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AUS POLEN

N0

52.

WIESŁAW MYŚLIWSKI

JERZY PILCH

IGNACY KARPOWICZ

JUSTYNA BARGIELSKA

PAWEŁ POTOROCZYN

HUBERT KLIMKO-DOBRZANIECKI

BEATA CHOMĄTOWSKA

JAN KRASNOWOLSKI

PIOTR PAZIŃSKI

ANDRZEJ STASIUK

ARTUR DOMOSŁAWSKI

KATARZYNA PAWLAK

WOJCIECH TOCHMAN

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AUSGEWÄHLTE

PROGRAMME

DES BUCHINSTITUTS

DAS ÜBERSETZUNGSPROGRAMM ©POLAND

ÜBERSETZERKOLLEGIUM

Ziel des Programms ist es, Übersetzungen polnischer Literatur

zu fördern und ihre Präsenz auf den ausländischen

Buchmärkten zu stärken. Das Programm umfasst insbesondere

Belletristik und Essayistik, Kinder- und Jugendliteratur,

Sachbücher.

Angebote können von allen Verlagen abgegeben werden,

die ein in polnischer Sprache geschriebenes Buch in eine

fremde Sprache übersetzen lassen und herausgeben

wollen.

Im Rahmen des Programms können u.a. folgende Kosten

finanziert werden:

• bis zu 100 % der Kosten des Lizenzerwerbs

• bis zu 100 % der Übersetzungskosten eines Werkes

aus dem Polnischen.

Das Programm wird vom Buchinstitut in Zusammenarbeit

mit dem Verein Villa Decius und der Jagiellonen-Universität

durchgeführt. Es richtet sich an Übersetzer polnischer

Literatur, die Belletristik, Essayistik, Dokumentarliteratur

oder geisteswissenschaftliche Literatur im weitesten Sinne

übertragen und bietet ein- bis dreimonatige Stipendienaufenthalte

in Krakau.

TRANSATLANTIK

Transatlantik ist der alljährlich von dem Buchinstitut vergebene

Preis für Persönlichkeiten, die sich für die Verbreitung

der polnischen Literatur im Ausland einsetzen. Der

Preis, dotiert mit 10.000 Euro, kann u. A. an Übersetzer,

Verleger, Literaturkritiker, Polonisten verliehen werden.

SAMPLE TRANSLATIONS ©POLAND

Das Ziel dieses Programms – es richtet sich an Übersetzer

polnischer Literatur – ist es, im Ausland für polnische

Literatur zu werben, indem man Übersetzer ermutigt, polnische

Bücher ausländischen Verlegern zu präsentieren.

Bezahlt werden 20 Seiten einer Probeübersetzung.

Die Bewerbungsformulare beider Programme können

postalisch beim Buchinstitut in Krakau angefordert, oder

von der Website www.bookinstitute.pl heruntergeladen

werden.

KONTAKT:

Das Polnische Buchinstitut

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Direktor des Polnischen Buchinstituts:

Grzegorz Gauden


WIESŁAW

MYŚLIWSKI

ENDSPIEL

Wiesław Myśliwski (geb. 1932), Schriftsteller, Essayist,

Dramaturg. Er debütierte 1967 mit dem

Roman „Nagi sad”, drei Jahre später veröffentlichte

er „Pałac”. Er ist der Autor eines der wichtigsten

polnischen Nachkriegsromane „Kamień na

kamieniu“ (1984). Er veröffentlicht selten, meistens

im Abstand von 10 Jahren. Er erhielt zweimal

den renommierten Nike-Preis – für die Romane

„Widnokrąg“ (1996) und „Traktat o łuskaniu fasoli“

(2006).

In seinem Roman „Endspiel” verwendet der Schriftsteller erneut

seine bevorzugte narrative Form: den sich über den ganzen

Text erstreckenden inneren Monolog eines namenlosen

Protagonisten, der am Ende seines Lebens mit seiner Biographie

abzurechnen versucht. In diesen weitläufigen Monolog

schneiden sich Reminiszenzen hinein, Bilder und Szenen aus

der Vergangenheit, die ohne Rücksicht auf die Chronologie

eingebaut werden. Diese zerstreuten Stücke sind meist dramatisiert,

in dialogischer Form.

Ein Novum ist das Auftauchen eines Liebesmotivs. Der

Monolog wird ergänzt durch Briefe, die die alte Jugendliebe

des Protagonisten, Maria, ihm durch die Jahrzehnte geschrieben

hat. Eigentümlich ist, dass der Protagonist des „Endspiels“

auf keinen dieser Briefe geantwortet hat – obwohl sie alle voller

Emotionen und Leidenschaft waren, obwohl ihm Maria

ewige Liebe geschworen hat.

Während der Lektüre entdeckt der Leser, dass diese Grausamkeit

Maria gegenüber eine tiefere Motivation hat: Der

Protagonist hängt obsessiv an der Idee der Freiheit. Er hatte

mehrmals und absichtlich Berufe und Wohnorte gewechselt,

nie ein Haus oder Möbel besessen (aus freier Entscheidung

lebte er lediglich in möblierten, gemieteten Wohnungen) und

war niemals eine längere Beziehung eingegangen.

Er spricht davon, dass er „sich selbst freiwillig von allem

enterbt hatte”, und stellt sich die Frage: „Im Namen wessen?

Der Freiheit? Unsinn. Es sei denn, man begreift die Freiheit

als eine permanente Flucht vor sich selbst.” Die grausamste

seiner Fluchten war die vor Maria – die dümmste die Flucht

vor der Malerei und seinem Talent.

Er war ein vielversprechender Maler, doch er gab sein Studium

an der Akademie der Schönen Künste auf und begann

eine Lehre als Schneider. Diese Wahl war, wie alles in seinem

Leben, zufällig und flüchtig. Aber liegt dem Leser hier eine

Erzählung über ein schlimmes Schicksal, ein verpfuschtes

Leben vor? Mitnichten.

Was bedeutet denn ein gelungenes oder nicht gelungenes

Leben? Was ist das Leben an sich? Solcher Art Fragen – elementare,

endgültige, mit philosophischem Anspruch – findet

man in diesem Buch viele. Auch wenn es pathetisch klingt:

Myśliwski versucht, den Sinn des Lebens und das Geheimnis

der menschlichen Existenz zu durchdringen, ohne dabei jedoch

endgültige Wahrheiten zu formulieren oder eindeutige

Antworten zu geben.

Es wäre wichtig, auf den Titel des Romans einzugehen.

Der Held des Buches ist leidenschaftlicher Kartenspieler; am

liebsten spielte er Poker mit dem Schuster Mateja; doch seine

wichtigste Partie spielt er auf dem Friedhof – man kann es gar

nicht anders verstehen – mit dem Geist Matejas.

Im gewissen Sinne hebt der Autor die bedrohliche Bedeutung

des Wortes „Ende“ im Titel wieder auf, was seine völlige

Bestätigung im Finale des Werkes finden wird:

Der letzte Brief Marias, einer lebensmüden alten Dame,

informiert den Protagonisten über ihre Absicht, Selbstmord

zu begehen. Dieser Abschiedsbrief ist jedoch keinesfalls der

letzte – was sich nicht nur dadurch erklärt, dass Maria von

ihrem Plan zurückgetreten war. Woher sie ihn abschickte, ist

leicht zu erraten.

Es ist schwer, eine schönere Coda für ein ergreifendes Liebeslied

zu finden, als sie Myśliwski im „Endspiel“ anstimmt:

Das Paar, das im Leben keine Erfüllung fand, findet sich im

Jenseits, unter ungleich angenehmeren Bedingungen; dort,

wo die vergehende Zeit keine Bedeutung hat, wo Jugend und

Schönheit keine Rolle spielen.

WIESŁAW MYŚLIWSKI

„OSTATNIE ROZDANIE”

ZNAK, KRAKÓW 2013

140×205, 448 PAGES

ISBN: 978-83-240-2780-4

TRANSLATION RIGHTS:

ZNAK

Dariusz Nowacki


ENDSPIEL

ÜBER DEM SEE

lag um diese frühe Zeit ein Nebel, der stellenweise so dicht

war, dass man – wenn man vom hohen Ufer hinunterschaute

– mit dem Blick den unten liegenden Wasserspiegel nicht

erfassen konnte. Erst als die auf der anderen Seite, am gegenüberliegenden

Ufer aufgehende Sonne begann, den

Nebel zu durchdringen, tauchte der See allmählich aus der

Tiefe auf. Es war etwas Einzigartiges in dieser Sonne, die

sich so hartnäckig durch den Nebel kämpfte – der sich dabei

zusammenzog, als würde er sich wehren. Vielleicht habe

ich aber mittlerweile vergessen, wie die Sonne aufgeht, und

ich entdeckte es in diesem Moment aufs Neue. Wann habe

ich wohl zum letzten Mal den Sonnenaufgang gesehen, versuchte

ich mich zu erinnern. Es musste schon so lange her

sein, dass der Gedächtnisfaden abgerissen war.

Ich bedauerte, dass ich nicht mehr malte. Würde ich

malen, würde ich die Staffelei am Ufer aufstellen und versuchen,

diese Sonne auf Leinwand zu übertragen. Ich hätte

sogar einen Titel: „Die Geburt der Sonne“. Sie war beinahe

lichtlos, der Strahlen und ihrer Wärme beraubt, verdünnt

durch den Nebel, der sie aus der Welt heraussaugte; so

dass nicht einmal die Erde stark genug war, ihr zu helfen.

Ich spürte den Schmerz der Sonne, ihre unglaubliche Anstrengung,

wenn sie sich selbst auf diese Welt presste. Es

schien mir, als würde sie die ganze Erde mit sich reißen,

zusammen mit diesem bodenlosen, endlosen Nebel. Und

ich war geradezu erleichtert, als sie sich endlich freigekämpft

hatte. Danach wanderte sie in einem breiten Band

über den Wald, der wie speziell für sie herausgeschlagen

worden war, damit sie nichts mehr auf ihrem Weg zum See

aufhalten konnte. Sie erreichte auf der anderen Seite das

Ufer und tauchte dort ein, wusch ihre Qualen ab. Und dann

wandelte sie über den Wasserspiegel, offenbar auf uns zu,

zerschnitt den Nebel mit ihren Strahlen, und ich spürte

eine sonderbare Anspannung, die wohl jeder Erwartung

inne wohnt. Ich wartete, bis sie an das hohe Ufer kam, wo

ich mit meinem Oskar wartete. Er spürte wohl dasselbe,

denn er ließ sich niemals fortziehen, bevor die Sonne so

nahe an uns herangekommen war, dass ich sagen konnte:

Ich danke dir, Sonne, dass du aufgegangen bist – und Oskar

fröhlich bellte. Nach einigen Tagen zog er mich schon von

alleine an dieses Ufer. Dort setzte er sich auf die Hinterpfoten

und gab keinen Laut von sich, kein Winseln, Knurren

oder Bellen. Er hob nur den Kopf und schaute mich beunruhigt

an. Und wir warteten, bis die Sonne aufging. Erst,

wenn sie an uns herangekommen war, ließ sich Oskar in

den Wald führen.

Auf der anderen Seite des Sees war ein Gebäude zu sehen,

ein Ferienhaus oder eine Pension. Es schien viel größer


als das unsere, doch sogar in der vollen Sonne konnte man

nichts weiter erkennen, außer, dass es da stand. Unsere

Pension war nicht groß, man könnte sagen, bescheiden,

aber die Anzeige in der Zeitung hatte mich gelockt: „Wo,

wenn nicht hier, inmitten der Wälder, wollen Sie sich erholen?“

Ich habe gedacht, dass es bestimmt nicht voll sein

würde, denn wer sollte wegfahren zu einer Zeit, da die Blätter

beinahe vollständig von den Bäumen gefallen sind und

die Nächte kalt werden.

Und tatsächlich: Außer mir wohnte dort nur der zuvor

erwähnte Herr Dionizy. Wären die Besitzerin und ihr Sohn

nicht gewesen (der zwei-drei Mal die Woche vorbeischaute,

weil er woanders wohnte), hätte man meinen können,

die Pension sei ausgestorben. Ich wohnte alleine im ersten

Stock und Herr Dionizy im Erdgeschoss, weil er Schwierigkeiten

mit dem Gehen hatte. Schwer stützte er sich auf

seinen Stock, als ob er jeden Schritt mit Schmerzen bezahlen

würde. Wahrscheinlich ging er gar nicht spazieren, zumindest

habe ich ihn nie draußen gesehen, weder morgens

noch nachmittags oder abends. Angeblich hatte er ein Auto

voll mit Büchern dabei. Der Sohn der Besitzerin (der die

Versorgung der Pension und diverse Reparaturen besorgte,

und im Herbst, so wie jetzt, das Laubrechen), erzählte,

dass er zwei Mal gehen musste, um die Bücher ins Haus zu

bekommen. Außerdem musste er jetzt auch noch Samstag

Abend beinahe alle Zeitungen und Zeitschriften der ganzen

Woche zusammensuchen und sie Herrn Dionizy vorbei

bringen.

Ich überlegte, wann er Zeit hatte zu schreiben, wenn er

das alles las. Er hatte mir immer mal eine Zeitung oder eine

Zeitschrift angeboten, in der, seiner Meinung nach, etwas

Interessantes stand. Ich bedankte mich, sagte, ich würde

es gerne lesen, aber dass ich ebenfalls zum Arbeiten her

gekommen sei und keine Zeit habe. Außerdem bekam ich

jedes Mal mit, wenn ich spazieren oder mit Oskar Gassi ging,

dass Herr Dionizy Radio hörte. Entweder war er schwerhörig

oder mochte es sehr laut, um nichts zu verpassen. Es gibt

Menschen, die die Stille nicht vertragen, weil sie sich darin

verlieren, wie im Nebel. Vielleicht ist für sie Stille gleichbedeutend

mit Einsamkeit.

Auch wenn ich schon ein gutes Stück von der Pension

weg war, hörte ich das Radio noch. Abends wiederum, wenn

die Nachrichten begannen, setzte sich Herr Dionizy regelmäßig

in den Speiseraum vor den Fernseher. Er ließ keinen

Tag aus, und oft schaute er bis tief in die Nacht. Nicht nur

die Tagesschau, auch Talkshows, Pressekonferenzen, Kommentare,

Interviews, er sprang zwischen den Sendern hin

und her und drehte die Lautstärke so weit hoch, dass ich es

noch hinter meiner Tür im ersten Stock hörte.

Zugegeben: Er hatte er sich gefreut, als ich angekommen

war. Er kam an seinem Gehstock herausgehumpelt und begrüßte

mich herzlich, als hätten wir uns schon öfter in dieser

Pension getroffen:

„Ah, endlich jemand, mit dem man ein Wort wechseln

kann. Ich heiße Sie hier hoffnungsvoll willkommen!“

Schon am nächsten Tag beim Mittagessen (er verspeiste

gerade das Hauptgericht), griff er sich seinen Teller und

Besteck und setzte sich an meinen Tisch.

„Sie erlauben? Es isst sich so schlecht alleine. Für wie lange

sind Sie hergekommen?“

Am nächsten Tag überreichte er mir seine Visitenkarte:

„Da steht auch die Mobilnummer. Ich gebe sie nur vertrauenswürdigen

Menschen. Sollten Sie in meiner Stadt

sein, besuchen Sie mich bitte. Sie sind herzlich eingeladen.

Nur rufen Sie bitte vorher an.“

Ich warf einen Blick darauf. Dionizy Orzelewski. Die Adresse.

Mehr nicht.

„Danke“, erwiderte ich. „Wenn ich dort sein sollte, werde

ich es nicht versäumen, Ihrer Einladung zu folgen.“ Ich

stellte mich ebenfalls vor und schob seine Visitenkarte in

die Brusttasche meines Jacketts. Später, zu Hause, nach

meiner Rückkehr, steckte ich sie in mein Adressbuch, obwohl

ich noch überlegte, warum ich es tue. Auch wenn

ich jemals in die Stadt kommen sollte, in der Herr Dionizy

wohnte, würde ich ihn eh nicht anrufen. Und ich hatte nicht

vor, nochmal in diese Pension zu kommen. Ich habe seine

Visitenkarte in meinem Notizbuch nie wieder gesehen;

womöglich klebte sie an einer anderen. Visitenkarten hängen

manchmal so aneinander, wenn man nicht regelmäßig

reinschaut.

Ein paar Tage später fing er an, mir zu erzählen, was er

gerade in den Zeitungen gelesen hatte. Danach ging es darum,

was im Radio kam und schließlich, was er am Abend

zuvor im Fernsehen gesehen hatte. Ich tat so, als ob ich zuhören

würde, doch mit den Gedanken war ich woanders. Ich

habe mir diese Fähigkeit erarbeitet, damit niemand merkte,

dass ich nicht zuhörte.

Er hatte den Mund voller Essen, so dass sich die Worte

da durch pressen mussten, undeutlich waren, wie vermengt

mit den Speisen, so dass nur wenige zu verstehen waren.

Und an einem weiteren Tag, seiner wohl sicher, dass er

mich mit seinem Vertrauen bedenken konnte, wurde er

hitzig – als ob er an einer der Fernsehdebatten teilnehmen

würde, die er abends zuvor im Fernsehen gesehen hatte. Er

hob die Stimme, sie schwoll vor Wut und Spott, er lästerte,

lachte sarkastisch, warf mit Beleidigungen um sich, doch es

fiel mir schwer zu erkennen, wen er denn meinte.

„Was glauben die, wer sie sind, diese Idioten, dieses

Pack!“ Vor Wut knallte er mit seiner Gabel auf den Teller,

also verstand ich soviel, dass es um irgendwelche Idioten

und irgendwelches Pack gehen musste.

Ungefähr in der Mitte meines Urlaubs war ich so erschöpft

von seiner Anwesenheit, dass ich überlegte, wie ich

ihn loswerden könnte. Ich kam auf die Idee, schon früher

zu den Mahlzeiten zu erscheinen, doch es half nichts. Dann

ging ich später als gewohnt essen, aber auch das brachte

nichts. Von irgendeinem Instinkt geführt, kam er ebenfalls

früher oder später zum Essen. Ich überlegte schon, ob ich

nicht abreisen sollte. Wenn ich mir seine Ausführungen bei

jeder Mahlzeit anhören müsste, bis zum Schluss, würde ich

mich nicht erholen. Und wegen der Erholung war ich doch

hergekommen.

Irgendwann setzte er sich beim Mittagessen wieder an

meinen Tisch, offenbar aufgebracht, denn kaum machte er

es sich auf dem Stuhl bequem (er hatte wegen seines kaputten

Beins auch mit dem Sitzen Probleme) schon bombardierte

er mich mit der Frage:

„Was halten Sie davon, was gerade los ist?“

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz


JERZY

PILCH

DER DÄMONEN

VIELE

Jerzy Pilch (geb. 1952), einer der bekanntesten

und beliebtesten polnischen Schriftsteller der Gegenwart.

Autor von neunzehn Büchern, übersetzt

in siebzehn Sprachen. Pilch wurde sieben Mal für

den Nike-Preis nominiert und erhielt ihn 2001 für

den Roman „Pod Mocnym Aniołem“. „Wiele demonów”

ist sein erster Roman seit fünf Jahren.

Der von den Kritikern enthusiastisch aufgenommene neue

Roman von Jerzy Pilch nimmt zwei große Themen der Weltliteratur

auf: Liebe und Tod, Begierde und Verlust, Ekstase

und das Nichts.

Ein düsterer Pessimismus wechselt sich hier ab mit dem

orgiastischen Rhythmus der Freude am Erzählen, Entzücken

alterniert mit Spott, Glauben mit Gottlosigkeit. Überaus realistisch

wird hier das Leben der polnischen Lutheraner in

einem Ort namens Sigła dargestellt, in den sechziger Jahren

des zwanzigsten Jahrhunderts.

Das Lokale und das Private sind den Lesern von Jerzy Pilch

wohlbekannt – denn Sigła ist nichts Anderes als der Heimatort

des Schriftstellers Wisła; der Geburtsort nicht nur von Pilch,

sondern beinahe seiner gesamten literarischen Welt. Die Symbolik

von „Der Dämonen viele“ rührt aus der protestantischen

Theologie, die Struktur ähnelt einem literarischen Mythos –

zwar einem Mythos, der von dem Nichts und der Erschöpfung

durchsetzt ist, der aber den Leser dennoch durch die Suggestivität

der Bilder erstaunt und ihn mit dem Spannungsbogen

des Plots und dem Tempo der Erzählung begeistert.

Das Leben der Bewohner von Sigła ist scheinbar kalt und

düster – denn die Protestanten sparen am Heizmaterial und

sitzen in nicht ausreichend beleuchteten Räumen herum. Hier

pulsieren Leidenschaften und Süchte, und dennoch herrscht

hier Ordnung. Die Welt kann von schmerzhafter Schönheit

sein, wenn morgens das Gras in der Oktober-Sonne dampft

oder wenn „der Frost die Welt festhält wie ein kristallener

Schraubstock“. Ebenso kann sie von durchdringender Widerlichkeit

sein:

„Der Mensch wird am Boden eines entsetzlichen Abgrundes

geboren, lebt ohne jeglichen Sinn, und stirbt unter Qualen.“

Der Tod – mit verschiedenen Formen und Gesichtern

– sucht den Erzähler und die Romanfiguren heim, lockt und

entsetzt sie gleichermaßen.

Dabei ist der Erzähler eine durchsichtige Gestalt, die dem

Autor selbst sehr nahe verwandt ist.

Die kindlichen Ängste kennen den Tod besser als die Wirklichkeit.

„Die Diele ist eine düstere, eiskalte Fieberphantasie.

Sie werden sterben, sterben, sterben. Unter dem vom bräunlichen

Frost bezogenen Dachfirst glimmt eine schwache Funzel.

Jemand schleicht durch den Garten.“

Das Verschwinden und die Suche nach einer der schönen

Töchter des Pastors Mrak machen aus dem Roman eine Art

Krimi; doch es ist nur scheinbar ein Krimi, dessen Wesen das

Geheimnis, und nicht dessen Lösung ist.

Zugegeben: Nach „Jahren der Überlegung“ weist der hellsichtige

Briefträger tatsächlich auf einen Ort, an dem der

„von niemals tauenden braungrünen Eisschollen zugewucherte,

kirschrote, so dunkelkirschrote, dass er fast schwarz

war“ Schlafanzug des jungen Fräuleins Mrak liegt. Doch die

angebliche Leiche erscheint nur in gelegentlichem Aufblitzen,

außerhalb des Erzählstranges. Es ist ein Verschwinden wie

aus dem Film „Picknick on Hanging Rock“ von Peter Weir, wie

es der Autor selbst beschreibt.

Das Mädchen wird zu einem Geist dieses Romans, zu

einem jungfräulichen Engel, eingetaucht in einen dichten,

sinnlichen Nebel. Ola ist wie Ophelia, ein Symbol für die Unmöglichkeit

der erotischen Erfüllung. Das Geheimnis um ihr

Schicksal ist ein Köder für den Leser; ihr Körper ein immer

weiter rückendes Versprechen, nicht nur für die Männer, sondern

auch für ihre Mutter und ihre Schwestern.

Das wahre Entsetzen spielt sich in den Häusern ab, im Alltag,

im Leben, das man fleißig in die Hölle verwandelt. Das

Dämonische, Teuflische der Existenz in einer religiösen Gemeinschaft

ist ein Paradox der Pilch-Protestanten, die seine

autobiographischen Romane bevölkern.

Dennoch ist dieses Buch kein düsterer Horror. Es ist eine

dichte, narkotische Erzählung über die Dämonen der Literatur

und die Unausweichlichkeit des Todes.

Kazimiera Szczuka

JERZY PILCH

„WIELE DEMONÓW”

WIELKA LITERA, WARSZAWA 2013

215×130, 480 PAGES

ISBN: 978-83-63387-91-4

TRANSLATION RIGHTS:

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DER DÄMONEN

VIELE

In der Mitte

des vergangenen Jahrhunderts arbeitete bei der Post in

Sigła der Briefträger Fryderyk Moitschek, der das Geheimnis

des menschlichen Lebens kannte, der wusste, wohin

wir gehen und was nach dem Tode sein würde. Nur eine

Handvoll Menschen glaubte ihm – obwohl alles, was er vorhergesagt

hatte, oder vielmehr alles, was er aus einer dicken

Kladde herauslas, auf Punkt und Komma stimmte.

Die Menschen starben, erkrankten und wurden gesund

nach seinen Prophezeiungen, das Wetter wurde so, wie er

es gesagt hatte, gezielt sagte er die Föhnwinde voraus, stickig

wie Friedhofserde, die Hochwasser, die so schlimm waren,

dass sie Brücken abrissen, die Hitzewellen, die sich wie

Öl über die Welt legten, sowie die unerwartet von allen Seiten

herankommenden eiskalten und schneereichen Winter.

An Fußball hatte er lediglich mittelmäßiges Interesse,

nur hin und wieder; also konnte man ihn nur schwer überreden,

die Ergebnisse vorauszusagen. Aber wenn er schon

tippte, dann fehlerfrei: Real Madrid, Ruch Chorzów, FC

Santos, Wisła Kraków, ja, sogar unsere Elf aus der A-Liga!

Überhaupt schossen und verloren alle Mannschaften, auf

die er seinen Blick richtete, immer genauso viele Tore, wie

es ihm beliebte.

Es geschah selten, denn er vermied Situationen, in denen

seine Gabe nicht nur mit dem leichten Geldverdienen,

sondern überhaupt mit irgendwelchen unanständigen Manipulationen

in Verbindung gebracht werden konnte. Ohne

den Schatten eines Zweifels – man spürte, dass Fryderyks

Heiligkeit nicht darin begründet liegt, das Wunder der wöchentlichen

Fußballergebnisse zu vollbringen, die Lotto-

Zahlen vorherzusagen oder konsequent die Nieten bei einer

Tombola zu vermeiden; man spürte es, man spürte es ganz

eindeutig, und man drängte nicht, mit aller Diskretion.

Bringe mich nicht auf böse Gedanken, Antichrist! Weiche

von mir, Satan! „Und da der Teufel alle Versuchung

vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeitlang.“ (Lukas 4, 13)

Fryc war kein Illusionist, der seinen Lebensunterhalt mit

atemberaubenden Tricks verdiente. Er war Prophet, mit

Leib und Seele. Mit dem Leib unseres Herrn und der Seele

des Heiligen Geistes. Sein Königreich war nicht von dieser

Welt. Geld hatte er ohne Ende, woher, wusste keiner, aber

es waren auf keinen Fall Honorare für prophetische Dienste

an der Menschheit.

Zuza Bujok hat er Koma und Aufwachen aus dem Koma

geweissagt, Józek Lumentiger Abstinenz und das Verwerfen

dieser Abstinenz, Polen den Kommunismus und das Ende

des Kommunismus. Alles selbstverständlich gratis, im letzten

Falle nicht nur gratis, sondern auch mit einem enormen

patriotischen Enthusiasmus .


So war es mit allem und so war es immer: gratis, gratis

und nochmal gratis. Niemals hatte er für etwas Geld genommen,

keinen Pfennig, obwohl er oft genug Auslagen hatte,

obwohl er Zeit ohne Ende opferte, obwohl er seine Gesundheit

und somit sein Leben aufs Spiel setzte. Wohl nur Gott

der Herr, der Geist der literarischen Fiktion und einige wenige

andere Transzendenzen wissen, welcher Anstrengung

Fryc seinen Körper unterwarf und welchen Raubbau er an

seiner irdischen und somit fragilen Existenz betrieb.

Seine Leute hat er immer ernst genommen, da kann

man nichts sagen, mit großer Hingabe half er, wo er konnte,

kümmerte sich überaus aufopferungsvoll, und unterstützte

die Seinen nicht nur in Krankheit. Leider verwendete er seine

Kräfte, Fähigkeiten und die glühende Leidenschaft eines

begabten Heilers nicht nur an uns. Anderen diente er auch,

oft vollkommen Fremden, die nicht aus Sigła, sondern aus

aller Herren Länder kamen – er half ihnen mit derselben,

oder sogar mit noch glühenderer Hingabe (man konnte es

nur schwerlich erkennen); er löste ihre Probleme, kurierte

sie von diversen Phobien, fand unrettbar verlorene Dinge

wieder, warnte vor konkreten Gefahren, empfahl detaillierte

Hauskuren.

Und er diente vor allem (was sollen wir die Wahrheit

verschleiern) überaus eifrig den Vertreterinnen des schönen

Geschlechts: wenn er mit ihnen all die wichtigen und

unwichtigen Details der Therapie besprach, ihnen eine positive,

endlich positive Veränderung ihres Schicksals versprach,

gut, kleinere Hindernisse sah er immer noch, aber

er erklärte gleichzeitig, wie man sie mit links überwinden

konnte und erörterte die Situation eingehend. Alles tipptopp,

aber zu welchem Preis? Wenn man sagen würde, dass

er Raubbau mit seiner Existenz, seiner körperlichen Form

und seiner Kondition betrieb, wäre dies mehr als untertrieben;

es war räuberisch und leichtsinnig, in seiner aufopferungsvollen

Haltung unverantwortlich – denn nie sah

jemand Fryc beispielsweise etwas essen.

Niemand. Nie. Versteht ihr das? Niemand, niemals, und

er musste doch etwas essen! Musste er nicht? Aß er gar

nichts? Lebte er von Luft? Die ganzen Fälle und Unfälle beschäftigten

ihn demnach so stark, dass er nicht einmal für

ein belegtes Brot Zeit hatte? Nur ein Apfel zwischen Tür

und Angel? Aber auch einen Apfel hat ihn keiner je essen

sehen! Man sprach nur davon. Die Erzählungen und Legenden

über Fryc' Apfel. Anekdoten? Dies und das. Hunderte

von Fragen, doch im Grunde nur eine Frage: Hat unser Heiler

und Wohltäter heute schon etwas gegessen? Einen Apfel,

zum Mittagessen. Einen. Eher klein als groß. Fryc lebt von

einem Apfel am Tag? So sieht es aus.

Eines Tages wird er umfallen und alles wird vorbei sein.

Schluss mit den Prophezeiungen, Schluss mit den Wundern,

Schluss mit den Rezepten gegen Selbstmordgedanken. Nein,

Fryc wird nicht umfallen, er sieht nicht schwächlich aus.

Und das ist das Schlimmste! Es wäre tausend Mal besser,

wenn man ihm seine Anstrengungen, seine Qualen, sein

Hungern und seine Schwäche ansehen würde. Im Gesicht

sieht es zwar schlimm aus, aber es ist nicht gefährlich. Unsichtbar,

verborgen in Herz und Hirn droht es mit einer

Explosion. Fryc explodierte, in der Tat – aber mit seinen

Wundern.

Aus dem Haus der Familie Kubatschke hatte er den Geist

des Ehemannes vertrieben, der zu Lebzeiten eifersüchtig,

und nach seinem Tode wahnsinnig eifersüchtig war. Dem

Doktor Nieobadany hatte er vier Töchter vorausgesagt,

und als er den Braten roch, korrigierte er auf sieben. Herrn

Ujma, Direktor der Mineralbrunnen-Anlage, heilte er von

seinen homosexuellen Neigungen. Emilka Morzolikówna

schlug er die Selbstmordgedanken aus dem Kopf. Und das

alles quasi fastend? Spürte er keinen Hunger, weil er keinen

Appetit hatte? War sein sanfter Körper so von der Kraft

seines Geistes erschlagen, dass er nicht einmal die Mindestrationen

an Essbarem verlangte? Um es weiter zu fassen:

die Verdauungsprozesse (von der Ausscheidung ganz zu

schweigen) ziemen sich offenbar nicht für den wahren

Propheten? Nein. Ehrlich gesagt sind für einen Propheten

sogar die subtilsten somatischen oder biologischen Aspekte

ungehörig. War Fryc ein Geist? Er hatte nie jemandem die

Hand gegeben, und unvermeidlich ergibt sich die Frage, ob

ihn jemals jemand berührt hatte? Wenigstens die zahlreichen

Frauen, die ihn zu besuchen pflegten? Ihr würdet euch

wundern, und wie! Und ihr werdet euch wundern, zweifelsohne,

nur etwas später.

Angeblich hatte Fryc bereits einige Jahre vor dem Krieg

und einige Jahrzehnte vor dem Fall der Berliner Mauer in

seinem Notizbuch neue Landkarten von Europa und Asien

mit Bleistift gezeichnet. Diejenigen, die sie gesehen haben,

behaupteten, dass mit Ausnahme von Ostpreußen und

Turkmenistan alles bis auf den Millimeter stimmte.

Ob er Tote ins Leben zurückgerufen hatte ist nicht gewiss.

Doch mit absoluter Gewissheit hat er den praktisch

toten Liebling der Pastorenfrau, Juda Tadeusz, die klügste

der drei Pfarrkatzen, zurück ins Leben geholt. Greta und

Maryna, den beiden Kühen von Józef aus Ubocze, hatte er

die schmerzhafte Schwellung von den Eutern genommen

– auf den ersten Blick nichts Besonderes, doch Fryc hat es

aus der Entfernung getan. Den gelähmten Schäferhund,

den Rädelsführer vom Rudel der Frau Scherschenick, rief

er mit schrecklicher Stimme an: „Wirf deinen Stock von

dir! So sage ich dir, wirf deinen Stock von dir!“ Das vor

Angst beinahe wahnsinnig gewordene Tier hatte den Stock

zwar nicht von sich geworfen, denn es hatte, man wird es

beschwören, gar keinen benutzt, doch es erhob sich auf

alle Viere. Nicht nur, dass sich der Hund erhoben hätte! Er

schlich noch einige Jahre eher recht als schlecht durch die

Welt. Und wenn er Fryc erblickte oder schon von Weitem

seine Witterung aufnahm, so fuhren weitere heilenden

Energien in ihn ein, denn er floh mit äußerst gesundem

Heulen, wohin der Pfeffer wächst.

Und ob; auch wenn Fryc Moitschek kein hundertprozentiger

Wunderheiler sein mochte – aber er hatte eine

Gabe. Er betrat ein Haus und bemerkte sofort und fehlerfrei

eine sinnlose Bewegung in den elektrischen Leitungen.

„Da leuchtet wo was“, sagte er und schaute sich in aller

Ruhe um. „Irgendwo leuchtet was. Schon die ganze Zeit.

Helllichter Tag, noch lange bis zum Abend, und bei Euch,

guter Mann, brennt eine Glühbirne: seit gestern oder seit

sonstwann.“ Alle Familienmitglieder sprangen auf die Beine

und überprüften sämtliche Räume, in denen elektrische

Leitungen vorhanden waren. Und immer, egal ob auf dem

Dachboden oder im Keller oder in einer seit ewigen Zeiten

verschlossenen und verriegelten Kammer, da fanden sie

eine umsonst glimmende gelbliche 40-Watt-Birne.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz


IGNACY

KARPOWICZ

HEITEN/KEITEN

Ignacy Karpowicz (geb. 1976), Prosaautor, Reisender,

Übersetzer; einer der spannendsten Autoren

der jüngeren Generation. Seit seinem Debüt

2006 sind vier weitere Romane erschienen; zwei

Nominierungen für den NIKE-Preis, ausgezeichnet

mit dem Paszport POLITYKI 2010.

Ignacy Karpowicz, ausgezeichnet mit dem Literaturpreis Paszport

Polityki, meldet sich mit einem neuen, interessanten Roman

zurück. heiten/keiten erzählt humorvoll vom Bedürfnis

nach Nähe und Liebe, vor allem aber vom Anderssein, das in

der Romanlandschaft zur Normalität wird. Wieder einmal

stellt der Autor unter Beweis, dass er in seiner Entwicklung

nicht stehen bleibt – jedes seiner Bücher unterscheidet sich

deutlich von den Vorgängern: Das enthusiastisch gefeierte Debüt

Niehalo [Nicht der Hit] war eine groteske Tour durch die

polnische Wirklichkeit im Zeitalter des Kapitalismus, Gesty

[Gesten] analysierte eine schwierige Mutter-Sohn-Beziehung,

und das preisgekrönte Balladyny i romanse [Balladynen und

Romanzen] entpuppte sich als origineller Beitrag zur Präsenz

der Religion in der modernen Welt.

Diesmal setzt Karpowicz auf einen kollektiven Helden,

wenn er seinen neugierig-warmen Blick auf (nicht gar so

schreckliche) Vertreter des Bürgertums richtet, die in ihren

persönlichen Sorgen, zumeist in Liebesdingen, befangen sind.

Die Romanfiguren entstammen der polnischen Mittelschicht,

sie decken das gesamte Spektrum an Einstellungen und Haltungen

ab. Da wäre zum Beispiel Norbert, der nicht eben viel

für Homosexuelle übrig hat, selbst aber mit dem Vietnamesen

Kuan anbändelt (der sich abends in die berühmte Dragqueen

Kim Lee verwandelt). Aber auch die Gesellschaft der brillanten

Professorin Ninel ist ihm durchaus nicht unangenehm…

Diese wiederum pflegt eine sonderbare Beziehung zu Szymon,

dem Angetrauten der launischen Maja, ihrerseits Mutter eines

pubertierenden Sohnes und Schwester der fanatisch katholischen

Faustyna. Und Freundin von Andrzej, der mit dem chaotischen

Krzyś zusammenlebt… Und so geht es immer weiter –

eine Zusammenfassung des neuen Karpowicz läse sich wie das

Drehbuch eines Almodóvar-Films. Nur präsentiert der Autor

seine Truppe schillernder Figuren (die er übrigens stets wunderbar

im Griff hat) ohne jeglichen Furor. Er erzählt eine stimmige,

rundum vergnügliche Alltagsgeschichte, die etwas außer

Kontrolle gerät, aber darüber keine Dramen auslöst, sondern

im Gegenteil eine neue, zufriedenstellende (?) Ordnung stiftet.

Die Brosamen, nein, die Gräten, die uns im Alltag im Halse

stecken bleiben, sind im Grunde halb so wild. Karpowicz

gelingt es nämlich, sie zu entschärfen, bevor sie ihre Sprengkraft

entfalten können. Mit seinem engagierten Buch, seinem

Entwurf einer idealen Gesellschaft, die offen ist für das Andere,

tolerant und vorurteilsfrei, erzählt er die Geschichte einer

Handvoll netter, leicht orientierungsloser Menschen, die geprägt

ist von Normalität.

Wie könnte es auch anders sein, ist doch unser Leben – wie

der Autor zeigt – mag es uns noch so fundamental wichtig erscheinen,

eingebunden in Millionen Strukturen und Systeme,

die bedeutend größer und wichtiger sind als wir. Daher gibt

gerade das Kleine den geeigneten Maßstab vor, diese Irrungen

und Wirrungen zu beschreiben.

Patrycja Pustkowiak

IGNACY KARPOWICZ

„OŚCI”

WYDAWNICTWO LITERACKIE

KRAKÓW 2013

145×205, 472 PAGES

ISBN: 978-83-08-05118-4

TRANSLATION RIGHTS:

WYDAWNICTWO LITERACKIE


HEITEN/KEITEN

– Maja,

du bist der tollste Mensch der Welt.

– Verzeihung, haben Sie etwas gesagt?

Erst jetzt wurde Maja bewusst, dass sie vom Modus ‚lautloses

Mantra‘ in den Modus ‚gesprochenes Mantra‘ gefallen

war. Sie wurde rot. Nicht, weil sie etwas gesagt hatte.

An den Irren, die in Bussen und Bahnen mit Gott und den

Musen plauderten, konnte sie nichts Schlechtes finden.

Die hatten wenigstens ein Anliegen, da sollten sich eher

die schweigenden Fahrgäste schämen. Aber der Inhalt des

Gesagten beschämte sie. Aus Sicherheitserwägungen heraus,

und mit Rücksicht auf meine Würde, sollte ich wohl

ein weniger persönliches Mantra wählen. Sie schwankte

zwischen den in Sachen Ego neutralen ,,Drängeln Sie nicht

so“ und ,,Die Fahrscheine bitte“; sie würde es mit der ersten

Variante probieren, wenngleich sie bezweifelte, dass diese

ähnlich schnell die Laune heben würde wie „Maja, du bist

der tollste Mensch der Welt“.

Kaum hatte sie den neuen therapeutischen Satz zweimal

im Geiste gesprochen, war diese Stimme wieder da:

– Ich habe es doch gehört. Sie haben etwas gesagt.

Sie kapitulierte. Langsam hob sie den Blick, um die Quelle

des nervenden Geredes ausfindig zu machen. Sie hatte

nichts Besonderes erwartet, einen Lautsprecher vielleicht,

am wenigsten aber das, was sie nun zu sehen bekam. Vor

ihr stand ein breitschultriger Mann um die Dreißig; sorgsam

gegeltes Haar, Rechtsscheitel, ebenmäßige Züge, tadellose

Haut, keine Warze, kein Pickelchen, glatt rasierte

Wangen, der Bartansatz so markant wie die Toleranzgrenze

des Vatikans zur Gleichstellung von Mann und Frau. Unter

dem offenen grauen Mantel blitzte ein schneeweißes Hemd

hervor. Seine Hose hatte sie nicht beachtet, und jetzt wollte

sie den Blick nicht mehr senken – das hätte sicher ausgesehen,

als wollte sie seinen Schritt taxieren, als gehörte sie

zu den sexuell Unterversorgten; selbst wenn es komplett

anders ausgesehen hätte, nun hatte Maja einmal gedacht, es

hätte so ausgesehen und nicht anders, deshalb hielt sie jetzt

mit eisernem Willen den Nacken steif.

Sie wollte ihn Auge in Auge fragen, was er für Hosen

trug, da sie aus übergeordneten, quasi objektiven Gründen

außerstande war, dies selbständig und eigenen Auges in Erfahrung

zu bringen. Glücklicherweise verkniff sie sich die

Frage. Der Mann präsentierte sich für Majas Geschmack

derart aufgeräumt, ordentlich und sauber, dass seine Akkuratesse

übertrieben und irritierend wirkte. Vor ihr stand

der Bilderbuchsohn von Bilderbucheltern.

Ein nervöser Schauder lief ihr über den Rücken: Dieser

Mann war in einer kranken Familie aufgewachsen, allmorgendlich

brachte seine sadistische Mutter ihm das Haar in


Form und zwängte ihn in die Kleider ihres modisch um ein

Jahrhundert hinterherhinkenden Albtraums vom perfekten

Kind, während Vater Rohrstock Morgen für Morgen wiederholte:

„Denk dran, mein Sohn, sieh deinem Gegenüber

immer in die Augen, wenn du sprichst.“

Majas Fantasie kam allmählich auf Touren. Sie sah Meister

Proper am Mittagstisch sitzen; auf seinem Teller, der so

blank war, als wäre er immer schon leer gewesen, lag die

letzte Erbse. Jeder normale Mensch hätte mit seiner Gabel

diese Erbse minutenlang gejagt, nicht so Herr Sauber-Ausgeführt.

Mit einer einzigen, präzisen Bewegung spießte er

die Erbse auf und führte die Gabel zum Mund. Maja wurde

immer unruhiger. Kein Zweifel, sie sah sich einem lebensgefährlichen

brünetten Barrakuda gegenüber. Um jeden

Preis musste jetzt ein positives Gegenbild her. Sie dachte an

ihren Sohn, seinen Irokesenschnitt, seinen hemdsärmeligen

Umgang mit Wasser und Seife, aber das Bild ihres Sohnes

machte die Situation auch nicht besser. Entsetzt malte sie

sich aus, wie ihr geliebter Bruno zufällig dieser Bestie im

blütenreinen Kragen begegnet, sich infiziert, den Iro abrasiert

und sich einen Seitenscheitel zulegt. Gütiger Gott, bitte

nicht Bruno!

– Ich hätte ein Taxi nehmen sollen.

– Wie bitte?

– Im Bus begegnet man immer so widerlichen Typen.

– Typen wie mir, meinen Sie?

– Gleich kommt eine Bedarfshaltestelle – ihre Stimme

zitterte und wurde leiser. – Ich melde Bedarf an, dass Sie

aussteigen.

Er lächelte.

– Sie würden meiner Mutter gefallen.

– Ich bin schlecht in Müttern. Ich fürchte, ich könnte die

Gefühle Ihrer Mutter nicht erwidern.

Sie wollte noch anfügen: „schließlich hat sie ein Monstrum

großgezogen“, konnte sich aber zurückhalten. Dieser

schöne Erfolg – Maja gelang es nicht immer, nicht zu sagen,

was sie nicht sagen wollte – gab ihr neuen Mut. Der Bus war

voll besetzt, sie hatte nichts zu befürchten, höchstens eine

Grippe oder einen Pilz von ihren Mitfahrern; Gewaltexzesse

standen aller Voraussicht nach nicht an. Die Situation gestaltete

sich so ungemütlich wie folgt: Sie unterhielt sich

mit einem höflichen, erschreckend reinlichen, hochwertigen

Mannsbild hyperrealistischer Machart.

– Sie brauchen nicht an der nächsten Haltestelle auszusteigen

– lenkte sie nach einer ausgedehnten Pause begütigend

ein. – Steigen Sie aus, wann Sie wollen.

Er neigte leicht den Kopf und räusperte sich verlegen.

– Ich würde Sie gern näher kennenlernen. Ich muss gestehen,

Sie haben mich mächtig beeindruckt.

Jetzt sah sie ihn mit anderen Augen. Weil er sein Interesse

bekundet hatte, konnte Maja ihre erste Einschätzung

noch einmal korrigieren und den Sympathiefaktor erhöhen

bzw. den Antipathiefaktor minimieren. Sie erkannte, dass

man ihn nur ein wenig beschmutzen, die Haare zausen

und zwei bis drei Pickel auf den Wangen platzieren müsste,

schon sähe er den anderen Chef-Gorillas gar nicht mehr so

unähnlich. Man könnte ihn sogar in den Club mitnehmen.

Wahrscheinlich war er gar kein Psychopath, sondern nur

geistig, kulturell oder hygienisch behindert.

– Haben Sie im Novemberaufstand, aus dem Sie offenbar

gerade kommen, erfolgreich fremde Bräute im ÖPNV abgeschleppt?

Während er sich seine Antwort zurechtlegte, stellte sie

sich vor, dass Meister Ich-pinkle-kohlensäurearmes-Mineralwasser

mit jüngeren Geschwistern gesegnet war. Dass

die ganze Sippe bei Tisch auf Kommando Erbsen aufspießt.

Diese Szene geriet Maja so anrührend komisch, dass sie

nicht einmal versuchte, ihr Lächeln zu verbergen.

– Ich sehe mich – gestand er ernsthaft – zu einer intelligenten

und geistreichen Antwort nicht in der Lage.

– Bei mir ist das umgekehrt. Intelligente Antworten habe

ich immer parat. Ist doch egal, dass ich die Fragen nicht abwarten

kann!

– Gestatten Sie mir eine Einladung zum Abendessen.

Maja zeigte sich an dem Unbekannten und seinem untadeligen

Äußeren zunehmend interessiert. Sie kam sich vor

wie eine Archäologin, eine Epidemologin, eine Biologin bei

der Erforschung einer extraterrestrischen Lebensform. Sie

kam sich vor, als hätte sie das Teflon erfunden, die reinste

Substanz überhaupt; na ja, vielleicht ex aequo mit der

Hostie.

– Schwitzen Sie?

– Hmm. Ja, in diesem Moment habe ich beispielsweise

vor Aufregung schwitzige Hände. Handflächen.

– Haben Sie …

– Ich beantworte all Ihre Fragen unter der Bedingung,

dass wir uns treffen.

– Gut. An einem öffentlichen, gut ausgeleuchteten Ort.

Haben Sie manchmal Schnupfen? So richtig mit Rotz?

– Ich muss gleich aussteigen, das ist meine Haltestelle.

Bitte geben Sie mir Ihre Nummer.

Maja diktierte, und er zog aus seiner manierlichen ledernen

Brieftasche eine Visitenkarte.

– Morgen rufe ich an. Die bekommen Sie für den Fall der

Fälle. Auf Wiedersehen.

Er stieg aus, und sie sah ihm nach. Sie wusste nicht, was

sie mehr schmerzen würde: Wenn er stehen bliebe und

schaute, oder wenn er sich abwandte und seiner Wege ging.

Maja schaute nicht gerne, wenn sie nicht wusste, was sie sehen

wollte. Undefiniertes Schauen konnte sehr riskant sein,

und eine Bindehautentzündung wollte sie sich jetzt ganz bestimmt

nicht einhandeln.

In ihrem Kopf war ein Rauschen, aber nicht das zarte Gesäusel

von Champagnerbläschen, etwas Massiveres, eindeutig

Sanitäres. In etwa das Freilegen eines verstopften Jacuzzi.

Bulb-bulb-bulb. Wie exakt ich den Klempner in meinem Kopf

wiedergeben kann, staunte sie.

Das Gespräch im Bus erschien ihr bald als völlig unglaubwürdiges

Produkt ihrer Antidepressiva, bald als große Peinlichkeit,

als hätte sie versucht, den Teenager zu spielen, der

sie seit Jahren nicht mehr war. Es klang in der Endlosschleife

mit dem ewigen verkorksten Prolog (Maja, du bist der tollste

Mensch der Welt) hoffnungslos selbstgefällig. Wirklich intelligente

und wohlerzogene Menschen sollten ihre Intelligenz

und ihre gute Erziehung nicht so direkt herauskehren. Intelligente

Menschen mit sozialen Umgangsformen hätten sich

ein ordentliches Thema gesucht. Das Wetter. Die Erhöhung

des Renteneintrittsalters. Ein Zugunglück. Opferzahlen.

Aus dem Polnischen von Thomas Weiler


JUSTYNA

BARGIELSKA

KLEINE

FÜCHSE

Justyna Bargielska (geb. 1977), Lyrikerin und

Prosaistin. Ausgezeichnet u.a. mit dem Literaturpreis

Gdynia. Małe lisy [Kleine Füchse; 2013] ist

ihr zweiter Prosaband.

In „Kleine Füchse” gibt die glasklare Stimme einer jungen

Frau Geschichten zum Besten, eigene Geschichten oder Geschichten

geradewegs aus dem Leben. Der Gegenstand: die

Kinder, der Ehemann, der Hund, die Mutter, die Schwester

und die Nachbarinnen. Die Wohnsiedlung, daneben der Wald.

Der Haushalt, in der U-Bahn aufgeschnappte oder zu Hause

von der Tochter geträllerte Rhythmen, der Vorstadtbus. Im

Heimeligen lauert jedoch das Unheimliche, im Vertrauten das

Sündhafte. Der märchenhaft angehauchte Liebesroman, die

weltweit populärste frauenliterarische Gattung, erhält hier

eine komplexe, ironische Dimension. „Hattet ihr denn mal

was, Mädels, mit einem Gangster aus dem Wald? Denn genau

das, Mädels, hatte ich” – so beginnt „Kleine Füchse”.

Der Titel ist so vieldeutig wie einleuchtend. Sie sind es, die

biblischen kleinen Füchse, die kleinen Sünden – in diesem Fall

die Sünden der Hausfrauen – die die Weinberge verwüsten.

Wie ist es doch verlockend, ein kleiner Fuchs zu sein und einfach

im Wald bei der Siedlung herumzustreifen! Die in einem

Grenzbereich von Traum, Erinnerung und Phantasie gesponnenen

Märchen über den Messerstecher als Geliebten fordern

alles in allem doch ihren Preis. Das alltägliche Familienleben,

seine Materie selbst unterliegt einer gewissen Erosion, da das,

was die Welt zu einem verzauberten Ort macht – die Poesie,

und manchmal sogar die Religion – sich nun auf einen Bereich

außerhalb des Hauses verlagert, in den Wald. Der tiefe Blick

in die Dynamik dieses Prozesses ist jedoch nicht identisch mit

Schuldgefühl. „Das geht mir am A... vorbei” ist die Autorin imstande

zu schreiben, die sonst fast nie zu Vulgarismen greift.

Der Sinn dieser Umschreibung ist einfach. Für die Frau sind

Freiheit und Schaffenskraft seltene und unschätzbare Werte,

die es mit dem eigenen Körper zu schützen gilt.

Bargielskas poetischer Redefluss spaltet sich in zwei Figuren

auf, die alltägliche, aber dadurch nicht weniger dramatische

existentielle Erfahrungen dokumentieren. Agnieszka, die

„Forschontärin”, eine der „Damen von der Stiftung”, ist eine

selbständige junge Singlefrau, die u.a. einen Schreibkurs im

Kulturzentrum der Siedlung leitet. Die Figur des literarischen

Schaffens erscheint hier als grenzenloses kollektives Projekt,

welches das eindeutige Verständnis der Autorschaft in Frage

stellt. Auf diese Weise deklariert Bargielska, die scheinbar

obenhin verschiedenste Frauennamen in den Text einfließen

lässt, „Kleine Füchse” zwar zu ihrem, aber nicht allein von ihr

stammenden Werk. In diesem weiblichen, von der Definition

her leicht obszönen Redeschreibfluss, in dessen Zuge Leiden

und Begehren auf die Bühne des Alltags vordringen, erweisen

sich Worte, Gedanken, Orte und Erfahrungen als gemeinsam.

Agnieszkas Geschichte verflicht sich erstaunlich eng mit der

Mikroperspektive einer anderen Figur, einer Hausfrau und

Mutter, die zum Glück oder Unglück für die Wirklichkeit

selbst eine empfindsame Intellektuelle ist. Beide Frauen schlafen

ganz offensichtlich mit demselben betörenden Räuber aus

dem Wald.

In „Obsoletki” [Obsoletes], Bargielskas letztem Buch, war

es die Trauer, die dem Ganzen seinen Ton verlieh. Eine tiefe

und zugleich problematische Trauer, zeichnete die Autorin

doch die Erfahrung einer Fehlgeburt nach, den Verlust einer

Person, die es in der realen Welt noch gar nicht gegeben hatte.

Die medizinische Erfahrung fand einen religiösen Rhythmus

und eine religiöse Bebilderung, der dunkle Schein von Trauerritualen

erfüllte die Welt. „Kleine Füchse” ist da ganz anders.

Die Rückkehr auf die Seite des Lebens bedeutet den Eintritt in

die Sphäre erhöhter Gefahr, illegaler erotischer Leidenschaften

und der Phantasie, von zu Hause wegzulaufen, auch wenn

man dafür durch die Kanalisation abfließen müsste. Doch wie

zu erwarten bleibt die große Katastrophe hier aus. Die Kinder,

imaginär beim Versuch eines erweiterten Selbstmords mit

Schlaftabletten betäubt, wachen doch am Schluss wieder auf.

Und auch ihre Mutter kehrt ins Leben zurück. Die Aspekte des

schriftstellerischen Ichs fügen sich zusammen, gemeinsam gehen

die beiden Geliebten des Messerstechers zum Wohnblock

zurück, gemeinsam tragen sie die Kinder. Die Handlung ist bei

dieser Erzählung zwar wichtig und fesselnd, aber dennoch in

gewissem Sinne konventionell. Das Wichtigste ist die Begabung

der Autorin, alles zu Literatur zu verdichten, zu einer

bündigen, ironischen, manchmal etwas surrealen Literatur,

die aber immer von der Schönheit und der Bedrohung handelt,

die sich in der Unbestimmtheit der Existenz verbergen.

JUSTYNA BARGIELSKA

„MAŁE LISY”

CZARNE, WOŁOWIEC 2013

125×195, 112 PAGES

ISBN 978-83-7536-505-4

TRANSLATION RIGHTS:

POLISHRIGHTS.COM

Kazimiera Szczuka


KLEINE

FÜCHSE

Hattet ihr

denn mal was, Mädels, mit einem Gangster aus dem Wald?

Denn genau das, Mädels, hatte ich.

Aber heute haben wir den Dienstag, bevor irgendetwas

begann, und ich bin immer noch Laborleiterin, Forscherin,

und auch freiwillige Mitarbeiterin der Stiftung, Volontärin.

Forschontärin. Aus dem Bus, der an einer roten Ampel steht,

beobachte ich zwei Jungen mit Rucksäcken, die Eis aus einer

Pfütze brechen. Sie halten große Stücke davon in den Händen.

Die Ampel springt auf Grün, der Bus fährt an, ich überlege,

wozu sie das Eis brauchen, die einzige Erklärung ist,

dass sie die vorbeifahrenden Autos damit bewerfen wollen.

Ich kehre zu meinem Buch zurück, aber ich sollte im Bus

nicht lesen, denn es nimmt mich immer alles sehr mit, was

ich lese. Am meisten nimmt mich Frauenliteratur mit, aber

auch einige wissenschaftliche Werke haben emotionalen

Einfluss auf mich.

Ich bin erleichtert, dass mein Bus losgefahren ist, bevor

die Jungen angefangen haben, die vorbeifahrenden Autos

mit Eis zu bewerfen. Nicht ausgeschlossen, dass ich irgendeinen

Sport machen sollte. Mir ist aufgefallen, dass ich meinen

Zustand – je nachdem, wie kontrovers das Gelesene war

– mit psychosomatischen Formulierungen beschreibe: dass

mir die Knie zittern, die Hände oder überhaupt meine ganze

kritische Person. Nach der Lektüre muss ich oft zu einem

bestimmten Regalbrett gehen und etwas anderes, Bekanntes,

Offensichtliches lesen, zur Beruhigung. Am liebsten

Darwin. Ich glaube, mir fehlt Bewegung.

Eigentlich mag ich frische Luft. Sie hilft, brachliegende

Gehirnstrukturen zu nutzen. Einmal war ich in den Ferien

auf dem Land und eines Tages fiel mir unvermittelt eine

Entgegnung auf etwas ein, was eine Frau vom Ministerium

beim Vorjahrestreffen gesagt hatte: dass sie uns über

den Termin des nächsten Treffens informieren werde, aber

verhandelt werde nicht, denn die Damen von der Stiftung

hätten ja viel Zeit.

Ich hätte ihr sagen sollen, dass die Damen von der Stiftung

unbezahlt ihre Freizeit opfern, um das wieder geradezubiegen,

was solche fetten Scheusale wie sie in ihren Amtsstunden

für öffentliche Gelder kaputtmachen! Ich weiß nur

nicht, ob ich es mit Ausrufungszeichen oder ohne hätte

sagen sollen. Im Grunde ist es gut, dass mir diese scharfe

Entgegnung nicht gleich vor Ort eingefallen ist, denn ich

hätte dadurch, dass ich über das Ausrufungszeichen nachgegrübelt

hätte, sowieso die ganze Wirkung verdorben.

Für diese Gehirnstrukturen habe ich mir neulich einen

Hund angeschafft. Einen Westie. Sein weißes Fell ruft keine

Allergien hervor. Ich gehe zweimal am Tag mit ihm auf

den Rasen hinter der Siedlung, und einmal am Tag in den


Wald auf der anderen Straßenseite. Im Schnee sieht man

ihn schlecht.

Und eines Tages bin ich mit meinem Westie im Wald,

und es kommt aus einer Entfernung von ungefähr hundert

Metern ein Mann auf mich zu. Groß, graumelierte lockige

Haare, Anzughose, Flanellhemd und knielanger Mantel,

aufgeknöpft.

„Was für ein Arschloch muss man sein!“, ruft er.

Er kommt näher, grüßt und erklärt, dass er denjenigen

gemeint habe, der seinen Müll in den Wald geschmissen hat.

Den Müll sieht man im Schnee sehr gut.

„Da hinten liegen noch zwei Monitore“, sage ich. Der

Hund des Mannes kommt angerannt und der Mann fragt,

ob unsere Hunde miteinander spielen dürfen. Das dürfen

sie, auch wenn sein Hund etwas lustlos ist und meinen Westie

höchstens ein bisschen um sich herumspringen lässt.

„Wir sind in Trauer“, erklärt der Mann. „Er hatte eine

Freundin, aber ich musste sie einschläfern lassen, weil sie

Krebs hatte. Es war dumm von mir, sie zu begraben, als er

zusah. Er hat nicht kapiert, dass das ein Begräbnis war, das

letzte Geleit, und so. Ist schließlich ein Hund, der muss das

nicht verstehen.“

An die hundert Meter tiefer im Wald habe ich einmal ein

Portraitfoto von einer Bulldogge im Schnee liegen sehen.

Die Glasscheibe hatte einen Sprung, wahrscheinlich vom

Frost. Ich male mir aus, dass das ein Tierfriedhof ist, vor

dem Winter habe ich hier manchmal Schnittblumen liegen

sehen. Mein Westie gibt auf, der Hund des Mannes im aufgeknöpften

Mantel will alleine sein.

Die nächsten Tage führe ich meinen Westie auf der Wiese

an der anderen Seite der Siedlung spazieren. Über der

Wiese hören die niedrig gespannten Hochspannungsleitungen

nicht auf zu sirren. Ich mag ihr Sirren, denn dank ihm

habe ich eine Wiese nebenan und nicht die nächste Wohnsiedlung.

Später kehre ich wieder zum Wald zurück.

Einmal beim Spazierengehen habe ich ein Foto von etwas

gemacht, das ich nicht verstehen konnte. Ich habe es

auf meinen Computer geladen und vergrößert, aber ich

weiß immer noch nicht, wozu diese Installation dienen sollte.

An vier Bäumen, die grob gesehen im Quadrat wuchsen,

hingen Beutel mit etwas, das gefroren war und sogar auf

den Fotos hart aussah. In der Mitte stand ein großer Stein,

aber kein Felsblock, sondern einfach ein Stein, der so groß

war, dass er wie extra hergebracht aussah, und nicht wie

zufällig im Wald gefunden. Neben dem Stein stand eine

Blechdose, die so aufgeschnitten war, dass ihr Boden einen

Greifer bildete und die Wände zwei schräge Schneiden.

Also, ich weiß nicht.

Ich habe den Mann in dem aufgeknöpften Mantel getroffen.

Er hat mich wohl kaum an mir erkannt, denn ich hatte

mich fast bis unter die Brauen in meinen Schal eingewickelt,

so kalt war es. Wahrscheinlich hat er mich an meinem Westie

erkannt.

„Soll ich Ihnen was zeigen?“, fragte er.

Wir gingen tief in den Wald, in die Tiefe zu dem Einfamilienhaus

auf der anderen Seite hin. Er zeigte mir so etwas

wie die Reste einer Hütte.

„Hier hat Pajda gewohnt“, sagte er. „Mit seiner Geliebten.“

Irgendwas hatte ich gelesen.

„Ein Messerstecher, wissen Sie. Hat sich hier eine Hütte

hingestellt, eigentlich ein Zelt, und das Zelt mit Zweigen

überdeckt. Zur Tarnung. Den ganzen Sommer hat er hier

gewohnt, mit der Geliebten und zwei Kindern.“

„Und zwei Kindern?“

„Schwangeren Geliebten.“

Darüber hatte ich tatsächlich was gelesen. Unsere Siedlung

bekommt keine Lokalzeitung, die Einfamilienhäuser

rundherum natürlich schon, da wird das „Echo“ an die

Gartentore gehängt, in speziellen Plastiktüten mit Henkel,

aber bei uns wird es nicht ausgeteilt, wer würde es auch in

die dreihundert Briefkästen stecken wollen, und vor allem

wozu, wo doch mindestens die Hälfte von uns Wochenende

für Wochenende in ihr richtiges Haus fährt, weit außerhalb

von Warschau, und erst dort Interesse hat, sich die Lokalnachrichten

anzueignen. Und auch, Steuern zu zahlen. Und

so habe ich mir das „Echo“ eines Tages aus dem Laden geholt.

Wie dieser Pajda sein Unwesen getrieben hat! In einem

Vorstadtbus, mit dem er im Sommer vom Stausee zurückgekommen

ist, an einem Juliabend, hat er den Fahrer überfallen.

Der Bus stand an der Wendeschleife, und Pajda und sein

Kumpel wollten noch was trinken und ein bisschen herumfahren.

Der Fahrer hat sie gebeten, auszusteigen, denn es

gibt ein Gesetz, das besagt, dass man an der Wendeschleife

aussteigen muss. Da hat Pajda sein Messer gezogen und den

Fahrer verletzt, der ins Krankenhaus musste, und so haben

Pajda und sein Kumpel es zu einem Steckbrief gebracht.

„Oh, hier“, sagte der Mann im aufgeknöpften Mantel.

„Hier hatte er sein Zelt.“

Vom Zelt war nur die organische Hülle geblieben: ein

paar kahle Zweige, die an einem Balken zwischen zwei nebeneinanderstehenden

Bäumen befestigt waren.

„In diesem Zelt haben sie ihn geschnappt. Die Geliebte,

ihre beiden Kinder, ein und drei Jahre alt, ja und diese

Schwangerschaft, ich weiß nicht, wie man das mitzählen

soll. Handys, Schmuck, DVDs.“

„DVDs?“

„Leider. Den ganzen Sommer haben sie hier gewohnt.“

Mir fiel ein, ich könnte den Mann im aufgeknöpften

Mantel beim nächsten Mal fragen, ob er der Mann aus der

Anzeige ist. In unserem Treppenhaus hängt eine Vermisstenanzeige

aus, es wird jemand gesucht, der auch hier gewohnt

hat und jetzt verschwunden ist, aber ich kann auf

dem Foto, oder eigentlich der Kopie von dem Foto, nicht

genau erkennen, wie dieser Mann aussehen soll. Übrigens

kann ich sowieso sehr schlecht Gesichter wiedererkennen,

ich frage viel lieber einfach, ob jemand jemand ist, oder

jemand anderer, oder überhaupt niemand.

An Pajda denke ich hauptsächlich unter der Dusche.

Meine Wohnsiedlung hat eine defekte Warmwasserinstallation,

jedenfalls beurteile ich das so. Aber es ist auch

möglich, dass meine Nachbarn von unten sich einfach seltener

waschen. Wenn ich dusche, muss ich zwei Minuten

warten, bis das Wasser so aus dem Hahn fließt, wie ich

es angefordert habe, nämlich warm. Zuerst kommt kaltes

Wasser, dann abwechselnd kaltes und heißes, schließlich

stabilisiert sich die Temperatur und ich kann mich

waschen. Wie man es auch nimmt, das ist für mich sehr

lästig, und genau dann denke ich am häufigsten an Pajda

in seiner Hütte.

Ich denke auch an Pajdas Geliebte. Ich war noch nie

schwanger, aber ich kann mir vorstellen, dass Hygiene in

dieser Zeit entscheidend ist. Denn über Kinder wiederum

habe ich gelesen, dass sie dreckig glücklich sind. Wasser

laufen zu lassen, bis das mit der richtigen Temperatur

kommt, ist unökologisch, aber daran will ich gar nicht

denken. Eine Hütte aus Zweigen dagegen ist ökologisch,

und an sie denke ich die ganze Zeit.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes


PAWEŁ

POTOROCZYN

IRREN IST

MENSCHLICH

Paweł Potoroczyn (geb. 1961), Diplomat, Verleger,

Musik- und Filmproduzent. Er war Konsul in

Los Angeles und Direktor der Polnischen Kulturinstitute

in New York und London. Seit 2008 ist

er Direktor des Adam-Mickiewicz-Instituts, einer

Institution, deren Auftrag die Verbreitung der polnischen

Kultur im Ausland ist. Irren ist menschlich

ist sein literarisches Debüt.

Ein spätes, überraschendes Debüt. Irren ist menschlich ist der

Versuch, die Geschichte der polnischen Gesellschaft nicht mit

Blick auf „den Hof“, sondern auf das Dorf zu skizzieren – auf

Bauern, Juden, Pfarrer, Partisanen und natürlich volkstümliche

Frauen. Das Dorf heißt Piórków. Seine Bewohner sind

die Piórkówer; eine düstere, rachsüchtige, von Instinkten

geschüttelte Gemeinschaft aufrechter Menschen, die übereinander

wachen und sich über ganze Generationen hinweg

Leid antun, ganz menschlich, ganz normal. Irren ist menschlich

wurde von der Kritik gut aufgenommen, das Buch ist in einer

sorgfältig präparierten, stilisierten, geschmeidigen Sprache

geschrieben, die bäuerliche Wirklichkeit, Ironie des Autors

und eine Umwertung der heroisch-martyrologischen polnischen

Matrize miteinander vereint. Ein Element der Erzählung

ist die groteske Deutlichkeit, die spöttische Reduktion

nationaler Motive – beispielsweise des Widerstands gegen die

deutschen Okkupanten – auf das Konkrete, die Erde, den Körper.

Alles beginnt mit einem Begräbnis, denn, wie wir lesen,

„die Begräbnisse in Piórków waren lebendiger als Hochzeiten,

der Kinematograph oder die Elektrizität“. Dieser ländliche

Brauch – denn auf eine Beerdigung geht jeder, es gibt weder

Eintrittskarten noch Einladungen, und wenn ein Feind bestattet

wird, dann ist es „die reine Freude“ – scheint eine Figur für

die Existenzweise der gesamten polnischen Gemeinschaft zu

sein, die sich auf Trauerrituale konzentriert und den finsteren,

ursprünglichen Jähzorn hinter lobpreisenden Bildnissen

des Erlösers und Marias verbirgt. Für den Autor von Irren ist

menschlich gehört das Brauchtum der bäuerlichen Kultur an

sich weder dem sacrum noch dem profanum an. Diese Sphären

sind genauso von Zufall, Schicksal und Psychologie geprägt

wie die Geschichte, die das Dorf überrollt. Gut und Böse

hausen und mischen sich immer und überall. Die Pendelbewegung

von Leben und Tod, dargestellt von durch das Dorf

ziehenden Hochzeits- und Trauerzügen, ist weder in der Lage,

das ungleiche Ausmaß der Tugenden und Missetaten zu beurteilen,

noch es zu erfassen oder zu bändigen. Das eine besteht

für sich und das andere besteht für sich.

Im Roman sind mehrere zentrale Handlungsstränge verflochten,

der markanteste von ihnen schildert die Liebesbeziehung

von Jaś Smyczek, einem Musiker und Weiberhelden,

und Wanda, der schönen Bäckerin. Das Leben in Sünde verzeihen

weder der Pfarrer noch das Dorf, aber Smyczek stirbt in

der ersten Szene des Romans, getroffen von einer deutschen

Kugel, als Partisan. Wir dringen in die Vergangenheit vor,

ins Gewirr der Piórkówer Schicksalswege. Von vornehmen

Herren, Bauern und Juden, ja sogar von Deutschen. Es gibt

hier Kommunistinnen, Künstler und Weltenbummler. Potoroczyn

schreibt eine neue Dorfprosa, befreit von Eindeutigkeit

und religiösem Patriarchalismus. Er wandelt die Traditionen

Reymonts, Kawalec’ und Myśliwskis ab, aber man erkennt in

dieser Prosa auch eine an Gombrowicz gemahnende Ironie

und die deutlichen Rhythmen der lokalen Erzählungen Jerzy

Pilchs. Die verborgene „Seite“ von Irren ist menschlich ist die

Kunst, die Frage danach, wer Künstler ist und wer diese Rolle

nur anstrebt, sich in ihr ausprobiert. Diese Fragen des frischgebackenen

Autors sind reich an Selbstironie.

Kazimiera Szczuka

PAWEŁ POTOROCZYN

„LUDZKA RZECZ”

GRUPA WYDAWNICZA FOKSAL

WARSZAWA 2013

123×195, 352 PAGES

ISBN 978-83-7747-833-2

TRANSLATION RIGHTS:

GRUPA WYDAWNICZA FOKSAL


IRREN IST

MENSCHLICH

Das Briefchen

von Pfarrer Morga an Gutsherrn Radecki enthielt nur zwei

Sätze. Erstens: „Grzegorz, am Samstag kündige ich mich

zum Nachmittagskaffee und zur Préférence an.“ Und zweitens:

„Was auch immer Du für den Unglückseligen tun wirst,

der Dir dieses Briefchen überreicht, tu es, als tätest Du es

für Deinen Bruder und mich selbst.“

Beide Sätze nahm sich der Gutsherr zu Herzen. Für den

Nachmittagskaffee legte er sich ins Zeug wie für ein Abendmahl:

Steinpilzsuppe, Zander und Ente, Mohnkuchen, Honigwein,

Liköre und Starka, für die Préférence war der

Abend zu kurz. Smyczek wies er an, auf dem Dachboden

Quartier zu beziehen, aber im Gutshof. Als die Britschka,

die Morga nach Hause brachte, in der Pappelallee verschwunden

war, machte er sich daran, ein Empfehlungsschreiben

an einen Freund der Familie aus alten Tagen

aufzusetzen.

Herr Radecki hatte keinen Grund, Smyczek zu mögen.

Er mochte ihn nicht, weil Wanda die Avancen des Gutsherrn

zurückgewiesen hatte, obendrein zwei Mal. Einmal

nach dem Tod des Bäckers, als sie vor den Menschen Trauer

trug und es unter dem Federbett, wie sich herausstellte,

mit Smyczek trieb. Und zum wiederholten Mal, als Jaś in

Tarnów im Gefängnis saß.

Er mochte ihn nicht, weil er zur Jagdzeit, wenn er den

Gästen Rebhuhn oder Hasen auftischen wollte, Smyczek holen

lassen musste, er selbst hätte nicht mal aus fünf Schritt

Entfernung den Heuwagen getroffen.

Er mochte ihn nicht, weil er ihn, nachdem er den Halunken

bei sich aufgenommen hatte, unwillkürlich, sogar

gegen seinen Willen, besser behandelte als den Rest der Dienerschaft,

sogar besser als die Hausbewohner, damals war

der Gutshof in Olszany noch ein Haus gewesen. Er mochte

ihn nicht, weil er, nachdem er Smyczek den Flügel gezeigt

hatte, dem er noch nie reine Klänge hatte entlocken können,

das Instrument und den Rest seines Überlegenheitsgefühls

verloren hatte.

Nun, er mochte ihn ganz einfach nicht.

Der Gutsherr wäre bereit gewesen für Talent über Leichen

zu gehen, für irgendein Talent, für einen Talentersatz,

für den Schatten eines Talents, in einer beliebigen Kunst,

in der zu betätigen es sich schickte. Er konnte Noten lesen,

aber kein Instrument spielen, allerhöchstens konnte

er assistieren, die Seiten umblättern, sich beim Pianisten

mit einer vielsagenden Verbeugung revanchieren, die zu

verstehen gab, dass er mindestens ein ihm ebenbürtiger

Künstler war, der sich nur aufgrund seiner Schüchternheit

mit der Nebenrolle abfand, einer Verbeugung, welche die

Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass wahre Genies


escheiden und nur Talentierte hochmütig sind. Die Ermattung

in seiner Darbietung war so überzeugend, er ließ so

aufrichtig die Augenlieder sinken und legte seinen Kopf in

den Nacken, er warf die Schöße seines Gehrocks mit einer

solch vollkommenen Bewegung hinter sich, wenn er sich

auf das Stühlchen im Rücken des Pianisten setzte, dass es

schien, als sei der Maestro in den Gutshof gekommen, um

der Hausmusik die Ehre zu erweisen. Die Etüden des Gutsherrn

waren so suggestiv, dass ohne Zweifel ein Teil des

Applauses, verdientermaßen und gerechterweise, ihm galt.

Von seiner frühen Jugend an bis ins reife Alter versuchte

sich der Gutsherr in der Poesie, von der Annahme ausgehend,

dass diese keiner angeborenen Begabungen bedarf

wie die Musik oder die Malerei, dass die Worte genauso

Tauben und Blinden zugänglich sind und die Bedeutungen

gerecht verteilt sind zwischen allen, die die Schrift beherrschen.

Die Annahme war ebenso falsch wie seine Poesie,

ohne Rücksicht darauf, ob er Oden auf Russisch schrieb,

englische Sonette oder ein Haiku. Die verheerende Neigung

zur Pointe, der Fallstrick der Lyrik, machte das zunichte,

was Herr Radecki selbst als Wesen der Poesie ansah – die

Freiheit von den der Literatur auferlegten Pflichten und die

Freiheit des eigenen Ausdrucks. Die Rhythmen, Melodien

und Farben, jenen vorbehalten, denen das Schreiben die

allergrößte Schwierigkeit bereitet, und irgendwie gegenwärtig

in seinen Gedichten, erklangen in allen Sprachen mit

dem leichten blechernen Echo eines Emailleeimers.

Malen konnte er wohl, aber es verriet ihn eine künstliche

Distanz, die bewirkte, dass nicht einmal die schlechtesten

Bilder aussahen, als hätte sie ein Weitsichtiger gemalt,

der vier Schritte von der Leinwand entfernt stehen muss,

um zu erkennen, welche Formen und Farben sich darauf

ereignen, von Nahem hingegen sieht er nichts als Striche

und Farbpartikel. Vielleicht konnte er es auch, aber mochte

es nicht, es sei denn schüchterne Akte kleiner Jungen, deren

zarte, in banalen Posen erstarrte Substanz die kognitive

Unsicherheit beweist und deren kleine Münder und große

Glieder den Zwiespalt des Künstlers erkennen lassen. Die in

größtem Maße unangenehmen Bemühungen um Modelle

trugen auch erheblich dazu bei, dass er selten und furchtsam

malte.

Das Unglück des Gutsherrn und der Fluch seiner sorgfältigen

Ausbildung und seines wahrhaft guten Geschmacks

war es, dass er sich dessen bewusst war. Was er leider nicht

wusste, war, dass man, um sich ausdrücken zu können, wissen

muss, wer man ist.

Das Singen hatte er noch als Junge aufgegeben, als er

eine gewisse Verlegenheit in den Gesichtern der eigenen

Eltern bemerkte. „Du musst nicht singen, mein Sohn“, sagte

die Mutter, „erzähl uns das doch vielleicht lieber.“

Der Gutsherr hatte sich oft Gedanken darüber gemacht,

warum Morga, letztlich ein Zugezogener – und für die Radeckis

und Gieskaners, deren Wurzeln in jener Gegend

vierhundert Jahre zurückreichten, ganz einfach ein Landstreicher

–, warum Morga eine solche Geltung unter den

Bauern besaß, dass sie alles, was er befahl, sofort taten, und

das manchmal sogar ohne Murren und das übliche Meckern.

Er war weder besonders klug noch gelehrt, in seiner Überheblichkeit

gnadenlos, wenn auch auf seine Art gerecht.

Wenn ihm wenigstens das Alter die Autorität verliehen

hätte, aber Morga war nicht einmal sehr alt. Vielleicht genoss

er deshalb weniger Respekt bei den Frauen, für die ein

lebhafter Kerl, und sei es im Kleid, immer nur ein Kerl sein

wird, vor allem wenn er keusch ist, denn nichts steigert die

Neugier der Weiber so wie Lust- und Kraftlosigkeit, und

nichts schwächt den Respekt mehr als diese Neugier. Und

vielleicht wurde er aus demselben Grund von den Bauern

geachtet, weil er noch nicht alt war, aber freiwillig schon

so gut wie auf der anderen Seite.

Bei alledem hatte der Gutsherr, ohne den Gehorsam

Smyczeks zu verstehen, der auf Befehl Morgas die schönste

Frau verlassen hatte, die er jemals gesehen hatte, seine

eigenen Gründe und Verpflichtungen dafür, auf den Pfarrer

zu hören. Er schrieb also einen Brief, der mit den Worten

begann: „Werter Onkel, vergib mir, dass ich mich direkt an

Ihn wende, aber ich habe keine Beziehungen im gunbatsu.

Seit unserem letzten Treffen in den Gärten des Kaiserpalastes

habe ich gnädigen Onkel um nichts gebeten, und ich

würde niemals Seine Zeit in eigener Angelegenheit vergeuden

oder Ihm Unannehmlichkeiten bereiten, doch die Zeit

ist gekommen, dem einfachen Menschen zu helfen, den

gnädiger Onkel damals erwähnte.“

Der Brief endete mit den Worten: „... sonst kommt er

wieder in den Knast, es ist eine Frage der Zeit.“

Die Rechnung des Gutsherrn war einfach wie ein

Stummfilm im Tschenstochauer Kinematographen. Im

ersten Akt begibt sich der schändliche Smyczek in die verdiente

Verbannung. Im zweiten legt der Gutsherr Wanda

die Welt zu Füßen (berauschend schnelle Schlittenfahrt

auf glitzerndem Schnee, die Sonne in den Baumkronen). Im

dritten Akt erliegt Wanda dem Gutsherren (alles beginnt

im Kreis herumzuwirbeln), im vierten plagen sie Gewissensbisse

(Untertitel: Ach, was habe ich nur getan), doch der

Gutsherr bittet um ihre Hand (der Verlobungsbrillant im

Kerzenschein).

Fünfter Akt: Der schändliche Smyczek erweist sich als

unschuldig und flieht, insgeheim unterstützt durch den

Gutsherrn, aus der Verbannung, aber er fügt sich in sein

Schicksal und der Gutsherr heiratet Wanda.

Oder:

Fünfter Akt: Der zu Unrecht verurteilte Smyczek kehrt

aus der Verbannung heim und vergibt Wanda, der Gutsherr

bietet den Neuvermählten in einem Anfall von Reue eine

großzügige Reise an.

Oder:

Fünfter Akt: Smyczek heiratet eine andere oder fällt im

Krieg, der unglückliche Gutsherr löst unter dem Druck der

Familie und Gesellschaft die Verlobung, Wanda schleudert

den Ring in den Teich von Piórków und schluchzt ob ihres

Schicksals (O was bin ich unglücklich!).

Eine Antwort des Marschalls ist nie eingetroffen, obwohl

der Brief Wirkung gezeigt hat. Nach zwei Monaten

kam ein Militärkurier auf einem Motorrad zum Gutshof

und brachte den Einberufungsbescheid für Smyczek.

Das erste Mal unterschrieb Jaś einen Brief an Wanda

mit einem Violinenschlüssel. Ohne aus dem Beiwagen des

Motorrads zu steigen, gab er ihn Wawerek mit der Bitte,

ihn zu überreichen. Wawerek erklärte sich einverstanden,

zog den Hut und ging in Richtung Zatylna. Smyczek

setzte vorschriftsmäßig die Brille auf, das Motorrad heulte,

qualmte, wendete auf der Stelle und verschwand dann auf

dem Weg nach Broniszewska in einer Staubwolke und dem

aufregenden violetten Gestank der Abgase.

Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel


HUBERT

KLIMKO-DOBRZANIECKI

GRIECHEN STERBEN

ZU HAUSE

Hubert Klimko-Dobrzaniecki (geb. 1967),

Schriftsteller und Lyriker, lebt seit vielen Jahren

im Ausland (unter anderem auf Island, gegenwärtig

in Österreich). Er schrieb mehrere Erzählungen

und Romane, bisher erschienen von ihm

neun Bände. In seinen Werken wimmelt es geradezu

von Sonderlingen, Verrückten, Eigenbrötlern,

entwurzelten und verkrachten Existenzen,

die entweder unfähig oder unwillig sind, einen

festen Platz im Leben zu finden.

Nach dem Ende des griechischen Bürgerkriegs und der Niederlage

der linken Volksfront kamen Ende der 40er- und Anfang

der 50er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts mehrere

Tausend politischer Flüchtlinge nach Polen. Die meisten von

ihnen siedelten sich in Niederschlesien an, z. B. in Bielawa, wo

auch Hubert Klimko-Dobrzaniecki seine Kindheit und frühe

Jugend verbrachte. Der Autor erzählt in seinem neuesten Roman

von ebenjenen damaligen „Bielawa-Griechen“ und greift

damit erneut ein Thema auf, das ihm sehr am Herzen liegt:

die schmerzhafte Erfahrung eines Lebens in der Emigration.

Das zentrale Thema ist das Gefühl des Fremdseins und der

Wurzellosigkeit – übrigens in zweifacher Hinsicht. Der Held

des Romans, Sakis Sallas, gilt in Polen, obwohl er in diesem

Land geboren, zur Schule gegangen und vollständig assimiliert

ist, sein Leben lang als ein Fremder. Als er 1980 in das

Land seiner Vorfahren zurückkehrt, macht er dieselbe Erfahrung:

In den Augen der Griechen ist er ein „Polonos“. Doch

ist dies der Grund dafür, dass sein Privatleben eine einzige

Abfolge von Misserfolgen ist? Wir begegnen ihm als einem

verbitterten Fünfzigjährigen, ehemaligen Journalisten einer

Athener Tageszeitung und beginnenden Schriftsteller, wie

er gerade auf einer griechischen Insel ankommt, um im dortigen

Schriftstellerhaus einen Roman über seine Eltern zu

schreiben. Es geht ihm jedoch nicht darum, das Andenken

seines über alles verehrten Vaters und seiner über alles geliebten

Mutter zu wahren und einen nostalgischen Blick auf

seine glückliche und unbeschwerte Kindheit zu werfen – das

Buch soll vielmehr eine private Spurensuche werden. Sakis

leidet darunter, dass er nur wenig über die Vergangenheit

seiner Eltern weiß, die bis zu ihrem Tod nie über ihr Leben

vor der Emigration gesprochen haben. Er hegt zu Recht den

Verdacht, dass sie ein dunkles Geheimnis mit sich herumtrugen,

dass sich hinter ihrer Ehe noch etwas anderes verbarg.

Das schreckliche Geheimnis kommt im Finale des Romans ans

Licht und stürzt den Helden endgültig in eine Krise.

Die Geschichte des Romans entwickelt sich auf zwei Ebenen,

der Vergangenheit und der Gegenwart. Die erste Ebene

besteht aus zahlreichen, überwiegend humorvoll erzählten

Kleinstadt-Anekdoten, in deren Mittelpunkt Sakis' exzentrischer

Vater – ein unverbesserlicher Träumer und Fantast

– steht. Daneben finden sich ergreifende Familienszenen. Auf

der Gegenwartsebene geschieht hingegen nur wenig: Sakis

geht Affären mit einer Bewohnerin und schließlich mit der

Leiterin des Schriftstellerhauses ein, doch diese lassen sich

kaum als Beziehungen bezeichnen. Eris und Maria führen

dem Helden lediglich den Grad seiner emotionalen Verkrüppelung

vor Augen.

Alles in allem muss man festhalten, dass es in Griechen sterben

zu Hause in erster Linie um die Gefühlswelten der Figuren

geht und dass das „Griechentum“ – sowohl in geschichtlicher

als auch in kultureller Hinsicht – lediglich als Kulisse dient.

Im Vordergrund stehen familiäre Gefühle, vor allem die Beziehung

zwischen Eltern und Kind, das Phänomen einer erfüllten

Vaterschaft einerseits und die nach dem Tode des Vaters entstandene

Leere andererseits. Das Letztere erscheint besonders

wesentlich, weil Sakis' Vater gleich zweimal stirbt – zunächst

real und später symbolisch, als die schreckliche Wahrheit

über seine Vergangenheit in Griechenland zufällig ans Licht

kommt.

Dariusz Nowacki

HUBERT KLIMKO-DOBRZANIECKI

„GRECY UMIERAJĄ W DOMU”

ZNAK, KRAKÓW 2013

140×205, 244 PAGES

ISBN: 978-83-240-2073-7

TRANSLATION RIGHTS:

AGENCE LITTÉRAIRE PIERRE

ASTIER & ASSOCIÉS


GRIECHEN

STERBEN

ZU HAUSE

MEIN VATER

nahm verschiedene Arbeiten an. Er konnte einfach nicht so

wie Mama. Egal ob krank oder gesund. Auf den Gongschlag

oder sogar etwas früher. Immer dasselbe. Tagein, tagaus.

Rhythmus war nicht Papas Ding. Papa war ein König, Eigentümer

eines grünen Throns, von dem er sich selbst nach

dem Umzug nicht trennte. Er liebte Veränderungen, Bewegung,

den Strudel des Lebens. Es musste immer etwas los

sein. Irgendein kleines Chaos, eine Minirevolution, schließlich

stellte sich Papa, Paps, Papschen, Papachen stets als Revolutionär,

als Partisan aus den fernen Bergen vor. Da half

er lieber beim Ausladen. Wenn der Zug in den Bahnhof einfuhr,

war er immer der Erste. Wenn etwas umfiel, zerbrach

oder nicht ankam, entwickelte er eine solche Kraft, dass er

alles ganz allein aufheben, reparieren, zusammensetzen, hineinlegen

oder herausnehmen wollte. Und hinterher kehrte

er erschöpft, aber glücklich, mit Geld in der Tasche, nach

Hause zurück. Dann gab er mir eine Münze und sagte: „Junge,

hier hast du Geld, gutes, ehrlich verdientes Geld. Geh in

die Konditorei und kauf dir etwas Süßes, und denk auch an

deine Mutter, denk an den Windbeutel. Für deine Mutter

einen Windbeutel, und für dich, was immer du willst.“ Und

ich machte mich auf den Weg, mit meiner goldenen Münze,

die der Herrscher der Meere und Ozeane mir dargereicht

hatte. Manchmal blieb sogar noch etwas übrig.

Später bekam er es mit dem Kreuz. Er wurde nun einmal

älter. Man muss dazusagen, dass es noch mehr von uns

in der Stadt gab, aber Papa traf sich nicht gern mit ihnen.

Sie stammten von einem anderen Berg, aus einem anderen

Wald, und hatten einen anderen Blick auf die Dinge. Vielleicht

einen pragmatischeren Blick, außerdem ziemte es

sich für einen König nicht, sich unter das gemeine Volk zu

mischen. Einige von ihnen bezeichnete er als Verräter, weil

sie zum Katholizismus übergetreten waren. Einige glaubten

sogar an Gott, und andere waren nicht aus seiner Einheit.

Jene hatten sich, aus was für Gründen auch immer, für die

Tschechoslowakei entschieden. Sie waren irgendwo auf dem

Weg zurückgeblieben und man hatte nie wieder etwas von

ihnen gehört. Auch Mama war zum Katholizismus übergetreten,

ging in die Kirche und ließ mich sogar taufen. Angeblich

hatte mein Vater daraufhin einen Monat lang nicht

mir ihr gesprochen. Aber sie war eben anders und durfte tun,

was sie wollte, denn mein Vater war ihr dankbar für ihren

Fleiß, vor allem jedoch für ihre Liebe. Als wir es sehr schwer

hatten, noch ganz am Anfang, sagte Mama immer: „Wir haben

Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch, wir werden schon

nicht verhungern.“ Irgendwie schaffte sie es, meinem Vater

aus diesen wenigen Zutaten alles Mögliche auf den Teller zu

zaubern. „Was gibt es heute zu Mittag?“ „Heute, mein Liebs-


ter, gibt es gefüllte Weinblätter.“ Und Mama rieb Kartoffeln,

gab ein Ei hinzu, ein wenig Knoblauch, Salz und Pfeffer,

wickelte alles in dünne Zwiebelschichten ein und schob es

in den Ofen. Siehe da, Dolmadakia Yalantzi! Ich sehe, wie

Papa versucht, sich die Kartoffeln wegzudenken. Er genießt,

lässt sich die gefüllten Weinblätter auf der Zunge zergehen,

schluckt sie langsam hinunter. Jetzt ist er zu Hause, also dort.

Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht. Nach einer Weile

hebt er die Augen zum Himmel und sagt, dass ein Wölkchen

aufzieht, aber sicher gleich wieder vorüberzieht, und er lädt

sich noch etwas von dem zauberischen Blendwerk auf seine

Gabel. Und wieder kaut er langsam. Schluckt hinunter.

„Hervorragend, Schatz, hervorragend. Eine ausgezeichnete

Vorspeise. Und was gibt es als Hauptgang?“ „Na, was schon?

Dein Lieblingsessen!“ „Nein?! Du hast Rindfleisch mit Kastanien

gemacht?!“ In der Pfanne schmoren bereits in Scheiben

geschnittene Kartoffeln. Mama lässt sie langsam goldbraun

werden, von beiden Seiten. Bestreut sie mit Pfeffer und Salz.

Legt sie auf einen Teller. Im Bratfett planschen bereits die

Zwiebeln, und Mama gibt noch einen Löffel Zucker hinzu,

sodass sie glänzend und goldbraun werden. Dann verteilt sie

alles auf die Kartoffeln und streut noch ein wenig gehackten

Knoblauch darüber. Kreas me Kastana! Papa gehen die

Augen über. Jetzt lässt er sich nicht mehr so viel Zeit wie

mit der Vorspeise. Sein Bart gerät in Wallung, hängt in den

Teller. Das Rindfleisch mit Kastanien verschwindet im unermesslichen

Magen meines Königs der Meere. „Und zum

Nachtisch? Gibt es etwas zum Nachtisch?“ „Ich kann dir

Revani machen, aber ohne Grieß, nur die Orangenzesten.“

„Gerne.“ Mama nimmt ein paar steinhart getrocknete Orangenzesten,

die sie wer weiß wo herhat, wahrscheinlich noch

von den Deutschen. Sie legt sie in eine Pfanne, begießt sie

mit kochendem Wasser, gibt etwas Fett und einen Teelöffel

Zucker dazu. Fertig ist der Nachtisch. Der beste Nachtisch

der Welt. Papa dankt ihr. Bürstet Mamas abgearbeitete

Hände mit seinem roten Bart. Papas Bürstenbart auf Mamas

Handflächen ist der schönste Dank. Nach diesem königlichen

Mahl, durch das sich meinem Poseidon neue Gehirnwindungen

erschlossen haben, denn es war reichlich Zucker

darin gewesen, schön und festlich war es gewesen, sagt Papa

zu Mama: „Ausladen ist nichts mehr für mich. Ich werde alt.

In die Fabrik will ich auch nicht. Dort würde ich mich zu

Tode langweilen, feste Arbeitszeiten würde mich umbringen.“

„Und? Was willst du dann machen?“ Der König kratzt

sich den Bauch. Streicht über seinen Bart. Steckt sich eine

Zigarette in den Mund. Zündet ein Streichholz an. Blickt in

die Flamme. Versinkt in Gedanken, bis das Streichholz von

allein wieder verlischt. Die Rauchfahne legt sich über das

Rote Meer. Verfängt sich in den Wellen und verschwindet in

der Tiefe. „Ein Warszawa“, sagt er. „Einer aus Dół will seinen

Warszawa verkaufen.“

Als es meinen Eltern etwas besser ging, weil Vater ein

wenig beim Kartenspiel gewonnen und ein wenig beim

Ausladen verdient hatte, und weil Mama in der Spinnerei

ständig zweihundert Prozent der Norm schaffte, und weil

sie sich etwas zusammengespart, zusammengeliehen und

ich weiß bis heute nicht, was sie noch alles angestellt hatten,

auf jeden Fall kauften sie sich einen ausgemergelten Warszawa.

Grau war er, wie ganz Polen es damals war. Wie die

gleichnamige Hauptstadt, in der Paps schon einmal gewesen

war. In der griechischen Botschaft. Irgendetwas hatte er

dort gewollt, irgendetwas zu erklären versucht, aber er war

traurig und mit leeren Händen zurückgekehrt, und hinterher

erzählte er. „Denen ihr Warszawa ist genau wie unser

Warszawa, grau und traurig, und hin und wieder knurrt

es wie ein herrenloser Hund. Voller Beton und Baustellen.

Viel größer als unser Warszawa. Oh, viel größer. Du guckst

auf den Rücksitz, durch die Heckscheibe, und die Stadt geht

einfach immer und immer weiter. Man sieht kein Ende, und

auch kein Ende ihrer Traurigkeit. Wenn sie wenigstens an

einem Berg oder am Meer läge. Aber alles ist flach und eben,

mein Junge, und keine Zikaden zirpen, nur die Milizionäre

regeln mit ihren Trillerpfeifen und Schlagstöcken den Verkehr.

Aber was sollen sie da schon regeln, alle fahren sowieso,

wie sie wollen. Bei uns ist es viel schöner. Viel schöner …“

Unser Warszawa wurde ein Taxi. Eines von nur vieren

in der Stadt. Und mein Vater einer von nur vier Taxifahrern,

dazu noch der einzige Ausländer. Er stand am Taxistand

am „Plac Wolności” und wartete auf einen Anruf, denn es

gab dort ein Telefon, so eine Art Telefonzelle, aber nur für

Taxifahrer. Papa wartete auf einen Anruf von den reichen

Leuten, denn die gab es auch bei uns. Manchmal kamen auch

arme Leute, die in Not waren. Die fuhr Papa dann umsonst

oder fast umsonst. Die, die kein Geld oder nur wenig Geld

hatten, brachten ihm hinterher zum Dank alle möglichen Sachen.

Von Lebensmitteln bis hin zu Weidenkörben. Wegen

seiner Gutmütigkeit wurde mein Vater fast so etwas wie eine

rotbärtige Legende, und es kam so weit, dass die Leute, die

zum Taxistand kamen, nur noch mit dem Griechen fahren

wollten. „Der Grieche ist gut. Kennt alle Straßen und spricht

immer so komisch. Wenn du beim Griechen einsteigst, dann

kommst du auch ans Ziel. Und wenn du kein Geld hast, dann

wartet der Grieche, oder du gibst ihm irgendetwas anderes.“

Wenn sie zu viert, also alle zusammen, am Taxistand

warteten, und das Telefon klingelte, und mein Vater war

gerade der Zweite, Dritte oder Vierte, also der Letzte in der

Schlange, und der Erste nahm den Hörer ab, dann fragte die

Stimme am anderen Ende meistens, ob der Grieche da sei,

ob der Grieche kommen könne. Aber Paps war nicht dumm,

Könige sind im Allgemeinen klüger als Taxifahrer, und Papa

war ja nicht einfach ein Taxifahrer, sondern der König der

Taxifahrer, also musste er in solchen Situationen auch königliche

Entscheidungen treffen. Er wollte keinen Ärger

mit den Jungs. Drei gegen einen. Da hatte er keine Chance,

wohl aber hatte er einen Kopf auf den Schultern. Wenn also

das Telefon klingelte, und Papa war nicht der Erste in der

Schlange, und jemand verlangte nach dem Griechen, dann

ließ er den Ersten sagen, der Grieche sei gerade unterwegs.

Und wenn die Leute an den Taxistand kamen und sich in

den grauen Warszawa drängten, dann tat er einfach so, als

würde er die Kiste nicht in Gang kriegen. Doch damit nicht

genug, mit der Zeit stieg der rotbärtige Poseidon zum Chef

der Taxi-Mafia auf und lange Zeit war in der Stadt kein Platz

für ein fünftes Taxi. Alle waren der Meinung, vier seien ausreichend.

Ausreichend für die Stadt und ausreichend für sie.

Einmal versuchte es doch einer. Er kaufte sich einen Wagen,

meldete ihn an und erhielt eine Erlaubnis. Aber irgendwann

hatte er Sand im Tank, obwohl er gar nicht ans Meer gefahren

war. Und schon waren es wieder nur vier Taxis. Für viele

Jahre. Und welchen Nutzen hatte Paps davon, dass ihn seine

Kumpel vom Taxistand zum Mafia-Chef ernannt hatten? Gar

keinen, der Posten brachte sogar eher Nachteile mit sich.

Nachdem Paps das Zepter am Taxistand übernommen hatte,

eröffnete er seinen Kollegen: „Ich machen Sonntag frei. Ihr

machen Touren. Gut?“ Worauf jene ihm voller Verwunderung

und Begeisterung antworteten: „Ja, ja, ja!“ Fortan liebten

sie ihn noch mehr, denn so waren sie an jenem Tag einer

weniger, und das mit Sonntagszuschlag.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau


BEATA

CHOMĄTOWSKA

HOLLAND

OHNE NOT

Beata Chomątowska (geb. 1976), Journalistin,

Autorin einer historischen Reportage namens

„Stacja Muranów” über einen auf den Ruinen des

Ghettos erbauten Warschauer Stadtbezirk. 1999

fuhr sie per Anhalter nach Holland, um im Rahmen

eines „Tempus“-Stipendiums anderthalb

Jahre lang in Breda zu leben und zu arbeiten.

Von ihrem Aufenthalt brachte sie zahlreiche, in

ihrem aktuellen Buch verwertete, interkulturelle

Erkenntnisse mit. Zur Zeit arbeitet Chomątowska

bereits an einem neuen Buch.

Das holländische Breda klingt nicht so vertraut wie London,

wo man keine Straße entlanggehen kann ohne Polnisch zu hören,

sondern scheint eigentlich sogar recht exotisch. Genauso

exotisch wie Chomątowskas irre Geschichten aus ihrem Buch

„Holland ohne Not”. Die Autorin der großartigen historischen

Reportage „Station Muranów”, in der es um einen auf den

Trümmern des Warschauer Ghettos erbauten Stadtbezirk

geht, kehrt dieses Mal zu ihren Erinnerungen an einen anderthalbjährigen

Stipendienaufenthalt in Holland zurück.

Aber das Buch ist dieses Mal keine Reportage – sondern eine

so gewitzt gewobene Geschichte, dass sie sich jeglicher Gattung

entzieht: Auch wenn die Autorin eingesteht, selbst fest

im Boden der Realität verwurzelt zu sein, lassen ihre künstlerische

Verarbeitung und ihr Erzähltalent das Breda-Buch

Richtung Roman segeln.

Die Protagonistin ist eine Studentin, die gegen Ende der

1990er Jahre mit ihrem Freund nach Holland geht und sich

auf die Suche nach Abenteuern macht, die einer jungen Frau

aus gutem Hause – wie ihr –‐ normalerweise nicht gebühren.

Die Rede ist hier natürlich von verschiedensten Genussmitteln,

aber auch von einer Freiheit der Sitten, die in diesem

liberalen Paradies das tägliche Brot ist. In Breda geht sie zwar

zunächst auf die Uni (wobei sie ohne besonderen Enthusiasmus

Bekanntschaft mit den Kommilitonen schließt und nur

unter Schwierigkeiten zur Kenntnis nimmt, dass es so etwas

wie das „akademische Viertel“ in diesem Land der hundertprozentigen

Pünktlichkeit nicht gibt), aber vor allem jobbt sie

in einer – wie sich bald herausstellt – Kultkneipe und schließt

Bekanntschaft mit einer Gruppe schräger, im Freiheitskult

aufgewachsener Freunde.

Äußerst amüsant und lebhaft beschreibt Chomątowska die

jugendlichen Irrungen und Wirrungen der beiden Hauptfiguren

und deren stetige Verwunderung angesichts der krassen

Unterschiede zwischen dem Leben in Holland und dem Leben

in Polen. Dabei ruft sie manches Mal auch Erstaunen und

nicht allzu ferne Erinnerungen beim Leser hervor. Ja, denn

vor kaum länger als einem Jahrzehnt wunderten wir Polen

uns noch, dass es schöne, saubere öffentliche Toiletten mit

einem schwer auffindbaren, geheimnisvollen Spülknopf geben

konnte, und eine Münze in Fremdwährung schien uns das

höchste Luxusgut überhaupt.

Das Buch ist ein ironisches, ehrliches und stellenweise

auch ziemlich freches Portrait der jungen polnischen Emigration

zu Ende der 90er, die so ganz anders ist als die Emigration

vor der Wende – sie sucht im Ausland kein Asyl mehr und legt

nicht immer und ewig nur Geld für eine Wohnung in Polen

zurück, sondern versucht zunehmend forsch (wenn auch

unentwegt mit Herkunftskomplexen kämpfend) ihr eigenes

Leben zu leben und Teil des berühmten und mythenumwobenen

Vereinten Europas zu werden, das ein paar Jahre später

bereits unwiderrufliche Tatsache für uns sein sollte.

Patrycja Pustkowiak

BEATA CHOMĄTOWSKA

„PRAWDZIWYCH PRZYJACIÓŁ

POZNAJE SIĘ W BREDZIE”

CZARNE, WOŁOWIEC 2013

125×205, 336 PAGES

ISBN: 978-83-75365-55-9

TRANSLATION RIGHTS:

POLISHRIGHTS.COM


HOLLAND

OHNE NOT

So berauscht

war ich von meinen neuen Bekanntschaften, dass ich kaum

einen Gedanken an die bevorstehende Prüfung verschwendete.

Trotzdem bestand ich sie, völlig unerwartet. Zwar lag

mein Notendurchschnitt im untersten Bereich, aber wen

kümmerte das, Hauptsache bestanden. Vor lauter Freude

stürzte ich mich mit Feuereifer in die Aufgabe, die uns Meneer

Hors für das zweite Semester erteilt hatte: Wir sollten

einen Werbeplan für eine Firma entwerfen, die holländische

Weine herstellte. Zuerst fuhren wir mit der ganzen

Gruppe hin, um uns den Hof anzusehen und mit dem Produzenten

das Notwendige zu besprechen. Natürlich erwartete

uns vor Ort, auf einem großen Weingut in der Nähe

von Tilburg, zunächst eine Weinprobe. Wir probierten

abwechselnd weiße und rote Weine und beteuerten dabei,

dass sie keinesfalls schlechter schmeckten als Weine aus

den traditionellen Anbauländern – auch wenn wir uns ums

Verrecken nicht erklären konnten, wie um alles in der Welt

es dem Weinbauer in diesem feuchtkalten Klima gelang,

auch nur diese Plempe herzustellen. Ehrlich gesagt war

der Katzenjammer nach diesen Weinen hier nicht weniger

heftig, als wenn man edlere Trünke wild gemixt hätte, und

somit war das nicht einmal ganz gelogen. Ich fuchste mich

in das Thema ein, dachte mir in freien Momenten Strategien

aus, wie man wirklich Werbung für diesen holländischen

Wein machen könnte, wo es ihn schon einmal gab,

und teilte meine Gedanken mit P. – weißt du, das ist tatsächlich

interessant –, vor allem aber nahm ich voller Eifer

an der Gruppenarbeit teil. Dieses Mal war ich mit Viktor

und Katelin zusammen. Wir hatten massenweise Ideen, angefangen

damit, den Wein als originelles Mitbringsel aus

Holland über die Touristeninformation VVV zu vertreiben,

bis hin zu den Schachteln für die Flaschen, die an traditionelle

Embleme anknüpfen sollten: Hering, Holzschuh oder

Windmühle. Der beste Einfall sollte in die Tat umgesetzt

werden. Wir waren sicher, dass unsere Gruppe gewinnen

würde. Wir waren ganz einfach die Besten. Als schließlich

der Tag der Präsentation gekommen war, mussten wir Viktor,

der unsere Weisheiten zum Besten geben sollte, nicht

einmal die Daumen drücken, denn wir wussten, dass er

das spielend meistern würde. Und so war es auch. Er trat

vor, verbeugte sich und legte eine Wahnsinns-Performance

hin, eine schmissige Freestyle-Rede, eine gerappte Story

über holländischen Wein, hielt bei den entscheidenden

Stellen inne und nahm Gesten zur Hilfe, und im Hintergrund

leuchteten im Takt seiner Worte Dias auf. Das alles

dauerte mindestens eine Viertelstunde, fünfzehn Minuten

Knochenarbeit für den gemeinsamen Sieg. Bei der Vorbereitung

hatten wir natürlich mitgemacht, aber auf Viktor


waren wir am stolzesten. Der Auftritt war zu Ende, Viktor

wischte sich den Schweiß von der Stirn und wartete auf

donnernden Applaus. Doch im Saal blieb es still. Die Studenten

starrten ihn in stummer Verzückung an, man sah,

dass es ihnen gefallen hatte; die Juroren hatten undurchdringliche

Mienen, als hätte der Wort- und Klangschwall

sie in Stein gemeißelt. Meneer Hors kam als Erster zu sich

und hob eine Nummerntafel. Null! Viktor kniff die Augen

zusammen, der alte Trottel musste sich vertan haben, gleich

würde er mit fahrigen Händen hinter sich greifen und sein

Fehlurteil korrigieren. Nun zog auch der Rest mit schneller

Bewegung die Tafeln hervor: Null, Null, fünf Mal die Null,

nur Janka Kapusta hatte uns mitleidig zwei Punkte gegeben

und erstarrte jetzt, erschrocken, dass sie sich so hatte erweichen

lassen. – „Nein, nein, das ist doch nicht möglich!” –

Viktor ließ noch einmal den Blick durch den Saal schweifen

um sicherzugehen, dass er sich nicht täuschte. Katelin und

ich taten dasselbe. – „Ach, fickt euch doch! Lul!”, schrie er

wütend auf Holländisch ins Publikum und rannte aus dem

Saal, dass seine blonden Haare flatterten. Seine Schritte

hallten noch auf der Treppe, als Meneer Hors in beherrschtem

Tonfall, als sei nichts geschehen, das Zeichen gab: „Die

Nächsten, bitte”, und sich zurück auf seinen Platz setzte,

bereit zum Urteil. Die restlichen Präsentationen waren

korrekt und fad wie Haferschleim. Stammelnde Mädchen

in Kostümen, Jungs in Anzügen mit 08/15-Powerpoint-Bildern.

Alle bekamen anständige Noten. Irgendwas stimmte

hier nicht, aber was, das begriff ich erst später, als ich selbst

in der zweiten Prüfung bei Hors durchfiel, obwohl ich mich

wirklich ins Zeug legte und eine Million toller Ideen für die

Werbung von Branntwein made in Holland hatte. Er hörte

sich meine Ausführungen an, ohne mit der Wimper zu zucken,

und sagte dann: „Hm, irgendwo anders könnten deine

unbestreitbaren Talente sicherlich gewinnbringend eingesetzt

werden”, und als ich mich schon über dieses höchste

Lob freuen wollte, trug er mir ein „Ungenügend” ein. Sein

zweifelhaftes Kompliment hatte wie Honig die bittere Pille

umhüllen sollen, damit ich sie ohne Murren schlucken würde.

Niemand hier erwartete Kreativität von uns, für die man

in Amerika belohnt worden wäre; es ging rein um die Einhaltung

des Procedere. Viktor hatte gleich zu Anfang bewiesen,

dass er nichts darauf gab, er hatte das beleid der Schule

gebrochen, denn was besagte sein ständiges Zuspätkommen

sonst? Er hatte die Idee unserer Gruppe übertrieben theatralisch

vorgestellt und damit seine Ignoranz gezeigt: Nach

den unzähligen Konferenzproben hätte er schließlich wissen

müssen, dass das nicht gern gesehen würde. In Holland

werden ernsthafte Zuhörer nicht mit rhetorischen Mitteln

betört, sondern anhand eines festgelegten Schemas mit Argumenten

überzeugt. Und dann hatte er noch die so sorgfältig

erarbeitete gute Stimmung verdorben. Zur Prüfung

erschien er gar nicht, also wurde festgesetzt, dass er nicht

bestanden habe; über seine Person und den von einem Mantel

taktvollen Schweigens bedeckten Vorfall wurde kein

Wort verloren. Ich dagegen sollte einen Monat später zur

Nachprüfung erscheinen. Keiner der Lehrenden bot an, mir

zu helfen, ich musste selbst darum bitten. In Holland gilt

ein jeder als erwachsenes Individuum, das für seine eigenen

Taten verantwortlich ist und nicht an die Hand genommen

wird – es sie denn, er gibt diesen Wunsch ausdrücklich zu

verstehen, dann kommt die auf solche Eventualitäten vorbereitete

Bürokratie ins Rollen und leitet die entsprechenden

Verfahren ein. Von den Polen und Ungarn bot als einzige

Katelin ihre Unterstützung an, selbst mein polnischer

Verehrer machte sich in diesem Moment der Prüfung aus

dem Staub, vielleicht hatte ich ihn erfolgreich verschreckt.

Vom Rest der Leute konnte ich sowieso nichts erwarten. Sie

waren zu der Zeit ohnehin mit einem ganz anderen Drama

beschäftigt, das sich vor unseren Augen abspielte: Krisztina

und Istvan hatten sich getrennt. Aber es war keine normale

Trennung. Istvan hatte sich als Loverboy entpuppt.

Mit dieser englischen Bezeichnung ist im holländischen

Slang nicht etwa ein feuriger junger Liebhaber gemeint,

sondern eine spezielle Art Zuhälter, die Jagd auf ausländische

Mädchen macht. Dieser Zuhälter drückt sich bei Universitäten

und Studentenkneipen herum und versucht, sich

eine oder am besten gleich mehrere Studentinnen herauszupicken,

die einen traurigen Blick haben und leicht verloren

wirken. Er weiß, dass in solchen Milieus nur scheinbar

alle zusammenhalten und es schwer ist, einen wirklichen

Vertrauten zu finden; zu Hause ist weit weg, die Mädchen

fangen an, sich nach jemandem vor Ort zu sehnen, der ihnen

nah ist, dem sie alle ihre Kümmernisse anvertrauen

können. Bei manchen sieht man das sofort, andere, wie

Krisztina, verstellen sich und spielen die Selbstsichere,

aber das wachsame Auge des Loverboys hat schon viele solche

Fälle gesehen und fischt sie alle ohne Probleme aus der

Menge heraus. Und weil er sein Terrain gut erkundet hat,

weiß er ganz genau, dass die jungen Frauen aus Osteuropa

in Westeuropa nur zu gern für immer ihre zweite Hälfte

finden würden. Am besten wäre ein Holländer, aber auch

wenn ein in Holland geborener Marokkaner oder Türke

sich als zivilisierter Mensch erweist, halten sie nicht gar

zu eisern an ihrem ursprünglichen Plan fest. Wenn der

Loverboy sich sein Zielobjekt ausgesucht hat, geht es ans

Werk, nun gilt es, das Mädchen anzugraben und von seinem

Interesse zu überzeugen. Das geht meistens schnell, nach

ein paar mittelmäßig schicken Abendessen ist das Objekt

weichgekocht, hat sich sogar verliebt. Als nächstes muss

die Leidenschaft mit Komplimenten und kleinen Geschenken

zwei, drei Wochen, höchstens einen Monat lang aufrechterhalten

werden, bis die Etappe erreicht ist, wo er ihr

vertraulich ernste Schwierigkeiten gestehen kann: Er hat

da ein paar Schulden bei einem Bekannten. Der Bekannte

arbeitet in einer schwierigen Branche, ist ein bisschen peinlich,

davon zu reden, aber bei uns ist das, wie du ja sicher

gemerkt hast, ein Beruf wie jeder andere auch. Er hat uns

zusammen gesehen, du gefällst ihm. Wenn du nur einmal

mit ihm ausgehen würdest, wäre die Sache vom Tisch.

Wir erfahren nicht mehr, ob es Istvan gelungen ist,

Krisztina dazu zu überreden, oder ob sie den Kontakt gerade

noch rechtzeitig abgebrochen hat; wir sehen sie nur

ein Mal, wie sie weint, die Wimperntusche verschmiert und

läuft ihr über die Wangen, sie macht sich nichts aus unserer

Anwesenheit. Wer sind auch wir schon, das Schlimmste ist,

dass sie zum Schluss den Lehrern davon berichten musste,

weil Istvan die Trennung nicht einsah und sie sich nicht

mehr sicher fühlte.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes


JAN

KRASNOWOLSKI

AFRIKANISCHE

ELEKTRONIK

Jan Krasnowolski (geb. 1972), Schriftsteller, Autor

der Erzählbände 9 leichte Stücke (2001) und

Käfig (2006). Nach dem Besuch eines Kunstgymnasiums

arbeitete er in vielen unterschiedlichen

Berufen. 2006 zog er nach Großbritannien und

lebt seitdem in Bournemouth. Auch in seiner neuen

Heimat versuchte er sich in unterschiedlichen

Berufen, gegenwärtig betreibt er eine Baufirma

und schreibt – wie sein neuer Band „Afrikanische

Elektronik“ belegt – Erzählungen.

„Afrikanische Elektronik” ist bereits das dritte Buch von Jan

Krasnowolski. Beim Lesen seiner neuesten Erzählungen

(„Dirty Heniek“, „Afrikanische Elektronik“, „Hasta siempre,

comandante“ und „Kindoki“) fühlt man sich unwillkürlich

an die Worte Stanisław Lems erinnert, der im Vorwort zu

Krasnowolskis Debütband schrieb: „Der Autor hat eine starke

Abneigung gegen die heutige Zeit, worin man ihm übrigens

Recht geben muss.” Bei Krasnowolski hält sich das Böse im

Verborgenen, es liegt auf der Lauer, verändert seine Erscheinung,

maskiert sich, schlägt unter die Gürtellinie und greift

ohne Vorwarnung an. Dies ist alles andere als die beste aller

möglichen Welten: Es gibt in ihr keine guten, redlichen Polizisten,

sondern lediglich eine systemübergreifende Verstrickung

und allumfassende Unredlichkeit. Die Hüter der Ordnung

erweisen sich als Hüter der Unordnung (Krasnowolski

erinnert auf witzige Weise daran, dass Gesetze nicht vom

Himmel fallen, sondern das Ergebnis von Festlegungen und

Kompromissen sind) und die Abrechnung mit der eigenen

Vergangenheit erscheint als eine nahezu unlösbare Aufgabe.

Der Autor von „Afrikanische Elektronik“ – ein erwachsen

gewordenes Kind der Popkultur – entlarvt in seinen ganz und

gar unglaublichen und gerade deshalb so wahrscheinlichen

Geschichten Mythen, die noch immer lebendig sind. Und

macht nebenbei sehr ernste Literatur: Seine Erzählungen sind

leichtfüßig, filigran, grotesk, fantastisch und gerade dadurch

äußerst realistisch. Krasnowolski äußert sich zu Themen der

Geschichte – von der lokalen bis zur Weltgeschichte. Es geht um

den Kriegszustand in Polen (alte Genossen in neuen, demokratischen

Gewändern), um ideologischen Vampirismus (Ernesto

„Che“ Guevara, der durch eine barmherzige Geste Unsterblichkeit

erlangt und sich fortan vom Blut junger Mädchen ernährt,

nicht nur jener, die T-Shirts mit seinem Konterfei tragen), um

ein vom Teufel besessenes Kind, um Rassismus, Faschismus,

und – was wohl am wichtigsten ist – das Wirken einer nichtinstitutionellen

Gerichtsbarkeit. Aus dem Nebel auftauchende

Massaker-Opfer und brennende Kriegsverbrecher rücken den

Autor bisweilen in die Tradition unheimlicher (ein Porträt,

das Unheil anzieht) und unaufgeregter Erzählungen, die sich

von hinten an die Geschichte anschleichen, um Antworten auf

quälende Fragen zu erhalten: Woher kommt die Unvollkommenheit?

Die Mittelmäßigkeit? Und schließlich: Woher kommt

das Böse?

Krasnowolski umschifft die Untiefen der Lächerlichkeit

vor allem mithilfe seines absurden Humors und seines Mutes

zu ungewöhnlichen Auflösungen. Seine betrunkenen und

bekifften, verblendeten und verzweifelten, an den Rand der

Gesellschaft gedrängten Helden werfen Fragen nach den Grenzen

und den Unterschieden zwischen Traum und Wirklichkeit,

Wahnsinn und Normalität, Gut und Böse auf. Doch Krasnowolskis

Erzählungen bieten weder einfache Antworten noch

moralisierende Kommentare – ein weiterer Beleg für die frühe

Einschätzung Stanisław Lems, dass Jan Krasnowolski „in der

Tat bereits ein reifer Schriftsteller ist“.

Anna Marchewka

JAN KRASNOWOLSKI

„AFRYKAŃSKA ELEKTRONIKA”

KORPORACJA HA!ART

KRAKÓW 2013

140×200, 224 PAGES

ISBN: 978-83-64057-05-2

TRANSLATION RIGHTS:

HA!ART


AFRIKANISCHE

ELEKTRONIK

Er führte

den Jungen in das Restaurant am Ende des ersten Passagierdecks.

Die meisten Plätze waren bereits belegt, hauptsächlich

von einer Gruppe von Fußballfans, die von einem

Auswärtsspiel zurückkehrten. Mehrere Dutzend Männer

in den Farben ihres Vereins – alle machten reichlich betrübte

Gesichter, was eindeutig darauf hindeutete, dass das

Spiel nicht zu ihren Gunsten ausgegangen war. Einige von

ihnen öffneten bereits die ersten Bierdosen und fluchten

lautstark auf die „beschissenen Franzosen“. Es gelang Rybka,

sich einen Eckplatz zu erobern, direkt am Fenster und

gleichzeitig mit Sicht auf den von der Decke hängenden

Fernseher.

„Wenigstens kannst du Fernsehen gucken“, sagte er zu

dem Jungen. „Normalerweise würdest du jetzt das Meer sehen,

andere Schiffe und Möwen, aber heute ist es neblig und

man sieht überhaupt nichts.“

Dann kam ihm der Gedanke, dass das Kind im Laufe seiner

Überfahrt aus Afrika wahrscheinlich genug vom Meer

gesehen hatte. Oder vielleicht auch nicht, schließlich wusste

er nicht, unter welchen Bedingungen der Junge gereist war.

Als blinder Passagier konnte er die gesamte Überfahrt eingesperrt

in irgendeiner stickigen Kabine verbracht haben, oder

sogar in einer Kiste im Laderaum. Wer wusste das schon, der

Weg in ein besseres Leben war nicht für alle gleichermaßen

bequem.

„Warte hier und rühr dich nicht von der Stelle!“, sagte er,

als das Vibrieren der Motoren stärker wurde und er spürte,

wie sie von der Küste ablegten.

Er stand auf, um etwas zu Essen zu bestellen. Während

er in der Schlange stand, ließ er das Kind nicht eine Sekunde

aus den Augen. Der Junge saß regungslos auf seinem Platz in

der Ecke und starrte durch das Fenster, als habe er in dem

dichten Nebel, der das Schiff einhüllte, irgendetwas Interessantes

entdeckt.

Der dunkelhäutige Junge verschlang seine Bohnen mit

Speck, ohne dabei den Blick vom Cartoon Network abzuwenden,

und Rybka kam der Gedanke, dass der Kleine keine

Schwierigkeiten haben würde, sich einzugewöhnen. In

einigen Monaten würde ihn niemand mehr von anderen

Kindern, die auf den Britischen Inseln geboren und aufgewachsen

waren, unterscheiden können. Er würde in der

bunten Menge aufgehen, die die Straßen Londons bevölkerte,

er würde beginnen, wie ein echter Londoner zu sprechen,

er würde die Stadt kennenlernen und lernen in ihr zu leben.

Und in einigen Jahren würde er sich nicht einmal mehr an

Afrika erinnern, an das Dschungeldorf oder die Slums, in

denen er bis jetzt gelebt hatte.

„Hast du keine Sehnsucht nach Zuhause?“, fragte er.


„Mein Zuhause ist abgebrannt“, antwortete der Kleine,

während er die letzten Bohnen auf seine Gabel häufte. „Es

ist nichts davon übrig geblieben.“

„Das tut mir leid“, brummelte Rybka verlegen und bedauerte,

dass er dieses für den Jungen heikle Thema angeschnitten

hatte. „Hoffentlich ist niemandem etwas passiert?“

„Sie sind verbrannt. Alle. Mama, Papa, meine drei

Schwestern und mein Bruder“, murmelte das Kind, ohne

dabei den Blick vom Fernseher abzuwenden, auf dem SpongeBob

Schwammkopf gerade über den Meeresboden hüpfte.

„Da standen Männer mit Macheten, die haben aufgepasst,

dass niemand dem Feuer entkam. Auf diese Weise ist mein

Bruder gestorben, weil er versuchte, zu fliehen. Nur ich

habe überlebt.“

„Oh Gott, das tut mir wirklich sehr leid.“ Der schockierte

Rybka bedauerte es, dass er überhaupt angefangen hatte,

den Jungen auszufragen. „Du musst Schreckliches durchgemacht

haben, Kleiner.“

„Hm. Die Bohnen waren super, ich würde gerne noch eine

Cola trinken“, sagte der Junge, schob den leeren Teller von

sich und lächelte einschmeichelnd. „Darf ich?“

Während er erneut in der Schlange vor der Kasse stand,

überlegte Rybka, welche traumatischen Erlebnisse der Junge

hinter sich haben musste. Man meinte zu wissen, was in diesen

ganzen afrikanischen Ländern vor sich ging. Stammeskriege,

Massaker, schmutzige Kriege, in denen verrückte

Anführer selbst so kleine Knirpse zu Soldaten machten – sie

mit Drogen vollstopften, ihnen Gewehre und Macheten in

die Hand drückten und sie in gnadenlose Tötungsmaschinen

verwandelten. Aber es war eine Sache, wenn man das

alles durch den flachen Bildschirm des Fernsehers gefiltert

betrachtete, und eine andere, wenn man jemandem gegenüberstand,

der so etwas tatsächlich erlebt hatte. Dieser Junge

hatte ganz offensichtlich das Pech gehabt, in einer von Konflikten

geschüttelten Region geboren zu werden, und er hatte

einen Albtraum erlebt, der sich sicherlich wie ein Schatten

über sein gesamtes Leben legen würde. Ein Glück, dass

es gelungen war, ihn dort herauszuholen. Der kleine Eugene

verdiente es, in einer besseren Welt zu leben, in der Kinder

zur Schule gingen, keine schrecklichen Dinge um sich herum

sahen und eine wirkliche Kindheit hatten, anstatt mit

einem Gewehr in der Hand durch die Gegend zu rennen und

Tod und Verwüstung zu säen, bis ihnen irgendein anderes

zugekifftes Kind eine Kugel verpasste.

Der Kleine hatte mit ansehen müssen, wie seine Familie

umgekommen war. Rybka konnte nur schwer begreifen, wie

er so ruhig darüber sprechen konnte. Es musste ein Trauma

sein, vielleicht stand er noch immer unter Schock. Das wäre

vermutlich eine Erklärung für seine Ruhe und Emotionslosigkeit.

Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte er das Gefühl,

genau das Richtige zu tun. Er half dabei, diesen Jungen zu

retten, ihn aus der Hölle zu befreien und ihm ein neues Leben

zu ermöglichen. Der kleine Eugene hatte mehr erlebt,

als irgendein Mensch je erleben sollte, er hatte die Ermordung

seiner Familie mit ansehen müssen und war selbst nur

knapp dem Tode entronnen. Rybka schwor sich, dass er den

Jungen nach London bringen würde, und wenn die Welt um

ihn herum unterginge. Nicht des Geldes wegen, sondern

weil es seine Pflicht war.

Rybka war schon seit Jahren im Geschäft, der Schmuggel

mit Kokain, oder „Charlie“, wie die Engländer das weiße

Pulver umgangssprachlich nannten, sicherte ihm ein

ständiges, nicht unerhebliches Einkommen. Und es ging so

einfach, dass moralische Dilemmata ihm nachts nicht den

Schlaf raubten. Es war einfach ein Job wie jeder andere. Der

eine saß acht Stunden im Büro und wühlte in Papieren, ein

anderer stand am Fließband. Rybka hatte sowohl das eine als

auch das andere ausprobiert, und jetzt schmuggelte er eben

Koks, einfach weil sich die Möglichkeit ergeben hatte, weil

er den entsprechenden Leuten begegnet war. Wenn er es

nicht täte, würde es ein anderer tun, nur ein ausgemachter

Trottel würde sich eine solche Möglichkeit entgehen lassen.

Großbritannien war wie ein riesiger Staubsauger: Tausende,

Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende, vom Sozialhilfeempfänger

bis hin zum Manager eines Großkonzerns,

zogen sich tagtäglich Bahnen weißen Pulvers durch gerollte

Geldscheine in ihre Nasen. Zugedröhnte Politiker regierten

das Land, zugedröhnte Manager leiteten die Konzerne, zugedröhnte

Polizisten machten Jagd auf zugedröhnte Verbrecher,

und selbst der durchschnittliche Dave Smith von nebenan

zog sich am Wochenende gerne eine Bahn. Das Land

funktionierte dank Kokain. Wenn man plötzlich sämtliche

Lieferungen stoppte, würde wahrscheinlich alles stillstehen,

wie eine Maschine, der der Treibstoff ausgegangen war. Die

Wirtschaft bräche zusammen, die gesamte Produktion käme

zum Erliegen und das Land versänke in Chaos und Aufruhr.

Ganz Großbritannien würde in den Abgrund stürzen. So in

etwa stellte Rybka sich das vor, wenn er sein Gewissen beruhigen

wollte.

Er betrachtete sich selbst gar nicht als Schmuggler, sondern

eher als eine Art Ein-Mann-Kurierdienst für besondere

Aufträge. Schmuggler waren Volltrottel, die sich nach

Kolumbien schicken und mit kokaingefüllten Kondomen

vollstopfen ließen, Idioten, die ihr Leben für ein paar miese

Tausender riskierten, mit denen sie es auch auf keinen grünen

Zweig bringen würden. Oder Schlauberger, die ihren

Kombi mit Zigarettenstangen und Schnaps vollpackten und

vierundzwanzig Stunden durch Europa gurkten, nur um in

Dover vom erstbesten Zollbeamten angehalten zu werden,

der einen Blick auf ihr Auto warf.

Dieser Auftrag war anders als die anderen. Als er hörte,

dass es darum ging, einen siebenjährigen Jungen von Marseille

nach London zu bringen, hatte er zunächst abgelehnt.

Ein diskretes Päckchen, das er in einem Geheimfach seines

Kofferraums verstecken konnte, war eine Sache, ein lebender

Mensch eine andere. Das Risiko war wesentlich größer,

außerdem hatte die britische Polizei zuletzt ein besonderes

Auge auf die Schleusung illegaler Einwanderer geworfen,

vor allem weil es plötzlich zu viele von den legalen gegeben

hatte. Aus all diesen Erwägungen heraus sagte Rybka seinem

Auftraggeber, er möge sich jemand anderen suchen. Doch

jener Gentleman war es offensichtlich nicht gewohnt, dass

man ihm eine Abfuhr erteilte.

„Du wirst mir den Jungen bringen“, sagte er und zog ein

Geldbündel aus der Innentasche seines teueren Mantels.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau


PIOTR

PAZIŃSKI

DIE

VOGELSTRASSEN

Piotr Paziński (geb. 1973), Journalist, Essayist,

Literaturkritiker und Übersetzer, Chefredakteur

der zweimonatlich erscheinenden jüdischen Zeitschrift

Midrasz, Autor eines Buches über James

Joyce. Für seinen Debütroman Die Pension (2009)

wurde er mit dem Europäischen Literaturpreis

ausgezeichnet, der vom Europäischen Parlament

verliehen wird.

„Wir sind nie über diese Straßen geschlendert. Niemand ist

überhaupt auf die Idee gekommen; als ob wir uns selbst den

Zutritt verwehrt hätten“, schreibt Piotr Paziński in „Das Manuskript

Izaak Feldwurms“, einer von vier langen Erzählungen

aus dem Band Die Vogelstraßen. Auf den Seiten des Buches

wird das Verbot gebrochen, wir betreten einen Raum, der

ungewöhnlich reich ist an Bedeutungen. Es ist das Gebiet des

nördlichen Warschauer Vorkriegs-Stadtteils, aus dem später

das größte jüdische Ghetto Europas gemacht wurde – denn

genau dafür stehen „jene“ Straßen bzw. die „Vogelstraßen“;

dazu verurteilt, „nie von den Toten aufzuerstehen“, sind sie

doch voller Leben, sie nehmen uns mit ihrer seltsamen „Zwischenwelt“

gefangen, die Zeit und Raum des gesamten Erzählbandes

prägt. Bei Paziński verströmt dieser unsichtbare Ort,

überlagert von der Nachkriegstopografie, getilgt auf Karten

und in Gedächtnissen, ein so intensives posthumes Leben,

dass die Realität der Gegenwart schwindet und verblasst,

während die Phantome wieder zum Leben erweckt werden.

„Das aktuelle Straßennetz wurde wahllos ausgeworfen, als

hätte es dort zuvor keins gegeben, als hätte es sich nicht an

den Boden geschmiegt, hätte im luftleeren Raum gehangen,

unbeholfen das Nichts verdeckend.“ Die „Adler-, Gänse-,

Krähen- und Entenstraße“ (im Grunde genommen alles Vogelnamen),

„brachten die Luft zum Klingen, und es schien,

als würde jede ihre eigene Melodie singen.“ Die wichtigen

und die nur erwähnten Helden der Erzählungen sind alte Bekannte,

ein familiärer Kreis von Überlebenden der polnischjüdischen

Welt. Herr Sztajn, Frau Tecia, Dr. Kamińska, Herr

Abram, Herr Rubin, die Oma, die Onkel, schließlich zwischen

alledem der Erzähler, der der Generation der Enkel angehört,

der ersten Generation nach dem Holocaust. Sie alle sind in

Anspruch genommen vom phantastischen Leben, von der Tätigkeit,

Erinnerung zu schaffen. Manche Figuren sind gänzlich

phantasmagorisch wie der titelgebende Feldwurm oder

der Zaddik aus der Erzählung „Trauerzug“. Andere – wie der

von unkonzentrierten Trauergästen getragene Verstorbene

oder Dr. Kamińska – erscheinen vorübergehend in Gestalt von

wirklichen Leichen. Sie alle gehören jedoch jener Zwischenwelt

an, der Welt von Menschen und Geistern, deren Domäne

nicht das klassische Unheimliche, sondern die Literatur selbst

ist, die erlahmende Magie der Fiktion, die ständig vom Leser

wiederbelebt werden muss und in der die Vergessenen fortbestehen.

So ähnlich wie in dem Debüt Die Pension, wenn auch tiefgründiger,

beruht die Struktur der Prosa auf der Idee eines

Ausflugs an einen Ort, an dem die Vergangenheit lauert, sich

verbirgt, aber auch darauf wartet, dass sie jemand beim Namen

nennt. Man kann sie wittern, sie sich vorstellen, sie erblicken.

Kann man, muss es aber nicht. Die elegische Erinnerung

geht zum Teil, unsicher, unbeständig in Erfüllung. Der Autor

führt uns durch einen halb realen, halb geträumten und geisterhaften

Raum, findet eine Form für die Abwesenheit, einen

Begriff für die Nicht-Existenz, eine Darstellung für das Unsichtbare.

Paziński erweist sich als ungewöhnlicher, ironischer

Forscher und Chronist der jüdischen Welt. Der Stil, den

er dabei geschaffen hat, ist zugleich ausdrucksstark und ruhig,

virtuos, aber sich der eigenen Hilflosigkeit bewusst. Sein

Schreiben ist die reiche, tief verinnerlichte Erkenntnis, dass

sich das, was einst als Literatur der Erschöpfung bezeichnet

wurde, infolge des Holocaust endgültig erfüllt hat: Die Notwendigkeit,

in der Literatur über die Nicht-Existenz von Helden

und sogar den Tod von Gegenständen zu schreiben, wie

es in der meisterhaften Erzählung „Die Wohnung“ der Fall

ist. Der gelehrte Stil, reich an Paraphrasen von Bruno Schulz,

biblischer Travestie und Anspielungen auf den Talmud, ist

eine besondere Form, die Philosophie des Verlustes zu praktizieren,

die der schriftstellerischen Mission von Paziński

zugrunde liegt.

Kazimiera Szczuka

PIOTR PAZIŃSKI „PTASIE ULICE”

NISZA, WARSZAWA 2013

135×210, 192 PAGES

ISBN: 978-83-627-9521-5

TRANSLATION RIGHTS: PIOTR

PAZIŃSKI

CONTACT: NISZA


DIE

VOGELSTRASSEN

Jakob

antwortete nicht. Seit einer geraumen Weile hörte er nicht

mehr zu, er beobachtete ein paar Eichhörnchen, die sich

auf einem Ast nachjagten. Der Mann, der sich als Lejzer

vorgestellt hatte, bemerkte es und verstummte. Auch die

Stimmen vom Trauerzug waren nicht mehr zu hören. Jakob

begann, sich Gedanken darüber zu machen, ob es wirklich

gut gewesen war, mit jenem Menschen hier zu bleiben, der,

wie man meinen musste, nicht viel mit den anderen Trauergästen

gemeinsam hatte und der keinen Hehl aus seiner

Abneigung gegenüber dem ganzen Zeremoniell machte.

„Wir holen sie ein, sie werden noch mehr als einmal hier

vorüberkommen“, beruhigte ihn jener. „Ich erzähle Ihnen

lieber, wie das richtige Schreiben aussah. Ich erinnere mich

an meinen Großvater, Schmuel den Sofer, wie er über den

heiligen Rollen brütete. Er saß in aller Ruhe an einem Bogen

bester Kalbshaut, und wir hatten Angst uns zu rühren.

Wir waren kleine Kinder, Sie wissen schon. Normalerweise

rennen kleine Kinder im Raum herum, aber nicht bei uns.

Bei uns herrschte nicht so ein Trubel wie bei normalen Menschen.

Das Haus war recht klein, und es waren viele Kinder,

aber niemand lärmte, ha, niemand sagte ein Wort, manchmal

hat uns nur Großmutter leise etwas zugeflüstert. Bei uns

war es mucksmäuschenstill! Niemand wagte, sich am Kopf

zu kratzen. Was sage ich da, wenn wir die Luft hätten anhalten

können, hätten wir bestimmt nicht geatmet, genau wie

Leichen, die auch nicht atmen. Hauptsache den Großvater

nicht stören, der vom frühen Morgen bis spät in die Nacht

die Thora abgeschrieben hat. Später, wenn alle schliefen,

meditierte er über jedem geschriebenen Abschnitt und formte

aus den heiligen Versen seine eigene Erzählung. Tagsüber

waren alle Enkel vollzählig, aber es war nichts zu hören als

das Schaben seiner Feder! Die Großmutter sorgte sich. Was

geschieht, wenn der Großvater einen Fehler macht? Wenn

ihm die Feder bricht? Aber der Großvater machte keinen

Fehler, und manchmal erlaubte er mir, dem ältesten Enkel,

und natürlich unter der Bedingung, dass ich schweige, hinter

ihm zu stehen und zuzusehen ...“

Jakob hielt Ausschau nach dem Trauerzug. Auf dem Weg

kam niemand, aber Jakob hätte schwören können, dass er

wiederholt Menschen hatte laufen hören, mal näher, mal

weiter weg. Der Mann achtete nicht darauf. Er weilte irgendwo

in weiter Höhe, für Jakob unsichtbar, und sprach

immer erregter, als hätte er seit langem keine Gelegenheit

dazu gehabt.

„Ich sah also dem Großvater über die Schulter und las die

Thora! Und sogar zwei auf einmal! Eine, die ganze Thora, lag

auf Rollen gewickelt auf dem Tisch, genau wie in der Bima

in der Synagoge. Aus ihr kopierte Großvater Vers um Vers,


in der Reihenfolge, wie sie einst sein Vorgänger geschrieben

hatte, und davor noch ein anderer Sofer, bis hin zu Mojsche

Rabejnu selbst. Jeder Buchstabe war gleich wichtig, genau

wie jedes Krönchen über sieben von zweiundzwanzig

Buchstaben, die gemeinsam einen Körper ergaben. Und die

ganze Rolle war wie ein Name, den der Großvater geschickt

in einzelne Ausdrücke teilte. Ich las sie, wenn sie auf dem

Pergament erschienen, das auf eine für mich unverständliche

Weise genau an den Stellen schwarz wurde, wo es sollte.

Großvater berührte es nicht mit der Feder, sondern sprach

in Gedanken zu ihm und erzeugte auf diese Weise Buchstaben

und ganze Sätze. Und wenn es keine Gotteslästerung

gewesen wäre, hätte ich gerufen: Wezot haTora aszef sam

Mojsze lifnej bnej Isroel! Das ist das Gesetz, das Moses den

Söhnen Israels gegeben hat! Aber damals fürchtete ich, Gott

zu lästern, oder, um ehrlich zu sein, ich fürchtete mich eher

vor Großvater und dessen Zorn. Denn wenn, Gott bewahre,

ein Tropfen Tinte auf das Pergament gefallen wäre und einen

Fleck gemacht hätte, wäre es aus gewesen ...“

Jakob spürte, dass er nicht die Kraft hatte, den Mann allein

zu lassen. Im Grunde genommen saß er trotz gewisser

Beschwerden ganz angenehm, und auch die Erzählung des

anderen war recht unterhaltsam. Er machte sich Vorwürfe,

dass er nicht den Mut hatte, das Notizbuch hervorzuholen.

Die Worte verloren sich so schnell in der Dunkelheit, dass es

einen Moment später schwierig war, sie noch auszumachen.

Trotzdem hörte Eliezer nicht zu sprechen auf.

„Der schönste Moment kam, wenn Großvater die Namen

ergänzte. Der ganze Bogen war scheinbar fertig, drei gleichmäßige

Spalten, eine neben der anderen, jedes Wort und jeder

Buchstabe erstrahlten, ich dachte, wir wären im Paradies,

aber das Herrlichste hatte ich noch vor mir. Beim Schreiben

hatte Großvater im Text Stellen frei gelassen für den unaussprechlichen

Namen des Heiligen, gepriesen soll er sein.

Dan ging er sich in der Mikwe reinigen und begab sich in

feierlicher Stimmung wieder an die Arbeit. Nun leuchtete

das Weiß des Pergaments, die Buchstaben waren nicht zu

sehen, nur ihre weißen Konturen. Ich wartete gespannt darauf,

dass er die Feder nehmen würde und dann die Namen

des Allerhöchsten von selbst aufleuchten und alles in den

Schatten stellen, was Großvater bislang geschrieben hatte.

Und so geschah es auch. Ich sah sprachlos zu, denn wenn ich

bisher Großvaters Schrift gefolgt war und in meinem Kopf

ganze Sätze daraus geformt hatte, so war ich jetzt, wo mich

die unaussprechlichen Namen mit ihrer Kraft blendeten,

nicht dazu in der Lage. Der Großvater kam irgendwie damit

zurecht. Ob er die Augen schloss und die fehlenden Buchstaben

aus dem Gedächtnis kalligrafierte, weiß ich nicht.

Vielleicht ließ er auch zu, dass sie ihm die Sicht nahmen? Ich

wollte ihn danach fragen, aber einmal kam er aus der Mikwe

zurück und erblindete. Er setzte sich an den Tisch, breitete

den Bogen aus, prüfte das Tintenfass, sprach einen Segen ...

Und das war alles! Er konnte nichts mehr schreiben. Und

es war der Parschas Ki Tissa, außerdem eine Stelle, an der

der Name zweimal hintereinander vorkommt. Er hat den

Glanz nicht ertragen! Es wurde still, aber anders als bisher,

schrecklich still. Alle Buchstaben flohen von der Rolle, und

es blieb nichts als die reine Haut! Ich stand hinter Großvater

wie behext. Ich wollte ihm helfen, aber ich wusste, dass es

mir nicht erlaubt war. Schließlich war er der Sofer. Es dauerte

lange, länger wohl als das Schreiben selbst. Ich blickte

Großvater an, der sich zusammenkrümmte und den Kopf mit

den Händen bedeckte, als wäre er erstarrt. Wir hörten, dass

er weinte. Sehr laut. Das ist das einzige Geräusch, an das ich

mich erinnere.“

Hinter den Bäumen quietschte ein Karren. (...)

„Ich suche nicht nach Großvaters Grab. Ich denke ich

weiß, wo er liegt.“

Sztajn nickte.

„In unserem Garten, so stelle ich es mir vor. Denn wir

hatten einen Garten, herrlich, der allerschönste auf der Welt,

ganz sonnig, und es wuchsen dort wunderbare Bäume, die

Vögel sangen, aber ich durfte nicht hinausgehen, ich wusste,

dass ich im Zimmer bei Großvater bleiben und zusehen muss,

wie er die heiligen Pentateuchrollen abschrieb, Bogen für

Bogen. Und dort, hinter dem Fenster, wie es dort schimmerte,

das Licht verfing sich in den Blütenkelchen der Blumen,

die sich, noch bevor es sich der Sommer so richtig bequem

gemacht hatte, unter seiner Last bogen. Es sah so aus, als

würden sie gleich bersten, prall und randvoll gefüllt. Dieser

Glanz lockte auch dann, wenn die Furchtbaren Tage näher

rückten und die goldenen Reste, verfangen in den Netzen

des Altweibersommers, direkt über dem verbrannten Gras

verloschen. Ich schlich mich manchmal am Samstag nach

dem Mittagessen dort hinaus, wenn Großvater ein Nickerchen

machte und uns für einen Moment nicht beaufsichtigte.

Wenn die Pforte verschlossen war, zwängte ich mich zwischen

den Latten hindurch, dort gab es so einen schmalen

Durchlass, nichts weiter als ein Spalt, aber groß genug für

mich. Großvater wusste nichts davon, er hätte sich sehr geärgert,

dass ich, anstatt den Raschi-Kommentar zu lesen, die

Zeit mit Dummheiten vergeudete. Um Gottes Willen! Die

Sünde hat sich in meinem Haus eingenistet. Die Sünde ist

durch ein Loch im Zaun hereingeschlüpft, der verräterische

Samen, da lässt man dich einmal aus den Augen, Distel und

Kornrade! Er hätte den ganzen Abend lang geschimpft, ohne

daran zu denken, dass man sich vom Samstag des Herrn

würdig verabschieden soll, dabei heißt es doch, wer leicht

zürnt, der leistet einen Götzendienst. Dabei war doch ich der

Götzenanbeter, ich, der Apikojres, Elisza, der ins Paradies gelangte

...“

„... erblickte dort den schwarzen Engel auf Gottes Thron

und verlor den Glauben“, unterbrach ihn Sztajn barsch.

„Deshalb sind wir Rabbi Akiba Gehorsam schuldig, der lehrte,

dass die Tradition ein Zaun für die Thora ist.“

„... und der Zaun der Weisheit ist das Schweigen. Ich erinnere

mich, wir haben das jeden Freitag bei Tisch gesagt. Nur

auf welcher Seite ist die Weisheit? Ich habe mich dort auf

die Erde gelegt wie ein Ungläubiger, vielleicht auch wie ein

gewöhnlicher Junge, der nach Sonne dürstet, ich habe stundenlang

gelegen, so kam es mir vor, obwohl es nur kurze Momente

waren. Ich habe den Duft wilder Kräuter eingesaugt

und die Äste des Apfelbaums angeschaut, wo erste Früchte

wuchsen. Etwas ist damals in mir erwacht, eine Sehnsucht,

Hitze legte sich auf meinen Kopf, der Körper drängte zum

Leben ...“

„Sünder!“ spottete Sztajn. Beide begannen zu lachen.

Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel


ANDRZEJ

STASIUK

AN GELBEN

STRASSEN GIBT’S

KEINEN KAFFEE

Andrzej Stasiuk (geb. 1960), Prosaschriftsteller,

Dramaturg und Publizist sowie Verleger; Autor

zahlreicher Prosabände. In den letzten Jahren

publizierte er den Roman Taksim (2009, dt. „Hinter

der Blechwand“, 2011), eine Sammlung von

Erzählungen unter dem Titel Grochów (2012, dt.

„Kurzes Buch über das Sterben“, 2013) sowie

den Band mit essayistischer Reiseprosa Dziennik

pisany później (2010, dt. „Tagebuch, danach

geschrieben“, 2012). Er erhielt zahlreiche renommierte

Preise, darunter 2005 den wichtigsten polnischen

Literaturpreis Nike für Jadąc do Babadag

(dt. „Unterwegs nach Babadag“).

Die zahlreichen Texte, die in Andrzej Stasiuks neuem Buch

unter dem Titel An gelben Straßen gibt’s keinen Kaffee versammelt

sind, könnte man als Reisenotizen bezeichnen, und es

sind – wie sich herausstellt – immer weiter von Europa entfernte

Länder, die der Autor bereist. So bekommen wir hier

Aufzeichnungen zu lesen, die unter dem Einfluss von Reisen

in die Mongolei, nach China, nach Kirgisien und in den fernen

Osten Russlands entstanden sind.

Stasiuk sucht an diesen Orten eigentlich das, was er immer

gesucht hat (ich denke an seine früheren Fahrten in das

„schlechtere“ Europa, hauptsächlich in den Balkan), das heißt,

er sucht eine nicht offensichtliche, im übrigen von ihm selbst

geschaffene Mystik, die Epiphanie, die Bezauberung, bisweilen

auch das effektvolle Paradoxon. So wundert es uns auch

nicht – der Autor hat uns inzwischen daran gewöhnt – , dass

er sich in der Einöde am wohlsten fühlt, in der mongolischen

Steppe oder in der Wüste Gobi. Und wenn er von seiner Heimat

(den Niederen Beskiden, wo er seit Jahren wohnt) oder

von den Nachbarländern erzählt, dann konzentriert er sich

auf die „slawische Wehmut“, auf die Zerbrechlichkeit und

Merkwürdigkeit der Existenz, die an solchen Orten zu spüren

sind. In einem der Feuilletons schreibt er (und meint damit

seine nähere Umgebung): „Ich wohne in einem Reich der Geister“,

und er erklärt genau, wie er zu dieser Diagnose kommt.

Die Erklärungen sind zum Teil sehr präzise, weil einige der

Texte aus dieser Sammlung ursprünglich für ausländische

Leser bestimmt waren, denen man – beispielsweise – erläutern

sollte, was früher die Kultur der Lemken war und unter

welchen Umständen sie verschwunden ist.

Den treuen Lesern der künstlerischen und diskursiven

Prosa von Andrzej Stasiuk wird dieses Buch sehr gefallen.

Obwohl wir schon zur Genüge wissen, was der Autor nicht

ausstehen kann (z.B. alle Praktiken der Imitation, den „postmodernistischen

Müll“) und was ihn fasziniert (z.B. jegliche

postsowjetischen Spuren – sowohl in der Architektur als auch

in der Mentalität – als Zeichen des Bankrotts einer gefährlichen

Utopie), so verdirbt uns dieses erkenntnistechnische

Unbehagen (wir erkennen das schon Bekannte) doch nicht

die positiven Leseeindrücke. Stasiuks Pinselstrich ist sparsam

und treffsicher zugleich, und seine kleinen Skizzen sind

raffinierte literarische Miniaturen von hoher Qualität.

Wie man sich unschwer denken kann, verweigert dieser

Schriftsteller geradezu programmatisch eine Reaktion auf

die Dinge, über die sich die Medien täglich echauffieren. Er

bleibt sich absolut treu – seinen Faszinationen, seinen peripheren

Räumen und seinen ganz persönlichen Geschichten.

Was Letztere betrifft, so sind die wichtigsten diejenigen, die

seine Kindheit und frühe Jugend betreffen. Das ist ein neuer

Ton in Stasiuks Prosa – der Autor denkt immer lieber über

seine plebejischen Vorfahren nach, taucht immer tiefer in

die bäuerlich-proletarische Genealogie seiner Familie ein und

wird unweigerlich zu einem unverbesserlichen Nostalgiker.

ANDRZEJ STASIUK

„NIE MA EKSPRESÓW PRZY

ŻÓŁTYCH DROGACH”

CZARNE, WOŁOWIEC 2013

125×205, 176 PAGES

ISBN: 978-83-7536-628-0

TRANSLATION RIGHTS:

POLISHRIGHTS.COM

Dariusz Nowacki


AN GELBEN

STRASSEN GIBT’S

KEINEN KAFFEE

Ich sitze

in meinem Zimmer und stelle mir Süditalien vor. Ich schaue

auf das grüne Tal, auf die schattigen Fichten- und Buchenwälder,

das wogende Gras, die Holzhäuser in meinem Dorf

und stelle mir Süditalien vor, Kalabrien und Basilikata. Dort

war ich nie. In zwei Wochen werde ich mich in Warschau

ins Flugzeug setzen und über Rom nach Brindisi fliegen.

Von Brindisi fahre ich mit der Fähre nach Durrës in Albanien,

um eine Woche im Norden dieses Landes zu verbringen,

in der Nähe der Grenze zum Kosovo. Aber auf dem Rückweg

werde ich auch eine Woche in Kalabrien verbringen.

Immer wenn ich nach Italien fahren wollte, dachte ich an

den entferntesten Teil der Halbinsel. Nie an Rom, Venedig,

Florenz oder Mailand. Selbst Neapel lag mir zu nahe. Immer

stellte ich mir den Süden vor, weil dort der Kontinent, weil

dort Europa endet. Ich stellte mir vor, wie das Meerwasser

und die Sonnenglut die Erde anfressen und sie den Menschen

wegnehmen. Die Appeninenhalbinsel sieht auf der

Karte wie ein archaischer Knochen aus, wie das Skelettfragment

eines Urtiers. Wahrscheinlich habe ich mir deshalb

den Süden immer als etwas sehr Altes, Archaisches und

vom Vergehen der Zeit Gequältes vorgestellt. Weiße Steine,

gnadenloses Licht und Schatten, schwarz wie Ruß – so sehe

ich es. Und der reglose Blick der alten Frauen, die vor ihren

Häusern sitzen. Sie machen den Eindruck, als hätten sie die

ganze Vergangenheit gesehen und kennten die Zukunft. Die

Männer unterscheiden sich vielleicht, aber die alten Frauen

sind überall gleich. Hier in Polen, in der Slowakei, in Ungarn,

auf dem Balkan. Sie sitzen da, in ihren schwarzen Witwenkleidern

und Kopftüchern und blicken durch die Zeit hindurch.

Genauso muss es auch in der Gegend von – sagen wir

– Savelli oder Longobucco sein. Da bin ich mir sicher, aber

ich werde hinfahren, um es mit eigenen Augen zu sehen. Ich

werde hinfahren, um zu überprüfen, ob die kalabrischen

Omas den Omas aus dem Dorf gleichen, in dem ich wohne.

Ich werde mit wenig Gepäck fahren und die Ferienorte

am Meer meiden wie der Teufel das Weihwasser. Die Strände

erinnern im Sommer an die mittelalterliche Vision der

Hölle. Ich werde fünfzig italienische Wörter lernen und

schauen, wie es sich in dieser Gegend per Anhalter fährt.

Mit einem leichten Schlafsack werde ich hier und da unter

freiem Himmel schlafen und mir das Geld für die Hotels sparen.

Natürlich werde ich mich vor der Vogelspinne fürchten,

aber der Wein wird diese Angst lindern. In Städten und

Dörfern werde ich Schatten suchen. Ich weiß, dass man auf

dem Marktplatz eines gottverlassenen Städtchens den ganzen

Tag verbringen kann, indem man sich mit der Sonne

bewegt, und das ist manchmal großartiger und wichtiger

als alle Museen von Rom und Florenz. Nach einer oder zwei


Stunden gewöhnen die Leute sich an die Anwesenheit eines

Fremden, und du kannst behutsam in ihr Leben eintreten,

fast als wärst du unsichtbar. Ein bisschen sehen sie dich,

aber sie sind bemüht, sich zu verhalten wie immer, weil der

Stolz es ihnen nicht erlaubt, wegen eines Dahergelaufenen

irgend etwas anders zu machen. Ja, auf dem Marktplatz eines

unbekannten Städtchens oder Dorfs in einem fremden

Land zu sitzen, ist wie das Lesen eines schönen Buchs. Ein

wenig verstehst du, aber den Rest musst du dir vorstellen.

Die Leute führen die gleichen Gesten aus wie bei dir zu Hause,

aber ihre Bedeutung ist nicht restlos klar. Nur die Tiere,

Katzen und Hunde, verhalten sich wie überall; sie reagieren

eher auf den Körpergeruch oder die Wärme der Stimme als

auf Aussehen und Worte.

So ist mein naiver Plan. Ich betrachte die Karte von Europa

und sehe lediglich seine Grenzen, die Orte, von denen

aus man nur umkehren kann. Ja, ich sollte „Paris“ denken,

aber ich denke „Lissabon“. Ich sollte „Venedig“ denken, aber

ich denke „Donaudelta“. Eben dort spürte ich eines Sommers,

wie der Kontinent im Meer versinkt und sich geschlagen

gibt, dort in Sulina, dem letzten Städtchen Europas, spürte

ich die mit Freude gemischte Trauer, dass ich am Ende angelangt

bin, am Rande dieser historisch-geographisch-ideologischen

Abstraktion, die dort äußerst real ist: rostende Barken

und Schiffe, in sandigen Dünen verscharrt, ein Friedhof

mit Matrosennamen aus der ganzen Welt von vor hundert

Jahren, die tristen Militäranlagen und die schwarzen Gitter

der Radargeräte, die nach einer Invasion Ausschau halten,

herrenlose Hunde und Sümpfe, die sich über Zehntausende

von Hektar erstrecken. Stellt euch eine europäische Stadt

vor, zu der man nur übers Wasser gelangen kann. Eine Stadt

an der Mündung eines der größten unserer Flüsse. Achtzig

Kilometer mit dem Boot, der Fähre, dem Tragflügelboot, weil

es anders nicht geht.

Ich habe nichts gegen das Zentrum, aber die Peripherie

zieht mich mehr an. Schon jetzt wird die Mitte des Kontinents

immer stärker vereinheitlicht. Die Metropolen unterscheiden

sich kaum mehr. Bald wird man sie nur noch an ihren

hoch geschätzten, toten Sehenswürdigkeiten erkennen

können. Wenn man diese Sehenswürdigkeiten überhaupt

noch wird wahrnehmen können unter der grellen Schicht

der Gegenwart: die gleichen Namen der Hotelketten, die

gleiche Werbung, die gleichen Bankautomaten, Biersorten,

Parkuhren, die gleiche Anordnung der Regale in den Supermärkten,

das gleiche Repertoire in den Kinos.

Ich denke, bald werden wir eher in die Peripherien reisen,

an die Grenzen des Kontinents, in die Gegenden, wo alte

Frauen mit Kopftüchern sitzen. Natürlich, und zum Glück,

werden nicht alle das tun. Nur diejenigen, die die Vergangenheit

nicht als Anachronismus und Aberglaube interessiert,

sondern als Ort der eigenen Herkunft.

Mai

Neulich machte mir im Gespräch jemand bewusst, dass wir

in einem Land leben, das keine Langeweile in der Natur

kennt. Du müsstest mal in den Tropen leben, sagte er. Ein

halbes Jahr lang ergießt sich Wasser aus dem Himmel. In

der anderen Hälfte eintönige, gleichgültige Hitze. Ich stellte

mir dieses Gefängnis des Wetters vor, und jetzt lobe ich mir

mein Land um so mehr für seine Wechselhaftigkeit, Unvorhersehbarkeit

und die Folge der Jahreszeiten, die immer zu

langsam kommen oder zu lange dauern, im Vergleich zu

den Tropen aber eine große Vielfalt bieten.

Ich lobe also mein Land, und umso mehr, umso stärker

lobe ich die Ankunft des Mais: dieses plötzlichen Wunders,

das nach der Leichenstarre des Winters die Nacktheit der

Erde bedeckt, das dieses Skelett aus Schlamm, Gestrüpp

und Resten des letzten Jahres bekleidet. Wie eine hochheilige

Gnade fließt vom Himmel goldener Staub, ein grünlicher

Schleier, der sich Stunde um Stunde, Tag um Tag im Laub

verfestigt, in grünender Flur kondensiert und kristallisiert,

tief in die Erde eindringt und wie ein übernatürlicher Katalysator

warme Gerüche freisetzt. Ich könnte stundenlang

vor dem Haus sitzen und schauen, schnuppern und lauschen,

wie die schönste Jahreszeit an Kraft gewinnt. Doch das gelingt

mir fast nie, immer muss ich irgendwo hinfahren, aufbrechen,

den Raum durchqueren. Schicksal. Aber ich beklage

mich nicht. Denn unterwegs, mit Ortswechseln, aus einer

vorübergehenden Perspektive sieht es noch schöner aus. Als

flösse ich mit dem Strom des grünen Blutes im Körper des

Landes. Als durchquerte ich dieses auf dem Rücken liegende,

heiße Polen in seinen Adern, Arterien und Venen, die vor

Überfluss, vor Bereitschaft, vor Potenzialität pulsieren. Wir

leben im Innern, in der Mitte, aber wir brauchen den Mai,

um uns die Reize dieser Eingeweide vor Augen zu führen.

Ein Samstagabend bricht an. Grüne Schatten legen sich

quer über die Straße. Du hältst am Geschäft „Delikatessen

Zentrum“ in Ciężkowice an, um dir Cola und Red Bull für

unterwegs zu kaufen. Junge Burschen kommen angefahren,

mit Musik. Sie tragen enge weiße Unterhemden, silberne

Kettchen und fernöstliche Tätowierungen. Die Bässe dröhnen.

Die Mädels sind wie durch ein Wunder schon gebräunt.

Der Innenraum des Geschäfts ist groß, hell und bunt wie im

Film oder im Traum. Und der Samstag und der Mai mischen

sich zu einem feierlichen, ekstatischen Cocktail. Von den

Jungs und Mädchen her weht ein Duft von Parfüm. Sie sehen

aus wie glückliche, verschüchterte Ehepaare, wenn sie

Bier, Wurst, Senf, Brot, Holzkohle und Anzünder in die Einkaufswagen

laden. Die Jungs tragen Shorts und Sportschuhe.

Die Mädchen haben einen schwarzen Strich unter den

Augen. Die etwas älteren Frauen nehmen hundertfünfzig

Gramm von dem, hundert Gramm von dem und wieder hundertfünfzig

von noch etwas. Alles in Scheiben geschnitten.

Diese Trägheit und herrschaftliche Laune des „geschnitten

bitte“ nervt mich immer, als hätten sie allesamt zu Hause

kein Messer. Aber heute nicht, heute sieht es aus wie die

Vorbereitung auf eine Hochzeit, auf einen Empfang, ein

Festmahl, etwas Üppiges. Drei Sorten Schinken, Presskopf

für zwanzig Zloty das Kilo, Radieschen, Salat, zum Trinken

etwas Orangerotes mit Kohlensäure in Zweiliterflaschen

und obendrauf die gebauschten Kissen von Chips in vier

Geschmacksrichtungen. Vor einem Regal mit Wein steht ein

älteres Ehepaar in meinem Alter. Seine Erinnerung reicht

in die Zeit, als Wein einfach Wein war. Einheimischer und

bulgarischer. Lieblicher und trockener. Weißwein, Rotwein,

Wermut. Und hier ein Regal bis zur Decke. Die beiden stehen

da und flüstern einander ins Ohr. Diskret weisen sie mit dem

Finger hierhin und dorthin. Verloren wie Kinder in diesem

Delikatessen-Geschäft, umgeben von der samstäglichen

Maiaura, die etwas von Dispens hat, etwas von einer Lizenz

zu gemäßigter Spinnerei mit alten Freunden bei einer Flasche

Tokajer Furmint.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall


ARTUR

DOMOSŁAWSKI

TOD

IN AMAZONIEN

Artur Domosławski (geb. 1967), Journalist und

Publizist. Ihn interessieren vor allem Lateinamerika,

gesellschaftliche Konflikte und Antiglobalisierungsbewegungen.

Der Autor war ein

Schüler von Ryszard Kapuściński, dem er das

Buch Kapuściński. Non fiction gewidmet hat. Es

erschien 2010 in Polen, ist kurz darauf in mehrere

Sprachen übersetzt worden und wurde zu einem

internationalen Bestseller.

Brasilien, Bundesstaat Pará. Es ist der 24. Mai 2011. Unbekannte

Täter schießen auf zwei Umweltschützer. José Claudio da

Silva und seine Frau Maria sterben auf der Stelle. Die Mörder

schneiden José ein Ohr ab – als Beweis für die Auftraggeber.

Es stellt sich heraus, dass das kein Einzelfall ist. Die Anführer

der Bauern und die Umweltschützer, die im Amazonas-Gebiet

wohnen, bekommen Drohungen und leben in ständiger Angst.

„Im Bundesstaat Pará wurden in den letzten fünfzehn Jahren

205 Landaktivisten ermordet, in den letzten vier Jahrzehnten

– über 800. In den Gefängnissen sitzen nicht einmal fünf

der Auftraggeber dieser Verbrechen“, sagt einer der Protagonisten

der Reportage. Die Polizei und die örtlichen Behörden

schauen diesen Machenschaften untätig zu, vielleicht sind sie

sogar daran beteiligt. Worum geht es hier?

Wenn wir mit der Lektüre von „Tod in Amazonien“ beginnen,

haben wir die Erwartung, den Autor bei seinen journalistischen

Recherchen, die zur Lösung des Rätsels führen,

begleiten zu können. Wir denken, dass wir die Namen der

Schuldigen erfahren und etwas über ein gerechtes Urteil lesen

werden, oder – im schlimmsten Fall – anfangen, über die

Gleichgültigkeit der Gerichte in Lateinamerika nachzusinnen.

Wir vermuten jedoch nicht, dass die Fäden der Verflechtungen,

die bei den im Buch beschriebenen Ereignissen ihren

Anfang nehmen, bis zu unseren Häusern reichen. Und dass

wir am Ende der Lektüre die Welt anders betrachten werden

– auch die, die uns am nächsten ist.

Die drei hervorragenden Reportagen, die sich zu dem

Band „Tod in Amazonien“ zusammenfügen, verbindet ein

Thema: Die groß angelegte Zerstörung der natürlichen Umwelt

(die Rodung der Amazonas-Regenwälder in Brasilien,

der Goldabbau in Peru und die Ölförderung in Ecuador) und

die damit einhergehende Vernichtung lokaler Gemeinschaften.

Die Helden in Domosławskis Buch sind gewöhnliche und

gleichzeitig ungewöhnliche Menschen, die für die Rettung

der Umwelt und für ein Leben in Würde alles riskieren. Ihr

Kampf – so scheint es – ist von vornherein zum Scheitern verurteilt,

obwohl der letzte Text einen Funken Hoffnung lässt.

Der Reporter spricht mit Bauern und den Aktivisten vor Ort,

mit investigativen Journalisten, Juristen und Geschäftsleuten.

Faden für Faden entwirrt er geduldig die komplizierte

Vernetzung zwischen den Mördern, der lokalen Wirtschaft,

der Politik und den transnationalen Konzernen. Er zeigt die

Rücksichtslosigkeit der Geschäftsleute und Politiker auf, ihre

Betrügereien, Manipulationen und Propagandatricks.

Ausgehend von Details und konkreten Situationen eröffnet

der Autor eine breite Perspektive. Und das ist einer der

Momente, in denen die Lektüre besonders eindringlich wird.

Wenn wir bis jetzt glaubten, wir hätten mit der Vernichtung

der Amazonas-Regenwälder nichts zu tun, so ist es an der Zeit,

sich in der eigenen Wohnung umzuschauen... Nach der Lektüre

der zwei anderen Reportagen werden wir uns auch nicht

besser fühlen.

„Wir verurteilen ein Verbrechen – dieses und jedes nächste.

Aber können wir schwören, dass wir an der Verteilung der

Beute nicht beteiligt sind?“, fragt der Autor und bezieht sich

dabei auf Sven Lindqvist, einen anderen hervorragenden Reporter.

Das Buch von Artur Domosławski – verhalten, konkret,

voller Fakten und Namen – hat die Kraft einer Sprengladung.

Nach der Lektüre möchte man auf die Straße gehen und die

Welt verändern. Es ist wohl an der Zeit.

Małgorzata Szczurek

ARTUR DOMOSŁAWSKI

„ŚMIERĆ W AMAZONII”

WIELKA LITERA, WARSZAWA 2013

205×135, 328 PAGES

ISBN: 978-83-64142-13-0

TRANSLATION RIGHTS:

POLISHRIGHTS.COM


TOD

IN AMAZONIEN

Sein Körper

war von siebzehn Kugeln durchlöchert.

Vier Kugeln hatten die Bauchhöhle durchbohrt, sechs –

den rechten Lungenflügel, eine – den äußeren Hals auf der

linken Seite, noch eine andere blieb im Hinterkopf stecken

und der Rest zerfetzte die übrigen Körperteile.

Edmundo Bercerra – alle nennen ihn Esmundo – dreiundvierzig

Jahre alt, tränkte gerade sein Vieh an einer Wasserstelle,

die Pampa del Ahijadero genannt wird. Nicht weit

von dem Dorf Yanacanchilla entfernt, wo er mit seiner Frau

und dem vierjährigen Sohn wohnte.

Die Schwester des Getöteten, Jovita, sah die Mörder aus

einiger Entfernung: Zwei Männer – in einem roten und in

einem blauen Poncho. Einer trug eine Mütze, der andere einen

Hut. Später hat sich herausgestellt, dass auch noch ein

dritter dort war. Vor der Hinrichtung soll einer der Mörder

gesagt haben, die nächsten, solche wie Esmundo, würden

auch so enden. Kurz danach fielen Schüsse. Siebzehn Stück.

Die Mörder flüchteten in Richtung der Straße, die nach

Bamabamarca führt. Sie hatten nichts gestohlen, ein Raubmotiv

war also von vornherein ausgeschlossen.

Ich schaue Zeitungsausschnitte der lokalen Presse durch,

aus den direkt davor liegenden Tagen.

Eine der Zeitungen berichtete, dass sich Esmundo

auf eine Reise nach Lima vorbereitete; zum Treffen einer

Kommission, die sich aus Gegnern des Konzerns und

seiner Praktiken und aus Vertretern des Ministeriums

zusammensetzte. Es ging um den Abbau der Lagerstätten

des Hügels San Cirilo. Esmundo und die Dorfbewohner widersetzten

sich diesem Plan. Ivan Salas, einer der örtlichen

Aktivisten, hatte zuvor Alarm geschlagen; der Konzern

Yanacocha-Newmont würde Gebirgsbauern bewaffnen, die

sich auf seine Seite geschlagen hatten. Sie sollten auf ihre

Nachbarn schießen, weil diese es ablehnten, dem Konzern

ihr Land zu verkaufen und weil sie sich dem Abbau der Lagerstätten

widersetzten. „Wir haben es mit einer Bande zu

tun, die mit dem für den Konzern tätigen Büro für Landerwerb

zusammenarbeitet. Vor ein paar Wochen, als ein Ingenieur

gekommen ist, um topografische Untersuchungen

durchzuführen, hat die gleiche Bande auf ihn geschossen

und ihn an der Arbeit gehindert.“

Die Konzernvertreter sagten, das seien Lügen.

Die konzernnahen Zeitungen berichteten, bei Esmundos

Ermordung sei es um einen „Landkonflikt“ und um die „Begleichung

von Rechnungen“ gegangen.

Jemand erinnerte daran, dass ein paar Monate zuvor,

nach dem Mordanschlag auf den Aktivisten und Konzernkritiker

Isidro Llanos, der Vertreter von Yanacoch-Newmont

öffentlich erklärte, der Aktivist sei an einem Herzinfarkt


gestorben. In Wirklichkeit ist Isidro Llanos bei einem Zusammenstoß

von protestierenden Arbeitern mit Sicherheitsleuten

des Konzerns und der Polizei erschossen worden.

Es ist Marco, der mir am meisten über Esmondo und die

Umstände seiner Ermordung erzählt.

Er war kein typischer, armer Bergbauer aus der Region

von Cajamarca, sagt Marco. Esmondo war gebildet, Tierarzt

von Beruf. Er besaß ein ziemlich großes Stück Land, eine

kleine Viehherde und war Milchproduzent.

Als der Konzern damit begann, etwas oberhalb des Dorfes

Yanacachilla neue Lagerstätten abzubauen, gründete

Esmundo eine Front für Umweltschutz. No pasaran! Als

Antwort holte der Konzern Leute, die nicht aus der Region

stammten und wie die Ureinwohner der Anden aussahen.

Sie fingen an, sich in dem Gebiet oberhalb des Dorfes anzusiedeln.

Dann gründeten sie eine „Konkurrenz-Front“ für

Umweltschutz und Entwicklung – eine typische Strategie

des Konzerns, der später sagen konnte: schaut wie viele

Ortsansässige uns unterstützen. Die „Importierten“ hatten

Waffen und Walkie-Talkies, und agierten wie eine organisierte

Gruppe.

Der Konflikt eskalierte, als Esmundo sein Vieh an den

Lagunen tränken wollte, die sich auf dem von den Ankömmlingen

besetzen Boden befanden. Das Eigentumsrecht

erstreckt sich nicht auf die Lagunen; die Landbesitzer,

auf deren Gebiet sie sich befinden, sind verpflichtet, zum

Beispiel Bauern, die ihr Vieh tränken wollen, den Zugang

dorthin zu ermöglichen. Doch die „neuen Siedler“ scherte

das nicht.

Esmundo bekam Drohungen: Misch dich nicht in die

Angelegenheiten der Mine ein. Er wurde aufs gröbste beschimpft.

Eines Tages wurde er von bewaffneten Männern verprügelt.

Er fuhr zum Polizeirevier in Chanta Alta, zwei

Stunden vom Dorf entfernt, um Anzeige zu erstatten. Fahr

zum Richter, sagten die Polizisten, nach Cajamarca, und sie

lachten.

Andere eingeschüchterte Bauern hörten, wie die Männer

aus der bewaffneten Gruppe prahlten, sie seien unantastbar,

weil sie unter dem Schutz von Yanacocha-Newmont stünden.

Kurz danach wurde Esmundo erschossen.

Der Mordanschlag, sagt Marco, erinnert an die typisch

kolumbianische oder brasilianische Art, sich eines unbequemen

Anführers einer Gemeinschaft zu entledigen. Das

Projekt der Ausbeutung neuer Lagerstätten wurde gestoppt.

Die „importierten“ Bergbauern sowie die von ihnen gegründete

Front für Entwicklung verschwanden im Nichts.

Esmundos Dorf, eine kleine Gemeinschaft von damals

fünfundvierzig Familien, war traumatisiert. Angst griff

um sich, Misstrauen und Argwohn. Das Verbrechen hat

diese Menschen gebrochen, sagt Marco. Esmundos engster

Kampfgefährte, Genaro López, ist nach Cajamarca umgesiedelt.

Er hält sich von allen öffentlichen Aktivitäten fern und

will über den Tod des Freundes nicht sprechen.

Esmundos Frau ist mit dem Kind weggezogen. Man weiß

nicht wohin.

Laut den Erzählungen der Leute war Esmundo ein außergewöhnlicher

Mensch; der „zweite Anführer der lokalen

Dorfgemeinschaft“ (nach Marco Arana). Hilfsbereit, charismatisch,

intelligent. Deshalb war er politisch unbequem.

Geradezu gefährlich.

Die Presse und die Bulletins der Protestbewegungen erinnern

daran, dass er in den letzten Jahren der sechste Anführer

aus der Region Cajamarca war, der ermordet wurde.

2003: José Llajahuanca aus San Ignacio.

2004: Juan Montenegro aus Santa Cruz.

2005: Reinberto Herrera und Melanio Garcia aus San

Ignacio.

2006: Isidro Llanos aus Combayo.

Jeder von ihnen starb unter anderen Umständen, doch

fast immer waren die Täter unbekannt. Isidro Llanos hatte

im Konzern einen Streik wegen sklavenähnlicher Arbeitsbedingungen

organisiert. Er wurde während einer Schlägerei

der Streikenden mit den Sicherheitsleuten des Konzerns

und der Polizei erschossen.

Esmundo wurde das Opfer einer geplanten, kaltblütigen

Hinrichtung.

Man könnte über die Motive spekulieren. Ein Motiv

drängt sich aber wie von selbst auf, auch wenn man es zu

verdrängen versucht. Kann man einen Zufall ausschließen?

Zumindest nicht ganz. Doch wer sollte Esmundo umbringen

wollen? Und warum?

Und hier glaubt niemand an Zufälle oder das Begleichen

von Rechnungen.

Düstere Orte und tragische Ereignisse rufen manchmal

merkwürdige und unerwartete Assoziationen hervor. Es

ist einige Jahre her, da hatte ein Dichter in einem anderen

Teil der Welt ein Gedicht über ein Ungeheuer geschrieben.

Jetzt, da ich versuche, die Atmosphäre in Cajamarca wiederzugeben,

erscheint es mir, als ob das Gedicht diesen Ort

beschreiben würde: Unbekannte Täter. Opfer. Anschuldigungen,

die an Paranoia grenzen. Keine Beweise. Unsicherheit.

Angst.

[...]

Dank der Aussagen von Esmondos Schwester konnte die

Polizei die Namen der Mörder schnell ermitteln: die Brüder

Aguinaldo und Fortunato Rodriguez. Am Tatort war noch

ein dritter Mann gewesen, doch man ließ die Anschuldigungen

gegen ihn fallen.

Als die Polizisten den Hauptmörder festnehmen wollten,

kam es zu einer Schießerei. Aguinaldo starb auf der Stelle.

Die Umstände lassen den Verdacht aufkommen, man wollte

den Täter erst gar nicht verhaften. Sollte er sterben, damit

er vor Gericht nicht aussagt?

Mirtha ist an Informationen gekommen, die uns vermuten

lassen, dass es so sein könnte. Der Täter war ein in der

Gegend bekannter Auftragskiller, der Hinrichtungen ausführte.

Ein Tag vor seinem Tod rief er den Congressman

Werner Cabrery an und sprach mit seinem Assistenten

Ivan Salas. Aguinaldo kündigte an, er werde sich der Polizei

stellen und sagen, wer der Auftraggeber für den Mord

an Esmondo gewesen sei. Als man ihn am nächsten Tag zu

fassen versucht, kommt er ums Leben.

Aus dem Polnischen von Joanna Manc


KATARZYNA

PAWLAK

EINMAL CHINA UND ZURÜCK

ALLTAGSNOTIZEN AUS

DEM REICH DER MITTE

Katarzyna Pawlak ist Soziologin, Übersetzerin

und Koautorin eines Lehrbuches für Chinesisch.

Sie ist Reisende und Bloggerin – aus ihrem Blog

www.zachinyludowe.net, den sie während ihres

Studienaufenthalts in China geführt hat, entstand

ihr vorliegendes Buch. Sie hat in Taipeh,

Peking und Shanghai gelebt. Am liebsten reist

sie ohne Eile durch China.

Im Wörterbuch wird das Wort „Ausländer“ ins Chinesische

mit wàiguórén übersetzt, sprich: „ein Mensch aus einem äußeren

Land“. Das klingt neutral. Aber die Chinesen benutzen

meist lieber den Ausdruck lăowài, was so viel heißt wie „alter

Äußerer“. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Lăowài

klingt wie: „du bist nicht von hier, und du wirst es nie sein“.

„,Mama, schau mal, da kommt ein lăowài. Der Knirps zeigt

auf mich und seine Mutter lacht, so klein und schon so schlagfertig“,

schreibt Pawlak. „,Aah, ein lăowài‘ – die Arbeiter und

eine Gruppe jugendliche Sprösslinge zeigen mit dem Finger

auf mich. Nach diesem Ausruf folgt zumeist im Falsett: ,Helloooo!

Okeey?’ Dann Gekicher. Und dann laufen sie weg.“

Der Autorin, die mit diesem Begriff versehen wird, fällt

auf, dass ihr nach zwei Monaten aus dem Spiegel jemand

entgegenschaut, den sie vorher nicht kannte. „Das ist nicht

mehr Kasia, die Polin, die (im Grunde noch junge) Frau, die

Doktorandin, sondern ein großer, blasser ‚alter Äußerer‘ mit

‚strohfarbenem Haar und einem riesigen Zinken‘.“ Dieses Gefühl

der Fremdheit erfährt jeder Ausländer in China. Wenn

er zum tausendsten Mal gefragt wird, ob er China mag und

ob ihm das Essen schmeckt, selbst wenn er seit Jahren hier

wohnt, wird er versuchen, die Chinesen davon zu überzeugen,

dass er kein „alter Äußerer“ sondern ein Mensch ist.

Die Autorin versucht es auch. Doch nach einem spannenden

Referat, das sie fließend auf Chinesisch an der Universität in

Shanghai hält, vernimmt sie verwunderte Fragen, ob sie wisse,

wer Konfuzius war und – natürlich – ob sie chinesisches

Essen mag.

In ihrer Beschreibung des Reiches der Mitte nimmt die Autorin

chinesische Wörter zu Hilfe, wie beispielsweise benben

zu. Das ist ein sich herumtreibender Stamm, sprich, Arbeitsmigranten,

die nirgendwo sesshaft werden. Oder yi zu – das

Ameisenvolk: arme Chinesen aus der Provinz, die an den Peripherien

Pekings und Shanghais leben.

„Einmal China und zurück“ ist eine überaus amüsante und

ungeheuer intelligente Beschreibung des zeitgenössischen

China. Die Autorin ist studierte Soziologin und Sinologin, sie

hat einen ausgezeichneten Schreibstil und die Gabe des passenden

Ausdrucks sowie der treffsicheren Pointe.

Pawlak hat zwei Jahre in Shanghai und Peking verbracht,

sie hat den Chinesen im Zug und auf der Straße sowie in den

Bergen und während des chinesischen Neujahrsfestes Gesellschaft

geleistet. Sie hat mit ihnen ferngesehen und chinesische

Zeitungen gelesen. Sie hat zugesehen, wie sie Sonnenblumenkerne

essen, wie sie ganze Litaneien englischer

Wörter pauken und im Zug spucken, dass man kein trockenes

Plätzchen für seinen Rucksack findet.

Lassen Sie sich von der leichten Form nicht beirren. „Einmal

China und zurück“ ist ein gutes Stück solider soziologischer

Arbeit. Es besteht aus kleinen Traktaten über das

chinesische Fernsehen und das Internet, über das konfuse

Hùkŏu-System (Wohnsitzkontrolle), das Gesundheitssystem,

soziale Ungleichheiten, die Mitgift, die in China von den Männern

eingebracht wird, die Rolle der Frau und viele andere

Themen.

KATARZYNA PAWLAK

„ZA CHINY LUDOWE”

DOM WYDAWNICZY PWN

WARSZAWA 2013

127×200, 248 PAGES

ISBN: 978-83-7705-322-5

TRANSLATION RIGHTS:

DOM WYDAWNICZY PWN

Maria Kruczkowska


EINMAL CHINA

UND ZURÜCK

ALLTAGSNOTIZEN AUS

DEM REICH DER MITTE

ALS ICH

eine Wohnung zur Miete suchte und in den Agenturen meinen

finanziellen Rahmen nannte, bot man mir Wohnungen

in „alten Plattenbauten“ an: „Das heißt, wie alt?“ „Etwa

fünfundzwanzig Jahre“. Ich hatte in Warschau in einem der

ersten Exemplare der realsozialistischen Bauweise gewohnt,

einem soliden Koloss in Muranów mit so dicken Wänden,

dass Titanbohrer versagten, und ich dachte bei mir, dass es

lächerlich sei, ein dreißigjähriges Gebäude „alt“ zu nennen,

und verstand das Problem gar nicht (oder wollte es nicht

verstehen; jeder, der einmal sehr weit weg gelandet ist und

länger bleiben will, weiß, unter welchen Bedingungen man

sein Domizil wählt). Die Leute sagten vorsichtig, die Qualität

sei nicht die beste. Ich dachte, dass es vielleicht keinen

Fahrstuhl gibt oder dass andere Attraktionen auf mich

warten, die für die polnischen Plattenbauten typisch sind

– schlechte akustische Isolierung, alte Fenster oder schiefe

Wände. Und wie das so ist, habe ich mir gedacht, dass

diese ganzen Dinge, mit denen man konfrontiert sein kann,

wenn man in einem Gebäude mit nicht allzu hoher Qualität

wohnt, mir natürlich erspart bleiben werden. Entweder

nehmen sie die Gestalt kleiner, nicht genauer präzisierter

Reparaturen an, eines lächelnden Handwerkers, kleiner

Nägelchen oder Dichtungen, die für jemanden, der sich mit

einem Koffer in einer Fünfundzwanzig-Millionen-Stadt

befindet und vollkommen allein und ohne ein Zuhause ist,

absolut inhaltslos sind. Im Übrigen: ein Dach über dem Kopf,

Strom, Gas (beinahe mit Entzücken habe ich die Nachricht

aufgenommen, dass hier überall Gas installiert ist, dass

man keine Gasflaschen schleppen muss, wie einst in meiner

Wohnung in Taiwan) und Wasser. Was braucht man mehr?

Zumal ich eine Wohnung fand (in der ich jetzt sitze und

schreibe; vielleicht geht sie heute doch nicht in die Luft?),

die schön, sauber, hell und sympathisch ist. Im Treppenhaus

sieht es natürlich anders aus: alte Eimer, kaputte Möbel,

ein Kanarienvogelkäfig ohne Kanarienvogel und Momo,

der Bobtail des Nachbarn – ich habe fast gar nicht erkannt,

dass das ein Bobtail ist, er ist rasiert, damit ihm nicht so

heiß wird. Er schläft im Treppenhaus, weil es in der Einzimmerwohnung

zu eng ist.

Noch mehr hat mir die Wohnsiedlung selbst gefallen, die

sich ungefähr folgendermaßen zusammensetzt:

a) ein Dutzend abgeblätterter Wohnblöcke mit einer

Million Anbauten + Bewohnern (im Umkreis der

Siedlung laufen sie in ordentlichen Pyjamas mit lustigen

Mustern herum, passend – wovon ich mich bald

überzeugen sollte – zur Jahreszeit: im Frühling und

im Sommer aus Baumwolle, im Herbst und im Winter

aus dickerem Steppmaterial).


) ein Markt, wo man außer Gemüse, Gewürze und Tofu

auch lebendige Hühner und Tauben kaufen kann.

Man kann sie sofort schlachten lassen.

c) der bereits erwähnte Herr, der lebendige Frösche

in einem Nylonnetz verkauft. SSL, die Taiwanesin

(mit rotem Haar und einem Lächeln über das ganze

Gesicht), die ich im Unterricht kennenlerne und sofort

sympathisch finde, stiftet mich dazu an, einen

zu kaufen, als Haustier. Als ich den Froschmann fürs

Erste nach dem Preis für einen Frosch frage, fragt der

zurück: „Du meinst einen jīn, 300 Gramm? Gleich ausnehmen?“

d) der ebenfalls bereits erwähnte Herr, der alles Mögliche

verkauft und alle möglichen Dienstleistungen anbietet

(bis zum Ende meines Aufenthalts in Shanghai

sehe ich nur den leeren Behälter, die Straße ist blutüberflutet,

und der Mann hält eine unheilvolle blutige

Klinge in der Hand).

e) das Revolutionäre Straßenkomitee (so nenne ich es,

zu Ehren der Sensationslüsternen und der Denunzianten

der Komitees aus den Zeiten der Kulturrevolution;

Ersatzbezeichnung: Alten-Rat). Seine Mitglieder

sitzen auf kleinen Hockern an den Hauptkreuzungen

von Alleen und passen auf. Graues Haar, Pyjamas,

Spielkarten, neben ihnen schnauft ein alter Hund.

„Der ist morgens aus ihrem Haus gekommen, obwohl

sie nicht verheiratet sind.“ „Die hat einen fast noch

guten Fernseher weggeworfen, ist wohl reich geworden,

bestimmt durch krumme Dinger.“

f) kleine Geschäfte und kleine Kneipen, darunter Kneipen,

die von vier Generationen der Hui geführt werden.

Die Hui-Frauen tragen schwarze Spitzentücher

auf dem Kopf und schreien ihre schmutzigen Kinder

an, die zwischen den Hockern herumkrabbeln. Sie bereiten

das köstlichste Hammelfleisch mit Kümmel zu,

und die Männer (Bärtchen, ein rundes weißes Mützchen

auf dem Kopf) machen mithilfe einer Serie malerischer

Box- und Armbewegungen die besten Nudeln

der Welt. Zum Opferfest schlachten sie einen Hammel

und färben dabei den Fußweg rot.

g) eine Katzenhorde, darunter eine gestreifte Katze (angeblich

hatte einst ein Nachbar sie eingelassen, vor

dessen Tür sie zwei Tage lang miaut hatte, und sie

hatte sofort sechs Kätzchen geworfen).

man auf einer langen Liste gestanden hatte, eine Nähmaschine

und ein kleines Plastikradio waren der Gipfel der

Träume, ein Zeichen des Schicksals, dass sich alles fügen

würde, dass alles in eine gute Richtung geht. Die kleine Stabilisierung,

die kleine heile Welt.

Heute atmen diese Siedlungen noch, noch sind sie lebendig,

aber das ist ein Leben in einer Sackgasse der allgegenwärtigen

und übermächtigen fāzhăn. Zunächst zerfällt

eine Anlage nach der anderen, eine Treppe nach der anderen,

ein Treppenhaus nach dem anderen. Und dann genügen

ein paar Tage, eine Woche, und die Wäsche, der Basar,

die Hühner und die Hui sind fort und die Fenster sind leer.

Dann wird ein Wohnblock nach dem anderen von seinem

Skelett abgetrennt, die Skelette zerfallen zu Staub, und an

ihrer statt wachsen die Wohnungen der neuen Welt empor:

shāngpĭnfáng – marktgerecht. Ohne Pyjama, ohne den Mann

mit der Klinge, ohne die gestreifte Katze, aber dafür mit monitoring,

einem kleinen Springbrunnen und einem unterirdischen

Parkhaus. Vielleicht sogar mit einem Schwimmbad?

Bevor jedoch dieser Prozess in meinem Wohngebiet

einsetzt, verschimmelt zunächst in einer der kleinen

Wohnungen in dem Gebäude mit dem kahlgeschorenen

Bobtail innerhalb von zwei Tagen buchstäblich die ganze

Wand – gleichmäßig grün, wie Gras, nur senkrecht („Die

Dachrinne ist in der Wand, wie soll das also anders sein?!“,

klärt mich der ansässige Meister auf, einer der vielen, die

ein Jahr lang durch meine vier Wände ziehen). Und jetzt?

Jetzt strömt Gas aus, scheußlich. Es hat sich buchstäblich

innerhalb von Minuten etwas gelöst. Der Zufluss lässt sich

nicht zudrehen, weil der Gasstrang nicht durch das Treppenhaus

verläuft, sondern durch meine Wohnung, mitten

durch meine Küche; so hat man früher gebaut, um Kosten

für die Installationen und Zeit zu sparen. Die entfernte

Stimme vom Gas-Notdienst (er sitzt weit weg in Sicherheit,

bestimmt in einem neuen Wolkenkratzer oder einem

marktgerechten Gebäude, der Schlaumeier!), den ich voller

Panik anrufe, weist an, alle Fenster zu öffnen, die Tür zum

Zimmer zu schließen, in dem ich schlafe, und bis morgen

früh abzuwarten, bis sie mit einem neuen Rohr oder einem

neuen Zähler kommen.

Ich habe überhaupt keine Lust, aber ich werde wohl tanzen

gehen, die ganze Nacht.

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasińska

Also scheinbar ist alles in Ordnung. Doch was ist hier

besonders? All das sind Relikte aus einer Welt, die nach

und nach verschwindet, die niemand mehr retten will,

schließlich steht sie dem unerbittlichen Recht der fāzhăn

– der Entwicklung – im Weg. „Ältere Bauweise“ bedeutet in

diesem Falle, zu einer älteren Epoche zu gehören, die nach

anderen Regeln und einer anderen Logik als die heutige

funktioniert. Das war es, was meine Gesprächspartner mir

vermitteln wollten. Meine Wohnung ist ein Überbleibsel

einer Welt, in der einem eine Wohnung zustand. Sie war

sowohl eine Verpflichtung gegenüber dem Bürger, als auch

der Ausdruck des guten Willens des Staates und dessen mit

dem Bürger am engsten verbundenen Nervenendes, der

danwei (die kleinste Einheit, die Dienststelle). Diese Wohnungen

unterlagen nicht den Kriterien und den Prinzipien

des Marktes, weil es diese noch nicht gab. Dafür musste es

viele Wohnungen geben und zwar jetzt, gleich, sofort. Wer

würde bei einer so großen Mission nach ihrer Qualität fragen,

umso mehr als sie umsonst sind? Eine Wohnung von

danwei, ein Fahrrad der Marke yongjiu – Ewigkeit –, für das


WOJCIECH

TOCHMAN

ELI, ELI

Wojciech Tochman (geb. 1969). Journalist und

Schriftsteller sowie einer der bekanntesten

übersetzten polnischen jungen Reporter. Seine

Reportagen sind ins Englische, Französische,

Schwedische, Finnische, Russische, Dänische und

Bosnische übersetzt. Mit Zum Beispiel einen Stein

essen war er im Finale für den polnischen Literaturpreis

Nike und für den Prix Témoin du Monde,

ausgezeichnet wurde er von Radio France International.

Gemeinsam mit Paweł Goźliński und

Mariusz Szczygieł leitet er das Polnische Reportageinstitut

in Warschau.

Das neue Buch von Wojciech Tochman – oder genauer gesagt

von Wojciech Tochman und Grzegorz Wełnicki, denn die

Fotografien des letzteren spielen nicht nur eine illustrative

Rolle, sondern sind in gewisser Weise treibende Kraft für die

Handlung und unverzichtbarer Teil der Erzählweise dieser

Reportage – ist trotz seines geringen Textumfanges ein vielschichtiges

und überaus anspruchsvolles Werk.

Im Vordergrund steht die Geschichte über die erschreckenden

Slums im philippinischen Manila mit einigen markanten

Protagonisten, die sich über ihr Leben im klaren sind,

und mit dem unglücklichen, von unbekannter Krankheit geplagten

Baummädchen – eine Begegnung, mit der das Buch

beginnt. Mit diesen Mikroerzählungen schafft Tochman ein

breiteres Bild, das Bild der von der Gesellschaft ausgeschlossenen

Armen, die von ihrem eigenen Staat und den wohlhabenderen

Nächsten betrogen werden, wobei – wovon der Autor

überzeugen will – zur Not und Kriminalität auch die Amerikaner,

die auf den Philippinen einen Militärstützpunkt haben,

entscheidend beitragen, ebenso die dominante katholische

Kirche mit ihrem wahrhaft pharisäerhaften Antlitz.

Genauso wichtig ist aber auch das Niveau der von den philippinischen

Erfahrungen des Reporters und des Fotografen

stimulierten doppelten Meta-Narration. Sie beruht zum einen

auf dem Nachsinnen über Möglichkeiten, von außen in diese

oder ähnliche Welten der permanenten Not einzugreifen

– eher durch Einzelpersonen denn durch Institutionen. Was

kann ich eigentlich für diese Menschen tun?, scheint sich

Tochman zu fragen. Er antwortet mit einer Beschreibung dessen,

was passiert ist, als er und Wełnicki es im Rahmen ihrer

bescheidenen Möglichkeiten versuchen.

Das zweite Problem ist die Frage des quasipornografischen

Status’ des Bildes und der Berichte über Menschen in Not,

sprich eine recht fundamentale ethische Frage all derer, die

von dieser Not erzählen und sie zeigen. Dies betrifft selbst die

einfachsten und offensichtlichsten Dinge: „Wenn ein Buch erfolgreich

ist“, so Tochmann, „macht der Autor eine Lesereise

im Inland, und wenn es sehr gut läuft, auch im Ausland, denn

er wird von Bibliotheken, Kulturhäusern, Hochschulen, Buchmessen

und Literaturfestivals eingeladen. Er sitzt vor einem

vollen oder fast vollen Saal. Er spricht über menschliche Not,

über Demütigung, Angst und Verachtung. Über Ungerechtigkeit,

Ungleichheit und Ausbeutung. Er ist weise, aber das ist

nicht seine eigene Weisheit. Oft sind es Gedanken derer, mit

denen er gesprochen hat, während er an dem Thema gearbeitet

hat. Ein Reporter existiert ohne Menschen nicht.“

Das Buch Eli, Eli, dessen Titel sich aus den Worten Christi

am Kreuz zusammensetzt, ist voller Schmerz, Zorn und Verzweiflung.

Es stellt Fragen, die man vielleicht nicht unbedingt

so beantwortet muss, wie der Autor es tut, von denen man

sich aber nicht frei machen kann.

Marcin Sendecki

WOJCIECH TOCHMAN

„ELI, ELI”

CZARNE, WOŁOWIEC 2013

190×240, 152 PAGES

ISBN: 978-83-7536-519-1

TRANSLATION RIGHTS:

POLISHRIGHTS.COM


ELI, ELI

Es sind

keine glücklichen Kinderaugen, die uns anschauen. Ein Gesicht

hinter einem Gitter, einem weißen Gitter aus einem alten

Kühlschrank, das aus einem Junk-Shop hierhergebracht

wurde. Feuchte, misstrauische, unbewegliche Augen. Das

ist Pia. Drei Jahre alt, Hautgeschwüre, sie spricht nicht, sie

kann sich kaum bewegen und lächelt selten. Sie sitzt in einem

schwarzen Loch, das ihr Zuhause ist. Ein übelriechender

Schrank, kleiner als zwei Meter, zurechtgezimmert aus

Sperrholz und Lumpen. Ihr jüngerer Bruder, auf dem Foto

rechts, lächelt nie. Das ist Buboy. Er verzieht das Gesicht

und kratzt sich. Er hustet. In der Nähe wacht die Hand der

Großmutter. Oder eher der Urgroßmutter. Sie ist fast achtzig,

die Mutter der Kinder ist zwanzig. Über mindestens

eine Generation gibt es keine Informationen. Aber keiner

von uns fragt nach solchen Einzelheiten, keiner will seinen

Kopf damit belasten. Das sind verlassene Kinder, sagt unser

Fremdenführer. Die Mutter ist drogensüchtig, keiner weiß,

ob sie lebt und wo. Der Vater sitzt im Gefängnis. Es ist nur

die Großmutter da, die nichts hat und kaum spricht. Wahrscheinlich

wird sie nicht mehr lange leben. Eine traurige

Geschichte, ein trauriger Anblick.

Wir sind in einer recht zahlreichen Gruppe gekommen,

um die Armut zu fotografieren. Wir sind aus Madrid, Paris,

Frankfurt, Warschau, London, Moskau, Tel Aviv, Sydney,

Toronto und New York eingeflogen. Vereinfacht ließe sich

sagen: aus dem Fernen Westen. Wir sind in der Adriatico-Straße

abgestiegen, hier sind lauter Weiße, im Hostel

Frendly’s haben wir unser Gepäck abgeworfen, in der Rezeption

haben wir den Aushang für Entdecker gefunden,

der unter dem Zeichen von Lonely Planet steht: True Manila!

Das wahre Gesicht von Manila! Entdecke eine für Touristen

unzugängliche Stadt! Free of charge! Fünf Uhr nachmittags

im Where2Next, das Hostel nebenan.

Veranstalter des Ausfluges ist Edwin N., ein Mann, der

auf die vierzig zugeht.

°

Edwin N.s Geschichte:

„… ich war neun Jahre alt und hatte einen festen Tagesplan.

Gegen Mittag sammelte ich eine Stunde lang Müll,

Plastik und Gerümpel, um ein Uhr ging ich in die Schule,

dann nahm ich um fünf Uhr vom Lieferanten die Abendzeitung

Red Light District entgegen, ich schlief ein bisschen auf

dem Asphalt, mit dem Kopf auf den Zeitungen, aber dann

musste ich los und bis fünf Uhr morgens über den versmogten

highway laufen und Zeitungen verkaufen, um sechs

Uhr kam die Morgenzeitung, highway bis neun Uhr, dann

endlich zwei Stunden schlafen, aufwachen, Müll, Plastik,

Schrott, Schule …


… in unsere Straße kommen keine white people, die trauen

sich nicht. Eines Tages sehe ich zwei, einen Mann und

eine Frau, hatten sich verlaufen, sie sahen wirklich interesting

aus, ich konnte meine Augen von ihrer weißen Haut

nicht losreißen, ich rief ihnen zu „Hey Joe!“, das war das

einzige, was ich auf Englisch konnte, sie fotografierten

mich, lächelten und gingen weiter. Ich lass mich nicht einfach

so fotografieren, dachte ich mir, so für umsonst, und

lief ihnen nach, sie wohnten weit weg, das waren christliche

Missionare, ich weiß nicht mehr, hier bei uns gibt es

massenweise Leute mit Jesus auf den Lippen, sie schenken

jedem Kind einen Lutscher und wollen gleich seine Seele,

die hier wollten nicht, deshalb freundete ich mich mit ihnen

an, sie nahmen mich mit ins Wendy’s auf einen Hamburger,

zeigten mir das Kino, einen amerikanischen Film,

dafür zeigte ich ihnen das wahre Manila, dann reisten sie

ab, vorher gaben sie mir Briefpapier und stamps, sie sagten,

ich sollte ihnen schreiben, auf Englisch, dann kamen sie

zurück, schenkten mir eine Gitarre und brachten mir bei,

sie zu spielen, sie hatten hier ein schönes Haus, voller Bücher,

sie fotografierten mich wieder, das sind die einzigen

Fotos, die ich aus meiner Kindheit habe, dann reisten sie

wieder aus, ich ging zur Schule, Vater schlug mich jeden

Tag, heftig und ins Gesicht, ich beschloss, mich selbst zu

retten, da war ich schon etwa dreizehn, ich lief weg von

Zuhause, erhielt meine Briefe nicht, der Kontakt mit den

Missionaren brach ab …

… als ich neunzehn war, schloss ich die Mittelschule ab,

von irgendetwas musste ich leben, ich verkaufte auf dem

highway Zigaretten, Mutter verkaufte gebrauchte Kleidung

und half mir, und ich half ihr, es hing vom Tag ab, wer mehr

verdiente, ich studierte an der Universität Kriminologie,

ich wollte Polizist werden, ich habe sieben Schwestern,

die mussten beschützt werden, aber ich eigne mich dazu

nicht, ich bin zu nervös, und ein policeman hätte hier auch

kein Leben gehabt, ich hatte noch immer Angst vor meinem

Vater, deshalb brach ich das Studium nicht ab, ich arbeitete

in einem Videoshop, putzte in einem Kino nach den

Vorführungen, eine fürchterliche Tätigkeit, ich schrubbte

Klos und Fußböden im Robinson, hard job, drei Leute auf ein

riesiges Handelshaus, wir wurden nicht bezahlt, der Arbeitgeber

verschwand, was sollte ich machen, ich verkaufte

im Wendy’s Burger, von vier Uhr morgens bis zehn Uhr in

the evening, Arbeit und Studium am laufenden Band einige

Jahre lang, ich lernte auch klassische Gitarre an der Musikschule,

wir hatten an der Universität eine Band, doch woher

dafür Zeit und Kraft nehmen, ich war sechsundzwanzig geworden,

ich beendete mein Studium, ich heiratete, wir haben

zwei Kinder, meine Tochter heißt Jessica, zu Ehren der

amerikanischen Missionarin, und mein Sohn heißt Timmi,

wie ein hier bekannter Schauspieler aus einer soap opera …

… endlich eröffnete ich meinen eigenen Titanic Video

Shop, wo sich mein betrunkener Vater jeden Tag auf dem

Fußboden erbrach, deshalb ging Titanic nach einem Jahr

unter, ich hatte verschiedene Geschäfte, sie gingen alle

nacheinander ein, uns hat hier niemand beigebracht, wie

man Unternehmen führt, in der Onyx-Straße gelingt nichts,

no success, du verschuldest dich und fällst in einen Abgrund,

I was happy, ich spielte in einem Film, das war nicht einfach,

ich spielte den Anführer einer Gang und wurde umgebracht,

dann lächelte ich in einer Kaffeewerbung, man rief mich

hier Double Espresso, endlich landete ich im Frendly’s in der

Adriatico-Straße, da sind viele Ausländer, sie reisten ein,

reisten aus, ließen offene Kühlschränke mit Marmelade

und Käse zurück, man ging dorthin, um sich zu ernähren,

jemand fragte mich, wo ich wohne, ich dachte mir, dass mir

einst weiße Menschen geholfen hatten, und dass ich ihnen

heute helfen werde …

… ich zeige ihnen free of charge meine wahre city, es wäre

nicht fair, cash dafür zu nehmen, dass man Armut zeigt …

… bevor wir losgehen, bereiten wir immer Plastiktüten

mit Nahrungsmitteln vor, ein bisschen Reis und eine Büchse

Sardinen, keiner der white people zahlt dafür, wir ziehen

durch die Slums und verteilen das, jeder hat mehrere Tüten,

jeder muss sich über den Notleidenden beugen, ihm in die

Augen schauen und ihm das geben, so bringen wir den Ausländern

bei, dass die Philippinen nicht nur eine grüne Insel

und der türkisfarbene Ocean sind, dass wir hier auch eine

andere Welt haben, eine dunkle und stinkende Welt, manche

sind steif vor Verlegenheit, zum ersten Mal in ihrem

Leben geben sie einem Armen etwas zu essen, ohne Worte,

obwohl wir usually hier Englisch sprechen, haben manche

keine gemeinsame Sprache mit den Armen, andere weinen,

noch andere geben mit ihren photos an, und manche sagen

über uns solche Dinge, dass man sich schämen müsste, das

zu wiederholen …

… wenn wir fertig sind, nehme ich meine Mütze und

bitte um eine Spende, dafür essen wir dann in the evening

gemeinsam im Hostel, und das, was übrig bleibt, teilen wir

durch zwei, der eine Teil wird für die Bildung der Kinder

in der Onyx bestimmt, den zweiten Teil geben wir für die

Nahrungsmittel für die nächste Gruppe aus, wir kaufen Reis

und Sardinen, vielleicht noch etwas anderes, erst kam eine

Gruppe, dann die zweite, die zehnte, ein Fotograf aus Polen,

er hieß Gregory, er sagte, nenn diese Führungen True Manila,

das tat ich, dann kam die zwanzigste, dreißigste, die

sechzigste, wir haben ein Facebook-Profil, ich mache das

gern, ich zeige gern den Weißen unsere Armut, ich mag

die großen weißen Frauen, white people vertrauen mir, sie

gehen mit mir sogar bis hierher, zu Unrecht, schließlich

könnte ich ein Bandit sein, ich wohne in der Onyx, oder ein

Messerstecher, Geld her und fuck off, aber zu eurem Glück

bin ich OK, ich bin ein Kind der Onyx, kein Mörder, kein

Dieb, kein Terrorist, wir sind normale Penner, wir werden

hier zahlreich geboren, wir sammeln Schrott, damit wir

uns Reis kaufen können, wir sterben jung, schaut her und

fotografiert unser Leben ohne Furcht, ohne Gewissensbisse,

unsere Onyx gehört euch!

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Jasińska


ANGELIKA

KUŹNIAK

PAPUSZA

Angelika Kuźniak Angelika Kuźniak (geb. 1974),

Journalistin und Reporterin, drei Mal mit dem

Grand Press-Preis ausgezeichnet. Ihr 2009 erschienener

Reportagenband Marlena, der Marlene

Dietrichs letzten Jahren gewidmet ist, wurde

vom Publikum sehr positiv aufgenommen.

Die Geschichte von Bronisława Wajs, genannt Papusza, ist

fremdartig und exotisch. Die am Anfang des 20. Jahrhunderts

geborene Zigeunerin und Dichterin wurde als ein folkloristisches

Schmuckstück gesehen – ein wenig wie „eine Frau

mit Bart“. Die Gestalt aus dem Raritätenkabinett faszinierte,

doch wurde sie ernst genommen? War sie eine „Zigeunerdichterin“

oder einfach nur „Dichterin“? Aus Angelika Kuźniaks

Buch geht klar hervor, was Papuszas Persönlichkeit geformt

hat; die Welt des Zigeunerlagers war der Stoff, aus dem sie

gemacht war, aber auch die Populärliteratur! Eine geborene

„Perle“, ein Zigeunerkind, das neugierig auf die Welt war und

das – gegen seine eigentliche Bestimmung – zuerst lesen und

dann schreiben lernte, um schließlich alle Romane und Erzählungen

zu verschlingen, die es in die Finger bekam.

Papusza bedeutet Puppe – dieser inoffizielle Name ist auf das

Aussehen des Mädchens zurückzuführen (Angelika Kuźniak

benutzt Papusza statt Bronka und gibt damit ihrer Heldin nicht

nur eine Stimme, sondern taucht sie in die Welt ihrer „eigenen“

Tradition). Aber in Kuźniaks Erzählung hat der Name Papusza

auch eine ernste Bedeutung – das Geschlecht, die soziale

Herkunft, die familiären Beziehungen hatten zur Folge, dass

Bronka Wajs in einem wörtlichen und damit dramatischen

Sinne zur Puppe wurde: sie wurde von Hand zu Hand gereicht

und reagierte wie ein Automat auf Anweisungen. Ihr zweiter

Mann, der viel ältere Dionizy, hatte sie entführt und zur Heirat

gezwungen. Papuszas Rettung war die Liebe zu dem jungen Witold,

doch als er verschwand, trieb es sie in den Wahnsinn. Solche

Geschichten machen sich recht gut in einem literarischen

Text. Kuźniak zeigt, was passiert, wenn so eine Anziehung der

Herzen – eine so große, wahrhaft „romantische“ Liebe gegen

den Rest der Welt – zur Wirklichkeit wird.

Die Autorin analysiert – taktvoll und behutsam, wie aus

dem Hintergrund – Papuszas Geschichte und stellt Fragen,

ohne Antworten zu suggerieren. Sie beschreibt die Beziehung

zur Mutter, die für das Mädchen eine Autorität ist, die

aber Papuszas Entscheidung, Dionizy – der sie misshandelt

und vergewaltigt – zu verlassen, nicht unterstützt. Es ist eine

Mutter, deren Rücken voller Narben von Peitschenhieben ist

und die selbst an der Überzeugung festhalten, und ihr Kind

glauben lassen muss, ein anderes Leben sei unmöglich (Papu-

sza erzählt, dass der Mann einer Zigeunerin alles machen darf,

ohne dass jemand protestiert, weil das der Brauch ist; sie erinnert

sich, wie sie mit anderen Kindern „Zuhause“ spielte und

das Wichtigste dabei das Schlagen der „Ehefrau“ war). Wie in

einem klassischen Gewaltmuster gibt das Opfer dem Handeln

des Peinigers einen Sinn. Die Mutter hilft der Tochter nicht, als

diese der Macht des misshandelnden Ehemanns entkommen

will, weil sie den Sinn des eigenen Schicksals und die Weltordnung,

in der sie lebt, nicht in Frage stellen kann. Papusza lernt

mit der Zeit, dass sie als Person nichts bedeutet: Sie ist nur die

Funktion fremden Seins. Dionizy Wajs, der den Grundsätzen

der Zigeunergemeinschaft treu bleibt, hat das Recht auf seiner

Seite und Papusza ist eine Marionette in seinen Händen. Wajs

hat aus einer Perspektive außerhalb dieser Gemeinschaft viele

Verbrechen begangen, doch niemand war daran interessiert,

Papusza zu retten; das Lesen war ihre Rettung. Papusza hat in

ihren Liedern sowohl die zerstörte mündliche Kultur der zur

Sesshaftigkeit gezwungenen Zigeuner als auch die Erinnerung

an die Vernichtung dieses Volks bewahrt.

Angelika Kuźniak zeichnet in Papusza ein vielschichtiges

Porträt: das einer Dichterin, Leserin, Tochter, Mutter, Ehefrau,

Künstlerin und Geliebten. Papuszas Gestalt schillert, hört

nicht auf, zu verblüffen. „Dumm“ in den Augen des gierigen

und grausamen Ehemanns; „eine Verräterin“ in den Augen der

Zigeunergemeinschaft; „ein großes, wildes Naturtalent“ in den

Augen der polnischen Dichter; machtlos, schwach, verzweifelt

und wütend – so sieht sie sich selbst. Die Erzählung von der

„verfluchten Dichterin“, die sowohl Ruhm einbrachte als auch

große Scham hervorrief, dieses Buch über einen unfassbar

starken Menschen könnte eine Diskussion entfachen. Vor allem

aber könnte es Papuszas Lieder bekannt machen – nicht

als exotische „Schmuckstücke“, sondern als Lyrik, die von einer

Ära und ihren Erfahrungen Zeugnis ablegt.

ANGELIKA KUŹNIAK

„PAPUSZA”

CZARNE, WOŁOWIEC 2013

133×215, 200 PAGES

ISBN: 978-83-7536-501-6

TRANSLATION RIGHTS:

POLISHRIGHTS.COM

Anna Marchewka


PAPUSZA

Den Tag,

an dem sie anfing schreiben zu lernen, wird Papusza nie

vergessen. So sagt sie es und lächelt (auf der Tonaufnahme

hört man dieses Lächeln ganz deutlich).

Die Mutter weckte sie „genau mit der Sonne“. Die kleine

Papusza stand auf, ging aus dem Zelt nach draußen und

glättete ihren zerknitterten Rock.

Sie kann sich nicht erinnern, ob es an diesem Tag die

Mutter war, die ihr die Zöpfe geflochten hat. Und ob sie

ihr über den Kopf streichelte. (Obwohl es eigentlich keine

Zärtlichkeiten gab. „Sie hatte es zu schwer, um mich, die

Älteste, an sich zu drücken.“) Papusza erinnert sich, dass

sich die Mutter vor sie stellte und zwei Mal sagte: „Du darfst

dir eine Gelegenheit nicht entgehen lassen. Eine Zigeunerin

darf nicht mit leeren Händen zum Lager zurückkehren.“ Sie

spürte, dass das hieß: sei gerissen und falsch.

Papusza bindet eine Schürze über den Rock. Sie hat sie

selbst genäht, mit Kreuzstich. Unter ihr baumeln die noch

leeren „Diebestaschen“. Alles, um sich zu schützen; man

muss die Beute von der Schürze trennen. Von der Taille abwärts

ist eine Frau unrein. Unrein wird auch alles, was sie

berührt, und sei es nur mit ihrem Rockzipfel. Die Macht, die

Papusza in den Schmutz ziehen könnte, wirkt noch nicht

(sie ist erst zehn, vielleicht zwölf Jahre alt), doch es ist besser,

sich abzusichern.

Im Lager bleiben die Alten und Kinder zurück. Und die

Männer. Man sagt, dass Gott sie an einem Sonntag schuf.

Und auch noch mit Armen, die verschieden lang sind. Es

reicht, beide zur linken Seite auszustrecken, und es stellt

sich heraus, dass der rechte gerade bis zum Ellbogen des

linken reicht. Ist doch klar: mit solchen Armen kann man

nicht arbeiten.

Es hängt von der Schläue der Zigeunerinnen ab, ob man

etwas für den Kochtopf haben wird.

Grodno. Ein paar Kilometer zu Fuß vom Lager entfernt.

In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts war

es ein recht großer Ort. Fast sechzigtausend Einwohner

(sechzig Prozent Polen, siebenunddreißig Prozent Juden,

drei Prozent Weißrussen). Hier gibt es Telefone, Elektrizität

(seit 1912) und eine Eisenbrücke (1909), ein paar Schulen,

ein Theater, eine russisch-orthodoxe Kirche aus dem zwölften

Jahrhundert, eine Pfarrkirche, zwei Festungen und eine

Synagoge.

Auf dem Markt war fruchtbares Gedränge. Rufe, Schreie.

Es wurde mit allem möglichen gehandelt. Mit Gottesmüttern

und mit Jesus unter den Aposteln. Mit Sonnenblumenkernen,

Hühneraugensalben, Kienspan, Schuhwichse, Töpfen,

Schleifsteinen und Talgkerzen. Man konnte Bastschuhe,

Kartoffelkörbe und sogar Stühle kaufen. Man konnte sich


an Ort und Stelle einen Zahn ziehen lassen (davon gibt es

Fotos in den Archiven). Jemand erzählte auf dem Markt Geschichten;

von Räubern, Drachen und bösen Kindern, die

ihre Mutter verjagten. Zigeunerinnen lasen aus den Karten

oder aus der Hand, was am nächsten Tag passieren würde,

in zehn Jahren, in hundert. Sie sahen die Vergangenheit, die

guten und die bösen Taten. Sie zeichneten auf den Händen

ihrer Klientinnen das Kreuzzeichen mit der Münze, die sie

von ihnen bekommen hatten und sagten: „Die ganze Wahrheit

kennt Gott allein, und die Zigeunerin so viel, wie in den

Karten steht.“

Papusza war geschickt, schnell füllte sie ihre Taschen.

Äpfel, Kartoffeln, ein bisschen Tabak. Nichts Großes, aber

– was ihr erst nach der Rückkehr ins Lager klar wurde – es

reichte, um vom Stiefvater nicht verdroschen zu werden.

Sie trieb sich an den Ständen herum. Sprach mit jedem

Straßenköter, den sie auf dem Weg traf.

Mitten auf dem Marktplatz tanzte ein Bär auf den Hinterpfoten.

Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als

man den Bärenführern verboten hatte, die Stadt zu betreten,

war das ein seltener Anblick. Die Akademie in Smorgon, wo

sie früher dressiert wurden, war auch schon geschlossen.

(Statt des Bodens gab es in einem Raum einen Kachelofen,

der so aufgeheizt war, dass er rot glühte. Der Zigeuner führte

den Bären hinein und fing an, Geige zu spielen. Der Bär,

der sich an den Vorderpfoten verbrühte, stellte sich auf die

Hinterpfoten, die mit Lappen umwickelt waren.)

Dass man die Buchstaben in der Schule lernen kann, davon

hatte Papusza schon früher gehört. Aber erst an diesem

Tag sah sie Kinder mit Büchern und rannte ihnen hinterher.

„Verjagt ham sie mich. Sagtn ich bin Diebin. Die Pest.

Nicht alle Leut sind edelmütig. Und vor dem, was man hört,

kann man nicht weglaufen. Und auch nicht vor dem, was

man sieht. Das geht von selbst in die Ohren und Augen rein.

Was sollt ich machn? Hab in Demut ertragn und gelittn.“

Einen halben Tag stand sie vor den Fenstern der Schule.

„Und als die Kinder herauskamen, hab ich mein Mut zusammengenommen

und sie gebetn, dass sie mir zeign ein

paar Buchstaben.“

Sie waren einverstanden, aber nicht ohne Bezahlung.

Papusza hatte das Stehlen ganz normal gelernt. Bei der

Mutter.

Eine einfache Sache. „Man wirft mit der linken Hand

Korn oder Brotkrümel neben die eigenen Füße und ruft

gleichzeitig die Hühner herbei. Wenn der Schwarm herankommt

und mit dem Fressen beschäftigt ist, greift die

Zigeunerin mit einer entschiedenen, blitzschnellen Bewegung

der rechten Hand nach dem Tier, das ihr am nächsten

ist. Der Griff erfolgt von oben, an den Hals, in der Nähe des

Kopfes, wobei das Huhn gleichzeitig zur Erde gedrückt wird.

Der an der Gurgel gepackte Vogel wandert in ein vorher

vorbereitetes Versteck und wenn der Täter will, greift er

nach dem nächsten Stück, da der mit Fressen beschäftigte

Schwarm die drohende Gefahr nicht bemerkt. Auch das bereits

gefangene Tier schlägt keinen Alarm.“ (So wurde das

1964 in den Akten der Staatsanwaltschaft beschrieben.)

Papusza war vier Jahre alt, als sie zum ersten Mal ein

Huhn tötete. „Ich hab mir ein Bündel geschnürt, der Mutter

die Karten gestohln, bin vier Kilometer gelaufn und hab

mich verirrt. Irgendein Bauer hat mich gefundn, nahm mich

auf dem Wagen bis zum Dorf mit. Ich schau; auf seinem Hof

laufn Hühner herum. Da schnappte ich eins, wickelte es eng

in ein großen Lappen ein und es erstickte.“

„Denn die Ordnung der Welt ist einfach“, erklärt Papusza.

„Was auf dem Feld wächst, das hat der Herrgott gesät,

und was scharrt und schnattert, gedeiht nach dem Willn

Gottes für alle Menschn. Der Herrgott hat viele Hühnchen

geschaffn und für die Zigeuner reicht es auch.“

Ein Hühnchen – eine Lektion.

Papusza wartete jeden Tag vor der Schule auf die Kinder.

Danach schrieb sie mit einem Stock im Sand oder mit

einem verrußten Holzstückchen auf Zeitungen: A, b, c und

den Rest der Buchstaben. Wie in einer Fibel.

So ging es ein paar Tage lang, bis es den Kindern langweilig

wurde.

Und da erinnerte sie sich an einen Laden nicht weit vom

Markt, wo sie manchmal Süßigkeiten kaufte. Ein dunkler,

langer Korridor, kaum Licht, wie an der Eingangstür. Hinter

dem Tresen die Ladenbesitzerin, eine Jüdin.

„Ich ging mit der Zeitung zu ihr und bat sie: ‚Zeig mir,

Frau, wie man liest.‘

Sie sagte, ich soll ein fettes Huhn für den Schabbat mitbringn

und eine Fibel kaufn.“

Der Unterricht war kurz, immer nach Ladenschluss.

Papusza‘s Mutter gefiel das nicht. Sie sagte immer wieder:

„Diese Bücher sind nichts wert, mit ihnen wird das Gehirn

vergiftet. Davon kommt die Dummheit.“

Der Stiefvater schlug Papusza.

„Die Zigeuner im Lager spucktn mich an, zeigtn mit den

Fingern auf mich, lachtn über mich: ‚Na? Jetzt wirst du

wohl eine Frau Lehrerin sein! Für was brauchst du denn

dieses Lernen?‘ Sie zerrissn die Zeitungen, Seite für Seite,

und warfn sie ins Feuer. Sie verstandn nicht, dass man das

für sich selbst tun muss, für ein Stück Brot. Ich kann heute

nämlich mit meinem Namen unterschreibn und mache

keine Kreuzchen. Und ich bin stolz darauf, dass ich, eine

ungebildete Zigeunerin, lesn kann. Ich hab mich damals im

Wald leise ausgeweint und dann machte ich einfach weiter.“

Sie lernte schnell.

„Nach ein paar Wochen konnte ich es schon. Die Jüdin

küsste mich, weil ich so gelehrig war.“ (Papusza lächelt

wieder.) „Ich konnte gut lesn, aber nicht schreibn, weil ich

wenig geschriebn hab und nicht wusste, dass mir das in Zukunft

nützlich sein wird. Und dann, als ich vierzehn war,

nahm mich der Stiefvater auf den Niemen mit. Er spielte im

Orchester von Dyźko Geige und Kontrabass. Mit dem Schiff

sind wir herumgefahrn. Erst hab ich aus der Hand und den

Karten gelesn und dann las ich ein Buch, ich weiß nicht

mehr was für eins. Da kam eine elegante Dame und sagte:

‚Ein Zigeunermädchen kann lesen? Sehr schön!‘

Ich hab laut gelacht, wie ein Kind, bis mir die Tränen in

die Augen kamen. Sie hat mich nacheinander nach allem

gefragt, und ich hab geantwortet. Am Ende küsste sie mich

und ging. Und ich war stolz und hab danach noch mehr

gelesn, bis mir die Augen schmerztn. Gute und schlechte

Sachen, weil ich keine Ahnung hatte, was ich lesn sollte.“

Papusza schrieb sich in einer Bibliothek ein.

„In Mikulinice bei Przeworsk. Die habn mir ein Buch ausgeliehn,

aber kein schönes, so Kinderkram, Märchen, und

ich wollt da sogar nicht mehr hingehn. Aber die Wirtin, bei

der wir eine Kammer hattn, sagte, ich soll Die Gräfin Cosel,

Herr Thaddäus und Die Brotausträgerin nehmen.

Ich hab viele Bücher von Leuten gelesn, denen ich wahrgesagt

hab: Tarzan bei den Affen, Der rothaarige Jason, Die

schöne Schwester. Und am meisten mochte ich Geschichten

über Ritter und die große Liebe.“

Aus dem Polnischen von Joanna Manc


FILIP

SPRINGER

TRIEBMITTEL

Filip Springer (geb. 1982), Journalist, Reporter

und Fotograf, gilt als einer der bemerkenswertesten

polnischen Reportageautoren. Er studierte

Anthropologie und Ethnologie und arbeitet seit

2006 als Reporter. Zaczyn [Triebmittel] ist sein

drittes Buch; noch in diesem Jahr erscheint ein

weiterer Reportageband zum Thema Architektur

aus seiner Feder. Dieses neueste Buch soll den Titel

Wanna z kolumnadą [Badewanne mit Kolonnade]

tragen.

Wer waren Zofia und Oskar Hansen? „Die Hansens waren die

Antwort auf das Ende der Welt“, so lauten in Triebmittel die

Worte Joanna Mytkowskas, der Direktorin des Museums für

Moderne Kunst in Warschau. Aber welche Bedeutung hatte,

und wer war dieses Ehepaar, das nach seinen Raumrevolutionen

verschwand wie vorsätzlich vergessen? Filip Springer

weiß, dass die spannendsten Geschichten im Schatten zu

finden sind, am Rand von allem anderen, und dass leere Orte

wahre Sensationen hervorbringen können. In Triebmittel potraitiert

Springer vor allem den Don Quijote des Linearsystems

LSC und der Offenen Form.

Obgleich Oskar Hansen immer betonte, dass er alles, was er

tat, zusammen mit seiner Frau getan habe, erscheint Springer

dennoch Ersterer (als weitaus offenere, deutlicher umrissene

Gestalt) als der wichtigere von beiden. Oskar Hansens Lebenslauf

und der seiner Vorfahren könnten als Vorlage für einen

Abenteuerfilm dienen. Millionärsenkel, feiner Pinkel – pflegte

Zofia Hansen lachend zu sagen, wenn sie nach der linken Gesinnung

ihres Mannes gefragt wurde. Die geradezu wundersame

Lebensreise des Oskar Hansen (Kriege, Bankrott, Bravour,

wunderbare Errettungen, Weltbürgertum), der fähig war, sich

auf das Unmögliche zu stürzen, scheint ihren Hintergrund im

Lebenslauf des cholerischen Großvaters, der sich einen riesigen

finanziellen Erfolg erarbeitete, der reiselustigen, zum Bruch

mit gesellschaftlichen Konventionen bereiten Eltern, des Bruders

Erik und eben der Ehefrau zu haben, die dem Architekten

nicht nur sozialistische Ideen einpflanzte und diese zum Wachsen

brachte, sondern ihn auch aus Notlagen rettete, indem sie

wie ein Handbuch der Vernunft auf ihn einsprach.

Das Projekt der dezentralen „Neumöblierung“ Polens war

nicht zur Gänze durchführbar – gewisse Bestandteile des Linearsystems

werden aber heute verwirklicht, wie Springer

findet, aus einer Notwendigkeit heraus, aber auch chaotisch.

Das Projekt LSC sollte, um die Worte zu verwenden, mit denen

Hansen 1976 in Zachęta auf die Vorwürfe Marek Budzyńskis

antwortete, eben ein Triebmittel für künftige Veränderungen

sein. Und solche Menschen portraitiert Springer – Menschen,

die verstehen, dass nur der Griff nach etwas Größerem als den

gefahrlosen Gewohnheiten die Chance auf Entwicklung bietet.

Undurchführbares anzugehen ist die grundlegende Aufgabe

ernsthafter Menschen, die ihr eigenes Leben (und das Leben

anderer) ernstnehmen. In den Bauprojekten der Hansens (besonders

den unverwirklichten) ist der Plan zum Aufbau einer

Bürgergesellschaft erkennbar, einer Gemeinschaft von Individuen,

die so handeln, dass sie bei ihrer eigenen Entwicklung

ihren Mitbürgern nicht schaden. Hansens waren überzeugt davon,

dass es kein Standardhaus gebe, dass jeder Bauplan auf die

Bedürfnisse, den Beruf, die Interessen des konkreten Menschen

zugeschnitten sein sollte.

Triebmittel greift auch das Problem der Unverstandenheit und

Ablehnung auf, denen die Hansens in polnischen Kreisen begegneten,

während ihre Arbeiten zugleich in Westeuropa große

Anerkennung fanden. Es sind Stimmen zu hören, die meinen,

Hansen habe einen Fehler begangen, als er nach Polen

zurückgekehrt sei, da ihn hier das Scheitern erwartete, dort

aber Ruhm, Ehre und das große Geld. Joanna Mytkowska fegt

diese Spekulationen lachend beiseite: Hansens antikommerzielle,

antimarktwirtschaftliche Einstellung hätte ihm gar keine

Zusammenarbeit mit Investoren erlaubt, die ihn bezahlt und

Vorgaben gemacht hätte; für Hansen, einen waschechten Idealisten,

waren selbst die kleinsten Änderungen in seinen Bauplänen

nicht hinnehmbar. Seine berühmt-berüchtigten Abgänge

unter Türenknallen waren wenig erfolgversprechend...

Und die Hansen-Schülerin merkt noch etwas Wichtiges an:

dass Dezentralisierungspläne nur in einer zentral verwalteten

Gesellschaft die Chance hatten, wenigstens teilweise realisiert

zu werden.

FILIP SPRINGER

„ZACZYN”

KARAKTER, KRAKÓW 2013

150×205, 264 PAGES

ISBN: 978-83-62376-24-7

TRANSLATION RIGHTS:

POLISHRIGHTS.COM

Anna Marchewka


TRIEBMITTEL

BERGAMO

„Es fällt mir schwer zu glauben, dass der Schöpfer der neuen

Architektur, einer der Schöpfer des Purismus, diese

mithilfe von Stoffen – Verkaufsgegenständen – zu humanisieren

versucht. Diese ganze sogenannte Renaissance des

französischen Stoffes halte ich für eine Bewegung, die zu

kommerziellen Zwecken ins Leben gerufen wurde, und um

Kapital aus ihr zu schlagen. Eine Bewegung, in die die großen

Künstler mit hineingezogen, und in deren Namen sie

ausgenutzt werden sollen. […] Die Architekten des CIAM

sollten dem entgegenwirken und die Humanisierung der

modernen Architektur auf den ihr entsprechenden Wegen

suchen“, wettert Oskar vom Rednerpult herab und

richtet seine Worte an den, der ihn wenige Monate zuvor

unter seinem Dach beherbergt, mit einem Abendessen bewirtet

und ihm seine Bilder gezeigt hat. Als Oskar endet,

bricht der ganze Raum in Beifall aus. Corbu, der bis dahin

schweigend zugehört hat, applaudiert gemeinsam mit den

anderen.

Pierre Jeanneret hat Oskar hergeholt. Nicht eigentlich

hergeholt, sondern Oskar vielmehr nahegelegt, er müsse

unbedingt nach Bergamo zum CIAM VII kommen, dem 7.

Internationalen Kongess der Modernen Architektur, und

sich anhören, was dort Neues über die Architektur der

Gegenwart gesagt werde. Und Oskar hat die Aufforderung

angenommen, obwohl er sich die Reise gar nicht leisten

kann. Als er in Italien ankommt, hat er nicht einen Groschen

in der Tasche. Er schläft im Park, wäscht sich an einem

Springbrunnen, isst nur Brot und Weintrauben. Als

Jeanneret sich in der ersten Pause zwischen den Debatten

über sein Hotel beschwert und ihn fragt, wie er wohne, antwortet

Oskar: „Ich habe mich billig und bequem einrichten

können.“

Mit seinem Auftritt hat er sich allerdings etwas weit

vorgewagt; er wollte schließlich gar nicht sprechen. Er

hat es nur nicht ausgehalten, Le Corbusier über Gobelins

und deren Nützlichkeit in der Architektur reden zu hören.

Deshalb hat er um Gehör gebeten, sich an das Redenerpult

gestellt und ausgesprochen, was er dachte. Nun geht er ganz

benommen zu seinem Platz zurück und ist sich nicht recht

bewusst, was gerade geschehen ist. Er, Oskar Hansen, ein

Niemand in leicht zerknautschtem Jacket, der sich nach dieser

Besprechung auf einer Parkbank in der Nähe schlafen

legen wird, hört den Applaus gar nicht. Ein paar Minuten

später lädt Jacqueline Tyrwhitt ihn ein, an der CIAM-Sommerakademie

in London teilzunehmen. Oskar sagt zu, auch

wenn er keine Ahnung hat, wie er von der polnischen Regierung

eine Reiseerlaubnis nach London bekommen will.


London

Ob er Englisch könne – er verneint. Wie alt er sei – siebenundzwanzig.

Wann er sein Architekturstudium abgeschlossen

habe – er sei erst im dritten Studienjahr. An ihren Mienen

sieht er, dass sie ihm nicht glauben. Sie sagen, er sei ein

kommunistischer Propagandist. Oskar weiß nicht, was er

ihnen antworten soll.

Sie – das sind die britischen Journalisten. Sie sind gekommen,

um das Urteil der Jury über die Arbeiten der CI-

AM-Sommerakademie zu erfahren. Es ist der Juli 1949, und

Oskar hat schon fast die Lust an England verloren.

Er ist mit beinahe zweiwöchiger Verspätung hier eingetroffen,

weil die britische Botschaft in Paris ihm kein Visum

ausstellen wollte. An der Grenze haben sie ihn beim Anblick

seines Papp-Reisenecessaires gleich kontrolliert, seinen

Pass durch die Lupe beäugt. Wohin und warum er fahre,

wollten sie wissen. Dabei stand in dem Brief, den er aus

London bekommen hat, alles schwarz auf weiß geschrieben.

Schließlich haben sie ihn durchgelassen.

Mit Verspätung meldet er sich in der Schule an und

bekommt einen Projektauftrag. Er darf zwischen einer

Wohnsiedlung, einem Bürogebäude, einem Verkehrsknotenpunkt

oder einem Theater wählen. Seine Wahl fällt auf

die Siedlung. Die anderen haben sich zu Gruppen zusammengetan,

doch er arbeitet allein. Er zeichnet neun weiße

Gebäude rund um einen „sozialen Raum“. Dort platziert er

zwei Kindergärten und einen Park für die Allgemeinheit.

Schulen, Handels- und Dienstleistungspavillons verlegt er

nach außerhalb, ähnlich verfährt er mit dem Autoverkehr.

Er schafft es, seine Arbeit noch vor dem Termin abzugeben.

An seinem letzten freien Tag besichtigt er London, hauptsächlich

Galerien und Museen.

Als er die Entscheidung der Jury hört, kann er seinen Ohren

nicht trauen. Er bekommt eine Auszeichnung für die

– wie er von den Juroren erfährt – Verdopplung der Bevölkerungsdichte

in der Siedlung bei gleichzeitiger Bewahrung

von deren „hohem Nutzwert“. Seine Arbeit macht großen

Eindruck auf Ernesto Nathan Rogers, der ihm kurzerhand

eine Assistenzstelle im Royal Institute of British Architects

in London anbietet. Die Türen zur großen Architektur (und

zum großen Geld) stehen für Oskar Hansen weit offen. Er

jedoch entscheidet sich zur Rückkehr nach Polen.

Rogers ist erstaunt, fragt: „Weißt du, was dort ist?“

Oskar weiß es. Er erklärt dem Engländer in so einfachen

Worten, wie er kann:

„Dort sind Ruinen, dort warten sie auf mich“, und Rogers

tippt sich an die Stirn:

„Das, was du hier präsentiert hast, lässt sich dort nicht

machen.“

Aber das weiß Oskar eben noch nicht.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes


MAŁGORZATA

REJMER

BUKAREST,

STAUB UND BLUT

Małgorzata Rejmer (geb. 1985), Doktorandin

der Warschauer Universität am Instytut Kultury

Polskiej (Institut für Polnische Kultur). Ihr literarisches

Debüt Toksymia im Jahr 2009 wurde für

Nagroda Literacka Gdynia(Literarischer Preis

Gdynia) nominiert. Der Reportagenband Bukarest.

Staub und Blut wird von den Rezensenten

sehr gut bewertet.

Die Reise in die rumänische Hauptstadt, nach der das Buch

Bukarest, Staub und Blut entstanden ist, war kein Abstecher für

ein paar Tage und auch kein kurzes Abenteuer. Małgorzata

Rejmer verbrachte dort (mit Pausen) zwei Jahre, und sie sagt,

dass sie wieder hinfahren würde. Aus ihren Texten geht hervor,

dass sie solide Feldforschung betrieben hat; sie mietete

heruntergekommene Wohnungen, um diesen Ort auf eine

möglichst intensive Art zu erfahren, machte Besichtigungen,

sprach mit Menschen, las viel. Doch ihr Buch ist nicht

nur eine Sammlung von Reisebildern. Rejmer präsentiert

uns eine Zusammenstellung von kulturhistorischen Texten,

die Antworten auf Fragen ermöglicht – Fragen, auf die man

(wahrscheinlich) nicht antworten kann oder sogar nicht antworten

darf. Mutig stellt die Autorin eine Diagnose auf – die

Rumänen nähmen demütig ihr Schicksal hin (oft sei es der

Tod), sie begehrten nicht auf, fänden sich ab, kämpften und

diskutierten nicht. Die Volksballade Das Schäflein (laut Nichita

Stănescu – die rumänische Illias und Odyssee, für Herta Müller

dagegen ist es das rumänische Nibelungenlied), und der Ausspruch

„Asta e, cesăfaci?“ („So ist es nun mal, was willst du

machen?“) lassen die Autorin verstehen, wie die Herrschaft

von Nicolae Ceauşecu überhaupt möglich war.

Rejmer erkundet in Bukarest die Kultur der Anderen, eine

östliche Kultur – die vor allem wegen ihrer Grausamkeit fasziniert,

wegen ihrer Wildheit und der Schönheit des Hässlichen.

Sie schreibt: „... das Neue gefällt mir nicht besonders.

Ich mag lieber die alten Schichten.“ Und weiter: „Ich spüre die

Macht der Stadt, unter der der Wahnsinn lauert.“ Sie greift

in die „Eingeweide“ des Ortes, denn die interessieren sie am

meisten. Extreme Verhältnisse (Chaos, gigantische Ausmaße)

erscheinen ihr für die Texte am nützlichsten. Für Rejmer ist

das Merkwürdige, das von der Norm abweichende, das Eigentümliche

und Totale besonders interessant. Die Autorin ist berauscht

von diesem Land ohne Eigenschaften – einem Land,

das wie Knetmasse geformt und von Hand zu Hand weitergereicht

wird. Das niedergebrannt, wieder aufgebaut und in

Blut gebadet wurde, sich aber immer noch hält. Sie versucht,

diese östliche Wildheit zu verstehen, zu erklären und zu erzählen,

sie muss also für sich einen Standort wählen und eine

Haltung gegenüber der „anderen“ Seite einnehmen. Rejmer

wählt die Form des Essays, der diesen strategischen Standort

„rechtfertigt“, doch man könnte auch fragen, ob dieser

menschliche Faktor im Text eine Schwäche oder eine Stärke

ist. Bezeichnend ist auch, dass Rejmer ihrem Buch den Titel

Bukarest gab, anstatt zum Beispiel Mein Bukarest. Das ist ein

mutiger Versuch, „das Ganze“ auszusprechen, und zwar auf

die einzig „wahre“ Art und Weise...

Man kann Bukarest, Staub und Blut den Erkenntniswert nicht

absprechen – es ist ein wichtiges Buch, das an den nicht weit

zurückliegenden Alptraum erinnert. Rejmer schreibt über

Dinge, die man nicht vergessen darf; über Umerziehung durch

Folter, über ein totalitäres System, über ein Dekret, das die

Empfängnisverhütung verbietet und über die damit verbundenen

Tragödien. In den Körpern der Frauen, die dazu gezwungen

wurden zu gebären, oder die nach illegalen Abtreibungen

ausbluteten, sieht Rejmer das Wesen des totalitären

Rumäniens von Nicolae Ceauşescu; als sie über den Film 4 Monate,

3 Wochen und 2 Tage von Cristian Mungiu schreibt, unterstreicht

sie das quälende Verlangen des Regisseurs, von dem

Leid, dem Elend und der Unterdrückung Zeugnis abzulegen.

Das Buch von Małgorzata Rejmer lässt die Erinnerung wieder

aufleben und es ermöglicht, weite Bereiche der neuesten Geschichte

zu entdecken – einer Geschichte, von der wir nichts

wissen wollen, weil das bequemer und leichter ist. Rejmers

literarisches Debüt Toksymia von 2010 hat viel Wirbel verursacht

und die Hoffnung geweckt, dass wir eine neue, interessante

Schriftstellerin haben. Das zweite Buch ist bestimmt

kein leichter Test. Doch Rejmer bestätigt mit Bukarest, Staub

und Blut, dass der Trubel um Toksymia berechtigt war. Die Autorin

wechselte den Verleger und veränderte die Form, doch

es beschäftigt sie immer noch dasselbe: die exotische, nicht

offensichtliche Schönheit der ungezähmten Welt.

MAŁGORZATA REJMER

„BUKARESZT”

CZARNE, WOŁOWIEC 2013

125×195, 272 PAGES

ISBN: 978-83-7536-539-9

TRANSLATION RIGHTS:

POLISHRIGHTS.COM

Anna Marchewka


BUKAREST,

STAUB UND BLUT

Nicht

weit von Râmnicu Vâlcea liegt die Stadt Piteşti. Dort stand

ein Gebäude, in dem sich die Hölle befand. Ungefähr zur

gleichen Zeit als Petre Radio hörte und die Hände seiner

Frau küsste, wurde im Gefängnis von Piteşti ein Experiment

durchgeführt, über das Alexander Solschenizyn im

Archipel Gulag schreiben wird: „die grauenvollste Barbarei

der heutigen Welt.“

In Piteşti löst sich das Leiden vom Körper und von der

Menschlichkeit ab. Sterbende Menschen heulen wie sterbende

Tiere. Die Wände der Folterkammer sind schalldicht,

die Gefängniswärter taub von den Schreien. Die Gefangenen

werden so lange geschlagen, bis sie nichts mehr sehen

und hören. Das, was von ihnen übrig bleibt, sind Urin-und

Blutlachen, zerkrümelte Zähne, Haarbüschel, blutiger Auswurf.

In der Pfütze bleibt noch etwas Mensch. Was daraus

kriecht, diese sich auflösende Gestalt, das ist auch noch ein

Rest Mensch.

Nach Piteşti gelangen hauptsächlich junge Studenten,

die in den dreißiger Jahren an die faschistische Eiserne

Garde glaubten. Und Geistliche, die sind immer verdächtig.

Manchmal verirrt sich ein Intellektueller in den Transport,

ein Arzt oder Ingenieur, der zu viel weiß, oder zu wenig.

Sein Pech. Der Kommunismus will diesen Menschen eine

Chance geben. Sie fahren nach Piteşti zu Lektionen über

den neuen Glauben, und das nennt man: „Umerziehung

durch Folter.“

Man kann auf viele Arten leiden, der körperliche

Schmerz ist nur eine davon. Im Gefängnis fragen sie, wer

deine Mutter war. Sie war eine gute, fleißige Frau, die ihr

Haar zu einem Zopf flocht und sich um mich kümmerte. Die

Wärter schlagen mit einem Metallknüppel solange zu, bis

der Gefangene sagt: ich habe meine Mutter vergewaltigt.

Meine Mutter hat mich vergewaltigt. Sie war eine Hure, der

Hund fickte sie. Ich habe keine Mutter.

Dann wird unter den anderen Gefangenen einer gesucht,

der dem Geschlagenen nahe steht; ein Freund aus Studienzeiten,

aus der Kindheit, ein Arbeitskollege. Oder einer, der

ihm bis dahin geholfen hat, in Piteşti durchzuhalten. Zwei

Gefangene stehen sich gegenüber. Beide haben einen Knüppel

in der Hand. Sie müssen sich gegenseitig blutig schlagen,

oder die Wärter fangen damit an – sie haben Übung und die

richtige Überzeugung.

Wenn der Gefangene um Gnade fleht, schlagen ihm die

Wärter die Zähne aus. Wenn er keinen Knüppel in die Hand

nehmen will, dann schlägt ihm der Freund die Zähne aus

und die Wärter reißen ihm die Fingernägel aus. Alle Grundsätze

unserer Welt gelten in der Hölle nicht. Entweder bist

du der Folterer oder du wirst gefoltert. Zehn Wärter schla-


gen zehn Gefangene und töten dabei einen oder zwei, damit

der Rest darüber nachdenkt, was ihr Leben bedeutet.

Diejenigen, die an göttliche Barmherzigkeit glaubten,

dürfen nicht einmal die Spur von Barmherzigkeit zeigen.

Diejenigen, die glaubten, der Mensch sei gut, müssen zusehen,

wie das Böse ausartet. Diejenigen, die ihr Leben Gott

gewidmet haben, müssen ihn verfluchen und die eigenen

Exkremente wie eine Hostie in den Mund nehmen.

Ihre Seele muss erlöschen, so wie ein vertrockneter

Baum eingeht. Sie werden gebrochen und dann vernichtet,

in ihnen bleibt nichts außer Leid. In dieser Sinnlosigkeit

wird die Saat des Marxismus gesät. Es kommt vor, dass diese

Wracks, die durch nichts mehr an Menschen erinnern,

immer noch Widerstand leisten. Wenn sie nicht nachgeben,

werden sie getötet.

Petre hatte zu viel Glück gehabt, und die Beamten der

Staatsgewalt kamen, um die Rechnung zu begleichen. Manchen

im Dorf gefiel der Bus nicht, mit dem Petre die Leute herumfuhr.

Da hat mal der Nachbar im Kommissariat vorbeigeschaut

und sagte dort, er habe so ein Gefühl, dass der mit dem

Fahrzeug Radio Freies Europa hören würde. Die Beamten gingen

hin. Prüften nach. Ein Radioempfänger war da – das hieß,

Petre hörte den Sender. Ein Landbesitzer, der Eigentümer

eines Kraftfahrzeugs und eines Hauses mit drei Zimmern.

Als 1949 die Kollektivierung begann, klopften sie an jede

Tür; zusammen mit der Miliz gingen die von den Kommissionen

herum. 1962 - als es nichts mehr gab, das sie den Menschen

noch hätten wegnehmen können - hörten sie auf, an

die Türen zu hämmern, weil jetzt alles dem Staat gehörte.

Diejenigen, die am meisten besaßen, landeten hinter Gittern

oder in der Zwangsarbeit. Im Gefängnis halfen ihnen

die Wärter, dem Schmerz zu entkommen, das heißt, wahnsinnig

zu werden. Nach ein paar Jahren kamen die Leute

nur noch als menschliche Fetzen wieder raus. Sie hatten Aggressionsausbrüche

und Panikattacken. Sie sprachen nicht

mehr und erlaubten nicht, dass man sie anfasste. Ein Bett

war kein Bett mehr, das Essen kein Essen mehr, nur das

Schreien war Schreien. Als sie starben, bekreuzigten sich

ihre Ehefrauen mit Erleichterung und die Nachbarn sagten:

„Seine Qualen sind zu Ende, soll er in Frieden ruhen.“

Petre Raduca bekam zehn Jahre. Die Staatsbeamten

kamen zu ihm nach Hause und schauten sich die Zimmer,

die Teppiche und den Eichentisch mit der Spitzendecke

an. Damit es nicht hieß, der Staat sei böswillig, erlaubten

sie Petres Frau, ein kleines Zimmer und eine Außenküche

in ihrem eigenen Haus zu bewohnen. In den übrigen zwei

Räumen machte sich – wie eine Henne auf ihren Eiern - die

Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft breit, die

den Menschen ihr Eigentum wegnehmen und daraus Allgemeinbesitz

machen sollte, das heißt Staatsbesitz, den sie

überwachte. Das größte Zimmer wurde zu einem Lebensmittelladen

umgebaut. Elena Raduca öffnete manchmal die

Haustür, ging entlang des Hauses und blieb vor dem Fenster

stehen, aus dem sie so oft auf den Garten und die Straße geschaut

hatte. Sie kaufte Öl und Brot, ging zurück auf die andere

Seite des Hauses und legte die Einkäufe auf den Tisch

ihrer winzigen Küche. Zuerst gewöhnte sie sich das Weinen

ab, dann gewöhnte sie sich ab, über alles nachzudenken.

Als Elena eines Tages die Haustür öffnete, hatte sie den

Eindruck, dass der Tod in Gestalt von zwei greisen, ausgetrockneten

Figuren mit glänzenden Augen zu ihr gekommen

war; als ob eine Urkraft, die nie erlischt, sie gelenkt

hätte, obwohl das Alter ihre Körper bereits in Besitz genommen

und angefressen hatte. Ihre Hände waren mit blauen

Flecken bedeckt, die kreidebleichen Augenlider faltig und

die zahnlosen Unterkiefer nach hinten verschoben.

Die zierlichen Gestalten verschwanden fast unter den

schwarzen, mit einer Kordel zusammengeschnürten Kutten,

aber ihre Augen waren hellblau, wie ein zartes verblasstes

Gewebe, und in ihnen war kein Tod.

Elena verbeugte sich vor den Mönchen und machte das

Kreuzzeichen.

Darauf verbeugten sie sich noch tiefer.

Sie schaute auf diese gebrochenen Menschen mit ihren

verrotteten, vom Hunger verwüsteten Körpern.

Obwohl seit dem Experiment in Piteşti zehn Jahre vergangen

waren, wurde den Verurteilten in rumänischen

Gefängnissen immer noch befohlen, ihre Mitgefangenen

zu foltern. Alle wurden geschlagen, ohne Ausnahme. Die

Wärter kannten keine Gnade, und beim Anblick von Blut

gerieten sie noch mehr in Rage.

Die Mönche schoben in ihren zahnlosen Mündern die

Worte langsam hin und her:

„Das müssen Sie wissen.“

Sie waren zu dritt in einer Zelle gewesen – Petre und die

beiden. Er war bereits seit vier Jahren im Gefängnis. Vier

Jahre hatte er in einer feuchten Leere gelebt, auf Holzbrettern,

mit einer Wunde, die nicht heilen wollte. Petre war

stur, er wollte überleben, jammerte nicht. Ihm fehlte nur

die Musik, dieses Radio, dessentwegen er ins Gefängnis gekommen

war.

Petre war schon fast fünfzig, aber die Mönche waren viel

älter. Eines Tages saß Petre auf den Brettern und passte auf,

dass die Mönche ohne Pause kerzengerade dastanden – von

morgens bis in die Nacht. Am zweiten Tag saß einer der

Mönche und die anderen standen. Am dritten Tag saß der

zweite Mönch und bewachte die beiden anderen Gefangenen.

Ein Mal in drei Tagen warst du der Folterknecht, zwei

Mal das Opfer.

Das ist der grauenvollste Moment – wenn man sich mit

seiner eigenen Bestialität konfrontieren muss. Wenn man

sich selbst hassen oder gleichgültig werden muss. Während

des Experiments in Piteşti kehren diejenigen, die sich auflehnen,

an den Punkt zurück, an dem die „Maske heruntergerissen“

und die Persönlichkeit zerstört wird. Sie verbringen

Monate in Einzelzellen, versuchen Selbstmord zu

begehen. Schließlich werden alle gebrochen.

Constantin Barbu, einer von denen, die überlebt haben,

sagt in dem Buch Memorialul Durerii (Mahnmal des Leidens):

„Ich denke, sogar in der Hölle gibt es nicht solche Methoden,

wie sie in Piteşti angewandt wurden. Selbst dort nicht. Es

gibt Dinge, die sich der menschliche Verstand nicht vorstellen

kann.“

Eines Tages, als er an der Reihe war, der Folterknecht

zu sein, hielt es Petre nicht mehr aus. Vor ihm standen die

bärtigen und abgemagerten Mönche mit herunterhängenden

Köpfen. Ihre Knie zitterten.

„Ich flehe euch an“, sagte er, „setzt euch. Ich nehme die

Schuld auf mich, aber setzt euch.“

Alle drei setzten sich. Sie weinten. Der Wärter kam in

die Zelle und schlug Petre einfach mit der Faust ins Gesicht.

Er zerrte ihn nach draußen. Ein paar Tage lang haben die

Mönche ihren Mitgefangenen nicht gesehen.

Als Petre zurückkam, hatte er kein Alter mehr. Seine

Haare und sein Schnurrbart waren weiß wie die Bärte der

Mönche. Die Wärter hatten ihm die Zähne ausgeschlagen.

Alles an ihm hatte sich verändert; sein Gang, sein Blick. Er

sprach nicht mehr.

Aus dem Polnischen von Joanna Manc


GOMBROWICZ

MIŁOSZ

SZYMBORSKA

MROŻEK


WITOLD

GOMBROWICZ

KRONOS

Witold Gombrowicz (1904-1969), einer der herausragenden

polnischen Schriftsteller des

20. Jahrhunderts, Verfasser von in mehr als

35 Sprachen übersetzten Erzählungen, Romanen

und Dramen, sowie eines dreibändigen Tagebuchs,

das weltweit als Juwel der Tagebuchliteratur

gilt. Seit Jahren kursierten Legenden und

Gerüchte um Kronos, aber nur wenige kannten

das Manuskript tatsächlich; kurz nach Erscheinen

avancierte das private Tagebuch zum Bestseller.

Kronos, das sind bislang unbekannte, privat-intime Aufzeichnungen

von Witold Gombrowicz. An sich schon faszinierend,

unterscheiden sie sich radikal von den hochsophistischen

Prosawerken – auch denen in Tagebuchform – die

Gombrowicz selbst zum Druck freigegeben hat.

Kronos hätte wohl auf ein paar Dutzend Druckseiten Platz

gefunden, der vorliegende Band umfasst jedoch fast fünfhundert.

Der editorisch problematische Text – davon wird

sich jeder überzeugen, der ihn zur Hand nimmt – wurde mit

unerlässlichen Fußnoten, Reproduktionen und Kommentaren

versehen. Und mit einem so instruktiven wie anrührenden

Vorwort von Rita Gombrowicz. Ihr ist es zu verdanken,

dass Kronos in dieser umfassenden Form erscheinen konnte,

wenngleich es Teile enthält, die für sie sehr schmerzhaft

sein müssen. So erklärt sich auch die Emphase, mit der sie

beispielsweise schreibt: „Witold, der in den Kriegsjahren

in extremer Armut lebt, erinnert mich bisweilen an Hiob.”

Anders verhält es sich mit einem weiteren Schlüsselsatz der

Autorenwitwe. Wenn sie schreibt: „Kronos ist die beharrliche

Suche nach den Fundamenten der eigenen Existenz”,

wird man hellhörig, rührt sie hier doch an das Wesentliche,

wie erstaunlich, enttäuschend, empörend, beängstigend

oder desillusionierend dies auch empfunden werden mag.

Gombrowicz begann höchstwahrscheinlich um den Jahreswechsel

von 1952 zu 1953 mit der Arbeit an Kronos und setzte

sie fast bis zu seinem Tod fort, wenn er (vermutlich in der

Retrospektive) die wichtigsten (oder erwähnenswerten) Ereignisse

jedes Monats notierte und jeweils zum Jahresende

eine kurze „Bilanz” zog. Am Anfang steht jedoch der Versuch

einer mit dem Jahr 1922 beginnenden Rekonstruktion,

die zumeist noch stärker im Telegrammstil der Jahre vor

Kronos gehalten ist.

Diese Rekonstruktion ist wahrhaftig eindrucksvoll. Auffällig

ist, dass sich Gombrowicz in Kronos auf wenige Themen

beschränkt (eben jene „Fundamente der eigenen Existenz”).

Dabei handelt es sich vor allem um Rechnungen und anstehende

Haushaltsdinge, etwas lakonisch dargestellte

Beziehungen zum persönlichen Umfeld, detaillierte Ausführungen

über gesundheitliche Probleme, Erfolge und

Niederlagen weniger künstlerischer als kommerzieller Natur,

Übersetzungen, „Prestigegewinn” und nicht zuletzt um

das erotische Leben, dargeboten in (bei guter Gesundheit

und günstigen Umständen hohen) Zahlen zum Geschlechtsverkehr

mit den verschiedensten Partnern. Die Erotik muss

Gombrowicz ungeheuer wichtig gewesen sein, dabei aber

reine Physiologie ohne romantische Verbrämung. So ist in

der Bilanz des Jahres 1955 zu lesen: „Erot: ordentlich, eher

gemäßigt, 15.” Bezeichnend ist, dass Gombrowicz gerade der

Erotik in seiner Rekonstruktion der Vorkriegsjahre so viel

Raum gibt und dass er diese Form dafür wählt. In einer von

mehreren Versionen seiner Notizen ist beispielsweise zu

lesen: „1939. 5, 6. 2 Nutten aus der Mokotowska, C. aus dem

Zodiak. 9 Nutten. 7. Tänzerin aus Wilno (Sommer). Freundin

der Brezas und Boys (Sommer). 8. (J. Wilerówna). Nutte

mit Tripper. 9. Jungfrau. Außerdem: J. aus Praga, Franek, M.

im Kino, vielleicht die Narbuttówna. Und die mit den Füßen

in Gummigaloschen”.

Dieselbe „Sachlichkeit” spricht auch aus den weiteren oben

genannten Gombrowicz-Themen in seinen Notizen für den

Eigenbedarf. Hat er sich nun, ist man geneigt zu fragen, sich

selbst so vorgestellt, hat er sich so (nur so?) seiner erinnert,

nur dies als das für ihn Wesentliche festgehalten? Darin ist

Kronos eben so faszinierend – auch wenn man nicht gerade

Sympathie für den Autor entwickelt sondern eher das Bedürfnis

nach Distanz.

Und noch ein letztes: Dieses Tagebuch, das keines ist,

enthält nicht eine einzige Einlassung über „das Seelische”,

die Eschatologie oder Metaphysik jeglicher Couleur. In zwei

Einträgen zwingt einem die brutale Sachlichkeit jedoch den

Gedanken an das Ende auf: Im Schlusssatz der Bilanz des

Jahres 1961 („Gesundheit: ordentlich, Atmung schlecht, Tod

immer näher.”) und an entsprechender Stelle 1966: „Ich

kämpfe mit zahllosen Krankheiten, ich krepiere, mit Rita

geht es insgesamt besser, aber nicht immer … Mein Gott,

mein Gott, wie lange?”

Irgendwo zwischen Kronos und dem restlichen Œuvre ist

Witold Gombrowicz zu finden, wie er wirklich war. Vielleicht

aber auch ganz woanders.

Marcin Sendecki

WITOLD GOMBROWICZ „KRONOS”

WYDAWNICTWO LITERACKIE

KRAKÓW 2013

145×205, 460 PAGES

ISBN: 978-83-08-05106-1

TRANSLATION RIGHTS:

THE WYLIE AGENCY

RIGHTS SOLD TO: CHINA (SHANGHAI

99) AND CZECH REPUBLIC (TORST)


WISŁAWA

SZYMBORSKA

REVOLVERGLANZ

Wisława Szymborska (1923-2012), Lyrikerin, Essayistin

und Feuilletonistin; erhielt 1996 den Literaturnobelpreis,

wurde in mehr als vierzig Sprachen

übersetzt; veröffentlichte 13 Gedichtbände,

die fast ausnahmslos als Meisterwerke angesehen

werden.

Revolverglanz zeichnet ein detailliertes Bild der inoffiziellen

Wisława Szymborska, die nicht jene „Gedichte für die

Welt” schreibt, die ihr den Nobelpreis eingebracht haben,

sondern literarischen Schabernack für Freunde und den

Eigenbedarf.

Die Früchte dieser vergnüglichen Arbeit wurden zwar

schon früher öffentlich, etwa in Reimereien für große Kinder

(Rymowanki dla dużych dzieci, Kraków 2002), noch nie

jedoch so erschöpfend wie im vorliegenden Band. Revolverglanz

sei, so schreibt der Dichter, Philologe, Freund

Szymborskas und ihrer schriftstellerischen Vergnügungen

Bronisław Maj in seinem schalkhaften, zum wissenschaftlichen

Kommentar stilisierten Vorwort „eine riesige,

von ausgesprochenem Formenreichtum geprägte und

aus sämtlichen Epochen ihres Schaffens – im Wortsinne:

von den ersten bis zur letzten! – sich speisende Sammlung

unbekannter Werke Wisława Szymborskas”. Tatsächlich

eröffnet der Band mit Juvenilia – Kinderreimen, Bildchen

und kurzen Briefen der kleinen Wisława, um schließlich zu

enden mit dem (so die Herausgeber) „letzten Kurzgedicht

Wisława Szymborskas, das sie im Krankenhaus nach ihrer

Operation im Dezember 2011 schrieb, wenige Wochen vor

ihrem Tod”. Das Gedicht lautet folgendermaßen: „Die Niederlande

haben sich weise gezeigt, / sie wissen, was zu tun

ist, / wenn die natürliche Beatmung streikt!” Damit hat die

Verfasserin der Rufe an Yeti ein unverkennbar dramatisches,

dabei aber typisch distanziert-humorvolles, poetisches

„letztes Wort” gesprochen.

Zwischen den ersten literarischen Gehversuchen und

der letzten Krankenhausnotiz entfaltet sich vor dem Leser

der gesamte Mikrokosmos Szymborskas literarischer

Scherze, die neben der chronologischen Ordnung auch

nach Genres (zumeist Erfindungen der Autorin) und Themen

gruppiert sind. (Die Suche nach Äquivalenten für Erzeugnisse

aus dem Hause Szymborska wie moskaliki, lepieje,

adoralia etc. in anderen Sprachen dürfte für Übersetzer

eine echte Herausforderung sein – und ein großer Spaß

obendrein). Dabei handelt es sich nicht allein um Gedichte,

erwähnt seien nur die zauberhaften „Briefe eines Parkplatzwächters”,

die „Märchen aus dem Leben toter Dinge”

von 1949 oder der titelgebende Text, ein Auszug aus einer

Krimiromanze, der wohl aus dem Jahr 1935 datiert!

Erwähnt sei noch, dass nicht allein der Text den Band

so reizvoll macht. Im Grunde handelt es sich um ein Album,

reich illustriert mit Fotografien, Reproduktionen von

Zeichnungen und Faksimiles zahlreicher Manuskripte und

Typoskripte der Dichterin.

Marcin Sendecki

WISŁAWA SZYMBORSKA

“BŁYSK REWOLWRU”

AGORA

WARSZAWA 2013

190×245, 142 PAGES

ISBN: 978-83-2681-248-4

TRANSLATION RIGHTS: FUNDACJA

WISŁAWY SZYMBORSKIEJ


CZESŁAW

MIŁOSZ

DIE BERGE

DES PARNASS

Czesław Miłosz (1911-2004), Dichter, Prosaautor,

Essayist und Übersetzer. Literaturnobelpreis

1980, in 42 Sprachen übersetzt. Ehrendoktorwürde

zahlreicher Universitäten in den USA und in

Polen, Ehrenbürger Litauens und Krakaus.

Die Berge des Parnass ist nach den Romanen Das Gesicht der

Zeit und Tal der Issa aus den 1950er Jahren Czesław Miłosz'

dritter und letzter Versuch in der erzählenden Prosa. Die

Anfänge liegen wohl im Jahr 1967, besonders intensiv arbeitete

er in den Jahren 1970 und 1971 an diesem Text, um

ihn, ebenfalls 1971, schließlich doch zu verwerfen. Auszüge

aus dem unvollendeten Werk bot Miłosz 1972 der Pariser

„Kultura” an, aber Jerzy Giedroyć zeigte sich skeptisch und

druckte sie nicht ab. Erst jetzt wurde das mehrere Dutzend

Seiten starke Typoskript – fünf ausgewählte Kapitel aus

einer längeren Manuskriptfassung, ergänzt um die Einleitung

– veröffentlicht.

In mindestens dreierlei Hinsicht ist dieser Text bemerkenswert:

Zum ersten haben wir es laut Untertitel mit Science-Fiction

zu tun, was Anreiz genug sein sollte, sich mit

Miłosz' Unternehmen zu befassen, schließlich ist eine solche

„Suche nach der geräumigeren Form“ ein verheißungsvolles

Unterfangen. Zum zweiten, und das hängt mit dem ersten

Punkt zusammen, liefert Miłosz als Prosaiker und Kommentator

seiner Prosa zahlreiche Ergänzungen zum bereits

Bekannten. Und drittens lohnen bislang unbekannte Zeilen

eines Nobelpreisträgers die aufmerksame Lektüre, selbst

wenn sie Fragment geblieben sind, und, wie er selbst einräumt,

ein Dokument seines künstlerisches Scheiterns.

Czesław Miłosz hatte bekanntlich von der modernen

Prosa, zumal aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,

keine besonders hohe Meinung. Er fand, sie habe sich „von

der Welt der Dinge und der menschlichen Beziehungen losgelöst“,

und „der zeitgenössische Roman ist, geschult an Bewusstseinsströmen,

inneren Monologen etc. und gepeinigt

von strukturalistischen Theorien so weit gegangen, dass

er kaum noch an das erinnert, was einmal unter Roman

verstanden wurde“, heißt es in der Einleitung zu Die Berge

des Parnass. Die neue Prosa hat also Miłosz zufolge verloren,

was sie einst belebte und aufblühen ließ: die Fähigkeit,

zu Herz und Gewissen weiter Leserkreise durchzudringen,

Wahrheiten zu verkünden und allgemeinverständliche

Debatten anzustoßen. In der wissenschaftlichen Fantastik

erkannte Miłosz jedoch das Genre, in dem die Tugenden der

ursprünglichen, „altmodischen“ Prosa noch lebendig sind,

und das, zumindest in seiner klassischen Ausprägung, besser

als die elitäre Poesie dazu angetan ist, das traditionelle

Gespräch mit dem Publikum aufzunehmen. Das gilt beispielsweise

für Stanisław Lems Solaris, das Miłosz in dem

Maße schätzte, wie er die späteren Genreexperimente Lems

und – Ironie der Geschichte! – dessen Suche nach einer geräumigeren

Form für die Science-Fiction kritisierte.

Miłosz stürzte sich in die Science-Fiction, um seiner

Sorge um die zivilisatorische Entwicklung der Menschheit

Ausdruck zu verleihen. Er skizzierte ein Bild der Welt am

Ende des 21. Jahrhunderts, in der technischer Fortschritt

zwanghaften, sinnlosen Konsum generiert und die Bindungen

innerhalb der Gesellschaft auflöst, die von einer elitären

Technokratenkaste regiert wird. In dieser Welt, die der Verstand

um den Sinn und an ihre Grenze gebracht hat, entsteht

jedoch die Keimzelle einer quasireligiösen Renaissance, ein

Häuflein Andersdenkender, das, angeführt von einem gewissen

Efraim, nach Hoffnung und nach einem Ausweg aus

der allgemeinen Gleichgültigkeit und Ohnmacht sucht.

Wie das Ganze ausgeht, wissen wir nicht. Miłosz hat

lediglich eine erste, zuweilen sehr plastische Skizze seiner

Welt entworfen, eine erste, zuweilen sehr reizvolle Einführung

ausgewählter Figuren – eine Handlung (was sonst hätte

die Emotionen der Leser galvanisieren sollen?) konnte er

nicht in Gang setzen. Vermutlich verlor er auch deshalb das

Interesse an diesem Stoff. Der Autor selbst findet in der unbedingt

lesenswerten Einleitung, die zeigt, wie altmodisch

und wie erzmodern das Scheitern plausibel gemacht wird,

eine raffinierte Erklärung für seinen Rückzug. Sämtliche

Abenteuer, Kontexte, Bezüge und die erstaunlichen Fortsetzungen

der Berge des Parnass spricht Agnieszka Kosińska in

ihrem aufschlussreichen Nachwort an. Und damit niemand

auf die Idee kommt, Die Berge des Parnass könnten ein reiner

Prosatext sein, ist die 1968 in der „Kultura“ veröffentlichte

Liturgie Efraims beigefügt. Versehen mit einem „Kommentar

zur Erklärung, wer Efraim war“, zeigen die mit biblischen

Gleichnissen durchsetzten rituellen Inkantationen Miłosz

ganz in seinem Element.

Die Berge des Parnass sind wahrlich ein faszinierendes

Stück Literatur.

CZESŁAW MIŁOSZ

„GÓRY PARNASU”

WYDAWNICTWO KRYTYKI

POLITYCZNEJ

WARSZAWA 2012

145×205, 128 PAGES

ISBN: 978-83-63855-01-7

TRANSLATION RIGHTS:

THE WYLIE AGENCY

Marcin Sendecki


MAŁGORZATA I.

NIEMCZYŃSKA

MROŻEK. STRIPTEASE

EINES NEUROTIKERS

Małgorzata I. Niemczyńska (geb. 1982), Rezensentin

und Journalistin der „Gazeta Wyborcza“

und des Magazins „Książki. Magazyn do czytania“,

in dem sie zu literarischen Themen publiziert

und Interviews mit Schriftstellern, Musikern

und Filmschaffenden veröffentlicht.

Die erste Biografie zu Sławomir Mrożek nach dessen Tod

ist keine Biografie im engeren Sinne. Mrożek. Striptease eines

Neurotikers von Małgorzata I. Niemczyńska ist eher ein

glänzend geschriebener und hervorragend dokumentierter

Atlas der Konstellationen um den Autor von Polizei, Der

Schneider oder Schlachthof, um den auf näheren oder weiter

entfernten Umlaufbahnen zahlreiche weitere Planeten,

Monde und Sterne ihre Kreise ziehen und durch ihr Kraftfeld

die Position des Planeten Mrożek auf der Himmelskarte

ständig neu bestimmen.

Die Objekte der Mrożek-Konstellation sind Menschen

und Orte, angefangen mit Borzęcin bei Krakau, wo der

Autor geboren wurde und den Krieg erlebte. Von Mrożek

selbst nur beiläufig erwähnt, hat diese Genesis, wie Striptease

eines Neurotikers darlegt, den Autor maßgeblich beeinflusst.

Dabei war dieser Einfluss, wie so vieles in seinem

Leben, paradoxer Natur. Denn Mrożek hat nicht versucht,

sich wie andere Autoren seiner Generation literarisch oder

auf der Bühne mit seinen Kriegserinnerungen auseinanderzusetzen.

Er hat dazu geschwiegen und ihnen erst 1980

in Zu Fuß Gestalt gegeben. Doch war ihm wohl eher an einem

verspäteten Dialog mit dem Vater gelegen als an der

Geschichte selbst.

Zu den charakteristischen Vorgehensweisen von Striptease

eines Neurotikers zählt, dass es über das Leben Mrożeks

erzählt, biografische Spuren aber auch in seinen Werken

und in den Biografien Dritter sucht, die ihn mit ihrer Persönlichkeit,

ihren Gefühlen und ihrer Intelligenz geprägt

haben und vice versa. Daher treten in Niemczyńskas Buch

bisweilen andere Figuren in den Vordergrund, etwa Witold

Gombrowicz, aus dessen geistigem Schatten Mrożek sich

lange Zeit zu befreien suchte, was eigentlich nicht gelingen

konnte, war doch der Kampf um das außergewöhnliche Ich

beider „Lebenswerk“. Nicht zu vergessen auch Stanisław

Lem (man lese Striptease eines Neurotikers parallel zur Korrespondenz

der beiden Schriftsteller), der mit Mrożek bei

allen Unterschieden ihrer literarischen Universen in seiner

Haltung zu Mensch und Welt erstaunlich viel gemein hatte

– diese Haltung hat fast etwas Misanthropisches, abgesehen

vielleicht von der Liebe zur Motorisierung. Małgorzata

I. Niemczyńska ist es wohl zuallererst um ein emotionales

Bildnis des Autors zu tun, das besonders eindringlich wird,

wenn sie von seinen Frauen erzählt: der nahezu vergessenen,

aber offenbar höchst interessanten Malerin Maria

Obremba (deren Zwillingsschwester die erste Frau Andrzej

Wajdas war, damit waren Wajda und Mrożek eine Zeit lang

verschwägert) und der Mexikanerin Susana Osorio Rosas.

Das emotionale Porträt markiert den finstersten Teil in

Niemczyńskas Buch, der freilich allen bekannt war, die

Mrożeks Tagebuch in Gänze bewältigt haben.

Es gibt aber noch eine weitere Frau, die im Leben

Mrożeks eine entscheidende Rolle gespielt hat und ihn

vielleicht besser kannte als viele seiner Freunde. Striptease

eines Neurotikers beginnt nämlich mit einer eigenwilligen

Rekonstruktion von Sławomir Mrożeks Rückkehr aus der

Aphasie bzw. mit der mühevollen Arbeit, ihn neu zu modellieren.

Die Protagonistin dieses Teils ist Mrożeks Therapeutin

Beata Mikołajko, die bei Niemczyńska zur stillen Heldin

avanciert. Das Buch schließt mit einem Interview, einem

der letzten, die Mrożek gab, nachdem er Polen endgültig

in Richtung Nizza verlassen hatte. Damit ist ein starker

Schlusspunkt unter den Abgang eines Autors gesetzt, der

offenbar die Auseinandersetzungen, die er jahrzehntelang

mit sich selbst ausgefochten hat, wenn nicht in Wohlgefallen

auflösen, so doch ad acta legen konnte.

Neben Erzählungen über den Autor, sein näheres Umfeld

(auch das nahe, praktisch nie das allernächste) und

seine fast durchweg vorübergehenden Aufenthaltsorte

(empfohlen sei das fantastische Kapitel über das Krakauer

Schriftstellerhaus, in dem seinerzeit u.a. Szymborska, Kisielewski,

Słomczyński, Gałczyński oder Różewicz lebten)

wartet Małgorzata I. Niemczyńskas Buch mit zahlreichen

spannenden Entdeckungen und Erinnerungen zum Frühwerk

Mrożeks auf. Genannt seien hier nur sein Superheldencomic

oder der gemeinsam mit Bruno Miecugow verfasste

(und in der Werkausgabe nicht enthaltene) Roman

über Senator McCarthy. Die Autorin erwähnt auch den

Filmschaffenden Mrożek, eine heute völlig vergessene Seite

des Autors von Liebe auf der Krim (nicht einmal in umfassenden

Datenbanken wie filmweb oder imdb wird er geführt).

Wir werden noch mit zahlreichen biografischen Werken

von Mrożek-Forschern und -Freunden zu tun bekommen –

Striptease eines Neurotikers hat die Messlatte hoch gelegt.

Paweł Goźliński

MAŁGORZATA I. NIEMCZYŃSKA

„MROŻEK. STRIPTIZ NEUROTYKA”

AGORA

WARSZAWA 2013

170×220, 250 PAGES

ISBN: 978-83-268-1276-7

TRANSLATION RIGHTS: AGORA


NEUE BÜCHER AUS POLEN

HERBST 2013

©Das Polnische Buchinstitut, Krakau 2013

Redaktion: Izabella Kaluta, Andre Rudolph

Texte von: Paweł Goźliński, Maria Kruczkowska,

Anna Marchewka, Dariusz Nowacki, Patrycja

Pustkowiak, Marcin Sendecki, Kazimiera

Szczuka, Małgorzata Szczurek

Übersetzung: Joanna Manc, Lisa Palmes,

Antje Ritter-Jasińska, Heinz Rosenau,

Renate Schmidgall, Paulina Schulz,

Benjamin Voelkel, Thomas Weile

Weitere Informationen über die Polnische

Literatur auf www.bookinstitute.pl

Eine englische Ausgabe dieses Katalogs unter

dem Titel New Book From Poland Fall 2013

kann über das Buchinstitut bezogen werden.

Graphik und Satz:

Studio Otwarte, www.otwarte.com.pl


www.bookinstitute.pl

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