24.03.2014 Aufrufe

WIRTSCHAFT+MARKT Mindestlohn nur Einstieg (Vorschau)

Sie wollen auch ein ePaper? Erhöhen Sie die Reichweite Ihrer Titel.

YUMPU macht aus Druck-PDFs automatisch weboptimierte ePaper, die Google liebt.

A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 22. Jahrgang ■ Dezember 2011 ■ Preis: EURO 3,50

Wirtschaft&Markt

Wirtschaft&Markt

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN

AUTO-EXPERTEN

Flotte Flitzer in Sachsen

SCHIFF-EXPERTEN

Junge Seeleute in Rostock

ROBOTER-EXPERTEN

Eiserne Helfer in Ilmenau

Securitas-Deutschland-Chef Manfred Buhl:

Mindestlohn nur Einstieg


REVOLUTIONÄRE IDEEN?

GRÜNDEN SIE EINE FIRMA!

Als Unternehmer können Sie Ihre Visionen realisieren.

WIRTSCHAFT.

WACHSTUM.

WOHLSTAND.

www.bmwi.de/go/mittelstand


Buttern im Nebel

HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

EDITORIAL

Handwörterbuch Außenwirtschaft

GER|MA|NY

TRADE|&|IN|VEST *


*

GermanyTrade&Invest

ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft

der Bundesrepublik Deutschland.

Liebe Leserin, lieber Leser,

was mögen Historiker in 2050 über 2011

schreiben, angesichts heutiger Schlagzeilen,

dieser Mischung aus himmelhoch

jauchzend und zu Tode betrübt, aus

Schönfärberei und Alarmismus?

Je nun – dem Vorwurf der Schwarzmalerei

entgeht der »Bericht der Bundesregierung

zum Stand der Deutschen Einheit

2011«. Da gleicht er den Vorläufern

wie ein Ei dem anderen. Doch er schlägt

auch andere Töne an. In dem neuen

Bericht finden sich Formulierungen, die

früher als Spinnerei, als linke zumal, abgetan

wurden. Dazu zählt der Abschied

des Aufbaus Ost vom Nachbau West. Verwiesen

wird auf die Chance, dass die

neuen Länder zu »Schrittmachern« für

ganz Deutschland werden. Und der Innenminister

sieht in der Bewältigung

der demografischen Herausforderungen

Ost sogar eine Blaupause für den Westen.

Derlei Lobpreisungen nähren den Verdacht,

dass nun Schluss sein soll mit der

verstärkten Förderung Ost – obwohl der

Angleichungsprozess stagniert. Deshalb

immer wieder die Betonung, dass am

Solidarpakt nicht gerüttelt wird, dass die

Regierung sich für Milliardenzuflüsse

aus Brüssel einsetzt und selbst bei ihren

Hilfen zu bleiben gedenkt? Beziffern will

die Bundesregierung ihre Versprechen

nicht. Mit Verlaub, das 137-Seiten-Papier

stochert im Nebel. Keine Antwort gibt es

auf Fragen nach der Fachkräfteproblematik,

Lohnuntergrenzen (S. 10), der sich

verfestigenden Langzeitarbeitslosigkeit,

nach der Zukunft der Investitions- und

Innovationsförderung. Das ist ärgerlich,

denn wenn Wirtschaft etwas braucht,

dann verlässliche Rahmenbedingungen.

»Wie viel Energiewende verträgt der

Mittelstand?« (S. 6) will deshalb die Interessengemeinschaft

der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlins bei

einem Parlamentarischen Abend am 24.

November in der Hauptstadt erörtern. Er

lenkt die Aufmerksamkeit auf die eigentlichen

Akteure des Aufbaus Ost – die mittelgroßen,

kleinen und kleinsten Unternehmen.

Die Rede ist von solchen mutigen

Mittelständlern wie dem Ingenieur

Rolf Rätzer. Er gehört zu der Handvoll

Entschlossener, die das Dessauer Motorenwerk

1993 in einem Management-

Buy-out vor dem Ende bewahrten (S. 50).

Da drängt sich Äsops Fabel von den

Fröschen auf, die in einen Milchtopf fielen.

Einer gab auf und ertrank. Der andere

strampelte, bis er auf einem Butterklumpen

stand und herausspringen

konnte. Der Aufbau Ost, das sind gerade

diese Unternehmer, die täglich strampeln

müssen, um nicht unterzugehen.

Sie buttern im Nebel. Fabelhaft, oder?

Herzlichst

Ihr

Unser Service






www.gtai.de

Markt- & Branchenanalysen

Wirtschafts- & Steuerrechtsinformationen

Zoll- & Tarifbestimmungen

Internationale Projekte,

Ausschreibungen & Geschäftskontakte

Geschäftspraktische Tipps

Gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und vom

Beauftragten der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer aufgrund eines

Beschlusses des Deutschen Bundestages.


WISSEN

IST DAS

WAHRE

ASSET

Quantitatives Asset Management

Als Master-KAG ausgezeichnet, sind wir auch im

institutionellen Asset Management Ihre Top-Adresse.

Denn unsere innovativen Investmentkonzepte vereinen

Transparenz, Sicherheit und Rendite auf quantitativer

Basis. Mehr über unsere Expertise für Ihr Portfolio unter

helaba-invest.de


INHALT

WIRTSCHAFT & MARKT

im Dezember 2011

REPORT EXTRA REPORT

SEITE 50 SEITE 35

SEITE 47

CHANCENREICHE MARKTNISCHE:

Elektromotorenwerk Dessau setzt sich durch

BOOMENDE GESUNDHEITSBRANCHE:

Region Berlin-Brandenburg nutzt Chancen

WACHSENDER LOGISTIKMARKT:

Rostocker Spedition investiert am Hafen

Editorial

Aktuell

3

6

Buttern im Nebel

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum

Wirtschaft und Politik

Report

TITEL

10

14

48

50

MANFRED BUHL, Vorsitzender der Geschäftsführung der SECURITAS Deutschland

Holding, zu neuen Herausforderungen im Sicherheitsgewerbe, Facharbeiternachwuchs und

zur Einführung von gesetzlichen Mindestlöhnen in der Branche

ROBOTERSPEZIALIST METRALABS: Begleiter im Baumarkt

CHEMIKALIE BISPHENOL A: Gefährliche Weichmacher

ELEKTROMOTORENWERK DESSAU: Erfolg in der Nische

Fotos: T. George, PictureDisk, T. Schwandt

Bericht

Porträt

Interview

Special

W&M-Extra

W&M-Service

Verbands-News

Ständige Rubriken

W&M Privat

Kolumnen

16

21

32

60

19

47

20

22

26

28

35

51

58

62

64

30

66

AIDA CRUISES: Attraktive Jobs auf allen Weltmeeren

OSTSEE-GASPIPELINE: Landgang in Lubmin

AUTOLAND SACHSEN: Werkbank im Wandel

BRANDENBURG REGENERATIV: Grüner Quantensprung

OPTIK-CLUSTER BERLIN-BRANDENBURG: Hightech-Produkt Licht

ROSTOCKER SPEDITION GUSTKE: Ran an den Hafen

Inhalt

HARALD EISENACH, Vorstandsvorsitzender des Ostdeutschen Bankenverbandes e. V., zu

wirtschaftlichen Entwicklungen in den neuen Bundesländern

FÖRDERUNG: Investitionsbank Sachsen-Anhalt – Förderer und Partner des Mittelstandes

FÖRDERBANKEN: Frisches Geld für Ideen

GELDANLAGE: Finanz- und Versicherungswirtschaft – Kein sicherer Zins

GESUNDHEITSLAND BERLIN-BRANDENBURG: Fachkräfte für heute und morgen

Multimedia, Steuern, Recht, Geld

INGENIEUR-NACHRICHTEN: Deutsche Bahn – Talent und Termine

UV-AKTUELL: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden

Bücherbord, Leute & Leute, Leserbriefe

HEINER FLASSBECK: Am Abgrund

KLAUS VON DOHNANYI: Die Schmerzen der Freiheit

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 5


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (1), Archiv

INTERVIEW

HARTMUT BUNSEN,

Sprecher der Interessengemeinschaft

der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands

und Berlins

Energiewende, aber wie?

W&M: Herr Bunsen, der ostdeutsche

Mittelstand fragt: Wie viel Energiewende

vertragen wir?

BUNSEN: Eine im wahrsten Sinne

des Wortes brennende Frage.

Die Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände wird das

auf einem parlamentarischen

Abend in Berlin thematisieren.

W&M: Die Politik hat ihr Wort doch

schon gesprochen.

BUNSEN: Ja, aber jetzt geht es

um das Wie. Wir wollen klären,

wie sich die neue Energiepolitik

unter den regionalen Besonderheiten

des Ostens auf den Mittelstand

auswirkt.

W&M: Welche konkreten Fragen stehen

im Vordergrund?

BUNSEN: Der Ausstieg aus der

Kernenergie wird die Strompreise

verteuern. Welche Konsequenzen

hat das im KMU-Bereich? Ist

ein wirtschaftliches und konkurrenzfähiges

Handeln im internationalen

Wettbewerb unter

den veränderten Rahmenbedingungen

überhaupt möglich?

W&M: Ihre Prognose?

BUNSEN: Die energiepolitische

Kehrtwende der Bundesregierung

wird tief greifende Auswirkungen

auf alle Bereiche des gesellschaftlichen

und wirtschaftlichen

Lebens nehmen, die wir

noch gar nicht alle kennen. Aber

sie bietet dem Mittelstand auch

neue Chancen.

W&M: Zum Beispiel?

BUNSEN: Wer rechtzeitig neue

tragfähige Ideen für den effizienteren

Umgang mit der Energie

entwickelt, wird auf den Märkten

der Zukunft erfolgreich sein.

W&M: Ein weites Themenfeld für die

Diskussion mit den Abgeordneten.

BUNSEN: Wir werden nichts auslassen:

Von der Strukturpolitik

über Finanzen und Recht bis zu

den Steuern.

Interview: Peter Jacobs

Energiewende

Osten führt bei Ökostrom

118 deutsche Regionen erstreben eine vollständige

Versorgung mit Ökostrom. Der Osten ist Vorreiter.

Zouma siegt im Test

TRADITIONSMARKEN

Das Elektrofahrrad Zouma

Sport+ aus den Diamantwerken

im erzgebirgischen Großhartmannsdorf

ist bei einem

E-Bike-Test der Stiftung Warentest

als Sieger hervorgegangen.

Den Ausschlag für die Bewertung

gaben das neue getriebelose

Antriebskonzept sowie die

Bremsanlage mit einer einzigartigen

Energierückgewinnungsfunktion.

Die Marke Diamant

existiert seit 1885. Alle DDR-

Radrennfahrer, darunter Weltmeister

Täve Schur, fuhren

Diamanträder. Die Hartmannsdorfer

Werke wurden nach

1990 von der Schweizer Villiger-

Gruppe übernommen.

Im 21. Jahr der deutschen

Einheit können die neuen

Bundesländer einen

überproportionalen Anteil an

Windrädern, Biogas-, Solarund

anderen Anlagen zur alternativen

Energiegewinnung

vorweisen. Brandenburg erreicht

in diesem Jahr trotz seines

hohen Anteils an Braunkohleverstromung

für die Versorgung

Berlins die 20-Prozent-Marke.

Die Zahl der Beschäftigten

in der Ökostrom-

Industrie liegt höher als bei

der Braunkohleverstromung.

Deutschlandweit sind zurzeit

insgesamt 340.000 Menschen

für die Gewinnung alternativer

Energien tätig.

Traum vom Schaum

Die einst sehr beliebte Plastikente

von Badusan schwimmt

wieder in Kinderbadewannen.

Matthias Gabel, ein Radebeuler

Maschinenbauer, hat die

Markenrechte für Badusan

samt allen

Rezepten

vom insolventen

Hersteller

Gerana

Kosmetik erworben und im

Gewerbegebiet Kesselsdorf

bei Dresden eine Neuproduktion

gestartet. Der nach

Rosskastanien duftende, in

den traditionellen Behältnissen

Flasche, Fisch, Ente und

Schwein abgefüllte Badeschaum

wird vor allem online

und in Tante-Emma-Läden

vetrieben. 2011 sollen wieder

50 Tonnen abgesetzt werden.

GEFÖRDERTE INVESTITIONEN

Regionale Aufteilung der durch GRW- und ERP-Mittel geförderten

Investitionen in den ostdeutschen Bundesländern

■ Investitionen/Einwohner; ■ Einwohnerzahlen in Tausend

Berlin

Brandenburg

Mecklenb.-Vorp.

Sachsen

Sachsen-Anhalt

Thüringen

0 10.000 20.000 30.000

DIE GEWERBLICHE WIRTSCHAFT in den neuen Ländern wurde

laut Bundeswirtschaftsministerium in den Jahren seit 1990 mit mehr

als 20.000 Euro pro Einwohner aus GRW- und ERP-Mitteln gefördert.

AUS DEN LÄNDERN

Sachsen

Seit ihrer Gründung hat die Wirtschaftsförderung

Sachsen GmbH

rund 430 Unternehmensansiedlungen

begleitet. Dabei sind mehr

als 47.300 Arbeitsplätze entstanden,

hauptsächlich in den Branchen

Mikroelektronik/IKT, Mobilität

(v. a. Automobilindustrie, Logistik),

Maschinen- und Anlagenbau

sowie Umwelttechnik/Energie.

Die betreffenden Firmen haben im

Freistaat Sachsen bisher über

sieben Milliarden Euro investiert.

Thüringen

In Thüringen wird am 8. Dezember

zum ersten Mal der Preis für Innovative

Gründungen vergeben. Die

Stiftung für Technologie, Innovation

und Forschung Thüringen (STIFT)

hat ein Preisgeld von 10.000 Euro

zur Verfügung gestellt. Insgesamt

ist der Gründerpreis Thüringen

2011 mit 60.000 Euro dotiert.

Die Thüringer Aufbaubank (TAB)

erhält von der Europäischen Investitionsbank

(EIB) ein Globaldarlehen

in Höhe von 100 Millionen

Euro. Das Geld ist für den Ausbau

der kommunalen Infrastruktur im

Land bestimmt. Die TAB hatte 2008

und 2009 EIB-Darlehen von insgesamt

125 Millionen Euro erhalten,

die an 40 Kreditnehmer gingen.

Brandenburg

Seit 2001 gibt es in allen Kreisen

und kreisfreien Städten Brandenburgs

so genannte regionale

Lotsendienste, die erwerbslose

Gründerinnen und Gründern bei der

Existenzgründung mit Rat und Tat

unterstützen. Das Arbeitsministerium

unterstützt diese Gründungen

jährlich mit 7,6 Millionen Euro aus

ESF- und Landesmitteln. Inzwischen

haben die Lotsendienste insgesamt

11.500 Menschen erfolgreich in

die Selbständigkeit begleitet.

Der Anteil ausländischer Studenten

in Brandenburg liegt deutlich über

dem Bundesdurchschnitt. An der

Technischen Universität Cottbus

sind 25 Prozent, an der Europa-

Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

40 Prozent Kommilitonen nichtdeutscher

Herkunft immatrikuliert.

Berlin

Das Jüdische Museum in Berlin hat

zusammen mit dem Energiedienstleister

Johnson Controls den European

Energy Service Award gewonnen.

Das Museum reduzierte im

Rahmen eines so genannten Energiespar-Contracting

den Energieverbrauch

um insgesamt 46 Prozent

und die CO 2 -Emissionen um

jährlich 1.800 Tonnen.

6 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


AKTUELL

WIRTSCHAFTSBILD

DES MONATS

BRIEF AUS BRÜSSEL

Von THOMAS HÄNDEL,

Europaabgeordneter

Die Linke

Mieser Kompromiss

Endlich sollten im EU-Parlament

hochspekulative Finanzinstrumente

wie CDS und

Leerverkäufe strikt reguliert

werden. Leider gelangte wieder

nur ein Kompromisslein zur

Abstimmung.

ES WEIHNACHTET in den bundesweit vier Logistikzentren des Online-Händlers Amazon, von denen eines

in Leipzig betrieben wird. Das Unternehmen hat mehr als 10.000 Mitarbeiter zusätzlich für das Saisongeschäft

eingestellt. Nirgendwo und zu keiner Jahreszeit wird deutlicher, welchem Konsumrausch Deutschland

trotz aller Ängste vor der Finanzkrise unterliegt. Schon im zweiten Quartal 2011 hatte Amazon seinen

Umsatz um 51 Prozent auf 9,9 Milliarden Euro gesteigert – an der Spitze stand dabei der Lebensmittelhandel

mit 114.000 Artikeln. Ähnlich boomt das E-Book-Geschäft mit 35.000 Titeln. Weihnachten kann kommen.

KONJUNKTUR-BAROMETER

Ostdeutschland zu 40 Prozent im Rückstand

Das Pro-Kopf- Bruttoinlandsprodukt im Osten

Deutschlands stagniert bei etwa 70 Prozent

des Westniveaus. Den Bevölkerungsschwund

von 1,3 Millionen Menschen seit 1995 und

den gleichzeitigen Zuwachs im Westen berücksichtigt,

liegt das Ost-Niveau sogar nur bei

rund 60 Prozent. Das spüren die Ostdeutschen

vor allem in der Lohntüte, in der im Durchschnitt

20 Prozent weniger Geld landet als bei

vergleichbaren Arbeitnehmern im Westen.

Diese ernüchternden Zahlen zeigen, dass die

konjunkturelle Entwicklung im Osten Deutschlands

stagniert und dass von ihr keine Impulse

für ein positive Entwicklung der Lebensverhältnisse

zu erwarten sind.

Die Zahl der Langzeitarbeitlosen verharrt auf

hohem Niveau, immer mehr Geringverdiener

kommen hinzu und das Armutsrisiko – wächst.

Armutsgefährdet ist, wer von weniger als 825

Euro im Monat leben muss. Bei Familien mit

Von DR. HERBERT BERTEIT

zwei Kindern beginnt Armut bei 1735 Euro.

2010 lebten 14,5 Prozent aller Bürger in

Deutschland armutsgefährdet. Am höchsten

war der Anteil in Mecklenburg-Vorpommern

(22,4 Prozent). Sachsen-Anhalt (19,8), Sachsen

(19,4),Thüringen (17,6) und Brandenburg

(16,3) standen nicht viel besser da.

Kein Wunder, dass sich die konjunkturellen

Hoffnungen der Ostdeutschen eintrüben und

die Sorge um die Arbeitsplätze wieder steigt.

Neben einer notwendigen Angleichung der

ostdeutschen Löhne und Renten an das West-

Niveau sollte von der Politik bei der Diskussion

über flächendeckende Mindestlöhne und

Lohnuntergrenzen bedacht werden, dass dies

nicht nur den Tarifpartner überlassen werden

kann. Denn im Osten Deutschlands sind

mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer in Unternehmen

und Einrichtungen beschäftigt, die

gar keiner Tarifbindung unterliegen.

Der französische Abgeordnete

Pascal Canfin hatte den Entwurf

der Kommission mit weitreichenden

Einschränkungen

dieser Instrumente verbessert –

kein Verbot, aber nahe dran.

Im Parlament wurde dieser Vorschlag

von den Konservativen

und Euroskeptikern zugunsten

der Finanzindustrie verschlechtert,

war aber immer noch akzeptabel.

Nach den Verhandlungen

mit dem EU-Rat steht etwas

zur Abstimmung, das einem

Schweizer Käse gleicht. Zu viele

Ausnahmen, zu wenig Kontrollmöglichkeiten

und langwierige

Interventionsphasen für die

Kontrolleure machen das Instrument

nahezu wirkungslos. Unterdessen

verbreitet man immer

noch die Mär, hochspekulative

Finanzinstrumente dienten der

Wirtschaft und dürften deswegen

nur so schonend wie möglich

reguliert werden. In Wahrheit

geht es um den Schutz und

die »Freiheiten« der Finanzindustrie.

Insbesondere Großbritannien

blockiert jede wirksame

Lösung. Die Regierenden

der europäischen Mitgliedsstaaten

scheinen nicht bereit,

aus der Krise zu lernen. Wir

bleiben dabei: Die Finanzmärkte

gehören entmachtet – das Primat

der Politik über die Gestaltung

der Gesellschaft muss

(wieder) hergestellt werden.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 7


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (5), privat,

KURZ NOTIERT

ERNTEAUSFÄLLE

Pacht gestundet

Witterungsgeschädigte

Bauern in Brandenburg

haben von der BVVG Zahlungsaufschub

erhalten.

Wegen der Trockenheit im

Frühjahr und nach dem sehr

nassen Sommer ernteten die

märkischen Landwirte in

diesem Jahr 400.000 Tonnen

Getreide und 280.000 Tonnen

Raps weniger als 2010. Die

Obstbauern beklagen infolge

Anfang Mai erfrorener Blüten

Ertragsausfälle von 2,5 Millionen

Euro. Bauern, die von

erheblichen Ernteausfällen

betroffen sind, erhielten die

Pachten für Ackerland von der

bundeseigenen Bodenverwertungs-

und -verwaltungsgesellschaft

(BVVG) gestundet.

MARKENZEICHEN

MV-Designpreis

Alle zwei Jahre wird der

Designpreis des Landes

Mecklenburg-Vorpommern

ausgeschrieben.

Gemeinsam mit dem Landesdesignzentrum

lobte das

Wirtschaftsministerium in

diesem Jahr den Lilienthal-

Designpreis und den gleichnamigen

Nachwuchspreis aus.

Ziel des Wettbewerbs ist die

Unterstützung der Wirtschaft

und damit verbunden die

Etablierung marktfähiger

Produkte, die sich durch ein

unverwechselbares Design

auszeichnen. Der Designpreis

wurde zum ersten Mal im Jahr

1992 konzipiert, um das Gestaltungsbewusstsein

im Land

zu stärken und die Qualität

von Produkten und Präsentationen

zu verbessern. Das

Konzept wird in den kommenden

Jahren weiter verfolgt.

»Design made in MV« soll sich

künftig zu einem Markenzeichen

entwickeln, das der

Wirtschaft des Landes neue

Impulse verleihen und sie

weiter voranbringen soll.

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN

KLIMASCHUTZ

Algen schlucken CO 2

In der Senftenberger Hochschule

Lausitz wurde ein Forschungslabor zur

Nutzbarmachung von Algen für den

Klimaschutz eingerichtet.

Zu diesem Zweck wurde der Algenphotobioreaktor

(Foto) um einen Thermolyse-

Versuchsstand

und eine CO 2 -

Extraktionsanlage

erweitert.

Während ihrer

Wachstumsphase

binden die Algen

mittels Photosynthese

große

Mengen an

Kohlendioxid aus

Rauchgasen.

Das Projekt

wird in Zusammenarbeit

mit

der IVG GmbH

und der Universität Potsdam realisiert und

von der brandenburgischen Landesregierung

mit 214.000 Euro gefördert.

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER

Ein Rasierpinselmacher, der vom

Trend zur Nassrasur profitiert

CHRISTIAN MÜLLER, (38) PEER LEITHOLD, (47)

Geschäftsführer der Hans-

Jürgen Müller GmbH & Co. KG

im erzgebirgischen Stützengrün,

hat mit seinem Traditionsprodukt

den Weg zurück in die

Badezimmer gefunden. Mehr

als 1,5 Millionen Rasierpinsel

von der Standardqualität bis

zum Dachshaarmodell werden jährlich in seinem

Familienunternehmen industriell hergestellt, weitere

20.000 aus der Handfertigung kommen hinzu. Die

30 Firmenmitarbeiter erwirtschafteten im vergangenen

Jahr einen Umsatz von fast 4,6 Millionen Euro und

werden in diesem Jahr noch zulegen. Müllers natürlicher

Verbündeter ist der seit längerem am Toilettentisch

der Männerwelt zu beobachtende Trend einer

Rückkehr zur Nassrasur. Zu den Großabnehmern gehören

der Rasiermittelhersteller Wilkinson und die

Drogeriekette Rossmann. Der Markt reicht bis in die

USA und nach Japan. Für exquisite Stücke zahlt verwöhnte

Kundschaft bis zu 350 Euro. Um mit der fast

500 Artikel umfassenden Produktpalette stets gut bevorratet

zu sein, hat Müller 1,5 Millionen Euro in ein

Hochregallager investiert. Auftragsrückgänge befürchtet

er nicht: »Das Barthaar wächst immer wieder nach.«

TOURISMUS

Sachsen will mehr Gäste

Der Freistaat Sachsen hat sich eine neue

Tourismusstrategie verordnet und will

die Zahl der Übernachtungen bis zum Jahr

2020 auf 19 Millionen anheben.

Im sächsischen Doppelhaushalt 2011/12 sind

elf Millionen Euro für die Tourismusförderung

ausgewiesen. Schon im Jahr 2010 verzeichnete

Sachsen ein Rekordhoch von 16,3 Millionen

Übernachtungen. Für die kommenden Jahre

beschloss die Landesregierung die Einführung

eines Punktesystems zur effizienteren

Verteilung der Fördermittel. Nachholbedarf

bestehe vor allem in den Regionen Chemnitz,

Vogtland und Sächsisches Elbland.

Ein Chemiker, der Äcker mit

Hilfe von Satelliten düngen kann

Chef der Agri Con GmbH,

schwört auf die Hightech-

Zukunft in der Landwirtschaft.

Auf einem ehemaligen

Bauernhof im sächsischen

Ostrau ertüftelt er Sensoren,

die sekundenschnell die

Beschaffenheit der Pflanzen

und des Bodens ermitteln können. Seine Hightech-

Geräte, montiert auf Traktoren, verbinden das Wissen

über Pflanzen, Agrochemie und Biologie mit der Landtechnik.

Zum Vermessen der Felder greift der gelernte

Agrochemiker auch auf die GPS-Technik zurück.

Bereits im Versuchstadium ermittelte er, dass sich

mit seinen Gerätschaften zehn Prozent der Düngemittel

und 15 Prozent der Pflanzenschutzmittel einsparen

lassen. Im vergangenen Jahr erzielte Agri Con

einen Umsatz von 6,2 Millionen Euro, vor allem bei

ostdeutscher Kundschaft. Die 45 Beschäftigten,

darunter viele Ingenieure, sind über den Winter damit

beschäftigt, den Einsatz der Sensortechnik weiter

zu optimieren. Der Hightech-Farmer würde sein Knowhow

gern global vermarkten. An neuen Ideen mangelt

es ihm nicht: »Vielleicht stehen wir sogar am Beginn

einer neuen Revolution in der Landwirtschaft.«

8 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


AKTUELL

IMPRESSUM

Wirtschaft & Markt

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin

Magazin der Interessengemeinschaft

der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin

Redaktionsanschrift:

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,

E-Mail: wumberlin@t-online.de

Internet: www.wirtschaftundmarkt.de

Herausgeber:

Klaus George

george@wirtschaftundmarkt.de

Chefredakteur:

Helfried Liebsch,

Tel.: (030) 27 89 45-0

liebsch@wirtschaftundmarkt.de

Stellvertretender Chefredakteur:

Thomas Schwandt

Tel.: (030) 27 89 45-0

schwandt@wirtschaftundmarkt.de

Redaktion:

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,

Matthias Salm, Siegfried Schröder,

Steffen Uhlmann

Tel.: (030) 27 89 45-14

Verlagsassistenz:

Sten Seliger

Tel.: (030) 27 89 45-11

Gestaltung:

Ralf Puschmann

Tel.: (030) 27 89 45-13

Titelfoto: Torsten George

Druck: Möller Druck Berlin

Autoren dieser Ausgabe:

Thomas Bencard, Peter Jacobs,

Matthias Kasper, Hannelore Koard

Vertrieb und Anzeigenverwaltung:

Tel.: (0331) 201 66-20

vertrieb@wirtschaftundmarkt.de

Verlag:

W&M Verlagsgesellschaft mbH

Parkstraße 2, 14469 Potsdam

Tel.: (0331) 201 66-20, Fax: -99

Geschäftsführender Gesellschafter:

Michael Schulze

schulze@wirtschaftundmarkt.de

ISSN 086 353 23 Erscheint monatlich.

Die Zeitschrift Wirtschaft&Markt ist das

Magazin der Interessengemeinschaft der

ostdeutschen Unternehmerverbände und

Berlin. Die Mitglieder der Verbände erhalten

die Zeitschrift im Rahmen ihrer

Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 EURO;

Jahresabonnement Inland 30,00 Euro

inkl. 7% Mwst.; Ausland 37,00 Euro inkl.

Porto. Sonderpreis für Studenten:

(Nachweis) jährlich 20,00 EURO. Das

Jahresabonnement gilt zunächst für ein

Jahr (10 Ausgaben). Danch besteht die

Möglichkeit, das Abonnement jederzeit zu

kündigen.Namentlich gekennzeichnete

Beiträge müssen nicht mit der Meinung

der Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt

eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung. Nachdruck

nur mit Genehmigung des Verlages.

MESSETERMINE

Dezember

30.11., Berlin

OSTPRO. Verkaufsmesse

für Ostprodukte

04.12., Plauen

Modellbahnbörse

10.12., Erfurt

Bundeskaninchenschau

06.12., Berlin

MASTER AND MORE

10.12., Hamburg

stuzubi, Karrieremesse

für Abiturienten und

Fachabiturienten

PRO

& CONTRA

Soll Frauenquote per Gesetz

durchgedrückt werden?

Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft

gibt es seit 2001 – ohne große Wirkung. Muss ein Gesetz

nachhelfen, das die Arbeitsministerin fordert?

JA

INGRID SEHRBROCK,

stellvertretende Vorsitzende,

Deutscher Gewerkschaftsbund

Zehn Jahre haben Wirtschaft

und Politik bei der

Förderung der Chancengleichheit

in der Privatwirtschaft mit

der freiwilligen Selbstverpflichtung

vertrödelt. Das Gutachten

der Sachverständigen zum

Gleichstellungsbericht empfiehlt

jetzt unmissverständlich

eine Geschlechterquote für

Aufsichtsräte. Doch wirklichen

Gestaltungswillen in der Gleichstellungspolitik

der Regierung

gibt es kaum. Das beginnt mit

dem zögerlichen Ausbau von

Kinderbetreuungseinrichtungen

und Ganztagsschulen,

wo wir weit unter dem Niveau

vergleichbarer Länder liegen.

Vielen qualifizierten Frauen

wird so eine gleichberechtigte

berufliche Teilhabe verbaut. Es

setzt sich fort bei der Entgeltungleichheit

zwischen Frauen

und Männern, wo Deutschland

mit 23 Prozent Differenz einen

der hinteren Plätze in der EU

einnimmt. Und es endet bei der

Besetzung von Aufsichtsräten.

Lediglich 4,7 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder

auf der

Anteilseignerseite in den 160

börsennotierten Unternehmen

sind weiblich. Die geschlechtergerechte

Besetzung der Aufsichtsräte

ist ein Puzzlestück

auf dem Weg zur Gleichstellung.

Um eine tatsächliche

Gleichstellung zu erreichen,

müssen noch viele Teile

zusammengefügt werden.

ROLAND WOLF,

Geschäftsführer Arbeitsrecht,

Bundesvereinigung der

Deutschen Arbeitgeberverbände

NEIN

Der Anteil von

Frauen in Aufsichtsräten

wie auch in Vorständen,

hat sich positiv entwickelt

und wird sich in den nächsten

Jahren noch deutlich erhöhen

– ganz ohne gesetzliche Vorgaben.

Dies hat das Jahr

2011 eindrucksvoll belegt.

Mehr als vierzig Prozent der

durch Nachwahlen zu besetzenden

Aufsichtsratspositionen

wurden von Frauen eingenommen.

Die Dax-30-Unternehmen

haben sich darüber

hinaus in einer gemeinsamen

Erklärung mit selbst gesetzten,

realistischen und messbaren

Zielen dazu verpflichtet,

den Frauenanteil in der

Belegschaft und in Führungspositionen

zu erhöhen. Eine

gesetzliche Quote kann dagegen

die spezifischen Strukturen

eines Unternehmens

und auch einer Branche nicht

berücksichtigen. Es stehen

zum Beispiel noch heute in

den technisch-naturwissenschaftlichen

Branchen nicht

in ausreichender Zahl Bewerberinnen

zur Verfügung.

Jährliche Berichtspflichten

über den Frauenanteil führen

nicht weiter und schaffen nur

neue Bürokratie. Eine Erhöhung

des Frauenanteils kann

nur dort erfolgen, wo es sich

um eine echte Neubesetzung

eines frei werdenden Aufsichtsratsmandats

handelt.

INVESTITIONEN

Neues Pumpspeicherwerk

Bei Tambach-Dietharz in Thüringen

soll ein neues Pumpspeicherwerk

gebaut werden. In einer Beteiligungsgesellschaft

haben sich 35 Stadtwerke

zusammengefunden. Das

Erfurter Wirtschaftsministerium

stellte Investitionen von mehr

als 500 Millionen Euro in Aussicht.

Laser für Solarzellen

20 Millionen Euro hat das norwegische

Unternehmen Innotech Solar

ASA in Halle an der Saale in seine

neue Solarfabrik investiert. Auf

einer Produktionsfläche von 7.000

Quadratmetern werden künftig bis

zu 20.000 Solarzellen pro Stunde

veredelt. Innotech Solar hat ein

industrielles Verfahren entwickelt,

das Solarzellen verschiedener

Hersteller analysiert und mit speziellen

Lasern Verunreinigungen

isoliert. In Halle wurden dafür

50 Arbeitsplätze eingerichtet.

Weitere 80 sollen in der nächsten

Ausbaustufe hinzukommen.

Oberhof gestaltet um

Mit einem Investionsaufwand von

25 Millionen Euro werden in dem

thüringischen Wintersportzentrum

Oberhof die Skiarena und die Rennsteigthermen

umgestaltet. Beson-

dere Aufmerksamkeit wird nach dem

Duisburger Loveparade-Unglück auf

die Gestaltung der Fluchtwege gelegt.

(Foto: Panorama-Hotel)

EWE-Servicecenter

Der Energiedienstleister EWE

ENERGIE AG hat in Wildau, südöstlich

von Berlin sein erstes Kundencenter

in Brandenburg eröffnet. Es bietet

Service und Beratung über alle Produkte

und Dienstleistungen der EWE

ENERGIE und des Kommunikationsunternehmens

EWE TEL sowie über

Energiesparen, Hausenergietechnik,

Erdgas als Kraftstoff und über Klimaschutz.

Mit Computeranimationen

werden Energiethemen optisch

erlebbar gemacht.

Hubwagen aus Landsberg

Das international tätige Unternehmen

Jungheinrich hat rund 30 Millionen

Euro in sein Werk in Landsberg bei

Halle investiert. Die Kapazität des

neuen Werkes liegt bei 30.000

Elektro-Niederhubwagen pro Jahr.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 9


GESPRÄCH

Manfred Buhl, Vorsitzender der Geschäftsführung der Securitas Deutschland

Holding, zu neuen Herausforderungen im Sicherheitsgewerbe, Facharbeiternachwuchs

und zur Einführung von gesetzlichen Mindestlöhnen in der Branche

»Gute Dienstleistungen kosten eben

Fotos: Torsten George

W&M: Herr Buhl, für was stehen die drei

roten Punkte im Logo von Securitas?

MANFRED BUHL: Ehrlichkeit, Aufmerksamkeit,

Hilfsbereitschaft – ich kenne

kein anderes Sicherheitsunternehmen

auf der Welt, das seine Werte im Logo

reklamiert. Ein, so finde ich, bemerkenswertes

Alleinstellungsmerkmal.

W&M: Sie haben 2007 als Vizepräsident des

heutigen Bundesverbandes der deutschen Sicherheitswirtschaft

beklagt, dass die Branche

als unseriös gilt. Sie haben auf laxe Zugangsbedingungen

zum Job, schlechte Ausbildung

und Niedriglöhne, einen stagnierenden

Markt und immer neue Anbieter, darunter

schwarze Schafe, aufmerksam gemacht. Das

hat sicher Begeisterung ausgelöst?

MANFRED BUHL: Klar, die anderen

Marktteilnehmer fanden es nicht so toll,

dass ihnen ein Spiegel vor das Gesicht gehalten

wurde. Aber es war richtig, denn

wenn wir als Verband es nicht schaffen,

aus dieser Ecke heraus zukommen, wer

dann?

W&M: Welche wirtschaftlichen Ursachen sehen

Sie für den schlechten Ruf der Branche?

MANFRED BUHL: Es hält sich hartnäckig

die Ansicht, das Sicherheitsgewerbe würde

unglaublich boomen. Aber weder Umsatz

noch Beschäftigung haben in den

vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Das einzige, was drastisch gestiegen

ist, sind die Markteintritte. Der Kuchen

ist nicht größer geworden, aber es

gibt mehr Firmen, die ein Stück davon erheischen

wollen. Damit sind Arbeits- und

Lebensbedingungen in diesem Markt

nicht besser, sondern schlechter geworden.

W&M: Ergo, es existiert ein harter Verdrängungswettbewerb

unter den schätzungsweise

4.000 privaten Sicherheitsunternehmen in

Deutschland.

MANFRED BUHL: Ja, in der Security-Umwelt,

wie wir sagen, sind die Bedingungen

mies. Hinzu kommt, dass es in

Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen

Ländern einfach ist, ein Sicherheitsgewerbe

anzumelden.

W&M: Noch vor Jahren reichte ein 40-Stunden-Lehrgang

bei der IHK – und heute?

MANFRED BUHL: Inzwischen sind es 80

Stunden. Aber es wird immer noch nicht

geprüft, was der Anmelder kaufmännisch

beherrscht, ob er über Sozialkompetenz

verfügt. Entscheidend sind nur

Aufträge, und Mitarbeiter zu finden. Die

Konjunktur hat nach der Immobilienkrise

erst wieder angezogen. Vorher gab

es eine hohe Arbeitslosigkeit und es war

relativ einfach, auf dem Markt Menschen

zu rekrutieren. Sie waren bereit, für

weniger Geld zu arbeiten, als es der Tarif

vorsah. Auch die Kunden wollten sparen.

Unternehmen, die wie wir sauber kal-

»Entscheidend ist, dass in der

Umsetzung der Mindestlöhne

EFFEKTIV KONTROLLIERT

wird und Verstöße wirksam

sanktioniert werden.«

kulieren und wo schon der Betriebsrat es

nicht zulässt, unter Tarif zu bezahlen,

hatten es da schwer.

W&M: Aber Wettbewerb belebt doch das Geschäft?

MANFRED BUHL: Solange er auf fairen

Bedingungen fußt – keine Frage. Deshalb

war die Zustandsbeschreibung auch an

die Kunden gerichtet, sich nicht für das

billigste, sondern für das wirtschaftlichste,

letztlich für das beste Angebot zu

entscheiden.

W&M: Was unterscheidet denn das Securitas-

Angebot von anderen?

MANFRED BUHL: Normalerweise schreiben

Unternehmen Stellen im Sicherheitsdienst

aus. Zum Beispiel suchen sie

einen Sicherheitsmitarbeiter für eine gewisse

Zahl an Stunden. Das Sicherheitssystem

des Unternehmens ist schon definiert.

Es geht nur noch um personelle Ergänzung.

Wir bieten dagegen dem

Kunden eine Sicherheitsanalyse, eine Risikobewertung

und dann eine maßgeschneiderte

Dienstleistung an. Inklusive

Technik, Organisation und Manpower.

Wir bringen alles mit, vom Zaun über die

Video- und Alarmanlage bis zur Feuerwehr.

Vor allem aber haben wir den fachkompetenten

Sicherheitsexperten, der

das Management des Kunden berät.

W&M: Das dürfte für einen Mittelständler

kaum erschwinglich sein?

MANFRED BUHL: Nein, darum geht es gar

nicht, sondern um eine völlig andere

Qualität der Dienstleistung, um eine andere

Kultur. Und auch um eine höhere

Qualifikation unserer Mitarbeiter beim

verstärkten Einsatz von Technik.

W&M: Sie forderten aus diesen Gründen seit

vier Jahren einen gesetzlichen Mindestlohn

für die rund 170.000 Beschäftigten im Wachund

Sicherheitsgewerbe. Seit 1. Juni 2011 ist

er Gesetz. Für die östlichen Bundesländer gelten

6,53 Euro als Untergrenze. Zufrieden?

MANFRED BUHL: Natürlich reichen 6,53

Euro nicht aus, aber wir kommen von

4,30 Euro, wie sie in Thüringen gezahlt

wurden. Machen Sie einem Kunden aber

erstmal verständlich, dass er jetzt ein

Drittel mehr für die Dienstleistung aufwenden

soll. Im Übrigen sind die Mindestlöhne

gestaffelt. Außer für den Osten

gilt diese Untergrenze für Berlin, Rheinland-Pfalz,

Saarland und Schleswig-Holstein.

Für Baden-Württemberg sind es

8,60 Euro. Die restlichen Bundesländer

liegen dazwischen.

W&M: Nicht ausreichend, sagen Sie – wie soll

es weitergehen?

MANFRED BUHL: Die Sätze steigen überall

in zwei Stufen zum 1. März 2012 und

zu Anfang 2013 auf 7,50 Euro bis 8,90

Euro – befristet bis Ende 2013. Entscheidend

ist, dass in der Umsetzung der Mindestlöhne

effektiv kontrolliert wird und

10 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


gutes Geld«

»Die zunehmende

Ungerechtigkeit in der

Verteilung in der Welt

ist der Ausgangspunkt dafür,

dass sich das

SICHERHEITSRISIKO

verschärft.«

Verstöße wirksam sanktioniert werden.

W&M: Das klappt?

MANFRED BUHL: Ich bin unlängst von

meinem Regionalmanager in Thüringen

informiert worden, dass der Zoll dort die

Einhaltung kontrolliert. Das scheint zu

klappen.

W&M: Gibt es im Branchenverband, wie anderswo

nicht unüblich, eine Art freiwillige

Selbstverpflichtung, Mindestlöhne zu zahlen?

MANFRED BUHL: Nein, warum denn

auch? Der Mindestlohn ist Gesetz, wer

ihn nicht zahlt, verhält sich rechtswidrig.

Aber er ist nicht das Ende eines Prozesses,

wie manche glauben, sondern

nur der Anfang. Er zieht eine Untergrenze,

aber die Staffelung verhindert nicht

den Lohn-Tourismus. Zum Beispiel von

Thüringen nach Bayern. Zum anderen

müssen wir aufpassen, dass sich nicht

das ganze Entgelt-Gefüge des Gewerbes

über den Mindestlohn definiert. Denn es

gibt in der Branche qualifizierte Ausbildung,

hoch qualifizierte Tätigkeiten. Wir

müssen in ganz Deutschland dahin kommen,

dass fachlich anspruchsvolle

Dienstleistungen gut bezahlt werden. Bis

zur Stunde ist aber nicht einheitlich geregelt,

was eine Fachkraft für Schutz und

Sicherheit – ein Ausbildungsberuf – bekommen

soll.

W&M: Bilden Sie selbst aus?

MANFRED BUHL: Ja, wir haben ein eigenes

Ausbildungszentrum in Schwerin

und eine Betriebsakademie in Düsseldorf.

Wir halten verschiedene Bildungsangebote

vor und verbinden diese mit

Praktika, damit die jungen Leute nicht

ins kalte Wasser springen müssen. Zudem

bereiten wir unsere Mitarbeiter zielgerichtet

auf ihren künftigen Einsatzort

vor, beispielsweise in einem Kraftwerk.

W&M: Wie viele Auszubildende haben Sie?

MANFRED BUHL: 90 – seit fünf Jahren

gibt es zwei Ausbildungsberufe in der Sicherheitswirtschaft,

neben der Fachkraft

auch die Servicekraft.

W&M: Wie sah es vorher aus?

MANFRED BUHL: Nichts dergleichen.

Man muss berücksichtigen, dass vor der

Wende das Sicherheitsgewerbe in der

Bundesrepublik von Quereinsteigern gekennzeichnet

war. Nach 1990 kamen aus

Zoll, Polizei und Armee der DDR qualifizierte,

ausgebildete Fachkräfte in die

Branche. Diese neue Qualität hat das

Gewerbe nachhaltig beeinflusst. Es war,

wie gesagt, leicht, gute Leute für wenig

Geld zu kriegen. Sie sind heute zum Teil

in Rente. Der Wettbewerb um den

Fachnachwuchs ist entbrannt. Die demografische

Entwicklung verschärft ihn

dramatisch.

W&M: Woher kommen die Auszubildenden?

MANFRED BUHL: Wir werben intensiv –

in Schulen, auf Bildungsmessen, unter

den Zeitsoldaten der Bundeswehr und

anderswo.

W&M: Warum sollte ein junger Mensch bei

Ihnen anheuern?

MANFRED BUHL: Wir haben eine Reihe

von sehr interessanten Aufgabengebieten

mit großer Perspektive – es gibt

faktisch keinen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen

und gesellschaftlichen Bereich,

wo wir nicht sind. Das Unternehmen

ist ein Seismograph. Wir spüren

Entwicklungen zuerst, die Probleme

hautnah. Für junge Menschen, die eine

Affinität zu Sicherheit mitbringen, gibt

es ausgezeichnete Karrierechancen.

W&M: Wie begründen sich diese?

MANFRED BUHL: Das hängt mit unserer

Struktur zusammen. Wir scheinen mit

annähernd 20.000 Beschäftigten in

Deutschland ein großer Dampfer zu sein,

aber eigentlich sind es viele Securitas-

Schnellboote, die das Unternehmen ausmachen.

Kleine Einheiten, 150 Leute, die

jeweils 25 Kunden betreuen mit fünf Millionen

Euro Jahresumsatz. Securitas

Deutschland ist faktisch mittelständisch

aufgestellt.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 11


GESPRÄCH

MANFRED BUHL

erläutert

W&M-Redakteur

Helfried Liebsch

die Unternehmensstrategie.

W&M: Wer lernt denn drei Jahre, um dann

6,53 Euro die Stunde zu verdienen?

MANFRED BUHL: Genau das ist die Frage.

Der Mindestlohn kann deshalb nur der

Einstieg sein. Wir müssen unseren Kunden

– kleinen und mittelgroßen Unternehmen

– verständlich machen, dass eine

gute Dienstleistung gutes Geld kostet.

W&M: Womit muss sich eine Fachkraft für

Schutz und Sicherheit heute auskennen –

auch mit der Abwehr von Cyber-Kriminalität?

MANFRED BUHL: Diese spezielle Dienstleistung

kaufen wir noch zu. Aber wenn

Sie sich mal ein Lehrbuch zur Schiffssicherheit

ansehen, dann ist das schon

beeindruckend. Sowohl, was die rechtlichen

Vorschriften angeht, als auch

technische Kenntnisse.

W&M: Wie könnte eine Securitas-Arbeitsplatzbeschreibung

von morgen aussehen?

MANFRED BUHL: Das ist spannend und

hat mit der klassischen Wach- und

Schließgesellschaft nur noch wenig zu

tun. Traditionell dominierte das Kirchturm-Gewerbe.

In einer Stadt gab es ein,

zwei Sicherheitsunternehmen und die

haben alles an Aufträgen rund um den

Kirchturm aufgelesen. Da war eine Bank,

eine Verwaltung, ein Unternehmen. Seit

rund zehn Jahren zeichnen sich gravierende

Veränderungen ab. Vor allem bei

Securitas. Der Kunde rückt in den Mittelpunkt,

wir bieten ihm eine integrierte

Sicherheitslösung an, in die er einbezogen

ist. Das geht in unserem Unternehmen

einher mit einer Spezialisierung

und Segmentierung.

W&M: Zum Beispiel?

MANFRED BUHL: Frankfurt am Main ist

ein Bankenstandort. Unsere Fachleute

dort betreuen inzwischen Bankkunden

bundesweit. Deren Arbeitsplatz unterscheidet

sich gravierend von dem eines

Sicherheitsfachmanns in einem Chemiebetrieb,

der eine Feuerwehr-Ausbildung

besitzt, oder in einem Kernkraftwerk,

auf einem Flugplatz oder im Stadion.

Dort sind Generalisten gefragt, der Trend

aber geht hin zum Spezialisten.

W&M: Weisen die Visitenkarten des größten

privaten Sicherheits-Unternehmens in

Deutschland das schon aus?

MANFRED BUHL: Securitas unterteilt sich

in vier große Segmente – den integrierten

Sicherheitslösungen, ein All-in-one-

ZUR

Reformator

PERSON

Der im Februar 1952 in Forst (Brandenburg)

geborene Manfred Buhl steht

seit 2002 an der Spitze der Securitas

Deutschland Holding GmbH & Co. KG in

Düsseldorf. Er hat als Vorsitzender der

Geschäftsführung maßgeblich die Entwicklung

des mit fast 20.000 Beschäftigten

und mehr als einer halben Milliarde

Euro Umsatz größten Unternehmens

des privaten Sicherheitsgewerbes

in Deutschland geprägt. Zu einem

»Knowledge Leader«, wie es auf der

Website heißt. Ein Ausweis dafür ist das

Angebot einer »Integrierten Sicherheitslösung«

für die Kunden. 2007 hat

das schwedische Unternehmen mit seinen

knapp 300.000 Beschäftigten in

50 Ländern mit der Implementierung

einer neuen Unternehmensstrategie

begonnen, die auf Spezialisierung in

den einzelnen Kundensegmenten setzt.

Manfred Buhl, der an der Frunse-Militärakademie

in Moskau studiert hat, wechselte

zu Beginn der 90er Jahre von der

Führungsakademie der Bundeswehr

in Hamburg nach Potsdam, wo er von

1991 an die Geschäfte der DWS Security

führte, die 1996 in die Securitas

überging. Buhl lebt seit Jahrzehnten in

Strausberg, ist verheiratet und hat

zwei Töchter. Er ist Vizepräsident im

Bundesverband der Sicherheitswirtschaft

(BDSW) und u. a. Mitglied des

Vorstands der Schwedischen Handelskammer

in der Bundesrepublik.

Paket aus Manpower, Technik, Service

und Investment, eine Notruf-Service-

Leitstelle, mobilen Sicherheitsdienste

und Aviation Services. Wir verfügen über

zwei Notrufzentralen, in Berlin und

Mannheim, mit insgesamt 40.000 Aufschaltungen,

privatwirtschaftlich oder

staatlich. Das Interventionszentrum

SECNIC in Potsdam ist eine hochmoderne,

leistungsfähige Einsatzleitstelle, ausgerüstet

mit Hightech. Die mobilen Dienste

sind mit der Zentrale verbunden und

arbeiteten mehr als 100.000 Interventionen

jährlich ab.

W&M: Apropos Aviation Services – was

kommt mit dem neuen Großflughafen Berlin

Brandenburg auf Sie zu?

MANFRED BUHL: Das ist eine riesige Security-Herausforderung,

wie man sie nur

einmal im Leben bestehen muss – das Zusammenführen

zweier Flughäfen in einer

Nacht auf einen neuen Standort. Der

Aufwand in punkto Sicherheit ist allenfalls

vergleichbar mit dem zur Fußballweltmeisterschaft

2006 in Deutschland.

W&M: Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen

sind auf Flughäfen längst Alltag. Ist die Welt

unsicherer geworden?

MANFRED BUHL: Nehmen Sie nur die verschiedenen

aktuellen Entwicklungen im

arabisch-afrikanischen Raum. Die wachsende

Ungerechtigkeit in der Verteilung

in der Welt ist Ausgangspunkt dafür,

dass sich das Risiko verschärft. Die Welt

wird zumindest nicht sicherer.

W&M: Ein anderes Beispiel sind sicherlich die

östlichen Bundesländer. Dort verändern sich

mit der demografischen Entwicklung die

Strukturen dramatisch. Hinzukommt, dass

Länder und Kommunen sparen müssen. Zum

Beispiel bei der Polizei. Eine neue Chance garade

für Sie?

MANFRED BUHL: Es muss verstärkt darüber

nachgedacht werden, wer die Akteure

der Sicherheit sind. Das »Programm

Innere Sicherheit« der Innenministerkonferenz

der Länder hat in seiner aktuellen

Fortschreibung von 2009 zum

ersten Mal anerkannt, dass das private

Sicherheitsgewerbe ein Bestandteil der

Sicherheitsarchitektur in Deutschland

ist. Wenn man sich also fragt, wer könnte

denn Partner der Polizei sein, dann

kommt man am privaten Sicherheitsgewerbe

nicht vorbei. Aber es bedarf für

diese zuverlässige Partnerschaft eines

höheren Niveaus in der Branche. Da sind

noch eine Reihe von Hausaufgaben zu erledigen.

W&M: Es geht um Partnerschaft, nicht um

Ersatz?

MANFRED BUHL: Nur darum, wir können

und wollen keine hoheitlichen Aufgaben

erledigen.

W&M: Vielen Dank für das Gespräch. &

12 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


dpole

Gesund leben. Doppelt profitieren.

DieDAK,DeutschlandsinnovativerKrankenversicherer,bietetausgezeichnete

Angebote, die Freude bereiten: zum Beispiel Tarife, die Gesundheitsvorsorge belohnen.

Dennwirwollen,dassSieIhrLebenlieben.Jederzeit.

www.dak.de/probalance

Sparen Sie mit

DAKproBalance bis

zu 600 jährlich!


KOOPERATION MIT WISSENSCHAFT

Toomas der Shopping-Roboter und Scitos

der Senioren-Roboter gehören zu den

computergesteuerten Assistenzsystemen,

an denen das thüringische Unternehmen

MetraLabs aus Ilmenau bereits seit

einigen Jahren forscht. Das allerdings

nicht im Alleingang. »Unser Assistenz-Roboter,

der sich einmal als verlässlicher

Weggefährte im Alter bewähren soll, ist

Gegenstand eines internationalen Entwicklungsprojekts,

an dem insgesamt 18

Forschungspartner aus sieben europäischen

Ländern beteiligt sind«, sagt MetraLabs-Geschäftsführer

Andreas Bley.

Der zweite deutscher Partner in diesem

länderübergreifenden Forschungsverbund

ist dabei Ilmenaus Technische

Universität. »Mit dem von Prof. Horst-

Michael Groß geleiteten Fachbereich

Neuroinformatik und kognitive Robotik

arbeiten wir schon seit unserer Gründung

vor zehn Jahren zusammen«, erzählt

der MetraLabs-Chef. Im Mittelpunkt

der gemeinsamen Arbeit stehe die

eigentliche Intelligenz der Roboter, ohne

die ein selbständiges Agieren der blechernen

Helfer in häuslicher Umgebung,

in Geschäften oder eben in Baumärkten

unmöglich sei. »Der Bereich der Technischen

Universität bringt dafür ihre

neuesten Ergebnisse zur kognitiven Robotik

ein«, sagt Bley. »Wir wiederum

designen, konstruieren und bauen die

Assistenz-Roboter, und nehmen sie dann

letztlich auch in Betrieb.«

Fotos: MetraLabs

Roboterspezialist MetraLabs

Begleiter im Baumarkt

Moderne Servicerobotik soll die Geschäftswelt und auch den Alltag

pflegebedürftiger Menschen revolutionieren. Die Ilmenauer Firma

MetraLabs entwickelt und baut Shopping- und Senioren-Roboter.

Toomas steht am Eingang eines Erfurter

Baumarkts und ist ein ziemlich

flotter Typ. Er blinzelt freundlich,

sagt »Guten Tag, was kann ich für

Sie tun?«. Hören kann der Blechtyp den

Kunden nicht. Aber man kann über

einen berührungsempfindlichen Bildschirm

mit ihm ins »Gespräch« kommen.

Zum Beispiel einfach »Rohrzange« eintippen.

Dann geleitet Toomas den Kunden

durch die schier endlosen Regalfluchten

des Baumarkts – genau dorthin, wo das

gesuchte Werkzeug liegt.

Sein Kollege Scitos G5 kommt als flacher

grauer Kasten lange nicht so fesch

daher. Hilfsbereit aber ist auch er – zum

Beispiel wenn die 80-jährige Ingeburg

Neumann ihre Medikamente braucht,

den Hausschlüssel oder ihre Brille sucht,

einen Termin vergessen hat oder mal

wieder ihr wöchentliches »Gehirnjogging«

betreiben will.

Nach einigen Übungseinheiten im Labor

der Technischen Universität Ilmenau

hat die demenzgefährdete Rentnerin

ihre blecherne Haushalts- und Pflegehilfe

weitgehend in Griff. Sie könnte sich

vorstellen, Scitos bei sich zu Hause aufzunehmen.

Aber soweit ist es mit ihm noch

lange nicht.

STEIGENDER ROBOTER-EINSATZ

Dass MetraLabs mit der Technischen Universität

kooperiert, hat nicht nur mit

den kurzen Wegen in dem thüringischen

Städtchen Ilmenau zu tun. Sowohl Bley

als auch die drei übrigen Firmengründer

Christian Martin, Matthias Merten und

Johannes Trabert stammen aus der

Region und kennen sich schon seit der

Schulzeit. Alle vier haben auch an der

Ilmenauer Universität studiert, allerdings

nicht alle das gleiche Fach. »Und

dann hat auch jeder von uns noch ein

Studium oder Praktika irgendwo in der

Welt drangehangen«, sagt der jetzt 33-

jährige Firmenchef. Er selbst hat nach

seinem Ilmenauer Studium Wirtschaftsingenieurwesen

noch an der Friedrich-

Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg

im Fachbereich Volkswirtschaftslehre

promoviert. Alle vier seien aber

nach den individuellen »Lehr- und Wanderjahren«

wieder nach Ilmenau zurückgekehrt.

»Wir sind«, so Bley, »uns und

unserer Stadt treu geblieben.«

Nur folgerichtig findet der junge

Thüringer, dass sie dann 2001 auch zusammen

ihre Firma gegründet haben,

die nun an der Schnittstelle zwischen

künstlicher Intelligenz und Robotik

agiert. Schließlich seien sie schon 1997

mit ihrem intelligenten Steuerungs- und

autonomen Navigationssystem gemein-

14 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


REPORT

sam Sieger im thüringischen Landeswettbewerb

»Jugend forscht« geworden.

»Das System ist dann in die Entwicklung

der mobilen Roboterplattform Scitos

und der autonomen Navigationssoftware

CogniDrive eingeflossen«, erklärt Bley.

»Wenn man so will, war das unsere Plattform

für die Firmengründung.«

Das Thema Serviceroboter, mit dem

sich die Ilmenauer beschäftigen, ist zwar

in aller Munde, aber eher noch Spielwiese

für Forschungsinstitute als stabiler

Wachstumsmarkt für Robotik-Unternehmen.

Die konzentrieren ihre Anstrengungen

bislang vornehmlich auf

den Industriebereich. Nach der Studie

»World-Robotics 2011« der Internationalen

Föderation für Roboter (IFR) wird sich

der Roboterabsatz im jetzt zu Ende gehenden

Jahr gegenüber 2010 um fast ein

Fünftel auf 140.000 Einheiten erhöhen –

ein neuer Spitzenwert. Schon im vergangenen

Jahr hatten sich die Roboterverkäufe

im Vergleich zu 2009 auf gut

118.000 Einheiten nahezu verdoppelt.

Und auch für die nächsten Jahre prognostiziert

die IFR mit durchschnittlich

sechs Prozent einen deutlichen Absatzzuwachs.

Treffen dieses Wachstumsraten

ein, dann werden Ende 2014 weltweit insgesamt

1,3 Millionen Roboter in den Fabriken

eingesetzt sein.

»Ein Zukunftsmarkt sind auch die Serviceroboter

aus dem nichtindustriellen

Bereich allemal«, ist Bley überzeugt, bekennt

aber nüchtern: »Dafür müssen sie

alsbald noch viel mehr können als Toomas

oder Scitos G5.« Zwar hat MetraLabs

für die Entwicklung seines Shopping-Roboters

mit der Baumarktkette »toom« einen

regionalen Partner gefunden und

für Toomas zusammen mit den Wissenschaftlern

der Ilmenauer TU 2010 den

Thüringer Forschungspreis erhalten; der

wirtschaftliche Durchbruch aber war das

für die Ilmenauer Jungunternehmer

noch nicht. Das Interesse unter Betreibern

von Spezialmärkten wie Elektronik-

Läden sei nach den erfolgreichen Langzeittests

groß, sagt Bley. Aber auch trotz

Nachweis seiner Praxistauglichkeit habe

es für Toomas bislang noch nicht zu einer

wirklichen Serienfertigung gereicht.

PFLEGE-ASSISTENT AM ANFANG

Auch der hilfreiche Geist für Senioren

steckt noch in den Kinderschuhen. Derzeit

führen Forscher der Technischen

Universität weitere Labortests mit »leicht

dementen« Probanden durch, die Bley

zufolge viele neue Erkenntnisse zu Verbesserungen

des Pflege-Roboters offerierten.

So sei die 80-jährige Frau Neumann

zwar auf Anhieb mit der Bedienung des

mobilen Automaten zurechtgekommen,

SPEZIALISTEN: MetraLabs-Mitarbeiter

gleichzeitig aber hätte sie Schwierigkeiten

mit der Akustik des Roboters gehabt.

»Sie hat ihn nicht auf Anhieb verstanden«,

sagt Bley. Der Pflege-Assistent brauche

daher unbedingt eine Wiederholungsfunktion

bei der Sprachausgabe. In

den nächsten Monaten soll zudem erkundet

werden, ob der Roboter im Alltag

von der Zielgruppe wirklich angenommen

wird. »Im besten Falle wie ein intelligentes

Haustier«, sagt Bley.

Ihre Hoffnungen auf den Zukunftsmarkt

Service-Roboter machen die Ilmenauer

an den demografischen Daten und

an diversen Pflegestatistiken fest. Danach

werden knapp 70 Prozent der pflegebedürftigen

Menschen in Deutschland

derzeit zu Hause betreut. Das Bundesgesundheitsministerium

schätzt, dass die

Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr

2030 auf über 3,5 Millionen ansteigen

wird. »Gleichzeitig nehmen Betreuungspersonal

und Betreuungszeit ab«, weiß

der MetraLabs-Chef und ist sich sicher,

dass sich da für seine Firma über kurz

oder lang ein riesiger Markt auftut.

»Wir können zwar die menschliche

Nähe und Zuwendung nicht ersetzen,

aber zumindest die Lücke bei der intensiven

Pflege schließen helfen«, sagt Bley.

»Immerhin steht unser Roboter den Bedürftigen

rund um die Uhr zur Seite.

Und er ermüdet dabei nicht.«

Neben der technischen Weiterentwicklung

der Assistenz-Roboter sei es aber

auch nötig, die finanzielle Basis für seinen

massenweisen häuslichen Einsatz zu

schaffen, betont Bley. Vorstellbar für ihn

wäre, dass die Krankenkassen den derzeit

etwa 10.000 Euro teuren Roboter genauso

wie Rollstühle als Hilfsmittel für

Senioren anerkennen. »Das rechnet sich

in einer alternden Gesellschaft«, sagt er.

Schließlich könne damit eine viel kostenintensivere

Heimunterbringung zeitlich

nach hinten verschoben werden.

TEAM VON SPEZIALISTEN

Bley läuft durch die weitläufigen Räume

seines Unternehmens, das in einem Industriezentrum

am Rande Ilmenaus seinen

Platz gefunden hat. Neben einer

großen Montagewerkstatt verfügt das

Unternehmen über diverse Räume mit

Computerarbeitsplätzen. Der eigentliche

Schatz aber, so Bley, seien die Mitarbeiter.

Im zehnten Jahr nach Gründung

beschäftigt MetraLabs nun auch zehn

hochmotivierte Roboterspezialisten, die

fest oder teilweise noch frei an das Unternehmen

gebunden sind.

Mit einer halben Million Euro Umsatz

wird MetraLabs voraussichtlich das Jahr

abschließen und dabei zwischen 50 und

60 Roboter montiert und verkauft haben

– vornehmlich an Forschungs- und Hochschuleinrichtungen

in ganz Europa.

Die vier Ilmenauer Firmengründer

können mit diesem noch bescheidenen

Absatz derzeit jedoch gut leben, weil

über gemeinsame Forschungsprojekte

mit wissenschaftlichen Einrichtungen

wie der Ilmenauer TU und durch industrielle

Dienstleistungen weiteres Geld in

die Firmenkasse kommt. Zufrieden aber

ist Bley mit der Stückzahl nicht. Spätestens

in fünf Jahren will er mindestens

fünfmal soviele Service-Roboter verkaufen.

»Das ist zu schaffen«, sagt Bley.

»Dann wird es auch den Senioren-Roboter

ganz sicher zu kaufen geben – aber

gemach, für Vorbestellungen ist es jetzt

noch zu früh.«

Steffen Uhlmann

&

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11

15


BERICHT

Fotos: AIDA Cruises, T. Schwandt

AIDA Cruises

Attraktive Jobs auf allen Weltmeeren

Der deutsche Marktführer in der Kreuzschifffahrt gehört zu den 21 attraktivsten Arbeitgebern bundesweit.

Für Personalchefin Haike Witzke ist das positive Firmen-Image wesentlicher Baustein, um den Bedarf

an Fachkräften bei AIDA Cruises zu sichern. Mit dem Ausbau der Clubschiff-Flotte wächst dieser rasant.

Der spontane Schlag mit der rechten

Hand auf die Tischplatte war

von einer Bestimmheit, die keinen

Zweifel lässt. »Wir werden in einigen

Jahren einen weiblichen Chiefengineer

und sicher einen weiblichen Kapitän in

der Flotte haben.« Für den Moment hat

sich Haike Witzkes Lächeln zu einem

Strahlen verstärkt. Es verrät den persönlichen

Ehrgeiz, den die Personalchefin

von AIDA Cruises an das Ziel knüpft, eine

Frau als Leitenden Technischen Ingenieur

in der Clubschiff-Flotte zu etablieren.

Dies sei kein frommer Wunsch.

»Unter unseren Mechatroniker-Azubis

sind einige Mädchen, die mit Bestleistungen

glänzen und ein festes Ziel haben.«

Bei AIDA Cruises, wo Haike Witzke in

der Funktion eines Vice President Human

Resources Management die Personalpolitik

des Rostocker Kreuzfahrtunternehmens

managt, sind schnelle und

ungewöhnliche Karrieren längst selbstverständlich

geworden. An Bord des

neuen, in diesem Jahr in Dienst gestellten

Clubschiffes »AIDAsol« ist beispielsweise

der Leitende Technische Ingenieur,

Christian Rosenthal, 1978 geboren; die

34-jährige Steffi Girbig leitet als 1. Hausdame

den großen Bereich House Keeping

mit 102 philippinischen und indonesischen

Mitarbeitern. Jürgen Malieske (34)

kümmert sich als so genannter Crew Purser

um alle für die Arbeit und das Leben

an Bord relevanten Belange der über 600

Besatzungsmitglieder, und Tommy Freitag,

der Barchef der Vinothek auf Deck 9,

zählt gerade mal 24 Jahre.

LANGE WACHSTUMSPHASE

Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter

auf den aktuell acht AIDA-Clubschiffen

liegt bei zirka 34 Jahren. Für Haike Witzke

resultiert die niedrige Quote aus »der

langen Wachstumsphase«, die bei AIDA

Cruises vor gut sechs Jahren eingeläutet

worden ist. Diese eröffne jungen Menschen

anspruchsvolle Aufgaben und

hervorragende Karrierechancen. »Aus

unternehmerischer Sicht ist es zwingend

notwendig, die Entwicklungswege zu

verkürzen«, unterstreicht die Personalstrategin.

Auf 5.600 ist die Zahl der AIDA-

Mitarbeiter inzwischen angewachsen.

Und der enorme Bedarf an gut qualifizierten

Fach- und Führungskräften an

Land und an Bord ebbt in den kommenden

Jahren nicht ab.

Seit 2007 wird die AIDA-Flotte jährlich

um ein neues Schiff erweitert. Das langfristige

Investitionsprogramm ist erst

kürzlich um zwei zusätzliche Schiffsprojekte

erweitert worden. Die Clubschiffe

Nummer elf und zwölf werden in Japan

gebaut und 2015 beziehungsweise 2016

in Fahrt gehen. Weit mehr als zwei Milliarden

Euro steckt die Reederei, die dem

börsennotierten US-Konzern Carnival

Corporation & plc angehört, dem weltweit

größten Kreuzfahrtanbieter, in das

ehrgeizige Neubauprogramm.

Der rasante Ausbau der AIDA-Flotte

auf ein Dutzend Clubschiffe, die sämtlich

den markentypischen roten Kussmund

am Bug tragen, beschert dem Unternehmen

ein extrem beschleunigtes

Wachstum. Mittlerweile kratzt AIDA an

der Umsatzmarke von einer Milliarde

Euro im Jahr.

Auf über 9.000 Mitarbeiter an Land

und auf See beziffert Haike Witzke den

16 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


BERICHT

Personalbedarf, um die angepeilten Unternehmensziele

abzusichern. »Wachstum

ist zum Tagesgeschäft geworden«,

sagt sie. Was für die 52 Mitarbeiter im

Bereich Human Resources Management

bedeutet, permanent in die Zukunft zu

schauen. »Wir kümmern uns um das Personal

von übermorgen, vom Kapitän bis

zur Blumenfrau.« Es sei daher nur konsequent

gewesen, nicht unerhebliche Mittel

»in den Faktor Mensch zu investieren«,

umreißt die Personalchefin, die

direkt President Michael Thamm unterstellt

ist, den Lernprozess innerhalb des

Unternehmens. Die Personalpolitik sei

einer »der Schlüsselbereiche für die Zukunft

von AIDA« resümiert die 53-Jährige

selbstbewusst.

EIGENE AUS- UND WEITERBILDUNG

Der gebürtigen Rostockerin sind Leben

und Arbeit an Bord vertraut. Sie erlebte

fünf Jahre Seefahrt als Purserin (Zahlmeisterin)

bei der Deutschen Seereederei

(DSR), dem einstigen Schifffahrtsunternehmen

der DDR, und absolvierte bis

1986 ein Wirtschaftsfernstudium. Später

wechselte sie in die Personalplanung,

koordinierte dort den Offizierseinsatz in

der Containerschifffahrt.

Nach der Privatisierung der DSR war

sie von Anbeginn dabei, als mit dem Neubau

der »AIDA«, der heutigen »AIDAcara«,

der Startschuss für ein neuartiges Clubschiffkonzept

erfolgte. »In der Branche

hat das damals niemand für bare Münze

genommen«, erinnert sie sich an die mutige

wie nicht risikofreie Unternehmensentscheidung.

AIDA ZU HAUSE IN ROSTOCK Haike Witzke managt die Personalentwicklung der Reederei.

An qualifiziertem seemännischen Personal

mangelte es in den 90er Jahren

nicht, im Gegensatz zu heute. »Es waren

gut ausgebildete Nautiker und Techniker

auf dem Markt.« Eingedenk des demografischen

Wandels, der seit geraumer Zeit

die Wirtschaft vor große Herausforderungen

stellt, käme es insbesondere in

der Werbung auf eine zielgruppengerechte

Ansprache an. Natürlich helfe

auch die erneute Auszeichnung zum »Attraktiven

Arbeitgeber« in diesem Jahr,

die Aufmerksamkeit junger und auch erfahrener

Menschen auf AIDA zu lenken.

»Zumal wir ein tolles Produkt anbieten.«

Doch dies werde genau hinterfragt,

weiß Haike Witzke aus der Praxis. Umso

mehr sei es geboten, »alle Tasten auf der

Klaviatur von Personalentwicklung und

Mitarbeiterbindung zu spielen, im Sinne

von Qualität und Nachhaltigkeit«. Neben

einem positiven Arbeitgeber-Image und

professioneller Rekrutierung von Fachkräften

auf dem freien Markt stehe die

eigene Aus- und Weiterbildung ganz

oben auf der Agenda.

Als einen entscheidenden Schritt bezeichnet

es Haike Witzke, 2008 die firmeninterne

Ausbildung zum Mechatroniker

entwickelt und etabliert zu haben.

»Unsere modernen Schiffe sind voll gepackt

mit Hightech, da genügt die klassi-

sche Ausbildung zum Schiffsmechaniker

nicht mehr, und Bewerber von außen

sind kaum noch in der Lage, diese

Schiffssysteme ad hoc zu beherrschen.«

Ein Fünftel des Mechatroniker-Ausbildungsprogramms

ist auf die spezifischen

Erfordernisse bei AIDA zugeschnitten.

JUNGE FÜHRUNGSKRÄFTE

Der 23-jährige Paul Dargel aus der Nähe

von Bernau (Brandenburg) gehört zu den

ersten Azubis, die 2008 bei AIDA eine

dreieinhalbjährige Mechatroniker-Lehre

begonnen haben. Im zweiten Halbjahr

2011 war er mehrere Monate in der praktischen

Ausbildung mit der »AIDAsol« unterwegs.

»Mein Ziel ist es, als Leitender

Technischer Ingenieur zur See zu fahren.«

Der Weg dorthin ist vorgezeichnet.

Nach Lehrabschluss folgt ein Bachelor-

Studium in Schiffsbetriebstechnik an der

firmeneigenen European Cruise Academy

in Rostock. Im September dieses

Jahres haben in der Rostocker Reederei

28 Mechatroniker in spe, 14 künftige

Schiffsbetriebstechniker sowie zehn Nautiker

und zwei Elektro-Techniker eine

Ausbildung oder ein Studium aufgenommen.

Insgesamt gibt es in der Kussmund-

Flotte derzeit 160 Azubis.

Das berufliche Ziel von Paul Dargel

hat Christian Rosenthal bereits erreicht.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 17


BERICHT

KARRIEREN AN BORD Chiefengineer Christian Rosenthal, 1. Hausdame Steffi Girbig und Azubi Paul Dargel (v. l.)

Der 33-jährige Chief auf der »AIDAsol«

stammt aus dem Sauerland. Früh habe es

ihn zur Seeschifffahrt gezogen, sagt er.

Nach Schiffsmechaniker-Lehre und vierjährigem

Studium an der Schifffahrtsschule

in Flensburg (Schleswig-Holstein)

landete er vor sechseinhalb Jahren bei

AIDA Cruises. Als 3. Ingenieur heuerte er

auf der »AIDAvita« an. »So ein hochkomplexes

System wie ein Kreuzfahrtschiff

ist eine enorme Herausforderung«,

schätzt Rosenthal ein. Durch stetige Weiterbildung

auch an Bord sei er jedoch

zielgerichtet auf seine Leitungsfunktion

vorbereitet worden.

Bei AIDA wird in puncto Qualifizierung

von jungen Führungskräften nichts

dem Zufall überlassen. Neben einem internen

Bildungsportal gibt es spezielle

»Management Development Programme«.

Ein Kerngedanke besteht darin, aus

dem bestehenden Mitarbeiterstamm

frühzeitig geeignete Mitarbeiter zu identifizieren,

die Führungsaufgaben übernehmen

können. »Potenziale erkennen«

nennt das Personalmanagerin Witzke.

Und fügt hinzu: »Jeder Mitarbeiter hat

das Recht, vom Unternehmen einzufordern,

auf dem persönlichen Entwicklungsweg

unterstützt zu werden.« Daher

werde bei entsprechenden Signalen

nachgefasst, werden Karriere- und Perspektivegespräche

geführt und individuelle

Trainee-Programme erstellt. Dies

trage zu einer hohen Motivation und engen

Bindung an AIDA bei.

ZEHN BIS 15 JAHRE SEEFAHRT

Modernes Personalmanagement in der

Seeschifffahrt heißt aber auch, dass sich

das Unternehmen dem Arbeits- und Lebensrhythmus

der Mitarbeiter anpassen

muss. Entsprechend wurden in den

zurückliegenden Jahren flexible Freizeitund

Arbeitszeitmodelle entwickelt. Auch

fahre heutzutage »niemand 30 Jahre und

länger zur See«. Zehn bis 15 Jahre, so

Haike Witzke, sind im nautischen und

technischen Bereich die Regel. AIDA

macht aus diesem Umstand eine Tugend.

Da sich mit dem Ausbau der Flotte auch

die Aufgaben und Bereiche an Land ausweiten,

sollen »vor allem Spitzenleute

aus den technischen Fachrichtungen an

Bord für eine anschließende Tätigkeit an

Land gewonnen werden«. Grundsätzlich

bestehen für hochqualifizierte Nautiker

und Schiffsingenieure beste Chancen,

nach der Fahrenszeit in der Wirtschaft

einen Job zu finden.

Das berufliche Spektrum auf einem

Kreuzfahrtschiff gleicht dem Arbeitsfeld

in einer Kleinstadt – von der Verwaltung

über Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel

bis hin zu technischen Versorgungsaufgaben.

Dabei kommt es in der

inselgleichen Welt eines Schiffes mit

AIDA Cruises

FAKTEN

AIDA Cruises ist Deutschlands führende

Kreuzfahrtreederei mit einem Anteil am

deutschen Kreuzfahrtmarkt (mehr als eine

Million Passagiere) von 37 Prozent. Gut

die Hälfte aller Gäste bucht mittlerweile

eine Kreuzfahrt auf einem der aktuell acht

AIDA-Clubschiffe. Durchschnittlich sind

die Urlauber acht Tage an Bord, die Bandbreite

der Reisedauer erstreckt sich von

drei bis zu 23 Tagen.

Die Reederei startete 1996 in Rostock.

Mit der in Finnland gebauten »AIDA« (heute

»AIDAcara«) brachte sie nicht nur ein buntes

Schiff – der Rostocker Künstler Feliks

Büttner kreierte die markante Kussmundund

Augenoptik am Schiffsrumpf – auf den

Markt, sondern ein völlig neues Konzept:

das Clubschiff. Die klassische Kreuzschifffahrt

öffnete sich einem breiten und jüngeren

Publikum, das aktiven und erlebnisintensiven

Urlaub bevorzugt. Heute zählt

AIDA in Deutschland zu den bekanntesten

Marken. Der Altersdurchschnitt der AIDA-

Kunden liegt bei 43 Jahren.

AIDA Cruises ist nach einer Erhebung der

Nord/LB die Nummer eins unter den 100

größten Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Reederei beschäftigt derzeit

5.600 Mitarbeiter an Land und auf See.

über 2.000 Passagieren und rund 600 Besatzungsmitgliedern

auf jedes einzelne

Crewmitglied in besonderer Weise an.

»Würden nur einige ausfallen, wäre das

sofort zu spüren«, verdeutlicht Clemens

Spangler, Club Direktor auf der »AIDAsol«,

die ganz spezifische Seite des Seefahrtsberufes.

TRAININGSCENTER IM AUSLAND

Um Bewerbern einen möglichst praxisnahen

und lebendigen Einblick in das Arbeitsleben

an Bord eines über 200 Meter

langen Clubschiffes zu geben, nutzen die

Personalentwickler bei AIDA die Liegezeiten

von Clubschiffen in Warnemünde

oder Hamburg, um direkt auf den Schiffen

mit den potenziellen neuen Mitarbeitern

ins Gespräch zu kommen und die

Möglichkeiten einer Zusammenarbeit

auszuloten. »Für die jungen Leute ist diese

Begegnung mit dem Bordalltag immer

mit einem Aha-Effekt verbunden«, sagt

Haike Witzke. Ausgang offen.

Bei den Entscheidungen über den

Neubau weiterer Schiffe ist die AIDA-

Personalmanagerin in der Geschäftsführung

stets gefragt worden, woher sie

gedenkt, die notwendigen Mitarbeiter

für die Clubschiffe zu rekrutieren. Standen

hierbei bisher Deutschland, Österreich

und die Schweiz im Fokus, so

spannt Haike Witzke heute den Bogen

weiter. »Wir sind inzwischen auch in Polen,

Ungarn und der Ukraine unterwegs

sowie in Asien.« In Manila auf den Philippinen

und in Indien existieren bereits

AIDA-eigene Trainingscenter, im indonesischen

Djakarta wird demnächst ein

weiteres in Betrieb genommen.

Am 12. Mai 2012 wird in Hamburg mit

der »AIDAmar« das nächste Clubschiff

mit Kussmund am Bug getauft. Das 252

Meter lange und 32 Meter breite Schiff

befindet sich derzeit noch im Bau auf

der Meyer Werft im emsländischen Papenburg.

Eines steht jedoch schon fest:

Das Gros der Schiffsbesatzung.

Thomas Schwandt

&

18 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


PORTRÄT

Optik-Cluster Berlin-brandenburg

Hightech-Produkt Licht

Prof. Günther Tränkle setzt als Sprecher des neuen Wirtschafts- und

Wissenschafts-Clusters »Optik« darauf, die Kompetenzen von 400

Unternehmen auszubauen und überregionale Verbünde zu stärken.

Berlin ist helle, schon von alters her.

»Die Stadt hatte schließlich die erste

elektrische Straßenbeleuchtung

weltweit«, greift Prof. Günther Tränkle

bis ins Jahr 1879 zurück, um den Ruf Berlins

als »Stadt des Lichts« zu untermauern.

Tränkles neuer Job gilt allerdings

dem Licht der Zukunft. Als Sprecher des

neu gebildeten Wirtschafts- und Wissenschafts-Clusters

»Optik« der beiden Länder

Berlin und Brandenburg soll der Physiker

die Vernetzung innerhalb der

Hightech-Branche organisieren.

Die Optik-Region Berlin-Brandenburg

braucht ihr Licht nicht unter den Scheffel

zu stellen. Treiber für wirtschaftliches

Wachstum sind vor allem die Forschungseinrichtungen

in der Hauptstadt.

Prof. Tränkle ist der Gründungsdirektor

des Ferdinand-Braun-Instituts

für Höchstfrequenztechnik im Technologiepark

Adlershof, das sich seit Mitte der

90er Jahre zu einer der führenden Einrichtungen

für Lasertech und Mikrowellentechnik

entwickelt hat. Zugleich steht

er dem Kompetenznetzwerk OpTecBB

Berlin-Brandenburg vor, das sich seit

2000 zum größten Verbund von Firmen

und Laboren der Optik-Technologien und

Mikrosystemtechnik bundesweit gemausert

hat. Jüngst kam als 100. Mitglied die

Berliner Firma First Sensor hinzu.

Insgesamt sind es nach der jüngsten

Erhebung des Netzwerks rund 400 Unternehmen

mit 13.700 Beschäftigten in der

Hauptstadt-Region, die mit Produkten

der optischen Technologien Geschäfte

machen. Dazu zählen die Sparten photonische

Kommunikationstechnik, Lasertechnik,

Lichttechnik, optische Meßtechnik,

Anwendungen in der Biomedizin sowie

Mikrosystemtechnik und Sensorik.

Hinzu kommen weitere 1.700 Mitarbeiter

in der Forschung. Für 2011 erwarten die

Firmen ein Umsatzplus von bis zu 15 Prozent

und einen Beschäftigtenzuwachs

von etwa sieben Prozent. Auch für die

nahe Zukunft gibt es optimistische

Wachstumsaussichten.

Die Politik freut's. »Wichtig für die

weitere Entwicklung zu einem starken,

länderübergreifenden Optik-Cluster wird

sein«, sagte Berlins bisheriger Wirtschaftsenator

Harald Wolf (Die Linke),

»neben den starken Impulsgeber Wissenschaft

eine nachhaltige industrielle Entwicklung

zu stellen«. Im Schulterschluss

mit Brandenburg konzentriert Berlin

daher seine Innovationspolitik auf fünf

technologische Zukunftsfelder, jedes mit

einer ausgefeilten Cluster-Strategie. Nach

Medizin, Verkehr, IuK-Technik und Energie

hat nun die Optik das Quintett vervollständigt.

»Es macht viel Spaß, die Kompetenzen

in dieser Weise voranzutreiben«, bekennt

Prof. Tränkle. Dabei geht es ihm nicht

nur um fachliche Vernetzungen zwischen

einzelnen Technologien (»cross innovation«),

sondern auch um überregionale

Bündnisse. Beispielhaft hierfür ist

eine vertiefte Kooperation mit der Optik-

Region Jena. »Wir wollen die Thüringer

gewinnen, sich stärker an unserer Messe

Laser-Optik-Berlin zu beteiligen«, erläutert

Cluster-Sprecher Tränkle. Die nächste

Messe unter dem Berliner Funkturm

SPRECHER: Prof. Günther Tränkle

wird im März stattfinden. Beide Regionen

könnten sich gut ergänzen. Berlin

mit vielen Kleinunternehmen hat einen

Schwerpunkt auf der Halbleiter-Optik,

Jena brilliert mit seinen Großunternehmen

bei Medizin-Anwendungen.

Für die internationale Ausstrahlung,

wie Prof. Tränkle kürzlich bei einem Besuch

in Japan erfahren hat, kann eine

bessere Wahrnehmung der Optik-Region

Mitteldeutschland im Bund mit Berlin-

Brandenburg nur von Vorteil sein.

Manfred Ronzheimer

&

OPTIK-CLUSTER

Innovationslieferant

Fotos: FBH/P. Immerz, FBH/M. Schönenberger

SPITZENFORSCHUNG: Institut für Höchstfrequenztechnik in Adlershof.

Optische Technologien in Unternehmen

und Forschungseinrichtungen der

Bundesländer Berlin und Brandenburg

werden jetzt durch ein Cluster-Management

koordiniert. Die Optik gilt auch

als Innovationslieferant für Bereiche

wie Telekommunikation, Messwesen

und Oberflächenbehandlung. Das

Institut von Cluster-Sprecher Prof.

Günther Tränkle, das Ferdinand-Braun-

Institut für Höchstfrequenztechnik, hat

seinen Sitz im Wissenschafts- und

Wirtschaftsstandort Adlershof, dem

größten Technologiepark Berlins mit

20 wissenschaftlichen Einrichtungen

und 800 Hightech-Firmen.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 19


INTERVIEW

Harald Eisenach, Vorstandsvorsitzender des Ostdeutschen Bankenverbandes e.V.,

zu wirtschaftlichen entwicklungen in den neuen Bundesländern, zu industriellen

Stärken und Rückgewinn von Vertrauen der Bürger in Politik und Finanzinstitute

»2012 weiter mit Wachstum«

Fotos: Ostdeutscher Bankenverband, DPA/ZB

W&M: Herr Eisenach, Sie verantworten seit

2004 in Berlin das Firmenkundengeschäft der

Deutschen Bank in der Region Nordost. Im

Sommer 2011 haben Sie das Amt des Vorstandsvorsitzenden

im Ostdeutschen Bankenverband

übernommen. Wie beurteilt der Verband

die aktuelle wirtschaftliche Situation in

Ostdeutschland?

EISENACH: Es mag den einen oder anderen

angesichts der täglichen Meldungen

zur EU-Staatsschuldenkrise und dem damit

einhergehenden Auf und Ab an den

internationalen Börsen vielleicht überraschen,

aber aus Sicht unseres Verbandes

verlief die wirtschaftliche Entwicklung

Ostdeutschlands 2010/11 ausgesprochen

gut und auch perspektivisch sind wir

hier keineswegs pessimistisch.

W&M: Auch Ihr Verband weist aber immer

wieder auf Schwächen der Wirtschaftsstruktur

und andere Problemfaktoren hin. Woraus

leiten Sie dennoch Ihre sehr positive Gesamtbewertung

konkret ab?

EISENACH: Bei einer solchen Gesamtbewertung

darf nicht übersehen werden,

dass in den letzten 15 Jahren die Industrie

in ganz Ostdeutschland die wichtigste

Stütze des Wachstums war. Das gilt für

die stärker industrialisierten mitteldeutschen

Länder, also für Sachsen, Sachsen-

Anhalt und Thüringen, ebenso wie für

Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Auch in Berlin hat sich das

Bewusstsein für die Relevanz des verarbeitenden

Gewerbes wieder intensiviert.

In allen ostdeutschen Regionen haben

die Industrieunternehmen in dieser Zeit

deutlich an Statur gewonnen, sind stärker

auf Auslandsmärkten aktiv geworden

und investieren zunehmend in Innovationsprozesse.

W&M: Das lässt sich auch beziffern?

EISENACH: Ja, das hat sich auch in Zahlen

deutlich niedergeschlagen. Von 1996

bis 2007 ist das verarbeitende Gewerbe in

ganz Ostdeutschland in jedem Jahr mindestens

doppelt so stark gewachsen wie

in Westdeutschland. Und nach den Krisenjahren

2008 und 2009 haben wir im

letzten Jahr mit einem Plus von 10,3 Prozent

bereits wieder ein zweistelliges Industriewachstum

erreicht.

W&M: Aber dieser Trend ist doch nicht überall

gleich stark ausgeprägt?

EISENACH: Das langfristige, solide Industriewachstum

ist ein flächendeckender

Trend. Darüber hinaus gibt es selbstverständlich

von Bundesland zu Bundesland

erhebliche Unterschiede – sowohl

beim Anteil der Industrie an der Gesamtwirtschaft

als auch beim Branchenmix.

Der Industrieanteil ist in Thüringen mit

22 Prozent doppelt so hoch wie in Mecklenburg-Vorpommern

oder Berlin. Sachsen-Anhalt

und Sachsen liegen etwas

unter dem Wert von Thüringen, Brandenburg

bei 15 Prozent. Alle Länder haben

aber ihre industriellen Stärken kon-

HARALD EISENACH – der neue Vorstandsvorsitzende

des Ostdeutschen Bankenverbandes

e. V. kommt von der Deutschen

Bank und leitet dort das Firmenkundengeschäft

Nordost.

tinuierlich ausgebaut und verfügen deshalb

über weltweit wettbewerbsfähige

Kompetenzen.

W&M: Zum Beispiel?

EISENACH: Viele sind inzwischen gut auf

den Märkten etabliert, etwa der Automotive-Sektor

in Mitteldeutschland, die Mikroelektronik

in Dresden, die Chemie in

Halle-Merseburg-Bitterfeld oder die

Schienenverkehrstechnik in Berlin-Brandenburg.

Auch in der maritimen Industrie

Mecklenburg-Vorpommerns gibt es

Unternehmen, die ungeachtet der aktu-

ellen Probleme der heimischen Werften

mit ihren qualitativ hochwertigen Spezialprodukten

auf dem Weltmarkt sehr

erfolgreich sind.

W&M: Sie haben jetzt viel über die Industrie

gesprochen. Gerade im Nordosten ist die Wirtschaft

aber doch stark durch andere Branchen

geprägt.

EISENACH: Eindeutig. Wie haben z. B. in

ganz Ostdeutschland eine enge Verbindung

von Agrarwirtschaft und Ernährungsindustrie,

die naturgemäß in den

stärker landwirtschaftlich geprägten

Ländern Mecklenburg-Vorpommern und

Brandenburg sowie im nördlichen Sachsen-Anhalt

besonders ausgeprägt ist. Die

Bedeutung des Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern

ist ja hinlänglich

bekannt. Die zunehmende Verzahnung

des Tourismus mit dem Thema Gesundheitswirtschaft

bietet hier weitere Entwicklungspotenziale

– selbstverständlich

auch für andere Bundesländer.

W&M: Und wie sieht es im Dienstleistungssektor

aus?

EISENACH: Wenn wir über diesen Sektor

sprechen, dürfen wir auch die Unternehmensdienstleister

nicht vergessen, die

sich in den ostdeutschen Flächenländern

vor allem durch die Nachfrage aus der

Industrie und in Berlin aufgrund der

Metropolenfunktion einer Bundeshauptstadt

gut entwickelt haben.

W&M: Wie hat sich diese Entwicklung im

Kreditgeschäft Ihrer Mitgliedsbanken niedergeschlagen?

EISENACH: Für unser Kreditgeschäft ergab

sich daraus, wie schon in den letzten

Jahren, keine gleichförmige Entwicklung

in den einzelnen Geschäftssegmenten.

So verzeichneten wir bei den Krediten

an Unternehmen in Ostdeutschland

von Mitte 2010 bis Mitte 2011 ein deutliches

Plus unserer Kreditbestände, und

zwar um rund zwei Milliarden Euro auf

jetzt 26,4 Milliarden Euro Gesamtbestand.

Damit stehen in diesem Geschäftssegment

52 Prozent aller Kredite an Unternehmen

in Ostdeutschland in unseren

Büchern. Wir sind hier die klare

Nummer eins im Markt.

W&M: Liegen sie auch bei den Krediten an

Selbständige vorn?

EISENACH: Bei den Krediten an Selbstän-

20 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


INTERVIEW

dige, also an Einzelhändler, Handwerker,

Freiberufler usw., sind wir mit einem

Marktanteil von 36 Prozent und einem

Kreditbestand von 7,8 Milliarden Euro

ebenfalls stark im Markt vertreten. Die

Kreditbestände in diesem Marktsegment

haben in den vergangenen Jahren aber in

allen Bankengruppen nur geringfügig

zugelegt. Hier besteht die seit Jahren festzustellende

Investitionszurückhaltung

der Kunden also weiter fort.

W&M: Seit dem Sommer hat die Angst vor

einer neuen Krise wieder deutlich zugenommen.

Wie beurteilen Sie die Konjunkturperspektiven

für die ostdeutsche Wirtschaft?

EISENACH: Die Geschäftslage unserer

mittelständischen Unternehmenskunden

ist nach wie vor gut und für das Gesamtjahr

2011 ist mit einem klaren Plus

beim Bruttoinlandsprodukt zu rechnen.

In der Tat haben sich die Erwartungen

für 2012 seit einigen Monaten deutlich

eingetrübt. Dazu hat vor allem die

europäische Schuldenkrise beigetragen,

zudem sind hier aber auch die schwache

Wirtschaftsentwicklung in den USA wie

die gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise

relevant. Dennoch rechnen wir für

das Jahr 2012 weiter mit Wachstum,

wenn auch weniger ausgeprägt als noch

im Frühjahr erwartet.

W&M: Stichwort Vertrauen der Bürger gegenüber

Politik und Banken – haben Sie da

als Vertreter der privaten Banken nicht ein

mindestens genauso großes Problem wie die

Politik?

EISENACH: Zweifelsohne ist die Stimmung,

wenn das Wort »Banken« fällt, aktuell

zumeist sehr kritisch. Da glaubte

man die globale Finanz- und Wirtschaftskrise

überwunden, an deren Anfang in

der Tat mit der Subprimekrise auch Managementversagen

von Bankern rund

um den Globus stand. Und jetzt wird erneut

über milliardenschwere Maßnahmen

zur Stützung von Banken in Europa

diskutiert. Allerdings ist die Ursache

diesmal eine andere: Nicht Verluste aus

spekulativen Finanzinstrumenten mit

kaum zu durchschauenden Risikostrukturen,

sondern der mögliche Ausfall als

sicher geglaubter Staatsanleihen von EU-

Mitgliedsländern.

W&M: Worauf kommt es jetzt an?

EISENACH: Der Vertrauensverlust in der

Bevölkerung ist insgesamt groß und

wird von uns sehr ernst genommen. Jetzt

kommt es darauf an, dass alle, die in Politik

und Finanzwelt Verantwortung tragen,

gemeinsam konstruktiv an der raschen

Bewältigung der Krise arbeiten,

damit das unverzichtbare Vertrauen wiedergewonnen

wird.

Weitere Infos: www.ostbv.de

&

OSTSEE-GASPIPELINE

Landgang in Lubmin

Russisches Erdgas strömt seit Anfang November durch die neue

Pipeline Nord Stream in der Ostsee direkt nach Deutschland.

Der kleine Ostsee-Badeort Lubmin bei

Greifswald hat seit Anfang November

dieses Jahres direkten Anschluss an die

sibirischen Weiten Russlands. Mit einem

symbolischen Dreh an einem übergroßen

Ventilrad nahmen Bundeskanzlerin

Angela Merkel, der russische Präsident

Dmitri Medwedew und weitere

hochrangige Vertreter aus nationaler

und internationaler Politik und Wirtschaft

am 8. November die neue Ostsee-

Gaspipeline Nord Stream in Betrieb.

Seitdem strömt russisches Erdgas durch

den ersten fertiggestellten 1.224 Kilometer

langen Rohrstrang, der Lubmin

mit Vyborg an der russischen Ostseeküste

verbindet. Ein ebenso langer Parallelstrang

ist noch im Bau und soll Ende

2012 für den Transport von Erdgas quer

durch die Ostsee freigegeben werden.

Damit gelangt der in Westeuropa stark

nachgefragte Energierohstoff ohne Umwege

durch dritte Transitländer direkt

von den Förderfeldern im arktischen

Norden Russlands bis nach Deutschland.

Nord Stream ergänzt die seit Jahrzehnten

existierenden zwei Trassen, die auf

osteuropäischem Festland verlaufen.

Bei voller Auslastung der beiden Rohrstränge

der Ostsee-Pipeline werden künftig

jährlich 55 Milliarden Kubikmeter

Erdgas in Lubmin angelandet. Von der

Anlandestation (Foto) wird das Gas weitergeleitet

durch die ebenfalls neu

errichteten landseitigen Pipelines Opal

und NEL (noch im Bau). Die Opal-Leitung

führt über 470 Kilometer in Richtung

Tschechische Republik und stellt die Verbindung

zum Europäischen Gasnetz her.

Die 440 Kilometer lange NEL verlängert

den Transportweg des russischen Erdgases

von Lubmin nach Westeuropa.

Die Ostsee-Pipeline wird von dem Konsortium

Nord Stream finanziert und

gebaut. Der russische Energieriese Gazprom

hält 51 Prozent der Anteile, desweiteren

sind unter anderem das BASF-

Tochterunternehmen Wintershall und

die E.ON Ruhrgas AG, mit je 15,5 Prozent

beteiligt. In die von Merkel als »das

größte Energieinfrastrukturprojekt

unserer Zeit« bezeichnete Pipeline

werden 7,4 Milliarden Euro investiert.

Es gilt als langfristige Lösung für die

Versorgungssicherheit Europas.

Der Ministerpräsident von Mecklenburg-

Vorpommern, Erwin Sellering (SPD), betonte

beim Start von Nord Stream, welche

Aufwertung der Energiestandort

Lubmin – hier lieferte bis zur Wende ein

Kernkraftwerk russischer Bauart Strom

für die DDR – mit der Erdgas-Anlandung

erfährt. Dies sei »für die wirtschaftliche

Entwicklung des Landes ein wichtiger

Schritt«, so Sellering.

Thomas Schwandt

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 21


SPECIAL

und Gebäude, Baumaßnahmen, Maschinen,

Anlagen oder in immaterielle Wirtschaftsgüter

finanzieren. Als förderfähig

gilt auch der Erwerb einer tätigen Beteiligung,

beispielsweise im Rahmen einer

Unternehmensnachfolge.

Die Mindestdarlehenssumme beträgt

beim Förderprogramm »Sachsen-Anhalt

IMPULS« 25.000 Euro. Maximal können

aus dem Programm Förderdarlehen bis

zu einer Höhe von 1,5 Millionen Euro

ausgereicht werden. Bei einer Laufzeit

von maximal 15 Jahren sind die ersten

beiden Jahre tilgungsfrei.

Foto: Torsten George

Investitionsbank Sachsen-Anhalt

Förderer und Partner

des Mittelstands

Die Investitionsbank Sachsen-Anhalt ist die zentrale Förderbank

des Landes. Mit einer breiten Palette an Förderprodukten von

Zuschüssen, Bürgschaften und Darlehen unterstützt sie vor allem

die mittelständische Wirtschaft und Existenzgründer aber

auch private und öffentliche Kunden.

Schon frühzeitig hat das Land Sachsen-Anhalt

sich entschieden, seine

Förderpraxis schrittweise von Zuschussprogrammen

hin zu revolvierenden

Fonds wie den KMU-Darlehensfonds

weiterzuentwickeln. Diese Finanzierungsform

ermöglicht es dem Land, aus

Rückflüssen von Darlehen neues Fondsvermögen

aufzubauen. Auf diese Weise

soll über das Jahr 2013 hinaus eine langfristige

Förderpolitik ermöglicht werden.

Denn das Jahr 2013 gilt als Wegscheide.

Dann endet die aktuelle Strukturfonds-

Förderperiode der Europäischen Union.

Sicher ist, dass in der dann folgenden

Förderperiode deutlich weniger Mittel

aus EU-Töpfen bereitstehen werden.

Der KMU-Darlehensfonds des Landes

Sachsen-Anhalt wird aus Mitteln des Europäischen

Fonds für regionale Entwicklung

(EFRE) gespeist und über die Investitonsbank

(IB) Sachsen-Anhalt kofinanziert.

Der KMU-Darlehensfonds hat sich

als Förderinstrument für den Mittelstand

zwischen Altmark und Burgenlandkreis

bewährt. Vom Jahr 2008 bis

einschließlich 30. September 2011 wurden

aus dem KMU-Darlehensfonds 775

Kreditzusagen an die mittelständische

Wirtschaft erteilt. Insgesamt betrug das

Darlehensvolumen 242,6 Millionen Euro.

Besonders im Krisenjahr 2009 erwiesen

sich die Finanzierungsprodukte der

Investitionsbank Sachsen-Anhalt als ein

Stabilitätsanker. Damit wurden Gesamtinvestitionen

in Höhe von 796,4 Millionen

Euro ausgelöst.

Kleine und mittlere Unternehmen

(KMU), Existenzgründer sowie Freiberufler

können folgende Finanzierungsbausteine

des KMU-Darlehensfonds beantragen:

SACHSEN-ANHALT IMPULS

Mit einem Kredit aus dem Förderprogramm

»Sachsen-Anhalt IMPULS« können

KMU, Existenzgründer und Freiberufler

etwa Investitionen in Grundstücke

SACHSEN-ANHALT MUT

Das Programm »Sachsen-Anhalt MUT«

soll der mittelständischen Wirtschaft die

Vorfinanzierung von Aufträgen sichern.

Gerade kleinere Betriebe sind oft nicht

in der Lage, bei Großaufträgen entsprechend

in Vorleistung zu gehen. »Sachsen-

Anhalt MUT« ermöglicht KMU, Freiberuflern

und Existenzgründern mit einem

zinsverbilligten Darlehen, typische

Ausgaben zur Vorfinanzierung von Aufträgen

wie Personalkosten oder die Materialbeschaffung

zu tätigen.

Für diese Finanzierungsanlässe steht

den Unternehmen maximal ein Darlehensvolumen

von 500.000 Euro bei einer

Laufzeit des Kredits von bis zu zehn Jahren

bereit. Die Mindestdarlehenssumme

beträgt 25.000 Euro.

SACHSEN-ANHALT WACHSTUM

Das Programm »Sachsen-Anhalt WACHS-

TUM« ist ein Ansatz, die geringe Eigenkapitalquote

vor allem kleinerer Mittelständler

aufzubessern und damit ihre

Chancen auf dem Fremdkapitalmarkt zu

verbesssern. Rund ein Drittel der Betriebe

im Land gelten mit einer Quote von

weniger als zehn Prozent Eigenkapital

immer noch als unterkapitalisiert. Zur

Stärkung der Eigenkapitalbasis vergibt

IB

SACHSEN-ANHALT

Kontakt für Beratung

Kostenfreie Hotline: 0800 56 007 57

Mo.-Do.: 8.00–18.00 Uhr

Freitag: 8.00–15.00 Uhr

Förderberatungszentrum Magdeburg

Domplatz 12

Montag, Dienstag, Donnerstag:

8.00–18.00 Uhr

Mittwoch, Freitag: 8.00–15.00 Uhr

Regionalbüro Halle, Marktplatz 1

Montag: 9.30–17.00 Uhr

E-Mail: info@ib-lsa.de

Internet: www.ib-sachsen-anhalt.de

22 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


UNSER PROGRAMM FÜR DIE ZUKUNFT: ERP-INNOVATIONSPROGRAMM

Sie suchen Unterstützung

bei der Realisierung Ihrer Idee?

Nutzen Sie unser Förderangebot für etablierte Unternehmen und Freiberufler. Die KfW unterstützt

die Forschung und Entwicklung innovativer Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen

sowie deren Markteinführung mit günstigen Finanzierungspaketen. Mehr Informationen

erhalten Sie bei Ihrer Hausbank, unter www.kfw.de oder direkt über das Infocenter der KfW.

Tel. 0800 5399001 *

*

Kostenfreie Rufnummer

Die Zukunftsförderer


SPECIAL

die Investitionsbank Sachsen-Anhalt deshalb

Mezzanine-Darlehen. Bei ihnen

steht die Investitionsbank als Darlehensgeber

im Haftungsfall hinter anderen

Gläubigern im Rang zurück. Deshalb

kommt solchen Mezzanine-Darlehen in

der Bilanz der Unternehmen ein eigenkapitalähnlicher

Status zu.

Mit einem Mezzanine-Darlehen erhält

das Unternehmen eine Mischform aus Eigenkapital-

und Fremdkapital, ohne dass

der Darlehensgeber – die Investitionsbank

– Mitspracherechte im Unternehmen

erhält. In diesem Programm stehen

ebenfalls zwischen 25.000 und 1,5 Millionen

Euro als Darlehenssumme zur Verfügung.

Bei einer Laufzeit von bis zu 15 Jahren

und mit fünf tilgungsfreien Anlaufjahren

ist zudem eine langfristige Planungssicherheit

gegeben.

SACHSEN-ANHALT IDEE

Weil der Mittelstand in Sachsen-Anhalt

eher kleinteilig strukturiert ist, fehlen

vielen Unternehmen die Mittel, um die

finanziellen Risiken von Innovationsprozessen

tragen zu können. Deshalb fördert

die Investitionsbank gezielt das

Innovationspotenzial kleinerer Unternehmen.

Eine Aufgabe, die wie die Vernetzung

von Wissenschaft und Wirtschaft

künftig noch stärker im Fokus der

Wirtschaftspolitik stehen wird.

»Sachsen-Anhalt IDEE« richtet sich an

bestehende Unternehmen und Freiberufler

der gewerblichen Wirtschaft, die

in der Forschung tätig sind. Als Nachrangdarlehen

zeichnet sich das zinsgünstige

IB-Innovationsdarlehen durch seinen

eigenkapitalähnlichen Charakter

aus. Finanzieren lassen sich damit Ausgaben

für die Markteinführung eines

Produkts, eines Verfahrens oder einer

Dienstleistung. Zu den förderfähigen

Ausgaben zählen zum Beispiel Investitionen,

die sich aus dem Forschungs- und

Entwicklungsprozess ergeben sowie Ausgaben

für die Markterschließung.

Vorteilhaft für die Unternehmen: Die

Finanzierungsbausteine sind bedarfsorientiert

konzipiert und können auch

in Kombination in Anspruch genommen

werden.

Matthias Salm

Ein gewaltiger Modernisierungsschub:

474,9 Millionen Euro flossen zwischen

2009 und dem Jahresende 2011 im Rahmen

des Konjunkturprogramms II in Investitionen

in die Infrastruktur Sachsen-

Anhalts. Das Gros der Mittel, von denen

auf den Bund 356,1 Millionen Euro, auf

das Land 77,9 Millionen und auf die Kommunen

40,8 Millionen Euro entfielen, kam

dabei den Bildungseinrichtungen im Land

zugute. So konnten die Lern-, Unterrichtsund

Betreuungsbedingungen vielerorts

nachhaltig verbessert werden.

Beispiel Bildungshaus Carl Ritter: Mitte

Mai konnten nach fast zweijähriger Sanierungszeit

die Kreisvolkshochschule, die

Kreismusikschule und die Kreisbibliothek

des Harz-Landkreises in Quedlinburg ihr

neues Domizil beziehen. Nach Jahren provisorischer

Unterbringung haben die drei Bildungseinrichtungen

in dem imposanten

neugotischen Gebäude, 1862 als »Königliches

Gymnasium« eingeweiht, wieder eine

angemessene Heimat gefunden. Dazu waren

die Treppenhäuser in dem historischen

Gebäude komplett umgebaut und die beiden

oberen Etagen grundlegend saniert

worden. Neue Fenster und Innentüren,

Elektroinstallationen, Heizflächen und Sanitäreinrichtungen

komplettierten die

Modernisierungsmaßnahmen. Was zuvor

lange Zeit an der schwierigen Finanzlage

des Landkreises Harz gescheitert war, ermöglichten

die Mittel des Konjunkturpakets

II und des Förderprogramms STARK I.

Die Modernisierung des Bildungshauses

Carl Ritter ist nur eine der Erfolgsgeschichten

des Konjunkturpakets. Die Investitionsbank

Sachsen-Anhalt hatte dabei für nahezu

die Hälfte der insgesamt im Land vorge-

BILANZ

Investitionen in die Infrastruktur

Das im Zusammenhang mit der Finanzkrise aufgelegte Konjunkturpaket II wurde in Sachsen-Anhalt erfolgreich umgesetzt.

MASSNAHMEN

Bewilligte Projekte der IB Sachsen-Anhalt

im Rahmen des Konjunkturpakets II

Schulinfrastrukturpauschale

470 Bescheide

Volumen: 89,7 Millionen Euro

Pauschale kommunale Einrichtungen

der Weiterbildung

20 Bescheide

Volumen:

6,5 Millionen Euro

Kommunale Investitionspauschale

1.228 Bestätigungen

Volumen: 43,7 Millionen Euro

Frühkindliche Infrastruktur (Kita)

60 Bescheide

Volumen: 29,3 Millionen Euro

IT-Pauschale

43 Bestätigungen

Volumen:

7,0 Millionen Euro

sehenen rund 475 Millionen Euro (inklusive

des Finanzierungsanteils von Land und

Kommunen von je 12,5 Prozent) den Auftrag

erhalten, Antragsverfahren,

Anmeldungen, Bescheid-Erteilung und Mittelabfluss

zeitnah zu organisieren und

abzuwickeln. Die Mittel sind mittlerweile

wie vorgesehen abgeflossen, die Sanierungsprojekte

sollen bis Ende des Jahres

abgeschlossen sein. Profitiert haben davon

nicht nur zahlreiche Einrichtungen, sondern

vor allem auch viele Handwerksbetriebe in

den Regionen des Landes – quer über alle

Gewerke vom Heizungs- und Sanitärwesen

über Dachdecker, Zimmerer und Fensterbauer

bis hin zu Maurern und Malern. Die

Möglichkeit der freihändigen Vergabe von

Auftragsvolumina bis 100.000 Euro bewirkte

zusätzlich eine Konzentration der Auftragsvergabe

an lokale Firmen. Dank dieser

konjunkturellen Impulse konnten die Folgen

der Finanzkrise für die KMU im Land abgefedert

werden.

Auch die Kommunen und sonstigen Träger

der Bildungseinrichtungen werden langfristig

wirtschaftlich profitieren. Die Fokussierung

auf energetische Sanierungsmaßnahmen

führt zu deutlichen Einspareffekten

beim Energieverbrauch. Vielerorts

wurde historische Bausubstanz durch Maßnahmen

zur Wärmedämmung, den Einbau

neuer Heizungsanlagen sowie durch den

Einsatz von erneuerbaren Energien den

heutigen Anforderungen an den Klima- und

Umweltschutz angepasst.

Um insbesondere finanzschwachen Kommunen,

Landkreisen und kreisfreien

Städten die Inanspruchnahme der Mittel

aus dem Konjunkturprogramm II zu ermöglichen,

startete die Investitionsbank

Sachsen-Anhalt parallel zum Start von

K-II das Darlehensprogramm STARK I.

STARK I diente zur Finanzierung des kommunalen

Eigenanteils von 12,5 Prozent,

der zur Nutzung der K-II-Fördermittel von

den Kommunen und Landkreisen aufzubringen

war. Mit STARK I haben das Land und

die Investitionsbank Sachsen-Anhalt eine

innovative und effiziente Lösung für das

Problem der Kofinanzierung gefunden.

Mit Stand 30. September 2011 wurden

350 Darlehensanträge von Kommunen

über ein Fördervolumen von 25,5 Millionen

Euro im Rahmen von STARK I bewilligt.

Sachsen-Anhalt hat nun als bisher einziges

Land eine Evaluierung in Auftrag gegeben,

die den Nutzen des Konjunktur-pakets II

im Detail belegen soll. Die Untersuchungsergebnisse

werden zurzeit ausgewertet.

24 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


30.-31. März

POTSDAM

Filmpark Babelsberg, Großbeerenstraße

Veranstalter:

EINTRITT

FREI!

MÄRKISCHE

BILDUNGS-

MESSE 2012

Seminare « Vorträge « Aktionsinseln «

AUSSTELLUNGSTHEMEN:

Schule, Ausbildung, «

Studium & Job

Beratung, Weiterbildung & «

Qualifizierung

Existenzgründung, «

Franchising & Karriere

KONTAKT:

MPG Messe Potsdam GmbH

Tel.: 0331 20166-79

info@messe-potsdam.de

JETZT ANMELDEN!

Frühbucherpreise bis zum

16.12.11

www.märkische-bildungsmesse.de

Ostdeutsche Förderbanken

Frisches Geld für Ideen

Die Förderung öffentlicher und privater Investitionsvorhaben

in den Bereichen Wirtschaft, Infrastruktur und Wohnungsbau ist

das Kerngeschäft der ostdeutschen Förderbanken. Für kleine und

mittlere Betriebe eine Chance, über Zuschüsse, zinsgünstige Kredite

und Beteiligungen an Kapital für Investitionen zu gelangen.

V

on den Angeboten der Förderbanken

profitieren beispielsweise

kleine Unternehmen mit hohem

Innovationspotenzial, denn Innovationsförderprogramme

sind ein wichtiger

Bestandteil in deren Produktpalette.

Die Investitionsbank Berlin (IBB) beispielsweise

hat im August dieses Jahres

das neue Förderprogramm »Berlin Kredit

Innovativ« gestartet. Das Förderdarlehen

richtet sich speziell an kleine und mittlere

Unternehmen (KMU), die in den Berliner

Clustern und Zukunftsfeldern aktiv

sind. Im Einzelnen sind dies die Bereiche

– Gesundheitswirtschaft

– Energietechnik

– Informations- und Kommunikationstechnologie/Medien

– Verkehr, Mobilität, Logistik

– Optik.

Es können Darlehen für Investitionen

und Betriebsmittel bis 500.000 Euro im

Hausbankenverfahren vergeben werden.

Eine Haftungsfreistellung der Hausbank

in Höhe von 60 Prozent durch die IBB ist

ein zusätzlicher Anreiz für die Hausbank,

den Kredit zu vergeben.

Für technologieorientierte Unternehmen

in der Hauptstadt ist dies aber nicht

die einzige Fördermöglichkeit. Zu einer

stärkeren Verzahnung von Wissenschaft

und Wirtschaft dient das Programm »Pro

FIT«. Hier werden Einzel- und Verbundvorhaben

von gewerblichen Unternehmen

und Kooperationen von Forschungseinrichtungen

mit Unternehmen unterstützt.

So gibt es beispielsweise im

Rahmen von »Pro FIT« Darlehen für Entwicklungs-

und Markteinführungsprojekte

von KMU in Höhe von bis zu drei

Millionen Euro bei einem Finanzierungsanteil

von bis zu 80 Prozent der jeweiligen

Projektausgaben.

Die Investitionsbank Brandenburg

(ILB) stärkt die Innovationsfähigkeit kleiner

und mittlerer Unternehmen und die

Einführung neuer Technologien im Rahmen

ihres »Innovationsfonds«. Dafür

stellt sie zinsgünstige Darlehen für bis zu

40 Prozent der förderfähigen Kosten zur

Verfügung. Maximal können die Darlehen

255.000 Euro bei einer Laufzeit von

zehn Jahren und zwei tilgungs- und zinsfreien

Anlaufjahren betragen. In Einzelfällen

werden auch Beteiligungen eingegangen.

Finanzieren lassen sich so Materialkosten,

Fremdleistungen, Personalund

Reisekosten sowie Investitionskosten

für Maschinen bei der Entwicklung neuer

technischer Produkte, Verfahren und

produktionsnaher Dienstleistungen.

Die Sächsische Aufbaubank hat im

September 2011 ein Programm zu Förderung

innovativer Ansätze in der Gesundheitswirtschaft

aufgelegt. Finanziert

werden unter anderem die telematische

Vernetzung und die Einführung technischer

Assistenzsysteme in Krankenhäusern

und Altenpflege sowie Maßnahmen

zur Energieeffizienz in der Gesundheitswirtschaft.

Mit einem weiteren Förderprogramm

für innovative Firmen, der »Innovationsprämie«,

führt die Förderbank des Freistaats

kleine und mittlere Unternehmen

an eine Kooperation mit Forschungseinrichtungen

heran. Zum Förderumfang

zählt die Inanspruchnahme externer

FuE-Dienstleistungen für die Planung

und Entwicklung neuer Produkte, Verfahren

oder Dienstleistungen, etwa in

Form von Machbarkeits- und Werkstoffstudien

oder Leistungen zur technischen

Unterstützung wie Konstruktionsleistungen,

Produkttests zur Qualitätssicherung

oder Laborleistungen.

INFOS IM INTERNET:

Investitionsbank des Landes

Brandenburg (ILB):

www.ilb.de

Investitionsbank Berlin (IBB):

www.ibb.de

Landesförderinstitut M-V:

www.lfi-mv.de

Investitionsbank Sachsen-Anhalt:

www.ib-sachsen-anhalt.de

Sächsische Aufbaubank:

www.sab.sachsen.de

Thüringer Aufbaubank:

www.aufbaubank.de

26 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


10 JAHRE FÖRDERPROGRAMM „INNOVATIVE REGIONALE WACHSTUMSKERNE“

Durch Wachstum zum Erfolg

Seit 2001 entstehen überall in den Neuen Ländern „Innovative regionale

Wachstumskerne“. Die regionalen unternehmerischen Bündnisse gehen

neue Wege und haben erstaunliche Erfolge. Das hat auch mit Kaffeerösten

und Heimtextilien aus „Plauener Spitze“ zu tun.

Zum zehnten Geburtstag ist der Blick zurück erlaubt, ausnahmsweise. Es ist eine ungewöhnliche

Perspektive auf ein Förderprogramm, das für die Zukunft der ostdeutschen

Regionen steht wie kein zweites. Innovative regionale Wachstumskerne sind

Zukunfts modelle, weil sie auf Kooperation, unternehmerisches Denken und spezifische

regionale Stärken setzen.

DEUTSCHE SPITZE

Schon über 150 Jahre lang werden im Vogtland Heimtextilien maschinell bestickt, die

Marke „Plauener Spitze“ ist weltbekannt. Seit 2007 nutzen Unternehmen, Forschungsund

Bildungseinrichtungen der Region ihre technologische Kompetenz gemeinsam.

Im Wachstumskern „highSTICK“ entwickeln sie Stickereitechnologie für Zukunftsmärkte

– von der gestickten Fußboden heizung über Sticksensoren für medizinische

Bandagen bis hin zu Verstärkungsstrukturen für Hohlgussbauteile.

INTERNATIONALER WIRBEL

Der Magdeburger Wachstumskern „WIGRATEC“ konzentriert sich indes auf das Wirbelschicht-Verfahren.

Die bereits 1975 in Magdeburg für Kaffeeröstereien entwickelte

Technologie verwandelt flüssige Ausgangsstoffe in feste Granulate. Mit vielfäl tigen

Einsatzmöglichkeiten in der Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft oder Pharmazie

sorgt WIGRATEC heute inter national für Wirbel.

BEWERBEN SIE SICH JETZT!

Das Förderprogramm „Innovative

regionale Wachstumkerne“ ist

themenoffen, eine Bewerbung

jederzeit möglich.

Informieren Sie sich unter

www.unternehmen-region.de

oder nehmen Sie Kontakt auf mit:

Projektträger Jülich – PTJ

„Fördermanagement

Unternehmen Region“

Zimmerstr. 26–27, 10969 Berlin

Tel. (0 30) 2 01 99-4 82

E-Mail: wachstumskerne@

unternehmen-region.de

ZWEI AUS 41

WIGRATEC und highSTICK sind nur zwei Beispiele

für erfolg reiche Wachstumskerne, zwei

von bisher 41 Allianzen regionaler Unternehmer

und Wissenschaftler aus den verschiedensten

Fachgebieten. Sie alle gehen neue Wege,

haben für ihr Bündnis eine Vision, eine Strategie,

Kunden und Wettbewerber von Anfang an im

Blick, bringen ihre Region voran. Und sie alle

haben sich für ein außergewöhnliches Förderprogramm

entschieden.

EIN FÜNFTEL MEHR UMSATZ UND ARBEITSPLÄTZE

Das Programm Innovative regionale Wachstumskerne

aus der Familie „Unternehmen Region“ stellt hohe Ansprüche

an die Bewerber – und an sich selbst. Deshalb beinhaltet die Förderung unterschiedlichste

Beratungsangebote und Workshops zu Themen wie Management,

Organisation oder Finanzierung. Die Auszeichnung als Wachstums kern ist aber auch

lukrativ: Zwischen dem Programm start 2001 und dem Jahr 2014 investiert das BMBF

Fördergelder in Höhe von 243 Millionen Euro in 843 Projekte. Die Zwischen bilanz spricht

für sich: rund ein Fünftel mehr Umsatz und Arbeitsplätze sowie über 200 Patente.

DAS WACHSTUMSKERNE-PROGRAMM

IST NICHT DAS RICHTIGE FÜR SIE?

Mehr Informationen über die

Programm familie Unter neh men

Region, darunter auch das Programm

„Wachstums kerne Poten zial“, finden

Sie ebenfalls unter

www.unternehmen-region.de

Nun muss der Blick aber wieder nach vorne gehen, hin zu neuen Bewerbern mit neuen

Ideen. In den ostdeutschen Regionen schlummert zu viel ungenutztes Potenzial. Wecken

wir es! Denn Zukunft heißt: Erfolg durch Wachstum.


SPECIAL

Foto: Hans Pfeifer

Kein Zins, nirgends! Zumindest

kein sicherer Zins, denn die Staatspapiere

der Schuldner- und Pleitestaaten

bieten »Traumrenditen«, die jedoch

hart an der Grenze zum Albtraum

liegen. Deshalb will kein Versicherer und

kein Investmentfonds den Ramsch kaufen.

Und das ist das Dilemma: Die Finanz-

und Versicherungsindustrie ist

kaum mehr in der Lage, den Anlegern

zinsträchtige Anlagen mit kalkulierbarem

Risiko zu verkaufen. Für jegliche Art

von Altersvorsorge ist das Gift. Die Renditen

der Sparverträge sinken unaufhörlich.

Wurden noch vor wenigen Jahren

bei lang laufenden Lebensversicherungen

Sparrenditen von sechs oder gar sieben

Prozent erreicht, müssen Anleger

jetzt schon froh sein, wenn ihr Versicherer

eine vier vor dem Komma schafft.

Weil die durchschnittliche Umlaufrendite

von zehnjährigen Bundeswertpapieren

immer weiter sinkt, hat das Finanzministerium

verfügt, dass die Lebensversicherer

für Neuverträge ab dem

1. Januar 2012 den Mindestrechnungszins

von bisher 2,25 auf 1,75 Prozent senken

müssen. Einige Unternehmen und

Vermittler nehmen dies zum Anlass, in

die Schlussverkaufstrompete zu blasen.

Wer vor dem 31. Dezember 2011 noch

eine Lebens- oder Rentenversicherung

abschließt, bekommt noch den alten,

höheren Rechnungszins, so die Parole.

Doch das ist noch kein Grund, einen

neuen Vertrag abzuschließen. Denn der

Rechnungszins ist nicht alles. Die Versicherer

schreiben ihren Kunden außer

den Rechnungszinsen laufende Überschüsse

sowie Schlussüberschüsse gut, so

dass das Sparkapital in der Regel deutlich

höher als mit 2,25 Prozent rentiert.

So bewegen sich die laufenden und garantierten

Deklarationen – Rechnungszins

plus Gewinnzins, ohne Schlussüberschüsse

– für das Jahr 2011 im Durchschnitt

des Marktes bei 4,07 Prozent, so

eine Untersuchung des Branchendienstes

map-Report. Doch die Bandbreite ist

groß. In der Spitze werden 4,80 Prozent

erreicht, am Ende 3,6 Prozent.

Noch größer sind die Unterschiede bei

den kalkulierten Ablaufleistungen in der

Zukunft. Wer beispielsweise in diesem

Jahr noch eine Kapitalversicherung mit

20 Jahren Laufzeit abschließt, bekommt

in den unverbindlichen(!) Beispielrechnungen

– je nach Unternehmen – zwischen

4,7 und 2,6 Prozent Rendite vorgerechnet.

Es steht zu befürchten, dass viele

Versicherer ihre Prognosen verfehlen

werden. Unter Branchenkennern gilt als

ausgemacht, dass heute schon Lebensversicherer

ihre Überschüsse nur dadurch

aufhübschen können, da sie viel Kapital

Geldanlage

Kein sicherer Zins

Die diesjährige Leitmesse der Finanz- und Versicherungswirtschaft

DKM in Dortmund offenbarte: Die Branche braucht neue Ideen,

doch die sind rar. Was geht, sind Immobilien und Gold, auch

die Anbieter von Beteiligungen blicken optimistisch in die Zukunft.

den Rückstellungen für Beitragsrückerstattung

(RfB) entnehmen. Das ist legal,

denn der Sinn der RfB ist es, Kapitalmarktschwankungen

auszugleichen und

die Ergebnisse zu glätten. Angesichts der

anhaltenden Talfahrt bei den Kapitalmarktzinsen

stellt sich jedoch die Frage,

wie lange das die Untenehmen durchhalten

können, wie finanzstark sie sind.

FINANZSTÄRKE IST GEFRAGT

Das interessiert nicht nur Analysten, sondern

auch die Anleger. Wer heute im Alter

von beispielsweise 30 Jahren eine Rentenversicherung

abschließt, muss sicher

sein, dass der Versicherer auch in 50 Jahren

noch die vereinbarte Rente zahlen

kann. Dauerhafte, solide und nachhaltige

Finanzstärke ist gefragt. Das um so

mehr, als auf die Versicherer höhere

Eigenkapitalanforderungen zukommen.

Sie müssen die Garantien, die sie gewähren,

mit Eigenmitteln besichern. Das

ist teuer. Das Analyse- und Ratinghaus

Morgen & Morgen hat erst unlängst die

deutschen Lebensversicherer geratet. Dabei

wurden die Nettoverzinsungen der

Kapitalanlagen, Kostenquoten, Rückstellungen,

Überschüsse, Eigenmittel und

Reserven sowie das Wachstum bewertet.

Ergebnis: Nur neun Versicherer erhielten

die Bewertung »ausgezeichnet«, 21 Unternehmen

sind »schwach« oder »sehr

schwach« auf der Brust.

Die Lebens- und Rentenversicherung

als der Deutschen liebstes Vorsorgeprodukt

schwächelt. Trotzdem gibt es immer

noch gute Gründe, solche Verträge

abzuschließen, und das noch dieses Jahr.

Denn bei den staatlich geförderten Riester-Rentenverträgen

und bei den steuerlich

geförderten Basis-Rentenverträgen

steigt die Altersgrenze. Wer noch 2011

abschließt, kommt förderunschädlich

vom 60. Lebensjahr an in den Genuss der

Rente. Wer erst 2012 abschließt, muss bis

zum 62. Lebensjahr als frühest möglichen

Auszahlungsbeginn warten. Ähnlich

verhält es sich bei der Besteuerung

von ungeförderten privaten Lebensversicherungen.

Bei bis Ende 2011 abgeschlossenen

Verträgen werden die Erträge

nur zur Hälfte besteuert, wenn der

Vertrag mindestens zwölf Jahre gelaufen

ist und das Kapital nicht vor Vollendung

des 60. Lebensjahrs entnommen wird.

Beim Abschluss ab 2012 steigt auch hier

die Altersgrenze auf 62 Jahre.

INVESTIEREN IN BETON

Bei Investmentfonds bewegt sich im Moment

kaum noch etwas, die Anleger halten

sich angesichts hoch volatiler Börsen

und niedriger Zinsen zurück. Dafür boomen

die so genannten Sachwerteanlagen.

Immobilien stehen hoch im Kurs. In

(fast) allen Varianten. Bei Wohneigentum

steigen die Bau- und Genehmigungszah-

28 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


SPECIAL

len nach Jahren des Rückgangs und der

Stagnation enorm. Zu spüren bekommen

das auch die Bausparkassen, deren Neugeschäft

boomt. Abzulesen ist das auch

am Neugeschäft für die Eigenheimrente,

auch Wohn-Riester genannt. Dort bekommen

Anleger die staatlichen Riester-

Zulagen, wenn sie das Sparkapital über

einen zertifizierten Eigenheimrentenvertrag

zum Erwerb und/oder zur Entschuldung

von selbst genutztem Wohneigentum

einsetzen. Im Idealfall kann sich die

Summe der Fördermittel bei einer Familie

mit zwei Kindern auf bis zu rund

50.000 Euro belaufen.

Auch als Kapitalanlage sind Immobilien

gefragt. Das führt zu steigenden

Preisen in deutschen Städten vor allem

bei Eigentumswohnungen. In Hamburg

ist der Quadratmeterpreis in Top-Lagen

binnen zwölf Monaten um ein Drittel auf

knapp 5.900 Euro gestiegen. Der Wohnimmobilienmarkt

boomt. Viele Anleger

ziehen ihr Geld von Bankanlagen ab und

investieren in Wohnimmobilien. Hinzu

kommt: Fremdkapital ist immer noch

billig und die Banken trauen sich zaghaft

aus der Reserve. Die Anleger kaufen

nicht nur Gebäude und Wohngrundstücke,

sondern auch Acker- und Forstflächen.

Die Folge ist eine Bodenwertsteigerung.

Vor allem im Osten Deutschlands,

wo sich in den letzten 20 Jahren

kaum jemand um Wiesen und Brachen

geschert hat, schnellen die Preise hoch.

GOLDGLANZ BLENDET

Ganz hoch im Kurs steht bei den Anlegern

Gold. 13 Prozent der Sparer, die ihre

Vorsorge ausbauen möchten, planen den

Kauf von Gold, so ein Ergebnis der jüngsten

Postbankstudie zur Altersvorsorge.

Das sind mehr als Interessenten für eine

Riester-Rente (zwölf Prozent). Gold gilt

bei 39 Prozent der Sparer als »besonders

sicher«, die Riester-Rente kommt nur auf

21 Prozent. Das Münchener Edelmetallunternehmen

»pro aurum« hat die Goldleidenschaft

der Deutschen genauer untersuchen

lassen. Danach rangiert Gold

in den Gewinnerwartungen vor Festgeld,

Fondsanteilen, Aktien und Anleihen. 34

Prozent der Bürger würden sich für eine

Goldanlage entscheiden, weil sie vermuten,

dass das Edelmetall nach gut drei

Jahren den meisten Gewinn bringt.

Zudem will das Volk investieren in

Gold in Gestalt von Barren und Münzen.

Nicht mehr nur Gutsituierte kaufen heute

Gold, sondern auch Auszubildende,

Studenten und junge Familien mit Kindern,

so die Einschätzung von »pro

aurum«. Seit Anfang 2011 konnte das Unternehmen

die Umsätze um 45 Prozent

steigern. Davon, dass Gold keine Zinsen

abwirft, eine hoch spekulative Anlage ist

und meistens noch Geld für die sichere

Verwahrung kostet, scheinen die meisten

Käufer noch nichts gehört zu haben.

BETEILIGUNGEN SIND IM KOMMEN

Bisher galten sie als die »Schmuddelkinder«

der Branche: Geschlossene Fonds,

mit denen Privatanleger sich an Immobilien,

Flugzeugen, Schiffen, Waldflächen,

jungen Unternehmen oder Solar- und

Windkraftanlagen beteiligen können.

Geschlossene Fonds galten als »Graumarkt«,

unter anderem auch deshalb,

weil sich dort einige »graue Schafe« tummelten.

Das soll und kann sich ändern.

Vom kommenden Jahr an wird die Branche

reguliert. Die Verkaufsprospekte

werden von der Finanzaufsicht schärfer

als bisher geprüft, Verkäufer müssen sich

registrieren lassen und ihre Sachkunde

nachweisen. Damit erreichen die geschlossenen

Fonds das Anlegerschutzniveau

von Versicherungen.

Das wird es der Branche ermöglichen,

von der »grauen« Kapitalanlage zur

»weißen« zu mutieren. Unabhängig von

der Regulierung hat die Branche jedoch

bereits weitgehend einen inneren Wandel

vollzogen. Standen früher Steuerspareffekte

im Vordergrund, geht es den Initiatoren

und Anlegern um langfristige

und möglichst zuverlässige Renditen. Geschlossene

Fonds bieten als einzige Assetklasse

Anlegern die Möglichkeit, sich an

realen Wirtschaftsgütern zu beteiligen,

die sie sich allein nicht leisten könnten.

Das sind Sachwertanlagen, die weitgehend

unabhängig von Aktien- und Anleihemärkten

sind. Sie gehören zur Streuung

des Risikos in jedes Portfolio.

Die kurzfristigen Aussichten für Versicherungen

und Fonds scheinen derzeit

nicht gerade in rosigem Licht, bei den

Anbietern geschlossener Fonds macht

sich Aufbruchstimmung breit, so der

Eindruck von der jüngsten Finanzmesse.

Das würde nicht nur den privaten Anlegern

nutzen, sondern auch der Wirtschaft

und vor allem dem Mittelstand.

Denn Beteiligungskapital bietet echte

Alternativen zur Bankenfinanzierung. Je

mehr davon eingeworben und sinnvoll

platziert werden kann, umso besser.

Hans Pfeifer

&

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 29


KOLUMNE

W

enn man wie ich in der letzten

Woche durch die Welt reist

und Wirtschaftskonferenzen besucht,

muss einem Angst und Bange werden.

Die Unsicherheit der professionellen

Ökonomen, aber auch der normalen

Bürger ist mit Händen zu greifen. Das ist

gefährlich. Wer unsicher ist, wessen

Weltbild tief erschüttert ist, der macht

Dinge, mit denen niemand vorher rechnet.

Die globale Unsicherheit ist diesmal

viel größer als ich das jemals vorher in

meinen 35 Berufsjahren erlebt habe.

Es kommt einfach zu vieles zusammen.

Die USA, die keinen Ausweg aus der

Stagnation finden und deswegen jede

noch so kleine Wachstumsrate wie im

dritten Quartal dieses Jahres bejubeln. Japan,

das nach den Natur- und von Menschenhand

begünstigten Katastrophen

zu Beginn dieses Jahres weder politisch

noch wirtschaftlich auf die Füße kommt,

und Europa, das sich als vollkommen unfähig

zeigt, mit seinen Problemen vernunftgetrieben

umzugehen.

Nimmt man hinzu, dass in allen diesen

Regionen die Einkommen des durchschnittlichen

Bürgers seit Jahren nicht

mehr gestiegen sind, ist es nicht verwunderlich,

dass jeder seine Groschen zusammenhält

und versucht, irgendwie

über die Runden zu kommen. Wenn

dann noch, wie schon lange in Deutschland,

aber jetzt auch in Frankreich,

Italien und anderen Ländern der Währungsunion,

von den regierenden Politikern

Gürtel-enger-Schnallen in emotionalen

Appellen als einziger Weg aus der

Misere verordnet wird, ist das die Ur-Suppe,

aus der ganz große Krisen entstehen.

Beispiel Deutschland. Während sich

die regierenden Politiker Tag und Nacht

mit dem lächerlich kleinen Griechenland

abmühen, haben sie die »Kleinigkeit«

übersehen, dass ihr eigenes Land in

eine Rezession gerät. Der wichtigste Indikator,

die Auftragseingänge in der deutschen

Industrie, sind im September regelrecht

abgestürzt. Das zeigt, wie anfällig

das Land ist, von dem viele behauptet

haben, es würde nun, gestützt auf seine

Inlandsnachfrage, auf einen langen und

stabilen Aufschwung vertrauen können.

Das ist bitter, zum einen, weil Europas

Oberlehrer nun in der Gefahr ist, selbst

sitzenzubleiben, es ist aber vor allem bitter,

weil damit Deutschland die Nachwirkungen

seiner eigenen Rezepte zu

spüren bekommt. Weil alle anderen Länder,

auch auf Druck Deutschlands, kräftig

sparen, kaufen sie natürlich weniger

AUS GENFER SICHT

Am

Abgrund

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

im Ausland ein und treffen so die deutschen

Ausfuhren.

Wenn aber in Deutschland der Exportmotor

nicht mehr brummt, wie will man

aus einer solchen Rezession wieder herausfinden,

wenn alle Welt spart? Ist jemand

noch so naiv zu glauben, die deutschen

Unternehmen, die in der Tat in

Geld schwimmen, würden bei sich abschwächender

Konjunktur neue Investitionen

in einem Maße auslösen, dass damit

die Nachfrageschwäche der übrigen

Sektoren ausgeglichen werden könnte?

Nein, wenn die Politik in Deutschland

nicht bald begreift, dass man sich aus einer

globalen Konjunkturschwäche nicht

heraussparen kann, dann werden wir in

einer tiefen Rezession enden. Diesen einfachen

Zusammenhang anzuerkennen,

ist aber in Deutschland aus ideologischen

Gründen verboten. In den USA

fragte mich kürzlich ein Kollege in sehr

gutem Deutsch, wie es sein könne, dass

in Deutschland nicht nur die Politik, sondern

auch 90 Prozent der Medien den

»Sparunsinn«, wie er es nannte, verbreiten

könnten. So gleichgeschaltet könnten

die Medien doch gar nicht sein, dass

man andere Meinungen über das Sparen,

die im Rest der Welt breit diskutiert würden,

in Germany lange suchen müsste.

Stattdessen feiert man die niedrigsten

Zinsen, die der Staat je für seine Anleihen

zahlen musste. Was ist denn das Sig-

nal, das in diesen Zinsen steckt? Wenn

die Nachfrage nach einem Produkt hoch

ist, und nichts anderes bedeuten niedrige

Zinsen (weil dies ausdrückt, dass der

Preis der Anleihen hoch ist), würde jeder

vernünftige Unternehmer mehr davon

produzieren. Aber selbst dieser einfache

und absolut marktkonforme Zusammenhang

wird ignoriert.

So gehen wir in dunkle Zeiten. Ohne

Not und nur basierend auf schlichter

Ideologie wird Europa an den Abgrund

geführt. Es vergeht kein Tag, an dem

nicht mit neuen Gerüchten und Vorwürfen,

die zuletzt in der »Aufforderung« an

Griechenland gipfelten, den Euroraum

zu verlassen, dafür gesorgt wird, dass der

Prozess der Deintegration, der sich ohne

solche »Einflussnahme« über Jahre hinziehen

könnte, sich rasant beschleunigt.

Was sollen Menschen in Südeuropa oder

in Irland tun, wenn sie Tag für Tag von

den mächtigen Deutschen hören, wie

schlecht ihre Regierungen sind, wie kaputt

ihr System ist und wie wenig Chancen

sie auf eine dauerhafte Bleibe in der

europäischen Gemeinschaft haben?

Sie tun, was jeder tun würde, solange

noch Zeit dafür ist. Sie ziehen ihr Geld

aus dem heimischen Bankensystem ab

und legen es in Deutschland oder der

Schweiz an, selbst wenn sie keine Zinsen

bekommen. In Irland hat es ein irischer

Ökonom auf die schöne Formel gebracht:

Wer will schon eines Tages aufwachen

und feststellen, dass das Geld auf seinem

Konto sich halbiert hat, weil es nicht

mehr Euro, sondern Drachme heißt.

Das beschreibt nichts anderes als die

Gefahr eines Bankruns, einer Situation,

wo jeder innerhalb kürzester Zeit versucht,

sein Geld zu sichern und es deswegen

nicht möglich ist. Noch vollzieht sich

das schleichend, aber das macht es nicht

besser. Wenn die Banken in Südeuropa

plötzlich ohne Einlagen dastehen, können

sie keine Kredite mehr vergeben und

verlieren die Geschäftsgrundlage. Das

aber kann jederzeit eskalieren und ganze

Bankensysteme innerhalb von Wochen

oder gar Tagen zur Implosion bringen.

Was tun? Wenn die Politik weiter stur

bleibt, gibt es für die Menschen nur noch

die Möglichkeit, ihre Frustration auf der

Straße zum Ausdruck zu bringen. Was

wir auf vielen Plätzen und Straßen weltweit

schon sehen, wird vielleicht der Beginn

einer Massenbewegung der Empörten

werden, die nicht mehr hinnehmen

wollen, dass ihre eigene und die Zukunft

ihrer Kinder aufs Spiel gesetzt wird. &

Foto: Torsten George

30

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


BERICHT

Fotos: H. Lachmann

Schon kommen die nächsten Karossen

an der elektrischen Hängebahn

durch die Leipziger Halle geschwebt.

Wer sich mit Porsche auskennt,

stutzt: Gleich zwei Modelle hängen am

selben Band von der Decke herab – der

Geländewagen Cayenne und der schnittige

Oberklasseflitzer Panamera.

Die Schiene senkt sich schließlich auf

Bodenniveau herab, so dass die Monteure

problemlos an die Chassis herankommen.

Die Männer in den roten Latzhosen

und weißen T-Shirts packen routiniert

zu. Worte fallen fast gar nicht: Man hat

hurtig zu tun, kennt seine Aufgabe. Die

Handgriffe sitzen, sind tausendmal wiederholt.

Alles wirkt wie durchgeplant

und von Geisterhand gesteuert.

»Ein minutiöser Zeit- und Ablaufplan

ist das Rückgrat unseres Produktionssystems«,

versichert der frühere Porsche-

Chef und heutige VW-Vorstand Michael

Macht und fügt nicht minder stolz hinzu:

Auf die sächsischen Montageteams

könne man sich absolut verlassen. Seit in

Leipzig im April 2009 der Panamera in

Serie ging, arbeite hier die modernste

Automobilfabrik der Welt.

Ein Qualitätssiegel, dass Porsche

womöglich zu weiteren Engagements in

Leipzig veranlasst. Erst kürzlich erhielt

das sächsische Werk den Zuschlag für

den kleinen Geländewagen Cajun, dessen

Produktion noch 2011 beginnen soll.

Hartnäckig hält sich auch das Gerücht,

die neue Generation des Panamera könne

komplett in Leipzig entstehen. Bisher

schrauben hier die 680 Monteure Tag für

Tag 280 Cayenne und 100 Panamera aus

Teilen und Baugruppen zusammen, die

aus Stuttgart, Bratislava und Hannover

angeliefert werden.

MILLIONEN FÜR KAROSSERIEBAU

Doch mittlerweile kommt Porsche mit

der Montage des Cayenne nicht mehr

nach. Wie der Leipziger Werkleiter Siegfried

Bülow unlängst mitteilte, werde die

Tagesproduktion von derzeit 420 Fahrzeugen

schrittweise angehoben. Zudem

prüfe man die Einführung einer dritten

Schicht. Auch hundert neue Monteure

sollen eingestellt werden. Die feste Belegschaft

stiege damit auf 800.

Überdies investiert das Mutterhaus

für den Cajun nun erstmals auch in Karosseriebau

und Lackierung in Leipzig.

500 Millionen Euro stehen dafür bereit.

Es ist das größte Bauprojekt in der Unternehmensgeschichte.

Auf 17 Hektar des

Geländes im Leipziger Norden entsteht

überdies ein Versorgungszentrum. Damit

wird die Fertigungsstätte zum Vollwerk

ausgebaut – und Leipzig im Konzern

noch wichtiger.

Autoland Sachsen

Werkbank im Wandel

Mit Millionen-Investitionen werten die Fahrzeughersteller Porsche,

Volkswagen, BMW und MAN ihre Werke in Sachsen auf, verleihen

diesen den Status vollwertiger Produktionsstandorte. Hier wird vor

allem montiert, lackiert und geschraubt. Entwicklung und Vertrieb

bleiben weiterhin in den Konzernzentralen im Westen angesiedelt.

Als dies bekannt wurde, gab es vor Ort

»hundertprozentig positive Reaktionen«,

wie Knut Lofski, Betriebsratschef des

sächsischen Werks, sagt. Der Zuschlag

für Leipzig sei geradezu »genial«, denn er

bedeute auch viele Neueinstellungen.

Werkleiter Bülow beobachtet bereits einen

Trend, »dass unter diesen Perspektiven

auch viele abgewanderte Sachsen

zurück in die Heimat wollen«. Alles in allem

ist dank des Porsche Cajun von 1.000

neuen Jobs die Rede. 2013 soll das neue

Modell vom Band rollen. Was bewegt die

süddeutsche Nobelmarke zu diesem Engagement

in Leipzig? Als Motiv für die

Vergabe des Cajun gilt vor allem eine »besonders

hohe Flexibilität und Produktivität«

am Standort Ost.

Derweil wird es in der pieksauberen

Leipziger Montagehalle feierlich: Die

Hochzeit steht an. So nennen es die Autobauer,

wenn sie den Wagenaufbau mit

Fahrwerk und Antriebsstrang verbandeln.

Schon schwebt die Karosserie heran,

gewissermaßen die Braut. Die Männer

kümmern sich derweil um die »Mitgift«:

das anspruchsvolle Interieur des

luxuriösen Viertürers.

Zur Grundsteinlegung des Erweiterungsbaus

Ende Oktober war auch Sachsens

Ministerpräsident Stanislaw Tillich

(CDU) erschienen. Stolz informierte er,

dass die Automobilindustrie mit über

70.000 Beschäftigten in 750 Betrieben

heute wieder eine der wichtigsten Branchen

des Freistaates bilde. Und die jüngste

Entscheidung von Porsche eröffne weitere

Wachstumschancen.

Auch für Leipzigs Oberbürgermeister

Burkhard Jung (SPD) habe Porsche den

Industriestandort Leipzig »wachgeküsst«,

nachdem hier 1999 der erste Spatenstich

erfolgt war. Jeder Arbeitsplatz bei dem

Sportwagenbauer ziehe zwei bis drei zusätzliche

Jobs in der Region nach sich.

Überdies entwickelte sich im Windschatten

der Autobranche eine außerordentlich

leistungsstarke Logistik. Sowohl

Leipzig als auch die Landesregierung bekundeten

denn auch, weiterhin ihr Möglichstes

zu tun, um die wirtschaftlichen

Rahmenbedingungen für neue Ansiedlungen

weiterzuentwickeln.

Nach Angaben von Porsche-Chef Matthias

Müller sollen vom Cajun jährlich

50.000 Wagen verkauft werden. Damit

32 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


BERICHT

würde dieser zum wichtigsten Modell

des Sportwagenherstellers neben dem

Cayenne. Deshalb sieht Müller in dem

Ausbau des Leipziger Werks auch einen

bedeutenden Schritt, um die ambitionierten

Wachstumsziele des Unternehmens

zu erreichen. Bis 2018 soll Porsches

Jahresabsatz auf mindestens 200.000 Autos

anwachsen – das ist eine Verdoppelung

der bisherigen Stückzahl.

»HEISSE KARTOFFEL« AN VW-CHEF

Wegen des eingeleiteten Fusionsprozesses

mit Porsche gewinnt der Standort

Sachsen auch im VW-Konzern weiter an

Gewicht. Bei den Investitionen, die Konzernchef

Martin Winterkorn Anfang November

in Leipzig ankündigte, ziehen

die sächsischen Werke fast mit dem

Stammsitz in Wolfsburg gleich. Der 62-

jährige Winterkorn war in der Messestadt

mit dem diesjährigen Wirtschaftsund

Medienpreis »Heiße Kartoffel« geehrt

worden, den der Mitteldeutsche

Presseklub zu Leipzig jährlich an wichtige

Macher in der oder für die Dreiländerregion

vergibt.

Die Investitionen in Sachsen sind Teil

der ehrgeizigen Wachstumsstrategie

Winterkorns. Bis 2018 will er den Konzern

zum erfolgreichsten Autobauer der

Welt puschen. Dafür steckt VW bis 2016

weltweit 62,4 Milliarden Euro in Werke,

neue Modelle und Antriebe. Die Gläserne

Manufaktur in Dresden hat gute Chancen,

den Zuschlag für das ab 2013 geplante

Ein-Liter-Auto XL 1 zu bekommen –

auch wenn sich Winterkorn dazu bislang

noch nicht festlegen wollte. Entschieden

ist dagegen, dass in Zwickau ab 2013 neben

Golf und Passat auch der Golf Kombi

produziert wird. Und in Chemnitz will

VW 2012 die nächste Generation der Vierzylinder-Ottomotoren

in Serie schicken.

Gegenwärtig laufen in Zwickau jährlich

rund 300.000 VW-Fahrzeuge vom

Band. In Chemnitz werden täglich 3.000

bis 3.400 Motoren sowie 4.000 Ausgleichswellengetriebe

produziert. Und

die Gläserne Manufaktur zu Dresden

glänzt mit der VW-Nobelmarke Phaeton.

Das Luxusmodell erlebt gerade in China

einen enormen Nachfrageboom.

Indes entspringt Porsches Engagement

in Sachsen nicht reiner Nächstenliebe.

Der Sportwagenbauer kalkuliert

bei seinen mittlerweile 1,2 Milliarden

Euro an Investitionen im Osten auch mit

den hier nach wie vor geringeren Löhnen.

Unterm Strich trägt ein Montagearbeiter

am Band in Leipzig trotz solider tariflicher

Absicherung noch immer gut

ein Drittel weniger in der Lohntüte heim

als sein Kollege in Stuttgart-Zuffenhausen

– im Grunde für dieselbe Arbeit.

WELTNIVEAU: Die Werke in Sachsen sind

das Nonplusultra im Automobilbau.

Gleiches trifft auf BMW zu. Der Münchener

Konzern betreibt nur eine Autobahnabfahrt

weiter im Leipziger Norden

sein größtes außerbayrisches Werk. Kürzlich

war hier Richtfest für ein nagelneues

Kompetenzzentrum, in dem BMW seine

Aktivitäten in Sachen Elektrofahrzeuge

bündeln will. Vier große Montagehallen

befinden sich im Bau. Dank dem 400-Millionen-Projekt

soll 2013 die Serienfertigung

für die Elektroautos BMW i3 und

BMW i8 starten. Die Hallen sind dabei so

angeordnet, dass die Bereiche für die

Formung der Karbonteile, den Karosseriebau

und die Montage zunächst auf

separaten Bändern laufen, ehe sie zur finalen

Montage mit dem Hauptband zusammengeführt

werden.

Für BMW-Produktionsvorstand Frank-

Peter Arndt ist das Leipziger Werk »die

Speerspitze der Elektromobilität für

BMW und wird das auch bleiben«. Werde

alles ausgereizt, habe das Werk eine Maximalkapazität

von 200.000 Autos jährlich.

2011 liege es »nur knapp darunter«.

Danach befragt, weshalb BMW die

e-Car-Schiene in Leipzig aufziehe, sagt

Arndt, es gebe hier »eine hochqualifizierte

und hoch motivierte Mannschaft, eine

gute Infrastruktur und ausreichend

Platz«. Die meisten anderen Standorte

verfügten schlicht nicht über die notwendigen

Flächenreserven, um bei wachsender

Nachfrage auf zusätzlichen Kapazitätsbedarf

reagieren zu können.

Im Übrigen stehen die Chancen gut,

dass jenes BMW-Engagement im e-Car-

Segment bald schon einen neuen Technologie-Investor

anlockt. SB LiMotive, das

Batterie-Joint-Venture von Bosch und

dem südkoreanischen Elektronikkonzern

Samsung, das den bayerischen Autohersteller

ab 2013 mit Batterien beliefern

soll, fahndet derzeit nach einem geeigneten

Standort für eine neue Produktionsstätte.

In diesem Kontext stehen die

Chancen bestens, dass sich SB LiMotive

nebenan von BMW niederlässt. Platz

wäre in Leipzigs Norden noch genug.

IMMER NOCH VERLÄNGERTE WERKBANK?

Neben den Leipziger Werken von Porsche

und BMW bilden vier weitere sächsische

Standorte unverzichtbare Kettenglieder

im internationalen Automobilbau. Dazu

gehört das Neoplan-Werk des Münchener

MAN-Konzerns im vogtländischen

Plauen. Hier waren vor kurzem erst die

sprichwörtlichen drei Hammerschläge

zu vernehmen – für den Bau eines neues

Logistikzentrums, mit dem MAN den

Ausbau dieses Standorts einleitete. Bis

Ende 2013 sollen insgesamt 19 Millionen

Euro in Erweiterung und Modernisierung

der Fertigungsstätte fließen. Plauen

dürfte damit zu einem der modernsten

Bus-Werke in Europa aufsteigen. Geplant

sind eine neue Lackiererei und

eine weitere Montagehalle.

Bekanntlich produziert auch der

Wolfsburger Autoriese Volkswagen mit

erheblichen Kapazitäten in Sachsen. In

Zwickau, in Chemnitz und in Dresden.

Bei allem Jubelgesang über die Renaissance

des Automobilbaus in Sachsen, das

als Autoland auf eine lange Tradition verweisen

kann, ist nicht zu übersehen, dass

Sachsen auch beim Automobilbau mehr

oder minder nur eine verlängerte Werkbank

des Westens ist.

An konkreten Zahlen kann das Andreas

Wächtler, Projektkoordinator für den Automobilzulieferer-Bereich

bei der Beratungs-

und Förderagentur RKW Sachsen,

festmachen. Sachsen leiste sich vier

Universitäten, darunter die drei Technischen

in Chemnitz, Dresden und Freiberg,

überdies vier weitere Technische

Hochschulen, 15 Fraunhofer-, sieben

Leibniz- und sechs Max-Planck-Institute.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11

33


BERICHT

Hinzu kämen 290 Systemlieferanten für

den Automotivebereich – doch von denen

besäßen nur 172 wirklich sächsische

Wurzeln, bedauert er. Bei den anderen

handele es sich um »verlängerte Werkbänke«,

so dass hier keine Produktentwicklung

stattfinde.

Es gebe zwar viele Investitionen und

Auftragsvergaben großer Automotive-

Konzerne an sächsische Forschungseinrichtungen,

beobachtet Wächtler. Doch

kämen diese dem Freistaat nicht zugute,

schadeten sogar sächsischen Firmen.

Denn die wissenschaftlichen Ergebnisse

flössen direkt in die Mutterhäuser, stärkten

somit die auswärtige Konkurrenz.

Trotzdem könnte auch im Freistaat

von unten langsam eine eigene wissenschaftlich-technische

Basis heranwachsen.

Nach Aussage von RKW-Geschäftsführer

Helmut Müller initiierte und begleitete

die Verbundinitiative Automobilzulieferer

Sachsen (AMZ) seit dem Jahr

1999 unter anderem insgesamt 277 Forschungs-

und Entwicklungsprojekte, an

FLITZER: Studenten kreieren Rennautos.

denen sich 1.048 sächsische Branchenunternehmen

beteiligten.

Auch die studentischen Automobiltüftlerteams

in Chemnitz, Dresden, Freiberg

sowie der Westsächsischen Hochschule

Zwickau nehmen jährlich mit in

Eigenregie entwickelten und gebauten

innovativen Fahrzeugen sowie wachsender

Resonanz an den internationalen

Wettbewerben in der Klasse Formula Students

teil. Das Racetech-Racing-Team der

Technischen Universität (TU) Bergakademie

Freiberg kreierte beispielsweise in

diesem Jahr den brandneuen Mini-Rennflitzer

RT05, das Team Elbflorace von der

TU Dresden präsentierte den erstmals

rein elektrisch angetriebenen »Areos«. Es

war schon der vierte Prototyp aus der

Tüftlerwerkstatt an der Elbe, der auch

international sehr viel Aufmerksamkeit

und Anerkennung erfuhr.

Was auf den ersten Blick beispielhaft

und förderwürdig erscheint, hat wie bei

vielen bemerkenswerten Initiativen und

Engagements auch eine zweite Seite der

Medaille: Zum Großteil gesponsert werden

diese studentischen Projekte beispielsweise

von BMW und Volkswagen.

Die großen Automobilkonzerne bieten

dem begabten Ingenieursnachwuchs oft

Diplomarbeiten an, lassen ihn in den Firmen

Praktika absolvieren – und ziehen

die jungen Tüftler nach dem Studium in

Sachsen in die bayrischen, schwäbischen

oder niedersächsischen Gefilde ab.

Harald Lachmann

&

Foto: Audi AG

In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten

hat die Automobilindustrie in Sachsen

eine Renaissance erfahren. Aktuelle Spitzenmodelle

der großen Hersteller BMW,

Porsche und Volkswagen rollen in den

neuen Fabriken in Leipzig, Zwickau und

Dresden vom Band. Automobilbau auf

höchstem Niveau.

Die in westdeutschen Landen angesiedelten

Fahrzeugkonzerne haben sich nach

der Wende in der DDR nicht von ungefähr

des Produktionsstandorts Sachsen besonnen.

Kaum ein anderes Bundesland

AM FICHTELBERG: Audi K von 1921.

AUTOLAND SACHSEN

Zwischen Tradition und Aufbruch

Der Automobilbau im Freistaat Sachsen hat in den zurückliegenden mehr als 100 Jahren Höhen und Tiefen erlebt.

Ein aktuell erschienener Bildband erinnert an den Pioniergeist in der Branche und »Sachsens schönste Autos«.

kann auf eine so lange Tradition und Produktionskultur

im Automobilbau zurückblicken

wie Sachsen. Seit mehr als

100 Jahren ist dieser in Deutschland

bedeutendste Industriezweig zwischen

Zwickau und Leipzig angesiedelt.

Im sich zu Ende neigenden 19. Jahrhundert

rollten auf sächsischen Straßen die

ersten Dampfmobile, die von dem Chemnitzer

Techniker Hermann Michaelis entwickelt

und gebaut wurden. Zu Beginn

der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts

erlebte ebenfalls Chemnitz die Gründung

des Unternehmens Auto Union. Die damals

bereits verwendeten vier verschlungenen

Ringe sind heute Markenzeichen

des Ingolstädter Audi-Konzerns.

In der Stadt des Autopioniers August

Horch in Zwickau wurde 1957 der erste

Trabant montiert, der sich in den folgenden

Jahrzehnten zu dem Auto der DDR

schlechthin und inzwischen zum Kultfahrzeug

entwickelte. Er ging in die

Automobilgeschichte ein, weil der

Wagen komplett mit einer Kunststoff-

Karosserie gefertigt wurde. Bis 1991 rollten

ingesamt über drei Millionen Trabant

in Zwickau vom Montageband.

Die facettenreiche und wechselvolle Geschichte

des Automobilbaus in Sachsen

ist jetzt in einem mit sehr vielen historischen

Bildern illustrierten Bildband

unterhaltsam dokumentiert. Das vom

Verlag Neues Berlin aufgelegte Buch

»Sachsens schönste Autos« spannt einen

historischen Bogen von den Anfängen

bis in die heutigen Tage. Die gezeigten

Automobile, manche nur als Einzelstück

gefertig, andere in Großserie, manche

nie, zeichnen ein spektakuläres wie alltägliches

Bild des Autolands Sachsen.

Dort ist die Automobilindustrie längst

zum Motor des verarbeitenden Gewerbes

geworden. Die über 70.000 Beschäftigten

in der Branche schreiben die glorreiche

Geschichte des sächsischen Automobilbaus

heute fort.

INA REICHEL

Sachsens schönste Autos

Verlag Neues Leben, Berlin, 2011

223 Seiten, 29,95 Euro

ISBN 978-3-355-01790-9

34 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


Wirtschaft&Markt

SONDERHEFT GESUNDHEITSWIRTSCHAFT BERLIN-BRANDENBURG

EXTRA

TELEMEDIZIN

Netzwerk für mehr

Lebensqualität

BILDUNGSREISE

Schulen und Akademien

im Porträt

Aus- und Weiterbildung

Fachkräfte für

heute und morgen

Foto: ZukunftsAgentur Brandenburg


Fotos: PictureDisk, ZukunftsAgentur Brandenburg

Gesundheitsland Berlin-Brandenburg

Gerät der Wachstumsmotor

ins Stottern?

Die Gesundheitsbranche boomt. Was langfristig fehlt, sind qualifizierte Mitarbeiter. Wirtschaft,

Politik und Sozialträger sind gefragt, damit die Region 2030 nicht am Fachkräftemangel kollabiert.

Die Gesundheitswirtschaft blickt

positiv in die Zukunft. Dynamisch,

geprägt von technischem

Fortschritt, individualisierter Versorgung

und höherer Lebenserwartung

steht die Wachstumsbranche gleichzeitig

unter Kosten- und Wettbewerbsdruck.

2008 war bundesweit jeder zehnte Arbeitnehmer

in der Gesundheitswirtschaft

beschäftigt, über 80 Prozent allein

in den besonders personalintensiven

ambulanten und (teil)stationären Einrichtungen.

Der Rest verteilt sich auf

Pharmaindustrie, Medizintechnik, Verwaltung

und sonstige Bereiche.

Berlin und Brandenburg wollen dabei

an die Spitze. Hier soll das innovativste

und leistungsstärkste gesundheitswirtschaftliche

Zentrum der Bundesrepublik

entstehen. Und die beiden Länder sind

auf einem guten Weg: Mehr als 350.000

Beschäftigte, 134.000 in Brandenburg

und 226.000 in Berlin, erwirtschafteten

2009 eine Bruttowertschöpfung von

rund 13,57 Milliarden Euro.

Die ZukunftsAgentur Brandenburg

GmbH (ZAB), einer der drei Partner des

mit dem Masterplan gegründeten Gesundheitsnetzwerkes,

sieht in der Hauptstadtregion

eine einzigartige Forschungsdichte

der Life-Sciences-Industrie.

180 Biotech-, 270 Medizintechniksowie

25 Pharma-Unternehmen schaffen

15.000 hochmoderne Arbeitsplätze. Hinzu

kommen zahlreiche weitere Firmengründungen.

KRANKHEITSSYMPTOM: FACHKRÄFTE

Doch schon zeichnen sich dunkle Wolken

am Horizont der Wachstumsbranche

ab. Bei der jüngsten Umfrage der DIHK

im Frühsommer 2011 bewerteten zwei

Drittel der beschäftigungsintensiven Gesundheits-

und sozialen Dienste den dro-

henden Fachkräftemangel als entscheidendes

Risiko, das den Wachstumsmotor

ins Stocken geraten lassen könnte.

Die Gründe liegen auf der Hand: Medizinisch-technischer

Fortschritt, der höhere

Qualifikation verlangt, Abwanderung

ausgebildeten Personals und Überalterung

der Gesellschaft im Verbund

mit zunehmenden chronischen Erkrankungen.

Das alles generiert eine steigende

Nachfrage an qualifizierten Fachkräften.

Eine jüngst von der Bertelsmann-Stiftung

veröffentlichte Studie weist Berlin

und Brandenburg hinsichtlich der Altersstruktur

ihrer Einwohner sogar einen

traurigen Spitzenplatz zu. Bis 2030 wird

die Zahl der über 80-Jährigen hier um

über 90 Prozent steigen. Und nicht nur

die Patienten werden älter, auch die Beschäftigten

der Gesundheitsbranche. In

den personalintensiven Bereichen muss

36 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


GESUNDHEITSWIRTSCHAFT BERLIN-BRANDENBURG

schon jetzt der altersbedingte Ersatzbedarf

berücksichtigt werden. Mit im

Durchschnitt jüngeren Mitarbeitern

blicken Medizintechnik und Pharmabranche

gelassener in die Zukunft. Doch

ohne gut ausgebildete, bestens qualifizierte

und motivierte Mitarbeiter wird es

auch für sie schwer, sich im internationalen

Wettbewerb durchzusetzen.

15.000 Studierende in den 88 Gesundheitsstudiengängen

in Berlin-Brandenburg

und 30.000 Auszubildende in einem

der 60 staatlich anerkannten Gesundheitsberufe

decken langfristig nicht

den Bedarf.

Innovative Denkansätze und die Loslösung

von herkömmlichen Strukturen

sind gefragt. Nicht neu, aber immer noch

aktuell: die bessere Vereinbarkeit von Familie

und Beruf, die verstärkte Beschäftigung

älterer Fachkräfte, schnellere Anerkennung

ausländischer Abschlüsse

und eine sinnvoll gesteuerte Zuwanderung.

BETRIEBE MÜSSEN AUSBILDEN

Darin sind sich alle Akteure mit der Politik

zumindest teilweise einig. Ende Juni

verständigten sich Berlin und Brandenburg

für die Altenpflege darauf, ihre

Maßnahmen zur Fachkräftesicherung zu

verstärken. In Berlin kündigte Berlins

damalige Arbeitssenatorin Carola Bluhm

intensive Gespräche mit Pflegeverbänden

und Betrieben über Tarifbindung,

Bezahlung, Arbeitsbedingungen und

Einhaltung des Mindestlohns an und forderte:

»Wir brauchen bessere Ausbildungsangebote«.

Viele Betriebe verzichteten lange Zeit

auf eigene Ausbildung. Sie sahen den

Fachkräftemangel nicht rechtzeitig heraufziehen,

die rechtlichen Einschränkungen

schienen ebenso wie der zeitliche

oder finanzielle Aufwand für die

Ausbildung zu hoch. Eine fatale Fehlentscheidung,

wie sich nun zeigt.

Auch Bluhms Brandenburger Kollege

Günter Baaske sieht die Verantwortung

für eine bessere Ausbildung von Nachwuchskräften

bei den Betrieben: »Politik,

Sozialpartner und Verbände können betriebliche

Defizite in der Personalarbeit

nur mildern« erklärte er. Schlüssel zum

Erfolg liegen für ihn in der Schaffung

von mehr Vollzeitstellen, besonders für

Frauen, in der Fortbildung sowie in einem

Gesundheitsmanagement für die

Beschäftigten.

Ein Weg in die richtige Richtung.

Doch Defizite sehen viele in der Branche

auch bei den Auszubildenden selbst.

Magdalena Rösch, Bereichsleiterin an

der Gesundheitsakademie der Charité,

beklagt den Mangel an Basiskompetenzen

wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit

und Rechtschreibung. Die Noten in

Deutsch und naturwissenschaftlichen

Fächern entsprächen nur teilweise den

Anforderungen. Auch eine 2010 von

PriceWaterhouseCooper veröffentlichte

Studie verdeutlicht das Missverhältnis

auf dem Arbeitsmarkt. Ursachen für den

Fachkräftemangel in der Gesundheitswirtschaft

seien auch in der mangelnden

Qualität sowie in der geringen Motivation

und Mobilität der Arbeitnehmer zu

finden.

AN EINEM STRANG

Was also tun? Im November 2011 startete

die ZukunftsAgentur Brandenburg in Zusammenarbeit

mit dem Brandenburger

Wirtschaftsministerium Regionalkonferenzen

zum Thema »Unternehmen

macht Schule«.

»Wirtschaftsförderung ist Teamwork.

Die ZAB steht bereit.« begründet Dr. Steffen

Kammradt, Sprecher der Geschäftsführung,

das Engagement. Auch das Gesundheitsnetzwerk

HealthCapital, die Industrie-

und Handelskammern Berlin

und Potsdam sowie die Urania sind aktiv.

Im März 2012 laden sie bereits zur vierten

Karriere- und Qualifikationsmesse

»Gesundheit als Beruf« nach Berlin ein

und geben Einblick in Ausbildung, Studium,

Weiterbildung sowie Berufschancen

und Berufsbilder. Die sind in

der Tat vielfältig, wie ein Blick in den von

HealthCapital veröffentlichten »Ausbildungs-

und Studienatlas« der Region

AUS- und Weiterbildung ist im Interesse der

Patienten und der eigenen Karriere.

zeigt. Aufgeführt sind alle Ausbildungsund

Studiengänge sowie die Ausbildungsinstitutionen

– mehr Transparenz

geht fast nicht.

Auch vom akademischen Nachwuchs

gibt es Positives zu vermelden: Jährlich

verlassen rund 3.000 Absolventen Life-

Sciences-Studiengänge und angrenzende

Fachgebiete an den Berliner und Brandenburger

Universitäten. Unternehmen

können so aus einem exzellenten Pool an

qualifiziertem Fachpersonal und Nachwuchswissenschaftlern

schöpfen.

Entscheidend ist, dass sie in der Region

gehalten werden. 2008 entschieden

sich 3.065 Mediziner, Deutschland zu

verlassen. Das Flächenland Brandenburg

beklagt einen großen Mangel an medizinischen

Fachkräften. Mit einer finanziellen

Spritze für Ärzte soll dem entgegen

gewirkt werden. In den letzten vier Jahren

flossen insgesamt über 650.000 Euro

in die Förderung zur Ansiedelung von

Praxen in den unterversorgten Regionen.

ENGAGEMENT UND IDEEN GEFRAGT

Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg

und die Krankenkassen locken

mit bis zu 50.000 Euro je Niederlassung.

Finanzielle Anreize sind das eine, doch

immer noch fehlen 123 Ärzte auf dem

Land. Lösungen, bei denen die Telemedizin

eine große Rolle spielt, sind die

zukunftsweisende Antwort. Und sie sind

bereits vorhanden: Im September startete

zum Beispiel mit dem Carl-Thiem-

Klinikum Cottbus und dem Städtischen

Klinikum Brandenburg/Havel das erste

flächendeckende Netzwerk zur Versorgung

von kardiologischen Hochrisikopatienten.

Auch Brandenburgs Gesundheitsministerin

Anita Tack ist überzeugt, dass

es bereits viele innovative Modelle gibt.

»Für Brandenburg ist es existentiell,

Fachkräfte zu halten und zu gewinnen«

erklärt sie. Damit es noch mehr werden,

startete Ende Oktober der gemeinsam

von Wirtschafts- und Gesundheitsministerium

ausgelobte Ideenwettbewerb

»ProVIEL«. Gesucht werden bis Februar

2012 innovative und marktgerechte Gesundheitsdienste

kleiner und mittelständischer

Unternehmen, die mit Krankenhäusern,

Reha-Kliniken oder Ärzten die

Patientenversorgung verbessern, den

Ressourceneinsatz optimieren und die

Gesundheitskosten senken.

Es gibt sie also, die Lösungsansätze.

Wenn dann noch die Rahmenbedingungen

stimmen und alle Akteure an einem

Strang ziehen, wird der Wachstumsmotor

Gesundheitswirtschaft in der Region

Berlin-Brandenburg nicht besorgniserregend

ins Stottern geraten.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 37


W&M-EXTRA

Demografischer Wandel und die Folgen

Attraktive Bedingungen schaffen

Anita Tack (Die LINKE), Ministerin für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz

des Landes Brandenburg, über die Fachkräftesituation in der Gesundheitsbranche

W&M: Frau Ministerin, Brandenburg und

Berlin wollen sich an die Spitze der Gesundheitsregionen

setzen. Was kann die Politik

tun, um den Fachkräftebedarf zu decken?

TACK: Das Thema Fachkräfte nimmt im

Masterplan »Gesundheitsregion Berlin-

Brandenburg« einen wichtigen Platz ein.

Und die »Beschäftigtenstrukturanalyse

der Berlin-Brandenburger Gesundheitswirtschaft«

– sie wurde von HealthCapital

und der LASA Brandenburg GmbH im

vergangenem Jahr veröffentlicht – zeigt

uns genau den zukünftigen Bedarf an

Fachkräften auf, insbesondere im Bereich

Pflege. Die Ergebnisse und die

Handlungsempfehlungen sind fester Bestandteil

unserer Arbeit. Wir haben zudem

ein ganzes Bündel von Maßnahmen

ergriffen, um Ärzten attraktive Bedingungen

in Brandenburg zu bieten: Von

gemeinsamen Veranstaltungen mit der

Charité, in denen wir Medizinstudierende

für Brandenburg interessieren wollen,

über Weiterbildungspakete »aus einer

Hand« für künftige Hausärzte sowie

Sicherstellungszuschläge, Umsatzgarantien

und zukunftsweisende Unterstützungsmodelle

(AGNES und AGNES zwei)

bis hin zu unserem gemeinsamen Webportal

www.arzt-in-brandenburg.de, das

alles Wissenswerte schnell und kompetent

zur Verfügung stellt. Verweisen

möchte ich auch auf den aktuellen

Ideenwettbewerb ProVIEL. Das Wirtschafts-

und das Gesundheitsministerium

des Landes Brandenburg haben gemeinsam

Ende Oktober einen Ideenwettbewerb

ausgelobt, in dem innovative

Dienstleistungen zur ambulanten und

stationären Patientenversorgung unter

Einsatz neuester Technologien gesucht

werden. Die Zusammenarbeit von Ärzten,

den Pflegeberufen und den anderen

Gesundheitsfachberufen muss sich weiter

verbessern. In einem System integrierter

Versorgung werden sich innovative

Dienstleistungen positiv auswirken.

W&M: Wie stellen sich die Brandenburger Gesundheitsunternehmen

den Herausforderungen

des demografischen Wandels?

TACK: Hier gibt es regionale Unterschiede.

Und leider ist das Problembewusstsein

dafür auch sehr unterschiedlich entwickelt.

So ist der Pflegekräfte- und Ärztemangel

in vielen ländlichen Regionen

schon heute ein Thema. Wenn Unternehmen

selbst betroffen sind, wenn sie zum

Beispiel einen hohen Anteil älterer Mitarbeiter

haben oder vergeblich nach Azubis

suchen, erst dann machen sie sich

darüber Gedanken. Hier brauchen wir

ein Umdenken. Infolge der Alterung der

Belegschaften werden die Unternehmen

zukünftig verstärkt auch ältere Mitarbeiter

beschäftigen und sich um den Ersatz

für ausscheidende Mitarbeiter stärker

bemühen müssen. Ansätze hierzu gibt es

bereits, so Maßnahmen, die die Arbeitsbelastung

vermindern helfen oder dazu

beitragen, dass Beschäftigte länger leistungsfähig

bleiben, aber auch Anstrengungen

zur besseren Vereinbarkeit von

Familie und Beruf. Best practice Modelle

werden kommuniziert und nachgefragt.

W&M: In welchen Berufen und Branchensegmenten

rechnen Sie mit dem größten Bedarf

an qualifiziertem Personal?

TACK: In keiner anderen Branche Berlin-

Brandenburgs wird der aktuelle und der

zu erwartende Fachkräftebedarf so hoch

ausfallen wie in der Gesundheitswirtschaft.

Die Zahl der Beschäftigten wird

in den Krankenhäusern, den Einrichtungen

des Sozialwesens, den Praxen und

auch in Forschung und Entwicklung steigen.

Gerade als Gesundheitsministerin

gilt mein Augenmerk natürlich der Sicherstellung

der gesundheitlichen Versorgung,

der ich mich verpflichtet sehe.

W&M: Was macht für junge Leute eine Karriere

in der Gesundheitsbranche attraktiv?

TACK: Wer hier einsteigt, setzt eigentlich

auf eine sichere Bank, denn die Gesundheitswirtschaft

ist weniger konjunkturabhängig

als andere Branchen. Die Nachfrage

nach Arbeitskräften ist groß und

wird weiter steigen. Und durch den

wachsenden Wettbewerb um die zukünftig

zur Verfügung stehenden Beschäftigten

werden sich auch die Rahmenbedingungen

in der Branche verbessern.

W&M: Welche Bedeutung hat die Gesundheitswirtschaft

für den gesamten Arbeitsmarkt

in Brandenburg?

TACK: Die Gesundheitswirtschaft ist für

die Entwicklung des Berlin-Brandenburger

Arbeitsmarkts von herausragender

Bedeutung. Sie zeichnet sich seit Jahren

durch ein überdurchschnittliches

Wachstum aus und unterliegt, wie bereits

erwähnt, auch deutlich weniger als

andere Wirtschaftszweige konjunkturellen

Schwankungen. Aufgrund des wachsenden

Anteils älterer Menschen an der

Bevölkerung ist eine weitere Zunahme

der Leistungen dieses personalintensiven

Wirtschaftszweiges zu erwarten. Arbeitsmarktstrukturdaten

zeigen: Die Gefahr

ist groß, dass Beschäftigungsmöglichkeiten

mittelfristig ungenutzt bleiben und

die Branchenentwicklung aufgrund fehlenden

Fachpersonals ins Stocken gerät.

Hier müssen alle aktiv zusammenarbeiten,

Betriebe, Gesundheitspolitik, aber

auch Verbände und Netzwerke.

W&M: Ist die Telemedizin geeignet, Engpässe

zu überbrücken, die sich besonders in einem

Flächenland wie Brandenburg auftun?

TACK: Das ist sie in der Tat. Zukünftig

werden Hausärzte ihre Patienten neben

der Sprechstunde auch telemedizinisch

betreuen. Die nicht-ärztlichen Praxisassistentinnen

– wie die aus den AGNES-

Modellprojekten hervorgegangene »Gemeindeschwester«

jetzt bezeichnet wird

– nutzen die digitale Verbindung, um bei

Hausbesuchen gewonnene Daten und Informationen

an den Hausarzt zu übermitteln.

Die Verbesserung der hausärztlichen

Versorgung und die stärkere Vernetzung

zwischen den Krankenhäusern

mittels Telemedizin ist auch ein Standortargument.

So steigt die Attraktivität

Berlin-Brandenburgs als Standort für Medizintechnik,

die internationale Wettbewerbsfähigkeit

wird verbessert.

38 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


GESUNDHEITSWIRTSCHAFT BERLIN-BRANDENBURG

Schulen, Bildungswerke, Akademien

Orte lebenslangen Lernens

Sechzig verschiedene Berufe in den Bereichen Pflege und Therapie, kaufmännische Verwaltung,

Technik und Handwerk sowie Wellness, Tourismus und Handel nennt der von Health Capital

herausgegebene Ausbildungsatlas »Gesundheit in Berlin und Brandenburg«.

Wir stellen fünf von etwa 130 Aus- und Weiterbildungsstätten vor.

PRENZLAU

Auf festen Füßen

Die Medizinische Schule Uckermark

e.V. bildet auch Podologen aus.

Seit 1956 werden in Prenzlau professionelle

Pflegekräfte ausgebildet, zunächst

im klassischen Beruf der Krankenpflege.

Heute ist die Medizinische Schule Uckermark

eine staatlich anerkannte Schule

für Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits-

und Krankenpfleghilfe sowie

Altenpflege.

Und ein weiterer, sehr gefragter medizinischer

Beruf wird dort in zweijähriger

Ausbildung gelehrt: Die Medizinische

Schule Uckermark ist die einzige staatlich

anerkannte Einrichtung im Land

Brandenburg, in der Podologen ausgebildet

werden. Zwei Klassen haben die Schule

gerade absolviert, eine neue gibt es

derzeit nicht. »Leider«, sagt Ilona Thiedig,

die stellvertretende Schulleiterin.

»Es gab Anfragen, aber zu wenige, um die

vorgeschriebene Klassenstärke von mindestens

15 Schülern zu erreichen.« Podologen

werden in der Praxis dringend

benötigt, doch oft scheitert eine Ausbildung

an der Finanzierung. Podologische

Praxen stellen lieber fertig ausgebildete

Mitarbeiter ein, statt sich den Nachwuchs

selbst heranzuziehen. Die Ausbildung

hat einen hohen Theorieanteil, die

Schüler stehen für die praktische Arbeit

im Ausbildungsbetrieb nicht oft zur Verfügung.

»Podologen brauchen umfangreiches

Expertenwissen, zum Beispiel auf orthopädischem

und dermatologischem

Gebiet«, sagt Ilona Thiedig, »Ihr Aufgabenbereich

geht weit über kosmetische

Maßnahmen hinaus. Sie behandeln auf

ärztliches Rezept, beispielsweise die

Fußleiden von Diabetikern oder Nierenpatienten.

Sie fertigen auch selbständig

Orthesen zur Korrektur von Fehlstellungen

an.«

15 Lehrkräfte, durch die Bank Frauen,

bilden derzeit etwa 300 Schüler, die

meisten weiblich, zu Gesundheits- und

Kranken- sowie Altenpflegern aus. Außerdem

gibt es ein anspruchsvolles Fortund

Weiterbildungsprogramm.

Um Enttäuschungen vorzubeugen,

können sich Interessenten bei regelmäßigen

Informationsveranstaltungen ein

detailliertes Bild von ihrem angestrebten

Beruf machen und bei Eignungstests

oder vorschulischen Praktika prüfen lassen.

Und sich selbst genau prüfen – die

Motivation muss für ein langes, oft strapaziöses

Berufsleben reichen.

Alle Absolventen des Jahrgangs 2011

konnten, nach bestandenen Prüfungen,

als examinierte Fachkräfte voll in den Arbeitsprozess

einsteigen.

DIE SCHULE für Gesundheitsberufe Ernst von Bergmann, Potsdam, bildet Pflegefachkräfte aus.

POTSDAM

Gut motiviert

Das Brandenburgische Bildungswerk

für Medizin und Soziales e.V. vermittelt

moderne Handlungskompetenz.

»Wir wollen, dass Sie etwas können,

wenn Sie dürfen oder müssen.« So heißt

der Leitspruch des Brandenburgischen

Bildungswerks für Medizin und Soziales

(BBW) in Potsdam, das zu Beginn der

1990er Jahre aus der Bezirksakademie

des Gesundheits- und Sozialwesens hervorging.

Etwas können: Gemäß der Satzung

wird Berufseinsteigern und -aufsteigern

Handlungskompetenz für den Arbeitsalltag

vermittelt, praxisnah und auf der

Höhe der Zeit. Doch es geht nicht allein

um Fachwissen. Ebenso wichtig ist den

Lehrkräften, dass ihre Schülerinnen und

Schüler sich Tag für Tag aufs neue für

ihre verantwortungsvollen Aufgaben

und ein Leben lang fürs Weiterlernen

motivieren.

Christoph Ritscher, einer der beiden

bestellten Geschäftsführer, sieht eine besondere

Stärke des Bildungswerks in der

engen Verzahnung von Theorie und Praxis.

Er legt Wert darauf, dass die mehr

als 200 Dozentinnen und Dozenten fest

im praktischen Berufsleben verwurzelt

sind: »Da kommt der Notarzt direkt nach

seinem Dienst in die Klasse, um angehende

Rettungsassistenten zu unterrichten.«

Auch in den Fachkabinetten, für Sterilisationsassistenz

oder für Pflege etwa,

wird für den Berufsalltag trainiert. Und

für den Ernstfall. »Im Rettungs-Simulations-Kabinett«,

sagt Ritscher, »wird

nicht nur die stabile Seitenlage geübt. Da

geht es richtig zur Sache, es wird Druck

erzeugt, Stress aufgebaut. Die Schüler

müssen lernen, damit umzugehen.«

Gerade wegen der engen Verbindung

von Theorie und Praxis haben zahlreiche

Brandenburger und Berliner Gesundheits-

und Sozialeinrichtungen Kooperationsverträge

mit dem Bildungswerk

abgeschlossen, um dort ihr Fachpersonal

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 39


W&M-EXTRA

aus-, weiter- und fortbilden zu lassen –

zum Beispiel Angehörige der Krankenpflegeberufe

in der Anästhesie- und Intensivpflege,

in den operativen Diensten,

der Onkologie und der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

In der Erstausbildung

sind die Operationstechnische Assistenz

und die Heilerziehungspflege sehr gefragt.

Für 2012 ist erstmals eine dreijährige

Ausbildung in Anästhesietechnischer

Assistenz geplant.

Seit Jahren kooperiert das Bildungswerk

mit dem Bildungszentrum der IHK

Potsdam in der Aufstiegsfortbildung

zum Fachwirt im Sozial- und Gesundheitswesen.

Jüngst wurde die Zusammenarbeit

mit der Steinbeis-Hochschule

Berlin besiegelt: Erstmals wird Nachwuchsführungskräften

aus dem Gesundheits-

und Sozialbereich ein berufsbegleitendes

Studium zum Bachelor of Arts in

Business Administration angeboten.

Das BBW gehört heute zu den führenden

Bildungsanbietern für Gesundheitsund

Sozialberufe nicht nur in Berlin und

Brandenburg, sondern – vor allem in der

Fach- und Sachkundeausbildung für Sterilgutversorgung

– auch bundesweit.

NEURUPPIN

Türen öffnen

Eine Stärke der AGUS/GADAT Weiterbildungsakademie

liegt in der Qualifizierung

von Pflegefachkräften.

Tänze im Sitzen für Menschen mit Demenz.

Biographisches Arbeiten mit gerontopsychiatrisch

erkrankten Menschen.

Türöffnendes Verhalten bei Men-

GELERNTwird zunächst am Modell.

schen mit Demenz. Beratung und Zusammenarbeit

mit Angehörigen. Umgang

mit aggressivem Verhalten. Der

heilsame Einsatz von Märchen in der Arbeit

mit Demenzerkrankten.

Viele Fortbildungsangebote der AGUS/

GADAT Weiterbildungsakademie in Neuruppin

lesen sich wie eine Reaktion auf

die aktuelle Bertelsmann-Studie, die eine

»Vergreisung« Brandenburgs und Berlins

in den nächsten zwanzig Jahren prognostiziert.

Danach wird bis zum Jahr 2030

die Zahl der Hochbetagten in Berlin und

Brandenburg im Vergleich zum Bundesgebiet

besonders stark zunehmen. Doch

Lehrgänge dieser Art gab es in Neuruppin

schon zuvor.

»Eine unserer Stärken ist seit eh und

je die Fort- und Weiterbildung in der

Pflege«, sagt Kajus Riese, der kommissarische

Leiter der Weiterbildungsakademie.

»Der steigende Bedarf ist seit längerer

Zeit nicht zu übersehen. Immer mehr

Menschen werden in Pflegeeinrichtungen

betreut. Und gerade Demenz und Gerontopsychiatrie

sind wichtige Themen.

Die Lehrgänge, die wir dazu veranstalten,

werden am stärksten nachgefragt.«

Vor zehn Jahren hätten diese Themen in

der Ausbildung noch keine so große Rolle

gespielt, verschiedene moderne Betreuungskonzepte

seien damals wenig

bekannt gewesen. »Heute sind solche

Konzepte fester Bestandteil der Ausbildung.

Aber wer schon jahrelang in einem

Pflegeberuf arbeitet, sollte sein Wissen

nun auf den neuesten Stand bringen.«

Einige der Fortbildungsangebote beschränken

sich auf wenige Stunden oder

Tage. Die AGUS/GADAT betreibt aber

auch eine staatlich anerkannte Einrichtung

zur Weiterbildung von Fachkräften

für die gerontopsychiatrische Betreuung

und Pflege – eine von wenigen im Land

Brandenburg. Pflegefachkräfte und Heilerziehungspfleger,

die über mindestens

zwei Jahre Berufserfahrung verfügen,

können sich dort in 720 Unterrichtsstunden

zur Fachkraft für Gerontopsychiatrie

qualifizieren.

Hunderte Interessenten nehmen in jedem

Jahr solche und andere Fort- und

Weiterbildungsangebote der Akademie

wahr. Sie kommen aus Gesundheits- und

Sozialeinrichtungen der weiteren Neuruppiner

Umgebung, aus der ambulanten

Hauskrankenpflege, aus Seniorenstätten,

Kindertagesstätten, der öffentlichen

Verwaltung.

Ein verzweigtes Netzwerk ermöglicht

es der Akademie, freie Dozenten zu engagieren,

die hauptberuflich in angesehenen

Gesundheitseinrichtungen beschäftigt

sind. »So betreut zum Beispiel eine

Ergotherapeutin, die in zwei Seniorenheimen

angestellt ist, einige unserer Kurse«,

sagt Kajus Riese. »Durch Experten

wie sie hat unser Fort- und Weiterbildungsprogramm

einen starken Bezug

zur Praxis. Darauf legen wir großen

Wert.«

POTSDAM

Praxis im Team

Das Klinikum Ernst von Bergmann

betreibt eine renommierte Schule

für Gesundheitsberufe.

Zweimal im Jahr, im April und Oktober,

beginnen an der Schule für Gesundheitsberufe

neue Ausbildungsgänge. Ab

Herbst 2012 ist eine Veränderung in der

Ausbildung der Pflegeberufe geplant. Die

derzeit noch getrennten Ausbildungsgänge

der Gesundheits- und Krankenpflege

sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege

werden Y-förmig zusammengeführt:

Eine zweijährige

gemeinsame pflegerische Grundlagenausbildung

führt im dritten Jahr in die

jeweilige Spezialisierung. Mit dem Ende

der Ausbildung haben die Absolventen

den »traditionellen« Abschluss als Gesundheits-

und Krankenpfleger oder als

Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger.

Sabine Mallißa, die Leiterin des Ausbildungsbereichs,

hält die Veränderungen

für zeitgemäß: »Die Gemeinsamkeiten

beider Berufe sind stärker als die Unterschiede.

Die jeweilige Berufsspezifik

bleibt natürlich erhalten. Denn Kinder

sind nun mal keine kleinen Erwachsenen,

sondern haben ganz eigene Bedürfnisse.

Der erwachsene Patient mit seinen

Erkrankungen wird in der Ausbildung

gleichermaßen berücksichtigt.«

Insgesamt erlernen an der Schule derzeit

275 junge Menschen einen Pflegeberuf.

Und noch, sagt Sabine Mallißa, könne

die Schule unter sehr guten Bewerbern

auswählen, die sich für die

Ausbildung an der renommierten Einrichtung

und den mit ihr kooperierenden

Kliniken in Nauen, Rathenow, Hennigsdorf,

Oranienburg, Birkenwerder,

Potsdam, Ludwigsfelde und Schwedt interessieren.

Doch gerade die guten Bewerber

können sich ihrerseits aussuchen,

wo sie lernen oder später arbeiten

möchten. Immer stärker spielen auch die

Höhe der Ausbildungsvergütung und des

künftigen Gehalts eine Rolle.

Die durch die geburtenschwachen

Jahrgänge verursachten Probleme sieht

Sabine Mallißa auch auf ihre Schule zukommen.

Bei der Bewerberzahl für den

zweiten Bereich der Ausbildung, die Medizinisch-technischen

Assistenzberufe,

zeichnen sie sich bereits ab. »Im Gegensatz

zur dualen Ausbildung in den

Pflegeberufen gibt es für die rein schulische

Ausbildung zum Laboratoriumsoder

Radiologieassistenten keine Ausbildungsvergütung.

Da müssen die Eltern

in die Zukunft ihrer Kinder investieren,

40 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


GESUNDHEITSWIRTSCHAFT BERLIN-BRANDENBURG

MODERN

AUSGESTATTET

sind die Lehrkabinette

für den

theoretischen

Unterricht.

Fotos: Klinikum Ernst von Bergmann, AGUS/GADAT

und das kann sich nicht jede Familie leisten.«

Die Ausbildungskapazität für Assistenzberufe

beträgt 120 Plätze.

Durch die enge Verbindung zum Klinikum

Ernst von Bergmann gestaltet sich

die Ausbildung sehr praxisnah. Auch die

Kooperation mit dem Brandenburgischen

Bildungswerk für Medizin und Soziales

bei der Ausbildung Operationstechnischer

Assistentinnen und Assistenten

profitiert davon. Die Schule für

Gesundheitsberufe verfügt über sehr modern

ausgestattete Laboratoriums- und

Röntgenkabinette. Und im Computerkabinett

werden nicht nur die Medizinischtechnischen

Assistenten unterrichtet,

sondern auch die zukünftigen Pflegefachkräfte.

»Wir sind dabei, die beiden

Bereiche enger zu verknüpfen«, sagt die

Schulleiterin. »In den Kliniken wird

schließlich auch im Team gearbeitet.«

BERLIN/BRANDENBURG

Telemedizin

Die Akademie der Gesundheit

Berlin/Brandenburg e.V. ist an drei

Standorten aktiv.

»Die Länder Berlin und Brandenburg bilden

in der Gesundheitsbranche eine Einheit«,

sagt Jens Reinwardt. »Deshalb finde

ich es ganz selbstverständlich, dass

unsere Akademie Standorte in diesen

Bundesländern hat, nämlich in Berlin-

Buch, in Eberswalde und in Bad Saarow.«

Reinwardt ist Geschäftsführer und Leiter

der Akademie der Gesundheit Berlin/

Brandenburg e. V., einer der größten privaten

staatlich anerkannten Bildungseinrichtungen

für pflegerische, therapeutische

und medizintechnische Gesundheitsberufe

in Deutschland, die sich

als Zentrum für lebenslanges Lernen versteht.

In zwölf Ausbildungsberufen, darunter

Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits-

und Kinderkrankenpflege, Altenpflege,

Masseur/medizinischer Bademeister,

Ergo- und Physiotherapie,

Operationstechnische Assistenz, Medizinisch-

technische Radiologie-, Laboratoriums-

und Funktionsdiagnostische Assistenz,

werden dort junge Menschen ausgebildet.

Dazu kommt ein vielfältiges Angebot

für die fachspezifischen Weiterbildungen.

Fortbildungsseminare werden auf

Wunsch »mobil« auch direkt in medizinischen

oder sozialen Einrichtungen

durchgeführt.

Seit knapp zwei Jahren bietet die Akademie

als Studienzentrum der Steinbeis-

Hochschule Berlin außerdem die Möglichkeit

eines berufsbegleitenden Studiums.

Der Bachelor-Studiengang ist auf

das Management im Gesundheits- und

Sozialwesen ausgerichtet.

Das jüngste Vorhaben beschäftigt sich

mit einem neuen Zweig der Medizin –

der Telemedizin. Es wird vom Bundesministerium

für Bildung und Forschung gefördert.

Die Akademie der Gesundheit Berlin/Brandenburg

ist einer von vielen nationalen

Partnern dieses Projekts. Sie soll

vor allem zur Vorbereitung von Weiterbildungsangeboten

und Zusatzqualifikationen

beitragen, damit telemedizinische

Konzepte erfolgreich in die Regelversorgung

überführt werden können.

»In einem ersten Schritt«, sagt Reinwardt,

»werden Anwendungsmöglichkeiten

von Telemedizin erfragt und Anpassungen

der Rahmenqualifikationen an

die bestehende telemedizinische Gerätenutzung

vorgenommen. Experten der

mit uns kooperierenden Gesundheitsund

Sozialeinrichtungen werden dazu

befragt. Bereits jetzt kristallisiert sich

heraus, dass in den Fachgebieten Onkologie,

Intensivtherapie und Nephrologie

denkbare Einsatzgebiete liegen könnten

– gerade in Flächenländern, zu denen

Brandenburg bekanntlich zählt.«

Noch stünden sie am Anfang der Befragungen,

so Jens Reinwardt. Vorbehalte,

dass gerade ältere Patienten mit telemedizinischer

Betreuung, vor allem mit

der Handhabung der notwendigen Technik,

überfordert sein könnten, hält er für

unbegründet: »Es tut den Menschen gut,

aktiv Verantwortung für ihre Gesundheit

zu übernehmen, statt sich nur passiv behandeln

zu lassen.«

Im Frühjahr 2012 soll eine erste Pilotphase

des Projekts starten.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 41


W&M-EXTRA

Fotos: PictureDisk

Beruf mit Tradition und Zukunft

Pflege im Wandel

Mit rund 712.000 Beschäftigten stellen die Gesundheits- und Krankenpfleger die größte Gruppe

unter den Gesundheitsdienstberufen. Der Bedarf steigt, doch wie steht es um Ausbildung,

Arbeitsbedingungen und Perspektiven?

Florence Nightingale, Begründerin

der modernen Krankenpflege, opferte

sich für ihre Patienten auf –

und war stets bereit zu einem aufmunternden

Gespräch. Die Realität 2012 in

Krankenhäusern, ambulanten oder (teil-)

stationären Pflegeeinrichtungen sieht

anders aus: Personalmangel, anstrengender

Schichtdienst, kaum Zeit für ein

Wort. Und dazu eine Vergütung, die der

Verantwortung wenig gerecht wird.

Auch wenn von 1995 bis 2008 die Zahl

der Absolventen von 16.651 auf 13.889

sank: Die Ausbildung ist gefragt. Rund

750 Bewerbungen auf 80 Plätze erhielt

die Gesundheitsakademie der Berliner

Charité im Oktober 2011, meist von Frauen.

Auch heute noch ist nur jede zehnte

Fachkraft männlich.

Was treibt junge Menschen an, solch

eine Ausbildung zu beginnen? Arbeitsplatzsicherheit

allein kann es nicht sein,

auch wenn der Beruf zu jenen mit den

besten Zukunftsaussichten gehört. Also

der Wunsch, kranke und pflegebedürftige

Menschen zu betreuen? In der Tat,

auch heute noch motiviert die Aussicht

auf eine sinnvolle Aufgabe dazu, die dreijährige

Ausbildung an einer Berufsfachschule

nebst zahlreichen Praktika zu absolvieren.

Hinzu kommen die Bandbreite

interessanter Aufgaben sowie vielfältige

Qualifizierungsmöglichkeiten.

Spezialisierungswege reichen von der

Hygienefachkraft oder Study-Nurse über

den Case Manager und die Public Health

Nurse bis hin zur Familien- oder Schulgesundheitspflege.

Chancen zum Aufstieg

bietet unter anderem der Fachwirt im

Sozial- und Gesundheitswesen. Magdalena

Rösch, Leiterin des Bereichs Gesundheit

und Krankenpflege an der Gesundheitsakademie

der Charité, sieht darüber

hinaus eine zunehmende Akademisierung

des Berufs: »Gemeinsam mit der

Evangelischen Hochschule Berlin bieten

wir einen Bachelor in Pflege an.«

Doch nicht selten steigen Fachkräfte

vor Ende ihres Arbeitslebens aus. Zu

hoch ist die seelische und körperliche Belastung.

Laut Statistischem Bundesamt

verblieben 2005 nur rund drei Viertel aller

Gesundheits- und Krankenpflegekräfte

in ihrem Beruf. Zugleich sank der

Anteil an Vollzeitkräften. Jede vierte Gesundheits-

und Krankenpflegekraft in

den Brandenburger Krankenhäusern arbeitete

2009 Teilzeit. Oft, so Johanna

Knüppel, Pressereferentin des Deutschen

Bundesverbandes für Pflege (DBfK), sei

dies der Einstieg in den Ausstieg. Sie

spricht sogar von »Berufsflucht«. So

klafft die Schere zwischen Angebot und

Nachfrage immer weiter auseinander.

Ein neues Gesetz brachte 2004 die Erweiterung

des traditionellen Berufsbildes

um gesundheitsorientierte Aspekte wie

Pflegeberatung, -überleitung und -prävention.

Heute sind die Meinungen über

den Erfolg geteilt. Während die Mehrzahl

der Krankenhäuser konkrete Qualifikationssteigerungen

sieht, schätzen

Pflegeschulen den Nutzen eher gering

KINDER brauchen spezielle Pflege.

DIE NACHFOLGER von Florence Nightingale üben einen anspruchsvollen Beruf aus.

ein. Im medizinischen Alltag sei zu wenig

Zeit, die angestrebten Inhalte umzusetzen.

Einigkeit besteht darin, dass die Rahmenbedingungen

für die Gesundheitsund

Krankenpflege attraktiver gestaltet

werden müssen. »Wichtig ist eine leistungs-

und verantwortungsgerechte Vergütung«,

so Johanna Knüppel vom DBfK.

Der hohe Frauenanteil erfordert flexible

Arbeitszeiten. Ein Forschungsteam der

TU Berlin will mit einer internationalen

Studie Ursachen und Folgen der Arbeitssituation

aufzeigen. Wenn künftig Faktoren

wie Mitarbeiterzufriedenheit in

die Einsatzplanung einfließen, wird dies

einen positiven Einfluss auf die Qualität

der Patientenversorgung haben. Dann ist

das Beispiel Florence Nightingales doch

nicht mehr so weit entfernt von dem,

was den Beruf der Gesundheits- und

Krankenpflege heute ausmacht.

42 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


SPECIAL

Sonderveröffentlichung

Vorgestellt: German Technologies Center e.V.

Mittelstand goes Asia

Immer mehr deutsche Unternehmen verstärken ihre Präsenz in den

asiatischen Staaten, insbesondere in der Volksrepublik China.

Dieser Trend lässt sich nicht nur bei Großunternehmen

beobachten, sondern spielt inzwischen auch im Mittelstand eine

wichtige Rolle. Genau diese mittelgroßen Unternehmen haben ungefähr 90%

der Technologien aus Deutschland in der Hand.

Die chinesischen Märkte zeichnen sich durch ein

enormes Potential und ein rasantes Wachstum

aus. Sie sind noch weit von einer Sättigung

entfernt. Offiziellen Angaben zufolge erwirtschafteten

die staatseigenen und großen privaten

Unternehmen im Land bislang einen Gewinn in

Höhe von 2,8 Billionen RMB. Gegenüber dem

Vorjahreszeitraum bedeutet dies ein Wachstum

von28,3Prozent.ChinaistfünftgrößterInvestor

weltweit. In 2010 sind Chinas direkte Auslandsinvestitionen

auf 67,8 Milliarden US-Dollar gestiegen.

Das waren über 40 Prozent mehr als im

Vorjahr und der Trend hält an.

SCHWERPUNKTBRANCHEN

Beispiel Umwelttechnologie & Energiewirtschaft:

Um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu

erreichen, setzt die chinesische Regierung zunehmend

auf „Grüne Technologien“, womit die

Themen Energieeffizienz und -einsparung in der

bilateralen Kooperation an Bedeutung gewonnen

haben. Deutschland ist aufgrund seiner Vorreiterrolle

und reichen Erfahrung bei der Nutzung

der Wind- und Solarenergie ein sehr gefragter

Gesprächs- und Wirtschaftspartner. Eine Vernetzung

zwischen den Experten und Unternehmen

beider Länder soll dies voranbringen.

Beispiel Nukleare Sicherheit und Katastrophenschutz:

China sieht sich permanent von geologischen

Katastrophen bedroht. Laut offiziellen

Angaben haben sich seit 1998 mehr als 320.000

geologische Katastrophen in China ereignet, in

deren Folge 14.000 Personen ihr Leben verloren.

Die entstandenen wirtschaftlichen Schäden

beliefen sich auf über 60 Milliarden RMB. Um

dieser Situation entgegenzuwirken, hat der chinesische

Staatsrat das Ziel formuliert, bis 2020 die

Risiken gravierender geologischer Katastrophen

weitgehend zu beseitigen und die durch Katastrophen

verursachten Sachschäden und Todesfälle

zu minimieren.

KULTURELLE UNTERSCHIEDE

Viele mittelständische Unternehmen wollen das

Potenzial nutzen, das ein Engagement in China

verspricht. Die Orientierung im chinesischen

Markt jedoch offenbart viele Hürden. Geschäftsanbahnungen

erfolgen in China fast ausschließlich

über persönliche Kontakte, die intensiv

gepflegtwerdenmüssen.Dabeiistesvonbesonderer

Bedeutung, die Hierarchien, Strukturen und

Besonderheiten der chinesischen Unternehmen

zu kennen – denn schließlich bieten sich westlichen

Verhandlungspartnern eine vollkommen

fremde Businesskultur, Wertvorstellungen und

somit auch andere Verhandlungsmechanismen.

So ist es wichtig, sich klarzumachen, dass in China

emotionalen Aspekten mehr Bedeutung beigemessen

wird, als rationalen Entscheidungen.

Eine solide Vertrauensbasis und die Präsenz vor

Ort sind für erfolgreiche Geschäftsbeziehungen

im Reich der Mitte von zentraler Bedeutung.

ERFOLGREICHER EINSTIEG

Die bisherigen, zentralen Aktionen der IHK’s in

Deutschland sind nur sehr wenig effektiv. Eine

konkrete Hilfestellung für den erfolgreichen

Markteinstieg in China bietet das German TechnologiesCentere.V..

Der politisch unabhängige und geschäftsorientierte

Verband ist für deutsche Technologieunternehmen

eine zentrale Institution für die gegenseitige

Aufnahme von Geschäftskontakten, das

Suchen und Finden von Geschäftspartnern in

beiden Ländern und einen effektiv gestalteten

Technologietransfer. Das Interesse Chinas ist groß,

mit deutschen Unternehmen unterschiedlichster

Branchen noch schneller und besser zusammen

zu arbeiten. Folgende Branchen bilden dabei den

Schwerpunkt:

– Sicherheit, Reaktor- und Katastrophenschutz

– Umwelttechnologie und Energiewirtschaft

– Industrieautomatisierung/Robotertechnik

– Kommunikationstechnologie

– Maschinen-, Fahrzeug- und Schiffsbau

– Medizintechnologie

Durch seine chinesischen Geschäftsstellen, u.a.

in Peking und Shanghai, bietet das German Technologies

Center zentrale Knotenpunkte, um

Geschäftskontakte herzustellen, auszubauen und

zu festigen. Die enge Zusammenarbeit des Verbandes

mit chinesischen Branchenverbänden,

Unternehmen, Technologie-Transferstellen und

Universitäten geben zielorientierte Unterstützung

für interessierte Technologieunternehmen aus

Deutschland. Schulungen zu den Bedingungen

auf dem chinesischen Markt, Vorbereitung von

Kooperationsverträgen oder Infoveranstaltungen

zu aktuellen Branchenthemen sind nur ein

Ausschnitt des Serviceangebots des Verbandes.

INFORMIEREN SIE SICH JETZT.

Das German Technologies Center (GTC)

fördert die Entwicklung von erfolgreichen

Geschäftsbeziehungen zwischen deutschen, mittelständischen

Unternehmen mit Unternehmen

und Kooperationspartner in China.

Weitere Informationen zur Mitgliedschaft im

German Technologies Center e.V. finden Sie auf

den Internetseiten www.german-technologiescenter.de/

mitgliedschaft

Dipl.-Ing. Ulf Stremmel

Präsident des German Technologies Center e.V.

Kontakt:

German Technologies Center e.V.

Geschäftsstelle Berlin

Grünhofer Weg 18, D-13581 Berlin

phone: +49303230630036

fax: +49303230630010

info[at]german-technologies-center.de


W&M-EXTRA

TeleMedizinZentren betreuen Herzpatienten

Netzwerk für mehr Lebensqualität

Hochrisiko-Herzpatienten können im Land Brandenburg jetzt auch zu Hause qualifiziert und

kontinuierlich betreut werden. Ein im Oktober eingeweihtes telemedizinisches Netzwerk verbindet sie

mit Spezialisten, die ihren Gesundheitszustand rund um die Uhr unter ärztlicher Kontrolle haben.

Es ist mit 1.300 Betten nicht nur

eine der größten Kliniken Deutschlands,

sondern auch das leistungsfähigste

Krankenhaus in Brandenburg

und ein akademisches Lehrkrankenhaus

der Berliner Charité: Das Carl-Thiem-

Klinikum Cottbus (CTK) beschäftigt 2.300

Mitarbeiter, darunter etwa 300 Ärzte und

1.000 Pflegekräfte. Rund 100.000 Patienten

werden dort jedes Jahr ambulant

oder stationär behandelt. Seine 25 Fachkliniken

und Institute decken fast das gesamte

Spektrum medizinischer Indikationen

ab.

VIELE PARTNER – EIN ZIEL

Im Oktober nahm eine weitere Einrichtung

die Arbeit auf. Ihre Patienten werden

künftig rund um die Uhr auch in

großer Entfernung betreut: Das Tele-

MedizinZentrum Lausitz am CTK bildet

gemeinsam mit seinem Pendant am

Städtischen Klinikum in Brandenburg/

Havel, das bundesweit erste flächendeckende

telemedizinische Netzwerk zur

Versorgung von kardiologischen Hochund

Höchstrisiko-Patienten. Bis zu 500

Menschen, die an chronischer Herzschwäche

mit fortgeschrittenem Schweregrad

leiden, kann so künftig effektiver

geholfen werden. Ihre Lebensqualität

wird nicht zuletzt durch das beruhigende

Gefühl gehoben, dass Spezialisten

ihren Gesundheitszustand in jeder Minute

unter Kontrolle haben.

Für die Realisierung des gemeinsam

mit der Berliner Charité entwickelten

Versorgungsangebots installierten die

Deutsche Telekom und die GETEMED Medizin-

und Informationstechnik die technische

Infrastruktur. Das erste umfassende

telemedizinische Projekt im Rahmen

der Patientenversorgung wurde mit 1,53

Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln

gefördert. Es soll helfen, belastende

Doppeluntersuchungen und teure

Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.

Vor allem aber soll die Lebensqualität der

Herzpatienten verbessert werden. Die

AOK Nordost hat dazu mit den Kliniken

einen Versorgungsvertrag geschlossen.

»Mit diesem Telemedizin-Netzwerk ist

Brandenburg Vorreiter und beweist eindrucksvoll,

wie gemeinsames Engagement

von Partnern aus Politik, dem Gesundheitsbereich

und der Wirtschaft die

gesundheitliche Versorgung der Menschen

maßgeblich verbessern kann«, sagte

Brandenburgs Gesundheitsministerin

Anita Tack zur Eröffnung am 12. Oktober

in Cottbus. »Vor allem die Hausärztliche

Betreuung von Patientinnen und Patienten

in ländlichen Regionen wird davon

profitieren.«

MIT MODERNEN GERÄTEN ausgestattet, kann der Herzpatient von zu Hause aus alle

wesentlichen Gesundheitsdaten an das telemedizinische Zentrum übermitteln.

TELEMEDIZIN

Wie funktioniert

die Betreuung?

Die im Vorfeld über das neue Angebot

informierten ambulanten Kardiologen

und internistisch tätigen Hausärzte

können infrage kommende Patienten für

das Programm anmelden. Jeder Teilnehmer

wird zu Hause mit modernen

diagnostischen Geräten ausgestattet.

Per Datenleitung liefern diese medizinisch

relevante Informationen an eines der

beiden TeleMedizinZentren in Cottbus

und Brandenburg/Havel. Ärztliche Teams

in 24-Stunden-Bereitschaft werten die

Daten aus und informieren bei einem sich

abzeichnenden kritischen Gesundheitszustand

sowohl den Patienten als auch

seinen behandelnden Arzt. Hausärzten

und Kardiologen liegen somit regelmäßig

und bereits vor dem Patientenbesuch

alle wichtigen Diagnosedaten vor.

Die intelligent vernetzten Endgeräte, zum

Beispiel eine Waage und ein Blutdruckmessgerät,

sind von den Patienten in ihrer

häuslichen Umgebung einfach zu bedienen.

Automatisch und kabellos werden

alle ermittelten Werte direkt in die elektronische

Patientenakte im TeleMedizin-

Zentrum übertragen. Von einem telemedizinischen

Arbeitsplatz aus lassen sich

die Werte dann überwachen. Vitaldaten

wie EKG, Gewicht, Blutdruck und Sauerstoffsättigung

des Bluts sowie Angaben

zu Befunden und zur Medikamenteneinnahme

liefern den Spezialisten in den

angeschlossenen Zentren wichtige Hinweise,

um den Zustand des Patienten aus

der Ferne einschätzen und bei Bedarf

intervenieren zu können. Durch den engen

Kontakt und die kontinuierliche Rückkopplung

wird der Patient außerdem in das

Geschehen eingebunden, statt sich hilflos

ausgeliefert zu fühlen. Die Geräte für den

häuslichen Bereich und die Software für

die Analyse des EKG entwickelte das

Teltower Unternehmen GETEMED. Die Telekom

bindet mit ihrem telemedizinischen

Arbeitsplatz die beiden Kliniken und die

Hausärzte an und versorgt alle Beteiligten

mit Telefon-, Internet- oder Mobilfunkverbindungen.

Die Telekom stellt auch die

elektronische Patientenakte bereit.

44 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


GESUNDHEITSWIRTSCHAFT BERLIN-BRANDENBURG

DIE

PARTNER

Wer engagiert sich

im Netzwerk?

Carl-Thiem-Klinikum Cottbus

Mit 1.300 Betten, rund 300 Ärzten,

1.000 Pflegekräften und 1.000 weiteren

Mitarbeitern ist es das leistungsfähigste

Krankenhaus im Land Brandenburg.

Die meisten der jährlich etwa 100.000 Patienten,

die dort ambulant oder stationär

behandelt werden, kommen aus Südostbrandenburg,

viele aber auch aus anderen

Regionen des Landes sowie aus Ostsachsen

und Berlin.

Fotos: CTK/S. Ramisch

BEIM START DES TELEMEDIZINZENTRUMS Lausitz in Cottbus: Brandenburgs

Gesundheitsministerin Anita Tack (l.) und CTK-Geschäftsführerin Heidrun Grünewald.

Frank Michalak, Vorstandsvorsitzender

der AOK Nordost, erklärt: »In dem

Projekt wird nun durch modernste Technik,

ein umfassendes Know-how der

beteiligten Partner und die enge Zusammenarbeit

mit den niedergelassenen

Kardiologen auch die ambulante telemedizinische

Betreuung von Patienten mit

hohem oder sehr hohem Risiko für eine

chronische Herzinsuffizienz ermöglicht.«

Mit den von der Gesundheitskasse

bereits etablierten Betreuungsansätzen

für Herzpatienten – von Chroniker-Angeboten

(DMP) bis zu Patientenschulungsprogrammen

– komplettiert das neue

Netzwerk die medizinische Versorgung

von Herz-Risikopatienten.

VOLKSKRANKHEIT HERZINSUFFIZIENZ

Herzinsuffizienz gehört mit geschätzten

zwei bis drei Millionen Betroffenen zu

den häufigsten internistischen Erkrankungen

in Deutschland. Nach Angaben

des Statistischen Bundesamts war sie

2010 die dritthäufigste Todesursache

und der zweithäufigste Anlass für eine

stationäre Behandlung.

»Für eine bessere Versorgung chronisch

herzinsuffizienter Patienten insbesondere

in strukturschwachen Regionen,

wie es die unsrige ja ist, bietet diese Vernetzung

neue weitreichende Möglichkeiten,

zumal es sich erstmals um eine Regelversorgung

handelt«, sagt Dr. Jürgen

Krülls-Münch, Chefarzt der I. Medizinischen

Klinik des CTK. »Die enge Kooperation

mit den niedergelassenen Kollegen

aus der Kardiologie und dem Hausarztbereich

und vor allem mit dem Klinikum

Brandenburg, wo ja bereits gute Erfahrungen

vorliegen, bietet alle Voraussetzungen

für eine qualitativ hochwertige

Vernetzung im Interesse der Patienten.«

Prof. Dr. med. Michael Oeff, Chefarzt

am Städtischen Klinikum Brandenburg,

freut sich, die flächendeckende Versorgung

von Herzpatienten nun mit modernster

Technologie fortsetzen zu können:

»Die jetzt eingesetzte Technik eignet

sich ja für eine Kommunikation auch

über weite Strecken, so dass dem Patienten

und seinen Angehörigen lange Fahrten

in unserem Flächenland erspart bleiben.

Beginnende Verschlechterungen

können wir frühzeitig erkennen und

dann gegensteuern.«

Vorangegangene Forschungsprojekte

in der Havelstadt zeigten, dass sich Krankenhauseinweisungen

um bis zu elf

Prozent und die Zahl der stationären Behandlungstage

um bis zu 23 Prozent reduzieren

lassen, wenn Patienten kontinuierlich

telemedizinisch betreut werden.

BLICK IN DIE ZUKUNFT

Die Geschäftsführerin des Carl-Thiem-

Klinikums Cottbus, Heidrun Grünewald,

schaut voraus: »Die Mitwirkung am Telemedizin-Netz

ist für unser Klinikum eine

neue Herausforderung, der wir uns aus

vielen Gründen gern stellen: Wir erweitern

unsere Betreuungsmöglichkeiten

zeitlich und räumlich über das Krankenhaus

hinaus. Das fordert Mitarbeiter

ebenso wie Technik, Krankenhausorganisation

und Verwaltungsprozesse. Eine

Herausforderung, die in die Zukunft

reicht, denn wir denken schon weiter.

Morgen werden vielleicht Risikoschwangere,

Diabetiker, Schlaganfallpatienten

und pflegebedürftige Menschen in virtuelle

Betreuungsnetze eingebunden sein.

Wir bereiten uns darauf vor.«

Städtisches Klinikum

Brandenburg

Das Klinikum, ein akademisches Lehrkrankenhaus

der Berliner Charité, erfüllt

Aufgaben eines Krankenhauses der

qualifizierten Regelversorgung für die

Havelstadt und die Region. Es verfügt

über 466 Betten und betreut jährlich

etwa 23.600 Patienten. Mit mehr als

1.250 Beschäftigten gehört es, gemeinsam

mit zwei Tochtergesellschaften,

zu den größten Arbeitgebern der Stadt.

AOK Nordost

Mit 1,8 Millionen Versicherten ist sie

in den Bundesländern Brandenburg,

Berlin und Mecklenburg-Vorpommern die

größte Krankenkasse. Die AOK Nordost

steht für qualitätsgesicherte, innovative

Versorgungsprogramme und für die

umfassende Betreuung ihrer Kunden in

112 Servicecentern.

GETEMED

Das Unternehmen mit Sitz in Teltow

entwickelt und vertreibt seit 25 Jahren

Geräte für die kardiologische Diagnostik,

das Monitoring von Vitalfunktionen und

für das Telemonitoring von Risikopatienten.

Für seine innovativen Leistungen

wurde es mehrfach ausgezeichnet.

Besonders engagiert ist GETEMED im Land

Brandenburg, das die telemedizinische

Versorgung als ein zentrales gesundheitspolitisches

Thema betrachtet.

Deutsche Telekom

Mit 241.000 Mitarbeitern in rund

50 Ländern, 128 Millionen Mobilfunkkunden

sowie 35 Millionen Festnetzund

fast 17 Millionen Breitbandanschlüssen

gehört der Konzern zu den

führenden Telekommunikationsunternehmen

weltweit. Er bietet Produkte

und Dienstleistungen aus den Bereichen

Festnetz, Mobilfunk, Internet und IPTV

für Privatkunden sowie ICT-Lösungen

für Groß- und Geschäftskunden an.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 45


PORTRÄT

Fotos: T. Schwandt

Der Rostocker Seehafen sei »als logistischer

Standort ideal«, ist Stephan

Gustke, Geschäftsführer der

Spedition Heinrich Gustke GmbH, überzeugt.

Anbindungen bestehen zu allen

Verkehrsträgern. Zu den Autobahnen

A 19 und A 20, zu den Ostsee-Fährlinien

nach Skandinavien und ins Baltikum,

zum internationalen Bahnnetz und zum

nahen Flughafen Rostock-Laage – und in

alle vier Himmelsrichtungen.

Das bisherige Firmengelände des Unternehmens

Gustke liegt nur fünf Kilometer

entfernt vom Seehafen der Hansestadt.

Für die Lagerlogistik der Spedition

im Güterverkehrszentrum (GVZ) von Rostock

sind die wenigen Kilometer und die

damit verbundenen Lkw-Fahrten jedoch

ein nicht unerheblicher Kostenfaktor.

»Dieser Aufwand lässt sich einsparen,

wenn im Hafen die Güter direkt vom

Schiff ins Lager verbracht werden«, sagt

Gustke. Nach zwei erfolgreichen Jahrzehnten

im GVZ stößt das mittelständische

Rostocker Unternehmen am aktuellen

Standort strategisch an Grenzen. Für

die künftige Entwicklung wird deshalb

der Bau eines neuen Logistikzentrums

nahe der Kaikante geplant. »Wir wollen

ran an den Hafen.«

»Erschlossen werden soll eine Lagerfläche

von insgesamt 30.000 Quadratmetern«,

skizziert Gustke den Neubauplan.

Ein Drittel davon entfalle auf die vorgesehene

Freilagerfläche. Ein modernes

Hochregallager soll Stellplätze für zirka

10.000 Paletten bieten. »Wir stecken fünf

bis sechs Millionen Euro in das Projekt,

mit dem wir die verschiedenen Verkehrsträger

noch intelligenter und kostengünstiger

miteinander verknüpfen wollen«,

begründet Gustke die Investition,

mit der sich das Unternehmen in der

Lagerlogistik für die Zukunft stärker aufstellen

will. Nächstes Jahr soll mit dem

Bau des Ostsee-Logistikzentrums »4Way«

begonnen und noch im Verlauf von 2012

der Betrieb aufgenommen werden.

Nach Angaben Gustkes beträgt der Anteil

der Lagerlogistik am gesamten Unternehmensumsatz

rund 20 Prozent. Der

Bärenanteil wird noch mit direktem

Ladungsverkehr ohne Umschlag (40 Prozent)

und Stückgutverkehr mit Umschlag

an verschiedenen Hubs (30 Prozent)

in Deutschland erzielt. Doch der

Wettbewerb im reinen Transportgeschäft

wird schwieriger. Die osteuropäische

Konkurrenz nimmt zu, und mit der

steigenden Zahl von Subunternehmern

wird das Geschäft austauschbarer. Die

Rostocker Spedition behauptet sich dort,

»wo Qualität nachgefragt wird«, sagt Stephan

Gustke, »wo viel Wert auf Ladungssicherung

und spezielle Ladevorrichtun-

Rostocker Spedition Gustke

Ran an den Hafen

Die Spedition Heinrich Gustke schlägt mit dem Neubau des Ostsee-

Logistikzentrums »4Way« ein neues Kapitel in der Firmengeschichte

auf. Hafennah sollen dort alle Verkehrsträger gebündelt werden.

gen gelegt wird«. Das Unternehmen generiert

jährlich einen Umsatz von rund

14 Millionen Euro.

Im ersten Halbjahr 2011 konnte die

Spedition ein Plus von fünf Prozent beim

Ladungsaufkommen verbuchen. »Die

Frachtraten sind aber nach der schweren

Krise immer noch auf sehr schwachem

Niveau«, wendet der Geschäftsführer ein.

Mit fünf Lastkraftwagen war Stephan

Gustkes Großvater Heinrich, der 1933 die

Spedition in Rostock gegründet hatte,

einst gestartet. Das Familienunternehmen

bestand auch in der DDR als Privatfirma

fort. »Mein Vater fuhr mit einem

W-50-Lkw Spirituosen für einen hiesigen

Hersteller«, erzählt Gustke junior. Nach

HYBRID-LKW: Firmenchef Gustke.

der Wende konnten Vater und Sohn unternehmerisch

durchstarten. Die Lkw-

Flotte wuchs bis dato auf 100 Lkw. Heute

hat die Spedition, langjähriges Mitglied

des regionalen Unternehmerverbandes

Rostock und Umgebung, rund 170 Mitarbeiter

beschäftigt. Darunter 120 Fahrer.

»Wir arbeiten zu 99 Prozent mit eigenem

Personal«, betont der Chef stolz.

Täglich passieren um die 250 Tonnen

Güter und Waren das Betriebsgelände im

GVZ. Bei Stückgut reicht die Palette von

Bekleidung über Getränke bis zu Gefahrgut.

In der Lagerlogistik bestimmen Baustoffe,

Kunststoff-Granulat und Maschinenteile

das Bild. Dazu kommt der Bereich

der Entsorgungslogistik.

Mit dem Ostsee-Logistikzentrum setzt

die Spedition Gustke, die zu den größten

in Mecklenburg-Vorpommern gehört,

ein weiteres Signal für Innovation und

Kreativität vor Ort. In diesem Sommer

sorgte der 44-jährige Geschäftsführer bereits

für öffentliches Interesse. Die Spedition

brachte den ersten Hybrid-Lkw im

Nordosten in Fahrt. Der 12-Tonner mit

kombiniertem Diesel- und Elektroantrieb

wird seit Ende Juli im Rostocker

Stadtverkehr eingesetzt. »Ein Überzeugungsprojekt«,

kommentierte Gustke

diesen umweltfreundlichen Schritt.

Thomas Schwandt

&

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 47


REPORT

Fotos: DPA/ZB, D. Kadell

Chemikalie Bisphenol A

Gefährliche Weichmacher

Der Kunststoff-Weichmacher Bisphenol A ist eine Alltags-Chemikalie, die aber krank machen kann.

In der EU ist sie seit Sommer dieses Jahres in Babyflaschen verboten. Frankreich untersagt sogar den

Einsatz in Lebensmittelverpackungen. Deutschland sieht die Risiken, aber keinen Handlungsbedarf.

Frankreich wird ab 1. Januar 2014

die Verwendung von Bisphenol A,

kurz BPA, in allen Lebensmittelverpackungen

verbieten. Eine weltweite Premiere.

Pionier war das Land schon beim

Verbot der Chemikalie in Babyflaschen,

das Gesetz trat im Juni 2010 in Kraft ist.

Zwölf Monate später zog die Europäische

Union (EU) nach. Dänemark weitete das

Verbot aus auf alle Verpackungen für

Kindernahrung, Beißringe, Spielzeug

und Geschirr für Kinder bis drei Jahre.

Auch in Kanada ist ein ähnliches Gesetz

in Kraft. In Japan werden schon seit

Jahren die Innenlegierungen von Konserven

und Getränkebüchsen mit einer

Schutzschicht versehen, damit weniger

BPA von der Verpackung in das Lebensmittel

oder Getränk wandern kann. In

den USA bieten Unternehmen inzwischen

Lebensmittelverpackungen an, die

auf Bisphenol A ganz verzichten und aus

pflanzlichem Material hergestellt sind.

BPA ist eine der am meisten untersuchten

Chemikalien weltweit. Es gibt

etwa 5.000 Studien. An die 500 befassen

sich mit den Wirkungen auf Mensch,

Tier und Pflanze. Einige wenige Studien

attestierten BPA keine negative Wirkung.

Entwicklungsbiologe Frederick vom Saal

von der University of Missouri überprüfte

im Jahr 2007 insgesamt 163 dieser Studien.

Das Fazit: Von 152 öffentlich finanzierten

Analysen wiesen 138 auf Gesundheitsschäden

durch BPA hin. Dagegen

kam keine der elf von der Industrie gesponserten

Arbeiten zu einem negativen

Schluss!

BPA ist ein großes Geschäft: Weltweit

werden derzeit fast vier Millionen Tonnen

jährlich produziert, mit einem

Nachfrageplus von sechs bis zehn Prozent

pro Jahr. Deutschlandweit sind es

an die 410.000 Tonnen. Bisphenol A ist

eine der wichtigsten Alltags-Chemikalien.

Ausgangsstoff für Polycarbonatkunststoffe

und Epoxidharze, woraus viele

Kunststoffverpackungen und Gefäße,

aber auch CDs und DVDs bestehen.

BPA steckt heutzutage fast überall

drin. In Lebensmittelverpackungen zum

Beispiel. Täglich hantieren wir damit:

Wir essen Mais aus der Dose. Trinken

Wasser aus Kunststoff-Flaschen. Geben

Kindern Milch in Plastik-Nuckelflaschen.

BPA entweicht in minimalen Mengen in

unsere Nahrung, die gesundheitlich unbedenklich

sind. In der Regel jedenfalls.

Trotzdem fordern seit über 20 Jahren

Umweltverbände ein Verbot von BPA in

risikoreichen Anwendungen.

In zahlreichen Tierversuchen zeigte

BPA eine ähnliche Wirkung wie das weibliche

Sexualhormon Östrogen. Neben natürlichen

Hormonen können auch Chemikalien,

die die Wirkung der Botenstoffe

nachahmen, erbähnliche Veränderungen

an der DNA bewirken. Auch

Bisphenol A, das 1936 als synthetisches

Hormon kreiert wurde.

Hormone sind die Herrscher über unseren

Körper. Gebildet von spezialisierten

Geweben und Organen, übernehmen

sie die lebenswichtige Rolle von biochemischen

Vermittlern, die das Zusammenspiel

der rund 30 Billionen Zellen

des menschlichen Organismus mit der

Außenwelt koordinieren. Sie passen die

körperliche Aktivität dem Wechsel von

Tag und Nacht an, indem sie Wach- und

BISPHENOL A: Nachweisbar in vielen Verpackungen.

Schlafrhythmen steuern. Hormone treiben

uns zum Essen und Trinken an,

wecken die Lust auf Sexualität, machen

Mütter zu mutigen Kämpferinnen für

ihren Nachwuchs. Die Verfügungskraft

der Botenstoffe reicht weit über den eigenen

Körper hinaus. Körpereigene Hormone

können sogar in der nachfolgenden

Generation fortwirken.

Wie BPA als Sexualhormon wirkt, bemerkte

Entwicklungsbiologe Frederick

vom Saal 1998 zufällig bei Labormäusen:

Deren Prostata vergrößerte sich, nachdem

sie in Öl gelöstes Bisphenol A gefressen

hatten. Die Pubertät setzte früher

ein, die Spermienqualität litt. Andere

Forscher bestätigten dies oder deckten

weitere Schadwirkungen auf.

»Ähnliche Effekte einer Östrogenwirkung

sind auch bei der Spermienproduktion

des Mannes und der Eizellentwicklung

der Frau durch BPA zu erwarten«,

warnt Prof. Jürgen Kleinstein, Direktor

der Universitätsklinik für Reproduktionsmedizin

Magdeburg. »Zudem ist

davon auszugehen, dass eine Reihe

48 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


REPORT

gutartiger Erkrankungen der Frau auf

diese Östrogenwirkung zurückzuführen

sind. Ebenso ein großer Teil von Karzinomen.«

Kleinstein kennt die Gefahren von

BPA, sein Haus kümmert sich um Paare

mit ungewollter Kinderlosigkeit.

2001 hat der Toxikologe Prof. Gilbert

Schönfelder vom Institut für Klinische

Pharmakologie und Toxikologie der Berliner

Charité nachgewiesen, dass BPA

von Schwangeren an ihr Kind weitergegeben

wird. In der Folge fanden Kollegen

auch signifikante Mengen von aktivem

BPA im Blut von Schwangeren und Föten.

Bei Ungeborenen löse BPA Effekte aus,

die normalerweise erst nach der Pubertät

eintreten, warnte Schönfelder 2010

auf einem Symposium in Leipzig.

Das bestätigt eine aktuelle Studie der

Harvard School of Public Health. Sie

zeigt zum ersten Mal aber auch, dass

eine Belastung im Mutterleib im späteren

Lebensverlauf von Mädchen zu aggressivem,

hyperaktivem, ängstlichem

und depressivem Verhalten führt.

Obwohl Experten schon seit mehr als

zehn Jahren vor BPA warnen, sieht die

EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit

EFSA für den Menschen derzeit keine Gefährdung,

solange die tägliche Dosis 50

Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht

nicht überschreite. Was das Urteil

wert ist, belegten MDR-Recherchen Ende

2010: Mitarbeiter der EFSA arbeiten direkt

für Industrieverbände. Die Entscheidung

der Behörde zur Unbedenklichkeit

von BPA zeige, »dass die interessierte

Industrie dort mehr Gehör findet als unabhängige

Forscher«, kritisiert Sarah

Häuser, Chemikalienexpertin der Umweltorganisation

BUND.

In Deutschland scheiden sich an BPA

die Geister. Das Bundesinstitut für Risikoforschung

hat keine Bedenken. Begründung:

Die Substanz wandle sich im

menschlichen Körper schnell in ein Stoffwechselprodukt

um, das keine östrogene

Wirkung mehr habe und über die Nieren

ausgeschieden werde. Jochen Flasbarth,

Präsident des Umweltbundesamtes in

Dessau-Roßlau, kontert: Trotz der Datenlücken

sollten »doch die vorliegenden

Kenntnisse ausreichen, die Verwendung

bestimmter BPA-haltiger Produkte aus

Vorsorgegründen zu beschränken«.

Was also bleibt unterm Strich? Auch

die Verpackung kann ein Essen madig

machen. Chemikalien, zum Beschichten

von Dosen oder Abdichten von Deckeln

eingesetzt, können sich lösen und in Lebensmittel

gelangen. Besonders fetthaltige

Produkte wie eingeschweißte Fertiggerichte

oder Fischkonserven setzen

Substanzen aus ihren Verpackungen frei,

da Öle als Lösungsmittel wirken. Weich-

macher lösen sich durch UV-Strahlung

aus PET-Flaschen, gelangen in Getränke.

Der BUND hat im Sommer BPA in Kindertagesstätten

bundesweit nachgewiesen.

Das hormonell wirksame, bisher nur

in Babyflaschen verbotene BPA fand sich

in 92 der 107 vom Umweltverband untersuchten

Staubproben aus Kitas. BUND-

Chemieexpertin Sarah Häuser: »Unsere

Analysen zeigen, dass Kinder wahren

Giftcocktails ausgesetzt sind. Doch obwohl

Verbraucherschutzministerin Ilse

Aigner schon mehrmals von uns auf diese

Gefahren hingewiesen wurde, glänzt

sie bisher durch Untätigkeit.«

Dafür engagiert sich die CSU-Politikerin

für das Verbraucherportal »Lebensmittelklarheit.de«

im Internet. Der Start

im Sommer war zäh: Der User-Ansturm

zwang die Server zu Anfang in die Knie.

Täglich laufen rund 20 neue Beschwerden

beim Verbraucherportal ein – und

manche stoßen bei den Herstellern auf

offene Ohren.

MAHNER: Prof. Jürgen Kleinstein.

Doch das findet nicht nur Beifall: FDP-

Ernährungsexpertin Christel Happach-

Kasan will für das »Meckerportal« kein

weiteres Steuergeld. Der Bund für Lebensmittelrecht

und Lebensmittelkunde

mahnt mehr Sachlichkeit und Objektivität

an und die Gewerkschaft Nahrung-

Genuss-Gaststätten kritisierte, Aigner

überlasse es den Verbrauchern nach dem

Zufallsprinzip, willkürlich Lebensmittel

zu beurteilen. Ruiniert hat das bislang

aber offenbar keinen Hersteller.

Warum macht sich Aigner nicht auch

für BPA-freie Lebensmittelverpackungen

stark? Bisphenol A bleibt ein Risikofaktor,

gehört nicht ins Essen, nicht in Lebensmittelverpackungen.

Die Politik ist

jetzt am Zuge. Damit wäre das Problem

aber nicht vom Tisch. Auch wenn noch

Wissenslücken zu füllen sind, bevor BPA

endgültig bewertet werden kann, wird

bereits vor möglichen, aber schlechter

untersuchten Ersatzstoffen gewarnt.

Dana Micke

&

HINTERGRUND

Umweltamt warnt

Das Umweltbundesamt (UBA) in Dessau-

Roßlau hat sich in einer Publikation unter

dem Titel »Massenchemikalie mit unerwünschten

Nebenwirkungen« mit dem

Phänomen Bisphenol A auseinandergesetzt.

Darin heißt es unter anderem:

Die Gesamtschau der bisher vorliegenden

Studien über die Wirkungen und die Exposition

von Bisphenol A offenbart Hinweise

auf mögliche Risiken für die menschliche

Gesundheit. Aus Sicht des UBA ist es deshalb

gerechtfertigt, Vorsorgemaßnahmen

zur gezielten Minderung der Exposition für

solche Bevölkerungsgruppen zu erwägen,

die aufgrund ihrer Empfindlichkeit und Exposition

am ehesten gefährdet sind.

Es wird dazu geraten, alle vorliegenden

Daten zur Bewertung des Stoffes durch

die Behörden heranzuziehen. Die zahlreichen

Studien ergeben ein konsistentes

Bild. Ihre Ergebnisse sollten angemessen

berücksichtigt werden.

Die Aufnahme von Bisphenol A liegt in diesen

Studien deutlich unterhalb der Menge,

die die EFSA als gesundheitlich

bedenklich bewertet, trotzdem sind diese

Mengen in der Lage, in Tierversuchen

ernsthafte Wirkungen hervorzurufen.

Aus fachlicher Sicht des UBA existiert somit

ein ausreichendes Besorgnispotenzial.

Das UBA spricht sich deshalb dafür

aus, vorsorgend tätig zu werden und die

Verwendung bestimmter Produkte, die

Bisphenol A enthalten, zu beschränken.

Dies gilt besonders für Produkte im

Kontakt mit Lebensmitteln. Für diese

ergeben sich außerhalb des Stoffrechts

(REACH) zusätzliche Regelungsoptionen.

Hinsichtlich der Regelungsoptionen ist

zwischen Lebensmittelbedarfsgegenständen

(Materialien und Gegenstände, die

dazu bestimmt sind, mit Lebensmitteln in

Berührung zu kommen) und anderen Bedarfsgegenständen

(etwa Gegenstände,

die dazu bestimmt sind, zum Beispiel

mit den Schleimhäuten des Mundes in

Berührung zu kommen) zu unterscheiden.

Die rechtlichen Vorgaben für beide Produktgruppen

im Kontakt mit Lebensmitteln

ergeben sich überwiegend aus dem

europäischen Recht. Daher können nationale

Maßnahmen nur ergriffen werden,

wenn es das europäische Recht zulässt.

Die EU-Regelungen zu Lebensmittelbedarfsgegenständen

sind weitgehend abschließend.

Der Gestaltungsspielraum

für den deutschen Gesetzgeber ist darum

recht klein. Deshalb ist zunächst auf

EU- Ebene auf eine Herabsetzung der

Vorgaben zu den Höchstmengen von Bisphenol

A in Lebensmittelbedarfsgegenständen

aus Kunststoff zu drängen.

Info: www.umweltbundesamt.de

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11

49


REPORT

Anfang der 90er Jahre hat das Dessauer

Unternehmen begonnen, sich auf die

Herstellung von Drehstrom-Asynchronmotoren

und Drehstrom-Synchrongeneratoren

zu spezialisieren. »Wir entwickeln

und fertigen auf Kundenwunsch.

Die Marktnische ist da, wo die

großen Serienhersteller abwinken müssen.

Bei uns ist alles made in Germany.«

Das wiederum funktioniert nur mit eigener

Nachwuchsarbeit. Die AEM hat gegenwärtig

25 Lehrlinge, bildet in acht

Facharbeiterberufen selbst aus.

AEM Dessau ist mit seinen derzeit 220

Mitarbeitern auf Erfolgskurs. Der Jahresumsatz

pendelt zwischen 20 und 24 Millionen

Euro. »Wir sind auf der Welle der

Fotos: T. George

Elektromotorenwerk Dessau

Erfolg in der Nische

Die Anhaltinische Elektromotorenwerk Dessau GmbH (AEM) erfüllt

weltweit spezielle Kundenwünsche, fertigt Sondermaschinen. Eine

Marktnische, bei der große Serienhersteller der Branche abwinken.

Wer auf die englische Version der

Internet-Homepage der Anhaltischen

Elektromotorenwerk Dessau

GmbH (AEM) klickt, schaut zuerst

auf eine Animation: Eine kleine blaue

Weltkugel, die kurz eingeblendet wird

und dann dem Firmenlogo AEM weicht.

Die hier entwickelten und gefertigten

Sondermaschinen genießen international

einen exzellenten Ruf. Mit AEM-Generatoren

wird Strom erzeugt. Im Tagebau

und in Produktionshallen werden

Pumpen und Krananlagen mit Motoren

aus Dessau angetrieben. Europa, Südamerika,

China – die Auftraggeber sitzen

überall. »Seit dem Jahr 2005 gehen etwa

50 Prozent unserer Produktion in den Export«,

sagt Rolf Rätzer, Geschäftsführer

und Miteigentümer des mittelständischen

Unternehmens.

Das gibt es so seit 1993, eine Neugründung

nach der Privatisierung. Der 63-

jährige Ingenieur ist einer von vier leitenden

Angestellten, die die inzwischen

über 60-jährige Elektromotoren-Tradition

in Dessau in der Wendezeit am Leben

hielten. 1989 gab es hier 1.800 Beschäftigte,

drei Jahre später nur noch

150. Eigentlich wollte der Aufsichtsrat

des Mutterunternehmens VEM 1992 das

Werk schließen. Aber die vier Gesellschafter

der neu gegründeten AEM überzeugten

die verwaltende Treuhandanstalt

mit ihrem Konzept. »Wir mussten

eine pönalisierte Beschäftigungsgarantie

für 130 Mitarbeiter geben und zehn Millionen

D-Mark Investitionen zusichern«,

so Rolf Rätzer, der mit Reiner Storch

heute noch einen der Mitgründer als Geschäftsführer

an seiner Seite hat.

»Wir sind damals von Null gestartet.

Wir hatten nirgendwo einen Markt, alles

war weggebrochen. Wir mussten durch

anwendungsfreundliche, technisch-technologisch

innovative und sichere Erzeugnisse

mit hoher Qualität und Zuverlässigkeit

bestechen. Das Schwierigste war,

die Firma deutschland-, ja weltweit bekannt

zu machen, Kunden zu überzeugen,

den Markt aufzubauen«, erinnert

sich Rätzer. Und sagt dann selbstbewusst:

»Wir sind eines der wenigen rein ostdeutschen

Management-buy-out von dieser

Größe, die es geschafft haben.«

Im Jahr 2007 hat die Firma als einer

der ersten Elektromaschinenhersteller

die Elektroblechfertigung komplett auf

die Lasertechnik umgestellt, die auch bei

Losgröße »1« eine hohe Produktivität gewährleistet.

Rätzer preist die Hochgeschwindigkeitslaser

in höchsten Tönen.

»Eine innovative Technologie ohne Werkzeugbindung.

Wir sind flexibel.« Eine

der Stärken von AEM.

ZUVERSICHTLICH: Manager Rolf Rätzer

Globalisierung gewachsen, da trifft uns

natürlich auch ein Einbruch der Weltkonjunktur.

Wir sind Komponentenlieferant

für Großprojekte, die aber werden

in Krisenzeiten überall nur schwer entschieden.«

Das hat für AEM im Jahr 2010

teilweise Kurzarbeit bedeutet, finanziert

durch den Staat.

Eine Unterstützung, die Rätzer nicht

missen will. Auch nicht die Unternehmerreisen

ins Ausland, die Zuschüsse für

Messebeteiligungen, die Vermarktungshilfeprogramme,

eben Förderung durch

Bund und Land. »Für uns als kleine Mittelständler

wäre sonst vieles gar nicht

möglich gewesen«, zeigt sich der Dessauer

überzeugt. Er sieht AEM auch für die

Zukunft gut gerüstet.

Bislang hat das Unternehmen alle

Hürden gemeistert. Und 24 Millionen

Euro in den Standort investiert. Rätzer

schätzt hier das historisch gewachsene

Umfeld von Maschinenbaubetrieben wie

die Gewerbeansiedlung im Großraum

Halle-Leipzig. Auch die äußerst günstigen

Verkehrsanbindungen für ganz

Deutschland und die gut besetzten Universitäten.

Diese seien technisch sehr gut

ausgerichtet, verfügen aber noch über zu

wenig Praxisnähe. In Sachsen-Anhalt jedenfalls

will er bleiben.

Dana Kadell

&

50 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


W&M-SERVICE

DAS THEMA

KOMPAKT

PERSONALSUCHE

Internet dient

zur Information

Bei der Auswahl neuer Mitarbeiter

informiert sich gut

die Hälfte aller Unternehmen

im Internet über Bewerber.

Dies ergab eine repräsentative

BITKOM-Umfrage unter 1.500

Geschäftsführern und Personalverantwortlichen.

49 Prozent

der Firmen nutzen Internet-

Suchmaschinen, um Informationen

über Bewerber zu gewinnen.

Gut ein Fünftel recherchiert

in Online-Netzwerken,

die einen beruflichen Schwerpunkt

haben. 19 Prozent suchen

auch in privat orientierten

Online-Netzwerken. Rechtlich

ist es zurzeit noch zulässig, im

Internet nach Informationen zu

Bewerbern zu suchen.

Für Bewerber besteht die Gefahr,

dass im Internet Widersprüche

im Lebenslauf, unvorteilhafte

Fotos oder schädliche Äußerungen

auftauchen. Der Branchenverband

BITKOM gibt Hinweise,

worauf Bewerber achten sollten.

Sich selbst suchen: Neben

Google, Bing und Yahoo gibt es

spezielle Personensuchmaschinen

wie Yasni oder 123People.

Eigene Präsenz aufbauen:

Profile in Online-Netzwerken

oder eine eigene Website erscheinen

in den Ergebnislisten

der Suchmaschinen in der Regel

oben und bestimmen damit die

Außenwirkung. Meinungen

kontrolliert äußern: Wer sich

im Internet in Blogs oder Foren

mit kompetenten Beiträgen äußert,

wird positiv wahrgenommen.

Beleidigende Äußerungen

sind dagegen Tabu. Wer sich

privat austauschen will, muss

nicht seinen echten Namen

nennen.

Unvorteilhaftes entfernen:

Sollten sich falsche oder unvorteilhafte

Inhalte über die eigene

Person im Internet häufen, kann

professionelle Hilfe sinnvoll

sein. Einige Agenturen sind darauf

spezialisiert, gegen Bezahlung

unerwünschte Inhalte aus

dem Web zu entfernen.

IT-PERSONAL

Bedarf legt

deutlich zu

In deutschen Unternehmen

gibt es aktuell rund

38.000 offene Stellen für

IT-Experten.

Das ist das Ergebnis einer Studie

zum Arbeitsmarkt für IT-

Fachkräfte, die der Hightech-

Verband BITKOM vorgestellt

hat. Bei der repräsentativen

Umfrage wurden 1.500 Geschäftsführer

und Personalverantwortliche

von Unternehmen

aller Branchen befragt.

Nach Einschätzung der befragten

Firmen hat sich parallel

der Fachkräftemangel verschärft.

58 Prozent sagen,

dass ein Mangel an IT-Spezialisten

herrscht. Das ist ein

höherer Wert als in den

Boom-Jahren 2007 und 2008.

Positiv entwickeln sich die

Gehälter von IT-Experten.

Nach einer Untersuchung der

Personalberatung Kienbaum

steigen die Gehälter von IT-

Spezialisten in der ITK-Branche

im laufenden Jahr im

Durchschnitt um 4,7 Prozent.

2010 erhielten Beschäftigte

in der ITK-Wirtschaft ein

Bruttojahresgehalt von durchschnittlich

60.100 Euro.

IM UNTERNEHMEN

IKT-FACHKRÄFTE

Software-Entwickler gesucht

DOMAIN

Bald Start für

Bewerbungen

Der bisher verschobene

Start für neue Homepage-

Namen im Internet steht

jetzt bevor.

Ab dem 12. Januar 2012 will

die zuständige Internet-Verwaltung

Icann Bewerbungen

für neue »Top Level Domains«

entgegennehmen. Dann können

Unternehmen, Städte

und Regionen eigene Adressendungen

nach dem Muster

».firma« oder ».stadt« erhalten.

In Deutschland gibt es

unter anderem Initiativen für

die Adressen .berlin, .hamburg

und .köln. Branchen-Domains

wie .film oder .hotel

sind ebenfalls geplant. »Alle

interessierten Institutionen

sollten ihre Vorbereitungen

zur Bewerbung intensivieren,

wenn sie die neuen Möglichkeiten

möglichst schnell nutzen

wollen«, rät der Präsident

des Hightech-Verbandes BIT-

KOM, Prof. Dieter Kempf. Bewerbungen

sollen zunächst

von Mitte Januar bis Mitte

April eingereicht werden können.

Icann plant, bis zum November

2012 die Anträge zu

prüfen und neue Top Level

Domains zuzulassen.

Rund 16.000 der offenen Stellen für IT-Experten entfallen auf

die ITK-Branche, der Großteil davon auf Anbieter von Software

und IT-Dienstleistungen. Besonders gesucht: Software-Spezialisten

für die Entwicklung neuer Anwendungen.

Gesuchte Job-Profile in der IT-Branche (Angaben in Prozent)

Sotware-Entwickler 84

Marketing-/Vertriebs-Profis 40

IT-Berater 36

IT-Administratoren 20

Hardware-Entwickler 14

KARTENDIENST

Google will Geld

Der Internetkonzern hat neue

Nutzungsbedingungen für den Kartendienst

Maps veröffentlicht.

Unternehmen müssen nun zahlen.

Dies gilt, wenn Unternehmen Google

Maps auf ihren Internetseiten einbinden

wollen. Damit rückt Google von

der bisher praktizierten Strategie mit

Gratisangeboten ab. Die Entscheidung

hat die Diskussion über die Zukunft

von Bezahlmodellen im Internet

neu befeuert. Google selbst ist zu

einem Anteil vom mehr als 90 Prozent

bei seinen Umsatzerlösen vom Anzeigengeschäft

abhängig und sucht

deshalb auch nach neuen Einnahmequellen.

Es ist das erste Mal, dass

Google ein Gratisangebot für bestehende

Kunden kostenpflichtig macht.

Eine kommerzielle Nutzung von

Maps soll künftig nur für bis zu

25.000 Seitenaufrufe am Tag kostenlos

sein, für eine darüber hinaus

gehende Nutzung werden Gebühren

erhoben. Google ist Marktführer bei

Online-Kartendiensten. Gerade bei

Webangeboten in der Reisebranche

oder bei so genannten Empfehlungsportalen

gehören Karten zum festen

Bestandteil ihres Web-Sevices.

DOMAIN

DENIC muss löschen

Die DENIC, eine Gesellschaft zur

Vergabe von Internet-Domains,

muss Domainnamen in Fällen eindeutigen

Missbrauchs löschen.

Das entschied der BGH (Az. I ZR

131/10). Geklagt hatte der Freistaat

Bayern. Unternehmen mit Sitz in

Panama hatten Domainnamen registriert,

die aus dem Wort »regierung«

und dem Namen jeweils einer der

bayerischen Regierungsbezirke gebildet

wurden (z. B. »regierung-oberfranken.de«).

Der Freistaat, der für seine

Regierungsbezirke ähnliche Domainnamen

hat registrieren lassen (z. B.

»regierung.oberfranken.bayern.de«),

verlangte die Löschung der Domainnamen.

Die DENIC habe zwar nur

eingeschränkte Prüfpflichten, räumten

die Richter ein. Bei der Registrierung

selbst, die in einem automatisierten

Verfahren allein nach

Prioritätsgesichtspunkten erfolgt,

müsse deshalb keinerlei Prüfung erfolgen.

In Fällen, in denen die Gesellschaft

aber auf einen offenkundigen

Missbrauch hingewiesen wird, ist

sie zum Handeln gezwungen. Dass

die genannten Bezeichnungen allein

einer staatlichen Stelle und nicht

einem Unternehmen in Panama

zustehen, sei ein solcher Fall.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 51


W&M-SERVICE

AKTUELL

STEUERSCHÄTZER

Hoffnung auf

Geldsegen

Prognosen in Zeiten der

Euro-Krise sind äußerst

gewagt. Dies gilt auch für die

jüngste Steuerschätzung.

Der Arbeitsmarkt boomt, der

private Konsum zieht an. Anlass

genug für den Arbeitskreis

Steuerschätzung, Bund, Länder

und Gemeinden ein Plus bei den

Steuereinnahmen vorherzusagen.

Der Gesamtstaat soll demnach

von 2011 bis 2015 39,5 Milliarden

Euro mehr in den Kassen

haben als es die vorherige Prognose

im Mai erwarten ließ. Neben

der Lohnsteuer soll der

Milliardensegen für die Staatskassen

vor allem durch die

Umsatzsteuer getragen werden.

Im Einzelnen kommt die aktuelle

Steuerschätzung zu dem Ergebnis,

dass der Staat mit Mehreinnahmen

von 48,1 Milliarden

Euro rechnen kann, davon 17,5

Milliarden Euro bereits im Jahr

2011. Dem sind Mindereinnahmen

aufgrund von Änderungen

im Steuerrecht von 8,6 Milliarden

Euro gegenzurechnen. Ein

Steuerplus gibt es auch für die

Länder und in geringerem Maße

2011 und 2012 für die Kommunen.

Diese müssen allerdings

2013 bis 2015 mit Mindereinnahmen

rechnen.

Inwieweit solche Schätzungen

im Zuge der weltweiten Schuldenkrise

für nachhaltige Planungen

verlässliche Daten liefern,

sei dahingestellt. In jedem

Fall haben sie die Berliner Koalitionsregierung

zu einer

milden Steuerreform bewegen

können. Um sechs Milliarden

Euro will man die deutschen

Steuerzahler entlasten, indem

die »kalte Progression« in der

Einkommensteuer abgeschwächt

wird. Die Entlastung

soll in zwei Schritten 2013 und

2014 wirksam werden. Dazu

wird der Grundfreibetrag angehoben

und der Tarif verschoben.

Die Anhebung des Grundfreibetrages

war durch die Rechtsprechung

ohnehin fällig.

IM

STEUERPRÜFUNG

Beim Chi-Test

durchgefallen

Auffälligkeiten beim sogenannten

Chi-Test reichen

zur Beanstandung der

Buchführung nicht aus.

Bei dem Test wird davon ausgegangen,

dass derjenige, der

bei seinen Einnahmen unzutreffende

Werte in das Kassenbuch

eingibt, unbewusst eine

Vorliebe für gewisse Lieblingszahlen

hat und diese entsprechend

häufiger verwendet.

Einem Friseursalon wurde

vorgeworfen, dass die Kassenbücher

in Form von Excel-Tabellen

geführt worden seien.

Diese könnten nachträglich

geändert werden. Der Chi-Test

legte eine solche Manipulation

nahe. Das Finanzamt erhöhte

deshalb die erklärten

Umsatzerlöse um jährlich

3.000 Euro.

Das FG Rheinland-Pfalz widersprach

(Az. 2 K 1277/10):

Der Test allein sei nicht geeignet,

Beweise dafür zu erbringen,

dass die Buchführung

nicht ordnungsgemäß sei. Zudem

ergebe sich aus der Preisliste

des Friseursalons naturgemäß

eine Häufung bestimmter

Zahlen.

Der Staat trinkt mit

UNTERNEHMEN

FILMTHEATER

Kein Kino

ohne Popcorn

Der Verkauf von erwärmtem

Popcorn und Nachos

im Kino unterliegt dem

ermäßigten Steuersatz.

Der BFH (Az. V R 3/07) hat entschieden,

dass die Umsätze,

die Kinobetreiber mit dem

Verkauf von Popcorn und

Nachos erzielen, dem ermäßigten

Steuersatz unterliegen.

Es handelt sich um die

Abgabe von Standardspeisen,

die nicht auf Bestellung eines

bestimmten Kunden, sondern

entsprechend der allgemein

vorhersehbaren Nachfrage

vorgenommen werden.

Im dem zu entscheidenden

Fall hatte das Finanzamt eine

Restaurationsleistung als Teil

des Angebot angenommen

und den vollen Umsatzsteuersatz

berechnet. Als Dienstleistungselement

galt das Mobiliar

im Kino-Foyer. Das sahen

die Richter anders, weil die

Tische und Stühle im Kino-

Foyer nicht ausschließlich für

den Verzehr von Lebensmitteln

gedacht waren, sondern

auch allen wartenden Kinobesuchern

zur Verfügung

standen.

STEUERN AUF ALKOHOL

Insgesamt 3,1 Milliarden Euro Steuereinnahmen flossen im

Jahr 2010 über den Absatz alkoholischer Getränke in die öffentlichen

Kassen Deutschlands. Das Biersteueraufkommen steht

den Bundesländern zu, alle anderen Steuereinnahmen aus

Genussmitteln fließen in die Bundeskasse.

Steuerart

Branntweinsteuer

Biersteuer

Schaumwein und Zwischenerzeugnisse

Steuer auf Alkopops

Weinsteuer

Quelle: Statistisches Bundesamt

Aufkommen

2.000 Mio. Euro

713 Mio. Euro

443 Mio. Euro

2 Mio. Euro

wird nicht erhoben

STEUERN SPAREN

W&M-Tipp für die PRAXIS

Fehlstart für die

Lohnsteuerkarte

Dle ektronische Lohnsteuerkarte

sollte zum Jahreswechsel starten.

Doch nun gibt es technische

Probleme und Verzögerungen.

Noch vor kurzem wurde – auch an

dieser Stelle – das Ende der Lohnsteuerkarte

auf Pappe ausgerufen.

Ersetzt werden sollte sie durch die

elektronische Lohnsteuerkarte.

Was bisher an Daten auf der Vorderseite

der Lohnsteuerkarte stand,

wird jetzt in einer zentralen Datenbank

namens ELStAM erfasst.

ELStaM ist die Abkürzung für »Elektronische

Lohnsteuer-Abzugs-Merkmale«.

Der Arbeitgeber kann auf

diese Datenbank zugreifen, um den

Lohnsteuerabzug seiner Mitarbeiter

zu ermitteln, also in welcher Steuerklasse

der Arbeitnehmer ist, wie

viele Kinder er hat, welche Freibeträge

er beantragt hat und welcher

Religionsgemeinschaft er angehört.

Nun stellt sich raus, dass viele der

dort gespeicherten Daten falsch

sind. Die Möglichkeit des Zugriffs

wird sich deshalb wohl bis zum

2. Quartal 2012 verzögern.

Das ist nicht die erste Panne bei

der Einführung elektronischer

Verfahren bei den Behörden. Die

Wirtschaft reagierte verärgert auf

die dadurch zu erwartenden Mehrarbeiten

bei der Umstellung in den

Unternehmen.

Die Lohnsteuerhilfevereine warnen

unterdessen die Arbeitnehmer,

dass viele der Infoblätter, die mit

Beginn des Monats November verschickt

wurden, um Arbeitnehmer

aufzuklären, welche Daten über sie

gespeichert sind, falsche Angaben

enthalten.

Besonders die Steuerklasse und

die Religionszugehörigkeit sind oft

nicht korrekt erfasst. Das könne

zu falschen Abzügen führen. Einige

Finanzämter wurden bereits von

einem Ansturm von Korrekturwünschen

überrollt.

W&M-TIPP

Wer fehlerhafte Angaben in seinem

Schreiben entdeckt, sollte diese –

am besten schriftlich – beim Finanzamt

bis zum Jahresende melden.

Ist die elektronische Lohnsteuerkarte

dann eingeführt, gilt: Bei wem

sich später Änderungen etwa durch

einen Wechsel der Steuerklasse

oder das Eintragen von Kinderfreibeträgen

ergeben, muss diese

ebenfalls dem Finanzamt anzeigen.

Er muss aber auch den Arbeitgeber

informieren, damit dieser die

aktualisierten Angaben aus der

Datenbank abrufen kann.

52 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


W&M-SERVICE

STEUERSOFTWARE

Wenn der

Rechner irrt

Wer eine Steuersoftware

für seine Steuererklärung

nutzt, muss das Risiko für

Fehler selbst tragen.

Das hat das Finanzgericht

Rheinland-Pfalz (Az. 3 K 2674/

10) entschieden. Der Kläger

hatte nachträglich rund 4.000

Euro für die Kinderbetreuung

absetzen wollen. Als Grund

nannte er, dass seine Steuersoftware

den Posten in der

Steuererklärung nicht abgefragt

habe. Das Computerprogramm

habe ihm nicht automatisch

das Steuerformular

angezeigt, sondern durch ein

eigenes Menu geführt. Das Finanzamt

lehnte die nachträgliche

Geltendmachung der

Kosten ab und bekam von den

Finanzrichtern Recht. Wenn

die Software nicht alle Funktionen

wie die amtlich bereitgestellte

Steuersoftware habe,

müsse der Steuerpflichtige

das Risiko tragen. Mögliche

Software-Fehler gleichen so

Fehlern von Steuerberatern.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Zu früh gefreut: Als an dieser Stelle in Heft 11/

11 die Abzugsfähigkeit der Kosten für die Erstausbildung/das

Erststudium als Werbungskosten

als gerechter Ausgleich für die späteren

Steuereinnahmen gefeiert wurde, hatte die Regierung

bereits eine Klarstellung der vom Gesetzgeber

gewollten Rechtslage definiert. Danach

sind die Kosten für das Erststudium nun

doch nicht absetzbar. Der Finanzausschuss

reagierte prompt: Die vom BFH erkannte Lücke

im Gesetz, deren Nutzung (rückwirkend ab

2004) zum Tragen gekommen wäre, fiel der

Haushaltsräson zum Opfer. Lediglich eine Erhöhung

des Sonderausgabenabzugs für Ausbildungskosten

von derzeit 4.000 auf 6.000 Euro

ab 2012 wurde beschieden. In der Begründung

heißt es, »dass die erste Berufsausbildung und

PRIVAT

FORMULARE

Den Überblick

verloren

Das Finanzamt darf mit seinen

Formularen keine überzogenen

Anforderungen

an den Steuerbürger stellen.

Der Kläger lebt mit der Mutter

seines im Jahr 2007 geborenen

Kindes in nichtehelicher Lebensgemeinschaft.

Seine

Steuererklärung für das Jahr

2008 gab er elektronisch mit

ElsterFormular ab, ohne seine

Unterhaltszahlungen an die

Lebensgefährtin anzugeben.

Erst nachdem sein Einkommensteuerbescheid

bereits

bestandskräftig geworden war,

holte er die Angaben nach.

Dies lehnte das Finanzamt ab.

Das FG Hamburg urteilte anders

(Az. 1 K 43/11): Die Steuererklärungsunterlagen,

insbesondere

im ElsterFormular,

seien nicht deutlich. Erst bei

genauerer Durchsicht der Anlage

fände sich am Ende eine

Erwähnung der Kindesmutter.

Zudem sei es im ElsterFormular

schwieriger, die auszufüllenden

Felder zu überblicken.

Von KARL-HEINZ BADURA

Wirtschaftsjournalist und Finanzrichter,

Nörvenich

Ausbildungskosten – Haushaltsräson geht vor

ZOLL

Unkenntnis

kann schützen

Ein Käufer hatte über das

Internet einen Blu-ray-Player

zum Preis von rund 500 Euro

im Ausland bestellt.

Bei Abholung des Geräts beim

Zollamt meldete er die Einfuhr

ordnungsgemäß an. Der Zollbeamte

gab die Daten in das

EDV-System ein und erließ einen

Einfuhrabgabenbescheid

über 88,68 Euro, den der Käufer

zahlte. Später bemerkten die

Zollbeamten einen Fehler bei

der Eingabe der Daten. Das

Zollamt erhob deshalb nachträglich

Einfuhrabgaben in

Höhe von weiteren 77,21 Euro.

Der Käufer hätte durch schlichtes

Nachlesen der einschlägigen

Gesetzesvorschriften den

Fehler bei der Berechnung der

Einfuhrabgaben bemerken können.

Dem widersprachen die

Hamburger Finanzrichter und

ließen den Zoll abblitzen (Az. 4

K 63/11): Der Kläger habe darauf

vertrauen dürfen, dass die Zollbeamten

über die erforderliche

Sachkunde verfügen würden.

das Erststudium als Erstausbildung der privaten

Lebensführung zuzuordnen sind«. Diese

Grundentscheidung folge auch den Grundsätzen

des Sozialrechts, dass diese Ausbildungsbereiche

der Bildungsförderung und nicht der

Arbeitsförderung unterliegen würden. Die zeitliche

Rückwirkung sei unter Berufung auf die

Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts

in diesem Falle zulässig.

Dass mit derartig pragmatischen Begründungen

die Zahl der Urteile zunimmt, die in

ähnlicher Weise über den entschiedenen Fall

hinaus nicht zu einer tatsächlichen Rechtsprechungsänderung

führen können, ist

äußerst unbefriedigend. Denn die beiden Ausbildungsurteile

hätten tatsächlich eine Änderung

der Rechtsprechung bedeutet.

➔Steuern KOMPAKT

BUCHTIPP

In der Steuerfalle

Der Staat ist zum Großeinkäufer von

so genannten Steuer-CD geworden.

Wann machen sich Steuerbürger

eigentlich im Steuerrecht strafbar?

Bei der Klärung dieser Frage hilft

ein aktuelles Ratgeber-Werk aus

dem C.H.Beck-Verlag. »Trotz ausführlichen

Berichterstattungen in den Medien

weiß kaum ein Bürger, wann genau

er sich der Steuerhinterziehung

strafbar macht, wie die Ermittler

arbeiten und welche Sanktionen drohen«,

erklärt Arne Lißewski, Fachanwalt

für Steuerrecht und Strafrecht

und Mitautor des Buches.

Lißewski warnt davor, Steuerhinterziehung

nur als Delikt einiger weniger

Großverdiener anzusehen: »Steuerhinterziehung

existiert in vielen Varianten,

durch aktives Tun genauso

wie durch Unterlassen.« Wer etwa

mehr Reiseauslagen geltend macht

als angefallen oder gegenüber dem

Finanzamt Einnahmen verschweigt,

macht sich strafbar. Doch nicht jede

Steuersünde hat schwerwiegende

rechtliche Folgen: »Abzugrenzen ist

die leichtfertige Steuerverkürzung,

die lediglich eine Ordnungswidrigkeit

ist und nur zu einem Bußgeld führt«,

erklärt Lißewski. Bei groben Rechtsverstößen

drohen aber saftige Geldund

sogar Haftstrafen. »Hinzu kommt,

dass der Steuerhinterzieher für den

Steuerschaden persönlich haftet,

auch wenn ein Dritter von der Steuerhinterziehung

profitiert hat«, warnt

der Steuerexperte. »Der Staat hat

auch die Möglichkeit, Vermögen einzukassieren

oder ordnungsrechtliche

Folgen auszusprechen wie die Gewerbeuntersagung.«

Eine Möglichkeit, der Strafe zu entkommen,

ist die Selbstanzeige, die

es so nur im Steuerrecht gibt. Seit

Mai 2011 gelten hierfür in Deutschland

neue Regeln. Lißewski erläutert:

»Die Teilselbstanzeige ist mit der

Neuregelung unwirksam geworden.

Es gilt das Prinzip des reinen Tisches.«

Der Ratgeber erklärt aber nicht

nur die rechtlichen Regeln, er gibt

auch Tipps, was zu tun ist, wenn ein

Verfahren nicht mehr abzuwenden ist.

Lißewski/Suckow/Albers, Steuerhinterziehung

– Straftat und Rechtsfolgen,

Beck kompakt Ratgeber,

2011, 128 Seiten, 6,80 Euro,

ISBN: 978-3-406-61798-0

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 53


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

HYGIENE

Viele Betriebe

schlampen

Rund jeder vierte der von Lebensmittelkontrolleuren

2010 untersuchten Betriebe

verstieß gegen Auflagen.

Das zeigen die Zahlen der

amtlichen Lebensmittelüberwachung,

die das Bundesamt

für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

(BVL) vorgelegt

hat. Insgesamt liegt die

Zahl der Beanstandungen aber

weiterhin konstant auf einem

niedrigen Niveau. Im zurückliegenden

Jahr haben die Kontrolleure

der amtlichen Lebensmittelüberwachung

in den Bundesländern

921.000 Inspektionen

in rund 538.000 deutschen

Betrieben durchgeführt und

408.000 Proben untersucht. Bei

etwa 139.000 Betrieben stellten

die Kontrolleure Verstöße fest.

Besonders geschludert wurde

bei der allgemeinen Betriebshygiene

sowie beim Hygienemanagement

in den Betrieben.

Auch bei der Kennzeichnung

und Aufmachung der Lebensmittel

gab es Mängel. Hier waren

von den rund 408.000 untersuchten

Proben etwa 55.000

Proben zu beanstanden. Ursachen

waren in der Häfte der

Fälle Kennzeichnungsmängel.

Rund jedes fünfte Produkt wies

Keime auf. Auch Gaststätten

wurden umfangreich unter die

Lupe genommen. Hygienemängel

in den Getränkelagern

sowie bei den Schanktischen

und Zapfstellen wurden in

16,3 Prozent der kontrollierten

Gaststätten mit Vollküche und

in 27,1 Prozent der kontrollierten

reinen Schankwirtschaften

festgestellt. Diese Ergebnisse

zeigen, dass insbesondere in reinen

Schankwirtschaften das

Hygienebewusstsein noch nicht

in zufriedenstellendem Maß

vorhanden ist. Verbraucherschützer

drängen angesichts

der Ergebnisse weiter auf eine

Veröffentlichung der Mängel

einzelner Betriebe – etwa in

Form einer Hygiene-Ampel.

WETTBEWERB

Presse-Grossist

abgemeldet

IM UNTERNEHMEN

Der Großhandel mit Presseerzeugnissen

erfolgt in

Deutschland traditionell

im Presse-Grosso-System.

Die rund 70 Grossisten beliefern

in ihren Vertriebsgebieten

den Einzelhandel mit den

Verlagserzeugnissen und haben

dabei bis auf wenige Ausnahmen

ein Gebietsmonopol.

Nun hat der Bauer-Verlag seinen

Vertrag mit dem Grossisten

für das Hamburger Umland

gekündigt. An dessen

Stelle vertreibt jetzt eine verlagseigene

Tochtergesellschaft

die Presseerzeugnisse

des Bauer-Verlags.

Gegen die Kündiging konnte

der Grossist auch vor dem

Bundesgerichtshof nichts erwirken

(Az. KZR 7/10). Die Produkte

nicht über unabhängige

Händler auszuliefern,

sondern den Vertrieb selbst

zu übernehmen, stehe jedem

Unternehmen frei. Dass andere

Grossisten in anderen Gebieten

weiter beliefert werden,

stelle auch keine Diskriminierung

des gekündigten

Grossisten dar, noch würden

seine Wettbewerbschancen

geschmälert.

MINDESTLÖHNE

URHEBERRECHT

Bilderflut

im Internet

Wer Urheberrechte an

seinen Werken im Internet

geltend machen will, hat

oft schlechte Karten.

Ein Fotograf hatte eine TV-Moderatorin

abgelichtet. Die Bilder

zeigt die Bildsuchmaschine

von Google mit dem Verweis

auf zwei Fundstellen im

Internet an.

Den entsprechenden Seiten

hatte der Fotograf allerdings

keine Urheberrechte an dem

Bild eingeräumt. Der Fotograf

warf nun Google vor, mit den

Vorschaubildern eine Verletzung

seiner Urheberrechte begangen

zu haben.

Generell gilt: Wer Bilder ins

Internet stellt und sie nicht

gegen das Finden durch Suchmaschinen

schützt, muss damit

leben, dass diese dort als

Vorschaubilder angezeigt werden.

Zudem hatte der Kläger

Dritten durchaus die Bildernutzung

im Internet genehmigt.

Ob das Bild im konkreten

Fall nun gegen den Willen

des Urhebers eingestellt wurde,

könne die Suchmaschine

nicht erkennen, erklärten die

Richter und wiesen die Klage

ab (BGH, Az. I ZR 140/10).

In Europa weit verbreitet

Gesetzlicher Stundenlohn 2010 ausgewählter Länder (in Euro)

Luxemburg 10,61

Frankreich 9,00

Großbritannien 6,91

Griechenland 4,28

Spanien 3,89

Portugal 2,92

Polen 1,85

Tschechien 1,82

Litauen 1,40

Rumänien 0,93

Auf Basis des EU-Referenzkurses mit Stand vom März 2011; Quelle: WSI

URTEIL AKTUELL

Der Fall und DIE FOLGEN

Lärm vertreibt

die Kunden

DER FALL: Eine Kirche wird

seit mehr als zwei Jahren umfangreich

saniert. Die Bauarbeiten

hätten, so klagte ein benachbarter

Imbiss, einen Umsatzeinbruch

von 30 Prozent

zur Folge. Der Gastronom kürzte

darauf die Miete für sein Ladenlokal.

Das wollte sich die

Vermieterin allerdings nicht

gefallen lassen.

DAS URTEIL: Das Oberlandesgericht

Branschweig (Az. 1

U 68/10) gab der Vermieterin

Recht. Eine Mietminderung erfordert

grundsätzlich einen

der Mietsache selbst anhaftenden

Mangel. Dieser lag aber

nicht vor.

Äußere Einflüsse wie eine Baustelle

können nur dann zur

Mietkürzung führen, wenn die

Tauglichkeit der Mietsache unmittelbar

beeinträchtigt wird.

Störungen des Mietgebrauchs

durch Vorgänge auf dem Nachbargrundstück,

führten die

Richter weiter aus, seien nur

dann relevant, wenn damit bei

Vertragsabschluss nicht zu

rechnen gewesen sei.

DIE FOLGEN: Das Urteil ist

eine Warnung für alle, die einen

Mietvertrag für ein Ladenlokal

abschließen. Denn so die

Richter: »Befindet sich auf dem

Nachbargrundstück erkennbar

ältere Bausubstanz, ist

grundsätzlich mit Störungen

durch Bau- und/oder Renovierungsarbeiten

auf dem Nachbargrundstück

zu rechnen.«

Allerdings führten die Richter

auch aus: »Auch in einer solchen

Situation muss der Mieter

grundsätzlich nicht damit

rechnen, dass das Publikum

seines Gewerbes die gemieteten

Räume überhaupt nicht

oder nur unter Inkaufnahme

gravierender Erschwernisse erreichen

kann.«

Dem Imbissbetreiber nutzte

dies im konkreten Fall nichts,

denn solche Erschwernisse

konnte er nicht nachzuweisen.

54 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


W&M-SERVICE

WASCHSTRASSE

Statt sauber,

beschädigt

Ein Auto kam in einer

Waschstraße zu Schaden,

weil es mit dem Trocknungsgebläse

kollidierte.

Ein Autofahrer, der einen Schaden

an seinem Fahrzeug nach

Benutzung einer Autowaschstraße

mit Schlepptrossenbetrieb

geltend machen will, hat

oft schlechte Karten. Nach

einem Urteil des Landgerichts

Berlin (Az. 51 S 27/11) muss er

nämlich in vollem Umfang

nachweisen können, dass ein

Mangel der Waschanlage den

Schaden herbeigeführt hat.

Schwierig ist die Beweislage

deshalb, weil der Fahrer sich

während des Waschvorgangs

im Auto befindet und den

Schaden durch unsachgemäßes

Verhalten auch selbst verursacht

haben könnte. Anders

bei Anlagen, bei denen der

Fahrer sein Auto in der Waschanlage

abstellt und der Waschvorgang

automatisch abläuft.

Hier liegt das Schadensrisiko

allein beim Betreiber.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Leben in der Warteschleife

Endloses Gedudel in der Warteschleife, monotones

Abfragen des Kundenwunsches durch ein

Computerprogramm, bevor endlich ein Experte

– oder jemand, der sich als solcher ausgibt –

die Anfrage persönlich beantwortet. Hotlines,

die dem Kunden gerne als Dienstleistung verkauft

werden, können nicht nur zur Belastung

der eigenen Nerven, sondern auch zu einer des

Geldbeutels werden, wenn die Warteschleife

auch noch kostenpflichtig ist. Dem will der

Gesetzgeber ein Ende bereiten. Künftig soll die

Wartezeit zu Beginn eines Anrufs wie auch

während der Bearbeitung als Warteschleife gelten.

Eine Kostenpflicht soll nur dann entstehen,

wenn das Anliegen konkret bearbeitet

wird. Erlaubt sein sollen Warteschleifen nur unter

bestimmten Bedingungen: bei kostenlosen

RECHT IM ALLTAG

URLAUBSREISE

Nicht ohne die

Medikamente

Ein Reiseveranstalter muss

einen Kunden auf Einfuhrbestimmungen

für Medikamente

hinweisen.

Darauf verweist das Landgericht

Berlin in einem aktuellen

Urteil (Az. 38 O 43/11). Dies gilt

jedenfalls dann, wenn die Regelungen

für den Veranstalter

leicht über die Internetseite

des Auswärtigen Amtes zu ermitteln

sind. Der Reiseveranstalter

muss den Vertragspartner

über alle leicht erkennbaren

Umstände, die die Reise

vereiteln könnten, hinweisen.

Geklagt hatte ein Reisender,

der erst kurz vor der Abreise

nach Dubai von einem Einfuhrverbot

für zahlreiche Medikamente

erfuhr. Er kündigte

darauf den Vertrag, weil seine

Frau ohne die Medikamente

nicht gefahrlos reisen könne.

Allerdings hätte auch der Kunde

sich informieren können.

Sein Mitverschulden bezifferte

das Gericht wertmäßig mit

einem Drittel.

TESTAMENT

Schludriger

Nachtrag

Eine nachträgliche Verfügung

unterhalb der Unterschrift

im Testament muss

auch unterschrieben sein.

Die Erblasserin verfasste und

unterschrieb vor ihrem Tode

eigenhändig ein Testament.

Dort wurde ein Erbe für ihren

Hausstand eingesetzt. Unterhalb

der Unterschrift fügte

sie einen weiteren Satz hinzu,

worin sie dem Erben ebenfalls

ihr Konto zukommen ließ.

Darunter setzte sie handschriftlich

die Abkürzung

»D.O.« (die Obengenannte).

Dies hielt das OLG Celle für

unwirksam (Az. 6 U 117/10).

Eine letztwillige Verfügung

muss nach dem BGB eigenhändig

geschrieben und

unterschrieben sein. Die Unterschrift

soll den Vor- und

Nachnamen des Erblassers

enthalten. Auch wenn an der

Urheberschaft des Nachtrags

keine Zweifel bestünden, sei

er mit dem Kürzel nicht

ordentlich unterschrieben.

Von MATTHIAS SALM,

Wirtschaftsjournalist, Berlin

Servicenummern, wenn die angerufene Firma

die Kosten trägt oder wenn für den gesamten

Anruf ein Festpreis gilt. Festnetz-Vorwahlen fallen

nicht unter die Regelung, da der Gesetzgeber

von einer weiten Verbreitung von Flatrate-

Tarifen ausgeht. Gültig wird die Regelung aber

erst in einem Jahr nach Inkrafttreten. Den

Unternehmen soll so eine Übergangsfrist zur

technischen Anpassung eingeräumt werden.

Ob diese lange Übergangsfrist wirklich nötig

ist? Zumal in dieser Zeit nur die ersten beiden

Warteminuten kostenlos sein sollen, danach

aber noch Gebühren kassiert werden dürfen.

Gut möglich, dass mancher in dieser Phase

extra lange warten lässt, um doch noch kassieren

zu können. Also nicht wundern, wenn es

mal wieder etwas länger dauert.


Recht KOMPAKT

GEZ

Gebühr für Studenten

Eine Befreiung von der Rundfunkgebührenpflicht

gibt es für Studenten

nur bei Bezug von BAföG. Alle

anderen müssen zahlen.

Von der Rundfunkgebührenpflicht werden

Bezieher bestimmter staatlicher

Sozialleistungen befreit, etwa Empfänger

von Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld

II, aber auch Studenten, die

von der Ausbildungsförderung nach

dem Bundesausbildungsförderungsgesetz

(BAföG) leben, ferner behinderte

Menschen mit einem bestimmten

Grad der Behinderung. Über die

Befreiung entscheidet auf Antrag die

zuständige Landesrundfunkanstalt.

Eine Studentin, die ihren Lebensunterhalt

durch einen Studienkredit

bestritt, empfand das als Ungleichbehandlung,

scheiterte aber vor

dem Bundesverwaltungsgericht

(Az. BVerwG: 6 C 34.10).

WERBUNG

So gesund ist Bier

Der Deutsche Brauer-Bund e.V.

warb auf seiner Internetseite mit

den gesundheitsfördernden

Wirkungen des Bierkonsums.

Gelobt wurde die vorbeugende Wirkung

gegen Herzerkrankungen, Gallen-

und Harnstein sowie Osteoporose.

Auch das Demenz- und Diabetesrisiko

wollten die Brauer gemindert

wissen. Das Landgericht Berlin (Az.

16 O 259/10) schob der Werbung mit

Himweis auf eine europarechtliche

Verordnung über nährwert- und

gesundheitsbezogene Angaben zu

Lebensmitteln einen Riegel vor.

LEBENSMITTEL

Mehr Beschwerden

100 Tage nach Start der Plattform

www.lebensmittelklarheit.de sind

bereits mehr als 3.800 Produktmeldungen

eingegangen.

Am häufigsten melden Verbraucher

Produkte, deren Bewerbung und Aufmachung

Inhalte versprechen, die

das Produkt gar nicht hat: Fruchtabbildungen

ohne Frucht in der Zutatenliste,

»Joghurt mit Macadamianüssen«,

der nur einen Hauch von Nuss

enthält oder ein Sahnewunder mit

verstecktem Alkoholanteil. Zudem ärgern

sich Verbraucher laut Bundesverbraucherministerium

über Werbeaussagen

wie »Ohne Nitritpökelsalz« oder

»Ohne Geschmacksverstärker«, obwohl

sich Zutaten mit ähnlicher Wirkung

in der Zutatenliste wiederfinden.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 55


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERVIEW

Fotos: Archiv

INVESTMENT

Tipps für

den Anleger

Die Experten von Allianz

Global Investors (AGI) geben

aktuelle Empfehlungen für

die Geldanlage.

Reale Werte: Die Rendite beim

Lieblingskind der Deutschen –

dem Sparbuch – kann gegenwärtig

durch die Inflation

schnell angefressen oder gar

ganz verspeist werden. Daher

raten die AGI-Profis zu realen

Werten: Immobilien, Rohstoffe,

Gold, Aktien.

Chancen nutzen: Gerade bei

Aktien lohne es sich bei einer

attraktiven Bewertung zuzugreifen.

Vor allem gelte es,

nicht nur vergangenen Kennzahlen

zu trauen, sondern

aktuelle Unternehmens- und

Konjunkturdaten in die Prüfung

einzubeziehen und

deren zukünftige Auswirkung

zu analysieren.

Aktiv managen: Nach den Erfahrungen

aus der Finanzkrise

sollten Investoren ihre Anlagen

aktiv managen, so die AGI-

Analyse weiter. Globale Ungleichgewichte

müssten künftig

abgebaut werden, was

Konjunktur und Kapitalmarkt

stärker schwanken lasse.

Streuen: Mit der Aufteilung

des Portfolios in verschiedene

Anlageklassen verringere sich

das Verlustrisiko – ohne auf

Chancen zu verzichten. Neben

der Streuung seien langfristige

Strategien bei Kapitalanlagen

sinnvoll und weniger stressig.

Reinvestieren: Unterschätzt

würde den Finanzexperten zufolge

das Thema Dividenden.

Denn reinvestiert statt ausgeschüttet

könnten sie die

Gesamtrendite steigern.

Auf Stabilität setzen: Ein neuer

Stabilitätsanker seien die

Schwellenländer. Eine Beimischung

von Anlagen aus diesen

Regionen könne lohnen.

Auch Deutschland als Wiederaufsteiger

bleibe als Anlageregion

attraktiv.

www.allianzglobalinvestors.de

GESUNDHEIT

Eine positive

Prognose

IKB Bank und Prognos prophezeien

dem deutschen

Gesundheitsmarkt anhaltend

positives Wachstum.

Nachfrage und Umsatz im

Gesundheitssektor sollen bis

2013 weiter steigen. Auch weil

die Gesundheitsversorgung

älterer Patienten aufrechterhalten

werden müsse und

diese Gruppe in Deutschland

überproportional wächst. Damit

steige die Nachfrage nach

Gesundheitsdienstleistungen

und medizinischen Produkten.

Vor allem die Medizintechnik

ist laut IKB ein Exportschlager.

Deutschland sei der größte

EU-Produzent für Medizintechnik.

Die Bedeutung der

Exporte werde weiter zunehmen,

denn auch in den

Schwellenländern wächst die

Nachfrage. Die Analysten der

Commerzbank haben deshalb

zwei Aktienwerte auf

»kaufen« gesetzt: die Medizintechnikfirma

Carl Zeiss Meditec

(WKN 531 370) und den

Dienstleister Rhön-Klinikum

(WKN 704 230).

AKTIENMARKT

FINANZBERATER

Vertrauen

im Sinkflug

Immer mehr Anleger in

Europa planen und

entscheiden ihre Geldgeschäfte

lieber selbst.

Zu diesem Ergebnis kommt

eine repräsentative TNS Sofres

Studie im Auftrag von

Fidelity Investment unter

12.000 Privatanlegern in 14

europäischen Ländern. Demnach

treffen in Deutschland

63 Prozent der Anleger nach

vorheriger Beratung die endgültige

Entscheidung selbst.

Ein gutes Drittel verzichtet

auf professionelle Beratung

und nimmt die eigene Geldanlage

komplett selbst in die

Hand. Parallel sinkt das Vertrauen

in Banken, Versicherungen

& Co. Nur noch 13 Prozent

der deutschen Befragten

vertrauen ihrem Finanzberater

(2008: 16 Prozent). Ursache

des Vertrauensverlustes ist vor

allem mangelnde Aufmerksamkeit

für die Bedürfnisse

der Kunden. Mehr als zwei

Drittel sind überzeugt, dass

ihr Berater in erster Linie

eigene Interessen verfolgt.

www.fidelity.de

DAX BÖRSENSTARS

+

WKN 659990 Merck + 19,66%

WKN 716460 SAP + 17,45%

WKN 766403 Volkswagen VZ + 16,58%

WKN 578580 Fresenius Medical Care + 15,58%

WKN 578560 Fresenius + 15,53%

Merck: Der Pharmariese hat für das dritte Quartal 2011 bessere Zahlen vorgelegt als

erwartet. Außerdem will das Unternehmen effizienter werden und die Konzernstruktur

schlanker gestalten. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 08.11.2011

DAX BÖRSENFLOPS


WKN 803200 Commerzbank - 68,14%

WKN 703712 RWE - 42,82%

WKN 823212 Lufthansa - 39,75%

WKN 725750 Metro - 34,72%

WKN 514000 Deutsche Bank - 32,41%

Commerzbank: Deutschlands zweitgrößte Privatbank muss ihr Eigenkapital bis Mitte

2012 um 2,9 Milliarden Euro aufstocken. Ansonsten müssten wieder die Steuerzahler

einspringen, befürchten Analysten. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 08.11.2011

Quelle: W&M, ohne Gewähr

ELKE

WEIDENBACH

Finanzexpertin,

Verbraucher-

Zentrale NRW

Abschluss lohnt kaum

W&M: Frau Weidenbach, der Garantiezins

für eine Kapitallebensversicherung

sinkt. Lohnt sie sich?

WEIDENBACH: Schon in der

Vergangenheit lohnte der Abschluss

einer KLV kaum. Durch

die Senkung des Garantiezinses

ab 2012 hat sich dies noch

verschärft. Damit ist in den

meisten Fällen der Abschluss

eines Vertrages sinnlos.

W&M: Für welche Personengruppen

eignet sich die KLV?

WEIDENBACH: Für kaum eine

Personengruppe. Allenfalls für

Verbraucher, die möglichst nur

einmalig einen solchen Vertrag

abschließen wollen und

sicher sind, dass sie den Vertrag

durchhalten werden. Das

kann man über die langen Vertragszeiten

aber kaum kalkulieren.

Wenn ein Arbeitgeber

betriebliche Altersversorgung

nur als KLV anbietet, kann der

Abschluss gerechtfertigt sein.

W&M: Wie alternativ vorsorgen?

WEIDENBACH: Das Sparen und

Versichern trennen. Versichern

kann ich die Folgen für einen

frühen Tod über eine Risikolebensversicherung.

Das Sparen

sollte abhängig von den

Bedürfnissen erfolgen, etwa ob

Gelder später kurz- oder langfristig

benötigt werden oder

ob sie für einen bestimmten

Zweck verwendet werden sollen,

für Anschaffungen oder

für die Altersvorsorge.

W&M: Worauf muss man bei

Vertragsabschluss achten?

WEIDENBACH: Die Entscheidung

nicht übereilt treffen.

Über einen langen Zeitraum

zahlt man viel Geld in einen

Vertrag ein. Es sollten von mehreren

Versicherern Angebote

mit den gleichen Rahmenbedingungen

eingeholt werden.

Überschussprognosen sind unverbindlich

und ungewiss, daher

zunächst nur garantierte

Leistungen als Entscheidungsgrundlage

vergleichen.

56 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


W&M-SERVICE

GELD & ANLAGE


Geld KOMPAKT

DWS

China als

Chance nutzen

Der neue Rentenfonds von

DWS Investment will von

der Aufwertung der chinesischen

Währung profitieren.

Laut Anbieter können Anleger

mit dem »China Bonds« an der

wirtschaftlicher Stärke des

Riesenreichs teilhaben. Denn

die chinesische Währung

Renminbi ist seit 2005 nicht

mehr an den US-Dollar gekoppelt

und hat laut DWS noch

ein Aufwertungspotenzial von

rund fünf Prozent jährlich in

den nächsten fünf Jahren.

Um direkt von der Aufwertung

des Renminbi zu profitieren,

sei der in Euro notierende

Fonds gegen den US-Dollar

abgesichert.

Das Fonds-Portfolio bestehe

aus bis zu 50 mittelfristigen

Titeln guter Qualität: vor

allem chinesische Staats- und

Unternehmensanleihen

sowie weltweiten Anleihen in

Renminbi.

WKN: (LCH) DWS08E

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

BVI

Anleger werden

besonnener

Antizyklisch Aktien kaufen – und zehn Jahre schlafen legen

Börsenlegende Andrè Kostolany hätte seine

Freude an der augenblicklichen Marktsituation

gehabt. Denn für den Altmeister waren Krisen

auch Chancen, um mit einem langfristigen Anlagehorizont

aussichtsreiche Aktien günstig einzukaufen.

»Kaufen Sie Aktien und legen Sie

sich schlafen, am besten zehn Jahre«, predigte

Kostolany. Beim Blick auf die europäischen

Aktienmärkte möchte man diesem Rat gerne

folgen. Es herrscht allgemeine Verunsicherung.

Die Kurse der Dividendentitel durchleben eine

atemberaubende Berg- und Talfahrt. Dem Börsen-Jubel

auf die Beschlüsse des Euro-Gipfeltreffens

folgte die Ernüchterung. Die Ankündigung

des scheidenden griechischen Ministerpräsidenten,

das Volk abstimmen zu lassen,

ließ die Aktien kräftig purzeln. Mittlerweile ist

auch das Referendum wieder Geschichte.

Nach den heftigen Kursturbulenzen

im August sind

5,4 Milliarden Euro aus Publikumsfonds

abgeflossen.

Das war deutlich weniger als

nach der Lehman-Pleite. Laut

Bundesverband Investment

und Asset Management (BVI)

zogen Anleger nach der Lehman-Insolvenz

im September

2008 innerhalb eines Monats

46 Milliarden Euro aus Publikumsfonds

ab. Beim diesjährigen

Kursrutsch im August

seien aus Aktienfonds rund

4,1 Milliarden und aus Mischfonds

etwa 1,6 Milliarden Euro

abgeflossen. Die Geldmarktfonds

und Rentenfonds profitierten

jedoch von den schwachen

Aktienmärkten und

sammelten je rund 1,4 Milliarden

beziehungsweise 0,9 Milliarden

Euro netto ein. Damit

hielten sich die Verkäufe dem

BVI zufolge in Grenzen, die

Anleger reagierten besonnen.

www.bvi.de

ING IM

Dynamik im

Schwellenland

Von GERD RÜCKEL,

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.

Auf Werte mit hohen

Dividenden aus Schwellenländern

setzt die ING Investment

Management.

Der neu aufgelegte »Emerging

Markets High Dividend« setzt

dabei auf zwei Entwicklungen:

Erstens wachsen die Schwellenländer

dynamisch. Zweitens

stiegen die Dividendenrenditen

durch satte Gewinnspannen

und niedrige Nettoverschuldung

dort schneller.

Ein Dividenden-Ansatz sorge

daher für gute Anlagechancen.

Als Benchmark dient der MSCI

Emerging Markets Index. Die

erzielten Dividendenrenditen

sollen diesen um mindestens

ein Prozent übersteigen. Das

Management fokussiere zudem

auf eine nachhaltige Ausschüttungspolitik,

geringe

Schwankungen der Werte, ein

begrenztes Abwärtsrisiko und

eine gleichmäßige Streuung

des Risikos.

ISIN: LU0300631982

Sicher ist nur, dass Griechenland dringend Geld

benötigt. Zu allem Überfluss gibt es ein noch

größeres Euro-Sorgenkind. So beobachten die

Experten einen beunruhigenden Anstieg der

Renditen für italienische Staatsanleihen – ein

untrügliches Zeichen für einen Vertrauensverlust

von Investoren in die Staatsfinanzen

Roms. Zusammen mit den eingetrübten Aussichten

für die weltweite Konjunktur gibt es für

Börsianer wenig zu lachen. Mutige Anleger sollten

Kursrückschläge am Aktienmarkt dennoch

zu antizyklischen Investments nutzen. Dabei

dürfen auch die heimischen Finanz-Riesen

Allianz und Deutsche Bank auf dem Kaufzettel

stehen. Es gilt aber die Regel, nur einen überschaubaren

Teil der verfügbaren Liquidität

zu investieren – und dann schlafen legen, am

besten zehn Jahre.

BÜRGSCHAFTSBANK

6.000. Bürgschaft

Nach einem fulminanten Jahr

2010 hat sich das Geschäft der

Bürgschaftsbank Brandenburg

2011 wieder normalisiert.

Bis Oktober 2011 hat die Bank

260 Bürgschaften und Garantien

für Kredite und Beteiligungen mit

einem Volumen von 65 Millionen

Euro ausgereicht. Im Rekordjahr

2010 waren es Bürgschaften und

Garantien über ein Volumen von

84 Millionen Euro. Im Oktober hat

die Bürgschaftsbank Brandenburg

zudem die 6.000. Bürgschaft seit

ihrer Gründung vergeben. Über den

positiven Bescheid freute sich die

Stahnsdorfer Maschinenbau GmbH.

Das Unternehmen entwickelt und

fertigt komplexe Dreh- und Frästeile

für den Maschinen- und Hydraulikanlagebau.

Zweites Standbein ist

der Getriebebau, beispielsweise

für Solaranlagen oder Pellets-Heizsysteme.

GRÜNDERFONDS

Zweite Auflage

Mit einem Volumen von 288,5 Millionen

Euro hat der Hightech Gründerfonds

II seine Geschäftstätigkeit

aufgenommen.

Mit 220 Millionen Euro steuert der

Bund den größten Anteil zum Fonds

bei. 40 Millionen Euro übernimmt

die staatliche KfW Bankengruppe.

Die Beteiligungen aus der Industrie

(u. a. Robert Bosch, CEWE Color,

Daimler, Deutsche Post DHL und die

Deutsche Telekom) belaufen sich

im Fonds II auf 28,5 Millionen. Der

Hightech Gründerfonds II knüpft

direkt an die Erfolgsbilanz des High-

Tech Gründerfonds an. Dieser mit

272 Millionen Euro ausgestattete

Fonds investierte in rund 250 Hightech-Unternehmen.

SANIERUNG

Staat profitiert

Für jeden Euro, der 2010 in die

Förderung des energieeffizienten

Bauens und Sanierens floss, nahm

der Staat vier bis fünf Euro ein.

Durch die KfW-Förderkredite in

Höhe von 8,9 Milliarden Euro wurden

Investitionen von 21,5 Milliarden

Euro angestoßen. Das kommt

vor allem regionalen Handwerkern

und Bauunternehmen zugute, an

die die Aufträge meist vergeben

werden. In der Folge haben diese

rund 340.000 Arbeitsplätze für ein

Jahr geschaffen oder gesichert.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11

57


INGENIEUR-NACHRICHTEN

Fotos: Archiv, Rudolf Miethig

KOMMENTAR

Von DR. NORBERT MERTZSCH,

Vorsitzender des VBIW e.V.

Energie der Zukunft

Die 1. Summer School der TH Wildau

hatte das Thema »Klimaschutz

und Klimafolgenanpassung«. Organisiert

von den Energiewerken Nord

und der TH Wildau, bildete sie den

Auftakt für eine Serie von Veranstaltungen

im ehemaligen Kernkraftwerk

Rheinsberg. Workshops, Exkursionen

und Abendveranstaltungen

ermöglichten den Teilnehmern,

sich mit Experten auszutauschen

und Tätigkeitsfelder zu definieren.

Als Referent zum Thema »Ambivalenzen

der Erneuerbaren Energien«

als Beitrag des VBIW, hatte ich die

Gelegenheit, die Vortragsveranstaltungen

zu verfolgen. Nach einer Einführung

von Prof. Peter C. Werner

vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

e.V., wurde das Thema

aus Sicht des UBA des Landes

Brandenburg, der Versicherungswirtschaft

und der Klimaplattform

INKA BB analysiert.

Am zweiten und dritten Tag ging es

um Vorhaben als Reaktion auf den

Klimawandel. Vorgestellt wurden

weiterhin: Das autarke Energiedorf

Feldheim, Ansätze für neue Geschäftsideen

zum Klimaschutz,

Probleme bei der Ausweisung von

Windeignungsgebieten, Telematikanwendungen

in Gebäuden, die Wiederverwendung

von gereinigtem

Abwasser im ländlichen Raum sowie

integrierte Algenanlagen zur Gewinnung

von Biowertstoffen und Energie.

Besonders erwähnen möchte

ich die Vorträge unseres Mitglieds

Dr. Andreas Gimsa über den von

ihm weiterentwickelten Stirling-Motor

und von Christian Wenger-

Rosenau über den Jetcar mit Elektroantrieb

der Firma Jetcar Zukunftsfahrzeug

GmbH aus Nietwerder.

Mein Fazit: Die Veranstaltung ebenso

wie die Wahl des Ortes waren

eine gute Idee der TH Wildau. Der

VBIW wird die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe

aktiv unterstützen.

deutsche Bahn

DAS

Als eine Studiengruppe

des VBIW im April 2010

den Schienenfahrzeug-Hersteller

Bombardier in

Hennigsdorf besuchte, stand

die Einführung des Nahverkehrszugs

Talent 2 kurz bevor.

Die Deutsche Bahn hatte die

Abnahme von 321 Regionalzügen

in Aussicht gestellt. Ein

Großauftrag, der das Fortbestehen

der rund 1.900 Arbeitsplätze

des Werks in Hennigsdorf

auf Jahre sichern würde.

Schon damals allerdings

schienen die ursprünglich

anvisierten Liefertermine gefährdet.

42 Triebwagen für

die S-Bahn Nürnberg sollten

ab Dezember 2010 eingesetzt

werden.

Was fehlte, war die Zulassung

des neuen Zuges durch

das Eisenbahn-Bundesamt.

Für die Erprobung blieb wenig

Zeit, die Kunden drängten

jetzt, erklärte Dr. Dirk Ehlers,

der zusammen mit Harald

THEMA

Talent und Termine

Seine Probefahrt mit dem neuen Nahverkehrszug

Talent 2 musste der VBIW-Arbeitskreis Verkehrswesen

auf unbestimmte Zeit verschieben.

Körger die VBIW-Ingenieure

geführt hatte.

Schon damals bezweifelten

VBIW-Ingenieure, dass man

Erprobungszeiten, Entwicklungsetappen

und Produktion

im gewünschten Umfang

beschleunigen könne. Inzwischen

wurde VBIW-Mitgliedern

der Region bekannt, dass

bereits produzierte Züge auf

dem Rangierbahnhof Wustermark

abgestellt sind.

Was sind die Ursachen?

»Der Kostendruck ist gewaltig,

auch bei den Herstellern. Die

müssen also in immer kürzerer

Zeit die Fahrzeuge abliefern.

Und da bleibt eben für

manches keine Zeit. Und das

ist meist die Erprobung«, zitiert

die sächsische Tageszeitung

»Freie Presse« Prof.

Günter Löffler von der TU

Dresden. Auch der AK Verkehrswesen

des VBIW erklärt

Erfindern und Entwicklern

immer wieder, wie wichtig

die gründliche Erprobung von

Prototypen und kleinen Vorserien

ist.

Das wissen selbstverständlich

auch die Fachleute bei

Bombardier, konnten sich

aber – wie es scheint – gewissen

Zwängen nicht entziehen.

Die neuen Züge sollen elektrisch

angetrieben werden

und aus zwei bis sechs Wagen

bestehen. Laut Bombardier sei

die Antriebsleistung je nach

Zahl der angetriebenen Achsen

wählbar. Beim Talent-Modell

in klassischer Bauart können

ausschließlich die vier

Achsen der beiden Enddrehgestelle

angetrieben werden.

Wegen welcher Mängel

wird dem Talent 2 die Zulassung

verweigert? Nach Kenntnis

des VBIW-AK Verkehrswesen

ist ein Problem die geforderte

»Bremslinie«, d. h. die

Verzögerung eines Zuges bis

zum Stillstand. Entspricht sie

nicht den Forderungen, werde

der Zug nur für maximal 140

km/h zugelassen. Nach Meinung

des AK könnten die Züge

aber immerhin zunächst

auf Strecken eingesetzt werden,

die nur Geschwindigkeiten

von 120 km/h erlauben.

Der zweite Mangel: Der Talent

2 erhält keine Zulassung für

die so genannte »Mehrfachtraktion«.

Wenn also die

Züge nicht gekuppelt fahren

können, müsste die Bahn zwei

bis zu fünf einzelne Fahrzeuge

hintereinander auf die

Strecke schicken, um dieselbe

Zahl von Fahrgästen zu befördern.

Das kann sie verständlicherweise

nicht akzeptieren.

Nun hat sich Bundesverkehrsminister

Peter Ramsauer eingeschaltet.

60 Talent 2 sollen

ab Fahrplanwechsel im Dezember

fahren.

Der VBIW-AK Verkehrswesen

wird die Probefahrt hoffentlich

2012 nachholen können.

Mitglieder des VBIW sind

herzlich eingeladen.

VBIW-AK Verkehrswesen

58 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


INGENIEUR-NACHRICHTEN

AKTUELL

Foto: N. Mertzsch

EXKURSION

Wartung für

Agrarflieger

Zur FSB-Aircraft Maintenance

GmbH am Flughafen

Kyritz ging eine Fachexkursion

von VBIW-Mitgliedern.

Die fachlichen Wurzeln des

1993 gegründeten Unternehmens

liegen in der langjährigen

Tradition der Wartung von

Agrarflugzeugen der Interflug.

Geschäftsführer Matthias Weigelt

stellte das Leistungsspektrum

des Unternehmens vor:

Es reicht von der Wartung von

EXKURSION: Besuch bei der

FSB-Aircraft Maintenance GmbH.

Flugzeugen bis 5,7 Tonnen

Gewicht über Flugzeuglackierung,

Flugzeugklempnerei

und Sternmotorenwartung bis

zur Tätigkeit als Service-Center

für Cessna- und Diamond-Flugzeuge

sowie Centurion-Flugzeugantriebe.

Zusätzlich ist

FSB Cessna-Vertragshändler.

Ein Rundgang führte auch zu

drei modernen Hangars. Werner

Ritter, Flugzeugprüfer und

damit zuständig für technische

Abnahmen, verwies auf

die notwendige Qualität bei

der Wartung von Flugzeugen.

Am größten derzeit in Wartung

befindlichen Flugzeug,

der polnischen M 18 »Dromader«

(deutsch Dromedar), demonstrierte

Ritter den Aufbau

und die Arbeitsweise von

Agrarflugzeugen.

Diese Maschinen aus dem Bestand

der früheren Interflug

wurden von den nachfolgenden

Besitzern nach und nach

in alle Welt verkauft.

Inzwischen hat die benachbarte

FSB-Airservice GmbH in

Kyritz wieder vier gebrauchte

M-18A angeschafft.

Dr. Norbert Mertzsch (VBIW)

ENERGIESPEICHER

Solarstrom

jederzeit

Um Energiespeicher der

Zukunft ging es bei einer

Tagung in Fürstenwalde.

Der VBIW war mit dabei.

Der AK Umweltschutz/

Erneuerbare Energien des

VBIW nahm an der Tagung

VERSAMMLUNG

Einladung an

alle Mitglieder

Der Vorstand des VBIW

lädt alle Mitglieder zur

Jahreshauptversammlung

am 28. Januar 2012 ein.

Auf der Jahreshauptversammlung

wird Rechenschaft

über die Aktivitäten

des Vereins Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler

e. V. (VBIW) im

Jahre 2011 abgelegt. Um

Diskussionsbeiträge dazu

wird gebeten. Zusätzlich

zu den obligatorischen

Tagungsordnungspunkten

wird wieder ein Fachvortrag

geboten.

Tagungsort: IHP,

Veranstaltungsraum 1. OG,

Im Technologiepark 25,

15236 Frankfurt (Oder).

Zeitplan: 10.00–14.00 Uhr,

Einlass ab 9.30 Uhr (Imbiss).

Vorstand des VBIW

»Energiespeicher der Zukunft

– Photovoltaikstrom zu jeder

Zeit« teil, die von der IHK Ostbrandenburg

und dem Transferzentrum

Ostbrandenburg

e. V. veranstaltet wurde. Die

Speicherung großer Mengen

elektrischer Energie ist nötig,

weil das Angebot an regenerativen

Stromquellen starken

zeitlichen Schwankungen

unterworfen ist. Auf der Tagung

wurden zwei Bereiche

diskutiert.

Erstens: Speicherung von Elektroenergie

in Batterien.

Zweitens: Umwandlung von

elektrischer Energie in chemische

Bindungsenergie von Gasen

oder flüssigen Stoffen. Aus

beiden Bereichen wurden Lösungen

vorgestellt. Bei den Batteriespeichern

vor allem Systeme

für kleinere Anlagen. Bei

der Umwandlung in flüssige

bzw. gasförmige Energieträger

existieren kleinere Anlagen.

Ein erstes Hybridkraftwerk,

das Wasserstoff aus Windkraft

erzeugt und bei Bedarf mit Biogas

mischt und verstromt, wurde

inzwischen bei Prenzlau in

Betrieb genommen.

Dr. Ulrich Fleck (VBIW)

WETTBEWERB

Ingenieurkunst

in Bildern

Fotos gesucht: Der VBIW-

Bildkalender 2013 wird das

Thema »Ingenieurkunstwerke

in Bildern« haben.

Der Vorstand des VBIW ruft

dazu auf, an der Gestaltung

des vereinsinternen Kalenders

mitzuwirken. Gesucht werden

Fotos von besonderen Ingenieurleistungen.

Die Motive

sollen sich in Brandenburg

befinden oder unmittelbaren

Bezug zur Vereinstätigkeit

haben. Mit der Einsendung er-

klären die Autoren verbindlich,

dass sie Urheber der Arbeiten

sind und alle Bildrechte

bei ihnen liegen. Ihre Fotos

können im Rahmen der Erstellung

eines Technikkalenders

auf der VBIW-Internetseite

und in Veröffentlichungen des

VBIW kostenfrei verwendet

werden. Rechte Dritter, insbesondere

der abgebildeten Personen,

dürfen dem nicht entgegenstehen.

Drei Fotos pro Autor sind möglich.

Eine Jury trifft eine bindende

Auswahl. Der Rechtsweg

ist ausgeschlossen. Der Vorstand

behält sich das Recht vor,

nur einen Auszug des Bilds zu

veröffentlichen und die

Beschreibung redaktionell zu

bearbeiten. Die Einreicher der

zwölf ausgewählten Fotos erhalten

kleine Preise und ein

Belegexemplar des Kalenders.

– Einsendeschluss:

29. Juni 2012.

– Technische Ansprüche:

Digitalfoto, 300 dpi,

13 cm x 20 cm, Querformat,

Farbe oder sw.

– Erforderliche Angaben:

Name und Vorname des

Bildautors, Adresse, Titel

des Fotos, Ort der Aufnahme,

Beschreibung der

Ingenieurleistung (120 bis

maximal 400 Worte).

– Einsendung: Per E-Mail:

jutta.scheer@

arcelormittal.com.

– Per Post auf CD-ROM an

Jutta Scheer, Buchwaldstr.

5, 15890 Eisenhüttenstadt).

Dr. Norbert Mertzsch

ADRESSE

Verein Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler e.V.

Landesgeschäftsstelle Frankfurt (O.)

Fürstenwalder Str. 46

15234 Frankfurt (Oder)

Tel.: (0335) 869 21 51

E-Mail: buero.vbiw@online.de

Internet: www.vbiw-ev.de

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 59


BERICHT

Fotos: H. Lachmann

Brandenburg regenerativ

Grüner Quantensprung

Mit dem jetzt bei Prenzlau eingeweihten Hybrid-Kraftwerk hat

Brandenburg in Sachen Energiewende einen grünen Leuchtturm

geschaffen. Er steht im Land aber nicht allein auf weiter Flur.

Steige hoch, du grüner Adler! Im Bereich

der erneuerbaren Energien

könnte Brandenburg mit der Umkolorierung

seines roten Wappentieres

liebäugeln. Auch wenn in den südlichen

Landesteilen die Braunkohle weiter eine

bedeutende Energieressource bleibt, hat

es das Bundesland in den letzten Jahren

vermocht, sich im Zukunftsfeld der regenerativen

Energien bundesweit Spitzenpositionen

zu erobern. Überall im märkischen

Land sind »grüne Leuchttürme« gewachsen,

die Aufmerksamkeit auf sich

ziehen und Orientierung geben.

Weltpremiere in der Uckermark: Ende

Oktober ging bei Prenzlau das Wasserstoff-Hybridkraftwerk

des Energieversorgers

ENERTRAG AG in Betrieb (s. W&M

11/2011). Erstmals sind in dieser Anlage

die Energiequellen Wind, Wasserstoff

und Biogas in einem technischen Verbund

integriert. Der in drei Windturbinen

erzeugte Strom wird in einer Elektrolyse-Anlage

zur Herstellung von CO 2 -

freiem Wasserstoff eingesetzt und kann

so gespeichert werden. Diese fehlende

Speichermöglichkeit galt bislang als

energietechnischer »Flaschenhals«. Der

»grüne« Wasserstoff kann in Zeiten hoher

Nachfrage und bei fehlendem Wind

im Blockheizkraftwerk wieder zu Strom

umgewandelt werden. Gleichzeitig wird

er an Wasserstoff-Tankstellen in Berlin

und Hamburg für abgasfreie Stromautos

geliefert.

»Der heutige Tag gibt richtig Aufwind!«,

freute sich Brandenburgs Ministerpräsident

Matthias Platzeck bei der

Einweihung des Hybridkraftwerks. Mit

ihm gelinge es, »die schwankende Windenergie

in eine verlässliche Größe umzuwandeln«,

um sie als planbare Energie

für Strom, Wärme und Mobilität eingesetzen

zu können. Platzeck: »Wir haben

es mit einem Quantensprung in der modernen

Speichertechnologie zu tun.«

PARTNER DER ENERGIEWENDE

Werner Diwald, Vorstand der ENER-

TRAG, hob hervor, dass die bedarfsgerechte

Bereitstellung von Energie für die

Sektoren Strom, Wärme und Mobilität

allein aus erneuerbaren Quellen »ein

zentraler Baustein für die Energiewende«

ist. Aus diesem Grund entwickele das

Energieunternehmen gemeinsam mit

industriellen Partnern »Lösungen auf

Basis heimischer Ressourcen, die die Energieversorgung

Deutschlands in Übereinstimmung

mit den politischen Zielen

der Gesellschaft sicherstellen«. Partner

beim Prenzlauer Kraftwerk sind die Vattenfall

Europe AG für den »grünen«

Strom, die Tankstellenkette TOTAL

Deutschland für den Kraftstoff Wasserstoff

sowie die Deutsche Bahn Energie

GmbH als Stromkunde.

Ein anderer Energieleuchtturm wächst

über dem Lausitzring »EuroSpeedway«,

der Motorsport-Anlage in der Niederlausitz,

wortwörtlich in den Himmel. Hinter

der Haupttribüne der Rennstrecke ist im

November mit dem Bau der weltgrößten

Windkraftaftanlage im Binnenland (installierte

elektrische Leistung 7,5 MW)

begonnen worden. Inklusive der Rotorblätter

wird eine Turmhöhe von 200 Metern

erreicht, das Gesamtgewicht beträgt

2.811 Tonnen – ein »Energiegant«, der das

Projekt »Grüner Lausitzring« komplett

macht. Mit ihm wird die autarke Energieversorgung

aus erneuerbaren Quellen

angestebt. Nach derzeitigen Planungen

soll das Windrad noch im Jahr 2011 den

Betrieb aufnehmen. »Wenn uns kein allzuharter

Winter dazwischen kommt«,

sagt Werner Frohwitter von der Firma

Energiequelle, die die Windkraftanlage

baut. Pro Jahr können mit der Anlage

rund 17.000 MWh elektrische Energie erzeugt

und per Netzeinspeisung 15.000

bis 18.000 Haushalte mit umweltfreundlichem

Strom versorgt werden.

Der erste Teil des »grünen Lausitzrings«,

eine Solarcarportanlage mit integrierter

solarer Stromtankstelle und Biogasanlage,

läuft seit Oktober 2010. Die

Solarcarportanlage, die zweitgrößte

weltweit, überdacht 480 Auto-Stellplätze

mit 4.548 Photovoltaik-Modulen, die eine

Gesamtleistung von 999,21 kWp haben.

Damit können pro Jahr bis zu 943 MWh

an elektrischer Energie produziert werden.

Das reicht für den Strombedarf von

240 Vier-Personenhaushalten. Angeschlossen

ist eine Stromtankstelle, an

der Elektrofahrzeuge ihren umweltfreundlichen

Treibstoff direkt laden können.

Vier Ladestationen mit 230 Voltund

400 Volt-Anschlüssen stehen den

Fahrern von Elektroautos zur Verfügung.

Fehlt nur noch eines auf der grünen

Rennstrecke: die Wettfahrt von Elektroautos.

Derzeit heulen auf dem Parcours

noch die Verbrennungsmotoren.

Auch Bürger können Wind machen,

nicht nur protestierend. In Schlalach, einem

Ortsteil der Gemeinde Mühlenfließ

(Landkreis Potsdam-Mittelmark), ist aus

dem Öko-Engagement von Einwohnern

ein »Bürger-Windpark« mit 16 Windkraftanlagen

entstanden. Die Windräder

produzieren mit ihrer Leistung von 2,3

Megawatt 60 mal mehr Strom, als die

rund tausend Einwohner des Dorfes verbrauchen

können. Für sein Modell des

Bürger-Windparks wurde Schlalach von

60 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


PREMIERENGÄSTE: Landrat Dietmar

Schulze, DB-Energie-Geschäftsführer

Dr. Hans-Jürgen Witschke, Vattenfall-

Generalbevollmächtigter Rainer Knauber,

ENERTRAG-Vorstand Werner Diwald,

Ministerpräsident Matthias Platzeck,

TOTAL-Deutschland-Geschäftsführer

Hans-Christian Gützkow und ENERTRAG-

Vorstandsvorsitzender Jörg Müller (v. l. n. r.).

der Agentur für Erneuerbare Energien

als »Energie-Kommune« des Monats im

Dezember 2010 geehrt. Vor kurzen kam

der Innovationspreis Erneuerbare Energien

des Landkreises hinzu.

Den Anstoß hatte die Ausweisung einer

Windeignungsfläche in Schlalach

durch die Regionale Planungsgemeinschaft

Havelland-Fläming gegeben. Warum

sollen wir nicht gemeinsam davon

profitieren, war die Überlegung, die bald

zur Gründung einer Arbeitsgruppe führte,

die ein Flächenpachtmodell entwarf.

Mit der Errichtung und dem Betrieb des

Windparks wurde die Firma Enercon beauftragt.

Nach dem Pachtmodell wird

ein Fünftel der Pachteinnahmen an die

Grundbesitzer ausgeschüttet, auf deren

Boden das Windrad steht. Die restlichen

80 Prozent werden auf alle Grundstückseigentümer

des Windeinzugsgebiets verteilt.

So fließt der »Windfall-Profit« nicht

in die Taschen nur einiger weniger.

Was Wunder, dass in Schlalach die Akzeptanz

für Windkraftanlagen unter der

Bevölkerung sehr hoch ist. Weitere Windräder

sind in Planung. Für die Kommune

ergibt sich zudem die Möglichkeit, an zusätzliche

Steuereinahmen zu gelangen.

Allein die jetzt aufgestellten 16 Windräder

produzieren in ihrer Betriebszeit von

20 Jahren Gewerbe- und Einkommensteuern

von mehr als 3,3 Millionen Euro.

Weitere 50.000 Euro jährlich kommen einer

Bürgerstiftung zugute, die davon gemeinnützige

Projekte finanziert.

»Das Modell in Schlalach zeigt, dass

durch gerechte Verteilung der Pachteinnahmen

Konflikte im Vorhinein vermieden

werden können«, betont Jörg Mayer,

Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare

Energien. Dank des dezentralen

Charakters der erneuerbaren Energien

könnten »die Bürger Energiepolitik vor

Ort mitgestalten« und an der kommunalen

Wertschöpfung beteiligt werden.

Nach dem Motto »Was Hänschen nicht

lernt« sollte die Orientierung auf die erneuerbaren

Energien schon in der Schule

beginnen. Nicht nur als Unterrichtsstoff,

sondern im besten Fall auch als

energetischer Gewinn im Alltag. Ein Beispiel

ist das das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium

in Königs Wusterhausen, wo sich

eine Schülerfirma seit 1997 mit den Möglichkeiten

der alternativen Energiegewinnung

beschäftigt. Die »Energie-Team

Schüler-Aktiengesellschaft« hat dafür

gesorgt, dass heute fünf Photovoltaikanlagen

auf der Dachterrasse der Schule

Solarstrom produzieren, der in das Netz

der E.ON edis AG eingespeist wird.

ÖKO-BAU AUF DEM SCHULHOF

»Außerdem nutzen wir die Messdaten

der verschiedenen Technologien für Forschungen

im Bereich der Photovoltaik-

Technologie und entwickeln entsprechend

geeignete Messmethoden«, berichtet

die Schüler-AG auf ihrer Webseite im

Internet. »Daneben forschen wir auf dem

Feld der Wind- und Wasserenergie, und

projektieren die Installation einer kleinen

Windkraftanlage«. Aus dem Umwelt-

Engagement ist inzwischen auch eine

»Ökolaube« auf dem Schulhof entstanden,

die nahezu vollständig aus umweltverträglichen

Materialien gebaut wurde.

Auch regional sind die Energie-Gymnasiasten

im Rahmen der Initiative »KWmacht-Watt«

aktiv, um das Klima für regenerative

Energien in Königs Wusterhausen

zu verbessern. Unter anderem

durch Projekttage an den Grundschulen.

Ob mit großen, grünen Leuchttürmen

oder dezentralen Aktivitäten an der Basis

in Dörfern und Schulen – auf vielen

Pfaden sucht Brandenburg, seinen Weg

in die Energie-Zukunft zu finden.

Manfred Ronzheimer

&

Aus Leidenschaft

Full Service bedeutet für uns, Sie auf

dem Weg zum fertigen Er zeugnis zu

begleiten und Ihnen an der richtigen

Stelle unsere Kernkompetenzen zur

Seite zu stellen.

• Professionelle Lithografie,

• hochwertiger Satz,

• eine mit modernster Technologie

ausgestattete Druckvorstufe,

• hochqualitativer Bogenoffsetdruck

nach neuesten Industrie- und

Umweltstandards,

• variantenreiche Veredelungs- und

Finishingleistungen.

GS Druck und Medien GmbH

Gerlachstraße 10 · 14480 Potsdam

tel. 0331.600 50 50 · fax: 0331.600 51 92

mail: info@gsdruck.net

www.gsdruck.net

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11

61


UV-AKTUELL

GESCHÄFTSSTELLEN

der Unternehmerverbände

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle:

Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01

Fax: (030) 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:

Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Hans-D. Metge

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: (03 31) 81 03 06

Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: (03 35) 400 74 56

Mobil: (01 73) 633 34 67

Unternehmerverband Rostock und

Umgebung e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11

Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle:

IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,

U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: (0345) 78 23 09 24

Fax: (0345) 78 23 467

UV Brandenburg

Bundespolitik traf Wirtschaft

SPD-Bundestagsabgeordnete Andrea Wicklein sprach mit Brandenburger

Unternehmern über Mindestlohn, Fachkräftemangel und Förderpolitik.

Ein Besuch des Bundeskanzleramtes stand ebenfalls auf dem Programm.

Die Zeit drängte ein wenig.

Nur wenige Tage

vor der Abstimmung

des Bundestages zur Euro-Rettung

empfing Andrea Wicklein,

Abgeordnete der SPD,

gut 50 Unternehmer aus dem

Land Brandenburg im Paul-

Löbe-Haus. Trotz der hektischen

Betriebsamkeit und der

vielen Akten, die im Zuge der

europäischen Entscheidungen

zur Finanzkrise gewälzt

werden mussten, nahm sich

die studierte Diplom-Ökonomin

fast eine Stunde Zeit für

die Fragen der Verbandsmitglieder.

Wicklein ist bereits

seit drei Legislaturperioden

im Bundestag vertreten und

für den Wahlkreis 62, der die

Landeshauptstadt Potsdam

und große Teile Potsdam-Mittelmarks

umfasst, direkt gewählt.

Als Mitglied im Ausschuss

für Wirtschaft und

Technologie und dort verantwortlich

für den Mittelstand

und die Förderpolitik stand

sie Rede und Antwort zu wirtschaftpolitischen

Themen sowie

zu den Verwerfungen an

den Finanzmärkten.

Die Unternehmer interessierten

sich zum einen für die

Haltung von Wicklein zum

gesetzlichen Mindestlohn. Sie

erfuhren, dass sich die SPD-

Abgeordnete für die Einführung

eines flächendeckenden

Mindestlohns einsetzt. Da

sehe sie auch Vorteile für die

Mittelständler. Wicklein fragte

ihrerseits die Brandenburger

UV-Mitglieder nach ihren

Erfahrungen mit den bereits

eingeführten, branchenspezifischen

Regelungen.

Die seien eher ambivalent,

so die Firmenvertreter. Positive

Effekte zeichneten sich

kaum ab, denn die Dienstleistungen

und Produkte werden

durch den Mindestlohn letztlich

teurer, ohne dass für den

Kunden ein Mehrwert entstehen

würde. Die Leistung werde

somit, wenn möglich, vermieden.

Auf diese Weise könne

man keine Arbeitsplätze

erhalten oder gar neue schaffen.

Bemängelt wurden zudem

die unterschiedlichen tariflichen

Regelungen für Berlin

und Brandenburg.

Wicklein plädierte dezidiert

für eine einheitliche Tarifpolitik

in Berlin und Brandenburg,

aber auch generell in

Ost und West. Nur so sei es

möglich, junge Menschen im

Osten zu halten: »Branden-

IM KANZLERAMT: Delegation Brandenburger Unternehmer.

burg muss um jeden Jugendlichen

kämpfen.«

Kritisch bewerteten einige

der Unternehmer auch die

Förderpolitik von Bund und

Ländern. Es gebe zum Teil

ganze Branchen, die sich mittlerweile

nur durch die Beratung

und Vermittlung von

Förderprogrammen über Wasser

halten würden, so die Erfahrungen

einzelner Verbandsmitglieder.

Die Fördergelder

werden allerdings

zumeist durch die Länder vergeben

und die Ausgabe in der

Regel streng kontrolliert, sagte

Andrea Wicklein. Sie versprach

aber, das Problem im

Auge zu behalten.

Abschließend erläuterte

sie ihre Sicht als Wirtschaftspolitikerin

auf die Finanzmarktprobleme

des europäischen

Währungsraums. Ihrer

Meinung nach ist die Struktur

der kleinen und mittleren Unternehmen

im Osten ein Vorteil

in dieser Krise, schwierig

könnte es allerdings für diejenigen

werden, die einen hohen

Kapitalbedarf haben.

Wichtig sei es jetzt für Europa,

von den Schulden herunter

zu kommen und den Finanzsektor

zu stabilisieren:

»Dazu müssen das spekulative

und das Kreditgeschäft entkoppelt

werden. Das funktioniert

aber nicht im nationalen

Alleingang, sondern muss

auf europäischer Ebene diskutiert

werden.« Wo Entscheidungen

von derartiger Tragweite

getroffen werden, konnten

die Verbandsmitglieder

bei einem Rundgang durch

das Bundeskanzleramt sehen.

Von der Ahnengalerie der

Kanzler über den Konferenzraum

bis zum Kabinettssaal

besichtigten sie das lichtdurchflutete,

transparent gestaltete

Regierungsgebäude.

Ulrike Borrmann

&

62 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


UV-AKTUELL

NACHRICHTEN

Fotos: Deutscher Bundestag, A. Koslowski, UV Brandenburg

UV BERLIN

Sonderpreis an

Unternehmer

Der Berliner Wolfram Bürokommunikation

GmbH &

Co. KG ist am 22. Oktober

2011 im Rahmen der

Auszeichnungsgala » Großer

Preis des Mittelstandes

2011« der Sonderpreis

»Premier« der Oskar-Patzelt-

Stiftung verliehen worden.

Zuvor hatten etwa 1.000 Institutionen,

Kommunen, Kammern

und Verbände nach einer

öffentlichen Ausschreibung

insgesamt 3.552 Unternehmen

für den »Großen Preis des Mittelstandes

2011« nominiert.

Die Berliner Wolfram Unternehmensgruppe

mit den

drei Standbeinen Bürokommunikation,

Consulting und IT-

Systemhaus zählt mit rund

50 Mitarbeitern und einem

Jahresumsatz von rund acht

Millionen Euro zu den bundesweit

führenden Anbietern der

Branche. Entgegen dem Branchentrend

legte das Unternehmen

in den letzten Jahren regelmäßig

zu. Zwischen 2006

und 2010 konnte der Umsatz

mehr als verdoppelt werden.

Der geschäftsführende Gesellschafter

Mathias Wolfram (47)

mit seiner fast 22jährigen unternehmerischen

Erfahrung

setzt vor allem auf frische

Ideen, aus denen innovative

Beratungs-, Finanzierungs-,

Service- und Vertriebskonzepte

für die Kunden entstehen.

Das Fundament für die Unternehmensgründung

wurde an

einem historischen Tag, dem

9. November 1989, gelegt.

Während ganz Ostberlin im

Westen »nur mal gucken« wollte,

erstand Gründer Mathias

Wolfram seine ersten fünf

Kopierer und richtete sich in

einem typischen Berliner Altbau

im Prenzlauer Berg ein.

Der heutige Unternehmenssitz

befindet sich in Berlin-Pankow.

Als einziger Wettbewerb in

Deutschland bewertet der

»Große Preis des Mittelstandes«

SIEGER: Mathias Wolfram.

Vor 20 Jahren wurde in

Leipzig die Firma Messeprojekt

GmbH gegründet.

Für Geschäftsführer und

UV-Präsident Hartmut Bunsen

Grund genug, im November

mit seinen 170 Mitarbeitern

auf die Erfolgsgeschichte der

größten ostdeutschen Messebaufirma

anzustoßen.

Sachsens Ministerpräsident

Stanislaw Tillich ließ es sich

nicht nehmen, bereits im

Gründungsmonat Oktober

persönlich zu gratulieren. Er

nutzte seinen Besuch für einen

Rundgang durch die Produktionshallen,

zu Gesprächen

mit Mitarbeitern und Auszubildenden

und informierte

sich über die Branche.

»Mit Stanislaw Tillich besucht

uns zum ersten Mal ein Ministerpräsident.

Ich sehe darin

eine Würdigung des Mittelder

Oskar-Patzelt-Stiftung mittelständische

Unternehmen

als Ganzes samt ihrer gesellschaftlichen

Rolle. Zu den Kriterien

gehören die Gesamtentwicklung

des Unternehmens,

die Schaffung und Sicherung

von Arbeits- und Ausbildungsplätzen,

Innovation und Modernisierung,

Service-und Kundennähe

bzw. Marketing sowie

das Engagement in der Region.

+ TERMINE+

TERMINE

UV Brandenburg

1. Dezember, 18.00–21.00 Uhr

Unternehmertreff Königs

Wusterhausen – Business

Knigge für Fortgeschrittene,

Residenzhotel Motzen,

Mittenwald OT Motzen

UV Sachsen

6. Dezember, ab 19.30 Uhr

Jahresabschluss – Traditionelles

Unternehmergespräch mit

Leipzigs Oberbürgermeister

Burkhard Jung. Historischer

Sitzungssaal der Deutschen

Bank, Martin-Luther-Ring 2,

Leipzig

UV Thüringen

15. Dezember

Weihnachtsmarktbegehung mit

anschließendem Weihnachtsessen,

Weihnachtsmarkt Erfurt,

Anmeldungen unter

www.uv-thueringen.de

UV THÜRINGEN

Verband

wieder online

Auf der Mitgliederversammlung

2011 zogen die Erfurter

eine Bilanz der Verbandsarbeit

des letzten Jahres.

Mit der Vorstellung der neuen

Internetseite wurde zudem

eine letzte Lücke in der öffentlichen

Wahrnehmung des UV

Thüringen geschlossen.

In diesem Jahr wurden wieder

einige Mitgliederveranstaltungen

durchgeführt. So berichtete

Friedrich Schmitz, Mitglied

des Vorstandes, vom Besuch

des alten Heizhauses in Erfurt-

Brühl, dem Vortrag des Leiters

der Thüringer Green-Tech-

Agentur (W&M berichtete) und

einer ausgedehnten Kanu-Tour.

»Was die Veranstaltungsplanung

im nächsten Jahr betrifft,

setzen wir in Zukunft

eher auf Qualität als auf Quantität.

Es wird Vorträge, Unternehmensbesichtigungen

und

einige Treffen geben, die eher

Freizeitcharakter haben«, so

Schmitz. Die konkrete Planung

wird auf der Vorstandstagung

am 13. Dezember erfolgen.

Stefan Hoffmann, Geschäftsführer

der Agentur eckpunkt

aus Erfurt und Gestalter des

neuen Webauftritts, stellte den

Mitgliedern und Gästen des

UV Thüringen die Internetseite

vor. Neues Logo und

neues Design sorgen für einen

modernen Auftritt. In Zukunft

wird es dort auch einen eigenen

Mitgliederbereich und

eine Einbindung in das soziale

Netzwerk Facebook geben.

Um den Gästen eine Vorstellung

zu geben, wie das funktioniert,

hatte der Vorstand einen

Experten für Suchmaschinenmarketing

und soziale Netzwerke

eingeladen.

Andreas Hörcher, Geschäftsführer

der Finnwaa GmbH aus

Jena, zeigte die Möglichkeiten

auf, aber auch die Fallstricke,

die bei Social Media im Allgemeinen

und bei Facebook

im Besonderen lauern.

UV SACHSEN

Regierungschef

gratulierte

AUFWARTUNG: Ministerpräsident

Tillich (M.) bei Firma Messeprojekt.

standes«, betonte Bunsen. Er

teile die Zuversicht der Landesregierung,

dass die Firmen im

Freistaat die Schuldenkrise in

Europa kaum zu spüren bekommen

würden. »Die Wirtschaft

steht besser da als es

scheint. Das ist für die Stimmung

im Land wichtig. Unsere

Auftragsbücher sind voll. Der

Messebau ist wie ein Schaufenster

der Wirtschaft.« Tillich

betonte den Mittelstand als stabile

Säule der Wirtschaft. Die

Messeprojekt GmbH sei ein beeindruckendes

Beispiel.

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 63


W&M-PRIVAT

BERGBAU

Die Explosion

von Zwickau

Er war jung und kaum grubenerfahren,

der Hauer

Hans Häber, als das Unglück

geschah. Am 22. Februar 1960

explodierte die 1. Kohlenabteilung

auf dem Karl-Marx-

Schacht in Zwickau. Häber

überlebte, doch die Erinnerung

ließ ihn nicht los. In

einer voluminösen zweibändigen

Dokumentation legt

er jetzt dar, was damals in

1.000 Meter Tiefe geschah

und 123 Bergleuten das

Leben kostete. Und warum so

viele Details zu DDR-Zeiten

verschwiegen wurden.

Hans Häber,

Die Explosion,

Verlag DENKart,

1.192 Seiten u. DVD,

32,10 EUR

SEEFAHRT

Abenteuer

unter Deck

Chiefs von Fischereidampfern,

Marine- und Fährschiffen

erinnern sich an Zeiten,

als die Frachtschiffe noch

nicht digital gestützt unterwegs

waren und nach Maschinenöl

rochen. Von Kameradschaft

und Konkurrenzkämpfen,

von Schiffstechnik des

vergangenen Jahrhunderts

und drohenden Katastrophen,

von politischem Stress

der Seefahrt im geteilten

Deutschland und von Umweltsünden.

Ein Quentchen

Sehnsucht nach Meer ist

immer noch dabei.

Hans-H. Diestel (Hrsg.),

Schiffsingenieure

berichten.

Geschichten von

Chiefs auf Großer

Fahrt, Hinstorff

Verlag, 208 Seiten,

9,90 EUR

I

m Jahre 1980 kam der

Berliner Telefon-Hersteller

DeTeWe mit der ersten

digitalen Telefonanlage der

Welt auf den Markt, entwickelt

in Zusammenarbeit

mit dem Technik-Riesen Siemens.

Eine tolle Kommunikationstechnik,

dem Bedarf der

Analog-Welt um einige Jahre

voraus.

Jedoch: Die Erfindung wurde

ein wirtschaftlicher Flop.

DeTeWe verlor seine Unabhängigkeit,

ist heute Teil

eines kanadischen Konzerns,

und Siemens stieß seine Telekommunikationssparte

ab.

Boris Maurer und Sabine Fiedler

erwähnen in ihrem Buch

»Innovationsweltmeister« das

Schicksal des traditionsreichen

Berliner Telefon-Unternehmens

als eines von zahllosen

Beispielen für kritische

oder gar gescheiterte Produkt-

Innovationen. Von 100 Ideen

für neue Produkte werden

lediglich sechs letztendlich

Verkaufsschlager.

Doch das Buch der beiden

Berliner Innovationsspezialisten

will keinesfalls entmutigen,

eher umgekehrt. Boris

Mauer, bis 2010 bei der Unternehmensberatung

McKinsey

und heute als freier Konsultant

tätig, und die Journalistin

Sabine Fiedler, Pressesprecherin

des Deutschen Instituts

für Wirtschaftsforschung

(DIW), haben ein Kompendium

zusammengestellt, das

viele Nutzerkreise anspricht:

Sowohl den Geschäftsführer

BÜCHERBORD

Abenteuer(liche) Wirtschaft

Wo irrte DeTeWe?

Innovationen bieten Marktchancen, können aber

ebenso sang- und klanglos enden. Ein neues Buch

zu der unendlichen Geschichte von Flops und Tops

und Forschungsleiter, der

sein Unternehmen im Wirtschaftswettkampf

zum Innovationsweltmeister

aufbauen

will, als auch den Politiker,

dem gleiches für seine Volkswirtschaft

vorschwebt.

Zentrale Botschaft ist die

Unterscheidung von zwei Innovationstypen.

Die evolutionäre

Innovation will im Wesentlichen

über Produktneuerungen

und -verbesserungen

Marktanteile erobern, die revolutionäre

Innovation eröffnet

mittels Basis-Erfindungen

gänzlich neue Märkte. Revolutionen

für Deutschland – das

fordern die Autoren durchgängig.

Sie meinen damit die

stärkere Ausrichtung auf

grundlegende technische

Neuerungen. Aber sie plädieren

auch für engere Kooperationen

unter den Innovations-

Akteuren, wobei aus ihrer

Sicht vor allem die Regionen

als die »Spielfelder des Neuen«

anzusehen sind.

Ein Kapitel des Buchs ist

dem Wirtschaftsstandort Berlin

gewidmet. Um die an der

Spree fehlenden 500.000 Arbeitsplätze

bis zum Jahr 2020

durch Innovation zu generieren,

wird die Konzentration

auf vier Zukunftsfelder empfohlen:

Elektroautos, breiter

Einsatz der Informationstechnik

(smart city), Gesundheitswirtschaft

und Tourismus.

Für die Wirtschaftspolitiker

des neuen Berliner Senats

eine Pflichtlektüre.

Manfred Ronzheimer

BORIS MAURER, SABINE FIEDLER

Innovationsweltmeister. Wie unsere

Unternehmen unschlagbar werden

Wiley-VCH Verlag, 2011, 374 Seiten

PRESSE

Druck aufs

Gemüt

Sie waren Chefredakteure,

Auslandskorrespondenten,

Pressereferenten, Fernsehmoderatoren,

Parteiagitatoren.

31 Journalisten, die

zu DDR-Zeiten Karriere

machten, nahmen es auf

sich, nun ihrerseits befragt

zu werden. Ein Buch, gefördert

von der Deutschen

Forschungsgemeinschaft,

mit offenen Worten über

menschliche Irrtümer und

politisches Versagen im

Beruf. Mit manchen erhellenden

Einlassungen über die

Kapriolen der Wirtschaftspropaganda

in der späten

Honecker-Ära.

M. Meyen/A. Fiedler,

Die Grenze im Kopf.

Journalisten in

der DDR,

Panama Verlag,

400 Seiten,

24,90 Euro

BESTSELLER

Wirtschaftsbuch

1. Dirk Müller: Crashkurs

Droemer (19,99 EUR)

2. Martin Wehrle: Ich arbeite

in einem Irrenhaus

Econ (14,99 EUR)

3. Peer Steinbrück: Unterm Strich

HoCa (23.00 EUR)

4. Frank Lehmann. Ruth E. Schwarz:

Über Geld redet man nicht

Econ(18,00 EUR)

5. Wilhelm Hankel: Das Euro-

Abenteuer geht zu Ende. Kopp

(19,95 EUR)

6. Joseph Vogl: Das Gespenst des

Kapitals. – diaphanes (14,90 EUR)

7. M. Grandt, G. Spannbauer,

U. Ulfkotte: Europa vor dem

Crash – Econ (22 EUR)

8. F. Wehrheim, M. Gösele: Inside

Steuerfahndung

Riva (19,99 EUR)

9. Sahra Wagenknecht: Freiheit

statt Kapitalismus

Eichborn (19,95 EUR)

10.Joachim Käppner: Berthold

Beitz. Die Biographie

Berlin Verlag (36,00 EUR)

64 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


W&M-PRIVAT

LEUTE & LEUTE

LESERPOST

Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme

Heute nackt

oder nie

Ernst Röhl entdeckt die

neue Körperkultur

Der nächste Winter

kommt bestimmt.

Statt Nacktradeln ist

Nacktrodeln angesagt, beispielsweise

an den Hängen

von Braunlage im Oberharz.

Besorgte Mütter fragen sich,

ob die Rodlerinnen und Rodler

ihren Blößenwahn nicht

entschieden zu weit treiben.

In diesem Punkt aber gehen

die Ansichten weltweit auseinander.

Der Islam schreibt

Frauen zu jeder Jahreszeit

Ganzkörperverschleierung

mittels Burka vor. Den Yanomami,

wohnhaft am Orinoco

in Südamerika, reicht eine

dünne Schnur in der Lendengegend,

und dem Dresscode

ist Genüge getan. Ganz ohne

Schnur allerdings fühlen sie

sich sündhaft unangezogen.

Nacktheit gehört zu den

unverzichtbaren Werten der

westlichen Welt, denn besser

als alles andere lenkt dies das

Interesse der Kundschaft auf

Werbebotschaften aller Art.

In den USA sorgte 2004 die

Sängerin Janet Jackson für

den so genannten Nipplegate-

Skandal, als während des Auftritts

ihr absichtsvoll verrutschendes

Kleid die linke Brust

enthüllte. Der kanadische

Fernsehsender Naked News

setzt in seinen Nachrichtenprogrammen

nur unbekleidete

Moderatorinnen und Reporterinnen

ein, Parole: Möpse

schauen dich an. Der Fotograf

Spencer Tunick fotografierte

vor dem Opernhaus in

Sydney 5.200 unbekleidete

Männlein und Weiblein und

stellte dann in Mexiko City

mit 18.000 Nacktivisten sogar

den bis heute gültigen Nackedei-Weltrekord

auf. Und drei

junge Journalistinnen mussten,

um zum israelischen Ministerpräsidenten

Netanjahu

vorgelassen zu werden, bei

der Einlasskontrolle ihre Büstenhalter

ablegen. Aus Sicherheitsgründen.

Die MDR-Tatortkommissarin

Simone Thomalla macht

sich in Tatort-Krimis ziemlich

rar, lieber präsentiert sie sich

im PLAYBOY unten und oben

ohne. Daniela Katzenberger

(»Katzi«) posiert, wie Gott sie

schuf, für einen Kalender.

Jungbäuerinnen sind splitterfasernackt

im Jungbäuerinnen-Kalender

zu besichtigen.

Studentinnen lassen sich für

einen offenherzigen Aktkalender

mit dem Titel »Lüneburg

hüllenlos« ablichten.

Flugbegleiterinnen der spanischen

Linie Air Comet ließen

die Hüllen fallen für einen

Stewardessen-Aktkalender;

Hintergedanke: Gehaltszahlungen,

die Air Comet ihnen

vorenthielt, durch den Verkauf

des Kalenders wieder

reinholen.

Überhaupt gilt weibliche

Nacktheit zumeist als edel

motiviert. Elisabetta Canalis

(33), einst Freundin von George

Clooney, zog sich für die

Tierschutzorganisation PETA

aus, Motto: Lieber nackt als

Pelz! Camilla Jackson, Tochter

eines Jagdaufsehers, ritt barbusig

durch die Londoner

City, um gegen ein beabsichtigtes

Verbot der Fuchsjagd zu

demonstrieren. Im polnischen

Wahlkampf 2011 öffnete

die Kandidatin Katarzyna

Lenart ihren BH, um den

Jungwählern Einblicke in die

Geheimnisse der Sozialdemokraten

zu bieten. Und in Russland

steht eine »Armee« von

1.000 hübschen jungen Frauen

bereit, pudelnackt für den

aktuellen Präsidentschaftskandidaten

zu kämpfen, und

zwar mit dem Kampfschrei

»Russland, Titten, Putin!« &

Dohnanyi

Heft 11-2011

»Also ›Gelddrucken‹?«, fragt

Klaus von Dohnanyi und

antwortet: »Ja. ... Allerdings

darf dieses ›Gelddrucken‹

keine Inflationsgefahr verursachen.«

Glaubt Herr

Dohnanyi wirklich, wenn

die EZB zum »Gelddrucken«

einmal die Erlaubnis oder

den Auftrag hat, dass dieser

Zustand nicht von der Politik

rigoros ausgenutzt wird, um

Geld aus dem Nichts zu produzieren,

um es weiter maßlos

zu verschwenden? Ich bin

eher davon überzeugt, dass

unsere deutschen und die anderen

Euro – Politiker/Eliten

schon lange auf diese Möglichkeit

warten und das sogar

anstreben. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb/Machtwahn.

Sie haben gerade in der Krise

seit 2008 mehrfach Versprechungen

gebrochen und die

Bevölkerung belogen. Mit

dem angestrebten ESM verkaufen

sie unser Land

womöglich endgültig.

Arno Kunath, per E-Mail

Ragnitz-Talk

Heft 11-2011

Richtig ist der Hinweis, dass

berufliche Qualifikationen

veralten und es mit einer alternden

Bevölkerung schwieriger

wird, Produktionsfortschritte

durchzusetzen. Gerade

das aber sollte Anlass sein,

auch den heute über 50-Jährigen

Qualifizierungsangebote

zu machen, damit sie noch

volle Leistung bringen, wenn

der Fachkräftemangel erst

einmal voll durchschlägt.

Jens Pöhnert, Eichwalde

TUI

Heft 11-2011

Kurzurlaub an der Ostsee per

Flugreise? Das hat der Veranstalter

Germania nach 1990

schon mal auf der Strecke

Berlin-Usedom erfolglos angeboten.

Vielleicht kann TUI

das besser.

Peter Panzram, Greifswald

WIRTSCHAFT & MARKT 12/11 65


KOLUMNE

Die Schmerzen der Freiheit

Es ist mehr als 20 Jahre her, dass wir

das Glück der Freiheit für die Deutschen

im Ostteil des Landes feiern

konnten. Ein kurzer Wortfehler des gutwilligen

Funktionärs Schabowski in einer

Pressekonferenz am späten Nachmittag

des 9. November 1989: Und die Mauer

fiel. Der lange Weg des siechenden Sowjet-Systems,

das immer vergeblicher

versucht hatte, den Menschen eine Ordnung

aufzuzwingen, die diese nicht

mehr wollten, ging zu Ende. Niemand,

der diese Stunden erlebt hat, wird sie je

vergessen. Auch nicht die Worte des Regierenden

Bürgermeisters von Berlin,

Walter Momper: »Heute ist Deutschland

das glücklichste Land der Welt«.

So empfanden es beide Seiten, Ost und

West. Doch, wie viele Dinge im Leben,

zeigte auch diese so glücklich empfundene

Stunde bald ihre Kehrseiten. Nun war

zwar der Weg offen in jene Freiheit, die

der Westen schon so lange hatte leben

dürfen, aber auch Freiheit hat ihren

Preis. Denn, wo Freiheit herrscht, dort

sind die Menschen in vielen Fragen des

Lebens eher auf sich selbst gestellt; auf

ihre Initiative, Leistungsbereitschaft –

und auf ihre Fähigkeit, auch die mit jeder

Freiheit verbundenen Risiken zu tragen.

Denn politische Freiheit heißt immer

auch: Wettbewerb.

Doch auf diese Risiken waren die DDR-

Bürger nicht vorbereitet. Auch nicht ihre

»Unternehmen«, ihre politischen Strukturen

und ihre Zivilgesellschaft. Alles

hatte sich außerhalb von Freiheit und

Wettbewerb entwickelt. Das bedeutete

natürlich nicht, dass die Menschen in

der DDR nicht ebenso fleißig und initiativ

hätten sein können wie ihre westdeutschen

Brüder und Schwestern. Aber

es bedeutete eben doch, dass ihre Mentalität,

ihre Denkweise und Erwartungen

an das Leben ganz anders geprägt waren:

Sicherheit stand vor Risikobereitschaft

und Anpassung vor eigener Initiative.

Wie hätte es auch anders sein können,

nach zwei Generationen »Vormundschaftlicher

Staat« (Rolf Henrich)?

Doch diese »anderen« Deutschen

konnten dann den Weg aus ihrer »vormundschaftlichen«

Prägung relativ

schnell herausfinden. Phantasie, Mut

und nüchterne Selbsteinschätzung ließen

ihre bürgerliche Bereitschaft zu Leistung,

eigener Initiative und Verantwortung

erstaunlich schnell wieder erwachen.

Diese alten deutschen Sitten und

ZUR SACHE

Betrachtung

zur wirtschaftlichen Lage

Von Dr. Klaus von Dohnanyi

Traditionen waren eben nur verschüttet,

nicht erstickt.

Und dennoch: Was wir bis heute trotz

großzügiger Finanztransfers aus dem

Westen und trotz der Wiedererrichtung

einer demokratischen öffentlichen Verwaltung

noch immer nicht haben leisten

können, das war die Rückkehr großer

Unternehmen. Also: einer gleichwertigen

Wirtschaft. Zu schwer wog und

wiegt die nach 1945 erzwungene Abwanderung

– wie etwa Siemens von Berlin

nach München; oder der Banken von Berlin

nach Frankfurt; oder von Audi aus

Zwickau nach Ingolstadt; oder auch nur

eines Verlages wie Reclam von Leipzig

nach Stuttgart.

Den Aufbau Ost, seine Erfolge und

fortbestehenden Unzulänglichkeiten

noch einmal ins Auge zu fassen, scheint

mir wichtig, um heute die Chancen der

schwächeren Staaten in der Eurokrise zu

beurteilen. Denn, so wie die DDR damals

– und dies war wirklich »alternativlos« –

faktisch über Nacht Teil eines hoch wettbewerbsfähigen

Wirtschafts- und Wäh-

rungsraums werden musste, so wurden,

wenn auch mit längerer Vorbereitungszeit,

die wirtschaftlich schwächeren Länder

der Eurozone ohne ausreichende

Stärke ein Teil dieser Gemeinschaft. Sie

mussten den härteren Wettbewerb der

stärkeren Mitgliedstaaten und die für sie

wirksamen Nachteile einer harten Währung

(des Euro) ertragen. Nun konnten

sie sich nämlich nicht mehr durch die

Verbilligung (Abwertung) ihrer Währung

immer wieder Wettbewerbsgleichheit

zurückkaufen.

Heute erleben wir die Folgen. Und

während die neuen Bundesländer aufgrund

der deutschen Wirtschaftsmentalität

(dieser gelungenen Mischung aus sozialem

Ausgleich und eigenverantwortlichen

Leistungsbereitschaft) gelernt

haben, den Druck des neuen Wettbewerbs

zu ertragen, ja zu nutzen, fehlt es

in den schwächeren, südlichen Staaten

der Eurozone an dieser Mentalität, an

der politischen Kraft und den zivilgesellschaftlichen

Strukturen, die in Ostdeutschland

erneut errichtet werden

konnten. Und, wie Ostdeutschland zeigt:

Transfers bringen Geld, aber keine Unternehmen!

Und Jahrhunderte alte Mentalitäten

ändern sich nur sehr langsam.

Auch bei uns in Deutschland gibt es

Steuersünder und Kapitalflüchtlinge.

Nur: Sie bleiben eine eher seltene Ausnahme

und werden zunehmend erfolgreich

verfolgt. Da möchte man heute

(zum Beispiel) doch gerne wissen: Wo hat

der griechische Milliardär, der im November

dieses Jahres die Kaufhofkette in

Deutschland erwerben möchte, seine

Milliarden geparkt? Hat er sie in Griechenland

versteuert? Aufklärung durch

Griechenland wäre erfreulich.

Die globale Freiheit von Wirtschaft

und Finanzen wirkt sich überall unmittelbar

auf Arbeit und Lebenssicherheit

aus. Auch wir Deutschen haben noch viel

zu tun, um im weltweiten Wettbewerb

unsere Selbstbehauptung zu organisieren.

Ob aber Griechen, Portugiesen, Spanier

und Italiener das im harten Zaum

des Euro auch können, das werden wir

erst erfahren. Beides, Zuversicht und Vorsicht,

sollten uns leiten. Wir müssen Europa

und die Eurozone auch neu organisieren.

Erst in der Bereitschaft, eine Änderung

der Euro-Verträge und weiteren

Verzicht auf Souveränität zu akzeptieren,

wird sich zeigen, ob alle den Ernst

der Stunde verstanden haben.

&

66 WIRTSCHAFT & MARKT 12/11


Jetzt

E-PAPER

testen:

wirtschaftundmarkt.de

Wirtschaft & Markt, das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin:

Bei uns

muss niemand

Modelmaße

haben, um

auf den Titel

zu kommen.

Format reicht.

WIRTSCHAFT& MARKT

Der Osten aus erster Hand

Redaktion Wirtschaft & Markt, Zimmerstraße 55, 10117 Berlin; Tel.: 030-278 94 50


Mittelstandsbank

Passgenau finanzieren: mit

Kompetenz und Verständnis

Strategischer Partner für Ihre Unternehmensfinanzierung

Wir entwickeln im Dialog mit Ihnen maßgeschneiderte Finanzierungs- und Strukturierungslösungen

für Ihr Unternehmen. Sie basieren auf lösungsorientierten und produktunabhängigen Analysen und

nutzen die gesamte Bandbreite an Finanzierungsinstrumenten, um ein optimales, auf Ihre Strategie

abgestimmtes Ergebnis zu erzielen. Dazu verbindet sich bei unseren Experten aus dem Financial

Engineering fachliche Expertise mit hohem Verständnis für die Anforderungen mittelständischer

Unternehmen.

Gemeinsam mit Ihnen identifizieren wir die Lösung, die den mittel- und langfristigen Bedarf Ihres

Unternehmens am besten deckt. www.commerzbank.de/firmenkunden

Gemeinsam mehr erreichen

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!