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E_1933_Zeitung_Nr.032

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und fuhren wie Jagdhunde

und fuhren wie Jagdhunde kreuz und quer im Garten umher, um nach unseren Osterhasen zu suchen. Es ging nicht lange, als Bruder Fritz, der Aelteste, einen freudigen Laut von sich gab und rief: «Juhu, ich hab' meinen gefunden!» Unheimlich rasch war das gegangen, wie mich bedünkte, und ich beneidete ihn nicht übel, dass er als Aeltester die Schliche des Osterhasen schon so gut kannte. Mich und Schwester Luise keines Blickes würdigend, trug er seine Osterbeute triumphierend ins Haus... Aber er war noch nicht in der Tür verschwunden, als auch die Schwester einen Jauchzer erschallen liess und hinter einem grossen Blumentopfe ein Körbchen mit den bekannten Herrlichkeiten hervorkramte. Lächelnd sah sie zu mir herüber und bemerkte: «Jetzt hab' ich meines auch schon!» Dann nahm sie das moosgepolster Körbchen zierlich bei seinen Henkelchen und trippelte, mit dem weissbezudkerten Biskuithasen liebäugelnd, dem Bruder nach ins Haus hinein. Nur irrte ich, der Jüngste, noch als Letzter in dem Garten umher, um nach meinem Osterglücke zu suchen. Ich spähte hierhin und dorthin, und konnte doch nichts entdekken. Es* stand der Gartenmauer entlang noch eine ganze Reihe grössere Blumentöpfe, die ein gutes Versteck bildeten. Hinter jeden guckte ich neugierigen Auges — ohne Erfolg! Warum das Glück gerade mich diesmal so lange warten liess? Sollte der Osterhase mich absichtlich vergessen haben, weil mein Verhalten manchmal zu wünschen übrig gelassen hatte? Ich konnte es mir doch nicht denken, denn zufälligerweise hätte ich ia *uch eines der anderen Körbchen finden können. Das war es also nicht, und doch ahnte ich Düsteres, Unheimliches. Jetzt endlich, als ich mich nach einer gänzlich verdorrten Pflanze bückte, blitzte mir aus der von allerhand Zweigwerk halb verdeckten Ecke an der zum Hause emporführenden Gartentreppe ein rotes Licht ins Auge. «Hailoh! Entdeckt!» dachte ich und hüpfte mit einem Freudensprung auf die Stelle zu, strich mit der Hand das Gewächs beiseite und wollte nach meinen Herrlichkeiten greifen, als ich, von hellem Entsetzen gepackt, die Hand, wie von einer Natter gebissen, zurückzog und mit Grauen betrachtete, was sich meinen Augen darbot. Mitten im lieblichen, moosgepolsterten Körbchen, neben den sechs bunten Hühnereiern, dem Schokolade- und dem Nougatei, sass der bezuckerte Biskuithase, gewlss! Aber was für ein furchtbar verstümmeltes Tierchen! Ein armseliger Krüppel — ein Geköpfter, ein Enthaupteter! Wahrhaftig, ihm fehlte der Kopf bis zum Halse... das rote Halsbändchen klebte noch am traurigen Torso und sah aus wie eine blutige Wunde. Was kann ein kleiner Bube, dem ganz unerwartet statt der hellichten Osterfreude ein solcher Schrecken zuteil wird, anderes tun, als schreien und aus Leibeskräften heulen? Und so lief ich denn auch davon und verkündete durch mein Geheul und Geschrei, dass die Welt aus den Fugen geraten, dass auf nichts mehr Verlass sei und sich wirklich furchtbare Dinge ereignet hatten. Heulend, schreiend lief ich schnurstracks in die Wohnung, wo Bruder und Schwester in der grossen Stube vor dem Kinderspieltisch standen und sich an ihren Körbchen ergötzten, immer wieder von neuem die Siebensachen zählten und von den Süssigkeiten abknapperten. Als nun Geschwister und Eltern aufschauten und sich nach dem Grund meiner grenzenlosen Verzweiflung erkundigten, wurde ihnen die grausige Botschaft zuteil : «Er hat kein Köpfli mehr — mein Osterha—a—a—aas!» Und ein neuer, heftiger Schmerzensausbruch folgte diesen unter erstickten Schluchzen vorgebrachten Worten. Ein paar Minuten später stand die ganze Familie draussen im Garten und umringte den Gegenstand meiner grenzenlosen Enttäuschung. «Aber nein doch auch», seufzte die Mutter, meinen Schmerz mitfühlend. «Den Kopf hat ihm die Katze abgefressen», bemerkte der Vater, das Unglück erklärend. «Den Has möcht' ich auch nicht mehr», sagte Bruder Fritz. Einzig Schwester Luise schwieg und schien sich etwas zu überlegen. Bald rannte sie davon, ins Haus, und während die andern noch immer den geköpften Hasen betrachteten., kam sie schon wieder herausgeeilt, in den Händen sorgfältig ihren noch völlig unversehrten Biskuithasen tragend, den sie mir mit den Worten überreichte: «Da, kannst ja meinen haben, hör' jetzt nur auf zu jammern!» Natürlich nahm ich das Geschenk freudig entgegen und fand die Korrektur meines Schicksals, so überraschend sie auch gekommen war, in kindlicher Eigensucht wohl am Platze. Der Vater aber rief, angesichts des Opfers, das die Schwester mir gebracht hatte: «Wahrhaftig, dem sagt man Grossmut!» Mir war nicht klar, was er damit meinte. Immerhin fühlte ich, dass da etwas besonderes geschehen sein musste, zumal er jetzt seine Geldtasche hervornahm, der Schwester nach kurzer Ueberlegung einen funkelnagelneuen Fünf über hinstreckte und dazu sagte: «Bei Gott, etwas so Seltenes muss ausgezeichnet werden auf dieser Welt!» Und Luise, selber vorerst erstaunt, nahm das Fünfliberstück und legte es lächelnd auf die breite Halswunde des geköpften Hasen, so dass es dort glänzte wie ein Glorienschein. Und sie voran, ich mit meinem nun ostermässig vollkommenen Körbchen hintendrein, AtTPOMOBTL-REViJt 1933 - N" 32 dann Vater und Mutter und zuletzt Bruder Fritz, zogen wir im Gänsemarsch fast feierlich dem Hause zu. Nur die etwas weinerlich klingende Stimme des Bruders Fritz war zu vernehmen, welcher bemerkte: «Wenn ich das gewusst hätt', so hätt' ich meinen Hasen auch hergegeben.» Wie wir noch so dem Hause zuschritten, begannen die morgendlichen Osterglocken von den Türmen her zu läuten, während der Vater die Worte sprach: «Ja, die Grossmut, die Grossmut, ich hätte der Kleinen solche Grossmut nicht zugetraut!» So sagte er. Und in den feierlichen Klang seiner Stimme mischte sich'das Glokkengeläute, so dass mir selber ganz seltsam festlich zumute wurde. Leise begann ich zu ahnen, dass es wirklich etwas Grosses sein müsse, einem andern grossmütig ein Opfer zu bringen. Und indem das Klingen der Glokken zugleich mit dem seltsamen Worte mein Gehör erfüllte, verschmolzen die beiden feierlichen Klänge miteinander. Und so konnte es geschehen, dass mir später immer das Wort von der Grossmut wie herrliches Ostergeläute durch den Sinn klang, oder wenn mir das Ostergeläute in die Ohren brauste, ich au jenes wundersame, trostbringende Wort dachte, das der Vater in so heller Begeisterung ausgesprochen hatte: Grossmut! So kam es wohl, dass ich niemals mehr das Osteropfer vergessen konnte, das mir die Schwester in kindlichem Grossmut an eben dem Tage dargebracht hatte, an welchem aus dem Opfer eines Gotterfüllten den Menschen schmerzbefreiende, erlösende Botschaft entsprang. War es nicht, wie wenn sich das Bild der Sonne in einer kleinen, unscheinbaren Scherbe wiederspiegelte? Welch ein bescheidener Strahlenfunken! Aber doch das Wiederbild welterwärmender Güte, die Trauer in Freude zu verwandeln vermag. Das Ei, das zu Boden rollte.. Kleine Geschichte zu Ostern. Von Irmela Linberg. Die Frühlingssonne schien stark und warm in den Garten des alten Herrenhauses und sprengte die Knospen der Osterlilien und Krokusse zwischen dem frischen Grün des Rasens. Die Jungverlobten Hessen ihr Boot mit schwellenden Segeln dem Ufer zugleiten und legten an. Sie kamen aus der Stadt jenseits des Sees, waren beide gebräunt von der Frühlingssonne und strahlten vor Lebenslust. Nachdem sie die zahlreiche Familie am Frühstückstisch begrüsst, die Glückwünsche entgegengenommen und sich gestärkt hatten, begaben sie sich nach dem stillen Seitenflügel des Hauses, wo die Grosseltern der Braut ihr beschauliches Dasein genossen. Die beiden Alten sassen inmitten ihres wunderlichen Hausrats in grossen Lehnsesseln mit Ohrenklappen, zwischen sich ein zierliches Tischchen mit gedrechselten Beinen, und legten gemeinsam eine Patience. Durch die zarten Mullgardinen stahlen sich Lichtstreifen und auf den Fensterbrettern blühten süss duftend rosa und blaue Hyazinthen. «Da seid Ihr ja!» rief der Grossvater beim Eintritt der Gäste und erhob sich elastisch wie ein Jüngling von seinem Sitz. «Komm, lieber Sohn, setz' dich zu mir! Ich biete dir das grossväterliche ,Du' an.» Vertraulich legte der alte Mann die Hand auf sein Knie und meinte: «Ist es nicht ein eigenartiger Zufall — oder soll ich es Schikkung nennen —, dass Ihr beide Euch gerade an demselben Tage verlobt habt, wie einst wir vor fünfzig Jahren um die schöne Frühlingszeit! Ja — und im Grunde habe ich den Besitz meiner lieben Frau und somit auch du, lieber Sohn, den deiner Braut, einzig und allein einem Osterei zu verdanken!» «Erzähle!» bat die Enkelin, die Arme auf dem Schoss der Grossmutter verschränkend. «Wenn sie es mir erlaubt!» erwiderte der Grossvater, indem er mit einem schelmischen zeit zu besuchen und den jungen Damen der Häuser, in denen man verkehrte, ein Osterei darzubringen. Zagend betrat ich den grossen Saal des Bernhardischen Hauses, in dem bereits ein reges Gedränge der zur Visite Erschienenen herrschte. Charlotte stand zwischen den Eltern und reichte ihre Rechte der Reihe nach den Herzutretenden, während sie mit der Linken einen Teller hielt, auf dem bereits einige Eier von verschiedener Farbe lagen. Die Ostergaben wurden zumeist mit einem kleinen scherzhaiten oder zärtlichen Verse überreicht. Als ich eintrat, hörte ich gerade eine tiefe Stimme sagen: «Blau wie dieses Angebinde Strahl' der Himmel dir gelinde», und sah, wie ein korpulenter Vetter ein leuchtend blaues Ei auf ihren Teller legte. Ich stellte mich in die Kette der Wartenden und musste nun noch mehr solcher gereimter Huldigungen mit anhören, was mir wahrlich nicht leicht fiel. Es gelang mir jedoch, eine gleichgültige Miene aufzusetzen und durchzuhalten, bis mein Vordermann an der Reihe war. Dieser Vordermann gehörte eigentlich gar nicht in unseren Kreis. Es war der jüngere Bruder Charlottes, euer Grossonkel Paul. Mit einem tiefen Bückling neigte er sich über die Hand der Schwester und sagte: «Grau wie eine alte Motte Ist mein Ei für dich, Charlotte, Um so mehr wird dich beglücken, Was dir naht in meinem Rücken.» Ich fühlte, wie alles Blut mir in den Kopf schoss, als ich mich nun plötzlich vor der Geliebten befand, die noch immer das mit Wasserfarbe grau übermalte Ei in der Hand hielt, so wie der Bruder es ihr lachend hineingedrückt hatte. Sie stand da und blickte zu Boden. Die Hand konnte sie mir nicht reichen. Gedemütigt zog ich die meine zurück, legte mit letzter Kraft mein rosenfarbenes Geschenk auf ihren Teller und stotterte endlich meine Verse: «Wie die Zentifolie blüh', Lebe, lache, dufte, glüh!» Da trug sich etwas durchaus Ueberraschendes zu. Die linke Hand der von mir Angedichteten begann heftig zu beben, der Teller, den sie gehalten, fiel zu Boden und zerscherbte, während die zum Teil geknickten Eier nach allen Seiten auseinanderwackelten. Einen Augenblick lang stand ich sprachlos. Plötzlich schürzte die Angebetete meines Herzens mit der Hand ein wenig den langen, spitzenbesetzten Rock, tat einen kleinen, durchaus nicht gesellschaftsfähigen Sprung, auf mich zu, bückte sich in Blitzesschnelle, und mit dem Ruf: «Es ist heil geblieben!» hob sie mein zentifolienfarbenes Geschenk vom Boden auf, hielt es in stummer Freude mit beiden Händen empor, um es dann an ihrem Herzen zu bergen. In mir wurde es ganz still. Der jubelnde Ruf «Es ist heil!» hatte mich von allen Zweifeln erlöst. «Nun ist auch mein Heil gekom-. men», fühlte ich. Und noch am selben Abend fand ich den Mut, mit Charlottes Eltern zu sprechen. Der Grossmutter war während der Erzählung ein sanftes Rot in die Schläfen gestiegen. Nun erhob sie sich, schloss den alten Birkenschrank auf, entnahm ihm ein Schächtelchen und wies den Anwesenden das auf Seidenwatte gebettete Osterei vor, dessen Farbe im Laufe der Jahre ein wenig ins Gelbliche verschossen war. «Ihr habt eine weitaus poetischere Verlobungsgeschichte als wir,» bemerkte der junge Bräutigam. Die Braut schlug ihre grossen Augen, die denen der Ahne glichen, zu ihm auf und sagte: «Von der darf auch erst nach fünfzig Jahren etwas verraten werden.» — fVein Verladen des Wagens. — Interessantes Tourengebiet. — Das grosse Festprogramm im Kursaal und allen Vergnügungsstätten. Ermässigte Weekend- und Osterarrangements. Pauschalpreise n allen Hotels. Auskünfte in den Reisebüros und im Off. Verkehrsbüro Montreux. Telephon 63.384. Blick seine Lebensgefährtin streifte. Die nickte sanft lächelnd, und er begann: «Von allen Jungfrauen der Stadt, aus der ihr soeben gekommen seid, in der eure Grossmutter aufwuchs und ich seinerzeit die Rechte studierte, war sie — Charlotte — die schönste, anmutigste und sittsamste. Alsbald stand es auch bei mir fest: diese oder keine! So einfach sich jedoch die Sache in der Vorstellung ausnahm, so schwierig war ihre Verwirklichung. Erstens stellte ich einen sehr jungen und schüchternen Freiersmann dar und zweitens gab das unbegreifliche Mädchen mir auch nicht durch das leiseste Zeichen zu verstehen, dass es meine Neigung erwidere. Wenn sie mir zur Begrüssung oder zum Abschied die Hand reichte, blickte ihr Auge derart gleichgültig an mir vorbei, dass meine Seele sich mit Trübsal füllte. Immer mehr befestigte sich jedenfalls die Gewissheit in mir, dass ich unerfüllbaren Träumen nachhinge; mein Entschluss, mit dem Anbruch des Sommers die mir einst so liebe, jetzt verleidete Universitätsstadt zu verlassen, festigte sich. So rückte das Osterfest heran, zu dem es Sitte war, seine Bekannten um die Mittagslerntet

82 - 1938 AUTOMOBIL-REVUE 15 UDEEIP HD«« 0EBTK Man hätte das letzte Jahrhundert unbestritten auch das «Jahrhundert der Zugluftangst» nennen können. «Achtung, hier zieht es, bitte, Fenster zumachen!» — «Nur ja kein frisches Lüftlein in die Stube herein!» So tönte es damals stets- Am besten ist es, zwischen das Aussen- und Innenfenster Sägespäne oder Moos zu stopfen und so von Herbst bis Frühjahr die, ach Gott, so schön mollig warme (dunstige, verbrauchte!) Atmosphäre ungeschmälert und unverdünnt zu bewahren. Man begegnet noch heute da und dort auf dem Lande dieeem schönen Brauch. Zu dieser Angst vor frischer Luft passte auch die Angst vor der Sonne. Verbrannt sein, war verpönt und gewöhnlich, je bleicher das Antlitz, desto vornehmer. Auch Röte der Wangen war nicht fein und nobel. Denn es zeugte von stärkerem Blutumlauf, hervorgerufen von intensiverer physischer Arbeit — die hatte der Begüterte nicht notwendig, sie war das Los und die Schande des Besitzlosen. In den Bewegungen hatte man sich im Gegenteil die äusserste Reserve aufzuerlegen. Ueberall in der Gesellschaft galt als oberstes Gesetz würdevolles Benehmen mit höchster Bewegungsökonomie und das nicht nur bei den Alten und Aelteren, sondern auch bei der jüngsten Generation. Ganz undenkbar war natürlich eine freiere Bewegung und Gestikulation der Frauen. Die mussten noch weit mehr lebende Mumien verkörpern. Aus diesem Grunde waren sie von jeglicher Sportbetätigung, soweit man die wenigen armseligen Bewegungsspiele, die damals Destanden, nennen darf, vollständig ausgeschlossen. Das äusserste, was sie in dieser Hinsicht tun durften, war ein ziemendes, diskretes, sehr zurückhallendes Eislaufen in langen Kleidern, wie wir es noch auf den Bildern alter Meister oder auf Kupferstichen sehen können: Die Faltenröcke bis auf die Fussspitzen, durch ein festgeschnürtes Mieder und durch Cul-de- Paris auf dem Gesäss herausgedrechselte Taille, die Hände obendrein durch einen Muff vollständig stillgelegt, das war die richtige Haltung. Die spätere Generation erfand bei den Frauen noch die dichten Schleier, so dass ihnen auch auf der Strasse die verbrauchte Luft erhalten blieb und die Sonne nicht ihr «verheerendes» Werk auf der Gesichtshaut verrichten konnte. So war gut um die Gesundheit dieser Generation gesorgt. Jedenfalls kamen die Sozialpolitiker von damals nicht wie heute in arge viot infolge der Verlängerung des durchschnittlichen Lebensalters und Bevölkerungszunahme als Folge, wie es zu einem grossen Teil der Rekreationstätigkeit bei jung und alt heutzutage zu verdanken ist. Damals war um natürlichen Abgang in genügender Zahl und im richtigen frühen Augenblick gesorgt. Und die Krone setzte alldem das Zeitalter der Dekadenz, der schmachtenden, sentimentalen Mondscheinpoesie mit Seufzern, Weltverachtung und Selbstvernfchtung auf. Die Menschen schlichen wie Gespenster herum, je bleicher, desto interessanter, desto weltentsagender. Je weniger gearbeitet wurde und mehr gedichtet, mehr schmachtende Liebesbriefe geschmiert wurden, desto höher organisierte Lebewesen. Alles Einfache und Kraftvolle war in tiefer Verachtung und absolut salonunfähig. Die Frauen hatten ihren Platz nur am Herd und mit den Stricknadeln in der Hand beim Kaffeeklatsch, der den Mangel an Bewegung der Gliedmassen durch desto eifrigere Betätigung der Sprechwerkzeuge zu ersetzen hatte. Welche ungeheure Wandlung ist hier innerhalb, wir können sagen, zwanzig bis dreissig Jahren eingetreten. Vor dem Krieg war eigentlich der Sport geächtet, wenigstens musste er sich in sehr bescheidenen Grenzen halten. Mitglied eines Sportvereins als Mittelschüler zu sein, hiess, dass man zumindest eine schlechte Sittennote erhielt oder in der Konferenz tadelnd genannt wurde. Wer vom Professor als Zuschauer eines sportlichen Wettspieles gesehen wurde, konnte sich darauf gefasst machen, dass er am nächsten Tag sehr streng geprüft wurde. Auch zu Hause wurde das Sportinteresse des Sohnes nur mit scheelen Blicken angesehen. Und wieviel wusste man von den segnenden Wirkungen der Sonne und der frischen Luft?! Was wusste man von den ultravioletten strahlen und von ihrer bakterienvernichtenden Wirkung? Was wusste man von kunstlicher Höhensonne und ihrem ordinieren? Heute sribt es ran so Legionen von /I\(DJ Körperpflege einst und jetzt Zum Beginn der wärmeren Jahreszeit. Aerzten, welche die Bestrahlung mit Höhensonne vornehmen, heute gibt es ganze Sanatorien, die als wichtigstes Heilmittel die Sonnenstrahlen zu jeder Jahreszeit auf den menschlichen Körper einwirken lassen und dabei glänzende Heilresultate erzielen. Heute gibt es Professoren und Lehrer, welche ihre Schüler in die freie Natur, an Luft und Sonne führen und dort, in der freien Natur, Schule halten. Heute gibt es ganze Abteilungen von Staatsbehörden u. a., welche dazu da sind, die Körpererziehung zu fördern und noch zu grösserer Entfaltung zu bringen. Und wie sieht die Jugend und auch das «gesetzte Alter» heute aus? Reich und arm, gross und klein, sieht bei jeder Gelegenheit in die Natur. Man verkriecht sich nicht hinter den Ofen, man hüllt sich nicht in Jägerhemden, Fäustlinge, zieht nicht Pelzmützen mit Ohrenklappen über den Kopf und schlägt nicht drei Schals um den heiklen Hals beim ersten kälteren Windstoss, der über die Stoppelfelder weht. Es wurde die wunderbare rekreative Wirkung eines Aufenthaltes in Sonne und Schnee, in scharfer Winterluft, auf Eisbahnen. Skifeldern und Schlitfelbahnen erkannt. Man kampiert von Frühjahr bis in den Herbst in der Natur, man schwimmt und badet selbst zu Weihnachten im Fluss, möge dies vielleicht auch nur im Ausnahmsfall geschehen. Aber früher hätte jeder Arzt unzweifelhaft wenn nicht Lungenentzündung, so doch zumindest eine gehörige Verkühlung prophezeit, destomehr, wenn es sich um bejahrte Schwimmer handelt. Nichts von alldem geschieht. Und heute jagen auf den Tennisplätzen, ja selbst bei Eishockeyspielen und auf den Skiern «bemooste Häupter» herum, wie es sich vor zwei Jahrzehnten noch so manche Jünglinge nicht trauten. Es ist eine ungeheure Wandlung in der Menschheit eingetreten, deren wir uns eigentlich nicht einmal so recht bewusst ger worden sind. Nur Zeugen und Miterleber der Ausklänge des vergangenen Jahrhunderts können die Aenderung «messen. Dass diese Wandlung nicht zum Schaden der Gesundheit ist, davon berichten, wie schon erwähnt, am überzeugendsten die Populationspolitiker und die Kranken- und Altersversicberungsinstitute. Die einen mit Freude, die anderen mit einiger Besorgnis, was aber in beiden Fällen nur ein gutes Zeichen für die Menschheit selbst ist. p. Das Bändchen am Osterhat Was ist für ein hübsches, junges Fräulein Ostern ohne einen neuen Frühjahrshut? Was ist Ostern, wenn der neue Hut (zum Wetter oder zum Kostüm) nicht passt, oder wenn der erwartungsvollen Eigentümerin in letzter Minute etwas am Hut nicht passt: ein Bändchen oder ein Federchen? Der für das Fest in Betracht kommende Herr wartet schon auf der Strasse, die Sonne scheint, die Glocken läuten — und der Hut passt nicht... ahnt man, was daraus entstehen kann? Als ich am Ostermorgen die Wohnung eines Wiener Freundes betrat, fand ich die Schwester und, von dieser angesteckt, die Mutter in Niedergeschlagenheit vor, so dass mir vor Mitleid das Schokoladenei zu Boden fiel und platzte. Was war geschehen? Das junge Fräulein Resi sollte mit ihrer neuesten Errungenschaft, einem biederen Witwer, einen Osterausflug machen, und die Sache hatte eine erhöhte Bedeutung dadurch, dass dieser zum erstenmal seinen Jungen mitbringen wollte, um zu sehen, wie sich die, Resi zu seinem Söhnchen stelle, und dieser zu seiner Resi..., was natürlich als die Präliminarien zu einer Verlobung gedeutet wurde. «Und — und?» fragte ich, die zerbrochenen Schalen abwechselnd mir und der Resi in den Mund schiebend. Tja: da sass sie nun in ihrem Osterausgehstaat und ausserdem mit der schmelzenden Wiener Holdseligkeit ausgestattet, die Resi, ein sonst ausgeglichenes, hausbackenes Fräulein Kassiererin, die jeder Situation gewachsen schien. Traurig sass sie da, die werdende Braut. Der Hut lag neben ihr auf dem Boden, das Band herabgerissen und zerschnitzelt — es passte nicht: es passte ihr nicht! Für den entscheidenden Augenblick schien es der Resi irgendwie nicht das Richtige zu sein, ausserdem lag es zerschnitten auf dem Boden und an diesem hohen Festtag war« kein neues zu beschaffen. Die Resi konnte also nicht mit ihrem Witwer in die Die AUTORIST Selbstaufzug-Armbanduhr Wenn „Zeit ist Geld" Dein Wahlspruch ist, Dann brauchst Du eine „AUTORIST", Mit ihr kommst niemals Du zu spät, Weil sie genau die Zeit verrät. Auch musst Du dich nicht mehr bemüh'n, Mit Zeitverlust sie aufzuzieh'n. Sie ist des Sportmann's Ideal Und läuft tagaus, tagein egal. Drum trägt der Mensch der Zukunft nur: Die „AUTORIST" als Armbanduhr. Zu haben in den Uhrengeschäften AIMRIST knospende Natur hinausziehen und sich dort verloben. Sie konnte auch dem Mann nicht erklären, warum sie sich nicht am Treffpunkt einstellen würde, denn so etwas versteht kein Mann. Der Gute war längst unterwegs, würde bald unter der Uhr anlangen, mit seinem Jungen auf und ab gehen und ab und zu nach dem Zeiger hinauf sehen. Er würde warten, warten... würde schliesslich denken, sie interessiere sich nicht für seinen Jungen, wolle nicht die Mutterstelle bei ihm vertreten: käme als künftige Frau nicht in Frage. Resi liess den Kopf hängen. Wie unerbittlich das Schicksal war... das Schicksal? Ich erbot mich, zur grossen Uhr hinzulaufen und die Sache zu erklären. Aber so etwas lässt sich nicht erklären, die ganz kleinen Dinge, die den Ausschlag geben. Das Fatuni: das sind wohl die Imponderabilien des Lebens. Tatsächlich liess sich der Witwer nicht wieder blicken. Er, der von dem Hutband sicherlich nicht die geringste Notiz genommen hätte, hatte, ohne es zu ahnen, wegen des Hutbandes mit seiner Zukünftigen gebrochen und später eine andere geheiratet. Eine kleine, scharfzüngige, die ihn sehr unglücklich machte, weil sie immer dicker wurde. Die holde Resi hatte mehrere neue Bewerber hintereinander, aber einem nach dem anderen gab sie den Abschied, nachdem er den rechten Zeitpunkt versäumt hatte, das genossene Glück rechtmässig und endgültig zu erwerben. Schliesslich kam ein struppiger schwarzer Ungar daher und nahm die Resi mit in die Pussta. Statt blonder Kinder von dem Witwer, kriegte sie jetzt schwarze von dem Ungar, statt in Wien lebte sie in der Pussta. Statt weanerisch, spricht sie jetzt ungarisch, die Resi... Alles ist wegen diesem dummen Stückchen Band ganz anders geworden für die Resi. Sie hat eine andere Heimat, einen anderen Bekanntenkreis und andere Ansichten. Ihr ganzes Leben wird anders verlaufen. Das zukünftige Geschlecht wird anders ausfallen, vielleicht nimmt sogar die Weltgeschichte einen ganz anderen Verlauf. Also achten Sie auf das Bändchen auf Ihrem Osterhut, meine Damen — jetzt wissen Sie, was daraus entstehen kann! H.H. Frühling im Mode-Reich Taubengrau als Frühlingsfarbe. Die «graue Zukunft», der wir entgegengehen, braucht niemanden pessimistisch zu stimmen. Denn Grau, nicht in bildlicher Bedeutung, sondern im wahren Sinne des Wortes, ist die neue Mode, und ein «grauer Frühling» winkt den Damen, die sich bisher immer nur mit Vorbehalt zu grauen Farbennuancen bekehren liessen. Es ist gewiss kein Vorurteil, dass Grau eine Farbe ist, die nicht jeder Frau passt. «Gris mange le teint» sagt man in Paris und hat damit nicht unrecht. Darum wird auch in den Färbereien fieberhaft gearbeitet, um immer noch eine neue graue Nuance zu finden, die mit ihrem leichten Anklang an Rosa oder Blau, mit wejsser oder grünlicher Schattierung auch solche Frauen, die es bisher nicht wagten, Grau zu tragen, vorteilhaft kleidet. Vom regennassen Schieferdach bis zum flüchtigen Rauch einer feinen Exotenzigarette gibt es unzählige Modelle für die Skala grauer Nuancen, die man heuer zu sehen bekommen wird. Der Elefant mit seiner dicken grauen Haut und der afrikanische Nackthund sind gleichermassen Modelle für Sportstoffe wie der Pflasterstein, der Asphalt und der Pneumatjkrejfen des Autos. Für Schuhe und .Strapazhandtaschen eignet sich ein schweres, massives Grau. Dje Taube, die Gazelle, die Perserkatze und die Platinkatze sind die Vorbilder für die Farbenvariationen der Modejerseys, die, gewickelt, drapiert und doch anliegend gearbeitet, als Lunchkleider apart wirken. Silber, Platin und Perlen werden vom Färber genauestens betrachtet, ehe er die Töne für Mousseline, für Tüll oder Veloursschiffon mischt. Und die Nuancen der Abenddämmerungen, des fahlen, erwachenden Tages, der verblassenden Horizonte und der sanften Regenstimmungen werden von manchen Damen nicht in poetischsentimentalen Regungen studiert, sondern nur deshalb beobachtet, um der Schneiderin die Schattierung des erwünschten grauen Trotteurkleides möglichst präzis angeben zu können. Eisengrau, Staubgrau, Zinngrau und Aluminium-, Nickel-, Maulwurfgrau, Feh-, Polarfuchsgrau und Silbergrau werden beliebte Nuancen sein. Weissgold, Platin und Perlen werden zum Modeschmuck, Silber, Nickel und Email in grauen Schattierungen desgleichen. Möwengrau sind die kleinen Hüte aus Wollstroh und die Reihertuffs auf den abendlichen Samtbaretts. Rosagrau und Blaugrau werden als Wäschefarben en vogue sein. Lackrot und Weiss wird an den Jacken der Kostüme reizvoll wirken. Mauve, ,das feine, ins Grau spielende zarte Lila und Ficelle, die Kreuzung von Beige und Grau sind die Lieblingsfarben jener Frauen, die sich zur taubengrauen Saison nicht vorbehaltlos bekennen wollen.