Programmheft des Deutschen Literaturarchivs Marbach, 1/2021

LiteraturmuseenMarbach

Mit dem Veranstaltungsprogramm für die Zeit von Januar bis Juni 2021, Texten über die Frage "Was ist Literatur?" von Hannes Bajohr, Hans Ulrich Gumbrecht und Hannelore Schlaffer sowie Einblicken in den neuen OPAC von Archiv und Bibliothek, unser Projekt "Fehlt Ihnen / Dir Schiller?" sowie zahlreiche Ausstellungen. #Hölderlin2020 #Schiller #Kafka #HeinrichMann #GabrieleTergit #Kracauer #Löwith #Archivbox #Archivkino #Zoomkapsel

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Programm 1/2021

Was ist

Literatur

?


Tabaksdosen

aus Schillers

Marbacher

Nachlass


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Was ist Literatur? Zum Beispiel

ein Denkbild, das Körper und

Geist umfasst. Das Attribut, das

der junge Friedrich Schiller

zu seinem gemacht hat, mutet auf

den ersten Blick recht seltsam

an: Als er sich von der Freundin

Dora Stock das erste Mal als

freier Schriftsteller porträtieren

lässt, ruht seine

Hand ausgerechnet auf einer

Schnupftabaksdose.

„Dumm ist mein Kopf und schwer

wie Blei, / die Tobaksdose

ledig / Mein Magen leer –

der Himmel sei / dem Trauerspiele

gnädig“, klagt der

„Haus- und Wirtschafts-

Dichter F. Schiller“, der

in dem Scherzstück Körners

Vormittag oder Ich habe mich

rasieren lassen unter anderem

in dieser Rolle auftritt:

„als Schiller. Somermanchester.

gelbe Pantoffel. Tobak.“

In Schillers Tabaksdose steckt

nicht nur Schnupftabak, sondern

eine Poetik der Tragödie im

Kleinen. Der antike Philosoph

Aristoteles sah in der kátharsis,

der seelischen Reinigung, die

wichtigste gesellschaftliche

Funktion der Tragödie, weil deren

Zuschauer durch das ästhetische

Erleben von Gefühlen wie Trauer

und Angst von diesen Erregungszuständen

befreit würden.


Editorial

Was ist ein Literaturarchiv in

Zukunft? Als der Philosoph Wilhelm

Dilthey im Jahr 1889 über die

Errichtung eines Literaturarchivs

nachdachte, gab es zwar einen

Markt für Manuskripte, private

Sammlungen und Bibliotheken,

jedoch wenig mehr. Heute existiert

ein ganzer Kosmos von Archiven.

Jedes Archiv sucht dort seinen je

spezifischen Ort. Den Ort und Auftrag

des Deutschen Literaturarchivs

Marbach hat sein Trägerverein, die

Deutsche Schillergesellschaft,

formuliert: Im Zentrum stehen das

Sammeln, Erschließen, Erforschen

und Vermitteln von Literatur.

Der Literaturbegriff ist dabei (auch

das folgt Dilthey) weit angelegt:

Literatur meint solche Texte, die dafür

gehalten werden – mitsamt ihren

Ausdrucksformen in Schrift, Bild,

Bewegtbild und Ton sowie den in

ihr wirkmächtigen philosophischen

Texten.

Da seine Sammlungen nicht

abgeschlossen sind, wächst das

Deutsche Literaturarchiv unendlich

bzw. solange es Literatur gibt.

Das setzt eine besondere Dynamik

frei, auch auf Seiten des Gegenstandes:

Neue Literatur will sich

in der Auseinandersetzung mit

der etablierten bewähren, andere

Schwerpunkte und Themen aufgreifen,

kontroverse Fragen formulieren,

anspruchsvolle ästhetische Formen

finden, innovative Medien entdecken.

Kurz: Literatur, die sich als solche

ernst nimmt, ist potenziell disruptiv.

Sie zerstört oder rekombiniert

das Alte, um Neues zu schaffen.

Archive hingegen zielen auf

Gegenläufiges: darauf, disruptive

Energie einzufangen, abzulegen

und in etablierte Ordnungssysteme

einzupassen. Dieser ambivalente

Prozess lässt sich am besten als

Archivparadoxon beschreiben, das

erlaubt, dass die unterschiedlichen

literarischen Zeit- und Materialschichten,

die Generationen von

Autor:innen mit ihren Zu- und

Abneigungen, Vorbildern und Gegnern

es nebeneinander aushalten.

Die Möglichkeiten und Chancen

dieses Miteinanders, das nicht nur

disruptive, sondern auch produktive

Energien freisetzt, diskutieren

wir seit 2019 intensiv. Durch die

Pandemie sind diese Diskussionen

zwar erschwert, aber zugleich

beflügeln uns gute Nachrichten:

Wir haben von unseren Zuwendungsgebern

in Bund und Land Bau- und

Stellenmittel erhalten, die es uns

erlauben, für die Zukunft zu planen.


4_5

Das bedeutet zunächst vor allem,

dass wir uns den Herausforderungen

der Gegenwart stellen, Bau- und

Sanierungsarbeiten bewältigen, uns

auf Umzüge in unseren Häusern

und in Interimslösungen vorbereiten

müssen.

Weil ein Denken ins Offene auch

etwas Schönes ist, möchten wir in

diesem Jahr öfter innehalten und

uns, unsere Vorlassgeber:innen,

Benutzer:innen und Besucher:innen

wiederholt fragen: Was ist ein

Literaturarchiv in Zukunft?

Die Archiv- und Bibliothekskataloge,

Ausstellungen, Tagungen und

Veranstaltungen des Deutschen

Literaturarchivs weisen – das wurde

durch die Pandemie besonders

deutlich – analoge und virtuelle

Dimensionen auf. Sie finden im

Hier und Jetzt statt, aber eben auch

im Dort und Einst und Demnächst.

Gefühlt haben sich die Räume des

Deutschen Literaturarchivs durch

seine virtuellen Seiten, Türen und

Fenster schon jetzt vervielfacht.

Beim Einräumen von grünen Kisten,

beim Einsortieren von Büchern

und Planen von Ausstellungen denken

wir schon jetzt die Vorläufigkeit

dieser Arbeit mit, weil sich Ort und

Platz bald umgestalten werden.

Bücher und grüne Kästen müssen

flexible Standorte finden, Ausstellungen

leicht verschiebbar sein,

spontan verdichtet und ergänzt

werden können.

Sandra Richter

Auch ein Marbacher

Magazin wird dazu

erscheinen: #Literatur

ArchivDerZukunft, mit

Beiträgen von zahlreichen

Kolleg:innen

aus dem DLA sowie

von Theresia Bauer,

Heinrich Detering,

Susanne Fischer,

Friedrich Forssman,

Julia Franck, Petra

Gehring, Peter Gerjets,

Monika Grütters,

Christoph Hein, Nicola

Leibinger-Kammüller,

Katrin Kohl, Kai Uwe

Peter, Stephan Schwan,

Volker Weidermann

und Iris Wolff.


Inhalt

Themen und Dialoge

Was kann ein

virtueller

Ausstellungsund

Leseraum?

Hannelore Schlaffer,

10

18

22

28

Was kann ein

34

Fehlt Ihnen/Dir Schiller?

Laurent Chétouane,

Christian Holtzhauer,

Burkhard Kosminski,

Jagoda Marinić,

Kathrin Röggla,

Elisabeth Schweeger

Online-Katalog?

Was ist Literatur?

Hans Ulrich Gumbrecht

und Hannes Bajohr

Was kommt in die

Literaturarchiv-Box

der Zukunft?


6_7

Ausstellungen

42

SateLIT 1 + 2:

Planet Motzstraße.

Else Lasker-Schülers

Lebenszeichen aus Berlin /

Salon Hollywood. Salka

Viertels Erinnerungen

46

48

52 54

58

Narrating

Africa

Step by

Step

Hölderlin, Celan

und die Sprachen

der Poesie

Kalender

Laß leuchten!

Peter Rühmkorf –

selbstredend

und selbstreimend

Die Seele

Schiller, Hölderlin,

Kerner, Mörike


Themen und Dialoge


_9

#schillerfreispiel

„Die Poesie soll

ihren Weg nicht durch

die kalte Region des

Gedächtnisses nehmen,

soll nie die Gelehrsamkeit

zu ihrer

Auslegerin, nie den

Eigennutz zu ihrem

Fürsprecher machen.

Sie soll das Herz

treffen, weil sie

aus dem Herzen floß,

und nicht auf den

Staatsbürger in dem

Menschen, sondern auf

den Menschen in dem

Staatsbürger zielen.“

Friedrich Schiller,

Über das Pathetische, 1793


Was

ist

Litera-


10_11

Entwurf von

Jean Paul

Sartre zu

seinem Essay

Qu’est-ce

que la

littérature?

von 1947,

aus der

Autographen-

Sammlung

von Iring

Fetscher

Und: Ist das Kunst oder kann das

weg? Auch Literaturarchive und

-museen provozieren diese Fragen,

weil sie mit ihren Sammlungen

und Ausstellungen an die Ränder der

Literatur stoßen – an die Übergänge

zwischen Leben und Kunst, Schrift,

Ton, Stimme, Bild, Vorstellung,

Bewegung, Gefühl, Körper. „Was ist

Literatur?“ ist daher die Titelfrage

unserer Programmhefte, die wir

dieses Mal einer Literaturwissenschaftlerin

und zwei Literaturwissenschaftlern

gestellt haben:


teratur?

Fahnenkorrekturen

in Max Benses

Theorie

der Texte

von 1962


12_13


Hannelore Schlaffer:

Littera – der Buchstabe; viele Buchstaben

– Literatur!

Literatur ist die Sprache, die in

Buchstaben festgehalten wird. Was

ich sage, ist nicht Literatur, was ich

schreibe, könnte! es sein. Jedoch:

nicht jeder Buchstabe ist Literatur,

aber jede Literatur besteht zuallererst

aus Buchstaben. Auf jeden Fall: einmal

muss das, was Literatur werden

und sein soll, auf Stein, auf Schiefer,

Pergament, Papier geschrieben, muss

Schrift-Bild geworden sein, so wie

ja auch das Gesicht einer wirklichen

Person nie ein Kunstwerk wäre, wenn

der Maler nicht Farbe nähme und

mit ihr das Antlitz auf die Leinwand

auftrüge.

Das Zerlegen der Wörter in Buchstaben

und ihre erneute Vereinigung auf

dem Schreibmaterial macht das Gesagte

wiederholbar und erfüllt so die

Sehnsucht, die jede Kunst zu stillen

sucht, die nach Dauer, gar nach Ewigkeit.

Ein Gedicht, das ich mit zwanzig

Jahren gelesen habe, kann ich mit

achtzig wieder lesen, die Worte, die

meine Freundin mir damals sagte, und

andere, die sie vielleicht heute noch

sagt, sind verloren. Die Niederschrift

des Wortes macht es zwar nicht ewig,

aber sie erweckt den Glauben, dass

es ewig sei. Je höher die Qualität

einer Literatur eingeschätzt wird,

desto stärker ist der Glaube an ihre

ewige Gültigkeit. Literatur ist ein

trügerisches Mittel gegen die Vergänglichkeit

– und damit bleibt sie

allezeit der Religion verwandt.

Es braucht allerdings, da nun einmal

die Worte auf Papier und auf Dauer

festgehalten sind, zur Wahrnehmung

dessen, was Literatur sagt und meint,

immer das Auge. Man kann Literatur

vorlesen, der Schauspieler kann sie

vortragen, aber ehe dies geschieht,

muss ein Auge gewesen sein, das sie

gelesen und verstanden hat. So wenig

wie man, trotzt Auto und Rollstuhl,

die Fortbewegung von der Ausstattung

des Menschen mit Beinen

ablösen kann, so wenig die Literatur

vom Auge, das liest.

Aber so wie das Notat der schönen

Worte nur eine Technik ihrer Verewigung

auf Stein oder Papier ist,

so dient auch das Auge nur als technisches

Hilfsmittel, um das Buchstabengitter,

das nun das Papier

überzieht und zum Text sich sammelt,

wieder in Bild, in Sinn, Gefühl und

Erlebnis zurückzuholen. Von der

Literatur geht der Appell aus, mir eine

Wirklichkeit, eine Welt vorzustellen,

die bislang mir unbekannt war. Die

Wörter, die gedruckt stehen, müssen

durch Verstand und Phantasie in Sinn

und Bild zurückverwandelt werden.

So ist denn jeder Leser auch Dichter,

und ohne seine Lese-Arbeit wäre

der Dichter verloren. Die Mitarbeit

des Lesers bei der Erschaffung des

Werkes ist die wichtigste Bedingung

für die Existenz von Literatur und ein

eigentümliches Merkmal der Sprachkunst,

das sie von anderen Kunstarten

unterscheidet. Ein Mädchenkopf,

schön gemalt, bleibt immer der, der

da schon seit langem hängt und von


vielen gesehen wurde. Der Mädchenkopf

Gretchens oder der Effi Briests

erstehen in jedem Leserhirn in

anderer Gestalt.

Nun könnte man sagen, auch der

Befehl, der geschrieben steht, bedarf

der Mitarbeit des Gehorchenden,

damit er gilt. Durch diesen Gehorsam

wird die Welt verändert, das Gebot

wird Wirklichkeit durch seine Erfüllung

und macht sich somit überflüssig.

Die Literatur hingegen enthält keinen

Appell – auch wenn sich die Interpretation

des literarischen Werkes, vor

allem die politische, redlich bemüht,

die Literatur zur Vorgabe, ja gar zur

Vorschrift für den Leser zu machen.

Die Literatur ist eine Erregung, eine

Verführung, keine Verpflichtung.

Die Literatur leitet nicht zum Handeln

an, sondern nur zur Einkehr und zur

Rückkehr in ein Werk, das auch dann

ganz für sich selbst fortbesteht, wenn

der Leser, dieser Gast, wieder geht.

Hannelore Schlaffer hat für

unser Forschungsprojekt „Literatur

digital lesen“ Leseszenen von

Luise Duttenhofer kommentiert, die

im Literaturmuseum der Moderne

ausgestellt sind: www.dla-marbach.de/

museen/blaetterbuecher-zu-denausstellungen/

14_15

Hans Ulrich Gumbrecht:

Das Wort Literatur – und es gibt

entsprechende Wörter in allen europäischen

Sprachen: literature, littérature,

litteratur, literatuur, literatura,

letteratura – hat im Lauf der Zeit

ganz verschiedene Bedeutungen

angenommen, so dass es nicht eine

einzig verbindliche Definition geben

kann. Die Bedeutung, die wir im

Deutschen noch heute mit „Literatur“

verbinden, ist um 1800 entstanden

und setzt ein besonders enges, ja

vertrauliches Verhältnis von Leser und

Autor voraus: Wir haben das Gefühl,

dass uns ein Autor aus dem Herzen

spricht. In seinem berühmten Text

Was ist Literatur? von 1947 beschrieb

Jean-Paul Sartre die Literatur

als einen Pakt der Großherzigkeit

zwischen Autor und Leser: „Der

Schriftsteller appelliert an die Freiheit

des Lesers, daß sie an der Produktion

seines Werkes mitarbeite.“ Er ist

der Gastgeber für einen freiwillig

Träumenden, den er nicht persönlich

kennt.

Literatur ist das Medium einer

bestimmten Grundsituation, die

sich historisch verändert, aber zwei

wiederkehrende Momente hat: Sie

ist eine Form des Spiels und mit

ästhetischen Erfahrungen verbunden.

Als Spiel hat sie – wie Brett-, Karten-,

Ball- oder Versteckspiele – Regeln.

Das können metrische Regeln sein

oder stilistische oder erzählerische.

Diese Regeln sorgen für Strukturen

und geben eine Form vor für den Pakt,

der Leser und Autoren via Literatur

verbindet:


Sie können mit Erwartungen spielen,

Regeln übererfüllen oder unterlaufen,

auslegen oder erklären. Diese Art und

Weise, innerhalb von Regeln eigene

Impulse zu verwirklichen, wird als

individuelle Freiheit erlebt. Daher

können wir imaginierte Vertrauensverhältnisse

in der Literatur aufbauen

und einen Prozess der Seelenwanderung

vollziehen. Wir leihen auf Zeit

einem Text Herz, Kopf und Seele,

identifizieren uns mit Figuren, verkörpern

deren Sprache. Diese Seelenwanderung

ist oft mit ästhetischen

Erfahrungen verbunden. Das heißt:

Wir setzen uns mit einem literarischen

Text neben der Bedeutung

immer auch in ein räumliches und in

ein sinnliches Verhältnis zur Welt.

Wenn ich ein Gedicht vorlese, dann

hat dieses Gedicht nicht nur einen

Inhalt, sondern auch Rhythmus

und Klang. Wenn ich einen Roman

lese, so hat er nicht nur einen Plot,

sondern auch eine haptische Qualität:

Er ist als Buch gegenwärtig, mit

einem bestimmten Papier und einem

bestimmten Volumen. Beides, Gedicht

und Roman, bringen unseren Körper

in eine bestimmte Haltung, die wir uns

freiwillig suchen: Wir sitzen, stehen

oder liegen beim Lesen, ohne dass der

Körper dabei eine andere Aufgabe

erfüllen muss.

Anders als eine Kommunikationssituation

zwischen Lehrer und

Schüler, Arzt und Patient, Pastor und

Gemeinde ist der Pakt zwischen Autor

und Leser einer zwischen gleichberechtigten

Partnern. Literatur ist

daher häufig auch ein Ort gewesen,

um die eigene Menschlichkeit zu

entdecken – in der Hoffnung, dass alle 16_17

Menschen gleich und frei sein sollen.

Die Idee von der Autonomie der Kunst

um 1800 ist eng verbunden mit diesem

Erleben von menschlicher Freiheit.

Der Text ist die schriftliche und gekürzte

Ausarbeitung einer halbstündigen

Online-Vorlesung, die Hans Ulrich

Gumbrecht in Stanford für uns

aufgenommen hat: www.dla-marbach.

de/museen/wechselausstellungen/

hoelderlin-celan-und-die-sprachender-poesie-digital/

Hannes Bajohr:

Literatur gibt es nicht, jedenfalls nicht

ohne die Verabredung dazu. Literatur

ist vor allem die Geste, sie dazu

zu erklären. Diese Gestenhaftigkeit,

diese Äußerlichkeit der Literatur

bedeutet, dass man zwar mit einigem

Recht vermuten kann, ein unbekannter

Text sei literarisch, aber umgekehrt

nie auszuschließen vermag, er sei es

nicht – vielleicht hat man nur die

Geste übersehen, die ihn dazu macht.

Diese literarische Entgrenzung ist

das Resultat einer Radikalisierungsbewegung,

die durch die Avantgarden

des zwanzigsten Jahrhunderts – von

Dada über Konkretismus bis Oulipo –

begonnen wurde und die von denen

des einundzwanzigsten Jahrhunderts

– in konzeptueller und digitaler

Literatur – fortgeführt wird. Gerade


die beiden letzteren drängen die

Literatur noch weiter über ihre traditionellen

Parameter hinaus: den Text

als Grundbedingung von Literatur und

die Grenze zur Welt, die sie darstellt.

Konzeptuelle Literatur erklärt die

Geste selbst zum Text. Wie Duchamp

ein Urinal zur Kunst machte, indem

er es als Kunst auswies, nimmt sie

gewöhnlich nicht als literarisch gelesene

Texte und erklärt sie zu Literatur.

Schreiben Sie auf eine Bedienungsanleitung

„Roman“ und er wird dazu

– niemand kann Ihnen das Gegenteil

beweisen. Wie der Konzeptkunst ist

dieser Literaturform der Gedanke

wichtiger als sein Produkt, was heißt,

dass im Extremfall gar kein Text

mehr für das Werk nötig ist: Elisabeth

Tonnards Invisible Book ist rein imaginär,

wurde nie gedruckt – aber die

Geste, die das Buch zum Buch erklärt,

ließ Tonnard alle „Exemplare“ der auf

200 limitierten Auflage verkaufen, so

dass es nun in Bibliotheken verzeichnet

ist und auf Ebay gehandelt wird.

Macht die konzeptuelle Literatur im

Extremfall den Text selbst überflüssig,

geht die digitale Literatur den umgekehrten

Weg und besteht auf der radikalen

Textlichkeit einer Welt, die heute

vollends digital zu werden verspricht.

Das ist, anders als die alte Metapher

von der Welt als Buch, durchaus

wörtlich zu verstehen. Im Digitalen

ist tatsächlich alles Text, denn es ist

alphanumerisch codiert – Bilder, Töne,

sogar Text selbst ist, auf einer tieferen

Ebene, Text, der wiederum bearbeitet,

prozessiert und transcodiert werden

kann. Damit wird das, was manchen

als die große Gefahr der Gegenwart

erscheint – die Manipulierbarkeit

digitaler Daten – zur Chance einer

Literatur, die diese Daten selbst als

literarisch auffasst und sich auf den

Code der Welt versteht.

Literatur gibt es nicht. Sie ist Verabredung,

die vor allem vom Jenseits ihrer

Ränder her, aus dem Raum des Nichtmehr-Literarischen,

immer aufs Neue

auf die Probe gestellt und bestimmt

wird. Nur so lernt man die Gesten zu

erkennen, in der die künftige Literatur

beschlossen liegt – vielleicht jenseits

des Texts, vielleicht in dessen Überhandnehmen.

Traditionalisten mögen

diese Tendenz beklagen und sie für

eine Profanierung des Literarischen

halten. In Wirklichkeit ist es das

Gegenteil: die tatsächliche und endgültige

Poetisierung der Welt.

Hannes Bajohr hat 2015 für seinen

Roman Durchschnitt alle Bücher aus

dem 2002 von Marcel Reich-Ranicki

herausgegebenen zwanzigbändigen

Kanon der deutschen Literatur als

Textkorpus verwendet, mit Hilfe der

Programmiersprache Python dessen

durchschnittliche Satzlänge bestimmt

(18 Wörter), dann alle Sätze anderer

Länge aussortiert und das Ergebnis

anschließend alphabetisch geordnet.

2018 veröffentlichte er den Gedichtband

„Halbzeug. Textverarbeitung“,

in dem ebenfalls Methoden der digitalen

Textanalyse als Verfahren der Textproduktion

genutzt werden. Hannes

Bajohr nimmt an unserem „Poesie-

Hackathon“ im Juni mit einem Vortrag

über Poesie und KI teil.


ox der Zuk

Einer von

44.000

säurefreien

grünen

Kästen im

Archiv

18_19

An zwei Wochenenden

im Frühjahr und Sommer

2021 sprechen wir mit

14 Schriftsteller:innen über

deren möglichen Nachlass.

Was erwarten sie von

einem Literaturarchiv, was

erhoffen sie sich? Was sollte

unbedingt in ein Archiv?

as kommt i

iteraturar


n die

chivunft?


Was muss in die Box für Marbach

und was sollte besser im Müll

verschwinden? Diese Frage ist so alt

wie das Archivieren selbst und

stellt sich doch immer wieder neu.

Als zum Beispiel Hans Magnus

Enzensberger 2013 zunächst sehr

skeptisch über sein Archiv

nachdachte, erlebte er plötzlich einen

kreativen Schub und schrieb sein

autobiografisches Buch Tumult.

Dem Spiegel gegenüber gestand er:

„Eines Tages kamen zwei Herren vom

Marbacher Literaturarchiv. Ich gab

den beiden den Kellerschlüssel:

Meinetwegen könnt ihr euch diesen

Komposthaufen gern anschauen.

Die haben dort zwei Tage lang

gestöbert. Es stellte sich heraus:

So blöd war der gar nicht, der diese

Notizen geschrieben hat. Ziemlich

scharf beobachtet!“ Enzensbergers

jüngerer Kollege Wilhelm Genazino

stellte einmal fest: „Die Sachen,

die ich nach Marbach gegeben habe,

sind weitgehend ausgebeutet.“

Dennoch enthalten gerade seine

„Werknotizen“ unzählige poetische

Miniaturen, die auch seine Romane

noch einmal in einem ganz neuen

Licht erscheinen lassen. Genazino

ahnte das vermutlich, sonst hätte er

diese Notizen nicht so sorgfältig

über Jahrzehnte hinweg gesammelt.

Durchaus auch spielerisch soll es an

diesen zwei Wochenenden um Themen

gehen, die nicht nur für unsere

literarische Überlieferung, sondern

ebenso für das Selbstverständnis von

Autorschaft substanziell sind: Im

Vorfeld packt jede Schriftstellerin

und jeder Schriftsteller vor laufender

Kamera eine „Kiste für Marbach

(Thomas Kling), die dann im Gespräch

ausgepackt wird. Einen nicht nur

akustischen Kontrapunkt setzen

sechs Beatbox- und Spoken-Word-

Künstler:innen mit spontanen

Performances.

Archiv-Box 1 + 2

wird gefördert von „Neustart Literatur“,

dem Programm des Deutschen Literaturfonds

im Rahmen von „Neustart

Kultur“ der Beauftragten der Bundesregierung

für Kultur und Medien.

Termine: 24. und 25. April sowie

11. und 12. September. Geplant als

Open-Air-Veranstaltungen.


20_21

„Time capsules“ – Zeitkapseln –

nannte Andy Warhol seine

Pappschachteln, in denen er

Dinge für die Nachwelt sammelte

und verschloss. Seit 2005

können Besucher:innen des DLA

in der Veranstaltungsreihe

Zeitkapsel

Begleitend geben Mitarbeiter:innen

des DLA in der YouTube-Reihe

Archivkino

Einblicke in ihre Arbeitsbereiche und

die von ihnen betreuten Nachlässe.

Die ersten Archivkinos gelten u.a.

Siegfried Kracauer (mit Kyra Palberg,

wiss. Mitarbeiterin der Bibliothek

für das Projekt „Quellenrepertorium

der Bibliotheken von Exilautoren im

Deutschen Literaturarchiv Marbach:

Siegfried Kracauer“, Caroline Jessen,

wiss. Mitarbeiterin des Forschungsverbunds

Marbach – Weimar – Wolfenbüttel,

und Enke Huhsmann, Leiterin

der Bestandserhaltung und eines

von der Koordinierungsstelle für die

Erhaltung des schriftlichen Kulturguts

geförderten Modellprojekts zur Bestandserhaltung

der Provenienz- und

Arbeitsspuren in Kracauers Bibliothek)

und Karl Löwith (mit Ulrich

von Bülow, dem Leiter der Abteilung

Archiv).

miterleben, wie verborgene Schätze

aus Nachlässen ans Licht geholt

werden. 2021 übersetzen wir diese

Reihe pandemiebedingt in ein

digitales Format: die

Zoom-Kapsel.

Die ersten Termine und Themen:

25. Januar (Nicole Henneberg ordnet

mit Jan Bürger und Heike Gfrereis

den Nachlass von Gabriele Tergit),

3. Februar (Andreas Platthaus,

Sandra Richter und Ulrich von

Bülow lesen einen neuerworbenen

Brief von Franz Kafka) und 10. März

(Veronica Fuechtner, Gunilla

Eschenbach und Jan Bürger schauen

zu Heinrich Manns 150. Geburtstag

in dessen Teilnachlass).


ehlt

hnen/

ir

Von Mai bis Juli 2021 stellen wir

diese Frage sechs Persönlichkeiten

aus dem Bereich der Literatur und

des Theaters und 24 von ihnen nominierten

Stipendiat:innen in einem

virtuellen Ausstellungsraum, in dem

Schillers Texte und sein Marbacher

Nachlass im Mittelpunkt stehen und

von allen Beteiligten kommentiert

werden können. Mitmachen ist

möglich: Einfach eine E-Mail an

museum@dla-mabach.de schreiben

oder unter dem Hashtag #Schiller-

FreiSpiel in den sozialen Medien

posten.

Wir haben unsere Projektpartner:-

innen nach einer allerersten Antwort

gefragt: Fehlt Ihnen/Dir Schiller?

chiller?

Laurent Chétouane: Nein. Schiller

fehlt mir nicht. Wirklich nicht. Aber

er steht am Ursprung des deutschen

Theaters als kulturelle Institution.

Er ist dessen Gespenst – der Geist

unter der Bühne, dessen Stimme noch

Gehör geschenkt werden sollte. Ob

wir sie mögen oder nicht. Sie spricht

sowieso. Als Nachhall.

Christian Holtzhauer: Fehlt mir

Schiller? Nein, denn schließlich hat

er ja selbst dafür gesorgt, dass wir ihn

nicht vergessen, und uns die eine

oder andere harte Nuss hinterlassen,

die wir erst noch knacken müssen.

Burkhard Kosminski: Ein Visionär und

„junger Wilder“ wie Schiller würde

uns heute guttun!


22_23

Jagoda Marinić: Ja, das Ungebändigte,

das Treten gegen die Obrigkeit

und die Lust daran, seine Zeit zu

überfordern.

Kathrin Röggla: Ich habe die

Frage zunächst nicht verstanden,

ich dachte, es geht um Schiller, aber

eigentlich geht es um das Theater,

um das fehlende Theater, um die

fehlende Präsenz, also um Präsenz.

Und die fehlt natürlich, aber das ist

schwer zu beschreiben, also man

weiß gar nicht, wo man anfangen soll.

Aber wenn es doch um Schiller gehen

soll, wenn die Frage wirklich auf

ihn hinausläuft, dann müsste ich sie

weiter präzisieren: Wo fehlt mir

Schiller? Und welcher Schiller könnte

mir fehlen? Und zu welchen Zeiten?

Also wo genau? Und als einzelner

oder viele Personen? Der von der

Spieltheorie, also aus den Briefen

über die ästhetische Erziehung des

Menschen oder der von den Räubern?

Der deckungsgleiche Schiller oder

der sich selbst überschreitende?

Der Konfliktschiller, der Balladenschiller,

der Geheimnisschiller oder

der einfach aus Weimar? Einfach

aus Weimar? Nein, ich meine, der

von damals oder der von heute?

Der heutige Schiller, der vielleicht, ja.

Aber niemals gründlich!

„Fehlt Ihnen / Dir Schiller?“ wird

gefördert vom Ministerium für

Wissenschaft, Forschung und Kunst

Baden-Württemberg im Rahmen

des Impulsprogramms „Kunst

trotz Abstand“. Termine vor Ort:

2. Mai und 14. Juli. Geplant als

Open-Air-Veranstaltungen. Mehr:

www.literatursehen.com/fehltschiller

Die Stipendiat:innen: Lisa Wentz,

Jona Spreter und Jacko Jahnke

(Laurent Chétouane), Özlem Özgül

Dündar, Pinar Karabulut und

Christoph Bornmüller (Christian

Holtzhauer), Mesut Bayraktar,

Annalisa Engheben und Sarah

Tzscheppan (Burkhard Kosminski),

Lin Hierse, Ronya Othman und Deniz

Utlu (Jagoda Marinić), Miriam Emefa

Dzah, Christian Hödl und Anna Yeliz

Schentke (Kathrin Röggla), Julian

Mahid Carly, Amanda Lasker-Berlin

und Rafael Ossami Saidy (Elisabeth

Schweeger).

Elisabeth Schweeger: Schiller fehlt

mir nicht, er ist Teil meines Wissens

und kulturellen Verständnisses –

die Aufklärung ist noch lange nicht

beendet.


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Vorhergehende

Seiten: die

„Schiller-

Favoriten“

der Museumsabteilung

des DLA

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1 das in Marbach erhaltene kleinste

Teilchen aus einer Schiller-Handschrift

(ausgewählt von Lea Kaiser,

Assistentin der Abteilungsleitung,

weil der gerade einmal 4 x 4,2 cm

große Manuskript-Schnipsel in seiner

vermeintlichen Belanglosigkeit und

Unscheinbarkeit den herausragenden

Wert vermittelt, den Schiller in

der deutschsprachigen Literaturgeschichte

einnimmt) 2 Dora Stocks

Schiller-Porträt (ausgewählt von

Toni Bernhart, Projektleiter von

„Literatur digital lesen“, weil er als

kleiner Junge gern solche Haare

wollte) 3 Schillers Handwärmer

aus Keramik (ausgewählt von Daniel

Knaus, wiss. Hilfskraft, weil sie

an die Handarbeit des Schreibens

erinnern) 4 „Schiller liest im

Bopserwald ‚Die Räuber‘ vor“

(ausgewählt von Julia Schneider,

Museumspädagogin, weil man auf

den ersten Blick sieht, dass es bei

Schiller nicht nur um das stille Lesen

geht, sondern die Performanz, das

Aufführen und Darstellen mit dem

ganzen Körper) 5 Johann Heinrich

Danneckers Entwurf für eine Kolossalbüste

(ausgewählt von Heike

Gfrereis, weil erstens genau so der


Schiller ihrer Jugend aussah: mehr

Winnetou als Schriftsteller, und

zweitens unmittelbar sichtbar wird,

wie uns Archive durch ihre menschlichen

Größenverhältnisse berühren

können: mit Hilfe der Bleistift-

Kreuzchen übertrug Dannecker das

Modell in die überlebensgroße

Ausführung) 6 Schillers Korrekturen

am Wallenstein (ausgewählt

von Martin Kuhn, wiss. Volontär,

weil die heftigen Korrekturen die

Vorstellung widerlegen, die Literatur

entspringe einem Geniestreich)

7 Schillers Tintenfass in der Form

eines Homerkopfs (ausgewählt von

Alina Palesch, wiss. Volontärin, weil

es schön aussieht, aber eben auch

zeigt, wie eng Lesen und Schreiben

miteinander verknüpft sind)

8 Schillers Band gegen Kopfweh

und Schillers Strümpfe (ausgewählt

von Janina Schindler, die das Ausstellungssekretariat

betreut, weil

Schiller mit diesen beiden Objekten

von Kopf bis Fuß lebendig wird

und wir nebenbei viel über sein

psycho-somatisches Wissen und

seinen Modegeschmack erfahren)

9 Schiller auf einem Esel, 1787

porträtiert von seinem Freund Johann

Christian Reinhart (ausgewählt von

Vera Hildenbrandt, wiss. Mitarbeiterin

im Museum und Projektleiterin für

„LiteraturBewegt“, weil Schiller

„reisescheu“ war und sich nach eigener

Aussage „immer am übelsten auf

Reisen befand“: Während Schillers

Reisen im realen Raum in vergleichsweise

engen Grenzen stattfinden,

sind seine Werke weltumfassend und

öffnen sich in nie gesehene Landschaften)

10 Rätselantwort aus

Schillers Turandot-Bearbeitung

(ausgewählt von Verena Staack,

Leiterin des Referats Literaturvermittlung,

weil diese Verse zu Corona-

Zeiten noch einmal eine andere

Bedeutung erhalten: „Dies leichte

Schiff, das mit Gedankenschnelle /

Mich durch die Lüfte ruhig trägt, /

Sich selbst nicht von dem Ort bewegt,

/ – Das Sehrohr ist’s, das in die

Ferne / Den Blick beflügelt bis ins

Land der Sterne.“ 11 Cem Özdemirs

Button, den er 2018 bei einem

Staatsbankett mit dem türkischen

Präsidenten Recep Erdogan getragen

hat: „Geben Sie Gedankenfreiheit“

(ausgewählt von Heike Gfrereis,

weil Cem Özdemir diesen Akt des

Protests als Leseakt kommentiert hat:

„Insofern kann Erdogan jetzt sagen,

er hat Schiller gelesen.“ Humor

und Aufklärung gehören zusammen,

auch bei Schiller.)


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Kallias, der seit 1999 zugängliche

Online-Katalog des Deutschen Literaturarchivs,

bietet fünf Sucheinstiege:

„Handschriften“ für (Werk-)Manuskripte,

Briefe und Lebensdokumente;

„Bibliothek“ für Bücher, Zeitschriften,

Beiträge in Zeitschriften und Sammelwerken,

Rezensionen, E-Books und

E-Journals, literarische Weblogs,

Hörfunk- und Fernsehmanuskripte,

audio-visuelle Materialien und Mikroformen;

„Bilder und Objekte“ für

Skulpturen, Gemälde, Grafiken, Fotografien

und Gegenstände; „Bestände“

für allgemeine Beschreibungen

sämtlicher Bestände (Nachlässe,

Sammlungen, Archive etc.) der ver-

-

schiedenen Abteilungen; „Namen“

für Informationen über Personen und

Körperschaften (Institutionen),

die in den Beständen des Deutschen

Literaturarchivs eine Rolle spielen.

Nun wird bis zum Frühjahr 2021

der neue OPAC freigeschaltet.

Ein Gespräch mit Karin Schmidgall,

Leiterin des OPAC-Projekts in der

Bibliothek.

Was ist neu am neuen OPAC?

Der neue Katalog ermöglicht

Benutzer:innen neben dem gezielten

Finden auch das Entdecken von

Wissenszusammenhängen. Im aktuellen

Katalog mit seinen fünf Einstiegen

und über 100 Suchfeldern hängt die

Qualität der Ergebnisse davon ab,

wie gut man das den Daten zugrunde

liegende Regelwerk kennt. Unser

Suchverhalten hat sich jedoch inzwischen

stark verändert, und unsere

Erwartungen sind von kommerziellen

Anbietern wie Google und Amazon

und dem direkten Zugang zu Text, Ton

und Bild geprägt.

Die Startseite des neuen Katalogs

besteht aus einem einfachen Suchfeld

und sechs Teasern, die u.a. auf „Unerwartetes“

und „Neues im Katalog“

aufmerksam machen. „Man fühlt sich

willkommen“ war der Kommentar

einer Benutzerin in einem Usability

Test. Mit einer einfachen Suche

können Handschriften, Gedrucktes,

Bilder, Gegenstände, Audio- und

Video-Dokumente sowie digitale

Objekte gemeinsam gefunden werden.

Materialspezifisch separat aufbewahrte

und unterschiedlich verzeichnete

Teile eines Nachlasses werden

virtuell vernetzt und so auch in ihren

Provenienz-Zusammenhängen

rekonstruierbar.


30_31

Hackathon zur OPAC-Entwicklung mit Felix

Lohmeyer, Sebastian Meyer (OCC Projektleitung

und Datenprozessierung), Christopher Timm

(Typo3/Web-Entwicklung, effective WEBWORK),

Markus Mandalka (Solr), Kai Mertens (Design),

Foto: Heinz Werner Kramski


Autoren und ihre Werke und Verlage

stehen als „Normdaten“ im Zentrum

unserer Sammlungen, unserer Erwerbungs-

und Erschließungsarbeit. Das

wird im neuen OPAC auf den ersten

Blick sichtbar: Autoren, Werke und

Verlage sind als Eingabehilfe im

Suchfeld anlegt, so dass in der Trefferliste

an erster Stelle die zwei

Normsätze als „Werbetreffer“ angezeigt

werden, die am häufigsten im

Suchergebnis verlinkt sind. So kann

man als Benutzer:in Zusammenhänge

sehen, aber auch Überraschendes

entdecken.

In der Detailansicht sind die Normdaten

der Wegweiser zu den ausleihbaren

oder digital verfügbaren

Beständen im DLA und verbinden den

Katalog mit externen Informationsquellen

wie Wikidata oder biografischen

Onlinelexika. Facettensuchen

wie „Medium“, „Sprache“, „Art

und Inhalt“, „Personen“, „Zeitspanne“

unterstützen das explorative Suchen.

Benutzer:innen kennen diese Filter

als Hilfsmittel zum Stöbern aus dem

Onlinehandel, wo sich so Treffermengen

einschränken lassen. Wir hoffen,

dass sie so im neuen Katalog nicht

nur Objekte gezielt suchen können,

sondern darüber hinaus auch

mehr „glückliche Funde“ machen.

Mein Tipp für Liebhaber des aktuellen

Katalogs: Denken Sie im neuen

Katalog vor einer Suche nicht viel

über die richtige Suchstrategie nach,

suchen Sie einfach darauflos und

fürchten Sie sich nicht vor zu großen

Treffermengen, denn diese können

nachträglich sortiert und weiter

eingeschränkt werden.

Welche Möglichkeiten bietet der

neue OPAC dem Deutschen Literaturarchiv?

Können Sammlungen anders

erschlossen werden?

Die strukturierte Katalogisierung und

hohe Erschließungsqualität, die seit

1999 mit der Software aDIS/BMS bei

uns geleistet wird, ist die wichtigste

Grundlage für den neuen Onlinekatalog.

Erschließung ist internationalen

Standards und Regelwerken

unterworfen, die wir zukünftig mehr

aus Sicht der Benutzer:innen denken

möchten. Damit Facettensuchen gut

funktionieren, bedarf es mehr medienübergreifender

Normierung. Man

sollte zum Beispiel bei Suchen zwischen

Manuskripten und Typoskripten

unterscheiden können oder zwischen

Primär- und Sekundärliteratur. Und

mit Volltexten und Strukturdaten bei

der Erschließung von Digitalisaten

und Digital Borns erhalten wir auch

eine neue Erschließungstiefe. Das ist

aber aktuell noch ein sehr weites

neues Feld.

Wie ist der neue OPAC entstanden?

Am Anfang stand die Idee, ein Pflichtenheft

für eine klassische Ausschreibung

erstellen zu lassen. Nach drei

vergeblichen Stellenausschreibungen

entschieden wir uns, beraten von

Open Culture Consulting (OCC),

für einen anderen Weg: eine agile

Prototyp-Entwicklung auf Open

Source Basis. Wer sind „wir“? Das ist

eine Arbeitsgruppe mit Vertretern

aus Archiv (Handschriften, Bilder und

Objekte), Bibliothek, Entwicklung,

Forschung und seit letztem Jahr auch

aus dem Museum.


32_33 Die OPAC-AG arbeitet eng mit Open

Source-Entwicklern zusammen, ein

„Scrum-Master“, eine Art Coach, hält

die Fäden der agilen Entwicklung zusammen.

Ein tolles Team, bei dem ich

last but not least die Benutzer:innen

nicht vergessen möchte, die uns

im Usability Test Feedback geben.

Die Entwicklungsdauer mit drei

Jahren ist lang, aber entstanden ist

ein Katalog, der es dem Deutschen

Literaturarchiv ermöglicht, zukünftig

flexibler und schneller auf Impulse

und Forschungsinteressen reagieren

zu können.

Welche Anschlussprojekte wären

reizvoll?

Erst müssen wir nächstes Jahr noch

unsere Hausaufgaben machen: ein

Benutzerkonto und Schnittstellen, die

es ermöglichen, mit unseren Daten

weiterzuarbeiten; sie sollen zitiert,

exportiert und vernetzt werden. Aber

wir denken schon mit dem Museum

über mögliche Verbindungen zwischen

dem Katalog und virtuellen, aber

auch analogen Ausstellungen nach.

Für die neue Ausstellung im Schiller-

Nationalmuseum möchten wir im

Rahmen des von der Beauftragten für

Kultur und Medien geförderten Projekts

„SchillerHochDrei“ aus schon

katalogisierten Objekten ein digitales

Miniaturmodell eines literarischen

Gedächtnisspeichers um 1800 erstellen,

das dann mit Hilfe unterschiedlicher

Anwendungen aus verschiedenen

Perspektiven erkundet, erforscht

und erfahren werden kann.

Visualisierungen können eine neue

Sicht auf die Katalogdaten bieten.

Hier probieren wir auch mit dem

Institut für Visualisierung und Interaktive

Systeme (VIS) der Universität

Stuttgart erste Möglichkeiten aus.

Teilsichten des Katalogs könnten

in themenbezogene Portalseiten

eingebunden werden, z.B. eine DLA-

Website zu Friedrich Schiller, die

den Zugang zur Personalbibliografie,

den Nachweisen und Digitalisaten

im Katalog informativ bündelt. Der

Katalog wird in den nächsten Jahren

mit mehr Digitalisaten (Text, Ton

und Bild) angereichert, über Citizen

Science-Projekte könnten z.B. Transkriptionen

hinzukommen. Vieles ist

denkbar. Wir freuen uns hier sehr über

Ideen und Kooperationsprojekte mit

anderen Institutionen, zum Beispiel zu

einer virtuellen Rekonstruktion von

Schillers Bibliothek.


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Unter

www.literatu

Die Sammlungen des Deutschen

Literaturarchivs speichern analog und

digital das, was wir Menschen durch

künstlerische Sprachen erfinden,

darstellen, ausdrücken, erfahren,

empfinden, vermitteln, denken, verstehen,

erforschen, analysieren und

reflektieren können. Die Ausstellungen,

Veranstaltungen und Forschungsprojekte

öffnen diese Sammlungen

auf unterschiedlichste Weise für

individuelle Zugänge, Sichtweisen

und Erfahrungen. Nun werden vom

Frühjahr 2021 an Ausstellungs- und

Forschungsprojekte auch in einem

virtuellen Raum sichtbar, der Exponate

und ihre Kombinationen und

Kommentare sowie begleitende

Veranstaltungen versammelt und

über die Ausstellungslaufzeit hinaus

dokumentiert, vor allem aber das

kooperative Kuratieren von Ausstellungen

ermöglicht.

finden Besucher:innen zum Auftakt

im Frühjahr 2021 das Open-Space-

Projekt Narrating Africa, Teile der

großen Jubiläumsausstellung

Hölderlin, Celan und die Sprachen der

Poesie, die Denkwerkstatt Fehlt Ihnen/

Dir Schiller? sowie die Vorarbeiten

zu unserer vom Auswärtigen Amt

geförderten Ausstellung Wie Literatur

Welt + Politik macht, die zwei Forschungsschwerpunkte

aufgreift:

„Literatur im Systemkonflikt“ und

„Verlage als internationale Kulturvermittler“.

Im Herbst kommt die

überarbeitete Dauerausstellung

Die Seele im Literaturmuseum der

Moderne mit Schwerpunkten zu den

Themen Schreiben, Schrift und

Zeichen sowie Lesen, (De)codieren

und Medienwechsel hinzu.

Durch verschiedene Social-Readingund

-Curating „Tools“ können

Menschen an unterschiedlichen

Orten in den virtuellen Räumen von

www.literatursehen.com zusammenarbeiten,

Exponate markieren und

ergänzen, mit Texten, Bildern, Audios

und Videos kommentieren, in

individuelle Schreib-, Lese- und Aufführungszusammenhänge

stellen,

Themen diskutieren, weiterentwickeln

oder neu setzen.

ww

Räume entwerfen:

Gestalterbesprechung für

www.literatursehen.com

auf der Terrasse des

Literaturmuseums der

Moderne im November 2020


36_37

rsehen.com

Vom Sommer 2021 an ist ein

virtueller Leseraum

w.literaturlesen.com

mit 50 kanonischen Texten der

So werden 2021 unter anderem Paul

deutschsprachigen Literatur und ihren Celans Hölderlin-Lektüren ausgestellt,

Aggregatzuständen im Archiv online. die unterschiedliche Dimensionen

Durch Nutzen dieser gemeinsam der ästhetischen Erfahrung von

mit dem Leibniz-Institut für Wissensmedien

Tübingen entwickelnden sucht.

Hölderlins Hälfte des Lebens unter-

Lese-App können alle, die gern historische

Literatur lesen, die Erforschung „Literatur digital lesen: Forschung

des digitalen Lesens unterstützen. in Aktion“ wird im Rahmen der

Im Kontrast dazu steht im Literaturmuseum

der Moderne das Erforschen Baden-Württemberg gefördert.

Digitalisierungsstrategie des Landes

des analogen Lesens im Mittelpunkt.


Auf den

folgenden

Seiten:

Momentaufnahmen

von

Besucherbewegungen

beim Lesen

(Gesten)

und Hören

(Pulsschlag)

von Hölderlins

Gedicht

„Hälfte

des Lebens“

in unserer

Ausstellung

„Hölderlin,

Celan und

die Sprachen

der Poesie“.

Die Laborstationen

dort sind

Teil eines

Projekts zur

empirischen

Leseforschung

mit

dem Leibniz-

Institut für

Wissensmedien

Tübingen.


38_39


Ausstellungen


_41

#schillerfreispiel

„Die Schönheit der

poetischen Darstellung

ist freie Selbsthandlung

der Natur in den

Fesseln der Sprache.“

Friedrich Schiller

an Gottfried Körner,

25. Januar 1793


Eine Ausstellungsreihe der

Stiftung Brandenburger Tor

und des Deutschen

Literaturarchivs Marbach

SateLIT

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1 + 2:

straße.

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Viertels

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SateLIT konfrontiert das Publikum

anhand eines überraschenden literarischen

Kerns mit anderen Sichtweisen

und letztlich mit sich selbst. Denn

Literatur verändert unser Leben: Sie

schult den Umgang mit Mehrdeutigkeit,

Mehrsprachigkeit, mit historischem

Zufall und dem Wechsel von

Rollen. Literatur vervielfältigt die Perspektiven.

Ausgehend von Marbacher

Fundstücken erkunden wir, wie sich

diese Wirkmächtigkeit der Literatur

vermitteln lässt und welche Rolle

Literaturarchive dabei spielen.

Ab September ist in der Stiftung

Brandenburger Tor die vom Hauptstadtkulturfonds

geförderte

zweite Ausgabe von SateLIT ausgestellt:

Salon Hollywood. Salka

Viertels Erinnerungen (Auftakt

im Juli im Literaturmuseum der

Moderne).

Salka Viertel, 1889 als Salomea Sara

Steuermann in Sambor/Ungarn

geboren, spielte 1911 in Berlin unter

Max Reinhardts Regie Schillers Maria

Stuart und wechselte dann an die

44_45

Bis zum 27. Juni 2021 ist im Literaturmuseum

der Moderne die erste

Ausgabe von SateLIT zu sehen, in

der Else Lasker-Schülers zusammen

mit Judith Kuckart und Thomas

Sparr gesichtete Briefe und Postkarten

an den holländischen

Gymnasialrektor Nicolaas Beversen

im Mittelpunkt stehen.


Neue Bühne nach Wien, dann ans

Schauspielhaus Hamburg. 1928

zog sie mit ihrem Ehemann, dem

Regisseur und Autor Berthold Viertel,

in die Nähe von Hollywood. Ernst

Lubitsch, Sergej Eisenstein und

Charlie Chaplin zählten zu ihren

Freunden. Mit Bertolt Brecht wollte

sie ein nicht-kommerzielles Drehbuch

schreiben. Für ihre Freundin Greta

Garbo wurde Salka Viertel selbst zur

Drehbuchautorin und brachte

Hollywood mit den Vorlagen für die

Garbo-Filme Königin Christine

(1933), Anna Karenina (1935) und Maria

Walewska (1938) Sinn für Geschichte

und Literatur bei. In Salka Viertels

Erinnerungen, die für den SateLIT

mit zwei bekannten Künstler:innen

gesichtet werden, spiegeln sich

die Spannungen zwischen Theaterkultur

und Filmindustrie, Europa und

Amerika.

Mehr: www.stiftungbrandenburgertor.de

sowie im YouTube-Kanal des Deutschen

Literaturarchivs und im Podcast

der Kulturstiftung der Länder (https:

//www.kulturstiftung.de/podcasts/).

Salka Viertel

mit Sergej

Eisenstein am

Strand von

Santa Monica


Hölderlin-Blumenlese

im unteren Foyer

des Literaturmuseums

der Moderne mit

Leseerinnerungen.

Die kanadische

Schriftstellerin

Ann Carson erinnerte

sich in ihrem

Essay on Threat im

Kapitel „Swimming

in Hölderlin“ an

einen Vers von

Hölderlin, den sie

aber in keinem Buch

mehr finden kann:

„Mein Herz, es

schwimmt in Zeit.“

Eine Wechselausstellung

im

Literaturmuseum

der Moderne

bis 1. August 2021

46_47

ölderlin,

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nd die

prachen

er

oesie

„Hölderlin ist eine dem Deutschen

verwandte Sprache“, schrieb Oskar

Pastior 1995. Mit über 150 Objekten

und Stationen erstreckt sich die

Ausstellung Hölderlin, Celan und die

Sprachen der Poesie über nahezu alle

Räume des Literaturmuseums der

Moderne, um die unterschiedlichen

Dimensionen dieser Sprache

auszuloten.

Im Mittelpunkt stehen Hölderlins

Gedichte und ihre Wirkungen aus

unterschiedlichen Perspektiven:

Was geschieht beim Lesen eines

Hölderlin-Gedichts mit uns? Wie wirkt

ein Hölderlin-Gedicht, wenn wir es in

der Handschrift lesen? Was verändert

sich, wenn wir es im Raum lesen?

Welche Hölderlin-Erfahrungen sind in

Archiv und Bibliothek überliefert und

welcher Text und was daran ‚wirkte‘

jeweils wie? Auf dem Hölderlin-Leser

Paul Celan, dessen umfangreicher

Nachlass sich im Deutschen

Literaturarchiv befindet, liegt dabei

ein besonderer Schwerpunkt.

Gefördert von der Baden-Württemberg

Stiftung.


48_49

Eine Wechselausstellung der

Arno Schmidt Stiftung

im Schiller-Nationalmuseum,

bis 1. August 2021


euchten!

eter

ühmkorf –

elbstredend

nd selbsteimend

Der vielfach preisgekrönte Lyriker

Peter Rühmkorf (1929 – 2008) war

lange Jahre in Hamburg an der Elbe

zu Hause, doch seine Manuskripte

‚wohnen‘ bereits seit 1980 als

sogenannter Vorlass im Deutschen

Literaturarchiv Marbach, wo nun

die Arno Schmidt Stiftung Rühmkorfs

Leben und Werk mit einer umfangreichen

Ausstellung präsentiert.

Rühmkorf publizierte seine Gedichte

nicht nur in Büchern, sondern

entdeckte neue Orte für die Lyrik.

Gemeinsam mit befreundeten

Musikern trug er sie auch als „Jazz &

Lyrik“ in Kellerclubs, Kirchen

und auf öffentlichen Plätzen vor.

Er sammelte Kinder- und Spottverse,

studierte und rezensierte Kollegen,

bewunderte Dichter vergangener

Jahrhunderte, schrieb Theaterstücke

und erreichte mit seinem Erinnerungs-


Ausstellungseröffnung

mit Sandra

Richter,

Jan Philipp

Reemtsma

und Nico

Bleutge

buch Die Jahre die Ihr kennt ein großes

Publikum. Rühmkorf arbeitete als

Redakteur der Zeitschrift konkret, als

Lektor des Rowohlt Verlags und

engagierte sich in der Studentenund

Friedensbewegung.

Die Ausstellung zeigt Rühmkorfs

Werk und sein Leben als Künstler

und streitbarer Intellektueller in

allen Facetten. Zentrales Element

der Ausstellung ist der „Raum der

Gedichte“, in dem zehn Gedichte

Rühmkorfs in Großprojektionen

inszeniert werden. Eine Auswahl

weitgehend unbekannter Filmaufnahmen

seiner Jazz & Lyrik-

Programme aus mehreren Jahrzehnten

ergänzt die Gedichtprojektionen.

Themenstationen widmen sich

wichtigen Aspekten in Schaffen und

Leben des Dichters, stellen einzelne

Werkphasen vor und erläutern sein

poetisches Konzept. Eine fünfzig

Quadratmeter große Wandinstallation

verdeutlicht am Beispiel des

Gedichts Selbst lll/88 Rühmkorfs

aufwändigen Arbeitsprozess.

Zusammen mit Hölderlin, Celan

und die Sprachen der Poesie

verwandelt die Ausstellung die

Marbacher Literaturmuseen

in einen Ort, an dem die kleine

literarische Form des Gedichts

die Hauptrolle spielt und

Besucher:innen auf Poesie in

unterschiedlichsten Erscheinungsweisen

treffen – gereimt und

gezählt, bewegt und still, laut

und zart, dunkel und leuchtend.


„Laß leuchten“

Peter Rühmkorf

– selbstredend

und

selbst reimend

im Schiller-

Nationalmuseum:

Blick in

die Kapitel

„Sammeln“

und „Erinnern

& Schreiben“


_51


Wie erzählen wir von Afrika: von

einem Kontinent und seiner Vielfalt?

Welche Bilder und Stereotype,

welche kolonialen und nationalen

Ideologien bestimmen die Literatur

über Afrika und werden von ihr

geprägt, verbreitet oder zerlegt?

In einer Open-Space-Ausstellung

diskutieren wir das mit Texten,

Archivfunden, Lecture Performances

und Gesprächen u.a. mit

Partner:innen aus Namibia und

Schriftsteller:innen aus Afrika.

Gefördert vom Ministerium für

Wissenschaft, Forschung und Kunst

des Landes Baden-Württemberg.

Termin: Internationales Literaturfestival

Narrating Africa, 7. bis 9. Mai.

Eine Open-Space-Ausstellung

im Literaturmuseum der Moderne

bis 19. September 2021

arrating

frica

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tep

#limodivis

#closedbutopen

Zoom-Führung

in der

Ausstellung

mit Projektleiterin

Stefanie

Hundehege


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Die Dauerausstellung zum

20. Jahrhundert im Literaturmuseum

der Moderne bis

1. August 2021

Die über 280 Exponate, die wir aus

den über 1.400 Schriftsteller- und

Gelehrtennachlässen mit rund

50 Millionen Einzelblättern, Büchern

und Gegenständen des Deutschen

Literaturarchivs ausgewählt haben,

zeigen eine besondere Literaturgeschichte

des Schreibens und Lesens.

Von 1899 bis 2001, von Hermann Hesse

zu W.G. Sebald, unter anderem mit

Exponaten von Rainer Maria Rilke,

Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka,

Gottfried Benn, Alfred Döblin, Walter

Benjamin, Joseph Roth, Stefan Zweig,

Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko,

Hannah Arendt, Hilde Domin, Siegfried

Lenz, Sarah Kirsch, Martin

Walser, Thomas Bernhard und Hans

Magnus Enzensberger.

Schiller,

Hölderlin,

Kerner,

Mörike

Eine Interimsausstellung

im Literaturmuseum der

Moderne bis Herbst

Für das Schiller-Nationalmuseum

erarbeiten wir zur Zeit ein neues

Ausstellungskonzept. Daher sind vier

Schriftsteller – Schwaben von

2022r

Geburt und Autoren von Weltrang –

vorläufig ins Literaturmuseum der

Moderne umgezogen. Wir haben

Dinge eingepackt, die ihre poetisch

besonderen Seiten zeigen: Friedrich

Schillers unterschiedliche Spiele,

Justinus Kerners Tintenklecksbilder

und die eigenwilligen Aufschreibesysteme

von Friedrich Hölderlin und

Eduard Mörike. Alle vier Schriftsteller

stammen aus der Umgebung des

Museums: Schiller wurde 1759 in

Marbach geboren, Hölderlin 1770 in

Lauffen, Kerner 1786 und Mörike 1804

in Ludwigsburg. Ergänzt wird die

Ausstellung um ein Leselabor mit

Scherenschnitten von Luise

Duttenhofer.

Die Seele wird am 7. November 2021 in

veränderter Form wieder eröffnet.


54_55 Vier von

über 150

Exponaten

der Interimausstellung

„Schiller,

Hölderlin,

Kerner,

Mörike“

Schiller

Mörike

Schiller-

Erinnerungs-

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muster

S 17

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Zur Interimsausstellung und zu

unserem Projekt „Fehlt Ihnen/

Dir Schiller?“ sind vier digitale

Hefte erschienen (Schillers Spiele,

Hölderlins Handschriften, Kerners

Kleckse und Mörikes Zeichen):

www.dla-marbach.de/museen/

blaetterbuecher-zu-den-ausstellungen.

Die Ausstellugskataloge zu

Planet Motzstraße. Else Lasker-

Schülers Lebenszeichen aus Berlin,

Laß leuchten! Peter Rühmkorf –

selbstredend und selbstreimend

und Hölderlin, Celan und die

Sprachen der Poesie sowie zu

Die Seele können im Online-Shop

des Deutschen Literaturarchivs

und vor Ort erworben werden.

punkt-

Ich-

Hölderlin

Kerner

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Achtzehn

55

27


Kalender


_57

#schillerfreispiel

„Ich bin auf den

Bergen, Dresden zu,

herumgeschweift

weil es da oben schon

ganz trocken ist.

Wirklich habe ich

diese Bewegung höchst

nöthig gehabt, denn

diese paar Tage, auf

dem Zimmer zugebracht

haben mir, nebst

dem Biertrinken, das

ich aus wirklicher

Desperation angefangen

habe, dumme

Geschichten im

Unterleib zugezogen,

die ich sonst nie

verspürt habe. […]

und wenn ich, Motion

halber, in meinem

Zimmer springe, so

zittert das Hauß

und der Wirth fragt

erschrocken, was

ich befehle.“

Friedrich Schiller am

22. April 1787 an Christian

Gottfried Körner


Zur Eindämmung von Covid-19

werden wir alle schon geplanten

Veranstaltungen in jedem Fall

virtuell durchführen und kurzfristig

bekanntgeben, ob und auf welche

Weise sie vor Ort stattfinden können.

Alle aktuellen Veranstaltungstermine

finden Sie in unserem Website-

Kalender, in der Presse und in den

sozialen Medien; Zoom-Links zu

Veranstaltungen finden Sie am

Vortag ab 9 Uhr ebenfalls im Kalender

der DLA-Website. Newsletter-

Abonnenten erhalten die Termine

und Zoom-Links zugeschickt:

https://www.dla-marbach.de/

newsletter/

Januar

Mittwoch, 20. Januar, 11 Uhr

Jahrespressekonferenz

Erwerbungen, Forschungs-,

Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm

des Deutschen Literaturarchivs

Marbach. Anmeldung:

presse@dla-marbach.de

Montag, 25. Januar, 19 Uhr

Zoom-Kapsel 1: Erinnerungen

an den Kurfürstendamm.

Der Nachlass von Gabriele Tergit

Nicole Henneberg mit Jan Bürger

und Heike Gfrereis

Februar

Mittwoch, 3. Februar, 19 Uhr

Zoom-Kapsel 2: Franz Kafkas

Brief vom 11. September 1922

an Max Brod

Andreas Platthaus mit Ulrich

von Bülow und Sandra Richter


58_59

Donnerstag, 18. März,

und Freitag, 19. März

Tagung

Wandlungszonen: Zeitschriften

und Öffentlichkeit 1945 bis 1969

März

Montag, 8. März, und 15. März,

jeweils 15.30 bis 18 Uhr

Fortbildung

Koloniale Spuren in der

Kinderliteratur

Die Fortbildung für pädagogische

Fachkräfte in Kindergärten und

Kindertagesstätten und Grundschullehrer:innen

(auch in Ausbildung)

findet als Kooperationsprojekt

zwischen dem Stuttgarter Linden-

Museum, dem DLA und dem Institut

für diskriminierungsfreie Bildung

Berlin statt und will einen sensiblen

Umgang mit den Einflüssen der

Kolonialgeschichte im Kinderlese-

und Bilderbuchkanon schulen.

Im Mittelpunkt der u.a. von Julia

Schneider, Verena Staack und

Rosalie Möller geleiteten Fortbildung

steht dabei Jim Knopf von

Michael Ende. Anmeldung bis 3. März:

fuehrung@lindenmuseum.de

Zeitschriften, insbesondere Kulturzeitschriften,

die sich zwischen Kunst,

Wissenschaft und Politik bewegen,

haben bei der Gestaltung von Öffentlichkeit

in Europa und darüber hinaus

schon immer eine entscheidende

Rolle gespielt. Von den Broschüren

der Aufklärung bis hin zu den Theoriezeitschriften

der 1960er-Jahre und

den Zines von Underground und Punk

war das Journalmachen eine wichtige

Kulturtechnik, die die Art und Weise,

wie wir argumentieren, erzählen,

schreiben und denken, stark beeinflusst

hat. Ausgehend von den zahlreichen

Redaktionsarchiven im

Deutschen Literaturarchiv (wie dem

Archiv der Wandlung und der

Alternative, des Merkur und des Ruf

sowie den Nachlässen von Herausgebern

wie Dolf Sternberger, Joachim

Moras, Hans Paeschke und Curt Vinz)

werden Zeitschriften als Orte der

Reflexion und der Zirkulation von

Ideen untersucht – u.a. von Rainer

M.E. Jacobi, Gunilla Eschenbach,

Moritz Neuffer, Barbara Picht,

Roman Yo und Pawel Zajas.

In Verbindung mit dem Arbeitskreis

kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung

und dem Leibniz-Zentrum

für Literatur- und Kulturforschung

Berlin (ZfL). Gefördert durch die

Wüstenrot Stiftung.


Mittwoch, 10. März, 19 Uhr

Zoom-Kapsel 3:

Die Frauen um Heinrich Mann

Die digitale Konferenz #LiteraturarchivDerZukunft

bringt in Impulsreferaten

und Plenumsdiskussionen

Wissenschaftler:innen und

Journalist:innen zusammen, von

denen einige das Deutsche Literaturarchiv

auch aus der eigenen Arbeit als

Benutzer oder Besucher kennen, alle

aber, frei nach Schiller, an der Frage

interessiert sind: Was heißt und zu

welchem Ende betreibt man ein Literaturarchiv

im 21. Jahrhundert?

Veronika Fuechtner mit Gunilla

Eschenbach und Jan Bürger

Anmeldung:

direktion@dla-marbach.de

Mittwoch, 24. März, 10 bis 17 Uhr

Konferenz

#LiteraturarchivDerZukunft

Langfristige Konzeptionen und Planungen

sind nötig, um eine Institution

zukunftsfähig zu halten, die durch

die unabgeschlossenen Sammlungen

beständig wächst und vielfältigen und

hohen Ansprüchen diverser Publika

gerecht werden will. Der Digitalisierungsschub,

spätestens in der

Corona-Pandemie zum Digitalisierungsdruck

geworden, wird bei allen

nötigen Transformationsprozessen

eine wichtige Rolle spielen. Auf dem

Weg in die Zukunft ist der satzungsgemäße

Auftrag der Deutschen

Schillergesellschaft als Trägerverein

des Deutschen Literaturarchivs im

Auge zu behalten und zugleich Neues

zu wagen. Der Gegenstand ‚Literatur‘

in allen seinen medialen Formen

ist dabei Ausgangs- und Zielpunkt

aller Überlegungen.

April

Samstag, 24. April,

und Sonntag, 25. April

Archiv-Box 1

Geplant als Open-Air-Veranstaltung.


60_61

Mai

Sonntag, 2. Mai, 11 Uhr

Fehlt Ihnen/Dir Schiller?

Mit Laurent Chétouane, Christian

Holtzhauer und Elisabeth

Schweeger. Geplant als Open-

Air-Veranstaltung.

Freitag, 7. Mai, bis Sonntag, 9. Mai

Internationales Literaturfestival:

Narrating Africa #StepTwo

Schreiben ohne sich auf die Geschichte

zu beziehen und ohne sich

selbst in ein Verhältnis mit der Welt

zu bringen, ist nicht möglich.

Wie erzählen wir heute von „Afrika“?

Welche Geschichten und Mythen betreffen

uns heute? Und wie beziehen

sich afrikanische Schriftsteller:innen

auf afrikanische und westliche

schriftliche und mündliche Traditionen?

Welche fiktiven Traditionen

funktionieren als ästhetische

Prinzipien? Kann von Afrika nur im

Verhältnis zu einem westlichen

Kanon erzählt werden? Zwei Tage lang

diskutieren Schriftsteller:innen

aus Afrika, Amerika und Europa diese

Fragen in Lesungen, Vorträgen und

in Auseinandersetzung mit der Ausstellung

Narrating Africa. Diese wird

dabei ergänzt, umgeschrieben und

neu gefügt.

Writing without referencing that

which has gone before and without

positioning oneself in relation to the

outside world, is impossible. How

do we write about “Africa” today?

How do we narrate “Africa”? Which

stories, narratives, and myths do

we feel connected to today? In what

ways do African authors in the

twenty-first century draw on African

and Western, written and oral –

traditions and incorporate them into

their works? Are there fictitious,

imagined traditions that function as

poetic aesthetic principles? Is it

possible to narrate “Africa” only in

relation to the Western canon? Does

it necessarily mean writing “against”

it or writing “back”? In order to

explore these questions, the German

Literature Archive in Marbach is

hosting an international authors’ festival.

Guests are invited to join us for

live performances, lectures, and readings,

presented by writers, scholars,

and artists from Africa, Europe, and

the USA in relation to the exhibition

which will be supplemented, rewritten

and newly compiled in the process.

U.a. mit Sulaiman Addonia, Oladipo

Agboluaje, Julia Augert, Penda

Diouf, Nuruddin Farah, Jennifer

Nansubuga Makumbi, Ildevert


Méda, Nelson Mlambo, Fiston

Mwanza Mujila, Rémy Ngamije,

Sylvia Schlettwein, Sami Tchak,

Uwe Timm und Lisa Tuyala.

In Kooperation mit Annette Bühler-

Dietrich, Universität Stuttgart.

Gefördert vom Ministerium für

Wissenschaft, Forschung und Kunst

Baden-Württemberg.

Ergänzend finden zwei Werkstattgespräche

im Stuttgarter Linden-

Museum in Kooperation mit dem

DLA statt: Re-Narrating Histories

(Dienstag, 11. Mai, 19.30 Uhr, mit

lldevert Méda, Rémy Ngamije

und Sylvia Schlettwein) und

Koloniale Spuren in Kinder- und

Jugendliteratur (Mittwoch, 19. Mai,

19.30 Uhr, mit Josephine Apraku,

Annette Bühler-Dietrich und

Katharina Schäfer).

Samstag, 15. Mai,

und Sonntag, 16. Mai

Internationaler Museumstag 2021

Hölderlin. Leise

Am 15. und 16. Mai steht das

Literaturmuseum der Moderne allen

Besucher:innen als Rückzugszone

kostenlos offen. Wer möchte, kann ein

Buch zum Lesen mitbringen oder

einfach nur dasitzen und tagträumen.

Am 16. Mai wird die Stille zwei Mal

durchbrochen: Um 11 Uhr spricht

Norbert Gstrein über die Schönheit

der Abstraktion und wie man

Hölderlin mathematisch lesen kann

(Moderation: Carsten Otte),

um 15 Uhr führt Bas Böttcher in

den Klangkörper von Hölderlins

Gedichten ein (Moderation: Verena

Staack).

Poetische

Angleichungsdynamik

oder

schlicht nur

ein Fehler?

Von Robert

Gernhardt

inszenierter

Verschreiber

in einem

seiner

„Brunnen-

Hefte“

Gefördert im Rahmen des Literatursommers

2020 – Eine Veranstaltungsreihe

der Baden-Württemberg

Stiftung. Geplant als Open-Air-

Veranstaltung.


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Freitag, 18. Juni, bis Sonntag, 20. Juni

Der Poesie-Hackathon:

Schiller, Mörike, Hölderlin, Celan

Juni

Sonntag, 13. Juni

Laß leuchten! Ein Sonntag mit

Jazz und Lyrik für Peter Rühmkorf

Mit Jan Philipp Reemtsma,

Joachim Kersten, Bernd

Rauschenbach u.a. sowie

dem Leszek Zadlo Quartett und

einer von Jan Bürger geöffneten

Zeitkapsel mit Rühmkorf-

Neuentdeckungen aus dem Nachlass

von Jürgen Manthey.

Literarische Kunstwerke als Daten

zu begreifen, zu beobachten, zu

bearbeiten, zu analysieren und – auch

visuell gestaltend – zu interpretieren,

wandelt sich derzeit vom Affront

der Philologie zu einem zwar noch

ungewöhnlichen, aber möglichen

philologischen Handwerk: zum Handwerk

einer digitalen Philologie, das

wiederum für die Philologie gar nicht

so ungewöhnliche Praktiken in

den Vordergrund rückt wie etwa das

Zählen, das Vergleichen, das Ordnen,

das Strukturieren. Anders als andere

Methoden der Philologie wird dieses

Handwerk in der Regel interdisziplinär

und kollaborativ betrieben: Die

digitalphilologische Arbeit an Daten,

an Korpora erfolgt in geisteswissenschaftlichen

Sozial- und Interaktionsformen,

bei denen der kollektive

Arbeitsgruppencharakter im Vordergrund

steht.

Diesen Gedanken, den Heike Gfrereis

und Peer Trilcke exemplarisch und

ausstellungsvorbereitend 2018 im

(computer-)philologischen Hackathon

Der Fontane Code (zusammen mit

dem Theodor-Fontane-Archiv und

dem Digital Humanities-Netzwerk der

Universität Potsdam) aufgegriffen

haben, möchten wir in einem Poesie-

Hackathon weiter verfolgen, der

die Ausstellung Hölderlin, Celan und

die Sprachen der Poesie ergänzt:

Interdisziplinäre Teams aus Philologie,

Informationswissenschaften,


Computerlinguistik und Gestaltung

sowie Freefloater führen mit kuratierten

Daten zu den Gedichten von

Schiller, Mörike, Hölderlin und Celan

digitale Analysen durch, diskutieren

ihre Methoden und Ergebnisse miteinander

und versuchen sich in Interpretationen

dieser Ergebnisse. Ein festes

Programm gibt es nicht. Nur einen

Raum gemeinsamen Fragens: Was ist

Poesie, wenn wir sie als Ansammlung

von Daten betrachten, bearbeiten,

analysieren? Was für Strukturen, was

für Muster lassen sich erkennen?

Was fangen wir mit diesen an – was

können sie uns über Poesie sagen,

was können wir dazu erzählen? Und,

das wäre eine unserer Hypothesen:

ist die Poesie gegenüber den typischen

computerphilologischen bzw.

computerlinguistischen Routinen

widerständiger als andere literarische

Gattungen? Welches Erkenntnispotenzial

liegt dann in dieser Widerständigkeit?

In Kooperation mit dem Forschungsverbund

Marbach Weimar Wolfenbüttel,

dem SDC4Lit und dem Netzwerk

für Digitale Geisteswissenschaften der

Universität Potsdam.

Mittwoch, 23. Juni, 19.30 Uhr

Hölderlin lesen –

materiell, digital, empirisch?

Hölderlin lesen, das ist, wenn man

in der Geschichte seiner Rezeption

zurückgeht, Vieles und sehr Unterschiedliches:

Wilhelm Dilthey

versucht sich die biographischen

Momente zu vergegenwärtigen,

in denen Hölderlins Gedichte entstanden,

Norbert von Hellingrath

konstruiert aus Hölderlins Fragmenten

den Dichter als Seher, Werner

Vortriedte untersucht Substantiv-

Adjektiv-Kombinationen, Martin

Heidegger lässt Bernhard Böschenstein

Worthäufigkeiten zählen,

Paul Celan baut Einzelteile als Fremdwörter

in seine eigenen Gedichte

ein, Dietrich E. Sattler zeigt Hölderlins

Manuskripte als unendliche Textur.

Welche Art zu lesen hat welche Vorund

Nachteile? Was macht sie jeweils

aus? Wie lassen sich unterschiedliche

literaturwissenschaftliche Methoden

(wie die Material Studies, die Textkritik,

die Hermeneutik, die digitale

Textanalyse und die empirische

Ästhetik) miteinander verbinden,

wo widersprechen sie sich?

Mit Vera Hildenbrandt, Roland

Reuß und Winfried Menninghaus,

Moderation: Lothar Müller.


Freitag, 25. Juni, bis Sonntag, 27. Juni

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Da capo al fine:

Hölderlin und Hegel zum

251. Geburtstag

Nachdem der Literatursommer 2020

durch Corona nicht eröffnet

werden konnte und zum großen Teil

verschoben werden musste,

versuchen wir es 2021 noch einmal:

Freitag, 25. Juni, ab 18 Uhr

Abschlussveranstaltung des

Literatursommers

„Hölderlin und Hegel - 250 Jahre

Sprache und Vision“

Auf einen Espresso + einen Wein

mit Hölderlin + Hegel

Welche visionäre poetische und

philosophische Kraft besitzt

die Sprache? Wie z.B. denken und

handeln wir in und mit der Literatur?

Darüber sprechen in einem

imaginären Dialog beim Espresso

drei Autor:innen, für die Hegel

und Hölderlin jeweils eine ganz

eigene Bedeutung besitzen: Ulrike

Almut Sandig, Jürgen Kaube

und Karl-Heinz Ott, Moderation:

Denis Scheck. Auftaktgespräch:

Christoph Dahl und Sandra

Richter.

Musik und Performances von György

Kurtag, Aribert Reimann und Gerhard

Stäbler, gesungen und gespielt

von Angelika Luz, Alumni und Studierenden

der Staatlichen Hochschule

für Musik und darstellende Kunst

Stuttgart, rahmen den Abend.

Eine Veranstaltung der Baden-

Württemberg Stiftung in Kooperation

mit dem Deutschen Literaturarchiv

Marbach.


Sonntag, 27. Juni, 10 bis 17 Uhr

Hölderlin. Innen

Wie verstehen wir Gedichte? Wie

nähern wir uns dem an, was wir als

Verstehen bezeichnen? Wie hat

Literatur überhaupt ein Innen und

Außen?

Anne-Dore Krohn und Denis

Scheck prüfen um 11 Uhr Robert

Walsers These: „Hölderlin hielt

es für angezeigt, d.h. für taktvoll

im 40. Lebensjahr seinen gesunden

Menschenverstand einzubüssen,

wodurch er zahlreichen Menschen

Anlass gab, ihn aufs Unterhaltendste,

Angenehmste zu beklagen. Rührung

ist ja etwas überaus Bekömmliches,

mithin Willkommenes. Über einen

grossen und zugleich unglücklichen

Menschen weinen, wie schön ist das!

Wieviel zarten Gesprächsstoff liefern

solche unalltägliche Existenzen.“

Von 14 bis 16 Uhr wird das Literaturmuseum

der Moderne zum Klangkörper,

in dem Erfahrungen des Verklingens

und Verinnerlichens erkundet

werden: Katharina Mewes spricht

nach einer choreographischen

Idee von Louise Wagner Hölderlin-

Gedichte, das Diotima-Quartett

führt Luigi Nonos Streichquartett auf:

Fragmente – Stille, An Diotima.

Gefördert im Rahmen des Literatursommers

2020 – Eine Veranstaltungsreihe

der Baden-Württemberg Stiftung.

In Kooperation mit den Ludwigsburger

Schlossfestspielen.


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Der ausgebildete Mediziner

Schiller beschäftigte sich

mit unterschiedlichen Arten

der körperlichen Reinigung.

Er wurde über Fieber und

die Selbstheilungskräfte

des Körpers promoviert und

kokettierte damit, dass

auch seine Texte ästhetische

Rosskuren seien – das einzige

erhaltene Rezept des Arztes

Schiller löst eine Purgation

aus: die Lösung von drei

Gran Brechweinstein in vier

Unzen heißem Wasser ist ein

stark dosiertes Brechmittel.

In einer Selbstrezension der

anonym erschienenen Räuber

schrieb Schiller über sich:

„Er soll ein Arzt bei einem

wirtembergischen Grenadier-

Bataillon sein [...]. So

gewiß ich sein Werk verstehe,

so muss er starke Dosen in

Emeticis [Brechreiz Erregendem]

eben so lieben

als in Aestheticis, und ich

möchte ihm lieber zehen

Pferde als meine Frau zur

Kur übergeben.“


Das einzige

erhaltene

Rezept, das

der Arzt

Schiller

verschrieben

hat


Corona sowie verschiedene

Bauarbeiten auf der Schillerhöhe

machen für uns zur Zeit verlässliche

Planungen schwer. Bitte beachten

Sie daher zu allen Veranstaltungen,

zum Besuch der Museen und zur

Benutzung von Archiv und Bibliothek

die aktuellen Hinweise auf unserer

Homepage.

Wir haben seit März 2020 unser

digitales Angebot erweitert: Über

250 Video-Clips zeigen auf dem

YouTube-Kanal „Deutsches Literaturarchiv

– Literaturmuseen“ unterschiedliche

Archiv- und Bibliotheksbestände,

Ausstellungen, Führungen

und Veranstaltungen. Neu ist die

Reihe Archivkino. Mehr über Ausstellungen

und damit verbundene

Forschungsprojekte können Sie vom

Frühjahr 2021 an auch in unserem

neuen virtuellen Ausstellungsraum

erfahren: www.literatursehen.com.

Zur Eindämmung von Covid-19

werden wir alle schon geplanten

Veran staltungen in jedem Fall virtuell

durchführen und kurzfristig bekanntgeben,

ob und auf welche Weise sie

vor Ort stattfinden können. Alle aktuellen

Veranstaltungstermine finden

Sie in unserem Website-Kalender, in

der Presse und in den sozialen Medien;

Zoom-Links zu Veranstaltungen

finden Sie am Vortag ab 9 Uhr ebenfalls

im Kalender der DLA-Website.

Newsletter-Abonnenten erhalten die

Termine und Zoom-Links zugeschickt:

https://www.dla-marbach.de/

newsletter/

Auf

einen

Blick


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Max Brod

11. September 1922 an

Franz Kafkas Brief vom

Zoom-Kapsel 2:

Mittwoch, 3. Februar, 19 Uhr

Februar

Gabriele Tergit

Der Nachlass von

Kurfürstendamm.

Erinnerungen an den

März

Montag, 8. März, und 15. März,

jeweils 15.30 bis 18 Uhr

Fortbildung

Koloniale Spuren in der

Kinderliteratur

Mittwoch, 10. März, 19 Uhr

Zoom-Kapsel 3: Die Frauen

um Heinrich Mann

Donnerstag, 18. März,

und Freitag, 19. März

Tagung

Wandlungszonen:

Zeitschriften und

Öffentlichkeit 1945 bis 1969

Mittwoch, 24. März,

10 bis 17 Uhr

Konferenz

#LiteraturarchivDerZukunft

Freitag, 7. Mai,

bis Sonntag, 9. Mai

Internationales

Literaturfestival:

Narrating Africa #StepTwo

Samstag, 15. Mai,

und Sonntag, 16. Mai

Internationaler

Museumstag 2021

Hölderlin. Leise

Der Poesie-Hackathon:

Schiller, Mörike, Hölderlin,

Celan

Mittwoch, 23. Juni, 19.30 Uhr

Hölderlin lesen –

materiell, digital, empirisch?

Freitag, 25. Juni,

bis Sonntag, 27. Juni

Da capo al fine:

Hölderlin und Hegel zum

251. Geburtstag

Freitag, 25. Juni, ab 18 Uhr

Abschlussveranstaltung

des Literatursommers

„Hölderlin und Hegel –

250 Jahre Sprache

und Vision“

Auf einen Espresso +

einen Wein mit

Hölderlin + Hegel

Sonntag, 27. Juni, 10 bis 17 Uhr

Hölderlin. Innen


Zoom-Kapsel 1:

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Montag, 25. Januar, 19 Uhr

Mittwoch, 20. Januar, 11 Uhr

Jahrespressekonferenz

Januar

Auf

einen

Blick

April

Samstag, 24. April,

und Sonntag, 25. April

Archiv-Box 1

Mai

Sonntag, 2. Mai, 19 Uhr

Fehlt Ihnen/Dir Schiller?

Juni

Sonntag, 13. Juni

Laß leuchten! Ein Sonntag

mit Jazz und Lyrik für

Peter Rühmkorf

Freitag, 18. Juni,

bis Sonntag, 20. Juni


Deutsches Literaturarchiv Marbach

Schiller-Nationalmuseum und

Literaturmuseum der Moderne

Schillerhöhe 8 – 10,

71672 Marbach am Neckar

Tel. 0 71 44/848-0, Fax 0 71 44/848-299

info@dla-marbach.de

Öffnungszeiten

Impressum

© 2020 Deutsche Schillergesellschaft,

Marbach am Neckar

Herausgeber:

Deutsches Literaturarchiv Marbach

Redaktion:

Jan Bürger, Heike Gfrereis, Vera

Hildenbrandt und Dietmar Jaegle

Gestaltung:

Diethard Keppler und Andreas Jung

Gesamtherstellung:

Offizin Scheufele, Druck & Medien

GmbH & Co. KG, Stuttgart

Schiller-Nationalmuseum und

Literaturmuseum der Moderne:

Dienstag bis Sonntag, 10 – 17 Uhr,

montags geschlossen (außer an

Feiertagen).

Bitte beachten Sie, dass unsere

Ausstellungen, Führungen und Veranstaltungen

(vor Ort und virtuell)

fotografisch und filmisch dokumentiert

werden und die Aufnahmen bei der

Berichterstattung über diese Veranstaltungen

in Print- und digitalen

Medien veröffentlicht werden können.

Die Deutsche Schillergesellschaft

wird gefördert durch die

Bundesrepublik Deutschland,

das Land Baden-Württemberg,

den Landkreis Ludwigsburg

und die Städte Ludwigsburg und

Marbach am Neckar.

Fotos:

Heike Gfrereis, Chris Korner,

Heinz Werner Kramski, Martin Kuhn

und Jens Tremmel


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