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WIRTSCHAFT+MARKT Gründerzeit im Osten (Vorschau)

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25. Jahrgang | Heft 4 | August/September 2014 | € 3,50 | ZKZ 84618

WIRTSCHAFT+

MARKT

DAS OSTDEUTSCHE UNTERNEHMERMAGAZIN

Gründerzeit

im Osten

Energiewende

auf dem

Prüfstand

Im Interview:

Christine

Lieberknecht


Berlin · Rostock · Leipzig · Dresden · Erfurt · Schwerin · Magdeburg · Potsdam · …

W+M BusinessClub

für Unternehmer

und alle, die

Wirtschaft bewegen

ab Herbst 2014

Miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen austauschen, Wissen vermitteln,

Ideen entwickeln, Impulse geben, Tipps erhalten, interessante Menschen kennenlernen,

neue Trends erkennen, Gefahren und Probleme früh aufdecken, Unternehmerverantwortung

wahrnehmen, Menschen anspornen, Mitarbeiter motivieren, Zeitmanagement

beherrschen, Entspannung finden, soziales Engagement stärken, …

www.wundm.info/businessclub


W+M Editorial | 3

Energie muss auch in Deutschland bezahlbar bleiben!

Foto: Torsten George, Titelfoto: Susanne Welscher, Titelillustration: Christian Drechsel

In der deutschen Wirtschaft wachsen die Sorgen mit

Blick auf die von der Bundesregierung angeschobene

Energiewende. Um es vorweg zu schicken:

Kaum jemand stellt dabei in Abrede, dass es richtig

war, nach der Reaktorkatastrophe im japanischen

Fukushima die Reißleine für den Ausstieg aus dem

Atomstrom zu ziehen. Auch halten es viele Unternehmer

für alternativlos, neue Quellen erneuerbarer

Energien zu identifizieren und zu erschließen,

um Deutschland perspektivisch unabhängiger von

unkalkulierbaren Importen fossiler Energieträger zu

machen. Schon heute ist unser Land international

führend bei der Entwicklung erneuerbarer und energiesparender

Technologien. Dieser Markt wird sich

in den kommenden zehn Jahren nahezu verdoppeln und bietet dem

heimischen Mittelstand ein überaus interessantes Geschäftsfeld.

Bei aller Zustimmung überwiegt derzeit jedoch die Skepsis. Überall

werden neue Windparks errichtet, sei es auf dem flachen Land oder

auf hoher See. Nicht selten entsteht dabei der Eindruck, dass dies alles

eher unkoordiniert geschieht. Selbst Metropolen wie Berlin wollen

künftig vermehrt eigenen Ökostrom produzieren und streben dafür

die Bildung eines kommunalen Stadtwerkes an. Dabei wird völlig

außer Acht gelassen, dass speziell im nordostdeutschen Raum bereits

heute so viel Strom aus erneuerbarer Herkunft vorhanden ist,

dass er weder in der Bundeshauptstadt noch in ganz Ostdeutschland

verbraucht werden kann und über teure Energietrassen gen Süden

weitergeleitet werden muss. Die Errichtung neuer Anlagen erfolgt

offenkundig nicht im Einklang mit der Bereitstellung praktikabler

Speichersysteme für die aus Sonne und Wind erzeugte Energie.

Impressum

WIRTSCHAFT+MARKT

Das ostdeutsche Unternehmermagazin

Ausgabe 4/2014

Redaktionsschluss: 04.07.2014

Verlag: Verlag Frank Nehring GmbH

Zimmerstraße 56, 10117 Berlin

Tel.: 030 479071-0

Fax: 030 479071-20

www.NehringVerlag.DE

Verlagsleiter: Dr. Robert Nehring

Herausgeber/Geschäftsführer: Frank Nehring

Tel.: 030 479071-11, FN@NehringVerlag.DE

(Alleiniger Inhaber und Gesellschafter, Wohnort Berlin)

Chefredakteur: Karsten Hintzmann

Tel.: 030 479071-24, KH@wundm.info

Karsten Hintzmann

Chefredakteur

KH@wundm.info

Redaktion: Janine Pirk-Schenker

Tel.: 030 479071-21, JP@NehringVerlag.DE

Dr. Ulrich Conrad, Harald Lachmann, Tomas

Morgenstern, Matthias Salm, Thomas Schwandt,

Anke Templiner

Abo- und Anzeigenverwaltung; Vertrieb:

Tobias Meier

Tel.: 030 479071-28

TM@NehringVerlag.DE

Daher lautet eine berechtigte Forderung: Erst Speicherkapazitäten

entwickeln und dann neue Solar- und Windkraftanlagen bauen. Ansonsten

droht der Traum von einer grünen Energiewende

zu einem finanziellen Desaster zu werden.

Die Politik ist gehalten, die Rahmenbedingungen

zu schaffen, damit Energie in Deutschland

bezahlbar bleibt. Die Energiekosten sind ein entscheidender

Standortfaktor für die Industrie und

für unternehmerische Investitionsentscheidungen.

Schon jetzt stehen deutsche Unternehmen

im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz

schlechter da, weil sie die hohe EEG-Zulage schultern

müssen, die in den kommenden Jahren viele

Milliarden Euro verschlingen wird. Das ist ein klarer

Wettbewerbsnachteil.

Ein deutscher Alleingang in Sachen Energiewende könnte zum Bumerang

werden und die Abwanderung energieintensiver Unternehmen

beschleunigen. Daher braucht es eine Europäisierung der Energiepolitik.

Es kann doch nicht sein, dass hierzulande hohe Preise

für Strom aus erneuerbaren Quellen gezahlt werden müssen, während

die östlichen und westlichen Nachbarn an ihrer konventionellen

Energiepolitik festhalten und sogar neue Atomkraftwerke planen

und bauen.

Das Thema Energiewende treibt zunehmend auch ostdeutsche Politiker

um. Und das nicht nur, weil in Sachsen, Brandenburg und

Thüringen nach der Sommerpause gewählt wird. Durch die Erfahrungen

aus dem Transformationsprozess der vergangenen zwei Jahrzehnte

haben sie eine ausgeprägte Sensibilität in der Frage, was es

finanziell und beschäftigungspolitisch bedeutet, wenn Fehlplanungen

nicht frühzeitig erkannt und korrigiert werden. Lesen Sie

dazu das Interview mit Thüringens Ministerpräsidentin Christine

Lieberknecht (ab Seite 28) und den W+M-Schwerpunkt zur Energiewende

(ab Seite 38).

Erscheinungsweise, Einzelverkaufs- und Abonnementpreis:

Die Zeitschrift WIRTSCHAFT+MARKT erscheint zweimonatlich. Als

Magazin der Interessengemeinschaft der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin erhalten die Mitglieder die Zeitschrift

im Rahmen ihrer Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 €, Jahresabonnement

(Inland): 20 € inkl. MwSt. und Versand, Jahresabonnement

(Ausland): 20 € inkl. MwSt. zzgl. Versand.

Layout & Design: Drechsel Kommunikations-Design,

www.drechsel-berlin.com

Druck: möller Druck und Verlag GmbH, ISSN 0863-5323

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Kopien nur mit vorheriger

schriftlicher Genehmigung des Verlages. Namentlich gekennzeichnete

Beiträge müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung.

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


4 | W+M Inhalt

10

Gründerzeit im Osten

22

Schwedt: Leuchtturm

in der Uckermark

28

„Blühende Landschaften”:

Interview mit

Christine Lieberknecht

56

Brandenburger Sommerabend: Pause vom Wahlkampf

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


W+M Inhalt | 5

Foto: Christian Drechsel

20

Streit um

Porzellan-

Manufaktur

Meissen

38

Chancen und

Risiken der

Energiewende

W+M Titelthema

Gründerzeit im Osten 10

W+M Aktuell

Köpfe 6

Nachrichten 8

W+M Titelthema

Brandenburger Gründerklima 10

Die neue Unternehmergeneration 12

Praktische Tipps für Unternehmensgründer 14

Analyse von ifo-Chef Professor Ragnitz 16

W+M Länderreports

Thüringen: Aufschwung am Airport Erfurt 18

Sachsen: Streit um Porzellan-Manufaktur Meissen 20

Brandenburg: Erdölmetropole als Leuchtturm in der Uckermark 22

Mecklenburg-Vorpommern: Auf dem Weg zum führenden Gesundheitsland 24

Sachsen: Flaggschiff auf dem Gasmarkt 26

W+M Politik

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht im Interview 28

Kolumne: Klaus von Dohnanyi 34

Ifo-Geschäftsklimaindex für Ostdeutschland 35

Mindestlohn schwächt Mittelstand 36

Pro und Contra: Braucht der Mittelstand eine Frauenquote für Führungspositionen? 37

W+M Schwerpunktthema Energiewende

Experten-Umfrage vor dem Ostdeutschen Energieforum 38

Studie: Unternehmen befürworten Energiewende 43

Regionaler Wildwuchs bei Stromnetzentgelten unter der Lupe 44

W+M International

Rostocker Schiffsdesigner erobern den Weltmarkt 46

W+M Ratgeber

Finanzen: Chancen der SEPA-Umstellung werden verkannt 48

Steuern und Management: Liquiditätsreserven im Einkauf heben 50

Büro: Kaffeemaschinen im Vergleich 52

Kultur: Die ostdeutsche Bestsellerliste für Wirtschaftsliteratur 54

Kultur: Die schönsten Konzerte des Sommers 55

W+M Netzwerk

Brandenburger Sommerabend in Potsdam 56

Der Konsum lud zum Fest 57

Handwerkskammer feiert in Berlin 58

Frauenpower am Nordpier des BER 59

VBIW: Aktuelles aus dem Verein 60

Neues aus den Unternehmerverbänden 62

W+M Rückblick

Was macht eigentlich Waldemar Cierpinski, zweifacher Marathon-Olympiasieger? 64

W+M Die letzte Seite

Ausblick und Personenregister 66

W+M Weitere Beiträge

Editorial 3

Impressum 3

Medienpartnerschaften 33, 49

Beilagenhinweis: Teilen der Auflage liegt eine Information der Zentralkonsum eG bei.

Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit.

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6 | W+M Köpfe

Jürgen Schmidberger (52)

Berlin. Dr. Jürgen Schmidberger wurde durch

den Aufsichtsrat zum neuen Mitglied des Vorstands

bei der Gasag Berliner Gaswerke AG bestellt.

Er ist zuständig für das Ressort Netz und

Finanzen und hat seine Tätigkeit am 1. Juni angetreten.

Schmidberger ist Nachfolger des ruhestandsbedingt

ausgeschiedenen langjährigen

Gasag-Vorstands Olaf Czernomoriez. Nach Funktionen bei Ruhrgas,

Dresden Gas und langjähriger Tätigkeit bei der Gasag war der 1961

in Friedrichshafen am Bodensee geborene Schmidberger zuletzt Finanzvorstand

der Vattenfall Wärme AG in Berlin.

Peter-Michael und Antje Diestel mit ihren Trauzeugen

Lothar de Maizière (l.) und Gregor Gysi (r.).

Peter-Michael Diestel (62)

Zislow. Der prominente Anwalt und letzte DDR-Innenminister hatte rund 200 Unternehmer, Politiker, Künstler und Freunde zur traditionellen

Herrentagsfeier auf sein Anwesen im mecklenburgischen Zislow geladen. Dort staunten die Partygäste nicht schlecht, als ihnen Diestel,

der in den 1990er Jahren den FC Hansa Rostock als Vereinspräsident in der Fußball-Bundesliga etabliert hatte, offenbarte, er habe unmittelbar

vor dem Unternehmertreffen am Himmelfahrtstag seine Lebensgefährtin, die Zahnärztin Antje Langer, geheiratet. Kennengelernt hatten

sich beide in ihrer Potsdamer Praxis, die Diestel wegen akuter Zahnschmerzen aufgesucht hatte. Es ist seine dritte Ehe und soll, so Peter-

Michael Diestel, „in jedem Fall meine letzte Ehe“ sein. Trauzeugen waren übrigens langjährige Freunde und Weggefährten des CDU-Politikers:

Gregor Gysi, Linken-Fraktionschef im Bundestag, und Lothar de Maizière, letzter DDR-Ministerpräsident.

Peter Gebauer (70)

Leipzig. Unter den 23 Mittelständlern und

selbst ständigen Unternehmern, die im Mai in

den neuen Stadtrat von Leipzig gewählt wurden,

ist Peter Gebauer einer der erfahrensten.

Der gelernte Fuhrunternehmer und Verkehrskaufmann,

der bereits 1969 die anno 1896 gegründete

Familienspedition übernahm, kandidierte

für die FDP. Im Rathaus will sich Gebauer, der sich auch im Unternehmerverband

Sachsen engagiert, dafür einsetzen, dass hier die

Interessen des Mittelstandes Gehör finden und die Stadt mehr für

Schulsanierungen und gegen „Buckelpisten“ tut.

Fotos: Inez Bandoly, Staatskanzlei Sachsen-Anhalt/Ines Rosse, Gasag, Harald Lachmann, Jürgen Lösel, Privat, Thomas Schwandt, Nordmetall

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


W+M Köpfe | 7

Anke Lamprecht (39)

Gera. Die selbstständige Landwirtin und Gastronomin

hat nicht nur ein Händchen für die 60

Pferde und 50 Rinder, die sie auf ihrem Pferdehof

im Ort Korbußen bei Gera betreut. Dank der

angehenden Pferdewirte, die sie hier ausbildet,

wurde ihr Unternehmen wiederholt als „Erfolgreicher

Ausbildungsbetrieb“ geehrt. Ihr Betrieb

diente jahrelang als Deckstation für das sächsische Landgestüt Moritzburg.

Den alten Familienhof hatte ihre Mutter erst vor wenigen

Jahren zurückerhalten – seitdem baut ihn Anke Lamprecht zusammen

mit ihrem Mann Sirko Schlegel zu einem Schmuckstück samt

Landgasthof aus.

Markus Kopp (47)

Schkeuditz. Neben seiner Funktion als Alleinvorstand

der Mitteldeutschen Flughafen AG in

Schkeuditz (Landkreis Nordsachsen) ist Markus

Kopp nunmehr in Personalunion auch Geschäftsführer

der beiden sächsischen Flughäfen

Leipzig/Halle und Dresden. Darüber hinaus

agiert er seit 2012 als Honorarkonsul der Republik

Polen in Leipzig. Kopp hat Luftverkehrskaufmann bei der Deutschen

Lufthansa gelernt. Seit er mit zwei Jahren erstmals in einem

Flugzeug – mit seinen Eltern flog er von Düsseldorf nach Klagenfurt

– saß, weiß er, dass er Kerosin im Blut hat, wie er es nennt.

Gerhard Fettweis (52)

Dresden. Der Koordinator des Center for Advancing

Electronics Dresden stellte jüngst in Seoul

die neue Forschungsinitiative „Dresden 5G

Lab“ vor, mit der 16 Professoren der TU Dresden

und 500 Wissenschaftler die fünfte Generation

des Mobilfunks auf den Weg bringen wollen.

Zur Vision seines Teams gehört zum Beispiel

vollautomatisiertes Fahren im Straßenverkehr und robotergestützte

Tele-Chirurgie. Herausforderungen wie extrem kurze Übertragungszeiten,

sehr große Datendurchsätze, hochsensible Sensortechnik,

hohe Ausfallsicherheit und effiziente Datensicherung sind dabei zu

lösen.

Brigitte Schirmer (54)

Strausberg. Es ist ein gutes Jahr für Brigitte

Schirmer – im März wurde die Geschäftsführende

Gesellschafterin der Allresist GmbH in Strausberg

mit dem zweiten Preis als Brandenburger

Unternehmerin des Jahres ausgezeichnet. Im

Mai erhielt Allresist den Brandenburger Innovationspreis

Kunststoffe und Chemie für seinen

Hochtechnologielack CSAR 62. Dieser ermöglicht in der Elektronenstrahllithographie

extrem kleine Strukturen unter zehn Nanometer

für höchst integrierte Schaltkreise von Mikrochips. Grund zur Freude

auch für ihren Mann Matthias, mit dem die 54-Jährige das innovative

Unternehmen führt.

Jens Aurel Scharner (48)

& Gernot Tesch (47)

Rostock. Die Hafen-Entwicklungsgesellschaft

Rostock mbH (Hero)

erhält eine Doppelspitze. Die Fährreederei-Manager

Jens Aurel Scharner

(TT-Line) und Gernot Tesch

(Scandlines) sind vom Aufsichtsrat

des kommunalen Betriebes zu Geschäftsführern bestellt worden.

Scharner und Tesch lösen mit Beginn des Jahres 2015 Geschäftsführer

Dr. Ulrich Bauermeister ab, der in den Ruhestand geht und seit

2000 die Geschicke der Hero lenkt. Gesellschafter der Hero sind das

Land Mecklenburg-Vorpommern (25,1 Prozent) und die Hansestadt

Rostock (74,9 Prozent).

Thomas Lambusch (61)

Schwerin. Die Vereinigung der Unternehmensverbände

für Mecklenburg-Vorpommern

(VUMV) hat einen neuen Präsidenten. Thomas

Lambusch wurde im Juni vom neugewählten

Vorstand als Nachfolger von Hans-Dieter Bremer

bestimmt. Nach einer Managerkarriere bei

Siemens hatte sich der Diplom-Kaufmann 2006

selbstständig gemacht und leitet seitdem als geschäftsführender Gesellschafter

die Rostocker Sear GmbH. Das Unternehmen mit 180 Mitarbeitern

baut unter anderem elektrotechnische Anlagen für Kraftwerke

und Umspannplattformen für die Energiewende. Im November

2013 wurde Lambusch zudem Präsident des Arbeitgeberverbandes

der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie NORDMETALL.

In Memoriam

Reinhard Höppner (65)

Magdeburg. Der ehemalige Ministerpräsident

von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner

(SPD), ist am 9. Juni nach langer schwerer

Krankheit im Alter von 65 Jahren verstorben.

Der promovierte Mathematiker wurde

1948 in Haldensleben bei Magdeburg geboren

und war von 1972 bis 1994 Mitglied der

Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Sachsen. Nach der Wende

trat Höppner den Sozialdemokraten bei und wurde 1990 Vizepräsident

der frei gewählten DDR-Volkskammer. Von 1994 bis

2002 war Höppner Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt.

Nachdem die SPD bei den Landtagswahlen 2002 16 Prozent der

Stimmen verlor, trat Höppner von seinem Amt zurück, blieb aber

noch bis 2006 Mitglied des Landtages. Höppner hinterlässt seine

Ehefrau und drei Kinder.

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8 | W+M Nachrichten

+ Trends + + + Entwicklungen + + + Zahlen + + + Perspektive

Merkel verspricht Rabatte

Zeitz/Senftenberg. In einem Brief an die

Staatskanzleien von Brandenburg, Sachsen,

Sachsen-Anhalt und Thüringen hat Bundeskanzlerin

Angela Merkel versichert, dass die

ostdeutschen Braunkohleförderer nicht bei

den Ökostromrabatten benachteiligt werden.

Die Unternehmen Mibrag (Zeitz) und

Vattenfall (Senftenberg), die tausende Mitarbeiter

beschäftigen, in Größenordnungen

Lehrlinge ausbilden und für eine Vielzahl regionaler

Mittelstandsfirmen als Auftraggeber

unverzichtbar sind, würden zwar nicht

in eine EU-Liste mit Ausnahmen aufgenommen,

doch sollten sie Bestandsschutz erhalten.

Damit müssten sie nicht mit höheren Abgabenbelastungen

rechnen, stellte die Kanzlerin

klar. Die vier Länder hatten befürchtet,

dass die Braunkohleförderung im Vergleich

zur Steinkohle bei der EEG-Umlage benachteiligt

wird.

Rolls-Royce sucht Ingenieure

Dahlewitz. Für die Flugzeuggetriebeentwicklung

in Dahlewitz bei Berlin sucht der

Triebwerkhersteller Rolls-Royce 200 Ingenieure.

Sie werden nach Unternehmensauskunft

auf der ILA 2014 für die Entwicklung

neuer Triebwerke benötigt, die leichter, sparsamer,

und stärker als bisherige sind. Derzeit

errichtet Rolls-Royce ein neues Prüfzentrum

in Dahlewitz.

Porsche investiert weiter

Leipzig. Porsche wird ab 2016 das viertürige

Sportcoupé Panamera komplett in Leipzig

fertigen. Anfang Mai bestätigte der Konzern

die Investition von nochmals 500 Millionen

Euro unter anderem in eine Karosseriefertigung.

Für die aktuelle Panamera-Version

werden die Karosserien noch aus Hannover

geliefert. Derzeit hat das Leipziger Werk rund

2.500 Mitarbeiter.

Netzwerk im Nordosten

Stralsund. Zum zwölften Mal seit 2003 trafen

sich am 13. Mai dieses Jahres Politiker,

Wissenschaftler, Unternehmer und Studenten

zur Stralsunder Tagung für erfolgreiche

Partnerschaften (STeP). Das von Wirtschaftsstudenten

der Fachhochschule Stralsund organisierte

und gemeinsam mit der Stralsunder

Mittelstandsvereinigung und der Hansestadt

Stralsund initiierte jährliche Treffen

soll dazu dienen, einen Meinungsaustausch

über Potenziale und Chancen des Standortes

Stralsund im nationalen und internationalen

Wettbewerb zu pflegen sowie neue Partnerschaften

zu knüpfen und Netzwerke auszubauen.

2014 stand der STeP-Kongress im

Stralsunder Rathaus unter dem Motto „Zusammenarbeit

als Chance: Visionär denken

– regional handeln“. Zu den Referenten gehörten

der Europaabgeordnete Werner Kuhn

(CDU) und der Manager Thomas Kühmstedt

von der Stralsunder Firma Ostseestaal.

Turbinen für Thüringen

Mühlhausen. Im Gasturbinenkraftwerk Grabe

bei Mühlhausen (Unstrut-Hainich-Kreis)

der Thüringer Energie AG sind zwei neue Gasmotoren

in Betrieb genommen worden. Die

beiden rund 30 Tonnen schweren 16-Zylinder-Kolbenmotoren

ersetzen zwei Gasturbinen,

die bis zum Vorjahr über angeschlossene

Generatoren elektrischen Strom erzeugten.

Der Einbau der neuen Gasmotoren war

notwendig geworden, da sich der Gasdruck

in den natürlichen Erdgasvorkommen rund

um Grabe in jüngster Zeit spürbar verringert

hat. Die aktuellen Berechnungen gehen

davon aus, dass noch genug Erdgas in

der Lagerstätte vorhanden ist, um die jetzt

installierten Motoren die nächsten 20 Jahre

in Betrieb zu halten. Die Motoren mit einer

Leistung von insgesamt rund fünf Megawatt

erzeugen den Jahresstrombedarf von

12.000 Haushalten.

Inbetriebnahme der neuen Gasmotoren in

Mühlhausen.

Abwanderung gestoppt

Köln. Die Abwanderungswelle aus Ostdeutschland

ist aufgrund der guten Wirtschaftslage

fast gestoppt, dagegen stieg sogar

die Zahl der Zuwanderer aus den alten

Bundesländern. So kommen verstärkt Studierende

aus dem Westen in die weniger überlasteten

ostdeutschen Universitäten. Auch

die Binnenwanderung innerhalb Deutschlands

ist in den letzten zehn Jahren deutlich

zurückgegangen. Das besagt eine Studie

des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft.

2002 wanderten noch 141.650 Menschen

in ein anderes Bundesland aus, 2012

waren es nur noch 43.640.

Schweizer Monopol geknackt

Glashütte. Die Uhrenmanufaktur NOMOS

Glashütte hat mit Hilfe des Instituts für Maschinenelemente

und Maschinenkonstrukti-

Fotos: TEAG, LMBV, Rolls-Royce

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


W+M Nachrichten | 9

n + + + Trends + + + Entwicklungen + + + Zahlen + + + Perspe

on der Technischen Universität Dresden ein

eigenes Schwingsystem für mechanische

Uhren entwickelt. Damit wird das sächsische

Traditionsunternehmen unabhängig

von der Swatch-Tochter Nivarox, die bei den

Schwingsystemen einen Marktanteil von 95

Prozent besitzt.

Mit einem Spezialschiff bekämpft die LMBV

die Eisenbelastung in Gewässern in der Lausitz,

wie hier auf dem Lichtenauer See.

Brüssel fördert weniger

Leipzig. Die drei mitteldeutschen Länder

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erhalten

aus Brüsseler Fördertöpfen bis zum

Jahr 2020 gut zwei Milliarden Euro weniger.

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums

umfassen die Zahlungen rund 6,5

Milliarden Euro. Davon gehen etwa 2,7 Milliarden

Euro nach Sachsen, was gut einer Milliarde

Euro Minus gegenüber dem bisherigen

Niveau entspricht. Sachsen-Anhalt soll rund

zwei und Thüringen rund 1,7 Milliarden Euro

bekommen, womit beide Länder je eine halbe

Milliarde Euro einbüßen. Die EU will stattdessen

stärker die neuen Mitglieder in Osteuropa

fördern.

Kaum Vorstandsposten

Frankfurt/Main. Die 30 DAX-Unternehmen

zählen in Summe 182 Vorstände. Unter ihnen

befinden sich unter anderem 17 US-Amerikaner,

fünf Briten, vier Inder – sowie 25 Jahre

nach der Einheit auch gerade einmal vier

gebürtige Ostdeutsche. Konkret handelt es

sich hierbei um Kathrin Menges (Henkel),

Torsten Jeworrek (Munich-Re), Hauke Stars

(Deutsche Börse) und Mike Winkel (Eon). Ermittelt

hatte dies die Personalberatung Korn-

Ferry. Für deren Senior Client Beraterin Berit

Bretthauer – selbst gebürtige Ostberlinerin

und heute als „Headhunterin“ weltweit auf

der Suche nach Top-Führungskräften – rührt

die Unterrepräsentierung Ostdeutscher aus

einer anderen Ausbildung in der DDR. Diese

habe die Menschen „nicht für die Managerebene

qualifiziert. Leistung wurde im dortigen

System nur teilweise belohnt, vieles war

politisch.“ So fehle es ihnen bis heute an „aggressiver

Selbstvermarktung“.

256 Millionen Euro für Braunkohlesanierung

Senftenberg. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV)

hat eine positive Bilanz des zurückliegenden Geschäftsjahres gezogen. LMBV-Chef Klaus

Zschiedrich sagte beim Bilanzpressegespräch: „Das Jahr 2013 war zum einen von der planmäßigen

und kontinuierlichen Fortsetzung der Sanierungsprozesse im Lausitzer und im mitteldeutschen

Braunkohlerevier bestimmt, zum anderen durch besondere Herausforderungen

im Sanierungsablauf wie dem Abschluss der Ursachenforschung zum Böschungsunglück in

Nachterstedt, der weiteren Durchdringung der geotechnischen Prozesse der Tagebauinnenkippen

in der Lausitz sowie der Bewältigung neuer drängender Fragen der Gewässergüte in

den Vorflutern geprägt.“ Von den im Jahr 2013 eingesetzten finanziellen Mitteln von etwa

256 Millionen Euro für die Braunkohlesanierung entfielen auf Brandenburg 115, auf Sachsen

97, auf Sachsen-Anhalt 42 und auf Thüringen zwei Millionen Euro.

Mittelstandsgesetz für die Hauptstadt

Berlin. Nach Hessen und Nordrhein-Westfalen

soll auch Berlin ein Mittelstandsgesetz

bekommen. Eine entsprechende Initiative

wurde auf dem 1. Berliner Mittelstandskongress

gestartet, der maßgeblich von der

Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung

der CDU Berlin (MIT) organisiert wurde und

an dem rund 800 Unternehmer teilnahmen.

Christian Gräff, Landesvorsitzender der Berliner

MIT: „Ich gehe davon aus, dass das Mittelstandsgesetz

noch in diesem Jahr vom Berliner

Abgeordnetenhaus verabschiedet wird.“

Zu den zentralen Punkten zählt Gräff eine

zwingende Mittelstandsverträglichkeitsprüfung,

der alle Gesetze und Verordnungen unterzogen

werden müssten. Darüber hinaus

soll jedes neue Gesetzgebungsvorhaben einer

Anhörung der IHK und der Handwerkskammer

unterliegen. Christian Gräff: „Ganz

wichtig ist uns, endlich Chancengleichheit

für den Mittelstand bei der Auftragsvergabe

zu gewährleisten. Das bedeutet, dass künftig

kleinere Lose und Teillose ausgeschrieben

und vergeben werden. Nur so haben

Mittelständler wirklich eine Chance, etwas

von dem Auftragskuchen abzubekommen.“

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


10 | W+M Titelthema

Brandenburger Gründerklima

Laut aktuellem KfW-Gründungsmonitor liegt Brandenburg an der Spitze der neuen Bundesländer.

Über 600 Gründungsberatungen hat die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) im

vergangenen Jahr durchgeführt. Sie bietet passgenaue Unterstützung an. Von Dr. Ulrich Conrad

Einen langen Atem brauchen

Finanzinvestoren

besonders in der Medizintechnik.

Die Branche hat sich

rasant entwickelt im Land,

zu den Newcomern gehört die

Potsdamer Emperra GmbH E-

Health Technologies. „Wir wandeln

uns gerade aus einem reinen

Entwicklerteam zum kommerziellen

Unternehmen“, sagt

Geschäftsführer Dr. Christian

Krey. „Seit 2008 unterstützt uns

die ILB, jetzt endlich bringen

wir unsere Produktentwicklung

ESYSTA® auf den Markt.“ Die ILB

ist die Spezialistin für Risikokapital

im Land. Nach der Frühphasenbeteiligung

durch den

BFB BeteiligungsFonds Brandenburg

und den Risikokapitalfonds

der Sparkassen des Landes

Brandenburg wird Emperra seit 2011

durch den BFB Wachstumsfonds Brandenburg

finanziert.

Hinter dem Kürzel ESYSTA® steckt ein internetgestütztes

Monitoringsystem für Menschen

mit Diabetes, die regelmäßig Insulin

benötigen. Bei nicht gut eingestellten

Patienten steigen die Risiken für Folgeerkrankungen

enorm, so können zum Beispiel

Erblindung, Nierenversagen oder Amputationen

die Folge sein. Eine ständige Betreuung

ist notwendig, doch die wird angesichts

des Ärztemangels in den ländlichen

Räumen für manche Gegenden zunehmend

komplizierter. Telemedizin kann hier Abhilfe

schaffen, wenn geeignete Systeme für Erfassung,

Dokumentation, Übertragung und

Telemedizin: Das Monitoringsystem ESYSTA®

verbessert die Versorgung von insulinpflichtigen Diabetikern.

Auswertung wichtiger Diagnose- und Therapiedaten

der Diabetes-Patienten dem Arzt

zur Verfügung stehen. Emperra hat ein solches

System entwickelt und zur Marktreife

geführt. Aufgrund des hohen Patientennutzens

konnte darüber hinaus auch die AOK

Nordost als langfristiger Partner für ein gemeinsames

Projekt gewonnen werden. Im

März gab es dafür den Industriepreis des

Huber Verlags für neue Medien in der Kategorie

Medizintechnik.

„Emperra ist ein Musterbeispiel für erfolgreiche

Gründungsfinanzierung“, bestätigt

Tillmann Stenger, Vorstandsvorsitzender

der ILB. „Gründung ist ja kein ‚Big-Bang‘,

sondern ein mitunter komplizierter Prozess.

Wir bieten Instrumente an, die in den unterschiedlichen

Entwicklungsphasen junger

Unternehmen passgenau eingesetzt werden.“

Dabei geht es nicht nur um Geld, so

wichtig dies ist. „Für uns war die ILB-Unterstützung

besonders wertvoll, weil wir neben

der Finanzierung auch vom Know-how der

Fachleute im Beteiligungsfonds profitieren

konnten“, erklärt Oliver Thiel, Finanzchef

der castaclip GmbH in Potsdam. Das Unternehmen

betreibt ein Videoclip-Portal im Internet

und nutzte eine Finanzierung durch

den Frühphasenfonds. Mit Venture-Capital

als Nachrangdarlehen wurde die Eigenkapitalausstattung

verbessert, der Fondsmanager

bmp Media Investors AG brachte

Branchen-Know-how ein. Mit Erfolg: Ende

des Jahres soll das Darlehen zurückgezahlt

werden. Von zwei Mitarbeitern ist casta clip

auf 20 gewachsen. „Gründer sind die Arbeitgeber

von morgen“, unterstreicht Till-

Fotos: Emperra, Ulrich Conrad

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Gründerzeit | 11

mann Stenger.

Deshalb werde

die Existenzgründungsförderung

auch in Zeiten knapper werdender EU-

Fördermittel fester Bestandteil der Brandenburger

Wirtschaftsförderung bleiben. Zwar

sinken die Fördersätze bei der regionalen

Wirtschaftsförderung um zehn bis 20 Prozent.

Zuschüsse, zinsgünstige Darlehen,

Haftungsfreistellungen und Beteiligungskapital

werden jedoch auch in der neuen EU-

Förderperiode bis 2020 bereitstehen.

Tillmann Stenger

Vorstandsvorsitzender

der ILB

„Die Mittel, die wir künftig erhalten, müssen

und werden wir noch zielgenauer einsetzen“,

betont Stenger. Dass die ILB das kann, belegte

er in der Bilanzpressekonferenz Ende

Mai mit Zahlen: Das ILB-Ergebnis nach Risikovorsorge

lag 2013 mit 44,7 Millionen Euro

deutlich über dem Vorjahresniveau. Mit einem

guten Bewertungsergebnis im Wertpapierportfolio

und geringen Wertberichtigungen

konnte die Bank den Auswirkungen der

Niedrigzinsphase trotzen. Dadurch können

dem ILB-Förderfonds zusätzlich 7,5 Millionen

Euro zugeführt werden, aus dem

eigene zinsgünstige Finanzierungsprodukte

– ohne EU- oder Landesmittel –

angeboten werden. Eine Ergänzung, die

Handlungsspielräume erweitert und auch positiv

auf das Gründungsklima im Land ausstrahlt.

deGUT – Treffpunkt für

Gründer und Unternehmer

Bereits zum 30. Mal finden im Oktober

die Deutschen Gründer- und Unternehmertage

deGUT in Berlin statt. Die größte

Existenzgründermesse Deutschlands

wird von der Investitionsbank des Landes

Brandenburg und der Investitionsbank

Berlin gemeinsam veranstaltet.

Gründer und Unternehmer finden bei

rund 130 Ausstellern Informationen und

Beratung sowie Kontaktmöglichkeiten

zu Förderern, Mentoren und Gleichgesinnten.

Am 17. Oktober startet außerdem

der 20. Businessplan-Wettbewerb

Berlin-Brandenburg.

17. und 18. Oktober 2014

10:00 – 18:00 Uhr

Hangar 2, Flughafen Berlin-Tempelhof

Eingang Columbiadamm 10

www.degut.de

Derzeit werden die Programme für die neue

EU-Förderperiode entwickelt. Bewährte sollen

weiterlaufen, zum Beispiel „Gründung

innovativ“ oder „Nachhaltige Stadtentwicklung“,

das von Existenzgründern intensiv genutzt

wurde. Neu ist „Brandenburg Garantie

Innovativ“, ein Angebot, mit dem die ILB

der Hausbank innovativer Firmen eine Haftungsfreistellung

von 60 Prozent, bei Kooperation

mit der Bürgschaftsbank Brandenburg

sogar von bis zu 80 Prozent bei der Kreditvergabe

ermöglicht. Deutlich aufgestockt werden

sollen in der Förderperiode 2014–2020

die Mittel der revolvierenden Fonds für Eigenkapital-

und Darlehensfinanzierungen.

Die Palette der Förderdarlehen soll durch ein

neues „Mikrodarlehen“ erweitert werden, um

den Bedarf vieler Kleinunternehmen an Krediten

bis 25.000 Euro besser decken zu können.

Auch aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds

werden Existenzgründer weiterhin

Unterstützung erhalten, zum Beispiel

durch Qualifizierungs- und Coachingmaßnahmen.

Die dafür zuständige Landesagentur

für Struktur und Arbeit (LASA) ist seit

Jahresbeginn eine Tochter der ILB.

Die größte

Gründermesse

Deutschlands

deGUT findet

im Oktober

2014 zum

30. Mal statt.

Der Banker Stenger mahnt nochmals, nicht

allein auf die monetäre Förderung zu setzen.

„Beratung, Networking und Know-how-

Transfer gehören unbedingt zu einer erfolgreichen

Gründung.“ Herausragend unter den

Angeboten auf diesem Gebiet sind der Businessplan-Wettbewerb

Berlin-Brandenburg

(BPW) und die Deutschen Gründer- und Unternehmertage

deGUT. Die beiden deutschlandweit

bekannten Existenzgründungsinitiativen

werden seit Jahren durch die ILB

gemeinsam mit der Investitionsbank Berlin

und den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg

(UVB) organisiert. Im Oktober

ist es wieder soweit, dann dürften

auch die Förderprogramme

durch Brüssel bestätigt

sein. Am 17. Oktober

startet in Berlin mit der

deGUT auch der 20. Businessplan-Wettbewerb.

Eine ideale Möglichkeit

für Existenzgründer, um

sich notwendiges Handwerkszeug

anzueignen

und Netzwerke zu knüpfen.

W+M

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


12 | W+M Titelthema

Die neue Unternehmergeneration im Osten

Pfiffige Geschäftsideen und technischer Pioniergeist zeichnen viele ostdeutsche Start-ups aus.

Drei Beispiele von erfolgreichen Existenzgründungen mit großem Marktpotenzial. Von Matthias Salm

Innovativer Sichtschutz hält

unerwünschte Späher ab

Serial Entrepreneur – so heißen Gründer,

die mehrere Geschäftsideen in Folge an den

Start bringen. Der Physiker und Ingenieur

Dr. Markus Klippstein zählt zu dieser raren

Spezies. 2013 hat der 39-Jährige mit der

siOPTICA GmbH schon seine zweite Firma aus

der Taufe gehoben. Die siOPTICA entwickelt

einen innovativen Sichtschutzfilter, der die

Eingabe der PIN an Geldautomaten oder auf

dem Tablet-PC vor Ausspähungen schützt.

Dr. Markus Klippstein

Gründer von siOptica

Den geglückten ersten Anlauf unternahm

Klippstein 2006 als Teil des Gründerteams

der VisuMotion GmbH, einem Anbieter von

Soft- und Hardware für die 3D-Visualisierung.

„Die VisuMotion-Gründung hat mir bei

der Finanzierung der siOPTICA natürlich Türen

geöffnet“, so Seriengründer Klippstein.

Den Anstoß für die Gründung gab der Markt.

Ein Geldautomatenhersteller signalisierte

den Bedarf der Branche an einem dynamischen

Sichtschutzfilter. Solche Filter geben

die Sicht auf die Eingabefelder auf dem

Touchscreen nur für den Benutzer frei. Wer

aus einem anderen Winkel einen Blick erhaschen

will, für den bleibt der Monitor dunkel.

Doch die gebräuchlichen Filter weisen

Nachteile auf: Sie sind permanent aktiv

und verursachen Lichtverluste von bis

zu 40 Prozent. Das treibt die Stromkosten

in die Höhe.

In Jena entwickelt Klippstein nun mit den

Mitgründern Ambrose Peter Nari und Ravi

Srivastava einen dynamischen Filter, der

per Software schaltbar ist und bei dem der

Lichtverlust auf unter zehn Prozent gesenkt

werden kann. Die Kombination aus Software

und Folie ermöglicht es, dass der Filter nicht

mehr durchgängig aktiv sein muss, sondern

nur bei Bedarf in den Privacy-Modus geschaltet

wird.

„Die weltweit jährlich neu installierten

150.000 bis 200.000 Geldautomaten zeigen

das Potenzial dieser Technologie“, erklärt

Klippstein, der in fünf Jahren einen Marktanteil

zwischen zehn und 15 Prozent bei Bezahlterminals

und Geldautomaten erreichen

will. Die zweite Generation des Filters zielt

auf den noch größeren Markt der Tablet-PC

und Smartphones.

Die VisuMotion GmbH wurde 2010 übrigens

von einem malaysischen Investor übernommen.

Für die siOPTICA mag Klippstein ein

ähnliches Szenario langfristig nicht aus-

Fotos: siOptica GmbH, LAREMIA, Pepperbill GmbH, Anna Wasilewski

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014

Anna Mangold (l.) und Claudia von Boeselager,

Gründerinnen von LAREMIA.


Gründerzeit | 13

schließen – doch nun gilt es

erst einmal, das große Marktpotenzial

für den softwaregesteuerten

Privacy-Filter auszuschöpfen

(www.sioptica.com).

Großer Auftritt zum

kleinen Preis

Designerkleider für feierliche Anlässe

stehen bei Frauen hoch im Kurs.

Doch die Anschaffung geht ins Geld

– und selbst die elegantesten Kleider

werden oft nur wenige Male getragen.

Der Online-Verleih für Designerkleider

LAREMIA schafft Abhilfe.

Die Idee entstand beim Feiern und gewissermaßen

aus der Not heraus: Anna

Mangold und Claudia von Boeselager,

Freundinnen seit der Studienzeit, tanzten

einen Sommer lang buchstäblich auf

vielen Hochzeiten. Und da stellte sich

zwangsläufig die Kleiderfrage: „Wir haben

einen ähnlichen Freundeskreis und

konnten nicht zu jedem Anlass das gleiche

Kleid tragen“, erinnert sich Anna Mangold.

Immer aufs Neue für den Kleiderkauf loszuziehen

– das kostet Zeit und schlägt auf den

Geldbeutel. Ein Dilemma, da waren sich die

beiden Gründerinnen schnell sicher, das sie

mit vielen anderen Frauen teilen. LAREMIA

war geboren – ein Internet-Verleih für Designerkleider

und Accessoires, der seit Mitte

Dezember 2013 online ist.

Wenn eine Neugründung auf einer Trendwelle

surfen kann, dann ist dies stets eine gute

Startvoraussetzung. In diesem Falle heißt

das Zauberwort Share-Economy: teilen statt

besitzen. Das Prinzip spricht nicht nur die

Altersgenossinnen der beiden Berlinerinnen

an, wie Anna Mangold zunächst erwartete:

„Wir haben auch Anfragen von älteren

Frauen ebenso wie von jungen Mädchen, die

sich z. B. für den Abi-Ball einen besonderen

Auftritt wünschen.“

Für sie alle gilt: Die Kundin sendet nach einer

Leihfrist von vier oder acht Tagen das

geliehene Designerkleid zurück. Die Reinigung

übernimmt LA-

REMIA. Dafür zahlt

die Kundin eine Leihgebühr,

die bei rund

15 Prozent des Kaufpreises

liegt. Wenn

vorhanden, erhalten

die Kundinnen das

Kleid in zwei Größen

geliefert.

Was LAREMIA von

ähnlichen Konzepten

unterscheidet, ist die

Vision: Anna Mangold

und Claudia von Boeselager

zielen nicht

auf lokale Märkte, sondern

denken europaweit.

Dafür konnten

bereits starke Finanzierungspartner

gewonnen

werden,

die sowohl die Anschaffung

hochwertiger

Outfits als auch die Entwicklung

einer anspruchsvollen technischen Lösung

für den Online-Auftritt ermöglichten (www.

laremia.com).

Moderne Kassensysteme

für die Gastronomie

Es ist ein vertrautes Bild, aber auch ein Anachronismus

in der digitalen Welt: Die Kellnerin,

die im Biergarten die Bestellungen ihrer

Gäste auf einem Papierblock notiert. So

empfand es auch der Thüringer Informatiker

Marcel Mansfeld bei einem abendlichen

Pepperbill im Einsatz.

Kneipenbesuch. Die Erkenntnis, wie veraltet

doch der Stand der IT in der Gastronomie

ist, mündete in eine Geschäftsidee: ein

mobiles Kassensystem für iPad, iPhone und

iPod touch. Aus der Idee entstand die von

Marcel Mansfeld und Andreas Stein 2012 in

Erfurt gegründete pepperbill GmbH.

Marcel Mansfeld

Gründer der

pepperbill GmbH

Mit der von ihnen entwickelten pepperbill-

App können Gastronomen Bestellungen mobil

aufgeben und die wichtigsten Daten finanzamtkonform

aufbereiten. Zusätzlich

speichert pepperbill über eine verschlüsselte

WLAN-Verbindung alle Daten sicher in der

Cloud. Gastronomen können mittels pepperbill

zudem Bewirtungsbelege personalisieren

und Rechnungen direkt ausdrucken oder

per E-Mail verschicken.

Herzstück der App ist laut pepperbill-Gründer

Marcel Mansfeld ein Dashboard, über das

Wirte ortsunabhängig und in Echtzeit ihre

Umsätze einsehen können. Das weckte bereits

das Interesse von Investoren: Mittlerweile

hat der Berliner Company-Builder Sky

& Sand GmbH knapp 60 Prozent der Anteile

erworben, nachdem zuvor bereits die Beteiligungsgesellschaft

bm-t Beteiligungsmanagement

Thüringen GmbH der Thüringer

Aufbaubank in das Potenzial des iOSbasierten

Kassensystems investiert hatte

(www.pepperbill.com).

W+M

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


14 | W+M Titelthema

Praktische Tipps für Unternehmensgründer

Mit guter Planung den Fehlstart

vermeiden

Beratung

Niemand ist allwissend – lassen Sie sich beraten

und nehmen Sie Hilfe an. Profitieren Sie

von Menschen, die auf dem Gebiet der Existenzgründung

bereits Erfahrungen gemacht

haben, informieren Sie sich in Netzwerken

und bei öffentlichen Stellen.

Konzept

Starten Sie nicht planlos. Erstellen Sie einen

ausführlichen Businessplan, in dem Sie

Inhalte, Zielgruppen, Chancen, Risiken und

die Wirtschaftlichkeit Ihrer Geschäftsidee

vorstellen. Analysieren Sie vorher genau das

wirtschaftliche Umfeld und die Mitbewerber.

Was unterscheidet Sie von der Konkurrenz?

Welches Alleinstellungsmerkmal hat Ihre Geschäftsidee?

Und gibt es genug Menschen,

die bereit sind, Geld dafür auszugeben?

Kunden-Orientierung

Seien Sie flexibel und hören Sie darauf, was

Ihre Kunden sagen. Auch wenn Sie der größte

Fan Ihrer Geschäftsidee sind, interessieren

Sie sich für Kritik und überlegen Sie, was

man noch besser machen könnte. Vor allem:

Investieren und wirtschaften Sie nicht am

Kunden vorbei.

Portale für Gründer

Hier finden Sie hilfreiche Informati -

onen rund um das Thema Geschäftsgründung:

www.existenzgruender.de

Existenzgründerportal des Bundesministeriums

für Wirtschaft und Energie mit Behördenwegweiser

und Expertenforum

www.gruenderlexikon.de

Lexikon, Ratgeber und Magazin für Gründer

www.foerderland.de

News- und Wissensportal für Gründer, Mittelstand

und Finanzen

www.junge-gruender.de

Portal für junge Gründer bis 29 Jahre

Bei der Gründung eines Unternehmens lauern unzählige

Fallstricke und können viele Fehler gemacht werden.

Dies belegt nicht nur die Menge an Literatur zu

diesem Thema. W+M hat die elf wichtigsten Tipps für

Sie zusammengefasst.

Finanzierung

Suchen Sie nach geeigneten Gründungsförderungen,

aber planen Sie diese nicht mit

ein. Kalkulieren Sie vor allem Verzögerungen

ein und achten Sie darauf, dass Sie nicht das

gesamte Kapital bis zur Eröffnung des Unternehmens

aufgebraucht haben. In der Regel

benötigt das Unternehmen eine gewisse Zeit,

bis es wirtschaftlich wird.

Rücklagen bilden

Nicht nur für die Anfangsfinanzierung Ihres

Unternehmens sollten Sie Reserven bilden,

auf die Sie zurückgreifen können, bis das Geschäft

angelaufen ist. Schaffen Sie auch danach

genügend Rücklagen für Umsatzsteuer,

Einkommenssteuer und andere mögliche Kosten.

Planen Sie vor allem die gefürchtete Finanzlücke

im dritten Geschäftsjahr mit ein,

wenn erste Steuernachzahlungen mit den laufenden

Vorauszahlungen zusammenkommen.

Preise

Nehmen Sie nicht jedes Geschäft zu jedem

Preis an, auch wenn anfangs die Angst groß

ist, nicht genügend Aufträge zu erhalten.

Ein zu niedriger Preis erweckt den Eindruck,

dass Ihr Produkt nicht von Qualität ist. Zudem

ist es später umso schwerer, höhere Preise

zu verlangen.

Lohn

Berechnen Sie Ihren persönlichen Bedarf und

kalkulieren Sie ihn mit ein – auch wenn es

anfangs schwierig ist, weil Unternehmensgewinne

sich nicht konkret prognostizieren

lassen. Unterschätzen Sie auch Renten- und

Krankenversicherungsbeiträge nicht.

Steuern und Buchführung

Auch wenn es nicht Ihre Lieblingsbeschäftigung

werden wird, führen Sie ab dem ersten

Tag ordentlich Ihre Buchführung. Ein

Steuerberater kann diese Arbeit zwar für

Sie übernehmen, dennoch haften Sie für alle

Fehler. Daher empfiehlt es sich, beim Thema

Finanzen etwas genauer hinzuschauen. Es

geht schließlich um Ihr Geld. Versuchen Sie

außerdem von Anfang an, betriebliche und

private Ausgaben zu trennen. Das erspart Ihnen

viel Ärger mit dem Finanzamt.

Marketing

Gerade bei Kleinunternehmern hapert es oft

am Marketing. Eine Website zu erstellen und

Flyer zu drucken ist auf die Dauer nicht ausreichend.

Erörtern Sie, wer Ihre Zielgruppe

ist und suchen Sie nach Wegen, wie Sie diese

erreichen können. Ziehen Sie auch Kooperationen

mit anderen Unternehmen in

Betracht.

Versicherungen

Vergessen Sie nicht, sich abzusichern. Gerade

am Anfang sind die finanziellen Mittel

oft knapp. Daher informieren Sie sich genau,

welche Versicherungen Sie unbedingt benötigen

und welche vorerst verzichtbar sind.

Privatleben

Denken Sie daran, dass Sie auch noch ein

Privatleben haben. Auch wenn Sie von Ihrer

Geschäftsidee begeistert sind, planen

Sie Phasen ein, in denen Sie abschalten und

die Sie mit Familie und Freunden verbringen

können. Das Arbeitspensum wird hoch bleiben

– teilen Sie sich Ihre Kräfte ein. W+M

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Gründer | 15

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16 | W+M Titelthema

Gründerzeit im Osten?

Eine Analyse von Prof. Joachim Ragnitz, Chef des Ifo Dresden

Unternehmensgründungen sind wichtig für den Strukturwandel

in der Wirtschaft: Neue Unternehmen sind dauerhaft

nur dann erfolgreich, wenn sie mit einer neuen Marktidee

an den Start gehen. Dadurch machen sie etablierten

Unternehmen Konkurrenz und zwingen diese im Idealfall zu Innovationen,

die den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt

und damit das Wirtschaftswachstum erhöhen. Zudem schaffen erfolgreiche

Gründungen neue Arbeitsplätze. Nicht zuletzt aus diesem

Grund ist die Erhöhung der Zahl der Existenzgründungen ein

wichtiges Ziel der Wirtschaftspolitik sowohl auf Landes- wie auf

Bundesebene.

Prof. Joachim Ragnitz

Geschäftsführer des Ifo Dresden

Ein Blick auf die Zahlen führt allerdings schnell zu Ernüchterung: Die

Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland ist seit Jahren

rückläufig und liegt inzwischen um

mehr als 40

Prozent unter dem bisherigen ig Höchst-

stand des Jahres 2004. In Ost-

deutschland ist die Zahl der Unternehmensgründungen

sogar

noch etwas stärker zurückgegangen.

In den

vergangenen

beidenen Jahren wurden da-

mit mehr

Unternehmen geschlossen

s als zeitgleich neu

gegründet. Die Erneue-

rung

der Wirtschaftsstruk-

tur kommt ganz

offenkun-

dig nicht mehr so

stark voran

wie es wünschenswert wäre.

Vor allem vor dem Hintergrund

der aus demographischen Grün-

den notwendigen Nachfolgepro-

zesse für Unternehmen muss dies

bedenklich erscheinen.

Ein Grund für den Rückgang der Zahl

der Unternehmensgründungen insbe-

sondere in Ostdeutschland könn-

te es natürlich sein, dass auch

die Zahl der potenziellen

Gründer infolge des Bevölkerungsrückgangs

kleiner wird. Aber hier liegt ganz offenbar nicht

der entscheidende Grund; die Gründungsintensität (gemessen an der

Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter) ist in den letzten zehn

Jahren in den ostdeutschen Flächenländern um mehr als 60 Prozent

zurückgegangen. Mit rund 40 Gründungen je 10.000 Einwohner

zwischen 18 und 64 Jahren liegen die ostdeutschen Länder allesamt

auf den hinteren Plätzen der Gründungsstatistik, nachdem

sie zur Mitte des letzten Jahrzehnts noch in der Spitzengruppe zu

finden waren. Dies spricht dafür, dass es sich hierbei eher um ein

strukturelles Problem handelt.

Ein Grund könnte die deutlich verbesserte Arbeitsmarktlage in den

neuen Ländern sein. Wenn Unternehmensgründungen eher „aus der

Not“ geboren sind (um drohender Arbeitslosigkeit zu entgehen), ist

es nicht weiter verwunderlich, wenn Unternehmensgründungen und

Beschäftigungsaufbau sich gegenläufig entwickeln. Da derartige

Notgründungen auch nicht unbedingt viel zur Stärkung der Wirtschaftskraft

beitragen, wäre die zeitliche Entwicklung der Gründungszahlen

insoweit auch kein wirklicher Grund zur Besorgnis. Es

bleibt jedoch der eher pessimistisch stimmende Befund, dass die

Gründungsneigung auch relativ zum Westen deutlich niedriger ist.

Hierfür dürften vor allem zwei Faktoren eine Rolle spielen. Zum einen

sind die regionalen Marktpotenziale im Osten begrenzt, insbesondere

in den wirtschaftlich schwachen Regionen mit niedriger

Kaufkraft und rückläufiger Bevölkerung. Für diese Sichtweise

spricht auch eine stärker räumlich differenzierte Betrachtung des

Gründungsklimas in den neuen Län dern. Gründungen finden besonders

häufig in den Ballungszentren statt, und von diesen gibt es

in Ostdeutschland, sieht man einmal von Berlin ab, bestenfalls eine

Handvoll. Und zum Anderen scheint das Unternehmerbild in den ostdeutschen

Ländern noch immer eher negativ besetzt zu sein, nicht

zuletzt wegen bestimmender Einflüsse durch Elternhaus und Schule.

Hier wirken ganz offenkundig noch entsprechende Prägungen

aus DDR-Zeiten nach. Außerdem mussten viele Menschen in den vergangenen

25 Jahren auch die Erfahrung machen, dass die unternehmerische

Selbstständigkeit mit hohen Risiken verbunden und keineswegs

immer auch von Erfolg gekrönt ist – dies dürfte auch heute

noch viele potenzielle Existenzgründer von einer unternehmerischen

Tätigkeit abschrecken.

Fotos: ifo Dresden

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Gründerzeit | 17

Von einer echten Gründerzeit im Osten kann insoweit noch keine

Rede sein. Dennoch: Es gibt zahlreiche Beispiele auch für positive

Ausnahmen. Hierzu zählen zum Beispiel die gar nicht so seltenen

technologieorientierten Ausgründungen aus Hochschulen, die vor

allem deshalb bedeutsam sind, weil sie einen positiven Beitrag zur

technologischen Erneuerung der Wirtschaftsstruktur leisten können

und deshalb auch künftig jede nur denkbare Unterstützung

verdienen. Positiv ist zudem, dass nach Ergebnissen des KfW-Gründungsmonitor

immer mehr Gründer eine explizite Geschäftsidee zu

verwirklichen suchen, also zum Beispiel mit Marktneuheiten antreten

oder vorab sorgfältige Marktanalysen vorgenommen haben. Dies

ist insbesondere auch mit Blick auf die Überlebenswahrscheinlichkeit

von neu gegründeten Unternehmen wichtig, denn nach wie vor

scheitert rund ein Drittel der Neugründungen eines Jahres innerhalb

der kommenden 36 Monate. Gut geplante Vorhaben können dieses

Risiko des Scheiterns deutlich vermindern. Insoweit: Eine niedrige

Gründungsneigung ist dann nicht so problematisch, wenn die geringere

Anzahl durch eine höhere Qualität von Unternehmensneugründungen

kompensiert wird.

Unternehmensgründungen benötigen dennoch auch künftig Unterstützung

durch die Politik. Diese dürften sich freilich nicht allein

der Bereitstellung finanzieller Hilfen erschöpfen. Wichtiger

erscheinen vielmehr Beratungs- und Weiterbildungsangebote, ein

Die Niederlassung Dresden des ifo Instituts.

Abbau bürokratischer Hindernisse bei Unternehmensgründungen

und nicht zuletzt Bemühungen um einen gesellschaftlichen Wertewandel,

also eine verstärkte Akzeptanz des Unternehmertums als

Motor wirtschaftlichen Fortschritts. Das alles ist nicht so einfach

umzusetzen wie die Bereitstellung finanzieller Mittel, und es sind

auch nicht unbedingt schnelle Erfolge zu erwarten, zumal es hierzu

im Zweifel auch einer institutionellen Unterfütterung bedarf,

die heute erst in Ansätzen vorhanden ist. Dennoch sollten entsprechende

Initiativen zügig gestartet werden; ansonsten besteht die

Gefahr, dass der Aufbau Ost irgendwann womöglich an einem Mangel

an Unternehmerpersönlichkeiten scheitert.

W+M

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18 | W+M Länderreport

Aufschwung am Airport Erfurt

Leere Rollfelder, missglückte Privatisierungen – den regionalen Flughäfen in Deutschland haftete

zuletzt häufig das Image öffentlicher Fehlinvestitionen an. Zu Unrecht, wehrt sich Uwe Kotzan,

Geschäftsführer der Flughafen Erfurt GmbH. Sein Airport verzeichnet steigende Passagierzahlen.

Von Matthias Salm

Das Flughafengelände in Erfurt.

Es ist Wahlkampfzeit in Thüringen. Bevor

die Bürger am 14. September an die

Urnen gerufen werden, lassen es sich

deshalb die führenden Politiker des Landes

kaum nehmen, gute Nachrichten zu verbreiten.

So auch Mitte Juni am Erfurter Flughafen.

„100 neue qualifizierte Arbeitsplätze in einer

Boombranche sind eine gute Nachricht

für die gesamte Region“, freute sich Thüringens

Wirtschaftsminister Uwe Höhn (SPD)

anlässlich der Ansiedlung des Flugzeugwartungsunternehmens

HAITEC Aircraft Maintenance

GmbH am Erfurter Flughafen. In die

gleiche Kerbe schlug sein christdemokratischer

Kabinettskollege Christian Carius, Thüringer

Minister für Bau, Landesentwicklung

und Verkehr: „Heute ist ein guter Tag für den

Freistaat, denn die Ansiedlung der HAITEC

stärkt den Luftverkehrsstandort Thüringen.“

Insgesamt investiert HAITEC rund drei Millionen

Euro am Erfurter Airport. Hier sollen

künftig im neuen Unternehmensbereich

„VIP Maintenance“ VIP- und Geschäftsreiseflugzeuge

gewartet und repariert werden.

Dazu hat das Unternehmen mit Hauptsitz am

rheinland-pfälzischen Flughafen Hahn einen

Hangar auf dem Flughafengelände in der

Domstadt angemietet. Das Thüringer Wirtschaftsministerium

fördert das Vorhaben mit

knapp 1,2 Millionen Euro.

Trotz der guten Nachrichten aus der Landeshauptstadt:

Die Förderung von Regionalflughäfen

hatte zuletzt einen eher schlechten

Leumund in der Öffentlichkeit. Der Bau des

umstrittenen Flughafens Kassel-Calden und

die Insolvenz des privatisierten Lübecker

Airports sorgten für negative Schlagzeilen.

Zu dicht gestrickt sei das Netz der regionalen

Flughäfen, heißt es, um bei hohen Fixkosten

betriebswirtschaftlich erfolgreich sein

zu können. Die infrastrukturelle Bedeutung

werde hingegen überschätzt.

Die Zahlen geben den Kritikern auf den ersten

Blick Recht. Nur sechs der 22 internationalen

Verkehrsflughäfen, die neben 16 weiteren

Regionalflughäfen und Flugplätzen

im Flughafenverband ADV organisiert sind,

schrieben 2013 schwarze Zahlen.

Fotos: Flughafen Erfurt GmbH, www.fotonikola.de

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Thüringen | 19

Die Gründe für die schwierige Marktlage der

Flughafenbranche sind vielfältig. Die europäischen

Airlines stehen unter enormem

wirtschaftlichen Druck. Die Folge sind Streckenstreichungen,

Einsparmaßnahmen und

der Rückzug aus der Fläche, die auf das Geschäft

der Flughäfen durchschlagen. Betroffen

sind von der Krise vor allem kleine und

mittelgroße Flughäfen.

Darüber hinaus bleibt die Luftverkehrssteuer

als Wachstumsbremse der Branche ein Dorn

im Auge: So hat der Branchenverband ADV errechnet,

dass fünf Millionen Passagiere 2013

aufgrund der Steuer verlustig gingen, weil

diese zu Ausweichverhalten auf Flughäfen

jenseits der deutschen Grenzen führe.

Uwe Kotzan

Geschäftsführer der

Flughafen Erfurt GmbH

Uwe Kotzan, seit November 2013 Flughafenchef

in Erfurt-Weimar und mit jahrelanger

Erfahrung als Flughafen-Manager ausgestattet,

nimmt die Kritik an den regionalen Airports

gelassen. Dabei hatten gerade seine

Vorgänger im Amt die Folgen des Sparkurses

bei den Airlines zu spüren bekommen. Der

Rückzug von Air Berlin 2011 dezimierte innerhalb

kürzester Zeit die Passagierzahlen

in Erfurt um rund 113.000.

Seit die Fluglinie Germania in der Landeshauptstadt

neue Strecken zu den Stränden

der Türkei, der Kanaren und auf die spanischen

Inseln anbietet, geht es nun langsam

wieder bergauf. 2013 stieg die Zahl der anund

abreisenden Fluggäste in Erfurt um 16,8

Prozent auf rund 215.000.

Doch es sind nicht die Sonnenanbeter, mit

denen Kotzan die infrastrukturelle Bedeutung

des Regionalflughafens begründet.

„Die Verlängerung des Vertrags mit TNT-Express,

einem der führenden Spezialisten für

weltweite Expressdienstleistungen für Geschäftskunden,

ist ein wichtiger Standortfaktor

für die Wirtschaft“, erläutert Kotzan

und betont, dass die Frage der

Anbindung an den Luftverkehr

– ob Fracht oder Geschäftsreisen

– bei vielen Unternehmensansiedlungen

eine Rolle spiele.

Insbesondere die Automobilindustrie

im Land profitiere logistisch

vom Flughafen.

„Der Flughafen steht außerdem

für seine 130 Mitarbeiter und

rund 450 weitere Beschäftigte

in den Unternehmen im Umfeld.“

Von diesen Vorteilen profitieren

nicht nur die Thüringer, das Einzugsgebiet

reiche auch nach Sachsen, Ost-Hessen

und Nord-Franken, so Kotzan.

Brüssel hingegen sieht die Flut von Provinzflughäfen

als regionale Prestigeprojekte

in ganz Europa schon seit längerem mit

gemischten Gefühlen. Mit neuen Leitlinien

für Flughafensubventionen will die EU-Kommission

nun verhindern, dass weitere Steuergelder

in unrentable Landebahnen fließen.

Denn auch bei steigenden Nutzerzahlen wie

in Erfurt, das räumt auch Uwe Kotzan ein,

bleiben die allermeisten Flughäfen auf Subventionen

aus den öffentlichen Kassen angewiesen.

Deshalb fordert Brüssel nun: Zuschüsse

für den laufenden Betrieb von kleinen

und mittleren Airports sollen zwar

möglich sein, aber nur für einen begrenzten

Zeitraum von zehn Jahren. Dann muss

der rentierliche Betrieb des Flughafens sich

Verkehrsflughäfen in

den neuen Ländern

und Berlin

Berlin-Tegel

Berlin-Schönefeld

Dresden

Erfurt-Weimar

Heringsdorf

Leipzig/Halle

Magdeburg/Cochstedt

Neubrandenburg

Rostock-Laage

Schwerin-Parchim

Stralsund-Barth

selbst tragen. Aufwendungen

für hoheitliche Aufgaben

können auch weiterhin

bezuschusst werden.

Flughafen-Chef Kotzan begrüßt

die Brüsseler Regelung:

„Nun herrschen klare

Vorgaben, welche Beträge

ein Flughafen erwirtschaften

muss.“ 3,8 Millionen Euro

erhielt der Erfurter Flughafenbetreiber

zuletzt vom

Freistaat. Weniger als zuvor

erwartet, doch für die Gegner der Regionalflughäfen

immer noch zu viel.

Kotzan hält dagegen: „Die Fixkosten für die

hoheitlichen Aufgaben, etwa Flugsicherheit

oder Luftsicherheit, fließen nicht in

das Brüsseler Berechnungsverfahren ein.“

Ohne diese reduziere sich die operationelle

Deckungslücke, die es beim Erfurter Airport

zu schließen gelte, auf etwa 700.000 Euro.

„Nun müssen wir unsere Hausaufgaben machen.

Die Hauptaufgabe heißt Konsolidierung“,

gibt sich der Chef der Flughafen Erfurt

GmbH optimistisch, dass dem Erfurter

Flughafen langfristig vom Brüsseler Beihilferecht

keine Gefahr drohe. Der „wichtige Meilenstein

zur Erweiterung des Serviceangebotes

am Landesflughafen“ wie Uwe Kotzan

das Millionen-Investment des Dienstleisters

HAITEC nennt, ist dazu der erste gelungene

Schritt.

W+M

Passagierzahlen ausgewählter Flughäfen in den neuen

Bundesländern und Berlin 2013

Berlin-Tegel

Berlin-Schönefeld

Dresden

Erfurt

Leipzig/Halle

- 7 %

+ 16,8 %

- 2,0 %

- 5,2 %

+ 7,9 %

0 5 10 15 20

Quelle: Flughafenverband ADV Jährliche Passagierzahlen in Millionen

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


20 | W+M Länderreport

Figuren aus dem klassischen Schwanenservice und das Ess-Service aus der neuen COSMOPOLTAN-Serie der Porzellan-Manufaktur Meissen.

Die Schlammschlacht

Christian Kurtzke baut die Porzellan-Manufaktur Meissen zum Luxuskonzern um. Der Streit

darum tobt im Lande und ist zu einer regelrechten Schlammschlacht ausgewachsen. Doch

der Eigentümer, der Freistaat Sachsen, schaut bislang tatenlos zu.

Von Steffen Uhlmann

Die mächtige Schlammlawine kam über

Nacht und machte in Meißen erst kurz

vor der Porzellan-Manufaktur in der

Talstraße halt. Glück gehabt: Die altehrwürdige

Manufaktur mit ihren Schätzen aus über

drei Jahrhunderten blieb Anfang Juni von

den Unwetterfolgen verschont. Dafür brach

umso härter die schon seit Monaten anhaltende

Schlammschlacht um die Zukunft von

Europas ältester Porzellanmanufaktur nun

auch öffentlich aus. Das längst formierte

Heer von Leviten-Lesern macht seinem Ärger

über den Kurs von Geschäftsführer Christian

Kurtzke medienöffentlich Luft, Meissen zu

einem global agierenden Luxuskonzern umzubauen.

Ein Sammelsurium von Vorwürfen

haben Manufaktur-Fundamentalisten, Meißner

Bürgerbewegte, sächsische Lokal- und

Landespolitiker zusammengetragen. Ein regelrechtes

Scherbengericht tagt. Hier die Ankläger,

die die Zukunft der über 300 Jahre alten

Meissner Manufaktur ausschließlich mit

dem Porzellan und seiner Kunst verbinden.

Dort der Angeklagte Kurtzke, der die Tradition

genauso bewahren will, aber überzeugt

davon ist, dass sich die Manufaktur dafür

mittels neuer Produkte neue Märkte erschließen

muss, damit die traditionsreiche Porzel-

Geschäftsführer Christian Kurtzke

überreicht Sachsens Ministerpräsident

Stanislaw Tillich einen Füllfederhalter aus

dem Hause Meissen.

Fotos: Meissen, Osaka

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Sachsen | 21

lanherstellung langfristig finanziell abgesichert werden kann. Mit

seiner Luxusmarken-Strategie rackert Kurtzke dafür, als ginge es

ums Überleben. Geht es jetzt vor dem Scherbengericht auch – für

die Manufaktur, vor allem aber für ihren Chef selbst. Das weiß man

seit der griechischen Antike.

Was sichert Zukunft – Luxus oder Tradition? Die schon 1710 von

Sachsenkönig August dem Starken in Meißen gegründete Manufaktur

hat in den Folgejahrhunderten elf Kriege, Adel, Nazis und

Planwirtschaftler überlebt, ehe sie 1991 in die Hände des Freistaates

Sachsen geriet. Seitdem aber macht ihr der postsozialistische

Niedergang bürgerlicher Tischkultur schwer zu schaffen. Nicht nur

ihr, der ganzen Branche. Die neue Lifestyle- und Coffee-to-go-Generation,

die moderne Single-Haushalt-Bewegung hat mit Zwiebelmuster-

und Goldrand-Tassen, Kerzenhaltern im Barockstil, Tellern

oder Schüsseln im Rosendekor nicht mehr viel am Hut. Mehr mit

streng designten Sushi- oder Müsli-Sets. Und um die gut betuchten

Sammler und Silver-Ager buhlen nicht nur die Manufaktur-Betreiber,

sondern auch unzählige Fundus-Besitzer, die ihre über Jahre

angehäuften Klassiker nun direkt oder per Auktion anbieten. „Der

größte Konkurrent von Meissen“, sagt Kurtzke, „ist Meissen selbst.“

Europaweit, so Schätzungen von Branchenexperten, haben im letzten

Jahrzehnt gut drei Dutzend Porzellanmanufakturen diesen drastischen

Wechsel im Bereich Tisch und Tafel nicht überstanden. Die Not

war und ist groß, auch bei den deutschen Manufakturen. Keine

von ihnen ist in den letzten Jahren allein mit Porzellan wirtschaftlich

erfolgreich gewesen. So sind die öffentliche Hand

oder private Geldgeber gefordert, wenn es um die Bewahrung

von Porzellankunst und Tradition geht.

Als Kurtzke im Oktober 2008 als neuer Geschäftsführer er von

Meissen installiert wurde, wies die Manufaktur im gleichen

Jahr bei 32 Millionen Euro Umsatz satte 21 Millionen

Euro Verluste aus. Kurtzke aber legte los. Wie ein serker und für manche wie ein Elefant im Porzellanladen.

Er baute um, feuerte fast 200 der damals noch 800 Be-

Berschäftigten,

trennte sich von Mitgeschäftsführern und

verschlissenen Lagerbeständen. Der Wandel der Manuefaktur

in ein diversifiziertes Unternehmen, das neben

dem Kerngeschäft Porzellan andere Luxusgüter vertreibt,

nahm Gestalt an. Und damit die Chance, künftig

die verbliebenen über 600 Arbeitsplätze vor Ort zu

sichern, ohne dass Meissen dafür weitere Subventionen

vom Eigner Freistaat benötigt.

Zum feinen Porzellan kamen zunächst Schmuck, Füll-lfederhalter

und Uhren, später Möbel, Stoffe und Accessoires

und zuletzt auch die erste Meissner Modekollektion

– edle Kleider, entworfen von der jungen

Berliner Designerin Frida Weyer. Während Kurtzke

sich damit auf dem Weg wähnt, an dessen Ende in

Ein bis auf die Bücher vollständig mit Produkten der

Firma Meissen eingerichtetes Wohnzimmer.

einigen Jahren aus Meissen eine international bedeutende Luxus-

Gruppe, ein sächsisches Hermés mit Kerngeschäft Porzellan, geworden

ist, rechnen seine Kritiker mit ihm ab: Was bitteschön, fragen sie,

habe die Luxus-Expansion, außer Kosten für die öffentliche Hand

und Gefahren für die Porzelliner, bislang gebracht? Taumelt die Manufaktur

unter Kurtzke jetzt erst recht in eine lebensbedrohliche

Schuldenfalle? Wer sind die Leute hinter ihm, die seinen Kurs stützen?

Vermutet wird ein dubioses Netzwerk an Lieferanten und Abnehmern.

Und über allem die Frage: Steht am Ende des Weges gar die

Verschleuderung von „Sachsens Seele“ an einen privaten Investor?

Antworten darauf müsste der Eigner Freistaat geben. Doch der

hüllt sich in hartnäckiges Schweigen. Sachsens Finanzminis-

ter Georg Unland, dessen Emissär im Aufsichtsrat sitzt, will

sich prinzipiell nicht zu Meissen äußern. Bilanzen, Zah-

len und Strategien seien in Prüfung, heißt es lediglich

aus seinem

Hause. Dauer unbekannt. So muss Kurtz-

ke im Alleingang liefern. Und steht dabei enorm unter

Druck. Für den Aufbau seiner schönen neuen Luxuswelt

benötigt er

frisches Kapital, um die Anlaufinvestitio-

nen in Höhe

von etwa 25 Millionen Euro finanzieren zu

können. Die Manufaktur allein kann das nicht stem-

men, dafür fehlt ihr einfach die Kraft. Zumal der Umsatzsprung

mit Hilfe der Luxusgüter auf sich warten

lässt. 2013 hat Meissen nicht viel mehr als 40 Millio-

ne n Euro umgesetzt und dabei wieder Verluste eingefahren.

Doch für 2017 kündigt Kurtzke den Break

even an, sofern er seine Strategie konsequent umsetzen

kann. 2020 will der Meissen-Chef mit Hil-

fe von Franchisemodellen weltweit 300 Läden

betreiben und beim Umsatz die 100-Millionen-Grenze

überschreiten. Dann wäre das

sächsische Hermés unter seiner Leitung

aufgebaut. Bleibt die Frage, ob es dann

noch im Besitz des Freistaates ist.

Kleid „Grace“ von

W+M

Meissen Couture

(Preis: 8.250 Euro).

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22 | W+M Länderreport

Erdöl-Metropole

als Leuchtturm in

der Uckermark

Die Stadt Schwedt an der Oder genießt als einer

der regionalen Wachstumskerne Brandenburgs

die besondere Förderung des Landes.

Einst eines der bedeutendsten Zentren des Tabakanbaus

in Deutschland, wird sie seit 50 Jahren

geprägt durch die Petrolchemie. Wichtigster

Arbeitgeber ist seit den 1960er Jahren die

heutige PCK Raffinerie GmbH.

Von Tomas Morgenstern

Die PCK Raffinerie GmbH

ist eine der modernsten

und effizientesten Erdöl-

Raffinerien in Europa.

Annähernd jedes zehnte Auto in Deutschland fährt mit Kraftstoff

aus der Uckermark. Doch die Stadt an der deutsch-polnischen

Grenze hat mit gravierenden Problemen zu kämpfen:

Seit 20 Jahren schrumpft die Bevölkerung, und die Arbeitslosigkeit

ist mit rund 15 Prozent überdurchschnittlich hoch.

Vor allem Ostdeutsche bringen Schwedt mit Erdöl in Verbindung:

Dass in der Oder-Stadt russisches Erdöl verarbeitet wird, das von

den sibirischen Ölfeldern bei Tjumen über die 5.300 Kilometer lange

Fernleitung „Druschba“ (Freundschaft) nach Schwedt fließt,

war in der DDR Allgemeinbildung. Vor genau 50 Jahren floss das

erste Öl durch die Pipeline. Das ab 1960 erbaute und 1970 zum Petrolchemischen

Kombinat (PCK) umgewandelte Werk beschäftigte

einmal mehr als 8.000 Mitarbeiter. In den 1990er Jahren privatisiert,

ist die heutige PCK Raffinerie GmbH eine der größten

und modernsten Raffinerien in Europa. Jährlich bis zu zwölf Millionen

Tonnen Erdöl werden hier zu Otto- und Dieselkraftstoffen

sowie Heizöl verarbeitet. „Wir gelten international als vorbildlich

hinsichtlich der Kosten, der Wirtschaftlichkeit, der Anlagenverfügbarkeit

und der Ausbeute an hellen Erdölprodukten“, erklärt

Pressesprecherin Vica Fajnor. Mit 1.200 Mitarbeitern und einem

Jahresumsatz von 2,1 Milliarden Euro sei PCK der größte Arbeitgeber

in der Uckermark. Weitere 2.000 Arbeitskräfte seien bei Service-Firmen

tätig.

PCK-Geschäftsführer Jos van Winsen hatte sich jüngst nachdrücklich

zu Schwedt bekannt: „Wir werden unseren Standort Stück für

Stück weiter modernisieren und seine Effizienz steigern.“ Und er

betonte, dass angesichts der Tatsache, dass ab 2017 nahezu die

Hälfte der derzeitigen Belegschaft das Rentenalter erreiche, auch

in Zukunft kein Mangel an Arbeitsplätzen herrschen werde.

Fotos: PCK Raffinerie GmbH, Stadt Schwedt/Oder

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Brandenburg | 23

Fünf Teile hat das längste Wandbild Deutschlands, mit dem der Künstler Hartmut Lindemann das PCK-Gebäude in Schwedt gestaltet hat.

Das vordringlich benötigte Personal lasse

sich nicht durch Umschuldung von Langzeitarbeitslosen

gewinnen, stellt die PCK-

Sprecherin klar. „Wir setzen zum einen auf

die Jugend in der Uckermark“, sagt sie und

verweist auf die langfristige, enge Kooperation

mit den Schulen in der Region. Das Unternehmen

bilde den Großteil seines Personalbedarfs

selber aus und schicke viele junge

Leute zum Studium. „Unsere Ausbildung

genießt einen exzellenten Ruf.“ Doch immer

häufiger wird auch ein Blick über die Grenze

nach Polen geworfen: Allein 40.000 junge

Leute studieren derzeit an der Technischen

Universität von Szczecin (Stettin).

Milliarden wurden investiert

Die Gesellschafter der PCK Raffinerie GmbH

haben in den vergangenen 20 Jahren rund

zwei Milliarden Euro in moderne Technologien

und den Umweltschutz investiert. Doch

nun wächst die Erwartungshaltung gegenüber

dem Land, der Stadt Schwedt und dem

Bund. Die Branche ist international unter

großem Druck. Vor allem die Konkurrenz im

arabischen Raum und in Asien sei enorm gewachsen,

heißt es. Die PCK kämpfe in einem

rückläufigen Markt mit hohen Stromkosten

und wachsenden Überkapazitäten. Daher

müsse mehr unternommen werden, um den

Standort attraktiver zu machen.

Demonstrative Zuversicht äußern alle Akteure

hingegen, wenn es um etwaige Auswirkungen

der aktuellen Krise in der Ukraine

und vor allem auch in den Beziehungen des

Westens zu Russland auf den Standort geht.

Groß ist das in 50 Jahren gewachsene Vertrauen

in Liefertreue der russischen Partner

und in Gesetzeskraft bestehender Verträge,

nicht zuletzt aber auch darin, dass die Vernunft

in dem Konflikt bald wieder die Oberhand

gewinnen wird.

Die Leiterin der Stabsstelle Wirtschaftsförderung

im Rathaus, Annekathrin Hoppe, erklärt:

„PCK ist für uns das absolut wichtigste

Unternehmen in der Region.“ Aber natürlich

gebe es auch andere bedeutsame Unternehmen

in Schwedt. Mit vier Papierfabriken und

-verarbeitungsfirmen zählt die Stadt zu den

größten Papierstandorten Deutschlands. Allein

auf dem PCK-Gelände arbeiten etwa 80

Unternehmen, vor allem Dienstleister. Verbio

betreibt hier sogar Anlagen zur Erzeugung

von Bio-Ethanol und -Diesel. Ein ebenso

wertvoller Standortfaktor ist das Uckermark-Klinikum

der Asklepios-Kette, ein

Krankenhaus der Schwerpunktversorgung

mit 420 Betten und 850 Angestellten.

Ein Schwedter Dauerproblem ist die Verkehrsinfrastruktur.

Zwar ist die Stadt über Bundesstraßen

(B 2 und B 166) an das Autobahnnetz

angebunden, verfügt über einen Bahnanschluss,

einen eigenen Grenzübergang und

einen modernen Binnenhafen mit Ostsee-Zugang

und Verbindung zum europäischen Wasserstraßennetz,

doch es hapert beim Ausbau.

Erst Mitte Mai hatte der Stopp des seit

fast 20 Jahren geplanten Ausbaus der B 198

zwischen der A 11 bei Joachimsthal und der

B 2 bei Herzsprung Schlagzeilen

gemacht.

Die Wirtschaftsförderung

mache Lobbyarbeit auf allen

Ebenen, sagt Annekathrin

Hoppe. Doch bei so

wichtigen Themen, wie der

Ertüchtigung der Hohensaaten-Friedrichsthaler

Wasserstraße

oder der Eisenbahnverbindung

nach Polen

sowie bei der Schaffung eines

neuen Grenzübergangs

außerhalb der Stadt komme

man allein nicht weiter. Hier müssten Land

und Bund mit ihren jeweiligen Partnern in

Polen zu Lösungen kommen. Die Pressesprecherin

von Schwedt, Corinna Müller, ist überzeugt,

dass die wirtschaftliche Zukunft von

der Stadt eng mit dem dynamisch wachsenden

Metropolenraum Szczecin mit seinen

schon heute mehr als 500.000 Einwohnern

verknüpft sein wird. Das frühere Stettin sei

bis 1945 das natürliche Einzugsgebiet der

Schwedter gewesen, erinnert sie.

Auf der Suche nach einem attraktiveren

Image versucht sich Schwedt unter Bürgermeister

Jürgen Polzehl (SPD) vorsichtig

vom Bild der Erdöl-Metropole zu lösen.

Der deutsch-polnische Nationalpark Unteres

Odertal, der in geschützten Naturräumen

zahlreiche seltene Tierarten beherbergt,

reicht bis an die Stadtgrenze. 10.000 Naturfreunde

zählt das Besucherzentrum im Ortsteil

Criewen jedes Jahr. Inzwischen wirbt die

Stadt auf ihrer Website auf grüne Art. „Herzlich

willkommen in der Nationalparkstadt

Schwedt/Oder“ heißt es da. Schwedt hat im

Oktober 2013 als erste Stadt in Deutschland

sogar seine Ortseingangsschilder mit dem Zusatz

„Nationalparkstadt“ versehen.

W+M

Schwedt wurde nach seiner Zerstörung am

Ende des Krieges als Wirtschaftsstandort neu aufgebaut.

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24 | W+M Länderreport

Auf dem Weg zum führenden Gesundheitsland

Mecklenburg-Vorpommern hat sich zum Ziel gesetzt, Gesundheitsland Nummer eins in

Deutschland zu werden – und bietet dafür beste natürliche Voraussetzungen für Genesung

und Erholung.

Von Steffen Piechullek

Der Hybrid-OP-Saal im Klinikum

Karlsburg ist einer der modernsten

in Norddeutschland.

Die Gesundheitsbranche in Vorpommern

hat sich in den vergangenen

zwei Jahrzehnten überaus dynamisch

entwickelt und zählt inzwischen zu

den wichtigsten Wirtschaftsfeldern der Region.

Etwa 30.000 Beschäftigte arbeiten mittlerweile

in den unterschiedlichen Bereichen

von Forschung über Pflege und Rehabilitation

bis hin zu Wellness – Tendenz steigend.

Der Gesundheits- und Wellness-Sektor zählt

zu den fortschrittlichsten und leistungsfähigsten

in Europa. Eine Vielzahl an Rehaund

Kureinrichtungen sowie Medical-, Wellness-

und Sporthotels mit einem vielfältigen

Angebot, moderner und leistungsorientierter

Infrastruktur und hohen Qualitätsstandards

profitiert von den natürlichen Gegebenheiten

der Region. Es sind vor allem das maritime

Klima, die saubere Luft und die intakte

Natur, vielseitige und abwechslungsreiche

Ausflugsmöglichkeiten wie die einmaligen

Sand- und Naturstrände sowie Küstenlandschaften

oder die traditionsreichen Seebäder,

die das Land so besonders machen.

Ergänzt wird diese Gesundheitsversorgung

durch Spitzenforschung. Schwerpunkte liegen

in den Bereichen Biowissenschaften,

Medizin und Medizintechnik, Molekularbiologie,

Plasmaphysik, Neurowissenschaften

und Onkologie. Hoch qualifizierte Mitarbeiter

und ein innovationsfreundliches Wirtschaftsklima

ziehen Unternehmen der Life

Sciences, Biotechnologien und Gesundheitswirtschaft

an. Vor allem zahlreiche kleine

Unternehmen nutzen die Nähe zur Universität

Greifswald, um sich anzusiedeln.

Die Universitäten und Fachhochschulen

in der Region bieten spezialisierte Ausbildungsmöglichkeiten

für den wachsenden Bedarf

an qualifizierten Fachkräften in allen

Fotos: Klinikum Karlsberg, INP Leibniz-Institut Ehlbeck/Derm

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Mecklenburg-Vorpommern | 25

Bereichen der Gesundheitswirtschaft und

Life Sciences. Das Medizinstudium an der

Universität Greifswald beispielsweise belegt

seit Jahren Spitzenplätze in bundesweiten

Hochschulrankings und ist äußerst beliebt

und begehrt.

In Greifswald steht das modernste Universitätsklinikum

Deutschlands, das auch international

eine hohe Reputation genießt.

Es versorgt mit seinen 870 Betten und 4.400

Mitarbeitern jährlich etwa 146.000 Patienten,

davon etwa 36.000 stationär, und gliedert

sich in 21 Kliniken und 19 Institute.

Das Klinikum Karlsburg hat sich national

und international als Herz- und Diabeteszentrum

einen guten Ruf erworben und plant

derzeit die Errichtung eines hochmodernen

Diabetes-Innovationszentrums mit integriertem

Klinikbereich. Hier werden die Voraussetzungen

dafür geschaffen, dass auch

zukünftig beste Bedingungen für Spitzenmedizin

und -forschung in Vorpommern vorhanden

sind.

Synergien finden sich ebenfalls mit Forschungsinstituten

und Kompetenzclustern.

Dazu zählt unter anderem die BioCon Valley

GmbH, welche sich als professionell organisiertes

Landesnetzwerk um die interdisziplinäre

Vernetzung von Wirtschafts- und Forschungsaktivitäten

kümmert.

Inkubatoren wie das BioTechnikum in Greifswald

bieten nicht nur günstige Labore und

Büroflächen, sondern entlasten unter anderem

die jungen Unternehmen von administrativen

Arbeiten, unterstützen das Management

und vermitteln die Kontakte für Kooperationen

und Projekte. Mit der beabsichtigten

Erweiterung des BioTechnikums und

dem Neubau eines PlasmaTechnikums wird

bis zum Jahr 2016 die erforderliche Infrastruktur

für die Aufnahme und Erweiterung

von Unternehmen der Branche geschaffen.

Spitzentechnologien vom Labor zum

Patienten – Plasmaforschung am

Leibniz-Institut in Greifswald.

Das Leibniz-Institut für Plasmaforschung

und Technologie e. V. (INP Greifswald) ist

europaweit die größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung

zu Niedertemperaturplasmen.

Hier wurde der erste in Deutschland

zugelassene Plasma-Pen zur Wundheilung

entwickelt.

Im Ergebnis zeigt sich, dass die Region Vorpommern

die besten Voraussetzungen für

Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft,

Medizintechnik, Biotechnologie,

Plasmaforschung und -technologie bietet.

W+M

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VOLKSSOLIDARITÄT

Greifswald-Ostvorpommern e.V.


26 | W+M Länderreport

Sächsisches Flaggschiff auf dem Gasmarkt

Die Verbundnetz Gas AG in Leipzig, die über Töchter mittlerweile

in 14 Ländern aktiv ist, zählt zu den führenden Erdgasimporteuren

Deutschlands. Konsequent baut man derzeit die eigene

Fördertätigkeit aus, um die Abhängigkeit von Lieferländern zu

verringern, und verbreitert zugleich die eigene Wertschöpfung

auch auf dem deutschen Markt.

Von Harald Lachmann

Als die Norweger am 17. Mai ihren Nationalfeiertag

begingen, wurde auch

in Leipzig gefeiert. Denn Dr. Karsten

Heuchert, der Vorstandsvorsitzende der Verbundnetz

Gas AG (VNG), ist auch norwegischer

Honorarkonsul für Brandenburg, Sachsen,

Sachsen-Anhalt und Thüringen. Und

diese Nähe des drittgrößten deutschen Erdgasimporteurs

zum nordischen Königreich

kommt nicht von ungefähr. Erst zu Jahresbeginn

beendete VNG mit Erfolg weitere Erdgaserkundungen

auf dem norwegischen Kontinentalschelf.

Mittlerweile ist der einzige deutsche Top-

100-Konzern mit Hauptsitz im Osten über

seine Töchter VNG Norge und VNG Danmark

an über 30 Produktionslizenzen in Nordeuropa

beteiligt. Die Exploration, so Heuchert,

sei ein „wichtiger Teil unserer Unternehmensstrategie“.

Denn mit dem direkten

Zugriff auf eigenes Erdgas stärke man die

Unabhängigkeit des Gashandels gegenüber

Marktschwankungen. Mittel- bis langfristig

soll ein „bedeutender Anteil“ der jährlichen

Erdgasbeschaffung aus eigenen Quellen

sprudeln.

Der Leipziger Konzern will damit seine Position

im Markt festigen, stärker an der gesamten

Energiewertschöpfungskette teilhaben

und nicht zuletzt weniger abhängig von den

großen Lieferländern sein – neben Norwegen

auch Russland. Dennoch spielt der Handel

mit russischem Gas eine wichtige Rolle.

Immerhin hat VNG hier seine Wurzeln: Hervorgegangen

ist man aus einem DDR-Betrieb,

über den bereits seit 1973 russisches Erdgas

in den deutschen Osten floss. VNG – zwei

Tage vor der Währungsunion 1990 als erstes

ostdeutsches Großunternehmen privatisiert

– übernahm diese Lizenzen. Und als Heuchert

mit Gazprom-Vizechef Alexander Medwedjew

2013 in Leipzig den 40. Jahrestag der

russischen Erdgaslieferungen nach Deutschland

feierte, waren bereits über eine Billion

Kubikmeter durch die Pipelines zu VNG

geströmt.

Verdichterstation an der Erdgasleitung

von VNG bei Bobbau (Sachsen-Anhalt).

Fotos: VNG, Harald Lachmann

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Sachsen | 27

So ist es schon wichtig, wenn der Erdgasgroßhändler

vor dem Hintergrund der Ukraine-

Krise erst wieder im Juni versicherte, auch

weiter auf die Beziehungen zum Staatskonzern

Gazprom zu setzen. „Wir sind sicher und

haben das Vertrauen, dass sich daran nichts

ändert“, so Heuchert. Bestehe doch ein wechselseitiges

Interesse daran: Der russische

Energiegigant hält gut jede zehnte Aktie an

VNG und will dies gar weiter aufstocken.

Dr. Karsten Heuchert

VNG-Vorstandsvorsitzender

Dennoch bezieht die VNG-Gruppe, die heute

1.400 Mitarbeiter beschäftigt und in 14 Ländern

Europas aktiv ist, kaum noch ein Fünftel

des Gases aus dem angestammten Liefergebiet.

Von den 365 Milliarden Kilowattstunden

Erdgas, die sie 2013 einkaufte, basieren

nur noch 18 Prozent auf Langfristverträgen

mit Russland. Das Gros beziehe man nun über

Spotmärkte und nationale sowie internationale

Handelsplattformen, so Heuchert.

Dabei versetzte die etablierte Russland-

Kooperation VNG lange in eine privilegierte

Lage. Denn über jene Langfristverträge

schien man vor schwankenden Weltmarktpreisen

gefeit. Doch seit die USA durch Fracking

eigenes Schiefergas gewinnen, damit

Inspektion eines Erdgasspeichers von

VNG in Bad Lauchstädt. Durch dieses

riesige Ventil strömt Erdgas mit hohem

Druck in die unterirdischen Speicherkavernen

– und auch zurück.

als Abnehmer ausfallen und zudem noch Kohle

günstig nach Europa verschiffen, schwächelte

zuletzt spürbar der Gaspreis. Jene Verträge

und die darin vereinbarten Abnahmemengen

wurden damit zum Bumerang: VNG

rutschte 2011 in die Verlustzone, zahlte zwei

Jahre keine Dividende.

VNG mit Rekordergebnis

Doch das ist Geschichte. Als Heuchert zur Bilanzpressekonferenz

für 2013 bat, herrschte

wieder eitel Sonnenschein in der Leipziger

Braunstraße: Man hatte als VNG-Gruppe

dem bereits positiven Vorjahresergebnis

noch ordentlich etwas draufsetzen können.

Mit einem Jahresüberschuss von 174 Millionen

Euro (Vorjahr: 132 Millionen) verkündete

der Vorstandschef allein für das Mutterhaus,

die VNG AG in Leipzig, ein Rekordergebnis.

Vor allem die Geschäftsbereiche Gastransport

sowie Gashandel – gerade dieses Segment

baut man konsequent aus – hätten hierzu

beigetragen.

Zuvor war es gelungen, die Langfristverträge

mit Russland der neuen Marktsituation anzupassen.

Zudem bietet VNG in nun schon zehn

bundesweiten Verkaufsbüros seinen Kunden

– Stadtwerke, Regionalversorger, Industrieabnehmer

– „maßgeschneiderte Produkte“

an und verschaffe ihnen zugleich Zugang

zu den Großhandelsmärkten, so Heuchert.

Durch den Erwerb der Goldgas-Gruppe im hessischen

Eschborn war VNG überdies 2013 in

das bundesweite Privat- und Gewerbekundengeschäft

eingestiegen.

Unterm Strich erlöste die VNG AG im Vorjahr

mit 8,8 Milliarden Euro rund eine Milliarde

mehr als 2012. Bezogen auf die Gruppe mit

Standorten unter anderem in Litauen, Polen,

Tschechien und der Slowakei betrug der Umsatz

knapp elf Milliarden Euro. Der zum Konzern

gehörende Netzbetreiber Ontras bewirtschaftet

zudem mit über 7.200 Kilometern

das zweitgrößte deutsche Ferngasleitungsnetz.

Es durchzieht alle ostdeutschen Länder.

Mit vier Untergrundgasspeichern in Bad

Lauchstädt, Bernburg, Buchholz und Kirchheilingen

ist die VNG Gasspeicher GmbH auch

der drittgrößte deutsche Speicherbetreiber.

In Summe kann sich der Konzern mit 2,7 Milliarden

Kubikmetern Erdgas bevorraten.

Mithin verkörpern die Leipziger genau das,

was sich Sachsens Ministerpräsident Stanislaw

Tillich (CDU) noch deutlich mehr

wünscht: „Hauptsitze von Konzernen, die

auf dem Weltmarkt die erste Geige spielen“.

Man benötige „sächsische Flaggschiffe, die

andere Firmen mitziehen“. Immerhin kauft

VNG zwei Drittel aller Waren und Dienstleistungen

in Ostdeutschland ein, 2013 für 142

Millionen Euro. Zu 57 Prozent profitieren davon

Firmen aus Sachsen, was einen neuen

Rekord darstellt, gefolgt von Sachsen-Anhalt

(20 Prozent) und Brandenburg (11 Prozent).

Mithin sei man trotz der wachsenden

internationalen Ausrichtung „fest in unserer

Heimatregion Ostdeutschland verwurzelt“,

so Bodo Rodestock, Vorstand für Finanzen

und Personal.

Natürlich erzeugt all das Begehrlichkeiten.

Seit Jahren bereits rangeln große westdeutsche

Energiekonzerne um mehr Einfluss bei

VNG. Erst unlängst gelang es der EWE in Oldenburg,

durch den Zukauf von VNG-Aktien

ihre Mehrheit am Ostkonzern von zuvor

48 auf 63 Prozent zu erhöhen. Die Norddeutschen

stellen mit EWE-Finanzvorstand Heiko

Sanders den Aufsichtsratschef.

Eine Sperrminorität sicherten sich indes

schon vor Jahren Stadtwerke aus Mecklenburg-Vorpommern,

Sachsen, Sachsen-Anhalt

und Thüringen. Sie bündeln ihre Anteile in

einer Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft

(VuB) mit Sitz in Leipzig, die für sie

treuhänderisch 25,79 Prozent der VNG-Anteile

hält. Gemeinsames strategisches Ziel sei es

hierbei, auch künftig Leipzig als Konzernsitz

zu sichern, so Burkhard Jung (SPD), Oberbürgermeister

der Messestadt. Laut Sanders wurde

nun auch jene Standortsicherungszusage

in Form einer Vereinbarung gegeben. W+M

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28 | W+M Politik

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht

im W+M-Interview:

„Wir haben blühende Landschaften“

Am 14. September 2014 wird in Thüringen ein neuer Landtag gewählt. In den Umfragen liegt die

CDU deutlich vorn. Allerdings macht sich auch die Linke Hoffnungen, erstmals in einem deutschen

Bundesland den Ministerpräsidenten zu stellen. WIRTSCHAFT+MARKT sprach mit der

christdemokratischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht über die politischen Konstellationen

in Erfurt, die Ergebnisse ihrer Wirtschaftspolitik und ihr persönliches Verhältnis zu Bundeskanzlerin

Angela Merkel.

W+M: Frau Lieberknecht, wie steht die thüringische

Wirtschaft ein Vierteljahrhundert

nach der politischen Wende im Osten

Deutschlands da?

Christine Lieberknecht: Ich habe großen

Respekt vor der Aufbauleistung, die hier

über ein Vierteljahrhundert inzwischen erbracht

worden ist. Die thüringische Wirtschaft

startete Anfang der 1990er Jahre aus

einem tiefen Tal der Tränen. Aber sie hat sich

heute robust aufgebaut, mit einer enormen

Branchenvielfalt. Vor allem die kleinen und

mittelständischen Unternehmen, sie sind

das Rückgrat der thüringischen Wirtschaft.

In den bundesweiten Dynamik-Rankings bezüglich

des Wirtschaftswachstums nehmen

wir seit Jahren Spitzenplätze ein. Darüber

hinaus sind wir Investitionsstandort Nummer

eins in Deutschland.

W+M: Wo liegen die Stärken der Wirtschaft

Thüringens?

Christine Lieberknecht: Die thüringische

Wirtschaft ist besonders geprägt durch kleine

Unternehmen und den Mittelstand in den

für unser Land typischen Branchen – allerdings

inzwischen technologisch hochmodern

aufgestellt. Das betrifft beispielsweise

die Automobilindustrie und die Zulieferindustrie,

sie ist der Wirtschaftsfaktor Nummer

eins. Was für Thüringen aber auch sehr

prägend ist, ist die Nahrungsmittelindustrie.

Und natürlich die optische Industrie. Sehr

zukunftsträchtig ist die Kunststoffindustrie

und wir haben Metall-, Elektro-, Maschinen-

und Werkzeugbau, die sich hervorragend

entwickelt haben. Es gibt kaum eine

Branche, die Sie in Thüringen nicht finden.

W+M: Wagen Sie eine Prognose, bis wann

eine Angleichung des wirtschaftlichen Niveaus

etwa an das Nachbarbundesland Hessen

gelingen kann?

Christine Lieberknecht: Wir haben eine topaufgestellte

Wirtschaft. Aber bei einigen signifikanten

Daten gibt es immer noch einen

Unterschied zur gewachsenen Struktur

in den alten Bundesländern. In Hessen oder

Bayern gibt es nicht wenige Hauptsitze von

großen Unternehmen und an einen Bankenplatz

Frankfurt kommen wir natürlich nicht

heran. Wir müssen nach wie vor in die Eigenkapitalausstattung

investieren. Unsere Wirtschaftsförderung

zielt darauf ab, die unverändert

vorhandene Produktivitätslücke zu

schließen. Wir fördern daher zunehmend den

Bestand, damit technische und technologische

Innovationen möglich werden, um mehr

Wertschöpfung und eine höhere Produktivität

zu erreichen. Was die Arbeitnehmer betrifft,

haben wir nach wie vor einen Aufholbedarf

bei den Löhnen. Die Zukunft liegt hier

in der Formel: Gute Arbeit für faire Löhne.

W+M: Braucht es für die Angleichung einen

Solidarpakt III für die neuen Länder

nach 2019?

Christine Lieberknecht: Wir haben bestehende

Verträge, die 2019 auslaufen. Für die

Zeit danach brauchen wir eine Neuordnung

des Länderfinanzausgleichs. Das schließt die

Antworten auf die Frage ein, wie geht man

künftig mit strukturschwächeren Ländern,

unabhängig von der traditionellen Ost-West-

Zuordnung, um. Einen Solidarpakt III schließe

ich von der Begrifflichkeit her aus. Für

temporäre Bedarfe als Hilfe zur Selbsthilfe

habe ich bereits im letzten Jahr die Einrichtung

eines Deutschland-Fonds angeregt.

Künftig ist die Solidarität aller Länder

für jene Regionen erforderlich, die Hilfe zur

Selbsthilfe benötigen.

W+M: Was hat Ihre Regierung in den vergangenen

fünf Jahren konkret getan, um die

heimische Wirtschaft weiter anzukurbeln?

Christine Lieberknecht: Man darf es nicht

vergessen: Wir kamen im Jahr 2009 aus der

tiefsten Wirtschaftskrise, die Deutschland

und Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs

erlebt haben. Daher mussten wir zunächst

die Wirtschaft flankierend unterstützen

– mit Förderpaketen, Kreditprogrammen,

Bürgschaften. Die Thüringer Unternehmen

hatten die Zeit der Krise bereits hervorra-

Foto: Susann Welscher

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Landtagswahlen 2014 | 29

Zur Person

Christine Lieberknecht wurde am 7.

Mai 1958 in Weimar geboren. Sie

wuchs als ältestes von vier Geschwistern

in Leutenthal auf, wo ihr Vater als

Pfarrer tätig war. Ihre Mutter arbeitete

als Krankenschwester. Nach dem Abitur

studierte sie bis 1984 Evangelische

Theologie an der Friedrich-Schiller-

Universität Jena. Anschließend wirkte

sie bis zum Jahr 1990 als Pastorin im

Kirchenkreis Weimar. Bereits 1981 trat

sie der CDU der DDR bei.

1990 startete ihre politische Karriere –

als Thüringer Kultusministerin. Später

war sie Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten,

Präsidentin des

Thüringer Landtags, CDU-Fraktionsvorsitzende

im Erfurter Landtag sowie

Sozialministerin. Seit 30. Oktober 2009

ist Lieberknecht Thüringer Ministerpräsidentin.

Christine Lieberknecht ist verheiratet

und Mutter zweier Kinder.

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30 | W+M Politik

gend dafür genutzt, sich auf die Zeit danach

vorzubereiten, mit Planungen, Weiterbildung

und der Entwicklung neuer Patente.

Hier konnten wir mit unserer Förderpolitik

erfolgreich ansetzen. Heute geht es den

Firmen und den Menschen besser als 2009.

Wir haben die Arbeitslosigkeit im Vergleich

zur letzten Dekade nahezu halbiert. Wir liegen

jetzt das erste Mal in einem Monat Mai

bei der Arbeitslosenquote unter acht Prozent

und wir werden insgesamt an die 7-Prozent-

Marke herankommen. In den Landkreisen an

den Grenzen zu Bayern, Hessen und Niedersachsen

haben wir schon heute eine wesentlich

geringere Arbeitslosigkeit, die mit den

benachbarten Alt-Bundesländern vergleichbar

ist. Das heißt: Thüringen als Land in der

Mitte holt auf und in Sachen Arbeitslosigkeit

haben wir uns bereits in die Mitte der Bundesländer

katapultiert. Ein Schlüssel unseres

Erfolgs ist das enge Zusammenspiel vieler

Firmen und Branchen mit der Wissenschaft.

Hier entstehen systemische Lösungen, die

unsere Firmen von ihrem technischen und

handwerklichen Know-how her international

wettbewerbsfähig machen.

W+M: Am 14. September 2014 wählen die

Thüringer einen neuen Landtag. Ihre Partei

liegt derzeit in den Umfragen bei 36 Prozent.

Wie wollen Sie Ihr Wahlziel 40 Prozent

+ x erreichen?

Christine Lieberknecht: Wir stehen ganz

solide da, aber es ist noch Luft nach oben.

Unser Ziel ist es, dass gegen die Thüringer

CDU keine Regierung gebildet werden kann.

Deswegen strengen wir uns in den verbleibenden

Wochen weiter an. Ganz wichtig ist

mir der direkte Kontakt zu den Bürgerinnen

und Bürgern. Es gibt in Thüringen etwa 2,2

Millionen Einwohner. Ich kann nicht jeden

Einzelnen kennen. Aber ich kenne sehr viele

Menschen in unserem Land. Ich habe in den

letzten fünf Jahren etwa 500 Unternehmen

in Thüringen besucht. Habe dort mit den Unternehmern

und Beschäftigten gesprochen.

Es gibt eine Tour, die ich Ende Mai gestartet

habe: „Lieberknecht direkt“. Hier sind die

Menschen eingeladen, auf die Marktplätze

oder zu den Veranstaltungsorten zu kommen.

Dort können sie mir jede Frage stellen. So

kennen mich die Menschen und so ist auch

meine Partei unterwegs.

W+M: Warum sollten Thüringens Unternehmer

Christine Lieberknecht wählen?

Christine Lieberknecht: Damit es den Unternehmen,

den Unternehmern, aber auch

den Beschäftigten nach den kommenden

fünf Jahren besser geht als heute. So wie es

ihnen heute besser geht als im Jahr 2009.

Politik muss ein Ziel haben: Den Menschen

muss es am Ende einer Wahlperiode besser

gehen als zuvor. Dieses Ziel haben wir in dieser

Legislaturperiode erreicht. Und das ist

gelungen – ohne Aufnahme neuer Schulden.

Wir mussten in den Jahren 2010 und 2011

mehr als 600 Millionen Euro Schulden zur

Überwindung der Krisenlasten aufnehmen.

Diese Schulden werden wir zum Ende dieses

Jahres komplett getilgt haben. Wir in Thüringen

machen keine neuen Schulden, das verbietet

sich von selbst. Eine schuldenfreie Legislaturperiode

– so etwas gab es in der Geschichte

des Freistaates noch nie.

W+M: Was wollen Sie in den kommenden

fünf Jahren für die Thüringer Wirtschaft

tun, sollten Sie erneut Ministerpräsidentin

werden?

Christine Lieberknecht: Ich möchte den

2009 eingeschlagenen Weg fortsetzen: Wir

haben blühende Landschaften, es ist sehr

viel entstanden. Wir haben technologisch

hervorragend aufgestellte Betriebe, die

weltmarktfähig sind, ein hervorragendes

Bildungssystem, wir haben mit der Polizeireform

in die innere Sicherheit investiert,

wir betreiben aktiv Landschaftsschutz, unsere

Landwirtschaft steht ausgezeichnet da.

Diesen Kurs wollen wir fortsetzen. Und ich

sage ganz klar, es ist ein realistisches Ziel

für Thüringen, am Ende der kommenden Legislaturperiode

Vollbeschäftigung zu haben

bei fairen Löhnen. Das ist meine Zielstellung.

Und diese Zielstellung ist dank unserer Unternehmer,

die die Ärmel hochkrempeln und

anpacken, auch realistisch.

W+M: Der flächendeckende Mindestlohn in

Höhe von 8,50 Euro wird von vielen Unternehmern

in den neuen Ländern als zu hoch

angesehen. Fürchten Sie, dass dadurch Arbeitsplätze

in Thüringen verloren gehen?

Christine Lieberknecht: Die Koalition in

Berlin hat ein Versprechen abgegeben, in

Sonderheit die Bundeskanzlerin: Es müssen

faire Löhne erzielt werden, aber sie dürfen

keine Arbeitsplätze kosten. Deswegen ist es

wichtig, dass wir eine Übergangsklausel haben

bis Ende 2016 und danach bei vorliegenden

Tarifverträgen überall der Mindestlohn

ab Januar 2017 gilt. Ich denke, dass das für

die Branchen, die betroffen sind, ein hinreichender

Übergangszeitraum ist, sich umzustellen.

Aber es gibt auch viele Betriebe, die

heute schon sagen, dass der Mindestlohn für

sie kein Thema mehr ist, weil sie ein deutlich

Fotos: Susann Welscher

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Landtagswahlen 2014 | 31

über dem Mindestlohn angesiedeltes Lohngefüge

haben. Wir sind in Thüringen von einem

sehr niedrigen Lohnniveau gekommen,

daher haben wir in der Tat im bundesweiten

Vergleich noch einigen Nachholbedarf.

Allerdings gibt es kein Bundesland, in dem

die Löhne mit einer ähnlichen Dynamik gestiegen

sind wie bei uns in Thüringen. Wir

kommen an der Tatsache nicht vorbei, dass

die Menschen von ihrer Arbeit leben müssen.

Daher bin ich der festen Überzeugung, dass

wir den Mindestlohn auch schultern werden.

W+M: Die von Bundeswirtschaftsminister

Gabriel konzipierte Energiewende sieht unter

anderem die Errichtung zusätzlicher Nord-

Süd-Stromtrassen vor, von denen auch Thüringen

betroffen wäre. Was halten Sie davon?

Christine Lieberknecht: Ich bin ein technologischer

Optimist. Ich habe die Energiewende

von Bundeskanzlerin Angela Merkel

vorbehaltlos unterstützt. Ich gehörte zu

den ersten Ministerpräsidenten, die unmittelbar

nach dem Reaktorunglück in Fukushima

eine Regierungserklärung abgaben.

Darin habe ich energiepolitische Ziele für

Thüringen definiert. Wir haben einen Energiepotenzialatlas

für Thüringen, der alle

Energiearten im Land auflistet. Und somit

leisten wir aktiv unseren Beitrag zur Energiewende.

Diesen Beitrag leisten wir auch

als Land in der Mitte Deutschlands, was den

Transport von Energie betrifft. Hier nenne

ich die Thüringer Strombrücke durch das

sensible Gebiet des Thüringer Waldes. Das

ist uns nicht leicht gefallen. Es hat dazu viele

Bürgergespräche und auch Proteste gegeben.

Aber wir haben eingesehen, dass wir

um diesen Beitrag nicht herum kommen. Ich

sage aber: Das ist der Thüringer Beitrag und

damit reicht es auch.

W+M: Ist die angestrebte Energiewende aus

Ihrer Sicht derzeit ausreichend durchdacht

und geplant?

Zum Interview in der Thüringer Staatskanzlei: Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht

mit W+M-Verleger Frank Nehring (r.) und Chefredakteur Karsten Hintzmann.

Christine Lieberknecht: Es ist etwas gelungen,

was die größten Kritiker anfangs

nicht geglaubt haben: Wir sind heute bereits

technologisch in der Lage, den Energiebedarf

über erneuerbare Energien zu decken.

Das hat noch vor drei Jahren kaum

jemand geglaubt. Wir haben natürlich das

Problem des Energietransports. Hier müssen

die Argumente stimmen und es muss einen

fairen Interessenausgleich geben. Was

ich nicht mache, sind falsche Deals. Die Notwendigkeit

der geplanten Trasse von Sachsen-Anhalt

nach Bayern stellt sich für mich

nach der Novelle des Erneuerbare-Energien-

Gesetzes deutlich anders dar als vorher. Wir

haben inzwischen begrenzte Ausbauziele

und wir haben überall entlang der geplanten

Trasse Menschen, die ihre Energieversorgung

über erneuerbare Energien selbst in

die Hand genommen haben. Ich kann doch

beispielsweise den Bauern in Bayern nicht

untersagen, dass sie ihre eigenen Potenziale

für die Energieversorgung nutzen und ihnen

dann, quasi als Dank, die Energie trasse

vor die Tür stellen. Das nenne ich Entmündigung.

Das würde die Vorzüge der Versorgung

mit erneuerbaren Energien von den Füßen

auf den Kopf stellen. Die Dezentralisierung

bietet jedem Menschen die Möglichkeit, Akteur

dieser Energiewende zu sein. Das war

das Credo der Energiewende in den letzten

drei Jahren. Die Novelle, die wir jetzt auf

dem Tisch haben, führt dieses Credo leider

nicht fort, sondern ist angehaucht von einem

Rest zentralistischen und monopolistischen

Denkens. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Jeder muss von der Energiewende profitieren

können, auch die Betreiber kleinerer

Anlagen, über die beispielsweise auch

unsere Landwirte verfügen. Bevor die Notwendigkeit

für die aktuelle Novelle des Gesetzes

nicht nachgewiesen ist, wird es dazu

aus Thüringen kein Ja geben.

W+M: Kommen wir noch einmal zur Landtagswahl:

Dank Ihrer persönlich guten Kontakte

zu maßgeblichen SPD-Politikern kam

es 2009 trotz der Althaus-Krise zur Bildung

einer schwarz-roten Landesregierung. Setzen

Sie auch diesmal auf diesen engen Draht?

Christine Lieberknecht: Ich bin immer dafür,

die Dinge klar beim Namen zu nennen.

Die Wahrheit ist: Im Thüringer Landtag gibt

es seit September 2009 eine Mehrheit von

SPD und Linken. Und es gibt eine satte Mehr-

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


32 | W+M Politik

W+M: Noch einmal nachgefragt: Was schätzen

Sie an der Bundeskanzlerin besonders?

Christine Lieberknecht: Die Kanzlerschaft

Angela Merkels zeichnet sich aus durch eine

hohe Souveränität. Sie hat eine sehr tiefgehende

Analysefähigkeit, die sie befähigt,

sich niemals treiben zu lassen, sondern dann

zu handeln, wenn sie es für richtig hält. Das

finde ich bemerkenswert und das hat der

deutschen Politik gut getan. Das Vertrauen,

das sie sich dadurch erworben hat, sowohl

bei den Menschen in Deutschland als auch

bei ihren internationalen Aufgaben, hat mit

dafür gesorgt, dass Deutschland gut durch

die vielen Stürme – sei es die internationale

Wirtschaftskrise oder die sich anschließende

Krise der nationalen Finanzmärkte

– gekommen ist.

heit von Rot-Rot-Grün. Dennoch ist die Koalition

unter Federführung der CDU seinerzeit

gebildet worden. Das heißt, Mathematik ist

das eine, aber die Chemie gehört auch dazu.

Aus dieser Mischung ist unsere Koalition gebildet

worden. Mein Ziel ist es, dass an der

CDU vorbei keine Regierung gebildet werden

kann. Nach der Wahl müssen wir sehen,

welche Koalitionsoptionen dann tatsächlich

möglich sind. Was ich ausschließen kann,

ist eine Koalition mit der Linken, da haben

wir diametral entgegengesetzte Programme.

Was ich ferner ausschließe, ist eine Koalition

mit der AfD. Die AfD ist keine Alternative für

Deutschland und auch nicht für Thüringen.

Über alles andere müssen wir reden. Neu ist,

dass die SPD nicht mehr ausschließt, einen

Linken zum Ministerpräsidenten zu wählen.

Ich kann nur sagen, ich verstehe die Sozialdemokraten

mit ihrer mehr als 150-jährigen

Geschichte hier nicht, wie sie als eigentlich

stolze Volkspartei freiwillig die Meinungsführerschaft

im linken Lager abgeben kann.

Ich vermute, alte Kampa-Strategen, die zuletzt

auch in Thüringen im Einsatz waren,

hätten das möglicherweise anders entschieden.

W+M: Können Sie sich wirklich vorstellen,

dass Ihr bisheriger Regierungspartner der

Linken erstmals in einem deutschen Bundesland

zur Übernahme eines Ministerpräsidentenamtes

verhilft?

Christine Lieberknecht: Ob ich mir das vorstellen

kann, ist sicher sekundär. Entscheidend

ist, dass die SPD das nicht mehr ausschließt.

So wie ich vor der Wahl Klarheit

hinsichtlich möglicher Koalitionen schaffe,

täte auch die SPD gut daran, für Klarheit

zu sorgen. Denn der Wähler will wissen, was

ihn nach der Wahl erwartet.

W+M: Sie und Ihr Politikstil werden manchmal

mit Angela Merkel verglichen. Wie eng

ist Ihr Draht zur Kanzlerin und wie sehr hat

sie Sie geprägt?

Christine Lieberknecht: Es wird Sie sicher

nicht überraschen, wenn ich sage, das

ist ein von Sympathie getragenes Verhältnis

seit vielen Jahren. Wir sind Anfang der

1990er Jahre gemeinsam in das CDU-Präsidium

gewählt worden, auf dem Dresdner Parteitag

1991. Seitdem haben wir einen engen

Kontakt. Und Sie wissen ja, wie Angela Merkel

ihre Kontakte pflegt, die Bilder mit dem

Handy sind sprichwörtlich. Und wenn Bedarf

besteht, gibt es jederzeit die Möglichkeit,

miteinander zu sprechen.

W+M: Die Wende in der DDR erlebten Sie

als Pastorin im Kirchenkreis Weimar. Woran

denken Sie speziell, wenn Sie persönlich auf

die Zeit des Umbruchs und Ihre Entwicklung

in den letzten 25 Jahren blicken?

Christine Lieberknecht: Ich war damals

nicht nur Pastorin im Landkreis Weimar. Ich

war DDR-weit in der evangelischen Jugendarbeit

tätig. Unvergessen ist mir der 9. November

1989, als ich in Berlin war. Da hatten

wir gerade im Keller des Berliner Doms den

ersten nichtstaatlichen Jugendverband gegründet

– die CDJ, den Jugendverband der

CDU, aus der dann später die Junge Union

wurde. Ich hielt dort ein recht emotionales

Plädoyer für die Wiederherstellung der Länder.

Bei dieser Konferenz erreichte uns dann

die Kunde, dass die Mauer offen ist.

W+M: Könnten Sie sich vorstellen, nach ihrer

Zeit als Ministerpräsidentin noch einmal

als Pastorin zu arbeiten?

Christine Lieberknecht: Ich kann mir so

vieles vorstellen. Eines weiß ich: Langweilig

wird es mir nie werden.

Interview: Karsten Hintzmann

und Frank Nehring

Foto: Susann Welscher

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34 | W+M Politik

Dohnanyi-Kolumne

Aufholjagd muss fortgesetzt werden

Der 9. November 1989 entblößte eine

DDR-Wirtschaft, die zu schwach

war, um in Freiheit zu überleben.

Ein staatlich getragener „Aufbau Ost“ war

die unvermeidliche Antwort.

Aber anders als Polen und die übrigen mittel-

und osteuropäischen Länder konnte

dies nicht ein Staat mit eigener Währung

sein. Die sofortige Vereinigung mit der alten

BRD war unausweichlich. Denn eine

neue und wiederum künstliche Grenze mit

Pass- und Zollkontrollen mitten in Deutschland

– und mitten in Berlin – war undenkbar

und auch politisch undurchführbar:

Man hätte sie sofort erneut gestürmt.

Doch die Vereinigung unter einer starken

D-Mark und mit dem kostspieligen Sozialsystem

der alten Bundesrepublik verschlang

viel Geld. Die Region der ehemaligen

DDR hätte damals eine Welle mutiger

Unternehmensgründungen gebraucht

– aber da ging man dann eben lieber gleich

nach Polen, die Slowakei, Ungarn oder noch

weiter nach Osten; wegen der niedrigeren

Löhne und günstigeren Gesamtkosten.

In den Industriestandorten der DDR gab es

viele Arbeitnehmer, die oft nur in diesen

Betrieben und auf diesem Technikstand

einsetzbar waren. Eine Erneuerung durch

betriebliche Dezentralisation und unternehmerischen

Gründergeist wäre erforderlich

gewesen, aber das war aus Kostengründen

schwierig.

Außerdem war in jahrzehntelanger Propaganda

das freie Unternehmertum als Klassenfeind

verunglimpft worden. Und bürgerliche

Eigenverantwortung hatte ebenfalls

unter sozialistischem Kollektivismus

gelitten. Dennoch erlebten wir eine Stimmung

des Aufbruchs: Erstickte Freiheit und

individuelle Tatkraft drängten nach vorn.

Aber die Bedingungen waren eben aus Währungs-

und Kostengründen oft erschwert.

Dennoch: Die Aufbruchstimmung zu nutzen

war wichtig. Und wo es gelang, ortsnahe

Unternehmer zu mobilisieren, zeigten

gerade diese oft beachtliche Erfolge im

„Aufbau Ost“.

Heute ist diese erste Aufbruchstimmung

verflogen; wirtschaftlicher Alltag bestimmt

das gesellschaftliche Klima Deutschlands.

Aber die „neuen“ Länder dürfen ihre Aufholjagd

nicht aufgeben. Anders als im Westen

fehlt es ja im Osten nicht an moderner

Infrastruktur. Aber neue Ideen, Unternehmensgründungen,

Wagniskapital und eine

privatwirtschaftlich-orientierte, staatliche

Aufbaustrategie bleiben unerlässlich.

Dazu bedarf es nicht nur guter ökonomischer

Rahmenbedingungen, einer anregenden

Wissenschafts- und Forschungsnähe

und risikobereiter Banken. Die Wirtschaftspolitiker

der neuen Länder wissen

das. Aber auch das politische Klima der

Parteien muss sich danach richten: Marktwirtschaft

segelt nicht gut mit Gegenwind!

Die sinnlose Kapitalismusschelte der Linken

ist keine gute Werbung für den deutschen

Osten.

Unser Kolumnist Klaus von Dohnanyi

ist Wirtschaftsexperte und war von

1972 bis 1974 Bundesminister für Bildung

und Wissenschaft und von 1981

bis 1988 Erster Bürgermeister der Freien

und Hansestadt Hamburg. Von 1990

bis 1994 arbeitete er an der Privatisierung

des Kombinats Tagebau-Ausrüstungen,

Krane und Förderanlagen TAK-

RAF. Von 2003 bis 2004 war er Sprecher

des Gesprächskreises Ost der Schröder-

Regierung.

Das gilt insbesondere deswegen, weil heute

viele gut ausgebildete junge Menschen

nach Deutschland strömen. Hier wäre eine

große Chance für die neuen Länder, ihre

demographischen und Gründerdefizite anzupacken.

Doch die „neuen“ Länder gelten

leider nicht als offen genug gegenüber Migranten;

gelegentlich wird ihnen sogar

Fremdenfeindlichkeit nachgesagt. Migranten

zeigen aber im Westen eine besonders

starke Gründerbereitschaft. Die Frage

der Offenheit für Migration ist deswegen

für die neuen Länder heute besonders

wichtig. Ostdeutschland ist auf Migranten

noch mehr angewiesen als der Westen. Eine

standortbezogene Offensive der „neuen“

Länder für Zuwanderung würde die Gründerchancen

in der neuen Ländern wesentlich

verbessern.

W+M

Foto: Privat

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


W+M Politik | 35

ifo Geschäftsklima Ostdeutschland im Mai 2014

Stabilisierung der ostdeutschen

Wirtschaft auf hohem Niveau

20

15

10

5

0

-5

-10

-15

-20

-25

-30

40

30

20

10

0

-10

-20

-30

ifo Geschäftsklima und ifo Beschäftigungsbarometer für

die gewerbliche Wirtschaft* Ostdeutschlands

ifo Geschäftsklima und ifo Beschäftigungsbarometer für die

gewerbliche Wirtschaft a) Ostdeutschlands

ifo Geschäftsklima

ifo Beschäftigungsbarometer

2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

Saisonbereinigte Saldenwerte in Prozentpunkten

Quelle: ifo Konjunkturtest 05/2014 ©

ifo Geschäftsklima für die einzelnen Wirtschaftsbereiche

in Ostdeutschland

ifo Geschäftsklima für die einzelnen Wirtschaftsbereiche in

Ostdeutschland

Bauhauptgewerbe

Verarbeitendes

Gewerbe

Groß- und Einzelhandel

Der ifo Geschäftsklimaindex für die

gewerbliche Wirtschaft* der ostdeutschen

Bundesländer hat sich im

Mai etwas verschlechtert. Die pessimistischen

Stimmen in der ostdeutschen

Wirtschaft werden wieder etwas

lauter. Mit ihrer derzeitigen Geschäftssituation

sind die Befragungsteilnehmer

in Ostdeutschland nicht

so zufrieden wie noch im April 2014.

Auch die Erwartungen an den zukünftigen

Geschäftsverlauf haben sich eingetrübt.

Trotz des Rückgangs des ifo

Geschäftsklimaindex befindet sich

die ostdeutsche Wirtschaft weiter auf

Wachstumskurs. Für den Arbeitsmarkt

in Ostdeutschland hingegen werden

die Wolken am Himmel etwas dunkler:

Das ifo Beschäftigungsbarometer für

die ostdeutsche Wirtschaft ist im Mai

das dritte Mal in Folge gefallen. Die

hiesigen Unternehmen planen insgesamt,

ihren Personalbestand in der nahen

Zukunft zu reduzieren.

In den einzelnen Bereichen zeigt sich,

mit Ausnahme des Bauhauptgewerbes,

eine ähnliche Tendenz. Während

der Klimaindikator im Verarbeitenden

Gewerbe nur minimal zurückging,

trübte sich das Geschäftsklima

im ostdeutschen Handel merklich ein.

Einzig im Bauhauptgewerbe ist eine

Verbesserung zu beobachten.

Robert Lehmann und

Prof. Joachim Ragnitz

-40

2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

Saisonbereinigte Saldenwerte in Prozentpunkten

Quelle: ifo Konjunkturtest 05/2014 ©

*Unter gewerblicher Wirtschaft wird die Aggregation

aus Verarbeitendem Gewerbe, Bauhauptgewerbe

sowie Groß- und Einzelhandel

verstanden.

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36 | W+M Politik

Mindestlohn schwächt Mittelstand

Trotz vielfacher Kritik hält Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles unbeirrt an der geplanten Einführung

des gesetzlichen Mindestlohns fest. Dies trifft besonders die Wettbewerbsfähigkeit mittelständischer

Unternehmen in Ostdeutschland. Der Unternehmerverband Sachsen fordert deshalb

Korrekturen.

Von Matthias Salm

Für Jürgen Zeibig steht fest: „Die

meisten kleineren Mittelständler

ahnen noch gar nicht, was auf

sie zukommt.“ Zeibig spricht als Vorstandsmitglied

im Unternehmerverband

Sachsen, mehr noch aber als von

der Mindestlohn-Regelung betroffener

Unternehmer. Aus Gesprächen mit

vielen sächsischen Unternehmerkollegen

hat Zeibig den Eindruck gewonnen,

dass die Folgen des Mindestlohns

insbesondere für ostdeutsche Mittelständler

bislang noch unterschätzt

werden.

Für den Geschäftsführer eines Oberlausitzer

Industrieunternehmens hingegen

sind die Konsequenzen eines

flächendeckenden Mindestlohns von

8,50 Euro für das eigene Unternehmen

bereits jetzt absehbar. „Es wird zu einem

Abbau von Arbeitsplätzen kommen“,

erklärt Zeibig, demzufolge der

Mindestlohn damit gerade die treffen

werde, denen er eigentlich helfen solle.

Im Gegenzug zu anderen Branchen wie etwa

dem Friseurhandwerk, in denen Unternehmen

bereits angekündigt haben, die Kostensteigerungen

an die Verbraucher weiterzureichen,

stehen beispielsweise Zulieferer der

Automobilindustrie in einem starken Wettbewerb

auch mit Unternehmen jenseits der

Grenze mit deutlich geringerem Lohnniveau.

Ähnlich sieht es der Unternehmerverband

Sachsen, der deshalb seine Kritik an der Mindestlohn-Einführung

in einem jüngst veröffentlichten

Positionspapier eindringlich

formuliert. Diese entzündet sich schon am

Begriff des Mindestlohns, „erfasst er doch

weder die Leistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld

sowie die Leistungszuschläge

und stellt sich als Grundlohn dar“, heißt es

in dem Positionspapier des Unternehmerverbands,

der stattdessen für eine Lohnuntergrenze

plädiert, bei der diese Leistungen mit

einfließen.

Der Unternehmerverband Sachsen fordert

Korrekturen des Gesetzesentwurfs. Diese

sollten berücksichtigen, dass bei der Einführung

einer Lohnuntergrenze

• eine Differenzierung nach Branchen und

Regionen erfolgen müsse,

• eine Ausnahmeregelung für die von der

Lohnuntergrenze gefährdeten Unternehmen

geschaffen werden müsse,

Erntehelfer erhalten häufig Niedriglöhne.

• sonstige Lohn- und Sonderzahlungen einzubeziehen

sind und

• der Anreiz für Jugendliche bestehen bleibe,

eine Ausbildung anzutreten. Eine Altersgrenze

von 18 Jahren erscheint aus

diesem Grund für nicht ausreichend, da

viele die Ausbildung erst deutlich später

antreten.

Der Mindestlohn gilt ab 1. Januar 2015. Ausnahmen

gibt es bis Anfang 2017 für Branchen

mit einem Tarifvertrag, der Stundenlöhne

von weniger als 8,50 Euro vorsieht.

Ausgenommen sind auch Jugendliche bis 18

Jahre, Langzeitarbeitslose und Pflichtpraktikanten.

Auszubildende bekommen keinen

Mindestlohn.

W+M

Fotos: Alexander Spörr/fotolia.com, Inga Haar, Thomas Kierok, pressmaster/fotolia.com

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


W+M Politik | 37

+

Die mittelständischen Unternehmen in Deutschland sind den großen

Konzernen in Sachen Diversity häufig weit voraus. Viele Unternehmen

haben erkannt, dass Frauen in Führungspositionen einen

wichtigen Beitrag leisten: Vielfältig besetzte Management- und

Kontrollgremien sorgen – so das Ergebnis zahlreicher Studien – auch

für bessere Unternehmensergebnisse. Wichtig ist aber vor allem das

Signal nach außen: Wer hoch qualifizierte AbsolventInnen gewinnen

will, muss zeigen, dass Karrierewege im Unternehmen beiden

Geschlechtern offen stehen und

dies mit Frauen in Führungspositionen

als Vorbild auch verdeutlichen.

Bei börsennotierten und öffentlichen

Unternehmen hat die freiwillige

Selbstverpflichtung der

Wirtschaftsverbände aus dem

Jahr 2001 bisher keine nachhaltige

Verbesserung gebracht. Daher ist es erforderlich, mit einer Mindestquote

den im Grundgesetz geregelten Anspruch auf gleichberechtigte

Teilhabe von Frauen und Männern durchzusetzen. Nur so

kann das Ähnlichkeitsprinzip bei der Auswahl der KandidatInnen

für Spitzenpositionen überwunden werden.

Die Bundesregierung setzt beim Gros der Unternehmen weiterhin

auf eine freiwillige Regelung. Sie werden sich künftig an den eigenen

Vorgaben messen lassen müssen. Kleinere Betriebe sind zu Recht

Monika Schulz-

Strelow

Präsidentin

des FidAR

– Frauen in

die Aufsichtsräte

e. V.

Braucht auch der Mittelstand

eine Frauenquote

für Führungspositionen?

ausgespart. Wer dann immer

noch glaubt, null Prozent

Frauen an der Spitze seien

genug, wird gegenüber

Bewerberinnen wie

Kundinnen in Erklärungsnot

geraten.

Unternehmen mit einem

innovativen Selbstverständnis,

die Frauen die

gleichen Chancen

eröffnen

wie Männern,

gehört die

Zukunft.

Mit der Frauenquote von 30 Prozent greift die Politik direkt

in die Personalentscheidungen der Aktionäre großer

Unternehmen ein. Aber als börsennotierte oder mitbestimmte

Unternehmen sind auch viele Mittelständler zumindest

von der sogenannten Flexiquote bei der Auswahl von

Vorständen und anderen

Führungspositionen

betroffen.

Sie dürfen zwar

selbst bestimmen,

welchen Frauenanteil

sie sich zum

Ziel setzen. Viele

in der Wirtschaft

befürchten aber,

dass hier ein Einfallstor für weitergehende Pflichten aufgemacht

wird.

Viel sinnvoller wäre es, sich mit den Gründen zu beschäftigen,

warum weniger Frauen als Männer in Spitzenpositionen gelangen.

Vor allem längere Familienpausen, die Beschäftigung

mit wenigen Wochenstunden, fehlende Vereinbarkeit von Beruf

und Familie und ein zu enges Berufswahlspektrum

sind hier

ausschlaggebend. Ausreichende

Kinderbetreuung

in Kitas und Ganztagsschulen

sind Grundvoraussetzung

dafür, dass

mehr Frauen Führungsjobs

übernehmen können.

Hier sollte der Staat

ansetzen, damit die

Karriere junger Frauen

mit Kindern in

Top-Positionen

zur Selbstverständlichkeit

wird.

Dr. Eric Schweitzer

Präsident des

Deutschen

Industrie- und

Handels kammertages

(DIHK)

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38 | W+M Politik

Die Energiewende darf nicht

zum Standortnachteil werden

Die von der Bundesregierung eingeläutete Energiewende birgt enorme Chancen und Entwicklungsperspektiven

für die heimische Wirtschaft. Aber auch erhebliche Risiken. Über all diese

Aspekte soll auf dem Ostdeutschen Energieforum debattiert werden, das am 3. und 4. September

in Leipzig stattfindet. W+M befragte im Vorfeld wichtige Teilnehmer des Energieforums zu

Ihren Positionen.

Kosten müssen

kalkulierbar sein

Hartmut Bunsen

Präsident des Unternehmerverbandes

Sachsen

Als Chance sehe ich, dass wir uns durch die

Umsetzung der gesteckten Ziele von Rohstofflieferungen

aus dem Ausland unabhängig

machen können. Die Ukraine-Krise zeigt

uns diese Gefahr gerade mehr als deutlich.

Darüber hinaus müssen wir uns immer wieder

die ökologischen Vorteile vor Auge führen.

Hier können wir weltweit eine Vorreiterrolle

einnehmen.

Wir müssen aber aufpassen, dass die Energiewende

für Deutschland nicht zum finanziellen

Desaster wird. Die Kosten müssen

kalkulierbar bleiben und auf alle gleich

verteilt werden. Die kleinen und mittelständischen

Unternehmen in Ostdeutschland

sind von den steigenden Energiepreisen

schon jetzt besonders stark betroffen. Weitere

Investitionen in die benötigen Netze,

die ja regional auf die Preise umgelegt werden,

kann sich die ostdeutsche Wirtschaft

einfach nicht leisten. Hier muss die Bundesregierung

unbedingt nachbessern und bezahlbare

Energie für alle gewährleisten, unabhängig

vom Standort. Für Gesamtdeutschland

muss der Schwerpunkt auf Forschung

und Entwicklung im Bereich der ökonomischen

Speicherung gelegt werden. Nur mit

dieser ist, aus meiner Sicht, die Umsetzung

der Energiewende zu schaffen. Dies werden

wir auf dem 3. Ostdeutschen Energieforum

am 3. und 4. September in Leipzig mit den

Vertretern von Politik, Energiewirtschaft,

Wissenschaft und dem Mittelstand diskutieren

und unsere Forderungen klar artikulieren.

Die neuen Technologien in Bereichen wie

beispielsweise der Solarenergie und -thermie,

Windkraft und Biogas haben tausende

neue Jobs geschaffen und sind mittlerweile

ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Auf den bisherigen

Erfolgen dürfen wir uns aber nicht

ausruhen. Die Forschung und Entwicklung

sowie die Produktion muss in Deutschland

bleiben – dafür haben Politik und Wirtschaft

gemeinsam Sorge zu tragen. Von den steigenden

Energiepreisen sprach ich bereits.

Viele der Mittelständler in Ostdeutschland

stehen im nationalen, europäischen und internationalen

Wettbewerb und weitere Preissteigerungen

sind von den recht knappen

Gewinnen nicht abzufedern. Die Mehrheit in

Deutschland hat die Energiewende gewollt,

jetzt müssen wir sie für alle verträglich umsetzen

und uns gegebenenfalls nicht scheuen,

einzelne Ziele zu korrigieren.

Netzentgelte

zu hoch

Wolfgang Topf

Präsident der IHK

zu Leipzig

Die Auswirkungen der Energiewende sind

differenziert zu betrachten. Je nach Branche

kommt sie den einen Unternehmen zugute,

während andere mit großen Belastungen

konfrontiert werden. Einerseits bietet der

Fokus auf erneuerbare Energien viel Innovationspotenzial.

Neue Geschäftsmodelle mit

g uten Renditeaussichten haben sich entwickelt;

im Forschungsbereich wurde ein Innovationsschub

ausgelöst. Andererseits ist

die Energiewende mit unerwünschten Nebenwirkungen

verbunden: Deutsche Unternehmen

sehen sich innerhalb Europas mit einem

der höchsten Strompreise konfrontiert,

die sächsischen Unternehmen zusätzlich mit

Netzentgelten über dem Bundesdurchschnitt.

Die steigenden Kostenbelastungen aufgrund

staatlicher Abgaben – allen voran die EEG-

Umlage – werden für sie zum Standortnachteil

innerhalb Europas. Für energieintensive

Unternehmen müssen deshalb weiterhin Ausnahmeregelungen

möglich sein, um Abwanderungen

zu vermeiden. Zumindest führt der

Kostendruck bei den Unternehmen immerhin

dazu, mehr für Energieeffizienz zu tun.

Fotos/Graphik: Sächsische Staatskanzlei/Jürgen Jeibmann, Uwe Schossig, angelha/fotolia.com

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Energiewende | 39

Europäisierung

der Energiepolitik

Günther Oettinger

EU-Kommissar für Energie

Bei der Energiewende ist auf die richtige Reihenfolge zu achten:

Deutschland braucht dringend eine Initiative für den Netzausbau.

Erst müssen leistungsstarke Verbindungen geschaffen und

parallel dazu Speicherkapazitäten entwickelt werden – dann erst

hat es Sinn, neue Solar- und Windanlagen zu fördern. Wichtig ist

auch, dass die Anlagen an Orten errichtet werden, wo das Verhältnis

zwischen Kosten und Nutzen stimmt – also wo die Sonne

zur Genüge scheint, beziehungsweise der Wind auch ausreichend

weht. Das war in der Vergangenheit nicht immer so.

Es bedarf generell einer Europäisierung der Energiepolitik, besonders

auch im Hinblick auf die Erneuerbaren. Die Kommission

hat mit den neuen Leitlinien für die Förderung von Erneuerbaren

und den Vorschlägen im Rahmen des Energie- und Klimapakets

für 2030, die Ende Juni von den Staats- und Regierungschefs

beraten wurden, wichtige Weichenstellungen in diese Richtung

vorgenommen.

Kohleverstromung

mittelfristig unverzichtbar

Stanislaw Tillich

Ministerpräsident Sachsen

Die Energiewende bietet uns die Chance auf eine nachhaltige Energieversorgung,

unabhängig von Rohstoffimporten. Das wird uns aber nur

gelingen, wenn wir die Fehler der Vergangenheit künftig vermeiden.

Die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif – wir dürfen sie aber

auch nicht unnötig weiter verteuern. Deshalb können wir es uns

nicht leisten, mittelfristig aus der Kohleverstromung auszusteigen.

Die Braunkohle ist der Partner der erneuerbaren Energien, denn sie

garantiert als grundlastfähiger und kostengünstiger Energieträger

Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit des Stroms.

Bei der künftigen Förderung der erneuerbaren Energien benötigen

wir zudem mehr marktwirtschaftliche Elemente, um die Kosten vertretbar

zu halten. Die EEG-Novelle ist ein erster Schritt in die richtige

Richtung – weitere, mutigere Schritte müssen folgen. Wenn wir im

Herbst über weitere Bestandteile der Energiewende – wie die Netzentgelte

oder mögliche Kapazitätsmechanismen – entscheiden, wird sich

zeigen, ob am Ende Chancen oder Risiken überwiegen.

Neue Produkte sind gefragt

Jens-Mathias Diener

Leiter Dezentrale Geschäftsmodelle bei envia

Mitteldeutsche Energie AG (enviaM)

Die Energiewende verändert den Vertrieb fundamental. Die Energieversorgung

wird dezentraler, grüner und effizienter. Der Kunde

möchte Strom zunehmend selbst erzeugen, speichern und vermarkten

und angesichts anhaltend hoher Endkundenpreise möglichst intelligent

und energiesparend nutzen. Dies stellt den Vertrieb vor völlig

neue Herausforderungen. Mit dem klassischen Verkauf von Kilowattstunden

ist es da nicht mehr getan. Gefragt sind neue Produkte

und Dienstleistungen, die den veränderten Kundenbedürfnissen

entsprechen. Wer hier nicht rasch handelt, wird gegenüber der Konkurrenz

sehr schnell das Nachsehen haben. Dies gilt insbesondere

in Ostdeutschland, wo die Energiewende an vielen Stellen sehr viel

weiter vorangeschritten ist als in anderen Regionen Deutschlands.

Ausbau der Stromnetze

alternativlos

Dr. Andreas Reichel

Mitglied des Vorstands der E.DIS AG

Die Energiewende stellt für Netzbetreiber in Ostdeutschland eine große

Chance, aber auch eine enorme Herausforderung dar. Im Netzgebiet

der E.DIS in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, treffen

eine hohe Grünstromeinspeisung und ein geringer Stromverbrauch

aufeinander. So lag der Grünstromanteil im Vergleich zum Netzabsatz

der E.DIS in 2013 bei 80 Prozent. Deshalb führt am Ausbau der

Stromnetze – hauptsächlich zum Abtransport des Grünstroms in verbrauchsstarke

Regionen – kein Weg vorbei. Dafür haben wir rund 100

Millionen Euro im Jahr eingesetzt, was sich in den Netzentgelten im

Nordosten niederschlägt. Andererseits sind wir gemeinsam mit einem

Schwesterunternehmen dabei, Speichertechnologien im brandenburgischen

Falkenhagen zu erproben, wo aus überschüssigem Windstrom

Wasserstoff hergestellt wird, der dann in den Gasnetzen gespeichert

und später wieder in Strom oder Wärme umgewandelt wird. So könnten

Grünstrom-Einspeisespitzen beherrscht und gleichzeitig nur soviel

neue Leitungen gebaut werden, wie wirklich erforderlich sind.

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40 | W+M Politik

Ostdeutschland nicht

über Gebühr belasten

Iris Gleicke

Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium

und Ostbeauftragte

bis 2050 und der globale Trend steigender Rohstoffpreise werden

auch in Zukunft eine verlässliche Grundlage für Unternehmen im

Bereich der erneuerbaren und energieeffizienten Technologien sein.

Erdgas hat Zukunft

Ostdeutschland ist bei der Erzeugung von Strom aus erneuerbaren

Energien führend und damit Vorreiter bei der Umsetzung der Energiewende,

die dem Industriestandort Ostdeutschland neue Perspektiven

eröffnet, etwa bei den Speichertechnologien, bei der Steuerung

von Energienetzen oder bei der Energieeffizienz. Und dennoch ist

auch im Osten bei der Energiewende nicht alles eitel Sonnenschein.

So führt der Bau von Windrädern ebenso wie das Thema Netzausbau

zu Akzeptanzproblemen vor Ort, und an der Entwicklung der Stromkosten

und an den im Osten höheren Netzentgelten gibt es zum Teil

massive Kritik. Die gegenüber Westdeutschland durchschnittlich höheren

Stromkosten dürfen nicht dazu führen, dass die Ostdeutschen

über Gebühr belastet werden. Mit ihrer aktuellen EEG-Reform setzt die

Bundesregierung an, den weiteren Kostenanstieg spürbar zu bremsen

und zugleich die Marktintegration der erneuerbaren Energien voranzutreiben

– der Neustart der Energiewende hat bereits begonnen.

Wachstumspotenziale für

den Mittelstand

Dr. Barbara Hendricks

Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz,

Bau und Reaktorsicherheit

Klimaschutzpolitik und Energiewende haben in Deutschland weitreichende

Anreize für Investitionen, Technologieentwicklung und

Beschäftigung gesetzt. Diese Anreize werden durch global rasant

steigende Rohstoffkosten verstärkt. Erneuerbare und energiesparende

Technologien werden damit weltweit attraktiv. Der Weltmarkt

wird in diesem Bereich bis 2025 um mehr als das Doppelte wachsen.

Deutsche Unternehmen sind hier Weltmarktführer. Insbesondere in

Mittelstand und Handwerk bestehen große Wachstumspotenziale.

Hier entstehen die Arbeitsplätze von morgen. Studien gehen davon

aus, dass die Zahl der Beschäftigten in der Umweltbranche binnen

zehn Jahren um eine Million auf 2,4 Millionen im Jahr 2025 steigen

wird. Die deutschen Energiewendebeschlüsse mit ihren Klimazielen

Dr. Karsten Heuchert

Vorstandsvorsitzender der Verbundnetz Gas AG

(VNG)

Die Diskussionen um die Energiewende haben die Erkenntnis gebracht,

dass diese ohne Erdgas nicht zu schaffen ist. Wir brauchen

auch dann Energie, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht

weht. Hier ist Erdgas noch viele Jahrzehnte wegen seiner Flexibilität,

Sauberkeit und Zuverlässigkeit unverzichtbar. Jedoch ist das Potenzial

von Erdgas noch lange nicht ausgeschöpft. Wenn Deutschland und

die EU die CO 2 -Emissionen kostengünstig reduzieren wollen, kommen

sie an Erdgas nicht vorbei – weder im Wärme- und Strommarkt noch

bei der Mobilität. In Ostdeutschland hat der Energieträger Erdgas in

den 1990er Jahren schon einmal bewiesen, dass eine Energiewende

möglich ist, denn gemeinsam mit unseren kommunalen Partnern

haben wir das mit Hilfe von Kohlevergasung hergestellte Stadtgas

durch das umweltfreundliche Erdgas ersetzt. Auch im anbrechenden

Zeitalter der erneuerbaren Energien wird Erdgas ein nachhaltiger

Bestandteil einer sicheren, klimafreundlichen und bezahlbaren

Energiezukunft in Europa sein.

Transparenz beim Netzausbau

Boris Schucht

Vorsitzender der Geschäftsführung von 50Hertz

Die Energiewende gilt als größtes Transformationsprojekt seit der

Wiedervereinigung. Gerade für die neuen Länder stellt der Systemumbau

hin zu den Erneuerbaren eine große wirtschaftliche Chance

dar. Der Anteil des grünen Stroms am Gesamtstromverbrauch im

50Hertz-Gebiet lag 2013 bereits bei 37 Prozent. Dies ist eine Erfolgsstory,

die fortgeschrieben werden muss!

Größte Herausforderung ist, Gesellschaft und Politik auf diesem Weg

Fotos/Graphik: Bundesregierung/Sandra Steins, VNG AG/Michael Handelmann, angelha/fotolia.com

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


OSTDEUTSCHES ENERGIEFORUM

03./04. SEPTEMBER 2014

ENERGIE FÜR DIE ZUKUNFT

3. SEPTEMBER 2014

ERÖFFNUNGSABEND IM HOTEL

‘THE WESTIN LEIPZIG’ VERANSTALTET

DURCH DIE IHK ZU LEIPZIG

ab 19:00 Uhr

Eintreffen der Gäste / Registrierung

19:30 Uhr

Begrüßung der Gäste durch die Veranstalter

Dr. Thomas Hofmann, Hautgeschäftsführer

der IHK zu Leipzig und Hartmut Bunsen,

Sprecher der IG der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlins

Europa und die Versorgungssicherheit

Günther Oettinger, EU-Kommissar für Energie

(in Anfrage)

Thema in Abstimmung

Christian Lindner, Bundesvorsitzender

der FDP – Die Liberalen

anschließend Get-together

Buffet

4. SEPTEMBER 2014

ab 8:30 Uhr

Eintreffen der Gäste / Registrierung/ Kaffee/Tee

9:00 Uhr

Begrüßung durch Hartmut Bunsen,

Sprecher der IG der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin

9:15 Uhr

Was macht die Bundesregierung, um die

Ungleichheit zwischen Ost und West bei den

Belastungen der Energiewende mittelfristig

abzubauen?

Iris Gleicke, Parlamentarische Staatssekretärin

beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie

und Beauftragte der Bundesregierung für die

neuen Bundesländer

9:45 Uhr

Welche Rolle spielt der Energiestandort

Ostdeutschland – Fragen und Antworten

aus Sicht der EWE AG

Dr. Werner Brinker, Vorsitzender des

Vorstandes der EWE AG

10:15 Uhr

Die Herausforderungen der

Energieversorgung der Zukunft –

dezentrale Lösungen im Spannungsfeld

zwischen Speichermöglichkeiten und

Versorgungssicherheit

Mike Winkel, Mitglied des Vorstandes

der E.ON SE

10:45 Uhr

Energiewende 2.0 – Herausforderungen

für Ostdeutschland

Tim Hartmann, Vorstandsvorsitzender der

envia Mitteldeutsche Energie AG

11:15 Uhr

Braunkohle als Wirtschaftsfaktor

Ostdeutschlands. Welche Rolle spielt

die Braunkohle bei der Umsetzung der

Energiewende?

Tuomo J. Hatakka, Vorsitzender der

Geschäftsführung der Vattenfall GmbH

11:45 – 13:15 Uhr

Mittagspause

FORUM 1 | 13:15 – 14:15 UHR

ENERGIEEFFIZIENZ

UND BEZAHLBARE ENERGIE

Moderation: Dr. Ralf Neubauer, ehemaliger

stellvertretender Chefredakteur ‘DIE WELT’

Impulsreferat: Dr. Andreas Reichel,

Vorstandsmitglied der E.DIS AG

Podiumsdiskussion mit

Dr. Hubertus Burkhart, Vorstandsvorsitzender

der Kübler & Niethammer Papierfabrik

Kriebstein AG

Christian Pegel, Minister für Energie,

Infrastruktur und Landesentwicklung des Landes

Mecklenburg-Vorpommern

Dr. Mathias Reuschel, Vorsitzender S&P-Gruppe

Jochen Stotmeister, Vorstandsvorsitzender

der Sto AG

FORUM 2 | 13:15 – 14:15 UHR

VERSORGUNGSSICHERHEIT,

KONVENTIONELLE KRAFTWERKE IM

SPANNUNGSFELD DER PREISE

Moderation: Thilo Boss, Leiter

Wirtschaftsressort der SuperIllu

Impulsreferat: Boris Schucht, Vorsitzender

der Geschäftsführung der 50Hertz Transmission

GmbH

Podiumsdiskussion mit:

Dr. Frank Büchner, Leiter Energy Sector

Siemens Deutschland

Ralf Christoffers, Minister für Wirtschaft

und Europaangelegenheiten des Landes

Brandenburg (in Anfrage)

Dr. Christof Günther, Geschäftsführer der

InfraLeuna GmbH

FORUM 3 | 14:30 – 15:30 UHR

WIRTSCHAFTLICHKEIT VON

SPEICHERMÖGLICHKEITEN – WIE LANG

MUSS DIE BRÜCKE AUS GAS UND

BRAUNKOHLE SEIN?

Moderation: Bernd Hilder, Chefredakteur der

Thüringischen Landeszeitung

Impulsreferat: Dr. Joachim Geisler,

Vorsitzender der Geschäftsführung der MIBRAG

Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH

Podiumsdiskussion mit

Frank Blome, Geschäftsführer der Li-Tec Battery

GmbH (in Anfrage)

Dr. Volker Busack, Geschäftsführer der VNG

Gasspeicher GmbH

Jochen Staschewski, Staatssekretär im

Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und

Technologie

Michael Kretschmer, MdB, Generalssekretär

des CDU-Landesverbandes Sachsen

FORUM 4 | 14:30 – 15:30 UHR

DEZENTRALE GESCHÄFTSMODELLE –

CHANCEN DER ENERGIEWENDE NUTZEN

Moderation: Tobias Frevel, Geschäftsführer der

Energieforen Leipzig GmbH

Impulsreferat: N.N.

Podiumsdiskussion mit:

Jens-Mathias Diener, Leiter Dezentrale

Geschäftsmodelle der envia Mitteldeutsche

Energie AG (enviaM)

Klaus Lellé, Vorstandsvorsitzender der Halloren

Schokoladenfabrik AG

Arnold Vaatz, MdB, stellvertretender

Vorsitzender der CDU/CSUFraktion

15:30 – 16:00 Uhr

Kaffeepause

16:00 Uhr

Thema in Abstimmung

Dr. Karsten Heuchert, Vorstandsvorsitzender

der VNG – Verbundnetz Gas AG

16:30 Uhr

Auswirkungen der Energiepolitik des Bundes

auf Ostdeutschland

Stanislaw Tillich, Ministerpräsident des

Freistaates Sachsen

17:00 Uhr

Ziele und Ausblick / Abschlussbuffet

Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände

www.ostdeutsches-energieforum.de

UV

Ostdeutschlands und Berlin

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42 | W+M Politik

„mitzunehmen“. Die Zauberworte lauten Transparenz‚ Verständnis

und Akzeptanz. Den für das Gelingen der Energiewende nötigen Netzausbau

werden wir nur schaffen, wenn wir in Zivilgesellschaft und

Bundesländern breites Verständnis finden. Deshalb ist die derzeitige

öffentliche Diskussion gut; alle Argumente gehören auf den Tisch.

50Hertz stellt sich diesem Diskurs aktiv. Als Dienstleister an der Gesellschaft

werden wir unsere Leitungen nicht gegen Bürger und Politik

bauen. Aber eines ist klar: Ohne Akzeptanz kein Netzausbau,

und ohne Netzausbau keine Energiewende.

Versorgungsengpässe vermeiden

Dr. Joachim Geisler

Vorsitzender der Geschäftsführung der

Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH

(MIBRAG)

Damit die Energiewende gelingt, muss der Ausbau der Erneuerbaren

besser gesteuert und mittel- bis langfristig ihre Integration in den

Energiemarkt erfolgen. Sonst laufen wir Gefahr, dass die Strompreise

immer weiter steigen. Ich halte es für richtig, dass Deutschland

seine Energieversorgung insgesamt breiter aufstellt. Dafür braucht

es Zeit, Realitätssinn, den Ausbau der Netze und Speichermöglichkeiten.

Nur so können Versorgungsengpässe vermieden werden. Wir

sehen die Erneuerbaren nicht als Konkurrenz zu unserer Braunkohle,

sondern als Partner. Deutschland kann auch in Zukunft nicht auf

die fossilen Energieträger verzichten. Gerade die Braunkohle leistet

zahlreiche Beiträge dazu, dass die Versorgung von Haushalten und

Industrie mit Strom und Wärme sicher und bezahlbar bleibt. In einem

Industrieland wie Deutschland hängen Wohlstand und Arbeitsplätze

an dieser Frage. Die Politik sollte daher darauf achten, diesen

positiven Beitrag der Braunkohle nicht zu gefährden.

Generationenprojekt braucht

Akzeptanz

Dr. Heiko Sanders

Finanzvorstand der EWE AG

Wir sind dabei, die Energieversorgung in Deutschland nachhaltig in

Richtung erneuerbarer Energien umzubauen und uns unabhängiger

von fossilen Brennstoffen zu machen. Dabei gehen wir viele Schritte

früher als andere und zahlen Lehrgeld, gewinnen aber unter dem

Strich einen Vorsprung, der die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb

stärkt. Unterschiedliche Schwerpunkte finden sich dabei eher

zwischen Stadt und Land sowie zwischen nördlichen und südlichen

Bundesländern. Auch in Ostdeutschland mit seinem teilweise sehr

hohen Zubau an Erneuerbaren geht es darum, diesen Zuwachs besser

mit dem Netz und den Verbrauch intelligenter mit der Erzeugung zu

harmonisieren, um die Kosten zu begrenzen. Am wichtigsten aber ist,

die Menschen vor Ort in die Entwicklungen einzubeziehen, um nicht

noch mehr Akzeptanz für die Energiewende zu verlieren. Denn davon

würde sich dieses Generationenprojekt vermutlich nicht erholen.

Braunkohle gehört zum

Energiemix

Tuomo J. Hatakka

Vorsitzender der Geschäftsführung der

Vattenfall GmbH

Eine verlässliche und zukunftsfähige Stromversorgung braucht neben

den erneuerbaren Energien eine gesicherte, jederzeit verfügbare

Leistung, wie sie die Braunkohle zur Verfügung stellen kann. Beide

gemeinsam gehören in den Energiemix der nächsten Jahrzehnte.

Die Partnerschaft zwischen der Braunkohle und den erneuerbaren

Energien ist bereits heute gelebte Praxis. Braunkohlekraftwerke sind

der Anker im energiewirtschaftlichen System. Gerade weil sie schon

heute flexibel reagieren können, gelingt es überhaupt, den hohen

Anteil der Erneuerbaren im Netz unterzubringen.

Die Lausitzer Braunkohle ist ein tragender Pfeiler der deutschen Wirtschaft.

Wenn wir über Versorgungssicherheit, Kosteneffizienz und

Wettbewerbsfähigkeit der Energieversorgung sprechen, führt an Kohle

in Deutschland, Europa und weltweit kein Weg vorbei. Nur mit der

heimischen Braunkohle als verlässlichem Partner der Erneuerbaren

haben wir die ökonomische Sicherheit, den ambitionierten Weg in

eine mögliche Vollversorgung durch erneuerbare Energien gehen zu

können, ohne dabei untragbare Risiken einzugehen.

Graphik: angelha/fotolia.com

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Energiewende | 43

Ostdeutsche Unternehmen befürworten

zunehmend Energiewende

Die Zustimmung der energieintensiven Unternehmen in Ostdeutschland zur Energiewende hat

sich seit 2012 fast verdoppelt. Mittlerweile befürwortet eine Mehrheit die Energiewende und die

damit zusammenhängenden Maßnahmen.

Die Zustimmung der Bevölkerung in Ostdeutschland

zur Energiewende ist unverändert

hoch. 73 Prozent der Bürger aus den

neuen Ländern stehen nach wie vor hinter

dem Umbau der Energieversorgung. Auch die

Kommunen beurteilen die Neuausrichtung

der Energieversorgung mit 74 Prozent ähnlich

positiv. Erstmals befürworten aber auch

die energieintensiven Unternehmen Ostdeutschlands

mehrheitlich die Energiewende

(61 Prozent). Dies ergab eine Studie der

envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM),

für die – gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum

Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur

und Daseinsvorsorge e. V. der Universität

Leipzig – 1.650 Haushalte, 789 Kommunen

und 388 Unternehmen der energieintensiven

Industrie in Ostdeutschland befragt wurden.

Bürger, Kommunen und Unternehmen: Befürworten Sie die

Energiewende und die damit zusammenhängenden Maßnahmen?

Ja

Haushalte 2014

Haushalte 2013

Haushalte 2012

Komunen 2014

Komunen 2013

Komunen 2012

Quelle: Studie „Energiewelt Ost 2014“

37 %

47 %

61 %

Unternehmen 2014

Unternehmen 2013

Unternehmen 2012

73 %

76 %81

%

74 %

71 %

69 %

Unternehmen: Haben Sie im Rahmen der Energiewende Ihr Einkaufsverhalten

bezüglich Gas-/Strombezug angepasst?

ja und Anpassung geplant (2014)

ja (2013)

nein

Wenn ja, in welcher Form?

Langfristverträge mit Preisbindung

Bündelung des Energiebezugs

Ausbau der Eigenerzeugung

Sonstiges

7 %

2014

Quelle: Studie „Energiewelt Ost 2014“

14 %

20 %

18 %

2013

33 %

34 %

40 %

40 %

48 %

47 %

66 %

67 %

Die Bezahlbarkeit von Energie ist für Haushalte,

Kommunen und energieintensive Unternehmen

das beherrschende Thema beim

Umbau der Energieversorgung. Alle Befragten

halten es für wahrscheinlich, dass die

Strompreise weiter erheblich steigen werden

und befürworten angesichts dessen mit großer

Mehrheit Bestrebungen zur Unabhängigkeit

der Stromversorgung. Gemeint ist damit,

Strom selbst zu erzeugen und zu verbrauchen.

Der Großteil der Unternehmen hat zudem

sein Einkaufsverhalten beim Strom- bzw.

Gasbezug in Folge der Energiewende angepasst

oder plant dies für die Zukunft (66 Prozent).

Bevorzugt werden hier vor allem Langfristverträge

mit Preisbindung. Spielten diese

im letzten Jahr noch für 20 Prozent der

Unternehmen eine Rolle, werden sie im laufenden

Jahr bereits von 48 Prozent der Befragten

favorisiert. Hoch im Kurs steht mit

konstanten 40 Prozent weiterhin die Bündelung

des Energiebezugs. Dagegen ist das Interesse

an der Eigenerzeugung deutlich gesunken.

In 2014 treiben nur 18 Prozent der

befragten energieintensiven Unternehmen

den Ausbau der Eigenerzeugung von Energie

voran. Im letzten Jahr waren es noch 47

Prozent und damit knapp die Hälfte der befragten

Unternehmen.

Die gesamte Studie kann unter www.energiezukunft-ostdeutschland.de

eingesehen

werden.

Janine Pirk-Schenker

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44 | W+M Politik

Regionaler Wildwuchs bei Stromnetzentgelten

weder berechtigt noch wettbewerbsfördernd

Die Diskussion über Chancen und Risiken der Energiewende ist in der Gesellschaft angekommen.

Und dies ist gut so, denn alle Fakten und Argumente gehören öffentlich debattiert, will man für

mehr Verständnis und Akzeptanz in Gesellschaft und Politik werben. Bei dieser vielschichtigen

Diskussion geht es um zahlreiche Themen, wie Versorgungssicherheit, Infrastrukturausbau oder

Standortfragen bei Erzeugungsanlagen. Es geht aber immer auch um die Frage der Kosten, kein

Wunder angesichts steigender Strompreise für Privathaushalte und Wirtschaft in den letzten Jahren.

Von Boris Schucht

Dominierte bislang das Thema EEG-Förderung

und das dazu gehörige Umlageverfahren

die öffentliche Kostendebatte,

scheint nun das Thema Netzentgelte

stärker in den Fokus zu rücken. Hierfür sorgen

nicht zuletzt aktuelle Studien im Auftrag

politischer Akteure. So forderte jüngst

der sächsische Ministerpräsident Stanislaw

Tillich, angesichts deutschlandweit unterschiedlich

hoher regionaler Netzentgelte für

Haushalts-, Gewerbe- und Industriekunden,

ein bundeseinheitliches Netzentgelt. Eine

Studie der Technischen Universität Dresden

im Auftrag der Staatskanzlei Sachsens hatte

erneut klar festgestellt, dass es zum Teil

eine erhebliche Kluft bei den Netzentgelten

gibt zwischen ländlichen Regionen und Städten

einerseits sowie zwischen dem Nordosten

und dem Westen beziehungsweise Süden

Deutschlands andererseits.

Dass dies aus standortpolitischen Gründen

kritisiert und der Ruf nach einem bundesweit

einheitlichen Netzentgelt laut wird, liegt

auf der Hand. Auch für 50Hertz, als Übertragungsnetzbetreiber

(ÜNB) in den neuen

Bundesländern sowie Berlin und Hamburg

tätig, wäre die Schaffung eines bundesweit

einheitlichen Netzentgeltes „bis zur Steckdose“

ein langfristig anzustrebendes Ziel.

Zwar beträgt der Anteil der Netzentgelte des

ÜNB am Strompreis von Haushaltskunden nur

drei bis vier Prozent und der der Verteilnetzbetreiber

(VNB) rund 16 bis 17 Prozent, doch

es sind vor allem diese regional unterschiedlich

hohen Netzentgelte, die für die generellen

Strompreisunterschiede sorgen.

Zusammensetzung des Strompreises für einen Haushaltskunden.

Steuern, Abgaben und Umlagen

Strombeschaffung, Vertrieb

50 %

30 %

16,5 %

3,5 %

Netznutzungsentgelt

Verteilnetzbetreiber

Netznutzungsentgelt

Übertragungsnetzbetreiber

Quelle: 50Hertz

Was sind die Gründe für die großen Netzentgeltdifferenzen?

• Hohe Investitionskosten und hohe betriebliche

Kosten

Netzbetreiber wie 50Hertz, in deren Gebiet

ein hoher Anteil von erneuerbaren Erzeugungsanlagen

installiert ist, weisen nicht

nur hohe Investitionen in den Netzausbau

auf, sondern haben auch höhere betriebliche

Kosten für die Integration des volatilen

grünen Stroms ins elektrische System – hierunter

fallen zum Beispiel Kosten für Redispatch,

also Kosten für Eingriffe in die Fahrweise

von konventionellen Kraftwerken bei

Netzengpässen, und Entschädigungszahlungen

bei Einsenkung von EEG-Anlagen. Obwohl

diese Eingriffe das gesamte elektrische

System stabilisieren, werden deren Kosten,

immerhin jährlich ein dreistelliger Millionenbetrag,

nur vom Nordosten Deutschlands

getragen.

• Historisch bedingte Netzinvestitionen aus

der Nachwendezeit

Nach der Wiedervereinigung mussten die

Netze der DDR gründlich renoviert und umgebaut

werden. Diese historisch bedingten

Investitionen werden noch heute über Abschreibungen

in den ostdeutschen Bundesländern

getragen.

• Geringere Siedlungs- und Verbrauchsdichte

Regionen mit hohem Anteil an Grünstrom

sind meist dünner besiedelt und verfügen

über weniger industrielle Verbraucher. Damit

können die Entgelte dort auf weniger Verbraucher

umgelegt werden – was ebenfalls

zu höheren Netzentgelten für jeden Einzelnen

führt.

• Vermiedene Netzentgelte für volatile Einspeiser

Ein gewichtiger Faktor sind die sogenannten

„vermiedenen Netzentgelte“, ein Relikt

aus der Zeit der ersten dezentralen Anlagen:

Man ging vor einigen Jahren davon aus, dass

der vor Ort erzeugte Strom auch komplett vor

Ort verbraucht werden kann. Deshalb wurde

gesetzlich festgelegt, dass VNB mit vielen

dezentralen Anlagen aus Photovoltaik und

Wind mit zusätzlichen Kosten belegt werden,

Foto: Christian Drechsel, 50Hertz

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Energiewende | 45

und Marktprozesse effizienter zu gestalten,

sollte langfristig ein bundesweit einheitliches

Netzentgelt bis zur Steckdose (also sowohl

auf ÜNB- wie VNB-Ebene) geschaffen

werden. Als Zwischenschritte und zur Vermeidung

des weiteren Auseinanderdriftens

der Netzentgelte müssten zunächst die auf

der Verteilnetzebene anfallenden „vermiedenen

Netzentgelte“ für volatil einspeisende

Anlagen (also Photovoltaik und Wind) sofort

abgeschafft und Kosten für die Systemintegration

der Erneuerbaren bundesweit gewälzt

werden. Zudem könnten die Netzentgelte der

ÜNB zunächst vereinheitlicht werden. Dabei

ist weiterhin durch hohe Kostenkontrolle

der Regulierungsbehörden auf Effizienz jedes

einzelnen Netzbetreibers genau zu achten.

da die einen geringeren Ausbaubedarf hätten.

Die Erfahrung der letzten Jahre hat allerdings

das Gegenteil gezeigt: Der Ausbau

von Wind und Photovoltaik führt zu einem

höheren Ausbaubedarf, sowohl beim ÜNB

als auch beim VNB – insbesondere durch die

Rückspeisung in die vorgelagerten Netze. Für

VNB in Gegenden mit hohem Anteil an Wind

und Photovoltaik heißt das: Sie bleiben heute

auf Kosten, die ihnen de facto insbesondere

durch die Ein- und Rückspeisung der

Wind- und Sonnenenergie entstehen, sitzen.

Zusätzlicher Druck auf die Netzentgelte entsteht

seit geraumer Zeit durch die Regelungen

zum sogenannten Eigenverbrauch. Eigenversorger

sind derzeit von Netzentgelten

komplett befreit. Hierdurch ist es sowohl für

Industrie- als auch Privatkunden attraktiv,

durch Eigenversorgung die eigenen Kosten

zu reduzieren – zu Lasten der Allgemeinheit.

Quelle:

ene‘t GmbH

Übersicht über die Netzentgelte in Deutschland in Cent pro

Kilowattstunde (kWh) bei einem Abnahmefall von 4.000 kWh im Juli 2014.

Denn die Eigenversorger profitieren immer

noch von der Bereitstellung und der Rundum-

Verfügbarkeit des Netzes, zahlen aber nicht

mehr für diese Dienstleistung. Die Zahl derer,

die Eigenversorgung betreiben, nimmt

bei Unternehmen und Haushalten stetig zu

– die Zahl derer, die die Kosten für einen sicheren

Netzbetrieb tragen, nimmt durch dieses

falsche Anreizsystem hingegen stetig ab.

Um dieser wachsenden Entsolidarisierung an

den Kosten der Bereitstellung eines sicheren

elektrischen Systems entgegen zu wirken,

bietet sich an, bei der Berechnung der Entgelte

künftig stärker die Größe des Netzanschlusses

(Kapazität) in Rechnung zu stellen

und weniger den Verbrauch (Arbeit).

Und was ist darüber hinaus zu tun? Um eine

faire Verteilung der Kosten der Systemintegration

erneuerbarer Energien zu erreichen

Die jetzige Form der Netzentgeltberechnung,

die die regionalen Disparitäten in Deutschland

fördert, ist energie(wende)politisch weder

fair noch standortpolitisch berechtigt.

Sie hemmt zudem den Wettbewerb bei den

Stromvertrieben, wenn diese bundesweit

agieren wollen und mit regional und lokal

unterschiedlichen Netzentgelttarifen von

knapp 900 Netzbetreibern zu tun haben. Dies

macht es kaum möglich, nachhaltige Angebote

für Kunden in verschiedenen Regionen anzubieten.

Von einem wettbewerbsorientierten

„Level Playing Field“ zur bundesweiten

Stromvermarktung kann man so nur bedingt

sprechen. Aus all diesen Gründen wäre ein

bundesweit einheitliches Netzentgelt zielführend.

In welchen Schritten dies politisch

umzusetzen geht, bleibt abzuwarten. W+M

Zur Person

Boris Schucht (47) ist seit

2010 Vorsitzender der Geschäftsführung

von

50Hertz. Zuvor war er

kauf männischer Vorstand

bei der WEMAG AG in

Schwerin und fünf Jahre lang Geschäftsführer

der Vattenfall Europe Venture

GmbH in Berlin.

50Hertz sorgt mit über 800 Mitarbeitern

für den Betrieb und Ausbau des Übertragungsnetzes.

Darüber hinaus ist das Unternehmen

für die Führung des elektrischen

Gesamtsystems auf den Gebieten

der Bundesländer Berlin, Brandenburg,

Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern,

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

verantwortlich.

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46 | W+M International

Rostocker Schiffsdesigner erobern

den Weltmarkt

Schiffsprojekte aus einer Hand bietet die Neptun Ship Design GmbH. Vom ersten Entwurf über

das Design und die Detailplanung bis zu den Tests bei der See-Erprobung. Der All-in-one-Service

des Rostocker Ingenieurbüros ist weltweit in der Schiffbaubranche gefragt. Von Thomas Schwandt

Bei der ersten Bordbesichtigung

kann der künftige

Schiffseigner bis in den

letzten Winkel blicken. In Laderäume,

in Maschinenräume,

auf die Brücke. Veränderungswünsche

en détail werden per

Mausklick erledigt. Der virtuelle

Modell-Check in 3D ermöglicht

es dem Reeder, sein Schiff bereits

kennenzulernen, bevor auf

der Werft die erste Stahlplatte

zugeschnitten wird. „Das komplette

Schiff ist im Rechner“,

sagt Helge Sell, Geschäftsführer

von Neptun Ship Design in

Rostock. „Der computeranimierte

Rundgang erlaubt unkompliziert

Modifizierungen und reduziert

aufwendige Nacharbeiten

beim Bau des Schiffes.“

Vor zwei Jahrzehnten haben

im Konstruktionsbereich einer

Werft etwa 120 Mitarbeiter

gut ein Jahr dafür benötigt, ein

neues Schiff zu entwickeln und

die Unterlagen für die Produktion

zu erstellen. Heute schaffen

ebenso viele Mitarbeiter bei

Neptun Ship Design jährlich drei

bis vier Schiffe. Das Ingenieurbüro hat seine Wurzeln in der einst

volkseigenen Neptun Werft, die an der Warnow, unweit der Rostocker

City, Frachtschiffe mit einer Tragfähigkeit von bis zu 17.000 Tonnen

fertigte. Auch Schiffbauingenieur Helge Sell gehörte zu den 7.000

Mit diesem Typ eines 1.200-TEU*-Containerfrachters gelang Neptun

Ship Design der Einstieg in den chinesischen Markt.

Beschäftigen im Stammbetrieb. Als Leiter der Abteilung Schiffbau

stand er zu Beginn der 90er Jahre gemeinsam mit Chefkonstrukteur

Gerald Hadaschik vor der undankbaren Aufgabe, sehr viele Leute entlassen

zu müssen. „In der Privatisierungsphase war politisch ent-

Foto/Graphik: Thomas Schwandt, NSD

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


W+M International | 47

schieden worden, eine der vier großen Werften im

Nordosten dicht zu machen. Es traf Neptun, auch

weil in Warnemünde eine zweite Werft am Standort

Rostock existierte.“

Sell und Hadaschik erkannten in dem Niedergang

aber auch die Chance für einen beruflichen Neustart.

Sie gründeten ihr eigenes Ingenieurbüro

Neptun Stahlkonstruktion. „Mit 16 Ingenieuren

legten wir los“, blickt der heute 54-jährige Sell zurück.

Im vereinten Deutschland habe es damals einen

„wahnsinnigen Überhang an Ingenieuren in

der maritimen Industrie“ gegeben. Aber anders als

im Westen war im DDR-Schiffbaukombinat bereits

Ende der 80er Jahre begonnen worden, Computertechnik

in der Konstruktion einzusetzen. Entsprechend

kostengünstiger konnten die Rostocker ihre Dienstleistungen

anbieten. „Die westdeutschen Werften haben das Preisgefälle bei der

Auftragsvergabe gnadenlos ausgenutzt.“

Neben Neptun Stahlkonstruktion waren mit Neptun Engineering und

der Wismarer Ingenieursgesellschaft zwei weitere, in den 1990er Jahren

gegründete maritime Dienstleister aus der Region unterwegs. Die

drei Büros ergänzten sich in den schiffbaulichen Bereichen Stahlbau/Design,

Maschinentechnik und Ausrüstung/Innenausstattung.

„Wir konnten zwar alle ingenieurtechnischen Felder abdecken, doch

bei der Jagd nach Aufträgen marschierte jedes Büro für sich.“ Das

erschwerte es, größere Projekte zu ordern, bei denen der Kunde „alles

aus einer Hand“ wünscht.

Fokussiert auf den deutschen Markt wehte den Schiffbauingenieuren

von der Warnow wenig später zudem ein kräftiger Ostwind der

Konkurrenz aus Polen, Bulgarien und Kroatien entgegen. Die Büros

dort waren „nur halb so teuer“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war

klar: „Wir müssen raus aus dem hiesigen Markt, uns internationaler

aufstellen.“ Sell und Hadaschik sowie die Geschäftsführer Roland

Gräber von Neptun Engineering und Stephan Merkel von der Wismarer

Ingenieurgesellschaft rückten enger zusammen. „Ganzheitliche

Projekte“, wie Sell sagt, sollten die Chance erhöhen, in Asien und

anderen aufstrebenden Schiffbaumärkten Fuß zu fassen. Als erste

ganzheitliche Referenz konnten sie zur Jahrtausendwende das Fischereischutzboot

„Seeadler“ vorweisen, das auf der Wolgaster Peene-

Werft gebaut wurde und für das sie das Gesamtdesign erstellt hatten.

Schließlich gelang 2003 der Sprung auf den chinesischen Markt. Im

Bunde mit der Reederei Buss aus dem niedersächsischen Leer. Deutsche

Schifffahrtsunternehmer ließen zu jener Zeit vor allem Containerfrachter

in China bauen. Die Rostocker Spezialisten hatten für

Buss das Schiffsprojekt eines 1.200-TEU*-Frachters realisiert. Damit

im Gepäck beauftragte die Reederei in China die Ouhua-Werft, zwölf

Schiffe dieses Typs zu bauen.

Spezialschiffe für die Offshore-Industrie gehören zu den Schiffstypen,

die bei Neptun Ship Design entwickelt werden.

Als 2008 infolge der globalen Finanzkrise der Containerschiff-Boom

implodierte, waren die Rostocker international bereits gut verankert,

so auch auf dem amerikanischen Kontinent. Das erleichterte den Umstieg

auf Spezialschiffe für die Offshore-Industrie, für Schwerlast-

Projektladung und Rohstofftransporte. Ein Anteil von 20 Prozent internationaler

Fachkräfte im Team, Wissenstransfer mit der Universität

Rostock und ein Forschungsetat in Höhe von zehn Prozent des

Umsatzvolumens (zwölf Millionen Euro) gewährleisten langfristig

das erforderliche Know-how.

Neptun Ship Design hat sich auch auf die Umrüstung vorhandener

Schiffe spezialisiert. So muss auf vielen Frachtern umweltschonende

Technik eingebaut werden, um verschärfte Emissions-Regulierungen

in der Schifffahrt zu erfüllen. An Bord werden die Maschinenräume

visuell erfasst und dann auf das jeweilige Schiff zugeschnittene Lösungsvarianten

entworfen. Auch ist Neptun Ship Design führend in

das Forschungsprojekt „Polar“ integriert. Zehn Firmen und drei Institutionen

aus Mecklenburg-Vorpommern entwickeln technische Lösungen

zur Lagerung und zum Transport von Erdgas aus der Arktis.

Konkret forschen Sell und Co. zu einer schwimmenden Plattform, auf

der unter arktischen Bedingungen Erdgas verflüssigt werden soll.

Das Polargebiet stellt auch an die benötigten Spezialschiffe höchste

Anforderungen. Sie müssen noch bei minus 60 Grad Celsius einwandfrei

funktionieren. Für die Rostocker Experten ist das kein Problem.

„Wir sind in der Lage, jedes erdenkliche Schiff zu projektieren“,

sagt Sell stolz und in der Gewissheit, dass 2010 mit der Fusion

der drei Ingenieurbüros zur Neptun Ship Design GmbH die Basis dafür

geschaffen wurde. Die einstigen vier Firmenchefs bilden heute

das Führungsquartett. Schiffsprojekte aus einer Hand sind längst

Markenzeichen des Shipdesign-Büros, das vom alten Neptun-Werft-

Gelände aus weltweit operiert.

W+M

* TEU = Twenty-foot Equivalent Unit, Einheit zur Zählung von

ISO-Containern und Ladekapazität von Schiffen

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48 | W+M Ratgeber Finanzen

Pflichten erfüllt – Chancen verkannt

Der deutsche Mittelstand hat die Umstellung auf die SEPA-Verfahren fast vollständig vollzogen.

Doch eine Vielzahl von Unternehmen sieht in der Umstellung mehr Aufwand als Nutzen, wie

eine aktuelle Umfrage der Commerzbank AG belegt.

Von Matthias Salm

Die Überraschung kam im Januar: Statt der

Umstellung des Zahlungsverkehrs auf die SE-

PA-Formate zum 1. Februar gewährte Brüssel

Unternehmen eine zusätzliche sechsmonatige

Übergangsfrist. Aus Sicht des deutschen

Mittelstands hätte es dieser Fristverlängerung

allerdings kaum bedurft: Laut einer im Auftrag

der Commerzbank AG von der Bielefelder

Fachhochschule des Mittelstands (FHM)

durchgeführten Befragung unter mittelständischen

Unternehmen hatten bereits zum 1.

Februar 91,6 Prozent der Unternehmen ihre

SEPA-Vorbereitungen abgeschlossen. Weitere

acht Prozent gingen davon aus, dass sie den

Umstellungsprozess bis zum 1. August vollzogen

haben werden.

Allerdings räumten einige Unternehmen bei

der Umstellung qualitative Abstriche ein. So

konnten 79 Prozent der befragten Mittelständler

bei der SEPA-Einführung alle fachlichen

Gesichtspunkte berücksichtigen. 21 Prozent

beschränkten sich bisher nur auf die Erfüllung

der Mindestanforderungen.

Die Pflicht ist also weitgehend erfüllt – doch

den Nutzen der SEPA-Verfahren können viele

Mittelständler nicht erkennen. 69 Prozent

der Unternehmen gaben an, durch SEPA bisher

keine Vorteile für den eigenen Betrieb verwirklicht

zu haben. Gerade Firmen ohne internationale

Geschäftskontakte scheinen SEPA

kritisch zu sehen. Moniert wurden die Kosten

der SEPA-Einführung und eine hohe Fehleranfälligkeit,

etwa aufgrund unübersichtlicher

und unterschiedlich langer IBAN in Europa

oder wegen der erschwerten Zuordnung

von Zahlungen.

„Es ist bedenklich, dass einem Teil der Mittelständler

noch immer nicht bewusst ist, was

die neuen SEPA-Verfahren überhaupt leisten

können“, urteilt Volker Wittberg, verantwortlicher

Leiter der Umfrage. Sein Fazit: „Die Chancen

von SEPA sind unentdeckt.“

Frank-Oliver Wolf, Global Head Cash Management

& International Business bei der Commerzbank

AG und SEPA-Experte des Kreditinstituts,

rät Mittelständlern deshalb, sich mit

den Möglichkeiten von SEPA intensiver auseinanderzusetzen:

„SEPA bietet Chance und

Impuls gleichermaßen, den Zahlungsverkehr

zu vereinheitlichen und das Clearing zu beschleunigen.

Wir empfehlen deshalb insbesondere

unseren Firmenkunden, die noch

‚Restarbeiten‘ erkannt haben, generelle Optimierungsoptionen

zu prüfen.“ Eine solche

Optimierung der Abläufe kann dazu genutzt

werden, den Zahlungsverkehr im Unternehmen

einfacher und billiger zu gestalten und

von einem schnelleren Zahlungsfluss zu profitieren.

W+M

33 Länder vereint

SEPA ist das Kürzel für die 33 Länder

umfassende „Single Euro Payments

Area“. Neben den 28 EU-Staaten gehören

dazu auch die Schweiz, Liechtenstein,

Island, Norwegen, Monaco

und San Marino. Mit SEPA werden in

Deutschland europaweit einheitliche

Verfahren für den bargeldlosen Zahlungsverkehr

eingeführt. Zu den Vorteilen

der SEPA-Verfahren zählt beispielsweise,

dass grenzüberschreitende

Bankgeschäfte innerhalb eines

Arbeitstages abgewickelt werden

können. Auslandsüberweisungen sollen

künftig nicht mehr teurer sein als

Geldtransfers im Inland.

Anteil von SEPA-Zahlungen an allen

Überweisungen in Deutschland in Prozent

2013 – Q1

2013 – Q2

2013 – Q3

2013 – Q4

2014 – Januar

2014 – Februar

2014 – März

2014 – April

8,7 %

10,6 %

13,9 %

33,2 %

58,5 %

77,9 %

80,3 %

86,5 %

Quelle: Commerzbank AG, EZB

Foto: Rainer Sturm/pixelio.de, Joachim Kloock

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


W+M Medienpartnerschaft | 49

Lübzer Pils-Ostsee-Meeting

14. – 17. August 2014, Traditionsrennbahn Bad Doberan–Heiligendamm

Programm:

14.08.: Eröffnungsrenntag um den Glashäger Cup

15.08.: Renntag und Ladies Day/Hutwettbewerb

16.08.: Großer Lübzer Pils Ostseepreis/Goldene Peitsche von

Bad Doberan

17.08.: Lotto Mecklenburg-Vorpommern-Renntag

Preise:

Eintrittskarten: 4 – 8 €

Tribünenkarten: 8 – 11 €

VIP-Karten: 60 – 105 €

Vorbestellung VIP-Karten telefonisch unter 0381 6438062 oder per E-Mail unter info.treffpunkt@ospa.de.

Kartenvorverkauf ab Mitte Juli: Tourist-Information Doberan-Heiligendamm, Severinstraße 6, 18209 Bad

Doberan, www.bad-doberan-heiligendamm.de.

www.doberaner-renntage.de

22. August 2014

12:00 – 18:30 Uhr

ab 19:00 Uhr Abendveranstaltung

Golfpark Strelasund

Kaschow 14, 18516 Süderholz

Preise: 55 € Turnier, 30 € Schnupperkurs

Anmeldung bis 8. August 2014

per E-Mail an info@uv-vorpommern.de

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50 | W+M Ratgeber

Unterschätztes Risiko

Der Vertrieb verdient das Geld, die Produktion realisiert

die Aufträge – so wird das Unternehmen am Leben erhalten,

wächst und gedeiht. Der Einkauf und die Lieferantenbeziehungen

werden dagegen oft vernachlässigt.

Der kürzlich aufgedeckte Korruptionsskandal am Berliner

Flughafen BER im Zusammenhang mit dem Inhaber

eines sächsischen Projektierungsbüros und BER-Technikmanagers

in Personalunion hat deutlich gezeigt, welche

Risiken für Unternehmer gerade in Einkaufs- und Lieferantenbeziehungen

liegen.

Ein externer Blick in die Abläufe in diesem Bereich bringt

nicht nur zusätzliche Liquidität, sondern bewahrt auch

vor nachhaltigen Imageschäden. Und nicht zuletzt: Auch

die Banken und Finanzierungspartner sind Lieferanten

fürs Unternehmen und sollten vom Unternehmer ab und

an einem Rentabilitätscheck unterzogen werden.

Die Sozietät bdp Bormann, Demant & Partner mit ihren

Büros in Berlin und Dresden begleitet die Leser von

WIRTSCHAFT+MARKT in diesem Jahr bei Finanzierungsund

Steuerthemen. Scheuen Sie sich nicht, uns zu fragen,

was Sie bewegt. Wir freuen uns auf Sie.

Ihr Michael Bormann

bdp.Berlin@bdp-team.de

Liquiditätsreserven

Unternehmen jeder Größenordnung können

Der Einkauf ist insbesondere in produzierenden Unternehmen regelmäßig,

noch vor dem Personal, der größte Kostenblock in der Firma.

In manchen Unternehmen macht der Materialeinsatz bis zu 75

Prozent der Umsatzerlöse aus. Dennoch wird er oft wie das fünfte

Rad am Wagen behandelt. „Mitarbeiter fristen ihr Dasein als einfache

Disponenten, vielfach führen die Einkäufer neben dem Einkauf

noch weitere Nebentätigkeiten aus, die IT-Infrastruktur ist veraltet,

kurzum, der gesamte Beschaffungsprozess ist unproduktiv und

ineffizient organisiert“, berichtet Steffen Russ von der bdp Venturis

Management Consultants GmbH und rät, den Einkauf als strategische

Komponente zu betrachten. „Der Einkaufsvorgang darf sich

nicht in der klassischen Erfüllung von Bedarfsmeldungen erschöpfen“,

so Russ. „Regelmäßig liegen im Einkauf die meisten Reserven.

Fünf bis zehn Prozent lassen sich nach der Reorganisation im

Einkauf immer sparen und schaffen so frische Liquidität im Unternehmen.“

Beim Restrukturierungsprozess können externe Berater

oft hilfreich sein.

Einkaufsvolumina werden üblicherweise in A-, B- und C-Kategorien

unterteilt: Dabei machen die Kategorien A und B mit einer kleinen

Anzahl, manchmal nur von fünf bis 15 Artikeln oder Komponenten,

bis zu 95 Prozent des Einkaufsvolumens aus. Das restliche Umsatzvolumen

in der Kategorie C macht wiederum 70 bis 80 Prozent aller

Artikel aus, die in einem Unternehmen geordert werden. Dies sind

meist so genannte Pfennigartikel, wie Gegenstände für den Instandhaltungsbedarf,

Arbeitsschutz oder Bürobedarf.

Es empfiehlt sich, den Einkauf als Ganzes im Blick zu behalten,

in die Fertigungssteuerung einzubinden und das Lieferantenmanagement

zu professionalisieren. Für klein- und mittelständische

Foto: Brenda Carson/shutterstock

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Steuern und Management | 51

Versteuerung

des Chef-Gehalts

im Einkauf heben

ihr Beschaffungsmanagement optimieren

Unternehmen bieten sich der Zusammenschluss zu Einkaufsgemeinschaften und die

Nutzung moderner, so genannter e-Procurement-Einkaufsplattformen an. Diese offerieren

nicht nur die Bestellabwicklung, sondern vereinfachen und reduzieren durch

monatliche Sammelrechnungen den Buchungsaufwand erheblich. So können die monatlichen

Rechnungen bei Vorhandensein entsprechender Schnittstellen auch direkt

in das Buchhaltungssystem des Unternehmens eingespeist werden. Auch Zahlungskonditionen

sollten möglichst vereinheitlicht und Skontozahlungen genutzt werden.

„Je größer die Firma oder je schneller sie gewachsen ist, desto mehr unterschiedliche

Zahlungskonditionen gibt es hier“, so Russ. Dabei müssen die Lieferanten nicht immer

die preiswertesten Anbieter sein. Über höhere Einkaufsvolumen können durchaus

bessere Konditionen erreicht werden. Mehr und mehr geht der Trend auch dahin,

dass komplette Lieferketten aufgebaut werden, etwa für vorgefertigte Komponenten

(Supply-Chain-Management). Dies wird vor allem von Automobilzulieferern oder auch

Maschinenbauern genutzt.

Ebenfalls erhebliche Liquiditätsreserven lassen sich durch die Optimierung von Lagerbeständen

heben. In vielen Unternehmen werden über längere Zeit Lagerbestände angehäuft,

ohne diese regelmäßig einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Hier kann

die Analyse des Verbrauchsverhaltens für die einzelnen Artikel und eine darauf abgestimmte

Optimierung des Bestellverhaltens beträchtliche Liquiditätsreserven freisetzen.

Kritisch – und richtig teuer – wird es, wenn Schutzmaßnahmen gegen Betrug und Korruption

im Unternehmen vernachlässigt werden. Folgende Aspekte gilt es hier zu beherzigen:

So sollte das Vier-Augen-Prinzip bei Bestellvorgängen gelten, Nebentätigkeiten

oder indirekte finanzielle Beteiligung bei Geschäftspartnern angezeigt werden.

Das „Anfüttern“ der Mitarbeiter durch Einladungen, Geschenke und Ähnliches ist

tunlichst zu vermeiden oder sollte zumindest nachvollziehbar sein. Festgeschriebene

Richtlinien für die Mitarbeiter im Einkauf und für Lieferanten sind daher unerlässlich.

Sind mit dem Gesellschafter-Geschäftsführer

Lohnvereinbarungen getroffen worden, fließt

der Lohn – unabhängig von der tatsächlichen

Zahlung – bereits im Zeitpunkt der Fälligkeit

zu. Dann muss er lohnversteuert werden. Mit

Schreiben vom 12. Mai 2014 hat das Bundesministerium

der Finanzen (BMF) zur Frage Stellung

genommen, wann ein Zufluss bei einem

Verzicht auf Lohnbestandteile vorliegt. Das BMF

macht den Lohnzufluss von der wirtschaftlichen

Passivierungspflicht abhängig. Wäre demnach

bereits eine Lohnverbindlichkeit einzustellen,

egal ob es gemacht wurde oder nicht,

führt der Verzicht zu Lohnzufluss und verdeckter

Einlage. Erfolgt der Verzicht vorher, liegt

kein Lohnzufluss vor. Der ganze Vorgang hat

bei der Gesellschaft keinerlei Ergebnisauswirkung.

Somit bleibt es dabei, dass ein rückwirkender

Verzicht grundsätzlich zu zu versteuerndem

Arbeitslohn führt (BMF VI R 24/12).

Buchung von

Forderungen

Bezahlt eine GmbH Ausgaben, die eigentlich

dem Gesellschafter zuzurechnen sind, oder erhält

der Gesellschafter Gelder, die eigentlich der

GmbH gehören, müsste die GmbH eine Forderung

einbuchen. Unterbleibt diese Forderungsbuchung,

kann diese später nur noch sehr eingeschränkt

im Rahmen einer Bilanzberichtigung

korrigiert werden. Mit zwei aktuellen Urteilen

hat der Bundesfinanzhof (BFH) dies noch

einmal bekräftigt. Nur bei einer wirklich versehentlichen

Nichteinbuchung kann eine spätere

Korrektur erfolgen. Ansonsten liegt eine

verdeckte Gewinnausschüttung vor (BFH VB

33/13).

Für den redaktionellen Inhalt der Seiten 50/51 zeichnet die Sozietät bdp Bormann, Demant & Partner Berlin verantwortlich.

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52 | W+M Ratgeber

Exzellente Kaffeespezialitäten sind mit einem

Kaffeevollautomaten im Büro ein Kinderspiel.

Auf Knopfdruck diverse Kaffeespezialitäten

Auch im Büro wird inzwischen ein breites Angebot an Kaffeespezialitäten erwartet. Um Gästen

und Mitarbeitern ohne großen Aufwand einen Espresso oder Cappuccino anbieten zu können,

empfiehlt sich ein moderner Vollautomat. Ein Überblick über Auswahlkriterien und aktuelle

Modelle.

Von Anke Templiner

Auch wenn in vielen Büros immer noch Filterkaffeemaschinen genutzt

werden, gibt es eine zunehmende Nachfrage nach Kaffeevollautomaten.

Denn diese bieten viele Vorteile im Büroalltag – selbst

in kleineren Bürogemeinschaften. Zum Beispiel macht es einen guten

Eindruck, Gästen eine Vielzahl an Kaffeespezialitäten anbieten zu

können. Außerdem muss so niemand mehr das Kaffeekochen für alle

übernehmen. Und Betrieb und Reinigung des Gerätes laufen größtenteils

von selbst.

Grundausstattung

Kaffeevollautomaten, die im Büro genutzt werden, verfügen in der

Regel über ein Mahlwerk, um jede Tasse Kaffee mit frisch gemahlenen

Bohnen zubereiten zu können, sowie über eine Aufschäumdüse

für Milchschaum. Egal ob der Milchschaum mit Frischmilch oder

Milchpulver zubereitet wird, eine tägliche Reinigung des Milchwegs

ist ein Muss, um die Keimbildung zu verhindern. Ein Automat sollte

deshalb über ein integriertes Spül-/Reinigungs-/Entkalkungsprogramm

verfügen, das auch unerfahrene Nutzer nicht überfordert.

Für eine einfache Reinigung ist zudem ein entnehmbares Brühelement

empfehlenswert.

Wie viele Tassen pro Tag?

Eines der wichtigsten Kriterien für die Wahl des Kaffeeautomaten

ist die Anzahl der täglichen Tassenbezüge. Denn wenn dieser unterschätzt

wird, kann es zur dauerhaften Überforderung des Gerätes

kommen. Die 20-Tassen-Marke ist bei vielen Herstellern der Grenzwert

zwischen Vollautomaten für den Heimbedarf und solchen, die

für Büro oder Gewerbe geeignet sind. Viele Kaffeevollautomaten besitzen

einen internen Zähler, um diesen Wert zu ermitteln. Wird die

Maschine häufiger genutzt als empfohlen, kann sich die Garantiezeit

(in der Regel zwölf Monate) deutlich verkürzen.

Wichtige Features

Um verschiedenste Trinkvorlieben bedienen zu können, sollte der Automat

mindestens fünf unterschiedliche Kaffeespezialitäten anbieten

und es auch erlauben, die Kaffeestärke individuell einzustellen. Wichtig

ist außerdem die Möglichkeit des Heißwasserbezugs für Teetrinker,

um einen zusätzlichen Wasserkocher zu sparen. Ein nettes Extra,

jedoch nicht zur Grundausstattung eines Automaten für die Büronutzung

gehörend, ist die Einstellbarkeit von Temperatur und Druck.

Ein großer Wassertank spart häufiges Nachfüllen, ist aber bei einigen

Armaturen in der Büroküche manchmal schwer zu füllen. Praktisch ist

ein Festwasseranschluss, den viele Hersteller zumindest als Option

anbieten. Wer die Kaffeebohnen nicht so häufig nachfüllen möchte,

sollte auf die Größe des Bohnenbehälters achten.

Gute Bedienung

Damit die Kaffeeversorgung bei jedem Mitarbeiter problemlos funktioniert,

sollte der Kaffeeautomat leicht zu bedienen und zu warten

sein. Empfehlenswert sind deshalb ein übersichtliches Display und

leicht verständliche Bedienelemente. Für eine angenehme Arbeitsatmosphäre

sollte die Nutzungslautstärke nicht über 70 Dezibel liegen.

Finanzierung/Beschaffung

Kaffeevollautomaten können entweder gekauft – die Preise liegen

zwischen rund 450 und 4.700 Euro je nach Ausstattung – oder gemietet

bzw. geleast werden. Fast alle Hersteller bieten die Geräte zum

Kauf, viele entweder die Miet- oder die Leasingmöglichkeit. Letztere

werden meist zusammen mit einer Telemetrielösung angeboten.

Diese ermittelt den tatsächlichen Tassenverbrauch und berechnet

danach den Tassenpreis.

W+M

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Redaktion des

Magazins Das Büro.

Foto: WMF

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Büro | 53

Kaffeemaschinen für fünf bis sieben Nutzer im Vergleich

Hersteller/Anbieter

Modell

Empfohlene Tassenbezüge

pro Tag

Dauer der Zubereitung

einer Tasse in Sekunde

Milchzubereitung mit

Frischmilch (F) oder

Milchpulver (P)

Automatische

Abschaltfunktion

(ja/nein)

Höhenverstellbarer

Kaffee-Milchauslauf

(ja/nein)

Füllmenge des Bohnenbehälters

in Gramm

Anzahl der möglichen

Kaffeespezialitäten

Einstellbare

Kaffeestärke (ja/nein)

Möglichkeit des

Heißwasserbezugs für

Tee etc. (ja/nein)

Volumen des Wassertanks

in Liter

Festwasseranschluss

(ja/nein/optional)

Integriertes Spül-/Reinigungs-/Entkalkungsprogramm

(ja/nein)

Lautstärke in

Dezibel

Wartungsverträge

möglich (ja/nein),

Mindestdauer und

Kosten

Beschaffungsmodelle

(Kauf, Miete,

Leasing, etc.)

Coffenco

(Douwe Egberts

Professional)

Cafitesse Excellence

Compact

CUP&CINO

Kaffeesystem-

Vertrieb

Chicco

Jura Kaffee Partner Schaerer

Deutschland

IMPRESSA XJ5

Professional

miniBona

Schaerer Coffee

Joy

SEVERIN

Piccola Classica

KV 8055

Tchibo Coffee

Service

Coffea Compact

WMF

WMF 1200S

50 max. 60 60 max. 100 ca. 40 max. 30 max. 50 max. 100

Kaffee: 15,

Cappuccino: 17,

Latte macchiato:

22

30 Café Crème: 35 ab 15 Durchschnitt: 30 k. A. k. A., abhängig von

Getränk

F (Konzentrat) P F F und P F F P F und P

nein (ECO-Stand

By Modus)

ja ja ja ja ja nein ja

nein nein ja nein ja ja nein ja

1.250 500 500 ca. 500 max. 500 140 500 500

6 9 10 8 6 5 6 12

ja ja ja ja ja ja nein ja

ja ja ja ja ja nein ja ja

4 2,1 4 extern: 15 2,2 1,35 7 4

ja optional optional ja optional nein optional optional

ja ja ja ja ja (Milchschlauchreinigung)

49 k. A. k. A. (andere

Messmethode)

ja, 12 Monate,

ab 265 €

Preis (inkl. MwSt.) 1.795 €

(Kauf)

ja, je nach Mietlaufzeit,

bei Kauf

60 Monate,

mtl. 19 €

ja, individuell

vereinbar

Kauf, Miete Miete, Kauf Kauf, Miete,

Leasing

3.201,10 €

(Kauf)

3.186,22 €

(Kauf)

ja ja ja

< 70 k. A. k. A. < 70 < 70

ja, jederzeit kündbar,

9,95 €pro Woche

(Funktionsgarantie

inklusive aller

Wartungs- und

Materialkosten)

Kauf, Miete,

Leasing, tassengenaue

Abrechnung

per Telemetrie

ab 14 Cent pro

Tasse, monatliche

Miete 99 €

ja, 60 Monate, ab

350 €

Kauf, Miete,

Leasing

1.820 €

(Kauf mit Trinkwassertank)

k. A.

nein nein ja, 36 Monate

Kauf Miete Kauf, Leasing,

Finanzierung

über Röster

3.250 €

(Kauf)

Webadresse www.coffenco.de www.cupcino.de www.jura.com www.kaffeepartner.de

www.schaerergmbh.de

449 € 117,80 €(mtl. Miete,

inklusive Wartung),

36 Monate

Mietlaufaufzeit

www.severin.de www.tchibocoffeeservice.de

www.wmf-kaffeemaschinen.de

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


54 | W+M Ratgeber

W+M präsentiert:

Die ostdeutsche Bestsellerliste für

Wirtschaftsliteratur

Die ostdeutsche Bestsellerliste für Wirtschaftsliteratur wird aus

den Verkaufszahlen der größten Buchhandlungen in Brandenburg,

Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

erstellt. Beteiligt haben sich:

Hugendubel Cottbus, Mauerstraße 8, 03046 Cottbus

Hugendubel Erfurt, Anger 62, 99084 Erfurt

Hugendubel Greifswald, Markt 20–21, 17489 Greifswald

Hugendubel Leipzig, Petersstraße 12–14, 04109 Leipzig

Hugendubel Potsdam, Stern-Center 1, 14480 Potsdam

Hugendubel Schwerin, Marienplatz 3, 19053 Schwerin

Ulrich-von-Hutten-Buchhandlung, Logenstraße 8, 15230 Frankfurt/O.

Die Teilnahme steht weiteren Buchhandlungen offen. Schreiben Sie

bei Interesse eine E-Mail an JP@NehringVerlag.DE.

Foto: Silke Kaiser/pixelio.de

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Kultur | 55

Highlights in diesem Sommer

Die schönsten Konzerte

zwischen Rostock und Weimar

Brandenburgische Sommerkonzerte

Die Brandenburgischen Sommerkonzerte

sind ein Musikfestival, das jährlich von Juni

bis September an historischen Spielstätten

im Land Brandenburg stattfindet. Seit 1990

bietet die Konzertreihe „Klassiker auf Landpartie”

über das klassische Konzertereignis

hinaus ein Beiprogramm, das zur Erkundung

des jeweiligen Konzertortes einlädt.

07.06. – 07.09.2014, verschiedene Orte in

Brandenburg,

Karten: 16 – 49 €

www.brandenburgische-sommerkonzerte.de

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

Seit dem Gründungskonzert im Jahr 1990

haben sich die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

zum drittgrößten Klassikfestival

Deutschlands entwickelt. Rund 120 Konzerte

an über 80 Spielstätten im gesamten Land

sowie das „Kleine Fest im großen Park” locken

von Juni bis September nach Mecklenburg-

Vorpommern.

20.06. – 21.09.2014, verschiedene Orte in

Mecklenburg-Vorpommern,

Karten: 5 – 125 €

www.festspiele-mv.de

MDR Musiksommer

Der MDR Musiksommer, das Klassik-Festival

für Mitteldeutschland, bietet insgesamt

46 Konzerte an 35 verschiedenen

Orten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und

Thüringen und holt namhafte Klassik-Stars

in Konzerthallen, Kirchen, Museen, Schlösser

und Burgen.

27.06. – 24.08.2014, verschiedene Orte in

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen,

Karten: 12 – 85 €

www.mdr.de/musiksommer

Literaturtipps der Redaktion

Entspannter arbeiten: Das geht mit Computer, Tablets

oder Smartphones – wenn man weiß, wie.

Jürgen Kurz liefert leicht umsetzbare Ideen für den

eigenen Arbeitsplatz und für die flüssige Zusammenarbeit

mit anderen.

Sieben einfache Schritte werden im Buch anschaulich

vorgestellt und mit zahlreichen Tipps, Beispielen

und Praxis-Fotos für Themen wie „Effizientes Verarbeiten

von E-Mails“, „Sicherer Umgang mit der Infoflut“,

„Intelligentes Speichern und Finden von Dateien“,

„Erleichterung des Miteinanders im Team“,

„Souveräner Umgang mit Terminen und Aufgaben“

sowie „Anregungen für weitere Herausforderungen“

angereichert. Das Buch liefert erprobte Schritt-für-

Schritt-Anleitungen, nützliche Checklisten, ergänzende

Gratis-Downloads, erhellende Selbsttests und

hilfreiche Videoclips.

Jürgen Kurz:

„Für immer aufgeräumt – auch digital.

So meistern Sie E-Mail-Flut und Datenchaos“,

Gabal 2014, 128 S., 19,90 €.

Gudrun Happich:

„Ärmel hoch!“,

Orell Füssli 2011, 4. Aufl., 208 S., 24,95 €.

Wie überstehe ich die ersten 100 Tage? Wie bilde

ich ein schlagkräftiges Team? Wie gehe ich

mit High- und Low-Performern um? Eine Führungskraft

hat es nicht leicht. Entweder mischt sich der

CEO ein oder das Team macht, was es will. Die Wahrscheinlichkeit,

zwischen den Hierarchien zermahlen

zu werden, ist groß. Die Konflikte auf das Minimum zu

reduzieren, ist Ziel dieses Handbuchs. Gudrun Happich

ist Diplom-Biologin und Executive Coach. Sie erklärt

in ihrem Buch, wie man mit den Anforderungen

des Führungsalltags umgeht. Dabei stellt sie die

20 wichtigsten Führungsthemen vor, gibt konkrete

Handlungsempfehlungen, erläutert Best-Practice-

Beispiele und einfache Tricks, die helfen, auf scheinbar

unlösbare Anforderungen zu reagieren.

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56 | W+M Netzwerk

15. Brandenburger Sommerabend

Wirtschaft trifft Kultur in Potsdam

3.500 Gäste folgten gut gelaunt der Einladung

von Dietmar Woidke, Ministerpräsident Brandenburgs,

Tina Fischer, Staatssekretärin und Beauftragte

des Landes Brandenburg beim Bund, sowie

Miloš Stefanovic ´, Präsident des Wirtschafts-

Forums Brandenburg, zum Brandenburger Sommerabend

am 2. Juli 2014 in Potsdam.

Das Sommerhighlight im Land jährte sich in diesem

Jahr bereits zum 15. Mal. Erstmals wurde

der Kunst- und Kulturstandort Schiffbauergasse

gewählt. Eine sehr gute Wahl, wenngleich mancher

dem Bornstedter Krongut, Veranstaltungsort

des Vorjahres, nachtrauerte. Dem Motto des

Abends „Wirtschaft trifft Kultur“ wurde mit dem

Veranstaltungsort aber in bester Weise entsprochen.

Die geladenen Gäste erlebten einen abwechslungsreichen

Abend mit viel Musik und

guter Unterhaltung. Zu den zahlreichen Höhepunkten

zählten die „Ladies Night“ des Hans-

Otto-Theaters, die Swing-Tanzshow und natürlich

die Kochbühne, wo es neudeutsch Live-Cooking

vom Netzwerk der besten Köche der Mark

„Brandenburg unter Dampf“ gab. Und natürlich

das traditionelle Abschluss-Feuerwerk an diesem

auch wettertechnisch makellosen Sommerabend.

W+M

Der Höhepunkt des Abends:

ein spektakuläres Feuerwerk.

Der ehemalige brandenburgische

Ministerpräsident Matthias Platzeck,

Wiktor A. Subkow (Aufsichtsratsvorsitzender

Gazprom), SAP-Gründer Hasso Plattner und

der amtierende Ministerpräsident Brandenburgs

Dietmar Woidke (v. l. n. r.).

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014

„Supertalent“-Gewinner

Michael Hirte (l.)

mit Brandenburgs

Ministerpräsident und

Gastgeber des Abends

Dietmar Woidke.

Nachdem der Brandenburger

Sommerabend die letzten

Jahre auf dem Krongut

Bornstedt stattfand, wurde

dieses Jahr die Schiffbauergasse

in Potsdam als Location

gewählt.

Fotos: CHLietzmann, Torsten George


Gesellschaft | 57

Sommerfest von Zentralkonsum und Genossenschaftsverband

Mode aus dem Konsum

Für ihr gemeinsames Sommerfest hatten sich Zentralkonsum und Genossenschaftsverband eine

der angesagtesten Feierlokalitäten Berlins ausgesucht – das „ewerk“ an der Wilhelmstraße. Die

Gäste konnten sich von der Leistungsfähigkeit etlicher Verbandsmitglieder überzeugen, die mit

eigenen Ständen präsent waren. Die Meißener Winzer schenkten Wein und Sekt aus, die Magdeburger

Traditionsfirma „Röstfein“ spendierte Kaffee und Espresso, mitten im Sommer offerierte

die erzgebirgische Bäckerei „Bärenhecke“ Christstollen, während in der Nachbarschaft Salzwedeler

Baumkuchen verkostet werden konnte.

Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, würdigte

das Engagement der zumeist mittelständischen Unternehmen: „Die Genossenschaften spielen

im deutschen Wirtschaftssystem eine ganz entscheidende Rolle.“

Zentralkonsum-Vorstandssprecher Martin Bergner nahm die Vorlage

Billens auf und sagte: „Wofür steht Konsum heute? Konsum

steht für Lebensmitteleinzelhandel, in Dresden und Leipzig sind

wir Marktführer. Konsum steht aber zugleich für Immobilien, Industrie

und Mode.“

In der Tat, auch für Mode. Das demonstrierte die Konsumgenossenschaft

Weimar eindrucksvoll mit einer Modenschau, die den

Höhepunkt des sommerlichen Abends bildete.

W+M

Dr. Henning Ehlers (Deutscher Raiffeisenverband

e. V. ), Gerd Billen (Staatssekretär

im Bundesministerium der Justiz), René

Rothe (Verbandsdirektor Genossenschaftsverband

e. V.) (v. l. n. r.).

Besonderes Highlight des Abends: die Modenschau der Konsumgenossenschaft

Weimar eG.

Sigrid Hebestreit (Vorstandsvorsitzende Konsumgenossenschaft

Weimar eG) und Martin Bergner

(Vorstandssprecher Zentralkonsum eG).

Am Stand der Sächsischen

Winzergenossenschaft Meißen:

Jürgen Kotschi (Zentralkonsum),

Frank Heisinger (Deutsche Bank),

Nico Stehr (Marsh GmbH),

Eike-Jens König (Röstfein Kaffee) und

Oliver Fern (Sachsen Bank) (v. l. n. r).

Clemens Weber (l.) und Jens

Oliva präsentieren Bewegungsspielgeräte

der Basisgemeinschaft

Wulfshagener Hütte eG.

Gute Stimmung

am Stand der Bitburger

Brauerei.

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58 | W+M Netzwerk

7. Sommerfest des Berliner Handwerks

Netzwerk mit Seeblick

Rund 450 Teilnehmer feierten Anfang Juli das 7. Sommerfest des Berliner Handwerks im

Seehotel am Dämeritzsee. Der Präsident der Handwerkskammer Berlin Stephan Schwarz

sowie Geschäftsführer Jürgen Wittke empfingen die Gäste aus Innungen und Politik zu

Musik, kulinarischen Köstlichkeiten und Gesprächen. Neben vielen Obermeistern der einzelnen

Innungen, Handwerksunternehmern und Vertretern von befreundeten Handwerkskammern

und Partnerorganisationen waren auch Peter Wollseifer (Präsident des Zentralverbands

des Deutschen Handwerks), Dr. Holger Hatje (Vorstandsvorsitzender der Berliner

Volksbank), Dr. Ralf Brauksiepe (Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium) sowie

Stefan Evers und Jürn Jakob Schultze-Berndt (Abgeordnete CDU-Fraktion Berliner Abgeordnetenhaus)

gekommen.

Die geladenen Gäste konnten sich bei herrlichem Sommerwetter in zwangloser Atmosphäre

bei Live-Musik der Band „Walk Act“ austauschen und neue Kontakte knüpfen.

W+M

Jürgen Wittke (l., Geschäftsführer der Handwerkskammer

Berlin) und Stephan Schwarz

(Präsident der Handwerkskammer Berlin).

Birgit Schultz und

Wolfgang Weber,

Ausbilderin und

Leiter der Akademie

Deutsches

Bäckerhandwerk.

Stimmungsmacher:

Die Musiker der Band „Walk Act“.

Gregor Schöning (Leiter

Bildungszentrum BIZWA),

Ronald Warmbier und

Wolfgang Karnath (Ingenieurbüro

Eberswalde), Jean

Liebing (BTZ der Handwerkskammer).

Die Gäste konnten

kleine Mosaike

legen, aufkleben

und als Andenken

mitnehmen.

Ausbilder und Azubis

vom Lehrbauhof der

Fachgemeinschaft Bau.

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014

Das Sommerfest der Handwerkskammer

Berlin fand im

Seehotel am Dämeritzsee statt.

Fotos: Fritsch, Sarkandy, Wolf


Gesellschaft | 59

Auftaktveranstaltung der Unternehmerinnen im UV Brandenburg-Berlin

Die Initiatorinnen der Interessengemeinschaft der

Unternehmerinnen (v. l.): Birgit Rohde-Göhring (Flussweg-

Coaching), Andrea Grandjean (Audita) und Iris Friederici

(Organisationsberatung).

Frauenpower am Nordpier

Die Interessengemeinschaft der Unternehmerinnen im Unternehmerverband

Brandenburg-Berlin (UVBB) lud im Juni zu ihrer Auftaktveranstaltung

ins ansonsten nicht öffentlich zugängliche Nordpier des neuen Flughafens

Berlin-Brandenburg. Eine doppelte Premiere: Es war nicht nur die erste Veranstaltung

im Flughafengebäude, sondern auch die erste Veranstaltung der

Unternehmerinnen im Verband. Die Initiatorinnen der Interessengemeinschaft,

Iris Friederici, Andrea Grandjean und Birgit Rohde-Göhring, wollen

die Interessen der Frauen im Verband stärker sichtbar machen, Kräfte bündeln

und eine Plattform bieten. Sie wollen die Unternehmerinnen ermutigen,

sich in einem starken Netzwerk zu engagieren und enger zu kooperieren.

Zahlreiche Gäste waren der Einladung in den Flughafen gefolgt. Neben

einführenden Worten von Sabine Hübner (Gleichstellungsbeauftragte

im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie Brandenburgs),

Dr. Joachim Feske (UVBB), Dr. Udo Haase (Bürgermeister Schönefeld) und

Hartmut Mehdorn (Geschäftsführer des Flughafens Berlin-Brandenburg)

genossen die Gäste bei eindrucksvoller

Kulisse anregende Gespräche und kulinarische Köstlichkeiten.

W+M

Nadine Dillinger (VCAT Consulting, l.) und Annette

Mücke (Mercedes Airport Center Schönefeld).

Im Gespräch am Gate B30: Sabrina Seifert (DZ Bank), Michael Goldschmidt

(GSW Protect), Andreas Gröschl und Peter Krienelke (beide Teltower Stadtblatt)

sowie Petra Bode (Internetmarketingakademie) (v. l. n. r.).

Peter Weißenberg (Bereichsleiter

Regionalentwicklung Stadt Teltow),

Steffen Heller (Geschäftsführer

UVBB) und Dr. Burkhardt Greiff

(Vize-Präsident UVBB) (v. l.).

Netzwerken im

zukünftigen Boarding-Bereich.

Initiatorin Andrea Grandjean (r.) im Gespräch mit Simone

Lipski und Anke Politz (l.) vom Chamäleon Theater Berlin.

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60 | W+M Netzwerk

Die Gemeinde Feldheim

feiert im Oktober 2010 mit

Gästen aus Politik, Wirtschaft

und umliegenden Kommunen

die Einweihung des

„Energieautarken Dorfs

Feldheim“.

Feldheim versorgt sich komplett aus lokalen Energiequellen

2013 wurden 23 Prozent des Stroms in Deutschland regenerativ erzeugt. Ist gar eine Steigerung auf

hundert Prozent möglich? Zumindest die kleine brandenburgische Gemeinde Feldheim, ein Ortsteil

von Treuenbrietzen, hat das bewerkstelligt. Experten und Politiker aus fernen Ländern strömen dorthin,

um sich das Projekt anzusehen. Auch der VBIW nahm die Feldheimer Lösung unter die Lupe.

Von Rudolf Miethig (VBIW)

Feldheim. Siegfried Kappert, Mitglied des Fördervereins des Neue

Energien Forums Feldheim e. V., empfing die Gäste des VBIW und

beschrieb ihnen die Anlagen und wie es dazu kam, dass sich die

Gemeinde eine eigene Energieversorgung aufbaute. Zunächst habe

alles mit den 6.000 Ferkeln der Feldheimer Agrargesellschaft angefangen.

Die brauchten nach dem Absetzen von der Mutter auch im

Aufzuchtstall noch viel Wärme. Um sie zu erzeugen, errichtete die

Agrargesellschaft eine Biogasanlage mit einem Blockheizkraftwerk.

Bald fragten die Bewohner des Dorfes, ob nicht auch ihre Haushalte

mit Wärme aus der Anlage versorgt werden könnten. Und dann

wollten sie auch noch den Strom aus dem Windpark beziehen, den

die Energiequelle GmbH aus Kallinchen (Teltow-Fläming) in Feldheim

errichtet hatte und betreibt. Zusammen mit der Energiequelle

GmbH gründeten sie die Feldheim Energie GmbH & Co. KG, die Wärme

aus der Biogasanlage und Strom aus dem Windpark aufkauft und

an die Kommanditisten (Gewerbebetriebe und 37 Haushalte) weiterleitet.

Mit 3.000 Euro konnte sich jeder Feldheimer an der KG beteiligen

und Wärme und/

oder Strom aus den Energiequellen

vor Ort beziehen.

Dafür musste die KG

ein eigenes Wärme- und

Stromnetz aufbauen, da

Braucht

viel Wärme:

zu Beginn

der Aufzucht

etwa

28 Grad.

der bisherige Betreiber

des örtlichen Stromnetzes

E.ON Edis den Verkauf des

Stromnetzes an die Kommanditgesellschaft

verweigerte.

Feldheim wurde

zur bundesweit ersten Gemeinde, die Strom und Wärme zu 100

Prozent aus erneuerbaren Energien bezieht.

Auf dem Rundgang erfuhren die Teilnehmer weitere interessante Details.

Zunächst führte der Weg an einer E-Tankstelle vorbei. Nein,

leider hat bisher kein Einwohner ein Elektro-Auto. Im Windpark mit

einer Gesamtleistung von 74 Megawatt betrachteten die Teilnehmer

den Turm einer der 43 Windkraftanlagen von innen.

Letzte Station: die Biogasanlage. Das angeschlossene Blockheizkraftwerk

leistet 500 Kilowatt. Es erzeugt Strom auch bei Flaute

und fehlender Sonneneinstrahlung, der in das öffentliche Netz eingespeist

und gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet wird.

Gleichzeitig liefert es die Wärme (Heizung und Warmwasser) an die

Einwohner und Gewerbebetriebe der Kommanditgesellschaft. Die

Anlage wird beschickt mit Schweinegülle, Rindergülle, Maissilage

und Roggenschrot. Die Rückstände werden noch als Dünger verwendet.

An kalten Tagen wird eine zusätzliche Holzhackschnitzelheizung

zugeschaltet.

Die Besucher des VBIW zogen folgendes Fazit: Die Gemeinde ist unabhängig

von den großen Energielieferanten und von fossilen Rohstoffen.

Sie bezieht zwar den Strom von einem nicht-ortsansässigen

Energieerzeuger, der erzeugt ihn aber vor Ort in Feldheim, er

braucht ihn nicht über Fernleitungen zuzuführen. Die pflanzlichen

Rohstoffe, welche in der Biogasanlage vergoren oder als Hackschnitzel

verbrannt werden, gelten als klimaneutral, da sie bei ihrem Aufwuchs

soviel Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre binden wie sie

bei der Verbrennung abgeben. Daher nennt sich die Gemeinde völlig

zu Recht „energieautark“. Überdies scheint das Geschäftsmodell stabile

Energielieferungen zu langfristig verlässlichen Preisen zu gewährleisten.

In Feldheim kostet Strom 17 Cent pro Kilowattstunde.

Fotos: Wolfgang Lorenz, Petr Kratochvil/Wikimedia Commons, BASF/Rasche, Bernd Geller (VBIW)

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


VBIW | 61

VBIW-Sonderpreise für „Jugend forscht“

Den Sonderpreis des Regionalwettbewerbs Brandenburg/Ost des

Wettbewerbs „Jugend forscht“ übergab Manfred Kochan (VBIW) an

Richard Tambor, Merima Biogradlija und Merle Malou Tim vom Paulus-Praetorius-Gymnasiums

Bernau für ihr Projekt „Kein Interesse

an naturwissenschaftlichen und technischen Berufen! Kann ‚Schule’

gegensteuern?“. Die 18-jährigen Gymnasiasten wollten herausfinden,

was an den Schulen getan werden kann, um dem mangelnden

Interesse am Ingenieurberuf entgegenzuwirken.

Auf dem Regionalwettbewerb Brandenburg/West übergab Manfred

Fladrich (VBIW) drei 17-jährigen Schülern des Emil-Fischer-Gymnasiums

im SeeCampus Niederlausitz den VBIW-Sonderpreis. Anja

Hühne, Stefan Lehmann und Marco Oelmann begannen bereits 2012,

Informationen über Passivhäuser und deren Sparpotenzial zu sammeln.

Dabei standen zunächst Energieverbrauch und -kosten auf ihrem

Programm. Jetzt beschäftigten sie sich mit dem Wohlbefinden

der Nutzer des Schulgebäudes. In einem ersten Fazit optimierten sie

mit dem Haustechniker das Lüftungssystem, um Beschwerden wie

Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme und Müdigkeit zu minimieren.

Dieses Projekt wurde anschließend auf dem Landeswettbewerb erster

Preisträger im Fachgebiet Arbeitswelt.

Auf dem Landeswettbewerb in Schwarzheide erhielten Lukas Wogirz

und Markus Helbig (beide 17, Foto) vom Gauß-Gymnasium in Frankfurt

(Oder) den Sonderpreis des VBIW. Sie wurden auch zweiter Preisträger

im Fachgebiet Technik in der offiziellen Wertung. Ihr Projekt

heißt „Bau eines nachführbaren Photovoltaiksystems“. Dabei entwickelten

sie ein Panel, das um zwei Achsen, nämlich in Richtung

(Azimut) und Höhe (Elevation) der Sonne nachgeführt wird, um dessen

Effektivität zu steigern. Sie erkannten, dass dadurch der Flächenbedarf

eines Solarparks minimiert werden kann. Der VBIW unterstützte

die Schüler auch nachträglich durch die Vermittlung eines

Statikers, der die Standsicherheit eines solch schweren Gebildes

auf einem Dach überprüft. Auf der Festveranstaltung zum 20-jährigen

Bestehen des VBIW am 29. August 2014 werden Lukas Wogirz

und Markus Helbig ihr Projekt vorstellen. Jutta Scheer (VBIW)

VBIW besichtigt PCK Raffinerie Schwedt

Schwedt. Nach einer eindrucksvollen Rundfahrt durch die ausgedehnten

Betriebsanlagen informierte Verena Leschke aus dem Bereich

Standortentwicklung/Unternehmenskommunikation des PCK

die VBIW-Mitglieder über die Entwicklung des Unternehmens.

Es wurde 1958 als Erdölverarbeitungswerk Schwedt gegründet. Im

Dezember 1963 wurde die Rohöl-Pipeline aus der Sowjetunion angeschlossen.

1968 begann die Versorgung West-Berlins mit PCK-Kraftstoffen.

Ab 1970 wurde das Werk zum Petrolchemischen Kombinat

Schwedt erweitert. 1991 wurde es privatisiert. Heute gehört es der

Ruhr Oel GmbH, an der BP beteiligt ist, und dem russischen Staatskonzern

Rosneft. Daneben sind auch Shell, Eni (Agip) und Total beteiligt.

Das PCK ist das bedeutendste Unternehmen der Uckermark

und zählt zu den führenden Raffinerien in Europa.

In Schwedt werden jährlich rund zwölf Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet.

Dieses ist ein Gemisch aus Stoffen, das in Benzin, Dieselkraftstoff,

Kerosin, Flüssiggas, Heizöle und Bitumen aufgespaltet

wird. Dafür werden neben Destillationsanlagen unter anderem eine

FCC-Anlage (Fluid Catalytic Cracking), eine Visbreaker-Anlage (thermisches

Crackverfahren) und die weltweit einzige HSC-Anlage (High

Conversion Soaker Cracking) betrieben. Weiterhin dient eine Leichtbenzin-Veretherungsanlage

zur chemischen Einbindung von Bioethanol

in Benzin.

Bernd Geller (VBIW)

VBIW – Verein Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler e. V.

Landesgeschäftsstelle: Fürstenwalder Str. 46,

15234 Frankfurt (Oder), Tel.: 0335 8692151

E-Mail: buero.vbiw@t-online.de

Internet: www.vbiw-ev.de

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


62 | W+M Netzwerk

UV Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin

Lernen von der „Smart City“ Santander

UV Sachsen

Erfolgreiche Premiere

Der erste Sonntagsrenntag der

Sächsischen Wirtschaft auf der

Galopprennbahn Scheibenholz

in Leipzig war ein voller Erfolg.

Leipzigs Wirtschaftsbürgermeister

Uwe Albrecht, der Präsident

des Vereins „Gemeinsam für

Leipzig“, Dr. Mathias Reuschel,

und der Präsident des UV Sachsen,

Hartmut Bunsen, unterstützten

das Vorhaben, das Kulturdenkmal

im Herzen der Stadt

als einen Ort des gesellschaftlichen

Lebens zu etablieren.

Die Hafenstadt Santander liegt im Norden

Spaniens am Atlantik und zählt etwa

180.000 Einwohner. Das Besondere an der

Stadt sind nicht nur ihre touristischen Attraktionen

wie weitläufige Sandstrände,

Segel- und Surfreviere, sondern ihre Vernetzung

zur sogenannten „Smart City“.

Im Rahmen des gleichnamigen Projekts

hat die Stadt in den letzten Jahren rund

100 Kilometer Glasfaserkabel im Stadtgebiet

verlegt. Tausende von Sensoren,

in allen Ecken der Stadt, auf Laternen,

an Masten, Hauswänden und im Asphalt

messen tagein, tagaus

Licht, Druck, Temperatur,

Feuchtigkeit, Lärm und

Bewegung. Die unzähligen

gesammelten Daten

werden in einem dazu geschaffenen

Labor an der

Universität der Stadt gespeichert

und ausgewertet.

So lassen sich zeitnah

nicht nur Verkehrsströme

erfassen und lenken,

sondern auch Busse,

Taxis und Fahrzeuge zur

Ver- und Entsorgung zielgenau

einsetzen. Mittels einer eigenen

App werden für die Einwohner der City

zudem Verwaltungsprozesse, statistische

oder demografische Daten sowie Immobilienpreise

transparent. Im Rahmen der

jährlichen Study Visit des Projekts „Brücken

für Vielfalt und Beschäftigung in MV“

konnten sich Präsident Rolf Paukstat, Vizepräsident

Karl-Heinz Garbe, Geschäftsführer

Wolfgang Schröder und Projektmitarbeiterin

Anika Zahlmann bei einem Besuch

vor Ort ein Bild von der „Smart City“

machen.

Wir lieben Montage

Im Gespräch mit dem

Bürgermeister von Santander

Iñigo de la Serna (2. v. r.).

Das Unternehmergespräch des Verbands mit der

Deutsche Werkstätten Lebensräume GmbH in Dresden

stieß auf große Resonanz. Im Mittelpunkt des

Treffens unter dem Motto „We love Mondays – Personalmarketing

und Arbeitswelten“ stand die Frage,

wie in Zeiten von Fachkräftemängel und geburtenschwachen

Jahrgängen Mitarbeiter gewonnen

und gehalten werden können. Die Vermarktung des

Unternehmens bei potenziellen Mitarbeitern sowie

die Gestaltung der Arbeitswelt wurden dabei

als wichtige Ansätze ausgemacht. Einblick in das

spannende Thema gaben Katharina Kratsch (Deutsche

Werkstätten Lebensräume), Guido Rottkämper

(design2sense) und Ruben Hacker (FREYLER).

Termine

22.08.2014: 10:00 Uhr UV Business-Challenge, Golfpark

Strelasund, Kaschow 14, 18516 Süderholz

UV Brandenburg-Berlin

02.09.2014: 16:00 – 20:00 Uhr Landesarbeitskreis

Innovative Technologien: „Durch Innovationen in

Materialien und Fertigungsverfahren erfolgreich auf

dem Weltmarkt“, Gestamp Umformtechnik, August-

Thyssen-Straße 1, 14974 Ludwigsfelde

12.09.2014: 09:00 – 16:00 Uhr LogistikTag 2014,

Technische Hochschule Wildau, Bahnhofstraße 1,

15745 Wildau

24.09.2014: 18:30 – 20:30 Uhr BER Business Club

UV Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin

11.09.2014: 18:00 – 21:00 Uhr 22. Dampferrunde auf

dem Schweriner See, Weiße Flotte, Werderstraße 140,

19055 Schwerin

12.09.2014: 09:00 – 11:00 Uhr Unternehmerfrühstück

Nordwestmecklenburg, Stadtwerke Grevesmühlen,

Grüner Weg 26, 23936 Grevesmühlen

UV Rostock-Mittleres Mecklenburg

07.08.2014: 10:00 Uhr Hanse Sail Business Forum zum

Thema: „Grüne Technologien aus M-V für die Energiewende

in Europa“, Steigenberger Hotel Sonne, Neuer

Markt 2, 18055 Rostock

29.08.2014: 17:00 Uhr Sommerfest, Rostocker Freizeitzentrum,

Kuphalstraße 77, 18069 Rostock

03.09.2014: 18:00 Uhr Unternehmerlounge Rostock,

Hotel Sportforum, Kopernikusstraße 17A, 18057

Rostock

03.09.2014: 19:00 Uhr Stammtisch Güstrow, Weinhaus

„Im Hof”, Hageböcker Straße 4, 18273 Güstrow

UV Sachsen

26.08.2014: Sachsen Sail, Amsterdam, Edinburgh,

London

04.09.2014: 8:30 Uhr 3. Ostdeutsches Energieforum,

Hotel The Westin, Gerberstraße 15, 04105 Leipzig

06.09.2014: Myelin Projekt: „Olympisches Familienfest“,

SV Taper 06 e. V., Torgauer Straße 106, 04318

Leipzig

15.09.2014: Wirtschaftspolitischer Arbeitskreis der

Region Dresden, Restaurant Schillergarten, Schillerplatz

9, 01309 Dresden

UV Thüringen

25.09.2014: Betriebsbesichtigung N3 Engine Overhaul

Services GmbH & Co. KG, Gerhard-Höltje-Straße

1, 99310 Arnstadt

Veränderungen von Themen, Terminen und Ver anstaltungsorten

können nicht ausgeschlossen werden.

Foto: RegioVision Schwerin

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


Unternehmerverbände | 63

UV Rostock-Mittleres Mecklenburg

Kein Anlass zur Euphorie

Im Mai fanden sich die Mitglieder des Unternehmerverbands

Rostock-Mittleres

Mecklenburg zur ordentlichen Mitgliederversammlung

in der Sol Lounge in Rostock

ein. Verbandspräsident Frank Haacker eröffnete

die Veranstaltung mit einer Rede. Dabei

betonte er, dass trotz wirtschaftlichen

Aufschwungs und einer relativ niedrigen

Arbeitslosenquote kein Anlass zur Euphorie

besteht, da Bürokratieabbau, Mindestlohn,

Bildungspolitik und Wirtschaftsför-

UV Brandenburg-Berlin

Landtagsführung

70 Mitglieder und Gäste des Unternehmerverbands

nahmen an einer exklusiven

Führung durch den neuen Brandenburger

Landtag teil. Der Abgeordnete Hans-Peter

Goetz (FDP) zeigte den Besuchern das Gebäude.

Diese nutzten die Chance, einen

Blick hinter die barocke Fassade zu werfen

und auf den Stühlen des Plenarsaals Platz

zu nehmen. Zu den Geschäftszeiten ist der

Landtag für jedermann zugänglich, Ausstellungen

und Architektur können besichtigt

sowie der Blick von der Dachterrasse genossen

werden. Die Gäste der exklusiven Führung

des Unternehmerverbands konnten

zudem den Plenarsaal besichtigen und mit

dem Abgeordneten Goetz über die Landespolitik

diskutieren.

derung Themen sind, die noch nicht zufriedenstellend

gelöst wurden. Nachdem

Schatzmeisterin Anja Hausmann im Anschluss

die wirtschaftlichen und finanziellen

Verhältnisse des Verbandes vorgestellt

hatte, gab es Raum für Fragen und Diskussionen,

den die Mitglieder ausgiebig nutzten.

In den Abendstunden konnten dann

in gemütlicher Atmosphäre Gespräche geführt,

neue Kontakte geknüpft und das Buffet

genossen werden.

Zu Gast bei Siemens

Der Landesarbeitskreis Innovative Technologien

des Unternehmerverbands Brandenburg-Berlin

informierte sich über innovative

Lösungen für eine sichere Stromversorgung

im Schaltwerk Berlin der Siemens

AG. 1847 wurde Siemens in Berlin gegründet,

das Schaltwerk in Siemensstadt bereits

1918 erbaut. Die Grundlage für die

Erfolgsgeschichte des Schaltwerkes liegt

in der Forschung und Entwicklung. Moderne

Labore und Versuchsfelder sorgen

dafür, dass immer wieder neue Maßstäbe

für Effizienz und Wirtschaftlichkeit gesetzt

werden können. Das Schaltwerk hat rund

3.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete im

letzten Jahr einen Umsatz von über 700

Millionen Euro.

GESCHÄFTSSTELLEN

Unternehmerverband Berlin e. V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsstelle

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Frankfurter Allee 202, 10365 Berlin

Tel.: +49 30 9818500

Fax: +49 30 9827239

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Internet: www.uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg-Berlin e. V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle

Geschäftsführer: Steffen Heller

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: +49 355 22658

Fax: +49 355 22659

E-Mail: cottbus@uv-brandenburg-berlin.de

Internet: www.uv-brandenburg-berlin.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam

Jägerstraße 18, 14467 Potsdam

Tel.: +49 331 810306

Fax: +49 331 8170835

E-Mail: potsdam@uv-brandenburg-berlin.de

Repräsentanz Frankfurt Oder

Repräsentant: Detlef Rennspieß

Perleberger Straße 2, 15234 Frankfurt Oder

Tel.: +49 335 4007458

Fax: +49 335 4007457

E-Mail: detlef.rennspiess@signal-iduna.net

Unternehmerverband Norddeutschland Mecklenburg-

Schwerin e. V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsstelle

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Gutenbergstraße 1, 19061 Schwerin

Tel.: +49 385 569333

Fax: +49 385 568501

E-Mail: mecklenburg@uv-mv.de

Internet: mecklenburg.uv-mv.de

Unternehmerverband Rostock-Mittleres Mecklenburg e. V.

Präsident: Frank Haacker

Hauptgeschäftsstelle

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Wilhelm-Külz-Platz 4

18055 Rostock

Tel.: +49 381 242580

Fax: +49 381 2425818

E-Mail: info@rostock.uv-mv.de

Internet: www.uv-mv.de

Unternehmerverband Sachsen e. V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Geschäftsführer: Lars Schaller

Hauptgeschäftsstelle

Bergweg 7, 04356 Leipzig

Tel.: +49 341 52625844

Fax: +49 341 52625833

E-Mail: info@uv-sachsen.org

Internet: www.uv-sachsen.de

Geschäftsstelle Chemnitz

Repräsentantin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: +49 371 49512912

Fax: +49 371 49512916

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Semperstraße 2b, 01069 Dresden

Tel.: +49 351 8996467

Fax: +49 351 8996749

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e. V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Straße 130, 06258 Schkopau

Tel.: +49 345 78230924

Fax: +49 345 7823467

Unternehmerverband Thüringen e. V.

Präsident: Jens Wenzke

c/o IHK Erfurt – Abteilung Standortpolitik

Arnstädter Str. 34, 99096 Erfurt

Tel.: +49 361 4930811

Fax: +49 361 4930826

E-Mail: info@uv-thueringen.de

Internet: www.uv-thueringen.de

Unternehmerverband Vorpommern e. V.

Präsident: Gerold Jürgens

Geschäftsstelle

Geschäftsstellenleiter: Steffen Hellmuth

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: +49 3834 835823

Fax: +49 3834 835825

E-Mail: uv-vorpommern@t-online.de

Internet: vorpommern.uv-mv.de

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


64 | W+M Rückblick

Was macht eigentlich Waldemar Cierpinski, Doppelolympiasieger im

Marathonlauf 1976 und 1980?

Noch immer ein Marathonmann

Irgendwie hat es etwas Symbolisches, dass

es recht steil hinauf geht in das exklusive

Reich, in dem sich Lauffreaks aus ganz

Deutschland beraten lassen. Doch eine Rolltreppe,

wie sie dem ganzen Einkaufskomplex

an der Großen Ulrichstraße in Halle auch ihren

Namen gab, macht den Aufstieg erträglich.

Zudem heftet sich das Auge schnell

auf die beiden opulenten Fotoposter an der

Wand: Waldemar Cierpinski in Jubelpose –

einmal nach seinem olympischen Marathonsieg

1976 in Montreal, das andere Mal vier

Jahre später in Moskau. Neben ihm schaffte

dieses Husarenstück nur noch der Äthiopier

Abebe Bikila.

„Cierpinski Sport“ steht groß über dem

Ende der Rolltreppe. Oben angekommen, eröffnet

sich eine helle, weitläufige, behagliche

Sportartikelwelt, wie man sie von unten

so gar nicht vermutet. 1.300 Quadratmeter

materialisiertes Insiderwissen. Und

schon kommt einem auch der Chef entgegen:

schlank und leichtfüßig wie zu besten Marathonzeiten.

Natürlich trägt er Sportschuhe

zu den lässigen Jeans. „Ich bin ja auch noch

wenigstens viermal die Woche aktiv“, lacht

der Mann, der in seinem Läuferleben fast

sechseinhalb Mal den Äquator umrundet hat.

Schon seit 1989 ist Waldemar Cierpinski Unternehmer.

Zehn Mitarbeiter beschäftigt er

allein in seiner Cierpinski Sport GmbH in Halle

und Quedlinburg. Hinzu kommt ein zweites

Büro bei der Mitteldeutschen Marathon

GmbH, einer von ihm gegründeten und lange

geführten Marketingagentur, in der er nun

aber die Geschäftsführung an seinen ältesten

Sohn André übertrug. Denn der nun

auch schon 63-jährige Doppelolympiasieger

erschließt sich noch immer neue Aktionsfelder.

So betreut er trainingsmethodisch neben

weiteren Langstreckenassen auch seinen

mittleren Sohn Falk, der mit einer Bestzeit

von 2:13:30 h einer der talentiertesten deutschen

Marathonläufer ist. Er leitet in Halle

einen Lauftreff mit 150 Aktiven. Und er

kümmert sich als Organisator und Sponsorengeldeinwerber

um mittlerweile vier läuferische

Großereignisse im Großraum Halle-Naumburg-Bitterfeld-Leipzig.

Neben dem

Waldemar Cierpinski in seiner aktiven Läuferzeit.

Mitteldeutschen Marathon, der im September

bereits seine 13. Auflage erlebt, zählen

hierzu der Harz-Gebirgslauf im Oktober, der

Goitzsche-Marathon sowie der Himmelswege-Lauf

im Juni, benannt nach den steinzeitlichen

Fundstätten in Goseck und Nebra.

Letzterer scheint Cierpinski momentan am

meisten ans Herz gewachsen, wohl auch,

Fotos: Ralf Lehmann, Harald Lachmann, Privat

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


W+M Rückblick | 65

weil er als sein jüngstes Kind – erst 2012

ins Leben gerufen – noch der meisten Zuwendung

bedarf. Wegen der 100-Kilometer-

Strecke, über die es hierbei auf der längsten

von mehreren Distanzen geht, spricht er

auch von einem „Lauf der Heroen“. Zugleich

sieht er den Himmelswege-Lauf als wichtige

Plattform zur Förderung der regionalen

Wirtschaft. Denn begleitet wird dieser von

einer Sportartikelfachmesse. Auch er selbst

ist dann wieder mit auserwählten Produkten

präsent. Immerhin verdient er mit seinem

Sportfachunternehmen sein täglich‘ Brot,

derweil er zu den Laufevents eher noch zuschießt:

Zeit, Kraft und auch Geld.

Vom Trainer zum Geschäftsmann

Dabei stand diese geschäftliche Schiene nie

auf seiner Agenda, als Waldemar Cierpinski

1984 abzutrainieren begann. Er hatte an

der Deutschen Hochschule für Körperkultur

(DHfK) in Leipzig sein Diplom als Sportlehrer

gemacht, liebäugelte mit einer Karriere

als Trainer – und wurde zunächst auch einer

bei seinem Heimatklub SC Chemie Halle.

Vor Olympia 1988 betreute er zudem noch

die Marathonläufer anderer DDR-Klubs mit.

Das Angebot, Vorsitzender beim SC Chemie

zu werden, schlug er indes aus: „Ich wollte

keinen Sesseljob.“

Dann kam die Wende und für Cierpinski,

der da bereits in 35 Ländern die Struktur

von Leistungssport begutachtet hatte, die

schnelle Einsicht: Jetzt braucht es in den

Vereinen deutlich weniger Trainer. So verzichtete

er zugunsten von Walter Schmidt,

der ihn einst zu seinen Triumphen geführt

hatte, und orientierte sich entschlossen

gen Wirtschaft. Das Sportberatungszentrum,

das er nun nach dem Beispiel anderer

Spitzensportler im Westen aufbaute, war das

erste Sportfachgeschäft im Osten. Und es

lief gut, wuchs beständig. Der erste Standort

war mit 70 Quadratmetern schnell zu klein.

Waldemar Cierpinski greift in ein kleines Regal

neben einer Vitrine mit Hightech-Produkten

einer Weltmarke und holt einen japanischen

Laufschuh heraus. Erkennbar ist er

schon angejahrt. „Das war der erste Schuh,

den ich verkauft habe – und zwar genau einmal“,

schmunzelt er. Doch das änderte sich

schnell. Denn neben dem immer breiter und

differenzierter werdenden Angebot brachte

er etwas ein, was ihn von jedem Sportartikelverkäufer

meilenweit unterscheidet: Er

weiß wirklich, was Sache ist, wenn er seinen

Kunden Schuhe, Trikots oder sonstige Laufutensilien

empfiehlt und sie dazu gleich

noch zu richtiger Atemtechnik, Körperhaltung

oder Laufintervallen berät.

Und all das längst nicht nur in puncto Laufen.

Der Marathonmann ist auch temperamentvoller

Alpinskiläufer, leidenschaftlicher

Fußballer, erfahrener Tennisspieler.

Er besitzt eine europäische Trainerlizenz

in Nordic Walking und langjährige

Erfahrung in einem halben Dutzend weiterer

Sportarten. Und dort, wo er nicht so

tief drin steckt, etwa im Schwimmen („Das

mag ich nicht so“), hat er seine Mitarbeiter,

die dann entsprechend vom Fach sind. „Das

ist eben unser Markenzeichen: Wir wissen

aus tiefer Insiderkenntnis, wovon wir reden“,

so der Chef.

Auch hierbei glaubt Cierpinski, sich einiges

von seiner Leistungssportkarriere erhalten

zu haben: Neben Mut und Beharrlichkeit,

sich durchzubeißen und solch ein florierendes

Unternehmen aufzubauen (übrigens mit

Gattin Marita, die 1972 unter ihrem Mädchennamen

Politz bei Olympia über die 800

Meter startete), nennt er „rückhaltlose Ehrlichkeit“:

gegenüber dem Kunden wie gegenüber

sich selbst. „Man muss wissen, was

man kann, wo man steht und was man noch

verbessern muss“, sagt er. So arbeitete er

sich autodidaktisch in die Buchhaltung ein,

lernte mit der Zeit, „wirtschaftlich sauber“

einzukaufen. „Jeder sollte sich Zeit lassen,

aus anfänglichen Fehlern, die hierbei eben

passieren, zu lernen“, ist er sicher.

Eine Frage sei zum Schluss noch gestattet:

Benannten je junge Eltern ihren Sohn

Mit Stolz blickt Cierpinski auf seine erfolgreiche

Karriere zurück.

Cierpinski in seinem Sportfachgeschäft.

Waldemar“, wie es Heinz Florian Oertel 1980

im Reporterüberschwang geraten hatte?

Der Marathonmann lächelt: „Ja, von zwei

1981 geborenen Waldemars weiß ich es definitiv

... “

Harald Lachmann

www.wundm.info WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


66 | W+M Die letzte Seite

Ausblick auf die nächste Ausgabe

Wende und Aufbruch vor 25 Jahren

Die friedliche Revolution im Herbst des Jahres

1989 brachte das politische System in der

damaligen DDR zum Einsturz. Während die

Protestierenden, die sich vielerorts zu den

Montagsdemonstrationen trafen, anfangs

dafür eintraten, die Verhältnisse im „sozialistischen

Arbeiter-und Bauernstaat“ zu reformieren,

wurde schnell klar, dass dies aus

wirtschaftlich-finanzieller Sicht unmöglich

war. Und so wurde ein Jahr nach der politischen

Wende in der DDR die deutsche Wiedervereinigung

vollzogen. Für viele der 16

Millionen Ostdeutschen ging die deutsche

Einheit mit einem Bruch ihrer Berufsbiografie

einher. Die ehemals volkseigenen Betriebe

und Kombinate wurden abgewickelt, ganze

Branchen starben und große Teile der DDR-

Elite landeten auf dem beruflichen Abstellgleis.

Viele Ostdeutsche nutzten den Karriereknick,

um völlig neu durchzustarten. Sie

machten sich selbständig, wurden Unternehmer,

investierten in Ideen, Technologien

und Anlagen. Die kommende Ausgabe von

WIRTSCHAFT+MARKT widmet sich schwerpunktmäßig

dem Thema „25 Jahre Wende in

der DDR“ und stellt stellvertretend für viele

tausend Neu-Unternehmer 25 Persönlichkeiten

vor, die die Ärmel hochgekrempelt und

mit ihrer Geschäftsidee Erfolg haben oder

sich mit ihrem Wirken für die Entwicklung

der Wirtschaft in den neuen Bundesländern

eingesetzt haben.

Die nächste Ausgabe von

WIRTSCHAFT+MARKT erscheint am

25. September 2014.

Personenregister

Albrecht, Uwe 62

Arnold, Frank 54

Bauermeister, Ulrich 7

Baumeister, Roy 54

Belfort, Jordan 54

Bergner, Martin 57

Bikila, Abebe 64

Billen, Gerd 57

Biogradlija, Merima 61

Bode, Petra 59

Bormann, Michael 50

Brauksiepe, Ralf 58

Bremer, Hans-Dieter 7

Bretthauer, Berit 9

Bunsen, Hartmut 38, 62

Carius, Christian 18

Cierpinski, André 65

Cierpinski, Falk 64

Cierpinski, Marita 65

Cierpinski, Waldemar 64/65

Czernomoriez, Olaf 6

de la Serna, Iñigo 62

de Maizière, Lothar 6

Diener, Jens-Mathias 39

Diestel, Antje 6

Diestel, Peter-Michael 6

Dillinger, Nadine 59

Ehlers, Henning 57

Evers, Stefan 58

Fajnor, Vica 22/23

Fern, Oliver 57

Ferris, Timothy 54

Feske, Joachim 59

Fettweis, Gerhard 7

Fischer, Tina 56

Fladrich, Manfred 61

Friederici, Iris 59

Friedrich, Marc 54

Garbe, Karl-Heinz 62

Gebauer, Peter 6

Geisler, Joachim 42

Gleicke, Iris 40

Goetz, Hans-Peter 63

Goldschmidt, Michael 59

Gräber, Roland 47

Gräff, Christian 9

Grandjean, Andrea 59

Greiff, Burkhardt 59

Gröschl, Andreas 59

Gysi, Gregor 6

Haacker, Frank 63

Haase, Udo 59

Hacker, Ruben 62

Hadaschik, Gerald 46/47

Happich, Gudrun 55

Hatakka, Tuomo J. 42

Hatje, Holger 58

Hausmann, Anja 63

Hebestreit, Sigrid 57

Heisinger, Frank 57

Helbig, Markus 61

Heller, Steffen 59

Hendricks, Barbara 40

Heuchert, Karsten 26/27, 40

Hirte, Michael 56

Höhn, Uwe 18

Hoppe, Annekathrin 23

Höppner, Reinhard 7

Hübner, Sabine 59

Hühne, Anja 61

Jeworrek, Torsten 9

Jung, Burkhard 27

Kahnemann, Daniel 54

Kappert, Siegfried 60

Karnath, Wolfgang 58

Klippstein, Markus 12

Kochan, Manfred 61

König, Eike-Jens 57

Kopp, Markus 7

Kotschi, Jürgen 57

Kotzan, Uwe 18/19

Kratsch, Katharina 62

Krey, Christian 10

Krienelke, Peter 59

Kühmstedt, Thomas 8

Kuhn, Werner 8

Kurtzke, Christian 20/21

Kurz, Jürgen 55

Lambusch, Thomas 7

Lamprecht, Anke 7

Lehmann, Robert 35

Lehmann, Stefan 61

Leschke, Verena 61

Lewis, Michael 54

Lieberknecht,

Christine 3, 28-32

Liebing, Jean 58

Lindemann, Hartmut 23

Lipski, Simone 59

Mangold, Anna 12/13

Mansfeld, Marcel 13

Medwedjew, Alexander 26

Mehdorn, Hartmut 59

Menges, Kathrin 9

Merkel, Angela 8, 28, 31/32

Merkel, Stephan 47

Mücke, Annette 59

Müller, Corinna 23

Nahles, Andrea 36

Nari, Ambrose Peter 12

Oelmann, Marco 61

Oertel, Heinz Florian 65

Oettinger, Günther 42

Oliva, Jens 57

Paukstat, Rolf 62

Piketty, Thomas 54

Plattner, Hasso 56

Platzeck, Matthias 56

Politz, Anke 59

Ragnitz, Joachim 16/17, 35

Reichel, Andreas 39

Reuschel, Matthias 62

Rodestock, Bodo 27

Rohde-Göhring, Birgit 59

Rothe, René 57

Rottkämper, Guido 62

Russ, Steffen 50/51

Sanders, Heiko 27, 42

Scharner, Jens Aurel 7

Schirmer, Brigitte 7

Schirmer, Matthias 7

Schlegel, Sirko 7

Schmidberger, Jürgen 6

Schmidt, Walter 65

Schöning, Gregor 58

Schröder, Wolfgang 62

Schucht, Boris 40, 42, 44/45

Schultz, Birgit 58

Schultze-Berndt,

Jürn Jakob 58

Schulz-Strelow, Monika 37

Schwarz, Stephan 58

Schweitzer, Eric 37

Seifert, Sabrina 59

Sell, Helge 46/47

Srivastava, Ravi 12

Stars, Hauke 9

Stefanovic ´ , Miloš 56

Stehr, Nico 57

Stein, Andreas 13

Stenger, Tillmann 10/11

Subkow, Wiktor A. 56

Tambor, Richard 61

Tesch, Gernot 7

Thiel, Oliver 10

Tierney, John 54

Tillich, Stanislaw 20, 27, 39, 44

Tim, Merle Malou 61

Topf, Wolfgang 38

Unland, Georg 21

van Winsen, Jos 22

von Boeselager,

Claudia 12/13

von Dohnanyi, Klaus 34

Walkenhorst, Ralf 54

Warmbier, Ronald 58

Weber, Clemens 57

Weber, Wolfgang 58

Wehrle, Martin 54

Weik, Matthias 54

Weißenberg, Peter 59

Weyer, Frieda 21

Winkel, Mike 9

Wittberg, Volker 48

Wittke, Jürgen 58

Wogirz, Lukas 61

Woidke, Dietmar 56

Wolf, Frank-Oliver 48

Wollseifer, Peter 58

Zahlmann, Anika 62

Zeibig, Jürgen 36

Zschiedrich, Klaus 9

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014


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68 | W+M Länderreport

WIRTSCHAFT+MARKT | 4 / 2014

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