FINE Das Weinmagazin - 01/2021

tretorri

Die Themen dieser Ausgabe sind:
DIE GROSSE FINE-CHARTA Warum und wie wir Wein bewerten

Weitere Themen sind:

EDITORIAL Ralf Frenzel
BORDEAUX Saskia de Rothschild hat große Pläne mit dem Weinimperium
CHAMPAGNE Champagner: Die große Verkostung Teil 1
JURA Die Vielfalt des Jura: Domaine André & Mireille Tissot
TOSKANA Eine neue Spielart von Merlot: Der Cont'Ugo
TASTING Die Glorreichen Sieben

WEIN UND SPEISEN Jürgen Dollase im Döllerers Wirtshaus in Österreich
DIE PIGOTT KOLUMNE Die Gewurztraminer-Krise im Elsass
DAS GROSSE DUTZEND Champagner Jahrgang 2010
VINOTHEK Jacques' Wein-Depot: Ein Gespräch mit Kathy-Ferón
WEIN UND ZEIT Die wechselhafte Geschichte des Weinbaus in Böhmen
GENIESSEN Genießen Feinherb

1| 2021 Deutschland € 15 Österreich € 16,90 Italien € 18,50 Schweiz chf 30,00

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DOMAINE DIE GROSSE DE LA FINE-CHARTA

ROMANÉE-CONTI

WARUM VERHÄLTNISMÄSSIGKEIT UND WIE WIR WEIN UND BEWERTEN ETHIK

Château Chardonnay L’Église-Clinet Bordeaux Champagne Krug Chateau Wunderschön Musar Valdespino Reife Rieslinge Kabinett

Winningen

Pomerol Die Magie von Die Geschichte Der Purismus Der Geheimnisvolle Das Roséprojekt Der Der Sherry-König ungewöhnliche Die Sarah Leidenschaft

Löwensteins

feinstem des Montrachet Glanz der Wein-Subskription im Clos du Mesnil aus dem vom Libanon Roten Hang von Jahrgang Jerez 2010 des Rieslinge Klaus Peter Keller


FINE

DAS WEINMAGAZIN 1|2021

CHÂTEAU LAFITE ROTHSCHILD 18

BONNEAU DU MARTRAY 32

CHAMPAGNER-VERKOSTUNG I 38

WEIN BEWERTUNG 12

DOMAINE TISSOT 48 GUADO AL TASSO 56 CHATEAU MUSAR 62

DIE GLORREICHEN SIEBEN 68

BODEGAS VALDUERO 76 BODEGAS VALDESPINO 122 HEYMANN-LÖWENSTEIN 134 RHÔNE MEETS CALIFORNIA 112

9 FINE EDITORIAL ________________Ralf Frenzel

12 FINE IN EIGENER SACHE _______Eine neue Charta für die Punktevergabe

18 FINE BORDEAUX ________________Saskia de Rothschild hat große Pläne mit dem Weinimperium

28 FINE BORDEAUX ________________Eine Geschichte der Weinsubskription

32 FINE BURGUND _________________Nur zwei Weine: Bonneau du Martray

38 FINE CHAMPAGNE ______________Champagner: Die große Verkostung Teil 1

48 FINE JURA ______________________Die Vielfalt des Jura: Domaine André & Mireille Tissot

56 FINE TOSKANA _________________Eine neue Spielart von Merlot: Der Cont’Ugo

62 FINE LIBANON __________________Ein wilder, aufregend köstlicher Naturwein: Chateau Musar

68 FINE TASTING ___________________Die Glorreichen Sieben

76 FINE RIBERA DEL DUERO _______Der Mut der Unterschätzten: Bodegas Valduero

84 FINE WEIN UND SPEISEN _______Jürgen Dollase im »Döllerers Wirtshaus« in Österreich

92 FINE WISSEN ___________________Der Chardonnay vom Zauberberg

98 FINE VINOTHEK _________________Jacques’ Wein-Depot: Ein Gespräch mit Kathy Féron

104 FINE DAS GROSSE DUTZEND __Champagner Jahrgang 2010

110 FINE WORTWECHSEL ___________Der Hype um Natur- und Orange-Weine

112 FINE TASTING ___________________Rhône meets California

118 FINE DIE PIGOTT KOLUMNE ____Die Gewurz traminer-Krise im Elsass

122 FINE SHERRY ___________________Grand Cru von Jerez: Bodegas Valdespino

130 FINE WEIN UND ZEIT ___________Die wechselhafte Geschichte des Weinbaus in Böhmen

134 FINE RHEINHESSEN ____________Die Balance von Suchen und Finden: Sarah Löwenstein

142 FINE GENIESSEN _______________Genießen Feinherb

146 FINE ABGANG __________________Ralf Frenzel

6 FINE 1 | 2021 INHALT

INHALT FINE 1 | 2021 7


LIEBE LESERINNEN,

LIEBE LESER,

wer eine Revolution anzetteln will, der macht sich auch

darauf gefasst, dass die eigene Idee auf Gegenwind triff,

der womöglich zum Sturm wird. Dennoch hatten wir mit

diesen Reaktionen nicht gerechnet, als wir im FINE-Heft

Nummer 50, unserer Jubiläumsausgabe, nach zehn Jahren

der berüchtigten 100-Punkte-(»Parker«-)Skala Adieu

sagten. Wir wollten diese Höher-Schneller-Weiter-Jagd,

die bisweilen absurde Züge angenommen hat, schlicht

nicht mehr mitmachen.

Schon als ich Sommelier und Weinhändler war – wir

sprechen von den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren –

hat es mich irritiert, dass durchaus intelligente Leute ihren

Wein »blind« nach Parker-Punkten kauften, ohne dabei

ihrem eigenen Geschmack zu vertrauen. Sie suchten ein

verlässliches Urteil und zogen sich selbst dabei gar nicht

in Betracht. Das kam wohl auch so, weil plötzlich das

Preis-Genuss-Verhältnis, die Erwartung eines »Return

of Invest«, zunehmend eine Rolle spielte. Wer etwas auf

sich hielt, orientierte sich also an Robert Parker, dessen

Bewertungen bald das Maß aller Dinge zu sein schienen.

Was hier und da auch zu wundersamen Weinvermehrungen

führte – fast war es, als sei uns ein neuer Messias geboren.

Und, ja: Robert Parker hat mit seinen Weinbewertungen

Akzente gesetzt, Marken gemacht, Preise

gebildet. Parkerpunkte (PP) galten in der internationalen

Weinwelt als Währung, der Weinjournalist war selbst zur

Marke geworden. Wer sich seiner Marktmacht nicht entgegenstellen,

von der Kraft dieses Riesen profitieren wollte,

musste sich Parkers Geschmacksdiktat unterwerfen. Sein

gängiges Muster, das Must-have, die Mode, die plötzlich

jeder trug und mochte, war fett, breit, fruchtig. Nach

diesem Profil wurden Weine gemacht: schnell ansprechend,

leicht zugänglich. Der Stil der neuen Welt. Daneben ließ

der beinahe allmächtige Kritiker alles links liegen, was

komplex, schlank, elegant, fein, lang oder gar gereift war.

Und schaffe so etwas, was kein Affcionado ernsthaft

wollen kann: Er machte die Weinwelt eindimensional.

Wer sich auskannte, stellte freilich schon damals fest,

dass Parkers scheinbar objektive Bepunktung äußerst

indifferent war. Heute gilt der Parker-Stil, eben noch

eine Mode, als out. Das 100-Punkte-Schema, gemeinhin

»Parker-Skala« genannt, hat der Anwalt aus dem

amerikanischen Baltimore übrigens gar nicht erfunden,

sondern ausspioniert (sollten wir netterweise sagen:

adaptiert?). Fest steht: Er hat es sich in der Sowjetunion

abgeschaut.

Mit all dem wollten wir Schluss machen: Aussteigen

aus dieser Hitparade mit ihrer Jagd auf die vorderen, mainstreamtauglichen

Chartplätze. Den Blick der FINE-Leser

auf unsere Weinbeschreibungen lenken. Dem, was im Glas

ist, mehr Raum und Zeit zum Nachspüren geben. Weil

wir meinen, dass Wein dies verdient. Weil wir wissen,

dass ein solches Urteil immer eine Momentaufnahme

ist. Mit einem haben wir dabei aber nicht gerechnet:

Ihrem Aufbegehren. Die überwältigende Reaktion unserer

Leser hat gezeigt, dass Sie das nicht wollen. In einer überraschenden

Flut von Mails, Briefen, Anrufen und persönlichen

Kommentaren haben Abonnenten, Weinfreunde,

Händler, Gastronomen und Winzer uns klargemacht, dass

ihnen viel an einer belastbaren Währung in der Weinkritik

liegt. Dass sie FINE als seriöse, verlässliche Instanz

in der Weinbewertung schätzen und darauf nicht verzichten

wollen.

Wir haben gelernt und Ihre Reaktionen als Auftrag

verstanden. Die FINE-Redaktion wird bei der Bewertung

von Weinen deshalb wieder zur Punkteskala zurückkehren.

Wir legen Wert darauf, dass unser Urteil transparent, nachvollziehbar

und verlässlich ist – und unsere Einschätzung

eine belastbare Währung bleibt, die unseren Lesern verlässlich

bei der Orientierung hilft. Wie wir das anstellen

und welchen Aufwand wir dafür treiben, lesen Sie in

unserer Geschichte zur Punkteskala, einer historischen

Aufarbeitung, die eine für uns logische Folgerung krönt:

das FINE-Manifest.

BUCHERER.COM

EINZIGARTIG WIE IHRE EMOTIONEN – SEIT 1888

Ralf Frenzel

Herausgeber und Verleger

UHREN SCHMUCK JUWELEN

EDITORIAL FINE 1 | 2021 9


DIE GESCHICHTE

DER WEIN-

BEWERTUNG

UND EINE NEUE CHARTA FÜR

DIE PUNKTEVERGABE IN FINE

Seit dem ersten Heft von 2008 verkostet und bewertet FINE Weine. Teils blind,

teils offen, gelegentlich in Panels, also größeren Gruppen, zumeist aber durch

einzelne geschulte Verkoster. Seit dem ersten Heft verwenden wir dabei die

100-Punkte-Skala. Zugleich haben wir in den über 50 Heften nach Erscheinen

der Erstausgabe immer wieder Zweifel artikuliert, ob die Vielfalt und Komplexität

großer Weine durch eine numerische Skala abgebildet werden kann, insbesondere

bei den überaus raren und uralten Schatzkammerweinen, bei denen

jede Flasche ihre eigene Individualität besitzt. Im letzten Heft 4/2020 hatten wir

nun die Punktebewertung ausgesetzt – eine Notbremse, die zu einer heftigen

und durchaus kontroversen Reaktion unserer Leser geführt und uns veranlasst

hat, dieses Thema grundsätzlich zu durchdenken.

Von STEFAN PEGATZKY

Die Notbremse und ihre Gründe

Ein Blick in das Angebot eines beliebigen Weinhändlers, sei

es im Netz oder als gedruckter Katalog, zeigt: Kaum ein Wein

kommt heute ohne Angabe einer Punktebewertung aus. Nicht

einfach dezent unter der Weinbeschreibung, sondern vielfach

in grellen Störern mit Adjektiven versehen wie »sensationell«

oder »sagenhaft«. Hyperventilierende Händler, ratlose Kunden.

Kaum ein Wein wird mit unter 90 Punkten versehen, einige

Kritiker scheinen sogar kaum einmal unter 95 gehen zu wollen.

Viele Händler bewerten mittlerweile eigenhändig – und liegen,

welch Wunder, regelmäßig höher als parallel zitierte Kritiker.

Um diese durchsichtige Strategie zu tarnen, stehen heute

»Journalisten« im Handel unter Vertrag, die maßgeschneiderte

Kritiken anfertigen. Denn heute sind Punkte eindeutig mit

Preisen gekoppelt: Je besser das Verhältnis von Ersteren zu

Letzteren ausfällt, desto lukrativer.

Für Weinmagazine ist diese Zweitverwertung ihrer Weinbewertungen

mittlerweile vielfach noch vor der eigentlichen

Publikation das primäre Geschäftsmodell. Entsprechend bieten

die Marketingabteilungen der Medienhäuser dem Handel

Promotion-Material zur Verkaufsunterstützung, das neben

dem Inhalt insbesondere die Logos umfasst. Dabei werden

Missverständnisse mutmaßlich bewusst in Kauf genommen:

Bei »Robert Parker Wine Advocate«, der wohl führenden

Weinbewertungsplattform überhaupt, legt das gleichnamige

Logo nahe, dass zitierte Punktebewertungen vom Gründer

Robert Parker selber stammen – dabei hat sich Parker seit

Jahren vom professionellen Verkosten zurückgezogen. Doch

nicht nur Handel oder Marketingabteilungen von Verlagen

haben an der Demontage der Weinbewertung insgesamt einen

Anteil. In Zeiten größerer Konkurrenz untereinander, nicht

zuletzt durch die neuen Medien sowie sinkender Zeitbudgets

der Leser versuchen Redaktionen, über einen sich ständig

steigernden Wettlauf an Höchstbewertungen ihr Überleben

zu sichern. Zudem finden Weinkritiker wie der Italiener Lukas

Maroni durch die »revolutionäre« Entwertung klassischer

Übereinkünfte, was ein großer Wein sei, neue Leser. Gerade

durch Robert Parker hat zudem das Wettkampfartige von Wein-

Tastings die Wahrnehmung der sinnlichen und kulturellen

Qualitäten von Wein in den Hintergrund treten lassen. Dabei

geht es in FINE weder um kraftstrotzende »Winner« noch um

primärfruchtige Spaßweine, sondern in erster Linie um »Fine

Wine«, um die großen Weine der Welt im klassischen Sinne,

als Blüte historischer und moderner Kulturlandschaften sowie

einzigartiger Persönlichkeiten – und um die Wege, diese Art

von Wein auch noch im nächsten Jahrhundert zu produzieren

und zu genießen. Angesichts der geschilderten Inflation von

»Big Points« für bestenfalls korrekte Weine auf der einen und

stilistisch mitunter fragwürdige Weine auf der anderen Seite,

schien uns ein Aussetzen von Punktbewertungen als folgerichtiger

Schritt.

10 FINE 1 | 2021 IN EIGENER SACHE

IN EIGENER SACHE FINE 1 | 2021 11


WIE WIR WEINE

BEWERTEN

DIE FINE-

VERKOSTUNGEN

• Wir glauben, dass der Geschmack zwar subjektiv ist, dass wir als erfahrene Verkoster und in kontrollierten

Umgebungen aber dennoch gut begründete und klar formulierte Urteile über Wein geben können.

• Als aufgeklärte Connaisseurs wissen wir, dass Punktebewertungen nicht objektiv sind, also keine reale

»Substanz« im Wein bezeichnen. Sie sind aber auch nicht völlig subjektiv. In der FINE sind sie immer

Ausdruck einer Wechselbeziehung von Wein und Verkoster. Deshalb veröffentlichen wir immer den

Namen des jeweiligen Verkosters. Als neuer Leser werden Sie nach ein paar Heften die jeweiligen Unterschiede

und Vorlieben unseres Teams einzuschätzen wissen.

FINE ist keine akademische Publikation, sondern will Freude am Weingenuss vermitteln. Deshalb fließen

auch emotionale Elemente und stilistische Vorlieben mit ein, zudem schätzen wir den gelungenen sprachlichen

Ausdruck. Wir anerkennen besonders Weine, die versuchen, ihren Ursprung zum Ausdruck zu

bringen und naturnah oder gar biologisch erzeugt werden. Weltanschauliche Scheuklappen sind uns

allerdings fremd. Auch deswegen verkosten wir, wenn die Situation es erlaubt, vorzugsweise blind.

• Unsere Bewertungen sind nicht absolut, sondern spiegeln den Kontext einer jeden Verkostungssituation

wider. Wenn wir in einer Vertikale von Château Petrus einen kleinen Jahrgang mit 92 Punkten und in

einer anderen Situation einen Merlot aus der Maremma mit der gleichen Punktzahl bewerten, dann heißt

das nicht, dass diese Werte gleichwertig sind. Darüber hinaus sind wir der Auffassung, dass Scoring und

schriftlicher Kommentar nur gemeinsam ein Ganzes bilden.

• Um die subjektive Sicht eines Einzeltesters zu ergänzen, bemühen wir uns, wenn es irgend geht, um das

Urteil eines Verkostungspanels. Bei diesem Urteil wird bei jedem Wein die jeweils höchste und niedrigste

Note gestrichen und ein Durchschnittswert gebildet.

• Wir erkennen an, dass sowohl der Wein als auch der Verkoster »lebendig« sind. Weine können von

Flasche zu Flasche und von Woche zu Woche variieren. Verkoster haben unterschiedliche Tagesformen,

Stärken oder Schwächen. Immer geht es uns um den Augenblick des Verkostens, Einschätzungen zum

Potenzial fließen lediglich in den Begleittext ein, nicht in die Bewertung selbst.

• Auch in FINE werden sie wenige Weine mit einem niedrigen Scoring finden. Das hat nichts mit der

Nivellierung von Grundsätzen zu tun, sondern weil wir um Ihre kostbare Zeit wissen und der Auffassung

sind, dass jeder Wein, der in FINE vorgestellt wird, es auch wert sein muss. Das kann bei einem hinreißenden

Müller-Thurgau aus Baden ebenso der Fall sein wie bei einem Amphorenwein aus Georgien.

Referenztabelle des 100-Punkte-Systems von FINE zum britischen 20-Punkte-System

50 60 70 80 85 90 96 100

0 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20

Das FINE-Verfahren

zur Bewertung von Wein

Menschen teilen im Prinzip die gleichen Sinne und wollen sich

durch eine von anderen geteilte Sprache allgemein verständigen.

Aber alle sensorischen Erfahrungen sind persönliche Erlebnisse,

und mögen auch bestimmte Urteile mehr oder weniger objektivierbar

sein, der eigene Geschmack ist immer subjektiv. Auch bei der

Bewertung von Wein spielen Erfahrung, Gaumen, persönliche

Geschmacksvorlieben und sprachliche Eigenheiten sowie die

Persönlichkeit des Verkosters eine Rolle. Weil es deshalb wichtig

ist zu wissen, wer die Autoren dieses Magazins sind und welches

ihre Präferenzen und Erfahrungen mit Weinverkostungen, veröffentlichen

wir keine Verkostungsnotiz ohne Namensnennung

und stellen alle Mitarbeiter zu Beginn des Heftes einzeln vor.

Das Weinpunkte-System von FINE

Mit Ausnahme von sehr alten Schatzkammerweinen, deren

Zustand von Flasche zu Flasche variieren kann, werden alle

von FINE verkosteten Weine nach Punkten bewertet. Diese

Bewertung folgt der 100-Punkte-Skala. Ziel ist es, dem Leser ein

tieferes Verständnis von der Qualität der durch FINE evaluierten

Weine zu vermitteln sowie die Trinkbarkeit der Weine zu bewerten.

Dieses Bewertungssystem weicht erheblich von anderen

100-Punkte-Systemen ab: Maßgeblich für die Punkte-Zahl ist

unser Eindruck vom Wein am Tag der Verkostung. FINE vergibt

keine zusätzlichen Punkte für das zukünftige Potenzial des Weins.

FINE-Verkoster stützen sich bei ihrer Bewertung ausschließlich

auf die gegenwärtige Qualität des Weins und dessen Fähigkeit,

jetzt Genuss zu bereiten – physisch wie mental.

Da das Potenzial des Weins nicht in die Punktewertung einfließt,

wird darüber eine Anmerkung in den Verkostungsnotizen

abgegeben. Wein wird blind, halb-blind und offen verkostet.

Die entsprechende Methode findet sich in den Anmerkungen

zur Verkostung.

Aufschlüsselung unserer Punkte

100 Punkte Vollkommenheit. Ein vollkommener Wein,

der alle Sinne erfüllt, vollkommen in allen

Aspekten der Qualität – ein unschätzbares

Geschenk der Natur.

97–99 Punkte Ein beinahe perfektes Erlebnis. Der Wein und

seine Geschichte sind einzigartig: unvergesslich

makellose Harmonie, Komplexität und

außergewöhnliche Persönlichkeit.

94–96 Punkte Ein überragender Wein von höchstem Qualitätsanspruch

und einzigartiger Ausgewogenheit.

91–93 Punkte Ein exzellenter Wein, der einen verfeinerten Stil,

eine ausgewogene Struktur und eine nuancierte

Finesse aufweist.

88–90 Punkte Ein guter Wein, nahezu exzellent. Harmonisch,

lässt aber die Komplexität und den Charakter

eines exzellenten Weines vermissen.

80–87 Punkte Durchschnittlicher Wein mit weniger Charakter,

Intensität, Struktur und Eleganz.

70–79 Punkte Ein bescheidener und einfacher Wein, dem

Leben und Harmonie fehlen.

50–69 Punkte Ein beinahe untrinkbarer, leerer Wein.

Zum Verständnis der Verkostungsnotizen

Art und Schwerpunkt der Weinverkostung variieren individuell.

Die Experten von FINE sind sich bei den meisten wichtigen

Bewertungs-Parametern einig. Sie konzentrieren sich auf die

Beschreibung des Charakters und der Essenz des Weines: Säure,

Frucht, Tannin, Struktur, Tiefe und Länge. All diese Faktoren

beeinflussen die Ausgewogenheit des Weins, seine Balance – und

neben der Komplexität ist nach Meinung aller FINE-Experten vor

allem die Balance das entscheidende Kriterium für seine Qualität.

14 FINE 1 | 2021 IN EIGENER SACHE

IN EIGENER SACHE FINE 1 | 2021 15


SASKIA DE

ROTHSCHILD

ALS JOURNALISTIN HAT SIE DIE WELT GESEHEN,

JETZT BRINGT SIE FRISCHEN WIND IN DAS

LEGENDÄRE CHÂTEAU LAFITE ROTHSCHILD.

SASKIA DE ROTHSCHILD HAT GROSSE PLÄNE

MIT DEM WEINIMPERIUM IHRER FAMILIE – UND

SCHAUT DABEI WEIT ÜBER DIE GRENZEN

FRANKREICHS HINAUS.

Von BIRTE JANTZEN

Fotos LEIF CARLSSON

18 FINE 1 | 2021 BORDEAUX

BORDEAUX FINE 1 | 2021 19


»WIR

WOLLEN WEINE,

DIE LEBEN!«

IN DEN WIRREN DES 15-JÄHRIGEN BÜRGERKRIEGES IM

LIBANON IST EINER DER EIGENWILLIGSTEN WEINE DER

WELT ZUR IKONE HERANGEWACHSEN: CHATEAU MUSAR, EIN

WILDER, JAHRZEHNTE LANG REIFENDER, AUFREGEND KÖST-

LICHER NATURWEIN, DER SO GAR NICHT ZU UNSEREM BILD

VOM PERFEKTEN SPITZENWEIN PASSEN WILL.

Von CHRISTIAN VOLBRACHT

Fotos Arne Landwehr

Chateau Musar ist die Schöpfung des Weinmachers Serge Hochar, der vor sieben Jahren

im Alter von 75 Jahren bei einem Badeunfall in Mexiko gestorben ist. Seinem Sohn Marc

sitze ich nun vor dem Zoom-Bildschirm gegenüber, er in München, ich in Hamburg. Der

52-jährige Marc Hochar ist der internationale Sales-Manager seiner Familie und lebt in

Deutschland. Er ist Abstand zur Heimat gewohnt, ein eloquenter Botschafter des Weingutes

bei Beirut mit seinen Weinbergen in der an Syrien grenzenden Bekaa-Ebene.

Beim Zoom-Gespräch steht ein Glas mit

weißem Chateau Musar 2002 neben mir.

Ich habe die Flasche am Vorabend geöffnet,

aber noch immer verändert sich das Aroma ständig.

Ein paar Tage später folgt der rote Jahrgang 2001.

Sofort verstehe ich, warum die außergewöhnlich

langlebigen Weine von Serge Hochar mit ihrem

komplexen Aroma voller Frucht- und Gewürznoten,

ihrer frischen Säure und einer animalischen Wildheit

so hoch geschätzt werden. Ich verstehe aber auch,

warum sie von manchen Kritikern und Liebhabern

im Vergleich zu harmonisch-eleganten, »perfekten«

Spitzenweinen abgelehnt werden. »Some will hate

it«, notierte Robert Parker bei einer Probe. »Manche

werden ihn hassen.«

Die Familie Hochar greift auf die uralte Weinbautradition

des Libanon zurück, die vor 6000

Jahren von der Seefahrer- und Handelsnation der

Phönizier begründet wurde. In der fruchtbaren

Bekaa-Hochebene zwischen den beiden bis auf

3000 Meter ansteigenden, schneebedeckten Bergketten

des Libanon finden die Reben in 900 bis 1500

Metern Höhe ideale Bedingungen. Heiße Sommer,

kalte Winter und genügend Feuchtigkeit. Das Land

an der Ostküste des Mittelmeeres im Norden des

biblischen Landes Kanaan gehörte im Lauf seiner

turbulenten Geschichte zu den Großreichen der

Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser, Makedonier

und Griechen. Die Römer errichteten im zweiten

Jahrhundert den prächtigen Tempel zu Ehren des

Weingottes Bacchus in Baalbek.

Ein Schmelztiegel vieler Völker und Religionen:

Im oströmischen Reich wird das Gebiet zum

Zentrum des Christentums, bis es die Araber im

7. Jahrhundert eroberten und der Islam sich verbreitete.

Die Römische Kirche versuchte fast 200

Jahre lang vergeblich, den Islam mit ihren Kreuzzügen

zurückzudrängen. Auch der Ahnherr der

Familie Hochar soll als Kreuzritter aus der Picardie in

Nordfrankreich gekommen und sich in den Bergen

als maronitischer Christ niedergelassen haben. Einen

sicheren historischen Beleg für diese viel zitierte

Familiengeschichte, so sagt mir Marc Hochar, gibt

es aber nicht.

600 Jahre lang gehörte der Libanon zum türkischosmanischen

Reich. Später wuchs der Einfluss Frankreichs,

das 1860 intervenierte, um einen Bürgerkrieg

zwischen christlichen Maroniten und islamischen

Drusen zu beenden. Die Bank- und Handelsgeschäfte

der Familie Hochar brachen am Ende des Ersten

Weltkrieges mit dem Osmanischen Reich zusammen.

So begann Marc Hochars Großvater Gaston als junger

Mann in Paris Medizin zu studieren, wo er sich aber

»in den Wein verliebte«, wie man in der gerade veröffentlichten

Familienchronik nachlesen kann. Als

kaum 20-Jähriger kehrte er 1930 in sein Land zurück,

um dort anstelle der üblichen Massenware Weine

nach französischem Vorbild zu erzeugen. Dafür gab

es wegen der in Libanon und Syrien stationierten

französischen Truppen einen guten Markt.

62 FINE 1 | 2021 LIBANON

LIBANON FINE 1 | 2021 63


DAS GROSSE

DUTZEND

CHAMPAGNER

JAHRGANG 2010

Der Jahrgang 2010 war eine echte Herausforderung. Denn kaum gingen die großen Mengen

des Dreamteams 2008 und 2009 zur Neige, richtete sich das Interesse auf den nächsten

Benchmark-Vintage: den 2012er. 2010, von kaum einer der großen Maisons separat abgefüllt,

vermisste eigentlich niemand, er gilt als vergessener Jahrgang. Tatsächlich glich die Ernte

dieses Jahres einem Hochseilakt – und nicht in jedem Fall gelang das Kunststück. Wer

aber präzise arbeitete, wurde mit authentischen, ausdrucksstarken Champagnern belohnt.

Von STEFAN PEGATZKY Fotos Rui Camilo

»Ein perfektes Jahr?« François Pouillon schüttelt den

Kopf. Sicherlich, so gibt der Inhaber von Champagne

R. Pouillon & Fils in Mareuil-sur-Aÿ zu bedenken,

gäbe es große Jahrgänge, aber das Wort perfekt

sollte mit einem Jahrgang nicht verbunden werden.

»Ich denke, perfekt ist er dann, wenn er die Eigenschaften

eines Jahres am besten ausdrückt, selbst

unter schwierigen Umständen.« Denn tatsächlich

sei doch jeder Jahrgang anders: solche mit sehr viel

Alterungspotenzial, solche mit einer besonderen

Intensität des aromatischen Ausdrucks oder einer

besonderen Reife. »Mein Ziel ist es, alle Jahrgänge

anzubieten, aber dafür muss ich jedes Jahr alles dafür

tun, um möglichst schöne Trauben zu produzieren.«

Dieses Ziel verbindet Pouillon, einen Hersteller

von gerade einmal 85 000 Flaschen Winzerchampagner,

mit Vincent Chaperon, seit 2019 Chef-de-cave von

Dom Pérignon, einem der renommiertesten, aber

mit einer Produktion von mehreren Millionen

Flaschen auch größten Champagnerhäuser der

Region. Anders als Pouillon bietet Dom Pérignon

ausschließlich Vintage-Champagner an, in der Vergangenheit

nur aus besonders guten Jahren. Daher

überraschte Chaperon im vergangenen Jahr mit

der Ankündigung, diese Strategie zu ändern. Das

läge, so Chaperon, an der Klimaerwärmung, die in

der Champagne eben auch positive Auswirkungen

hat: »Früher lag die Champagne zu weit nördlich,

um Vintage-Weine zu produzieren. Noch in den

achtziger Jahren waren Dom-Pérignon-Jahrgänge

die Ausnahme. Dann stieg deren Anteil zuletzt

bis auf sieben innerhalb eines Jahrzehnts. Für die

Zukunft ist es nun das Ziel des Hauses, in jedem Jahr

einen Dom Pérignon zu erzeugen. Das ist natürlich

eine Herausforderung!« Ähnlich sieht es Fabrice

Pouillon: »Mein Vater und mein Großvater haben

es noch erlebt, dass es Ernten gab, bei denen die

Trauben nicht ausreiften und dann noch Botrytis

hinzukam. Ich denke, die globale Erwärmung hat

dieses Risiko begrenzt.« Trotzdem sind Vintage-

Champagner eine Nische für Kenner geblieben: Nicht

einmal zwei Prozent aller verkauften Champagner,

so zeigen es die Auswertungen des Dachverbands

Comité Interprofessionnel du Vin de Champagne

(CIVC), werden als Jahrgang abgefüllt, ein Anteil,

der sich in den vergangenen zehn Jahren eher noch

verringert hat.

Wie verlief nun 2010 die Vegetation in der

Champagne? Tatsächlich erinnerte der Jahresauftakt

an Zeiten vor der globalen Erwärmung. Der frost-

und schneereiche Winter war mit Temperaturen

bis zu minus 23 Grad Celsius der kälteste seit 1996

und zog sich bis in den April, bei glücklicherweise

geringen Frostschäden. Entsprechend setzte der

Austrieb der Reben später ein als üblich und durch

eine Kältephase Anfang Mai verlangsamte sich auch

das Rebwachstum. Zwischen dem 16. und dem 21.

Juni erreichte dann die Rebblüte ihren Höhepunkt,

fünf Tage später als im zehnjährigen Mittel. Mehrere

Wochen mit heißem, trockenem Sommerwetter

sorgten für gesundes Pflanzenwachstum, ein wenig

Mehltau, der nach Niederschlägen um den 12. Juli

auftrat, konnte gut unter Kontrolle gehalten werden.

Am 15. und 16. August kam es dann aber zu sintflutartigen

Regenfällen, was die Winzer zunächst einhellig

begrüßten, da so drohende Trockenschäden

verhindert wurden und der Zeitpunkt der Niederschläge

in ausreichendem Abstand zur Ente stattfand.

Das Unheil kam auf schleichenden Sohlen –

und in doppelter Gestalt. Da der Boden dank des

regenarmen Frühlings und Frühsommers trocken

war, bildete sich die Fäulnis in den Trauben erst

allmählich aus. Durch Botrytis-Pilze ausgelöster

Grauschimmel machte vor allem den kompakten,

kleinbeerigen Pinot-Noir-Reben und den oft an

wenig gut belüfteten Standorten stehenden Pinot-

Meunier-Anlagen zu schaffen. Je näher der Erntezeitpunkt

heranrückte, desto deutlicher wurde das

Ausmaß der Attacke, die teilweise zu einem Verlust

von bis zu 40 Prozent führte, dem größten seit

der legendären »Botrytis-Explosion« von 1994.

Ebenso perfide war ein Angriff wenige Tage vor

der Ernte, der vor allem den Chardonnay treffen

sollte, und den die Region seit 1967 nicht mehr

erlebt hatte: das sogenannte Tourne- oder Wechsel-

Phänomen, ein Bakterienbefall, der seinen Namen

104 FINE 1 | 2021 DAS GROSSE DUTZEND

DAS GROSSE DUTZEND FINE 1 | 2021 105


DIE BALANCE

VON SUCHEN

UND FINDEN

SARAH LÖWENSTEIN UND IHRE RIESLINGE

Von UWE KAUSS

Fotos RUI CAMILO

134 FINE 1 | 2021 MOSEL

MOSEL FINE 1 | 2021 135


THE ODYSSEY

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