24.03.2014 Aufrufe

WIRTSCHAFT+MARKT Stabwechsel dringlich (Vorschau)

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 23. Jahrgang ■ Juli/August 2012 ■ Preis: EURO 3,50

Wirtschaft&Markt

Wirtschaft&Markt

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN

EXTRA:

•WAGNISKAPITAL

•INNOVATIONSTAG

Sachsen Bank-Chef Pfab zum Mittelstand:

Stabwechsel dringlich


Mittelstandsbank

Näher dran

am Mittelstand

Kontinuität in der

Kreditversorgung

Die aktuellen Anforderungen der Finanzaufsicht an die Eigenkapitalquoten der Banken erfüllen wir aus

eigener Kraft mit einem Maßnahmenpaket, das in vielen Bereichen Veränderungen bringt. Aber eines

bleibt, wie es ist: die zuverlässige und bedarfsgerechte Finanzierung des deutschen Mittelstands!

Unsere mittelständischen Unternehmen sind der wichtigste Träger der deutschen Wirtschaftskraft.

Ihre Versorgung mit Liquidität ist das, was die Mittelstandsbank der Commerzbank im Kern ausmacht.

Daran werden wir nicht rütteln. Wir stehen Ihnen weiter zur Verfügung!

www.commerzbank.de/firmenkunden

Gemeinsam mehr erreichen


EDITORIAL

Der letzte Sommer

HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

keine Ahnung, ob es in diesem Sommer

wieder die hübschen Bilder unserer bergwandernden

Bundeskanzlerin aus Südtirol

gibt. Merkel & Messner. Ein Traumpaar.

Sie könnten sich wieder ihre Gipfelfotos

zeigen. Reinhold Messner die alten

vom Mount Everest, K2 und Kangchendzönga,

Angela Merkel die neuen vom

G20-, Vierer- und EU-Gipfel.

Man kann ihr nur wünschen, dass es

in diesem Jahr ein paar Tage mehr in Dolomiten

oder sonst wo werden als 2011,

als nach einer Woche Schluss war. Die

Opposition verlangte in vergangenen

Jahr, dass die Kanzlerin den Euro retten

sollte. In Berlin und Brüssel, nicht in

dem Suldener Hotel, von dem aus sie mit

Berlusconi und Sarkozy telefonierte.

Unterdessen haben sich Italiener und

Franzosen die beiden gespart und im

nächsten Spätsommer oder Frühherbst

entscheiden die Deutschen, ob ihre Sparkommissarin

in die Verlängerung darf.

Es wird also 2013 ein sehr kurzer Sommer

für Merkel, womöglich der letzte für

sie als Bundeskanzlerin.

Sehr zum Leidwesen meiner Frau. Sie

ist mit Blick auf die politischen Konkurrenten

ein bekennender Merkel-Fan. Wegen

der entschlossenen Energiewende

und weil diese Kanzlerin nicht posiert,

klug und verlässlich scheint und verständlich

spricht. Sie ist der ruhende Pol

in hektischer Zeit und verliert höchstens

mal im Fußballstadion die Contenance.

Man muss kein Union-Anhänger sein,

um zuzugestehen, dass es der Vorsitzenden

gelingt, den Eindruck zu vermitteln,

als habe sie den Blick von oben, den

Gipfelblick, den Überblick. In ihrer Ruhe

liegt die Kraft. Apropos, so beliebt bei

den Deutschen wie Angela Merkel (CDU)

ist nur Hannelore Kraft (SPD), die nordrhein-westfälische

Ministerprädidentin.

Schlichtheit und Strenge der Kanzlerin

schaffen Vertrauen. Und ganz unzweifelhaft

ist Vertrauen das allergrößte

Kapital in dieser Zeit.

Immer mehr Menschen in Deutschland

schwant, dass die nahe Zukunft

turbulent wird, dass Energiewende und

Euro-Rettung mächtig ins Geld gehen.

Und gerade Merkel verkörpert – paradoxerweise?

– die Hoffnung, dass das europäische

Abenteuer glimpflich ausgeht.

Genießen wir also diesen Sommer, der

Herbst könnte ungemütlich werden. Für

mich selbst dürfte es anders kommen:

Strapazen im Sommer, Erholung im

Herbst. Denn meine Frau will wie Merkel

in die Berge, mit mir sogar die Alpen

überqueren. Auf dem Fahrrad. Das

freundliche Angebot, sie mit dem Auto

zu begleiten, hat sie abgelehnt. Frauen!

Herzlichst


4. Messe für

GENUSS,

LEBENSART

UND AMBIENTE

SCHIRMHERRIN

Karin Genrich

Präsidentin des Handelsverbandes

Berlin-Brandenburg

ÖFFNUNGSZEITEN

3.11.: 11-20 Uhr

4.11.: 11-18 Uhr

EINTRITT

8 € (Tageskarte)

5 € (ermäßigt)

Ihr

3.-4.


FULL

SERVICE

=

MEHR

WERT

Mehr für Ihr Kapital: die Full-Service-KAG.

Nutzen Sie mit uns die gesamte Wertschöpfungskette entlang

der Aktivseite Ihrer Bilanz. Von der Administration Ihrer Spezialfonds

und Direktanlagen über die strategische und taktische Asset-

Allocation-Beratung mit Risiko-Overlay bis zum Meldewesen.

Mehr über unsere Expertise als Full-Service-KAG unter

helaba-invest.de

Master-KAG Rating

Exzellent

1+

2011

Excellent


INHALT

WIRTSCHAFT & MARKT

im Juli/August 2012

INTERVIEW REPORT SERIE

SEITE 14

SEITE 36

MINISTERIN BIENKOWSKA, POLEN:

Deutsche profitieren stark von EU-Förderung

ABWANDERER PLAGT HEIMWEH:

Ossis kommen wieder zurück in den Osten

MARKEN-MACHER-MÄRKTE:

Messeprojektchef Hartmut Bunsen

SEITE 58

Editorial

Aktuell

3

6

Der letzte Sommer

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum

Wirtschaft und Politik

Report

TITEL

10

14

30

PROF. HARALD R. PFAB, Vorstandsvorsitzender der Sachsen Bank in Leipzig, über flexible

Mittelständler, ältere Unternehmer, den Euro und nationale Fiskalpolitik

RÜCKKEHR AUS DEM WESTEN: Ossis auf Heimwegen

FACHKRÄFTESICHERUNG IN BRANDENBURG: Randregionen stärken sich für die Zukunft

Fotos: T. George, V. Kühne

Bericht

Serie

Porträt

Interview

W&M-Service

Verbands-News

W&M-Automobil

Tourismus

Ständige Rubriken

W&M-Privat

Kolumnen

18

28

38

41

42

20

58

26

40

55

36

44

52

54

56

62

64

34

60

INNOVATIONSTAG 2012: Prickelnder Sanddorn

P+S WERFTEN GMBH: Verpatzter Umstieg auf Spezialschiffbau

OFFSHORE WINDENERGIE: Maritimer Schulterschluss

UNTERNEHMERTREFFEN AM TEMPLINER SEE: Gefragte Kooperationsbörse in Grün

KARLS ERLEBNIS-DORF: Familienspaß in Erdbeer

LÄNDERREPORT INNOVATION: Sachsen

MARKEN-MACHER-MÄRKTE: MP-Chef Hartmut Bunsen –

Netzwerker zwischen Leipzig und Hyderabad

REISEVERANSTALTER DIAMIR: Gipfel geschäftlichen Erfolgs erklommen

SCHWINGUNGS DIAGNOSE SERVICE GMBH: Am lauten Puls der Maschinen

HEINRICH-BECK-INSTITUT MEININGEN: Superhelles Licht

ELSBIETA BIENKOWSKA, polnische Ministerin für Regionale Entwicklung,

zur EU-Förderung: Deutsche profitieren am stärksten

Recht, Geld, Versicherungen, Multimedia

VBIW: Zielort Flughafen

NEUFAHRZEUG IM TEST: Kia Ceed

BRÜCKENTINSEE: Tauchen gestattet

UV-AKTUELL: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden

Bücherbord, Leute & Leute, Leserbriefe

HEINER FLASSBECK: Berlin – eingemauert

KLAUS VON DOHNANYI: Die vergessene Erfahrung

Inhalt

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 5


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (1), Archiv

INTERVIEW

KLAUS-DIETER

LICHT,

Vorstandsvorsitzender

der Investitionsbank

des Landes

Brandenburg (ILB)

Aus eigener Kraft

W&M: Herr Licht, bewilligte Kredite

und Zuschüsse von über 1,1 Milliarden

Euro, die Bilanzsumme stieg

von 12,1 auf 13 Milliarden Euro, der

Jahresüberschuss von 5,9 auf 11,2

Millionen Euro – die Bilanz 2011 der

ILB gibt Anlass zu Optimismus?

LICHT: Inmitten der europäischen

Schulden- und Finanzkrise

haben wir uns geschäftlich

sehr gut behauptet. Die ILB ist

gewachsen, konnte das Ergebnis

erneut steigern und hat ihr

Eigenkapital aus eigener Kraft

gestärkt. Unser Förderangebot

wurde von den Unternehmen,

den Kommunen und im Wohnungsbau

voll ausgeschöpft.

W&M: Wie verteilt sich das?

Mehr als die Hälfte der Fördermittel

ging 2011in das Geschäftsfeld

Wirtschaft, 32 Prozent in

die Infrastruktur, 14 Prozent in

den Wohnungsbau.

W&M: Seit 2007 führt die ILB die

Marke Brandenburg-Kredit. Mit welchem

Erfolg?

LICHT: Es wurden 2.900 Brandenburg-Kredite

ausgegeben. Im

Gesamtvolumen von 1,2 Milliarden

Euro, zinsverbilligt aus Mitteln

unseres Förderfonds.

W&M: Und Ihr Eigenkapital?

LICHT: Wir haben frühzeitig begonnen,

die steigenden Eigenkapitalanforderungen

für Banken

aus eigener Kraft zu erfüllen.

Unser bilanzielles Eigenkapital

wurde 2011 um 125 Millionen

Euro erhöht. 25 Millionen stammen

aus dem Ergebnis des Geschäftsjahrs

2011.

W&M: Wie sehen Sie in die Zukunft?

LICHT: Wir wollen mit eigenen

Erträgen in die Zukunft des Landes

investieren und entwickeln

dafür neue ILB-Produkte. Eines

davon heißt Brandenburg-Kredit

Erneuerbare Energien. Es wurde

am 1. Juni gestartet.

Interview: Peter Jacobs

Investitionen

Chemieparks boomen

Die chemische Industrie Ost beschäftigt 55.000

Mitarbeiter und legt gegenüber dem Westen zu.

Auf mehrere Hundert

Millionen summieren

sich im laufenden

Jahr 2012 die Investitionen

für die ostdeutschen Chemieparks

Bitterfeld-Wolfen, Leuna,

Schkopau/Böhlen, Zeitz

und Schwarzheide. Angaben

des Branchenverbandes VCI

zufolge haben mehr als 600

Schlaues Füchslein

TRADITIONSMARKEN

Es war schlau von den Entscheidern

in Düsseldorf, den Namen

Spee nicht zu entsorgen, als

sie im Wendejahr 1990 das

einst von Henkel gegründete

und zu DDR-Zeiten volkseigen

geführte Waschmittelwerk in

Genthin zurückkauften. Sie

taten das Gegenteil: Am Tag der

Währungsunion präsentierten

sie ein gemeinsam

in Genthin

und Düsseldorf

entwickeltes,

völlig neues Spee, versehen

mit einem Fuchs und dem

Spruch »Die schlaue Art zu

waschen«. Das Werk in Genthin

existiert seit 2009 nicht mehr,

aber die dort geborene Marke

Spee besetzt heute Platz drei

auf dem gesamtdeutschen

Waschmittelmarkt.

KREDITVERTEILUNG

Der Online-Kreditmarktplatz smava ermittelte, in welchen

Bundesländern die meisten Kredite aufgenommen werden.

Berlin: 7,49%

Sachsen: 4,49%

Brandenburg: 3,15%

Thüringen: 2,06%

Sachsen-Anhalt: 1,97%

Mecklenburg-Vorpommern: 1,51%

Nordrhein-Westfalen: 18,93%

Bremen: 0,72%

Quelle: smava.de

Unternehmen seit Mitte der

90-er Jahre an diesen Standorten

bereits 17 Milliarden Euro

investiert. Die Zahl der Arbeitsplätze

stieg im vorigen

Jahr auf knapp 55.000 und

verzeichnete einen Zuwachs

von 11,5 Prozent gegenüber

dem bundesweiten Durchschnitt

von 3,3 Prozent.

Heimattreues Bier

Kronenkorkenjagd – mit

diesem nach Abenteuer

schmeckenden Reizwort

macht die vogtländische

Brauerei aus Steinberg-

Wernesgrün ihrerseits Jagd

auf durstige

Sommerkundschaft.

120 Fundstücke

lassen

sich in

ein Fünf-

Liter-Party-Fass eintauschen.

Schon zu DDR-Zeiten war die

Biermarke Wernesgrüner ein

Export-Renner. Seit 2002

brauen die Vogtländer unter

dem Dach der Bitburg-Gruppe

und liefern bis Australien.

Heimattreue bleibt dennoch

angesagt. Die GmbH ist

Hauptsponsor der Fußball-

Landesliga, die man Wernesgrüner

Sachsenliga nennt.

BERLIN FÜHRT, gemessen an der Einwohnerzahl. Es folgen Sachsen

und Hamburg. Absoluter Spitzenreiter ist jedoch Nordrhein-Westfalen,

auf das fast 19 Prozent der aufgenommenen Kredite entfallen.

AUS DEN LÄNDERN

Sachsen

Die Zahl der Firmenzusammenbrüche

in Sachsen ist im ersten

Quartal dieses Jahres deutlich

gesunken. 391 Unternehmer

mussten zum Insolvenzgericht –

23,2 Prozent weniger als ein Jahr

zuvor. Auf 10.000 Unternehmen

kamen 27 Pleiten. Im Bundesdurchschnitt

waren es 24.

Mehrere Mitteldeutsche Bildungseinrichtungen

haben ein Netzwerk

für den Automotive-Bereich gegründet.

Die AMZ-Akademie bündelt

Angebote für die effektive Weiterbildung

von Fach- und Führungskräften

mittlerer Firmen. Projektträger

ist die RKW Sachsen GmbH.

Sachsen-Anhalt

Fast 3.000 Jugendliche in Sachsen-

Anhalt beteiligten sich seit 2009

an dem Qualifizierungsprogramm

STABIL. Auf diese Weise konnten

sie unter fachlicher Anleitung an

ihrem jeweiligen Wohnort lernend in

einem Produktionsprozess tätig

werden. Das Angebot richtet sich

insbesondere an junge Arbeitslose

ohne Schulabschluss oder ohne

Ausbildungsplatz. 40 Prozent der

Teilnehmer konnten bisher eine

sozialversicherungspflichtige

Beschäftigung aufnehmen.

Brandenburg

Das Brandenburger Statistikamt

prognostiziert für die kommenden

20 Jahre eine Zunahme der Einwohnerzahl

um 44.000 Menschen

im so genannten Speckgürtel rund

um Berlin. Landesweit müsse

jedoch mit einem weiteren Verlust

von etwa 250.000 Einwohnern

gerechnet werden.

Die Universitäten Potsdam, Cottbus

und Frankfurt (Oder) betreiben seit

sechs Jahren das Projekt Mentoring

für Frauen – Gemeinsam Zukunft

gestalten. Seit 2004 konnten

183 Studentinnen in ihrer Studienabschlussphase

beim Übergang

in den Beruf und in ihrer Karriereplanung

unterstützt werden.

70 Prozent der Teilnehmerinnen

schafften den Berufseinstieg in

der Region.

Mecklenburg-

Vorpommern

Investitionsvorhaben der gewerblichen

Wirtschaft in Mecklenburg-

Vorpommern wurden seit 2007 mit

rund 512 Millionen Euro Zuschüssen

unterstützt. Für Infrastrukturmaßnahmen

zugunsten kleinerer

und mittlerer Unternehmen standen

215 Millionen Euro bereit.

6 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


AKTUELL

WIRTSCHAFTSBILD

DES MONATS

BRIEF AUS BRÜSSEL

Von THOMAS HÄNDEL,

Europaabgeordneter

Die Linke

Begräbnis erster Klasse

Die Befürworter des EU-Fiskalpakts

bedienen sich eines

Märchens und gefährden die

europäische Demokratie.

AUF DEM DACH EINER MEHRZWECKHALLE in Gräfinau-Angstedt bein Ilmenau genießt ein Solarkontrolleur

die Sommersonne auf seine Weise. Der Freistaat Thüringen wehrt sich energisch gegen die vom

Bundesumweltministerium vorgesehene Kürzung der Förderung der Solarindustrie und geht dabei den

neuen Bundesländern voran. Mit gutem wirtschaftlichen Grund: Das Bundesland erstrebt die Entwicklung

zu einem der weltweit wichtigsten Solarindustriestandorte. Die gesamte Wertschöpfungskette vom Wafer

bis zum Solarmodul wird von der einheimischen Industrie abgedeckt. Unternehmen wie Bosch, SCHOTT,

Solar und Crystalox gehören zur Weltspitze. Forschungsarbeit und Unternehmergeist gehen Hand in Hand.

In Erfurt wurde die größte kristalline Silizium-Solarzelle der Welt entwickelt.

KONJUNKTUR-BAROMETER

Bedenkliche Auskünfte vom Förderatlas

Von DR. HERBERT BERTEIT

Berlin gilt neuerdings als forschungsstärkste

Region Deutschlands. Das jedenfalls weist der

neue Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft

(DFG) aus. 630 Millionen Euro

stehen in den letzten drei Jahren für Berlin

auf der DFG-Einwerbeliste. Da bleibt selbst

München zurück (586 Millionen). Die Region

Dresden/Leipzig/Chemnitz/Freiberg erreicht

mit rund 260 Millionen Euro immerhin noch

einen mittleren Platz. Ganz am Ende rangieren

die Hochschulen und wissenschaftlichen

Forschungseinrichtungen der Bundesländer

Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und

Mecklenburg-Vorpommern.

Das stimmt bedenklich. Denn die Forschungsleistungen

von Hochschulen und wissenschaftlichen

Instituten schaffen Voraussetzungen für

Innovationen in Unternehmen und in der Gesellschaft.

Sie bilden die Schlüsselfaktoren für

Wachstum und Beschäftigung. Die Zahlen im

Förderatlas belegen, dass die Rolle der Drittmittel,

die nicht aus den Ländern stammen, in

denen die Forschungseinrichtungen ansässig

sind, an Bedeutung gewonnen haben. Seit

1998 haben sich diese von 2,5 Milliarden auf

5,3 Milliarden Euro pro Jahr mehr als verdoppelt.

Fast 90 Prozent gehen an Hochschulen,

der Rest an außeruniversitäre Einrichtungen.

Auf Platz drei steht die FU Berlin, auf Platz

acht die Humboldt-Universität. Aus den neuen

Bundesländern sind unter den ersten 45 jedoch

nur die Technische Universität Dresden

auf dem 13. Platz, die Universität Jena als 31.

und die Universität Leipzig als 38. zu finden.

Für die meisten Hochschulen in Brandenburg,

Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern

scheinen die Erfahrungen beim Einwerben von

DFG-Fördermitteln nicht auszureichen. Deshalb

brauchen sie Ideenaustausch. Zum Beispiel

auf einer Kultusministerkonferenz. Oder auf

einem Innovationstag des Bundesministeriums

für Wirtschaft und Technologie.

Mit diesem Vertrag von 25 der

27 Mitgliedstaaten der EU sollen

diese verpflichtet werden, in

ihren nationalen Verfassungen

oder an anderer geeigneter

Stelle drastische Schuldenbremsen

zu verankern.

Damit wird das Märchen, die

europäische Krise sei eine Krise

der Staatsfinanzen, gewissermaßen

in Verfassungsrang erhoben.

Bei Zuwiderhandlung gegen

diese Verpflichtung oder gegen

die Schuldenbremsen sollen

quasi-automatische drakonische

Strafen den jeweiligen Sünder

zur Räson bringen. Dieser Vertrag

jedoch ist aus mehreren

Perspektiven völlig inakzeptabel.

Erstens wurde er ohne Beteiligung

der einzigen wirklich

demokratischen Institution auf

europäischer Ebene, dem Europäischen

Parlament, durchgedrückt,

wo er keine Mehrheit

gefunden hätte. Zweitens ist der

Vertrag durch einzelne Mitgliedstaaten

nicht kündbar. Damit

werden gegenwärtige wie zukünftige

Regierungen und Parlamente

ihrer Haushaltshoheit

beraubt. Und drittens wird so

getan, als müssten die Staaten

einfach nur sparen und alles ist

wieder gut. Dass wir es nach wie

vor mit den Folgen der Finanz-,

besser Spekulationskrise zu tun

haben, soll tunlichst unter den

Teppich gekehrt werden. Dem

werden wir uns weiter entgegen

stellen. In Deutschland ebenso

wie auf europäischer Ebene.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 7


AKTUELL

KURZ NOTIERT

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN

GRÜNDERPREIS

Champions

gesucht

Die KfW-Bank vergibt 2012

erneut den Titel »Gründer-

Champion« an erfolgreiche

junge Unternehmen.

Bei der Auswahl wird besonderer

Wert auf kreative und

nachhaltige Geschäftsideen

gelegt, die einen gesellschaftlichen

Mehrwert schaffen.

Auch die Schaffung und der

Erhalt von Arbeits- und Ausbildungsplätzen

sowie die

Wahrnehmung sozialer

Verantwortung und umweltbewusstes

Handeln haben

Einfluss auf die Bewertung.

Der KfW-Award »Unternehmen

GründerChampions« prämiert

in jedem deutschen

Bundesland ein Unternehmen,

das nicht länger als fünf Jahre

besteht und sich erfolgreich

am Markt behauptet. Die

16 Landessieger qualifizieren

sich zusätzlich für den Preis

des Bundessiegers. Dieser wird

in drei Kategorien vergeben:

Innovation, Gesellschaftliche

Verantwortung und Kreativwirtschaft.

Die Bewerbung ist

bis zum 1. August möglich.

ROHSTOFFSUCHE

Öl vom Schwielochsee

Auf der Suche nach Erdöl ist die

deutsch-kanadische Gesellschaft CEP in

Ostbrandenburg auf eine ungewöhnlich

große Lagerstätte gestoßen.

In der Nähe des Schwielochsees lagern in

etwa 3.000 Meter Tiefe vermutlich 15 Millionen

Tonnen Erdöl. Fünf Millionen Tonnen

gelten als förderfähig. Das hätte nach gegenwärtigen

Preisverhältnissen einen Marktwert

von drei Milliarden Euro. Die Lagerstätte

war seit DDR-Zeiten bekannt, jedoch

nicht mit diesem Ausmaß. Aus einem

kleineren Feld bei Küstrin-Kietz werden

derzeit jährlich 20.000 Tonnen gefördert.

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER

Ein Maschinenbauer, der

Fraunhofer-Präsident wird

ELEKTROMOBILITÄT

250 neue Ladepunkte

Im Rahmen des Projekts SaxMobility II will

Sachsen einheitliche Zugangs- und Abrechnungssysteme

schaffen und diese mit dem

örtlichen Personennahverkehr verknüpfen.

Dafür sollen 250 zusätzliche Ladepunkte errichtet

werden. Fahrscheine und Informationen

können schon heute über Smartphone-Applikationen

und Portale gebucht werden. Diese

Variante des Kundenzugangs

soll es

in Zukunft ermöglichen,

eine kostengünstige

Ladeinfrastruktur

für

Elektrofahrzeuge

zu installieren.

Zusammen mit

Bayern erhielt der

Freistaat Sachsen

kürzlich den

Zuschlag für ein

Schaufenster

Elektromobilität.

Gemeinsam rechnen beide Freistaaten mit

einem Markt für 250.000 Elektrofahrzeuge.

Eine Sprachschulchefin, die

ein Berliner Stadtbad kaufte

Fotos: DPA/Zentralbild (5), privat,

FACHKRÄFTE

Erleichterung

für Zuwanderer

Das Dresdner Betreuungsprojekt

Akzess für ausländische

Fachkräfte wird auf

weitere Städte ausgedehnt.

Akzess ist im Kern eine Verwaltungsvorschrift,

welche die

Arbeitsweise von Ausländerbehörden

bei der Erteilung von

Aufenthaltsgenehmigungen

vereinheitlicht. Eingebunden

sind die Arbeitsagentur und

Verbände. Ziel ist es, Einreise

und Aufenthalt ausländischer

Fachkräfte in Sachsen zu erleichtern

– vom Facharbeiter

über Forscher und Selbstständige

bis zu Doktoranden

von Hoch- und Fachschulen.

REIMUND NEUGEBAUER (59), BARBARA JAESCHKE (55),

gelernter Maschinenbauer aus

Esperstedt am Kyffhäuser, tritt

am 1. Oktober die Präsidentschaft

der Fraunhofer-Gesellschaft

an. Erstmals übernimmt

damit ein Ostdeutscher die

Spitzenposition dieser renommierten

Wissenschaftsorganisation.

Seine Meriten als einer der führenden Köpfe in

der deutschen Industrieforschung hat sich der Thüringer

vor allem als langjähriger Leiter des Fraunhofer-Instituts

für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik in Chemnitz

erworben. Seit 1993 besetzt er außerdem den

Lehrstuhl dieser Fachrichtung an der TU Chemnitz. Mit

den Schwerpunktthemen Ressourceneffiziente Produktion

und Energiemonitoring im Werkzeugmaschinenbau

hat er sich großen Respekt bei der deutschen Autoindustrie

erworben, die als Innovationstreiber auf diesem

Gebiet gilt. Am Chemnitzer Fraunhofer-Institut hat

der Maschinenbau-Professor ein Spitzencluster von

75 jungen Forschern versammelt, dem er zutraut, in

den nächsten Jahren ein virtuelles Modell zu entwickeln,

das dem Werkzeugmaschinenbetreiber schon

beim Entwurf den Energieverbrauch ermittelt. Damit

will er die Branche »aus einem Leidensdruck« erlösen.

Inhaberin des Berliner GLS-

Sprachzentrums, hält ihr

kommunikationsförderndes

Unternehmen unermüdlich auf

Expansionskurs. Jedes Jahr

holt die ausgebildete Slawistin

und Anglistin etwa 4.000

Jugendliche und Erwachsene

aus rund 50 Nationen nach Berlin und vermittelt

zugleich 3.000 deutschsprachige Schüler ins Ausland.

Ihr Erfolgsrezept besteht aus der Kombination

von Sprachausbildung mit der Vermittlung interkultureller

Kompetenzen für Menschen aller Altersgruppen.

Im Jahr 2005 erwarb sie eine vom Berliner Senat

aufgegebene Schule im Stadtbezirk Prenzlauer Berg

und stattete diese mit Studios, Beratungsbüros,

Restaurant, Hotel und Buchladen aus. Inzwischen hat

die linguistische Privatunternehmerin ihren Campus

um das lange verwaist stehende Stadtbad Oderberger

Straße erweitern können, das sie mit einem Aufwand

von zwölf Millionen Euro GLS-gerecht umbauen will –

bei Erhalt des Schwimmbeckens für die öffentliche

Nutzung. Befragt, woher sie ihre unternehmerische

Energie nimmt, antwortet die Sprachschulmeisterin

schlicht: »Ich laufe seit drei Jahrzehnten Marathon.«

8 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


AKTUELL

MESSETERMINE

Juli/August 2012

05.07., Leipzig

VOCATIUM. Fachmesse

für Ausbildung+Studium

06.07., Gera

Haus&Garten Träume

20.07., Schkeuditz

Wäsche und Dessous

04.08., Halle

Tattoo Expo

17.08., Dresden

Saxonia Classica. Technische

Raritäten und exklusive

Handwerkskunst

31.08., Greifswald

Bauen & Sanieren

im Norden

IMPRESSUM

Wirtschaft & Markt

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin

Magazin der Interessengemeinschaft

der Unternehmerverbände

Ostdeutschlands und Berlin

Redaktionsanschrift:

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,

E-Mail: wumberlin@t-online.de

Internet: www.wi-ma.de

www.facebook.com/wirtschaftundmarkt

Herausgeber:

Klaus George

george-klaus@t-online.de

Chefredakteur:

Helfried Liebsch,

liebsch@wirtschaftundmarkt.de

Stellvertretender Chefredakteur:

Thomas Schwandt

schwandt@wirtschaftundmarkt.de

Redaktion:

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,

Matthias Salm, Siegfried Schröder,

Steffen Uhlmann

Redaktionsassistenz:

Sten Seliger

seliger@wirtschaftundmarkt.de

Gestaltung:

Ralf Puschmann

Titelfoto: Torsten George

Druck: Möller Druck Berlin

Autoren dieser Ausgabe:

Thomas Bencard, Ulrich Conrad,

Matthias Kasper, Hannelore Koard,

Harald Lachmann, Dana Micke

Vertrieb und Anzeigenverwaltung:

Tel.: (0331) 201 66-20

vertrieb@wirtschaftundmarkt.de

Verlag:

W&M Verlagsgesellschaft mbH

Parkstraße 2, 14469 Potsdam

Tel.: (0331) 201 66-20, Fax: -99

Geschäftsführender Gesellschafter:

Michael Schulze

schulze@wirtschaftundmarkt.de

ISSN 086 353 23 Erscheint monatlich.

Die Zeitschrift Wirtschaft&Markt ist das

Magazin der Interessengemeinschaft der

ostdeutschen Unternehmerverbände und

Berlin. Die Mitglieder der Verbände erhalten

die Zeitschrift im Rahmen ihrer

Mitgliedschaft. Einzelpreis: 3,50 EURO;

Jahresabonnement Inland 30,00 Euro

inkl. 7% Mwst.; Ausland 37,00 Euro inkl.

Porto. Sonderpreis für Studenten:

(Nachweis) jährlich 20,00 EURO. Das

Jahresabonnement gilt zunächst für ein

Jahr (10 Ausgaben). Danch besteht die

Möglichkeit, das Abonnement jederzeit zu

kündigen.Namentlich gekennzeichnete

Beiträge müssen nicht mit der Meinung der

Redaktion übereinstimmen. Für unverlangt

eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung. Nachdruck

nur mit Genehmigung des Verlages.

PRO

& CONTRA

Ist der Pflegezuschuss für

Versicherer hilfreich?

Sinnvolle Vorsorge soll die Pflegezusatzversicherung

sein. Kritiker wie Gewerkschaften und Sozialverbände

sehen darin eine Subventionshilfe für Versicherer.

DANIEL BAHR,

Bundesminister

für Gesundheit (FDP)

Erstmals hat eine Bundesregierung

die Wei-

JA

chen dafür gestellt, dass es

künftig eine staatliche Förderung

für eine private Pflegezusatzversicherung

geben wird.

Damit werden die Grundlagen

geschaffen, dass die Pflegefinanzierung

um eine private

Vorsorgeförderung ergänzt und

auf eine breitere Basis gestellt

werden kann. Unabhängig vom

Einkommen erhalten Versicherte

der gesetzlichen Pflegeversicherung

eine Zulage von 60

Euro jährlich zu ihrer Versicherungsprämie,

wenn sie eine

freiwillige, private Pflegezusatzversicherung

abschließen. So

wird ein einfaches und unbürokratisches

Verfahren auf den

Weg gebracht, dass für viele

Menschen attraktiv ist. Eine

private kapitalgedeckte Vorsorge

ist sinnvoll und wichtig,

weil die gesetzliche Pflegeversicherung

immer nur einen Teil

der Pflegekosten übernimmt

und von den Pflegebedürftigen

nicht selten ein hoher Eigenanteil

zu schultern ist. Wer

frühzeitig sein individuelles

Pflegerisiko zusätzlich privat

absichert, kann schon mit

geringen monatlichen Beiträgen

die Gefahr einer finanziellen

Überforderung deutlich

abmildern. Wir stärken die

gesetzliche Pflegeversicherung,

indem wir die Leistungen

dafür ausweiten.

ANNELIE BUNTENBACH,

Mitglied des Vorstandes des

Deutschen Gewerkschaftsbundes

NEIN

Die geplante Pflege-

Zusatzversicherung

geht an den Herausforderungen

in der Pflege völlig

vorbei. In einem Kuhhandel

mit dem Betreuungsgeld hat

die FDP eine lächerliche Fünf-

Euro-Förderung von privaten

Zusatzpflegeversicherungen

durchgesetzt. Damit ist weder

den Pflegebedürftigen und

ihren Angehörigen noch den

professionellen Pflegekräften

geholfen. Der akute Pflegenotstand

wird damit nicht

behoben, der künftig stark

steigende Bedarf nicht finanziert.

Die Einbeziehung von

Demenzkranken ist auf die

lange Bank geschoben. Mit

der Förderung sollen die

Probleme jedem Einzelnen

aufgedrückt werden. Die FDP

wird nun stets auf die Privatvorsorge

verweisen. Daran

ändert auch die geplante Beitragserhöhung

um 0,1 Prozent

nichts. Um den künftigen

Pflegebedarf solidarisch zu

finanzieren, ist ein kraftvoller

Schritt nötig. Mit einer Bürgerversicherung

könnten wir gute

Pflege für alle bei einem Beitrag

von 2,45 Prozent bis zum

Jahr 2030 gewährleisten, ein

Mehrbeitrag von je 0,25 Prozent

für Arbeitgeber und Versicherte.

Für einen Durchschnittsverdiener

wären das

6,50 Euro pro Monat – nicht zu

viel für eine anständige Pflege.

INVESTITIONEN

Leipziger in Las Vegas

Die Leipziger T-Shirt-Druckerei

Spreadshirt expandiert in den USA

und errichtet dort eine zweite Fabrik

in Las Vegas. Das Modeversandunternehmen

will in diesem Jahr

schon mehr als 30 Prozent seines

Umsatzes in den USA machen.

2011 setzte Spreadshirt 46 Millionen

Euro um. In diesem Jahr sollen es

65 bis 67 Millionen Euro werden.

VW Sachsen baut um

Mit einem Investitionsaufwand von

1,6 Milliarden Euro will VW in seinem

Werk Mosel/Zwickau bis 2014 nahezu

alle Fertigungsanlagen umbauen.

Damit werden die Voraussetzungen

geschaffen, dass die zukünftigen

Modelle von Volkswagen auf der

Basis des Modularen Querbaukastens

auch in Zwickau gebaut werden

können. Seit Mai 1990 entstanden

jeweils rund zwei Millionen Golf und

Passat Limousinen bei Volkswagen

Sachsen. Ab 2013 wird der Golf

Variant als drittes Modell in Zwickau

vom Band laufen.

Stroh für den Tank

Die in Zörbig bei Leipzig ansässige

Verbio Vereinigte BioEnergie AG

strebt für das Geschäftsjahr

2012/13 ein Umsatzvolumen von

700 bis 800 Millionen Euro an. Der

konzernunabhängige Hersteller

verfügt über Kapazitäten für die Produktion

von 450.000 Tonnen Biodiesel,

300.000 Tonnen Bioethanol

und 480 Gigawattstunden Biomethan.

Verbio-Kraftstoffe hinterlassen bis zu

90 Prozent weniger Ausstoß von CO 2

als Diesel und Benzin. Verbio liefert

seine Produkte direkt an europäische

Mineralölkonzerne, Stadtwerke und

andere Großkunden.

820.000 Schweine

Die Zahl der in Mecklenburg-Vorpommern

gehaltenen Schweine ist auf

mehr als 820.000 angestiegen. Auf

dem Tiefststand von 1995 waren es

nur 527.000. Die Zahl der Milchkühe

ist seit 1991 von 248.000 auf etwa

172.000 gesunken. Die Erzeugung

von Milch erhöhte sich von 1,25 auf

1,47 Millionen Liter im Jahr 2011.

Die Leistung je Kuh verdoppelte sich

von 4.275 auf 8.369 Liter. Auch

werden rund 44.000 Schafe gehalten.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 9


GESPRÄCH

Prof. Harald R. Pfab, Vorstandsvorsitzender der Sachsen Bank in Leipzig, über

flexible Mittelständler, über ältere Unternehmer, die nicht loslassen können,

einen alternativlosen Euro und den Brüsseler Zugriff auf nationale Fiskalpolitik

»Ost-Firmen sind krisengestählt«

Fotos: T. George

W&M: Herr Pfab, Sie haben das Ziel gesetzt,

mindestens jedes zehnte Unternehmen in Mitteldeutschland,

das jährlich über zehn Millionen

Euro umsetzt, von der Sachsen Bank betreuen

zu lassen. Warum die Einschränkung?

HARALD R. PFAB: Das Mittelstandsgeschäft

ist einer der beiden Hauptgeschäftszweige

der Sachsen Bank. Wir haben

bei der Definition unserer Zielkunden

die Grenze auf rund zehn Millionen

Euro Umsatz gelegt, darunter sind die

kleineren und mittleren Unternehmen

gut betreut durch die Sparkassen. Je kleiner

ein Unternehmen ist, umso wichtiger

ist die Präsenz der Bank vor Ort. Wir

sind ab zehn Millionen Euro nach oben

offen und zählen entsprechend auch

größere Firmen zu unseren Kunden. Mit

Standorten in Chemnitz, Dresden, Erfurt,

Halle, Leipzig und Magdeburg sind

wir in Mitteldeutschland gut aufgestellt,

um unser Ziel erreichen zu können.

W&M: Als ein Unternehmen der Landesbank

Baden-Württemberg-Gruppe (LBBW) operieren

Sie in Mitteldeutschland nicht ohne Konkurrenz.

Wie sollen der Helaba und der

Nord/LB Marktanteile abgejagt werden?

HARALD R. PFAB: Zunächst, wir wollen

den anderen Landesbanken kein Terrain

streitig machen. Primäres Interesse ist

es, unsere Kunden gut zu betreuen. 2011

haben wir über 900 Millionen Euro im

Kreditgeschäft an den Mittelstand zur

Verfügung gestellt. Aber wir stehen auch

mit den anderen Landesbanken im Wettbewerb.

Die Angebote sind nicht immer

vergleichbar. Ein Vorteil für die Kunden,

sie können auswählen. Auch gibt es Branchen,

die von den Landesbanken unterschiedlich

bevorzugt werden. Im Mittelstand

haben wir gute Chancen durch unsere

regionale Präsenz in den drei

mitteldeutschen Ländern, das zahlt sich

aus. Übrigens nimmt die LBBW nach wie

vor die Sparkassenzentralbankfunktion

in Sachsen wahr.

W&M: Sie betonen sehr das Geschäftsgebiet

Mitteldeutschland – ein Hinweis auf eine

andere föderale Länderstruktur?

HARALD R. PFAB: Ich bin Vorstandsmitglied

der Wirtschaftsinitiative Mitteldeutschland,

die ja länderübergreifend

tätig ist. An der Debatte um neue föderale

Strukturen beteiligen wir uns nicht.

W&M: Also konkurrieren die Länder weiter

auch mit dem Argument unterschiedlicher

Fördermittel und -kriterien. Wem nützt das?

HARALD R. PFAB: Wettbewerb ist grundsätzlich

sinnvoll, aber nicht über Subventionen

und Fördergelder. Aber Wettbewerb

etwa in der Geschwindigkeit, wie

eine Neuansiedlung genehmigungstechnisch

in den Kommunen bearbeitet wird,

das halte ich für sehr gut.

W&M: Zurück zum Kerngeschäft. Die Sachsen

Bank bescheinigt dem Mittelstand in ihrer

Region, sehr flexibel zu agieren. Woran machen

Sie das fest?

»Wettbewerb ist grundsätzlich

SINNVOLL,

aber nicht über Subventionen

und Fördergelder.«

HARALD R. PFAB: Die Unternehmen sind

tatsächlich hoch flexibel und können so

einer Krisensituation besser Herr werden.

In der letzten Rezession hat es in

Mitteldeutschland wesentlich weniger

Insolvenzen gegeben als befürchtet. Das

hat aber auch damit zu tun, dass das

Exportgeschäft hierzulande noch nicht

so stark ausgeprägt ist wie etwa in Ba-

den-Württemberg. Dadurch ist die Reduzierung

geringer ausgefallen und die

Krise leichter beherrschbar gewesen. Die

Unternehmen hatten sich bereits in

schwierigen Jahren zuvor entschlackt

und konnten jetzt leichter auf Krisenmodus

umschalten.

W&M: Ein Vorteil im Wettbewerb?

HARALD R. PFAB: Ja, die Unternehmen

im Osten sind krisengestählt. Wenn es

nur aufwärts geht, ist die Gefahr groß,

dass Manager zu reinen Schönwetter-Piloten

werden. In einer Krisenphase darf

dann nicht immer davon ausgegangen

werden, dass richtige Entscheidungen

getroffen werden. Umso mehr sind wir

von den Unternehmern in Mitteldeutschland

angetan, für die wir über das Kreditgeschäft

hinaus Gesprächspartner sein

wollen, wie ein anderer Lieferant oder

Kunde. Unser Anspruch ist es, den Firmen

in allen Fragen zur Seite zu stehen.

W&M: Wie funktioniert das als verlängerter

Arm der Landesbank Baden-Württemberg?

HARALD R. PFAB: Die Unternehmer

schätzen es sehr, dass wir hier vor Ort

sind, ausgestattet mit hohen Entscheidungskompetenzen.

Wir sind eine komplette

Bank, nicht nur in der Kundenbetreuung

mit vielen Fachberatern, sondern

auch in der Kreditbearbeitung.

W&M: Eine der gegenwärtig dringendsten

Fragen im ostdeutschen Mittelstand ist die

Unternehmensnachfolge. Viele Firmengründer

aus der Wendezeit gehen jetzt in den Ruhestand.

Sie haben aber Schwierigkeiten, die

Nachfolge zu regeln. Welche Lösungsangebote

hat die Sachsen Bank?

HARALD R. PFAB: Viele Unternehmer

können sich nur sehr schwer von ihrem

Lebenswerk trennen, selbst wenn es geeignete

Familienangehörige gibt. Andere

wiederum bevorzugen die schwierigere

externe Nachfolgevariante. Wir unterstützen

die Unternehmer zum Beispiel

mit Workshops, die sehr gut besucht

werden. Wir weisen aber auch darauf

hin, dass sich eine verschleppte Nachfolgeregelung

auf die Bonität auswirken

kann. Es gibt Beispiele, wo die Wertigkeit

eines Unternehmens nachlässt, weil der

betagte Chef nicht gehen will.

W&M: Dann helfen Sie mit sanftem Bonitätsdruck

nach?

10 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


HARALD R. PFAB: Es ist nicht unser Stil,

mit Druck zu arbeiten. Wir versuchen in

der Beratung auch die Unternehmer zusammenzubringen.

Darüber zu diskutieren

macht es häufig leichter, das Problem

zu erkennen und anzupacken. Die

Nachfolgeregelung ist derzeit eines unserer

wichtigsten Beratungsangebote.

W&M: Heute leben die Menschen in der Regel

länger, bleiben länger leistungsfähig. Warum

ist die Nachfolgefrage trotzdem so akut?

HARALD R. PFAB: Es gibt natürlich Menschen,

die bis ins höhere Alter und damit

länger aktiv sind. Doch das zunehmende

Alter bringt auch Einschränkungen mit

sich, so wird beispielsweise das Gesundheitsrisiko

höher. Wenn der Unternehmer,

auf den alles zugeschnitten ist, ausfällt,

dann können schnell Probleme entstehen.

Ein weicher Übergang ist allemal

zu bevorzugen. Dass die Nachfolgeproblematik

gerade in Ostdeutschland an

Bedeutung gewinnt, hat aber auch eine

einfache zeitliche Ursache: Viele Firmengründer,

die nach der Wende, also vor

gut 20 Jahren begonnen haben, sind

mittlerweile um die 60 Jahre alt – ein Alter,

wo die Unternehmensnachfolge angegangen

oder geklärt werden sollte.

W&M: Wenn es nicht geschieht, wie relevant

ist dadurch wirtschaftlicher Schaden?

HARALD R. PFAB: Der Markt ist gnadenlos,

wenn ein Unternehmer nicht mehr

mithält. Auch die Kunden fragen sich,

wie sicher ist der Betrieb noch, wie verlässlich

der Partner. Was geschieht, wenn

er ausfällt. Ich gehe da manchmal sehr

unkonventionell vor. Demonstrativ bitte

ich darum, auch mal den Juniorchef

sprechen zu dürfen. Für den Seniorchef

war das schon gelegentlich ein Impuls,

die Nachfolgeregelung anzugehen.

W&M: Ein anderes typisch ostdeutsches Problem

ist die zu dünne Eigenkapitaldecke vieler

mittelständischer Unternehmen. Mit der

CFH Beteilungsgesellschaft mbH verfügt die

Sachsen Bank über ein Instrument, um Firmen

mit Risikokapital zu unterstützen. In

welchen Branchen engagiert sich die CFH?

HARALD R. PFAB: Die ostdeutschen Unternehmen

haben im Durchschnitt etwas

weniger Eigenkapital als westdeutsche.

Aber es ist gewachsen. Eine gewisse

strategische Lücke ist jedoch noch vorhanden.

Dem tragen wir Rechnung mit

unserer Beteiligungsgesellschaft CFH. In

Sachsen haben wir außerdem mit dem

Freistaat und einigen großen Sparkassen

den Wachstumsfonds Mittelstand Sachsen

ins Leben gerufen. Die CFH managt

diesen. Die ersten 35 Millionen Euro sind

ausgereicht. Ende vergangenen Jahres

wurde er nochmals um 40 Millionen

Euro aufgestockt. Bei den Branchen geht

es querbeet. Wir helfen bei innovativen

Ideen, zumeist aber in etablierten Unternehmen,

die wachsen. Daneben steht der

Technologiegründerfonds TGFS zur Verfügung.

Dieser hilft Start-ups, für die es

naturgemäß schwer ist, bei Banken Geld

zu bekommen.

W&M: Sie sind kein großer Fan von Cluster-

Bildung, von Schwerpunktsetzung?

HARALD R. PFAB: Doch. Das ist durchaus

notwendig. Nehmen Sie die Autoindustrie.

Große Hersteller wollen immer weniger

Zulieferer, die einen größeren Teil

abdecken. Da geraten natürlich kleine

Mittelständler in die Defensive. Hier versuchen

wir, wenn Sie so wollen, hinter

den Kulissen die Unternehmen zu überzeugen,

dass sie sich zusammentun, vielleicht

sogar fusionieren, um gemeinsam

im Geschäft bleiben zu können. In Mitteldeutschland

arbeiten bereits erfolgreich

das Automobil- sowie das Chemie-

Cluster. Auf dem Energiesektor geht es in

eine ähnliche Richtung.

W&M: Auf der Agenda der Sachsen Bank

steht auch, Firmenansiedlungen zu unterstützen

und zu begleiten. Was macht Mitteldeutschland

attraktiv für Investoren?

HARALD R. PFAB: Wir betreiben keine

Strukturpolitik. Aber wir sind mit der

Sachsen Bank insgesamt daran interessiert,

die Dinge schnell voranzutreiben,

und dabei in einer guten Position. 95 Prozent

aller unserer Entscheidungen treffen

wir in Leipzig. So unterstützen wir

Investoren auf verschiedenste Art und

bieten uns ihnen als Partner an. Sehr direkt

befördern wir Ansiedlungen durch

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 11


HARALD R. PFAB mit den W&M-Redakteuren Helfried Liebsch (r.) und Thomas Schwandt.

die Bereitstellung von Flächen, die wir

im Besitz haben. Zum Beispiel gibt es

noch freie Flächen im Güterverkehrszentrum

nahe dem Flughafen Leipzig-Halle.

Die alte Sachsen LB, die 2008 von der

LBBW übernommen wurde, hatte diese

Areale im Besitz. Vorteile für Investments

liegen aber nicht nur in der Verfügbarkeit

freier Flächen. Mitteldeutschland

punktet durch seine gut ausgebildeten

und flexiblen Mitarbeiter, moderne

Verkehrsinfrastrukturen, niedrige Kosten

und ein attraktives Lebensumfeld –

das von der Kinderbetreuung bis zum

vielfältigen kulturellen Angebot reicht.

W&M: War Ihre Antwort eben eine kleine

Spitze gegen die Filialisierung im Osten?

HARALD R. PFAB: Das ist eines der

Hauptprobleme der mitteldeutschen

Strukturen. Es gibt hier kaum Konzernzentralen.

Nur wenige, die VNG Verbundnetz

Gas AG und die Strombörse in Leipzig

zum Beispiel.

W&M: Ein Katalysator der Wirtschaftsentwicklung

im Osten ist weiterhin eine umfangreiche

Förderung. Ab 2020 ist in der bisherigen

Form Schluss. Wie sollte es weitergehen?

HARALD R. PFAB: Die ostdeutschen Bundesländer

müssen sich mittelfristig auf

das stufenweise Versiegen der bisher gewohnten

Förderquellen einstellen. Der

Freistaat Sachsen ist da auf sehr gutem

Weg. Aus Thüringen weiß ich, dass die

dortige Landesregierung das Land bis dahin

wetterfest machen will.

W&M: Was heißt das konkret?

HARALD R. PFAB: Es gilt, noch mehr Unternehmen

anzusiedeln und die Verkehrsinfrastruktur

zu verbessern, den

Ausbau von Straßen und Schienen voranzutreiben.

Da ist Thüringen als Verkehrsdrehscheibe

besonders vorbildlich. Die

Bundesländer sollten die noch zur Verfügung

stehenden Mittel vermehrt in die

Infrastruktur stecken und nicht in Subventionen

für Firmen. Dass die wirtschaftliche

Basis stärker wird, zeigen die

kontinuierlich gesunkenen Arbeitslosenzahlen.

Sachsen hat derweil die Zehn-

Prozent-Marke unterschritten und Thüringen

liegt nur noch ein halbes Prozent

hinter Nordrhein-Westfalen zurück.

W&M: Die Wissenschaft skizziert ein anderes

Bild. Sie sagt, Ostdeutschland wird Industriebrache

bleiben. Was entgegnen Sie?

HARALD R. PFAB: Ich bin von Hause aus

Optimist. Es ist sehr viel, was sich in den

letzten 20 Jahren entwickelt hat. Unzufrieden

bin ich, wie gesagt, mit der geringen

Zahl an Konzernzentralen. Aber das

braucht seine Zeit. Wir unterstützen die

Unternehmen vor allem darin, sich gut

weiterentwickeln zu können. Die Gefahr

besteht immer, dass prosperierende Firmen

von auswärtigen Interessenten aufgekauft

werden. Unsere Hilfe soll es er-

ZUR

PERSON

Fan von Rauch und Eitel

Prof. Harald R. Pfab ist in doppelter Hinsicht

ein klassischer Bankchef. Das Geschäft

hat der Finanzfachmann von der

Pike auf gelernt und er hat eine Affinität

zu moderner Malerei entwickelt. Er begann

seine Karriere mit einer Lehre in

den 60er Jahren in der Landesgirokasse

Stuttgart, qualifizierte sich zum Sparkassenbetriebswirt

(Dipl.) und bekleidete

verschiedene Funktionen in dem

Kreditinstitut. Das fusionierte 1999 mit

der Südwest LB zur Landesbank Baden-

Württemberg (LBBW). 2007 wechselte

Pfab zur Sachsen LB. Nach deren Übernahme

infolge der Bankenkrise durch

die LBBW wurde Pfab im April 2008

Vorstandschef der Sachsen Bank. Der

Schwabe schwärmt vom Dienstort Leipzig

und von der Neuen Leipziger Schule.

Ein schaufenstergroßes Bild von Neo

Rauch und Bilder von Tim Eitel zieren

das Büro von Pfab bzw. den Konferenzraum

in der 18. Etage hoch über Leipzig.

möglichen, die Selbstständigkeit der Firmen

zu erhalten.

W&M: Könnte Politik dafür sorgen, dass Konzernzentralen

in den Osten verlagert werden?

HARALD R. PFAB: Das geht nur über die

Zeit. Ein kleiner mittelständischer Betrieb

wird ein großer und dann ein Konzern.

Das lässt sich nicht erzwingen. Die

Politik kann und soll auch nicht verordnen,

dass beispielsweise RWE den Konzernsitz

nach Mitteldeutschland verlegt.

W&M: Ende 2011 haben Sie in einem Interview

die Unternehmen aufgefordert, sich auf

eine neue Krise einzustellen. Wieso das?

HARALD R. PFAB: Der Steigungswinkel

des wirtschaftlichen Wachstums der Betriebe

wird flacher, das merken wir auch.

Sie werden sich wieder mehr Gedanken

machen müssen. 2012 wird gemäßigter

verlaufen als 2011. Von einer Krise würde

ich aber heute nicht sprechen.

W&M: Das klingt sehr optimistisch – zweckoptimistisch?

HARALD R. PFAB: Die Unsicherheit können

wir den Menschen nicht vollständig

nehmen. Die ist einfach da. Niemand

weiß wirklich, wie es in Griechenland

und anderswo weitergeht, aber ich bin

eben ein optimistischer Mensch und bisher

gut damit gefahren.

W&M: Der Fiskalpakt soll zu einer neuen

Haushaltsdisziplin im Haus Europa führen.

Ist er geeignet, die Staatsschuldenkrise zu

überwinden und künftige zu verhindern?

HARALD R. PFAB: In Europa haben wir

nach meiner Auffassung folgendes Problem:

Wir vereinigen uns beim Retten,

aber bei Umsetzung und Kontrolle sind

wir darauf angewiesen, dass die nationalen

Regierungen es richten. Das ist auf

Dauer so nicht durchzuhalten. Ein gewisser

Eingriff in die staatliche Souveränität

ist unvermeidbar. Wenn wir eine gemeinsame

Währung haben, müssen wir sie gemeinsam

steuern und sichern können.

Dazu taugen keine trägen Abstimmungsverfahren,

in denen das Ja aller Staaten

gefragt ist. Ich bin kein Anhänger Vereinigter

Staaten von Europa im Sinne der

Aufgabe nationaler Identitäten. Wo es

sinnvoll scheint, sollten Eingriffe in die

nationale Haushaltspolitik möglich sein.

W&M: Kritiker des Euro reden bereits von der

Euro-Dämmerung. Bekommt die Politik die

Geister nicht mehr gebändigt, die sie rief?

HARALD R. PFAB: Ich bin ein großer Anhänger

des Euro. Der Schritt ist der richtige

gewesen. Die Politiker haben sich bei

der Euro-Gründung nicht vorstellen können,

dass einmal eine Lage wie in Griechenland

eintreten könnte. Verspätet

soll nun ein Krisenmodus eingebaut werden.

Dennoch, der Euro ist alternativlos.

W&M: Herr Prof. Pfab, wir bedanken uns für

das Gespräch.

&

12 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


REPORT

Fotos: V. Kühne, D. Micke, PictureDisk, privat

Heimweh kann weh tun. Die Sehnsucht

nach Heimat – ein schönes

Wort. Erinnerung steckt in Heimat

und Kindheit, Zuhause, Vertrautheit,

Sicherheit, Geborgenheit.

»Der Harz, der Brocken, da habe ich

Heimatgefühle«, sagt Janine Pollet.

»Sachsen-Anhalt ist Heimat«, sagt Kathrin

Eschke. »Für mich Deutschland«,

meint René Bieck. Eigentlich auch die

Familie. Das sagt er so nicht, aber: »Oma

muss zur Dialyse, Opa ist bettlägerig. Da

will ich in der Nähe sein.« Die drei Fachkräfte

arbeiten im »Hotel & Spa Wasserschloss

Westerburg« im Harz. »Heimat ist

für mich ein Ort, in dem ich mich wohlfühle«,

so Sindy Tollkühn, Friseuse in

Magdeburg. Dort lebt auch Physiotherapeutin

Julia Melahn. »Stadt, Familie,

Freunde sind Heimat«, sagt sie, Ehemann

Matthias, Elektrotechniker, nickt. Alle

sind Rückkehrer aus dem Westen,

zurück nach Sachsen-Anhalt. Sie haben

es nicht bereut.

Nur einer ist enttäuscht: Koch René

Bieck. Ja, sauer wird der 32-Jährige, wenn

er von seiner Frau Verena berichtet und

dem Lohngefälle West-Ost. Aus Aschersleben

stammend, beschlich sie in Bayern

Heimweh, das größer und größer wurde.

So zog das Ehepaar 2010 nach Quedlinburg.

René, in Nauen geboren, hatte in

München Koch gelernt und dann dort

schönes Geld verdient. Ebenso Verena

als stellvertretende Aldi-Filialleiterin.

Und jetzt? Sie arbeitet in einer Pension in

Ballenstedt als Servicekraft, kriegt 400

Euro. »Viiiiierhundert!« Der Koch holt

tief Luft. Er hat in Westerburg einen Job

gefunden: »Alles stimmt. Die Arbeit, das

Team, die Chefs.« Und die Bezahlung? »Ist

okay.« Will er bleiben? Mal sehen, wie es

mit Verenas Arbeit weitergeht.

GEGENWIND IN KOBLENZ

Kathrin Eschke (28) will nicht wieder

weg. In Wolfen groß geworden, hat sie

2003 erfolgreich ihren Abschluss zur Restaurantfachfrau

absolviert und dann 20

Bewerbungen abgeschickt. Zehn in den

Westen, alle mit Zusagen. Und zehn in

den Osten, eine Zusage nach anderthalb

Jahren, sonst kein Echo. »Ich wollte in ein

Haus ab drei Sterne, habe Französisch,

Englisch und Russisch als Fremdsprachen

angegeben. Die Arbeitsagentur

Bitterfeld schickte mich in eine Kleingartenanlage!«

Aber da hatte Kathrin

Eschke bereits einen Arbeitsvertrag in

Frankfurt am Main unterschrieben. In einem

Vier-Sterne-Hotel mit 160 Zimmern.

»Alles hat gepasst«, sagt sie. Aber dann

wollte sie mehr. Wechselte in eine Hotelkette

am Airport Frankfurt, schaffte es

bis zur Restaurantleiterin – und fast in

Rückkehr aus dem Westen

Ossis auf Heimwegen

Viele Ostdeutsche zog es nach der Wende in den Westen. Der Trend

beginnt sich umzukehren. Heimweh, gute Jobangebote und

kostengünstige Lebenshaltung bewegen Abwanderer zur Rückkehr.

den Burnout. »14, 15 Stunden am Tag,

und das sechs Mal in der Woche.«

Die junge Frau machte einen Schnitt,

wechselte in ein Koblenzer Hotel. Und

erntete Gegenwind. »Ich war die Einzige

aus dem Osten ...« Mit Koblenz wurde sie

nicht warm. Wollte in den Harz, wo die

Eltern und andere Verwandte wohnen.

Sie schmiss den Job. In der Zeitung las sie

eine Anzeige vom Wasserschloss Westerburg,

bewarb sich. Seit zwei Monaten

arbeitet sie hier und ist zufrieden.

Ebenso Janine Pollet, sie ist im Wasserschloss

die Assistentin der Geschäftsführung,

dem Ehepaar Silvia und Hartmut

Lerche. Hier hat die 31-Jährige Hotelfachfrau

gelernt, 2002 dann ein halbes

Jahr im Service gearbeitet. Damals blutjung,

wollte sie Neues erkunden. Fand im

Internet die Anzeige eines privat geführten

Vier-Sterne-Hauses in Worms, bewarb

sich und begann als Servicekraft. »Alles

ganz unkompliziert«, sagt sie. 2003 lernte

sie einen Mann lieben, »den Geschäfts-

14 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


REPORT

führer des Hauses«. 2009 kam die gemeinsame

Tochter zur Welt, kurz darauf

trennte sich das Paar. Im Sommer 2011

kehrte Janine Pollet heim.

Mit Kleinkind gleich wieder einen Job

gefunden? »Familie Lerche und ich hatten

die ganze Zeit über Kontakt gehalten.«

Später erklärt Silvia Lerche: »Janine

war unser erster Azubi.« Und ein guter

dazu. Das Hotelier-Paar bezahlt gute Löhne,

Überstunden und überbetriebliche

Zuschläge etwa für die Kita.

TRUTZIGE BURG VIER STERNE PLUS

1999 kauften der Gastronom und seine

Frau in Huy bei Dedeleben das Wasserschloss

an der Straße der Romanik, mit

über 1000 Jahren eines der ältesten in

Deutschland. Silvia und Hartmut Lerche

hatten Kredite aufgenommen, ließen die

trutzige Burg mit ihrem doppelten Wall

und zweifachen Graben mit viel Liebe

zum Detail restaurieren, ebenso den Innenhof

mit den Fachwerkgebäuden, dem

Turteltauben-Turmzimmer und Ziehbrunnen.

2000 eröffnete das Ehepaar

sein Hotel. 30 Mitarbeiter sorgen für das

Wohl der Gäste. Fünf kommen aus den

alten Ländern, sieben sind Rückkehrer.

Die Lerches sind ebenfalls zurück im

Osten. Kurz vor dem Mauerfall verließen

sie die DDR, gingen nach Ratingen bei

Düsseldorf. Aber irgendwann wollten sie

die Selbstständigkeit wagen, suchten ein

passendes Objekt und landeten in der

Westerburg. Inzwischen ist diese ihr

Zuhause. »Heimat. Das ist für uns dort,

wo wir uns verwirklichen können«, sagt

Silvia Lerche (55).

»Wir sind ein Vier-Sterne-Plus-Haus

mit Anspruch. Da brauchen wir gute Leute.

Sechs Stellen sind unbesetzt.« Der

61-jährige Hartmut Lerche redet sich in

Rage. Über den Mangel an Fachkräften

und rückläufige Schulabgängerzahlen.

Über junge Leute, die ihre Ausbildung

vorzeitig abbrechen. »Ich würde auch

Fachkräfte und Lehrlinge aus dem Ausland

einstellen. Aber dann müsste das

Land anständige Deutschkurse bezahlen.

Das können wir nicht finanzieren.«

In der Landesregierung von Sachsen-

Anhalt hat Ministerpräsident Reiner Haseloff

das Problem zur Chefsache erhoben.

Im Frühjahr verordnete sich der Regierungschef

eine PR-Tour in westliche

Regionen. Bundesweit sollen Anzeigen

und Spots geschaltet, auch neue Medien

wie Twitter eingesetzt werden. Die Initiativen

knüpfen an die Rückkehrer-Aktion

»PFIFF« an. Damit konnten mehr als

3.000 Familien zurückgeholt werden.

Jede Fachkraft zählt. Konnten nach

Angaben der Magdeburger Staatskanzlei

2005 fünf Prozent aller offenen Stellen

ARBEITEN AUF DEM SCHLOSS: Janine Pollet und René Bieck.

SEHNSUCHT NACH MAGDEBURG

Die Wanderungsbewegungen in der Bundesrepublik

gingen jahrelang fast nur in

eine Richtung: von Ost nach West. Die

fünf Flächenländer zwischen Ostsee und

Erzgebirge bluteten regelrecht aus, verloren

seit 1990 fast 1,5 Millionen Einwohner.

Noch 2010 wanderten 20.000 Personen

ab. Schlägt man Berlin vollständig

dem Osten zu, kamen aber 2010 fast genauso

viele Menschen in den Osten, wie

ihn verließen.

Eine Trendwende, zumindest in einigen

Regionen. In Sachsen sind 2011 zum

ersten Mal seit 1997 mehr Menschen zuals

fortgezogen. Auch Berlin und Brandenburg

melden positive Wanderungssaldos.

Thüringen, das zwar insgesamt

immer noch Einwohner verliert, registrierte

2011 immerhin so viele Zuzügler

wie seit 1997 nicht mehr. Sachsen-Andurch

die Firmen nicht besetzt werden,

so ist die Nichtbesetzungsquote bis 2011

bereits auf 24 Prozent hochgeschnellt.

Ein ähnliches Bild bietet der Ausbildungsmarkt.

Der demographische Wandel

wird zur Keule. Die Engpässe an qualifiziertem

Personal sind besonders stark

im IT-Bereich, im Gesundheits- und Sozialsektor

und bei Ingenieuren.

Haseloff weiß: »Das Rückholgeschäft

ist schwierig. Es geht um das Gesamtpaket,

da sind keine Wunder über Nacht zu

FAKTEN

Jährlich 45.000 Rückkehrer

Laut einer Studie der Universität Bayreuth

wollen viele abgewanderte Ostdeutsche

zurück in ihre Heimat. Nach

der Wende 1989 haben fast 1,5 Millionen

Menschen den Osten verlassen.

Bis 2005 sei knapp ein Drittel zurückgekehrt.

Derzeit würden pro Jahr rund

45.000 Menschen zurückziehen. Einer

der Gründe ist der Wunsch, wieder

näher bei Familie und Freunden zu sein.

Auch mangelnde soziale Kontakte im

Westen spielten eine Rolle. »Häufig wird

die Entscheidung durch die Gründung

einer Familie oder einen Jobwechsel

begünstigt«, sagt Anke Matuschewski,

Professorin für Wirtschaftsgeografie.

Für die Studie hat sie unter anderem

Rückkehrer in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern

befragt. Der typische

Rückkehrer ist männlich, zwischen 25

und 40 Jahre, lebt in Städten wie Jena

und Leipzig, die vom Zustrom profitieren.

Über 90 Prozent der Befragten ziehen

eine positive Bilanz ihrer Rückkehr.

erwarten.« Größtes Problem sei nach wie

vor das Lohnniveau im Land. Oft ein K.o.-

Kriterium und eine Schlüsselgröße neben

Heimat, Familie und Kindertagesstätten.

Er pocht auf die Rahmenbedingungen,

die Infrastruktur.

Aus dem Landkreis Harz wanderten

2009 über 5.000 Fachkräfte ab, gleichzeitig

kamen etwa 4.000 in die Region.

Trotz der Rückkehrbereitschaft von

62 Prozent der Ostdeutschen gelingt es

nur einem Fünftel der Abgewanderten,

diesen Wunsch zu verwirklichen. Alle

neuen Länder unterhalten oder unterstützen

Rückwanderer-Agenturen. Sie

heißen »Sachse komm zurück«,

»MV4YOU« in Mecklenburg-Vorpommern

oder eben »PFIFF« in Sachsen-Anhalt. Ihr

Erfolg ist überlebenswichtig.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 15


REPORT

TRIO IM GLÜCK: Familie Melahn.

halts Abwanderungsverlust hat sich in

den letzten Jahren mehr als halbiert.

Ähnlich in Mecklenburg-Vorpommern.

Julia Melahn ist 25, Physiotherapeutin

und verheiratet mit Matthias, vier Jahre

älter, staatlich geprüfter Elektrotechniker.

Die beiden haben sich 2006 in ihrer

Heimatstadt Magdeburg kennengelernt.

Da arbeitete Matthias schon drei Jahre in

Hannover. Ein dreiviertel Jahr kommt er

nun jedes Wochenende zu Julia, die

»dann der Liebe und der Qualifizierung

wegen nach Hannover« zieht. Das Schulgeld

von 180 Euro im Monat übernehmen

die Eltern. Nebenher geht sie jobben.

Matthias büffelt abends nach der Arbeit

für die Technikerschule. Wenn es die

Zeit zulässt, fahren sie am Wochenende

heim nach Magdeburg. Zu Familie, Oma,

Opa und Freunden.

Im April 2011 wird Tochter Nayla geboren,

im August heiraten Julia und Matthias

Melahn in Magdeburg. Die Stadt ist

ihr Zuhause geblieben. Und da wollen sie

auch wieder hin. In Hannover will er

aber erst kündigen, wenn er einen neuen

Job hat. Bereits Anfang 2011 hat er sich

beim Fachkräfteportal Sachsen-Anhalts

»PFIFF« online registrieren lassen, auf der

Suche nach einer Stelle als Techniker im

Bereich der Automatisierungstechnik.

»Dort lief leider alles über einen Personaldienstleister.

Da ich zur Hermes

Fulfilment GmbH nach Haldensleben

wollte, habe ich mich dann direkt in der

Unternehmenszentrale Hamburg beworben.«

Die Zusage kam prompt.

Trotzdem gibt es noch Hürden. »Die finanzielle

Belastung durch doppelte Mietkosten

und Umzugskosten für uns waren

enorm«, so Julia Melahn. Eine Wohnung

wird schnell gebraucht, ein Kitaplatz in

Magdeburg. Als sie den sucht, kassiert sie

zehn Absagen, bis sie einen Platz über

private Fürsprache erhält. 30 Stunden

pro Woche arbeitet sie nun in der Magdeburger

Praxis Physio-Fit und Physiotherapie

Schinscheck und Müller, ihr Mann

Matthias arbeitet im Dreischichtsystem

bei Hermes in Haldensleben. Ohne die

familiäre Hilfe in Magdeburg hätte die

Rundumbetreuung der kleinen Nayla

nicht funktioniert. »So ist es besser«, sagt

Matthias Melahn und zeigt ein Foto, auf

dem Julia und er Nayla im Arm halten,

tippt dahinter auf die Elbe und die Domspitze

und sagt: »Unsere Stadt.«

ENTTÄUSCHTE HOFFNUNGEN

Das Dynamik-Ranking der »Initiative

Neue Soziale Marktwirtschaft«, das die

Veränderung ökonomischer Kennziffern

von 2006 bis 2010 gemessen hat, führt

alle neuen Länder auf Spitzenplätzen.

Auch wenn strukturelle Krisen – wie zuletzt

die Insolvenz des einstigen Solarbranchenprimus'

Q-Cells in Thalheim –

manche Regionen wieder zurückwerfen,

glaubt Ulrich Blum, Wirtschaftsprofessor

an der Universität Halle, dass bis

2020 die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands

etwa 90 Prozent des Westniveaus

erreichen werde.

Konjunkturaufschwung und Entspannung

am Arbeitsmarkt erklären den

leichten Rückkehrtrend nicht allein.

Ebenso wichtig wie die Belebung Ost sei

die Ernüchterung West, so Joachim Ragnitz

vom Ifo-Institut in Dresden. Zwar

sind die Einkommen im Westen im

Durchschnitt noch immer um bis zu

25 Prozent höher als im Osten, doch

KOPFARBEIT: Sindy Tollkühn mit Kundin.

durch Abzug von Miet- und Lebenshaltungskosten

schrumpft der Unterschied.

Wenn Ostdeutsche zurückgehen, dann

oft auch aus enttäuschter Hoffnung.

Sindy Tollkühn zum Beispiel. Die 32-

Jährige ist mit ihrem Lebensgefährten

Stelios dieses Jahr nach Magdeburg

zurückgekehrt. Eigentlich stammt sie

aus Halberstadt, er aus Griechenland.

Aber in Magdeburg hatten beide gelebt,

bevor sie in den Westen gegangen waren.

Sindy Tollkühn war als Friseuse im Studio

»Haardesign« am Domplatz angestellt,

Stelios machte seine Qualifizierung

zum Assistenz-Arzt in der Rheumaklinik

Vogelsang. Das ging dort nur drei

Jahre, sechs Jahre aber dauert die Ausbildung.

Die konnte der Freund im Sommer

2009 in einer Bremer Klinik fortsetzen.

Sindy Tollkühn zog mit, ab Januar

2010 dann war die Meisterschule im

40 Kilometer entfernten Oldenburg geplant.

Das halbe Jahr bis dahin jobbte sie.

Tränen flossen. Schnell vermisste sie ihr

Magdeburger Haarstudio, das Super-

Team, die tolle Chefin Jeannette Lauermann,

die ihr gesagt hatte, sie könne

wiederkommen. Freund Stelios dagegen

schaffte in der Bremer Klinik problemlos

den Einstieg. Der gelang ihr dann später

auch an der Oldenburger Schule, nebenher

arbeitete sie weiter.

Nach ein paar Monaten in Bremen

wussten die beiden, dass sie nicht bleiben.

Mit der norddeutschen Mentalität

kamen sie nicht klar. »Die gehen zum Lachen

in den Keller.« So jedenfalls empfand

es Sindy Tollkühn. Anfang 2012 hat

der Freund in Vogelsang angefragt, ob

er seine Ausbildung mit anschließender

Facharztprüfung dort fortsetzten könne.

Nach einer Weile kam die Zusage. Und so

zog das Paar wieder nach Magdeburg.

Die ganze Zeit über hatte Sindy Tollkühn

Kontakt mit ihrem Haarstudio gehalten,

die Kollegen besucht. Und dann hat es

wirklich geklappt. »Ich bin wieder eingestellt,

jetzt als Friseurmeisterin. Die

Chefin, das Team und die Kundinnnen

haben mich herzlich empfangen. Es ist

so, als wäre ich nie weggewesen.«

Chefin Jeannette Lauermann war

selbst mal weg, fünf Jahre in drei Friseursalons

in Frankfurt am Main. »Ich hatte

dort keine Probleme, bin aus privaten

Gründen zurück«, sagt die 46-Jährige.

1995 eröffnete sie ihr eigenes Haarstudio

in Magdeburg, später auch eins in Wolmirstedt.

Inzwischen hat sie zwölf Angestellte.

Denen sagt sie ab und zu: »Geht

mal woanders hin, probiert euch aus,

und dann kommt zurück! Über den eigenen

Tellerrand schauen, da wird man

offener, selbstbewusster und reifer.«

Dana Micke

&

16 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


Everybody‘s here

Messen und Kongresse 2012

www.messe-berlin.de

31.08.–05.09. IFA 2012 CONSUMER ELECTRONICS UNLIMITED

05.09.–07.09. ASIA FRUIT LOGISTICA Hong Kong

11.09.–16.09. ILA Berlin Air Show

Berlin ExpoCenter Airport

13.09.–15.09. HAI 2012 – Der Hauptstadtkongress der DGAI für Anästhesiologie und


18.09.–21.09. InnoTrans 2012 Internationale Fachmesse für Verkehrstechnik

Innovative Komponenten · Fahrzeuge · Systeme

06.10.–07.10. Internationale Briefmarkenmesse 2012

06.10.–07.10. NUMISMATA Berlin

09.10.–11.10. EAS Euro Attraction Show

17.10.–19.10. ITB Asia 2012

The Trade Show for the Asian Travel Market Singapore

17.10.–19.10. belektro Fachmesse für Elektrotechnik, Elektronik und Licht

18.10.–21.10. 16. VENUS BERLIN Internationale Fachmesse

19.10.–20.10. EINSTIEG Abi Messe für Ausbildung und Studium

26.10.–28.10. Landesgesundheitsmesse Berlin-Brandenburg

26.10.–28.10. Aktiv im Alter

01.11.–03.11. Ecofair 2012

03.11.–04.11. COSMETICA Berlin

03.11.–04.11. Hairseller Berlin

06.11.–07.11. MODERNER STAAT 16. Fachmesse und Kongress

07.11.–11.11. IMPORT SHOP BERLIN DAS SCHÖNSTE DER WELT

10.11.–11.11. HochzeitsWelt Die Hochzeitsmesse

23.11.–25.11. MINERALIS 2012 38. Mineralien-, Fossilien- und Schmuckbörse Berlin

23.11.–28.11. Boot und Fun 2012

13.12.–16.12. HIPPOLOGICA Berlin

Die internationale Pferdesportmesse

Stand 06/2012. Auszug. Änderungen vorbehalten.

Messe Berlin GmbH · Messedamm 22 · 14055 Berlin

Telefon 030/3038-0 · Fax 030/3038-2325

www.messe-berlin.de · central@messe-berlin.de


BERICHT

Fotos: BMWi

Innovationstag 2012

Prickelnder Sanddorn

Der diesjährige Innovationstag Mittelstand des Bundeswirtschaftsministeriums

bot einen Strauß marktreifer Produktneuerungen.

Darunter auch einen erfrischenden Getränkemix aus Sachsen.

Am hinteren Winkel des innovativen

Zelt-Dorfs endlich die passende Erfrischung

an diesem warmen

Frühsommertag in Berlin-Pankow: Ein

kühler Becher Sanddorn-Kwas, prickelnd

auf der Zunge, fruchtiger Geschmack.

Die Produktneuheit der Privat-Brauerei

Landsberg aus Sachsen wird hier erstmals

vor größerem Test-Publikum verzapft.

Die Kombination des russischen

Brottrunks auf Getreidebasis mit der heimischen

Beere kam durch wissenschaftliche

Hilfe zustande. »Eine Herausforderung

war, den Sanddornsaft für die

Verarbeitung so aufzubereiten, dass sich

die ölhaltigen Bestandteile im Getränkemix

nicht wieder absetzen«, erklärt Jörg-

Thomas Mörsel vom Untersuchungs-Beratungs-

Forschungslaboratorium GmbH

(UBF) aus Altlandsberg.

Neben den UBF-Lebensmittelanalytikern

wirkten auch zwei weitere ostdeutsche

Kleinunternehmen an der Saft-Innovation

mit: verknüpft über das »Sanddorn-Netzwerk«,

das aus dem Zentralen

Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM)

des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert

wird. Vielleicht lässt sich der Bionade-Erfolg

ja wiederholen.

Auch in seinem 19. Durchlauf bot der

»Innovationstag Mittelstand« des BMWi,

der Mitte Juni in der Berliner AiF Projekt

GmbH stattfand, wieder einen bunten

Strauß marktreifer Produktneuerungen

aus mittelständischen Unternehmen.

Die Gemeinsamkeit der 340 Aussteller,

davon 210 Unternehmen und 130 Forschungseinrichtungen

mit ihren über

200 Exponaten: Die Innovationen kamen

durch Förderprojekte des ZIM-Programms

zustande, das mittelständischen

Firmen ohne eigene Forschungs-Abteilung

das notwendige Wissen durch Kooperationen

von außen zuführt.

LEBENSELEXIER DER WIRTSCHAFT

Ernst Burgbacher, Parlamentarischer

Staatssekretär beim Bundesminister für

Wirtschaft und Technologie und Beauftragter

der Bundesregierung für Mittelstand,

zeigte sich bei seiner Eröffnung

HOCH ZUFRIEDEN: Ernst Burgbacher, Mittelstandsbeauftragter

der Bundesregierung.

des Innovationstages denn auch sehr zufrieden

mit der Entwicklung des ZIM-Programms:

»Die Ergebnisse der von uns geförderten

Projekte sind beeindruckend«,

stellte Burgbacher bei seinem Rundgang

fest. »Innovationen sind das Lebenselixier

unserer Wirtschaft, denn nur mit

neuen Ideen können wir dauerhaft erfolgreich

sein und auch im internationalen

Wettbewerb bestehen«, hob der

Wirtschaftspolitiker hervor.

Wettbewerb war auch vor Ort: Burgbacher

konnte an vier Unternehmen die

»ZIM-Preise 2012« überreichen. Sie erhielten

die Auszeichnung, weil ihre FuE-Projekte

besonders rasch in wirtschaftliche

Erfolge umgemünzt werden konnten.

Zum ersten Preisträger wurde die Hager

Sondermaschinenbau GmbH aus Moettingen

(Bayern) für die Entwicklung einer

verbesserten Transportvorrichtung

für Karosserieteile gekürt. Automobilhersteller

können mit dem neuen System –

entstanden aus einem ZIM-Solo-Förderprojekt

– nunmehr sechs statt bisher

zwei Modellvarianten je Spannrahmen

produzieren – das spart Fläche und Ressourcen.

Der 2. Preis ging an die LaVision

BioTec GmbH aus Bielefeld (NRW). Sie

hatte in einem ZIM-KOOP-Projekt zusammen

mit der Uni Bonn ein neuartiges 3D-

Mikroskop entwickelt, das auf zellulärer

Ebene Stoffwechselvorgänge verfolgen

kann. Dritter Preisträger wurde die Sudholt-Wasemann

GmbH aus Herzebrock-

Clarholz (NRW) für die Entwicklung eines

ultraharten Spezialbetons, auf dem

schwere Werkzeugmaschinen schwingungsfrei

arbeiten können. An der Innovation

war über ein ZIM-KOOP-Projekt

auch die Beltec Metallbau GmbH & Co.

KG aus Fürstenberg/Havel (Brandenburg)

beteiligt.

Auch ein »Sonderpreis Handwerk«

wurde vergeben, der dem Unternehmen

18 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


BERICHT

Rombach – Bauholz + Abbund GmbH aus

Oberharmersbach (Baden-Württemberg)

zuerkannt wurde. Die aus einem ZIM-

Solo-Projekt entstandene Öko-Innovation

besteht aus einem Massivholzsystem mit

Gewindeschrauben aus Buchenholz. Damit

können »die technologischen Nachteile

des Leimens, Dübelns und Nagelns

überwunden« werden, urteilte die Jury

des ZIM-Preises.

17.500 PROJEKTE SEIT 2008

Der Otto von Guericke-Preis, den die AiF

alljährlich auslobt, wurde in diesem Jahr

an ein interdisziplinäres Forscherteam

vergeben: an Hermann Finckh vom Institut

für Textil- und Verfahrenstechnik

Denkendorf (ITV) und Vincenzo Forcillo

vom Institut für Werkzeugmaschinen

(IfW) der Universität Stuttgart. Sie hatten

in einem Projekt, das über die Industrielle

Gemeinschaftsforschung (IGF) gefördert

wurde, ein neues Schutzsystem für

Holzbearbeitungsmaschinen entwickelt.

Dabei kommen technische Textilien als

Schutzvorhänge zum Einsatz, die die

nach Unfällen verschärften Sicherheitsvorschriften

besser erfüllen. Um ihre Exportfähigkeit

zu erhalten, waren alle

deutschen Hersteller von Holzbearbei-

ZIM-PREISTRÄGER: Wenige Sieger nur,

aber sehr viele Gewinner.

tungsmaschinen – die jährlich an die

1.000 Stück produzieren – an einem

schnellen Ergebnis des FuE-Projekts interessiert.

Viele, sehr viele Innovationsschübe

sind durch das ZIM-Förderprogramm in

den deutschen Mittelstands-Unternehmen

ausgelöst worden. Seit dem Start

des neuen integrierten Programms, das

mehrere Förderlinien bündelte, auf dem

Innovationstag im Jahr 2008 wurden

über ZIM insgesamt rund 17.500 Vorhaben

mit einem Fördervolumen von über

2,2 Miliarden Euro bewilligt. Bezogen auf

die Bundesländer erreichte Baden-Württemberg

mit rund 420 Millionen Euro

(für knapp 3.500 Vorhaben) den größten

Anteil. Sachsen kommt mit 330 Millionen

Euro für 2.500 Projekte auf Platz 2,

noch vor Nordrhein-Westfalen mit 305

Millionen Euro für 2.500 Vorhaben. Beim

Blick auf die Technologiefelder gingen

bislang die meisten bewilligten Mittel in

die Produktionstechnologien (489 Millionen

Euro), vor den Werkstofftechnologien

(268 Millionen) und dem Bereich

Elektrotechnik, einschließlich Messtechnik

und Sensorik (244 Millionen).

Die ZIM-Förderung ist gut nachgefragt.

Pro Monat werden bis zu 500 Neuanträge

gestellt. Die Qualitätslatte liegt

hoch: ein Drittel wird abgelehnt. Für

Neuaspiranten wie auch für die Projektträger

war deshalb bei diesem Innovationstag

die spannende Frage, wie geht

es mit dem ZIM-Programm über das Bundestags-Wahljahr

2013 weiter. Aufatmen

daher, als von der BMWi-Spitze offiziell

mitgeteilt wurde, dass das volle Programmvolumen

von 500 Mio Euro auch

für 2013 garantiert sei und der bisherige

Antragsschluss um ein Jahr und damit

bis zum 31.12.2014 verlängert wurde.

Manfred Ronzheimer

&

Energie ist …

… Regionalität.

Leipzig und die Leipziger liegen uns sehr am

Herzen. Lebensqualität und Wirtschaftskraft stärken,

Leipzig voranbringen – dafür arbeiten wir:

Unsere Energie für Leipzig.

Alexandra und Alexander,

Leipziger seit 1974 und 1977

www.swl.de

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 19


SERIE

zig. Hier hatten einst große DDR-Kombinate

ihren Hauptsitz – nicht eines überlebte.

Über 105.000 Industriearbeitsplätze

brachen damit fast über Nacht weg,

ohne dass lange Zeit nennenswerte Äquivalente

entstanden. Erst die großen Montagewerke

von Porsche und BMW, die

derzeit noch kräftig ausgebaut werden,

schaffen seit einigen Jahren wieder Entlastung.

Nüchtern betrachtet handelt

es sich aber durchweg um verlängerte

Werkbänke. In punkto Innovationen tut

sich damit vor Ort wenig.

Chemnitz, das frühere Karl-Marx-

Stadt, traf es anfangs ähnlich hart, weil

den Maschinenbetrieben mit der D-Mark

die osteuropäischen Märkte abhanden

kamen. Doch durch kluges kommunales

Handeln blieb kein großes Maschinenbauunternehmen

ganz auf der Strecke.

Heckert, Union, Niles & Co. – alle überlebten

mehr oder minder gut und stehen

heute auf soliden Füßen. Im Bündnis mit

der TU Chemnitz sowie einer industrie-

W

as in Chemnitz erarbeitet

wird, wird in Leipzig durch

Handel vermehrt und in Dresden

verprasst.« Schon seit königlich-sächsischen

Zeiten klassifizierte man so die

drei großen Wirtschaftszentren des Landes.

Ein wenig stimmt das noch immer.

Doch mittlerweile tragen auch die Landeshauptstadt

und ihr Umland überdurchschnittlich

zur Wertschöpfung in

Sachsen bei. Im Grunde erwirtschaften

heute alle drei Ballungsräume ein gerüttelt

Maß an der Wirtschaftsbilanz des

Freistaates. Um Dresden und Freiberg

(das historisch schon zum Chemnitzer

Wirtschaftsraum gehört) sind Zukunftsbranchen

wie Mikroelektronik, Solarwirtschaft

und die Elektrotechnik zu

Hause. Im traditionellen »Schaffensland«

Chemnitz-Zwickau-Erzgebirge massieren

sich Maschinen- und Fahrzeugbau. Das

Leipziger Land ist eine Hochburg der Energiewirtschaft,

Finanz- und Handelsdienstleistungen

sowie kreativer Medienmacher.

Etwas bescheidener nimmt sich

die Wirtschaftskraft in Ostsachsen sowie

im Vogtland aus.

REPORT

S A C H S E N

Foto: Siemens AG

DYNAMISCHER STANDORT

Sachsen macht schon seit sechs Jahren

keine Schulden mehr und hat bundesweit

die zweithöchste Investitionsquote.

Doch außerhalb seiner Grenzen weiß

man das offenbar zu wenig. Hier wird

das positive Image des Landes vor allem

durch schöne Landschaften, attraktive

Städte und kulturellen Reichtum geprägt

– mithin ist es ein interessantes

Kurzreiseziel. Als Standort für Wirtschaft,

Wissenschaft und Bildung nehme

man den Freistaat hingegen »noch zu wenig

wahr«, befand jüngst eine deutschlandweite

Umfrage, die die Markt- und

Sozialforschung mbH Hamburg im Auftrag

der Dresdner Staatskanzlei durchführte.

Demnach haben die Menschen

außerhalb Sachsens mehrheitlich nicht

den Eindruck, dass sich hier wieder ein

dynamischer Wirtschaftsstandort entwickelt,

der jungen Menschen viele attraktive

Arbeitsplätze und gute Studienmöglichkeiten

bietet. Immerhin gilt das

Land mit seinen technischen Universitäten

und Hochschulen in Dresden, Chemnitz,

Zwickau, Leipzig, Mittweida und

Zittau als die deutsche Ingenieurschmiede

schlechthin.

Daraus resultiert fraglos auch, dass

Sachsens Statistiker 2011 zum ersten Mal

seit 1997 wieder mehr Zuzug als Abwanderung

vermelden konnten. Vor allem

immer mehr Landeskinder, die einst der

Arbeit wegen gen Westen zogen, kehren

zurück. Das hat das Land auch dringend

nötig. Denn der Mangel an Fachkräften

Innovationsoffensive

Durchwachsene Bilanz

Industrielle Leuchttürme, Spitzenforschung, hohe Investitionsquote.

Sachsens Wirtschaft gilt im Osten als Schrittmacher. Doch niedrige

Arbeitsproduktivität und zu viele Schulabbrecher trüben das Bild.

ist enorm. Wenn Jutta Cordt, die Chefin

der sächsischen Regionaldirektion der

Bundesarbeitsagentur frohlockt, das

Land habe heute die »niedrigste Arbeitslosigkeit

seit 20 Jahren«, hat das längst

auch eine Kehrseite: Fast 600 Ingenieurstellen

können sächsische Unternehmen

derzeit nicht besetzen. »Gesucht werden

vor allem Experten für Fahrzeug- und

Maschinenbau, Elektroingenieure sowie

Architekten und Bauingenieure«, so Jutta

Cordt. Rechne man noch das Segment

der Techniker und technischen Sonderfachkräfte

hinzu, liege »die Zahl der gemeldeten

freien Stellen bei über 1.100 –

Tendenz steigend.«

Damit trifft es bevorzugt jene Branchen,

in denen Sachsen seit dem 19. Jahrhundert

gut aufgestellt war. Noch 1990

erwirtschafteten die Betriebe der drei

sächsischen Bezirke etwa 40 Prozent der

gesamten Industrieproduktion der DDR.

An dem anschließend folgenden Kahlschlag

laboriert vor allem der Raum Leip-

20 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


SERIE

nahen Forschungslandschaft, die sich

hier ansiedelte, entstanden nun einige

der innovativsten Wirtschaftscluster

Sachsens. Nicht ohne Grund haben die

Verbundinitiativen Maschinenbau Sachsen

(VEMAS) und Automobilzulieferer

Sachsen (AMZ) ihren Sitz in Chemnitz.

Gleiches lässt sich auch mit Blick auf

Dresden sagen, das nach der Wende am

wenigsten Federn lassen musste. Im Gegenteil:

Mit milliardenschweren Subventionen

siedelte die Landesregierung

vor ihrer Haustür Europas bedeutendste

Chipfabriken an. Sie boten auch die Basis

für leistungsfähige Branchenverbünde in

der Mikroelektronik sowie neuerdings

auch bei Biotechnologien, wobei hier

auch Leipzig zunehmend zu einer ersten

Adresse in Deutschland avanciert. Gleiches

gilt in der Messestadt auch für die

Umweltforschung.

SICHTBARE SPITZENFORSCHUNG

Insgesamt leistet sich Sachsen eine opulente

Forschungslandschaft mit allein

fünf staatlichen Universitäten. Wissenschaftler

forschen im Freistaat in sechs

Einrichtungen der Leibniz-Gesellschaft,

an vier Helmholtz-Standorten, in sechs

Fraunhofer- sowie 16 Max-Planck-Instituten.

Hinzu kommen neun landesfinanzierte

Forschungseinrichtungen. Für

Sachsens Wissenschaftsministerin Sabine

von Schorlemer kann der Freistaat

heute in Mikroelektronik, Nanotechnologie,

dem Maschinen- und Fahrzeugbau,

den Material- und Werkstoffwissenschaften,

der Biotechnologie, den Neurowissenschaften,

der Medizintechnik und der

Umweltforschung »mit international

sichtbarer Spitzenforschung aufwarten«.

Dennoch sind das nur punktuelle Vorzeigegeschichten.

Im Grunde ist Sachsens

Wirtschaft wieder vorrangig mittelständisch

strukturiert. 88 Prozent der Betriebe

beschäftigen weniger als zehn

Mitarbeiter, 9,4 Prozent maximal 50 Leute.

Die Zahl der Unternehmen mit mehr

als 250 Beschäftigten macht verschwindende

0,3 Prozent aus. Bundesweit ist

der Anteil der Großunternehmen im

Wirtschaftsgefüge gut dreimal höher.

Seit 1990 haben rund 6.000 Unternehmen

eine Betriebsstätte an einem sächsi-

SACHSEN

FAKTEN

Einwohner: 4,14 Mio. (Nov. 2011)

Unternehmen: 115.300 (99 Proz. KMU)

BIP: 94,9 Mrd. Euro (2011)

Veränd. zu 2010: + 2,9 Prozent

Exportquote: 26,2 Prozent

Quelle: Statistisches Amt Sachsen

schen Standort errichtet oder erworben.

Doch entgegen den frühen 1990er Jahren

verlagerte sich der Schwerpunkt der Gewerbeneuanmeldungen

von Handel und

Handwerk inzwischen verstärkt in Richtung

Industrieproduktion. Mittlerweile

weist Sachsen in Ostdeutschland wieder

die zweithöchste Industriedichte auf –

nach Thüringen. Auf 1.000 Einwohner

kommen gut 70 sozialversicherungspflichtig

Beschäftigte im verarbeitenden

Gewerbe, im ganzen Osten (einschließlich

Berlin) sind es nur 54.

Den Gegenpol bilden Wirtschafts-

Leuchttürme, die gezielt gefördert wurden,

damit sich rings um sie industrielle

Kerne entwickeln. Vor allem durch neu

angesiedelte mittelständische Zulieferindustrien

und Forschungseinrichtungen.

An erster Stelle steht die Mikroelektronik,

auch wenn es sich hierbei nur um

Produktionsstätten internationaler Konzerne

handelt. Dennoch bildet die Halbleiter-

bzw. IT-Industrie mit etwa 250 Unternehmen

sowie 35.000 Beschäftigten

heute ein wichtiges Standbein der sächsischen

Wirtschaft. Zugleich zeigten die

letzten Jahren aber auch, wie leicht dieses

Bein angesichts periodisch wiederkehrender

weltweiter Nachfrageprobleme

einknicken kann.

Misst man die sächsischen Kennzahlen

beim Bruttoinlandsprodukt (Rückgang

zwischen 2007 und 2010 um 1,5

Prozent) oder der Produktivität, schneidet

der Freistaat sogar überraschend

mau ab. Mittlerweile wächst die deutsche

Wirtschaft im Durchschnitt wieder

schneller als die sächsische und bei der

Arbeitsproduktivität ist man sogar nationales

Schlusslicht: Jeder Sachse erwirtschaftete

im letzten Jahr 48.696 Euro,

bundesweit waren es 61.725 Euro.

WETTBEWERB FÜR WEITERBILDUNG

Übrigens rangiert der bundesweite Pisa-

Seriensieger selbst im Bildungsbereich in

der letzten Gruppe der Republik: Mit der

weiter wachsenden Zahl an jungen Leuten,

die die Schule ohne Abschluss verlassen,

liegt Sachsen auf Rang 14 unter den

16 Bundesländern. Kein gutes Omen für

künftige Innovationen. Darum zweigte

Sachsens Wirtschafts- und Arbeitsminister

Sven Morlok (FDP) unlängst eine Million

Euro für einen Ideenwettbewerb ab,

mit dem er die Weiterbildungsbeteiligung

der sächsischen Beschäftigten zu

erhöhen hofft. »Wir wollen berufserfahrene

Fachkräfte von den Vorteilen des

Weiterlernens überzeugen. Auch die Unternehmen

profitieren von mehr Produktivität

und flexibleren Mitarbeitern«, so

der Minister.

Harald Lachmann

&

KOLUMNE

Mein Leipzig

HARALD LACHMANN,

Länder-Korrespondent

von W&M in Sachsen

»Mein Leipzig lob‘ ich mir! Es ist ein Klein-

Paris und bildet seine Leute«, schwärmte

der junge Goethe über seine Studienstadt.

Natürlich ist Sachsen weitaus mehr als

Leipzig, aber Sachsen ohne Leipzig – was

für ein Torso!

Sachsens Tor zur Welt, Sachsens Schaufenster,

Sachsens Freiheitsglocke, Sachsens

Vordenkerschmiede, Sachsens selbstbewusst(est)e

Bürgerschaft … Die Reihe ließe

sich lange fortsetzen. »Wenn das einer

schafft, dann wir!«, sagen die Leipziger und

trauen sich Dinge, die andere nicht einmal

zu denken wagen. Selbst wenn es mal

schief geht, wie bei Olympia 2012. Wie gern

wäre man jetzt auch ein Klein-London.

All das macht Leipzig auch für einen

Preußen von Geburt und Geblüt, wie dem

Autor dieser Zeilen, schon lange zu einem

Ort, an dem er sich auch in Sachsen

heimisch und so gar nicht höfisch fühlt –

weltoffen halt. Hier, im Herzen Mitteldeutschlands,

wo Sachsen auf Sachsen-

Anhalt und Thüringen stößt, durchmischen

sich wie sonst nirgends in der Dreiländerregion

Temperamente und Talente, Dialekte

und kreative Verrücktheiten. Ohne Frage ist

Leipzig die einzig wirkliche Metropole und

damit das natürliche Zentrum eines unweigerlich

anstehenden gemeinsamen Bundeslandes

– mögen es heutige Provinzfürsten

auch noch verteufeln. Wirtschaft und Wissenschaft

handeln längst. Eben erst vergab

die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihr

neues Forschungszentrum zur Biodiversität

nach Leipzig – und damit an einen universitären

Dreierbund, der seit 1995 die Unis

in Halle-Wittenberg und Jena einbezieht.

Ob das künftige Land dann Mitteldeutschland

oder vielleicht Kursachsen heißt,

mögen die Bewohner entscheiden.

Doch vermessen wäre beides nicht: Bis 1815

umfasst das frühere Kursachsen im Grunde

jenes historische Territorium (wenn man

mal Börde und Altmark abrechnet). Leider

war es ausgerechnet Preußen, das dem ein

Ende setzte.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 21


SERIE

Sven Morlok, Staatsminister für Wirtschaft und Arbeit in Sachsen, über einen

Haushalt ohne Neuverschuldung, enge Netzwerke und Stromsteuer auf EU-Niveau

Sachsen will 2020 Geberland im Länderfinanzausgleich sein

W&M: Herr Staatsminister, im Februar 2010

prophezeiten Sie, dass Sachsen »ab 2020 zu

den Netto-Gebern im Länderfinanzausgleich

gehören« möchte. Sie wollen dann nichts mehr

erhalten und sogar noch etwas abgeben. Stehen

Sie heute weiter dazu?

MORLOK: Wir wollen auf eigenen Beinen

stehen. Unser politisches Ziel muss sein,

von finanzieller Hilfe unabhängig zu

werden. Erreichen wir dieses Ziel, sind

wir auch Geberland im Länderfinanzausgleich.

Im Koalitionsvertrag haben CDU

und FDP vereinbart, Sachsen langfristig

dorthin zu führen, wo es Anfang des 20.

Jahrhunderts schon einmal stand. Da

gehörte Sachsen zu den wirtschaftlich

erfolgreichsten Regionen Europas. Heute

ist der Freistaat bekannt für seine solide

Finanzpolitik. Was sich viele Länder und

der Bund wünschen – einen Haushalt

ohne Neuverschuldung – haben wir seit

2006! Bei der Pro-Kopf-Verschuldung liegen

wir an zweiter Stelle – hinter Bayern.

Und kein anderes Land hat eine höhere

Investitionsquote als wir mit 19 Prozent!

W&M: Wo sehen Sie für die nächsten Jahrzehnte

die innovativen Schwerpunkte der

sächsischen Wirtschaft?

MORLOK: Die Unternehmen müssen weiter

auf Innovationen setzen, um im internationalen

Wettbewerb bestehen zu können.

Das gilt für die sächsischen »Kernbranchen«

wie Maschinenbau, Fahrzeugbau

oder die Elektroindustrie ebenso wie

für das Handwerk und die Dienstleister.

Innovationen finden aber immer mehr

über Branchengrenzen hinweg statt. Das

bedeutet, die Unternehmen müssen Zukunftsfelder

erschließen, beispielsweise

die Elektromobilität. Als Modellregion

beim bundesweiten Wettbewerb »Schaufenster

Elektromobilität« zeigen wir

Sachsen, dass wir hier ganz vorne mitspielen.

Zudem gilt es, Schlüsseltechnologien

zu entwickeln. Neue Materialien,

Nanotechnologie, Mikroelektronik – in

diesen Bereichen haben wir in Sachsen

bereits hochkarätige Forschungseinrichtungen

und höchst erfolgreiche Firmen.

Dieses Potenzial müssen wir nutzen, unter

anderem durch die richtige Vernetzung

zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

sowie zwischen den Unternehmen

selbst – und das branchenübergreifend.

Als Staatsregierung schaffen wir dafür

die Rahmenbedingungen. Wirtschaftsförderung

bedeutet für uns vor allem: Investition

in Innovation.

W&M: Innovation in der Wirtschaft gibt es

vor allem dort, wo Firmenzentralen beheimatet

sind. Hier hat Sachsen – wie der ganze

Osten – weiter großen Nachholbedarf…

MORLOK: Richtig, bei der Forschungsund

Entwicklungsintensität der gewerblichen

Wirtschaft liegen die neuen Bundesländer

noch hinter den alten, weil

hier weniger Großunternehmen ihren

Sitz haben. Aber: Sachsen hat kluge Köpfe

– und viele Ideen, Forschungs- und

TOP 40 Unternehmen in Sachsen

Autoindustrie und Energiewirtschaft dominieren

Rang Unternehmen Branche

Umsatz

(in Mio. Euro)

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

VNG Verbundnetz Gas AG, Leipzig

Volkswagen Sachsen GmbH

Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV)

Envia Mitteldeutsche Energie AG, Chemnitz

Sachsenmilch AG, Leppersdorf

ENSO Energie Sachsen Ost AG, Dresden

EDEKA Märkte Sachsen

GLOBALFOUNDRIES Dresden Module One/Module Two

Drewag Stadtwerke Dresden GmbH, Dresden

Comparex Deutschland AG, Leipzig (früher PC Ware AG)

F6 Cigarettenfabrik Dresden GmbH, Dresden

Noweda Pharma-Handels GmbH, Niederlassungen Ost

Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Leipzig

Infineon Technologies Dresden GmbH

Bombardier, Werke Görlitz & Bautzen

Komsa Kommunikation Sachsen AG, Hartmannsdorf

Georgsmarienhütte Unternehmensgruppe

Deutsche Solar AG, Freiberg

Koenig & Bauer AG, Werk Radebeul

Wacker AG Werk Nünchritz

Energie

Automobil

Kommunale Dienstleistungen

Energie

Nahrungsmittel

Energie

Handel

Halbleiter

Energie

IT-Wirtschaft

Tabak

Pharmahandel

Medien

Halbleiter

Schienenfahrzeugbau

Telekommunikation/Handel

Stahl

Solar

Druckmaschinen

Chemieindustrie

5.293

4.350

3.507

2.969

1.368

1.218

1.100

1.059

1.052

972

812

770

728

700

700

688

568

556

551

550

Mitarbeiter

(2010)

754

7.500

5.102

2.117

1.564

1.442

8.200

2.850

1.277

1.700

400

392

1.994

2.000

2.290

1.250

1.615

1.278

1.655

1.024

Die Angaben basieren auf freiwilligen Auskünften der Unternehmen.

Im Dezember 2011 veröffentlichte die Sachsen Bank in der Publikation »Fokus Mittelstand« die 100 größten

Unternehmen Mitteldeutschlands. Mit freundlicher Genehmigung der Sachsen Bank veröffentlicht W&M die

22 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


SERIE

»Politisches Ziel muss

es sein, von finanzieller Hilfe

UNABHÄNGIG

zu werden.«

Entwicklungsergebnisse stammen aus

Sachsen. Sie werden aber dort patentiert,

wo sich die Konzernzentralen befinden.

Firmensitze lassen sich nur schwer verlagern,

deshalb setzen wir auf den Mittelstand

als Rückgrat der sächsischen Wirtschaft.

Wir unterstützen die Unternehmen

beim Wachsen, so dass sie eigene

Größenvorteile entwickeln. Die vielen –

oft sehr erfolgreichen – Ausgründungen

aus sächsischen Wissenschafts- und Forschungsinstituten

bestätigen das.

W&M: Sachsen wirkt verhalten in Sachen Solarförderung

– auch bei Protesten gegen die

vom Bund angedachte Subventionskürzung

in diesem Bereich. Woher rührt das?

MORLOK: Wir waren mit dem Gesetzentwurf

zur Novellierung der Solarförderung

nicht zufrieden. Im Bundesrat haben

wir aber nicht deshalb den Vermittlungsausschuss

angerufen, weil wir die

Senkung der Einspeisevergütung verhindern

wollen. Die Senkung halten wir

grundsätzlich für richtig. Wir wollen

den renditegesteuerten Zubau von Solaranlagen

und die daraus resultierenden

Auswirkungen auf die Energiepreise begrenzen.

Uns ist wichtig, die Forschung

und Entwicklung voranzubringen, besonders

bei dezentralen Speichertechnologien.

Wer eine Photovoltaikanlage

auf dem Dach hat, die tagsüber Strom

produziert, soll diesen Strom doch lieber

abends nutzen können, statt ihn wie bisher

ins Netz einzuspeisen. Wir wollen

auch, dass zusätzliche Mittel für die technologie-

und anwenderorientierte Forschung

bereitgestellt werden. Hier hat

sich die Bundesregierung nicht ausreichend

bewegt – deshalb haben wir den

Vermittlungsausschuss mit angerufen.

W&M: Sie wollen die nationale Stromsteuer

auf das von der EU vorgesehene Mindestniveau

absenken. Wie begründen Sie dies?

MORLOK: Die stark steigenden Energiekosten

sind für die Unternehmen, gerade

in Sachsen, ein schwerwiegender Standortnachteil

und für viele Bürger auch

eine große Belastung. Für die Befreiung

energieintensiver Unternehmen von der

Stromsteuer stellt die EU immer höhere

Forderungen, die viel Bürokratie bedeuten.

Daher fordern wir die sofortige Senkung

der Stromsteuer auf das europäische

Mindestniveau. Durch die gleichzeitige

Streichung sämtlicher Sondertatbestände

kann auf Verwaltungsverfahren

verzichtet werden. In Deutschland

machen Steuern und Abgaben fast die

Hälfte der Stromkosten aus. Der Strompreis

hat sich seit der Marktliberalisierung

1998 verzehnfacht. Vor 14 Jahren

mussten die Stromkunden umgerechnet

2,3 Milliarden Euro für Steuern und Abgaben

aufbringen, heute sind es 23,7 Milliarden.

Wir sind dafür, die Stromsteuer

von bisher 20,50 Euro pro Megawattstunde

auf maximal einen Euro zu senken.

Interview: Harald Lachmann

den Freistaat

REPORT

S A C H S E N

Rang

Unternehmen

Branche

Umsatz

(in Mio. Euro)

Mitarbeiter

(2010)

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

BGH Edelstahlwerke GmbH (Freital, Lugau, Lippendorf)

eins energie in sachsen GmbH & Co. KG

Preiss-Daimler Group, Wilsdruff

Siltronic AG Werk Freiberg

Kronospan GmbH, Lampertswalde

Rhön Klinikum AG Sachsen (5 Kliniken)

Feralpi-Stahl, Riesa

Solarwatt AG, Dresden

Takata-Petri Sachsen GmbH, (Elterlein, Freiberg, Döbeln)

Roth & Rau AG, Hohenstein-Ernstthal

Cyberport GmbH Dresden

VEM-Gruppe, Dresden, Thurm, Keula, Wernigerode

Schneider Mineralöl Meißen GmbH, Meißen

Linde-KCA-Dresden GmbH, Dresden

WEPA-Gruppe Werk Kriebstein, Werk Leuna

Dresdner Druck- und Verlagshaus Mediengruppe

Autoliv Sicherheitstechnik GmbH, Döbeln

HQM-Gruppe, Leipzig

VON ARDENNE Anlagentechnik GmbH, Dresden

Wismut GmbH

Stahl

Kommunale Dienstleistungen

Mischkonzern

Halbleiter

Holzverarbeitung

Gesundheit

Stahl

Solar

Automobil

Maschinenbau

IT-Handel

Elektrotechnik

Energie

Anlagenbau

Papier

Medien

Automobil

Metall, Automotive

Maschinenbau

Bergbausanierung

476

451

434

385

370

346

339

324

319

285

270

257

252

244

200

194

193

170

157

150

1.145

1.172

3.343

1.100

680

3.125

561

430

754

1.209

259

1.433

90

441

385

1.793

272

750

566

1.466

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von: Sachsen Bank, Humboldtstraße 25, 04105 Leipzig

40 größten Unternehmen, die dem Freistaat Sachsen zuzuordnen oder in diesem Bundesland

hauptsächlich tätig sind. Die genannten Unternehmensdaten resultieren aus dem Geschäftsjahr 2010.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 23


SERIE

werb zwischen den Unternehmen – vom

Geschäftsinhalt gesehen – noch nicht so

ausgeprägt« sei, erläutert der Manager.

Das wiederum rühre noch aus DDR-Zeiten,

als die Industriekombinate nach

Kompetenzen zusammengelegt waren.

Dies erhielt sich oft auch nach den Privatisierungen.

Mithin überlappten sich die

Geschäftsfelder potenzieller Konkurrenten

nicht so stark wie im Westen.

Neben sehr kleinen Firmen engagieren

sich im Netzwerk auch Globalplayer,

wie eben Niles-Simmons oder auch

Trumpf (Neukirch) und der Druckmaschinenhersteller

KBA Planeta in Radebeul.

Sie üben allein durch ihre Größe

maßgeblichen Einfluss aus, bringen in-

Der Maschinenbau gehörte in den

neuen Ländern zu jenen Industriebranchen,

die nach der Wende

am stärksten schrumpften. Erst Mitte der

1990er Jahre trat eine gewisse Konsolidierung

ein, die ab 1997 auf einen stabilen

und durch relativ hohe Steigerungen geprägten

Wachstumspfad einschwenkte.

Die Folge waren jährliche Wachstumsraten

um sechs Prozent, die aber durch

die Wirtschafts- und Finanzkrise spürbar

abgeschwächt wurden.

Vor allem Sachsen, das traditionell ein

starker Standort für den deutschen

Werkzeugmaschinenbau war, legte lange

überdurchschnittlich zu. Heute finden

rund 50 Prozent des ostdeutschen Maschinenbaus,

bezogen auf Beschäftigung

und Umsatz, in Sachsen statt. Für den

promovierten Maschinenbauingenieur

Ralf Lang ist das nur folgerichtig. Seit jeher

sei der Maschinen- und Anlagenbau

als sehr innovative Branche in Sachsen

bestimmend gewesen, sagt er. Und alles,

was sich nach der Einheit hier in anderen

Bereichen entwickelt, ob in Autoindustrie,

Mikrofertigungstechnik und

Biotechnik, »ist ohne die entsprechenden

Maschinen nicht möglich«, so Lang.

Fotos: MAN Group, H. Lachmann

INTELLIGENTE NETZWERKE

Der Chemnitzer kennt den sächsischen

Maschinenbau vermutlich wie kein Zweiter.

Er koordiniert die Ende 2003 gegründete

Verbundinitiative Maschinenbau

Sachsen (VEMAS). Diese lehnt sich an die

sehr erfolgreiche sächsische Verbundinitiative

Automobilzulieferer Sachsen

(AMZ) an. Projektträger des landesweiten

Geflechts ist das Kompetenzzentrum

Maschinenbau Chemnitz/Sachsen (KMC),

das von Prof. Hans J. Naumann geleitet

wird, dem agilen Geschäftsführer der

Niles-Simmons Industrieanlagen GmbH

in Chemnitz. Es verbündete sich dazu

mit dem Chemnitzer Fraunhofer-Institut

für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik

(IWU). Insgesamt bringen sich in

das Geflecht rund 1.000 Firmen ein,

neben Maschinen- und Anlagenbauern

auch Zulieferer und produktionsnahe

Dienstleister.

Ziel von VEMAS sei es, durch die Bildung

intelligenter Netzwerke die Wettbewerbsfähigkeit

der sächsischen Maschinenbauer

zu erhöhen, berichtet Lang.

Man wolle die Branche stärken und vermehrt

neue Arbeitsplätze schaffen und

langfristig sichern. Dazu habe man die

Verbundinitiative sehr breit angelegt. Neben

Technologieprojekten, beispielsweise

zur Produkt- bzw. Prozessentwicklung,

gehörten hierzu auch Kooperationsvorhaben,

vom gemeinsamen Einkauf über

den Vertrieb bis zum Management.

REPORT

S A C H S E N

Sächsischer Maschinenbau

Gemeinsam stark

Die Verbundinitiative Maschinenbau Sachsen knüpft in der

kleinteiligen Branchenlandschaft ein intelligentes Netzwerk.

Das schafft Synergien und verhindert Parallelentwicklungen.

Lang sieht seine Hauptaufgabe in der

koordinierten Zusammenarbeit vor allem

kleinerer Unternehmen in jenen

Netzwerken. Man wolle das Miteinander

gestalten, das Gegeneinander oder parallele

Entwicklungen verhindern und Synergien

schaffen. Von der Überwindung

der kleinbetrieblichen Strukturen durch

Firmenverbünde erwartet er ein tatsächliches

wie ein substanzielles Wachstum

der Branche. Er ist sicher, gemeinsam

könne man größere Aufträge bearbeiten

und zugleich die eigene Position wie die

der Region im nationalen und internationalen

Wettbewerb verbessern.

Nicht zuletzt seien solche Kooperationen

im Osten möglich, weil »der Wettbe-

24 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


SERIE

ternationale Marktkenntnisse mit, vergeben

Zulieferaufträge teils gezielt in die

Region und bringen sich auch allesamt

im Beirat der VEMAS ein.

IN DER SPITZE 34.000 BESCHÄFTIGTE

Dass solche Netzwerke zwischen potenziellen

Wettbewerbern funktionieren,

hatte vor der Bildung von VEMAS schon

das Team 22 bewiesen – eine Kooperationsinitiative

mittelständischer Maschinenbaufirmen

in der Lausitz. Ähnliches

gilt auch für den Interessenverband

Chemnitzer Maschinenbau (ICM). Beide

sind heute Teil der Verbundinitiative. Als

»eher unwahrscheinlich« sieht Lang indes

Zusammenschlüsse kleinerer Firmen.

»Unternehmer sind deshalb Unternehmer,

weil sie ihren eigenen Kopf haben.

Sonst wären sie nicht erfolgreich«,

begründet er dies.

Am stärksten präsentierte sich der

sächsische Maschinenbau 2008 und

2009, als zeitweilig knapp 230 Unternehmen

mit 50 und mehr Beschäftigten (was

darunter liegt, wird statistisch nicht erfasst)

insgesamt 34.000 Mitarbeiter zählten.

Mit diesen Ergebnissen erreichte

Sachsen im Werkzeugmaschinenbau bereits

das Potenzial Frankreichs. Dann

PROF. NAUMANN wirbt für Netzwerke im

sächsischen Maschinen- und Anlagenbau.

brach die Branche allerdings ein. Mittlerweile

stabilisierte sie sich bei 185 Betrieben

(ab 50 Mitarbeiter). Deren annähernd

30.000 Beschäftigte erwirtschafteten

zuletzt einen Gesamtumsatz von

5,24 Milliarden Euro, von denen über die

Hälfte im Export erlöst wurde.

AUFTRAGSLAGE ÜBERRASCHEND GUT

Mithin herrscht wieder Optimismus im

sächsischen und im ostdeutschen Maschinenbau.

»Die Auftragslage aus dem

Euroraum ist überraschend gut«, freut

sich Reinhard Pätz, Geschäftsführer Ost

des Verbandes Deutscher Maschinenund

Anlagenbau (VDMA). Dennoch habe

die anhaltende Euro-Krise zu Zurückhaltung

bei Investitionen geführt, was sich

nachteilig auf den Auftragseingang in

den zurückliegenden Wochen und Monaten

ausgewirkt habe. Momentan liege

die Kapazitätsauslastung 1,5 Prozent unter

dem Wert im vierten Quartal 2011,

»aber erneut deutlich über dem langjährigen

Durchschnitt von reichlich 86 Prozent.«

Investitionsentscheidungen würden

deutlich kurzfristiger getroffen, ergänzt

Pätz.

Von erheblichem Vorteil erweist es

sich auch für die bei VEMAS angeschlossenen

Maschinenbau-Unternehmen, dass

sie die umfangreiche Infrastruktur des

Chemnitzer Fraunhofer-Instituts IWU

nutzen können, mit dem man im selben

Gebäude sitzt. »Wir haben bei unserer

Arbeit problemlos Zugang zum Knowhow

und den Ressourcen des Instituts.

Wenn es drängende Probleme gibt, besteht

die sehr vorteilhafte Möglichkeit,

auf Wissen im Fraunhofer-Verbund zurückzugreifen«,

freut sich Projektmanager

Ralf Lang von der Verbundinitiative

Maschinenbau Sachsen.

Harald Lachmann

&

www.diemar-jung-zapfe.de

ENSO. Ich hab’s.

Energie mit Branchenverstand – maßgeschneidert.

Sie wünschen sich einen Energieexperten, der weiß,

wie Ihre Branche tickt? Sie wollen Energieangebote,

die für Sie passen? ENSO bietet Ihnen beides.

Unsere Branchenexperten sind mit flexiblen Stromund

Erdgasprodukten ausgestattet. So profitieren

Sie doppelt: von attraktiven Energie produkten und

branchenspezifischer Beratung.

Stärken Sie Ihre Marktposition durch

unsere Kompetenz im Energieeinkauf!

ENSO Energie Sachsen Ost AG

Rico Felix

Telefon: 0351 468-3424

E-Mail: Rico.Felix@enso.de

Internet: www.enso.de

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 25


PORTRÄT

Namensgeber ist der Nanga Parbat,

der neunthöchste Berg der Welt,

auch Diamir genannt. Ins Deutsche

übersetzt »König der Berge«. Fast

entschuldigend sagt der 38-jährige Markus

Walter, Geschäftsführer des Dresdener

Reiseunternehmens Diamir: »Das

klingt vielleicht ein bisschen unbescheiden,

aber uns passte das ganz gut als

Sinnbild, weil wir auch Bergtouren und

Bergreisen anbieten.«

Gemeinsam mit drei Gleichgesinnten

hat der Sachse das Hobby des Bergsteigens

zum Beruf gemacht. Mit Jörg Ehrlich,

Thomas Kimmel und Frank Körnig

im Boot startete er 1999 das unternehmerische

Abenteuer. Startkapital waren die

Reiseerfahrungen des Quartetts und die

Begeisterung für ferne Länder. Zum Portfolio

von Diamir gehören heute neben

den üblichen Angeboten seltene Reiseziele

wie Bhutan, das Königreich im Himalaya,

und Pakistan bis hin zu Exoten wie

Fotos: Diamir (3), A. Pröber

BERGFREUND: Diamir-Chef Markus Walter.

dem Südsudan, Sierra Leone oder Kongo.

Die Dresdner haben sich auf Kleingruppen

und Privatreisende spezialisiert. Sie

organisieren alles, bis hin zum Deutsch

sprechenden Reiseleiter.

Dreizehn Jahre nach der Gründung erwirtschaftet

das Unternehmen jährlich

17 Millionen Euro Umsatz. An die erste

Million kann sich Walter, im ersten Beruf

Diplom-Bauingenieur, nicht erinnern.

Für ihn ist ein anderer Meilenstein unvergesslich

– der Tag, an dem der erste

Katalog fertig vorlag: »Als der aus der

Druckerei kam, da haben wir eine Flasche

Sekt aufgemacht, haben die Kisten

aufgerissen und ihn in die Hand genommen.

Das war wirklich ein sehr emotionaler

Moment.« 48 Seiten war der 2001er

dünn, der aktuelle ist 360 Seiten dick.

Der unternehmerische Gipfelsturm

ist alles andere als ein Spaziergang. Die

Kombination aus Bergsteiger und Unternehmer

scheint aber ein Erfolgsfaktor zu

sein. Walter sieht durchaus Parallelen.

»Sowohl beim Bergsteigen als auch bei

der Führung einer Firma müssen Ent-

Reiseveranstalter Diamir

Gipfel geschäftlichen

Erfolgs erklommen

Der sächsische Reiseveranstalter Diamir organisiert für kleine

Gruppen sehr spezielle Unternehmungen abseits der touristischen

Massenpfade. Die Dresdner verfügen über viele eigene Erfahrungen

von Reisen in ferne Länder und Gegenden. Diese bringen sie in ihre

Angebote ein. Das ist der Garant für den unternehmerischen Erfolg.

scheidungen von großer Tragweite getroffen

werden. Und man muss diese

schnell und fundiert treffen, und möglichst

natürlich die richtigen.«

NACH 9/11 EXISTENZ GEFÄHRDET

Ein weltweit in entlegenen Regionen

agierendes Reiseunternehmen ist jedoch

auch von der wirtschaftlichen und politischen

Situation in den angebotenen

Ländern abhängig. Politische Unruhen,

Natur- und andere Katastrophen treffen

es unmittelbar. Ein einschneidendes

Datum war – zwei Jahre nach Unternehmensgründung

– der 11. September 2001.

Nach dem Terroranschlag auf das New

Yorker World Trade Center stand die

Existenz von Diamir auf dem Spiel. Denn

Reisen, vor allem Flug- und Fernreisen,

waren von einem Tag auf den anderen

für nicht wenige Kunden tabu.

Heute sind es die politischen Unruhen

in den Ländern Nordafrikas und der damit

verbundene praktische Ausfall dieser

Ziele. »Weil wir so breit aufgestellt sind

und diese Regionen nur ein Teil unseres

Angebots sind, können wir solche Krisen

ganz gut überstehen«, ist der Geschäftsführer

überzeugt. Mehr Sorgenfalten verursacht

derzeit der schwankende Wechselkurs

von Euro und Dollar. Denn die

Reisen müssen ein Jahr im voraus kalkuliert

und die Kataloge gedruckt werden.

»Die Schwierigkeit besteht darin,

alles so zu handhaben, dass man zum

einen preislich noch attraktiv ist und

zum anderen durch den Dollarkus nicht

in ein finanzielles Desaster gerät.«

26 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


PORTRÄT

Denn es gilt die Arbeitsplätze von inzwischen

50 Mitarbeitern zu erhalten.

Doch nicht nur die. »Wir sichern ja auch

tausende von Arbeitsplätzen in den Zielländern,

besonders in den unteren Einkommensschichten.«

Dazu gehören auf

den Touren Träger, Köche und Helfer, die

»von uns auch eine faire Bezahlung erhalten.

Das ist unsere soziale Verantwortung.

Mit einem gesunden Wachstum die

nächsten Jahre zu sichern, ist eigentlich

die größte Herausforderung.«

POTENTIAL FÜR DEN UMWELTSCHUTZ

Nicht minder anspruchsvoll ist es, alles

im Einklang mit der Umwelt zu bewerkstelligen.

Den Reiseprofis sind die Thesen

gegen Fernreisen bekannt. Ihre Gegenargumente

beruhen auf ihrer Erfahrung,

dass Reisen auch einen großen Beitrag

zum Umweltschutz leisten können.

»Bringen wir beispielsweise keine Touristen

in einen Nationalpark in Tansania,

um dort auf einer Safari einheimische

Tiere zu erleben, dann besteht irgend-

RUANDA: Junger Berg-Gorilla.

wann auch kein Anreiz mehr für die Bewohner

dort, die Tiere in diesem Nationalpark

zu schützen. Es könnte damit

kein Einkommen mehr erzielt werden.«

Diesen wirtschaftlichen Anreiz in Ländern

zu setzen, wo Umweltschutz noch

kein so großes Thema ist, das, so sieht es

Walter, »ist eigentlich das Potenzial, das

im Tourismus steckt.« Ein Beispiel ist

HIMALAYA: Auch W&M-Autorin Anette Pröber (siehe S. 42) war mit Diamir unterwegs, hier

im Basislager am Mount Everest, und von der fachkundigen Tourbegleitung angetan.

Ruanda. In dem Land, das vor wenigen

Jahren durch Bürgerkrieg und politische

Unruhen noch wirtschaftlich am Boden

lag, hat sich binnen weniger Jahre eine

Tourismus-Infrastruktur entwickelt.

Jetzt finden hier Leute in einer Branche

Arbeit, die früher gar nicht existiert hat.

Während die Einheimischen die letzten

Berg-Gorillas intensiv schützen, sorgen

die sächsischen Touristiker dafür, dass

auch Reisende kommen und für das Erlebnis,

die Berg-Gorillas in freier Wildbahn

zu sehen, viel Geld bezahlen. Allein

die Genehmigung, die Gorillas beobachten

zu dürfen, kostet mittlerweile zwischen

500 bis 750 Dollar pro Stunde. Walter

hält den Preis für gerechtfertigt, »damit

es sich für die Leute mehr lohnt, die

Gorillas zu schützen und den Touristen

zu zeigen, als sie zu schießen. Hier leistet

Tourismus einen ganz klaren Beitrag

zum Umweltschutz.«

Ihre Kompetenz haben sich die Dresdener

durch eigenes Reisen erarbeitet.

Als Rucksackreisende sind sie in der Welt

unterwegs gewesen und bringen die Erfahrungen

mit, die jetzt in die Planung

der Reisen einfließen. Einige waren längere

Zeit im Ausland, wie Markus Geisler,

der sieben Jahre lang in Ekuador gelebt

hat und heute das Lateinamerika-Geschäft

verantwortet. Fränzi Huttenmaier

absolvierte ein dreimonatiges Praktikum

in Nepal, arbeitete in der Partner-Agentur,

betreute und begleitete Kunden. So

hat sie den Unterschied kennengelernt

»zwischen der Vorbereitung der Reisen in

Sachsen und der Realität vor Ort.« Seit

kurzem ist sie zurück, fest angestellt und

zuständig für Nepal und Südostasien.

EIN DUTZEND SPRACHEN IM BÜRO

Das Diamir-Team hat seit Dezember 2011

einen eigenen Firmensitz, in einer über

100 Jahre alten, frisch sanierten Villa, die

in weinroter Farbe gut sichtbar den Namen

des Unternehmens trägt. Auf drei

Etagen recherchieren, planen und organisieren

die Reise-Profis die exklusive

Fotokreuzfahrt ins Eisbärenland, das

Vulkantrekking in Indonesien oder die

zehntägige Sonderreise nach Ghana. Die

durchsichtigen Glastüren zu den einzelnen

Büros stehen meistens offen, vermitteln

Offenheit und Transparenz, lassen

Gesprächsfetzen in Hindi, Arabisch, Russisch

mithören. Ein Dutzend Sprachen

werden bei Diamir gesprochen.

Auch das ist ein Mosaikstein im Erfolg

des Unternehmens, das einst in einer Garage

startete. Dort sind noch Gänse über

die ersten ausgedruckten Unterlagen gewatschelt.

Auch der »König der Berge«

hat einen Anfang in der Ebene.

Sabine Wuttke

&

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 27


Fotos: DPA/ZB, T. Schwandt (3)

P+S Werften GmbH

Verpatzter Umstieg

auf Spezialschiffbau

Das Schiffbauland Mecklenburg-Vorpommern ist krisenerprobt.

Im jüngsten Desaster um die Werften an Peene und Sund greift das

bewährte Rettungsszenario. Diesmal aber ist die Krise hausgemacht.

Ende 2010 war Dieter Brammertz

sechs Monate Geschäftsführer der

P+S-Werften GmbH, die Mitte des

gleichen Jahres gegründet worden war.

Und er war zuversichtlich. Im Gespräch

mit »Wirtschaft & Markt« (Heft 12/2010)

begründete er die Fusion der vorpommerschen

Werften in Stralsund und Wolgast:

»Die neue Struktur schafft Raum,

um an verschiedenen Stellen Synergieeffekte

zu realisieren: in der Administration,

Entwicklung und Produktion sowie

in der Zusammenarbeit mit Lieferanten

und bei der objektorientierten Organisation.

Das senkt die Kosten und stärkt im

Paket mit anderen Maßnahmen unsere

Wettbewerbsfähigkeit.«

Eineinhalb Jahre später ist von diesem

hehren Anspruch nicht mehr viel übrig.

Die P+S-Werften stecken nach dem Tiefschlag

der schweren Schiffbaukrise von

2008/09 – Aufträge wurden über Nacht

storniert, die Banken ließen von der

Branche die Finger wie von einer heißen

Kartoffel – erneut in existenziellen

Schwierigkeiten. Im Mai war es nicht

mehr unter der Decke zu halten: Der

Schiffbaubetrieb mit rund 1.700 Mitarbeitern

an den Standorten Stralsund und

Wolgast hat ein akutes Finanzproblem.

Die Rede ist von 200 bis 300 Millionen

Euro, die in der Kasse fehlen, um den Betrieb

am Laufen halten zu können.

Anders als zu Beginn der Schiffbaukrise

vor gut vier Jahrren sind den P+S-

Werften in den zurückliegenden Monaten

keine Aufträge abhanden gekommen.

Im Gegenteil. Dem Unternehmen

gelang es erfolgreicher als anderen deutschen

Werften, eine ganze Reihe frischer

Aufträge an Land zu ziehen. Unter anderem

zum Bau von zwei Fährschiffen für

die Ostsee-Reederei Scandlines, von fünf

speziell für arktische Gewässer ausgelegten

Frachtern für die Royal Arctic Line

und von zwei Ro/Ro-Schiffen für die dänische

DFDS-Reederei. Nach Firmenangaben

beläuft sich das aktuelle Auftragsvolumen

auf über eine Milliarde Euro.

Um die im Schiffbau üblichen Bauzeitfinanzierungen

– der Auftraggeber

zahlt rund 80 Prozent des Schiffspreises

erst nach Ablieferung – stemmen zu können,

bürgten der Bund und das Land

Mecklenburg-Vorpommern 2010 mit insgesamt

326 Millionen Euro für entsprechende

Kredite. Das bedeutet eine 100-

Prozent-Abdeckung des Bankenrisikos.

Unter dieser Marke ist heutzutage kaum

noch ein Kreditinstitut bereit, Darlehen

an Schiffbaubetriebe auszureichen.

Die Kalkulation ist nicht aufgegangen.

Auch weil die Blütenträume von

Geschäftsführer Brammertz nicht aufgegangen

sind. Über den verbürgten Kreditrahmen

von 326 Millionen Euro hinaus

binnen zwei Jahren einen Finanzbedarf

von über 200 Millionen Euro zu »produzieren«,

das lässt auf wenig Synergieeffekte

und Kostensenkungen schließen.

Die Krise 2012 in den P+S-Werften ist eine

hausgemachte. Das sieht auch Carsten

Frick so, der Vorsitzende des Betriebsrates

der Peene-Werft in Wolgast, und begründet:

»Im Gegensatz zur teilweise serienmäßigen

Fertigung von Containerschiffen

stellt der Spezialschiffbau ganz

28 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


BERICHT

andere Anforderungen an die betrieblichen

Strukturen, internen Abläufe und

das ingenieurtechnische Potenzial.« Bereiche

wie Projektierung, Planung, Konstruktion

und Einkauf hätten den komplexeren

Aufgaben angepasst werden

müssen. Mehr noch: »Dies ist ein stetiger

Prozess, der nicht heute oder morgen als

beendet betrachtet werden kann.« Mit

Blick auf die Arbeiter in den Schiffbauhallen

sagt Frick: »Der Mann an der Zange

macht das, was aus den Ingenieurabteilungen

vorgegeben wird.«

Der Betriebsratschef beklagt besonders

eine unzureichende Anzahl an Ingenieuren.

Ein Fachkräfte-Problem, »das

durch Überalterung in diesem Unternehmensbereich

noch verschärft wird«. Seit

Jahren habe der Betriebsrat vor diesem

sich abzeichnenden Engpass gewarnt

und eine entsprechende Personalstrategie

angemahnt. Unter den geschilderten

Umständen jedoch verzögerten sich Prozessabläufe,

Aufgaben in der Projektierung

und Konstruktion mussten von

außerbetrieblichen Ingenieurbüros erledigt

werden, die Kosten uferten aus.

Im Werftenbetrieb führt das zu einem

Dominoeffekt. Die Erlöse für fertig gestellte

Schiffe verspäten sich adäquat der

SPEZIALSCHIFFE: Die überfällige »Berlin« und ein Ankerziehschlepper (unten).

KRISE: Die

Schiffbauer

(Foto links)

warten auf

Antworten

von Werftchef

Dieter

Brammertz.

verspäteten Ablieferung, zugleich müssen

Materialeinkäufe für Folgebauaufträge

bezahlt werden, der technologische

Ablauf auf den Schiffbauplätzen gerät

ins Stocken – summa summarum wuchert

der Zwischenfinanzierungsbedarf

in unkalkulierte und das Unternehmen

gefährdende Höhen.

Mit der allgemeinen Aufmerksamkeit

für den Bau der neuen Scandlines-Fähren

für die Linie Rostock – Gedser geriet das

Dilemma bei P+S zum öffentlichen Ereignis.

Mit dem Start des Sommerfahrplans

2012 sollten die modernen Schiffe ab Mai

im Einsatz sein. Der Plan ist nur noch

Makulatur. Baumehraufwand und Ver-

tragsstrafen verschärfen die finanzielle

Schieflage der Werft. Und nähren einen

unverhohlen gehandelten Verdacht in

der Branche. Die Aufträge für die technologisch

anspruchsvollen Fähren wurden

hereingeholt zu einer Zeit, als jeder Auftrag

überlebenswichtig für die Werften

war. Hereingeholt aber auch zu sehr eng

gezurrten Konditionen, die Mitbewerber

abwinken ließen und den P+S-Werften

bald finanziell die Luft abschnürten.

In dieser prekären Situation hat die

schiffskrisenerprobte Regierung von

Mecklenburg-Vorpommern ihre bewährten

Rettungsinstrumente ausgepackt.

Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD)

und Wirtschaftsminister Harry Glawe

(CDU) eilten umgehend nach Brüssel zur

Europäischen Union (EU), um die Bedingungen

für staatliche Hilfen auszuloten.

Die klare Ansage der EU-Wettbewerbshüter

war: Beihilfen sind nur gelitten,

wenn die Hälfte der benötigten Geldsumme

aus privatem Quellen aufgebracht

wird. 109 Millionen Euro. Die Belegschaft

hat zugestimmt, insgesamt 68 Millionen

beizusteuern. Sie verzichtet unter anderem

auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Mitte Juni hat das Schweriner Kabinett

bewilligt, dass Land und Bund je zur

Hälfte für ein Beihilfe-Darlehen in Höhe

von 152,4 Millionen Euro bürgen. So ist

die Werft in der Lage, dringend benötigte

Kredite aufzunehmen und die Zeit zu

überbrücken, bis Brüssel die Hilfsgelder

genehmigt. An diese ist ein Umstrukturierungsplan

geknüpft, der jetzt erstellt

werden muss. Kein gutes Zeichen für die

P+S-Beschäftigten. Entlassungen und das

Aus der Peene-Werft stehen im Raum.

Betriebsratsvorsitzender Frick ist aber

optimistisch, »dass die Reißleine noch

mal rechtzeitig gezogen worden ist«. Er

hofft nun, dass auch Zulieferer, Banken

und Gesellschafter mitziehen und die

von der EU geforderten Eigenmittel aufbringen.

Zulieferer der P+S-Werften haben

bereits ihre Unterstützung bekundet.

Im Gegenzug wird die Beteilung von

Mitarbeitern und Zulieferern am Schiffbaubetrieb

geprüft. Frick erwähnt einen

vorteilhaften Nebeneffekt: »Auf diese

Weise würde künftig von außen genauer

hingeschaut und kontrolliert werden,

wie mit dem Geld gewirtschaftet wird.«

Die P+S-Werften verfügen über qualifizierte

Mitarbeiter und viel Know-how.

Frick sieht gute Marktchancen, »im Offshore-Bereich

und alternativen Stahlbau«.

Zurzeit wird nach Werftangaben

an Projekten im Wert von 2,4 Milliarden

Euro gearbeitet. Eine Anleihe auf die Zukunft.

Ohne Krise? Die Antwort wird von

Geschäftsführer Brammertz erwartet.

Thomas Schwandt

&

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 29


Fotos: Andreas Simon

Die kleinen Betriebe brauchen Unterstützung«,

sagt Gert Altenburg

(im Foto oben mit seinem

jungen Mitarbeiter Sebastian Preuß).

»Für die größeren Firmen gibt es Förderprogramme,

sie gehören meist zu den

Wachstumskernen, um die sich das Land

besonders kümmert. Und sie sind auch

stark genug, um ein eigenes Geflecht aus

Zulieferern und Dienstleistern zu bilden.

Wer aber nicht zu den Bevorzugten

gehört, hat es schwer.«

In der Prignitz blühen die Felder. Gelb

leuchtet der Raps, der meist in Verbrennungsmotoren

landet – wenn nicht gerade

das Finanzministerium die Steuervorteile

kappt. Rinder grasen auf den

Wiesen, die nordwestliche Ecke Brandenburgs

zeigt sich als ländliche Idylle. Doch

mit den Abwärtsspiralen der Milchpreise

nimmt auch ihre Zahl ab. Gerade war die

Kleinstadt Meyenburg in den lokalen

Medien: Die Bahnverbindung nach Pritzwalk

soll eingestellt werden. Hier, direkt

an der Landesgrenze zu Mecklenburg-

Vorpommern, ist Unternehmer Altenburg

zu Hause. Seit drei Jahren leitet er

die Meyenburger Elektrobau GmbH, seit

vielen Jahren bestimmt er die Entwicklung

mit und macht sich Gedanken um

die Zukunft. Nicht um die seines Unternehmens.

Das hat sich schon vor Jahren

aufgemacht in Richtung Niedersachsen,

Fachkräftesicherung in Brandenburg

Randregionen stärken

sich für die Zukunft

Mit eigenen Ideen, Konzepten und Modellen kümmern sich

Firmen in der Prignitz, der Uckermark und der Lausitz um den

Fachkräftenachwuchs. Sie setzen auch auf die attraktive Heimat.

Hamburg und Berlin. Am Hamburger

Flughafen gab und gibt es jede Menge Arbeit

für zuverlässige Elektromonteure,

anderswo auch – nur selten direkt vor

der Haustür. Aus einer ehemaligen Produktionsgenossenschaft

des Elektro-

Handwerks ist in 20 Jahren ein Unternehmen

mit 70 Mitarbeitern geworden, aufgebaut

durch Altenburgs Vorgänger und

jetzigen Beiratsvorsitzenden Wolfgang

Pförtner. Beide sind eng verbunden mit

der Region. In vielen Familien ist jedoch

von vornherein klar, dass die Kinder

nach der Ausbildung in die wirtschaftlichen

Zentren gehen werden. Oder sie bewerben

sich gleich dort um einen Ausbildungsplatz.

Für den 51-jährigen Altenburg war das

nie eine Perspektive. »Ein echter Prignit-

zer geht hier so schnell nicht weg«, sagt

er. Da sind die Freunde, der Sportverein,

die Feuerwehr, die Tanzabende im Dorf

und das Haus mit Garten, womöglich ein

paar Tieren. Da ist die von Elbe und Havel

durchzogene weite Landschaft. Und

doch: Viele sind weggegangen. Manche

trifft man bei Dorffesten oder Verwandtenbesuchen,

meist fahren sie schöne Autos

und tragen schicke Klamotten. Nach

ein paar Bier ist von Heimweh die Rede

und der anderen Mentalität in der neuen

Heimat. Wiedergekommen ist bisher

kaum jemand, obwohl der Bedarf an

Fachkräften auch in der strukturschwachen

Prignitz wächst. Grund sind nicht

nur die niedrigeren Löhne. Die Unsicherheit

ist zu groß, Wege zum Arzt oder zur

Schule zu weit, Freizeitmöglichkeiten

30 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


REPORT

fehlen und wenn jemand erst eine Familie

gegründet hat, liegen die Hürden für

einen Ortswechsel ohnehin hoch.

Ähnlich sieht es überall aus an Brandenburgs

Rändern. In der Uckermark

oder in der Lausitz. Idyllische Landschaft,

Rekordmarken in der Arbeitslosigkeit

und auf gut ausgebauten Straßen

sausen die verbliebenen Fachkräfte nach

Berlin oder Dresden. Gerade hat die seit

1990 regierende SPD ein Strategiepapier

für die angesichts des Bevölkerungsrückganges

unausweichliche Kommunalreform

vorgelegt. Einschnitte in die derzeit

noch vorhandenen Strukturen sind

nicht zu vermeiden, das ist allen klar.

UREINWOHNER: Störche in Wittenberge.

ziale. 60 mittelständische Unternehmen

hatten den Verein vor drei Jahren gegründet.

Rund 1,3 Millionen Menschen

leben in der Lausitz, die Mehrzahl der

über 80.000 Firmen sind Klein- und

Kleinstunternehmen. Für viele ist das Gebiet

ein gemeinsamer Wirtschaftsraum,

in dem unterschiedliche Regelungen

und Genehmigungsverfahren der Länder

erheblich stören – in manchen Punkten

sei die Bürokratie sogar zwischen Berlin

und dem Umland einfacher. Abstimmung

der Wirtschaftsförderung, ein einheitliches

Verkehrskonzept und die stärkere

Vernetzung von Hochschulen und

Wirtschaft werden deshalb gefordert.

Für Eberhard Walter, Präsident des

Unternehmerverbandes Brandenburg, ist

die Sicherung des Fachkräftenachwuchses

zum Knackpunkt geworden. »Angesichts

der demografischen Entwicklung

wird ja viel darüber geredet«, sagt er.

»Aber wir haben es nicht mit einem

Problem der Zukunft zu tun, sondern

mit einem, das vor allem die kleinen Unternehmen

heute schon behindert. Wer

jetzt seine Ausbildungsplätze nicht be-

ÜBERGREIFENDES STANDORTMARKETING

Doch wenn auch in den Kleinstädten keine

Behörden, weiterführenden Schulen

oder medizinischen Einrichtungen mehr

existieren, wird das die Absatzbewegung

weiter beschleunigen. Nicht zufällig melden

sich deshalb Initiativen aus diesen

Regionen zu Wort. In zehn Punkten hat

die Wirtschaftsinitiative Lausitz eine eigene

Strategie formuliert. Der Verein fordert

Brandenburg und Sachsen auf, die

Region übergreifend zu fördern. »Wir

müssen die Identität und das Profil der

Lausitz stärken«, so Vereinsvorsitzender

Hermann Borghorst. »Die Lausitz sollte

nicht als Randregion wahrgenommen

werden, sondern als bedeutende Region

in der Mitte Europas.«

Als Standorte für Wirtschaft, Wissenschaft

und Forschung, als Tourismusund

Kulturregion hätten die Landkreise,

zu denen in Brandenburg Elbe-Elster,

Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz und

Cottbus, in Sachsen die Landkreise Bautzen

und Görlitz gehören, enorme Potensetzen

kann, dem werden in zwei, drei

Jahren Nachwuchskräfte als Leistungsträger

fehlen. Also müssen die Firmen

um Azubis werben, sich darstellen – und

das im Wettbewerb mit den Großen. Das

kostet Geld, das Know-how haben sie

meist nicht.«

MANGEL MIT MEHREREN FACETTEN

Auch mit cleverer Eigenwerbung ist es offenbar

nicht getan. »Ein Riesenproblem

ist das Bildungsniveau der Schulabgänger«,

so Walter. »Von einem Cottbuser Unternehmen

weiß ich, dass Facharbeiter

und Meister aus dem Ruhestand zurückgeholt

wurden, um stundenweise den

Auszubildenden Rechnen, Geometrie

und sprachlichen Ausdruck beizubringen.

Die Verantwortlichen sollten aufwachen.

Wir brauchen vernünftige Rahmenbedingungen

für die Wirtschaft.«

Versäumnisse treffen die strukturschwachen

Gebiete besonders. Wer von Randregionen

spricht, hat sein Urteil wohl

schon gefällt: »Ich habe nichts gegen den

Begriff, wenn er auch eine besondere

Verantwortung und Förderung einschließt«,

so der Präsident des UV.

Über Forderungen hinaus gibt es

längst auch konkrete Aktionen, wie der

Zusammenschluss der Lausitzer Unternehmen

zeigt. Im westlichen Havelland

wurde ein sogenannter Demografie-

Fonds aufgelegt, in den der Landkreis Havelland,

Städte, drei Ämter, sowie die

Havellandkliniken einzahlen. Die Robert-

Bosch-Stiftung gibt 180.000 Euro an Fördermitteln

– insgesamt steht eine Million

Euro zur Verfügung, um Ideen zur

Verbesserung des Wohnumfelds, der Gesundheit

und der Mobilität umzusetzen.

Ein Beispiel ist die »Mieterinsel« in einem

BERUFSPERSPEKTIVE: Philipp Siebert absolviert die Tischlerlehre in der Pritzwalker Bildungsgesellschaft, hier mit Ausbilder Uwe Wendt.

Anna Behrens hat sich für eine Ausbildung bei MEB entschieden.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 31


REPORT

NETZWERKMOTOR: Werner Schulze, Pritzwalker Bildungsgesellschaft, Unternehmensberaterin Dr. Annerose Giewoleit, Gert Altenburg und

Dirk Radatz von der MEB Meyenburger Elektrobau GmbH (v. l.). Junge Leute in Metallausbildung.

Wohngebiet der Amtsgemeinde Nennhausen,

ein Treffpunkt der Generationen

mit Vorträgen, Bastelnachmittagen

und Beratungsangeboten. »Je wohler sich

die Leute im Dorf fühlen, desto eher sind

sie geneigt zu bleiben«, erklärte Amtsdirektorin

Angelika Thielicke in der Lokalzeitung.

Als ein »einmaliges Strategiepaket

eines Landkreises« lobte die Staatskanzlei

in Potsdam die Aktion.

Selbst etwas zu tun – das fordert auch

der Meyenburger Unternehmer Gert Altenburg.

Und geht mit gutem Beispiel

voran. »Wir sind gut im Geschäft«, sagt

er. »Aber wir könnten noch mehr Aufträge

annehmen, wenn wir die Kapazitäten

dazu hätten.« Seit Jahren bildet MEB eigene

Elektromonteure aus, 68 in 20 Jahren.

Viele sind übernommen worden

und haben das Firmenwachstum gesichert.

Es wurde in moderne CAD-Arbeitsplätze

investiert und gemeinsam mit der

Pritzwalker Bildungsgesellschaft GmbH

die Qualifizierung der zukünftigen Ingenieure

organisiert. Ein Mitarbeiter hat

vor kurzem seine Berufsausbildung mit

anschließendem Bachelorstudium absolviert,

gefördert durch den Unternehmer

Stefan Quandt, der sich in der Prignitzer

Heimat der Familie Quandt engagiert.

BODENSTÄNDIGKEIT ALS STÄRKE

»Wir sind stark genug, um kleineren Firmen

zu helfen«, sagt Altenburg. »Ausschreibungen

werden zum Beispiel elektronisch

auf Internetplattformen eingestellt.

Der Zugang kostet Geld, man muss

seine Angebote digital einreichen. Per

Mausklick – aber viele Handwerker haben

dafür weder das Know-how noch die

Zeit. Hier könnten wir unterstützen.« Im

Gegenzug erhofft er sich Zusammenar-

beit bei großen Aufträgen, die MEB sonst

gar nicht annehmen könnte. »Langfristige

Kooperation braucht Vertrauen und

Bodenständigkeit«, erklärt Altenburg.

Sein Motto lautet: »Fair zum Erfolg«.

Zugegeben, das stammt nicht von ihm

selbst, sondern von der Unternehmensberaterin

Dr. Annerose Giewoleit. Sie unterstützt

das Unternehmen seit Jahren

beim Aufbau des Managementsystems.

»Anfangs habe ich meine Aufgabe in der

Umsetzung von Normen und Standards

gesehen«, erklärt sie. »Nach und nach ist

mir klar geworden, dass es um viel mehr

geht, um die Unternehmenskultur, um

die Qualität der Führung, der Beziehungen

im Unternehmen und nach außen

zu Kunden und Lieferanten. Dieses Beziehungsgeflecht

muss stimmen.«

Fairness bilde die Basis, um wirtschaftliche

Zwänge und soziale Verantwortung

unter einen Hut zu bringen – und erfolgreich

zu sein. MEB zeigt, dass es funktioniert.

Solide, mit stetigem – nicht

sprunghaften – Wachstum. Diese Erfahrungen

sollen in ein Modell für die Prignitz

einfließen. Auf Initiative des MEB-

HEIMAT: Straße in Pritzwalk.

Geschäftsführers und des Chefs der

Pritzwalker Bildungsgesellschaft, Werner

Schulze, haben sich zwöf Unternehmen

zusammengetan. Sie tauschen

zunächst Informationen über Ausschreibungen,

Ausbildungsplätze, Qualifizierungsbedarf

und brisante Entwicklungen

im Landkreis aus. Es geht um die

Bahnstrecke und fehlende Ärzte, um die

in Standorten des Landes Brandenburg

äußerst ungünstig gelegenen, aber politisch

dort gewollten Oberstufenzentren,

die Schwierigkeiten privater Berufsschulen

und die nächsten Volksfeste.

SELBST DER MOTOR SEIN

Das Thema Fachkräfte treibt alle um.

»Wir können uns die passenden Bewerber

nicht backen«, sagt Altenburg. »Wer

bei uns mitarbeiten möchte, aber die

Fähigkeiten nicht mitbringt, muss eben

qualifiziert werden. Und die Bildungsgesellschaft

kann das.« Schon die ersten

Treffen des Netzwerkes führten zu einer

Ideenliste: engere Zusammenarbeit in

der beruflichen Orientierung mit Schulen

und Gymnasien, Praktika und Ferienjobs,

gezielte Werbung um Studienabbrecher

und -wechsler, Fortbildungen für

Mitarbeiter. Langfristig könnte es Kooperationen

mit Hochschulen geben, auch

die Vergabe von Forschungsaufträgen ist

denkbar. Altenburg schweben Bietergemeinschaften

mit Unternehmen der Region

vor, die allen lukrativere Aufgaben

bringen und wieder Wachstum ermöglichen.

»Wir müssen es selbst in die Hand

nehmen, ein eigener Motor sein«, meint

er. Mag da auch Frust über die bevorzugten

Städte mitschwingen – ein selbstbewusster

Standpunkt ist es allemal.

Ulrich Conrad

&

32 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


INTERVIEW

Dr. Ing.-Victor Stimming, Präsident der IHK Potsdam, über Fachkräftesicherung,

chancen von Regionen und Wachstumspotenziale der Brandenburger Wirtschaft

»Infrastruktur erhalten – Konzepte entwickeln«

Foto: IHK Potsdam

W&M: Brandenburg ist zweigeteilt, berlinferne

Regionen wie die Prignitz spüren vom

Boom des Speckgürtels wenig. Lässt sich die

Stagnation angesichts des Bevölkerungsrückganges

und Fachkräftemangels aufhalten?

STIMMING: Probleme abseits der Wachstumskerne

lassen sich nicht leugnen. Daneben

stehen aber auch positive Entwicklungen,

wie die regionale Initiative am

Autobahndreieck Wittstock. Es gilt, die

Potenziale des ländlichen Raumes zu erkennen,

zu nutzen und zu unterstützen.

Darunter verstehe ich auch, fleißige,

heimatverbundene Menschen mit ihrer

Kreativität und ihrem Unternehmergeist,

gut ausgebaute Infrastrukturen

wie am Hafen Wittenberge sowie traditionsreiches

Gewerbe zu unterstützen.

W&M: Wie?

STIMMING: Den Menschen in der Region

muss eine Perspektive gegeben werden.

Die Standort- und Arbeitsbedingungen

haben sich auch in den ländlichen Räumen

deutlich verbessert. Unsere Kampagne

»Mach es in Brandenburg«, die wir

bereits im dritten Jahr aufwendig durchführen,

wird weiter dazu beitragen. Es ist

leichter, die Jugend im Land zu halten,

als sie zurückholen zu müssen. Aber

auch Rückholaktionen sind sinnvoll,

ebenso wie die intensive Fachkräfte-

Anwerbung aus Süd- und Osteuropa.

W&M: Hat es Sinn, noch große Hoffnungen

auf Neuansiedlungen zu setzen?

STIMMING: Realistisch ist die Erweiterung

bestehender Unternehmen. Auch

der Ausbau der Autobahn A 14 wird dabei

einen Schub bringen. In dem Zusammenhang

ist auch mit Neuansiedlungen

vor allem von Logistikern zu rechnen.

W&M: Welches Potenzial haben die kleinen

und mittleren Firmen in diesen Gebieten? Die

meisten sind ja bereits im Berliner Raum, in

Hamburg oder Hannover tätig, weil der lokale

Markt nicht genug Arbeit bietet.

STIMMING: In den Ballungsräumen ist

immer eine entsprechende Nachfrage gegeben.

Dies sorgt mit dafür, dass Arbeitsplätze

in der Region erhalten bleiben.

Wir als IHK ermuntern die Unternehmen,

über den Tellerrand zu schauen

und Auslandsmärkte zu erschließen.

Dazu organisieren wir auch Gemeinschaftsstände

auf internationalen Messen

sowie Unternehmerreisen.

W&M: Welche Auslandsmärkte halten Sie für

besonders chancenreich?

STIMMING: Das gestaltet sich natürlich

für jedes Produkt, jede Dienstleistung

und damit für jedes Unternehmen anders.

Exporteinsteiger können sich gern

über den geförderten Fitness-Check International

beraten lassen. Besonderes

Augenmerk bei grenzüberschreitenden

Geschäftsbeziehungen liegt auf der Europäischen

Union, aber auch auf nachfragestarken,

rasant wachsenden Ökonomien

wie China, Brasilien oder auch

dem Nahen Osten. In einzelnen Ländern

»Den Menschen

in der Region muss eine

PERSEPKTIVE

gegeben werden.«

sollen Anlaufstellen für unsere Firmen

eingerichtet werden; nach Katar und

Saudi-Arabien planen wir eine Unternehmerreise

im November 2012, um Chancen

auszuloten. Interessenten sind hier

herzlich willkommen.

W&M: Gegenwärtig hört man auch in Brandenburger

Regionen, dass Aufträge nicht angenommen

werden können, weil Fachkräfte

fehlen. Auch das Risiko, bei zu schnellem

Wachstum die eigene Stabilität zu gefährden,

wird genannnt. Können Netzwerke die Alternative

sein? Wie müssten sie aussehen?

STIMMING: Unternehmer müssen ihren

Fachkräftebedarf vorausschauend planen

und entsprechend in die berufliche

Bildung investieren. Dazu gehört in zunehmendem

Maße die Weiterbildung,

um technologisch Schritt halten zu können.

Dafür sind die Unternehmerinnen

und Unternehmer selbst verantwortlich,

sie werden von der IHK unterstützt. Netzwerke

und Unternehmenskooperationen

sind zusätzliche Möglichkeiten, Auf-

tragsspitzen und auch Flauten abzufedern.

Die IHK Potsdam hat die Stiftung

»Fachkräfte für Brandenburg« gegründet

und unterstützt damit zusätzlich die berufliche

Bildung. So soll die Stiftung unter

anderem dort wirken, wo andere Projekte

und Programme aufgrund von restriktiven

Förderrichtlinien für unsere

Vorhaben nicht mehr greifen können.

Neben der Unterstützung von Auszubildenden

mit Leistungsdefiziten sollen

auch jene mit besonders guten Leistungen

gefördert werden. Wir wollen sie

zusätzlich motivieren, hier in der Region

ihre berufliche und private Zukunft zu

gestalten.

W&M: Was fordert die Wirtschaft von der Politik,

um auch in den strukturschwachen Regionen

Potenziale und Chancen zu erhalten?

STIMMING: Die Aufrechterhaltung der

Infrastruktur ist immens wichtig. Das erhält

auch die für das Land Brandenburg

typische kleinteilige Unternehmensstruktur,

die uns bisher half, Krisen gut

zu überstehen. Die Entwicklung neuer

Konzepte für den ländlichen Raum darf

dabei nicht vergessen werden.

W&M: Und was leistet die Wirtschaft selbst?

STIMMING: Es gibt zahlreiche Initiativen

der Wirtschaft: Wittstocker Autobahndreieck,

das Netzwerk Zukunft – Schule

und Wirtschaft für Brandenburg, regionale

Ausbildungsmessen, Unternehmerstammtische,

Informationsveranstaltungen

zu neuen Medien, Modellprojekte

zum betrieblichen Gesundheitsmanagement,

die Vorstellung von flexiblen Arbeitszeitmodellen

und vieles mehr. Mit

dem RegionalCenter Prignitz in Pritzwalk

ist die IHK Potsdam als Ansprechpartner

und Dienstleister der Wirtschaft

regional präsent und garantiert kurze

Wege. Durch die IHK wurden umfassende

europäische Mittel nach Nordwest-

Brandenburg gebracht, so im Rahmen

von Projekten des ländlichen Tourismus,

der Ernährungswirtschaft oder der Bioenergie.

Zu erwähnen ist auch das politische

Engagement der IHK zur Mobilität

im ländlichen Raum sowie zur Sicherstellung

von geeigneten Fördermöglichkeiten

von EU, Bund und Land.

Interview: Ulrich Conrad

INTERNET:

www.potsdam.ihk.de

www.mach-es-in-brandenburg.de

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 33


KOLUMNE

Man ist ja so einiges gewöhnt von

unseren Politikern und Beamten,

was aber jetzt in der Eurozone

geboten wird, ist schon an der

Grenze der Vorstellungskraft. Dieser Tage

sagte der Fraktionschef der Liberalen,

Eurobonds, wie vom neuen französischen

Präsidenten Hollande vorgeschlagen,

seien »Zinssozialismus« und den

werde man auf keinen Fall mitmachen.

Ähnlich äußert sich ein hoher Beamter

des Finanzministeriums in einen Brief

an den Chefkommentator der »Financial

Times« in London und beklagt dessen

kritische Kommentare über die Berliner

Regierungskunst mit Argumenten, die

einem die Haare zu Berge stehen lassen.

Da kommt etwas zum Ausdruck, was

es bisher so in der Bundesrepublik nicht

gegeben hat und was einen sehr bedenklich

stimmen muss. Das Berliner Regierungsviertel

hat sich eingemauert hinter

schlechten Argumenten und kann schon

nicht mehr über die Mauer schauen und

sehen, wie der Rest der Welt, und diese

geographische Einordnung ist in diesem

Fall ausnahmsweise keine Übertreibung,

nur noch den Kopf schüttelt über den

Berliner Starrsinn und sich fragt, was

man noch dagegen tun kann, da die Rationalität

offenbar an eine Grenze stößt.

Mit Zinssozialismus meint Herr Brüderle

offenbar die Tatsache, dass im Falle

von Eurobonds die Unterschiede in den

Zinssätzen zwischen den Ländern in der

Eurozone verschwinden würden. Was, so

eine in Berlin weitverbreitete Meinung,

dazu führen müsse, dass die Länder, die

jetzt tief in der Bredouille sind, wieder

anfangen, fröhlich über ihre Verhältnisse

zu leben und den Herrgott einen guten

Mann sein lassen, statt sich am Riemen

zu reißen und ihre Verhältnisse in

Ordnung zu bringen.

Bezeichnenderweise ist Herrn Brüderle

und allen anderen in Berlin der Zinssozialismus,

den die Märkte, die Kapitalmärkte

nämlich, in den ersten acht Jahren

der Währungsunion praktizierten,

gar nicht aufgefallen, und sie haben ihn

auch nicht beklagt. Da waren die Zinsen

für staatliche Anleihen absolut gleich

zwischen Deutschland und Griechenland,

obwohl die Staatshaushalte in Sachen

aktuelle Schulden und Schuldenstand

damals schon sehr differierten.

Vor der Währungsunion war das in

der Tat anders, da waren die Zinsen weit

gefächert, aber auch die Zinsen von Ländern

wie Frankreich, die keine aus dem

Ruder laufenden Staatshaushalte hatten,

AUS GENFER SICHT

Berlin –

eingemauert

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

waren höher als die deutschen. Das war

aber keineswegs der deutschen Staatshaushaltsdisziplin

geschuldet, sondern

einzig und allein der Tatsache, dass

Deutschland immer eine etwas niedrigere

Inflation als die anderen Länder aufwies.

Weil alle wussten, dass diese Inflationsdifferenz

früher oder später durch

eine Abwertung der Währung der Länder

mit höherer Inflation ausgeglichen werden

musste, spiegelte sich diese Abwertungsgefahr

in den Zinsen der Staatsanleihen,

nicht aber unsichere Staatsfinanzen

und ein »Druck der Märkte«,

um »unsolide Verhältnisse« zu beenden.

Es gab noch nie die »Disziplinierung«

durch die Kapitalmärkte, die heute von

der Berliner Laienspielschar als besonderes

Kennzeichen freier Märkte beschworen

wird. Märkte glauben in der Regel,

dass Staaten ihre Schulden bezahlen, jedenfalls

dann, wenn die Schulden in der

eigenen Währung begeben sind, weil die

Staaten sich diese Währung im Zweifel

über ihre Notenbank »besorgen« können.

Daher war der Realzins, also der langfristige

Zins nach Abzug der Inflation, in

den »unsoliden« Ländern vor dem Euro

auch nicht systematisch höher als im soliden

Deutschland. Erst mit dem Euro

sanken die Realzinsen in den Südländern

stärker als in Deutschland.

Mit Beginn der Währungsunion sind

die nominalen langfristigen Zinsen über-

all gleich geworden, weil man unterstellte,

die Währungsunion werde ein Erfolg

und die Inflationsraten blieben von nun

an gleich. Gesunken sind die Zinsen seit

Beginn der Währungsunion überall, weil

die wichtigsten Zentralbanken der ganzen

Welt ihre Ausleihezinsen senkten

und das auf die Märkte für langfristiges

Kapital durchschlug. Folglich kommt im

heutigen Auseinanderlaufen der Zinsen

etwas ganz anderes zum Ausdruck als

eine Disziplinierung durch die Märkte.

Viele Marktteilnehmer glauben nicht

mehr, dass alle Euro-Staaten ihre Anleihen

in Euro zurückzahlen werden. Das

Wichtigste in einer Währungsunion, die

Angleichung der Inflationsraten, hat

nämlich überhaupt nicht geklappt.

Deswegen haben auch die ganzen Gipfel

und deren Beschlüsse zur Haushaltsdisziplinierung

an den Zinsdifferenzen

kaum etwas geändert. Niemand glaubt

nämlich, dass die beschlossenen Maßnahmen

wirken können und dass sie

wirklich zielführend sind, weil das Problem

auseinanderlaufender Inflationsraten

noch nicht wirklich angegangen

ist, auf jeden Fall nicht in einer Weise,

die politisch durchhaltbar erscheint.

Daraus ergibt sich, dass die Verhinderung

von Zinssozialismus im Brüderleschen

Sinne nichts anderes bedeutet als

das Ende der Währungsunion. Wer nicht

für möglich hält, dass die Euro-Länder

wieder vollständig gleiche Zinsen haben,

sagt implizit, dass er das Ende der Währungsunion

nahen sieht. Er bestätigt die

Märkte, die Gleiches glauben.

Währungsunion ist Zinssozialismus!

Wer Zinssozialismus nicht mit relativ

unabhängigen Staaten und unabhängiger

Wirtschaftspolitik hinbekommt, weil

der Ausgleich der Wettbewerbsfähigkeit

zwischen den Regionen nicht gelingt,

muss den Zinssozialismus über dauerhafte

Transferzahlungen erzwingen, wie

es in der deutsch-deutschen Währungsunion

noch immer der Fall ist.

Das alles und die traurigen Argumente

aus dem Bundesfinanzministerium

bestätigen, was schon lange zu vermuten

war. So eine Währungsunion scheitert

nicht primär an der Unfähigkeit der

Menschen in den beteiligten Ländern,

sich an ihre und an die Verhältnisse der

Union anzupassen. Sie scheitert an der

Unfähigkeit allzu vieler Politiker, über

ideologische Schatten zu springen und

eine ernsthafte Diskussion über die Logik

eines solch komplexen Gebildes zu

initiieren und daraus zu lernen. &

Foto: Torsten George

34

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


INTERVIEW

Polnische Ministerin Elsbieta Bienkowska zur EU-Förderung:

Deutsche profitieren am stärksten

Wie das jetzt in Rom vereinbarte EU-Wachstumspaket aussieht und finanziert wird, ist noch unklar.

Zumal in Brüssel schon monatelang um Fördermilliarden gefeilscht wird. In Berlin stritt Elsbieta

Bienkowska, Ministerin für Regionale Entwicklung Polens, gegen die Kürzung der Kohäsions-Mittel.

Foto: Torsten George, Hafen Hamburg

Die Ministerin war in Eile, zwischen

einem Treffen mit Bundeswirtschaftsminister

Philipp Rösler,

einem Vortrag im Europäischen Haus,

Unter den Linden und dem Abflug nach

Warschau stand noch ein Gespräch mit

W&M. Vielleicht fielen deshalb einige

ihrer Antworten nach der polnischen Position

zur Zukunft der EU-Regionalpolitik

weniger diplomatisch als üblich aus.

Empört wies sie den gelegentlichen Vorwurf

zurück, dass die EU-Fördermittel

nicht immer sachgerecht eingesetzt würden.

»In Polen wird genau überwacht,

wofür jeder Euro ausgegeben wird«, so

die Ministerin, »das kann als Modell für

andere europäische Länder gelten.«

KOHÄSIONSPOLITIK

376 MILLIARDEN BIS 2020 IM TOPF

Sie zeigte sich verwundert darüber, wie

wenig in Europa und namentlich in Berlin

bekannt sei, dass gerade Deutschland

stark von der EU-Regionalpolitik profitiert.

Es sei schlicht unverständlich, kritisierte

sie, dass die Bundesrepublik zu

den Staaten gehöre, die für eine Begrenzung

der Mittel für die Kohäsionspolitik

plädieren – damit würden Wachstum

und Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet.

»Ich möchte, dass die öffentliche

Meinung in der EU weiß, dass die Kohäsionspolitik

keine Wohltätigkeit für die Armen,

sondern ein Mittel ist, das zur Beschleunigung

der Wachstumsrate und

der Schaffung von Arbeitsplätzen

beiträgt«, so Bienkowska.

Zum Hintergrund: Im Streit um die

Ausgabengrenzen der EU in den Jahren

2014 bis 2020 treffen zwei Lager aufeinander

– die Nettozahler einerseits und

die Empfänger von Milliarden aus den

Strukturfonds andererseits. 376 Milliarden

Euro sollen auf Vorschlag der EU-

Kommission in den sieben Jahren bis

2020 dafür ausgegeben werden. Ziel ist

die Angleichung des Entwicklungsstandes

in den Ländern, um den wirtschaftlichen,

sozialen und territorialen Zusammenhalt

zu stärken. Schon lange stehen

sich Anhänger und Gegner von mehr

Kohäsionspolitik schier unversöhnlich

gegenüber. Einige Mitgliedsländer, darunter

die Netto-Beitragszahler Deutschland,

Frankreich, Großbritannien, Finnland

und die Niederlande drängen auf

eine strikte Ausgabenbegrenzung.

Mit ihren Programmen hat die EU von

1988 bis 2004 rund 500 Milliarden investiert.

Seit der EU-Erweiterung 2004

fließen die meisten Kohäsionsmittel

nach Osteuropa. In der Förderperiode

2007 bis 2013 sind es allein 67,3 Milliarden

Euro, die nach Polen fließen. Deren

Verwaltung gehört in die Zuständigkeit

der Ministerin. Die Hälfte des kräftigen

Wirtschaftswachstums in Polen, das

2011 bei 4,3 Prozent lag, führt sie auf den

Zufluss von EU-Mitteln zurück, mit denen

viele Projekte verwirklicht wurden.

Liegt der Fokus bei den Infrastrukturprojekten

im laufenden Haushalt 2007 bis

2013 beim Autobahn- und Straßenbau, so

soll künftig laut Bienkowska der Bahnverkehr

stärker gefördert werden. Polen

strebe eine Geschwindigkeit von 160 bis

200 km/h auf der Schiene an.

Im Reisegepäck nach Berlin hatte

Bienkowska, die seit 2007 im Amt ist,

eine Studie mit dem scheinbar unverfänglichen

Titel: »Welchen Gewinn ziehen

die EU-15-Länder aus der in den Ländern

der Visegrád-Gruppe angewandten

Kohäsionspolitik?« Die war von ihrem

Ministerium in Auftrag gegeben worden.

Das Institut für Strukturforschung und

die Gesellschaft Reytech sp. z o.o. sollte

analysieren, welchen Nutzen die alten

EU-Länder aus der Finanzierung der

Kohäsionspolitik in den neuen Mitgliedsländern

Polen, Tschechien, Slowakei und

Ungarn ziehen. Nach Ende des Ostblocks

hatten 1991 in der ungarischen Stadt

Visegrád Polen, die damalige Tschechoslowakei

und Ungarn beschlossen, die

gemeinsamen Probleme möglichst kooperativ

zu lösen. Auch nach dem EU-Beitritt

der auch unter »V4« firmierenden

Länder besteht die Staatengruppe fort.

RÜCKFLUSS GRÖSSER ALS INVESTITION

Die Analyse kommt laut Bienkowska zu

dem Ergebnis, dass der Gewinn der alten

Länder durch das Exportwachstum in

den Visegrád-Ländern hoch ist im Vergleich

zu den Kosten, die sie für die

Finanzierung der Kohäsionspolitik in

diesen Ländern tragen. Die direkten Gewinne

beziffert die Studie in dem Zeitraum

von 2004 bis 2015 auf 8,64 Milliar-

MAKROÖKONOMISCHE GEWINNE

Nutznießer der Regionalförderung in der Union

Zusätzlicher Exportgewinn aus der Durchführung der Kohäsionspolitik der EU-15-Länder

in die Länder der Visegrad-Gruppe in den Jahren 2004 bis 2015 (in Milliarden Euro)

Deutschland

Italien

Niederlande

Frankreich

Großbritannien

Österreich

Irland

Belgien

Schweden

Spanien

Finnland

Dänemark

Portugal

Luxemburg

Griechenland

0 5 10 15 20 25 30 35

Quelle: Polnisches Ministerium für regionale Entwicklung

36 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


INTERVIEW

der EU sei die Kohäsionspolitik die am

besten sichtbare Methode, da direkt vor

ihren Augen etwas getan werde. Die

Kohäsionspolitik könne die Bürger davon

überzeugen, dass die EU auch in Krisenzeiten

handele und Probleme angehe,

die nicht nur mit den Mechanismen des

freien Marktes zu lösen seien.

Bei der Begegnung mit Philipp Rösler

hatte der auf einen engen Finanzrahmen

gepocht: »Zum einen ist sein Umfang auf

ein Prozent des Bruttonationaleinkommens

der EU zu beschränken. Zum anderen

sollte die Zahlung von Fördermitteln

an die Einhaltung des Stabilitäts- und

Wachstumspaktes geknüpft werden.«

MINISTERIN Elsbieta Bienkowska im Gespräch mit W&M.

den Euro, die der indirekten Gewinne –

etwa durch schnelleres Wirtschaftswachstum

in den Nehmerländern – sogar

auf 66,05 Milliarden Euro. Unterm

Strich steht, so die Ministerin, dass von

jedem in die Vierergruppe investierten

Euro 61 Cent an zusätzlichem Exportgewinn

in die alten Länder zurückfließen.

Dieser Durchschnittswert fällt in den

einzelnen Geberländern – Spanien, Portugal

und Griechenland sind keine

Nettozahler – unterschiedlich aus. Für

Deutschland, Irland und Luxemburg ist

der Wert des zusätzlichen Exports in die

»V4«-Länder, der sich aus der Einführung

der Kohäsionspolitik in diesen Staaten

ergibt, höher als die für die Einführung

der Kohäsionspolitik getragenen Kosten.

Am geringsten ist der Rückfluss nach

Frankreich und Dänemark. »Deutschland

– unser größter Nachbar und Wirtschaftspartner

– profitiert insgesamt am

stärksten«, so die Ministerin, »für das

Land fließen aus jedem investierten Euro

sogar 1,25 Euro zurück.«

PAPIER RÄUMT ZWEIFEL AUS

Die mit zusätzlichen Exporten und Aufträgen

für deutsche Unternehmen im

Rahmen von EU-kofinanzierten Projekten

realisierten Gewinne summieren

sich von 2004 bis 2015 auf rund 31,5 Milliarden

Euro. Mit großem Abstand folgt

auf Platz zwei Italien (7 Milliarden), vor

den Niederlanden (6) und Frankreich (5).

Die Ministerin lässt weder den Einwand

gelten, dass diese Studie geradezu

eindimensional ihren Standpunkt stützt,

noch die Bemerkung, dass die Argumentation

ein wenig an Rabattschlachten erinnert:

Je mehr ich kaufe, desto größer

ist scheinbar die Einsparung. Die Analyse

sei mit einer anerkannt wissenschaftlichen

Methodik durchgeführt worden

und beruhe auf gesicherten Ergebnissen.

Brüssel habe sie gutgeheißen und empfohlen,

informiert die Ressortchefin. Das

Papier räume jeden Zweifel daran aus,

dass von den Entwicklungsprozessen

und der Verringerung des Entwicklungsabstandes

der schwächer entwickelten

Staaten die Europäische Union profitiert.

»Das ist auch meine Position«, unterstrich

sie, »Regionalpolitik leistet einen

bedeutenden Beitrag zu Wirtschaftswachstum

und zur Schaffung von Arbeitsplätzen.

Wer die Mittel dafür kürzen

will, der schneidet sich ins eigene

Fleisch.« Leider sei auch Deutschland

nicht auf der Seite der »Freunde der Kohäsion«,

sondern für Einschränkungen.

»Das ist, um es noch einmal zu sagen,

umso unverständlicher, als die Bundesrepublik

als Exportland den mit Abstand

größten Nutzen aus der EU-Strukturpolitik

zieht«, betont Elsbieta Bienkowska

und verweist auf die Analyse.

Der zusätzliche Export aus der Durchführung

der Kohäsionspolitik in den Ländern

der Visegrád-Gruppe für Deutschland

für den Zeitraum von 2004 bis 2015

macht 43 Prozent der Gesamtgewinne

aller alten EU-Länder aus, heißt es dort.

Der Großteil der entsprechenden zusätzlichen

Ausfuhren geht nach Polen und

zwar mehr als die Hälfte des gesamten

zusätzlichen Exports in die »V4«-Länder:

16,3 Milliarden Euro.

An Ende des Gesprächs kommt Elsbieta

Bienkowska noch einmal auf ihr

Anliegen zurück, eine Beschränkung der

EU-Mittel zu verhindern. Für die Bürger

NUTZEN AN PROJEKTEN MESSEN

Auch wenn Polen eine Schuldenbremse

in der Verfassung verankert habe und

den effektiven Einsatz der Finanzmittel

aus Brüssel sicherstelle – generell ist Elsbieta

Bienkowska dagegen, die Hilfe für

Regionen an Bedingungen zu knüpfen,

die an anderer Stelle erfüllt werden müssen.

»Wenn die Zeiten hart sind – und wir

stehen ohne Zweifel schwierigen Zeiten

gegenüber – dann verlangt das Ausgeben

von öffentlichen Mitteln, eine angemes-

SCHWERPUNKT künftiger Regionalentwicklung:

Der Bahnverkehr in Polen.

sene Begründung«, räumte sie ein. Die

EU-Kohäsionspolitik sei jedoch die einzige

Maßnahme, die solide Leistungen für

alle EU-Mitglieder bringe und in der

Praxis erprobt sei. »Es ist fatal, Mittel zu

streichen, die in Strukturprojekte fließen,

aus denen Wirtschaftsentwicklung

wächst. Diese Projekte können nur an

ihren Ergebnissen gemessen werden.

Wenn man Projekte gut umsetzt und

man bekommt trotzdem Mittel gestrichen,

weil es anderswo im Lande Probleme

gibt, dann wäre dies eine Bestrafung

von Unschuldigen.«

Helfried Liebsch

&

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 37


BERICHT

Fotos: Thomas Schwandt

Offshore Windenergie

Maritimer Schulterschluss

Stromerzeugung auf hoher See soll ein Eckpfeiler der künftigen Energieversorgung in Deutschland sein.

Die Konferenz »Wind & Maritim« in Rostock zeigte Startprobleme und Zukunftschancen der Branche auf.

V

on der Auftragsvergabe bis zum

Anschluss eines Offshore-Windparks

an das Stromnetz verstreichen

in Deutschland gegenwärtig zwischen

40 und 45 Monate. Ein entschieden zu

weites Zeitfenster, befindet Jörg Kuhbier,

Vorstandsvorsitzender der Stiftung Offshore-Windenergie.

Wenn es mit einer

zügigen Umsetzung der Energiewende

im Lande ernst gemeint sein soll, dann

müsse die Fertigstellung von Offshore-

Projekten »beschleunigt werden«, sagte

Kuhbier unlängst auf der ersten Zukunftskonferenz

»Wind & Maritim«, die

Ende Mai dieses Jahres in Rostock tagte.

Er plädierte vor über 200 Unternehmensvertretern

aus der Offshore-Windenergie-Branche

für »Realisierungsfahrpläne,

die bei regelmäßigen Treffs aller Beteiligten

überwacht werden können«. Auch

würden standardisierte Projekte einen

erheblichen Zeitgewinn bringen.

Der Vorstandschef der Stiftung Offshore-Windenergie

bilanzierte in Rostock

einen ganzen Reigen an aktuellen

Problemen in der Branche, die zum Belastungstest

für die im Frühjahr 2011 einläutete

Energiewende werden. Denn die

Windenergie – zu Land und auf See – soll

die Rolle des Lastesels in der Energieversorgung

von der kaltgestellten Atomwirtschaft

übernehmen. Insbesondere

bei der Offshore Windenergie läuft noch

nicht alles rund. Bis zum Jahr 2030 sollen

vor Deutschlands Küsten Windparks

mit einer installierten Leistung von insgesamt

25 Megawatt errichtet werden.

Bei den ersten Projekten, vor allem dem

Versuchsfeld »Alpha Ventus« und dem

Windpark »Bard Offshore 1« in der Nordsee,

zeigte sich sehr schnell, dass das

Know-how aus dem Onshore-Bereich

nicht eins zu eins kopiert werden kann

auf hoher See. Die technologischen und

logistischen Herausforderungen sowie

die widrigen Bedingungen auf dem offenen

Meer verteuerten und verzögerten

die Errichtung der bis zu 90 Meter hohen

Windkraftanlagen enorm. Die Investitionen

in größere Parks mit 70 bis 80 Windrädern

haben längst die Milliarden-Marke

übersprungen.

Bei diesen Kapitalvolumina kann es

sehr schnell zu Schadensansprüchen im

zwei- bis dreistelligen Millionenbereich

kommen, berichtete Kuhbier. Erste Fälle

gebe es. Das Fatale daran ist, Haftungsfragen

im Bereich Offshore Windenergie

sind bisher weitestgehend ungeregelt.

Wer zahlt, wenn sich die Errichtung eines

Windparks verspätet und damit die

Erlöse aus der Stromerzeugung ausbleiben,

wenn der Landnetzanschluss nicht

rechtzeitig sichergestellt ist? Hier müsse

umgehend Klarheit geschaffen werden,

mahnte der Stiftungschef, und die Risiken

müssten gerechter verteilt werden,

»zum Beispiel über Versicherungen«. Am

besten sei es aber, »Schadensfälle möglichst

zu vermeiden«.

Kuhbier bezifferte auf der zweitägigen

Konferenz »Wind & Maritim« die Anzahl

der aktuell genehmigten Offshore-

Windparks in Deutschland auf 29. Mit

26 entfällt dabei der Großteil auf die

Nordsee. Vor der deutschen Ostseeküste

sind zurzeit drei neue Projekte genehmigt.

Im Rahmen der Konferenz stellt die

spanische Iberdrola Renovables GmbH

erstmals ihren geplanten Offshore-Windpark

»Wikinger« vor. Das Projekt der Spanier

basiert auf einer früheren Planung

unter anderem Namen. Der Windpark

mit insgesamt 80 Windkraftanlagen soll

30 Kilometer nordöstlich vor der Küste

Rügens entstehen und bereits 2014 ans

Netz gehen.

In verlässlichen politischen und rechtlichen

Rahmenbedingungen für die

Windenergie-Branche sieht auch der Vorsitzende

des in Rostock ansässigen Wind

Energy Network Andree Iffländer den

entscheidenden Schlüssel zur Umsetzung

von Offshore-Bauprojekten. Er deklarierte

diese als elementar, »damit die

Branche im Norden ihre Kompetenz

entfalten kann«. Nach Angaben von Iffländer

ist es bei der Genehmigung von

mehreren Offshore-Windkraft-Projekten

bereits zu Verzögerungen von mehr als

zwei Jahren gekommen, weil beim zuständigen

Bundesamt für Seeschifffahrt

und Hydrographie (BSH) bisher keine der

notwendigen Stellungnahmen des Bundesamtes

für Naturschutz (BfN) einge-

SERVICE AUF SEE: Schnelle Arbeitsschiffe bringen Monteure zu den Meeres-Windmühlen.

38 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


BERICHT

gangen sind. Der Network-Manager

bezeichnete dies als »sehr bedenklich«

und wies auf die Folgen für alle Beteiligten

hin: »Die Zeit, die vorn verloren geht,

kann nicht mehr aufgeholt werden.«

Um technologische Probleme frühzeitig

erkennen und beheben zu können,

sind praxisnahe Tests zwingend notwendig.

Das Land Mecklenburg-Vorpommern

will jetzt zusätzliche neue Testeignungsgebiete

an Land und vor der Küste ausweisen,

kündigte Landesenergieminister

Volker Schlotmann (SPD) in Rostock an.

Das entscheidende Plus von neu entwickelten

und effizienteren Anlagen ist:

sie tragen dazu bei, die nach wie vor sehr

hohen Kosten in der Offshore-Windenergie

zu senken. Experten halten eine

Reduzierung um 30 bis 35 Prozent für

machbar. Die Rostocker Firma Gicon arbeitet

beispielsweise an schwimmenden

Fundamenten für Offshore-Windräder,

NETWORK-MANAGER Andree Iffländer.

deutschen Offshore-Windparks, dem

Testfeld »Alpha Ventus« in der Nordsee,

eine Flotte von 60 unterschiedlichen

Seefahrzeugen im Einsatz. Als besonders

problematisch erweist sich der erforderliche

Ausbau von leistungsfähigen

Stromnetzen. Die Netze sind die Achillesferse

der Windenergie.

W&M: Wo klemmt es in dieser entscheidenden

Frage?

FABER: Für den Netzausbau sind Milliarden-Investitionen

notwendig. Es fehlen

zurzeit aber klare Anreize für Kapitalgeber,

Geld in solche Projekte zu stecken.

Leider fühlt sich in Deutschland dafür

auch niemand zuständig. Die Bundesnetzagentur

überwacht lediglich die

Netznutzungsgebühren.

W&M: Konzeptlosigkeit in der Energiewende

wird der Bundesregierung vielfach attestiert.

Wie ist das Netzproblem zu lösen?

FABER: Die massive Nutzung der Windenergie

steht und fällt mit den Netzen.

Auf Bundesebene muss eine eindeutige

zentrale Verantwortlichkeit für den Netzausbau

geschaffen werden. In der Finanzierung

wäre es denkbar, die Bürger als

Mitbetreiber von Netzen ins Boot zu holen.

Sie könnten ähnlich wie beim Bedie

ab einer Wassertiefe von 25 Metern

eingesetzt werden könnten.

Die Konferenz »Wind & Maritim« sollte

nach Angaben von Netzwerkchef

Iffländer auch den Schulterschluss von

Offshore- und maritimer Industrie verstetigen.

»Stromerzeugung auf dem Meer

ist ohne maritime Erfahrungen nicht

machbar.« Fast 100 Mitglieder umfasst

inzwischen das Wind Energy Network,

darunter sind zahlreiche Unternehmen

aus der maritimen Wirtschaft und Zulieferer.

Für die von der schweren Wirtschafts-

und Finanzkrise arg gebeutelten

Werften zeichnen sich in der Offshore-Industrie

neue Marktchancen ab. Die Unternehmen

sind nach dem Wegbrechen

des Containerschiffbaus in Deutschland

gezwungen, sich neu zu orientieren und

mit innovativen Produkten aufzuwarten.

Der Schiffbaubetrieb Nordic Yards mit

Standorten in Wismar und Warnemünde

präsentierte in Rostock das Projekt eines

neuartigen Errichterschiffes. Der »Heavy

Installer« kann komplett vormontierte

Windkraftanlagen an Bord nehmen und

zu den vorbereiteten Fundamenten auf

See transportieren.

Thomas Schwandt

&

INTERVIEW

Netze sind Achillesferse der Windenergie

PROF. TORSTEN FABER (47),

Leiter des Instituts für Windenergietechnik

an der Fachhochschule in Flensburg,

über die Energiewende und fehlende Anreize

für einen zügigen Netzausbau

W&M: Taugt die Windenergie als Generallieferant

von Strom?

FABER: Unter Berücksichtigung der bereits

in Deutschland installierten Leistung

eindeutig ja. Wenn sich bei Windstärke

6 alle Windkraftanlagen zugleich

nur sechs Sekunden lang drehen würden,

entstünde so viel Strom, dass der

Jahresbedarf eines Bürgers für 50 Jahre

gedeckt werden könnte.

W&M: Demnach wäre das Energieproblem

also gelöst?

FABER: Das geschilderte Best-case-Szenario

ist von der Realität weit entfernt. Die

Windenergiebranche in Deutschland

befindet sich derzeit in einer Konsolidierungsphase.

In der Vergangenheit begangene

Fehler werden behoben und es

wird versucht, die entstandenen Probleme

zu lösen.

W&M: Zum Beispiel?

FABER: Offshore-Windkraftanlagen in

der Nordsee zu errichten, stellt sich als

wesentlich teurer und zeitaufwendiger

dar als ursprünglich kalkuliert. Für den

Bau eines Windparks weit draußen auf

dem offenen Meer werden zum Beispiel

nicht nur einige wenige Schiffe benötigt.

So war bei der Errichtung des ersten

trieb von Windmühlen auch am Netzbetrieb

mitverdienen. Es müssen nur

klare Regelungen dafür her.

W&M: Bei der Windenergie setzt die Bundesregierung

stark auf den Offshore-Bereich.

Eine kluge Strategie?

FABER: Ich favorisiere einen soliden

Energiemix. Die Offshore-Windenergie

wird ein wichtiger Baustein der Energiewende

sein. Zu bedenken ist aber, dass

für ein Megawatt installierter Leistung

bei Offshore meist doppelt so viel investiert

werden muss wie bei Anlagen an

Land. Die installierte Leistung auf hoher

See wird insgesamt zunehmen, der

Trend geht zu größeren Anlagen mit

sechs bis zehn Megawatt Leistung. Aktuell

sind fünf Megawatt das Limit. Künftige

Anlagen werden wirtschaftlicher zu

betreiben sein. Übrigens legt der Bund

bei der Windenergie nicht einseitig das

Gewicht auf Offshore. Auf Land und auf

See existieren in Deutschland zurzeit

Windkraftanlagen mit insgesamt rund

30 Gigawatt installierter Leistung. Geplant

ist, die Kapazität bei der Offshore-

Windenergie auf 25 Gigawatt auszubauen

– bis zum Jahr 2030.

Interview: Thomas Schwandt

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 39


PORTRÄT

Foto: H. Lachmann

Schwingungs Diagnose Service GmbH

Am lauten Puls der Maschinen

Das Unternehmen im sächsischen Böhlen ist auf die Messung und Bewertung von Schallemissionen

spezialisiert. Die zu begutachtenden Objekte reichen von Kraft- und Arbeitsmaschinen in

Tagebauen und in Kraftwerken bis hin zu Straßenbahnen im lärmbelasteten Großstadtverkehr.

Eine Kreuzung im Leipziger Norden.

In Spitzenzeiten donnert hier, wo

die Lindenthaler die Schumannstraße

quert, alle zwei Minuten eine

Straßenbahn vorbei. Direkt neben den

Gleisen haben Männer in orangenen

Westen ein Mikrofon aufgestellt. Daneben

liegt auf dem Boden ein Messgerät,

das anmutet wie eine verkabelte Gehwegplatte.

Ein Team der Schwingungs Diagnose

Service GmbH (SDS) misst an diesem

Tag für Leipzigs Verkehrsbetriebe

die Schallwellen, die vorbeifahrende

Trams verursachen: Welche Lautstärke

erzeugen sie? Welche Schwingungen wirken

auf das Ohr, welche auf den Bauch?

Werden Grenzwerte überschritten?

Dies zu erkunden sei die Aufgabe ihrer

Ingenieure, erläutert Johannes Köllner,

der technische Geschäftsführer von

SDS. Zu einem späteren Zeitpunkt würden

diese Messungen dann wiederholt,

um geplante Sanierungsmaßnahmen

auf ihren Erfolg zu überprüfen.

OPTIMALER WARTUNGSZEITPUNKT

Straßenbahnen bilden indes nur eines

von zahlreichen Einsatzfeldern der

Schallexperten. Nicht ohne Grund hat

die Firma ihren Sitz in Böhlen, quasi im

Herzen des westsächsischen Energie- und

Braunkohlereviers. Denn die Diagnose

der gewaltigen Kraft- und Arbeitsmaschinen,

Kohleförderbrücken, Chemieanlagen

oder Dampferzeuger ist laut Gattin

Sylvana Köllner das traditionelle Kerngeschäft.

Auch hier werden Laufgeräusche

und Körperschallemissionen unter Lastund

Leistungsbedingungen geprüft.

Mit raffinierter Technik diagnostizieren

die Ingenieure und Techniker kaum

noch wahrnehmbare Parameter wie

Schwingweg, -beschleunigung und -geschwindigkeit,

berichtet die kaufmännische

Geschäftsführerin. Das Einsatzspektrum

wachse unaufhörlich, ergänzt ihr

Mann: »Wir untersuchen Stahlwerkskonstruktionen,

große Wasserpumpen und

Rohrleitungen auf schwingungstechnische

Belastungen.« Zudem wuchte man

Rotoren aus – im eingebauten Zustand

und unter Betriebsbedingungen. Denn

in jedem zweiten Fall verursachten Unwuchten

rotierender Maschinenteile die

unerwünschten Schwingungen – oft verschärft

durch Verschleiß und Korrosion.

»Moderne und leistungsfähige Maschinen

sind ein bedeutender und kostenintensiver

Produktionsfaktor«, weiß Johannes

Köllner. Sicherheit, Zuverlässigkeit

und Verfügbarkeit zählen da umso mehr.

Zugleich sollten die Wartungskosten gering

gehalten werden. Hier greift die

Schwingungsdiagnose. »Wir liefern dem

Betreiber wertvolle Informationen zum

Zustand seiner Anlagen.« Diese könnten

Wartung und Instandhaltung rechtzeitig

planen und zum optimalen Zeitpunkt

durchführen. »Warum soll man intakte

Maschinen vorzeitig stilllegen, um sie zu

warten?«, fragt er. Das verursache unnötige

Kosten und störe die Produktion.

Die Kunst der SDS-Diagnostiker besteht

darin, den optimalen Zeitpunkt für

die nächste Durchsicht zu finden. Keine

Maschine dürfe ungeplant ausfallen, so

Köllner. Der 46-Jährige sieht darin »die

große Herausforderung, der wir uns täglich

mit den Betreibern stellen«. Die eigenen

Leute sind durchweg Spezialisten.

Alles erfahrene Maschinenbauer, die genau

wüssten, wie eine Anlage richtig

tickt und welche Schallemissionen einen

nahenden Schaden ankündigen.

Immer häufiger ist SDS auch im Bausektor

tätig. »Erschütterungen durch

Bautätigkeiten beeinträchtigen Bauwerke,

sie können aber auch den menschlichen

Organismus schädigen«, sagt

Köllner. So charterten viele Kunden die

Böhlener Schallexperten speziell dazu,

Bauarbeiten messtechnisch zu begleiten

– und notfalls Warnzeichen zu geben.

Die Intensität von Baumaßnahmen, etwa

bei Rammarbeiten, solle so gesteuert

werden, dass keine Folgeschäden entstünden

und die gesetzlichen Grenzwerte

eingehalten würden. So könne dann

ein Hausbesitzer später nicht einfach behaupten,

einen Riss in der Fassade habe

die benachbarte Baustelle verursacht.

KUNST DER RICHTIGEN DIAGNOSE

»Poliklinik« steht groß über dem Gebäude,

in dem SDS sein Labor betreibt. Das

ist Zufall und bald auch Geschichte.

Noch dieses Jahr bezieht die Firma ein

neues Gebäude in Zwenkau. Ein Vergleich

mit Ärzten scheint nicht so abwegig.

Wie bei einem Mediziner besteht die

Kunst auch bei SDS darin, aus Symptomen

die richtige Diagnose zu erstellen

und, falls nötig, eine heilende Therapie

einzuleiten. Für Köllners ist die lang-

FAMILIENBETRIEB: Hans-Jürgen Hornisch (M.) mit Tochter und Schwiegersohn.

40 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


BERICHT

Foto: Green Ventures

jährige Erfahrung ihrer Ingenieure das

wichtigste Kapital des Unternehmens.

Das Ehepaar steht für die zweite Generation

in der Firma. Zu Jahresbeginn

übernahmen sie das Steuer. Privatisiert

und erfolgreich in die Marktwirtschaft

überführt hatte die frühere Fachabteilung

des Böhlener Chemiekombinates

Hans-Jürgen Hornisch, der Vater von Sylvana

Köllner. 1994 war das. Tochter und

Schwiegersohn lebten damals in Nordrhein-Westfalen.

Hier war die Sächsin gelandet,

nachdem sie 1989 auf abenteuerliche

Weise über die deutsche Botschaft

in Prag gen Westen geflohen war.

Johannes Köllner war zuletzt Produktionsleiter

bei einem mittelständischen

Kunststoffverarbeiter, Sylvana arbeitete

im kaufmännischen Bereich eines Industriebetriebes.

Sie hatten Haus und Kind

und eine Zukunft. Doch Hans-Jürgen

Hornisch, der SDS bis 2011 führte, begann

nach einem Nachfolger zu suchen.

Die Entscheidung zum Umzug in den

Leipziger Raum traf das Paar vor neun

Jahren – rechtzeitig vor der Einschulung

ihrer Tochter. Der Senior nahm sie

schnell in Verantwortung, so dass sie hinreichend

Zeit bekamen, sich in das sehr

spezielle Metier einzuarbeiten. Mittlerweile

lenken und leiten Sylvana und Johannes

Köllner das Unternehmen, das

neun Mitarbeiter hat und pro Jahr gut

700.000 Euro Umsatz erwirtschaftet.

KOOPERATION IN DER FORSCHUNG

Johannes Köllner engagierte sich von Beginn

an auch im Forschungsbereich. SDS

hat einen sehr guten Namen bei wissenschaftlichen

Partnern an verschiedenen

sächsischen Hochschulen und Instituten.

»Es gibt eben kaum Standards für

das, was wir tun«, erzählt er. Ein Teil ihrer

Methoden und Geräte müsse selbst

entwickelt und von der Mannschaft in

praxi stetig verfeinert werden.

Zurzeit arbeite man mit Instituten in

Freiberg und Chemnitz an einem neuen

Mess- und Diagnoseverfahren für industrielle

Thermoprozessanlagen. Damit

ließen sich »über Sensoren zeitgleich optische

Signale und Schwingungsdaten

während des Betriebes erfassen«. Gefördert

werde dieses Vorhaben vom Bund.

»Forschungskooperationen sind für

uns wichtig«, sagt Köllner. »Wir sind in

vielen Branchen unterwegs und sehen

täglich Problemstellungen, für die es weder

Geräte noch Verfahren gibt.« Nur die

gute Idee reiche nicht. Ein klassisches

Budget für Forschung und Entwicklung

könne eine kleine Firma schwer vorhalten.

Ohne die Förderung ließen sich solche

Projekte nicht erfolgreich umsetzen.

Harald Lachmann

&

Unternehmertreffen am Templiner See

Gefragte Kooperationsbörse in Grün

Vertreter von Firmen und Institutionen aus 45 Ländern knüpften

bei den 15. Green Ventures in Potsdam wirtschaftliche Kontakte

International ging es Mitte Juni im

idyllisch zwischen Pirschheide und

Templiner See eingebetteten Seminaris

Seehotel Potsdam zu: Bei den Green

Ventures 2012 trafen sich nach Angaben

des Veranstalters Vertreter von 220 Unternehmen

und Institutionen aus 45 Ländern.

Die Kooperationsbörse der Energieund

Umweltbranche fand zum 15. Male

statt, sie hat sich offenbar als Impulsgeber

etabliert, so Brandenburgs Wirtschaftsminister

Ralf Christoffers.

Zur Auftaktveranstaltung am 14. Juni

hatte René Kohl, Hauptgeschäftsführer

der Industrie- und Handelskammer (IHK)

Potsdam, die Teilnehmer begrüßt. »Das

Kontaktforum legt den Fokus auf Kooperationsprojekte

in den Bereichen Wasser,

Luft und Boden, Energie und Bau sowie

Recycling und regenerative Materialien«,

sagte er. Franzjosef Schafhausen vom

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz

und Reaktorsicherheit unterstrich

die Vorbildfunktion Deutschlands

bei der Nutzung der Erneuerbaren Energien.

Die Energiewende sei »das zentrale

Projekt der Bundesregierung«.

In Gesprächsrunden nutzten die Unternehmensvertreter

die Gelegenheit,

sich über Investitionen und Konzepte

auszutauschen und die Möglichkeiten

der Zusammenarbeit auszuloten. Die in

Hennigsdorf (Oberhavel) ansässige ZIM

Plant Technology GmbH bietet eine Technologie

an, die mittels Sensoren den

Wasserbedarf von Pflanzen bestimmt.

Firmengründer Ulrich Zimmermann

konnte im vergangenen Jahr die ersten

großen Aufträge verbuchen, die über

frühere Kontakte im Rahmen der Börse

entstanden. »Unsere Sonden werden heute

auf brasilianischen Zuckerrohrfeldern

genutzt. Zum Einsatz in Mangroven-Wäldern

sind wir im Gespräch mit Partnern,

die wir bei der Kooperationsbörse trafen«,

informierte er .

Auf dem Abendempfang des diesjährigen

Partnerlandes Belgien betonte Christoffers:

»Wir kennen die Chancen, aber

auch die Herausforderungen der Energiewende

sehr gut. Deshalb ist der internationale

Austausch besonders wichtig.«

Der Belgische Botschafter Renier Nijskens

sprach vom Nachholbedarf beim

Einsatz grüner Technologien. »Belgien ist

noch nicht so weit wie Deutschland, was

die Umstellung auf regenerative Energiequellen

angeht. Das Land hat sich in

den letzten Jahren jedoch ganz gut entwickelt,

woraus viele Kooperationsmöglichkeiten,

besonders in den Bereichen

Recycling, Abwasser und Erneuerbare

Energien, hervorgehen.«

Ein Highlight der Veranstaltung: die

Venture Capital Börse. Sie zeigte den Unternehmern,

wie sie mit ihren Ideen und

Innovationen auf Investoren zugehen

können. Teilnehmer hatten die Möglichkeit,

Konzepte von Clean Capital London,

einem unabhängigen Londoner Finanzberatungsunternehmen,

prüfen zu lassen

und nach anschließender Beratung

Investoren zu präsentieren. Abschluss

des dreitägigen Forums bildete eine Exkursion

zu Unternehmen und Projekten.

IM DIALOG: Unternehmensvertreter erörtern

Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Im Solarpark Brandenburg-Briest wurde

das von Q-Cells errichtete 91-Megawatt-

Photovoltaik-Kraftwerk mit rund 383.000

kristallinen Solarmodulen besichtigt, im

Premnitzer Industriepark die Anlage von

E.ON Energy from waste sowie die Firstwood

GmbH besucht.

Victor Stimming zog als Präsident des

Veranstalters IHK Potsdam eine positive

Bilanz: »In vielen Gesprächen wurde

deutlich, wie sehr Know-how in den Bereichen

Energie- und Umwelttechnik

nachgefragt wird. Dementsprechend

hoch ist auch das Potenzial für die wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Kooperationsprojekte.

Wir freuen uns, dass wir

auch in diesem Jahr vor allem die internationale

Geschäftsanbahnung unterstützen

und als Veranstaltung einen Teil

zur Energiewende beitragen konnten.«

Sten Seliger

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 41


Fotos: A. Pröber (4), T. Schwandt

Karls Erlebnis-dorf

Familienspaß

in Erdbeer

Karls Erlebnis-Dorf bei Rostock hat sich in zwei Jahrzehnten zum

beliebtesten Ausflugsziel im Nordosten entwickelt. Erfolgsgeheimnis

ist eine Symbiose aus Erdbeerschmaus und Freizeitvergnügen.

Bauernmarkt und Scheunenromantik

für die Älteren, Abenteuer und

Tiererlebnisse für die Jüngeren. Es

ist der Mix aus Freizeitspaß, Shoppingvergnügen

und Gaumenschmaus, der die

ganze Familie begeistert. Karls Erlebnis-

Dorf in Rövershagen bei Rostock zählt

jährlich über 1,5 Millionen Besucher und

ist in Mecklenburg-Vorpommern das Ausflugsziel

Nummer eins. Nur Rügens »Naturwunder«,

der Königstuhl, lockt mehr

Touristen-Busse im nordöstlichen Bundesland

an. Aber auch diesen Superlativ

will Karls Erlebnis-Dorf bald erreichen,

sagt Marketingchefin Nadja Schriever.

Mit landläufigen Freizeitparks lässt

sich Karls Erlebnis-Dorf nicht vergleichen.

Das beginnt bereits beim freien

Eintritt ins Dorf. Der Besucher befindet

sich nach wenigen Schritten mitten auf

einem Marktplatz. Hier bekommt der

Gast, was Hof und Garten an frischen

Produkten zu bieten haben. Von Mai bis

September dominieren frisch gepflückte

Erdbeeren das bunte Treiben. Hunderte

Körbchen finden täglich ihre Abnehmer.

Es gibt Erdbeerkuchen, Erdbeer-Getränke

und Erdbeerbrot. Rustikale Tische

und Bänke laden zum Schlemmen ein.

Freunde der regionalen Küche entdecken

die typisch einheimischen Gerichte – je

nach Jahreszeit stehen Spargel, Fisch

oder Grünkohl auf der Karte. Frisch zubereitet

in »Friedas Hofküche«, werden die

Gerichte auf farbenfroher Bunzlauer Keramik

serviert.

Die ganze Familie ist eingeladen zu

schmecken und zu schauen, was das

Meckelbörger Leben traditionell prägte

und prägt. Auf einem großen Gelände

mit Scheunen und Ställen gibt es Pferde,

Esel, Ziegen, Kühe, Schweine und Kaninchen,

und fast jedes Tier lässt sich von

den Kindern streicheln. Nur in der »Mäuseküche«

finden sich die kleinen Nager

hinter Glas, und jeder kann beobachten,

was sie in Spüle oder Küchenschrank

treiben.

Mit einem Original-Traktor geht es

auf Schienen für Groß und Klein quer

durchs Dorfgetümmel. Wer mag, kann

sich aus zehn Metern Höhe eine Kartoffelsackrutsche

hinunterstürzen oder

einen »Fliegenden Kuhstall« erleben.

66 Attraktionen zählt die Erlebniswelt,

zu der saisonbezogen eine Eis- oder Sandwelt,

ein Mais-Labyrinth und vieles mehr

gehören. Das neueste Highlight ist eine

Kletterwelt für Kinder und Erwachsene

unter dem Scheunendach.

Bei den Jüngsten ganz hoch im Kurs

ist jedoch Käpt’n Karls Tobeland auf 600

Quadratmetern – ein Indoorspielplatz,

der bis zum Dach reicht. Eltern und

Großeltern können derweil bei einem

gemütlichen Kaffeekränzchen die gewaltige

Kaffeekannen-Sammlung bestaunen.

Über 23.000 Exemplare stehen aufgereiht

in den Regalen und haben Karls

Erlebnis-Dorf im Jahr 2009 den Eintrag

ins Guinness-Buch der Rekorde einge-

42 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


BERICHT

EINTRITT FREI: Ländliches Vergnügen.

bracht. Schauen kann der Gast aber auch

in die Bäckerei, die Marmeladenküche

oder in die Bonbon-Manufaktur. »Wir erinnern

an alte Traditionen und alte

Handwerkskunst. Bei uns bekommt der

Kunde in liebevoller Handarbeit gefertigte

Produkte aus besten Rohstoffen, einfach

etwas Besonderes«, schwärmt Nadja

Schriever. Im größten Bauernmarkt

Deutschlands findet der Besucher fast

alles, was die Region auszeichnet – von

Wurst- und Käseprodukten, einem besonderen

Tröpfchen bis hin zu maritimen

Mitbringseln und ländlicher Dekoration.

Karls Erlebnis-Dorf fügt sich ein in die

über 90-jährige Unternehmergeschichte

der Familie Dahl. 1921 legte Großvater

Karl Dahl in Bentwisch vor den Toren von

Rostock mit einem Landwirtschaftsbetrieb

den Grundstein zum Erfolg. Er

bot frisches Obst und Gemüse auf den

Wochenmärkten an und belieferte namhafte

Gast- und Logierhäuser.

Nach dem Krieg verschlug es die Familie

nach Schleswig-Holstein, wo Sohn

Karl-Heinz in Warnsdorf bei Lübeck

ebenfalls Obstanbau betrieb. Er hatte

sich als Vertragsbauer an einen Schwartauer

Konfitüren-Hersteller gebunden

und belieferte diesen mit Erdbeeren. Als

sich 1989 die Grenzen öffneten, kauften

die Schwartauer fortan nur noch billigere

polnische Erdbeeren. Karl-Heinz

Dahl musste komplett umstellen auf

eigenen Direktvertrieb. Erdbeeren konnten

nun auf dem Hof und später vielerorts

in den inzwischen legendären Verkaufsständen

im Erdbeer-Design gekauft

werden.

Die heranwachsenden Kinder Ulrike

und Robert Dahl teilten schon bald die

Leidenschaft für das Erdbeer-Geschäft.

Während Ulrike Dahl in Warnsdorf die

Geschicke in die Hand nahm, wandelte

Robert Dahl nach der Wende auf den

Spuren seines Großvaters. Er startete Mitte

1993 in Rövershagen, nur wenige Kilometer

entfernt von Bentwisch und dem

einstigen Sitz des großelterlichen Betriebes,

in die Selbstständigkeit. Der junge

Obstbauer legte los mit einer Scheune,

einem alten DDR-Bauwagen, provisorischem

Telefonanschluss und einigen

Stehtischen. Ideen, Mut und Entschlossenheit

zahlten sich aus. Heute werden

auf über 200 Hektar Erdbeeren angebaut.

In der Spitze bieten 650 Verkäuferinnen

die Früchte feil. Bis zu 2.000 Beschäftigte

zählt der Betrieb in der Saison, 200 sind

ganzjährig fest angestellt.

Fragt man Besucher nach ihren Eindrücken,

sind die Erdbeeren nur eine

wunderbare Köstlichkeit am Rande. Die

Erlebniskultur ist der Magnet. Das Geschäftsmodell

floriert. Karls Erlebnis-

Dorf gibt es seit kurzem auch auf der

Insel Rügen. Bei Zirkow, an der Straße

zu den Ostseebädern, können Familien

ebenfalls »Friedas Hofküche« genießen

und gemeinsam Abenteuer auf einem

Bauernhof erleben. Auf der Insel Usedom

soll bald Karl der Dritte folgen.

Anette Pröber

&

PORTRÄT

ROBERT DAHL, Inhaber von

Karls Erlebnis-Dorf in Rövershagen

Den Leuten eine

Freude machen

Bereits als 12-Jähriger hatte Robert Dahl

für sich entdeckt, dass es einen gewissen

Reiz habe, selbstständig etwas zu unternehmen.

Kirschbaumzweige aus dem

elterlichen Obstanbaubetrieb im ostholsteinischen

Warnsdorf verkaufte er auf

der Straße und erfuhr dabei ungewohnte

Genugtuung: »Es fühlte sich gut an,

den Leuten eine Freude zu machen.«

Eine Motivation, die er sich bewahrt hat.

Mit zehn Hektar Ackerland in Rövershagen

bei Rostock startete der heute

41-Jährige vor gut 20 Jahren den eigenen

Erdbeer-Anbaubetrieb. Es wurde eher

zufällig – die Bodenverwertungs- und

-verwaltungs GmbH bot die Fläche zum

Kauf an – eine Reise zu den Wurzeln der

Familie Dahl in Ostdeutschland. »Mein

Großvater Karl hatte in Bentwisch nahe

Rövershagen 1921 einen Gemüse-Anbaubetrieb

gegründet und bis zur Flucht in

den Westen nach dem Krieg betrieben.«

Eigene Ernte selbst vermarkten und zudem

den Kunden Unterhaltung und

Spaß bieten, dieses Geschäftsmodell

kopierte Robert Dahl von den »Farmers’

Markets« in den USA. Mit dem Vater hatte

er häufig Kalifornien besucht, wo die

Erdbeer-Anbauer als »Taktgeber der

Entwicklung in der Branche« gelten.

Das habe Spuren hinterlassen, sagt der

dreifache Familienvater.

Heute hat Karls Erlebnis-Dorf direkt an

der Bundesstraße 105 zwischen Rostock

und Ribnitz-Damgarten die Dimension

großer »Farmers’ Markets« erreicht. Gut

1,5 Millionen Besucher strömen jährlich

in den ländlich geprägten Vergnügungskomplex.

Dorf-Eigner Robert Dahl sucht

permanent nach neuen Ideen und Impulsen,

denn »die Menschen sollen sich

wohlfühlen« in seinem Erdbeer-Reich.

Thomas Schwandt

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 43


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

URLAUB

Fristen für

Ansprüche

Der Anspruch auf eine Abgeltung

des Urlaubs war bisher

zeitlich befristet. Doch nun

gibt es eine Kehrtwende.

Der Erholungsurlaub muss laut

Paragraf 7 Abs. 3 Satz 1 des Bundesurlaubsgesetzes

im laufenden

Kalenderjahr gewährt und

genommen werden. Eine Übertragung

des Urlaubs auf das

nächste Kalenderjahr ist nur erlaubt,

wenn dringende betriebliche

oder persönliche Gründe

vorliegen. Im Fall der Übertragung

muss der Urlaub in den

ersten drei Monaten des folgenden

Kalenderjahres gewährt

und genommen werden.

Diese Befristung galt bisher

grundsätzlich auch für den

Anspruch auf Abgeltung des

Urlaubs. Denn der Abgeltungsanspruch

wurde in der Rechtsprechung

als Ersatz (Surrogat)

verstanden, wenn der Urlaub

wegen einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses

nicht mehr

genommen werden konnte.

Im vorliegenden Fall war das

Arbeitsverhältnis eines Managers

am 31. Juli 2008 geendet.

Dem Kläger standen zu diesem

Zeitpunkt 16 Tage Urlaub zu.

Mit einem Schreiben vom 6. Januar

2009 verlangte er von der

Firma erfolglos, diesen Urlaub

abzugelten.

Der Abgeltungsanspruch des

Klägers sei nicht am 31. Dezember

2008 untergegangen, entschieden

nun die Richter des

Bundesarbeitsgerichts (Az. 9

AZR 652/10). Der gesetzliche

Urlaubsabgeltungsanspruch

unterlege als reiner Geldanspruch

nicht dem Fristenregime

des Bundesurlaubsgesetzes.

Der Kläger musste deshalb die

Abgeltung seines Urlaubsanspruchs

nicht im Urlaubsjahr

2008 verlangen. Das Bundesarbeitsgericht

hält mit dieser

Entscheidung nicht mehr an

bisher gültigen so genannten

Surrogatstheorie fest.

KÜNDIGUNG

Immer unter

Beobachtung

IM UNTERNEHMEN

Eine Verkäuferin entwendete

Zigarettenpackungen

und wurde dabei von einer

Videokamera beobachtet.

Dies kann auch nach längerer

Betriebszugehörigkeit zur

Kündigung führen. Wurde die

Tat durch eine verdeckte Videoüberwachung

entdeckt,

kann das Beweismaterial allerdings

nicht ohne Weiteres

verwertet werden. Es gilt, das

Interesse des Arbeitgebers

und den Schutz des informationellen

Selbstbestimmungsrechts

der Arbeitnehmerin

abzuwägen. Bei verdeckter Videoüberwachung

muss der

konkrete Verdacht einer strafbaren

Handlung oder einer

anderen schweren Verfehlung

bestehen und es keine Möglichkeit

zur Aufklärung durch

weniger einschneidende Maßnahmen

geben. Unter diesen

strengen Voraussetzungen

wiederum stehen Vorschriften

des Bundesdatenschutzgesetzes

(BDSG) der verdeckten

Videoüberwachung auch an

öffentlich zugänglichen Arbeitsplätzen

nicht entgegen

(Bundesarbeitsgericht, Az. 2

AZR 153/11).

KRIMINALITÄT

WERBUNG

Hersteller

schmierte ab

Ein Produkt eines Herstellers

von Fahrradschlössern

wurde von der Stiftung

Warentest gut beurteilt.

Dies geschah im Jahr 2007. Im

Jahr 2008 unterzog die Stiftung

Warentest das Schloss

einem Nachtest. Diesmal fiel

das Produkt durch. Der negative

Test erschien unter der

Überschrift »S.. schmiert ab«.

Gleichwohl bewarb die Firma

ihr Produkt auch danach

noch unter Hinweis auf die

im Jahr 2007 erfolgte gute Bewertung.

Der klagende Verbraucherschutzverein

hat von

der Beklagten u. a. die Unterlassung

dieser Werbung verlangt.

Das Pfälzische OLG

Zweibrücken (Az. 4 U 17/10)

hat die Beklagte nunmehr zur

Unterlassung der Werbung

mit dem überholten Testergebnis

verurteilt. Zur Begründung

hat es ausgeführt,

die Werbung mit später ausdrücklich

revidierten Testergebnissen

sei irreführend.

Ein Kunde werde ohne weiteres

davon ausgehen, dass ihm

nicht verschwiegen werde,

wenn eine frühere Testbewertung

nicht mehr aktuell sei.

In Magdeburg grassiert der Fahrradklau

In der Radler-Hochburg Münster werden fleißig Drahtesel gestohlen.

Aber auch in Magdeburg sollten sich Radler nicht zu sicher sein.

Stadt Diebstahl je

100.000 Ew.

Münster 1.756

Bremen 1.156

Lübeck 1.124

Magdeburg 1.076

Freiburg 1.036

Quelle: Geld.de

Stadt Diebstahl je

100.000 Ew.

Chemnitz 268

Bochum 210

Wiesbaden 191

Stuttgart 181

Wuppertal 79

URTEIL AKTUELL

Der Fall und DIE FOLGEN

Kita-Kinder

werfen Steine

DER FALL: Der Inhaber einer

Firma stellte sein Fahrzeug

am Rande des Außenbereichs

einer Kindertagesstätte ab und

begab sich in das nebenstehende

Gebäude. Auf dem Freigelände

der Kita hielt sich eine

Gruppe von acht Kindern auf,

die von einer Erzieherin betreut

wurden. Drei Kinder verließen

die Gruppe und begaben

sich in Richtung des

Außenzaunes. Sie nahmen Steine

in die Hand und warfen diese

gegen das parkende Auto des

Klägers. Es handelte sich um so

viele Steine, dass insgesamt 21

Dellen im Fahrzeug festgestellt

wurden.

DAS URTEIL: Die Stadt

muss dem Kläger Schadensersatz

wegen der Beschädigung

seines Autos durch Kindergartenkinder

zahlen. Dies hat der

1. Zivilsenat des Oberlandesgerichts

Koblenz entschieden (Az.

1 U 1086/11). Die Erzieherinnen

der betreffenden Kita hätten in

dem speziellen Einzelfall ihre

Aufsichtspflicht verletzt.

DIE FOLGEN: Eine permanenten

Überwachung von Kinder

ist in einer Kita nicht zu gewährleisten.

Für die Frage der

Aufsichtspflichtverletzung ist

der Einzelfall entscheidend.

Lockere große Kieselsteine, ein

durchlässiger Zaun – in diesem

Fall habe ein konkretes Gefahrenpotenzial

für fremdes Eigentum

vorgelegen. Wenn sich

drei Kinder aus der Gruppe entfernen,

dürften diese nicht

länger unbeobachtet bleiben.

Fazit der Richter: In einem solchen

Fall der Amtshaftung

müsse grundsätzlich die Kommune

beweisen, dass die Erzieherinnen

ihre Aufsichtspflicht

erfüllt haben.

Dies ist allerdings umstritten:

Andere Obergerichte sehen

den Geschädigten in der

Pflicht, auch die Verletzung

der Aufsichtspflicht beweisen

zu müssen.

44 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


W&M-SERVICE

UNTERHALT

Auch Kinder

haben Hobbys

Von geschiedenen Eheleuten,

die Kinder betreuen,

wird oft eine Vollzeittätigkeit

verlangt.

Sie sollen damit selbst für ihren

Lebensunterhalt sorgen.

Aber Kinder haben auch Freizeitaktivitäten.

Wie sind

diese mit der Arbeit des Erziehungsberechtigten

zu vereinbaren?

Im verhandelten Fall

gab die geschiedene Ehefrau

stundenweise Klavierunterricht.

Bis zum frühen Nachmittag

waren die Kinder in

der Schule, anschließend

fuhr die Mutter sie zu entfernt

gelegenen Sportstätten.

Der BGH (Az. XII ZR 65/10) hat

dies anerkannt und eine

Berufstätigkeit im Umfang von

30 Stunden in der Woche als

ausreichend erachtet. Da die

Familie auf dem Land lebe,

müsse die Mutter die Kinder

zum Sport fahren. Dies sei ein

kindbezogener Grund, der

eine Vollzeittätigkeit der Mutter

ausschließe.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

RECHT IM ALLTAG

BANKEN

Unberechtigte

Gebühren

Die Benachrichtigung über

eine nicht ausgeführte Buchung

dürfen Banken nicht

in Rechnung stellen.

Banken dürfen von ihren Kunden

keine Gebühr verlangen,

wenn sie bei einer Einzugsermächtigung

eine Buchung

nicht ausführen und den Kunden

darüber benachrichtigen.

Die Richter des BGH erklärten

eine entsprechende Klausel in

Bankkundenverträgen für unwirksam

(Az. XI ZR 290/11).

Wie der BGH allerdings ebenfalls

mitteilte, sollen die Allgemeinen

Geschäftsbedingungen

der Kreditwirtschaft Anfang

Juli geändert werden.

Dabei werde das Verfahren der

Einzugsermächtigung neu geregelt.

Nach dieser geplanten Änderung

könnten die Banken wieder

Gebühren für die Nichteinlösung

verlangen, Grund:

Es muss eine vorherige Autorisierung

durch den Kunden

vorliegen.

WERBUNG

Papierflut im

Briefkasten

Der Briefkasten ist zum Werbekasten

geworden. Werbeprospekte

und Anzeigenblätter

sorgen für Ärger.

Der »Keine Werbung«-Aufkleber

hilft nicht immer. Es wird

grundsätzlich zwischen der

reinen Briefkastenwerbung

und der Lieferung von Gratiszeitung

mit redaktionellem

Inhalt und losen Werbebeilagen

unterschieden. »Das heißt

nichts anderes, als dass kostenlose

Anzeigenblätter, die neben

viel Werbung auch einige

kleine Artikel enthalten,

trotzdem eingeworfen werden

dürfen«, informiert Friederike

Wagner von der Verbraucherzentrale

Sachsen.

Wer dies verhindern möchte,

sollte sich an den Verlag wenden.

Das Landgericht Lüneburg

(Az. 4 S 44/11) urteilte,

dass sich das Unternehmen

daran halten muss und der

Verbraucher dann nicht extra

einen weiteren Aufkleber

anbringen muss.


Recht KOMPAKT

NOTARE

Nur in Deutschland

Ein Berliner Notar ist mit dem Vorhaben

gescheitert, Beurkundungen

nach deutschem Recht in sämtlichen

EU-Staaten zu erzwingen.

Ein Berliner Notar hat vor dem Berliner

Kammergericht mit seinem Ansinnen,

eine Genehmigung für die Vornahme

von Beurkundungen nach

deutschem Recht und in deutscher

Sprache in sämtlichen EU-Mitgliedsstaaten

außerhalb Deutschlands zu

erhalten, keinen Erfolg gehabt (Kammergericht

Berlin, Az. Not 27/11).

Der Notar hatte gegenüber der Notarabteilung

der Präsidentin des Kammergerichts

angekündigt, im Oktober

2011 in Rotterdam eine derartige Beurkundung

vornehmen zu wollen und

vorsorglich eine europaweite Genehmigung

für vergleichbare Beurkundungstätigkeit

beantragt. Im März

2012 verlangte er die Genehmigung

für die Beurkundung der Generalvollmacht

eines in Den Haag lebenden

deutschen Staatsbürgers. Nach Ablehnung

beider Anträge erhob er erfolglos

Klage. Der Notar habe weder

einen Anspruch auf Genehmigung

der Einzelbeurkundung in Den Haag

noch auf Erteilung einer generellen

Genehmigung. Die Bundesnotarordnung

eröffne eine Genehmigungsmöglichkeit

nur in besonderen Ausnahmefällen,

die nicht vorlägen. Europarechtliche

Regelungen führten zu

keiner anderen Beurteilung. Es bestehe

auch keine Veranlassung, die

Sache zur Durchführung eines Vorabentscheidungsverfahrens

dem Europäischen

Gerichtshof vorzulegen.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Von MATTHIAS SALM,

Wirtschaftsjournalist, Berlin

Die moderne Technik kann Fluch und Segen

zugleich sein. Wer immer und überall erreichbar

sein will, auch am Wochenende, muss damit

rechnen, dass nicht nur Verwandte und Freunde,

sondern auch das Unternehmen den direkten

Draht über das Handy nutzt. Arbeiten überall

und rund um die Uhr – was die Werbung

als Statussymbol einer mobilen Gesellschaft

feiert, kann aber schnell auch zur Überlastung

führen. Smartphones machen es möglich.

Das mobile Endgerät gleicht ständig Daten mit

dem Netzwerkrechner im Betrieb ab und leitet

E-Mails auch außerhalb der Bürozeiten an den

Empfänger weiter. 88 Prozent der Berufstätigen

sind einer Bitkom-Umfrage von 2011 zufolge

auch außerhalb ihrer Arbeitszeit per Handy

oder E-Mail erreichbar. Da hat das Wort Feierabend

längst seine Bedeutung verloren. Bundesarbeitsministerin

Ursula von der Leyen hat

dieses Problem nun thematisiert und »psychischen

Arbeitsschutz« eingefordert. Volkswagen

z. B. war sich des Problems schon länger bewusst:

Dort hat der Betriebsrat eine »Blackberry-Pause«

nach Feierabend durchgesetzt.

Nach Dienstschluss schaltet sich die E-Mail-

Funktion automatisch ab. In den meisten Betrieben

aber fehlt es an Regeln, wie mit solchen

Informationen außerhalb der Dienstzeit umgegangen

werden soll. Diese einzuführen, ist aber

wohl eher eine betriebliche Angelegenheit als

eine Aufgabe des Gesetzgebers. Und letztlich

muss sich auch der Arbeitnehmer hinterfragen,

wenn er die ständige Erreichbarkeit als Ausdruck

seiner Leistungsbereitschaft wertet.

DISKRIMINIERUNG

Rechtzeitig reagieren

Wer eine berufliche Diskriminierung

nach dem Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz

geltend machen will,

muss Fristen einhalten.

Zu beachten ist für alle Ansprüche auf

Schadensersatz die Zweimonatsfrist

des Paragrafen 15 Abs. 4 AGG. Wird

eine Bewerbung abgelehnt, so beginnt

die Frist in dem Moment, in dem

der Bewerber von der Benachteiligung

Kenntnis erlangt. Leer ging eine Klägerin

aus, die sich im November

2007 vom Text einer Stellenanzeige

diskriminiert fühlte. Dort suchte eine

Firma für ihr »junges Team in der City

motivierte Mitarbeiter/innen« im Alter

von 18 bis 35 Jahren. Die 41jährige

Klägerin erhielt im November 2007

auf ihre Bewerbung eine Absage. Die

Klage wegen Altersdiskriminierung

am 29. Januar 2008 kam zu spät

(BAG, Az. 8 AZR 188/11).

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 45


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERVIEW

GELDANLAGE

Fonds wird

geschlossen

Worauf Anleger im Fall

einer Fondsschließung

achten sollten, erklären

Verbraucherschützer.

Eigentlich haben offene Investmentfonds

eine unbegrenzte

Laufzeit. Doch manchmal

schließen Anbieter ihr Fondsprodukt

wegen mangelnder

Rentabilität. In der Regel müssen

Fondsgesellschaften eine

Schließung 13 Monate vorher

ankündigen – im Bundesanzeiger

und im Jahres- oder

Halbjahresbericht. Es gibt drei

Optionen: Ist der Fonds nur

vorübergehend geschlossen,

können Anteilseigner laut Verbraucherzentrale

Nordrhein-

Westfalen abwarten und auf

Besserung hoffen. Allerdings

sollten Anleger zum Beispiel

bei offenen Immobilienfonds

bis zu 30 Monate Geduld mitbringen.

Zweite Option: Die

Anteile an der Börse verkaufen.

Dabei müssen Anleger jedoch

mit teils deutlichen Verlusten

rechnen. Ist eine endgültige

Schließung angekündigt, können

Investoren die Anteile entweder

sofort verkaufen oder

sich nach der Fondsauflösung

auszahlen lassen. Dritte Möglichkeit:

Die Fondsgesellschaft

macht ein Umtauschangebot.

In diesem Fall können Anleger

ihre betroffenen Anteile gegen

die Anteile eines anderen

Fonds eintauschen. Dasselbe

gilt für die Neuanlage des Geldes

bei einem Umtausch.

Tipps der Verbraucherschützer

bei Umtauschangeboten:

Ausgabeaufschlag: Bei einer

Fondsschließung sollte der

Umtausch kostenfrei sein,

schließlich erfolgt er nicht

freiwillig. Gebühren: Investoren

sollten sich über die Höhe

der Gebühren des neuen Fonds

informieren und Angebote mit

erfolgsabhängiger Vergütung

(Performance Fee) meiden.

Mehr Infos: www.vz-nrw.de/

fondsschließung, www.test.de

GESUNDHEIT

Älter und

dynamischer

Ein weiteres Wachstum des

Gesundheitssektors

prophezeien die Experten

der Deutschen Bank.

So soll bis 2020 die Gesundheitswirtschaft

in Deutschland

ihren Anteil am Bruttoinlandsprodukt

von heute

11,5 Prozent auf bis zu 13 Prozent

steigern.

Das habe zum einen mit einem

zunehmenden Gesundheitsbewusstsein

und zum

anderen mit der demografischen

Entwicklung zu tun:

Die Zahl der über 65-Jährigen

steige bis 2050 von 16,8 Millionen

auf über 23 Millionen

Deutsche. So entstehe ein in

Zukunft noch größerer Bedarf

an Gesundheitsgütern

und -leistungen. Profitieren

sollen Anbieter wie Krankenhäuser

oder Arztpraxen. Vor

allem private Krankenhäuser

seien bisher Gewinner des

Strukturwandels auf dem

Krankenhausmarkt.

Die Analysten von Close

Brothers Seydler empfehlen

die Prime-Standard-Aktie der

Marseille-Kliniken zum Kauf.

AKTIENMARKT

BAUBRANCHE

Stein auf Stein

gegen die Krise

Mit vier Prozent Umsatzwachstum

2012 rechnet

der Branchenverband

Deutsche Bauindustrie.

Laut Verbandspräsident Thomas

Bauer habe die Branche

mit dem starken Jahresauftakt

erfolgreich an 2011 anknüpfen

können. Vor allem

das Bauhauptgewerbe werde

weiter wachsen. Sowohl der

Wohnungs- als auch der Wirtschaftsbau

sowie der öffentliche

Bau legten in den vergangenen

Monaten bei den

Auftragseingängen zu.

Zurückzuführen sind die

positiven Zahlen auf gestiegene

Investitionstätigkeiten der

Unternehmen und den Run

auf Immobilien durch die Finanzkrise.

In Deutschland

sind die Preise für Wohneigentum

wegen der Inflationsangst

und niedrigen Zinssätzen

zuletzt kräftig gestiegen.

Eine Empfehlung sprechen

die Experten von Equinet dem

MDax-Papier Hochtief AG aus.

Den Baudienstleister sehen

sie bei einem Kursziel von 67

Euro als klaren Kauf.

DAX BÖRSENSTARS

+

WKN 520000 Beiersdorf + 16,32%

WKN 578560 Fresenius + 15,97%

WKN 604843 Henkel + 09,92%

WKN 578580 Fresenius Medical Care + 09,11%

WKN 716460 SAP + 04,72%

Beiersdorf: Der Kosmetikhersteller profitiert weiterhin von guten Zahlen und einer

Sortimentsbereinigung.

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 25.06.2012

DAX BÖRSENFLOPS


WKN 750000 ThyssenKrupp - 64,17%

WKN 803200 Commerzbank - 55,49%

WKN 725750 Metro - 44,97%

WKN KSAG88 K+S - 39,89%

WKN 823212 Deutsche Lufthansa - 37,81%

ThyssenKrupp: Das Vorsteuerergebnis des Stahlkonzerns verringerte sich im ersten

Halbjahr (10/11 – 03/12) konjunkturbedingt deutlich. Der Verkauf ausländischer Werke

soll Besserung bringen. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 25.06.2012

Quelle: W&M, ohne Gewähr

DR. EUGEN

LÖFFLER,

Allianz Global

Investors, zu

asiatischen

Anleihen

Bis zu acht Prozent

W&M: Herr Löffler, was macht

Asien-Anleihen attraktiv?

LÖFFLER: Unter westlichen Industriestaaten

werden Staatsanleihen

bester Bonität knapp.

Asiatische Wachstumsländer

wie Indonesien oder Philippinen

konnten ihre Bewertungen

stetig verbessern – durch

ein starkes Wirtschaftswachstum

und durch eine niedrigere

Verschuldung. Die erwartete

Verschuldungsquote ausgewählter

asiatischer Länder beträgt

2012 etwa 50 Prozent im

Verhältnis zum BIP. In den G-7-

Staaten sind es laut IWF 93 Prozent

im Durchschnitt.

W&M: Welche Zinsen kann ich bei

Asien-Anleihen erwarten?

LÖFFLER: Asiatische Anleihen

werfen durchschnittlich eine

Rendite in lokaler Währung

von 4,2 Prozent pro Jahr ab.

Staatsanleihen aus Indonesien

oder den Philippinen rentieren

bei fast sechs, aus Indien bei

über acht Prozent. Anleihen

der G-7-Staaten sind im Durchschnitt

mit 2,5 Prozent verzinst.

Unternehmensanleihen

aus Asien rentieren aktuell mit

durchschnittlich 5,8 Prozent

auch höher als Unternehmensanleihen

aus Industriestaaten.

W&M: Sind die Schuldner solide?

LÖFFLER: Durchaus. Vergessen

Sie nicht die Devisenreserven

der asiatischen Staaten. Mehr

als 60 Prozent der weltweiten

Währungsreserven liegen inzwischen

in Asien.

W&M: Es gibt aber nur wenige

Asienanleihen in Euro.

LÖFFLER: Dafür erscheinen

Währungsgewinne möglich.

Viele asiatische Währungen

sind laut »Big-Mac-Index« wohl

unterbewertet. Der Index vergleicht

die Preise eines Big Mac

in unterschiedlichen Ländern

in der inländischen Währung

– ein grober Indikator für die

Kaufkraft einer Währung.

46 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


W&M-SERVICE

Foto: BHW Bausparkasse

SEB

Immobilien im

mobilen Asien

SEB Asset Management bietet

einen Asien-Fonds, der

auf börsennotierte Immobiliengesellschaften

setzt.

Das neue Produkt »SEB Asia

Pacific REIT Fund« hat laut Anbieter

ausschließlich Anteile

von Immobilien-AGs im asiatisch-pazifischen

Raum im

Portfolio. Die Region entwickle

sich weltweit am dynamischsten,

biete eine hohe Dividendenrendite

und eine große

Auswahl an REITs (Real Estate

Investment Trusts). Das SEB-

Fondsanagement geht aktuell

von einer Rendite von etwa

sieben Prozent auf Portfolioebene

aus. Um Risiken zu

minimieren, würden die REITs

anhand eines qualitativen

sowie quantitativen Screening-

Modells ausgewählt. Die Kriterien:

attraktive Risiko-Rendite-

Kennzahlen, bewährtes

Management sowie überzeugende

Corporate Governance.

WKN: A1JVA2

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

GELD & ANLAGE

BVI

Aktien runter,

Renten rauf

Spezialfonds für institutionelle

Anleger erweisen sich

gegenwärtig als Erfolgsmodell

am Markt.

42 Milliarden Euro sammelte

die Investmentwirtschaft in

dieser Produktgruppe 2011 bei

Profi-Investoren ein, sieben

Milliarden mehr als im Durchschnitt

der letzten zehn Jahre.

Laut Bundesverband Investment

und Asset Management

(BVI) erreichte das ausschließlich

für Versicherungen, Banken

und Kapitalanlagegesellschaften

verwaltete Vermögen

Ende 2011 mit 1,132 Billionen

Euro ein neues Allzeithoch.

Der Großteil entfalle mit 813

Milliarden Euro auf das Erfolgsmodell

Spezialfonds. Dabei

sank der Anteil an Aktien

in den Portfolien 2011 auf ein

Zehnjahrestief (11,2 Prozent),

der Anteil der Rentenpapiere

am Vermögen wuchs weiter

auf 70,6 Prozent.

www.bvi.de

UBS

Rohstoffe für

Risikobewusste

Für einen einfachen Zugang

zum Rohstoffsektor sorgt

die Gesellschaft UBS Global

Asset Management.

Die weltweite Rohstoffnachfrage

steigt, die Preise ziehen an.

Davon sollen Anleger profitieren

und zwar mit dem Fonds

»Lux Equity SICAV – Basic

Materials«. Er investiert laut

Anbieter allein in Rohstoffaktien

aus den Branchen Chemie,

Bergbau, Metall und Forst.

Neben den Standardwerten

kaufe der Fonds auch gezielt

Small und Mid Caps, um das

Wachstumspotenzial des

Marktes zu nutzen. Um das

Risiko zu streuen, habe der

aktiv gemanagte Fonds etwa

40 bis 60 Titel im Portfolio, von

denen keiner mehr als zehn

Prozent gewichtet werde. Zu

den Positionen gehören zum

Beispiel Rio Tinto, BASF oder

Linde. Geeignet ist der Fonds

nur für risikobereite Anleger.

WKN: A1JVCD


Geld KOMPAKT

FINANZIERUNG

Kreditfluss stabil

Die Kreditaufnahme für deutsche

Unternehmen soll trotz Eurokrise

stabil sein, meldet die staatliche

Förderbank KfW.

Gemeinsam mit 20 Wirtschaftsverbänden

startete sie eine diesbezügliche

Umfrage bei 6.000 Unternehmen.

Mit 24 Prozent der Befragten

sehen sich zwar mehr Unternehmen

mit Erschwernissen bei

der Kreditaufnahme konfrontiert

als mit Erleichterungen (7 Prozent).

Gegenüber dem Vorjahr sei der

Anteil der Berichte über Schwierigkeiten

jedoch um fünf Prozentpunkte

gesunken. Besonders häufig

(33 Prozent) meldeten kleine Unternehmen

mit weniger als einer Million

Euro Jahresumsatz Erschwernisse

bei der Kreditaufnahme.

COMPLIANCE

Sorglose Manager

Deutsche Manager sehen das

Thema Korruption gelassen und

nehmen es nicht so genau, wenn

ein Abschwung droht.

Bargeld ist laut einer Studie der

Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young

zwar nur noch für zwei Prozent der

Befragten das Mittel zur Kundengewinnung.

Doch sei die Zustimmung

zu persönlichen Geschenken

von vier auf zwölf Prozent gestiegen.

Mehr als 1.750 Manager weltweit,

darunter zahlreiche Finanzvorstände,

wurden für die Studie befragt –

50 davon aus Deutschland.

Deutsche Auto-Hersteller haben sich global aufgestellt

Der Autoabsatz in Europa wird 2012 im fünften

Jahr in Folge sinken – darin sind sich die Wirtschaftsprüfer

von PwC und die Ratingagentur

Moody’s einig. Während PwC mit einem Minus

von fünf Prozent rechnet, prognostiziert

Moody’s sogar einen Rückgang von sechs Prozent.

Da passt es ins Bild, dass die General

Motors-Tochter Opel, Fiat oder Peugeot mit Problemen

zu kämpfen haben.Ganz anders sieht

es bei Audi, BMW, Mercedes, Porsche und VW

aus. Alle haben im Jahr 2011 ihren Umsatz und

Gewinn kräftig gesteigert. Bei BMW und bei VW

wurden sogar neue Absatzrekorde erzielt. Doch

wie kann es innerhalb einer Branche zu solchen

Gegensätzen kommen? Bei genauer Betrachtung

löst sich das Rätsel: Die deutschen Hersteller

haben ihren Absatz und ihre Produktion

schon frühzeitig globalisiert. So hat VW bereits

Von GERD RÜCKEL,

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.

vor drei Jahrzehnten erste Produktionsstätten

in China gebaut. Mittlerweile wird mehr als

die Hälfte der von deutschen Autobauern

hergestellten Karossen im Ausland gefertigt.

Nun wird der Erfolg dieser Globalisierungsstrategie

geerntet. Denn während die Autoabsätze

in Europa weiter sinken, steigen sie

weltweit stark an. Insgesamt wurden 2011

mehr als 65 Millionen Pkw neu zugelassen.

Von der hervorragenden Positionierung der

deutschen Fahrzeughersteller können Anleger

auch künftig noch profitieren. Die durch Konjunktursorgen

der Börsianer zuletzt deutlich

gedrückten Aktienkurse sind für langfristig

orientierte Anleger interessant. Insbesondere

BMW, Daimler und VW sollten auch in Zukunft

von sinkenden Absatzzahlen in Europa kaum

betroffen sein.

FUSSBALL

Es läuft rund

Die Bundesliga ist die profitabelste

unter den »Big Five«-

Ligen in England, Deutschland,

Frankreich, Italien und Spanien.

Laut Unternehmensberatung

Deloitte steht die deutsche Bundesliga

mit einem Gesamterlös von

1,75 Milliarden Euro auf Platz

zwei hinter der englischen Premier

League (2,5 Miliarden Euro), erwirtschaftete

aber in der Saison

2010/11 mit 171 Millionen (plus

24 Prozent) das beste Betriebsergebnis

und bleibt damit zum dritten

Mal in Folge die profitabelste Liga

vor England (75 Millionen Euro

Gewinn).

Die Gesamterlöse der Top-Five

stiegen um zwei Prozent auf

8,6 Milliarden Euro. Das ist rund

die Hälfte des Gesamtumsatzes auf

dem europäischen Fußballmarkt.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12

47


W&M-SERVICE

DAS THEMA

PHOTOVOLTAIK

Richtlinie für

Solaranlagen

Die Versicherungswirtschaft

hat eine Technische Richtlinie

für Photovoltaikanlagen

veröffentlicht.

Immer wieder fallen Photovoltaikanlagen

aus, weil sie nicht

fachgerecht geplant oder installiert

wurden. Darauf weist

der Gesamtverband der Deutschen

Versicherungswirtschaft

e.V. (GDV) in seinem technischen

Leitfaden für Photovoltaikanlagen

hin. Die Fehler, die von

Planern und Installateuren

gemacht werden, sind vielfältig.

»Die Dachstatik wird nicht

richtig berechnet, es werden

falsche Annahmen über die

Schneelast getroffen oder

unterdimensionierte Gestelle

installiert«, berichtet Bernhard

Gause, Mitglied der GDV-Hauptgeschäftsführung.

Dabei lassen

sich viele Schäden vermeiden.

Wichtig ist, dass die technischen

Standards für Solarstromanlagen

eingehalten werden.

»Leider ist das in der Praxis

nicht immer der Fall«, weiß

Versicherungsexperte Gause.

Aus diesem Grund hat der GDV

den technischen Leitfaden

Photovoltaik entwickelt. Der

Leitfaden richtet sich an Planer,

Installateure, Prüfer und

Betreiber von Solarstromanlagen.

Ziel ist es, Betriebsunterbrechungen

und Sachschäden zu

minimieren oder ganz zu vermeiden.

Ein mangelhafter Schutz stellt

nicht nur die Wirtschaftlichkeit,

sondern auch den Versicherungsschutz

infrage. »Wenn bei

größeren Photovoltaikanlagen

nicht fachgerecht gearbeitet

wurde, übernimmt der Versicherer

das Risiko nur unter Auflagen

oder bietet keinen Schutz

an«, so Gause. Betreiber von

Photovoltaikanlagen sollten

daher von Beginn an den Versicherer

in die Planung mit einbeziehen.

Aber auch die Auswahl

des Planers und des Installateurs

ist entscheidend.

MANAGER

Schaden droht

auch privat

Wenn bei Managern eine

unbegrenzte persönliche

Haftung droht, ist ein

guter Schutz gefragt

Die personenbezogene Berufshaftpflichtversicherung

eignet

sich sowohl als Ergänzung

zu einer bestehenden Unternehmens-D&O

(Directors &

Officers Liability, zu deutsch

Managerhaftpflichtversicherung)

als auch für Kunden,

die noch nicht über eine finanzielle

Absicherung verfügen.

Anders als die Unternehmens-D&O,

die sich nach dem

Schadenmeldeprinzip richtet

und zudem eine Versicherung

für fremde Rechnung ist, orientiert

sich die persönliche

Berufshaftpflichtversicherung

nach dem Verstoßprinzip,

also an dem in der Vermögensschaden-Haftpflicht

üblichen

Grundsatz, dass für die

zeitliche Einordnung eines

Schadenfalles der Zeitpunkt

des angeblichen Fehlers maßgeblich

ist. Die Allcura Versicherungs-AG

bietet ihren Kunden

zeitlich unbegrenzten,

unverfallbaren Versicherungsschutz

auch nach Vertragsende.

IM UNTERNEHMEN

GEWERBE

Schutz vor den

Naturgewalten

Der Volkswohl Bund hat

seine Deckungskonzepte

um den Schutz gegen Elementarschäden

erweitert.

Experten sind sich einig: Extreme

Unwetter werden immer

häufiger auftreten. Wenn

durch solche Ereignisse in einem

Gewerbebetrieb das Inventar

oder der Vorrat vernichtet

wird, steht für einen

Gewerbetreibenden schnell

die Existenz auf dem Spiel.

Sechsstellige Schadensummen

sind im gewerblichen Bereich

schnell erreicht. Schutz

bietet in diesen Fällen die Elementarschadenversicherung,

die ab sofort über die gewerblichen

Deckungskonzepte der

Volkswohl Bund Sachversicherung

AG vereinbart werden

kann.

Der Versicherer bietet für

klein- und mittelständische

Betriebe neun branchenspezifische

Deckungskonzepte an:

Bau- und Garten, Bestattungsunternehmen,

Bewachungsunternehmen,

Büro-Betriebe,

Einzelhandel, Gastgewerbe,

Hausmeister und Gebäudereiniger,

medizinische Therapie

und Schönheitspflege.

ALTERSVORSORGE

An der Altersvorsorge wird gespart

Die aktuelle Krisensituation führt zu steigender Zurückhaltung.

Die häufigsten Ansichten zur Altersvorsorge (Angaben in Prozent):

Sachwerte wichtiger

Gesetzl. Rente ausreichend

Riesterrente rentabel

Kapital-Lebensv. am sichersten

Kapital-Lebensv. zu ertragsschwach

Immobilien nur schwer verkäuflich

Fondsgebundene Vorsorge am besten

Quelle: Heidelberger Lebensversicherung

33

24

22

21

19

15

15

VORSORGE

Keine Lust auf

Versicherungen

In der Finanzkrise beschränken

sich viele Sparer auf die

gesetzliche Rente, Sachwerte

und die Förderung vom Staat.

Das geht aus einer Umfrage der

GfK Marktforschung im Auftrag

der Heidelberger Lebensversicherung

hervor. Ein Drittel der

Befragten hält Sachwerte wie Immobilien

für wichtiger als Finanzwerte.

Fast ein Viertel gibt an, dass

ihnen die Gesetzliche Rentenversicherung

ausreicht. Als private

Altersvorsorge wird die Riester-

Rente am positivsten eingeschätzt:

22 Prozent halten sie für

rentabel, weil der Staat Geld dazu

THOMAS

BAHR,

Vorstandsvorsitzender

der Heidelberger

Lebensversicherung

AG.

gibt. Auf den nächsten Plätzen

folgt die klassische Kapitallebensversicherung:

21 Prozent

halten sie für die sicherste Vorsorgeform,

während 19 Prozent

überzeugt sind, dass sie zu wenig

Ertrag bringt (siehe Grafik).

Das Ergebnis zeige, dass die

Mehrheit der Menschen absolute

Sicherheit sucht und Rendite vor

allem über staatliche Zuschüsse

anstrebt, interpretiert Thomas

Bahr, Vorstandsvorsitzender der

Heidelberger Leben, das Ergebnis

der Umfrage.

Wer seinen Lebensstandard im

Alter halten wolle, müsse aber

entweder höhere Renditechancen

suchen oder mehr zur Seite legen.

Immobilien seien auf dem deutschen

Markt entweder bereits zu

teuer oder später nur schwer verkäuflich.

Dieser Tatsache sei sich nur eine

Minderheit (15 Prozent) bewusst.

Ebenfalls nur 15 Prozent können

sich für fondsgebundene Vorsorgeprodukte

erwärmen, selbst

wen sie mit Garantieanteilen

ausgerüstet sind.

48 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


W&M-SERVICE

Foto: DAVG

RENTE

Ost-Männer

als Verlierer

Bei den zwischen 1956 und

1965 Geborenen führen

Brüche in den Erwerbsbiografien

zu Renteneinbußen.

Arbeitslosigkeit, Teilzeitarbeit,

geringfügige Beschäftigung

und Scheinselbstständigkeit

führen dazu, dass die Generation

der Baby-Boomer teilweise

weniger Anwartschaften in

der gesetzlichen Rentenversicherung

erwirbt als die Generation

davor, so eine Untersuchung

des Deutschen Instituts

für Wirtschaftsforschung

DIW. Vor allem ostdeutsche

Männer werden im Durchschnitt

über weniger Entgeltpunkte

verfügen als die vorangegangenen

Jahrgänge. Sie

sind stärker von Arbeitslosigkeit

betroffen und haben mehr

Brüche in ihren Erwerbsverläufen.

Ostdeutsche Frauen haben

hingegen im Mittel nur geringfügig

niedrigere Rentenanwartschaften

zu erwarten als

Frauen vorheriger Jahrgänge.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Amtliches Pflegeelend

Der Bundesminister für Gesundheit, Daniel

Bahr (FDP), steht mit seinen 36 Lenzen noch in

der Blüte seines Lebens. Wie viele andere seiner

Generation dürfte er der Meinung sein,

Pflegebedürftigkeit sei ein Problem, das in

ferner Zukunft für ihn selbst mal eine Rolle

spielen könnte. Anders ist es jedenfalls nicht

zu erklären, dass Bahr im Rahmen eines Pflege-Neuausrichtungs-Gesetzes

(PNG) die Einführung

einer staatlichen Förderung in Höhe von

sage und schreibe fünf Euro pro Monat für eine

private Pflegezusatzversicherung vorgeschlagen

hat. Die fünf Euro soll jeder bekommen,

der eine private Pflegetagegeldversicherung

über einen Mindestbetrag von zehn Euro monatlich

abschließt. Das Grundprinzip stimmt

zwar. Die gesetzliche Pflegeversicherung reicht

zur Deckung der Pflegekosten nicht aus und

PRIVAT

HAUSRAT

Baukasten zur

freien Auswahl

Die Allianz hat für die private

Haftpflicht- und die Hausratversicherung

ein individuelles

Bausteinkonzept.

Zu dem Grundschutz können

Kunden je nach Bedarf verschiedene

Zusatzbausteine

hinzuwählen. Die Hausratversicherung

beinhaltet bereits

im Grundschutz neue Leistungen

wie beispielsweise

Phishing-Schäden bei Online-

Banking. Auch die Kosten für

die Wiederherstellung privater

Dateien oder Programme werden

übernommen. Überspannungsschäden

durch Gewitter

sind im Grundschutz enthalten.

Wer sich über den Grundschutz

hinaus für den Zusatzbaustein

»SicherheitPlus«

entscheidet, ist auch gegen

Diebstahl abgesichert. Werden

Gegenstände aus dem Auto,

Gartenmöbel, der Grill oder

der Kinderwagen gestohlen, so

ist dies unbegrenzt bis zur Versicherungssumme

abgedeckt.

VERSICHERUNG

Besser als die

Finanzmärkte

Zuletzt waren die deutschen

Lebensversicherer in ihrer

Anlagepolitik meist besser

als die Finanzmärkte.

Zu diesem Ergebnis kam eine

Untersuchung des Branchendienstes

map-Report. Wer 1992

50.000 Euro in eine Sofortrente

einzahlte, bekam bei den besten

Gesellschaften mehr als

das Doppelte des ursprünglichen

Kapitals an Rente ausgezahlt.

Im Durchschnitt wurden

96.372 Euro ausgezahlt.

Rund 11.500 Euro oder fast

zwölf Prozent mehr schaffte

die Allianz Lebensversicherung

AG als Spitzenreiter. Das

Ergebnis wird dadurch beeinflusst,

dass die Renditen von

Anleihen – der bevorzugten

Anlageart der Lebensversicherer

– in der Vergangenheit

höher lagen als heute. Es gebe

keine Garantien dafür, dass

die Anlagepolitik der Lebensversicherer

weiter so erfolgreich

ist, warnt map-Report.

Von HANS PFEIFER,

Versicherungsjournalist, Berlin

eine private, kapitalgedeckte Ergänzung ist

dringend notwendig. Trotzdem ist »Pflege-Bahr«

– wie das Fördervehikel bereits genannt wird –

ziemlicher Unfug. Die einkommensunabhängige

Gießkannenförde-rung für jedermann benachteiligt

die wirklichen Bedürftigen mit kleinen

Einkommen. Fünf Euro Zulage auf nur zehn

Euro verlangten Beitrag dürfte zu Minisparsummen

führen. Die Festlegung auf Pflegetagegeldversicherungen

ist ein nettes Geschenk an die

privaten Krankenversicherer, aber sehr einseitig,

denn die Pflegerentenversicherungen der

Lebensversicherer haben Vorteile. Übrigens:

Das Pflegekostenrisiko von Minister Bahr beträgt

unter Berücksichtigung seines Alters, der

statistischen Pflegewahrscheinlichkeit und der

durchschnittlichen Pflegedauer in Pflegestufe III

knapp 120.000 Euro – nach heutigen Preisen.

➔Assekuranz KOMPAKT

HAUSRAT

Einbrüche nehmen zu

Mit fast 133.000 Fällen wurden

2010 9,3 Prozent mehr Wohnungseinbrüche

registriert als noch im

Jahr 2010.

Die Aufklärungsquote ist gering. Sie

erreichte gerade mal 16,2 Prozent.

Dabei sind die wenigsten Täter Profis,

meistens handelte es sich um Gelegenheitseinbrecher,

die sich schon

durch einfache, aber wirkungsvolle

Sicherungen und Präventionsmaßnahmen

von ihren Taten abhalten

ließen, so die Polizei.

WOHNUNGEN besser sichern.

BAV

Großes Interesse

Drei Viertel der Arbeitnehmer

wünschen, dass ihr Arbeitgeber

sich aktiv für ihre betriebliche

Altersvorsorge (bAV) engagiert.

Ebenso viele sind bereit, auf einen

Teil ihres Gehalts zugunsten einer

Betriebsrente zu verzichten; bei

den unter 35-Jährigen sind es sogar

83 Prozent. Insgesamt wird die bAV

als zweitwichtigste Einkommensquelle

im Ruhestand genannt. Zu diesen

Ergebnissen kommt die Towers-Watson-Studie

»Altersversorgung und bAV

aus der Arbeitnehmerperspektive«.

KFZ-VERSICHERUNG

Versicherte zufrieden

Mehr als 50 Prozent der Kunden

gaben bei einer Befragung an,

mit den Leistungen ihres Kfz-

Versicherers eher zufrieden zu sein.

Das ergab die Befragung des Deutschen

Instituts für Service-Qualität

(DISQ) im Auftrag des Fernsehsenders

n-tv. Mehr als jeder vierte

Befragte war sogar sehr zufrieden.

Nicht zufrieden zeigten sich nur rund

13 Prozent der Teilnehmer.

Beliebtester Kfz-Versicherer wurde

die Direktversicherung HUK24.

VHV platzierte sich unter allen bewerteten

Unternehmen auf dem

zweiten Rang und wurde damit

beliebtester Kfz-Filialversicherer.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 49


W&M-SERVICE

DAS THEMA

WEB-RECHT

HEIMVERNETZUNG

Wachstum

garantiert

Die Nachfrage nach vernetzbarer

Unterhaltungselektronik,

Computern

und Mobil-Geräten wächst.

Der Umsatz mit Produkten

der Heimvernetzung steigt in

diesem Jahr auf 18,3 Milliarden

Euro. Ein Jahr zuvor waren es

noch 16,2 Milliarden. Das entspricht

einer Steigerung von

rund 13 Prozent, wie der Hightech-Verband

BITKOM bekannt

gab. »Die Vernetzung von Computern,

Smartphones und Fernsehern

wird in immer mehr

Haushalten zum Standard«,

erklärte dazu BITKOM-Hauptgeschäftsführer

Dr. Bernhard

Rohleder. »Auf die Vorteile

der vernetzten Geräte wie die

Nutzung von Online-Videotheken

direkt auf dem Fernseher

wollen viele Verbraucher nicht

mehr verzichten.« Mittlerweile

machen vernetzbare Produkte

fast zwei Drittel (65 Prozent)

des Umsatzes von Informationsund

Kommunikationstechnik

bei Privatverbrauchern aus.

Die Vernetzung von klassischer

Unterhaltungselektronik, Computern

und mobilen Geräten

verändert auch die Art, wie

Medien konsumiert werden.

Fernsehen und Internet werden

häufig parallel genutzt. Insgesamt

surfen 77 Prozent der

Internetnutzer in Deutschland

mit Laptop, Smartphone und

Co, während sie gleichzeitig

fernsehen.

Zum Vergleich: Nur 48 Prozent

der deutschen Onliner lesen

Zeitung, während sie dabei Radio

hören. Am häufigsten wird

mit dem Laptop vor dem Fernseher

gesurft. Jeder zweite Internetnutzer

(51 Prozent) greift

dafür auf seinen mobilen Rechner

zurück. Ebenfalls beliebt

sind stationäre PC (35 Prozent)

und Smartphones (21 Prozent).

Mit 82 Prozent werden am

häufigsten Internetinhalte aufgerufen,

die nichts mit dem

TV-Programm zu tun haben.

INTERNET

Neue Namen

im Web

Unternehmen können

dank neuer Adress-Endungen

eigene Top-Level-

Domains beantragen.

Die Internet-Verwaltung

Icann hat die Bewerbungen

um neue, so genannte Top-

Level-Domains vorgestellt.

Aus Deutschland gab es 70 Anfragen.

Dazu gehören spezielle

Adress-Endungen für Städte,

wie .berlin, .hamburg und

.köln. Auch viele Dax-Unternehmen

haben eine eigene

Adress-Endung beantragt,

etwa BMW, SAP und Deutsche

Post. Die Inhaber einer

Wunsch-Domain werden zum

Internet-Unternehmen. Sie

müssen die Technik zum Betrieb

der Domain stellen und

entscheiden, wer eine Website

mit ihrer Adress-Endung

verwenden darf. Weltweit

sind 1.930 Bewerbungen seit

Beginn des Jahres bei der

Icann eingegangen. Einige

Unternehmen wollen sich

gleich mehrere der generischen

Top-Level-Domains

(gTLD) sichern: Amazon hat

sich etwa auf 76 Adress-Endungen

beworben, meldet der

Branchenverband BITKOM.

IM UNTERNEHMEN

Die Reise wird im Netz gebucht

M-COMMERCE

Online-Branche

optimistisch

Die Online-Branche erwartet

für 2012 insgesamt

eine Steigerung der

M-Commerce Umsätze.

Dies geht aus der aktuellen

Expertenbefragung »Trend in

Prozent« des Bundesverbands

Digitale Wirtschaft (BVDW)

e. V. hervor. Im direkten Vergleich

zur Entwicklung der

gesamten E-Commerce-Umsätze

gehen 72 Prozent der Befragten

von einem stärkeren

Wachstum für Mobile-Commerce-Umsätze

aus. Einig ist

sich die Mehrheit der Teilnehmer,

dass M-Commerce in

Zukunft als bedeutsamer Teil

einer Multi-Channel-Strategie

für den Handel gelten wird.

Entscheidende Gründe für

den Erfolg von M-Commerce

sind der Verbreitungsgrad

von Smartphones und Tablet

PC, die einfache Handhabung

und die generelle Akzeptanz

der Kunden. Mehr als die Hälfte

der Befragten (57 Prozent)

gehen davon aus, dass der M-

Commerce dem E-Commerce

in den nächsten fünf Jahren

signifikante Umsatzanteile

abwerben wird, so die BVDW-

Umfrage.

INTERNET-BUCHUNGEN

Ein immer größerer Anteil der Deutschen bucht spezielle Reiseleistungen

im Internet. Favoriten sind Übernachtungen und Flüge.

Im Internet gebucht Reiseleistungen (Angaben in Millionen)

Übernachtungen 23,6

Flüge 20,7

Bahnfahrkarten 14,9

Pauschalreisen 13,9

Mietwagen 10,3

Schiffsreisen 3,9

Quelle: BITKOM

APPS

Schutz gegen Fallen

Abzocke per App – darüber ärgern

sich viele Smartphone- und Tablet-

Besitzer. Schutz gegen die Kostenfallen

ist gefragt.

Die Falle lauert oft hinter Werbebannern,

die Abos für Klingeltöne

oder ähnliche Dienste anpreisen. -

Ein unbeabsichtigtes Tippen auf das

Banner kann ausreichen, um ein

kostenpflichtiges Abo zu aktivieren.

Kassiert wird die Abo-Gebühr über

die monatliche Mobilfunkrechnung,

warnt die Verbraucherzentrale NRW.

Technisch geschieht dies über das

sogenannte WAP-Billing. Dieses ermöglicht

das unkomplizierte Bezahlen

per Smartphone, da keine Kontooder

Kreditkartendaten angegeben

werden müssen.

Wer das Werbebanner antippt, löst

eine Übermittlung der Rufnummer

des Verbrauchers aus. So können

die Abzocker den Mobilfunkanbieter

ermitteln und einen Zahlungsvorgang

für das angebotene Abo auslösen.

Um nicht Opfer dieser App-Abzocke

zu werden, empfiehlt die Verbraucherzentrale

NRW:

– Sperren einrichten: Kunden ist es

neuerdings per Gesetz gestattet, die

Abrechnung derartiger Dienste über

die Mobilfunkrechnung zu unterbinden.

Dazu sollte der Mobilfunkanbieter

aufgefordert werden, die Identifizierung

des Anschlusses für die Inanspruchnahme

oder Abrechnung solcher

Abo-Fallen kostenfrei zu sperren.

Doch Vorsicht: Wer eine vollständige

Sperre verlangt, kann auch keine

nützlichen Dienste mehr, wie die mobile

Buchung von Fahrkarten, per

WAP-Billing bezahlen, geben die Experten

der Verbraucherzentrale NRW

zu bedenken. Wer nicht gänzlich auf

WAP-Dienste verzichten möchte, sollte

sich daher informieren, ob eine

Teilsperrung eingerichtet werden

kann.

– Drahtlosnetzwerke (W-LAN) nutzen:

Die Abo-Falle funktioniert nur bei Geräten,

die per eingelegter SIM-Karte

eine Verbindung zum Mobilfunknetz

aufbauen. Wer dagegen drahtlos über

das heimische Netzwerk (W-LAN) auf

das Internet zugreift, ist zumindest in

den eigenen vier Wänden geschützt.

– Rechnung beanstanden:

Wer bereits in die Falle getappt ist,

kann den entsprechenden Rechnungsposten

binnen acht Wochen

beanstanden. Die Beschwerde ist an

den Anbieter zu richten, dessen Forderung

bestritten wird.

Musterbriefe zur Einrichtung einer

Sperre oder zur Beanstandung der

Rechnung können auf der Seite der

Verbraucherzentrale runtergeladen

werden: http://www.vz-nrw.de

50 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


W&M-SERVICE

DAS THEMA

WEB-RECHT

HEIMVERNETZUNG

Wachstum

garantiert

Die Nachfrage nach vernetzbarer

Unterhaltungselektronik,

Computern

und Mobil-Geräten wächst.

Der Umsatz mit Produkten

der Heimvernetzung steigt in

diesem Jahr auf 18,3 Milliarden

Euro. Ein Jahr zuvor waren es

noch 16,2 Milliarden. Das entspricht

einer Steigerung von

rund 13 Prozent, wie der Hightech-Verband

BITKOM bekannt

gab. »Die Vernetzung von Computern,

Smartphones und Fernsehern

wird in immer mehr

Haushalten zum Standard«,

erklärte dazu BITKOM-Hauptgeschäftsführer

Dr. Bernhard

Rohleder. »Auf die Vorteile

der vernetzten Geräte wie die

Nutzung von Online-Videotheken

direkt auf dem Fernseher

wollen viele Verbraucher nicht

mehr verzichten.« Mittlerweile

machen vernetzbare Produkte

fast zwei Drittel (65 Prozent)

des Umsatzes von Informationsund

Kommunikationstechnik

bei Privatverbrauchern aus.

Die Vernetzung von klassischer

Unterhaltungselektronik, Computern

und mobilen Geräten

verändert auch die Art, wie

Medien konsumiert werden.

Fernsehen und Internet werden

häufig parallel genutzt. Insgesamt

surfen 77 Prozent der

Internetnutzer in Deutschland

mit Laptop, Smartphone und

Co, während sie gleichzeitig

fernsehen.

Zum Vergleich: Nur 48 Prozent

der deutschen Onliner lesen

Zeitung, während sie dabei Radio

hören. Am häufigsten wird

mit dem Laptop vor dem Fernseher

gesurft. Jeder zweite Internetnutzer

(51 Prozent) greift

dafür auf seinen mobilen Rechner

zurück. Ebenfalls beliebt

sind stationäre PC (35 Prozent)

und Smartphones (21 Prozent).

Mit 82 Prozent werden am

häufigsten Internetinhalte aufgerufen,

die nichts mit dem

TV-Programm zu tun haben.

INTERNET

Neue Namen

im Web

Unternehmen können

dank neuer Adress-Endungen

eigene Top-Level-

Domains beantragen.

Die Internet-Verwaltung

Icann hat die Bewerbungen

um neue, so genannte Top-

Level-Domains vorgestellt.

Aus Deutschland gab es 70 Anfragen.

Dazu gehören spezielle

Adress-Endungen für Städte,

wie .berlin, .hamburg und

.köln. Auch viele Dax-Unternehmen

haben eine eigene

Adress-Endung beantragt,

etwa BMW, SAP und Deutsche

Post. Die Inhaber einer

Wunsch-Domain werden zum

Internet-Unternehmen. Sie

müssen die Technik zum Betrieb

der Domain stellen und

entscheiden, wer eine Website

mit ihrer Adress-Endung

verwenden darf. Weltweit

sind 1.930 Bewerbungen seit

Beginn des Jahres bei der

Icann eingegangen. Einige

Unternehmen wollen sich

gleich mehrere der generischen

Top-Level-Domains

(gTLD) sichern: Amazon hat

sich etwa auf 76 Adress-Endungen

beworben, meldet der

Branchenverband BITKOM.

IM UNTERNEHMEN

Die Reise wird im Netz gebucht

M-COMMERCE

Online-Branche

optimistisch

Die Online-Branche erwartet

für 2012 insgesamt

eine Steigerung der

M-Commerce Umsätze.

Dies geht aus der aktuellen

Expertenbefragung »Trend in

Prozent« des Bundesverbands

Digitale Wirtschaft (BVDW)

e. V. hervor. Im direkten Vergleich

zur Entwicklung der

gesamten E-Commerce-Umsätze

gehen 72 Prozent der Befragten

von einem stärkeren

Wachstum für Mobile-Commerce-Umsätze

aus. Einig ist

sich die Mehrheit der Teilnehmer,

dass M-Commerce in

Zukunft als bedeutsamer Teil

einer Multi-Channel-Strategie

für den Handel gelten wird.

Entscheidende Gründe für

den Erfolg von M-Commerce

sind der Verbreitungsgrad

von Smartphones und Tablet

PC, die einfache Handhabung

und die generelle Akzeptanz

der Kunden. Mehr als die Hälfte

der Befragten (57 Prozent)

gehen davon aus, dass der M-

Commerce dem E-Commerce

in den nächsten fünf Jahren

signifikante Umsatzanteile

abwerben wird, so die BVDW-

Umfrage.

INTERNET-BUCHUNGEN

Ein immer größerer Anteil der Deutschen bucht spezielle Reiseleistungen

im Internet. Favoriten sind Übernachtungen und Flüge.

Im Internet gebucht Reiseleistungen (Angaben in Millionen)

Übernachtungen 23,6

Flüge 20,7

Bahnfahrkarten 14,9

Pauschalreisen 13,9

Mietwagen 10,3

Schiffsreisen 3,9

Quelle: BITKOM

APPS

Schutz gegen Fallen

Abzocke per App – darüber ärgern

sich viele Smartphone- und Tablet-

Besitzer. Schutz gegen die Kostenfallen

ist gefragt.

Die Falle lauert oft hinter Werbebannern,

die Abos für Klingeltöne

oder ähnliche Dienste anpreisen. -

Ein unbeabsichtigtes Tippen auf das

Banner kann ausreichen, um ein

kostenpflichtiges Abo zu aktivieren.

Kassiert wird die Abo-Gebühr über

die monatliche Mobilfunkrechnung,

warnt die Verbraucherzentrale NRW.

Technisch geschieht dies über das

sogenannte WAP-Billing. Dieses ermöglicht

das unkomplizierte Bezahlen

per Smartphone, da keine Kontooder

Kreditkartendaten angegeben

werden müssen.

Wer das Werbebanner antippt, löst

eine Übermittlung der Rufnummer

des Verbrauchers aus. So können

die Abzocker den Mobilfunkanbieter

ermitteln und einen Zahlungsvorgang

für das angebotene Abo auslösen.

Um nicht Opfer dieser App-Abzocke

zu werden, empfiehlt die Verbraucherzentrale

NRW:

– Sperren einrichten: Kunden ist es

neuerdings per Gesetz gestattet, die

Abrechnung derartiger Dienste über

die Mobilfunkrechnung zu unterbinden.

Dazu sollte der Mobilfunkanbieter

aufgefordert werden, die Identifizierung

des Anschlusses für die Inanspruchnahme

oder Abrechnung solcher

Abo-Fallen kostenfrei zu sperren.

Doch Vorsicht: Wer eine vollständige

Sperre verlangt, kann auch keine

nützlichen Dienste mehr, wie die mobile

Buchung von Fahrkarten, per

WAP-Billing bezahlen, geben die Experten

der Verbraucherzentrale NRW

zu bedenken. Wer nicht gänzlich auf

WAP-Dienste verzichten möchte, sollte

sich daher informieren, ob eine

Teilsperrung eingerichtet werden

kann.

– Drahtlosnetzwerke (W-LAN) nutzen:

Die Abo-Falle funktioniert nur bei Geräten,

die per eingelegter SIM-Karte

eine Verbindung zum Mobilfunknetz

aufbauen. Wer dagegen drahtlos über

das heimische Netzwerk (W-LAN) auf

das Internet zugreift, ist zumindest in

den eigenen vier Wänden geschützt.

– Rechnung beanstanden:

Wer bereits in die Falle getappt ist,

kann den entsprechenden Rechnungsposten

binnen acht Wochen

beanstanden. Die Beschwerde ist an

den Anbieter zu richten, dessen Forderung

bestritten wird.

Musterbriefe zur Einrichtung einer

Sperre oder zur Beanstandung der

Rechnung können auf der Seite der

Verbraucherzentrale runtergeladen

werden: http://www.vz-nrw.de

50 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


INGENIEUR-NACHRICHTEN

Fotos: Flughafen Berlin Brandenburg, T. George

KOMMENTAR

Von DR. NORBERT MERTZSCH,

Vorsitzender des VBIW e.V.

Jobmotor Flughafen

Nicht nur viele unserer Mitglieder

fragen skeptisch: »Wann er denn

endlich kommt und wird er wirklich

ein Jobmotor?« Die wiederholte Verschiebung

der Eröffnung des neuen

Flughafens Berlin Brandenburg ist

tatsächlich kaum dazu angetan,

Sorgen zu beruhigen. Ich warne

aber vor Pessimismus. Beispiel:

Der 1992 eingeweihte neue Münchner

Flughafen. Einen stärkeren

Wachstumsimpuls hat die Region

bisher nicht erlebt. Bereits Ende

2009 waren am Flughafen München

und in den dortigen 550 Unternehmen

und Behörden insgesamt

29.560 Menschen beschäftigt. Die

Arbeitslosenquote rund um den

Flughafen liegt bei zwei Prozent –

einer der niedrigsten Werte Deutschlands.

Alles spricht für einen

ähnlichen Aufschwung rund um den

Flughafen Berlin Brandenburg.

Statistiker kennen eine klare Korrelation

zwischen Fluggastaufkommen

und neuen Arbeitsplätzen. Steigt

das Aufkommen von derzeit 14 auf

die anvisierten 27 Millionen, würden

rund 10.000 Arbeitsplätze entstehen.

Zusätzliche Impulse dürfte

die wachsende Kaufkraft durch Passagiere,

Flughafenbeschäftigte und

Firmenangestellte geben. Schon

jetzt haben sich im Umfeld Großunternehmen

wie die Daimler AG,

MTU, Rolls-Royce und VW Logistik

angesiedelt, zusammen rund 3.800

neue Arbeitsplätze. Hinzu kommt

das Güterverkehrszentrum Großbeeren

mit 4.500 Arbeitsplätzen.

Die jüngsten Ansiedlungen in Großbeeren

heißen Zalando, Lekkerland

und Docdata. Für die Region spricht

auch die gute Verkehrsanbindung an

die Nord-Süd-Achse der Bahn sowie

an die B 101, die Autobahn A 10.

Landesregierung und Wirtschaftsinstitute

prognostizieren ein

Beschäftigungswachstum von

32.000 bis 40.000 Erwerbstätigen.

Verkehrsnetz

DAS

Der unterirdische Bahnhof

des neuen Flughafens

Berlin Brandenburg

verfügt über vier Fernbahn-

und zwei S-Bahngleise.

ICE-und EC-Züge werden von

dort einerseits nach Amsterdam-Schiphol

über Hannover

beziehungsweise östlich nach

Krakau fahren. Zum Check-in-

Bereich des Terminals werden

die Passagiere über Rolltreppen

und Aufzüge gelangen.

Mit der Flughafenanbindung

ergeben sich seit der Inbetriebnahme

des neuen Berliner

Hauptbahnhofs im Jahre

2006 wieder einmal größere

Veränderungen im Netz der

Deutschen Bahn und der S-

Bahn. Die Straßenanbindung

war ja bereits in den letzten

Jahren vollzogen worden, insbesondere

durch die Verlängerung

der A 100 von Tempelhof

bis Neukölln und der daran

anschließende Neubau der A

113 in Richtung Schönfelder

THEMA

Zielort Flughafen

Flughafen-Check: Wie die Anbindung des Airports

an das Bahn- und Straßennetz gelingt, haben Mitglieder

des Arbeitskreises Verkehrswesen geprüft.

Kreuz mit den Zu- und Abfahrten

zum Flughafen. Jetzt

muss allerdings noch die

Schnellstraße von Potsdam

nach Schönefeld fertiggestellt

werden.

Bei der Bahn war hingegen

lange nicht klar, wie der Verkehr

gelenkt werden soll. Der

AK Verkehrswesen des VBIW

hat die wichtigsten Neuerungen

zusammengetragen: Mit

der Regionalbahn wird man

auf zwei Strecken von der Mitte

Berlins zum Flughafen gelangen.

Die Linie RE 9 wird als

Shuttle halbstündlich vom

Hauptbahnhof südlich über

Potsdamer Platz und Südkreuz

auf den Berliner Außenring

und von dort zum Flughafen

führen.

Die Linien RE 7 und RB 14

werden von Dessau beziehungsweise

Nauen aus stündlich

über die Stadtbahn, also

über die Bahnhöfe Zoo,

Hauptbahnhof, Ostbahnhof

und Karlshorst zum Flughafen

und weiter nach Wünsdorf

beziehungsweise Senftenberg

fahren. Diese Züge

werden auffällig als »Airport

Express« gekennzeichnet.

Von der Landeshauptstadt

Potsdam fahren jetzt schon

die Züge der RB 22 stündlich

von Griebnitzsee über Hauptbahnhof

und Golm auf dem

Berliner Außenring nach

Schönefeld, später dann direkt

zum Flughafen. Ludwigsfelde

gehört zweifellos zu den

Nutznießern der Bahnanbindung

des neuen Flughafens.

Die Stadt erhält eine direkte

und kurze Verbindung zum

Flughafen. Auch Pendler können

den Industriestandort auf

diese Weise leichter erreichen.

Die S-Bahn wird über den

bisherigen Bahnhof Flughafen

Berlin-Schönefeld hinaus bis

nach Waßmannsdorf verlängert

und im Bogen zurück in

den unterirdischen Bahnhof

des Airports BER geführt.

Waßmannsdorf und die umliegenden

Gemeinden freuen

sich in diesem Zusammenhang

auf den erstmaligen S-

Bahn-Anschluss. Busanschluss

besteht auch weiter vom Flughafen

zum U-Bahnhof Rudow.

Nach Einschätzung des Arbeitskreises

wurden gute Lösungen

für die Verkehrsanbindung

des neuen Flughafens

geschaffen. Positiv beurteilen

die Mitglieder, dass die Notwendigkeit

einer Anreise mit

eigenem Pkw zum Flughafen

entfällt.

Eine Lücke bleibt noch: Die

traditionelle, geradlinig über

Lichtenrade und Südkreuz

führende Dresdner Bahn sollte

wiederhergestellt werden.

Dann könnte die Taktfrequenz

auf dem Berliner Außenring

für den Verkehr von

Berlin und Potsdam zum Flughafen

erhöht werden. Die Planungen

für diese Strecke haben

bereits begonnen.

52 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


INGENIEUR-NACHRICHTEN

AKTUELL

GESCHICHTE

Kunstschmiede

an Eisenstraße

Die Dokumentation Brandenburger

Eisenstraße, an

der VBIW-Mitglieder arbeiten,

hat eine neue Station.

Die Kunstschmiede von Michael

Soika in Stücken, einem

Ortsteil der Gemeinde Michendorf

im Landkreis Potsdam-

Mittelmark, ist der jüngste

Baustein der Brandenburger

Eisenstraße. Die Dorfschmiede

steht auch in der Denkmalliste

des Landes Brandenburg. Soika

freut sich über die Würdigung:

»Jugendliche und Touristen,

die sich für altes Handwerk interessieren,

finden nun leichter

diesen Anlaufpunkt.« Die

Stückener Schmiede sei »ein

gut erhaltenes Beispiel einer

großen Dorfschmiede, zu der

auch eine Stellmacherei gehörte«,

befand das Landesdenkmalamt.

Der VBIW schätzt die

Bemühungen Soikas, Jugendliche

mit Vorführungen und

Lehrveranstaltungen für das

Schmiedehandwerk zu begeis-

tern. Die imaginäre Brandenburger

Eisenstraße wird von

Ortrand im Süden über Eisenhüttenstadt

im Osten bis in

die Nähe von Rathenow im

Nordwesten führen.

Jutta Scheer,

VBIW, Tel.: (03364) 37 48 34

ERFINDER

Besuch im

Erfinderclub

An der Jubiläumsfeier des

Erfinderclubs Lübbenau

nahm VBIW-Vorsitzender

Dr. Norbert Mertzsch teil.

Im Mittelpunkt der Feier zum

siebenjährigen Bestehen des

Erfinderclubs Lübbenau

Schüler-GmbH (SGmbH) am

Paul-Fahlisch-Gymnasium

stand Anfang Mai ihr aktuelles

Projekt mit der Arbeitsbezeichnung

»Solarkahn – eine Alternative?«.

Die jungen Forscher

wollen dazu beitragen, dass

auf Strecken, wo motorisierte

Kähne erforderlich sind, vorzugsweise

Solar-Antriebe eingesetzt

werden. Die Schüler

tüfteln sowohl an einer an

Bord installierten Photovoltaikanlage,

als auch an Solar-

Ladestationen an Land. Mit

einem Flossenantrieb wollen

sie Uferböschung, Uferboden

und Fische schonen. Mit

Dr. Mertzsch ergründeten die

jungen Forscher Ansatzpunkte

für eine Unterstützung der

SGmbH durch den VBIW.

TRANSPORT

Mühlberger

Hafen aktiviert

Der VBIW fördert die Wiederbelebung

des Mühlberger

Hafens. Der erste größere

Transport war ein Erfolg.

Von dem 1998 stillgelegten alten

Kieshafen Mühlberg ging

der erste größere Transport in

Richtung Übersee auf große

Fahrt. Acht 55 Meter lange Rotorflügel

der neuen Produktgeneration

der Firma Vestas in

Lauchhammer wurden von

Mühlberg zur Elbmündung

nach Brunsbüttel und von dort

weiter in die USA verschifft. Sie

sind für einen Windpark am

Marble River (Murmelfluss) im

Bundesstaat New York bestimmt.

Für den VBIW gehört das Projekt

zu seinen jahrelangen

Bemühungen um die Verlagerung

von Transporten von der

Straße auf Schienen und Wasserwege.

Der Verein begrüßte

deshalb die Vestas-Bemühungen,

die immer länger werdenden

Rotorblätter für Windkraftanlagen

über den Binnenzu

einem Seehafen zu verschiffen.

Von anfangs 39 Metern

wuchsen die Rotorblätter über

44 Meter seit 2011 auf 55 Meter.

Weil der Straßentransport

immer aufwendiger wurde,

kam die Variante zu Wasser

zum Zuge. Jetzt sucht der

Hafen Aufträge von weiteren

Kunden. Der VBIW will das

Projekt mit Vorträgen und

Publikationen unterstützen.

ADRESSE

Verein Brandenburgischer

Ingenieure und Wirtschaftler e.V.

Landesgeschäftsstelle Frankfurt (O.)

Fürstenwalder Str. 46

15234 Frankfurt (Oder)

Tel.: (0335) 869 21 51

E-Mail: buero.vbiw@online.de

Internet: www.vbiw-ev.de

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 53


Foto: Kia

AUTOMOBIL

Geblieben ist einzig und

allein der seltsam anmutende

Name. Sonst

hat der alte mit dem neuen

Kia Ceed nichts mehr gemein.

Kein Wunder, wenn Kias Star-

Designer Peter Schreyer

(früher bei Audi) selbst Hand

anlegt und mit dem neuen

Kompakten eine kleine Design-Ikone

auf die Räder stellt.

Man könnte ins Schwärmen

geraten über die harmonische

Linienführung und die ausgewogenen

Proportionen des

neuen Ceed. Die schlichte Eleganz

erlaubt trotz allem

einen sportlichen und athletischen

Auftritt und lässt den

auf 4,31 Meter Länge gewachsenen

Kompaktwagen gereift

erscheinen.

Auch im Innenraum überzeugt

der Ceed durch gutes

Design und Komfort-Features,

die in der Kompaktklasse

noch nicht Standard sind.

Hier sticht die gute Qualität

ins Auge. Die Materialien vermitteln

einen hochwertigen

Eindruck, die Instrumente

sind gut ablesbar und angeordnet.

Das Armaturenbrett

erinnert in seinem klaren

schlichten Aufbau an ein

Flugzeug-Cockpit. Dabei fällt

der digitale Tacho im »norma-

KIA CEED

Jagd auf den Golf

Der neue kompakte Koreaner aus slowakischer

Produktion startet mit frischem Design und

Top-Qualität in der hart umkämpften Golfklasse.

len« analogen Design auf. Die

gewachsenen Proportionen

schaffen wesentlich mehr

Platz im Innenraum, wo Fahrer

und Beifahrer deutlich

mehr Beinfreiheit finden. Im

Fond können es sich zwei Erwachsene

oder drei Kinder bequem

machen. Der Gepäckraum

wuchs um 40 Liter und

fasst 380 Liter. Wird die Rückbank

umgeklappt, lassen sich

auf ebenem Ladeboden bis zu

1.318 Liter Gepäck verstauen.

So gut wie keine Wünsche

lässt der Ausstattungsumfang

offen. Schon in der Basisversion

»Attract« hat der Kia Ceed

ein Sechsgang-Schaltgetriebe,

Multifunktionslenkrad, Zentralverriegelung,

elektrische

Außenspiegel und elektrische

Fensterheber vorn, Bordcomputer,

ein Audiosystem und

Tagfahrlicht. In den höherwertigen

Ausführungen sind

das klimatisierte Handschuhfach,

Sitzheizung, Geschwindigkeitsregelanlage,

Abbiegelicht,

Freisprecheinrichtung,

und Regensensor zu betonen.

Zum Verkaufsstart in

Deutschland hat Kia für den

Ceed vier Motoren im Angebot

– zwei Benziner und zwei

Diesel, mit einem Leistungsspektrum

von 90 bis 135 PS.

Das kraftvollste Triebwerk ist

der 1,6-Liter-Direkteinspritzer.

Während der Fahrt zeigt es

sich sehr laufruhig und angenehm

leise. Der sparsamste

Motor hingegen ist der 128 PS

starke 1,6 Liter Selbstzünder,

dessen EcoDynamic-Version

nur 97 g/km CO 2 emittiert

und gerade mal an die vier Liter

Diesel auf 100 Kilometer

verbraucht. Erfreulich auch

die Preise für den Koreaner:

Die Basisversion des Ceed ist

für 13.990 Euro zu haben. Der

Kombi kommt im Herbst für

15.190 Euro.

Hans-Jürgen Götz

Mit dem Auto in den Urlaub

Gute Reiseplanung vermindert Stress

Deutschlands Autobahnen sind in diesen Wochen wieder überlastet. Ferienzeit. Zigtausende Familien

packen ihre Koffer und fahren mit dem Auto in den Urlaub. W&M-Tipps für eine unbeschwerte Fahrt.

REISE PLANEN

Die rechtzeitige Planung reduziert

den Stress. Sobald das Ziel

feststeht, sollten Sie Ihre persönliche

Checkliste aufstellen:

Auslandsbestimmungen, Licht-

ALLES DABEI: Kind und Kegel.

pflicht und Tempolimits, Impfpflicht

– wichtig auch für mitgeführte

Tiere. Möglichst im

Vorfeld schon Plaketten und

Vignetten besorgen, Routen

und Ausweichstrecken – trotz

Navigationssystem (Karten aktualisieren!)

– checken.

AUTO FIT MACHEN

Vor Antritt der Fahrt die Flüssigkeitsstände

von Öl, Kühlund

Scheibenreinigungswasser

überprüfen. Wegen der

Gepäckzuladung den Reifendruck

erhöhen. Reifenprofil,

Bremsbeläge und Wischerblättern

ebenfalls checken.

RICHTIG LADEN

Beim Beladen des Fahrzeugs

gilt eine Grundregel: Schwere

Gepäckstücke gehören nach

unten, um den Schwerpunkt

des Autos niedrig zu halten.

Achtung beim Kombi: Keine

Gepäckstücke über der Oberkante

der Rücksitzlehnen verstauen.

Bei starkem Bremsen

schießen Teile nach vorn. Verbandkasten,

Warnwesten und

-dreieck und Feuerlöscher stets

gut erreichbarer platzieren.

FAHRER GUT VORBEREITEN

Für Fitness am Steuer sind ein

alkoholfreier Vorabend und

ausreichend Schlaf gesetzt.

Bequeme Kleidung, leichte

Kost und regelmäßige Pausen

mit Bewegung helfen, auch

längere Etappen ermüdungsfrei

zu überstehen. Auf längeren

Fahrten die Belastbarkeit

der Kinder nicht überfordern.

Unterhaltung durch Spiele,

Musik und Gespräche sollten

mit zur Urlaubsfahrt gehören.

PAUSEN EINLEGEN

Regelmäßige Pausen sind angeraten.

Es gilt: Behalten Sie Ihr

Fahrzeug gut im Auge. Persönliche

Präsenz am Fahrzeug ist

der beste Diebstahlschutz.

54

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


PORTRÄT

Fotos: R. Wolf-Götz

Heinrich-Beck-Institut Meiningen

Superhelles Licht

Mit innovativen LED-Lichtelementen für spezielle Anwendungen sorgen Rufus und Tilmann Beck

im südthüringischen Meiningen für Furore und setzen eine erfolgreiche Familientradition fort.

Das Meininger Theater mit seiner

großen Bühne ist festlich illuminiert.

Es wird dunkel im Saal. Der

Vorhang geht auf und die Scheinwerfer

sind nur noch auf die Schauspieler gerichtet.

»Dabei hat sich früher enorme

Hitze entwickelt«, erklärt Dr. Rufus Beck.

Doch seit er zusammen mit seinem Sohn

Tilmann für den Innenraum des Theaters

ihrer Heimatstadt spezielle LED-Lichtelemente

entwickelt hat, kommen die

Darsteller nicht mehr ins Schwitzen.

»Ein gutes Bühnenlicht muss zielgerichtet

und dezent zugleich sein, und es darf

keine Wärme entwickeln«, betont der

Tüftler, der mit Sohn Tilmann das legendäre

Heinrich-Beck-Institut (HBI) in der

südthüringischen Kleinstadt führt.

Vor genau 100 Jahren hatte Großvater

Heinrich Beck in dem Meininger Institut

an seiner Bogenlampen-Technologie geforscht.

Bis zur Erfindung des Lasers war

der Beckbogen die Lichtquelle mit der

höchsten optischen Leistungsdichte. In

europäischen Großstädten und darüber

hinaus in New York und San Franzisco erhellte

das Beck-Licht die Straßen. Nicht

allein die Helligkeit, auch der bis zu

zehnmal günstigere Preis stand im Vorteil

zur bisher verwendeten mechanisch

geregelten Bogenlampe.

WEIT STRAHLENDES LICHT

Mehr denn je steht bei den Entwicklungen

des HBI hohe Qualität mit geringem

Energieaufwand im Mittelpunkt. Die eindrucksvolle

Illumination des Freiburger

Münsters ist ein Beispiel dafür. 110 spezielle

LED-Lampen setzen die Kathedrale in

stimmungsvolles Licht. Der Stromverbrauch

ist gering. Für die Außenbeleuchtung

der historischen Sandsteinfassaden

kann die Stadt jetzt nahezu 50 Prozent

an Energiekosten einsparen. Der angeblich

»schönste Turm der Christenheit«

leuchtet sogar mit 60 Prozent weniger

Energie (400 statt bisher 1.100 Watt) über

der Breisgau-Metropole.

»Ziel unserer Entwicklungen ist, Licht

aus Hochleistungs-LED sehr effizient zu

nutzen«, betont der 46-jährige Tilmann

Beck. »Das macht den Unterschied zu

herkömmlichen Licht-Installationen.«

Vor knapp zehn Jahren bezogen Becks

ihr angestammtes Institut in Meiningen

wieder, nachdem sie es vom Land Thüringen

zurück gekauft hatten. In der DDR

hatte das Institut für Plasmatechnik der

TH Illmenau die Becksche Entwicklungstradition

fortgesetzt.

In dieser Zeit hatte sich Nachfahre Dr.

Rufus Beck in Neu-Isenburg bei Frankfurt

am Main der Laser-Technik verschrieben.

Seit gut vier Jahren forschen

Vater und Sohn mit Licht emittierenden

Dioden (LED), die sie von einem Hersteller

in den USA beziehen. Im Institut entwickeln

die Wissenschaftler aus den winzigen

Teilen in Verbindung mit Wärme

leitenden LED-Haltern, Spiegeln und Gehäusen

leistungsstarke Licht-Lösungen.

Darunter das LED-Scheinwerfersystem

»BeckLite SearchMaster«. Aus insgesamt

19 Modulen besteht das LED-Konzept, das

den Ausgangsstrahl besonders stark

bündelt. Noch in 100 Metern leuchtet der

Lichtstrahl mit 140 Lux.

Eine Reihe an Weiterentwicklungen

hat die dritte Generation des Beck-Instituts

im Licht-Programm. Die Hightech-

Taschenlampe »BeckLite PowerTorch«

leuchtet mit einem einzigen Strahl über

100 Meter weit mit 48 Lux starkem Licht.

Das ist ideal für Polizei-Einsätze. Hohe

Anschaffungskosten stehen einem breiten

Einsatz der lichtstarken und energiegünstigen

Technik aber noch im Weg.

Die Hamburger Wasserschutzpolizei indes

schwört seit längerem auf das helle

AIRPORTTAUGLICH: Field-Illuminator.

Beck-Licht. Auch Greenpeace hat sich die

leistungsstarken LED-Leuchten aus dem

Hause Beck an Bord ihres Schiffes »Beluga

II« geholt, erzählt Rufus Beck.

Das HBI produziert nicht für Endkunden.

»Wir liefern die Lichttechnologie an

verschiedene Hersteller«, betont Beck.

Dabei gehen dem Serienprodukt immer

LICHTEXPERTE: Tilmann Beck.

längere Versuchsreihen voraus. Beispielsweise

für die Vorfeldbeleuchtung von

Flughäfen, für die auf einem großen

Airport eine Versuchsanlage der Beck-

Technologie »BeckLite Fieldilluminator«

errichtet wurde. »In dieser Anwendung

liegt ein großes Potenzial«, sagt Beck. Die

Flughafenbetreiber müssten große Mengen

an Strom einsparen, um entsprechende

Auflagen zu erfüllen. Die Sicherheit

darf jedoch nicht auf der Strecke

bleiben. Deshalb sind hier besonders intelligente

LED-Lichtkonzepte gefragt.

Nach Vorbild des Firmengründers

Heinrich Beck widmen sich seine Nachfahren

Rufus und Tilmann auch der

Weiterentwicklung einer effizienten

Straßenbeleuchtung. Der Prototyp einer

LED-Laterne in Meiningen, im Rahmen

eines Ideen-Wettbewerbs entwickelt, lieferte

den ehrgeizigen Tüftlern über Monate

Daten. Trotz der nachweislich deutlich

sparsameren Nutzung läuft die

Nachfrage nur schleppend an. Ein Grund

dürften die hohen Anschaffungskosten

sein. Das ließ 2011 nur einen geringen

Anstieg des Umsatzes zu. Der 72-jährige

Senior-Chef Rufus Beck lässt sich aber

nicht entmutigen: »Für das laufende Jahr

erwarten wir eine deutliche Steigerung.«

&

Renate Wolf-Götz

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 55


W

ie die Malediven, nur nicht so

bunt«, schwärmt ein Blogger.

»Fisch ist ordentlich vorhanden«,

ergänzt ein anderer und setzt hinzu:

»Trotz schlechter Sicht haben wir reichlich

Hecht gesehen, teilweise einen halben

Meter lang und noch größer. Rotfedern,

Flussbarsche, Schwärme von Jungfischen.

Am Grund vielfach Flusskrebse

und über große Flächen Muscheln.«

Die Rede ist von einem wenig bekannten,

nur rund 100 Kilometer von Berlin

enfernten Urlaubsparadies: ein idyllischer

See mit einer kleinen Insel mittendrin

und Natur, wohin das Auge blickt.

Die nächste Ansiedlung ist real vier Kilometer,

gefühlt eine Tagesreise entfernt.

Der Brückentinsee. Rundum nichts

als verträumte See- und Waldlandschaft.

Am Ufer steht kein einziges Haus. Das

Eiland ist üppig bewachsen, nur 40.000

Quadratmeter groß und von zwei Menschenseelen

bewohnt. In weniger als 15

Minuten lässt sich die Insel auf einem

rund 700 Meter langen Rundweg erkunden.

Zu erreichen ist das grüne Herz des

Sees über eine einspurige, befahrbare

Holzbrücke. Das Auto bleibt aber gleich

auf dem Parkplatz hinter der Brücke

stehen – die Insel ist autofreie Zone. Eine

Brückentinsee

Tauchen

gestattet

Reif für die Insel? Berliner

Freunde des Tauchsports

haben da einen Geheimtipp:

eine Insel im Brückentinsee

an der Grenze zwischen

Brandenburg und

Mecklenburg-Vorpommern.

kleine, einstöckige Gebäudegruppe bildet

das Inselhotel. Bis 1990 hatte dort

die Staatssicherheit ein Ferienheim. Im

Jahr 1992 kauften zwei Berliner Freunde

das Eiland mit dem kompletten Inventar

und machten sich an die Verwirklichung

eines Traumes. Mit viel Energie und

gehörigen Investitionen schufen sie ein

Mini-Komfort-Hotel.

Von Beginn an sorgte die Berliner Geschäftsführerin

Barbara Karge zusammen

mit ihrem Mann – das sind die beiden

Dauerbewohner der Insel – und einem

kleinen Team für das Wohl der

Gäste. Heute bietet das Haus drei Einzelund

zwei Doppelzimmer sowie fünf Suiten

für bis zu vier Personen. Dazu kommen

– unübertroffen romantisch – zwei

auf Stelzen über dem Wasser schwebende

Bungalows, jeweils mit großer Terrasse

und Ruderbootgarage. Und dazwischen,

ebenfalls direkt am Ufer, eine Sauna

mit Panoramablick auf den See. Alles

ganz natürlich in die Seenlandschaft eineingefügt.

Anderswo spräche man wohl

von einem Öko-Resort.

Das Hotelrestaurant steht auch bei Tagesausflüglern

hoch im Kurs. Die Küche

bietet Klassiker wie Schweinemedallions,

Deftiges wie Aal in Aspik oder Regionales

56 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


TOURISMUS

gel und der Otter zu begegnen. Eher

gemütlich verläuft die Tour Elektroboote

durch das Naturschutzgebiet Schmaler

Luzin.

Auf der Wandertour Hallo Mr. Adler

gibt es viel zu lernen über Orchideen

und die Ökologie der Tier- und Pflanzenwelt.

In einem vom Bollmann originalgetreu

nachgebauten Adlerhorst darf

man Platz nehmen und nachvollziehen,

wie sich wohl junge Adler fühlen.

Schließlich bietet der passionierte Tierfotograf

auch Fototouren an: Dabei können

Adler aus Verstecken heraus oder bei

der Action-Fotografie vom Boot beim

HECHT posiert vor der Taucherkamera.

Fotos: Manuela Kirschner

NUR ÜBER EINE HOLZBRÜCKE ZU ERREICHEN: das Inselhotel im Brückentinsee.

wie Flusskrebssuppe und Barschfilet in

Riesling pochiert. Spezialitäten des Hauses

sind Hecht und Maräne aus dem

Brückentinsee und Fische aus anderen

Gewässern Mecklenburg-Vorpommerns.

Dazu kommen Wild- und Fleischgerichte,

selbstgebackenes Inselbrot und Kuchen.

Wie naturnah es sich hier urlauben

lässt, zeigt schon ein Blick auf die Karte.

Der Brückentinsee liegt inmitten einer

Ansammlung von Großschutzgebieten.

Teile des östlichen Seeufers gehören zum

brandenburgischen Naturpark Uckermärkische

Seen. Der größte Teil des

Brückentinsees, ebenso wie die Insel,

liegen in Mecklenburg-Vorpommerns Naturpark

Feldberger Seenlandschaft. Nur

wenige Kilometer südwestlich beginnt

der Naturpark Stechlinsee-Ruppiner

Land, nach Norden ist es nicht weit zum

Müritz-Nationalpark.

Diese einmalige Naturlandschaft ist

das Revier von Fred Bollmann, einem

ehemaligen Naturpark-Mitarbeiter, geprüften

Schutzgebietsbetreuer und

Ornithologen. Mit seinen Ranger Tours

bietet er Naturerlebnisse unter ortskundiger

Begleitung an. Zum Beispiel eine

dreistündige Adlertour, bei der man See-,

Fisch- und Schreiadlern begegnen kann.

Oder eine ganztägige Country-Tour mit

Essen und den Höhepunkten aus der Spezialtour

Adler. Rustikal geht es auf der

Tour Land und Leute und Natur zu – mit

Lagerfeuer und Maräneräuchern. Ebenfalls

auf Bollmanns Programm stehen Kanufahrten

auf dem Krüseliner Bach und

die Kanusafari im Großkanadier über

fünf Seen mit guten Chancen, dem Eisvo-

Beutegreifen von Köderfischen abgelichtet

werden. Bollmann betreut auch

Schulklassen, Gruppenausflüge und Firmenevents.

Taucher müssen ihre Touren dagegen

ohne Führung bewältigen. Eine besondere

Genehmigung brauchen sie nicht. Sie

haben ausreichende Sicht bis zu sieben

Meter Tiefe. Jedoch werden sie gebeten,

sich vorher bei dem Fischer Rüdiger Glashagen

anzumelden. Damit sie sich nicht

in seinen zeitweilig ausgestellten Maränenetzen

verfangen.

Manuela Kirschner

ANREISE:

Von Berlin über die B 96. Hinter Fürstenberg

abbiegen Richtung Godendorf/

Dabelow. Der Ausschilderung folgen,

nach etwa zehn Kilometern ist die Holzbrücke

zum See erreicht.

Inselhotel Brückentinsee,

17237 Wokuhl-Dabelow,

Tel.: (03 98 25) 202 47,

E-Mail: inselhotel-brueckentinsee@

t-online.de,

www.inselhotel-brueckentinsee.de

Ranger Tours, Fred Bollmann,

Am Rosenberg 34, 17258 Feldberg,

Tel.:/Fax: (03 98 31) 221 74,

E-Mail: info@ranger-tours.de,

www.ranger-tours.de

Hotel und Ranger Tours haben

ganzjährig geöffnet.

&

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 57


SERIE

M arken

acher

ärkte

mp-Chef Hartmut Bunsen

Netzwerker

zwischen

Leipzig und

Hyderabad

Produktpremiere in Hyderabad: Die

indische Daimler-Tochter stellt die

neuen BharatBenz-Lastkraftwagen vor.

Eine sechstägige Megashow für Kunden,

Händler, Medienleute. Der spektakuläre

Ausstellungsstand stammt von der

Messeprojekt GmbH, einem Leipziger

Familienunternehmen. Geschäftsführer

Hartmut Bunsen, hier mit Ehefrau

Ursula, Chefin der mp-Tochter Inuma,

(s. o.) hat in nur zwei Jahrzehnten die

Firma zu einem der Branchenführer

in Deutschland gemacht.

Fotos: Torsten George, mp Leipzig

58 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


SERIE

Als Anfang März dieses Jahres in

Hyderabad – mit 6,8 Millionen

Einwohnern viertgrößte Stadt

Indiens – die Scheinwerfer aufflammen

und die Lastkraftwagen in gleißendes

Licht tauchen, ist der größte Auslandsauftrag

der Messeprojekt (mp) GmbH beinahe

schon Geschichte. Mit hohem Engagement

hat die Leipziger Firma den Aufsehen

erregenden Auftritt der Marke

BharatBenz der »Daimler India Commercial

Vehicles« (DICV) realisiert.

Hundert deutsche Mitarbeiter und

noch einmal so viele einheimische Fachkräfte

waren elf Tage lang mit dem Aufbau

des Stands auf einer knapp fußballfeldgroßen

Fläche beschäftigt. Davor lagen

Wochen und Monate kreativer und

intensiver Arbeit in Leipzig und tonnenschwere

Transporte auf dem Luft- und

Seeweg. Vor Ort auf dem Subkontinent

haben in Tag- und Nachtarbeit Senior-

Chef Hartmut Bunsen und sein Sohn, Geschäftsführer

Raimo Bunsen, wie auch

die Projektleiter Dirk Knäbel, Annegret

Hecht und Christian Stripp, die Ausführung

des Auftrags gemanagt.

Sehr zur Zufriedenheit der Daimler

AG, wie aus einem Dankschreiben der

Stuttgarter Zentrale hervorgeht: »Es ist

einfach Klasse zu sehen, wie man manches

auch in Indien zur Perfektion bringen

kann, wenn die richtigen Leute daran

arbeiten.« So etwas habe das Land

noch nicht gesehen, heißt es in der Mail.

AUF DIE WELTMÄRKTE GEWAGT

Welchen Stellenwert der DICV-Auftritt

für den Konzern hat, lässt sich daran ermessen,

dass Indien mit seinen 1,2 Milliarden

Einwohnern neben China und den

USA zu den größten Lkw-Märkten der

Welt zählt. So betont denn auch DICV-

Geschäftsführer Marc Llistosella bei der

Premiere in Hyderabad: »Nach langer

Entwicklungsphase und über 4,5 Millionen

Testkilometern auf unserer hauseigenen

Teststrecke in Oragadam, sind

wir mehr als bereit, den indischen Markt

zu erobern. Die Tatsache, dass Daimler

eine Marke für den indischen Markt anbietet,

zeigt, wie wichtig diese Region für

uns ist. Wir investieren 44 Milliarden indische

Rupien (rund 700 Millionen Euro)

in einen hochmodernen Entwicklungsund

Produktionsstandort.«

In ihrer Produktpalette hat die Sub-

Marke 17 verschiedene Nutzfahrzeuge in

den Klassen von neun bis 49 Tonnen. Sie

werden in dem neuen Werk bei Chennai

(Südindien) gefertigt. Die Kapazität liegt

zunächst bei 36.000 Einheiten pro Jahr.

DICV arbeitet vor Ort mit über 450 Zulieferern

zusammen. Die Teile kommen zu

85 Prozent aus der Region.

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 59


SERIE

Auch für mp, den ostdeutschen Branchenprimus,

spielen die Auslandsmärkte

eine immer wichtigere Rolle. Heute beziffert

Bunsen das Umsatzziel der Unternehmensgruppe

für 2012 auf 30 Millionen

Euro – 15 Prozent davon werden bereits

außerhalb Deutschlands realisiert,

Tendenz steigend.

In 30 Metropolen weltweit – Peking

und Shanghai bis Paris oder Sao Paulo –

agiert das Unternehmen gemeinsam mit

Partnern, so der Chef. Er weiß, dass dieses

Engagement nicht nur mit einzelnen

Unwägbarkeiten verbunden ist, sondern

insgesamt ein Wagnis bleibt. »Wir wollen

wachsen«, sagt er, »aber werden weiter

vorsichtig operieren – besonders im direkten

Auslandsgeschäft. Als nächstes

werden wir den afrikanischen Markt angehen.«

Gleichwohl sieht er den Messebau

als Spiegelbild der wirtschaftlichen

Entwicklung. Gerade für Mittelständler

werden Schwellenländer wie Brasilien,

Russland, Indien, China immer interessanter.

Für den Freistaat Sachsen war

2011 ein Exportrekordjahr. Und das Land

ist auch gut in dieses Jahr gestartet, trotz

der Eurokrise.

ERSTE PLEITE – ZWEITER ANLAUF

»Firmenchef mit hoher Schlagkraft« titelte

Anfang 2006 die »Süddeutsche Zeitung«

ein Porträt des Messebauers – eine

Anspielung auf Bunsens DDR-Meisterschaft

im Ruder-Achter. Das war 1965 in

Berlin-Grünau und er saß im Boot der

DHfK Leipzig. Dem Sport ist er treu geblieben.

2000 und 2003 wurde er Senioren-Weltmeister

und ist heute Vorstandsvorsitzender

des Akademischen Ruderverein

zu Leipzig.

Dem Sport verdankt er viel. Sehr viel.

Als die wichtigsten Säulen seines Erfolgs

nennt der Firmenchef das Engagement

seiner Familie – der älteste Sohn, Reimo

Bunsen, ist Geschäftsführer der Messeprojekt

GmbH und sein jüngster Sohn,

Björn-Hendrik Duphorn, leitet den Vertrieb

– und seiner Mitarbeiter. Zugleich

verweist er auf seinen leistungssportlichen

Werdegang: »Ich habe gelernt zu

kämpfen, nicht aufzugeben und auf ein

starkes Team zu setzen.« Er weiß, wovon

er spricht. Der gebürtige Mecklenburger

Bunsen, der an der Hochschule für Bauwesen

Leipzig studiert hat und seit den

siebziger Jahren Investbauleiter, Technischer

Direktor und Produktionsdirektor

bei der DEWAG der Messestadt war, hat

nach der Wende viel Lehrgeld zahlen

müssen, im wortwörtlichen Sinne.

Als 1990 aus dem DDR-Werbebetrieb

ein Treuhandunternehmen wird, entstehen

kleinere Einheiten, Profit-Center

ähnlich: Tischlerei, Malerei, Schlosserei

und andere Gewerke. Es läuft einigermaßen.

Eines Tages kommt ein Messebauer

aus dem westlichen Teil Berlins

und schlägt Bunsen vor, mit ihm zusammen

eine Firma in Ostdeutschland zu

gründen. Oder eine Agentur, um Aufträge

zu akquirieren. Bunsen geht zu seinem

Treuhand-Chef und holt sich die Erlaubnis,

als Gesellschafter und zweiter

Geschäftsführer einzusteigen, zumal

eine entsprechende Auftrags-Akquise

wohl auch dem Profit-Center zugute

käme. So startet 1990 die »Orbital Fair International

Messe und Ausstellungsservice

GmbH« – eine Agentur. Er legt sich in

die Riemen und zieht Aufträge der Leipziger

Messen an Land und realisiert sie

mit dem Treuhand-Betrieb. Es läuft gut.

Da verkauft die Treuhand den ehemaligen

DEWAG-Betrieb. Der Investor –

Dr. Klaus Berg, Inhaber der hessischen

Expo Werbe-Group GmbH – will wohl

auch an die Messe-Aufträge herankommen.

Als er merkt, dass Orbital zwischengeschaltet

ist, bestellt er Bunsen

wütend in sein Büro und fährt ihn an:

»Ich will Sie morgen früh nicht mehr in

der Firma sehen.« Der Gefeuerte nimmt

sich noch die Zeit, in sein Center zu gehen

und zu fragen, wer mit ihm in die

Agentur gehen will, um sie in einen Messebaubetrieb

zu verwandeln. 20 Leute

sind sofort bereit. Schon im ersten Jahr

macht die Firma eine Million Mark Umsatz.

Es läuft bestens.

Anscheinend, denn Bunsens Geschäftspartner

gründet unentwegt neue

Firmen – in Düsseldorf, Brno und sogar

in New York. Über eine zentrale Verwaltungsfirma

in Berlin erledigt er das Geschäftliche.

Bunsen ist es recht, sich

nicht um die betriebswirtschaftlichen

Dinge kümmern zu müssen. Ein Fehler?

Er kennt Hinz und Kunz in der Messestadt,

versteht sich mehr als Akquisiteur

und Techniker, als Macher. Bis er eines

Tages nach Berlin in die Deutsche Bank

zu einem Geschäftstermin eingeladen

wird. Er nimmt seinen Sohn Raimo mit,

der sich eine Gitarre kaufen will, und ist

guter Dinge. In Berlin eröffnen ihm die

Banker, dass die Firmengruppe hoch verschuldet

ist und die Orbital-Kredite fällig

gestellt werden, das Unternehmen Konkurs

anmelden muss. Der Boden rutscht

dem Leipziger unter den Füßen weg. Es

läuft gar nichts mehr.

Doch Bunsen fängt sich schnell und

nimmt es sportlich. »Geht nicht, gibt’s

nicht« war schon in der DDR sein Motto.

Er kauft die anderen Gesellschafteranteile

für eine symbolische Mark, setzt in einer

zweiten Runde den Geschäftsführer

ab – und lässt das Unternehmen doch

nicht in Konkurs gehen, sondern wickelt

es über fünf Jahre ab. »Ein Konkurs wäre

vor allem zu Lasten der kleinen Zulieferer

und Handwerker gegangen«, erklärt

er sein Vorgehen. Noch 1991 gründet

Hartmut Bunsen die Messeprojekt

GmbH, ein Jahr später die Innenausbaufirma

Inuma, die seine Frau leitet.

Leipzig, das schon Ende des 12. Jahrhunderts

als Messe- und Handelsplatz erwähnt

wird, ist Bunsens Stabilitätsanker

geblieben. Hier machte der Messebauer

die Hälfte seines Umsatzes, hier sind die

Partner nah und vertraut, die Wege kurz.

Im Gewerbegebiet Bergeweg des Stadtteils

Seehausen verfügt das inhabergeführte

Familienunternehmen jetzt über

einen ausgedehnten Gebäudekomplex,

Bunsen hat dort nicht nur alle wichtigen

Werkstätten, Lager und Büros faktisch

unter einem Dach, sondern auch, wenn

er über die Autobahn schaut, das Messegelände

fest im Blick.

UNTER DEN TOP TEN DER BRANCHE

Hier in Seehausen arbeiten Designer, Architekten,

Zeichner, Bauingenieure,

Tischler – Macher und Wegbereiter zusammen.

Sie stehen mit ihrem Knowhow

und ihrer Erfahrung, ja, ihrem Herzblut,

wie Hartmut Bunsen sagt, von der

ersten Skizze bis zur Standübergabe für

60 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


SERIE

MP IM STENOGRAMM: 170 festangestellte

Mitarbeiter, 26 Millionen Euro Umsatz

(2011), mehr als 23.000 Quadratmeter

Produktions- und Lagerfläche. Zertifizierte

Qualität und Umweltverträglichkeit.

Mitglied im Branchendachverband FAMAB.

ihren Auftrag ein. »Es ist unsere Philosophie,

eine persönliche, partnerschaftliche

Beziehung zu den Kunden aufzubauen.

Nur in Offenheit und gegenseitigem

Vertrauen lassen sich die Aufträge so realisieren,

dass kein Wunsch offen bleibt«,

ergänzt der Firmengründer. Schließlich

ist der Wettbewerb gerade in diesen Krisenjahren

hart und härter geworden. Die

Aufträge werden immer anspruchsvoller,

zugleich wird gespart, wo es nur geht.

Das Unternehmen setzt zum einen

auf den Einsatz modernster (Computer-)

Technik plus entsprechender Software –

mp arbeitet allein mit 35 CAD-Zeichnern

zusammen – und zum anderen auf die

Kreativität seiner Mitarbeiter. Was Wunder,

dass die Leipziger dafür bekannt

sind , auch unvorhersehbare Situationen

flexibel, ideenreich und mit hochgekrempelten

Ärmeln zu meistern. Sie verfügen

unterdessen über Niederlassungen

in Dresden, Köln und Stuttgart und sind

in der Lage, mit ihrem in Deutschland

einzigartigen Eigenbestand an Systemmaterial

und Veranstaltungstechnik eine

Bruttofläche von mehr als 40 Fußballfeldern

gleichzeitig zu bebauen.

Unter die Top Ten der deutschen Messebauunternehmen

hat sie der Auftrag

zu einem Drei-Marken-Auftritt der Daimler

AG auf der IAA Nutzfahrzeuge 2010 in

Hannover katapultiert. Eine kleine Weltpremiere

feierte BMW auf der AMI 2012

in Leipzig. Die Bayern präsentierten auf

ihrem 2.200 Quadratmeter großen Stand

erstmals den neuen 3er Touring. Den

Messestand hatte mp mit einem 40-köpfigen

Montageteam in sieben Tag- und

Nachtschichten gebaut. Im August folgt

der Auftritt von BMW und MINI auf der

MIAS in Moskau. Auf sogar 3.300 Quadratmetern.

Die Münchner profitieren

dabei von den reichen Erfahrungen und

Kontakten von mp auf den teils schwierigen

osteuropäischen Messemärkten.

FREUND DES KLAREN WORTES

Seit mehr als zehn Jahren bekleidet der

mp-Chef zudem ein Ehrenamt, für das

der begnadete Netzwerker mit seinem in

der Branche legendären Organisationstalent

wie geschaffen scheint. Bunsen

übernimmt 2001 von Wolfgang Topf,

heute Präsident der Industrie- und Handelskammer

zu Leipzig, die Führung des

im Herbst 1990 gegründeten Unternehmerverbandes

Sachsen.

Zwei Jahre später bildet sich die »Interessengemeinschaft

der ostdeutschen

Unternehmerverbände und Berlin« und

beruft 2010 den sächsischen Unternehmer

zu ihrem Sprecher. Ein Glücksgriff,

denn Bunsen vermag nicht nur Fäden zu

knüpfen, sondern er ist auch ein Freund

sehr deutlicher Worte.

Die bekommt von ihm auch Bundeswirtschaftsminister

Philipp Rösler zu

hören. Es geht hoch her an diesem 16.

November 2011 im Leipziger Westin-

Hotel. Im wörtlichen wie im übertragenen

Sinne. Die Präsidenten und Geschäftsführer

der Unternehmerverbände

der neuen Länder haben Rösler in den 27.

Stock eingeladen und halten mit ihrer

Kritik an der Bundesregierung nicht hinterm

Berg. Voran Bunsen, der einen

ernüchternden Lagebericht gibt und entschieden

die Fortführung von Förderprogrammen

für die neuen Länder fordert,

gerade, was Innovationen angeht.

Womöglich täuschte der Eindruck,

aber Rösler schien mit dieser Breitseite

nicht gerechnet zu haben. Immerhin versprach

er Prüfung der Vorwürfe. Wenn

auch die Entscheidungswege der Bundesregierung

unerforschlich sein mögen –

Rösler hat zumindest in einem Punkt

Wort gehalten. Trotz der Sparmaßnahmen

der Bundesregierung wird beispielsweise

der Antragsschluss zu Projekten

im Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand

bis 2014 verlängert (s. beiliegendes

W&M-EXTRA »Feuerwerk der Ideen«).

GIPFELTREFFEN IN LEIPZIG

Für Hartmut Bunsen war die Begegnung

mit dem Vizebundeskanzler hoch über

der Messestadt nur das Vorspiel zu einem

Expertentreffen, an dem er über ein Jahr

gearbeitet hat und das seinesgleichen zumindest

in Ostdeutschland vergeblich

sucht. An die 400 Spitzenmanager, Wissenschaftler

und Politiker – darunter EU-

Kommissar Günther Oettinger oder der

sächsische Ministerpräsident Stanislaw

Tillich und der FDP-Bundestagsfraktionschef

Rainer Brüderle – diskutierten zwei

Tage im Mai die Konsequenzen der Energiewende.

Die Geburt einer Denkfabrik?

Gut möglich, schließlich ist eine Wiederholung

fest geplant. Was nur wenige

wissen: Im Frühsommer dieses Jahres

stand das Energieforum der Unternehmerverbände

und IHK der neuen Länder

mehrfach auf der Kippe. Es fehlte bis

nach Berlin nicht an Warnern, dass man

sich mit so einem Gipfeltreffen übernehme.

Anders in der unmittelbaren

Umgebung Bunsens. »Was sich unser

Chef einmal in den Kopf gesetzt hat, das

wird auch etwas«, hieß es dort – schlichtes

Lob für einen Unternehmer, der ein

meisterlicher Ruderer geblieben und ein

ebenso wagemutiger wie verlässlicher

Steuermann geworden ist.

Helfried Liebsch

&

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 61


UV-AKTUELL

GESCHÄFTSSTELLEN

der Unternehmerverbände

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle:

Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01

Fax: (030) 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:

Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Norbert Gölitzer

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: (03 31) 81 03 06

Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: (03 35) 400 74 56

Mobil: (01 73) 633 34 67

Unternehmerverband Rostock-

Mittleres Mecklenburg e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11

Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle:

IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,

U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: (0345) 78 23 09 24

Fax: (0345) 78 23 467

UV Brandenburg

Unternehmerverband als Familie

Brandenburger Mitglieder zogen auf ihrer Jahresversammlung ein positives

Resümee: Verband gehört zu den rührigsten in den neuen Ländern.

Interessenvertretung,

Plattform und Familie

von kleinen und mittelständischen

Firmen – diesem

Anspruch ist der Unternehmerverband

Brandneburg e.V.

auch im vergangenen Jahr gerecht

geworden, schätzte Verbandspräsident

Eberhard

Walter auf der Jahresmitgliederversammlung

Anfang Juni

in Cottbus ein. Der Verband

gehört zu den rührigsten im

Osten. Das misst sich nicht zuerst

an der Zahl der Veranstaltungen,

sondern am Einfluss

auf die Gestaltung von Wirtschaftspolitik

im Land. Der

UV Brandeburg ist wohl der

einzige Verband, der auf besonderen

Wunsch des Wirtschaftsministeriums

bei der

Schwerpunktebildung zur

Förderpolitik des Landes für

die Jahre 2014 bis 2019 gehört

wurde. Unsere Vorschläge

wurden ernst genommen,

konstatierte Eberhard Walter.

Einfluss nimmt der Brandenburger

Unternehmerverband

auch über die rege Tätigkeit

seiner Arbeitskreise. Der

»Landesarbeitskreis (LAK)

Schule-Wirtschaft« widmete

sich vor allem der aus Sicht

der Unternehmer unumgänglichen

bundesweiten Bildungsreform.

Er wurde in

den »LAK Fachkräftesicherung«

umbenannt. Im LAK

»Innovative Technologien«

machten sich die Unternehmer

mit neuen Verfahren und

Produkten bekannt und beförderten

die Zusammenarbeit

zwischen Lehre und Forschung

in den Bildungseinrichtungen

des Landes und

den Mitgliedsbetrieben. Der

LAK »Dienstleistungen« beschäftigte

sich besonders mit

der Sicherstellung des Mitgliedernutzens

der bearbeiteten

Themen und dem Aufbau

von Kontakten zu den polnischen

Nachbarn. Langfristig

angelegt wurde im LAK »Tourismus«

das Thema der Barrierefreiheit.

Der LAK »Mittelstandspolitik«

bearbeitet Themen

wie die durch die

Kommunen angestrebte Rekommunalisierung

von

Dienstleistungen und die Ausweitung

der Tätigkeit kommunaler

Unternehmen.

Beim Kernproblem »Sicherstellung

des Arbeitskräftenachwuchses«

taugt nach Ansicht

des UV das Mittel der Zuwanderung

von Fachkräften

werden. Es sei nicht hinnehmbar,

dass bis zu 25 Prozent der

Schüler die Schule ohne Abschluss

verlassen und weitere

25 Prozent als nicht ausbildungsfähig

gelten.

Nicht erfolgreich war der

UV auch in Sachen Wirtschaftstätigkeit

der Kommunen.

Es sei nicht gelungen,

das Gesetz zur Ausweitung

kommunaler Tätigkeit in

Brandenburg auszubremsen,

gab Eberhard Walter zu.

Trotzdem sei damit dieses Ka-

KONZENTRIERT: UV-Mitglieder Anfang Juni in Cottbus.

nicht – weder quantitativ

noch qualitativ. Einerseits

brauchten vor allem die Nachbarstaaten

ihre Fachkräfte zunehmend

selbst und zweitens

werde der beruflichen Ausbildungsqualität

der Zuwanderer

zu wenig Beachtung geschenkt.

Als Lösungsansatz

beim Fachkräfteproblem favorisiert

der UV Änderungen im

Erziehungs- und Bildungssystem.

Nicht Optimierungen

und Korrekturen führen zum

Ziel, sondern nur eine generelle

Strukturveränderung.

Bildungsinhalte, Konzepte

und Zuständigkeiten müssten

länderübergreifend, de facto

bundeseinheitlich organisiert

pitel noch nicht abgeschlossen.

Dem UV ist bewusst, dass

die Kommunen vor der Quadratur

des Kreises stehen. Einerseits

steigen die Steuereinnahmen

der Städte und Gemeinden

in der Fläche, wenn

überhaupt, nur sehr verhalten.

Zum anderen würden die

den Kommunen abverlangten

Leistungen immer größer.

In Veranstaltungen mit

den Verantwortlichen von

Städten und Gemeinden wurde

bis auf wenige Ausnahmen

übereinstimmend festgestellt,

dass die von Bund und Land

den Kommunen übertragenen

Leistungen, deren finanzielle

Kräfte übersteigen und

62 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


UV-AKTUELL

die Haushalte vor eine unlösbare

Aufgabe stellen.

Der Unternehmerverband

wende sich nach wie vor gegen

diese Art, Probleme lösen

zu wollen, weil sie zu Wettbewerbverzerrungen

und zu

neuen Problemlagen führten.

Der Verband hat sein Engagement

im Rahmen der Interessengemeinschaft

der ostdeutschen

Unternehmerverbände

und Berlins erhöht.

»Hier ist es gelungen, der ostdeutschen

Bewegung kleinund

mittelständischer Unternehmer

eine einheitliche

Richtung zu geben, Forderungen

zu artikulieren und an

die Bundesregierung heranzutragen«,

betonte Walter.

Im laufenden Jahr will der

Verband seinen Einfluss vertiefen.

Durch aktive Mitgestaltung

der Arbeit der Interessengemeinschaft

der neuen

Länder soll an der Entscheidungsfindung

in der Politik

mitgewirkt werden.

Hans Pfeifer

&

UV Rostock-Mittleres Mecklenburg

Neuer Name für mehr regionale Präsenz

Hansestädtischer Verband will wachsen, kleine und mittlere Firmen besser

beraten und dafür in den kommenden Wochen Regionalbüros einrichten.

Auf ihrer diesjährigen ordentlichen

Mitgliederversammlung

im Mai

hat die Interessenvertretung

regionaler Unternehmen in

Rostock und der Region um

die Hansestadt ihren territorialen

Status quo neu definiert.

Das Gremium stimmte

dafür, ab sofort den Unternehmerverband

Rostock und

Umgebung umzubenennen in

Unternehmerverband Rostock-Mittleres

Mecklenburg.

Damit werde der sehr breit gehaltene

Begriff »Umgebung«

durch ein klar erkennbares

und abgegrenztes regionales

Profil ersetzt, wie Frank

Haacker, Präsident des Unternehmerverbandes

Rostock-

Mittleres Mecklenburg, be-

gründete. Es sei zugleich ein

Signal, dass der Verband, der

im Kern »mit Rostock das wirtschaftliche

Herz Mecklenburg-Vorpommerns

repräsentiert«,

künftig noch stärker in

die benachbarte Region Mittleres

Mecklenburg ausstrahlen

und die Interessen dort

ansässiger Unternehmen vertreten

will.

Haacker kündigte an, dass

in den Städten Bad Doberan,

Ribnitz-Damgarten, Güstrow,

Teterow und Waren/Müritz in

den kommenden Wochen UV-

Regionalbüros eingerichtet

werden sollen. Sie werden Ansprechpartner

für die Unternehmen

vor Ort sein. Der Fokus

des Unternehmerverbandes

habe bisher sehr einseitig

auf Rostock gelegen, wo der

übergroße Teil der aktuell

rund 500 Mitgliedsunternehmen

und kooperierenden Mitglieder

ansässig ist. Der Verband

wolle in den kommenden

drei bis fünf Jahren stark

wachsen. »Unser Ziel sind 700

Mitglieder.« In Rostock und in

der Region Mittleres Mecklenburg

gibt es laut Haacker

gegenwärtig rund 6.600 Unternehmen.

Er betonte, der

Unternehmerverband agiere

branchenübergreifend und

berate kleine und mittlere Firmen

sowie Einzelunternehmer

in allen unternehmensrelevanten

Fragen, ergänzend

zu den Angeboten der Handwerkskammern

und IHK.

Thomas Schwandt

Fotos: H. Pfeifer

UV BRANDENBURG

Kriminalität

an der Grenze

Die Sicherheitslage in den

Grenzregionen bestimmte

Fachdiskussion auf der Mitgliedervollversammlung.

In den Grenzregionen nehmen

Eigentumsdelikte zu.

»Die von der ansteigenden Kriminalität

Betroffenen sehen

sich ihrer Grundlagen beraubt,

nämlich ihrer Arbeitsmittel«,

klagte Verbandspräsident

Eberhard Walter.

Dr. Herbert Trimbach, Abteilungsleiter

im Innenministerium

des Landes, und Sven

Bogacz, Leiter der Polizeidirektion

Brandenburg-Süd, redeten

nicht um den heißen

Brei herum. Sicherheit sei ein

wirtschaftlicher Standortfaktor.

Drei von vier Polizeihundertschaften

des Landes Brandenburg

sind bereits im

Grenzgebiet stationiert. Die

Polizeibediensteten beider

Staaten würden befähigt, gemeinsam

zu handeln. Der

Zoll hat seit kurzem polizeiliche

Befugnisse.

Trimbach und Bogacz widersprachen

der Meinung,

dass Polen den Schwarzen Peter

habe: »Die Säge klemmt

oft in Deutschland.« Ganz

praktisch: Während polnische

Polizisten die Handys

flüchtiger Täter sofort orten

können, müssen deutsche Polizisten

auf eine richterliche

Entscheidung warten. Ein

BESORGT: Verbandspräsident

Eberhard Walter.

großer Teil der grenzüberschreitenden

Kriminalität

werde nicht im Grenzgebiet

verübt, sondern weit im Hinterland.

Nicht nur in Nordrhein-Westfalen

oder im Saarland,

sondern auch in Frankreich

oder Portugal werden

die Fahrzeuge und Ausrüstungen

gestohlen, die über die

Brandenburgische Grenze

Richtung Osten verbracht

würden. Allerdings sei das Interesse

der übrigen Bundesländer

ohne Ostgrenze sehr

flau, klagten die Beamten.

Das solle sich mit der Bildung

einer länderübergreifenden

Arbeitsgruppe »Grenzkriminalität«

durch die Innenministerkonferenz

ändern.

Polizeidirektor Sven Bogacz

forderte die Unternehmer

auf, selbst Maßnahmen

zu ergreifen. Dazu gehörten

nicht nur Prävention, sondern

auch Zusammenarbeit

mit der Polizei und technische

Hilfsmittel, beispielsweise

die künstliche DNA, mit

der diebstahlgefährdete Güter

markiert werden können.

Hans Pfeifer

&

+ TERMINE+

TERMINE

UV Rostock

19. Juli, 16.00 Uhr, HWBR,

An der Jägerbäk 4, 18069 Rostock:

Führungskräfteseminar

»Rahmenbedingungen für KMU«.

UV Vorpommern

1. Oktober, Greifswald:

Wirtschaftstag Vorpommern

2012, Festveranstaltung

20 Jahre UV Vorpommern.

UV Brandenburg

2. Juli; 18.00 Uhr, 14482

Potsdam-Babelsberg; Otto-Erich-

Str. 11/13: Forum Zukunft – aus

der Praxis für die Praxis.

14. September, 9.00 bis

15.00 Uhr, Schloss Genshagen,

14974 Genshagen, Dorfstraße:

LogistikTagLudwigsfelde 2012,

Thema: »Seehafenhinterlandverkehr

als Chance für die Wirtschaft

in Berlin und Brandenburg«.

UV Sachsen

11. Juli, 13 bis 17.30 Uhr,

Solaristurm Chemnitz, Neefestraße

88, 09116 Chemnitz:

Support-Netzwerktreffen

(Geschäftsstelle Chemnitz)

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 63


W&M-PRIVAT

POLITIKER

Der letzte

Saboteur

»Eilfahndung« stand über

dem Haftbefehl, den die agonierende

DDR-Justiz am 3. Dezember

1989 einem der letzten

Flüchtlinge hinterher jagte.

Begründung: »Sabotage 3

104 STGB«. Der treulose Politakt

richtete sich gegen den

obersten Devisenbeschaffer

Schalck-Golodkowski, der

sechs Jahre zuvor mit dem

bayrischen Ministerpräsidenten

Strauß den lebensverlängernden

Milliardenkredit für

die DDR-Wirtschaft eingefädelt

hatte. Das Verschwinden

des Goldfingers in Richtung

Tegernsee hinterließ brisante

Spekulationen. Neue Antworten

bieten jetzt sein Arzt und

ein Verleger, der Schalck später

wieder traf.

Frank Schumann/

Heinz Wuschech:

Schalck-Golodkowski.

Der Mann, der

die DDR retten wollte,

Edition Ost,

192 Seiten, 12,95 EUR

Nachhilfe für

den Pfarrer

Die Schonzeit ist vorbei. »Ein

bisschen ökonomisches Wissen

wäre hilfreich«, rät Bestsellerautor

Albrecht Müller

dem neuen Bundespräsidenten,

der seinen Blick abwende,

wo sich der Einfluss der

Bankwirtschaft auf die Politik

offenbart und nicht einmal

das Funktionieren der

Europäischen Zentralbank

verstehe. Der Autor betreibt

seine Analyse nicht ohne Ironie

und versucht sich als Ratgeber

für den Seelsorger.

Albrecht Müller,

Der falsche Präsident.

Was der Pfarrer Gauck

noch lernen muss,

Westend Verlag,

64 Seiten, 5,99 EUR

Sein erster Bestseller hieß

»Scheißkerle«. Das gehobene

deutsche Feuilleton

befand, es sei ein Griff tief

in die Mottenkiste der Machokritik.

Doch der Erfolg auf

dem Buchmarkt stellte Verlag

und Autor zufrieden. 2.000

Zuschriften, die er bekam,

nahm der Kommunikationswissenschaftler

Roman Maria

Koidl als Ermutigung, das

Thema im gleichen lockeren

Grundton auf Politik, Wirtschaft

und Gesellschaft zu

projizieren.

Die Figuren, die Koidls neues

Buch »Blender« bevölkern,

laufen unter Bezeichnungen

wie Schlipswichser, Intriganten,

Hochstapler, Flitzpiepen,

Kompetenzprotze und Pöstchenjäger.

Gegenstand dieser

ironischen Psychoanalyse ist

ein Cheftyp, der auf der Karriereleiter

zu hoch geklettert

ist, als dass er dem Unternehmen

oder Parteifreunden, die

er vertritt, noch gut tun kann.

Das Thema ist freilich

nicht ganz neu. Schon vor 40

Jahren lieferten der Psychologe

Laurence Peter und der

Schriftsteller Raymond Hull

dazu den Weltbestseller: »Das

Peter-Prinzip oder Die Hierarchie

der Unfähigen«. Das

Standardwerk des Versagens

ist in 40 Sprachen übersetzt

worden. Gebracht hat das offenbar

nichts. Das Blenden,

so beobachtet Koidl, gehöre

zum Alltag der Wettbewerbsgesellschaft

und sei Bestandteil

der Unternehmenskultur.

BÜCHERBORD

Karrieren

Generation IMM

Ob in Politik, Unternehmen oder Büro – ein Bestsellerautor

sucht den Nachweis, warum immer

die Falschen Karriere machen.

Der Blender sei kein Paria der

Leistungsgesellschaft, sondern

genieße einen hohen

Wert an der Aufmerksamkeitsbörse.

Personal für die Abhandlung

seiner Thesen über Titelsucht

und Eitelkeit, Inkompetenz

und Überforderung findet

Koidl in der deutschen

Gesellschaft zu Hauf. Absteiger

wie der Baron zu Guttenberg

und der Karstadt-Chef

Middelhoff mit ihrem selbstgefertigten

TV-Flitter eignen

sich als besonders einprägsame

Paradepferde. Prototypen

einer ganzen Generation IMM

– Irgendwas mit Medien.

Und es sind immer Männer.

Also fragt sich Koidl, »warum

gut ausgebildete Frauen

in Beruf und Karriere von

Männern überholt werden,

die ihnen, an objektiven Leistungskriterien

gemesssen,

klar unterlegen sind«. Altbekannte

Klagefakten (nur vier

Frauen unter den 182 männlichen

Kollegen in deutschen

DAX-Vorständen) hat er leicht

zur Hand – Belege für ihn,

dass Frauen kein Talent haben,

Seilschaften zu bilden

und sich immer noch scheu

zeigen in einer Welt, wo

männliche Rhetorik und Körpersprache

dominieren.

Koidl verlangt die Frauenquote

als »Aktivierungsenergie«

für die Gesellschaft. Gegen

den Typ Blender wird das

kaum helfen. Der bleibt wohl

eine zeitlose Sozialfigur.

Peter Jacobs

ROMAN MARIA KOIDL, BLENDER.

Warum immer die Falschen

Karriere machen

Hoffmann und Campe

224 Seiten, 16,99 EUR

RÜCKSCHAU

Vordenker

und Pleitier

Ein Professor für Volkswirtschaftslehre

und ein Finanzwisssenschaftler,

beide Österreicher,

haben sich daran

gemacht, den Karriereweg

und das Denken des klügsten

und schillerndsten Wirtschaftsphilosphen,

den ihr

Land hervorgebracht hat, allgemeinverständlich

darzulegen.

Gleichermaßen faszinierend:

Schumpeters bizarre

Karriere als Wissenschaftler

und Börsenspekulant, seine

Auffassungen von der schleichenden

Zersetzung des

Kapitalsmus und der von ihm

geprägte Begriff von der

»schöpferischen Zerstörung«.

Ein Buch von überraschendem

Aktualitätswert.

Heinz D. Kurz/Richard Sturn,

Schumpeter für jedermann.

Die Kraft

der schöpferischen

Zerstörung,

Frankfurter

Allgemeine Buch,

224 Seiten,

17,90 EUR

BESTSELLER

Wirtschaftsbuch

1. Thilo Sarrazin: Europa braucht den

Euro nicht. DVA (12,99 EUR)

2. David Graeber: Schulden.

Klett-Cotta (26,95 EUR)

3. Carsten Maschmeyer: Selfmade.

Ariston (19,99 EUR)

4. Walter Isaacson: Steve Jobs.

Bertelsmann (24,99 EUR)

5. Martin Wehrle: Ich arbeite

in einem Irrenhaus

Econ (14,99 EUR)

6. Tomas Sedlacek: Die Ökonomie von

Gut und Böse. Hanser (24,90 EUR)

7. Jürgen Roth: Gazprom.

Das unheimliche Imperium.

Westend (19,99 EUR)

8. Dirk Laabs: Der deutsche Goldrausch.

Pantheon (16,99 EUR)

9. Sarah Wagenknecht: Freiheit statt

Kapitalismus. Campus (19,99 EUR)

10.Dirk Müller: Crashkurs

Droemer (19,99 EUR)

64 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


W&M-PRIVAT

LEUTE & LEUTE

Reiner Schwalme, 75

Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme

Als Bundesfamilienministerin

kommt Kristina

Schröder einfach auf

keinen grünen Zweig. Stattdessen

macht sie als Schriftstellerin

Furore. Gemeinsam

mit ihrer Referatsleiterin Caroline

W. schrieb sie das Buch

»Danke, emanzipiert sind wir

selber!«

Die Beteuerung glaubt freiwillig

kein Mensch. Kinder,

Küche und Kristina, von der

Herdprämie ganz zu schweigen:

Nichts ist öder als die

Politik von Schröder. Die

Spaßvögel von der TV-Satire-

Sendung »Extra 3« ehrten sie

schon mit der Goldenen Küchenschürze,

und ihre beste

Feindin Alice Schwarzer wiederholte,

was sie ständig wiederholt:

»Frau Schröder, ich

halte Sie für einen hoffnungslosen

Fall!«

Für die Bundesregierung

hat Kristina nun die Spendierhose

übergestreift und steht

bereit, mit Geld, das sie nicht

hat, soziale Wohltaten zu

finanzieren, die keiner will.

Eltern von Kleinkindern haben

ab Januar 2013 einen Anspruch

auf zunächst 100 und

dann 150 Euro Verdummungsgeld

monatlich, wenn

sie ihren Kindern das Betreten

von Kindertagesstätten

verwehren. Dies scheint mir

ein viel versprechender Ansatz

zu sein. Auch derjenige,

Kristinas

Spendierhose

Ernst Röhl ärgert sich

über Blindgänger

der ungern Museen, Ministerien,

Bahnhofsklos und Bordelle

besucht, sollte fürs Fernbleiben

auskömmlich honoriert

werden. Auf gar keinen

Fall dürfen die bereit gestellten

Milliarden für weitere Kitas

oder für die Ausbildung

qualifizierter Betreuungskräfte

verplempert werden.

Seit langem schon veranstaltet

die CDU/CSU, die tapfer

für die Kita-Fernhalteprämie

kämpft, einen Kuhhandel

mit Niebels Teppichpartei.

Diese gab ihr Okay erst, nachdem

die Kanzlerin einer

gleichfalls bizarren privaten

Pflege-Zusatzversicherung zugestimmt

hatte, die die FDP

der Versicherungsbranche als

kleines Geschenk überreichen

möchte; denn kleine Geschenke

erhalten die Freundschaft.

Problemlos kommen

2.483 Euro zusammen, wenn

die fünf Euro, mit denen die

Koalition private Pflegeversicherungsverträge

fördern

will, über 30 Jahre angespart

und mit zwei Prozent verzinst

werden. Das Geld reicht dann

fast, um drei Wochen den Aufenthalt

in einem Pflegeheim

zu bezahlen, der monatlich

3.000 Euro kostet. Man denkt

immer, so was kann’s doch

gar nicht geben, und dann

gibt’s das doch. Die Regierung

ist demnach auch eine Art

Pflegeheim, eine Kita ist sie

leider nicht. Sonst könnte

Mutti die Minister ja bei sich

zu Hause betreuen.

Früher krankte ich an chronischer

Hochachtung vor auskömmlich

alimentierten Bundesministern,

sogar vor Ex-

Wirtschaftsminister Michael

Glos (CSU). Längst weiß ich,

dass ich einem Blindgänger

blind vertraute. Immerhin

schenkte uns Glos nach seinem

Rücktritt reinen Wein

ein: »Ich wusste nicht mal, wo

genau dieses Wirtschaftsministerium

stand, und es

hat mich nie interessiert. Ich

hatte auch keine Ahnung,

welches die Aufgaben meines

Ministeriums überhaupt sein

mochten.«

So weit, so gut. Aber wie

komme ich eigentlich von

Michael Glos auf Kristina

Schröder?

&

Scharf beobachtendes Zeichentalent,

seit 46 Jahren selbstständig,

fast täglich präsent in der

deutschen Presselandschaft – so

etwa könnte ein Werbetext für

Reiner Schwalme lauten, wenn

er einen notwendig hätte. Hat

er aber

nicht. Der

Gebrauchsgrafiker

gelangte

einst über

die DDR-

Gewerkschaftszeitung Tribüne

ins Karikaturgewerbe, erwarb

sich bei dem Satiremagazin

Eulenspiegel einen guten Namen

und zeichnet heute auch für die

Sächsische Zeitung, den Tagesspiegel

und Wirtschaft & Markt.

120 Originalblätter sind zurzeit

im Museum für Humor und Satire

in Luckau zu sehen (www.humorund-satire-museum.de).

Im Juni wurde Reiner Schwalme

75. Das W&M-Team gratuliert.

LESERPOST

Ost-West

Heft 06/2012

Darüber zu grübeln, ob der Solidarpakt

vielleicht doch über

2019 hinaus verlängert werden

sollte, halte ich für nutzlos.

All die Sonderförderungen für

den Osten haben das Problem

doch nur gelindert, aber nicht

abgeschafft. Ein selbsttragender

Aufschwung ist nicht in

Sicht. Es käme darauf an,

strukturell ganz neue Wege zu

gehen. Aber der Umgang mit

der Solarindustie zeigt leider,

wie kurzsichtig zurzeit Wirtschaftspolitik

gemacht wird.

Bent Lüdecke, Lübeck

Fonds

Heft 06/2012

SEBImmoInvest wird nicht der

letzte Immobilienfonds sein,

dessen Öffnung im Moment

scheitert. Danke also für solche

Ratgeber-Beiträge in W&M, die

Kleinanlegern Entscheidungshilfe

geben.

Konrad Splett, per E-Mail

WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12 65


KOLUMNE

Die vergessene Erfahrung

In diesen Tagen fesseln uns die Eurokrise

und der damit verbundene

Streit um den besten Weg nach vorn.

Wenn man so will, ein Streit zwischen

ökonomischen Experten (besonders außerhalb

Deutschlands) und dem gesunden

Menschenverstand der Bürgerinnen

und Bürger.

Für die Bürger ist es oft unverständlich,

wie die Experten die Lösung der Probleme

sehen. Von diesen hört man allerdings

ganz entgegengesetzte Strategien:

Die einen kritisieren Deutschland, weil

die Bundesregierung nicht schon beim

ersten Aufflammen der Griechenlandkrise

diesem Land seine Schulden – so

oder so – abgenommen habe; die anderen

wiederum hätten sich eher von einem

sofortigen Staatsbankrott Griechenlands

und der dabei durchschlagenden

Haftung seiner Gläubiger (dann im Wesentlichen

der europäischen Banken) die

für Europa und die Weltwirtschaft erfolgreichste

Klärung der Krise erwartet.

Also was nun? Was ist richtig?

Beide Positionen widersprechen sich

nicht nur grundsätzlich – wie das beim

Rat der Experten oft der Fall ist: Sie widersprechen

auch beide dem gesunden

Menschenverstand.

Denn: Wer würde einem leichtfertigen

Schuldner seine Schulden abnehmen

oder die Bedingungen für eine

Rückzahlung erleichtern, ohne dass der

Schuldner nicht zunächst mindestens

Besserung verspricht und auch praktiziert?

Welcher vernünftige Gläubiger

würde nicht zunächst sicherstellen, dass

der Schuldner zukünftig klüger mit dem

geliehenen Geld umgeht, damit er das

neue Geld auch zurückzahlen kann?

Die zweite These, nämlich man hätte

Griechenland damals sofort pleitegehen

lassen müssen, klingt zunächst überzeugend.

In der Tat, warum soll der Steuerzahler

mit Rettungsmitteln einspringen,

wenn die Gläubiger offenbar dem Staat

das Geld ohne sorgfältige Prüfung der

Kreditwürdigkeit geliehen hatten?

Die Gläubiger Griechenlands schon

beim ersten Anzeichen der Krise sich

selbst zu überlassen und zum Verzicht

auf wesentliche Teile ihrer Ansprüche zu

zwingen, hatte allerdings einen praktischen

Haken: Die Verluste der Banken

hätten vermutlich nicht nur eine wiederum

staatlich finanzierte Kapitalausstattung

der geschädigten Gläubigerbanken

notwendig gemacht und damit

ZUR SACHE

Betrachtung

zur wirtschaftlichen Lage

Von Dr. Klaus von Dohnanyi

wiederum eine erneute Erhöhung der

Staatsschulden verursacht. Gefährlicher

noch: Weltweites Misstrauen in europäische

Staatsanleihen hätte eine massive

Kapitalflucht aus den anderen gefährdeten

Eurostaaten der südlichen Peripherie

auslösen können. Deswegen schien es

damals klüger, erst diese anderen Länder

zu stabilisierenden Reformen zu bewegen,

um dann den schwierigen Fall Griechenland

zu lösen.

Dafür verfolgte Deutschland eine eigene

Strategie: Sparen bei den Staaten und

Schuldenabbau, und zugleich Reformen

für mehr Wachstum. Und dabei dann:

Geduld in der Krise.

Nun wird diese Sparpolitik Deutschland

vorgeworfen. Obwohl die betroffenen

Eurostaaten doch heute noch immer

weitere Schulden auftürmen! Aber auch

das soll ja die Schuld deutscher Sparpolitik

sein. Da lohnt ein Blick über den

Atlantik: Die USA machen täglich weiterhin

horrende Schulden – wächst deswegen

die dortige Wirtschaft schneller

oder sinkt dort die Arbeitslosigkeit? Leider

nein!

Der gesunde Menschenverstand hat

eine andere Meinung als viele Experten

und er hat – wie meistens – Recht: Wer

Schulden aufgehäuft hat, sollte sich

bemühen, sie abzubauen und das Geld

anstatt für Zinsen an die Bank lieber für

eine Verbesserung der eigenen Leistung

(in der Wirtschaft heißt das: für mehr

Wettbewerbsfähigkeit) einsetzen. Auf

gut Deutsch: Zum Beispiel länger arbeiten;

streckenweise auf Lohnsteigerungen

verzichten; die Arbeitsmärkte für

mehr Wettbewerb öffnen ... Kurz all das,

was Bundeskanzler Gerhard Schröder

2003 mit der Agenda 2010 für Deutschland

dankenswerterweise in Gang setzte

– und wofür er dann von einer kleinen

Minderheit in seiner SPD gestürzt wurde.

Es gibt so viele internationale Beispiele

für positive Wachstumsfolgen, die mit

einem Mix aus Sparpolitik und Strukturreformen

eingeleitet wurden, dass man

die Gegner dieser Strategie nur mit Verwunderung

hören kann. Der neue französische

Präsident Hollande etwa sollte

sich einfach mal die Schweiz, Schweden,

Finnland, Polen – und notfalls auch

Deutschland – anschauen: Es geht doch,

wenn man will. Man braucht allerdings

politischen Mut zu sagen, was ist und

dann auch zu tun, was notwendig ist.

Wenn mich das alles an eine vergessene

Erfahrung erinnert, dann ist das die

Debatte um die Wiedervereinigung vor

gut 20 Jahren. Gewiss, nicht alles wurde

damals richtig gemacht. Steuererhöhungen

im Westen und Steuererleichterung

im Osten wären sicherlich klüger gewesen.

Doch all die damaligen Expertenratschläge,

bis hin zu Oskar Lafontaines

prinzipieller Ablehnung der Vereinigung,

haben den Kern nicht getroffen.

Da lob ich mir den gesunden Menschenverstand

von Helmut Kohl.

Das sind für mich die Erfahrungen,

die wir nicht vergessen dürfen: Sie beginnen

mit Konrad Adenauer, dem damals

die Zehnmalklugen Einfalt und Kurzsichtigkeit

vorwarfen, als er die Westbindung

zum Schlüssel des Wiederaufstiegs

Deutschlands machte. Es war der Chor

der »Ostexperten«, der Willy Brandts Ostpolitik

Naivität vorwarf – bis diese dann

die Wiedervereinigung ermöglichte. Und

so ist es heute mit den Vorwürfen gegen

den gesunden Menschenverstand von

Frau Merkel. Politik sollte auch die praktische

Lebenserfahrung der Menschen

immer im Auge behalten.

&

66 WIRTSCHAFT & MARKT 07–08/12


Bei uns muss niemand Modelmaße haben,

um auf die Homepage zu kommen.

Format reicht.







© pressmaster-Fotolia.com


Der Osten online.

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!