bei denen sie sich

über Berufsbilder informieren

können. Das Wirtschaftsministerium

bietet dafür zusammen mit

sächsischen Verkehrsverbünden

und Nahverkehrsunternehmen ein

so genanntes Schau-rein-Ticket an.

Brandenburg

Die Bürgschaftsbank Brandenburg

stützt kleine und mittleren Firmen

jetzt mit erhöhten Kreditsummen

bis zu zwei Millionen Euro. Die Bank

ist eine Selbsthilfeeinrichtung der

mittelständischen Wirtschaft und

kümmert sich um kleine und mittlere

Unternehmen mit bis zu 250

Mitarbeitern, die von Hausbanken

keine Kredite bekommen.

Mehr als 300 Filme werden jährlich

in Berlin und Brandenburg gedreht.

Damit hat sich die Hauptstadtregion

zum Filmstandort Nr. eins

entwickelt. 50.000 Menschen

arbeiten in der Branche. In Babelsberg

sind 120 Medienunternehmen

und -einrichtungen ansässig.

Mecklenburg-

Vorpommern

512 Millionen Euro sind in Mecklenburg-Vorpommern

seit 2007 im

Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe

Verbesserung der Gewerblichen

Wirtschaft an kleine und mittlere

Unternehmen geflossen. Auf der

Regionalförderungskarte wird

das Bundesland nach wie vor als

Höchstfördergebiet ausgewiesen.

Berlin

Mit 25 Millionen Euro unterstützt

das Land Berlin die Bewerbung der

Hauptstadtregion als internationales

Schaufenster der Elektromobilität.

Beteiligt sind insgesamt

257 Projektpartner, darunter 197

Unternehmen, 34 Hochschulen und

Forschungseinrichtungen sowie

26 Vereine, Verbände, Kammern

und öffentliche Einrichtungen.

6 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


AKTUELL

WIRTSCHAFTSBILD

DES MONATS

BRIEF AUS BRÜSSEL

Von THOMAS HÄNDEL,

Europaabgeordneter

Die Linke

Das deutsche Modell

Merkel und Sarkozy klopfen

einander auf die Schultern ob

ihrer vermeintlichen Erfolge

zur Rettung der EU. Dabei gibt

es wirklich nichts zu feiern.

THÜRINGENS BREITESTER TUNNEL am Jagdberg bei Jena wird teurer als geplant. Der Grund: Sicherheitsvorkehrungen

für den Brandschutz. Die sechsspurige Röhre soll eine Sprinkleranlage erhalten, die im

Notfall einen Nebelteppich legt oder mit Schaum löscht, noch bevor die Feuerwehrkräfte eintreffen und

mit der Brandbekämpfung beginnen können. 295 Millionen Euro waren bisher für das Gesamtvorhaben

kalkuliert. 14 Millionen Euro zusätzlich hat die bundeseigene Planungsgesellschaft DEGES für das Verkehrsprojekt

nun ausgeschrieben. Der Vorteil: Nach der Eröffnung Mitte 2013 werden auch Gefahrentransporte

dieses 3,1 Kilometer lange Teilstück der A 4 passieren können, was ursprünglich nicht geplant war.

KONJUNKTUR-BAROMETER

Land ohne Leute

Von DR. HERBERT BERTEIT

Durch Ostdeutschlands Dörfer geistert der

Sensenmann. Immer dramatischer schrumpft

die Altersgruppe zwischen 20 und 65 Jahren.

Nirgendwo zeitigt der Bevölkerungsschwund

solche beängstigenden Folgen wie auf dem

Lande. Wo immer weniger Erwerbstätige zur

Verfügung stehen, sind Einkommens- und

Wohlstandsverluste vorprogrammiert.

Steigende Infrastrukturkosten, zum Beispiel

für Wasser, Abwasser und Müllentsorgung,

müssen von immer weniger Menschen getragen

werden. Die Immobilienpreise fallen,

Schulen, Geschäfte und Dienstleistungseinrichtungen

schließen. Als Standortfaktor bleibt

nur die ländliche Idylle.

Seit 2003 weist die Statistik für zwei Drittel

der ostdeutschen ländlichen Gemeinden einen

Bevölkerungsrückgang von mehr als fünf Prozent

aus. Beschleunigt wurde diese Entwicklung

nicht nur durch die Automatisierung der

Landwirtschaft und die Stillegung landwirtschaftlicher

Betriebe. Die Dörfer haben auch

ihre traditionelle Funktion für das Wohnen in

der Nähe ländlicher Arbeitsplätze verloren.

Die arbeitsfähige Bevölkerung zieht es in die

Städte. Abwanderungen finden vor allem aus

weiter entfernten Orten statt. Die negativen

Auswirkungen für den Binnenkonsum und die

Konjunktur in Ostdeutschland insgesamt sind

unübersehbar.

Um die Folgen abzufedern, brauchen die

Landgemeinden Unterstützung bei der Entwicklung

des Tourismus und dem Ausbau der

regenerativen Energien. Aber auch Kapital

für den Rückbau von Dörfern. Man wird die

Zusammenlegung von Verwaltungseinheiten

beschleunigen und Umzugsprogramme auflegen

müssen, wo Dörfer ganz aufgegeben

werden, damit der demographische Wandel

auf dem Lande für die Betroffenen erträglich

gestaltet wird und sich nicht als ostdeutsche

Konjunkturbremse erweist.

Mit dem Fiskalpakt wird knallharte

Sparpolitik auf Kosten der

Mehrheit der Bevölkerung betrieben,

vorbei an den demokratischen

Strukturen der EU.

Krisenverursacher und -gewinnler

bleiben verschont. Vermögensteuer,

Finanztransaktionssteuer,

Mindestbesteuerung für

Unternehmen und angemessene

Beteiligung der Besserverdienenden

an der Finanzierung des

Gemeinwesens – alles Fehlanzeige.

Stattdessen: massive

Kürzungen von Löhnen, Sozialleistungen

und Begrenzung

öffentlicher Investitionen durch

unsinnige Verschuldungsregeln.

Deutschland ist gut durch die

Krise gekommen – mit massiven

Beiträgen der Arbeitnehmer in

Form von Kurzarbeit und Kaufkraftverlust.

Aber prekäre Beschäftigungsverhältnisse

wie

Leiharbeit, Mini-Jobs und Teilzeitarbeit

vermehren sich explosionsartig.

Viele Menschen erwerben

keine oder nur eine

geringe Absicherung über die

Sozialversicherungen. Massenhafte

Altersarmut ist durch

miserable Löhne, sinkendes

Rentenniveau und Demontage

der sozialen Sicherungssysteme

vorprogrammiert. Ein tolles

Erfolgsmodell! Die Krise der

öffentlichen Haushalte wird

nicht repariert, sondern vertieft.

Wie in Griechenland zu besichtigen.

Es wird Zeit, diesem

Treiben Einhalt zu gebieten.

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 7


AKTUELL

Fotos: DPA (2), T. Lehmann, F. Schmidt, Archiv (2), Werkfoto

KURZ NOTIERT

GRÜNDERPROJEKT

Unis ernennen

Botschafter

Mit 2,5 Millionen Euro fördert

das BMWi Firmengründungsaktivitäten

von zwei

Thüringer Universitäten.

Die Friedrich-Schiller-Universität

Jena und die Bauhausuniversität

Weimar haben

zehn Wissenschaftler zu Gründungsbotschaftern

ernannt.

Sie sollen das Thema Selbständigkeit

und Firmengründung

nachhaltig im Lehrbetrieb

ihrer Fakultäten etablieren.

Mit diesem Projekt setzten

sich die beiden kooperierenden

Thüringer Universitäten

gegen weitere 83 beim Bundeswirtschaftsministerium

eingereichte Ideen im Förderwettbewerb

»EXIST-Gründungskultur

– Die Gründerhochschule«

durch.

KOOPERATION

Starke Mitte

Deutschlands

Die Wirtschaftsinitiative für

Mitteldeutschland hat die

Deutsche Telekom AG als

neues Mitglied gewonnen.

Bei der in Leipzig ansässigen

Wirtschaftsinitiative engagieren

sich strukturbestimmende

Unternehmen sowie Kammern

und Städte aus Sachsen

und Sachsen-Anhalt für eine

nachhaltige Entwicklung und

Vermarktung der Wirtschaftsregion

Mitteldeutschland.

Neben der Deutschen Telekom

unterstützen seit Jahresbeginn

vier weitere renommierte

Unternehmen die Aktivitäten

des Vereins zur Stärkung der

Wirtschaftsregion Mitteldeutschland:

die ACTEMIUM/

Controlmatic Gesellschaft für

Automation und Elektrotechnik

mbH, die ELA Container

GmbH, die ICL Ingenieur

Consult Dr.-Ing. A. Kolbmüller

GmbH und die S&P Ingenieure

+ Architekten.

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN

ENERGIE

Wasser im freien Fall

Im Kreis Gotha in Thüringen soll vom

Jahr 2016 an ein neues riesiges Pumpspeicherwerk

zur besseren Nutzung des

Ökostroms angelegt werden.

Als Unterbecken ist die bereits existierende

Talsperre Schmalwasser bei Tambach-

Dietharz vorgesehen. Das noch zu errichtende

Oberbecken soll ein Fassungsvermögen

von fünf Millionen Kubikmetern

erreichen. Bei einer Fallhöhe von mehr als

200 Metern könnte das Kraftwerk eine

Leistung von 400 MW erbringen. An dem

Projekt wollen sich 35 Stadtwerke beteiligen.

Nach vorläufigen Berechnungen müssen

dafür 500 Millionen Euro investiert werden.

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER

Ein Holzbildhauer, der

Kinderphantasie sprühen lässt

GÜNTHER ZIEGLER, (63) WOLFGANG GROSS, (60)

Geschäftsführer der Firma

Ziegler Spielplätze im mittelsächsischen

Zeititz, gestaltet

europaweit kreative Kinderspielplätze

mit Robinienholzfiguren.

Der gelernte Informationstechniker,

einst in Halle und

Leipzig als Bauleiter zuständig

für technisch schwierige Vorhaben der Reichsbahn, zog

nach der Wende aufs Dorf und machte sein Hobby zum

Beruf. Das Holz der Robinie, krumm gewachsen, aber

resistent gegen Feuchtigkeit und lange haltbar, war für

ihn schon immer ein Material zur Selbstfindung. Heute

lässt er damit in Manufakturarbeit anspruchsvolles

Spielgerät herstellen. Mitunter hat seine Firma bis zu

50 Projekte gleichzeitig zu realisieren. Die 45 Mitarbeiter

in dem kleinen Muldentalort fertigen ausschließlich

Unikate. Mit seinen Entwürfen ist der Holzbildhauer in

der Tierwelt ebenso zu Hause wie in der großen, weiten

Welt der kindlichen Abenteuerlust. Seine Enkel nimmt

er als Testpersonen, wenn er neue Ideen mit Wissensvermittlung

verknüpfen will, wie jüngst bei der Gestaltung

literarischer Picknickkörbe. Sinngebung gilt für

Ziegler als Geschäftsgrundsatz: »Echten Spielwert

schafft man nur, wenn man Kinder genau beobachtet.«

TOURISMUS

Huckepack zu Wasser

Ein mecklenburgisches Campingunternehmen

bietet für die Saison 2012 erneut eine

originelle Form der Urlaubsgestaltung an:

Fluss- und Seefahrt im eigenen Wohnmobil.

Die Wohnmobile werden auf einem so genannten

Trimaran geparkt, einem aus drei Rümpfen

bestehenden Floß, das bis zu 4,5 Tonnen trägt.

Der Chartergast darf das 60-PS-Gefährt nach

gründlicher Einweisung selbst über die Wasserstraßen

Brandenburgs und Mecklenburgs

steuern. An der Mietbasis im Neuen Hafen des

Ziegeleiparks Mildenberg veranstaltet die

Verleihfirma Bootcamping GmbH am 31. März

einen Tag der schwimmenden Campingmobile.

Ein Abwasch-Spezialist, der

den Osten aufschäumen lässt

Chef der Fit GmbH in Hirschfelde

an der Neiße, feiert am

kommenden Karfreitag das

20. Jubiläum seiner Ankunft im

deutschen Osten, womit für

ihn eine späte, aber schließlich

glanzvolle Unternehmerkarriere

begann. Bis zu seinem

40. Lebensjahr hatte der promovierte Chemiker als

Produktentwickler bei Haushalts-Chemieriesen wie

Procter & Gambler gedient. Die deutsche Vereinigung

bot ihm die Chance, mit seinem profunden Wissen

den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen. Von der

Treuhand erwarb er den ostsächsischen Spülmittelhersteller

Fit. Die Beliebtheit des Produkts auf dem

ostdeutschen Markt schätzte er richtig ein. Für die

ersten Investitionen besorgte er sich sechs Millionen

DM Kredit. Die Farbe des Spülmittels ließ er von gelbtrüb

zu klargrün auffrischen, die vertraute Flaschenform

behielt er bei. Inzwischen ist Groß ein Großunternehmer.

In Hirschfelde hat er mehr als 90 Millionen

Euro investiert. Die Westmarken Sanders, Rei und

Sunil hat er inzwischen dazu gekauft und positioniert

sie zusammen mit Fit auch bei den großen Warenhausketten

im Westen: »Fit schäumt überall.«

8 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


AKTUELL

BESTSELLER

Wirtschaftsbuch

1. Walter Isaacson: Steve Jobs

Bertelsmann (24,99 EUR)

2. Dirk Müller: Cashkurs

Droemer (19,99 EUR)

3. M. Wehrle: Ich arbeite in einem

Irrenhaus – Econ (14,99 EUR)

4. U. Wickert: Redet Geld, schweigt

die Welt – HoCa (14,99 EUR)

5. J. Käppner: Berthold Beitz. Die Biographie

– Berlin Verlag (36,00 EUR)

6. J. Vogl: Das Gespenst des Kapitals

Berlin Verlag (19,90 EUR)

7. M. Grandt, G. Spannbauer,

I. Ulfkotte: Europa vor dem Crash

Campus (24,99 EUR)

8. J. Rifkin: Die dritte industrielle

Revolution – Campus (24,99 EUR)

9. Carmine Gallo: Überzeugen wie

Steve Jobs – Ariston (18,99 EUR)

10.S. Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus

– Eichborn (19,95 EUR)

IMPRESSUM

Wirtschaft & Markt

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin

Magazin der Interessengemeinschaft

der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin

Redaktionsanschrift:

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,

E-Mail: wumberlin@t-online.de

Internet: www.wirtschaftundmarkt.de

Herausgeber:

Klaus George

george@wirtschaftundmarkt.de

Chefredakteur:

Helfried Liebsch,

Tel.: (030) 27 89 45-0

liebsch@wirtschaftundmarkt.de

Stellvertretender Chefredakteur:

Thomas Schwandt

Tel.: (030) 27 89 45-0

schwandt@wirtschaftundmarkt.de

Redaktion:

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,

Matthias Salm, Siegfried Schröder,

Steffen Uhlmann

Tel.: (030) 27 89 45-14

Verlagsassistenz:

Sten Seliger

Tel.: (030) 27 89 45-11

Gestaltung:

Ralf Puschmann

Tel.: (030) 27 89 45-13

Titelfoto: Torsten George

Druck: Möller Druck Berlin

Autoren dieser Ausgabe:

Thomas Bencard, Peter Jacobs,

Matthias Kasper, Hannelore Koard

Vertrieb und Anzeigenverwaltung:

Tel.: (0331) 201 66-20

vertrieb@wirtschaftundmarkt.de

Verlag:

W&M Verlagsgesellschaft mbH

Parkstraße 2, 14469 Potsdam

Tel.: (0331) 201 66-20, Fax: -99

Geschäftsführender Gesellschafter:

Michael Schulze

schulze@wirtschaftundmarkt.de

ISSN 086 353 23 Erscheint monatlich.

Die Zeitschrift Wirtschaft&Markt ist das

Magazin der Interessengemeinschaft der

ostdeutschen Unternehmerverbände und

Berlin. Die Mitglieder der Verbände erhalten

die Zeitschrift im Rahmen ihrer

Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 EURO;

Jahresabonnement Inland 30,00 Euro

inkl. 7% Mwst.; Ausland 37,00 Euro inkl.

Porto. Sonderpreis für Studenten:

(Nachweis) jährlich 20,00 EURO. Das

Jahresabonnement gilt zunächst für ein

Jahr (10 Ausgaben). Danch besteht die

Möglichkeit, das Abonnement jederzeit zu

kündigen.Namentlich gekennzeichnete

Beiträge müssen nicht mit der Meinung

der Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt

eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung. Nachdruck

nur mit Genehmigung des Verlages.

PRO

& CONTRA

Mit dem Fiskalpakt

heraus aus der Eurokrise?

Opposition und Gewerkschaften kritisieren den

Brüsseler Fiskalpakt als Etikettenschwindel.

Griechenland wird statt gerettet kaputt gespart.

HERMANN OTTO SOLMS,

Vizepräsident

des Deutschen Bundestages,

Mitglied der FDP

Durch Sparen allein ist

JA

die Eurokrise nicht zu

lösen. Aber ohne Sparen wird

es auch nicht gehen. Es ist

zwar richtig, dass sich Haushaltskonsolidierung

zunächst

einmal dämpfend auf die Konjunktur

auswirkt. Trotzdem ist

sie unumgänglich. Angesichts

einer massiven Vertrauenskrise,

ausgelöst durch den

übermäßigen Anstieg der

Staatsverschuldung, steht der

Politik die Option schuldenfinanzierte

Programme schlicht

nicht mehr zur Verfügung.

Selbstverständlich brauchen

insbesondere die Krisenländer

vor allem Wachstum. Aber die

Vorstellung, man könne mit

staatlichen Geldern eine wettbewerbsfähige

Wirtschaft

aufbauen, ist von Grund auf

verfehlt. Seit dem EU-Beitritt

Griechenlands sind dorthin

Milliarden von EU-Strukturmitteln

geflossen. Eine wettbewerbsfähige

Wirtschaft

ist aber nicht entstanden. Die

Krisenländer müssen ihre

Wirtschaft von massiven Fesseln

befreien: Deregulierungen

im Arbeitsmarkt, flexible Löhne

und Preise, Öffnung von abgeschotteten

Berufszweigen und

Branchen. Dringend nötig ist

es, dass die Wettbewerbsintensität

und das Wachstum zunehmen.

Der Fiskalpakt allein

kann es nicht richten, ist aber

notwendige Voraussetzung.

SAHRA WAGENKNECHT,

Vize-Vorsitzende

der Bundestagsfraktion

Die Linke

NEIN

Die Verhandlungen

zum Fiskalpakt

erfolgten im Eiltempo und

ohne Konsultation der nationalen

Parlamente. Das ist

kein Wunder. Der Vertrag

widerspricht den Interessen

der Bevölkerung in ganz

Europa. Die Staatsschulden

sind nicht aufgrund unsolider

Haushaltsführung aus dem

Ruder gelaufen, sondern seit

den Bankenrettungen im Zuge

der weltweiten Finanzkrise

explodiert. Der Fiskalvertrag

mit seiner radikal verschärften

Neuverschuldungsgrenze führt

in allen Ländern gleichzeitig

zu einer deflationären Kürzungspolitik.

Das ist angesichts

der sich abzeichnenden

Rezession Wahnsinn. So wird

die Krise weiter verschärft,

Armut und soziale Unruhen

werden zunehmen. Griechenland

ist Warnung genug. Mit

den Kürzungen sind dort die

Schulden immer weiter gestiegen.

Hinzu kommt: Der Fiskalvertrag

verlangt, innerhalb von

20 Jahren die Staatsschulden

im Verhältnis zum BIP auf 60

Prozent zu senken. Deutschland

muss 30 Milliarden Euro

im Jahr einsparen. Eine Politik,

die auf Kosten der Allgemeinheit

die Vermögen der Superreichen

und die Interessen der

Banken schützt, zerstört das

Fundament einer demokratischen

Gesellschaft.

INVESTITIONEN

80.000 Wafer

Der Chiphersteller Globalfoundries

will seine Fertigung von Silizium-

Wafern in Dresden von 60.000 auf

80.000 pro Monat steigern und zu

diesem Zweck eine weitere Produktionsstätte

errichten. Derzeit zählt

der Standort 2.700 Beschäftigte,

nach Ende des Ausbaus sollen es

mehr als 3.000 Mitarbeiter sein.

Logistik-Rekord

Mit einem Flächenumsatz von

434.000 Quadratmetern hat der

Logistikmarkt Berlins im Jahr 2011

das Rekordergebnis von 2010 noch

einmal um sieben Prozent übertroffen.

Die Branche gehört mit

rund 180.000 Beschäftigten zu den

beschäftigungsintensivsten in der

deutschen Hauptstadtregion. Nach

Hamburg (745.000 Quadratmeter )

und Frankfurt am Main (498.000

Quadratmeter) belegt Berlin-Brandenburg

den dritten Platz unter den Top-

Logistikstandorten Deutschlands.

Schneller nach Rostock

Die Deutsche Bahn AG investiert

800 Millionen Euro für die Modernisierung

der Strecke Berlin-Rostock.

Künftig sollen dort Geschwindigkeiten

bis zu 160 km/h möglich sein.

Auch schwere Güterzüge sollen dann

dort verkehren können.

Papier von der Oder

In Eisenhüttenstadt hat die rheinlandpfälzische

Progroup AG die größte

Papierfabrik Deutschlands in Betrieb

genommen. Das Werk produziert

Wellpappe-Rohpapier für Verpackungen

und beschäftigt 175 Mitarbeiter.

Die Gesamtinvestition betrug rund

700 Millionen Euro. Bund und Land

förderten den Ausbau der Infrastruktur

mit 34 Millionen Euro.

Konzept Glasfaser

Die brandenburgische Landesregierung

hat ein Entwicklungskonzept

Glasfaser 2020 vorgestellt, das

nahezu flächendeckend die Versorgung

mit schnellem Internet verbessern

soll. Die Kosten werden

bis 2020 auf 150 Millionen Euro geschätzt,

wovon das Land 100 Millionen

Euro bereitstellt. Der Schwerpunkt

liegt auf der Schaffung einer

flächendeckenden und zukunftssicheren

Breitbanderschließung aller

Haushalte mit bis zu 50 Mbit/s.

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 9


GESPRÄCH

Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, über

meisterliche Frauen, die Energiewende und die Blockade der Gebäudesanierung

»Energieeffizienz – unser bester

Fotos: Torsten George

W&M: Herr Kentzler, in der ersten Februarhälfte

hat sich der Vermittlungsausschuss

zwischen Regierung und Bundesrat wieder

vertagt – die steuerliche Förderung der energetischen

Gebäudesanierung steht weiter auf

der Kippe. Ein Ärgernis für das Handwerk?

OTTO KENTZLER: Ein Riesenärgernis!

Nicht nur für das Handwerk, sondern für

die Wirtschaft insgesamt, und für die

Bürger. Wenn das Gesetz scheitert fehlt

ein zentraler Baustein der Energiewende.

Denn die Möglichkeit steuerlicher Abschreibungen

würde die Sanierungsquote

hochtreiben. Das spart Investitionen

an anderer Stelle. Denn: Energie, die

nicht verbraucht wird, braucht nicht

produziert zu werden.

W&M: Die Euphorie des raschen Atomausstiegs

scheint verflogen, so mancher sieht sorgenvoll

auf die Strompreise. Ist das Handwerk

Gewinner oder Verlierer der Energiewende?

OTTO KENTZLER: Eine Energiewende gibt

es nur mit dem Handwerk. Da zeigen wir,

was wir können. Was die Preise angeht,

haben Sie recht: Es kann nicht sein, dass

allein das Gewerbe und die Privatkunden

die Kosten der Energiewende zahlen, die

großen Unternehmen dagegen davonkommen.

Was die Euphorie angeht: Es

bremst immer, wenn die Politik Einzelfragen

in den Vordergrund stellt und

große Ziele aus dem Blick geraten.

W&M: Oder liegt es daran, dass in Deutschland

große infrastrukturelle Vorhaben immer

schwerer durchsetzbar sind?

OTTO KENTZLER: Es mutet seltsam an,

dass ausgerechnet die Befürworter alternativer

Energien, deren Förderung viel

Geld gekostet hat, nun die Durchleitung

des Stroms, den notwendigen Netzausbau

nicht wollen. Richtig ist indes, was

die Netzagentur und die Spitzenverbände

der Wirtschaft immer gesagt haben:

dass die Sicherstellung der Grundlast für

unseren Standort Vorrang haben muss.

W&M: Die USA haben nach Jahrzehnten wieder

den Bau von Kernkraftwerken genehmigt.

Es gibt den Vorschlag, ein paar deutsche

Atommeiler wieder ans Netz gehen zu lassen,

weil die Zeitpläne der Bundesregierung kaum

zu halten sind, die Gefahr von Blackouts

wächst. Eine Lösung?

OTTO KENTZLER: Dergleichen ist politisch

kaum durchsetzbar, aber an grundlastfähigen

Kraftwerken führt tatsächlich

kein Weg vorbei. Wir zapfen ja in

diesem Winter Österreich an, das extra

alte Ölkraftwerke wieder hochfährt.

Tschechien und Polen setzen auf Atomkraft.

Wir dürfen meines Erachtens nicht

hierzulande Kernkraftwerke abschalten,

danach aber Atomstrom importieren.

Wenn anderswo etwas passiert, dann

bleiben wir doch auch nicht unbeschädigt.

Vor allem aber brauchen wir leistungsfähige

Netze, die den Strom von

Nord nach Süd bringen und verteilen.

W&M: Wo anfangen?

OTTO KENTZLER: Am schnellsten geht es

bei der Energieeffizienz. Das ist unser

bester Rohstoff. Im Gebäudebereich liegt

der Schlüssel dazu. Auf diesen Bereich

entfallen 40 Prozent des Verbrauchs und

ein Drittel der schädlichen CO 2 -Emissio-

nen. Verbrauch und damit Kosten lassen

sich halbieren. Je mehr Energie ich einspare,

desto weniger zusätzliche Produktionskapazitäten

brauche ich.

W&M: Sie haben sich in Sachen energetische

Gebäudesanierung engagiert und vor allem

die Position der neuen Länder im Bundesrat

ungewöhnlich scharf kritisiert. Warum?

OTTO KENTZLER: Mir fehlt jedes Verständnis

dafür, dass gerade die neuen

Länder strikt gegen dieses Gesetz sind.

Vielleicht meinen sie, dass schon alles saniert

sei. Aber das ist falsch. Mit der steuerlichen

Förderung sollen die erreicht

werden, die für die Sanierung keine Kredite

aufnehmen wollen, die Besitzer von

Ein- und Zwei-Familienhäusern. Die

steuerliche Absetzbarkeit – das wissen

wir doch – hat eine enorme Zugkraft.

W&M: Sie sehen gewisse Parallelen?

OTTO KENTZLER: Bürger, denen ich ein

Angebot zur Gebäudesanierung unterbreite,

sagen: Warum sollte ich 10.000

Euro für die Sanierung ausgeben, da bezahle

ich lieber 150 Euro mehr für Strom

oder Gas. Das Interesse an Investitionen

zur Energieeffizienz lässt sich dann nur

über steuerliche Anreize wecken. Im

Übrigen: Auf die 16 Bundesländer entfielen

im ersten Jahr zusammen 57 Millionen

Euro Steuermindereinnahmen.

Daran darf das doch nicht scheitern – zumal

über die Investitionen ein Vielfaches

in die öffentlichen Kassen zurückfließt.

Das wäre faktisch ein Konjunkturpaket

III für Wachstum in Deutschland.

W&M: Ein Konjunkturpaket III? Oder vielmehr

ein Konjunkturprogramm für die alten

Bundesländer?

OTTO KENTZLER: Das ist doch kurzsichtig.

Von Investitionen in Energieeffizienz

profitieren doch auch Hersteller etwa

von Heizungen oder Fenstern in den

neuen Bundesländern. Dazu kommt:

Sehr viele Betriebe aus dem Osten übernehmen

doch jetzt schon im Westen Aufträge

– sie werden auch bei Projekten zur

energetischen Gebäudesanierung dabei

sein. Stellen Sie sich doch mal an einem

Montagmorgen an die B 1 in Dortmund

und sehen sich die Nummernschilder an.

Da wissen Sie, woher die Handwerker

kommen. Die Sanierung ist ein Jobmotor

für ganz Deutschland!

W&M: Motor der zwei Geschwindigkeiten?

OTTO KENTZLER: 20 Jahre brummte die

Sanierung im Osten – kann sein, dass der

Sanierungsbedarf West jetzt höher ist.

Tatsache ist, dass rund drei Viertel aller

Wohngebäude in Deutschland vor 1978

gebaut wurden, also vor der ersten

Wärmeschutzverordnung.

W&M: Fürchten Sie nicht, dass ohne Kredite,

ohne frisches Geld die Gebäudesanierung auf

die lange Bank geschoben wird? Schon ist die

Rede davon, dass die KfW diese entsprechend

ihrer Förderkredite herunterfährt.

OTTO KENTZLER: Der große Mitteleinsatz

der KfW für die energetische Sanierung

hat vor allem die großen Wohnungsbaugesellschaften

erreicht und so vielen

Mietern niedrigere Energiekosten gebracht.

Mir geht es jetzt um die steuerliche

Förderung von Investitionen von

Haus- und Wohnungsbesitzern. Ohne

Mobilisierung von privatem Kapital wird

10 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


Rohstoff«

es keine erfolgreiche Energiewende geben.

Die drohende Kürzung der Mittel

für die Zinsverbilligung bei KfW-Krediten

und für Zuschüsse zu Einzelmaßnahmen

wäre aber ebenso katastrophal

in der Wirkung.

W&M: Warum stagnieren denn die Zahlen

bei den energetischen Sanierungen oder sind

sogar rückläufig?

OTTO KENTZLER: Die Menschen sind verunsichert.

Wer investiert denn Hunderttausende

in moderne Heizungsanlagen,

in Dämmung, neue Fenster oder Nachbarschafts-Kraftwerke,

wenn es keine verlässlichen

Rahmenbedingungen gibt?

W&M: In den neuen Ländern ist der Strom

ohnehin teurer als in den alten. Wenn jetzt

noch, Stichwort Offshore-Windanlagen, die

Netzausbaukosten auf die Preise umgelegt

werden, dann läuft das auf eine Wettbewerbsverzerrung

hinaus. Warum sollte sich ein Investor

dort ansiedeln, wo er für Energiekosten

am meisten zu zahlen hat?

OTTO KENTZLER: Wer A sagt wie Offshore,

der muss auch B sagen wie Stromtransport.

Da sollte man sich mit der

Netzagentur und der Bundesregierung

einigen. Möglichst vorher. Auch wir setzen

uns ja dafür ein, dass die Strombegünstigung

nicht erst bei einem Gigawatt

beginnt, sondern schon bei 0,1 Gigawatt.

Es kann nicht alles von den kleinen

und mittleren Unternehmen (KMU) und

den Verbrauchern finanziert werden.

W&M: Alle reden von der Krise – das deutsche

»Eine Energiewende

gibt es nur mit dem

HANDWERK.

Da zeigen wir,

was wir können.«

Handwerk hat aber im vergangenen Jahr um

fünf Prozent zugelegt. Was macht das Handwerk

so krisenresistent?

OTTO KENTZLER: Vor allem die Betriebsgröße

und die Fähigkeit, flexibel auf die

Marktnachfrage reagieren zu können. Im

Handwerk wurde frühzeitig erkannt,

dass die Nähe zum Kunden das eigentliche

Pfund ist. Jeder Meisterbetrieb hat

ein Gesicht. Unsere neue Kampagne verspricht

nicht von ungefähr: »Ich bin

Handwerker. Ich kann das.« Wir sind erfolgreich

dabei, die Vorzüge der KMU in

den Vordergrund zu bringen.

W&M: Der Mittelstand als Markenzeichen

der Stabilität?

OTTO KENTZLER: Das ist in der Politik angekommen,

bis hin zur Europäischen

Union. Der damalige EU-Kommissar Günter

Verheugen hat den »Small Business

Act« eingeführt. Er hatte verstanden, welche

Bedeutung die kleinen und mittleren

Betriebe für Ausbildung, für Wachstum

und für Innovation haben. Diese Politik,

die KMU Vorrang einräumt, beginnt

sich langsam zu etablieren, gerade auf

EU-Ebene. Wir hoffen, dass das auch die

Basel-III-Regelungen beeinflusst.

W&M: Für dieses Jahr sagen Sie ein Plus von

1,5 Prozent voraus. Das ist doppelt so viel, wie

die Bundesregierung für die Wirtschaft prophezeit.

Worauf stützt sich Ihr Optimismus?

OTTO KENTZLER: Der Binnenmarkt zeigt

keine Schwäche und wir sind mit gut gefüllten

Auftragsbüchern in das neue Jahr

gekommen. Das war nicht immer so. Als

der vereinigungsbedingte Boom abklang,

haben wir viele Mitarbeiter verloren. Das

holen wir jetzt auf – in moderaten Schritten.

Im vergangenen Jahr sind 25.000

Mitarbeiter hinzugekommen. 2012 sind

1,5 bis zwei Prozent nominaler Umsatzzuwachs

kein Wolkenkuckucksheim,

und die Beschäftigung wollen wir mindestens

halten. Wir profitieren vom

Trend zu nachhaltigen Werten. Was

Wunder: Die Beschäftigtenquote war

noch nie so hoch und unsere Kunden verdienen

wieder ordentlich.

W&M: Dann könnte man von der Bremse gehen

und in den Handwerksbetrieben mehr

zahlen. Sie aber haben sich für eher moderate

Tarifabschlüsse ausgesprochen. Warum?

OTTO KENTZLER: Dass in den Handwerksbetrieben

vergleichsweise schlecht bezahlt

wird, ist eine Mär. Und ich gönne

jedem und jeder Beschäftigten mehr

Geld im Portemonnaie. Aber Spielräume

für Lohnsteigerungen müssen erst ein-

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 11


OTTO KENTZLER, ZDH-Sprecher Alexander Legowski und W&M-Reakteur Helfried Liebsch.

mal am Markt erwirtschaftet werden.

Immerhin haben Erleichterungen bei

der Einkommensteuer 2011 mehr Netto

vom Brutto gebracht.

W&M: Spürbar mehr?

OTTO KENTZLER: Es könnte spürbar

mehr sein, wenn endlich die kalte Progression

abgebaut würde. Inflation und

kalte Progression ziehen gerade Kleinund

Mittelverdienern einen Großteil der

Tariferhöhungen aus dem Geldbeutel.

Da muss umgesteuert werden. Das betrifft

das ganze Handwerk, denn in kleinen

Betrieben sind die Einkommensunterschiede

nicht so groß.

W&M: Wenn das Handwerk Fahrt aufgenommen

hat – welche Klippen sehen Sie, die zu

umschiffen sind?

OTTO KENTZLER: Die größte Herausforderung

ist die demografische Entwicklung

und die so erschwerte Fachkräftesicherung.

Gerade die neuen Länder sind

– aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge

– von der Entwicklung hart getroffen.

W&M: Wie wappnet sich das Handwerk?

OTTO KENTZLER: Die Betriebe sind sehr

aktiv. Die Qualifizierung älterer Mitarbeiter

wird intensiviert. Wir setzen uns

für flächendeckende Tarifverträge ein,

die ehrlichen Wettbewerb sichern. Wir

betreiben engagiert Nachwuchswerbung.

Und verbessern die Arbeitsbedingungen

für Frauen.

W&M: Wird künftig, wenn von der Meisterin

die Rede ist, nicht mehr die Frau des Meisters,

sondern die Chefin des Betriebs gemeint sein?

OTTO KENTZLER: Das ist heute schon

zunehmend der Fall – der Anteil der

Mädchen und Frauen in der Ausbildung

liegt bei rund 28 Prozent. Ein Fünftel der

erfolgreichen Meisterprüfungen absolvieren

Frauen, bei den Existenzgründungen

liegt ihr Anteil bei 25 Prozent. Tendenz

steigend. Das Handwerk bekommt

auch ein weibliches Gesicht.

W&M: Worauf vor allem führen Sie diesen

Wandeln zurück ?

OTTO KENTZLER: Auf die zunehmende

Attraktivität des Handwerks und die Karrierechancen,

die sich auch für Frauen

auftun. Nirgendwo ist der qualifizierte

Weg in die Selbstständigkeit kürzer. Als

Meisterin sind sie ja darauf vorbereitet.

In kleinen Betrieben lassen sich auch

Familie und Karriere flexibel verbinden.

Das sind Pluspunkte. Selbst in gewerblich-technischen

Berufen setzen sich

immer mehr junge Frauen durch.

W&M: Ein Selbstläufer?

OTTO KENTZLER: Wir wollen viel dafür

tun, dass sich die Entwicklung fortsetzt.

ZUR

PERSON

Der Sichtburgherr

Der ZDH arbeitet in der Mohrenstraße

am Berliner Gendarmenmarkt – in dem

einzigen Gebäude, das die Nachbarhäuser

überragt. Otto Kentzler, ZDH-Präsident

seit 2005, hat von der Dachterrasse

des Hauses das Bundeskanzleramt

im Blick. Auch im übertragenen Sinne.

Dem Dortmunder ist es gelungen, dem

Interessenverband in Parlament und Regierung

stärker Geltung zu verschaffen.

Kanzlerin Angela Merkel hat das im vergangenen

November auf dem Empfang

zum 70. Geburtstag Kentzlers bestätigt.

Eine Lanze brach sie der Bodenständigkeit

des Handwerks – Unternehmen,

»die zu Hause auch wirklich zu Hause

sind ..., die jungen Menschen eine Zukunft

geben«. An den Jubilar gewandt,

versprach sie: »Deshalb werden wir auch

in Zukunft Ihren Rat schätzen und Ihre

Hinweise annehmen.« Kentzler, verheiratet,

zwei Kinder, Geschäftsführer einer

Firma für Klempnerei und Überdachungen,

verkörpert Bodenständigkeit – und

Weitsicht. Es versteht sich, dass sein

Sohn Heiko in die Fußstapfen des Vaters

getreten ist, in fünfter Generation.

»Sonst könnte ich den Job hier gar nicht

machen«, sagt Otto Kentzler – in der

»Sichtburg des Handwerks«, wie er das

Gebäude in Berlin scherzhaft nennt.

Im Westen hapert es beispielsweise an

der Kinderbetreuung. Da sind vor allem

größere Betriebe gefordert, gemeinsam

mit den Kommunen die Weichen richtig

zu stellen. Wir brauchen Nachwuchs aus

allen Gruppen. Vom Hauptschüler bis

zum Abiturienten. Und gerade junge

Leute mit Migrationshintergrund. Wir

beschäftigen mehr Ausbildungsberater

mit ausländischen Wurzeln und treiben

so die Integration voran. Das ist entscheidend:

80 Prozent der jungen Leute mit

türkischen Wurzeln, die eine Meisterprüfung

geschafft haben, wollen sich

selbstständig machen. Bei den Deutschen

waren es nur 20 Prozent.

W&M: Sie hatten sich vor einiger Zeit in einem

Interview mit der Überschrift »Polen holen«

für Zuwanderung eingesetzt. Was ist aus

Ihrem Appell geworden?

OTTO KENTZLER: Er bleibt aktuell, denn

die erhoffte Zuwanderung ist ausgeblieben.

Die Zeit arbeitet für diesen Appell.

Gerade in den ostdeutschen Grenzregionen

tut sich schon etwas. Erste junge

Polen und Tschechen lernen in unseren

Betrieben, der Lehrlingsaustausch wird

allerorts intensiviert.

W&M: Kommen wir noch einmal auf den Anfang

zurück. Wenn Sie in der Energieeinsparung,

in der Energieeffizienz die Schnellstraße

zu Energiewende sehen …

OTTO KENTZLER: Das betrifft nicht nur

die Gebäudesanierung, sondern beispielsweise

auch die Photovoltaik. Das

Gewicht wird künftig nicht auf Solarparks

liegen, sondern der Eigenverbrauch

rückt in den Mittelpunkt. Sonnendächer

für Supermärkte und Gewerbebauten

etwa – mit dem Strom kann

am Tage der Raum mit LED-Lampen beleuchtet

werden, nachts reicht Batteriestrom

für die Notbeleuchtung aus.

W&M: … dann wollte ich fragen, wie das

Handwerk auf neue Technologien, auf Smart

Grids etwa, vorbereitet ist.

OTTO KENTZLER: Sehr gut. Das beginnt

bereits bei der Ausbildung. Ob neue

Energien und innovative Speicher oder

Netzmanagement und Elektromobilität

– das ist nicht nur Sache der Industrie,

sondern auch des Handwerks. Die Berufsbilder

haben sich verändert, es gibt Weiterbildung

und neue Anforderungen in

der Gesellenprüfung. Da sind wir nah

dran. Beim Neujahrsempfang der Handwerkskammer

Halle habe ich den Chef

einer Firma kennengelernt, der eine Reihe

von Patenten besitzt über die intelligente

Verteilung von selbsterzeugtem

Strom. Das Motto der diesjährigen Internationalen

Handwerksmesse München

heißt nicht von ungefähr: »Handwerk –

Offizieller Ausrüster der Energiewende.«

W&M: Vielen Dank für das Gespräch. &

12 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


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SPECIAL

Fotos: H. Lachmann, Solarion AG

Solarion AG

Sonnenlicht auf der Rolle

Die Leipziger Solarion AG trotzt der Krise in der Photovoltaik-Branche. Mit neuartigen Dünnschicht-

Modulen. Das rief einen Großkonzern aus Taiwan auf den Plan. Dieser investierte in das ostdeutsche

Unternehmen. Seit Jahresbeginn produziert Solarion in einem neuen Werk in Zwenkau bei Leipzig.

Lange experimentierte man mehr

oder minder im Verborgenen, galt vor

allem in der internationalen Fachwelt

als Geheimtipp. Doch nun holt die

Sonne das Können der Leipziger Überflieger

quasi mit Macht ans Licht. Denn seit

Jahresbeginn arbeitet die Solarion AG in

einem neuen größeren Werk. Rund 40

Millionen Euro investierte das Hochtechnologieunternehmen

in den Neubau auf

einem drei Hektar großen Grundstück in

einem neuen Gewerbepark in Zwenkau,

einem Städtchen südlich der Messestadt.

Nach den Schwierigkeiten in den letzten

Jahren in der Branche hierzulande

zählt Solarion zu den Hoffnungsträgern.

Was realistisch abzuschätzen aber wohl

nur Insider aus der Photovoltaik können.

Allein die Technologie, auf der der bisherige

Erfolg und damit der Optimismus

rund um Solarion fußt, klingt höchst

kompliziert: Die Sachsen fertigen Dünnschichtsolarmodule

auf der Basis des

Halbleiters CIGS. Die vier Buchstaben stehen

für die chemischen Elemente Kupfer,

Indium, Gallium und Selen, weshalb

sich alles zusammen Kupfer-Indium-Gallium-Diselenid

nennt.

Wie Dr. Alexander Braun, der junge

Technische Vorstand (CTO) von Solarion,

erläutert, entstehen diese hochlichtempfänglichen

Module aus Abscheidungen

eines Absorbers, der den Halbleiter mit

Hilfe von Ionenstrahlen auf ein hauchdünnes

Trägermaterial dampft. Das

geschehe in einem effizienten Rolle-zu-

Rolle-Prozess. »Wir nutzen hierfür eine

selbst entwickelte und mittlerweile

patentierte Beschichtungstechnologie«,

berichtet Braun nicht ohne Stolz. Immerhin

sei ihre erste Pilotlinie zur Herstellung

flexibler und ultraleichter CIGS-

Dünnschichtsolarzellen auf einem Polymersubstrat,

die man bereits 2002 in

Betrieb nahm, zugleich die erste ihrer

Art in Europa gewesen.

DÜNNER ALS EIN BLATT PAPIER

Die Vorteile dieses Verfahrens sehen Experten

in der niedrigeren Beschichtungstemperatur,

so dass damit auch die

Beschichtung von Kunststoff-Folien möglich

ist, außerdem in einem höheren

Solarzellenwirkungsgrad, einer gesteigerten

Prozessgeschwindigkeit sowie

recht geringen Energie- und Materialkosten.

Der durchschnittliche Wirkungsgrad

ihrer CIGS-Solarzellen auf Kunststoffsubstraten

betrage mittlerweile 14

Prozent, womit die spezifische Leistung

1.500 Watt pro Kilogramm erreiche, so

der promovierte Physiker. Dennoch entdeckt

Braun für die Zukunft noch ein

sehr großes Potenzial, um die Effizienz

ihrer Zellen weiter zu steigern.

Doch schon jetzt ließen sich ihre

Module wesentlich kostengünstiger als

andere Module herstellen, was sie am

derzeit schwierigen Solarmarkt deutlich

besser positioniere. Zugleich seien sie

leichter und vor allem – unzerbrechlich.

»Beweglich, dünn und leicht«, bringt es

Braun auf einen griffigen Nenner. Denn

die 800 mal 1.320 Millimeter großen

Kunststoffmodule, die bald in Zwenkau

in die Serienproduktion gehen sollen,

sind nicht nur dünner als ein Blatt Papier,

sie passten sich praktisch jedem,

auch einem unebenen Untergrund »perfekt

an«, versichert der Manager.

Ihr geringes Gewicht sowie jene Flexibilität

und Unzerbrechlichkeit empfiehlt

sie damit vor allem für den Einsatz auf

großen Flachdächern. »Durch den direkten

Verbund mit der Dachhaut lässt sich

die Installation deutlich vereinfachen,

was einen handfesten Systemkostenvorteil

bedeutet«, fügt Solarion-Vorstandschef

Dr. Karsten Otte hinzu. Weitere

Einsatzgebiete sieht er in der Luft- und

Raumfahrt, der Unterhaltungselektronik,

der Textilbranche sowie in der Automobilindustrie.

14 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


SPECIAL

Otte und Braun kennen sich seit

ihrem Physikstudium an der Leipziger

Universität. Anschließend verschlug es

beide für einige Semester in die USA –

den einen an die California State University,

den anderen an die Oregon State

University. Ihr Spezialgebiet war die

Oberflächenphysik, so dass sie sich

schließlich 1996 am Leibniz-Institut für

Oberflächenmodifizierung in Leipzig

wiedertrafen. Das ist international führend

in der lonenstrahltechnologie. Otte

arbeitete hier als Projektleiter, Braun als

wissenschaftlicher Assistent.

Als sie dann anno 2000 gemeinsam Solarion

aus der Taufe hoben – zunächst in

Leipzig-Holzhausen, quasi als Art Untermieter

beim Fraunhofer-Institut für

Zelltherapie und Immunologie –, war es

im Grunde eine klassische Ausgründung

aus dem Leibniz-Institut für Oberflächenmodifizierung.

Anfangs beteiligten

sich daran auch zwei starke regionale

Investoren, die von der Zukunftsträchtigkeit

der Technologie überzeugt waren.

So baute man 2003 die Rolle-zu-Rolle-

Pilotanlage auf, optimierte fortlaufend

den Fertigungsprozess, übertrug die Laborergebnisse

auf die industrielle Anlage,

startete die Produktion in Kleinserie.

Als der nächste Schritt heranrückte

und man wieder frisches Geld brauchte,

änderten Otte und Braun die Rechtsform

von Solarion in eine Aktiengesellschaft.

Damit interessierte man nun auch ein

europäisches Investorenkonsortium. So

war es möglich, 2008 mit dem Abschluss

der Pilotphase und einer Risikoanalyse

den Übergang in die Massenproduktion

einzuleiten. Mittlerweile verfügte man

über eine »voll laufende Rolle-zu-Rolle-Pilotlinie

mit der dritten Generation der

INNOVATION: Hauchdünne und flexible

Solarmodule aus Sachsen.

VIELE UNTERSTÜTZER: Stelldichein von

Politik und Investoren bei Solarion

Beschichtungstechnik«, erinnern sich

die beiden Unternehmer. Gleichzeitig

wuchs die Belegschaft auf nunmehr 40

Mitarbeiter.

Nach dem erfolgreichen Aufbau der

Modullinie im Jahre 2009 drängten Otte

und Braun nun auch verstärkt an die

Öffentlichkeit. Auf der Intersolar in München

stellten sie 2010 teiltransparente

Module vor – und erregten damit erwartungsgemäß

viel Aufsehen. Bald schon

fand sich ein Branchenschwergewicht,

um bei den Sachsen einzusteigen: die

Walsin Lihwa Corp. aus Taiwan. Deren

hundertprozentige Tochtergesellschaft

Ally Energy erwarb im letzten Oktober

49 Prozent an der Solarion AG, was dem

asiatischen Großkonzern immerhin 40

Millionen Euro Wert war.

Der Einstieg in die Serienfertigung im

neuen Werk in Zwenkau war damit endgültig

gesichert, nachdem auch der Freistaat

Sachsen eine Förderung von gut 20

Millionen Euro zugesagt hatte. Die neue

Fabrik hat eine Jahreskapazität von 20

Megawatt zur Herstellung von Solarzellen

und -modulen und beschäftigt nun

künftig 140 Mitarbeiter. Überdies kam

unlängst mit Dr. Ottmar Koeder ein Vorstand

für Produktion, Einkauf und Engineering

(COO) in das Unternehmen.

Koeder hatte in München auf dem Gebiet

der Elektrotechnik promoviert und danach

in verschiedenen Führungspositionen

bei Siemens und Infineon gearbeitet.

Zuletzt war er Vorstandsvorsitzender

der CSG Solar AG in Bitterfeld-Wolfen.

Die 1966 gegründete Walsin Lihwa

Corp., die eigentlich aus dem Kabel- und

Edelstahl-Sektor stammt, engagiert sich

als Cleantech-Unternehmen seit Jahren

zunehmend im Bereich der erneuerbaren

Energien. So passte Solarion hervorragend

in das Portfolio. Mithin wollen

Sachsen und Chinesen nun gemeinsam

auch technologisch die Dünnschichttechnologie

weiter vorantreiben. »Solarion

strebt nach der weltweiten Technologieführerschaft

bei der industriellen

Produktion von CIGS-Dünnschichtsolarzellen

auf flexiblen Trägermaterialien«,

versichert Otte. Damit, hoffen er und das

Solarion-Team, sich einen »bedeutenden

Marktanteil« erschließen zu können.

OTTE UND BRAUN: Im hart umkämpften

Solarmarkt weltweit erfolgreich.

Zugleich wissen sie, dass die Konkurrenz

nicht schläft, besonders im asiatischen

Raum. Auch deshalb riss die wissenschaftliche

Kooperation zum Leibniz-

Institut für Oberflächenmodifizierung

wie zur Universität Leipzig nie ab.

Doch auch mit weiteren namhaften

Forschungseinrichtungen arbeitet man

zusammen, etwa den Fraunhofer-Instituten

in Halle, Freiburg und Dresden,

dem Helmholtz-Zentrum in Berlin, der

TU Dresden sowie dem Zentrum für Sonnenenergie-

und Wasserstoffforschung

in Stuttgart.

Die Markteinführung der flexiblen

Standardmodule auf Kunstoffträgern

mit IEC-Zertifikat soll nun im nächsten

Jahr erfolgen. Vorerst wird in Zwenkau

eine neue Generation von Glasmodulen

mit CIGS-Solarzellen in zwei verschiedenen

Ausführungen produziert: zum einen

starre Glas-Glas-Module, die sich für

Freiflächenanlagen und Aufdachmontagen

eignen. Zum anderen eine halbtransparente

Variante, bei der ein Lochmuster

– zum Beispiel auf Glasdächern – Lichtdurchlässigkeit

bei nur minimal reduziertem

Wirkungsgrad garantiert. Bereits

mit diesem Produkt ist Solarion

weitgehend konkurrenzlos.

Harald Lachmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 15


SPECIAL

Am ersten Mittwochmorgen im Oktober

2005 ist Charles Anton Milner

früh aufgestanden und dann mit

seinen Vorstandskollegen zur Frankfurter

Börse gefahren. Zuvor hatte er noch

einen Zettel an sie weitergereicht, darauf

stand eine 50. Als nach der ersten Handelsminute

eine 49 für Q-Cells auf dem

elektronischen Kurs-Board auftauchte,

wäre Milner am liebsten an die Decke gesprungen.

Dabei hatte der Mann, dem

man nachsagt, er besitze eine »Witterung

für Chancen«, die Wette mit seinen

Kollegen knapp verloren. Statt mit dem

von ihm vorausgesagten Aktienkurs von

50 Euro feierte der Solarzellenhersteller

aus Thalheim (Sachsen-Anhalt) »nur« mit

49 Euro seinen Börseneinstand. Freilich

lag damit die Aktie, deren Emission

mindestens 40-fach überzeichnet war,

immer noch elf Euro über dem Emissionspreis

von 38 Euro. Monate später

war sie dann schon auf knapp 90 Euro

angestiegen und Milners Unternehmen

damit Milliarden Euro wert.

Sechs Jahre später kommen von dem

Wunderkind, das im Raum Bitterfeld

(Sachsen-Anhalt) das ostdeutsche Solar

Valley begründet hat, ganz andere Nachrichten:

Vorstandschef Milner ist weg

und dem einst weltweit führenden Solarzellenhersteller

ist das Geld ausgegangen.

Monatelang schien das Unternehmen

um ein Insolvenzverfahren nicht

herumzukommen – mit allen Folgen für

Belegschaft und Aktionäre. Erst als es

dem jetzigen Vorstandschef Nedim Cen

gelang, die Gläubiger von einer Übernahme

des angeschlagenen Unternehmens

zu überzeugen, keimte Hoffnung.

Q-Cells, dessen Börsenwert statt Milliarden

nur noch 70 Millionen Euro ausmacht,

gelange laut Cen nun als fast

schuldenfreies Unternehmen in die

»einzigartige Position, um in einem anspruchsvollen

Solarmarkt als technologisch

führender Premiumanbieter wettbewerbsfähig

zu sein«.

Fotos: DPA, Archiv

Solarindustrie

Schatten im Paradies

Lange fühlte sich die deutsche Solarbranche wie im Paradies.

Doch asiatische Großkonkurrenz macht den hiesigen Vorzeigefirmen

mit leistungsfähigen Billigangeboten das Leben sauer.

Q-Cells, Solon, Conergy und Co sind in Not geraten. Derweil

streitet die Politik, wie es mit der Solarförderung weitergehen soll.

HÖHENLUFT GESCHNUPPERT

Auf diesen Wiedergewinn von Wettbewerbsfähigkeit

hoffen auch andere

Schwergewichte einer Branche, die dank

hoher Subventionen gerade in Ostdeutschland

ihre Heimat gefunden hat.

Eine ganze Dekade lang ging es für die

Firmen nur steil bergauf. Und nicht nur

Q-Cells stieß in die Weltspitze vor. Auch

der Berliner Modulhersteller Solon, Börsenpionier

der Branche, oder Solarworld,

das in Freiberg (Sachsen) inzwischen drei

Produktionsstandorte unterhält, schnupperten

schwindelerregende Höhenluft.

Angetrieben wurde ihr Aufstieg vor allem

durch üppige Förderung, der sogenannten

Einspeisevergütung, die jeder

über 20 Jahre garantiert erhält, der

Strom aus Solaranlagen ins Netz einspeist.

Das Geld stammt freilich nicht

vom Staat, sondern von der Gemeinschaft

aller Stromkunden, die mit ihrer

Stromrechnung die sogenannte EEG-Umlage

finanzieren. Im vergangenen Jahr

waren das 3,5 Cent pro Kilowattstunde.

Damit flossen allein 2011 fast 14 Milliarden

Euro an Ökostromproduzenten – die

Hälfte davon für Solarstrom.

Indes, den Zellen- und Modulherstellern

hat das nicht geholfen, sich gegen

die asiatische Übermacht erfolgreich zur

Wehr zu setzen. Vor allem die chinesische

Konkurrenz hat die deutschen Anbieter

unsanft aus ihrem »Schlaf hoch

über den Wolken« geweckt. Schlimmer

noch, nun droht gar der jähe Absturz der

subventionsgetriebenen Himmelsstürmer.

Die Berliner Solon AG, die allein in

der Hauptstadt 500 Arbeitsplätze unterhält,

musste schon Insolvenz anmelden

und hofft nun, dass das indisch-arabische

Solarunternehmen Microsol seine

Übernahmepläne in die Tat umsetzt.

Bereits übernommen wurde der

Chemnitzer Solarmaschinenbauer Roth

& Rau vom Schweizer Technologiekonzern

Meyer Burger, der damit den einstigen

Börsengänger und Vorzeigebetrieb

vor dem Aus bewahrte. Berauscht von Erfolgen

hatten die Gründer nach Meinung

von Experten erhebliche Managementfehler

begangen. Roth und Rau hätten,

hieß es, zu viel und alles zu schnell gewollt

mithin seien sie auf dem Weg

zum Komplettanbieter von Anlagen gescheitert.

Nun ist Sanierung angesagt,

was voraussichtlich 200 der 1.350 Mitarbeiter

den Job kosten dürfte. Auch der

16 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


SPECIAL

Bosch-Konzern hat sich mit der Übernahme

der Erfurter Ersol AG und des Modulherstellers

Aleosolar, der in Prenzlau

(Uckermark) ein hochleistungsfähiges

Werk unterhält, nicht nur ein Stück solare

Zukunft gekauft, sondern auch erhebliche

finanzielle Belastungen ins Haus

geholt. Der Solarzweig dürfte das Boschergebnis

2011 mit einer halben Milliarde

Euro belastet haben – und eine wirkliche

Tendenzwende ist nicht in Sicht.

schäftigt, soll schon im Januar keine Löhne

mehr gezahlt haben. First Solar wiederum

lässt seit März seine 1.200 Mitarbeiter

in den beiden Frankfurter Betrieben

kurzarbeiten. Und Conergy hatte

bereits im Sommer 2011 mitgeteilt, dass

die Wafer- und Zellfertigung in Frankfurt

Oder »vorläufig« eingestellt wird.

Die Potsdamer Landesregierung, die

allein in den Ausbau dieser drei Frankfurter

Firmen in den letzten zehn Jahren

knapp 56 Millionen Euro Steuergelder

gepumpt hat, bangt nun um ihre »Solarhauptstadt«

Frankfurt (Oder). Deren Untergang

wäre für das ostdeutsche Land

dramatisch. Schließlich sind inzwischen

in Brandenburg in der Solarindustrie

mindestens 4.500 Leute beschäftigt. Und

Solar galt im Braunkohleland Brandenburg

bislang als zukunftsfähigere Branche

als der Bergbau in der Lausitz – genauso

wie Solar Valley, das Herzstück der

mitteldeutschen Solarindustrie.

Auf den ersten Blick hat Ostdeutschland

die ökologische Wende bei der

Energieerzeugung vollzogen. Rauchende

Schlote sind verschwunden, das einzige

ostdeutsche Groß-Kernkraftwerk ist so

gut wie abgebaut, dafür drehen sich nun

zwischen Kap Arkona und dem Fichtelgebirge

bald über 10.000 Windräder. Die

weltweit größten Solarparks haben sich

auf Industriebrachen und auf Militärgelände

angesiedelt. Allein in 17 von 20

Braunkohletagebauen wurden die Arbeiten

eingestellt. Und damit verloren über

50.000 Bergleute ihren Arbeitsplatz.

Umso wichtiger waren die neuen Stellen,

die mittels der Gigawatt-Transferunion

im Osten geschaffen wurden. Die ostdeutsche

Solarindustrie beschäftigt direkt

und indirekt derzeit schon mehr als

15.000 Leute.

WOLKEN ÜBER DER »SOLARSTADT«

Dunkle Wolken schließlich auch über

der »Solarstadt« Frankfurt (Oder). Nach

dem schon lange Zeit schwer in Bedrängnis

geratenen Hamburger Conergy-Konzern,

der in der Oderstadt die Industrieruine

»Chipfabrik« zumindest zeitweilig

zu neuem, sprich solaren Leben erweckte,

sind nun auch der amerikanische Solarriese

First Solar und der Modulhersteller

Odersun in argen Nöten. Die AG, die

2002 gegründet wurde und sich wie First

Solar auf Dünnschichtmodule spezialisiert

hat, ist über den Status eines Markteinsteigers

nie hinausgekommen. Das

Management sucht nun nach einem Investor.

Die Sache scheint dringend, Odersun,

das in Frankfurt 260 Mitarbeiter be-

RASANTER PREISVERFALL

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die

Solarunternehmen – und das gilt für Ost

wie West – ohne staatliche Ansiedlungshilfen

und EEG-Subventionen bisher

nicht lebensfähig sind. Und nicht einmal

das, so scheint’s, reicht jetzt aus, sie auch

weiterhin am Leben zu erhalten. Die Firmen

werden gleich von mehreren Seiten

in die Zange genommen. Überkapazitäten

und ein rasanter Preisverfall machen

der Branche das Leben sauer. Für deutsche

Anbieter wichtige Auslandsmärkte

brechen weg, weil etwa Spaniens klamme

Regierung, wie schon zuvor Italien,

die Solarförderung radikal gekürzt hat.

Finanzugang

der; ‹mittelständisch›: Möglichkeit der Finanzierung

mit einem verlässlichen Partner; für den flexiblen und

innovativen Mittelstand, auch in unsicheren Zeiten.

Deutsche Bank

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Unternehmen – vom Frei berufler über das Familienunternehmen

bis hin zur Aktiengesellschaft.

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 17


SPECIAL

SOLARINDUSTRIE OST: Wiedergewinnung von Technologieführerschaft ist geboten.

Auch auf dem Heimatmarkt tun sich die

deutschen Anbieter immer schwerer.

Mehr und mehr chinesische Unternehmen

drängen nach Europa und damit

auch auf den deutschen Markt. Konzerne

wie Yingli oder Suntech haben daheim

riesige Fertigungskapazitäten aufgebaut

und zugleich draußen erste Konkurrenten

übernommen, so auch in Deutschland.

Sie sind damit zu den Topanbietern

auf dem Weltmarkt aufgestiegen – nicht

zuletzt weil sie ein Fünftel billiger als

ihre deutsche Konkurrenz produzieren.

Entsprechend günstig verkaufen die Chinesen

nun ihre Zellen, Module, Anlagen

und Ausrüstungen.

2012 – JAHR DER ENTSCHEIDUNGEN

Wer trotz sinkender staatlicher Vergütung

mit Solarstromerzeugung auf dem

Dach weiterhin kräftig Rendite machen

will, der greift mehr und mehr zu chinesischen

Produkten. Was 2011 zu einem

unerwarteten Installationsrekord führte,

von dem deutsche Firmen so wenig wie

noch nie hatten. Im vergangenen Jahr

wurden Photovoltaik-Anlagen (PV-Anlagen)

mit einer Leistung von insgesamt

rund 7.500 Megawatt (MW) neu installiert.

Fast die Hälfte davon noch im Dezember,

weil in dieser Zeit die Modulpreise

weiter gesunken sind und zum

Jahreswechsel die turnusmäßige Förderkürzung

drohte.

Nicht wenige Experten glauben, dass

2012 zum »Jahr der Entscheidung« für

die deutsche Solarindustrie wird. Absehbar

ist schon jetzt, dass es Unternehmen,

die sich ausschließlich auf die Zellenund

Modulherstellung konzentrieren,

schwer haben werden, langfristig zu

überleben. Zumal von der deutschen Politik

eher Ungemach als erhöhte Fürsorge

droht.

NEUE LÄNDER STÜTZEN RÖTTGEN

Umwelt- und Wirtschaftsministerium

streiten seit Monaten heftig um die Förderung

der ins Gerede gekommenen

Photovoltaik, die die Verbraucher seit

2.000 mit bis zu 100 Milliarden Euro unfreiwillig

gesponsert haben. Sie stützten

damit eine Technik, die trotz immensen

finanziellen Aufwandes bisher nur etwa

ein bis zwei Prozent des deutschen

Stromverbrauchs decken kann und damit

eine Vermögensverschwendung sondergleichen

darstellt. Das jedenfalls

meint die stark anschwellende solare

Gegnerschaft.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler

(FDP) will darum die Kosten künftig

klein halten – zum Beispiel, indem »par

ordre du Mufti« nur noch eine bestimmte

Zahl von Anlagen pro Jahr gebaut

werden darf. Umweltminister Norbert

Röttgen (CDU) befürchtet dagegen, dass

die deutsche Solarindustrie mit einer

Deckelung der Neuanlagen-Jahreskapazität

und der staatlichen Förderung abgewürgt

werden könnte.

Unterstützung erhält Röttgen von den

CDU-geführten ostdeutschen Ländern

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Die drei Länderchefs drohen, die Novellierung

des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes

im Bundesrat zu blockieren, falls

darin Kürzungen der Solartarife festgeschrieben

werden – Ausgang bislang offen.

Zwar ist die Bundesregierung gegenüber

der Europäischen Kommission

verpflichtet, ihre Position zu den von der

EU geplanten Energiesparrichtlinien in

Brüssel vorzutragen. Doch davon ist man

noch weit entfernt. Mitte Februar, zum

Redaktionsschluss dieser W&M-Ausgabe,

war noch keine Einigung in Sicht.

Wirklich retten aber kann die Politik

die deutsche Solarindustrie sowieso

nicht. Die Industrie muss sich erst einmal

selbst helfen, zum Beispiel mit dem

Ausbau oder der Wiedergewinnung ihrer

Technologieführerschaft. Dabei sind

Systemlösungen gefragt, für die eine

zielgerichtete Forschung und staatlich

geförderte Forschungskooperation unabdingbar

sind. In Schkopau (Sachsen-

Anhalt), mitten im mitteldeutschen

Solar Valley, ist dafür ein Modultechnologiezentrum

entstanden, in dem Wissenschaftler

verschiedener Disziplinen an

der Entwicklung neuer Verfahren für

Solarzellen und -module arbeiten.

»Qualität, Herstellungskosten und

höherer Wirkungsgrad sind die Schlüssel

um konkurrenzfähig zu bleiben«, sagt

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner

Haseloff (CDU), der sich von dem

Fraunhofer CSP Zentrum einen neuen Innovationsschub

für die Solarbranche in

Mitteldeutschland und dem ganzen

Osten verspricht. Gerade in wirtschaftlich

schwierigen Zeiten, so der Ministerpräsident,

brauchten die Unternehmen

in Solar Valley diesen Forschungsverbund,

um ihre weltweite Spitzenstellung

sichern zu können.

NETZPARITÄT IN AUSSICHT

Haseloff hat recht: Marktwachstum, Kostendruck,

harte Konkurrenz aus Fernost

zwingen die deutschen Hersteller zu Innovationen.

Es geht um Produkte, Techniken

und Technologien, die weniger

Rohstoffe benötigen und mehr Licht in

Strom umwandeln. Übergreifendes Ziel

dabei ist es, den Solarstrom billiger zu

machen als den konventionellen Strom

aus der Steckdose, der immer noch zu

großen Teilen aus nicht regenerierbaren

Rohstoffen erzeugt wird.

Fachleute sprechen von sogenannter

»Netzparität«, wenn die Preise für Solarstrom

auf gleichem Niveau oder sogar

unter den Tarifen der regionalen Energieversorger

liegen. Professor Jörg Bagdahn,

Chef des Hallenser CSP-Zentrums,

geht davon aus, dass der mitteldeutsche

Solarverbund den Sonnenstrom bis spätestens

Ende 2013 auf diese Parität bringen

wird. Dann explodiere der Markt,

sagt Bagdahn. Und das Image vom teuren,

hoch subventionierten Solarstrom

werde verblassen.

Steffen Uhlmann

&

18 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


ENERGIEMARKT

Das Geld wird im

Einkauf verdient

Anzeige

Mittelständische Unternehmen mit hohem Energiebedarf

stehen heute mehr und mehr vor der Frage, wie sie ihre

Einkaufskonditionen optimieren können. Ohne einen

innovativen Energieversorger an der Seite geht das kaum.

Wer heute als Unternehmen seinen

Energieeinkauf optimieren

will, dem bieten sich neue

Chancen am Markt. Mit fachkundiger

Unterstützung kann damit effektiv die

immer höher werdende Steuer- und Abgabenlast

teilweise kompensiert werden.

Die gesetzlichen Steuern und Abgaben

werden weiter zunehmen. Das sieht zumindest

der Bundesverband der Energie

und Wasserversorgung (BDEW) so. Allein

die EEG-Umlage ist Anfang des Jahres auf

3,592 ct/kWh (netto) gestiegen. Zusätzlich

hatderGesetzgeberden§19Absatz2der

Stromnetzgeltverordnung (StromNEV)

geändert. Neu ist, dass energieintensive

Unternehmen mit einer Jahresabnahmemenge

größer 10.000.000 kWh und 7.000

Benutzungsstunden von den Netznutzungsentgelten

befreit werden können.

Dafür müssen die Unternehmen bei der

Bundesnetzagentur einen entsprechenden

Antrag stellen.

Die entstehenden Kosten werden ab dem

01.01.2012 auf alle Kunden verteilt. Für

den Stromverbrauch bis 100.000 kWh/Jahr

zahlen die Unternehmen in 2012 zusätzlich

auf ihren Strompreis eine Umlage

von0,151ct/kWh(netto),fürjedeweitere

Kilowattstunde 0,05 ct/kWh (netto).

Details können auf der Seite der Übertragungsnetzbetreiber

www.eeg-kwk.net

nachgelesen werden.

Neben Steuern und Abgaben, die rund 39

Prozent ausmachen, setzt sich der Strompreis

aus weiteren Bestandteilen zusammen:

22 Prozent sind Netzentgelte der

Versorgungsunternehmen. Weitere 39

Prozent sind Strombeschaffungskosten

derEEX(EuropeanEnergyExchange)in

Leipzig.

STROMHANDEL AN DER BÖRSE

Die EEX ist die Stromhandelsbörse, an

der die Preise täglich neu bestimmt

werden.HierhandelnEnergieerzeuger,

Stadtwerke und Energieverkäufer Strom,

Erdgas und CO 2

. Die täglichen Schwankungen

der Energiepreise sind für viele

Unternehmenleidersehrschwereinzuschätzen,

den optimalen Kaufzeitpunkt

zu treffen fast unmöglich. Gründe dafür

sind eine Vielzahl von Einflussfaktoren.

VorallemdieweltweitenRohstoffpreise

können sich negativ wie positiv auf den

Energiepreis auswirken.

VERSCHIEDENE

BESCHAFFUNGSMODELLE

Daher ist gut beraten, wer sich nicht mit

einereinzigenKaufentscheidungbeiseinem

Energieversorger preislich bindet,

sondern über alternative Beschaffungsmöglichkeiten

nachdenkt. So bieten Energieversorger

zwischenzeitlich die verschiedensten

Einkaufsmöglichkeiten für

Strom und Erdgas an. Zum Standard gehören

inzwischen Fonds- und Tranchenprodukte.

Bei diesen Beschaffungsmodellen

kann der Kunde zwischen mehreren

selbst definierten Einkaufszeitpunkten

(Tranchenprodukt)oderüberEinkaufszeiträume

von bis zu maximal einem

Jahr (Fondsprodukt) wählen. Zusätzlich

entwickeln die Energieversorger weitere

Produkte,umdas Risiko desfalschen Einkaufszeitpunktes

zu minimieren.

Ein solches Energieunternehmen ist

die ENSO AG aus Dresden. Der regionale

Energiedienstleister verkauft Strom,

Erdgas und Wärme auch außerhalb von

Ostsachsen. Seinen Geschäftskunden

bietet das Unternehmen ab einem Stromverbrauch

von 100.000 kWh/Jahr und bei

einem Erdgasverbrauch ab 500.000 kWh/

Jahr verschiedenste auf das Unternehmen

zugeschnittene Beschaffungsmodelle

und Energieeffizienzmaßnahmen an.

ENERGIEEINSPARPOTENZIALE

ERMITTELN

Potenziale im Energieverbrauch können

durchindividuelleEnergieberatung,

durch Erarbeitung von zukunftsorientierten

Anlage- und Energiekonzepten

und durch die Einführung ganzheitlicher

Energiemanagementsysteme generiert

werden. Beispielsweise sind mögliche

Steuervergünstigungen zukünftig

anderEinführungeineszertifizierten

Energiemanagementsystems (EMS) geknüpft.

Die daraus entstehenden Kosten

und Investitionen amortisieren sich oft

in weniger als drei Jahren.

In diesem Bereich ist die ENSO AG mit

dem TÜV Süd Industrie Services GmbH

(TÜV Süd) eine langfristige Kooperation

eingegangen. Gemeinsam bieten sie ein

breites Beratungsspektrum an.

CHANCEN MIT DEZENTRALER

ENERGIEERZEUGUNG

FürKundenmithohemWärmebedarf

können sich bei einer dezentralen Energieerzeugung

hohe Einsparpotenziale

ergeben. Ob diese mit erneuerbaren

Energien oder mit modernen Blockheizkraftwerken

erfolgt, hängt vor allem von

den Rahmenbedingungen der einzelnen

Unternehmen ab.

Wer heute als Unternehmen seinen Energieeinkauf

optimiert und alle Chancen

am Markt nutzt, gewinnt einen entscheidenden

Wettbewerbsvorteil.

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WIR BERATEN SIE GERN!

ENSO Energie Sachsen Ost AG

01064 Dresden

Rico Felix

Telefon: 0351 468-3424

E-Mail: Rico.Felix@enso.de


ANALYSE

Finanzmärkte 2012

Zeit für

neue

Strategien

Investmentfondsanteile bieten

noch immer große Chancen

bei kalkulierbaren Risiken –

allerdings müssen Anleger

umdenken. Emerging Markets

und Multiasset-Fonds mit

vermögensverwaltendem

Charakter sind die richtige

Antwort auf die Finanzkrise.

Die schwere weltweite Finanzkrise

hat auch in der Investmentbranche

»eherne« Anlegerwahrheiten

hinweggespült wie ein Tsunami: Zehn

Jahre Haltedauer reichen, um bei Aktienfonds

Börseneinbrüche mit Gewinn auszusitzen?

– Lange vorbei! Inzwischen

genügen nicht mal mehr 15 Jahre, um

wieder ins Plus zu kommen. Seit Beginn

des Jahrtausends rissen die Börsen die

Kurse schon zweimal in beängstigende

Tiefen. Viele Aktienfonds kommen deshalb

im Rückblick über zehn bis 15 Jahre

auf keinen grünen Zweig.

Auch die Strategie, bedarfsspezifische

Produkte anzubieten wie Aktienfonds

für Chancenorientierte, Rentenfonds für

Sicherheitsfanatiker und Mischfonds für

alle, die sich nicht entscheiden können,

gehört schon lange zum Alteisen. Vorbei

ist es mit dem »sicheren Hafen« der Offenen

Immobilienfonds, seitdem einige

die Rücknahme von Anteilen einstellen

mussten und manche sogar abgewickelt

werden. Auch Absolute Returnfonds können

ihr Versprechen kaum einhalten

und liefern selten die »absolute Rendite«.

NEUE SUPERMÄCHTE

Massiven Schaden genommen hat auch

der Glaube an den Wert des heimischen

»Investmentherdes«. Der Glanz von deutschen

Aktien und deutschen Anleihen ist

verblasst, ebenso wie der von Wertpapieren

aus dem Euroland. Die USA sind

schon lange keine sichere Zufluchtstätte

deutscher Investmentanleger mehr, japanische

Aktien gehören schon seit vielen

Jahren zu den Koma-Papieren.

Stattdessen glänzen neue Sterne am

Investmentfirmament. Aktien und Anleihen

aus Brasilien, Russland, Indien und

China werden von den Investmentgesellschaften

als neue Hoffnungsträger gepriesen.

Nach den Anfangsbuchstaben

dieser Länder heißt die Strategie BRIC.

Seitdem die aufstrebenden Volkswirtschaften

dieser vier Länder die von der

STUDIE

Umfrage sieht China ganz weit vorn

Wer ist die ökonomische Supermacht von Morgen? (Stand: 2011, in Prozent)

China

Indien

USA

Russland

Deutschland

weiß nicht

0 10 20 30 40 50

Quelle: GfK/Schroders

Finanzkrise gebeutelten Industrieländer

Europas – allen voran Deutschland – aus

der Bredouille gerettet haben, werden

Investmentmanager nicht müde, uns die

Investmentzukunft in den Farben dieser

Länder schönzumalen. Die Bevölkerung

dieser Staaten ist überwiegend jung,

die Mittelschicht konsumhungrig, die

Wachstumsraten sind beeindruckend

oder die Ressourcen (Russland) enorm.

Die Risiken sind es aber auch: Investmentblasen,

Inflationsgefahren, politische

Unsicherheiten, ethnische Spannungen,

Währungsrisiken.

Deshalb tun sich deutsche Anleger

schwer mit der Umorientierung auf die

Schwellenländer, neudeutsch: Emerging

Markets. Nach dem von der Schroder Investment

Management GmbH und der

Gesellschaft für Konsumforschung (GfK)

gemeinsam erstellten Investmentbarometer

steht Deutschland zwar immer

noch ganz oben auf der Liste der Anlageziele,

aber mit stark abnehmender Tendenz.

Haben die Anleger im Jahr 2008

noch zu 83 Prozent in deutsche Titel investiert,

ist der Anteil danach Jahr für

Jahr gesunken. 2011 betrug er nur noch

71 Prozent. Und dieser Trend wird sich

fortsetzen. Für die kommenden 24 Monate

sehen nur noch 58 Prozent der Befragten

Deutschland als potenzielles Anlageziel

Nummer eins.

Parallel dazu hat die internationale Diversifikation

zugenommen. Gewinner

sind – wenn auch auf sehr niedrigem

Niveau – China und Russland. Aber auch

die Anzahl der Unentschiedenen hat zugenommen.

Europas Stern ist in der

Gunst der Anleger im Sinken begriffen.

Nur noch 28 Prozent der in der Studie Befragten

planen in den kommenden 24

Monaten in Europa zu investieren.

UMFASSENDE BERATUNG

Gedanklich haben die Anleger ihr geopolitisches

Weltbild bereits umsortiert. Für

mehr als die Hälfte ist China die wirtschaftliche

Supermacht von Morgen. Das

Vertrauen in das Land der Mitte wächst

weiterhin stark. Allerdings klafft da eine

große Lücke zwischen Überzeugungen

und Taten. Denn obwohl 54 Prozent der

Anleger China als die kommende Supermacht

ansehen, wollen nur 19 Prozent

ihr Kapital innerhalb der kommenden

24 Monate dort investieren. Fast jeder

Zweite, der an China glaubt, hält sich

mit Investitionen im Reich der Mitte

zurück. Das zeige, dass vielen Anlegern

der Mut für Auslandsinvestitionen fehlt,

lautet die Interpretation von Schroder

Investment.

Als der Hauptgrund für diese Investitionsaversion

gilt bei der Mehrheit der

20 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


ANALYSE

Anleger (52,8 Prozent) ein zu geringer

Kenntnissstand und weitere 45 Prozent

scheuen das Risiko.

Mehr Informationen brächten also

mehr Sicherheit für die Anleger. Da sind

vor allem die Investmentgesellschaften

in der Pflicht. Wer Geld in den neuen

Wachstumsmärkten anlegen will, sollte

deshalb auf umfassender Beratung bestehen.

Das gilt umso mehr für die jüngsten

Hoffnungsträger am Aktienfondsmarkt,

diejenigen Volkswirtschaften unter den

Schwellenländern, die den BRICs folgen.

Auch sie rangieren unter einem griffigen

Sammelbegriff. »Next Eleven (N11)« – die

nächsten elf – so jedenfalls hat sie Jim

O’Neill, Chairman von Goldman Sachs

Asset Management, genannt, der vor gut

zehn Jahren bereits BRIC in die Welt

gesetzt hatte. Mitunter werden sie auch

als Frontier-Märkte bezeichnet.

GEFRAGTE ASIEN-ANLEIHEN

Ägypten, Bangladesh, Indonesien, Iran,

Mexiko, Nigeria, Pakistan, Philippinen,

Südkorea, Türkei und Vietnam sind die

»nächsten elf«, die das Zeug haben, zu

den BRIC-Staaten aufzuschließen und in

den kommenden Jahren die etablierten

Industrienationen wirtschaftlich einzuholen

oder sogar von ihren Führungsplätzen

zu vertreiben. Gemessen am

Bruttoinlandsprodukt wird die Welt im

Jahr 2050 anders aussehen als heute,

prognostiziert Goldman Sachs: Nach

China, der dann mit Abstand größten

Volkswirtschaft der Erde, werden die

USA, Indien, Japan, Brasilien, Mexiko

und Russland auf den Plätzen rangieren.

Deutschland wird dann ungefähr um

Rang zehn herum dümpeln, die anderen

EU-Länder – mit Ausnahme von Frankreich

– landen noch weiter hinten.

Die Orientierung auf Emerging Markets

gilt übrigens nicht nur für Aktien.

Weil die Haushalte der potenten Schwellenländer

deutlich besser in Schuss sind

als die Staatsetats der hochverschuldeten

Industrieländer, sind auch Anleihen aus

Emerging Markets erste Wahl. Es ist

nicht absehbar, dass sich daran etwas ändern

sollte. Wem die Aktienmärkte dieser

Länder zu riskant sind, der kann getrost

auf Anleihen setzen. Auch die Währungen

dieser Länder sind nicht mehr

tabu. Anleihen und Einlagen, die auf den

chinesischen Renminbi lauten, wurden

und werden seit vergangenem Jahr von

namhaften europäischen Unternehmen

sowohl begeben als auch gezeichnet.

Die fortschreitende Liberalisierung des

chinesischen Kapitalmarktes eröffnet

ausländischen Anlegern die Möglichkeit,

jenseits des Aktienmarktes – und somit

unter Ausschaltung des Risikos einer

zeitweise hohen Kursvolatilität – an der

Dynamik Chinas teilzuhaben.

BESSERE VERMÖGENSVERWALTUNG

Da ist viel Hoffnung im Spiel und natürlich

auch viel Risiko – und damit sind

es auch große Chancen. Wem das allerdings

zu heiß ist, der orientiert sich

nicht nach Regionen oder bestimmten

Assetklassen, sondern setzt auf das Management.

Gefragt sind mehr denn je

Managementstrategien, die sowohl in

guten wie in schlechten Börsenzeiten Gewinne

sichern und Verluste soweit als

möglich vermeiden. Fonds, die sowohl in

Aktien als auch in Anleihen, Derivate,

Währungen, Rohstoffe und Immobilien

investieren, und die – wenn es mal ganz

schlimm kommt – das Fondsvermögen

sogar weitgehend in Cash halten können,

um es vor der Vernichtung an den

Börsen zu bewahren. Solche Strategien

konnten sich früher nur Vermögensverwalter

von Family Offices leisten, jene

diskreten Geldvermehrer der ohnehin

Reichen und Begüterten.

Als Erste haben kleine Fondsboutiquen

diesen Stil nachgeahmt und ihn damit

auch breiten Kreisen von Anlegern zugänglich

gemacht. Inzwischen bieten

immer mehr Fondsgesellschaften so genannte

Multi-Asset-Fonds an, die vermögensverwaltenden

Charakter auch für

kleine und mittlere Geldbeutel haben.

REGLEMENTIERTE FINANZMAKLER

Stellt sich für den gemeinen Anleger die

Frage, wo sind Anteile solcher Fonds am

besten zu kaufen? Die Antwort: Weder

im Internet noch beim »Allfinanz-Vermögensoptimierer«

noch am Bankschalter.

Die erste Adresse dafür sind unabhängige

Finanzmakler. Jetzt erst recht! Denn

deren Job wird seit diesem Jahr reglementiert.

Die Anforderungen an die

sachgerechte Beratung und Haftung

solcher Makler wurden erhöht.

Dokumentation der Beratung im Protokoll,

Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung,

Übergabe von Produktinformationsblättern,

Registrierung und

Sachkundenachweis können die Kunden

künftig von unabhängigen Finanzmaklern

erwarten. Das garantiert natürlich

keine Investmentrendite, sorgt jedoch

für deutlich mehr Transparenz und Beratungssicherheit.

Hans Pfeifer

&

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 21


INTERVIEW

Ernst Burgbacher, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für

Wirtschaft und Technologie und Beauftragter der Bundesregierung für Mittelstand

und Tourismus, zur Entwicklung der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit

»Engagement keine Einbahnstraße«

Foto: BMWi

W&M: Herr Burgbacher, Ende des Jahres 2011

hat die dritte Runde der deutsch-chinesischen

Mittelstandskonsultationen in Taicang stattgefunden.

Was sollen diese Treffen bewirken

und was ist bei der jüngsten Begegnung herausgekommen?

BURGBACHER: Die deutsch-chinesischen

Mittelstandskonsultationen sind nicht

nur Ausdruck dafür, dass wir auf Regierungsebene

enger in allen Fragen der

Mittelstandspolitik zusammenarbeiten.

Unser Ziel ist es auch, ganz konkrete

Maßnahmen für Mittelständler zu entwickeln

und zu unterstützen. Zu nennen

ist beispielsweise das im Jahr 2007 ins Leben

gerufene deutsch-chinesische Managerfortbildungsprogramm.

140 chinesische

Manager konnten hierdurch bereits

persönliche Erfahrungen sammeln und

Kontakte mit Mittelständlern in Deutschland

knüpfen. Angenehmer Nebeneffekt

des Programms sind die zahlreichen Geschäftsabschlüsse

zwischen den Beteiligten.

Angedacht ist inzwischen, dieses

Programm weiter auszubauen, so dass

auch deutsche Mittelständler bald die

Gelegenheit erhalten, die chinesische Geschäftskultur

kennenzulernen.

W&M: Ohne eine Anschubhilfe dürfte das

internationale Engagement gerade kleiner

und mittlerer Unternehmen (KMU) schwer

werden. Kam das zur Sprache?

BURGBACHER: Sehr konkret sogar, denn

die chinesische Regierung plant die Auflegung

eines deutsch-chinesischen KMU-

Fonds mit einem Volumen von zwei Milliarden

Euro. Die China Development

Bank ist zusammen mit der Kreditanstalt

für Wiederaufbau gebeten worden, Vorschläge

zur Ausgestaltung dieses Fonds

zu entwickeln. Angesprochen haben wir

auch das Thema Fachkräftesicherung,

das nicht nur für deutsche Unternehmen

in China zunehmend zum Problem

wird. Geplant ist darüber hinaus, auf der

Hannover Messe ein Memorandum of Understanding

zur mittelstandspolitischen

Zusammenarbeit unserer beiden Länder

zu unterzeichnen. Der intensive Dialog

wird aber weitergehen. Ich freue mich

schon auf den Gegenbesuch der chinesischen

Delegation in Deutschland in diesem

Jahr.

W&M: In China scheinen sich vor allem große

deutsche Firmen, zum Beispiel Automobilproduzenten,

zu engagieren, weniger kleine und

mittlere Unternehmen. Ein falscher Eindruck?

BURGBACHER: Die öffentliche Wahrnehmung

bleibt häufig bei den großen deutschen

Unternehmen in China haften, obwohl

es auch eine Vielzahl an hoch innovativen,

international tätigen deutschen

Mittelständlern dort gibt. Viele von ihnen

sind schon seit Jahren mit Vertriebsfilialen

und Produktionsstätten in China

vertreten. Eine Studie des Deutschen Industrie-

und Handelskammertages zeigt,

dass für den hiesigen Mittelstand China

außerhalb Europas inzwischen die wichtigste

Destination für Auslandsinvestitionen

ist – mit steigender Tendenz.

W&M: Welchen Ruf genießt der deutsche Mittelstand

in China?

BURGBACHER: Er genießt in China einen

so guten Ruf, dass die chinesische Regierung

ihn als Zielgruppe für speziell auf

ihn zugeschnittene Gewerbeparks entdeckt

hat. Vielleicht rührt das Interesse

der chinesischen Seite aber auch aus der

eigenen Erfahrung: Der Mittelstand ist

HANNOVER MESSE

Partnerland China

Die Volksrepublik China ist 2012 Partnerland

der Hannover Messe (23.–27. April).

Nach dem Staatsbesuch von Bundeskanzlerin

Angela Merkel Anfang Februar dieses

Jahres in China stellt Chinas Präsenz als

Partnerland der Hannover Messe einen

weiteren Höhepunkt in der Entwicklung der

Beziehungen beider Länder da. Diese seien

nach Aussage von Merkel zuletzt »ein

ganzes Stück vorangekommen«. Das mit

mehr als 1,3 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichste

Land wird in Hannover

mit über 500 Ausstellern vertreten sein.

Eines der Schwerpunktthemen sind die

Energieerzeugung und Energieeffizienz.

nämlich nicht nur das Rückgrat der

deutschen Wirtschaft, sondern auch der

chinesischen.

W&M: Auf welchen Feldern ist die deutschchinesische

Zusammenarbeit besonders interessant

für beide Partner?

BURGBACHER: Der chinesische Ministerpräsident

Wen Jiabao hat bei seinem Besuch

in Deutschland im Sommer vergangenen

Jahres die Felder Elektromobilität,

Energie, Umweltschutz, energieeffizientes

Bauen und Medizin als besonders interessant

für eine stärkere Zusammenarbeit

benannt. Die Liste dieser Geschäftsfelder

ließe sich aber mit Blick

auf das angestrebte bilaterale Handelsvolumen

von 200 Milliarden Euro bis

zum Jahr 2015 sicherlich auch um viele

andere Wirtschaftsbereiche erweitern.

W&M: Gehört das wachsende Problem der

Fachkräftesicherung in die Aufreihung?

BURGBACHER: Auf großes Interesse bei

den Chinesen ist unser duales Ausbildungssystem

gestoßen. Während meiner

China-Reise habe ich mir in Taicang ein

Berufsbildungszentrum angesehen, das

nach deutschem Vorbild arbeitet. Die

größere Verbreitung des dualen Ausbildungssystems

würde nicht nur den deutschen

Unternehmen auf dem chinesischhen

Markt bei der Sicherung ihres Fachkräftebedarfs

helfen. Wir diskutieren

mit unseren chinesischen Partnern auch

über den Zugang zu Beschaffungs- und

Rohstoffmärkten oder die Frage der wettbewerblichen

Rahmenbedingungen.

W&M: Wo sehen Sie künftig die größten

Chancen für innovative mittelständische Unternehmen?

BURGBACHER: Angesichts des kräftigen

Wachstums der chinesischen Wirtschaft

und der steigenden Binnenmarkt-Nachfrage

sind die Chancen für deutsche Mittelständler

in nahezu allen Branchen

ausgezeichnet. Traditionell wichtig ist

die Wirtschaftsmacht China für die deutschen

Investitionsgüterhersteller. Aber

mit dem Wachstum des Binnenmarktes

steigt die Nachfrage, die für die Konsumgüterhersteller,

aber natürlich auch für

22 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


INTERVIEW

deutsche Dienstleister besonders interessant

ist. So bietet etwa die rasante Entwicklung

der chinesischen Städte und

der Infrastruktur vielfältige Chancen für

Architekturbüros, Projektentwickler und

Umweltdienstleister.

W&M: Apropos Umwelt – deutsche Unternehmen

gelten als führend bei anspruchsvollen

umweltschonenden Technologien. Gilt das

auch in China?

BURGBACHER: Die Chinesen wissen, wie

gut unsere Unternehmen bei der »green

technology« aufgestellt sind. Bestes

Beispiel dafür ist der geplante deutschchinesische

Ökopark in Quingdao. Er ist

als privatwirtschaftliches Pilotprojekt

für Unternehmen mit sehr anspruchsvollen

Energie- und Umweltstandards gedacht.

Aus meinen Gesprächen weiß ich,

dass die chinesische Seite nicht nur in

dieser Region an deutschem Know-how

zur Lösung ökologischer Fragen sehr interessiert

ist.

W&M: Das hört sich jetzt wie eine Empfehlung

an – oder?

BURGBACHER: Durchaus. Auch über die

boomende »green technology« hinaus

»Die Chinesen wissen,

wie gut unsere Unternehmen bei

GREEN TECHNOLOGY

aufgestellt sind.«

gilt: Wer als innovativer Mittelständler

neue Märkte außerhalb Deutschlands

erschließen möchte, kommt an dem chinesischen

Markt mit 1,3 Milliarden Menschen

kaum vorbei. »Made in Germany«

genießt auch in China einen exzellenten

Ruf. Allerdings sollte man – wie bei jeder

anderen unternehmerischen Entscheidung

auch – Chancen und Risiken sorgfältig

gegeneinander abwägen.

W&M: Wo sehen Sie denn die Risiken in erster

Linie?

BURGBACHER: Nach wie vor kämpfen

viele Investoren in China mit einer Reihe

von Problemen, die sie aus ihrer Heimat

nicht gewohnt sind. Zum Beispiel beim

Thema »Schutz geistigen Eigentums«.

Dazu kommt, dass die Löhne in vielen

Regionen stark gestiegen sind. Das führt

dazu, dass Kostenvorteile als Standortargument

zunehmend in den Hintergrund

treten. China ist schon lange nicht

mehr die »verlängerte Werkbank«, als die

es einst vielleicht einmal wahrgenommen

wurde. Davon kann man sich auch

auf der Hannover Messe 2012 überzeugen,

bei der China Partnerland ist.

W&M: Das klingt jetzt aber nicht mehr sehr

ermutigend …

BURGBACHER: Doch, doch. Bange machen

gilt ohnehin nicht. Wer den Markteintritt

sorgfältig plant, am besten sogar

mit professioneller Hilfe vor Ort, zum

Beispiel durch unsere Auslandshandelskammern,

hat sehr gute Chancen, an

dem großen Wachstum des chinesischen

Marktes zu partizipieren. Die vielen Erfolgsbeispiele

deutscher Mittelständler,

die diesen Weg schon beschritten haben,

sind dafür der beste Beweis.

W&M: Wünschenswert wären andererseits

chinesische Investitionen hierzulande, namentlich

in Ostdeutschland. Ist das bei den

Gesprächen thematisiert worden?

BURGBACHER: Ja, ich habe ausdrücklich

klargestellt, dass chinesische Investitionen

bei uns sehr willkommen sind.

Viele deutsche Mittelständler sorgen mit

ihrem Engagement in China für Wachstum,

Innovation und Arbeitsplätze. Den

20 Milliarden Euro, die deutsche Firmen

bisher in China investierten, stehen bisher

lediglich 0,6 Milliarden Euro gegenüber,

die von chinesischen Unternehmen

in Deutschland investiert worden sind.

Davon allerdings fließt ein ansehnlicher

Teil auch in die neuen Bundesländer.

W&M: Könnten Sie dafür konkrete Beispiele

benennen?

BURGBACHER: Ein chinesisches Unternehmen

investiert beispielsweise mehr

als 50 Millionen Euro in den Aufbau einer

Produktionseinrichtung für sterile

Verpackungen in Sachsen-Anhalt. Durch

dieses Engagement werden bis Ende des

Jahres 110 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Direktinvestitionen dürfen keine Einbahnstraße

sein. Ich habe daher angeregt,

dass der angedachte Zwei-Milliarden-Fonds

der chinesischen Regierung

unter anderem auch zur Finanzierung

chinesischer Gründungsvorhaben in

Deutschland genutzt wird. Davon würden

dann mit Sicherheit auch die neuen

Bundesländer mit ihren Standortvorteilen

profitieren.

Interview: Helfried Liebsch

&

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 23


SERIE

M arken

acher

ärkte

Miltitz Aromatics

Ein irrer Duft

von Erfolg

Ein Hauch von Chanel Nr. 5 umweht

das mitteldeutsche Chemiedreieck.

Verantwortlich dafür sind Peter Müller

und Jürgen Braband (rechts). Nach der

Wende gründeten sie in Bitterfeld die

Firma Miltitz Aromatics. Der Betrieb

ist spezialisiert auf die Herstellung von

synthetischen Riech- und Aromastoffen.

Diese werden weltweit an Kunden

in fast 30 Ländern exportiert.

24 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


Fangen Sie bloß nicht damit an, dass

ausgerechnet in Bitterfeld feinste

Duftnoten entstehen!« – im einstigen

Chemie-Moloch mit seinen maroden

Anlagen. Peter Müller hebt die Hände.

Klischees werden bedient. Und das mag

der Geschäftsführer der Miltitz Aromatics

GmbH im ChemiePark Bitterfeld-

Wolfen nicht. Die Region war einst wegen

unerträglichen Gestanks und Drecks

verschrien. Am Ende Sinnbild der DDR.

Die sozialistische Republik ist tot.

Die Region aber lebt, hat einen weltweit

einmaligen Strukturwandel erfahren,

fit gemacht für den Markt mit Tradition,

Know-how und Subventionen. Der

62-jährige Peter Müller und der 71 Jahre

alte Jürgen Braband, beide promovierte

Chemiker, hatten in der Wendezeit den

richtigen Riecher: 1992 gründeten sie ihr

Unternehmen und ein Jahr darauf zogen

sie nach Bitterfeld.

Heute beschäftigt ihre GmbH 39 Mitarbeiter

und sechs Azubis, produziert

mehr als 50 verschiedene Duft- und Aromastoffe,

im Jahr 1.000 bis 1.200 Tonnen,

beliefert – »alles, was Rang und Namen

hat«, so Peter Müller – Parfüm- und

Waschmittelhersteller sowie die Lebensmittelindustrie

in 27 Ländern. Jahresumsatz

zwischen elf und zwölf Millionen

Euro. Das die Fakten.

Klingt nach Erfolg. Und dem richtigen

Weg. Peter Müller und Jürgen Braband

sehen sich an. »Wir hatten doch Anfang

der 90er Jahre gar keine Alternative. Wir

wollten nicht in die Arbeitslosigkeit. Und

wir wollten bleiben«, sagt Müller. »Die

Chemie in Mitteldeutschland hatte nach

der Wende arg gelitten«, so Braband. »Die

Selbstständigkeit reizte uns – selbst entscheiden,

der Markt als einziges Korrektiv.«

Müller nickt: »Aus Konzernen hören

wir oft, ihr könnt euer Boot innerhalb

von Tagen umsteuern, bei unserem

Schiffskoloss dauert das Jahre.«

DER ÄLTESTE ALLER SINNE

Die Nase sei heute noch ihr wichtigstes

Werkzeug, sagt Müller. Solange wir atmen,

riechen wir. Das Riechen ist der

älteste der menschlichen Sinne und steuert

unser Leben. Frisches Brot, eine Blumenwiese

– Düfte wecken Gefühle, Erinnerungen

und Stimmungen, lange bevor

unser Verstand davon erfährt. Gerüche

sind komplizierte Gemische. Was uns

als unverwechselbarer Duft in die Nase

steigt, ist in der Regel ein Potpourri aus

hundert oder tausend verschiedenen Molekülen.

So besteht der Duft einer Rose

aus über 500 chemischen Einzelkomponenten.

Um ein Kilo Rosenöl herzustellen,

werden fünf Tonnen Blüten gebraucht.

Das kostet über 5000 Euro.

»Früher wurde Parfüm in Gold aufgewogen.

Riechstoffe aus Pflanzen herzustellen,

ist ein langwieriger, aufwendiger

und teurer Prozess«, sagt Müller. »Erst

zum Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten

Wissenschaftler, dass die Prozedur

auch einfacher funktioniert. Seither entschlüsseln

Chemiker immer mehr das

Geheimnis der Düfte und stellen sie synthetisch

her.« Die Produktion in Labors

und Anlagen habe auch den Vorteil, dass

die Düfte und Aromen von konstanter

Qualität sind. Eine besonders erfolgreiche

Kreation aus der Retorte gelingt

1921 mit Chanel Nr. 5. Es ist das erste verbreitete

Parfum, das nicht nur nach Blumen

riecht, sondern durch eine sogenannte

Aldehydnote geprägt ist.

Miltitz Aromatics, kurz MA genannt,

setzt auf Tradition: 1829 beginnt die

Firma Schimmel in Miltitz bei Leipzig,

Düfte und Aromen zu produzieren. Zu

DDR-Zeiten enteignet und an ein Kombinat

angegliedert, heißt sie dann VEB

Chemisches Werk Miltitz. Sie verliert in

der Welt ihre Sonderstellung in der Branche,

bleibt aber im RGW-Verbund führend

mit über 800 Mitarbeitern. Im Labor

lernen sich 1984 Müller, der als Forschungsdirektor

beginnt, und Braband,

der da schon als Wissenschaftler arbeitet,

kennen. Die beiden sind Tüftler, hartnäckig,

visionär, ideenreich.

Als der DDR der Totenschein ausgestellt

ist, geht es planlos in die Marktwirtschaft,

wickelt die Treuhand ab. »Die

wusste mit uns gar nichts anzufangen.

Niemand wollte uns«, erinnert sich Müller.

Und meint damit auch den großen

Betriebsrohbau in Miltitz, in den die

DDR noch 1987 einen Devisenkredit von

60 Millionen DM investiert hatte. »In den

Wendejahren aber brach der osteuropäische

Markt weg. 50, 60 Interessenten aus

dem In- und Ausland kamen nach Miltitz

SERIE

und winkten ab – zu groß für mittelständische

Partnerschaften. Die Treuhand

wollte daraufhin alles wegreißen lassen.«

Peter Müller und Jürgen Braband sind

jetzt in ihrem Redeschwall kaum zu stoppen.

Eine Geschichte jagt die andere. Mit

abenteuerlichen Episoden. Wenn Müller

in zwei Jahren in Rente geht, will er alles

aufschreiben. Was passierte aber nun

mit dem alten Werk Miltitz? Am Ende

wurde es in mehrere Betriebe aufgesplittet.

Gemeinsam mit Heinz Grau, Unternehmer

aus Schwäbisch Gmünd, übernahmen

Müller und Braband 1992 den

Bereich Chemische Synthese.

In jenen aufregenden Tagen lernen sie

Lothar Domröse aus Bonn kennen. Ein

Generalleutnant a. D. der Bundeswehr,

der ihnen helfen will, aber von Riechstoffen

nicht die geringste Ahnung hat. Muss

er auch nicht, denn er hat ein großes

Netzwerk. Beste Kontakte zur Treuhand

SIE HABEN den

richtigen Riecher:

Peter Müller mit Junior

Stefan, Jürgen Braband

und Delphine Dumas-

Mittelberger (v.l.n.r.)

sind Spezialisten für

Wohlgerüche. Die

Duftnoten aus Bitterfeld

sind weltweit gefragt.

und zu Gott und der Welt. Als Miltitz

Aromatics gegründet, ein Betriebsgelände

im ChemiePark Bitterfeld-Wolfen gefunden

ist, haben Müller und Braband

Wissen, Erfahrung und Ideen, aber weder

Mitarbeiter noch Geld. Sie brauchen

einen Kreditgeber, brauchen 350.000 DM.

Der General kennt den Inhaber einer

deutschen Privatbank. Den lädt er nach

Bitterfeld-Wolfen ein, bringt ihn im

Schlepptau gleich mit.

START MIT SECHS MITARBEITERN

»Wir zwei hatten nichts. Eine Meisterstube

mit DDR-Interieur. Das sah schäbig

aus«, sagt Müller. »Der Banker hat geguckt

und geschluckt, als wir erstmal

den Stuhl säuberten, auf den er sich

dann setzte«, ergänzt Braband. Die Chemiker

stellen ihr Konzept vor, berichten

von ersten Aufträgen. Schließlich stellt

der Banker die entscheidende Frage:

»Welche Sicherheiten haben Sie, meine

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 25


SERIE

Fotos: Torsten George, Ralf Lehmann IMG, Steffen Mainka (fotofliegen.de), Dana Micke

DUFTE CHEMIE: Bei Miltitz Aromatics tüfteln die Mitarbeiter stetig an neuen Duftnoten.

Herren?« Der General springt auf und

ruft: »Mein Wort, mein Herr, mein Wort!

Reicht Ihnen das?«

Das sitzt. Müller und Braband unterbrechen

ihre Erzählung. Aber wie ging es

weiter? Müller lächelt und sagt: »Der

Banker ging kurz an die frische Luft, kam

zurück und presste ein knappes ›Ja‹ hervor.

Am 16. Juni 1993 ging das Geld auf

unserem Konto ein.« Nichts hatte die

zwei Ostdeutschen umhauen können.

Das schon. Heute ein undenkbarer Vorgang.

General Domröse, inzwischen 92,

wurde damals neben Müller, Braband

und Grau der vierte MA-Gesellschafter.

Mit dem Kredit hat die Firma eine alte

Produktionsanlage im ChemiePark Bitterfeld-Wolfen

flott gemacht. Der erste

Auftrag kommt von Charabot aus dem

französischen Grasse, dem Zentrum der

Parfümindustrie. Charabot ordert drei

Tonnen Gamma Methylionon, Veilchenriechstoff.

Die Lohnproduktion mit sechs

Fachkräften wird gestartet und Ende

1993 geliefert. »Wir befürchteten, dass

uns alles um die Ohren gehauen wird.

Die Produktionsanlage war durch den

Umbau nicht ganz sauber«, so Müller. Die

Franzosen reagieren ehrenhaft, destillieren

den Riechstoff erneut, zahlen trotzdem

den vollen Preis. »Sie kannten unsere

Probleme, honorierten den Aufbruchwillen.

Die deutsche Parfümindustrie

indes wartete ab.« Erstmal.

nen von höchster Qualität sind, zu 99,8

Prozent rein, gibt es immer auch einen

Hauch von Eigengeruch«, sagt Müller,

der mit Braband wie in alten Zeiten

getüftelt hat, bis erste eigene Topnoten,

Produktverfahren und -anlagen entwickelt

sowie Lizenzen vergeben werden

können. Das bringt MA in die Lage, bereits

nach zwei Jahren den Kredit von

350.000 DM plus Zinsen zurückzuzahlen.

Das schafft Vertrauensbonus. Den

braucht auch MA. Der Betrieb wächst.

Die Anlagen werden erweitert. Bis heute

wurden acht Millionen Euro investiert.

Firmenvertretungen sitzen in Amerika,

England, Frankreich, der Schweiz, Italien,

Spanien, Indien und Singapur.

Früher war Müller ständig auf Achse,

Paris, New York, Singapur. Längst ist die

Firma in die weltweite Lieferantenliste

aufgenommen, die Auftragslage stabil.

Jetzt sind Sohn Stefan, promovierter Jurist

und Prokurist bei MA, und Marketingchefin

Delphine Dumas-Mittelberger

mehr auf Reisen. Apropos Stefan Müller.

Der Vater berichtet: »Ein Banker warnte

uns, wenn ihr den nächsten Kredit

braucht, seid ihr Senioren, zu alt.« Die

Geschäftsführung sollte für ihren Nachwuchs

sorgen. Müller Junior, 34, arbeitet

sich seit drei Jahren ein. »Wir alten Haudegen

bleiben ja noch im Hintergrund«,

sagt Müller senior. Braband ist mit 71

Jahren Pensionär, trotzdem noch zieht er

hier und da die Strippen.

Sie erinnern sich an das Elbhochwasser

2002. Zwar war ihre Firma nicht unmittelbar

betroffen, aber viele der Mitarbeiter

sind in ihren Dörfern regelrecht

abgesoffen. »Mitarbeiter wollten von uns

leere Fässer, um ihr Hab und Gut zu ver-

WELTMARKTFÜHRER MIT AMBRA

Die Auftraggeber wollen stabile Partnerschaften,

weil in der Branche konstante

Qualität der Ausgangsstoffe das A und O

für die Mischbetriebe ist. »Obwohl die

Riechstoffe aus den Kesseln und Kolonstauen«,

sagt Müller. In dieser Lage erreichte

sie eine Welle der Solidarität.

Kunden aus Deutschland, Italien, den

USA und sonstwoher spendeten Geld für

die Flutopfer – 16.000 Euro. Der Pfarrer

aus Jessnitz half, die Gelder zu verteilen.

Auch das ist ein Stück Firmengeschichte.

Wo MA überall »drin steckt«, ist kaum

nachvollziehbar: Für ein einziges Parfüm

stehen etwa 200 natürliche Essenzen

und an die 2.000 synthetische Duftstoffe

zur Verfügung, aus denen wiederum 30

bis 80 diverse Stoffe für dieses eine Parfüm

gemischt werden. »Chemische

Grundstoffe werden durch Katalysatoren

in den Anlagen zusammengesetzt. Katalysatoren

sind das Zaubermittel in der

Chemie, die ganz verschiedene Stoffe zusammenbringen

können«, so Müller.

Eine besondere Topnote ist das hier

kreiierte Hydroxyambran mit dem sehr

eigenen und komplexen Ambra-Duft. »Da

sind wir Weltmarktführer«, sagt Braband.

Der Stoff ist in vielen exklusiven

Parfüms drin. Und: Die Firma arbeitet

mit dem Leibniz-Institut für Katalyse in

Rostock an einem neuen Verfahren, um

die synthetische Ambra-Produktion weiter

zu optimieren.

ZAUBER DES UNSICHTBAREN

Um im Wettbewerb vorn zu sein, setzen

die Bitterfelder auf Innovation. Gut ein

Fünftel der Belegschaft arbeitet in der

Forschung und Entwicklung. Je nach Projektlage

wird mit Universitäten und

Hochschulen kooperiert. »In Mitteldeutschland

wird der Mittelstand großzügig

gefördert«, sagt Müller. MA erhielt

insgesamt 3,5 Millionen Euro an Fördermitteln.

Forschung treibt Innovation.

Ideen sind der Rohstoff der Zukunft. Die

Konkurrenz ist hart. Südostasien überschwemmt

den Markt mit sehr günstigen

Produkten. »In China sind die Löhne

in der Branche jedoch um bis zu 15

Prozent gestiegen«, betont Stefan Müller.

Ist die Nase des Geschäftsführers wirklich

so gut? Müller senior lacht. »Ich rieche

zum Beispiel, wer vor mir in den

Fahrstuhl eingestiegen ist. Und das liegt

nicht am Parfüm.« Das nämlich ist in der

Firma nicht erwünscht. Der Geruchssinn

darf hier nicht verfälscht werden.

Müller sen. erinnert an einen Spruch

von Coco Chanel, die nicht wie eine Blume

duften wollte, sondern wie eine Frau.

Wie riecht denn eine Frau? »Nicht nach

Blumen«, erwidert Müller und feixst. Braband

kontert: »Ich würde mich da nicht

festlegen.« Er, Vater und Sohn Müller brechen

in Gelächter aus. Der Zauber des

Unsichtbaren lässt sich nur schwer in

Worte fassen.

Dana Micke

&

26 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


Copyright by

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W&M PLUS

TOP 100

IN OSTDEUTSCHLAND

Foto: Wikipedia

Ranking der größten Arbeitgeber Ost

(K)eine unendliche Geschichte

Die neuen Länder wachsen dynamischer als die alten und holen dennoch nur punktuell auf. Auch die

W&M-Liste der Top 100 Ostunternehmen belegt: Eine neue Investorenwelle ist dringend notwendig.

Der Osten wächst schneller als der

Westen und wird dennoch von

ihm in Zeiten des Aufschwungs

weiter abgehängt. Das vermeintliche Paradoxon

deutsch-deutscher Gegebenheiten

lässt sich auch mit der W&M-Liste der

Top 100 Arbeitgeber nicht umfassend erklären,

die Momentaufnahme gibt bei

aller Unvollständigkeit aber einige Fingerzeige.

Dazu gehört, dass kaum

Veränderungen in der Unternehmensund

Branchenstruktur zu erkennen sind.

In Ostdeutschland dominieren Handelsund

Dienstleistungskonzerne, die ihre

Firmenzentralen fast ausschließlich in

Westdeutschland haben. Mit allen Nachteilen

für Beschäftigung, Sozialstruktur,

Innovationsgeschehen und den deutschdeutschen

Angleichungsprozess.

Nimmt man die Untersuchungsergebnisse

der arbeitgebernahen Initiative

Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) zu

ihren alljährlichen Länderrankings heran,

dann entwickelt sich Deutschlands

Osten im bundesweiten Vergleich temporeicher

als der Westen. Letztjähriger

Dynamiksieger war vor allen anderen

ostdeutschen Ländern Brandenburg, wo

die Steuerkraft zwischen 2007 und 2010

um 16 Prozent und die Zahl der Jobs um

5,4 Prozentpunkte gestiegen ist. Den

Brandenburgern folgten im Dynamikranking

Berlin, Mecklenburg-Vorpommern,

Sachsen, Sachsen-Anhalt und

Thüringen. Danach erst platzierte sich

das erste westdeutschen Land – Hamburg.

Diese Dynamik hat dem Osten allerdings

nicht viel genutzt. Der wirtschaftliche

Angleichungsprozess zwischen Ost

und West stagniert, mehr noch, trotz eines

beschleunigten Wachstums im abgelaufenen

Jahr ist der Osten erneut in seinem

Aufholprozess zurückgefallen. Nach

vorläufigen Berechnungen des Hallenser

IWH-Instituts hat die ostdeutsche Wirtschaft

2011 zwar um 2,8 Prozent zugelegt,

im Westen aber ging es im gleichen

Zeitraum um über drei Prozent herauf.

Damit falle die Angleichung mit 69,5

Prozent auf den Stand von 2008 zurück,

so der IWH-Konjunkturexperte Udo Ludwig.

Damit sei auch klar, wie unrealistisch

das Ziel einer kurzfristigen Ost-

West Angleichung bleibe. »Die scheinbare

Angleichung in Krisenzeiten war nur

eine Episode«, sagt Ludwig.

INDUSTRIELLE RENAISSANCE

Die geringere Exportorientierung habe

damals viele ostdeutsche Unternehmen

vor einem stärkeren Geschäftseinbruch

bewahrt. Im Aufschwung aber leide der

Osten wieder unter seinen fundamentalen

Schwächen: Kleinteiligkeit des

Mittelstandes und damit verbunden Innovations-

und Exportschwäche, Fehlen

von Führungszentralen und von originären

ostdeutschen Großunternehmen

(siehe Ranking), Alterung und Rückgang

der Einwohnerzahl.

Geht diese Angleichung der Wirtschaftsleistung

im gleichen Tempo weiter,

werden noch Jahrzehnte gebraucht,

um das von der Politik ausgerufene Einheitsziel

zu erreichen. Zwar existieren

dynamische Wachstumszentren wie

Chemnitz, Dresden, Leipzig oder Jena,

aber insgesamt ist die ostdeutsche Wirtschaft

nicht in der Lage, die nach wie vor

bestehende Wachstumsschwelle zu überwinden.

Der Osten braucht weiter Hilfen

und finanzielle Transfers – bis über das

magische Jahr 2019 hinaus, in dem die

Solidarpaktmittel auslaufen.

Knapp 22 Jahre nach der Wende ist die

ostdeutsche Wirtschaft noch nicht groß

und damit erwachsen geworden. Die

Strategie der Treuhand, schnell zu privatisieren,

wirkt noch immer nach. Sie hat

im Osten eine viel zu kleinteilige Unternehmenslandschaft

geschaffen, die anfangs

noch weitgehend industriefrei gewesen

ist. Das änderte sich kaum mit der

industriellen Renaissance in den neuen

Ländern, jedenfalls nicht entscheidend.

Am Ende der ersten Dekade des neuen

Jahrhunderts weisen im Westen über 65

Prozent der Unternehmen Jahresumsätze

von mehr als 50 Millionen Euro aus. In

Ostdeutschland beträgt dieser Anteil

nicht einmal 45 Prozent. Und wenn die

28 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


W&M PLUS

Firmen im Osten groß sind, dann dienen

sie zumeist nur als verlängerte Werkbänke

von West-Konzernen, deren Leistungen

dann zwangsläufig auch zurückfließen.

Kein einziger der größten deutschen

Konzerne (mit Ausnahme der

Deutschen Bahn) hat seinen alleinigen

Hauptsitz im Osten.

So wird in den ostdeutschen Töchtern

auch kaum geforscht, weil Forschung zumeist

direkt an die Konzernzentralen angebunden

ist. Nach Erhebungen des Stifterverbandes

der deutschen Wirtschaft

liegen die internen Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen

der Unternehmen

in Baden-Württemberg, dem bundesdeutschen

Spitzenreiter, bei rund

1.100 Euro je Einwohner. In Sachsen,

dem führenden neuen Bundesland, sind

es etwa 230 Euro, in Thüringen knapp

200 Euro, in Sachsen-Anhalt nur 70 Euro

und Brandenburg sowie in Mecklenburg-

Vorpommern sind es gar nur 60 Euro.

MEHR FORSCHENDE FIRMEN OST

Aber es gibt auch gegenläufige Tendenzen.

Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl

der innovativen, forschenden Firmen

von 3.200 auf 4.200 erhöht. Zugleich bildeten

sich im Osten subventionsgetriebene

Industriecluster für neue Hochtechnologien

heraus. Das »Chipwunder« von

Dresden und das mitteldeutsche Solar

Valley sind dafür zwei Beispiele. Aber

kein Licht ohne Schatten. Beide Industriezweige

stehen auch dafür, welche

fatale Folgen staatliche Fehlsteuerung

erzeugen kann – siehe die Pleite des

Speicherchipproduzenten Qimonda in

Dresden. Das mit staatlichem Kapital geförderte

Qimonda versuchte im Hochlohnland

Deutschland, Massenprodukte

in Konkurrenz zu Niedriglohnländern

zu produzieren und scheiterte an seiner

geringen Innovationsfähigkeit.

Kenner der ostdeutschen Szenerie, wie

der einstige Deutschbanker Edgar Most,

fordern seit langem, die deutsch-deutsche

Einheit »neu« zu denken. Dazu

gehöre auch, die noch vorhandenen Fördermittel

umzuleiten und stärker auf

solche Gebiete wie Bildung und Forschung

zu fokussieren. Hinzu, so Most,

müssten Anreizprogramme für abgewanderte

Jugendliche kommen, um sie zu

einer Rückkehr zu bewegen. Zumindest

da scheint sich jetzt Einiges zu bewegen.

2011 zogen erstmalig mehr Menschen

für einen neuen Job von den alten in die

neuen Länder. Das gilt besonders für

wirtschaftlich wachsende Stadtregionen

wie Leipzig oder Dresden. Grund für

diese Umkehr ist, dass im Osten immer

mehr hochqualifizierte Arbeitsplätze

entstehen, für die es in den neuen Län-

dern keinen Nachwuchs mehr gibt. Nach

einer Untersuchung der »Otto-Brenner-

Stiftung« suchen vor allem kleine und

mittlere Betriebe qualifiziertes Personal.

Da die gut Ausgebildeten jahrelang den

Osten verlassen haben, müssen sie jetzt

aus dem Westen zurückgeholt werden.

LEBENDIGE TÖCHTER VOR ORT

Großunternehmen West wiederum müssen

nach Auffassung von Experten dazu

stimuliert werden, ihre hochproduktiven

ostdeutschen Werkbänke in lebendige

Tochterunternehmen umzugestalten.

Deren Wertschöpfung müsse dann vorrangig

im Osten verbleiben, damit diese

Firmen nicht nur hinsichtlich Beschäftigung,

sondern auch hinsichtlich Wertschöpfung

im Osten wirksam werden.

DIE AUSNAHME: Firmensitz der Deutschen

Bahn in Berlin, Potsdamer Platz.

Das könnte man, so Most, durch steuerliche

Begünstigungen erreichen. »Das würde

dann beiden Teilen Deutschlands zugute

kommen – in dem Maße, wie die

Nettoerlöse im Osten verbleiben, kann

der West-Finanztransfer in den Osten reduziert

werden.«

Im Alleingang, da zumindest sind sich

alle Experten einig, wird der Osten nicht

wirklich reüssieren und zum Westen aufschließen

können. Gebraucht werde eine

neue Investorenwelle, heißt es. Dafür

aber müsse der Osten weit attraktiver für

nationales und internationales Kapital

werden. Wie auch immer: Bis an die Spitze

des Top-100-Rankings ein internationaler

Großkonzern mit Zentrale in Ostdeutschland

rückt, können noch Jahre

vergehen, indes: Nichts ist unmöglich.

&

Steffen Uhlmann

Neue W&M-Beitragsserie

Ausblick auf

»Länderreports

Innovation«

In den nächsten Monaten werden

W&M-Redakteure und namentlich

Länderkorrespondenten des Magazins

auf Entdeckungsreise gehen. Zu Innovations-Standorten

in ostdeutschen

Regionen. Entstehen soll eine Serie

von »Länderreports Innovation«.

Den Auftakt zu der Erkundungstour bildet

auf den nächsten Seiten dieser W&M-

Ausgabe eine Auflistung der 100 größten

Unternehmen in den neuen Bundesländern

und Berlin. Ein solches Ranking erhebt

natürlich nicht den Anspruch der

Vollständigkeit, zumal sich Größe nicht

auf Mitarbeiter- und Umsatzzahlen reduzieren

lässt. Die Liste hätte ein anderes

Gesicht, würden ausschließlich Firmen

mit Sitz in Ostdeutschland betrachtet

oder beispielsweise die Agenturen für Arbeit

oder andere Institutionen hinzugezählt.

Das ausgewertete statistische Material

weist zudem Lücken auf. Angaben

differieren in unterschiedlichen Quellen,

überregional und international agierende

Unternehmen weisen kaum länderbezogene

Zahlen aus.

W&M hat sich vor allem auf die Länderrankings

gestützt, die von den Banken

Nord/LB, HELABA und Sachsen Bank,

von der »Märkischen Allgemeinen« und

der Berliner IHK veröffentlicht wurden.

Auch da steckt der Teufel im Detail. Nach

Gewerkschaftsangaben beschäftigt z. B.

BMW in Leipzig 2.800 Stammkräfte und

über 1.100 Zeitkräfte. Das Werk taucht im

Mitteldeutschland-Ranking der Sachsen

Bank gar nicht auf. Die Redaktion hat

sich trotzdem der Mühe unterzogen, die

Top-100-Liste für Ostdeutschland und

Berlin, die in dieser Form ihresgleichen

sucht, zu erstellen. Ergänzungen dazu

sind ausdrücklich erwünscht.

Die Rangfolge dürfte in vielerlei Hinsicht

aufschlussreich sein. Vor allem unterstreicht

sie die Vorzüge des Standorts –

jenseits von Schönfärberei. Die »Länderreports

Innovation«, die auch auf die regionalen

Traditionen eingehen, werden den

Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort

Ost spezifischer ausleuchten. In Reportagen,

Gesprächen vor Ort und Analysen.

Gerne gehen wir auch auf die Vorschläge

unserer Leserinnen und Leser ein: Sie

sind also herzlich eingeladen!

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 29


W&M PLUS

Top 100

Von der Ostsee bis zum Erzgebirge – Das Ranking

Rang Unternehmen Branche Mitarbeiter

(2010)

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

49

50

Deutsche Bahn*

Deutsche Post

Edeka Stiftung

Rewe Group

Deutsche Telekom*

Siemens*

Berliner Verkehrsb. (BVG)

Vattenfall Europe u. Töchter

METRO Group

Vivantes

Charité Berlin

Dussmann Stiftung

Volkswagen

Randstad Deutschland

HELIOS Kliniken GmbH

Rhön Klinikum

Bosch-Gruppe

Gegenbauer Holding

Landesbank Berlin

KAISER’S TENGELMANN

Bayer HealthCare

Daimler

Berliner Stadtreinigung

Dow Gruppe Deutschland

Leipziger Versorg.- u. Verkehrsges.

AIDA Cruises

WISAG-Gruppe

BMW Group*

E.on Avacon, E.on Edis, E.on Thüringen

Berliner Wasserbetriebe

Kaufland Dienstleistungen

Piepenbrock Unternehmensgruppe

Bombardier Transportation

SECURITAS Gruppe

Carl Zeiss Meditec/Microimaging

Deutsche Bank

Deutsche Lufthansa

Bertelsmann

ALBA Group

Preiss-Daimler Group Wilsdruff

Stadtwerke Halle u. Hallesche Wasser

Karstadt Warenhaus Berlin

walter services Holding

Lafim-Gruppe (Wi-Lafim)

Paul Gerhardt Diakonie Berlin

Alexianer

Universitätsklinikum Rostock

K+S Gruppe

Schlecker Drogeriemärkte

Axel Springer

Verkehr

Logistik

Handel

Handel

Telekommunikation

Technik

Verkehr

Energie

Handel

Gesundheit

Gesundheit

Dienstleistung

Automobilindustrie

Personaldienstleistung

Gesundheit

Gesundheit

Technik

Facility Management

Finanzwesen

Handel

Pharmaindustrie

Automobilindustrie

Entsorgung u. Recycling

Chemie

Verkehr

Schifffahrt

Facility Management

Automobilindustrie

Energie

Wasserversorgung

Handel

Dienstleistung

Verkehrstechnik

Wachschutz

Optik

Finanzwesen

Verkehr

Medien

Entsorgung u. Recycling

Technik

Energie- u. Wasserversorg.

Handel

Dienstleistung

Gesundheit

Gesundheit

Gesundheit

Gesundheit

Düngemittel

Handel

Verlagswesen

56.571

25.700

23.273

21.078

19.920

15.116

10.597

10.461

10.382

10.104

9.887

9.860

8.216

7.900

7.550

7.481

7.183

7.037

6.430

6.226

6.200

6.000

5.459

5.404

5.102

5.100

5.100

5.000

4.663

4.638

4.400

4.364

4.290

4.070

3.900

3.750

3.500

3.440

3.436

3.343

3.300

3.295

3.242

3.221

3.149

3.118

3.100

3.100

3.095

3.040

Umsatz

(in Mio. Euro)

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

774

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

4.637

3.507

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

1.074

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

434

666

k.A.

k.A.

101

k.A.

k.A.

265

k.A.

k.A.

k.A.

Bundesland

Gesamt

Gesamt, ohne Sachsen

Gesamt, ohne M-V

Gesamt, ohne M-V

Gesamt

Berlin, M-V, Sachs., Thür.

Berlin

Berlin und Brandenburg

Berlin, BB, Thür.

Berlin

Berlin

Berlin, BB, M-V, Thür.

Berlin, Sachsen

Berlin, BB, Thüringen

Berlin, Thüringen

Sachsen, S-A., Thür.

Gesamt, ohne Sachsen

Gesamt, ohne Sachsen

Berlin

Berlin

Berlin, Sachs-Anh., Thür.

Berlin

Berlin

Sachsen-Anhalt

Sachsen

Meckl.-Vorpommern

Berlin, Brandenburg

Berlin, Sachsen

Gesamt, ohne Sachsen

Berlin

Berlin

Berlin, BB, M-V, Thür.

Brandenburg, Sachsen

Berlin

Thüringen

Berlin

Berlin, Brandenburg

Brandenburg, Thüringen

Berlin, BB, M-V

Sachsen, Sachs.-Anh.

Sachsen-Anhalt

Berlin

Brandenburg, S-A.

Brandenburg

Berlin

Berlin, Brandenburg

Meckl.-Vorpommern

Sachs.-Anh., Thüringen

Berlin, Brandenburg

Berlin

Anmerkung: Bei den mit * markierten Angaben resultiert die Beschäftigtenzahl teilweise aus Presseveröffentlichungen. Aufgrund von

unterschiedlichen Rankings in Sachsen-Anhalt und Thüringen (Studie Fokus Mittelstand der Sachsen Bank sowie die Studien »Die 100

größten Unternehmen in Sachsen-Anhalt« – Nord/LB und »Die 100 größten Unternehmen in Thüringen« – HELABA) liegen teilweise verschiedene

Beschäftigtenzahlen zu einzelnen Unternehmen vor. Die Redaktion von Wirtschaft& Markt hat sich entschieden, in diesen

30 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


W&M PLUS

TOP 100

IN OSTDEUTSCHLAND

der 100 größten Arbeitgeber in Ostdeutschland

Rang Unternehmen Branche Mitarbeiter

(2010)

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

66

67

68

69

70

71

72

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

85

86

87

88

89

90

91

92

94

95

97

98

99

100

Jenoptik

McDonald’s Deutschland

Allianz

GLOBALFOUNDRIES Dresden

NETTO Supermarkt GmbH & Co. KG

BASF Gruppe/BASF Schwarzheide

3 B Dienstleistung Deutschland

Evangelisches Johannesstift

airberlin group

Commerzbank

UNIONHILFSWERK

Nordex SE

Arcelor Mittal Eisenhüttenstadt

BIOTRONIK SE & Co. KG

X-FAB Semiconductor Foundries

Q-Cells SE

Klinikum Ernst von Bergmann

Gesellschaft für Leben u. Gesundheit

Mosaik Unternehmensverbund

SNT Deutschland

Mercedes-Benz Ludwigsfelde

Hermes Fulfilment

Scandlines

MIBRAG Mitteldeutsche Braunkohle

Lidl Dienstleistung

Dirk Rossmann

Envia Mitteldeutsche Energie

Pro Klinik Holding

Tönnies Fleischwerk u. Zerlegebetrieb

Carl-Thiem-Klinikum Cottbus

Damp Holding

Günter Papenburg Halle

Infineon Technologies

Bauerfeind

BT Berlin Transport

Mitteldeutscher Rundfunk

Mitteldeut. Druck- und Verlagshaus

P+S WERFTEN

Braun Gruppe u. RIEMSER Arzneimittel

Berliner Volksbank

Berliner Werkstätten für Behinderte

Möbel Höffner

Opel Eisenach

Dresdner Druck- und Verlagshaus

Bundesdruckerei Gruppe

Zeitungsgruppe Thüringen

Rolls-Royce Deutschland

Deutsche Kreditbank

SWE Stadtwerke Erfurt

Osram

Optik

Ernährung

Versicherung

Technik

Handel

Chemie

Dienstleistung

Gesundheit

Verkehr

Finanzwesen

Soz. Dienstleistungen

Windkraft

Stahlindustrie

Medizintechnik

Technik

Energie

Gesundheit

Gesundheit

Soz. Ausbildungsträger

Call-Center

Automobilindustrie

Logistik

Schifffahrt

Energie

Handel

Handel

Energie

Gesundheit

Ernährung

Gesundheit

Gesundheit

Bauwesen

Technik

Orthopädie

Logistik

Medien

Verlagswesen

Schifffahrt

Mischkonzern

Finanzwesen

Sozialer Ausbildungsträger

Möbel

Automobilindustrie

Verlagswesen

Verlagswesen

Verlagswesen

Technik

Finanzwesen

Energie- u. Wasserversorg.

Leuchtmittel

3.000

2.964

2.900

2.850

2.785

2.770

2.700

2.676

2.652

2.647

2.586

2.504

2.489

2.400

2.400

2.379

2.359

2.293

2.272

2.266

2.245

2.200

2.200

2.156

2.145

2.142

2.117

2.065

2.037

2.034

2.029

2.023

2.000

2.000

1.996

1.994

1.981

1.977

1.900

1.866

1.846

1.800

1.800

1.793

1.750

1.750

1.740

1.730

1.720

1.704

Umsatz

(in Mio. Euro)

511

k.A.

k.A.

1.059

1.439

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

972

1.104

k.A.

239

1.354

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

569

387

k.A.

k.A.

2.969

k.A.

1.522

k.A.

182

409

k.A.

250

k.A.

728

113

407

360

k.A.

k.A.

k.A.

k.A.

194

k.A.

k.A.

1.097

k.A.

440

k.A.

Bundesland

Thüringen

Berlin, Brandenburg

Berlin

Sachsen

Brandenburg und M-V

Berlin und Brandenburg

Berlin

Berlin

Berlin

Berlin und M-V

Berlin

Meckl.-Vorpommern

Brandenburg

Berlin

Thüringen

Sachsen-Anhalt

Brandenburg

Brandenburg

Berlin

Brandenburg

Brandenburg

Sachs.-Anh. und Thür.

Meckl.-Vorpommern

Sachsen-Anhalt

Berlin

Berlin, BB, Thür.

Sachsen, Sachs.-Anh.

Brandenburg

Sachsen-Anhalt

Brandenburg

Meckl.-Vorpommern

Sachsen-Anhalt

Sachsen

Thüringen

Berlin

Sachsen, S-A, Thür.

Sachsen-Anhalt

Meckl.-Vorpommern

Meckl.-Vorpommern

Berlin

Berlin

Brandenburg

Thüringen

Sachsen

Berlin

Thüringen

Brandenburg

Berlin, Brandenburg

Thüringen

Berlin

Fällen die jeweils höhere Angabe in die Liste einfließen zu lassen. Beispiel EDEKA Märkte in Sachsen-Anhalt – laut Ranking Nord/LB:

4.152 Mitarbeiter, laut Sachsen Bank: 7.082. Einige der größten Arbeitgeber in Ostdeutschland und Berlin veröffentlichten 2010 keine

Beschäftigtenzahlen (z. B. Schwarz-Gruppe mit Kaufland und Lidl) und werden daher im Ranking nicht berücksichtigt. Abkürzungen:

Mecklenburg-Vorpommern (Meckl.-Vorpommern u. M-V); Sachsen-Anhalt (Sachs.-Anh. u. S-A); Thüringen (Thür.); Brandenburg (BB).

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 31


W&M PLUS

Top 100 der einzelnen ostdeutschen Länder

Bunter Branchenmix

TOP 100

IN OSTDEUTSCHLAND

W&M veröffentlicht in den kommenden Ausgaben die

Rankings der größten und umsatzstärksten Unternehmen

in den ostdeutschen Bundesländern und der Hauptstadt

Berlin. Hier ein Überblick zu den genutzten Quellen

und eine Vorschau auf die derzeit aktuellsten Ergebnisse.

Fotos: Deutsche Post AG, Opel AG, Metro Group

Berlin

Verkehrsbranche vorn

Die Industrie- und Handelskammer (IHK)

und die Handwerkskammer Berlin

haben im August vergangenen Jahres die

Broschüre »Berliner Wirtschaft in Zahlen«

für das Jahr 2011 vorgelegt. Das

Nachschlagewerk zeigt auf insgesamt 70

Seiten, wie es um die Berliner Wirtschaft

und die Hauptstadt insgesamt steht und

präsentiert eine aktuelle Top-100-Liste

der größten Berliner Unternehmen nach

Beschäftigtenzahlen. Die Umsatzgrößen

wurden nicht berücksichtigt.

Die meisten Mitarbeiter in Berlin hat

nach diesen Angaben die Deutsche Bahn

AG mit 18.543. Mit deutlichem Abstand

folgt die Siemens AG (13.066 Arbeitnehmer),

vor den Berliner Verkehrsbetrieben

(10.597), dem Vivantes Netzwerk für Gesundheit

GmbH (10.104) und der Charité-

Universitätsmedizin (9.887). Besonders

bemerkenswert ist, dass diese fünf Konzerne

tatsächlich auch ihren Hauptsitz

im Bundesland Berlin haben.

Das Jahr 2010 war für die Berliner Wirtschaft

insgesamt ein erfolgreiches.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs

um 2,7 Prozent und die Umsätze und

Auftragseingänge der Unternehmen verbesserten

sich. Berlins Bevölkerung

wuchs auf ein Rekordniveau. Die Einwohnerzahl

stieg im Jahr 2010 gegenüber

dem Vorjahr um 18.000 Personen. Ein

Plus von einem halben Prozent auf

3,46 Millionen Einwohner. So kräftig hat

die Einwohnerzahl seit 19 Jahren nicht

mehr zugelegt. Allerdings betrug die

Arbeitslosenquote 2010, auch infolge des

enormen Zuzugs, 13,6 Prozent. Im Bundesvergleich

behielt die Hauptstadt damit

die rote Laterne hinter Mecklenburg-

Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Brandenburg

Viele Jobs im Handel

Die in Potsdam erscheinende regionale

Tageszeitung »Märkische Allgemeine

Zeitung« (MAZ) listete im August 2011

»Brandenburgs größte Unternehmen«

auf. Für die Top 100 wurden nur private

Unternehmen berücksichtigt, öffentliche

und gemeinnützige Arbeitgeber

fanden sich in einer separaten Tabelle

mit den Top 30 wieder. Im Unterschied

zu den anderen aufgeführten Bundesländern

wurden in dieser Veröffentlichung

bereits Beschäftigtenzahlen für

2011 im Vergleich mit 2010 genannt.

Die Unternehmensgruppe Schwarz mit

ihren Handelstöchtern Lidl und Kaufland

steht 2011 auf Platz eins mit insgesamt

8.103 Mitarbeitern, nennt allerdings

keine Zahlen für 2010. Die Deutsche

Bahn AG als größter öffentlicher

Arbeitgeber kommt aktuell auf 7.500

Mitarbeiter (2010: 7.470), es folgt die

Deutsche Post AG mit der unveränderten

Beschäftigtenzahl von 6.800.

Neben weiteren Handelsketten (METRO

Group, Netto, Edeka) und einer Vielzahl

von Unternehmen aus der Gesundheitsbranche

sind für das Jahr 2010 Vattenfall

Europe (5.040 Beschäftigte), Dussmann

(2.650) und Arcelor Mittal Eisenhüttenstadt

(2.489) als besonders wichtige

Arbeitgeber im Bundesland Brandenburg

genannt worden.

Einen Spitzenplatz beim Umsatz belegte

der Energieversorger E.on Edis AG mit

1,68 Milliarden Euro. Es folgen Arcelor

Mittal (1,1 Milliarden), Rolls-Royce

Deutschland mit Sitz in Blankenfelde

(1,1 Milliarden), das Chemieunternehmen

BASF Schwarzheide (eine Milliarde)

und Riva Stahl (992 Millionen) aus der

metallurgischen Branche.

Mecklenburg-Vorpommern

Stabile Beschäftigung

Die Studie zu den Top 100 Mecklenburg-

Vorpommerns stellte die NORD/LB im

Januar dieses Jahres vor. Im Geschäftsjahr

2010 beschäftigten die 100 größten

Unternehmen im Land insgesamt 71.800

Mitarbeiter. »Damit ist klar, dass die Zahl

der Beschäftigten gegenüber dem Vorjahr

stabil geblieben ist«, erklärte Dr. Arno

Brandt, Leiter der NORD/LB Regionalwirtschaft.

Mit 5.100 Mitarbeitern war die

Kreuzfahrtreederei AIDA Cruises 2010 der

größte Arbeitgeber. Auf Platz zwei und

drei folgen die Deutsche Bahn AG mit

4.143 Mitarbeitern und das Universitätsklinikum

Rostock mit 3.100 Beschäftigten.

Die weiteren Plätze belegen die Deutsche

Post DHL (3.000 Mitarbeiter), der

Rostocker Windenergieanlagenhersteller

Nordex SE (2.504), die Fährreederei Scandlines

Rostock (2.200), die Klinik-Gruppe

Damp Holding und die P+S WERFTEN

GmbH Stralsund, die Stavenhagener OHG

NETTO Supermarkt GmbH & Co. und das

Maschinenbau-Unternehmen Hydraulik

Nord GmbH aus Parchim.

An der Spitze der umsatzstärksten Unternehmen

des Landes steht die OHG NETTO

Supermarkt GmbH & Co. mit einem Umsatz

von mehr als 1,1 Milliarden Euro.

Nordex liegt mit 972 Millionen Euro auf

dem zweiten Rang. Mit deutlichem Abstand

folgen der Schweriner Energieversorger

WEMAG AG (640 Millionen Euro),

Scandlines (569 Millionen) und die

P+S WERFTEN GmbH (407 Millionen). Auf

den weiteren Plätzen liegen die HANSA-

Milch Mecklenburg-Holstein eG, die Ostsee

Mineralöl-Bunker GmbH, die YARA

GmbH & Co. KG, die Egger Holzwerkstoffe

Wismar GmbH & Co. KG und die Energiewerke

Nord GmbH in Greifswald.

32 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


W&M PLUS

Sachsen

Automobilsektor stark

Sachsen-Anhalt

Umsatzplus angepeilt

Thüringen

Mittelstand dominiert

Neun der 100 größten Unternehmen ganz

Mitteldeutschlands zählen zur Automobilindustrie.

Insgesamt standen für viele

sächsische Unternehmen im Jahr 2010 die

Zeichen auf Wachstum. Besonders Betriebe

aus dem Automobilsektor konnten

nach teilweise starken Umsatzrückgängen

im Jahr zuvor kräftig zulegen. So die

Volkswagen Sachsen GmbH, die 2010

einen Umsatz von 4,35 Milliarden Euro

erzielt hat – Platz drei im Ranking. Dieses

Ergebnis ist der Studie »Die 100 größten

Unternehmen Mitteldeutschlands« entnommen,

die von der Sachsen Bank im

Dezember 2011 präsentiert wurde. In der

aktuellen Liste zeigt sich zudem deutlich

die Umsatzstärke und Größe der Energiewirtschaft

in der Region. So finden sich

der Erdgasspezialist VNG Verbundnetz

Gas AG Leipzig (Umsatz: 5,3 Milliarden

Euro), die Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft

(3,5 Milliarden) der Messestadt

und die RWE-Tochter Envia Mitteldeutsche

Energie Chemnitz (3,0 Milliarden) in

den Top-Ten wieder.

»Nur wenige Beobachter hätten ein so

schnelles Wachstum der deutschen Wirtschaft

nach dem schwierigen Jahr 2009

erwartet«, sagte Sachsen-Bank-Vorstandsvorsitzender

Prof. Harald R. Pfab. »Doch

gerade die mitteldeutschen Unternehmen

haben sich mit ihrer hohen Flexibilität

schnell und effizient auf die unerwartet

positive wirtschaftliche Entwicklung eingestellt

und konnten so zum Teil sehr

deutliche Umsatzsteigerungen erzielen.«

Fast die Hälfte von ihnen hat 2010 zusätzliche

Arbeitskräfte eingestellt. Für die Dominanz

der sächsischen Firmen spricht,

dass sie knapp die Hälfte der aufgelisteten

mitteldeutschen Top 100 ausmachen.

Im Dezember 2011 hat die NORD/LB ihre

Studie zu den größten Unternehmen in

Sachsen-Anhalt vorgestellt. Diese peilen

in Gänze ein Umsatzplus gegenüber 2010

an. Das umsatzstärkste Unternehmen war

2010 die TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland

GmbH Leuna mit 5,7 Milliarden

Euro. Auf die Plätze zwei und drei kamen

die Dow Gruppe Deutschland (4,6 Milliarden)

sowie die EDEKA Märkte Sachsen-Anhalts

(2,2 Milliarden). Auf Rang vier folgt

die Tönnies Gruppe (1,5 Milliarden), dahinter

Q-Cells SE (1,4 Milliarden) und die

MKM Mansfelder Kupfer und Messing

GmbH Hettstedt mit gut einer Milliarde

Euro. Auf den weiteren Plätzen landeten

die Barlebener Salutas Pharma GmbH

(878 Millionen), die Freyburger Rotkäppchen

Sektkellereien GmbH (820 Millionen),

die MITGAS GmbH (640 Millionen)

in Kabelsketal und die Novelis Deutschland

GmbH (598 Millionen) in Seeland.

Die Rangliste der 100 größten Arbeitgeber

wird von der Deutschen Bahn AG mit

7.915 Mitarbeitern im Land angeführt.

Die Dow Gruppe Deutschland (5.404 Mitarbeiter)

liegt auf dem zweiten Platz vor

der Deutschen Post DHL (5.100) sowie den

EDEKA Märkten Sachsen-Anhalts (4.152).

Dann folgen die Stadtwerke Halle GmbH

(3.300), Q-Cells SE (2.379), MIBRAG Mitteldeutsche

Braunkohlen-GmbH (2.156) in

Zeitz sowie das Unternehmen K+S Kali

GmbH (2.140) in Zielitz.

»Der Entwicklung der Unternehmen im

Land kommt große Bedeutung zu«, sagte

NORD/LB-Vorstandsmitglied Dr. Hinrich

Holm. »Die Verwurzelung in der regionalen

Wirtschaft ist eine Stärke der Bank

und die Grundlage der erfolgreichen

Geschäftsentwicklung.«

Nach der neusten, im Oktober 2011 veröffentlichten

Studie der Landesbank

Hessen-Thüringen (HELABA) sowie der

Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) des

Freistaats belegen der EDEKA-Konzern

mit 5.400 Thüringer Mitarbeitern, die

Deutsche Bahn AG (4.500) und die Deutsche

Post AG (4.300) die drei Spitzenplätze

im landesinternen Ranking. Es folgen der

Personaldienstleister Randstad Deutschland

(4.200) und die Bosch-Gruppe (4.050).

Der größte Anteil der Beschäftigten

konzentriert sich auf die zehn größten

Unternehmen: Rund 37 Prozent der im

regionalen Ranking erfassten Arbeitnehmer

sind in diesen Firmen beschäftigt.

Grundsätzlich ist die Unternehmensstruktur

Thüringens sehr stark mittelständisch

geprägt, sagte Dr. Gertrud R.

Traud, HELABA-Chefvolkswirtin, bei der

Listenpräsentation in Erfurt. Das komme

auch im Ranking zum Ausdruck. So

zählen 35 Firmen aus der Rangliste der

100 größten Unternehmen Thüringens

zum Mittelstand. Zentrale Ansiedlungsregion

für die Top 100 ist die Städtekette

von Eisenach über Erfurt bis nach Gera.

Rund 70 Prozent der Betriebe haben ihren

Hauptstandort in der Region entlang der

Autobahn A4. Diese hohe Konzentration

geht über die wirtschaftliche Gravitation

der Städtekette hinaus. Dort werden

52 Prozent des Thüringer BIP erwirtschaftet,

wobei der Bevölkerungsanteil 47 Prozent

beträgt. Stark am Markt sind sowohl

größere als auch kleinere Unternehmen.

So werden 15 Firmen aus der Rangliste

in der gleichnamigen Initiative der LEG

Thüringen genannt. Die dort identifizierten

Markt- und Technologieführer sind

aber in der Mehrzahl kleinere Firmen. &

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 33


KOLUMNE

Deutschland geht es gut! Das ist die

wichtigste Nachricht, die unsere

Politiker zu Jahresbeginn zu vermelden

hatten und in großen Zeitungsanzeigen

unters Volk brachten. Danke

Deutschland. Na dann, lehnen wir uns

zurück und betrachten das wunderbare

Werk, das wir zustande gebracht haben.

Vielleicht muss Politik ja so sein. Vielleicht

muss Politik den Menschen systematisch

etwas vorgaukeln, was es nicht

gibt. Vielleicht muss Politik dem Bürger

jeden zweiten Tag ein X für ein U verkaufen.

Vielleicht muss Politik ein schmutziges

Geschäft sein, wo jeder versucht,

kurzfristigen Vorteil herauszuschlagen

nach dem Motto: Nach mir die Sintflut.

Aber ich kann mir nicht helfen, ich

bin trotzdem wütend. Die gleichen Politiker,

die immer wieder die Rettung der

zukünftigen Generationen beschwören,

tun Tag für Tag nichts anderes, als den

zukünftigen Generationen zu demonstrieren,

wie man niemals die Zukunft gewinnen

kann, wenn man die Gegenwart

verspielt. Wie sollen Generationen erwachsen

werden und in der Lage sein,

ein so komplexes Gebilde wie eine Demokratie

zu erhalten und in seiner Funktionsfähigkeit

zu verbessern, wenn ihnen

heutige Politik zugemutet wird.

Eines der schlimmsten Übel ist die

verbreitete Neigung, Statistik zu missbrauchen,

um kurzfristiger politischer

Scheinvorteile willen. Zur Statistik der

Arbeitslosigkeit will ich mich gar nicht

auslassen, das ist der größte Skandal

überhaupt, seit Jahrzehnten. Es vergeht

aber auch kein Monat, ohne dass – beginnend

mit dem Statistischen Bundesamt

und endend mit den letzten Provinzmedien

– die Ergebnisse über die Binnennachfrage

und den Konsum in Deutschland

so lange mit politischer Schokoladensauce

übergossen werden, dass es so

aussieht, als ob die Deutschen auf Teufel

komm raus konsumierten.

Man spürt die Absicht. Jeder, der halbwegs

informiert ist, weiß, dass Deutschland

wegen seiner schwachen Binnennachfrage

international in der Kritik

steht. Deutsche Medien und Politiker sagen

den Bürgern das niemals offen, aber

es wird jeder Anlass genutzt, um dem

uninformierten Bürger und dem Ausland

zu suggerieren, es sei alles in Butter.

Auch dann, wenn alles Katastrophe ist.

Der deutsche Einzelhandelsumsatz ist

der umfassende Indikator, der am klarsten

zeigt, dass die Menschen in Deutschland

kein Geld in der Tasche haben und

AUS GENFER SICHT

Statistik

und andere Lügen

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

genau deswegen nichts kaufen. Der preisbereinigte

Umsatz (bei solchen stark

schwankenden Reihen notwendigerweise

saisonbereinigt) lag im Dezember 2011

nach Angaben der Deutschen Bundesbank

bei einem Wert von 96,7 wenn der

Wert von 2005 gleich einhundert gesetzt

ist. Auch gegenüber dem Beginn des Erhebungszeitraums,

1994, ist der Umsatz

kaum gestiegen und liegt heute unterhalb

dieses Wertes. Das ist für eine wachsende

Wirtschaft schlicht katastrophal,

weil es klar zeigt, dass alles, was es seit

Mitte der 90er Jahre an Aufschwung gegeben

hat, an den Verbrauchern vorbeigegangen

ist. Dem einfachen Menschen

wird seit Jahren die Teilhabe am gemeinsam

erarbeiteten Produktivitätsfortschritt

verweigert. Mit dem Hinweis,

nur über relativ sinkende Löhne sei Arbeitslosigkeit

abzubauen, und man habe

sie abgebaut.

Die stagnierende Binnennachfrage

zeigt aber, dass das fundamental falsch

ist. Genau deswegen darf sie auch nicht

wahr sein. Relativ oder absolut sinkende

Löhne würden nämlich in der Ökonomie

laut herrschender Meinung überhaupt

nicht zu einem Absinken oder Zurückbleiben

der Nachfrage führen. Weil der

Rückgang des Lohnes pro Kopf ja jederzeit

ausgeglichen werde durch mehr

Köpfe oder mehr Stunden, die gearbeitet

werden. Auf diese Weise bliebe die Sum-

me der ausbezahlten Löhne stets gleich

oder stiege unverändert – und folglich

die gesamte Nachfrage, selbst wenn der

einzelne zu Lohn- und Konsumzurückhaltung

gezwungen wird. So beweist das

Zurückfallen der Binnennachfrage unmittelbar,

dass die Politik des Löhnedrückens

ein grandioser Fehlschlag war.

Aber nicht doch. Sie hat die deutsche

Wettbewerbsfähigkeit verbessert und

den deutschen Unternehmen gewaltige

Überschüsse beschert, in deren Gefolge

neue Arbeitsplätze entstanden. Sorry,

immerhin ist seit Beginn dieses Jahrhunderts

vom gesamten deutschen Wachstum

exakt die Hälfte direkt als Beitrag

vom Außenhandelssaldo gekommen.

Wenn das kein Erfolg ist! Allerdings vergessen

wir leicht, dass irgendwo auf der

Welt das, was bei uns als positiver Beitrag

gebucht wird, als negativer Beitrag anfallen

muss. Für die Welt insgesamt gibt

es keinen Beitrag vom Außenhandel.

Wenn also jetzt alle Welt die deutsche

Politik der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit

nachahmt, da es Deutschland

ja scheinbar so gut geht, dann wissen

wir genau, dass das in die Hose geht.

Einfach weil es in diesem Fall logisch

nicht möglich ist, dass alle das tun, was

ein einzelner getan hat.

Warum sagt das nicht mal einer unserer

Politiker? Wissen sie es nicht? Dann

sollten sie schleunigst ihre Positionen

verlassen. Wollen sie es nicht wissen, lassen

sie die Welt sehenden Auges ins Verderben

rennen? Dann ist es noch schlimmer,

Massenrücktritte wären gefordert.

Aber nichts dergleichen, alle sonnen sich

im Lichte ihrer kleinen Taschenlampen

und hoffen, dass ein Wunder geschieht

und die Wirklichkeit endlich die lächerliche

menschliche Logik überwindet.

Apropos Rücktritte: Es gibt dafür viele

gute Gründe. Warum aber werden in der

Öffentlichkeit die allerunwichtigsten bis

in letzte Detail ausgebreitet und wirklich

entscheidende vollständig ignoriert?

Warum diskutiert niemand Rücktritte

wegen Versagens im Amt? Warum fragt

niemand, wer in Europa alles zurücktreten

muss, wenn das wichtigste Projekt,

die Währungsunion, gegen die Wand

gefahren wird? Schlimm ist nicht, dass

auch diese Fragen nicht leicht zu beantworten

sind. Schlimm ist, dass sie nicht

diskutiert werden, weil die Presse lieber

recherchiert, wer in jüngster Vergangenheit

einem Provinzfürsten gehuldigt hat,

den man – offenbar aus Versehen – ins

höchste Amt des Staates gehievt hat. &

Foto: Torsten George

34

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


SPECIAL

Die weltweit größte Computermesse

CeBIT in Hannover steht in diesem

Jahr unter einem besonderen

Stern. Von der IT-Branche wird nicht

mehr und nicht weniger erwartet, als

dass sie als Wachstumstreiber der Wirtschaft

fungiert. Das Zeug dazu hat sie allemal.

Und es ist daher auch kein Zufall,

dass Bundeskanzlerin Angela Merkel am

Eröffnungsabend der Leistungsschau

mit der brasilianischen Staatspräsidentin

Dilma Rousseff und dem Google-Verwaltungsratschef

Eric Schmidt zwei

hochkarätige ausländische Gäste an ihrer

Seite hatte.

Für alle drei Protagonisten ist das

Wirtschaftswachstum ein verbindendes

Thema. Brasilien, in diesem Jahr offizieller

Partner der Computermesse, ist eine

der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften

in der Welt. Der Internet-

Konzern Google wies mit 29 Prozent Umsatzplus

im vergangenen Jahr ein traumhaftes

Ergebnis auf. Und Kanzlerin

Merkel kann sich über die Wachstumsprognose

des deutschen Marktes für IT,

Telekommunikation und digitale Unterhaltungselektronik

freuen: Mit 2,2 Prozent

Plus erwartet die Branche 2012 einen

Umsatzsprung auf 151,3 Milliarden

Euro. Innerhalb des Gesamtmarkts soll

der IT-Sektor gar um 4,5 Prozent zulegen.

Für das gesamtwirtschaftliche Wachstum

Deutschlands erwarten die Experten

indes nur ein Plus von 0,8 Prozent.

Fotos: Werkfotos

FUSSBALL-EM FÖRDERT GESCHÄFT

Die Telekommunikation erreicht nach

einem schwierigen Jahr 2011 wieder ein

Plus und steigert den Umsatz um 0,4 Prozent

auf 66 Milliarden Euro. Sport-Großereignisse

wie die Fußball-EM 2012 in Polen

und der Ukraine dürften auch den

Absatz von TV-Geräten beflügeln, so dass

sich der Markt für Consumer Electronics

langsam erholt und nur noch um 1,5 Prozent

auf rund zwölf Milliarden Euro

schrumpft. Trotz der Delle steht für Prof.

Dieter Kempf, Präsident von BITKOM

(Bundesverband Informationswirtschaft,

Telekommunikation und neue Medien)

fest: »Die Schuldenkrise in Europa hatte

bislang keine signifikanten Auswirkungen

auf den Hightech-Markt. Die Branche

ist für 2012 sehr zuversichtlich«.

Im vergangenen Jahr lockte die CeBIT

339.000 Interessierte in die Messehallen.

Die Zahl der Aussteller lag bei 4.200 Unternehmen.

Die Veranstalter erwarten

angesichts der positiven Geschäftsprognosen

in diesem Jahr ein Besucherplus.

Dafür soll der Ausbau der Messe in Richtung

Consumer Electronic sorgen – wie

die Vielzahl der vorgestellten TV-Bildschirme

und Smartphones zeigt. Weil

CeBIT 2012

Mit Cloud-Tech

auf IT-Wolke 7

Vom 6. bis 10. März 2012 lädt in Hannover die

weltgrößte Computermesse CeBIT zum Branchentreff.

Die IT-Wirtschaft erfreut sich wachsender Umsätze

und wirkt auf die Gesamtkonjunktur. Ein Vorbericht

mit den aktuellsten Trends von Dr. Manfred Buchner.

36 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


SPECIAL

die mobile Kommunikation via Web in

der IT-Szene weiter zunimmt, kann der

Elektroniknutzer beim Besuch in Hannover

in diesem Jahr auf dem gesamten

Messegelände über ein drahtloses W-

LAN-Netz (Wire-less Local Area Network)

kostenlos ins Internet gehen.

UNTERWEGS INS WEB

Geräte für den mobilen Internetzugang

haben das stärkste Wachstumspotenzial.

Der Umsatz mit Tablet-PCs beispielsweise

legte um knapp 19 Prozent auf 1,3 Milliarden

Euro zu, Smartphones erreichen

sogar ein Plus von 23 Prozent auf fünf

Milliarden Euro. Besonders stark entwickelt

sich seit Jahren der Umsatz mit

Software. Sowohl 2011 als auch 2012

nimmt er um über fünf Prozent auf 17

CEBIT 2011

Was – Wann – Wo

Messezeit: 6. bis 10. März 2012

Öffnungszeit: 9.00 Uhr bis 18.00 Uhr

Eintrittspreise:

Tageskarte 34 Euro (Vorverkauf)

Tageskasse 39 Euro

Dauerkarte 79 Euro (Vorverkauf)

Tageskasse 89 Euro

Anreise-Tipp: CeBIT-Karten gelten am Tag

des Messebesuchs für kostenlose Bahnund

Busfahrten im Nahverkehr von Hannover

Vorverkauf: Tel. (0180) 500 06 89

www.cebit.de

Milliarden Euro zu. Bei der Telekommunikation

sind vor allem mobile Datendienste

(plus zehn Prozent) begehrt.

Die wichtigsten Hightech-Themen des

Jahres 2012 sind Cloud-Computing, mobiles

Computing, IT-Sicherheit und Social

Media. Das geht aus einer Umfrage in

der ITK-Branche (Informations- und Telekommunikationstechnologie)

hervor. Danach

belegt Cloud Computing (Computerleistung

aus einem Rechenzentrum)

mit 66 Prozent zum dritten Mal in Folge

den Spitzenplatz. »Cloud-Services sind

die Innovationstreiber bei der Bereitstellung

und Nutzung von IT-Leistungen«,

sagt BITKOM-Präsident Kempf. »Der zweite

Megatrend des Jahres sind mobile Applikationen.«

53 Prozent der Unternehmen

nennen Mobile Computing als zentrales

Thema, ein Anstieg von zehn

Prozent im Vergleich zu 2011. IT-Sicherheit

und Datenschutz gehören für 48

Prozent der Unternehmen zu den zentralen

Herausforderungen des Jahres (2011:

38 Prozent). Social Media (Facebook etc.)

legt ebenfalls weiter zu auf 37 Prozent.

Neu unter den Top-Ten ist E-Energy, das

INTERNET-BUCHHALTUNG

Weniger Stress mit der Bürokratie

Buchhaltung ist ein kosten- und arbeitsintensiver Firmenbereich.

Digitale Technik reduziert den Aufwand in Unternehmen deutlich.

Vertrauliche Daten außer Haus zu

geben, ist für Unternehmen eigentlich

ein Tabu. Anders bei der Rostocker

TUR Therapietechnik GmbH. Der Gerätebauer

nutzt ein internetbasiertes Programm,

schickt damit Buchungen und

sogar die gesamten Auftragsdaten durch

die Leitung. Mit großem Vorteil, wie

Buchhaltungsleiterin Dagmar Dietrich

berichtet: »Egal wo wir sind, ob im Büro,

unterwegs zum Kunden oder zu Hause,

können wir mit unseren Rechnern auf

sämtliche Firmendaten zugreifen und

unsere Aufgabe damit erledigen.«

Auch Anette Weinreich setzt bei ihrem

Büroservice im erzgebirgischen Oberlungwitz

auf digitale Unterstützung.

Mit ihren Mitarbeiterinnen erledigt sie

jeden Monat rund 400 Lohnabrechnungen

und die Buchhaltung für mehrere

Firmen. Die gelernte Industriekauffrau

kann jederzeit auf die aktuelle Rechtsprechung

zugreifen. Dafür sorgt die

Finanzsoftware, die von Programmhersteller

via Web automatisch mit den

neuesten Versionen gefüttert wird.

Weinreich: »Das schaffen wir nur mit

Programmen, die die aktuellen gesetzlichen

Anforderungen einhalten und

auch bei Spezialaufgaben helfen.«

Noch einen Schritt weiter in Sachen Internetnutzung

geht der neue Buchhaltungsservice

Bookman des Freiburger

Softwarehauses Lexware. Damit werden

Belege im Eins-zu-Eins-Format durch

das weltweite Netz geschickt – mehrfach

gegen fremde Augen abgesichert. Das

Beste daran: Die Nutzer stecken lediglich

die einzelnen Belege in einen bereit

gestellten Scanner und schicken die

Daten per Tastentipp verschlüsselt zum

Steuerbüro.

Die Beispiele zeigen: Computer und interbasierte

Technik entlasten vom Buchhaltungsstress

und von Bürokratie. Das

ist auch unbedingt notwendig, denn

nach einer Umfrage des Rudolf Haufe

Verlags bei über 700 kleinen und mittelgroßen

Unternehmen stören sich 92 Prozent

der Befragten an dem damit verbundenen

Aufwand. Besonders Kleinbetriebe

leiden. Sie können sich in der

Regel keine Fachkräfte für die Verwaltungsarbeiten

leisten und sind zur Zusatzarbeit

gezwungen. Das gilt vor allem

für zwei betriebliche Aufgaben: Fast

70 Prozent der befragten Firmenchefs

klagen über den Aufwand im Rechnungswesen

und bei den Steuern, knapp

die Hälfte findet den Personalbereich

bürokratielastig.

Noch zögern viele Firmen vor dem Einsatz

internetbasierter Lösungen. Grund:

Die Angst vor Datenklau ist groß.

Für die Rostocker TUR Therapietechnik

GmbH ist das nach eigenen positiven

Erfahrungen kein Thema mehr. Der Hersteller

von medizinischen und kosmetischen

Geräten hatte mit der Sicherheit

noch keine Probleme. Buchhalterin Dietrich:

»Wie beim Online-Banking werden

die Daten verschlüsselt verschickt und

im Rechenzentrum automatisch gespeichert.«

Für besonderen Datenschutz sorgen

im Rechenzentrum Sicherheitsräume,

Firewalls und regelmäßige Backups.

Der neue Buchhaltungsservice Bookman

will eine besonders heikle Stelle in der

Zusammenarbeit mit Internetanbietern

verbessern: Der Service verspricht persönlichen

Kontakt zum Nutzer. Erfahrungsgemäß

ist das meist eine

Katastrophe, weil ein kompetenter Ansprechpartner

selbst im Notfall nicht zu

erreichen ist. Anders bei Bookman-Nutzern.

Gunter Diehm, Geschäftsführer

des Bookman-Service: »Die Software verbindet

den Kunden mit seiner persönlichen

Buchhalterin bei Bookman.« Der

direkte Draht führt zu einem Team aus

Buchführungsfachkräften. Nicht nur in

Notfällen steht der Service bereit. Abgelegt

werden alle Dokumente und Daten

beim Bookman-Service zentral und

mehrfach gesichert in einem deutschen

Rechenzentrum. Der Preis für den Service

ist volumenabhängig. Dabei zahlt

der Kunde nur das, was er an tatsächlicher

Leistung beansprucht hat.

Die Kosten sind eine entscheidende Frage,

mit der sich Analystin Melanie

Henke von Soreon Research befasst hat.

Mittelständische Firmen mit einer

Online-Finanzbuchhaltung können im

Vergleich zur selbst installierten PC-Software

im Extremfall 72 Prozent der sonst

fälligen Buchhaltungskosten sparen.

Henke: »Den großen Unterschied macht

der Aufwand für Administration, Installation

und Betreuung der Software. Diese

Kosten sind bei der Online-Nutzung in

der monatlichen Gebühr eingerechnet.«

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 37


SPECIAL

im Zuge der Energiewende besondere

Aufmerksamkeit erfährt. Das Thema

wird von 24 Prozent der Unternehmen

als besonders wichtig angesehen. Für 29

Prozent sind Business Intelligence und

Big Data (Analyse großer Datenmengen)

ein Schwerpunkt für 2012.

Der BITKOM-Verband informiert auf

der CeBIT in speziellen Ausstellungsbereichen

über folgende Themen:

Cloud Computing World. Zahlreiche

Anwender haben erste Erfahrungen mit

Cloud-Services gesammelt, etwa durch

Nutzung einer Buchhaltung im Rechenzentrum.

Für sie zeichnen sich neue Geschäftsmodelle

ab (Halle 4).

Broadband World. Hier sind superschnelle

Breitband-Anschlüsse für die

Kommunikation von morgen das Thema.

Führende Unternehmen und Organisationen

zeigen ihre Lösungen in den neuen

Mobilfunk- und Festnetzen (Halle 13).

Enterprise Content Management

(ECM). In Halle 3 zeigen Aussteller aus

dem ECM-Umfeld (digitale Dokumente in

den Geschäftsabläufen) Lösungen für

alle Prozessschritte der Verarbeitung

digitaler Inhalte in Firmen – von der Datenerfassung

bis Out-put Management.

Thin Clients und Server Based Computing.

Lösungen im Umfeld von Thin

Clients (Netzwerkstationen) und Server

NEU AUS THÜRINGEN

Digitaler Reisebegleiter

Das Kürzel »a2bme« trägt der Mobilitätsbegleiter,

den die Fachhochschule

in Schmalkalden entwickelt hat. Er

kombiniert mehrere Verkehrsträger

(Auto, Flugzeug, Fahrrad u.a.), ermittelt

daraus Reisevorschläge, berechnet

die Reisedauer und die Reisekosten.

www.a2bme.com

Based Computing (Netzwerk-Server) werden

an einem BITKOM-Gemeinschaftsstand

aufgezeigt. Im Fokus stehen Desktop-Virtualisierung

und Kosteneffizienz.

VORREITER OSTDEUTSCHE LÄNDER

Spannende Hightech-Lösungen sind auf

den Gemeinschaftsständen der ostdeutschen

Bundesländer in Halle 9 zu sehen.

Universitäten, Fachhochschulen und

ausgegründete Spin-offs präsentieren

ihre Entwicklungen. Zum Beispiel die

Fachhochschule Schmalkalden mit der

Mobilitätsplattform »a2bme«, die eine

verkehrsmittelübergreifende Routenplanung

(mit Auto, Zug, Taxi, Fahrrad etc.)

ermöglicht. Die Berliner Netfox AG präsentiert

das Sicherheitssystem Colan 3.

MESSENEUHEITEN I

Es protokolliert in Unternehmen in Echtzeit

den Betrieb der Netzwerk-Komponenten,

überwacht die Verfügbarkeit von

Geräten und Diensten, analysiert Verläufe,

Trends und mögliche Engpässe.

Mit einem Zuwachs von 12,7 Prozent

pro Jahr im Gepäck wartet die IT-Branche

Polens in Hannover auf. »Der IT-Markt in

Polen gehört wertmäßig zu den Top 20

der Weltrangliste«, betont Waldemar Pawlak,

stellvertretender Premierminister

Polens und Minister für Wirtschaft. Er

verweist auf die zunehmende Bedeutung

von Hightech in seinem Land, das mit

über 40 Ausstellern auf der CeBIT 2012

vertreten sein wird.

Zu den Highlights aus dem Nachbarland

gehört der schnellste Prozessor der

Welt, den Digital Core Design (DCD) aus

Bytom vorstellt. DQ80251 arbeitet nach

Tests über 50-mal schneller als Standard-

Prozessoren und 70 Prozent effizienter

als die besten Konkurrenten.

Insgesamt zeichnen sich im breiten

Ausstellungsspektrum der CeBIT folgende

Trends in der IT-Branche ab:

TREND 1: INTERNET DER DINGE

In London, der Hauptstadt des Vereinigten

Königreiches, twittert die Themse

fröhlich ihren Wasserstand, die berühmte

Tower Bridge teilt mit, wann sie ihre

Bildschirmrechner. Beim IdeaCentre

A720 von Lenovo steckt der komplette

Computer im Bildschirmfuß. Der Monitor

mit Fingersteuerfunktion im 27-Zoll-Format

ist nur 24,5 Millimeter dick. Betriebssystem

und Daten sind auf einer festen

Disk mit 64 GByte und einer Festplatte mit

1 TByte Kapazität eingebaut.

www.levono.de

Duschlautsprecher. iShower empfängt

Musik drahtlos über Bluetooth, etwa vom

Smartphone, und sorgt z. B. für 15 Stunden

Duschvergnügen. Am Gerät gibt es

Tasten für die Lautstärke, Pause und Titelsprung.

Ca. 75 Euro.

www.ishowerinc.com

LED-Fernseher. 55 Zoll groß ist das

TV-Gerät von Sony. Mit der Crystal-LED-

Technologie leuchten darin rund sechs

Millionen winzige Leuchtdioden. Das ist

neu, bisher wurden Leuchtdioden nur als

Hintergrund-Lichtquelle genutzt. Ergebnis:

höherer Kontrast, größerer Blickwinkel

und schnellerer Bildaufbau.

www.sony.com

LTE-Smartphone. LG Spectrum VS920

gehört zu den ersten Smartphones für

die neue Funktechnik LTE. Das Gerät mit

4,5-Zoll-Display (1280x720 Bildpunkte)

läuft mit Dual-Core-Prozessor (1,5 Gigahertz)

und 16 Gigabyte (GB) Datenspeicher.

www.lg.de

(8,8 Millimeter dünn und 613 Gramm).

Mit 1280x800 Bildpunkten sind Bilder

schärfer als beim iPad 2 (1024x768 Pixel).

Der Minirechner läuft mit dem Betriebssystem

Android 4.0.

www.toshiba.de

Videofalle. Die Sicherheitskamera

DSC-32.mini von Somikon überwacht

kabellos und reagiert u. a. auf Bewegung,

Erschütterung, Geräusche. Die Aufzeichnung

startet nach der Meldung durch einen

eingebauten Bewegungs-, Vibrationsoder

Akustik-Sensor nach vorgebbarem

Zeitplan. Die perfekte Videofalle für Hotelzimmer,

Kühlschrank, Schreibtisch u.v.m.

www.pearl.de

Internet-Navi. Nüvi 3590LMT von

Garmin ist ein Navigationsgerät, das Daten

per Bluetooth über ein Android-App mit

dem Handy austauscht. Damit lässt sich

z. B. die Position des geparkten Autos

herausfinden. Über Web-Verbindung des

Handys liefert es auch regionale Informationen

zu Verkehr, Wetter und Kraftstoffpreisen.

www.garmin.de

FLACHMANN: Das neue Toshiba-

Tablet ist nur 7,6 Millimeter dick

Scheibenrechner. Gerade 7,6 Millimeter

dick ist das Tablet Toshiba Excite X10 und

wiegt nur 558 Gramm (Foto). Es ist schlanker

und leichter als das Apple iPad 2

Wandcamcorder. Sony HDR-PJ260JE

kann Videos aufnehmen und auf die

nächste Wand projizieren. Das funktioniert

mit den Batterie-Akkus bis zu 85 Minuten

und bis zu 2,5 Meter Bilddiagonale.

Der Camcorder nimmt in HD-Qualität

(1920x1080 Pixel) bis 50 Bilder pro

Sekunde auf. Fotos schießt das Gerät mit

3984x2240 Bildpunkten. Preis rund

630 Euro.

www.sony.de

38 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


SPECIAL

Sonderveröffentlichung

Vorgestellt: German Technologies Center e.V.

Mittelstand goes Asia

Immer mehr deutsche Unternehmen verstärken ihre Präsenz in den

asiatischen Staaten, insbesondere in der Volksrepublik China.

Dieser Trend lässt sich nicht nur bei Großunternehmen

beobachten, sondern spielt inzwischen auch im Mittelstand eine

wichtige Rolle. Genau diese mittelgroßen Unternehmen haben ungefähr 90%

der Technologien aus Deutschland in der Hand.

Die chinesischen Märkte zeichnen sich durch ein

enormes Potential und ein rasantes Wachstum

aus. Sie sind noch weit von einer Sättigung

entfernt. Offiziellen Angaben zufolge erwirtschafteten

die staatseigenen und großen privaten

Unternehmen im Land bislang einen Gewinn in

Höhe von 2,8 Billionen RMB. Gegenüber dem

Vorjahreszeitraum bedeutet dies ein Wachstum

von28,3Prozent.ChinaistfünftgrößterInvestor

weltweit. In 2010 sind Chinas direkte Auslandsinvestitionen

auf 67,8 Milliarden US-Dollar gestiegen.

Das waren über 40 Prozent mehr als im

Vorjahr und der Trend hält an.

SCHWERPUNKTBRANCHEN

Beispiel Umwelttechnologie & Energiewirtschaft:

Um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu

erreichen, setzt die chinesische Regierung zunehmend

auf „Grüne Technologien“, womit die

Themen Energieeffizienz und -einsparung in der

bilateralen Kooperation an Bedeutung gewonnen

haben. Deutschland ist aufgrund seiner Vorreiterrolle

und reichen Erfahrung bei der Nutzung

der Wind- und Solarenergie ein sehr gefragter

Gesprächs- und Wirtschaftspartner. Eine Vernetzung

zwischen den Experten und Unternehmen

beider Länder soll dies voranbringen.

Beispiel Nukleare Sicherheit und Katastrophenschutz:

China sieht sich permanent von geologischen

Katastrophen bedroht. Laut offiziellen

Angaben haben sich seit 1998 mehr als 320.000

geologische Katastrophen in China ereignet, in

deren Folge 14.000 Personen ihr Leben verloren.

Die entstandenen wirtschaftlichen Schäden

beliefen sich auf über 60 Milliarden RMB. Um

dieser Situation entgegenzuwirken, hat der chinesische

Staatsrat das Ziel formuliert, bis 2020 die

Risiken gravierender geologischer Katastrophen

weitgehend zu beseitigen und die durch Katastrophen

verursachten Sachschäden und Todesfälle

zu minimieren.

KULTURELLE UNTERSCHIEDE

Viele mittelständische Unternehmen wollen das

Potenzial nutzen, das ein Engagement in China

verspricht. Die Orientierung im chinesischen

Markt jedoch offenbart viele Hürden. Geschäftsanbahnungen

erfolgen in China fast ausschließlich

über persönliche Kontakte, die intensiv

gepflegtwerdenmüssen.Dabeiistesvonbesonderer

Bedeutung, die Hierarchien, Strukturen und

Besonderheiten der chinesischen Unternehmen

zu kennen – denn schließlich bieten sich westlichen

Verhandlungspartnern eine vollkommen

fremde Businesskultur, Wertvorstellungen und

somit auch andere Verhandlungsmechanismen.

So ist es wichtig, sich klarzumachen, dass in China

emotionalen Aspekten mehr Bedeutung beigemessen

wird, als rationalen Entscheidungen.

Eine solide Vertrauensbasis und die Präsenz vor

Ort sind für erfolgreiche Geschäftsbeziehungen

im Reich der Mitte von zentraler Bedeutung.

ERFOLGREICHER EINSTIEG

Die bisherigen, zentralen Aktionen der IHK’s in

Deutschland sind nur sehr wenig effektiv. Eine

konkrete Hilfestellung für den erfolgreichen

Markteinstieg in China bietet das German TechnologiesCentere.V..

Der politisch unabhängige und geschäftsorientierte

Verband ist für deutsche Technologieunternehmen

eine zentrale Institution für die gegenseitige

Aufnahme von Geschäftskontakten, das

Suchen und Finden von Geschäftspartnern in

beiden Ländern und einen effektiv gestalteten

Technologietransfer. Das Interesse Chinas ist groß,

mit deutschen Unternehmen unterschiedlichster

Branchen noch schneller und besser zusammen

zu arbeiten. Folgende Branchen bilden dabei den

Schwerpunkt:

– Sicherheit, Reaktor- und Katastrophenschutz

– Umwelttechnologie und Energiewirtschaft

– Industrieautomatisierung/Robotertechnik

– Kommunikationstechnologie

– Maschinen-, Fahrzeug- und Schiffsbau

– Medizintechnologie

Durch seine chinesischen Geschäftsstellen, u.a.

in Peking und Shanghai, bietet das German Technologies

Center zentrale Knotenpunkte, um

Geschäftskontakte herzustellen, auszubauen und

zu festigen. Die enge Zusammenarbeit des Verbandes

mit chinesischen Branchenverbänden,

Unternehmen, Technologie-Transferstellen und

Universitäten geben zielorientierte Unterstützung

für interessierte Technologieunternehmen aus

Deutschland. Schulungen zu den Bedingungen

auf dem chinesischen Markt, Vorbereitung von

Kooperationsverträgen oder Infoveranstaltungen

zu aktuellen Branchenthemen sind nur ein

Ausschnitt des Serviceangebots des Verbandes.

INFORMIEREN SIE SICH JETZT.

Das German Technologies Center (GTC)

fördert die Entwicklung von erfolgreichen

Geschäftsbeziehungen zwischen deutschen, mittelständischen

Unternehmen mit Unternehmen

und Kooperationspartner in China.

Weitere Informationen zur Mitgliedschaft im

German Technologies Center e.V. finden Sie auf

den Internetseiten www.german-technologiescenter.de/

mitgliedschaft

Dipl.-Ing. Ulf Stremmel

Präsident des German Technologies Center e.V.

Kontakt:

German Technologies Center e.V.

Geschäftsstelle Berlin

Grünhofer Weg 18, D-13581 Berlin

phone: +49303230630036

fax: +49303230630010

info[at]german-technologies-center.de


SPECIAL

Schranken für Schiffe öffnet und wieder

schließt. Es ist faszinierend. Bald wird

jede Energiesparlampe ihren Status melden,

jedes Auto Standort und Vektoren.

Und selbst der berühmte Internet-Kühlschrank

kommt zu späten Ehren, wenn

er automatisch Milch auf den digitalen

Smartphone-Einkaufszettel setzt. 50 Milliarden

Geräte sollen laut Netzwerkhersteller

Cisco bis 2020 im »Internet der

Dinge« vernetzt sein. Darunter werden

Objekte bis hin zu Alltagsgegenständen

ans Internet angeschlossen und durch

Programmierbarkeit, Speichervermögen,

Sensoren und Kommunikationsfähigkeiten

»intelligent« gemacht, so dass sie

über das Internet eigenständig Informationen

austauschen, Aktionen auslösen

und sich wechselseitig steuern können.

Das Internet der Dinge produziert eine

Datenmenge, die technologisch neue

Herausforderungen schafft und so Big

Data und Cloud Computing bedingt.

TREND 2: PROGNOSTIK

Ähnlich wie die Rechenpower wächst die

Datenmenge exponentiell und wird mit

dem Internet der Dinge eine neue Dimension

erreichen. Laut der IT-Marktforscher

von IDC verdoppelt sich das weltweite

Datenvolumen etwa alle 18 Monate.

Das ist Fluch und Segen zugleich.

NEU AUS SACHSEN

Fernbedienung mit Gesten

Smartphones erkennen Gesten und

ermöglichen die Interaktion, falls eine

passende App vorhanden ist. Etwa

zur Fernsteuerung von Computern

oder Robotern. Die TU Bergakademie

Freiburg hat mit myTU App eine Software

dafür entwickelt.

http://myTU.tu-freiberg.de

Einerseits ermöglicht die Masse an Daten

neue Erkenntnisse, andererseits ist sie

immer schwerer beherrschbar. Anwender

verbringen mehr Zeit mit der Suche

nach Informationen als mit deren Analyse.

Unternehmen sind davon abhängig,

nahezu in Echtzeit die richtigen Entscheidungen

auf Basis valider Analysen

treffen zu können. Produktivitätsvorteile

und Wertschöpfung entstehen dann,

wenn wir in diesem Kontext Business

Intelligence auf Abruf organisieren können

und damit beginnen, Big Data für

kluge Prognostik und schlauen Kundenservice

zu nutzen. Das allerdings setzt

extreme Rechenpower voraus, die nur

mit den skalierbaren Kräften des Cloud

Computing darstellbar ist.

MESSENEUHEITEN II

TREND 3: IT AUS DER STECKDOSE

Das Thema Cloud Computing wird uns

noch eine Weile beschäftigen. Denn erstens

haben wir längst noch nicht hinreichend

begriffen, wie wir mit nahezu unbegrenzter

Rechenpower kreativer, kommunikativer,

innovativer, produktiver

und effizienter werden können. Jetzt

kommt es darauf an, die unternehmerische

Vorstellungskraft »upzugraden« –

denn die Technik ist längst da. Zweitens

gilt es nach wie vor, ein hartnäckiges

Missverständnis aufzuklären: Dass der

Weg in die Cloud nur über eine Entweder-Oder-Entscheidung

führt. Vielmehr

lassen sich längst individuelle Anforderungen

an Cloud Services und Softwarelösungen

auch in IT-Strategien einbinden,

die eigene Infrastrukturen mit

berücksichtigen: Die Cloud zu Ihren Bedingungen.

Drittens gilt es, die Themen

Datenschutz und Sicherheit in der Cloud

offensiv anzugehen. Cloud Computing

bietet die Chance, zentrale gesellschaftliche

Probleme zu lösen – im Gesundheitswesen,

in Bildung und Forschung,

im Umweltbereich, beim eGovernment.

TREND 4: MENSCH UND MASCHINE

Neue Geräte, Cloud Computing und Big

Data, Augmented Reality (erweiterte Realität)

und 3D-Umgebungen – der Schlüs-

Blitzrechner. Asus MeMO 370T ist ein

10-Zoll-Tablet-PC mit Tegra-3-Prozessor von

Nivida. Der Vierkern-Prozessor bricht alle

Rekorde bei der Leistung von mobilen

Geräten. Das Gerät arbeitet mit einer Akku-

Ausstattung bis zwölf Stunden und damit

20 Prozent länger, als Tablets der vorigen

Chip-Generation.

www.asus.de

Eckmaus. Cube von Logitech sieht aus

wie ein kleiner Backstein. Die eckige Maus

dient der PC-Steuerung. Man streicht wie

beim Smartphone mit dem Finger über das

Gerät und erzeugt damit einen flüssigen

Bildverlauf. Cube funktioniert auch kabellos.

Preis rund 70 Euro.

www.logitech.de

Bewegungssteuerung. Microsoft stellt

Kinect für Windows vor. Das Gerät steuert

den PC über eine bewegungssensitive

3D-Kamera. Das Kamerasystem ist für die

Gesichtserkennung einsetzbar. Preis rund

190 Euro.

www.microsoft.de

LTE-Fritzbox. AVM zeigt Fritz!Box 6842

LTE und Fritz!Box 6810 LTE (Foto) für den

Internet-Anschluss. Die Boxen sind mit eingebauten

Antennen für den LTE-Funkbetrieb

(bis 100 MBit/s Download und 50 MBit/s

Upload) ausgerüstet. Am Einsatzort werden

die Daten per WLAN oder Ethernet verteilt.

www.avm.de

DATEV-Sicherheit. DATEVnet pro mobil

schützt vor Angriffen aus dem Internet

auf mobile Endgeräte. Smartphones und

Tablet-PCs ermöglichen den ständigen

Zugriff auf Unternehmens- und Kanzleidaten,

eine sichere Anbindung ist wichtig.

Nur für registrierte Geräte mit fest definiertem

Nutzungsprofil ist der Zugriff möglich.

www.datev.de

GUT GERÜSTET: Die neuen Anschlusskisten

von AVM (Fritz!Box 6842 LTE und 6810 LTE)

sind kompatibel zum LTE-Funkstandard

Elektronikkleidung. Wearable Technologies

produziert Kleidungsstücke,

Brillen und ähnliche Gegenstände mit

elektronischen Bauteilen. Über Sensoren,

Displays oder Kameras lassen sich damit

z.B. PCs steuern, Körper-Infos messen

oder Kranke überwachen.

www.wearable.com

Fußballfunk. Winzige Funksensoren

zeichnen bei RedFIR die Bewegungen

von Fußballspielern samt dem Ball zur

Analyse der Positionen am Computer auf.

Die Ortungstechnologie des Fraunhofer-

Instituts für Integrierte Schaltungen IIS

Nürnberg erfasst die Daten sekundenschnell

bis auf den Zentimeter genau.

www.iis.fraunhofer.de

Online-Speicher. HiDrive ist ein

Speicher im TÜV-zertifizierten Rechenzentrum

des Berliner Internetdienstleisters

Strato. Nutzer können dort ihre Daten

via Internet archivieren. Sie sind nach

deutschem Datenschutzgesetz geschützt.

www.strato.de

40 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


SPECIAL

Schranken für Schiffe öffnet und wieder

schließt. Es ist faszinierend. Bald wird

jede Energiesparlampe ihren Status melden,

jedes Auto Standort und Vektoren.

Und selbst der berühmte Internet-Kühlschrank

kommt zu späten Ehren, wenn

er automatisch Milch auf den digitalen

Smartphone-Einkaufszettel setzt. 50 Milliarden

Geräte sollen laut Netzwerkhersteller

Cisco bis 2020 im »Internet der

Dinge« vernetzt sein. Darunter werden

Objekte bis hin zu Alltagsgegenständen

ans Internet angeschlossen und durch

Programmierbarkeit, Speichervermögen,

Sensoren und Kommunikationsfähigkeiten

»intelligent« gemacht, so dass sie

über das Internet eigenständig Informationen

austauschen, Aktionen auslösen

und sich wechselseitig steuern können.

Das Internet der Dinge produziert eine

Datenmenge, die technologisch neue

Herausforderungen schafft und so Big

Data und Cloud Computing bedingt.

TREND 2: PROGNOSTIK

Ähnlich wie die Rechenpower wächst die

Datenmenge exponentiell und wird mit

dem Internet der Dinge eine neue Dimension

erreichen. Laut der IT-Marktforscher

von IDC verdoppelt sich das weltweite

Datenvolumen etwa alle 18 Monate.

Das ist Fluch und Segen zugleich.

NEU AUS SACHSEN

Fernbedienung mit Gesten

Smartphones erkennen Gesten und

ermöglichen die Interaktion, falls eine

passende App vorhanden ist. Etwa

zur Fernsteuerung von Computern

oder Robotern. Die TU Bergakademie

Freiburg hat mit myTU App eine Software

dafür entwickelt.

http://myTU.tu-freiberg.de

Einerseits ermöglicht die Masse an Daten

neue Erkenntnisse, andererseits ist sie

immer schwerer beherrschbar. Anwender

verbringen mehr Zeit mit der Suche

nach Informationen als mit deren Analyse.

Unternehmen sind davon abhängig,

nahezu in Echtzeit die richtigen Entscheidungen

auf Basis valider Analysen

treffen zu können. Produktivitätsvorteile

und Wertschöpfung entstehen dann,

wenn wir in diesem Kontext Business

Intelligence auf Abruf organisieren können

und damit beginnen, Big Data für

kluge Prognostik und schlauen Kundenservice

zu nutzen. Das allerdings setzt

extreme Rechenpower voraus, die nur

mit den skalierbaren Kräften des Cloud

Computing darstellbar ist.

MESSENEUHEITEN II

TREND 3: IT AUS DER STECKDOSE

Das Thema Cloud Computing wird uns

noch eine Weile beschäftigen. Denn erstens

haben wir längst noch nicht hinreichend

begriffen, wie wir mit nahezu unbegrenzter

Rechenpower kreativer, kommunikativer,

innovativer, produktiver

und effizienter werden können. Jetzt

kommt es darauf an, die unternehmerische

Vorstellungskraft »upzugraden« –

denn die Technik ist längst da. Zweitens

gilt es nach wie vor, ein hartnäckiges

Missverständnis aufzuklären: Dass der

Weg in die Cloud nur über eine Entweder-Oder-Entscheidung

führt. Vielmehr

lassen sich längst individuelle Anforderungen

an Cloud Services und Softwarelösungen

auch in IT-Strategien einbinden,

die eigene Infrastrukturen mit

berücksichtigen: Die Cloud zu Ihren Bedingungen.

Drittens gilt es, die Themen

Datenschutz und Sicherheit in der Cloud

offensiv anzugehen. Cloud Computing

bietet die Chance, zentrale gesellschaftliche

Probleme zu lösen – im Gesundheitswesen,

in Bildung und Forschung,

im Umweltbereich, beim eGovernment.

TREND 4: MENSCH UND MASCHINE

Neue Geräte, Cloud Computing und Big

Data, Augmented Reality (erweiterte Realität)

und 3D-Umgebungen – der Schlüs-

Blitzrechner. Asus MeMO 370T ist ein

10-Zoll-Tablet-PC mit Tegra-3-Prozessor von

Nivida. Der Vierkern-Prozessor bricht alle

Rekorde bei der Leistung von mobilen

Geräten. Das Gerät arbeitet mit einer Akku-

Ausstattung bis zwölf Stunden und damit

20 Prozent länger, als Tablets der vorigen

Chip-Generation.

www.asus.de

Eckmaus. Cube von Logitech sieht aus

wie ein kleiner Backstein. Die eckige Maus

dient der PC-Steuerung. Man streicht wie

beim Smartphone mit dem Finger über das

Gerät und erzeugt damit einen flüssigen

Bildverlauf. Cube funktioniert auch kabellos.

Preis rund 70 Euro.

www.logitech.de

Bewegungssteuerung. Microsoft stellt

Kinect für Windows vor. Das Gerät steuert

den PC über eine bewegungssensitive

3D-Kamera. Das Kamerasystem ist für die

Gesichtserkennung einsetzbar. Preis rund

190 Euro.

www.microsoft.de

LTE-Fritzbox. AVM zeigt Fritz!Box 6842

LTE und Fritz!Box 6810 LTE (Foto) für den

Internet-Anschluss. Die Boxen sind mit eingebauten

Antennen für den LTE-Funkbetrieb

(bis 100 MBit/s Download und 50 MBit/s

Upload) ausgerüstet. Am Einsatzort werden

die Daten per WLAN oder Ethernet verteilt.

www.avm.de

DATEV-Sicherheit. DATEVnet pro mobil

schützt vor Angriffen aus dem Internet

auf mobile Endgeräte. Smartphones und

Tablet-PCs ermöglichen den ständigen

Zugriff auf Unternehmens- und Kanzleidaten,

eine sichere Anbindung ist wichtig.

Nur für registrierte Geräte mit fest definiertem

Nutzungsprofil ist der Zugriff möglich.

www.datev.de

GUT GERÜSTET: Die neuen Anschlusskisten

von AVM (Fritz!Box 6842 LTE und 6810 LTE)

sind kompatibel zum LTE-Funkstandard

Elektronikkleidung. Wearable Technologies

produziert Kleidungsstücke,

Brillen und ähnliche Gegenstände mit

elektronischen Bauteilen. Über Sensoren,

Displays oder Kameras lassen sich damit

z.B. PCs steuern, Körper-Infos messen

oder Kranke überwachen.

www.wearable.com

Fußballfunk. Winzige Funksensoren

zeichnen bei RedFIR die Bewegungen

von Fußballspielern samt dem Ball zur

Analyse der Positionen am Computer auf.

Die Ortungstechnologie des Fraunhofer-

Instituts für Integrierte Schaltungen IIS

Nürnberg erfasst die Daten sekundenschnell

bis auf den Zentimeter genau.

www.iis.fraunhofer.de

Online-Speicher. HiDrive ist ein

Speicher im TÜV-zertifizierten Rechenzentrum

des Berliner Internetdienstleisters

Strato. Nutzer können dort ihre Daten

via Internet archivieren. Sie sind nach

deutschem Datenschutzgesetz geschützt.

www.strato.de

40 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


SPECIAL

sel zu den wichtigsten Trends in der IT

liegt im Zugang. Das Interface, also das

Zugangs- und Kommunikationsmedium

zum Computer, spielt dabei die entscheidende

Rolle. Indem es die Art und Weise

bestimmt, wie wir mit komplexen Technologien

interagieren. Maus und Tastatur

sind längst auf dem Weg ins Museum.

Intuitiv und möglichst natürlich soll

die Bedienung sein – ob per Fingerzeig,

Sprache oder mit Armen und Beinen.

Mit OmniTouch wird jede beliebige

Oberfläche, ob Hand oder Wand, zur

Touch-Oberfläche. OmniTouch erlaubt es

beispielsweise, einen virtuellen Ziffernblock

statt auf einem Display auf einer

Handoberfläche einzublenden, um dann

dort die gewünschte Telefonnummer

einzugeben. Ein auf der Schulter des

Anwenders montiertes Gerät enthält ein

Laser-Projektor, der Inhalte auf eine beliebige

Oberfläche einblendet. Hinzu

kommt eine Kamera, die Bewegungen

der Finger bei Eingabe erkennen kann.

Etwa ob der Anwender seine Finger nur

über ein virtuelles Steuerelement hält

oder tatsächlich darauf drückt.

TREND 5: VERBRAUCHERNAHE IT

Aus Business-Perspektive beschreibt der

Ausdruck »Consumerization of IT« (verbrauchernahe

IT) die Verlagerung privater

IT-Nutzungsgewohnheiten an den Arbeitsplatz.

Was, wenn der Geschäftsführer

neueste Zahlen auf seinem neuen

Tablet lesen will? Wenn Mitarbeiter ihr

privates Smartphone für den beruflichen

Mailverkehr nutzen wollen? Beispiel

Social Web – für uns als Privatpersonen

eine Selbstverständlichkeit, aber im

Unternehmen unter dem Stichwort »Enterprise

2.0« auch eine Herausforderung.

So werden zwar ganz neue Beziehungen

innerhalb der Firma und zu Kunden, Lieferanten

und der Öffentlichkeit gestiftet.

Doch die Kommunikationsfreiheit stößt

an Grenzen, sind sensible Infos oder Sicherheitsregeln

betroffen. Von restriktiven

Security-Regeln bis »Bring your own

Computer-Policy«. Wie Firmen mit dem

Phänomen umgehen können, entscheidet

langfristig auch über deren Wettbewerbsfähigkeit.

TREND 6: TECHNICAL RESPONSIBILITY

Wenn neue IT-Technologien die Art und

Weise verändern, wie wir als Menschen,

als Unternehmen und als Gesellschaft

miteinander leben, lernen, arbeiten und

kommunizieren – in welcher besonderen

Verantwortung stehen dann die Unternehmen,

die sie ermöglichen? Diese

besondere Verantwortung wird als »Corporate

Technical Responsibility« bezeichnet.

Ein Begriff, der nach Antworten

sucht. Wie steht es um die Verantwortung

mit Daten und Identitäten, wie um

die Sicherheit in Anwendung und Bereitstellung

neuer IT-Technologien? Wie

steht es um deren Marktzugänglichkeit

und wie wird Transparenz in der Kommunikation

und Aufklärung gewährleistet?

Die IT-Wirtschaft in Deutschland bewegt

sich am Rande einer Vertrauenskrise

und muss eine noch aktivere Rolle

in öffentlichen Debatten übernehmen,

muss technologische Trends und Prozesse

und über mögliche Folgen aufklären.

TREND 7: THE POWER OF DESIGN

Neue Technologien wie Cloud Computing

und Innovationen wie Natural User

Interfaces stellen neue Anforderungen

an Darstellung, Visualisierung und Zugänglichkeit

von Software – das Design

muss in diesem Kontext neue Antworten

liefern. Microsofts Antwort zum Beispiel

heißt Metro. Ein System, das sich vom

Windows Phone über Xbox 360 bis hin zu

Windows 8 im kommenden Jahr als eine

unverwechselbare Designsprache etablieren

soll. Dabei sind nicht nur Äußerlichkeiten

entscheidend. Mit der Kraft

des Designs über die Klarheit der Funktion

und der Intelligenz des Bauplans sollen

neue Maßstäbe gesetzt werden. &

DIE WELT DER DRUCKER

Papierberge trotz elektronischer Kommunikation

Das papierlose Büro bleibt auch in Zeiten hochleistungsfähiger Datenverarbeitungstechnik eine Illusion.

Es wird mehr gedruckt als je zuvor. Effizientes Druckermanagement birgt enormes Sparpotenzial.

Bessere Lesbarkeit von Dokumenten ist für

die Mehrzahl der Büromitarbeiter wichtigster

Grund für einen Papierausdruck. Das

sagen laut einer Umfrage des Druckerherstellers

Lexmark 65 Prozent der Befragten.

In Papierform wollen dazu noch fast ebenso

viele Personen ihre Texte, Präsentationen

oder E-Mails im Archiv aufbewahren.

Trotz wachsender elektronische Kommunikation

wird mehr gedruckt. Im Papierverbrauch

ist Deutschland führend. Büro-Mitarbeiter

drucken pro Tag rund 40 Seiten

aus. Vieles ist überflüssig: Im Papierkorb

landen zehn gedruckte Seiten pro Mitarbeiter

und Tag. 700 Milliarden Seiten (!) werden

weltweit pro Jahr unnötig ausgedruckt.

Hartmut Rottstedt, Geschäftsführer von

Lexmark Deutschland, gibt in W&M Tipps

für Sparpotenzial beim Druckereinsatz:

Drucker vereinheitlichen und vernetzen.

Mittelständler optimieren ihre Drucker-Infrastruktur,

indem sie den Gerätepark vereinheitlichen

auf wenige Typen. Zusätzlich

lassen sie Drucker und Multifunktionsgeräte

durch Managed Print Services (MPS) verwalten,

den externe Dienstleister anbieten.

Gesteuert werden die individuellen Druckoutputs.

Es lassen sich 15 bis 30 Prozent

der Kosten einsparen. MPS ist für Firmen

mit mehr als 20 Geräten interessant.

Multifunktionsgeräte einsetzen.

Kleine Betriebe nutzen häufiger A4-Multifunktionsgeräte,

die drucken, kopieren,

scannen und faxen. Sie digitalisieren papierbasierte

Infos. Das vereinfacht

Geschäftsabläufe. Die Daten sind zentral

gespeichert und stehen allen Mitarbeitern

zur Verfügung.

Elektronische Kommunikation ausbauen.

Bei Zunahme der Informationsflut wird es

immer wichtiger, sorgfältig abzuwägen,

welche Dokumente gedruckt werden

müssen und welche nicht. Das vollständig

papierlose Büro ist nicht realistisch.

Laser- und Tintenstrahldrucker einsetzen.

Tintenstrahler eignen sich neben dem

Drucken auf Normalpapier auch für das

Drucken von Folien und anderen Medien.

Wer nur auf Normalpapier druckt, fährt

besser mit einem Lasergerät.

Dokumentenbasierte Abläufe verbessern.

Die Druckertechnologien sind technisch

sehr ausgereift. Da kommt es darauf an,

die Geschäftsabläufe zu optimieren.

Multifunktionsgeräte verfügen über vorinstallierte

und individuell anpassbare

Lösungen. Gescannte Dokumente

werden zum Beispiel automatisch in einen

bestimmten Ordner abgelegt.

Wildwuchs abbauen.

In vielen Firmen ist der Gerätepark mit

unterschiedlichsten Druckern gewachsen.

Der Wildwuchs führt dazu, dass unklar

wird, wieviel für den Druck von Dokumenten

ausgegeben wird, welche Geräte unteroder

überlastet sind. Die Firma Lexmark

bietet dazu das Konzept Print-Manage-

Move an, damit sollen Betriebe die Kontrolle

über ihre Kosten behalten.

Auf der CeBIT 2012 präsentieren sich in

Halle 3 in einer Art Drucker-Show die

wichtigsten MPS-Anbieter. Im Mittelpunkt

stehen Neuheiten aus Planung, Implementierung,

Betrieb, Wartung und

Erneuerung von Druckumgebungen.

42 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


Jetzt

E-PAPER

testen:

wirtschaftundmarkt.de

Wirtschaft & Markt, das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin:

Bei uns

muss niemand

Modelmaße

haben, um

auf den Titel

zu kommen.

Format reicht.

WIRTSCHAFT& MARKT

Der Osten aus erster Hand

Redaktion Wirtschaft & Markt, Zimmerstraße 55, 10117 Berlin; Tel.: 030-278 94 50


INTERVIEW

Prof. Oliver Holtemöller und Dr. Jutta Günther, Interimsvorstände des Instituts

für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zum Aufholprozess ost und Förderpolitik

»Transformation mit Langzeitfolgen«

Fotos: H. Lachmann

behrlich. Der Osten holt nur auf, wenn

sich hier die Wirtschaftstrukturen weiterhin

verändern – sowohl die sektorale

Zusammensetzung als auch die Größe

der Unternehmen. Noch dominieren

kleine und mittlere Unternehmen, die

zudem deutlich weniger internationalisiert

sind als in Westdeutschland. Die

kleinen und mittleren Unternehmen

müssen nun endogen wachsen, aus sich

selbst heraus. Das dauert seine Zeit.

W&M: Wird in der ostdeutschen Industrie zu

wenig geforscht und entwickelt?

GÜNTHER: Es gibt eine Forschungslücke

zwischen Ost und West. Im Osten gibt die

private Wirtschaft knapp ein Prozent des

BIP für Forschung und Entwicklung aus,

im Westen sind es rund zwei Prozent.

Doch die Forschungsintensität ist in den

neuen Ländern strukturadäquat angesichts

der Zusammensetzung der Industrie.

Aber nochmal: Die Wirtschaftsstrukturen

müssen sich verändern.

W&M: Wie spiegelt die Patentintensität dieses

Dilemma wider? 2010 wurden bundesweit

knapp 60.000 Patente angemeldet. Sachsen

steuerte ganze 1.100 bei, Thüringen knapp

550, Sachsen-Anhalt 312.

GÜNTHER: Patente sind nicht zwangsläufig

gleichzusetzen mit Innovationen. Es

gibt auch strategische Patente. Zudem

werden diese häufig von den Unternehmenszentralen

angemeldet, und die sitzen

nicht selten in Westdeutschland

oder im Ausland. Geht man jedoch nach

dem Wohnsitz der Erfinder und berück-

ZUR

PERSON

Ost-Forscher aus dem Westen

Dr. Jutta Günther

Die 44-jährige aus Nordrhein-Westfalen

studierte bis 1999 Sozial- und Wirtschaftswissenschaften

in Oldenburg, Osnabrück

sowie New York. 2002 Promotion, danach

Wechsel ans IWH, Abt. Strukturökonomik.

Prof. Oliver Holtemöller

Der 40-jährige aus Hessen studierte in

Gießen u. a. VWL. Danach bis 2001 Stipendiat

der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Promotion an der FU Berlin. Seit

August 2009 ist er Professor für VWL an

der Universität Halle-Wittenberg und Leiter

der Abt. Makroökonomik am IWH.

W&M: Nach zwei Jahrzehnten deutscher Einheit

hat der Osten wirtschaftlich zum Westteil

noch nicht entscheidend aufholt. Rückt das

Ziel in weite Ferne?

HOLTEMÖLLER: Aus ökonomischer Sicht

sind wir noch meilenweit von gleichen

Verhältnissen entfernt. Der Aufholprozess

vollzieht sich sehr langsam. Die

Lücke wird noch lange klaffen, sicher

mehrere Jahrzehnte.

W&M: Wie weit hinkt der Osten hinterher?

HOLTEMÖLLER: Bei der Produktion je

Einwohner und bei der Produktivität erreicht

Ostdeutschland derzeit 70 bis 80

Prozent des westdeutschen Niveaus. Aus

internationalen Studien ist bekannt,

dass sich die Lücke – sofern ein Angleichungsprozess

im Gange ist – jährlich

um etwa zwei Prozent schließt. Nach

dem US-amerikanischen Bürgerkrieg hat

es beispielsweise über hundert Jahre gedauert,

ehe der Süden auf 90 Prozent des

Einkommens des Nordens kam, bei gleicher

Gesetzgebung, gleicher Währung.

W&M: Woran liegt das?

JUTTA GÜNTHER: Ein Grund ist der unterschiedliche

Branchenmix. Die technologieintensiveren

Industrien sind in den alten

Ländern stärker präsent. In Sachsen-

Anhalt dominiert die Nahrungsmittelbranche,

doch hier ist die Wertschöpfung

vergleichsweise gering.

W&M: Findet derzeit überhaupt eine Angleichung

statt, etwa bei der Produktivität?

HOLTEMÖLLER: Davon ist auszugehen. Erschwerend

wirkt die unterschiedliche

demografische Entwicklung. Deutschland

altert insgesamt, der Osten aber

deutlich stärker. Selbst wenn die Produktivität

weiter konvergiert, nähert sich

das Einkommen, das pro Kopf erwirtschaftet

wird, nicht in gleichem Maße

an. Denn das Verhältnis von Erwerbstätigen

zur Gesamtbevölkerung entwickelt

sich im Osten ungünstiger.

GÜNTHER: Zudem holt Ostdeutschland

nur auf, wenn die Produktivität schneller

zunimmt als im Westen. Dazu sind innovative

Kräfte und Ideen nötig.

W&M: Forschung und Entwicklung findet vor

allem dort statt, wo sich große Firmenzentralen

befinden. Die haben wir im Osten aber

deutlich zu wenig.

GÜNTHER: Das ist wahr, dennoch ist für

die Weiterentwicklung der ostdeutschen

Industrie die Innovationstätigkeit unentsichtigt

wiederum die unterschiedlichen

Strukturen, ist die Lücke gar nicht so

groß. Dennoch muss die ostdeutsche

Industrie ganz klar mehr in Forschung

und Entwicklung investieren. Derzeit

kompensieren die öffentlichen Forschungsausgaben,

also die der Universitäten

und außeruniversitären Institute,

einen großen Teil der fehlenden privaten

Investitionen in Forschung und

Entwicklung. Die Wissenschaftseinrichtungen

spielen in den neuen Ländern

eine sehr wichtige Rolle. Ihre Patentaktivität

kann sich durchaus mit den

Wissenschaftseinrichtungen in Westdeutschland

messen.

W&M: Wie kann die Politik eingreifen, um jenen

sektoralen Strukturwandel zu befördern?

HOLTEMÖLLER: Sie muss Rahmenbedingungen

schaffen, damit gut ausgebildete

junge Menschen im Osten bleiben, Familien

gründen und möglichst nach dem

Studium innovative Firmen gründen.

Nicht als Kernproblem im Osten sehe ich

die öffentlichen Investitionen. Defizite

bestehen im privaten Sektor, gerade bei

den Ausgaben für Forschung und Entwicklung.

In Baden-Württemberg liegen

sie bei 1.100 Euro pro Einwohner, in

Sachsen-Anhalt bei 70 Euro.

GÜNTHER: Wichtige Standortfaktoren

bilden, wie wir aus Befragungen ausländischer

Investoren wissen, die Wissenschaftseinrichtungen

vor Ort. Bei der

stärkeren Vernetzung der Industrie mit

Hochschulen und Instituten kam man

auch in Ostdeutschland in den letzten

15 Jahren gut voran. Gerade in der außeruniversitären

Forschung tat sich viel,

zum Beispiel bei den zahlreichen Fraunhofer-Instituten,

die ja sehr industrienah

arbeiten. Zudem spielen externe Industrieforschungseinrichtungen

in den

neuen Ländern eine wichtige Rolle als

Partner der Industrie. Die Politik ist

allerdings gut beraten, technologische

Investitionen nicht mit der Gießkanne

zu fördern sowie ihre Programme technologieoffen

zu gestalten. Viel hängt von

der Initiative der Unternehmen selbst ab.

W&M: Wo sehen Sie im Osten herausragende

Beispiele?

GÜNTHER:

Vorzeigestandorte, die sich

mit westdeutschen messen können, sind

für die optische Technologie Jena, für

Elektrotechnik und Mikroelektronik der

44 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


INTERVIEW

Raum Dresden, für Fahrzeug- und Maschinenbau

die Region Zwickau/Chemnitz.

Ein Bereich ist auch die textilverarbeitende

Industrie um Chemnitz und

Zwickau. Hier gibt es technologisch sehr

anspruchsvolle Innovationen.

W&M: Die Automobilstandorte in Sachsen

bilden bis heute eher eine verlängerte Werkbank.

Keine echte Perspektive, oder?

HOLTEMÖLLER: Eine verlängerte Werkbank

verkörpert natürlich kein Zukunftsmodell.

Das ist Verharren im Status

quo. Weiterentwicklung findet nur

statt, wenn die originäre Innovationskraft

der Unternehmen selbst gesteigert

wird. Anders geht es nicht.

W&M: Bleibt der Osten so auf Dauer das

deutsche Mezzogiorno?

GÜNTHER: Punktuell und regionenspezifisch

gibt es in Ostdeutschland große

Erfolge. Die pauschale Trennung in Ostund

Westdeutschland ist überholt. Es

gibt auch in den alten Ländern strukturschwache

Regionen. Wir werden künftig

weder im Osten noch im Westen durchweg

gleiche Strukturen und Wohlstandsregionen

haben – wie auch nicht zwischen

Nord und Süd.

W&M: Die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft

hat verkündet, auf absehbare Zeit ohne

Subventionen auskommen zu wollen. Ist das

realistisch?

HOLTEMÖLLER: Natürlich kann man breite

Subventionen nicht auf Dauer anlegen.

Es ist zumeist eine gute Idee, sie degressiv

zu gestalten und von allein auslaufen

zu lassen. So ist das ja auch beim

Solidarpakt. Ob hierfür 2019 wirklich der

richtige Zeitpunkt ist, kann keiner genau

sagen. Doch angesichts des zähen politi-

»Im Osten müssen sich die

WIRTSCHAFTSSTRUKTUREN

verändern.«

schen Verhandlungsprozesses sage ich,

er sollte nicht wieder aufgenommen werden.

Jeder kann sich langfristig darauf

einstellen.

W&M: Wird es ab 2020 gar keine regionale

Förderung mehr geben?

HOLTEMÖLLER: Wir brauchen dann eine

Förderung strukturschwacher Regionen

in Ost wie in West, die sich an der Sache

orientiert: Worin ist die Schwäche begründet?

Was ist das richtige Mittel dagegen?

Viele zu fördernde Gebiete werden

auch dann noch im Osten liegen. Doch

man wird die Förderung nicht mehr mit

Ost und West begründen.

W&M: Einige Ostländer bereiten sich darauf

vor, indem sie staatliche Mittel in neue Technologien,

neue Industrien stecken, die noch

nicht durch westdeutsche Unternehmen besetzt

sind. Beredtes Beispiel ist die Photovoltaik.

Doch die kriselt momentan beträchtlich.

War es ein Fehler, sich derart festzulegen?

HOLTEMÖLLER: Könnte man Marktprozesse

prognostizieren, brauchte man keine

Märkte, sagt ein britischer Ökonom.

Also, wir wissen nicht, was die zukunftsträchtige

Technologie ist. Niemand weiß

es. Deshalb spricht einiges dafür, nicht

mit staatlichem Geld zu sehr auf bestimmte

Technologien zu setzen.

W&M: Forschungsergebnisse des IWH zur

Transformation früherer Planwirtschaften besagen,

dass die Steigerung der Innovationskraft

einer Region nicht von allein geschieht.

Es bedürfe staatlicher Impulse.

HOLTEMÖLLER: Richtig. Wie bringt man

beides zusammen? Wir brauchen eine

Förderung. Also muss man sich so genannte

anreizkompatible Mechanismen

überlegen. Es darf auf keinen Fall sein,

dass sich eine Industrieansiedlung nur

trägt, weil der Staat zubuttert. Es muss

jedoch in bestimmten strukturschwachen

Regionen staatliche Anreize geben,

um hier zu investieren – aber nur in

Bereichen, in denen Unternehmen auch

allein investieren würden, wenngleich

sonst woanders.

W&M: Gesetzt den Fall, wir sitzen in fünf

Jahren wieder zusammen: Was wird sich bis

dahin beim Aufholprozess getan haben?

GÜNTHER: Fünf Jahre sind eine sehr kurze

Frist für den Strukturwandel. Ich denke,

dass wir auch dann nicht über revolutionär

andere Themen sprechen. Hier

würde ich als realistischen Zeitraum

eher 20 Jahre ansetzen. Bis dahin können

sich etwa Industriezweige entwickeln,

die wir heute noch gar nicht kennen.

Vielleicht tun sich in der Biotechnologie

oder bei Umwelttechnologien ganz neue

Dimensionen und Chancen auf.

HOLTEMÖLLER: In den nächsten zwei,

drei Jahren stehen andere Probleme stärker

im Mittelpunkt. Wir haben jetzt die

große europäische Krise, und wir müssen

uns darüber unterhalten, wie wir auf

dem Kontinent Rahmenbedingungen für

makroökonomische Stabilität gestalten.

W&M: Sie beide leiten das IWH seit Mitte Dezember

2011 als Interimsvorstände, nachdem

der bisherige Präsident Prof. Ulrich Blum und

auch der Vorsitzende des wissenschaftlichen

Beirates, Prof. Friedrich L. Sell aus München,

ausgeschieden sind. Was war der Anlass?

HOLTEMÖLLER: Wie alle Institute der

Leibniz-Gemeinschaft (WGL) werden

auch wir regelmäßig evaluiert. Eine Begehungsgruppe

schaut sich die wissenschaftliche

Arbeit an und legt den Bericht

dem Senat der WGL vor. Dieser gibt

dann eine Förderempfehlung an die gemeinsame

Wissenschaftskonferenz des

Bundes und der Länder (GWK). Diese

trifft dann eine Förderentscheidung.

W&M: Wie ist diese ausgefallen?

HOLTEMÖLLER: Die GWK-Entscheidung

steht noch aus. Der Senat der WGL ist zu

dem Schluss gekommen, man solle das

IWH weiter fördern, weil es bedeutende

überregionale Fragestellungen bearbeitet

und Chancen bestehen, die Leistungsfähigkeit

deutlich zu steigern.

W&M: Wie soll das geschehen?

HOLTEMÖLLER: Das IWH soll stärker in

der Forschungslandschaft vernetzt und

international besser wahrgenommen

werden. Speziell über unser Forschungsleitthema

»Von der Transformation zur

europäischen Integration«. Wir beschäftigen

uns mit ökonomischen Langfristfolgen

der Planwirtschaft. So sind aktive

wirtschaftspolitische Eingriffe erforderlich,

um die Konvergenz zu erzielen.

Interview: Harald Lachmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 45


W&M-SERVICE

AKTUELL

FINANZÄMTER

Schwere Defizite

im Vollzug

Der Bundesrechnungshof hat

in einem aktuellen Gutachten

den Finanzämtern schwere

Fehler vorgeworfen.

Der Bundesrechnungshof

mahnt in seinem Gutachten die

Vereinfachung des Steuerrechts

und eine Weiterentwicklung

des Risikomanagements in der

Steuerverwaltung an. Gegenwärtig

sei eine gesetzeskonforme

Besteuerung vor allem bei

Arbeitnehmern nicht gewährleistet.

Als Ursachen benennt

der Bundesrechnungshof neben

der unzureichenden personellen

Besetzung der Finanzämter

vor allem die ständigen Änderungen

im Steuerrecht. Diese, so

heißt es weiter, seien zudem

auch noch schwer verständlich

formuliert. Allein im Einkommensteuerrecht

hat sich die

Zahl der jährlichen Gesetzesänderungen

seit 2006 von

durchschnittlich 7,5 auf zehn

erhöht.

Auch das Risikomanagement

habe die Defizite bisher nicht

beheben können. Beim Risikomanagement

entscheidet ein

programmgesteuerter Risikofilter,

ob die Steuer maschinell

festgesetzt werden kann oder ob

die Beschäftigten den Fall persönlich

prüfen sollen. Dieses

System lasse aber systematisch

Sachverhalte ungeprüft. So würde

etwa die Steuerermäßigung

für haushaltsnahe Dienstleistungen

und Handwerkerleistungen

in 80 bis 90 Prozent der Fälle

gewährt, ohne dass die Finanzbeamten

geprüft hätten, ob die

Voraussetzungen vorliegen.

Selbst wenn die Finanzbeamten

durch das maschinelle Risikomanagement

auf Problemfälle

hingewiesen wurden, unterliefen

ihnen immer noch zahlreiche

Fehler. So ermittelte der

Rechnungshof z.B., dass bei den

Fahrtkosten je Bearbeitungsfehler

630 Euro zu viel anerkannt

wurden. Bei den Arbeitsmitteln

waren 605 Euro zweifelhaft.

IM

FORMULARE

Anlage EÜR

ist Pflicht

Die Pflicht zur Abgabe des

Steuervordrucks »Anlage

EÜR« beruht auf einer gültigen

Rechtsgrundlage.

Der BFH (Az. X R 18/09) hat

entschieden, dass Betriebsinhaber,

die den Gewinn durch

eine Einnahmen-Überschuss-

Rechnung ermitteln, verpflichtet

sind, eine Gewinnermittlung

auf einem amtlich

vorgeschriebenen Vordruck

beizufügen. Dieser als »Anlage

EÜR« bekannte Vordruck sieht

eine standardisierte Aufschlüsselung

der Betriebseinnahmen

und -ausgaben

zwecks besserer Kontrollmöglichkeiten

vor. Ein Schmied

hatte seiner Steuererklärung

lediglich die von einem Buchführungsunternehmen

erstellte

Gewinnermittlung beigefügt.

Die Abgabe der Anlage EÜR

ist nicht im Gesetz geregelt,

sondern in der Einkommensteuer-Durchführungsverordnung.

Nach Auffassung der

obersten Finanzrichter ist

dies aber ausreichend, um die

Pflicht zur Abgabe des Vordrucks

zu begründen.

UNTERNEHMEN

GEBURTSTAG

Fiskus lehnt

Privatfeier ab

Die Kosten für private

Feiern von Unternehmern

gelten nicht als Betriebsausgaben.

Das gilt auch dann, wenn z. B.

ein runder Geburtstag zeitlich

mit einem Firmenjubiläum

zusammenfällt. So lautet

ein Urteil des Finanzgerichts

Berlin-Brandenburg

(Az. 12 K 12087/07). Der Gesellschafter

und Geschäftsführer

einer GmbH hatte seinen 50.

Geburtstag und das fünfjährige

Bestehen der GmbH zum

Anlass genommen, Geschäftspartner

und Angestellte einzuladen.

Das Gericht betonte,

dass eine Geburtstagsfeier

stets privat sei, selbst wenn

Freunde nicht eingeladen seien.

Es lagen gemischt veranlasste

Aufwendungen vor, die

teils privat und teils – das Unternehmensjubiläum

betreffend

– betrieblich veranlasst

waren. Da solche eng miteinander

verbundenen Aufwendungen

insgesamt steuerlich

nicht geltend gemacht werden

dürfen, kam ein Ausgabenabzug

nicht in Betracht.

GRUNDERWERBSTEUER

Der Fiskus hält die Hand auf

2012 steigen die Kosten beim Kauf von Grundstücken und

Immobilien in mehreren Bundesländern.

(Steuersatz je Bundesland in Prozent; Stand: Januar 2012)

Baden-Württemberg 5,0 Niedersachsen 4,5

Bayern 3,5 Nordrhein-Westfalen 5,0

Berlin 4,5 Rheinland-Pfalz 3,5

Brandenburg 5,0 Saarland 4,0

Bremen 4,5 Sachsen 3,5

Hamburg 4,5 Sachsen-Anhalt 4,5

Hessen 3,5 Schleswig-Holstein 5,0

Mecklenburg-Vorpommern 3,5 Thüringen 5,0

Quelle: BHW Bausparkasse

STEUERN SPAREN

W&M-Tipp für die PRAXIS

Erleichterung für

Alleinerziehende

Alleinerziehende sind auf Kinderbetreuungsplätze

und finanzielle

Unterstützung angewiesen. Nun

gibt es Erleichterungen.

Dies geschieht durch eine verbesserte

steuerliche Absetzbarkeit der

Kinderbetreuungskosten. »Mit dem

so genannten Gesetz zur Steuervereinfachung

2011 soll die Abwicklung

der steuerlichen Absetzbarkeit

deutlich erleichtert werden«, erklärt

Rechtsanwältin Beate Wernitznig,

Autorin des Ratgebers »Alleinerziehend«

(siehe W&M-Tipp).

Danach gilt nun seit Jahresbeginn:

Die Eltern müssen nicht mehr nachweisen,

ob und in welchem Umfang

sie erwerbstätig sind, sondern

haben generell einen Anspruch auf

die Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten

– und zwar bis zu deren

14. Lebensjahr.

Absetzbar sind die Kosten der Betreuung

im Rahmen der Höchstbeträge

für Sonderausgaben. Konkret

sind dies zwei Drittel der Aufwendungen,

jedoch höchstens 4.000

Euro pro Kind. »Diese Regelung begünstigt

alle Eltern, ist aber besonders

für Alleinerziehende interessant,

da sie nicht nur den hälftigen

Betrag in Anspruch nehmen können,

sondern den vollen«, betont

Fachautorin Wernitznig.

Eine weitere Entlastung für Eltern

bildet auch der Verzicht auf den

Nachweis, dass die Einkünfte und

Bezüge des Kindes unterhalb eines

Betrages von 8.004 Euro im Jahr

liegen, um den Anspruch auf Kindergeld

und Kinderfreibetrag zu erhalten.

Seit Januar entfällt die Einkommensprüfung

bei volljährigen

Kindern bis zum Abschluss der ersten

Berufsausbildung, maximal bis

zum 25. Lebensjahr.

Alleinerziehende können zusätzlich

einen so genannten Entlastungsbeitrag

von 1.308 Euro jährlich

steuerlich geltend machen. Er ist

bereits in die Lohnsteuertabelle

der Steuerklasse II eingearbeitet,

die für Alleinerziehende gilt.

W&M-TIPP

Neben steuerlichen Tipps erläutert

Beate Wernitznig in ihrem Ratgeber

auch zahlreiche Fragestellungen,

die sich für alleinerziehende Elternteile

im Alltag ergeben – etwa am

Arbeitsplatz oder im Sorgerecht.

Beck kompakt Ratgeber,

Beate Wernitznig: Alleinerziehend,

Verlag C.H.Beck,

126 Seiten, 6,80 Euro,

ISBN: 978-3-406-62590-9

46 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


W&M-SERVICE

DATENSCHUTZ

Lebenslange

Steuernummer

Die Zuteilung der Identifikationsnummer

und die

damit erfolgte Datenspeicherung

ist rechtens.

Die darin liegenden Eingriffe

in das Recht auf informationelle

Selbstbestimmung sind

durch überwiegende Interessen

des Gemeinwohls gerechtfertigt,

so der BFH (Az. II R

49/10). Anders als die bisherigen

Steuernummern sind die

Identifikationsnummern

dauerhaft und bundeseinheitlich

zugeteilt. Sie ermöglichen

so die eindeutige Identifizierung

des Steuerbürgers im

Besteuerungsverfahren. So ist

dem gleichmäßigen Vollzug

der Steuergesetze gedient.

Zudem werde Bürokratie bei

der Steuerverwaltung und in

Unternehmen abgebaut.

Aufgrund der Identifikationsnummer

kann auch die Erfassung

der Alterseinkünfte

bei der Einkommensteuer

leichter und effektiver geprüft

werden.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Keine Ruhe an der Steuerfront

PRIVAT

ARBEITSZIMMER

Richter zieht

vor Gericht

Für Richter und Professoren

findet ihre Tätigkeit nicht

überwiegend im häuslichen

Arbeitszimmer statt.

In zwei Urteilen hat der BFH

erstmals zur Neuregelung der

Abzugsbeschränkung bei häuslichen

Arbeitszimmern entschieden.

Für Hochschullehrer

(Az. VI R 71/10) und Richter

(Az.VI R 13/11) bildet demnach

das Arbeitszimmer nicht den

Mittelpunkt der gesamten beruflichen

Betätigung. Nach aktueller

Rechtsprechung können

die Aufwendungen für ein

häusliches Arbeitszimmer abgezogen

werden, wenn entweder

ein anderer Arbeitsplatz

nicht zur Verfügung steht oder

wenn das Arbeitszimmer den

Mittelpunkt der gesamten beruflichen

Betätigung bildet.

Für den Beruf des Hochschullehrers

ist die die Vorlesung

in der Universität und für

den Richter die Ausübung der

rechtsprechenden Tätigkeit

im Gericht prägend.

ADOPTION

Kosten bleiben

außen vor

Von KARL-HEINZ BADURA

Wirtschaftsjournalist und Finanzrichter,

Nörvenich

Adoptionskosten können

nicht als außergewöhnliche

Belastungen von der Steuer

abgesetzt werden.

Das entschied das Finanzgericht

Baden-Württemberg

(Az. 6 K 1880/10). Die Kläger hatten

wegen einer primären Sterilität

keine leiblichen Kinder

zeugen können. Eine künstliche

Befruchtung hatten sie aus

ethischen und gesundheitlichen

Gründen abgelehnt. Da

die Kosten für eine künstliche

Befruchtung steuerlich absetzbar

sind, müsse das auch für

die Aufwendungen gelten, die

im Rahmen einer Adoption entstünden.

Im vorliegenden Fall

hatte das Ehepaar 8.560 Euro

als außergewöhnliche Belastung

beim Finanzamt angegeben.

Das Gericht befand,

Adoptionskosten seien nicht

zwangsläufig und es läge im

Gegensatz zur künstlichen

Befruchtung auch keine auf

den Betroffenen abgestimmte

Heilbehandlung vor.

Bei seinem Besuch zum 20. Jahrestag der

Finanzgerichtsbarkeit in Mecklenburg-Vorpommern

gab sich der neue Präsident des Bundesfinanzhofs,

Prof. Dr. h. c. Rudolf Mellinghoff,

zwar zuversichtlich hinsichtlich der geglückten

Entwicklung des Finanzgerichtswesens in den

neuen Ländern. Gleichzeitig verwies er jedoch

darauf, dass in Kürze mit einer Flut von Verfahren

zu rechnen sei, die die Besteuerung von

Rentnern betrifft, die im Ausland leben und

eine deutsche Rente beziehen. Es komme gegebenenfalls

zu erheblichen Steuernachzahlungen.

Grund: Durch die dauerhafte Verlagerung

ihres Wohnsitzes ins Ausland gelten sie als

beschränkt steuerpflichtige Personen, für die

verschiedene Steuervergünstigungen entfallen.

Zuständig dafür ist zentral das Finanzamt Neubrandenburg.

Mit verschärften Kontrollen werden

auch in Zukunft bestimmte Berufsgruppen

rechnen müssen: Nach dem neuen Entwurf des

so genannten Geldwäschegesetzes hat die

Finanzverwaltung Defizite in Bezug auf die Beaufsichtigung

bestimmter Unternehmen ausgemacht,

z. B. Immobilienmakler, Versicherungsvermittler,

Juweliere, Finanzunternehmen,

Spielbanken sowie Personen, die gewerblich

mit Gütern handeln. Sie werden nach der Verabschiedung

der Neuregelung verstärkten Meldeund

Identifizierungsvorschriften unterliegen.

Allerdings hat der Gesetzgeber die ursprünglich

geplante Bestellung so genannter Geldwäschebeauftragter

– das wären in der Regel die Angehörigen

der steuerberatenden Berufe gewesen

– verworfen.

➔Steuern KOMPAKT

FREIBERUFLER

Nur eine Betriebsstätte

Das Finanzgericht Baden-Württemberg

hat im Fall eines freiberuflichen

Dozenten die steuerliche Abzugsfähigkeit

von Fahrtkosten erhöht.

Der Kläger war selbständiger Personalberater

und als Dozent an Hochschulen

tätig. Seine Fahrten vom

Büro im eigenen Haus zu den Hochschulen

wertete das Finanzamt als

Fahrten von der Wohnung zur Betriebsstätte

und damit nicht als unbeschränkt

abzugsfähig. Das Finanzgericht

(Az. 3 K 1849/09) ließ aber

die Kosten als Reisekosten und

damit als unbegrenzt abzugsfähig zu.

Ein Selbständiger kann nur eine Betriebsstätte

haben, so die Richter.

Diese ist ein Ort, an dem sich der

ortsgebundene Mittelpunkt der

betrieblichen Tätigkeit eines

Gewerbetreibenden, Selbständigen

oder eines Landwirts befinde.

DISKOTHEKEN

Betreiber haftet

Der Steuerabzug bei ausländischen

Künstlern, die in einer Diskothek in

Deutschland auftreten, verstößt

nicht gegen EU-Recht.

Das hat das Finanzgericht Düsseldorf

(Az. 11 K 1171/09 H) entschieden.

Die deutsche Finanzverwaltung muss

sich nicht darauf verweisen lassen,

ihre Steuerforderung im Wege der

zwischenstaatlichen Amtshilfe nach

der EG-Beitreibungsrichtlinie zu

realisieren, teilt das Düsseldorfer

Finanzgericht mit. Sie könne den

Betreiber der Diskothek, der den

Steuerabzug nicht vorgenommen

hat, in Haftung nehmen.

GEBÄUDE

Nur auf dem Boden

Eine auf dem Wasser schwimmende

Anlage stellt bewertungsrechtlich

kein Gebäude dar, urteilten die

Richter des Bundesfinanzhofs.

In dem Fall (Az. 2011 II R 27/10)

ging es um ein Event- und Konferenzzentrum,

das auf einem Kanal im

Gebiet des Hamburger Hafens liegt

und aus drei Schwimmkörpern und

einem Pfahlbau besteht. Das Finanzamt

wollte neben dem Pfahlbau auch

die Schwimmkörper als Gebäude

behandeln und hierfür einen Einheitswert

feststellen. Der BFH verneinte:

Bewertungsrechtlich liegt ein Gebäude

nur dann vor, wenn es mit

dem Boden fest verbunden und

standfest ist. Schwimmkörpern fehlen

diese Eigenschaften, daher unterliegen

sie nicht der Grundsteuer.

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 47


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERVIEW

Fotos: Archiv

PFLEGEZEIT

Unternehmen

in Vorleistung

Das neue Gesetz zur Familienpflegezeit

soll helfen,

Beruf und Pflege besser

vereinbaren zu können.

Das Gesetz sieht vor, dass Beschäftigte

ihre Arbeitszeit bis

zu zwei Jahre lang, abhängig

vom Beschäftigungsverhältnis,

um 50 Prozent auf mindestens

15 Wochenstunden reduzieren

können – bei 75 Prozent des

ursprünglichen Gehalts.

Anschließend arbeiten die

Pflegezeitler für den gleichen

Zeitraum wieder zu 100 Prozent

bei weiterhin 75 Prozent

Entgelt.

Die Unternehmen müssen also

in der Pflegezeit 25 Prozent

mehr Gehalt zahlen als geleistet

wird. Um die Unternehmen

zu entlasten, gibt es von der

Staatsbank KfW ein zinsloses

Darlehen. Die Rückzahlung

beginnt nach Ende der Pflegezeit.

Beschäftigte haben

keinen Rechtsanspruch auf die

Familienpflegezeit. Währenddessen

und im Anschluss gilt

aber ein besonderer Kündigungsschutz.

Um sich gegen Berufsunfähigkeit

oder Tod abzusichern,

muss der Mitarbeiter eine Versicherung

abschließen.

Außerdem springt in vielen

Fällen das Bundesamt für Familie

und zivilgesellschaftliche

Aufgaben ein, wenn der

Beschäftigte die Versicherungsprämie

nicht zahlt oder Ausgleichsansprüche

nicht erfüllt.

Laut einer Studie der Steinbeis-

Hochschule Berlin summieren

sich die volkswirtschaftlichen

Folgekosten einer mangelnden

Vereinbarkeit von Beruf und

Pflege auf 19 Milliarden Euro

im Jahr. Durch Gegenmaßnahmen

ließen sich hingegen

rund 14.000 Euro pro Mitarbeiter

in Pflegezeit sparen.

www.familien-pflege-zeit.de

www.kfw.de

(Suchwort »pflegezeit«)

www.bmfsfj.de

BIOTECH

Schlankes

Wachstum

Biotechnologie-Unternehmen

starten laut Branchenverband

BIO optimistisch

ins Jahr 2012.

Laut Stimmungsbarometer

von BIO Deutschland gehen

die Biotech-Firmen auch im

laufenden Jahr von weiterem

Wachstum aus. Zwar seien die

Erwartungen etwas gedämpfter

als im Vorjahr, in der Branche

herrsche jedoch weiter

Optimismus.

Das führt Verbandschef Peter

Heinrich darauf zurück,

dass sich die Firmen ziemlich

gut an die Finanzknappheit

angepasst hätten und dennoch

weiter neue Produkte

entwickelten. Auch die zunehmende

Profitabilität mache

die Biotechnologie-Branche

krisenfest.

Einen »Kauf« wert ist den

Experten von Warburg Research

die Aktie von 4 SC aus

dem Prime Standard (WKN

575 381). Das Unternehmen

soll laut Warburg einen wichtigen

Meilenstein bei der Entwicklung

eines Krebsmedikaments

erreicht haben.

AKTIENMARKT

ENERGIE

Windkraft

macht Dampf

Die erneuerbaren Energien

als Nummer zwei

im deutschen Strommix

sollen weiter wachsen.

Nach einer Prognose des Beratungshauses

Frost & Sullivan

kann die europäische Windenergiebranche

weiter mit

Wachstum rechnen.

Die erneuerbaren Energien

machen laut Bundesverband

der Energie- und Wasserwirtschaft

bereits rund 20 Prozent

im deutschen Strommix aus –

die Windkraft liegt dabei mit

7,6 Prozent an der Spitze. Ihr

Anteil hatte sich 2011 noch

gesteigert. Besonders wachstumsträchtig

seien die Märkte

in Mittel- und Osteuropa für

die Energiegewinnung an

Land sowie der Offshore-

Markt, schätzen die Experten

von Frost & Sullivan. Ein klarer

»Kauf« ist für die Analysten

von Close Brothers Seydler

Research der ÖkoDax-Wert

PNE Wind (WKN A0J BPG),

ein international tätiger

Projektierer für On- und Offshore-Windkraftanlagen

und

Stromproduzent.

DAX BÖRSENSTARS

+

WKN 659990 Merck + 27,37%

WKN A1EWWW Adidas + 27,15%

WKN 519000 BMW + 24,47%

WKN 766403 Volkswagen + 24,36%

WKN 578560 Fresenius + 23,28%

Merck: Der Pharma-Riese hat Kosten gespart und seinen Nachschub bei neuen Medikamenten

mit dem Kauf eines vielversprechenden neuen Krebswirkstoffs aufgestockt.

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 06.02.2012

DAX BÖRSENFLOPS


WKN 803200 Commerzbank - 59,01%

WKN 725750 Metro - 43,78%

WKN 703712 RWE - 39,16%

WKN KSAG88 K+S - 30,48%

WKN ENAG99 E.ON - 30,22%

Commerzbank: Das Bankhaus muss ein Milliardenloch im Eigenkapital stopfen, lehnt

Staatshilfe aber ab. Zudem belasten die Diskussionen um das Rettungspaket für

Griechenland. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 06.02.2012

Quelle: W&M, ohne Gewähr

JESSICA RIES

von der youmex

AG über Unternehmensfinanzierung

via Anleihen

Anleihe als Alternative

W&M: Frau Ries, ein Bäcker in

Hessen begibt selbst eine Anleihe –

die Alternative zum Bankkredit?

RIES: Emissionen in Eigenregie

an eigene Kunden sind die

Ausnahme. Sie sind selbst für

starke Marken nur in kleinen

Volumina platzierbar. Es gibt

bankalternative Finanzierungen,

die besser geeignet sind.

W&M: Etwa börsengehandelte

Anleihen?

RIES: Eine Anleihe ist sinnvoll,

wenn sie den Finanzierungsmix

eines Unternehmens ergänzt.

Mittelstandsanleihen

werden jedoch kaum an private

Anleger platziert, sondern

zu 85 bis 95 Prozent an institutionelle

Investoren. Diese

brauchen für einen möglichen

Ausstieg aus dem Investment

einen Börsenhandel für die

Zeichnung der Neuemission.

W&M: Was muss der Emittent

erfüllen?

RIES: Er muss sich bewerten

lassen. Transparenz, Authentizität

sowie eine lückenlose

Kommunikation spielen die

größte Rolle für eine erfolgreiche

Emission. Neben der

Schlüssigkeit des Geschäftsmodells

zählen eine plausible

Mittelverwendung, Fähigkeit

der Rückzahlung und ein

gutes Rating. Erst ab einem

Emissionsvolumen von 50 Millionen

Euro wird eine Anleihe

für institutionelle Investoren

richtig interessant.

W&M: Anleihe oder Kredit?

RIES: Die Überlegung sollte

nicht »entweder – oder« lauten,

sondern »wie ergänzt sich

was«. Bankalternative und

-ergänzende Finanzierungen

werden im Zuge der restriktiven

Kreditvergabe der Banken

immer wichtiger. Mit guten

Zahlen sind Fremdkapital von

institutionellen Kapitalgebern

oder Eigenkapital auf Zeit

(Mezzanine) gute Alternativen

zur Anleihe.

48 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


W&M-SERVICE

GELD & ANLAGE


Geld KOMPAKT

ROBECO

Erfolgreiche

US-MidCaps

Die Investmentgesellschaft

Robeco bietet einen Fonds,

der auf erfolgreiche US-amerikanische

MidCaps baut.

Der »US Select Opportunities

Equities« investiert laut Anbieter

in Aktien von US-Mittelständlern.

Große Chancen

sieht das Management im

Technologie-, Konsumgüterund

Gesundheitssegment. Die

US-MidCaps hätten sich gut

entwickelt. Die sich erholende

US-Wirtschaft lasse ein BIP-

Wachstum von zwei bis drei

Prozent erwarten. Die MidCaps

wachsen, weil sie nicht mit

übersättigten Märkten kämpfen

müssten. Zudem seien die

Aktien wegen der düsteren

Wirtschaftslage zurzeit

günstig. Bei der Auswahl der

Titel werden neben traditionellen

Faktoren auch kurzfristige

Entwicklungsperspektiven

und langfristige Fundamentaldaten

berücksichtigt.

WKN: A1JKVL

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

BVI

Geldsteuer

trifft Vorsorger

Der Privatanleger ist kein Herdentier

Viele Publikumsfonds sind mittlerweile so konzipiert,

dass es kaum noch Abweichungen zum

Vergleichsindex, der sogenannten Benchmark,

gibt. Das gilt für Ausschläge nach oben wie

nach unten. Die Zahl der »Wetten«, die der

Fondsmanager eingeht, um eine bessere Performance

als seine Benchmark zu erzielen,

sinkt dabei stetig. Vielen Privat- und Kleinanlegern

gefällt das gar nicht. Dazu passt die jüngste

Statistik des Bundesverbandes Investment

und Asset Management e.V. wie die Faust aufs

Auge: Demnach zogen alleine im November

2011 Privatinvestoren 5,2 Milliarden Euro aus

Publikumsfonds ab. Alleine das turbulente

zweite Börsenhalbjahr 2011 für diese Entwicklung

verantwortlich zu machen, reicht als eine

Begründung nicht aus. Privatanleger erwarten

offensichtlich auch wieder mehr Mut von ihrem

Die geplante Finanztransaktionsteuer

(FIT) zielt auch

auf Investmentfonds – und

trifft so Vorsorge-Sparer.

Deshalb kritisiert der Bundesverband

Investment und Asset

Management (BVI) die Einführung

der FTT auf Investmentfonds.

Besonders hart träfe es

langfristige Sparer: Aufgrund

der demografischen Entwicklung

sparen immer mehr Menschen

privat für das Alter. Bei

Riester-Fonds und wertsicherungsorientierten

Anlagestrategien

sei die Steuer besonders

kontraproduktiv. Aber auch

Unternehmen und Investoren

mit Sitz in Deutschland seien

betroffen. Der BVI zweifelt an

der gewünschten Wirkung der

FTT und fürchtet lediglich eine

Verteuerung für den Endkunden.

Denn Steuern würden sowohl

bei Transaktionen innerhalb

des Fonds als auch bei

Käufen und Verkäufen von

Fondsanteilen fällig.

Von GERD RÜCKEL,

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.

DEKA

Mischfonds für

Deutschland

Einen flexiblen Mischfonds

für Deutschland mit einer

Balance aus Chance und

Stabilität bietet die Deka.

Mit dem Fonds »Deka-Deutschland

Balance« profitiere der

Anleger laut Anbieterangaben

von einem ausgewogenen

Konzept aus aussichtsreichen

deutschen Aktien und Bundesanleihen.

Der Fonds verfolge

eine konservative Strategie:

Das Portfolio bestehe zu

15 Prozent aus Aktien und zu

85 Prozent aus Anleihen. Der

Aktienanteil könne jedoch

auch ausgeweitet, der Anleihenanteil

reduziert werden.

Gegebenenfalls sei auch eine

Anlage in Termingelder möglich.

Die optimalste Gewichtung

werde wöchentlich

ermittelt. Das Fondsmanagement

will sich in der größten

Volkswirtschaft Europas, am

deutschen Rentenmarkt, messen

lassen.

WKN: DK2CFB

Fondsmanager. Das Anlageverhalten vieler

Privatinvestoren ist nicht so klischeebehaftet

wie weitläufig angenommen. Das zeigt auch

eine Auswertung von rund fünf Millionen Wertpapierdepots

privater Anleger mit mehr als

einer Million Transaktionen durch die Transaktionsbank

Deutsche Wertpapierservice (DWP).

Ein Hang zum Herdentrieb war dabei nicht zu

erkennen. Trotz schwerer Börsenzeiten wurden

mehr Aktien gekauft als verkauft, angesagt war

antizyklisches Handeln. Um aber mit Einzelengagements

eine gute Streuung im Portfolio

zu erreichen, bedarf es einer »kritischen Masse«.

Viele Kleinanleger verfügen nur über

begrenzte Geldmittel, deren Anlage am Aktienmarkt

ohne das Vehikel Aktienfonds kaum

lohnend ist. Hier steckt ein riesiges Potenzial

für die Fondsbranche. Sie ist nun gefordert.

FINANZKRISE

Keine Sorgen

Die Deutschen blicken trotz

Finanzkrise mit großer Zuversicht

ins neue Jahr, so der Finanzdienstleister

AWD.

Rund 71 Prozent der Bundesbürger

erwarten genausoviel oder mehr

Geld als im Vorjahr im Portemonnaie,

wie eine Umfrage von Forsa

im Auftrag des Finanzdienstleisters

AWD herausfand.

Zudem hält der Spar-Trend an: Insgesamt

78 Prozent der Befragten

möchte mindestens genauso viel

sparen wie in 2011. Auf Platz eins

der Sparziele der Deutschen: die

Energiekosten. Es folgen Restaurantbesuche

und Lebensmittel. Nur

sechs Prozent wollen bei der Altersvorsorge

Abstriche machen.

BANKEN

Im Netzwerk

Drei von fünf Banken wollen bis

2014 in einen Auftritt bei Facebook

& Co. investieren, meldet

Steria Mummert Consulting.

Laut einer Studie von Steria Mummert

Consulting und dem F.A.Z.-

Institut wollen 40 Prozent der

Banken in absehbarer Zeit ein

Social-Media-Projekt auf Plattformen

wie Xing, Facebook,

Twitter oder Youtube starten.

Ganz vorne dabei: Die Sparkassen.

Etwa 69 Prozent von ihnen setzen

schon kurzfristig Projekte um.

Die Banken zielen vor allem auf

die jüngeren Kunden, für die

Social Media ein immer gängigerer

Informationskanal sind.

ZAHLUNGSVERKEHR

Geld-Gehirntraining

Fast die Hälfte der Deutschen

fürchtet nach einer aktuellen

Umfrage Nachteile durch die

geplante 22-stellige IBAN.

Die neue Kontonummer ist nach

aktuellem Stand der Planungen ab

2014 Pflicht. Laut einer Umfrage

der Beratungsgesellschaft Faktenkontor

und dem Marktforscher

Toluna glauben 46 Prozent der

Befragten, dass mit der Umstellung

die Bankgeschäfte komplizierter

werden.

38 Prozent würden lieber ihre

alte – und viel kürzere – Kontonummer

behalten. Die IBAN soll

den Zahlungsverkehr innerhalb der

EU vereinfachen. Überweisungsgebühren

fallen damit weg.

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12

49


W&M-SERVICE

Fotos: BHW, BRAMAC, privat

DAS THEMA

PFUSCH AM BAU

Rechtsstreit

wird meist teuer

Baurechtsstreitigkeiten

bergen ein nicht unerhebliches

Risiko und verursachen

beträchtliche Kosten.

Das ist das Fazit der Auswertung

von 1.800 baurechtlichen Mandaten,

die bundesweit von Vertrauensanwälten

des Bauherrenschutzbundes

e. V. (BSB) betreut

wurden. Wie die aktuelle Analyse

offenbarte, beruhen mehr

als die Hälfte der gerichtlichen

Streitigkeiten auf Konflikten

mit Bauträgern, Generalunternehmern

oder Generalübernehmern.

Architekten sind mit

14 Prozent, Einzelgewerke mit

17 Prozent, Sonderfachleute mit

fast neun Prozent und Versicherungen

mit sieben Prozent beteiligt.

Dabei geht es mit einem

durchschnittlichen Streitwert

von 42.000 Euro um hohe Beträge.

Die überwiegende Mehrzahl

der Rechtsfälle liegt im Streitwert

über 5.000 Euro. Häufigste

Konfliktquellen für gerichtliche

Auseinandersetzungen sind

Baumängel – zu 19 Prozent vor

der Abnahme und zu 40 Prozent

danach. Vertragsverstöße und

Schadenersatzforderungen sind

zu 14 Prozent Ursache und Leistungsverweigerungen

zu 11,3

Prozent. Streitfälle wegen Firmeninsolvenzen

machen 8,5

Prozent aus. Kosten ergeben sich

auch aus der Arbeit von Sachverständigen,

Gerichten und

Anwälten. So summieren sich

die Gutachterkosten auf durchschnittlich

rund 3.000 Euro. Die

Kosten gerichtlicher Verfahren

betragen im Durchschnitt 8.000

Euro. Die Kosten selbstständiger

Beweisverfahren – die anteilig

39 Prozent ausmachen – belaufen

sich durchschnittlich auf

7.000 Euro. Die Kosten außergerichtlicher

Verfahren schlagen

im Schnitt mit fast 4.000 Euro

zu Buche. Nahezu 60 Prozent

der Rechtsfälle mussten mit

außergerichtlichen und gerichtlichen

Sachverständigengutachten

untermauert werden.

MEHRKOSTEN

Umlage bedarf

Zustimmung

Bauunternehmen dürfen

Mehrkosten nicht ohne

Einverständnis des

Bauherrn geltend machen.

Mitunter treten während laufender

Arbeiten Probleme auf,

die teure alternative Lösungen

erfordern. So erging es

umlängst auch einer Baufirma,

die eine Dichtwand errichten

sollte. Auf Grund der

Bodenbeschaffenheit, die so

nicht in den Planungen dokumentiert

war, hätte man anders

vorgehen müssen, so das

Argument der Firma.

Im Ergebnis entstanden

hohe Mehrkosten. Wer dafür

aufkommen müsste, darüber

stritten Bauherr und Baufirma.

Das Oberlandesgericht

Düsseldorf (Az. I-23 U 47/08)

verdonnerte die Baufirma

schließlich zur Kostenübernahme.

Nach Informationen

des Infodienstes Recht und

Steuern der LBS war für das

Urteil ausschlaggebend, dass

die Firma keine rechtsgeschäftliche

Erklärung des

Bauherrn vorweisen konnte,

wonach dieser mit den zusätzlichen

Arbeiten und damit

mit den Kosten einverstanden

gewesen sei.

GEWERBE

BAURECHTSSTREIT

BERATER

Finanzierung

vom Vermittler

Die Baufinanzierung muss

nicht von der Bank kommen.

Unabhängige Berater

erobern Marktanteile.

In den vergangenen Jahren

haben Banken und Sparkassen

im Baufinanzierungsgeschäft

immer mehr Boden

eingebüßt.

Gewonnen haben vor allem

Direktbanken, Discountund

Internetbroker. Sie bündeln

die Einkaufsmacht der

Nachfrager und haben Produkte

von gleich mehreren

Banken und Bausparkassen

im Angebot.

Das führt zu günstigen

Konditionen. Weil Baufinanzierung

ein beratungsintensives

Geschäft ist, arbeiten die

Finanzdienstleister mit Vermittlern

zusammen, die die

Kreditnehmer beraten und

betreuen.

Die Vorteile für die Kunden

bestehen in der individuellen

Beratung und in möglicherweise

günstigen Konditionen

sowie darin, dass die Vermittler

nicht nur auf die standardisierten

Produkte einer

Bank, sondern auf eine Vielzahl

von Produkten zugreifen

können.

Teuer und voller Risiken

Kosten bei einem durchschnittlichen Streitwert von 42.000 Euro.

(Auswertung von 1.800 baurechtlichen Mandaten)

Kosten im gerichtlichen Verfahren

(Anwalts- und Gerichtskosten)

Selbständiges Beweisverfahren

Kosten im außergerichtlichen Verfahren

Gutachterkosten

Quelle: Bauherrenschutzbund e. V.

8.000 Euro

7.000 Euro

4.000 Euro

3.000 Euro

UP

W&M-Markttrend


Up: Umbauanreize

Der Staat hat die Anreize

für die energetische Sanierung

und den altersgerechten

Umbau von Mietwohnungen

verbessert. Werden die Arbeiten

innerhalb von drei Monaten abgeschlossen,

dürfen Mieter auch dann

die Miete nicht mehr kürzen, wenn

der Wohnwert während der Umbaumaßnahmen

eingeschränkt ist. Seit

Januar gibt es zudem von der KfW

wieder zinsgünstige Kredite.


&

DOWN

Down: Zinsbindung

Deutsche Immobilienfinanzierer

haben kaum

Interesse an Darlehen

mit variablen Zinsen. Das geht aus

dem jüngsten Trendindikator Baufinanzierung

des Finanzdienstleisters

Dr. Klein hervor. Auch der Anteil von

Forward-Darlehen sei zum Jahresende

2011 um etwa 17,5 Prozent

zurückgegangen.

IMMOBILIENTIPP

LED-Lampen fürs Heim

Lichtdioden halten zusehends

Einzug in die Vorgärten, schaffen

Atmosphäre und Sicherheit und

senken die Kosten.

Mit bis zu 50.000 Stunden Lebensdauer

sind LED-Leuchten nachhaltig

aktiv und für den Außeneinsatz ideal

geeignet, rät die Bausparkasse BHW.

Sehr beliebt sind am Boden montierte

Spotlights. Leuchtdioden verbrau-

LICHT INS DUNKEL mit LED.

chen bis zu 90 Prozent weniger Strom

als Glühbirnen. Zeitschaltuhren oder

Bewegungsmelder senken den Energiebedarf

zusätzlich. LED-Lampen mit

hoher Lebensdauer kosten zirka 40

Euro. Wenn 2012 die Glühbirnen endgültig

vom Markt verschwinden, werden

die Preise für LEDs weiter sinken,

vermutet der Fachverband für Elektroleuchten

und elektrische Lampen.

50 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


W&M-SERVICE

MIETEN

Im Osten

bleibt es billig

Geringer als erwartet

sind im vergangenen Jahr

die Bestandsmieten in

Deutschland gestiegen.

Dies geht aus dem F+B-Mietspiegelindex

2011 hervor. Die

durchschnittliche Miete stieg

2011 um lediglich ein Prozent.

Weiterhin führt München

den Mietspiegelindex an. Mit

einer durchschnittlichen

Nettokaltmiete von 9,58 Euro

pro Quadratmeter müssen

Mieter dort 59 Prozent mehr

für ihre Wohnung bezahlen

als im Bundesdurchschnitt.

Auf Rang 24 des F+B-Mietspiegelindex

ist die einzige in

den Top 50 vertretene ostdeutsche

Stadt platziert: Jena liegt

mit 6,89 Euro pro Quadratmeter

als einzige Stadt der

neuen Bundesländer deutlich

über dem Bundesdurchschnitt

von 6,04 Euro pro Quadratmeter.

Weit darunter liegen

die meisten anderen ostdeutschen

Städte.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

PRIVAT

BAUSPAREN

Beliebter in

Zeiten der Krise

Für die deutschen Bausparkassen

war 2011 ein sehr

gutes Jahr. Sachanlagen sind

in unsicheren Tagen gefragt.

Das steigende Interesse an

Sachwerten und die Furcht vor

der Geldentwertung lässt viele

Verbraucher zu Bausparfinanzierungen

greifen. Allein der

Marktführer, die Bausparkasse

Schwäbisch Hall, konnte das

Neugeschäft um gut zehn

Prozent steigern. Die gesamte

Branche rechnet mit einer

Steigerung des Finanzierungsgeschäfts.

Bauspardarlehen

und Sofortfinanzierungen von

den Bausparkassen stehen vor

allem wegen der langfristig

stabilen und niedrigen Zinsen

bei den Immobilienerwerbern

hoch im Kurs. Auch 2012 erwarten

die Bausparkassen ein

gutes Jahr. Zwar seien im Moment

die Kapitalmarktzinsen

noch niedrig, für Ende 2012

rechnen die Bausparkassen

jedoch mit einem Anstieg.

IMMOBILIEN

Gebraucht

und günstig

Attraktive Kaufpreise und

niedrige Zinsen sorgen in

Ostdeutschland für eine

Blüte des Gebrauchtmarkts.

Vor allem im den ostdeutschen

Metropolen sei in den vergangenen

zwei Jahren ein Nachfrageboom

registriert worden, so

die Einschätzung der LBS Immobilien

GmbH in Potsdam.

Zwar steigen auch die Preise,

mit Ausnahme des Segments

der Luxus-Eigentumswohnungen

sei aber nicht mit der Bildung

von Preisblasen zu rechnen.

Auch in Mittel- und Kleinstädten

habe die Nachfrage

deutlich zugenommen, erwartet

wird jedoch eine stabile

Preisentwicklung mit langfristiger

Perspektive. Es gebe einen

Trend zum Erwerb von Wohnimmobilien

deutlich vor dem

Rentenalter. Das attraktive

Preis-Mieten-Verhältnis locke

inzwischen auch kleinere

Immobilieninvestoren aus

Westdeutschland an.

Von HANS PFEIFER,

Wirtschaftsjournalist, Berlin

Immobilien KOMPAKT


KORREKTUR

Portale im Internet

In Heft 01-02/12 stellten wir die

Internetportale »vermietsicher. de«

und »kautionsfrei.de« vor. Dabei kam

es zu einer Verwechslung im Text.

Irrtümlich hieß es in der Meldung,

dass »kautionsfrei.de« eine Absicherung

gegen Mietausfälle böte.

Richtig muss es natürlich heißen,

dass »vermietsicher.de« einen Schutz

für Vermieter gegen Mietausfälle

anbietet. kautionsfrei.de hingegen

offeriert für Mieter eine Alternative

zur Kautionshinterlegung in bar.

WOHNTRENDS

Zu früh geträumt

Die Mehrheit der Deutschen

wünscht bei Immobilien Energieeinsparungen

und erneuerbare

Energien, so eine Umfrage.

Für 82 Prozent der Befragten ist ein

niedriger Energieverbrauch sehr

WOHNTRAUM: Erneuerbare Energien

wichtig, für 68 Prozent der Einsatz

von erneuerbaren Energien. Das ist

das Ergebnis einer Umfrage des

IMWF Institut für Management- und

Wirtschaftsberatung im Auftrag der

Interhyp AG über »Wohnträume

der Deutschen«. Das barrierefreie

Wohnen favorisieren 48 Prozent.

Zum Schrotthandel gehören vier

Da ist in Berlin ein Senator wegen seiner beruflichen

Rolle als Beurkunder dubioser Immobiliengeschäfte

nach nur zwölf Tagen aus dem

Amt geschieden. Manche feiern das als Sieg

des Verbraucherschutzes. Das dürfte verfrüht

sein. Denn der Notar konnte so agieren, weil

drei andere Beteiligte mitgemacht haben: der

Immobilienvermittler, der Verkäufer und der

Käufer. Was den Vermittler betrifft, ist die

Sache klar. Er ist allein provisionsgetrieben.

Was die Verkäufer betrifft, so wissen wir aus

der Berliner Szene inzwischen, dass sich sogar

gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften

nicht zu schade sind, mit Hilfe dubioser Vermittler

und dank der Dienste williger Mitternachtsnotare

Immobilien zu Mondpreisen zu

verscherbeln. Wirklich beklagenswert ist allein

die Rolle der Käufer. Und da ist Mitleid nun wirklich

nicht angebracht. Hat ein Käufer, der eine

große Summe unter Zeitdruck in eine Wohnung

investieren will, die er nicht besichtigt hat, noch

alle Tassen im Schrank? War er im Vollbesitz

seiner geistigen Kräfte, als ihn der Verkäufer zu

später Stunde zum Notar schleifte, der in atemberaubender

Geschwindigkeit Unverständliches

herunterrasselte? Wo war sein Widerspruch,

als ihn der Vermittler auch noch einimpfte, auf

die Pflichtfragen des Notars wahrheitswidrig zu

antworten? Das Verhalten des Notars war

standeswidrig und seine Berufung zum Senator

deshalb ein Fehler. Das Verhalten von leichtsinnigen

oder gierigen Käufern kann nicht anders

geahndet werden als durch finanzielle

Verluste. Dummheit muss bestraft werden.

Einen Gebrauchtwagen kauft auch niemand

nachts im Dunkeln und ohne Probefahrt.

TRENNUNG

Wie in der Ehe

Auch bei der Trennung nichtehelicher

Partner kann es

zu vermögensrechtlichen Auseinandersetzungen

kommen.

Dies ist vor allem der Fall, wenn die

Partner gemeinsam ein Eigenheim

gebaut haben. Nach einem Urteil

des Bundesgerichtshofs (XII ZR

190/08) kann man verlangen, einen

Teil seiner Eigenleistungen und

Bauzuschüsse vergütet zu erhalten,

wenn durch sie ein dauerhafter

Vermögenszuwachs beim Ex-Partner

eingetreten ist.

Die Wüstenrot Bausparkasse AG

rät deshalb, vor dem Hausbau

die gegenseitigen Ausgleichsansprüche

vertraglich zu regeln.

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 51


ANALYSE

Fotos: WMi Sachsen-Anhalt, WMi Thüringen

Fördermittel in Mitteldeutschland

Abschied von

der Gießkanne

Strategiewechsel bei der Wirtschaftsförderung in Sachsen-Anhalt:

Statt Zuschüsse mit der Gießkanne zu verteilen, will die Landesregierung

dort helfen, wo hochwertige Arbeitsplätze in Wachstumsbranchen

entstehen. Auch Thüringen geht neue Wege.

Mit weniger Fördermitteln die

Wirtschaft in Sachsen-Anhalt in

der Breite fördern – das ist der

Spagat, den die Landesregierung schaffen

will. Statt auf Masse soll auf Klasse gesetzt

werden, so Wirtschaftsministerin

Birgitta Wolff. Seit dem 1. Februar gelten

neue Förderrechtlinien. Die Unterstützung

wird stärker auf Forschungs- und

wertschöpfungsintensive Unternehmen

fokussiert, die dauerhafte und anspruchsvolle

Arbeitsplätze schaffen und

tarifliche Standards berücksichtigen.

Die zum Teil drastischen Änderungen

sind Sparzwängen geschuldet: Die EU-

Fördermittel werden gedrosselt. Statt

370 Millionen Euro 2010 stehen dieses

Jahr nur noch 167 Millionen Euro zur

Verfügung. 2013 schrumpfe die Summe

auf 130 Millionen, sagt die CDU-Ministerin.

Es fehlen sowohl Fachkräfte als auch

qualifizierte, gut bezahlte Jobs. In der

Folge werden in Sachsen-Anhalt nur 70

Euro je Einwohner an Forschungs- und

Entwicklungsleistungen durch Unternehmen

erwirtschaftet, während es in

Thüringen immerhin 200 Euro sind.

In Sachsen-Anhalt wurden seit 2000

insgesamt 4.211 Investitionsvorhaben

mit 3,75 Milliarden Euro zur Verbesserung

der regionalen Wirtschaftsstruktur

gefördert, sagt Wolff. Das gesamte Investitionsvolumen

habe 15,62 Milliarden

Euro betragen. Damit seien knapp

182.000 Arbeitsplätze geschaffen beziehungsweise

gesichert worden. Dennoch

ist jetzt ein Strategiewechsel bei der

Wirtschaftsförderung erforderlich. Es

braucht mehr Firmen, die Dank bester

Produkte gute Löhne zahlen und Fachkräfte

binden – oder herholen. Jährlich

gehen etwa 30.000 Leute hier in Rente,

aber nur gut 15.000 Arbeitnehmer kommen

neu hinzu. Zusammen mit dem

Wanderungssaldo ergibt sich eine Differenz

von etwa 30.000 Personen im

Jahr. Und so wird Ministerpräsident Reiner

Haseloff (CDU) nicht müde zu erklären:

Sachsen-Anhalt werde verstärkt

um Rückkehrer werben.

Viele Jahre war es die wichtigste Aufgabe,

möglichst viele Firmen anzusiedeln.

Jetzt heißt es: Klasse statt Masse.

Bei Erweiterungsinvestitionen startet ein

neues Fördersystem: Während es früher

Abzüge gab, wenn Förderkriterien – die

Zahl von Arbeitsplätzen oder Lehrstellen

– nicht erreicht wurden, gibt es jetzt

Boni für die Erfüllung der Auflagen.

Dazu zählen die Errichtung des Hauptsitzes

in Sachsen-Anhalt, der Nachweis

eines Tarifvertrages, die Kooperation mit

Hochschulen und die Übernahme von

mindestens der Hälfte der Auszubildenden,

wenn deren Zahl fünf Prozent aller

Beschäftigten der Firma übersteigt.

WOLFF (CDU) UND MACHNIG (SPD) wollen

Wildwuchs der Leiharbeit beschneiden.

Eingeführt wird ein Basisfördersatz

von bis zu 35 Prozent der Investitionssumme,

der nach einem Punktesystem

um bis zu 15 Prozent aufgestockt werden

kann. Nicht mehr gefördert werden Erweiterungsinvestitionen,

bei denen keine

neuen Dauerarbeitsplätze entstehen.

Insgesamt gehen die Zuschusssummen

um teilweise bis zu 50 Prozent zurück.

Die maximale Fördersumme liegt bei

zehn Millionen Euro und nicht mehr bei

40 Millionen. Keine Zuschüsse gibt es

künftig, wenn ein Betrieb mehr als

20 Prozent Zeitarbeiter beschäftigt, weniger

als 70.000 Euro investiert – bislang

waren es 25.000 Euro – oder für bestimmte

Branchen, wie Recyclingfirmen oder

Biogas- und Bioethanol-Produzenten.

Auch der Amtskollege aus dem Nachbarland

Thüringen – Wirtschaftsminister

Matthias Machnig (SPD) – will mit einem

bundesweit einzigartigen Modell

den Missbrauch von Zeitarbeit verhindern.

Der Freistaat ist nach wie vor ostdeutscher

Primus in Sachen Arbeitslosigkeit.

Doch das Jobwunder hat seine Kehrseite:

Von den gut 14.000 neuen Stellen

2009 zu 2010 entstanden fast zwei Drittel

in Zeitarbeitsfirmen. Im Land bieten 416

solcher Firmen ihre Dienste an. Und wer

sich bei ihnen verdingt, bleibt oft Kunde

der Arbeitsagentur. Denn der Leiharbeiter

verdient hier fast 800 Euro weniger

als eine Stammkraft. Die Fluktuation ist

hoch. Auch vor diesem Hintergrund wagte

Machnig den Vorstoß. Firmen, die zu

viele Leiharbeiter beschäftigen, bekommen

nun bestimmte Fördergelder gekappt.

Bei mehr als zehn Prozent Leiharbeitern

reduziert sich der Zuschuss spürbar,

bei über 30 Prozent entfällt er. In

Machnigs Augen wird Leiharbeit im

Osten missbraucht. Der Staat dürfe »Billiglöhne

nicht noch subventionieren«.

Während die Zahl der indirekt Beschäftigten

in den letzten zwei Jahren

bundesweit um 33 Prozent stieg, sind es

in Thüringen fast 50 Prozent. Mit einem

Leiharbeiteranteil von 3,7 Prozent ist das

Land nun auch hier unter den Flächenländern

Negativ-Spitzenreiter.

Wachsenden Missbrauch von Leiharbeit

stellt auch Thüringens DGB-Chef

Stefan Körzell fest. Es gebe Firmen, die

bereits »ihr ganzes Geschäftsmodell darauf

aufbauen«. Dagegen stimme es fast

nie, so Körzell, dass solch ein Job eine

Chance sei, später in eine Festanstellung

zu wechseln. Jener »Klebeeffekt« liege in

Thüringen bei gerade sieben Prozent.

Die Leiharbeitsbranche setzt bundesweit

geschätzte 20 Milliarden Euro um.

Rund 20.000 Firmen tummeln sich am

Markt. Der Bundesverband BZA kündigte

denn auch Widerstand an. Die Thüringer

Initiative sei »rechtlich nicht haltbar«,

heißt es hier. Doch Machnig setzt noch

einen drauf: Künftig wird sein Ministerium

Billig- und Leiharbeit auch nicht

mehr über den ESF fördern lassen.

Wie die Weichenstellung in Thüringen,

so ist auch die neue Förderpolitik

Sachsen-Anhalts auf Widerstand eines

Teils der Wirtschaft gestoßen. Der Präsident

des Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbandes

Sachsen-Anhalt, Klemens Gutmann,

kritisiert, dass die Anforderungsliste

für die Arbeitsplatz-Förderung zu

kompliziert sei. Das sehen auch die IHK

in Magdeburg und Halle so. Dort glaubt

man, dass die Regelungen, um in den Genuss

einer zusätzlichen Förderung zu

kommen, zu bürokratisch sind und es

KMU schwer machen, sie zu erfüllen.

Dana Micke/ Harald Lachmann

&

52 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


ANALYSE

Enquetekommission in Potsdam

Brandenburger Legenden widersprochen

Wissenschaftler sehen in den Ergebnissen der brandenburgischen Wirtschaftspolitik der Nachwendezeit

kaum Unterschiede zu anderen Ländern. Der Vorwurf »kleine DDR« sei nicht aufrechtzuerhalten.

Die Enquetekommission zur Aufarbeitung

der Nachwendezeit in

Brandenburg hat eine Bewertung

der Wirtschaftspolitik seit 1990 vorgelegt.

Das Gutachten »Analyse der Schlüsselentscheidungen

im Bereich der Wirtschaftspolitik«,

das von den Wissenschaftlern

Karl Brenke, Udo Ludwig und

Joachim Ragnitz vorgelegt worden ist,

zeichnet ein differenziertes Bild. Die Ausgaben

des Landes konnten in diesen zwei

Jahrzehnten zwar bei zwölf Milliarden

Euro jährlich stabilisiert werden, die

Deckungslücke blieb während des gesamten

Zeitraums »mehr oder minder deutlich

dahinter zurück«. Mit 17,5 Milliarden

Euro ist Brandenburg, je Einwohner gerechnet,

»eines der höchstverschuldetsten

Bundesländer in Deutschland«. Weil alle

Anstrengungen zur Wirtschaftsförderung

das Blatt nicht wenden konnten, weist

das Land eine hohe »Transferabhängigkeit

der öffentlichen Haushalte« auf.

Die Gutachter gestehen der Landesregierung

jedoch zu, seit einiger Zeit erhebliche

Anstrengungen zu unternehmen,

um die Ausgaben den Einnahmen anzupassen.

Der Kampf um die Erhaltung

von Arbeitsplätzen hatte die 90er Jahre

geprägt (»Mega-ABM«), es ging um die Bewahrung

industrieller Kerne um beinahe

jeden Preis. Großprojekte des Landes

waren mitunter erfolgreich (Bombardier,

Schwedt, Eisenhüttenstadt), mitunter

auch nicht (Chipfabrik, Cargolifter, Transrapid).

Das Streben der SPD-Landesregierungen,

Entwicklung in die Fläche zu

tragen, sei so ehrenwert wie tendenziell

wirkungslos gewesen. Industrielle Kerne,

die auch mal Entwicklungszentren oder

Wachstumskerne hießen, haben die in sie

gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Dem

Gutachten zufolge handelt es sich aber

um kein spezifisch brandenburgisches,

sondern ein ostdeutsches Merkmal,

wie auch sonst das Land in wesentlichen

Gesichtspunkten »überhaupt kein Unterschied«

von den anderen Ost-Ländern

aufweist und es zu »überall ungefähr gleichen«

Ergebnissen kam, die alle – von

Sachsen in einigen Punkten abgesehen –

gleich schlecht genannt zu werden verdienen.

Damit wurde der Vorwurf, schon zu

den Zeiten von Regine Hildebrandt und

Manfred Stolpe habe das Land eine »kleine

DDR« verkörpert, ins Reich der Legende

verwiesen. Die Wissenschaftler arbeiteten

heraus, dass der Einfluss der Landespolitik

– entgegen eigener Darstellung –

auf die Entwicklungen sehr gering ist und

ganz andere, meist äußere Einflüsse den

Ausschlag geben.

Matthias Krauß

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 53


INGENIEUR-NACHRICHTEN

Fotos: Archiv, Stadtwerke Bonn

KOMMENTAR

Von DR. NORBERT MERTZSCH,

Vorsitzender des VBIW e.V.

Plädoyer für Erdgas

Der Atomausstieg in Deutschland

und die Inbetriebnahme der Ostsee-

Gaspipeline Nordstream Anfang

November sind Marksteine der Energiewende.

Dazu gehört auch der

Ausstieg von Vattenfall aus der CCS-

Technologie der Kohlenstoffdioxid-

Abtrennung und -Speicherung. Danach

bezweifeln auch Experten im

VBIW, dass ein Braunkohlekraftwerk

in Deutschland noch eine Chance

hat. Unter dem Aspekt des Klimaschutzes

sind hocheffiziente Gaskraftwerke

vorzuziehen. Pro erzeugter

Kilowattstunde entsteht bei ihnen

deutlich weniger Kohlendioxid.

Zudem lassen sie sich flexibel

betreiben, um das schwankende

Stromangebot der erneuerbaren

Energien auszugleichen.

Mit Erdgas können auch kleine

Blockheizkraftwerke günstig Wärme

und Strom erzeugen, z. B. das

Mikroblockheizkraftwerk auf Basis

eines Stirlingmotors unseres Mitglieds,

des Potsdamer Unternehmers

Dr.-Ing. Andreas Gimsa.

Künftig ließe sich das Erdgasnetz

auch als Speicher für überschüssige

Wind- und Solarenergie nutzen,

indem es für den Transport von Methan

genutzt wird, dass mit erneuerbarer

Energie erzeugt wird. Erdgas

könnte als Reserve für eventuelle

Engpässe eingespeist werden. Verbraucher

könnten dann je nach Neigung

oder Preis zwischen Biogas,

erneuerbarem Methan, Erdgas oder

einem Mix aus allen wählen. Ich

meine, es sind jetzt pragmatische

Entscheidungen notwendig, um das

angestrebte Tempo der Energiewende

in Deutschland zu schaffen.

Erdgas bietet sich für den Übergang

an. Das gilt für Heizung, Stromerzeugung

und Verkehr, wobei Fahrzeuge

rascher auf Erdgas umgestellt

werden sollten. Braunkohle

ließe sich zukünftig vielleicht sinnvoller

in der Chemie nutzen.

Energiewende

DAS

Europa ist jetzt über die

längste Unterwasser-

Gasleitung der Welt

mit den Erdgasfeldern Russlands

verbunden. Diese Energiequelle

dürfte für eine lange

Zeit verfügbar sein.

Neue Gaskraftwerke könnten

nun die Energielücke

schließen, die durch das Aus

der Atomkraft entstanden ist.

Zwar wird bei der Verbrennung

von Erdgas auch CO 2 abgeschieden,

aber weniger als

beim Verbrennen von Kohle

oder Erdölprodukten. Gaskraftwerke

lassen sich zudem

relativ schnell errichten. Und

sie können je nach Bedarf

hoch- und heruntergefahren

werden, wodurch das Problem

der Speicherung von

Strom entschärft wird.

Erdgas hat seine führende

Stellung im Wärmemarkt

weiter ausgebaut. Jedes zweite

der 97.000 zwischen Januar

und Juni 2011 in Deutschland

THEMA

Auf Erdgas setzen

Für eine Nutzung von Erdgas als Übergangstechnologie

zur Strom- und Wärmeerzeugung und für den

Kfz-Antrieb sprechen sich Experten des VBIW aus.

errichteten Wohngebäude

wird mit Gas beheizt. Mit Abstand

folgen Wärmepumpe,

Fernwärme und Holzpellets.

2010 gab es in Deutschland

rund 38,2 Millionen Wohneinheiten,

bei 49 Prozent liefert

Erdgas die Wärme.

Gut geeignet ist Erdgas

auch für den Antrieb von

Kraftfahrzeugen. Beim Verbrennen

von Erdgas entstehen

weniger Stickoxide als bei

Diesel, Feinstaub wird nahezu

gar nicht emittiert. Die technischen

Probleme des Erdgasantriebs

sind gelöst.

Die Nutzung von Erdgas

für den Antrieb von Pkw und

Lkw sowie von Bussen ist die

am weitesten fortgeschrittene

alternative Antriebsform. So

setzt etwa der ÖPNV immer

stärker auf Erdgasbusse, die

bereits in mehr als 100 Städten

fahren. 900 Erdgastankstellen

gibt es deutschlandweit,

ihre Zahl wächst rapide.

92.000 Erdgas-Fahrzeuge waren

Anfang Dezember 2011

zugelassen, Tendenz steigend.

Immer mehr Hersteller bringen

serienmäßig hergestellte

Erdgasfahrzeuge auf den

Markt.

Die Möglichkeiten des Einsatzes

von Erdgas im Verkehr

sind noch lange nicht erschöpft.

Besonders Fahrzeugflotten

regionaler Unternehmen

wie Post, kommunale

Ver- und Entsorger und Handwerker

bieten sich an. Die Förderpolitik

sollte entsprechend

ausgerichtet werden.

Der VBIW setzt sich für den

weiteren Ausbau des Erdgas-

Tankstellen-Netzes ein. Ein

Hindernis aber bleibt: Noch

werden zu wenige Fahrzeugtypen

mit serienmäßigem

Erdgasantrieb angeboten. Der

VBIW wird künftig öffentlich

auf Veranstaltungen für den

Erdgasantrieb werben.

Im Gegensatz zu Erdgas

dümpelt die Entwicklung der

Elektrofahrzeuge vor sich hin.

Vorwiegend hört man von den

Herstellern nur Absichtserklärungen,

sieht bestenfalls

Prototypen oder Kleinserien.

Die Bundesregierung hat die

Nationale Plattform Elektromobilität

ins Leben gerufen.

Dass dennoch kaum Elektroautos

auf den Straßen fahren,

hat bekannte Gründe: Reichweite,

Ladezeit, Kaufpreis, Gewicht,

Struktur und Organisation

des Ladevorgangs.

Der VBIW ist dafür, die Diskussion

zu versachlichen,

etwa indem ein städtischer

Großraum als E-Modellregion

ausgebaut wird. Elektro-Fahrzeuge

könnten auch an Ausleihstationen,

z. B. an Bahnhöfen

und Flughäfen, in größeren

Stückzahlen eingesetzt

werden. Vorerst aber messen

VBIW-Experten dem Erdgasantrieb

praxistauglichere

Chancen bei – bis langfristig

gänzlich emissionsfreie Antriebe

zur Verfügung stehen.

54 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


INGENIEUR-NACHRICHTEN

AKTUELL

Foto: Arcelor Mittal

EXKURSION: Besuch bei der ArcelorMittal GmbH.

EXKURSION

Studenten als

VBIW-Gäste

Angehende Ingenieure der

FH Brandenburg erlebten

die Praxis der Eisen- und

Stahlerzeugung.

Seit elf Jahren besteht eine

Vereinbarung zwischen dem

VBIW und der Fachhochschule

Brandenburg (FHB). VBIW-Mit-

glieder betreuen im Rahmen

dieses Vertrages Diplomarbeiten

und organisieren Betriebsbesichtigungen.

Das Angebot,

die ArcelorMittal GmbH in Eisenhüttenstadt

zu besichtigen,

deren Vorläufer als Eisenhüttenkombinat

Ost (EKO) in den

1950er Jahren als ein Roheisenwerk

mit sechs Hochöfen entstand,

nahmen 50 Maschinenbaustudenten

und ihre Dozenten

Ende November 2011 dankend

an.

Den Exkursionsteilnehmern

erklärten Helmut Kummich

und Klaus Menzel, beide VBIW-

Mitglieder, bei der Werkbesichtigung

Prozesse und Anlagen

sowie die Entwicklung der

Roheisen- und Stahlproduktion

am Standort Eisenhüttenstadt.

Die große Tour, an der

sich auch weitere Betriebsführer

des Unternehmens beteiligten,

führte über die Roheisenerzeugung

zum Konverter-

Stahlwerk und zu den Warmund

Kaltwalzwerken.

Christina Niehus, Wissenschaftliche

Mitarbeiterin der FHB

EINLADUNG

Vortrag von

Prof. Hoier

Über HDTV-Fernsehen

spricht der Dekan der Fachhochschule

Brandenburg

beim VBIW.

Auf einer weiteren Veranstaltung,

die der VBIW gemeinsam

mit der Fachhochschule Brandenburg

ausrichtet, wird Prof.

Dr.-Ing. Bernhard Hoier, Dekan

Fachbereich Technik der FHB,

über »HDTV – Das neue Fernsehen,

Fernsehtechnik gestern,

heute und morgen« sprechen.

In seinem Vortrag wird Prof.

Hoier auch die Geschichte des

Fernsehens, heutige Zugangsmöglichkeiten

per Antenne,

Kabel, Satellit oder Internet

sowie neue Spezifikationen

behandeln. Beantworten wird

er auch vier Grundfragen, die

sich vor einer Kaufentscheidung

für ein TV-Gerät stellen.

Vereinsmitglieder und Angehörige

sind herzlich eingeladen.

Termin: Dienstag, 13. März

2012; 18.00 Uhr; Eisenhüttenstadt,

Werkstraße 9, Technologiezentrum

I. P. S. GmbH.

Kontakt: Jutta Scheer

Tel.: (03364) 374 834.

KALENDER 2012

Exkursionen

und Erfinder

Auf dem Veranstaltungskalender

2012 des VBIW

stehen eine Vielzahl von Exkursionen

und Vorträgen.

Bei der Erforschung des Lebens

Brandenburger Erfinder und

Technikpioniere steht in diesem

Jahr der Flugzeugbauer

Carl Clemens Bücker auf dem

Programm. Er hatte 1933 in

Berlin-Johannisthal sein Flugzeugwerk

gegründet und später

nach Rangsdorf verlagert.

Aus diesem Anlass werden

VBIW-Mitglieder das Bücker-

Museum in Rangsdorf besichtigen.

Weiter stehen Betriebsbesuche

auf dem Programm wie

der Neuen Oderwerft in Eisenhüttenstadt,

die 2010 den Zukunftspreis

der IHK Ostbrandenburg

erhalten hatte.

Der AK Elektrizitätswirtschaft

plant eine Exkursion zur Pilotanlage

der GMB GmbH und

FHS Lausitz in Senftenberg,

die Algen in Biokraftstoffe verwandelt

und dabei CO 2 bindet.

Mit dem Thema »Fluch und

Segen chemischer Erfindungen«

wird sich ein Vortrag von

Prof. Dr. Dietmar Linke aus

Berlin in Eisenhüttenstadt beschäftigen.

In Frankfurt (Oder)

wird Dipl.-Ing. Thoralf Schapke

von der Solarregion Berlin-

Brandenburg einen Vortrag zu

»Entwicklung und Perspek-

NACHRUF

Trauer um

Claus Andrae

Unser Vereinsfreund Claus

Andrae ist am 9.11.2011

80-jährig nach schwerer

Krankheit verstorben.

Claus Andrae war eines der

Gründungsmitglieder unseres

nach der Wende neu

gegründeten Vereins. Zuvor

war er jahrzehntelang aktives

Mitglied der KDT in Eisenhüttenstadt

und Frankfurt

(Oder). Hier war er im Ortsverein

eines der aktivsten

und zuverlässigsten Mitglieder.

Durch seinen unermüdlichen

Einsatz konnten wir

viele interessante Vorträge

und Exkursionen erleben.

Auch legte er Grundlagen für

die Zusammenarbeit mit

Hochschulen.

Der VBIW wird sein Andenken

immer in Ehren halten.

Dr. Norbert Mertzsch,

VBIW-Vorsitzender

tive der Solarindustrie« halten.

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer

vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

wird in

einem Vortrag vor dem OV

Potsdam erläutern, wie die

Kohlendioxid-Emission eines

Landes und der zu erwartende

Temperaturverlauf berechnet

werden. Alle Themen, Termine

und Veranstaltungsorte

können unter www.vbiw-ev.de

abgerufen werden.

Vorstand des VBIW

ADRESSE

Verein Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler e.V.

Landesgeschäftsstelle Frankfurt (O.)

Fürstenwalder Str. 46

15234 Frankfurt (Oder)

Tel.: (0335) 869 21 51

E-Mail: buero.vbiw@online.de

Internet: www.vbiw-ev.de

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 55


BERICHT

Frühlingserwachen in der Formel 1.

Das Personalkarussell rotiert, die

neu konstruierten Boliden werden

spektakulär präsentiert. Im spanischen

Jerez absolvieren die Formel-1-Piloten

traditionell die ersten Testfahrten auf

dem Asphalt. Die Saison 2012 in der Königsklasse

des Motorsports startet am

18. März in Melbourne mit dem Grand

Prix von Australien. Es ist der Auftakt

einer langen Rennserie mit insgesamt

20 Grand-Prix-Veranstaltungen. Die letzte

Rundenjagd erlebt das brasilianische

Sao Paulo am 25. November. Dann steht

der neue Champion fest und es ist die

Frage beantwortet, ob es dem Weltmeister

der Jahre 2010 und 2011, dem Deutschen

Sebastian Vettel, gelungen sein

wird, den begehrten Titel zum dritten

Mal in Folge zu erobern. Spannung liegt

in der Luft. Nicht zuletzt durch die Rückkehr

des Ex-Weltmeisters Kimi Räikkönen

aus Finnland in den Formel-1-Zirkus,

Warmbold Energie und Klima GmbH

Formel 1 unter Strom

Die Königsklasse des Motorsports startet in diesem Monat

in die neue Rennsaison. Dresdner Ingenieure und Techniker

sorgen dafür, dass an den Strecken das Licht nicht ausgeht.

Blackout leisten, betont Frank Warmbold,

geschäftsführender Gesellschafter

des mittelständischen Unternehmens

aus Elbflorenz.

Zum Formel-1-Engagement kam das

Warmboldteam durch eine selbstbewusste

und mutige Zusage des Firmenchefs.

Vor einigen Jahren war in Dresden angefragt

worden, ob das Warmboldteam in

der Lage sei, den Cateringbereich eines

Formel-1-Rennens mit Strom und Wasser

zu versorgen sowie optimales Klima zu

erzeugen. Die Art und Weise, wie die

Dresdner den spektakulären Auftrag erledigten,

überzeugte nachhaltig. Es folgte

zunächst ein Drei-Jahresvertrag. Inzwischen

ist das sächsische Unternehmen

mit einem neuen Kontrakt weiter im Formel-1-Rennen

und plant auf Hochtouren

für die bevorstehende Saison.

Längst geht der Warmbold-Konvoi, beladen

mit leistungsstarken Stromaggregaten,

Verteilern und zig Kilometern

Energieleitungen, nicht mehr nur im

Auftrag der Rennveranstalter auf Reisen.

»Wir werden auch von einzelnen Rennställen

gebucht, um deren Fahrerlager

zuverlässig mit Strom, Wasser und angenehmem

Raumklima zu versorgen«, sagt

der 50-jährige Warmbold. »Vor drei Jahren,

vor dem ersten Rennen in Japan, rief

das Team Ferrari an. Es hatte Probleme

mit den Technikern in Japan. Die Italiener

waren sehr glücklich und dankbar,

dass wir ihnen aus der Klemme helfen

konnten.«

Geplant und konzipiert werden die

weltweiten Einsätze des Warmboldteams

im Gewerbegebiet Klipphausen am Rande

von Dresden. In einem nüchternen

Hallengebäude geleiten viele bunte Plakate

diverser Events den Besucher auf

den Weg ins Obergeschoss. Am Ende

eines unspektakulären Großraums mit

drei Computer-Telefon-Arbeitsplätzen

führt eine weit geöffnete Tür ins ebenso

AUFTAKT IN AUSTRALIEN: Am 18. März ist es in Melbourne wieder soweit (Foto von 2011).

FAMILIENBETRIEB: Katharina Matern,

Frank Warmbold und Frau Gitta (v. l.)

Fotos: DPA/ZB, Heinz Richter; Warmboldteam

den Weltmeister Vettel vorsorglich als

»einen ernsthaften Gegner« betrachtet.

Mehr noch als die Millionen Fans der

Formel 1 weltweit fiebern in diesen Tagen

die Mitarbeiter des Warmboldteams

in Dresden dem Saisonstart entgegen.

Denn sie sorgen auf ihre Weise für Spannung

auf den Rennstrecken rund um

den Globus. Unternehmer Frank Warmbold

und seine 25 Mitarbeiter sind

darauf spezialisiert, Sport- und Show-

Großveranstaltungen versorgungstechnisch

abzusichern. Das Warmboldteam

wird gerufen, wenn es gilt, unter außergewöhnlichen

und komplizierten örtlichen

Gegebenheiten Strom, Wasser,

Licht, Kühlung oder Heizung bereitzustellen

– ob in der Wüste, in abgelegenen

Arealen oder in Metropolen und großen

Stadien. Die zuverlässige Versorgung mit

diesen Medien ist elementar für das

Gelingen der Mega-Veranstaltungen. Auf

diesem Markt dürfe man sich keinen

56 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


BERICHT

DER CHEF UND SEINE MITARBEITER verstehen sich als eine Mannschaft – als »Warmboldteam«.

lichte, funktionale Chefzimmer. »Kurze

Wege und ständiger Gedankenaustausch

gehören zu unserer Firmenphilosophie.

Die Nähe zu Frank ist unabdingbar«,

meint Projektleiterin Katharina Matern

mit Blick auf das Chef-Büro. Matern

gehört zum vierköpfigen Projektmanager-Team.

Die tägliche Aufgabe bestehe

darin, auf die ganz spezifischen Anforderungen

und Wünsche der Kunden einzugehen

und manchmal »sogar das Unmögliche

möglich zu machen«. Dazu gehört

auch, nicht erst unmittelbar vor Ort zu

entscheiden, wie und mit welcher Technik

die geforderte Versorgung sichergestellt

werden kann. Da sind ein reger Austausch

von Ideen und Erfahrungen sowie

mutiges und entschlussfreudiges Teamwork

gefragt.

Das Warmboldteam beschränkt sich

nicht auf Big-Events wie die Formel 1.

»Wir sind auch im Geschäft bei herkömmlichen

Firmenveranstaltungen

oder wenn die versorgungstechnische Infrastruktur

etwa für Weihnachtsmärkte

aufgebaut werden muss.« Dennoch

schlägt das Herz der Firma besonders für

den Motorsport. Bei der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft

(DTM) beispielsweise

sind die Dresdner das dienstälteste

Serviceunternehmen. Die 25 fest angestellten

Mitarbeiter werden in der Hauptsaison

von 20 freien Mitarbeitern unterstützt.

»Jemand, der zwei Monate bei uns

mitmacht und dann noch immer ein

Leuchten in den Augen hat, der bleibt.

Wer sich dagegen vom Glamour der Veranstaltungen

blenden lässt und zudem

lieber mit einem geregelten Arbeitstag

liebäugelt, der geht hier baden«, beschreibt

Unternehmer Warmbold seine

Erfahrung.

»Dennoch bemüht sich der Chef, in

der Planung auf unsere persönlichen

Wünsche einzugehen«, relativiert Katharina

Matern. Dazu gehört, dass Warmbold

auch mal den Ehepartnern seiner

Angestellten ermöglicht, ein paar Tage

bei einem großen internationalen Event

dabei zu sein. Schließlich müssen sie oft

genug längere Zeit auf ihre Liebsten verzichten.

Das Warmboldteam ist meistens

zuerst vor Ort und reist zuletzt ab. Acht

40-Tonner gehören zum Fuhrpark der

Dresdener Spezialisten. Häufig heißt es

aber auch, weitere anzumieten. Zu einer

Ski-Abfahrt-WM war das Warmboldteam

schon mal mit 30 Lkw angerückt. Eine

immense logistische Herausforderung.

Und eine technische. Im einheimischen

Lager werden allein 48 Kilometer Schuko-Leitungen

vorgehalten. Um der Konkurrenz

davonzufahren, setzt das Team

auf Kreativität und Innovationen. So haben

die Mitarbeiter eigene Stromaggregate

mit Hydraulik-Füßen entwickelt, die

ausgefahren werden können. Das spart

die Kosten für einen Kran vor Ort. Ein

neuartiger Verteilerschrank steht vor der

Patentierung. Bei Bedarf können in diesem

schnell und unkompliziert ganze

Module ausgetauscht werden. Denn an

den Einsatzorten in allen Herren Ländern

sind die Stromsysteme sehr unterschiedlich.

Das Warmboldteam kann so

kostengünstig und flexibel arbeiten.

»Am besten arbeiten wir, wenn keiner

merkt, dass wir überhaupt vor Ort sind«,

beschreibt Frank Warmbold seine Unternehmer-Devise.

Ein Umsatzwachstum

von 250 Prozent seit 2004 bis dato verdeutlicht,

was er an den Formel-1-

Strecken live erleben kann: Vorweg fährt

derjenige, der nicht nur am schnellsten

die Runden dreht, sondern am besten die

Technik beherrscht und sein Rennen

taktisch am klügsten gestaltet.

In diesem Sinne lenkt der zweifache

Familienvater auch die Geschicke des

Warmboldteams. »Ich stelle gern Querdenker

ein, Menschen mit ungewöhnlichen

Ideen. Nur solche Unternehmen

haben Zukunft. Und jene, die langfristig

ihre Nachfolge regeln.« Frank Warmbold

hofft, dass Sohn Daniel (27) nach dem gegenwärtigen

Elektrotechnik/Elektronik-

Studium an der Technischen Universität

Dresden in seine Fußstapfen tritt. Es

bleibt spannend im Warmboldteam und

in der Formel 1.

Heinz Richter/ Thomas Schwandt

&

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 57


AUTOMOBIL

Ein handlicher Allrounder

für Beruf und Freizeit

ist der Fiat Panda.

Davon haben sich in den zurückliegenden

drei Jahrzehnten

6,5 Millionen Käufer überzeugt.

Nun kommt die dritte

Generation des kleinen Italieners

nach Deutschland. Der

neue Panda, gefertigt in Polen,

hat das Zeug, die Erfolgsstory

fortzuschreiben.

Mehr Kopffreiheit, mehr

Beinfreiheit hinten und mehr

Innenraumbreite – der neue

Panda hat bei den Innenmaßen

zugelegt und bleibt

mit einer Länge von 3,65 Metern

doch ein echter Kleinwagen.

Gut, dass er jetzt satter

auf der Straße steht. Die Designer

haben ihm mit einem

deutlich ausgestellten Heck

eine breite Spur mitgegeben.

Und elegant sieht er aus.

Innen verfügt der Viertürer

mit Heckklappe über eine

hervorragende Flexibilität

und ist top gestylt. Mit einer

Vielzahl von Ablagen sowie

den zahlreichen Verstellmöglichkeiten

der Rücksitzbank

ist der Innenraum variabel

wie nie zuvor. Der Kofferraum

bietet bei umgeklappter Lehne

der Rückbank ein Volumen

von bis zu 870 Litern.

Fotos: Werkfotos

Fiat Panda

Italienischer Sparmeister

Die dritte Generation des City-Flitzers geht mit

Top-Design, größerem Innenraum und geringen

Verbrauchswerten in Deutschland an den Start.

Vorbei sind die Zeiten der

kargen Armaturen. Beim neuen

Panda wird die Armaturentafel

mit einem breiten Rand

abgesetzt, orderbar in verschiedenen

Farben. Im Cockpit

finden alle Elemente für

Lüftung, Heizung und Klima

ihren Platz. Die Instrumente

sind eher klassisch gehalten,

ein kleines Zentraldisplay für

Anzeigen und Daten aus dem

Bordcomputer ergänzen sie.

Auffallend auch die Sicherheitssysteme

in dem Kleinwagen.

Am bemerkenswertesten

ist das Notbremssystem, das

ein Hindernis erkennt und

bei Geschwindigkeiten bis 30

km/h automatisch eine Notbremsung

einleitet, wenn der

Fahrer nicht reagiert.

Bei der Motorisierung verspricht

Fiat »praxisgerechte

Leistung« bei niedrigem Spritverbrauch

und geringer Emission.

Den Panda gibt es mit

Diesel (75 PS) und wahlweise

mit Benzin-Motor (69 bzw. 85

PS). Fiat beziffert den Verbrauch

des Triebwerks mit 4,2

Litern. Die CO 2 -Emissionswerte

liegen bei vorbildlichen 99

Gramm pro Kilometer. Damit

hat der neue Panda das Zeug

zum Sprit-Sparmeister.

Hans Jürgen Götz

Citroen DS5

Extravaganter Franzose

Mit dem DS5 liefert Citroen das I-Tüpfelchen in der

aktuellen Modellreihe. Das Crossover-Fahrzeug hebt

sich von Massenware ab und ist edel ausgestattet.

Der französische Autobauer

Citroen hatte in

der Vergangenheit in

Deutschland immer wieder

mit extravaganten Modellen

für Furore gesorgt. Doch zuletzt

war es hierzulande auffällig

ruhig um die Marke geworden.

Der konservative und

biedere Auftritt kam nicht an.

Citroen ging im Einerlei der

Mittelklasse unter. Dies soll

sich nun wieder ändern.

Mit dem neuen DS5 wollen

die Franzosen an alte Tugenden

anknüpfen. Die spannende

Architektur und exklusive

Ausstattung des Fünfers sollen

der Extravaganz der jüngeren

DS-Modelle die Krone

aufsetzen. Der DS5 gibt sich

mit kleinen Fenstern, verchromten

Schwellern sowie

großen Auspuffrohren auffällig

und zieht unweigerlich die

Blicke auf sich. Citroen selbst

ordnet ihn als »Crossover« ein.

Der 4,53 Meter lange Viertürer

ist weder Kombi noch

Coupé oder Limousine. Er

zielt auf Kunden, die sich von

der Masse abheben wollen.

Der neue DS5 bietet mit

dem 460 Liter fassenden Kofferraum

eine ordentliches

Stauvolumen. Auch das Innenraumfeeling

und die Sitzposition

des Fahrers sind gut.

Die breite Mittelkonsole, die

Konsole im Dach und die beiden

Fensterdächer für Fahrer

und Beifahrer lassen eine Atmosphäre

aufkommen, die an

ein Flugzeug erinnert. Die

vielen Schalter, Hebel und

Instrumente unterstreichen

diesen Eindruck. Nicht alles

ist praktisch, aber dafür chic.

Wie sich der DS5 insgesamt

erfreulich edel zeigt. Er wird

dank guter Verarbeitung dem

luxuriösen Anspruch der DS-

Reihe durchaus gerecht.

Unter der Haube arbeitet

der »Crossover« wahlweise mit

Benzinern (156 und 200 PS)

und Dieselmotoren (112 und

165 PS). Die von W&M gefahrenen

Selbstzünder bewegen

sich im unauffälligen Geräuschlimit.

Die Bedienung

fällt leicht, an Fahrsicherheit

mangelt es nicht. Gemessen

an der Größe des Wagens lässt

sich gute Handlichkeit attestieren.

Technischer Höhepunkt

innerhalb der Baureihe

ist jedoch der DS5 Hybrid4,

der es auf eine Gesamtleistung

von 200 PS (165 PS Dieselmotor

und 35 PS Elektromaschine)

bringt und knapp

vier Liter verbraucht.

Hans Jürgen Götz

&

58

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


Fotos: AST GmbH, H. Lachmann

MANAGER FÜR DREI: Christian Lohmann

welten im Zusammenspiel von Wasser,

Klang und Kunst entdeckt, die er in seiner

Heimatstadt erfolgreich in Unterwasser-Happenings

umsetzte. Mit diesem

touristischen Konzept, davon waren

Marion Schneider und Klaus-Dieter

Böhm überzeugt, könnte Bad Sulza wieder

eine wichtige Rolle innerhalb der

heute insgesamt 20 historischen Kurorte

und attraktiven Heil- und Wellnessbäder

in Thüringen spielen.

Die Rechnung ging auf. Mit der Auswahl

als Außenprojekt für die Expo 2000

in Hannover flossen europäische Fördermittel,

die zum Bau der lichtdurchfluteten

Toskana Therme eingesetzt wurden.

Schon kurz nach Eröffnung kürte die

»New York Times« die futuristische Therme

in Bad Sulza zu einem der fünf bes-

Wellness in Thüringen

Top-Form

Das Bundesland Thüringen

setzt im Gesundheitstourismus

auf moderne Wellness-Trends.

In Bad Sulza bietet die Toskana

Therme den Gästen aus nah

und fern ein Programm zum

Wohlfühlen. 36 Prozent der

Deutschen geben als primäres

Urlaubsmotiv an, aktiv etwas

für die Gesundheit zu tun.

Die Bezeichnung »General Manager«

gefällt Christian Lohmann

nicht. Mit »Hoteldirektor« kann

sich der sympathische Mittfünfziger

schon eher anfreunden. Doch es trifft

nicht ganz zu, denn neben dem Hotel des

Gesellschafters Toskana GmbH stehen

auch die Klinik und die Toskana Therme

des staatlich anerkannten Sole-Heilbads

Bad Sulza unter seiner Leitung. »Schwierig,

alles auseinander- und doch zusammenzubekommen«,

bekennt Lohmann.

30 Prozent Auslastung im Reha-Bereich

sei schon ein zufriedenstellender Wert.

Doch das ist auf Dauer nicht tragend. So

musste die Mutter-Kind-Klinik vor 15 Jahren

mangels Belegung ihre Pforten

schließen. Doch die thüringische Stadt

wollte das einstige Vorzeige-Sanatorium

für Beschäftigte der Wismut nicht dem

Verfall überlassen. Ein Mischgeschäft aus

Kur und touristischem Unternehmen

sollte dem Thermalbad im Bauhausstil

wieder Leben einhauchen.

Den Anfang machte das Unternehmer-Paar

Schneider und Böhm, das sich

nach der Wende in Bad Sulza angesiedelt

hatte. Die Wellness-Expertin Schneider

holte den Visionär Micky Remann ins

Boot. Auf seinen Weltreisen hatte der

Frankfurter Deutschlehrer neue Sinnesten

Bäder weltweit. Bald folgte ein Bademantelgang,

der den Reha-Bereich und

die Wellness-Therme verbindet.

Remann bastelt unterdessen unermüdlich

weiter am »Liquid Sound«-Konzept

für das Wohlfühl-Refugium. Klang,

Farbe und Licht so harmonisch in Einklang

zu bringen, dass »der Körper

schwerelos im Wasser schwebt und der

Geist belebt wird«, diesem Ziel kommt

der künstlerische Direktor der Toskana

Therme stetig näher. Panta rhei, alles

fließt, so könnte nach dem griechischen

Philosophen Heraklit auch Remanns

Leitsatz lauten: »Monotonie ist für uns

der größte Gegner«, sagt er. Bei seinen

»Liquid-Sound-Festivals«, die schon zehn

Mal höchst erfolgreich Klang und Farbe

in das erste graue November-Wochenende

brachten, zieht der Kunst-Beauftragte

TOURISMUS

der Toskana Therme rund um die Uhr

von Sonnabend zehn Uhr bis Sonntag 22

Uhr alle Register. Das hat sich bei den Badegästen

jeder Altersgruppe aus der

näheren und weiteren Umgebung

schnell herumgesprochen.

General Manager Lohmann stimmt

die Bilanz der Therme äußerst zufrieden.

Die Gäste, die zum Erhalt ihrer Gesundheit

einen Wellness-Kurzurlaub buchen

und für eine 70-Prozent-Auslastung der

Therme sorgen, gleichen die Gesamtbilanz

seines Hauses locker aus.

Darüber hinaus eröffnet der Erfolg

der Toskana Therme auch anderen krea-

ON TOUR MIT SEGWAY: Sylvia Laube

tiven Kleinunternehmern Chancen. Die

Gesundheitstrainerin Sylvia Laube beispielsweise

hatte gemeinsam mit ihrem

Mann die Idee, den Wellness-Urlaubern

kleine Ausflüge in und um ihr Heimatstädtchen

anzubieten. Bequem sollten

die Touren sein, die durch den Kurpark

und zum historischen Gradierwerk

führen, durch das idyllische Ilmtal und

weiter in das sanft hügelige Saale-

Unstrut-Weinanbaugebiet bis nach Auerstedt.

Deshalb schafften die Laubes vor

gut einem Jahr zehn moderne Segways

an. Seitdem ist das Ehepaar regelmäßig

mit Kurgästen auf den wendigen Zweirädern

unterwegs. »Für diese gibt es keine

Altersbeschränkung«, betont der Chef

des neuen Kleinunternehmens. »Aber

man sollte mindestens 45 und höchstens

118 Kilogramm wiegen«, ergänzt er.

Im historisch beladenen Nachbarort

Auerstedt gehört das Kutschenmuseum

im Schloss zu den lohnenswerten Haltepunkten.

Vor über 200 Jahren hat Kriegsund

Feldherr Napoleon in der Schlacht

bei Auerstedt die Preußen besiegt. Zum

Dank schickte Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg

dem französischen

Kaiser eine eigens für ihn gebaute

»Napoleonische Kutsche« nach Auerstedt.

Dort steht das mit allen damaligen technischen

Raffinessen ausgestattete Gefährt

noch heute.

Renate Wolf-Götz

&

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 59


BERICHT

Logistik in Mitteldeutschland

Schkeuditzer Frachtdrehkreuz

In Leipzig/Halle entwickelt sich der Logistiksektor rasant. Es ist Deutschlands dynamischste Region in

der Branche. W&M hat etablierte und neu angesiedelte Firmen besucht. Teil 1: Amazon, Airport und Co.

V

ollchaotisch« gehe es in seinem

Beritt zu, schmunzelt Cavit Yilmaz

und sieht dabei belustigt aus. Doch

in der Tat, der junge Generalmanager

der Leipziger Amazon Distribution

GmbH meint es so. Man muss sich nur in

den endlosen Regalreihen des elf Fußballfelder

großen Logistikzentrums im

Nordosten der Stadt umsehen: Da lagern

nicht Bücher neben Büchern, Skihelme

neben Skihelmen oder Damenschuhe neben

Damenschuhen. Nein, Barbie-Puppen,

Autoscheiben-Enteiser, Kaffeetassen

stehen neben Mozart-CD-Box.

»Wir packen alles so in die Regale, dass

es schnell auf den Weg zum Kunden gehen

kann«, erläutert Yilmaz. Das sei wie

beim »Prinzip Kinderzimmer«: Die vielbenutzten

Sachen liegen in Griffnähe, und

von allen anderen weiß man in etwa, wo

zu suchen ist. »Regalplatz ist eben teuer«,

so der Manager, der das Leipziger Tochterunternehmen

des US-amerikanischen

Internet-Handelsgiganten maßgeblich

mit aufgebaut hat. Neu eintreffende

Ware werde stets dort eingelagert, wo gerade

Platz sei. Die Logistiksoftware des

gewaltigen Versandtempels wisse dann

schon, wo was liegt im kilometerlangen

Metallgerüst-Labyrinth. Alles funktioniere

mit drahtlosen Barcode-Scannern, die

nach Reihe, Etage und Fachnummer angeben,

wo bestellte Produkte zu finden

sind. »Chaos ist Ordnung durch Verteilung

im Raum«, sagt Yilmaz. »Wir sparen

Zeit, indem das System das auf kürzestem

Weg verfügbare Exemplar anzeigt.«

Fotos: H. Lachmann

Yilmaz ist stolz auf den Betrieb. Alles

sei auf Effizienz getrimmt, versichert er:

»Kurze Wege, jeder Handgriff optimiert.«

Es wäre eben wie beim Amazonas, dem

Urwaldfluss, der Firmengründer Jeff Bezos

einst bei der Namenswahl Pate stand.

Wie im Regenwald fließen in diesem virtuellen

Dschungel die bestellten Sachen

aus zahllosen Nebenarmen irgendwann

dem Hauptstrom zu, wo sie gesammelt

und versandt werden. Zugleich komme

permanent neue Ware an, Tag für Tag in

mehr als 100 Lkw-Ladungen. Sei diese

erstmal über lange Laufbänder in freien

Fächern deponiert, wisse nur noch die

intelligente Software, wo was steckt.

HOCHBETRIEB VOR WEIHNACHTEN

In Spitzenzeiten, wie vor Weihnachten,

verlassen bis zu 275 Lkw täglich das Versandzentrum.

Allein das sei eine logistische

Herausforderung, so Yilmaz. Sein

Ehrgeiz bestehe darin, unabhängig von

der Zahl der Bestellungen immer gleich

schnell auszuliefern, ob nach Leipzig,

Hamburg oder Hongkong. Schließlich interessiere

den Kunden ja nicht, »wie viele

andere wir gleichzeitig noch bedienen

müssen.« Im Dezember ging es nicht

ohne drei Schichten rund um die Uhr.

Der Standort Leipzig, der 2006 als

zweites deutsches Logistikzentrum von

Amazon in Betrieb ging, wächst weiter.

Als Yilmaz hier begann, beschäftigte die

Firma 400 Mitarbeiter. Derweil sind es

gut 1.000, die vor Weihnachten noch um

3.000 Saisonarbeiter aufgestockt werden.

Es war kein Zufall, dass Amazon sich

für Leipzig entschieden hat. Schon lange

prophezeien Prognosen dem Raum Leipzig/Halle

– der neben Berlin einwohnerstärksten

Region Ostdeutschlands – eine

Zukunft als Handelsdrehscheibe. Die besaß

Leipzig immerhin 800 Jahre lang als

einst wichtigster Messeplatz der Welt.

Und Autobahnen, Eisenbahnschiene und

zunehmend Fluglinien kreuzen sich hier

nach wie vor. Ein vom Fraunhofer Institut

SCS Nürnberg vorgestelltes Standortgutachten

wertet den mitteldeutschen

Ballungsraum als die »dynamischste Logistikregion

Deutschlands«.

Bestätigt wurde das durch das SCI-

Logistikbarometer, das auf der Befragung

von über 200 bedeutenden Logistikdienstleistern

basiert. Leipzig richtet

zudem seit einigen Jahren das Weltverkehrsforum

aus, zu dem sich Fachminister

und Logistikexperten aus allen Erdteilen

auf dem Messegelände zu Strategiedebatten

treffen.

Besonders wird in der Fraunhofer-

Studie die Infrastruktur hervorgehoben.

Sie ermögliche es den Logistikunternehmen,

am Markt zeitnah zu reagieren,

heißt es. Das gelte für nahezu alle Nuancen

der Logistik, freut sich Uwe Albrecht

(CDU), Bürgermeister und zuständig für

das Dezernat Wirtschaft und Arbeit in

Leipzig. »Egal, ob es die klassische Logistik,

die Logistik über Luftfracht oder die

Logistik mit einer hohen Wertschöpfung

vor Ort ist – alle Teilbereiche, die man

sich in der Branche heutzutage vorstel-

60 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


BERICHT

MANAGER DES CHAOS: Cavit Yilmaz lässt sich von der Warenflut bei Amazon nicht aus der Ruhe bringen

len kann, sind in Leipzig möglich«, betont

er. Abstriche gebe es lediglich bei

der Binnenschifffahrt.

Einen Saalehafen hat immerhin das

benachbarte Halle. Dessen Betreiber ist

Mitglied im Netzwerk Logistik Leipzig-

Halle. Das entstand 2008 aus zunächst

20 Partnern. Mittlerweile weitete es sich

bis Bitterfeld im Norden, Grimma im

Osten und Weißenfels im Süden aus und

wächst weiter. Unlängst wurde Mitglied

Nr. 99 begrüßt. Die Bandbreite des Clusters

erstreckt sich vom mittelständischen

Unternehmen bis zum internationalen

Konzern, umfasst das Cargo- und

Speditionsgewerbe ebenso wie Datenverarbeiter

und Immobilienunternehmen.

Auch Personaldienstleister, Kommunen,

Verbände und Kammern sind vertreten.

Zudem engagiert sich eine Reihe von Forschungs-

und Bildungseinrichtungen.

BOOM BEI ANSIEDLUNGEN

Gemeinsam sehen die Networker sich als

»Motor für die Metropolregion«, wie es

Dierk Näther, Chef des Airports Leipzig/

Halle, nennt. Der Verbund zeigt seit Jahren

gemeinsam auf Fachmessen Flagge,

beispielsweise auf der Expo Real in München,

der TransRussia in Moskau und der

transport logistic China in Shanghai.

»Das führte schnell zu einer größeren

Wahrnehmung – regional, überregional

und international«, hebt Vorstandsvorsitzender

Toralf Weiße hervor. Um die

Funktion von Leipzig/Halle als »europäische

Distributionsscheibe« zu stärken,

seien in Moskau und Shanghai Dependancen

eröffnet worden.

Alexander Nehm von der Fraunhofer-

Arbeitsgruppe für Supply Chain Services,

der die Standortstudie erstellte, lenkt

besonders auf den Flughafen Halle/

Leipzig hin. Mit seinem 24-Stunden-Betrieb,

sieben Tage die Woche, sei er das

»Rückgrat der Logistikregion«. Denn ein

SCHWERGEWICHT: DHL startet durch

triert auch Prof. Uwe Arnold, Vorstand

des Logistiknetzwerks. So vergeht derzeit

kaum eine Woche ohne neue Meldungen

über Ansiedlungen von Logistikfirmen

in der Region. Auch wenn manches eher

als eine Art Kompensation zu sehen ist.

Denn mehrere neue Investoren siedelten

sich im alten Quelle-Komplex an. Das

galt in den 1990er Jahren als modernstes

Versandhaus der Welt – bis das fränkische

Mutterhaus pleite ging.

Zu den jüngsten Nachmietern gehören

der Internethändler Momox, der 400

Jobs schaffen will, die Logistikfirma Rudolph

aus Kassel und ein für BMW tätiger

Produzent und Zulieferer. Für diesen

wurde unlängst reichlich Fläche akqui-

Flughafen mit zwei voneinander unabhängigen

Landebahnen, der »in den letzten

Jahren seine Zuverlässigkeit selbst

bei akuten Witterungsbehinderungen

bewiesen« habe – das sei ein Faustpfand,

um den andere den Raum Leipzig-Halle

beneideten. Die Region habe sich damit

»vom Spezialstandort für Logistikdienstleistungen

zu einem branchenübergreifend

agierenden Gateway von europäischer

Bedeutung« entwickelt.

»Immer mehr Unternehmen, die als

Distributoren den gesamteuropäischen

Markt erreichen möchten, kommen in

die Region und investieren hier«, regisriert.

Auf Sichtweite von Quelle-Areal

und Neuer Messe wird für DB Schenker

Logistics ein insgesamt 63.000 Quadratmeter

großes Automotive-Logistikzentrum

errichtet. Hier sollen 600 Beschäftigte

dem BMW-Werk zuarbeiten.

Als ein besonderes Logistik-Schwergewicht

agiert seit 2008 am Airport Leipzig/Halle

die Post-Tochter DHL. Das »neue

Tor zur Welt« ist ein riesiger Hangar. Ein

gigantisches Warenhaus sowie 260 Beund

Entladeplätze für Air-Container

bilden derzeit Europas modernsten Umschlagplatz

für Luftfracht. Pro Werktag

starten und landen 60 Frachtmaschinen,

werden jeweils gut 1.500 Tonnen Fracht

umgeschlagen. Die Zahl der Cargo-Mitarbeiter

soll kurzfristig auf 3.500 steigen.

Trotz aller Technik braucht es noch

immer vieler Arme, um an Deutschlands

längster Sortieranlage – rund 6.500 Meter

– Stunde für Stunde 60.000 Pakete

und 36.000 Briefe zu bearbeiten.

ENGPASS BEI LOGISTIKFACHLEUTEN

Im Sog der DHL-Ansiedlung landeten

weitere Luftlogistiker in Schkeuditz, darunter

die Aerologic GmbH – eine gemeinsame

Tochter von Deutscher Lufthansa

und Deutscher Post. Die Flotte von Aerologic

besteht aus acht Frachtflugzeugen

vom Typ Boeing 777. Damit stellt das

Luftfrachtaufkommen am Flughafen

Leipzig/Halle regelmäßig neue Rekorde

auf. Mittlerweile beträgt die jährliche

Umschlagmenge knapp 700.000 Tonnen

an Gütern. Knapp wird es zunehmend

beim Personal, vor allem was ausgebildete

Fachleute im Logistiksektor betrifft.

Harald Lachmann

VORSCHAU TEIL 2

Im Mittelpunkt von Teil 2 unseres Berichts

»Logistik in Mitteldeutschland«, der im

April-Heft erscheint, steht unter anderem

der Magdeburger Hafen.

&

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 61


UV-AKTUELL

GESCHÄFTSSTELLEN

der Unternehmerverbände

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle:

Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01

Fax: (030) 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:

Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Hans-D. Metge

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: (03 31) 81 03 06

Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: (03 35) 400 74 56

Mobil: (01 73) 633 34 67

Unternehmerverband Rostock und

Umgebung e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11

Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle:

IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,

U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: (0345) 78 23 09 24

Fax: (0345) 78 23 467

UV Brandenburg

Verband lädt zum Technologietag ein

Schon zum neunten Mal veranstalten der Unternehmerverband des Landes

gemeinsam mit der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU

den TechnologieTagTeltow als Leistungsschau der regionalen Wirtschaft.

Der TechnologieTagTeltow

hat sich zu einer

anerkannten Wirtschaftsveranstaltung

in der

Region entwickelt«, lobt Ralf

Christoffers, brandenburgischer

Minister für Wirtschaft

und Europaangelegenheiten,

in einem Grußwort die Veranstaltung.

Er wird als Schirmherr

am 23. März dieses Jahres

zum Auftakt des Unternehmertreffens

im pentahotel

Berlin-Treptow sprechen. Der

TechnologieTagTeltow 2012

steht unter dem Motto:

»Wachstumsmotor Mittelstand

– Starke Unternehmen

für eine starke Region«. Er

will sich vor allem der Arbeitgebermarkenbildung

(Employer

Branding) und der

Fachkräftesicherung widmen.

Die Gäste werden unter anderem

von Hermann Kühnapfel,

Landesvorsitzender der MIT

Mittelstands- und Wirt-

schaftsvereinigung der CDU

Brandenburg, und von Eberhard

Walter, Präsident des Unternehmerverbandes

des Landes,

begrüßt.

»Nur wenn es gelingt, Fachkräften

Perspektiven in der

Region zu bieten, werden

auch die Unternehmen der

Hauptstadtregion vom anhaltenden

Aufschwung profitieren

können«, so der Präsident.

Nebenbei: Eberhard Walter

JUBILAR Eberhard Walter.

hat Mitte Februar in Cottbus

seinen 60. Geburtstag gefeiert.

Zu den Gratulanten zählten

auch die UV-Präsidenten

Hartmut Bunsen (Sachsen),

Sprecher der Interessengemeinschaft

der ostdeutschen

Unternehmerverbände und

Berlins, Rolf Paukstat (Norddeutschland

Mecklenburg-

Schwerin) und Jürgen Sperlich

(Sachsen-Anhalt).

Seine Dankesrede nutzte

der Jubilar, um sich noch einmal

gegen die Neugründung

einer »Energieuniversität« in

der Lausitz auszusprechen.

Die Brandenburgische Technische

Universität sei schon

eine international anerkannte

Marke, so Eberhard Walter.

»22 Prozent ausländische Studierende

an ihr sind dafür

beredtes Zeugnis.« Namenswechsel

und Neugründung

würden die Uhr ohne Not

zurückstellen.

UV Sachsen

Unterstützung für Firmen gefordert

Traditionelles Treffen in Leipzig: Oberbürgermeister Burkhard Jung stand

den Mitgliedern des UV Sachsen Rede und Antwort. Automobilbau und

Logistik entwickeln sich positiv. Energie- und Bürokratiekosten zu hoch.

Seit Jahren ein Höhepunkt

des UV Sachsen: Das Unternehmergespräch

mit dem

Oberbürgermeister der Stadt

Leipzig. Mit Burkhard Jung

diskutierten UV-Präsident

Hartmut Bunsen, IHK-Präsident

Wolfgang Topf, Handwerkskammer-Präsident

Ralf

Scheler und der Vorsitzende

des Vereins Gemeinsam für

Leipzig, Dr. Mathias Reuschel.

Jung zog vor 60 Unternehmern

ein positives Fazit der

wirtschaftlichen Entwicklung

der Stadt und führte dafür

den Ausbau der Automobilund

Logistikbereiche als Beispiele

an. Die Ansiedlungen

hätten verstärkt Auswirkungen

auf kleine und mittlere

Unternehmen, die durch Folgeaufträge

direkt davon profitierten.

Hartmut Bunsen

bemängelte jedoch die fehlende

Unterstützung der Unternehmen

durch die Stadt und

verwies auf die starken Belastungen

durch Energie- und

Bürokratiekosten, die sich bei

der Kleinteiligkeit des Mittelstands

bemerkbar machen.

Dies seien negative Faktoren

für ein weiteres Wachstum

der sächsischen Wirtschaft.

Als wesentlichen Kritikpunkt

hob IHK-Präsident

Wolfgang Topf die hohe

Schulabbrecherquote hervor,

die beim bestehenden Fachkräftemangel

dringend auf

die Agenda gesetzt werden

muss. Bunsen forderte abschließend

eine engere Zusammenarbeit

Leipzigs mit dem

Umland, um die wirtschaftliche

Entwicklung weiter voranzutreiben.

&

62 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


W&M-PRIVAT

BÜCHERBORD

ZUKUNFTSFRAGEN

Von den Mayas

lernen

Nein, die Welt wird am

21. Dezember 2012 nicht untergehen,

wie das der dann

zu Ende gehende Maya-Kalender

suggeriert. Die Philosophie

der altamerikanischen

Hochkultur hat uns mehr

Zukunftshoffnungen hinterlassen

als wir glauben. Ein

Schweizer Soziologe analysiert,

was wir heute noch lernen

können von der straff

geführten, auf Aus- und

Weiterbildung setzenden

Gesellschaftsform der Mayas.

Gerade jetzt, da der demografische

Wandel die westlichen

Gesellschaften vor neue

Herausforderungen stellt.

Albert Stähli,

Maya-Management.

Lernen von

einer Elitekultur,

Frankfurter Allgemeine

Buch, 240 Seiten,

19,90 EUR

Erde und

Mensch

Was halten wir eigentlich

von unserer Erde? Haben wir

nur ihre Ökosysteme durcheinander

gebracht und eine

Schneise der Verwüstung

geschlagen? Oder ist unser

Verhältnis zur Erde nicht

eher als Erfolgsmodell zu beizeichnen,

das – wenn wir mit

ihr nicht konkurrieren, sondern

sinnvoll kooperieren –

uns gerade jetzt eine großartige

ökonomische und kulturelle

Zukunft eröffnet? Australiens

oberster Klimaschützer

Tim Flannery versucht

Antworten zu geben.

Tim Flannery,

Auf Gedeih und

Verderb, S. Fischer

Verlag, 368 Seiten,

22,95 EUR

HÖRBUCHFORUM auf der Leipziger Buchmesse 2011

Leipziger Buchmesse

Filme per Buchhandel

Deutschlands Buchhändler erwarten für 2012

einen Umsatz von mehr als sechs Milliarden Euro.

Jetzt kommt der Verkauf von DVD-Filmen hinzu.

Buchstadt Leipzig, das

war einmal. In der deutschen

Verlagslandschaft

dominieren heute

Adressen aus Berlin, Hamburg,

Köln München und

Stuttgart. Zumindest was die

Großen der Branche betrifft.

Aber Buchmesse Leipzig,

das ist längst wieder ein Ereignis

von nationalem und internationalem

Rang. Mittlerweile

auch geprägt vom Vormarsch

der digitalen Medien.

Neun DVD-Programmanbieter

präsentieren auf der

diesjährigen Leipziger Buchmesse

vom 15. bis zum 18.

März ihr Sortiment und die

Blu-ray-Technik an einem gemeinsamen

Stand, darunter

Ascot Elite, Universal und

Walt Disney. »Die Deutschen

haben sich längst daran gewöhnt,

Filme auch im Buchhandel

zu kaufen«, weiß Oliver

Zille, Direktor der Leipziger

Buchmesse. »Wer den

Einstieg ins Genre erwägt,

kann geeignete Produkte am

Stand der DVD- und Blu-ray-

Anbieter finden.«

Die klassischen Großverlage

treten unterdessen immer

ehrgeiziger im Digitalge-

schäft auf. Die Kölner Verlagsgruppe

Bastei Lübbe etablierte

unter dem Namen »Digital

First« einen speziellen Progammbereich

für Erstveröffentlichung

als App, E-Book,

Audio-Download oder Read-&-

Listen-Version. Der Bertelsmann

Buchclub ist über die

Onlineseiten von Club und

Zeilenreich ins Geschäft mit

E-Books eingestiegen und offeriert

bereits 50.000 elektronische

Bücher. Zu diesem Sortiment

gehören auch aktuelle

Wirtschaftsbesteller wie die

Biographie »Steve Jobs« von

Walther Isaacson.

Auch dem alt vertrauten

gedruckten Buch widerfährt

digitale Pflege. 33.333 Buchliebhaber

können sich online

registrieren lassen und aus

einer Liste von 25 Büchern

einen Titel auswählen, den sie

insgesamt 30 Mal verschenken

möchten – eine Aktion

der Stiftung Lesen und des

Börsenverein des Deutschen

Buchhandels zum Welttag

des Buches am 23. April: eine

Million minus eins Bücher –

von den Verlagen kostenlos

zur Verfügung gestellt.

Peter Jacobs

URLAUBSTIPPS

Landluft

macht froh

Trecker fahren, Pony reiten,

Kühe füttern. Oder auch

Inline-Skating, Blockbohlen-

Sauna, Weinverkostung. Ein

Aktivurlaub in deutschen

Landen, das meinen Kenner,

kann erholsamer und abenteuerlicher

ausfallen als

manche Reise in den verregneten

Süden. Am Anfang

stand eine wirtschaftliche

Überlegung. Wie, so fragte

man sich bei der Deutschen

Landwirtschafts-Gesellschaft,

ließe sich deutsche Wanderleidenschaft

und Naturliebe

für einen bäuerlichen Nebenerwerb,

für die Entwicklung

eines neuen ländlichen

Betriebszweiges nutzen?

1963 schuf sich die DLG einen

Sonderausschuss Urlaub und

Ferien auf dem Lande. 1972

verteilte man zum ersten Mal

das Gütezeichen Urlaub auf

dem Bauernhof. Mit der deutschen

Einheit kam für den

Osten, wo eben erst wieder

Familienbetriebe entstanden,

ein spezielles Prüfzeichen für

Landurlaub hinzu. Heute, im

Jahr 2012 kann die DLG 1.400

Ferienziele in deutschen Landen

ausweisen, mit mehr als

10.000 Urlaubsangeboten. Zur

Orientierung gibt es den Reiseführer

»Urlaub auf dem

Bauernhof«. Einen 749-Seiten-

Folianten mit präzisen Hofbeschreibungen

von der Insel

Rügen bis zum Bayrischen

Wald. Mit Spezialangeboten

von Reiterhöfen über Kneipp-

Gesundheitsangebote bis zum

Übernachten im Heu. Gruppenangebote

und rollstuhlgerechte

Unterkünfte inbegriffen.

Das Buch erschien

mittlerweile in 47. Auflage.

Urlaub auf dem

Bauernhof,

DLG-Verlag,

749 Seiten, zahlr.

Abb., eingelegte

Landkarte,

12,90 EUR

64 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


W&M-PRIVAT

LEUTE & LEUTE

LESERPOST

UV und Rösler

Heft 01/02-2012

Wirtschaftsminister Rösler in

seinem zerknitterten Anzug

auf dem Gruppenfoto mit den

Unternehmern macht einen

etwas hilflosen Eindruck. Seine

Antworten auf die Fragen

wirken genauso zerknirscht.

Überproportional viele ZIM-

Mittel für den Osten? Keine

Zukunft für die Investitionszulage?

Das ist doch die alte

Leier. Vermutlich hatte er

dabei weniger den weiteren

Aufbau Ost, als vielmehr

die Schuldenbremse im Kopf.

Olaf Bräunig, per E-Mail

Foto: dpa/Zentralbild, Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme

Die Kanzlerin würde

ihrem deutschen Volke

das Leben gern erleichtern,

hat dafür aber keine

Zeit. Sie ist restlos damit

ausgelastet, Bundespräsidenten

zurückzutreten und Nachfolger

zu casten. Um Christian

Wulff zum Rücktritt zu bewegen,

musste sogar die Staatsanwaltschaft

mit der Brechstange

nachhelfen. Immerhin

hat sich Wulff bei seinem Abgang

wenigstens noch um

den deutschen Karneval verdient

gemacht.

Bundesweit war er in den

Büttenreden mit Abstand Thema

Nummer eins. Wann hat

es das schon gegeben in diesem

unserem Deutschland:

Eine moralische Instanz, der

Bundespräsident, gerät, wie

er sagt, »in Stahlgewitter«. Er

flunkert am laufenden Band,

vielleicht lügt er sogar, und

steckt bis Unterkante Oberlippe

in einer Glaubwürdigkeitslücke.

Auch gegen die Pressefreiheit,

die ein hohes Gut ist,

versündigt er sich. Die Kölner

Jecken aber sind häppi über

die so genannte Causa Wulff;

denn diese beschert ihnen

gratis jede Menge Gags und

Brüller. Die Büttenredner verklären

Wulff zum Schlossgespenst

von Bellevue, zum

Schaf im Wulffspelz oder,

weil er so fest am Sessel klebt,

zum Pattex-Präsidenten.

Der Nächste,

bitte!

Ernst Röhl fordert

Ehrensold für

Christian Wulff

Größer und größer wurde

die Zahl der Feinde, die seinen

Rücktritt verlangten.

Doch trotz Lug und Trug und

Durchstecherei genoss er lange

Wochen Muttis »vollstes«

Vertrauen. Lange drückte die

Kanzlerin beide Augen zu,

bis sie schmerzlich erkannte,

dass er die ganze Innung blamiert.

Nach Köhler ist Wulff

schon der zweite Präsident

ihres Herzens, der den Weg

des Duisburger Love-Parade-

Bürgermeisters geht. Im Gegensatz

zu Sauerland aber hat

Wulff gemäß BPräsRuhebezG

(Gesetz über die Ruhebezüge

des Bundespräsidenten) lebenslang

Anspruch auf einen

jährlichen Ehrensold in Höhe

seiner Bezüge von 199.000

Euro plus Büro und Chauffeur.

Diesen Ehrensold sollten

ihm die Staatsanwälte, die

ihn verfolgen, auf keinen Fall

entziehen; denn dann wäre er

ja wieder auf dubiose Privatkredite

angewiesen.

Ein Glück nur, dass an

Wulff-Nachfolgern kein Mangel

war. Zahllose Kandidaten

standen bereit, unverzüglich

ins verwaiste Schloss Bellevue

nachzurücken. Philipp Rösler

etwa, der einschlägige Erfahrungen

als Oldenburger

Grünkohlkönig mitbringt,

wäre allemal ein erstklassiger

Konsenskandidat gewesen.

Ursula von der Leiharbeit hatte

sich mit gequältem Lächeln

in Stellung gebracht. Thomas

Gottschalk war auch gerade

frei. Markus Lanz stand als

neuer Grüßaugust bereit, wetten

dass! Auch Kerner, Carmen

Nebel und Dirk Nowitzki.

Schade nur, dass Günther

Jauch nicht mehr für lumpige

199.000 Peanuts arbeitet. Die

Kanzlerin, das wahre deutsche

Staatsoberhaupt, durchkreuzte

alle eitlen Hoffnungen

und erhörte nach theatralischem

Zaudern den Ruf

der Bildzeitung: »Gebt uns

Gauck!«

Wohin aber denn nun mit

Wulff? Das Beste wird sein,

die EU in Brüssel stellt ihn –

nach der von-und-zu-Guttenberg-Logik

– als Korruptionsberater

ein. Toi, toi, toi … &

Wutbürger

Heft 01/02-2012

Sehr begrüße ich den Hinweis

von IG-Sprecher Bunsen, dass

die neuen Länder für den Abtransport

ihres Überschusses

an erneuerbarer Energie nach

Bayern oder Hessen nicht mit

den Kosten belegt werden dürfen.

Die Erdöllieferanten des

Nahen Ostens werden ja auch

nicht zur Kasse gebeten, wenn

eine Pipeline nach Europa gebaut

wird.

Conrad Kutschmar, Hanau

Flassbeck

Heft 101/02-2012

Rezession und Deflation als

Gefahrenpotenzial für schwere

politische Verwerfungen und

Gefährdung der Demokratie –

da denkt man jetzt vor allem

an Griechenland. Aber vergessen

wir nicht: In Deutschland

kam es einstmals noch viel

schlimmer: 1932/33!

Dr. Hansjörg Boldt, Eisenach

Steuersenkung

Heft 01/02-2012

Dass die Hotelbranche zufrieden

ist mit der Halbierung der

Mehrwertsteuer, hat man sich

denken können. Den Kleinen,

den »Mamma-und Papa-Betrieben«,

sei es ja auch gegönnt.

Aber wäre es nicht besser

gewesen, die Branchenriesen

davon auszunehmen?

Ina Reimann, Cottbus

WIRTSCHAFT & MARKT 03/12 65


KOLUMNE

Mehr politische Zivilcourage

Als die Mauer im November 1989 im

wahrsten Sinn des Wortes ȟber

Nacht« fiel, traf das Faktum offener

Grenzen die Bürger und die Regierung

der DDR völlig unvorbereitet. Mehr

als 35 Jahre zuvor, am 17. Juni 1953, hatten

in der DDR Arbeiter und Angestellte

zuletzt den Versuch unternommen, Einfluss

auf Politik und Wirtschaft ihres

Staates zu gewinnen. Ungarn 1956; Prag

1968; Danzig 1981: alle späteren Versuche

im Ostblock scheiterten ebenfalls.

In den Staaten Osteuropas, inklusive

Russland, müssen nun die Menschen für

den ideologischen Unsinn der kommunistischen

Politik bis in diese Tage büßen.

Dabei waren die Menschen in Leipzig,

Budapest, Prag oder Danzig gewiss nicht

weniger fähig als ihre Nachbarn in München,

Kopenhagen, Amsterdam oder

Wien. Nun erleben wir aber, dass auch

die Länder des ehemals sogenannten

»Westens« von schweren Verwerfungen

betroffen sind. Auch deren Ursachen liegen

Jahrzehnte zurück und haben ihre

entscheidenden Wurzeln in der Politik.

Der bedeutende deutsche Unternehmer

und Politiker Walter Rathenau formulierte

vor gut 100 Jahren: »Die Wirtschaft

ist unser Schicksal«. Ich ergänze diese

Einsicht gerne so: »...und die Politik ist

das Schicksal der Wirtschaft!«

Es ist nämlich immer die Politik, die

den Boden für eine erfolgreiche Wirtschaft

bereiten muss und die auch die

Richtung bestimmt, in der sich die Wirtschaft

entwickeln wird. Wie bedeutsam

Politik für Wirtschaft und Gesellschaft

ist, das sehen wir bis heute deutlich am

unterschiedlichen Schicksal der beiden

Teile Deutschlands, Ost und West. Und

auch, wie langfristig diese Wirkung der

Politik sein kann.

Auch die Schuldenprobleme in der

Eurozone sind weniger die Folge gieriger

Banker als oft kenntnisloser, oberflächlicher

oder auch opportunistischer Politiker.

Sicherlich, die Finanzkrise 2006/

2007, die in den USA ihren Anfang nahm

und von einer profitsüchtigen Finanzwirtschaft

vorangetrieben wurde, hat die

Probleme der Staatsverschuldung verschärft.

Aber niemand sollte sich einbilden,

dass es zukünftig genügen wird,

den Banken genauer auf ihre kreditwilligen

Finger zu schauen. Denn, wie inzwischen

auch dem naivsten Bankenfeind

klar geworden sein muss: Es sind die

Kräfte der Politik, die sich allzu oft vor

ZUR SACHE

Betrachtung

zur wirtschaftlichen Lage

Von Dr. Klaus von Dohnanyi

den Einsichten in die weltökonomischen

Notwendigkeiten drücken. Es geht eben

nicht nur um Regulierung des Bankenwesens:

Es geht auch um eine neue »Regulierung«

und bessere Organisation der

Politik! Der Euro-Fiskalpakt ist ein gutes

Beispiel in dieser Richtung.

Griechenland hat in den letzten Monaten

gezeigt, wie wichtig dort eine bessere

»Regulierung« der Politik wäre.

Denn, anstatt sich mit der realen Lage

und ihren Ursachen zu beschäftigen,

wurden von griechischen Politikern mitten

in der lebensbedrohenden Krise die

Probleme des eigenen Landes einfach auf

Deutschland geschoben: Frau Merkel

schmückte die Tagespresse in Nazi-Uniform

und Gewerkschaften wie ihre populistischen

Unterstützer lehnten zugleich

jeden rationalen Dialog mit denjenigen

ab, die doch dem Land sachbezogen zu

Hilfe eilen wollten.

Dabei mag es sehr wohl Meinungsverschiedenheiten

über manche Sanierungsvorschläge

aus Brüssel geben. Sparen

allein wird weder Griechenland noch

irgendein anderes Land der überschulde-

ten Eurozone wieder auf die Beine stellen.

Insofern konnte es Einwände gegen

Lohn- und Rentenkürzungen geben. Aber

dann hätten von jedem verantwortungsvollen

Gegner der Brüsseler Sparpolitik

andere Vorschläge gemacht werden müssen.

Zum Beispiel: längere Arbeitszeiten

bei gleichem Monatseinkommen; Streichung

von Urlaubs- und Feiertagen ohne

Lohnausgleich; Lohnstopp (wie jetzt vereinbart)

für eine längere Zeit; größere

Ausbildungsbereitschaft in den Betrieben

und Verwaltungen ohne Mehrkosten

für den Staat; und so fort.

Was nicht nur in der griechischen Politik,

sondern auch in anderen Staaten

der Eurozone seit Jahren vermisst wird,

ist ein kenntnisreicher und mutiger Umgang

mit den wirtschafts- und sozialpolitischen

Konsequenzen des globalen

Wettbewerbs. Die Gier der Banker wurde

zu einer bequemen Ausrede für die faktenscheuen

und von sozialen Tabus umstellten

Politiker. Niemand sollte diese allerdings

schelten, nur weil sie auch auf

Umfragen und Wahlaussichten blicken:

Schließlich kann man ohne Stimmen sowenig

Politik machen, wie ein Unternehmer

ohne das »Kapital« von Märkten und

Finanzierungen erfolgreich sein kann.

Aber gerade deswegen ist eine frühe und

mutige Aufklärung der Bürger über die

Folgen grenzfreier weltwirtschaftlicher

Konkurrenz unerlässlich.

Es ist mir daher schwer verständlich,

wie die deutsche Sozialdemokratie heute

den illusionären französischen Präsidentschaftskandidaten

Hollande unterstützen

kann. War es doch Frau Merkel

gerade erst mühsam gelungen, Präsident

Sarkozy von den positiven Folgen der

deutschen (und sozialdemokratischen!)

»Agenda 2010« zu überzeugen. Der SPD-

Kanzler Schröder hatte sie auf den Weg

gebracht; das zunächst unpopuläre Maßnahmenpaket

wurde von der Opposition

im Bundesrat mitgetragen, kostete aber

Schröder die Kanzlerschaft. Ihn lud nun

Sarkozy in das Elysée ein, um zu lernen.

Und da wollen die deutschen Sozialdemokraten

den französischen Gegner dieser

erfolgreichen deutschen Politik,

Hollande, unterstützen? Purer, parteipolitischer

Opportunismus.

Wir sollten aufhören, über zu wenig

politische Zivilcourage in der deutschen

Historie zu lamentieren, und Zivilcourage

praktizieren! Das würde belegen: Wir

haben aus der Geschichte gelernt. &

66 WIRTSCHAFT & MARKT 03/12


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