Heimat-Rundblick Frühjahr 2018

Druckerpresse

Magazin für Kultur, Geschichte und Natur

Frühjahr 2018

Einzelpreis € 4,50

1/2018 Û·31. Jahrgang

ISSN 2191-4257 Nr. 124

RUNDBLICK

AUS DER REGION HAMME, WÜMME, WESER

GESCHICHTE Û KULTUR Û·NATUR

I N H A L T

unter anderem:

4Die Familie Hackfeld

4„Mühlenbach Lichtspiele“

4Ein Gnadenhof für Störche

4Heinrich Vogeler und Otto Sohn-Rethel

4Ich bin ein Star-

Bau mir ein Haus

4Vor 100 Jahren

4Die Osterholzer Ziegelei

4Heinrich Vogelers Friedensappell

I N H A L T


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Redaktionssitzung

Dr. Pourshirazi

Fotos: Maren Arndt

Am 27, Januar 2018 fand die aktuelle Redaktionssitzung

unserer Zeitschrift statt – im stilvollen

Overbeck-Museum in Vegesack. Frau Dr.

Pourshirazi führte die Redakteure in lebendiger

und gefühlvoller Weise in das Werk und das

Leben von Fritz Overbeck ein – wir bedanken

uns herzlichst!

Anschließend besuchten wir zwecks Stärkung

das Café gleich in der Nachbarschaft,

eigentlich auch gedacht als Tagungsort, was

allerdings aufgrund von Enge und Lautstärke zu

Kopfzerbrechen über die weitere Gestaltung

führte. Hocherfreut nahmen wir das Angebot

von Frau Dr. Pourshirazi an, uns in die oberen

Räume des Museums zurückziehen zu dürfen.

Schnell ein paar Stühle organisiert – und schon

konnte es losgehen.

Verleger Jürgen Langenbruch berichtete von

dem Renteneintritt unserer eigentlich unersetzlichen

Almuth Roselius – wir wünschen Ihr

alles Gute. (Gottseidank bleibt sie uns für einige

Stunden in der Woche erhalten...). Erfreulicherweise

arbeitet sich zur Zeit die Grafik-Designerin

Christina Meyer, die in dem Haus des ehemaligen

Daumlingsdorfs in Lüninghausen lebt,

in die Materie ein. Ebenso erfreulich ist, dass

Nächste Redaktionssitzung

wir einige neue Autoren begrüßen dürfen – wir

freuen uns!

Eine gute Nachricht kommt vom Museum in

OHZ – einige Aktivisten kümmern sich um eine

mögliche Weiterführung – viel Erfolg!

Nach Rückblick folgte die traditionelle Aufnahme

neuer Themen – von denen so viele

gemeldet wurden, dass auch für die neue Ausgabe

kein Mangel herrschen wird. Nach Schlusswort

und vielen Plaudereien ging auch diese

Sitzung zu Ende –

vielen Dank an Alle! Jürgen Langenbruch

Die nächste Redaktionssitzung findet am 28. April 2018, 15 Uhr, in der Kunstschau Lilienthal statt. Wir besuchen

die neue Ausstellung „Karl Vinnen und Carl Krummacher“ und tagen gleich dort im Café.

Ich lade herzlich dazu ein – Jürgen Langenbruch.

2

RUNDBLICK Frühjahr 2018


Aus dem Inhalt

Aktuelles

Jürgen Langenbruch

Redaktionssitzung Seite 2

BRAS e. V.

Köksch un Qualm Seite 22

Axel Miesner

Worphüser Heimotfrünn Seite 28

Daniela Platz

800 Jahre Worpswede Seite 34 – 38

Heimatgeschichte

Harald Steinmann

was lange währt... Seite 20-22

Wilhelm Berger

Die Osterholzer Ziegelei Seite 23 – 25

Helmut Strümpler

Jugendherbergen in den

Dreißigerjahren Seite 29

Daniela Platz

Heinrich Vogelers Friedensappell

von 1918 - aktuell bis heute Seite 32 – 33

Kultur

Rudolf Matzner

Erinnerung an die ehemaligen Burglesumer

„Mühlenbach Lichtspiele“ Seite 13

Siegfried Bresler

Heinrich Vogeler und

Otto Sohn-Rether Seite 16 – 17

Hans-Jörg Baake

„Im Nebel der Vergangenheit“

Die Enstehung „Neuenkirchen“ Seite 26-27

Jens Uwe Böttcher

Lilienthaler Wintertheater Seite 30-31

Jürgen Langenbruch

Ausstellung „Schwebschrauben

und Scheinblüten“ Seite 39

Natur

Maren Arndt

Ein Gnadenhof für Störche Seite 12-13

Susanne Eilers

Ich bin ein Star -

bau mir ein Haus Seite 18-19

Serie

Peter Richter

‘n beten wat op Platt Seite 9

Vor 100 Jahren Seite 14 – 15

Humor im Jahre 1918 Seite 19

Bauernregeln Seite 25

Fast vergessen Seite 33

Redaktionsschluss für die nächste

Ausgabe: 15. Mai 2018

RUNDBLICK Frühjahr 2018

Liebe Leserinnen

und Leser,

Sie ahnen es vielleicht - unser Heft ist etwas

ganz Besonderes. Jedenfalls ist mir nichts

Gleichartiges bekannt: ein, fast hätte ich

gesagt "Kollektiv", also eine Gruppe Gleichgesinnter,

weiblich und männlich, erarbeitet seit

vielen Jahren in jedem Vierteljahr mit viel Zeitaufwand

und Recherche eine Reihe von in der

Regel qualitativ hochwertigen Artikeln, die sich

mit allen möglichen Ereignissen aus Vergangenheit

und Gegenwart, aber auch mit die

Zukunft tangierenden Entwicklungen beschäftigen.

Dafür gebührt allen Beteiligten Dank

und Anerkennung - vielleicht fällt dabei auch

etwas für den Verleger ab, der bei der Kostenkalkulation

gerne seine Brille mit den rosarot

gefärbten Gläsern aufsetzt. Nun, sei es wie es

ist: der Frühling ist eingetroffen und mit ihm

die Störche, die deshalb auch unsere Titelseite

schmücken.

Ihnen ist sicher das Konsul-Hackfeld-Haus

in der Birkenstraße bekannt, das Haus des

CVJM, in dem zudem viele Veranstaltungen

aller Art stattfinden. Wer dieser Konsul Hackfeld

war, erfahren Sie in einem ausführlichen

Artikel unseres Autors Rudolf Matzner; und

dazu gibt es auch noch einen Nachtrag über

den Zuckerfabrikanten Paul Isenberg.

Wann waren Sie zum letzten Mal im Kino?

Wenn Sie nicht mehr ganz jung an Jahren sind

und Burglesum kennen, erinnern Sie sich vielleicht

an die dortigen „Mühlenbach Lichtspiele“?

In Berne gibt es eine Auffangstation für

verletzte Störche, Maren Arndt berichtet uns

von dieser verdienstvollen Unternehmung.

Viele Vögel werden durch unsere ach so wunderbaren

Windkraftwerke, für die es ja „keine

Alternative“ gibt, verletzt oder getötet. Falls

Ihre Uhr in letzter Zeit mal etwa nachging, es

lag an der Vielzahl stromtechnischer Einspeisungen

in das Netz, die je nach aktueller Lage

(Wind – kein Wind, Sonnenlicht – kein Sonnenlicht)

zu Schwierigkeiten bei der Synchronisation

(50 Hz) führen. Und wenn der Strom

einmal da ist und nicht gespeichert oder verbraucht

werden kann, wird es schwierig.

Vor 100 Jahren gab es das noch nicht, aber

es gab andere Probleme – auch mit dem Strom,

wie Peter Richter in dieser beliebten Rubrik

erläutert.

Siegfried Bresler berichtet von der Künstlerfreundschaft

zwischen Heinrich Vogeler und

Otto Sohn-Rethel, eine wichtige Episode aus

dem spannungsreichen Leben Vogelers. Vogel

des Jahres ist der Star – Susanne Eilers zitiert

aus Veröffentlichungen der NABU.

Nicht unumstritten ist die Geschichte des

Klosters Lilienthal, Harald Steinmann konfrontiert

uns mit neuen Erkenntnissen zu diesem

Thema.

Die Osterholzer Ziegelei wird ausführlich

von Wilhelm Berger vorgestellt, in bewährter

Qualität mit Wort und Bild.

Hans-Jörg Baaake und Herbert A. Peschel

rätseln zusammen über die Entstehung von

Neuenkirchen – lesen Sie selbst.

Im Lilienhof fand die diesjährige JHV der

rührigen „Worphüser Heimatfrünn“ statt – der

neue Vorsitzende Axel Miesner berichtet.

Jeder von uns hat sicher schon einmal in

einer Jugendherberge übernachtet und erinnert

sich gerne daran. Helmut Strümpler erinnert

an die Jugendherberge Worpswede und

den Missbrauch im „3. Reich“. Jens-Uwe Böttcher

erzählt von einer Zusammenarbeit der

Lilienthaler Freilichtbühne mit der Bremer

Heimstiftung im Ellener Hof. Und noch einmal

Heinrich Vogeler – der Friedensappel an den

Kaiser von 1918; eine Rezension der Buchs von

Bernd Stenzig: „Das Märchen vom lieben Gott“.

Zwischendurch erfreut uns Peter Richter mit

dem Gedicht „Sommerabend“ von Richard

Dehmel; mögen uns auch solche Erbnisse

beschieden werden...

„Worpswede“ - das Dorf gab es auch schon

ohne Künstler, Daniela Platz berichtet von 800

Jahren Worpswede. Sie merken es: es gibt viel

zu Lesen – ich wünsche Ihnen viel Spaß und

hoffe, dass die so verschiedenen Themen auch

Ihre Aufmerksamkeit verdient haben.

Ihr Jürgen Langenbruch

Impressum

Herausgeber und Verlag: Druckerpresse-Verlag UG

(haftungsbeschränkt), Scheeren 12, 28865 Lilienthal,

Tel. 04298/46 99 09, Fax 04298/3 04 67, E-Mail

info@heimat-rundblick.de, Geschäftsführer: Jürgen

Langenbruch M.A., HRB Amtsgericht Walsrode 202140.

Redaktionsteam: Wilko Jäger (Schwanewede),

Rupprecht Knoop (Lilienthal), Dr. Christian Lenz (Teufelsmoor),

Peter Richter (Lilienthal), Manfred Simmering

(Lilienthal), Dr. Helmut Stelljes (Worps wede).

Für unverlangt zugesandte Manuskripte und Bilder wird

keine Haftung übernommen. Kürzungen vorbehalten. Die

veröffentlichten Beiträge werden von den Autoren selbst

verantwortet und geben nicht unbedingt die Meinung der

Redaktion wieder. Wir behalten uns das Recht vor,

Beiträge und auch Anzeigen nicht zu veröffentlichen.

Leserservice: Telefon 04298/46 99 09, Telefax 04298/3 04 67.

Korrektur: Helmut Strümpler.

Erscheinungsweise: vierteljährlich.

Bezugspreis: Einzelheft 4,50 ¤ , Abonnement 18,– ¤

jährlich frei Haus. Bestellungen nimmt der Verlag

entgegen; bitte Abbuchungsermächtigung beifügen.

Kündigung drei Monate vor Ablauf des Jahresabonnements.

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Osterholz eG, IBAN: DE66 2916 2394 0732 7374 00, BIC:

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Druck: Langenbruch, Lilienthal.

Erfüllungsort: Lilienthal, Gerichtsstand Osterholz-Scharmbeck.

Der HEIMAT-RUNDBLICK ist erhältlich:

Bremen: Böttcherstraße/Ecke Andenkenladen

Worpswede: Buchhandlung Netzel, Aktiv-Markt, Barkenhoff.

Titelbild:

Storchenstation „Mutter bringt Futter“

Foto: Maren Arndt

3


Die Familie Hackfeld

Aufstieg und Niedergang des ehemals größten Unternehmens im Südseeraum

Vorbemerkung:

Das Haus des Bremer CVJM in der Birkenstraße

Verwaltungsgebäude des Hackfeld-Konzern auf Hawaii

Mit diesem Aufsatz soll versucht werden, das

Lebenswerk des Heinrich Hackfeld und dessen

Neffen und Nachfolgers Johann Friedrich Hackfeld

ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Beide Familien haben ihre Spuren sowohl in

Bremens Innenstadt als auch in St. Magnus hinterlassen.

Während meines Vortrages über Persönlichkeiten

unserer Stadt am 3. April 2003 in

der ehemaligen Hackfeldschen Sommervilla in

St. Magnus war ich versucht zu sagen, dass Bremens

Geschichte um einiges ärmer wäre, wenn

es Bremen-Nord nicht gäbe. Das können wir

allerdings aus heutiger Sicht nur so sagen, denn

zu der Zeit, als sich Bremer Reeder, Kapitäne,

Künstler, Senatoren und Kaufleute ihre Sommerhäuser

hier an der Lesum und an der Weser

errichten ließen, gehörte dieser Landstrich -

mit Ausnahme von Vegesack - bis 1939 zu

Preußen und zuvor zum Königreich Hannover.

Absichtlich habe ich die Kaufleute zuletzt

angeführt, um darauf hinzuweisen, dass es in

Bremen unüblich war, von einem Großkaufmann

zu reden. Trotz eines verdienten Wohlstandes

gab man sich bescheiden und so sprach

man in Bremen zum Beispiel vom Weinkaufmann,

Getreidekaufmann, Kaffee- oder Holzkaufmann.

Die Hackfelds waren Überseekaufleute,

und zwar die größten mit Firmensitz in

Honolulu.

Die auswärtige Konkurrenz bezeichnete die

Bremer Kaufleute als „Pfeffersäcke" und zum

anderen sagte man: „Die Bremer Kaufleute sind

so steif wie ihr Grog".

Zu Bremen-Nord wäre noch zu sagen, dass

sich die zuvor erwähnten Kaufleute und dergleichen

seit Beginn der zweiten Hälfte des vorletzten

Jahrhunderts und auch überwiegend im

zweiten Abschnitt ihres Lebens hier angesiedelt

haben, so auch die Hackfelds. Es galt der

Spruch: „Landluft macht frei".

Biografien und Beschreibungen über

Geschäftsentwicklungen sind auch immer

Dokumente der Zeitgeschichte die - je länger

die Zeit darüber vergeht - oft in Vergessenheit

geraten. Das ist mir besonders bei meinen

Recherchen über Baron Ludwig Knoop, dem

Besitzer von Schloss Mühlenthal in St. Magnus,

und dem Gutsbesitzer Johannes Pellens aufgefallen,

der für seine Frau die Villa Marßel bauen

ließ.

Erfreulicherweise trägt das CVJM-Haus in der

Bremer Birkenstraße in großen Lettern die

Foto: R. Matzner

Foto aus Privatbesitz

Bezeichnung „Konsul-Hackfeld-Haus", ein Zeichen,

dass dieser christlich orientierte Verein

dem Konsul Hackfeld sich zu Dank verpflichtet

fühlt. In ähnlich anerkennender Weise schrieb

die Delmenhorster Zeitung 1992 unter der

Überschrift: „Das Märchen von Heinrich Hackfeld"

und „Es war einmal ein armer Junge"'.

Dabei wurde berichtet, dass der Hackfeldsche

Marienfonds wieder zur Verfügung steht. Diese

beiden Hinweise mögen schon mal den großzügigen

Charakter beleuchten, der mit dem

Namen Hackfeld verbunden ist.

Lebenslauf des Firmengründers

Heinrich Hackfeld

Es begann mit Heinrich Hackfeld, der am 24.

August 1816 in Almsloh bei Ganderkesee als

Sohn armer Eltern geboren wurde. Sein Vater

war von Beruf Tagelöhner und verstarb am 7.

Februar 1824, als Heinrich siebeneinhalb Jahre

alt war. Die Mutter hatte danach drei Töchter

und vier Söhne zu versorgen. Tätigkeiten als

Hütejunge beim Bauern, mäßiger Schulbesuch

und ärmliche Lebensverhältnisse bestimmten

Heinrichs Kindheit. Nach der Konfirmation, also

im Alter von etwa dreizehn oder vierzehn Jahren,

verließ Heinrich Hackfeld seinen Heimatort

im Oldenburgischen in Richtung Amsterdam,

um Seemann zu werden. Amsterdam war

damals der Treffpunkt aller Fahrensleute aus

der Gemeinde Ganderkesee und Umgebung.

Zahlreiche junge Männer zog es dort hin, weil

sie in ihrer Heimat keine Zukunft sahen. Nach

mehreren Fahrten besuchte Heinrich mit finanzieller

Unterstützung eines Freundes die Steuermannsschule

in Bremen. Mit achtundzwanzig

Jahren segelte er als Kapitän und Mitbesitzer

des Schiffes „Expreß" zunächst nach Honolulu.

Sein Schiff strandete 1845 bei der Insel Batan.

4 RUNDBLICK Frühjahr 2018


Mannschaft und Silberladung wurden geborgen;

jedoch in der Zeit lernte Heinrich Hackfeld

die Schauplätze seines späteren Erfolges kennen.

So richtete er im Januar 1847 als dreißigjähriger

Kapitän ein Schreiben an die heute

noch existierende Reedereifirma W. A. Fritze in

Bremen, in welchem er auf die große Bedeutung

der Hawaii-Inseln für den Handel in der

Südsee mit Amerika und China aufmerksam

machte. Seine Absicht war es, Vertreter des

bekannten Bremer Unternehmens zu werden.

Es war sein Glück, dass die Geschäftsleitung der

Firma Fritze auf sein Angebot nicht eingegangen

war. Kurzentschlossen kaufte er die Brigg

„Wilhelmine", fuhr von Hongkong nach Bremen

und kaufte hier Ware ein für ein in Honolulu zu

gründendes Geschäft. In Bremen heiratete er

Das Elternhaus von Marie Gesine Hackfeld, geborene Pflüger, an der Schlachte - zweites Haus von

links - Fassade heute an der Sparkasse am Bremer Marktplatz

Foto aus Privatbesitz

Heinrich Hackfeld

noch die Tochter des Schiffsmaklers Georg-Friederich

Pflüger Marie Gesine. Mit ihr und ihren

beiden Brüdern trat er die Reise nach Honolulu

an. Johann Carl Diederich Pflüger (1833-1883),

sein Schwager, wurde aufgrund seines Fleißes

als Geschäftspartner und Teilhaber aufgenommen.

Das 1849 gegründete Geschäft befasste sich

zunächst mit der Ausstattung von Walfangschiffen

und deren Besatzung. Der Erwerb von

RUNDBLICK Frühjahr 2018

Foto aus Privatbesitz

Marie Gesine Hackfeld, geb. Pflüger

Foto aus Privatbesitz

zwei Zuckerplantagen stabilisierte das Unternehmen

und die Entwicklung des Holzimportes.

Die Einführung von Ananaspflanzungen von

Mexiko nach Hawaii brachte der Firma Hackfeld

einen ungeahnten Aufschwung. Im Jahre 1850

wurde ein Ladengeschäft für Kleiderstoffe -

auch Seidenhaus Haie Kalika genannt - eingerichtet.

Die Leitung übernahm Hackfelds Neffe

Bernd-Carl Ehlers, dem bald 70 Angestellte

unterstanden.

Heinrich Hackfeld kehrte 1862 mit seiner

Frau Marie Gesine nach Bremen zurück. Zuvor

aber wurde noch eine Reedereigesellschaft

gegründet, deren Register 1871 achtzehn

Schiffe zählte. Hackfelds Reedereiflagge auf

den Schiffen war das rote Hanseatenkreuz auf

weißem Feld. Eine interessante Nachbildung

dieser ehemaligen Verdienstmedaille für Bremer

Freiheitskämpfer der Jahre 1810-1813 finden

wir auf dem Pflaster des Bremer Marktplatzes.

Heinrich Hackfeld war Konsul von Schweden

und Russland. Sein Nachfolger Johann Friedrich

Hackfeld bzw. die Direktoren der Hackfeld-

Gruppe vertraten Jahrzehnte die verschiedensten

Staaten, wie Österreich, Ungarn, Schweden,

Norwegen, Belgien und das deutsche Kaiserreich.

Am 20. Oktober 1887 starb Heinrich Hackfeld

im Alter von 71 Jahren in Bremen, von wo

er die Geschäfte seines Unternehmens noch

betreut hatte. Der Firmengründer Heinrich

Hackfeld wurde in Delmenhorst bestattet, später

auf den 1897 fertiggestellten Friedhof an

der Wildeshauser Straße umgebettet. Marie

Gesine Hackfeld hat ihren Ehemann dreißig

Jahre überlebt. Sie starb am 4. Februar1917 und

wurde nach der Einäscherung im Elterngrab auf

dem Riensberger Friedhof in Bremen beigesetzt.

Zunächst wurde die Leitung des umfangreichen

Unternehmens auf Hawaii von dem

Schwager Johann Carl Diederich Pflüger wahrgenommen.

Als hochqualifizierter Mitarbeiter

in der Firmenspitze fungierte Paul Isenberg, ein

aus Dransfeld stammender Landwirt, dem der

Konzern seine starke Stellung in der Hawaiischen

Zuckerwirtschaft verdankte. Bleibt noch

anzumerken, dass freie Pflanzer mit großzügigen

Krediten unterstützt wurden, allerdings mit

der Auflage, ihre Erzeugnisse über das Hackfeldsche

Unternehmen abzurechnen.

Aus der Ehe des Firmengründers sind keine

Kinder hervorgegangen, sodass Heinrich Hackfeld

seinen Neffen Johann Friedrich Hackfeld

im Jahre 1878 nach Hawaii schickte. Sein Vater,

der am 10. Februar 1821 geborene Hermann

Wilhelm Hackfeld, war der Bruder von Heinrich

Fassade des ehemals Pflügerschen Hauses an

der Sparkassenfiliale am Marktplatz

Foto: R. Matzner

Hackfeld. Er war Tagelöhner aber auch Schneidermeister.

Aus der übernommenen Reihenfolge

der Berufsbezeichnungen ist zu vermuten,

dass er im Winter seinen Lebensunterhalt als

Schneider bestritten hat. Wie erwähnt, befand

sich das Ehepaar Marie Gesine und Heinrich seit

5


Das Landgut Hackfeld. Im Dreikaiserjahr 1888 kaufte die Witwe des Konsuls Heinrich Hackfeld,

Marie Gesine Hackfeld, ein Grundstück mit dem dazugehörenden Landhaus an der heutigen Lesmonastraße

mit Blick auf die Lesum. Das i. J.1870 erbaute Gebäude wurde 1933 abgebrochen und

ein Jahr später wurde für die Familie Drettmann eine ansehnliche Villa erbaut.

Foto aus Privatbesitz

1862 bereits in Bremen.

Im Jahre 1892 kehrte Johann Carl Diederich

Pflüger nach Bremen zurück, wo er 5O-jährig

verstarb. Auf die Todesnachricht hin schlossen

in Honolulu sämtliche Regierungs- und

Geschäftsbüros; die Handelskammer trat zu

einer Trauersitzung zusammen und die Flaggen

wehten auf halbmast.

Johann Friedrich Hackfeld,

der Neffe und Nachfolger auf

Hawaii (genannt John)

Am 26. Dezember 1856 in Gruppenbühren

nordwestlich von Delmenhorst geboren, hatte

Johann Friedrich Hackfeld nach seiner Lehrzeit

bei der Firma Papendiek in Bremen seine

Militärzeit absolviert und war dann 2O-jährig in

das Unternehmen seines Onkels in Honolulu

eingetreten. Als Mitarbeiter der Konzernleitung

hatte er sich außerordentlich bewährt, sodass

er 1903 nach dem Tode von Paul Isenberg allein

verantwortlich die Unternehmensführung auf

Hawaii übernahm. Doch schon zuvor, 1888, heiratete

er eine Nichte von Paul Isenberg, Julita

Berkenbusch aus Pueblo in Mexiko. Aus dieser

Ehe sind die Töchter Julia und Marie-Dorothee

hervorgegangen. Aus den Überlieferungen ist

zu entnehmen, dass es außergewöhnlich hübsche

Damen gewesen waren.

Wie schon Heinrich Hackfeld, so pflegten

auch sein Schwager Johann Pflüger und Neffe

Johann Friedrich Hackfeld enge persönliche

Kontakte zu dem hawaiischen König Kamehameda.

So war es nicht ungewöhnlich, dass der

König mit seinem Gefolge schon morgens um

5.00 Uhr im Hause Hackfeld erschien, um einzukaufen

und sich beim Kaffeetrinken bedienen

zu lassen. Johann Friedrich Hackfeld war

zum Berater des Königs aufgestiegen und er

galt insgeheim als ..König von Honolulu". Selbst

Banknoten von Hawaii trugen den Namen

Hackfeld.

Auf dem Sterbebett liegend war es dem

König Kamehameda ein wichtiges Anliegen,

Heinrich Hackfelds Schwager Johann Pflüger zu

versichern, dass die vom Hause Hackfeld geliehene

Schuldsumme umgehend zurückgezahlt

werden würde. Johann Pflüger war inzwischen

zum Minister und bevollmächtigten Gesandter

des Königshauses von Hawaii aufgestiegen.

Bleibt noch zu erwähnen, dass die königliche

hawaiische Armee vom Hause Hackfeld eingekleidet

wurde, wobei die Uniformen in der

Schneiderei Hering in Bremen - früher gegenüber

der Wallmühle - angefertigt wurden.

Fortan durfte sich die Uniformschneiderei

Hering mit dem Titel „Königlich Hawaiische

Hofschneiderei" schmücken. Übrigens, die

hawaiische Armee wurde von einem deutschen

Offizier ausgebildet. Ebenso wurde die Militär-

Musikkapelle von der Firma Hackfeld unterstützt,

denn auch die Musik spielte eine verbindende

Rolle zwischen den beiden doch so

unterschiedlichen Volksgruppen. So hat der

Potsdamer Kapellmeister Heinrich Berger von

1872 bis 1915 als Leiter der Royal Hawaiian

Band sich als Komponist engagiert, sodass ihn

die Königin Lili Uokalowi als ,.Vater der hawaiischen

Musik" bezeichnete, denn von ihm

stammt auch die Nationalhymne -Aloha He-.

Bis 1914 war die Firma Hackfeld das größte

Unternehmen im Südseeraum und noch heute

leben etwa 25000 Menschen rein deutscher

Abstammung auf Hawaii. Die Hackfeldsche

Firma hat in diesen Jahrzehnten vor Ausbruch

des l. Weltkrieges ihre größte Blüte erlebt.

Johann Friedrich Hackfeld war nicht nur im

geschäftlichen Leben, sondern auch in der

öffentlichen Begegnung in Honolulu eine

angesehene Persönlichkeit. Mit dem hawaiischen

Ehrenbürgerrecht ausgezeichnet, leistete

er durch seinen Einfluss für die Übernahme

der Inseln durch die Vereinigten Staaten wertvollste

Dienste. Im Sternbanner der USA nimmt

Hawaii den 50sten Platz ein.

Der Wert der von Johann Friedrich Hackfeld

geführten Firma wurde auf rund 18 Millionen

Dollar geschätzt.

Als Korrespondenzreederei der Firma Hackfeld

in Honolulu verschiffte die Firma Pflüger in

Bremen europäische, vorwiegend deutsche

Waren nach Hawaii. Die eigene Schiffstonnage

reichte nicht mehr aus, sodass fremde Segler

und Dampfer gechartert werden mussten. Von

der Stecknadel bis zur Lokomotive, Stoffe,

Bekleidung, Bier, Seife, Zement usw. gab es ja

kaum etwas, was nicht in den Schiffen der Firmen

Hackfeld und Pflüger verfrachtet worden

wäre. Darüber hinaus besaß man eigene Sägewerke

und Maschinen zur Bearbeitung von

Rohkaffee.

Der Nordbremer Schriftsteller Ulf Fiedler

schreibt in seinem Buch:

„Die Firma Hackfeld und Co. gründete Niederlassungen

in Kamschatka und Alaska, in der

Südsee und an vielen Plätzen der Welt. Der

Blumenthaler Kapitän Dallmann, selbst Ehrenbürger

von Hawaii, landete im Auftrag Hackfelds

als erster auf der Wrangelinsel an der sibirischen

Eismeerküste. Hackfeld selbst war Konsul

von Honolulu und hisste an Feiertagen in

Lesum die Flagge von Honolulu.“ Soweit Ulf

Fiedler.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass neben

der persönlichen Tüchtigkeit dieses Mannes

und die verwandtschaftlichen Verbindungen in

der Konzernspitze zahlreiche Menschen aus

Bremen und anderen deutschen Landen zum

Aufstieg und Erfolg des Hackfeldschen Unternehmens

beigetragen haben. Sowohl deutsche

Kaufleute, Handwerker und Landwirte haben

ihren beruflichen Weg hier gemacht. Pfarrer

und Lehrer aus Deutschland wurden gerufen,

um in dem von Hackfeld und Isenberg gestifteten

Gotteshauses zu predigen und in der Schule

zu lernen.

Johann Friedrich Hackfeld wurde auf Hawaiisch

„Hakapila“ und Johann Diederich Pflüger

wurde „Feluga“ genannt. Die Übersetzung von

Paul Isenberg ist mir nicht bekannt.

Und nun zur

entscheidenden Enteignung

Nach dem 1917 erfolgten Kriegseintritt der

Vereinigten Staaten von Amerika fand die

gesamte Geschäftsentwicklung ein jähes Ende.

Durch Beschlagnahme der in deutschen Händen

befindlichen Firmenanteile wurde der Verkauf

an ein amerikanisches Wettbewerbsuntenehmen

ermöglicht und gegen Ende des Krieges

durchgesetzt. Johann Friedrich Hackfeld

hat den Wandel nur aus der Ferne miterlebt,

denn er befand sich bei Kriegsausbruch in

Deutschland. Seine Frau Julita hielt sich mit den

beiden Töchtern bereits seit dem Jahre 1900

aus klimatischen und gesundheitlichen Gründen

in Bremen auf. Wäre Johann Friedrich

Hackfeld beim Umbruch in Honolulu gewesen,

hätte er an dem Ergebnis gewiss nichts ändern

können. Danach hat er Hawaii nie wieder betreten.

Der Prozess um die Eigentumserklärung hat

bis zum Beginn des 2. Weltkrieges gedauert,

verlief für die früheren Eigentümer jedoch

6 RUNDBLICK Frühjahr 2018


erfolglos. Der geringste Betrag an die späteren

Erben soll immerhin noch 150.000 DM betragen

haben. Johann Friedrich Hackfeld lebte als Privatmann

in Bremen.

Am 27. August 1932 verstarb er in Glotterbad

im Schwarzwald während einer Kur im Alter

von 75 Jahren. Er wurde im Familiengrab auf

dem Riensberger Friedhof beigesetzt.

In den überlieferten Schriftstücken wird er

als ein ruhiger und sachlicher Mann beschrieben,

dessen Charakter mit den Worten „vornehm

und ausgeglichen" beschrieben wird. Er

war sich seiner besonderen Stellung bewusst

und so heißt es „ohne dass er die eine Hand wissen

ließ, was die andere tat".

Sein Familienleben wird als vorbildlich beurteilt,

persönlich still, bescheiden und

anspruchslos. Nicht als Eigentümer, sondern als

Verwalter seines Vermögens fühlte er sich, so ist

zu lesen in seiner Biografie.

Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass er

seinen Reichtum teilte, sowohl die kirchlichen,

aber auch die bürgerlichen Einrichtungen

haben davon profitiert.

Johann Friedrich Hackfeld besaß kein Auto,

auch keine Kutsche, wie es früher üblich war.

Ein Glas Rotwein und eine Zigarre genoss er nur

bei besonderen Anlässen. Er war ein Freund

guter Musik und er schätzte besonders Männerchöre.

Dr. Prüser schreibt über Johann Friedrich

Hackfeld: „So steht ein Bild vor uns, das eines

untadeligen Menschen und eines wahren Christen

von echter Nächstenliebe"

Nun hatte ich berichtet, dass sich Johann

Friedrich Hackfeld bei Ausbruch des 1. Weltkrieges

bereits in Deutschland befand. Hier in

Bremen lebte die Familie in ihrem Haus in der

Parkallee, in Sommermonaten jedoch - von Mai

bis September - wohnte man in dem Sommerhaus

in St. Magnus. Dieses große, massive Haus

hinter der heutigen Kirche in St. Magnus, hatte

der Neffe des Unternehmensgründers um 1900

erbauen lassen. Nach einem Gespräch mit

Pastor Berger erfuhr ich, dass das bis zur Bahnlinie

reichende Grundstück eine Fläche von 42

Morgen einnahm und dort, wo sich jetzt die

Sommerhaus der Familie Johann Hackfeld hinter

der ev. Kirche in Bremen-St. Magnus. Das

Haus dient heute als Begegnungsstätte für

Senioren und die obere Etage wird als Jugendtreff

genutzt. Foto aus Privatbesitz

Sparkassenfiliale befindet, standen große

Gewächshäuser. Vor seinem Sommersitz in St.

Magnus hatte Konsul Hackfeld einen Fahnenmast

setzen lassen, der von Hawaii stammte und

so lang war, dass er hinter dem Schiff hergezogen

werden musste. An den Festtagen wurde

dann die Flagge von Hawaii gehisst.

Ein Blitzschlag hat dem Fahnenmast ein

jähes Ende bereitet. Dieser Sommersitz hatte

damals die Bezeichnung „Tannenhof“ in

Neuschönebeck.

Heinrich Hackfeld, nun wieder zurück zum

Gründer des Unternehmens, hat trotz seiner

Erfolge und seines märchenhaften Reichtums

nie seine Heimat und seine ärmliche Kindheit

vergessen. So wurde seinem Wunsche entsprechend

von seinem Vermögen - ein Jahr nach seinem

Tode - 1888 in Ganderkesee der „Hackfeldsche

Marienfonds" gegründet. Bis heute waren

aus den Zinserträgen Stipendien für besonders

begabte Jugendliche evangelisch-lutherischer

Konfession gewährt, um ihnen eine über den

Hauptschulabschluss hinausgehende Ausbildung

zu bieten. Die Witwe des verstorbenen

Heinrich Hackfeld und der Neffe haben das

Stiftungskapital von 75.000 Mark dem Kuratorium

unter der Oberaufsicht der ,,Großherzoglichen

Commission für Verwaltung" übergeben.

Allerdings stellte das Kuratorium in einer Sitzung

am 16. Januar 1956 fest, dass nicht mehr

viel zu verwalten war. An dieser Sitzung nahmen

der Ganderkeseer Bürgermeister, der evangelische

Ortspfarrer und der Rektor der Volksschule

teil. Der stolze Betrag von 75.000 Mark

war auf 3.200 DM zusammengeschmolzen.

Inzwischen ist der „Hackfeldsche Marienfonds"

wieder aufgefüllt worden auf etwa 35.000 Euro,

obwohl der Ganderkeseer Gemeinderat 1956

vor der Frage stand, die Stiftung aufzulösen.

Interessant noch zu erwähnen, dass der Stiftungszweck

sich insbesondere an Knaben richtete,

um ihnen eine weiterführende Ausbildung

als Lehrer, Pfarrer, Arzt, Tierarzt oder ähnliches

zu ermöglichen.

In Erinnerung an die Leistungen und Verdienste

der Familie Hackfeld sowie an Paul Isenberg

und an Johann Carl Diederich Pflüger hat die

Die heutige Ansicht des ehemaligen Sommerhauses

der Familie Johann Friedrich Hackfeld in

Bremen-St.Magnus

Foto aus Privatbesitz

Stadt Bremen mit den folgenden Straßenbenennungen

den hier beschriebenen Persönlichkeiten

ein bleibendes Denkmal gesetzt. In St.

Magnus ,,An Hackfelds Park" (Lt. Senatsbeschluss

vom 26.11.1979) und in Schwachhausen

„Hackfeldstraße", „Isenbergweg" und „Pflügerweg".

An der Contrescarpe 101 eröffnete der Bremer

CVJM im Jahre 1928 sein eigenes Vereinshaus.

Dieses villenartige Gebäude wurde allerdings

im 2. Weltkrieg zerstört. Schon die

Namensgebung des 1955 errichteten Konsul -

Hackfeldhauses in der Birkenstraße macht

deutlich, dass sich der Bremer Jugendverein der

Familie Hackfeld noch nach langen Jahren verpflichtet

fühlt.

Johann Friedrich Hackfeld hat dem Bremer

CVJM für den Kauf des ersten Vereinshauses die

beachtliche Summe von 30.000 Mark zur Verfügung

gestellt. Später sind dem Bremer CVJM

weitere 25.000 Mark zugeflossen. Gewiss hatte

auch Marie Gesine Hackfeld ihre wohltätige

Hand dabei und dieses jugendfördernde Projekt

zustimmend begleitet.

Das „Haus an der Weser" der Bremer Heimstiftung

ist der Nachfolgebau des im Jahre 1890

von Johann Friedrich Hackfeld auf den Rönnebecker

Weserklippen. Zuvor gehörte das Anwesen

einem Zöllner. Während der Sommermonate

wurden in dem erheblich vergrößerten

Haus Bremer Kinder im Wechsel von 6 bis 8

Wochen zur Erholung hier aufgenommen.

Bezugnehmend auf die Inselgruppe im Pazifik,

zu der auch Hawaii gehörte, und auf der das

Hackfeld-Unternehmen große Plantagen

besaß, übertrug der Mäzen Hackfeld den

Namen der Sandwichinseln auf dieses Haus als

„Sandwichheim". Übrigens: J.F. Hackfeld war

daran interessiert, die Sandwichinseln als deutsches

Kolonialgebiet zu gewinnen, doch die

Amerikaner waren dagegen und Bismarck ließ

das entsprechende Schreiben unbeachtet in

seinem Schreibtisch liegen. So wurde nichts

daraus.

Marie Gesine Hackfeld

hat durch großzügige

Schenkungen in Bremen

Spuren hinterlassen

Gehen wir nochmal zurück zu Heinrich

Hackfeld, dem 1887 verstorbenen Gründer des

Unternehmens und seiner dreißig Jahre später

verstorbenen Ehefrau Marie Gesine. In den Jahren

1888 bis 1909 wurde der Bremer Dom

umfangreich restauriert. In dieser Zeit wurden

auch die beiden großen metallenen Domtüren

an der Westfront angefertigt und mit biblischen

Szenen des Alten und Neuen Testaments versehen.

In Erinnerung an ihren verstorbenen Mann

hat Marie Gesine Hackfeld die Finanzierung der

Türen übernommen, wobei der Bronzeguss der

linken Seite der rechten Tür das Bildnis einer

knienden Frau vor dem segnenden Christus

zeigt. Im oberen Feld sieht man einen Landmann

mit einem Pflug. Beide Motive zeugen

von einer Verbindung zu der Familie Hackfeld.

RUNDBLICK Frühjahr 2018

7


Auf dem Lesumer Friedhof an der Bördestraße

befindet sich links vom Ehrenmal ein

schlichtes kurzes Holzkreuz zur Erinnerung an

die im 1. Weltkrieg vermissten Soldaten.

Und im Turmzimmer der evangelischen St.

Martini Kirche zu Lesum hängt ein großes Christusbild,

das vor etlichen Jahren als Altarbild im

großen Kirchenraum seinen ursprünglich vorgesehenen

Platz hatte. Es ist die Arbeit der

Burgdammer Malerin Elisabeth Rapp, die auch

ihrer vielen Katzen wegen als Katzenmutter

bekannt war. Sie wurde unterstützt von Marie

Gesine Hackfeld, die das Bild in Auftrag gegeben

hatte. Das zuvor beschriebene Vermisstenkreuz

auf dem Lesumer Friedhof geht ebenfalls

auf die Initiative der Frau Hackfeld zurück.

Die Witwe Marie Gesine Hackfeld erwarb

1888 einen Sommersitz in Lesum am heutigen

„Admiral-Brommy-Weg". Die 1870 erbaute Villa

war ihres Aussehens wegen im Volksmund als

„Kaffeemühle" bekannt. Die Familie Drettmann

als späterer Besitzer hat das Haus 1933

abreißen und durch einen Neubau ersetzen lassen,

der danach von der Familie des Barons

Uslar von Gleichen als Wohnsitz diente.

Nun sind an vorheriger Stelle die von Marie

Gesine Hackfeld gestifteten Domtüren erwähnt

worden. Dabei bietet es sich an, die schöne

Rokokofassade des so genannten Pflügerschen

Hauses am Bremer Marktplatz in die Betrachtung

mit einzubeziehen. Heute hat die Sparkasse

wohl ihre schönste Filiale dort eingerichtet.

Der Schwiegervater von Heinrich Hackfeld

kaufte im Jahre 1836 das für den Ratsherrn und

Weinhändler Georg Hoffschläger 1755 erbaute

Haus, welches sich an der Schlachte befand und

die Hausnummer 31 B trug. Anfang der 20er-

Jahre des letzten Jahrhunderts wurde das

Gebäude unter Verwendung der Rokokofassade

von dem Architekten Albert Dunkel neu gestaltet.

Das Haus brannte 1944 nach einem Luftangriff

aus, doch die schöne Fassade wurde geborgen

und 1958 für den Neubau der Sparkassenfiliale

Ecke Langenstraße-Marktplatz wieder

verwendet. Friedrich Pflüger war nicht nur

Schiffsmakler, sondern er soll auch eine Gaststätte

in dem Gebäude betrieben haben und

auf der Weser hatte er ein kleines Fährboot liegen.

Nach meinem Hackfeld-Vortrag beim Seniorenkreis

der evangelischen Kirchengemeinde

in St. Magnus in dem ehemaligen Hackfeldschen

Sommerhaus bekam ich von August

Rohlfs eine Bassumer Jubiläumsschrift. Darin

wurde berichtet, dass der Bruder der Marie

Gesine Hackfeld - Georg Pflüger - 20 Jahre von

der Bassumerin Fräulein Schlu in ihrem Hause

aufopferungsvoll gepflegt worden ist. Er verstarb

am 8. März 1900 siebzigjährig. Die Bremer

Konsulswitwe und Schwester des Verstorbenen

wollte sich im Nachhinein erkenntlich zeigen,

doch die Pflegerin Agnes Schlu hatte nur einen,

aber großen Wunsch, Geld für ein in Bassum zu

errichtendes Krankenhaus. Marie Gesine wollte

30.000 Goldmark zur Verfügung stellen, aber

nur unter der Bedingung, dass das Krankenhaus

bis zum 1. Mai 1903 in Betrieb genommen werden

würde und zweitens, dass es groß genug

wäre für ein Einzugsgebiet von 1.000 Menschen.

In einer Bremer Zeitung war am 15. Dezember

2003 zu lesen: „Das Bassumer Krankenhaus

ist heute hundert Jahre alt. Am Wochenende

wurde das Jubiläum im kleinen Kreis gefeiert.

Die Stadt Bassum benannte eine Straße nach

Marie Hackfeld, die mit 30.000 Goldmark

damals den finanziellen Grundstock für dieses

Haus gelegt hatte. Bürgermeister Wilhelm Baker

enthüllte das Namensschild der spendablen

Bürgerin." Während einer Halbtagesfeier des

Lesumer Heimatvereins am 26. Mai 2003 zur

Besichtigung des Damenstifts in Bassum führte

mich anschließend mein Weg zum nahe gelegenen

Krankenhaus. Das 1903 erbaute Haus musste

im Jahre 1983 einem Neubau weichen. Von

dem ehemals mit 20 Betten ausgestatteten

Krankenhaus konnten mir von dem Verwaltungsleiter

Herrn Feldmann lediglich zwei

Ansichtskarten ausgehändigt werden. Die dienen

nun als Bereicherung meiner Dia-Serie und

die kopierten schriftlichen Unterlagen runden

das Bild über die Familie Hackfeld ab.

Bleibt noch zu erwähnen, dass das Delmenhorster

Kreisblatt im Mai 1998 berichtet hat,

dass sich im Bremer Bürgerpark eine Marie

Hackfeld-Brücke befindet. So schön es auch

wäre, doch diese Meldung stimmt nicht!

Die Enkeltöchter der Eheleute Johann Friedrich

und Julita Hackfeld, Gisela Grabenhorst

aus Schwachhausen und Ruth Nagel aus Schönebeck,

waren vor Jahren Gäste in meinem

Freundeskreis beim Bremer CVJM. Ihnen danke

ich für einen Teil der Informationen, ebenso

dem Ehepaar Gisela und Heinz Hackfeld aus

Bremen-Aumund. Gisela Grabenhorst sagte:

„Unser Großvater hat darauf hingewiesen, dass

der Wohlstand nicht selbstverständlich sei, und

sie könne sich nicht daran erinnern, dass er viel

Autorität besaß."

Der Bremer Professor Leuthold sagte abschließend

in einem Zeitungsbericht, dass sich Bremens

historischer Ruf und Unternehmenskultur

auf Persönlichkeiten wie Hackfeld und Pflüger

stützen und heute gebe es auf Hawaii noch

Spuren des ehemaligen Weltunternehmens

Hackfeld.

Abschließend äußere ich meine Hoffnung,

dass das Bremer CVJM-Gebäude aus gutem

Grund noch lange die Bezeichnung „Konsul -

Hackfeld-Haus" tragen möge. Mein Dank gilt

Gisela Grabenhorst, Ruth Nagel, Pastor Berger

und August Rohlfs für die nützlichen Informationen.

Rudolf Matzner

Das ehemalige Isenbergheim in der Bremer Kornstraße

8

Foto: R. Matzner

RUNDBLICK Frühjahr 2018


Paul Isenberg, 15. April 1837-16. Januar 1903

Foto: R. Matzner

Nachtrag: Der Zuckerfabrikant

Paul Isenberg

Wenngleich Paul Isenberg nicht unmittelbar

zur Hackfeldfamilie zuzurechnen ist — wie etwa

Carl Diederich Pflüger - so hat er doch in der

Hackfeldschen Konzernspitze eine führende

Position eingenommen. Heinrich Hackfeld

hatte das große Glück, in seiner Personalpolitik

verantwortungsbewusste und fleißige Fachleute

um sich zu scharen, die den Erfolg des

Unternehmens maßgeblich beeinflusst haben.

Nun ist Paul Isenberg in diesem Aufsatz zwar

erwähnt worden, doch die späteren Stiftungen

dieses Mannes und seiner Frau Beta, geborene

Glade, sind der Anlass, den Weg und die Verdienste

der Isenbergs etwas ausführlicher in

diesem Nachtrag zu beschreiben:

Das große Bremer Lexikon von Professor Dr.

Herbert Schwarzwälder gibt zu diesem Thema

folgende Auskunft:

„Isenberg, Paul: Zuckerfabrikant, geboren am

15. April 1837 in Dransfeld, gestorben am 16.

Januar 1903 in Bremen.

Isenberg, Beta: geboren am 12. Mai 1846 in

Bremen, gestorben am 10. März 1933 in Bremen.

Paul Isenbergs Vater war Pastor zu Dransfeld,

später Superintendent in Wunstorf; der Sohn

besuchte das Realgymnasium in Braunschweig

und ging 1858 zur Ausbildung als Landwirt

nach Hawaii, wo er zunächst Verwalter auf einer

Vieh-Ranch, dann auf einer Zuckerplantage

wurde. 1861 heiratete er die Tochter des

Eigentümers der Plantage und übernahm nach

einigen Jahren deren Verwaltung. 1867 starb die

Frau von Paul Isenberg. In dieser Zeit knüpfte er

Beziehungen zu Heinrich Hackfeld an, der auch

im Zuckergeschäfl tätig war. 1869 schloss Paul

Isenberg eine zweite Ehe mit Beta Glade, Tochter

eines Bremer Kramers. 1878 zog das Paar

RUNDBLICK Frühjahr 2018

Beta Isenberg, 12. Mai 1846-10. März 1933

Foto: R. Matzner

nach Braunschweig, 1879 nach Bremen und

bezog das Haus Contrescarpe Nr. 3, das 1912

dem Bau des Schauspielhauses weichen musste.

1881 wurde Paul Isenberg Teilhaber, 1889 Leiter

der Zuckerfabrik Heinrich Hackfeld & Co. Nach

dem Tode von Paul Isenberg (1903) blieb die

Firma in der Hand der Familie. Die Witwe, Beta

Isenberg, zog 1912 in das große Haus Contrescarpe

Nr. 19. Sie setzte die Großherzigkeit ihres

Mannes fort. Er hatte vor allem dem Ellener Hof,

einer Erziehungsanstalt für Knaben, mehrfach

Spenden überwiesen. In seinem Todesjahr gingen

100.000 Mark an die Paul-Isenberg-Stiftung,

deren Zinsen dem Ellener Hof zur Verfügung

standen. Beta Isenberg war zudem Vorsitzende

des „Vereins für eine Zufluchtstätte für

Frauen und Mädchen". Nach zwei Provisorien

wurde 1914/15 nach den Plänen der Architekten

Abbehusen und Blendermann ein Haus an

der Kornstraße 209-211 gebaut, für das Beta

Isenberg 100.000 Mark stiftete. In ihm wurde

ein Kinderheim eingerichtet, das den Namen

„Isenberg-Heim" erhielt.

Im 1. Weltkrieg ging das Isenberg-Vermögen

auf Hawaii verloren, nach dem Kriege schmolz

das Geldvermögen durch die Inflation zusammen.

Die Isenberg-Stiftung (Ellener Hof) wurde

1966 aufgelöst. Das Haus an der Contrescarpe

Nr. 19 dient heute dem Institut Francais.

Das Isenbergheim an der Kornstraße wurde

1915 fertiggestellt und nahm nach Kriegsbeginn

Kriegswaisen auf, auch wurden

Angehörige von Gefallenen betreut. Seit 1933

nur Kinderheim. Im 2. Weltkrieg war das Haus

überfüllt mit Töchtern von Soldaten und

Rüstungsarbeiterinnen. Oft mussten Hausbewohner

in Dörfer der Bremer Umgebung

umquartiert werden. Nach 1945 nur Mädchenheim.

1950 wurde das Gartenhaus für 22 weibliche

Lehrlinge ausgebaut. Das Heim ging 1960

an die Innere Mission, wurde 1978 als

Mädchenheim aufgegeben und in einen

„beschützenden Wohnraum für ältere Männer

mit besonderen sozialen Problemen" umgewandelt.

Aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegen,

wurde Paul Isenberg auf Hawaii als „Zuckerkönig"

angesehen. Der Bau einer großen Raffinerie

- so hoffte er - würde ihn zum „Kaiser" der

Hawaiischen Zuckerindustrie machen. Der Lauf

des Schicksals nahm jedoch seine Wendung.

1881 entwindet Johann Carl Pflüger mit

Unterstützung von Paul Isenberg dem Zuckerkönig

Claus Spreckels die Herrschaft über die

hawaiischen Zuckerrohrpflanzer, die sich nun

dem Hackfeld-Unternehmen anschließen.

Und damit enden meine Aufzeichnungen

über den märchenhaften Aufstieg der Familien;

man könnte auch sagen, Geschichten, die das

Leben schrieb. - Dabei habe ich auch berichtet

von einer Inselgruppe in der Südsee, die etwa

16.000 km und rund dreißig Flugstunden von

Bremen entfernt ist, und dennoch gab es durch

Bremer Kaufleute enge Verbindungen zu unserer

alten Hansestadt Bremen.

Es ist wahrlich:

eine Insel aus Träumen geborgen!

Rudolf Matzner

Weitere benutzte Quellen:

Aufzeichnungen von Prof. Dr. Alexander Pflüger,

Bonn 1932

Aufsatz von Dr. Prüser, Bremen

Buch „Bremische Landgüter" Dr. Stein, Bremen

Sonderdruckbuch „Bremische Biografie 1912-

1962"

Archiv des Bremer CVJM

Lesumer Heimatbuch, G. Schmolze

Eigenes Zeitungsarchiv

Hauszeitung der Bremer Heimstiftung

‘n beten

wat op Platt

Redensarten unserer

engeren Heimat

Wenn de Bottern all is, hett dat Smären `n

Enne.

Achtern Barg ward ok Botterkoken backt.

De ruugsten Fohlen weerd de besten Peer.

Gegen `n Foor Mest kann`n nich anstinken.

Wenn de Göös` Water seht, denn wüllt se

supen.

Keen dat Letzte ut`n Kroog nimmt, den

fallt de Deckel op`r Näs.

De Fulen drägt sick doot, de Fliedigen loopt

sick doot.

(Aus „Plattdüütsche Lüde – gistern un

hüde“, 1962)

Peter Richter

9


Erinnerung an die ehemaligen Burglesumer

"Mühlenbach Lichtspiele"

Schaut man heute ins aktuelle Bremer Branchen-Telefonbuch,

dann findet man Eintragungen

von nur noch sieben Kinos. Das ist eine

unvorstellbar geringe Anzahl im Vergleich zu

den Lichtspielhäusern in der Zeit der 60er- und

7Oer-Jahre des letzten Jahrhunderts. Man

konnte früher davon ausgehen, dass jeder

Stadtteil zumindest über ein Kino-Theater verfügte.

Das Fernsehen hat als Heimkino zahlreiche

Kinos verdrängt und die wenigen noch

erhaltenen, und insbesondere die neu hinzugekommenen

Spielstätten, sind an Ausstattung

und Technik enorm verbessert und modernisiert

worden. Dazu passend sind dann auch die

zunächst ungewohnten Namen zu lesen, wie

Cinemaxx, CineStar, Kristal-Palast, wobei die

Schauburg noch an alte Zeiten erinnert.

Das bekannteste Vergnügungslokal dieser Art

in Burglesum befand sich an der Kreuzung Hindenburgstraße/Bremer

Heerstraße, dort wo später

das Jugendheim entstand. Lange Jahre als

"Mühlenbach Lichtspiele" bekannt und hier

gegenüber steht auch heute noch das Gasthaus

"Stadt London". Nach mehrmaligem Pächterwechsel

ist nun ein asiatisches Speiselokal dort

eingezogen.

Eigenartigerweise wurde in einem Zeitungsbericht

von 1979 auch dieses Kino als "Stadt

London" bezeichnet. Es ist wirklich unverständlich,

wie der Schreiber vor 35 Jahren auf diese

irrtümliche Bezeichnung hereingefallen ist. Der

Name "Mühlenbach Lichtspiele" ist zurückzuführen

auf die ehemals hier gestandene Blendermannsche

Mühle. Im Volksmund wurde sie

auch die Untermühle genannt.

In meinem Aufsatz vom September 2O14

über "Hillmanns Hotel und die familiäre Verbindung

nach Burgdamm" hatte ich aus der Familienchronik

berichtet, dass der Bruder des Bremer

Hoteliers Johann Heinrich Hillmann, der i.J.

1796 geborene Johann Carl Hillmann, 1831

nach Lesum gezogen ist. In der Sterbeurkunde

wurde er als Halbhöfner und Posthalter

bezeichnet. Es ist nicht überliefert, ob Johann

Carl Hillmann auch der Bauherr war und es ist

auch nicht bekannt, wann dieses günstig gelegene

Haus erbaut worden ist. Zumindest weiß

man, dass in diesem Haus von 1862 bis 1911 sich

die Königlich Hannoversche Posthalterei

befand, die von Johann Carl Hillmann verwaltet

wurde.

Interessanterweise war am Ostgiebel des

Gebäudes ein steinerner Reichsadler zu sehen,

der beim Abbruch des Hauses 1979 in drei Teile

zerbrach. Die Vegesacker Post war sehr darauf

bedacht, das vermeintliche Postwappen zu bergen

und im Keller des Verwaltungsgebäudes zu

lagern. Nachforschungen haben ergeben, dass

es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um den

Reichsadler des neuen deutschen Reiches handelt.

Wie auch immer; die Post betrachtete das

Wappen als ihr Eigentum und so sehen wir die

steinerne Erinnerung an die ehemalige Burgdammer

Post heute unter einer Glaswand links

vom Eingang zum Postgebäude an der Schafgegend.

Sollte es als historisches Andenken

gedacht sein, dann wirkt das über ein Meter

hohe Wappen doch recht verloren an dieser

kaum beachteten Wand.

Doch zurück zu den früheren "Mühlenbach

Lichtspielen" In den unteren Räumen des Hauses

befand sich eine Gaststätte mit Namen

"Zum Tunnel". Eigentlich waren es ausgebaute

Kellerräume, die wegen ihrer Gemütlichkeit

nicht nur von den Einheimischen sehr geschätzt

wurden. Es ist berichtet worden, dass sich im

Haus auch ein Saal für Tanzvergnügen und Ausstellungen

anbot und selbst der Radfahrverein

zeigte hier seine akrobatischen Kunststücke.

Darüber hinaus gab es an der seitlichen Außenfront

des Hauses einen schönen Freiluftbereich,

der als "Thielbars Sommergarten" bekannt war.

Es war nicht zu ermitteln, wann die

"Mühlenbach Lichtspiele" ihren Betrieb aufnahm,

wohl aber, dass es ein gut florierendes

Unternehmen gewesen sein muss. Der Inhaber

Gauert habe als Filmbegleiter die Besucher mit

Ansichtskarte von 1909. Rechts das Schild Postamt.

Foto: Archiv R. Matzner

10 RUNDBLICK Frühjahr 2018


seiner Geige unterhalten. Kurz nach dem Zweiten

Weltkrieg waren in diesem Kino die schönsten

Filme mit Marika Rökk zu sehen. Eine

besondere Anziehungskraft hatte der Film

"Moulin Rouge" Es ist doch erstaunlich wenn

man erfährt, dass die verschiedenen Veranstaltungen

mit der jeweilig passenden Dekoration

schon im Vorraum eingeleitet wurden. So wurden

z.B. bei der Aufführung des Filmes "Grün

ist die Heide", die Zuschauer schon im Theatervorraum

zur Einstimmung mit Birkengrün und

Heidekraut als Wandschmuck begrüßt.

Die Kinoveranstaltungen hatten dann im

Laufe der Zeit an Attraktivität verloren.

Zunächst versuchte man durch Kinderfilme den

Betrieb aufrechtzuerhalten und als letzte

Anstrengung wurde den männlichen Besuchern

die ersten gewagten Pornofilme angeboten.

Heute würden wir darüber laut lachen, doch

Sitte und Anstand wurden beachtet und jeder

Zuschauer wurde angehalten, sich namentlich

in ein großes Anwesenheitsbuch am Saaleingang

einzutragen. Die Kinobesucher trugen

sich mit den unmöglichsten Namen ein, von

Schauspielern, Wissenschaftlern und sogar mit

Namen ehemaliger Naziführer und dergleichen.

Etwa 1976 wurde der gesamte Gebäudekomplex

von der Stadtgemeinde aufgekauft, um die

Straßenführung dem Verkehr anzupassen und

letztlich um Platz zu gewinnen für das Jugendfreizeitheim.

Eine Abbruchfirma aus Farge hatte dafür

gesorgt, dass nur noch die Erinnerung bleibt.

Quellenangabe:

U. Ramlow. Burglesum 1860-1945

A. und G. Schmölze. An der Lesum

Eigenes Zeitungsarchiv

Gespräche mit Zeitzeugen

Rudolf Matzner, Januar 2O16

Ein Haus voller Geschichten wurde um 1979

abgerissen. Früher befanden sich in dem

Gebäude das Kino „Mühlenbach Lichtspiele“,

die Posthalterei, ein Friseurgeschäft, eine Gaststätte

mit Saal und ein Sommergarten.

Foto: Archiv R. Matzner

Sommergarten, Burgdamm am Mühlenbach.

RUNDBLICK Frühjahr 2018

Foto: Archiv R. Matzner

11


Ein Gnadenhof für Störche

Die Storchenstation in Berne, Ortsteil Glüsing

Störche Collage

Foto: Maren Arndt

In Berne in der Wesermarsch, Ortsteil Glüsing,

gibt es eine Auffangstation für verletzte

Störche. Udo Hilfert gründete diese Station

1992 auf seinem Grundstück in Privatinitiative.

Seitdem kümmert sich die ganze Familie Hilfers

um Störche. Es hat sich herumgesprochen, aus

der gesamten Region werden verletzte Störche

nach Berne gebracht. Die Station ist eine vom

Land Niedersachsen anerkannte Storchenpflegestation,

dauerverletzte Störche findet dort

eine Bleibe auf Lebenszeit.

2017 hatte Familie Hilfers mehrere Gründe

zum Feiern. Die Storchenstation hatte 25-jähriges

Jubiläum, der gemeinnützige Verein bestand

seit 10 Jahren und feierte sein 1000. Mitglied.

Zudem war 2017 in der Wesermarsch ein wirklich

erfolgreiches Storchenjahr, trotz des nassen

Sommers. Laut Udo Hilfers brüteten 128 Storchenpaare

und zogen 312 Junge groß.

Die weitläufige Wiesenlandschaft mit einem

großen Nahrungsangebot ist wohl mit ein

Grund dafür, dass sich in der Wesermarsch eine

regelrechte Storchenkolonie gegründet hat.

Ausgewilderte, gesunde Störche kehrten im

Frühling aus dem Süden zurück und bauten

neue Nester. Allein die dauerhaft in der Pflegestation

lebenden Störche zogen im vergangenen

Sommer 45 Küken groß, die beringt wurden

und ausflogen. Viele davon werden zurückkehren

nach Berne. Das wäre ohne menschliche

Hilfe und Unterstützung nicht möglich gewesen.

Die Wesermarsch ist ein Schwerpunktgebiet

für Weißstörche in ganz Niedersachsen.

Leider richtete Orkan Xavier großes Chaos in

der Storchenstation an. Bäume mit den zentnerschweren

Storchennestern knickten um. Die

Orkanböen wirbelten zentnerschwere Nester

durch die Luft, dicke Äste, auf denen Nester

gebaut waren, brachen ab. Insgesamt 16 Nester

gingen verloren. Im Laufe der Jahre trugen die

Störche unglaubliche Mengen an Nistmaterial

zusammen, all das lag nach dem Orkan zerstört

auf der Erde. Viel Arbeit für die Betreiber der

Station und es muss schnell gehandelt werden,

denn im Januar schon kehren die ersten Störche

zurück. Störche sind standorttreu und

Familie Hilfers ist nun mit Freunden, Vereinsmitgliedern

und Unterstützern dabei, neue

Nistmöglichkeiten zu schaffen.

Besucher sind auf der Storchenstation gern

gesehen. Es stehen Bänke bereit, man kann sich

Zeit nehmen für die Beobachtung der Störche.

Blumen und Gartenfreude finden ein buntes

Ambiete vor, im Sommer blüht es in allen Farben

im Garten der Hilperts. Ein Besuch dort ist

gratis, Spenden sind willkommen, ganz besonders

jetzt, da der Orkan soviel zerstört hat. Anke

und Udo Hilfers bieten für Besuchergruppen

Führungen an, die etwa eine Stunde dauern

und nach vorheriger Anmeldung stattfinden.

Der Besucher lernt dabei viel Wissenswertes

über Störche und die Arbeit in der Station. So

erfährt der Besucher u.a., dass Hilfers die Nester

vor jeder Brutsaison reinigt. Störche bauen

auch allerlei Müll und Plastik in ihre Nester ein.

So verhindert Plastik zusätzlich zu der verbauten

Lehmsilage in den Nestern, dass das Regenwasser

ablaufen kann. Der Nestboden wird wasserundurchlässig

und hart wie Beton. In kalten

und nassen Sommern ist das verheerend für

den Storchennachwuchs. Das Gelege kühlt aus,

die Eier sterben ab und Jungstörche erfrieren.

Sehr wichtig ist also auch die jährliche Reinigung

und Instandsetzung der vorhandenen

Nester. Auch Kunststoffnetze und Taue können

Altvögeln und größeren Küken gefährlich wer-

12 RUNDBLICK Frühjahr 2018


den, sie verheddern sich und strangulieren sich

damit. Das passiert ebenso in der berühmten

Basstölpelkolonie auf Helgoland, wo sich regenmäßig

Tölpel in zerfetzten Fischernetzen strangulieren.

Gefahren drohen aber nicht nur im Nest. Kollisionen

mit Windkrafträdern zum Beispiel können

zu schwersten Verletzungen führen. In

Osterholz Scharmbeck wurde eine Störchin aus

dem Nest im Ortsteil Buschhausen durch ein

nahes Windkraftrad so schwer verletzt, dass

auch Udo Hilfers dem Vogel nicht mehr helfen

konnte, die Störchin musste eingeschläfert werden.

Gerettete Tiere werden im Freigehege der

Auffangstation gesund gepflegt und möglichst

wieder ausgewildert. Diejenigen ohne Chance

auf ein Überleben in der freien Wildbahn bleiben

für immer und bekommen aber auch dort

die Chance, gesunden Nachwuchs aufzuziehen.

Störchen ist ihr Zugverhalten angeboren, Jungstörche

sammeln sich und ziehen im großen

Verbund schon einige Wochen vor ihren Eltern

gen Süden. So ist es möglich, dass auch die in

Gefangenschaft geborenen Jungvögel erfolgreich

ausgewildert werden. Manche Störche

leben allerdings schon 20 Jahre mit ihrer jeweiligen

Behinderung in der Station.

Auch im Landkreis Osterholz ist die Anzahl

der brütenden Störche in den letzten Jahren

gestiegen. Allein im Tiergarten Ludwigslust sind

jährlich mindestens 2 Storchennester besetzt,.

Wildstörche, von denen vielleicht der eine oder

der andere Vogel das Licht der Welt in Berne

erblickt hat. Ein Junges aus Ludwigslust fiel im

vergangenen Jahr aus dem Nest und kam verletzt

und auf einem Auge blind nach Berne, wo

er gesund gepflegt wurde. Wegen seiner Sehbehinderung

wird er dort auch bleiben auf dem

Gnadenhof für Störche.

Maren Arndt Udo Hilfers Foto: Maren Arndt

Hunger Foto: Maren Arndt Mutter bringt Futter Foto: Maren Arndt Storchenstation Foto: Maren Arndt

Storchenstation Foto: Maren Arndt Im Apfelbaum Foto: Maren Arndt

RUNDBLICK Frühjahr 2018

13


Vor 100

Jahren…

Heimat-Rückblick:

Wie sich der Erste Weltkrieg in der

hiesigen Presse widerspiegelt

„Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!

Es lebe der Massenstreik!“ Mit diesen

Parolen ruft der Spartakusbund in Berlin im

Frühjahr 1918 zum Streik auf und fordert ein

Ende des Krieges. Rund 200 000 Arbeiter folgen

diesem Aufruf. Im gesamten Reichsgebiet und

auch in Österreich beginnen Massenstreiks.

Doch das Militär greift ein, die Streiks brechen

zusammen, der sehnlichste Wunsch der Menschen

nach Frieden erfüllt sich nicht. Aber auch

an der Front nimmt die Ernüchterung zu: Die

Begeisterung ist geschwunden, die Moral sinkt

auf den Nullpunkt.

Divisionskommandeure werfen der Heeresführung

vor, dass die Truppe trotz der Verluste

keinen einsatzfähigen Nachschub mehr erhält.

Mittlerweile werden sogar Munitionsarbeiter

nach einer Kurzausbildung an der Front eingesetzt.

Auch die Hochseeflotte in Wilhelmshaven

und Kiel meutert. Die Marinesoldaten weigern

sich, weiter zu aussichtslosen Seegefechten

auszulaufen und sich ohne Aussicht auf Erfolg

zu opfern. Aber noch ist kein Ende des Krieges

in Sicht…

Arbeitskräfte für die Landwirtschaft

– Verschickung

von Kindern

Nach dem Ende eines wieder einmal strengen

Winters soll die Vorbereitung der Äcker für die

Frühjahrsbestellung beginnen, um die notwendige

Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.

Dies erweist sich jedoch als problematisch,

fehlen vor allem dafür die Männer, die an der

Front Kriegsdienst leisten müssen. Schon im

Januar hatte die Reichsregierung deshalb Vorsorge

getragen. In einer entsprechenden

Bekanntmachung der Kreisverwaltung Osterholz

teilt Landrat Dr. Becker mit:

„Bei dem bekannten, in diesem Frühjahr

infolge vermehrter Einziehung noch verschärften

Arbeitermangel hat das Kriegswirtschaftsamt

schon jetzt mit dem deutschen

Industriebüro in Brüssel persönlich Fühlung

aufgenommen und erreicht, daß ihm eine

größere Anzahl tüchtiger Arbeitkräfte, die

landwirtschaftliche Erfahrungen besitzen,

garantiert sind, wenn die festen Bestellungen

bis Anfang Februar vorliegen. Es handelt sich

zunächst um 2 000 Mädchen und 500 Männer,

die zu folgenden Bedingungen abgegeben werden

sollen.“ Darauf folgt eine detaillierte

Beschreibung des Verfahrens, wie eine solche

„Bestellung“ zu formulieren ist.

Unter dem fortdauernden Mangel an ausreichender

Ernährung leiden die Kinder besonders.

Vor allem die in den Städten wohnenden Kleinen

sollen nun durch einen Aufenthalt „auf

dem Lande“ wieder zu Kräften kommen. Im

April wendet sich deshalb die Kreisverwaltung

an die Bevölkerung mit einer nachdrücklichen

Bitte: „Die in den Großstädten und Industriebezirken

unvermindert fortbestehenden

Ernährungsschwierigkeiten zwingen dazu, auch

in diesem Jahre eine umfangreiche Verschickung

von Kindern auf das Land in Aussicht

zu nehmen. Dank der Opferfreudigkeit der

Landbevölkerung konnten im vergangenen

Sommer mehr als eine halbe Million Kinder die

Wohltat eines Landaufenthaltes genießen und

im Herbst an Leib und Seele gestärkt in ihre

Heimat zurückkehren.

In diesem Jahr soll die Aufnahme schon vom

Monat Mai ab bis auf weiteres, möglichst aber

auf die Dauer von 3 bis 4 Monaten erfolgen,

damit eine, für die Kinder so dringend notwendige,

nachhaltige Erholung erreicht werden

kann.“ Landrat Dr. Becker hofft auf große Resonanz

und Bereitwilligkeit der ländlichen Bevölkerung

und ergänzt: „Es handelt sich bei der

Aufnahme der Kinder um ein vaterländisches

Werk der Nächstenliebe, das nicht etwa nur den

Städtern zugute kommt, sondern Deutschlands

heranwachsender Jugend in ihrer Gesamtheit.“

Probleme Flüchtlingsfürsorge

und Überführung gefallener

Soldaten

Auch die Aufnahme von Flüchtlingen muss

geregelt werden. Seit der Besetzung östlicher

Gebiete diesseits und jenseits der Reichsgrenze

durch russische Soldaten hatte vor allem dort

eine große Fluchtbewegung Richtung Westen

eingesetzt.

Dazu schreibt die Presse Folgendes: „Die aus

dem feindlichen Auslande zurückkehrenden

Deutschen werden von der militärischen

Grenzübernahmestelle einem Wohnorte zuge-

14 RUNDBLICK Frühjahr 2018


wiesen, der nach Möglichkeit ihren Wünschen

entspricht. Zunächst kommt dabei ein Ort in

Frage, wo sich Verwandte oder Bekannte befinden,

die zur Aufnahme oder Unterstützung

bereit sind oder lohnbringende Beschäftigung

vermitteln können. (…) Die Zurückkehrenden

erhalten an der Grenze die für die Lebensmittelversorgung

erforderlichen Karten ausgehändigt.

Die Reise erfolgt für Mittellose kostenfrei.

Weiteres wird in unserer Provinz durch die

Flüchtlingsfürsorgestelle des Roten Kreuzes

wahrgenommen. Personen, die deren Hilfe in

Anspruch nehmen wollen, müssen sich an den

Magistrat oder Gemeindevorstand ihres Aufenthaltsortes

wenden.“

Ein nahezu unlösbares Problem bedeutete

für die Militärs die Überführung der unzähligen

Toten in die Heimat. Wenn auch die Angehörigen

hofften, die sterblichen Überreste in der

Heimaterde bestatten zu können, so erlaubten

Kampfhandlungen und riesige Nachschubbewegungen

dies kaum. Betroffene Angehörige

konnten dazu in der Zeitung erfahren: „Mit

Rücksicht auf die militärische Lage sind schon

seit geraumer Zeit alle Überführungen von

Kriegerleichen aus dem gesamten Grenzgebiet

des Westens ausnahmslos gesperrt. Da mit dem

1. Mai des Jahres die Sommersperre eintritt, die

bis zum 1. Oktober dauert, können Gesuche an

das stellvertretende Generalkommando um

Genehmigung zur Rückführung von Leichen

Gefallener erst wieder im September mit Aussicht

auf Erfolg eingereicht werden. (…) Auch

auf die deutsche Ostfront wird die Sperre schon

jetzt vor dem 1. Mai ausgedehnt, zumal hier

nach dem abgeschlossenen Frieden neue

Bestimmungen in Rückführungsangelegenheiten

vereinbart werden müssen.“

Kleidung aus Torffasern

Ein aus heutiger Sicht besonderes Kuriosum

verbirgt sich in einem Beitrag unter dem Titel

„Milliarden im Moor“. Dass in der damaligen

Kriegszeit der Erfindungsgeist besonders einfallsreicher

Menschen gefragt war, wurde in den

letzten Ausgaben unseres Magazins bereits

mehrfach dargestellt. Hier nun ein weiteres

erstaunliches Beispiel:

„Vor einem Jahr staunte man in Berlin in der

Versammlung des ‚Vereins zur Förderung der-

Moorkultur im Deutschen Reich‘ einen Mantel

an, der aus Torffasern hergestellt war. Inzwischen

hat die Torffaser immer weitere Verwendung

als Ersatz für unsere sonst gebräuchlichen

Spinnstoffe gefunden. Welche Bedeutung die

faserhaltigen Torfmoore haben, zeigte Professor

Dr. W. Magnus während der in diesem Jahr wieder

in Berlin abgehaltenen Versammlung des

Vereins. Könnte man alle Fasern, die in unseren

Mooren vorhanden sind, gewinnen, so würde

man zu ungeheuren Werten kommen.

Ein rechnungsfroher Regierungsbeamter hat

den Wert der in den norddeutschen Mooren liegenden

Fasern mit 9 Milliarden Mark angegeben.

Aber die Gewinnung ist nicht so einfach.

Fast nirgends kommt die Faser, die vertorften

Blattscheiden des Wollgrases, in so großem Prozentgehalt

in den Mooren vor, daß es sich

lohnte, das Moor ausschließlich für die Gewinnung

umzugraben. Im allgemeinen ist ihre

Gewinnung auf das Absammeln aus den zu

anderen Zwecken bewegten Torfmassen

beschränkt. Im letzten Sommer erhielt man

ungefähr 700 Waggons Rohfasern; fast nur

Frauen und Kinder hatten in Nebenarbeit diese

Menge gesammelt. Für dieses Jahr ist die

Zuweisung von Kriegsgefangenen in Aussicht

gestellt.“

Das auch noch…

- „Wie wir hören, tragen sich die verantwortlichen

Stellen in Berlin mit Erwägungen, eine

weitere Beschlagnahme aller entbehrlichen

Kleidunsstücke für männliche Personen vorzunehmen.

So dürfte jeder Mann nur zwei vollständige

Anzüge behalten. Wer beruflich

gezwungen ist, einen Frack zu benutzen, wird

ihn neben den beiden Anzügen behalten dürfen.

Die Beschlagnahme soll erfolgen, nachdem

auf Formularen der Bestand als eidesstattliche

Versicherung angegeben worden ist.“

- „Zur Verbesserung des Geschmackes der

alten Kartoffeln: Da zurzeit die alten Kartoffeln

im Keimen begriffen sind, haben die Knollen

einen starken Solanumgehalt. Dieser beeinträchtigt

den Geschmack und wirkt nachteilig

auf die Verdauung. Es empfiehlt sich deshalb,

den Kartoffeln oder Kartoffelspeisen beim

Beginn des Kochens einige Kümmelkörner

zuzusetzen.“

- „Borgfeld. Am letzten Sonntag fand hier in

glücklicher Fügung der Umstände bei der Einführung

des neuen Gesangbuches zugleich die

Weihe unserer neuen Orgel statt. Das kleine,

aber feine Werk, welches im wesentlichen

einem Legat des Frl. Marie von Lingen zu verdanken

ist, macht der Orgelbaufirma Furtwängler

& Hammer in Hannover alle Ehre. Nach

dem Gutachten des Herrn Organisten Hoyermann

von St. Ansgari in Bremen ist es in Material

und Stimmung vorzüglich. Beim Festgottesdienst

in der gefüllten Kirche hat Herr Hoyermann

auch selber kunstvoll die neue Orgel der

andächtig lauschenden Gemeinde vorgeführt.

So verlief die schöne Doppelstunde ganz im

Sinne des Predigttextes: Singet und spielet dem

Herrn in euren Herzen!“

Peter Richter

Anmerkung: In den Originaltexten wurde die

damals gültige Rechtschreibung beibehalten.

Quelle: Zeitungsarchiv des Heimatvereins Lilienthal

e.V.

RUNDBLICK Frühjahr 2018

15


Heinrich Vogeler und Otto Sohn-Rethel

Eine Künstlerfreundschaft

Als der siebzehnjährige Heinrich Vogeler im

September 1890 an die Düsseldorfer Akademie

kam, lernte er dort den einige Jahre jüngeren

Otto Sohn-Rethel kennen. Aus dieser Begegnung

entwickelte sich eine langjährige Künstlerfreundschaft.

Sohn-Rethel besuchte schon als Dreizehnjähriger

die Kunstakademie. Wie Vogeler verbesserte

er als Kunstschüler sein Zeichentalent in

Vorkursen, um später mit einer repräsentativen

Kunstmappe vor der Aufnahmekommission der

Akademie bestehen zu können und als Kunsteleve

in die Akademie aufgenommen zu werden.

Die zeichnerische Begabung war Sohn-Rethel

mit in die Wiege gelegt, entstammte er doch

Gnädig wurden die Akademieflüchtlinge

wieder in den Kunstbetrieb aufgenommen und

konnten ihr Studium in Düsseldorf im Wintersemester

1894/1895 beenden. Heinrich Vogeler

hatte schon während des Studiums durch den

Kontakt zu Fritz Overbeck Verbindung zur

Künstlergruppe in Worpswede aufgenommen

und auch Otto Sohn-Rethel kam zeitweise ins

Künstlerdorf. Als er 1895 mit Zustimmung von

Fritz Mackensen beabsichtigte, sich der Gruppe

anzuschließen, schrieb ihm Vogeler eine Ablehnung:

„Lieber Otto Sohn! Dass ich dir diesen

Brief schreiben muss, ist mir sehr unangenehm;

aber Otto Modersohn und Overbeck stehen

jedem Neuen so misstrauisch gegenüber, dass es

Michels. Sein älterer Bruder Alfred hatte die

Tochter des Hauses, Julie Michels, geheiratet.

Von Hannover kam er immer mal wieder ins

norddeutsche Künstlerdorf. Auch Vogeler

besuchte ihn in der Leinestadt und ließ später

von Eduard Michels einen Teppichentwurf fertigen.

(3)

Das Verhältnis zwischen Heinrich Vogeler und

Otto Sohn-Rethel war herzlich und vertrauensvoll.

Vogeler nannte seinen jüngeren Kollegen

liebevoll „Söhnlein“ und bat ihn, als er sich längere

in Berlin aufhielt, ein Bild von ihm zu verpacken

und zu einer Ausstellung des Hannoveraner

Kunstvereins zu bringen: „Carissimo! Du

könntest mir einen hohen Dienst erweisen:

Atelier-Strohl-Fern Foto: S. Bresler Sint anna 3 Foto: S. Bresler

einer bekannten Düsseldorfer Künstlerfamilie.

Sein Großvater war der berühmte Historienmaler

Alfred Rethel und sein Vater der Maler Karl-

Rudolf Sohn. Otto Sohn-Rethel malte und

zeichnete schon als Kind und übte sich schon

mit zehn Jahren in Aquarellieren und Zeichnung

mit Tierstudien und Porträts von Familienmitgliedern.

An der Akademie war er zwar einer der jüngsten

Schüler, doch seine Lehrer konnten ihm

wenig Neues bieten. Ähnlich wie Heinrich Vogeler

langweilte er sich in den Kursen des akademischen

Zeichnens nach Gipsmodellen.

Gemeinsam mit dem Studienfreund Robert

Weise beschlossen sie daher im Herbst 1892,

nachdem sie als Eleve die Weihen der Kunsthochschule

erhalten hatten, dem öden Akademiebetrieb

den Rücken zu kehren.

Anders als Vogeler in seiner Autobiografie

WERDEN schreibt, besuchten sie aber nicht

Sohn-Rethel im südholländischen Sluis, sondern

sie entdeckten gemeinsam diesen idyllischen

Ort, in dem Otto sich Jahre später für

kurze Zeit niederließ. Zu dritt erkundeten sie

von dort aus die Kunst eines Hans Memling oder

Jan van Eyck im nahe gelegenen Brügge. Vor der

ausbrechenden Cholera flüchten sie nach

Genua und Rapallo.

für den Frieden besser ist, wenn du nicht

kommst. Ich schreibe dir dies mit brutaler

Offenheit da ich dich kenne und du mich verstehen

wirst. […]“(1) Anscheinend nagte die

schroffe Abweisung an Vogelers Gewissen und

er schrieb gleich einen neuen Brief: „Lieber

Otto Sohn, Söhnchen! Vor allem erst einmal die

Hauptsache: Ich erwarte dich sobald wie möglich

hier auf dem Weyerberg. Am liebsten wäre

es mir, wenn du in 8 Tagen kämest. Leider ist die

Roggenernte schon vorüber, das wäre was für

dich gewesen. Ich rate dir, wenn du kommen

willst komme sobald wie möglich. - Du musst

meinen Freunden nun nur nicht ihr Misstrauen

verübeln. Es war nicht die Furcht vor dem

Künstler viel mehr vor dem neuen Menschen. –

Also hiermit lade ich dich ein, wenn du dich

etwas behelfen willst, kannst du bei mir wohnen.

[…]“ (2)

Der zweite Brief scheint die Freundschaft

gerettet zu haben. Zwar lässt sich Sohn-Rethel

nicht dauerhaft in Worpswede nieder, doch

besuchte er Vogeler dort häufiger. Beide standen

in engem Kontakt, tauschten Rezepte für

Malfarben und ihre gesundheitlichen Befindlichkeiten

aus.

Bis 1899 wohnte Sohn-Rethel wiederholt in

Hannover bei dem Teppichfabrikanten Eduard

Gehe hin zum Barkenhoff nimm dir 2 (zwei)

starke Männer (worunter ein Tischler) und gieb

ihnen Anordnung mein Bild zu verpacken. Die

Kiste steht fertig. Hinten gut festschrauben.

[…]“ (4)

Als sich Sohn-Rethel ab Frühjahr 1899 längere

Zeit in Paris aufhielt, stand Vogeler mit ihm

brieflich in Verbindung und hielt ihn über

eigene Aktivitäten und die Veränderungen in

Worpswede auf dem Laufenden. Nach dem Parisaufenthalt

begab Otto Sohn-Rethel sich nach

Holland, wo er in der Nähe von Sluis, das er ja

aus Studententagen kannte, in Sant Anna ter

Muiden ein kleines Häuschen anmietete und

dort bis 1902 lebte und arbeitete.

Als Heinrich Vogeler im Frühjahr 1901

Martha Schröder heiratete, führte sie ihre

Hochzeitsreise nach Holland zu Otto Sohn-

Rethel.

„ […] 20 Minuten von unserem Städtchen

liegt ein wunderbar malerisch kleines Nest St

Anna Ter Muiden und dort wohnt das kleine

Söhnlein. Das hättest du sehen müssen als wir

beide da plötzlich eines schönen Nachmittags

bei ihm antraten. In einem ganz kleinen Häuschen

mit niedrigem Ziegeldach und grünen

Fensterläden wohnt der Mensch wie ein alter

Sonderling umgeben von den wertvollsten alten

16 RUNDBLICK Frühjahr 2018


Sohn-Rethel jung

RUNDBLICK Frühjahr 2018

Foto: S. Bresler

Sachen, ein riesiges malerisches Heim vollgestopft

von feinen Stoffen, wunderbaren Copien,

die Gebhardt (5) nach alten Meistern gemacht

hat, schönen Gläsern, Silbersachen, Porzellanen,

vielleicht sieht es etwas zu sehr nach

einem Althändler aus, aber wenn die Sonne

durch eines der kleinen Fenster kommt und

über die Truhen, Schränke, Spitzen und Brokatstoffe

scheint , dann ist doch eine ganz besondere

märchenhafte Stimmung in dem Häuschen.

– […].“ (6)

Das freie, ungezwungene Leben seines jungen

Studienfreundes schien Vogeler fasziniert

zu haben. Auch als Otto Sohn-Rethel im folgenden

Jahr nach Rom ging und bei dem Kunstmäzen

Alfred Strohl-Fern eine Atelierwohnung

bezog, folgte Vogeler ihm im November 1902

nach. Gemeinsam mit Martha begab er sich

nach Rom und wohnte auf der Piazza Barberini

nicht weit von dem Villengelände Strohl-Ferns

entfernt. Als Martha Mitte Dezember Rom verlässt

und nach Worpswede zurückkehrte, zog

Heinrich Vogeler bei Otto Sohn-Rethel in die

Atelierwohnung. Zusammen mit anderen

Künstlern feierten sie Weihnachten und Vogeler

reiste auf Anraten von Sohn-Rethel nach Neapel

und Pompeij.

In Neapel besuchte er gleich zweimal die

Bibliothek der Zoologischen Station, die mit

Wandbildern Hans von Marées ausgeschmückt

sind. Diese Begegnung hatte Vogeler, wie zuvor

auch schon seinen Freund Otto, in seiner künstlerischen

Entwicklung stark beeinflusst. „Wieder

in Neapel, trieb es mich noch einmal in das

Aquarium am Meeresstrand, um Abschied von

den Fresken zu nehmen, mit denen Hans von

Marées die Wände dieses Studienortes für italienische

und ausländische Studenten geziert

hatte. Wenn man diese frischen, realistischen

monumentalen Wandbilder aus dem Leben der

Fischer mit den Naturforschern gesehen hat,

dann forscht man immerwährend nach der

Fortsetzung dieses einzigartigen Weges zur

monumentalen Kunst, der hier beschritten

wurde.“ (7)

Um den 20. Januar 1903 kehrte Vogeler

zurück nach Rom und verbrachte dann noch bis

Ende Februar 1903 eine künstlerisch stimulierende

Zeit mit Otto Sohn-Rethel in dessen Atelierwohnung

auf dem Gelände der Villa Strohl-

Fern. In dieser Zeit wurde Vogelers Gemälde

„Erster Sommer“ in einer Ausstellung der Berliner

Sezession ausgestellt. In dem von Paul Cassirer

herausgegebenen Katalog ist er mit „Vogeler

Heinrich, Maler, Worpswede bei Bremen. Z.Z.

Rom Villa Strohl-Fern“ (8) verzeichnet. Im März

1903 kehrte Vogeler nach Worpswede zurück

und der Kontakt zu Otto Sohn-Rethel scheint

einzuschlafen.

Dann verkaufte Vogeler im Jahre 1912 eine

Zeichnung der Villa Strohl Fern, die während

seines Aufenthaltes in Rom entstanden war, für

450 M an die Hamburger Galerie Commeter.

Diese Aktion mag noch einmal die gemeinsame

Zeit mit Sohn-Rethel in Erinnerung gebracht zu

haben. Sein Künstlerfreund wohnte nun schon

einige Zeit auf der Insel Capri. In dem Ort Anacapri

hatte er sich in der Villa Lina eine repräsentative

Bleibe einrichten können. Dort empfing

er Künstler, Literaten und Musiker aus ganz

Europa und widmete sich neben der Malerei

auch seiner frühen Passion, den Schmetterlingen.

Diese Leidenschaft brachte ihm auf der

Insel den Namen Farfallaro von Anacapri ein

(von ital. farfalla für Schmetterling). Wahrscheinlich

hat Vogeler im September 1913 seinen

Studienfreund noch einmal besucht. Eine

Visitenkarte Vogelers im Archiv der Bibliothek

der Zoologischen Station in Neapel vom

04.09.1913 legt diese Vermutung nahe. Danach

Von der Raupe zum Falter, Otto Sohn-Rethel ca. 1910

scheinen sich ihre Kontakte jedoch zu verlieren.

Heinrich Vogeler zog bald in den Krieg,

schwörte dem Jugendstil ab und wandte sich

dem Kommunismus zu. Otto Sohn-Rethel blieb

meist auf Capri und hielt von dort aus weiter

Kontakt zu Künstlern in Deutschland. Er verstarb

am 09. Juni 1949 auf Capri und ist auf

dem Friedhof in Anacapri begraben.

Siegfried Bresler - Bielefeld

(1) Brief Heinrich Vogelers an Otto Sohn-

Rethel vom Juli 1895.

(2) Brief Heinrich Vogelers an Otto Sohn-

Rethel, vom 29. Juli 1895.

(3) Hinweis von Frau Lambert Düsseldorf. Sie

ist eine Nachfahrin der Familie

Sohn-Rethel.

(4) Postkarte Heinrich Vogelers aus Berlin an

Otto Sohn-Rethel, vom 18.02.1897

(5) Das ist Eduard von Gebhardt, bei dem

Vogeler und Sohn-Rethel Malerei

studierten

(6) Brief Heinrich Vogelers an Otto Modersohn,

vom 24. März 1901.

(7) Heinrich Vogeler. Werden. Erinnerungen.

Fischerhude 1989. S. 89.

(8) Paul Cassirer (Hrsg.): Katalog der siebten

Kunstausstellung der Berliner Secession,

Berlin 1903, S. 47.

Foto: S. Bresler

17


Ich bin ein Star - bau mir ein Haus!

Das sollten Sie über den Vogel des Jahres 2018 wissen

Der Star ist uns ein vertrauter Nachbar. Er ist

uns vertraut aus den Parks und Gärten, wenn er

auf Nahrungssuche über den Rasen flitzt oder

sich am Kirschbaum gütlich tut. Schwarz auf

den ersten Blick, aber erst bei genauerem Hinsehen

ist er eine wahre Attraktion: sein glänzender

Frack und ihr Pünktchenkleid sind ein

echter Hingucker insbesondere zur Brutzeit.

Zwar ist der Starenmann nicht so stimmgewaltig

wie manch anderer Singvogel, dafür gibt es

keinen vielseitigeren Imitator unter den heimischen

Vögeln als ihn. Zwischen seine schnalzenden

und pfeifenden Töne mischt er auch

mal ein Froschquaken oder eine Alarmanlage.

Seine bevorzugten Lebensräume wie Weiden,

Wiesen und Felder mit Alleen und Waldrändern

werden immer intensiver genutzt. Er benötigt

Baumhöhlen zum Brüten und Nahrungsflächen

mit kurzer Vegetation, wo er Würmer und Insekten

findet. Doch Hecken und Feldgehölze

„stören“ eher beim intensiven Anbau von

Getreide und Energiepflanzen in Monokulturen.

Auch die zunehmende Haltung von Nutztieren

in abgeriegelten Riesenställen setzt dem Star

zu. Grasen Tiere nicht auf der Weide und hinterlassen

dort ihren Mist, bleibt mit den

angelockten Insekten ein wichtiges Nahrungsmittel

aus.

Heute stellen Parks und Friedhöfe mit ihren

zum Teil alten und höhlenreichen Bäumen

sowie den kurzrasigen Wiesen wichtige Ersatzlebensräume

dar. Auch an Gebäuden nutzt

unser Jahresvogel Hohlräume zum Brüten.

Jeder Garten- oder Hausbesitzer kann der Wohnungsnot

des Stars mit einem Nistkasten

www.lbv.de

begegnen. Gärtnern ohne Pflanzenschutzmittel

und Insektizide sowie Beeren tragende Gehölze

verhelfen dem Star zu ausreichend Nahrung.

Eine strukturbereichernde und ökologische

Landwirtschaft mit artgerechter Tierhaltung

hilft dem Star und vielen anderen Vögeln.

Die Nahrung für seine Jungen findet der Star

auf insektenreichen Wiesen und Weiden, von

denen es in der industriellen Landwirtschaft

aber immer weniger gibt. Auch Streuobstwiesen

und beerenreiche Hecken verschwinden aus

unserer Landschaft und lassen dem Star keine

andere Wahl, als seinen Hunger auf Früchte in

Wein- und Obstplantagen zu stillen. In der grünen

Stadt geht es ihm da schon ein wenig besser,

doch herrscht vielerorts Wohnungsmangel,

wenn Höhlenbäume gefällt oder Fassadenlöcher

geschlossen werden.

Richtig imposant wird es, wenn mehrere tausend

Stare dichte Schwärme bilden. In filigranen

Wogen tanzen sie am Himmel und zeigen

ein einzigartiges Naturschauspiel, das seinesgleichen

sucht. Doch die Schwärme werden

kleiner. In vielen Ländern Europas und auch in

Deutschland gehen die Starenbestände zurück.

Am besten zu beobachten sind die imposanten

www.rbb-online.de

Foto: Dieter Goebel-Berggold, fotocommunity.de, fc-foto 5470525 *

18 RUNDBLICK Frühjahr 2018


www.rbb-online.de

Schwarmwolken im September und Oktober,

etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Doch

schon im Frühsommer oder noch Ende November

können Sie mit etwas Glück Starenschwärme

am Himmel sehen, bevor sie schlagartig

nach unten sinken. Starenschwärme reichen

von kleinen Nahrungstrupps bis zu einer

Million Tiere an Hauptsammelplätzen. Vor allem

an Gewässern mit großen, ausgedehnten Schilfzonen

und in Baumgruppen sammeln sich

Schwärme besonders gern und suchen dort

Schutz für die Nacht. Große Trupps finden Sie

aber auch im Grünland auf Weiden oder auf

Stromleitungen. Da natürliche Höhlen in alten

Bäumen immer weniger zur Verfügung stehen,

helfen Sie dem Vogel des Jahres mit einem Nistkasten.

Sowohl im Privatgarten als auch in

öffentlichen Grünbereichen und in ländlichen

Gebieten findet der Star so einen Platz, um

seine Jungen aufzuziehen. Der Starenkasten

bietet auch Wendehals oder Kleiber Unterschlupf

– ein Argument mehr, um zu Hammer

und Säge zu greifen.

Zusammengestellt von Susanne Eilers anhand

von NABU Veröffentlichungen

Foto: Kleinbucher.blogspot.de

Obwohl Krieg herrscht:

Humor im Jahre 1918

Oh, diese Fremdwörter!

In einer Volksschule waren die Augen

sämtlicher Schüler einer Untersuchung

durch den Augenarzt unterzogen worden.

Den Eltern derjenigen Kinder, bei denen

nicht alles in Ordnung war, wurde eineentsprechende

Mitteilung gemacht.

Infolgedessen erhielt der Vater Reinhold

Müllers einen Brief des Rektors, in dem

dieser ihm schrieb: „Sehr geehrter Herr!

Hierdurch teile ich Ihnen mit, daß sich bei

Ihrem Sohn Reinhold Anzeichen von

Astigmatismus bemerkbar machen,

wogegen sofort Schritte getan werden

müssen. Hochachtungsvoll, pp.“

Am nächsten Morgen brachte Reinhold

folgenden Brief seines Vaters: „Sehr geehrter

Herr Rektor! Es ist mir zwar nicht klar,

was der Junge diesmal wieder angestellt hat,

aber auf jeden Fall habe ich ihn tüchtig verwichst,

und ich wäre Ihnen dankbar, wenn

Sie ihm auch noch eine ordentliche Tracht

Prügel zukommen lasssen wollen. Hochachtungsvoll,

pp.“

Sparsamkeit...

Drei Reisende saßen im Raucherabteil

eines Schnellzuges und unterhielten sich.

„Ja,“ sagte der eine, „es gibt Leute, die so

sparsam sind, daß es an Geiz grenzt. Ein

früherer Chef von mir verlangte von seinen

Angestellten, daß sie eine ganz kleine Handschrift

schrieben, um Tinte zu sparen.“ -

„Ach,“ sagte der zweite, „mein Onkel ist

noch viel sparsamer! Der stellt, wenn er zu

Bett geht, sämtliche Uhren in der Wohnung

still, damit die Werke während der Nacht

nicht abgenutzt werden.“ - „Da weiß ich

noch etwas Besseres,“ erklärte der dritte,

„ich kenne einen alten Geizkragen, der keine

Zeitung liest, weil er findet, daß das seine

Brille angreift.“

Peter Richter

RUNDBLICK Frühjahr 2018

19


Was lange währt …

Neues zur Geschichte des Klosters Lilienthal

Seit mehreren Jahren gibt es das Rätselraten

darüber, ob der kleine Ort Wollah in der Nähe

von Lesum bei Bremen ein Standort des Klosters

Lilienthal war. Da veröffentlicht am 16. April

2017 der WESER-KURIER unter dem Titel „Klosterlandschaft

wird virtuell sichtbar“ einen Artikel

über eine gerade erschienene „Niedersächsische

Klosterkarte“. In seiner E-Mail vom 20.

November 2017 antwortet Dr. Niels Petersen

vom Institut für Historische Landesforschung

an der Georg-August-Universität in Göttingen,

dass die Anfrage, ob das Kloster Lilienthal sich

in Wollah befunden hat, ihren Weg über zwei

Schreibtische nahm. Das Ergebnis: In Wollah bei

Lesum hat es nie ein Kloster gegeben, es handelt

sich um eine Verwechslung bei der Zuordnung

des Ortsnamens!...

Erste Zweifel

„…, als ob in Wolda (Wollah) von Hartwich

wirklich ein Kloster errichtet sein, so scheint

mir das ein Irrthum zu sein, denn man findet

auch nicht eine Spur davon.“ (Archiv des Vereins

für Geschichte und Alterthümer der Herzogthümer

Bremen und Verden und des Landes

Hadeln zu Stade, Stader Geschichts- und Heimatverein,

1863)

Der Irrtum

„Das Kloster auf St. Stephani wurde abgebrochen

und der Erzbischof von Bremen kaufte

den Ort Wolda „by der Leßem mit allen thobehoringe

von dem Junker Wilken van Marsale

(Marssel) har man dor bouwen scholde ein

Jungfrouwenkloster von St. Bernhardsorden in

der ehre unser Leuen freuwen.“ Und jetzt folgt

die Passage, die Christoph Tornée nicht besser

wissen konnte: „Daß der Erzbischof Hartwig II.

[1187] ein Stück Land in Wolda (Wolla) gekauft

hat, steht fest; …“. Er übersetzt dabei Wolda mit

Wollah [bei Lesum] und fügt hinzu: „aber für

die Herstellung unter seiner Aegide [Leitung]

fehlen alle Beweise.“!

Die älteste Bremer Chronik

Im Jahr 1968 gibt der Verlag Carl Schünemann

in Bremen eine Chronik heraus, die

eigentlich schon vor dem Zweiten Weltkrieg

erscheinen sollte, jedoch nicht fertig gestellt

wurde, weil der damit Beauftragte, Hermann

Meinert, Staatsarchivrat beim Preußischen

Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem, 1940

zur kämpfenden Truppe einberufen wurde. Er

„übersetzte“ aus der Urkundenschrift, was Gert

Rinesberch [um 1315-1406], Herbord Schene

[um 1358-1413] und Johann Hemeling [um

1358-1428], Abkömmlinge aus Bremer Familien,

über das Werden der Freien und Hansestadt

Bremen geschrieben hatten. Hier findet man

Hist. Karte Altenwalde 2

auch den Text im Original, den Christoph Tornee

in seiner Chronik zitiert: „ock kofte he [Erzbischof

Hartwig II.] ene stede, geheten Wolda,

mit alle siner tobehoringe vor hundert unde

sostich mark, dat men dar makede ein junckfrouwen

closter van sunte Bernhardus orden in

de ere unser leven vrouwen, dat nu to deme

Liliendale hetet, unde wart van dar to der Trupe

gebuwet, dar id nu steit.“ Datiert auf den 1. Mai

1187. - Ein Blick in das Register: Wolda s. Altenwalde

! - (Im „Urkundenbuch des Klosters Neuenwalde“

findet man die Schreibweise „Wolda“

für Altenwalde bei mehreren Urkunden.) - Herbord

Schene, einer der Autoren dieser Bremer

Chronik, war Bruder von vier Klosterschwestern

im Kloster Lilienthal, darunter die Äbtissin Gertrudis,

deren von ihm im Jahr 1400 gestiftete

Grabplatte als Denkmal bezeichnet wird. So

wird auch die mündliche Überlieferung eine

Rolle gespielt haben. – Irritierend die Titel dieser

Chronik: Die Chroniken der deutschen

Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert Siebenunddreißigster

Band Untertitel: Die Chroniken

der niedersächsischen Städte. Dann erst Bremen.

Altenwalde

Allein das Auffinden dieser Stelle zum Vergleich

zwischen den beiden Chroniken reicht

aus, um den Irrtum von Johann Renner (und

anderen) aufzuklären. Doch eine große Anzahl

Historischer Plan Altenwalde;

Karte Amt Ritzebüttel (Schröter,1594);

weiterer Fakten untermauert diese Feststellung.

Die historische und christliche Vergangenheit

von Altenwalde ist ein nächster Anhaltspunkt

dafür, dass sich der vorübergehende Standort

des Klosters Lilienthal dort befunden hat und

nicht in Wollah.

Im September 1971 erschien die „Chronik

von Altenwalde“ (Winfried Siefert), doch auch

in diesem Werk wurde die älteste Bremer Chronik

nicht berücksichtigt. Der von Erzbischof

Hartwig II. im Jahr 1187 getätigte Kauf der

„stede Wolda“ (= Altenwalde) wird mit keiner

Silbe erwähnt! Auch für Altenwalde ist diese

neue Erkenntnis daher eine weitere bemerkenswerte

Etappe auf dem ohnehin geschichtsträchtigen

Weg dieses Ortes in die heutige Zeit.

Das Kloster

In der Altenwalder Chronik beginnt die

Geschichte ihres Klosters mit der Gründung im

Jahr 1219 eines Kanonissenstiftes in Midlum,

etwa 10 km südlich von Altenwalde gelegen. Die

Edelherren von Diepholz errichteten kein Klostergebäude,

statteten es jedoch mit Diepholzer

Gütern der Umgebung aus. Erzbischof Giselbert

verlegt 1282 dieses Kloster nach Altenwalde, zu

einem Zeitpunkt, als das Kloster Lilienthal

schon 50 Jahre in Trupe sesshaft war. Auch hier

kein Wort über die „Zwischenstation“, den

bereits ca. 100 Jahre vorher getätigten Kauf der

„stede Wolda“ mit dem Namen „Liliendale“ für

ein dort geplantes Kloster.

Der Wallfahrtsort

Altenwalde war ein stark besuchter Wallfahrtsort

im Erzbistum Bremen mit einer Reliquie,

einem Splitter vom Kreuz Jesu Christi, in

der dortigen „capella sanctae crucis sanctissimique

patris Willehadi“ (Kapelle des heiligen

Kreuzes und des heiligen Vaters Willehad) auf

der Altenwalder Höhe. Die Trümmerstätte auf

der Altenwalder Höhe war noch 1905 (Heinrich

Rüther) übersät mit gebrannten Steinen und

Dachziegeln, kleineren Stücken von Tuffsteinen,

20 RUNDBLICK Frühjahr 2018


Bereiches um Altenwalde und die Aussage, dass

hier bereits zur Römerzeit intensiver Handel

betrieben wurde.

Das Kloster Lilienthal hat mit dem Kauf der

„stede Wolda“ nicht nur dort seinen Namen

erhalten und mit nach Trupe genommen, es hat

sich am Wallfahrtsort Altenwalde auch einen

Namen gegenüber dem Bremer Erzbistum

gemacht. Hätte sonst die Äbtissin Grethen ihren

Platz als Konsolfigur unter der Skulptur des

Markgrafen von Brandenburg an der Schauseite

des Bremer Rathauses für eine Ewigkeit durch

eine Spende erwerben dürfen?...

Vergleich Klostergebäude

Lilienthal / Neuenwalde

Romanische Feldsteinkirche St. Cosmas und Damian in Altenwalde

dem älteren Baumaterial aus Kalk mit Muschelteilen

und Sand, das auch in den alten Kirchen

von Wremen und Blexen zu finden ist. Gleichzeitig

war der Ort nördlicher Endpunkt eines

tief aus dem Süden kommenden Handelsweges,

der daher ebenfalls Reisestation für Händler,

Seefahrer und Besucher war. Es muss eine viel

größere Anzahl von Reisenden gewesen sein, die

hier um Unterkunft baten, als bisher gedacht.

Eine der Begründungen für den Umzug des Klosters

nach Neuenwalde, die Unruhe durch die

große Anzahl von Reisenden wäre einer der

Punkte gewesen, das Kloster nach Neuenwalde

zu verlegen, ist gut nachzuvollziehen.

„ … Allerdings mußte man tatsächlich das

Wasser stets den Berg hochschleppen, da ein

Brunnen nicht ergiebig war.“ Mit dieser Aussage

findet ein anderer Punkt aus der bisherigen Lilienthaler

Klostergeschichte eine neue

Erklärung: Nicht das Hochwasser der Wümme /

Wörpe hat den Klosterinsassen am Standort

Trupe große Schwierigkeiten bereitet, diese

Aussage war viele Jahre vorher in Altenwalde

von großer Bedeutung. Und einer der Hauptgründe,

das Kloster 1334 von Alten- nach Neuenwalde

zu verlegen.

„Sämtliche Einwohner der Orte Altenwalde,

Gudendorf, Oxstedt, Arensch, Berensch und

Holte wurden Klostermeier und damit zehntpflichtig.“

- Auch hier ist die Bedeutung und der

Einfluss des Erzbischofs auf den Ort abzulesen,

der damals schon mit den umliegenden Dörfern

fast als Kleinstadt zu bezeichnen war.

Die Altenwalder Mühle, eine Bockmühle, war

auf der Altenwalder Höhe (38 m), die über den

Geestrücken Hohe Lieth noch hinausragt, auch

als Schifffahrtszeichen sowohl für die Wesermündung

als auch die Zufahrt über einen Kanal

nach Altenwalde, deutlich sichtbar. Im historischen

Plan von Altenwalde sind nah beieinander

drei Kreuze eingezeichnet: Das Kloster, die

Kapelle sowie die Mühle.

Archäologische Funde im Bereich Altenwalde,

Lagerplätze aus der Hamburger Stufe

(um 12.000 v. Chr.), Steingräber (1700 bis 700

v. Chr.), die Altenwalder Silberschale (spätrömisch)

und ein römischer Bronzeeimer vom

Hemmoorer Typ bestätigen das hohe Alter des

Ein Gemälde vom ehemaligen Amtshaus Lilienthal

könnte als Erinnerung an das Klostergebäude

dienen. Ein Klostergebäude wie in Hude

vorzufinden … Dieser Gedanke ist auszuschließen.

- Der Anblick des von Alten- nach Neuenwalde

verlegten Klosters lässt eher einen Vergleich

zu.

Bodenuntersuchung

Vor einigen Jahren führte Professor Thilo von

Dobeneck (Uni Bremen) im Lilienthaler Amtsgarten

eine geophysikalische Bodenuntersuchung

durch, um mithilfe der Ergebnisse sagen

zu können, ob dort noch Fundamente von

Gebäuden oder Kreuzgängen nachzuweisen

wären. Der Befund: Es konnten keine Fundamentreste

gefunden werden! Die Vorstellung, in

Trupe habe ein Klostergebäude gestanden, das

mit der verbliebenen Ruine des Klosters Hude

vergleichbar wäre, ist damit Vergangenheit. Hier

gab es, vergleichbar mit dem Kloster Neuenwalde,

ein Wohngebäude, wohl ähnlich dem auf

dem Gemälde im Heimatverein Lilien-thal

gezeigten Amtshaus mit dem noch vorhandenen

Klosterkeller.

Pilgerzeichen Neuenwalde

RUNDBLICK Frühjahr 2018

21


Das Mutterkloster

In einem Buch über das Kloster Walberberg

(nahe Köln) findet man unter dem Titel „Das

Walberberger Tochterkloster Lilienthal“ auch

folgende Aussage: Der damalige Bremer Erzbischof

Gerhard II. (1219-1258) ließ demnach

durch Boten und Briefe vier Nonnen aus Walberberg

holen, um ein Kloster zu gründen. Diese

Darstellung fällt in das Jahr 1230, zwei Jahre

vor der bisher angenommenen Klostergründung

...

Straßennamen in Wollah

Eine weitere interessante Fage bleibt: Wann

wurden Straßen in Wollah in Anlehnung an das

Kloster benannt? Nach 1969? ... Dann war der

veröffentlichte Fehler aus der Chronik von

Johann Renner der Anlass. Eine nachgewiesene

Fundstelle für ein Klostergebäude dort ist nicht

bekannt. - Abschließend darf man feststellen,

dass das Auffinden dieser Stelle in der ältesten

Bremer Chronik das Kloster Lilienthal in einem

völlig neuen, ganz anderen Licht erscheinen

lässt.

Harald Steinmann

Weitere Quellen:

Chronica der Stadt Bremen, Johann Renner,

1583; Urkundenbuch des Klosters Neuenwalde,

Heinrich Rüther, 1905; Chronik von Altenwalde,

Winfried Siefert, 1971; Cuxpedia: Altenwalde,

2018; Pilgerzeichen: Focke Museum Bremen

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22 RUNDBLICK Frühjahr 2018


Die Osterholzer Ziegelei

Wie der Betrieb funktioniert haben könnte (I)

Ausschnitt aus der Karte „Plan von…Osterholtz…1756“; NLA Stade,

Karten Neu Nr. 12929

Nachdem Ende 1730 erste Vorschläge zur

Errichtung einer Ziegelei nahe dem damaligen

Flecken Osterholz durch den Drost von Schwanewede

gemeinsam mit dem Amtschreiber

Anton Friedrich Meiners der Kammer in Hannover

unterbreitet worden waren, wurden im

Laufe des Jahres 1731 diverse Fragen aufgeworfen

und beantwortet, sodass am Ende dieses

Jahres Zustimmung aus Hannover signalisiert

wurde und die Inbetriebnahme als Herrschaftliche

Ziegelei wohl bereits im Jahre 1732 erfolgen

konnte.

Eine erste kartografische Bestandsaufnahme

ist erfolgt, indem durch F. v. Haerlem 1749 das

Gelände kartiert wurde. 1) Jürgen Christian Findorff

hat dann 1756 ganz Osterholz kartiert,

inklusive der damals schon über 20 Jahre bestehenden

und damit am Ende der vereinbarten

Pachtdauer befindlichen Ziegelei. 2)

Inwieweit sich dabei gegenüber der Ausgangssituation

in den verflossenen Jahren Veränderungen

ergeben haben, soll anhand der

Quellentexte erörtert werden. Diese legen nahe,

dass die ersten Anlagen etwas bescheidenere

Dimensionen hatten, aber mit wirtschaftlichem

Erfolg dann zu dem weitläufigen Ensemble

angewachsen sind, wie es sich zu Findorffs Zeiten

präsentierte und das sich mit Sicherheit von

sonst in Gebrauch befindlichen Betrieben zur

Ziegelherstellung deutlich abhob.

Eine erste Beschreibung liegt vor aus dem

Jahre 1733 und wurde am 4. März aus Osterholz

„unterthänigst“ an die Herrschaft gesandt. 3)

Die zeichnerische Darstellung ist nicht mehr

vorhanden, nur noch die Legende zum „Grundriss

der zu Osterholtz angelegten Ziegelbrennerey“

liegt dem Schreiben bei. Darin werden drei

Gebäudekomplexe genannt: „1. die pfannen

Hütte, 2. Hütten zum Stein streichen, 3. der

Brennofen vor Mauer Steine“.

Daraus lässt sich folgern, dass nach anfänglicher

Beschränkung auf die Produktion von

Mauersteinen sehr bald auch mit der Pfannenherstellung

begonnen wurde. Unterpunkte lassen

Schlussfolgerungen auf den Produktionsprozess

zu.

Um die Steine herzustellen, wurde Ton in

einen Behälter, eine Kumpe, gefahren und dort

– unter Zugabe von Wasser – von Pferden getreten.

Daraus wurden dann Steine geformt und

vorgetrocknet (aus Nr. 2). Im Umfeld des Ofens

befanden sich ein Raum zur Lagerung der Rohlinge

sowie ein weiterer für den erforderlichen

Torf. Auch die Arbeitskräfte waren hier untergebracht;

je „eine Cammer vor die Ziegel Knechte“

und „vor den Brandmeister“ sind vermerkt. Ferner

wurden die benötigten Gerätschaften in

„zwey Cammern“ hier verwahrt (aus Nr. 3).

Vieles in der Pfannenhütte (Nr. 1) war ähnlich;

eine Besonderheit bildete eine „Kleymühle“,

in der mit Hilfe eines Pferdes das

Rohmaterial (der Kley) gemahlen und in eine

gleichmäßige Konsistenz gebracht werden

sollte. Hierzu findet sich eine Beschreibung im

Umfang von 10 Punkten, die zur Erläuterung

der Konstruktion dienen sollte. Dazu wurde –

wie es im Brief heißt – ein „Modell von der

Kleymühle“ im Maßstab 1 : 12 mit übersandt.

Die detaillierte Erläuterung lässt den Schluss zu,

dass es sich bei der Mühle um eine ganz spezielle,

vielleicht besonders fortschrittliche Anlage

gehandelt hat.

Special-Plan der Herrschafftl. Ziegelei zu Osterholtz; NLA Stade,

Karten Neu Nr. 13061, Tab. VI

RUNDBLICK Frühjahr 2018

Standort der Betriebsstätte

Für die Ziegelei hatte man einen Standort

ausgewählt, der im Übergangsbereich von der

dort niedrigen Geest zur Hammeniederung eine

weitgehend ebene Fläche bot. Diese lag südlich

23


ewilligt wurde. Der Abbau muss also über viele

Jahrzehnte und mindestens bis in die 1780er-

Jahre hinein stattgefunden haben; die Örtlichkeit

ist jedoch unbekannt. Auch in der kürzlich

erschienenen Chronik von Lintel findet sich kein

Hinweis hierauf.

Die Gebäude und

ihre Funktion

Trete-Diehle; aus: NLA Stade, Karten Neu Nr. 13061, Tab VII. Nr. G

des Fleckens Osterholz und war bis dahin unbewohnt.

Wege nach Osterholz, Scharmbeck, Bremen

und in Richtung Hamme kreuzten sich dort; so

war eine Verbindung auf dem Landweg gegeben.

Ein bei Findorff bereits vorhandener Kanal

zur Hamme stellte einen Wasserweg dar, der im

Zusammenhang mit der Gründung der Ziegelei

geschaffen bzw. ausgebaut worden war. Durch

die Schiffgräben waren große Flächen erschlossen;

dadurch war die Belieferung mit Brenntorf

per Schiff sichergestellt.

Nicht weit entfernt befanden sich im Klosterholz

gut erreichbare Ton- und Lehmvorkommen,

die für den Betrieb leicht verfügbar, weil

in herrschaftlichem Besitz, waren. 4)

Aus den Erörterungen hinsichtlich der

Errichtung der Ziegelei war jedoch zu entnehmen,

dass die Tonvorkommen im Klosterholz

zwar gut geeignet erschienen für die Herstellung

von Mauersteinen, für Dachpfannen

jedoch zu sehr von gröberem Material, also

24

kleineren und größeren Steinen, durchsetzt

seien. Hier musste eine anderweitige Quelle

gefunden und erschlossen werden. Erstmals

erfahren wir hierüber durch eine Urkunde des

„Commissario“ Conrad Friedrich Meiners,

unterzeichnet am 29. April 1746 in Lilienthal. 5)

Diese verweist darauf, dass bereits in „vorigen

Zeiten“ aus der „Gemeinheit zwischen Scharmbeck

und Lintel“ der für die „Osterholtzische

Ziegeley erforderliche Pfannen leim“ gegraben

wurde, wobei dieser Kontrakt für das laufende

Jahr verlängert werden sollte mit der Zusage,

dass alle durch den Abbau entstehenden Kuhlen

beseitigt und das Gelände nachträglich wieder

eingeebnet werden solle. Als (Mit-)Erbe der

Ziegelei wolle Obiger sich gütlich mit den Eingesessenen

vergleichen.

Der Akte kann man weiterhin entnehmen,

dass sich jedoch Ende der 1770er-Jahre Widerstand

seitens der Linteler Bauern regte, jedoch

durch Entscheid Hannovers jegliche Ansprüche

abgewiesen und das Lehmgraben weiterhin

Der Ziegelknechte Wohnung in der sog. Jungfern Bude; in: NLA Stade, Karten Neu Nr. 13061,

Tab. VII. Nr. A

Die ambitionierte Planung zielte von Anfang

an darauf, sowohl Ziegelsteine als auch Dachpfannen

herzustellen. Das hatte Auswirkungen

auf die zu errichtenden Gebäude. Da die Produktionsverfahren

voneinander verschieden

sind, mussten die Produktionsstätten entsprechend

den Anforderungen konzipiert werden.

Der o. g. Gebäudebestand deckt sich noch

nicht mit den Aussagen der Karten. Innerhalb

der Akte 6) befindet sich jedoch noch eine ausführliche

Erläuterung auf 15 handgeschriebenen

Seiten mit dem Titel „Umbständliche

beschreibung der zu Osterholtz angelegten Ziegelbrennerey“.

Leider ist dieser Text ohne Verfasserangabe

und ohne Datum hinterlegt, sodass

eine Zuordnung nicht eindeutig möglich ist.

Zeitlich dürfte die Beschreibung näher an die

Karten heranrücken. Auch hierin wird auf Risse

verwiesen, die aber ebenfalls nicht vorliegen.

Dass Veränderungen vorgenommen worden

sind, ist auch der Karte von v. Haerlem zu entnehmen.

Ganz am Rande ist ein alter eingefallener

Brennofen (G) verzeichnet; dieser ist

durch neue ersetzt (J und K).

Im o. g. Text wird einleitend auf die Kapazitäten

hingewiesen: pro Jahr können 300 000

große Mauersteine und 200 000 Dachpfannen

geformt und gebrannt werden; die fertigen

Steine haben ein Sollmaß von 1 Fuß x 5 ⅞ Zoll

x 3 ¼ Zoll (ca. 28,7 x 14 x 7,8 cm), die Pfannen

von 1 ½ Fuß Länge und 1 Fuß Breite.

Eine Hütte dient zum Vorbereiten von 24 000

Steinen. Man erfährt, dass diese zunächst

gestrichen und dann 8 Tage „gestrecket liegen,

bevor sie auffgeringelt und zu fernern trocken

in hagen auffgesetzet werden können“. Erst

dann können sie gebrannt werden, wozu ein

Ofen dient, der im Lichten 16 Fuß breit, 21 Fuß

lang und 17 Fuß hoch ist und dabei 4 Fuß dicke

Mauern hat. 30 000 Steine können hierin auf

einmal gebrannt werden, wozu Torf dient, der

direkt vor den Öfen in separaten Hütten trocken

lagert.

Für die Pfannenherstellung gibt es entsprechende

Gebäude; der Ofen hat jedoch eine

andere Form und kann 10 000 Pfannen aufnehmen.

Unterschiedlich sind auch die benötigten

Gerätschaften, wobei beim Pfannenwerk wieder

der Einsatz der Kleymühle besonders hervorgehoben

und diese bis ins Detail im Aufbau

und in ihrer Funktion beschrieben wird. Und

wieder findet sich ein Hinweis auf ein mitgeliefertes

Modell.

Wirft man einen Blick auf die vom Conducteur

Findorff kartierte Anlage (s. S. 23) , so fällt

die Vielzahl der Gebäude auf. 7) Im Zentrum stehen

zwei Öfen, ein größerer und ein kleinerer

(als Anbauten zu E), in denen Mauersteine

RUNDBLICK Frühjahr 2018


Profil durch den großen Ofen (c), Grundrisse des

großen (a) und kleinen (b) Brandt-Ofens; aus:

NLA Stade, Karten Neu Nr. 13061, Tab. VII. Nr. B

gebrannt werden konnten, die in benachbarten

Gebäuden geformt und vorbereitet wurden. Der

benötigte Brenntorf konnte mit wenig Aufwand

aus dem „Torff-Schauer“ (F) herangeschafft

werden.

Vorbereitet wurde der Ton in der Trete Deehle

(K); auf überdachter Fläche wurde er hier ggf.

angefeuchtet und dann von Pferden getreten,

um eine gleichmäßige, geschmeidige Masse zu

erhalten, die sich gut formen lassen sollte. Zwei

Flächen gab es mit je einem Pferd. Das

benötigte Wasser konnte aus dem nahen Bach

entnommen und hierher geleitet werden.

Diesem am nächsten erstreckt sich auf 260

Fuß Länge und 28 Fuß Breite die Bek Hütte

(auch Bach Hütte genannt). Da diese auch am

nächsten zum Tonvorkommen gelegen ist, lässt

sich hier dessen Anlieferung vermuten. Dann

käme die Jungfern Bude (B) für die Formung

und erste Trocknung der Ziegel in Frage, bevor

sie zur weiteren Trocknung in die Pferde-Hütte

(E) verbracht werden. Diese Funktion wird auch

durch die Bezeichnung „Trocken Stein Hütte“

nahe gelegt. Von dort ist es nur noch ein kurzer

Weg in den großen oder kleinen Brandt-Ofen (c

bzw. d).

In einem Anbau an die Jungfern Bude (B) ist

eine Wohnung für die Ziegelknechte untergebracht,

die also direkt auf dem Betriebsgelände

gewohnt haben. Was man aus der Zeichnung

allerdings herauslesen kann, deutet doch auf

eine Gruppenunterkunft mit sehr spartanischer

Ausstattung hin.

Herstellung der Rohziegel

Ein separater Punkt in der „Umbständlichen

beschreibung“ befasst sich speziell mit den

Arbeiten im „Steinwerck“, da diese sich gegenüber

anderen Ziegeleien unterschieden. Fasst

man diese Beschreibung mit den Kartenbefunden

und anderen Hinweisen 8) zusammen, so

lässt sich folgender Arbeitsablauf für die Herstellung

der Rohlinge konstruieren. Dabei waren

einige Arbeitsgänge erforderlich, die arbeitsteilig

zu absolvieren waren.

1) Die Lehmgrube befand sich im Klosterholz.

Hier wurde ggf. bereits im Vorjahr der Lehm

vorbereitet und im Winter der Witterung

ausgesetzt, um dessen Struktur zu verbessern.

2) Die ersten drei Tage einer Woche dienten

dazu, Lehm für 12 000 Steine zuzubereiten.

Dazu mussten zwei Lehmmacher täglich 40

Karren Ton graben. Sie bereiteten vor Ort den

Rohstoff zu, damit er weich, gut formbar und

von gleichmäßiger Qualität war. Zu „fetter“

Lehm wurde mit Sand versetzt.

3) Zwei Aufkarrer „fahren solchen an in die

nahe bey der Hütten befindliche Kumpe“, wo

er ggf. mit Wasser aus dem Bach angefeuchtet

wurde.

4) Zur Durchmischung bediente man sich auf

einer speziellen Diele der Hilfe von zwei Pferden,

die den Ton so lange treten mussten, bis

dieser so fein und zäh geworden ist, dass

Mauersteine daraus gestrichen werden

konnten.

5) Danach wurde „die zubereitete Erde aus dem

Kumpen wieder in die Karren geschlagen“

und in die Streichhütte gefahren.

6) In Form gebracht wurde der Lehm dann in

den drei restlichen Tagen der Arbeitswoche

durch den Ziegelstreicher. Nachdem der Einschlager

die Masse in vorbereitete Rahmen

aus Holz geschlagen hatte, konnte der Streicher

oder Former diese dann mit einem

Streichbrett glätten. Bei dieser im Akkord

verrichteten Tätigkeit erhielt der Lehm dann

die gewünschte Form; in der Regel war es der

Quader, aber auch andere Formen waren

möglich.

7) Im nächsten Arbeitsschritt war es dann der

Abträger, der die gefüllten Formen zu einem

Trockenplatz trug. Dort konnten die Formen

dann abgezogen und zum Ziegelstreicher

zurückgebracht werden.

8) Nach einigen Tagen der Trocknung trat dann

der Ziegler (Hagensetzer) in Aktion und stapelte

die vorgetrockneten Rohlinge so, dass

sie dann für 2 – 3 Wochen weiter trocknen

konnten. Dabei verloren diese außer an

Masse auch an Volumen, was im Vorfeld bei

der Bemessung der Formen zu berücksichtigen

war.

Anmerkungen

Wilhelm Berger

1) Siehe HRB Nr. 122, S. 6.

2) Zur Errichtung der Ziegelei und zu vertraglichen

Regelungen s. HRB Nr. 123, S. 10 – 12.

3) NLA Stade, Rep. 74 Osterholz Nr. 799

4) Hans Siewert, Der Wandel von einer Tongrube

zum Osterholzer Waldstadion; in: HRB Nr.

3/2009, S. 21

5) NLA Stade, Rep. 74 Osterholz Nr. 800. C. F.

Meiners war Sohn von A. F. Meiners und seit

1744 Amtschreiber und Kommissarius in Lilienthal.

1744 war sein Vater gestorben, dessen

Erbe er antrat. Dazu gehörte auch die

Osterholzer Ziegelei. Drost in Osterholz war

damals B. C. von Gruben. (Angaben von H.-C.

Sarnighausen: Amtsjuristen…; in: Genealogie

1/2015, S. 373 – 376)

6) NLA Stade, Rep. 74 Osterholz Nr. 799

7) NLA Stade, Karten Neu Nr. 13061, Tab. VI und

VII. Die Gebäudestruktur deckt sich mit der

im HRB Nr. 123, S. 10, veröffentlichten Darstellung.

8) Die Ausführungen basieren u. a. auf:

http//wiki-de.genealogy.net/Ziegler_(Beruf)

April

Der April kann rasen,

nur der Mai halt Maßen.

Ist die Krähe nicht mehr weit,

wird‘s zum Säen höchste Zeit.

Bauernregeln

April – Mai – Juni

Mai

Donnert‘s im Mai viel,

haben die Bauern leichtes Spiel.

Der Mai, zum Wonnemonat erkoren,

hat den Reif noch hinter den Ohren.

Juni

Was im September soll geraten,

das muss bereits im Juni braten.

Wenn im Juni wechseln Regen und Sonnenschein,

wird die Ernte reichlich sein.

RUNDBLICK Frühjahr 2018

25


„Im Nebel der Vergangenheit“

Das Rätsel um die Entstehung der dörflichen Ansiedlung „Neuenkirchen“ am östlichen Geestrand der Weser

Das Kirchdorf Neuenkirchen liegt am Ostufer

der Unterweser (Niederweser), etwa auf halber

Strecke zwischen Bremen-Mitte und Bremerhaven.

Heute ist es verwaltungsmäßig ein Ortsteil

von Schwanewede, Kreis Osterholz, Land

Niedersachsen, und schließt unmittelbar am

nördlichen Rand des Landes Bremen an,

genauer an dessen Ortsteil Farge-Rekum.

Das Kirchspiel und das Gericht Neuenkirchen

entstanden nach den historischen Überlieferungen

„als Erzbischof Liemar im Jahre 1071

seinen treuen Vasallen des Adelsgeschlechtes

„von Stelle“ das Kirchspiel mit Ländereien

und Landgütern beschenkte und später 1080

auch die Gerichtsbarkeit für dieses Kirchspiel

übertrug“, so berichtet zumindest die Historie

des heutigen Ortes.

Doch können diese überlieferten Daten auch

das Gründungsdatum des Ortes sein, wie kann

man einem Gefolgsmann die Herrschaft über

ein Gebiet schenken, welches noch nicht existiert?

Dann könnte es ja nur unbewohntes

Ödland gewesen sein. Also muss das Dorf, vielleicht

auch ein kirchlicher Andachtsraum,

früher entstanden sein!

Das Adelsgeschlecht derer „von Stelle“ residierte

auf einem schlossähnlichen Gutshof am

Ortsausgang Neuenkirchen nach Rade. Im Jahr

1791 brannte der Gutshof ab und wurde nie

wieder aufgebaut, nur das Vorwerk „Steller

Bruch“, welches als Meierhof zum Steller Gut

gehörte, erinnert heute noch daran.

Peschel 1974, Hochwasserwarnanlage

Gehen wir einmal in der Geschichte zurück,

Anno 780 weist „Karl der Große“ dem angelsächsischen

Priester Willehad den Gau Wigmodien

als Missionsgebiet zu und er begann alsbald

darauf die Sachsen als Bewohner zu christianisieren.

Nach der Überlieferung wirkte Erzbischof

Liemar sehr viel später, vom Jahre 1072

bis 1101, vor ihm wirkten an seiner Stelle bereits

von 1035 – 1043 Adalbrand (auch: Bezelin,

Alebrand) und danach von 1043 – 1072 Adalbert

I., Pfalzgraf von Sachsen, als Erzbischöfe des

Erzbistums Hamburg-Bremen. Noch vor der

Schenkung Anno 1071 vermuten wir die Gründung

und Entstehung des Dorfes Neuenkirchen,

als Erzbischof Liemar hiernach noch gar nicht

im Amte war.

Die alten Stedinger Lande - Copyright v. Wersebe 1815

Der „Bremisch Verdische Rittersahl“, von Luneberg

Mushard, berichtet 1720 (p508), dass den

„von Stelle zum Stellerbroke“ im Jahre Christi

1080 das Gericht zu Neuenkirchen an der

Weser gegeben wurde. Das Wirken der adligen

Herren von Stelle wurde ausgiebig in der Chronik

der St. Michaels-Kirche zu Neuenkirchen

von Karl Heinz Berendt beschrieben. Aber es

gab noch einen Adligen, der als Stadtvogt von

Bremen sicherlich einen Einfluss auf die

Geschehnisse um Neuenkirchen hätte haben

können, nämlich „Adolf von Neuenkirchen“!

Doch konnte er der Begründer und Namensgeber

sein? Nein, er trat sehr viel später mit Heinrich

dem Löwen in Erscheinung.

Adolf von Neuenkirchen entstammte dem

Hause der Grafen von Ricklingen (Hannover). Da

er an den Gütern der Grafenfamilie nicht erbberechtigt

war, wird angenommen, ein Halbbruder

oder Stiefkind gewesen zu sein und war

als Gefolgsmann des „Heinrich der Löwe“ im

Raum Goslar ansässig. 1153 wurde Adolf von

Neuenkirchen mit der Vogtei zu Bremen von

Welfenherzog „Heinrich dem Löwen“ betraut

(Urkunde Heinr.d.Löwe 21). Nach dieser

Urkunde hat sich Adolf von Neuenkirchen nach

Neuenkirchen in Osterstade genannt, was

RUNDBLICK Frühjahr 2018


Jade Weser - Wikimedia Commons

jedoch äußerst angezweifelt werden darf. In der

Bürgerweideurkunde v. 1159 wird a. v. Neuenkirchen

„advocatus civitatis“, also Stadtvogt

genannt. Landvergabe in Stedingen, Besitz in

Hiddigwarden, Wersabe und Buren (Hasenbüren)

(Hofmeister / Röpcke 1987, 24f, 65, 232).

Im Buch „Über die Niederländischen Colonien

welche im nördlichen Teutschlande…“

schreibt August von Wersebe, königlich Großbritannisch-Hannoverschem

Landrosten und

Randrathe, Assessor des Bremen und Verdenschen

Hofgerichts, Erb- und Gerichtsherrn zum

Meienburg, im Jahre 1815 über Adolf von Neuenkirchen

und seiner Beziehung zum Erzbischof:

„Bey der hieraus anscheinenden Connexion

dieses Adolf von Neuenkirchen mit dem Vorgänger

des Erzbischofs lässt es sich um so eher erklären,

dass demselben hier die Qualität eines „advocati

civitatis Bremensis“ beygelegt wird, wiewohl dieser

Umstand sonst beym ersten Anblicke befremdet

scheint, da es ausserdem kein Beyspiel davon

gibt, dass dieser Adolf eine Advocatie in Bremen

bekleidet hätte“….

Verlassen wir hier den Adel und wenden uns

anderen Quellen und Möglichkeiten für die

Datierung einer Ortsgründung zu. Der „Blanke

Hans“, wie die verheerenden Sturmfluten seit

alters schon von den heidnischen Bewohnern

dieses Landstriches genannt werden, wird nach

meiner Vermutung seine Hände im Spiel um die

Orts-Gründung gehabt haben. Ich denke dabei

an eine Sturmflut, die vor 1071 stattgefunden

haben muss, denn die Julianenflut fand erst viel

später am 17. Februar 1164 statt. Da war aber

Neuenkirchen längst gegründet. Damals, vor

1071, werden die von der Flut vertriebenen Bauern

an den rettenden Geestrand geflüchtet sein

und hier auf sicherem Boden ihre „Neue Kirche“

errichtet haben. Daraus wurde dann mundartlich

Nienkarken und später auf Hochdeutsch

„Neuenkirchen“.

Vor tausend Jahren war noch der gesamte

heutige Jadebusen von einem großen Moorgebiet

bedeckt, das sich im Westen bis an den

Geestrand erstreckte und im Osten bis an den

hohen Marschrücken des Stadlandes reichte.

Zwei Ströme waren Nebenarme der Weser,

nördlich die „Dornebbe“ und südlich die

„Wester Weser oder Line“ genannt, durchzogen

das moorige Land von der „Friesischen Balje“

zur Weser hin und führten nahe Brake und Elsfleth

von dort in westlicher Richtung zur See“.

Den Nachweis dazu liefern Reste der alten Wurten

und deichähnliche Aufschüttungen die entlang

dieses Urstromtales von den Deichverbänden

gefunden und untersucht wurden.

Die frühere Gründung Neunkirchens scheint

auch durch die Tatsache eines eichenen Holzfundes

recht gut belegt zu sein, der von Hans-

Jörg Baake im Gemäuer des Kirchturmes der

Michaeliskirche in etwa 8 Meter Höhe gefunden

wurde. Von den „Heimatfreunden Neuenkirchen

e.V.“, durch Herrn Baake, wurde eine

Holzprobe 2013 zur Altersdatierung (Probe KIA

48074) an die Christian-Albrecht-Universität in

Kiel, an das Leibniz-Labor für Altersbestimmung

gegeben, die das Radiokarbonalter auf

915 ± 20 Jahre datierte, woraus sich das Jahr der

Fällung zum Bauholz auf 1078-1098-1118

ableiten lässt. Der untere Teil des heutigen

Kirchturms war auf Grund seiner Bauart gewiss

ein viel älterer mächtiger Aussichts- und Wehrturm

gegen die in jener Zeit immer wieder einfallenden

Wikinger. Die bisherige Vermutung

war, dass das gefundene Holzstück ein vergessenes

Teil einer Pfette eines Daches und bei der

Erhöhung für einen Kapellenraum im Mauerwerk

übersehen wurde. Das gefundene Eichenholzstück

ist aber nach dem Ergebnis eher kein

vergessenes Teil eines alten Daches, sondern

gehörte als Stück Bauholz, dessen Zweck unbekannt

bleibt, in die Zeit der Aufstockung. Der

erste sichere Versammlungsraum für kirchliche

Zwecke ist damit auf die Jahre zwischen 1078-

1118 anzunehmen und liegt damit nahe am Jahr

1080, der Zeit, in der Neuenkirchen bereits zum

Gerichtsort – nicht aber in die Zeit, als Neuenkirchen

zum Kirchdorf erhoben wurde, wie im

„Bremisch Verdische Rittersahl“ genannt wird.

Das Ereignis, an dem Erzbischof Liemar das

Gebiet um Neuenkirchen an die adeligen Ritter

„von Stelle“ verschenkt haben soll, fand schon

vorher statt, bevor Liemar Erzbischof wurde.

Der erste kirchliche Raum im Turm dürfte den

Beginn des Kirchdorfes und Kirchspiels kennzeichnen,

Neuenkirchen oder Nienkarken war

geboren.

Hans-Jörg Baake, Neuenkirchen

& Herbert A. Peschel, Aumund-Fähr

Verwendete Quellen:

2018, Ergebnisse eigener Recherchen in diversen

Quelle durch H.-J. Baake und Herbert A.

Peschel.

1997, „Beiträge zur Geschichte der Ev.-ref. Kirchengemeinde

Neuenkirchen“ herausgegeben

vom Kirchenrat der Ev.-ref. Kirchengemeinde

Neuenkirchen.

1720, „Bremisch Verdische Rittersahl“ von Luneberg

Mushard (p508).

1815, „Ueber die Niederländischen Colonien,

welche im nördlichen Teutschlande im zwöften

Jahrhunderte gestiftet worden, und weitere

Nachforschungen“ von August von Wersebe,

königlich Großbritannisch-Hannoverschem

Landrosten und Randrathe, Assessor des Bremen

und Verdenschen Hofgerichts, Erb- und

Gerichtsherrn zum Meienburg.

2013, „Datierungsbericht KIA 48074“ zur

Altersbestimmung des Leibnitz Labor für

Altersbestimmung und Isotopenforschung der

Christian Albrecht Universität Kiel.

2015, „Ritter und Knappen zwischen Weser und

Elbe“. Die Ministerialität des Erzstifts Bremen,

von Hans G. Trüper.

RUNDBLICK Frühjahr 2018

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Worphüser Heimotfrünn

Bericht von der Jahreshauptversammlung am 16. Februar 2018

Hinrich Tietjen zum Ehrenvorsitzenden

und Helmut Meyer

zum Ehrenkassenwart ernannt

- Wahlen zum

Vorstand

Ehrenmitglieder

Die diesjährige Jahreshauptversammlung der

Worphüser Heimotfrünn war geprägt von einem

würdigen Abschied der langjährigen Vorstandsmitglieder

Helmut Meyer und Hinrich Tietjen.

Beide gehörten seit Gründung des Vereins am 8.

Mai 1977 ununterbrochen dem Vorstand an.

Wie der neue Vorsitzende Axel Miesner im Rückblick

feststellte, startete Hinrich Tietjen

zunächst als Schriftführer und übernahm am 8.

September 1987 nach Einweihung des Bauernhauses

und damit offizieller Eröffnung des Lilienhofes

von Gustav Geffken den Vorsitz bei den

Heimotfrünn. Als Dank und Anerkennung für

seine bereits damals langjährige Vorstandsarbeit

wurde Hinrich Tietjen 2006 das Niedersächsische

Verdienstkreuz ausgehändigt. Helmut

Meyer und Hinrich Tietjen wurde 2007 für

ihre damals 30-jährige Arbeit im Vorstand der

Worphüser Heimotfrünn durch die Gemeinde

die Ehrennadel verliehen. Beide haben sich um

den Verein auf dem Lilienhof mehr als verdient

gemacht. Mit ihnen wurde der Lilienhof, was er

heute ist. Ein Filetstück in Worphausen und ein

Schmuckstück in der Gemeinde Lilienthal. Der

Verein ist zu mehr als Dank verpflichtet, so Axel

Miesner. Ein Dank gilt in diesem Zusammenhang

auch den Ehefrauen, die ihre Männer

unterstützt haben. Als Dank und Anerkennung

für die 40-jährige Tätigkeit wurde Hinrich Tietjen

zum Ehrenvorsitzenden und Helmut Meyer

zum Ehrenkassenwart ernannt. Beide gehören

weiter unserem Vorstand an, können ihre Erfahrungen

einbringen und stehen dem neuen Vorstand

weiter mit Rat und Tat zur Seite.

Bürgermeister Kristian Tangermann bedankte

sich bei allen Aktiven im Verein für ihre

ehrenamtliche Tätigkeit auf dem Lilienhof.

Allen Mitgliedern und Gästen würden immer

sehr schöne Veranstaltungen geboten. Gegenüber

Helmut Meyer und Hinrich Tietjen brachte

der Bürgermeister zum Ausdruck, dass es in der

heutigen Zeit schon fast einmalig sei, dass sich

Bürger vierzig Jahre aktiv in die Vorstandsarbeit

einbringen. Auch er bedankte sich bei den beiden

Ehrenvorstandsmitgliedern für die enorme

Arbeit, die sie geleistet haben.

Zum neuen Vorsitzenden der Worphüser Heimotfrünn

wurde der bisherige stellvertretende

Vorsitzende Axel Miesner gewählt. Stellvertretender

Vorsitzender ist zukünftig Peter Brünjes,

Schriftführerin bleibt Birgit Reiß, ihre Stellvertreterin

wurde Heike Brüning. Neue Kassenwartin

wurde die bisherige stellvertretende Kassenwartin

Sonja Brüggemann und ihre Stellvertreterin

wurde Elke Geffken-Dreier.

Als Delegierte für den Ortsjugendring Lilienthal

wurde Andrea Schwarz gewählt. Miriam

Holz wurde für 2 Jahre zur Kassenprüferin

gewählt, die dieses Amt mit Hendrik Grotheer

ausübt. Anschließend wurden langjährige Mitglieder

für ihre 40- jährige bzw. 25-jährige Vereinszugehörigkeit

geehrt. Darauf folgten

Berichte aus den Gruppen und die Termine für

Der Vorstand

das Jahr 2018 wurden besprochen, u. a. die

Tagesfahrt nach Emden. Im Anschluss an die

Versammlung wurden noch selbst geschmierte

Brote gereicht, sodass der Abend gemütlich

ausklang.

Axel Miesner, Vorsitzender

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RUNDBLICK Frühjahr 2018


Jugendherbergen in den Dreißigerjahren

Zur Geschichte der Jugendherberg Worpswede

„Die Jugend wandert – Jugendherbergen in

Bremens Umgebung“, mit dieser Überschrift

beginnt ein Artikel in der Zeitschrift „Bremer

Hausfrau“ vom 08.09.1932 . Im Weiteren wird

über norddeutsche Jugendherbergen berichtet,

die Anfang der Dreißigerjahre gebaut bzw. eingeweiht

wurden, u.a. von der Grundsteinlegung

des Westturms auf Wangerooge, die der bremische

Senator Kleemann in seiner Festrede mit

folgenden Worten einführte:

„Denn auf unserer Jugend beruht die

Zukunft des Volkes . Deshalb müssen wir auch in

schwersten Zeiten Möglichkeiten schaffen,

unsere Jugend gesund zu erhalten. Das ist kein

Luxus, sondern eiserne Notwendigkeit im Dienste

an unserem Volke! Jugend und Heimat, das

sind die beiden gewaltigen Klänge, die in solchen

Stunden durch unsere Seelen rauschen

und uns zu Opfern und zum Verständnis für

diese Bewegung bereit finden lassen.“ Die Sprache

ist uns heute fremd. Da ist die Rede von

„Gottes herrlicher Natur, von der Liebe zum

Vaterland, von Jugend und Heimat...“

JH Worpswede Anfang der 30ger-Jahre

Erinnert wird u.a. an die Jugendherberge in

Worpswede, „die herrlich am westlichen

Abhang des Weyerberges liegt und ihren Gästen

nicht nur die Möglichkeit erschließt, den eigenartigen

Zauber von Moor- und Heidefahrten zu

erleben, sondern ihnen auch Gelegenheit gibt,

die hier bodenständige Kunst an Ort und Stelle

durch Besuch der Künstlerwerkstätten und

Ausstellungen zu studieren.“ Und in diesem

Haus gebe es „herrliche Wasch-, Dusch- und

Badegelegenheit, so daß die bestaubten Wanderer

sich schnell erfrischen können.“ Auch die

in jenen Tagen fertig gewordene Jugendherberge

„Zum Utkiek“ in Bremen-Vegesack wird

erwähnt, ein Haus , das „in sehr bevorzugter

Lage direkt an der alten Hafenmauer liegt und

in opferwilliger Aufbauarbeit durch Arbeitslose

aufgebaut worden ist.“

Immer wieder wird in dem Artikel auf die

erzieherische Bedeutung hingewiesen, die Aufenthalte

in Jugendherbergen für die Jugend

haben. Wer Gelegenheit habe, die Jugend in den

Herbergen zu beobachten, der würde merken,

dass es „nirgends geordneter und gesitterter

hergehen kann, als dort.“ Dafür sorge einmal die

straffe Hausordnung, für die der Herbergsvater

verantwortlich zeichne, „und vor allen Dingen

die Selbsterziehung und Kameradschaftlichkeit

unter der Jugend selbst.“ Und es besteht die

Hoffnung, dass „die jungen Menschen durch

die Hausordnung in den Herbergen dazu erzogen

werden, Ordnung um sich herum zu halten.“

Für die Selbstversorger heißt es: selbst

kochen, die gebrauchten Gegenstände selbst

aufwaschen und Eßtische und Schlafsäle in

gesitterter Ordnung zu hinterlassen.“ Der Beitrag,

durchzogen von Volkstümelei, endet mit

einem Ausspruch von Turnvater Jahn: „Wer auf

Wanderschaft gehen will, muß in der Heimat

Foto: „Die Hausfrau“

flügge geworden sein. Die Wanderfahrt ist die

Bienenfahrt nach dem Honigtau des Erdenlebens.“

„Niederdeutsche Jugendherbergen“, so ist

ein weiterer Beitrag in der Zeitschrift „Bremer

Hausfrau“ vom 07. Dezember1933 überschrieben.

Die Übernachtungszahlen haben sich verändert:

Gab es 1911 siebzehn Jugendherbergen

mit 3000 Übernachtungen, so haben 1932

bereits in 2124 Häusern 4 200 000 Menschen

übernachtet.

Aber auch die Diktion hat sich verändert, sie

ist völkisch-national geworden, ein Beispiel:

„Für die Jugend das Richtige zu schaffen, darauf

kommt es an. Und das Richtige? Was kann

es anderes sein als Erziehung zu wahrer Volksgemeinschaft,

zur Vaterlandsliebe, zur Kame-

Jugendherberge Worpswede heute mit dem

neuen Anbau

Quelle: Dt. Jugendherbergswerk

radschaftlichkeit und zur Ordnung und Sauberkeit

des inneren und äußeren Menschen.“

Die Nationalsozialisten sind inzwischen an

der Macht. Der Reichsjugendführer der NSDAP,

Baldur von Schirach, hat die Schirmherrschaft

für das Jugendherbergswesen übernommen. Es

steht nun „unter dem machtvollen Schutz des

ganzen Reiches, da werden nun wohl auch für

die immer noch abseits stehenden Eltern die

Jugendherbergen für ihre Kinder gesellschaftsfähig

geworden sein.“

Die Eltern werden aufgefordert, vor allen

Dingen die „zuständigen“ Mütter, „sich mehr

mit diesem Erziehungswerk zu beschäftigen

und bei Ausflügen und anderen Gelegenheiten

selbst einmal in die Jugendherbergen hineinzuschauen,

um sich davon zu überzeugen, daß

ihre Kinder in Freizeiten und auf Fahrten gut

untergebracht sind...“

Die Jugendorganisationen HJ (Hitlerjugend)

und BDM (Bund deutscher Mädel) werden hier

vorbereitet. Verräterisch sind Sätze wie diese:

“Denn wie kann ein Mensch sein Vaterland lieben,

wenn er die Schönheiten desselben nicht

kennt? Wie kann er seinen Volksgenossen verstehen

lernen, wenn er nicht in kameradschaftlichem

Zusammensein mit demselben andere

Wesensart kennenlernt?“

Rechtspopulistische Gruppierungen in vielen

Ländern Europas, verstärkt auch seit einigen

Jahren in Deutschland, bedienen sich heute der

Sprache der Nationalsozialisten; historische

Parallelen zur Blut- und Boden-Ideologie sind

unverkennbar. Ein Menetekel?

Helmut Strümpler

Jugendherberge Worpswede

Quelle: Dt. Jugendherbergswerk

RUNDBLICK Frühjahr 2018

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Wie das Lilienthaler Wintertheater

die Bremer Stadtmusikanten hinter sich ließ

Passt der Schuh?

Wer hätte damit gerechnet - im Jahre 1993,

als Dieter Klau-Emken der Freilichtbühne Lilienthal

seine Idee einer angegliederten Schauspielschule

vorstellte - dass daraus ein so starkes

Ensemble vorwiegend jugendlicher Schauspielenthusiasten

erwachsen könne, die in der

abgelaufenen Saison auf mehr als 20 Vorführungen

kommen und sogar auf Tournee

gehen würde?! Diesen langen Satz wollen wir

inhaltlich mal etwas näher durchleuchten:

Dieter Klau-Emken, in Grevenbroich im

Rheinland aufgewachsen, hatte es in jungen

Jahren als begabter Turner zu einigem Erfolg

auf Landesebene in Nordrhein-Westfalen

gebracht. Während seines Studiums an der

Sporthochschule in Köln wechselte der Schwerpunkt

seines Interesses aber von Turnen zu Tanz.

Und von dort war es kein weiter Schritt mehr

zum Theater. Auf Umwegen führte ihn sein Weg

irgendwann in den Norden und schließlich über

Bremen und Worpswede nach Lilienthal, wo er

seit der Jahrtausendwende zu Hause ist. In dieser

Zeit hatte er mehrere Jahre lang einen Lehrauftrag

für Tanz an der Hochschule für Gestaltende

Kunst und Musik wahrgenommen, dem

direkten Vorläufer der heutigen Hochschule für

Künste. Und er gehört als Schauspieler und

Choreograph zu den frühen Mitgliedern der

Freilichtbühne, die bekanntlich 1984 aus der

Taufe gehoben wurde.

Nachdem er also 1993 die Verantwortlichen

vom Nutzen einer Schauspielschule für die Freilichtbühne

und für Lilienthal überzeugt hatte,

galt es, das Projekt organisatorisch anzubinden

und seine Finanzierung zu sichern. In Anlehnung

an die Organisation größerer Sportvereine

wurde die Theaterschule als eigenständige

Abteilung der Freilichtbühne gegründet. In den

ersten Jahren legte Klau-Emken besonderen

30

Wert auf Sprech- und (dies vor allem!) Bewegungstraining.

Im Vordergrund stand das

Improvisationstheater, mit dem die Truppe in

der Umgebung mit wachsendem Zuspruch auftrat.

Zeitweise teilten sich bis zu 50 Schülerinnen

und Schüler auf bis zu vier Gruppen auf.

Irgendwann wurden die Empfehlungen zahlreicher

und lauter, es wäre doch schön, mit solchen

Begabungen auch mal ein richtiges Stück

aufzuführen.

Gesagt, getan. Mit der Premiere von "Sterntaler"

im Winter 2000/2001 wurde das Wintertheater

ins Leben gerufen, so genannt als

Pendant zum Sommerbetrieb der Freilichtbühne.

Ständige Spielstätte wurde schnell der

dafür umgebaute Martinssaal der Diakonischen

Behindertenhilfe Lilienthal, für die Klau-Emken

nur wenige Jahre zuvor bereits das "Theater

Mobile" (die aus der Kulturszene Lilienthals

ebenfalls nicht mehr wegzudenken ist) gegründet

hatte. Bedingt auch durch den demographischen

Wandel, der zu einem schleichenden

Rückgang der Schauspieleleven führte, ging die

Schauspielschule allmählich in das Wintertheater

über. Mittlerweile hat sich die Teilnehmerzahl

bei rund 30 begeisterungsfähigen Nachwuchsschauspielerinnen

und -spielern stabilisiert.

Das erlaubt es dem Regisseur Klau-

Emken, dem es wichtig ist, möglichst allen

Interessierten eine, zumindest bescheidene

Mitwirkung zu ermöglichen, seine Rollen doppelt

zu besetzen. Was für die Beteiligten, die

zumeist die Schulbank drücken oder den Hörsaal

frequentieren, bei der hohen Anzahl von

Aufführungen je Spielzeit, teilweise sogar an

Vormittagen (für Schulklassen oder KiTas) eine

spürbare Terminentlastung bedeutet.

Auf die Spielzeit zu Hause folgt für das

Ensemble seit einigen Jahren ein Wochenende

mit mehreren Auftritten in Göttingen.

Am 10. Juni 1846 gründeten engagierte Bremer

Bürger den Verein Ellener Hof zum Betrieb

eines "Rettungshaus für sittlich verwahrloste

Kinder". Vorbild dazu war das vom 'Reformpastor'

Johann Hinrich Wichern 1833 in Hamburg

gegründete "Rauhe Haus". Das damals rasant

an Fahrt aufnehmende Industriezeitalter hatte

eine ebenso rasant wachsende Zahl verwahrloster

Kinder und Jugendlicher zur Folge, die für

ihre Verfehlungen bis dahin durchweg ins

Gefängnis - oder gar ins Zuchthaus - geworfen

wurden. Wie viele Geistliche seiner Zeit war

Wichern von der Überzeugung getrieben, dass

eine solche Erziehungsanstalt jungen Menschen,

die wegen fehlender Lebensperspektive

auf die schiefe Bahn geraten waren, viel bessere

Resozialisierungsmöglichkeiten biete als eine

Haftanstalt, die zu der Zeit noch um einiges

trostloser (und auch inhumaner!) war als heute.

Diesem Reformansatz schloss sich der 'Grün-

Dieter Klau-Emken: Der Kopf vom Ganzen

dungsvater' der bald "Ellener Hof" genannten,

autark arbeitenden Einrichtung vor der Stadt,

Pastor Georg Gottfried Treviranus an.

Nach einer langen, höchst wechselvollen

Geschichte, auf die in einer zukünftigen Ausgabe

des Heimat-Rundblicks ausführlicher eingegangen

werden soll, wurde der Betrieb dieser

Einrichtung, im frühen 20. Jahrhundert auch

als "Rettungs-Anstalt für verwahrloste Knaben"

bezeichnet, im Juni 1989 eingestellt An einer

Ecke des Geländes wurde ein größeres Altenheim

für betreutes Wohnen errichtet, die vorhandenen

Altbauten verfielen allmählich. Dem

Verein Ellener Hof fehlte jedoch die Kraft zu

einem dynamischen Neuanfang. Im Jahr 2015

schenkte er das gesamte Gelände der Bremer

Heimstiftung, dem größten Altenpflegebetrei-

RUNDBLICK Frühjahr 2018


er am Ort. Gemeinsam mit dem Senat und

einem niederländischen Stadtplanungsbüro

wird das Areal, das nun 'Stiftungsdorf Ellener

Hof' heißt, neu gestaltet. Mehr als 500 Wohneinheiten

sind vorgesehen, ebenso wie ein Studentenwohnheim,

ein Hindutempel, zwei Kitas,

diverse Therapiepraxen, Einkaufsmöglichkeiten

und eine Außenstelle der Volkshochschule, um

nur einige der neuen Siedler zu nennen. fast

alles in nachhaltig ökologischer Holzbauweise.

Auch hierüber wird demnächst an dieser Stelle

im Detail zu berichten sein.

Nur wenige der alten Gebäude werden auf

dem Gelände stehen bleiben können. Dazu

gehört ein Haus, in dessen Keller sich die zentrale

Heizungsanlage für einen Großteil des

Areals befindet. In dessen Erdgeschoss liegt der

ehemalige Speisesaal, der zugleich als Aula

genutzt werden konnte.

Noch in der ersten Planungsphase, gleich

Kultur-Aula, Stiftungsdorf Ellener Hof

nach Übernahme des Ellener Hofs, wurde den

Verantwortlichen bei der Bremer Heimstiftung

schnell klar, dass es nicht nur auf dem Gelände

selbst, sondern in der gesamten Umgebung an

geeigneten Räumlichkeiten für niederschwellige

kulturelle Veranstaltungen für die dort

lebende und arbeitende Bevölkerung fehlte -

Veranstaltungen, die zuvörderst auf die Bedürfnisse

der Menschen in Blockdiek auf der einen

Seite des Geländes und dem Ellener Feld auf der

anderen zugeschnitten waren - Veranstaltungen

vor allem, ob Konzerte, Theater, Tanz, Ausstellungen

oder anderes, die von den Ansässigen

selbst organisiert oder gar einstudiert und aufgeführt

würden. Die ursprüngliche Idee, dort

einen reinen Theaterbetrieb aufzubauen, wurde

rasch verworfen. An einem Standort im Außenbezirk

und ohne lange, pulsierende Theatertradition

regelmäßig mindestens einhundert

Plätze je Aufführung verkaufen zu müssen,

erschien allen Planungsbeteiligten dann doch

als ein allzu ambitioniertes Vorhaben. Außerdem

hatten informelle Umfragen und Erkundungen

gezeigt, dass ein Mehrzweckveranstaltungsraum

doch eher den Bedürfnissen der

Menschen vor Ort gerecht würde.

Nachdem die grundsätzliche Ausrichtung

Junger Prinz versteht Erwachsene nicht...

des Projekts geklärt war, musste geplant, entrümpelt,

umgebaut und eingerichtet werden -

nachdem die Finanzierung des ja nicht ganz billigen

Vorhabens geklärt war. Zu Letzterem war

die Bremer Heimstiftung nur zu einem geringen

Teil in der Lage. Satzungsgemäß ist sie ja eine

gemeinnützige Betreiberin von Altenpflegeeinrichtungen,

nicht von Kulturstätten. Doch mit

Unterstützung insbesondere des Ortsbeirats

und des Ortsamts Osterholz sowie von Förderstiftungen

und der Sparkasse Bremen konnte

die "Kultur-Aula", wie sie zwischenzeitlich

getauft worden war, in knapp zweijähriger

Arbeit als ein von vielen Besuchern bewunderter

Phoenix aus der Asche "alter Speisesaal"

entsteigen. Auf ihrem Einweihungskonzert, bei

dem unter anderem die bewährte Bremer

Oldie-Coverband "Larry & the Handjive" für

Stimmung sorgte, übergab die Bremer Heimstiftung

den Betrieb des Hauses an den dafür

gegründeten "Ellener Hof Verein".

Blieb nur noch das eine Thema: Was soll dort

aufgeführt werden? Neue Ensembles, welcher

künstlerischer Ausrichtung auch immer,

schießen auch in Bremen-Osterholz nicht über

Nacht aus dem Boden. Also erst einmal ein Veranstaltungsjahr

gleichsam zur Probe, mit diversen

Vor- und Aufführungen aus ganz unterschiedlichen

Richtungen. Da kam es dem für

die Programmgestaltung verantwortlichen Vereinsvorsitzenden

sehr gelegen, dass er sich

zumindest in seinem heimischen Lilienthal

etwas auskannte. Vor allem kannte er das Wintertheater

- und ihren Gründungsleiter.

Warum, so sagte er sich, sollen die, so gut, wie

sie sind, nicht mal in Bremen ihr Glück versuchen?

Ein Anruf, ein Treffen - und die Idee ging in

die Umsetzung. Zwei Vorstellungen sollten es

werden, und zwar nach der Dernière in Lilienthal

Ende Januar und vor dem Gastspiel in Göttingen

am letzten Februarwochenende. Am 8.

Februar, einem Donnerstag, wurden Kleider und

Kulissen aus Lilienthal abgeholt und Letztere

noch am selben Tag in der Kultur-Aula aufgebaut.

Tags darauf gab es schon die erste von

zwei vereinbarten Vorstellungen. Wie die Profis

gingen die Akteure zu Werk. Für vollwertige

Proben, etwa um sich mit der neuen Bühne vertraut

zu machen, vor allem mit ihrer Akustik

und ihren Auf- und Abgängen, reichte die Zeit

nicht. Ein paar kurze Anweisungen des Prinzipals

und Regisseurs und ebensolche Abstimmungen

untereinander mussten ausreichen.

Kaum eine Stunde später öffnete sich der Vorhang.

Obwohl das Haus noch lange nicht ausverkauft

war, waren die Zuschauer vom grandiosen

Spiel der Truppe begeistert. Auch bei der zweiten

Aufführung, einer besser besuchten Nachmittagsvorstellung

am Sonntag, den 11. Februar,

sprang der Funke von der Bühne aufs Publikum

über. Und zwar so deutlich, dass das Ensemble

entschied: Nächstes Jahr kommen wir wieder.

Dann allerdings mit einem ausgesprochen

anspruchsvollen Stück: "Momo", nach dem

Roman von Michael Ende.

Zum Schluss erfuhr der Chronist ganz

nebenbei, dass dies doch nicht der erste Auftritt

der Truppe in Bremen war. Im Jahr 2003 hatte

das Wintertheater mit "König Drosselbart" an

einem Tag der offenen Tür des Bremer Theaters

teilgenommen - und sogar den Publikumspreis

gewonnen! Damals also schon weiter gekommen

als die Bremer Stadtmusikanten, die

bekanntlich nie in Bremen angekommen sind.

Jens Uwe Böttcher

RUNDBLICK Frühjahr 2018

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Heinrich Vogelers Friedensappell von 1918

- aktuell bis heute

H. Vogeler; Schützengraben

32

In unseren heute so friedlichen Zeiten in

Europa scheinen die Gräuel der beiden Weltkriege,

die von Deutschland angezettelt wurden,

langsam in Vergessenheit zu geraten. Mit

großer Distanz können wir die Kriege dieser

Welt von sicherem Territorium aus betrachten.

Kaum vorstellbar ist das Risiko, das vor einhundert

Jahren Heinrich Vogeler auf sich nahm, als

er seinen Friedensappell an den deutschen Kaiser

schrieb. Dieser Protestbrief hat, dank der

vielen weltweiten Kriegsschauplätze, heute

nichts von seiner Aktualität eingebüßt, und so

veröffentlichte zum Jahresanfang der Kenner

der Worpsweder Kunstgeschichte Bernd Stenzig

ein akribisch recherchiertes Buch über „Das

Märchen vom lieben Gott“, wie Vogeler selbst

sein Schreiben an den Deutschen Kaiser betitelte.

Der Autor, der Privatdozent und Hochschullehrer

am Institut für Germanistik der Universität

Hamburg ist, schrieb schon zahlreiche

Publikationen über Heinrich Vogeler. Durch

seine profunden Kenntnisse von Originalquellen

entsteht eine spannende Chronologie der

Ereignisse – ausgehend vom Originaltext des

Friedensappells, der in einem Worpsweder

Museum als handschriftliche Abschrift von

Heinrich Vogeler vorliegt. Vogelers militärische

Karriere vom kriegsfreiwilligen Oldenburger

Dragoner bis zum zeichnenden Kundschafter

und Gestalter von Drucksachen ist nicht durch

Heldentaten und Nationalpatriotismus

geprägt, sondern zunächst von einem naiven

Glauben an den Kaiser. Immer wieder pendelt

der sensible Künstler zwischen Generalstab und

Front hin und her und ist zunehmend erschüttert

vom Elend und der Sinnlosigkeit des Krieges.

Anfang Januar 1918 kehrt Vogeler, für die

Familie überraschend, aus dem Krieg zurück. Er

ist empört über das deutsche Verhalten

während der in Brest-Litowsk stattfindenden

Verhandlungen über einen Separatfrieden mit

der Sowjetunion, das einen baldigen Frieden

verhindert. Interessant und neu ist, dass sich

Vogeler zu dieser Zeit noch als einen treuen

Anhänger der Monarchie bezeichnet. Sein am

20. Januar 1918 formulierter Brief an den Kaiser

und auch ein weiterer Brief drei Tage später

an seinen vorgesetzten Major sollen den Kaiser

sowie die Oberste Heeresleitung Hindenburg

und Ludendorff zu einem baldigen Friedensschluss

bewegen.

Im ersten Brief verwendet Vogeler dafür eine

Erzählform, die an die zeitgenössische expressionistische

Literatur erinnert, wie Bernd Stenzig

schlüssig erläutert. Hierin kommt der „liebe“

Gott als alter, trauriger Mann am 24. Dezember

auf den Potsdamer Platz in Berlin und verteilt

ein Flugblatt, auf dem steht: „Friede auf Erden

und den Menschen ein Wohlgefallen“. Nachdem

er durch die Staatsmacht standrechtlich

erschossen wurde, erscheint er ein paar Tage

später wieder und verweist auf die zehn Gebote.

Er findet aber keine Aufmerksamkeit. Zum

Abschluss fordert Vogeler Kaiser Wilhelm II. auf:

„Sei Friedensfürst […] In die Knie vor der Liebe

Gottes, sei Erlöser, habe die Kraft des Dienens.“

Stenzig hält Heinrich Vogelers Bekenntnis zum

Christentum für eine durchaus „gläubige“ Haltung,

die sich auch ab 1917 in mehreren Briefen

an seine Frau Martha und an Harry Graf

Kessler belegen lassen. Heinrich Vogeler und der

kunstaffine Ordonnanzoffizier Graf Kessler hatten

sich 1915 bei einer gemeinsamen Frontinspektion

kennengelernt.

Aus Sorge der erste Brief würde vielleicht den

Kaiser nicht erreichen, sendet Vogeler am 23.

Januar 1918 einen weiteren Brief mit einer

Abschrift des ersten auf dem ordentlichen

Dienstweg über seinen Major mit der Bitte um

Weiterleitung an Ludendorff. In diesem doppelt

so langen Begleitbrief ist zu spüren, dass Vogeler

über die Auswirkungen des Krieges außer

sich ist. „Unser Volk ist am Ende, die Revolution

lebt wie eine fressende Flamme. Kein Brot, keine

Sättigung kann sie ausschalten! Wahrheit!

Wahrheit, gebt den Menschen Wahrheit!“

Diese Briefe setzt Bernd Stenzig in den historischen

Kontext und bescheinigt Vogeler eine

politische Weitsicht. Wenige Tage später treten

über anderthalb Millionen Arbeiter, angeführt

durch das linke politische Spektrum, in den

Streik – und Heinrich Vogeler findet sich

„unversehens auf Seiten derLinken wieder. Im

Bürgertum ist er damit ein Sonderfall, er tritt

ein erstes Mal heraus aus seiner Klasse“, so

Stenzig. Beide Briefe könnte man todesmutig

nennen, vielleicht sind sie aber auch in einer

tiefen Depression geschrieben worden. Es ist

nicht überliefert, ob der Kaiser die Briefe gelesen

hat. Im Hauptquartier beim Ersten Generalquartiermeister

Erich Ludendorff sorgte der

Brief für Empörung. Der Befehl, Heinrich Vogeler

standrechtlich zu erschießen, ist dann aber

doch zu einer Einweisung in die Bremer Irrenanstalt

abgewandelt worden. Am 27. Februar

wird Vogeler wieder entlassen.

Im Verlauf der nächsten Jahre entwickelt

Vogeler eine eigene politische Weltanschauung,

in der er auf unorthodoxe Weise Religion und

Rätekommunismus verknüpft, findet dafür aber

weder bei den örtlichen noch bei den Bremer

Kommunisten Verständnis. Seine Kommune

Barkenhoff, eine Insel im kapitalistischen Staat,

bleibt ein Solitär und scheitert nach wenigen

Jahren.

Im letzten Kapitel geht Bernd Stenzig ausführlich

auf die Bedeutung des Kaiserbriefs in

Vogelers letzten Lebensphase von 1931 bis 1942

in der Sowjetunion ein. Heinrich Vogeler bezog

sich später immer wieder auf diesen Brief, um

seinen frühen Einsatz für den Kommunismus

deutlich zu machen. Er geht dabei so weit, seine

eigenen Intentionen und politischen Einstellungen

nachträglich umzudeuten, um sich als

treuen Parteigänger darzustellen. Warum er

dies tat, stellt Stenzig umfassend dar – sein

Ausschluss 1929 aus der KPD in Deutschland,

die Umsiedlung nach Moskau 1931, seine

beruflichen und persönlichen Schwierigkeiten

bis hin zu seiner Zwangsevakuierung 1941, die

1942 zu seinem einsamen Tod in der kasachischen

Steppe führt. Insbesondere das Studium

der Komintern-Kaderakte im Russischen Zentrum

für die Aufbewahrung und Erforschung

RUNDBLICK Frühjahr 2018


der Dokumente der neuesten Zeit (RCCHIDNI) in

Moskau, die dank Reinhard Müller 1995 erstmals

eingesehen und publiziert wurde, ist dafür

eine bedeutende Quelle.

Bernd Stenzig gelingt es mit seiner Analyse,

die Geburtsstunde des politischen Engagements

Heinrich Vogelers verständlich zu

machen. Mit seinem Buch veröffentlicht er ein

Standardwerk zu einem entscheidenden

Lebensabschnitt Heinrich Vogelers. Dazu trägt

auch das Personenregister am Ende des Buches

bei, das eine schnelle Suche nach bestimmten

Personen ermöglicht.

Durchweg ist Stenzigs starke Empathie für

Vogelers todesmutigen Einsatz für den Frieden

zu spüren und er schließt mit den Worten der

deutschen UNESCO-Kommission. Es sei die

mutige Tat eines großen Menschen, „dessen

Friedensbrief an Kaiser Wilhelm II. im Januar

1918 als kühnes Friedensvorhaben in die

Geschichte einging – und dessen Verhalten

auch heute Generationen beeindruckt.“

Daniela Platz

Bernd Stenzig, Das Märchen vom lieben Gott

– Heinrich Vogelers Friedensappell an den Kaiser

im Januar 1918. Hardcover, 119 Seiten, div.

teils farbige Abb. von Dokumenten, Zeichnungen

und Gemälden, erschienen im Donat Verlag,

Bremen 2018. ISBN 978-3-943425-59-8

Bildnachweis: Buchtitel, Donat Verlag Bremen

Postkarte nach Federzeichnung, 1915, Privatbesitz

Fast

vergessen …

Stimmungsbilder aus Moor und

Heide im Spiegel der Dichtkunst

Heute nahezu unbekannt ist der Dichter

Richard Dehmel, obwohl er in den ersten beiden

Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts als

herausragender Lyriker galt. Hier und dort findet

man noch in Anthologien und Lesebüchern

einzelne Gedichte von ihm. Doch im

Gegensatz zu denen seiner Zeitgenossen wurden

seine Werke nicht neu aufgelegt. Richard

Dehmel wurde am 18. November 1863 als

Sohn eines Försters in Hermsdorf, Provinz

Brandenburg, geboren. Nach dem Abitur in

Danzig studierte er in Berlin Naturwissenschaften,

Nationalökonomie und Philosophie.

Er beendete sein Studium in Leipzig mit der

Promotion im Jahre 1887 und arbeitete daran

anschließend als Sekretär im Versicherungswesen

in Berlin. Während dieser Zeit verkehrte

er im Umkreis des Berliner Naturalismus und

widmete sich der Dichtkunst. Nach der Scheidung

von seiner ersten Frau Paula Oppenhei-

mer, mit der er auch Kinderbücher verfasst

hatte, heiratete Dehmel ein zweites Mal. Weite

Reisen durch Europa folgten. 1912 bezog das

Paar ein in Hamburg-Blankenese neu gebautes

Haus. Trotz seines schon fortgeschrittenen

Alters meldete sich Richard Dehmel beim Ausbruch

des Ersten Weltkrieges 1914 freiwillig

zum Kriegsdienst. Am 8. Februar 1920 starb er

an einer Venenentzündung, die er sich im Krieg

zugezogen hatte.

Peter Richter

Sommerabend

Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;

fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert,

im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur,

ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.

Vom Wiesengrunde kommt ein Glockenton,

der Hirte sammelt seine satte Herde;

im stillen Walde steht die Dämmrung schon,

ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde.

Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,

die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;

nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.

So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frie-

RUNDBLICK Frühjahr 2018

33


800 Jahre Worpswede

Von der Ansiedlung zum Künstlerdorf

Das kleine Bauerndorf Worpswede wurde

1218 erstmals in einer Urkunde erwähnt – ein

guter Grund der Einheimischen, mit Gästen von

Nah und Fern ein großes Fest zu feiern. Seit vier

Jahren bereitet sich das Dorf auf sein Jubiläum

vor. Das Ergebnis der Planungen ist eine

Mischung aus speziell kreierten Veranstaltungen,

die auf verschiedene Epochen der Ortsentwicklung

oder direkt auf die mittelalterliche

Zeit vor 800 Jahren Bezug nehmen, und Traditionsfeste,

die in diesem Jahr mit besonderen

Attraktionen aufwarten. Das gesamte Jahr steht

unter dem Motto „800 Jahre Worpswede – mit

Brief und Siegel“.

Mittelalter

Es war Sonnabend, der 21. Juli 1218, als der

Erzbischof Gerhard I. von Hamburg-Bremen

dem Benediktiner Nonnenkloster St. Marien zu

Osterholz eine Hälfte des Zehnten von vier

Hufen in „Worpensweerde“, das heißt von vier

Vollhöfnern, übertrug. Der Name eines Worpsweder

Einwohners wird in dieser Urkunde

genannt: „mit samt den Töchtern des Swether“.

1

Er ist damit der älteste bekannte Worpsweder

Familienname – der allerdings später im Ort

nicht mehr zu finden ist. Die drei Töchter heirateten

vielleicht in die Familien Oldenbüttel,

Schmonsees, Behrens, Bötjer oder Segelken, die

aus den Hofakten überliefert sind.

1223 folgt eine Schenkung des Welfen Heinrich

V., Herzog von Sachsen und Pfalzgraf bei

Rhein, Sohn des Welfen Heinrich der Löwe, der

dem Kloster Osterholz „vier Hufen Landes zu

Worpswede mit dem Obereigentumsrecht“

überschreibt. Etwa um 1224 schenkt auch die

Altes Bauernhaus nach 1932, Verlag H. Ch. Büsing, Bremen

34

Markgräfin Mathilde von Brandenburg, Witwe

des Askanier Albrecht II., die zweite Hälfte der

Worpsweder Insel, „medietatem insule“ mit vier

Hufen. Hier mutiert der Name zu „Worpeneswede“.

In einer Urkunde des Papstes Gregor IX.

vom 5. Februar 1229 wird dem Kloster Osterholz

der Besitz des Ortes Worpswedes, nun „Worpensethe“

genannt, bestätigt. 2 1244 verfügt dann

der Erzbischof von Bremen Gerhard II. die letzte

Hälfte des Zehnten der Worpsweder Höfe an das

Kloster. 3

Im Mittelalter wurde, unabhängig vom Zehnten,

der an die Kirche gezahlt wurde, auch eine

Abgabe an die adeligen Gerichts- und Grundherren

entrichtet. So hat es für eine lange Zeit

die Situation gegeben, dass die Worpsweder

Bauern ihre Grundsteuer an unterschiedliche,

sogar verfeindete Adelsfamilien zahlen mussten

und den Zehnten zusätzlich an die Landeskirche.

Mit der Zusammenführung der Eigentumsverhältnisse

und der verschiedenen Abgaben

kam eine Jahrzehnte dauernde Erbstreitigkeit,

in die Heinrich der Löwe und einige andere Protagonisten

der Zeit verwickelt waren, zu einem

friedlichen Ende. Der Streit um die Herrschaftsrechte

an der unteren Elbe und der Weser hatte

eine bis 1236 dauernde Konfrontation zwischen

dem Welfen und den Staufern entfacht.

In Folge der Streitigkeiten war das kleine, aber

auf einer strategisch interessanten Landmarke

im Teufelsmoor gelegene Fleckchen Worpswede,

1106 auf zwei verfeindete Erbparteien aufgeteilt

worden. 4 Gerrit Aust sind diese Erkenntnisse

zu verdanken, der recherchierte, dass die

Teilung des Dorfes einen strategischen Grund

hatte.

Im Kriegsfalle konnte sich die Truppe auf diesen

Hügel zurückziehen und von dort aus die

Bauernhof Hof 6 nach 1932

Verlag H. Ch. Büsing; Bremen

Bewegungen der feindlichen Heere zwischen

Bremen und Stade am Osterholzer Geestrand

beobachten.

Der Weyerberg war allerdings nur schwer zu

erreichen, denn er war vollständig eingeschlossen

von Nieder- und Hochmooren, die jegliche

Querung zu einem waghalsigen Abenteuer

machten. Die Moore begannen vor etwa 11.000

Jahren den Weyerberg von der Außenwelt abzuschneiden.

Es gab nur wenige Knüppelwege,

später zu Sandwegen ausgebaut, die im Winterhalbjahr

wegen der häufigen hohen Wasserstände

durch Sturmfluten und ergiebige

Regenfälle unpassierbar waren. Das Hauptverkehrsmittel

war dann ein Kahn mit geringem

Tiefgang, mit dem man das Moorflüsschen

Hamme befuhr. Allerdings mussten die Bewohner

dafür zunächst zweieinhalb Kilometer zu

Fuß an den Fluss laufen. Noch im siebzehnten

Jahrhundert war Worpswede nur durch einen

Sommerweg Richtung Tarmstedt mit der

Außenwelt verbunden. 5

In den Urkunden werden insgesamt acht

Worpsweder Hufe erwähnt. Eine Hufe war ein

landwirtschaftliches Gut, das mit einem Pflug

bestellt werden kann und damit der Arbeitskraft

einer Familie entspricht. Die Worpsweder

Bauern bewirtschafteten den sandigen Boden

des Weyerbergs in einer Heideplaggwirtschaft.

Vermutlich wurden in den benachbarten Moorflächen

und auf dem Berg der obere, durchwurzelte

Bodenbereich abgetragen und als

Stalleinstreu benutzt. Mit dem Stallmist angereichert,

wurde dies Material als Dünger auf die

dorfnahen Ackerflächen, die sogenannten

Eschen, aufgebracht. Allerdings brauchten die

Bauern mindestens das fünffache an Plaggfläche,

um ihre Äcker gut bewirtschaften zu

können. Von hier kommt vermutlich der Begriff

„sich abplagen“. Durch das Abplaggen entstand

eine Auszehrung des Bodens, auf dem dann nur

noch Heide und wenige Büsche und Birken

wuchsen. Der Standort auf dem Weyerberg

ermöglichte immerhin eine einträgliche

Bewirtschaftung mit Ackerbau und Viehzucht -

und als weiteres Zubrot den Fischfang in der

RUNDBLICK Frühjahr 2018


Hamme und seinen Ausläufern. An den Sonntagen,

zu Beerdigungen und Hochzeiten fuhren

die Worpsweder Familien mit dem Kahn nach

Scharmbeck. Im elften Jahrhundert wurde der

Ort allerdings noch „Scirnbeci“, etwas später

dann „Sandbeck“ genannt. Die Gründung der

ersten Holzkirche „St. Willehardi“ soll auf den

Missionar Ansgar aus Bremen zurückgehen und

ist somit die älteste Kirche in der Region. 6 1182

wird am Geest-rand das Benediktinerkloster St.

Marien zu Osterholz gegründet. Obwohl die

Bauern ihre Zehnten ab dem dreizehnten Jahrhundert

hier abliefern, gehören sie weiterhin

der Kirche von Scharmbeck an, bis sie ihre

eigene Kirche auf dem Weyerberg erhalten.

Aber bis dahin erleben die Worpsweder noch so

manche unruhigen Zeiten.

Die Reformationszeit

Im sechzehnten Jahrhundert breitet sich die

Reformation im norddeutschen Raum rasant

aus. Vor allem an Orten mit großen Märkten

Gehöft Weyermoor 3, mit Blick auf den Moorexpress, 1934

Schnaars (Worpswede 6), Gevert Behrens

(Worpswede 7), Hinrich Segelken (Worpswede

8), Gevert Schmonsees, Vorfahre der Monsees

(Worpswede 9), Dierk Bötjer (Worpswede 12),

die sich alle im Südosten des Weyerberges angesiedelt

haben. Dann folgen die Familien Reiners,

Mahnken, Wellbrock, Semken und Kück. Beim

Studium der Stammbäume fällt auf, dass es

zahlreiche familiäre Verbindungen zwischen

den Familien gibt.

Das Teufelsmoor wird

schwedisch

Im Westfälischen Frieden von 1648 werden

Königin Christine von Schweden unter anderem

die Bistümer Bremen und Verden zugesprochen.

Allerdings nimmt sie dieses Gebiet als deutsche

Reichsfürstin in Besitz, sodass das Territorium

als Provinz Mitglied im schwedischen Landesgebiet

wird und alle seine Rechte und Privilegien

des Heiligen Römischen Reiches weiter Bestand

haben.

Foto: Martha Vogeler

Königin Christine schenkt ihrer Kusine Eleonora

Catharina von Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg,

die mit ihr gemeinsam in Stockholm aufgewachsen

war, zur Hochzeit mit dem Landgrafen

Friedrich von Hessen-Eschwege (der „tolle

Fritz“) das Rittergut Beverstedtermühlen. Von

der Mitgift kaufen sich die beiden darüber hinaus

noch das Gut Stotel. Für seine Verdienste im

Kriege erhält der Landgraf die Klöster Osterholz

und Lilienthal. Zunächst regieren sie von

Eschwege aus die Region. Auf einer Reise durch

das Gebiet entdecken der Landgraf und seine

Frau die Schönheit des Weyerberges und

beschließen 1654, ein sogenanntes Lust- oder

Jagdschloss zu bauen. Die Schloss-Scheune, der

Fischteich und der Entenfang im Straßentor

waren schon fertiggestellt und der Thiergarten

mit einigen Baumpflanzungen angelegt, als

Friedrich 1655 während des schwedisch-polnischen

Krieges stirbt. Seine Witwe Eleonora Catharina

ist 29 Jahre alt und bleibt mit ihren Kindern

allein in Eschwege zurück. Karl X. Gustav,

Eleonora Catharinas Bruder, war ein Jahr zuvor

der nächste schwedische König geworden. Er

bestätigt sie als Erbin und Landgräfin mit ihren

Besitztümern in Osterholz, Lilienthal und Stotel

und sie erhält eine Pension von 3.000 Reichstalern,

was für eine Frau in der damaligen Zeit

nicht selbstverständlich war.

Um 1656 verlegt sie ihren Wohnsitz nach

Norddeutschland und bewohnt die alten

Gebäude des Klosters in Osterholz. Ihr Schwiegersohn

Baron von Lilienburg übernimmt die

Verwaltung des Guts Stotel. Die Sommermonate

residiert sie in Lilienthal, im Winter wohnt sie in

Osterholz. Von hier aus leitet sie die Amtsgeschäfte,

sitzt selbst dem Gericht vor und siedelt

weitere Bauern in Osterholz an. Das Armenund

Pflegehaus wird finanziell von ihr unterstützt,

ein Arzt von ihr eingesetzt und eine Apotheke

gegründet. Und es werden die Gilden für

Tuchmacher und Schuster als Amt eingerichtet,

die die Ausübung der Berufe regulieren sollen. 8

Das Schlossbauprojekt betreibt sie nicht weiter.

verbreitet sich die neue Lehre schnell. 1522 predigt

der Augustinermönch Heinrich von Zütphen

erstmals in Bremen. Das Osterholzer Kloster

erhält in dieser Zeit von 120 Ortschaften

den Zehnten und war dadurch finanziell sehr

gut gestellt. In Lilienthal gab es seit 1230 das

Zisterzienser Nonnenkloster St. Maria im Tal der

Lilien. Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis

1648 fordert auch hier in der Region seine

Opfer. Immer wieder streifen kämpfende Truppen

durch die Region. Es ist nicht überliefert, ob

sie auch bis an den Weyerberg kamen. Das Moor

mag in dieser Zeit ein guter Schutz gegen

unliebsame Besucher gewesen sein. Allerdings

haben die Bauern ihre kostbaren Eichen als

Kriegsmaterial abliefern müssen, sodass der

Baumbestand vermutlich fast ganz verschwunden

war. In dieser Zeit begannen die Bauern ihr

Brennmaterial, aus Mangel an Holz, durch Torf

zu ersetzten.

Über die Familien dieser Region gibt es aus

dem sechzehnten Jahrhundert nur wenige Aufzeichnungen.

7 In Worpswede sind es die Namen

Gevert Oldenbüttel (Worpswede 5), Johann

RUNDBLICK Frühjahr 2018

Totenweg 1934

Foto: Martha Vogeler

35


Alter Ortskern Worpswede mit Slottschün

Heute gibt es nur noch wenige Zeugnisse aus

dieser Zeit. Ein Wanderweg am Rand des Weyerbergs

heißt immer noch Thiergarten. Eine Trauben-Eiche,

den Einheimischen als die „Mackensen-Eiche“

bekannt, stammt noch aus der Aufforstung

des Weyerbergs und zeichnete sich

Jahrhunderte besonders vor dem Berghang ab.

Sie wurde als Naturdenkmal unter Schutz

gestellt. Im letzten Jahr zerbarst der Baum bei

einem Sturm und bleibt nun als Fragment weiterhin

Zeugnis dieser Zeit. Die Schloss-Scheune

(Slottschün) erfährt eine zweite Renaissance,

als die Worpsweder Künstlervereinigung

1933/1934 das Fachwerkgebäude als Versammlungsraum,

in dem sie unzensiert ihre Ausstellungen

durchführen kann, einrichtet. Vier Jahre

später wird das Gebäude abgerissen. Begründet

wird es von der Verwaltung mit dem Bau der

Straße nach Osterholz, Insider vermuteten

damals aber politische Gründe – die Künstlerschaft

galt tendenziell als Links orientiert.

Am 3.3.1692 stirbt Eleonora Catharina. 9 Zu

ihrer Trauerfeier am 18.3. kommen hochrangige

weltliche und geistliche Würdenträger. Die

Glocken läuten in Lilienthal, St. Jürgen, Hambergen,

Lesum, Trupe, Scharmbeck und Osterholz.

Ihr Leichnam wurde aus Geldmangel in

einem einfachen Holzsarg in die Fürstengruft

nach Eschwege überführt. 10

Neu Helgoland, Torfkahn, Fotograf unbekannt

36

Vollkommen zu Unrecht ist diese bedeutende

Person unserer Region in Vergessenheit geraten.

Siebenunddreißig Jahre hat sie über die

Geschicke der Bewohner und Bewohnerinnen

bestimmt. Mit ihrer gerechten, aber auch milden

und fürsorglichen Art war sie eine Ausnahmeerscheinung

in der sonst männerdominierten

Herrscherwelt. Ab 1672 taucht der Name

Catharina als Mädchenname in Worpswede auf

- vielleicht als Wertschätzung ihrer Landesherrin.

Moorkolonisierung

Fotograf unbekannt

Ab 1742 beschäftigt sich die Hannoversche

Regierung unter Georg II., Kurfürst von Hannover

und englischer König, mit der Besiedlung

der Moore. 1751 wird Jürgen Christian Findorff

mit der Umsetzung der Moorkolonisation

beauftragt. Die Randbereiche der Moore waren

schon besiedelt, aber im unwegsamen

Hochmoor in der Mitte des Teufelsmoores werden

nun neue Kolonien geplant und vermessen.

Auch aus Worpswede lassen sich einige Bewohner,

Häuslinge, Knechte, Mägde und Bauernsöhne

und -töchter als Moorsiedler gewinnen.

Auf dem Weyerberg wird eine neue Kirche

errichtet, die für viele Jahre die Hauptanlaufstelle

aller neuen Moorbewohner und -bewohnerinnen

wird. Die Kirchengemeinde bestand

anfangs aus 153 Feuerstellen, das sind bei

durchschnittlich sieben Familienmitgliedern

insgesamt über 1.000 Personen. Etwa fünfzig

Jahre später zählt die Kirchengemeinde schon

400 Feuerstellen mit 2.886 „Seelen“. 11 Der Ausflug

der Moorsiedler nach Worpswede, ob zu

Fuß oder mit Kutsche, ist einerseits eine willkommene

Abwechslung im harten und einsamen

Alltag. Andererseits ist der Kirchgang für

mindestens ein Familienmitglied Pflicht, denn

die Kirche ist auch der Ort der amtlichen

Bekanntmachungen. Jeder Siedler unterschrieb

mit der Übernahme seines Landes, dass er sonn-

tags zur Kirche kommt.

Entlang der Hauptstraße in Worpswede siedeln

sich bald Gastwirtschaften, Geschäfte,

Handwerker und eine Apotheke an. Jeden

Sonntag strömen hunderte Menschen die

Kirchstraße hinauf und erledigen ihre Einkäufe

nach dem Gottesdienst. Plötzlich wird aus dem

weltabgeschiedenen Dorf, das sich Jahrhunderte

nicht veränderte, ein Ort mit einem regen

Kommen und Gehen. Worpswede erhält einen

enormen Entwicklungsschub. Die letzte neue

Moorkolonie „Neu Mooringen“ wird 1808 nach

Jürgen Christian Findorffs Plänen gegründet.

Der „Vater aller Moorbauern“ erlebt dies nicht

mehr, er war 1792 gestorben.

Künstlerdorf

Mit dem Einzug der Künstler und Künstlerinnen

in das Dorf kommt es erneut zu einer

wesentlichen Erweiterung der Dorfgemeinschaft.

Fritz Mackensen besucht seit 1884 das

Dorf im Teufelsmoor regelmäßig. Heute ist die

Gründung der Künstlerkolonie 1889 durch ihn

und seine Malerfreunde Otto Modersohn und

Hans am Ende legendär. Es ist vermutlich der

freundlichen Aufnahme durch die einheimische

Bauernschaft zu verdanken, dass sie blieben

und auch weitere Künstler und Künstlerinnen

in den Ort zogen. 1895 sind es sechs Künstler,

um 1900 sind es mehr als fünfzehn Kollegen

und Kolleginnen mit stetig wachsender Tendenz.

Ihre Häuser und Villen tragen zur Veränderung

des Ortsbildes bei. Den größten Einfluss

hat Heinrich Vogeler, der 1903 mit dem Bauern

Johann Bötjer den Verschönerungsverein

Worpswede e.V. initiiert und dann Vorsitzender

des Vereins und Mitglied der Baukommission

wird. Er berät nicht nur die Bauwilligen des

Ortes, sondern bekommt auch diverse Planungsaufträge

für neue Gebäude. Haus Garmann,

heute Vogeler-Villa genannt, ist der erste

Auftrag für einen Eisenwarenhändler. Vogeler

wird sogar zwei Künstler, die Brüder Walter und

Alfred Schulze, zur Unterstützung einstellen.

Wenn man alle Gebäude der drei talentierten

Zeichner zusammenrechnet, haben sie bis 1914

fünfzehn Häuser entworfen. 12 Das bekannteste

Gebäude ist der Worpsweder Bahnhof, der 1910

fertiggestellt wird und heute unter Denkmalschutz

steht, weil es eines der sehr seltenen

vollständig erhaltenen Jugendstilgebäude

Deutschlands ist.

Als die Künstler ihren ersten großen Ausstellungserfolg

in München 1895 feiern können,

wird Worpswede ein touristisch interessantes

Ausflugsziel. Schon vorher kamen die Bremer

als Tagesbesucher in das Bauerndorf. Ab 1906

entstehen Ausstellungshäuser, Cafés, Kunstgewerbewerkstätten

und weitere Künstlerateliers,

die um die Aufmerksamkeit der Besucher werben.

In einem Interview, das Radio Bremen 1953

mit dem Hoferben Nicolaus Bötjer aus der Bauernreihe

führte, berichtet er davon, dass Künstler,

Kaufleute und Bauern zu Beginn miteinander

befreundet waren und viele Feste miteinander

feierten. 13

RUNDBLICK Frühjahr 2018


An der Hamme nach 1932 Verlag H. Ch. Büsing; Bremen

Nationalsozialismus

Zwischen den beiden Weltkriegen wird

Worpswede zu einem Schauplatz weltanschaulicher

und politischer Auseinandersetzungen.

Nicht nur die Künstlerschaft, auch die anderen

Einwohner Worpswedes teilen sich in ein konservatives

und ein linkes Lager. Heinrich Vogeler

gründet auf dem Barkenhoff eine kommunistische

Kommune und verkündet in öffentlichen

Reden seine neuesten politischen Erkenntnisse.

Fritz Mackensen entwickelt sich zu einem erbitterten

Feind in dieser Zeit. Mit der Ernennung

Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar

1933 verändert sich das Leben im Ort schlagartig.

Bei der im März durchgeführten Reichstagswahl

stimmen von 859 Wahlberechtigten

Worpswede 1939, Maryan Žurek

RUNDBLICK Frühjahr 2018

472 für die NSDAP, 98 für die Kampffront

Schwarz-Weiß-rot (deutschnational), 94 für die

SPD, 47 für die KPD, der Rest wählt Splitterparteien.

Vermutlich wird kurze Zeit später die

Kirchstraße in Adolf-Hitler-Straße (heute Findorffstraße)

und die Bergstraße hieß Hindenburgallee.

Am ersten April 1933 wird in Deutschland

zum „Judenboykott“ aufgerufen. Kurze Zeit

später wird am Tennisplatz des jüdischen Kaufmanns

Walter Steinberg aus Bremen ein judenfeindliches

Schild angebracht. 14 Der Platz

befand sich in der Bergstraße auf dem Gelände

der Nr. 12. Auch die Familie des jüdischen

Schlachters Abraham im Udo-Peters-Weg

(heute Schlachter Schopfer) bekommt die

feindliche Atmosphäre zu spüren. Henny Abraham

und ihr Sohn Fred können zu ihren Ver-

wandten nach New York City flüchten. Mutter

Rosa Abraham bleibt in Worpswede, weil sie sich

immer noch sicher fühlt und stirbt 1942 im Vernichtungslager

Treblinka. In den Schulen wird

inzwischen Rassenkunde und Vererbungslehre

eingeführt. Christel Meiners-DeTroy berichtet

in ihrem Buch über die bedrohliche Stimmung

andersdenkenden Menschen gegenüber. 15 Eine

weitere wichtige Quelle ist das Buch von Anning

Lehmensiek über die Juden in Worpswede. 16

Künstler und Künstlerinnen hatten auf

unterschiedliche Weise unter dem nationalsozialistischen

Regime zu leiden. Der 1931 in die

Sowjetunion ausgereiste Heinrich Vogeler wird

drei Jahre später ausgebürgert und kann nicht

mehr in seine Heimat zurückkehren. Karl Jakob

Hirsch flüchtet zunächst in die Schweiz und

dann in die USA. Bernhard Hoetger, selbst

Anhänger Adolf Hitlers, wird als entarteter

Künstler mit Ausstellungsverbot belegt. Die

Werke Paula Modersohn-Beckers werden aus

öffentlichen Museen und Sammlungen

beschlagnahmt. Mehrere expressionistische

Künstler erhalten Ausstellungsverbot. Andere

passen sich an den staatlich empfohlenen

nationalsozialistischen Realismus an.

Auf Anordnung der Partei entstehen Arbeitslager,

in denen junge Frauen und Männer für

verschiedenste Arbeiten auf dem Lande eingesetzt

werden. Auf der Dohnhorst entsteht das

sogenannte Maidenlager. Als der Krieg beginnt,

werden die meisten jungen Männer zum Kriegsdienst

eingezogen. Alte, Frauen und Kinder bleiben

zurück und tragen die ganze Arbeitslast

allein - bis Ende September 1939 in Sandborstel

das riesige Kriegsgefangenenlager Stalag

XB entsteht. Während des gesamten Krieges

werden überall im Deutschen Reich Kriegsgefangene

als Zwangsarbeiter eingesetzt. Rund

um Worpswede entstehen in Gasthöfen, Schuppen

und Baracken örtliche Arbeitslager für Soldaten

aus der ganzen Welt, die als Erntehelfer,

Bäcker, Molkereiarbeiter und an vielen anderen

Stellen arbeiten müssen.

1938 wird eine neue Straße von Osterholz

über Waakhausen nach Worpswede gebaut. Mit

erheblichen Mengen Sand aus Lintel und

Worpswede wird ein Damm aufgeschüttet,

sodass die Straße auch bei winterlichen hohen

Wasserständen passierbar bleibt. Durch den

Sandabbau entsteht mitten in Worpswede vor

der Zionskirche ein großer Geländeeinschnitt,

den der Lehrer aus Wörpedahl in seiner

Schulchronik als eine Art „Culebra cut“

bezeichnet. Er vergleicht dieBaumaßnahme mit

dem Bau des Panamakanals. Seine Bemerkung

dazu: „So etwas kann auch nur in Worpswede

passieren“.

Ab 1940 kreisen regelmäßig feindliche Flugzeuge

über dem Teufelsmoor. Einzelne Flieger

werden abgeschossen und stürzen in die Moore

rings um Worpswede. In den letzten Kriegsjahren

muss die Worpsweder Feuerwehr zahlreiche

Einsätze in den Großstädten Bremen, Hamburg,

Wesermünde und anderswo übernehmen. 17 Zu

Beginn des Krieges hatte Worpswede 2.706 Einwohner,

1945 vergrößert sich die Zahl auf 5.591

Personen durch die Flüchtlinge aus den Ostgebieten.

Die Wohnungsnot ist sehr groß. Kriegs-

37


Zionskirche vor 1899

rückkehrer finden manchmal in ihrem eigenen

Haus kein Bett zum Schlafen. Die ehemaligen

Zwangsarbeiterlager werden zu Notunterkünften,

selbst der Niedersachsenstein von Bernhard

Hoetger beherbergt Flüchtlinge. Es dauert bis in

die 1950er-Jahre, bis durch neue Baugebiete

alle Neubürger menschenwürdige Unterkünfte

beziehen können.

Worpswede heute

Seit 1974 ist Worpswede mit den Dörfern

Hüttenbusch, Mevenstedt, Neu Sankt Jürgen,

Ostersode, Schlußdorf, Waakhausen und Überhamm

zu einer Einheitsgemeinde verschmolzen

und hat heute ca. 9.500 Einwohner. Der Ort

Worpswede auf dem Weyerberg zählt ca. 5.500

Einwohner. Worpswede versteht sich immer

noch als ein Dorf, das aber auf Grund der heterogenen

Bevölkerungsstruktur sehr unterschiedliche

Fassetten hat. Der Tourismus

ermöglicht eine Vielfalt an gastronomischen

und musealen Angeboten, die auch den Einheimischen

zugutekommen.

800 Jahre feiern

38

Die Hauptveranstaltung des Jubiläums findet

am Wochenende 21. und 22. Juli direkt im historischen

Ortskern in der Bauernreihe und dem

Straßentor statt. Auf dem Gelände des Rathauses,

einem der ältesten Bauernhäuser des Dorfes,

können die Besucher einen Living History

Markt erleben, auf dem professionelle Darsteller

in historischen Kostümen das Leben der

Worpsweder vor 800 Jahren authentisch darstellen.

Im weiteren Umfeld präsentieren sich

verschiedene Vereine und Initiativen der

Gemeinde, die den Bogen von der Vergangenheit

in die Gegenwart schlagen. In einer Freiluftausstellung

werden einige Meilensteine der

Ortsgeschichte und das Leben der Torfbauern

im Teufelsmoor präsentiert. Einige Autoren des

Worpsweder Lesebuchs, das erstmals zum

Jubiläum vom Heimatverein Worpswede e.V.

herausgegeben wird, berichten von ihren ortsgeschichtlichen

Forschungsergebnissen.

Seit Jahresbeginn bieten die Worpsweder

Gästeführer besondere Touren, Ortsspaziergänge

mit Museumsbesuch und begleitete

Rundfahrten per Rad, an. Die öffentlichen

Rundgänge „800 Jahre Worpswede“ starten ab

der Tourist-Information in der Bergstraße. Dort

beginnen auch die geführten Radtouren, die

zwischen Mai und September angeboten werden,

die zwar Worpsweder Geschichte im Fokus

haben, aber auch die landschaftlich spannende

Umgebung erleben lassen.

Der erst vor rund zwei Jahren gegründete

Heimatverein Worpswede e.V. versteht sich als

Koordinationsstelle und Veranstalter. Über ihn

ist auch eine vollständige Liste der Veranstaltungen

des gesamten Jahres erhältlich. Kontakt

über: Heimatverein Worpswede e.V., Hans-Hermann

Hubert, Bergstr. 1, 27726 Worpswede,

Heimatverein@Worpswede.de

Daniela Platz

1

Übernommen aus dem Urkundenbuch des

Klosters Osterholz, Hans-Heinrich Jark 1982.

Abschrift: Hodenberg 15. Druck: Pratje, Herzogtümer

IV Nr. 4(S. 16); Hamb. UB 1, Nr. 418;

Brem. UB 1 Nr. 113 (S. 134; Auszug) – Regest:

May 1 Nr. 754.

2

Zitat aus „Urkundenbuch des Klosters

Osterholz“ in der Bearbeitung von Hans-

Heinrich Jarck, 1982.

Fotograf unbekannt

3

Gerrit Aust, Das zweigeteilte Dorf, aus:

Worpswede – Das Bauerndorf wird Künstlerdorf,

2. Auflage 1992.

4

Ebd.

5

Karte de Wit in: Friedrich Netzel Stiftung

2017

6

www.willehadi.de abgerufen am 12.3.2018

7

Datenbank genealogy, Ortsfamilienbücher,

Teufelsmoor in: www.online-ofb.de/, abgerufen

am 13.3.2018

8

Wilhelm Berger, Heimat Rundblick 27. Jahrgang,

4/2014 Nr. 111, und Wilhelm Berger,

Heimat Rundblick 27. Jahrgang, 1/2015 Nr.

112

9

Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Eleonore_Kat-

harine_von_Pfalz-Zweibr%C3%BCcken-

Kleeburg, abgerufen am 8.1.2018

10

Erika Thies, Die Landgräfin mit den zwei

Klöstern, in: Weser Kurier, 9.6.2007.

11

www.worpswede-moordoerfer.de, abgerufen

2.2.2018

12

Heike Albrecht, Worpswede, Künstler verändern

ein Dorf. Untersuchung zur baulichen

Entwicklung Worpswedes zwischen

1889 und 1929. Diplomarbeit Universität

Hannover 1988

13

Radio Bremen, Worpswede gestern und

heute. 1953. Kopie der Sendung in meinem

Archiv.

14

Mündlicher Bericht von Thomas Schiestl

und Christel Meiners-DeTroy 2017

15

Christa Meiners-DeTroy, Das schweigsame

Dorf am Weyerberg, Fischerhude 2016

16

Anning Lehmensiek, Juden in Worpswede.

Bremen 2014

17

Internetseite Freiwillige Feuerwehr

Worpswede

RUNDBLICK Frühjahr 2018


Ausstellung „Schwebschrauben und Scheinblüten"

Werke von Constantin Jaxy im Hafenmuseum Speicher XI in der Bremer Überseestadt.

Der seit vielen Jahren in Oyten lebende und

schaffende Künstler Constantin Jaxy wurde

1957 in Bremen-Walle geboren, studierte an

der Hochschule für Bildende Künstler in Braunschweig

(Meisterschüler bei dem 2017 verstorbenen

Prof. Malte Sartorius) und an der Königlichen

Akademie für Bildende Künstler in Den

Haag - um nur zwei Punkte aus seinem

umfangreichen Lebenslauf zu nennen. Eine

Vielzahl von nationalen und internationalen

Preise lassen sich aufzählen, ebenso Einzel- und

Ausstellungsbeteiligungen weltweit.

Jaxy arbeitet in Schwarz-Weiß - was nicht

schwarz wird, bleibt weiß, Yin und Yang, dunkel

und hell, Stillstand und Bewegung, Technik und

Zeit. Im Hafenmuseum zeigt er kleine und großformatige

Werke, gemalt und gezeichnet mit

Holz, Kohle, Kreide und Grafit auf Papier und

Karton, dazu bewegliche Konstruktionen und

Mobiles. Seine häufigen Reisen, insbesondere in

asiatlische Länder, vermitteln ihm neuartige

Perspektiven, die sich unmittelbar in seinem

künstlerischen Schaffen niederschlagen.

Seine künstlerisches Fühlen und Denken

generiert sich aus der Beschäftigung mit Technik

und Architektur, aus Bewegung und Energie.

Unterwegs fotografiert er viel, um die aktuellen

Eindrucke für spätere Gestaltungen zu konservieren

- so kommen unzählige Fotos zusammen.

Die Ausstellung ist bis zum 8. April 2018 zu

sehen.

Weitere Informationen findet man im Internet

unter www.constantinjaxy.homepage.tonline.de.

Text und Fotos: Jürgen Langenbruch

RUNDBLICK Frühjahr 2018

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