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A 40799 ■ ISSN 0863-5323 ■ 22. Jahrgang ■ November 2011 ■ Preis: EURO 3,50

Wirtschaft&Markt

Wirtschaft&Markt

DAS OSTDEUTSCHE WIRTSCHAFTSMAGAZIN

GENFER SICHT

Heiner Flassbeck

KÜHLER BLICK

Klaus von Dohnanyi

Ostdeutschland-Forscher Joachim Ragnitz:

Regionen leeren sich


AllesinOrdnung

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EDITORIAL

Keine alberne Rechnung

HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

erinnern Sie sich noch an Ihren Wunsch

vor der Mathe-Arbeit, ein kleines Wunder

möge geschehen? Vielleicht die Schule

abbrennen? Nun, derlei Mirakel sind

selten. Das hindert aber kaum jemanden

daran, an sie zu glauben. Je größer die

Not, desto fester der Glaube. Irgendwie

könnte sich das Blatt wenden, eine Rechnung

in Vergessenheit geraten, Gott ein

Einsehen haben. Leider lehrt jede Erfahrung:

Die Rechnung kommt.

Das betrifft, nebenbei gesagt, auch die

Belastungen aus der Energiewende

(S. 14), die damit begründet ist, die Last

der Unsicherheit atomarer Stromproduktion

in Deutschland abzuwerfen. Sie

wird mehr kosten als heute befürchtet.

Wetten?

Apropos Wetten. Es stören sich weltweit

immer mehr Menschen an der

Macht der Banken, zumindest am Investmentbanking.

Sie finden die Privatisierung

der Gewinnchancen und die Sozialisierung

des Verlustrisikos ungerecht.

Mitte Oktober sind Hunderttausende auf

die Straße gegangen, um dagegen zu protestieren.

Wiederholung wahrscheinlich.

Sie legen den Regierungen ihre Rechnung

aus den Krisen der Finanzkapitalismus

vor, verlangen Reichen- und Transaktionssteuern,

Begrenzung der Spekulation.

Die occupy-Bewegung will ein

länderübergreifendes Zeichen setzen. Es

spricht wenig dafür, dass sie verebbt, wie

es Bundespräsidenten-Kandidat Gauck,

prophezeit, der obendrein die Finanzmarktdebatte

»unsäglich albern« findet.

Dagegen spricht viel dafür, dass die

vermeintlich alberne Rechnung, die von

zumeist jungen Leuten aufgemacht

wird, stimmt. Nach der Lehman-Pleite

wollten die Regierungen der Welt alles

anders, alles besser machen. Regulierung?

Fehlanzeige. Die Politik krankt an

ihrer selbst verschuldeten Ohnmacht.

Unter den Bedingungen globalisierter

Märkte ist mit den nationalen Egoismen

kein Blumentopf zu gewinnen. Womöglich

zeugt es von Lernfähigkeit, wenn der

SPD-Vorsitzende Gabriel jetzt fordert,

von den Geschäftsbanken das Investmentbanking

abzutrennen und ein

Schild aufzustellen: Hier endet die

Staatshaftung.

Das ist Wunsch, die Wirklichkeit sind

die Verbrämungen der Politik, von denen

man sich nicht täuschen lassen darf:

Rettung – wahlweise Bankenrettung,

Griechenlandrettung oder Rettungsschirm

– ist nur ein anderes Wort für

Rechnungsbegleichung aus Steuergeldern,

also aus Ihrem Geld. Bestenfalls

wird ein Aufschub gekauft, aber auch

der kommt teuer. Insofern mag man die

occupy-Bewegung verspotten, die Regierungen

der Welt haben sie verdient.


Messe für

GENUSS,

LEBENSART

UND AMBIENTE


Herzlichst

Ihr


EDITORIAL

Keine alberne Rechnung

HELFRIED LIEBSCH

Chefredakteur

Liebe Leserin, lieber Leser,

erinnern Sie sich noch an Ihren Wunsch

vor der Mathe-Arbeit, ein kleines Wunder

möge geschehen? Vielleicht die Schule

abbrennen? Nun, derlei Mirakel sind

selten. Das hindert aber kaum jemanden

daran, an sie zu glauben. Je größer die

Not, desto fester der Glaube. Irgendwie

könnte sich das Blatt wenden, eine Rechnung

in Vergessenheit geraten, Gott ein

Einsehen haben. Leider lehrt jede Erfahrung:

Die Rechnung kommt.

Das betrifft, nebenbei gesagt, auch die

Belastungen aus der Energiewende

(S. 14), die damit begründet ist, die Last

der Unsicherheit atomarer Stromproduktion

in Deutschland abzuwerfen. Sie

wird mehr kosten als heute befürchtet.

Wetten?

Apropos Wetten. Es stören sich weltweit

immer mehr Menschen an der

Macht der Banken, zumindest am Investmentbanking.

Sie finden die Privatisierung

der Gewinnchancen und die Sozialisierung

des Verlustrisikos ungerecht.

Mitte Oktober sind Hunderttausende auf

die Straße gegangen, um dagegen zu protestieren.

Wiederholung wahrscheinlich.

Sie legen den Regierungen ihre Rechnung

aus den Krisen der Finanzkapitalismus

vor, verlangen Reichen- und Transaktionssteuern,

Begrenzung der Spekulation.

Die occupy-Bewegung will ein

länderübergreifendes Zeichen setzen. Es

spricht wenig dafür, dass sie verebbt, wie

es Bundespräsidenten-Kandidat Gauck,

prophezeit, der obendrein die Finanzmarktdebatte

»unsäglich albern« findet.

Dagegen spricht viel dafür, dass die

vermeintlich alberne Rechnung, die von

zumeist jungen Leuten aufgemacht

wird, stimmt. Nach der Lehman-Pleite

wollten die Regierungen der Welt alles

anders, alles besser machen. Regulierung?

Fehlanzeige. Die Politik krankt an

ihrer selbst verschuldeten Ohnmacht.

Unter den Bedingungen globalisierter

Märkte ist mit den nationalen Egoismen

kein Blumentopf zu gewinnen. Womöglich

zeugt es von Lernfähigkeit, wenn der

SPD-Vorsitzende Gabriel jetzt fordert,

von den Geschäftsbanken das Investmentbanking

abzutrennen und ein

Schild aufzustellen: Hier endet die

Staatshaftung.

Das ist Wunsch, die Wirklichkeit sind

die Verbrämungen der Politik, von denen

man sich nicht täuschen lassen darf:

Rettung – wahlweise Bankenrettung,

Griechenlandrettung oder Rettungsschirm

– ist nur ein anderes Wort für

Rechnungsbegleichung aus Steuergeldern,

also aus Ihrem Geld. Bestenfalls

wird ein Aufschub gekauft, aber auch

der kommt teuer. Insofern mag man die

occupy-Bewegung verspotten, die Regierungen

der Welt haben sie verdient.


Messe für

GENUSS,

LEBENSART

UND AMBIENTE


Herzlichst

Ihr


INHALT

WIRTSCHAFT & MARKT

im November 2011

BETRACHTUNG SPECIAL REPORT

SEITE 19 SEITE 14

SEITE 32

RESERVEN IN ROSTOCK:

Worüber sich ein Bundeskoordinator ärgert

WELTPREMIERE BEI PRENZLAU:

Erstes Hybridkraftwerk in Betrieb

LUFTNUMMER AUS EDERSLEBEN:

Das Geheimnis der Allianz-Arena

Editorial

Aktuell

3

6

Keine alberne Rechnung

Interview, Nachrichten, Pro und Contra, Impressum

Wirtschaft und Politik

Special

TITEL

10

14

26

27

PROF. DR. JOACHIM RAGNITZ, stellvertretender Geschäftsführer des ifo Instituts für

Wirtschaftsforschung Dresden, zu leidigen Ost-West-Vergleichen, Wunsch und Wirklichkeit

in der Bundespolitik und zur demografischen Herausforderung

ENERGIEWENDE OST: Ein waghalsiges Unterfangen

KAUFEN IM INTERNET: Produkte besser finden

IT-SERVICE UND BERATUNG: Fachkräfte im Osten gesucht

Fotos: Enertrag, Novum Menbranes, T. Schwandt

Betrachtung

Report

Service

W&M-Service

Porträt

Tourismus

Ständige Rubriken

W&M Privat

Kolumnen

19

20

32

22

34

42

44

46

48

24

50

SCHIFFBAU UND MEERESTECHNIK: Großer Nachholbedarf

BÜRSTENMANN GMBH: Weltweit in aller Munde

NOVUM MEMBRANES GMBH: Folien, Kissen und viel mehr

ROHSTOFFE: Globaler Wettbewerb

Steuern, Geld, Versicherung, Multimedia

BIRGIT TIEF, TEIGWAREN RIESA GMBH: Spirit für Spirelli

URLAUBSLAND MECKLENBURG-VORPOMMERN: Pauschal gen Norden

UV-AKTUELL: Nachrichten aus den Unternehmerverbänden

Bücherbord, Leute & Leute, Leserbriefe, Impressum

HEINER FLASSBECK: Die unendliche Krise

KLAUS VON DOHNANYI: Mit kühlem Kopf mutig aus der Krise

Inhalt

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 5


AKTUELL

Fotos: DPA/Zentralbild (1), Archiv

INTERVIEW

DR. JACEK ROBAK,

Gesandter-

Botschaftsrat, Leiter

der Abteilung Handel

und Investitionen der

Botschaft der Republik

Polen in Berlin

Potente Partner

W&M: Herr Robak, 20 Jahre Vertrag

zwischen Polen und Deutschland für

gute Nachbarschaft und freundschaftliche

Zusammenarbeit – was

hat das wirtschaftlich gebracht?

ROBAK: Spitzenplätze in doppelter

Hinsicht. Wir sind für

Deutschland heute der wichtigste

Handelspartner in Mittel- und

Osteuropa. Und Deutschland ist

für uns der mit Abstand größte

Handelspartner überhaupt. Die

Polnischen Ausfuhren nach

Deutschland erreichten 2010 einen

Wert von mehr als 30 Milliarden

Euro.

W&M: Und die Investitionen?

ROBAK: Das verläuft längst nicht

mehr auf einer Einbahnstraße.

Polnische Unternehmen investieren

jetzt immer öfter in

Deutschland. Ich verweise insbesondere

auf die Bereiche Informationstechnik,

Vertrieb von Mineralölerzeugnissen,

Logistik,

Metall- und Chemieindustrie.

W&M: Deutsche Unternehmen, so

hört man, suchen in Polen vor allem

gut ausgebildete Fachkräfte für technologisch

innovative Unternehmen?

ROBAK: Ich meine, dass wir exzellente

Möglichkeiten haben,

in unserem Teil Europas eine

starke innovative Wirtschaftsregion

aufzubauen. Gemeinsam!

Es gibt jedenfalls viel zu tun.

W&M: Sie verwiesen sehr engagiert

darauf schon einmal in unserer Zeitschrift

Wirtschaft & Markt.

ROBAK: Ja. Und ich wiederhole

das mit einem guten Gefühl. Die

Beilage zur 20-jährigen wirtschaftlichen

Zusammenarbeit

im Juni 2011 hat ein sehr positives

Echo gefunden. Wir freuen

uns, dass für 2012 eine Serie von

Specials geplant ist, die ganz sicher

deutsche wie polnische Unternehmer

zu weiteren gemeinsamen

Projekten anregen wird.

Interview: Peter Jacobs

Konjunktur

Schuldenbremse hilft

Alle neuen Bundesländer verzeichnen Fortschritte

bei der Konsolidierung ihrer Haushalte

Dem Freistaat Sachsen

bescheinigt das Kölner

IW-Institut der

deutschen Wirtschaft die bisher

deutlichsten Erfolge aller

deutscher Bundesländer bei

der Anwendung der Schuldenbremse.

Thüringen und

Sachsen-Anhalt hätten gute

Chancen, ihre Defizite bis

Jazz mit Bier

TRADITIONSMARKEN

In der thüringischen Kleinstadt

Köstritz wird seit mehr als

450 Jahren gebraut. Alljährlich

feiert die Köstritzer Schwarzbierbrauerei

an wechselnden

Standorten eine Schwarzbiernacht.

Nach Jena, Weimar, Trier,

Gera, Zeitz, Zwickau und Suhl

kam in diesem Jahr zum ersten

Mal die Hauptstadt in den

Genuss des Spektakels. Angeführt

von der Köstritz Jazzband

gestalteten Unterhaltungskünstler

eine Einkaufsnacht in

den Berliner Gropiuspassagen.

Jährlich werden in Köstritz

heute mehr als eine Million Hektoliter

Bier verschiedener Sorten

produziert und in 40 Länder

exportiert.

zum Jahr 2013 abzubauen

und Überschüsse zu erzielen.

Brandenburg sei auch auf gutem

Wege. Mecklenburg-Vorpommern

weise kaum noch

Schulden aus, müsse aber

nun mit einer aktualisierten

Finanzplanung belegen, dass

in Zukunft Überschüsse erzielt

werden können.

Kathi in der Kita

Mit einem neuen Markenauftritt

ist der Hallenser Backmittelhersteller

Kathi in das

60. Jahr der Firmengründung

gestartet. Das 1951 unter

DDR-Bedingungen entstandene

mittelständische Unternehmen

ist seit langem ostdeutscher

Marktführer. Im

Westen belegt Kathi Platz drei

und ist bei den Ketten Kaufland,

Globus und Edeka gelistet.

Der Hallenser Kuchenkönig

beschäftigt zur Zeit

90 Mitarbeiter. Mit der neuen

Werbekampagne sollen auch

mehr ganz junge Interessenten

angesprochen werden.

Die Kathi Rainer Thiele GmbH

unterhält Patenschaften über

zehn Kitas.

BRUTTOINLANDSPRODUKT

Laut Arbeitsgemeinschaft volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

wuchs das deutsche BIP im ersten Halbjahr 2011 um 3,9 Prozent

Ausgwewählte neue und alte Länder im Vergleich (Angaben in Proz.)

Baden-Württemberg 5,6

Sachsen-Anhalt 4,6

Thüringen 4,1

Bayern 3,9

Sachsen 3,8

Niedersachsen 3,3

Brandenburg 3,0

Mecklenburg.Vorpommern 2,2

Deutschlands insgesamt 3,9

DER ÜBERDURCHSCHNITTLICHE BIP-ANSTIEG in Sachsen-Anhalt ist

besonders der verarbeitenden Industrie und dem Baugewerbe zu verdanken.

Im zweiten Halbjahr wird mit einer Abschwächung gerechnet.

AUS DEN LÄNDERN

Berlin/Brandenburg

Mit sieben Universitäten, zwölf

Hoch- und Fachschulen sowie rund

250 weiteren Forschungseinrichtungen

weist die Hauptstadtregion

derzeit die größte Forschungsdichte

Deutschlands auf. In Berlin und

Brandenburg sind rund 50.000

Wissenschaftler tätig und mehr als

180.000 Studenten immatrikuliert.

Sachsen

35 Anträge auf eine Inno-Prämie

mit einer Zuwendungssumme von

insgesamt 294.000 Euro hat die

Sächsische Aufbaubank – Förderbank

– (SAB) bewilligt. Seit mehr

als einem Jahr unterstützt das

Sächsische Staatsministerium für

Wissenschaft und Kunst (SMWK)

damit kleine und mittelständische

Unternehmen aus Sachsen bei ihrer

Zusammenarbeit mit Hochschulen

und Forschungseinrichtungen.

GESPRÄCHSFORUM

Die Zukunftsinitiative Fachkräftesicherung

in Ostdeutschland wird

sich am 10. November auf der

dritten Veranstaltung ihrer Dialogreihe

mit dem Thema »Willkommenskultur

in der Praxis« befassen.

Dabei geht es angesichts

des sinkenden Angebots an Fachkräften

um Strategien zur bestmöglichen

Abschöpfung des inländischen

Arbeitskräftepotenzials

und um die Nutzung aller rechtlichen

Möglichkeiten zur Gewinnung

von Fachkräften aus dem

Ausland. Veranstaltungsort ist die

IHK Ostbrandenburg in Frankfurt

(Oder). Weitere Informationen:

www.fachkräfteinitiativeostdeutschland.de

Thüringen

»Thüringen-Dynamik« heißt ein

Programm des Erfurter Wirtschaftsministeriums,

das den Übergang

vom Abfluss- zum Kreislaufprinzip in

der Wirtschaftsförderung bewirken

soll. Es bietet für KMU zinsgünstige

Darlehen bis zu zwei Millionen

Euro. Zins und Tilgung fließen in den

Fonds und stehen somit erneut für

die Wirtschaftsförderung zur

Verfügung stehen.

Mecklenburg-

Vorpommern

Mecklenburg-Vorpommern will Gesundheitsland

Nr. eins in Deutschland

werden. Schon jetzt gibt es

59 staatlich anerkannte Kur- und

Erholungsorte und 62 Vorsorgeund

Reha-Kliniken. Mehr als 90

Wellness- und Gesundheitshotels,

Reha-Kliniken und Freizeitbäder

besitzen das Wellnesszertifikat des

Deutschen Wellnessverbandes.

6 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


AKTUELL

WIRTSCHAFTSBILD

DES MONATS

BRIEF AUS BRÜSSEL

Von THOMAS HÄNDEL,

Europaabgeordneter

Die Linke

Steuer zu mickrig

Der Vorschlag der EU-Kommission

für die Einführung einer

Transaktionssteuer ist ein

Schritt in die richtige Richtung

– wenn auch ein zaghafter.

SCHATZSUCHE IM ERZGEBIRGE. Diese Männer schürfen nach einem Rohstoff der Zukunft: Lithium.

Eine der zehn größten Lagerstätten der Welt befindet sich bei Zinnwald. Zusammen mit der Bergakademie

Freiberg hat der Technologiekonzern Solar World jetzt die Erlaubnis für Erkundungen in einem 7,8 Quadratkilometer

großen Feld erworben, das bis nach Tschechien reicht. Die Vorräte erreichen vermutlich

250.000 Tonnen und werden auf einen Marktwert von vier Milliarden Euro geschätzt. Lithium ist unentbehrlich

für Ionenbatterien, Hochleistungsakkus in Notebooks, Smartphones und in der Solarindustrie.

Anwendung findet es auch für Raketentreibstoffe, als Trockenmittel für Erdgas und in der Glasproduktion.

KONJUNKTUR-BAROMETER

Konjunktur Ost braucht Kaufkraft Ost

Wichtigster Indikator für die Konjunktur in einer

Region ist die Kaufkraft. In den erfolgreichsten

ostdeutschen Kreisen werden mittlerweile

17.900 Euro je Einwohner und Jahr ausgegeben.

Doch damit bleiben auch diese um etwa

300 Euro hinter den schwächsten Kreisen im

Westen Deutschlands zurück.

Nicht besser fällt der Vergleich für die Beschäftigungslage

aus. Während in erfolgreichen

westdeutschen Kreisen durchschnittlich nur

rund vier Prozent der Bevölkerung erwerbslos

gemeldet sind, verharrt die Arbeitslosenquote

selbst in den ostdeutschen Erfolgsregionen

um Berlin, Potsdam, Rostock, Dresden, Jena,

Erfurt und Magdeburg noch bei neun Prozent.

Und damit nicht genug. Trotz längerer Arbeitszeit

pro Woche erreicht das durchschnittliche

Arbeitnehmerentgelt bisher kaum 80 Prozent

des westdeutschen Niveaus, in der Industrie

sogar nur 73 Prozent. Ähnlich groß sind die

Rückstände bei Renten, Harz IV und anderen

Von DR. HERBERT BERTEIT

Einkünften. Auch das erweist sich als Konjunkturbremse.

Dennoch gibt es inzwischen schon strukturelle

Indikatoren, bei denen sich sowohl erfolgreiche

als auch weniger erfolgreiche Regionen

im Osten von denen im Westen positiv unterscheiden.

In gut aufgestellten Kreisen liegt die

Verschuldung niedriger, gibt es weniger Wanderungsbewegungen,

ist der Anteil von qualifizierten

Fachkräften höher, und es ist eine

größere Gründungsdynamik von Firmen zu beobachten.

Auch die Lebenserwartung ist in den

erfolgreichen Regionen des Ostens bisweilen

höher. Insgesamt gesehen hat Westdeutschland

da allerdings zwei Jahre mehr aufzuweisen

als der Osten.

Um die ostdeutsche Konjunktur zu fördern,

muss vor allem die Kaufkraft steigen. 20 Jahre

nach der Wiedervereinigung ist es an der Zeit,

dass die Politik für eine Angleichung der Einkommen

in Ost und West mehr tut.

Endlich hat sich die Europäische

Kommission durchgerungen, zu

der von weiten Teilen der Zivilgesellschaft,

vielen nationalen

Politikern aller Couleur und zuletzt

auch vom Europäischen

Parlament immer eindringlicher

geforderten Steuer auf Finanztransaktionen

einen Vorschlag

für eine europäische Lösung

zu unterbreiten. Zu spät,

werden viele sagen. Und das zu

Recht. Uns wären viel Ärger mit

den außer Rand und Band agierenden

Finanzmärkten und Sorgen

um unsere Steuergelder erspart

geblieben, hätten sich die

Mächtigen in Europa schon viel

früher dazu durchgerungen.

Zu kritisieren bleibt, dass die

Steuer mit 0,1 auf Aktien- und

0,01 Prozent auf Derivatehandel

deutlich unter den notwendigen

Sätzen bleibt, um spekulative

Handelsaktivitäten einzudämmen.

Überdies enthält der Vorschlag

zuviele Ausnahmetatbestände,

was die Wirkung zusätzlich

verringern könnte. Wir

werden im parlamentarischen

Prozess darauf dringen, diese

Mängel zu beheben. Und hoffen

auf ausreichend Druck aus der

Zivilgesellschaft. Nur so kann

zum einen die Blockadehaltung

Großbritanniens und seines

Finanzplatzes London aufgebrochen

und zum anderen dann

auch eine wirksame, tatsächlich

steuernde Maßnahme am Ende

des Prozesses in Kraft treten.

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 7


AKTUELL

KURZ NOTIERT

NACHRICHTEN AUS DEN REGIONEN

OPTIONSVERKAUF

Sofort liquide

Die Deutsche Zweitmarkt

AG, Makler und Handelsgesellschaft

für geschlossene

Fonds, ermöglicht ab

sofort in Kooperation mit

der M1 Factoring GmbH

den Optionsverkauf.

Das Angebot kombiniert eine

sehr schnelle und diskrete

Umwandlung des im geschlossenen

Fonds gebundenen Kapitals

in sofort verfügbare Liquidität.

Mit der Möglichkeit, die

verkauften Anteile innerhalb

von zwölf Monaten zurück zu

erwerben. Die Deutsche Zweitmarkt

AG übernimmt beim

Optionsverkauf die transparente

und bankenunabhängige

Ermittlung des aktuellen

Marktwerts des geschlossenen

Fonds, die M1 Factoring GmbH

die rasche und zuverlässige

Abwicklung. Das Unternehmen

M1 Factoring mit Standorten

in Dresden und Landshut

orientiert sich dabei an

dem ermittelten Wert der

Deutschen Zweitmarkt AG.

ENERGIETRANSPORT

Milliarden für Netz

Zwei Milliarden Euro werden notwendig

sein, um Brandenburgs Energieübertragungsnetz

für den Kapazitätsbedarf

im Jahr 2020 fit zu machen.

Das Übertragungsnetz muss dafür mit 600

Kilometer und das 110-kV-Verteilernetz mit

1.500 Kilometer

neuer Leitungen

erweitert werden.

Das verlautet

aus einer

Studie, die von

der TU Cottbus

und drei Energiefirmen

erarbeitet

wurde. Brandenburg

gilt als

einer der Vorreiter

beim Ökoanteil

in der

Stromerzeugung

und zählt in

diesem Bereich bereits mehr Beschäftigte

als in der Braunkohleverstromung. (Foto:

Wartungsarbeiten bei Eberswalde)

MANAGER : TÜFTLER : ERFINDER

HOCHWASSERSCHUTZ

Milliarde gegen Fluten

Mit einem Masterplan, der mehr als 1.000

Positionen umfasst, rüstet sich Sachsen für

den Fall der Wiederholung einer

Flutkatastrophe wie im Jahr 2002.

Bis zum Jahr 2015 will Sachsen für den Hochwasserschutz

eine Summe von einer Milliarde

Euro aufwenden. Vorrangig handelt es sich

dabei um Gewässeraufweitungen, den Neu- oder

Umbau von Deichen und den Neubau von

Hochwasserrückhaltebecken und die Einrichtung

von Flutungspoldern. Zurzeit sind 41 Projekte

im Bau. Weitere 238 befinden sich noch

in der Planungs- oder Genehmigungsphase.

(Foto: Brückenerneuerung in Grimma)

Fotos: DPA/Zentralbild (5), privat,

FIRMENÜBERNAHME

IMG steigt ein

Die Firmengruppe IMG-

Group mit dem Stammbetrieb

Ingenieurtechnik

und Maschinenbau GmbH

(IMG) in Rostock hat die

insolvente SMT Systeme

GmbH & Co. KG im niedersächsischen

Syke bei Bremen

übernommen.

Die SMT Systeme GmbH & Co.

KG ist unter anderem spezialisiert

auf die Konstruktion

flexibler Robotersysteme für

Schweißarbeiten. Zu den Kunden

zählen Automobilzulieferer,

Landmaschinen- und Nutzfahrzeughersteller

vor allem

in Deutschland sowie in der

Türkei und Polen. Drei Viertel

der Belegschaft des im Juli

2011 in die Insolvenz geratenen

Syker Spezialmaschinenbauers

werden von dem neuen

IMG-Betrieb weiter beschäftigt.

Ein Mühlenbewohner, der

für Daimler ein E-Bike entwirft

MICHAEL HECKEN, (39) DIETER RICHTER, (63)

Chef der Inbalance GmbH in

Biesenthal (Barnim), hat sich

darangemacht, das E-Fahrrad

neu zu erfinden. Er preist ein

Gefährt an, das aussieht wie

ein klassisches Tretfahrrad,

aber weder Elektromotor noch

Batterien erkennen lässt. Der

1.300-Watt-Motor verbirgt sich in der Nabe des Hinterrades.

Auffällig ist nur ein überdurchschnittlich dicker

Rahmen: Dort sind mehr als sechs Kilo Lithium-Ionen-

Batterien versteckt. Mit dem Hightech-Gefährt beschleunigt

Hecken, der sich in Biesenthal eine alte

Wassermühle ausgebaut hat, geräuschlos und leicht

tretend auf 45 Stundenkilometer. Beschränkt er sich

auf 25 km/h, kann er bis zu 80 Kilometer Wegstrecke

zurücklegen, ehe das Rad wieder an eine Standardsteckdose

muss. Der Energiebedarf entspricht einem

Spritverbrauch von 0,2 Litern Benzin auf 100 Kilometer.

Der gebürtige Rheinländer ist neuerdings gefragter

Partner des Daimler-Konzerns. Die Stuttgarter beauftragten

den Stadtflüchter mit der Konstruktion eines

preisgünstigen Smart-E-Bike. Hecken selbst ist

überzeugt, dass sich seine Erfindung eines Tages

millionenfach verkaufen lässt: »Nach China«.

Ein Fleischermeister, der

Bratwurst mit Blaubeeren spickt

Geschäftsführer der Richter

Fleischwaren GmbH & Co. KG

im sächsischen Oederan,

wurde von der Deutschen

Landwirtschafts-Gesellschaft

mit dem »Preis der Besten«

dekoriert. Der ehemalige

Skilangläufer gebietet über ein

Fleischimperium, das täglich 500 Schweinehälften

verarbeitet, 140 Filialen bis nach Sachsen-Anhalt

unterhält und damit zu den Großen der Nahrungsmittelbranche

in Mitteldeutschland gehört. Die Auszeichnung

verdankt der Erzgebirgler seinem innovativen

Ehrgeiz. Um spezielle Fleischqualitäten

zu erzielen, vereinbart er mit den Landwirten hin und

wieder, dass die Tiere bis zu drei Monate über die

standardmäßige Schlachtreifezeit hinaus gefüttert

werden. Zu Richters eigenwilligen Kreationen gehört

eine Bratwurst mit Blaubeeren. Seinen 700 Mitarbeitern

bietet er betriebliches Gesundheitsmanagement

an und Weiterbildung in einer firmeneigenen

Akademie, die sich in dem Ladengeschäft befindet,

wo er einst mit fünf Leuten begann. Richters neueste

geschäftliche Vision ist eine Gläserne Manufaktur.

Denn er weiß: »Das Auge isst immer mit.«

8 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


AKTUELL

BESTSELLER

Wirtschaftsbuch

1. Martin Wehrle: Ich arbeite in

einem Irrenhaus –

Econ (14,99 EUR)

2. Peer Steinbrück: Unterm Strich

HoCa (23.00 EUR)

3. Frank Lehmann. Ruth E. Schwarz:

Über Geld redet man nicht

Econ(18,00 EUR)

4. M. Grandt, G. Spannbauer,

U. Ulfkotte: Europa vor dem

Crash – Econ (22 EUR)

5. Sahra Wagenknecht: Freiheit

statt Kapitalismus

Eichborn (19,95 EUR)

6. Joachim Käppner: Berthold

Beitz. Die Biographie

Berlin Verlag (36,00 EUR)

7. F. Wehrheim, M. Gösele: Inside

Steuerfahndung

Riva (19,99 EUR)

8. Hans-O. Henkel: Rettet unser

Geld! – Heyne (19,99 EUR)

9. Edgar Most: Sprengstoff Kapital

Das Neue Berlin (14,95 EUR)

10.Sascha Adamek: Die Facebook-

Falle – Heyne (16,99 EUR)

Haarsträubende Zustände in

deutschen Konzern- und Familienbetrieben

nimmt der Karriere-Coach

Martin Wehrle aufs Korn. Tyrannische

Chefs, Machtkämpfe und

absurde Arbeitsabläufe – hier

geraten sie zur ComedyShow. Ein

Trostbuch für Betroffene.

MESSETERMINE

November

03.11., Halle (Saale)

SaaleMesse

05.11., Berlin

COSMETICA

09.11., Berlin

Importshop Berlin

13.11., Rostock

GastRo 2011

16.11., Leipzig

Touristik & Caravaning

International

17.11., Erfurt

Forum Berufsstart

PRO

& CONTRA

Sollen Finanzjongleure

Transaktionssteuer bezahlen?

Während die Wirtschaft Wettbewerbsnachteile

befürchtet, wollen die Gewerkschaften die

Finanzjongleure an den Kosten der Krise beteiligen.

CLAUS MATECKI,

Vorstandsmitglied

des Deutschen

Gewerkschaftbundes (DGB)

Die Gewerkschaften

JA

fordern schon lange

eine Finanztransaktionssteuer

in Höhe von 0,1 Prozent, um

damit die Finanzjongleure

nachhaltig an den Kosten der

Krise zu beteiligen und die

schädliche Finanzmarktspekulation

einzudämmen.

Den chronisch unterfinanzierten

öffentlichen Haushalten

könnte das Einnahmen in

Milliardenhöhe bringen. Nach

den unendlichen Debatten

muss Deutschland zusammen

mit anderen handlungswilligen

Staaten die längst überfällige

Finanztransaktionssteuer zumindest

in der Eurozone durchsetzen.

Allerdings würden die

jetzt diskutierten Steuersätze

zu Fehlanreizen führen. Nicht

einzusehen ist, dass ausgerechnet

für die brandgefährlichen

Derivatgeschäfte nur

0,01 Prozent fällig sein sollen,

für die übrigen Transaktionen

aber 0,1 Prozent. Wenn sich

hochriskante Spekulationen

mit Derivaten weniger lohnen,

wird das konventionelle Kreditgeschäft

wieder attraktiver.

Das käme auch der Realwirtschaft

zugute. Gleiche Besteuerung

für alle Börsengeschäfte

– das ist ein Gebot der sozialen

wie politischen Verantwortung.

Da darf weder auf den Finanzplatz

London noch auf Klientelinteressen

der FDP Rücksicht

genommen werden.

MARTIN WANSLEBEN,

Hauptgeschäftsführer

des Deutschen Industrie und

Handelskammertags (DIHK)

NEIN

Das Finanzsystem

muss krisenfester

gemacht werden. Dabei dürfen

wir aber nicht den Ast

absägen, auf dem wir sitzen.

Gerade in Zeiten hoher Staatsverschuldung

und abschwächender

Konjunktur muss

Europa attraktiv für Investoren

sein. Bei der Einführung einer

Finanztransaktionssteuer in

Europa oder gar nur im Euro-

Raum entsteht jedoch die Gefahr,

dass dringend benötigtes

Kapital abwandert. Die Europäische

Kommission hat die

Gefahr einer Verlagerung von

Finanzgeschäften und den

dadurch bedingten Verlust an

Wettbewerbsfähigkeit erkannt.

Aus Sicht des heimischen

Finanzplatzes ist vor allem vor

einer Umsetzung nur in der

Eurozone zu warnen. Eine

Finanztransaktionssteuer

hätte zudem Auswirkungen auf

die Realwirtschaft – reduziert

sie doch die Finanzierungsmöglichkeiten

von Unternehmen.

Anders als bei der Mehrwertsteuer

wird der Bruttoumsatz

besteuert, und es gibt

keinen Vorsteuerabzug. Somit

würden auch niedrige Sätze zu

merklichen Belastungen und

höheren Absicherungskosten

für die Betriebe führen. Gerade

in Zeiten volatiler Wechselkurse

und hoher Rohstoffpreise

wäre das ein falsches

Zeichen zur falschen Zeit.

INVESTITIONEN

Täglich nach China

Zwischen dem Umschlagbahnhof

Leipzig-Wahren und der nordostchinesischen

Industriestadt

Schenjang ist eine direkte Containerzugverbindung

eingerichtet worden.

Die transeurasische Strecke wird ab

November täglich bedient und vernetzt

die Logistikregion Leipzig/Halle

mit einem bedeutenden chinesischen

Wachstumsmarkt.

»Green Photonics«

Das Fraunhofer-Institut für Angewandte

Optik und Feinmechanik in

Jena hat ein Informationscluster

»Green Photonics« gestartet. Zu den

Forschungsschwerpunkten gehören

energieeffiziente Beleuchtung und

Umwelt- und Lebensmittelsensorik.

Das Land Thüringen unterstützt die

Initiative mit zwei Millionen Euro. Die

Fraunhofer-Gesellschaft steuert aus

Mitteln der Hightech-Strategie des

Bundes die gleiche Summe bei.

E-Opel aus Eisenach

190 Millonen Euro will Opel Eisenach

in die Produktion des neuen Kleinwagens

Opel Junior investieren. Der

Stadtflitzer, von dem auch eine Elektrovariante

geprüft wird, soll mit einer

Jahresstückzahl von etwa 100.000

starten. (Foto: Testmodell) Die Lan-

desregierung fördert die Investitionen

des Werkes, das derzeit nur zu

70 Prozent ausgelastet ist, mit

15,5 Millionen Euro.

Kardanwelle aus Hanf

Die in Haldensleben ansässige IFA

Rotorion GmbH hat eine Kardanwelle

aus Hanf entwickelt. Das Ökoprodukt

ist 1,7 Kilogramm leicht. Aus Stahl

gefertigt, wäre die Welle zwölf Kilogramm

schwer. Die Festigkeit ist

auf 10.000 Umdrehungen und einem

Drehmoment von 1.100 Newtonmetern

ausgelegt. Das Hightech-

Unternehmen investiert derzeit zehn

Millionen Euro in Innovationsprojekte.

Sassnitz erweitert

Der Hafendienstleister Buss Sea

Terminal errichtet in Sassnitz eine

4.500 Quadratmeter große Halle für

die Zwischenlagerung von Sodaasche,

Getreide, Kalk und Kreide.

Die Landesregierung fördert das

Vorhaben mit 1,25 Millionen Euro.

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 9


GESPRÄCH

Prof. Dr. Joachim Ragnitz, stellvertretender Geschäftsführer der Niederlassung

Dresden des ifo-Instituts München, zu leidigen Ost-West-Vergleichen, Wunsch

und Wirklichkeit in der Bundespolitik und zur demografischen Herausforderung

»Blaupause ein fragwürdiger Begriff«

Fotos: Torsten George

W&M: Herr Professor Ragnitz, Sie sind gebürtiger

Niedersachse, arbeiten aber schon fast

zwei Jahrzehnte in Mitteldeutschland, erst in

Halle und jetzt in Dresden. Regt sich bei Ihnen

Widerspruch, wenn jemand vorschlägt,

den Osten aufzugeben? Fühlen Sie ostdeutsch?

JOACHIM RAGNITZ: Das kann ich nur bejahen.

Immerhin habe ich von Anfang an

meinen persönlichen Lebensmittelpunkt

hierhin verlegt. Allerdings fallen mir

hier schon ein paar Eigenheiten auf, die

ich so aus dem Westen nicht kenne.

W&M: Zum Beispiel?

JOACHIM RAGNITZ: Also, am auffälligsten

sind wohl diese unentwegten Vergleiche

mit dem Westen. Dort vergleicht sich

niemand ständig mit Frankreich oder

Dänemark. Wieso will man hier im

Osten so werden wie im Westen? Warum

ist man nicht einfach stolz darauf, was

man hier erreicht hat, auf seine eigenen

Fähigkeiten und Kräfte? Der Osten

braucht sich nicht zu verstecken.

W&M: Was halten Sie dann von der These,

dass der Osten Deutschlands eine Art demografische

Blaupause für den Westen liefert?

Die Bundeskanzlerin nennt die neuen Länder

jetzt »Vorreiter« – wohin geht die Reise?

JOACHIM RAGNITZ: In Ostdeutschland

schrumpft die Bevölkerung seit über 20

Jahren. Das wird in den nächsten Jahrzehnten

in ähnlichen Größenordnungen

in ganz Deutschland passieren. Deshalb

kann man hier im Osten Erfahrungen

sammeln. Ich wende mich allerdings

gegen Verbrämungen, die demografische

Entwicklung jetzt als eine Chance zu

sehen, irgendeine demographische Dividende

zu postulieren. Ich spitze das mal

zu: Die größte Herausforderung der neuen

Länder ist demografisch, und noch ist

nicht sicher, dass wir sie bewältigen.

W&M: In welcher Hinsicht?

JOACHIM RAGNITZ: In vielen Regionen

wird die öffentliche Daseinsfürsorge

nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Für

die Leute dort wird es schwer werden,

das gewohnte Leistungsniveau bei der

Gesundheitsversorgung, beim Zugang zu

Bildungseinrichtungen, bei der Mobilität

aufrecht zu erhalten. Darüber wird viel

geredet und dazu haben die Bundesregierung

und die ostdeutschen Ministerpräsidenten

ein Papier vorgelegt.

W&M: Aber das ist doch eher eine Beschreibung

als eine Strategie?

JOACHIM RAGNITZ: Ja, echte Lösungen

sind da noch nicht zu erkennen. Auf regionaler

Ebene ist man da oftmals schon

viel weiter. Aber es gibt noch ein anderes

großes Problem, das massiv unterschätzt

wird. Die demografische Entwicklung

führt nämlich zu einem deutlichen

Rückgang der Wirtschaftsdynamik. Mit

einer alternden Bevölkerung wird es

schwieriger werden, Produktivitätsfortschritte

durchzusetzen, Fachkräfte

werden fehlen, das »Humankapital« geht

»Denkbar ist dann, dass man

den Menschen

UMZUGSPRÄMIEN

zahlt, damit sie näher an die

Zentren heranrücken.«

zurück, da Qualifikationen veralten, und

die Nachfrage sinkt mit rückläufiger Bevölkerungszahl

auch. In vielen Regionen

Ostdeutschlands muss man sich darauf

einstellen, dass das Bruttoinlandsprodukt

dann sogar sinkt.

W&M: Sie waren in Leipzig auf der Konferenz

»Zukunft im Osten« (s. W&M 10/2011), als die

Ministerpräsidenten behaupteten, die Vergangenheit

Ost mit ihrem Strukturwandel

und den Bevölkerungsverlusten sei die Zukunft

West. Sehen Sie tatsächlich dramatische

Veränderungen in den alten Bundesländern?

JOACHIM RAGNITZ: Im Westen werden

wir in Teilbereichen eine ähnliche Entwicklung

bekommen. Aber das gilt nicht

flächendeckend; manche Regionen werden

durchaus auch weiterhin wachsen.

Die primär demographisch bedingten

Prozesse verlaufen aber deutlich langsamer

und später als im Osten. Deshalb ist

Blaupause ein fragwürdiger Begriff.

W&M: Was hat denn die Wissenschaft für

Vorschläge, die Daseinsvorsorge in sich entleerenden

Räumen zu sichern?

JOACHIM RAGNITZ: Es gibt viele Vorschläge,

die aber häufig politisch brisant sind:

Regionale Ausdünnung von staatlichen

Leistungsangeboten, das heißt, dass solche

Leistungen nur noch in zentralen

Orten angeboten werden, aber nicht

mehr flächendeckend. Oder es gibt

wieder Zwergschulen mit jahrgangsübergreifendem

Unterricht, Internatslösungen

für ältere Schüler oder internetgestützte

Lösungen. Bei der Energieversorgung,

auch bei der Abwasserentsorgung

könnte man dezentralisierte Angebotsformen

entwickeln. Aber in einigen

Regionen werden sich notwendige Leistungen

nicht mehr finanzieren lassen.

Denkbar ist dann, dass man den Menschen

Umzugsprämien zahlt, damit sie

näher an die Zentren heranrücken. Oder

den Einwohnern Entschädigungen dafür,

dass sie auf öffentliche Leistungsangebote

verzichten.

W&M: Sie halten solche Entwicklungen für

unabwendbar?

JOACHIM RAGNITZ: Die Demografie ist

eine recht zuverlässige Wissenschaft und

ihre Voraussagen sind für Jahrzehnte nur

mit einem kleinen Unsicherheitsfaktor

belastet – mit den Ergebnissen der

Wanderungsbewegungen. Der Osten

schrumpft insgesamt, es gibt einen Run

auf die Zentren, eine Abwanderung aus

der Peripherie. Auch Unternehmen werden

sich dort nicht ansiedeln, weil die

Arbeitskräfte fehlen. Wo keine Wirtschaft

stattfindet, gehen die Leute weg.

Ein Teufelskreis. Einige Regionen werden

sich tatsächlich entleeren, Dörfer verschwinden.

Für viele Menschen ist das

allerdings ein befremdlicher Gedanke.

W&M: Haben sie Hoffnung auf Zuwanderung?

Handwerkspräsident Otto Kentzler hat

einmal die Parole ausgegeben: Polen holen.

JOACHIM RAGNITZ: Nein, ganz Europa

verzeichnet bis auf wenige Ausnahmen

wie Frankreich oder die skandinavischen

Länder ähnliche Bevölkerungstendenzen

10 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


wie in Deutschland. Sicher, es gibt durchaus

in Europa Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit,

beispielsweise in Spanien.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass junge

Spanier ausgerechnet nach Ostdeutschland

kommen, ist nicht hoch. Zumal hier

keine hohen Einkünfte zu erzielen sind.

W&M: Stichwort Fachkräftemangel. Stellt er

sich nach Ihrer Einschätzung für die Kleinstund

Kleinbetriebe besonders dramatisch dar?

JOACHIM RAGNITZ: Das ist absehbar. Das

Problem sind nicht nur die Fachkräfte,

die fehlen werden, morgen mehr als heute.

Nicht nur die Belegschaften, auch die

Unternehmer selbst sind inzwischen in

die Jahre gekommen. Es fehlen allenthalben

Nachfolger – im Chefbüro und an

den Maschinen. Es gibt deshalb die ganz

reale Gefahr, dass eine Reihe von Unternehmen

nicht fortgeführt wird.

W&M: Wann ist bei Ihnen »morgen«?

JOACHIM RAGNITZ: Wir werden nach unserer

Einschätzung von etwa 2017 an –

nach Berechnungen der Bundesagentur

für Arbeit etwas später – so etwas wie

Vollbeschäftigung in den neuen Ländern

haben. Von da an kann die Nachfrage

nach Arbeitskräften nicht mehr vollständig

gedeckt werden, mit der Folge, dass

Produktionseinschränkungen drohen.

W&M: Vollbeschäftigung aus Mangel an Arbeitskräften?

JOACHIM RAGNITZ: So lässt sich das zuspitzen.

Es gibt zwar Vorschläge, mehr

Frauen und ältere Menschen in Lohn und

Brot zu bringen, mehr junge Leute auszubilden.

Aber das wird namentlich im

Osten, wo die Frauenerwerbsquote heute

schon hoch ist, nicht reichen, um dann

alle offenen Stellen zu besetzen.

W&M: Ihr Chef, Prof. Hans-Werner Sinn, redet

von Schneckentempo der Angleichung der

Lebensverhältnisse. Im Unterschied dazu prophezeit

Dr. Christoph Bergner, Beauftragter

der Bundesregierung für die neuen Länder,

das sie bis 2019 wirtschaftlich zu den westdeutschen

Ländern aufschließen. Was sagen

die Ihnen vorliegenden statistischen Werte?

JOACHIM RAGNITZ: Wir haben in den

letzten 15 Jahren nur einen ganz langsamen

Konvergenzprozess gehabt. Der

Osten ist nicht schneller gewachsen als

der Westen, die statistisch feststellbare

Verringerung der Lücke bei den Pro-Kopf-

Einkommen geht rechnerisch vor allem

auf die Bevölkerungsschrumpfung zurück.

Wir sind im Osten bei einem Bruttoinlandsprodukt

– je Einwohner – von

rund 70 Prozent des westdeutschen Niveaus.

Und das Wachstum wird sich

nicht wesentlich beschleunigen. Aber:

Dieser Vergleich mit Westdeutschland ist

nicht wirklich zielführend.

W&M: Das haben Sie eingangs schon gesagt.

Warum diese Betonung?

JOACHIM RAGNITZ: Der Osten ist ländlich

geprägt und dünn besiedelt, es fehlen

die wirtschaftsstarken Zentren, Firmensitze

von großen Unternehmen, wo

Wertschöpfung stattfindet. Deshalb ist

Westdeutschland insgesamt nicht der

richtige Vergleichsmaßstab. Aufschlussreicher

wäre ein Vergleich mit den

gleichfalls strukturschwächeren Ländern,

also beispielsweise Schleswig-

Holstein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz

oder Saarland. Diese Länder liegen bei

rund 83 Prozent des Niveaus West.

W&M: Meint der Ost-Beauftragte diese?

JOACHIM RAGNITZ: Wahrscheinlich, ich

bleibe aber skeptisch, dass sie bis 2019

eingeholt werden. Zumal selbst die großen

Agglomerationszentren des Ostens

vergleichsweise schwach sind und es

nicht schaffen, zu wirklichen Wachstumspolen

zu werden. Außer Dresden

oder Jena gibt es da wenig. Damit fehlt

aber ein wichtiger Ankerpunkt für erfolgreiche

Konvergenzprozesse, da damit

auch Ausstrahleffekte von den Zentren

in die Peripherie wegfallen.

W&M: Besteht vielmehr die Gefahr, dass der

Osten zurückfällt?

JOACHIM RAGNITZ: Nicht der ganze

Osten, wohl aber einzelne Regionen. Wo

die Bevölkerung insgesamt um 20 Prozent

schrumpft, die Zahl der Erwerbspersonen

aber sogar um 40 Prozent, wird die

Wirtschaftskraft sinken, auch wenn sich

das wegen der Transfersysteme nicht

sofort auch im Wohlstandsniveau der

Bevölkerung niederschlagen muss.

W&M: Lesen Bundesminister Ihre Papiere?

JOACHIM RAGNITZ: Das weiß ich nicht;

zumindest aber haben Regierungen die

Neigung, die Lage wie auch die Perspektiven

schöner darzustellen als sie sind –

man will ja wiedergewählt werden. Immerhin,

in der Ministerialverwaltung

werden unsere Analysen und Vorschläge

durchaus zur Kenntnis genommen; inso-

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 11


GESPRÄCH

JOACHIM RAGNITZ im Gespräch mit den W&M-

Redakteuren Thomas Schwandt und Helfried Liebsch.

weit beklage ich mich auch nicht. Insgesamt

sehe ich aber einen weiteren Bedarf

für eine spezifische »Ostforschung«.

W&M: Was gehört auf eine Agenda Ost?

JOACHIM RAGNITZ: An erster Stelle sehe

ich den Bedarf bei der Bildung, bei Forschung

und Entwicklung. Da läuft in

einigen Ländern etwas schief. Man ruht

sich darauf aus, dass man bei den PISA-

Studien ganz gut dasteht, übersieht aber,

dass eine ganze Reihe von Schülern aus

dem System herausfällt, keinen Abschluss

schafft. Hier gehen uns junge

Menschen verloren, die ihr Leben lang

wohl nicht mehr am Arbeitsmarkt zu

reüssieren vermögen. Bei Forschung und

Entwicklung setzen die Länder jetzt auf

Exzellenz und versuchen in Hightech-Bereichen

zu punkten; wenn das alle tun,

schafft man nur Mittelmäßigkeit. In die

Photovoltaik wurde viel Geld gepumpt.

Nun hebt ein Wehklagen an, dass die Chinesen

kostengünstiger produzieren. Kurzum,

wir brauchen eine Innovationsförderung,

aber sie sollte technologieneutral

erfolgen. Finanziert werden könnte

dies durch ein Umsteuern von der bisherigen

Sachkapitalförderung.

W&M: Die Bundeskanzlerin hält die Investitionszulage

Ost für verzichtbar. Sie auch?

JOACHIM RAGNITZ: Seit zehn Jahren.

W&M: Auch, dass mit der Ausweitung von ursprünglich

für den Osten gedachten Förderungen

auf ganz Deutschland die Zuwendungen

für die neuen Länder zurückgehen?

JOACHIM RAGNITZ: Nein, ich halte den

Förderbedarf im Osten weiter für höher

als im Westen, selbst für höher als in den

strukturschwachen Regionen dort, wie

in Gelsenkirchen oder Bremerhaven.

Dort hat man ja die wirtschaftsstarken

Regionen vor der Haustür und kann dorthin

auspendeln – hier ist alles schwach.

Schon deshalb bin ich für eine weitere

Ostpräferenz. Realistischerweise ist das

ist aber vom Bund nicht zu erwarten, er

hat sich aus der Ostförderung

weitgehend zurückgezogen. Es

gibt faktisch nur noch das

Programm »Unternehmen Region«

des Bundesministeriums

für Bildung und Forschung

und die Gemeinschaftsaufgabe

»Verbesserung der regionalen

Wirtschaftsstruktur«. Vermutlich

werden auch diese Programme

künftig eher gesamtdeutsch

angelegt.

W&M: Das heißt, die Ost-Länder

müssen für den Bund einspringen?

JOACHIM RAGNITZ: Ja, es geht

nicht anders. Hierfür dient ja

der Solidarpakt II, der zwar degressiv

gestaltet ist, wo es aber

die Länder mit Ausnahme von

Sachen und Mecklenburg-Vorpommern

aber immer noch nicht schaffen, die Gelder

komplett wachstumsrelevant einzusetzen.

Und das heißt, dass die Mittel aus

Brüssel, die auch ab 2014 zurückgehen,

entsprechend genutzt werden müssen.

W&M: Wo sehen Sie denn Chancen, die Ausfälle

zu kompensieren?

JOACHIM RAGNITZ: Ein weiterer Solidarpakt

ist illusorisch. Man kann aber

schauen, ob man in den Länderfinanzausgleich,

der gleichfalls Ende des Jahr-

ZUR

PERSON

Bitterfelder Aufbauhelfer

Wenn der 1960 in Nordhorn (Niedersachsen)

geborene Joachim Ragnitz in

den Ruhestand geht, so hoffte er unlängst

zweideutig, könnte »der Aufbau

Ost geschafft sein«. Der jetzt zum

Honorarprofessor an die TU Dresden

berufene Ökonom, der sich durchaus als

Aufbauhelfer versteht, hat mecklenburgische

Wurzeln. Seine Mutter stammt

aus Lübz, sein Vater aus Mirow. 1994

kam Dr. Ragnitz aus Wiesbaden ins Institut

für Wirtschaftsforschung Halle

und wurde 2007 stellvertretender

Geschäftsführer des ifo Dresden. Seit

2002 wohnt der Wirtschaftswissenschaftler

in – Bitterfeld. Nach dem Einzug

flutete die Mulde erst einmal den

Keller. Glück gehabt, sagt er, bei anderen

stand Jahrhundertwasser im ersten

Stock. Obwohl er in Dresden eine Wohnung

hat, hängt er an dem alten Haus,

an der Region und vor allem an seiner

zehnjährigen Tochter in Bitterfeld-Wolfen.

Dass bis zu seinem Renteneintritt

die Lebensverhältnisse in Deutschland

angeglichen sind, bezweifeln heute die

meisten Ökonomen. Sicher ist nur, dass

dann eine kritisch-konstruktive Stimme

fehlt – die des wohl bekanntesten Ostdeutschlandforschers.

zehnts ausläuft, eine demografische

Komponente hinein bekommt. Da die

Anpassung an die rückläufige Bevölkerung

mit zusätzlichem Ausgabenbedarf

verbunden ist, gibt es hierfür auch

durchaus Anlass. Diese Komponente

kann zwar nicht ostspezifisch sein, würde

aber die neuen Länder begünstigen.

Und wenn die regionalen Unterschiede

in der Wirtschaftskraft in den nächsten

Jahren zunehmen, wird man vermutlich

auch im Rahmen der Regionalförderung

nach 2020 noch überproportional Mittel

in die neuen Länder lenken müssen.

W&M: Was steht noch auf Ihrer Agenda?

JOACHIM RAGNITZ: Ein zweiter Punkt ist

die künftige Rentenfinanzierung. Ich

sehe ein riesiges Problem in der Altersarmut,

die auf die neuen Länder zukommt.

Das hat nichts mit einer Benachteiligung

der Ost-Rentner zu tun, mit einer

ungerechten Rentenformel, sondern

mit den unterbrochenen Erwerbsbiografien

nach der Wende. Da müsste eine Art

staatlicher Transfer organisiert werden,

sonst wird es schlimm hier.

W&M: Ulrich Blum, der Ex-Präsident des Instituts

für Wirtschaftsforschung Halle, sieht

Licht, das aus der Energiewende kommt. Im

Osten sei das Tempo bei den erneuerbaren

Energien höher und Deutschland brauche die

Braunkohle. Wunsch oder Wirklichkeit?

JOACHIM RAGNITZ: Mehr Wunsch als

Wirklichkeit. Richtig ist, dass es eine Reihe

von Herstellern von Windrädern im

Osten gibt, aber die installierten Anlagen

selbst bringen kaum Arbeitsplätze oder

Wertschöpfung. Auch auf See nicht. Bei

der Photovoltaik sehe ich in der Herstellung

von Solarzellen keine große Zukunft,

der Zug ist abgefahren in Richtung

Asien. Chancen gibt es vielleicht

noch in der Biogaserzeugung. Bei der

Braunkohle wiederum haben wir das

Problem, dass die Klimaschutzziele der

Absicht entgegenstehen, sie als Brückentechnologie

zu nutzen. Und für neue

Kohlekraftwerke kann sich sowieso niemand

recht begeistern.

W&M: Investoren sind abgeschreckt?

JOACHIM RAGNITZ: Ja, von der Wechselhaftigkeit

politischer Entscheidungen

auf diesem Markt. Auch ist nicht bedacht

worden, dass bei einem liberalisierten

Strommarkt in Europa, der bestimmt

kommt, alternativer Strom aus Deutschland

zu teuer wird. Da wird dann billigerer

Strom aus dem Ausland importiert –

also auch kein Grund, hier groß in Energieerzeugungssysteme

zu investieren.

W&M: Könnte Sie bitte die ad-hoc-Energiewende

in wenigen Worten charakterisieren?

JOACHIM RAGNITZ: Dieser Alleingang ist

ein sehr waghalsiges Unterfangen!

W&M: Wir danken für das Gespräch.

12 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


SPECIAL

Fotos: Enertrag, T. George, T. Schwandt, ThyssenKrupp

Energiewende

Ein waghalsiges Unterfangen

Die Abkehr vom Atomstrom nimmt die Last unkalkulierbarer Risiken. Mit der Hinwendung zu den

erneuerbaren Energien drohen der Wirtschaft Ost aber andere, heute noch unabsehbare Lasten.

Am Anfang hatte die Energiewende

in Deutschland die Leichtigkeit eines

Federstrichs. Als genügte es,

den Atom-Ausstieg politisch zu proklamieren

und den Schalter einfach auf

erneuerbare Energien umzulegen. Und

der Osten, wo der Anteil von Ökostrom

regional die 50-Prozent-Marke bereits

überschritten hat, frohlockte. Der Ex-Präsident

des Instituts für Wirtschaftsforschung

Halle, Ulrich Blum, sieht in der

Energiewende gar eine »Umverteilung

zugunsten des Ostens«.

In der Stunde Null des Atomausstiegs

sind die ostdeutschen Länder in der Tat

besser vorbereitet auf das Erneuerbare-

Energien-Zeitalter als viele westdeutsche

Regionen. An Mecklenburg-Vorpommerns

Ostseeküste ist ein erster Offshore-Windpark

errichtet worden, auf

dem Festland entsteht bei Altentreptow

der bisher leistungsstärkste Windpark

im Nordosten. Milliarden wurden in Mitteldeutschland

in die Photovoltaik-Industrie

investiert und Berlin mausert sich

zur Hauptstadt der E-Mobilität.

Doch der frühe Ökostrom-Trip im

Osten droht sich im gesamtdeutschen

Kontext der Energiewende zu ungunsten

der neuen Länder zu verkehren. Beim

notwendigen Ausbau des Stromleitungsnetzes

bleiben die Milliarden-Kosten in

Form hoher Netzentgelte an den Ländern

hängen, die besonders viel erneuerbare

Energie einspeisen. Eine »politische

Fehlsteuerung« nennt dies Mecklenburg-

Vorpommerns Landeschef Erwin Sellering.

Wie schwierig es sich gestalten

wird, auf Bundesebene zu einer gerechten

Lastenverteilung zu kommen, deutete

er auf der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz

Ost an. Klar sei, »dass die 16

Länder bei erneuerbaren Energien nicht

gleichgerichtete Interessen haben«.

Ungemach für die ostdeutschen Ökostrom-Vorreiter

kündigt sich auch aus

Brüssel an. Bis 2013 strebt die EU eine

weitgehende Freischaltung des europäischen

Strommarktes an. Ein überfälliger

Schritt aus Sicht der EU-Marktliberalisierer.

Bei absehbar weiterer Erhöhung der

Ökostrom-Umlage in Deutschland wird

hier produzierter Strom in Europa dann

zu teuer und nicht mehr wettbewerbsfähig

sein, befürchtet der Ostwirtschaftsexperte

Dr. Joachim Ragnitz. Auch wegen

der damit verbundenen Schwächung des

Standorts Ostdeutschland hält er die

Energiewende für ein »sehr waghalsiges

Unterfangen«.

Die Bundespolitik hat die Energiewende

losgetreten. An ihr ist es jetzt, unter

anderem beim Netzausbau, bei den

Netzentgelten und bei der Förderung

von E-Mobilität für bundeseinheitliche

Regeln zu sorgen. Damit die Wende nicht

nur ein Bekenntnis bleibt, sondern ein

gesamtdeutsch getragenes Projekt wird.

Thomas Schwandt

14 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


Weltpremiere in der Uckermark

Erstes Hybridkraftwerk in Betrieb

Eine hoch innovative Industrieanlage bei Prenzlau koppelt

Windkraft, Biogas und Wasserstoff. Dieser Tage fiel der Startschuss

für das Pilotprojekt des Energieunternehmens Enertrag.

ANGELAUFEN: Das neue Kraftwerk.

dern ist in diesem Bereich ständig auf

der Suche nach neuen Ansätzen und Lösungen«,

sagt Enertrag-Vorstandsvorsitzender

Jörg Müller. »Mit dem Hybridkraftwerk

leisten wir einen Beitrag bei

den Bemühungen um eine Optimierung

der Speichermöglichkeiten«.

Diese Innovations-Orientierung hat

Enertrag in den letzten Jahren im Norden

Brandenburgs mit mehreren Hundert

Windkraft- und Biogasanlagen umgesetzt.

Gemanagt wird der Verbund dezentraler

Energieerzeugungsanlagen als

virtuelles »Kraftwerk Uckermark«, das

mittlerweile eine Gesamtleistung von

303 Megawatt in das europäische Verbundnetz

einspeist. 283 MW stammen

aus Windkraft, 20 MW aus Biomasse.

Dazu gehört auch ein eigenes Hochspan-

Über den Äckern der Uckermark drehen

sich die Rotoren der Windräder von

Enertrag. Seit 1998 erntet das Brandenburger

Energie-Unternehmen den Strom

aus der Höhe und verkauft ihn an kommunale

Abnehmer. Auf das Problem der

Windkraft, ihre Diskontinuität, hat Enertrag

jetzt mit einer Innovation reagiert:

Das Hybridkraftwerk, das die Energieträger

Wind und Biomasse in speicherbaren

Wasserstoff umwandelt. Ende Oktober

ging das Kraftwerk zwischen Dauerthal

und Prenzlau in Betrieb. Es ist weltweit

die erste industrielle Anlage, in der

Windkraft, Biogas und Wasserstoff physikalisch

miteinander gekoppelt sind.

»Unser Unternehmen setzt nicht nur

auf die Nutzung der Windenergie, sonnungsnetz

mit 250 Kilometern Erdkabel

und vier Umspannwerken. In diesem

Strompark bildet nun das neue Hybridkraftwerke

ein Speicher-Modul.

Das Pilotprojekt mit einem Investitionsvolumen

von 21 Millionen Euro wird

vom Land Brandenburg und dem Bundesverkehrsministerium

gefördert. Projektpartner

sind die Brandenburgische

Technische Universität Cottbus, der Energieriese

Vattenfall, der Treibstoffhersteller

Total Deutschland sowie die Deutsche

Bahn. Mit dem Projekt soll bewiesen

werden, dass auch aus den fluktuierenden

Energien eine Grundlast-Versorgung

mit Elektrizität gewährleistet werden

kann. Der Treibstoff Wasserstoff soll verstärkt

im Verkehr eingesetzt werden.

Das Hybridkraftwerk besteht aus vier

Komponenten: Drei Windrädern mit einer

Leistung von jeweils zwei MW, zwei

Biomasse-Silos, aus denen Biogas gewonnen

wird, einer Elektrolyse-Anlage mit

angeschlossenen Wasserstoff-Tanks sowie

zwei Blockheizkaftwerken mit je

350 kW. Herzstück des Komplexes ist der

Elektrolyseur, der von den Enertrag-Ingenieuren

selbst entwickelt wurde, weil

es ihn – im Unterschied zu den anderen

Komponenten des Kraftwerks – noch

nicht am Markt zu kaufen gibt.

Der Strom aus den Windkraftanlagen

wird über ein Mittelspannungskabel in

den Elektrolyseur geführt, wo er Wasser

in die beiden Gase Wasserstoff (120 Kubikmeter

pro Stunde) und Sauerstoff (60

Kubikmeter) aufspaltet. Während der

Sauerstoff in die Atmosphäre geht, wird

der Wasserstoff von einem Kompressor

mit 31 Bar in fünf Druckbehälter mit

einem Fassungsvermögen von 1.350 Kilogramm

gepumpt. Die beiden BHKW können

bei Bedarf das Gas (ein Mischgas aus

30 Prozent Biogas und 70 Prozent Wasserstoff)

in Strom und Wärme umwandeln.

Jedes BHKW erzeugt 2.777 MWh

elektrische und 2.250 MWh thermische

Energie pro Jahr. Die Wärme soll in das

Netz der Stadt Prenzlau eingespeist werden

und deckt den Heizbedarf vom 80

Einfamilienhäusern.

Die Kombination der einzelnen Energietechniken

sorgt dafür, dass extreme

Situationen auf der Angebotsseite ausgeglichen

werden können: Durch den Elek-

Handwörterbuch Außenwirtschaft

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Beauftragten der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer aufgrund eines

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WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 15


SPECIAL

Thema Energie ganz nach oben auf den

Schild seiner Politik.

In den erneuerbaren Energien sieht

Sellering die größten wirtschaftlichen

Wachstumschancen für den Nordosten.

Bis 2020 prognostiziert eine Studie des

Rostocker Instituts Energie-Umwelt-Beratung

(EUB) in der Branche einen Anstieg

der direkten und indirekten Arbeitsplätze

von 6.000 (im Jahr 2005) auf bis zu

21.000. Im zurückliegenden Wahlkampf

unterstrich Sellering seine Ansicht mit

der Absicht, alle verwaltungs- und wirtschaftsrelevanten

Kompetenzen, Kapazitäten

und Verfahren in einem neu zu

bildenden Energie- oder Zukunftsministerium

zu bündeln oder in einem der

bestehenden Ressorts wie Verkehr und

Bau oder Wirtschaft zu konzentrieren.

Sellerings Energie-Masterplan war ein

Kernthema der Koalitionsverhandlungen

mit der CDU. Beide Seiten einigten

sich darauf, einen solchen zentralen Anlaufpunkt

für alle Energie-Aktivitäten

im Land zu schaffen.

In Mecklenburg-Vorpommern, wo aktuell

bereits über 50 Prozent des erzeugten

Stroms aus Windenergie und Biomasse

stammt, hat sich die Landespolitik bei

sauberen Energien ehrgeizige Ziele gesteckt.

Um zum Energie-Exporteur aufzusteigen,

soll die Stromerzeugung aus erneuerbaren

Energien im Land »bis 2020

verfünffacht werden«, heißt es aus dem

Wirtschaftsministerium in Schwerin. Allein

das Energieaufkommen aus Windkraft

soll gegenüber 2005 bis zum Jahr

2020 von 1774 Gigwattstunden ((GWh)

auf über 10.000 GWh gesteigert werden.

Genauso zügig, wie die ad hoc eingeläutete

Energiewende das Land zwischen

Mecklenburger Bucht und Stettiner Haff

auf die vermeintliche Siegerstraße geschoben

hat, genauso rasch aber haben

Sellering und Co. erkennen müssen, dass

gratis wehender Wind und landespolitischer

Wille keine Garanten sind für die

eigenen Energiepläne. Insbesondere auf

die Offshore-Windenergie zu setzen, hat

sich schnell als eine Strategie mit zahlreichen

Risikofaktoren entpuppt.

Zwar sind Entwicklung, Projektierung

und der Bau von Windkraftanlagen auf

hoher See forciert worden. Im Mai dieses

Jahres ging vor der Küste Mecklenburgtrolyseur

werden bei viel Wind die Leistungsspitzen

gekappt (500 kW), durch

die Blockheizkraftwerte können bei Flaute

Leistungssenken kompensiert werden

(700 kW). So soll das Hybridkraftwerk

wie ein Grundlastkraftwerk wirken.

Als Joker im Energiespiel könnte sich

der Wasserstoff erweisen, der als Treibstoff

per Tankwagen nach Berlin gebracht

wird. Dort wird er an zwei Total-

Tankstellen an Wasserstoff-Fahrzeuge abgegeben,

deren Brennstoffzellen das Gas

wieder in Strom umwandeln und den

Elektromotor antreiben. »Die Nachfrage

nach Wasserstoff wird in den kommenden

Jahren rapide zunehmen«, so Enertrag-Vorstand

Müller. Die Clean Energy

Partnership (CEP) von Mineralölkonzernen

und Automobilherstellern will in

Deutschland bis 2020 für ein Netz von

1.000 Wasserstoff-Tankstellen sorgen sowie

500.000 Fahrzeuge. Für diese wäre –

neben dem Vorteil der höheren Energiedichte,

was Langstreckenfahrten ermöglicht

– der klimaneutral hergestellte

Wind-Wasserstoff ein Öko-Argument.

Neben dem Verkehr hat Müller das

Gasnetz im Untergrund im Blick. Nicht

ohne Grund ist das Hybridkraftwerk an

der Erdgasfernleitung OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung)

errichtet worden.

Wasserstoff eignet sich hervorragend

als Zumischung zum Erdgas. Wenn

die Gas-Branche anfängt, über »grünere«

Geschäftsmodelle ihres fossilen Energieträgers

nachzudenken, kommt die Enertrag-Technik

wie gerufen.

Jörg Müller: »Es ist ein Riesenfortschritt,

dass sich Deutschland von der

Kernenergie verabschiedet hat«, sagt der

Enertrag-Chef. Doch müsste die Umstellung

auf erneuerbare Energien viel

schneller vonstatten gehen. Gebraucht

würden in Deutschland 100.000 Windkraftanlagen,

etwas mehr als Viertel davon

stehen bereits. Vor allem das Genehmigungs-Umfeld

müsste an Tempo zulegen.

Auch beim Hybridkraftwerk, für das

im April 2009 Bundeskanzlerin Merkel

den Grundstein gelegt hatte, war ein

schleppendes Genehmigungsverfahren

ein Grund für die Bauverzögerung.

Enertrag selbst hat 460 Windenergieanlagen

errichtet, die 1,6 Milliarden Kilowattstunden

Strom jährlich produzieren.

Das deckt den Haushaltsbedarf von

über einer Million Menschen. Das Unternehmen

beschäftigt rund 400 Mitarbeiter,

davon 150 in der Region Uckermark.

2010 erzielte Enertrag einen Umsatz von

250 Millionen Euro. Für 2011 erwartet

Müller einen gleich hohen Betrag – zur

Hälfte aus dem Bau von Windkraftanlagen

und dem Stromverkauf.

Manfred Ronzheimer

Erneuerbare Energien im Nordosten

Masterplan hängt am Netz

Das wirtschaftlich strukturschwache Mecklenburg-Vorpommern

setzt im Sog des Atomausstiegs voll auf erneuerbare Energien.

Doch eine Insel der glückseligen Stromerzeuger bedeutet das nicht.

Das ostdeutsche Küstenland Mecklenburg-Vorpommern

ist eine windige Ecke.

Der Wind weht über Ostsee und Land

häufiger und kräftiger als in vielen anderen

deutschen Regionen. Und er weht

gratis. Ein Geschenk des Himmels, zumal

in Zeiten, in denen mit einer fulminanten

Kehrtwende in der Energiepolitik

plötzlich Windkraftanlagen zu den

Strommaschinen der Nation avancieren

und atomare Strommeiler abgeschaltet

werden.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidenten

und Sieger der diesjährigen

Landtagswahlen Erwin Sellering hat der

Energiewende-Wind politisch voll in die

Segel geblasen. In einem W&M-Interview

vom Herbst 2010 hatte der SPD-Politiker

die damals frisch besiegelte Verlängerung

der Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke

»als falsch« bezeichnet und

kritisiert: »Die Kanzlerin nimmt den

Schwung aus der Entwicklung der erneuerbaren

Energien.« Spätestens nach der

nuklearen Fukushima-Katastrophe im

Frühjahr hob der Ministerpräsident das

OFFSHORE: Baltic I vor der Ostseeküste

16 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


SPECIAL

Vorpommerns mit »Baltic 1« der erste auf

der Ostsee kommerziell genutzte deutsche

Offshore-Windpark in Betrieb. Die

21 Windräder, rund zwölf Kilometer vom

Festland entfernt, können den Strombedarf

für 50.000 Haushalte abdecken.

Doch »Baltic 1« ging ein geschlagenes

halbes Jahr später ans Netz, als ursprünglich

geplant und betriebswirtschaftlich

kalkuliert worden war. Immer wieder

hatte ungünstiges Wetter die seeseitigen

Bauarbeiten verzögert.

Auch sind die technisch-technologischen

Systemlösungen nicht praxiserprobt

in den Widrigkeiten von Wind

und Wasser auf dem Meer. Im September

sorgte der vom Energieversorger EnBW

betriebene 200 Millionen Euro teure

Offshore-Windpark bundesweit für

Schlagzeilen, weil planmäßige Wartungsarbeiten

sich ungewöhnlich lange

verzögerten und sämtliche Windräder

mehr als vier Wochen still standen. Technische

Probleme haben auch die Windpark-Projekte

an der Nordsee gebremst.

Hier mussten Maschinengondeln sogar

von den Türmen demontiert und an

Land instand gesetzt werden.

Auch erfuhr das Schiffbauland Mecklenburg-Vorpommern

einen herben

Dämpfer, als die ersten Aufträge zum

Bau von dringend benötigten Offshore-

Errichterschiffen von den deutschen Investoren

an Werften in Polen oder Südkorea

vergeben wurden. Der Wunschtraum

von der Offshore-Chance für die

krisengebeutelte Werftindustrie prallte

auf die internationale Wettbewerbswirklichkeit.

Dabei hatte erst in diesem Jahr

eine Studie der Wirtschaftsprüfungsund

Beratungsgesellschaft KPMG den

deutschen Werften in der Offshore-Windenergie

ein Umsatzvolumen von 18 Milliarden

Euro bis 2020 bescheinigt.

Im Kampf um die Windmühlen auf

hoher See lauern jedoch die größten Hindernisse

an Land. Um den erzeugten

Strom von der Küste in südlichere Gefilde

ableiten zu können, ist ein erheblicher

Ausbau des bundesweiten Hochspannungsnetzes

unumgänglich. Milliardenschwere

Investitionen, die sich in

steigenden Netzentgelten niederschlagen

werden. Hier befürchtet die Landespolitik

in Mecklenburg-Vorpommern,

dass das Flächenland als Vorreiter bei erneuerbaren

Energien auf den hohen Kosten

für den Netzausbau allein sitzen

bleibt. Öko-Strom nutze nicht nur den

Erzeugerländern, heißt es in Schwerin.

Ressourcenschonung und Klimaschutz

seien »ein gesamtdeutscher Vorteil«.

Auf Bundesebene sucht Mecklenburg-

Vorpommern deshalb nach Verbündeten,

um eine »gerechte Verteilung« der

Netzausbau- und Folgekosten im Bund

zu erwirken. Am ehesten zum Schulterschluss

bereit dürften die ostdeutschen

Bundesländer sein. Die Bundesnetzagentur

hat vor einiger Zeit festgestellt, dass

in Ostdeutschland schon jetzt die Netzentgelte

deutlich höher liegen als im

Westen. Um gut 30 Prozent. Was unter

anderem auf geringeren Stromabsatz

und niedrigere Netzauslastung zurückzuführen

ist. Ohne bundesweite Umlage

droht die Netzentgelt- und Strompreisschere

weiter auseinander zu gehen.

Der Energie-Masterplan in Mecklenburg-Vorpommern

birgt wirtschaftliche

Wachstumschancen. Bleibt die Solidarität

der anderen Bundesländer aber aus,

kehrt er sich ins Gegenteil. Hohe Strompreise

sind kontraproduktiv für Industrieansiedlungen

und schwächen die

Wettbewerbsfähigkeit bestehender Unternehmen.

Ministerpräsident Sellering

würde unfreiwillig zum Don Quichotte

des Nordens.

Thomas Schwandt


SPECIAL

Fachmesse Clean Tech World

Strom im Tank

In Deutschland mausert sich Berlin zur Hauptstadt der E-Mobilität.

Die Messe Clean Tech World gilt als internationales Schaufenster

dieser sauberen und umweltschonenden Fortbewegungstechnologie.

KLEIN, ABER FEIN: Elektroautos auf der Clean Tech World.

Clean Tech, das meint sauber, abgasfrei

und umweltschonend. Auf dem inzwischen

stillgelegten Berliner Flughafen

Tempelhof war Ende September zu erleben,

welches Niveau in dieser speziellen

Technologie-Sparte erreicht worden ist.

Im Hangar 2 wurde zum zweiten Mal die

Messe Clean Tech World veranstaltet. Im

Mittelpunkt standen Mobilitätslösungen

auf Elektrobasis und Angebote vor allem

zum verstärkten Einsatz erneuerbarer

Energien. Im Spiegel der Clean Tech

World hat sich gezeigt, Deutschlands

große Produzenten und auch Politiker

stehen noch am Anfang des Weges.

Eine Schwalbe macht noch keinen

Sommer. Das wissen auch die Suhler Motorradwerker.

Zum Erstaunen der Besucher

schwirrte das alte DDR-Mopedmodell

»Schwalbe« durch die Clean Tech

World. Nicht als Museumsstück. Die

neue »Schwalbe« ist eine Elektro-Version.

Designt im klassischen Retrolook bringt

es das stromgetriebene Modell auf eine

Spitzengeschwindigkeit von 81 kmh, wie

Geschäftsführer Daniel Schmid erklärt.

Der Akkumulator »ist überall aufladbar«

und der Werbeprospekt frohlockt: »Ein

Klassiker wird klimafreundlich.«

Etwa 4.700 Euro kostet die »e-Schwalbe«

laut dem Suhler Hersteller. Dafür fallen

bei Nutzung von Ökostrom weniger

als 75 Cent je 100 Fahrkilometer an Betriebskosten

an. Ein vergleichbarer Benziner

müsste für rund vier bis fünf Euro

tanken müssen, um das gleiche Ergebnis

zu erzielen. Ende 2010 war in Suhl die

Herstellerfirma gegründet worden. Ab

kommendem Frühjahr, so hofft Schmid,

könne die Massenproduktion starten.

Während auf dem Automobilmarkt in

Deutschland die meisten großen Hersteller

noch mit der Serienproduktion von

E-Mobilen abwarten, ist der japanische

Konzern Mitsubishi Motors bereits weit

vorgeprescht. Seit 2009 ist das Elektroauto

MIEV serienfertig am Markt, berichtete

Stefan Büttner auf der Clean Tech

World. Weltweit seien bisher rund 18.000

dieser Fahrzeuge verkauft worden. Seit

einem halben Jahr bewähre sich der

MIEV problemlos auch auf deutschen

Straßen. »Wir sind die ersten und bislang

einzigen, die in bedeutendem Umfang

liefern können«, schätzt er ein. Anders

als hierzulande, wo die Bundesregierung

noch über möglicher Förderungen des e-

Mobil-Einsatzes nachdenke, werden diese

im europäischen Ausland bereits praktiziert.

»In Frankreich, Österreich, den

Niederlanden und Großbritannien gibt

es das bereits«, zählt Büttner auf.

Mitsubishi ruht sich nicht auf dem erreichten

Niveau aus, sondern treibt die

Entwicklung weiter voran. »2012 liefern

wir die Hybrid-Variante aus«, kündigte

Büttner an. Das Auto wird auf Elektrobasis

angetrieben, und bei Bedarf kann der

Fahrer einen Benzinmotor zuschalten.

Kreative umweltfreundliche Lösungen

waren auf der Clean Tech World

auch aus Polen zu entdecken. Dort wird

der SAM produziert, ein mit bis zu vier

Sitzen bestücktes Kleinfahrzeug. Der

Clou: Die Energie, die beim Bremsen frei

und gespeichert wird, kann wieder für

den Antrieb genutzt werden. Aussteller

Karsten Klay blickt durchaus kritisch auf

die Abwartehaltung vieler renommierter

deutscher Automobilkonzerne. »Audi

und VW sagen, in ein bis zwei Jahren seien

ihre E-Modelle verfügbar. Viele kleine

Betriebe gehen dagegen ein großes Wagnis

ein und leisten vorbereitende Arbeit.«

Mit den »fossilen deutschen Autopäpsten«

hart ins Gericht ging Christian Heep

vom Bundesverband e-Mobilität. Er

spricht von einem flächendeckenden

Verzögerungsvorgang, der einer Verweigerung

gleichkomme. Er stellte auch den

deutschen Leitmarktanspruch auf diesem

Gebiet in Frage. Politische Rahmenbedingungen

zur Förderung von Elektrofahrzeugen

ließen auf sich warten.

Wenn sich die Bundesregierung weiter

auf »nichtmonetäre Anreize« beschränke,

dann »laufen wir Gefahr, weder Leitmarkt

noch Leitanbieter zu werden.«

Entscheidend sei, »dass wir jetzt mit

allen Mitteln in diesen Zukunftsmarkt

einsteigen und uns auch langfristig

erfolgreich als weltweit kompetente Partner

zeigen«. Mit Hochdruck werde beispielsweise

auch in China in diese neue

Mobilität investiert. Die Position des

Marktführers sei für Deutschland nicht

erreichbar, »so lange E-Mobilität lediglich

in Form von regional und zeitlich

begrenzten Forschungsprojekten realisiert

wird«.

Als »Schaufenster der e-Mobilität« lobte

Gernot Lobenberg von der Berliner

Agentur für Elektromobilität die Messe

im Hangar 2. So sehr Deutschland auch

Zurückhaltung übe – die Hauptstadt Berlin

habe beim E-Mobil bundesweit die

Führung übernommen. Busse, Straßenbahnen,

Zweiräder beziehen zum erheblichen

Teil schon Energie aus der Dose.

Vor allem beim innerstädtischen Lieferverkehr

sei der E-Motor die Zukunft, unterstrich

Lobenberg. In Berlin beschäftigten

sich bereits rund 350 Unternehmen

mit der Clean Technology, entstanden

sind in dieser Branche insgesamt 29.000

Jobs.

Matthias Krauß

&

18 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


BETRACHTUNG

Fotos: T. Sschwandt

Schiffbau und Meerestechnik

Großer Nachholbedarf

Die krisengebeutelte Werftindustrie muss sich neu ausrichten. Der

Bundeskoordinator für die maritime Wirtschaft Hans-Joachim Otto

sieht in der Meerestechnik die Zukunftschance für die Branche.

Hans-Joachim Otto ist verärgert.

Der Parlamentarische Staatssekretär

und Koordinator der Bundesregierung

für die maritime Wirtschaft

hat kein Verständnis dafür, dass

bei der Auftragsvergabe für die ersten

drei deutschen Errichterschiffe, die für

den Bau von Offshore-Windparks benötigt

werden, der einheimische Schiffbau

das Nachsehen hatte. Die millionenschweren

Aufträge gingen nach Polen

und Südkorea.

»Diese Auftragsvergabe ist ein Ärgernis.

Die Energiebranche wird vom Bund

über das Erneuerbare-Energien-Gesetz

und ein Fünf-Milliarden-Darlehenprogramm

für Windenergie unterstützt. Da

darf man erwarten, dass bei der Vergabe

solcher Aufträge mehr Verantwortungsgefühl

für nationale Belange gezeigt

wird, zumal der deutsche Schiffbau über

Kapazitäten und das Know-how für den

Bau solcher Spezialschiffe verfügt«, sagte

er unlängst bei einem Arbeitsbesuch in

Rostock.

Otto stellte aber auch klar, dass es keine

Möglichkeit für den Bund gibt, die

Vergabe von Geldern aus dem Fünf-Milliarden-Fördertopf

an die Bedingung zu

knüpfen, zum Beispiel Errichterschiffe

auf deutschen Werften bauen zu lassen.

»Das ist europarechtlich nicht machbar.

Es muss deshalb gelingen, in der deutschen

Wirtschaft eine bestimmte Atmosphäre

zu erzeugen, die eine Entscheidung

für den deutschen Schiffbau befördert«,

so der Bundeskoordinator.

In punkto Finanzierung hat der

Staatssekretär ohnehin »in der maritimen

Branche sehr hohe Erwartungen an

den Bund« ausgemacht. Doch seien Finanzhilfen

nur begrenzt möglich. Hier

unterliege die Bundesregierung strengen

Beihilfe- und Haushaltszwängen. Otto

verweist darauf, »dass im vorigen Jahr

unter anderem die Förderprogramme

für Schifffahrt und Meerestechnik bzw.

für Innovationshilfen für die Werften

aufgestockt worden sind«. Auch wurden

in ihrem Status die Innovationshilfen

von Darlehen auf Zuschüsse umgestellt.

Bewährt hätten sich die Hermes-Bürgschaften

und das Festzinssystem CIRR für

Schiffsfinanzierungen.

Im Nachgang der jüngsten schweren

Krise im Schiffbau 2008/09 hat sich die

Schiffsfinanzierung als ein großes Problem

für die Werftindustrie etabliert.

Die meisten Banken haben sich weitgehend

aus diesem speziellen Kreditgeschäft

zurückgezogen. Nach Angaben

von Otto hat die staatliche Bank KfW

IPEX im Jahr 2010 den deutschen Werften

die Finanzierungen für 19 Schiffe im

Gesamtauftragswert von 2,4 Milliarden

Euro zur Verfügung gestellt – und blieb

damit der einzige Kreditgeber auf weiter

Flur. »Dauerhaft kann sie das nicht allein

stemmen«, gibt Otto zu bedenken und

sieht hierbei die Privatbanken gefordert.

Auch vor dem Hintergrund, dass ihnen

in der Krise vom Staat sehr viel Hilfe zuteil

geworden ist. Er werde deshalb in

Kürze die Finanz- und die Maritime Wirtschaft

zu einem Runden Tisch »Finanzierung«

nach Berlin einladen, kündigte der

FDP-Politiker an. Er mahnt: »Banken handeln

in der Regel weitsichtig. Dies ist

auch im Schiffbau notwendig, um ein

kurzfristiges Marktversagen der Branche

zu verhindern.«

Trotz der weiterhin schwierigen

Marktbedingungen – anders als in anderen

Wirtschaftsbranchen sind die Folgen

der Krise in der maritimen Industrie

nicht überwunden – sieht Otto für die

KLASSISCHE WERFTARBEIT: Ein Behördenschiff

wird bei Tamsen in Rostock gewartet.

Branche große Wachstumschancen. »Vor

allem wenn es gelingt, die vorhandenen

Potenziale für innovative Produkte und

Dienstleistungen zu nutzen. Der am

schnellsten wachsende Markt ist die Meerestechnik.

Hier müssen die Werften sich

den Zukunftsfragen der Öl- und Gasförderung,

der Rohstoffgewinnung und der

Windenergie auf dem Meer weiter öffnen

und die sich bietenden Marktchancen

für sich nutzen.« Die Hebelwirkungen,

die Zuwächse sind auf dem Gebiet

der Meerestechnik am stärksten.

Nach Aussage von Otto hat Deutschland

weltweit auf diesem Markt derzeit

einen Anteil von drei bis vier Prozent.

»Dieser soll verdoppelt werden in den

kommenden Jahren.« Es bestehe hierzulande

in der Meerestechnik »ein riesiger

Nachholbedarf«.

VERÄRGERT: Hans-Joachim Otto, Bundeskoordinator

für die maritime Wirtschaft.

Die deutschen Werften setzen an der

Schnittstelle zwischen dem Schiffbau

und der Meerestechnik als zukunftsfähigem

Geschäftsfeld vor allem auf die

Offshore Windenergie. Davon konnte

sich der Bundeskoordinator bei seiner

Visite in Rostock überzeugen. Christian

Schmoll, Geschäftsführer der Tamsen

Maritim GmbH, berichtete dem Gast aus

Berlin bei einem Betriebsrundgang davon,

wie der Boots- und Yachtbaubetrieb

in Rostock-Gehlsdorf sein Produktionsportfolio

erweitert und sich somit auf

die veränderten Bedingungen in der

Branche einstellt. Beispielsweise konnte

das Unternehmen in diesem Jahr einen

Großauftrag für einen weltweit agierenden

Hersteller von Windkraftanlagen an

Land ziehen. Für diesen werden bei Tamsen

hochpräzise Urmodelle für riesige

Windrad-Flügel hergestellt. Die Werft

verfügt über das Know-how für die Verarbeitung

und Produktion von Großkomponenten

aus Kunststoff.

In Mecklenburg-Vorpommern verfügen

die Werften nach jüngsten Angaben

des Schiffbauverbandes VSM über Schiffbau-

und Offshore-Aufträge im Wert von

700 Millionen Euro (Stand: Juni 2011).

&

Thomas Schwandt

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 19


Fotos: Sven George

Bürstenmann GmbH

Weltweit in aller Munde

Der Bürstenhersteller im erzgebirgischen Stützengrün ist zum

zweitgrößten Branchenbetrieb Deutschlands aufgestiegen. Mit einem

Hallenneubau wird die Zahnbürsten-Produktion massiv erweitert.

Der Auftrag vom Weltmarktführer

ist für uns der Ritterschlag«, sagt

Margitta Siegel und hüpft fast vor

Freude durch die weitläufige Produktionshalle.

In einer Stunde wird die Chefin

der Bürstenfabrik die noch leere Halle

einweihen. Siegel ist sichtlich nervös.

Der Landrat des Erzgebirgskreis hat sich

angesagt. Auch zwei Abgeordnete aus

dem sächsischen Landtag und aus dem

Bundestag wollen an der Einweihung der

60 Meter langen, 42 Meter breiten und

acht Meter hohen Halle teilnehmen, die

binnen weniger Monate förmlich aus

dem Boden gestampft worden ist. Die

wichtigsten Gäste aber sind schon da.

RITTERSCHLAG VOM MARKTFÜHRER

Der weltweit größte Arzneimittel-Konzern

Glaxo Smith Kline hat eine Abordnung

von London ins Erzgebirge nach

Stützengrün geschickt. Aus gutem

Grund: Der Pharmariese ist der neueste

Kunde in Stützengrün. Sein Großauftrag

hat den Hallenneubau nötig und erst

möglich gemacht. »Glaxo als Kunde – das

ist der Ritterschlag«, wiederholt sich die

Geschäftsführerin. »Aber wir haben uns

den auch redlich verdient.« Siegel verweist

auf ihre Fabrik. »Bürstenmann ist

durchsaniert«, sagt sie. »Qualität und

Produktivität stimmen, wir brauchen

uns da vor niemandem zu verstecken.«

Was damit gemeint ist, lässt sich in

der Halle neben dem Neubau schon jetzt

besichtigen. Moderne Spritzguss-, Beborstungs-

und Verpackungsmaschinen

rattern unaufhörlich im 24-Stunden-

Takt. »Am Ende des Tages stehen unter

dem Strich mehr als 300.000 Zahnbürsten«,

rechnet Produktionsleiter Ulrich

Brettschneider vor. »In bester Qualität.

Und das durchweg bei allen der 60 verschiedenen

Bürstensorten.«

Brettschneider gerät schnell ins

Schwärmen, wenn es um die technischtechnologischen

Details der Bürstenfertigung

geht. »Wir sind jetzt schon Spitze,

das zeigen die regelmäßigen Belastungs-,

Qualitäts- und Produktivitätstests«, sagt

er. »Aber mit der neuen Halle setzen wir

noch eins drauf.« Roboter würden die

Einzelmaschinen miteinander verbinden.

»Vorn kommt das Kunststoffgranulat

rein und hinten die verpackte Zahnbürste

raus«, skizziert Brettschneider das

neue Fertigungsprinzip. »Der Mensch

greift nur noch zur Kontrolle ein.«

Über fünf Millionen Euro kosten die

drei neuen Fertigungsstraßen, die in

dem ca. 2,5 Millionen Euro teuren Hallenbau

in den nächsten Wochen und Monaten

installiert werden. So eine Großinvestition

rechnet sich freilich nur bei

dauerhaft hohen Stückzahlen. Die haben

sich die Stützengrüner bei Glaxo Smith

Kline vertraglich gesichert. Bürstenmann

liefert den Engländern zunächst bis 2017

jährlich 40 Millionen Zahnbürsten. »Unsere

Erfahrungen und die Leistungsbereitschaft

meiner Leute waren das wichtigste

Pfund in den Verhandlungen um

den Dauerauftrag zur Produktion von

Bürsten Marke Dr. Best«, sagt Siegel.

Dem Pharmariesen gehöre dieser bekannte

Markenname. »Wir werden die

Marke in der neuen Halle fertigen. Damit

kommt alsbald jede dritte dieser weltbekannten

Putzhilfen von uns aus Stützengrün.«

Siegel freut sich darüber und findet

doch, dass es da noch Luft nach oben

gibt. »Wir haben«, sagt sie, »in der neuen

Halle noch Platz für eine vierte Straße.«

EXPORTE NACH ÜBERSEE

Der Sprung nach oben aber ist schon

jetzt gewaltig. Statt 70 Millionen werden

die Stützengrüner im nächsten Jahr

mehr als 110 Millionen Zahnbürsten in

den beiden Hallen fertigen. Bürstenmann

steigt damit bei Zahnbürsten zur

Nummer zwei unter den Produzenten in

Deutschland auf. Vertrieben werden die

Bürsten zur Zahnhygiene unter Dr. Best

sowie unter diversen anderen Fremdmarken.

Hinzu kommt die Eigenmarke Purodent,

die unter anderem nach Brasilien,

Neuseeland und auf die Bahamas exportiert

wird.

Dabei sind die Zahnbürsten, die etwa

ein Viertel der Produktion bei Bürstenmann

ausmachen, längst nicht der einzige

Verkaufsschlager des Unternehmens.

»Bürstenmann behauptet sich schon seit

Jahren auf dem Weltmarkt«, versichert

Margitta Siegel, weil das Unternehmen

innovativer als die meisten Konkurrenten

sei. »Wir haben bessere technologische

Voraussetzungen und sind zumeist

kreativer als die Konkurrenz.« Die Geschäftsführerin

ist sich sicher: »Wir reagieren

schneller als andere aus der Branche

auf Markterfordernisse.«

Ein Beleg dafür ist das vor Jahren

patentierte Stiel-Verbundsystem Simply

Quick. Auch die Marke Twice Line sei ein

Renner, sagt die Geschäftsführerin. Inzwischen

würden mehr als 30 Produkte

– von der Zahnbürste bis zur Kehrschaufel

– nach dem im eigenen Hause entwickelten

Zweikomponenten-Verfahren

hergestellt und unter der Marke Twice

Line erfolgreich vertrieben. »Das sind In-

20 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


REPORT

novationssprünge und Neuentwicklungen,

die uns kaum einer nach der Wende

zugetraut hat«, sagt Siegel. Auch nicht

die Münchner Unternehmensberater von

Roland Berger, die 1991 empfahlen, den

Genossenschaftsbetrieb für eine D-Mark

zu verkaufen oder gleich ganz dicht zu

machen. Genau das aber hat der Konsumverband

nicht getan, sondern den

Betrieb erhalten. Martin Bergner, Vorstandssprecher

der Zentralkonsum eG,

zu der Stützengrün nun gehört, ist heute

noch froh über diese damals »waghalsige

wie sentimentale« Entscheidung, den

Betrieb weiterzuführen. »Bürstenmann

ist mittlerweile eine Erfolgsgeschichte

geworden«, sagt er. »Für den Zentralkonsum,

den Osten überhaupt und auch

für das im Aufwind befindliche gesamtdeutsche

Genossenschaftsmodell.«

NEUE ABSATZWEGE ERSCHLOSSEN

Nach der Wende hat der Konsumverband

dem Team um Margitta Siegel Zeit verschafft.

Das sei, so die 62-jährige Chefin,

die seit 1974 im Betrieb ist, auch bitter

nötig gewesen. »Ansonsten hätten wir

den Wechsel in die Marktwirtschaft niemals

geschafft.« Mit neuen Produkten

und neuen Kundenkontakten gelang es,

über die Zeit hinweg neue Absatzwege zu

erschließen. »Intelligente Reinigungsgeräte«

nennt Siegel die »weltmarktfähigen

Produkte« selbstbewusst. Dem Namen

nach seien sie zwar nur Kehrschaufel

und Besen. Vom Gebrauchswert her aber

seien sie aus ihrer Sicht nicht mehr mit

den herkömmlichen Produkten zu vergleichen.

»Aber natürlich«, gesteht Siegel

zu, bleibe »eine Bürste eine Bürste«. Das

allerdings sei nur gut so. »Denn an Besen,

Bürsten und Pinseln kommen die Leute

auch in Krisen-Zeiten nicht vorbei.«

Die Geschichte von Bürstenmann

steht dafür. Bereits 1924 von der damaligen

Hamburger Großhandelsgenossen-

GESCHÄFTSFÜHRERIN Margitta Siegel

schaft deutscher Konsumvereine (GEG)

in Stützengrün gegründet, überstand

das Unternehmen nicht nur die Rezession

von 1929 bis 1932, sondern auch den

Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit lieferten

die Erzgebirgler ihre Bürsten zum

großen Teil an Rüstungsbetriebe.

Nach dem Krieg wurde auf Befehl der

damaligen sowjetischen Militäradministration

die Bürstenproduktion für die

Bevölkerung wieder aufgenommen und

in den Folgejahren ständig erweitert. »Zu

DDR-Zeiten haben wir in der Spitze mit

rund 850 Beschäftigten mehr als 100 Millionen

Mark Umsatz gemacht«, erinnert

sich Siegel, die bis zur Wende als Hauptbuchhalterin

im Betrieb gearbeitet hat.

Mit Siegel haben über 260 Beschäftigte,

einschließlich der 13 Azubis pro Jahr,

den Sprung in die Marktwirtschaft geschafft.

Der Betrieb hat sich binnen eines

Jahrzehnts zum zweitgrößten deutschen

Bürstenhersteller gemausert, der einen

Jahresumsatz von etwa 40 Millionen

Euro erzielt und spätestens seit 1994

schwarze Zahlen schreibt. Mehr als ein

Viertel der 1.500 Produkte – vom Handfeger

über Saalbesen, Fußmatten, bis hin

zu den verschiedenartigsten Bürsten –

wird heute in 45 Länder exportiert. Bürstenmann

ist der mit Abstand größte Ar-

beitgeber in einer Region, die seit der

Wende von hoher Arbeitslosigkeit betroffen

ist. Die neue Halle samt Großauftrag

beschert 30 neue Arbeitsplätze. Stützengrün

hat sich als neues gesamtdeutsches

Zentrum der Bürstenindustrie etabliert.

Im Ort sind mittlerweile neben Bürstenmann

zwei weitere Betriebe der kleinen

Branche ansässig.

Wenn eine Bürste auch immer eine

Bürste bleibt, so sind dennoch im Betrieb

vier Leute ständig mit Neuentwicklungen

beschäftigt. Außerdem offerieren

die Produkte in ihrer Verarbeitung, besonders

aber in den dabei genutzten Materialien

deutliche Unterschiede. Holz,

Kunststoffe, Metalle, spezielle Gummis

und Keramiken werden genauso verarbeitet

wie Rosshaare oder Schweinsborsten.

Die Bürstenmacher orientieren sich

bei ihren Neuentwicklungen an den verschiedenen

Markttrends. »Wir profitieren

dabei vom Wellnesstrend genauso

wie von der immens gewachsenen Tierliebe

der Deutschen«, sagt Siegel und

zuckt mit den Achseln: »Ein Pferd muss

eben andauernd gebürstet werden.«

ZÄHNEPUTZEN MIT DEN BAYERN

Da auch Fans gepflegt werden müssen,

schwören neben Glaxo Smith Kline auch

andere illustre Kunden auf Zahnbürsten

aus Stützengrün. »Um die 50.000 Bürsten

in den Farben rot-weiß liefern wir jährlich

an den FC Bayern München«, erzählt

Siegel. »Unsere Bürsten gehören zu den

beliebtesten Fanartikeln der Bayern.« Der

Hamburger Sportverein (HSV) oder Werder

Bremen lassen ebenfalls bei Bürstenmann

fertigen. Seit dem Wiederaufstieg

der Berliner Hertha in die erste Bundesliga

auch die Herthaner. »Fußball bleibt

für uns ein gutes Geschäft«, sagt Siegel.

»Nur leider nicht im Osten, der spielt ja

oben nicht mit.«

Steffen Uhlmann

&

ZAHNBÜRSTEN: Mit 110 Millionen Stück Jahresproduktion wird Bürstenmann die Nummer zwei unter den Herstellern in Deutschland.

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11

21


SERVICE

Wirtschaftsleistung erleiden. 52 Prozent

der Befragten dagegen zeigen sich optimistisch,

dass die deutsche Wirtschaft

die Situation insgesamt gut bewältigen

werde.

Fotos: PictureDisk

Rohstoffe

Globaler Wettbewerb

um knappe Ressourcen

Der Wettbewerb um Rohstoffe und fossile Energien ist weltweit

in vollem Gange. Für mittelständische Betriebe bedeutet dies stark

schwankende Preise und die Furcht vor Versorgungsengpässen.

Wie der deutsche Mittelstand auf die Herausforderung reagiert,

zeigt eine aktuelle Studie der Commerzbank AG.

Früher gab es eine einfache Faustregel:

20 Prozent der Bevölkerung

in Europa, Nordamerika und Japan

konsumieren 80 Prozent der Weltbergbauproduktion.

Doch die Zeiten solch

einfacher Wahrheiten sind längst vorbei.

Mit dem rasanten wirtschaftlichen

Wachstum in China, Indien und anderen

bevölkerungsreichen Schwellenländern

ist der globale Hunger nach Rohstoffen

nur noch schwer zu stillen.

Die Folgen bewegen schon jetzt die

Märkte. Weltweit werden nun auch bisher

eher als unrentabel angesehene Rohstoffvorkommen

genauer unter die Lupe

genommen. Doch trotz verstärkter Suche

nach neuen Lagerstätten müssen sich gerade

die rohstoffintensiven Branchen auf

steigende Preise einrichten, die durchaus

auch zu existenziellen Problemen bei

einzelnen Betrieben führen können.

Grund zur Sorge bereitet den Mittelständlern

neben der Knappheit seltener

Rohstoffe und fossiler Brennstoffe vor allem

die zunehmende Spekulation an den

Rohstoffmärkten sowie mögliche soziale

und politische Unruhen in den Rohstoffförderländern.

STUDIE BELEGT HANDLUNGSBEDARF

Dass das Thema Ressourcen- und Energieknappheit

die mittelständischen Unternehmen

in Deutschland bereits jetzt

zum Handeln zwingt, belegt nun eine

aktuelle Studie der Initiative »UnternehmerPerspektiven«

der Commerzbank AG.

Die Umfrage unter 4.000 mittelständischen

Unternehmenslenkern ergab, dass

40 Prozent der Befragten fürchten, das

rohstoffarme Deutschland könne aufgrund

des verschärften Wettbewerbs um

Rohstoffe und Energie Einbußen in der

STAAT SOLL INNOVATIONEN FÖRDERN

Eine – wenn nicht gar die einzige – Antwort

auf die Rohstoffproblematik aus

heimischer Sicht: Innovationen. Ressourceneffizienz,

Substitution und Recycling

sind das Gebot der Stunde auch für den

deutschen Mittelstand.

Gefragt ist deshalb nach Ansicht der

Unternehmer vor allem die Technologieförderung

des Staates. 93 Prozent der

befragten Inhaber und Geschäftsführer

im Mittelstand setzen auf eine stärkere

Unterstützung wissenschaftlicher Forschung,

um Alternativen zum bisherigen

Einsatz der Rohstoffe und fossiler Brennstoffe

aufzuzeigen.

Den Einsatz innovativer Techniken in

Unternehmen soll der Staat mit finanziellen

Anreizen fördern und zudem

gegen Rohstoff- und Energieverschwendung

effizienter vorgehen. Die Möglichkeiten

der Handelspolitik werden aber

nicht außen vorgelassen. Immerhin 75

Prozent der Befragten wünschen sich

ein stärkeres handelspolitisches Engagement

staatlicher Stellen in den Erzeugerländern.

NEUE MÄRKTE ERÖFFNEN CHANCEN

Keine Frage: Die Zeit drängt. Die Weltbevölkerung

wächst weiter und die Schwellenländer

investieren zurzeit massiv in

ihre Infrastruktur. Hier eröffnen sich

aber auch Chancen für die deutsche

Wirtschaft, wenn es gelingt, innovative

umwelt- und ressourcenschonende Technologien

zu entwickeln und zu exportieren.

Diese Chancen der Verknappung

erkennen laut Commerzbank AG-Studie

STUDIE

UnternehmerPerspektiven

Die Initiative UnternehmerPerspektiven

der Commerzbank AG will aktuelle Themen,

die den Mittelstand bewegen, mit

substanziellen Daten unterfüttern. Dazu

werden zweimal im Jahr 4.000 Unternehmen

im Auftrag der Commerzbank

AG befragt. Das Untersuchungsdesign

lässt auch Teilauswertungen nach

Branchen, Unternehmensgrößen und

Regionen zu. Die Studienergebnisse

werden der Öffentlichkeit vorgestellt

und bilden die Grundlage für bundesweite

Dialogveranstaltungen. Bisher

wurden elf Studien veröffentlicht.

22 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


SERVICE

auch die deutschen Mittelständler. Die

Möglichkeiten zusätzlicher Märkte und

Absatzmöglichkeiten werden immerhin

in der Befragung ebenso häufig angeführt

wie etwa die Sorge einer zunehmenden

Macht der Zulieferer.

Insgesamt glauben 52 Prozent der befragten

Mittelständler, dass die Entwicklungen

auf den Energie- und Rohstoffmärkten

sie zu mehr Innovationen drängen

werden. Die differenzierte Sicht der

Unternehmer auf Chancen und Risiken

der Rohstoffknappheit belegen folgenden

Zahlen: 45 Prozent der Unternehmen

vertrauen auf die deutsche Ingenieurskompetenz

und setzen auf die

Chancen neuer Märkte, 51 Prozent fürchten

aber auch, dass ihre Geschäfte durch

den Rohstoffmangel unkalkulierbarer

werden. Zwischen Wahrnehmung und

Handeln klafft allerdings noch eine

beträchtliche Lücke. Bisher werden

mehrheitlich die Beschaffungsprozesse

optimiert oder Kosten auf die Kunden abgewälzt.

Unternehmen, die konkret Maßnahmen

zur Steigerung der Energie- und

Rohstoffeffizienz eingeleitet haben oder

gar Eigenstrom produzieren, sind noch

in der Minderheit. Fazit: Ein Innovationsdruck

wird zwar mehrheitlich erwartet,

entsprechende Investitionen sind aber in

den Unternehmen noch nicht eingeleitet

worden. Hier werden mögliche Wettbewerbsvorteile

verschenkt, denn die

Commerzbank AG-Umfrage zeigt: Unternehmen,

die bei der Umsetzung von

Maßnahmen zur Ressourceneffizienz

oder zum Recycling Trendsetter sind,

wirtschaften auch insgesamt erfolgreicher.

WENIGER FURCHT VOR ENERGIEMANGEL

Die Rohstoffproblematik bereitet den

deutschen Unternehmen gegenwärtig

offensichtlich mehr Kopfzerbrechen als

die viel diskutierte Energiewende. Kein

Wunder, denn mehr als drei Viertel aller

befragten Unternehmen beziehen Rohstoffe

oder rohstoffintensive Vorprodukte.

Bei 60 Prozent dieser Unternehmen

machen Rohstoffaufwendungen zehn

oder mehr Prozent aller Kosten aus, bilanziert

die Commerzbank AG-Studie.

Die steigenden Preise haben sich bereits

bei zwei Drittel der Unternehmen

in den Ergebnissen niedergschlagen –

steigende Energiepreise dagegen nur bei

einem Drittel. Besonders betroffen sind

das verarbeitende Gewerbe und die Baubranche.

Obwohl die Rohstoff- und Energiekosten

einen beträchtlichen Teil der

gesamten Unternehmenskosten ausmachen,

können laut Commerzbank-Studie

40 Prozent der befragten Unterneh-

Quelle: Commerzbank AG

DATEN

ROHSTOFFE

Mittelstand in Sorge

Diese globalen Entwicklungen fürchten

die Mittelständler besonders:

(Angaben in Prozent)

Spekulation an den Rohstoffmärkten 89

Steigende Nachfrage 84

Soziale Unruhen in Ursprungsländern 81

Protektionismus 80

Anbieter-Monopole 80

Währungskrisen 73

Knappheit Schlüssel-Rohstoffe 73

Knappheit fossiler Brennstoffe 68

Alternativlosigkeit fossiler Brennstoffe 65

Kurzfristiger Wechsel der Energiepolitik 64

Risiken der Atomenergie 61

PREISENTWICKLUNG

Nicht alle gleich betroffen

Wer besonders unter steigenden

Rohstoffpreisen leidet:

(Angaben in Prozent)

Verarbeitendes Gewerbe 86

Bauwirtschaft 85

Großhandel 73

Einzelhandel 59

Dienstleistung 45

Gesamtwirtschaft 67

EINKAUFSVERHALTEN

Neue Lieferanten suchen

Mit folgenden Maßnahmen reagieren

die Unternehmen auf die Knappheit

auf den Rohstoff- und Energiemärkten:

(Angaben in Prozent)

Suche nach neuen Lieferanten 47

Langfristige Lieferverträge 47

Speziell geschultes Personal 33

Einkaufsgemeinschaften 24

Vergrößerung der Lagerkapazität 14

Absicherung von Preisrisiken 10

Beteiligung an Zulieferern 4

mer keine verlässliche Aussage darüber

treffen, ob sie bei der Ressourcenversorgung

gut aufgestellt sind. Es ist vor allem

die Komplexität der Märkte, die den Mittelständlern

bei der Kalkulation der Kosten

zu schaffen macht. Zu vielfältig sind

die Einflussfaktoren auf den Rohstoffmärkten,

zu volatil die Preise.

HOHER BERATUNGSBEDARF

Bisher reagieren die meisten Mittelständler

noch mit den klassischen Mitteln auf

die knapper werdenden Ressourcen. Sie

wechseln Lieferanten, versuchen billiger

einzukaufen und sich durch langfristige

Verträge abzusichern. Rat in Versorgungsfragen

wird bei Verbänden und

Kammern, aber auch bei Banken und

Sparkassen gesucht.

Spezielle Finanzinstrumente zur Absicherung

der Rohstoffrisiken scheuen die

Mittelständler allerdings laut Commerzbank

AG-Studie. Während die Absicherung

von Zins- oder Währungsrisiken

weit verbreitet ist, hegen die Mittelständler

gegen entsprechende Instrumente bei

Rohstoffrisiken großes Misstrauen: Zu

teuer, zu komplex, so das Urteil der Mittelständler.

Zudem halten sie die Instrumente

– sofern sie ihnen überhaupt bekannt

sind – selbst mit Risiken behaftet.

Dabei, betont Markus Beumer, Vorstandsmitglied

der Commerzbank AG,

sind die Schwankungen bei Rohstoffpreisen

deutlich größer als die Schwankun-

ROHSTOFFE: Preise schwer kalkulierbar.

gen an den Währungs- und Zinsmärkten.

»Der Handlungsbedarf in Sachen Absicherung

liegt auf der Hand«, urteilt

Beumer und empfiehlt mittelständischen

Unternehmen, ein betriebliches

Risikomanagement aufzubauen mit

Fachleuten, die zugleich Einkaufs- und

Finanzwissen einbringen können. »Wichtig

ist, dass die Unternehmen ein Risikound

Vorsorgebewusstsein entwickeln

und sich darüber hinaus auch entsprechende

Beratung über den Einsatz von

Absicherungsmechanismen von außen

holen.«

Mögliche Finanzinstrumente zur Absicherung

können Termingeschäfte,

Swaps oder Optionen sein. »Welche Absicherungsmethode

passend ist, hängt

vom Grundgeschäft des Kunden ab«, so

Beumer. Die Commerzbank AG informiert

Unternehmen regelmäßig unter

www.commerzbank.de/rohstoffradar

über aktuelle Entwicklungen auf den

Rohstoffmärkten.

Matthias Salm

&

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11

23


KOLUMNE

Gerade, exakt am 21. Juli dieses Jahres,

hatten die europäischen Politiker

in einem ihrer zahllosen

Gipfel die Eurokrise »beigelegt«, da begann

sie von Neuem. Nun ist wieder eine

Bankenkrise hinzugekommen und die

Staaten, die sich für vollends handlungsunfähig

wegen Geldmangels erklärt hatten,

gehen erneut über zum lustigen

Bankenretten mit vielen Milliarden.

Da fragt sich der Bürger mit gesundem

Menschenverstand zu Recht, ob er

verrückt geworden ist oder sind es die Politiker.

Was niemand sagt, aber sonnenklar

ist: Die Banken haben gezockt und

sind, wie viele andere, in den letzten Monaten

auf die Nase gefallen, weil weltweit

Aktien-Rohstoffe und Währungsnotierungen,

in denen ihre Investmentbanker

engagiert waren, gefallen sind.

Was niemand begreifen will, ist die

schlichte Tatsache, dass an Finanzmärkten

Informationen gehandelt werden –

häufig falsche oder irreführende Informationen.

Es sind die großen Banken

und Fonds, die mit besonderer Informationsmacht

ausgestattet sind, weil sie

ihre geldmächtigen Kunden instrumentalisieren

können, gleichgültig, ob eine

Information richtig oder fasch ist. Es

kommt nur darauf an, möglichst vielen

zu vermitteln, dass »der Markt« in den

nächsten Tagen und Wochen an »Wert«

gewinnen wird. Das tut der Markt in der

Regel auch, weil die Herde der Anleger

das erwartete. So funktionieren selbsterfüllende

Prognosen. Ob man seine

»Kunden« in Rohstoffderivate lockt, auf

den Kurs des brasilianischen Real wetten

lässt oder wieder auf Goldkurs bringt,

macht keinen Unterschied. Der Weg, der

Anstieg des Kurses, ist das Ziel.

Natürlich versucht der »Berater«, vor

seinem Kunden aus dem »Investment«

wieder auszusteigen. Aber das gelingt

nicht immer. Dann machen alle, die vorher

Buchgewinne gemacht haben, Buchverluste.

Schon stehen die Banken ohne

Kleider da und müssen gerettet werden,

weil die Politik nach 2008 nichts, aber

auch gar nichts angepackt hat, um dem

Gezocke ein Ende zu setzen.

Dass, wie jetzt zu erkennen ist, bei der

Zockerei über Monate und Jahre falsche

Preise mit enormen negativen Konsequenzen

für die übrigen realwirtschaftlichen

Märkte erzeugt wurden, interessiert

niemanden, weil es heute explizit

in Deutschland an Ordnungspolitikern

fehlt, die das verstehen und auf eine Unterbindung

des Herden-Auf-und-Abs auf

AUS GENFER SICHT

Die

unendliche Krise

Von HEINER FLASSBECK, Genf

Internet: www.flassbeck.com

den Finanzmärkten hinwirken würden.

Fast jeder Politiker fürchtet, als Anti-

Marktwirtschaftler abgestempelt zu werden,

wenn er für klare institutionelle

Grenzen der Finanzwirtschaft eintritt.

Oder er ist nicht in der Lage, den Unterschied

zwischen »normalen« Märkten,

auf denen das Beheben von Knappheiten

belohnt wird, und solchen, auf denen

das Gegenteil, nämlich das Schaffen von

Knappheiten durch das Initiieren von

Herdenverhalten belohnt wird, zu verstehen

und seinen Wählern zu erklären.

Kein Wunder, dass die Politik auf die Finanzmärkte

starrt wie das Kaninchen

auf die Schlange, hoffend auf Hinweise

von dort, was aktuell falsch und was richtig

ist. Wer aber glaubt, die Märkte überzeugen

statt führen zu müssen, liegt von

vornherein falsch. Da die Märkte versuchen,

die Politik zu »lesen«, und die Politik

zugleich versucht, die Signale der

Märkte zu deuten, entsteht Chaos.

Die Politik muss ohne Wenn und Aber

die Führungsrolle übernehmen, muss in

der Eurokrise klar sagen, was die Ursache

der Misere ist und wie man sie zu

überwinden gedenkt. Nur so kann sie das

Heft in die Hand nehmen und von den

Märkten die Anpassung an ihre Entscheidungen

erzwingen.

Da aber liegt der Hund begraben. Weil

die deutsche Politik quer durch die meisten

Parteien (von Merkel über Weidmann

bis zu Steinbrück) auf dem Standpunkt

beharrt, es gebe gar keine Eurokrise, sondern

die Länder mit den hohen Staatsschulden

bzw. -defiziten seien wegen ihres

Über-die-Verhältnisse-Lebens an allen

Übeln allein Schuld, kann die europäische

Politik den Befreiungsschlag nicht

führen.

Verengt man nämlich den Blick auf

Staatsschulden, lenkt man vom Thema

ab, bei dem man sofort auf eigene Fehler

stoßen würde. Wer Leistungsbilanz-Ungleichgewichte,

also die Verschuldung

des ganzen Landes, zum Thema macht,

kommt nicht umhin zuzugeben, dass

Außenhandelsdefizite der einen etwas

mit Außenhandelsüberschüssen der anderen

zu tun haben. Da aber haben zu

viele Politiker (auch solche, die jetzt in

der Opposition sind) einschließlich ihrer

wissenschaftlichen Berater eine gewaltige

Leiche im Keller. Sie alle waren an der

Entstehung dieser Krise, der jahrelangen

Politik des Gürtel-enger-Schnallens in

Deutschland, unmittelbar beteiligt.

Das führt zu dem grotesken Zustand,

dass sich die gesamte herrschende politische

Klasse in Deutschland seit mehr als

zwei Jahren weigert anzuerkennen, dass

das zentrale Ziel der Währungsunion

eine Inflationsrate in der Größenordnung

von zwei Prozent in jedem Mitgliedsland

war und dass Deutschland

massiv dagegen verstoßen hat. Deutschland

hat das Unterschreiten der Zielinflationsrate

durch seine jahrelange

Lohndumpingpolitik erreicht. Allein dadurch

(und nicht durch technologischen

Vorsprung) ist Deutschland zu seiner

Wettbewerbsstärke gelangt, die sich in

der Wettbewerbsschwäche der Krisenländer

widerspiegelt. Wer das umdrehen

will – und es muss umgedreht werden,

wenn man den Euro retten will – kann

nicht allein von den anderen verlangen,

sich anzupassen, sondern muss selbst

etwas tun. Grotesk ist es, wenn von den

anderen massive Lohnsenkung verlangt

wird (Deutschlandverteidiger nennen

das absurderweise »interne Abwertung«),

ohne zu sagen, dass das von massiven

Lohnerhöhungen in Deutschland begleitet

sein muss. Andernfalls führt dies in

eine europäische Deflation.

Aber das sagt man nicht. Plötzlich ist

das Inflationsziel – bis vor kurzem in

Deutschland allerheiligst – nicht mehr

wichtig. Es wird ad acta gelegt, weil man

sonst zugeben müsste, falsch gehandelt

zu haben. Man kann viel von den Menschen

verlangen, das aber nicht! &

Foto: Torsten George

24

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


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SPECIAL

Foto: Telegate

Kaufen im Internet

Produkte besser finden

Spezielle Suchsoftware verbessert die Produktfindung in Online-

Läden. Im Shopping-Geschäft mit voraussichtlich 45 Milliarden Euro

Umsatz in Deutschland 2011 ist das ein wichtiger Umsatzhelfer.

lungsrate gemeint, die in Prozent angibt,

wie viele der Web-Laden-Besucher zu

Käufern werden. Nach einer Untersuchung

der Agentur Web Arts AG liegt der

Gesamtdurchschnitt gerade mal bei drei

Prozent. Ein Hindernis beim Einkauf

sind Suchprobleme. Warum reichen

Suchmaschinen wie Google, Bing oder

ähnliche Systeme dabei nicht aus? Wichtigster

Grund: Der direkte Bezug einer

Produktanfrage auf das Sortiment eines

Online-Anbieters fehlt den Suchmaschinen.

Zwar korrigieren sie in der Regel

falsch geschriebene Begriffe, zeigen ent-

Die Auswahl des Dresdner Online-

Elektronik-Fachmarkts www.

cyberport.de ist riesig: 30.000

Markenartikel aus der Computertechnik

und der digitalen Unterhaltungselektronik

stehen per Mausklick bereit. Die Kunden

haben kein Problem bei der Bestellung,

auch wenn sie statt Canon fälschlicherweise

Kanon oder Appel statt Apple

eintippen. Oliver Theurich, Leiter Produktmanagements

bei Cyperport: »Wir

helfen unseren Besuchern gerne weiter.«

Auch Rene Marius Köhler von www.

fahrrad.de in Esslingen achtet auf eine

geringe Abspringerquote von Online-

Besuchern. Bei dem Fahrradversender

nutzt jeder vierte Kunde die fehlertolerante

Suche und findet trotz Eingabe von

»shiao« den Hersteller Shimano.

AUF ANHIEB TREFFER LANDEN

Hier sorgt eine fehlertolerante Suchsoftware

namens Fact-Finder für schnelles

Finden. Das von Softwarehaus Omikron

in Pforzheim entwickelte, in 1.000 Online-Shops

eingesetzte Programm ist

eines von mehreren Spezialisten für die

Produktsuche im Internet-Handel. Neben

der in Shopsystemen eingebauten

Standard-Suchfunktion sind in diesem

Geschäftsfeld weitere Anbieter zum Beispiel

Findologic, Exorbyte und auch

Google Commerce Search im Einsatz.

Das gewünschte Produkt auf Anhieb

in einem Online-Shop zu finden, gehört

zur Grundbedingung des digitalen Geschäfts.

Wer im rasant wachsenden Online-Shopping-Umsatz

in Deutschland

(2010 sind es 39,2 Milliarden Euro, für

2011 sind 45 Milliarden prognostiziert)

erfolgreich agieren will, muss treffsichere

Suchfunktionen anbieten. Nach einer

Untersuchung der Nielsen Norman

Group verlassen 34 Prozent der User einen

Shop, weil sie ein Produkt nicht finden,

obwohl es vorhanden ist. Für Omikron-Chef

Carsten Kraus ist die hohe Aussteigerquote

nicht erstaunlich: »Nach

unserer Erfahrung stimmen 30 bis 40

Prozent der Suchangaben nicht mit den

Produktbezeichnungen überein.«

Für Online-Shops ist die Steigerung

der so genannten Konversationsrate deshalb

ein Muss. Damit ist die Umwand-

WER sucht, der findet. Vielleicht.

sprechende Websites an, doch bei Varianten

von Produktbezeichnungen oder

Wortumstellungen sind sie überfordert.

Google hat mit Google Commerce

Search (GCS) deshalb einen eigenen Produktsucher

für Online-Shops entwickelt.

Die Suchergebnisse werden nach dem

PageRank-Wert gelistet, der angibt, wie

oft ein Dokument verlinkt ist. Hinzu

kommen Faktoren wie das Auftreten der

Suchbegriffe im Dokumententitel oder

in Überschriften und Begriffe als Ankertext

in verweisenden Dokumenten. Administratoren

können damit ihre Suchmaschine

anpassen.

Allerdings hat das Google-Produkt

Handicaps. Der GCS-Algorithmus kann

mit zusammengesetzten Wörtern wie

»Lederjacke« statt »Jacke aus Nappaleder«

und anderen sprachliche Besonderheiten

nicht umgehen. Er korrigiert die

Wörter der Kunden, statt ihre Ähnlichkeit

mit Produkten im Shop zu messen.

Gravierend im Internet-Shopping sind

Anfragen nach dem Longtail-Prinzip. Danach

kann ein Web-Anbieter durch eine

große Anzahl von Nischenprodukten mit

kleinen Stückzahlen Gewinn machen.

Übertragen auf die Suchanfragen heißt

das: Je öfter gesucht wird, desto häufiger

verschreiben sich die Personen oder geben

spezifische Suchanfragen ein.

Beispiel: Schmerzmittel »Paracetamol«.

Ein großer Teil der Online-Nutzer

wird genau mit diesem Begriff suchen.

Doch manche Besucher geben »Parazetamohl«

oder »Paracetimol« ein. Eine Auswertung

von Fact-Finder für Paracetamol

zeigt, dass innerhalb von zwei Wochen

bei 524 Eingaben eine Streuung in 43

nicht korrekt geschriebene Begriffe, die

erkannt und zugeordnet werden müssen

Diese Longtail-Suche deckt Google

Commerce Search nur ungenügend ab.

Omikron-Chef Kraus: »Fact-Finder kann

mit einem eigens entwickelten Ähnlichkeitsverfahren

einen Großteil der falschen

Eingaben erkennen.« Wer zum Beispiel

im Gartenshop www.poetschke.de

»Spten« eintippt obwohl er einen »Spaten«

sucht, wird von Fact-Finder auf die

gesuchten Artikel geführt. Die Eingabe

bei Shop.mein-schoener-garten.de ergibt

bei Google Commerce Search 0 Treffer.

Mängel zeigen sich auch bei zusammengeschriebenen

Wörtern. Bei der Eingabe

von »Kohle aus Holz« verweist der Shop

auf »Anzünder Feuerbällchen« und

»Multifunktions-Räucherofen« an.

EINSTIEG IN DEN REISEMARKT

Wie das möglich ist, erklärt Omikron-

Forschungsleiter Emin Karayel: »Der

Suchalgorithmus von Fact-Finder vergleicht

zwei Datensätze.« In diesem Fall

die Suchanfrage im Shop mit den dort

hinterlegten Produktdaten. Bei der Zuordnung

zu Produkten spielen die Phonetik

und Matching-Aspekte eine Rolle.

Etwa wenn im Kontext der Fließtext

(wie »verzinkte Gewindeschraube« oder

»Glühbirne«) weniger relevant ist als eine

beigefügte Zahl (»35 Zoll/60 Watt«).

Mit einer semantisch ausgerichteten

Suchtechnologie Fact-Finder Travel steigt

Omikron jetzt in den Softwaremarkt für

Online-Reiseportale ein. Damit können

Anbieter Kundenanfragen in natürlicher

Sprache wie »Silvester, Strand, unter

1.000 Euro« automatisch in passende Reiseangebote

umsetzen. Einer der ersten

Kunden ist das Reiseportal www.weg.de.

Carsten Kraus hat sich viel vorgenommen:

»Wir stoppen den Vormarsch Googles

bei der Internet-Reisesuche, indem

wir den Nutzern eine viel bessere Usability

auf den Reiseportalen bieten.«

Dr. Manfred Buchner

&

26 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


SPECIAL

IT-Service und Beratung

Fachkräfte im Osten gesucht

Die europaweit agierende KaTe-Group offeriert ihren Kunden

maßgeschneiderte Systemlösungen in der Informationstechnologie.

Unternehmer Tobias Stötzer aus

Stuttgart bietet seinen Kunden

IT-Lösungen aus einer Hand. Er ist

Geschäftsführer der KaTe-Group. Im Falle

des aktuellsten Produkts der KaTe-Group,

einer so genannten Single-Sign-On Appliance,

trifft dies in besonderer Weise zu.

Denn mit der speziellen styx.SSO-Lösung

von KaTe ist es IT-Anwendern in Unternehmen

jetzt möglich, sich mit einer Zugangskarte

oder einem Windows-Kennwort

nur einmal täglich im System einzuloggen

und dann alle vorhandenen

Netzwerkdienste nutzen zu können.

»Die Zeit vieler verschiedener Passwörter

für viele verschiedene SAP Systeme,

die von Anwendern gerne mal vergessen

oder von Hackern geknackt werden, ist

vorbei. Für Unternehmen steht Security

an erster Stelle«, betont Stötzer, der gegenwärtig

kreuz und quer in Europa unterwegs

ist, um potenziellen Kunden die

pfiffige Entwicklung aus dem Stuttgarter

IT-Unternehmen zu präsentieren.

Von der neuen Lösung styx.SSO hat

sich unlängst auch eine große schweizerische

Bank überzeugen lassen. Mit

seiner Lösung ist das europaweit tätige

süddeutsche IT-Unternehmen in der Lage,

jedem Kunden ein auf den Betrieb

spezifiziertes Verfahren an die Hand zu

geben, um die Authentifizierung zu optimieren.

Zahlreiche namhafte Firmen, Banken,

und Energieversorger haben styx.SSO

bereits implementiert. Das Thema IT-

Security ist aktueller denn je. Laut dem

US-Marktforscher Gartner stehen Identity-

und Access-Management ganz oben

auf der Liste der Prioritäten.

Ein weiterer Punkt ist die Zufriedenheit

der Mitarbeiter. Bei der üblichen Verfahrensweise

erzeugt das Passwortchaos

eine Vielzahl von Passwort-Rücksetzungen,

bei dem dann die Hotline zur Hilfe

gerufen wird. Dieses Problem entfällt bei

dem KaTe-Produkt vollkommen.

Die KaTe-Group ist seit dem Jahr 2008

am Markt und bietet aufeinander abgestimmte

Beratungs- und Supportleistungen

an. Für Kunden und Partner werden

vor allem aus dem SAP NetWeaver und

Microsoft-Umfeld an der Nachfrage ausgerichtete

Software und betriebswirtschaftliche

Verfahren entwickelt. Zertifizierte

Mitarbeiter stehen dabei den Kunden

mit Rat und Tat zur Seite.

Die Wachstumsstrategie der Firma erzeugt

einen hohen Bedarf an IT-Spezialisten.

Das Stuttgarter Unternehmen ist

stets auf der Suche nach entsprechend

ausgebildeten Fachkräften. Da im Süden

Deutschlands der Markt für IT-Fachleute

leergefegt ist, streckt die KaTe-Group ihre

Fühler bundesweit bis in den Osten aus.

Gefragt sind vor allem Spezialisten, die

bereits Erfahrungen bei der Umsetzung

kreativer Konzepte für SAP-Systeme gesammelt

haben. Zudem eilt den Hochschulen

im Osten Deutschlands ein guter

Ruf in der Informatikausbildung voraus.

Günther G. Prütting

Kontakt: www. kate-group.com

cp@kate-group.net

Zentrum Aus- und Weiterbildung Ludwigsfelde GmbH

www.zal-ludwigsfelde.de



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Möglichkeiten gibt es im ZAL und im IZ:


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WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 27


ENTDECKEN

GENIESSEN

Himmelsfetzen

Ein Interview mit der Künstlerin Ina Abuschenko-Matwejewa

Die in Bernau geborene Malerin und Installationskünstlerin lebt seit 2009 im brandenburgischen

Eberswalde. Sie hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten.

Sie zeigen auf der Art Brandenburg kleine

Serien minimalistischer Kompostionen aus

Karton. Was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit?

Inspirieren können mich Himmelsfetzen, das

Geräusch einer U-Bahn, Gedankenströme. 2004

war ich 3 Monate in Italien, ich zeichnete viel,

hatte jedoch das Werkzeug, um an Holzobjekten

zu arbeiten nicht dabei. Es war die pure

Sehnsucht mit Materie umzugehen; aus dem

Nichts heraus griff ich zum Papier, formte dies,

verarbeitete Eindrücke, die sich mir an diesem

Ort aufdrängten. Jedes Material enthält eigene

innere Gesetzmäßigkeiten, zeichnet sich aus

durch unterschiedliche Dichte, Volumen etc.

und ist in der Erscheinung entsprechend unterschiedlich,

auch die Farben in ihrer Materialität.

Ich gehe bildhauerisch vor, forschend, erspüre

die Eigenschaften der Materie, gehe damit in

Resonanz und lote dies in meiner Arbeit aus.

Mich inspiriert dieser Schöpfungsvorgang.

Sie nehmen ja bereits zum wiederholten Male

an der Art Brandenburg teil. Wie sind Ihre Erfahrungen

und was versprechen Sie sich von

der Teilnahme?

Ich hoffe auf reiche Begegnungen und gute Verkäufe

wie in der Vergangenheit. Ich wünsche

mir, dass meine Arbeiten bei den Käufern ihr

Wirkungsfeld und ihre Kraft entfalten können.

Was reizt Sie, als mehrfach, auch international,

ausgezeichnete Stipendiatin, am Standort

Brandenburg?

Der Standort Brandenburg reizt mich, weil ich

im Biossphärenreservat leben kann und Weltstädtisches

in der Nähe habe.

Parallel zur Art Brandenburg findet die Messe

für Genuss, Lebensart und Ambiente – Salon

Sanssouci statt. Was halten Sie von dieser

Kombination?

Dem Kunstgenuss andere Genüsse beizugesellen

ist wunderbar. Es ist sehr angenehm, bei

exzellenter Verpflegung und in topmodernen

Bettmodellen für Momente von der Messearbeit

auszuruhen.

Der Brandenburgische Verband Bildender

Künstlerinnen und Künstler e.V. (BVBK)

ist die Interessenvertretung der Bildenden

Künstler des Landes Brandenburg.

Eine der wesentlichen Aufgaben des

Berufsverbandes ist es, die Rahmenbedingungen

für die Bildende Kunst zu verbessern.

Er organisiert Projekte, nimmt

zu kulturpolitischen Angelegenheiten

Stellung und ist kompetenter Ansprechpartner

für Fragen der Bildenden Kunst

im Land Brandenburg.

Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind die

Themen Kunst und Bauen, internationale

Austauschprogramme sowie die Künstlermesse

ART BRANDENBURG.

www.art-brandenburg.de · www.salon-sanssouci.de · www.maerkisches-galerienforum.de


Schiff ahoi

Die Maritime-Firmengruppe HHB präsentiert

sich erstmals zusammen mit ihren Kooperationspartnern

auf der Messe Salon Sanssouci.

Ausgestellt werden Boote bzw. Gespanne, die

über das Tochterunternehmen HHB Yachtkontor

mit Sitz in Potsdam und Berlin, aber auch bundesweit

über ein Händlernetz verkauft werden:

Range Rover Sport mit Motorboot Chris Craft

Catalina 23 auf Aluminium-Trailer; Sportboot

Larson 850; Sportboot Interboat 19, das sich

zum gemütlichen Wasserwandern anbietet und

eine Kapitänsslup.

Alle genannten Boote können auch gechartert

werden. Neben den Ausstellungsstücken präsentiert

das Unternehmen sein Yachtsortiment

auf einem Informationsstand. Auch größere

Yachten von ca. 9 - 15 m werden zur wochenweisen

Vermietung angeboten. Sie kommen

überwiegend aus dem Hause Linssen, dem

Mercedes unter den holländischen Stahlmotoryachten,

und aus der „Yachtmanukfaktur“

Christo Mare. Ein besonderer Service ist die Vermietung

von Booten und Yachten mit Skipper.

Abgerundet wird das Angebot durch umfangreiche

Bootsbauleistungen. In diesem Zusammenhang

werden Boote vollständig restauriert

und technisch generalüberholt. Im perfekten

Zustand werden sie zu Preisen zwischen 50.000

und 400.000 € über HHB Yachtkontor zum Verkauf

angeboten.

Alle in einem Boot

Auch die Kooperationspartner Marina am Tiefen

See Potsdam und der Yachthafen Resort

Schwielowsee präsentieren sich mit Informationsständen

zu ihren Angeboten. Beide Häfen

vermieten auch kleinste, führerscheinfreie

Sportboote auf Stundenbasis. Die Gastronomie

in beiden Yachthäfen bietet ein umfangreiches

und hochwertiges Speisensortiment an.

Die Firma Noblekey zeigt sich mit einem exklusiven

Angebot an individuell gestalteten Fahrzeugschlüsseln

für Automobile und Boote. Die

Christo Mare Werft präsentiert Produkte, die aus

maritimen Werkstoffen wie Teakholz und Edelstahl,

auch nach speziellen Kundenwünschen,

produziert werden. So ist als Standausstattung

ein exklusiver Konferenztisch zu sehen.

Wir trafen Karin Genrich, Präsidentin des Handelsverbandes

Berlin-Brandenburg und gleichzeitig

Schirmherrin des Salon Sanssouci, zum

Gespräch.

Von Beginn an unterstützen Sie die Messe mit

viel persönlichem Engagement und haben

nun die Schirmherrschaft übernommen.

Schon als mir der Geschäftsführer der Messe

Potsdam, Michael Schulze, vor so ungefähr vier

Jahren das Konzept dieser Messe vorstellte,

war ich begeistert und wusste, dass der Salon

Sanssouci das kulturelle Leben Potsdams bereichern

wird. Ich nahm Kontakt zu Geschäftspartnern

auf, mit denen ich bisher konstruktiv

zusammengearbeitet hatte, und begeisterte sie

für diese Idee. Sie sind seither Aussteller beim

Salon Sanssouci.

Was macht dessen Reiz aus?

Diese Messe ist eine ausgewogene und attraktive

Kombination von Lifestyle, hochwertigen

Produkten und Dienstleistungen – also alles,

was das Leben schöner und angenehmer macht.

Für diese außergewöhnliche Präsentation bietet

die spannende Architektur der Metropolis-

Halle ideale Bedingungen. Zudem erwartet die

Gäste ein interessantes Begleitprogramm von

Verkostungen über Musikdarbietungen bis hin

zu Modenschauen. Die in diesem Jahr parallel

zum Salon Sanssouci stattfindende vierte Brandenburgische

Künstlermesse ist ein zusätzlicher

Glanzpunkt, weil diese Kombination nahezu

einzigartig ist. Kunst und genussvolle Lebensart

passen einfach gut zusammen.

www.art-brandenburg.de · www.salon-sanssouci.de · www.maerkisches-galerienforum.de


Augenschmaus

Art Brandenburg

Starke Umsätze, nachhaltige Kontakte: Die vom

Brandenburgischen Verband Bildender Künstlerinnen

und Künstler e.V. (BVBK) in Kooperation

mit der Messe Potsdam GmbH veranstaltete

4. Art Brandenburg ist Magnet für Sammler,

Kuratoren und Kunstliebhaber. Die Leitmesse

für Bildende Kunst im Land Brandenburg gibt

einen umfassenden Überblick über die aktuellen

Positionen zeitgenössischer Kunst. In 69 Kojenund

einem Skulpturenbereich stellen 89 renommierte

Künstler mit Schaffensschwerpunkt

im Land Brandenburg ihre Werke persönlich vor.

Salon Sanssouci

Parallel dazu findet die Messe für Genuss, Lebensart

und Ambiente Salon Sanssouci statt.

Es werden rund 80 Aussteller der Extraklasse

erwartet. Bei der Luxusmesse ist unter anderem

erstmals eine Yacht zu sehen. Umrahmt

von hochwertigen Küchenmodellen, u. a. im

Design von Jette Joop, findet traditionell ein

Showkochen statt. Bei den Modenschauen wird

die Herbst/Winter-Kollektion von Anja Gockel,

Simm-Berlin und weiteren Modepartnern präsentiert.

Für Tabakfreunde zeigt Jorge Emilio

Orquin am Stand des Preußischen Cigarren-

Collegiums Berlin wie man Zigarren rollt.

Märkisches Galerienforum

Zudem stellen 10 ausgewählte Galerien zum

ersten Mal unter dem Namen Märkisches Galerienforum

im Foyer der Metropolis Halle aus.

Die Besucher dürfen sich sowohl auf heimische

Künstler freuen als auch auf Künstler aus Russland,

China, der Mongolei und Japan. Neben

Galerien aus Berlin und Brandenburg ist auch

das Leipziger Buch- und Kunstantiquariat mit

dabei, das Werke der Leipziger Schule und der

Neuen Leipziger Schule zeigt.

Öffnungszeiten:

Fr. 4.11.:

Sa. 5.11.:

So. 6.11.:

11.00 - 20.00 Uhr

11.00 - 20.00 Uhr

11.00 - 18.00 Uhr

Eintrittspreise:

Erwachsene 8,00 €

Ermäßigt 5,00 €

Abendticket (ab 16 Uhr) 5,00 €

Dauerkarte (3 Tage) 14,00 €

www.art-brandenburg.de / www.salon-sanssouci.de

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Veranstaltungsort:

Metropolis Halle, Potsdam

Großbeerenstraße 14482 Potsdam

Besucherhotline: 0331/2016678

Impressum:

Titel: Ina Abuschenko-Matwejewa: Störbilder (Serie), 4teilig, je 24 x 45 x 3,5 cm,

Gouache, Aquarellkarton, 2011

Foto: Thomas Kläber © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

weitere Fotos: © MPG Messe Potsdam GmbH

Interview Karin Genrich © Top Magazin Brandengburg, Autorin: Brigitte Menge

Text: Rita Bartl Gestaltung: Carolin Winning

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Highlights

Zigarren rollen

Modenschauen

Auf der Modenschau am Samstag, 5. November

um 17 Uhr wird die Herbst/Winter-Kollektion

von Anja Gockel, Simm-Berlin und weiteren

Modepartnern präsentiert. Anja Gockel hat in

den vergangenen Jahren die Finalistinnen der

Der Zigarrendreher Señor Jorge Emilio Orquin Erfolgssendung „Germany‘s next Topmodel“ mit

kommt aus Kuba, ist 67 Jahre alt und hat seine Heidi Klum ausgestattet. Ulrike Carolina Simm

erste Zigarre mit 13 Jahren gefertigt. Er wird vor stellt mit ihrem Label Simm-Berlin ihre Pret

den Augen der Besucher Premium-Zigarren in a Porter und Haute Couture Kollektion vor, die

traditioneller Weise fertigen. Der Torcedo, wie in ihrem Stil Erhabenheit, zeitlose Eleganz und

der Zigarrendreher in Landessprache genannt Extravaganz vereint. Hüte von Maliné (Kristin

wird, erklärt alle Vorgänge während der Herstellung.

Für besonders Interessierte gibt es ter der Modelle. Karin Genrich wird zudem viel

Müller) unterstreichen den besonderen Charak-

Zigarrenrollkurse am Stand des Preußischen vom Label Sportalm zeigen. Der Sonntag, 6. November

gehört dann exklusiv Karin Genrich und

Cigarren-Collegium Berlin. Dieses bietet in

der Nähe vom Kurfürstendamm neben einer Simm-Berlin.

Smokers Lounge feine Zigarren, ausgesuchte

Whiskies und Brände sowie stilvolles Zubehör

(Scheren, Feuerzeuge und Humidore) an. Und

wer schon immer wissen wollte, welchen Einfluss

Reifung und Lagerung auf den Geschmack

von Zigarren hat, ist hier genau richtig.

Kochen mit Jette Joop

„Wir sind dabei“, nicht ohne Stolz zeigt Herr Mauermann von Mauermann Küchen, auf eine dezent

beleuchtete Glasbordüre, auf der sich weiße Kolibris der Nahrungsaufnahme widmen. „Diese anmutige

Gestaltung stammt aus der Feder der bekannten Designerin Jette Joop.“ Großzügig, elegant und

ein wenig verspielt zieht das neuartige Design die Blicke auf sich. Die matten Mikrolack Oberflächen

sind edel, trotz ihrer Strapazierfähigkeit. Einige Schränke erinnern mit ihrer abgeschrägten Form an die

Facetten eines Edelsteins. Neben der Küche als Highlight werden täglich von 14 bis 17 Uhr am Stand

allerlei Köstlichkeiten gezaubert, darunter Kürbisfrischkäse auf frischem Bauernbrot und Avocadosalat

auf sautierten Garnelen.

Diesel für die erste Liga

Seit Herbst 2008 ist Infiniti, der Edelableger

der Marke Nissan, auch in Europa präsent. Fünf

Händler gibt es, die die optisch auffallenden

sowie sportlich ausgelegten Modelle des japanischen

Autoherstellers anbieten. Neben Hamburg,

Dresden, Frankfurt und Düsseldorf hat

Infiniti seit September 2010 auch in Berlin am

Salzufer einen Handelspartner.

Die geschwungene Linie ist für Infiniti das

ästhetische Leitmotiv. Das Design folgt der

Philosophie der kraftvollen Eleganz, d.h. das

geschmeidige Styling bildet ein Gegengewicht

zum leistungsstarken Drehmoment. Zeitlose

japanische Ästhetik wird modern interpretiert:

So sind beispielsweise die Polstersitze von Kimonos

inspiriert. Zur Messe Salon Sanssouci

bringt Infiniti einen M35h Hybrid und einen

FX30d Diesel mit.

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REPORT

hersteller und Membranverarbeiter sind

international Spitze. Ein halbes Dutzend

Firmen verfügt hierzulande über das

nötige Knowhow. Darunter die Novum

Membranes GmbH in Edersleben.

Im Jahr 2000 als KFM GmbH Konfektionierung

für Membranen auf 450 Quadratmeter

in Wallhausen gegründet, hat

sich die Firma über die Jahre behauptet.

2003 erfolgte der Umzug in den 1.800

Quadratmeter großen Betrieb ins nahe

gelegene Edersleben (Landkreis Mansfeld-Südharz).

Da ging es weiter bergauf –

aber bei dem bayrischen Hauptauftraggeber

Covertex ab 2007 bergab.

Als Covertex 2008 in die Pleite schlittert,

gerät die KFM mit ihren 20 Mitarbei-

Können Sie sich vorstellen, Dach

und Wände Ihres Eigenheims mit

Kunststoff zu verkleiden? Nein?

Aber Sie kennen sicher die Allianz-Arena

in München. Spektakulär, futuristisch,

luftig! Die Außenhülle – mit 66.000 Quadratmetern

die größte der Welt – leuchtet

rot, wenn der FC Bayern spielt, blau

bei 1860 München und weiß bei Länderspielen.

Insgesamt 2.760 Membrankissen

werden ständig mit getrockneter Luft

aufgeblasen. Strahler erzeugen die unterschiedlichen

Farbspiele.

Gefertigt, zugeschnitten und geschweißt

wurden die 7,6 bis 40,7 Quadratmeter

großen Folienkissen aus Ethylen-Tetrafluorenthylen

(EFTE) 2004 in

Edersleben in Sachsen-Anhalt. Ein Teil ist

auf dem Betriebsgelände der Novum

Membranes GmbH geblieben. Als Musterstück.

Das zeigt Controller Thomas Pohl.

»Ein zweilagiges EFTE-Luftkissen. Die Folie

ist mit 0,2 Millimeter hauchdünn,

trotzdem haltbar und strapazierfähig.«

Und der Betriebswirtschaftler fährt fort:

»Flexibel, leicht, transparent, UV-durchlässig,

selbstreinigend.«

Fotos: D. Micke, Novum Membranes GmbH

FÜNFTES ELEMENT DER BAUKUNST

Pohl scheint auch im Marketing fit zu

sein, verweist auf das Online-Portal der

Firma. Da sei eine kleine Auswahl an Referenzobjekten

aufgelistet: die Foliendächer

der AWD-Arena Hannover, die

PTFE-Glas-Membranen im Mercedes Museum

Stuttgart und im Flughafen-Tower

Wien, das LED-beleuchtete Luftkissendach

am Terminal 3 des Londoner Airports

Heathrow, die einlagigen Membranen

im Botanischen »Garten Eden« in

Cornwall (England). Klangvolle Namen.

Auch vor der eigenen Haustür haben sich

die Ederslebener verewigt: im nahen

Sangerhausen mit der PVC-beschichteten

Bühnenüberdachung des Rosariums, Europas

größtem Rosengarten.

Die Folienhüllen stehen erst am Anfang

ihres Siegeszuges bei Großprojekten.

Künftig sollen noch viel ausladendere

Flächen überspannt werden. Experten

gehen sogar davon aus, dass Kunststoffmembrane

das Zeug zum fünften Element

in der Baukunst haben – nach

Holz, Stahl, Beton und Glas. Die Branche

ist im Aufwind. Immer mehr Kunden setzen

auf leichte textile Bauten. Folien zieren

nicht mehr nur Stadien und Flughäfen,

sondern auch Schulen, Universitäten

und Krankenhäuser. Selbst in kleinen

Privatgärten ziehen sie ein: in Form von

Poolüberdachungen.

»In der Architektur werden Membranen

aus EFTE-Folien, mit PVC beschichteten

Geweben oder PTFE-Glasfasern eingesetzt«,

erklärt Pohl. Die deutschen Folien-

Novum Membranes GmbH in Edersleben

Folien, Kissen und Luft

Allianz-Arena München, Flughafen Heathrow, Airport-Tower Wien

– Dächer und Fassaden dieser Bauten schmücken spektakuläre

Membranensysteme. Hergestellt in Edersleben bei Sangerhausen.

tern ebenfalls in Existenznöte, wird dann

aber von der in Milwaukee (USA) ansässigen

»Novum Structures LLC«, Spezialist

für Stahl- und Glaskonstruktionen, komplett

gekauft. Genau genommen von der

Novum Structures GmbH im fränkischen

Veitshöchheim. Die gehört den Amerikanern

zu 100 Prozent.

So können sie ihre Produktpalette mit

Membranen erweitern, die Fertigung

und Logistik für den weltweiten Markt

ausbauen. Die Sachsen-Anhalter nutzen

das Know-how und das Vertriebssystem

der Novum-Gruppe mit ihren insgesamt

250 Beschäftigten in Zweigstellen in

Großbritannien, Italien, Frankreich,

China und Indien. KFM-Geschäftsführe-

32 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


REPORT

PRÄZISION Bei Systemplanerin Antje Scheer (l. Foto) gefragt und beim Folienzuschnitt. Azubi Sebastian (r.) mit Controller Thomas Pohl.

rin Gunda Noatzsch bleibt in Edersleben,

ist heute Niederlassungleiterin der 2008

gegründeten Novum Membranes GmbH.

Die Chefin steckt gerade in Beratungen,

kommt kurz raus und begrüßt den

Gast, um sodann auf Thomas Pohl zu verweisen.

Mit 27 Jahren trägt er bereits Verantwortung.

Er macht im Betrieb Controlling,

Reporting für die US-Mutter und

Öffentlichkeitsarbeit.

Pohl hat BWL in Nordhausen studiert

und 2008 in Edersleben angefangen. Er

stammt aus Annarode, nicht weit entfernt.

»Der Job ist reizvoll durch die amerikanische

Mutterfirma, die E-Mails sind

fast ausschließlich in Englisch, wir haben

viele Kontakte in die USA und nach

Großbritannien, eine neue Software ist

im Aufbau. Und wir haben ein tolles Betriebsklima«,

schwärmt er. Andere Mitarbeiter

bestätigen das. Sie ergänzen, es sei

toll, eine »soziale Chefin« zu haben. Unisono:

Die Arbeit hier mache Spaß.

Der Umsatz stimmt. Im Jahr 2010 standen

2,2 Millionen Euro zu Buche, dieses

Jahr sind 2,5 Millionen avisiert. 42 Mitarbeiter

in Edersleben produzieren mehr

als 150.000 Quadratmeter Membranen

jährlich. Mit dreidimensionalen, computergestützten

Modellen werden Schnittmuster

für die Membranen erstellt. Diese

werden dann mit höchster Präzision von

modernen CAD-Cuttern geschnitten, anschließend

von computerüberwachten

Hightech-Maschinen in die endgültige

Form geschweißt.

FREIGESPANNTE KONSTRUKTION

Antje Scheer aus Allstedt hat technische

Zeichnerin gelernt, »heute heißt das

technische Systemplanerin«, sagt sie. Die

Arbeitsagentur vermittelte sie 2008 nach

Edersleben. »Ich habe Angebote erstellt,

mich reingefuchst. Die Firma vergrößert

sich, und wir wachsen mit den neuen

Herausforderungen.« Klingt wie ein Marketingsspruch.

»Es ist aber so«, schiebt

GEOMETRIE Aufgeblasene Top-Membranen.

die 42-Jährige nach. Sie mache nun mit

der neuen Software den Zuschnitt.

Ingenieurleistungen wie die Formfindung

werden sukzessive auch im eigenen

Haus verwirklicht, sagt Pohl. Formfindung?

»Das ist ein Verfahren zur Ermittlung

der Geometrie eines Tragsystems.

Da bei freigespannten textilen

Membrankonstruktionen die Geometrie

der tragenden Fläche der entscheidende

Parameter für ihre Tauglichkeit ist, ist

die Formfindung ein wichtiger Teil der

Entwurfsarbeit.« Demnächst will die Firma

eigene Serienprodukte entwickeln.

Mehr verrät Pohl noch nicht.

Die Firma will jedenfalls mehr selber

machen. Dafür braucht sie Leute, Spezialisten.

Wie sieht es da mit dem Nachwuchs

aus? Bisher haben hier drei technische

Konfektionäre, so heißt der Beruf,

ihre Ausbildung beendet. Darunter die

23-jährige Nicole Doyscher aus Breitenstein

nach drei Lehrjahren im Januar

2007. Ihre Mutter ist hier Produktionsleiterin,

hat sie zum Praktikum mitgebracht.

»Mir hat es damals gefallen. So

habe ich als Azubi in Edersleben begonnen.«

Und wurde später übernommen.

»Jedes Projekt ist anders, die Arbeit abwechslungsreich.

Das passt.« Keine Frage,

sie will bleiben.

Das möchte auch der 18 Jahre alte Sebastian

Claaßen, seit August 2009 Lehrling.

In der Fertigungshalle ist er am Cutter,

schneidet eine einlagige, blaue Folie

zu. Auftragswerk für die 32.300 Quadratmeter

große Überdachung eines Stadions

im französischen Le Havre.

HAGEL-FESTES MATERIAL

Apropos Unwetter, hält das Material massiven

Hagel aus? »Ziehen Sie mal!« Der

Azubi lässt auf das Produkt nichts kommen.

Ebenso Pohl: »Nehmen Sie ein Messer

und versuchen es ...« Claaßen grinst.

»Von kleinauf wollte ich Bäcker werden,

dann ab der 8. Klasse irgendetwas

mit Kfz. Aber bei Schülerpraktika merkte

ich, das ist nicht das Richtige für mich«,

sagt der Azubi. »Da ich in Edersleben

wohne, habe ich mich in den Ferien hier

um ein Praktikum beworben. Ich kam

mit Null-Vorstellung und ging mit 100

Prozent gutem Eindruck.«

Jetzt ist er richtig da, hat, wie er sagt,

Spaß an der Ausbildung und ist stolz,

dass seine Firma an Projekten in aller

Welt mitgewirkt hat. »Die Allianz-Arena,

Rosarium ..., das ist ein tolles Gefühl.«

Pohl nickt. Es ist ja nicht so, dass er als

junger Mann sein ganzes Leben in der

Heimatregion zubringen muss. Aber:

»Hier stimmt alles.« Der Job und das

drumherum. Und meint damit auch: Seit

2008 funktioniert hier das DSL schnell.

Die Südharzautobahn A38 sei inzwischhen

vollständig befahrbar. Naja, die A71,

die Fertigstellung des Abschnitts zwischen

Südharz und Artern, habe sich verzögert.

Hoffentlich ist er bis zum Frühjahr

2012 dann wirklich vollendet. Und

das Private? Zu Hause fühle der sich sehr

wohl. Mit seiner Freundin, seiner Boa

Constrictor und seiner Königspython,

und sagt: »Hier will ich bleiben!«

Dana Micke

&

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 33


W&M-SERVICE

AKTUELL

LUFTVERKEHR

Erste Bilanz

der Flugsteuer

Die Experten der NORD/LB

haben eine erste Zwischenbilanz

der Auswirkungen der

Flugverkehrssteuer gezogen.

Ihre Einführung hatte zu empörten

Reaktionen bei Flughäfen

und Fluggesellschaften geführt:

die Luftverkehrssteuer. Anfang

Oktober machten Gerüchte um

eine geplante Reduzierung der

Branche Hoffnung, sie wurden

aber umgehend von der Bundesregierung

dementiert. Die

NORD/LB hat nun in ihrem

»Aviation Monitor« eine Analyse

der bisherigen Auswirkungen

der Steuer vorgenommen. Demnach

beurteilt das Bundesministerium

der Finanzen die Einnahmeentwicklung

positiv. Das

im Mai geschätzte Jahresaufkommen

von 940 Millionen

Euro wird wohl 2011 erreicht

werden. Die gewünschte ökologische

Wirkung der Steuer ist

allerdings kaum eindeutig zu

beurteilen. Bei den Fluggesellschaften

trifft es vor allem die

Low-Cost-Carrier. Air Berlin und

Germanwings klagen über spürbare

Nachfrageauswirkungen.

Ausländische Billigflieger reduzieren

ihre Kapazitäten in Deutschland

und weichen zum Teil

auf ausländische Märkte aus. In

der Folge sind vor allem Flughäfen

betroffen, die sich dem

Geschäft mit den Billigfliegern

verschrieben haben. Profiteure

sind grenznahe Flughäfen im

Ausland. Das Bundesfinanzministerium

will aber den Rückgang

der Passagierzahlen an einzelnen

Flughäfen nicht allein

der Flugverkehrssteuer zugeschrieben

wissen. Schließlich verteuerten

auch steigende Kerosinpreise

die Tickets und sorgten so

zu einem Nachfragerückgang in

der Nebensaison und auf innerdeutschen

Flügen. Für die

kriselnden mitteldeutschen

Flughäfen verspricht dies kaum

Perspektive – ihre Hoffnung auf

einen Dauerboom der Ferienflieger

hat sich nicht erfüllt.

IM

ARZTPRAXIS

Im Kaufpreis

inbegriffen

Der Wert einer Arztpraxis

umfasst auch den finanziellen

Vorteil aus der Zulassung

als Vertragsarzt.

Ein Facharzt für Orthopädie

hatte eine Facharztpraxis mit

dem Patientenstamm der Kassenpatienten

erworben. Der

Kaufpreis entfiel zum Teil auf

die Praxiseinrichtung, zum

größeren Teil aber auf den

Praxiswert. Der Erwerber

führte die Praxis fort und

nahm auf den Praxiswert

Absetzungen für Abnutzung

(AfA) vor. Das Finanzamt sah

in der Hälfte des vom Kläger

entrichteten Betrags für den

Praxiswert den »wirtschaftlichen

Vorteil einer Vertragsarztzulassung«.

Dieser sei ein gesondertes,

nicht abnutzbares immaterielles

Wirtschaftsgut, für das

keine AfA abzuziehen sei.

Falsch, urteilte der BFH (Az.

VIII R 13/08) im Sinne des Arztes.

Ein gesondertes Wirtschaftsgut

»Vorteil aus der

Vertragsarztzulassung« lasse

sich nicht abspalten. Eine solche

gesonderte Bewertung sei

überhaupt nicht praktikabel.

UNTERNEHMEN

AUSKÜNFTE

Antwort nur

gegen Gebühr

Das Auskunftsbegehren

einer Aktiengesellschaft

beim Finanzamt kam die

Firma teuer zu stehen.

Eine Aktiengesellschaft stellte

an ein Finanzamt ein Auskunftsbegehren

zum deutschen

Besteuerungsrecht,

konkret zum Übergang eines

vortragsfähigen Gewerbeverlusts

und zur Buchwertfortführung

im Zuge einer Umstrukturierung.

Nach einem

Schriftwechsel nahm sie das

Auskunftsersuchen zurück.

Der Antrag auf verbindliche

Bestätigung der Buchwertfortführung

wurde aber aufrechterhalten.

Diesen lehnte

das Amt wegen formaler Fehler

ab. Dennoch fiel eine Gebühr

von mehreren tausend

Euro an. Das Unternehmen

klagte: Die Auskünfte müssten

kostenlos sein, außerdem

sei die Anfrage gar nicht bearbeitet

worden. Das Hessische

FG schmetterte die Klage ab

(Az. 4 K 3139/09). Bereits mit

der Annahme des Antrags sei

ein gebührenpflichtiges Verfahren

in Gang gesetzt worden.

GEWERBESTEUER

Hebesätze zogen 2010 an

Im Jahr 2010 lag der durchschnittliche Hebesatz aller Gemeinden

in Deutschland für die Gewerbesteuer bei 390 Prozent und damit

um drei Prozentpunkte höher als im Vorjahr (387 Prozent).

Durchschnittliche Hebesätze Gewerbesteuer

Land Hebesatz Veränderung zu 2009*

Berlin 410 0

Brandenburg 309 –12

Mecklenburg-Vorpom. 345 +1

Sachsen 412 +2

Sachsen-Anhalt 350 +1

Thüringen 349 +8

Quelle: Statistisches Bundesamt, * in Prozent

STEUERN SPAREN

W&M-Tipp für die PRAXIS

Die Steuererklärung

wird einfacher

Bundestag und Bundesrat haben

das Steuervereinfachungsgesetz

beschlossen. Für Unternehmen sollen

die Bürokratiekosten sinken.

Arbeitnehmer können sich bereits

2011 über die Erhöhung der Werbungskostenpauschale

von 920

auf 1.000 Euro freuen. Wer mehr

als 1.000 Euro für beispielsweise

Berufskleidung oder Fachbücher

ausgibt, muss aber nach wie vor

Belege sammeln. Freuen dürfen

sich auch Familien. Bei volljährigen

Kindern wird Kindergeld ab 2012

grundsätzlich auch dann gezahlt,

wenn das Kind über eigene Einkünfte

verfügt, die den Freibetrag von

8.004 nicht übersteigen. Bisher

genügte nach der Rechtsprechung

schon das Überschreiten der Verdienstgrenze

um nur einem Euro,

um die Ansprüche erlöschen zu lassen.

Voraussetzung für den Bezug:

Der Nachwuchs muss sich in einer

Berufsausbildung (Studium, Lehre),

im Freiwilligendienst, in einer Warte-

oder Übergangszeit zwischen

zwei Ausbildungen befinden oder

arbeitslos sein. Leichter abzugsfähig

sind Betreuungskosten für

Kinder, die das 14. Lebensjahr

noch nicht vollendet haben. Eltern

müssen nicht mehr begründen,

warum sie ihr Kind aus beruflichen

oder privaten Gründen nicht selber

betreuen. Künftig werden alle Kinderbetreuungskosten

als Sonderausgaben

gewertet. Bis zum 14.

Lebensjahr des Kindes können die

Eltern zwei Drittel der Betreuungskosten

absetzen, maximal jedoch

4.000 Euro. Vermieter, die Wohnungen

preisgünstig beispielsweise

an Angehörige vermieten, profitieren

ebenfalls von der Steuervereinfachung.

Sie können künftig trotz

der niedrigen Miete ihre Werbungskosten

in voller Höhe geltend machen.

Allerdings unter einer Einschränkung:

Die vereinbarte Miete

muss mindestens 66 Prozent der

ortsüblichen Vergleichsmiete betragen.

Gegebenenfalls ist also

eine Mieterhöhung sinnvoll.

W&M-TIPP

Der elektronische Rechnungsversand

wurde ebenfalls vereinfacht.

Bei elektronischen Rechnungen gibt

es den Vorsteuerabzug auch dann,

wenn die elektronische Rechnung

keine digitale Signatur enthält.

Rechnungsaussteller können nun

frei wählen, wie sie die Echtheit

digitaler Daten gegenüber dem

Fiskus belegen.

34 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


W&M-SERVICE

KLAGE

Es haperte an

der Signatur

Die Erhebung einer Klage

per E-Mail bei einem Finanzgericht

erfordert eine digitale

Signatur.

Dies gilt jedenfalls, wenn das

betreffende Bundesland diese

Signatur in einer Verordnung

vorgeschrieben hat. Seit dem

Jahr 2005 sieht die Finanzgerichtsordnung

vor, dass Klagen

bei Finanzgerichten elektronisch

eingereicht werden können.

Es bleibt den Bundesländern

überlassen, die generelle

Zulassung sowie die Art und

Weise der elektronischen

Einreichung von Dokumenten

durch eigene Rechtsverordnungen

zu regeln. Für Klageschriften

müssen die Verordnungen

allerdings die Beifügung

einer qualifizierten digitalen

Signatur nach Paragraf

2 Abs. 3 des Signaturgesetzes

vorsehen. Dies hat der BFH (Az.

VII R 30/10) in einem aktuellen

Fall einer ohne Signatur eingereichten

Klage noch einmal

bestätigt.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Was im Rechtsstreit viele Jahre dauerte, hat

endlich zum Erfolg geführt: Der BFH hat entschieden,

dass die Kosten eines Erststudiums

und einer Erstausbildung voll abziehbar sein

können, selbst wenn ein Steuerpflichtiger diese

unmittelbar im Anschluss an eine Schulausbildung

aufgenommen hat. Finanzämter hatten

diese Kosten regelmäßig nicht mehr anerkannt.

Derartige Kosten sollten allenfalls als

Sonderausgaben abzugsfähig sein. Da Studenten

in der Regel aber kein oder nur ein geringes

Einkommen erzielen, ließen sich wegen der

fehlenden Verrechnungsmöglichkeit keine

Steuervorteile daraus erzielen. Die Aufwendungen

gingen regelmäßig verloren.

Nach der neuen Rechtslage ist es ratsam, Aufwendungen

für das Studium künftig möglichst

PRIVAT

KINDER

Besuche sind

keine Belastung

Können Aufwendungen im

Rahmen eines Eltern-Kind-

Verhältnisses steuerlich geltend

gemacht werden?

Der Vater einer Tochter, die bei

ihrer Mutter in Norddeutschland

lebt, reiste einmal monatlich

zum »Besuchswochenende«

an. Die Kosten machte er

als außergewöhnliche Belastung

geltend. Das FG Rheinland-Pfalz

(Az. 5 K 2011/10) beschied

das Ansinnen negativ.

Der Gesetzgeber habe die Aufwendungen

des nicht sorgeberechtigten

Elternteils für den

Umgang mit seinem Kind den

typischen Aufwendungen der

Lebensführung zugeordnet,

die durch den Familienleistungsausgleich

– beispielsweise

dem auch nicht Sorgeberechtigten

zustehenden

Kinderfreibetrag oder das Kindergeld

– berücksichtigt würden.

Die Frage, wie solche Kosten

abzugelten seien, lägen im

Rahmen des gesetzgeberischen

Regelungsspielraums.

Von KARL-HEINZ BADURA

Wirtschaftsjournalist und Finanzrichter,

Nörvenich

Erstausbildung und Erststudium sparen Steuern

ZWEITWOHNUNG

Teure Phase der

Eingewöhnung

Wer aus beruflichen Gründen

einen zweiten Haushalt

gründet, muss sich am neuen

Wohnort zurechtfinden.

Deshalb kann er für die ersten

drei Monate Mehraufwendungen

für Verpflegung in der

Einkommensteuererklärung

ansetzen. Die entsprechende

Pauschale für einen Tag beträgt

24 Euro. Der Bundesfinanzhof

(Az.:VI R 15/09) hat nun geurteilt,

dass diese Drei-Monatsfrist

wieder von neuem einsetzt,

wenn die doppelte Haushaltsführung

zunächst beendet

wird, später aber am selben

Ort wieder neu auflebt. Diese

Regelung gilt selbst dann,

wenn der Arbeitnehmer wieder

dieselbe Wohnung bezieht oder

wenn es sich gar um eine Eigentumswohnung

handelt. Dies

betrifft aber nur Fälle einer

echten Unterbrechung des Aufenthalts,

nicht etwa im Falle

eines Urlaubs oder vorübergehend

krankheitsbedingter

Abwesenheit.

umfänglich geltend zu machen und eine entsprechende

Verlustfeststellung zu beantragen.

Werbungskosten können sein: Aufwendungen

für Kurse, Lehrgänge, Tagungen, Studienund

Prüfungsgebühren, Lernmaterialien, Fachbücher

oder Kopien, Abschreibungen auf

Arbeitsmittel wie den Laptop und studiumsbedingte

Fahrtkosten zur Ausbildungsstätte,

so der Deutsche Steuerberaterverband (DStV).

Angesichts der hohen Kosten für eine qualifizierte

Ausbildung, die erst die Aufnahme eines

Beschäftigungsverhältnisses möglich machen,

ist die Berücksichtigung als vorweggenommene

Werbungskosten nicht nur legitim, sondern

auch gerecht. Schließlich profitiert der Staat

später über lange Jahre auch von den Steuerzahlungen.

➔Steuern KOMPAKT

HAUSSCHWAMM

Beseitigung absetzen

Hausbesitzer können Ausgaben für

die Beseitigung von Hausschwamm

als außergewöhnliche Belastung von

der Steuer absetzen.

Hausschwamm sei eine außergewöhnliche

Belastung im Sinne des

Gesetzes, urteilte das Niedersächsische

Finanzgericht (Az. 12 K 10270/

09). Nichts spreche für ein eigenes

Verschulden des Betroffenen und

auch Ersatzansprüche gegen Dritte

seien nicht realisierbar, erklärte

das Gericht.

UMZUGSKOSTEN

Doppelte Miete

Ein Arbeitnehmer musste aus beruflichen

Gründen umziehen. Die Familie

folgte drei Monate später. So mussten

zwei Mieten gezahlt werden

Der BFH (Az. VI R 2/1) hat zum Vorteil

der Steuerpflichtigen entschieden,

dass die Aufwendungen für eine zweite

Wohnung am neuen Arbeitsort, die

wegen eines Umzugs aus beruflichen

Gründen entstehen, unbegrenzt als

Werbungskosten abgesetzt werden

können. Nach Ansicht der Richter gilt

dies bis zum Ablauf der ordentlichen

Kündigungsfrist der alten Familienwohnung.

Der Kläger hatte eine zweite

Wohnung (165 Quadratmeter) am

Ort der neuen Tätigkeit angemietet.

Seine Frau und die Kinder folgten

drei Monate später. Das Finanzamt

erkannte – unter Hinweis auf eine

doppelte Haushaltsführung – nur anteilige

Kosten für 60 Quadratmeter

Wohnfläche an.

SOFTWARE

Ansparen ohne Fiskus

Software wird als ein immaterielles

Wirtschaftsgut eingestuft. Dies hat

für die steuerliche Absetzbarkeit der

Anschaffungskosten Folgen.

Die Bewertung als immaterielles Wirtschaftsgut,

wie zuletzt vom BFH (Az.

X R 26/09) bestätigt, wirkt sich aus,

wenn Steuerpflichtige eine Ansparabschreibung

bilden wollen. Diese gewinnmindernde

Rücklage für die Anschaffung

oder Herstellung eines beweglichen

Wirtschaftsgutes des Anlagevermögens

gilt nur für materielle

Wirtschaftsgüter. Software ist somit

ausgeschlossen. Dass sich die Software

auf einem materiellen Datenträger

befindet, ändert daran nichts.

Geklagt hatte ein gewerblich tätiger

Systementwickler und Systeminstallateur.

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 35


W&M-SERVICE

DAS

THEMA

INTERVIEW

ERBEN

Keinen Streit

ums Erbe

2,6 Billionen Euro vererben

die Deutschen bis 2020, hat

das Deutsche Institut für Altersvorsorge

ermittelt.

Rund 47 Prozent der Deutschen

haben noch kein Testament,

zeigt eine aktuelle Studie

des Instituts Allensbach im

Auftrag der Postbank. Im

Streitfall sei eine fehlende oder

falsche testamentarische Regelung

jedoch bei der Hälfte der

Fälle Auslöser für Streitereien

unter den Hinterbliebenen.

Tipps für die Nachlassplanung

gibt deshalb der Berufsverband

für Zertifizierte Finanz- und

Vermögensberater (FPSB). Am

Anfang stehe die Überlegung,

wer das Vermögen erben soll.

Denn gibt es kein Testament,

greife die gesetzliche Erbfolge.

Verwaltet die Erbengemeinschaft

das Vermögen gemeinsam,

sei Streit vorprogrammiert.

Damit der letzte Wille

auch gültig ist, muss er komplett

handschriftlich verfasst

sein, Datum und Namen der

Erben sollten eindeutig aufgeführt

sein. Eltern, Ehegatten

und Kindern stehen Pflichtteile

zu, sofern sie vom Erbe ausgeschlossen

sind. Diese Ansprüche

seien sofort nach Todesfall

fällig und können den

Erbenden in Bedrängnis bringen.

Abhilfe schaffen dabei Anrechnungsklauseln

bei Schenkungen

an die Pflichtteilberechtigten.

Der Vermögensinhaber kann

schon zu Lebzeiten schenken

und dabei Freibeträge ausnutzen.

Allerdings sollte er bei

Schenkungen immer seine eigene

spätere finanzielle Absicherung

im Blick haben.

Eine Alternative zum Testament

sei der Erbvertrag: Künftiger

Erblasser und Erben

schließen einen verbindlichen

Vertrag. Mit einer Rücktrittsklausel

ist der Vermögensinhaber

jedoch auf der sicheren

Seite. Infos: www.fpsb.de

DAX-FIRMEN

Aufsichtsräte

verdienen gut

AKTIENMARKT

Um durchschnittlich neun

Prozent steigen 2011 die Bezüge

der Aufsichtsräte von

Dax-Unternehmen.

Dies prognostiziert die Unternehmensberatung

Tower Watson.

Ihre Studie sieht vor allem

die Aufseher sehr großer

Unternehmen wegen der

größeren Verantwortung an

der Spitze. Die steigende Vergütung

sei hauptsächlich auf

den Unternehmenserfolg, zunehmende

Professionalität

und eine geänderte Zusammensetzung

der Vergütung

zurückzuführen. Spitzenverdiener

ist der Chef des Volkswagen-Aufsichtsrats,

Ferdinand

Piëch. Seine Bezüge sollen

2011 gegenüber 2010 um

32,51 Prozent steigen und

785.000 Euro betragen. Mit

Abstand reihen sich dahinter

Gerhard Cromme (Siemens,

+19,82 Prozent, 584.000 Euro)

und Joachim Milberg (BMW,

+45,42 Prozent, 505.000 Euro)

ein. Den größten Zuwachs

darf Simon Bagel-Trah bei

Henkel für sich reklamieren:

Plus 123,46 Prozent.

MASCHINENBAU

Optimismus

allerorts

Der Verein Deutscher

Werkzeugmaschinenfabrikanten

(VDW) erwartet weiteres

Wachstum.

Seine Prognose: 30 Prozent

Wachstum für 2011. In den

ersten sieben Monaten des

laufenden Jahres stiegen die

Aufträge bereits um 91 Prozent

– mehr als je zuvor. Und

trotz Krisenzeiten gehen die

Hersteller für 2012 davon aus,

dass die Kunden weiterhin

kräftig investieren. Laut VDW

soll die industrielle Schlüsselbranche

um bis zu zehn Prozent

wachsen. Nach VDW-Geschäftsführer

Dr. Wilfried

Schäfer sammelten die Anbieter

allein auf der diesjährigen

Messe EMO in Hannover Aufträge

im Wert von 4,5 Milliarden

Euro ein. Die gute Lage

solle aufgrund der Nachfrage

gerade aus Schwellenländern

bis 2015 anhalten.

Die Analysten der WestLB

raten weiter zum Kauf von

Gildemeister (WKN: 587800).

Ein Vorsteuergewinn von 20

Millionen Euro sei dieses Jahr

möglich.

DAX BÖRSENSTARS

+

WKN 766403 Volkswagen VZ + 19,39%

WKN 578560 Fresenius + 17,54%

WKN 623100 Infineon + 14,85%

WKN 648300 Linde + 12,11%

WKN 578580 Fresenius Medical Care + 12,11%

Volkswagen: Der Autobauer hat sich wieder an die DAX-Spitze gesetzt. Für das

Gesamtjahr ist der Konzern äußerst optimistisch, denn sowohl bei VW als auch bei Audi

klingeln die Kassen. Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 11.10.2011

DAX BÖRSENFLOPS


WKN 803200 Commerzbank - 71,54%

WKN 703712 RWE - 37,72%

WKN 725750 Metro - 33,58%

WKN 823212 Lufthansa - 31,68%

WKN 514000 Deutsche Bank - 31,13%

Commerzbank: Die Commerzbank bleibt weiter gedrückt, Doch Branchenstudien rechnen

für den ganzen europäischen Bankensektor mit Belastungen aus der Eurokrise.

Kurs-Performance 1 Jahr; Schluss: 11.10.2011

Quelle: W&M, ohne Gewähr

ALEXANDER CIRIC

Finanzexperte Fondsgesellschaft

Oppenheim

Fonds Trust

Sparen für die Familie

W&M: Herr Ciric, Sicherheit

drückt die Zinsen. Wo bekommen

Eltern aktuell mehr als die Inflationsrate?

CIRIC: Wer sein Geld auf ein

Sparkonto packt, kann keine

riesigen Zinsen erwarten. Aber

je höher die Zinsversprechen

bei Geldanlagen, desto vorsichtiger

sollte man sein. Grundsätzlich

gilt: Sparer sollten immer

auf mehrere Arten von

Geldanlagen setzen. Nur so erreichen

Familien den optimalen

Mix von Zuwachs und Sicherheit.

Das Risiko lässt sich

mit einer breiten Streuung

der Anlagen mindern, z. B. mit

Investmentfonds. Sie legen das

Geld der Sparer in vielen verschiedenen

Aktien, Immobilien

oder festverzinslichen

Wertpapieren an – die wandern

alle in den Topf. Und ein

Profi kümmert sich darum,

dass die Mischung stimmt.

W&M: Und das ist sicher?

CIRIC: Langfristig können sich

die Ergebnisse sehen lassen.

Die Börsen schwanken zwar,

doch unter dem Strich, über

viele Jahre, ist das Ergebnis

meist positiv – und deutlich

besser als auf dem Sparkonto.

Aktienfonds mit dem Anlageschwerpunkt

Deutschland haben

über 30 Jahre zum Beispiel

7,5 Prozent Plus gebracht.

Tagesgeldkonten bringen derzeit

je nach Anbieter zwischen

einem und drei Prozent.

W&M: Ein Familienauto, das

Eigenheim, das Studium für die

Kinder – wie packe ich das an?

CIRIC: Ein konkretes Ziel hilft

sehr beim Sparen. Dann lässt

sich leicht ausrechnen, wie

viel ich monatlich zurücklegen

muss, um am Ende zum

Beispiel 10.000 oder 20.000

Euro auf der hohen Kante zu

haben. Für ein Studium von

20.000 Euro muss ich über

20 Jahre weniger als 50 Euro

im Monat beiseite legen.

36 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


W&M-SERVICE

Fotos: privat

SCHRODERS

Brasilien mit

Dynamik

Einen neuen Schwellenländer-Aktienfonds

mit Fokus

auf Brasilien hat Schroders

aufgelegt.

Die Anlagestrategie des »ISF

Brazilian Equity« folgt laut

Anbieter dem seit Jahren erfolgreichen

Fondsprodukt

»Brazilian Alpha Plus«. Der

neue Fonds des britischen Vermögensverwalters

hat Werte

von 20 bis 40 Unternehmen im

Portfolio. Das Fondsmanagement,

ein Team mit lokaler

Expertise, analysiere Märkte

und Branchenumfeld, um

qualitativ hochwertige Wachstumsaktien

auszuwählen.

Benchmark ist der Index MSCI

Brazil 10/40. Brasilien wächst

äußerst dynamisch. Die

Schroders-Experten erwarten

3,8 Prozent Wachstum für

2011. Gewachsen ist auch die

brasilianische Mittelschicht,

wodurch Konsum und Binnennachfrage

in Brasilien steigen.

WKN: A1JKEF

GELD & ANLAGE

NACHHALTIGKEIT

Grüne Anlagen

sind gefragt

Im ersten Halbjahr 2011

sind schon fast so viele

Nachhaltigkeits-Fonds registriert

worden wie 2010.

In den ersten sechs Monaten

dieses Jahres nahm das

Sustainable Business Institute

(SBI) 23 nachhaltige Fonds

neu in seine Datenbank auf.

2010 waren es insgesamt 25.

Rund 36 Milliarden Euro sind

in 354 Nachhaltikgeits-Fonds

investiert. Doch unter den

Anlegern herrscht noch immer

ein großes Informationsdefizit

in Bezug auf nachhaltige

Investments, so eine Forsa-

Studie im Auftrag der sozialökologischen

GLS Bank und

des Energiedienstleisters

Green City Energy. Allerdings

wären rund zehn Prozent der

Privatanleger bereit, in »grüne«

Geldanlagen zu investieren,

die sich an sozialen, ökologischen

und/oder ethischen

Kriterien orientieren.

www.nachhaltiges-investment.org

SAL. OPPENHEIM

Das Prinzip

marktneutral

Einen »marktneutralen«

Fonds hat Oppenheim

Fonds Trust neu im

Programm.

Der Absolute Return Fonds

»OP Aktien Marktneutral« will

nach Anbieterangaben möglichst

unabhängig von der

Entwicklung der Aktienmärkte

sein. Dazu sollen sowohl Kurssteigerungen

als auch Kursrückgänge

zum Geldverdienen

genutzt werden. Erreicht

werde dies durch gleichzeitige

Kauf- und Verkaufspositionen,

die die Kursschwankungen

minimieren und das Produkt

unabhängiger von anderen

Wertpapieren machen soll.

Das Management wolle mittelfristig

eine positive absolute

Mehrrendite zum Geldmarkt

erreichen. Die Spezialisten

von Sal. Oppenheim wollen

prognosebasiert und regelgebunden

aus zahlreichen

Titeln auswählen.

WKN: DE000A1JBZ51


Geld KOMPAKT

ANLEGER

Kein Vertrauen

Nur noch 13 Prozent der Anleger

haben einer europaweiten Umfrage

zufolge volles Vertrauen in ihren

Finanzberater.

Die Untersuchung von TNS Sofres

und Fidelity Worldwide Investment

ergab, dass mehr als zwei Drittel

der Befragten glauben, ihr Berater

verfolge überwiegend eigene Interessen.

Vor einem Jahr waren noch

16 Prozent von ihrem Finanzberater

voll überzeugt. Vor allem in

Deutschland schwinde das Vertrauen

in die Finanzberatung.

ANLAGE

Konzept N-11

58 Prozent der Investoren kennen

die BRIC-Staaten, ergab eine

Umfrage von Goldman Sachs Asset

Management und TNS Emnid.

Den Ländern Brasilien, Russland,

Indien und China räumen Anleger

zudem beste Wachstumschancen

ein. Nun gilt es offenbar, das nächste

Kürzel zu vermarkten. Nach der

selben Umfragen kennen 90 Prozent

der Anleger noch nicht das

Konzept »Next-11«. Entsprechend

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

Substanz contra Gewinnaussichten

Von Anfang Mai bis Mitte Oktober sanken die

deutschen Blue Chips durchschnittlich um rund

25 Prozent. Die Griechenland-Krise hat die

Stimmung getrübt. Ungeachtet dessen sehen

Optimisten bereits wieder attraktive Einstiegskurse.

Die Kauf-Argumente werden mit den geeigneten

Kennziffern untermauert. Während

derweil das Kurs-Gewinn-Verhältnis wegen der

zuletzt vagen Gewinnprognosen der Unternehmen

keine geeignete Grundlage mehr bietet,

erfreut sich das Kurs-Buchwert-Verhältnis einer

Renaissance. Diese Kennziffer orientiert sich

an der Substanz der Unternehmen. Der Buchwert

ist die Summe aller Vermögensgegenstände

abzüglich der Schulden in der Bilanz. Liegt

dieser über dem aktuellen Börsenwert – ermittelt

durch Multiplikation der ausgegebenen

Aktien mit dem aktuellen Kurswert – dann wird

Von GERD RÜCKEL,

CEFA-Wertpapieranalyst, Frankfurt/M.

die Aktie des Unternehmens an der Börse unter

dem Eigenkapital bewertet. Fällt das Kurs-

Buchwert-Verhältnis unter Eins, signalisiert es

so Kurspotenzial. Dabei gilt: Je niedriger das

Kurs-Buchwert-Verhältnis ist, desto größer ist

die Unterbewertung. Derzeit notieren eine

ganze Reihe von DAX-Titeln unter ihrem Buchwert.

Eine Garantie für schnelle Börsengewinne

ist das aber nicht. Gerade in den Bilanzen der

Bankaktien schlummert möglicherweise noch

Abschreibungsbedarf, der das Eigenkapital und

somit den Buchwert kräftig nach unten hebeln

kann. Wer jedoch jetzt mit Augenmaß investiert,

dem muss nicht bange sein. Für langfristig

orientierte Anleger, die auf eine breite Streuung

bei den Blue Chips gesetzt haben, waren

die Phasen nach Kursrückschlägen in kurzen

Zeiträumen meist gute Einstiegszeitpunkte.

trauen die wenigen Kenner unter

den Anlegern den Ländern Ägypten,

Bangladesch, Indonesien, Iran, Mexiko,

Nigeria, Pakistan, die Philippinen,

Südkorea, die Türkei und Vietnam

eine nur geringe Rendite zu.

SCHULDEN

Mehr Insolvenzen

Der aktuelle Überschuldungsreport

zählt für 2010 im Durchschnitt drei

Millionen überschuldete Haushalte

in Deutschland.

Nach der Studie des Instituts für

Finanzdienstleistungen und der

»Stiftung Deutschland im Plus«

stieg die Zahl der Verbraucherinsolvenzen

2010 im Vergleich zum Vorjahr

um acht Prozent auf 106.290.

Allerdings sanken im selben Zeitraum

die Gesamtschulden je Haushalt

von durchschnittlich 31.995

auf 27.132 Euro. Auslöser sind

hauptsächlich Arbeitslosigkeit,

Trennung oder Scheidung, Krankheit,

Konsumverhalten oder eine

gescheiterte Selbständigkeit.

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11

37


W&M-SERVICE

Fotos: Tourismusverband Bbg., Archiv

DAS THEMA

KFZ-VERSICHERER

Branche im

Wechselfieber

Wie jedes Jahr haben die

Kfz-Versicherer auch in diesem

Herbst zum Jahresend-

Wechselgeschäft gerüstet.

Beim Online-Vertrieb werden

neue Frontlinien aufgemacht,

nachdem die HUK Coburg, die

HDI Direkt und die WGV mit

dem neuen Portal Transparo

dem bisherigen Primus Check24

und dessen Provisionen den

Kampf angesagt haben. Produktseitig

spielen vor allem erweiterte

Rabattstaffeln und verbesserte

Leistungen eine Rolle. Bereits

im Frühjahr hatte die Allianz

mit dem neuen Tarif »MeinAuto«

eine auf 35 Klassen verlängerte

Schadenfreiheitsstaffel auf

den Markt gebracht. Inzwischen

haben auch die Itzehoer, die

VGH und die ÖSA verlängerte SF-

Staffeln. Die HUK Coburg und

HDI Gerling wollen folgen.

Viele Unternehmen haben ihre

Tarife aufgebessert. Beispiel

W&W: Der Zusatzbaustein

»Auslands-Schaden-Schutz« ist

jetzt kostenlos in der Haftpflichtdeckung

enthalten. Beim

Kaskoschutz ist der Diebstahl

von mobilen Navigationsgeräten

aus verschlossenen Fahrzeugen

beitragsfrei eingeschlossen. Zusätzlich

sind alle Tierbisse und

daraus resultierende Folgeschäden

bis zu 3.000 Euro mitversichert.

Bei Totalschaden und

Entwendung übernimmt die

Württembergische nunmehr

auch die Vorfälligkeitsentschädigung

bei kreditfinanzierten

Fahrzeugen, der Beitrag für den

»Wertausgleich in Kasko« im Tarif

»PremiumSchutz« wurde auf

25 Euro abgesenkt. Eine große

Rolle spielen Fahrerschutzversicherungen,

die inzwischen rund

30 Versicherer anbieten. Weil

Fahrerschutz nicht solo erhältlich

ist, sondern nur in Zusammenhang

mit einer Autoversicherung

verkauft wird, ist das

Produkt hervorragend für den

Vertrieb und die Kundenbindung

geeignet.

HAFTPFLICHT

Mehr als

marktüblich

Die Württembergische hat

ihre Betriebshaftpflichtversicherung

deutlich verbessert.

Zu den Highlights gehören

z.B. die beitragsfreie Mitversicherung

von Solar- und Photovoltaikanlagen

auf eigenen

Betriebsgrundstücken. Die

Versicherungssumme für

Tätigkeits- und Vermögensschäden

wurde auf eine Million

Euro erhöht, für Bauhandwerker

gilt sie bis zur Versicherungssumme.

Schäden an

Gerätschaften Dritter sind

nunmehr eingeschlossen. Die

Internet-Zusatzdeckung wurde

auf zwei Millionen Euro

Versicherungssumme erhöht.

Öl-, Benzin- und Leichtflüssigkeitsabscheider

wurden in

die Umwelthaftpflicht- und

Umweltschadens-Basisversicherung

eingeschlossen. Die

Betriebs-Haftpflichtversicherung

der Württembergischen

richtet sich u. a. an gewerbliche

und industrielle Handelsund

Produktionsbetriebe sowie

an Unternehmen aus den

Bereichen Kfz-Handwerk, Hotel

und Gastronomie, IT-

Dienstleister und Heilwesen.

IM UNTERNEHMEN

FREIBERUFLER

Schutz für

Anwälte & Co.

Die Nürnberger hat die

Deckungskonzepte ihrer

Vermögenshaftpflichtversicherung

neu geordnet.

Weil die Tätigkeiten von beratend,

verwaltend oder vermittelnd

tätigen Selbständigen

sehr unterschiedlich sind,

wurden Deckungskonzepte

für sechs Zielgruppen konstruiert:

Kammerberufe (z. B.

Anwälte und Steuerberater),

Rund ums Haus (Immobilienmakler

und -verwalter),

Dienstleistungen für Unternehmen

(z. B. Personalberatung,

Werbeagenturen), Informationstechnologie,

Vereine/Stiftungen/Verbände

sowie

Sachverständige/Gutachter.

Die tarifliche Regelversicherungssumme

beträgt eine

Million Euro, höhere Summen

können aber vereinbart

werden. Mehrere Leistungsextras

sind kostenlos, wie beispielsweise

die Anspruchsprüfung

durch erfahrene

Juristen, fünf Jahre Spätschadenschutz

nach Aufgabe des

Berufs sowie Eigenschäden

von Vereinen und Verbänden.

Der Versicherungsschutz gilt

europaweit.

BERUFSUNFÄHIGKEIT

Psychische Erkrankungen dominieren

Erkrankungen der Psyche sind bei 45,6 Prozent der berufsunfähigen

Frauen Ursache für das Ausscheiden aus dem Beruf.

Bei den Männern sind es 33,4 Prozent. Die häufigsten Ursachen:

BU Ursachen Männer Frauen

Psyche 33,4 45,6

Skelett, Muskeln 15,0 14,3

Herz/Kreislauf 13,7 5,9

Nerven, Sinne 5,8 6,3

Stoffwechsel 4,5 3,2

Sonstige 14,6 11,1

Quelle: Deutsche Rentenversicherung Bund

PFLEGE

Langes Warten

auf die Reform

Einst war die geplante Reform

der Pflegeversicherung der

größte Hoffnungsträger der

privaten Versicherungen.

Hatten doch die Regierungskoalitionäre

einst beschlossen, die soziale

Pflegeversicherung (SPV) zu

reformieren und eine verpflichtende,

kapitalgedeckte Zusatzversicherung

einzuführen. Bundesgesundheitsminister

Daniel Bahr

hat jetzt die Pflegereform auf unbestimmte

Zeit verschoben.

Die aktuell diskutierten Ansätze

für eine Pflegereform haben mit

dem ursprünglichen Vorhaben

nichts zu tun: Beitragserhöhung

in der SPV für Leistungen an Demenzkranke,

Finanzierungen der

Leistungen für Behinderte und

Demenzkranke durch den Steuerzahler

oder Einrichtungen einer

Riester-Pflegerente. Der Verband

der Privaten Krankenversicherer

(PKV) hält deshalb die jüngsten

Vorschläge für »nicht geeignet,

das beständig wachsende Pflegerisiko

generationengerecht abzusichern«.

Fest steht nur, was passiert,

wenn nichts passiert: Der

heutige Beitragssatz der gesetzlichen

Pflegeversicherung reicht

nach Angaben der Bundesregierung

zur Finanzierung der bestehenden

Leistungen nur noch bis

zum Frühjahr 2014. Danach müsste

er von heute 1,95 auf rund 2,1

Prozent und danach noch weiter

angehoben werden. Der Höhepunkt

des Pflegeproblems mit

etwa 4,5 Millionen Pflegebedürftigen

wird etwa 2050 bis 2055 erreicht.

Das Zeitfenster zum Aufbau

einer ausreichenden kapitalgedeckten

Absicherung ist

schmal. Wird es jetzt zugeschlagen

droht eine Verdoppelung des

Beitragssatzes in der SPV, so eine

Untersuchung der Deutsche Bank

Research. Es besteht folglich kein

Grund, mit dem Abschluss von

privaten Pflegezusatzversicherungen

abzuwarten, denn eine

Reform kommt (so schnell) nicht.

Am günstigsten sind Verträge, die

eine Anpassungsklausel an spätere

gesetzliche Regelungen – z.B.

Neudefinition des Pflegebegriffs

– vorsehen.

38 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


W&M-SERVICE

PFLEGE

Ohne Prüfung

der Gesundheit

Mit dem IDEAL PflegeKonto

können Kunden von 50 bis

70 Jahren die Option auf

eine Pflegerente erwerben.

Dabei handelt es sich um eine

ganz normale Rentenversicherung

gegen Einmalbeitragszahlung.

Das Sparkapital wird

mit dem (noch) üblichen Rechnungszins

von 2,25 Prozent

verzinst, hinzu kommen laufende

Überschüsse und

Schlussüberschüsse. Anleger

können den vereinbarten Rentenzahlungsbeginn

beliebig

vorverlegen. Statt der Rentenzahlung

kann auch eine einmalige

Kapitalabfindung gewählt

werden. Teilauszahlungen

sind ebenso möglich wie

jederzeitige Zuzahlungen. Der

Clou ist allerdings, dass das

Produkt die Option auf den

späteren Abschluss einer privaten

Pflegeversicherung ohne

Gesundheitsfragen enthält.

Ausgeübt werden muss die Option

zu Rentenbeginn.

DIE MEINUNG DES EXPERTEN

PRIVAT

HAUSRAT

Bei grober

Fahrlässigkeit

Die Swiss Life folgt dem

Trend moderner Hausratversicherungen

zur

Deckungserweiterung.

Der neue SLP-Hausratschutz

schließt Schäden durch grobe

Fahrlässigkeit ein, versichert

Überspannungsschäden nach

Blitzschlag automatisch mit,

enthält eine verbesserte Nachtzeitklausel

und eine Wertsachenabdeckung

bis zu 100 Prozent

der Versicherungssumme.

Mitversichert sind Mehrkosten

zur Wiederbeschaffung von

Gegenständen mit ideellem

Wert bis zu 500 Euro.

Angedockt werden können an

die Hausratversicherung Elementarschaden,

Reisegepäck

und Glasschutz sowie eine prämienfreie

Konditions-Differenzdeckung.

Auch Versehensschäden

und eine erweiterte

Außenversicherung für Verwandte

ersten Grades ist versicherbar

– ebenso wie Tierarztkosten.

Schädliches Schlussverkaufsfieber

AKADEMIKER

Tarife jetzt

günstiger

Seitdem der Volkswohl Bund

seine BU-Versicherung renoviert

hat, zahlen Akademiker

deutlich weniger.

Der Dortmunder Versicherer

hat dazu seine Berufsklassenskala

von fünf auf sieben erweitert.

In der neuen Top-Berufsklasse

»1++« zahlen Akademiker

mit mindestens 80

Prozent Bürotätigkeit bis zu 17

Prozent weniger Beitrag. Rund

1.000 weitere Büroberufe haben

zudem die Chance, über

eine einfache Fragesystematik

in die »1++«-Klasse hoch zu

rücken. Die sehr günstige Prämie

für die Berufsklasse »1+«,

in der sehr viele Kaufleute mit

vorrangiger Bürotätigkeit vertreten

sind, bleibt erhalten.

Viele Meister- und Technikberufe

sind um eine ganze

Berufsklasse aufgestiegen. Mit

der neuen Berufsklasse »2+«

sind bei körperlichen Tätigkeiten

bis zu 19 Prozent Ersparnis

möglich.

Von HANS PFEIFER,

Versicherungsjournalist, Berlin

Vom ersten Januar 2012 an sinkt der Garantiezins

in der konventionellen Lebens- und Rentenversicherung

von bisher 2,25 Prozent auf

1,75 Prozent. Auf Deutsch: Wer noch in diesem

Jahr eine Kapitallebens- oder Rentenversicherung

abschließt, bekommt auf sein Sparkapital

noch 2,25 Prozent Zinsen garantiert, beim Abschluss

im kommenden Jahr 0,5 Punkte weniger.

Für einige Versicherer ist das Anlass, zum

Halali zu blasen. Muss man da mitmachen?

Wohl eher nicht! Es stimmt zwar, dass bei 1,75

Prozent Garantiezins und den üblichen Überschussbeteiligungen

die Gefahr groß ist, dass

am Ende der vereinbarten Laufzeit nicht mal

mehr die eingezahlten Beiträge auf dem Konto

sein werden, ganz abgesehen davon, dass das

magere Kapitalanlageergebnis ohnehin von der

Inflation aufgezehrt sein dürfte. Auch 2,25 Prozent

auf den Sparanteil – nicht auf den Beitrag

wohlgemerkt – brachten bisher nicht viel mehr

als das beruhigende Gefühl, dass man wenigstens

kein Geld verlieren kann. Die konventionelle

Kapital- und Rentenversicherung als Vorsorge

war schon vor der Rechnungszinsabsenkung

»out«. Nun ist sie »mega-out«. Wer heute

eine Vorsorgeversicherung abschließen möchte,

sollte sich besser an modernen Produkten

wie dynamischen Dreitopf-Hybriden orientieren,

die mit Deckungsstock, Garantiefonds und freier

Kapitalanlage operieren, Mindestgarantien

bieten und zugleich in der Lage sind, je nach

Börsensituation die rentierlichste Anlageentscheidung

zu treffen. Zugegeben: Die Produkte

sind kompliziert, aber für das Verständnis sollte

sich jeder Zeit nehmen und die entsprechende

Erklärung von seinem Berater verlangen.

➔Assekuranz KOMPAKT

KFZ-HAFTPFLICHT

Osten billig versichert

Autofahrer in Brandenburg und

Mecklenburg-Vorpommern fahren

auch im kommenden Jahr besonders

günstig.

Das zeigt die Regionalstatistik zur

Kfz-Haftpflichtversicherung des Gesamtverbands

der deutschen Versicherungswirtschaft

(GDV). Danach

bleibt die Kfz-Haftpflichtversicherung

in den Zulassungsbezirken Elbe-Elster,

Oberspreewald-Lausitz, Hansestadt

Greifswald und Neubrandenburg

auch 2012 besonders preiswert.

Die Regionalstatistik dient den

Versicherungsunternehmen, um die

Beiträge für die Autoversicherung zu

berechnen.

BRANDENBURG: Schön und billig.

NATURKATASTROPHE

2011 das teuerste Jahr

Bereits nach dem ersten Halbjahr

war klar, dass 2011 das Jahr mit

den höchsten versicherten

Erdbebenschäden wird.

Nach Schätzungen der Rückversicherungsgesellschaft

Swiss Re beliefen

sich die gesamten versicherten Schäden

aus Natur- und Man-made-Katastrophen

im ersten Halbjahr 2011 auf

das Doppelte der Schadensumme

aus dem ersten Halbjahr 2010.

KRANKENKASSEN

Neue Grenzen

Die Beitragsbemessungs- und

Versicherungspflichtgrenze in der

Kranken- und Pflegeversicherung

wird im kommenden Jahr steigen.

Lag die Beitragsbemessungsgrenze

2011 im Osten noch bei 44.550 Euro

jährlich, wird sie 2012 45.900 Euro

betragen. Wer als freiwilliges Kassenmitglied

erwägt, in die Privatversicherung

zu wechseln, muss beachten,

dass auch die Versicherungspflichtgrenze,

von der an ein Übertritt erst

möglich ist, von 49.500 auf 50.850

Euro steigt.

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 39


W&M-SERVICE

DAS THEMA

WEB–RECHT

INTERNET

Die Sucht, nur

online zu leben

Rund 560.000 Menschen gelten

laut der Bundesdrogenbeauftragten

in Deutschland

als internetsüchtig.

Etwa ein Prozent der 14- bis 64-

Jährigen in Deutschland werden

nach der vom Bundesministerium

für Gesundheit geförderten

Studie »Prävalenz der Internetabhängigkeit

(PINTA I)« der

Universitäten Lübeck und

Greifswald als internetabhängig

eingestuft. Das sind laut der

Bundesdrogenbeauftragten

Mechthild Dyckmans rund

560.000 Menschen. 4,6 Prozent

der 14- bis 64-Jährigen (rund

2,5 Millionen) stuft die Studie

als problematische Internetnutzer

ein. In der Altersgruppe

der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung

am größten: 2,4 Prozent

abhängige und 13,6 Prozent

problematische Internetnutzer.

Internetabhängigkeit

definieren die Forscher wie

folgt: Die Betroffenen verlieren

die Kontrolle darüber, wie viel

Zeit sie im Internet verbringen,

sie leiden unter Entzugserscheinungen

wie Missstimmung,

Angst, Reizbarkeit oder Langeweile,

wenn sie nicht online

sind. Abhängige nutzen das

Internet, um schlechten Gefühlszuständen

zu entrinnen.

Negative Folgen: Sie gehen nicht

mehr zur Arbeit oder zur

Schule, vernachlässigen soziale

Kontakte und verwahrlosen

teilweise sogar körperlich.

Wenn mehrere von diesen

Kriterien gleichzeitig vorliegen,

spricht man von einer Internetabhängigkeit.

Auffälliges

Ergebnis: Bei Mädchen besteht

eine größere Gefahr, sich in sozialen

Netzwerken zu verlieren.

Insgesamt liegen die Zahlen

aber weit niedriger als bisher

angenommen. Kritiker wenden

zudem ein, es handele sich

lediglich um eine Übertragung

vorhandener Störungen wie der

Spiel- oder der Sex-Sucht auf das

Internet-Verhalten.

FAX

Neue Modelle

von Panasonic

Panasonic hat die neuen

Panafax-Modelle UF-5600

und UF-4600 für Unternehmen

an den Start gebracht.

Die UF-5600/UF-4600-Serie

umfasst einen Scanner, der

Dokumente in gerade einmal

drei Sekunden pro Seite

scannt (nur UF-5600, UF-4600:

vier Sekunden). Die Druckereinheit

druckt Dokumente in

A4-Größe mit einer Geschwindigkeit

von 24 Seiten pro Minute,

verspricht der Hersteller.

Auch wenn ein Auftrag

die hohe Kapazität des automatischen

Dokumenteneinzugs

von 30 Blättern überschreitet,

können Jobs als

mehrere Stapel eingescannt

und zu einer einzigen Faxsendung

zusammengeführt werden.

Die Standardpapierkassette

für 250 Blätter gewährleistet

zudem eine große

Papierzufuhr. Die Geräte erhalten

eine »Check & Call«-

Funktion für Fernwartung

und Support. Das Gerät erstellt

automatisch Berichte an

den zuständigen Fachhändler.

Die neuen Modelle sind seit

September 2011 erhältlich.

IM UNTERNEHMEN

MUSIKNUTZUNG

TREND

Private IT im

Unternehmen

Arbeitnehmer wollen

ihre privaten Tablets und

Smartphones zunehmend

auch berulich nutzen.

Die »Consumerization« der IT,

das heißt, die berufliche Nutzung

der für den privaten Sektor

entwickelten Endgeräte

wie iPads oder iPhones, setzt

viele IT-Abteilungen unter

Druck. Das ist das Ergebnis einer

Studie der Experton

Group unter deutschen IT-

Entscheidern im Auftrag des

IT-Dienstleisters Computacenter.

Nach Ansicht der Analysten

befinden sich viele IT-Abteilungen

in einem Dilemma:

Zum einen wünschen sich

Management und Kollegen

iPads und iPhones, was dazu

führen wird, dass deren geschäftliche

Nutzung in diesem

Jahr um 43 Prozent beziehungsweise

38 Prozent steigen

wird. Zum anderen

behindern mangelnde personelle

Ressourcen bei der Integration

der Geräte in die Firmen-IT,

fehlende Applikationen

und Sicherheitsbedenken

der internen IT die Nutzung

der Geräte im Firmenalltag.

Radio weit vorne, PC und Laptop holen auf

Medien-Nutzung beim Hören von Musik: in Prozent

Radio/portables Tischgerät 95

Autoradio, CD-Player 84

Heimstereoanlage 82

Fernseher 37

MP3-Player 33

Laptop/Netbook 29

Desktop-PC 28

Mobiltelefon/Smartphone 25

Spielkonsole 14

Tablet-PC 10

Internet-Radio 9

Quelle: BITKOM

KÜNDIGUNG

Privat im Netz

Immer wieder ein Streitfall: Wann

und wie lange dürfen Arbeitnehmer

das Internet am Arbeitsplatz für

private Zwecke nutzen?

Diesmal hatte sich das Niedersächsischen

Oberverwaltungsgericht (Az.

18 LP 15/10) mit der Frage zu beschäftigen,

unter welchen Voraussetzungen

ein öffentlicher Arbeitgeber

eine fristlose Kündigung ohne vorherige

Abmahnung aussprechen darf,

wenn ein Arbeitnehmer verbotenerweise

den Internetanschluss am Arbeitsplatz

zu privaten Zwecken nutzt.

Das Ergebnis im Fall eines Schulhausmeisters:

Eine fristlose Kündigung

ohne vorherige Abmahnung ist

unter Heranziehung der in der arbeitsgerichtlichen

Rechtsprechung entwickelten

Grundsätze u. a. bei einer

ausschweifenden privaten Nutzung

des Internets während der Arbeitszeit

zwar grundsätzlich möglich.

Eine solche exzessive Nutzung ließ

sich aber in dem zu entscheidenden

Einzelfall nach Auffassung des Gerichts

nicht feststellen. In einem

Überprüfungszeitraum von sieben Wochen

war es an insgesamt zwölf Tagen

mit einer Internetnutzung von

durchschnittlich einer Stunde täglich

zu Auffälligkeiten gekommen.

MOBILTELEFON

Rechnung: 11.500 Euro

Der Käufer eines Handys mit Navigationssoftware

muss darauf

vertrauen können, dass diese auf

einem aktuellem Stand ist.

Ein Kunde kaufte ein Handy, mit dem

er auch navigieren konnte. Kaum hatte

er das Handy angestellt, lud es

über mehrere Stunden aktuelles Kartenmaterial

herunter. Sein Pech: Sein

Tarif umfasste nur eine geringfügige

Internetnutzung. Der stundenlange

Download bescherte ihm eine Rechnung

über 11.500 Euro.

Das Oberlandesgericht Schleswig-

Holstein (Az. 16 U 140/10) bremste

den Mobilfunkanbieter und gab dem

Käufer recht, der die Rechnung nicht

bezahlen wollte.

Der Käufer habe davon auszugehen,

dass die Navigationssoftware auf

aktuellem Stand sei. Sei das nicht

der Fall, müsse er darauf vertrauen

können, dass eine Aktualisierung

nur durch das Herunterladen möglich

und für ihn kostenfrei sei. Weil der

Anbieter nicht vor der Gefahr einer

astronomischen Handyrechnung im

Falle des Herunterladens gewarnt

hatte, habe er gegen Treu und Glauben

verstoßen und kein Anrecht

auf das Entgelt.

40 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


Fotos: D. Sell, Riesaer Teigwaren

PORTRÄT

mich als hart, aber herzlich ein. Ich tadele

und lobe, wo es angebracht ist«, sagt

Birgit Tief über sich. In einer offenen Art,

wie man sie selten bei Managern sieht.

Auch äußerlich ist sie nicht der Typ Chef,

wie er häufig im Fernehen zu erleben ist.

Statt Kostüm oder Hosenanzug trägt die

Produktionsleiterin ein legeres T-Shirt

und Jeans. Für den täglichen Rundgang

in der Produktion legt sie eine Schürze

um und stülpt sich ein Haarnetz über.

In der Wendezeit trifft es Birgit Tief

wie viele ostdeutsche Arbeitnehmer. Sie

wird arbeitslos. Die Teigwarenfabrik Riesa

wurde stillgelegt. »Anfangs war ich so-

Sie ist stolz, an diesem Ort zu arbeiten,

stolz auf die Firma. »Ja, ich bin

stolz, ein Bestandteil dieses Betriebes

zu sein«, sagt Birgit Tief fest, Diplom-

Ingenieurin für Lebensmitteltechnologie

und Produktionsleiterin in der Teigwaren

Riesa GmbH. Seit über 30 Jahren bestimmen

Makkaroni, Spaghetti, Spirelli,

Nudelhörnchen, Nudelnester oder Nudelmuscheln

ihr berufliches Leben.

Die zierliche Person mit typisch sächsischem

Akzent managt das Werk I der

Teigwaren Riesa GmbH.

Das Riesaer Nudelwerk hat eine lange

Tradition. Bereits im Jahr 1914 gründete

die Großeinkaufsgenossenschaft Deutscher

Consumverein Hamburg die Nudelfabrik.

Rasch stieg die Zahl der Mitarbeiter

auf bis zu 250. Ende der 1980er Jahre

werden bis zu 16.700 Tonnen Nudeln pro

Jahr produziert. »Riesa war zum größten

und leistungsfähigsten Nudellieferant in

der DDR aufgestiegen«, erinnert sich Birgit

Tief. Und da ist er wieder: der Stolz,

daran mitgewirkt zu haben.

Die Nudel bestimmt ihr berufliches

Leben seit 1979. In dem Jahr wollte sie

eigentlich eine Lehre als Friseuse beginnen,

doch sie fand keine Lehrstelle. Also

heuerte sie bei den »Nudelleuten« in Riesa

an. Facharbeiter für Anlagentechnik

hieß die Ausbildung damals und Birgit

Tief war der einzige Lehrling im Betrieb.

Sie wurde gefordert, hatte Spaß und beendete

die Lehre mit der Note »sehr gut«.

Nach der Ausbildung war ihr schnell

klar, dass sie nicht den Rest ihres Lebens

im Dreischichtsystem arbeiten wollte.

Ehrgeiz packte sie. Die Kaderabteilung

des damaligen Kombinats ließ sie ein

Fernstudium der Lebensmitteltechnologie

in Dippoldiswalde aufnehmen.

Es begann eine harte Zeit. Fünf Jahre

Studium und nebenbei Dreischichtarbeit

als Anlagenfahrer. »Da waren verzweifelte

Momente, als die Mehrfachbelastung

zu viel wurde«, erinnert sie sich. Doch

ihr Ehrgeiz hilft hier. Und die Kombinatsleitung

fördert sie weiter. Der Aufstieg an

die Spitze ist rasant. Sie wird Brigadier,

dann Schichtleiterin und schließlich Produktionsleiterin.

Doch die schnelle Karriere ist nicht

hürdenlos. »Ich war die Jüngste, die

Kleinste, eher schüchtern, und musste

ganz schnell lernen, mich bei meinen

Kollegen aus der Lehrzeit als Leiterin der

Produktion durchzusetzen.« Während

Birgit Tief an diese Zeit zurückdenkt,

wird die sonst so humorvolle Frau sehr

nachdenklich. »Ich hatte mächtig zu

kämpfen, dass mich die Kollegen anerkennen,

akzeptieren.«

Sie setzt auf Teamgeist, Fachwissen,

Kollegialität und Disziplin. »Ich schätze

Teigwaren Riesa GmbH

Spirit für

Spirelli

Der Nummer eins unter

den Nudel-Herstellern auf

dem ostdeutschen Markt hält

Produktionsleiterin Birgit Tief

seit drei Jahrzehnten die Treue.

BELIEBT Teigwaren aus Riesa stehen in der

Gunst ostdeutscher Kunden ganz weit oben.

gar noch erbaut darüber, dass ich zu den

letzten Mitarbeitern gehörte, die im Dezember

1992 entlassen wurden. Dabei

hatten sich andere Kollegen schon längst

neue Jobs gesucht«, erzählt sie. Die Verbitterung

darüber ist ihr noch anzumerken.

Vom Arbeitsamt erfuhr sie nur, sie

wäre als Diplom-Ingenieur überqualifiziert.

Es folgte Niedergeschlagenheit. Andere

Nudelhersteller hätten sie gern beschäftigt,

doch Birgt Tief wollte ihren Eltern

zuliebe nicht weg von Riesa.

Am 1. Januar 1993 übernimmt dann

das Familienunternehmen »Alb Gold«

von Klaus Freidler aus dem 443 Kilometer

entfernten schwäbischen Trochtelfingen

die Teigwarenfabrik Riesa. Er gründet

die Teigwaren Riesa GmbH und beschäftigt

zunächst 34 Mitarbeiter. Die

Riesaer Produkte besitzen da lediglich

noch einen unbedeutenden Marktanteil

von einem Prozent. Von 1993 bis 1998 investiert

Klaus Freidler rund zehn Millionen

DM in ein neues Werk, in die Sanierung

des alten sowie in Umbauten und

vor allem in neue Technik. Neue Nudel-

Produkte kommen auf den Markt.

Im März 1994 holt Freidler schließlich

Birgit Tief wieder als Produktionsleiterin

in den Betrieb zurück. 1997 ist das Unternehmen

Marktführer in Ostdeutschland.

2008 wird eine neue Produktionshalle

gebaut, in der typisch italienische Nudelspezialitäten

und asiatische Nudeln hergestellt

werden. 141 Menschen sind heute

in beiden Werken und einem »Nudelcenter«

mit Kontor, Nudelmuseum,

Kochstudio und eigenem Restaurant beschäftigt.

Birgit Tief sitzt an ihrem Schreibtisch

und entscheidet: Was wird hergestellt, in

welchen Mengen, zu welchem Termin?

Was muss an Material und Rohstoffen

dazu geordert werden? Und wenn ein

großes, deutsches Handelsunternehmen

ein Aktionsangebot ordert, geht es nicht

um ein paar Tüten Spaghetti, sondern

um Tonnen. »Wir müssen flexibel reagieren,

um spezielle Kundenwünsche erfüllen

zu können«, sagt sie und fügt hinzu,

»es ist aber bei uns alles machbar.« Dass

sie dann zehn Stunden und mehr im Betrieb

verbringt, versteht sich von selbst.

Als Ausgleich zur Arbeit unternimmt

sie ausgedehnte Spaziergänge mit ihrer

Zwergschnauzerhündin und ihrem

Mann. Er ist mit den Riesaer Nudeln

ebenfalls eng verbandelt. Als Speditionsleiter

im Betrieb. Dies ist auch der Ort, an

dem sie sich kennengelernt haben.

Kommen bei so viel Teigwaren im Beruf

zu Hause auch Nudeln auf den Tisch?

»Ja. Es gibt in meinem Haushalt immer

Nudeln auf Vorrat«.

Daniela Sell

&

42 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


TOURISMUS

Fotos: A. Pröber

Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern

Pauschal gen Norden

Ab diesem Winter lockt Deutschlands führender Reiseveranstalter

TUI erstmals mit Angebotspaketen Urlauber an die Ostsee.

Premiere bei der TUI. Zum ersten

Mal bietet Deutschlands führender

Reiseveranstalter Flugpauschalreisen

innerhalb Deutschlands an. Ziel

dieses neuen Angebots ist Mecklenburg-

Vorpommern. »Das nordöstliche Bundesland

ist für uns die wichtigste und größte

Reisedestination in Deutschland, noch

vor Bayern«, begründet Andreas Casdorff

von TUI Deutschland. 25 Prozent aller

über TUI gebuchten Inlandreisen führen

bereits nach MV. In den Sommermonaten

sind es 27 Prozent.

Künftig soll das beliebteste Urlaubsland

für Süddeutsche noch bequemer erreichbar

werden. Vor allem Kurzurlauber

und ältere Reisende wählten gern das

Flugzeug, so Casdorff. Ab der Wintersaison

2011/12 können 80 der insgesamt 130

TUI-Partnerhäuser in Mecklenburg-Vorpommern

im Paket – Fluganreise, Transfer,

Unterkunft – gebucht werden. Anreisemöglichkeiten

nach Rostock-Laage gibt

es zunächst aus Köln und Stuttgart. Im

Frühjahr 2012 kommen dann Anreisemöglichkeiten

ab Dortmund, Düsseldorf

und Stuttgart nach Heringsdorf hinzu.

Über die Vorreiterrolle des Landes

zeigt sich Sylvia Bretschneider, Präsidentin

des Tourismusverbandes MV, sehr erfreut.

Das neue Produkt unterstreiche

den Stellenwert, den MV bei großen

Reiseveranstaltern besitze. »Unser Land

entspricht mit dem Angebot internationalen

Standards und wird auf dem internationalen

Markt konkurrenzfähig«, betont

Bretschneider.

Von dem Angebot profitieren auch die

Flughäfen des Landes, ist Stefan Rudolph

überzeugt. Der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium

von MV verweist

darauf, dass im vergangenen Jahr rund

78.000 Linienpassagiere in Rostock-Laage

und 31.000 in Heringsdorf abgefertigt

wurden. Da gäbe es noch erhebliches Potenzial.

Derzeit kämen nur ein Prozent

aller Urlauber mit dem Flugzeug, 79 Prozent

reisten mit dem Pkw und 13 Prozent

mit der Bahn an.

Mit dem Bus-Shuttle-Angebot, dass

vom Tourismusverband MV im Jahr 2009

auf den Weg gebracht wurde, ist bereits

eine wichtige Voraussetzung geschaffen

worden, Flugpassagiere in die beliebten

Ferienregionen nach Rügen, auf den

Darß, nach Westmecklenburg oder an

die Seenplatte zu bringen. Das Land

Mecklenburg-Vorpommern hat in die Infrastruktur

des Tourismus stark investiert.

Seit 1990 wurden laut Rudolph 6,3

Milliarden Euro ausgegeben. Nun müssten

diese Investitionen mit Leben erfüllt

werden. Gegenwärtig wird jeder 13. Euro

in MV im Tourismus erwirtschaftet, in

Deutschland gesamt ist es jeder 25. Euro.

Anette Pröber

NEUE OSTSEEHOTELS wie hier in Kühlungsborn überzeugen mit viel Charme.

INTERVIEW

ANDREAS CASDORFF,

Leiter Eigenanreise

TUI Deutschland

Schön wie am Mittelmeer

W&M: Warum schließt TUI die neue Allianz

mit Mecklenburg-Vorpommern?

CASTORFF: Weil es unser Reiseland Nr.

eins in Deutschland ist. Das Bundesland

ist mit den meisten Hotels im 740-Seiten-

Katalog Deutschland vertreten und

erfreut sich der größten Nachfrage. Nun

können wir noch mehr Gästegruppen

ansprechen, vor allem Kurzurlauber

aus dem Süden und ältere Menschen,

die das Flugzeug bevorzugen.

W&M: Was war das Hauptproblem bei der

Umsetzung des Projekts?

CASTORFF: Größte Herausforderung im

Flächenland MV war die Verteilung vor

Ort. Doch am zentralen Luftverkehrsknoten

Rostock-Laage gibt es bereits seit

2009 einen Bus-Shuttle, der Touristen in

fünf Reiseregionen zwischen Westmecklenburg

und Rügen bringt. Das erleichterte

den Start mit Pauschalreisen.

W&M: Was macht den Norden so anziehend?

CASTORFF: Die zumeist neuen Urlaubsquartiere,

die in den letzten 20 Jahren

entstanden sind oder restauriert

wurden, strahlen Charme aus. Sie sind

so schön wie die besten Hotelanlagen

am Mittelmeer. Die Bauherren haben beachtet,

dass Urlauber gern ein wenig

mehr Platz in den Unterkünften lieben

und trotz Nähe zum Wasser großzügige

Spa- und Wellnessbereiche schätzen.

W&M: Wo sehen Sie Entwicklungsbedarf?

CASTORFF: Die Qualität stimmt, auch

die Infrastruktur. Es wurde viel in Radwege,

Golfplätze, Kultur- und Familienangebote

investiert. Nun muss dieses

umfangreiche Paket noch bekannter

werden. Im Marketing sehe ich derzeit

den größten Nachholbedarf. Deshalb

haben wir mit dem Tourismusverband

einen Marketingvertrag geschlossen.

W&M: Stimmen Preis und Leistung?

CASTORFF: Ein Deutschland-Urlaub ist

generell nicht billig. Stimmen aber Qualität

der Unterbringung, Essen und Service

und der Gast wird freundlich umsorgt,

dann ist er bereit, mehr zu zahlen.

Vom professionellen Personal – das

künftig verstärkt auf dem europäischen

Markt umworben werden wird – hängt

es ab, ob es ein Top-Aufenthalt für den

Gast war. Deshalb sollten Hotels rechtzeitig

auf ihre Personalpolitik achten.

Interview: Anette Pröber

&

44 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


UV-AKTUELL

GESCHÄFTSSTELLEN

der Unternehmerverbände

Unternehmerverband Berlin e.V.

Präsident: Armin Pempe

Hauptgeschäftsführer: Andreas Jonderko

Geschäftsstelle:

Ingrid Wachter (Sekretariat)

Frankfurter Alllee 202, 10365 Berlin

Tel.: (030) 981 85 00, 981 85 01

Fax: (030) 982 72 39

E-Mail: mail@uv-berlin.de

Unternehmerverband Brandenburg e.V.

Präsident: Eberhard Walter

Hauptgeschäftsstelle Cottbus:

Roland Kleint

Schillerstraße 71, 03046 Cottbus

Tel.: (03 55) 226 58, Fax: 226 59

E-Mail: uv-brandenburg-cbs@t-online.de

Bezirksgeschäftsstelle Potsdam:

Bezirksgeschäftsführer: Hans-D. Metge

Hegelallee 35, 14467 Potsdam

Tel.: (03 31) 81 03 06

Fax: (03 31) 817 08 35

Geschäftsstelle Frankfurt (Oder):

Geschäftsführer: Detlef Rennspieß

Perleberger Str. 2, 15234 Frankfurt (O.)

Tel.: (03 35) 400 74 56

Mobil: (01 73) 633 34 67

Unternehmerverband Rostock und

Umgebung e.V.

Präsident: Frank Haacker

Geschäftsführerin: Manuela Balan

Geschäftsstelle:

Wilhelm-Külz-Platz 4, 18055 Rostock

Tel.: (03 81) 242 58 -0, 242 58 -11

Fax: 242 58 18

Regionalbüro Güstrow:

Am Augraben 2, 18273 Güstrow

Tel.: (038 43) 23 61 12, Fax: 23 61 17

Unternehmerverband Norddeutschland

Mecklenburg-Schwerin e.V.

Präsident: Rolf Paukstat

Hauptgeschäftsführer: Wolfgang Schröder

Geschäftsstelle:

Brunnenstraße 32, 19053 Schwerin

Tel.: (03 85) 56 93 33, Fax: 56 85 01

Unternehmerverband Thüringen e.V.

Präsident: Peter Baum

Geschäftsstelle:

IHK Erfurt

Arnstädter Str. 34, 99099 Erfurt

Tel.: (03 681) 42 00 50, Fax: 42 00 60

Unternehmerverband Vorpommern e.V.

Präsident: Gerold Jürgens

Leiter d. Geschäftsst.: Wolfgang Kastirr

Geschäftsstelle:

Am Koppelberg 10, 17489 Greifswald

Tel.: (038 34) 83 58 23, Fax: 83 58 25

Unternehmerverband Sachsen e.V.

Präsident: Hartmut Bunsen

Vizepräs.: Dr. W. Zill, Dr. M. Reuschel,

U. Hintzen

Geschäftsführer: Rüdiger Lorch

www.uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Chemnitz:

Leiterin: Gabriele Hofmann-Hunger

Marianne-Brandt-Str. 4, 09112 Chemnitz

Tel.: (03 71) 49 51 29 12, Fax: -16

E-Mail: chemnitz@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Dresden:

Repräsentant: Klaus-Dieter Lindeck

Antonstraße 37, 01097 Dresden

Tel.: (03 51) 899 64 67, Fax 899 67 49

E-Mail: dresden@uv-sachsen.org

Geschäftsstelle Leipzig:

Leiterin: Silvia Müller

Riesaer Straße 72 – 74, 04328 Leipzig

Tel.: (03 41) 257 91-20, Fax: -80

E-Mail: leipzig@uv-sachsen.org

Unternehmerverband Sachsen-Anhalt e.V.

Präsident: Jürgen Sperlich

Geschäftsstelle Halle/Saale

Berliner Str. 130, 06258 Schkopau

Tel.: (0345) 78 23 09 24

Fax: (0345) 78 23 467

UV Rostock

Offen für Neues

Innovationswerkstatt unterstützt neue Ideen und

Anlaufstelle hilft bei Fragen zum Patentrecht.

Zum zweiten Mal lud der Unternehmerverband

Rostock zu

einer Innovationswerkstatt

ein, in der gemeinsam mit

den Mitgliedsunternehmen

nach neuen Ideen gesucht

und Innovationen unterstützt

werden. Besonders gelungen

war dieses Mal der Veranstaltungsort

– die Anfang Oktober

in Anwesenheit von Wirtschaftsminister

Jürgen Seidel

in Betrieb genommene Liebherr-Akademie.

Liebherr mit

seinem hochmodernen Produktionsstandort

im Rostocker

Überseehafen steht

auch symbolisch für innovatives

Unternehmertum.

Wolfgang Kautz, Chef der

neuen Einrichtung, führte

denn auch voller Stolz durch

die neuen Hallen. Auf 5.000

Quadratmeter Ausbildungsfläche

wurden modernste

Werkstätten, Unterrichtsräume

und Ausbildungsinseln

eingerichtet. »Die Schaffung

der Liebherr-Akademie ist die

strategische Reaktion des Unternehmens

auf die demographische

Entwicklung und

die zu erwartende Fachkräftesituation

in Mecklenburg-Vorpommern«,

sagte Minister Seidel

anlässlich der Eröffnung.

Auch der Unternehmerverband

Rostock liegt mit dem

neuen Angebot für seine Mitglieder

im Trend und greift

ein für die wirtschaftliche

Entwicklung des Landes wichtiges

Thema auf. In den Statistiken

für Patentanmeldungen

liegt Mecklenburg-Vorpommern

deutschlandweit mit

UV Schwerin

Stürmische Ausfahrt

Reger Meinungsaustausch zwischen Wirtschaft

und Politik auf traditioneller Dampferrunde.

Die alljährliche Dampferrunde

des Schweriner Unternehmerverbandes

ist immer gut

besucht. Doch in diesem Jahr

gab es ein Novum. Mehr als

160 Teilnehmer wollten auf

den Schweriner See hinausfahren,

was es erstmals nötig

machte, die Besucher auf zwei

Schiffe zu verteilen.

Trotz widriger Witterungsbedingungen

mit Starkregen

und stürmischen Böen bis

kurz vor Beginn der Veranstaltung

ließen sich die Gäste

nicht abschrecken. Auch

ZUM 19. MAL: Unternehmer auf dem Schweriner See

großem Abstand auf dem letzten

Platz. Dies hat nicht nur

mit der geringen Anzahl produzierender

Unternehmen

im Vergleich mit anderen

Bundesländern zu tun, sondern

auch mit den Unternehmensgrößen,

die kaum eigene

Kapazitäten für Bereiche

wie Produkt- oder Markenentwicklung

und kein Know-how

für fundierte Recherchen ermöglichen.

Neben diesem Veranstaltungsformat

bietet der UV

Rostock darüber hinaus eine

Anlaufstelle für kleine und

mittlere Firmen, die mit Erfahrung

und Sachkompetenz

Unterstützung in den komplizierten

und langwierigen Prozessen

leistet. Dabei arbeiten

die Wirtschaftsvertreter nicht

nur mit Patentanwälten zusammen,

sondern werden

auch vom Wirtschaftsministerium

unterstützt.

Interessierte Unternehmer

können sich darüber in der

Geschäftsstelle des UV Rostock

informieren.

&

wenn der Zwischenstopp auf

der Insel Kaninchenwerder

aufgrund des Wetters ausfallen

musste, die Schiffsreisenden

mussten nicht auf die geplante

Life-Musik verzichten.

Der Veranstalter verlegte das

Unterhaltungsprogramm kurzerhand

auf die »MS Schwerin«,

eines der beiden Schiffe,

die vom Co-Sponsor, der maxpress

Unternehmensgruppe,

gechartert worden waren.

Auch in diesem Jahr machten

die guten Gespräche in

entspannter Atmosphäre den

Reiz dieser ungezwungenen

und kommunikativen gemeinsamen

Ausfahrt aus. Neben

Gästen aus allen Verbandsregionen

nutzten auch

in diesem Jahr wieder zahlreiche

Offizielle aus Politik und

Verwaltung die 19. Dampferrunde,

um mit Mitgliedern

und Verbandsrepräsentanten

ins Gespräch zu kommen. Mit

an Bord waren auch die Präsidenten

und Vizepräsidenten

sowie die Geschäftsführer der

Schwesterverbände aus Rostock

und Vorpommern. &

46 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


Foto: UV Schwerin

UV BRANDENBURG

Urteil zu BER

begrüßt

Das Bundesverwaltungsgericht

hat die Klagen

einiger Berliner Bürger

zurückgewiesen, die am

neuen Flughafen Berlin/

Brandenburg ein absolutes

Nachtflugverbot zwischen

22 und 6 Uhr erreichen

wollten.

Das Nachtflugverbot bleibt

wie gehabt nur zwischen

24 und 5 Uhr bestehen, in

den sogenannten Randzeiten

dürfen jedoch Flüge stattfinden.

Der UV Brandenburg

begrüßt als Vertreter der mittelständischen

Wirtschaft

der Hauptstadtregion Berlin-

Brandenburg das Urteil des

Bundesverwaltungsgerichts

in Leipzig zu den Flügen in

Nachtrandzeiten. Damit ist

gesichert, dass sich der Flughafen

zu einem internationalen

Drehkreuz entwickeln

kann. Für die Unternehmen

der Region bedeutet es Planungs-

und Investitionssicherheit.

Bereits heute ist der entstehende

Flughafen ein Motor

der wirtschaftlichen Entwicklung

in der Region, durch

den mehrere zehntausend

Jobs entstehen werden, so die

Wirtschaftsvertreter.

+ TERMINE+

TERMINE

UV Brandenburg

11. November, 9–16 Uhr

Technologie Tag Schönefeld

2011, Thema: Nachhaltiges

Bauen im Gewerbebau,

airportworld Schönefeld

UV Vorpommern

12. November, 19 Uhr

7. Ball der Generationen,

Kaiser Spa »Hotel zur Post«,

Seebad Bansin

UV Sachsen

12. November, 19 Uhr

21. Sächsischer Unternehmerball

unter dem Motto »WISSENschaf(f)t-WIRTSCHAFTSKRAFT,

Hotel »The Westin Leipzig«

Anmeldung unter

leipzig@uv-sachsen.org

NACHRICHTEN

UV SACHSEN

Minister Rösler kommt

Am 16. November kommt Bundeswirtschaftsminister

Philip Rösler (FDP) nach Leipzig.

Dort wird er sich beim Unternehmerverband

Sachsen den Fragen der sächsischen Wirtschaft

stellen. Wirtschaft & Markt berichtet in seiner

nächsten Ausgabe über das Gespräch.

Neue Repräsentanz

Die Geschäftsstelle des UV Sachsen in

Chemnitz ist umgezogen.

Sie finden die Repräsentanz Südwestsachsen,

Standort Chemnitz, ab sofort in ihrem neuen

Büro in der Marianne-Brandt-Straße 4 in

09112 Chemnitz.

UV BERLIN

Unterstützung bei Streit

Der Berliner Unternehmerverband unterhält

seit 2005 eine eigene Einigungsstelle, mit

deren Unterstützung Konflikte außergerichtlich

beigelegt werden können. Nun ist der

Verband dem »Berliner Bündnis außergerichtliche

Konfliktbeilegung« beigetreten.

Initiatoren des Bündnisses, mit dessen Existenz

dem zunehmenden Informationsbedarf von Unternehmern

und Verbrauchern Rechnung getragen

werden soll, sind die Industrie und Handelskammer

Berlin und die Handwerkskammer Berlin

in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung

für Justiz, mit dem Berliner Anwaltsverein und

der Verbraucherzentrale Berlin.

Der Unternehmerverband Berlin ist Anfang September

dieses Jahres mit seiner Einigungsstelle

dem Internetportal des Bündnisses als Anbieter

von Mediationsleistungen beigetreten und unterstützt

damit aktiv die Berliner Initiative.

»Einen Streit beizulegen, ohne gleich ein Gericht

einzuschalten, ermöglicht wirtschaftlich sinnvolle

und für die Konfliktparteien nachhaltige Lösungen«,

beschreibt Andreas Jonderko, Vizepräsident

und Hauptgeschäftsführer des UV Berlin, die

Motivation des Verbandes zu diesem Schritt.

»Dabei können Unternehmen nicht nur Zeit und

Geld sparen, sondern die Lösung ihres Konfliktes

selbst steuern und sicherstellen, dass ihr Gesicht

gewahrt bleibt und vorhandene Geschäftsbeziehungen

nicht dauerhaft zerstört werden.«

Auf diese Weise könnten Auseinandersetzungen

zwischen Unternehmern, Geschäftskunden

und Privatpersonen durch erfahrene Mediatoren,

Rechtsanwälte und Notare sowie Gutachter

außergerichtlich beigelegt werden.

Informationen: www.schlichten-in-berlin.de

Aus Leidenschaft

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dem Weg zum fertigen Er zeugnis zu

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WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 47


W&M-PRIVAT

BÜCHERBORD

Führungskräfte

Hymne auf

die erste Ebene

Manfred Brandl sagt von sich,

in ihm fließe gelbes Blut. Seit

mehr als 30 Jahren ist der

Österreicher im Liebherr-Konzern

beschäftigt. Er sei in den

drei Jahrzehnten alles gewesen,

»außer Pförtner«. Der 57-

jährige ist heute Geschäftsführer

der Liebherr-Werke in

Nenzing, Sunderland (England)

und Rostock. Seine Karriere

vom Facharbeiter bis

zum Geschäftsführer hat ihn

veranlasst, ein Ratgeber-Buch

zu schreiben – über den Stellenwert

und die Qualität von

Führungskräften.

In dem Werk, das lustvoll mit

Cartoons von Martin Michael

MANFRED BRANDL

Die erste Führungsebene,

Eigenverlag,

105 Seiten,

20,00 Euro

Rhomberg illustriert ist,

verallgemeinert der Chef von

2.600 Mitarbeitern seine

Führungserfahrungen, ohne

abstrakt zu theoretisieren.

Brandl bezieht sich ausdrücklich

auf »Die erste Führungsebene«.

Auf diese komme es

entscheidend an im Betrieb,

denn »der Montagegruppenleiter,

der Schichtleiter sind

es, die den Mitarbeitern

sagen müssen, welche Aufgaben

wie zu erfüllen sind«.

Der Erfolg des Unternehmens

wurzelt hier. Umso mehr

müssten direkte Kommunikation,

konsequente Konfliktbewältigung

und konstruktive

Teamarbeit die Arbeit

von Führungskräften prägen.

Bestellt werden kann die

Führungsfibel bei der

Druckerei Wenin GmbH & Co.

KG in A-6850 Dornbirn,

Wallenmahd 29c (E-Mail:

druckerei@wenin.at).

Thomas Schwandt

Industrielle Revolution

Hohelied statt Abgesang

Der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin

glaubt wieder an die Rettung des Planeten

W

ie häufig ist dem

Industriezeitalter

schon das Totenglöcklein

geläutet worden! Auch

der US-Ökononom und Zukunftsexperte

Jeremy Rifkin

bildete da keine Ausnahme.

Doch in seinem neuesten

Buch überrascht er mit einer

neuen Volte. Statt Abgesang

ein Hohelied: Rifkin zufolge

steht der Industrialismus vor

seinem größten Erfolg: der

dritten industriellen Revolution,

die bereits begonnen

habe und bis Mitte des 21.

Jahrhunderts die Wirtschaftsentwicklung

des Planeten

prägen und - wenn es klappt -

dessen Ökologie retten wird.

Energie plus großtechnische

Infrastrukturen für

Kommunikation und Verkehr

stellen für Rifkin die »Genetik«

aller drei industriellen

Revolutionen dar. Was im 19.

Jahrhundert mit Kohle und

Eisenbahn begann, setzte sich

im 20. Jahrhundert mit Erdöl

und Automobil fort. Doch die

fossile Energietechnik mit

ihren Treibhausgas-Emissionen

führte die Erde in einen

globalen Klimawandel mit

ungewissem Ausgang.

Dessen Beherrschung wird

daher nicht nur die zentrale

Aufgabe der dritten industriellen

Revolution sein und

neue Wirtschaftschancen bieten.

Die Energie der neuen Revolution,

vor allem aus Sonne

und Wind, wird über dezentrale

Netze verteilt. Das Internet

bildet den kommunikationstechnischen

Zwilling, das

zweite Super-Netz der grünen

Industrie-Ära.

Rifkins Fahrplan in eine

bessere Öko-Zukunft stellt

fünf technische Aktionsfelder

in den Vordergrund. Neben

dem Umstieg auf erneuerbare

Energien setzt er auf Effizienzmaßnahmen

im Gebäudebereich

mit besonderem

Akzent auf häusliche Mikrokraftwerke.

Neue Speichertechniken

zur Sammlung der

nur ungleichmäßig anfallenden

Naturenergien Wind und

Sonne sind ebenso nötig wie

die Verknüpfung der Stromnetze

mit dem Internet (Intergrid).

Fünfte Säule ist die Umstellung

des Autoverkehrs auf

Elektrofahrzeuge.

Der Aufbau dieser Struktur

»wird zunächst Hunderttausende

neuer Unternehmen

und Hunderte Millionen neuer

Arbeitsplätze schaffen«,

meint der Autor. In den Jahren

2040 bis 2050 werde diese

Infrastruktur auf den meisten

Kontinenten umgesetzt sein

und »die industrielle Arbeiterschaft

sich auf ihrem Höchststand

eingependelt haben«.

Danach erfolge der Übergang

von der industriellen zur »kollaborativen«

Wirtschaftsweise,

die jetzt nur in vagen Umrissen

erkennbar ist.

Rifkin ist ein begnadeter

Kommunikator. Um seine Vision

auch der breiten Bevölkerung

nahe zu bringen, empfiehlt

der amerikanische Ökonom,

man müsse der dritten

JEREMY RIFKIN

Die dritte industrielle Revolution.

Die Zukunft der Wirtschaft nach

dem Atomzeitalter, Campus Verlag

2011, 303 Seiten, 24,99 Euro

industriellen Revolution ein

»neues Narrativ« geben, eine

große mitreißende Story.

Dieser narrative Imperativ

ist die Schwäche des Buches.

Zu sehr gefällt sich der Autor

darin, seine Consulting-Projekte

– bis zur Beratung der

deutschen Bundeskanzlerin –

in gefälliger Lesart darzustellen.

Das große analytische

Alterswerk ist seine »dritte

industrielle Revolution« nicht

geworden, aber immerhin

ein facettenreicher Werkstattbericht

über eine Welt in tief

greifendem Umbau.

Manfred Ronzheimer

IMPRESSUM

Wirtschaft & Markt

Das ostdeutsche Wirtschaftsmagazin

Magazin der Interessengemeinschaft der

Unternehmerverbände Ostdeutschlands

und Berlin

Redaktionsanschrift:

Zimmerstraße 55, 10117 Berlin

Tel.: (030) 27 89 45-0, Fax: -23,

E-Mail: wumberlin@t-online.de

Internet: www.wirtschaftundmarkt.de

Herausgeber:

Klaus George

george@wirtschaftundmarkt.de

Chefredakteur:

Helfried Liebsch,

Tel.: (030) 27 89 45-0

liebsch@wirtschaftundmarkt.de

Redaktion:

Peter Jacobs, Hans Pfeifer,

Matthias Salm, Siegfried Schröder,

Thomas Schwandt, Steffen Uhlmann

Tel.: (030) 27 89 45-14

Verlagsassistenz:

Sten Seliger

Tel.: (030) 27 89 45-11

Gestaltung:

Ralf Puschmann, Jens Wolfram

Tel.: (030) 27 89 45-13

Titelfoto: Torsten George

Druck: Möller Druck Berlin

Autoren dieser Ausgabe:

Thomas Bencard, Peter Jacobs,

Matthias Kasper, Hannelore Koard

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48 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


W&M-PRIVAT

LEUTE & LEUTE

LESERPOST

Brief aus Brüssel

Heft 10-2011

Solidarunion Europa – ein

hehres Ziel und ein schöner

Traum. Doch die einzelnen

Länder werden weiter konkurrieren

und immer auch

versuchen, Sondervorteile

herauszuholen – siehe Finnland

und die Slowakei in der

Griechenlandkrise. So bleibt

die Hauptverantortung doch

immer bei den wirtschaftlich

stärkeren Ländern – und die

sollen sie auch wahrnehmen.

Petra Decker, Ilmenau

Karrikatur und Zeichnung: Rainer Schwalme

Witze

mit Barth

Ernst Röhl bemängelt

deutschen Humor

Der englische Humor

soll weiter nichts als

möglichst großen

Spaß machen, der deutsche

Humor dagegen dient dem

Zwecke der Erheiterung.

Dieses Sendungsbewusstsein

treibt einen Leistungskomiker

wie Mario Barth immer

wieder in die größten Stadien.

Im vergangenen Sommer bespielte

er mit seinem Programm

»Männer sind peinlich,

Frauen manchmal auch«

unter anderem die Commerzbank-Arena

in Frankfurt am

Main, die Veltins-Arena auf

Schalke und das Berliner

Olympiastadion.

Erschöpfend klärt Barth

die Volksmassen darüber auf,

warum Frauen und Damen

bei Restaurantbesuchen dazu

neigen, die Toilette im Rudel

oder doch wenigstens zu

zweit aufzusuchen: »Die eene

muss, dit is die Aktive, und

die andre steht Schmiere.«

Diese Faustregel bekräftigt er

mit einem passenden Expertenkommentar,

indem er

kraftvoll einen Mundfurz ins

Mikrofon fahren lässt. Das

Echo ruft nichtendenwollenden

Applaus hervor, die Traversen

erbeben. Dieser künstlerische

Darmwind ist eine

Kampfansage speziell an den

Kunstfurzer Mister Methan,

der Fernsehzuschauer damit

verzaubert, dass er notengetreu

die ersten Takte der 5.

Sinfonie von Beethoven pupst.

Die kunstsinnige Illustrierte

STERN war des Lobes voll;

wahrscheinlich, schrieb sie,

habe so noch nie jemand live

einen Furz imitiert, Mario

Barth könne deshalb in seinem

nächsten Programm auf

diesem Geräusch aufbauen,

»das wird bestimmt ein Riesenerfolg!«

Gut möglich. Tag für Tag

veröffentlicht BILD Arschgesichter

und Popolisten, die in

Dieter Bohlens Castingshow

ihr Glück versuchen. Kandidat

Chris aus London trat mit

einem Silvesterknaller »im Allerwertesten«

(Zitat BILD) auf

und krönte seinen Pyro-Striptease

mit einem betörenden

Analfeuerwerk. Die US-amerikanische

Popo-Poseurin Coco

Austin ließ aus ihrem Achtersteven

sogar einen Truthahn

entweichen, aber fragt mich

bloß nicht, wie der Trick

funktioniert.

In der deutschen Leitkultur

spielt das Gesäß längst

eine zentrale Rolle, und ein

Pop-Titan wie der große Bohlen

weiß genau, dass der wahre

Humor erst unterhalb der

Gürtellinie anfängt. Der Erfolg

gibt ihm Recht. Die am

Bildschirm nachhaltig verblödete

Jugend strömt in

Sechserreihen zu seiner Sado-

Show und lässt sich dankbar

erniedrigen und beleidigen.

Mit deftigen Latrinensprüchen

hat sich der Dieter die

Pole Position unter den zeitgenössischen

Aphoristikern

gesichert. »Wenn man mit der

flachen Hand in einen Eimer

Scheiße haut, kriegt man

Sommersprossen …« So lautet

seine Weltformel. Die meisten

seiner Urteile klingen auch

deshalb nach Exkrement, weil

die Kandidaten ihr Bestes in

so genannten Ausscheidungs-

Runden geben müssen. Originalton

Bohlen: »Deine Art zu

singen klingt wie ein Darmverschluss!«

– »Du klingst, als

hättest du eine Klosettbürste

im Arsch!« – »Du singst wie

’ne Kuh beim Kacken!«

Den deutschen Humor erkennt

man daran, dass es ihn

nicht gibt.

&

Markov-Talk

Heft 10-2011

Der Umbau der Wirtschaftsförderung

auf revolvierende

Fonds wird ums dringlicher,

desto weniger Fördermittel

aus Brüssel fließen. In welch

segensreichem Zustand könnten

sich heute viel mehr Brandenburger

Unternehmen aus

dem KMU-Bereich befinden,

wenn sie die Mittel bekommen

hätten, die in den 90er

Jahren für spektakuläre Prestigeobjekte

wie den Cargolifter

und den Lausitzring

freihändig verpulvert worden

sind!

Jan Kubitscheck, Luckenwalde

Zukunft Ost

Heft 10-2011

Die Westflucht, von der man

vor 20 Jahren glaubte, dass

sie schlagartig aufhören würde,

ist nun leider schon mehr

als 60-jährige Tradition. Keine

deutsche Region braucht

deshalb mehr Zuwanderung

dringlicher als der Osten.

Inay Faklam, Görlitz

Ausbildung

Heft 10-2011

Auch die 60-jährigen Arbeitswilligen

benötigen weiter

Ausbildung, wenigstens anpassend

an erworbene Berufsbilder.

Wie sonst sollten sie

die Jahre bis zur Rente mit 67

noch leistungsfähig durchstehen?

Einar Hentschel, Magdeburg

WIRTSCHAFT & MARKT 11/11 49


KOLUMNE

Mit kühlem Kopf mutig aus der Krise

In kritischen Zeiten zählt ein kühler

Kopf. Ein Kopf der fähig ist, sich umzuschauen,

ohne Panik, und dann

den besten Ausweg findet. Ich denke, entgegen

aller Ungeduld von Medien und

fachwissenschaftlichem Stimmgewirr,

die europäischen Regierungen tun genau

dies. Allen Ablenkungsmanövern

der USA zum Trotz.

Ob es klug war, den Euro zu schaffen;

ob es dann klug war, ihn für so unterschiedliche

Staaten zugänglich zu machen;

ob man die Eintrittsunterlagen

einzelner Euro-Staaten (etwa Griechenland)

hätte besser prüfen müssen: Das alles

mag man heute anders beurteilen.

Aber, wie es im Englischen so schön

heißt, das ist »spilled milk«, vergossene

Milch. Was passiert ist, ist passiert – doch

was tun wir jetzt?

Die Politik der europäischen Regierungen

ist offenbar darauf gerichtet,

Griechenland über einen Zeitraum zu

helfen, bis Portugal, Spanien und Italien

ihrerseits glaubwürdige Reformen umsetzen

können. Niemand glaubt, Griechenland

werde den Schuldenschnitt

ganz vermeiden können.

Diese Strategie baut allerdings auf der

Hoffnung, dass es den Regierungen gelingen

wird, Wähler und Parlamente

dauerhaft von schmerzhaften Sparprogrammen

zu überzeugen. Die Reaktionen

der griechischen Wähler erregen allerdings

daran ernste Zweifel.

Der heute wohl beste Kenner großer

Wirtschaftskrisen in der Geschichte,

Prof. Kenneth Rogoff (Harvard), meint,

dass gerade jetzt die Weltwirtschaft

mehr Konjunkturspritzen brauche und

hierfür 2012 auch politisch ein günstiges

Klima herrschen sollte: Überall stehen

Wahlen an, und die Politiker seien dann

geneigt, großzügig Geld zu verteilen. Allerdings,

so Rogoff, diesmal gebe es kein

Geld mehr, weil als Folge der bisherigen

Rettungsmaßnahmen faktisch alle Staaten

überschuldet seien. Sparpolitik stehe

daher auf der Tagesordnung, aber die

Notwendigkeiten der Weltwirtschaft

seien Konjunkturspritzen.

Wir sind in der Zwickmühle: die Weltwirtschaft

braucht Konjunkturspritzen,

doch auch starke Staaten wie Deutschland

stoßen an die Grenzen ihrer finanzwirtschaftlichen

Leistungskraft. 80 Prozent

Staatsverschuldung an der gesamtwirtschaftlichen

Leistung (BIP) heute in

Deutschland sind bereits um ein Drittel

ZUR SACHE

Betrachtung

zur wirtschaftlichen Lage

Von Dr. Klaus von Dohnanyi

mehr, als die Euro-Verträge (Maastricht-

Regeln: 60 Prozent) eigentlich erlauben.

Und nun?

Ich denke, dass die Bundesregierung

in Brüssel für Griechenland einen vernünftigen

Kurs verfolgt: Konsequentes

Sparen in Europa verbunden mit einem

großen Rettungsschirm; und – im Rahmen

einer griechischen Konsolidierung

– sogar ein Hilfsprogramm für Griechenland,

einen »Marshall-Plan«.

Auch wird seit langem an den technischen

Voraussetzungen einer geordneten

Staatsinsolvenz innerhalb der Eurozone

gearbeitet. In beiden Fällen ist zu bedenken:

Eine gerechte Beteiligung der privaten

Gläubiger. Die ja an den Zinsen der

Staatspapiere gut verdient hatten – die

jedoch nicht abgeschreckt werden dürfen,

weiter Staatspapiere anderer Euro-

Staaten zu kaufen. Eine Gratwanderung.

Es verlangt ein hohes Maß politischen

Geschicks, diese Ziele miteinander zu

verbinden: Den Druck zu schmerzhaften

Reformen in den Euro-Staaten (in allen,

auch Deutschland!) aufrechtzuerhalten;

und dennoch »griechische Verhältnisse«

in Form von Streiks und Demonstrationen

möglichst zu vermeiden; und gleichzeitig

Wachstum zu generieren. Das ist

wiederum eine Gratwanderung.

In so einer Lage ist die Versuchung

groß, sich gegen lästige Konkurrenz abzuschirmen,

den Wettbewerbsvorteilen

anderer Staaten den protektionistischen

Riegel vorzuschieben. Aber, zerbirst dieser

»Schutz« eines Tages, wäre der Rückschlag

noch schmerzhafter. Siehe DDR.

Es kann auch helfen, sich bei anderen

umzusehen. Länder wie die Schweiz haben

es bei ähnlicher Ausgangslage (hohe

Exportabhängigkeit, hohe Löhne) noch

besser geschafft. Mit einer langjährigen

Schuldenbremse hatte die Schweiz 2010

sogar einen Haushaltsüberschuss und

eine »Schuldenreserve« von rund 13 Milliarden

Franken erwirtschaftet! Eine

»Schuldenbremse«, wie Deutschland dies

für alle Euro-Staaten verlangt, ist deswegen

auch wichtig für die langfristige Gesundung

der Euro-Staaten.

Aber sie hilft nicht jetzt. Was tun?

Wenn ich die große Mehrzahl der internationalen

Ökonomen richtig verstehe,

dann warnen sie nicht vor Inflation

(schnell steigende Preise), sondern eher

vor einer Deflation (Stagnation bei sehr

niedrigem Preisniveau, wie seit mehr als

zehn Jahren in Japan). Ich teile daher

ihre Überzeugung, dass wir die EZB unterstützen

sollten, Staatsanleihen hoch

verschuldeter Staaten zu kaufen, um deren

Zinslast zu mindern (die EBZ kauft

die Anleihen, muss aber die Zinsen nicht

eintreiben!). Es haftet für diese Summen

kein Staat, kein Steuerzahler, denn die

EZB bezahlt die Staatsanleihen mit Geld,

das sie selbst »schöpft« – oder »druckt«.

Also »Gelddrucken«? Ja. Heute macht

die EZB das aber am Rande ihrer Zuständigkeiten;

amerikanische und britische

Notenbanken dürfen es. Allerdings darf

dieses »Gelddrucken« keine Inflationsgefahr

verursachen. Und bisher, so steht es

im September-Bericht der EZB, hat die

EZB diese neu geschaffene Liquidität an

anderer Stelle wieder durch Geldentzug

ausgeglichen; »abgeschöpft«.

Im Gesamtkonzept der Bundesregierung

fehlt nach meiner Meinung dieser

entscheidende Baustein. Er sollte jetzt

durchdacht und systemkonform genutzt

werden. In einer aufgeklärten Gesellschaft

sollte Vernunft herrschen und

kein Tabu.

&

50 WIRTSCHAFT & MARKT 11/11


SCHIRMHERRSCHAFT:

Minister für Wirtschaft und Europaangelegenheiten

des Landes Brandenburg,

Ralf Christoffers

Ministerin für Wissenschaft, Forschung und

Kultur des Landes Brandenburg, Prof. Dr.-

Ing. Dr. Sabine Kunst

www.art-brandenburg.de

Gefördert mit Mitteln des

Ministeriums für Wirtschaft und Europaangelegenheiten

und des Ministeriums für Wissenschaft,

Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Gefördert mit Mitteln des

Landkreises Dahme-Spreewald

Gefördert mit Mitteln des

Landkreises Potsdam-Mittelmark

VERANSTALTER

METROPOLISHALLE

P O T S D A M

Brandenburgischer Verband

Bildender Künstlerinnen und

Künstler e. V.

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