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moneyeditorial

EDITORIAL

Über den Sinn des Lebens,

21 Jahre FOCUS-MONEY,

den Abschied und einen neuen Anfang

FRANK PÖPSEL

CHEFREDAKTEUR

FOCUS-MONEY

Was ist der Sinn des Lebens? „Wenn ich am Ende meines

Lebens konstatieren kann, dass ich meinen Spaß gehabt

habe, vielleicht sogar reichlich: Soll das dann wirklich alles

gewesen sein? Will ich nicht eine Spur in der Weltgeschichte hinterlassen,

auf die ich stolz sein kann, auch wenn sie sich schon nach wenigen

Hundert Jahren verliert? Ist nicht Albert Schweitzer ein Mensch,

dessen Leben in jedermanns Augen, einschließlich seiner eigenen, in

ganz besonderem Maße einen Sinn hatte?“, schreibt der Wissenschaftsjournalist

Christoph Poppe in einer Rezension über Bernulf

Kanitscheiders Buch „Entzauberte Welt“.

Der Alltag der meisten Menschen sieht jedoch ganz anders aus.

Stress beim Aufstehen. Danach schnell ins Büro, das Projekt wartet

schon. „Herr Maier, der Kunde beschwert sich, dass es zu Verzögerungen

kommt!“ Das Team zusammenrufen, Lösungen suchen, ein Beschwichtigungsanruf.

„Bis heute Abend sind die Probleme beseitigt.

Versprochen!“ Stress in der Abteilung. Um 12.00 Uhr schnell in die

Kantine, ein wenig Tratsch. Gegen 19.00 Uhr läuft das Projekt dann

tatsächlich. Endlich nach Hause.

„Kinder, hört endlich auf mit dem Fernsehen! War die Mathe-Schulaufgabe

gut?“ Noch schnell ein Plausch am Küchentisch und dann einen

Wein aufmachen. Endlich Feierabend und „Tatort“ sehen. Wieder

ein Tag vorbei!

Ist das der Sinn des Lebens? Der mitteleuropäische Mann lebt

durchschnittlich rund 75 Jahre, die Frau 82 Jahre. Die meiste Zeit verbringt

der Mensch in diesem Rhythmus: aufstehen, arbeiten, Feierabend.

Schlafen, aufstehen, arbeiten. Das kann der Sinn des Lebens

doch nicht sein!

Zwei Drittel der Deutschen sehen einer Allensbach-Umfrage zufolge

ihren Lebenssinn darin, „glücklich zu sein“ und „möglichst viel Lebensgenuss

zu haben“ – ist das der Sinn des Lebens? Schwer zu sagen.

Nach der vom österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper

begründeten Wissenschaftstheorie des Falsifikationismus vollzieht

sich Erkenntnisfortschritt durch „trial and error“: Auf offene Fragen

geben wir versuchsweise eine Antwort und unterziehen diese einer

strengen Prüfung. Wenn die Antwort die Prüfung nicht besteht, verwerfen

wir sie und versuchen, sie durch eine bessere zu ersetzen.

Wenn sie besteht, gehen wir davon aus, dass die Antwort richtig ist,

solange sie nicht doch irgendwann falsifiziert werden kann.

Wenn der Sinn des Lebens darin liegen sollte, „Lebensgenuss“ zu haben,

wäre das Leben von Milliarden Menschen, die in bitterer Armut

leben, „unsinnig“. Läge der Zweck darin, „geachtet und beliebt“ zu sein,

müssten alle Unterprivilegierten in Verzweiflung untergehen. Und

käme es allein auf das „Glück“ an, müssten alle Unglücklichen folgerichtig

sofort Selbstmord begehen, denn ihr Leben hätte ja keinen Sinn.

Viktor E. Frankl, einer der berühmtesten Neurologen des vergangenen

Jahrhunderts, fand denn auch eine ganz andere Antwort auf die

Sinnfrage. Frankl begründete die Theorie der „Logotherapie“ (griechisch

„logos“ = Sinn). Entwickelt hat er sie in den Konzentrationslagern

Theresienstadt, Auschwitz und Dachau, die er dank seiner persönlichen

Sinnfindung überlebte. Frankls Credo: „Im Dienst an einer

Sache oder in der Liebe zu einer Person erfüllt der Mensch sich selbst.“

Bleibt die Frage: Lässt sich auch diese Theorie von der Liebe als „Sinn

des Lebens“ im Popper’schen Sinne falsifizieren? Findet sich ein Gegenbeweis,

der besagt, „Menschen, die lieben oder sich mit vollem Engagement

in den Dienst an einer Sache stellen, sind unglücklich? Die

Antwort lautet: „Nein.“

Eine US-amerikanische Studie kommt zu dem Ergebnis: „Menschen,

die etwa als Trainer einer Jugendmannschaft ein Ehrenamt ausüben,

helfen nicht nur anderen, sondern auch sich selbst.“

Forscher der British Columbia University in Vancouver fanden heraus,

dass durch eine von Nächstenliebe oder Begeisterung für eine

Sache angeregte Handlung körpereigene Botenstoffe im Belohnungszentrum

des Gehirns ausgeschüttet werden. Diese Ausschüttung ist

vergleichbar mit der, die nach dem Genuss von Rauschmitteln einsetzt.

In seinem Buch „Schluss mit lustig – das Ende der Spaßgesellschaft“,

zitiert der bekannte ZDF-Journalist Peter Hahne aus einem Kabarettbeitrag

des Düsseldorfer „Kom(m)ödchens“: „Lebensangst und Kreislaufstörung,

Hasten, Jagen, Kampf und Gier. Was stabil ist, ist die

Währung, was labil ist, das sind wir. Lass die Puppen schneller tanzen,

ohne Ziel in dem Getriebe, hochgepeitscht durch Dissonanzen, ohne

Glaube, Hoffnung, Liebe.“ „Der Sinn des Lebens“, so Hahne, „sieht

anders aus.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser, 21 Jahre lang war FOCUS-MONEY neben

meiner Familie und meinen Freunden ein Teil von meinem „Sinn

des Lebens“. Nach dem Tod meines Sohnes Julian hat mir die Arbeit für

und mit meinen Kollegen und Ihnen geholfen, wieder ins Leben zurückzufinden.

Das „Ehrenamt“, das ich als Chefredakteur von FOCUS-MO-

NEY ausfüllen durfte, hat mich erfüllt – und ich hoffe, Ihnen auch etwas

geholfen. Und ja: Wenn ein Heft besonders gut gelungen war oder mich

ein besonders netter Leserbrief erreichte, war das durchaus schon mal

mit dem „Genuss von Rauschmitteln“ zu vergleichen.

Ich habe im Dezember vergangenen Jahres den Vorstand gebeten,

aus meinen Amt ausscheiden zu dürfen. Mit Georg Meck ist seit 1. Oktober

mein Nachfolger an Bord. Ich möchte mich von Ihnen verabschieden

und Sie bitten: Bleiben Sie FOCUS-MONEY gewogen, bleiben

Sie meinem Nachfolger Georg Meck gewogen und bleiben Sie mir gewogen.

Die Begeisterung für Journalismus bleibt auch weiter ein Teil

von meinem „Sinn des Lebens“.

Ihr

FOCUS-MONEY 43/2021

Foto: D. Gust/FOCUS-MONEY Composing: FOCUS-MONEY 3


moneyinhalt

20. OKTOBER 2021 www.money.de

6

Auf Inflations-Gewinner setzen

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat das

Gelddrucken eine neue Dimension erreicht. Die

Preise steigen weltweit. Anleger können sich wehren

– mit unseren 33 Inflations-Gewinner-Aktien

moneykompakt

58 Krypto-Ticker: Es bleibt spannend

im Krypto-Kosmos. Wie

macht sich der Bitcoin gegen die

Inflation?

98 Andis Börsenbarometer: Der

Buy-the-Dip-Ansatz wird

von manchem Marktskeptiker

hinterfragt

moneytitel

6 Strategie gegen Inflation: Kaffee,

Sprit, Bauholz – steigende Preise

halten die Börse in Atem. So

können sich Anleger wappnen

12 Große Preissetzungsmacht:

14 Top-Aktien in starker Position

sollten trotz Inflation zu den

Gewinnern zählen

16 Infrastruktur und Immobilien:

Aktien aus diesen Bereichen

gelten als sicherer Schutz gegen

die Verteuerung

20 Seetransport: Rohstoffpreise und

Frachtraten steigen. Wir haben

drei potenzielle Profiteure

ausfindig gemacht

24 Zykliker: Bestimmte Sektoren

machen sich die Inflation zunutze.

Drei deutsche Aktien, um den

Trend zu spielen

26 Burggraben gegen Inflation:

Acht kaum angreifbare Konzerne

moneymarkets

30 Immer-Gewinner: Egal, wie sich

die Globalisierung entwickelt – mit

diesen Papieren sind Sie auf der

sicheren Seite

26

Bombenfeste

Geschäftsmodelle

Ein ETF des Anbieters VanEck

vereint Burggraben-Aktien und

wuchs in den letzten fünf Jahren um

124 Prozent. Acht starke Neuaufnahmen

in den Aktienkorb im Porträt

34 Elmos: Dem Halbleiterspezialisten

aus Dortmund steht eine aussichtsreiche

Zukunft bevor

35 Hapag-Lloyd: Der starke

Branchenführer der Containerschifffahrt

im Porträt

36 Überraschungen: Diese deutschen

Kandidaten könnten die

Erwartungen der Experten in der

Berichtssaison übertreffen

40 Nachhaltigkeit: Wie es sich mit

gutem Gewissen investieren lässt

46 Musterdepots: Jaensch steigt bei

österreichischer Bank ein

4 Titel: Composing: FOCUS-MONEY

FOCUS-MONEY 43/2021


51

Hoch hinaus

Wer an einen bestimmten Sektor glaubt, ist bei

Themen-ETFs gut aufgehoben. Auf die Zukunftsthemen

Blockchain, nachhaltige Lebensmittel,

Weltraum und Zukunft der Stadt können Anleger

mit Indexfonds setzen. Die Portfolios im Profil

36

Überraschungskandidaten

Viele Unternehmen übertrafen 2021 die Erwartungen

der Experten. Fünf deutsche Konzerne,

die das auch im dritten Quartal schaffen sollten

48 Paion: Eine Neuausrichtung des

Biotech-Konzerns könnte Anleger

bald belohnen

51 Themen-ETFs: Blockchain,

Lebensmittel, Weltraum, Urbanisierung

– die ETF-Welt macht für

jeden Zukunftstrend ein Angebot

moneyyou

54 Aktienanalyse: Microstrategy

steckt eine Menge Kapital in

Bitcoin. Lohnt sich das Risiko für

Investoren?

57 Chartanalyse: Der optimale

Kaufzeitpunkt bei Evonik könnte

bald gekommen sein

57 Börsenwissen: Welche Kennzahlen

zeigen die Rentabilität eines

Unternehmens auf?

moneyanlegerschutz

61 Grüner Kapitalmarkt: Was die EU

tun muss, damit er für private

Anleger sicher investierbar ist

moneyservice

64 Private Krankenversicherung:

Neben starken Leistungen steht

auch ein hervorragender Service

im Mittelpunkt. Die große Analyse

72 Nachhaltigkeitssieger: Wie steht

es um das Zukunftsthema bei

Banken, Bausparkassen und

Versicherern? FOCUS-MONEY hat

nachgefragt

moneyanalyse

81 Fonds

82 Deutsche Aktien

90 Internationale Aktien

96 ETFs

97 Zertifikate

moneyrubriken

3 Editorial

80 Leserbriefe – Impressum

98 Termine

30

Stabiler Stand

Egal, ob sich die Wirtschaft künftig

in Richtung Globalisierung oder

Deglobalisierung bewegt: Einer der

weltweit führenden Medienkonzerne,

Walt Disney, zählt zu unseren

drei Immer-Gewinnern

FOCUS-MONEY 43/2021

Inhalt: Fotos: Adobe Stock, NASA, iStock, Disney Illustration: VectorStock Composing: FOCUS-MONEY

5


moneytitel

HOLZ

+58,0

%

KAFFEE

+50,0

%

STRATEGIE

TANKEN

+26,5

%

Die Inflation

ist da – so

schützen Sie

Ihr Geld

HEIZEN

+57,3

%

6

FOCUS-MONEY 43/2021


Kräftiger Anstieg

Die Jüngeren kennen das gar nicht: Die Preise in

Deutschland stiegen zuletzt wie seit 29 Jahren

nicht mehr. Die Inflation ist gekommen, um zu

bleiben – Anleger müssen sich auf neue Rahmenbedingungen

einstellen.

Inflationsraten in Deutschland und den USA

Veränderung zum Vorjahr in Prozent

2015 16 17 18 19 20 2021

Quelle: Bloomberg

KARTOFFELN

+16,3

%

Deutschland

USA

Immer höhere Welle

Die Notenbanken in aller Welt fluten seit 50 Jahren

die internationalen Finanzmärkte – immer mehr

und in immer kürzeren Abständen. Seit Ausbruch

der Corona-Pandemie ist das Gelddrucken in ganz

neue Dimensionen vorgestoßen.

Zentralbankbilanz in der Euro-Zone und den USA

Veränderung zum Vorjahr in Prozent

USA

2008 10 12 14 16 18 20 2022

Quelle: Bloomberg

Euro-Zone

Prognose

5

3

1

–1

60

40

20

0

Hohe Preissteigerungsraten werden die

Börsen länger in Atem halten. Wie Anleger

sich mit den richtigen Preisbrechern

gegen Inflation wappnen

von MIKA HOFFMANN

Der Liter Sprit kostet mehr als zwei Euro! Gut, bisher nur

das teure Super Plus. Aber: „Preisschock an der Zapfsäule“,

titeln die Boulevardblätter. Es ist nicht der einzige

Preisschock: plus 50 Prozent bei Kaffee, Heizöl plus 57,3

Prozent, Mietautos plus 53,4 Prozent, Bauholz plus 58 Prozent

gegenüber dem Vorjahr. Die „Bild“-Zeitung schreibt in

großen Lettern: „Monster-Inflation“.

Eine Inflationsrate von 4,1 Prozent. An solche Zahlen können

sich in Deutschland viele Jüngere gar nicht mehr erinnern

– so schnell stiegen die Preise zuletzt vor 29 Jahren. Sollten die

Preise weiterhin in dem Tempo nach oben gehen – und dafür

spricht einiges – müssen Anleger umdenken. Wie Sie Ihr Erspartes

jetzt vor hohen Inflationsraten schützen und welche

Aktien sich besonders als Preisbrecher eignen, lesen Sie in der

Titelgeschichte auf den nächsten Seiten.

Der Internationale Währungsfonds IWF warnt. Deutsche-

Bank-Chef Christian Sewing warnt. Die Gewerkschaft Ver.di

fordert schon mehr Lohn. Die Preise steigen – das Thema Inflation

ist wieder voll im öffentlichen Bewusstsein. „Während

dies im Sommer noch als temporäre Entwicklung interpretiert

wurde, änderte sich die Wahrnehmung in den vergangenen

Wochen, nachdem die Preise von Öl, Gas und Strom auf immer

höhere Niveaus gestiegen sind“, analysiert Fondsmanager

Bert Flossbach. „Die Inflation hat sich zurückgemeldet und

es spricht einiges dafür, dass sie bleibt. Selbst wenn sich die aktuellen

Engpässe im nächsten Jahr weitgehend auflösen sollten,

dürfte sich aufgrund der zu erwartenden Zweitrundeneffekte

ein höherer Inflationssockel bilden“, prognostiziert der

Gründer und Vorstand der Vermögensverwaltung Flossbach

von Storch. Mittel- und langfristig kämen mit den drei „D“ in

Form von Deglobalisierung, Dekarbonisierung und Demografie

weitere Inflationstreiber hinzu, erläutert Flossbach – ein

baldiges Ende der hohen Inflationsraten, wie es sich die Notenbanken

wünschen, ist damit wohl nicht so schnell in Sicht.

Kommt der Inflationsschock? „Ein Großteil der Diskussionen

über den Zustand von Weltwirtschaft und Finanzsystem

dreht sich 2021 um die Frage, ob als Folge massiver monetärer

Expansion künftig mit einem strukturellen Anstieg der Inflation

oder gar einem „Inflationsschock“ zu rechnen ist“,

bringt Heinz-Werner Rapp das Thema auf den Punkt. Die klare

Antwort des Vorstands und Chief Investment Officer des

Vermögensverwalters und Analysehauses Feri lautet: „Ja“. Als

Folge massiver Geldschöpfung habe sich über einen Zeitraum

von nur 13 Jahren die Bilanzsumme der US-Zentralbank Fed

annähernd verzehnfacht, rechnet der Experte vor. „Damit hat

der Zustand des Weltfinanzsystems ein völlig neues Niveau

FOCUS-MONEY 43/2021

Fotos: 123RF (2), iStock, Depositphotos, Can Stock Photo Composing: FOCUS-MONEY 7


moneymarkets

KONJUNKTUR

Auf der sicheren Seite

Mit der Umkehr der Globalisierung kommen

schwere Zeiten auf die Wirtschaft zu. Die gute

Nachricht: FOCUS-MONEY findet drei Immer-

Gewinner mit bis zu 90 Prozent Potenzial

von JENS MASUHR

MUSKELSPIELE:

Trotz trüber Wirtschaftsaussichten

gibt es auch

Gewinner

In China ist 2021 das Jahr des Ochsen. Die in diesem Jahr geborenen

Menschen gelten als zuverlässig und vertrauenswürdig.

Ob sich die oberste Führung in Peking davon leiten

lässt, ist nicht bekannt. Nur so viel: Ganz offenbar steht das

Riesenreich bei seinem Vormarsch zur größten Wirtschaftsmacht

der Welt vor einer Zäsur. Wohlstand für alle statt hemmungsloses

Wachstum, heißt plötzlich die Parole, unter der

Chinas Staatsführung mit harter Hand insbesondere gegen

die Exzesse im Technologiesektor vorgeht. Mehr noch: Im

Fall des Immobiliengiganten Evergrande, ein Paradebeispiel

für die ausufernde Schuldenmacherei und Sinnbild des „geschönten“

Aufschwungs, nimmt die Parteiführung durch ihr

radikales Vorgehen ein weltweites Börsenbeben in Kauf.

„Chinas Regierung verfolgt in immer mehr Bereichen einen

Abschottungskurs und ist bereit, dafür einen hohen

Preis zu zahlen“, sagt Bernhard Bartsch vom Mercator-Institut

für China-Studien (Merics).

Neue Weltordnung. Die Folgen von Covid

sind Öl ins Feuer. Um sich künftig unabhängiger

von den globalen Lieferketten

und ausländischen Technologien

zu machen, droht sich

die Globalisierung in der

Welt umzukehren. „Wir

sehen eine grundlegende

Veränderung

der Weltordnung

mit einer langwierigen

Deglobalisierung

und einem

Anstieg der

geopolitischen

Spannungen“,

warnt Lale Akoner,

Marktstrategin und

Ökonomin bei BNY

Mellon Investment Management.

„Covid-19 hat den Übergang

zu dieser neuen Weltordnung

noch beschleunigt“, sagt die Expertin. Dazu kommen

Handelsstreitigkeiten, die den Aufschwung bedrohen –

allen voran der Dauerzoff zwischen Washington und Peking.

Die Folgen sind vor allem für Exportnationen wie Deutschland

verheerend.

30

Illustration: VectorStock FOCUS-MONEY 43/2021


China immer wichtiger

China wird als Handelspartner für die deutsche

Wirtschaft immer wichtiger. Seit 2005 hat sich der

Wert der Exporte ins Riesenreich mit mehr als 95

Milliarden Euro nahezu verfünffacht.

Deutsche Exporte in die USA und nach China

Wert in Milliarden Euro

Exporte in die USA

Exporte nach China

2000 05 10 15 2020

Quellen: Bloomberg, Destatis

Bevölkerung in Millionen

USA 330

Europäische Union 450

China 1400

Wirtschaftskraft in Billionen US-Dollar, Basis 2019

USA 18,3

Europäische Union 16,6

China 11,5

Anteile am weltweiten Handel

und den Militärausgaben in Prozent

Exporte

USA 8,7

EU 12,6

China 13,2

Hochtechnologie,

Anteil an den

Exporten 30,8

18,9 16,1

100

Mächtiges Trio

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 18,3 Billionen

US-Dollar stellten die USA 2019 den stärksten

Wirtschaftsblock – gefolgt von der EU und China. In

Zukunft bilden China und die USA die Spitze.

Quellen: Weltbank, Databank

Hightech aus Fernost

China wird zum Technologieführer. Der Anteil von

Hochtechnologie-Exporten an den Gesamtexporten

betrug 2019 mehr als 30 Prozent – fast doppelt so

viel wie in der EU und deutlich mehr als in den USA.

Importe

USA13,4

EU 11,3

China 10,8

Quellen: Weltbank, World Development Indicators, Databank

FOCUS-MONEY 43/2021

80

60

40

20

0

Anteil der

Militärausgaben

am BIP

3,4

1,4 1,9

Aber was genau sind die Folgen für Wirtschaft und Wohlstand,

wenn die USA und China die Welt dominieren und Europa als dritter

Wirtschaftsblock zwischen die Fronten gerät? Gibt es Alternativen?

Eine aktuelle Bertelsmann-Studie stellt fünf Szenarien vor

– fast alle mit ernüchterndem und erschreckendem Ausgang. Die

gute Nachricht dabei: FOCUS-MONEY findet drei Top-Aktien, die in

jedem Marktumfeld glänzen – weil ihr Business unverzichtbar ist,

schnell wächst und nahezu jederzeit und über Grenzen hinweg

funktioniert: Walt Disney, Taiwan Semiconductor und Deutsche

Börse (siehe Kästen ab Seite 32).

Boom hinter verschlossenen Türen. Klassische Exportbranchen

ächzen unter dem geostrategischen Machtgerangel zwischen Ost

und West. Dazu kommt, dass China seine Rolle als größter Handelspartner

kontinuierlich ausbaut. Vor 16 Jahren etwa exportierte

Deutschland Waren im Wert von rund 21 Milliarden Euro in die

Volksrepublik. 2020 war es mit knapp 96 Milliarden Euro fast fünfmal

so viel. Chinas Exportanteil von Hochtechnologie am gesamten

Exportanteil liegt aktuell bei knapp 31 Prozent – klar vor den

USA und Europa (siehe Grafik links). Bereits vor Covid lag das Land

mit einem Anteil von 45 Prozent aller E-Commerce-Aktionen auf

Platz eins. Einerseits ein klares Zeichen dafür, dass Hightech(-Aktien)

in China die Zukunft gehört. Andererseits wird immer deutlicher,

dass sich diese Zukunft weitgehend hinter verschlossenen

Türen abspielt.

Fünf Szenarien für die Zukunft

Trübe Aussichten für Exportnationen wie Deutschland, die am

Aufschwung mitverdienen wollen. Aus 30 Gesprächsrunden mit

Vertretern aus Wirtschaft, Verbänden und Politik entwickelte die

Bertelsmann-Stiftung mit Unterstützung des Bundesverbands der

Deutschen Industrie (BDI) fünf Szenarien, wie es mit der (De-)Globalisierung

weitergeht:

Szenario 1: Globalisierung ist nicht mehr das, was sie mal war – im

Modell des „reformierten Multilateralismus“ wird die Welt regionaler.

Dennoch: Die drei großen Wirtschaftsblöcke Europa, USA

und China sind um Kooperation und Lösungen auf multilateraler

Ebene bemüht. Der Welthandel ist geprägt von diversen Freihandelsabkommen.

Während China seine technologische Aufholjagd

fortsetzt, um in Schlüsselbranchen die Nummer eins zu werden,

setzen die USA auf Exportkontrollen. Die EU ist um technologische

Souveränität bemüht und investiert massiv in Innovationen – das

laut Experten günstigste Szenario für die deutsche Wirtschaft,

wenn auch das am wenigsten Wahrscheinliche.

Szenario 2: Ruppiger wird’s in einer „Welt mit mehreren Blöcken“.

Auch hier stehen sich starke Kraftzentren gegenüber. Allerdings

sind die Blöcke klar voneinander abgegrenzt und streiten darum,

welche Regierungsform – Demokratie oder Autokratie – die besten

Bedingungen für Wohlstand und Sicherheit zu bieten hat. Voraussetzung,

um in der Top-Liga mitzuspielen, ist, dass die EU

durch politische Geschlossenheit an Relevanz gewinnt. Folge:

höheres Konfliktpotenzial, steigende Ausgaben für Rüstung und

Cybersicherheit, Streben nach mehr Unabhängigkeit bei Hochtechnologien.

Szenario 3: Verliert Europa dagegen an wirtschaftlicher Bedeutung,

droht eine „Welt in der Dauerkrise“. In diesem Szenario

31


moneymarkets

DÄMMERZUSTAND? Mit

Paions neuem Wirkstoff klappt

das wesentlich besser

Manche sind so humorlos, da hilft nicht mal Lachgas.

Wobei Lachgas aber ganz sicher hilft, ist beim Sedieren.

Und einer, der sich auf die Entwicklung und die

Vermarktung sogenannter Sedativa konzentriert, ist das

deutsche Biotech Paion. Um den Kreis nun zu schließen: Mit

Paion könnten Aktionäre am Ende gut lachen haben, auch

wenn Lachgas nicht zu dessen Repertoire zählt. Ein zentraler

Baustein im Produktportfolio ist dagegen die intravenös

zu verabreichende Ultrakurzsedierung Remimazolam – das

einzige selbst entwickelte Medikament des Unternehmens.

Doch stopp! Zunächst ein kleiner Exkurs: Unter Sedierung

ist nicht die klassische (Voll-)Narkose zu verstehen, bei der Patienten

nichts mehr von ihrer Umwelt wahrnehmen. Vielmehr

versetzt ein Sedativum die Anästhesierten in eine Art schläfrigen

und benommenen Zustand, indem die Empfindlichkeit des

zentralen Nervensystems zurückgefahren wird. Die Patienten

sind aber weiterhin in der Lage, auf äußere Reize zu reagieren

und selbstständig zu atmen. Zu den Anwendungsgebieten

zählen z. B. Endoskopien (Magen-Darm-Spiegelungen).

Zweigleisige Strategie. Ein neuer Wirkstoff, um das

Schmerz- und Angstempfinden drastisch zu senken, ist eben

Remimazolam – und dessen Kommerzialisierung kommt

jetzt so richtig ins Rollen. Was ihn auszeichnet, sind drei besonders

entscheidende Merkmale: ein rascher Wirkeintritt,

ein schnelles Abklingen der Wirkung, und das bei einem

günstigen (kardiorespiratorischen) Sicherheitsprofil, was die

Versorgung des Körpers mit Sauerstoff durch Atmung und

Blutkreislauf betrifft. So zumindest preist ihn Paion selbst

an. Deutlich unabhängiger sind die internationalen Zulassungs-

und Regulierungsbehörden, die in ihren Bewertungen

jedoch zu ähnlichen Ansichten gekommen sind. Nicht

umsonst wurde Remimazolam in den vergangenen Monaten

in den USA, der Europäischen Union und in China für die

Kurzsedierung sowie in Japan und Südkorea für die Allge-

BIOTECHNOLOGIE

Dopamin-Hype

durch . . .

. . . ruhig stellende Wirkstoffe? Klingt paradox!

Für Paion-Anleger aber möglich, wenn die

anstehende Unternehmens-Transformation

dem Aktienkurs endlich zum Durchbruch

verhilft. Die Hintergründe

von MARC BÄCHLE

meinanästhesie zugelassen (siehe Meilenstein-Tafel). Was

die Kommerzialisierung in den verschiedenen Märkten betrifft,

setzt Paion mit Ausnahme des EU-Markts auf lokale

Partner, die über ausgewiesene Vertriebsstrukturen verfügen

(sogenannte String-of-Pearls-Strategie). Durch die Auslizenzierung

in bestimmten Märkten sichern sich die Aachener

regelmäßige Apanagen, ohne vor Ort den kostspieligen

Aufbau eines Vermarktungsapparats leisten zu müssen.

Denn das machen sie bereits für Europa. Diese Zweigleisigkeit

stellt für das Unternehmen mit seinen etwas mehr als 40

Mitarbeitern eine probate Vorgehensweise dar, um sämtliche

wichtigen Märkte abzudecken.

48 Foto: iStock

FOCUS-MONEY 43/2021

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