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WIRTSCHAFT+MARKT Standortplus Mitte (Vorschau)

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A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 22. Jahrgang ■ September 2011 ■ Preis: EURO 3,50

Wirtschaft&Markt

Wirtschaft&Markt

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN

KAUFLAUNE

Konsum in Weimar

AUTORAUSCH

Ausstellung in Frankfurt

WAHLSTIMMUNG

Visite in Schwerin und Berlin

Ministerpräsident Reiner Haseloff:

Standortplus Mitte


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Eine Region geht mit Dynamik sowie Zuversicht an den

Start und wir sind dabei. Gemeinsam mit unseren kommunalen

Partnern in der Gemeinde Schönefeld und

dem Umland packen wir mit an, um der Region neue

Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Viel haben wir dabei

schon erreicht und mindestens ebenso viel haben wir

uns noch vorgenommen. Für die zuverlässige Energieversorgung

des Flughafens Berlin Brandenburg Willy

Brandt BER leisten wir mit unseren neuen, im Sommer

2011 gestarteten Energiezentralen einen wichtigen

Beitrag. Und auch für die erfolgreiche wirtschaftliche

Entwicklung des Flughafenumlandes haben wir zusammen

mit den Kommunen durch den gezielten Ausbau

der Energienetze eine solide Basis gelegt.

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Mobilfunkpreise max. 42 ct/Min.


EDITORIAL

Handwörterbuch Außenwirtschaft

Wo sind die Mücken?

GER|MA|NY

TRADE|&|IN|VEST *


HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

*

Germany Trade & Invest

ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft

der Bundesrepublik Deutschland.

Liebe Leserin, lieber Leser,

gewiss haben Sie bemerkt, dass es in diesem

Jahr kaum mal nötig war, die Frontscheiben

nach schneller Autobahnfahrt

von Insektenresten zu reinigen. War der

Sommer zu nass, liegts’s an den Umweltgiften,

kommen die Mücken noch? Wie

auch immer – sie fehlen.

Kaum zu bemerken war dagegen, dass

die hiesigen Bundespolitiker ins Sommerloch

abgetaucht waren. Möglicherweise

haben sie ja vermeint, durch ihre

Abwesenheit zur Beruhigung der internationalen

Lage beizutragen.

In diesem Verdacht hat mich ein Mitglied

der Bundesregierung bestärkt, das

sich – hinter vorgehaltener Hand – fragte,

ob sich Politik nicht überschätze. Wir

sollten, so der Mann, in der Politik eine

neue Bescheidenheit entwickeln und

anerkennen, dass in einem marktwirtschaftlichen

System nicht alles mit Regierungsvorgaben

zu steuern ist. Deren

Agieren hänge stark von Wählererwartungen

ab. Man könne sich wohl Ziele

setzen, aber auf dem Wege seien auch

ganz andere Optionen möglich. Die

Marktwirtschaft baue auf den Sachverstand

von Hunderttausenden von Akteuren

und nicht allein auf die Klugheit von

622 Bundestagsabgeordneten.

Eine bedenkenswerte oder bedenkliche

Ansicht? Wohl beides. Gewiss überschätzt

sich Politik ständig. Noch schlimmer,

wenn sich das in Profilierungssucht,

Voluntarismus äußert. Die Mehrheit

der Deutschen hält unterdessen die

Regierungspartei FDP in Steuerfragen

für ähnlich inkompetent wie die Linke.

Wenn auch niemand etwas dagegen hätte,

weniger Steuern zu zahlen, für zwei

von drei Bundesbürgern ist Schuldenabbau

wichtiger als die von Schwarz-gelb

angekündigten Steuersenkungen. Selbst

CDU-Politiker stellen sich quer (S. 10). Besonders

fatal wird es aber, wenn der Regulierungseifer

im Lande einhergeht mit

dem Deregulierungsmantra bei globalen

Problemen. Jahrelang wurde die Entfesselung

der Marktkräfte gefeiert, jeder

regulatorische Eingriff befehdet und seine

Befürworter für ewiggestrig erklärt.

Die Politiker sind aus dem Sommerloch

zurück. Schön. Schöner wäre es,

wenn angesichts dessen, dass Rating-

Agenturen ganze Volkswirtschaften ins

Wanken bringen, von Rückkehr der Politik

gesprochen werden könnte. Jenseits

von Aktionismus und Schockstarre. Unser

Kolumnist Heiner Flassbeck liefert

dafür eine ironische Vision (S. 30). Die

Richtung stimmt. Auf eine Mückenplage

kann man gut verzichten – und wer will

schon von den vielbeschworenen»volatilen

Märkten« regiert werden?

Herzlichst

Ihr

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Beauftragten der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer aufgrund eines

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INHALT

WIRTSCHAFT & MARKT

im September 2011

REPORT PORTRÄT SPECIAL

SEITE 46 SEITE 42

SEITE 54

BRANDENBURG:

In Potsdam wächst ein neuer Landtag.

THÜRINGEN:

Schlemmerteam nutzt das Internet.

MECKLENBURG-VORPOMMERN:

Auf dem Weg zur Gesundheitsregion.

Editorial

Aktuell

3

6

Wo sind die Mücken?

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum

Wirtschaft und Politik

Serie

TITEL

10

14

REINER HASELOFF, Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, zu Steuersenkungsplänen,

Standortvorteilen und zum Vorhaben, familienfreundlichstes Land zu werden

MARKEN-MACHER-MÄRKTE Konsum-Chefin Sigrid Hebestreit: Nur wer sich ändert,

bleibt sich treu

Fotos: DPA/ZB, H. Lachmann, Tourismus GmbH Graal-Müritz

Thema

Report

Special

Sonderveröffentlichung

W&M-Service

Porträt

W&M Privat

Ständige Rubriken

Kolumnen

WAHL

EXTRA

18

20

22

23

46

47

26

42

32

48

54

57

56

30

58

DIE HAUPTSTADT VOR DER WAHL: Der Krampf um Berlin

LANDTAGSWAHL IN MECKLENBURG-VORPOMMER: Regierungschef gibt den doppelten

Sellering

LORENZ CAFFIER, Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns und Landesvorsitzender

der CDU, über schlagkräftige Verwaltungen und Freiräume für die Wirtschaft

HELMUT HOLTER, Linke-Fraktionschef im Landtag Mecklenburg-Vorpommern,

zu politischer Kultur und öffentlich bezahlten Jobs

LANDTAGSNEUBAU IN POTSDAM: Unverrückbarer Fakt

NACHGEFRAGT BEIM MINISTER: Zeitverzug und zähes Verhandeln

IAA FRANKFURT 2011: Zukunft serienmäßig

GESUNDHEITSWIRTSCHAFT: Jobmotor von morgen?

REGIONALE WACHSTUMSKERNE BRANDENBURG

Steuern, Recht, Geld

THÜRINGER SPEZIALITÄTEN: Auf Schlemmerkurs

Leute & Leute, English at Work

UV-Aktuell: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden

HEINER FLASSBECK: Wie die Welt verrückt und wieder vernünftig wurde

KLAUS VON DOHNANYI: Europa – trotz Eurokrise!

Inhalt

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 5


AKTUELL

Fotos: Deutsche Bank, DPA/Zentralbild, T. George

INTERVIEW

DR. KURT

HORNSCHILD,

Ex-Leiter der Abteilung

Innovation, Industrie,

Dienstleistung im DIW

Berlin, Vorsitzender

der Jury von ZIMNEMO

Neues Element

W&M: Herr Dr. Hornschild, Sie analysieren

laufend die Innovationspolitik

für den Mittelstand, warum?

HORNSCHILD: Staatliche Förderung

ist nur gerechtfertigt,

wenn dem Aufwand ein entsprechender

volkswirtschaftlicher

Ertrag gegenübersteht.

W&M: Wie fällt das Ergebnis für

das zentrale Innovationsförderprogramm

für den Mittelstand aus?

HORNSCHILD: Positiv! In dem

Programm sind mit ZIM-SOLO,

ZIM-KOOP und ZIM-NEMO die

Hauptelemente der KMU-Innovationsförderung

der letzten

30 Jahre zusammengefasst. Das

eigentlich neue Element ist ZIM-

NEMO zur Förderung von innovativen

Netzwerken.

W&M: Was ist die Besonderheit?

HORNSCHILD: Kleinere innovative

Unternehmen können sich

nur am Markt durchsetzen,

wenn sie die Fähigkeit zur Kooperation

haben und sich in

Netzwerkstrukturen einbringen.

In den bislang knapp 160 geförderten

Netzwerken sind mehr

als 1.500 Unternehmen und

rund 250 wissenschaftliche Institutionen

als Partner integriert.

W&M: Warum ist das so wichtig?

HORNSCHILD: Die Märkte verlangen

zunehmend Problemlösungen,

bei denen mehrere Technologien

auf neuestem Stand

beherrscht, zu Innovationen zusammengefügt

und als komplexes

Paket – bestehend aus Produkt

und Dienstleistungen – angeboten

werden.

W&M: Was kostet das Programm?

HORNSCHILD: Vergleichsweise

wenig. Die Fördersumme ist mit

im Durchschnitt weniger als

150.000 Euro pro Netzwerk in

der für die Weichenstellung des

Netzwerks entscheidenden Phase

eins sehr gering.

Interview: Thomas Bencard

Konjunkturumfrage

92 Prozent Optimisten

Der ostdeutsche Maschinen- und Anlagenbau

befindet sich weiterhin auf der Überholspur

Lernhilfe Wasser

TRADITIONSMARKEN

800 Schüler im sächsischen

Frankenberg tranken vor den

Sommerferien 30 Tage lang

insgesamt 12.000 Liter Mineralwasser

– während des Unterrichts

und kostenlos. Die Auswertung

des Pilotprojekts der

Lichtenauer Mineralquellen

GmbH ergab, dass sich Konzentration

und Reaktionsvermögen

vieler Schüler erhöhten. Der

Marktführer in den neuen Bundesländern

(u. a. Margon und

Vita Cola) brachte den Sommer

über täglich mehr als 1,5 Millionen

Liter erzgebirgisches

Tiefenwasser auf den Markt.

Im vergangenen Jahr setzte er

50 Millionen Euro um.

BEVÖLKERUNGSSCHWUND

Laut Ostdeutschem Bankenverband e. V. sinkt der Anteil der

Erwerbsfähigen bis 2030 von 66 auf 56 Prozent (in Millionen)

21,0

18,0

15,0

12,0

9,0

6,0

3,0

0,0

Eine Konjunkturumfrage

unter den 350 Mitgliedern

des VDMA-

Landesverbandes Ost ergab,

dass 92 Prozent der Unternehmen

des Maschinen- und

Anlagenbaus im dritten Quartal

bessere oder mindestens

gleichbleibende Geschäfte erwarten

wie im Quartal zuvor.

42 Prozent der Firmen wollen

bis Jahresende neue Mitarbeiter

einstellen. Schwierig

gestaltet sich derzeit noch die

Lage im Druck- und Druckverarbeitungsgewerbe.

Häufig

beklagt wird der Mangel an

qualifiziertem Personal.

Heilsame Natur

Kamille und Schafgarbe sind

die Hauptbestandteile des

Pharma-Klassikers aus DDR-

Zeiten namens Kamillan. Das

rezeptfreie pflanzliche Arzneimittel

wird seit mehr als

40 Jahren in den Wernigeröder

Extraktions- und Konfektionierungsanlagen

hergestellt

– von der Droge bis zum

Fertigprodukt. 97 Mitarbeiter

erwirtschaften jährlich mehr

als zehn Millionen Euro Umsatz.

Neben Kamillan werden

in der Harz-Stadt mehr als

150 weitere Arzneimittel hergestellt

und mittlerweile in

18 Länder exportiert.

■ 0–15 ■ 15–65 ■ 65 u. älter

2010 2015 2020 2025 2030

MIT DER SCHRUMPFENDEN EINWOHNERZAHL geht in Ostdeutschland

eine Veränderung der Altersstruktur einher. Der Anteil der über

65-Jährigen steigt von einem Viertel auf ein Drittel.

AUS DEN LÄNDERN

Sachsen

Das Geschäftsvolumen der Sächsischen

Landesbank kletterte erstmals

auf mehr als vier Milliarden

Euro. Die Überschüsse stiegen im

ersten Quartal um 17 Prozent auf

17,5 Millionen Euro. Neue Regionalstellen

entstanden in Chemnitz,

Erfurt und Magdeburg. Die Bank will

sich zum führenden Mittelstandsfinanzierer

der Region entwickeln.

Wichtigste Branchen sind die

Autoindustrie, der Maschinenbau

und die Solarenergie.

Wissenschaftler der isw Gesellschaft

für wissenschaftliche Beratung

und Dienstleistung mbH in

Halle (Saale) haben in einer breit

angelegten Studie alle 536 deutschen

Wirtschaftswettbewerbe

miteinander verglichen. Das Resultat:

Der von der Leipziger Oskar-

Patzelt-Stiftung vergebene Große

Preis des Mittelstandes gilt als

Deutschlands wichtigster Wirtschaftspreis.

Thüringen

Die größeren Thüringer Industriebetriebe

zählten am Ende des

zweiten Quartals 2011 über

132.000 Beschäftigte. Das waren

gut 8.000 mehr als ein Jahr zuvor.

Mit einem Plus von mehr als sechs

Prozent lag der Freistaat deutlich

über dem gesamtdeutschen Durchschnitt

von 2,4 Prozent.

Brandenburg

Sechs Monate vor dem Auslaufen

des Zukunftsinvestitionsgesetzes

zum 31. Dezember 2011 waren in

Brandenburg 1.999 mit Mitteln aus

dem Konjunkturpaket II geförderte

Vorhaben realisiert. Als größtes

bislang abgeschlossene Projekt gilt

die Dreifeld-Sporthalle in Schwedt/

Oder mit einem Investitionsvolumen

von 2,7 Millionen Euro, gefolgt von

der energetischen Sanierung der

Astrid-Lindgren-Grundschule in

Spremberg (Spree-Neiße) für rund

2,3 Millionen Euro. In beiden Fällen

kam der Hauptbetrag aus dem

Konjunkturpaket. Die Kommunen

sind ebenfalls beteiligt.

Mehr als 300 Filme werden jährlich

in der Medienregion Berlin/Brandenburg

produziert. Um die Finanzierungsmöglichkeiten

weiter zu

verbessern, hat die Investitionsbank

des Landes Brandenburg (ILB)

mit Unterstützung des Potsdamer

Wirtschaftsministeriums ein neues

Darlehensprogramm aufgelegt. Es

soll der Schließung von Finanzierungslücken

bei Filmen dienen, die

in der Region produziert werden.

6 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


AKTUELL

WIRTSCHAFTSBILD

DES MONATS

NACHGEFRAGT

Gold fürs Depot?

Der Goldpreis stieg seit

Anfang 2011 um mehr als

45 Prozent. Dr. Ulrich

Stephan, Global Chief

Investment Officer Privatund

Geschäftskunden der

Deutschen Bank, rät Anlegern

dennoch von massiven

Goldkäufen ab.

NACHTS LEBT DER AIRPORT: Gut eine Viertelmillion Sendungen werden von den DHL-Mitarbeitern

auf dem Flughafen Leipzig/Halle pro Werktag umgeschlagen. Ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für

den unter sinkenden Passagierzahlen leidenden mitteldeutschen Airport. Binnen 24 Stunden starten bis

zu 60 Maschinen vom Luftdrehkreuz der Posttochter DHL mit mehr als 1.500 Tonnen Fracht. Es gibt kein

Nachtflugverbot – ein enormer Vorteil gegenüber dem künftigen Großflughafen Berlin/Brandenburg.

Die Großstädte Leipzig und Halle sind weit genug entfernt und werden von Fluglärm nicht belästigt.

KONJUNKTUR-BAROMETER

Förderprogramm NEMO auf der Kippe

Von DR. HERBERT BERTEIT

Aus dem Bundeswirtschaftsministerium ist zu

vernehmen, dass die technologieoffene Netzwerkförderung

(Netzwerkmanagement Ost –

NEMO) im Zentralen Innovationsprogramm

(ZIM) eingestellt werden soll. Das verwundert

Kenner und Nutzer, weil NEMO eine Erfolgsgeschichte

ist. Das Programm unterstützt die

Organisation von innovativen Netzwerken mit

mindestens sechs kleinen und mittelständischen

Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen,

Dienstleistern und regionalen Akteuren.

Es gleicht bei zu geringen Betriebsgrößen

Nachteile aus, die für den Aufbau von Netzwerken

zur Erschließung neuer und bei der

Erweiterung von vorhandenen Märkten entstehen.

Außerdem gestattet es den Austausch

von Know-how zwischen den Partnern und

erschließt somit Synergieeffekte.

Seit 2002 wurde die Bildung solcher Netzwerke

in Ostdeutschland gefördert, seit 2008

in allen Regionen Deutschlands. Rund 25 Millionen

Euro wurden dafür aufgeboten. Diese

Summe haben die Partner durch den Einsatz

eigener Investitionsmittel mehr als verfünffacht.

Das Modell wird von Unternehmensverbänden,

Landesregierungen und Kammern als

eine sehr effiziente Fördermaßnahme gelobt

und ist sogar international anerkannt.

Analysen belegen, dass jedes geförderte

NEMO ein Unikat darstellt und nicht mit

einfachen Kooperationen vergleichbar ist.

Ein solches mit hoher Effizienz eingeführtes

und bewährtes Programm einzustellen, würde

insbesondere in Ostdeutschland als Konjunkturbremse

wirken und der weiteren Entwicklung

der noch schwachen industriellen Basis notwendige

Impulse entziehen. Es bleibt zu hoffen,

dass das Bundeswirtschaftsministerium

seine Überlegungen überdenkt und das NEMO-

Förderprogramm nicht einstellt und bei den

beteiligten KMU Vertrauen in die Wirtschaftspolitik

zurückkehrt.

»Gold wird von vielen Menschen

als Hort der Sicherheit

angesehen – als ultimative

Krisenwährung sozusagen«,

weiß der Frankfurter

Deutschbanker. Das Spektrum

der Goldkäufer in der

gegenwärtigen Krisensituation

ist weit aufgefächert.

In China die Goldnachfrage

schon 2010 um 32 Prozent

auf über 700 Tonnen gestiegen.

Ob Privatanlegern jetzt zu

Goldkäufen anzuraten sei –

dieser Frage begegnet der

Finanzfachmann mit Skepsis:

»Wenn die Krisenstimmung

nachlässt, kann der

Goldpreis wieder kräftig

zurückgehen. Ich empfehle

Gold nur als Beimischung

im Depot.«

Wenn schon Goldkauf,

dann steht die Frage der

Aufbewahrung an einem

sicheren Ort. Als praktischer

empfiehlt der Banker

börsengehandelte Rohstoff-

Wertpapiere, die sogenannten

Exchange Traded

Commodities, kurz ETC.

»Diese Papiere sind mit

physischem Gold hinterlegt

und auf diese Weise besichert.

Außerdem können

ETC eine Währungsabsicherung

umfassen. Damit

ist der Anleger geschützt,

falls sich der US-Dollar weiter

abschwächen sollte.«

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 7


AKTUELL

KURZ NOTIERT

ENERGIEPOLITIK

Bonus der ILB

Brandenburg plant eine

Bonusförderung für besonders

ressourcenschützende

Produktionsverfahren.

Die Potsdamer Landesregierung

will damit Brandenburgs

Profil als Land der grünen

Technologien weiter schärfen.

Deshalb werde der Brandenburg-Kredit

um ein Programm

Erneuerbare Energien der

Landesinvestitionsbank (ILB)

erweitert. Das neue Förderprogramm

soll vor allem der zinsgünstigen

Finanzierung von

Windkraftanlagen dienen. Seit

2006 hat die ILB 37,5 Millionen

Euro eingestellt, um die Zinsvergünstigung

zu finanzieren.

Das bisherige Energieeffizienz-

Förderprogramm richtete sich

ausschließlich an kleine und

mittlere Unternehmen. Jetzt

können auch größere Unternehmen

Unterstützung aus

diesem Topf erhalten. Maximal

eine Million Euro pro Projekt

sind möglich. Das Potsdamer

Wirtschaftsministerium sieht

Brandenburg als Vorreiter auf

dem Zukunftsmarkt der Clean

Technologies

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN

ROHSTOFFE

Wismut verkauft Uran

Die für die Sanierung des früheren

Uranerzbergbaus der DDR zuständige

Wismut GmbH will in diesem Jahr fünf

Tonnen Uran verkaufen.

Die Wismut GmbH hat seit 1991 bereits

3.089 Tonnen Uran verkauft und damit

67 Millionen Euro erlöst. Wie lange noch

Uran anfällt, kann das bundeseigene Unternehmen

nicht angeben. Das hängt davon

ab, wie lange die Uranabtrennung als

Bestandteil der Wasserbehandlung am

Standort Königstein (Foto) erhalten werden

muss. Für Umweltprojekte zur Sanierung

der Hinterlassenschaften des Uranerzbergbaus

wurden bisher 5,5 Milliarden Euro

zur Verfügung gestellt.

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER

Ein McDonald’s-Chef, der sich mit

Computergastronomie versucht

BINNENSCHIFFFAHRT

Tieferes Bett für die Elbe

32 Industrie- und Handelskammern aus

Tschechien, Polen und Deutschland

fordern einen wirksamen Ausbau der Elbe

für die Binnenschifffahrt.

Mittel- und Oberelbe zwischen Hamburg und

Dresden müssten an mindestens 345 Tagen im

Jahr eine stabile Fahrrinnentiefe von 1,60 Meter

aufweisen, um den Binnenschiffern einen

höheren Ladungsanteil

zu ermöglichen.

Insbesondere

beim niedersächsischen

Hitzacker

und beim sächsischen

Coswig müsste

die Fließgeschwindigkeit

durch verlängerte

Steinwälle,

sogenannte Buhnen,

erhöht werden, um

wandernde Sandbänke

zu vermeiden.

(Foto: Ein Massengutfrachter

passiert

Magdeburg)

Ein Musikhändler, der seine

Kunden aus der Scheune beliefert

Fotos: DPA/Zentralbild (4), privat (2)

(saubere Technologien). Bei

Windenergie ist das Land die

Nummer zwei in Deutschland.

Fast jedes zweite deutsche

Solarmodul stammt schon

aus der Region um Berlin. In

keinem anderen Bundesland

wird soviel Biosprit hergestellt

wie in Brandenburg. Zu den

Bemühungen um ressourcenschützende

Produktionsverfahren

zählen auch die Leichtbau-Forschungen

zum an der

TU Cottbus und zum Kunststoff-Leichtbau

in den Fraunhofer-Instituten

des Landes.

Matthias Krauß

GERHARD SCHÖPS, (53) DENIS KORN, (33)

einstiger Markenchef von

McDonald’s für Europa, will

Deutschland mit einer neuen,

ebenso flotten wie eleganten

Restaurantkette beglücken.

Nach Frankfurt am Main hat er

sich Berlin als zweiten Standort

für seine computergestylte

Gastronomie auserkoren. Schnellaufsteiger Schöps,

der schon Sprintkarrieren bei Unilever, Langnese, BMW

und der Werbeagentur Euro RSCG hingelegt hat, fand

heraus, dass ein Durchschnittgast seiner Zielgruppe

nur 30 Minuten Zeit hat für sein Mittagessen. Seine

zweite Schöpfung auf deutschem Boden ist derzeit der

letzte Schrei für eilige Jungbeamte und durchreisende

Geschäftsleute, die es gern preisgünstig haben, denen

aber McDonald’s zu popelig ist. Bei Holyfields Unter

den Linden warten statt Kellnern 15 Touchsreens am

Eingang darauf, der Gast tippt die Bestellung selber

ein und erfährt sogleich, wann und an welchem Tresen

er das Essen abholen kann. Schöps verkauft seine

Tellerkreationen auch gern mit einem Heiligenschein –

von Holypotatoes bis Holywater. Mitunter aber landet

er doch wieder in den Niederungen von McDonald’s:

Es gibt bei ihm auch Holyburger.

Gründer des ersten DJ-Ladens

in der mittelsächsischen Stadt

Oschatz, hat es mit Fachberatung

und Online-Handel

zum größten Musikhändler

in Ostdeutschland gebracht.

In der umgebauten Scheune

eines alten Vierseit-Bauernhofes

am Rande der Stadt hält er Schlagzeuge und

Saxophone, Keybords und DJ-Ausrüstungen, Licht und

Bühnentechnik bereit. Für den Filialhandel ebenso

wie für E-Commerce. Mindestens 8.000 Produkte sind

in seinem Logistikzentrum immer vorrätig und binnen

eines Tages über den Versandhandel zu haben.

Weitere 18.000 werden im Sortiment geführt. Schon

als DJ verkaufte Korn Mischpulte und Plattenteller

an seine Kollegen. Binnen zwei Jahren baute er ein

Unternehmen auf, das heute 60 Mitarbeiter und

16 Auszubildende zählt, die meisten im kaufmännischen

Bereich samt IT-Abteilung und Callcenter unter

dem Scheunendach, andere in den Läden in Oschatz,

Dresden und Leipzig. Als Mittzwanziger wollte der

Musikfreund noch Gitarre lernen, ließ es aber mangels

Talent bald sein: »Wenn ich etwas anfasse, dann

muss es mir perfekt gelingen.«

8 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


AKTUELL

TERMINE

September

02.09, Berlin

Internationale Funkausstellung

– World of

Consumer Electronics

02.09, Rostock

RoBau

Baufachausstellung

des Landes M-V

07.09, Berlin

b2d Berlin

Regionale Mittelstands-

Messe

IMPRESSUM

Wirtschaft & Markt

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin

Magazin der Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände Ostdeutschlands

und Berlin

Redaktionsanschrift:

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,

E-Mail: wumberlin@t-online.de

Internet: www.wirtschaftundmarkt.de

Herausgeber:

Klaus George

george@wirtschaftundmarkt.de

Chefredakteur:

Helfried Liebsch,

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liebsch@wirtschaftundmarkt.de

Stellvertretender Chefredakteur:

Thomas Schwandt,

Tel.: (030) 27 89 45-0

schwandt@wirtschaftundmarkt.de

Redaktion:

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,

Matthias Salm, Siegfried Schröder,

Steffen Uhlmann

Tel.: (030) 27 89 45-14

Redaktionsassistenz:

Ulrike Borrmann

Tel.: (030) 27 89 45-13

Gestaltung:

Ralf Puschmann, Jens Wolfram

Tel.: (030) 27 89 45-13

Titelfoto: Torsten George

Druck: Möller Druck Berlin

Autoren dieser Ausgabe:

Thomas Bencard, Peter Jacobs,

Matthias Kasper, Hannelore Koard

Vertrieb und Anzeigenverwaltung:

Tel.: (0331) 201 66-20

vertrieb@wirtschaftundmarkt.de

Verlag:

W&M Verlagsgesellschaft mbH

Parkstraße 2, 14469 Potsdam

Tel.: (0331) 201 66-20, Fax: -99

Geschäftsführender Gesellschafter:

Michael Schulze

schulze@wirtschaftundmarkt.de

ISSN 086 353 23 Erscheint monatlich.

Die Zeitschrift Wirtschaft&Markt ist das

Magazin der Interessengemeinschaft der

ostdeutschen Unternehmerverbände und

Berlin. Die Mitglieder der Verbände erhalten

die Zeitschrift im Rahmen ihrer

Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 EURO;

Jahresabonnement Inland 30,00 Euro

inkl. 7% Mwst.; Ausland 37,00 Euro inkl.

Porto. Sonderpreis für Studenten:

(Nachweis) jährlich 20,00 EURO. Das

Jahresabonnement gilt zunächst für ein

Jahr (10 Ausgaben). Danch besteht die

Möglichkeit, das Abonnement jederzeit zu

kündigen.Namentlich gekennzeichnete

Beiträge müssen nicht mit der Meinung

der Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt

eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung. Nachdruck

nur mit Genehmigung des Verlages.

Dieser Ausgabe liegt ein W&M-Extra

»Exportoffensive Ost« und in einer

Teilauflage ein W&M-Extra »Gesundheitswirtschaft

Berlin-Brandenburg« bei.

PRO

& CONTRA

Soll die Pkw-Maut für

Autobahnen kommen?

Wenn es nach der CSU ginge, dann würde es schon bald

eine Pkw-Maut geben. Bundeskanzlerin Angela Merkel

(CDU) erteilte dieser Forderung vorerst eine Absage.

GERD LANDSBERG,

Hauptgeschäftsführer

des Deutschen Städte- und

Gemeindebundes

Die Pkw-Maut ist dann

JA

sinnvoll, wenn folgende

Voraussetzungen erfüllt werden:

Die Autofahrer dürfen

nicht zusätzlich belastet werden.

Im Gegenzug könnte die

Kfz-Steuer abgeschafft werden.

Auch dürfen die Einnahmen

nicht in die allgemeinen Haushalte

fließen, sondern müssten

zur nachhaltigen Verbesserung

des Straßennetzes genutzt

werden. Alle Träger von Straßen

sollten anteilig Investitionsmittel

aus der Maut erhalten

– eine große Chance,

unser Straßennetz nachhaltig

zu sanieren. Schon jetzt fehlen

jährlich vier bis fünf Milliarden

Euro für die notwendigsten

Maßnahmen. Und auch die

Lenkungsfunktion der Maut

müsste genutzt werden. Wer im

Ballungsgebiet zur Rushhour

fahren will, sollte mehr bezahlen,

als derjenige, der nachts

fährt oder seine Strecke im

ländlichen Raum zurücklegt. So

könnte ein wichtiger Beitrag

zum Abbau der Staus geleistet

werden. Zusätzlich könnte die

Höhe der Maut dazu dienen,

schadstoffintensive Fahrzeuge

stärker zu belasten oder aber

Elektrofahrzeuge von dieser

Gebühr zu befreien. Die Diskussion

muss jetzt beginnen, und

zwar ohne Denkverbote. Nur so

werden wir unsere Mobilität

nachhaltig stärken und das

Klima schützen.

JAN MÜCKE (FDP),

Parlamentarischer Staatssekretär

im Bundesverkehrsministerium

NEIN

Verkehrswege sind

die Schlagadern

unserer Volkswirtschaft und

Voraussetzung für individuelle

Mobilität als Teil der persönlichen

Freiheit. Wir brauchen

eine Infrastrukturfinanzierung,

die von den Unwägbarkeiten

des Bundeshaushalts unabhängig

ist. Die Pkw-Maut ist

nicht der richtige Weg. Die

Autofahrer tragen bereits mit

mehr als 53 Milliarden Euro

jährlich durch Kfz-Mineralölsteuer

und andere Abgaben

zur Finanzierung des Staates

bei. Dem standen in den letzten

Jahren nur fünf Milliarden

Euro Investitionen in die Bundesfernstraßen

gegenüber. Es

fehlt nicht an Geld, sondern

an der Disziplin der Politik.

Auch öffentlich-private Partnerschaften

können ein Weg

zur nachhaltigen Finanzierung

von Verkehrsprojekten sein.

Eine ADAC-Studie ergab, dass

aus einer Pkw-Maut am Ende

nur vier bis fünf Milliarden

Euro übrig blieben. Auch eine

allgemeine Autobahnnutzungsgebühr

von zum Beispiel 100

Euro jährlich bei Senkung der

Kfz-Steuer wäre letztlich ein

Nullsummenspiel. Und vergessen

wir nicht, dass es durch

die Maut zum Ausweichverkehr

auf Bundes- und Landstraßen

kommt, was zu höherer

Verkehrsdichte mit mehr

Verkehrstoten führt.

INVESTITIONEN

Infineon erweitert

Der Halbleiterhersteller Infineon will

in Dresden eine neue Technologie

etablieren. In einer ersten Ausbaustufe

bis 2014 werden rund 250

Millionen Euro investiert. Dadurch

entstehen 250 neue Arbeitsplätze.

Audi nach Berlin

34 Millionen Euro investiert der

Autobauer Audi in Berlin für ein

neues Gebrauchtwagenzentrum.

Der Vollfunktionsbetrieb entsteht

auf einer Fläche von über 22.000

Quadratmetern direkt an der

Stadtautobahn A 113 in unmittelbarer

Nähe des neuen Großflughafens

BBI.

Rangierriese für Halle

In Halle soll ab 2012 der größte

Rangierbahnhof Mitteldeutschlands

gebaut werden. Der Bund und die

Deutsche Bahn haben dafür eine

Finanzierungsvereinbarung über

120 Millionen Euro getroffen.

Täglich sollen auf der sogenannten

Zugbildungsanlage Halle-Nord bis zu

2.400 Güterwagen zu neuen Zügen

zusammengestellt werden können.

Inder als Retter

Das indische Unternehmen Hindusthan

National Glass & Industries Ltd.

kauft die Agenda Glas AG in Garde-

legen. Das hochmoderne Glaswerk

war 2008 von Managern aus der

Glasindustrie gegründet worden und

hatte rund 50 Millionen Euro staatliche

Förderung und Kredite erhalten,

meldete jedoch im Februar 2011 Insolvenz

an. Der Einstieg des börsennotierten

indischen Unternehmens

rettet in der Altmark 150 Arbeitsplätze.

Neuer Jachthafen

Der ehemalige Stützpunkt Stahlbrode

der DDR-Volksmarine am Strelasund

wird zu einem Jachthafen umgebaut.

Für den Ausbau des südlichen Hafenbeckens,

die Verlängerung der Molen,

den Bau von Funktionsgebäuden und

Promenaden sind Investitionen in

Höhe von zwei Millionen Euro vorgesehen.

1,5 Millionen davon kommen

aus der Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung

der regionalen Wirtschaftsstruktur.

Der vorpommersche Wasserrastplatz

weist eine Wassertiefe

von 3,5 Metern auf und ist auch für

die große Bootsklasse geeignet.

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 9


GESPRÄCH

Reiner Haseloff, Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, zu Steuersenkungsplänen,

Standortvorteilen und zum Vorhaben, familienfreundlichstes Land zu werden

»Mitteldeutschland wächst zusammen«

Fotos: Torsten George

W&M: Herr Ministerpräsident, in diesem

Sommer registrierten Medien erstaunt eine

neue Aufmüpfigkeit des Ostens. Bei der Energiewende

wurde im Bundesrat das Gesetz

zur Förderung der Gebäudesanierung nicht

durchgewinkt, Sie halten Steuersenkungen

zumindest für verfrüht. Ein Zuwachs an

Selbstbewusstsein?

REINER HASELOFF: Ach, selbstbewusst

waren wir immer. Aber im mitteldeutschen

Raum passiert wirklich etwas

Bemerkenswertes. Politiker dreier Landesregierungen

– Sachsen, Sachsen-Anhalt

und Thüringen – ziehen an einem

Strang. Das ist in der öffentlichen Wahrnehmung

von Vorteil. In den alten Ländern

wurde eine Reihe von CDU-geführten

Regierungen abgewählt. In Nordrhein-Westfalen,

Hamburg, Baden-

Württemberg. Da nimmt es nicht wunder,

wenn sich die Medien stärker auf

Mitteldeutschland konzentrieren.

W&M: Wächst da zwischen Dresden, Magdeburg

und Erfurt etwas zusammen, was zusammengehört?

REINER HASELOFF: Zumindest sprechen

die Verantwortungsträger eine Sprache.

Das hat mit den Erfahrungen, Nöten und

Herausforderungen der Länder mehr zu

tun als mit der Parteizugehörigkeit. Ja,

Mitteldeutschland wächst zusammen.

Auch dank der gemeinsamen Traditionen.

Außerdem haben wir eben gelernt,

dass man durch koordiniertes Zusammengehen

sein Gewicht auf Bundesebene

verstärkt.

W&M: Oder kehren vielmehr neue Besen gut?

REINER HASELOFF: Ausschlaggebend ist,

dass nicht nur Christine Lieberknecht in

Erfurt oder Stanislaw Tillich in Dresden,

sondern auch Matthias Platzeck in Brandenburg

oder Erwin Sellering in Schwerin

grundsätzlich ähnliche Probleme haben.

Richtig ist, dass wir auch als neue

Politikergeneration angekommen sind –

nach den Biedenkopfs und Vogels, den

Böhmers, Stolpes oder Ringstorffs.

W&M: Ihr Vorgänger, Wolfgang Böhmer, war

bundesweit dafür bekannt, dass er gelegentlich

wider den CDU-Stachel löckte. Treten Sie

in seine Fußtapfen?

REINER HASELOFF: Professor Böhmer

hat das nicht um des Löckens Willen getan,

sondern weil einem Ministerpräsidenten

die Landesinteressen immer vor

den Parteiinteressen gehen. Erst das

Land, dann die Partei – so halte ich es

auch. Das mediale Interesse hat wohl

auch damit zu tun, dass aus dem Osten

weniger Ostalgie zu hören ist, sondern

mehr interessante Beiträge zu nationalen,

ja, kontinentalen Debatten. Wir sind

doch von der Schuldenkrise als Exportland

genauso betroffen wie andere Bundesländer.

Wir brauchen einen stabilen

Euro und vernünftige Kurse.

W&M: Sie haben schon die jüngsten Wahlergebnisse

angesprochen, die Ihnen ja schier ein

Alleinstellungsmerkmal geschenkt haben.

Nur in Sachsen-Anhalt hat Ihre Partei gewonnen.

Was haben Sie richtig gemacht, was die

anderen falsch?

REINER HASELOFF: Wir hier in Sachsen-

Anhalt sind der Meinung, dass es keine

unumstößlichen Blöcke in der Politik

gibt, keine monolithischen Lager, die

eine Volkspartei zwingen, nur in einer

bestimmten Koalition zu regieren oder

in die Opposition zu gehen. Wenn man

gestalten will, dann braucht man Optionen.

Wenn also Schwarz-gelb nicht geht,

dann muss nicht Rot-rot die Folge sein. In

Sachsen-Anhalt ist die Wahl zugunsten

einer strukturellen Mehrheit der Mitte

ausgegangen und nicht einer Mehrheit

jenseits der CDU.

W&M: Die FDP pocht angesichts der günstigen

konjunkturellen Entwicklungen auf

Steuersenkungen und scheint sich in Berlin

zumindest teilweise durchgesetzt zu haben.

Warum sind Sie dagegen?

REINER HASELOFF: Ich finde es unerträglich,

dass wir jetzt, nachdem wir das

Krisental durchschritten haben – mit

Konjunkturprogrammen, mit neuen

Schulden also, auch im Lande, um gegenzusteuern

– schon wieder an der Schraube

drehen wollen. Wir haben doch in den

vergangenen Jahren faktisch die Steuern

schon gesenkt, indem wir die eigentlich

notwendigen Steuererhöhungen vermieden

haben. Diese relative Steuerabsenkung

ist gewissermaßen mit neuen

Schulden erkauft worden, die wir jetzt

erst einmal abtragen sollten, statt Steuergeschenke

zu versprechen.

W&M: Sparsamkeit galt in der Vergangenheit

nicht gerade als sachsen-anhaltische

Tugend. Das ändert sich mit Ihnen?

REINER HASELOFF: Das hat sich schon

geändert und das ist ein entscheidender

Punkt des schwarz-roten Koalitionsvertrages.

Wir wollen von 2012 an keine

Schulden mehr machen und 2014 mit

dem Abbau der 20 Milliarden Euro Schulden

aus den vergangenen 20 Jahren beginnen.

Gerade wir in Ostdeutschland

brauchen diese Schuldentilgung. Selbst

wenn wir die Steuern nicht senken,

wächst wegen der demografischen Entwicklung

die Pro-Kopf-Verschuldung.

W&M: Bei der Energiewende hat es einen

Konsens im Bundesrat gegeben – mit einer

Ausnahme: Die Länderkammer hat dem Gesetz

zur Förderung der Gebäudesanierung

nicht zugestimmt. Was haben Sie gegen Wärmedämmung?

REINER HASELOFF: Wir haben nichts gegen

die Wärmedämmung. Im Gegenteil.

Die Energiewende wird nicht zu schaffen

sein, wenn wir nicht auf Gas und Kohle

zurückgreifen. Damit aber steigt der

CO 2 -Ausstoß. Er muss anderswo aufgefangen

werden – mit Energieeffizienz

und Wärmedämmung. Das größte Volumen

haben wir im Wohnungsbestand.

Da hat die Bundesregierung vorgeschlagen,

über steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten

die Wärmedämmung

zu realisieren. Die Mehrheit der Verfügungsmasse,

die wir hier klimapolitisch

zum Tragen bringen können, liegt aber

außerhalb der steuerrelevanten Haushalte.

Wir brauchen eine Lösung für die

kleinen Leute – beispielsweise Rentner –,

die gar keine Steuern zahlen. Zuschüsse

oder andere Instrumente. Das fehlte uns.

W&M: Was passiert nun, wird der Vermittlungsausschuss

angerufen?

REINER HASELOFF: Die Sache könnte

auch ohne Vermittlungsausschuss noch

ins Lot kommen. Die Bundesregierung

überlegt wohl, ob da etwas über KfW-Kredite

zu machen ist oder es andere Lösun-

10 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


GESPRÄCH

»Wir haben doch in den

vergangenen Jahren faktisch die

STEUERN SCHON GESENKT,

indem wir die eigentlich

notwendigen Steuererhöhungen

vermieden haben.«

gen gibt. Dann wäre unser Widerstand

erfolgreich gewesen.

W&M: Apropos Erfolg. Ihre Regierung hat

sich vorgenommen, Sachsen-Anhalt zum familienfreundlichsten

Land der Bundesrepublik

zu machen. An welchen Kriterien machen Sie

das fest und welche Schritte wollen Sie gehen?

REINER HASELOFF: Rein quantitativ,

wenn man das an Plätzen in den Kindertagesstätten

festmacht, liegen wir schon

an der Spitze. Aber wir müssen konstatieren,

dass mit der Ein-Kind-Familie die demografische

Reproduktion nicht zu

schaffen ist. Wir brauchen die Mehrkinderfamilie.

Dafür müssen wir zumindest

Signale setzen und Anreize geben.

W&M: Welche zum Beispiel?

REINER HASELOFF: Ich könnte mir vorstellen,

dem zweiten und dritten Kind einen

unentgeltlichen Kita-Platz anzubieten.

Oder das Land beteiligt sich an den

Kinder-Kosten, die in den Familien über

einen Sockelbeitrag hinaus anfallen. Das

ist noch in der Diskussion, aber es besteht

ganz dringender Handlungsbedarf.

Kinder sind für das Land eine Chance, da

dürfen sie für Familien kein Risiko sein.

W&M: Sparen und zugleich mehr Geld ausgeben,

wie geht das zusammen?

REINER HASELOFF: Natürlich können

wir kein Geld drucken, sondern müssen

anderswo sparen. Es geht aber gar nicht

immer um große Summen – wir wollen

Signale setzen. Wir brauchen eine Kultur,

in der Kinder erwünscht sind, in der

sich Betriebe mit Familienfreundlichkeit

einen Wettbewerbsvorteil schaffen. Bis

hin zum Betriebskindergarten in großen

Unternehmen. Wir haben mit Erfolg die

Zahl der Pendler zurückgeführt, damit

Partner wieder zusammenleben können.

W&M: Nun ist es für Familien zunächst einmal

wichtig, dass wenigstens einer der

Partner einen Arbeitsplatz hat, von dem die

Familie leben kann, ohne auf staatliche Aufstockung

angewiesen zu sein. Ist da die Lage

im Land besser als die Stimmung?

REINER HASELOFF: Genau so ist es. Wir

haben in vielen Wirtschaftsbereichen

Mindestlöhne, die für allgemeinverbindlich

erklärt sind. Auch für Zeitarbeit gibt

es unterdessen einen Mindestlohn.

W&M: Lässt sich von dem Lohn eine Familie

ernähren, wenn nur ein Partner Arbeit hat?

REINER HASELOFF: Zweifelsfrei sind

Stundenlöhne von 12, 14 Euro notwendig,

damit am Ende mehr als Hartz IV

herauskommt, aber an der Stelle ist viel

in Bewegung. Da spielt auch die demografische

Entwicklung eine Rolle, wer

Fachkräfte haben will, muss sie ordentlich

bezahlen. Ich will aber auch daran

erinnern, dass es in der DDR nur dann

ein auskömmliches Familieneinkommen

gab, wenn beide Eltern berufstätig waren.

W&M: Sie wollen, dass mehr Frauen wieder

in Lohn und Brot kommen?

REINER HASELOFF: Ja, an ihnen hängt –

in mehrfacher Hinsicht – die Zukunft

des Landes. Die ganze Dramatik spiegelt

sich in nüchternen Statistiken. Jedes Jahr

gehen hier in Sachsen-Anhalt 45.000

Menschen in Rente. Es stoßen aber nur

16.000 ins Arbeitsleben. Manche gehen

noch zum Studium und kommen nicht

zurück. Daran lässt sich ermessen, wie

weit die Schere aufgeht.

W&M: Was kann die Politik überhaupt tun?

REINER HASELOFF: Sie muss zumindest

zeigen, was geht. Die Vereinbarkeit von

Familie und Beruf hat heute einen völlig

anderen Stellenwert. Heimarbeitsplätze,

Telearbeit, Arbeitszeitkonten werden immer

wichtiger. Flexible Kita-Öffnungszeiten.

Und wir müssen die Generationen

wieder zusammenbringen.

W&M: Bitte?

REINER HASELOFF: Mutter, Vater, Kind –

darauf beschränkt sich Familie nicht. Es

gibt Geschwister, Großeltern, andere Verwandte.

In der ganzen Bundesrepublik

ist das Thema Familie über Jahre vernachlässigt

worden! Das wirkliche Leben

spielt sich doch nicht vor allem auf dem

Börsenparkett oder im Regierungskabinett

ab, sondern in den Städten und Dörfern.

Wir bauen zum Beispiel verstärkt

Mehrgenerationen-Häuser.

W&M: In den vergangenen 20 Jahren hat das

Land mehr als eine halbe Million Einwohner

verloren. Zehntausende sind abgewandert.

Wie steht es um die eventuelle Rückholung

der Landeskinder?

REINER HASELOFF: Das versuchen wir

mit PFIFF – dem Internet-Portal des Landes

für interessierte und flexible Fachkräfte

– schon seit drei Jahren. Immerhin

haben wir in dieser zurückliegenden Zeit

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 11


GESPRÄCH

REINER HASELOFF im Gespräch mit W&M-Redakteur

Helfried Liebsch; Mitte: Regierungssprecher Franz Kadell.

schon 3.000 Familien zurückgeholt. Obwohl

sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt

erst in jüngster Zeit entspannt hat. Das

Entscheidende sind Jobs und die werden

jetzt frei. Bis 2016 werden dem Arbeitsmarkt

im Land 150.000 Arbeitskräfte

weniger als heute zur Verfügung stehen,

daher müssen wir jetzt in die Offensive

kommen. Dazu planen wir eine bundesweite

Kampagne.

W&M: Sie wollen 150.000 zurückholen?

REINER HASELOFF: Nein, nicht in dieser

Größenordnung, aber eine fünfstellige

Zahl. Wir wollen alle Reserven ausschöpfen.

Mehr Frauen in Lohn und Brot bringen,

Langzeitarbeitslose für eine Beschäftigung

fit machen, die Schulabbrecher-

Quote von zwölf Prozent verringern,

Absolventen von Universitäten und

Hochschulen im Lande halten – und jene

zurückgewinnen, die anderswo ihr

Glück gesucht haben. Eine Kaskade.

W&M: Heißt die Konzentration auf Rückwanderer,

dass Ihnen andere Zuwanderer

unwillkommen sind?

REINER HASELOFF: Nein, aber nach unserer

Erfahrung haben 80 bis 90 Prozent

der Menschen, die ins Land kommen,

hier ihre Wurzeln. Bei ihnen fallen auch

die Vorurteile weg. Eine Aktion zum Jahresende

2010 hat gezeigt, dass das Interesse

an einer Rückkehr riesengroß ist.

Zuwanderung aus anderen Ländern der

Welt zum Nulltarif wird es nicht geben.

W&M: Wie erfährt ein gebürtiger Magdeburger,

der unterdessen in Köln oder Hamburg

lebt, von ihrer Kampagne?

REINER HASELOFF: Wir informieren im

Herbst in überregionalen Medien. Aber

die Information ist im Internet-Zeitalter

das geringste Problem. Onkel oder Tante

greifen zum Hörer, die Familiennetzwerke

funktionieren, Klassenkameraden

mailen. Zum Jahresende hin war die Hotline

überlastet. Es kamen selbst Anrufe

aus dem Ausland, so aus Schweden.

W&M: Wenn die Information

funktioniert, dann hängt es an

den Jobs – und die an Investitionen.

Laut Information von Germany

Trade & Invest (GTAI), der

Gesellschaft für Außenwirtschaft

und Standortmarketing,

ist Sachsen-Anhalt das Land mit

den meisten ausländischen Direktinvestitionen

Ost. Worauf

führen Sie das zurück?

REINER HASELOFF: Eine

monokausale Erklärung gibt

es nicht und kein Patentrezept.

Und weil Sie die GTAI

erwähnen, gerade sie hat

uns immens geholfen, zusammen

mit der Investitionsund

Marketinggesellschaft

des Landes. Eine ganze Reihe von Investitionen

in den Bereichen Glas oder Solar

sind auf sie zurückzuführen. Deutschland

bleibt mit seinem Nachweis, Krisen

bewältigen zu können, verlässliche Rahmenbedingungen

zu bieten, qualifizierte

Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben,

ein gefragter Investitionsstandort.

W&M: Auch Ostdeutschland?

REINER HASELOFF: Ich habe zum Beispiel

dieser Tage den Grundstein für die

erste private chinesische Investition in

ganz Deutschland gelegt. Der weltweit

zweitgrößte Lieferant von sterilen Verpackungsmaterialien

wird in Halle produzieren.

Wir sind sicher, nachdem

ZUR

PERSON

Buch-Halter und Beatles-Fan

Seit dem 19. April 2011 hat das Land

Sachsen-Anhalt mit Dr. Reiner Haseloff

einen Ministerpräsidenten, der auf den

ersten Blick ein Buchhalter sein könnte.

Und das ist der 1954 in Bülzig nahe der

Lutherstadt Wittenberg geborene Katholik

tatsächlich: bibliophil. Einer, der

wöchentlich mindestens drei Bücher

in der Hand hält – und sie verschlingt.

Auf der CDU-Website gibt es zudem ein

Jugendfoto, das seine Vorliebe für die

Beatles langhaarig dokumentiert. Landesvater

– dieser Ehrentitel will zu dem

Familienvater, der seit 1976 mit der späteren

Zahnärztin Dr. Gabriele Haseloff,

verheiratet ist, zwei Kinder und vier Enkel

hat, noch nicht recht passen. Der

promovierte Naturwissenschaftler ist

Schnelldenker und zum gelegentlichen

Verdruss auch Schnellredner. Zumal

seine verschachtelten Sätze zuweilen

kein Ende finden. Zum guten Ende hat er

indes seinen Job als Vorsitzender der

Ministerpräsidentenkonferenz gebracht.

Im Bundesrat stimmten die Länder mit

16:0 dem rascheren Atomausstieg zu.

schon das Maschinenbau-Unternehmen

Schiess in Aschersleben durch einen

chinesischen Staatsbetrieb übernommen

wurde, dass da noch etwas nachkommt.

Jedenfalls wurden weitere Gewerbeflächen

gekauft.

W&M: Noch einmal gefragt: Was ist Ihr besonderes

Rezept?

REINER HASELOFF: Wir haben offensiv,

intensiv und gezielt akquiriert, uns dabei

auf einige Länder konzentriert – wir

können nicht in der ganzen Welt unterwegs

sein. China gehört dazu, Polen,

Italien, die baltischen Staaten – da haben

wir Auslandsbüros eingerichtet. In

Shanghai zum Beispiel oder in Mailand.

Da gibt es viele Querverbindungen zum

hiesigen Chemiestandort.

W&M: Nehmen Sie mehr Geld in die Hand als

andere, fördern Sie stärker?

REINER HASELOFF: Nein, aber wir spielen

natürlich unsere strategische Lage

aus, schon seit Tausenden von Jahren

kreuzen sich hier Handelsstraßen. Heute

das Luftdrehkreuz Leipzig/Halle, die Autobahn

A9/A2, jetzt die A14, die endlich

nach Norden hin verlängert wird. Von

hier aus sind es nur wenige Stunden bis

Polen oder Italien.

W&M: Die Zeit der großen Auslandsinvestitionen

sei vorbei, sagt man. Auch Sie?

REINER HASELOFF: Richtig daran ist,

dass unter dem Eindruck der weltweiten

Wirtschafts- und Finanzkrise gegenwärtig

Milliardeninvestitionen eher die Ausnahme

sind. Wir beobachten, dass Investoren

in Etappen vorgehen. Die GA Pack

investiert 50 Millionen in Halle und hat

weitere Millionen auf dem Tableau. So

verhalten sich auch die Inder mit ihrer

Flaschenfabrik bei Gardelegen. Wir haben

fünf strategische Gewerbegebiete,

auf die wir uns konzentrieren, zwei werden

mit der A 14 hinzukommen. Die Erschließung

solcher Gebiete in guter Lage

ist eine notwendige, wenn auch nicht

hinreichende Bedingung. Damit kann

und muss ich dann werben.

W&M: Schicken sie einen Investor wieder

weg, wenn sein Vorhaben nicht in die Cluster-

Struktur des Landes passt?

REINER HASELOFF: Nein! Cluster sind

wichtig und richtig, aber durch die Krise

sind wir gekommen, weil wir eben keine

Monostrukturen mehr haben. Wir werden

weiter diversifizieren und zugleich

die Leitbranchen mit besonderen Steuerinstrumenten

fördern, vor allem Wissenschaft

und Produktion noch enger verknüpfen.

Diese Verknüpfung ist heute

schon ein entscheidender Standortvorteil

und ein ausschlaggebendes Ansiedlungsargument.

W&M: Herr Ministerpräsident, wir danken

für das Gespräch.

12 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


GESPRÄCH

REINER HASELOFF im Gespräch mit W&M-Redakteur

Helfried Liebsch; Mitte: Regierungssprecher Franz Kadell.

schon 3.000 Familien zurückgeholt. Obwohl

sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt

erst in jüngster Zeit entspannt hat. Das

Entscheidende sind Jobs und die werden

jetzt frei. Bis 2016 werden dem Arbeitsmarkt

im Land 150.000 Arbeitskräfte

weniger als heute zur Verfügung stehen,

daher müssen wir jetzt in die Offensive

kommen. Dazu planen wir eine bundesweite

Kampagne.

W&M: Sie wollen 150.000 zurückholen?

REINER HASELOFF: Nein, nicht in dieser

Größenordnung, aber eine fünfstellige

Zahl. Wir wollen alle Reserven ausschöpfen.

Mehr Frauen in Lohn und Brot bringen,

Langzeitarbeitslose für eine Beschäftigung

fit machen, die Schulabbrecher-

Quote von zwölf Prozent verringern,

Absolventen von Universitäten und

Hochschulen im Lande halten – und jene

zurückgewinnen, die anderswo ihr

Glück gesucht haben. Eine Kaskade.

W&M: Heißt die Konzentration auf Rückwanderer,

dass Ihnen andere Zuwanderer

unwillkommen sind?

REINER HASELOFF: Nein, aber nach unserer

Erfahrung haben 80 bis 90 Prozent

der Menschen, die ins Land kommen,

hier ihre Wurzeln. Bei ihnen fallen auch

die Vorurteile weg. Eine Aktion zum Jahresende

2010 hat gezeigt, dass das Interesse

an einer Rückkehr riesengroß ist.

Zuwanderung aus anderen Ländern der

Welt zum Nulltarif wird es nicht geben.

W&M: Wie erfährt ein gebürtiger Magdeburger,

der unterdessen in Köln oder Hamburg

lebt, von ihrer Kampagne?

REINER HASELOFF: Wir informieren im

Herbst in überregionalen Medien. Aber

die Information ist im Internet-Zeitalter

das geringste Problem. Onkel oder Tante

greifen zum Hörer, die Familiennetzwerke

funktionieren, Klassenkameraden

mailen. Zum Jahresende hin war die Hotline

überlastet. Es kamen selbst Anrufe

aus dem Ausland, so aus Schweden.

W&M: Wenn die Information

funktioniert, dann hängt es an

den Jobs – und die an Investitionen.

Laut Information von Germany

Trade & Invest (GTAI), der

Gesellschaft für Außenwirtschaft

und Standortmarketing,

ist Sachsen-Anhalt das Land mit

den meisten ausländischen Direktinvestitionen

Ost. Worauf

führen Sie das zurück?

REINER HASELOFF: Eine

monokausale Erklärung gibt

es nicht und kein Patentrezept.

Und weil Sie die GTAI

erwähnen, gerade sie hat

uns immens geholfen, zusammen

mit der Investitionsund

Marketinggesellschaft

des Landes. Eine ganze Reihe von Investitionen

in den Bereichen Glas oder Solar

sind auf sie zurückzuführen. Deutschland

bleibt mit seinem Nachweis, Krisen

bewältigen zu können, verlässliche Rahmenbedingungen

zu bieten, qualifizierte

Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben,

ein gefragter Investitionsstandort.

W&M: Auch Ostdeutschland?

REINER HASELOFF: Ich habe zum Beispiel

dieser Tage den Grundstein für die

erste private chinesische Investition in

ganz Deutschland gelegt. Der weltweit

zweitgrößte Lieferant von sterilen Verpackungsmaterialien

wird in Halle produzieren.

Wir sind sicher, nachdem

ZUR

PERSON

Buch-Halter und Beatles-Fan

Seit dem 19. April 2011 hat das Land

Sachsen-Anhalt mit Dr. Reiner Haseloff

einen Ministerpräsidenten, der auf den

ersten Blick ein Buchhalter sein könnte.

Und das ist der 1954 in Bülzig nahe der

Lutherstadt Wittenberg geborene Katholik

tatsächlich: bibliophil. Einer, der

wöchentlich mindestens drei Bücher

in der Hand hält – und sie verschlingt.

Auf der CDU-Website gibt es zudem ein

Jugendfoto, das seine Vorliebe für die

Beatles langhaarig dokumentiert. Landesvater

– dieser Ehrentitel will zu dem

Familienvater, der seit 1976 mit der späteren

Zahnärztin Dr. Gabriele Haseloff,

verheiratet ist, zwei Kinder und vier Enkel

hat, noch nicht recht passen. Der

promovierte Naturwissenschaftler ist

Schnelldenker und zum gelegentlichen

Verdruss auch Schnellredner. Zumal

seine verschachtelten Sätze zuweilen

kein Ende finden. Zum guten Ende hat er

indes seinen Job als Vorsitzender der

Ministerpräsidentenkonferenz gebracht.

Im Bundesrat stimmten die Länder mit

16:0 dem rascheren Atomausstieg zu.

schon das Maschinenbau-Unternehmen

Schiess in Aschersleben durch einen

chinesischen Staatsbetrieb übernommen

wurde, dass da noch etwas nachkommt.

Jedenfalls wurden weitere Gewerbeflächen

gekauft.

W&M: Noch einmal gefragt: Was ist Ihr besonderes

Rezept?

REINER HASELOFF: Wir haben offensiv,

intensiv und gezielt akquiriert, uns dabei

auf einige Länder konzentriert – wir

können nicht in der ganzen Welt unterwegs

sein. China gehört dazu, Polen,

Italien, die baltischen Staaten – da haben

wir Auslandsbüros eingerichtet. In

Shanghai zum Beispiel oder in Mailand.

Da gibt es viele Querverbindungen zum

hiesigen Chemiestandort.

W&M: Nehmen Sie mehr Geld in die Hand als

andere, fördern Sie stärker?

REINER HASELOFF: Nein, aber wir spielen

natürlich unsere strategische Lage

aus, schon seit Tausenden von Jahren

kreuzen sich hier Handelsstraßen. Heute

das Luftdrehkreuz Leipzig/Halle, die Autobahn

A9/A2, jetzt die A14, die endlich

nach Norden hin verlängert wird. Von

hier aus sind es nur wenige Stunden bis

Polen oder Italien.

W&M: Die Zeit der großen Auslandsinvestitionen

sei vorbei, sagt man. Auch Sie?

REINER HASELOFF: Richtig daran ist,

dass unter dem Eindruck der weltweiten

Wirtschafts- und Finanzkrise gegenwärtig

Milliardeninvestitionen eher die Ausnahme

sind. Wir beobachten, dass Investoren

in Etappen vorgehen. Die GA Pack

investiert 50 Millionen in Halle und hat

weitere Millionen auf dem Tableau. So

verhalten sich auch die Inder mit ihrer

Flaschenfabrik bei Gardelegen. Wir haben

fünf strategische Gewerbegebiete,

auf die wir uns konzentrieren, zwei werden

mit der A 14 hinzukommen. Die Erschließung

solcher Gebiete in guter Lage

ist eine notwendige, wenn auch nicht

hinreichende Bedingung. Damit kann

und muss ich dann werben.

W&M: Schicken sie einen Investor wieder

weg, wenn sein Vorhaben nicht in die Cluster-

Struktur des Landes passt?

REINER HASELOFF: Nein! Cluster sind

wichtig und richtig, aber durch die Krise

sind wir gekommen, weil wir eben keine

Monostrukturen mehr haben. Wir werden

weiter diversifizieren und zugleich

die Leitbranchen mit besonderen Steuerinstrumenten

fördern, vor allem Wissenschaft

und Produktion noch enger verknüpfen.

Diese Verknüpfung ist heute

schon ein entscheidender Standortvorteil

und ein ausschlaggebendes Ansiedlungsargument.

W&M: Herr Ministerpräsident, wir danken

für das Gespräch.

12 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SERIE

M arken

acher

ärkte

Konsum-Chefin Sigrid Hebestreit

Nur wer sich

ändert, bleibt

sich treu

Die markante Marke, ein von zwei

Löwen gehaltenes kräftigrotes K,

macht sich rar in der Öffentlichkeit.

Die Kaufhäuser und Fachgeschäfte

der Konsumgenossenschaft Weimar

indes sind desto

präsenter – in

erstklassigen

Lagen der Stadt der Dichter und

Denker, ganz Thüringens und auch

in Sachsen. Sigrid Hebestreit,

die Vorstandsvorsitzende, und

ihre Mitarbeiter schreiben

eine imposante Erfolgsgeschichte

mit vielen Happy Ends.

14 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SERIE

macht, ist es in der Öffentlichkeit nirgendwo

präsent, nicht einmal an den Lebensmittel-

und Getränkemärkten, die

der Konsum in einer gemeinsamen

GmbH mit dem langjährigen Partner

REWE betreibt. Die Läden heißen Xquisit,

Gerry Weber, Arqueonautas, Taifun,

Samoon, Antilope, Rieker, Tamaris oder

Schuhprofi, und das ist wohlbedacht.

»Hinter der Konsumgenossenschaft Weimar«,

sagt Sigrid Hebestreit, »stehen 138

Jahre Geschichte. Davon wissen die meisten

jungen Leute aber kaum etwas, und

ausländische Kunden können mit dem

Konsum schon gar nichts anfangen.« Die

Alteingesessenen wiederum verbinden

mit dem Namen oft noch Markenkleben

und die Mangelwirtschaft der DDR.

Mit ihrer Struktur, ihren Verkaufskonzepten

und ihrem Erfolg bilden der

Konsum Weimar und seine Tochtergesellschaften

heute ein hochmodernes

Unternehmen. Etwa 43 Millionen Euro

Gesamtumsatz im vergangenen Jahr machen

ihn zu einem der führenden Einzelhandelsunternehmen

in Thüringen und

mittlerweile auch in Sachsen.

Auch die Mitglieder, über 6.000 an der

Zahl, wissen die Vorzüge ihrer Genossenschaft

zu schätzen: Sie kommen in den

Genuss spezieller Einkaufsvorteile und

kostenloser Bedienung in der Änderungsschneiderei,

und ihre Einlagen von

gut einer Million Euro wurden auch 2010

wieder mit sechs Prozent verzinst.

Motor der erfreulichen Entwicklung

ist seit vielen Jahren Sigrid Hebestreit.

Beim Konsum Weimar hat sie ihre Lehre

als Verkäuferin und später in der Konsum-Fachschule

Blankenburg ein Studium

absolviert, danach ein kurzes Gastspiel

in der Personalabteilung gegeben

und eine Zeitlang als stellvertretende

Filialbereichsleiterin für Lebensmittel

gearbeitet. Der Aufstieg zur Vorstandsvorsitzenden

kam überraschend. 1984,

ihre beiden Kinder waren gerade eingeschult,

übernahm Sigrid Hebestreit ein

Unternehmen mit 1.200 Mitarbeitern

und 230 Millionen Mark Jahresumsatz.

Mit Ende Zwanzig musste sie in einer

Führungsriege, die im Durchschnitt

mehr als doppelt so alt war, Durchsetzungskraft

beweisen.

Ein gutes Training, das ihr auch in

den unübersichtlichen Wende- und

Nachwendezeiten zugute kam: »Als ein

aus dem Westen zugereister Bürgermeister

seine Hand auf Grundstücke legen

wollte, die seit eh und je der Genossenschaft

gehörten, habe ich mich gewehrt,

bis die Sache zu unseren Gunsten entschieden

war.« Ihre Unsicherheiten in Sachen

westlicher Handelsstrukturen

machte sie durch unerschöpfliche Neu-

An großen Namen herrscht in Weimar

kein Mangel. Goethe und

Schiller – die berühmtesten aller

Prominenten, die jemals in der beschaulichen

Residenzstadt zu Hause waren –

haben Unsterblichkeit erlangt. Zugleich

machen sie den Nachgeborenen das gern

entgegengenommene Geschenk, dennoch

vor langer Zeit gestorben zu sein –

vor so langer Zeit, dass ihre Namen heute

jedermann zum (hoffentlich pietätvollen)

Gebrauch zur Verfügung stehen.

Im Fall der beiden Kaufhäuser, die

nach den Weimarer Klassikern benannt

sind, sollte es da kaum Klagen geben. Erstens

haben sich Goethe und Schiller einiges

auf ihre Volkstümlichkeit zugute gehalten

(»Solch ein Gewimmel möcht’ ich

sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke

stehn«), und Einkaufen ist nun mal ein

populäres Vergnügen. Zweitens handelt

es sich um noble Konsumtempel mit anspruchsvollem

Warensortiment, dessen

sich niemand zu schämen braucht.

Das Volk ist so frei, das vom Dichterfürsten

prophezeite Gewimmel auf den

großzügigen, attraktiv gestalteten Verkaufsflächen

herzustellen. Man könnte

sogar sagen: die Völker. Denn der Handel

in Weimar profitiert wie in keiner anderen

thüringischen Stadt vom florierenden

Tourismus. An Wochenenden machen

auswärtige Besucher etwa 60 Prozent

der Kundschaft in den Kaufhäusern

und in vielen anderen Geschäften der Innenstadt

aus. In der Woche ist das Verhältnis

zu den Einheimischen etwa umgekehrt,

was immer noch sehr beachtlich

ist.

»Urlauber«, sagt Sigrid Hebestreit, »geben

ja gern Geld aus.« Dazu kommen die

vielen zahlungskräftigen Teilnehmer

Dutzender nationaler und internationaler

Kongresse. Auch die Weimarer sind

dem Shopping nicht abgeneigt, und das

nahe gelegene Jena, dessen Bürger gern

mal zum Einkaufsbummel herüberkommen,

hat die höchste Kaufkraft weit und

breit. Handtaschen zum stolzen Preis

von 300 Euro, vom angesagten Label Liebeskind

etwa, sind keineswegs Ladenhüter.

Im Gegenteil.

138 JAHRE GESCHICHTE

Sigrid Hebestreit ist die Vorstandsvorsitzende

der Konsumgenossenschaft Weimar,

die das Goethe Kaufhaus und das

Schiller Kaufhaus betreibt. Und mehr als

20 weitere Fachgeschäfte für Bekleidung

und Schuhe, die nicht nur in Weimar,

sondern auch in Erfurt, Gera, Jena, Gotha,

Dresden und Chemnitz gut besucht

werden. Obwohl das neu gestaltete Logo

– ein von zwei Löwen gehaltenes rotes K

auf schwarzem Grund – einiges her-

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 15


SERIE

KONSUM WEIMAR verbindet mit Gerry Weber seit vielen Jahren eine erfolgreiche Partnerschaft.

Fotos: Torsten George (7), Konsum Weimar

gier wett und stellte dabei fest, dass eine

gewisse Ahnungslosigkeit durchaus auf

Gegenseitigkeit beruhte. Die Frage

»Macht ihr im Osten eigentlich auch Bilanzen?«

verschlug ihr die Sprache, aber

nur für einen Moment. Dann stellte sie

wieder eigene Erkundigungen an.

Die Vorstandsvorsitzende wartete weder

auf Eingebungen von oben noch auf

Einflüsterungen schwer durchschaubarer

Unternehmensberater. Mit dem Wartburg

fuhr sie durch die alten Bundesländer,

im Kofferraum Benzinvorräte, auf

der Rückbank die provisorische Schlafgelegenheit.

Bei REWE blieb sie hängen.

Der Joint-Venture-Vertrag, der für beide

Beteiligte je die Hälfte der Anteile festschreibt,

ist bis heute gültig. Sigrid Hebestreit

ist stolz, gut verhandelt zu haben.

Monate vor der Währungsunion kamen

die ersten Westwaren in den Konsum,

in Sechserreihen, die sich um das

Goethe-Schiller-Denkmal ringelten, standen

die Kunden trotz horrender Preise

nach Ananas und Früchtejoghurt an.

Im Gegenzug hat die Chefin den

REWE-Verantwortlichen dieses und jenes

Ostprodukt schmackhaft gemacht.

IM STILLEN WEGE BAHNEN

Wenig später musste sie dann unpopuläre

Maßnahmen durchsetzen. »Es ging

um unsere Existenz«, sagt sie. »240 Lebensmittelgeschäfte,

davon 90 Prozent

auf dem Land, so konnten wir nicht überleben.«

Mit der Schließung der meisten

Filialen – bei wenigen nur lohnte sich

die Privatisierung – und der Entlassung

von 800 der 1.200 Mitarbeiter hat sie sich

auch in der Bevölkerung nicht immer

Freunde gemacht. Bürgermeister und

Kunden verlangten Rechtfertigung und

waren doch oft nicht zu überzeugen. Im

Konsum, verkündeten viele, kaufen wir

so schnell nicht wieder ein.

Auch manch älterer Vorstandskollege

hätte lieber abgewartet, Sigrid Hebestreit

allerdings sah das Heil in der Offensive.

Einsam fühlte sie sich auch in schwierigen

Zeiten nie: »Es gab und gibt immer

Menschen, mit denen man neue Wege

KONSUM WEIMAR bürgt sowohl im Foodals

auch im Nonfood-Bereich für Qualität.

gehen kann. Mein Prinzip ist, Bedenken

ernst zu nehmen und so lange zu diskutieren,

bis wir die beste Lösung gefunden

haben.«

Damals, so erinnerte sich ihr gegenüber

kürzlich eine ehemalige Mitarbeiterin,

habe diese das nicht einsehen wollen.

»Heute weiß ich«, ergänzte die einstige

Kollegin im Gespräch, »die harten

Schnitte waren richtig.«

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu,

findet die Vorstandsvorsitzende und zitiert

Goethe: »Auch aus Steinen, die einem

in den Weg gelegt werden, kann

man Schönes bauen.« Inzwischen hat der

Konsum Weimar wieder 740 Mitarbeiter.

Etwa 60 sollen in diesem Jahr dazukommen,

die meisten im Chemnitz Center in

Röhrsdorf, wo der Konsum Weimar am

1. September auf 5.500 Quadratmetern

sein Life Style Xquisit Kaufhaus eröffnet.

Die Hinwendung vom Lebensmittelhandel

zum Non-Food-Bereich ist einer

persönlichen Vorliebe der Chefin geschuldet,

in erster Linie aber ihrem festen

Willen, ihr Unternehmen unabhängig

zu machen. Leicht war es nicht für

eine Frau aus dem Osten und aus einer

Firma, die fast ausschließlich Erfahrungen

mit Lebensmitteln hatte, in der Textilbranche

ernst genommen zu werden.

Mancher mag sich später gewünscht

haben, das muntere Funkeln in ihren

Augen nicht ignoriert zu haben.

Sigrid Hebestreits Strategie: Im Stillen

Wege bahnen und dann mit der eigenen

Leistung in die Offensive gehen. So konnte

sie, die mit ihrer Gelassenheit und

16 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SERIE

Freundlichkeit nicht selten

unterschätzt wurde (was sie

stets in Vorteile umzumünzen

verstand), einen Erfolg

nach dem andern verbuchen.

Renommierte Textilfirmen,

die ihr ein ums andere

Mal die kalte Schulter zeigten,

kommen heute von allein,

um dem Konsum Weimar

ihre hochwertigen Sortimente

anzubieten. Und der

Konsum, mit seinem beachtlichen

Einkaufsvolumen im

Rücken kann überaus vorteilhafte

Verträge aushandeln.

Im Service lässt sich die

Konsum-Belegschaft von niemandem

übertreffen. Neben

den Dichtern und Denkern,

die so viele Besucher nach

Weimar locken, sind die Mitarbeiterinnen

(»Wir sind

eine Weiberwirtschaft», sagt

die Chefin, »das ist ein gutes

Arbeiten«) das Pfund, mit

dem das Unternehmen wuchert.

Textilien verkaufen viele, aber

längst nicht alle so feinfühlig und begeistert,

wie das in Weimar der Fall ist. Die

Verkäuferinnen sind geschult, den Kunden

von den Augen abzulesen, ob sie sogleich

engagierte Beratung wünschen

oder lieber in Ruhe gelassen werden

möchten. Sonja Pfirschke etwa arbeitet

seit 48 Jahren beim Konsum und hat ihre

heutige Chefin einst als Lehrling betreut.

Das Engagement und die Innovationsfreude

von Sigrid Hebestreit hat der

Thüringer Verband der Unternehmerinnen

(VdU) in diesem Jahr in besonderer

WÄHREND DIE GATTIN shoppt, entspannt der Gatte im

tiefen Kaufhaus-Fauteuil.

Weise gewürdigt. Die Konsum-Chefin

gehört zu den diesjährigen drei Preisträgerinnen

des Emily-Roebling-Preises. Der

Thüringer VdU verleiht die Auszeichnung

für außergwöhnliche Leistungen

von Unternehmerinnen im Bundesland.

DER KUNDE IST KÖNIG

Auswärtigen Gästen werden die Einkäufe

ins Hotel gebracht, ins berühmte »Elephant«

beispielsweise, und wenn einem

Gast kurz vor einem wichtigen Termin

der Koffer abhanden gekommen ist, empfängt

ihn das Schiller Kaufhaus ausnahmsweise

einmal auch spät am

Abend. In Hotelfoyers stellt der Konsum

Schmuckkollektionen aus und kleidet

von Zeit zu Zeit die Mitarbeiter an der Rezeption

ein. Da sich Sigrid Hebestreit

auch im Tourismus-Marketing engagiert,

weiß sie immer aus erster Hand, was in

ihrer Stadt los ist und kann sich mit besonderen

Aktionen darauf einstellen.

Männer, die ihre Frauen beim Einkauf

begleiten, werden in komfortable Sessel

gebeten und mit Kaffee oder Sekt bei

Laune gehalten. Sie sind es dann auch,

die am schnellsten zu begeistern sind,

wenn zweimal im Jahr Stammkunden zu

Abendveranstaltungen eingeladen werden,

auf denen bei freundlicher Bewirtung

neue Modetrends vorgestellt werden,

nach Herzenslust eingekauft und

dabei ein wenig gefeiert werden kann.

Die letzten Gäste gehen nicht vor zwei,

drei Uhr morgens.

Männer für Einkaufs-Events gewinnen:

Fast sieht es so aus, als wäre dem

Konsum Weimar nichts unmöglich. An

einer Kleinigkeit ist er bisher aber doch

gescheitert: Goethe und Schiller auf

ihrem Denkmalssockel vor dem Nationaltheater

waren nicht zu bewegen, ihre

Plätze zu tauschen. Deshalb steht Johann

Wolfgang bis auf weiteres näher am

Schiller Kaufhaus, Friedrich näher am

Kaufhaus, das Goethes Namen trägt. Um

die Ordnung herzustellen, könnten

natürlich auch die Häuser ihre Namen

wechseln. Aber kleine Schönheitsfehler

sollen ja den Reiz einer Sache durchaus

erhöhen. Außerdem ist es immer gut, ein

paar besondere Ziele in petto zu haben.

So hat es der Konsum Weimar immer gehalten.

Constanze Treuber

&

Brasilien

Brasil

www.brasilianische-botschaft.de

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 17


BETRACHTUNG

Platt, platter – Wahlplakate

Der Krampf

um Berlin

WAHL

EXTRA

BERLIN

Wo bitte geht’s hier zum Wahlkampf?

Noch vor Wochen fragte man sich,

ob tatsächlich am 18. September

in der Hauptstadt über ein neues

Abgeordnetenhaus abgestimmt werde.

Heute ist Berlin für einige Millionen

Euro zugekleistert. Mit krampfhaft

originellen Sprüchen und platten Parolen.

Inhalte? Trennschärfe? Fehlanzeige.

Fotos: Torsten George (3), H. Liebsch

Früher war alles besser. Da konnte

man nach dem Angebot an alkoholischen

Getränken bei den Wahlveranstaltungen

entscheiden, welcher Partei

man seine Stimme gibt. Das bezeugte

weiland Kurt Tucholskys älterer, leicht

besoffener Herr. In vino veritas? Na ja,

nicht ganz. Denn nach SPD-Besuch beschließt

der wohl bekannteste Besitzer

eines »selbständjen Jemieseladens«, bei

der Stimmabgabe auch seine Interessenlage

zu berücksichtigen: »Ick werde

wahrscheinlich diese Pachtei wähln – es

is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat

for de Revolutzjon, aber man weeß janz

jenau: mit diese Pachtei kommt se nich.«

KABARETTREIFE FARBENSPIELE

Rund 80 Jahre später geht es zwar in den

hauptstädtischen Wahlveranstaltungen

viel trockener zu – ob man das allerdings

auch von den Meetings in den

Kampagnezentralen der Parteien beziehungsweise

den Kommunikations- oder

Kreativagenturen sagen kann, da bestehen

erhebliche Zweifel. Jedenfalls angesichts

der mit Plakaten zugemüllten

Stadt. Annähernd fünf Millionen Euro

sollen dem Vernehmen nach die Parteien

in diesem Jahr für ihre Wahlkämpfe ausgeben.

Geld, das inzwischen an Wänden

und Laternenpfählen die seltsamsten

Blüten treibt. Beispielsweise fragt ein

Piratenpartei-Kandidat von oben herab:

»Warum häng’ ich hier eigentlich, ihr

geht ja eh’ nicht wählen!«

Es hat tatsächlich den Anschein, als

sollten die Berlinerinnen und Berliner

am 18. September 2011 statt der Abgeordnetenhaus-Wahl

so eine Art Elferrats-Sitzung

abhalten. Eine ganze Reihe von Parlamentsanwärtern

nimmt sich offenbar

das legendäre Vera-Lengsfeld-Plakat zum

Vorbild. Die hatte sich zur Bundestagswahl

2009 per Fotomontage Seite an Seite

mit der gleichfalls tief dekolletierten

Kanzlerin gestellt und behauptet: »Wir

haben mehr zu bieten!« Den Sieg trug

damals im Berliner Wahlbezirk Friedrichshain-Kreuzberg

allerdings nicht der

Lengsfeld-Busen davon, sondern die vergleichsweise

flache Brust des grünen

Urgesteins Christian Ströbele.

Eine Blütenlese 2011 verrät indes die

Langzeitwirkung des Kultplakats. Das

schreibt die DIE NEUE FDP auf gelben

Grund: »Wir meinen, dass es eine nette

Geste wäre, in Paris nach Croissants statt

nach Schrippen zu fragen.« Hä? Zuviel

Cognac im Kaffee? Dann dämmert es:

Das ist der um drei Ecken gedachte

Beitrag der Neu-FDP zur bundesweiten

Integrationsdebatte. Er will sagen, wir

sind hier in Deutschland und da wird

Deutsch gesprochen. Dagegen wendet

sich die »Berliner Zeitung« mit dem lapi-

daren Hinweis, dass es wahrscheinlich

nicht zielführend wäre, in Paris nach

Croissants statt nach Schrippen zu fragen.

Wer Schrippen wolle, der müsse sich

eben Petits Pains wünschen.

Es spricht einiges für übermäßigen

Genuss von Pfefferminzlikör, wenn die

Grünen einen auf dem Dach liegenden S-

Bahn-Waggon mit dem Slogan verbinden:

»DA MÜSSEN WIR RAN!« Wer sind

wir? Die großflächig plakatierte Spitzenkandidatin

Renate Künast hat schon angekündigt,

nach der Wahl in die Bundespolitik

zurückzukehren statt sich landespolitisch

zu verschleißen. Allenfalls als

Regierende würde sie bleiben. Das wird

nach aktueller Lage der Umfragen nur etwas,

wenn die Grünen wieder stark zulegen

– und zusammen mit der CDU die

Stadt regieren können. Ein verlockender

Gedanke. Man könnte sich künftig die

Kabarett-Karten sparen!

ROTER SENAT AN ALLEM SCHULD

Apropos CDU. Sie kommt herkömmlich

und traditionsbewusst daher und ohne

direkten Bezug zur verkehrten Welt der

S-Bahn. Suggestiv blickt ihr Frontmann

Frank Henkel seinen potenziellen Wählerinnen

und Wählern in die Augen. Links

werden die 100 Probleme von Berlin angekündigt,

rechts die 100 Lösungen, die

Christdemokraten in der Tasche haben.

18 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


BETRACHTUNG

den Bürgermeister Klaus Wowereit. Er

bittet in tollen Schnappschüssen, nein,

nicht um Vergebung, sondern demütig

um Verständnis für seinen Politikstil:

»Berlin verstehen«. Sympathisch. Bei der

Vorstellung der Kampagne prägte der

SPD-Landesvorsitzende Michael Müller

ein Wort, das Jahrhunderte überdauern

könnte: »Wir wollen selbstbewusst klarmachen:

Es reicht nicht, die Stadt zu kennen.

Wer hier regieren will, muss die

Stadt auch verstehen.« Obendrein hat das

Motto einen hohen Wiederverwendungswert

für alle künftigen SPD-Wahlkämpfe.

München, Köln, Kiel, Nürnberg ... verstehen.

Da kann kein Alkohol im Spiele

gewesen sein, da muss etwas Stärkeres

seine Wirkung entfaltet haben.

AM ENDE IN DER OPPOSITION?

Mal ganz nüchtern: Was sich dieser Tage

in den Straßen Berlins darbietet, beleidigt

den Verstand. Dieses Verständnis

von Politik zwischen Allmacht (CDU) und

Ohnmacht (SPD) verstellt jeden Blick darauf,

was wirklich zu tun ist. Man muss

nicht auf Paris oder London verweisen,

man kann auch in Berlin erfahren, wie

Stadtentwicklung verläuft, wenn man

sie den Marktkräften überlässt. Die soziale

Entmischung schreitet fort, schier

ungebremst. Berlin ist zudem die Hauptstadt

der Aufstocker, der Leute, die von

Man kann sie auch am Kiosk kaufen,

nicht die Demokraten, sondern die Lösungen

– für gerade mal 50 Cent. Da

keimt Hoffnung. Besonders dann, wenn

man nach durchzechter Nacht am Morgen

kaum die Augen aufbekommt und

wirklich ein dickes Problem hat. Da ist

man doch erleichtert, wenn der Blick das

Plakat streift und man liest: 100 Probleme

– Frank Henkel.

Aber das heimtückisch-schadenfrohe

Plakat war nur zum Aufwärmen gedacht.

Für die restliche Kampagne hat sich deren

Zentrale offenbar über eine Kiste

»Blauen Würger« aus alten Ost-CDU-Beständen

hergemacht. Weiß auf blauem

Grund heißt es: »Frank Henkel – damit

sich was ändert«. Plakat und Plagiat in einem.

Wer mag, erinnert sich an die Bundestagswahl

2009 und »Grün wählen –

damit sich was ändert«. Und dann wird

gegen Arbeitslosigkeit, Schmutz, Lehrermangel,

Schulden, Mietanstieg, Gewalt

und andere vom rot-roten Senat unmittelbar

verursachten Missstände Front gemacht.

Man fürchtet sich, um die nächste

Ecke zu gehen und mit dem Schriftzug

konfrontiert zu werden: »Henkel

statt Sozialismus«.

Da muss die SPD dagegenhalten. Mit

großflächigen Konterfeis von glücklich

regierten Berlinerinnen und Berlinern

und einem noch glücklicheren Regierenihrem

Job nicht leben können. Wer das

für sexy hält, der ist geistig arm.

Selbstverständlich kann man das internationale

Flair der Stadt bejubeln und

preisen, dass ab 22 Uhr in den Mitte-

Lokalen oder im Prenzlauer Berg nur

noch Englisch gesprochen wird. Wenn

aber Partei zur Party schrumpft, dann

stimmt etwas nicht. Auch das S-Bahn-

Desaster hat nachweislich mit Privatisierung

und dem hellen Wahn zu tun, an

der Börse mit der Deutschen Bahn richtig

Geld einzusacken.

Apropos Geld. Die Linke muss nach eigenen

Worten in diesem Jahr an Geldern

sparen und hat offenbar Rotkäppchen-

Sekt und Cuba-Rum rationiert. Anders ist

es nicht zu verstehen, dass sie mit platten

Parolen, die ein bisschen vorgestrig

anmuten, ihre Anhänger mobilisieren

will: »Mieter vor Wild-West schützen«.

Man reibt sich verdutzt die Augen und

fragt sich, wer hier in Berlin seit 2002

mitregiert. Mag sein, dass die Partei wie

die CDU auf alte Frontstadt-Reflexe setzt

und in den bösen Westkapitalisten ihr

Feindbild recycelt. Vorwärts in die Vergangenheit?

»Veränderung beginnt mit

Opposition«, hieß einmal der Slogan der

dunkelroten Genossen, nun, eine solche

taktische Veränderung endet in der Opposition.

Wetten?

Hans Hansen

&

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 19


REPORT

WAHL

EXTRA

KOALITIONSFRAGE OFFEN

Sellering zeigt zwei Gesichter für die

gleiche Aussage. Er lobt die gute Regierungsarbeit

zusammen mit den Christdemokraten,

stellt aber auch dem früheren

Tandem mit der Linken ein passables

Zeugnis aus. In einer Umfrage des Norddeutschen

Rundfunks vier Wochen vor

dem Urnengang lag die SPD mit 34 Prozent

vor der CDU, die auf Sichtweite mit

30 Prozent gehandelt wurde. Die Linken

folgten mit 18 Prozent. Hat diese Relation

am 4. September Bestand, bekommen

die Bürger Mecklenburg-Vorpom-

MECKLENBURG-

VORPOMMERN

Fotos: DPA/ZB, T. Schwandt

Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern

Regierungschef gibt

den doppelten Sellering

Das Bundesland an der Ostseeküste entwickelt beachtenswerte Dynamik auf dem Weg zu einer

sich selbst tragenden Wirtschaft. Das lähmt den Wahlkampf zwischen Wismar und Wolgast.

partner aussuchen zu können. Weitermachen

mit der CDU, wie in der zurückliegenden

fünfjährigen Legislaturperiode,

oder Neuauflage eines rot-roten

Bündnisses, das bereits von 1998 bis 2006

das nordöstliche Bundesland regiert hat.

Im Wahlkampf hat CDU-Spitzenkandidat

Lorenz Caffier seinen SPD-Kontrahenten,

Ministerpräsident Erwin

Sellering, klar abgehängt. Zumindest auf

dem Plakat. Der Slogan »C wie Zukunft«

neben dem freundlich-seriös lächelnden

Unionspolitiker (C wie Caffier) erregte

bundesweite Aufmerksamkeit unter humorlosen

Orthografen und landesfernen

Lästerfedern in hauptstädtischen Redaktionsstuben.

SPD-Frontmann Sellering schaut dafür

landesväterlich gleich doppelt vom

Plakat auf das Wahlvolk. Der doppelte

Sellering, das hat im Werbefeldzug zu

den Landtagswahlen am 4. September

dieses Jahres in Mecklenburg-Vorpommern

charakterisierende Symbolik.

Denn der sozialdemokratische Ministerpräsident

ist in der komfortablen Lage,

sich bei einem Wahlsieg den Koalitionsmerns

den Sellering. Egal, welchen sie

sich auf dem Wahlplakat ausgucken.

Der CDU wird der Punktsieg im Plakatwettbewerb

wenig behagen. Denn,

der lautlose und blasse Wahlkämpfer

Caffier könnte durchaus Kalkül sein. Die

Sozialdemokraten auf der Zielgeraden

noch knapp zu überholen, würde die Koalitionsfrage

bereits am Wahlabend entscheiden.

Da die FDP mit drei (Umfrage)

Prozent an den außerparlamentarischen

Katzentisch verwiesen werden wird und

die Grünen mit acht Prozent auch rein

rechnerisch als Partner keine Option

sein werden, wäre Rot-Rot vorprogrammiert,

landeten die siegreichen Christdemokraten

auf der Oppositionsbank. Diese

Zukunft mit C haben die Wahlstrategen

der Union sicherlich nicht gemeint.

Da Linke-Spitzenkandidat Helmut

Holter, querab aller bundespolitischer

20 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


REPORT

Debatten und Vorbehalte seiner Partei zu

Regierungsbeteiligungen, keinen Hehl

daraus macht, künftig am Kabinettstisch

sitzen zu wollen, läuft das Landtagswahlrennen

im Nordosten seit Wochen als

Buhler-Wettstreit um Sellerings Gunst.

Der sagt, er werde den Partner bevorzugen,

»mit dem wir mehr sozialdemokratische

Inhalte umsetzen können«.

ARBEITSMARKT STABIL

In der arbeitsmarktpolitischen Entwicklung

bescheinigt eine aktuelle Studie der

Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

(INSM) dem Land Mecklenburg-Vorpommern

eine beachtenswerte Dynamik. Im

Vergleich aller 16 Bundesländer kam der

Nordosten auf Platz drei ein. Nirgends

sank die Arbeitslosenquote in den

zurückliegenden vier Jahren so stark wie

zwischen Wismar und Wolgast. Das ist

umso bemerkenswerter, weil unter Ägide

der großen Koalition in der schweren Krise

2008/09 ein Desaster auf dem Arbeitsmarkt

ausgeblieben ist. Zwar verloren

1.200 Schiffbauer der insolventen Wadan-Werften

ihre Jobs, doch unter maßgeblicher

Regie des vom CDU-Politiker

Jürgen Seidel geführten Wirtschaftsministeriums

und der Agentur für Arbeit

wurde einem Großteil der Betroffenen

unbürokratische Hilfe zuteil. In der

mittelständischen maritimen Zuliefererindustrie

konnte der Flurschaden ebenfalls

begrenzt werden. Auch weil die rotschwarze

Landesregierung zügig den Fokus

auf die sich abzeichnenden neuen

Chancen im Bereich der erneuerbaren

Energien, allen voran der Offshore Windenergie,

richtete. Sellering wird nicht

müde, dies als größte Wachstumschance

SCHWERINER SCHLOSS Wahrzeichen und

Machtzentrum in Mecklenburg-Vorpommern

für den Nordosten zu apostrophieren. Da

weiß er sich eins mit Wirtschaftsminister

Seidel. So viel Einigkeit gab es nicht

immer. Bei den inzwischen versenkten

Plänen zum Bau eines Steinkohlekraftwerks

im vorpommerschen Lubmin fuhren

Ministerpräsident und Wirtschaftsminister

einen gegensätzlichen Kurs.

Arbeitsplätze schaffen, das Ziel ist parteiübergreifender

Konsens. Die Linke

möchte zum öffentlich geförderten Beschäftigungssektor

zurück, hier 1.500

Jobs schaffen. Der Sockel von schwer zu

vermittelnden Langzeitarbeitslosen unter

den 100.000 Erwerbslosen in Mecklenburg-Vorpommern

ist hoch und fest. Die

CDU erwägt, mit einer Bildungsoffensive

die Langzeitarbeitlosen fit zu machen

für den ersten Arbeitsmarkt. Auch, um

dem Fachkräftemangel in der Wirtschaft

zu begegnen. Über den Bildungsweg gehen

auch die Grünen. Deren Spitzenmann

Jürgen Suhr sieht in der hohen

Schulabbrecherquote von 14 Prozent ein

nicht zu akzeptierendes Defizit.

Suhr fordert zudem mehr Geld für die

Wissenschaft, deren Forschungsleistung

aber »gezielter auf die Bedarfe in der

Wirtschaft« ausgerichtet werden müsse.

Hier stehe Mecklenburg-Vorpommern im

Wettbewerb mit den anderen Bundesländern.

Die FDP plädiert dafür, die Kernkompetenzen

an den zwei Universitäten

und den Hochschulen im Land zu schärfen

und herauszustellen. Wissenschaft

und Wirtschaft sieht Ministerpräsident

Sellering »verzahnt genug«. Es gelte, so

weiter zu machen. Aber, warnt er, das

Land sei nicht in der Lage, bei der Finanzierung

der Hochschullandschaft »jährlich

fünf Prozent oben drauf zu packen«.

SCHULDENBREMSE FEST

Sellering will Mecklenburg-Vorpommern,

das seit 2006 ohne Neuverschuldung

auskommt, auch in Zukunft ohne

neue Schulden regieren. Im Landtag ließ

er die Schuldenbremse verfassungsrechtlich

zementieren. Für ihn wie für seinen

bisherigen Koalitionspartner ist dies eine

Voraussetzung, um bis 2020 Mecklenburg-Vorpommern

in die Lage zu versetzen,

sich wirtschaftlich selbst zu tragen.

Die Linken verweigerten dem Ministerpräsidenten

im Landesparlament die

Gefolgschaft. Die Schuldenfrage könnte

zum Zünglein an der Waage werden, für

welche Koalition sich Sellering entscheidet.

An der Schuldenbremse gibt es für

ihn kein Rütteln. Dass an diesem haushaltspolitischen

Pfeiler Rot-Rot scheitern

wird, ist damit aber nicht gesagt. Holter,

Fraktionschef der Linken im Landtag,

war im Plakatwald wochenlang nicht zu

sichten. Auch eine Ansage – alles offen.

Thomas Schwandt

Hand aufs Herz

FAKTEN

Drei Fragen an die Spitzenkandidaten von CDU und Die Linke

1. Welche (Wunsch-)Koalition regiert MV nach dem 4. September?

Lorenz Caffier: Ich hoffe auf eine CDU-geführte Regierung. Da die Linken

und die NPD als Partner entfallen, gibt es keine übermäßig großen Optionen.

Helmut Holter: Klare Antwort, eine rot-rote Koalition.

2. Welches Amt streben Sie an, wenn es mit dem des Ministerpräsidenten

nicht klappt?

Lorenz Caffier: Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt.

Helmut Holter: Als Minister für Wirtschaft und Arbeit hätte ich ein reizvolles

Gestaltungsfeld.

3. Was hat Ihre Partei nicht, was die SPD in der Wählergunst vorn liegen lässt?

Lorenz Caffier: Den Ministerpräsidenten. Das ist ein Riesenproblem in einer

funktionierenden großen Koalition. Die Fachminister sind für die Abteilung

Probleme zuständig, der Chef ist zuständig für die Abteilung Sonnenschein.

Helmut Holter: Wir haben nicht den Ministerpräsidenten.

Umfrageergebnis

vom 4. August 2011

von Infratest-Dimap im Auftrag des NDR

Prozent

40

30

20

10

0

SPD CDU Linke Grüne FDP NPD

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 21


REPORT

Lorenz Caffier, Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns und Landesvorsitzender

der CDU, über schlagkräftige Verwaltungen und Freiräume für die Wirtschaft

Kein »Schotten dicht« in Europa

W&M: Die CDU wirbt »Wirtschaft wächst, wo

man sie lässt«. Wo will die CDU in Mecklenburg-Vorpommern

die Wirtschaft lassen?

CAFFIER: Trotz guter Vorsätze ist es

nicht gelungen, Normen und Vorschriften,

ob vom Land oder Bund, wesentlich

zu reduzieren und zu vereinfachen. Der

Abbau von Bürokratie muss energischer

vorangetrieben werden. Ein neues Gesetz

zieht in der Regel zehn neue Vorschriften

nach sich. Da kommt selbst der kleine

Handwerksbetrieb nicht umhin, einen

Sachbearbeiter anzustellen, der

nichts anderes macht, als Statistiken und

Formulare zu bearbeiten. Entlastend ist

es schon, wenn die vorhandenen Freiräume

im Rahmen der Gesetze für die Wirtschaft

besser genutzt werden.

W&M: Was heißt das konkret?

CAFFIER: Bürokratie abzubauen ist in

Deutschland ein schwieriges Unterfangen.

Mit der wachsenden Machtfülle der

Europäischen Union wird es noch komplizierter.

Umso wichtiger ist es, dass die

öffentliche Hand, auch ich als Minister,

ein Stück mehr Risiko eingehen. Wenn es

zum Beispiel darum geht, die Freiräume,

die jedem Gesetz innewohnen, im Sinne

der Wirtschaft zu interpretieren. Nur die

schwarzen Buchstaben lesen, das wirkt

wirtschaftshemmend.

W&M: Als Innenminister haben Sie mit der

Kreisgebietsreform ein umstrittenes Thema

angefasst. Ist diese Reform geeignet, den

Bürokratieabbau voranzutreiben?

CAFFIER: In Mecklenburg-Vorpommern

treten bestimmte Probleme fünf bis zehn

Jahre früher zutage als in anderen Ländern,

etwa der Bevölkerungsrückgang.

Diesen kann der öffentliche Dienst nicht

ignorieren. Größere Einheiten auf Kreisebene

sind notwendig, um betriebs- und

wirtschaftsfähige Kommunalstrukturen

zu erhalten. Das ist eine gute Chance, die

Verwaltungen effektiver aufzustellen,

ihre Schlagkraft zu erhöhen.

W&M: Alle demokratischen Parteien wollen

die Arbeitslosigkeit weiter verringern. Es gibt

inzwischen sogar viele freie Stellen. Auf der

anderen Seite werden Fachkräfte gesucht. Die

CDU hat sich auf die Fahne geschrieben, Langzeitarbeitslose

für den ersten Arbeitsmarkt fit

zu machen. Was bestärkt Sie, darin die Lösung

des Problems zu sehen?

CAFFIER: Das Problem ist nicht schwarzweiß

zu betrachten. Es hat viele Facetten.

Eine ist die viel zu hohe Schulabbrecher-

Quote von 14 Prozent im Land. Hier muss

aktiv was getan werden. Das ist eine gesamtgesellschaftliche

Aufgabe, nicht nur

eine der Politik. In den letzten fünf Jahren

haben wir auf die Schaffung von Jobs

auf dem ersten Arbeitsmarkt gesetzt,

und nicht wie die rot-rote Koalition zuvor

auf den öffentlichen Beschäftigungssektor.

Unser Kurs hat sich ausgezahlt,

weil so mehr sozialversicherungspflichtige

Arbeitsplätze entstanden sind. Für

Langzeitarbeitlose planen wir ab 2014

eine Bildungsoffensive. Da etliche dieser

Menschen auch künftig schwer vermittelbar

sein werden, wollen wir für sie die

Möglichkeit zur Bürgerarbeit vorhalten.

»Im Tourismus werden

Jahresgehälter

von durchschnittlich

12.500 EURO

brutto gezahlt.«

W&M: Damit wird aber der wachsende Fachkräftemangel

nicht behoben.

CAFFIER: Um genügend Fachkräfte zu

haben, werden wir in anderen Ländern

werben müssen. In allen Facetten. Ein

gutes Beispiel sind die Lehrer. Ich war immer

gegen die Verbeamtung. Aber heute

steht die Frage nicht mehr, ob junge Lehrer

verbeamtet werden oder nicht. Inzwischen

geht es darum, ob ich Lehrer bekomme

oder nicht.

W&M: Sie sind für Verbeamtung der Lehrer?

CAFFIER: Für Neulehrer ja. Das steht in

unserem Wahlprogramm. Die Union

muss sich auch in der Frage einer gesteuerten

Zuwanderung öffnen. Wir hatten

2008 im Land 20.800 Schulabgänger, aktuell

sind es noch 10.500. Dafür drängen

aus dem Osten junge qualifizierte Menschen

zu uns, die in einer Kulturlandschaft

aufgewachsen sind, die unserer

ähnelt. Wir können uns mitten in Europa

nicht abschotten. Sonst ist das Problem

der Alterspyramide nicht zu lösen.

W&M: Im jüngsten Ranking der Bundesländer

wird MV eine starke Dynamik bescheinigt

beim Abbau der Erwerbslosigkeit. Trotzdem

verlassen weiterhin viele junge Leute das

Land. Was läuft da schief in der Wirtschaft?

CAFFIER: Zunächst, der Abwanderungstrend

ist ein bisschen gebrochen. 2010

hatten wir im Saldo ein verringertes

Minus von 3.300 jungen Menschen. Was

läuft schief? Nehmen Sie den Tourismus,

eine der Kernwirtschaftsbranchen im

Land. Dort werden Jahresgehälter von

durchschnittlich 12.500 Euro brutto gezahlt.

Da ist man versucht zu fragen,

warum die Leute überhaupt noch arbeiten

gehen. Gutes Personal ist nur zu halten,

wenn es gut bezahlt wird, sonst wandert

es ab. Das ist ein dickes Problem für

ein Land, das strukturell sehr von Tourismus

und Landwirtschaft geprägt ist.

W&M: Kann unter diesen Umständen die

Wirtschaft das selbst regeln?

CAFFIER: Die Politik jedenfalls kann es

nicht regeln, das ist nicht ihre Aufgabe.

Ich kann nur alle Beteiligten auffordern,

die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände

zu stärken, um auf dieser Basis akzeptable

Tarife auszuhandeln. Die Politik

sollte da nicht mit einem Mindestlohn

eingreifen. Zehn oder zwölf Euro, in diesem

Wettbewerb der Überbietung wird

vergessen, dass die Politik die Mindestlöhne

nicht erwirtschaften muss.

W&M: Im Wahlprogramm plädiert Ihre Partei

für mehr industrielle Wertschöpfung und

Innovation, bleibt aber unkonkret. Nur auf

Gesundheitswirtschaft und Tourismus wird

näher eingegangen. Worauf setzen Sie noch?

CAFFIER: Zu verbessern ist die Veredlung

landwirtschaftlicher Produkte. Es kann

nicht sein, dass Mecklenburg-Vorpommern

als Agrarland in der Fleischproduktion

seinen Eigenbedarf nicht absichern

kann. Auch muss es gelingen, an den

zwei Universitäten und den Fachhochschulen

Wissenschaft und Wirtschaft enger

zu verknüpfen. Wir benötigen mehr

kleinere Firmen, wo Jobs entstehen. Die

➔ Fortsetzung auf Seite 24

22 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


Helmut Holter, Linke-Fraktionschef im Landtag Mecklenburg-

Vorpommern, zu politischer Kultur und öffentlich bezahlten Jobs

Das Land wird nur verwaltet

WAHL

EXTRA

staltet werden. Die Regierung verlangt

den Kommunen viel ab, hält sich selbst

aber zurück. Dabei war lange versprochen

worden, das Kabinett und die Landesverwaltung

zu verkleinern.

W&M: Da sagt Sellering, wir haben ein Viertel

der öffentlichen Stellen abgebaut.

HOLTER: Ich meine nicht Stellenabbau,

sondern eine echte Funktionalreform, in

der in Einheit mit einer Kreisgebietsreform

viele Aufgaben des Landes auf Kreise

und Kommunen übertragen werden.

W&M: In der Arbeitsmarktpolitik verfolgen

die Parteien das gleiche Ziel, aber sehr unterschiedliche

Wege dahin. Die Linke plädiert für

einen öffentlich finanzierten Beschäftigungs-

MECKLENBURG-

VORPOMMERN

W&M: Ministerpräsident Sellering von der

SPD sagt, er werde mit dem Partner koalieren,

mit dem die meisten sozialdemokratischen

Themen umgesetzt werden können. Bei welchen

Themen wäre Die Linke mit im Boot?

HOLTER: Was Sellering für seine Partei

sagt, gilt auch für Die Linke. Wir streben

in einer rot-roten Koalition an, ein Maximum

an linker Politik zu verwirklichen.

In den Wahlprogrammen von SPD und

Linke gibt es zahlreiche Schnittmengen.

In der Wirtschaftspolitik wollen die Sozialdemokraten,

ähnlich wie wir, stärker

auf zinsgünstige Darlehen, weniger auf

Zuschüsse für innovative Betriebe setzen.

Das ist ein Schritt, um den von uns angestrebten

sozial-ökologischen Umbau der

Gesellschaft praktisch zu untermauern.

Ein anderes großes Thema eint alle Parteien,

die Energiewende.

W&M: Wo hören die Gemeinsamkeiten auf?

HOLTER: Die SPD will die Partei der Mitte

sein und meint neuerdings, ihre Politik

ausschließlich auf den ersten Arbeitsmarkt

ausrichten zu müssen. Dagegen

wollen wir, wie schon unter Rot-Rot, eine

Gleichwertigkeit von wirtschafts- und beschäftigungspolitischen

Maßnahmen,

Stichwort öffentlich geförderter Beschäftigungssektor.

Es sind viele Aufgaben zu

erledigen im sozialen, kulturellen, ökologischen

und Jugendbereich. Da wird

kein Gewinn erwirtschaftet, sie sind aber

gesellschaftlich unerlässlich. Das Ehrenamt

allein kann dies nicht leisten. Das

blendet die SPD völlig aus.

W&M: Beim Abbau von Arbeitslosigkeit hat

MV eine hohe Dynamik hingelegt, die Wirtschaft

schaufelt mehr Steuereinnahmen in die

Kassen der Kommunen. Sie aber betonen, das

Land brauche einen Politikwechsel. Warum?

HOLTER: Ein Politikwechsel ist notwendig,

weil Kommunalvertreter, Lehrer und

Unternehmer zunehmend darüber klagen,

dass es keinen Dialog mehr gibt,

dass das Land nur verwaltet wird. Das gemeinsame

Finden von Lösungen für aktuelle

Probleme bleibt im Hintergrund.

Auch sind keine klaren Leitlinien zu sehen.

Beim gescheiterten Bau eines Steinkohlekraftwerks

in Lubmin hat die SPD

zunächst auf Rechtsstaatlichkeit gepocht

und das Projekt befürwortet. Letztlich

war sie politisch dagegen und hat die erneuerbaren

Energien entdeckt. Es gibt

eine große Beliebigkeit und Unverbindlichkeit

in der Regierung Sellering.

W&M: Wo würden Sie klare Kante zeigen?

HOLTER: Es geht um die Art und Weise

von Politik, um Verlässlichkeit und Gestalten.

Zum Beispiel ist es an der Zeit,

sich von der bisher praktizierten einzelbetrieblichen

Förderung bei Ansiedlung

und Erweiterung zu trennen. Priorität

muss ab sofort haben, etwas Eigenes im

Land zu kreieren, Innovationen für neue

Produkte und Technologien. Auch ist der

Netzwerke-Dschungel zu lichten. Es ist

kaum noch zu überblicken, wofür welches

Netzwerk da ist. Einen Politikwechsel

muss es auch in Bezug auf die Kommunen

geben. Diese müssen entlastet,

der kommunale Finanzausgleich neu ge-

»Die Linke kann

auch nicht

MEHR GELD

ausgeben,

als in der Kasse ist.«

sektor, will auf diese Weise 1.500 Jobs schaffen.

Wie soll das bezahlt werden?

HOLTER: Rot-Rot hat mit solider Haushaltsführung

die Voraussetzungen geschaffen,

dass das Land seit 2006 ohne

Kreditneuaufnahme auskommt. Hier ist

auch der Ansatz, um mehr Geld für Kommunen,

Bildung und öffentlich geförderte

Beschäftigung bereitzustellen. Mit politischem

Willen sind haushaltspolitisch

Reserven zu finden. Zum Beispiel ist zu

prüfen, ob noch alles, was bisher gefördert

wurde, so aufrecht gehalten werden

kann. Wenn die SPD behauptet, die Linke

wolle ihre Schlüsselprojekte mit neuen

Schulden bezahlen, halte ich dagegen,

die Linke kann auch nicht mehr Geld

ausgeben, als in der Kasse ist.

W&M: Wie kann mehr Geld in die Kassen

kommen?

HOLTER: Der landespolitische Spielraum

für mehr Einnahmen ist gering. Die Linke

fordert daher auf Bundesebene eine

generelle Steuerreform. Kleine und mittlere

Einkommen müssen steuerlich entlastet,

Spitzenverdiener stärker belastet

werden. Wir fordern zudem die Wiedereinführung

der Vermögensteuer.

W&M: Was aber kann Mecklenburg-Vorpommern

selbst unternehmen?

HOLTER: Um die wirtschaftliche Basis im

Land zu stärken, gilt es, mit innovativen

Produkten auf internationalen Märkten

zu punkten und die Wertschöpfung im

Land zu vertiefen. Dazu ist in wissenschaftliche

Kapazitäten zu investieren,

etwa in die Gründung eines Instituts für

maritime Wirtschaft. Wachstumschancen

bieten sich auch in Osteuropa und

vor allem in Russland. Hier gibt es einen

riesigen Nachholbedarf in der kommunalen

Infrastruktur, bei Umwelttechnologien

und in der Landwirtschaft. Dies

eröffnet Firmen aus unserem Land neue

Perspektiven. Umgekehrt sollte nichts

unterlassen werden, um kapitalkräftige

russische Investoren für Mecklenburg-

Vorpommern zu interessieren.

W&M: MV wurde Investoren bisher gern als

Niedriglohnland empfohlen. Ist dies im Fachkräftemangel

nicht kontraproduktiv?

HOLTER: Wären niedrige Löhne ein zugkräftiges

Argument, müssten Investoren

im Land Schlange stehen. Gute Entlohnung

ist der entscheidende Hebel, um

Fachpersonal zu kriegen oder zu halten.

➔ Fortsetzung auf Seite 24

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 23


10 JAHRE FÖRDERPROGRAMM „INNOVATIVE REGIONALE WACHSTUMSKERNE“

Durch Wachstum zum Erfolg

Seit 2001 entstehen überall in den Neuen Ländern „Innovative regionale

Wachstumskerne“. Die regionalen unternehmerischen Bündnisse gehen

neue Wege und haben erstaunliche Erfolge. Das hat auch mit Kaffeerösten

und Heimtextilien aus „Plauener Spitze“ zu tun.

Zum zehnten Geburtstag ist der Blick zurück erlaubt, ausnahmsweise. Es ist eine ungewöhnliche

Perspektive auf ein Förderprogramm, das für die Zukunft der ostdeutschen

Regionen steht wie kein zweites. Innovative regionale Wachstumskerne sind

Zukunfts modelle, weil sie auf Kooperation, unternehmerisches Denken und spezifische

regionale Stärken setzen.

DEUTSCHE SPITZE

Schon über 150 Jahre lang werden im Vogtland Heimtextilien maschinell bestickt, die

Marke „Plauener Spitze“ ist weltbekannt. Seit 2007 nutzen Unternehmen, Forschungsund

Bildungseinrichtungen der Region ihre technologische Kompetenz gemeinsam.

Im Wachstumskern „highSTICK“ entwickeln sie Stickereitechnologie für Zukunftsmärkte

– von der gestickten Fußboden heizung über Sticksensoren für medizinische

Bandagen bis hin zu Verstärkungsstrukturen für Hohlgussbauteile.

INTERNATIONALER WIRBEL

Der Magdeburger Wachstumskern „WIGRATEC“ konzentriert sich indes auf das Wirbelschicht-Verfahren.

Die bereits 1975 in Magdeburg für Kaffeeröstereien entwickelte

Technologie verwandelt flüssige Ausgangsstoffe in feste Granulate. Mit vielfäl tigen

Einsatzmöglichkeiten in der Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft oder Pharmazie

sorgt WIGRATEC heute inter national für Wirbel.

BEWERBEN SIE SICH JETZT!

Das Förderprogramm „Innovative

regionale Wachstumkerne“ ist

themenoffen, eine Bewerbung

jederzeit möglich.

Informieren Sie sich unter

www.unternehmen-region.de

oder nehmen Sie Kontakt auf mit:

Projektträger Jülich – PTJ

„Fördermanagement

Unternehmen Region“

Zimmerstr. 26–27, 10969 Berlin

Tel. (0 30) 2 01 99-4 82

E-Mail: wachstumskerne@

unternehmen-region.de

ZWEI AUS 41

WIGRATEC und highSTICK sind nur zwei Beispiele

für erfolg reiche Wachstumskerne, zwei

von bisher 41 Allianzen regionaler Unternehmer

und Wissenschaftler aus den verschiedensten

Fachgebieten. Sie alle gehen neue Wege,

haben für ihr Bündnis eine Vision, eine Strategie,

Kunden und Wettbewerber von Anfang an im

Blick, bringen ihre Region voran. Und sie alle

haben sich für ein außergewöhnliches Förderprogramm

entschieden.

EIN FÜNFTEL MEHR UMSATZ UND ARBEITSPLÄTZE

Das Programm Innovative regionale Wachstumskerne

aus der Familie „Unternehmen Region“ stellt hohe Ansprüche

an die Bewerber – und an sich selbst. Deshalb beinhaltet die Förderung unterschiedlichste

Beratungsangebote und Workshops zu Themen wie Management,

Organisation oder Finanzierung. Die Auszeichnung als Wachstums kern ist aber auch

lukrativ: Zwischen dem Programm start 2001 und dem Jahr 2014 investiert das BMBF

Fördergelder in Höhe von 243 Millionen Euro in 843 Projekte. Die Zwischen bilanz spricht

für sich: rund ein Fünftel mehr Umsatz und Arbeitsplätze sowie über 200 Patente.

DAS WACHSTUMSKERNE-PROGRAMM

IST NICHT DAS RICHTIGE FÜR SIE?

Mehr Informationen über die

Programm familie Unter neh men

Region, darunter auch das Programm

„Wachstums kerne Poten zial“, finden

Sie ebenfalls unter

www.unternehmen-region.de

Nun muss der Blick aber wieder nach vorne gehen, hin zu neuen Bewerbern mit neuen

Ideen. In den ostdeutschen Regionen schlummert zu viel ungenutztes Potenzial. Wecken

wir es! Denn Zukunft heißt: Erfolg durch Wachstum.


SPECIAL

IAA Frankfurt 2011

Zukunft

serienmäßig

Die Autoindustrie boomt wie selten zuvor. Die Internationale

Automobilausstellung Mitte September in der Mainmetropole

wird zum Spiegelbild dieses Aufschwungs. Mehr Aussteller,

mehr Besucher, mehr Innovationen. W&M-Mitarbeiter Hans-

Jürgen Götz hat sich vorab einen Messeüberblick verschafft.

Die Internationale Automobilausstellung

IAA in Frankfurt geht in

die 64. Neuauflage ihrer beeindruckenden

Geschichte. Vom 15. bis 25.

September präsentiert die Branche rund

um die vier Räder ihre Produktneuheiten

und Services in den Messehallen der

Mainstadt. Erwartet werden an die 900

Aussteller. Unter dem diesjährigen Motto

»Zukunft serienmäßig« zeigen Hersteller

und Zulieferer verstärkt neue Technologien

und Lösungen für eine klimaneutrale

Mobilität. Neben alternativen Antriebskonzepten

gehören neue Personenwagen,

Tuning und Sonderfahrzeuge

sowie Pkw-Anhänger, Zubehör und Telematik

ebenso zu den Messe-Schwerpunkten

wie auch Concept Cars, die Visionen

der Mobilität von morgen aufzeigen.

Hinzu kommen einschlägige Anbieter

von Car Hi-Fi-Produkten, Oldtimern,

Werkstatt- und Garagenausrüstungen.

GESCHÄFTSWAGEN

Kombitrend ungebrochen

Mit dem Auftauchen geräumiger Vans und SUV auf dem Markt

schien das Schicksal der klassischen Geschäftswagen in der

Kombiversion besiegelt. Doch weit gefehlt. Kombis mit großem

Gepäckabteil erfreuen sich im gewerblichen Bereich weiter

einer großen Nachfrage. Die Angebotspalette reicht bis in den

Premiumsektor hinein. W&M stellt einige Modelle vor.

Edles Raumschiff:

Audi A6 Avant

Einer, der zum erlauchten Premiumkreis

gehört, ist der neue Audi A6 Avant. Der Ingolstädter

Edellaster ist wie die Limousine

leichter und sparsamer geworden. Um

bis zu 70 Kilogramm haben die Techniker

den Avant gegenüber dem Vorgänger abgespeckt

und damit entscheidende Wege

aufgezeigt, um den Verbrauch zu senken.

Mit glatten fünf Litern Durchschnittsverbrauch

und CO 2 -Emissionen von 132

Gramm je Kilometer ist der 2.0 TDI eine

Option auch für Menschen, die beim

Dienstwagen eine Verbrauchsobergrenze

beachten müssen. Zum Marktstart sind

zunächst zwei Benziner und drei Diesel-

Aggregate im Angebot. Das Leistungsspektrum

reicht von 177 PS bis 245 PS.

Der Top-Motor, ein Dreiliter-Diesel mit

313 PS und 650 Newtonmetern Drehmoment

kommt etwas später. Ebenso ein

Vierzylinder-Benziner mit 180 PS. Für Kunden,

die lieber schalten lassen, bietet Audi

gleich drei Getriebe zur Wahl: die stufen-

lose Multitronic für Frontantriebsmodelle,

das Doppelkupplungsgetriebe 7-Gang-

S-tronic für Quattro-Fahrzeuge und den

Achtstufen-Wandlerautomaten für den

Top-Diesel.

Trotz gleicher Außenlänge von 4,93 Metern

bietet der neue Kombi gegenüber

dem Vorgänger mehr Platz für Passagiere

und Gepäck. Der Radstand wuchs um

sieben Zentimeter auf 2,91 Meter. Die

besseren Platzverhältnisse kommen vor

EDELLASTER: Audi A6

allem den Mitfahrern im Fond zugute, die

Staumöglichkeiten für das Gepäck sind

beim Maximalwert ordentlich gewachsen.

Wie sein Vorgänger kann der Kombi mindestens

565 Liter einladen, das größtmögliche

Stauvolumen mit umgeklappter

Rückbank liegt bei 1.680 Litern. Das sind

40 mehr als bislang.

Als Businesslaster verfügt der Avant über

einen WLAN-Hotspot, mit dem sich eine

Internet-Verbindung für Handys und Notebooks

herstellen lässt. Das ist aber nur

eine Teilfunktion des neuen Navigationssystems.

Es überzeugt vor allem durch

die Online-Einbindung von Google-Verkehrsdaten

und Google-Earth-Bildern in die

Routenplanung und -führung. Dadurch wird

die Navigation schneller und die Orientierung

fällt leichter, weil man Display und

Umgebung direkt vergleichen kann.

Leistungsstarker Bayer:

BMW 530d Touring

Dieser Bayer ist ein echter Verführer. Kombi-Kultur

pur mit einem 245 PS starken

Sechszylinder unter der Haube. Die Funktio-

26 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SPECIAL

Ein Schwerpunkt wird das derzeit in

der Öffentlichkeit breit diskutierte Thema

»Elektromobilität« sein.

Während die IAA 2009 unter dem Eindruck

der Wirtschaftskrise veranstaltet

wurde, stehen die Vorzeichen in diesem

Jahr für die Messe auf Wachstum und Besucherrekorde.

Die derzeit glänzenden

Geschäftszahlen der Automobilbranche,

vor allem auf dem asiatischen und amerikanischen

Markt erlauben diese Perspektive.

Hersteller aus den USA und aus

Asien, die vor zwei Jahren krisenbedingt

nicht dabei waren, haben ihre Beteiligung

angekündigt. Zu den »prominenten

Rückkehrern« gehören Honda, Mitsubishi

und Isuzu aus Japan, Chevrolet und

Cadillac aus den USA sowie SsangYong

aus Südkorea.

Die Halbzeitbilanz des Automobiljahres

2011 könnte besser kaum sein. Die

Pkw-Neuzulassungen kletterten im ers-

INFORMATIONEN

Mekka der Mobilisten

Veranstalter:

Verband der Automobilindustrie

e.V. (VDA)

Fachbesuchertage:

Donnerstag, 15. September,

und Freitag, 16. September 2011

Besuchertage:

17. bis 25. September 2011

Öffnungszeiten:

täglich 9 bis 19 Uhr

Preise:

Fachbesuchertag: 45 Euro

Publikumstag: 13 Euro,

Wochenende: 15 Euro

Weitere Informationen:

www.iaa.de

ten Halbjahr um zehn Prozent auf 1,6

Millionen Fahrzeuge. Die Automobilkonjunktur

zeigt sich auch an den rund

13.000 neuen Mitarbeitern in dieser

Schlüsselindustrie. Auch für das zweite

Halbjahr ist der Verband der Automobilindustrie

(VDA) voller Zuversicht: »Die

Auftragsbücher sind gut gefüllt und wir

sind weiter auf Wachstumskurs. Für das

Gesamtjahr erwarten wir neue Höchststände

beim Pkw-Export und der Produktion.

Auf dem Inlandsmarkt rechnen wir

mit über 3,1 Millionen Pkw-Neuzulassungen«,

so VDA-Präsident Matthias Wissmann.

Für 2011 rechnet der Branchenverband

mit der Produktion von knapp

sechs Millionen Pkw. Das würde sogar

die Zahlen des bisherigen Rekordjahres

2008 toppen.

Beflügelt werden diese Aussichten

durch ein wahres Modellfeuerwerk, das

viele Autoliebhaber begeistern dürfte.

nalität ist keinen Designspielereien zum

Opfer gefallen, gediegene Materialwahl und

harmonische Farbgestaltung schaffen ein

einladendes Ambiente.

Vor allem praktisch soll ein Kombi sein.

Entsprechendes hat der 530d reichlich zu

bieten. Das fängt bei der niedrigen Ladekante

an (nur 62 cm überm Boden), setzt

sich über die Breite des Gepäckschlunds

fort (1,10 m) und erfährt seine Krönung

in der Heckklappe, die sich per Fernbedienung

auch elektrisch öffnen und auf

Tastendruck an der Klappe schließen lässt.

Dabei rollt das Abdeckrollo jeweils selbsttätig

zurück oder vor; auch dann, wenn

kleinere Dinge schnell im Auto verschwinden

sollen und es deshalb ausreicht,

lediglich die Heckscheibe hochzuklappen.

Die Lehnen der Fondsitze lassen sich

bei Bedarf auch vom Gepäckraum aus

entriegeln und umlegen. So wächst

das Gepäckraumvolumen schnell von 560

Liter auf 1.670 Liter.

Die grundsätzlichen Kombi-Tugenden teilt

sich ein 5er Touring mit Wettbewerbern.

Eigene Akzente aber setzt die Vollausstattung.

Den besonderen Charakter eines

530d formen Motor und Fahrwerk. Die

üppige Leistung des Dreiliter-Reihensechszylinders

macht das Auto erhaben. Mit

kraftvollem motorischem Fauchen nimmt

das stattliche, gut 4,90 Meter lange Gefährt

Fahrt auf. Die achtgängige Automatik

des überaus kultivierten Selbstzünders

beschert völlig ruckfreien, harmonischen

Gangwechsel. Übernehmen kann den aber

auch der Fahrer. Die entsprechende Schaltgasse

am Wählhebel und Schaltwippen

am Lenkrad bieten sich dazu an. Trotz seines

Leergewichts von fast 1,9 Tonnen vermag

der 530d dank seiner mobilisierbaren

245 PS und bärigen 540 Newtonmetern

Drehmoment loszupreschen und in nur 6,4

Sekunden Tempo 100 zu erreichen. Als

kombinierten Durchschnittsverbrauch

für 100 Kilometer gibt BMW für den Kombi

6,4 Liter an. Damit kann sich ein potenter

Sechszylinder sehen lassen.

Vielseitiger Businesslaster:

VW Passat Variant

Das brave Brot-und-Butter-Auto ist der neue

VW Passat längst nicht mehr. Wer in der

heiß umkämpften Mittelklasse ganz vorn

sein will, der muss seiner Kundschaft

etwas bieten. Hier steht der technische

Fortschritt ganz oben auf der Wunschliste,

auch wenn es diesen nicht zum Null-Tarif

gibt. Die siebte Generation des Passat

kann mit insgesamt 19 neuen Systemen

KRAFTPAKET: BMW 5er Touring

LADEMEISTER: VW Passat Variant

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 27


SPECIAL

Die Bandbreite reicht von Elektromobilen

bis zum Supersportwagen mit über

500 PS unter der Haube.

DIE HIGHLIGHTS DER HERSTELLER

An den Ständen der Hersteller werden

vor allem die Neuheiten von den Besuchern

umschwärmt werden. Die wichtigsten

Premieren im Überblick:

Audi zeigt neben dem Facelift für das

ausgesprochen schöne Mittelklasse-Fahrzeug

A5 auch den A6 Avant und seinen

kleinsten SUV, den neuen Audi Q3, der

mit zwei Benzinern und einem Diesel-

Motor bereits lieferbar ist. Zum ersten

Mal in einem Q-Modell ist der Allradantrieb

nicht Standard, sondern nur in

Kombination mit den stärkeren Motoren

zu haben. Insgesamt reicht das Leistungsband

von 140 PS bis 211 PS.

BMW stellt passend zum Schwerpunktthema

»Elektroauto« neben seinen

»verjüngten« Klassikern das Megacity-

Vehicle-Modell i3 vor. Das Stadtauto gehört

der neuen Submarke von BMW für

nachhaltige Mobilitätslösungen »i« an.

Das E-Auto mit maximaler Reichweite

von 160 Kilometern hat eine Karosserie

aus kohlefaserverstärktem Kunststoff.

Zudem machen die Münchner ihre

Kompaktklasse fit für die Zukunft. Die

Generation des 1ers ist in Frankfurt

zunächst als Fünftürer zu sehen. Die

Steilhecklimousine präsentiert sich gewachsen,

aber nicht groß, moderner,

aber im bekannten Designstil, und mit

sparsamen Downsizing-Turbobenzinern.

Das Alleinstellungsmerkmal Hinterradantrieb

bleibt zunächst erhalten.

Citroen wird mit dem 200 PS starken

Premium-Crossover DS5 mit Hybrid-

Antrieb für Aufsehen sorgen. Wie auch

seine kleineren Geschwister setzt der

coupéhaft modellierte Crossover-Kombi

auf Extravaganz. Diesmal nicht nur bei

der Optik, sondern auch in Sachen Technik.

Für den Antrieb sorgt erstmals eine

Kombination aus Diesel- und Elektromotor.

So soll trotz Allradantrieb und 200 PS

Leistung ein Verbrauch von weniger als

vier Litern Diesel möglich sein. Auch rein

elektrisches Fahren ist machbar.

Ferrari präsentiert die offene Version

des Sportwagens 458 Spider mit einem

570 PS starken 4,5-Liter-V8-Motor. Unter

der Haube tut der bekannte V8-Benziner

mit 565 PS Dienst, der für deutlich mehr

als 300 km/h gut ist. Anders als beim

Stahldachcabrio California wird es beim

Italia ein klassisches Stoffverdeck geben.

Fiat tritt mit dem deutlich gewachsenen

neuen Panda an. Aus dem schmalen

Hochdach-Mini ist in der dritten Generation

auch dank flexiblem Innenraum

fast ein kleiner Van geworden. Äußerlich

bleibt es beim an Raumökonomie orien-

GESCHÄFTSWAGEN

Charmanter Franzose:

Peugeot 508 SW

Peugeot 508! Da schwingen Erinnerungen

an seine Vorgänger mit, die wesentlich

dazu beitrugen, die Löwen-Marke weit über

Europa hinaus bekannt zu machen. Auf den

ersten Blick unterscheidet sich der neue

508 vom 407 durch einen deutlich »kleinmäuligeren«

Frontgrill. Weniger schnell

erfasst werden die zehn Zentimeter Längenzuwachs

des Neuen. Neben komfortablem

Raumzuwachs ist es Peugeot aber

auch um ein ausdrucksstarkes elegantes

Design, überzeugenden Fahrkomfort,

wegweisende Umwelteffizienz und hohe

Sicherheit gegangen.

Der von einem großen Geschäftskombi

erwartete Fahr- und Reisekomfort ist Peuglänzen.

Dabei stehen Ausstattungen zur

Verfügung, die man zuletzt nur aus dem

Phaeton kannte. Hierfür stehen die Müdigkeitserkennung,

der Front Assist mit City-

Notbremsfunktion, die Fernlichtassistenten

Light Assist, die Spurwechselwarnung

Side Assist, die Verkehrszeichenerkennung,

der Park Assist II und das Kofferraum-Öffnungssystem

Easy Open.

Steigt man in den neuen Passat ein, so

bemerkt man, dass die Qualität ebenso

verbessert werden konnte wie die Materialanmutung

insgesamt. Ein entscheidender

Vorteil zugunsten des Passat ist seine

klare, einfache und praxisgerechte Bedienung.

Der Fahrer sitzt hinter dem Lenkrad

und findet gleich alles dort, wo es auch

hingehört – auf designverspielte Schalter,

Hebel oder Instrumente wurde bewusst

verzichtet. Dass der neue Passat näher an

die Luxus-Limousine Phaeton gerückt ist,

mag VW kommunizieren, in der Praxis ist

dies aber nicht so vergleichbar.

Hingegen spürbar ist, dass VW dem neuen

Passat einen verbesserten Komfort mit

auf den Weg gibt. Der Mittelklasse-Kombi

fährt sich angenehm, auch deshalb, weil

das Gefühl sicher aufgehoben zu sein,

überwiegt. Mit dem kommoden Fahrkomfort

punktet der Mittelklässler aus Wolfsburg.

Im Innenraum ist der Wagen merklich

leiser geworden. Hier helfen auch die gezielt

im Bereich des Armaturenbereichs

und in den Türen eingesetzten Dämmstoffe,

die Außen- und Motorgeräusche auszufiltern.

Zudem kommt in der Windschutzscheibe

und in den vorderen Seitenscheiben

eine neue Akustikfolie zum Einsatz,

die zusätzlich weitere Geräusche aus dem

Innenraum fernhält.

Der neue Passat ist in den bekannten

Ausstattungen Trendline, Comfortline und

Highline zu haben und startet als Trendline

mit dem 122 PS starken 1.4 TSI.

Das Motorenangebot umfasst vier konventionelle

Benziner (zwischen 122 PS

und 300 PS) sowie den 1.4 E85 (160 PS)

für den Einsatz mit BioEthanol und den

1.4 TSI EcoFuel (150 PS) mit Erdgasantrieb.

Zudem stehen drei TDI mit 105

PS (1.6) und 140 PS sowie 170 PS (2.0)

zur Auswahl. Natürlich sind verschiedene

Motoren mit dem hervorragenden Doppelkupplungsgetriebe

(DSG) kombinierbar

und auch der permanente Allradantrieb

4MOTION ist für den Passat zu haben –

beides ist beim Passat mit dem V6 serienmäßig

an Bord.

DESIGNER-KOMBI: Peugeot 508 SW

28 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SPECIAL

tierten Kastendesign, auch wenn der

Fünftürer nun etwas rundlicher auftritt.

Kia ersetzt das farblose Kleinwagen-

Mauerblümchen Rio durch eine deutlich

zeitgemäßer wirkende Neuauflage. Optisch

hat der Fünftürer einen Sprung gemacht,

trägt nun den Kühlergrill im Knochendesign,

dynamische Linien und ein

breites Heck. Der hochwertig wirkende

Innenraum erreicht fast VW Polo-Niveau.

Vier Motoren stehen zur Verfügung, von

denen der sparsamste (70 PS) mit nur

3,5 Litern Diesel auskommen soll.

Mercedes krempelt seine Kompaktklasse

um. Die A-Klasse wird zum sportlichen

Steilheckmodell à la BMW 1er. Die

in Frankfurt debütierenden Schwestermodelle

der B-Klasse entwickeln sich

konsequent zum familienfreundlichen

Van. Das Platzangebot soll deutlich zulegen.

Der Verbrauch sinkt durch den Einsatz

neuer Vierzylinderbenziner und

eines Doppelkupplungsgetriebes. Einer

der exklusiven »Sterne« am Mercedes-

Stand dürfte das 571 PS starke Cabrio SLS

AMG Roadster mit »Stoff-Mütze« sein.

Opel präsentiert sein neues Hybrid-

Umweltauto Ampera auf Basis des Chevrolet

Volt und setzt sich damit an die

Spitze der deutschen E-Auto-Bewegung.

Der Clou: Nach rund 40 bis 80 Kilometern

rein elektrischer Fahrt sind noch

einmal deutlich mehr als 400 Kilometer

Reichweite drin. Ein kleiner Benziner

lädt die Batterien während der Fahrt auf.

Peugeot bastelt seit Jahren am Dieselhybrid.

Nun feiern die ersten 508er Modelle

mit der sparsamen Antriebstechnik

IAA-Premiere. Dank der Hybridtechnik

gibt es gar Allradantrieb: Während ein

163-PS-Diesel die Vorderräder antreibt,

wirkt ein Elektromotor auf die Hinterachse.

Die Kombination soll einen Verbrauch

von nur 4,2 Litern ermöglichen.

Porsche vollzieht bei der Legende 911

höchstens einmal pro Jahrzehnt einen

Generationswechsel. Grund genug, auf

die Premiere des Neuen mit dem Werkscode

991 hinzufiebern. Äußerlich wurde

wenig verändert. Unter dem Blech gibt

es einen neuen Einstiegs-Boxer mit kleinerem

Hubraum und weniger Durst,

aber mehr Leistung. Der neue 911er besitzt

zudem das weltweit erste manuelle

Siebenganggetriebe für Pkw.

Volkswagen lanciert mit dem Lupo-

Nachfolger »Up« einen City-Flitzer, der

sicherlich zu den wichtigsten IAA-Premieren

gehört. Mit dem sparsamen

Stadtauto will VW die Kleinstwagenklasse

revolutionieren. Gestartet wird mit

dem Zwei- und Viertürer, die von Dreizylindermotoren

angetrieben werden.

Mit der ebenfalls schon in Frankfurt gezeigten

Erdgasversion will VW neue Maßstäbe

beim CO 2 -Ausstoß setzen. &

geot gut gelungen: Straffe Federung und

ausgewogene Dämpfung statt Sänfte. Das

Gefühl, in einem Auto mit französischem

Charme zu sitzen, vermitteln aber eher

Designlösungen und verarbeitete hochwertige

Materialien. Bei der Komfort-Volllederausstattung

gibt es jetzt beispielsweise

feinstes weiches Nappaleder.

Peugeot und sparsame HDi-Turbodieselmotoren

sind längst eine überzeugende

Einheit. Schon heute kündigt Peugeot

einen 508 mit Hybrid4-Technologie an.

2012 ist es so weit. Auf den Spartrip lässt

sich aber auch mit einem Peugeot 508

e-HDI FAP 110 gehen. Es lockt ein kombinierter

Durchschnittsverbrauch von 4,4 l

Diesel/100 km. Die Bezeichnung e-HDi

steht für ein Stop&Start-System neuester

RAUMTRANSPORTER: Opel Zafira

Generation. Es kombiniert erstmals ein

Dieselaggregat mit einem reversiblen

Starter-Generator, der auch zur Rückgewinnung

der Bremsenergie genutzt wird. Er

lässt den Motor, über einen Zahnriemen

mit ihm verbunden, binnen 400 Millisekunden

starten. Das ist fast doppelt so schnell

wie herkömmliches Motoranlassen.

Maximale Flexibilität:

Opel Zafira

Eine echte Alternative zum klassischen

Kombi mit viel Platz für Passagiere ist der

Opel Zafira. Bei seiner Markteinführung

1999 war er der erste Siebensitzer seiner

Klasse und setzte Maßstäbe für voll integrierte

Onboard-Flexibilität.

Maximale Flexibilität ohne Sitzausbau ist

auch die Visitenkarte des neuen Zafira

Tourer. Die Opel-Ingenieure haben das ausgeklügelte

Flex7-Sitzkonzept nochmals

erheblich weiterentwickelt. Während sich

die dritte Reihe weiterhin komplett im

Boden des Kofferraums versenken lässt,

gestalteten sie die zweite Sitzreihe vollständig

neu. Statt einer Sitzbank befinden

sich hier serienmäßig drei separate Einzelsitze,

die sich flach umlegen lassen und

somit eine ebene Ladefläche ermöglichen.

Die drei Einzelsitze können unabhängig

voneinander 210 Millimeter in Längsrichtung

verschoben werden.

Mit dem einzigartigen »Lounge-Sitzsystem«,

das optional erhältlich ist, erleben

die Passagiere in der zweiten Reihe

großzügige Platzverhältnisse wie in einer

Oberklasselimousine. Dank eines raffinierten

Klapp- und Drehmechanismus’ bildet

hier die Rückenlehne des mittleren Sitzes

komfortable Armlehnen für die Passagiere

auf den beiden äußeren Plätzen. Die

Außensitze lassen sich um bis zu 280 Millimeter

verschieben – 70 Millimeter mehr

als bei der Standard-Bestuhlung und

80 Millimeter mehr als im aktuellen Zafira.

Eine weitere Neuheit in diesem Segment:

Die Sitze gleiten 50 Millimeter in Richtung

Fahrzeugmitte.

Das Verschieben der Sitze in Längs- und

Querrichtung bietet Komfort erster Klasse

und vermittelt das einzigartige Gefühl, in

einer »Lounge auf Rädern« zu reisen. Dabei

genießen die Passagiere ein Maximum an

Platz und Ergonomie. Durch die Betonung

des individuellen Komfort-Faktors ist der

neue Zafira Tourer weitaus mehr als »nur«

ein Familien-Fahrzeug.

Die Opel-Designer erhoben den flexiblen

Innenraum zu einem Ort der Entspannung

und Erholung in einer geräumigen Atmosphäre

– ob beim Business-Trip oder auf einer

langen Urlaubsreise.

Dank des großzügigen Kabinenlayouts und

des flexiblen Sitzkonzepts bietet der Zafira

Tourer als Fünfsitzer 710 Liter Gepäckraumvolumen

(plus 65 Liter). Das maximale

Ladevolumen von 1.860 Litern erreicht

der Opel-Fahrer durch Umklappen der zweiten

Sitzreihe.

Zum Verkaufsstart im Herbst bietet Opel

den Zafira Tourer mit dem aus Astra und

Insignia bekannten 2.0 CDTI-Common-Rail-

Turbodieselmotor in drei Leistungsstufen

an: 110 PS und 130 PS sowie 165 PS im

überarbeiteten Top-Aggregat. Außerdem

sind zwei hocheffiziente 1,4-Liter-Turbobenziner

mit 120 PS und 140 PS erhältlich,

die mit der neuen Start-Stopp-Automatik

ausgerüstet vor allem im innerstädtischen

Verkehr zusätzlich Kraftstoff sparen soll.

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 29


KOLUMNE

Es war einmal vor kurzer Zeit. Da

haben Banker und andere Geldmanager

solange hemmungslos

mit fremdem Geld gezockt, bis sie kurz

vor der Pleite waren. Weil der Staat aber

Angst hatte, die Pleite so vieler Banken

könnte Panik bei normalen Menschen

auslösen, nahm er die Schulden der

Zocker zunächst auf die eigene Kappe

und verlangte von seinen Bürgern, dass

sie auf lange Sicht für die Schulden der

Zocker geradestehen. Weil er aber die

Zocker weder einsperrte, noch ihnen das

Zocken für die Zukunft verbot, gingen

die Zocker sofort wieder zum Zocken,

denn sie hatten ja nichts anderes gelernt.

Nun aber fanden die Zocker, dass es an

der Zeit sei, auf die Pleite der Staaten zu

wetten, denn die Staaten hatten ja jetzt

enorm hohe Schulden. Also nannte man

die von den Zockern ausgelöste Krise von

nun an »Staatsschuldenkrise« und alle

»guten« Ökonomen und Medien machten

schleunigst mit, weil sie ja schon immer

gewusst hatten, dass alles Übel nur vom

Staat kommen kann. Statt über Unternehmen

begannen die Banker und die

anderen Zocker mit den ihnen nahe stehenden

Rating-Agenturen nun Urteile

über Staaten zu fällen. Weil in den Regierungen

der Staaten viele auch Verantwortung

tragen, die weiter glaubten, dass die

Märkte immer Recht haben, gerieten sie

in Panik und begannen zu tun, was die

Banken von ihnen verlangten, nämlich

auf Teufel komm raus zu sparen.

Doch die Banken und Rating-Agenturen

wussten allerdings, dass Staaten gar

nicht sparen können. Wenn Staaten sparen

und auch alle anderen Bereiche der

Volkswirtschaft sich mit Ausgaben zurückhalten,

wie das im Sommer 2011 der

Fall war, dann führt das Sparen des Staates

immer dazu, dass auch die Einkommen

der Unternehmen und der Privathaushalte

sinken, wodurch die wieder

weniger Steuern zahlen oder mehr Hilfen

vom Staat brauchen, so dass am Ende

die Defizite des Staates umso höher sind,

je mehr er zu sparen versucht.

Weil die Staaten aber an der Sisyphos-

Arbeit, die Defizite zu reduzieren, permanent

scheiterten, wurden sie von den

Rating-Agenturen, Banken und sonstigen

Geldanlegern immer kritischer beäugt,

die Kreditwürdigkeit wurde immer mehr

bezweifelt. Nach einer »verlorenen Dekade«

wurden Staatsanleihen nur noch auf

Ramschniveau bewertet und die Anleger

weigerten sich, noch Geld zu leihen oder

gaben es nur zu extrem hohen Zinsen.

AUS GENFER SICHT

Wie die Welt

verrückt und wieder

vernünftig wurde

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

In dieser Lage geschah Außerordentliches.

Da die Zentralbanken, die das

Geld schaffen, es den Banken immer

noch zu extrem niedrigen Zinsen gaben,

fragten sich einige vernünftige Leute,

wofür man eigentlich die Banken brauche,

die vom Staat über die Zentralbank

Geld für fast nichts erhalten, sich dann

aber weigern, es dem Staat zu einem vernünftigen

Zins zurückzugeben, weil die

Staaten ja nicht kreditfähig wären, weil

sie ja die Banken gerettet hatten.

Also ging man allmählich dazu über,

dass die Zentralbanken dem Staat das

Geld, das sie sonst den Banken gegeben

hätten, direkt zu geben und zwar zu einem

sehr niedrigen Zins. Weil der Zins

aber so niedrig war, gelang es den Staaten

allmählich, ihre Schulden zu reduzieren,

denn das geht überhaupt nur bei

einem niedrigen Zins. Als man das eine

Weile gemacht hatte, merkte man, dass

das ganz unproblematisch ist und man

die Banken mit ihren hohen Gebühren

gar nicht braucht. Also gaben die Zentralbanken

den Banken gar kein Geld mehr

und was immer die Banken und ihre Rating-Agenturen

für Einschätzungen abgaben,

war den Staaten komplett egal.

Da aber die Banken kaum noch normales

Geschäft hatten, sondern immer

mehr zockten, wurden die Bürger unru-

hig und zogen ihr Geld von den Banken

ab und legten es in staatlichen Kassen

an, wo sie zwar keine Zinsen bekamen,

ihr Geld aber sicher war, weil der Staat

versprach, ihre Renten und Sozialversicherungen

auch dann zu zahlen, wenn

sie nicht mehr arbeiten können.

In der nächsten Zockerkrise gingen

dann alle Banken und Rating-Agenturen

unter, aber es hat niemanden wirklich

interessiert, denn man wusste ja jetzt,

dass man diese Institutionen überhaupt

nicht braucht. Nach dieser Zockerkrise

war es dann auch mit den Krisen überhaupt

vorbei, weil die Zocker ausgestorben

waren. Die Menschen wussten, dass

sie arbeiten müssen, um ein vernünftiges

Einkommen zu erzielen, die Unternehmen

wussten, dass man in richtige

Anlagen investieren muss, um Gewinne

zu machen und der Staat wusste, dass

er auf Zocker keine Rücksicht zu nehmen

braucht, sondern sich so verschuldet,

dass die Wirtschaft fähig ist, Beschäftigung

und Einkommen zu schaffen.

Das gute Ende wäre aber nicht möglich

gewesen, hätten nicht auf dem Höhepunkt

der Krise alle Regierungen eine

drastische Maßnahme durchgesetzt: Sie

versetzten alle professionellen Ökonomen,

die sich positiv zum staatlichen

Sparen geäußert hatten, in den sofortigen

Ruhestand, verbunden mit der Auflage,

sich nie mehr zu wirtschaftlichen

Themen öffentlich zu äußern, und sie

verboten allen Medien, über komplexe

wirtschaftliche Themen wie Konsolidierung

von Staatshaushalten auch nur zu

berichten. Auch PR-Agenturen und Lobbyistenvereinigungen

wurde verboten,

sich zu Themen zu äußern, die mit

gesamtwirtschaftlichen Sachverhalten

zu tun hatten. Internationale Konferenzen

fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit

statt, Wissenschaftstagungen

wurden nur erlaubt, wenn eine kritische

Masse von gesamtwirtschaftlich denkenden

Ökonomen mit von der Partie war.

Nur durch diese Einschränkung der

Meinungsfreiheit war es möglich, die

sinnlose Konfrontation über staatliche

Schulden, die die Politik zuvor jahrelang

blockiert hatte, zu vermeiden und zu einer

sachgerechten Debatte zu kommen.

Zugleich starteten die Regierungen eine

Bildungskampagne, um den Bürgern in

der Schule und an Universitäten binnen

zehn Jahren so viel an gesamtwirtschaftlichen

Zusammenhängen zu erklären,

dass später Diskurse über diese Fragen

wieder zugelassen werden könnten. &

Foto: Torsten George

30

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


VERANSTALTUNG

POTSDAM

TERMIN: 8. Sep. 2011

DAUER: 14 - 20 Uhr

ORT: Potsdam

KOMMUNIKATION

Die Umsetzung von Investitionsprojekten wird immer mehr zu einer großen

Herausforderung für alle Beteiligten. Die halbtägige Veranstaltung QUO VADIS

AKZEPTANZ? zeigt Planern, Investoren, politischen Akteuren und Medienvertretern

Auswege aus diesem Dilemma auf.

Besuchen Sie unsere Website: www.wbpr.de

MODERATION

Gerald Meyer

(rbb)

HÖHEPUNKTE

EXPERTEN

Keynote:

Unternehmensstrategie und gesellschaftliche

Akzeptanz von Investitionen am

Beispiel der 50Hertz Transmission GmbH

Vortrag:

Erreichung gesellschaftlicher Akzeptanz

bei der Einführung neuer Technologien

und deren Umsetzung in die Praxis

Beispiel:

Das CCS-Projekt von Vattenfall – ein

Erfahrungsbericht

Podiumsdiskussion:

„Technische Notwendigkeit kontra

gesellschaftliche Akzeptanz - Trends und

Perspektiven in Deutschland“

Workshop 1:

Moderne Projektplanung

und Kommunikation

14:10 Uhr

14:40 Uhr

15:00 Uhr

15:30 Uhr

Workshop 2:

Instrumente und Maßnahmen der

Akzeptanzkommunikation

Boris Schucht

(50Hertz Transmission GmbH)

Dr. Wolfgang Rolland

(Vattenfall Europe Carbon and Storage

GmbH & Co. KG)

Michael Schulze

(wbpr_kommunikation)

Weitere Experten:

Dr. Manfred Wäsche (IHK Potsdam),

Dr. Mathias Richter (Märkische Allgemeine Zeitung)

Workshop 3:

Den Bürgerdialog gestalten

Experte: Rüdiger Hage, Geschäftsführer

IPG Infrastruktur- und Projektentwicklungsgesellschaft

mbH

Experte: Dorothee Stacke, Referatsleiterin

Strategische Kommunikation und

Medien Ministerium für Wirtschaft und

Europaangelegenheiten

Experte: Mike Nagler, Initiator der erfolgreichen

Leipziger Bürgerinitiative gegen

Privatisierung städtischer Unternehmen

ANMELDUNG

per Fax an 0331 20166-99 . wbpr_kommunikation.

Die Teilnahmegebühr beträgt 160,00 € zuzüglich gesetzlicher Mehrwertsteuer.

Ja, ich melde mich hiermit verbindlich an. Workshop 1 Workshop 2 Workshop 3

Name

Firma

Telefon

E-Mail

Jarno Wittig

(wbpr_kommunikation)

0331 20166-0

VERANSTALTER . ORGANISATION

wbpr_kommunikation

Parkstraße 2, 14469 Potsdam, www.wbpr.de


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Regionale Wachstumskerne

Starke Standorte gefördert

Neu ausgerichtete Förderpolitik des Landes Brandenburg beflügelt die Wirtschaft vor Ort

Stärken stärken«. Das Motto, unter

dem Mitte der 90er Jahre die Wirtschaftsförderung

des Landes Brandenburg

neu ausgerichtet wurde, hat

sich bewährt. Die Konzentration von öffentlichen

Fördermitteln auf 15 »Regionale

Wachstumskerne« (RWK) führte in

diesen Städten und Gemeinden zu überdurchnittlichem

Wirtschaftswachstum,

wie eine Evaluierung des Programms ergab.

Vor diesem Hintergrund beschloss

die Brandenburger Landesregierung im

Februar 2011, die 2005 festgelegten RWK

bis auf Weiteres beizubehalten und in

drei Jahren erneut zu überprüfen.

Anlass für die Einrichtung der Regionalen

Wachstumskerne im Jahr 2005 war

die in den kommenden Jahren absehbare

Verringerung der Fördermittel von Bund

und Europäischer Union. Weniger Mittel

sollten effizienter verteilt werden. Zugleich

schälten sich neue Problemlagen

heraus, wie demographische Entwicklung

und ein absehbarer Fachkräftemangel,

die besondere Maßnahmen erforderten.

Auf der Grundlage ihrer wirtschaftlichen

Profile und Zugehörigkeit

zu bestimmten Branchenkompetenzfeldern

wurden 15 Regionale Wachstumskerne

mit 26 Städten und Gemeinden in

allen Landesteilen festgelegt. Dabei handelt

es sich um die Regionalen Wachstumskerne

Brandenburg a. d. H., Cottbus,

Eberswalde, Finsterwalde/Großräschen/Lauchhammer/Schwarzheide/

Senftenberg/ (»Westlausitz«),

Frankfurt (Oder)/Eisenhüttenstadt,

Fürstenwalde,

Luckenwalde, Ludwigsfelde,

Neuruppin, Oranienburg/

Hennigsdorf/Velten, Potsdam,

Schwedt/Oder, Spremberg, Wildau/

Königs Wusterhausen/Schönefeld

(»Schönefelder Kreuz«) sowie Prignitz.

Die RWK erstellten für ihre Gebiete

Standortentwicklungskonzepte für den

Ausbau der Infrastruktur, der Entwicklung

von Gewerbegebieten, der Fachkräfteförderung,

des Technologietransfers

bis hin zu Vorhaben im Bereich der

Kultur oder des Tourismus. Für diese insgesamt

45 Maßnahmen erhalten sie eine

erhöhte Förderquote seitens des Landes.

Dabei sollen die Wachstumskerne auch

auf die sie umgebenden Kommunen ausstrahlen

und so als »Wirtschaftsmoto-

ZUKUNFT Zu den RKW-Schwerpunkten gehört die Sicherung des Fachkräftenachwuchses.

ren« ihrer Region fungieren. Die Entwicklung

der RWK wird durch eine interministerielle

Arbeitsgruppe »Integrierte

Standortentwicklung« aller Landesministerien

unter Führung der Staatskanzlei

begleitet.

2010 wurde eine Evaluierung der Arbeit

der Regionalen Wachstumskerne

vorgenommen. Untersucht wurde, welche

Effekte bei drei zentralen Zielen –

FÖRDERGEBIETE

Die 15 Wachstumskerne in Brandenburg.

Abwanderung verhindern, Arbeitsplätze

schaffen, Ansiedlungsbedingungen verbessern

– in den Wachstumskernen erreicht

wurden. Nach dem Urteil der Gutachter

haben sich die RWK bei den »für

die wirtschaftliche Entwicklung maßgeblichen

Indikatoren besser als der Landesdurchschnitt

entwickelt«. Dies treffe

vor allem für die Zahl der sozialversicherungspflichtig

Beschäftigten, der Arbeitsplatzdichte

und den Pendlersalden

zu. Lediglich bei der Bevölkerungsentwicklung

rangieren die RWK unter dem

Brandenburger Mittelwert. Als Grund

geben die Gutachter die Lage von mehrheitlich

elf berlinfernen RWK an. In der

Summe haben die Wachstumskerne

»eine gute Entwicklung genommen«,

ihren Förderstatus aktiv genutzt und

verfügten über eine »hohe Arbeitsplatzzentralität«,

urteilt die Studie. Die Regionalen

Wachstumskerne seien »wirtschaftsstrukturelle

Anker im Raum«.

Aus ihrer Sonderstellung erwachsen

den Regionalen Wachstumskernen allerdings

auch besondere Verantwortungen,

die in der nächsten Förderphase stärker

zum Tragen kommen sollen. So sollen

die RWK die Kooperation mit ihren Umland-Kommunen

intensivieren. Die »Motorfunktion«

soll auf die gesamte Region

austrahlen, der kraftvolle Kern mithin

nach außen wachsen.

32 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Matthias Platzeck, Ministerpräsident des Landes Brandenburg

Erfolg ist das Ergebnis harter Arbeit

Regionale Wachstumskerne bauen gezielt ihre Stärken aus und vernetzen wirtschaftliche Potenziale

Foto: Staatskanzlei

W&M: Herr Ministerpräsident, sieben Jahre

Regionale Wachstumskerne in Brandenburg,

haben sie dem Land Glück gebracht?

PLATZECK: Glück ist für mich in diesem

Zusammenhang nicht die richtige Kategorie.

Wirtschaftlicher Erfolg ist das

Ergebnis harter Arbeit, nicht nur der

Landesregierung, sondern zuförderst der

Unternehmer, der Mitarbeiter, der Gewerkschaften

und vieler weiterer Akteure

im Land. Richtig ist, die 2004 eingeleitete

Neuausrichtung der Förderpolitik

nach dem Prinzip »Stärken stärken« hat

ein Umdenken und wichtige Impulse

ausgelöst. Das wertvollste Ergebnis ist für

mich, dass sich die Menschen überall im

Land auf ihre eigenen Stärken und Potenziale

besinnen und Ideen entwickeln. So

haben alle Regionalen Wachstumskerne,

kurz RWK, Standortentwicklungskonzepte

erarbeitet und erste Maßnahmen

auf den Weg gebracht, um ihre Kommunen

voranzubringen. Orte außerhalb der

RWK haben sich daran orientiert. Das

heißt, ganz viele Regionen – und nicht

nur RWK – haben in den vergangenen

Jahren immer deutlicher ihre Stärken

identifiziert und bauen diese gezielt aus.

Heute sprechen alle von »integrierter

Standortentwicklung«, bei der klassische

Infrastrukturmaßnahmen, Fachkräfteförderung,

Technologietransfer und die

Entwicklung von Kultur und Tourismus

zielgerichtet ineinandergreifen.

W&M: Wie hat sich das auf die Strahlkraft

des Wirtschaftsstandortes Brandenburg insgesamt

niedergeschlagen?

PLATZECK: Das alles hat dazu beigetragen,

dass Brandenburg heute gut dasteht

und ein moderner Produktions- und

Dienstleistungsstandort mit zukunftsträchtigen

Arbeitsplätzen ist. Brandenburg

war 2010 und erneut 2011 dynamischstes

Bundesland im Länderranking

von »Wirtschaftswoche« und »Initiative

Neue Soziale Marktwirtschaft«. Unser

Land wurde vom EU-Ausschuss der Regionen

zur »Europäischen Unternehmerregion

2011« gekürt und wir konnten den

»Leitstern« als bestes Bundesland für erneuerbare

Energien verteidigen. Darüber

hinaus ist Brandenburg von der EU als

eine von drei europäischen Regionen als

»Exzellenz-Region« ausgezeichnet worden.

Das alles zeigt: Wir sind auf dem

MATTHIAS PLATZECK

Ministerpräsident von Brandenburg

richtigen Weg – und manchmal haben

wir sicherlich auch Glück...

W&M: Vor einem Jahr wurden die geförderten

Regionen evaluiert. Was sind Ihrer Meinung

nach die wichtigsten Ergebnisse?

PLATZECK: Es freut mich, dass die unabhängigen

Gutachter zu dem Resultat kamen,

dass die RWK – bei Unterschieden

im Detail – eine gute Entwicklung genommen

haben. Vor allem haben sie

ihren Status genutzt, um den Standort

voranzubringen. Wichtig ist auch, dass

die RWK selbst ihre ganz spezifischen

Strategien, Maßnahmen und Aktivitäten

entwickeln, weil zuallererst die Entscheider

vor Ort wissen, worauf es ankommt.

Unsere Politik, an den regionalen Potenzialen

unserer starken Standorte anzusetzen

und diese gezielt zu entwickeln,

hat also in den RWK Widerhall gefunden.

Besonders gefreut hat mich, dass die

Gutachter den RWK eine hohe Bedeutung

für den Arbeitmarkt bescheinigten.

Denn unsere Politik ist ja nicht Selbstzweck,

sondern sie zielt darauf, den

Menschen hier bei uns eine echte

Perspektive, eben gute Arbeit mit guter

Bezahlung zu ermöglichen.

W&M: Sehen Sie also die neue Förderpolitik

des Landes bestätigt?

PLATZECK: Wenn Sie so wollen, wurde

unsere vor sieben Jahren eingeleitete

neue Förderpolitik durch die Evaluationsergebnisse

vollauf bestätigt. Das ist

für alle Beteiligten Ermutigung und Ansporn,

diesen Weg weiterzugehen. Besonders

wichtig ist mir dabei, dass die RWK

auch ihr Umland im Blick haben und

ihre Motorfunktion weiter stärken.

W&M: Unlängst haben die Wachstumskerne

mit einer Veranstaltungsreihe auf sich aufmerksam

gemacht. Wird es 2011 weitere ähnliche

landesweite Aktivitäten geben?

PLATZECK: In der Veranstaltungsreihe

»Starke Standorte« haben sich die RWK

mit ihren spezifischen Stärken in den Regionen

präsentiert. Damit wollten wir einen

Rahmen und Impuls für stärkeres

Standortmarketing vor Ort geben. Das ist

aufgegangen. Die Wachstumskerne

führen dies nun in Eigenregie weiter.

W&M: Gibt es unter den Initiativen dieser

Förderregionen ein Projekt, das Sie als Ministerpräsident

besonders beeindruckt hat?

PLATZECK: Mich beeindruckt, mit wie

viel Initiative, Kreativität und Engagement

die Beteiligten vor Ort ihren Standort

voranbringen. Das spiegelt sich in

den Präsentationen einzelner RWK in

diesem Heft wieder. Dabei soll Noten verteilen

nicht mein Job sein, aber lassen Sie

mich ein paar Tendenzen skizzieren, die

mir wichtig sind: In manchen RWK – so

Neuruppin – wurde früh und systematisch

begonnen, die Umlandgemeinden

in die Standortentwicklung einzubeziehen.

Andere – so Fürstenwalde – haben

sich vorausschauend dem Thema Fachkräftesicherung

zugewandt und dazu

alle Akteure an einen Tisch gebracht.

W&M: Sind enge Kooperation und Vernetzen

stärkster Wesenszug der RKW?

PLATZECK: Dort, wo mehrere Kommunen

einen RWK bilden, wie Oranienburg-Hennigsdorf-Velten,

wurde darauf

gesetzt, die Zusammenarbeit zwischen

den Orten systematisch zu organisieren

und eine gemeinsame Strategie zu entwickeln.

Auch das war richtig. Und ich

fand es schon beeindruckend, wie in der

Weltwirtschaftskrise schnell gute Projekte

angeschoben werden konnten, als der

Bund mit dem Zukunftsinvestitionsgesetz

Geld zur Sicherung von Arbeitsplätzen

zur Verfügung stellte. Auch diese

bestandene Feuertaufe hat dazu beigetragen,

dass unsere Regionalen Wachstumskerne

inzwischen weit über die Landesgrenzen

hinaus bekannte Beispiele

für eine moderne Struktur- und Standortpolitik

sind.

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 33


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Regionaler Wachstumskern Schwedt/Oder

Top-Infrastruktur an der Oder

Als »Stadt voller Energie« konzentriert sich Schwedt auf die Entwicklung neuer Geschäftsfelder

Eine Besonderheit des Regionalen

Wachstumskerns Schwedt/Oder ist

seine starke industrielle Ausprägung

mit den Schwerpunkten Mineralöl

und Biokraftstoffe sowie Papiererzeugung.

Das vor einem halben Jahrhundert

gegründete Erdölverarbeitungswerk ist

als PCK Schwedt auch heute noch größter

Arbeitgeber in der Stadt. Die Raffinerie

versorgt weite Teile Ostdeutschlands

mit Kraftstoffen. Nach der Wende siedelte

sich eine zweite Papierfabrik an. Damit

entwickelte sich Schwedt zu einem

der größten Papierstandorte Deutschlands.

Dritter und jüngster industrieller

VOLLER ENERGIE Annekathrin Hoppe

Trend sind die erneuerbaren Energien.

Die im Industriepark errichtete Biogasanlage

der VERBIO Vereinigte BioEnergie

AG wird nach Fertigstellung der zweiten

Ausbaustufe mit einer Produktionskapazität

von 50 Mio. Kubikmeter Erdgas im

Jahr die größte Anlage ihrer Art weltweit

sein. Auch das technische Verfahren zur

Umwandlung von agrarischen Reststoffen

in Biokraftstoff ist eine Weltneuheit.

»So wird Schwedt zu einem Energiestandort

zwischen Tradition und Moderne«,

hebt Annekathrin Hoppe hervor, Leiterin

der städtischen Wirtschaftsförderung.

Die Maßnahmen im Rahmen der

Wachstumskern-Strategie wollen diese

Potenziale festigen und um neue Elemente

erweitern, insbesondere zur Fachkräftesicherung.

Eine Stärkung des Logistikstandortes

Schwedt wird durch den

Gleisanschluss des Hafens an der Oder

erreicht, der Ende August 2011 in Betrieb

geht. Auch die Papierfabriken erhalten

Anschlussgleise an den Hafen und

können dadurch erhebliche Transporte

von der Straße auf die Schiene verlagern.

Annekathrin Hoppe ist gleichzeitig

die Geschäftsführerin der städtischen

Infrastrukturgesellschaft InfraSchwedt

Infrastruktur und Service GmbH. Ihr Auftrag

ist es, die Ansiedlungsakquise und

das Standortmarketing zu verstärken.

Die wichtigsten entscheidungsrelevanten

Infos über Ansiedlungsflächen wurden

jetzt von der ICU Investor Center

Uckermark GmbH in einer Datenbank

zusammengestellt. »Auf der Expo Real im

Oktober in München werden wir gemeinsam

mit der Stadt Schwedt/Oder die Internet-Version

mit Videos von 13 für Investoren

in Frage kommenden Flächen

erstmals vorstellen«, kündigt ICU-Geschäftsführer

Silvio Moritz an.

Seit drei Jahren besteht in Schwedt/

Oder eine Präsenzstelle der Fachhochschule

Brandenburg und der Hochschule

für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

(FH). Die akademischen Einrichtungen

bieten Weiterbildungsleistungen

für Unternehmen an und stehen auch

für Technologietransfers bereit. Ein Fernstudiengang

Betriebswirtschaftslehre

wird angeboten. Auf diese Weise sollen

Fachkräfte qualifiziert und in der Region

gehalten werden.

Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung

des Qualifikations-Umfeldes ist das

Haus der Bildung und Technologie, das

derzeit in zentraler Lage entsteht. Hier

sollen neben Bildung und Qualifizierung

auch Angebote zu Technologie, Innovation

und Unternehmensgründung gebündelt

und ausgebaut werden. Auch die

Präsenzstelle der FH wird hier Räume beziehen.

Die Kontakte zur Universität im

benachbarten polnischen Stettin können

auf eine neue Basis gestellt werden.

INTERVIEW

JÜRGEN POLZEHL

Bürgermeister

von Schwedt/Oder

W&M: Welche Auswirkungen hat der

Status RWK auf die Stadt Schwedt/Oder?

POLZEHL: Als einer von 15 Regionalen

Wachstumskernen im Land Brandenburg

wird unsere Stadt über die Landesgrenzen

hinweg als ein entscheidender

Wirtschaftsstandort wahrgenommen.

Die Investition in den RWK

Schwedt/Oder stärkt das wirtschaftliche

Interesse und garantiert somit den

zukunftsorientierten Ausbau unserer

Region.

W&M: Welche Branchen-Kompetenzfelder

weist der RWK Schwedt/Oder auf?

POLZEHL: Unsere Stadt weist durch die

Branchen Mineralölwirtschaft und Biokraftstoffe,

Papier, Metall und Logistik

eine hohe Innovationskraft und Unternehmenskonzentration

von maßgeblicher

Bedeutung auf.

W&M: Warum sollten sich Unternehmen

in Schwedt/Oder ansiedeln?

POLZEHL: Unsere Stadt bietet aufgrund

ihrer hervorragend ausgebauten Infrastruktur

interessierten Unternehmen

optimale Möglichkeiten zur Neuansiedlung.

Überzeugend ist auch der harmonisierende

Bestand an weichen

Standortfaktoren, insbesondere in den

Bereichen Bildung, Freizeit und Kultur

und Gesundheitswesen. Schwedt/Oder

ist eine Stadt, in der es sich neben der

Arbeit auch zu leben lohnt.

34 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Regionalmarke Uckermark

Attraktive Nachbarschaft

Die ICU Investor Center Uckermark GmbH holt kommunale Partner aus dem Umland ins RWK-Boot

V

erstärkt wird die gemeinsame

Zusammenarbeit von der ICU Investor

Center Uckermark GmbH

mit Sitz in Schwedt/Oder, die sich neben

der Akquise von auswärtigen Investoren

auch um die Entwicklung einer charakteristischen

»Regionalmarke UCKER-

MARK« kümmert. Unter dieser Regionalmarke

sind derzeit Leistungsträger im

Landkreis aus sechs unterschiedlichen

Bereichen (Wirtschaft, Landwirtschaft,

Tourismus, Kommunen, Kultur/Freizeit/

Sport und Natur/Landschaft) vereint.

»Durch die Bündelung wird erstmals ein

bereichsübergreifendes Management geschaffen,

das zur Effizienzerhöhung und

Informationserweiterung führt«, betont

AUSBILDUNG Investition in die Zukunft.

nehmend als einheitlicher Wirtschaftsraum

versteht«, sagt ICU-Geschäftsführer

Moritz. Höhepunkt der aktuellen Investoren-Werbung

wird der Auftritt auf der

Immobilien-Messe »Expo Real« im Oktober

in München sein.

So wie nach außen, wird auch im Innern

die Wirtschaftskooperation verstärkt.

Unter Nutzung von Fördermitteln

der GRW-Maßnahme »Regionalbudget«

haben die vier Städte Schwedt/Oder,

Prenzlau, Templin und Angermünde zusammen

mit dem Landkreis Uckermark

eine Kooperationsvereinbarung zur

Einrichtung einer Arbeitsgemeinschaft

»Arbeitskreis Fachkräftesicherung« geschlossen.

Die ersten drei gemeinsamen

Projekte wollen den Innovationstransfer

Deutschland/Polen mit einer Präsenzstelle

in Stettin fördern sowie durch das

Projekt »Berufsfelderkundung« und Maßnahmen

zur betriebsnahen Weiterqualifizierung

zur Fachkräftesicherung beitragen.

»Beim Projekt Regionalbudget ist

Schwedt/Oder auf die Nachbarstädte zugegangen«,

berichtet die Leiterin der

Wirtschaftsförderung in Templin, Dana

Schöttler. »Für uns steht dabei der Aspekt

der Fachkräfte im Vordergrund«. Weiterbildungsangebote

sollen Berufserfahrene

an den Standort binden und Betriebs-

Praktika für Schüler Berufsneulingen

den Start ins Arbeitsleben erleichtern.

»Wir haben alle Firmen in unserer Stadt

angeschrieben und eine Ausbildungsplatz-Übersicht

erstellt«, so Frau Schöttler.

»Die Nutznießer dieses Projekts werden

die Schüler sein«, ist die Wirtschaftsförderin

überzeugt.

Auch in Prenzlau setzt man auf den

Nutzen der regionalen Wirtschaftskooperation.

»Wir haben uns in der Arbeitsgruppe

darüber verständigt, wo uns am

meisten der Schuh drückt«, sagt die Leiterin

der Wirtschaftsförderung der Stadt

Prenzlau, Silke Liebher. »Das Ergebnis

war, dass uns in den nächsten Jahren viele

Fachkräfte fehlen werden, wenn wir

nichts unternehmen«. Die Erklärung zur

Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen

wurde sogar vom Prenzlauer

Stadtparlament förmlich beschlossen.

Frau Liebher: »Uns ist klar, dass die ökonomischen

Strukturveränderungen von

einer Stadt allein nicht zu bewältigen

sind.« Erfolgreich ist in Prenzlau die erste

Woche der »Berufsfelderkundung« verlaufen,

die von Berufsbildungsvereinen

für die achten Klassen der Oberschule angeboten

wurde. »Diese Praxiswoche, mit

der frühzeitige Kontakte zwischen

Schülern und Betrieben hergestellt werden

sollten«, so Prenzlaus Wirtschaftsförderin

Liebher, »ist sehr gut angenommen

worden«.

Foto: ICU GmbH

ICU-Geschäftsführer Silvio Moritz. »Auf

diese Weise entsteht ein gestärkter

Marktauftritt, so dass es zu einer erhöhten

Wahrnehmung der Uckermark am

Markt kommt«.

Ein wichtiger Werbefaktor ist dabei

der Regionale Wachstumskern in

Schwedt/Oder. »Dass die Uckermark einen

RWK mit einem Industrie-Highlight

besitzt, ist für unsere Aktivitäten sehr

hilfreich, da die Wachstumskerne generell

eine erhöhte Beachtung finden.« Von

13 Industrie- und Gewerbegebieten im

Landkreis, die sich für Unternehmensansiedlungen

besonders anbieten, hat das

ICU Videofilme anfertigen lassen, die im

Internet abrufbar sind. Zusammen mit

der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB)

wird verstärkt überregional für die

Uckermark geworben. »Dabei stellen wir

uns als eine zentrale Region auf der

Achse Berlin-Stettin dar, die sich nach

Wegfall der Grenzschranken zu Polen zu-

KERNINDUSTRIEGEBIET SCHWEDT Papierwerke und das PCK.

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 35


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Regionaler Wachstumskern Oranienburg-Hennigsdorf-Velten

Trio im starken Schulterschluss

Die drei größten Städte des Landkreises Oberhavel bündeln Kapazitäten zu größtem Nutzen

ierung. Die Diversifizierung trug dazu

bei, dass sich die Zahl der Arbeitsplätze

in den Jahren 2005 bis 2009 um gut sieben

Prozent erhöhte (Landesdurchschnitt:

5,6 Prozent). Auch die sechs Maßnahmen

des RWK-Konzepts, von denen

mittlerweile fünf umgesetzt wurden,

hatten daran Anteil. Dabei handelt es

sich um große Infrastrukturprojekte mit

einem Gesamtvolumen von 25 Millionen

Euro. Das größte unter ihnen ist – mit

einem Volumen von 18 Millionen Euro –

die Erschließung von ehemaligen Flächen

des Hennigsdorfer Elektro-Stahlwerks

(H.E.S.) zur Ansiedlung neuer Unternehmen.

»Die Stadt hatte sich schon

früher um dieses Projekt beworben, aber

erst mit dem RWK kam es wirklich voran«,

erklärt Sylvia Weise. Mittlerweile

sind 70 Prozent der 17 Hektar großen

Fläche an künftige Investoren vergeben

oder optioniert: in der Regel auswärtige

Unternehmen der Metall- und Biotech-

Branche, die sich neu in Hennigsdorf ansiedeln.

Ein Gutteil des Erfolges geht auch auf

die straffe Organisationsform des Regio-

STARKES TRIO Andreas Schulz, der Bürgermeister

von Hennigsdorf (l.), Ines Hübner, die

Bürgermeisterin von Velten, Hans-Joachim

Laesicke, der Bürgermeister von Oranienburg.

Die Bindestriche symbolisieren den

Kooperationswillen – und inzwischen

auch dessen Erfolg. O-H-V

ist der Primus unter den 15 Brandenburger

Wachstumskernen, wie die jüngste

Evaluierung ergab. »Den größten Nutzen

des Regionalen Wachstumskerns sehe

ich in der engeren kommunalen Zusammenarbeit

der drei Städte«, sagt Sylvia

Weise, die als Geschäftsführerin der BBG

Beteiligungs- und Beratungsgesellschaft

mbH in Hennigsdorf für die Koordination

des RWK zuständig ist. Inzwischen

erstrecke sich die Kooperation auch auf

Bereiche jenseits der RWK-Kernanliegen

Wirtschaftsförderung und Fachkräftebereitstellung.

Die wirtschaftlichen Leitbranchen des

RWK sind die Biotechnologie, Kunststoffe

und Chemie, Logistik, Metall und

Schienenverkehrstechnik, an jedem

Standort mit jeweils eigener Akzentunalen

Wachstumskerns zurück, wie die

Stadtoberhäupter nach der RWK-Evaluierung

betonten. Ines Hübner (Bürgermeisterin

der Stadt Velten), Hans-Joachim

Laesicke (Bürgermeister der Stadt

Oranienburg) und Andreas Schulz (Bürgermeister

der Stadt Hennigsdorf): »Es

war richtig, von Anfang an auf eine klare,

transparente und leistungsfähige

Organisationsstruktur zu setzen. Damit

ist es gelungen, ein breites Spektrum an

Maßnahmen und Aktivitäten, umzusetze.

Für die Vorhaben ist ein Höchstmaß

an finanzieller und förderseitiger Unterstützung

erreicht worden. Jede der drei

Städte profitiert von der Zusammenarbeit.

Die Ergebnisse der RWK-Evaluierung

sind ein eindeutiges Signal für die intensive

Fortsetzung der Zusammenarbeit

der drei Städte sowie für die Ausweitung

auf weitere Themenfelder.«

So wurde von den drei Städten ein gemeinsames

Klimaschutzkonzept entwickelt,

wozu Fördermittel des Bundesumweltministeriums

eingesetzt werden

konnten. Das Konzept sieht vor, mit Maßnahmen

zur Verbesserung der Energieeffizienz

und durch die Investition in weitere

CO 2 -sparende Energie- und Wärmeerzeugung

die Emissionen bis zum

Jahr 2015 noch einmal um mehr als zehn

Prozent zu senken.

SYLVIA WEISE Geschäftsführerin der BBG

Ein besonderes Maßnahmenbündel

zielt auf die Verbesserung der Fachkräftesituation.

Dafür wurde 2010 das »FIB –

Fachkräfteinformationsbüro Oberhavel«

für einen Zeitraum von zunächst drei

Jahren eingerichtet. Das Büro offeriert

Beratungs- und Coachingangebote für

Unternehmen in allen Fragen der Nachwuchs-,

Fachkräfte- und Führungskräftesicherung.

RWK-Managerin Weise: »Das

FIB führt eigene Projekte im Übergang

von Schule und Beruf durch und stellt

für die Unternehmen – gemeinsam mit

der Präsenzstelle der Fachhochschule

Brandenburg in der Stadt Hennigsdorf –

Kontakte zu Bildungsträgern, Hochschulen

und wissenschaftlichen Einrichtungen

her.« Fachliche Unterstützung geben

die Bundesagentur für Arbeit, die IHK

Potsdam, die Handwerkskammer Potsdam,

der Landkreis Oberhavel und die

Landesagentur für Struktur und Arbeit

(LASA).

36 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Regionaler Wachstumskern Prignitz

Prignitz: In bester Lage

Mit der dreifachen Verkehrsanbindung durch Straße, Bahn und

Wasserweg punktet die Region im Nordwesten Brandenburgs. Mit

der neuen Autobahn 14 wird dieser Vorteil erheblich aufgewertet.

V

on der Prignitz aus ist ein Einzugsgebiet

von zehn Millionen Menschen

in weniger als zwei Stunden zu

erreichen. Das macht die Region für das

Transportgewerbe interessant, aber auch

für andere Branchen.

Für Udo Staeck, Bürgermeister der Gemeinde

Karstädt, ist es deshalb von entscheidender

Bedeutung, dass auch das

größte Projekt auf der Aufgabenliste des

RWK bald in Angriff genommen wird:

der Bau der Autobahn A 14 zwischen

Magdeburg und Schwerin. »Das ist für

unsere Region eine Schlüsselmaßnahme«,

betont Staeck. Mit der Schnellstraße,

die 2015 fertiggestellt sein soll,

wird die Nord-Süd-Erreichbarkeit der

Prignitz deutlich erhöht. Anfang August

gab Bundesverkehrsminister Ramsauer

endlich „grünes Licht“ für den 155 Kilometer

langen Autobahnneubau.

Doch auch schon jetzt steckt viel Dynamik

in der Wirtschaftsregion im Nordwesten

Brandenburgs. Die Evaluierung

der RWK attestierte der Prignitz, ihren

Status als Wachstumskern seit 2005

»sehr aktiv genutzt« zu haben. Für Wittenberges

Bürgermeister Dr. Oliver Hermann

ist das wichtigste Ergebnis des bisherigen

RWK-Prozesses, dass eine »Bündelung

der Kräfte in der Region« erreicht

worden ist. Ein entscheidendes Erfolgsmoment

sieht Hermann in der gelungenen

Kooperation von Politik und Wirtschaft:

»Es war für unseren Wachstumskern

wichtig, von Anfang an die Vertreter

der Wirtschaft mit im Boot zu haben«.

Lutz Lange, Sprecher des RWK und

Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative

Westprignitz e. V., hebt hervor, dass diese

gleichberechtigte Beteiligung eines Unternehmerverbandes

im Wachstumskern

»einmalig in Brandenburg« ist. Auf diese

Weise hat sich das »Gemeinschaftsgefühl

in der Region« deutlich verstärkt. Das

gemeinsame Handeln wird in der Lenkungsgruppe

des RWK alle 14 Tage abgestimmt.

»Durch die Kommunikation auf

kurzem Wege kann auch viel schneller

reagiert werden«, hat Lange festgestellt.

Die Ausweisung als Wachstumskern

wirkte als »Aufbruchssignal« für die regionale

Wirtschaft, was sich etwa daran

ablesen lässt, dass die Wirtschaftsinitiative

Westprignitz ihre Mitgliederzahl von

36 zu Beginn auf jetzt über 120 erhöhen

konnte.

Die strategischen Oberziele des RWK

sind neben der Stärkung der wirtschaftlichen

Potenziale auch die Erweiterung

der touristischen Angebotspalette und

der Ausbau einer hochwertigen Bildungslandschaft.

Von Bedeutung ist darüber

hinaus die Zusammenarbeit der

Kommunen zur Sicherung der zentralen

Versorgungsfunktionen für die Region.

Sie hat zur Beteiligung an dem EU-Projekt

»PEA – Public Energy Alternatives«

geführt, mit dem Energiesparpotenziale

im öffentlichen Raum ermittelt und besser

nutzbar gemacht werden sollen. Wittenberges

Bürgermeister Hermann ist

sich sicher, dass der Zuschlag für das Energieprojekt

auf die gemeinsame Antragstellung

der Kommunen zurückzuführen

ist: »Für sich alleine hätte das keine

der drei Kommunen geschafft.« Die Energiesparmaßnahmen

sollen zudem nicht

auf den RWK beschränkt bleiben, wie

Bürgermeister Staeck betont: »Wir haben

den Anspruch auszustrahlen und wollen

andere Gemeinden mitnehmen.«

Großaufgabe Bildung und Fachkräftesicherung:

Um die Ausbildungschancen

zu verbessern und damit auch den Fachkräftebedarf

in der Region zu sichern,

wurde das »Prignitzer Netzwerk Schule-

Wirtschaft« ins Leben gerufen. Erster

Schritt ist, das Wissen der Schüler über

die Arbeitswelt und ihre beruflichen

Möglichkeiten, insbesondere in der Prignitz,

zu erhöhen. Hierzu finanziert der

RWK zwei Berufs- und Karriereplaner,

die Projekte aus dem Bereich Schule-

Wirtschaft organisieren und regelmäßig

Sprechtage an den Schulen der Region

durchführen.

Von hoher wirtschaftlicher Bedeutung

ist auch der Ausbau des Binnenhafens

Wittenberge zum »trimodalen Umschlagknoten«

an der Elbe. An je einer

Lade- und Lösch-Pipeline kann im »Elbeport

Wittenberge« Flüssiggut umgeschlagen

werden. Mit seinem zweiten Anleger

hat sich der Binnenhafen zum Multi-Purpose-Terminal

entwickelt. Die Maßnahmen

zahlen sich aus. So wäre ohne das

Hafenprojekt beispielsweise der Verbleib

eines Unternehmens der chemischen Industrie

fraglich gewesen.

Nach den Anfangserfolgen in Wirtschaft

und Bildung wird verstärkt auch

die Kooperation in anderen Bereichen gesucht,

wie der Bürgermeister der Stadt

Perleberg, Fred Fischer, berichtet. Die Zusammenarbeit

erstreckt sich inzwischen

auch auf die Bereiche Gesundheitsversorgung,

Soziales, räumliche Entwicklung,

Tourismus und Kultur. »Die Maßnahmen

greifen relativ verzahnt ineinander«,

stellt Fischer fest. Der Geist der Kooperation,

freut sich Perlebergs Stadtoberhaupt,

»verbreitet sich in unserem

Wachstumskern auf immer mehr Feldern«.

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 37


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Regionaler Wachstumskern Ludwigsfelde

Ludwigsfelde bewegt

Es läuft rund in Ludwigsfelde. Die größte Stadt im Landkreis Teltow-Fläming, direkt an der

Autobahn gelegen, ist ein Schwergewicht im Verkehrsbereich. Luftfahrttechnik, Automotive und Logistik

zählen zu den prägenden Branchenkompetenzfeldern des Regionalen Wachstumskerns Ludwigsfelde.

Das Leitmotiv der Stadt lautet kurz und knapp: »Ludwigsfelde bewegt«.

GUTE VERKEHRSANBINDUNG: Ludwigsfelde zieht Unternehmen an.

Schon 1936 errichtete Daimler Benz

hier ein Flugzeugmotorenwerk, in

dem heute die Transporter vom Typ

Sprinter und Vario produziert werden.

Ebenfalls setzt MTU am Standort Triebwerke

in Stand und Thyssen Krupp Umformtechnik

produziert Karosserieteile

für Fahrzeuge. 2006 kam ein Logistikzentrum

von Volkswagen und jüngst von

Siemens hinzu. Die gute Verkehrsanbindung,

auch zum nahe gelegenen Großflughafen

in Schönefeld, zieht weitere

Unternehmen an.

Allerdings achtet Ludwigsfelde verstärkt

darauf, sich in seiner Wirtschaftsentwicklung

nicht zu sehr von den dominanten

Branchen abhängig zu machen.

»Wir streben eine breitere Diversifizierung

an«, sagt Wilfried Thielicke, der

Wirtschaftsförderer der Stadt Ludwigsfelde.

Metall und Ernährungswirtschaft

sind weitere Kompetenzfelder, die bereits

am Standort vertreten sind. »Wir

sind aber offen für alle Branchen, die

hierher passen«, betont Thielicke. Als

Beispiel nennt er die modernen Energietechnologien.

So ist Ludwigsfelde inzwischen

eine ausgewählte Bioenergie-Region

des Bundeslandwirtschaftsministeriums.

Auch um Firmen mit einem erhöhtem

Forschungs- und Entwicklungsanteil

will man werben.

Drei zentrale Maßnahmen setzt Ludwigsfelde

im Rahmen des RWK-Programms

um: die Unterstützung des städtischen

Arbeitskreises zur Fachkräftesicherung

der Zukunft, ein Kultur- und

Bürgerhaus als »identitätsstiftende Mitte

im Stadtzentrum« sowie den Aufbau und

die Entwicklung eines webbasierten

kommunalen Geoportals. Die bisherige

Entwicklung des Regionalen Wachstumskerns

wird im Evaluierungsbericht von

2010 positiv bewertet. »Der RWK Ludwigsfelde

weist aufgrund seiner Arbeitsplatzzentralität

und dynamischen Wirtschafts-

und Beschäftigungsentwicklung

eine wachsende Motorwirkung bzw. Ausstrahlkraft

auf«, urteilten die Gutachter.

Die Studie bescheinigte dem RWK die

zweitbeste Beschäftigungsentwicklung

aller brandenburgischen Wachstumskerne.

Das Zentrum für Aus- und Weiterbildung

Ludwigsfelde (ZAL) ist ein wichtiger

Baustein zur Fachkräftesicherung. Es bietet

einen Rundum-Service für Unternehmen

und Arbeitskräfte.

Was mit der Ansiedlung von Unternehmen

bisher gelungen ist, will die

Stadt künftig bei den Fachkräften fort-

BRÜCKENFEST unter der BAB 10.

setzen: Sie sollen nicht nur zu den Ludwigsfeldern

Arbeitsplätzen einpendeln,

sondern sich als Neu-Bürger dauerhaft

niederlassen. »Ludwigsfelde soll nicht

nur mit interessanten Jobs verbunden

werden, sondern wir streben an, dass

mehr Menschen hier leben wollen«, erklärt

Thielicke. Etliche der weichen

Standortfaktoren sind bereits vorhanden,

wie ein sehr gutes Schulangebot

und Betreuungsplätze im vorschulischen

Bereich.

Verstärkte Aktivitäten gelten in den

kommenden Jahren dem Merkmal »Urbanität«,

wozu ein Standortentwicklungskonzept

sowie ein Einzelhandelsund

Zentrenkonzept erstellt wurde. Maßnahmen

in diesem Zusammenhang sind

die Stärkung des Einzelhandels, die Aufwertung

des öffentlichen Raumes durch

einen »Aktiv-Stadtpark« an der Autobahn

sowie die Profilierung des kulturellen

Angebots durch die Sanierung des Kultur-

und Bürgerhauses. Vor allem das

Kulturhaus gilt als zentrales Projekt.

»Unser Ziel«, betont Wirtschaftsförderer

Thielicke, »ist die Ausrichtung auf eine

nachhaltige Standortentwicklung«.

38 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Foto: Stadt Cottbus

Regionaler Wachstumskern Cottbus

Kreative Energie

Die enge Verknüpfung von Wissenschaft und Wirtschaft sowie

von Tradition und Moderne sind im Süden des Landes Brandenburg

die entscheidenden Schlüssel für den ökonomischen Aufschwung.

Nicht nur Fußball-Fans ist bekannt,

dass Cottbus viel mit Energie

zu tun hat. Die größte Stadt

im Süden des Landes Brandenburg ist

das Tor zur Braunkohleregion Lausitz

und besitzt mit der Energiewirtschaft

ein markantes Branchenkompetenzfeld.

Auch wirtschaftliche Ansiedlungserfolge

der letzten Jahre stehen in Zusammenhang

mit diesem Energiestandort. Im

Rahmen des Regionalen Wachstumskerns

werden jedoch auch gezielt Infrastrukturen

ausgebaut, mit denen die

»kreative Energie in den Köpfen« besser

genutzt werden.

Das ist jetzt auch auf dem Industrieund

Technologiepark im Norden der

Stadt erlebbar: Im dort neu errichteten

Technologie- und Forschungszentrum arbeiten

schon seit Monaten kreative Köpfe

aus dem IT- und Sensorikbereich. Wenige

Gehminuten entfernt wird das Energiezentrum

auf dem Campus der Brandenburgischen

Technischen Universität

Cottbus gerade im Rohbau errichtet.

Forschen werden dort künftig die Nachwuchsforscher

der Zukunft, denn

nochmals einen Steinwurf entfernt wird

ein Schulhaus für den Einzug des Max-

Steenbeck-Gymnasiums saniert, einer

international erfolgreichen Schule mit

mathematisch-naturwissenschaftlicher

Ausrichtung. Man spürt es: In Cottbus

drehen sich Kräne für bauliche Investitionen

in die junge Kreativität.

Eine Gelegenheit, dieses Potenzial

sehr unterhaltsam zu erkunden, ist die

»Nacht der kreativen Köpfe«. Zur fünften

Auflage dieser Entdeckungstour am 15.

Oktober 2011 gibt es von 19 bis 24 Uhr an

20 Veranstaltungsorten Vorträge, Workshops,

Theater, Ausstellungen und vieles

mehr. Ausgewählte Firmen und Institutionen

öffnen ihre Pforten und widmen

sich dem Jahresthema der Stadt »Wirtschaft

und Ehrenamt«. Sie entführen in

ihre Wissens-Welt und gestatten den

berühmten Blick hinter die Kulissen.

Kurz: eine Veranstaltung, die über Nacht

klüger macht!

Die »Nacht der kreativen Köpfe« begreift

sich aber auch als Schulterschluss

der »Macher«, möchte die innovativen

Potenziale der Region aufzeigen um

Ängsten und Szenarien, wie dem demographischen

Wandel, Abwanderung und

Fachkräftefragen kreative Antworten

entgegenzusetzen.

Gerade deshalb greifen die Veranstaltungsorte

gern Themen wie Tradition

und Moderne, Erhaltenswertes und Neuerungen,

Jung und Alt oder das Miteinander

der Generationen auf, entwickeln

Perspektiven für die Region und testen

Ideen oder neue kreative Wege.

Mit dem intelligenten Routenplaner,

der vom Fraunhofer-Anwendungszentrums

für Logistiksystemplanung und

Informationssysteme (ALI) entwickelt

wurde, können die Besucher ihre individuelle

Route vorab im Internet sowie

am Abend selbst je nach Interessenlage

planen und mit dem Shuttle-Bus sind

alle Veranstaltungsorte bequem und zeitlich

passend erreichbar.

LABOR Hochspannung in der Technischen

Universität.

Das Ticket berechtigt zum Besuch der

NdkK-Veranstaltungen und zur Nutzung

des Shuttle-Busses sowie von Bus und

Bahn von CottbusVerkehr am 15.10.2011

in der Zeit von 15 bis 12 Uhr (16.10.2011).

Ticketvorverkauf: Ab dem 01.09.2011 an

allen bekannten CTS-Vorverkaufsstellen

sowie online buchbar unter Eventim.

MEINUNG

HENDRIK FISCHER

Leiter der

interministeriellen

Arbeitsgruppe

integrierte Standortentwicklung

(IMAG)

Zusammenspiel

der Kerngebiete

auf gutem Weg

Für den Leiter der interministeriellen

Arbeitsgruppe integrierte Standortentwicklung

(IMAG), Hendrik Fischer,

ist die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit

mit den 15 regionalen

Wachstumskernen (RWK) notwendig,

um diese im Land Brandenburg besonders

geförderten Standorte weiter voranzubringen.

Von den RWK erwarten

er und die Experten dieses Gremiums,

in den nächsten Jahren vor allem drei

Dinge im Auge zu behalten:

– die weitere Qualifizierung der

strategischen Arbeit, die umfassende

Kooperation mit ihren Umlandgemeinden

und das Entwickeln und

Umsetzen von strategischen Handlungsansätzen

in den Themenfeldern

Innovation und Fachkräftesicherung.

– Auf dem Weg dorthin wird es wie

in den vergangenen Jahren üblich

jährliche Gesprächsrunden der IMAG

mit den RWK geben. Dabei soll es

dann besonders um die aktuelle wirtschaftlich

Entwicklung am jeweiligen

geförderten Standort, den Stand der

Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen

sowie Vorschläge für etwaige

neue prioritäre Vorhaben gehen.

– Die nächste Gesprächsserie startet

schon im September. Ziemlich sicher

ist, dass es bei vielen Terminen noch

stärker um qualitative Aspekte der

Weiterentwicklung gehen wird. Mit

aktuell 133 Vorhaben ist inzwischen

eine Zahl geförderter Maßnahmen

erreicht, die eine noch stärkere Prioritätensetzung

offensichtlich notwendig

macht. Auf die Ergebnisse dieser

Diskussionen darf man deshalb durchaus

gespannt sein.

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 39


SONDERVERÖFFENTLICHUNG

Beteiligte Wachstumskerne

Weitere Wachstumskerne

STADT COTTBUS

Fachbereich Stadtentwicklung

Frau Carola Neumann

Karl-Marx-Straße 67, 03044 Cottbus

Tel.: (03 55) 612-28 56

E-Mail: carola.neumann@neumarkt.cottbus.de

Internet: www.neumarkt.cottbus.de

STADT LUDWIGSFELDE

Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung

Herrn Wilfried Thielicke

Rathausstraße 3, 14974 Ludwigsfelde

Tel.: (033 78) 82 7-110

E-Mail: wilfried.thielicke@svludwigsfelde.brandemburg.de

STADT BRANDENBURG AN DER HAVEL

Amt für Wirtschaftsförderung und Tourismus

Amtsleiter Hans-Joachim Freund

www.stadt-brandenburg.de

STADT EBERSWALDE

Amt für Wirtschaftsförderung und Tourismus

Amtsleiter Dr. Ronald Thiel

www.eberswalde.de

STADT FRANKFURT (ODER)

Amt für Wirtschaftsförderung und Investitionen

Abteilungsleiterin Wirtschaftsförderung

Frau Bärbel Jegorow

www.frankfurt-oder.de

STADT SCHWEDT/ODER

UND INVESTOR CENTER UCKERMARK

Frau Hoppe

Lindenallee 25–29

16285 Schwedt

Tel: (033 32) 44 62 06

E-Mail: ahoppe@schwedt.de

Internet: www.schwedt.de

STADT FÜRSTENWALDE

Wirtschaftsförderung und Tourismus

Frau Andrea Schickert

www.fuerstenwalde-spree.de

STADT GROSSRÄSCHEN

Wachstumskern Westlausitz

Frau Wieduwilt

www.wachstumskern-westlausitz.de

REGIONALER WACHSTUMSKERN

PERLEBERG-WITTENBERG-KARSTÄDT

Koordinatorin Frau Annett Jura

Laborstr. 1, 19322 Wittenberge

Tel: (038 77) 984 271

E-Mail: koordinatorin@wk-prignitz.de

Internet: www.wachstumskern-prignitz.de

RWK O-H-V

c/o BBG Beteiligungs- und

Beratungsgesellschaft mbH

Frau Sylvia Weise

Eduard-Maurer-Straße 13,

16761 Hennigsdorf

Tel: (033 02) 20 03 30

E-Mail: info@rwk-ohv.de

Internet: www.rwk-ohv.de

STADT LUCKENWALDE

Stabstelle Wirtschaftsförderung

Frau Jutta Stohwasser

www.luckenwalde.de

INKOM NEURUPPIN – GESELLSCHAFT FÜR

KOMMUNALE DIENSTLEISTUNGEN MBH

Geschäftsführer Hans Schaefer

www.inkom-neuruppin.de

LANDESHAUPTSTADT POTSDAM

Oberbürgermeister Jann Jakobs

www.potsdam.de

ALTSTADTSANIERUNGSGESELLSCHAFT

SPREMBERG MBH

Wirtschaftsförderung

Frau Anja Beck

www.stadt-spremberg.de

Impressum

STADT KÖNIGS WUSTERHAUSEN

Bürgermeister Dr. Lutz Franzke

www.stadt-kw.brandenburg.de

Sonderveröffentlichung Regionale Wachstumskerne

Eine Anzeigensonderveröffentlichung von

Regionalen Wachstumskernen des Landes Brandenburg

Verantwortlich für den Inhalt: Die beteiligten Regionalen

Wachstumskerne

Eine Produktion der Redaktion Sonderthemen

für den Verlag Wirtschaft und Markt

Redaktion: Manfred Ronzheimer

Anzeigen: Michael Schulze (v. i. S. d. P.)

Verlag: Wirtschaft & Markt Verlagsgesellschaft

Druck: Möller Druck Berlin

40 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


Die richtige Energie

für die Zukunft

Als eines der großen Energieunternehmen Deutschlands setzen wir uns

für alles ein, was die Menschen in Brandenburg und Mecklenburg-

Vorpommern nach vorne bringt. Wir unterstützen viele Projekte aus den

Bereichen Wissenschaft, Forschung und Bildung und fördern den Ausbau

erneuerbarer Energien.

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SPECIAL

Anfang August liefen wieder einmal

wenig verheißungsvolle Nachrichten

aus dem deutschen Gesundheitssystem

über die Agenturen: Auf dem

Lande sterben die Hausärzte aus, so lautete

– kurz gefasst – das aktuellste Horrorszenario

aus dem an schlechten Neuigkeiten

ohnehin nicht armen Gesundheitswesen.

Wieder einmal droht ein

Loch in der medizinischen Versorgung

und im Reigen der rasch wechselnden

Amtsinhaber im Bundesgesundheitsministerium

ist es nun an Daniel Bahr,

mit seinem Regierungsentwurf eines

Versorgungsstrukturgesetzes, die ärztliche

Grundversorgung in der Fläche zu

sichern.

Ein System von Anreizen und Sanktionen

– so der Plan des FDP-Ministers – soll

Ärzte aus überversorgten städtischen

Zentren in die Peripherie locken. Die mit

seinem Gesetz verbundenen Kosten bezifferte

der liberale Gesundheitsminister

auf maximal rund 320 Millionen Euro

pro Jahr.

Die Hausarztpraxis auf dem Land gilt

wegen der vergleichsweise bescheidenen

Verdienstmöglichkeiten bei gleichzeitig

hohem Arbeitsaufwand als besonders

unattraktiv für junge Ärzte. Nun sollen

umzugswillige Mediziner in bis dato unterversorgten

Gebieten von bestimmten

Sparmaßnahmen ausgenommen werden.

Auch die Residenzpflicht soll fallen

– die Ärzte müssten dann nicht mehr am

Standort ihrer Praxen leben.

Fotos: PictureDisk

BESSER ALS SEIN RUF

Wenn es darum geht, den Ärztemangel

auf dem flachen Land anschaulich zu illustrieren,

schwärmen die Medien gerne

nach Mecklenburg-Vorpommern aus. Ein

naheliegender Reflex: Schließlich steht

Deutschlands Nordosten ohnehin sinnbildlich

für die Flucht vom Lande, für Abwanderung

und siechende Infrastruktur

in der Fläche. Und in Mecklenburg-Vorpommern

gelten 85 Prozent der Landesfläche

als »ländlicher Raum«, in dem

trotz schrumpfender Einwohnerzahl immer

noch mehr als zwei Drittel der Einwohner

des Bundeslandes leben.

Gegen das hartnäckige Klischee hilft

es da wenig, dass erst in diesem Sommer

der »Ärzteatlas 2011« des Wissenschaftlichen

Instituts der AOK dem Land bescheinigte,

im bundesweiten Vergleich

der Ärzteversorgung keineswegs die rote

Laterne, sondern einen soliden Mittelplatz

innezuhaben. Mit Blick auf die

wahren Sorgenkinder Sachsen-Anhalt,

Niedersachsen oder Brandenburg steht

die Ostseeregion in der Versorgung mit

Hausärzten vergleichsweise gut da. Anlass

zur übertriebenen Sorglosigkeit bie-

Gesundheitswirtschaft

Jobmotor von morgen?

Lange Zeit war die Gesundheitswirtschaft nur als Kostentreiber

verschrien. Nun setzen immer mehr Regionen auch

in Ostdeutschland auf die Branche als Wachstumsmarkt.

Vor allem Mecklenburg-Vorpommern will sich bundesweit als

führendes Gesundheitsland profilieren.

tet die Statistik allerdings nicht. Auch

zwischen Müritz und Ostsee ist die ungleiche

regionale Verteilung der Arztpraxen

zwischen Stadt und Land augenfällig.

Auch droht die Überalterung der Gesellschaft

gleich zweifach zur Belastung

zu werden.

Auf der einen Seite resultiert aus ihr

in Zukunft ein weitaus höherer medizinischer

Bedarf als bisher, auf der anderen

Seite werden gerade in Ostdeutschland

viele Ärzte in Zukunft altersbedingt

ihre Praxen räumen. So manchem Hausarzt

könnte bei der Suche nach einem

Nachfolger unter den gegenwärtigen Bedingungen

wenig Erfolg beschieden sein.

GESUNDHEITSLAND NUMMER EINS

Für die Miseren des Gesundheitssystems

ist Mecklenburg-Vorpommern dennoch

ein schlechtes Beispiel. Denn gerade hier

hegt man im Gesundheitssektor große

Pläne. Die Branche soll zwischen Rostock

und Neubrandenburg zum Jobmotor der

Zukunft avancieren. Mecklenburg-Vorpommern

als Gesundheitsland Nummer

eins in Deutschland – das ist erklärtes

Ziel der Schweriner Regierung. Die Ge-

42 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


SPECIAL

WACHSTUM RUND UM DIE GESUNDHEIT

Weiteres Wachstum wird gerade im zweiten

Gesundheitsmarkt – den privat finanzierten

Produkten und Dienstleistungen

rund um die Gesundheit – erwartet.

Dieser Markt – in der Definition nicht

einheitlich abgegrenzt – reicht von frei

verkäuflichen Arzneimitteln über den

boomenden Fitness- und Wellnessmarkt,

dem Gesundheitstourismus bis hin zu

den Themen gesunde Ernährung und

gesundes Wohnen. Im zweiten Gesundheitsmarkt

werden bundesweit nach

Angaben des Bundesgesundheitsministeriums

knapp 55 Milliarden Euro ausgegeben.

Das entspricht fast 20 Prozent der

gesamten Konsumausgaben.

Von diesem Trendmarkt will Mecklensundheitsbranche

soll sich bis 2020 endgültig

neben den traditionellen Standbeinen

Schiffbau, Tourismus und

Ernährungswirtschaft als feste Säule im

Branchenmix etabliert haben.

In den vergangenen zehn Jahren ist

man an der Ostseeküste bei der Umsetzung

dieser Vision bereits ein gutes

Stück vorangekommen. Ein durchschnittliches

jährliches Umsatzwachstum

von 2,7 Prozent verzeichnet die

Branche im Nordosten. Dies ist der zweithöchste

Wert aller Bundesländer nach

Berlin. Die Zahl der Beschäftigten stieg

nach Erhebungen der NORD/LB zwischen

1999 und 2008 jährlich durchschnittlich

um etwa 1,3 Prozent. Schon jetzt ist die

Gesundheitswirtschaft beschäftigungspolitisch

bedeutsamer als etwa der Handel

oder das verarbeitende Gewerbe. Der

Anteil der Branche an der Bruttowertschöpfung

des Landes liegt bei 13,7 Prozent.

Damit belegt Mecklenburg-Vorpommern

den Spitzenplatz.

MEHR ALS NUR GRUNDVERSORGUNG

Wobei zum besseren Verständnis festgehalten

werden muss: Die Gesundheitswirtschaft

ist mehr als der klassische erste

Gesundheitsmarkt – also die über die

gesetzliche und die privaten Krankenund

Pflegeversicherungen finanzierte

medizinische Grundversorgung von niedergelassenen

Ärzten und in Kliniken.

Von herausragender Bedeutung ist vor

allem auch die Vorleistungs- und Zulieferindustrie,

dazu zählen die pharmazeutische

Industrie, die Medizin- und

Gerontotechnik, die Bio- und Gentechnologie

sowie das Gesundheitshandwerk

und der medizinische Handel.

burg-Vorpommern in den kommenden

Jahren mit wachsendem Anteil profitieren.

Frühzeitig hat man deshalb im

Lande begonnen, die vorhandenen Kräfte

zu bündeln. So dient beispielsweise

ein alljährlicher Ideenwettbewerb Gesundheitswirtschaft

des Schweriner

Wirtschaftsministeriums dazu, innovative

Ideen in der Branche zu fördern und

Existenzgründungen zu befördern. Eine

der treibenden Kräfte im Land beim weiteren

Aufbau der Gesundheitswirtschaft

ist die BioCon Valley GmbH. Als zentraler

Ansprechpartner für Medizintechnik,

Biotechnologie und Biowissenschaften

versucht BioCon Valley die vorhandenen

Kompetenzen in der heterogenen Gesundheitswirtschaft,

sei es in Unternehmen

– rund 120 sind es mittlerweile im

Bereich Life Sciences –, Universitäten,

Hochschulen oder Forschungseinrichtungen

zu vernetzen. Denn Voraussetzung

für ein erfolgreiches »Gesundheitsland«

ist es, dass Touristiker, Mediziner

und die Ernährungswirtschaft ihre Produkte

und Dienstleistungen koordinieren.

In einigen Regionen wird dieser Weg

bereits beschritten. Rügen etwa vermarktet

sich bundesweit im Zusammenspiel

von Medizin und Touristik als »Gesund-


SPECIAL

Foto: privat

INTERVIEW

ANDREAS SZUR, Senior

Projektmanager und Leiter

Gesundheitswirtschaft

der BioCon Valley GmbH.

Eckpfeiler der Wirtschaft

W&M: Herr Szur, Mecklenburg-Vorpommern

will sich als Gesundheitsland etablieren. Wie

weit ist das Land bereits vorangekommen?

SZUR: Die Gesundheitsbranche ist bereits

jetzt ein strukturpolitischer Eckpfeiler

und Jobmotor für Mecklenburg-

Vorpommern. Sowohl der Umsatz mit

rund vier Milliarden Euro als auch die

mittlerweile zirka 100.000 Arbeitsplätze

– das entspricht etwa 15 Prozent der Erwerbstätigen

insgesamt – sind für eine

strukturschwache Region wie Mecklenburg-

Vorpommern unverzichtbar. Im

Krisenjahr 2009 konnten wir beispielsweise

einen Zuwachs von 3.000 sozialversicherungspflichtigen

Beschäftigungsverhältnissen

verzeichnen, was

für die Stabilität der Branche spricht.

W&M: Wo liegen die besonderen Stärken?

SZUR: Infrastrukturell gesehen ist Mecklenburg-Vorpommern

in den Bereichen

Rehabilitation mit über 60 Kliniken,

Gesundheitstourismus mit 58 Kur- und

Erholungsorten und in der Ernährungswirtschaft

besonders gut aufgestellt.

Medizintechnik und Biotechnologie

haben sich entgegen dem Bundestrend

positiv gestaltet.

W&M: Wo sind neue Arbeitsplätze denkbar?

SZUR: Ich möchte als ein Beispiel den

Bereich »Gesundes Altern« nennen. Hier

gibt es noch vielschichtige Potenziale für

den Arbeitsmarkt, etwa für das Handwerk

durch den Umbau und Neubau von

barrierearmen und altersgerechten Immobilien,

für die Immobilienwirtschaft

selbst, aber auch im Bereich der haushaltsnahen

Dienstleistungen. Eine weitere

Herausforderung für den Arbeitsmarkt

besteht darin, den Fachkräftebedarf

in der Pflegewirtschaft abzudecken.

W&M: Ist die negative demografische Entwicklung

dabei ein Hindernis?

SZUR: Dies ist eine große Herausforderung

für alle Branchen im Land. Dennoch

überwiegen die Chancen, da wir

in Mecklenburg-Vorpommern einen Bevölkerungszuwachs

in der Kohorte der

über 55jährigen zu verzeichnen haben.

Diese Klientel ist finanzstark, erwirbt

zum überwiegenden Teil Wohneigentum

und ist bereit, auch Geld in die eigene

Gesunderhaltung zu investieren,

was für unsere Branche gut ist.

heitsinsel«. BioCon Valley hat mit dem

Verbund »ScanBalt« im Bereich Forschung

und Entwicklung den Bogen zu

den Nachbarländern in Skandinavien

geschlagen. Zudem ist bei BioCon Valley

das Projektbüro Gesundheitswirtschaft

des Landes angesiedelt, das als Anlaufstelle

für die Akteure der Branche dient

(siehe Interview). Die Branche umfasst in

MV rund 7.000 private Unternehmen und

öffentliche Einrichtungen.

Mit dem Masterplan Gesundheitswirtschaft

2020 hat die Schweriner Landesregierung

fünf Feldern definiert, in denen

die Gesundheitswirtschaft im Land gezielt

gefördert werden soll: Dazu zählen

die Biotechnologie, Medizintechnik und

die pharmazeutischen Industrie unter

dem Dachbegriff Life Sciences, die Gesundheitsdienstleistungen,

das »Gesunde

Altern«, der Gesundheitstourismus sowie

die Ernährungswirtschaft.

GESUNDHEITSTOURISMUS IM FOKUS

Prädestiniert für die Rolle des »Platzhirschen«

ist Mecklenburg-Vorpommern vor

allem im Gesundheitstourismus. Dass

dieser längst kein Nischenmarkt mehr

ist, belegen Untersuchungen des Qualitätsmonitors

Deutschland-Tourismus.

Nach dessen Zahlen klassifizierten im

Jahr 2007/2008 bzw. im Untersuchungszeitraum

2008/2009 rund 16 beziehungsweise

17 Prozent aller deutschen Urlauber

ihre Reise als Gesundheitsurlaub

oder als Kur. Nach Angaben des Tourismusverbandes

Mecklenburg-Vorpommern

e. V. waren 2009 etwa 21 Prozent

der Urlauber in Mecklenburg-Vorpommern

Wellness-Gäste. Im Winterhalbjahr

erreicht dieser Wert gar die 50-Prozent-

Marke. Eine Studie der Forschungsgemeinschaft

Urlaub und Reisen schließlich

prognostiziert, dass sich die Zahl der

Gesundheitstouristen von vier Millionen

im Jahr 2009 auf sieben Millionen bis

zum Jahr 2020 vergrößern wird – sei es

ARBEITSMARKT

Jobmotor Gesundheitsbranche

Beschäftigungsentwicklung in der Gesundheitswirtschaft

(Angaben in Prozent; 1999 = 100)

Prozent

110

105

100

95

■ Mecklenburg-Vorpommern

■ Ostdeutschland ■ Westdeutschland

zur Prävention, Gesundheitsförderung,

Rehabilitation oder zur medical wellness,

einer Mischform aus medizinischer

Betreuung und Erholungsurlaub.

ANGEBOTE AUFEINANDER ABSTIMMEN

Ein wirtschaftlicher Selbstläufer ist der

vermeintliche Megatrend aber nicht.

Dazu ist der Gesundheitstourismus als

Phänomen noch zu stark im Wandel begriffen.

Eine hohe Hürde stellt die Fachkräftesicherung

dar. Mecklenburg-Vorpommern

will sich deshalb auch als Ausund

Weiterbildungsstandort für die

Branche positionieren.

Neben dem gestiegenen Gesundheitsbewusstsein

der Bevölkerung wird künftig

das Thema der alternden Gesellschaft

dominieren. Wer im Markt zu den Gewinnern

gehören will, muss seine Angebote

auf diese sich ändernden Rahmenbedingungen

umstellen und entsprechend

vermarkten – auch international.

Der ärztliche verordnete Kuraufenthalt

ist dabei nur noch ein Teilsegment

der Gesundheitsreisen. Immer mehr

Menschen nehmen eigenes Geld in die

Hand, um Urlaub und Gesundheitsvorsorge

zu verbinden. Aus dem rein anbieterorientierten

Markt der Kurorte und

Heilbäder wird sich mehr und mehr ein

von Selbstzahlern bestimmter Nachfragemarkt

entwickeln. Für einzelne Regionen

die Chance, sich mit Spezialisierungen

Alleinstellungsmerkmale in einem

stark umkämpften Wettbewerb zu sichern.

Solche Spezialisierungen können

z. B. in Angeboten für chronisch Erkrankte

bestehen. Reisen, die auf die Bedürfnisse

von Herz- oder Diabeteskranken,

Allergikern oder Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten

zielen, gelten

als vielversprechendes Marktsegment,

wenn es gelingt, die nötigen Therapieformen

mit den traditionellen Erholungsurlaub

zu verknüpfen.

Matthias Salm

&

1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008

Quelle: NORD/LB

44 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


REPORT

Fotos: DPA/ZB (2), T. George

haben, innen allerdings voluminöser gebaut

werden. Das würde den Innenhof

kleiner machen. Immerhin gibt es einen

Hof. Pläne, das Haus völlig zu überwölben,

wurden vor einigen Jahren fallen gelassen.

Gebaut wird mit der Maßgabe, dass

ein Parlament dort einzieht, das – in Zukunft

womöglich – von den Bürgern eines

gemeinsamen Bundeslandes Berlin-

Brandenburg gewählt wird. Das wäre

dann größer als das 88-Personen-Parlament

im heutigen Brandenburg. Bis es eines

Tages soweit sein sollte, wird der den

Berlinern vorbehaltene Bereich dem Lan-

Die städtische Perle Potsdam wird

seit nunmehr 20 Jahren baulich

veredelt. Mit dem Neubau des

Landtags wird jetzt eine Art innerstädtischer

Schlussstein gesetzt. »Das hat etwas

Unverrückbares, von jetzt an geht es

nur noch vorwärts«, sagte bei Baubeginn

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias

Platzeck (SPD). Im Potsdamer Stadtführer

sind auf dem Stadtareal 16 Schlösser

oder »schlossartige Gebäude« ausgewiesen.

Das 17. ist im Entstehen.

Gegenwärtig sind die Grundierungsarbeiten

abgeschlossen und die ersten

Wände erheben sich über dem Erdboden.

So schnell nun der Bau voran geht, so

kurvenreich war der Weg, den ein Projekt

genommen hat, für das der Landtag

2005 grünes Licht gab. Schwer kriegszerstört

wurden die Ruinen des barocken

Potsdamer Stadtschlosses zu DDR-Zeiten

abgetragen, was, »in Verantwortung der

SED« geschah, wie Finanzminister Helmuth

Markov (Linke) anmerkte. Zwar verzögerte

sich der Baustart ein wenig, weil

die Dauer der archäologischen Arbeiten,

der notwendigen Straßenverlegung und

der Verlegung von Zuleitungen falsch

eingeschätzt war. Doch werde man sich

noch in 100 Jahren an einem schönen Gebäude

erfreuen, für dessen werkgetreue

Barockfassade der Software-Milliardär

Hasso Plattner 20 Millionen Euro gespendet

hatte, rühmt Markov.

Noch in den neunziger Jahren war es

in der Stadt mit großer SPD- und Linken-

Mehrheit völlig undenkbar, dass sich

eine Mehrheit für eine Schlosskopie finden

würde – eine Umfrage unter den

Potsdamern 2004 hatte zwar noch keine

Mehrheit für die Schlossvariante ermitteln

können, doch hatte keine der angebotenen

Alternativ-Standorte für den

neuen Landtag auch nur halb so viele Befürworter.

Die Baukosten des in öffentlich-privater

Partnerschaft (ÖPP) errichteten

Gebäudes wurden auf 120 Millionen

Euro veranschlagt.

Errichtet wird ein modernes Parlament,

ein Bürogebäude, das mit einer barocken

Fassade versehen wird. So wird es

sein: Außen erweckt das Haus den Eindruck,

drei königliche Etagen zu besitzen,

in Wirklichkeit werden es fünf sein.

Parlamentarier und Landtagsangestellte

sitzen in schlichten Büros. Zwischen Fassade

und eigentlichem Haus wird eine

Lücke klaffen. Ein Anliegen der Stiftung

Preußische Schlösser und Gärten ist es,

die in Potsdam unter Obhut der Stiftung

deponierten Teile der alten Stadtschlossfassade

dem Neubau einzupassen.

Den Bauplänen zufolge wird das Gebäude

außen die Kubatur und auch die

Fassade des historischen Stadtschlosses

Landtagsneubau in Potsdam

Unverrückbarer Fakt

Der brandenburgische Landtag erhält ein neues Domizil. Auf dem

Areal des alten Stadtschlosses entsteht ein modernes Gebäude mit

historischer Fassade. Zu den Projektkritikern zählen auch Berliner.

ANSICHTSSACHE: Der künftige Landtag.

desrechnungshof (LRH) als Domizil dienen.

Das läuft nicht konfliktfrei. Der Präsident

des Landesrechnungshofes Thomas

Apelt kritisierte vor geraumer Zeit,

dass seine Behörde in unangemessener

Nähe zu den Abgeordneten und mit

ihnen unter einem Dach unterkommen

solle, wo außerdem zu wenig Platz für

alle sei. Die Fraktionschefin der CDU,

Saskia Ludwig, plädierte für Umplanung.

SPD-Fraktionschef Ralf Holzschuher

wollte den Fortgang aber nicht gefährden.

Wenn es um die Frage der gemeinsamen

Toilettenbenutzung gehe, dann

sollte sich die Abtrennung des LRH-Bereiches

»organisieren lassen«.

Hinzu kommt, dass Berlin bereits die

kalte Schulter gezeigt hat. Selbst wenn in

Zukunft die Vereinigung der beiden Länder

gelingen sollte – dessen Parlament

werde in Berlin unterkommen und zwar

im Preußischen Abgeordnetenhaus, stellte

der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses

Walter Momper in einem Brief

an Landtagspräsident Fritsch (beide SPD)

klar. Das gemeinsame Parlament in Potsdam

war eine Vereinbarung vor dem ersten

Versuch, beide Länder zu fusionieren.

Er scheiterte 1996 am Nein der Brandenburger.

Nun fühlt sich auch Berlin an

die alten Verträge nicht mehr gebunden.

46 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


REPORT

Insofern wird es wohl einen anderen

Akt des guten Willens auch nicht geben.

Als in den sechziger Jahren die Ruine des

Schlosses abgerissen wurde, transportierte

man Sandsteinfiguren nach Berlin,

zur Humboldt-Universität, die damals gerade

rekonstruiert worden war. Es handelt

sich um acht so genannte Attika-

Figuren, die 1966 als Dauerleihgabe des

damaligen Betriebes Schlösser und Gärten

von Sanssouci auf die Seitenflügel

der Universität gestellt worden sind. Die

Rückführung dieser acht Skulpturen von

Berlin auf den Landtagsneubau in Potsdam

ist offen. Die Schlösserstiftung hat

mit dem Berliner Denkmalamt und dem

Präsidenten der Humboldt-Universität

dazu Gespräche geführt. Dabei seien

»nachvollziehbare konservatorische und

denkmalpflegerische Argumente vorgebracht

worden, die gegen eine Verbringung

der Skulpturen auf den Landtagsneubau

sprechen«, hieß es.

Auf dem Dach des neuen Landtags in

der Form des Potsdamer Stadtschlosses

sollen insgesamt 150 Postamente für

Figuren und Vasen errichtet werden. Einige

dieser Sockel könnten auch zwei Figuren

tragen. Somit sei sichergestellt,

dass alle 76 ursprünglichen Attika-Figuren

wiedererrichtet werden können. In

den Bauplänen sind diese Figuren aber

nicht enthalten. Das Land hofft an dieser

Stelle auf die Initiative privater Spender.

Der neue Landtag auf dem Potsdamer

Alten Markt soll in jeder Hinsicht behindertengerecht

errichtet werden. Für gehbehinderte

Menschen wird es Fahrstühle

und Aufzüge geben, die Zugänge zu allen

öffentlichen Bereichen seien behindertengerecht

geplant. Hörbehinderte Menschen

könnten mit einem Audio-System

rechnen. Im Innenhof des Landtags wird

ein modernes Leitsystem gebaut.

Eine Bewohnerin des historischen

Knobelsdorffschen Stadtschlosses, an

dessen Stelle der Neubau nun entsteht,

lebt noch. Ingrid Semmrich war Kind des

damaligen Schlossführers und erlebte

im Weinkeller des Schlosses die Bombennacht

im April 1945, in der mit der Residenzstadt

Potsdam auch ihr Stadtschloss

in Schutt und Asche sank. Vor dem Hintergrund

des damals Erlebten freue sie

sich, dass nun der Landtag das Areal bezieht,

sagte sie bei der Grundsteinlegung.

Ihre Geschichte nahm Landtagspräsident

Gunter Fritsch (SPD) zum Anlass,

darauf hinzuweisen, dass nach dem

Ersten Weltkrieg das Schloss eben kein

Fürstenhof mehr war, sondern ein öffentliches

Gebäude, in dem Behörden untergebracht

waren und auch die Potsdamer

Stadtverordnetenversammlung.

Matthias Krauß

NACHGEFRAGT BEIM MINISTER

Zeitverzug und zähes Verhandeln

Brandenburgs Finanzminister Helmuth Markov (Die Linke) ist von

Amts wegen Bauherr des neuen Landtags. W&M sprach mit ihm

über Mehrkosten, öffentlich-private Partnerschaft und Bauaufträge.

In Potsdam lässt sich die größte Baustelle

der brandenburgischen Landeshauptstadt

nicht mehr übersehen.

Der Neubau des Landtages, der an historischer

Stelle entsteht, nimmt Form an.

Eine Musterfassade wurde errichtet. Im

Herbst 2013 ist der Einzug der Abgeordneten

geplant.

Doch die Vorfreude wird getrübt. Mit

dem Baufortschritt wuchern die Kosten.

Anfang 2011 geisterte die Summe von

15 Millionen Euro Mehrkosten durch den

brandenburgischen Blätterwald, das wäre

eine enorme Belastung für das hochverschuldete

Bundesland.

MARKOV: Abgeordnete haben entschieden.

Der brandenburgische Finanzminister

Helmuth Markov (Die Linke) will diese

Summe nicht bestätigen: »Es gibt ein

internes, vertrauliches Papier, in dem

alle möglichen Risiken benannt sind.

Wir haben auch ein Worst-Case-Szenario

erarbeitet, ein solcher Fall ist aber sehr

selten. Dass es bei der Durchführung von

Bauprojekten in öffentlich-privater Partnerschaft

zu unterschiedlichen Auffassungen

kommt, was vertraglich geschuldete

Leistungen sind und was nicht, das

ist natürlich.« Zudem sei der Baugrund

schwierig zu beurteilen gewesen, es seien

Torflinsen aufgetreten, die man nicht

vorhersehen konnte.

Darüber hinaus sind architektonische

Denkmäler gefunden worden, die zu bergen

waren. Diese Unwägbarkeiten haben

zu Zeitverzögerungen geführt, die Geld

kosten. »Mit der ausführenden Baufirma,

der BAM Deutschland AG, befinden wir

uns in Verhandlungen darüber, wer welche

Mehrkosten übernimmt und was ge-

schuldete Leistungen sind. Diese Verhandlungen

dauern an und sind intern.

Wenn wir zu einem Ergebnis gekommen

sind, werden wir das auch kundtun.«

Erhebliche Zusatzkosten würde auch

eine veränderte Größe des bereits begonnenen

Landtagsneubaus verursachen,

die von der Opposition mehrfach gefordert

wurde (s. nebenstehenden Beitrag).

Markov sieht da seine Hände gebunden:

»Es gibt einen Beschluss des Landtages,

den Bau in dieser Größe und in diesem

Umfang zu realisieren.« Da er selbst kein

Abgeordneter des Landtages sei, müsse

derjenige, der die Absicht hegt, den Bau

umzugestalten und zu verkleinern, dies

im Landtag beantragen, um einen solchen

Beschluss herbeizuführen. Das

wäre dann der Auftrag an das Finanzministerium,

neu zu planen und mit der

BAM neu zu verhandeln.

Allerdings: »Wir bauen ihn ja schon«,

so Markov, »eine neue Planung würde erhebliche

Mehrkosten verursachen. Deswegen

halte ich eine solche Forderung

schlicht für unrealistisch und nicht

durchführbar. Aber das entscheide nicht

ich, das entscheidet der Landtag.« Nicht

müde wird er zu betonen, dass es keineswegs

ein Schloss sei, was da in Potsdams

Mitte entsteht: »Wir bauen kein

Schloss, sondern ein Landtagsgebäude.«

Es habe lange genug gedauert, bis sich

dieser Gedanke auch in der politischen

Landschaft durchgesetzt habe.

Kritik am Bauprojekt und der Durchführung

kommt auch aus den Reihen

der brandenburgischen Wirtschaft, die

sich zu wenig berücksichtigt sieht. Minister

Markov weist die Kritik zurück. Beim

Landtagsneubau kämen regionale Betriebe

»in nicht geringer Zahl« zum Zuge. Es

sei aber ein Nachteil von ÖPP-Projekten,

dass der Partner, der das Ausschreibungsverfahren

gewinnt, dann freie Wahl bei

der Vergabe der Aufträge habe. »Wir haben

keinen Einfluss darauf, an wen die

Aufträge vergeben werden. Das ist der

Unterschied zu öffentlichen Bauprojekten,

wie dem Flughafenbau in Schönefeld,

wo regionale Firmen in weit größerem

Umfang zum Zuge gekommen sind.«

Ulrike Borrmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 47


W&M-SERVICE

AKTUELL

SOLI-ZUSCHLAG

Keine Steuer für

die Ewigkeit

Die Festsetzung des Solidaritätszuschlags

zur Einkommen-

und Körperschaftsteuer

ist verfassungsgemäß.

Dies hat der Bundesfinanzhof in

gleich zwei Fällen für den Zeitraum

bis 2007 entschieden (Az.

II R 50/09 und II R 52/10). Das

Jahr 2007 bezieht sich dabei auf

das in der Klage konkret abgehandelte

Jahr der Steuerfestsetzung.

Auch nach einer Laufzeit

von zu diesem Zeitpunkt 13 Jahren

diene der Steueraufschlag

noch zur Deckung des besonderen

Finanzbedarfs des Bundes

aus den Kosten der Wiederherstellung

der deutschen Einheit.

Zu einer Ewigkeitssteuer dürfe

der Solidaritätszuschlag allerdings

nicht werden, mahnten

die Richter. Sie betonten, eine

solche Abgabe dürfe nur zur

Finanzierung eines konkreten

Mehrbedarfs des Bundes erhoben

werden. Ist dieser Zweck erreicht,

könnte es gegen das

Grundgesetz verstoßen, wenn

der Soli-Zuschlag anschließend

zur Deckung einer dauerhaften

Finanzierungslücke verwendet

wird. Die Richter erachteten

aber weder eine konkrete zeitliche

Begrenzung noch eine genaue

Beschreibung der Verwendung

der Mittel als notwendig.

Die klagende Rechtsanwältin

werde zudem nicht dadurch

benachteiligt, dass der Solidaritätszuschlag

bei Gewerbetreibenden

nach der Einkommensteuer

bemessen werde, die

zuvor bereits um pauschal anzurechnende

Gewerbesteuer gemindert

sei. Die Klägerin will

sich damit nicht zufrieden geben

und den Schritt zum Bundesverfassungsgericht

wagen.

Der Soli-Zuschlag beträgt 5,5

Prozent zur Einkommen- und

Körperschaftsteuer und fließt

ausschließlich dem Bund zu. Im

Jahr 2010 waren dies 11, 7 Milliarden

Euro, für 2011 rechnen

Steuerschätzer mit einem Aufkommen

von 12,2 Milliarden.

IM

UMSATZSTEUER

Grenze der

Besteuerung

Auf die Verwendung eines

Gegenstandes des Unternehmens

für private Zwecke

fällt Umsatzsteuer an.

Allerdings wird die Umsatzsteuer

nicht erhoben, wenn es

sich um einen Kleinunternehmer

handelt. Bei Kleinunternehmern

darf der Umsatz zuzüglich

der darauf entfallenden

Steuer im abgelaufenen

Jahr nicht über 17.500 Euro

gelegen haben und im laufenden

Kalenderjahr 50.000 Euro

voraussichtlich nicht überschreiten.

Strittig ist, wie sich

die private Nutzung eines betrieblichen

Fahrzeugs auf die

Berechnung des Gesamtumsatzes

auswirkt. Das FG Berlin-Brandenburg

(Az. 5 K 5162/

10) befand, dass die Nutzung

außer Betracht zu bleiben

hat, wenn der Unternehmer

bereits beim Erwerb Kleinunternehmer

war und deshalb

keine Vorsteuer geltend machen

konnte. Nur solche privaten

Nutzungen sind Teil der

gesamten Umsätze, für die

der Unternehmer zum Vorsteuerabzug

berechtigt sei.

UNTERNEHMEN

WINDPARKS

Abschreibung

einheitlich

Sichere EInnahmequelle des Bundes

Ein Windpark besteht aus

selbständigen Wirtschaftsgütern,

die aber einheitlich

abzuschreiben sind.

Das hat der BFH entschieden

(Az. IV R 46/09 und IV R 15/09).

Als jeweils selbständige Wirtschaftsgüter

werden demnach

gewertet: jede einzelne

Windkraftanlage mit Turm,

Rotor sowie Generatorgondel

inklusive aller mechanischen

und elektrischen Bauteile, des

Weiteren die mehrere Windkraftanlagen

verbindende

Mittelspannungsverkabelung

inklusive der Übergabestation

zum Hochspannungsnetz sowie

die Zuwegung. Diese Bestandteile

weisen zwar unterschiedliche

Nutzungsdauern

auf, sind aber laut BFH

wegen ihrer technischen Abstimmung

aufeinander und

der gemeinsamen Bau- und

Betriebsgenehmigung einheitlich

abzuschreiben. Maßgeblich

sei die Nutzungsdauer

der Windkraftanlagen. Diese

betrug in den vom BFH

entschiedenen Fällen zwölf

beziehungsweise 16 Jahre.

SOLI-ZUSCHLAG

Das Aufkommen aus dem Solidaritätszuschlag in Milliarden Euro:

12

10

8

6

4

2

0

2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011*

* Schätzung Quelle: BMF

STEUERN SPAREN

W&M-Tipp für die PRAXIS

Rechtsstreit – Kosten

steuerlich abziehbar

Der BFH hat entschieden, dass die

Kosten eines Zivilrechtsprozesses

bei der Einkommensteuer geltend

gemacht werden können.

Damit wichen die obersten Finanzrichter

von ihrer bisherigen Rechtsprechung

ab. Die Kosten können

nun unabhängig vom Gegenstand

des Prozesses als außergewöhnliche

Belastungen steuerlich berücksichtigt

werden. Nach Paragraf 33

Abs. 1 des Einkommensteuergesetzes,

so erläutert der Bundesfinanzhof

sein Urteil (Az. VI R 42/ 10),

können bei der Berechnung des zu

versteuernden Einkommens außergewöhnliche

Belastungen abgezogen

werden. Als außergewöhnliche

Belastungen gelten zwangsläufig

entstehende größere Aufwendungen,

die ähnliche Aufwendungen

der Mehrzahl der Steuerpflichtigen

unter sonst gleichen Umständen

weit übersteigen. Bisher fielen Kosten

eines Zivilprozesses nur bei

Rechtsstreitigkeiten mit existenzieller

Bedeutung für den Steuerpflichtigen

in diese Kategorie. Jetzt hat

das Gericht die steuerliche Anerkennung

auf alle Zivilrechtsprozesskosten

ausgeweitet. Einzige

Einschränkung: Unausweichlich seien

derartige Aufwendungen nur,

wenn die Prozessführung hinreichende

Aussicht auf Erfolg biete

und nicht mutwillig erscheine. Im

entschiedenen Fall ging es um eine

Arbeitnehmerin, die arbeitsunfähig

geworden war. Nachdem ihr Arbeitgeber

nach sechs Wochen seine

Gehaltszahlungen einstellte, nahm

die Frau ihre Krankentagegeldversicherung

in Anspruch. Nach rund

einem halben Jahr wurde zusätzlich

zur Arbeitsunfähigkeit auch eine

Berufsunfähigkeit festgestellt. Die

Krankenversicherung stellte die

Zahlung von Krankentagegeld daraufhin

ein. Die Klage dagegen blieb

erfolglos, produzierte aber Kosten

von 10.000 Euro, die sie steuerlich

geltend machte. Das Finanzgericht

hatte wegen intakter Familien- und

Vermögensverhältnisse zunächst

keine existenzielle Bedeutung des

Prozesses gesehen.

W&M-TIPP

Die Neuregelung gilt auch für

Steuerzahler, die bereits in den

vergangenen Jahren einen Zivilprozess

vor Gericht bestritten haben.

Sie könnten nun noch rückwirkend

Einspruch gegen ihren

Steuerbescheid einlegen.

48 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


W&M-SERVICE

ÜBUNGSLEITER

Verluste aus

Nebentätigkeit

Umstritten ist, wie Aufwendungen

aus einer nebenberuflichen

Übungsleitertätigkeit

anzurechnen sind.

Im Streitfall war der Kläger

nebenberuflich als Tanzsportübungsleiter

tätig. Solche

Einnahmen sind bis insgesamt

2.100 Euro steuerfrei. Wenn

die Einnahmen den Betrag

übersteigen, dürfen Ausgaben

allerdings nur insoweit abgezogen

werden, als der steuerfreie

Betrag überschritten

wird. Der Kläger bezog Einnahmen

von 1.128 Euro und hatte

Ausgaben von 2.417,30 Euro.

Den Verlust wollte er geltend

machen, das Finanzamt lehnte

aber ab, da seine Einnahmen

steuerfrei seien. Das FG Rheinland-Pfalz

(Az. 2 K 1996/10)

legte die Zielsetzung des Gesetzes

zugunsten des Klägers

aus. Zugelassen wurde ein Verlust

in Höhe von 1.289,30 Euro

(Einnahmen von 1.128 Euro

abzüglich der Ausgaben von

2.417,30 Euro).

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Wer Familienangehörige im Alter betreuen

muss, stößt rasch an die Grenzen. Oft reichen

die Zahlungen der Pflegeversicherung oder

sonstiger Zuschussträger nicht aus, um die

Lasten zu tragen. Dann mag die steuerliche

Beteiligung an den Kosten ein Trost sein. Tatsache

ist, dass sich hiermit die Finanzgerichte immer

mehr beschäftigen müssen: So hatte das

FG Köln 2009 (Az. 8 K 1337/08) entschieden,

dass krankheitsbedingte Heimunterbringungskosten

grundsätzlich als außergewöhnliche Belastung

geltend gemacht werden können. Es

war damit von der bisherigen Rechtsprechung

des BFH (Az.III R 12/07) abgewichen, nämlich

die Kosten für eine Heimunterbringung nur bei

Vorliegen zusätzlicher Pflegekosten sowie der

Schwerbehinderten-Merkzeichen »H« oder »Bl«

PRIVAT

KINDERGELD

Praktikum

mit Vergütung

Die Vergütung für ein Praktikum

während des Studiums

kann für den Bezug des

Kindergelds schädlich sein.

Der BFH (Az. III R 28/09) hat

entschieden, dass sich die Vergütung

für ein Studenten-Praktikum

für den Bezug des Kindergelds

nachteilig auswirken

kann. Sie darf nicht um die

Kosten für Miete und Verpflegungsmehraufwand

gekürzt

werden, wenn gleichzeitig der

Wohnsitz am Studienort aufgegeben

wird. Derartige Aufwendungen

für die auswärtige

Unterbringung des Kindes in

Ausbildung seien durch den

Jahresgrenzbetrag für eigene

Einkünfte und Bezüge des Kindes

(gegenwärtig 8.004 Euro)

abgegolten. Im Streitfall hatte

der Student ein Praktikum in

den USA absolviert. Die Vergütung

und weitere Einkünfte

überstiegen den Grenzbetrag.

Anspruch auf Kindergeld hätte

nur bestanden, wenn die Kosten

anerkannt worden wären.

Pflegekosten und Steuern – neu rechnen!

PFLEGEKOSTEN

Versicherung

angerechnet

Von KARL-HEINZ BADURA

Wirtschaftsjournalist und Finanzrichter,

Nörvenich

Der BFH entschied, dass Leistungen

aus einer ergänzenden

Pflegekrankenversicherung

anzurechnen sind.

In dem Urteil (Az. VI R 8/10)

heißt es, dass Aufwendungen

wegen Pflegebedürftigkeit nur

insoweit als außergewöhnliche

Belastungen zu berücksichtigen

sind, als die Pflegekosten

die Leistungen der Pflegepflichtversicherung

und das

aus einer ergänzenden Pflegekrankenversicherung

bezogene

Pflegetagegeld übersteigen.

Der Kläger bezog Leistungen

aus der Pflegepflichtversicherung

und einer privaten Pflegezusatzversicherung.

Die Pflegeaufwendungen

gab er als außergewöhnliche

Belastungen

an, ohne jedoch die Leistungen

der Zusatzversicherung gegenzurechnen.

Dem widersprach

der BFH. Außergewöhnliche Belastungen

seien nur insoweit

abziehbar, als der Steuerpflichtige

die Kosten endgültig selbst

trage (s.a. Kommentar).

anzuerkennen – ein Urteil, das der BFH (Az.

VI R 38/09) 2010 bestätigte. Geklagt hatte

eine betreute 74-jährige Rentnerin, die nach

einer stationären psychiatrischen Behandlung

auf ärztliche Empfehlung in einem Heim untergebracht

wurde, ohne dass Pflegeaufwendungen

angefallen waren. Der BFH erkannte nunmehr

die Miet- und Verpflegungskosten des

Heims abzüglich einer Haushaltsersparnis als

außergewöhnliche Belastung an. Indes: In

einem jüngeren Beschluss (Az. VI R 8/10) entschied

der BFH, dass Aufwendungen wegen

Pflegebedürftigkeit nur insoweit zu berücksichtigen

sind, als sie die Leistungen der

Pflegepflichtversicherung und das aus einer

ergänzenden Pflegekrankenversicherung

bezogene Pflege-(tage-)geld übersteigen.

➔Steuern KOMPAKT

KÜNSTLER

Oper mit Steuerpflicht

Die Inszenierung einer Oper durch

einen selbständig tätigen Regisseur

gegen Honorar ist nicht von der

Steuer befreit.

Zwar sind die Umsätze der Theater,

Orchester und weiterer Einrichtungen

des Bundes, der Länder, der Gemeinden

oder der Gemeindeverbände

steuerfrei und dies gilt auch für ähnliche

Einrichtungen anderer Unternehmer,

wenn sie anerkannt gleichartige

kulturelle Aufgaben erfüllen. Diese

Steuerfreiheit reklamierte auch der

Regisseur der Opernaufführung für

sich, zumal ihm die zuständige Behörde

die Erfüllung einer gleichartigen

kulturellen Aufgabe zuerkannt hatte.

Dies allerdings verneinten sowohl die

Finanzbehörden als auch der Bundesfinanzhof

(Az. XI R 44/08).

ABGELTUNGSTEUER

Freibetrag ungenutzt

Laut einer aktuellen Forsa-Studie

hat es fast jeder siebte Deutsche

bisher versäumt, einen Freistellungsauftrag

einzurichten.

Auf Kurserträge, Dividenden und

Zinsen müssen Anleger grundsätzlich

25 Prozent Abgeltungsteuer zahlen.

Die Bank führt diese Steuer automatisch

an das Finanzamt ab – außer, es

liegt ein Freistellungsauftrag vor. Für

Alleinstehende liegt der Freibetrag bei

801 Euro, Ehepaaren gesteht der

Staat die doppelte Summe zu. Laut

Studie wissen vor allem Schüler und

Studenten nicht um diese Möglichkeit,

Geld zu sparen. Ähnlich unwissend

sind Anleger unter 30 Jahren.

STEUERSCHULDEN

Berufliches Aus

Wer hohe Steuerschulden hat, kann

dadurch seine Gewerbeerlaubnis verlieren.

Das entschied das Oberverwaltungsgericht

Rheinland-Pfalz.

Nach Ansicht der Richter zeigt sich

bei hohen Steuerschulden, dass der

Gewerbetreibende unzuverlässig ist.

Damit erfüllt er einen der wesentlichen

Gründe, nach denen laut Gewerbeordnung

die Gewerbeerlaubnis

versagt werden kann (Az. 6 A 10676/

10).

Im vorliegenden Fall hatte ein Gastwirt

Insolvenz anmelden müssen. Er

wollte aber seine Schankerlaubnis

behalten und sah in seinen wirtschaftlichen

Schwierigkeiten kein Zeichen

von Unzuverlässigkeit. Damit

stieß er beim Gericht allerdings auf

taube Ohren.

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 49


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERNET

Wachsende

Kriminalität

Mit der wachsenden Nutzung

des Internets steigt auch die

Kriminalität und somit die

Zahl der Betroffenen.

Das zeigen eine Umfrage des

Branchenverbandes BITKOM sowie

das Lagebild »Cybercrime

2010« des Bundeskriminalamtes

(BKA). Im Jahr 2010 wurden

demnach in der Polizeilichen

Kriminalstatistik rund 250.000

Fälle von Internet-Kriminalität

registriert. Im Vergleich zum

Vorjahr bedeutete dies eine

Zunahme von 20 Prozent. Im

Visier der Täter steht die Identität

der Internet-Nutzer, die die

Täter für ihre kriminellen Geschäftsmodelle

missbrauchen.

Laut einer aktuellen BITKOM-

Umfrage haben 70 Prozent aller

deutschen Internet-Nutzer ab

14 Jahren schon einmal negative

Erfahrungen im Web gemacht.

Viren und andere Schadprogramme

stehen dabei für

47 Prozent der User an erster

Stelle. Jeder Siebte fühlte sich

von einem Geschäftspartner

betrogen, beispielsweise bei Online-Auktionen.

Nahezu verdoppelt hat sich die

Zahl der User, deren Zugangsdaten

zu Plattformen, E-Mail-

Diensten, Auktionshäusern

oder zum Online-Banking ausspioniert

wurden. Vor einem

Jahr waren es noch rund 3,7

Millionen, nun sind es knapp

sieben Millionen.

Laut Umfrage hat auch die

Angst vor Internet-Kriminalität

stark zugelegt. Fühlten sich

2010 noch 75 Prozent aller User

bedroht, sind es inzwischen

85 Prozent. Einen Betrug beim

Online-Banking fürchten 37

Prozent der Befragten. Noch

stärker stieg die gefühlte Bedrohung

durch das Ausspähen und

den Missbrauch persönlicher

Daten. Paradox: Trotz der gestiegenen

Angst vernachlässigen

aber noch immer viele Nutzer

die Grundregeln der Internet-

Sicherheit.

BETRIEBSRAT

Pflicht zur

Abmeldung

IM UNTERNEHMEN

Ein Betriebsratsmitglied,

das während der Arbeit

Betriebsratsaufgaben erledigt,

muss sich abmelden.

Zweck der Meldepflicht ist es,

dem Arbeitgeber die Überbrückung

des Arbeitsausfalls

zu ermöglichen. Daher besteht

keine vorherige Meldepflicht

in Fällen, in denen

eine vorübergehende Umorganisation

der Arbeitseinteilung

nicht ernsthaft in Betracht

kommt. Entscheidend

sind die Umstände des Einzelfalls

wie z. B. die Art der Arbeitsaufgabe

und die voraussichtliche

Dauer der Arbeitsunterbrechung.

In Fällen, in denen sich das

Betriebsratsmitglied nicht

vorher abmeldet, ist es verpflichtet,

dem Arbeitgeber

auf dessen Verlangen nachträglich

die Gesamtdauer der

in einem bestimmten Zeitraum

geleisteten Betriebsratstätigkeit

mitzuteilen. Damit

scheiterte die Klage eines Betriebsrats

vor dem BAG (Az. 7

ABR 135/ 09), der sich gerichtlich

eine generelle Verneinung

der Abmeldepflicht bestätigen

lassen wollte.

ARBEITSVERTRAG

Frage falsch

beantwortet

Die falsche Beantwortung

einer Frage bei der Einstellung

kann als arglistige

Täuschung gelten.

Das setzt voraus, dass die Täuschung

für den Abschluss des

Arbeitsvertrags ursächlich

war. Wirkt sich die Täuschung

im Arbeitsverhältnis

weiterhin aus, kann zudem

eine Kündigung gerechtfertigt

sein. Ein Softwareunternehmen

scheiterte dennoch

mit der Anfechtung und Kündigung

des Arbeitsvertrags einer

Außendienstmitarbeiterin.

Die Klägerin hatte bei der

Einstellung die Frage nach

einer Schwerbehinderung

verneint. Diese Täuschung

war jedoch nicht ursächlich

für den Abschluss des Arbeitsvertrags.

Das Unternehmen

hat ausdrücklich erklärt, sie

hätte die Klägerin auch dann

eingestellt, wenn diese die

Frage wahrheitsgemäß beantwortet

hätte. Auch das Argument,

die Anfechtung und

Kündigung sei gerechtfertigt,

weil die Arbeitnehmerin das

Unternehmen über ihre Ehrlichkeit

getäuscht habe, zog

nicht (BAG, Az. 2 AZR 396/10).

Das Internet als Tatort

Persönliche Erfahrung der Internet-Nutzer (Angaben in Prozent)

Infektion des PCs mit

Schadprogrammen

Betrug durch

Geschäftspartner

WEB-KRIMINALITÄT

Zugangsdaten

ausspioniert

2011

2010

2009

2011

2010

2009

2011

2010

2009

0 10 20 30 40 50

Quelle: BITKOM, Forsa (2011); Basis: Internet-Nutzer ab 14 Jahren

URTEIL AKTUELL

Der Fall und DIE FOLGEN

Formulare aus

dem Internet

DER FALL: Der Kläger hatte

von einem privaten Verkäufer

einen gebrauchten Pkw zum

Preis von 6.900 Euro erworben.

Als Kaufvertrag hatte der Verkäufer

ein Formular aus dem

Internet verwendet. Darin hieß

es: »Der Verkäufer übernimmt

für die Beschaffenheit des verkauften

Kfz keine Gewährleistung«.

Einige Monate nach

dem Kauf stellte der Kläger

einen schweren Unfallschaden

am Auto fest. Er verlangte vom

Verkäufer, der von dem Vorschaden

keine Kenntnis hatte,

die Rückabwicklung des Kaufgeschäfts.

Der Verkäufer berief

sich dagegen auf den vereinbarten

Gewährleistungsausschluss.

DAS URTEIL: Das Oberlandesgericht

Oldenburg (Az. 6 U

14/11) entschied, dass der konkret

vereinbarte Gewährleistungsausschluss

unwirksam

sei. Bei den Kaufvertragsklauseln

aus dem Internet handele

es sich um Allgemeine Geschäftsbedingungen

(AGB),

weil diese für eine Vielzahl verschiedener

Verwendungsmöglichkeiten

vorformuliert seien.

Für das Kaufgeschäft gelten

aber die strengen Wirksamkeitsvoraussetzungen

gemäß

Paragraf 309 Nr. 7 a und b des

BGB.

Danach muss ein wirksamer

Gewährleistungsausschluss

eine Einschränkung für grob

fahrlässige oder vorsätzliche

Pflichtverletzungen sowie hinsichtlich

möglicher Körperschäden

enthalten. Da diese

notwendigen Einschränkungen

im konkreten Fall fehlten,

sei der vereinbarte Gewährleistungsausschluss

insgesamt

nicht wirksam.

DIE FOLGEN: Formulare im

Internet geben juristischen

Laien eine erste Orientierung.

Von einer Verwendung ohne

vorherige juristische Prüfung

ist jedoch abzuraten.

50 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


W&M-SERVICE

ORGELMUSIK

Lärm statt

Kunstgenuss

Eine Grundstückseigentümerin

hat gegen die

Orgelmusik des benachbarten

Doms geklagt.

»Musik wird oft nicht schön

gefunden, weil sie stets mit

Geräusch verbunden.« Was

schon Wilhelm Busch wusste,

wollte sich eine Grundstückseigentümerin

gerichtlich bestätigen

lassen. Sie wohnt seit

1972 in unmittelbarer Nachbarschaft

des Domes im niedersächsischen

Verden und

fühlte sich von der Domorgel

mehr und mehr belästigt. Das

OLG Celle (Az. 4 U 199/09) befand,

dass es bei der Frage nach

einer wesentlichen Lärmbeeinträchtigung

nicht auf das subjektive

Empfinden der Klägerin,

sondern auf das eines

Durchschnittsmenschen unter

Würdigung anderer öffentlicher

und privater Belange ankomme.

Außerdem kam das

Gericht zu dem Schluss, dass

Orgelmusik kein besonders

unangenehmes Geräusch sei.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

RECHT IM ALLTAG

AUSKUNFTEIEN

Unzureichende

Informationen

Der Verbraucherzentrale

Bundesverband klagt, dass

Daten von Auskunfteien

oft unzureichend sind.

Das ergab eine nichtrepräsentative

Online-Befragung des

Verbraucherzentrale Bundesverbandes

(vzbv), an der sich

1.531 Betroffene beteiligten.

Seit dem 1. April 2010 haben

Verbraucher das Recht, von

Auskunfteien einmal im Jahr

kostenlos zu erfahren, welche

Daten über sie gespeichert

sind und wie diese bei Bonitätsbewertungen

(Scoring) verwendet

werden. 75 Prozent der

Umfrage-Teilnehmer gaben an,

auf ihre Anfrage eine Auskunft

erhalten zu haben. Allerdings

war diese häufig wenig informativ.

So kritisierten 60 Prozent

der Befragten, dass die

Antworten für sie unverständlich

gewesen seien. 51 Prozent

entdeckten zudem in den übermittelten

Datenbeständen

falsche oder veraltete Informationen.

Wenn der Flieger am Boden bleibt

HANDY

Sperre war

nicht zulässig

Ein Mobilfunkanbieter

darf den Handy-Anschluss

nicht aus einem geringfügigen

Anlass sperren.

Der beklagte Mobilfunkdienstleister

hatte in den AGB eine

Reihe von Gründen genannt,

die das Unternehmen berechtigt

hätten, den Anschluss sofort,

ohne Ankündigung und

ohne zeitliche Begrenzung zu

sperren. Eine sofortige Sperrung

drohte Kunden bereits,

wenn sie mit einem kleinen

Betrag in Zahlungsverzug gerieten

oder ihr eingeräumtes

Kreditlimit überschritten. Dagegen

klagte der Verbraucherzentrale

Bundesverband, der

die Klauseln für unverhältnismäßig

und überzogen erachtete.

Der BGH (Az. III ZR 157/10)

schloss sich der Auffassung

überwiegend an und untersagte

acht der neun strittigen

Klauseln in den AGB. Nur die

missbräuchliche Nutzung des

Anschlusses rechtfertige eine

vollständige Sperre.

Von MATTHIAS SALM,

Wirtschaftsjournalist, Berlin

Die Medien hatten schon das Chaos gewittert –

ausgerechnet in der Reisezeit drohten die Fluglotsen

Anfang August mit Streik. Doch die Bilder

gestrandeter Urlauber an den deutschen

Flughäfen blieben aus, eine Schlichtung in letzter

Minute legte den möglichen Streik zunächst

einmal auf Eis. Kommt es dennoch dazu, dass

der geplante Flug platzt, ist es gut zu wissen,

welche Rechte die Passagiere in solchen Fällen

haben. Diese sind in der Fluggastrechte-Verordnung

der EU geregelt. Bei Pauschalreisen sind

auch die reiserechtlichen Bestimmungen im

Bürgerlichen Gesetzbuch zu beachten. Die Fluggastrechte-Verordnung

findet Anwendung bei

Fluggesellschaften aus der EU. Bei Fluggesellschaften

außerhalb der EU gilt die Fluggastrechte-Verordnung,

wenn sich der Abflugort innerhalb

der EU befindet. Bei einzeln gebuchten

Tickets – also keine Pauschalreisen – gilt: Ab

zwei Stunden Verspätung muss die Fluggesellschaft

die Passagiere mit Essen und Trinken

versorgen. Kostenlos sind zwei Telefonate,

Faxe oder E-Mails. Falls notwendig fällt auch

die Übernahme einer Hotelunterbringung und

des Transfers vom Flughafen zum Hotel an.

Aber Vorsicht: Nicht selbst das Hotel buchen,

dies ist Aufgabe der Fluggesellschaft. Einen Anspruch

auf eine zusätzliche Ausgleichszahlung

(z. B. aufgrund eines versäumten Geschäftstermins),

der einem Flugpassagier bei einer Annullierung

zustehen würde, lehnen die Fluggesellschaften

bei einem Streik aber meist ab, da

sie diesen als »außergewöhnlichen Umstand«

werten, für den sie nicht verantwortlich sind.


Recht KOMPAKT

KÜNDIGUNG

Der Ehegatte als Bote

Ein Kündigungsschreiben kann auch

dem Ehepartner des gekündigten

Mitarbeiters ausgehändigt werden,

befand das Bundesarbeitsgericht.

Das Schreiben gerät auf diese Weise

in den Machtbereich der gekündigten

Ehefrau, so das Urteil (Az. 6 AZR

687/09). Für die Einhaltung der Frist

komme es darauf an, wann mit der

Kenntnisnahme der Gekündigten zu

rechnen sei. In diesem Fall, wenn der

Ehemann nach seiner Arbeit nach

Hause fahre.

SCHLÖSSER

Fotos unerwünscht

Die Stiftung »Preußische Schlösser

und Gärten« darf die gewerbliche

Nutzung von Fotos ihrer Gebäude

und Gartenanlagen untersagen.

Dies gilt, wenn die Stiftung Eigentümerin

der Objekte ist und die Aufnahmen

von ihren Grundstücken aus

hergestellt wurden. Die Stiftung war

gegen eine Fotoagentur und die

Betreiber von Internetplattformen

vorgegangen, die die Aufnahmen vermarktet

hatten (BGH, Az. VZR 44/10,

45/10 und 46/10).

ATOMKRAFT

Unerlaubte Werbung

Mit den positiven Umwelteigenschaften

von Windkrafträdern darf

nicht für die Qualitäten von Atomkraftwerken

geworben werden.

Die Werbung für die Umwelteigenschaften

von Atomkraftwerken mit

Fotos von Windrädern stellt eine irreführende

geschäftliche Handlung

dar. Das hat das Landgericht Berlin

(Az. 91 O 35/11) entschieden und

damit eine zuvor erlassene einstweilige

Verfügung im Wesentlichen

bestätigt, mit der einem Verein und

anderen Personen untersagt worden

ist, eine Werbeanzeige mit einem

entsprechenden Bild zu verbreiten.

Auf dem Bild war das Kernkraftwerk

Unterweser zu sehen, davor vier

Windkraftanlagen eines von der Antragstellerin

hergestellten Modells.

Überschrieben war die Anzeige mit

der Schlagzeile »Klimaschützer unter

sich. Kernkraftwerk Unterweser und

Windenergie: CO 2 -Ausstoss = Null«.

Dies stelle, so das Landgericht Berlin,

eine unzulässige Vereinnahmung

der guten Eigenschaften von Windenergie

zu Gunsten von Kernkraftwerken

dar, die durch die verfassungsrechtlich

garantierte Meinungsfreiheit

nicht gerechtfertigt sei. Nun muss

das Kammergericht entscheiden.

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 51


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERVIEW

Fotos: Archiv, Hamburger Friedhof Ohlsdorf

BESTATTUNG

Der Tod ist

nicht umsonst

Verstirbt ein Angehöriger,

stehen die Betroffenen vor

vielen Aufgaben, aber auch

vor hohen Kosten.

Den Ratgeber »Was tun, wenn

jemand stirbt« hat der Bundesverband

der Verbraucherzentralen

herausgebracht. Darin

wird vorgerechnet, dass hohe

Kosten auf die Hinterbliebenen

zukommen können. So liegt

der Preis für eine einfache Beerdigung

zwischen 2.500 und

4.000 Euro, der Durchschnitt

beträgt 5.000 Euro. Auch Ausgaben

bis zu 10.000 Euro sind

keine Seltenheit. Die Preisspanne

ergibt sich durch Qualitäts-

und Leistungsunterschiede

bei der gewünschten

Bestattungsform. Zu den Kosten

zählen etwa: die Trauer-

DIE LETZTE RUHE ist teuer.

feierlichkeiten inklusive Kleidung,

Anzeigen, Einladungen

und Blumen. Auch der Bestatter

verlangt Honorar – für die

Abwicklung von Formalitäten,

den Sarg, das Herrichten und

Überführen des Toten. Die

Kommunen verlangen eine

Grabnutzungsgebühr sowie

Bestattungsgebühren. Auch

ein Grabstein und spätere

Grabpflege sind einzukalkulieren.

Möglichkeiten der Bestattungsvorsorge:

Private Versicherungen

bieten Sterbegeldpolicen

an. Beim Bestatter

kann zu Lebzeiten ein Bestattungsvorsorgevertrag

mit

Treuhandkonto abgeschlossen

werden, in dem Details der

Beerdigung festgelegt sind.

CHEMIE

Kessel stehen

unter Dampf

Die deutsche Chemische

Industrie erreichte im ersten

Halbjahr 2011 einen beachtlichen

Umsatzanstieg.

Der Umsatz wuchs im Vergleich

zum Vorjahr um zwölf

Prozent auf 90,5 Milliarden

Euro. Der Verband der Chemischen

Industrie (VCI) prognostiziert

der Branche nach der

Rekordnachfrage im ersten

Halbjahr eine erfolgreiche

zweite Jahreshälfte mit guten

Geschäften im In- und Ausland.

Allein bis Juni 2011 stieg

die Produktion der Chemieindustrie

um 6,5 Prozent im

Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Die Mitarbeiterzahl ist

ebenfalls seit 2010 um zwei

Prozent gestiegen. Bei den Investitionen

wird ein Anstieg

um zehn Prozent erwartet.

Dementsprechend gut läuft

es beim Chemieriesen BASF:

Die Analysten der Deutschen

Bank raten zum Kauf der Aktie

(WKN BASF11). Die Experten

von UniCredit Research

sind positiv gestimmt für den

im Freiverkehr notierten Wert

Syngenta (WKN 580 854).

AKTIENMARKT

BAUSTOFFE

Auf festem

Zement gebaut

Der inländische Zementverbrauch

soll 2011 klar

ansteigen – um etwa sechs

Prozent gegenüber 2010.

Bereits in den ersten vier Monaten

des laufenden Jahres

verzeichnete die Zementbranche

ein Nachfrageplus von 28

Prozent im Vergleich zum

Vorjahr, das entspricht 1,5

Millionen Tonnen. Laut Bundesverband

der Deutschen Zementindustrie

könne die Zementindustrie

zudem von

witterungsbedingten Nachholeffekten

aus 2010 profitieren.

Für den Wohnungsbau

werden in diesem Jahr deutliche

Zuwächse mit einer gesteigerten

Zementnachfrage

zwischen acht und zwölf Prozent

erwartet. Das gilt auch

für den Industriebau, bei dem

die Branche mit konjunkturbedingten

Zuwächsen um

neun Prozent rechnet.

Über die Aktie von HeidelbergCement

(WKN 604 700)

haben die Experten von Independent

Research und WestLB

ein entsprechend einhelliges

Urteil: »Kaufen«.

DAX BÖRSENSTARS

+

WKN 766403 Volkswagen VZ + 40,10%

WKN 519000 BMW + 32,33%

WKN BASF11 BASF + 13,89%

WKN 623100 Infineon + 13,71%

WKN 648300 Linde + 12,03%

Volkswagen: Der Automobil-Riese überzeugte Börsianer zuletzt durch gute Ergebnisse in

den vergangenen Monaten und durch eine gute Gesamt-Positionierung.

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 09.08.2011

DAX BÖRSENFLOPS


WKN 803200 Commerzbank - 62,71%

WKN 703712 RWE - 48,66%

WKN 514000 Deutsche Bank - 39,19%

WKN ENAG99 E.ON - 33,54%

WKN 725750 Metro - 25,97%

Commerzbank: Die zweitgrößte deutsche Privatbank belasten griechische Staatsanleihen

durch hohe Abschreibungen. Der Gewinn im II. Quartal fiel nur mager aus.

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 09.08.2011

Quelle: W&M, ohne Gewähr

ANDREAS

VARNAVIDES

Vorstandsmitglied

der UBS

Deutschland AG

Kapitalerhalt gefragt

W&M: Herr Varnavides, was hat

sich auf dem Markt für institutionelle

Anlagelösungen seit 2007 verändert?

VARNAVIDES: Früher waren

vor allem chancenorientierte

Investments aktuell. Das erforderte

den »Alpha-Manager«,

der durch seine Kenntnis in

Einzelmärkten Erträge generiert.

Heute steht dagegen die

Frage nach Kapitalerhalt und

Risikomanagement noch vor

den Renditechancen. Laufende

taktische Gewichtung unterschiedlicher

Anlage-Klassen

innerhalb des Portfolios hat an

Bedeutung gewonnen. Häufig

wird auch keine Benchmark

mehr zur Bewertung herangezogen,

sondern ein definierter

Mindestbetrag angestrebt.

W&M: Konkurriert die Fondsbranche

nicht zunehmend auch mit

passiven Produkten?

VARNAVIDES: Aus meiner

Sicht sind diese eher Teil der

Fondsbranche. ETFs lassen sich

z. B. sehr aktiv in die Portfolio-

Aufteilung einbinden, vor allem

beim Investment in effiziente

Märkte.

W&M: Wie hat sich die Nachfrage

nach den unterschiedlichen Anlage-Klassen

entwickelt?

VARNAVIDES: Aktien verlieren

seit Jahren an Bedeutung. Für

klassische europäische Rentenstrategien

haben viele Fondsanbieter

zudem hausinterne

Kompetenz aufgebaut. Deshalb

fordern die Nachfrager stärker

sogenannte Spread-Produkte,

also Schuldverschreibungen

mit interessanten Renditeaufschlägen

– wie Corporate

Bonds, High Yields und Obligationen

aus den Schwellenländern.

Auch Anlagesegmente

wie Immobilien oder Infrastruktur,

die stabile Cashflows

versprechen, erleben Zuwächse.

All diese Märkte erfordern

aber eine hohe Expertise und

spezialisierte Asset-Manager.

52 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11

.


GELD & ANLAGE

KBC

Anlegen gegen

den Strom

Die Fondsgesellschaft KBC

Asset Management fährt

mit zwei neuen Fonds unterschiedliche

Strategien.

Laut Anbieter orientiert sich

der »KBC Equity Fund Euro

Non Cyclicals« an defensiven,

vom allgemeinen Wirtschaftszyklus

unabhängigen Sektoren

wie den Bereichen Versorgung,

Nahrungsmittel

und Gesundheitswesen. Europäische

Werte dieser Sektoren

sind mit mindestens 75

Prozent im Portfolio vertreten.

Der »KBC Equity Fund

Indus-trials & Infrastructure«

mit Schwerpunkt auf Ausbau

und Erneuerung der Infrastruktur

investiere mindestens

75 Prozent der Anlagen

in den weltweiten Industriesektor.

Beide Fonds kommen

ohne Referenzindex aus und

werden aktiv verwaltet.

WWKN Euro Non Cyclicals:

A1JG8S, WKN Industrials &

Infrastr.: A1JFVV

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Am 5. August hat die Fußball-Bundesliga ihre

49. Saison angepfiffen. Vom einstigen Motto

»Elf Freunde müsst ihr sein« ist nicht mehr viel

übrig geblieben. Spitzenfußball ist schon lange

eine reine Kommerz-Veranstaltung. Anleger, die

daran teilhaben wollen, sollten ihr Engagement

mit Bedacht wählen. Beim Fußball sind es eher

die Ausrüster, die ihren Schnitt machen. Die

Vereine hingegen sind selten die Gewinner. In

Deutschland gibt es nur einen börsennotierten

Club: Borussia Dortmund. Zwar stieg die Aktie

in der Meistersaison 2010/2011 um weit über

100 Prozent, langfristig betrachtet jedoch sieht

die Performance eher traurig aus. Im Oktober

2000 zu einem Emissionspreis von elf Euro

gestartet, sitzen Erstzeichner noch immer auf

einem kräftigen Minus. Im europäischen Ausland

sind börsennotierte Fußball-Clubs zwar

SCHRODERS

Der europäische

Kern zählt

Der Vermögensverwalter

Schroders investiert mit

einem Aktienfonds vor

allem in europäische Werte.

Die Strategie des »Schroder ISF

European Equity Focus« hat vor

allem solche europäischen

Titel im Blick, die vom Wachstum

in den Schwellenländern

profitieren. Denn das Fondsmanagement

geht von einer

anhaltenden Erholung der

europäischen Wirtschaft aus.

Neben Werten von Kernstaaten

wie Frankreich, den skandinavischen

Ländern und Deutschland

setze das Management

außerdem auf unterbewertete

Aktien, deren Renditepotenzial

unterschätzt werde. Unabhängig

von einem Vergleichsindex

unterliege der Fonds

keinen Beschränkungen hinsichtlich

Branchen, Ländern

oder Unternehmensgröße. Das

Portfolio sei dabei stark konzentriert

auf 30 bis 35 Titel.

WKN: A1H7MB

Von GERD RÜCKEL,

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.

Auf Sportartikler setzen statt auf Sportvereine

FRANKFURT-TRUST

Hauptsache

Konsum

Ein Fonds von Frankfurt-

Trust Asset Management

setzt auf wachsenden Konsum

in Schwellenländern.

Der Fonds »FT Emerging

ConsumerDemand« investiert

in Konsumwerte aus den

Schwellenländern genauso

wie in Konsumunternehmen

der Industrieländer, die mehr

als 30 Prozent ihres Umsatzes

in den aufstrebenden Märkten

machen. Denn in Schwellenländern

steige mit dem Wohlstand

auch die Nachfrage

nach Basis- und Luxuskonsumgütern.

Immerhin soll

der Anteil dieser Märkte am

Welt-Sozialprodukt laut Weltbank

in den nächsten Jahren

von 25 auf 50 Prozent anwachsen.

Die etwa 40 Titel im

Portfolio seien je hälftig auf

Schwellenländer und Industrieländer

verteilt. Dadurch

sei der Fonds eher für risikoscheue

Anleger geeignet.

WKN: A1JGVL

keine Seltenheit, eine langfristig erfolgreiche

Fußball-Aktie ist dennoch schwer zu finden. Ob

Juventus Turin, AS Rom oder die Tottenham

Hotspurs: Mit Ausnahme kurzer Zwischenhochs

entwickeln sich die Kurse dieser Papiere

fast ausnahmslos gen Süden. Während TV-

Gelder und Zuschauereinnahmen relativ vernünftig

zu kalkulieren sind, fehlt bei Transfers

und internationalen Wettbewerben die Planungssicherheit.

Im hochemotionalen Fußball-

Geschäft ist es schwierig, Fans und Investoren

gleichermaßen gerecht zu werden. Anders sieht

es bei den Sportartikelherstellern aus. Sie verdienen

in ihrem »Brot- und Buttergeschäft« gutes

Geld. Aktien etwa von Puma und Adidas

eignen sich somit durchaus als langfristige Investition.

Fußball-Aktien hingegen bieten allenfalls

Potenzial für kurzfristige Spekulationen.


Messe für

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LEBENSART

UND AMBIENTE

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7. Oktober 2011

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parallel:

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11

53


PORTRÄT

Fotos: H. Lachmann, R. Wolf-Götz

Was eine echte Thüringer Rostbratwurst

ist, hat die EU über

gestrenge Normen festgelegt. Sie

muss mindestens 15 cm lang und mittelfein

gefleischert sein, wahlweise darf sie

roh oder gebrüht in einem engen Naturdarm

stecken, doch die würzige Geschmacksnote

muss sie klar als Thüringer

Produkt ausweisen. Mehr als die

Hälfte der verwendeten Rohstoffe haben

darum aus Thüringen zu stammen.

Exakt seit dem 6. Januar 2004 wird die

Thüringer Rostbratwurst als regionales

Produkt ähnlich streng geschützt wie

französischer Cognac, Schwarzwälder

Schinken oder Sherry aus Spanien.

Die älteste bekannte urkundliche Erwähnung

einer Bratwurst findet sich

übrigens im Thüringischen Staatsarchiv

Rudolstadt in der Abschrift einer Propstei-Rechnung

des Arnstädter Jungfrauenklosters

von 1404. Das älteste bekannte

Rezept lässt sich im Staatsarchiv Weimar

nachlesen. Es geht auf die »Ordnung für

das Fleischerhandwerk zu Weimar, Jena

und Buttstädt« vom 2. Juli 1613 zurück.

Dass zur Herstellung von Thüringer

Bratwurst fein gehacktes Schweinefleisch

benötigt wird, eventuell auch entsehntes

Kalb- oder Rindfleisch, welches

dann mit Salz und Pfeffer sowie Kümmel,

Majoran und Knoblauch nach speziellen

Hausrezepten abschmeckt, gut

vermengt und in einen sehr feinen

Schweinedarm oder Schafsaitling gefüllt

wird – all dies weiß Harald Puhlfürß seit

seiner Kindheit. Denn der 45-Jährige entstammt

in vierter Generation einer Fleischerdynastie

in Jena-Lichtenhain. Auch

er erlernte dieses Handwerk.

Da sich der Familienbetrieb in einem

Wohngebiet befand, musste 1999 der

Standort gewechselt werden. Zusammen

mit seinem Vater Wolfgang beteiligte

sich Puhlfürß – mittlerweile selbst Fleischermeister

– an einer Genossenschaft.

Fortan handelte er auch mit Wurst- und

Fleischwaren, die andernorts produziert

wurden. Und ab 2004 wagte er sich gar in

ein Metier, über das manch konventioneller

Fleischermeister bis heute die

Nase rümpft – den Online-Handel. Auf

die Idee gebracht hatten ihn Experten

der Intershop AG in Jena.

Mit der Zeit kamen weitere Vertriebsschienen

hinzu. Puhlfürß etablierte in

Jenas Gewerbegebiet Tatzendpromenade

einen »Schlemmertreff«, in dem Internet-Muffel

einkaufen können. Daneben

rollte er mit einem Verkaufswagen bei

diversen Festen und Veranstaltungen vor.

»Als kulinarischer Botschafter Thüringens«,

erzählt er. Seine mobile Theke fiel

dabei durch besondere Raffinessen auf:

Im selben Anhänger werden sowohl fri-

Thüringer Spezialitäten

Auf Schlemmerkurs

Würste und viele andere Köstlichkeiten »Made in Thuringia« gibt

es auch online. Dank eines speziellen Internet-Shops. Die Betreiber

aus Jena sehen sich als kulinarische Botschafter ihrer Heimat.

sche Roster gebrutzelt als auch Bier gezapft.

Irgendwann ging es ihm um mehr

als die Wurst. Zur Roster gesellten sich

peu à peu weitere Spezialitäten »Made in

Thuringia«. Vor allem die Apoldaer

Brauerei sei bis heute ein wichtiger Partner,

freut er sich. Gemeinsam suche man

nun verstärkt die Öffentlichkeit.

Doch ein Fleischermeister ist nicht

zwingend auch Marketing-Profi. So besann

sich Puhlfürß seines alten Freundes

Gerd-Uwe Hoffmann. Man kannte sich

aus gemeinsamen Vorwendezeiten in einer

Sportkompanie. Werbefachmann

Hoffmann, der von Sachsen-Anhalt aus

eine große norddeutsche Biermarke im

Osten erfolgreich vermarktete, war sofort

begeistert. Die vielseitigen lukullischen

Angebote aus Thüringen in einem

Internetshop an in- und ausländische

Kunden zu bringen, reizte ihn.

Sie entwickelten Strategien und Konzepte

und gründeten im April in Jena die

Schlemmertreff Thüringen GmbH. Der

Schlemmershop im Netz www.thueringer-schlemmertreff.de

ist seit Jahresbeginn

2011 online. »Die Idee hat sich zu

einem erfolgreichen Geschäft gemausert.

Über 3.300 Kunden hat der Schlemmertreff

im Internet bereits«, freut sich

Puhlfürß und verweist neben der »einzigartigen

Frische und handwerklichen

Qualität« der Produkte vor allem auf den

temporären Handelsaspekt: »Heute bestellt

und morgen geliefert.«

Wer die Seite anklickt, kann neben

Original Thüringer Rostbratwurst eine

bunte Vielfalt landestypischer kulinarischer

Köstlichkeiten bestellen – wahlweise

frisch, im Glas oder im opulenten Präsentkorb.

Um die Palette zu erweitern,

wird an einem Netzwerk einheimischer

Spezialitätenhersteller gestrickt, das derweil

elf Partner umfasst.

Durchschnittlich 300 Schlemmerpakete

– teils stilvoll verpackt in kleinen

hölzernen Kisten – versenden die Mitarbeiter

monatlich. »Tendenz steigend«,

freut sich Chefvermarkter Hoffmann. Bestellungen

kämen inzwischen auch aus

Frankreich, Italien oder den Benelux-

Staaten.

54 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


PORTRÄT

TEAM: H. Puhlfürß und G.-U. Hoffmann (r.)

linaritäten beitragen. Sie wurde bereits

zweimal Juniorenweltmeisterin, holte

2010 in der deutschen Freistilstaffel

EM-Gold und kehrte jüngst von der

Schwimm-WM in Shanghai edelmetalldekoriert

zurück: Als Schlussschwimmerin

hatte sie das deutsche 4x100m-Freistil-Quartett

zu Bronze gekrault.

Puhlfürß und Hoffman stellen ihr florierendes

Unternehmen derzeit auf mehrere

Standbeine. Neben dem Internetshop

und den mobilen Promotion-Touren

als »Botschafter Thüringens« wollen

sie das Label künftig auch auf Franchise-

Basis grenzüberschreitend vermarkten.

Auch hierbei denken sie nicht daran,

kleine Brötchen zu backen. »In jeder

europäischen Metropole, von Stockholm

bis Paris, soll es künftig eine ›Botschaft

Thüringens‹ geben«, schwärmt Puhlfürß.

Eingebettet in ein nobles Verkaufsumfeld

würden die Dependancen beste

Chancen haben, sich zu etablieren.

Harald Lachmann

&

Altenburger Senf

Würzig bis frivol

Helga und Karl Jungbeck haben mit kreativen Mischungen und

Variationen den gewöhnlichen Senf zum Luxusprodukt gemacht.

Helga Jungbeck ist in Stimmung.

Sie steht hinter ihrem Stand, den

sie auf der Thüringer Touristikmesse

im Foyer des Kongresshauses in

Altenburg aufgebaut hat, und wirbt für

ihren »Altenburger Senf«. Vor allem die

neuen Sorten preist sie an und reicht

kleine Löffel zur Kostprobe. Darunter die

Sansibar-Honig-Dill-Senfsoße, benannt

nach der Sylter Promi-Kneipe, und der

Feigen-Konfitüren-Senf mit dem Konterfei

von Starkoch Johann Lafer auf dem

Etikett. »Der Renner ist unser Liebessenf,«

ruft sie und reicht einem der interessierten

Standbesucher das Glas mit der

giftig rosa Paste. »Aber nicht zuviel, sonst

kann ich für nichts garantieren«, warnt

sie verschmitzt lächelnd.

Auch die Kostproben des zweiten Verkaufsschlagers

dieser Saison, des blaugrünen

»Trabi-Senf«, begleitet die kräftig

gebaute Thüringerin mit humorvoll verkaufsfördernden

Sprüchen. Wer sich

nicht entscheiden kann zwischen »Liebes-,

Erotik- oder Trabisenf«, dem empfiehlt

die temperamentvolle Mittfünfzigerin

den gemischten Dreierpack.

Als Karl Jungbeck im Mai 1992 seine

ersten eigenen Senfmischungen zusammenrührte,

war der Erfolg nicht vorgezeichnet.

Eher war der Handelsvertreter

entmutigt worden, als er im Auftrag einer

ostbayerischen Gewürzfabrik mit

Senfkörnern und Würzmitteln gleich

nach der Wende im ostdeutschen Lebensmittelhandel

Geschäfte machen wollte.

»Hier kaufen die Leute ihren Bautz’ner

für 29 Pfennige und sonst keinen Senf«,

bekam der inzwischen 65-Jährige immer

wieder zu hören. Dennoch wollte der Gewürzvertreter

seinen Senf dazugeben

und ließ sich 1991 den Firmennamen

»Altenburger Senf« schützen.

Zunächst beschränkte sich das Sortiment

auf die klassischen Geschmacksrichtungen

»scharf« und »mittelscharf«.

Sein erster Abnehmer war ein Altenburger

Imbisshändler. Glücklicherweise

kaufte der gleich einen 10-Kilo-Eimer, sodass

der Tagesumsatz von 4,30 Mark gesichert

war. Nach und nach baute Jungbeck

seine Senffabrik auf. Dafür suchte

er über die Agentur für Arbeit geeignete

Mitarbeiter. Zwar hatte Jungbeck damals

noch keinen »Liebessenf« im Sortiment.

Doch die für ihn zuständige Arbeitsver-

Kulinarisch Flagge zeigen die Thüringer

aber nicht nur virtuell – und längst

nicht nur in Thüringen. So tritt das junge

Unternehmen auch als Sponsor und

Caterer bei bedeutenden Sportereignissen

auf, zum Beispiel beim Schwimmweltcup

in Berlin, beim Fußball-Supercup

des DFB für »Alte Herren« in Weimar,

oder eben auch zur bundesweiten Hausmesse

der renommierten Handelskette

InterSport in Heilbronn.

Als Markenbotschafterin für den

»Thüringer Schlemmertreff« konnte das

Unternehmen die erfolgreiche Schwimmerin

Daniela Schreiber gewinnen. Sie

trainiert beim SV Halle, Hoffman kennt

sie aus seinem früheren Wirkungskreis.

Die 22-jährige Blondine wird dank ihrer

sportlichen Meriten einiges zu einer

größeren Bekanntheit der Thüringer Kumittlerin

konnte er ebenfalls für sich

und seinen Senf gewinnen.

Gemeinsam brachten Karl und Helga

Jungbeck die neue Altenburger Senffabrik

auf Erfolgskurs. Sukzessive erweiterten

sie das Sortiment auf 300 Sorten. Darunter

Klassiker wie Bauern-, Knoblauchoder

Honigsenf und Besonderes wie den

»Köstritzer-Schwarzbier-Senf«. Die Mitarbeiterzahl

wuchs von drei auf 26.

ALLES SENF: Spezialladen in Altenburg

Im ersten, 2004 in der Altenburger Innenstadt

gegründeten »Weltmeister-Senfladen«

ist auch der preisgünstige Bautz’-

ner Senf zu entdecken. Die eigenen

Luxussorten sind deutlich teurer. Das

sieht die Chefin gelassen: »Wir produzieren

Qualität. Die Massenware ist kein

Konkurrent.« Damit meint die Senfhändlerin

das traditionelle Herstellungsverfahren,

die Verwendung von Wasser aus

eigenem Brunnen sowie naturbelassenen

Zutaten. In der neuen »Senfonie« ist

Discount-Ware nicht zu sehen. In dem

vor einem Jahr eröffneten Kochstudio,

wo Besucher die breite Palette an Senfsorten

beim Kochkurs kennen lernen,

erfahren diese alles rund um die Senfherstellung.

Einen zweiten in Eigenregie geführten

Senfladen, neben einigen Franchise-

Nehmern, hat Jungbeck in Dresden eingerichtet.

Direkt neben dem berühmten

Milchladen in der Neustadt. Ein Riesencoup.

Manche Busgruppe, die aussteigt,

um den Milchladen zu besichtigen, lande

schon mal versehentlich im Senfgeschäft,

erzählt Helga Jungbeck.

Renate Wolf-Götz

&

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 55


UV-AKTUELL

GESCHÄFTSSTELLEN

der Unternehmerverbände

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle:

Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01

Fax: (030) 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:

Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Hans-D. Metge

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: (03 31) 81 03 06

Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: (03 35) 400 74 56

Mobil: (01 73) 633 34 67

Unternehmerverband Rostock und

Umgebung e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11

Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle:

IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,

U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Neefestraße 88, 09116 Chemnitz

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: (0345) 78 23 09 24

Fax: (0345) 78 23 467

UV SACHSEN

Mitglied im

Beirat

Sachsens Staatsministerin

für Soziales und Verbraucherschutz

Christine Clauß

hat einen Gleichstellungsbeirat

ins Leben gerufen.

Auf Vorschlag ihres Ministeriums

wurde Gabriele Hofmann-Hunger,

Leiterin der

Repräsentanz Südwestsachsen

des Unternehmerverbandes,

als Mitglied in den Beirat berufen.

Das Gremium, in dem

Vereinigungen, Verbände und

Wissenschaftler zu Wort kommen

sollen, hat die Aufgabe,

zur Verwirklichung der Chancengleichheit

von Männern

und Frauen in Staat, Wirtschaft

und Gesellschaft beizutragen.

UV-Repräsentantin

Hofmann-Hunger schlug vor,

die Perspektiven für Jugendliche

ohne Berufsabschluss in

der Privatwirtschaft und die

Unterstützung für KMU bei

der Vereinbarkeit von Beruf

und Familie sowie Pflege und

Beruf in den Mittelpunkt der

nächsten Sitzungen zu stellen.

UV BRANDENBURG

Repräsentanz

verstärkt

Der Verbandsbezirk Potsdam

hat kürzlich seine

Stadtrepräsentanten für

den Bereich Berlin vorgestellt.

Die fünf Unternehmerinnen

und Unternehmer werden

zukünftig die Interessen Berliner

Unternehmen in Brandenburg

vertreten. Dr. Burkhardt

Greiff, Mitglied der

Geschäftsleitung der REMON-

DIS GmbH & Co. KG für die

Region Ost und Mitglied des

Präsidiums im Unternehmerverband

Brandenburg, skizzierte

die Ziele und Entwicklungsmöglichkeiten

der

Berliner Repräsentanz. Der

Verband müsse hier sichtbarer

werden und seinen Bekanntheitsgrad

in der Region

erhöhen. Dazu werden die

Vertreter einen Standpunkt

zu Berliner Schwerpunktthemen

entwickeln und diesen

auch artikulieren, so Greiff.

Es soll der Fachkräftebedarf

gesichert, günstige Rahmenbedingungen

für Industrieansiedlungen

geschaffen

und der Wirtschaftsstandort

Berlin insgesamt und mit

Brückenfunktion in Richtung

Osteuropa vorangebracht

werden. Er plädiere außerdem

dafür, dass Berlin und

Brandenburg ihre Zusammenarbeit

weiter verstärken

und schneller zusammenwachsen

sollten.

Hans-Dietrich Metge, Bezirksgeschäftsführer

des Verbandsbezirks

Potsdam ergänzt:

»Viele Berliner Unternehmen

haben den Wunsch,

mit ihren Interessen auch in

Brandenburg wahrgenommen

zu werden. Der UV Brandenburg

kann hier mit

seinen guten Kontakten zu

den Entscheidern im Land

eine Brücke bauen.«

Umgekehrt gilt das auch für

die Brandenburger Firmen in

Berlin. Neben Dr. Burkhardt

Greiff und Harri Brauer nehmen

die fünf neuen Stadtrepräsentanten

Birgit Dürsch

(Pepcomm GmbH), Hagen

Atzrodt (EUROSOLVENT Inkasso

GmbH & Co. KG), Dr. Joachim

Feske (Audita GmbH

+ TERMINE+

TERMINE

UV Vorpommern

3. September, 10 bis 16 Uhr

»Der Ball ist bunt« – Eine Aktion

für Demokratie in Vorpommern,

Volksstadion Greifswald

UV Thüringen

22. September, 19 Uhr

Vortrag Matthias Wierlacher,

Vorstandsvorsitzender Thüringer

Aufbaubank: Ausgewählte

Förderprogramme für den

Thüringer Mittelstand, Radisson

BLU Hotel Erfurt

UV Rostock

8. Oktober, 10 bis 18 Uhr

Pendleraktionstag zur

Gewinnung von Fach- und

Nachwuchskräften,

Universitätsplatz Rostock

Steuerberatungsgesellschaft),

Lorenz Mayr (Mayr – Kanzlei

für Arbeitsrecht) und Markus

Weyh (AIOS GmbH) nun diese

Interessenvertretung wahr.

UV SCHWERIN

Kontakte zu

US-Firmen

Die amerikanische Generalkonsulin

Inmi Kim

Patterson begrüßte im Juni

eine hochrangig besetzte

Wirtschaftsdelegation aus

dem US-Bundesstaat

Washington und Vertreter

der norddeutschen Wirtschaft

zu Gesprächen in

Hamburg.

Für den UV Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin

nahmen Präsident Rolf Paukstat,

Vizepräsident Karl-Heinz

GESPRÄCHE: Garbe (l.) und Paukstat

(r.) mit US-Generalkonsulin Patterson

Garbe und Hauptgeschäftsführer

Wolfgang Schröder die Gelegenheit

wahr, zahlreiche Kontakte

zu US-Unternehmen aus den

Bereichen Biotechnologie, Automotive

und Luftfahrt zu knüpfen.

Die Washingtoner Gouverneurin

Christin O’Grady Gregoire

hob die Bedeutung ihres

Bundesstaates als wirtschaftliches

Schwergewicht im Staatenverbund

der USA heraus.

Dafür sind unter anderem

Microsoft mit Sitz in Seattle und

der Flugzeughersteller Boeing

verantwortlich, der dort zwei

große Standorte betreibt.

O’Grady Gregoire warb für Investitionen

aus dem Bereich der erneuerbaren

Energien in ihrem

Bundesstaat, denn die USA habe

die grünen Technologien als

Wachstumsmotor der kommenden

Jahre ausgemacht.

56 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


W&M-PRIVAT

LEUTE & LEUTE

NACHLESE

English at Work

Das Deutsche, so

schwärmte Jean Paul,

sei die Orgel unter den

Sprachen. Mag sein. Sobald

der Deutsche sich hinters

Lenkrad seines Automobils

klemmt und als Teilnehmer

am Straßenverkehr mit uniformierten

Vertreterinnen

und Vertretern der Staatsmacht

kommuniziert, stellt

sich allerdings raus, dass er

mehr Schimpfwörter auf der

Pfanne hat als das dreiunddreißigbändige

Wörterbuch

der Brüder Grimm.

Polizisten, die sich für

Halbgötter aus Flensburg halten,

sollten daher immer auf

eine geballte Ladung einschlägiger

Schmeicheleinheiten gefasst

sein. Witzbold ist noch

das schlichteste der Komplimente

und auch das preisgünstigste.

Es kostet laut Bußgeldkatalog

nur 300 Euro. Der

Wichser läuft entschieden

stärker ins Geld und ist unter

1.000 Euro nicht zu haben,

ebenso der Raubritter, das

Bullenschwein und der Trottel

in Uniform. Cholerische

Falschparker, die Politessen

bei der Ausübung ihres Dienstes

beleidigen möchten, sollten

sich für die Schlampe

(1.900 Euro) gegen die alte Sau

(2.500 Euro) entscheiden und

die finanzielle Differenz der

dritten Welt als Spende überweisen.

Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme

Gesäßhusten

und Arschfax

Ernst Röhl versucht,

die Sprache der Jugend

zu sprechen

Verbalinjurien wie diese,

Beleidigungen, Kränkungen

und »Ausdrücke« üben auf die

Phantasie der deutschen Jugend

einen mordsmäßigen

Zauber aus. So erklärt es sich,

dass die Schule zum Bildungsschuppen

geworden ist, die

Diskothek zum Zappelbunker,

das Solarium zu Münzmallorca,

der bleiche Teint

des Computerfreaks zur Bildschirmbräune,

das so genannte

Public Viewing zum Rudelgucken,

der Nordic Walker

zur Stockente, der Blumenstrauß

zum Heuchlerbesen,

der Hängebusen zum Knieschoner,

der USB-Stick zum

Datenzäpfchen, die Blitzeraufnahme

bei Geschwindigkeitsübertretungen

zum Zielfoto

und die geräuschvoll entweichende

Blähung zum Gesäßhusten.

Schnell fertig ist

die Jugend mit dem Wort

(Schiller).

Bereits zum dritten Mal

rief der Langenscheidt Verlag

gemeinsam mit der Jugendzeitschrift

»Spiesser« zur

Wahl eines Jugendworts des

Jahres auf. Unter die Top Five

kamen ein »aufgetakeltes

Mädchen in viel zu enger Kleidung«

– die Speckbarbie und

ein »Unterhosenetikett, das

hinten aus der Hose raus

hängt« – das Arschfax.

Zeitungsschreiberlinge

wissen mehr. Sie behaupten,

die unreife Jugend nenne die

reifere Jugend gern Gammelfleisch

und die Ü30-Fete Gammelfleischparty,

die Rente

Abwrackprämie, die Apotheken-Umschau

Rentner-Bravo

und die Polizei Trachtengruppe.

Verdächtig bloß, dass man

diesen pubertären Slang in

freier Wildbahn so selten

hört. Umso öfter liest man

ihn, und zwar in einer Zeitung

mit extra fetten Überschriften.

Könnte es sein, dass

diese »Jugendsprache« nichts

anderes ist als das krankhafte

Blabla der Journalistendarsteller

vom Springer-Verlag?!

Mit einer Ausnahme vielleicht.

Ein kleines, aber feines

Verb setzte sich 2009 sogar als

Jugendwort des Jahres durch.

Es lautet: Hartzen.

&

Hand aufs Herz, verehrter leidlich

oder auch solide des Englischen

kundiger W&M-Leser:

Wussten Sie

wirklich, wie

man den richtigen

Ton anschlägt,

wenn

man auf einer

internationalen

Messe mit

einem potenziellen britischen

Geschäftspartner ins Gespräch

kommen will? War Ihnen immer

schon klar, wohin mit Ihren

Emotionen beim Abfassen einer

E-Mail?

Und gaben Ihnen ihre Vorkenntnisse

genug Sicherheit, Unzufriedenheit

mit einer Dienstleistung

taktvoll und effizient auszudrücken

– auf Englisch, versteht

sich – und der Gefahr zu entgehen,

mit deutscher Plumpheit

in herumstehende Fettnäpfchen

zu treten?

13 Jahre lang hat Ihnen auf dieser

Seite in dieser Randspalte

Chris van Niekerk Sprachlektionen

aus dem weiten Kommunikationsspektrum

von Smalltalk

bis Business English erteilt. Belehrungen

nicht ausgenommen.

Jetzt wissen wir auch mehr von

den Schwierigkeiten bei Übersetzungen

aus der englischen

Arbeitswelt und warum Leading

und Management nicht dasselbe

sind.

Chris van Niekerk, Sonnyboy aus

dem sonnigen Südafrika, exerziert

sein fehlerfreies Deutsch

hauptberuflich bei der English at

Work Language School GmbH,

einer Tochter der britischen

English at Work School Ltd., am

Standort Dresden. In Deutschland

ist die renommierte Sprachtrainingsfirma

auch in Berlin,

Leipzig, Düsseldorf, Frankfurt

am Main, Hamburg, Hannover,

München, Nürnberg und Stuttgart

vertreten. Ihre Kundschaft

findet sie bei Großunternehmen

ebenso wie in kleinen und mittelständischen

Unternehmen

und unter berufstätigen Einzelpersonen.

Für jeden Lernenden

wird eine genaue Bedarfsanalyse

angefertigt, wozu er die

Sprache braucht. Chris van

Niekerk hat dies bei seinen

Kolumnen für W&M stets berücksichtigt.

Wofür wir ihm an

dieser Stelle noch einmal ausdrücklich

danke sagen wollen.

Peter Jacobs

WIRTSCHAFT & MARKT 09/11 57


KOLUMNE

Europa – trotz Eurokrise!

Man braucht eine wachsende Europa-Müdigkeit

nicht durch

Umfragen zu beweisen: Wahlergebnisse

genügen. Während der letzten

Jahre haben europakritische Parteien

insbesondere im wirtschaftlich erfolgreicheren

Norden Europas beachtliche Erfolge

errungen. Ob kürzlich die »Wahren

Finnen« oder die streng rechtsgerichtete

Partei von Wilders in den Niederlanden;

ob ein dänisches Parlament am ungehinderten

Grenzübergang »Schengen«

bastelt oder eine Marie Le Pen in Frankreich

den EU-Ausstieg befürwortet.

Die Kräfte der Globalisierung haben

zu erheblichen sozialen Verwerfungen in

den Mitgliedstaaten der EU geführt.

Ganze Branchen wurden dem europäischen

Kontinent entzogen und der aus

Asien wirkende Lohndruck hat zu Einkommenseinbußen

und wachsender Ungleichheit

in unseren Breiten geführt.

Das schafft Unruhe, Unwillen, Frust und

politischen Zorn. Dieser trifft zwar noch

immer in erster Linie die nationalen Regierungen,

aber die europäischen Institutionen

sind dann immer auch ein bequemer

Sündenbock.

Es gibt jedoch für die miese Europastimmung

auch europäische Ursachen.

Während der vergangenen Jahre – man

müsste vermutlich Jahrzehnte sagen –

haben die europäischen Institutionen

immer mehr an sich gezogen. Aber gerade

in Europa muss der Aufbau von unten

nach oben erfolgen. Ein föderal organisierter

Staat – und nur als solcher wären

»Vereinigte Staaten von Europa« überhaupt

denkbar – lebt von den Unterschieden

seiner Mitglieder und von der Kreativität

des dezentralen Wettbewerbs. Aber

schon seit ihren Anfängen hat man für

angeblich notwendige Gleichheit die Besonderheiten

der Mitgliedstaaten allzu

oft ohne Grund geopfert. Ich werde nie

vergessen, wie ich in den 70er Jahren bei

Brüsseler Verhandlungen als zuständiger

Staatsminister für Europafragen die Studieninhalte

und Länge des Ingenieurstudiums

vereinheitlichen sollte – angeblich

wegen des »gefährlichen« Wettbewerbs

junger britischer Ingenieure,

die nach kürzerem Studium sich dennoch

– wie ihre deutschen Kollegen – »Ingenieure«

nennen wollten. Warum, so

argumentierte ich damals, kann man

dieses Urteil nicht denjenigen überlassen,

die diese Ingenieure später einstellen?

Warum sollen nicht Prüfungen am

ZUR SACHE

Betrachtung

zur wirtschaftlichen Lage

Von Dr. Klaus von Dohnanyi

Ort ermitteln, ob ein kürzeres Studium

am spezifischen Arbeitsplatz ausreicht?

Am Ende wurde das Verfahren gegenseitiger

Anerkennung zwar wohl zur Regel,

aber die Kommission verteidigte immer

wieder sterile europäische Gleichheit.

Den Menschen, die ja gerne europäische

Bürger sind, können wir aber auf

die Dauer das vielstimmige Theater um

viele überflüssige, von Brüssel angestoßenen

Regeln nicht zumuten. Jedenfalls

nicht, bevor in den großen Fragen Europas

eindeutig mehr Gemeinschaft besteht.

Was sollen die Menschen, zum

Beispiel, denken, wenn Frankreich und

Großbritannien auf eigene Faust einen

Krieg gegen Libyen führen, aber in der

Europäischen Union langer Streit über

einheitliche Biozeichen oder Kalorienhinweise

auf den Lebensmittelverpackungen

geführt wird?

Es gibt zwar Bemühungen – insbesondere

vonseiten der deutschen Regierung

– die Einmischung in nationale Politik-

bereiche zu begrenzen. »Subsidiarität«

heißt das Ziel. Oder: In erster Linie sollen

die Mitgliedstaaten zuständig bleiben, es

sei denn, es wird nachgewiesen, dass es

ohne europäische Gleichheit nicht geht.

Ich bin sicher, wenn wir das Gefühl

der Menschen für die Bedeutung der europäischen

Integration wieder stärken

wollen, dann müssen wir das Prinzip der

Subsidiarität nicht nur in Worten hochhalten,

sondern in Taten durchsetzen.

Dafür wäre es nach nun über 50 Jahren

EU-Erfahrung notwendig sich hinzusetzen

und noch einmal, ganz von vorn,

zu definieren, was von Brüssel, und warum

gerade das, bestimmt werden sollte.

Wenn man hier Einigung erzielt hat, sollte

es einen großen Kehraus überflüssiger

Projekte – und ihrer Bürokraten – geben.

Das wäre die eine Seite: Die Rückbesinnung

darauf, dass die Mitgliedstaaten

die Gemeinschaft ausmachen und nicht

umgekehrt. Die andere Seite, die mindestens

ebenso bedeutsam für eine Wiederbelebung

des Europagedanken wäre,

wurde durch das Euro-Problem deutlich:

Dort, wo sich Mitgliedstaaten an die Gemeinschaft

gebunden haben, dort muss

sicher sein, dass jeder sich an die nun

gemeinsam beschlossenen Regeln hält.

Und es muss im Falle eines Regelverstoßes

auch entsprechende Sanktionen

(Strafen!) geben.

Letzteres war bisher schwer durchzusetzen;

die »nationale Souveränität« wollte

solche Eingriffe nicht erdulden. Aber

hier ist die Eurokrise eine Mahnung. Hätte

eine starke europäische Institution die

volkswirtschaftlichen Daten Griechenlands,

Spaniens, Irlands oder Portugals

eingehend und unabhängig prüfen können,

dann wäre mindestens Griechenland

die Tür zum Euro nicht zugänglich

gewesen. Und hätte dann die Europäische

Zentralbank (die heute faule Schulden

aufkaufen muss!) zum Beispiel das

Recht, jede Aufnahme von Schulden jenseits

der Maastricht-Kriterien zu untersagen,

hätten wir das griechische Problem

auch nicht.

Europa kann integriert werden. Aber

nicht durch immer mehr zentralistische

Eingriffe, sondern durch klare Rahmenbedingungen,

Transparenz der Datenlage

und Sanktionen gegen Verstöße dieser

Vereinbarungen. Wir sollten jetzt

nicht leichtfertig einem neuen Zentralismus,

sondern eher sanktionsbewehrten

Rahmenregelungen Vorrang geben. &

58 WIRTSCHAFT & MARKT 09/11


Mittelstandsbank

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