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SUMO #31

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Fachmagazin des Bachelor Studiengangs Medienmanagement der FH St. Pölten<br />

Videoportale<br />

» „YouTube“ als Newsplayer<br />

» Nichtkommerzielle Videoportale<br />

» Internetsucht<br />

Ausgabe 31<br />

- Oktober 2018 -


St. Pölten University of Applied Sciences<br />

Jetzt<br />

informieren!<br />

fhstp.ac.at/bmm<br />

© Martin Lifka Photography<br />

Bachelorstudium<br />

Medienmanagement<br />

Das Studium für Radio | TV | Print | Online<br />

mit den Schwerpunkten:<br />

• Content Management<br />

• Marketing und Sales<br />

• Strategisches Management<br />

medien & wirtschaft


Inhalt<br />

» „YouTube“ als Newsplayer 4<br />

» Print in Bewegung: Videoinhalte von Tageszeitungen 7<br />

» Journalismus: Print versus Video 10<br />

» Mediatheken: das neue Fernsehen 13<br />

» „YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation 16<br />

» Nicht-kommerzielle Videoportale in Österreich 20<br />

» „Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt 22<br />

» Wie „Bibis Beauty Palace“ die heimischen Kinder zimmer erobert 25<br />

» Videokanäle für Silver Surfer 28<br />

» Eine institutionelle Herausforderung 31<br />

» Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe? 33<br />

» „YouKu“ – das chinesische Portal 36<br />

» Die Internetsucht als Sozialkiller 40<br />

Editorial<br />

Liebe Leserin, lieber Leser!<br />

der Weckruf „Du sendest“ schallte anno 2005 durch<br />

das virtuelle Universum und steigerte sich seitdem<br />

zu einem Massenphänomen: „YouTube“ gilt heute als<br />

Synonym schlechthin für Videoportale, Gottseibeiuns<br />

von Eltern, Startpunkt lukrativer Karrieren, nunmehr<br />

als harte Konkurrenz des Fernsehens, aber auch anderer<br />

Mediengattungen. Und ja, die „selfishess“ unserer<br />

Gesellschaft – hier in Form obligater Kinder-, Katzenund<br />

Kotelett-Videos – hat der Kanal für Selbstinszenierung<br />

auch befördert, noch dazu strömt er ja aus<br />

dem dominanten Alphabet unserer Zeit und minimiert<br />

die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Spät, aber doch<br />

– wie bei US-Phänomenen üblich – gelangten Politik<br />

und Medienwirtschaft in Europa zu Besorgnis. Dabei<br />

geht es unter anderem um Lizenzen und Vergütung,<br />

Jugendschutz, Monopolisierung, Zensur.<br />

<strong>SUMO</strong>, das Fachmagazin des Bachelor Studiengangs<br />

Medienmanagement, hat sich darüber hinaus kundig<br />

gemacht. Ausgangspunkt war die Studie „YouTube-Channels<br />

und ihre Bedeutung in Österreich“, die<br />

Andreas Gebesmair als Projekt- und Institutsleiter am<br />

Institut für Medienwirtschaft der FH St. Pölten 2017<br />

durchgeführt hatte.<br />

Coverfoto: <strong>SUMO</strong><br />

In dieser Ausgabe erwarten Sie spannende Themen,<br />

die wie stets auch mittels Experteninterviews aufgerollt<br />

wurden: eine Analyse des chinesischen „You-<br />

Ku“, „YouTube“ als Newsplayer, nicht-kommerzielle vs.<br />

kommerzielle vs. öffentlich-rechtliche Videodistribution,<br />

Suchtproblematik, Videojournalismus bei Zeitungen,<br />

Zielgruppe Kinder vs. SeniorInnen, u.v.m.<br />

<strong>SUMO</strong> ist österreichweit vielleicht das einzige, durchgängig<br />

von Studierende gestaltete Medienfachmagazin:<br />

Sie durchschreiten hier alle wesentlichen<br />

Prozesse in einem Medienunternehmen (Themenplanung,<br />

Recherche, Interviews, Sales, Produktion,<br />

Vertrieb etc.), bringen ihr Wissen aus dem Studium<br />

ein und erzeugen den perfekten Fit mit Ihnen, der<br />

Leserschaft. Denn <strong>SUMO</strong> ergeht als Visitenkarte der<br />

studentischen MitarbeiterInnen sowie als eine der<br />

Medienmanagement-Ausbildung an der FH St. Pölten<br />

an MedienmanagerInnen aller Mediengattungen, Medien-Studierende<br />

und Lehrende sowie SchülerInnen<br />

von Allgemeinbildenden Höheren Schulen mit Medienschwerpunkt.<br />

Werdende Medienführungskräfte<br />

treffen somit auf seiende.<br />

Eine spannende Lektüre wünschen<br />

Copyright: Claudia Mann<br />

FH-Prof. Mag. Ewald Volk<br />

Studiengangsleiter<br />

Bachelor Medienmanagement<br />

Copyright: Ulrike Wieser<br />

FH-Prof. Mag. Roland Steiner<br />

Praxislaborleiter Print<br />

Chefredakteur <strong>SUMO</strong><br />

© Copyright: pexels<br />

Inhalt und Editorial<br />

3


„YouTube“<br />

als Newsplayer<br />

Warum Leberkäsesemmel essende PolitikerInnen auf „YouTube“ eine<br />

demokratiepolitische Chance sein können: Im <strong>SUMO</strong>-Gespräch befassten<br />

sich Univ.-Prof. Katrin Döveling, Alpen Adria Universität Klagenfurt, und<br />

Univ.-Prof. Jürgen Grimm, Universität Wien, mit dem jungen Player „You-<br />

Tube“ am Nachrichtenmarkt.<br />

Über eine Million Digital Natives erreichen<br />

in den kommenden Jahren laut<br />

Statistik Austria das 16. Lebensjahr und<br />

damit die passive Wahlberechtigung.<br />

Dieser in Zukunft wahlberechtigten Generation<br />

wird unter anderem eine hohe<br />

Affinität zu sozialen Medien und digitalen<br />

Inhalten zugesprochen. Die Reichweiten<br />

von klassischen NachrichtenlieferantInnen<br />

wie Tageszeitungen und<br />

TV dagegen sind in den entsprechenden<br />

Alterskohorten seit Jahren rückläufig.<br />

Aus diesem Grund stellt sich die Frage:<br />

Über welche Medien und über welche<br />

Formate rezipiert diese Generation Informationen<br />

und Nachrichten, um sich<br />

zum Beispiel für Wahlen eine Meinung<br />

zu bilden? Dieser Artikel widmet sich<br />

einem der „neuen“ Newsplayer am Medienmarkt<br />

– der Videoplattform „You-<br />

Tube“, und soll klären, ob „YouTube“ eine<br />

geeignete Nachrichtenquelle darstellen<br />

kann und es sich bei dem Angebot um<br />

ein funktionales Äquivalent zum professionellen<br />

Journalismus handelt.<br />

Was ist überhaupt eine Nachricht?<br />

Zur Beantwortung oben genannter<br />

Fragen muss zunächst der Begriff der<br />

Nachricht einer genaueren Betrachtung<br />

unterzogen werden. In der einschlägigen<br />

Literatur finden sich zahlreiche Definitionen.<br />

Im weitesten Sinn handelt es<br />

sich bei einer Nachricht um eine Aussage<br />

über die Realität, die für die EmpfängerInnen<br />

eine gewisse Relevanz aufweist.<br />

Auch der Aspekt der Neuigkeit<br />

der Information wird in einigen Definitionen<br />

genannt. Durchaus kontrovers<br />

sind hingegen die Meinungen bezüglich<br />

des Wahrheitsanspruchs an die Information.<br />

Für Katrin Döveling, Professorin<br />

an der Alpen Adria Universität Klagenfurt,<br />

stellt bereits die Auswahl von<br />

Informationen aus einem komplexen<br />

Themenspektrum eine Nachricht dar,<br />

denn die Auswahl entscheide schließlich,<br />

was zur Nachricht wird.<br />

„Gerade in diesem Moment verändert<br />

sich aufgrund digitaler Medien sehr viel.<br />

Durch die zunehmende Digitalisierung<br />

sehen sich Medien-RezipientInnen mit<br />

einer stetig wachsenden Menge an<br />

Informationen konfrontiert“, so Prof.<br />

Döveling. Daher müsse sich auch die<br />

Nachrichtenwerttheorie, die verschiedene<br />

Faktoren nennt, wann eine Information<br />

zu einer Nachricht wird, an diese<br />

geänderte Situation anpassen.<br />

Professor Jürgen Grimm vom Publizistik-Institut<br />

an der Universität Wien<br />

knüpft den Begriff „Nachrichtenwert“<br />

zunächst im Sinne seiner ursprünglichen<br />

Bedeutung an die klassischen<br />

und professionellen Medienanbieter<br />

in den Redaktionen der Zeitungen und<br />

Fernsehsender an. Durch das Internet<br />

sei diese Definition jedoch fragwürdig<br />

© Copyright: adobe stock/beeboys<br />

4<br />

„YouTube“ als Newsplayer


und vage geworden. Der Begriff befände<br />

sich gerade in einem Prozess der<br />

Re-Definition, so Prof. Grimm.<br />

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein<br />

Newsplayer!<br />

Legt man die eben genannten Definitionen<br />

auf „YouTube“ um, darf sich das Videoportal<br />

also theoretisch stolz „Newsplayer“<br />

nennen.<br />

Die 2017 im Auftrag der RTR von FH-<br />

Prof. Andreas Gebesmair durchgeführte<br />

Studie „Die wirtschaftliche und<br />

gesellschaftliche Bedeutung von ‚You-<br />

Tube‘-Channels in Österreich“ zeigt eine<br />

klare Tendenz zu Unterhaltungsangeboten.<br />

Unter den Top 100 Channels in<br />

Österreich dominieren fünf Kategorien:<br />

„Gaming“, „Entertainment“, „Music“,<br />

„People & Blogs” und „HowTo & Style“.<br />

Andere Kategorien spielen eine untergeordnete<br />

Rolle. Dennoch ist auch ein<br />

einsetzender Eroberungsfeldzug des<br />

Videoportals in Richtung Nachrichten-Markt<br />

wahrnehmbar. Und gerade<br />

wegen des momentanen Unterangebots<br />

an Nachrichtenkanälen ist der Videoplattform<br />

ein Potential zu attestieren.<br />

„YouTube“ und journalistische Qualität<br />

– ein Widerspruch?<br />

SkeptikerInnen werden nun verächtlich<br />

mit den Augen rollen und das Nachrichtenangebot<br />

des Videoportals mit nur<br />

einem Wort vom Tisch fegen: Qualität.<br />

Bei der Rezeption von Nachrichten mag<br />

der Wahrheitsgehalt der Informationen<br />

für die EndnutzerInnen zwar generell<br />

nur schwer nachvollziehbar sein, dennoch<br />

kann man zumindest in den meisten<br />

Fällen bestimmte Qualitätskriterien<br />

an Informationen anlegen. Man spricht<br />

in diesem Zusammenhang von journalistischer<br />

Qualität.<br />

Für Professor Grimm geht es bei diesem<br />

Begriff darum, welche Funktion<br />

die Kommunikation für die Gesellschaft<br />

erfüllt. Denn Kommunikation und daher<br />

auch Nachrichten sind nicht einfach nur<br />

da, sondern erfüllen eine gesellschaftliche<br />

Aufgabe. Vor allem soll Journalismus<br />

öffentliche Debatten zur Lösung<br />

von Problemen wie Ungleichheit, soziale<br />

Sicherheit und Integragtion anregen.<br />

Ob also Nachrichten-Kanäle auf „You-<br />

Tube“ journalistische Qualität aufweisen<br />

können, ist nicht bloß vom Betreiber<br />

des Channels (Privatpersonen oder<br />

etablierte Medien) abhängig. Entscheidend<br />

für die Bewertung der Qualität ist<br />

laut Grimm vielmehr, ob die Nachricht<br />

oder Meinung begründet, lösungsorientiert<br />

und sachlich ist, und damit zum<br />

gesellschaftlichen Diskurs beiträgt. Mit<br />

anderen Worten, ist die Nachricht demokratiekompatibel<br />

oder nicht?<br />

„YouTube“ als Newsplayer<br />

5


Univ.-Prof. Jürgen Grimm<br />

Copyright: Katharina Arbeithuber<br />

Dass sich einige klassische Medienanbieter<br />

die permanente Erfüllung journalistischer<br />

Qualität auf die Fahnen<br />

heften, während private YouTuberInnen<br />

niemals qualitativ hochwertige Nachrichten<br />

verbreiten würden, ist daher<br />

nicht gerechtfertigt. Professioneller<br />

Journalismus ist, ganz im Gegenteil,<br />

mehr und mehr der Konkurrenz von<br />

anderen AkteurInnen ausgesetzt, die<br />

sehr wohl auch Qualitätsansprüche erfüllen<br />

können. In der Fachliteratur fallen<br />

zu diesem Phänomen Schlagworte wie<br />

„Bürgerjournalismus“ „grasroot journalism“<br />

oder auch „Laienjournalismus“.<br />

Der Grundgedanke dieser auch als „partizipativ“<br />

beschriebenen Formen des<br />

Journalismus, der insbesondere darin<br />

besteht, dass normale BürgerInnen mit<br />

ihren Kompetenzen und Vorstellungen<br />

ein Gegengewicht zur Berichterstattung<br />

der etablierten journalistischen Medien<br />

bilden, ist ohne Frage ehrbar. Der Haken<br />

an diesen Formen ist, dass sie zumeist<br />

nicht die Ganzheit der Gesellschaft abbilden<br />

und ansprechen. „Natürlich ist<br />

es erst einmal gut, den Bezug zu einer<br />

bestimmten gesellschaftlichen Gruppe<br />

herzustellen. Problematisch wird es<br />

aber, wenn es dann zu einer Verengung<br />

des Blickwinkels kommt und eine Monokultur<br />

präsentiert wird. Was ist dann<br />

mit der Mehrheit? Die rennen dann zur<br />

FPÖ“, antwortet Grimm auf die Frage<br />

nach seiner Meinung zu Graswurzeljournalismus<br />

auf „YouTube“.<br />

Der eine oder andere Schönheitsfehler<br />

Ein weiterer Kritikpunkt, den sich<br />

News-Channels auf „YouTube“ gefallen<br />

lassen müssen ist die oftmals fehlende<br />

Trennung von Fakt und Meinung. (Diese<br />

Kritik gilt natürlich sowohl für privaten als<br />

auch für professionellen Journalismus.)<br />

Univ.-Prof. Katrin Döveling<br />

Copyright: Katrin Dövelling<br />

Die fortschreitende Fragmentation des<br />

Publikums könne zudem durchaus dazu<br />

führen, dass vermehrt Nachrichten unabhängig<br />

von ihrem Wahrheitsgehalt<br />

publiziert werden und MedienrezipientInnen<br />

immer öfter „fake news“ ausgesetzt<br />

seien, so Döveling. Nötig sei<br />

daher die Medienkompetenzbildung an<br />

Schulen. Eltern und Bildungsinstitute<br />

müssten lehren, wie man seriöse Nachrichten<br />

erkennt. „Viele Jüngere wissen<br />

so etwas nicht, ich würde das schon<br />

fast als Schulfach einführen“, rät sie.<br />

Grimm sieht außerdem einen Regulierungsbedarf<br />

für „YouTube“. Man könne<br />

das Netz nicht länger als Eldorado der<br />

Freiheit sehen, sondern müsse überlegen,<br />

inwieweit man wo, in welcher Art<br />

eingreifen kann.<br />

Newsplayer „YouTube“ – eine demokratiepolitische<br />

Chance?<br />

Nicht jedem Nachrichten-Channel auf<br />

„YouTube“ haftet automatisch der Makel<br />

der Unseriosität an, betont auch Katrin<br />

Döveling. Ein durchaus positives Beispiel<br />

wie Nachrichtenverbreitung über<br />

„YouTube“ funktionieren kann ist für<br />

Döveling der Channel „Jäger & Sammler“.<br />

Jung, neugierig und offensiv – so<br />

beschreibt sich das Angebot selbst. Bei<br />

den veröffentlichten Beiträgen handelt<br />

es sich in erster Linie um aktuelle, gesellschaftspolitisch<br />

relevante Themen,<br />

teilweise sogar investigativen Journalismus,<br />

der für junge Menschen ansprechend<br />

aufbereitet wird. Produziert wird<br />

der Channel von ARD und ZDF. Veränderung<br />

und Entwicklung von Formaten<br />

in diese Richtung seien laut Döveling<br />

zu begrüßen. Klassische MedienanbieterInnen<br />

haben durch Plattformen wie<br />

„YouTube“ die Chance bekommen, mit<br />

Nachrichten auch ein jüngeres Publikum<br />

zu erreichen und dieses zielgruppenorientiert<br />

anzusprechen.<br />

Was darf‘s sein: Information, Unterhaltung<br />

oder beides?<br />

Wenn aber nun ein Video von PolitikerInnen<br />

die höchst zufrieden Leberkäse<br />

essen Traffic produziert und letzten Endes<br />

dazu führt, dass junge Menschen<br />

deswegen wieder wissen, wie der momentane<br />

Bundeskanzler heißt, Politik<br />

also nahbarer, menschlicher wird, ist<br />

auch ein solches Angebot prinzipiell<br />

nicht schlecht.<br />

Nein, ein solches Video liegt der SU-<br />

MO-Redaktion nicht vor. Aber Karten<br />

auf den Tisch: Sie haben mit dem Gedanken<br />

gespielt, sich den (Leber)Käse<br />

anzusehen!<br />

Und genau dieser Gedanke zeigt, dass<br />

„YouTube“ als Newsplayer funktionieren<br />

kann. Etwas lauter und greller vielleicht<br />

als man es aus Print, TV und Radio gewohnt<br />

ist, aber im Kern geht es bei Informationen<br />

darum, den Wissenstand<br />

der Empfangenden zu erhöhen. Das<br />

geht auch in bunt und mit Unterhaltungsaspekt.<br />

Jürgen Grimm sieht für etablierte Medien<br />

keine andere Alternative als sich auf<br />

Plattformen wie „YouTube“ zu präsentieren.<br />

Er setzt jedoch auf eine andere<br />

Möglichkeit für „Standard, „Presse“,<br />

ORF und Co. Zwar müssten die klassischen<br />

Medien durch die momentan<br />

stattfindende Transformation “durch“,<br />

die Tendenz zu Infotainment sieht er<br />

jedoch nicht als Naturgesetz an. Auch<br />

Döveling betrachtet den Infotainment-Trend<br />

kritisch. Etablierte Medien<br />

könnten sich genauso als „Leuchttürme<br />

des Qualitätsjournalismus“ positionieren,<br />

so Grimm. Gerade in einem „entertainisierten“<br />

Umfeld wie „YouTube“ könne<br />

sich Seriosität behaupten – einfach,<br />

weil sie anders ist.<br />

„YouTube“ als Newsplayer der Zukunft?<br />

Seriöse Nachrichten-Anbieter stehen<br />

derzeit vor der Aufgabe, die Entscheidung<br />

zu treffen, wie viel Zeit und Geld<br />

in Zukunft in „YouTube“-Redaktionen<br />

investiert wird. Und außerdem, wie das<br />

Unterhaltungsbedürfnis und Informationsbedürfnis<br />

der UserInnen in gleichem<br />

Maß befriedigt werden kann. Momentan<br />

befindet sich der Newsplayer<br />

„YouTube“ noch in einem Entwicklungsstadium.<br />

Ob etablierte Medien das Potential<br />

erkennen und mit ihren Angeboten<br />

mithalten, und ob eine News-Policy<br />

für Private durchsetzbar ist, wird sich in<br />

den nächsten Jahren zeigen.<br />

Wir aus der <strong>SUMO</strong>-Redaktion sind<br />

jedenfalls gespannt. Und keine Sorge,<br />

wegen dem Leberkäse-Video halten wir<br />

Sie auch auf dem Laufenden!<br />

von Katharina Arbeithuber<br />

6<br />

„YouTube“ als Newsplayer


Print in Bewegung:<br />

Videoinhalte von<br />

Tageszeitungen<br />

Österreichische Tageszeitungen satteln auf Bewegtbild um. <strong>SUMO</strong> sprach<br />

mit Vera Gasber, Videoredakteurin bei „Heute“ (nunmehr ARD), und Markus<br />

Leodolter, Leiter des Videoteams der „Kleinen Zeitung“, über Bewegtbildformate<br />

von Tageszeitungen.<br />

Ist Print tot?<br />

Fragt man sich angesichts sinkender<br />

Auflage- und Verkaufszahlen sowie<br />

der Umorientierung von Printmedien<br />

hin zu anderen journalistischen Darstellungsformen.<br />

Neun Minuten (2,8 %<br />

der gesamten Mediennutzungsdauer)<br />

werden pro Tag durchschnittlich von<br />

allen 14- bis 29-Jährigen ÖsterreicherInnen<br />

erübrigt, um sich Tageszeitungen<br />

zu widmen. Das geht aus einer<br />

2017 publizierten Studie des Instituts<br />

für Markt- und Sozialanalysen (IMAS)<br />

hervor. Bewegtbildinhalte (inkl. klassischem<br />

Fernsehen, Video-on-Demand,<br />

etc.) kommen auf über 90 Prozent in<br />

derselben Alterskohorte, so eine Studie<br />

der RTR. Jene Prozentzahlen liegen<br />

auch in österreichischen Medienhäusern<br />

vor und sind mitunter Grund für<br />

die wachsende Anzahl an Videoinhalten<br />

von Tageszeitungen im Onlinebereich.<br />

Dass Menschen unter 30 nur schwer<br />

mit reinem Printangebot zu begeistern<br />

sind, ist zwar kein Geheimnis – dennoch<br />

bringt diese Entwicklung (fast alle)<br />

Mediengattungen in Zugzwang, vor allem<br />

aber Printprodukte.<br />

Warum Print auf Videoinhalte setzt<br />

Vor über zehn Jahren begannen Tageszeitungen<br />

wie etwa die steirische „Kleine<br />

Zeitung“ Videos einzubinden. 2007<br />

startete die Produktion von Bewegtbildmaterial,<br />

mittlerweile ist das Team<br />

rund um Markus Leodolter ein wichtiger<br />

Bestandteil der Redaktion. „Wir haben<br />

erkannt, dass es Inhalte gibt, die als<br />

Video besser greifbar werden als durch<br />

Artikel mit Fotos“, erklärt Leodolter. Seit<br />

letztem Jahr gibt es in der Wiener Redaktion<br />

von „Heute“ mit Vera Gasber<br />

eine fix angestellte Videoredakteurin.<br />

Zudem liefert ein externer Kameramann<br />

der Tageszeitung seit mehreren<br />

Jahren regelmäßig Videobeiträge zu.<br />

Gemeinsam mit der „Krone“ und „W24“,<br />

mit welcher man in Videobelangen eine<br />

Partnerschaft pflegt, schickt man täglich<br />

ein Team zu aktuellen Ereignissen,<br />

das je nach Anlass vor Ort Livebilder<br />

liefert. Neben eigenproduzierten Videos<br />

bietet „Heute“ auch Videos von LeserreporterInnen<br />

an. Diese stellen „Heute“<br />

Videos zur Verfügung und bilden einen<br />

wichtigen Bestandteil des Videoportfolios<br />

der Tageszeitung. Zudem ist ein<br />

© Copyright: adobe stock/igor terekhov<br />

Print in Bewegung: Videoinhalte von Tageszeitungen<br />

7


© Copyright: Pixabay<br />

Beweggrund für die Zunahme an Videoinhalten<br />

ein finanzieller. „Werbung<br />

ist ein wichtiges Schlagwort bei uns“,<br />

so Gasber. Werbeplätze könnten durch<br />

die höher werdende Frequenz auf den<br />

Videoportalen sehr gut verkauft werden.<br />

Ähnlich sieht man das auch bei der<br />

„Kleinen Zeitung“: „Die Verweildauer,<br />

die durch das Rezipieren von Videos<br />

entsteht, ist in der Werbewirtschaft<br />

nicht unwesentlich“, ergänzt Leodolter.<br />

Zudem ermöglichen es Livestreams,<br />

aktuelle Themen zeitnah zu publizieren:<br />

„Reguläre Printprodukte haben gegenüber<br />

Video-Livestreams den Nachteil,<br />

nicht drei oder vier Sekunden, sondern<br />

Stunden zeitversetzt zu sein“, so der<br />

Videoredakteur. Die Antwort auf die<br />

Frage nach der Zielgruppe für Videoangebote<br />

ist eine einfache. „Zwar haben<br />

wir uns im Vorhinein kein Zielgruppenraster<br />

zurechtgelegt, aber natürlich<br />

sind die Menschen, die wir mit Videos<br />

erreichen, eher jung“, erklärt man seitens<br />

„Heute“. Dennoch hänge das Alter<br />

von RezipientInnen laut Leodolter stark<br />

vom Inhalt des Videos ab: „Wenn es um<br />

Politik geht, sieht das Durchschnittsalter<br />

anders aus, als bei Videos aus dem<br />

Chronikressort“.<br />

Tag X<br />

Am 18. Dezember 2017 wurde nicht nur<br />

die ÖVP-FPÖ-Regierung angelobt, sondern<br />

auch eines der im Dezember meist<br />

aufgerufenen eigenproduzierten Videos<br />

von „Heute“ gedreht. „Tag X war eines<br />

der stärksten Videos“, erinnert sich Gasber.<br />

An Tag X, der eine Regierungsbeteiligung<br />

der FPÖ bezeichnet, wurde in der<br />

Wiener Innenstadt eine Demonstration<br />

veranstaltet, die Gasber mit Mobile Reporting<br />

Equipment begleitete. Mit Mobile<br />

Reporting ist das Drehen und Schneiden<br />

mit dem Smartphone gemeint. Dazu<br />

passendes Equipment ist zum Beispiel<br />

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14:54<br />

Vera Gasber<br />

Copyright: Sabine Hertel<br />

Markus Leodolter<br />

Copyright: Jürgen Fuchs<br />

ein leichtes Reisestativ, ein Smartphone<br />

mit Apps von speziellen Aufnahme- und<br />

Schnittprogrammen, externe Kameralinsen<br />

und Mikros.<br />

Der Vorteil von Mobile Journalism liege<br />

in der Flexibilität und Aktualität – unabhängig<br />

von behäbigen Kameras zu<br />

agieren, kann einen wichtigen Vorsprung<br />

verschaffen. Weiters hat man<br />

den Vorteil, dass Smartphones für InterviewpartnerInnen<br />

ohne Medienerfahrung<br />

eine angenehmere Atmosphäre<br />

schaffe. „Smartphones wirken für die<br />

Befragten weniger bedrohlich als große<br />

Kameras. Die GesprächspartnerInnen<br />

können somit freier sprechen und das<br />

Interview ist authentischer“, zeigt Gasber<br />

auf.<br />

Nichtsdestotrotz geht es in Bezug auf<br />

die Inhalte von Videos meist mehr um<br />

das ,Was’ als um das ,Wie’. Zwar bereite<br />

man die unterschiedlichsten Geschehnisse<br />

aus den Ressorts als Video auf, es<br />

seien jedoch zum Großteil „Chronikgeschichten“,<br />

die bei ZuseherInnen gut ankämen,<br />

klärt Leodolter auf. Grund hierfür<br />

sind lokale Verankerungen: „Wenn<br />

etwas im Nachbarort passiert, ruft das<br />

mehr Interesse hervor als Nachrichten<br />

aus der Landeshauptstadt“. Bei der<br />

„Kleinen Zeitung“ seien das beispielsweise<br />

Videos von Autobergungen oder<br />

Berichte über Brände. Auch bei „Heute“<br />

ist das Ressort Chronik eines der am<br />

besten funktionierenden – „genau das<br />

macht die Marke ,Heute’ auch aus – lokal<br />

verankerte Nachrichten“, so Gasber.<br />

Videos, die aus dem Ressort Wirtschaft<br />

stammen seien bei RezipientInnen<br />

der „Kleinen Zeitung“ weniger beliebt.<br />

„Aber auch da gibt es gewisse Ausnahmen.<br />

Videos, die mit Reizwörtern wie<br />

,Tesla’ oder ,Bitcoin’ in Zusammenhang<br />

stehen, werden gut von NutzerInnen<br />

angenommen. Eines hätten alle Videos<br />

laut Gasber aber gemeinsam: Das Ziel<br />

eine „ungefilterte Sichtweise zu transportieren“.<br />

Planbarkeit und Spontanität<br />

Doch wie werden Videoinhalte von Tageszeitungen<br />

produziert? Und auf welche<br />

Schwierigkeiten stößt man? Bei<br />

„Heute“ unterscheidet man bei der Videoproduktion<br />

zwischen Nachrichten,<br />

welche sofort oder zu einem späteren<br />

Zeitpunkt produziert werden müssen.<br />

„Mein Tagesablauf ist nur schwer planbar<br />

und oftmals spontan“, berichtet<br />

Gasber. Auch die „Kleine Zeitung“ ist mit<br />

dieser Schwierigkeit vertraut: „Da wir<br />

als lokale Tageszeitung einen Fokus auf<br />

dem Ressort Chronik haben, sehen wir<br />

uns zu einem gewissen Grad mit dem<br />

Problem der Planbarkeit konfrontiert.<br />

Kein Bankräuber oder Unfalllenker ruft<br />

im Vorhinein in der Redaktion an und<br />

gibt uns Bescheid“, spitzt Leodolter zu.<br />

Daher versuche man durch an verschiedenen<br />

Orten positionierte VideoredakteurInnen<br />

dem Problem entgegenzuwirken<br />

und zumindest eine gewisse<br />

Strukturiertheit zu schaffen. Sowohl bei<br />

„Heute“ als auch bei der „Kleinen Zeitung“<br />

findet man, abhängig von Termin<br />

und Relevanz der Geschichte, Teamgrößen<br />

von bis zu drei RedakteurInnen vor.<br />

Quo vadis, Print?<br />

Ist die passendere Frage angesichts<br />

sinkender Auflage- und Verkaufszahlen<br />

sowie der Umorientierung von Printmedien<br />

hin zu anderen journalistischen<br />

Darstellungsformen. Medienkonvergenz<br />

kann Print bereichern, sofern<br />

man sich den Veränderungen die damit<br />

einhergehen auch adäquat stellt. Den<br />

ersten Schritt in Richtung Zukunft haben<br />

Tageszeitungen also schon getan<br />

– wohin es letztendlich geht, ist aber<br />

nicht in Stein gemeißelt. Eines ist aber<br />

sicher: Print ist nicht tot, es entwickelt<br />

bloß sich weiter.<br />

von Anna Putz<br />

Lass es gar nicht erst<br />

so weit kommen!<br />

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Print in Bewegung: Videoinhalte von Tageszeitungen<br />

9


© Copyright: Ingo Pertramer<br />

Journalismus:<br />

Print versus Video<br />

Was unterscheidet das „Handwerk“ von Print- und Video-JournalistInnen?<br />

<strong>SUMO</strong> hat Robert Misik (Video-Blogger „FS-Misik“ auf<br />

„derstandard.at“, Autor und Publizist) und Benedikt Narodoslawsky<br />

(Redakteur bei „Falter“) zu ihren Tätigkeiten befragt.<br />

Mit breiter Zugänglichkeit des<br />

Internet und der ansteigenden<br />

Alltagspräsenz von sozialen<br />

Netzwerken haben sich auch<br />

im Journalismus neue, erweiterte<br />

Formen entwickelt. Jede/r<br />

mit funktionierendem Internetanschluss<br />

hat die Möglichkeit,<br />

online journalistisch tätig zu<br />

werden und der Öffentlichkeit<br />

Informationen zu liefern. Auf<br />

Videoplattformen wie „YouTube“<br />

und Co. drängt sich seit geraumer Zeit<br />

das Format des Vlogs ins Zentrum der<br />

Aufmerksamkeit, wie aus der genannten<br />

Studie von Andreas Gebesmair, Leiter<br />

des Instituts für Medienwirtschaft<br />

an der FH St. Pölten, hervorgeht. Vlog<br />

bedeutet Video-Blog, also zumeist das<br />

periodische Berichten über das eigene<br />

Leben und die eigenen Meinungen. Dies<br />

ist per se noch kein Journalismus in der<br />

gängigen Definition: nämlich die hauptberufliche<br />

„Erarbeitung bzw. Verbreitung<br />

von Informationen, Meinungen<br />

und Unterhaltung durch Medien mittels<br />

Wort, Bild, Ton oder Kombinationen<br />

dieser Darstellungsmittel“, so der deutsche<br />

Journalistenverband.<br />

Themenfindung und Recherche<br />

Egal ob Video- oder Print-Journalismus,<br />

das Erstellen eines Beitrages beginnt<br />

bei der Themenfindung. Doch dabei<br />

bestehen bereits Unterschiede, wie<br />

Robert Misik, Ersteller des Video-Kommentars<br />

„FS-Misik“ auf „derstandard.<br />

at“ und Benedikt Narodoslawsky, Redakteur<br />

bei „Falter“ berichten. Für seinen<br />

wöchentlichen Video-Blog – mittlerweile<br />

567 Folgen (Stand: September<br />

2018) – verfolgt Robert Misik das<br />

© Copyright: adobe stock/suriya silsaksom<br />

Journalismus: Print versus Video


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politische sowie gesellschaftliche Geschehen<br />

und befasst sich dabei hauptsächlich<br />

mit Themen, welche seiner<br />

Expertise entsprechen. Im Print-Journalismus<br />

beginnt die Themenfindung<br />

zumeist in der Redaktion. Entweder<br />

wird durch ein Brainstorming ein passendes<br />

Thema gesucht, oder man lässt<br />

sich von Geschehnissen, Beobachtungen<br />

und dem eigenen Freundeskreis<br />

inspirieren. „Alles was mich persönlich<br />

fesselt, kann eine Geschichte sein“, erklärt<br />

Narodoslawsky. Bei der Themenauswahl<br />

treten weitere Unterschiede<br />

hervor. Im Video-Blog, der in Misiks Fall<br />

in kompletter Eigenleistung entsteht,<br />

ist die Themenwahl äußerst frei. Im<br />

Vergleich dazu muss sich in der „Falter“-Redaktion<br />

das Thema vorher in<br />

einigen Punkten behaupten, bevor es<br />

zu einer Freigabe kommt. Bereits bei<br />

der Themenfindung gilt es, die zugehörige<br />

Ressort-Passung zu bedenken.<br />

Dennoch muss dieses Thema in der Redaktionssitzung<br />

bestmöglich verkauft<br />

werden. Die endgültige Entscheidung<br />

über die Wahl liegt bei der Chefredaktion,<br />

wobei davor bereits KollegInnen<br />

ihre Meinung Kund getan haben. Denn<br />

wenn man schon an der Überzeugung<br />

der KollegInnen scheitert, liegen die<br />

Chancen schlecht, dass die Leserschaft<br />

von der Thematik mitgerissen wird, so<br />

Narodoslawsky.<br />

Nach der Freigabe beginnt die wirkliche<br />

Arbeit. Zuallererst muss man sich<br />

entscheiden, wie man die Geschichte<br />

aufbereiten möchte und abgestimmt<br />

darauf sowie gemessen am eigenen<br />

Fachwissen zu der Thematik, den Umfang<br />

der Recherchearbeit anpassen.<br />

Misik hingegen betreibt nur wenig Recherche<br />

ausschließlich für den Vlog,<br />

da es sich grundsätzlich um ein Meinungsformat<br />

handelt. Dabei publiziert<br />

er einen Kommentar zu Thematiken,<br />

über die er entweder für andere Projekte<br />

bereits recherchiert hat oder über<br />

ausreichend Fachwissen verfügt. Die<br />

einzige im <strong>SUMO</strong>-Interview erwähnte<br />

Ausnahme bezieht sich auf wochenaktuelle<br />

Themen, wofür die Meldungslage<br />

von hoher Bedeutung ist.<br />

Gestaltung und Bearbeitung der Inhalte<br />

Hierbei differieren die journalistischen<br />

Spektren am stärksten. „FS-Misik“ ist<br />

eine „One-Man-Show“, bei der Misik<br />

die komplette Produktion abwickelt,<br />

beginnend bei der Konzeption, über das<br />

Schreiben des Skripts bis zum Drehen<br />

und Schneiden des Videos. Der einzige<br />

Schritt, der in diesem Prozess von<br />

einem Dritten übernommen wird, ist<br />

das Veröffentlichen auf der Startseite<br />

von „derstandard.at“ durch den Chef<br />

vom Dienst. Bezüglich der Freigabe der<br />

Inhalte hat Misik vollkommene Freiheit,<br />

da er das Video als Endfassung bereitstellt<br />

und somit nachträgliche Änderungen<br />

eher schwierig sind. Diese werden<br />

nur im äußersten Notfall getätigt,<br />

wenn beispielsweise problematische<br />

Formulierungen im Video vorkommen,<br />

was Misik nur zweimal in zehn Jahren<br />

passiert ist und mit einer Überarbeitung<br />

des Schnittes gelöst wurde.<br />

Journalismus: Print versus Video<br />

11


ORF. WIE WIR.<br />

RADIO NIEDERÖSTERREICH<br />

DIE MUSIK MEINES LEBENS<br />

ORF NIEDERÖSTERREICH<br />

NIEDERÖSTERREICH HEUTE IN HD<br />

DA BIN ICH DAHEIM<br />

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TÄGLICH UM 19.00 UHR IN ORF 2 N<br />

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ORF NIEDERÖSTERREICH Radioplatz 1, 3109 St.Pölten<br />

Tel. 02742/22 10-0 - Fax 02742/22 10-23891 Publikumsservice: Tel. 02742/23330<br />

In Narodoslawskys Redaktion dagegen<br />

gibt es eine klare Rollenverteilung.<br />

Grundsätzlich macht jede/r seinen/ihren<br />

Job und trägt mit ihren beziehungsweise<br />

seinen Stärken zum Endprodukt,<br />

das aus tief recherchierten, inhaltlich<br />

korrekten, spannenden Artikeln besteht,<br />

bei. Vor der Freigabe der Story<br />

läuft diese durch: Erstkontrolle und<br />

Verständlichkeitstest, Prüfung durch<br />

die Chefredaktion, zweimalige Lektorats-Kontrolle<br />

und anschließend Freigabe<br />

durch den/die ChefIn vom Dienst.<br />

Parallel zu diesem Prozess werden<br />

beim Bearbeiten eventuelle Fehler oder<br />

problematische Stellen identifiziert, die<br />

durch den/die AutorIn laufend überarbeitet<br />

werden. Ab diesem aufwändigen<br />

Prozess ist der Komplett-Ausfall eines<br />

Artikels eher unwahrscheinlich.<br />

Das Risiko ist bei der Ein-Mann-Produktion<br />

von Robert Misik diesbezüglich<br />

deutlich höher. Obwohl dieses<br />

Video-Format grundsätzlich überall<br />

umsetzbar und zeitunabhängig ist, da<br />

man solche Beiträge länger im Vorhinein<br />

drehen kann, sei die Verlässlichkeit<br />

der wöchentlichen Erscheinung<br />

für die User-Community sehr bedeutsam,<br />

so Misik.<br />

Journalistische Berufsethik und Glaubwürdigkeit<br />

In Sachen der Berufsethik und der Verinnerlichung<br />

des Ehrenkodex für die<br />

österreichische Presse sind sich beide<br />

Journalisten einig. Vernunft, Erfahrung<br />

und Routine helfen dabei, laut Narodoslawsky<br />

dient auch die Feedback-Schleife<br />

als ein Kontrollmittel.<br />

Hinsichtlich der Ansprüche der RezipientInnen<br />

stimmt die Meinung der<br />

Interviewten mit den Ergebnissen einer<br />

Studie über die Glaubwürdigkeit, Authentizität<br />

und Nähe der Kreativen auf<br />

„YouTube“ überein. Diese Studie wurde<br />

von iconkids & youth im Auftrag von<br />

„Google“ im Oktober 2015 durchgeführt<br />

und besagt, dass Kreative auf „YouTube“<br />

als besonders zugänglich, authentisch<br />

und glaubwürdig gesehen werden. Robert<br />

Misik: „Mit Video baut man eine<br />

Nähe auf, die der Text nie hat.“ Und:<br />

Videojournalismus sei viel polarisierender,<br />

da man die Person direkt vor Augen<br />

hat. Durch diese künstliche Nähe über<br />

das Bewegtbild kann der Inhalt authentischer<br />

wirken und stärkere Emotionen<br />

hervorrufen, die in Form von Print-Journalismus<br />

sehr schwer zu erreichen sind,<br />

konstatiert auch Narodoslawsky.<br />

Konkurrenz oder natürliche Weiterentwicklung<br />

Narodoslawsky gibt zu bedenken, dass<br />

es sich grundsätzlich um zwei verschiedene<br />

Medien handelt, die auch<br />

unterschiedlich wirken. Jedoch befinden<br />

sich beide permanent im Kampf um<br />

Aufmerksamkeit und somit sei jegliche<br />

journalistische Gattung eine Konkurrenz.<br />

Aufgrund der Konvergenz der Mediengattungen<br />

sei es wichtig, so Misik,<br />

diese neuen Technologien zu beherrschen,<br />

um weiterführende Möglichkeiten<br />

wahrnehmen zu können.<br />

Es war die Jahrtausendwende, als es<br />

ihm, dem freien Journalisten, klar wurde,<br />

dass er sich mit neuen Technologien<br />

vertraut machen muss, um konkurrenzfähig<br />

zu bleiben. Und es gelang:<br />

Misik schreibt und bloggt regelmäßig<br />

für Tages- und Wochenzeitungen, der<br />

Video-Blog des prononcierten Linken<br />

erhielt dieses Jahr durchschnittlich um<br />

die 3.700 Aufrufe .<br />

von Bettina Berger<br />

12<br />

Journalismus: Print versus Video


Mediatheken:<br />

das neue Fernsehen<br />

Fernsehen, wo und wann man will – Mediatheken von TV-Sendern<br />

machen es möglich. <strong>SUMO</strong> sprach mit Lisa Zuckerstätter,<br />

Leiterin der ORF-„TVThek“, und Markus Bacher, Geschäftsleiter<br />

ProSiebenSat.1 Digital und Distribution bei der „ProSieben-<br />

Sat.1PULS4“-Gruppe, über Onlineangebote von Fernsehanstalten.<br />

Traditionelles Fernsehen erfährt mehr<br />

Konkurrenz denn je – vor allem aus dem<br />

Netz. Die Lösung: Mediatheken. Befreit<br />

von starren Programmschemata bieten<br />

Fernsehsender ihre Inhalte auch online<br />

zum Abruf an. Welche Rolle sendereigene<br />

Videoplattformen für TV-Anbieter<br />

spielen und warum Mediatheken als die<br />

„Zukunft des Fernsehens“ bezeichnet<br />

werden.<br />

Junge Menschen rezipieren online<br />

Beim jungen Publikum zwischen 14 und<br />

29 Jahren lässt sich ein deutlicher Trend<br />

weg von klassisch linearer TV-Nutzung<br />

hin zu non-linearen Onlinediensten bemerken,<br />

wie eine Studie der RTR zeigt.<br />

„Junge UserInnen, also die strategische<br />

wichtige Gruppe zwischen 14 und 30,<br />

holt man mit Onlineangeboten ab –<br />

auch im Bewegtbildbereich“, so Lisa<br />

Zuckerstätter, interimistische Leiterin<br />

der ORF-„TVThek“. Auch anhand von<br />

anderen Onlineangeboten des<br />

ORF, wie etwa ORF.at, erkenne<br />

man, dass junge Menschen Inhalte<br />

anders nutzen möchten<br />

als noch vor 20 Jahren.<br />

© Copyright: ProSiebenSat.1PULS4<br />

Ähnlich sieht der Zugang<br />

innerhalb der „ProSieben-<br />

Sat.1PULS4“-Gruppe aus:<br />

„Strategisch gesehen spielen<br />

unsere Mediatheken, unabhängig<br />

vom Distributionskanal,<br />

eine extrem große Rolle“,<br />

meint Markus Bacher, der die<br />

Geschäftseinheit Digital und<br />

Distribution der Sendergruppe leitet.<br />

„Unsere Erfahrungen zeigen, dass sich<br />

die Reichweiten zwar nach Zielgruppe<br />

verschieben, jedoch insgesamt steigen.<br />

Wir stellen dabei unser Kerngeschäft<br />

immer breiter auf und schaffen es dadurch<br />

diese Verschiebungen bestmöglich<br />

aufzufangen. Fernsehen wird über<br />

© Copyright: adobe stock/Gandini<br />

Mediatheken: das neue Fernsehen<br />

13


Entweder, oder? Ich will alles.<br />

Johannes, 24 Jahre<br />

Teile deinen persönlichen #glaubandich Moment auf:<br />

Was zählt,<br />

sind die Menschen.<br />

digitale Verbreitungswege anders konsumiert<br />

als in der Vergangenheit. Diese<br />

Entwicklung sehen wir aktuell immer<br />

stärker und wir versuchen dabei nun<br />

die Inhalte für jede Nutzungsart attraktiv<br />

zu gestalten“, sagt Bacher.<br />

Rahmenbedingungen und Organisation<br />

Gestützt auf das ORF-Gesetz und damit<br />

einhergehenden Rahmenbedingungen<br />

stellt der ORF Inhalte auf der<br />

„TVThek“ kostenlos zur Verfügung. Dabei<br />

sind Einschränkungen, wie etwa die<br />

7-Tage-Verfügbarkeit, zu beachten und<br />

bis auf gewisse Ausnahmen einzuhalten.<br />

Beispiel für eine solche Ausnahme<br />

sind etwa Sendereihen (z. B. „Sommergespräche“),<br />

bei denen ein inhaltlicher<br />

Bogen gespannt werden müsse, legt<br />

Zuckerstätter dar. In derartigen Fällen<br />

ist die erste Folge der Sendereihe<br />

bis zu sieben Tage nach Ausstrahlung<br />

der letzten Folge online verfügbar, um<br />

NutzerInnen die Möglichkeit zum Vergleich<br />

offen zu halten.<br />

Im Gegensatz dazu können private<br />

Sender ihre Mediatheken nach eigenem<br />

Ermessen gestalten. Neben herkömmlichen<br />

Onlinevideotheken der<br />

einzelnen Sender betreibt die „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe<br />

seit August<br />

2017 auch die senderübergreifende<br />

„ZAPPN“-App. Neben Eigenproduktionen<br />

der Sendergruppe ist es auch möglich,<br />

auf fremdproduzierte Inhalte wie<br />

Serien und Shows zuzugreifen. Ein<br />

Punkt, in dem sich öffentlich-rechtliche<br />

Mediatheken von privaten geringfügig<br />

unterscheiden, ist der Jugendschutz.<br />

Während die „TVThek“ zeitliche Sperren<br />

für bestimmte Inhalte (z.B. „Tatort“)<br />

vorsieht, schneidet man in Mediatheken<br />

der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe Inhalte<br />

entweder entsprechend um oder<br />

setzt zeitliche Schranken. Hinsichtlich<br />

der Personalstärke ähneln sich öffentlich-rechtlicher<br />

und privater Rundfunk<br />

aber: Um die 20 MitarbeiterInnen sind<br />

mit der Betreuung der Mediathek beschäftigt.<br />

„Unsere Redaktion ist fast<br />

rund um die Uhr besetzt“, so Zuckerstätter,<br />

„auch von ein Uhr früh bis 05:30<br />

ist mindestens eine Person hier, um das<br />

Fernsehprogramm abzudecken“. Markus<br />

Bacher hebt vor allem das zehnköpfige<br />

Team der Produktentwicklung<br />

und ein zehnköpfiges Online-Redaktionsteam<br />

hervor, das maßgebend am<br />

Erfolg der digitalen Produkte der Sendergruppe<br />

beteiligt sei.<br />

Which Content is King?<br />

„Es sind genau die Dinge, die gut gehen,<br />

von denen man es sich erwartet. ,Willkommen<br />

Österreich’, ,Tatort’, aber auch<br />

politische Ereignisse kommen in der<br />

,TVThek’ gut an“, resümiert Zuckerstätter.<br />

Nicht zu vernachlässigen seien auch Livestreams<br />

von großen Sportevents, wie<br />

etwa Olympiaden oder Ski-Weltmeisterschaften.<br />

Durchschnittlich verzeichnete<br />

der ORF mit der „TVThek“ im vergangenen<br />

Jahr 10,9 Millionen Nettoviews, derzeit<br />

verbucht man 1,29 Millionen monatliche<br />

UserInnen auf der Onlineplattform.<br />

Spitzenzeiten in der Nutzung sind laut<br />

Zuckerstätter die Primetime und das<br />

Wochenende, wobei im Speziellen sonntags<br />

UserInnen aktiver sind.<br />

„Eigentlich ist es ganz einfach: Was im<br />

Fernsehen gut geht, kommt auch digital<br />

gut an. ,2 Minuten, 2 Millionen’, ‚Germany’s<br />

Next Top Model‘, ,Sehr witzig’ oder<br />

,Bauer sucht Frau’ sind gute Beispiele<br />

dafür“, erklärt Bacher. Dennoch gebe<br />

es auch Special Interest-Ausreißer, wie<br />

etwa Animes oder Mangas, die laut Bacher<br />

ein gutes Beispiel für die breite Vielfalt<br />

von Interessen diverser Zielgruppen<br />

darstellen. Die Brutto-Views der pri-<br />

14<br />

Mediatheken: das neue Fernsehen


vaten Sendegruppe stiegen vom ersten<br />

Quartal 2017 auf das erste Quartal<br />

2018 insgesamt um plus 111 Prozent<br />

– die meisten Zugriffe verzeichnete die<br />

diesjährige Staffel von „Germany’s next<br />

Topmodel“ mit insgesamt 8,6 Millionen<br />

Brutto-Views. Die App „ZAPPN“ konnte<br />

dabei am Stärksten zum Wachstum beitragen<br />

und verzeichnet so innerhalb des<br />

ersten halben Jahres nach Launch über<br />

400.000 Downloads. „ZAPPN“ ist somit<br />

die größte kostenfreie Live-TV Streaming<br />

App am österreichischen Markt.<br />

Nichtsdestotrotz müsse man zwischen<br />

regulären Mediatheken und der<br />

„ZAPPN“-App differenzieren: Bei ersteren<br />

stehe herkömliche Video-on-Demand-Nutzung<br />

im Vordergrund, bei der<br />

App jedoch eher Liveübertragungen.<br />

Was Mediatheken verändern<br />

„Wir machen die Angebote durch die<br />

,TVThek’ noch sichtbarer“, erläutert Zuckerstätter.<br />

Da die Mediathek des öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunks jedoch<br />

werbefrei ist, konnte mit der „TVThek“<br />

kein neues Geschäftsmodell erschlossen<br />

werden. Im Gegensatz zu privaten<br />

Anbietern: „Durch Mediatheken konnten<br />

wir neue Wege der Digitalvermarktung<br />

öffnen“, so Bacher. Man profitiere<br />

sowohl von digitaler Bewegtbildvermarktung<br />

auf eigenen Videoportalen,<br />

als auch durch die bevorstehende Möglichkeit<br />

der Quotenintegration durch die<br />

Hybridquote. Sowohl im ORF als auch<br />

in der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe<br />

wurden erst kürzlich neueste Messtechnologien<br />

implementiert. Hintergrund:<br />

Bislang konnten Zugriffe auf Mediatheken<br />

nicht in TV-Quoten integriert<br />

werden. Mit den neu angeschafften<br />

Messsystemen steht der Zusammenführung<br />

von TV-Quoten und Zugriffen<br />

in Mediatheken nichts mehr im Wege.<br />

Ausblick<br />

Fernsehen und Internet wachsen immer<br />

mehr zusammen. Das zeigen nicht nur<br />

Video-on-Demand-Dienste wie „Netflix“<br />

und „Amazon Prime“, sondern auch<br />

Mediatheken. Ähnlich wie die BBC denkt<br />

die „ProSiebenSat.1PULS4“-Sendergruppe<br />

an eigens generierte Inhalte für<br />

ihre Mediatheken, der ORF „derzeit noch<br />

nicht“, da das Angebotskonzept dies<br />

nicht zulasse. Dafür arbeite man kontinuierlich<br />

an der Verbesserung der Bildqualität<br />

und der Ausweitung des Streaming-Angebots.<br />

Der nächste Schritt für<br />

die private Sendegruppe ist der Sprung<br />

auf alle Devices mit der senderübergreifenden<br />

App. Ob das Produkt auch in Zukunft<br />

weiterhin kostenlos zur Verfügung<br />

stehen wird, ist noch unklar. Pläne, wie<br />

es mit Mediatheken in Zukunft weitergehen<br />

soll, gibt es also zur Genüge.<br />

von Anna Putz<br />

© Copyright: pexels<br />

Mediatheken: das neue Fernsehen<br />

15


„YouTube“ als Plattform für<br />

politische Kommunikation<br />

„Facebook“ oder „Twitter“ bieten politischen AkteurInnen eine einfache,<br />

direkte Ansprache ihrer Anhängerschaft, desgleichen „YouTube“. Auch<br />

politisch extreme Gruppierungen versuchen mithilfe dieser Kanäle an<br />

Aufmerksamkeit und Reichweite zu gelangen. Neben der Darstellung<br />

ausgewählter Kanäle der Szene gibt Dr. Christian von Sikorski (Institut für<br />

Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Univ. Wien) im <strong>SUMO</strong>-Interview<br />

Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse.<br />

Im direkten Vergleich zu YouTuberInnen<br />

aus den Bereichen Beauty, Lifestyle<br />

oder Gaming mag eine Zahl von 42.000<br />

AbonnentInnen marginal erscheinen.<br />

Für Martin Sellner, den führenden Akteur<br />

der „Identitären Bewegung Wien“,<br />

stellt die Videoplattform ein wichtiges<br />

Instrumentarium dar. Neben Auftritten<br />

bei Veranstaltungen wie der ,,Pegida“ in<br />

Deutschland leistet sein eigener „You-<br />

Tube“-Kanal einen gewichtigen Beitrag,<br />

um an seinem Ziel des ,,Abbaus multikulturellen<br />

Meinungsdogmas“ (Zitat) zu<br />

arbeiten. Ein Beispiel aus dem Nachbarland<br />

ist der von zwei jungen Deutschen<br />

betriebene Kanal „Laut gedacht“. Unter<br />

Videotiteln wie „Islam wird Staatsreligion“<br />

werden noch relativ harmlose<br />

Vlogs mit patriotischen, religiösen und<br />

kulturellen Thematiken ausgespielt. Es<br />

gibt aber auch Kanäle wie die „Vulgäre<br />

Analyse“ oder „Reconquista Germania“,<br />

in denen mit härteren Umgangsformen<br />

antisemitische, rassistische oder sexistische<br />

Inhalte verbreitet werden.<br />

© Copyright: adobe stock/PHOTOMORPHIC PTE. LTD.<br />

16<br />

„YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation


Christian von Sikorski sieht das Aufkommen<br />

solcher Kanäle als ein Resultat<br />

auf die in letzter Zeit gehäuft auftretenden<br />

„externen Events“, also Ereignissen<br />

wie der sogenannten Flüchtlingskrise.<br />

Solche Vorkommnisse nutzen und instrumentalisieren<br />

rechtsextreme Gruppierungen<br />

gezielt zur Verbreitung ihres<br />

Gedankenguts.<br />

Gefahrenpotenzial ist nicht zu unterschätzen<br />

Von Sikorski hebt dabei den primären<br />

Unterschied zwischen den klassischen<br />

und den sogenannten neuen Medien<br />

hervor. Während professionelle JournalistInnen<br />

nach ganz bestimmten Grundsätzen<br />

agieren, bietet sich uns auf<br />

„Facebook“ und anderen Online-Plattformen<br />

ein anderes Bild. Jeder darf hier<br />

seine Meinung frei äußern, ob in Form<br />

von Texten, Bildern oder Kommentaren.<br />

Im Gegensatz zu textlastigeren Plattformen<br />

wie „Facebook“ oder „Twitter“<br />

ist „YouTube“ bereits per Definition eine<br />

Videoplattform. Was bedeutet, dass<br />

das Visuelle klar im Vordergrund steht.<br />

Bezogen auf die Forschung, habe gerade<br />

das einen stärkeren Einfluss auf die<br />

menschliche Wahrnehmung. Da uns<br />

laut von Sikorski Bewegtbilder subtiler<br />

beeinflussen, genüge es bereits Fotos<br />

von großen Gruppen von Zuwander-<br />

Innen in einem Grenzgebiet zu zeigen.<br />

Damit löse man Emotionen aus, ohne<br />

explizit etwas anmerken zu müssen.<br />

Diese Annahme wird bestätigt, wenn<br />

man das Videomaterial oben genannter<br />

Personen analysiert. Der Auftritt<br />

ist meist eher zurückhaltend als extrem.<br />

„Laut Gedacht“ und Konsorten<br />

treten unter dem Deckmantel auf, nur<br />

ein harmloser Nachrichten- und Lifestyle-Blog<br />

zu sein. Die Beiträge sind<br />

unterhaltsam, unterlegt mit viel Bildmaterial.<br />

Die neuen Rechten versuchen<br />

über Sprache und Kultur Rassismus und<br />

völkisches Denken gesellschaftsfähig<br />

zu machen. Politischer Einfluss soll dabei<br />

nicht über das Parlament, sondern<br />

direkt auf die Gesellschaft ausgeübt<br />

werden. Mit der Videoplattform ist das<br />

einfacher denn je.<br />

Uneingeschränkter Zugriff als zweischneidiges<br />

Schwert<br />

Stößt man auf Videos in denen hetzerisches<br />

oder rassistisches Gedankengut<br />

öffentlich zugänglich gemacht wird,<br />

kommt schnell der Impuls auf, diese<br />

einfach zu sperren. Die Frage, ob der<br />

uneingeschränkte Zugriff hier zu weit<br />

reicht, ist legitim. Der Kommunikationswissenschaftler<br />

distanziert sich<br />

jedoch von der Idee, „YouTube“ einzuschränken.<br />

„Wer entscheidet eigentlich,<br />

was verboten ist und was nicht? Grenzen<br />

zu ziehen liegt im Aufgabenbereich<br />

der Gesetzgebung. Es ist per Gesetz<br />

verboten, Hakenkreuze in jeglicher Art<br />

und Weise öffentlich darzustellen.“ Von<br />

Sikorski verweist an dieser Stelle aber<br />

auch auf die Meinungsfreiheit. Hier<br />

sei jede Form der Einschränkung mit<br />

äußerster Vorsicht zu betrachten. Um<br />

Folgeprobleme, wie eine Abwanderung<br />

in den Untergrund zu verhindern, solle<br />

jede/r das Recht haben seinen bzw.<br />

ihren Standpunkt öffentlich und ohne<br />

Bestrafung zu äußern. Werden Grenzen<br />

jedoch überschritten, müsse gehandelt<br />

werden. Es sei die Aufgabe der Plattformbetreiber,<br />

aber auch des Gesetzgebers<br />

und der Exekutive, der Verbreitung<br />

verbotener Inhalte entgegenzuwirken.<br />

Klassische Medien versus soziale Medien<br />

Der Großteil der Bevölkerung lehne<br />

Rechtsextremismus ab, suche daher<br />

auch nicht gezielt nach solchen Informationen<br />

und beziehe Wissen grundsätzlich<br />

über klassische Medien, stellt<br />

von Sikorski fest. Personen mit einer<br />

gefestigten Meinung, wie Menschen<br />

mit rechtem Gedankengut, suchen hingegen<br />

explizit nach Bestätigung ihrer<br />

Sichtweisen und rezipieren erfahrungsgemäß<br />

Publikumsmedien wie den ORF<br />

oder Qualitätszeitungen wie „Standard“<br />

oder „Presse“ deutlich selektiver. Sie<br />

bevorzugen vermeintlich informative<br />

neue Kanäle im Internet. Einer der<br />

meist besuchten Kanäle der Szene<br />

– der von Martin Sellner – kritisiert in<br />

vielen seiner Videos die etablierten<br />

Massenmedien. „Spiegel TV lügt“, „ORF<br />

= Fakenews“ oder „Danke ARD“ – vor<br />

allem politisch (vermeintlich) linksorientierte<br />

Massenmedien sind vielen<br />

Rechtsradikalen ein Dorn im Auge.<br />

Personen, die rechtsradikale Inhalte generieren,<br />

versuchen bewusst den Graubereich<br />

der Justiz bis zu dessen Grenzen<br />

auszukosten. Dieses Konzept geht<br />

auf. Erreicht werden zum Großteil Menschen,<br />

die ihre Meinung teilen und aktiv<br />

danach gesucht haben. Damit werden<br />

Beschwerden oder Strafen meist vermieden.<br />

Kommt es nun zu Ereignissen<br />

wie der „Flüchtlingskrise“, die die Anhängerschaft<br />

solcher Gruppierungen<br />

erweitern, besteht laut dem Experten<br />

das Risiko einer Polarisierung der Bevölkerung.<br />

Immer mehr Menschen sind<br />

dann für solche Informationen empfänglich.<br />

„Zukunft für Europa“, mit bekannten<br />

Gesichtern der rechten Szene<br />

wie Martin Sellner oder Tony Gerber,<br />

hat bereits eine Million Aufrufe. Darunter<br />

findet man einen Spendenaufruf<br />

für die „Identitäre Bewegung Deutschlands“<br />

und eine ausführliche Beschreibung,<br />

wie man Mitglied der Bewegung,<br />

„YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation<br />

17


die für ,,Heimat, Freiheit und Tradition“<br />

steht, wird. Videos wie diese richten<br />

ihre Botschaften gezielt an ein junges<br />

Publikum, das leicht zu beeinflussen ist.<br />

Gestaltungsmöglichkeiten der Beeinflussung<br />

Gruppierungen, die dem neurechten<br />

Spektrum zugeordnet werden arbeiten<br />

vernetzt. Es findet ein reger Austausch<br />

auf Veranstaltungen, aber auch online<br />

statt. Zusätzlich gibt es einen einheitlichen<br />

Auftritt der Anhängerschaft. So<br />

zeigen sich die zwei Darsteller hinter<br />

„Laut gedacht“ im abgestimmten Outfit<br />

mit Logo.<br />

Von Sikorski, der sich in seinen Publikationen<br />

u.a. mit politischer Kommunikation<br />

und deren Rezeption beschäftigt<br />

hat, nennt drei Gründe, warum gerade<br />

„YouTube“ ein optimales Tool darstellt,<br />

um das Zielpublikum in ihrer Wahrnehmung<br />

zu beeinflussen. Ersichtlich sei<br />

dies etwa in Werbeclips für PolitikerInnen.<br />

Primäres Ziel solcher Aufnahmen<br />

ist es, die eigene Person und eigene<br />

Standpunkte möglichst positiv zu präsentieren,<br />

während man seine Gegnerschaft<br />

in ein negatives Licht rückt. In<br />

einer von ihm kürzlich durchgeführten<br />

Studie wurden ProbandInnen Bildaufnahmen<br />

von PolitikerInnen, die in Skandale<br />

verwickelt waren gezeigt. Auf der<br />

einen wurde die Person alleine isoliert<br />

vor einem schwarzen Hintergrund abgebildet,<br />

auf der anderen vor einem<br />

weißen. Trotz der identischen Personendarstellung<br />

(Mimik, Gestik) und<br />

dem identischem Text wurden die Abgebildeten<br />

als negativer beurteilt, wenn<br />

der Hintergrund dunkel war. Dies zeigt,<br />

dass alleine die Farbe und Kontextualisierung<br />

einen Einfluss auf unsere Sichtweise<br />

nehmen können. Zusätzlich spielen<br />

auch der gewählte Kamerawinkel,<br />

wie auch Abspielgeschwindigkeit und<br />

andere Elemente der visuellen Gestaltung<br />

eine Rolle.<br />

Die zweite Ebene, fährt von Sikorski<br />

fort, sei alles Nonverbale im Video.<br />

Dazu zählt zum Beispiel alles was der/<br />

die AkteurIn macht, wie er oder sie sich<br />

präsentiert und zur Schau stellt. Körpersprache,<br />

Mimik und Gestik können im<br />

Gegensatz zu rein text- oder bildbasierten<br />

Darstellungsformen in Videoclips<br />

gezielt dazu verwendet werden, um die<br />

Wirkungsweise zu verstärken. Der dritte<br />

Bereich, den er nennt, umfasst all das,<br />

was noch über die non-verbale Komponente<br />

hinausreicht – die auditiven<br />

Elemente. Musik kann hier eine große<br />

Wirkung entfalten. Bilder von Flüchtlingsströmen,<br />

untermalt von dramatischer<br />

Musik, sollen negative Assoziationen<br />

hervorrufen. Daneben spielt auch<br />

die Sprache der AkteurInnen eine Rolle.<br />

Rechte Gruppierungen bedienen sich<br />

nicht selten einer veralteten Ausdrucksweise.<br />

Begriffe wie „Heimat“, „Volk“,<br />

„völkisch“ oder „Umvolkung“, die in der<br />

NS-Zeit missbräuchlich verwendet<br />

wurden, unterliegen einer starken Färbung.<br />

Solche Schlagwörter, kombiniert<br />

mit visuellen Informationen und Musik,<br />

werden gezielt eingesetzt und erzeugen<br />

nachgewiesenermaßen Effekte. Beachtet<br />

man diese drei Ebenen, kann man<br />

seine Botschaft sehr überzeugend an<br />

sein Publikum richten, klärt der Kommunikationswissenschaftler<br />

auf.<br />

Hauptzielgruppe von „YouTube“ besonders<br />

empfänglich<br />

Die größte Nutzergruppe der Videoplattform<br />

ist sehr jung, zum Teil noch<br />

minderjährig. Von Sikorski bezieht sich<br />

erneut auf seine Forschungsarbeit<br />

in diesem Gebiet. Durch langjährige<br />

Wirkungsforschung steht heute fest,<br />

dass Kinder und Jugendliche leichter<br />

und stärker beeinflussbar sind. Bestes<br />

Beispiel sei hier Werbung: Werbebotschaften<br />

an Kinder sind deshalb so<br />

erfolgreich, da diese bis zu einer gewissen<br />

geistigen Reife noch nicht wissen,<br />

wann es sich bei Content um bezahlte<br />

Werbung handelt. Inhalte, die zu einer<br />

gewissen Meinung überzeugen sollen<br />

werden viel leichter und besser angenommen.<br />

Hinzu kommt das Problem,<br />

dass junge Leute noch sehr flexibel in<br />

ihren Sichtweisen sind. Natürlich habe<br />

das auch seine Vorteile, meint der gebürtige<br />

Deutsche. Während Erwachsene<br />

stärker auf ihrer eigenen Meinung<br />

beharren, sind Jüngere noch offen für<br />

Neues. Trotzdem mache sie das auch<br />

anfälliger für negatives oder sogar gefährliches<br />

Gedankengut. Daher wenden<br />

sich Formate wie „Laut Gedacht“ explizit<br />

an eine junge Zielgruppe. Es wird<br />

nicht offensiv Hass gegen Flüchtlinge<br />

geschürt, sondern versucht, durch „lustige“<br />

Videos zu aktuellen politischen<br />

Debatten unterschwellige Botschaften<br />

zu verbreiten.<br />

Dr. Christian von Sikorski<br />

Copyright: Kathrin Weinkogl<br />

Wo fehlende Medienkenntnisse anfangen<br />

und Seriosität endet<br />

Ein gesellschaftlich unerwünschter<br />

Trend, der zunehmend auch viele Erwachsene<br />

trifft, ist das schwindende<br />

Gespür für die Seriosität einer Quelle.<br />

Von Sikorski erklärt, dass Personen,<br />

die mit klassischen Massenmedien wie<br />

dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk<br />

aufgewachsen sind, in der Regel skeptischer<br />

seien, wenn sie auf Informationen<br />

in Online-Medien stoßen. Egal ob<br />

sie nun eher politisch links oder rechts<br />

stehen, sie schenken von JournalistInnen<br />

verfassten Nachrichten wesentlich<br />

mehr Vertrauen bzw. fragen: Wer oder<br />

was ist hier der Sender einer Botschaft?<br />

Sie wissen, dass Quellen wie Qualitätsmedien<br />

vernünftig recherchieren<br />

und Fakten doppelt prüfen. Aktuelle<br />

Studien ergaben, dass diese Kenntnis<br />

Jugendlichen oft fehlt, wenn sie nicht<br />

mit klassischen Medien aufgewachsen<br />

sind. Viele wissen nicht mehr, wofür<br />

ein bestimmtes Medium steht und<br />

wo die Information, der sie Beachtung<br />

und Glauben schenken überhaupt herkommt.<br />

Hier treffen ,,Fake News“ dann<br />

auf fruchtbaren Boden. „Aber auch Erwachsene<br />

sind hier nicht grundsätzlich<br />

resistent. Insbesondere Personen mit<br />

einer geringen Medienkompetenz laufen<br />

Gefahr, fragwürdige, unseriöse oder<br />

schlichtweg falsche Informationen als<br />

geprüftes und verlässliches Wissen anzusehen“,<br />

ergänzt von Sikorski.<br />

Als Lösungsvorschlag biete sich laut<br />

von Sikorski ein verbesserter medienpädagogischer<br />

Ansatz an: ,,Junge<br />

NutzerInnen müssen an das Thema<br />

herangeführt werden. Ihnen muss gezeigt<br />

werden, was sauber recherchierte<br />

Informationen sind. Das gilt auch für<br />

Nachrichten, die für jedermann online<br />

zur Verfügung gestellt werden. Schaut<br />

euch die Quelle ganz genau an!“, mahnt<br />

der Experte. Auch auf „YouTube“ sollte<br />

man sich stets fragen, wo das Videomaterial<br />

eigentlich herstammt, das<br />

dort abrufbar ist. Es braucht also nicht<br />

gezwungenermaßen Einschränkungen<br />

und Strafen, es braucht einen verantwortungsvollen<br />

und bewussten Umgang<br />

mit neuen Medien.<br />

von Kathrin Weinkogl<br />

18<br />

„YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation


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Alle Angaben ohne Gewähr.


Nicht-kommerzielle<br />

Videoportale in Österreich<br />

Bleibt neben den großen Plattformen im Internet noch Platz für<br />

nicht-kommerziell intendierte Verbreitung von Wissen und Information?<br />

Christian Jungwirth, Geschäftsführer von „OKTO – Okto TV“, diskutiert in<br />

<strong>SUMO</strong> über die Situation nicht-kommerzieller Angebote in Österreich.<br />

Nicht-kommerzielle Videoportale<br />

stellen die Verbreitung von Wissen<br />

und Information in den Vordergrund,<br />

ohne sich dabei auf die Werbezeitvermarktung<br />

konzentrieren zu müssen.<br />

In Österreich betreibt der partizipative<br />

Community-Fernsehsender „Okto“ seit<br />

2011 die nicht-kommerzielle Plattform<br />

„Oktothek“. Jungwirth sieht darin<br />

die Möglichkeit der breiteren Diversifizierung<br />

der Inhalte. Es können so verschiedene<br />

Zielgruppen und vor allem<br />

jüngere RezipientInnen angesprochen<br />

werden, die am linearen Fernsehprogramm<br />

kein großes Interesse zeigen.<br />

„Oktothek“ - ein Videoportal der ersten<br />

Stunde<br />

Bereits 2005, noch bevor Plattformen<br />

wie „YouTube“ diese wichtige Stellung<br />

eingenommen haben und „Facebook“<br />

im großen Rahmen gestartet ist, hat<br />

„Okto“ das Potential der Verbreitung<br />

seiner Inhalte über das Internet erkannt.<br />

„Wir haben 2005 im Prinzip den Sprung<br />

ins kalte Wasser gewagt und gesagt,<br />

wir fahren den Betrieb von Anfang an<br />

komplett bandlos und zu 100 Prozent<br />

digital. Das haben wir nicht zuletzt mit<br />

dem Blick auf die Zielsetzung gemacht,<br />

dass wir die Nutzung unserer Videos<br />

mittel- bis langfristig in erster Linie<br />

im digitalen Bereich sehen.“ Als den<br />

wichtigsten Grundstein für ein solches<br />

Portal sieht er die genaue Erfassung<br />

von Metadaten, welche bereits von der<br />

ersten Minute an sehr ernst genommen<br />

wurde. Obwohl die Wichtigkeit der Onlineverbreitung<br />

bereits früh erkannt<br />

wurde, ist der Aufbau der Plattform ein<br />

laufender und aufwendiger Prozess.<br />

Die rasche technische Entwicklung im<br />

Bereich der Internetvideodistribution<br />

hinsichtlich der Auflösung und des Bildschirmformats<br />

hat zur Folge, dass Server<br />

immer noch damit beschäftigt sind,<br />

ältere Inhalte in das Format umzuwandeln,<br />

das heute bei der Verbreitung im<br />

Internet obligatorisch ist.<br />

Die Inhalte der „Oktothek“ stehen den<br />

NutzerInnen zeitlich uneingeschränkt<br />

© Copyright: adobe stock/olly<br />

20<br />

Nicht-kommerzielle Videoportale in Österreich


zur Verfügung. Die bereitgestellten Programme<br />

beschäftigen sich mit unterschiedlichsten<br />

Inhalten, beispielsweise<br />

bietet „wienTV.org“ Politiknachrichten,<br />

die Inhalte abseits des Medien-Mainstreams<br />

beleuchten sollen. Aber auch<br />

Reportagen, Kurzfilme, Musikvideos<br />

und Informationsbeiträge zählen zum<br />

Repertoire.<br />

Bedeutung nicht-kommerzieller Angebote<br />

angesichts von „YouTube“ & Co.<br />

Laut der Onlinestudie von ARD und ZDF<br />

anno 2017 verbringen Onlinenutzer-<br />

Innen ab 14 Jahren täglich insgesamt<br />

zweieinhalb Stunden im Internet, wovon<br />

45 Minuten auf die Nutzung von<br />

Nachrichtenportalen, Onlineradios oder<br />

das Lesen von Artikeln entfallen. 24<br />

Prozent der Befragten nutzen Videoportale<br />

täglich. Das zeigt, wie wichtig<br />

die Onlinedistribution heute geworden<br />

ist. „YouTube“ zählt zwar immer noch<br />

zu den meist genutzten Portalen, doch<br />

Jungwirth sieht in den kommerziellen<br />

Plattformen keine Konkurrenz per se,<br />

sondern vielmehr ein Instrumentarium,<br />

das zur Ergänzung des nicht-kommerziellen<br />

Rundfunks dienen kann. (Auch) Für<br />

ein nicht-kommerzielles Angebot stellt<br />

sich die Zielgruppenfrage; einerseits<br />

soll durch das Angebot die gewünschte<br />

Zielgruppe erreicht werden, doch andererseits<br />

müssen öffentliche Mittel, die<br />

zur Finanzierung zur Verfügung stehen,<br />

effektiv eingesetzt werden.<br />

Trotzdem stoßen nicht-kommerzielle<br />

Portale immer wieder auf Barrieren<br />

in der Politik und Gesellschaft. „Oft<br />

wird bei der Frage der Förderung oder<br />

der Ermöglichung des nicht-kommerziellen<br />

Rundfunksektors in einer<br />

westlichen Demokratie das Argument<br />

vorgeschoben, dass es in Zeiten von<br />

,YouTube‘ keinen vergleichsweise teureren,<br />

nicht-kommerziellen Rundfunk<br />

wie ,Okto‘ braucht.“ Diese Argumentation<br />

reicht jedoch nicht weit genug,<br />

insbesondere, wenn es um die Bereiche<br />

der Medienkompetenzvermittlung und<br />

Medienpädagogik geht. Diese werden<br />

durch kommerzielle Angebote nicht<br />

ausreichend abgedeckt, weshalb die<br />

Notwendigkeit von nicht-kommerziellen<br />

Plattformen hierbei bestehen bleibt.<br />

Rechtliche Grundlagen und Creative<br />

Commons<br />

Bei der Online-Videodistribution sind<br />

die Regelungen des Urheber- und Persönlichkeitsrechts<br />

von wichtiger Bedeutung.<br />

In Österreich werden diese im<br />

Audiovisuellen Mediendienste-Gesetz<br />

festgehalten und unterscheiden sich<br />

in keiner Weise von der Reglementierung<br />

im kommerziellen Bereich. Bevor<br />

Inhalte online gehen, muss darauf geachtet<br />

werden, keine Urheberrechte<br />

an beispielsweise Musikstücken oder<br />

Texten zu verletzen und das Recht am<br />

eigenen Bild gewahrt bleibt. Durch das<br />

Recht am eigenen Bild kann die abgebildete<br />

Person selbst entscheiden, ob<br />

und in welchem Kontext das Bild veröffentlicht<br />

werden darf. Dazu muss vor<br />

der Veröffentlichung eine Einwilligung<br />

bei dieser Person eingeholt werden.<br />

Ausnahmen gelten, wenn Personen nur<br />

im Hintergrund zu sehen sind, oder bei<br />

Aufnahmen großer Menschenmengen.<br />

Auch das Konzept der Creative Commons<br />

bietet im Bereich der Lizenzierung<br />

von Inhalten eine Möglichkeit,<br />

die Nutzungsrechte zu definieren. Die<br />

gemeinnützige Organisation „Creative<br />

Commons“ bietet verschiedene Lizenzmodelle<br />

an, nach denen UrheberInnen<br />

ihre Werke schützen können. Auch bei<br />

nicht-kommerziellen Videoportalen<br />

werden Creative Commons zur Lizenzierung<br />

verwendet. In diesem Bereich<br />

gibt es jedoch noch Probleme mit konventionell<br />

lizenzierten Inhalten. Wenn<br />

mit einer Creative Commons Lizenz gearbeitet<br />

wird, der Beitrag aber trotzdem<br />

von Drittrechten behaftete Materialien<br />

enthält, stößt man bei der Veröffentlichung<br />

schnell an seine Grenzen. Nach<br />

Jungwirth wird es in unserer Gesellschaft<br />

noch eine rechtsphilosophische<br />

Entwicklung brauchen, bis in breiterer<br />

Form bei Bewegtbild mit Creative Commons<br />

gearbeitet werden kann.<br />

Ein Blick in die Zukunft<br />

Gerade entwickelt „Okto“ eine umfassendere<br />

„YouTube“-Strategie, die Ende<br />

2019 in die Umsetzung gehen soll. „Wir<br />

sehen keine Chance, diese Möglichkeit<br />

der Verbreitung auszulassen. Weil wir<br />

alle wissen, dass aufgrund des Medienwandels<br />

und der Digitalisierung insbesondere<br />

das Videonutzungsverhalten<br />

junger Menschen sich komplett gewandelt<br />

hat gegenüber dem der Generationen<br />

davor.“ Auch für nicht-kommerzielle<br />

Fernsehsender werden Abrufmodelle,<br />

wie Mobile oder On Demand immer bedeutsamer.<br />

Für „Okto“ ist es wichtig,<br />

alle Inhalte, die linear im Fernsehen zu<br />

sehen waren auch online zur Verfügung<br />

zu stellen. Abstriche sollen nur dann<br />

erfolgen, wenn ein Urheberrechtsproblem<br />

auftreten würde. Verstärkt soll<br />

auch in die Richtung „online first“ gegangen<br />

werden, oder Inhalte überhaupt<br />

für die ausschließliche Verbreitung im<br />

Internet zu produzieren. So möchte<br />

man eine noch breitere Diversifizierung<br />

der Inhalte für die verschiedenen Zielgruppen<br />

ermöglichen.<br />

von Marlene Havel<br />

Nicht-kommerzielle Videoportale in Österreich<br />

21


„Vlogging“ und wer zu<br />

seinem Erfolg beiträgt<br />

Seit das Modell des „Vloggens“ populärer wurde, machen immer mehr<br />

Menschen viel Geld mit ihren Videos, bisweilen im zweistelligen Millionenbereich.<br />

Ist der mögliche Reichtum der einzige Grund, sein Privatleben<br />

allen zugänglich zu machen, und: Warum sehen sich das so viele Menschen<br />

an? <strong>SUMO</strong> sucht in Interviews mit Psychologin Sandra Gerö und<br />

einer „YouTube“-Nutzerin nach Antworten.<br />

Die Definition von „Vlogging“ ist keine<br />

einheitliche. Teilweise wird simpel ein<br />

im Stil eines Tagebucheintrags gestaltetes<br />

Video als „Vlog“ gezählt, während<br />

in breiteren Definitionsansätzen auch<br />

Make-Up-Tutorials und Gaming-Videos<br />

zu dem Modell gezählt werden. In diesem<br />

Artikel wird mit der breiteren Definition<br />

gearbeitet. Die UserInnen gehören<br />

meist der jüngeren Generation an.<br />

Aus einer FORSA-Umfrage resultiert,<br />

dass 42% der Jugendlichen zwischen 12<br />

und 17 Jahren täglich Inhalte auf „You-<br />

Tube“ ansehen. On top: Musikvideos,<br />

Film-Trailer, dann Tutorials, und auch<br />

„VloggerInnen“ sind stark vertreten.<br />

Ranking und Verdienste<br />

In der Liste der zehn bestverdienenden<br />

„YouTuberInnen“ befinden sich fünf Kanäle,<br />

die ausschließlich oder zumindest<br />

überwiegend Videos mit Gaming-Inhalten<br />

hochladen. Die weiteren Plätze<br />

werden von drei klassischen „VloggerInnen“<br />

sowie einem Sport-Kanal und<br />

einem Spielzeug-Rezensionen-Kanal<br />

besetzt. Jede Person in diesem Ranking<br />

konnte 2016/17 über zehn Millionen<br />

US-Dollar über ihren Kanal einnehmen,<br />

die meisten der Topverdiener sind etwa<br />

30 Jahre alt und schon seit einigen Jahren<br />

auf „YouTube“ aktiv.<br />

Das Geschäftsmodell von „YouTube“<br />

lässt in vorwiegend drei Bereiche gliedern.<br />

Eine neuere Einnahmequelle besteht<br />

aus Abonnements des werbefreien<br />

„YouTube-Red“. Die zweite Quelle ist<br />

die Schaltung von Werbebannern oder<br />

die priorisierte Reihung von Videos.<br />

Die bekannteste besteht darin, dass<br />

Werbetreibende ihre Inhalte zielgruppenspezifisch<br />

vor beziehungsweise<br />

während Videos von „YouTube“-Partner<br />

schalten. Die Veränderungen in den Algorithmen<br />

hinter der Plattform lassen<br />

die Einnahmen stark schwanken und<br />

machen sie dadurch zu einer unzuverlässigen<br />

Einnahmequelle für Externe.<br />

„YouTube“ behält laut Investopedia<br />

45% der Werbeeinnahmen, 55% lukrieren<br />

die „YouTube“-Partner. Über „Influencermarketinghub.com“<br />

kann aus<br />

den „Total Views“ und die „Estimated<br />

Lifetime Earnings“ errechnet werden,<br />

dass die nach „Forbes“ Top 6-„YouTuber“<br />

über den Zeitraum ihres gesamten<br />

„YouTube“-Daseins etwa 2,42 US$ pro<br />

1.000 ZuseherInnen einnahmen. Und<br />

diese Stars verfügen über solche in<br />

zweistelliger Millionenhöhe.<br />

Wer sind die ZuseherInnen?<br />

Eine Statistik von „eMarketer“ ergab,<br />

dass im Jahr 2017 weltweit 1,47 Mil-<br />

© Copyright: adobe stock/diego cervo<br />

22<br />

„Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt


liarden Menschen die Plattform „You-<br />

Tube“ genutzt haben – Tendenz steigend.<br />

Wenn man sich die Verteilung<br />

nach Altersgruppen ansieht, hatte im<br />

Jahr 2016 über ein Drittel der 16-24<br />

Jahre alten NutzerInnen Videos von<br />

Berühmtheiten oder „VloggerInnen“<br />

angesehen – ältere UserInnen weit weniger.<br />

Nachdem die Nutzerzahlen und<br />

auch die Zahl an „YouTuberInnen“, die<br />

über eine Million AbonnentInnen verfügen<br />

konstant weiter gestiegen sind,<br />

kann davon ausgegangen werden, dass<br />

diese Zahlen im Jahr 2018 noch höher<br />

ausfallen.<br />

Doch warum „vloggen“ Menschen?<br />

Sandra Gerö, Psychologin und Medienpädagogin<br />

in Wien, erläutert, dass<br />

„Vlogs“ eine lange Geschichte haben.<br />

Der Ursprung liegt in Tagebüchern<br />

(Logs). Abenteurer haben in der Vergangenheit<br />

Logs geführt, auch Buchhalter.<br />

Die Erfindung des WWW ermöglichte<br />

es, ein Tagebuch online zu führen und<br />

dadurch auch mit anderen Menschen<br />

zu teilen. Dieses Teilen von Informationen<br />

über eine/n selbst oder seine Umgebung<br />

ist laut Gerö durch das menschliche<br />

Urbedürfnis, nicht vergessen zu<br />

werden und sich anderen Menschen<br />

und künftigen Generationen gegenüber<br />

zu präsentieren erklärbar. Somit<br />

dient ein Vlog demselben Zweck wie<br />

seine Initialen in einen Baum zu ritzen,<br />

nämlich um zu sagen: „Ich war hier!“ Auf<br />

„YouTube“ existiert jedoch im Gegensatz<br />

zu dem Positionieren in der analogen<br />

Welt die Möglichkeit nahezu in Echtzeit<br />

Feedback zu bekommen. Dieses Feedback<br />

ist laut Gerö auch der größte Ansporn,<br />

ein virtuelles Tagebuch weiterzuführen.<br />

„Wo es ein Publikum gibt, gibt<br />

es auch Menschen, die es füttern.“<br />

Wer sieht sich das an?<br />

Gerö skizzierte die drei Hauptgründe,<br />

sich diese alltäglichen Videos anzusehen.<br />

Entschleunigung:<br />

Jugendliche stehen laut diverser Studien<br />

bei weitem unter mehr Stress als<br />

vor zehn Jahren. Dieser Stress wird nicht<br />

nur durch den Zwang online präsent zu<br />

sein hervorgerufen, sondern auch durch<br />

die Art und Weise, wie Filme produziert<br />

werden. Durch immer mehr Action und<br />

schnelleren, drastischeren Schnitt wird<br />

der Mensch mit Reizen überflutet. Bei<br />

einem Video, das langsam, mit wenig<br />

Schnitten und alltäglichen Themen produziert<br />

wird, fällt es leichter sich zu entspannen.<br />

Dieser Meinung ist auch eine<br />

20-jährige „YouTube“-Nutzerin in ihrem<br />

Interview mit <strong>SUMO</strong>. Sie verfolgt die Videos<br />

einer Vielzahl von „YouTuberInnen“<br />

und sieht sich täglich Make-Up-Tutori-<br />

„Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt<br />

23


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als oder andere „Vlogs“ an: „Manchmal<br />

möchte ich mir einfach etwas erzählen<br />

lassen. Oft höre ich auch gar nicht so<br />

genau zu, was eigentlich geredet wird<br />

und erledige andere Sachen, während<br />

ich die Videos laufen lasse.“<br />

Das Bedürfnis nach Alltag und sozialen<br />

Kontakten:<br />

Die Online-Suche nach sozialen Kontakten<br />

ist wohl so alt wie das Internet<br />

selbst, sei es über Dating-Apps oder<br />

Websites, auf denen man mit anderen<br />

Menschen anonym kommunizieren<br />

kann (wie „Chatroulette“ oder „Omegle“).<br />

Ein weiterer Faktor für „YouTube“<br />

als Ersatz von Offline-Kontakten ist<br />

laut Gerö, dass es einfach ist, das Leben<br />

anderer Menschen online zu verfolgen,<br />

da diese keine Ansprüche stellen. Wenn<br />

man sich mit realen FreundInnen oder<br />

Verwandten trifft, so haben sie oft Ansprüche<br />

oder wollen Persönliches über<br />

ihr Gegenüber erfahren. Interessant<br />

sind „Vlogs“ für jede/n, egal ob Personen<br />

selbst einen eintönigen oder unregelmäßigen<br />

Alltag haben. Man nutzt<br />

sie, um Anderen beim Leben zuzusehen<br />

– auf unverbindliche Art. Der Vergleich<br />

mit einer Fernsehserie, die man nachverfolgt<br />

liegt nahe, da in den Augen<br />

vieler „YouTube“-NutzerInnen „Vlogs“<br />

eine ähnliche Kontinuität in „Episoden“<br />

repräsentieren.<br />

Neugier:<br />

Was von vielen Menschen fälschlich als<br />

Voyeurismus abgestempelt wird, kann<br />

von einem psychologischen Standpunkt<br />

aus viele Nuancen haben. Das Wort Voyeurismus<br />

bezeichnet eine psychische<br />

Störung und kann so nicht auf die allgemeine<br />

Neugierde des Menschen angewendet<br />

werden. Viel besser passen<br />

Worte wie Schau- oder Sensationslust,<br />

um das unstillbare Interesse am Leben<br />

anderer Menschen zu beschreiben.<br />

Dieses Bedürfnis, das sich auch zeigt,<br />

wenn ins nachbarliche Fenster gelugt<br />

wird, ist tief in der Natur des Menschen<br />

verankert. Ganze Industrien – auch unabhängig<br />

von Medien – leben davon,<br />

dass Menschen sehen wollen, was auf<br />

der Welt passiert. Den Ursprung hat<br />

dieses Bedürfnis nach Information, was<br />

im Umfeld passiert, darin sich selbst<br />

und seine Familie vor etwaigen Gefahren<br />

zu schützen. Auch die interviewte<br />

20-Jährige „YouTube“-Nutzerin kennt<br />

die Sensationslust von der Plattform.<br />

Sie erzählt von so genannten Clickbait-Videos<br />

(„Klick-Köder“), zu denen<br />

„YouTuberInnen“ nach Aufmerksamkeit<br />

heischende Titel und Thumbnails erstellen,<br />

die wenig bis nichts mit dem Video<br />

zu tun haben. Gerade diese Videos<br />

erzielen hohe Aufrufzahlen.<br />

Auf diversen Marketingplattformen<br />

wird „Vlogging“ daher als die Marketingstrategie<br />

der Zukunft schlechthin<br />

gehandelt. Im Gegensatz zu klassischen<br />

Werbeformaten wird eine persönliche<br />

Verbindung zu den KundInnen in den<br />

Mittelpunkt gestellt und ist somit besonders<br />

attraktiv für Unternehmen. Die<br />

steigenden Userzahlen sprechen ebenfalls<br />

für eine Steigerung des Interesses<br />

als Werbekanal und somit für die Veränderung<br />

von „Vlogging“ zu einer noch<br />

stärker durch Werbeinhalte getriebenen<br />

Art der Videoproduktion. Und der<br />

Kreis schließt sich, wenn heutige Kinder<br />

anhand von Marken Buchstaben lernen.<br />

von Johanna Schrey<br />

24<br />

„Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt


Wie „Bibis Beauty Palace“<br />

die heimischen Kinderzimmer<br />

erobert<br />

Ist „YouTube“ das neue Pokemon, Nintendogs oder Sims? Ist man heute<br />

out, wenn man „YouTube“ nicht nutzt? Zu diesen und anderen Fragen<br />

interviewte <strong>SUMO</strong> Kinder, Eltern und LehrerInnen.<br />

Kinder – was läuft?<br />

Laut der aktuellen Studie 2016 zu Kindheit,<br />

Internet, und Medien (KIM) handelt<br />

es sich bei „YouTube“ um das dritt-beliebteste<br />

Internetangebot unter Kindern<br />

zwischen sechs und 13 Jahren.<br />

Fernsehinhalte und anderes Bewegtbild<br />

stehen unbegrenzt und rund um die<br />

Uhr zur Verfügung, weswegen die Videoplattform<br />

seit vielen Jahren als eine<br />

der stärksten Konkurrenten des linearen<br />

Fernsehens angesehen wird. Noch<br />

können klassische TV-ProduzentInnen<br />

aber aufatmen. Aus der KIM geht hervor,<br />

dass nach wie vor der gute alte<br />

Flimmerkasten das beliebteste Medium<br />

in dieser Altersklasse ist. Dennoch,<br />

der Triumphzug von „YouTube” scheint<br />

nicht mehr aufhaltbar. 17 Prozent der<br />

Befragten gaben an, jeden Tag ein „You-<br />

Tube”-Video anzusehen 33 Prozent tun<br />

dies mehrmals die Woche und knapp<br />

20 Prozent nutzen die Videoplattform<br />

zumindest selten. Je höher das Alter,<br />

desto schneller wächst die prozentuale<br />

Nutzung. So liegt der Wert für eine<br />

Nutzung mindestens einmal wöchentlich<br />

bei den 12- bis 13-Jährigen schon<br />

bei zwei Drittel der Befragten. Von allseits<br />

beliebten Katzenvideos, vertonten<br />

Standbildern, wackeligen Handyfilmen<br />

über hochprofessionelle Videoclips bis<br />

hin zu klassischen Serien und Filmen<br />

– die Plattform bietet etwas für jeden<br />

Geschmack. Unter den beliebtesten<br />

Genres bei Kindern befinden sich laut<br />

der KIM Musikvideos, Comedy oder<br />

lustige Clips. Eine der vordersten Rollen<br />

im Ranking der Top-Genres nehmen<br />

außerdem Tier-Videos ein, gefolgt von<br />

Sport- oder Beauty-Videos und nicht zu<br />

vergessen, Tutorials.<br />

Faktencheck auf steirisch<br />

Ein kleines beschauliches Dorf in der<br />

Südsteiermark, es ist Sonntag. Zwei Familien<br />

haben sich bereiterklärt, die Fragen<br />

zweier <strong>SUMO</strong>-Redakteurinnen zum<br />

Thema „YouTube‘ und Kinder“ zu beantworten.<br />

„‚YouTube‘, da sind Leute, die<br />

drehen gerne Videos und die nennt man<br />

dann ‚YouTuber‘“, erklärt die 12-jährige<br />

Lisa* auf die Frage, was sie unter dem<br />

Beruf versteht. Eine viertel- bis halbe<br />

Stunde täglich nutze sie die Videoplattform<br />

– mehr aber nicht, danach gehe<br />

sie lieber im Freien spielen. Wir haben<br />

es gewusst, am Land ist die Welt eben<br />

doch noch in Ordnung. Auf die Frage, ob<br />

die „YouTube“-Nutzung in ihrem Freundeskreis<br />

oder auch in der Schule normal<br />

ist, oder sogar eine Notwendigkeit<br />

um „cool“ zu sein, stimmt Lisa jedoch<br />

zu. Viele Kinder, die sie kenne hätten<br />

schon mit sieben Jahren ein eigenes<br />

Handy gehabt und würden damit nun<br />

© Copyright: adobe stock/Tanja<br />

Wie „Bibis Beauty Palace“ die heimischen Kinderzimmer erobert<br />

25


auch regelmäßig „YouTube“ nutzen. Ob<br />

„YouTube“ ein relevantes Thema in der<br />

Schule ist, kann uns Lisas Mutter nicht<br />

beantworten. Sie bestätigt jedoch, dass<br />

Handys inzwischen auch in der Volksschule<br />

kaum mehr wegzudenken sind:<br />

„Hast du ein Handy oder hast du keines?<br />

Wir waren mehr oder weniger gezwungen.<br />

Lisa war mit zehn Jahren die<br />

letzte in ihrer Klasse, die ein Handy bekommen<br />

hat.“ Ihre beiden Töchter dürfen<br />

„YouTube“ grundsätzlich nutzen. Für<br />

ihre jüngere Tochter hat sie allerdings<br />

„YouTube Kids“, die kindergerechte App,<br />

auf dem iPad installiert. Lisas Mutter ist<br />

dabei durchaus bewusst, dass die „You-<br />

Tube“-Nutzung ihrer Töchter primär<br />

zur Unterhaltung erfolgt. Videos für die<br />

Schule würde sich Lisa nicht ansehen,<br />

sagt sie. Als wir Lisa selbst danach fragen,<br />

erhalten wir ein trockenes Lachen<br />

als Bestätigung: Denn die Neue-Mittelschülerin<br />

bevorzugt lustige Videos und<br />

Schmink-Tutorials.<br />

Auch Thomas*, 8 Jahre, nutzt „YouTube“<br />

rein aus Unterhaltungszwecken und<br />

schaut gerne „Ninjago“-Videos. In seiner<br />

Klasse ist „YouTube“ mittlerweile ein<br />

beliebtes Pausengespräch. Eine halbe<br />

Stunde in der Woche darf der Volksschüler<br />

„YouTube“-Videos ansehen, behauptet<br />

er. In der Schule gebe es prinzipiell<br />

ein Handy-Verbot, am Nachmitttag<br />

würde aber jede/r die Plattform nutzen.<br />

Paul*, der jüngere Bruder von Thomas,<br />

geht in den Kindergarten. Auch er dürfe<br />

hin und wieder auf „YouTube“ mitschauen,<br />

die Inhalte werden, meint er,<br />

jedoch von den Eltern oder vom großen<br />

Bruder für ihn ausgewählt. „Selbst nutzen<br />

dürfen die beiden ,YouTube‘ nicht.<br />

Wenn, dann dürfen sie Musikvideos bei<br />

mir mitschauen“, erklärt der Vater der<br />

Burschen. Tja, lieber Thomas und Paul:<br />

Beschwerden im Falle einer nachträglichen<br />

Strafe zur eigentlich verbotenen<br />

„YouTube“-Nutzung bitte an die SU-<br />

MO-Redaktion.<br />

Und was sagen die LehrerInnen?<br />

Schauplatzwechsel, hin zu den PädagogInnen,<br />

mit denen Kinder neben Eltern,<br />

Geschwistern und MitschülerInnen einen<br />

Großteil ihrer Zeit verbringen.<br />

<strong>SUMO</strong> sprach mit Yasmin Winter,<br />

Volksschullehrerin in Wien, Iris Berger,<br />

Professorin für Mathematik und Physik<br />

an einem Gymnasium in Linz und Matthias<br />

Prumofsky, Volksschullehrer in<br />

der Nähe von Graz. Alle drei verwenden<br />

„YouTube“ zu Unterrichtszwecken. Prumofsky<br />

und Winter eher zur visuellen<br />

Unterstützung bei Bastelarbeiten oder<br />

* Namen redaktionell geändert<br />

26<br />

Wie „Bibis Beauty Palace“ die heimischen Kinderzimmer erobert


um Lieder vorzuspielen, Berger veranschaulicht<br />

ihren SchülerInnen mit Hilfe<br />

von „YouTube“ aufwendige Experimente,<br />

für die im regulären Lehrplan zu wenig<br />

Zeit zur Verfügung steht.<br />

Probleme bezüglich der „YouTube“-Nutzung<br />

durch SchülerInnen ergeben sich<br />

laut den drei PädagogInnen nicht. An<br />

allen drei Schulen gilt ein Handy- und<br />

Tablet-Verbot im Unterricht und in den<br />

Pausenzeiten. „Meiner Meinung nach<br />

ist das Verbot sehr gut, weil die Kinder<br />

in der Freizeit ohnehin sehr viel Zeit mit<br />

dem Handy verbringen und das dann<br />

nicht auch noch in die Schule getragen<br />

werden sollte“, argumentiert Berger.<br />

Wie das Handyverbot bei den Kindern<br />

ankommt? „Es gab noch keine Anfrage,<br />

dass die Kinder es anders wollten.<br />

Für sie ist es normal, kein Handy in der<br />

Schule zu haben. In der 4. Klasse geben<br />

die Eltern zwar schon teilweise Handys<br />

mit, wenn zum Beispiel der Schulweg<br />

sehr lange ist. Im letzten Jahr war dann<br />

einmal ein Handy nicht auf lautlos geschaltet<br />

und so habe ich das mitbekommen,<br />

dann aber gleich abdrehen lassen“,<br />

so Yasmin Winter, Lehrerin einer 1.<br />

Volksschulklasse.<br />

Im kommenden Jahr muss digitale<br />

Grundbildung in den Lehrplan an Schulen<br />

integriert werden. In der Volksschule<br />

von Prumofsky wird schon heute investiert,<br />

so macht beispielsweise eine<br />

seiner Kolleginnen eine Ausbildung für<br />

eEducation. Manche Kinder seien den<br />

Umgang mit dem PC betreffend schon<br />

geübter als andere, für andere wiederum<br />

sei der PC ein rotes Tuch. Dass<br />

diese „YouTube“ rezipierende und Social<br />

Media nutzende Generation der Digital<br />

Natives teilweise Schwierigkeiten habe,<br />

das Word-Programm zu öffnen ist<br />

für uns <strong>SUMO</strong>-Redakteurinnen überraschend.<br />

Gerade aus diesem Grund<br />

findet auch Berger die Einführung der<br />

digitalen Grundbildung notwendig. Oftmals<br />

überschätze sie die digitalen Fähigkeiten<br />

ihrer SchülerInnen, da diese<br />

zwar „Whats-App“ und „Facebook“ verwenden,<br />

bei der Erstellung von Power-<br />

Points jedoch an ihre Grenzen stoßen.<br />

Yasmin Winter steht der Einführung des<br />

neuen Schulfaches kritisch gegenüber.<br />

Zwar hält sie ein Basiswissen für sinnvoll,<br />

einen übermäßigen Einsatz von<br />

Medien jedoch für nicht erstrebenswert:<br />

„Um das Wachstum einer Pflanze<br />

näherzubringen, muss ich mir kein ,You-<br />

Tube‘-Video anschauen. Gerade in unserem<br />

Bezirk, wo es in der Schule einen<br />

sehr hohen Migrationsanteil gibt, ist es<br />

wichtig, dass die Kinder spüren, greifen<br />

und begreifen.“<br />

What about safety?<br />

Eine wichtige Frage, mit der Eltern<br />

wie auch PädagogInnen regelmäßig<br />

konfrontiert sind ist jene nach der Sicherheit<br />

der Kinder auf „YouTube“. Um<br />

Ängsten von Eltern und LehrerInnen<br />

zu begegnen, hat „Google“ vor wenigen<br />

Jahren die Plattform „YouTube Kids“<br />

ins Leben gerufen. Die Idee hinter dem<br />

Angebot: Eine App, die ausschließlich<br />

altersgerechte Videos zur Verfügung<br />

stellt, über die Erwachsene die volle<br />

Kontrolle haben und die junge Zielgruppe<br />

bereits im Kindergartenalter mit<br />

putzigen Charakteren und niedlichen<br />

Kinderreimen abholt. In Österreich ist<br />

das Angebot nach wie vor relativ unbekannt,<br />

in Deutschland wurde die<br />

App bereits über 45 Millionen Mal heruntergeladen.<br />

„Google“ hat also einen<br />

Bedarf erkannt und danach gehandelt:<br />

alles gut und schön und Friede, Freude,<br />

Eierkuchen. Nun ja, nicht ganz. Die bunte,<br />

harmlose und zuckersüße Welt auf<br />

„YouTube Kids“ entpuppt sich auf den<br />

zweiten Blick teilweise als nicht ganz so<br />

kindgerecht wie zu Beginn proklamiert.<br />

Die britische Comic Figur „Peppa Pig“,<br />

ein nettes Schweinchen im roten Kleid,<br />

spielt in einigen Videos auf einmal nicht<br />

mehr mit George dem Dinosaurier, sondern<br />

trinkt in einem Clip Bleichmittel.<br />

Unter das Angebot der App mischen<br />

sich plötzlich Videos, in denen Kinderbuchfiguren<br />

überfahren, mitunter sexuell<br />

belästigt werden oder grausam<br />

sterben. Quelle dieser eindeutig nicht<br />

kindgerechten Beiträge auf der Videoplattform<br />

ist in vielen Fällen eine<br />

Trollkultur. Der Autor und Schriftsteller<br />

James Bridle (u.a. tätig für „The Guardian“)<br />

beschreibt die Videos einiger Kanäle<br />

in einem seiner Beiträge wie folgt:<br />

als kindgerecht getarnte Videos, zusammengeschnitten<br />

aus animierten Figuren,<br />

Reimen und Erklärungen und mit<br />

Schlagwörtern getaggt, die auf „You-<br />

Tube Kids“ beliebt sind. Teilweise haben<br />

eben jene Kanäle Millionen AbonnentInnen<br />

– das Impressum jedoch fehlt in<br />

vielen Fällen.<br />

Trotz dieses Problems bietet „YouTube<br />

Kids“ den Eltern einen entscheidenden<br />

Vorteil gegenüber dem klassischen<br />

„YouTube“: ein wenig mehr Kontrolle.<br />

Nutzungsdauer und Lautstärke können<br />

von den Eltern vorab bestimmt werden.<br />

Ebenso beeinflusst werden kann<br />

die Auswahl der zur Verfügung stehenden<br />

Videos, die Suchfunktion lässt<br />

sich deaktivieren. Abgesichert werden<br />

diese Einstellungen über ein Passwort<br />

für den elterlichen Account. Zensur im<br />

Kinderzimmer gewissermaßen. Inwiefern<br />

diese Sicherheitsmaßnahmen<br />

nicht umgangen werden können, bzw.<br />

wie sinnvoll „YouTube Kids“ generell ist,<br />

wenn ein Kind über das eigene Smartphone<br />

auch Zugang zum vollen „You-<br />

Tube“ hat, sei dahingestellt.<br />

Ein Resümee<br />

Nach Gesprächen mit Eltern, Kindern und<br />

LehrerInnen steht eines fest: „YouTube“<br />

steht lange nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit<br />

wie andere Medien, mit<br />

denen Kinder sich befassen. Ein Großteil<br />

der Personen mit denen <strong>SUMO</strong> sprach,<br />

hatte zuvor noch nicht über die Thematik<br />

nachgedacht. Und das, obwohl laut<br />

„Google“ Kinder die vielversprechendste<br />

Zielgruppe der Plattform darstellt. Die<br />

Probleme und Gefahren, die von „You-<br />

Tube“ ausgehen, sind in der öffentlichen<br />

Diskussion kaum präsent, neue Chancen<br />

und Möglichkeiten wie zum Beispiel<br />

Videos mit Lerneffekt ebenso wenig.<br />

Irgendwie beruhigend war jedoch die<br />

Grundaussage, dass die meisten Kinder<br />

noch immer SuperheldIn, ÄrztIn oder<br />

LehrerIn werden möchten. Und ehrlich,<br />

klingt doch auch wirklich vielversprechender<br />

als „YoutuberIn“, oder?<br />

von Katharina Arbeithuber, Katharina Glück<br />

© Copyright: adobe stock/Anatoly Tiplyashin<br />

Wie „Bibis Beauty Palace“ die heimischen Kinderzimmer erobert<br />

27


Videokanäle<br />

für Silver Surfer<br />

Videokanäle und Streamingdienste speziell für die Alterskohorte 60+? Inwiefern<br />

diese zum Einsatz kommen und auf welche speziellen Bedürfnisse<br />

dabei geachtet werden muss, erklären Matthias Lorenz und Ingrid Korosec<br />

im <strong>SUMO</strong>-Experteninterview.<br />

Abgeleitet von dem silbergrauen Haar<br />

werden Menschen, die über 59 Jahre<br />

alt sind und das Internet nutzen – vom<br />

Marketing – als Silver Surfer bezeichnet.<br />

Das Interesse dieser Alterskohorte<br />

an Computern, dem Internet und<br />

dessen Inhalt steigt rapide an und die<br />

Wirtschaft zeigt sich interessiert. Die<br />

im deutschsprachigen Raum auch als<br />

„Best Agers“ bezeichnete Zielgruppe<br />

ist für den Markt besonders interessant<br />

– sofern sie genug verdient. Laut<br />

– pauschalierender – Verbraucheranalyse<br />

konsumiert sie gerne, ist aktiv, hat<br />

Geld und ist vor allem bereit dieses auszugeben.<br />

Ein Wissen, das nicht nur von<br />

sozialen Netzwerken, sondern auch von<br />

Videodiensten genutzt werden kann.<br />

Total vernetzt – Silver Surfer holen auf<br />

Wie Matthias Lorenz – verantwortlicher<br />

Director für Transformation,<br />

Market und Corporate Functions bei<br />

A1– erklärt, herrscht bei den SeniorInnen<br />

durchaus eine große Bereitschaft,<br />

sich mit dem Internet und Social Media<br />

auseinanderzusetzen. Die von A1 angebotenen<br />

Internetkurse werden gut<br />

besucht, was eine große Nachfrage<br />

sowie eine wirtschaftliche Relevanz<br />

bestätigt. Dennoch hat Österreich im<br />

Vergleich zu anderen europäischen<br />

Staaten noch großes Nachholpotential.<br />

Im Vergleich zu Dänemark, Belgien,<br />

Niederlande, Deutschland und der<br />

Schweiz nutzen hier zu Lande nur sehr<br />

wenige Menschen ab dem 60. Lebensjahr<br />

das Internet regelmäßig, so Lorenz.<br />

Das Potential diesen Rückstand aufzuholen<br />

sieht Lorenz durchaus, allerdings<br />

sei es bis dorthin noch ein langer Weg.<br />

Die größte Herausforderung bestehe<br />

darin, SeniorInnen die Hemmungen, mit<br />

dem Internet in Kontakt zu kommen zu<br />

nehmen. Ist dieser Schritt getan, sieht<br />

Lorenz keinen Grund, warum nicht auch<br />

Video- und Streamingdienste speziell<br />

für Best Agers Anklang finden sollten.<br />

Ingrid Korosec – Präsidentin des Österreichischen<br />

Seniorenbundes – kann<br />

diesbezüglich bereits eine Besserung<br />

erkennen und glaubt, dass viele SeniorInnen<br />

diese Hemmungen bereits<br />

abbauen und „YouTube“ schon jetzt für<br />

die verschiedensten Alltagssituationen<br />

nutzen. Zudem hänge die Intensität der<br />

Nutzung stark vom Umfeld ab. „Wenn<br />

man nicht anders mit den Enkeln kommunizieren<br />

kann als über Skype zum<br />

Beispiel, dann wird man sich eher damit<br />

© Copyright: adobe stock/Viacheslav Iakobchuk<br />

28<br />

Videokanäle für Silver Surfer


eschäftigen. Ich habe schon oft gehört,<br />

dass durch solche Notwendigkeiten<br />

das Interesse geweckt wurde und<br />

sich wahre ExpertInnen in der digitalen<br />

Welt entwickelt haben“, so Korosec.<br />

Der Austrian Internet Monitor Erhebung<br />

(AIM) zufolge nutzten im Jahr 2017<br />

über zwei Drittel der 70- bis 78-jährigen<br />

ÖsterreicherInnen das Internet –<br />

68% davon nutzen auch „YouTube“. Bei<br />

den 50- bis 59-Jährigen sind es sogar<br />

89%, die im Internet surfen.<br />

SeniorInnen surfen anders<br />

Neben der meist sehr hohen Hemmschwelle,<br />

die SeniorInnen dem Internet<br />

gegenüber haben, scheitert dessen<br />

Nutzung häufig auch an der technischen<br />

Ausstattung, meint Lorenz. Ist<br />

diese allerdings gegeben, beschäftigen<br />

sich Silver Surfer meist mit den klassischen<br />

Funktionen: Es werden E-Mails<br />

verfasst und einfache Recherchen getätigt.<br />

Video- und Streamingdienste<br />

werden verhältnismäßig weniger genutzt.<br />

Bewegtbild wird prinzipiell eher<br />

linear über das Fernsehgerät rezipiert,<br />

wobei in den letzten Jahren ein Anstieg<br />

vor allem in der Nutzung der Mediatheken<br />

lokaler Fernsehsender zu erkennen<br />

ist. Das Interesse an der Informationsgewinnung<br />

mittels des Internet ist bei<br />

Best Agers jedoch sehr groß. Diese<br />

Tatsachen stellt eine gute Grundlage<br />

dafür dar, dass auch Videodienste von<br />

SeniorInnen künftig vermehrt genutzt<br />

werden könnten.<br />

Content is King<br />

Derzeit leben in Österreich rund eine<br />

Millionen Menschen im Alter zwischen<br />

60 und 70 Jahren. Dies ist eine große<br />

Grundmenge, die auch mittels Videos<br />

und Streamingdienste erreicht werden<br />

kann. Die Basis für eine vermehrte Videonutzung<br />

wären natürlich Inhalte,<br />

die an die Bedürfnisse der potentiellen<br />

Zielgruppe – der Silver Surfer – angepasst<br />

seien, so Lorenz. SeniorInnen<br />

hätten großes Interesse an Themen, die<br />

die Freizeitgestaltung betreffen. Videos,<br />

die Tipps zu beliebten Hobbies wie Modelleisenbahnen<br />

oder Gartenarbeiten<br />

liefern seien klar im Vorteil. Aber auch<br />

Gesundheitsratgeber, Koch- und Ernährungsvideos<br />

oder Videos zu beliebten<br />

Reisezielen kommen gut an. Das nächste<br />

große Interesse der österreichischen<br />

SeniorInnen liegt im Bereich der Nachrichten:<br />

Lokal-, Sport- aber auch internationale<br />

Nachrichten finden hohen<br />

#TYPO3 #WEBSITES<br />

#LANDINGPAGES #SEM<br />

#UXDESIGN #OKCOOL<br />

#ADVERTISING #SEO<br />

koenig.digital St. Pölten | /koenigdigital | /koenig.digital


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Es geht auch anders herum<br />

Prinzipiell haben SeniorInnen eine wesentlich<br />

geringere Bereitschaft, Inhalte<br />

und vor allem private Bilder oder Aufnahmen<br />

zu teilen. Aus diesem Grund<br />

sind die österreichischen Best Agers<br />

auch nur gering auf sozialen Netzwerken<br />

vertreten, erklärt Lorenz. Doch<br />

dass SeniorInnen Videos und Kanäle<br />

auf „YouTube“ nicht nur rezipieren,<br />

sondern auch erfolgreich selbst produzieren<br />

können, beweist Greta Silver.<br />

Mit 66 Jahren startet die deutsche Seniorin<br />

ihren „YouTube“-Kanal „Zu jung<br />

fürs Alter“ und verfolgt seitdem das<br />

Ziel, Lebensfreude und Leichtigkeit im<br />

Leben zu verbreiten. In ihren drei Minuten<br />

langen Videos beschäftigt sie<br />

sich mit „Allerweltthemen“ wie „Abnehmen<br />

in kurzer Zeit“, „Wohnung entrümpeln<br />

befreit“ oder Tipps für einen<br />

entspannten und befreiten Lebensalltag.<br />

Die Grundidee, Lebensfreude zu<br />

verteilen und Menschen an ihrer positiven<br />

Energie teilhaben zu lassen ist<br />

von Erfolg gekrönt: In den letzten drei<br />

Jahren hat Greta Silver mit über 300<br />

Videos 11.136 AbonnentInnen gewinnen<br />

können und zählt bis zu 200.000<br />

Aufrufe pro Video. Auch Korosec kennt<br />

zahlreiche „YouTube“-Kanäle oder<br />

Blogs von und für die älteren Zielgruppen.<br />

Das wundert sie nicht: Die eigene<br />

Altersgruppe sei am einfachsten zu<br />

unterhalten, da die Lebensrealität keine<br />

unbekannte sein. Diese Alterskohorte<br />

hat außerdem zumeist die Zeit,<br />

sich derartigen Projekten zu widmen –<br />

und sobald das notwendige Know How<br />

bei den Best Agers weit verbreitet ist,<br />

steht dem nichts mehr im Wege.<br />

Anklang. Korosec warnt jedoch vor einer<br />

Schubladisierung der gesamten Generation.<br />

Wichtig sei, dass auch ältere<br />

Menschen einen unkomplizierten und<br />

kostengünstigen Zugang zum Internet<br />

und somit auch zu „YouTube“ mit zahlreichen<br />

interessanten Videos haben.<br />

Macht man sich auf „YouTube“ aktuell<br />

jedoch selbst auf die Suche nach Kanälen<br />

für die Alterskohorte 60+, findet<br />

man hauptsächlich Videos für Gymnastik<br />

oder einen gesunden Lebensstil.<br />

Was die Zukunft bringt<br />

Lorenz und Korosec sind sich einig, dass<br />

sich im Bereich der Video- und Streamingdienste<br />

für Silver Surfer kontinuierlich<br />

Veränderungen ergeben werden.<br />

SeniorInnen sind keine konstante Einheit<br />

– schon jetzt ist zu sehen, dass 50-<br />

bis 60-jährige ÖsterreicherInnen diese<br />

Dienste ganz anders nutzen als die 60-<br />

bis 70-jährige.<br />

von Hannah-Laura Schreier<br />

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Eine institutionelle<br />

Herausforderung<br />

Welches Potential stellen Videoportale für Institutionen dar? Warum<br />

besitzen die Europäische Kommission oder die österreichische Regierung<br />

keine eigenen Videoportale? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigte<br />

sich <strong>SUMO</strong> im Gespräch mit Peter Plaikner (Medienberater), Dominik<br />

Sinnreich (Experte für Redaktionsmanagement, Newsroom GmbH) und<br />

Jürgen Hofer (stellvertretender Chefredakteur von „Horizont“).<br />

Videoportale bieten für Institutionen<br />

wie das Bundesheer, Ministerien oder<br />

die Europäische Kommission Möglichkeiten<br />

der schnellen Verbreitung von<br />

Information der Präsenz und der Transparenz.<br />

Virtuelle Kommunikation trägt<br />

einen wichtigen Teil zur Wahrnehmung<br />

bei, da Erfolge einer Institution nicht nur<br />

an deren Tätigkeiten gemessen werden,<br />

sondern bereits an der Rezeption.<br />

Aktuell bewegen sich Institutionen auf<br />

„YouTube“ und ähnlichen Plattformen,<br />

was laut Hofer daran liegt, dass UserInnen<br />

in ihrem Mediennutzungsverhalten<br />

wenig sprunghaft sind und sich bevorzugt<br />

auf größeren und bereits etablierten<br />

Plattformen aufhalten. Obwohl es<br />

sich bei „YouTube“ um ein verhältnismäßig<br />

altes Netzwerk handelt, steigen<br />

die Nutzerzahlen in den letzten Jahren<br />

derart stark an, dass für viele Institutionen<br />

eine Präsenz dort unabdingbar<br />

wirkt, so Plaikner.<br />

Ein Mittel für mehr Transparenz<br />

Besonders für öffentliche Institutionen<br />

stellt die Verbreitung von Informationen<br />

in Form von Videomaterial eine<br />

Möglichkeit dar, mehr Transparenz in<br />

der Bevölkerung zu schaffen. „Dieses<br />

Potential wird nach wie vor nur gering<br />

genutzt, das gilt aber genauso für die linearen<br />

Fernsehsender. Wenn zum Beispiel<br />

ORF III eine ganze Nationalratssitzung<br />

überträgt, ist das alles andere als<br />

ein Quotenrenner. Letztlich erhöht es<br />

auch die Qualität der parlamentarischen<br />

Auseinandersetzung, da die Abgeordneten<br />

schon wissen, dass sie gefilmt<br />

werden und deshalb an ihrer Rhetorik<br />

arbeiten müssen und nicht alle abwesend<br />

sein sollten“, meint Plaikner. Als<br />

beispielhaft sieht er den Online-Auftritt<br />

der deutschen Bundesregierung, die<br />

Zahl der AbonnentInnen liegt bei rund<br />

23.000 (Stand September 2018) und<br />

die wöchentlich hochgeladenen Videos<br />

mit Bundeskanzlerin Merkel können<br />

zwischen 1.000 und 4.000 Klicks verzeichnen.<br />

Zum Vergleich: Der Kanal des<br />

österreichischen Bundeskanzleramts<br />

wurde von rund 1.100 Personen (Stand<br />

September 2018) abonniert.<br />

© Copyright: adobe stock/peshkova<br />

Eine institutionelle Herausforderung<br />

31


Jürgen Hofer<br />

Copyright: Sabine Klimt<br />

Peter Plaikner<br />

Copyright: Privat<br />

Dominik Sinnreich<br />

Copyright: Christian Müller<br />

Für eine funktionierende Demokratie<br />

sind Transparenz und die laufende<br />

Versorgung mit Information, um einen<br />

hohen Grad an Wissen und Verständnis<br />

in der Bevölkerung zu erzeugen, von<br />

großer Bedeutung. Auch in Österreich<br />

wird das Potential, sich als Partei oder<br />

Organisation auf Social Media-Plattformen<br />

zu bewegen immer mehr erkannt.<br />

„Durch die letzte Wahl sind Parteien<br />

in die Regierung gekommen, die sich<br />

schon aktiv im Social Media-Bereich bewegt<br />

haben. In den letzten Wochen des<br />

Wahlkampfs konnte man auf ,YouTube‘<br />

kaum ein Video mehr aufrufen, ohne<br />

davor mit einem Wahlkampfvideo konfrontiert<br />

zu werden“, stellt Plaikner fest.<br />

Geringe Aufrufzahlen<br />

Der Kanal der Europäischen Kommission<br />

hat rund 48.000 AbonnentInnen,<br />

die Zahl der Videoaufrufe bewegt sich<br />

unter der Tausendergrenze (Stand September<br />

2018). Insgesamt hat die EU<br />

knapp 510 Millionen EinwohnerInnen,<br />

das heißt nur 0,009% nutzen auch den<br />

„YouTube“-Kanal. Das ist vor allem der<br />

Tatsache zuzuschreiben, dass Inhalte<br />

hierin aktiv gesucht werden müssen.<br />

„,YouTube‘ ist nicht wie ein Fernseher,<br />

der einfach nur eingeschaltet werden<br />

muss“, beschreibt Sinnreich die Problematik.<br />

„Man muss genau darauf<br />

achten, was kann ein Medium?“ Hier<br />

ist die Unterscheidung von Push- und<br />

Pull-Medien wichtig, Plattformen wie<br />

„YouTube“ zählen klar zu letzteren, hier<br />

kann der/die RezipientIn selbst steuern,<br />

welche Informationen abgerufen werden.<br />

Diese Grenzen können auch durchbrochen<br />

werden, beispielsweise durch<br />

die Auto-Play-Funktion von „Facebook“.<br />

Die Aufrufe vervielfachen sich dadurch<br />

deutlich. Das Video „100 Tage Bundesregierung“<br />

kann auf „YouTube“ derzeit<br />

rund 1.000 Aufrufe verzeichnen, auf<br />

„Facebook“ hingegen 200.000. Für eine<br />

erfolgreiche Kommunikationsstrategie<br />

über Plattformen dieser Art ist es<br />

wichtig, die besten Bestandteile beider<br />

Formen zu kombinieren. Dennoch bewegen<br />

sich österreichische Auftritte<br />

auf Videoplattformen im internationalen<br />

Rahmen, erklärt Plaikner.<br />

Vernetzung über Kommentarfunktion<br />

Die Funktion für UserInnen Kommentare<br />

zu hinterlassen, gibt den Institutionen<br />

die Möglichkeit, sich mit ihrer Zielgruppe<br />

zu vernetzen und Feedback zu ihrem<br />

Auftritt zu erhalten. Aktuell ist diese<br />

Möglichkeit auf diesen Kanälen deaktiviert<br />

oder wird gar nicht erst genutzt.<br />

Würde durch die Freigabe der Kommentarfunktion<br />

diese Form der Kommunikation<br />

gegeben sein, ist es wichtig, die<br />

NutzerInnen durch Moderation zu betreuen,<br />

um einen konstruktiven Input<br />

zu bekommen. Dies ist nur durch verstärkten<br />

Personaleinsatz möglich. Da<br />

sich zusätzliche Personalkosten auch<br />

erheblich auf das Budget auswirken,<br />

stoßen Institutionen schnell an ihre<br />

Ressourcengrenzen. Durch die ModeratorInnen<br />

muss auch klar aufgezeigt<br />

werden, wofür die Kommentarfunktion<br />

genutzt werden soll, da der Aufwand<br />

sonst schnell aus dem Ruder läuft.<br />

Eigene institutionelle Plattformen<br />

Momentan bewegen sich Institutionen<br />

nur auf bestehenden Plattformen, aber<br />

hätten eigene Videoportale für größere<br />

Institutionen wie die Europäische Kommission<br />

oder die österreichische Bundesregierung<br />

auch eine Chance? Würden<br />

dadurch die Nutzerzahlen steigen?<br />

Hofer ist der Meinung, dass das Interesse<br />

des Users an einer eigenen institutionellen<br />

Plattform gar nicht so groß<br />

ist. Inhalte sollten eher über Accounts<br />

einzelner Personen mit großer digitaler<br />

Strahlkraft ausgespielt werden. „Die<br />

Verbreitung von Inhalten über Video ist<br />

durchaus ein Fixbestandteil, sowohl öffentliche<br />

Stellen, als auch Ministerien<br />

sind sich der Wirkung bewusst. Das Teilen<br />

von Inhalten hat über die Accounts<br />

einzelner Personen einen weitaus personalisierteren<br />

Charakter, als wenn das<br />

eine Institution als Absender macht.“<br />

Plaikner hingegen würde es als eine der<br />

wichtigsten Aufgaben der europäischen<br />

Medienpolitik sehen, Alternativen zu<br />

den großen Plattformen zu schaffen.<br />

„Selbst wenn ich gezielt nach Inhalten<br />

suche, ist es in weit über 90 Prozent<br />

der Fälle eine reine ,Google‘-Suche. Dabei<br />

ist man natürlich letztlich wieder<br />

,Google‘ ausgeliefert.“ Er zweifelt zwar<br />

daran, dass durch eigene Plattformen<br />

die Zugriffszahlen steigen würden, aber<br />

das Bewusstsein sollte gestärkt werden,<br />

dass in diesem Bereich eine Abhängigkeit<br />

von den großen Anbietern<br />

wie „Google“ und „YouTube“ besteht.<br />

„Es wäre wichtig, eigene europäische<br />

Portale zu ermöglichen, da wir sonst<br />

laufend das Geschäftsmodell der Amerikaner<br />

versorgen, wir liefern genau die<br />

Inhalte, die sie sonst nicht haben.“<br />

Ein mögliches Erfolgsrezept<br />

Sinnreich erklärt, dass Institutionen,<br />

die Inhalte erfolgreich über Videoplattformen<br />

transportieren wollen, lernen<br />

müssen, wie Medienhäuser zu denken.<br />

Es ist wichtig, zu erkennen, wie Inhalte<br />

passend für jeden Kanal aufbereitet<br />

werden müssen, nicht jede Form funktioniert<br />

für jeden Kanal. Um präsent zu<br />

bleiben, sollten Themen über eine längere<br />

Zeitspanne unterschiedlich aufbereitet<br />

werden. So lässt sich auch ein<br />

größerer Teil der Bevölkerung erreichen.<br />

„Man muss die Silos der Kommunikation<br />

öffnen.“ Abteilungen müssen lernen,<br />

wie in einer Redaktion zusammenzuarbeiten,<br />

nicht erst die fertigen Ergebnisse<br />

sollten ausgetauscht werden, sondern<br />

der Austausch während des Entstehungsprozesses<br />

ist wichtig. Sonst läuft<br />

eine Institution in Gefahr, dass die Abteilungen<br />

redundant arbeiten – und die<br />

gleichen Inhalte mehrfach aufarbeiten.<br />

von Marlene Havel<br />

32<br />

Eine institutionelle Herausforderung


Die Musikindustrie<br />

und „YouTube“ – eine Hassliebe?<br />

„YouTube“ hat einen umstrittenen Sonderstatus im Streaming-Bereich.<br />

Dazu beziehen im <strong>SUMO</strong>-Gespräch Franz Hergovich, stellvertretender<br />

Geschäftsführer bei mica (music information centre austria), und Harry<br />

Fuchs, Leiter des Österreichischen Musikfonds, Stellung. Zusätzlich<br />

erklärt Christoph Enzinger von Rebeat Digital, wie man auch mit Gratis-Streaming<br />

Erlösströme schafft.<br />

Harry Fuchs ist seit der Gründung des<br />

österreichischen Musikfonds im Jahr<br />

2005 Geschäftsführer. Der Musikfond<br />

wurde damals ins Leben gerufen, da<br />

es massive Markteinbrüche gab, berichtet<br />

er im Interview. In einem so<br />

kleinen Land sei es ohne Förderung<br />

nicht mehr möglich gewesen, qualitativ<br />

hochwertige Musikproduktionen zu finanzieren.<br />

Im vergangenen Jahr gab es<br />

laut dem Verband der österreichischen<br />

Musikwirtschaft (IFPI) erstmals wieder<br />

eine Umsatzsteigerung um 6,1%. Diese<br />

Trendwende ist vor allem getrieben von<br />

den gestiegenen Umsätzen im Streaming-Bereich.<br />

Demnach seien diese<br />

um unglaubliche 86% angestiegen.<br />

„Spotify“, „Apple Music“ oder „Deezer“<br />

sind damit Haupttreiber für die sich<br />

erhöhenden Einnahmen im Digitalbereich.<br />

Der Musikexperte weist aber<br />

auch darauf hin, dass nicht jede Plattform,<br />

auf der On-Demand Musik gehört<br />

wird, so hohe Umsätze liefert. Im Vergleich<br />

zu den 29,2 Millionen Euro aus<br />

Bezahl-Abos steuern werbefinanzierte<br />

Videoplattformen, allen voran „You-<br />

Tube“, nur 2,3 Millionen zum digitalen<br />

Gesamtumsatz in der österreichischen<br />

Musikindustrie bei, was auch aus der<br />

Datenlage des IFPI (Stand 2017) hervorgeht.<br />

„YouTube“ ist vielen ein Dorn im Auge<br />

Diese Differenz wird in der Branche<br />

als „Value Gap“ bezeichnet und stellt<br />

ein großes Problem dar, unterstreicht<br />

Fuchs. Der Musikfond wird u.a. auch<br />

von den Musik-Verwertungsgesellschaften<br />

mitfinanziert. Gerade diesen<br />

ist „YouTube“ ein Dorn im Auge. Wenngleich<br />

die Plattform an UserInnen pro<br />

Monat sieben Mal größer als „Spotify“<br />

und „Apple Music“ zusammen ist, genießt<br />

der Marktführer einen umstrittenen<br />

Sonderstatus. Denn während<br />

Streaming-Dienste wie „Spotify“ Lizenzverträge<br />

ausverhandeln müssen,<br />

beruft sich „YouTube“ auf eine<br />

nicht mehr zeitgemäße Richtlinie im<br />

E-Commerce-Gesetz 2000. Das sogenannte<br />

Haftungsprivileg ermöglicht<br />

es „YouTube“, unter dem Status Plattformbetreiber<br />

zu agieren. Das schließt<br />

mit ein, nicht verantwortlich für darauf<br />

hochgeladenen Content zu sein. Resultat<br />

daraus: Musikschaffende erhalten<br />

nur rund ein Dollar pro 1.000 Aufrufen,<br />

während „Spotify“ und Co. für Musikrechte<br />

20 Dollar pro UserIn und Jahr bezahlt.<br />

Seit Jahren steht „YouTube“ daher<br />

unter Kritik, seine Content-Lieferanten<br />

nicht verhältnismäßig zu bezahlen.<br />

Ein weitverbreiteter Irrglaube ist, dass<br />

„YouTube“ keine Streaming-Plattform<br />

© Copyright: adobe stock/ss_comm<br />

Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe?<br />

33


Harry Fuchs<br />

Copyright: Kathrin Müller<br />

im eigentlichen Sinne sei: 82% aller<br />

NutzerInnen streamen Musik auf der<br />

Plattform, erhob IFPI.<br />

Wo ein Wille, da ein Weg<br />

Das kontroverse Thema des kostenlosen<br />

Musik-Streamens sieht der frühere<br />

DJ und Promoter Franz Hergovich nicht<br />

ganz so eng: „Prinzipiell bin ich nicht<br />

dagegen. Die wichtigere Frage hier ist,<br />

wie kann man diese Plattformen für<br />

sich nutzen, um ein Publikum aufzubauen.<br />

Hat man viele Fans, ist die Monetarisierung<br />

parallel zu den Gratis-Angeboten<br />

möglich. Viel mehr Menschen<br />

sind bereit für Musik Geld auszugeben,<br />

als man annimmt. Wenn man ihnen<br />

nur Gratis-Content anbietet, ist das<br />

natürlich schwierig.“ „YouTube“ könne<br />

daher durchaus als ein positiver Verbreitungskanal<br />

gesehen werden kann.<br />

Früher hätte man diese Bekanntheit<br />

anderweitig erreichen müssen, beispielsweise<br />

durch kostspielige Anzeigen-Schaltungen.<br />

Hier kann „YouTube“<br />

also Kosten einsparen. Hergovich führt<br />

noch weitere Stärken der Videoplattform<br />

an: „,YouTube‘ ermöglicht durch<br />

seine audiovisuellen Inhalte eine virale<br />

Verbreitung. Natürlich muss das Video<br />

originell sein und den Zeitgeist treffen.“<br />

Ein Paradebeispiel sei laut Hergovich<br />

die Band „Klangkarussell“, die mit<br />

ihrem Clip „Sonnentanz“ einige Karriere-Schritte<br />

überspringen konnte.<br />

Franz Hergovich<br />

Copyright: Kathrin Weinkogl<br />

Christoph Enzinger<br />

Copyright: Kathrin Weinkogl<br />

Auch Christoph Enzinger sieht die Möglichkeit<br />

des Gratis-Streamens über „You-<br />

Tube“ positiv. Es biete sich durch seine<br />

immens hohe Reichweite als ein sehr gutes<br />

Promotion-Tool an und sei, wie von<br />

Hergovich bereits erläutert, ein optimales<br />

Instrument, um seine eigene Marke<br />

aufzubauen. Zusätzlich kann man auch<br />

noch Umsätze beziehen, diese sind jedoch<br />

für viele ProduzentInnen zu niedrig.<br />

Internationalisierung: Chance oder<br />

Bedrohung?<br />

Franz Hergovich bezieht klar Stellung:<br />

,,Sie ist nicht nur keine Bedrohung oder<br />

Chance, sondern eine Notwendigkeit.<br />

Wirtschaftlich ist der österreichische<br />

Markt so klein, dass man alleine von<br />

diesem überleben kann. Um Erfolg zu<br />

haben, muss man zwangsläufig nach<br />

außen schauen.“ Österreich hat hier den<br />

Vorteil, dass der deutschsprachige Musikmarkt<br />

einer der größten weltweit ist.<br />

Durch die vielen Verbreitungsmöglichkeiten<br />

benötige es heutzutage weniger<br />

Aufwand, um sich im Ausland einen Namen<br />

zu machen.<br />

Ganz anders sieht das der Musikfond-Leiter:<br />

„Bei einer Zeitung gibt es<br />

30 andere Werbeanzeigen. Auf ,YouTube‘<br />

hat man es heute mit ein paar Millionen<br />

MitbewerberInnen zu tun.“ Trotzdem<br />

sieht auch er eine Notwenigkeit aufstrebender<br />

KünstlerInnen, solche Kanäle<br />

zu bedienen. Digitale Vermarktung wird<br />

zunehmend wichtiger. Die Abwicklung<br />

über „YouTube“ oder „Spotify“ ist zwar<br />

simpel, jedoch liegt die Schwierigkeit darin<br />

begründet, seinen eigenen neben 35<br />

Millionen (Stand 2018) anderen Tracks<br />

sichtbar zu machen. ,,Es gibt österreichische<br />

KünstlerInnen wie ,Parov Stelar`,<br />

die haben zwanzig Millionen Views, aber<br />

dieses Glück haben die wenigsten. Werbung<br />

kostet meist mehr, als sie als Einnahmen<br />

einbringt.“<br />

Spezielle Software für Monetarisierung<br />

auf „YouTube“<br />

Die Rebeat Digital GmbH wurde 2006<br />

gegründet. Das Start-up machte sich<br />

34<br />

Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe?


die Umwälzungen in der Musikindustrie<br />

zu Nutze und entwickelte eine einzigartige<br />

Vertriebs-Software für digitale<br />

Musik. Damit erreicht das kleine<br />

Unternehmen mittlerweile über 5.000<br />

MusikerInnen und Labels aus 110 Ländern.<br />

Die Software hilft KünstlerInnen<br />

über digitale Distributionskanäle wie<br />

Streaming-Plattformen oder Download-<br />

Services wie „ITunes“ eine vereinfachte<br />

Abwicklung ihrer Werke.<br />

Seit 2011 nutzt Rebeat zusätzlich ein<br />

,,Content ID System“ vom Großkonzern<br />

,,Google“. Das aufstrebende Unternehmen<br />

integriert alle Daten und Werbeeinnahmen<br />

des Content ID Systems<br />

von „YouTube“ in die Rebeat-Software<br />

und erweitert damit seine Serviceleistung<br />

an KundInnen. Das „Content-ID<br />

System“ dieser Software verschickt<br />

Audioreferenzen von Sound-Tracks in<br />

„YouTubes“ Back-End. Der automatisierte<br />

Scanner überprüft dort jedes einzelne<br />

Video, ob es Übereinstimmungen<br />

mit der Sound-Datei gibt. Ist das der<br />

Fall, wird auf das Video Werbung beansprucht<br />

und so werden Werbeumsätze<br />

für die KünstlerInnen generiert. Einen<br />

weiteren Vorteil bietet diese Software,<br />

indem es das gezielte Aufspüren und<br />

Blockieren unerwünschter Raubkopien<br />

ermöglicht. MusikerInnen auf „YouTube“<br />

wollen den gesamten Traffic auf ihrem<br />

eigenen Kanal haben, erklärt Enzinger.<br />

Das Service von „Rebeat“ stellt damit<br />

einen optimierten „YouTube“-Channel<br />

mit mehr Kontrollmöglichkeiten und<br />

Einnahmequellen dar. Mit dieser Methode<br />

kann der illegalen Nutzung von<br />

Musikinhalten und der geringen Zahlung<br />

durch das „Google“-Unternehmen<br />

selbst erfolgreich entgegengewirkt<br />

werden. Es ist daher nicht verwunderlich,<br />

dass die Nachfrage nach „Content-ID“<br />

kontinuierlich ansteigt.<br />

,,Spotify“ versus ,,YouTube“ – Wer hat<br />

die Nase vorne?<br />

Auf die Frage, wie stark die Gratis-Streaming<br />

Plattform mit Bezahlservices<br />

konkurriert, antwortet Hergovich:<br />

„Ich glaube, dass sich beides ausgeht.<br />

Es sind unterschiedliche Nutzergruppen.<br />

Der/die eine möchte eine Playlist<br />

in Ruhe durchhören, der/die andere<br />

surft lieber, lässt sich neue Hits empfehlen<br />

und schaut dazu noch das Musikvideo.<br />

Zwei unterschiedliche Modelle,<br />

die sich parallel gut ausgehen.“ Auch<br />

auf die Frage, ob „YouTube“ künftig Geld<br />

für die Rezeption von Musikvideos verlangen<br />

sollte, reagiert der Fachreferent<br />

für Pop, Rock und Elektronik eher mit<br />

Zurückhaltung: „Ich glaube, dass es sich<br />

ausgeht, dass der Content weiterhin<br />

gratis ist für die KonsumentInnen, dass<br />

,YouTube‘ auch etwas verdient und dass<br />

die Musikschaffenden trotzdem mehr<br />

bezahlt bekommen. Ein Bezahl-Content<br />

würde die Plattform vermutlich<br />

killen. Der Shift wäre zu groß.“<br />

Damit bestätigt er die bisher gescheiterten<br />

Versuche der Videoplattform<br />

mit der Einführung einer Paywall. Seit<br />

einiger Zeit soll mit vermehrten Werbeschaltungen<br />

zwischen Musikvideos<br />

den Userinnen das werbefreie ,,YouTube<br />

Red“ schmackhaft gemacht werden.<br />

Auch läuft laut Berichten der Nachrichtenagentur<br />

„Bloomberg“ nun ein bezahlter<br />

Musikdienst auf „YouTube“ an,<br />

dieser soll die kritischen Stimmen vieler<br />

Musiklabels und Rechteverwerter verstummen<br />

lassen. Harry Fuchs zweifelt<br />

an der Projekt-Idee: ,,Warum sollte ein<br />

großer Rechteanbieter sein Repertoire<br />

,YouTubes‘ Premium-Angebot zur Verfügung<br />

stellen, wenn er selbst schon<br />

an ,Spotify‘ beteiligt ist und dort höhere<br />

Umsätze generieren kann? Dieses Angebot<br />

ist eher für unbekanntere Musikschaffende<br />

interessant, wobei man<br />

sehen muss, ob die Vergütungen dann<br />

auch fair sind.“<br />

Hier hakt der „YouTube“-Experte Christoph<br />

Enzinger ein. Seiner Ansicht nach<br />

hat das Unternehmen sehr wohl das<br />

Potenzial, ein Bezahl-Streaming-Dienst<br />

zu werden. Die Videoplattform hat Verträge<br />

mit vielen Branchengrößen und<br />

daher eine große Bandbreite an Musik-Content<br />

zu bieten. Bisher steckt das<br />

Konzept von „YouTube Music“ aber noch<br />

in den Kinderschuhen und ist aktuell nur<br />

in fünf Ländern verfügbar (USA, Neuseeland,<br />

Korea, Australien und Mexiko).<br />

193 Staaten gibt es – da bleibt selbst<br />

dem Big Player Aufholbedarf.<br />

von Kathrin Weinkogl<br />

© Copyright: adobe stock/Konstiantyn<br />

Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe?<br />

35


„YouKu“ –<br />

das chinesische Portal<br />

Die Videoplattform „YouKu“ ist die chinesische Antwort auf das dort gesperrte<br />

„YouTube“. Der Zensur, Konkurrenz und Copyright-Klagen zu Trotz<br />

zählt die Website heute zu den beliebtesten Plattformen in China. <strong>SUMO</strong><br />

analysierte und sprach mit UserInnen.<br />

23 Milliarden Views pro Monat und 580<br />

Millionen Unique Clients, die in diesem<br />

Zeitraum rund vier Stunden Videomaterial<br />

konsumieren: Die Rede ist nicht<br />

etwa von „YouTube“, sondern von „You-<br />

Ku“, seinem chinesischen Zwilling. Tatsächlich<br />

weist die Plattform einige Ähnlichkeiten<br />

mit seinem amerikanischen<br />

Pendant auf. Ihr Gründer ist Victor Koo,<br />

der an der Entwicklung von „Soho“,<br />

einer in China beliebten Suchmaschine<br />

beteiligt war. 2006, ein Jahr nachdem<br />

„YouTube“ online ging, verließ Koo Soho,<br />

um „YouKu“ ins Leben zu rufen.<br />

Via Fusion zum Marktführer<br />

Seit seiner Gründung hat es „YouKu“<br />

weit gebracht. 2007 sammelte das<br />

Unternehmen laut „Bloomberg“ 25 Millionen<br />

Dollar an Venture Capital, um die<br />

Plattform weiterentwickeln zu können.<br />

Fünf Jahre später fusionierte das Videoportal<br />

mit „Tudou“, dem damals größten<br />

Konkurrenten. Die zwei Plattformen<br />

belegten damals bereits die Plätze elf<br />

und 14 im Ranking der meistbesuchten<br />

Websites in China. 2013 sorgte<br />

eine strategische Zusammenarbeit mit<br />

„Weibo“ („Twitter“-ähnlicher Dienst),<br />

bei der Videos des neugeschaffenen<br />

Mergers „YouKuToudu“ auf „Weibo“<br />

ausgestrahlt wurden, für einen zusätzlichen<br />

Wachstumsschub. Der Erfolg<br />

erweckte schnell die Aufmerksamkeit<br />

großer chinesischer Unternehmer. Einer<br />

von ihnen schlug vor zwei Jahren zu:<br />

Jack Ma und sein Unternehmen Alibaba<br />

machten sich „YouKu“ für einen Kaufpreis<br />

zwischen vier und fünf Milliarden<br />

US-Dollar zu Eigen.<br />

© Copyright: Markus Hechenberger<br />

36<br />

„YouKu“ – das chinesische Portal


© Copyright: adobe stock/saravut<br />

Mehr „Netflix“ als „YouTube“<br />

Ma sah in „YouKu“ die perfekte Ergänzung<br />

seines Online-Imperiums, das in<br />

den letzten Jahren immer stärker in den<br />

Medienbereich vorgedrungen ist. Mit<br />

der finanziellen Rückendeckung seines<br />

Konzerns vollzog der Kanal auch einen<br />

Strategie-Wechsel: weg vom User-Generated<br />

Content, hin zu den großen<br />

Film- und Serienproduktionen. Die waren<br />

zwar immer schon auf „YouKu“ verfügbar<br />

– nur eben illegal. Beliebt waren<br />

in der Anfangszeit der Plattform vor allem<br />

amerikanische Blockbuster, die von<br />

den UserInnen hochgeladen wurden.<br />

Die Folgen dieser Piraterie waren nicht<br />

nur eine Reihe an Copyright-Klagen aus<br />

Hollywood, sondern auch Probleme mit<br />

der heimischen Zensurbehörde, die nur<br />

eine ausgewählte Anzahl ausländischer<br />

Filmproduktionen am chinesischen<br />

Markt freigibt. „YouKu“ reagierte und<br />

schloss letztes Jahr Milliarden-Deals<br />

mit Sony, NBCUniversal und „Netflix“<br />

ab. Seitdem können die chinesischen<br />

UserInnen copyright-konform und<br />

mit dem Sanktus der Zensurbehörde<br />

auf westliche Produktionen, wie „Star<br />

Wars“, „Sherlock“, oder „Orange is the<br />

New Black“, zugreifen. Nebst großer<br />

Hollywood-Blockbuster werden aber<br />

auch heimische Produktionen der rasant<br />

wachsenden chinesischen Filmindustrie,<br />

sowie koreanische und japanische<br />

Angebote immer beliebter.<br />

„YouKu“ bekräftigt seinen Einstieg in<br />

das Streaming-Geschäft zusätzlich mit<br />

der Schaffung von Eigenproduktionen.<br />

In Zukunft soll mehr und mehr Alibaba-Geld<br />

in den Aufbau eines eigenen<br />

Original-Universums fließen. Alibaba<br />

will damit in direkte Konkurrenz mit<br />

iQiYi treten, dass als das chinesische<br />

Netflix gilt und in Hinsicht auf Views<br />

und Unique Clients ähnliche Erfolgszahlen<br />

wie „YouKu“ aufzuweisen hat.<br />

Von Let’s Plays über Beauty-Blogs und<br />

Propaganda<br />

Filme und Serien spielen zwar eine<br />

immer größere Rolle, aber das Unternehmen<br />

dient auch noch immer seinem<br />

ursprünglichen Zweck als Plattform für<br />

User-Generated-Content. So unterstützt<br />

man Video-MacherInnen mit einem<br />

Partnerschaftsprogramm ähnlich<br />

der „YouTube Creators Academy“, diese<br />

können ihre Videos wie auf „YouTube“<br />

monetarisieren. Auch Live-Streams mit<br />

einem entsprechenden Donation-System<br />

sind möglich.<br />

Doch welche Formate und Genres sind<br />

bei den Chinesen besonders beliebt?<br />

Und gibt es so etwas wie „YouKu“-Stars,<br />

äquivalent zu „YouTube“-Größen wie<br />

„YouKu“ – das chinesische Portal<br />

37


PewDiePie, „Bibis Beauty Palace“ und<br />

Co.? Gespräche mit der austro-chinesischen<br />

Community geben Aufschluss:<br />

„Chinesische und koreanische Dramas<br />

sind sehr beliebt“, berichtet etwa Julia<br />

Chang auf eine E-Mail-Anfrage. Jenny<br />

Xie bestätigt das und fügt hinzu: „So<br />

weit ich weiß, bietet ,YouKu‘ NutzerInnen<br />

aber alle Möglichkeiten.“ Was „alle<br />

Möglichkeiten“ bedeutet, wird bei einem<br />

Heurigenbesuch mit einer Gruppe<br />

ChinesInnen – teils in Österreich aufgewachsen,<br />

teils immigriert, teils auf<br />

Urlaub in Österreich – ersichtlich. Dem<br />

Autor dieses Artikels wird die Fülle des<br />

Angebots von „YouKu“ gezeigt: Let’s<br />

Plays, Beauty-Blogs, V-Logs, Comedy<br />

– die chinesische Plattform ist dem<br />

Us-Pendant hinsichtlich des Contents<br />

recht ähnlich. Eine Chinesin, die namentlich<br />

nicht genannt werden will,<br />

meint aber, so etwas wie „Stars“ gebe<br />

es auf „YouKu“ nicht. „Vieles steckt noch<br />

in den Kinderschuhen“, so der Tenor.<br />

Bei der Recherche ist der Autor zudem<br />

auf ein Video gestoßen, in dem Chinas<br />

Präsident Xi Jinping als „Retter der<br />

Arbeitslosen“ dargestellt wird. Zu sehen<br />

ist Xi Jingping, wie er arbeitslosen<br />

Chinesen die Hand schüttelt und sich<br />

in der Partei für die Schaffung von Jobs<br />

stark macht. Untermalt wird das ganze<br />

von englischen Untertiteln, die von<br />

den „Heldentaten“ des chinesischen<br />

Präsidenten berichten. Das Video war<br />

im März 2018 tagelang auf Platz Eins<br />

der „YouKu“-Trends (hier „Hotspot“ genannt).<br />

In diesem Zusammenhang stellt<br />

sich die Frage, wie stark, vor allem wie<br />

systematisch die chinesische Regierung<br />

den Kanal als Propagandainstrument<br />

nutzt. „Natürlich wird ,YouKu‘<br />

auch als Propagandainstrument genutzt“,<br />

meint etwa Jenny Xie. Julia Chan<br />

schwächt jedoch ab: „ Es ist nicht das<br />

Haupt-Online-Medien Propagandainstrument“.<br />

Vielmehr würde sich die<br />

chinesische Regierung auf CCTV und<br />

XinHua stützen. Bei CCTV handelt es<br />

sich um das TV-Unternehmen „Central<br />

China Television“, XinHua ist eine chinesische<br />

Nachrichtenagentur, die sehr<br />

stark im Online-Bereich tätig ist. Beide<br />

Unternehmen befinden sich im Besitz<br />

des chinesischen Staates.<br />

Kreative Erlösmodelle<br />

In der Refinanzierung unterscheidet<br />

sich „YouKu“ in vielerlei Hinsicht kaum<br />

von „YouTube“. Klassische Online-Videowerbeformen<br />

wie pre-, mid- und<br />

postroll ads, Bannerwerbung und Popups<br />

gehören beim chinesischen Videoportal<br />

ebenso zum Standardrepertoire.<br />

Mit der Übernahme der Alibaba-Group<br />

begann man aber auch mit der Implementierung<br />

kreativerer Werbeformen,<br />

wie der „China Marketing Blog“ von<br />

Misha Maruma der Nanjing Marketing<br />

Group berichtet. So entstand etwa das<br />

„Corner-Logo“, bei der Unternehmen<br />

und Creator ihr Markenzeichen in der<br />

rechten oberen Ecke des Videos anzeigen<br />

lassen können. Ein Click auf<br />

das Logo führt UserInnen auf die Website<br />

des Herstellers, den Merche-Shop<br />

des Creators, oder – ganz im Sinne<br />

ihres Gründers Jack Ma – auf die Websites<br />

der Alibaba-Töchter Taobao und<br />

T-Mall. Die Unternehmen haben zudem<br />

die Möglichkeit, offiziell verifizierte<br />

Brand-Channels zu erstellen, so Misha<br />

Maruma. Die Besonderheit daran: Im<br />

Menübereich des jeweiligen Channels<br />

ist ein auffälliger Button platziert, der<br />

direkt zu Website der Hersteller führt.<br />

Werden auf dem Channel Produkte<br />

beworben, so erscheinen in ebenjener<br />

Menüleiste auch Links, deren Anklicken<br />

das jeweilige Produkt direkt in den<br />

Alibaba-Warenkorb schickt. Ein Beispiel<br />

dafür ist etwa der offizielle Channel<br />

von „Go-Pro“: Der orangene „Buy<br />

Now“-Button rechts oben führt direkt<br />

zum T-Mall Flagship-Store des Kameraherstellers.<br />

Unter so viel Werbung leidet selbstverständlich<br />

die Userfreundlichkeit der<br />

Plattform. Die „Bombardierung“ seiner<br />

NutzerInnen mit zahlreichen Werbeformen<br />

ist aber durchaus Teil der Strategie<br />

von „YouKu“. Das Unternehmen gibt<br />

offen zu, diesen in den VIP-Bereich der<br />

Website locken zu wollen. Dort können<br />

sie sich für ein Abo-Modell entscheiden.<br />

Zur Auswahl stehen mehrere Angebote,<br />

angefangen bei 15 Yuan pro Monat (ca.<br />

2,3 Dollar). Je mehr man bezahlt, desto<br />

weniger Werbung bekommt man zu<br />

sehen. Zusätzlich bietet „YouKu“ seinen<br />

AbonnentInnen noch Zugang zu Exklusiv-Inhalten<br />

(vor allem Filme und Serien),<br />

diversen Alibaba-Diensten, Gutscheinen,<br />

höhere Videoqualität sowie<br />

exklusive VIP-Emotes.<br />

Den finanziellen Erfolg dieser Palette<br />

an Erlösformen zu bewerten, gestaltet<br />

sich dabei als schwierig, denn Alibaba<br />

weist „YouKu“ in seinen Geschäftsberichten<br />

nicht gesondert aus. Im ersten<br />

Halbjahr 2015 vermeldete die damals<br />

noch eigenständige Plattform Umsätze<br />

in Höhe von 450 Millionen Dollar. Das<br />

chinesische Marktforschungsinstitut<br />

iResearch schätzt zudem, dass etwa<br />

80% der Erlöse von „YouKu“ aus Werbung<br />

stammen. Es ist davon auszugehen,<br />

dass „YouKu“ seinen Umsatz mit<br />

der Übernahme durch Alibaba kräftig<br />

steigern konnte. Rentiert hat sich das<br />

Geschäft für den Online-Handelsriesen<br />

aber höchstwahrscheinlich noch nicht:<br />

38<br />

„YouKu“ – das chinesische Portal


Alibaba schrieb im Medien-Segment<br />

letztes Jahr Verluste in Höhe von 1,6<br />

Milliarden Dollar, was vor allem den<br />

hohen Investitionen in Content zuzuschreiben<br />

ist.<br />

Im Schatten der Zensur<br />

Die chinesische Regierung ist durch finanzielle<br />

Teilhabe am Erfolg Alibabas<br />

maßgeblich beteiligt. Die kommunistische<br />

Partei hat aus Prestige-Gründen<br />

großes Interesse daran, die Erfolgstories<br />

amerikanischer Tech-Unternehmen<br />

zu toppen. Trotzdem hat „YouKu“<br />

immer wieder mit den System-Offiziellen<br />

zu kämpfen. Vor allem in der Anfangszeit<br />

der „Streaming-Revolution“<br />

in China warf die Regierung immer wieder<br />

ein kritisches Auge auf diese Plattformen.<br />

Ein besonderer Dorn im Auge<br />

war den Zensoren dabei der User-Generated-Content.<br />

Dieser ist schwer<br />

regulier-, zensier- und dadurch auch<br />

schwer kontrollierbar. Man spielte offen<br />

mit dem Gedanken, die Plattformen zu<br />

verbieten. Auch die zahlreichen, illegal<br />

hochgeladenen amerikanischen Filme<br />

auf „YouKu“ missfielen der Regierung.<br />

Westliche Produktionen „verderben“ –<br />

nach offizieller Diktion der kommunistischen<br />

Partei – die Jugend.<br />

„YouKu“ zu verbieten ist ob des Erfolgs<br />

der Plattform zwar unwahrscheinlich<br />

geworden, daran, dass die Partei den<br />

schwer kontrollierbaren Online-Medien<br />

misstrauisch gegenübersteht, hat sich<br />

aber nichts geändert. Im Kampf um die<br />

Kontrolle über „YouKu“ sorgte etwa die<br />

Verhaftung von Lu Fanxi vor zwei Jahren<br />

für Aufsehen in China. Fanxi war<br />

laut Berichten in „Financial Times“ und<br />

„Forbes“ damals Vice-Chairman und<br />

zuständig für Eigenproduktionen der<br />

Plattform. In einer ersten offiziellen<br />

Meldung der chinesischen Regierung<br />

erklärte man die Verhaftung mit „ernsthaften<br />

Anschuldigungen gegen Fanxis<br />

Content-Projekte“. Um den Eindruck einer<br />

politischen Säuberung abzuschwächen,<br />

ruderte man später zurück. In den<br />

chinesischen Staatsmedien war plötzlich<br />

nur mehr von einer Anklage wegen<br />

Wirtschaftskorruption die Rede.<br />

Das wichtigste Instrument der Kontrolle<br />

der chinesischen Regierung über<br />

die landesweiten Medien bleibt neben<br />

der Verhaftung unliebsamer Personen<br />

jedoch die Zensur der Inhalte. Informationen<br />

über die genaueren Prozesse,<br />

die dabei im Hintergrund ablaufen, zu<br />

bekommen gestaltet sich als schwierig.<br />

Johann Günther, Doktor der Publizistikund<br />

Kommunikationswissenschaft und<br />

Kunstgeschichte, der in China jahrelang<br />

als Dozent an der Jianghan University<br />

tätig war, hat für <strong>SUMO</strong> Kontakt zu<br />

seinen chinesischen StudentInnen aufgenommen,<br />

um hier Licht ins Dunkel zu<br />

bringen. Ein Student, der namentlich<br />

nicht genannt werden will, beschreibt<br />

das System als „Review First“. Soll heißen:<br />

Videos, die auf die Plattform gestellt<br />

werden, werden erst öffentlich<br />

geschalten, wenn der Inhalt von der<br />

chinesischen Zensurbehörde überprüft<br />

wurde. In diesem Prozess werden,<br />

ähnlich wie auf „YouTube“, sowohl<br />

Technologie (Algorithmen), als auch<br />

menschliche Arbeitskraft eingesetzt.<br />

Der Algorithmus dient dabei als erster<br />

„Filter“. Wenn ein Video als „high risk“<br />

identifiziert werde, so der Student, kämen<br />

die menschlichen Zensoren zum<br />

Einsatz. Jedes Video bekommt zudem<br />

eine ID, über die das Video eindeutig<br />

dessen Schöpfer zugeordnet werden<br />

kann.<br />

von Tobias Kachelmeier<br />

© Copyright: adobe stock/BirgitKorber<br />

„YouKu“ – das chinesische Portal<br />

39


Die Internetsucht<br />

als Sozialkiller<br />

<strong>SUMO</strong> sprach über Ursachen, Auswirkungen und Therapien der Internetsucht<br />

mit drei Experten: Dr. Alfred Uhl, Abteilungsleiter-Stv. am Kompetenzzentrum<br />

Sucht der Gesundheit Österreich GmbH, Mag. Julian Strizek,<br />

wissenschaftlicher Mitarbeiter ebendort, Abteilungsleiter Primar Dr.<br />

Roland Mader vom Anton-Proksch-Institut, der größten europäischen<br />

Suchtklinik. Ein betroffener Jugendlicher gibt Einblick in seinen Alltag.<br />

Eine Definition von Internetsucht ausschließlich<br />

aufgrund der Nutzungsdauer<br />

ist wenig sinnvoll, angesichts<br />

der Tatsache, dass laut einer Studie<br />

der SPECTRA Marktforschung der/<br />

die durchschnittliche Österreicher/<br />

in das Internet täglich 108 Minuten<br />

nutzt. Definitionsversuche seien hier<br />

generell umstritten, stellt Julian Strizek<br />

fest. „Abhängigkeit ist an und für<br />

sich nichts Schlechtes. Abhängig sind<br />

wir von Vielem: Essen, Trinken, und<br />

bei Kälte von einem warmen Gewand<br />

und einer Heizung. Sucht jedoch ist<br />

eine Abhängigkeit, die große Probleme<br />

macht. Und zwar für die Person selbst<br />

und/oder für die Umgebung. Das ist für<br />

mich eine relativ sinnvolle Definition“,<br />

erläutert Alfred Uhl. Es geht vor allem<br />

darum, eine Entscheidung zu treffen,<br />

wo die Grenzen gezogen werden. Laut<br />

Roland Mader sind mehrere Stunden<br />

online zu verbringen zwar ein auffälliges<br />

Merkmal, doch Zeit allein ist nicht<br />

ausschließlich ein Kriterium. Indizien<br />

dafür sind vielmehr das Vernachlässigen<br />

der schulischen oder beruflichen<br />

Laufbahn, Abfall schulischer Leistungen,<br />

der Rückzug aus dem Freundeskreis<br />

oder auch die starke Reduzierung<br />

von Hobbies. Ein ausgeprägtes Spezifikum<br />

kann auch der Kontrollverlust sein.<br />

Die betroffene Person hat kein Zeitgefühl<br />

mehr, wie lang das Internet schon<br />

verwendet wurde, bzw. auch wenn das<br />

Bewusstsein darüber gegeben ist, kann<br />

die Rezeption nicht mehr kontrolliert<br />

und eingeschränkt werden. Die Suchterkrankung<br />

resultiert oftmals in Unruhe<br />

und Angstzuständen, sollte dem/der<br />

Betroffenen kein Zugang zum Internet<br />

gewährt sein.<br />

Was war zuerst da?<br />

Was verursacht das Problem: eine psychische<br />

Belastung im Hintergrund oder<br />

die Internetsucht selbst? Grundsätzlich<br />

sei es so, dass ein Großteil der Probleme<br />

im Zusammenhang mit Süchten<br />

– und hier sind stoffgebundene sowie<br />

stoffungebundene gemeint – deshalb<br />

entstehen, weil es im Hintergrund andere<br />

Grundprobleme gibt. Psychische<br />

Erkrankungen können Süchte verursachen<br />

und diese verstärken. „Es gibt kein<br />

eindeutiges Schema, welche Gruppe in<br />

Hinblick auf eine problematische Internetnutzung<br />

besonders gefährdet ist,<br />

aber doch sind es meistens Menschen,<br />

die auch andere psychische Auffälligkeiten<br />

aufweisen“, stellt Strizek fest.<br />

Es folgt laut Uhl eine Selbstbehandlung<br />

oder ein Entkommen „gegen Depression,<br />

gegen Fadesse, gegen ‚dass<br />

,die Sachen nicht klappen.‘“ Auch aus<br />

der Fachliteratur geht hervor, dass PatientInnen,<br />

die in Behandlung sind, selten<br />

ausschließlich wegen Symptomen<br />

einer Internetsucht behandelt werden.<br />

Häufig stehen unterschiedliche psychi-<br />

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Die Internetsucht als Sozialkiller


sche Belastungen im Hintergrund, etwa<br />

Depressionen. Grunderkrankungen wie<br />

diese treiben demnach PatientInnen in<br />

die Arme des Internet, zum Beispiel in<br />

den endlosen Sumpf der Videos. Wer<br />

aber sagt, dass es nicht die Internetabhängigkeit<br />

ist, die PatientInnen in die<br />

Depression treibt? Uhl hält fest, man<br />

könne die Frage was vorangeht „nicht<br />

für alle Betroffenen stellen, weil das ist<br />

bei jeder bzw. jedem anders. Meistens<br />

ist es so, dass das eine das andere verstärkt<br />

und umgekehrt.“<br />

Es kann jede/n treffen. Doch wer ist<br />

besonders gefährdet?<br />

Lässt man demografische Faktoren wie<br />

Alter und Geschlecht außen vor, spielen<br />

vor allem persönliche Faktoren eine<br />

große Rolle. Vor allem die Unterscheidung<br />

zwischen intro- und extrovertierten<br />

Menschen ist dabei ausschlaggebend.<br />

Die erste Vermutung, dass<br />

introvertierte Charaktere einem höheren<br />

Risiko ausgesetzt sind, kann aber<br />

widerlegt werden. Es gibt Beschreibungen,<br />

so Strizek, die ein erhöhtes Risiko<br />

bei extrovertierten Menschen sehen.<br />

Diese nutzen demnach Medien, um<br />

ihre Selbstdarstellung „auf die Spitze zu<br />

treiben.“ Auf der anderen Seite stehen<br />

introvertierte Charaktere, oder auch<br />

Jene, die sozial gehemmt oder schüchtern<br />

sind. Diese nutzen Onlineaktivitäten<br />

eher kompensatorisch. „Was man<br />

online machen kann, ist einfach so<br />

unterschiedlich“, dass es schwerfalle,<br />

gewissen Gruppen ein erhöhtes Risiko<br />

zuzuschreiben. Introvertierte Personen<br />

können sich hinter der Anonymität des<br />

Internet verstecken und es zum Zeitvertreib<br />

auf verschiedenste Arten nutzen.<br />

Internetsucht – eine ernstzunehmende<br />

Erkrankung?<br />

Obwohl der exzessive Internetgebrauch<br />

erst in den letzten Jahren aufgekommen<br />

ist, gibt es die Internetsucht auch<br />

im therapeutischen Sinne schon viele<br />

Jahre. Bereits 1995 wurde die Sucht als<br />

Krankheit anerkannt und in den Therapiebereich<br />

miteinbezogen. Der amerikanische<br />

Psychiater Ivan Goldberg<br />

definierte sie als „internet addiction disorder“.<br />

Doch auch in Österreich gilt die<br />

Sucht seit einiger Zeit als ernstzunehmende<br />

Erkrankung. Seit mittlerweile 15<br />

Jahren wird sie im Anton-Proksch-Institut<br />

behandelt und therapiert. Durch<br />

diese jahrelange Erfahrung kann Betroffenen<br />

gut geholfen und ihnen ein<br />

Weg aus der Sucht ermöglicht werden.<br />

Besondere Aufmerksamkeit erfahren<br />

Online Games, deren Nutzungsdauer<br />

und Auswirkungen häufig diskutiert<br />

werden. Die JIM-Studie gibt wider, dass<br />

Die Internetsucht als Sozialkiller<br />

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Menschen im Alter zwischen 12 und 19<br />

Jahren das Internet intensiver für andere<br />

Unterhaltungszwecken nutzen, als<br />

für Spiele, die in dieser Studie separat<br />

abgefragt wurden. Erstere schließen<br />

Musik, Bilder und Videos mit ein, der<br />

Anteil der Gesamtnutzungszeit liegt bei<br />

30 Prozent. Bei Spielen hingegen ist der<br />

Anteil mit etwa 20 Prozent um einiges<br />

geringer.<br />

Die Auswirkungen der Abhängigkeit<br />

entstehen vor allem wegen der Zeit,<br />

die in Onlineaktivitäten investiert wird.<br />

Ein ausschlaggebender Faktor dabei ist<br />

die ständige Verfügbarkeit. In Zeiten der<br />

mobilen Endgeräte wie beispielsweise<br />

dem Smartphone haben RezipientInnen<br />

allzeit und überall die Möglichkeit,<br />

an Videocontent zu gelangen. Je mehr<br />

Zeit für Videos oder andere Onlineinhalte<br />

aufgebracht wird, desto mehr<br />

leidet der Alltag darunter. Frühere Freizeitaktivitäten<br />

oder Interessen werden<br />

vernachlässigt, was sich negativ auf die<br />

Beziehungen der betroffenen Personen<br />

auswirkt. Eine so verursachte Änderung<br />

der Ess- und Schlafgewohnheiten kann<br />

zu ernsten Störungen führen. Eine besonders<br />

hohe Nutzung wird den Alltag<br />

früher oder später derart dominieren,<br />

dass ein geregelter Tagesablauf nicht<br />

mehr möglich ist und PatientInnen dem<br />

gewohnten Alltag nicht mehr nachgehen<br />

können, warnte der Suchtprophylaktiker<br />

Kläser 2016.<br />

Das Ampelmodell als Therapieansatz<br />

„Abstinenz ist nicht das Ziel, es geht<br />

vielmehr um Medienkompetenz. Der<br />

Patient bzw. die Patientin soll lernen,<br />

einen kompetenten Umgang mit dem<br />

Internet zu schaffen“, so Mader. Dieser<br />

Ansatz ergibt sich durch die Unmöglichkeit,<br />

das Internet aus dem Leben<br />

des/der Patienten/in zu entfernen.<br />

Aufgrund dessen wird in der Therapie<br />

häufig das Ampelmodell herangezogen.<br />

Dabei wird der Gebrauch in einem dreistufigen<br />

Ampelsystem kategorisiert:<br />

- Rot: Ein bestimmtes Medienangebot<br />

darf nicht mehr genutzt werden (z.B.<br />

„YouTube“-Videos schauen, falls die<br />

Nutzung zu exzessiv wurde).<br />

- Gelb: Es darf unter bestimmten Bedingungen<br />

bzw. in Begleitung genutzt<br />

werden.<br />

- Grün: Hierbei ist uneingeschränkte<br />

Nutzung erlaubt.<br />

Jene drei Bereiche werden mit dem/r<br />

Therapeuten/in gemeinsam besprochen<br />

und festgelegt, um eine möglichst<br />

positive Veränderung zu bewirken.<br />

Die Seite eines Betroffenen<br />

Um einen Vergleich herstellen zu können,<br />

wurde neben den Suchtexperten<br />

ein unter Internetsucht leidender Jugendlicher<br />

(17) befragt. Für das Interview<br />

war es sein Wunsch, anonym zu<br />

bleiben. X bemerkte seine Internetabhängigkeit<br />

erst vor Kurzem. Viele seiner<br />

Familienangehörigen machten ihm<br />

bereits zuvor viele Vorwürfe und verstanden<br />

sein Computerverhalten nicht.<br />

Er selbst konnte diesen Anschuldigungen<br />

nichts aberkennen und führte seine<br />

täglich mehrstündige Abhängigkeit<br />

weiter. Erst als sich seine FreundInnen<br />

immer mehr von ihm abwandten bzw.<br />

von ihm vernachlässigt wurden, bemerkte<br />

er eine starke Veränderung. Ihm<br />

wurde bewusst, dass seine Internetnutzung<br />

überdurchschnittlich ist und<br />

er sich von der Realität immer mehr<br />

entfernte. Der Jugendliche hatte schon<br />

als Kind mit mangelndem Selbstwertgefühl<br />

zu kämpfen und verlor sich deswegen<br />

in seiner virtuellen Welt, seiner<br />

„sicheren und glücklichen virtuellen<br />

Welt, die mit Gleichgesinnten geteilt<br />

werden kann“, wie er beschreibt. X verbringt<br />

bis zu 14 Stunden täglich vor<br />

seinem Computer und widmet sich<br />

auch seinen schulischen Verpflichtungen<br />

kaum mehr. Er beschreibt die Sucht<br />

als Teufelskreis, da man bei Nicht-Verfügbarkeit<br />

Unruhe und Stress verspürt<br />

und aufgrund dessen sich wieder dem<br />

Internet zuwendet.<br />

Der Weg zurück in die Realität<br />

X nimmt sich für seine Zukunft vor, in<br />

Therapie zu gehen, da es sei für eine<br />

Selbstheilung wahrscheinlich bereits<br />

zu spät sei. Sein Leben solle wieder<br />

lebenswerter werden, FreundInnen<br />

sollen ein wichtiger Teil davon sein und<br />

auch ist es sein Ziel, die Schule positiv<br />

abzuschließen.<br />

Computer- und Internetgebrauch wird<br />

auch in weiterer Folge Teil unseres Lebens<br />

sein, der Umgang und die Kompetenz<br />

dabei sind jedoch von maßgeblicher<br />

Relevanz. Bei beruflichen oder<br />

schulischen Angelegenheiten bedarf es<br />

heutzutage schlicht und einfach eines<br />

Internetzugangs und die Nutzung ist<br />

nicht vermeidbar. Doch vor allem im<br />

sozialen Bereich ist es von höchster<br />

Relevanz, den persönlichen Kontakt zu<br />

stärken und Social Media nicht dominieren<br />

zu lassen. Sonst kann das virtuelle<br />

Leben das reale schnell überdecken<br />

und das Suchtpotenzial verstärken.<br />

von Katharina Glück, Teresa Takacs<br />

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Die Internetsucht als Sozialkiller


Impressum<br />

Medieninhaberin:<br />

Fachhochschule St. Pölten GmbH<br />

c/o <strong>SUMO</strong><br />

Matthias Corvinus-Straße 15<br />

A-3100 St. Pölten<br />

Telefon: +43(2742) 313 228<br />

Fachliche Leitung<br />

FH-Prof. Mag. Roland Steiner<br />

E-Mail: office@sumomag.at<br />

Telefon: +43(2742) 313 228 -425<br />

Fax: +43(2742) 313 228 -409<br />

Copyright: Claudia Mann<br />

Das Team der Ausgabe 31<br />

von links nach recht: Tobias Kachelmeier, Teresa Takacs, Kathrin Weinkogl, Marlene Havel, Katharina Glück,<br />

Hannah-Laura Schreier, Susanne Heinemann, Katharina Arbeithuber, Manfred Binder, Johanna Schrey, Anna Putz,<br />

Christian Woltran, Christoph Bierbaum, Bettina Berger<br />

nicht im Bild: Anastasia Malyavko<br />

CHEFREDAKTIONSASSISTENZ: Putz<br />

PRODUKTIONSVORBEREITUNG: Glück, Kachelmeier, Takacs<br />

BILDREDAKTION: Arbeithuber, Berger, Schreier<br />

VERTRIEB: Binder, Heinemann, Malyavko, Weinkogl<br />

RELEASE: Schrey<br />

<strong>SUMO</strong>MAG: Bierbaum<br />

SOCIAL MEDIA: Christian Woltran<br />

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Impressum<br />

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info.<br />

day<br />

Bachelor | Master | Weiterbildung<br />

in den Bereichen<br />

medien & wirtschaft<br />

medien & digitale technologien<br />

informatik & security<br />

bahntechnologie & mobilität<br />

gesundheit<br />

soziales<br />

23.11.2018<br />

FH St. Pölten<br />

fhstp.ac.at/infoday<br />

13:00 –18:00 Uhr

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