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SUMO #35

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Fachmagazin des Bachelor Studiengangs Medienmanagement der FH St. Pölten<br />

Medien-Politik-Medien<br />

© Copyright: Ida Stabauer<br />

Ausgabe 35<br />

- Oktober 2020 -


Medienmanagement<br />

studieren heißt die<br />

Zukunft der Medien<br />

mitgestalten.<br />

Wissen, was morgen zählt.<br />

Medienmanagement<br />

· Bachelorstudium: 6 Semester<br />

· Vollzeit<br />

Schwerpunkte<br />

· Content Management<br />

· Marketing und Sales<br />

· Strategisches Management<br />

© Martin Lifka Photography<br />

2<br />

Thema<br />

Jetzt informieren:<br />

fhstp.ac.at/bmm


Inhalt<br />

» Editorial von Roland Steiner 4<br />

» Regionaljournalismus und -politik unter der Lupe von Christiane Fürst 5<br />

» Hintergrundgespräche: Verkündung von Staatsgeheimnissen? von David Pokes 9<br />

» Think Austria: des Kanzlers Denkstube von Lukas Pleyer 11<br />

» Open Data - nur die Spitze des Eisbergs? von Karin Pargfrieder 16<br />

» Medienpluralismus: Bedarf es politischer Regulierung? von Christiane Fürst 20<br />

» Pressefreiheitsgrenze - Wahrheit kann bestraft werden! von Ondrej Svatos 23<br />

» Mediales Alternativ-Bingo: Aufmerksamkeit um jeden Preis von Lukas Pleyer 27<br />

» Hate Speech und die Politik von Viktoria Strobl 31<br />

» Emotionalisierung und Dramatisierung um jeden Preis von Therese Sterniczky 33<br />

» Wenn lesen nicht selbstverständlich ist von Julia Allinger 36<br />

» Nicht nur Politiker spielen „Clash of Clans“ von Martin Möser 39<br />

» Pornografie - eine bzw. welche Gefahr für Kinder und Jugendliche? von Alexander Schuster 42<br />

» Zwischen Games und Gefahr von Julia Allinger 45<br />

» Deep Fakes: Fluch oder Fun? von Alexander Schuster 48<br />

» Digital Steuer: Endlich faire Steuern für alle? von David Pokes 51<br />

» „Zugriff verweigert“ - technischer und rechtlicher Schutz von Smart Home von Raphaela Hotarek 53<br />

» Upload-Filter: Eine Herausforderung für Türkis-Grün von Martin Möser 56<br />

» Die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von Viktoria Strobl 58<br />

» Der milliardenschwere Kampf um Sportübertragungsrechte von Michael Geltner 61<br />

» Sollen Programmkinos gefördert werden? von Ida Stabauer 64<br />

» Die (Ohn-) Macht des Presserates von Karin Pargfrieder 66<br />

» Wenn private Daten in den Medien landen von Christina Glatz 70<br />

» Wenn MANN den Journalistinnen Chancen verwehrt von Sophie Pratschner 73<br />

© Copyright: pexels<br />

Inhalt<br />

3


Editorial<br />

Liebe Leserin, lieber Leser!<br />

„Here we are now, entertain us“, nachfolgend jedoch:<br />

„I feel stupid and contagious“ – so Kurt Cobains Refrain.<br />

Was hat „Nirvana“ mit dem Rahmenthema<br />

dieser halbrunden <strong>SUMO</strong>-Ausgabe zu tun? Mediale<br />

Unterhaltung war und ist ein Bedürfnis (vermehrt) in<br />

Krisenzeiten, der Ansteckungsgrad via Streamingdienste<br />

wird höher und bei manchen die Reflexion<br />

einer Selbstscham betreffs dieses „Binge Viewings“.<br />

Während des Lockdowns manifestierten sich jedoch<br />

auch hohe Informationsbedürfnisse, und in Demokratien<br />

dürften wir uns nicht als „stupid“ – weil genug<br />

an Aufklärungsmaterial vorhanden – oder „contagious“<br />

– weil seriöser Art – befriedigt fühlen. Dagegen<br />

aber standen bisweilen inflationäre Pressekonferenzen<br />

der Regierung, die teils ohne Fragemöglichkeit<br />

uns Direktiven transferiert haben, PR-Kampagnen<br />

derselben als indirekte Medienförderung, die Sonderförderung<br />

für die Reichweitenpotentaten, Verschleierung<br />

und Verweigerung im „Ibiza“-Ausschuss.<br />

Wenn wir den Bereich „Medienpolitik“ vor der Krise<br />

untersuchen, fällt dessen geringe Bedeutsamkeit<br />

auf: oft ging es um Boulevardsubventionen, weit<br />

weniger um Medienfreiheit und -pluralismus. Medien<br />

werden in unserer Wohlstandsdemokratie als<br />

Subsystem in gesellschaftlich „systemrelevanten“<br />

Bereichen als irrelevant eingestuft. Volkswirtschaftlich<br />

hängen weit mehr Arbeitsleistungen daran als<br />

gedacht, jedoch müssen wir uns hierzulande meist<br />

auf Zahlen aus Deutschland beziehen, da zu Österreich<br />

fehlend. Betriebswirtschaftlich hüllen sich österreichische<br />

Medienunternehmen gerne im Nebel,<br />

in Deutschland sind etliche ob ihrer Rechtsform dazu<br />

verpflichtet. Umfragen wie Quoten ergaben eine<br />

hohe Nutzung der ORF-Nachrichten, die Akzeptanz<br />

für eine Co-Finanzierung durch die Rundfunkgebühr<br />

aber stieg nicht. Dasselbe geschah den Websites von<br />

„Die Presse“ und „Der Standard“, wo die Zahlbereitschaft<br />

nicht drastisch gestiegen ist.<br />

Befunde für den Bedarf einer Umgestaltung der Medienpolitik<br />

und -förderung liegen in den jeweiligen<br />

Ministerien in der Schublade – in den jeweiligen, weil<br />

Medienpolitik analog zu „Medienbildung“ in Schulen<br />

stets „Querschnittsmaterie“ ist: also themenbezogen.<br />

Themenbezogen? Man müsse die Digitalisierung<br />

fördern (Kinder lernen mit Handys umzugehen,<br />

LehrerInnen mit Videochats, AltersheimbewohnerInnen<br />

mit sozialen Netzwerken), und überhaupt: Technik,<br />

Digger!<br />

Diese <strong>SUMO</strong>-Ausgabe hatte sich zum Wechselspiel<br />

zwischen den Systemen Medien und Politik Themen<br />

gesetzt, aber freilich hat auch uns COVID Barrieren<br />

auferlegt (u.a. dass alle Interviews telefonisch oder<br />

via Skype geführt wurden). Umso mehr gilt GRAZIE<br />

MILLE den beteiligten Studierenden des Praxislabors<br />

„Journalistisches Arbeiten“ (Print) und des Freifachs<br />

„<strong>SUMO</strong>“, die in allen Bereichen Enormes leisteten:<br />

Sie haben Artikel inklusive Interviews dennoch umgesetzt,<br />

die Selbstfinanzierung der Ausgabe via Anzeigen<br />

– in dieser Zeit! – mehr als geschafft, Distribution,<br />

Produktion (die erste Grafik als Cover in der<br />

<strong>SUMO</strong>-Geschichte!), Kommunikation usf.<br />

Sie halten die 35. Ausgabe des einzigen, durchgängig<br />

von Studierenden erstellten Medienfachmagazins in<br />

Österreich in den Händen. Dies ist in erster Linie ein<br />

Verdienst bedankter Studierenden und der Medieninhaberin<br />

FH St. Pölten. Vor allem jedoch gilt Ewald<br />

Volk Dank, der dieses Magazin rettete, förderte und<br />

vorantrieb, nunmehr bedingt durch Pensionierung<br />

(als Dozent, Betriebsrat der FH und Leiter des „Campus<br />

& City-Radio 94.4“ erhalten bleibend!) seine<br />

Leitung des Bachelor Studiengangs Medienmanagement<br />

abgab an Johanna Grüblbauer: Absolventin<br />

unseres Studiengangs, promovierte Kommunikationswissenschaftlerin,<br />

als Forscherin stv. Leiterin des<br />

Instituts für Medienwirtschaft, digital- wie print-affin.<br />

Herzlichen Dank & herzlich willkommen!<br />

Ihnen wünschen wir den besten Sommer & eine interessante<br />

<strong>SUMO</strong>-Lektüre,<br />

FH-Prof. Dr. Johanna Grüblbauer<br />

Studiengangsleiterin<br />

Bachelor Medienmanagement<br />

FH-Prof. Mag. Roland Steiner<br />

Praxislaborleiter Print<br />

Chefredakteur <strong>SUMO</strong><br />

FH-Prof. Mag. Ewald Volk<br />

Studiengangsleiter<br />

Bachelor Medienmanagement<br />

(bis 30.6.2020)<br />

© Copyright: pexels<br />

Copyright: Privat<br />

Copyright: Ulrike Wieser<br />

Copyright: Privat<br />

4<br />

Editorial


Regionaljournalismus und<br />

-politik unter der Lupe<br />

Hintergrundgespräche am Stammtisch, fehlende Kritik, Freundschaft<br />

zählt mehr als Objektivität. All das wird dem Regionaljournalismus vorgeworfen.<br />

Doch inwieweit stimmen diese Vorwürfe? Auf der Suche nach<br />

Antworten diskutierte <strong>SUMO</strong> mit Christoph Reiterer und Sandra Frank,<br />

JournalistInnen der „Niederösterreichischen Nachrichten“ (NÖN), sowie<br />

PolitikerInnen.<br />

© Copyright: adobe stock / Dragon Images<br />

Eine laue Sommernacht. Da passt ein<br />

Heurigenbesuch unter FreundInnen<br />

ganz gut ins Programm. Natürlich darf<br />

ein guter Wein nicht fehlen. Und wie es<br />

oft so ist, bespricht man beim Heurigen<br />

auch Berufliches. So auch am Tisch neben<br />

dem großen Apfelbaum. Dort sitzen<br />

zwei Männer, der Körpersprache zufolge<br />

kennen sie sich seit Längerem und sind<br />

gut befreundet. Auf den ersten Blick<br />

also nichts Besonderes. Doch während<br />

an den restlichen Tischen FreundInnen<br />

von ihren Marketingtätigkeiten, ihrer<br />

LehrerInnenfortbildung oder dem anstehenden<br />

Personalworkshop erzählen,<br />

bespricht der Tisch beim Apfelbaum politische<br />

Vorhaben und deren publizistische<br />

Veröffentlichung. Denn an diesem Tisch<br />

sitzt der Bürgermeister gemeinsam mit<br />

dem Journalisten der Regionalzeitung.<br />

Szenarios wie diese assoziieren viele<br />

Menschen mit Regionaljournalismus,<br />

ob am Stammtisch, beim Dorffest oder<br />

in den eigenen vier Wänden. RegionaljournalistInnen<br />

und -politikerInnen sind<br />

stets im regen Austausch miteinander<br />

und gut befreundet. Dass man über<br />

eine/n gute/n FreundIn nicht kritisch<br />

berichtet, versteht sich von selbst.<br />

Deswegen ist die allgemeine Berichterstattung<br />

auch eher seicht und ohne<br />

kritische Untertöne. Soweit zumindest<br />

die öffentliche Auffassung.<br />

Studie klärt auf<br />

Dieser Thematik haben sich Arnold und<br />

Wagner in ihrer 2018 erschienenen<br />

empirischen Studie „Leistungen des<br />

Lokaljournalismus“, in der 103 Lokalausgaben<br />

von deutschen Tageszeitungen<br />

und deren Online-Auftritte analysiert<br />

wurden, angenommen. Laut den<br />

Ergebnissen der Studie konnten mit<br />

Verbesserungen bei der Themenvielfalt<br />

und der Unabhängigkeit bisherige Defizite<br />

ausgelotet werden. Im Zuge dieser<br />

Änderungen sind weniger „weiche“<br />

Themen in der Lokalberichterstattung<br />

und mehr unterschiedliche Themen, in<br />

denen AkteurInnen diverser Bevölkerungsgruppen<br />

zu Wort kommen, gefunden<br />

worden. Jedoch gibt es weiterhin<br />

Problembereiche. Nach wie vor sind<br />

die Zeitungen relativ unkritisch und<br />

publizieren nur wenige kontroverse Artikel,<br />

hier fehlen kritische Kommentare<br />

über das politische Geschehen. Ebenso<br />

werden die Hintergründe nicht immer<br />

erläutert. Da meist nur Berichte und<br />

Meldungen veröffentlicht werden und<br />

sich in den Regionalzeitungen nur wenig<br />

unterhaltende Elemente wie Rätsel<br />

befinden, ist der Unterhaltungsfaktor<br />

textlich und grafisch eingeschränkt. So<br />

wird durch den fehlenden gestalterischen<br />

Aufbau die Anschlussfähigkeit –<br />

also das Ausmaß der Verständlichkeit<br />

für LeserInnen – nicht immer erfüllt.<br />

Die Partizipation kann vor allem wegen<br />

fehlenden Leserbriefen und Abstimmungsmöglichkeiten<br />

ebenfalls noch<br />

verbessert werden. Manche Defizite<br />

sind aber nicht nur auf die Professionalität<br />

der Redaktion zurückzuführen.<br />

Denn Metropolenzeitungen stehen in<br />

den Bereichen Relevanz, Themenvielfalt<br />

und Kritik besser da, was mit den<br />

Charakteristika des lokalen Kommunikationsraums<br />

zusammenhängt, weil<br />

die Metropole mehr relevante Themen<br />

als eine kleine ländliche Gemeinde<br />

hergibt.<br />

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser<br />

Da die in Studien erforschten Probleme<br />

nicht dieselben wie die in der Praxis er-<br />

Regionaljournalismus und -politik unter der Lupe<br />

5


© Copyright: adobe stock / Aleshchenko<br />

lebten sein müssen, hat <strong>SUMO</strong> das Gespräch<br />

mit RegionaljournalistInnen mit<br />

reichlich Erfahrung gesucht und nachgefragt,<br />

wie man den Balanceakt zwischen<br />

Objektivität und Freundschaft<br />

meistern kann. Fündig geworden ist<br />

man im niederösterreichischen Weinviertel.<br />

Mit dem Chef vom Dienst der<br />

NÖN Weinviertel Christoph Reiterer<br />

und Sandra Frank, stv. Redaktionsleiterin<br />

der Redaktionen Hollabrunn und<br />

Gänserndorf, konnte man auch 21 bzw.<br />

14 Jahre Erfahrung mit vielen persönlichen<br />

Treffen, Einhaltung journalistischer<br />

Regeln und mehr oder weniger<br />

gesprächigen PolitikerInnen für ein<br />

Interview gewinnen.<br />

Laut Frank sei es wichtig, auch bei<br />

freundschaftlichen Beziehungen die<br />

journalistische Pflicht zu erfüllen und<br />

kritische Geschichten über die jeweilige<br />

Person zu schreiben. Für gute Beziehungen<br />

sei es vor allem anfangs<br />

schwierig, wenn ein/e gute/r Bekannte/r<br />

einem/r ins Gesicht lüge. Hier<br />

müsse man die Distanz haben und erkennen,<br />

dass PolitikerInnen auch nur<br />

ihren Job machen und in der Presse gut<br />

rüberkommen möchten. Sie habe auch<br />

schon erlebt, dass manche PolitikerInnen<br />

nach kritischen Berichten beleidigt<br />

waren. Das sei schwierig, weil man sich<br />

am selben oder darauffolgenden Tag<br />

öfter begegne und man dann keine oder<br />

nur wenige Antwort/en auf gestellte<br />

Fragen bekomme. Reiterer sieht es aus<br />

der Perspektive, dass PolitikerInnen<br />

durch die Berichte die Möglichkeit bekämen,<br />

sich auch zu verteidigen und<br />

die eigene Meinung zur Kritik der Opposition<br />

oder anderen abzugeben. Den<br />

LokalpolitikerInnen sei auch bewusst,<br />

dass sie eine große Angriffsfläche bieten<br />

und können deswegen Kritik auch<br />

gut einstecken, solange sie sich fair behandelt<br />

fühlen. Ferner müsse man auch<br />

als JournalistIn nicht nur austeilen, sondern<br />

auch einstecken können<br />

Beide erachten es für wichtig, trotz guter<br />

Beziehungen mit PolitikerInnen nicht<br />

„schleißig“ zu werden und die Aussagen<br />

deswegen weniger zu überprüfen. Hier<br />

könne laut Reiterer auch der Austausch<br />

in der Redaktion hilfreich sein, weil eine<br />

andere Person neue Informationen<br />

oder Erfahrungen teilen kann. Frank<br />

hält es für notwendig, Aussagen immer<br />

zu checken und auch bei freundschaftlichen<br />

Verhältnissen mehrmals nachzufragen,<br />

wenn sie etwas nicht verstehe.<br />

Das habe ihr beispielsweise bereits vor<br />

einer Wahl geholfen, um falsche Informationen<br />

eines Bürgermeisters für die<br />

LeserInnen klarzustellen. Ein einfacher<br />

Check der Landeshomepage habe gereicht,<br />

um die richtige Gesetzeslage<br />

herauszufinden, die sie dann im Bericht<br />

mit einer Infobox beigefügt habe.<br />

Im Fall, dass sich hinter den Aussagen<br />

Falschinformationen verbergen frage<br />

sie auch immer bei der Person nach,<br />

warum es denn zu dieser gekommen<br />

ist. „Es ist dann immer lustig, zu sehen,<br />

wie sie sich rausreden möchten“, lacht<br />

Frank. Ebenfalls könne man Objektivität<br />

gewährleisten, indem man Geschichten<br />

über gute Bekannte oder Verwandte an<br />

eine/n Kollegin/en abgibt, die/der dann<br />

objektiver darüber berichten kann.<br />

Selbstzensur in jeglicher Form wird von<br />

beiden JournalistInnen vehement abgelehnt.<br />

Reiterer habe immer Erfolg damit<br />

gehabt, die Situation möglichst authentisch<br />

wiederzugeben. „Wenn sich<br />

die Person darin wiederfindet, hat man<br />

schon gewonnen“, erläutert er. Frank<br />

erklärt, dass sie bei manchen KollegInnen<br />

erlebt habe, dass sie kritische Artikel<br />

vermeiden oder verharmlosen, um<br />

ja nicht anzuecken – vor allem, wenn<br />

es Personen aus der eigenen Gemeinde<br />

betrifft. Laut Frank habe man sich<br />

dann aber für den falschen Beruf entschieden.<br />

Einig sind sich die KollegInnen<br />

auch dabei, dass man selbst bei unangenehmen<br />

Themen, „etwa bei schwerwiegenden<br />

Vorwürfen“ gegen PolitikerInnen,<br />

die man bereits lange kennt,<br />

alles hinterfragen müsse.<br />

In Bezug auf die inhaltliche Tiefe der<br />

Antworten merken beide JournalistInnen,<br />

dass Nationalratsabgeordnete<br />

Schulungen hinsichtlich politischer<br />

Kommunikation erhalten haben und<br />

deswegen eher in „Politsprech“, den<br />

man auch von Regierungsmitgliedern<br />

kennt, verfallen können. Ebenfalls sei<br />

es hier manchmal schwieriger, die<br />

eigene Meinung und nicht nur die Parteimeinung<br />

zur Thematik zu erfahren.<br />

Bei PolitikerInnen auf Landesebene bemerke<br />

man zwar die Tendenz, dass es<br />

politische Schulungen gegeben habe,<br />

aber falls die Person bereits vor ihrer<br />

Funktion auf Landes- auf Gemeindeebene<br />

aktiv war, ändere sich nicht allzu<br />

viel an der inhaltlichen Tiefe der Antworten.<br />

GemeinderätInnen allerdings<br />

seien entweder sehr gesprächig und<br />

beantworten die Fragen der JournalistInnen<br />

gerne ausführlich, oder haben<br />

Angst etwas Falsches zu sagen und<br />

geben lieber gar kein Interview. Reiterer<br />

verweist in puncto Bürokratie auf ein<br />

Statement des niederösterreichischen<br />

Gemeindebundes aus 2014: „Aufgrund<br />

der immer üppiger werdenden gesetzlichen<br />

Bestimmungen wächst die Gefahr,<br />

dass die Bürgermeister ‚mit einem Bein<br />

im Kriminal stehen‘.“<br />

„Kaum Ausweichmöglichkeiten“<br />

Nachdem die Einschätzungen der JournalistInnen<br />

geklärt sind, stellt sich die<br />

Frage wie ihre GesprächspartnerInnen<br />

die Situation empfinden. Damit diese<br />

6<br />

Regionaljournalismus und -politik unter der Lupe


Frage beantwortet werden kann, hat<br />

<strong>SUMO</strong> zwei PolitikerInnen befragt. Eine<br />

ehemalige Nationalratsabgeordnete<br />

(SPÖ) und ein Altbürgermeister (ÖVP)<br />

haben ihre Eindrücke geschildert.<br />

Nina* (Anm.: Name geändert) konnte<br />

besonders während ihrer Zeit im Nationalrat<br />

viel Erfahrung mit RegionaljournalistInnen<br />

sammeln. Schwierigkeiten<br />

habe sie selbst keine bemerkt, das<br />

könne daran liegen, dass sich andere<br />

Aspekte ihres Lebens wie der Kindergarten<br />

ihrer Kinder nicht mit denen der<br />

JournalistInnen überschnitten haben.<br />

Sie habe auch den Eindruck, dass die<br />

JournalistInnen immer das Handwerk<br />

besäßen, um die notwendige Distanz<br />

zu wahren. Einflüsse wie die Blattlinie<br />

führen laut Nina eher dazu, dass es teilweise<br />

schwieriger sei, ausführlichere<br />

Berichte zu bekommen oder gar auf<br />

der Titelseite zu erscheinen. Persönliche<br />

Beziehungen haben darauf weniger<br />

Einfluss. Ebenfalls findet sie es problematisch,<br />

wenn journalistisches Handwerk<br />

nicht richtig eingesetzt wird und<br />

sie beispielsweise falsch zitiert wird.<br />

Auch die Tatsache, dass auf regionaler<br />

Ebene weniger JournalistInnen tätig<br />

sind, sei teilweise schwierig. „Wenn das<br />

persönliche Verhältnis nicht stimmt,<br />

hat man kaum Ausweichmöglichkeiten,<br />

weil dann gibt es zwei bis drei regionale<br />

Blätter in der Region und wenn<br />

man sich mit einen oder zwei [JournalistInnen]<br />

nicht versteht, dann wird es<br />

schwierig“, führt Nina weiter aus.<br />

Die ehemalige Nationalrätin versuche<br />

auch immer, ausführliche Antworten<br />

zu geben, weil sie sich als Politikerin<br />

den LeserInnen gegenüber verpflichtet<br />

fühlt, die Gründe hinter den Entscheidungen<br />

zu kommunizieren. Allerdings<br />

sei es natürlich schwieriger, sehr ausführliche<br />

Antworten zu geben, wenn<br />

es Belange betrifft, in denen Nuancen<br />

die Entscheidung ausmachen. Dennoch<br />

könne sie von sich selbst behaupten,<br />

dass sie immer die Wahrheit gesagt<br />

habe. Ärger habe sie deswegen von<br />

ihrer Partei noch nie bekommen. Denn<br />

zu entscheiden, womit man wann an<br />

welchen Personenkreis hinausgeht, liege<br />

in der Eigenverantwortung jedes/r<br />

Politikers/in.<br />

Komplett andere Erfahrungen hat der<br />

Altbürgermeister Josef* (Anm.: Name<br />

geändert) gemacht. Ihm zufolge seien<br />

die Gründe hinter Entscheidungen in<br />

Berichten nicht genügend beleuchtet<br />

worden. In der Folge sei in den Medien<br />

die Kritik der Opposition als „Aufhänger“<br />

verwendet worden, ohne die Grundlagen<br />

der Entscheidung zu erwähnen.<br />

Das führte dazu, dass er sich dazu entschloss,<br />

den JournalistInnen keine oder<br />

nur sehr wenig Auskunft zu geben. Er<br />

fordert, dass sich die Medienvertreter-<br />

Innen nicht nur auf die präsentierten<br />

Endergebnisse von Entscheidungen<br />

fokussieren sollten, sondern auch die<br />

Hintergründe der Entscheidung erfragen.<br />

„Vertrauen ist A und O“<br />

In einem Punkt sind sich alle InterviewpartnerInnen<br />

einig: Im Regionaljournalismus<br />

ist Vertrauen das allerwichtigste.<br />

„Das Vertrauensverhältnis ist A und<br />

O, aber das ist auch keine Einbahnstraße,<br />

das muss auf beiden Seiten funktionieren“,<br />

erklärt Nina. Aus diesem Grund<br />

sei die journalistische Beziehung für<br />

Josef auch keine gute gewesen. Zu selten<br />

wären JournalistInnen auch außerhalb<br />

der Gemeinderatssitzungen vor<br />

Ort gewesen und so sei kein Vertrauen<br />

entstanden. Doch wenn eine solide Vertrauensbasis<br />

geschaffen wird, können<br />

sich für beide Seiten einige Vorteile entwickeln.<br />

Deswegen müsse Nina nicht<br />

daran zweifeln, dass Meinungen, die<br />

sie offrecord abgibt, am nächsten Tag<br />

als Schlagzeile zu lesen sind. Bei guter<br />

Vertrauensbasis melde sie sich auch<br />

direkt bei JournalistInnen, wenn es ein<br />

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Regionaljournalismus und -politik<br />

7


neues Thema mit Nachrichtenwert gibt.<br />

Solche Vertrauensdienste bestätigt<br />

Frank, denn vertrauliche Informationen<br />

werden keineswegs vorzeitig in Artikeln<br />

untergebracht. Auch Informationen,<br />

die nach einigen Weingläsern und<br />

zwischen Privatunterhaltungen durchscheinen<br />

nutze sie nicht für ihre journalistische<br />

Arbeit aus. Als Gegenleistung<br />

bekomme man meistens exklusive Informationen<br />

oder weiß als erstes von<br />

konkreten Vorhaben. In der Folge erfahre<br />

man teilweise bereits vor dem Gemeinderat<br />

von bestimmten Vorhaben,<br />

schreibe aber eben erst darüber, wenn<br />

die Freigabe der jeweiligen Person<br />

kommt. Zum Teil könne das gute Verhältnis<br />

auch dazu genutzt werden, dass<br />

sich PolitikerInnen und JournalistInnen<br />

über die Zeit der Pressekonferenz absprechen,<br />

damit sowohl PolitikerInnen<br />

als auch JournalistInnen anwesend sein<br />

können, erzählt Reiterer. Besonders auf<br />

journalistischer Seite sei die Einhaltung<br />

solcher Abmachungen wichtig, weil<br />

man im Regionaljournalismus nur eine<br />

begrenzte Anzahl an Gemeinden hat,<br />

über die man berichten kann und diese<br />

daher möglichst gut abdecken möchte.<br />

Weitere Empfehlungen<br />

Im Rahmen seiner 2017 veröffentlichten<br />

Studie mit dem Namen „Politiker<br />

und Journalisten in Interaktion“ gibt<br />

Philipp Baugut Handlungsempfehlungen<br />

für RegionalpolitikerInnen und<br />

-journalistInnen, von denen einige sich<br />

mit den beschriebenen Maßnahmen<br />

aus der Praxis überschneiden. Zu diesen<br />

zählt die besondere Wichtigkeit<br />

der Diskretion bei Hintergrundgesprächen.<br />

Demnach sollen Medien Hintergrundgespräche<br />

nicht für kurzfristige<br />

Wettbewerbsvorteile nutzen und stets<br />

die Hintergedanken der PolitikerInnen<br />

hinterfragen. Bei einem weiteren bereits<br />

angesprochenen Bereich – den<br />

Ratssitzungen – müssen BürgermeisterInnen<br />

dafür sorgen, dass diese von<br />

politischen AkteurInnen nicht als Bühne<br />

zur Selbstinszenierung verwendet<br />

werden. Damit die PolitikerInnen auch<br />

ohne diese Möglichkeit sich selbst profilieren<br />

können, sollen JournalistInnen<br />

ihnen außerhalb von Ratssitzungen<br />

ausreichend Raum dafür geben. In Hinblick<br />

auf Exklusivinformationen sollten<br />

PolitikerInnen nicht permanent ein Medi-um<br />

bevorzugen und die Relevanz der<br />

Informationen zu überprüfen, indem<br />

man die Perspektive der BürgerInnen<br />

einnimmt. Auf journalistischer Seite<br />

müsse immer hinterfragt werden, ob<br />

es für die LeserInnen besonders wichtig<br />

ist, ein Thema exklusiv zu veröffentlichen.<br />

MedienvertreterInnen sollte auch<br />

bewusst sein, dass die Darstellung von<br />

Politik durch ihre mediale Präsenz beeinflusst<br />

wird. Denn durch ihre Berichterstattung<br />

werden Anreize für politische<br />

Binnenkommunikation gegeben.<br />

Im Falle von bewusst provozierenden<br />

Artikeln sollten PolitikerInnen diese<br />

nicht persönlich nehmen, sondern mit<br />

ihrer politischen Tätigkeit in Verbindung<br />

setzen. Für JournalistInnen gilt: Wenn<br />

die Substanz der Politik beeinflusst<br />

werden soll, muss eine politische Kommunikationskultur,<br />

die besonders von<br />

Nähe, Konflikten und Nicht-Öffentlichkeit<br />

geprägt ist, angestrebt werden.<br />

von Christiane Fürst<br />

© Copyright: adobe stock / Björn<br />

Sandra Frank / Copyright: Franz Enzmann<br />

Christoph Reiterer / Copyright: Erich Marschik<br />

8<br />

Regionaljournalismus und -politik unter der Lupe


Hintergrundgespräche:<br />

Verkündung von Staatsgeheimnissen?<br />

Sebastian Kurz sorgte im Februar dieses Jahres für Aufsehen, als er in<br />

einem Hintergrundgespräch die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft<br />

scharf kritisierte und in diesem Zusammenhang von „roten<br />

Netzwerken“ innerhalb dieser Organisation redete. <strong>SUMO</strong> sprach mit<br />

Florian Beißwanger, deutscher Journalist und Autor des Buches „Hintergrundgespräche:<br />

Konsensuales Geheimnis-Management im Mediensystem<br />

des digitalen Zeitalters“, sowie mit Gernot Bauer, Journalist bei der<br />

Wochenzeitung „Profil“, über die Sinnhaftigkeit von Hintergrundgesprächen,<br />

die Einhaltung von Regeln und Vertrauen.<br />

© Copyright adobe stock / Atstock Productions<br />

Hintergrundgespräche gibt es seit vielen<br />

Jahren und sind aus dem heutigen<br />

Zusammenspiel zwischen Politik und<br />

Medien nicht mehr wegzudenken. Dabei<br />

sollen PolitikerInnen in vertrautem<br />

Rahmen bestimmte Einschätzungen und<br />

Standpunkte näher erläutern. KritikerInnen<br />

befürchten jedoch, dass in diesen<br />

Gesprächen vertrauliche Geheimnisse<br />

ausgetauscht werden. Strenge Regeln,<br />

die von allen beteiligten AkteurInnen einzuhalten<br />

sind existieren. Was geschieht<br />

jedoch, wenn aus einem als vertraulich<br />

gekennzeichneten Hintergrundgespräch<br />

trotzdem Informationen an die Öffentlichkeit<br />

gelangen?<br />

Ohne Vertrauen keine Hintergrundgespräche<br />

„Die wichtigste Grundlage in Hintergrundgesprächen<br />

ist das Vertrauen“,<br />

sind sich Florian Beißwanger und Gernot<br />

Bauer einig. Die TeilnehmerInnen sollten<br />

sich stets an die vereinbarten Regeln<br />

halten, denn wird gegen diese Regeln<br />

der Vertraulichkeit verstoßen, würde<br />

das „Instrument“ Hintergrundgespräch<br />

beschädigt werden, so Beißwanger. Es<br />

käme immer wieder vor, dass eigentlich<br />

vertrauliche Informationen aus Hintergrundgesprächen<br />

an die Öffentlichkeit<br />

gelangen, was dazu führe, dass es für<br />

JournalistInnen immer schwieriger würde,<br />

wirklich Interessantes in solchen<br />

vertraulichen Gesprächen zu erfahren,<br />

so Beißwanger weiter. Ähnlich sieht das<br />

Bauer, der die Vorteile von Hintergrundgesprächen<br />

nennt. Seine persönlichen<br />

Erfahrungen seien durchwegs positiv,<br />

da PolitikerInnen dadurch „ungezwungen<br />

und frisch von der Leber weg“ über<br />

bestimmte Themen sprechen könnten.<br />

Sobald Notizen gemacht werden oder<br />

das Gespräch aufgezeichnet wird, würden<br />

sich die meisten PolitikerInnen verschließen.<br />

Keine Staatsgeheimnisse<br />

„Man muss sich davon lösen, dass Hintergrundgespräche<br />

streng geheime<br />

Treffen sind, bei denen über Staatsgeheimnisse<br />

geplaudert wird“, gibt Bauer<br />

zu bedenken. Vielmehr würde es um<br />

Einschätzungen und genauere Erklärungen<br />

zu bestimmten Sachthemen gehen.<br />

„Wirklich spannende Informationen erfährt<br />

man wenn, dann nur unter vier<br />

oder sechs Augen“ und diese Art der Informationsmitteilung<br />

sei meistens nicht<br />

geplant und würde in einem schnellen,<br />

spontanen Telefonat geschehen. Daher<br />

seien die meisten Hintergrundgespräche<br />

konstruktiv und ohne dass tatsächliche<br />

Staatsgeheimnisse ausgeplaudert<br />

werden würden. Bießwanger sagt, dass<br />

Neid und Missgunst unter KollegInnen in<br />

der Politik in der Politik oft stattfänden<br />

und ergänzt: „Gelegentlich lästern PolitikerInnen<br />

in Hintergrundgesprächen,<br />

was sie jedoch nicht tun sollten, da es<br />

ein schlechtes Licht auf sie wirft und es<br />

meist doch herauskommt.“ Laut Bauer<br />

würden Kritikäußerungen gegenüber<br />

anderen PolitikerInnen nicht oft vorkommen.<br />

Dass „ein/e PolitikerIn eine/n<br />

andere/n PolitikerIn so richtig vom Leder<br />

zieht, habe ich noch nie erlebt“, das<br />

sei eine absolute Ausnahme. Früher<br />

konnte es durchaus vorkommen, dass<br />

Gespräche zwischen PolitikerInnen und<br />

JournalistInnen bei Klausuren an der Bar<br />

stattfanden, bei denen es zu Unmutsäußerungen<br />

kam. Wobei dann eher über die<br />

eigenen „ParteifreundInnen“ geschimpft<br />

Hintergrundgespräche: Verkündung von Staatsgeheimnissen?<br />

9


wurde, und selbst das sei schon lange<br />

her. Mittlerweile seien alle PolitikerInnen<br />

professionell und würden wissen,<br />

worüber sie zu sprechen haben und worüber<br />

besser nicht, berichtet Bauer.<br />

Spielregeln festlegen<br />

Um späteren Missverständnissen vorzubeugen,<br />

sei es wichtig, die Spielregeln im<br />

Vorhinein klar festzulegen, erzählt Bauer.<br />

Dabei gelten in Deutschland folgende<br />

drei Regeln, wie Beißwanger erklärt:<br />

„Unter eins“ heißt, dass der/die Journalist/in<br />

über den genannten Inhalt des<br />

Gesprächs berichten und auch die Quelle<br />

nennen dürfe. Bei der Regel „Unter zwei“<br />

darf die Quelle nicht genannt, sondern<br />

lediglich umschrieben werden, wobei<br />

der Inhalt des Gesprächs sehr wohl veröffentlicht<br />

werden dürfe. Ein Beispiel:<br />

Sebastian Kurz äußert sich negativ über<br />

seinen grünen Koalitionspartner, da er<br />

mit der Regierungsarbeit der grünen<br />

MinisterInnen unzufrieden ist. JournalistInnen<br />

dürften dann etwa so darüber<br />

schreiben: „Aus ÖVP-Regierungskreisen<br />

ist zu vernehmen, dass man derzeit nicht<br />

sonderlich zufrieden über die Arbeit der<br />

grünen MinisterInnen im Kabinett ist.“<br />

Damit ist der/die QuellengeberIn geschützt,<br />

der Informationsinhalt erscheint<br />

jedoch in den Medien. Die Regelung<br />

„Unter drei“ besagt, dass über die besprochenen<br />

Inhalte nicht berichtet werden<br />

dürfe. Diese Informationen würden<br />

lediglich dem näheren Verständnis der<br />

JournalistInnen dienen. Laut Bauer sei<br />

im Einzelfall festzulegen, welche Regel<br />

für welches Hintergrundgespräch gilt. So<br />

bald Notizen gemacht werden oder Notizblöcke<br />

vor Ort aufliegen, sei es nicht<br />

mehr wirklich ein Hintergrundgespräch,<br />

sondern „semioffiziell“.<br />

Das Nähe-Distanz-Problem<br />

Dass es bei derart vertraulichen Gesprächen<br />

vor allem in kleinerem Rahmen zu<br />

einer Annäherung zwischen PolitikerIn<br />

und JournalistIn kommt, ist unumgänglich.<br />

Laut Florian Beißwanger sollte<br />

es zumindest in Deutschland so sein,<br />

dass „jede/r PolitikerIn ungefähr sieben<br />

so genannte ‚Vertrauensjournalist-<br />

Innen‘ hat, mit denen er/sie in einem engen<br />

Austausch steckt.“ Dieses Verhältnis<br />

sei wichtig, damit er/sie diese dementsprechend<br />

„bedienen“, also mit Informationen<br />

versorgen kann. Man könne,<br />

wenn man die Medien näher beobachtet,<br />

sehr gut erkennen, welche/r JournalistIn<br />

über welche/n PolitikerIn berichtet. Ganz<br />

anders sieht das Gernot Bauer. „Die Zeit<br />

der großen Nähe ist vorbei und ‚‚Verhaberung‘<br />

im Ausmaß wie früher gibt es<br />

nicht mehr.“ Nicht einmal bei JournalistInnen,<br />

die bereits lange in der Medienbranche<br />

tätig sind. Beide Seiten wären<br />

in den letzten Jahren professioneller<br />

geworden und hielten mehr Distanz, so<br />

Bauer und erläutert weiter: „Vertrauen<br />

ist keine Sache der ‚‚Verhaberung‘.<br />

Vertrauen entsteht durch Erfahrung.“<br />

Amsterdamer Frühstücksaffäre<br />

Das wohl berühmteste Beispiel, bei denen<br />

Informationen eines Hintergrund-<br />

gespräches veröffentlicht wurden, war<br />

die „Amsterdamer Frühstücksaffäre“<br />

mit dem ehemaligen Außenminister<br />

Wolfgang Schüssel. Dabei bezeichnete<br />

Schüssel den damaligen deutschen<br />

Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer<br />

bei einem Hintergrundgespräch<br />

mit österreichischen JournalistInnen in<br />

Amsterdam als „richtige Sau“. „Was genau<br />

Schüssel mit dieser Aussage meinte,<br />

ist immer noch unklar“, sagt Bauer.<br />

Dabei handelte es sich laut ihm um ein<br />

tatsächliches Hintergrundgespräch, bei<br />

dem Schüssel seine persönliche Sicht<br />

der Dinge offenbarte. Über Umwege seien<br />

diese Informationen schließlich an die<br />

Öffentlichkeit gelangt.<br />

Hintergrundcharakter gehr verloren<br />

Auf die weitere Entwicklung von Hintergrundgesprächen<br />

angesprochen, erzählt<br />

Bauer, dass sie „in der jetzigen institutionalisierten<br />

und formalisierten Form“<br />

weiter bestehen werden. Womöglich<br />

wird der Hintergrundcharakter verlorengehen<br />

und mehr in Richtung einer Pressekonferenz<br />

wandern. Wie sich Hintergrundgespräche<br />

in Zukunft entwickeln,<br />

würde aber auch an den politischen AkteurInnen<br />

selbst liegen. Ob diese Art von<br />

Gesprächen dann überhaupt von MedienvertreterInnen<br />

angenommen wird,<br />

sei eine andere Frage, gibt Bauer an, der<br />

sich ebenso gut vorstellen könnte, dass<br />

in Zukunft auch BloggerInnen zu Hintergrundgesprächen<br />

eingeladen werden.<br />

von David Pokes<br />

Florian Beißwanger / Copyright: Privat<br />

Gernot Bauer / Copyright: Alexander Unger<br />

© Copyright: adobe stick / Art Lucas<br />

10<br />

Hintergrundgespräche: Verkündung von Staatsgeheimnissen?


Think Austria: des Kanzlers<br />

Denkstube<br />

Think Tank: ein Begriff, der in den letzten Jahren durch die mediale Berichterstattung<br />

häufig zu hören war. Neben der „Agenda Austria“ und<br />

Straches gescheiterten Projekt „Denk zukunftsreich“ wurde ebenfalls<br />

über die Stabstelle „Think Austria“ berichtet. Nur, was versteht man unter<br />

einem Think Tank und warum sollte man diese kritisch hinterfragen?<br />

<strong>SUMO</strong> sprach darüber mit Bruno Rossmann, dem ehemaligen Nationalratsabgeordneten<br />

und Klubobmann der Liste Jetzt, und Edward Strasser,<br />

Mitgründer & CEO des Innovation in Politics Institute.<br />

7. April 2020: Lockdown Österreich.<br />

Homeoffice im Pyjama und schnell gekochte<br />

Pasta. Ein Alltag, den meist nur<br />

StudentInnen kennen, gilt nun für sehr<br />

viele in Österreich. Um weiterarbeiten<br />

zu können, wäre ein Kaffee ganz gut.<br />

Gesagt getan, aufgegossen und vorsichtig<br />

daran geschlürft. Just in dem<br />

Moment klingelt das Handy: Bruno<br />

Rossmann – der erhoffte Rückruf.<br />

Warum? Parlamentarische Anfragen:<br />

insgesamt drei wurden zum Kanzler-<br />

Projekt „Think Austria“ eingereicht.<br />

Zwei von Claudia Gamon (NEOS) unter<br />

Türkis-Blau, die dritte und letzte von<br />

Bruno Rossmann (Liste Jetzt) in Zeiten<br />

der Expertenregierung. Der Grund:<br />

Kanzlerin Bierlein machte kurzen Prozess<br />

und löste am 11. Juni 2019 das<br />

Projekt „Think Austria“ auf.<br />

Think Austria II – auf ein Neues<br />

Mit der Verabschiedung durch die Kanzlerin<br />

war es aber nicht vorbei. Im Rahmen<br />

der Evaluierung und Neuorganisation<br />

wurde dem Projekt „Think Austria“<br />

der Stecker gezogen, während andere<br />

Stabstellen des Bundeskanzleramts<br />

überlebten. Am 21. Jänner wurde durch<br />

den „Standard“ bekannt, dass es damit<br />

nicht erledigt war: Bundeskanzler Kurz<br />

schickt „Think Austria“ in die zweite<br />

Runde. Am 7. April, glücklicherweise vor<br />

dem Interview mit Bruno Rossmann,<br />

veröffentlichte „Der Standard“ eine<br />

weitere Meldung, die indirekt mit dem<br />

Projekt zusammenhängt: „Kurz-Beraterin<br />

Antonella Mei-Pochtler wird mit<br />

13. April als Mitglied des Aufsichtsrats<br />

der ProSiebenSat.1 Media SE bestellt.“<br />

Ehrenamtliche Leiterin von „Think Austria“<br />

und nun Aufsichtsrätin eines privaten<br />

deutschen Medienkonzerns, kann<br />

dies zu Interessenskonflikten führen?<br />

„Selbstverständlich!“, so Rossmann im<br />

Gespräch mit <strong>SUMO</strong>. „Das war ja damals<br />

auch so. Frau Mei-Pochtler agiert<br />

nicht wertefrei irgendwo im Raum,<br />

sondern sie geht ebenfalls einer beruflichen<br />

Tätigkeit nach und das hat Ein-<br />

fluss auf ihre Geschäftstätigkeit. Daher<br />

entstehen schon Interessenskonflikte.<br />

Entweder mache ich das eine oder das<br />

andere, aber eine Mischung aus beiden<br />

ist politisch ungesund“, erläutert<br />

der einstige Klubchef weiter. Laut dem<br />

Bundeskanzler und Mei-Pochtler dient<br />

die Stabstelle dem Entwickeln von<br />

mittel- bis langfristigen Analysen und<br />

Konzepten für Österreich. Themenfelder<br />

wie „Neue Wettbewerbsfähigkeit“,<br />

„Neue Leistung und Verantwortung“<br />

und „Neue Identität“ wurden hierfür<br />

gewählt. Auch der Weltraum war beim<br />

ersten Anlauf ein wichtiges Thema.<br />

Laut dem Kanzler ist das Einrichten so<br />

einer Stabstelle mittlerweile üblich. Edward<br />

Strasser, Leiter des Innovations<br />

in Politics Institute, stimmt dem zu.<br />

Sein Institut arbeite häufig mit solchen<br />

Stabstellen zusammen, um gemeinsam<br />

politische, zukunftsorientierte,<br />

prodemokratische und proeuropäische<br />

Lösungen zu erarbeiten. „Die Politik<br />

versinkt in der Tagesarbeit“, fährt der Institutsgründer<br />

fort: „Somit stellt sich die<br />

Frage, wo man die Programme, seien es<br />

Arbeitsmarkt- oder Sozialprogramme,<br />

langfristig so umstellen und verbessern<br />

muss, damit diese wirksamer werden.<br />

Für diese Fragen ist in der Alltagsarbeit<br />

keine Zeit mehr.“ Auch Rossmann sieht<br />

die Grundidee einer solchen Stabstelle,<br />

die direkt im Bundeskanzleramt eingerichtet<br />

ist, grundsätzlich als sinnvoll an.<br />

Damit könne man sehr gute strategisch<br />

politische Entscheidungen vorbereiten,<br />

und dagegen sei nichts einzuwenden.<br />

Think Tank oder nicht?<br />

Nicht nur die Pläne der Regierung konnten<br />

ob der „Ibiza-Affäre“ und deren Folgen<br />

nicht umgesetzt werden, sondern<br />

auch die geplanten Publikationen von<br />

„Think Austria“. Durch die Auflösung fiel<br />

ebenfalls das geplante Zusammentreffen<br />

des Sounding Boards am 18. Juni<br />

2019 flach. Im Zuge dessen hätte ein<br />

erster Zwischenstand der geplanten<br />

Publikationen intern evaluiert werden<br />

© Copyright: adobe stick / REDPIXEL<br />

Think Austria: des Kanzlers Denkstube<br />

11


sollen. Darf man sich durch den erneuten<br />

Anlauf der Stabstelle etwas aus der<br />

Vergangenheit erwarten? Rossmann<br />

trocken dazu: „Nein, da kommt sicher<br />

nichts mehr. Das ist ad acta gelegt.“ Und<br />

von der wieder eingesetzten Stabstelle?<br />

„Von der neuen erwarte ich mir ein<br />

klares Konzept: Was wollen wir machen?<br />

Da erwarte ich mir eine gewisse<br />

Öffentlichkeit und eine Offenlegung der<br />

Ergebnisse. Wenn das wieder nur in der<br />

Reisetätigkeit von Frau Mei-Pochtler<br />

und dem Herrn Bundeskanzler besteht,<br />

dann ist mir das zu wenig. Gerade nach<br />

dem Lockdown als Folge von Covid-19<br />

und den damit verbundenen vielfältigen<br />

Folgen erwarte ich mir systemische<br />

Lösungsansätze. Klare Vorgaben, klare<br />

Aufgabengebiete und dann eine möglichst<br />

transparente Darlegung der Ergebnisse“.<br />

Rossmann unterstreicht im Interview<br />

klar und deutlich seine Skepsis an dem<br />

Kanzler‘schen „Think Tank“-Projekt.<br />

Dieses wurde von Medien wie dem<br />

„Standard“ oder der „Presse“ als Think<br />

Tank bezeichnet. Der Kanzler selbst<br />

allerdings hat „Think Austria“ in seinen<br />

parlamentarischen Antworten, sowie<br />

auf der Website des Projekts, nie als<br />

Think Tank bezeichnet. Auch Rossmann<br />

sieht „Think Austria“ nicht als Think<br />

Tank, sondern – so wie eben der Kanzler<br />

selbst – als Stabstelle für Strategie,<br />

Analyse und Planung. Also kein Think<br />

Tank? Laut Rossmann war es keiner,<br />

allerdings betont er ebenfalls, dass<br />

dies eine Wortsklaverei sei. Auch für<br />

Strasser sei vollkommen unerheblich,<br />

wie es bezeichnet wird. Wichtig sei die<br />

Frage: Was macht es?<br />

Die fehlende Transparenz<br />

Für Bruno Rossmann war dies allerdings<br />

vollkommen unklar, ebenso wie<br />

dessen Aufgaben aussahen und welchen<br />

öffentlichen Mehrwert es bringen<br />

hätte sollen. „Immerhin sind das öffentliche<br />

Gelder, die hier für Studienzwecke<br />

verwendet werden und dazu braucht es<br />

nicht einmal das Auskunftsgesetz. Das<br />

ist offenzulegen. Basta“, so Rossmann.<br />

„Da geht es ja nicht um Geheimnisse<br />

der Republik, sondern um Ergebnisse,<br />

die von einem Minister oder einer Ministerin<br />

in Auftrag gegeben wurden.<br />

An die Oberfläche damit!“ KritikerInnen<br />

würden sagen, dass es an Transparenz<br />

mangelte, doch der ehemalige Klubchef<br />

der Liste Jetzt stellt eines klar: „Es<br />

war überhaupt keine Transparenz vorhanden.<br />

Kein Mensch hat gewusst, was<br />

Frau Mei-Pochtler und diese Stabstelle<br />

machen.“ Neben der als nicht vorhanden<br />

empfundenen Transparenz der<br />

Stabstelle ist Rossmann ebenfalls der<br />

Meinung, dass es für internationale<br />

Benchmark-Vergleiche keine eigene<br />

Stabstelle brauche.<br />

Laut der Antwort des Bundeskanzlers<br />

auf die parlamentarischen Anfrage Nr.<br />

1587/J von Claudia Gamon (NEOS) diene<br />

die Stabstelle dem reinen Wissensmanagement.<br />

Bei „Think Austria“ sollte<br />

keine akademische Forschung durchgeführt,<br />

sondern die Nutzung schon vorhandener<br />

Studien und Arbeiten in den<br />

Vordergrund gestellt werden. Ebenfalls<br />

hieß es, dass der Input der Stabstelle<br />

laufend in interne Hintergrundinformationen<br />

und Vorbereitungen mit eingeflossen<br />

sei. In der Antwort auf die Anfrage<br />

Nr. 2388/J, ebenfalls von Gamon<br />

eingebracht, hieß es allerdings, dass<br />

bei der Bündelung des Wissens, sowie<br />

die Vernetzung mit Stakeholdern, die<br />

Arbeit des Kanzlers sowie dessen Ressorts<br />

an erster Stelle stehen. Je nach<br />

Bedarf gäbe es dann ebenfalls Veröffentlichungen.<br />

Sein Ressort und seine Stabstelle: zum<br />

Teil besetzt ohne Ausschreibung nach<br />

§20 Abs. 1 des Ausschreibungsgesetzes<br />

mit Personen aus der Jungen ÖVP<br />

Think Tanks sind Organisationen für öffentlich-politische Forschungsanalyse und<br />

Engagement, die im Bereich nationaler und internationaler Fragen politikorientierte<br />

Forschungen, Analysen und Ratschläge erarbeiten. Sie ermöglichen sowohl<br />

politischen EntscheidungsträgerInnen als auch den BürgerInnen informierte Entscheidungen<br />

über die öffentliche Politik zu treffen. Think Tanks können einerseits<br />

politisch integrierte, andererseits unabhängige Institutionen sein. Dabei sollten<br />

diese Institutionen als permanente Instanz vorhanden sein und nicht in Form einer<br />

Ad-Hoc Kommission agieren und gegründet werden. Sie fungieren als Brücke<br />

zwischen den akademisch wissenschaftlichen und den politischen Gruppen sowie<br />

zwischen dem Staat und dessen BürgerInnen. Think Tanks dienen dem öffentlichen<br />

Interesse als unabhängige Stimme, die Angewandte- sowie Grundlagenforschung<br />

in eine Sprache übersetzten, die verständlich, zuverlässig und für politische EntscheidungsträgerInnen<br />

und die Öffentlichkeit zugänglich ist. (Vom Autor übersetzt<br />

aus: „2019 Global Go To Think Tank Index Report”)<br />

12<br />

Think Austria: des Kanzlers Denkstube


© Copyright: adobe stick / motortion<br />

(JVP). Diese Tatsache hat dem einstigen<br />

Nationalratsabgeordneten übel aufgestoßen:<br />

„Das hat mich extrem gestört.<br />

Die Vermischung einerseits von Parteipolitik<br />

und andererseits einem der<br />

Verwaltungsapparat. Wenn das parteipolitische<br />

Agenden sind, die hier abgearbeitet<br />

werden, dann soll das bitte<br />

in der Partei stattfinden, aber nicht im<br />

Kanzleramt. Parteipolitik hat in einer<br />

Verwaltung nichts verloren und dazu<br />

zählt ebenfalls das Bundeskanzleramt.“<br />

Entscheidende Faktoren<br />

Im Punkt Transparenz sind sich der CEO<br />

des Innovations in Politics Institutes sowie<br />

der einstige Abgeordnete der Liste<br />

Jetzt einig: sie sei essentiell. Der Grund<br />

dafür sei simpel: Ideologiefreies Arbeiten<br />

gebe es nicht. „Es steht immer ein<br />

gewisses Interesse dahinter, wichtig ist<br />

die Transparenz!“, so Strasser. Laut ihm<br />

seien mehrere Fragen entscheidend:<br />

Woher kommt das Geld? Welches Interesse<br />

ist damit verbunden? Wie wird es<br />

offengelegt? „Dies gilt auch für die Parteienfinanzierung.<br />

Wenn politische Parteien<br />

Geld annehmen, dann ist es wichtig,<br />

dass offengelegt wird, woher dieses<br />

Geld kommt. Wenn man weiß, woher<br />

es kommt, dann weiß man auch, was<br />

es bewirken soll“, fährt Strasser fort.<br />

Dies gelte auch für die Beurteilung der<br />

jeweiligen veröffentlichten Arbeiten.<br />

„Think Tanks, die eigentlich Pressure<br />

Groups (Anm.: Lobbyverbände) sind,<br />

führen zu einer verzerrten Wahrnehmung<br />

des Begriffs und außerdem dazu,<br />

dass man die Objektivität der Informationen,<br />

die von dort kommen, in Zweifel<br />

ziehen muss“, erklärt der Institutsleiter.<br />

Für Rossmann sei ein weiterer Aspekt<br />

bei der Gestaltung einer Stabstelle bzw.<br />

eines Think Tanks wesentlich, nämlich<br />

die breite Diskussion grundsätzlicher<br />

und wichtiger Themenstellungen, bei<br />

denen möglichst viele unabhängige<br />

ExpertInnen mit unterschiedlichen Meinungen<br />

involviert werden – im nationalen<br />

sowie internationalen Kontext. „Das<br />

erachte ich für sinnvoll, aber es kann ja<br />

nicht sein, dass dann wieder frisch weg<br />

irgendwelche ‚Lieblinge‘ des Herrn Kurz<br />

oder nur einseitige Wissenschaftler-<br />

Innen, die dem Bundeskanzler angenehm<br />

sind, involviert werden“, so<br />

der ehemalige Klubchef. Die daraus<br />

entstandenen Arbeiten sollten<br />

als Entscheidungsgrundlage für die<br />

Politik zur Verfügung stehen. Laut<br />

Rossmann sei dies bei „Think Austria“<br />

allerdings nicht der Fall gewesen.<br />

Auf die Frage, ob externe Unabhängige<br />

zu bevorzugen sind, stellt Strasser eines<br />

klar: „So etwas gibt es nicht, es gibt keine<br />

unabhängige Instanz. Zeigen Sie mir<br />

in Österreich eine unabhängige externe<br />

Instanz und ich schenke ihnen eine<br />

Flasche Wein. Es steht immer ein Interesse<br />

dahinter und das ist auch gut so!“<br />

Diese immer vorhandene Wertehaltung<br />

sieht der Institutsleiter bei der Gründung<br />

einer solchen Gruppe als entscheidende<br />

Basis. „Man sucht sich, wenn man eine<br />

Gruppe bildet, mit der man gemeinsam<br />

etwas erreichen will, immer Leute, die<br />

der eigenen Werthaltung nahestehen,<br />

dann muss man nämlich nicht ständig<br />

über Werthaltungsfragen diskutieren.<br />

Aus meiner Sicht ist das ein durchaus<br />

menschlicher und nachvollziehbarer Vorgang“.<br />

Steigende mediale Präsenz<br />

Für Edward Strasser und dessen Institut,<br />

das sich nicht als Think Tank sieht –<br />

allerdings laut dem „Global Go To Think<br />

Tank Index Report 2019“ der University<br />

of Pennsylvania zu den „Top Think<br />

Tanks in Western Europe“ gehört –<br />

nahm die mediale Präsenz vieler kleiner<br />

Think Tanks in den letzten Jahren deutlich<br />

zu. Abgesehen von den Gewerkschaften<br />

und der Arbeiterkammer, die<br />

Interessensvertretung und Think Tank<br />

in einem und immer sehr präsent sind,<br />

war dies in der Vergangenheit nicht der<br />

Fall. Welcher sich am häufigsten medial<br />

zu Wort melde, könne der Institutsleiter<br />

nicht sagen. Bruno Rossmann hat hier<br />

einen klareren Eindruck: Die „Agenda<br />

Austria“ zeige sich am meisten, im Gegensatz<br />

zum „Momentum Institut“, das<br />

allerdings erst 2019 gegründet wurde<br />

und einen guten Start hingelegt hat.<br />

„Agenda Austria“ wurde 2013 gegründet<br />

und deren Leiter scheint bei dem<br />

ehemaligen Nationalratsabgeordneten<br />

Eindruck hinterlassen zu haben: Die<br />

‚‚Agenda Austria‘ hat schon eine große<br />

Bedeutung, das ist allerdings ein Lobbyist.<br />

Die aber ich würde ich sie nicht<br />

als Think Tank bezeichnen, sondern als<br />

Lobbyistenverein. Im Gegensatz zum<br />

‚Momentum Institut‘, bei dem ich schon<br />

den Eindruck habe, dass hier – wenn<br />

auch unter bestimmter ideologischer<br />

Sichtweise – bestimmte wirtschaftlich,<br />

sozial und ökologisch relevante Arbeiten<br />

Inhalte aufbereitet gemacht werden.<br />

Die ‚‚Agenda Austria‘ im Gegensatz<br />

dazu lobbyiert im Wesentlichen für die<br />

Wirtschaft und Industrie. Der Leiter ist<br />

ja eigentlich ein Journalist (Anm.: Franz<br />

Schellhorn, vormals ‚‚Die Presse‘), der<br />

nun seine erarbeiteten Netzwerke dafür<br />

nutzt, um seine Ideen und seine<br />

Ideologien an den Mann und an die Frau<br />

zu bringen.“<br />

Auch „Think Austria“ war häufig in den<br />

Medien. Zu Beginn des ersten Anlaufs<br />

wurde über Berater wie Ban Ki-moon<br />

Think Austria: des Kanzlers Denkstube Thema<br />

13


erichtet, allerdings sieht hier Rossmann<br />

den Austausch von Ideen und<br />

Ratschlägen und weniger eine ersthafte<br />

beratende Tätigkeit. Internationale Expertise<br />

für nationale Themen sei durchaus<br />

sinnvoll, als Beispiel nannte er den<br />

Expertisen-Austausch der Arbeiterkammer<br />

mit dem französischen Ökonomen<br />

Thomas Piketty. „Die Ideen solcher<br />

Leute sind da eben gefragt, die die<br />

Verteilungspolitik im Fokus haben“, so<br />

Rossmann. Edward Strasser ist diesbezüglich<br />

derselben Auffassung. Anhand<br />

des Beispiels Künstliche Intelligenz (KI)<br />

erklärte er seinen Standpunkt: „Wir<br />

wissen mittlerweile, dass KI weite Teile,<br />

nicht nur der Arbeitswelt, sondern auch<br />

der Verwaltungs- und Regierungsarbeit<br />

verändern wird. Aber das ist in Österreich<br />

genauso wie in Deutschland und<br />

der Schweiz sowie auch in Bulgarien<br />

und Finnland. Es ist daher notwendig,<br />

sinnvoll und steuergeldersparend, auf<br />

ExpertInnen in anderen Ländern zuzugreifen.<br />

Weil in anderen Ländern<br />

bereits Erfahrungen gemacht und gesammelt<br />

wurden, die wir noch nicht<br />

haben und umgekehrt.“ Laut Strasser<br />

sei der Know-how-Transfer von hoher<br />

Bedeutung, da das Ausprobieren von<br />

neuen Techniken oder Prozessen Zeit<br />

und Geld fresse. Daher sei damit immer<br />

ein großes Risiko verbunden, weil<br />

Steuergelder möglicherweise in erfolglose<br />

Projekte fließen. Demnach sei es<br />

wichtig, auf erfolgreiche Projekte aus<br />

dem Ausland zurückzugreifen.<br />

Demokratische Entwicklungen<br />

Im Zuge des Interviews mit Edward<br />

Strasser konnte es sich <strong>SUMO</strong> nicht<br />

nehmen lassen, etwas zu den aktuellen<br />

und zukünftigen Entwicklungen zu erfragen.<br />

„Dort, wo sich die Demokratie<br />

positiv entwickelt, dort wird sie partizipativer.<br />

Dort, wo man Vorwürfe macht<br />

und populistische antidemokratische<br />

Parteien gewählt werden, dort geht es<br />

nicht in die richtige Richtung. Dort, wo<br />

die Politik versucht, Bürgerinnen und<br />

Bürger stärker einzubeziehen – nicht<br />

nur bei Entscheidung, sondern auch<br />

in der Festlegung der Schwerpunkte<br />

–, dort steigt das Vertrauen und die<br />

Glaubwürdigkeit der Politik und das ist<br />

eindeutig sichtbar. Es wird immer mehr<br />

auf Partizipation gesetzt!“<br />

von Lukas Pleyer<br />

Edward Strasser / Copyright: Sebastian Philipp<br />

Bruno Rossmann / Copyright: Parlamentensdirektion<br />

und Photo Simonis<br />

© Copyright: adobe stick / Robert Kneschke<br />

14<br />

Thema Think Austria: des Kanzlers Denkstube


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Thema 15


Open Data – nur die Spitze des Eisbergs?<br />

In den Weiten des österreichischen Verwaltungsmeeres liegen riesige Datenreserven unter Verschluss, die<br />

enormes Potential für Wirtschaft, Wissenschaft und auch die BürgerInnen enthalten. <strong>SUMO</strong> sprach mit<br />

Brigitte Lutz, Data Governance-Koordinatorin der Stadt Wien, und mit Mathias Huter, Generalsekretär des<br />

Forum Informationsfreiheit, über Open Data und Ihren Einfluss auf die politische Transparenz in Österreich.<br />

Die Stadt Wien hat im Jahr 2011 die erste<br />

Open-Data-Plattform im deutschsprachigen<br />

Raum gestartet und somit<br />

den ersten Teil dieser ursprünglich<br />

verschlossenen Datenreserven für die<br />

Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.<br />

Die ersten 30 Datensätze waren veröffentlicht.<br />

Vor allem von der Wirtschaft<br />

werden die offenen Verwaltungsdaten<br />

aktiv genutzt, um Apps und Online<br />

Services zu entwickeln. Diese Serviceleistungen<br />

schaffen wiederum einen<br />

Mehrwert für die BürgerInnen. Open<br />

Data kann auch wichtige politische Informationen<br />

enthalten, die zur Mündigkeit<br />

der BürgerInnen beitragen und das<br />

Vertrauen in den Staat stärken. Doch<br />

einen Großteil dieser Informationen<br />

hält Österreich doch lieber verschlossen.<br />

„Überall dort, wo es um politisch<br />

relevante und mitunter brisante Daten<br />

geht, hat Österreich in Sachen Open<br />

Data noch großen Aufholbedarf“, konstatiert<br />

Mathias Huter.<br />

Was sind Open Data?<br />

Es sind Daten, die in maschinenlesbarer<br />

Form von öffentlichen Stellen auf<br />

Websites wie data.gv.at zur weiteren<br />

Verwendung veröffentlicht werden. Die<br />

Daten der öffentlichen Hand werden<br />

auch Open Government Data genannt,<br />

um sie beispielsweise von Open Business<br />

Data – offene Daten von Unternehmen<br />

– zu unterscheiden.<br />

Öffentlich klassifizierte Daten sind nicht<br />

personenbezogen oder sicherheitsgefährdend.<br />

Maschinenlesbar bedeutet,<br />

dass die Daten in Datensätzen von Maschinen,<br />

also Apps oder Computeranwendungen,<br />

gelesen werden können,<br />

ohne dass sie zuvor in eine bestimmte<br />

Form gebracht werden müssen. Daten<br />

aus einer PDF-Datei sind für Maschinen<br />

schwerer zu lesen als strukturierte<br />

Daten in einer CSV-Datei. Brigitte Lutz<br />

unterstreicht, dass durch die Maschinenlesbarkeit<br />

„Anwendungen und Apps<br />

schneller mit Daten gefüttert werden<br />

können“.<br />

Publizierende Stellen sind in Österreich<br />

unter anderem die Stadt Wien, die Gemeinde<br />

Engerwitzdorf oder das Bundesamt<br />

für Eich- und Vermessungswesen.<br />

So veröffentlicht die Stadt Wien<br />

Datensätze wie Echtzeitdaten der Wiener<br />

Linien, die Gemeinde Engerwitzdorf<br />

Fördergelder der Gemeinde und das<br />

Eich- und Vermessungswesen digitale<br />

Landschaftsmodelle. Diese Daten<br />

auf data.gv.at bergen ein immenses<br />

Potential für Start-Ups, Unternehmen<br />

oder die Wissenschaft. Es entstehen<br />

Anwendungen wie Verkehrsinfo-Apps<br />

oder digitale Tourismuskarten mit gekennzeichneten<br />

Sehenswürdigkeiten<br />

und den Standorten freier Citybikes.<br />

Huter ist sich sicher, dass es den NutzerInnen<br />

oft gar nicht bewusst sei, dass<br />

diese Apps auf Open Data aufgebaut<br />

sind.<br />

Open Data der Stadt Wien<br />

„Wenn man Interesse hat, wenn man<br />

Daten liebt und auch das Verständnis<br />

hat, welchen Mehrwert man erzeugen<br />

kann, dann funktioniert Open Data“,<br />

schwärmt Lutz. So habe sich auch in<br />

Wien sehr früh ein kleines Grüppchen<br />

gebildet, das nach wie vor als Open<br />

Data Kompetenzzentrum das Thema<br />

vorantreibt. In der Stadt Wien arbeite<br />

niemand hauptberuflich für Open Data,<br />

jede/r trage einen Anteil bei. Neben<br />

Lutz als Data Governance-Koordinatorin<br />

gibt es einen Chief Open Data Officer,<br />

der die Abteilungen an die viermal<br />

im Jahr stattfindenden Datenphasen<br />

erinnert. Diese Phasen wurden von Anfang<br />

an fixiert, um eine Kontinuität zu<br />

schaffen und um die Daten für die Veröffentlichung<br />

vorbereiten zu können.<br />

Darüber hinaus wird die Öffentlichkeit<br />

auch offline und persönlich über Initiativen<br />

und Entwicklungen informiert.<br />

Ein wichtiger Meilenstein war die Umsetzung<br />

der Data Excellence-Strategie<br />

anno 2019, die unter anderem den<br />

Umgang mit Open Data beinhaltet.<br />

Eine Innovation darin sei das „Open by<br />

default“-Prinzip. Dadurch würden alle<br />

Daten, die als öffentlich klassifiziert<br />

sind, automatisch offen zur Verfügung<br />

gestellt. „Das heißt, dass beispielsweise<br />

nicht nur der Energiebericht der<br />

Stadt Wien als PDF-Datei publiziert<br />

wird, sondern auch die zugrundeliegenden<br />

Datensätze“, erläutert Lutz.<br />

Es sei wichtig, dass man das „Open by<br />

default“-Prinzip gleich mitbedenkt, um<br />

langfristig Qualität und Quantität der<br />

Daten zu erhöhen.<br />

Jene der Stadt Wien kommen aus verschiedenen<br />

Bereichen. Besonders groß<br />

sei das Interesse an den Echtzeitdaten<br />

der Wiener Linien. Auch Geodaten für<br />

Stadtpläne und Touristenattraktionen<br />

finden sich auf zahlreichen Apps, während<br />

Statistikdaten großes Interesse<br />

bei DatenjournalistInnen hervorrufen,<br />

stellt Lutz fest.<br />

Ein Grund zum Feiern<br />

Die auf data.gv.at veröffentlichten<br />

Datensätze werden bereits von über<br />

525 Anwendungen weiterverwendet.<br />

Brigitte Lutz ist sich jedoch sicher, dass<br />

es eine große Dunkelziffer an Anwendungen<br />

gäbe, die nie erfasst wurden.<br />

Es liege im Ermessen der VerwenderInnen,<br />

ihre Anwendungen auf der Website<br />

zu registrieren. So habe sie zufällig<br />

von Entwicklern aus Russland erfahren,<br />

dass es eine russische Tourismus-App<br />

gebe, die Daten der Website verwende.<br />

Vor kurzem wurde jedoch die 500. Anwendung<br />

registriert – www.offenevergaben.at<br />

von Mathias Huter vom Forum<br />

16<br />

Thema Open Data - nur die Spitze des Eisbergs?


© Copyright: adobe stick / RWrightStudio<br />

Informationsfreiheit. Huter erläutert<br />

im <strong>SUMO</strong>-Interview, was das Besondere<br />

an den Daten ist, die für www.<br />

offenevergaben.at verwendet werden.<br />

Grundsätzlich stellen öffentliche Stellen<br />

Open Data auf freiwilliger Basis zur<br />

Verfügung. Es liege im Ermessen der<br />

Verwaltung, welche Daten in welcher<br />

Form veröffentlicht werden. „Als einzige<br />

Demokratie Europas hat Österreich<br />

kein Informationsfreiheitsgesetz – kein<br />

Gesetz also, das der Öffentlichkeit ein<br />

Recht auf Zugang zu Dokumenten und<br />

Datensätzen der öffentlichen Hand einräumt.<br />

Solche Gesetze schreiben in vielen<br />

Ländern der öffentlichen Hand auch<br />

vor, bestimmte Daten und Dokumente<br />

automatisch online zu veröffentlichen.“<br />

Eine der wenigen Ausnahmen stellt das<br />

seit März 2019 geltende Bundesvergabegesetz<br />

(§ 4 BVergG 2018) dar, das öffentliche<br />

Auftraggeber dazu verpflichtet,<br />

die Werte über Auftragsvergaben<br />

von über 50.000 Euro als Open Data zu<br />

veröffentlichen. „Insgesamt geht es bei<br />

Aufträgen der öffentlichen Hand wohl<br />

um 20 Prozent der österreichischen<br />

Volkswirtschaft, also um 70 bis 80<br />

Milliarden Euro im Jahr“, schätzt Huter.<br />

Durch das Gesetz wurde für die BürgerInnen<br />

also eine erste Transparenz in<br />

der Verwendung ihrer Steuergelder geschaffen.<br />

„Wir erfüllen durch www.offenevergaben.at<br />

die Rolle des Daten- und Informationsübersetzers.“<br />

Die nach §4<br />

BVergG 2018 auf data.gv.at veröffentlichten<br />

Daten werden automatisiert<br />

aufbereitet und für BürgerInnen analysierbar<br />

und verständlich dargestellt.<br />

„Durch die aufbereiteten Daten sieht<br />

man, welche Behörde welche Aufträge<br />

vergibt und welches Unternehmen<br />

diese Aufträge bekommt. Jetzt gibt es<br />

erstmals ein bisschen Nachvollziehbarkeit.<br />

Leider gibt es nach wie vor keine<br />

Möglichkeit, die Verträge und Dokumente<br />

zu bekommen, also die Vereinbarungen<br />

zwischen einem Unternehmen<br />

und einer staatlichen Stelle. […]<br />

Spannende Details, zum Beispiel was<br />

im Detail gekauft wird, ob der Auftrag<br />

nach dem Zuschlag noch geändert wird<br />

und wie teuer am Schluss wirklich ist,<br />

sind leider nach wie vor nicht transparent.“<br />

Das Gesetz ist also ein Schritt in<br />

die richtige Richtung, doch der Schritt<br />

ist noch ein kleiner auf einem langen<br />

Weg, um den Eisberg weiter Richtung<br />

Wasseroberfläche zu bringen.<br />

Die verschlossenen Ministerien<br />

Engerwitzdorf, eine rund 8.700 EinwohnerInnen<br />

starke Gemeinde in Oberösterreich,<br />

hat bisher 503 Datensätze<br />

veröffentlicht. Das am stärksten vertretene<br />

Bundesministerium auf der<br />

Open-Data-Website ist das Sozialministerium<br />

mit 15 Datensätzen. In den<br />

Bundesministerien scheint die sichtbare<br />

Spitze des Eisbergs also besonders<br />

klein zu sein. Doch woran liegt das?<br />

Die niedrige Zahl der Datensätze würde<br />

sich laut Brigitte Lutz auch am Interesse<br />

vonseiten der Bundesministerien<br />

widerspiegeln. Besonders Schulungen<br />

seien wichtig, um ein Verständnis<br />

für Themen im Bereich der Daten zu<br />

schaffen. Während von der Stadt Wien<br />

über hundert Leute „mit dem Open<br />

Data-Virus infiziert“ wären und Schulungen<br />

absolviert haben, seien es von<br />

allen Bundesministerien zusammen<br />

viel weniger. Darüber hinaus spiele die<br />

hohe Fluktuation durch Regierungsumbildungen<br />

der letzten Jahre eine<br />

große Rolle. Der stetige Wechsel habe<br />

zu einem KnowHow-Verlust geführt. So<br />

mangle es an Personen, die sich in das<br />

Thema eingearbeitet haben und Open<br />

Data verstehen. Lutz beobachtete: „Es<br />

war zum Beispiel eine schwere Geburt,<br />

dass das Gesundheits- und Sozialministerium<br />

die Zahlen des Covid-Dashboards<br />

auch als Open Data veröffentlicht<br />

hat. Das hat sehr lange gedauert<br />

und meiner Meinung nach sind sie immer<br />

noch nicht in einer optimalen Form<br />

publiziert“. (Anm.: Interview fand am<br />

20. April 2020 statt). Die Gemeinde Engerwitzdorf<br />

sei überdies eine Vorzeigegemeinde,<br />

da es dort sehr Open-Dataaffine<br />

Personen gebe, die sich sowohl<br />

fachlich, als auch persönlich stark mit<br />

dem Thema beschäftigen würden.<br />

Mathias Huter meint, dass Gemeinden<br />

und Städte näher bei den Bürger-<br />

Innen seien. Sie hätten, im Gegensatz<br />

zu Bundesministerien, weniger Berührungsängste<br />

und in vielen Bereichen<br />

mehr Daten, die relevanter seien für die<br />

DurchschnittsbürgerInnen. Außerdem<br />

habe das auch mit politischen Machtinteressen<br />

zu tun. Es gebe durchaus<br />

AkteurInnen, die vielleicht kein großes<br />

Interesse hätten, der Öffentlichkeit Rechenschaft<br />

abzulegen. Überall dort, wo<br />

es um politisch relevante und mitunter<br />

brisante Informationen gehe, würden<br />

Daten nicht freiwillig veröffentlicht. Es<br />

liege aber nicht an den BeamtInnen<br />

selbst, sondern vor allem an gesetzlichen<br />

Restriktionen wie dem, in der<br />

EU einzigartigen, Amtsgeheimnis. „Im<br />

Zweifelsfall entscheidet man sich für<br />

die Verschwiegenheit. Denn wenn man<br />

zu viel herausgibt, dann steht man sozusagen<br />

im Extremfall mit einem Fuß<br />

im Gefängnis.“<br />

Der träge Weg zur Transparenz<br />

Der Umstand einer fehlenden Gesetzesgrundlage<br />

ziehe sich durch alle<br />

öffentlichen Stellen Österreichs. Lutz<br />

Open Data - nur die Spitze des Eisbergs? Thema<br />

17


sieht den Grund der Verschwiegenheit<br />

nicht hauptsächlich beim Fehlen der<br />

Gesetze, sondern bei der Einstellung<br />

der betroffenen Personen. „Ich mache<br />

eher die Erfahrung mit Gesetzen,<br />

dass Druck Gegendruck erzeugt. Man<br />

bekommt fast eine gewisse Abwehrhaltung,<br />

denn jeder versucht natürlich,<br />

seine eigene Organisation zu schützen.“<br />

Man müsse den Menschen das Thema<br />

Open Data schmackhaft machen und<br />

die Einstellung in eine positive Richtung<br />

lenken.<br />

Für Huter sei die Freiwilligkeit von Open<br />

Data in Österreich ein wichtiger Aspekt,<br />

der unterstreiche, dass Open Data nicht<br />

automatisch Transparenz schaffe. Um<br />

eine solche zu bewirken, brauche es<br />

klare Gesetze. Druck zur Neuauslegung<br />

der geltenden Gesetze verspüre Österreich<br />

bereits durch Höchstgerichtsurteile<br />

oder den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof.<br />

Dabei müsste<br />

Österreich nur etwas über den Tellerrand<br />

auf junge Demokratien in östlicher<br />

Richtung blicken. „In der Slowakei ist es<br />

seit vielen Jahren so, dass ein Vertrag<br />

der öffentlichen Hand gar nicht in Kraft<br />

treten kann, wenn er nicht im Volltext<br />

im Internet für alle einsehbar ist. Das<br />

heißt, da darf ohne diese Transparenz<br />

gar kein Geld fließen. Da geht es nicht<br />

nur um Auftragsvergaben, da geht es<br />

auch um Subventionen, Förderungen,<br />

Genehmigungen und um Privatisierungen.<br />

[…] Es gibt auch Untersuchungen,<br />

die zeigen, dass dadurch nicht nur die<br />

öffentliche Hand Mittel einsparen kann,<br />

sondern dass auch der Wettbewerb gestärkt<br />

wird. So versuchen mehr Unternehmen,<br />

sich um Aufträge zu bewerben,<br />

was sich eben positiv auf den Preis<br />

auswirken kann.“ Junge Demokratien<br />

seien uns durch junge Verfassungen<br />

und Gesetze, sowie strengeren EU-Zutrittsauflagen<br />

einige Schritte voraus<br />

in puncto Transparenz. In Österreich<br />

bräuchte es ein Informationsfreiheitsgesetz,<br />

das über die Ankündigungen im<br />

Regierungsprogramm hinausgehend<br />

auch tatsächlich umgesetzt wird. Das<br />

würde den BürgerInnen einen effektiven<br />

Zugang zu Informationen schaffen<br />

und öffentliche Stellen zur automatischen<br />

Veröffentlichung politisch wichtiger<br />

Dokumente verpflichten. Darüber<br />

hinaus wäre eine politisch unabhängige<br />

Transparenz-Kontrollstelle wichtig, die<br />

beobachtet, ob Transparenzbestimmungen<br />

umgesetzt werden und die<br />

Behörden bei der Umsetzung beraten<br />

würde. „Ohne ein Informationsfreiheitsgesetz<br />

und einer unabhängigen<br />

Kontrollstelle wird es einfach sehr<br />

schwer, wirklich einen Kulturwandel<br />

hin zu mehr Transparenz innerhalb der<br />

Verwaltung auszulösen und sicherzustellen“,<br />

ist sich Huter sicher.<br />

Noch nie wurden die Pläne für ein modernes<br />

Informationsfreiheitsgesetz so<br />

konkret gesetzt wie im aktuellen Regierungsprogramm.<br />

Vielleicht schafft<br />

es die Türkis-Grün-Regierung, dieses<br />

Informationsfreiheitsgesetz – mehr als<br />

250 Jahre nach Schweden – tatsächlich<br />

umzusetzen.<br />

Aufbruchsstimmung: Welche Datensilos<br />

gehören geöffnet?<br />

Auf die Frage, welche Datensilos sie<br />

aufbrechen würde, meint Lutz, dass<br />

beispielsweise österreichweite Verkehrsdaten<br />

sehr sinnvoll wären. Sobald<br />

es um Routen über die Stadtgrenze<br />

hinausgehe, werde es schwierig, da<br />

die Daten der Verkehrsauskunft Österreich<br />

fehlen würden. Überhaupt wären<br />

österreichweite Open Data sinnvoll,<br />

damit sich EntwicklerInnen die Daten<br />

nicht dezentralisiert von verschiedenen<br />

Stellen in unterschiedlichen Datenformaten<br />

zusammenstückeln müssten.<br />

„Allgemein sollte gesamtheitlicher gedacht<br />

werden“. Huter fordert, sämtliche<br />

Gutachten und Studien der öffentlichen<br />

Hand zu publizieren, „weil dort sehr<br />

viel Wissen drinnen steckt, das sonst<br />

in irgendeiner Schublade verstaubt.“<br />

Darüber hinaus wäre die Veröffentlichung<br />

der Daten und Dokumente, die<br />

den Werten der Aufträge nach dem<br />

Bundesvergabegesetz zugrunde liegen,<br />

wichtig, um eine Nachvollziehbarkeit<br />

der Geldflüsse sicher zu stellen.<br />

„Denn das ist das effektivste Mittel,<br />

um Mauscheleien und Korruptionen im<br />

schlimmsten Fall vorzubeugen.“<br />

Je mehr Menschen von Open Data<br />

überzeugt sind und je konkreter die gesetzliche<br />

Grundlage ist, desto sinnvoller<br />

kann man also Open Data veröffentlichen.<br />

Um für BürgerInnen das Potential<br />

der riesigen Datenreserven ausschöpfen<br />

zu können, müssen auch politisch<br />

brisante Details als Open Data transparent<br />

und nachvollziehbar veröffentlicht<br />

werden. Lutz und Huter sind sich einig,<br />

dass es in vielen Bereichen noch nicht<br />

die finanziellen Ressourcen gebe, die<br />

notwendig wären, um dem Thema die<br />

angemessene Priorität einzuräumen.<br />

Solange es für Österreich kein Informationsfreiheitsgesetz<br />

gibt, bleibt Open<br />

Data eine meist freiwillige Leistung<br />

engagierter und datenaffiner MitarbeiterInnen<br />

in öffentlichen Ämtern. Die<br />

Open Data-Erfolgsgeschichten sollten<br />

nicht nur von kreativen Start-Ups und<br />

engagierten Städten und Gemeinden<br />

geschrieben werden, sondern darüber<br />

hinaus von einem offenen, transparenten<br />

Staat, der pro-aktiv Informationen<br />

für BürgerInnen veröffentlicht.<br />

Bis dahin bleibt Open Data nur die Spitze<br />

des Eisbergs.<br />

von Karin Pargfrieder<br />

Brigitte Lutz / Copyright: Lukas Lorenz<br />

Matthias Huter / Copyright: Christian Müller<br />

© Copyright: adobe stick / BillionPhotos.com<br />

18<br />

Thema Open Data - nur die Spitze des Eisbergs?


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Medienpluralismus: Bedarf es politischer<br />

Regulierung?<br />

Österreich liegt in puncto Medienpluralismus durchaus auf Augenhöhe mit stärker thematisierten Problemländern<br />

wie der Türkei und Ungarn. <strong>SUMO</strong> sprach mit den MedienwissenschafterInnen Josef Seethaler und<br />

Krisztina Rozgonyi über die Gründe, die Wichtigkeit der Pluralität, geltende Regelungen und die Situationen in<br />

Österreich und Ungarn.<br />

Immer wieder liest man von Forderungen<br />

nach mehr Medienpluralismus, so<br />

auch bereits 2007 vonseiten der Europäischen<br />

Kommission. Meist sind die<br />

Forderungen gut gemeint, aber nicht<br />

von konkreten Maßnahmen begleitet.<br />

Sucht man beispielsweise nach europäischen<br />

Richtlinien zu diesem Thema,<br />

stellt sich schnell heraus, dass dies vergebens<br />

ist. Doch worum genau geht es<br />

beim viel erwünschten Medienpluralismus?<br />

Plural ist nicht egal<br />

Die international tätige Nichtregierungsorganisation<br />

„Reporter ohne<br />

Grenzen“ schreibt Medienpluralismus<br />

zwei Definitionen zu. Dazu gehören<br />

zum einen der interne oder auch inhaltliche<br />

Pluralismus, der eine Pluralität<br />

an Stimmen, Analysen, geäußerten<br />

Meinungen und Problemen umfasst.<br />

Zum anderen der externe oder auch<br />

strukturelle Pluralismus, welcher die<br />

Pluralität der Medienkanäle, der Mediengattungen<br />

wie Print, Radio, Fernsehen<br />

und Online und die Koexistenz<br />

von privat-kommerziellen und öffentlich-rechtlichen<br />

Medien beinhaltet. In<br />

Fragen des externen Pluralismus wird<br />

oft die Eigentümerstruktur der Medien<br />

herangezogen, weil mehrere „gleiche“<br />

Medien von ein und demselben Eigentümer<br />

für weniger Vielfalt sorgen als<br />

Medienunternehmen, die in der Hand<br />

von vielen verschiedenen Eigentümern<br />

sind.<br />

Enorme Wichtigkeit wird dem Medienpluralismus<br />

zugeschrieben, weil fehlender<br />

Pluralismus einen Gefahrenherd<br />

für allzu selektive Medienrezeption<br />

darstellt. Liest jemand beispielsweise<br />

die Tageszeitung „Österreich“, sucht<br />

online gezielt nach Nachrichten auf der<br />

Website „oe24.at“ und hört im Laufe<br />

des Tages „Radio Austria“ kommen alle<br />

Nachrichten mehr oder weniger aus<br />

derselben Quelle, denn all diese Medienkanäle<br />

sind im Besitz der Familie<br />

Fellner. Zwar ist dasselbe Phänomen<br />

auch beim ORF zu beobachten, der sowohl<br />

im Radio- als auch im Fernsehmarkt<br />

der größte Player ist, doch muss<br />

sich dieser laut öffentlich-rechtlichem<br />

Auftrag an Binnenpluralismus – also<br />

Vielfalt innerhalb der verschiedenen<br />

ORF-Programme und Sender wie Ö3,<br />

FM4 oder ORF2 etc. – halten. Ohne öffentlich-rechtlichem<br />

Auftrag kann über<br />

mehrere Medienkanäle ein und dieselbe<br />

Meinung an die Öffentlichkeit weitergegeben<br />

werden und so Filterblasen<br />

und Echokammern fördern. Bei stark<br />

ausgeprägtem fehlenden Medienpluralismus<br />

kann dies auch zum kommunikationswissenschaftlichen<br />

Phänomen<br />

der „Schweigespirale“ führen. Denn<br />

wenn die gesellschaftlich anerkannte<br />

Meinung vom dominierenden Medienunternehmen<br />

am Markt kommuniziert<br />

wird und man zu den wenigen Menschen<br />

gehört, die eine andere Meinung<br />

haben, wird die Bereitschaft, die eigene<br />

Meinung öffentlich zu äußern immer<br />

geringer.<br />

Die ungarische Medienforscherin Krisztina<br />

Rozgonyi von der Universität<br />

Wien skizziert Hauptbereiche, die fehlenden<br />

Medienpluralismus begünstigen.<br />

Man könne sehen, dass in sozialen<br />

Netzwerken Effekte wirken, die den<br />

Kontakt mit Nachrichten- und Informationspluralität<br />

drastisch verändern. Vor<br />

allem in diesem Bereich seien öffentlich-rechtliche<br />

Medien gefordert, sich<br />

der dramatischen Veränderung von sozialen<br />

Netzwerken zu stellen und sich<br />

den Bedingungen des 21. Jahrhunderts<br />

anzupassen. Aus Effekten veränderter<br />

Mediennutzung resultieren eine Vielzahl<br />

an Ungleichheiten wie anhand des<br />

Geschlechts oder der Ethnie und somit<br />

weniger Pluralität. Bei diesem Punkt sei<br />

vor allem die Rolle von künstlicher Intelligenz<br />

in der Medienproduktion und<br />

Mediennutzung und die Verbreitung der<br />

Inhalte via sozialer Netzwerke ein wichtiger<br />

Ansatzpunkt.<br />

Status quo der Regulierungen<br />

Die öffentlichen Forderungen nach Medienpluralismus<br />

zeigen, dass der Politik<br />

die Risiken fehlender Vielfalt bewusst<br />

sind. Dem entgegengesetzt hat die<br />

Europäische Kommission trotz ihrer<br />

Forderungen bislang keine passenden<br />

Richtlinien zur Sicherung des Medien-<br />

pluralismus beschlossen. Laut Josef<br />

Seethaler, stellvertretender Leiter des<br />

Instituts für vergleichende Medien- und<br />

Kommunikationsforschung an der Österreichischen<br />

Akademie der Wissenschaften,<br />

beschränke sich die europäische<br />

Medienpolitik zurzeit vor allem<br />

auf Fernsehfilme und ähnliches oder<br />

Zusammenschlussrecht. Jedoch seien<br />

die ersten Anmerkungen der neuen<br />

Kommissionspräsidentin Van der Leyen<br />

und die Aufnahme von Medienpluralismus<br />

in den „Rule of Law“-Report ermutigend.<br />

Auf österreichischer Ebene<br />

sei die Medienpolitik laut Seethaler<br />

„irreparabel“. Denn seit den 1980er<br />

Jahren nehmen sowohl horizontale,<br />

als auch in den letzten Jahren zunehmend<br />

cross-mediale Konzentration zu.<br />

Das gelte auf jeden Fall für den Print-<br />

Sektor, im Radio- und Fernsehmarkt<br />

hatte der ORF bis zur Dualisierung des<br />

Marktes eine Monopolstellung. Nach<br />

der ersten Lockerung aufgrund neuer<br />

privater MarktteilnehmerInnen setzten<br />

auch hier Konzentrationstendenzen<br />

ein. Im Fernsehmarkt erhöhte der<br />

von der Wettbewerbsbehörde genehmigte<br />

Zusammenschluss von ATV und<br />

der „ProSiebenSat.1Puls4“-Gruppe die<br />

Konzentration deutlich. Das hatte zur<br />

Folge, dass es auf diesem Markt nun<br />

einen großen öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunk und einen großen privaten<br />

Medienkonzern, der in deutscher Hand<br />

ist, gibt. Komplettiert wird der Markt<br />

mit vergleichsweise marginalen Teilnehmern<br />

wie „ServusTV“.<br />

Nach der Novelle des Privatradiogesetzes<br />

im Jahr 2004 haben vor allem<br />

Zeitungsverlage die Möglichkeit bekommen,<br />

Radiolizenzen zu erwerben.<br />

Neben einigen nicht weitreichenden<br />

Beschränkungen gebe es laut Seethaler<br />

keine richtige konzentrationsverhindernde<br />

Rechtsgrundlage. Diese Freiheit<br />

führe im Radiobereich dazu, dass<br />

Lizenzen zusammengelegt werden<br />

und dadurch die Voraussetzungen geschafft<br />

würden, um eine bundesweite<br />

Radiolizenz zu bekommen. Rückblickend<br />

betrachtet, sei es ein Konzentrationsschritt,<br />

den man so nicht haben<br />

20<br />

Medienpluralismus: Bedarf es politischer Regulierung?


wollte, aber übersehen habe, dagegen<br />

entsprechend vorzubeugen.<br />

Politik am Zug<br />

Angesichts dieser Umstände stellt sich<br />

die Frage, wie die Politik einschreiten<br />

und die Situation verbessern könnte.<br />

Antworten darauf sind schnell gefunden.<br />

Etwa mit Regelungen bezüglich<br />

cross-medialer Konzentration im Online-Sektor.<br />

„In diesem Bereich könnte<br />

man noch rechtliche Regelungen<br />

schaffen, weil kaum welche existieren“,<br />

erklärt Seethaler. Passiere so etwas<br />

nicht, können die großen regionalen<br />

Zeitungsverlage, die bereits das weitest<br />

verbreitete Regionalradio erworben<br />

haben, ebenfalls zum am weitest<br />

verbreiteten regionalen Online-Anbieter<br />

werden. Dabei müsse aber beachtet<br />

werden, dass im Online-Sektor<br />

vor allem globale Unternehmen tätig<br />

sind und sich deswegen überhaupt die<br />

Frage positiver Auswirkungen einer<br />

nationalen rechtlichen Regelung stelle.<br />

Eine zweite Maßnahme könnte eine<br />

komplette Änderung des Förderwesens<br />

sein. Denn würde es eine reine<br />

Qualitätsförderung geben, profitierten<br />

jene Medien davon, die qualitätsvollen<br />

Journalismus erschaffen. Damit könnte<br />

über den „Umweg“ der Qualitätsförderung<br />

Vielfalt gefördert werden, weil<br />

so Qualitätsmedien ihre Marktposition<br />

verbessern vermögen. „Zukünftig sollen<br />

Förderungen unabhängig von der<br />

Verbreitungsform Qualität fördern, das<br />

wäre eine sinnvolle Möglichkeit über<br />

diesen Umweg auch eine qualitätsvolle<br />

Vielfalt des Angebots zu fördern“, fordert<br />

Seethaler. Dafür müsste viel Geld<br />

in die Hand genommen werden, denn<br />

die jetzigen Fördersummen seien – gemessen<br />

am Bruttosozialprodukt – tendenziell<br />

rückläufig.<br />

Rozgonyi spricht sich ebenso für eine<br />

Qualitätsförderung aus. Laut ihr müsse<br />

die starke Tradition des investigativen<br />

Journalismus in Österreich gefördert<br />

werden, in verschiedenen Formen und<br />

Arten des Journalismus, einschließlich<br />

unabhängiger Gruppen von EnthüllungsjournalistInnen,<br />

die sich besser<br />

an die digitale Medienwelt anpassen<br />

und flexibler für Kooperationsprojekte<br />

sind. Ebenfalls sollten staatliche Förderungen<br />

eher an neue Medienkanäle,<br />

Start-ups und kleinere Medienhäuser<br />

gehen, anstatt an die ohnehin schon<br />

sehr mächtigen Familien wie den Fellners<br />

(„Österreich“-Gruppe) oder den Dichands<br />

(„Kronen Zeitung“ und „Heute“).<br />

Als einen regulierungsbedürftigen Bereich<br />

schätzt die Medienwissenschafterin<br />

auch die Rolle der algorithmischen<br />

Kontrolle in Bezug auf Transparenz der<br />

Funktionsweisen von Plattformen, deren<br />

Algorithmen und deren Nachrichtenauswahl<br />

ein.<br />

Ferner könne das Bildungswesen Teil<br />

einer besseren Medienpolitik sein. Vor<br />

allem Media Literacy und kritische Medienrezeption<br />

sollte an Schulen gelehrt<br />

werden, beispielsweise wie einfach es<br />

ist, Daten und Grafiken zu manipulieren.<br />

Denn wenn solche Dinge gelernt<br />

würden, könne man sich bewusster darüber<br />

sein, wie man den eigenen Nachrichtenkonsum<br />

kontrolliert und wie<br />

man zwischen Qualität und fehlender<br />

Qualität unterscheiden kann. Gerade<br />

im Online-Bereich, in dem immer häufiger<br />

Fake News kursieren, könne dieses<br />

Wissen sehr viel wert sein. Als Best-<br />

Case-Szenario dient Rozgonyi hierbei<br />

Finnland, wo zehnjährige Kinder all<br />

diese Dinge lernen und somit eine gute<br />

Grundlage zur Einordnung qualitätsvoller<br />

Medien hätten. Infolgedessen<br />

würden Qualitätsmedien gestärkt und<br />

helfen so dem Medienpluralismus.<br />

Wie man es (nicht) macht<br />

Einen Überblick über die Situation des<br />

Medienpluralismus in europäischen<br />

Ländern kann die von der EU initiierte<br />

Studie „Media Pluralism Monitor“<br />

(MPM) geben. Ziel dieser ist es, die Risiken<br />

für den Medienpluralismus anhand<br />

von zwanzig Indikatoren in vier verschiedenen<br />

Bereichen einzuschätzen.<br />

Die vier Bereiche sind: grundlegender<br />

Schutz, Marktpluralität, politische Unabhängigkeit<br />

und soziale Miteinbeziehung.<br />

Die Indikatoren beziehen sich auf<br />

rechtliche, ökonomische und soziopolitische<br />

Fragen. Zieht man die Ergebnisse<br />

des MPM von 2017 heran, lassen sich<br />

einige Vorzeigeländer wie Frankreich<br />

und Deutschland ausmachen, die in<br />

allen Bereichen geringe Risiken aufweisen.<br />

Belgien, die Niederlande und Dänemark<br />

können ebenso ein allgemein<br />

niedriges Risiko vorweisen und zeigen<br />

nur im Bereich der Marktpluralität ein<br />

etwas höheres Risiko. Am anderen<br />

Ende des Spektrums befinden sich neben<br />

den osteuropäischen Ländern Bulgarien,<br />

Rumänien und Polen auch die<br />

medial oft thematisierten Problemländer<br />

Türkei und Ungarn. Besonders die<br />

Ergebnisse der Türkei deuten in allen<br />

Bereichen auf maßgebliche Probleme<br />

und Risiken hin.<br />

Die Situation in ihrer Heimat fasst Rozgonyi<br />

kurz so zusammen: „Medienpluralismus<br />

gibt es in Ungarn nicht mehr.”<br />

Gründe dafür sieht sie in politischer Unterdrückung,<br />

Selbstzensur, OligarchInnen<br />

in den Medien, Eigentumskontrolle<br />

sowie verschwommene Eigentumsverhältnisse<br />

und ökonomische Probleme<br />

von Qualitätsmedien. Denn seit 2010<br />

gebe es in Ungarn keinen öffentlich-<br />

Konzentrationsformen:<br />

• Horizontale Konzentration: Medienunternehmen des gleichen relevanten Marktes schließen sich zusammen.<br />

z.B. Zusammenschluss von „ATV“und „ProSiebenSat1.Puls4“<br />

• Vertikale Konzentration: Medienunternehmen, die in vor- und nachgelagerten Märkten agieren und in Abnehmer-Lieferanten-Beziehung<br />

stehen schließen sich zusammen. z.B. Zeitung kauft Druckerei<br />

• Diagonale (konglomerate) Konzentration: Medienunternehmen, die auf unterschiedlichen relevanten Märkten<br />

tätig sind und nicht in einer Abnehmer-Lieferanten-Beziehung stehen, schließen sich zusammen. (Cross-Media-Ownership).<br />

z.B. „Österreich“-Gruppe besitzt Zeitungen, Fernsehsender „oe24.tv“, Radiosender „Radio Austria“<br />

und die Nachrichtenwebsite „oe24.at“<br />

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Medienpluralismus: Bedarf es politischer Regulierung?<br />

21


© Copyright: adobe stick / Bphotokozyr<br />

rechtlichen Rundfunk im klassischen<br />

Sinne, er habe sich zu einer staatlichen<br />

Propagandamaschine gewandelt. Die<br />

Medienmärkte werden zu 80% bis 90%<br />

von politischen OligarchInnen und politischen<br />

AkteurInnen kontrolliert. Geschehen<br />

konnte all das durch die seit<br />

2010 illiberal praktizierte Demokratie,<br />

Machtmissbrauch, Missbrauch öffentlicher<br />

Mittel, einer Menge Korruption und<br />

politischer Kontrolle über die Medien.<br />

Als großes Problem erachtet sie auch<br />

die „Normalisierung“ der Medienlandschaft<br />

und Umstände in Ungarn. Denn<br />

worauf viele ÖsterreicherInnen vermutlich<br />

erst nach der Thematisierung<br />

von Peter Klien in seiner Sendung „Gute<br />

Nacht Österreich“ im Jänner 2020 aufmerksam<br />

wurden, ist im Nachbarland<br />

bereits seit zehn Jahren der Normalfall<br />

und aus diesem Grund tief in den Gedanken<br />

der Bevölkerung verwurzelt.<br />

„Eine ganze Generation ist in dieser Zeit<br />

aufgewachsen, sie ist in den Köpfen der<br />

Menschen ‚eingebrannt‘ “, zeigt die Medienwissenschafterin<br />

auf. Deshalb solle<br />

Ungarn immer im Hinterkopf behalten<br />

bleiben, weil unter bestimmten Umständen<br />

solche Bedingungen ziemlich<br />

schnell entstehen können und dabei<br />

niemand außerhalb des Landes – auch<br />

nicht die EU – die Situation verändern<br />

kann.<br />

Österreich auf dem Prüfstand<br />

Aufgrund der wenigen rechtlichen Regelungen<br />

im Bereich des Medienpluralismus<br />

in Österreich lässt sich hier<br />

sehen, wie sich der Markt von selbst reguliert.<br />

Die Auswirkungen davon hat Josef<br />

Seethaler im österreichspezifischen<br />

Bericht des MPM festgehalten. Er sieht<br />

große Probleme in der Medienkonzentration<br />

in Österreich, weil man sich in<br />

„unrühmlicher Gesellschaft“ befinde.<br />

Diese „unrühmliche Gesellschaft“ setzt<br />

sich unter anderen aus allen vorhin genannten<br />

Negativbeispielländern – also<br />

auch der Türkei und Ungarn – zusammen.<br />

In Fragen der Medienkonzentration<br />

stünden die meisten europäischen<br />

Staaten besser da.<br />

Auch die Ergebnisse des MPM 2020<br />

sehen für Österreich in puncto Medienkonzentration<br />

nicht viel besser aus:<br />

Die vier größten Medienunternehmen<br />

kommen auf Basis des Umsatzes auf<br />

65% Marktanteil und auf Basis der Publikumsreichweiten<br />

im Print-, Radiound<br />

Fernsehsektor auf Werte zwischen<br />

72% und 89%. „Das sind gigantisch<br />

hohe Werte und eigentlich unter dem<br />

demokratischen Mediensystem nicht<br />

vertretbar“, kommentiert Seethaler die<br />

Ergebnisse. Ansonsten hätten sich,<br />

bis auf eine höhere Konzentration im<br />

Fernsehbereich aufgrund des Zusammenschlusses<br />

von ATV und der „Pro-<br />

SiebenSat.1Puls4“-Mediengruppe, die<br />

Werte gegenüber den Vorjahren nicht<br />

gravierend geändert und Österreich<br />

gelte nach wie vor als Hochrisikoland<br />

im Bereich der Medienkonzentration.<br />

Das Aufkommen des zweiten bundesweiten<br />

Privatradiosenders „Radio<br />

Austria“ habe hingegen nur zu einer<br />

leichten Reduktion der bundesweiten<br />

Konzentration im Radiosektor, aber<br />

aufgrund des Zusammenschluss vieler<br />

regionaler Lizenzen zu einer Erhöhung<br />

der Konzentration im regionalen Bereich<br />

geführt. Dieser Schritt habe nicht<br />

zu inhaltlicher Vielfalt geführt, weil das<br />

Programm selbst nach der Zusammenlegung<br />

der Lizenzen das gleiche bleibe.<br />

Chancen für Besserung sehe er im Online-Bereich,<br />

in dem 2018 die Konzentrationswerte<br />

55% betrugen - allerdings<br />

ist die Datenbasis hier lückenhaft. Hier<br />

sehe man noch die Möglichkeit, in die<br />

Verstärkung der Konzentration einzugreifen,<br />

um wenigstens den Zusammenschluss<br />

von traditionellen und<br />

Online-Verbreitungsformen in eine<br />

bessere Balance zu bekommen, etwa<br />

durch Förderung qualitätsvoller Digital<br />

Native Media.<br />

Krisztina Rozgonyi / Copyright: Monika Saulich<br />

Josef Seethaler / Copyright: Fotostudio R. Michael<br />

Schuster, Wien<br />

Ausblick<br />

Genauso vielfältig wie der Medienpluralismus<br />

sein sollte, sind die möglichen<br />

Auswirkungen und Trends. Rozgonyi<br />

sieht in den nächsten Jahren in<br />

Europa viele politische Gefahren für<br />

den Medienpluralismus durch illiberale<br />

politische Amtszeiten, wobei Ungarn<br />

nur ein Beispiel dafür war. Als zweiten<br />

Punkt erkennt sie ökonomische Risiken<br />

wie unternehmerische und finanzielle<br />

Schwierigkeiten oder die Corona-Pandemie.<br />

Denn nach der Finanzkrise 2008<br />

konnte man sehen, dass Qualitätsmedien<br />

und -journalismus sich nie wirklich<br />

davon erholen konnten. Als letzten<br />

Punkt betont sie viele Aspekte algorithmischer<br />

Kontrolle und Probleme in Verbindung<br />

mit künstlicher Intelligenz und<br />

dessen unkontrollierbaren Teil. Ohne<br />

genügende Investitionen in potenzielle<br />

Regulierungen könnte dieses Phänomen<br />

ein großes Risiko für den Pluralismus<br />

darstellen.<br />

Seethaler hingegen sieht Chancen<br />

durch die veränderte Mediennutzung.<br />

Denn Studien zufolge steigt die Möglichkeit,<br />

durch die Nutzung sozialer<br />

Medien in Kontakt mit mehreren unterschiedlichen<br />

Medien zu kommen. So<br />

könnte beispielsweise ein/e Leser/in<br />

der „Kronen Zeitung“, der/die sich auch<br />

ORF-Nachrichten ansieht, auf „Facebook“<br />

durch den Beitrag eines Freundes<br />

bzw. einer Freundin Nachrichten lesen,<br />

von denen weder die „Kronen Zeitung“<br />

noch der ORF berichtet hat. Hier könne<br />

er sich ebenfalls eine gute Möglichkeit<br />

zur Qualitätsförderung für Social Media<br />

Sites, die versuchen einen qualitätsvollen<br />

Diskurs zu initiieren, vorstellen.<br />

Dadurch könne man im regionalen und<br />

nationalen Maßstab ein vielfältigeres<br />

Angebot für eine immer größere Zahl an<br />

NutzerInnen schaffen.<br />

22<br />

Medienpluralismus: Bedarf es politischer Regulierung?<br />

von Christiane Fürst


Pressefreiheitsgrenze - Wahrheit kann bestraft<br />

werden!<br />

So ein Text an Grenzschildern wäre Satire. Dennoch: Übergriffe auf Medien und Medienschaffende sind in<br />

Tschechien und der Slowakei sehr präsent. In diesem Artikel thematisiert <strong>SUMO</strong>, wie die legislative Gewalt versucht,<br />

die vierte Gewalt – also die Medien – zu übernehmen und sprach darüber mit Univ.-Prof. Anna Sámelová<br />

von der Comenius-Universität Bratislava und Studierenden in Prag.<br />

Samelová gibt, um die slowakischen<br />

Medienspezifika nachvollziehen zu<br />

können, einen kurzen Abriss moderner<br />

Mediengeschichte. Diese hat mit<br />

dem Zerfall der damaligen CSSR in die<br />

tschechische und die slowakische Republik<br />

1993 begonnen. Nach diesem<br />

Zeitpunkt hat sich die slowakische Gesellschaft<br />

in zwei Gruppen entzweit, in<br />

die AnhängerInnen des damaligen Premierministers<br />

Vladimír Mečiar und in<br />

seine GegnerInnen. So wie die Bevölkerung<br />

haben sich auch die Medienhäuser<br />

in diese beiden Richtungen orientiert.<br />

Medien, die den Regierungschef befürworteten,<br />

hatten vorwiegend das Ziel,<br />

die Regierungstätigkeiten zu unterstützen<br />

bzw. rechtswidrige Aktivitäten<br />

der Regierung zu verteidigen. Unter den<br />

RegierungsanhängerInnen befand sich<br />

auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk<br />

(RTVS). Investigativjournalismus wurde<br />

kategorisch den Regierungsgegner-<br />

Innen überlassen. Dies hatte zur Auswirkung,<br />

dass Investigativjournalismus<br />

eher als Mittel zum Diffamieren der<br />

Regierung verstanden wurde. Mit dem<br />

Regierungswechsel kamen zwar auch<br />

Verbesserungen, jedoch im Jahr 2006<br />

unterbrochen, als Robert Fico das Amt<br />

des Ministerpräsidenten erhielt. Die<br />

Ausübung journalistischer Tätigkeiten<br />

wurde wieder erschwert und es kam zu<br />

zahlreichen Übergriffen auf die Medien<br />

seitens der amtierenden Partei SMER.<br />

Fico selbst stempelte JournalistInnen<br />

laut Samelová als „Prostituierte“ oder<br />

„Vipern“ ab. Dies hätte auch die RezipientInnen<br />

beeinflusst, die die Aufgabe<br />

der Medien nur als ein forcierendes Mittel<br />

zur Abwertung der Regierung wahrnahmen.<br />

Infolgedessen waren sie auch<br />

nicht bereit, den von Medien gestellten<br />

kostenpflichtigen Content zu bezahlen<br />

oder missbilligten die Rundfunkabgabe.<br />

Wendepunkt im Februar 2018<br />

Im <strong>SUMO</strong>-Gespräch weist Sámelová<br />

mehrfach auf den Unterschied vor und<br />

nach dem Februar 2018 hin, als der<br />

27-jährige Investigativjournalist Ján Kuciak<br />

ermordet wurde. Im Fokus seiner<br />

aufklärenden Tätigkeiten standen Korruption<br />

oder Steuerhinterziehung. Einen<br />

Artikel über die mutmaßlichen Tätigkeiten<br />

der italienischen Mafia in der Slowakei<br />

konnte er nicht mehr selbst veröffentlichen,<br />

denn er wurde kurz davor in<br />

seinem Haus in Veľká Mača (ca. 50 km<br />

von Österreich entfernt) mit seiner Ver-<br />

Performative Change<br />

Welche Kompetenzen sind in der digitalisierten<br />

Arbeitswelt der Zukunft gefragt?<br />

Antworten darauf gibt das Buch „Performative Change“ von<br />

Thomas Duschlbauer, Kommunikations-und Kulturwissenschafter<br />

sowie Lektor an der FH St. Pölten. Es geht dabei<br />

um einen Paradigmenwechsel und die Frage, wie neue Formen<br />

der Organisation und Kommunikation, die zunehmend<br />

automatisiert und von Algorithmen gesteuert werden, auf<br />

das Zusammenleben der Menschen und auf deren Kommunikation<br />

wirken. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei der Begriff<br />

der „Performativität“ ein, zumal angesichts wachsender<br />

Komplexität experimentelles und exploratives Handeln<br />

sowie die dazu notwendigen Frei- und Handlungsspielräume<br />

innerhalb einer Organisation von entscheidender Bedeutung<br />

sein werden. Das Buch erscheint im August im<br />

NOMOS Verlag in der Reihe Organisationskommunikation<br />

(140 Seiten, englisch).<br />

23


lobten Martina Kušnírová erschossen.<br />

Der Investigativjournalist berichtete<br />

auch über dubiose Geschäftsmänner<br />

wie etwa Marian Kočner, dessen Name<br />

laut Adéla Očenášková („ČTK“) in mehreren<br />

slowakischen Affären präsent<br />

war, wie in der Causa „Gorilla“, in der<br />

laut der Tageszeitung „Die Presse“ auch<br />

österreichische Unternehmen wie der<br />

Flughafen Wien oder die Raiffeisen Zentralbank<br />

verwickelt wären, wie Geheimdienstprotokolle<br />

aufzeigten.<br />

Marian Kočner wurde auch tatsächlich<br />

von der slowakischen Staatsanwaltschaft<br />

angeklagt und stand mit vier<br />

anderen Personen im Frühjahr 2020<br />

vor dem Spezialisierten Strafgericht in<br />

Pezinok. Ihm wurde vorgeworfen, den<br />

Mord in Auftrag gegeben zu haben.<br />

Diese veröffentlichte Tonaufnahme des<br />

Telefonats zwischen Kuciak und Kočner<br />

dürfte die Klage bekräftigt haben.<br />

Kočner: „Herr Kuciak, Sie können sichergehen,<br />

dass ich mich persönlich mit Ihnen<br />

beschäftigen werde.“<br />

Kuciak: „Sollte das eine Drohung sein?“<br />

Kočner: „Nein, warum?“<br />

Kuciak: „Dann verstehe ich nicht, warum<br />

Sie mir sowas sagen.“<br />

Kočner: „ Denn ich sage es Ihnen friedlich,<br />

ich werde mich mit Ihnen, Ihrer<br />

Mutter, Ihrem Vater und Ihren Geschwistern<br />

beschäftigen.“<br />

Kuciak: „Wissen Sie, wer auch die Familie<br />

in solchen Streit hineinzieht?“<br />

Kočner: „Gehen Sie sche*ßen mit Ihren<br />

Meinungen…“<br />

Laut „aktuality.sk“ habe Kuciak wegen<br />

dieses Anrufes Anzeige erstattet. Die<br />

Staatsanwaltschaft habe jedoch keine<br />

konkreten Schritte unternommen und<br />

erst nach dem Mord das Anzeigeverfahren<br />

bzgl. des Telefonats eingestellt.<br />

Sámelová aber auch „Deutsche Welle“<br />

schilderten, dass der mutmaßliche Auftraggeber<br />

Marian Kočner über Verbindungen<br />

zu RichterInnen, PolitikerInnen<br />

und StaatsanwältInnen verfüge, die ihm<br />

auch bei der Verhinderung dieses Anzeigeverfahrens<br />

geholfen hätten und<br />

weiterhin helfen können.<br />

Der Schicksalstag und seine Auswirkungen<br />

Während der Verhandlungen gestand<br />

der ehemalige Soldat Miroslav Marček,<br />

den Mord begangen zu haben und beschrieb,<br />

wie er tatsächlich leichten<br />

Zugang zu Kuciak hatte. Er habe abgewartet,<br />

bis der Journalist zuhause<br />

angekommen war. Kuciak habe ihm die<br />

Tür geöffnet und darauf habe Marček<br />

geschossen. Vor Gericht erzählte er<br />

noch weiter: „Unglücklicherweise hatte<br />

ich beobachtet, dass im Haus noch eine<br />

andere Person (Anm.: Kušnírová) war.<br />

Sie rannte in die Küche und ich bin ihr<br />

nachgegangen. Da habe ich auch sie erschossen.“<br />

„ČT24“ schrieb, dass bei diesen Verhandlungen<br />

auch der Ex-Chef der Spionageabwehr<br />

Peter Tóth ausgesagt und<br />

die Verfolgung von Ján Kuciak organisiert<br />

habe. Laut Tóth habe Kočner noch<br />

die Verfolgung von 28 anderen JournalistInnen<br />

angeordnet. Dabei hatte<br />

Kočner bereits ihre persönlichen Daten<br />

im Besitz. Es habe sich dabei um Daten<br />

aus dem Polizeiregister gehandelt,<br />

schrieb „ČT24“ weiter.<br />

Der Mord war ein Triebwerk für die politische<br />

Krise des Landes. Im Laufe der<br />

Ermittlung traten hochrangigste politische<br />

Funktionäre zurück. Die Konsequenzen<br />

waren noch zwei Jahre nach<br />

dem Mord deutlich spürbar. Die führende<br />

politische Partei SMER um den Parteivorsizenden<br />

Robert Fico stürzte bei<br />

den Wahlen im Frühjahr 2020 deutlich<br />

ab.<br />

Die Richtung stimmt, aber…<br />

Der ORF berichtete damals, dass Igor<br />

Matovič (derzeitiger Regierungschef)<br />

meinte: „Es war der Tod von Ján Kuciak<br />

und Martina Kušnírová, der die Slowakei<br />

aufgeweckt hat“. Seine Aussage<br />

bekräftigt auch Sámelová, die dazu<br />

ein Beispiel aus ihrem akademischen<br />

Alltag zeigt: „Seit der Ermordung verzeichnen<br />

wir einen Anstieg des Interesses<br />

an Lehrveranstaltungen wie<br />

etwa zu Datenjournalismus sowie investigativem<br />

Journalismus“. Samelová<br />

ist auch der Ansicht, dass die Zukunft<br />

der slowakischen Medienlandschaft<br />

positiver werde: „Die derzeitige Tendenz<br />

ist hoffnungsvoll, hängt aber von<br />

dem wirtschaftlichen Niveau des Landes<br />

ab, das in diesen Zeiten, aufgrund<br />

der weltweiten Corona-Krise schwer<br />

abzuschätzen ist. Die Slowakei hat jedoch<br />

großes Potenzial, über eine starke<br />

und unabhängige Medienlandschaft zu<br />

verfügen“. Dabei wies aber „ARTE“ auf<br />

die verbleibenden Medienfreiheitsprobleme<br />

gerade im slowakischen Rundfunk<br />

hin. Sámelová gibt zu, dass der<br />

RTVS-Generaldirektor Jaroslav Rezník<br />

Kontakte mit der damals amtierenden<br />

Partei gepflegt habe, ersucht jedoch,<br />

mit seiner eventuellen Abberufung bedächtig<br />

umzugehen, denn die politische<br />

Entmachtung des Generaldirektors/der<br />

Generaldirektorin des öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunks sei ein starker Eingriff<br />

in die Mediendemokratie. Es sei zu be-<br />

24<br />

Pressefreiheit Thema - Wahrheit kann bestraft werden


denken, dass er seine Stelle in einem<br />

ordentlichen Auswahlverfahren erlangt<br />

habe. Sámelová äußert sich noch dazu,<br />

dass der slowakische Rundfunk seine<br />

Funktionen nicht optimal erfülle, jedoch<br />

sei die Berichterstattungsaufgabe für<br />

eine öffentlich-rechtliche Anstalt ausreichend<br />

gewährleistet. „Bedenklich erachte<br />

ich aber die Vorgehensweise von<br />

Rezník bei der Berufung neuer Berichterstattungsverantwortlicher,<br />

denn diese<br />

Funktionen haben ehemalige PressesprecherInnen<br />

der Staatsverwaltung<br />

inne, die früher diese verteidigt haben<br />

und nun über sie kritisch informieren<br />

sollen“, so die Universitätsprofessorin.<br />

In Tschechien…<br />

…berichtete zwar das Komitee zum<br />

Schutz von JournalistInnen, dass sich<br />

seit dem Jahr 1992 in Tschechien kein<br />

Mord an ReporterInnen aufgrund ihrer<br />

Arbeitstätigkeiten ereignet habe. „Česká<br />

televize“ („ČT“ - öffentlich-rechtliche<br />

Fernsehanstalt Tschechiens) berichtete<br />

jedoch, dass in dieser Statistik der Mord<br />

an dem Redakteur Václav Dvořák nicht<br />

berücksichtigt sei. Ein weiterer Fall ist<br />

der Mordversuch an der Journalistin Sabina<br />

Slonková im Jahr 2002. Den nicht<br />

verwirklichten Mord habe der damalige<br />

Sekretär des tschechischen Außenministers<br />

Karel Srba in Auftrag gegeben.<br />

„Český rozhlas“ (Tschechischer Rundfunk)<br />

beschrieb, dass die Gründe für<br />

den Mord vorwiegend korrupte Machenschaften<br />

mit staatlichen Grundstücken<br />

gewesen wären. Darüber habe<br />

Slonková Bescheid gewusst und soll<br />

vor dem Mordsauftrag darauf aufmerksam<br />

gemacht haben. Obwohl auch der<br />

ehemalige tschechische Außenminister<br />

Jan Kavan über den Plan gewusst hätte,<br />

habe er laut dem Tschechischen Rundfunk<br />

nichts unternommen. Srbas Absicht<br />

wurde durch den Auftragsmörder<br />

Karel Rziepel selbst angezeigt. Er habe<br />

für die Durchführung der Tat 200.000<br />

CZK (ca. 7.300 EUR) bekommen. Sabina<br />

Slonková ist bis heute im Journalismus<br />

tätig und hat im Laufe ihrer Karriere<br />

eine Reihe von Auszeichnungen für ihre<br />

Arbeit erhalten.<br />

Diese Auszeichnungen sind ein wichtiger<br />

Akt, denn die Medienlandschaft ist eher<br />

verbalen statt physischen Übergriffen<br />

ausgesetzt. Als plakatives Beispiel dient<br />

hierzu die von Präsidenten Miloš Zeman<br />

getätigte Aussage beim Staatsbesuch<br />

in Russland mit Präsident Vladimir Putin,<br />

während dem er sagte: „…und da<br />

sind weitere Journalisten? Journalisten<br />

gibt es viele, sie sollten vernichtet werden“.<br />

Dazu äußerte sich Putin, dass es<br />

nicht notwendig sei, sie zu vernichten,<br />

sondern es reiche, sie zu reduzieren.<br />

Aber diese verbalen oder physischen<br />

Übergriffe gegenüber JournalistInnen<br />

sind nicht allein die Gründe dafür, dass<br />

Tschechien seit dem Jahr 2015 in der<br />

Rangliste der Pressefreiheit kontinuierlich<br />

abgerutscht ist. Diese Liste wird<br />

jedes Jahr von „Reporter ohne Grenzen“<br />

veröffentlicht und hat das Ziel, die verschiedenen<br />

Pressefreiheitsraten aller<br />

Länder auf der Welt zu vergleichen. Im<br />

Jahr 2019 befand sich Tschechien auf<br />

dem 40. Platz, obwohl das Land im Jahr<br />

2015 noch den 13. Platz belegt hatte.<br />

Eigentumsverhältnisse bestimmen<br />

Medieninhalte<br />

„ČT“, die sich weiter auf die wissenschaftliche<br />

Gemeinschaft beruft,<br />

schreibt diesen Rückgang vorwiegend<br />

dem Phänomen zu, dass tschechische<br />

Medienverlage immer deutlicher ihre<br />

Objektivität nicht gewährleisten können.<br />

Immer häufiger werden sie von<br />

einflussreichen Personen übernommen,<br />

die enge Kontakte in der Politik<br />

haben oder selber in der Politik tätig<br />

sind. Früher wurden laut Václav Štětka<br />

(Loughborough University, GB) tschechische<br />

Medienhäuser von ausländischen<br />

EigentümerInnen besessen, die<br />

laut Petr Schönfeld (ehemaliger „Blesk“<br />

Chefredakteur) keinerlei Tendenzen<br />

zeigten, die Inhalte zu manipulieren.<br />

Dies sei bei den inländischen EigentümerInnen<br />

nicht der Fall, denn die Medien<br />

reflektieren immer die Sichtweisen<br />

und Interessen derer, die sie besitzen,<br />

absichtlich, aber auch unabsichtlich wie<br />

etwa mittels Autozensur.<br />

Dieses Phänomen, dass die einheimischen<br />

EigentümerInnen den ausländischen<br />

ihre Anteile an Medienunternehmen<br />

abkaufen, untermauert ein<br />

Beispiel von heuer. Noch im Laufe des<br />

Jahres 2020 sollte der reichste Geschäftsmann<br />

Tschechiens, Peter Kellner,<br />

den kommerziell erfolgreichsten<br />

Sender „TV Nova“ übernehmen. Kellner<br />

pflegt Kontakte zu Präsident Miloš Zeman.<br />

Zu den Auswirkungen meinte der<br />

Soziologe Jaromír Volek gegenüber „ČT“:<br />

„Das wird nicht ein beachtliches unternehmerisches,<br />

sondern ein politisches<br />

Ereignis, das die Politik sehr beeinflussen<br />

könnte.“<br />

Kellner ist in Tschechien kein Einzelfall,<br />

denn Andrej Babiš, der zweitreichste<br />

Bürger und seit 2017 Ministerpräsident,<br />

ist selbst im Besitz eines der wichtigsten<br />

Medienhäuser („MAFRA“). Bei der<br />

Übernahme im Jahr 2013 versprach er<br />

zwar die Unabhängigkeit des Hauses,<br />

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Pressefreiheit - Wahrheit kann bestraft werden<br />

25


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später jedoch tauchte eine Tonaufnahme<br />

in der Öffentlichkeit auf, in der Babiš<br />

laut der Sendung „Reportéři ČT“ dieses<br />

Gespräch mit einem Redakteur der in<br />

seinem Besitz befindlichen Zeitung „Lidové<br />

noviny“ geführt habe:<br />

Andrej Babiš: „…in ,Právo‘ habe ich die<br />

Titelseite, in ,HN‘ einen großen Artikel<br />

und in ,Lidové noviny‘ habe ich nichts<br />

gefunden…“<br />

Redakteur: „Leider bin ich nur ein einfacher<br />

Redakteur, der nicht bestimmt,<br />

wann etwas wird.“<br />

Andrej Babiš: „Ok, in Ordnung, ich hoffe,<br />

dass die Burschen wissen, was sie machen.<br />

Wahrscheinlich wissen sie nicht,<br />

mit wem sie es zu tun haben, aber das<br />

ist egal.“<br />

Kritik an Praktiken von Regierungschef<br />

Andrej Babiš übte auch der Politologe<br />

Miloš Gregor. Er zeigte in der Sendung<br />

von „Reportéři ČT“ einige Beispiele, wie<br />

Tageszeitungen, die sich im Besitz von<br />

Babiš befinden, zu seinen Gunsten berichteten.<br />

Im Jahr 2019 sollten während<br />

einer Demonstration gegen ihn alle<br />

Tageszeitungen in seinem Besitz über<br />

andere Themen schreiben, während<br />

alle restlichen über diesen Vorfall berichteten<br />

(Anm. <strong>SUMO</strong>: auch der ORF<br />

informierte darüber). Redakteur Jidřich<br />

Šídlo meinte gegenüber „ČT“ dazu, dass<br />

Andrej Babiš im Jahr 2013 die Medien<br />

erworben habe, um Regierungschef zu<br />

werden, was ihm tatsächlich auch gelungen<br />

ist. Die Frage, inwieweit ihm diese<br />

Medienübernahme dabei geholfen<br />

habe, werde bereits an Universitäten<br />

untersucht.<br />

Laut der Website „Hlídací Pes“ hat auch<br />

der zweitmeistrezipierte Sender Tschechiens<br />

„FTV Prima“ Probleme mit seiner<br />

Objektivität. „FTV Prima“ habe absichtlich<br />

manipulierte Berichterstattung<br />

über Flüchtlinge in der EU gesendet.<br />

„FTV Prima“ habe am 7.9. 2015 eine<br />

Redaktionskonferenz abgehalten, in<br />

der die Senderführung mit Chefredakteurin<br />

Jitka Obzinová eine einheitliche<br />

und negative Berichterstattung über<br />

die Flüchtlingskrise bzw. die Darstellung<br />

der Flüchtlinge angeordnet haben<br />

soll. „Hlídací pes“ schrieb weiter, dass<br />

laut seinen Recherchen dies deutlich<br />

erkennbar war und diese Tatsache bestätigte<br />

auch die tschechische Medienregulierungsbehörde<br />

in ihrem Bericht.<br />

Mogens Blicher Bjerregård von „Freelance<br />

International“ meinte zu der Situation<br />

in Tschechien: „Wir haben JournalistInnen<br />

getroffen, die Angst hatten,<br />

über die derzeitige Lage zu reden. Sie<br />

hatten Angst, darüber zu sprechen, dass<br />

sie als JournalistInnen nicht frei arbeiten<br />

können. Das hat seine Einflüsse auf die<br />

ganze Gesellschaft.“<br />

<strong>SUMO</strong>-Recherchen in Prag<br />

<strong>SUMO</strong> traf sich in Prag mit Studierenden<br />

an diversen Hochschulen, um einen<br />

Einblick in ihr Medienverhalten zu bekommen<br />

und um ihre Ansichten zur<br />

Mediensituation in Tschechien zu hören.<br />

Die Befragten haben den Eindruck, dass<br />

die tschechische Medienlandschaft<br />

trotz politischer Einflüsse relativ objektiv<br />

sei, da sie manche von ihnen als<br />

„propagandistische Contentanbieter“<br />

bezeichnete Medien, wie etwa „sputnik.<br />

cz“ oder „parlametnilisty.cz“ nicht als<br />

Nachrichtenanbieter betrachten. Medienhäuser<br />

der sogenannten Oligarchen<br />

werden jedoch schon und sogar häufig<br />

als Sekundärquellen rezipiert. Jedoch<br />

sei man vorsichtig und wolle eventuelle<br />

kontroverse Nachrichten überprüfen,<br />

wie z.B im Fall von Kristýna N.: „Ich<br />

überprüfe die tatsächliche Information<br />

lieber bei der Herkunftsquelle oder bei<br />

einer mir vertrauten Quelle. Damit kann<br />

man mögliche absichtliche, aber auch<br />

unabsichtliche Differenzen erblicken.“<br />

Ob die Studierenden oft so vorgingen?<br />

„Naja, oft eher nicht“, so Jakub Š. Dies<br />

ergänzte noch Márton L. damit, dass<br />

alle Menschen ihrer gesellschaftlichen<br />

„Blase“ ausgesetzt seien, welche vorherbestimme<br />

und steuere, ob die jeweilige<br />

Botschaft als objektiv oder subjektiv<br />

evaluiert werde. „Ich erachte die von mir<br />

konsumierten Nachrichten als objektiv.<br />

Schaue ich jedoch über meine soziale<br />

Blase hinaus, kann ich feststellen,<br />

wie häufig nicht objektive Nachrichten<br />

als objektiv wahrgenommen wurden“.<br />

Manche zeigten sich zur kontroversen<br />

Berichterstattungen renitent, wie etwa<br />

Vojěch B. über Babiš: „Gerade über Babiš<br />

lese ich nichts mehr“.<br />

Alle <strong>SUMO</strong>-DiskussionspartnerInnen<br />

antworteten äußerst kritisch auf die<br />

Frage, ob sie es als zulässig betrachten,<br />

dass der Regierungschef Andrej<br />

Babiš mehrere Medienhäuser in seinem<br />

Besitz habe. Dazu meinte Anna B.: „Es<br />

wäre in Ordnung, wenn die Pressefreiheit<br />

beibehalten würde. Das ist aber<br />

nicht der Fall, gerade während der großen<br />

Demonstrationen in Prag wurde in<br />

seinen Tageszeitungen nicht darüber<br />

berichtet – und das waren echt riesige<br />

Demonstrationen“. Adam H. ergänzt<br />

„Wir als Gesellschaft müssen uns Normen<br />

innerhalb einer Marktwirtschaft<br />

setzen, um die Grenze zwischen dem<br />

Erlaubten bzw. dem nicht Erlaubten zu<br />

bestimmen“.<br />

von Ondrej Svatos<br />

Anna Sámelová / Copyright: Privat<br />

26<br />

Pressefreiheit - Wahrheit kann bestraft werden


Mediales Alternativ-Bingo: Aufmerksamkeit<br />

um jeden Preis<br />

Ob soziale oder klassische Medien: PopulistInnen benötigen das Rampenlicht, ganz gleich wie. Hierfür wird gerne<br />

auch auf Falschinformationen und Übertreibungen zurückgegriffen – umso fragwürdiger oder extremer die<br />

Aussagen, desto besser. Mit <strong>SUMO</strong> konferierten darüber Stephan Russ-Mohl, Gründer des European Journalism<br />

Observatory und emeritierter Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università della Svizzera<br />

Italiana in Lugano, sowie Felix Simon, Leverhulme Doktorand am Oxford Internet Institute und Forschungsassistent<br />

am Reuters Institute for the Study of Journalism der Universität Oxford.<br />

Entweder lassen PopulistInnen und<br />

deren Spin Doctors ihrer eigenen Kreativität<br />

freien Lauf oder sie verwerten<br />

„eingestaubte“ bzw. unbelegte Theorien.<br />

Das Ziel ist simpel: mediale Präsenz.<br />

Donald Trump hat bewiesen,<br />

welche Macht seine Tweets haben<br />

können. Selbst Börsenkurse sind dessen<br />

direktem Sprachrohr gegenüber<br />

nicht gewappnet, er muss dafür nicht<br />

einmal die zur Verfügung stehenden<br />

288 Schriftzeichen verwenden. Direkte<br />

Kommunikation statt direkter Demokratie,<br />

Message out of Control oder<br />

gezielte Message Control: Mainstreammedien<br />

geben diese Botschaften, oft<br />

durch Screenshots verdoppelt, häufig<br />

unkommentiert wieder. Die Befürwortung<br />

erfolgt meist über befreundete<br />

gleichgesinnte Mediennetzwerke.<br />

Covid-19 und Populisten: unterschiedliche<br />

Länder, unterschiedliche<br />

Strategien<br />

Die Kommunikationsstrategien der<br />

Populisten und Autokraten dieser Welt<br />

– <strong>SUMO</strong> missachtet ob männlicher Dominanz<br />

hier bewusst auf geschlechtssensible<br />

Sprache – unterschieden sich<br />

in dieser pandemischen Zeit teils deutlich<br />

voneinander. Der Rechtpopulist<br />

und per Dekret zum Autokraten aufgestiegene<br />

Viktor Orbán griff laut „Der<br />

Standard“ zu gewohnten Maßnahmen<br />

und beschuldigte die „üblichen Verdächtigen“:<br />

George Soros und AusländerInnen.<br />

Letztere waren es laut dem<br />

Staatschef, die Covid-19 nach Ungarn<br />

brachten. Allerdings kamen vergleichsweise<br />

wenig TouristInnen auf Besuch,<br />

sondern mehr jene heimischen „GastarbeiterInnen“<br />

aus Oberitalien und Tirol<br />

wieder nach Hause, die vermutlich das<br />

Virus mit sich brachten. Getestet wurden<br />

sie zum Großteil nicht. Orbán nutze<br />

die virale Notsituation Ungarns aus und<br />

zog der Demokratie vorerst den Stecker.<br />

Nachdem die EU und deren Kommissionspräsidentin<br />

Ursula Von der Leyen<br />

Kritik ausübte und sogar mit „Maßnahmen“<br />

gedroht wurden, erwähnte der<br />

ungarische Staatschef im Zuge einer<br />

gemeinsamen Pressekonferenz mit<br />

Serbiens Oberhaupt Aleksandar Vučić<br />

das voraussichtliche Auslaufen seiner<br />

Vollmacht mit Ende Mai 2020. Dies<br />

hinderte Viktor Orbán allerdings nicht<br />

daran, noch im Mai 2020 die Grundrechte<br />

von trans- und intersexuellen<br />

Menschen massiv einzuschränken.<br />

Der belarussische Präsident Alexander<br />

Lukaschenko hingegen leugnete<br />

jegliche Fakten zu Covid-19, wie „ZEIT<br />

Online“ berichtete. Offizielle Zahlen<br />

scheinen den Autokraten wenig zu<br />

interessieren. Wiederholend sprach<br />

er von der „Corona-Psychose“ und<br />

demonstrierte mit einer 3.000 SoldatInnen<br />

starken Militärparade im Zuge<br />

des heimischen „Tag des Sieges“ am 9.<br />

Mai seine Entschlossenheit. Selbst dem<br />

russischen Oberhaupt Vladimir Putin<br />

war die virale Lage zu heikel: Feierlichkeiten<br />

wurden abgesagt. Die Ignoranz<br />

von Lukaschenko in Kombination der<br />

Bilder und Berichte aus der EU und China<br />

führte dazu, dass die BürgerInnen<br />

der Republik Belarus sich freiwillig in<br />

Selbstisolation begaben, Homeoffice<br />

einführten und soziale Kontakte minimierten.<br />

Nachdem Chinas staatliche „Volkszeitung“<br />

Ende Dezember 2019 die Krankheit<br />

vermeldete, verging fast ein Monat,<br />

in dem das Virus in Wuhan wütete. Dr.<br />

Li Wenliang, der die Entdeckung machte<br />

und davor warnte, wurde Anfang Jänner<br />

© Copyright: adobe stock / Jürgen Fälchle<br />

Mediales Alternativ-Bingo<br />

27


von staatlichen Behörden gezwungen,<br />

eine Verschwiegenheitserklärung zu<br />

unterzeichnen. Ein fragwürdiger „Lösungsansatz“,<br />

denn der Arzt verstarb<br />

Anfang Februar an dem sich rasant<br />

ausbreitenden Virus.<br />

Auf der anderen Seite des Globus wurden<br />

ebenfalls fragwürdige Lösungsansätze<br />

thematisiert, um vor dem Virus<br />

geschützt zu sein. Der brasilianische<br />

rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro<br />

empfahl über Social Media das<br />

Malaria-Mittel Hydroxychloroquin einzunehmen.<br />

Wissenschaftlich belegt?<br />

Nein. Weiters verharmloste das brasilianische<br />

Oberhaupt über „Twitter“ das<br />

Virus, indem er sich über den „kleinen<br />

Schnupfen“ sowie die „Medienhysterie“<br />

verlachend äußerte. Der Venezolaner<br />

Nicolás Maduro tat es dem Brasilianer<br />

gleich. Resultat: „Facebook“ und „Twitter“<br />

griffen durch und löschten Tweets<br />

und Posts mit Falschinformationen.<br />

Richtet man den Blick weg vom südlichen<br />

Amerika in Richtung Norden<br />

wird klar, weshalb die Debatte mancher<br />

amerikanischen Medien über die<br />

mentale Gesundheit der US-amerikanischen<br />

Präsidenten eine durchaus relevante<br />

ist.<br />

Laut Donald Trump sei das Virus ein<br />

Genie, das undurchschaubar ist und<br />

aus dem Forschungslabor aus Wuhan<br />

stamme, welches mithilfe von Frankreich<br />

gebaut wurde. Unzählige Berichte<br />

widerlegen die Laborherkunft des Virus,<br />

laut Felix Simon wurden die „Wuhan-Labor-Story<br />

und die angeblichen<br />

Geheimdienstberichte von der US-Botschaft<br />

in Canberra an eine australische<br />

Zeitung gefüttert. Trumps Pandemie-<br />

Slogan lautete: „Wir haben alles richtig<br />

gemacht, und China versucht die Wahlen<br />

in den USA zu sabotieren“. Die Wahlsabotage<br />

war im österreichischen Tirol<br />

zwar kein Thema, allerdings war man<br />

auch hier der Meinung, man habe alles<br />

richtiggemacht. Ein Blick auf die Zahlen<br />

in den USA zeigte jedoch andere Tatsachen,<br />

da half auch nicht der Rat des<br />

Präsidenten, sich Desinfektionsmittel<br />

zu injizieren oder Bleichmitteln zu gurgeln.<br />

Nicht nur Bolsonaro schenkte dem<br />

Malaria-Medikament seine Aufmerksamkeit,<br />

auch Donald Trump sprach<br />

über dieses in Pressekonferenzen. Die<br />

präsidiale Zuwendung ging so weit,<br />

dass der amerikanische Staatschef seine<br />

Präventionstherapie beschrieb, um<br />

vor Covid-19 geschützt zu sein, bei der<br />

er angeblich jeden Tag eine Tablette Hydroxychloroquin<br />

einnahm.<br />

© Copyright: adobe stock / J ürgen Fälchle<br />

Entwaffnende Zeiten<br />

Stephan Russ-Mohl sowie Felix Simon<br />

sind sich bei der Frage, ob Covid-19<br />

die Populisten dieser Welt entwaffnen<br />

wird, einig: Jein. Beide verweisen auf<br />

die länderspezifischen Merkmale, die<br />

Populisten zum Erfolg verhelfen. In den<br />

USA gewann der demokratische Präsidentschaftskandidat<br />

Joe Biden an Zuspruch,<br />

da Trumps Lügen mittlerweile<br />

mehr als offensichtlich seien, so Russ-<br />

Mohl. Simon, Forscher am Reuters Institute<br />

for the Study of Journalism der<br />

Universität Oxford, weist darauf hin,<br />

dass in Ländern wie Großbritannien<br />

und den USA die aktuellen Regierungen<br />

anfangs noch einen erhöhten Zuspruch<br />

erhielten. „Man nennt diesen Effekt im<br />

englischen ‚,Rally around the Flag‘“, so<br />

Simon. Dieser sei in beiden Ländern<br />

mittlerweile jedoch weitestgehend verschwunden.<br />

In Deutschland profitierten<br />

die CDU sowie Angela Merkel enorm<br />

von diesem Effekt, der für Krisenzeiten<br />

typisch sei. Weiters ist der Forscher der<br />

Meinung, dass Populisten, die nicht die<br />

Regierung bilden, sondern in der Opposition<br />

sind, eher verlieren als gewinnen.<br />

Die Regierungspartei ÖVP erlebte<br />

diesen Auftrieb bereits, denn laut Umfragen<br />

im April 2020 lag sie bei einem<br />

Zuspruch von 48%. Der Rückhalt für<br />

den italienischen Premierminister Giuseppe<br />

Conte und dessen Maßnahmen,<br />

die laut Simon recht früh relativ hart<br />

waren, stellten einen spannenden Fall<br />

dar. „Gleichzeitig wissen wir nicht, wie<br />

Salvini (Anm.: stv. Ministerpräsident<br />

bis August 2019) mit seiner sehr stark<br />

nationalistischen und faschistischen<br />

euroskeptischen Ideologie punkten<br />

wird, wenn die Krise überstanden ist“,<br />

fährt Felix Simon fort. Die ersten Aktionen<br />

wurden schon während der Krise<br />

gestartet. So entschieden sich Matteo<br />

Salvini sowie 70 seiner Abgeordneten<br />

dazu, am 29. April das Parlament zu<br />

besetzen, um dort zu übernachten. Mit<br />

diesem Protestakt forderte die rechte<br />

Lega-Partei konkrete Informationen<br />

zur Maskenpflicht und den sanitären<br />

Sicherheitsmaßnahmen. Auch in Österreich<br />

war Protest aus den Reihen<br />

der Opposition zu spüren. „Wo ist der<br />

Corona-Virus App?“ rief Herbert Kickl<br />

(FPÖ) am 27. Februar im Zuge der 12.<br />

Nationalratssitzung der aktuellen Legislaturperiode.<br />

Kickl forderte die aktuelle<br />

Regierung auf, digitale Maßnahmen<br />

zu setzen. Am 16. April kündigte der<br />

Klubobmann an, nachdem er im Nationalrat<br />

selbst eine App gefordert hatte,<br />

Anzeige gegen die „Stopp Corona“-App<br />

des Roten Kreuzes zu erstatten. Grund<br />

seien „massive datenschutzrechtliche<br />

Bedenken“ gewesen.<br />

Laut Simon haben es oppositionelle<br />

Populisten in solchen Zeiten nicht<br />

leicht. Die Medien waren und sind voll<br />

mit Berichterstattungen über die Pandemie.<br />

Zu erkennen sei dies daran, so<br />

Simon, dass sich rechtpopulistische<br />

Oppositionsparteien, wie die AFD oder<br />

die FPÖ, aktuell schwerer täten, mit<br />

ihren Themen durchzudringen. Auch<br />

die linkspopulistische italienische „Movimento<br />

5 Stelle“-Bewegung habe es<br />

aktuell schwer, mit ihren Themen Aufmerksamkeit<br />

zu erhalten und sich in die<br />

öffentliche Diskussion einzubringen.<br />

Viraler Rückkopplungseffekt<br />

Stephan Russ-Mohl, Gründer des European<br />

Journalism Observatory, rückt im<br />

Zuge pandemischer Zeit einen weiteren<br />

Aspekt in den Vordergrund: Selbstkritik.<br />

Er persönlich streicht vorab hervor,<br />

dass viele KollegInnen im Journalismus<br />

einen bemerkenswerten Job leisten,<br />

gerade in so schwierigen Zeiten. Allerdings<br />

wünscht er sich von JournalistInnen<br />

mehr Selbstkritik. „Man sollte sich<br />

selbst fragen, was man da eigentlich tut<br />

und was man anderen möglicherweise<br />

antut“, so Russ-Mohl. Dies äußert er in<br />

Hinblick auf die, durch Zeitdruck und<br />

Ressourcenmangel entstandene Verwendung<br />

und Verbreitung perfekt inszenierter<br />

Propaganda und Zahlen aus<br />

China, einem Land, in dem jede Information<br />

nach außen entweder zensiert<br />

28<br />

Mediales Thema Alternativ-Bingo


oder verschönert bzw. abgeändert wird.<br />

„Selbst wenn es vertrauenswürdige<br />

Quellen sind wie zum Beispiel die WHO,<br />

haben auch diese über die landesinterne<br />

Lage Chinas keinen tatsächlichen<br />

Überblick. Woher wissen wir wirklich,<br />

dass es in China keine neuen Fälle<br />

gibt? Meiner Meinung nach wurde viel<br />

zu gläubig die chinesische Propaganda<br />

nachgebetet“, so Russ-Mohl. Dies gelte<br />

auch für viele weitere Meldungen, wie<br />

beispielsweise den Krankenhausbau in<br />

Wuhan, die man aus den klassischen<br />

Medien entnehmen kann. Laut Felix Simon<br />

sei Aufmerksamkeit jene Währung,<br />

die Autokraten und Populisten anstrebten,<br />

ganz gleich ob am linken oder rechten<br />

Rand des politischen Spektrums. Da<br />

sie meist extreme Positionen vertreten,<br />

fällt es ihnen schwer, eine größere Bevölkerungsschicht<br />

damit zu erreichen.<br />

Daher bedient man sich sozialen sowie<br />

alternativen Medienplattformen. „Zum<br />

einen, weil‚,Facebook‘ & Co. so gesehen<br />

keine richtige Gatekeeper-Funktion innehalten<br />

und daher jede/r diese Dienste<br />

nutzen kann“. Die extremen Inhalte,<br />

ob in Trumps Kurzform oder in Straches<br />

ausführlichen „Facebook“-Postings,<br />

seien oftmals dermaßen provozierend,<br />

dass viele JournalistInnen sich,<br />

laut Simon, dazu gezwungen fühlen<br />

„in irgendeiner Form darauf zu reagieren<br />

und zu berichten.“ Dies führe allerdings<br />

zu einem Rückkopplungseffekt:<br />

„Dadurch, dass darüber berichtet wird,<br />

dass XY etwas Fragwürdiges gesagt<br />

hat, verhilft man XY dazu, noch weitere<br />

Kreise der Gesellschaft zu erreichen. Es<br />

ist effektiv wie ein Virus“, pointiert Simon<br />

im Interview mit <strong>SUMO</strong>.<br />

Medialer Einfluss<br />

Der Wahlkampf Trumps hat gezeigt,<br />

welche Fäden im Hintergrund gezogen<br />

werden, um eine Wahl zu gewinnen.<br />

Laut Simon geschehen diese Hintergrundaktivitäten<br />

wie bei Trumps Wahlkampf<br />

2016 „die ganze Zeit“: „Alle<br />

halbwegs vernünftigen Studien, die<br />

wir zu dem Thema haben zeigen, dass<br />

es davor schon ausgeklügelte digitale<br />

Wahlkampf-Strategien gab. Digitale<br />

Kampagnen mit gezieltem Bespielen<br />

von Inhalten an gewisse Gruppen hat<br />

man auch schon im Zuge der Obama-<br />

Kampagne 2008 gemacht. Damals<br />

waren es halt die Guten.“ Auch die<br />

Propaganda-Netzwerke, die im Zuge<br />

der Trump-Kampagne vom Moskauer<br />

Kreml bespielt wurden, wären zum Teil<br />

schon vorher vorhanden gewesen und<br />

existierten immer noch. „Aktuell, Covid-19<br />

ist hier ein gutes Bespiel, gibt es<br />

von Staaten organisierte Kampagnen,<br />

die darauf abzielen oder zumindest<br />

versuchen, Meinung zu beeinflussen<br />

bzw. Verwirrung zu stiften“, konstatiert<br />

Simon. Nur welcher Einfluss ist denn<br />

nun größer: jener der klassischen Medien<br />

oder doch das WWW? Russ-Mohl<br />

stellt klar: „Diese Frage ist nicht wirklich<br />

beantwortbar.“ Die Begründung<br />

hierfür liegt einerseits in der selektiven<br />

Nutzung des World Wide Web bzw. der<br />

Sozialen Medien und andererseits der<br />

Mainstreammedien. „Die klassischen<br />

Gatekeeper haben immer noch einen<br />

relativ großen Einfluss, wenn es darum<br />

geht, was zur Nachricht wird und hinterher<br />

zirkuliert, auch im WWW. Allerdings<br />

haben sie ihre Gatekeeper-Funktion<br />

verloren. Dass einige wenige große<br />

Anbieter im WWW, aber auch in klassischer<br />

Form dementsprechend einflussreich<br />

sind ist trivial. Da zählt auch<br />

Rupert Murdochs Medienimperium<br />

dazu, welches aufgrund der Spannweite<br />

(‚Fox News‘, ‚Wall Street Journal‘, etc.)<br />

durchaus bedrohlich „wirkt“, so Russ-<br />

Mohl. Felix Simon tendiert in seiner<br />

Antwort auf obige Frage eher zu den<br />

klassischen Medien. Im Zuge der Debatte<br />

um Trumps Wahlkampf wurden<br />

diese direkten Medieneffekte erwähnt.<br />

„Trump mit ‚Fox News‘ erzeugt keine<br />

direkten „Sofort-Effekte“, behauptet<br />

Simon. „Das klassische Hypodermic<br />

Needle Model, laut dem man Personen<br />

mit Informationen füttern kann und<br />

die dann daraufhin machen, was man<br />

will, ist seit den 60er Jahren widerlegt.<br />

Diese direkten Effekte gibt es in der<br />

Breite nicht“, fährt Simon fort. Er sehe<br />

eher in den langfristigen Effekten und<br />

Feedbackmechanismen zwischen RezipientInnen<br />

und Mediennetzwerken eine<br />

subtile Form des Einflusses. „In dieser<br />

Hinsicht sind die traditionellen Medien<br />

immer noch bedeutsamer. In den USA<br />

ist es immer noch das Fernsehen, das<br />

unter den Medienformen den größten<br />

Einfluss auf die Wahlentscheidung<br />

hat, aber eben auch nicht der einzige,<br />

weil etwa das soziale Umfeld, das Einkommen<br />

oder die Bildung oft viel mehr<br />

zählt.“ Digitale Medien seien zwar in den<br />

letzten Jahren deutlich – daher auch in<br />

ihrem Einfluss – gewachsen, „jedoch<br />

liegt die meiste Aufmerksamkeit immer<br />

noch bei den großen Playern wie<br />

etwa BBC, ZDF oder CNN. Der Reuters<br />

Digital Newsreport 2019 zeigt, dass für<br />

die meisten Länder Fernsehkanäle die<br />

höchste Reichweite und dadurch den<br />

größten Einfluss haben. Das überträgt<br />

sich durch deren eigene Websites zum<br />

Teil dann in das WWW.“<br />

Russ-Mohl würde sich bei der Schulaufsatzfrage:<br />

Internet – Segen oder<br />

Fluch?, immer noch für die erstere Antwort<br />

entscheiden – auch in Kenntnis<br />

von Darknet, Bot-Netzwerken und Desinformationsschleudern.<br />

Der Grund: die<br />

Möglichkeit des selbständigen Faktenchecks<br />

und der Ermittlung von Zusatzinformationen.<br />

Medienkompetenz als Antidot zu Populismus<br />

Das aktuelle Regierungsprogramm von<br />

Türkis-Grün sieht im Bereich der Bildung<br />

eine Stärkung der Medienkompetenz<br />

vor, sowie der politischen Bildung.<br />

Gleichzeitig erlaube man aber JournalistInnen<br />

teils nicht mehr, bei Pressekonferenzen<br />

der Regierung Fragen zu<br />

stellen. Ebenfalls zeige man bislang ein<br />

© Copyright hier<br />

© Copyright: adobe stock / Chris<br />

Mediales Alternativ-Bingo<br />

29


nicht zu verzeichnendes Interesse an<br />

einer Änderung des 2017 in Kraft getretenen<br />

Medienförderungsgesetztes,<br />

das schon damals sowie auch im März<br />

2020 für heftige Diskussionen sorgte.<br />

Russ-Mohl meint, dass es PolitikerInnen<br />

sehr wohl bewusst sei, wie wichtig<br />

Medienkompetenz ist, allerdings<br />

verweist er auf den legendären Satz<br />

des einstigen deutschen Bundeskanzlers<br />

Gerhard Schröder: „Zum Regieren<br />

brauch‘ ich nur ‚BILD‘, ‚Bams‘ (‚Bild am<br />

Sonntag‘) und Glotze.“ Felix Simon betont<br />

neben der Bedeutung schulischer<br />

Medienbildung noch eine weitere: „Es<br />

sind die Eltern und Großeltern, die hier<br />

mehr Erfahrung brauchen.“ Laut Statistik<br />

Austria belief sich 2019 der Bevölkerungsanteil<br />

Österreichs im Alter<br />

zwischen 45-64 auf 29%. „Es gibt Studien<br />

über die USA, die zeigen, dass vor<br />

allem die Gruppe 50-65+ diejenige ist,<br />

die am anfälligsten für Falschinformationen<br />

im Internet ist. Allerdings, wenn<br />

ich die Dinge glauben will, dann glaube<br />

ich was ich lese oder sehe. Da hilft oft<br />

auch keine Medienkompetenz.“ Stichwort:<br />

Motivated Reasoning und Confirmation<br />

Bias. Ersteres beschreibt das<br />

unbemerkte Lenken eines Denkprozesses<br />

in jene Richtung, die ein bestimmtes<br />

Ergebnis präferiert. Dies geschieht<br />

durch einen systematischen Fehler<br />

bei der Abrufung oder Bewertung von<br />

Information. Unter dem Confirmation<br />

Bias (zu Deutsch auch Bestätigungsfehler)<br />

versteht man die Bestätigung<br />

eigener Hypothesen durch das Bevorzugen<br />

passender Informationen oder<br />

Quellen, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt.<br />

Allerdings wären die Kosten für eine<br />

Generation, die sich entweder schon<br />

in der Pension befindet (oder auf diese<br />

zugeht) für eine Regierung in aktuellen<br />

Zeiten schwer zu rechtfertigen. Obendrein<br />

würde laut Medienwissenschaftler<br />

Russ-Mohl „das Leben der PolitikerInnen<br />

nicht leichter werden, wenn sie<br />

Felix Simon / Copyright: Magdalena Góralska<br />

auf sehr viele sehr medienkompetente<br />

BürgerInnen stoßen würden. Wenn<br />

man sich die Bildungspolitik der letzten<br />

20 Jahre ansieht, dann darf man davon<br />

ausgehen, dass hier kein großes Interesse<br />

besteht, dies zu ändern, auch um<br />

etwas Langfristiges für die Demokratie<br />

zu tun.“ Er sehe meist nur ein zentrales<br />

primäres Interesse bei den meisten<br />

PolitikerInnen: die Wiederwahl. „Dementsprechend<br />

werden die Prioritäten<br />

gelegt. Da zählt die Medienkompetenz<br />

nicht dazu. Rente ist für ein altes Wählervolk<br />

wichtiger als die Medienpolitik.“<br />

von Lukas Pleyer<br />

Stephan Russ-Mohl / Copyright: Muphovi<br />

30


Hate Speech und die Politik<br />

Hate Speeches können jede/n treffen – unter anderem auch PolitikerInnen. <strong>SUMO</strong><br />

hat versucht mit Betroffenen zu sprechen, leider ergebnislos. Der Artikel befasst sich<br />

daher damit, wie die Politik mit Hate Speeches umgeht und welche Maßnahmen und<br />

Initiativen es gegen dieses problematische Phänomen gibt.<br />

© Copyright: adobe stock / picsfive<br />

Jörg Meinbauer definiert in seinem<br />

2013 im Sammelband „Hassrede/Hate<br />

Speech – Interdisziplinäre Beiträge zu<br />

einer aktuellen Diskussion“ erschienenen<br />

Artikel den Begriff wie folgt: „Unter<br />

Hate Speech – hier übersetzt mit<br />

‚Hassrede‘– wird im Allgemeinen der<br />

sprachliche Ausdruck von Hass gegen<br />

Personen oder Gruppen verstanden,<br />

insbesondere durch die Verwendung<br />

von Ausdrücken, die der Herabsetzung<br />

und Verunglimpfung von Bevölkerungsgruppen<br />

dienen“. Speziell PolitikerInnen<br />

werden immer wieder Zielscheibe<br />

verschiedener Hassausprägungen.<br />

Dies zeigt der Artikel „43 Gewaltdelikte<br />

in einem Jahr“ des „ARD-Faktenfinders“<br />

(20.06.2019). Im Jahr 2018 gab es so<br />

laut Bundeskriminalamt 1.256 Straftaten<br />

gegen PolitikerInnen in Deutschland,<br />

in 43 Fällen wurden diese als<br />

Gewaltdelikte eingestuft. Insgesamt<br />

wurden von den 1.256 Straftaten 517<br />

von rechts- und 209 von links-motivierten<br />

TäterInnen begangen. Als nicht<br />

zuordnende, ausländisch-ideologische<br />

oder religiös motivierte Taten zählte<br />

man 664. Im Jahr 2017 wurden laut<br />

Bundeskriminalamt 1.512 und im Jahr<br />

2016 1.840 Straftaten gegenüber PolitikerInnen<br />

in Deutschland begangen.<br />

„Hate Speech“ kann bis zum Tod führen<br />

Im Extremfall kann Hass gegenüber<br />

PolitikerInnen mit dem Tod dieser enden.<br />

Ein Opfer unkontrollierten Hasses<br />

wurde die britische Labour-Abgeordnete<br />

Helen Joanne „Jo“ Cox. Die „Frankfurter<br />

Allgemeine Zeitung“ berichtete am<br />

23.11.2016 über diesen Fall. Cox setzte<br />

sich im Zuge des Austrittsreferendums<br />

(„Brexit“) für einen Verbleib Großbritanniens<br />

in der EU ein. Eine Woche bevor<br />

dieses Referendum stattgefunden hatte,<br />

wurde die Politikerin aufgrund ihrer<br />

politischen Einstellung von einem Mann<br />

auf offener Straße angeschossen und<br />

anschließend erstochen. Er soll bevor<br />

er auf sie geschossen hat „Britain first“<br />

gerufen haben. Der Täter wurde zu lebenslanger<br />

Haft verurteilt. Ein weiterer<br />

Fall, in dem ein Politiker aufgrund seiner<br />

Einstellung getötet wurde ist jener von<br />

Walter Lübcke. „ZDF-Heute“ berichtete<br />

am 29.04.2020 über diesen Mord. Lübcke<br />

war Regierungspräsident von Kassel<br />

und wurde im Juni 2019 in seinem<br />

Haus erschossen. In Deutschland war<br />

dies der erste Mord an einer/m PolitikerIn<br />

seit 1984. Aus dem Beitrag geht<br />

ebenfalls hervor, dass ein Verdächtiger<br />

im April 2020 angeklagt wurde. Lübcke<br />

setzte sich für Flüchtlinge ein, der Angeklagte<br />

soll ihn aus rechtsextremen<br />

Motiven getötet haben. Der Prozess<br />

steht noch aus (Stand Mai 2020).<br />

Hate Speech kann jede/n treffen<br />

Dass nicht nur PolitkerInnen zur Zielscheibe<br />

von Hate-Speeches werden,<br />

zeigt eine von FORSA im Auftrag der<br />

Landesanstalt für Medien Nordrhein-<br />

Westfalen durchgeführten Studie. Dafür<br />

wurden im Dezember 2018 1.005<br />

Personen ab 14 Jahren in Deutschland<br />

mittels eines Online-Fragebogens zu<br />

diesem Thema befragt. 47% der Befragten<br />

gaben an, dass sie in Sozialen<br />

Medien schon einmal mit Hass konfrontiert<br />

waren, auf Nachrichtenwebsites<br />

waren dies 35%. 2% erhielten<br />

schon einmal persönlich adressierte<br />

Hassnachrichten per Mail. In der Studie<br />

wurde ebenfalls erhoben, ob die befragten<br />

Personen sich an Diskussionen<br />

im Internet beteiligen. Bei dieser Frage<br />

konnten geschlechterspezifische<br />

Unterschiede festgestellt werden. 58%<br />

der Männer gaben an, sich an Diskussionen<br />

zu beteiligen, bei den Frauen war<br />

der Anteil mit 40% deutlich geringer.<br />

Rechtliche Schritte in Österreich<br />

Nicht alle Äußerungen und Taten, die<br />

unter den Begriff „Hate Speech“ fallen<br />

sind auch tatsächlich Straftaten.<br />

In Artikel 10 der europäischen Menschenrechtskonvention<br />

wird die Meinungsfreiheit<br />

jeder einzelnen Person<br />

festgelegt, so hat jede/r BürgerIn das<br />

Recht, ihre/seine Meinung frei zum<br />

Ausdruck zu bringen. Dieses Recht<br />

kann jedoch unter gewissen Voraussetzungen<br />

eingeschränkt werden. Das<br />

kann beispielsweise der Fall sein, wenn<br />

© Copyright: adobe stock / pustleflower9024<br />

Hate Speech und die Politik<br />

31


Gesundheit oder Moral geschützt werden<br />

müssen. Des Weiteren ist eine<br />

Einschränkung möglich, wenn diese<br />

zur Verbrechensverhütung oder zum<br />

Schutz des guten Rufs dient. Aufgrund<br />

der unterschiedlichen Formen von<br />

„Hate-Speeches“ gibt es kein einheitliches<br />

Gesetz, nach dem über Fälle von<br />

Hassreden geurteilt werden könnte. Es<br />

gibt jedoch unterschiedliche Gesetze<br />

in Österreich, die einzelne Ausprägungen<br />

abdecken. Personen, die öffentlich<br />

Verhetzung betreiben, können nach<br />

§283 des Strafgesetzbuchs verurteilt<br />

werden. Dort ist festgelegt, dass Personen,<br />

die verhetzende Botschaften in<br />

Bezug auf Religion, Staatsangehörigkeit,<br />

Weltanschauung, Hautfarbe und<br />

anderem verbreiten, mit Freiheitsstrafen<br />

von bis zu zwei Jahren bestraft<br />

werden können. Die Leugnung des Holocausts<br />

oder die Verherrlichung der<br />

Taten der NationalsozialistInnen kann<br />

nach §3 des Verbotsgesetzes ebenfalls<br />

zu Verurteilungen führen. Verschiedene<br />

Formen der Hassreden können<br />

nicht nur strafrechtlich, sondern auch<br />

zivilrechtlich verfolgt werden. Entsteht<br />

etwa durch eine Hassrede ein Schaden,<br />

der beispielsweise zu Gewinnverlusten<br />

führt, kann nach §1330 des Allgemein<br />

Bürgerlichen Gesetzbuchs aufgrund<br />

der Ehrenbeleidigung geurteilt werden.<br />

Laut der Website des österreichischen<br />

Klagsverbands gibt es bei Klagen, die<br />

“Hate Speeches“ betreffen, nur sehr<br />

wenige Verurteilungen.<br />

Maßnahmen<br />

Jede/r kann von Hate-Speeches betroffen<br />

sein, daher wurde im Jahr 2013 die<br />

Initiative „No Hate Speech Movement“<br />

vom Europarat gegründet. Auf der<br />

Homepage der österreichischen Variante<br />

der Initiative „National No Hate<br />

Speech Komitee“ wird erklärt, welchen<br />

Zweck diese Initiative hat. Es soll unter<br />

anderem Menschen anregen, gegen<br />

Hass vorzugehen und Aktionen zu unterstützen,<br />

die sich mit dieser Thematik<br />

befassen. Die vom Bundesministerium<br />

für Arbeit, Familie und Jugend und vom<br />

bundesweiten Netzwerk für offene Jugendarbeit<br />

unterstützte Initiative bietet<br />

außerdem Ratschläge zum Umgang mit<br />

Hass. Eine weitere Maßnahme gegen<br />

Hass im Netz wurde 2017 vom Land<br />

Steiermark, der Stadt Graz und der Antidiskriminierungsstelle<br />

Steiermark ins<br />

Leben gerufen. Laut Presseaussendung<br />

der Antidiskriminierungsstelle vom<br />

18.04.2018 ist die „Ban-Hate-App“<br />

international die erste App, die es ermöglicht,<br />

Hasspostings zu melden. Die<br />

Leiterin der Antidiskriminierungsstelle,<br />

Daniela Grabovic, äußerte sich in der<br />

Aussendung wie folgt: „Leider nimmt<br />

die Anzahl der Hasspostings weiter rapide<br />

zu. Um ein Gegengewicht dazu zu<br />

schaffen und nicht tatenlos zuzuschauen,<br />

haben wir diese App entwickelt.<br />

Wir hoffen auf eine starke Beteiligung<br />

der Menschen und auf Zivilcourage.<br />

Gemeinsam können wir zeigen, dass<br />

Hass im Netz keine Chance hat.“ Auf<br />

der Homepage der „Ban-Hate-App“<br />

wird beschrieben, wie die UserInnen,<br />

die ein Hassposting gegen sich oder<br />

andere entdecken, vorgehen sollen. Zuerst<br />

muss bekanntgegeben werden, auf<br />

welchem Social-Media-Kanal das Posting<br />

zu finden ist. Im Anschluss können<br />

die UserInnen den Hass einer Kategorie<br />

zuordnen, unterteilt in Diskriminierung<br />

wegen: Alter, Behinderung, ethnischer<br />

Herkunft, Geschlecht, politischer Anschauung,<br />

Religion, sexueller Ausrichtung<br />

und sozialer Herkunft. Anschließend<br />

soll noch ein Screenshot und der<br />

Link zum Hassposting in die App geladen<br />

werden. Die gemeldeten Postings<br />

werden von der Antidiskriminierungsstelle<br />

geprüft. Diese fordert die BetreiberInnen<br />

der Social-Media-Sites zur Löschung<br />

der Postings auf. Sollten Inhalte<br />

auch von strafrechtlicher Relevanz sein,<br />

kann dies auch angezeigt werden.<br />

Rolle der Medien<br />

Aber auch die Medien sind in ihrer prinzipiellen<br />

Vermittlungs- und Thematisierungsrolle<br />

gefragt. Liriam Sponholz<br />

forscht an der Österreichischen Akademie<br />

der Wissenschaften unter anderem<br />

zu diesem Thema und habilitierte 2018<br />

an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt<br />

zu „Hate Speech in den Massenmedien“.<br />

Sie konstatiert darin: „Was das<br />

Verhältnis von Medien und Hate Speech<br />

betrifft, können Medien diese Inhalte:<br />

nicht thematisieren, als Nonsens thematisieren,<br />

als Skandal thematisieren,<br />

als Kontroverse thematisieren, mit<br />

anderen gesellschaftlichen Akteuren<br />

eine öffentliche Streitfrage generieren.“<br />

(Sponholz 2018, S. 137) Und Ronald<br />

Pohl, Kulturjournalist beim „STAN-<br />

DARD“, rief im selbigen (16.02.2020)<br />

dazu auf: „Alle durch Hate-Speech Diffamierten<br />

gehören aus der Erstarrung<br />

der Opferrolle erlöst. Das wirkungsvollste<br />

Druckmittel gegenüber Ressentiment<br />

ist die Widerrede: Aufmüpfigkeit,<br />

die sich ihre gedankliche Eigenständigkeit<br />

bewahrt.“<br />

von Viktoria Strobl<br />

© Copyright: adobe stock / pusteflower9024<br />

32<br />

Hate Speech und die Politik


Emotionalisierung und Dramatisierung<br />

um jeden Preis<br />

Die Krise der Europäischen Union ist heute fünf Jahre her, trotzdem versuchen täglich Menschen nach Europa<br />

zu gelangen. Jeden Tag wird über sie berichtet, aber wie? Was bewirken die bewusst gewählten Begriffe<br />

in unserer Mediengesellschaft? <strong>SUMO</strong> hat dazu mit einem Geflüchteten, sowie mit Univ.-Prof. Fritz Hausjell<br />

(Univ. Wien) und Marie-Claire Sowinetz, Mitarbeiterin der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR gesprochen.<br />

© Copyright: adobe stock / Lydia Greissler<br />

„Illegale“, „EinwanderInnen“ oder „AsylantInnen“<br />

werden sie in den Medien<br />

genannt. Sie selbst werden kaum zu<br />

Wort gebeten. Als Präsident Erdogan<br />

am 1. März 2020 verkündete, dass die<br />

Türkei syrische Kriegsflüchtlinge nicht<br />

mehr an der Weiterreise nach Europa<br />

hindern werde, entfachte die Migrationsdebatte<br />

erneut.<br />

Der Krieg dauert noch immer an<br />

Seit neun Jahren herrscht in Syrien ein<br />

erbarmungsloser Bürgerkrieg. Ausgelöst<br />

wurden die Spannungen durch<br />

friedliche Proteste gegen die autoritäre<br />

Herrschaft des Präsidenten Baschar al-<br />

Assad während des Arabischen Frühlings<br />

2011. Im Laufe des Konfliktes geriet<br />

der Gedanke der Demokratisierung<br />

zunehmend in den Hintergrund, stattdessen<br />

kam es zu einem Krieg unterschiedlicher<br />

Religionen und Ethnien.<br />

Gegenwärtig kämpfen die Türkei und<br />

islamistische Rebellen, sowie Terroristen<br />

in der Stadt Idlib gegen die syrische<br />

Armee des Präsidenten al-Assad, Russland<br />

und Iran. Die Türkei griff in die Auseinandersetzungen<br />

ein, um sich kurdische<br />

RebellInnen, die das Grenzgebiet<br />

beherrschen, vom nationalen Leibe zu<br />

halten. Erdogan möchte so progressive<br />

und emanzipatorische Bestrebungen<br />

der türkischen KurdInnen unterbinden.<br />

Zusätzlich werden die RebellInnen von<br />

Saudi-Arabien und den USA unterstützt,<br />

den Erzfeinden des Irans.<br />

Flucht vor Diversität in österreichischen<br />

Medien und der Politik<br />

Die Wörter „Flüchtlingswelle“ und „illegaler<br />

Migrantenstrom“ sind aus der Berichterstattung<br />

des Jahres 2015 nicht<br />

mehr wegzudenken. Fünf Jahre später<br />

ist die Sprache der Politik und der Medien<br />

vielfach weiterhin aggressiv, bei<br />

RezipientInnen schürt diese Wortwahl<br />

Angst. Sie löst mitunter gar Panik aus,<br />

vor dem Ungewissen und dem Fremden.<br />

Laut der Bilanz 2019 des Bundesamts<br />

für Fremdwesen und Aysl (Stand:<br />

10.01.2020) wurden seit 1. Jänner 2015<br />

in Österreich mehr als 180.000 Asylanträge<br />

gestellt, trotzdem muss man<br />

nach den persönlichen Erfahrungen der<br />

Betroffenen in nationalen Medien mit<br />

der Lupe suchen. Nahezu ein Viertel<br />

der Bevölkerung Österreichs hat einen<br />

Migrationshintergrund. Für eine repräsentative<br />

Darstellung dieser müssten<br />

45 der 183 Nationalratsabgeordneten<br />

einen Migrationshintergrund haben –<br />

tatsächlich sind es neun. Ebenso erheblich<br />

unterrepräsentiert sind diese Personen<br />

in österreichischen Medien, auch<br />

in Qualitätsmedien. Anstatt für mehr<br />

Diversität unter den eigenen MitarbeiterInnen<br />

zu sorgen, lassen sich maximal<br />

Gastkommentare zu besonderen<br />

Medienereignissen von ausländischen<br />

JournalistInnen finden.<br />

Marie-Claire Sowinetz von UNHCR betont,<br />

dass die Perspektive der Flücht-<br />

linge in der Berichterstattung oft zu<br />

kurz kommt. „Vor allem in der Zeit von<br />

2015 bis 2016 wurde festgestellt, dass<br />

es häufig nur zwei Arten der Berichterstattung<br />

über Flüchtlinge gab: entweder<br />

Flüchtlinge als Opfer darzustellen, oder<br />

als potenzielle Bedrohung für die Aufnahmeländer“,<br />

erinnert sie sich.<br />

Während sich die negative Berichterstattung<br />

über Flucht in den letzten<br />

Jahren bei 4% der Artikel hielt, zeigt eine<br />

Studie des Wiener Publizistikinstituts,<br />

dass es im Jahr 2019 schon 7% waren,<br />

berichtete Hausjell bei einer Veranstaltung<br />

im April 2019 im Rahmen des Projekts<br />

„Core – Integration im Zentrum“.<br />

Der Anteil positiver Berichterstattung<br />

über AsylwerberInnen lag 2019 bei<br />

21,8%, im Vorjahr um 1,7% höher. Das<br />

Projekt der Stadt Wien wurde durch den<br />

Europäischen Fonds für regionale Entwicklung<br />

im Rahmen der „Urban Innovative<br />

Actions Initiative“ kofinanziert.<br />

Die 2019 publizierte Studie „Stumme<br />

Migranten, laute Politik, gespaltene<br />

Medien“ der Otto Brenner-Stiftung<br />

untersuchte die Berichterstattung über<br />

die Themen Flucht und Migration in 17<br />

Ländern. Verglichen wurden 2.400 Artikel<br />

aus sechs Wochen zwischen August<br />

2015 und März 2018. In Deutschland<br />

wurden die „Süddeutsche Zeitung“ und<br />

die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“<br />

Untersuchungsobjekte. Die Studie ergab,<br />

dass lediglich in einem Viertel der<br />

Berichte die Geflüchteten im Mittel-<br />

© Copyright hier<br />

Emotionalisierung und Dramatisierung um jeden Preis<br />

33


punkt standen, zumeist als namenlose<br />

Gruppe. Bloß in 8% der Fälle wurde<br />

über die persönlichen Geschichten und<br />

Schicksale der MigrantInnen geschrieben.<br />

Erfahrungen eines Geflüchteten aus<br />

Syrien<br />

X. möchte lieber anonym bleiben, er<br />

hat in der Vergangenheit nicht so gute<br />

Erfahrungen mit Interviews gemacht.<br />

Er lebt jetzt schon seit sechs Jahren in<br />

Österreich. In Syrien studierte er Rechtwissenschaften,<br />

doch zu seiner Enttäuschung<br />

wurde sein Studienfortschritt<br />

hier nicht anerkannt. Heute arbeitet er<br />

im Bereich Organisationsmanagement.<br />

Zur ständigen Berichterstattung über<br />

Flüchtlinge sagt er zu <strong>SUMO</strong>, dass diese<br />

nur dazu führt, dass das Thema gehasst<br />

wird, unabhängig davon, ob positiv oder<br />

negativ berichtet wird. „Es scheint aber<br />

so, als würde sowieso nur Negatives<br />

geschrieben werden. Ja, natürlich gibt<br />

es Kriminelle unter den Flüchtlingen, die<br />

Leute sind sicher nicht alle vom Himmel<br />

gefallen, aber die gibt es überall, auch in<br />

Österreich, sonst bräuchte man hier ja<br />

keine Polizei oder Gerichte. Keiner sagt<br />

etwas Positives über Flüchtlinge. Es gibt<br />

nur Bilder von geflohenen Menschen,<br />

die mit einer negativen Schlagzeile verbunden<br />

werden. Das ist verletzend. Die<br />

abgebildete Person hat keine Ahnung<br />

davon und hat das auch sicherlich nicht<br />

bewilligt. Warum gibt es keinen Respekt<br />

vor der Privatsphäre? Ich zum Beispiel<br />

will in Österreich eine Karriere haben<br />

und da möchte ich keine Bilder von mir<br />

auf der Flucht in den Medien finden. Das<br />

ist meine Entscheidung. Das ist mein<br />

Leben“, sagt er. <strong>SUMO</strong>: „Findest du,<br />

dass in den Medien zu wenige Flüchtlinge<br />

ihre Geschichte selbst erzählen?“<br />

X.: „In den Medien gibt‘s gar nichts. Da<br />

sind Plattformen wie ‚‚Facebook‘ dafür<br />

zuständig“, sagt er enttäuscht. „Manche<br />

Leute interessieren sich für unsere<br />

Geschichte und möchten sie von uns<br />

hören, nicht von Unbetroffenen“. Außerdem<br />

kritisiert X., dass obwohl er in Österreich<br />

GIS-Gebühren bezahle, er sich<br />

im österreichischen Fernsehen nicht repräsentiert<br />

fühle. „Ich fände es besser,<br />

wenn es bunter und vielfältiger wäre.<br />

Die Aufregung um den ZIB-Moderator<br />

[Anm.: Stefan Lenglinger] habe ich nicht<br />

verstanden: er ist doch Österreicher und<br />

hier geboren“, stellt X. fest. „Ich spreche<br />

aber nicht nur von Nachrichten, auch<br />

in Serien oder Filmen sieht man kaum<br />

AusländerInnen. Das ist nicht die Realität.<br />

Geht mal auf die Straße in Wien und<br />

seht, wie viele Leute da sind. Warum<br />

wird das nicht dargestellt? Auch andere<br />

soziale Gruppen, wie Homosexuelle<br />

oder Menschen mit Behinderungen<br />

werden einfach ausgelassen.“<br />

Über die PolitikerInnen, die von Begriffen<br />

wie „Islamisierung“ sprechen, sagt<br />

er, dass sie nur die Bevölkerung spalten<br />

und die EinwandererInnen weiter ausschließen<br />

wollen. Es gebe einige Menschen,<br />

die ihren religiösen Glauben hinter<br />

sich lassen. Auch in Syrien lebe ein<br />

signifikanter Teil der Bevölkerung ohne<br />

Bekenntnis. Er bedauert, dass darüber<br />

niemand spreche. „Es wird immer nur<br />

über die paar EuropäerInnen gesprochen,<br />

die zum Islam konvertieren. Ich<br />

persönlich bete nicht fünfmal täglich<br />

und während dem Ramadan faste ich<br />

auch nicht. Ich esse sogar Schweinefleisch.<br />

Meiner Meinung bin ich gar kein<br />

richtiger Muslim, aber für die PolitikerInnen<br />

hier werde ich immer einer sein.“<br />

<strong>SUMO</strong>: „Was würdest du PolitikerInnen<br />

gerne sagen?“ X.: „Bitte, macht den Leuten<br />

keine Angst. Sucht euch gefälligst<br />

einen anderen Plan, eure Wahl zu gewinnen!“<br />

Warum kommt es zu Framing?<br />

Hausjell, Professor am Institut für Publizistik-<br />

und Kommunikationswissenschaft,<br />

beschäftigt sich seit 30 Jahren<br />

mit dem medialen Diskurs über Geflüchtete<br />

und den dazugehörigen Frames,<br />

<strong>SUMO</strong> hat nachgefragt, wie diese historisch<br />

entstanden sind. „Frames gab<br />

es schon während der NS-Zeit. Schon<br />

damals wurden Flüchtende mit Kriminellen<br />

gleichgestellt. Allerdings wurden<br />

da sogenannte VaterlandsverräterInnen,<br />

die aus dem NS-Regime flüchteten,<br />

gemeint. Zusätzlichen ist mit der<br />

Vertreibung der jüdischen JournalistInnen<br />

eine gewisse Art der Recherche in<br />

Österreich verloren gegangen. Anders<br />

als im Christentum, ist es im Judentum<br />

üblich, Wissen durch ein ständiges Hinterfragen<br />

und Diskutieren mit dem Rabbiner<br />

zu erlangen. Das hat sich auch in<br />

der Berichterstattung jüdischer JournalistInnen<br />

widergespiegelt, denn das ist<br />

eigentlich das journalistische Prinzip.“<br />

Zur Problematik der Frames in der aktuellen<br />

Berichterstattung erklärt Sowinetz,<br />

dass Flucht und Migration sehr<br />

komplexe Themen seien, die sich nicht<br />

in einem kurzen Artikel erklären lassen.<br />

Marie-Claire Sowinetz / Copyright: Stefanie J. Steindl<br />

Viele Redaktionen hätten mit schrumpfenden<br />

Ressourcen zu kämpfen und<br />

somit fehlten oft Zeit, Geld und Möglichkeiten,<br />

ein Thema ausreichend zu<br />

beleuchten fehlen. „Daher versucht<br />

man, komplexe Inhalte einfach und<br />

schnell runter zu brechen und das führt<br />

dann zu den gängigen Erzählmustern.<br />

Auch Soziale Medien, in denen sehr<br />

emotional diskutiert wird, spielen hier<br />

eine zentrale Rolle“, sagt Sowinetz.<br />

Eine Zukunft ohne Frames<br />

Um Perspektivenverlust zu verhindern<br />

und mehr Realität in die Medien und<br />

die Politik zu bringen, müssen JournalistInnen<br />

ihre Vorurteile hinterfragen<br />

und ihr eigenes Tun kritisch reflektieren.<br />

Sowinetz verweist zum Beispiel auf<br />

die „Checkliste Verantwortungsvoller<br />

Journalismus in der Flüchtlingsberichterstattung“<br />

von „The Ethical Journalism<br />

Network“. Auch UNHCR selbst unterstützt<br />

und schult JournalistInnen mittels<br />

der Carta di Roma und „Guidance by and<br />

for Journalists“. Die Fundamental Rights<br />

Agency der EU hat ein Tool für ethisch<br />

korrekten Journalismus entwickelt, erzählt<br />

sie. „Das Magazin ‚‚Biber‘ bietet<br />

Schulung bzw. Trainings für JournalistInnen<br />

und Menschen mit Fluchthintergrund<br />

an, die in den Medien arbeiten<br />

wollen. Es gibt einige Tools, man muss<br />

sie nur nutzen.“<br />

Hausjell sieht die Herausforderung in<br />

der Personalpolitik. „Es lohnt sich, Talente<br />

im Minoritätenbereich zu fördern.<br />

Das beste Beispiel dafür ist die‚‚‚New<br />

York Times‘. 2018 gehörten 30% ihrer<br />

MitarbeiterInnen zu Minoritäten. Weiters<br />

verweist er auf den ökonomischen<br />

Aspekt einer weiteren Zielgruppe. Er<br />

schlägt vor, einzelne Seiten zweisprachig<br />

zu gestalten oder vergünstigte<br />

und zeitlich begrenzte Abonnements,<br />

ähnlich wie bereits für Studierende vorhanden,<br />

für Geflüchtete und MigrantInnen<br />

zu diskutieren. „Ethno-Marketing<br />

ist heute vielen noch ein Fremdwort.<br />

Es geht den Medien schlichtweg zu gut,<br />

aber das wird nicht immer so bleiben“,<br />

so Hausjell.<br />

von Therese Sterniczky<br />

Fritz Hausjell / Copyright: Miel Satrapa<br />

© Copyright: adobe stock / schankz<br />

34<br />

Emotionalisierung und Dramatisierung um jeden Preis


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Wenn Lesen nicht selbstverständlich<br />

ist<br />

Für bildungsbenachteiligte Menschen ist das gesellschaftliche Verständnis<br />

oft gering. <strong>SUMO</strong> geht im Gespräch mit Astrid Klopf-Kellerer, Programmmanagerin<br />

der Basisbildung für Jugendliche und Erwachsene an<br />

den Wiener Volkshochschulen, und Kathrin Schindele, Abgeordnete des<br />

NÖ Landtags und Obfrau des Bildungsausschusses, den Fragen zu den<br />

Herausforderungen von funktionalem Analphabetismus für Betroffene,<br />

Medien und Politik auf den Grund.<br />

© Copyright: adobe stock / Fiedels<br />

Lesen bildet die Basis in vielerlei Lebensbereichen<br />

– sei es, um sich im Alltag<br />

und Beruf selbstständig zurechtzufinden,<br />

Formulare auszufüllen oder um<br />

einfache Schlüsse zu ziehen, ohne diese<br />

Fähigkeit können die gesellschaftlichen<br />

Erfordernisse nur schwer erfüllt werden.<br />

Im Gegensatz zum bekannteren<br />

primären Analphabetismus, welcher<br />

den allgemein fehlenden Erwerb der<br />

Kenntnisse beschreibt, um zu schreiben,<br />

zu lesen oder zu rechnen, bezeichnet<br />

der Begriff „Funktionaler Analphabetismus“<br />

den partiellen Verlust bereits<br />

erworbener Grundkompetenzen im<br />

Lesen und/oder Schreiben. Das österreichische<br />

Bildungsministerium, aber<br />

auch Kursanbieter verwenden anstelle<br />

letzteren Begriffs den Ausdruck „bildungsbenachteiligte<br />

Menschen“. Damit<br />

einher geht eine erschwerte Teilhabe<br />

am gesellschaftlichen Leben. Dies trifft<br />

laut der PIAAC-Studie 2013 (Programme<br />

for the International Assessment of<br />

Adult Competencies) auf fast eine Million<br />

Menschen in Österreich zu. Folgende<br />

Fragen gilt es daher zu beantworten:<br />

Wie reagiert die Bildungspolitik auf den<br />

Handlungsbedarf? Wie handeln Medien<br />

in Bezug auf die Bildungsfrage und welche<br />

Rolle kommt ihnen in der Bildungsdiskussion<br />

zu?<br />

Von den Anfängen bis Heute<br />

Anfang der 1990er Jahre wurde das<br />

Thema in Österreich erstmals in einem<br />

„bottom-up-Prozess“ öffentlich diskutiert.<br />

Damals seien die ersten Basisbildungskurse<br />

für Erwachsene, die in<br />

der Schule nicht ausreichend Lese- und<br />

Schreibkompetenzen aufbauen konnten<br />

und Schwierigkeiten in Alltag und<br />

Berufsleben feststellten, entstanden,<br />

beschreibt Astrid Klopf-Kellerer. Das<br />

Verständnis für die Angebote für bildungsbenachteilige<br />

Erwachsene sei<br />

aber noch gering gewesen. „Über all<br />

diese Jahre hinweg ist ganz viel Aufbauarbeit<br />

passiert“, erzählt Astrid Klopf-<br />

Kellerer.<br />

Dazu trage das seit 2012 bestehende<br />

nationale Förderprogramm der „Initiative<br />

Erwachsenbildung“, das unter anderem<br />

das kostenfreie Besuchen von<br />

Kursen ermöglicht, maßgeblich bei.<br />

Bezogen auf die mediale Berichterstattung<br />

würde das Thema jedoch zu wenig<br />

konkretisiert werden: Anstelle von vereinzelten<br />

Beiträgen sei die Thematisierung<br />

mithilfe von Kampagnen oder Monatsschwerpunkten<br />

erforderlich, um es<br />

von unterschiedlichen Perspektiven zu<br />

beleuchten und das Bewusstsein der<br />

Allgemeinheit zu schärfen.<br />

Kathrin Schindele / Copyright: Herbert Käfer<br />

Astrid Klopf-Kellerer / Copyright: Gerhard Klopf<br />

36<br />

Wenn Thema Lesen nicht selbstverständlich ist


Gerade der Gesichtspunkt der Stigmatisierung<br />

müsse in den Mittelpunkt der<br />

Diskussion gestellt werden, da vielen<br />

bildungsbenachteiligten Personen die<br />

Inanspruchnahme der Kursangebote<br />

durch Scham und Angst vor Diskriminierung<br />

schwerfalle.<br />

Daher sieht Klopf-Kellerer die Aufgabe<br />

der Medien bezogen auf bildungsbenachteiligte<br />

Menschen in der Aufklärung<br />

und Sensibilisierung der Bevölkerung.<br />

Auch Kathrin Schindele fordert gezielte<br />

Lobbyarbeit, um das negativ behaftete<br />

Bild, das in der Gesellschaft häufig<br />

vorherrschend ist, zu beseitigen. Dabei<br />

müsse außerdem das direkte Gespräch<br />

mit den Betroffenen gesucht werden.<br />

Sie betont ebenfalls, dass die verschiedenen<br />

Ursachen und Hintergründe, die<br />

das Entstehen eines Bildungsdefizits<br />

begünstigen, in der Bildungsdiskussion<br />

nicht vorweggelassen werden dürfen.<br />

Wie Schindele erläutert, tragen die Medien<br />

auch aus demokratiepolitischer<br />

Sicht eine große Verantwortung.<br />

Daher müssen ausreichend Vergleichsmöglichkeiten<br />

„für eine Meinungsbildung,<br />

die verschiedene Sichtweisen<br />

zulässt“, vorhanden sein. Klopf-Kellerer<br />

hebt hervor, dass gerade die Personengruppe,<br />

die Schwierigkeiten beim<br />

Erfassen von besonders langen oder<br />

komplizierten Texten hat, eine Chance<br />

zur Erprobung und Verbesserung ihrer<br />

Kenntnisse benötigt.<br />

Dazu seien nicht nur die offensichtlich<br />

geeigneten Mediengattungen Fernsehen<br />

und Radio, sondern auch Print und<br />

Online angebracht. Ein besonderes Augenmerk<br />

müsse hierbei aber daraufgelegt<br />

werden, die Inhalte entsprechend<br />

aufzubereiten. Mithilfe von Abstracts<br />

oder Infokästen, die die wichtigsten<br />

Inhalte kurz und knapp wiedergeben,<br />

könne man zusätzliche Leseanreize<br />

schaffen. Eine Herausforderung in Bezug<br />

auf die Stigmatisierung liege auch<br />

in der korrekten Verwendung von Begrifflichkeiten,<br />

merkt Schindele an. Für<br />

die Anbieterorganisationen, bekräftigt<br />

Klopf-Kellerer, stelle daher das kompetenzorientierte<br />

Wording einen wesentlichen<br />

Aspekt dar. Anstelle des<br />

diskriminierenden Begriffes „funktionaler<br />

AnalphabetInnen“ eigne sich der<br />

Ausdruck „bildungsbenachteiligte Menschen“<br />

besser, um auf die Bildungsbenachteiligungen<br />

in ihrem Lebensumfeld<br />

und Basisbildungsbedarfe im Erwachsenenalter<br />

aufmerksam zu machen.<br />

„Das, denke ich, ist einer der wichtigsten<br />

Punkte, wenn man das vermitteln<br />

kann auf gesellschaftspolitischen Ebene,<br />

dass es nicht das Eigenverschulden<br />

ist, sondern dass es Benachteiligungen<br />

sind, und dass es ein Aspekt der Persönlichkeit<br />

ist“, erklärt Klopf-Kellerer.<br />

Sie verweist auch darauf, dass mehr als<br />

60% der betroffenen Menschen berufstätig<br />

sind und fest im Leben stehen,<br />

entgegen der Diskriminierung, mit der<br />

bildungsbenachteiligte Menschen häufig<br />

konfrontiert sind.<br />

Leben mit geringer Literalität<br />

Die deutsche Studie „LEO 2018 – Leben<br />

mit geringer Literalität“ befasst sich<br />

mit der Lese- und Schreibkompetenz<br />

speziell bezogen auf den Alltag und die<br />

soziale Teilhabe von deutschsprachigen<br />

18- bis 64-Jährigen. Gemessen an den<br />

sogenannten Alpha-Levels sind ca. 6,2<br />

Mio. Erwachsene bzw. 12,1% der erwachsenen<br />

Bevölkerung (Alpha 1 bis 3)<br />

gering literalisiert. Das Ergebnis zeigt<br />

gemessen am Anteil der erwachsenen<br />

Bevölkerung eine Verminderung um 2,4<br />

Prozentpunkte im Vergleich zur LEO-<br />

Studie 2010 (7,5 Mio. Erwachsene).<br />

Eine Auswirkung lässt sich beispielsweise<br />

bezogen auf die Arbeitssuche<br />

erkennen: Rund 13% der gering literalisierten<br />

Erwachsenen sind arbeitslos,<br />

und von den erwerbstätigen Personen<br />

(62,3%) sorgt sich knapp ein Viertel um<br />

die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Daher<br />

stellt sich auch die Frage, wie lange<br />

dieser Zustand noch wirtschaftlich<br />

tragbar ist. „Ich sage ganz ehrlich, wir<br />

können uns das jetzt schon nicht mehr<br />

leisten“, merkt Schindele an. Vor allem in<br />

Hinblick auf die Ungewissheit über das<br />

Entstehen neuer Arbeitsfelder seien<br />

rasche und nachhaltige Gesellschaftsinvestitionen<br />

nötig.<br />

Einen weiteren Aspekt hebt die Studie<br />

beim Thema digitaler Kommunikation<br />

hervor: Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung<br />

nutzen bildungsbenachteiligte<br />

Erwachsene häufiger Sprachnachrichten<br />

oder Videotelefonie anstelle von<br />

Kurznachrichten. Auch die Kommunikation<br />

via E-Mail wird von nur etwas mehr<br />

als einem Drittel präferiert. In Bezug<br />

auf politische Praktiken lässt sich erkennen,<br />

dass die fehlende schriftliche<br />

Kompetenz Folgen hat: So informieren<br />

sich nur 23,6% über das Nachrichtengeschehen<br />

per Zeitung oder Internet,<br />

Nachrichtensendungen werden deutlich<br />

häufiger konsumiert (61,7%). Gering<br />

literalisierte Menschen zeigen laut der<br />

Studie zudem weniger ehrenamtliches<br />

Engagement (7,1%) im Vergleich zu literalisierten<br />

Personen (23,1%). Bezogen<br />

auf die Wahlbeteiligung lässt sich<br />

erkennen, dass nur 62,2% der Betroffenen<br />

vom Wahlrecht Gebrauch nehmen<br />

(Gesamtbevölkerung: 87,3%). Eine<br />

weitere Herausforderung lässt sich bei<br />

der Gesundheitskompetenz erkennen:<br />

Beipackzettel von Medikamenten werden<br />

nur von 55,8% der Erwachsenen<br />

mit Basisbildungsbedarf gelesen, und<br />

Wenn Lesen nicht selbstverständlich Thema ist<br />

37


damit gehen wichtige Informationen<br />

zur Dosierung oder Risiken verloren.<br />

Zusammenfassend lässt sich also im<br />

Vergleich zur LEO-Studie aus 2010 eine<br />

leichte Verbesserung erkennen. Dennoch<br />

besteht noch großes Verbesserungspotential,<br />

vor allem in Bezug auf<br />

die Gesamtbevölkerung.<br />

Bildung als Basis<br />

Erwachsenenbildung bildet einen<br />

Grundpfeiler der Fördermaßnahmen<br />

von bildungsbenachteiligten Menschen.<br />

Das Konzept der Basisbildung<br />

hebt sich laut dem Bundesministerium<br />

für Bildung durch eine Erweiterung um<br />

demokratische, teilhabende, selbstkritische<br />

und kritisch handlungsorientierte<br />

Lerndimensionen vom Verständnis<br />

der Alphabetisierung im Sinne des Erwerbes<br />

der Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeit<br />

ab. Laut Klopf-Kellerer<br />

stehe insbesondere die direkte Einbindung<br />

der KursteilnehmerInnen bei der<br />

Erreichung ihrer individuellen Ziele und<br />

Bedürfnisse im Vordergrund. Kathrin<br />

Schindele betont zudem die Wichtigkeit<br />

der verschiedenen Institute wie<br />

beispielsweise Volkshochschulen (VHS)<br />

oder Wirtschaftsförderinstitut (WIFI),<br />

die verschiedenste Erwachsenenbildungsmöglichkeiten<br />

anbieten. Bildung<br />

sollte für jeden zugänglich sein, so das<br />

Credo. Dazu zählt nicht nur der kostenlose<br />

Zugang zu Kursen, sondern auch<br />

die adäquate Aufteilung der Fördermittel.<br />

Schindele hebt außerdem hervor,<br />

dass in der Qualität nicht zwischen<br />

öffentlichen und privaten Bildungseinrichtungen<br />

differenziert werden darf.<br />

Astrid Klopf-Kellerer kennt durch ihre<br />

Arbeit im Programmmanagement der<br />

Basisbildung für Jugendliche und Erwachsene<br />

und als Fachkoordinatorin<br />

der VHS Wien die Herausforderungen,<br />

die in der Praxis auftreten. Besonders<br />

schwierig sei es, Menschen, die<br />

Deutsch als Erstsprache sprechen, mit<br />

den Bildungsangeboten zu erreichen.<br />

Dazu sollen verstärkte Werbemaßnahmen<br />

und Informationsmanagement,<br />

aber auch die forcierte Einbindung der<br />

betroffenen Personen einen maßgeblichen<br />

Beitrag leisten können. Ein großflächiger<br />

Ausbau der Kursangebote ist<br />

für Schindele unerlässlich, um die breit<br />

gefächerte Zielgruppe erreichen zu<br />

können. In Bezug auf die in Österreich<br />

zugänglichen Angebote merkt Klopf-<br />

Kellerer Folgendes an: „Meines Erachtens<br />

sollte das Angebot gerade speziell<br />

in der Basisbildung erweitert werden.<br />

Wir erreichen ja nur einen kleinen Teil<br />

der Menschen mit unseren Angeboten,<br />

und es ist natürlich eine Frage des Budgets.“<br />

Dennoch sei die Wertschätzung<br />

und Dankbarkeit der Menschen, die die<br />

Basisbildungsangebote beanspruchen,<br />

sehr hoch. Kompetenzorientiertes (anstelle<br />

von fehlerorientiertem) Arbeiten<br />

in Kleingruppen trage dazu maßgeblich<br />

bei. Klopf-Kellerer berichtet auch von<br />

Gesprächen mit KursbesucherInnen,<br />

die im Gegensatz zu den oft negativen<br />

Lernerfahrungen in der Schule als Erwachsene<br />

erstmals über positive Lernerfahrungen<br />

und -erfolge sprechen.<br />

Astrid Klopf-Kellerer und Kathrin Schindele<br />

sind sich darüber einig, dass es<br />

insbesondere lokale Initiativen brauche,<br />

die bildungsbenachteiligte Menschen<br />

zusammenbringt und gesellschaftlich<br />

integriert.<br />

Einen relevanten Knotenpunkt stellt<br />

auch die Schul- und Bildungspolitik dar.<br />

Wie Schindele unterstreicht, liege ein<br />

erster Schritt darin, sich einzugestehen,<br />

dass das Thema Analphabetismus einen<br />

hohen Stellenwert im Bildungsdiskurs<br />

einnimmt. Dazu brauche es ausreichend<br />

Gesprächsmöglichkeiten und<br />

Unterstützungssysteme – vor allem für<br />

die Lehrkräfte, merkt Klopf-Kellerer an.<br />

Als Lehrerin sind auch Schindele die Herausforderungen<br />

der Praxis nicht unbekannt.<br />

Einen relevanten Gesichtspunkt<br />

bilden hierbei die Klassengröße und das<br />

Lehrpersonal. Sie fordert speziell in der<br />

Schuleingangsstufe mindestens zwei<br />

PädagogInnen pro Klasse einzusetzen,<br />

um eventuelle Defizite schnellstmöglich<br />

aufzudecken und bestmöglich zu<br />

behandeln. Schindele unterstreicht<br />

zudem die individuellen Bedürfnisse<br />

der SchülerInnen, auf die mithilfe von<br />

Schulsozialarbeit eingegangen werden<br />

muss. Es soll außerdem ausreichend<br />

Personal zur Verfügung gestellt werden,<br />

um den expliziten Ursachen von<br />

Bildungsbenachteiligung auf den Grund<br />

zu gehen und Zielbezug zu erarbeiten.<br />

„Das erfordert zeitliche Ressourcen, das<br />

erfordert natürlich ein Budget und das<br />

erfordert die Expertisen von entsprechend<br />

gebildeten Menschen“, untermauert<br />

Klopf-Kellerer. Österreichweite<br />

Kritik gäbe es dahingehend allerdings<br />

an dem aktuellen „Curriculum Basisbildung<br />

in der Initiative Erwachsenenbildung“<br />

(2019), das die Expertise der<br />

Praxis vorweglässt.<br />

Ein Stichwort, das häufig in Verbindung<br />

mit dem Thema Erwachsenenbildung<br />

genannt wird, ist das lebenslange Lernen.<br />

Klopf-Kellerer schätzt hierbei die<br />

beiden Bereiche Beruf und Medien als<br />

wegweisend ein, um die im Interesse<br />

liegenden Themen anzusprechen und<br />

zur näheren Befassung mit diesen anzustiften.<br />

Wie Schindele anmerkt, seien<br />

Bemühungen in diese Richtung aus<br />

Sicht der ArbeitgeberInnen gerade deshalb<br />

erforderlich, um konkurrenzfähig<br />

zu bleiben und die MitarbeiterInnen<br />

entsprechend aus- und weiterzubilden.<br />

„Bildung muss auch den Firmen, muss<br />

der Wirtschaft etwas wert sein“, betont<br />

Schindele. Das sei wiederum ein Ansporn<br />

für ArbeitnehmerInnen, sich stetig<br />

zu verbessern. Von politischer Seite<br />

seien daher Fördermaßnahmen für diese<br />

Ausbildungsformate unerlässlich.<br />

Jede/r soll die gleiche Chance bekommen<br />

Sowohl von politischer, als auch medialer<br />

Seite besteht noch Handlungsbedarf<br />

im Erwachsenenbildungsdiskurs. Einen<br />

Hauptaspekt bilden die Sensibilisierung<br />

und Lobbyarbeit – bezogen auf die Begrifflichkeiten,<br />

die soziale Schere und<br />

das Verständnis für bildungsbenachteiligte<br />

Personen. Das in Österreich bereits<br />

weitflächig vorhandene Angebot<br />

an Kursen und Initiativen muss allerdings<br />

stetig erweitert und verbessert<br />

werden. Dazu gilt es, die Betroffenen<br />

selbst und die Expertise der Praxis in<br />

die Prozesse miteinzubeziehen. „Es<br />

geht darum, dass jeder die gleiche<br />

Chance hat“, unterstreicht Schindele.<br />

von Julia Allinger<br />

© Copyright: adobe stock / snowing12<br />

38<br />

Thema Wenn Lesen nicht selbstverständlich ist


Nicht nur Politiker spielen<br />

„Clash of Clans“<br />

Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass auch Politiker in die Kostenfalle<br />

vermeintlicher Gratisspiele tappen. Das passiert aber nicht nur Prominenten,<br />

sondern vor allem Kindern und Jugendlichen, die die entstehenden<br />

Kosten bei einem simplen Klick unterschätzen. Medienberichte zu<br />

solchen Fällen gibt es einige – doch wie vermeidet man diese Kostenfalle<br />

effektiv?<br />

Gratisspiele wie auch Anwendungen<br />

sind heute aus den App-Stores nicht<br />

mehr wegzudenken – aber wie „kostenlos“<br />

sind die Applikationen am<br />

Smartphone in der Anwendung tatsächlich?<br />

Fragt man Kinder nach ihren<br />

Lieblingsspielen, gehören die vorerst<br />

kostenfreien „Fortnite: Battle Royal“,<br />

„Minecraft“ und „Clash of Clans“ zu den<br />

Standardantworten. Dass diese nicht<br />

immer kindgerecht sind, zeigt eine Studie<br />

der deutschen Stiftung Warentest<br />

vom September 2019. Gerade die Problematik<br />

rund um das Corona-Virus hat<br />

die Thematik der Apps am Handy abermals<br />

entfacht. Hier war aber nicht die<br />

Frage der Kosten oder des kindgerechten<br />

Inhalts im Fokus, sondern die des<br />

Datenschutzes. Doch die vermeintlich<br />

kostenlosen Spiele bringen einige Probleme<br />

mit sich. Gerade Kinder und Jugendliche<br />

erkennen oftmals eine Werbung<br />

nicht als solche, da diese bewusst<br />

getarnt ist, heißt es aus der Studie der<br />

Arbeiterkammer „Kinder & Online-Werbung“<br />

aus dem Jahr 2019.<br />

Vor allem während der Corona-Pandemie<br />

verhalfen Apps den Eltern, ihre<br />

Kinder zu beschäftigen: sei es mit Hilfe<br />

von Lern-Apps, die in Hülle und Fülle<br />

während der Pandemie erschienen<br />

sind oder mit kostenlos angebotenen<br />

Spielen. Der Clou dahinter: kostenlos<br />

ist nicht gleich kostenlos. Das Spiel<br />

oder die Anwendung lässt sich zwar<br />

gratis auf dem Smartphone installieren,<br />

dahinter verbirgt sich aber oftmals<br />

eine Kostenfalle. So sind manche Spiele<br />

nach kurzer Spieldauer ohne einen<br />

In-App-Kauf nur mehr eingeschränkt<br />

nutzbar. Den Erwerb von „Spielegeld“<br />

(In-Game-Währung) nehmen Kinder oft<br />

nur als Teil des Spieles wahr und nicht<br />

als reales Geschäft. In ihrer Spiellaune<br />

ist ihnen nicht bewusst, dass sie auf<br />

einen kostenpflichtigen In-App-Kauf<br />

klicken. In-App-Käufe bezeichnen alle<br />

Kaufvorgänge, die während eines Spiels<br />

in einer App an einem Mobilgerät getätigt<br />

werden. Ziel der EntwicklerInnen ist<br />

es, ihr „Gratis“-Spiel mit Hilfe von jenen<br />

Käufen zu monetarisieren. Des Öfteren<br />

werden dabei die Regeln nicht beachtet<br />

oder Grauzonen von Werberichtlinien<br />

ausgelotet, heißt es vonseiten der<br />

Arbeiterkammer (AK). Die klassische<br />

Wertschöpfungskette der Gaming-Industrie<br />

wurde so zu einem Modell<br />

adaptiert, das sich ausschließlich aus<br />

diesen In-App-Käufen finanziert. „Einige<br />

Spieleportale arbeiten auch mit Belohnungssystemen:<br />

Wer aktiv Werbung<br />

konsumiert oder sich etwa auf dritten<br />

Webseiten registriert, erwirbt ‚‚Spielgeld‘.<br />

Die Werbung im Internet kann außerdem<br />

ein gutes Geschäft für Datensammler<br />

und Abzocker sein“, resümiert<br />

die AK.<br />

Mehr Kontrollen der Apps<br />

Elfriede K. ist Mutter des achtjährigen<br />

Elias (Anm.: Namen geändert).<br />

Sie erzählt im <strong>SUMO</strong>-Interview, dass<br />

ihr Sohn zu seinem achten Geburtstag<br />

ein Smartphone bekommen hat.<br />

Konkret wurde ihm der Wunsch nach<br />

einem Handy aber nur erfüllt, weil „ich<br />

nicht möchte, dass er in der Klasse ausgegrenzt<br />

wird, da er einer der wenigen<br />

war, der bis dato noch kein Handy<br />

hatte“. Ihr war klar, dass er sein Handy<br />

weniger zum Telefonieren nutzen<br />

würde, sondern vielmehr zum Surfen<br />

im Internet. Tatsächlich schildert die<br />

alleinerziehende Mutter aber eine andere<br />

Problematik. „Elias hat sich heimlich‚‚Fortnite‘<br />

heruntergeladen und mit<br />

dem Taschengeld der Oma Guthaben<br />

in der Trafik gekauft und sich darum<br />

irgendwelche Extras für das Spiel gekauft.<br />

Danach war er vom Handy nicht<br />

mehr wegzubekommen und starrt seither<br />

Tag ein Tag aus in sein Kasterl und<br />

kämpft mit seinen Schulkollegen. Meiner<br />

Meinung nach grenzt das schon an<br />

ein Suchtverhalten. Es ist mittlerweile<br />

schon so weit, dass ich das Handy vor<br />

ihm verstecken muss und er nur eine<br />

© Copyright: adobe stock / charnsitr<br />

Nicht nur Politiker spielen „Clash of Clans“<br />

39


Stunde am Tag spielen darf – das führt<br />

oftmals zu langen Heulkrämpfen und<br />

Diskussionen. Ich würde mir eine staatliche<br />

Regelung wünschen. Gäbe es hier<br />

einheitliche Vorgaben und genauere<br />

Kontrollen, wäre es definitiv einfacher<br />

für mich“.<br />

Nutzungsverhalten der Allerjüngsten<br />

Mit diesem Problem ist Elfriede K. in<br />

Österreich nicht alleine. 35% der Eltern<br />

von 0-6-jährigen wünschen sich, dass<br />

ihre Kinder weniger Zeit mit digitalen<br />

bzw. internetfähigen Geräten verbringen,<br />

ergab eine Studie der IFES, ÖIAT<br />

und der ISPA im Auftrag von saferinternet.at<br />

aus dem Jahr 2020. Demnach<br />

nutzen 51% der Kinder Smartphones<br />

oder Tablets zum Spielen. Schwierigkeiten<br />

bereitet das vor allem Eltern,<br />

die jeden Klick der Kinder beobachten,<br />

PEGI-Einstufung:<br />

Ist ein europäisches Alterseinstufungssystem,<br />

das Eltern helfen soll,<br />

eine Entscheidung beim<br />

Kauf von Videospielen<br />

zu treffen.<br />

ob der Inhalt tatsächlich kindgerecht<br />

ist. So empfinden 28% der Befragten<br />

es als schwierig oder sogar als sehr<br />

schwierig, geeignete Inhalte ausfindig<br />

zu machen. Die Problematik hat auch<br />

vor den österreichischen Schulen nicht<br />

Halt gemacht. Katharina (Anm.: Name<br />

geändert) unterrichtet an einer Wiener<br />

Ganztagsvolksschule, auch sie berichtet<br />

im Gespräch mit <strong>SUMO</strong> am 27.<br />

März von dieser Problematik. „Derzeit<br />

unterrichte ich zwar aufgrund der Corona-Maßnahmen<br />

nicht im klassischen<br />

Sinne, aber ich weiß noch, wie es noch<br />

vor einigen Wochen in den Klassen ausgesehen<br />

hat. Die Kinder sprachen häufig<br />

über‚‚Fortnite‘. Auch musste ich in<br />

den vergangenen Wochen oftmals ein<br />

Handy abnehmen, welches während<br />

des Unterrichts verwendet wurde. Der<br />

positive Effekt dieses Spiels ist aber,<br />

dass die Kinder ihre Hemmungen in<br />

Hinblick auf ihre motorischen Bewegungsabläufe<br />

verlieren. Ich habe immer<br />

wieder gesehen, dass Kinder gemeinsam‚‚Fortnite-Tänze‘<br />

aufführen. Das<br />

hat auch Freundschaften gebildet. Es<br />

ist also nicht alles schlecht an dem Spiel<br />

per se, aber es gehört dennoch etwas<br />

geändert. Außerdem sollten die Eltern<br />

etwas besser darauf achten, was ihre<br />

Kinder so am Handy machen“, erzählt<br />

sie.<br />

© Copyright: adobe stock / Saravoot<br />

40<br />

Nicht nur Politiker spielen „Clash of Clans“


Altersfreigaben in den App Stores<br />

Die Altersfreigaben auf DVD- oder<br />

BlueRay-Covers sind bekannt. Auch<br />

bei klassischen Videospielen findet sich<br />

so eine Altersbeschränkung auf den<br />

Hüllen. Diese Filme oder Spiele sollten<br />

für Kinder ohne altersentsprechenden<br />

Ausweis nicht zum Erwerb möglich<br />

sein. Wie sieht die Altersfreigabe aber<br />

bei den Spielen am Smartphone oder<br />

Tablet aus? Bei Android Smartphones<br />

kommt die PEGI-Einstufung zum Einsatz.<br />

Diese soll Eltern helfen, eine Entscheidung<br />

beim Kauf von Videospielen<br />

zu treffen. Bei iOS hingegen steht eine<br />

eigene Bewertungsskala im Fokus. Alternativ<br />

lassen sich aber auch die PE-<br />

GI-Hinweise einblenden. Das Problem:<br />

meist läuft das Smartphone der Kinder<br />

auf den Namen der Eltern sowie das<br />

dementsprechende Geburtsdatum und<br />

somit sind Schutzmechanismen hinfällig.<br />

Vorzubeugen ist das mit Hilfe der<br />

Einstellungen der jeweiligen Stores;<br />

saferinternet.at empfiehlt beispielsweise<br />

die Bildschirmzeit, wie auch die<br />

Jugendschutzeinstellungen zu prüfen<br />

und anzupassen. Eine weitere Möglichkeit<br />

wäre die Installation von Kinderschutz-Apps<br />

von Drittanbietern. Mit<br />

Hilfe solcher Apps ist es Eltern möglich,<br />

das Nutzungsverhalten des Kindes im<br />

Auge zu behalten, App-Downloads zu<br />

blockieren, Tageslimits festzulegen, das<br />

Gerät für einen bestimmten Zeitraum<br />

zu sperren oder sogar den Standort des<br />

Geräts zu orten. Eine der effektivsten<br />

Methoden ist es laut saferinternet.at,<br />

Dienste wie Mehrwertnummern oder<br />

den „Kauf auf Handyrechnung“ direkt<br />

beim jeweiligen Mobilfunkanbieter zu<br />

deaktivieren.<br />

Das Problem ist allgegenwärtig, und<br />

neben einer Digitalisierung im Bildungsbereich<br />

sollte diese auch in den<br />

einzelnen Haushalten strukturiert<br />

umgesetzt werden. Möglich gemacht<br />

werden könnte dies, wenn der sichere<br />

Umgang mit dem Smartphone im Zuge<br />

des Schulunterrichts besprochen wird.<br />

Außerdem muss es genau festgelegte<br />

Richtlinien für den digitalen Einkauf in<br />

den jeweiligen App-Stores geben. Auch<br />

die Arbeiterkammer fordert „Standards<br />

für die Umsetzung traditioneller Werbegrundsätze<br />

in der Online-Welt und<br />

eine bessere grenzüberschreitende<br />

Rechtsdurchsetzung inklusive klarer<br />

Regeln für Werbungen in Apps.“<br />

von Martin Möser<br />

Nicht nur Politiker spielen „Clash of Clans“<br />

41


Pornografie – eine bzw.<br />

welche Gefahr für Kinder und<br />

Jugendliche?<br />

Während man früher vielleicht in der Trafik heimlich durch den „Playboy“<br />

blätterte, geht es heutzutage um einiges leichter. Mit dem Aufkommen<br />

des Internet steht fast nichts mehr zwischen allem, was es zu Sex ausspuckt<br />

– allem. <strong>SUMO</strong> sprach mit Sexualpsychologin Dr. Christina Raviola,<br />

Leiterin der Familienberatungsstelle für funktionelle Sexualstörungen und<br />

Partnerschaftskonflikte in Wien, und Sexualpädagogin Adriane Krem über<br />

Pornografie-Rezeption und dessen Folgen für Kinder und Jugendliche.<br />

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In der jüngeren Gesellschaft kann man<br />

schnell den Eindruck erlangen, Pornografie<br />

sei ein Phänomen des digitalen<br />

Zeitalters und erreichte erst große Beliebtheit<br />

durch das Internet. In Wahrheit<br />

ist Pornografie wahrscheinlich so<br />

alt wie die Menschheit selbst. Neben<br />

der 30.000 Jahre alten Venus von Willendorf,<br />

die eine nackte vollbusige Frau<br />

darstellt, gab es bereits im antiken Rom<br />

obszöne Motive bei Wandmalereien und<br />

auch die antiken Griechen malten Sexszenen<br />

auf Amphoren und Vasen. Der<br />

Unterschied zu heute ist, dass lediglich<br />

ein paar Klicks im World Wide Web von<br />

dem schier unendlichen Angebot an pornografischem<br />

Inhalt trennen. Diese Tatsache<br />

blieb auch nicht den Kindern und<br />

Jugendlichen verborgen. Laut der Wiener<br />

Sexualpsychotherapeutin Christina<br />

Raviola, deren Familienberatungsstelle<br />

vom Bundesministerium für Arbeit, Familie<br />

und Jugend gefördert wird, finden<br />

die ersten Kontakte mittlerweile bereits<br />

im Kindesalter, noch vor dem 9. Lebensjahr,<br />

statt. Zu den Gründen warum Kinder/Jugendliche<br />

Pornos ansehen, gehören<br />

unter anderem Stimulationszwecke,<br />

Gruppenzugehörigkeit oder einfach Langeweile.<br />

Die Frage, die sich daraus ergibt<br />

und auch vielen Eltern Sorgen bereitet,<br />

ist, ob diese Pornorezeption negative<br />

Folgen auf Kinder und Jugendliche hat.<br />

Die Antwort ist ein unbefriedigendes<br />

„Jein“. Laut Raviola könne man annehmen,<br />

dass je früher der Kontakt zu den<br />

diversen Porno-Sites beginne, desto höher<br />

die Wahrscheinlichkeit sei, dass negative<br />

Entwicklungen stattfinden. Dabei<br />

hänge die individuelle Rezeption und wie<br />

das Kind beziehungsweise der/die Jugendliche<br />

damit umgehe von unzähligen<br />

Faktoren ab, wie beispielsweise dem Alter,<br />

den Vorerfahrungen, der Aufklärung<br />

und der geistigen und emotionalen Stabilität.<br />

Adriane Krem, Sexualpädagogin<br />

am Österreichischen Institut für Sexualpädagogik<br />

und Sexualtherapien, meint,<br />

dass die Medienwirkungsforschung bei<br />

der Pornorezeption auf Grenzen stoße.<br />

Die Art und Weise wie das Gesehene im<br />

Porno innerlich vom Kind/Jugendlichen<br />

verarbeitet wird und sich in Folge auf<br />

Beziehungen und das Sozialverhalten<br />

auswirkt, könne nicht direkt getestet<br />

werden, da es privat, schwer zu reflektieren<br />

und höchst subjektiv sei.<br />

Die Schattenseiten der Pornografie<br />

Im Detail manifestieren sich negative<br />

Auswirkungen auf mehrere Weisen.<br />

Eine davon ist die Verstärkung von<br />

Rollenstereotypen und die Verbreitung<br />

eines negativen Frauenbildes. Bereits<br />

1987, lange vor dem Internet-Boom,<br />

startete die deutsche Feministin und<br />

Publizistin Alice Schwarzer die „Por-<br />

NO-Kampagne“ und sprach sich in dem<br />

von ihr herausgegebenen Werk „Por-<br />

NO. Opfer & Täter. Gegenwehr & Backlash.<br />

Verantwortung & Gesetz“ gegen<br />

den „zentralen Sinn der Pornografie,<br />

die Propagierung und Realisierung von<br />

Frauenerniedrigung und Frauenverachtung“<br />

aus. Christina Raviola erklärt<br />

im <strong>SUMO</strong>-Interview, dass sich Rollenstereotype<br />

wie „der starke Mann“ und<br />

„die devote Frau“ möglicherweise durch<br />

Pornografie bei emotional sensiblen<br />

Jugendlichen verstärkten. Auch werden<br />

Vergewaltigungsszenen in weiterer<br />

Form in manchen Pornos dargestellt.<br />

„Diese Videos vermitteln, dass Frauen<br />

also doch gerne vergewaltigt werden<br />

und dabei auch Genuss erfahren. Das<br />

gilt es sehr kritisch zu hinterfragen“, so<br />

Raviola. Pornosucht sei ein weiteres,<br />

nicht zu missachtendes Problem. Diese<br />

Gefahr der Sucht bestehe besonders<br />

für Jugendliche, die bei der Pornorezeption<br />

besonders viel positives Feedback<br />

und Entspannung erhalten oder beispielsweise<br />

ohnehin Probleme mit der<br />

eigenen Sexualität haben. In diesem<br />

Fall könne sich ein Suchtverhältnis zu<br />

Pornografie, laut Raviola, bereits im<br />

Jugendalter sukzessiv aufbauen. Bei<br />

häufiger Nutzung entstünden im Ge-<br />

42<br />

Pornografie - Gefahr für Kinder und Jugendliche?


hirn Gedächtnisspuren, die man sich<br />

wie Gleise eines großen Bahnhofes<br />

vorstellen könne, die sich immer tiefer<br />

und tiefer hineingraben, bis der Körper<br />

schließlich nach der Befriedigung durch<br />

Pornografie verlange. Diese Pornosucht<br />

gehe in manchen Fällen soweit, dass<br />

der Leidensdruck so stark sei, dass beispielsweise<br />

der eigene Beruf nicht mehr<br />

erfüllt werden könne. Laut Sexualpädagogin<br />

Krem gebe es noch einen weiteren<br />

negativen Aspekt: „Wenn ich mich<br />

auf die Bilder im Porno verlasse und<br />

das als Handlungsvorgabe betrachte,<br />

kann das eine Menge Druck machen.<br />

Sind zwar unrealistisch, aber ich nehme<br />

sie trotzdem ernst. Je weniger Wissen<br />

über Sexualität man im Allgemeinen<br />

hat und desto weniger ich gelernt habe,<br />

mich auf meine eigene Wahrnehmung<br />

zu verlassen, desto mehr verlasse ich<br />

mich auf die äußeren Vorgaben, wie<br />

Pornografie.“ Diese Vorgaben führen<br />

neben Druck auch zu Verwirrung. Man<br />

könne ihnen nicht standhalten, weil<br />

sie nicht realistisch seien. Laut Raviola<br />

bestätige sich jedoch die Angst der<br />

Eltern, dass dieser negative Konsum<br />

im Jugendalter massive Auswirkungen<br />

mit sich brächte, in der Regel nicht. Im<br />

Gegenteil, Jugendliche könn-ten sogar<br />

sehr gut differenzieren und bei Pornos<br />

zwischen Realität und einer gespielten<br />

Szene unterscheiden. Medienkompetenz<br />

spielt dabei für Krem eine große<br />

Rolle: „Je mehr ich hinter die Kulissen<br />

von Medien, auch Pornos, schauen<br />

kann, desto weniger muss ich sie als<br />

Informationsquellen für mein eigenes<br />

Leben und Sexualität ernst nehmen“.<br />

Die potenziellen Probleme durch Pornonutzung<br />

sind jedoch kein Grund, als<br />

Elternteil in Panik zu verfallen und dem<br />

Kind das Pornoschauen strikt zu verbieten.<br />

Im Gegenteil, sowohl die Klinische<br />

Sexualpsychologin Raviola als auch die<br />

Sexualpädagogin Krem raten den Eltern,<br />

einen kühlen Kopf zu bewahren und an<br />

ihre eigene Jugend zu denken. „Statt die<br />

Kinder und Jugendlichen hermetisch<br />

davon abzuriegeln, sollte es eher darum<br />

gehen, wie wir sie unterstützen, selbstwertschätzend<br />

zu werden, einen positiven<br />

Umgang mit der eigenen individuellen<br />

Sexualität und einen reflektierten<br />

Umgang mit Medien zu entwickeln“,<br />

erklärt Krem. Es sei ebenfalls wichtig,<br />

ein/e Ansprechpartner/in für die Kinder<br />

zu sein, jemand vor dem man sich nicht<br />

schämen müsse, über Sexualität zu<br />

sprechen. Laut Raviola solle man den<br />

Kindern erklären, dass manche Fantasien<br />

vollkommen in Ordnung seien, es<br />

jedoch manche sexuellen Neigungen<br />

gebe, wie beispielsweise Sodomie oder<br />

gar Gewalt, die es nicht seien. Dabei<br />

sei insbesondere ein offener Umgang<br />

statt angedrohter Sanktionen von hoher<br />

Bedeutung. Die Gespräche sollten<br />

amikal geführt werden, da die Kinder<br />

sonst einem in Zukunft gar nichts mehr<br />

erzählen würden. Weiters rät Raviola<br />

dazu, den Kindern zu vermitteln, wie<br />

bedeutsam die Beziehung zueinander<br />

beim Sex sei und dass man die beiden<br />

Dinge nicht getrennt betrachten könne.<br />

Es gehe dabei auch um Emotionalität<br />

und dass Sex etwas sei, das zwei Menschen<br />

miteinander machen, die sich<br />

gernhaben. Diesbezüglich liefert Krem<br />

Entwarnung: „Der Stellenwert, dass<br />

man sich eine Beziehung wünscht, man<br />

liebenswert und attraktiv sein möchte<br />

und dass es oft einen Wunsch nach<br />

Langfristigkeit und Treue gibt, hat sich<br />

unserer Beobachtung nach nicht geändert.“<br />

Im Gegenteil, es gebe manchmal<br />

sogar den Schwerpunkt, dass Jugendliche<br />

sagen, es gehe bei Sexualität nicht<br />

um oberflächlichen und unmittelbaren<br />

Kontakt. Die Wertigkeit sei dabei unterschiedlich<br />

je nach Community oder der<br />

© Copyright: adobe stock / amixstudio<br />

Pornografie - Gefahr für Kinder und Jugendliche?<br />

43


Wertehaltung innerhalb der Familie.<br />

All das könnte den Eindruck erwecken,<br />

dass Kindersicherungsprogramme und<br />

Computerfilter möglicherweise nicht<br />

benötigt werden, jedoch empfiehlt<br />

Raviola den Einsatz solcher Programme<br />

dennoch. Besonders im Zusammenhang<br />

mit SexualstraftäterInnen<br />

und Kindesmissbrauch können diese<br />

Programme das Schlimmste von den<br />

Kindern abblocken. Diverse Antiviren-<br />

Programme bieten zusätzlich auch<br />

eingebaute Kindersicherungen für das<br />

Internet, aber es gibt auch eigens dafür<br />

entwickelte Programme wie „Google<br />

Family Link“ oder das Erstellen von Familiengruppen<br />

bei den Microsoft-Konten.<br />

Letztere erlauben es den Eltern, die<br />

Aktivitäten ihres Kindes im Netz nachzuvollziehen<br />

und gezielt Inhalte einzuschränken.<br />

Es sei jedoch nicht möglich,<br />

Kindern komplett den Zugang zu Pornos<br />

zu verschließen, denn sie würden<br />

früher oder später durch die Peer Group<br />

oder das sonstige Umfeld in Kontakt<br />

mit Pornografie kommen.<br />

Obwohl Pornografie einige Risiken mit<br />

sich bringt, muss sie nichts intrinsisch<br />

Böses sein, von dem man alle abschotten<br />

muss. Sie ist ein Teil unserer Kultur,<br />

ob wir es zugeben wollen oder nicht. Besonders<br />

für Jugendliche kann sie auch<br />

eine Bereicherung und ein Werkzeug<br />

sein, um etwa die eigene Sexualität und<br />

den Körper zu entdecken. All das setzt<br />

natürlich voraus, dass man mit nötigem<br />

Wissen und Medienkompetenz ausgestattet<br />

wurde, um Realität von Fiktion<br />

in einem Porno zu unterscheiden. Hier<br />

kommen die Eltern ins Spiel, die Aufklärung<br />

betreiben müssen und sich selbst<br />

nicht vor Sexualität sträuben dürfen.<br />

Manchmal gilt es eben, in den eigenen<br />

Augen unangenehme Gespräche mit<br />

den eigenen Kindern zu führen und zu<br />

erklären, was es mit Sex und all dem<br />

was dazugehört auf sich hat. Sie werden<br />

es einem danken.<br />

von Alexander Schuster<br />

Adriane Krem / Copyright: Privat<br />

Christina Raviola / Copyright: Privat<br />

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KY_Claim_geschmeidig_Arbeit_2020.indd 1 04.06.2020 11:43:31<br />

Thema Pornografie - Gefahr für Kinder und Jugendliche?


Zwischen Games und Gefahr<br />

Gewalthaltige Online-Spiele sind im Alltag vieler Kinder und Jugendlicher verankert. <strong>SUMO</strong> sprach mit Natalie<br />

Denk, Leiterin des Zentrums für Angewandte Spieleforschung der Donau-Universität Krems, und Eveline Hipeli,<br />

Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin sowie Dozentin für Medienbildung an der Pädagogischen<br />

Hochschule Zürich, über Jugendschutz, Medienkompetenz und sozialen Druck im Bereich Violent Online<br />

Gaming.<br />

Die Augen auf den Bildschirm geheftet<br />

und über ein Headset kommunizierend<br />

wird der Plan für die nächste Schlacht<br />

besprochen. Es regnet Schüsse auf das<br />

gegnerische Team, Blutflecken erscheinen<br />

am eigenen Bildschirm. Wird man<br />

selbst getroffen, geht es nach wenigen<br />

Sekunden in die nächste Runde. „Fortnite“,<br />

„Counter-Strike“, „Call of Duty“ und<br />

sonstige Online-Shooter-Spiele sind für<br />

viele Kinder und Jugendliche fester Bestandteil<br />

der Freizeitgestaltung. Doch<br />

mit gewalthaltigen Spielen geht auch<br />

eine gewisse Verantwortung von Seiten<br />

der Eltern und Schulen einher. Es stellt<br />

sich die Frage, wie sich der Schutz der<br />

Kinder in Bezug auf Medienkompetenz<br />

mit sozialem Druck – vor allem von der<br />

Peergroup – vereinen lässt.<br />

Aggressionspotenzial?<br />

Laut der Jugend-Information-Medien-<br />

Studie (JIM-Studie) 2018 zeigten sich<br />

unter den befragten 12- bis 19-Jährigen<br />

Deutschen sowohl Burschen als auch<br />

Mädchen interessiert an digitalen Spielen<br />

und nutzten diese mehrmals wöchentlich.<br />

Erstmals fand sich das Koop-<br />

Survival-Spiel „Fortnite“ mit einem<br />

Fünftel der Stimmen an der Spitze der<br />

beliebtesten Spiele. Unter den Nutzer-<br />

Innen von Online-Spielen ist die Sprachkonferenz-Software<br />

„Team-Speak“ eine<br />

populäre Kommunikationsplattform,<br />

bei der neben Spielinformationen auch<br />

persönliche Themen ausgetauscht werden.<br />

Besonders im Kontext der sozialen<br />

Interaktion zwischen SpielerInnen stellt<br />

sich die Frage nach dem Aggressionsund<br />

damit Gewaltpotential von gewalthaltigen<br />

Spielen. Dieser Problematik<br />

haben sich schon etliche Studien gewidmet.<br />

Der These, dass gewalthaltige<br />

Spiele zu einer erhöhten Aggressivität<br />

führen, widerspricht eine 2019 im<br />

Journal der Royal Society Open Science<br />

erschienene Studie. Auch eine 2016 publizierte<br />

Untersuchung im Journal „Plos<br />

One“ konnte nur einen schwachen Zusammenhang<br />

zwischen Gewaltspielen<br />

und Verhaltensstörungen feststellen.<br />

Das Thema ist dennoch immer wieder<br />

Gegenstand medialer und öffentlicher<br />

Debatten. Für die Kommunikationswissenschaftlerin<br />

Eveline Hipeli steht zuallererst<br />

fest, dass sich das Messen von<br />

Mediengewalt als äußerst schwierig herausstellt.<br />

Gerade bei Personen, die von<br />

aggressiver Disposition betroffen sind,<br />

und in ihrem familiären, sozialen Umfeld<br />

Gewalt erleben, wirke mediale Gewalt<br />

anders. Der Bezug zur Realität sei daher<br />

ausschlaggebend. „Bei den meisten<br />

Kindern und Jugendlichen die, sagen wir<br />

einmal, mit altersgerechten Gewaltinhalten<br />

in Kontakt kommen, sind die Wirkungen<br />

relativ klein“, merkt Hipeli an und<br />

weist aber darauf hin, dass das jedoch<br />

nicht auf Kinder zutreffe, die diese Inhalte<br />

noch nicht richtig einordnen können.<br />

„Die Erfahrungen hängen sehr stark<br />

einerseits auch vom Erfahrungshintergrund<br />

ab, vom Alter des Kindes und der<br />

Prädisposition und dem sozialen Umfeld“,<br />

fasst Eveline Hipeli zusammen.<br />

Natalie Denk sieht auch darin eine<br />

Problematik, dass oft eine unmittelbare<br />

Korrelation zwischen gewalthaltigen<br />

Computerspielen und Amokläufen<br />

gezogen wird. „Das ist auch aus<br />

wissenschaftlicher Sicht höchst problematisch,<br />

wenn man unreflektiert behauptet,<br />

dass das eine zum anderen<br />

führt. Das ist etwas, was Menschen<br />

allerdings sehr gerne tun, einfach deshalb,<br />

weil sich Dinge mit genau solchen<br />

Schlussfolgerungen scheinbar einfach<br />

erklären lassen“, erläutert Denk. Daher<br />

gehe es darum, sich explizit mit dem jeweiligen<br />

Fall auseinanderzusetzen und<br />

den Ursachen für exzessives Computerspielen<br />

auf den Grund zu gehen. Es<br />

müsse auch der Frage nachgegangen<br />

werden, inwiefern die Spieleinhalte in<br />

die Realität übersetzt werden. „Wenn<br />

ich jetzt in einem Spiel gewaltlastige<br />

Handlungen durchführe, heißt das nicht<br />

automatisch, dass ich hier wirklich zum<br />

Beispiel lerne, eine Waffe einzusetzen<br />

und überhaupt irgendwelche Barrieren<br />

überwinde, die ich im Realfall habe, also<br />

da geht es oft um ganz andere Sachen“,<br />

untermauert Denk. Man müsse sich<br />

auch die Frage stellen, welche Kompetenzen<br />

in diesen Spielen tatsächlich<br />

gefördert werden. Dabei rücke das Bedienen<br />

einer Waffe oder Ausüben von<br />

Gewalthandlungen in den Hintergrund,<br />

eher stünden taktisches Vermögen,<br />

vorausschauendes Denken und teamübergreifende<br />

Kommunikation im Vordergrund.<br />

Insbesondere bei jüngeren<br />

Kindern gilt es jedoch auch nach altersadäquaten<br />

Alternativen zu suchen, die<br />

dennoch umfangreichen Spielspaß bieten.<br />

Laut Denk gehe es hierbei sowohl<br />

für die Eltern, als auch die Spiele-EntwicklerInnen<br />

darum, über den Tellerrand<br />

hinaus zu schauen und kreative<br />

Lösungen abseits der beliebten kriege-<br />

© Copyright: adobe stock / grandfailure<br />

Zwischen Games und Thema Gefahr<br />

45


© Copyright: adobe stock / Rangizzz<br />

rischen Settings zu finden, die sich der<br />

Spielebranche anbieten.<br />

Doch was verbirgt sich überhaupt hinter<br />

der Faszination von digitalen Spielen?<br />

Im Vergleich zu Zeiten, als Online-Welten<br />

noch kein Thema waren und Kinder<br />

ihre Freizeit hauptsächlich in der freien<br />

Natur verbracht haben, beschreibt Hipeli,<br />

dass Eltern heute viel vorsichtiger<br />

geworden sind. Die Ursache dafür<br />

sei eine Verlagerung von Abenteuern<br />

in virtuelle Welten, die wiederum auch<br />

das Thema Gewalt inkludieren können.<br />

Eine Definition von Gewalt stelle<br />

sich als äußerst schwierig dar, da die<br />

Bandbreite des Begriffs von körperlicher,<br />

verbaler bis zu psychischer Gewalt<br />

reicht und die unterschiedlichsten<br />

Formen annehmen kann. In Bezug auf<br />

Computerspiele merkt die Kommunikationswissenschaftlerin<br />

an: „Das wird ja<br />

oft auch im Rahmen solcher Abenteuer<br />

und Quests etc. eingesetzt und da steht<br />

die Gewalt meistens gar nicht im Vordergrund.<br />

Auch da gibt es ein großes<br />

Spektrum.“ Zur Faszination von Gewalt<br />

in virtuellen Spielen nennt Hipeli einige<br />

mögliche Ursachen. Zuallererst sei es<br />

faszinierend, an diesen digitalen Abenteuern,<br />

die in der Realität nicht erlebt<br />

werden können, teilzuhaben. Außerdem<br />

seien Computerspiele generell<br />

(und auch solche, in denen Mediengewalt<br />

vorherrscht) gerade für Kinder, die<br />

vielleicht in der schulischen Umgebung<br />

oder im Freundeskreis weniger im Mittelpunkt<br />

stehen, eine Möglichkeit, ihr<br />

Können unter Beweis zu stellen. „Da<br />

geht es auch nicht um die Gewalt, sondern<br />

um die Geschicklichkeit, die man<br />

in diesem Spiel erlebt “, erläutert Hipeli.<br />

Besonders im Jugendalter sei das Thema<br />

Grenzüberschreitungen ein Aspekt,<br />

der zum „Entwicklungsprozess der<br />

Loslösung“ dazugehöre und auch die<br />

Faszination hinter gewalthaltigen Spielen<br />

erklären könne. Vor allem in Bezug<br />

auf Horrorspiele nennt Hipeli das Motiv<br />

der Angstlust, das zur Begeisterung der<br />

Jugendlichen beiträgt.<br />

Frage nach (mehr) Verantwortung<br />

Beim Thema Jugendschutz erfordere es<br />

laut Hipeli und Denk der Verantwortung<br />

verschiedener Bereiche. Für Hipeli liege<br />

die Aufgabe der Eltern vor allem in der<br />

Kontrolle der Inhalte und der Förderung<br />

der Medienkompetenz ihrer Kinder.<br />

Dazu zählt es, sich mit den Interessen<br />

der Kinder auseinanderzusetzen und<br />

zu versuchen, ihre Spielewelten zu verstehen.<br />

Die Bezugspersonen müssten<br />

sich selbst informieren und mit dem<br />

Thema auseinandersetzen, um den<br />

Kindern einen kompetenten Umgang<br />

mit Computerspielen zu vermitteln und<br />

über die Gefahren aufklären zu können.<br />

„Ein wesentlicher Faktor ist sicher diese<br />

Förderung der Kritikfähigkeit, und<br />

die läuft über das Gespräch“, erklärt<br />

die Medienpädagogin. Die Verantwortung<br />

liege andererseits aber auch bei<br />

den Geschäften, die diese Spiele anbieten<br />

und sich an die Altersfreigaben<br />

und Weisungen halten sollten. Denk<br />

betont die Rolle der Spielehersteller/<br />

innen, die entsprechende Funktionen<br />

wie die Möglichkeit ungeeignete Chat-<br />

Inhalte zu melden zur Verfügung stellen<br />

müssen. Die Verantwortung liege<br />

auch im Bereich des Bildungssystems<br />

und der Schulen. Anstatt das Thema<br />

der Gewaltspiele zu „verteufeln“, sollte<br />

den Kindern und Jugendlichen ein<br />

Gesprächsraum geboten werden. „Ich<br />

glaube, man kann verlangen, dass es<br />

in jeder Schule Ansprechpersonen gibt,<br />

genauso wie es in jeder Schule SchulpsychologInnen<br />

gibt“, betont Denk und<br />

fordert, dass der Themenbereich Gewalt,<br />

Computerspiele und Cybercrime<br />

mehr in die Ausbildung des Lehrpersonals<br />

miteinfließen müsse. Dazu eigne<br />

sich auch das Anbieten von (Online-)<br />

Workshops, um das Thema nicht nur<br />

für Lehrkräfte, sondern auch Eltern verständlicher<br />

zu machen.<br />

Einen Auslöser für intensives Spielen<br />

sieht Hipeli im sozialen Druck. Vor allem<br />

für Kinder sei es schwierig, sich in der<br />

„Phase der Freundschaftssuche“ gegen<br />

die Peers durchzusetzen. Die Machart<br />

vieler Computerspiele sei oft gerade<br />

darauf ausgerichtet, dass man sich viel<br />

mit ihnen beschäftigt, um beispielsweise<br />

neue Waffen freizuschalten oder<br />

den eigenen Avatar verändern zu können.<br />

Mit steigendem Alter der KonsumentInnen<br />

falle es aber auch leichter,<br />

nein zu sagen. „Und auch da kommt es<br />

sehr auf die Entwicklung an und vor allem<br />

eben auf die Erwachsenen, die mit<br />

den Kindern über Konsumsozialisation<br />

sprechen“, betont Hipeli. Weiterführend<br />

müsse das Thema Taschengeld und<br />

die Frage, wofür es eingesetzt wird,<br />

gemeinsam mit den Kindern geklärt<br />

werden. Beim Thema Computerspielsucht<br />

merkt sie an, dass es weniger im<br />

Aufgabenbereich des Jugendschutzes<br />

durch Altersfreigaben oder ähnliches<br />

gehe, sondern um die Schulung der<br />

Bezugspersonen und dem Bewusstmachen<br />

der Kinder selbst. Dazu gehöre<br />

auch das Setzen von Grenzen.<br />

46<br />

Zwischen Thema Games und Gefahr


Herausforderungen der Virtualität<br />

Für einen kompetenten Umgang mit<br />

Computer- und Online-Spielen ermöglichen<br />

Alters- und Jugendschutzkennzeichnungen<br />

einen ersten Anhaltspunkt.<br />

Dazu zählt beispielsweise das<br />

PEGI-System (Pan-European Game<br />

Information), welches europaweit gilt<br />

und Computerspiele nach Altersempfehlungen<br />

klassifiziert. Für digital vertriebene<br />

Spiele und auch Apps gibt<br />

es das IARC-System (International<br />

Age Rating Coalition). Durch das USK-<br />

Kennzeichen (Unterhaltungssoftware<br />

Selbst-Kontrolle) soll gewährleistet<br />

werden, dass die Entwicklung ab dem<br />

jeweiligen Alter nicht beeinträchtigt<br />

wird. In Österreich liegt das Thema Jugendschutz<br />

gemäß der Bundesverfassung<br />

im Aufgabenbereich der einzelnen<br />

Bundesländer. So ist zum Beispiel in<br />

Wien die Kennzeichnung von Computer-<br />

und Konsolenspielen mit dem PE-<br />

GI-System gesetzlich verpflichtet, in<br />

Salzburg ist das USK-Kennzeichen vorgesehen.<br />

Zu den Altersfreigaben merkt<br />

Denk an, dass durch diese zwar versichert<br />

wird, dass die Spiele keine problematischen<br />

Inhalte für die genannte<br />

Altersklasse beinhalten, jedoch können<br />

keine Rückschlüsse auf die Qualität und<br />

Unbedenklichkeit der Spiele geschlossen<br />

werden. Es sei auch nicht zielführend,<br />

als Elternteil den Kindern und<br />

Jugendlichen bestimmte Spiele zu verbieten,<br />

da es dadurch, und vor allem in<br />

Verbindung mit sozialem Druck von der<br />

Peergroup, kaum zu Gesprächen über<br />

die Spielerlebnisse kommen werde.<br />

Denk empfiehlt – besonders als Informationsquelle<br />

für die Eltern – die Bundesstelle<br />

für die Positivprädikatisierung<br />

von digitalen Spielen (BuPP), die nach<br />

aufwändigen Reviewprozessen Altersempfehlungen<br />

für digitale Spiele abgibt.<br />

Somit können den Kindern direkte<br />

Alternativen, die auch dem jeweiligen<br />

Alter entsprechen, geboten werden. Es<br />

biete sich für die Eltern an, diese im Idealfall<br />

gemeinsam mit den Kindern bzw.<br />

Jugendlichen zu spielen. Auch Hipeli beschreibt,<br />

dass die Erwachsenen durch<br />

Co-playing und -viewing ein besseres<br />

Verständnis für die Kinder und Jugendlichen<br />

entwickeln können, selbst wenn<br />

die Faszination für die Spiele nicht geteilt<br />

werden sollte.<br />

Wie Denk schildert, sind Computerspiele<br />

eines der beliebtesten Unterhaltungsmedien<br />

für Kinder und Jugendliche.<br />

Beim Thema Jugendschutz dürfe<br />

jedoch die Vielschichtigkeit des Mediums<br />

nicht außer Acht gelassen werden.<br />

Einen Kritikpunkt bringt sie dahingehend<br />

auf die häufig fehlende Tiefe und<br />

Verallgemeinerung in der medialen Berichterstattung<br />

an, wenn es um Computerspiele<br />

geht. Diese ermöglichen<br />

„die unterschiedlichsten Spielerfahrungen,<br />

die unterschiedlichsten Erlebnisse“<br />

– und es bedürfe deshalb einer<br />

Auseinandersetzung mit den konkreten<br />

Inhalten des jeweiligen Spieles. Abseits<br />

der Spielinhalte stellt allerdings die in<br />

vielen Online-Spiele integrierte Chatfunktion<br />

eine Problematik dar. Einen<br />

großen Hype gab es beispielsweise um<br />

„Fortnite“, das laut USK ab einem Alter<br />

von zwölf Jahren freigegeben wird. Laut<br />

Denk werde aber zu wenig berücksichtigt,<br />

was sich in den Chats abspielt. Ein<br />

„gesundes Maß“ an Aufstachelungen<br />

sei aber ganz normal – im Gegensatz<br />

zu Erniedrigungen oder Sexismus, welche<br />

keinen Raum einnehmen dürfen.<br />

Die Rolle der Eltern liege daher ganz<br />

klar darin, die Kinder dazu animieren,<br />

sich über ihre Erfahrungen zu äußern.<br />

Die Kommunikation sei aber ein Thema,<br />

das nicht nur auf Computerspiele<br />

zutrifft. „Kinder und Jugendliche von<br />

heute sind einfach in Online-Medien-<br />

Welten unterwegs und haben einfach<br />

auch sehr viel mit pseudoanonymer<br />

Online-Kommunikation zu tun“, betont<br />

Denk und fordert, dass eine häufigere<br />

Thematisierung in Schulen stattfinden<br />

muss.<br />

„Empfehlen statt Verbieten“<br />

Wie Denk anmerkt, sei es wichtig, auch<br />

das viel diskutierte Thema der Online-<br />

Spiele aus einer neuen Perspektive zu<br />

betrachten und die eigene „Bubble“ zu<br />

verlassen. Gerade Qualitätsmedien tragen<br />

maßgeblich zur Aufarbeitung bei.<br />

Von Seiten der Politik solle weniger auf<br />

Verbote und Bestrafungen, sondern<br />

Aufklärung, Empfehlungen und Förderungen<br />

abgezielt werden. Dazu bedarf<br />

es auch des Einsatzes von ExpertInnen<br />

in der Regierung. Auch die Forschung sei<br />

ein Thema, das laut Hipeli gerade durch<br />

neu auftretende Spielformate wie Virtual<br />

Reality in den Fokus rücken müsse.<br />

In der Berichterstattung solle Mediengewalt<br />

differenzierterer betrachtet und<br />

nicht immer nur die negativen Aspekte<br />

hervorgehoben werden. „Mediengewalt<br />

macht nicht einfach irgendwelche<br />

AmokläuferInnen aus den Menschen“,<br />

betont Hipeli. Es bedarf einer neutraleren<br />

Diskussion, wobei die Risiken nicht<br />

vorweg gelassen werden dürfen. Beim<br />

Thema Medienkompetenzförderung<br />

solle nicht immer mit dem erhobenen<br />

„pädagogischen Zeigefinger“ getadelt<br />

werden, sondern spielerisch vorgegangen<br />

werden. Game based learning for<br />

better gaming.<br />

von Julia Allinger<br />

Natalie Denk / Copyright: Alexander Pfeiffer<br />

Eveline Hipeli / Copyright: Luisa Kehl<br />

Zwischen Games und Thema Gefahr<br />

47


Deep Fakes: Fluch oder Fun?<br />

Künstliche Intelligenz (KI) öffnet völlig neue Türen. Ein durch sie entstandenes<br />

Phänomen sind Deep Fakes, digital bearbeitete Videos von Personen,<br />

denen man mit Hilfe von KI Gesichter von Prominenten aufpflanzt. <strong>SUMO</strong><br />

sprach mit Martin Steinebach, Abteilungsleiter für Media Security und IT<br />

Forensics am Fraunhofer-Institut in Darmstadt, und Klaus Gebeshuber,<br />

Professor für IT-Security an der FH Joanneum in Kapfenberg, über Probleme<br />

und Chancen von Deep Fakes.<br />

© Copyright: adobe stock / meyerandmeyer<br />

Man stelle sich folgende Situationen<br />

vor: Ein Politiker wird der Wiederbetätigung<br />

beschuldigt, da er in einem<br />

Video, das im Internet aufgetaucht ist,<br />

antisemitische Aussagen tätigt. Oder<br />

man stößt auf einer Porno-Site plötzlich<br />

auf ein Video von einem selbst,<br />

ohne jemals ein solches gedreht zu<br />

haben. Beide Videos sind fake, doch<br />

der dadurch angerichtete Schaden ist<br />

schwer behebbar und kann weitreichende<br />

Folgen mit sich tragen. Genau<br />

solche Problematiken wirft der ein<br />

paar Jahre alte, stets ausgefeiltere Internet-Trend<br />

„Deep Fakes“ auf. Deep<br />

Fakes bezeichnen gefälschte Videos, in<br />

dem die Gesichter von beispielsweise<br />

PolitikerInnen und SchauspielerInnen<br />

auf die Körper anderer Personen gepflanzt<br />

wurden und man sie danach<br />

Dinge sagen und tun lässt, die nie passiert<br />

sind. Der Wissenschaftsjournalist<br />

Norbert Nosslau schrieb in seiner Arbeit<br />

„Deep Fake: Gefahren, Herausforderungen<br />

und Lösungswege“, dass der<br />

Name ein Kunstwort sei und sich sich<br />

aus den Begriffen „Deep Learning“,<br />

einer speziellen KI-Technik, und „Fake“,<br />

also der Fälschung, zusammensetze.<br />

Diese Technologie basiert auf neuralen<br />

Netzwerken, die durch das Analysieren<br />

möglichst großer Datenproben lernen,<br />

Gesichtsausdrücke und -form einer<br />

Person zu imitieren. Mika Westerlund,<br />

Professor an der Carleton University<br />

in Kanada, legte in seinem Text „The<br />

Emergence of Deepfake Technology: A<br />

Review“ dar, wie Deep-Fake-Technologie<br />

funktioniert: Ein Deep-Learning-<br />

Algorithmus werde mit Aufnahmen<br />

zweier Personen gefüttert, um ihn<br />

darauf zu trainieren, das Gesicht einer<br />

Person in einem Video mit dem Gesicht<br />

einer anderen Person zu vertauschen.<br />

Die zuvor genannten neuronalen Netzwerke<br />

seien lernfähig und in der Lage,<br />

aus vielen Fotos einer Person zu erlernen<br />

oder vorherzusagen, wie sie aus<br />

einem anderen Winkel oder mit einem<br />

anderen Gesichtsausdruck aussehe.<br />

Verwendungsarten von Deep Fakes<br />

Laut Westerlund hätten Deep Fakes<br />

erstmals 2017 an Bekanntheit gewonnen,<br />

als ein Nutzer der Online-Plattform<br />

„Reddit“ die ersten Videos teilte,<br />

die Prominente in sexuellen Szenen<br />

darstellten, und die dafür verwendete<br />

Software als Open-Source-Programm<br />

im Internet für andere zur Verfügung<br />

stellte. Im Allgemeinen ist die pornografische<br />

Verwendung von Deep Fakes<br />

vorherrschend. 2018 startete die KI-<br />

Firma „Deeptrace“ eine Messung der<br />

Deep-Fake-Aktivitäten im Internet und<br />

untersuchte dabei 15.000 Deep-Fake-<br />

Videos. Im darauffolgenden Bericht<br />

„The State of Deep Fakes – Landscape,<br />

Threats and Impact“ wurde schließlich<br />

dargelegt, dass 96% der Deep Fakes<br />

pornografischer Natur waren. 99% der<br />

vertauschten Gesichter betrafen dabei<br />

Frauen. Unter den vielen Opfern von<br />

Deep Fakes zählt auch die bekannte<br />

Schauspielerin Scarlett Johansson.<br />

Laut einem Artikel des „Standard“ erzielte<br />

ein pornografisches Video mit<br />

ihrem Gesicht 1,5 Millionen Aufrufe,<br />

bevor es von „Pornhub“ gelöscht<br />

wurde. In einem Interview mit der<br />

„Washington Post“ erzählte sie, dass<br />

sie den Kampf gegen Deep Fakes als<br />

„sinnlos“ betrachte und dass sie sich<br />

nicht mehr aus dem Netz vertreiben<br />

ließen, wenn sie einmal veröffentlicht<br />

wurden.<br />

Neben der großen Problematik des<br />

Missbrauchs in Sachen Pornografie,<br />

wirft es auch Probleme für PolitikerInnen<br />

und Rufschädigung auf. „Pornografie<br />

war die erste Welle von Deep Fakes,<br />

die ins Netz gekommen sind, danach<br />

hatten wir eine Welle, bei der sehr viele<br />

Entertainment-Videos auftauchten,<br />

in denen Comedians PolitikerInnen<br />

lustige Sachen machen ließen. Jetzt ist<br />

48<br />

Deep Fakes: Fluch oder Fun?


das Ganze wie zu erwarten auch in der<br />

Welt der Desinformation angekommen<br />

und wird da missbräuchlich eingesetzt.<br />

Da ist es natürlich kritisch und als eine<br />

echte kurzfristige Gefährdung für den<br />

Ruf von PolitikerInnen zu sehen“, betont<br />

Media-Security-Experte Martin<br />

Steinebach im <strong>SUMO</strong>-Interview fest.<br />

Es stelle sich meistens raus, dass es<br />

sich um eine Fälschung handle, jedoch<br />

könne der kurzfristige Impact langfristige<br />

Folgen mit sich bringen: etwa<br />

kurz vor einer Wahl, falls Deep Fakes<br />

verbreitet würden, um eine/n Kandidatin/en<br />

zu denunzieren, und viele<br />

Leute ihre Meinung darauf hin ändern<br />

und die/den Kandidatin/en doch nicht<br />

wählen. Auch wenn nach der Wahl das<br />

Video aufgedeckt würde, wäre es dann<br />

schon zu spät. Damit wäre die Aufdeckung<br />

des Videos kurzfristig bereinigt<br />

worden, aber die Nachwirkungen der<br />

Manipulation hielten dann Jahre an.<br />

Die Frage, ob die Verantwortung für<br />

den Missbrauch dieser Technologe bei<br />

NutzerInnen oder dem/r Entwickler/in,<br />

der bzw. die Ersteren schließlich das<br />

Werkzeug in die Hand lege, ist für IT-<br />

Security-Experten Klaus Gebeshuber<br />

klar zu beantworten: „Der/Die Nutzer/<br />

in trägt definitiv die Verantwortung für<br />

den Missbrauch der Technologie. Ein<br />

Schraubenzieher kann auch dafür verwendet<br />

werden, jemanden zu töten,<br />

in diesem Fall trägt aber auch nicht<br />

das Werkzeug die Schuld an der Tat,<br />

sondern der oder die Täter/in“. Neben<br />

diesen problematischen Anwendungsmöglichkeiten<br />

findet die Deep-Fake-<br />

Technologie jedoch auch harmlosere<br />

Verwendung im Bereich Parodien,<br />

Satire und sonstiger Unterhaltung.<br />

„YouTube“-Kanäle wie „Ctrl Shift Face“<br />

nutzen Deep Fakes, um unterhaltsame<br />

Videos zu produzieren, in denen die<br />

Gesichter von SchauspielerInnen mit<br />

anderen ausgetauscht werden: Robert<br />

Downey Junior und Tom Holland<br />

als moderne Neubesetzungen für „Doc<br />

Brown“ und „Marty McFly“ aus dem<br />

Kult-Zeitreise-Film „Zurück in die Zukunft“,<br />

und vieles mehr. Demokratisch<br />

wie auch problematisch kommt hinzu,<br />

dass so ziemlich jede/r heutzutage<br />

in der Lage ist, zumindest einfachste<br />

Deep Fakes zu generieren. Eine immer<br />

länge werdende Liste an Programmen<br />

und zahlreiche Tutorial-Videos auf<br />

Videoplattformen wie „YouTube“ ermöglichen<br />

es auch Laien, sich an der<br />

Erstellung von solchen zu versuchen.<br />

Widerstand und Zukunft<br />

Die Tür, die ein Weiterspinnen solcher<br />

Technologie in der Zukunft öffnet kann<br />

beängstigend wirken. Sowohl Gebeshuber<br />

als auch Steinebach sind sich<br />

einig, dass Deep Fakes bei dem derzeitigen<br />

technologischen Fortschritt<br />

in wahrscheinlich weniger als zehn<br />

Jahren nicht mehr von der Realität<br />

unterscheidbar wären. Es gibt aber<br />

Personen, die Deep Fakes den Kampf<br />

angesagt haben: „Assembler“ – eine<br />

Software von Jigsaw, einer Firma des<br />

Alphabet-Konzerns – soll laut „Der<br />

Standard“ (28.02.2020) beispielsweise<br />

Medienhäusern und Fakten-Checkern<br />

dabei helfen, manipulierte Videos in<br />

geringerer Zeit und mit höherer Trefferquote<br />

zu identifizieren. Ian Sample<br />

vom „The Guardian“ berichtete in<br />

seinem Artikel „What are deepfakes<br />

and how can you spot them“, dass<br />

die Qualität der Deep Fakes zunehme<br />

und sie mit freiem Auge zu erkennen,<br />

immer schwieriger werde. Weiters<br />

finanzieren Regierungen, Universitäten<br />

und Tech-Unternehmen bereits<br />

Forschungsbemühen, um zukünftig<br />

Deep Fakes aufdecken zu können.<br />

Programme wie das zuvor erwähnte<br />

„Assembler“ könnten zukünftig dabei<br />

helfen, Fakes von Realität zu unterscheiden.<br />

Im zuvor genannten Artikel<br />

des „Standard“ wurde ebenfalls berichtet,<br />

dass Pornosites wie „Pornhub“<br />

sich dazu entschieden hätten, Deep-<br />

Fake-Content zu verbannen und dem<br />

Missbrauch keine Plattform zu bieten.<br />

Auch Soziale Medien wie beispielsweise<br />

„Facebook“ und „Reddit“ änderten<br />

ihre Nutzerrichtlinien dahingehend,<br />

dass sie Deep Fake-Inhalte zukünftig<br />

sofort entfernen werden. Einen<br />

Schritt weiter ging die Regierung des<br />

US-Bundesstaats Kalifornien, die zwei<br />

neue Gesetze im Zusammenhang mit<br />

Deep Fakes beschloss, wie „Deutschlandfunk<br />

Nova“ in einem Online-Artikel<br />

berichtete. Während mit dem ersten<br />

Gesetz von Deep-Fake-Videos Betroffene<br />

mehr Möglichkeiten erhalten, sich<br />

gegen die Verwendung ihrer Gesichter<br />

zu wehren, verbietet das zweite Gesetz<br />

die Verbreitung von politischen<br />

Deep Fakes. Gebeshuber sieht solche<br />

Verbote als wenig effektiv: „Technologie<br />

kann nicht verboten werden. Durch<br />

das Internet gibt es immer andere<br />

und neue Wege, sie zu verbreiten.“<br />

Auch Steinebach zeigt sich Verboten<br />

gegenüber skeptisch: „Die Deep Fakes<br />

sind im Internet. Man kann höchstens<br />

seitens der EU solche Projekte nicht<br />

mehr unterstützen oder darüber nachdenken,<br />

eine Kennzeichnungspflicht<br />

für Deep-Fake-Technologie einzuführen.<br />

So wäre wenigstens in den Meta-Daten<br />

erkenntlich, dass das Video<br />

durch einen Algorithmus manipuliert<br />

wurde.“ Für andere würde der zukünftige<br />

Fortschritt der Deep-Fake-Technologie<br />

neue Möglichkeiten mit sich<br />

© Copyright hier<br />

Deep Fakes: Fluch oder Fun? 49


ingen. Mika Westerlund, Professor<br />

an der Carleton University in Kanada,<br />

schrieb im oben erwähnten Artikel,<br />

dass beispielsweise die Filmindustrie<br />

stark von Deep Fake und Face-Mapping-Technologie<br />

profitieren könne. Es<br />

würde FilmemacherInnen beispielsweise<br />

erlauben, klassische Szenen aus<br />

Filmen nachzuschaffen oder verstorbene<br />

SchauspielerInnen wieder auf die<br />

Leinwand zu holen. „Möglicherweise<br />

ist man in der Zukunft im Entertainmentbereich<br />

gar nicht mehr auf die<br />

Präsenz von SchauspielerInnen angewiesen“,<br />

äußerte sich Steinebach dazu.<br />

Auch in der Post Production könne sich<br />

die Technologie in Form von Spezialeffekten<br />

und komplexer Gesichtsbearbeitung<br />

auszahlen. Weiters habe auch<br />

die Mode- und Werbeindustrie Interesse<br />

an dieser Technologie. Mit Ihrer<br />

Hilfe könnten sich beispielsweise die<br />

KonsumentInnen selbst in Models verwandeln<br />

und ihre Gesichter auf andere<br />

Körper pflanzen. Dies ermögliche eine<br />

bis dato unerreichte Vorschau darauf,<br />

wie ein Outfit an einem/einer selbst<br />

aussehen würde, bevor man es überhaupt<br />

kauft. Damit könnte man eine<br />

große Zahl an Kleidungstücken in kürzester<br />

Zeit anprobieren.<br />

Schlussendlich sind Deep Fakes eine<br />

Technologie, die ebenso viele Chancen<br />

eröffnet, wie sie auch soziale Probleme<br />

bereitet. Egal, ob sie Besorgnis<br />

erregt oder man deren Zukunft aufgeregt<br />

entgegenfiebert, eines steht<br />

fest: Deep Fakes sind gekommen, um<br />

zu bleiben. Sie wird sich weiterverbreiten<br />

und perfektioniert werden. Es<br />

gilt, diese Entwicklung in kontrollierten<br />

Bahnen stattfinden zu lassen und<br />

sicherzustellen, dass menschliche<br />

Grundrechte wie Privatsphäre und Gerechtigkeit<br />

für jene Personen, die von<br />

ihnen oft unfreiwillig betroffen sind,<br />

nicht auf der Strecke des Fortschrittes<br />

liegen bleiben.<br />

von Alexander Schuster<br />

48˚10'44.6"N15˚34'02.3"E<br />

Klaus Gebeshuber / Copyright: FH Joanneum<br />

© Copyright: adobe stock / Katerin<br />

Martin Steinbach / Copyright: Fraunhofer SIT<br />

50<br />

Deep Fakes: Fluch oder Fun?


Digitalsteuer: Endlich<br />

faire Steuern für alle?<br />

Was haben „Facebook“, „Google“ und „Amazon“ gemeinsam? Sie sind<br />

Experten, wenn es darum geht, Steuerzahlungen zu vermeiden. Seit<br />

dem 1.1.2020 ist das Digitalsteuergesetz in Österreich in Kraft, um diese<br />

Ungerechtigkeit gegenüber anderen Unternehmen abzuschaffen. <strong>SUMO</strong><br />

sprach mit Dominik Bernhofer, Ökonom und Leiter der Abteilung Steuerrecht<br />

in der Arbeiterkammer Wien, sowie mit Eva-Maria Himmelbauer,<br />

Abgeordnete zum Nationalrat und Bereichssprecherin für Telekommunikation<br />

und Netzpolitik der ÖVP, über den nationalen Alleingang Österreichs<br />

bei der Digitalsteuer, europäische Lösungen und erhoffte Einnahmen.<br />

Die Debatte um gerechte Besteuerung<br />

für die weltweit größten Unternehmen<br />

der Technologiebranche (vor allem<br />

„Google“, „Amazon“, „Facebook“) wird<br />

seit vielen Jahren geführt. Anfang 2018<br />

hat die EU-Kommission einen Vorschlag<br />

für eine EU-weite Digitalsteuer<br />

auf Online-Werbung, Plattformumsätze<br />

und Einnahmen aus Datenverkauf<br />

vorgeschlagen. Auf internationaler<br />

Ebene verhandeln die Länder um einen<br />

Mindeststeuersatz. Eine Einigung? Bisher<br />

Fehlanzeige. „Amazon“ beispielsweise<br />

bezahlte in Europa im Jahr 2016<br />

16,5 Millionen Euro Steuern, bei einem<br />

Umsatz von mehr als 21 Milliarden<br />

Euro, was einem Prozentsatz von 0,07<br />

entspricht.<br />

Werbeabgaben bisher nur für traditionelle<br />

Medien<br />

Mit der neu geschaffenen Digitalsteuer<br />

unterliegen Werbeleistungen im Internet<br />

seit Beginn des Jahres einer 5%<br />

Steuer. Dadurch sollen sämtliche Werbungen,<br />

unabhängig ob online oder<br />

offline, auf dasselbe Steuerniveau gebracht<br />

werden. Werbungen in Zeitungen<br />

oder im Radio werden bereits seit<br />

dem Jahr 2000 mittels der Werbeabgabe<br />

– einer so nur in Österreich existierenden<br />

Abgabe – mit 5% besteuert.<br />

Dabei sind zwei Begriffe von besonderer<br />

Bedeutung: die Onlinewerbeleister<br />

und die Onlinewerbeleistungen. Onlinewerbeleister<br />

wie beispielsweise „Google“<br />

sollen dann zahlen, wenn sie aus<br />

Onlinewerbeleistungen weltweit einen<br />

Umsatz von mindestens 750 Mio. Euro<br />

und in Österreich von mindestens 25<br />

Mio. Euro erwirtschaften. Das betrifft<br />

vor allem die bereits genannten „Internet-Giganten“.<br />

Onlinewerbeleistungen<br />

dagegen sind Werbeeinschaltungen<br />

wie beispielsweise Suchmaschinenwerbung.<br />

Fairness schaffen<br />

Dominik Bernhofer ist der Meinung,<br />

dass in Ermangelung einer internationalen<br />

Lösung die nationale Digitalsteuer<br />

eine notwendige Maßnahme war.<br />

Anzustreben sei dennoch eine internationale<br />

Lösung. Ähnlich sieht es Eva-<br />

Maria Himmelbauer, die angibt, dass<br />

die Einführung dieser Steuer ein wichtiger<br />

Schritt in die richtige Richtung sei.<br />

„Es geht darum, Fairness zu schaffen“,<br />

so Himmelbauer. Laut Bernhofer verlief<br />

jedoch die Umsetzung alles andere als<br />

optimal, denn „sie maximiert<br />

Dominik Bernhofer / Copyright: AK<br />

die rechtlichen Risiken, bei gleichzeitiger<br />

Minimierung der Einnahmen“. Zu<br />

dieser Auffassung kommt er, weil der<br />

Anwendungsbereich deutlich kleiner<br />

ist als beim EU-Vorschlag, die Steuereinnahmen<br />

daher sehr niedrig sind. Die<br />

rechtlichen Risiken würden von den<br />

hohen Schwellwerten kommen. Sie<br />

führen laut Bernhofer dazu, dass nur<br />

„Facebook“ & Co. davon betroffen sind,<br />

© Copyright: adobe stock / Maksim Kabakou<br />

Digitalsteuer: Endlich faire Steuern für Thema alle?<br />

51


was Klagen der US-Unternehmen sehr<br />

wahrscheinlich und auch erfolgsversprechend,<br />

zum Beispiel auf Basis des<br />

Gleichbehandlungsgebots oder des EU-<br />

Beihilfenrechts, mache.<br />

Betreffend der zu erwartenden Einnahmen<br />

scheiden sich die Meinungen verschiedener<br />

ExpertInnen noch deutlich.<br />

Beim Gesetzesentwurf sprach die Regierung<br />

von Einnahmen in Höhe von 25<br />

Mio. Euro. ExpertInnen der Universität<br />

Wien und der Arbeiterkammer hingegen<br />

rechnen eher mit 10 bis 15 Mio. Euro,<br />

so Bernhofer. „Um das jetzt schon abschätzen<br />

zu können, ist es noch zu früh“,<br />

meint Himmelbauer. Kritik üben müsse<br />

man auch daran, dass beim Alleingang<br />

Österreichs zwar die Schwellenwerte<br />

des EU-Vorschlags übernommen wurden,<br />

der exakte Anwendungsbereich<br />

sich jedoch unterscheide. Laut Bernhofer<br />

hätte man Online-Vermittlungsprovisionen<br />

auch noch in das Gesetz integrieren<br />

können. „Dann wäre man näher<br />

am EU-Vorschlag dran gewesen und<br />

hätte einen Beitrag von Online-Konzernen<br />

wie AirBnB und Uber sicherstellen<br />

können.“ Ziel der Regierung war es, Aufzeichnungs-<br />

und Übermittlungspflichten<br />

sowie eine entsprechende Haftung<br />

bei Pflichtverletzung des Plattformbetreibers<br />

einzuführen, um abgabenrelevante<br />

Dienstleistungen, wie es<br />

beispielsweise bei der Vermietung von<br />

Wohnraum über AirBnB der Fall ist, erheben<br />

zu können. So muss auch bei der<br />

touristischen Vermietung von privaten<br />

Wohnungen die Ortstaxe erhoben und<br />

abgeführt werden, wie es für Hotels<br />

und Pensionen bereits seit Jahrzehnten<br />

der Fall ist, sagt Himmelbauer.<br />

Insellösungen<br />

An einem „Flickenteppich“, in dem jedes<br />

europäische Land eine eigene Lösung<br />

zur Digitalsteuer einführt, seien auch<br />

„Google“ und Co. nicht interessiert, denn<br />

dadurch benötigen die Konzerne viele<br />

unterschiedliche Reporting-Systeme,<br />

so Bernhofer. Diese werden von SteuerberaterInnen<br />

erstellt, was selbst für<br />

diese global agierenden Giganten viel<br />

Geld und Aufwand bedeuten würden.<br />

Wesentlich einfacher wäre es, wenn<br />

man statt vieler Insellösungen ein einziges<br />

System zur Berichtsmeldung hätte,<br />

mit dem die gesamte EU abgedeckt<br />

wäre. Das spricht laut Bernhofer dafür,<br />

dass auch die Internetkonzerne und die<br />

sie unterstützenden Länder an einer<br />

einheitlichen Steuer interessiert sein<br />

sollten.<br />

Eva-Maria Himmelbauer / Copyright: ÖVP Klub<br />

Sabine Klimpt<br />

Standort bestimmt Standpunkt<br />

Internationale Lösungen seien bisher<br />

an unterschiedlichen Schwerpunkten<br />

gescheitert, so Himmelbauer, die darauf<br />

anspricht, dass Konzerne wie beispielsweise<br />

„Facebook“ in Irland eine<br />

europäische Niederlassung haben und<br />

dadurch einer europäischen Digitalsteuer<br />

nichts abgewinnen können. Insbesondere<br />

Länder wie Irland würden ja<br />

schließlich durch die Steuereinnahmen<br />

von „Facebook“ profitieren. „Standort<br />

bestimmt Standpunkt“, gibt Himmelbauer<br />

zu bedenken. Bernhofer erklärt,<br />

dass die EU-Steuerpolitik die Zustimmung<br />

aller Mitgliedsländer benötige<br />

– ohne diese Einstimmigkeit könne es<br />

keine gesamteuropäische Lösung geben.<br />

„Sollte es zu keiner einheitlichen Steuer<br />

kommen, dann zumindest zu einer EUweiten<br />

Rahmenrichtlinie, die eine gewisse<br />

Vereinheitlichung der nationalen<br />

Regelungen bringt“, meint Bernhofer.<br />

So könnte auch bei unterschiedlichen<br />

Standpunkten ein „totaler Flickenteppich“<br />

vermieden werden. „Österreich<br />

beteiligt sich aktiv am Dialog und steht<br />

einer europäischen Lösung positiv gegenüber“,<br />

so Himmelbauer. Zumindest<br />

bezüglich der Grenzwerte werde sich<br />

Österreich an die EU-Bestimmungen<br />

anpassen.<br />

von David Pokes<br />

© Copyright: adobe stock / Andrey Popov<br />

52<br />

Thema Digitalsteuer: Endlich faire Steuern für alle?


„Zugriff verweigert“ – technischer<br />

und rechtlicher<br />

Schutz von Smart Home<br />

Smart Home-Geräte erleichtern den Alltag, aber bergen auch Gefahren.<br />

<strong>SUMO</strong> diskutierte mit Armin Anders, Mitgründer und Vice President Business<br />

Development von EnOcean, und Daniel Stanonik, Rechtsanwalt von<br />

„Stanonik Rechtsanwälte“, über Sicherheit, Datenschutz und behördlichen<br />

Zugriff.<br />

Eine Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit<br />

aus dem Jahre 2018<br />

ergab, dass 45% aller ÖsterreicherInnen<br />

smarte Geräte nutzen. Aber sind diese<br />

auch gut geschützt? Um zu verstehen,<br />

wie Smart Home-Geräte vor externen<br />

Zugriffen gesichert sind, muss man<br />

zunächst die Technik dahinter näher<br />

betrachten. Der Mitgründer von EnOcean<br />

klärt auf. EnOcean ist ein Technologielieferant<br />

von energieautarker<br />

Funksensorik. „Wir liefern eine Technologie,<br />

um Funksensoren, Taster und<br />

Schalter drahtlos ohne Batterien zu<br />

realisieren. Wir sehen uns als Technologie<br />

und Komponentenprovider“, so<br />

Anders. Um Smart Home 1 zu verstehen,<br />

ist auch die Abgrenzung zu Internet of<br />

Things 2 relevant. Internet of Things und<br />

Smart Home bauen aufeinander auf.<br />

Bei Smart Home-Geräten würden verschiedene<br />

Sensoren mit einer Heimzentrale<br />

verbunden werden. Die Heimzentrale<br />

steuere technische Einheiten,<br />

sogenannte Aktoren wie Heizung, Klimaanlage,<br />

Lüftung oder Licht. Die Steuerung<br />

könne lokal stattfinden, also im<br />

Haus, aber auch über die Sensoren und<br />

Aktoren, die über Gateways mit dem<br />

Internet verbunden sind. Eine lokale<br />

Steuerung von Smart Home-Geräten,<br />

welche abrufbar über das Smartphone<br />

ist und sich visualisieren lasse, nennt<br />

sich Smart Home. Internet of Things<br />

hingegen beschreibt Armin Anders so,<br />

als dass jeder Sensor, jeder Aktor einen<br />

Einzelknotenpunkt im Internet darstelle.<br />

Eine lokale Steuerung, bei dem die<br />

Daten über einen Browser visualisiert<br />

werden, biete nicht so viel Angriffsfläche<br />

über das Internet, behauptet der<br />

EnOcean-Vizepräsident.<br />

Smart Home vor Gericht<br />

Wie Berichte zeigen, soll „Alexa“ in einem<br />

Mordfall in den USA im Gerichtsprozess<br />

„als Zeuge aussagen“, also die<br />

gespeicherten Daten sollen vor Gericht<br />

verwendet werden dürfen. Daniel Stanonik<br />

hat Erfahrung mit Fällen betreffend<br />

Smart Home. Er sieht Potential,<br />

dass Smart Home-Geräte bei der Ermittlung<br />

und im Gerichtsprozess hilfreich<br />

sein könnten. „Es ist im Endeffekt<br />

ein Computer“. Hilfreich seien die Geräte<br />

insofern, dass die Systeme Informationen<br />

protokollieren, die bislang nicht<br />

bekannt sind, z.B. Log-Daten. Beispielsweise<br />

könne das Gerät helfen, wenn es<br />

um Gewährleistungsfragen geht, also<br />

wann das Gerät aus welchem Grund<br />

nicht mehr funktioniert hätte. Diese<br />

Technologie habe den Vorteil, dass man<br />

unter Umständen erkenne, ab wann<br />

das Gerät defekt war und anhand der<br />

Fehlermeldung (Bedienungs-, System-,<br />

oder Gerätefehler), was die Ursache gewesen<br />

sei. Anhand der oben genannten<br />

Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit<br />

hatten 10% der Smart Home-<br />

NutzerInnen bereits einen Schadensfall,<br />

davon sind 3% Verbindungsfehler.<br />

Sicher ist sicher<br />

Aber wie sicher sind unsere Geräte<br />

vor externen Zugriffen? Der EnOcean-<br />

Gründer erklärt, dass die Sicherheit der<br />

Geräte in zwei Strecken unterteilt werden<br />

könne. Einmal die Kommunikation<br />

zwischen Sensoren und der Zentrale,<br />

die heutzutage häufig über Funk funktioniere.<br />

Der Vorteil von funkbasierten<br />

Lösungen sei, dass kein Verkabelungsaufwand<br />

der Sensoren notwendig sei.<br />

Die zweite Strecke bilde die von der<br />

Smart Home Box ins Internet. Die Sicherheit<br />

eines Gerätes sei abhängig von<br />

der Nutzung. Grundsätzlich würden immer<br />

so viele Sicherheitsmechanismen<br />

eingebaut wie nötig, je mehr Sicherheit,<br />

desto höher werde auch der Arbeitsaufwand<br />

und folglich auch die Kosten.<br />

„Bei der Übertragung einer Zimmertemperatur<br />

braucht man nicht so viel<br />

Sicherheit in die Systeme einbauen. Da<br />

gibt es einen Unterschied, ob man Geld<br />

oder Leben schützen möchte“, so Armin<br />

Anders. Zutrittskontrollen beispiels-<br />

© Copyright: adobe stock / metamorworks<br />

„Zugriff verweigert“ - Smart Thema Home<br />

53


weise benötigen folglich einen höheren<br />

Sicherheitsmechanismus 3 als eine<br />

Temperaturkontrolle. Man differenziert<br />

unterschiedliche Sicherheitslevels, die<br />

in die Geräte implementiert werden.<br />

„Die Sicherheit ist immer an den Energiebedarf<br />

gebunden und je höher die<br />

Sicherheit, umso mehr Energie braucht<br />

man für die Funkübertragungsstrecke.<br />

Deshalb gibt es bei uns unterschiedliche<br />

Sicherheitslevels“, erläutert Anders.<br />

„Die Daten werden in der Zentrale gesammelt.<br />

Um hier die Sicherheit zu gewährleisten,<br />

müssen die Mechanismen<br />

richtig und ordnungsgemäß implementiert<br />

werden“, erklärt der EnOcean-<br />

Gründer.<br />

Zusammenarbeit zwischen NutzerInnen<br />

und HerstellerInnen<br />

Stanonik sieht Smart Home auch als<br />

Gefahr, vor der man sich absichern<br />

müsse. „Über ein ungesichertes Netz<br />

können Dritte auf das Gerät zugreifen.“<br />

Die Informationen, die von dem/r Benutzer/in<br />

und Geräteherstellern übermittelt<br />

werden, müssten vor Dritten<br />

geschützt werden, denn sonst könnte<br />

das Passwort oder die Verbindung gehackt<br />

werden. „Es kann soweit kommen,<br />

dass ein/e Dritte/r ihr Gerät bedient<br />

und somit über ihr Kühlsystem,<br />

ihre Kamera, etc. Informationen entsprechend<br />

ausforschen bzw. stehlen<br />

kann.“ Der Rechtsanwalt fügt hinzu,<br />

dass die Steuerung von Kühlschrank,<br />

Jalousien oder Heizung von außen einen<br />

Bequemlichkeitsvorteil darstelle,<br />

aber gleichzeitig dadurch das Sicherheitsrisiko<br />

beträchtlich erhöht werde.<br />

„Man muss das System entsprechend<br />

konfigurieren und da sehe ich die Problematik,<br />

dass das viele Smarte Home-NutzerInnen<br />

nicht können und die<br />

Standardeinstellungen nicht die sichersten<br />

bzw. allgemein bekannt sind.“<br />

Die Problematik sieht Stanonik insbesondere<br />

beim Passwort. Es sei oft<br />

zu schwach und es werde keine Zwei-<br />

Faktor-Authentifizierung (Kombination<br />

zweier unabhängiger Komponenten,<br />

wie im Bankwesen Passwort und TAN)<br />

verwendet, weshalb der Zugriff in das<br />

Private Dritten erleichtert werde.<br />

Auch Anders sieht Sicherheit als ein<br />

sehr ernstes, aber auch emotionales<br />

Thema. „Es können Implementierungsfehler<br />

entstehen, aber wenn man die<br />

Sicherheitssysteme entsprechend implementiert,<br />

dann sind die Systeme<br />

geschützt“, so der Vizepräsident von<br />

EnOcean. Als Beispiel nennt er hier Online<br />

Banking. Das Vertrauen, unser Geld<br />

über Online Banking zu verwalten, bestehe,<br />

da die Sicherheitssysteme gut<br />

implementiert wurden. Er empfiehlt<br />

professionelle Systeme von professionellen<br />

Anbietern und keine billige Ware<br />

zu kaufen, da mit Sicherheit auch immer<br />

Aufwand betrieben werden müsse,<br />

der sich in Form von Kosten auch im<br />

Preis zeige.<br />

Sicherheit ist wohl der wesentlichste<br />

Parameter in der Nutzung solcher<br />

Geräte, welcher NutzerInnen beim<br />

Komfort programmierter Jalousien<br />

und Staubsaugern, Pflanzengieß- und<br />

Haustierfütterungsgeräten etc. wichtig<br />

sein sollte.<br />

von Raphaela Hotarek<br />

Daniel Stanonik / Copyright: Nenad Ivic<br />

Armin Anders / Copyright: EnOCean<br />

• 1 Smart Home: Der Begriff „beschreibt die Nutzung von intelligenter Informationstechnik im eigenen<br />

Wohnumfeld. Solche intelligente Informationstechnik kann in aller Regel Daten verarbeiten, ist mit dem<br />

Internet und/oder anderen Geräten vernetzt und fernsteuerbar.“ (Geminn, Christian L. (2016): Das Smart<br />

Home als Herausforderung für das Datenschutzrecht, in: Datenschutz und Datensicherheit - DuD, 40, S.<br />

575)<br />

• 2 Internet of Things (dt. Internet der Dinge): Es „bezieht sich generell auf technische Möglichkeiten vielfältige<br />

physische Objekte (‚‚Dinge‘) an das Internet anzubinden und digitale Dienste für diese Dinge und/<br />

oder deren Anwender bereitzustellen.“ (Strohmeier, Stefan/Majstorovic, Dragana/Piazza, Franca/Theres,<br />

Christian (2016): Smart HRM – das „Internet der Dinge” im Personalmanagement, in: HMD Praxis der<br />

Wirtschaftsinformatik, 53, S. 839)<br />

• 3 Die drei Sicherheitsmechanismen: 1) Authentifizierung über IDs: Der Sender muss sich in ein vom Unternehmen<br />

vorprogrammiertes System identifizieren. 2) AES 128 bit: AES steht für Advanced Encryption<br />

Standard. Über Verschlüsselungsmethoden wird für den Empfänger unkenntlich gemacht, welche Information<br />

mit dem Funksignal verbunden ist. 3) Rolling Code: Der Code verändert sich nach jeder Funksendung.<br />

© Copyright: adobe stock / sh240<br />

54<br />

Thema „Zugriff verweigert“ - Smart Home


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55


Upload-Filter: Eine Herausforderung<br />

für Türkis-Grün<br />

Am 26. März 2019 wurde im EU-Parlament die Reform des Urheberrechts<br />

beschlossen, vor allem mit den Stimmen konservativer Seite.<br />

GegnerInnen sahen darin eine Zensur des Internet, BefürworterInnen<br />

argumentierten mit der besseren rechtlichen Absicherung, u.a. von<br />

Musik- oder (Bewegt-)Bildschaffenden, so etwa Kenny Lang im <strong>SUMO</strong>-<br />

Interview. Besonders die geplanten „Uploadfilter“ sorgten europaweit für<br />

breite Proteste in der Internetcommunity. Die Mitgliedsländer haben nun<br />

bis 2021 Zeit, diese EU-Richtlinie in nationales Recht um-zusetzen. Also<br />

auch in Österreich, wo Befürworter (ÖVP) und Gegner (Grüne) gemeinsam<br />

ein Gesetz zu beschließen haben, von dem niemand weiß, wie es umgesetzt<br />

werden soll.<br />

Das Internet ist zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses<br />

nicht ausgestorben.<br />

Ein Jahr nachdem die EU-Staaten die<br />

umstrittene Urheberrechtsreform beschlossen<br />

haben, werden im Netz nach<br />

wie vor Memes gebastelt und Katzenvideos<br />

geteilt. Eine Mehrheit von 348 zu<br />

274 EU-Abgeordneten stimmte für die<br />

EU-Urheberrechtsreform als Gesamtpaket.<br />

Auch wenn die Mehrheit relativ<br />

klar aussieht, war es am Ende dennoch<br />

knapp: Nur fünf Stimmen haben gefehlt,<br />

um über die einzelnen Artikel 15 und<br />

Artikel 17 mittels Änderungsanträgen<br />

einzeln abzustimmen. Dadurch hätten<br />

die umstrittenen Uploadfilter und die<br />

Reform des Leistungsschutzrechtes<br />

noch verhindert werden können. Die Abgeordneten<br />

der ÖVP haben der Reform<br />

geschlossen zugestimmt, SPÖ, Grüne<br />

und NEOS stimmten dagegen, die FPÖ-<br />

Abgeordneten enthielten sich.<br />

Worum geht es konkret<br />

Die Reform selbst soll das veraltete<br />

und nicht auf Online-Aktivitäten ausgelegte<br />

Urheberrecht an das digitale<br />

Zeitalter anpassen und unter anderem<br />

dafür sorgen, dass UrheberInnen für ihre<br />

Inhalte im Netz eine gerechte und angemessene<br />

Vergütung erhalten. Dass<br />

eine Reform notwendig war, darüber<br />

herrschte Einigkeit und auch darüber,<br />

dass KünstlerInnen und andere Content-<br />

Schaffende fair vergütet werden sollen.<br />

„Wir haben derzeit die Situation, dass<br />

große internationale Plattformen sehr<br />

gute Profite mit den Inhalten anderer<br />

machen. Das ist natürlich eine Situation,<br />

die man als Medien- und Kunstschaffender<br />

so nicht hinnehmen kann“, sagt<br />

Kenny Lang, Journalist und Kunstschaffender,<br />

im Interview mit <strong>SUMO</strong>. Konkret<br />

bedeutet das aber, dass Internetplattformen,<br />

bei denen nutzergenerierte Inhalte<br />

hochgeladen werden können, zu<br />

Vorabkontrollen aller Inhalte verpflichtet<br />

werden. Im Artikel 17 ist festgelegt, dass<br />

Online-Plattformen künftig auch dafür<br />

haften, wenn unerlaubt urheberrechtlich<br />

geschütztes Material hochgeladen<br />

wird. Bisher hafteten NutzerInnen der<br />

Plattform selbst – das soll sich nun ändern.<br />

Damit Plattformen, wie beispielsweise<br />

„YouTube“, sicherstellen können,<br />

dass kein urheberrechtlich geschütztes<br />

Material hochgeladen wird, sind technisch<br />

gesehen Uploadfilter erforderlich,<br />

wenngleich diese nicht explizit durch<br />

die Reform gefordert werden. Mit Hilfe<br />

dieser soll der Content bereits während<br />

des Hochladeprozesses geprüft<br />

und aussortiert werden. Die Uploadfilter<br />

können allerdings nicht zwischen<br />

Recht und Unrecht unterscheiden. So<br />

können rechtsverletzende Inhalte und<br />

Inhalte zur legalen Werknutzung nicht<br />

klar unterschieden werden. Zur legalen<br />

Werknutzung zählt etwa das Hochladen<br />

von Inhalten, die von Content-schaffenden<br />

für bestimmte Zwecke frei zur<br />

Verfügung gestellt wurden. Dabei könnten<br />

auch versehentlich Inhalte blockiert<br />

werden, die vom Zitatrecht Gebrauch<br />

56<br />

Thema Upload-Filter: Eine Herausforderung für Türkis-Grün


© Copyright: adobe stock / Chris<br />

machen oder gar Satire sind. Auch Bilder<br />

und Videos, die etwa von Memes oder<br />

Parodien verwendet werden, könnten<br />

automatisch als Urheberrechtsverstoß<br />

ausgefiltert werden, obwohl diese in der<br />

Reform explizit ausgenommen worden<br />

sind. Der zweite umstrittene Teil der Urheberrechtsreform<br />

ist der Artikel 15, bei<br />

diesem geht es um ein Leistungsschutzrecht<br />

für Presseverleger. Demnach müssen<br />

Unternehmen wie beispielsweise<br />

„Google“ Verlage dafür bezahlen, wenn<br />

kleine Textpassagen – sogenannte<br />

Snippets – aus Artikeln in den Suchmaschinenergebnissen<br />

angezeigt werden.<br />

Kenny Lang / Copyright: Christian Lietzmann<br />

Die zwei Seiten<br />

KritikerInnen sprechen bei dieser Reform<br />

gar von Zensur und der Gefahr,<br />

dass mehr gefiltert würde, als unbedingt<br />

notwendig. Bernhard Hayden,<br />

Urheberrechtsexperte der digitalen<br />

Grund-rechtsorganisation „epicenter.<br />

works“, sprach in einem Interview mit<br />

„futurezone.at“ (26.3.2019) gar von<br />

einem „schwarzen Tag für das Internet“.<br />

Konkret sagte er, dass „das Europäische<br />

Parlament sich nicht nur der eindringlichen<br />

Warnungen der führenden<br />

europäischen Urheberrechtsexperten<br />

sowie des UN Sonderberichterstatters<br />

für den Schutz der Meinungsfreiheit<br />

[widersetzt], sondern schlägt mit der<br />

Zustimmung zu dieser Reform einer<br />

ganzen Generation vor den Kopf.“ Untermauert<br />

wurde dies mit einer Unterschriftensammlung<br />

mit mehr als fünf<br />

Millionen Unterschriften, um den Artikel<br />

17 zu stoppen. Franz Medwenitsch, Geschäftsführer<br />

des Verbands der österreichischen<br />

Musikwirtschaft (IFPI), sprach<br />

in einer Aussendung am 26.3. hingegen<br />

von „einem guten Tag für die europäischen<br />

Kreativen.“ In dieser Aussendung<br />

betonte er: „Die Copyright-Richtlinie ist<br />

ausgewogen und fair, neben den Kreativen<br />

stärkt sie auch die Rechte der User.“<br />

Trotzdem muss man sich auch der Frage<br />

widmen, wer darüber entscheidet, ob es<br />

sich um eine Urheberrechtsverletzung<br />

handelt oder nicht. Kenny Lang sagt<br />

in einem Interview gegenüber <strong>SUMO</strong>,<br />

„dass man der Frage nachgehen muss,<br />

wer diese Datenbanken mit den digitalen<br />

Fingerabdrücken kontrolliert. Damit<br />

Uploadfilter effizient arbeiten und feststellen<br />

können, ob es sich um eine Urheberrechtsverletzung<br />

handelt oder<br />

nicht, muss es Datenbanken geben, die<br />

einer Kontrolle unterliegen. Und wer das<br />

kontrolliert, kontrolliert de facto, was<br />

ins Internet hochgeladen werden darf.<br />

Dementsprechend muss man da ganz<br />

genau hinschauen, damit hier keine unfairen<br />

Geschäfte betrieben und die Parameter<br />

genauestens festgelegt werden.“<br />

Betroffen von dieser Reform sind tatsächlich<br />

aber nur die großen Konzerne<br />

und Medienhäuser. Was das für die<br />

Medienhäuser bedeutet, „lässt sich zu<br />

diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, bei<br />

Diskussionen in der Vergangenheit haben<br />

diese aber nicht immer von solchen<br />

Gesetzen profitiert. Wenn man nur daran<br />

denkt, wie viel Verlage davon haben,<br />

bei den großen Suchmaschinen ver-linkt<br />

zu sein. Da man die Artikel dort findet,<br />

ist es natürlich ein beträchtlicher Teil des<br />

Traffic auf der Verlagsseite. Wenn man<br />

diese Verlinkungsmöglichkeiten nun<br />

einschränkt, könnte dadurch der Traffic<br />

leiden“, so Lang.<br />

Wie geht es weiter?<br />

2020 hat die Covid-19-Krise alles überschattet.<br />

Dennoch bleibt die Notwenigkeit,<br />

dass die EU-Mitgliedsstaaten<br />

nur noch bis Juni 2021 Zeit haben, die<br />

Richtlinien in nationales Recht umzusetzen.<br />

Ob sich das tatsächlich ausgehen<br />

wird, bleibt unklar. „Ich glaube, dass die<br />

einzelnen Staaten teilweise selbst noch<br />

nicht wissen, ob sich das ausgeht, eines<br />

ist aber auch klar – die ersten Versuche<br />

werden Fehler haben und dementsprechend<br />

muss dann nachgeschärft werden.<br />

Wichtig ist, dass die großen US-<br />

Unternehmen nicht mehr so stark davon<br />

profitieren, Urheberrechte zu verletzen.<br />

Auch wenn es immer heißt, dass vor allem<br />

die großen Verlage von solch einer<br />

Reform profitieren würden, dann kann<br />

ich nur sagen: große Verlage sind voller<br />

kleiner AutorInnen“, betont Kenny Lang.<br />

Noch ist die umstrittene Reform nicht<br />

in Kraft und kann dem freien Netz bislang<br />

auch (noch) nicht schaden oder<br />

den Medienschaffenden helfen. Aber es<br />

dürfte höchst spannend werden, wie die<br />

Regierungskoalition trotz völlig unterschiedlicher<br />

Meinung der Parteien die<br />

Gesetzwerdung löst.<br />

von Martin Möser<br />

Upload-Filter: Eine Herausforderung für Türkis-Grün Thema<br />

57


Die Finanzierung des öffentlichrechtlichen<br />

Rundfunks<br />

Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurden diverse Programmaufträge<br />

eingeschrieben, die eine besondere Finanzierung ermöglichen. Die europäischen<br />

Staaten entwickelten hierfür unterschiedlichste Formen. <strong>SUMO</strong><br />

hat im Zuge dieses Artikels mit Leonhard Dobusch, Professor an der Universität<br />

Innsbruck und Mitglied des ZDF-Fernsehrats, gesprochen.<br />

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben<br />

jeweils einen Publikumsauftrag zu<br />

erfüllen. Der ORF muss sich beispielsweise<br />

an den im ORF-Gesetz definierten<br />

Auftrag halten: „Der Österreichische<br />

Rundfunk hat durch die [...] verbreiteten<br />

Programme und Angebote zu sorgen für:<br />

die umfassende Information der Allgemeinheit<br />

über alle wichtigen politische,<br />

sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen<br />

und sportlichen Fragen“. Dafür erfolgt<br />

die ORF-Finanzierung zu einem Großteil<br />

durch Gebühren.<br />

Zusammensetzung der Gebühren in<br />

Österreich<br />

Der Programmauftrag des ORF kann<br />

nur erfüllt werden, wenn ausreichend<br />

finanzielle Mittel vorhanden sind. Die<br />

„GIS Gebühren Info Service GmbH“ gehört<br />

laut der Website der GIS seit 2001<br />

zu 100% dem ORF und ist dafür zuständig,<br />

die Gebühren einzuheben. Laut der<br />

von der GIS im April 2018 veröffentlichten<br />

Zahlen sind in Österreich 3,6<br />

Millionen Haushalte gemeldet, 300.000<br />

Haushalte sind von den Gebühren befreit.<br />

Jährlich werden rund 992 Mio.<br />

Euro an Gebühren eingenommen. Der<br />

ORF kann jedoch nicht frei über diese<br />

Gesamtsumme verfügen. Laut ORF<br />

Ertragsstruktur 2018 waren das 637<br />

Mio. Euro, rund zwei Drittel der GIS-Gesamtbeträge.<br />

Das übrige Drittel setzt<br />

sich laut Aufschlüsselung der GIS aus<br />

Abgaben zusammen. Der Bund hebt<br />

56,2 Millionen Euro an Rundfunkgebühren<br />

ein. Zusätzlich werden die GIS-<br />

Gebühren besteuert, dies bringt dem<br />

Bund weitere 63,7 Millionen Euro ein.<br />

Eine weitere Abgabe ist der Kunstförderungsbeitrag.<br />

Dieser Beitrag macht<br />

jährlich 18,6 Millionen Euro aus. Die<br />

Bundesländer können individuell entschieden,<br />

ob sie zusätzlich eine Landesabgabe<br />

einfordern. Dies erklärt, dass<br />

die GIS-Gebühren unterschiedlich hoch<br />

sind. Vorarlberg und Oberösterreich<br />

sind die einzigen zwei Bundesländer,<br />

die keine Landesabgabe einfordern. Aus<br />

diesem Grund sind die Gebühren mit<br />

20,9 Euro pro Monat am niedrigsten.<br />

Die höchste monatliche Abgabe hebt<br />

das Land Steiermark ein. Dort müssen<br />

die gebührenpflichtigen Haushalte 26,7<br />

Euro pro Monat bezahlen. Sowohl in<br />

Mitglieds- als auch in Nicht-Mitgliedsstaaten<br />

der EU, die den öffentlichrechtlichen<br />

Rundfunk ebenfalls durch<br />

Gebühren finanzieren, sind die Abgaben<br />

an den Bund meist geringer. So werden<br />

laut des im September 2016 von der<br />

European Broadcast Union (EBU) veröffentlichten<br />

„Annual Report“ in Europa<br />

durchschnittlich 90% der eingehobenen<br />

Gebühren direkt den jeweiligen öffentlich-rechtlichen<br />

Anstalten zugeführt.<br />

Rundfunkfinanzierung in Deutschland<br />

Im Rundfunkbeitragsstaatsvertrag ist<br />

die Haushaltsabgabe verankert. Dort<br />

werden die genauen Bedingungen zu<br />

den Rundfunkgebühren in Deutschland<br />

festgelegt. Laut dem „ARD-ZDF-<br />

Deutschlandradio-Beitragsservice“<br />

wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk<br />

seit sieben Jahren durch eine Haushaltsabgabe<br />

finanziert. Zuvor mussten<br />

lediglich Haushalte, in denen Fernseh-,<br />

Radio- oder andere Geräte, die zum<br />

Empfang der öffentlich-rechtlichen<br />

Programme fähig waren, bezahlen.<br />

Von 1976 bis 2012 wurden diese Gebühren<br />

von der Gebühreneinzugszentrale<br />

(GEZ) eingehoben. Mit Einführung<br />

der Haushaltsabgabe wurde diese ab<br />

2013 in „ARD-ZDF-Deutschlandradio-<br />

Beitragsservice“ umbenannt. Die Um-<br />

58<br />

Thema Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks


© Copyright: adobe stock / beeboys.<br />

stellung auf die Haushaltsabgabe stieß<br />

jedoch auch auf Widerstand. Es wurden<br />

Klagen eingereicht, über die das Bundesverfassungsgericht<br />

in Karlsruhe am<br />

18. Juli 2018 entscheiden musste. Aus<br />

dem Urteil ging hervor, dass die Haushaltsabgabe<br />

generell als gesetzeskonform<br />

gilt. Da in Deutschland theoretisch<br />

jeder Haushalt die öffentlich-rechtlichen<br />

Programme empfangen könne,<br />

sei es gerechtfertigt, dass alle Haushalte,<br />

unabhängig von ihrer Nutzung,<br />

einen Beitrag bezahlen müssen. Eine<br />

Regelung wurde jedoch als verfassungswidrig<br />

erklärt: Personen, die eine<br />

Zweitwohnung besitzen, mussten doppelt<br />

bezahlen. Dies ist laut Bundesverfassungsgericht<br />

nicht erlaubt und wurde<br />

somit abgeschafft. Derzeit beträgt<br />

die Abgabe 17,5 Euro pro Wohnungsinhaber/in.<br />

Rundfunkfinanzierung in der Schweiz<br />

In der Schweiz wurde am 4. März 2018<br />

per Volksentscheid über die Abschaffung<br />

der Rundfunkgebühren entschieden.<br />

Laut des vom SRF am 04.03.2018<br />

veröffentlichten Endergebnisses sprachen<br />

sich rund 72% der TeilnehmerInnen<br />

gegen die Abschaffung und somit<br />

für einen Weiterbestand der Rundfunkgebühren<br />

aus. Die Wahlbeteiligung<br />

lag bei circa 54%. Die damalige<br />

Medienministerin Doris Leuthard erklärte<br />

nach der Verkündung der Ergebnisse<br />

in einem Interview mit dem SRF,<br />

dass sie eine Verbundenheit zwischen<br />

der Schweizer Bevölkerung und dem<br />

öffentlich-rechtlichen Rundfunk erkennen<br />

könne. Die Gebühren wurden<br />

mit Anfang des Jahres 2019 laut Informationen<br />

der Serafe AG gesenkt: Nun<br />

müssen pro Haushalt jährlich rund 345<br />

Euro bezahlt werden. Somit wurde die<br />

Abgabe um circa 81 Euro pro Haushalt<br />

gesenkt. Bezahlen müssen grundsätzlich<br />

alle Haushalte, jedoch gibt es auch<br />

Ausnahmen. Dies wird ebenfalls auf der<br />

Website der Serafe AG näher erläutert.<br />

Haushalte, die nachweisen können,<br />

dass sie keine Geräte zum Empfang<br />

des Rundfunks besitzen, können einen<br />

Antrag auf Gebührenbefreiung stellen.<br />

Dies wird als „Opting-out“ bezeichnet.<br />

Der Antrag kann maximal für fünf Jahre<br />

genehmigt werden, danach müssen die<br />

betroffenen Haushalte die Rundfunkgebühren<br />

wieder entrichten.<br />

Akzeptanz in der Bevölkerung<br />

Leonhard Dobusch, Betriebswirtschaftslehre-Professor<br />

an der Universität<br />

Innsbruck und Mitglied des<br />

ZDF-Fernsehrats, erklärt im <strong>SUMO</strong>-<br />

Interview, dass die Zustimmung in der<br />

Bevölkerung für den öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunk groß sei, dennoch dürfe<br />

man sich nicht darauf ausruhen. Diese<br />

Zustimmung spiegelt sich auch in der<br />

2018 veröffentlichten „Akzeptanz-Studie“<br />

der ARD wider. Anfang 2018 wurden<br />

1.502 Personen ab 14 Jahren in<br />

Deutschland telefonisch befragt. 84%<br />

gaben an, dass ihnen der ARD-Medienverbund<br />

sehr gut oder gut gefällt. 78%<br />

sahen die ARD als sehr wichtig für die<br />

Allgemeinheit an und für 66% ist die<br />

ARD persönlich wichtig. Aus der Studie<br />

geht hervor, dass ein großer Teil der<br />

Befragten mit dem Angebot des ARD<br />

zufrieden ist. Es können jedoch keine<br />

Aussagen darüber getroffen werden,<br />

welche Angebote zu dieser Zufriedenheit<br />

führen, so gibt es beispielsweise<br />

einen Trend, der zeigt, dass junge Menschen<br />

die linearen Angebote nicht mehr<br />

so stark nutzen. Univ.-Prof. Dobusch<br />

erläutert: „Wenn man sich anschaut,<br />

wie der Altersschnitt bei den ZuschauerInnen<br />

der linearen Programme ist,<br />

dann sieht man, dass die Reichweite,<br />

wenn man das als eine Rückmeldung<br />

über Akzeptanz ansieht, bei den Jüngeren<br />

im linearen Bereich stark zurückgeht.“<br />

Das ZDF hat ein neues Konzept<br />

erarbeitet, das den Online-Auftritt des<br />

Senders verbessern soll. Auf lange<br />

Sicht könne ein solches Konzept die Akzeptanz<br />

der Bevölkerung in Bezug auf<br />

die Rundfunkgebühren noch steigern.<br />

Dobusch unterstreicht im Interview die<br />

Wichtigkeit des öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunks: „Wir alle profitieren davon,<br />

dass ein öffentliches Medienangebot<br />

für eine vielfältigere und demokratischere<br />

Öffentlichkeit sorgt.“<br />

Positionen der Politik<br />

Die österreichischen Parteien unterscheiden<br />

sich in ihren Meinungen zu<br />

den Rundfunkgebühren teilweise stark.<br />

Im Regierungsprogramm der ÖVP und<br />

der Grünen wird der ORF als wichtiger<br />

Teil der österreichischen Medienlandschaft<br />

bezeichnet. Die beiden Parteien<br />

wollen sich für einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunk einsetzen.<br />

Mit welcher Art der Finanzierung<br />

dies verbunden sei, wird aber nicht näher<br />

erläutert. Eva Blimlinger, Nationalratsabgeordnete<br />

der „Grünen“, erachtet<br />

eine Haushaltsabgabe anstelle der GIS-<br />

Gebühren als sinnvoller. Dies erläuterte<br />

sie in einem am 10.01.2020 veröffentlichten<br />

Interview mit dem „Standard“.<br />

Wie sich der Koalitionspartner ÖVP die<br />

Finanzierung des öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunks vorstellt, geht aus ihrem<br />

2015 veröffentlichten Grundsatzprogramm<br />

nicht klar hervor – sich zur „Idee<br />

des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“<br />

bekennend. Eine klare Position zu diesem<br />

Thema nimmt die FPÖ ein. Diese<br />

wurde in einer am 24.02.2020 statt-<br />

Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Thema<br />

59


findenden Pressekonferenz der FPÖ<br />

näher erklärt. Laut Norbert Hofer sei<br />

das Ende der GIS-Finanzierung mit dem<br />

ehemaligen Koalitionspartner ÖVP vereinbart<br />

gewesen. Durch die Ibiza-Affäre<br />

und der darauffolgenden Auflösung der<br />

Regierung sei keine Zeit geblieben, dieses<br />

umzusetzen. Im Parteiprogramm<br />

äußert sich die FPÖ nicht über den<br />

ORF oder seine Finanzierung, dennoch<br />

hat sie im Februar 2020 bei der oben<br />

genannten Pressekonferenz eine Petition<br />

für die Abschaffung der GIS-Gebühren<br />

vorgestellt. Dort wurde auch<br />

erklärt, dass der öffentlich-rechtliche<br />

Rundfunk in dieser Form nicht mehr<br />

zeitgemäß sei, und ein Abo-Modell die<br />

bessere Lösung für den ORF darstelle.<br />

Leonhard Dobusch erläutert, weshalb<br />

die rechten Parteien gegen die jetzige<br />

Finanzierung der öffentlich-rechtlichen<br />

Medien seien: Sowohl die AFD als auch<br />

die FPÖ nehme die Berichterstattung in<br />

den öffentlich-rechtlichen Medien als<br />

ungerecht war. Sie hätten das Gefühl,<br />

gar nicht oder negativ dargestellt zu<br />

werden. Insbesondere rechtspopulistische<br />

und -radikale Parteien befänden<br />

sich außerhalb eines gesellschaftlichen<br />

medialen Konsenses, sodass sie von<br />

der Schwächung der öffentlich-rechtlichen<br />

Anstalten etwas zu gewinnen<br />

hätten. Ohne die öffentlich-rechtlichen<br />

Angebote wären die Menschen auf andere<br />

Informationsquellen angewiesen.<br />

Dies würde solchen Parteien einen größeren<br />

Einfluss bringen.<br />

Ausblick<br />

Es sei wichtig, so Univ.-Prof. Dobusch,<br />

dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten<br />

in Zukunft die Möglichkeit hätten,<br />

vermehrt auf den digitalen Plattformen<br />

zu agieren. Der neue Telemedienauftrag<br />

in Deutschland erlaube es bereits,<br />

neue „Online-Only-Angebote“ anzubieten.<br />

Um diese Angebote auch weiter<br />

vorantreiben zu können brauche<br />

es jedoch eine Investitionsmilliarde. In<br />

Österreich habe der ORF rechtlich noch<br />

keine Möglichkeit, neue digitale Angebote<br />

zu entwickeln. In Zukunft könne<br />

es in Deutschland unter gewissen Voraussetzungen<br />

zu Problemen mit der<br />

Finanzierung des öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunks kommen. Im Falle, dass die<br />

AFD in einem Bundesland in die Regierung<br />

käme, reiche dieses eine Land, um<br />

jede Beitragserhöhung zu blockieren.<br />

Dies zeige die Schwäche einen solchen<br />

Systems auf, da radikale RundfunkgegnerInnen<br />

dieses schwächen könnten.<br />

von Viktoria Strobl<br />

Leonhard Dobusch / Copyright: Ingo Pertramer<br />

© Copyright: adobe stock / bbatuhan_toker<br />

60<br />

Thema Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks


Der milliardenschwere<br />

Kampf um Sportübertragungsrechte<br />

Fußball, Skifahren, Tennis, US-Sport. Abseits vom Besuch im Stadion oder<br />

an der Rennstrecke bieten TV und Streaming-Dienste ein immer breiteres<br />

Angebot, rund um die Uhr mitzufiebern. Dahinter aber verbirgt sich ein<br />

knallharter Kampf um Aufmerksamkeit. Im Interview mit <strong>SUMO</strong> diskutieren<br />

ORF-Sportjournalistin Alina Zellhofer sowie „DAZN“- und „Servus<br />

TV“-Producer Martin Pfanner über das Milliardengeschäft der Sportrechte-Vermarktung.<br />

Die Einzigartigkeit von Live-Sport begeistert<br />

Menschen so sehr, wie kaum<br />

eine andere Freizeitbeschäftigung. Auf<br />

den ersten Blick schaffen zahlreiche<br />

Player wie „DAZN“, „SKY“ oder bald auch<br />

„Amazon Prime“ einen umfangreichen<br />

Zugang zu Sportereignissen auf der<br />

ganzen Welt, abseits von linearen Fernsehangeboten.<br />

Auf den zweiten Blick<br />

entstehen durch diese neugewonnene<br />

Vielfalt im Wettbewerb aber auch Grenzen,<br />

da sich immer mehr Sportevents<br />

mittels Sublizenzierung aufteilen und<br />

hinter einer Vielzahl von Bezahlschranken<br />

verschwinden. Für Sportfans wird<br />

der Markt immer unübersichtlicher<br />

und auch Medienunternehmen verlieren<br />

durch kurze Rechteperioden immer<br />

mehr an Planungssicherheit.<br />

Besonders der öffentlich-rechtliche<br />

Rundfunk hat nach seiner jahrzehntelangen<br />

Monopolstellung mit der jetzigen<br />

Selbstgestaltung der Sportrechte-<br />

Vermarktung zu kämpfen. In Österreich<br />

muss der ORF dabei zusehen, wie<br />

Live-Sportereignisse im Programm zunehmend<br />

schwinden und zu anderen<br />

Anbietern wechseln. Eine Verschiebung<br />

des Angebots, die aber nicht bei den<br />

Grenzen der bekannten Sendergruppen<br />

aufhört, wie ORF-Sportjournalistin Alina<br />

Zellhofer feststellt: „Die steigende<br />

Anzahl der Anbieter ist vor allem deshalb<br />

so interessant, weil nicht mehr nur<br />

reine Medienunternehmen mitmischen.<br />

Auch Telekommunikationsunternehmen<br />

wie A1 oder Magenta haben plötzlich<br />

Pläne.“ Immer öfter habe der ORF<br />

das Nachsehen, weil er gesetzlich nur<br />

bis zu einem bestimmten Grad mitbieten<br />

dürfe. Trotz vieler Bestrebungen aktiv<br />

der Konkurrenz entgegenzutreten,<br />

würden Versuche zur Verbesserung der<br />

Inhalte schnell auf rechtliche Rahmenbedingungen<br />

stoßen.<br />

Doch auch auf Seiten der Streamingund<br />

Pay-TV-Unternehmen selbst steigt<br />

der Druck, KundInnen ein attraktives<br />

Programm anbieten zu können, wie<br />

„DAZN“- und „Servus TV“-Producer<br />

Martin Pfanner erklärt: „Live-Sport ist<br />

das letzte relevante Ereignis, das zum<br />

selben spezifischen Zeitpunkt Menschen<br />

vor den Fernseher fesselt. Dieses<br />

Gut ist heiß begehrt, denn man braucht<br />

Live-Sport, um auch auf andere Programminhalte<br />

aufmerksam zu machen.“<br />

Weil immer mehr Anbieter einsteigen<br />

und „am Kuchen mitnaschen wollen“,<br />

würde es für einzelne Unternehmen<br />

unmöglich werden, Exklusivrechte zu<br />

bezahlen. Der unerschwingliche Preis<br />

unterteilt ganze Sportligen und Turniere<br />

in immer kleinere Rechtepakete,<br />

sogenannte Sublizenzen, die nur zu<br />

einer bestimmten Anzahl an Übertragungen<br />

berechtigen. So passiert es im<br />

Fußball beispielsweise, dass sich „SKY“<br />

und „DAZN“ seit der Saison 2018/19<br />

die UEFA-Champions League teilen<br />

müssen. RezipientInnen müssen beide<br />

Anbieter kostenpflichtig abonnieren,<br />

wenn sie eine bestimmte Mannschaft<br />

über den gesamten Bewerb hin verfolgen<br />

wollen, denn eine frei empfangbare<br />

Alternative gibt es nicht. Das entstandene<br />

Wettbieten bestimme aktuell aber<br />

nicht nur Fußball und all seine europäischen<br />

Profi-Ligen, sondern würde sich<br />

auf immer mehr Sportarten ausdehnen.<br />

So bekommen beispielsweise auch die<br />

sportlichen Erfolge von Tennis-Ass Dominic<br />

Thiem in den meisten Fällen nur<br />

© Copyright: adobe stock / sportpoint<br />

Faszination Live-Sport Thema<br />

61


diejenigen in voller Länge zu sehen, die<br />

bereit sind dafür zu bezahlen.<br />

Teamplayer statt Einzelkämpfer<br />

Durch die wachsende Anzahl an Paywalls<br />

stelle sich immer öfter auch die<br />

Frage nach gesellschaftlichen Auswirkungen,<br />

die durch einen eingeschränkten<br />

Zugang entstehen würden. Menschen,<br />

die nicht die Möglichkeit haben<br />

sich kostenpflichtige Inhalte zu leisten<br />

würden durch exklusive Inhalte ausgegrenzt<br />

werden. „Es ist wichtig, sicherzustellen,<br />

dass manche Dinge nicht<br />

komplett aus dem freien Fernsehen<br />

verschwinden“, fordert Zellhofer und<br />

ergänzt: „SportlerInnen haben auch<br />

eine gewisse Vorbildwirkung, weshalb<br />

es wichtig ist, den Bezug nicht zu verlieren.“<br />

Mit dem Fernseh-Exklusivrechtegesetz<br />

aus dem Jahr 2001 gibt es hierzulande<br />

eine gesetzliche Liste von Veranstaltungen,<br />

die durch die „erhebliche<br />

gesellschaftliche Bedeutung“ öffentlichen<br />

Medienanstalten vorbehalten<br />

sind. Diese beinhaltet allerdings fast<br />

ausschließlich internationale Großbewerbe<br />

wie die Olympischen Winterund<br />

Sommerspiele, Alpine Skiweltmeisterschaften,<br />

sowie Europa- und<br />

Weltmeisterschaften im Fußball mit<br />

österreichischer Beteiligung. Etwaige<br />

Versuche, die Verordnung auch auf<br />

Vereinsebene auszuweiten blieben<br />

bislang unvollendet. Denn abzuwägen,<br />

welche Sportereignisse tatsächlich von<br />

nationaler Relevanz sind, würde sich<br />

schwierig gestalten und könne kaum an<br />

gesetzliche Bestimmungen geknüpft<br />

werden. Sportlicher Erfolg sei viel zu<br />

unberechenbar und ließe deshalb keine<br />

Planbarkeit zu, wie Zellhofer anmerkt:<br />

„Man kann nie davon ausgehen, dass<br />

wenn man Rechte für eine Periode innehat,<br />

dass dann auch wirklich ein österreichischer<br />

Vertreter mit dabei ist. Es<br />

kann passieren, dass man teuer die Europa<br />

League einkauft und dann ein Verein<br />

wie Salzburg sensationell den Einzug<br />

in die Champions League schafft,<br />

was ihnen davor zehn Jahre lang nicht<br />

gelungen ist.“<br />

Auch ein öffentlich-rechtlicher Programmauftrag<br />

dürfe deshalb kein Anrecht<br />

auf Übertragungen von bestimmten<br />

Sportveranstaltungen bedeuten.<br />

Der freie Wettbewerb sei wichtig,<br />

bräuchte aber auch neue Wege, wie<br />

beide InterviewpartnerInnen betonen.<br />

Laut Zellhofer wären dies gemeinsame<br />

Modelle zwischen allen Wettbewerbern,<br />

um ZuseherInnen Alternativen<br />

zu bieten. Für Martin Pfanner stellt ein<br />

erfolgreiches Beispiel für ein solches<br />

Konzept US-Sports und insbesondere<br />

die amerikanische Football Liga NFL<br />

dar. Die 32 Teams vermarkten sich auf<br />

mehreren Wegen selbst, um so den<br />

Sport möglichst vielen Menschen zugänglich<br />

zu machen. Eingefleischte<br />

Fans bekommen gegen eine jährliche<br />

Gebühr Zugang zu allen Spielen auf<br />

einem eigenen Network, während sporadische<br />

AnhängerInnen ausgewählte<br />

Spiele frei zugänglich im nationalen<br />

Fernsehen empfangen können. Auch<br />

in Österreich bietet „PULS 4“ eine Free-<br />

TV-Möglichkeit für EinsteigerInnen,<br />

während KennerInnen des Sports auf<br />

„DAZN“ dieselben Spiele mit mehr Expertise<br />

und Taktik oder dem englischen<br />

Originalkommentar verfolgen können.<br />

„Es entstehen dadurch ganz unterschiedliche<br />

Herangehensweisen zu einem<br />

Format. Sind die Einen attraktiver<br />

für die Werbewirtschaft, weil sie länger<br />

Werbung spielen, gehen andere mehr<br />

in die Tiefe ihrer Berichterstattung. Beides<br />

hat seine Daseinsberechtigung“, so<br />

Pfanner.<br />

Schon jetzt gebe es erkennbare Unterschiede<br />

bei der Formatgestaltung<br />

zwischen freien und kostenpflichtigen<br />

Sendeangeboten. So würden sich frei<br />

empfangbare Sportformate vorrangig<br />

nach der breiten Masse richten. Die<br />

Berichterstattung versuche deswegen<br />

das Wichtigste oberflächlich abzudecken,<br />

damit GelegenheitszuseherInnen<br />

genauso folgen können wie KennerInnen<br />

des Sports. Pay-TV-Sender könnten<br />

bei ihrer Zielgruppe hingegen davon<br />

ausgehen, dass sie sich mit dem Sport<br />

identifizieren und ihr Vorwissen über<br />

Grundkenntnisse hinausgeht. Inhalte<br />

sollen ZuseherInnen deswegen mehr<br />

fordern und möglichst nahe am Sport<br />

dran sein.<br />

Generell drehe sich heutzutage aber<br />

alles um das Live-Ereignis. Aufwendig<br />

gestaltete Hintergrundreportagen<br />

würden nicht mehr in dem Ausmaß angenommen<br />

werden wie früher. Für Zellhofer<br />

ist dies eine weitere Änderung im<br />

Nutzungsverhalten, die durch den viel<br />

umkämpften Markt entstanden ist: „Es<br />

geht heutzutage um Schnelligkeit, denn<br />

über das Internet oder auch durch das<br />

Radio brauchst du nicht direkt Sportrechte,<br />

um darüber berichten zu kön-<br />

62<br />

Faszination Thema Live-Sport


© Copyright: adobe stock / andreysh<br />

nen. Im Fernsehen hingegen brauchst<br />

du das Live-Ereignis, um interessant zu<br />

sein.“<br />

Verlängerung oder Neustart?<br />

Die Aufwärtsspirale im Kampf um<br />

Übertragungsrechte werde sich deswegen<br />

auch in Zukunft weiter nach<br />

oben schrauben. Schon jetzt werden die<br />

Perioden für ausgeschriebene Rechtepakete<br />

immer kürzer, das Bieterfeld<br />

und somit auch der Preis hingegen stetig<br />

größer. Auch bislang unangetastete<br />

internationale Großveranstaltungen<br />

werden von mehreren Lizenznehmern<br />

umworben. Die Telekom sicherte sich<br />

als erstes Pay-TV-Unternehmen im<br />

deutschsprachigen Raum die Rechte an<br />

einem internationalen Wettbewerb, der<br />

Fußball-Europameisterschaft 2024.<br />

Dem ORF stehe dadurch auch in Zukunft<br />

ein harter Kampf um Live-Sport<br />

bevor. Würde dieser auf der einen Seite<br />

vor allem Ungewissheit und Planungsunsicherheit<br />

bedeuten, entstünden dadurch<br />

auf der anderen Seite aber auch<br />

Chancen, um sich neuen Programminhalten<br />

zu widmen. So bekamen durch<br />

die freigewordenen Programmflächen<br />

zuletzt auch Nischensportarten wie<br />

Handball oder Frauenfußball mehr Aufmerksamkeit.<br />

Neben der Suche nach<br />

Alternativen konzentriere man sich<br />

beim ORF aber vor allem auch darauf,<br />

jetzige Programminhalte zu behaupten<br />

und Abhandengekommenes wieder<br />

zurückzuerobern. Möglichkeiten dafür<br />

sieht Zellhofer einerseits in der Flexibilität,<br />

auf den ständigen Wandel im<br />

Markt reagieren zu können. Auf der der<br />

anderen Seite stehe der ORF mit seinen<br />

Sendeflächen aber auch für Verlässlichkeit,<br />

ein breites Spektrum abdecken zu<br />

können: „Viele Anbieter sind oft nur daran<br />

interessiert, einzelne Höhepunkte<br />

eines Sports zu übertragen. Klassische<br />

Beispiele sind im Skifahren die Rennen<br />

in Kitzbühel und Schladming, die jeder<br />

haben will. Da ist die Chance für den<br />

ORF zu sagen, dass er das ganze Paket<br />

nimmt und nicht nur die Zuckerl.“ Dass<br />

es trotzdem gerade für lineare Marktteilnehmer<br />

nicht einfacher werden<br />

wird, bestätigen sowohl Alina Zellhofer<br />

wie auch Martin Pfanner. Für beide<br />

gehe das Duell Free-TV gegen Pay-TV,<br />

lineares Fernsehen gegen Streaming<br />

auch in Zukunft weiter: „Ich glaube,<br />

dass lineares Fernsehen nicht völlig<br />

aus dem Sportbereich verschwinden<br />

wird, aber doch ein Ablaufdatum hat“,<br />

wagt Pfanner eine Prognose. Für Alina<br />

Zellhofer wiederum, kann es trotz des<br />

aktuellen Vorteils auf Seiten von Streaming<br />

keinen endgültigen Sieger geben:<br />

„Das Geschäft mischt sich immer wieder<br />

neu durch. Es wird nie so sein, dass<br />

einer alles haben wird und alle anderen<br />

leer ausgehen. Mit dem Wettbieten<br />

kann es aber trotzdem nicht ewig so<br />

weitergehen. Irgendwann ist die Grenze<br />

erreicht.“<br />

Einen ersten „Gamechanger“ im Kampf<br />

um Übertragungsrechte könnte dabei<br />

die Corona-Krise ausgelöst haben.<br />

Nachdem durch die weltweite Pandemie<br />

die Sportwelt und auch das Wirtschaftsleben<br />

im Frühjahr für längere<br />

Zeit stillstand, zeigte sich bei vielen<br />

Sportverbänden und Medienhäusern<br />

ein Umdenken. Gemeinsam wurden<br />

Lizenzen spontan untereinander zur<br />

Verfügung gestellt, um allen Menschen<br />

einen Zugang zu den verbliebenen<br />

Sportaktivitäten zu ermöglichen. Auch<br />

die immensen Summen, die für Sport-<br />

Übertragungsrechte bislang ausgegeben<br />

wurden, werden nun von beiden<br />

Seiten hinterfragt. Abseits des ständigen<br />

Wettbietens soll der Sport so auch<br />

nach der Krise wieder in das Scheinwerferlicht<br />

rücken.<br />

von Michael Geltner<br />

Alina Zellhofer / Copyright: Roman Zach-Kiesling/ORF<br />

Martin Pfanner / Copyright: Privat<br />

Faszination Live-Sport Thema<br />

63


Sollen Programmkinos<br />

gefördert werden?<br />

Im Gegensatz zu kommerziell ausgerichteten Kinos werden Programmkinos<br />

in einigen Fällen finanziell gefördert, um eine Programmvielfalt zu<br />

fördern. Aus Wettbewerbsperspektive gefragt: Wozu, wenn die Nachfrage<br />

in punkto Film abseits der Blockbuster anscheinend nicht groß genug<br />

ist? Aus Rezipientenperspektive: Welche Rolle spielt die Politik dabei?<br />

<strong>SUMO</strong> sprach mit Johannes Wegenstein, Geschäftsführer der Wiener<br />

Kinos „Schikander“ und „Top Kino“, über Förderungen, Überleben und<br />

politische Unterstützung in der (Programm-)Kinobranche.<br />

Laut der Wirtschaftskammer Österreich<br />

(WKO), die jährlich unter anderem<br />

die österreichischen Kinobesucherzahlen<br />

veröffentlicht, stiegen die Zahlen<br />

der Kinobesuche im Jahr 2019, im<br />

Vergleich zum Vorjahr, um 5,8%, mit<br />

insgesamt ca. 14 Mio. Besuchen. Doch<br />

bei näherer Betrachtung wird klar, dass<br />

es vor allem Hollywood-Blockbuster<br />

sind, die sich an den Besucherzahlen<br />

erfreuen. In den Top 10 der meistbesuchten<br />

Kinofilme 2019 befindet sich<br />

laut WKO keine einzige österreichische<br />

und nur eine deutsche Produktion. Der<br />

erfolgreichste österreichische Film mit<br />

139.177 BesucherInnen war „Love Machine“<br />

mit Thomas Stipsits, die Nummer<br />

1 aus den USA „The Lion King“ hatte<br />

ca. sechsmal so viele BesucherInnen.<br />

Es zeigt sich also eine klare Dominanz<br />

der Hollywood-Blockbuster, die in den<br />

großen Kinoketten gezeigt werden.<br />

Doch wie steht es um die unabhängigen<br />

Programmkinos des Landes?<br />

Leinwand für Neues<br />

2017 ergab eine Studie im Auftrag der<br />

WKO über die ökonomische Bedeutung<br />

der Kinobranche in Österreich, dass es<br />

sich bei etwa 46% aller Kinos in Österreich<br />

um 1- oder 2-Saal-Kinos handelt,<br />

welche den Programmkinos, auch Arthouse-Kinos<br />

genannt, zuzuordnen sind.<br />

Gezeigt werden internationale Filme<br />

und besonders österreichische Filme,<br />

die Themen behandeln, welche abseits<br />

des Mainstreams liegen, bzw. Filme,<br />

die nicht zur reinen Unterhaltung der<br />

breiten Masse dienen, sondern an spezielle<br />

Interessen gerichtet sind und zum<br />

Nachdenken anregen sollen, z.B. gesellschaftskritische.<br />

Doch das Kino ist nicht<br />

nur Spielstätte für Filme, ebenso wichtig<br />

sind Veranstaltungen, Kulturevents<br />

oder ein dazugehöriges Lokal, das als<br />

Treffpunkt dient, auch ohne einen Film<br />

sehen zu wollen. Kulturelle Vielfalt und<br />

Unterstützung junger, unbekannter<br />

FilmemacherInnen sind hier die Devisen.<br />

Ihnen bieten Programmkinos eine<br />

Leinwand, die sie sonst nicht so einfach<br />

bekommen würden. Johannes Wegenstein,<br />

Geschäftsführer des „Schikaneder“<br />

und Top Kino“ in Wien, betont gegenüber<br />

<strong>SUMO</strong>, dass die beiden Kinos für<br />

junge KünstlerInnen stets offen seien.<br />

Deren Filme würden zwar im Vorhinein<br />

abgesegnet werden müssen, denn „gemäß<br />

unseren Grundsätzen haben fundamentalistische,<br />

rassistische, extremistische<br />

Positionen keinen Platz“, eine<br />

Geschmackspolizei gebe es dabei aber<br />

nicht. „Wir zeigen unter anderem sehr<br />

viele Filme junger Filmemacher*innen,<br />

die zwar Low- oder Nobudget, aber mit<br />

viel Leidenschaft in Eigenregie produziert<br />

sind (also eigenständig und aus<br />

eigener Hand), und das sind mitunter<br />

sehr gute Filme.“<br />

Wegenstein war schon 1996, als er das<br />

„Schikaneder“ übernahm, klar, dass<br />

Kino innert einem Gesamtkonzept auf<br />

Basis zumindest zweier Standbeine zu<br />

stellen sei. Das „Schikaneder“ und das<br />

„Top Kino“, die sich selbst als „Vielzwecklocations“<br />

bezeichnen, seien nicht nur<br />

Kinos, sondern auch Bar oder Restaurant<br />

und bieten Alternativprogramme<br />

im Bereich bildende Kunst oder Literatur.<br />

Zum Beispiel mit der Aktion „Wand<br />

sucht Kunst“ ist das „Schikaneder“ laufend<br />

auf der Suche nach KünstlerInnen,<br />

die die Räumlichkeiten und Wände der<br />

Location nutzen wollen, um ihre Werke<br />

64<br />

Sollen ThemaProgrammkinos gefördert werden?


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einem Publikum zu präsentieren. Ebenso<br />

werden regelmäßig Buchpräsentationen<br />

oder Lesungen veranstaltet,<br />

wie etwa „Fellner LIVE – eine szenische<br />

Lesung“, bei der transkribierte Interviews<br />

des „oe24“-Herausgebers mit<br />

österreichischen PolitikerInnen durchleuchtet<br />

und Fellners Medienarbeit sowie<br />

die des Boulevards unter die Lupe<br />

genommen werden. Die verschiedenen<br />

Angebote und das Kino befruchten sich<br />

im Idealfall gegenseitig, so Wegenstein.<br />

Bewusstsein steigt<br />

Kinos dieser Art kämpfen seit Jahren<br />

ums Überleben, zuletzt hatte eines der<br />

ältesten Kinos der Stadt Wien diesen<br />

Kampf verloren. Das „Bellaria Kino“<br />

musste nach 107-jährigem Bestehen<br />

aus finanziellen Gründen seine Tore<br />

schließen. Die sinkenden Einnahmen<br />

waren jedoch auch darauf zurückzuführen,<br />

dass das „Bellaria Kino“ und<br />

seine Programmgestaltung stets auf<br />

ein älteres Publikum ausgerichtet war.<br />

Junges Publikum konnte nicht für die<br />

Filme begeistert werden, und somit<br />

nahmen die Besucherzahlen langsam<br />

ab. Gegenüber dem „KURIER“<br />

(5.12.2019) erklärte der damalige Inhaber<br />

der Kinos, Erich Hemmelmayer,<br />

dass er ohnehin nie etwas mit dem Kino<br />

verdient habe, sondern es als Hobby<br />

betrieb. Doch nun ginge es sich wirtschaftlich<br />

einfach nicht mehr aus, da<br />

die jungen Leute nicht nachkommen.<br />

Staatliche sowie kommunale Förderungen<br />

sollen Schicksalen wie solchen<br />

entgegenwirken. Seit 1999 werden<br />

Programmkinos von der Stadt Wien mit<br />

dem Ziel unterstützt, eine niveau- und<br />

gehaltvolle Programmgestaltung zu erreichen<br />

und filmische Vielfalt zu fördern<br />

und somit sicherzustellen, dass ein<br />

breites Spektrum an Themen und Genres<br />

vertreten sind. Auch von staatlicher<br />

Seite wird Unterstützung angeboten.<br />

Auf der Website des Bundesministeriums<br />

für Kunst, Kultur, öffentlicher<br />

Dienst und Sport sind verschiedenste<br />

Kriterien angegeben, die erfüllt werden<br />

müssen, um als Programmkino Förderungen<br />

erhalten zu können. Eine davon<br />

setzt voraus, dass 40% der vorgeführten<br />

Filme des letzten Jahresprogramms<br />

europäische Produktionen waren. Johannes<br />

Wegenstein sei „überhaupt<br />

nicht unzufrieden“ mit den staatlichen<br />

Förderungen für die Branche. Natürlich<br />

könnte es immer mehr sein, aber<br />

er sei sehr froh über die Unterstützung<br />

der Stadt Wien, die den Förderbeitrag<br />

gerade erhöht habe. Auch der Bund sei<br />

diesbezüglich nicht so schlecht aufgestellt.<br />

Das Bewusstsein der Politik über<br />

die kulturelle Wichtigkeit für Orte wie<br />

das „Schikaneder“ und „Top Kino“ sei<br />

sicher vorhanden, in den letzten paar<br />

Jahren habe sich in diesem Bereich viel<br />

getan, so Wegenstein. Er fühle sich von<br />

der österreichischen Politik verstanden,<br />

ernstgenommen und unterstützt, doch<br />

man werde sehen, was nach der Corona-Krise<br />

an Unterstützung komme.<br />

Kino, Corona, Politik<br />

Eben diese Krise führte zu Spannungen<br />

zwischen der Kunst- und Kulturszene<br />

und der österreichischen<br />

Regierung. Am 17.April machte die damalige<br />

Staatssekretärin Ulrike Lunacek<br />

mit Aussagen, wonach österreichische<br />

Kinos an sie herangetreten seien und<br />

den Wunsch äußerten erst nach dem<br />

Sommer wieder zu öffnen, auf sich<br />

aufmerksam und war rasch mit einer<br />

negativen Reaktion konfrontiert. Die<br />

Empörung der KinobetreiberInnen war<br />

groß. Der Präsident des österreichischen<br />

Kinoverbandes, Christian Dörfler,<br />

bezeichnete Lunaceks Aussage als<br />

falsch. (APA-OTS, 17.4.2020) Auch das<br />

„Schikaneder“ und „Top Kino“ zeigten<br />

ihre Verwunderung durch einen „Facebook“-Post:<br />

„Die Situation vieler Kinos<br />

war schon ohne Corona nicht einfach<br />

und es ist auf viel Idealismus aufgebaut,<br />

dass diese Kinos erhalten wurden<br />

und nun ein prägender Kulturbestandteil<br />

der Stadt Wien sind.“ Weiters wird<br />

in dem Posting erläutert, dass die von<br />

der Politik als schnell und unbürokratisch<br />

dargestellten Hilfsleistungen<br />

sich großteils als enorme und täglich<br />

wachsende hyperbürokratische Hürden<br />

darstellen. „Wieder mal bewahrheitet<br />

sich, dass übersteigerte Formen von<br />

Bürokratie die tyrannischste aller Herrschaftsformen<br />

werden kann und Not zu<br />

Tode verwaltet wird, weil sich niemand<br />

verantwortlich fühlt. Auch das ist Politik.“<br />

Am 29. Mai sperrten die Kinos dennoch<br />

wieder auf.<br />

von Ida Stabauer<br />

Johannes Wegenstein / Copyright: Privat<br />

Sollen Programmkinos gefördert werden? Thema<br />

65


Die (Ohn-)Macht des<br />

Presserates<br />

Die einen bezeichnen ihn als zahnlosen Tiger und die anderen vergleichen<br />

ihn mit dem „Politbüro der Kommunistischen Partei in China“. <strong>SUMO</strong> hat<br />

dem Presserat auf den Zahn gefühlt und dazu mit Alexander Warzilek,<br />

Geschäftsführer des Presserates, und Alexandra Halouska, Stv. Chefin<br />

vom Dienst bei der „Kronen Zeitung“ und neues Senatsmitglied des Presserates,<br />

gesprochen.<br />

„Journalismus bedingt Freiheit und Verantwortung.“<br />

So tiefgründig und doch<br />

bestimmend lauten die ersten Worte<br />

des Ehrenkodex‘ für die österreichische<br />

Presse. Doch hinter dem Satz birgt sich<br />

der Grund, warum der Presserat in einer<br />

Demokratie, in der die öffentlichen<br />

Medien die vierte Gewalt des Staates<br />

darstellen, so essentiell ist. Die Selbstkontrolle<br />

durch den Presserat garantiert,<br />

dass Eingriffe durch den Staat<br />

verringert werden und Medien frei und<br />

unabhängig berichten können. Mit dieser<br />

gewonnenen Freiheit geht auch die<br />

Verantwortung einher, medienethische<br />

Maßstäbe bei der Berichterstattung zu<br />

gewährleisten. Damit diese Maßstäbe<br />

tatsächlich eingehalten werden, wurde<br />

der Presserat als freiwilliges Selbstkontrollorgan<br />

der österreichischen Presse<br />

von den wichtigsten Journalisten- und<br />

Verlegerverbänden gegründet. Der<br />

Presserat verfügt über drei unabhängige<br />

und weisungsfreie Senate. Die<br />

jeweils elf Mitglieder der Senate sind<br />

rechtskundige Personen oder JournalistInnen,<br />

die über Beschwerden und Mitteilungen<br />

der LeserInnen entscheiden.<br />

Verstöße und Konsequenzen – „in the<br />

eye of the tiger“<br />

Laut der letzten Fallstatistik 2019<br />

wurden dem Presserat im vergangenen<br />

Jahr 297 Beiträge österreichischer<br />

Printmedien gemeldet. Davon haben,<br />

nach Prüfung der Senate, 37 Fälle<br />

auch tatsächlich gegen den Ehrenkodex<br />

der Branche verstoßen. Warzilek<br />

nennt den Persönlichkeitsschutz, das<br />

Gebot gewissenhaft zu recherchieren<br />

und Informationen richtig darzustellen,<br />

die Diskriminierung gesellschaftlicher<br />

Gruppen und die Unterscheidung zwischen<br />

redaktionellem Inhalt und Werbung<br />

als die wichtigsten Punkte, die<br />

sich in den Verstößen am häufigsten<br />

wiederfinden würden.<br />

Gegen den Persönlichkeitsschutz verstoßen<br />

haben „kleinezeitung.at“, „vol.<br />

at“, „heute.at“, „krone.at“ und „oe24.at“,<br />

als sie ein Video veröffentlichten, das<br />

einen Sportler – unverpixelt und nicht<br />

unkenntlich gemacht – bei der Nordi-<br />

schen Ski-WM in Seefeld beim Eigenblut-Doping<br />

im Hotelzimmer zeigten.<br />

Bei einem „Heute“-Reporter, der sich<br />

als Polizeibeamter ausgab und so über<br />

„WhatsApp“ an detaillierte Informationen<br />

und Bilder eines Tatverdächtigen<br />

in einem Mordfall gelangte, wurde<br />

ein schwerwiegender Verstoß wegen<br />

unlauterer Materialbeschaffung festgestellt.<br />

Die Veröffentlichung der Entscheidung<br />

im eigenen Medium werde nur gefordert,<br />

wenn jemand persönlich von<br />

einer Berichterstattung betroffen sei,<br />

ansonsten beschreibt Warzilek das sogenannte<br />

„Naming & Blaming“ als die<br />

schärfste Konsequenz für Medien, die<br />

gegen den Ehrenkodex verstoßen haben.<br />

„Wir stellen quasi ein Medium an<br />

den Pranger. Durch unsere Presseaussendungen<br />

über die Entscheidungen<br />

und die APA-Meldungen erfährt die<br />

Branche darüber. Es wird darüber diskutiert<br />

und berichtet.“ Dabei solle man<br />

die Wirkung nicht unterschätzen. „Ich<br />

kann es allein daran messen, dass immer<br />

wieder Chefredakteure anrufen<br />

und sehr erbost sind, wenn eine Entscheidung<br />

gegen sie getroffen wird.“<br />

Eine Herausgeberin habe den Presserat<br />

sogar mit dem Politbüro der Kommunistischen<br />

Partei in China verglichen. „In<br />

der Branche wird das sehr genau wahrgenommen,<br />

was wir sagen und wie wir<br />

entscheiden. Auch bei den Medien, die<br />

bisher noch nicht bei uns mitmachen.“<br />

Dabei spricht Warzilek von der Gratis-<br />

Tageszeitung „Heute“, der „Kronen Zeitung“<br />

und dem Webportal „oe24.at“, die<br />

die Schiedsgerichtbarkeit des Presserates<br />

bisher noch nicht anerkannt haben.<br />

Medienethik im Boulevardjournalismus<br />

Nicht überraschend ist, dass sich genau<br />

diese Boulevardmedien die ersten<br />

Plätze in der Fallstatistik teilen. Die beiden<br />

Spitzenreiter im vergangenen Jahr<br />

waren die Printausgaben und Online-<br />

Plattformen von „oe24“ mit 14 und der<br />

„Kronen Zeitung“ mit neun Verstößen.<br />

Liegt es in der Natur des Boulevardjournalismus,<br />

sich von der Medien-<br />

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66<br />

Thema Die (Ohn-)Macht des Presserats


ethik weitestmöglich zu distanzieren?<br />

Immerhin ist die Printausgabe von<br />

„oe24“ seit 2017 sogar Mitglied des<br />

Presserates. Trotz dieser halben Sache<br />

– die Onlineausgabe „oe24.at“ ist noch<br />

nicht dabei – scheint sich die Mitgliedschaft,<br />

der Fallzahl nach, nicht auf die<br />

redaktionelle Ethik auszuwirken. „Ich<br />

gehe schon davon aus, dass es seitens<br />

der Redaktion von ‚oe24‘ ein Bemühen<br />

gibt, unsere Grundsätze möglichst zu<br />

beachten. Nur dass Zeitungen aus dem<br />

Boulevardbereich da vielleicht eher<br />

einmal eine Grenze überschreiten, ist<br />

nicht ungewöhnlich. Dennoch hat sich<br />

auch die ‚BILD‘-Zeitung dem Deutschen<br />

Presserat verpflichtet“, stellt Warzilek<br />

fest.<br />

Auf die Frage nach einer medienethischen<br />

Prüfung in der „Kronen Zeitung“<br />

erwidert Halouska, dass es kein einheitliches<br />

Protokoll für alle Redaktionen<br />

gäbe. Es läge am Bauchgefühl und<br />

dem journalistischen Knowhow der<br />

„SchleusenwärterIn“, wie Chefredaktion<br />

oder ChefIn vom Dienst, die die Ethik<br />

prüfen und in bestimmten Fällen natürlich<br />

schon eingreifen würden. Dass die<br />

Zeitung kein Mitglied des Presserates<br />

ist, liege – unter anderem – am Erbe<br />

der „Krone“, immer von allen Stellen,<br />

wie auch der APA, unabhängig sein zu<br />

wollen.<br />

Doch, zack, zack, zack, eine kleine spanische<br />

Partyinsel sorgte dafür, das Unmögliche<br />

möglich, beziehungsweise<br />

greifbarer zu machen.<br />

Eine medienethische Revolution in der<br />

„Kronen Zeitung“<br />

„Kronen Zeitung“-Chefredakteur Herrmann<br />

überraschte seine BranchenkollegInnen<br />

im Juli 2019, als er sagte, das<br />

veröffentlichte „Ibiza-Video“, in dem<br />

von einer Übernahme der „Krone“ gesprochen<br />

wurde, habe in der „Kronen<br />

Zeitung“ eine Nachdenkphase ausgelöst.<br />

Man werde verantwortungsvoller<br />

mit ihrer Macht umgehen und „redaktionelle<br />

Unabhängigkeit gegen Außenund<br />

Innenangriffe vehement verteidigen“.<br />

Dabei sei auch die Teilnahme am<br />

Österreichischen Presserat absehbar<br />

(„Horizont“, 26.07.2019). Auf die Frage,<br />

ob es tatsächlich Anbahnungsversuche<br />

seitens der „Kronen Zeitung“ gegeben<br />

hätte, meint Warzilek: „Ja, Gespräche<br />

hat es gegeben. Wir haben jetzt auch<br />

mit Alexandra Halouska ein neues Senatsmitglied<br />

von der ‚Krone‘ im Senat<br />

II. Ich freue mich, dass sie da auch ein<br />

bisschen die Initiative ergriffen hat und<br />

vorhat, unsere Arbeit in die Redaktion<br />

zu tragen.“<br />

Halouska wurde von der Österreichischen<br />

Journalistengewerkschaft als<br />

Senatsmitglied nominiert und hat diese<br />

Die (Ohn-)Macht des Presserats Thema<br />

67


Nominierung auch angenommen. Bisher<br />

hat sie einer Sitzung beigewohnt,<br />

in der über vielseitige Fälle, wie einem<br />

Bericht auf „oe24.at“, einer „Standard“-<br />

Kolumne oder einem Leitartikel der<br />

„Presse“ diskutiert wurde. „Es war unfassbar<br />

spannend, zu sehen, dass ohne<br />

Vorbehalte auf einem sehr hohen Level<br />

gute Argumente gebracht wurden<br />

– pro und contra – und, nach meiner<br />

Beurteilung, auch absolut unabhängig<br />

davon, um welches Medium es gerade<br />

ging.“ Für Halouska sei es auch wichtig,<br />

ihre Arbeit beim Presserat transparent<br />

zu gestalten und die Themen<br />

und Verstöße auch in der Redaktion der<br />

„Kronen Zeitung“ zu besprechen, um<br />

eigene Verstöße in Zukunft vermeiden<br />

zu können. „In der Nachbetrachtung<br />

hätten Verurteilung der ‚Krone‘ durch<br />

den Presserat mit einer anderen Art<br />

der Kommunikation geregelt werden<br />

können.“ Und: „Ich glaube, dass der<br />

Presserat für die ‚Krone‘ immer eine<br />

Unbekannte war und was man besser<br />

kennen lernt, weiß man vielleicht mehr<br />

wertzuschätzen oder anders einzuordnen“,<br />

so Halouska.<br />

Kontraproduktive Presseförderung<br />

Was für die „Kronen Zeitung“ keine<br />

Unbekannte darstellt, ist die indirekte<br />

Presseförderung durch Anzeigenschaltung<br />

aus öffentlicher Hand. Die reguläre<br />

Presseförderung für österreichische<br />

Tages- und Wochenzeitungen (exklusive<br />

Presserat) belief sich im Jahr 2019<br />

laut RTR auf knapp 8,7 Mio. Euro. Neben<br />

dieser gesetzlich geregelten Presseförderung<br />

gibt es noch eine informelle<br />

Förderung durch Werbeschaltungen<br />

von Regierung, Gebietskörperschaften<br />

und staatsnahen Unternehmen in österreichischen<br />

Medien. Im Jahr 2018<br />

wurden auf diese Weise 178 Mio. Euro<br />

vergeben. Die reichweitenstarke „Kronen<br />

Zeitung“, inklusive „krone.at“ und<br />

„Kronehit“, erhielt davon 20,4 Mio. Euro<br />

(rtr.at).<br />

Das Verlangen nach Reichweite seitens<br />

des Staates stellt die gesetzliche Förderung<br />

des Vertriebs, der regionalen<br />

Vielfalt, Qualität und Zukunftssicherung<br />

also bei weitem in den Schatten.<br />

Dabei stellt sich die Frage, ob diese indirekte<br />

Presseförderung die eingangs<br />

erwähnte Freiheit und Selbstbestimmung<br />

der Printmedien in gewisser Weise<br />

wieder beschränkt. Warzilek ist der<br />

Meinung, dass man die direkte Presseförderung<br />

aufstocken sollte und Inserate-Schaltungen<br />

massiv zurückfahren<br />

müsse. „Ich glaube, dass viele Anzeigen<br />

nicht notwendig sind. Wenn die Stadt<br />

Wien sagt, dass ihre Schwimmbäder so<br />

sauber sind und sie mehr oder weniger<br />

eine Art Monopolstellung haben, dann<br />

halte ich es nicht für sinnvoll, dass so<br />

eine Anzeige geschaltet wird. Offizielle<br />

Annoncen in Corona-Zeiten kann ich<br />

nachvollziehen. Aber viele Anzeigen geben<br />

inhaltlich nicht viel her. Außerdem<br />

ist die Vergabe dieser Anzeigen sehr<br />

intransparent, was in einer Demokratie<br />

auch nicht gut ist. Man sollte das<br />

zurückfahren und das dadurch ersparte<br />

Geld in die direkte Presseförderung<br />

geben.“ Darüber hinaus fände er es sehr<br />

sinnvoll, die Presseförderung von Qualitätskriterien,<br />

wie der Mitgliedschaft<br />

am Presserat, abhängig zu machen.<br />

Halouska weist auf das Prinzip der Meinungsvielfalt<br />

als wichtigste Aufgabe<br />

der Presseförderung hin. Bezüglich der<br />

Anzeigen meint sie: „Wenn ein Kunde<br />

bei uns inseriert, egal ob ein Möbelhaus<br />

oder die Stadt Wien, dann hat er das<br />

Ziel, Menschen zu erreichen. Das muss<br />

jedem freigestellt sein.“ Sie weist auch<br />

darauf hin, dass es besonders in Corona-Zeiten<br />

Sinn mache, in großen Medien<br />

zu veröffentlichen, um möglichst<br />

viele Menschen erreichen zu können.<br />

Konvergenz der Medien – der Presserat<br />

der Zukunft<br />

Das Verschwimmen der intermedialen<br />

Grenzen spiegelt sich in den Zuständigkeiten<br />

des Presserates wider. Der<br />

Presserat ist nicht mehr nur für die gedruckte<br />

Presse zuständig, sondern bewertet<br />

auch Beschwerden zu Videos,<br />

„Twitter“-Meldungen und „Facebook“-<br />

Postings der Zeitungsverlage. Gerade<br />

in Sozialen Medien stünden die Redaktionen<br />

unter Druck, möglichst zeitnah<br />

Schlagzeilen und exklusive Inhalte bereitzustellen.<br />

„Ich glaube, gerade wenn<br />

es um Fake News geht, ist eine unabhängige<br />

Einrichtung, die ethische Maßstäbe<br />

anwendet und aufzeigt, wenn etwas<br />

schiefläuft, von großer Bedeutung.<br />

Auch für Medien ist es wichtig, diese<br />

Maßstäbe zu beherzigen, damit sie<br />

langfristig ihre Glaubwürdigkeit bewahren“,<br />

so Warzilek. Auch Halouska misst<br />

dem Presserat in der heutigen Zeit eine<br />

große Bedeutung bei: „Ich glaube, dass<br />

die Digitalisierung den Presserat möglicherweise<br />

stärkt. Das Aufkommen<br />

von Fake News ist immens. Es ist also<br />

wichtig, eine Stelle zu haben, an die<br />

sich die Leute wenden können. Je höher<br />

die Verbreitung von Falschnachrichten,<br />

umso wichtiger ist ein solches Instrument<br />

am Ende des Tages.“<br />

Da Mediengattungen nur mehr schwer<br />

voneinander zu trennen sind, würde<br />

sich Warzilek wünschen, dem Presserat<br />

auch eine Zuständigkeit für Radio<br />

und Fernsehen einzuräumen. „Das ist<br />

in anderen Ländern bereits gang und<br />

gäbe. In der Schweiz zum Beispiel ist<br />

der Presserat auch für Radio und Fern-<br />

68<br />

Thema Die (Ohn-)Macht des Presserates


sehen zuständig, da gibt es eine umfassende<br />

Medienselbstkontrolle.“ Halouska<br />

stimmt dieser Idee zu, sie fände<br />

es sinnvoll, für jeden Kanal ein Instrument<br />

zu haben, das Verstöße aufzeigt<br />

und das für die RezipientInnen da ist.<br />

„Warum sollte man einen Unterschied<br />

machen zwischen Print-Nachrichten,<br />

Nachrichten im Radio und Nachrichten<br />

im Fernsehen?“<br />

Ein krönender Abschluss?<br />

Neben einem medienübergreifenden<br />

Presserat wünscht sich Warzilek eine<br />

Steigerung des Bekanntheitsgrades,<br />

damit LeserInnen sowie UserInnen<br />

wissen, dass es eine Stelle gibt, an die<br />

sie sich wenden können. Darüber hinaus<br />

wäre es für die Printbranche insgesamt<br />

förderlich, wenn auch die „Kronen<br />

Zeitung“, „Heute“ und die digitale Hälfte<br />

von „oe24“ die Schiedsgerichtbarkeit<br />

des Presserates anerkennen würden.<br />

„Eine Mitgliedschaft der ‚Kronen Zeitung‘<br />

ist von Seiten des Presserates<br />

jederzeit möglich. Die Entscheidung<br />

hängt jedoch von der Geschäftsführung<br />

der ‚‚Kronen Zeitung‘ ab.“ Halouska<br />

steuert durch ihre Senatsmitgliedschaft<br />

neue Perspektiven im Bereich<br />

Medienethik in den Redaktionsalltag<br />

der „Kronen Zeitung“ bei. „Ich glaube,<br />

man versucht da schon ein bisschen<br />

alte Strukturen aufzubrechen und<br />

durch dieses Kennenlernen der Arbeit<br />

vom Presserat wird man auch erkennen,<br />

dass man seine Unabhängigkeit ja<br />

nicht unbedingt verliert dabei. Wie jedes<br />

Medium muss sich auch die ‚Krone‘<br />

verändern, ohne sich selbst zu verlieren<br />

und fremd zu werden für die LeserInnen.<br />

[…] Für uns als altgewachsenes<br />

und sehr traditionelles Unternehmen<br />

ist das schon eine große Öffnung, auf<br />

diese Weise über den eigenen Tellerrand<br />

zu blicken. Ich werde meine Arbeit<br />

im Senat auch in den redaktionellen Alltag<br />

der ‚Krone‘ einfließen lassen.“<br />

Der krönende Abschluss lässt also noch<br />

auf sich warten.<br />

von Karin Pargfrieder<br />

Alexander Warzilek / Copyright: Presserat<br />

Alexandra Halouska / Copyright: Reinhard Holl<br />

© Copyright: adobe stock / travelview<br />

Die (Ohn-)Macht des Presserates Thema<br />

69


Wenn private Daten in den<br />

Medien landen<br />

Nicht nur im privaten Bereich gehören soziale Netzwerke zum Alltag,<br />

auch im Berufsleben finden sie immer öfter Anwendung. So nutzt auch<br />

der Journalismus diese Netzwerke zu seinem Vorteil – oft jedoch auf<br />

Kosten anderer. Über dieses Thema sprach <strong>SUMO</strong> mit Peter Grotter, Ressortleiter<br />

für Gericht und Recht bei der „Kronen Zeitung“, und Matthias<br />

Schmidl, Stellvertretender Leiter der Datenschutzbehörde Österreich.<br />

Im November 2016 führte der Trendradar<br />

der APA-OTS gemeinsam mit dem<br />

Marktforschungsinstitut „meinungsraum.at“<br />

eine Umfrage unter österreichischen<br />

JournalistInnen zu ihrer heutigen<br />

Arbeitsweise durch. Dabei wurde<br />

unter anderem erfasst, wie die tägliche<br />

Recherchearbeit aussieht und mit welchen<br />

Quellen JournalistInnen bevorzugt<br />

arbeiten. Es ist nicht verwunderlich,<br />

dass bereits im Jahr 2016 fast 30% der<br />

Befragten häufig in sozialen Netzwerken<br />

recherchierten. Dabei lag „Facebook“<br />

ganz klar an erster Stelle, gefolgt von<br />

„Twitter“ und „YouTube“. Auch berufliche<br />

Plattformen wie Xing oder LinkedIn<br />

wurden teilweise für Recherchezwecke<br />

genutzt. Knapp die Hälfte der befragten<br />

JournalistInnen gab an, die so gewonnenen<br />

Informationen schließlich auch häufig<br />

(10%) oder gelegentlich (38%) in Ihre<br />

journalistischen Beiträge einzubinden.<br />

Es ist zu vermuten, dass diese Zahlen in<br />

den letzten Jahren noch zugenommen<br />

haben. Daraus resultiert die Frage, ob<br />

Recherche in sozialen Netzwerken und<br />

die Veröffentlichung der daraus gewonnenen<br />

personenbezogenen Daten überhaupt<br />

zulässig ist.<br />

Opferschutz<br />

Peter Grotter, Ressortleiter für Gericht<br />

und Recht bei der „Kronen Zeitung“, ist<br />

nun seit 44 Jahren als Journalist tätig.<br />

Seine Erfahrungen bezüglich der Verwendung<br />

von sozialen Medien als Rechercheplattformen?<br />

Besonders im<br />

Gerichtsressort sei das keine gängige<br />

Vorgehensweise von JournalistInnen,<br />

so Grotter. Er berichte über Straftaten<br />

mit TäterInnen und Opfern, dabei seien<br />

ihm soziale Netzwerke keine große<br />

Hilfe. Wenn Grotter Genaueres über<br />

die Betroffenen in Erfahrung bringen<br />

möchte, befrage er sie oder deren Anwalt/Anwältin<br />

höchstpersönlich. Das<br />

ginge dann sogar so weit, dass er sie<br />

in Haftanstalten besuche. In Bezug auf<br />

Opfer-Berichterstattungen habe sich in<br />

seiner langjährigen Laufbahn als Journalist<br />

viel geändert. Früher sei es nichts<br />

„Unehrenhaftes“ gewesen, ein Opfer<br />

zu sein, Berichterstattungen in diesem<br />

Bereich waren also durchaus legitim.<br />

Mittlerweile seien Opfer speziell geschützt,<br />

wodurch sich auch Berichte<br />

über solche Ereignisse schwieriger gestalten.<br />

Grundsätzlich sei es aber erlaubt,<br />

den Namen und das Bild eines<br />

Opfers zu veröffentlichen, solange<br />

nichts über den höchstpersönlichen Lebensbereich<br />

der Person preisgegeben<br />

werde. Auch bei Mordprozessen bringe<br />

die „Kronen Zeitung“ immer wieder<br />

Bilder der Angeklagten. Je massiver der<br />

Vorwurf sei, desto eher dürften auch<br />

Name und Foto der TäterInnen veröffentlicht<br />

werden. Solange im Bericht die<br />

Unschuldsvermutung der TäterInnen<br />

eingehalten werde, sei das laut Grotter<br />

70<br />

Thema Wenn private Daten in den Medien landen


© Copyright: adobe stock / REDPIXEL<br />

kein Problem. Generell halte sich die<br />

„Kronen Zeitung“ sehr genau an das<br />

Medienrecht, wodurch es auch nur wenige<br />

Medienverfahren im Haus gäbe.<br />

Ehrenkodex als Richtlinie<br />

Der Österreichische Presserat sieht seine<br />

Zuständigkeit in der Qualitätssicherung<br />

und Wahrung der Pressefreiheit<br />

in unserem Land. Der Ehrenkodex des<br />

Presserates stellt dabei eine Richtlinie<br />

für die journalistische Arbeit dar und<br />

legt Grenzen und Regeln in diversen<br />

Bereichen fest. Neben gewissenhafter<br />

Recherchearbeit und korrekter Veröffentlichung<br />

beinhaltet der Ehrenkodex<br />

auch Regeln zu Persönlichkeitsschutz<br />

und Intimsphäre. Grundsätzlich gilt es,<br />

die Würde von Personen zu wahren und<br />

deren Intimsphäre zu schützen. Vor allem<br />

Opfer von Unfällen und Verbrechen<br />

muss Anonymität gewährt werden, sofern<br />

diese nicht allgemein bekannt sind<br />

oder selbst in die Veröffentlichung einwilligen.<br />

Auch Kindern und Jugendlichen<br />

fällt ein besonderer Schutz zu, wenn<br />

über sie berichtet werden soll. Der<br />

Presserat appelliert hier an die Medien,<br />

das öffentliche Interesse an diesen<br />

Berichten besonders kritisch zu prüfen.<br />

Dieses ist laut Presserat gewährt,<br />

wenn es um die Aufklärung schwerer<br />

Verbrechen geht, die unmittelbare Sicherheit<br />

der Bevölkerung bedroht ist<br />

oder eine Irreführung der Öffentlichkeit<br />

verhindert werden kann. Nun ist dieser<br />

Ehrenkodex lediglich eine Richtlinie zur<br />

Wahrung der Berufsethik, das bedeutet,<br />

bei einem Verstoß gegen den Kodex<br />

drohen keine rechtlichen Folgen. Der<br />

Presserat kann das betroffene Medium<br />

zwar auffordern, die Entscheidung des<br />

Rates freiwillig zu veröffentlichen, jedoch<br />

auch nicht mehr.<br />

Zwiespalt im Datenschutzgesetz<br />

Im Mai 2018 wurde die neue Datenschutzgrundverordnung<br />

(DSGVO) erlassen,<br />

welche das Datenschutzrecht<br />

in ganz Europa vereinheitlichen sollte.<br />

<strong>SUMO</strong> fragte Matthias Schmidl, den<br />

stellvertretenden Leiter der Datenschutzbehörde<br />

Österreich, inwiefern<br />

die DSGVO Medien und vor allem den<br />

Journalismus betrifft. „Das grundsätzliche<br />

Problem ist, dass Medien weitgehend<br />

von den Bestimmungen des<br />

Datenschutzgesetzes und der DSGVO<br />

ausgenommen sind, weil sonst eine<br />

journalistische Berichterstattung nicht<br />

sinnvoll möglich wäre.“ Der Journalismus<br />

stütze sich auf das Recht der<br />

freien Meinungsäußerung, dieses stehe<br />

allerdings teilweise in Widerspruch<br />

zum Recht auf Datenschutz. Sowohl<br />

die DSGVO als auch ihr Vorgänger, die<br />

Datenschutzrichtlinie, fordern die EU-<br />

Mitgliedstaaten dazu auf, diese beiden<br />

Rechte miteinander in Einklang zu bringen.<br />

Wenn sich in Österreich jemand<br />

durch journalistische Berichterstattung<br />

in seinem Recht auf Datenschutz<br />

verletzt sehe, habe, laut Schmidl, die<br />

Datenschutzbehörde keine Zuständigkeit<br />

dafür. In solchen Fällen müssten<br />

Gerichte diese beiden Grundrechte auf<br />

Basis des Mediengesetzes gegeneinander<br />

abwägen und entscheiden, welchem<br />

Recht der Vorrang einzuräumen<br />

sei. Grundsätzlich käme es bei der Datenschutzbehörde<br />

jedoch eher selten<br />

vor, dass jemand Beschwerde gegen<br />

ein Medium erhebt.<br />

Eingriff in den höchstpersönlichen Lebensbereich<br />

Nun bleibt also als rechtliche Grundlage<br />

für solche Fälle noch das Mediengesetz.<br />

Dieses beinhaltet im dritten Abschnitt<br />

diverse Richtlinien zum Schutz<br />

der Persönlichkeit. Erfährt eine Person<br />

durch ein Medium zum Beispiel zu Unrecht<br />

üble Nachrede, Beschimpfung<br />

oder gar Verspottung, kann die betroffene<br />

Person eine Entschädigung<br />

vom Medieninhaber verlangen. Vor allem<br />

bei der Bekanntgabe der Identität<br />

eines Opfers bzw. eines/r Täters/in ist<br />

Vorsicht geboten. Sollten durch die Veröffentlichung<br />

eines Fotos oder Namens<br />

schutzwürdige Interessen einer Person<br />

verletzt werden, drohen MedieninhaberInnen<br />

hohe Entschädigungszahlungen.<br />

Schutzwürdige Interessen beinhalten<br />

zum Beispiel einen Eingriff in<br />

den höchstpersönlichen Lebensbereich<br />

oder eine herbeigeführte Bloßstellung<br />

des Opfers. Ob so ein Eingriff in den<br />

persönlichen Lebensbereich auch die<br />

Recherche in sozialen Netzwerken und<br />

Verwendung der dort gesammelten<br />

Informationen beinhaltet, ist fraglich.<br />

Sicher ist jedoch, dass Betroffene ein<br />

Recht auf Persönlichkeitsschutz haben<br />

und dieses auch einklagen können.<br />

„Viele Selfies. Im Internet auf mehreren<br />

Profilen“<br />

Beispiele für die Veröffentlichung von<br />

privaten Fotos aus sozialen Netzwerken<br />

lieferte unter anderem die Tageszeitung<br />

„Österreich“. So erschien am 22.<br />

Oktober 2018 ein Artikel, der von einem<br />

Frauenmord in Zell am See berichtet. In<br />

dem Artikel finden sich mehrere unverpixelte<br />

Fotos der ermordeten Frau.<br />

Der Bericht und die Fotos wurden unter<br />

anderem auch auf „oe24.at“ veröffentlicht.<br />

Die Bildbeschreibung „Viele Selfies.<br />

Im Internet auf mehreren Profilen“,<br />

lässt darauf schließen, dass diese Fotos<br />

aus einem oder mehreren persönlichen<br />

Accounts in sozialen Netzwerken stammen.<br />

Zusätzlich zu den Fotos der Frau<br />

Wenn private Daten in den Medien Thema landen<br />

71


wurden auch ihre Vorliebe für Gangsta-Rap,<br />

ihre „Nicknames“ im Internet<br />

und die Anzahl ihrer „Instagram“- Follower<br />

veröffentlicht. Der Presserat griff<br />

den Vorfall auf und stellte fest, dass<br />

die Veröffentlichung der unverpixelten<br />

Fotos in die Persönlichkeitssphäre des<br />

Mordopfers eingriff. Zur Herkunft der<br />

Fotos und der erwähnten persönlichen<br />

Daten wurden keine Anmerkungen gemacht.<br />

Die Tageszeitung wurde vom<br />

Presserat dazu aufgefordert, die Entscheidung<br />

freiwillig zu veröffentlichen,<br />

rechtliche Konsequenzen gab es keine.<br />

Politische Stellungnahme<br />

Die letzten großen Änderungen des<br />

Mediengesetzes liegen nun schon<br />

eine Weile zurück. Die Einführung der<br />

DSGVO hat das Thema Datenschutz<br />

zwar grundsätzlich wieder neu aufgerollt,<br />

doch in Bezug auf Veröffentlichung<br />

privater Daten hat sich für Medienunternehmen<br />

in Österreich wenig<br />

geändert. Die derzeitige Medienpolitik<br />

der Regierung sieht vor, auf die Veränderungen<br />

der Rahmenbedingungen<br />

durch die fortschreitende Digitalisierung<br />

angemessen zu reagieren. Eine<br />

Passage des aktuellen Regierungsprogrammes<br />

lautet: „In der digitalen Welt<br />

müssen die gleichen Prinzipien gelten<br />

wie in der realen Welt!“ Hierbei bezieht<br />

sich die Regierung vor allem auf das<br />

Thema Hass und Gewalt im Netz, ob<br />

jedoch auch Bereiche wie Privatsphäre<br />

und Persönlichkeitsrecht bedacht werden,<br />

ist unklar. Wie es scheint, stellt die<br />

journalistische Veröffentlichung von<br />

privaten Daten aus sozialen Netzwerken<br />

für die Politik zurzeit jedoch kein<br />

großes Problem dar.<br />

von Christina Glatz<br />

Peter Grotter / Copyright: Peter Grotter<br />

Matthias Schmidl / Copyright: Pollmann<br />

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NeuerJob?<br />

medienjobs.at<br />

die Jobbörse für Medienschaffende<br />

72<br />

Thema Wenn private Daten in den Medien landen


Wenn MANN den Journalistinnen<br />

Chancen verwehrt<br />

Die Verhaltensgrundsätze für JournalistInnen sind eindeutig: Es darf<br />

niemand aufgrund seiner religiösen und ethnischen Werte, sowie seiner<br />

Angehörigkeit zu einer Rasse oder Minderheit diskriminiert werden. Dennoch<br />

ist Diskriminierung kein Fremdwort in der Medienbranche: Journalistinnen<br />

im Print- und Online-Sektor verdienen noch immer weniger als<br />

ihre männlichen Kollegen. <strong>SUMO</strong> sprach darüber mit einer Printjournalistin.<br />

„Journalistinnen sind jünger, besser<br />

ausgebildet, verdienen weniger und<br />

sind seltener in Leitungspositionen<br />

zu finden.“ Das ist ein Statement von<br />

Matthias Karmasin, Direktor des Instituts<br />

für vergleichende Medien- und<br />

Kommunikationsforschung an der Österreichischen<br />

Akademie der Wissenschaft<br />

(ÖAW) auf der ÖAW-Website<br />

(31.1.2020) zum jüngsten „Journalismus-Report“.<br />

Es deutet genau auf etwas<br />

hin, was in der Medienbranche<br />

Realität ist: die Unterscheide zwischen<br />

Männern und Frauen bezüglich des finanziellen<br />

Verdienstes.<br />

Der Gender-Pay-Gap ist ein Indikator<br />

für diese Ungleichheit. Hierbei wird<br />

der prozentuelle Unterschied zwischen<br />

dem Stundenverdienst zwischen Männern<br />

und Frauen errechnet. Insgesamt<br />

lag dieser Wert in Österreich 2018<br />

bei 19,8%, was im Vergleich zum EU-<br />

Schnitt von 14,8% kein gutes Ergebnis<br />

ist. Auch das Bundeskanzleramt ist sich<br />

der Bedeutung dieser Zahl bewusst<br />

und schreibt auf ihrer Homepage, dass<br />

zwar eine sichtliche Verbesserung der<br />

Gender-Pay-Gap stattgefunden hat,<br />

Österreich dennoch zu den negativen<br />

Spitzenreitern in Sachen ungleiche Bezahlung<br />

in der EU zählen.<br />

JournalistInnen verdienen unterschiedlich<br />

Der österreichische „Journalismusreport<br />

2019“ hat den Gender-Pay-Gap in<br />

der Medienbranche errechnet. Ein Journalist<br />

verdient durchschnittlich 4.177<br />

Euro im Monat, wohingegen eine Journalistin<br />

im Schnitt 3.447 Euro verdient.<br />

Das sind ganze 730 Euro weniger und<br />

ein Unterschied von 17,5%. „Zwar ist<br />

der Gender-Pay-Gap im Journalismus<br />

viel geringer als in anderen Branchen,<br />

aber es gibt ihn“, so der Direktor des<br />

ÖAW-Instituts zum aktuellen Report.<br />

Die Größe dieses Prozentsatzes ist<br />

teilweise auf den Fakt zurückzuführen,<br />

dass Journalistinnen öfter in Teilzeitpositionen<br />

angestellt sind. Vollzeitjournalistinnen<br />

verdienen zwar nur 457 Euro<br />

weniger im Monat (10,6%), aber der<br />

Unterschied bleibt.<br />

Obwohl der Faktor der geringeren Be-<br />

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Wenn MANN den Journalistinnen Chancen verwehrt Thema<br />

73


zahlung als die größte Ungerechtigkeit<br />

erscheint, ist noch ein anderer Blickwinkel<br />

bezüglich der Behandlung von<br />

Männern und Frauen sehr wichtig, der<br />

vor allem im Bereich der Medien eine<br />

erhebliche Rolle spielt: die Beeinflussung<br />

der Aufstiegschancen auf der<br />

Karriereleiter aufgrund des Geschlechtes.<br />

Marie K. (Anm.: Name geändert)<br />

arbeitet schon seit Jahren bei einer österreichischen<br />

Boulevard-Zeitung als<br />

Printjournalistin und hat im Interview<br />

gegenüber <strong>SUMO</strong> die Fakten auf den<br />

Tisch gelegt. „Frauen werden wohl die<br />

Ungerechtigkeit, betreffend der Aufstiegschancen,<br />

in Zeiten ihres Berufslebens<br />

kaum aufholen können. Außerdem<br />

sind bei uns Redaktionsleitungen<br />

bzw. Chefredakteure ausschließlich<br />

männlich“, betont die Journalistin. Von<br />

den 14 Tageszeitungen in Österreich,<br />

die sowohl Print- als auch Online-Journalismus<br />

betreiben, hat nur der „Kurier“<br />

eine weibliche Chefredakteurin. „Und<br />

findet sich zufällig eine Frau in einer<br />

höheren Position, sind dies eher sogenannte<br />

,Quotenfrauen‘, was ihre Leistungen<br />

und Qualifikationen aber auf<br />

keinen Fall schmälert“, stellt K. fest.<br />

Die einzige Art und Weise, wie sich Frau<br />

gegen diese Ungerechtigkeit wehren<br />

kann, ist die Gleichbehandlungsanwaltschaft<br />

(GAW). Diese ist eine öffentliche<br />

Einrichtung, die auf Basis des Gleichbehandlungsgesetzes<br />

alle vertritt, die<br />

sich in irgendeiner Form benachteiligt<br />

fühlen. Das Gesetz existiert seit 2004<br />

und enthält unter anderem die Gleichstellung<br />

von Frauen und Männern in<br />

der Arbeitswelt, wozu gleiche Bezahlung,<br />

gleiche Chancen und gleiche Verträge<br />

gehören. Nichtsdestotrotz ist das<br />

alles in der Praxis nicht gegeben. Marie<br />

K. bestätigt, sie habe noch immer<br />

weibliche Kolleginnen, die in derselben<br />

Position weniger verdienen als Männer<br />

und das sei scheinbar noch immer<br />

„branchenüblich“. Doch wieso klagen<br />

Journalistinnen mithilfe der Gleichbehandlungsanwaltschaft<br />

nicht ein, was<br />

ihnen zusteht? „Wenn du die anrufst,<br />

hast du wahrscheinlich einen Job gehabt…“,<br />

so Marie K.<br />

Das tut der Staat gegen den Gender-<br />

Pay-Gap<br />

Wie auf der Website des Bundeskanzleramtes<br />

zu lesen ist, ist sich auch die<br />

Regierung bewusst, dass gegen diese<br />

Ungerechtigkeit etwas unternommen<br />

werden muss. Bekämpft werden soll<br />

der Gender-Pay-Gap nicht etwa mit<br />

neuen Gesetzen für den Arbeitgeber,<br />

sondern mit Information. Initiativen,<br />

die Mädchen an technischen und wissenschaftlichen<br />

Berufen begeistern<br />

sollen, Möglichkeiten zur Erhöhung der<br />

Väterbeteiligung in der Familie und die<br />

Förderung von Frauen in wirtschaftlichen<br />

Führungs- und Entscheidungspositionen.<br />

Ein entscheidender Schritt,<br />

der gesetzt wurde, ist die Erhöhung der<br />

Einkommenstransparenz in Österreich.<br />

Dazu gehören die Angabe des Mindestentgeltes<br />

in Stelleninseraten und<br />

ein Einkommensbericht, der durch das<br />

Unternehmen erstellt wird. Diese Ansprüche<br />

gelten selbstverständlich auch<br />

für Medienunternehmen.<br />

Die Ausnahme: Der Öffentlich-Rechtliche<br />

Rundfunk<br />

Obwohl sich der ORF nicht auf Print<br />

und Online beschränkt, spielt er auch<br />

hier eine große Rolle. Zwar sind alle<br />

neun Landesstudio-Chefredakteure<br />

Männer und an der Frauenquote in den<br />

Führungspositionen könnten sie auch<br />

noch arbeiten, trotzdem liegt der Gender-Pay-Gap<br />

beim ORF nur bei 12,1%.<br />

Auch hier ist der Weg zur kompletten<br />

Gleichstellung noch lang. Seit 2010 ist<br />

im ORF-Gesetz eine Frauenquote von<br />

45% in Führungspositionen verankert.<br />

Eine derzeitige Zahl von 26% Frauen in<br />

hohen Führungspositionen lässt noch<br />

Luft nach oben.<br />

Die jährliche Hommage an den Gender-Pay-Gap<br />

25. Februar 2020: Hätten Frauen den<br />

gleichen Stundenlohn wie Männer, aber<br />

ihren aktuellen Verdienst, hätten sie bis<br />

zu diesem Tag des Jahres 2020 gratis<br />

gearbeitet. Der Equal-Pay-Day findet<br />

jedes Jahr statt und soll veranschaulichen<br />

und greifbar machen, wie benachteiligt<br />

Frauen gegenüber Männern<br />

werden. Und sich vorzustellen, dass<br />

eine Journalistin an ihrem Schreibtisch<br />

sitzt am Equal-Pay-Day, einen Artikel<br />

darüber verfasst und genau weiß, erst<br />

ab diesem Zeitpunkt verdient sie Geld.<br />

Frauen verdienen weniger als Männer<br />

in der gleichen Position. Das ist ein Fakt.<br />

Doch dass manche Frauen nicht einmal<br />

die Chance haben, in einer Führungsposition<br />

schlechter zu verdienen, weil sie<br />

diese nie erreichen, ist umso trauriger.<br />

Dies ist auch der Fall in einer Branche,<br />

die die Gleichbehandlung in ihren Kodex<br />

aufgenommen hat. Die Zahlen zeigen,<br />

dass die Medienbranche den Gender-<br />

Pay-Gap nicht annähernd geschlossen<br />

hat, obwohl es genau die Medienhäuser<br />

sind, die über diese Ungerechtigkeit berichten<br />

und diese verpönen.<br />

von Sophie Pratschner<br />

© Copyright: adobe stock / Jink drop<br />

74<br />

Thema Wenn MANN den Journalistinnen Chancen verwehrt


Impressum<br />

Medieninhaberin:<br />

Fachhochschule St. Pölten GmbH<br />

c/o <strong>SUMO</strong><br />

Matthias Corvinus-Straße 15<br />

A-3100 St. Pölten<br />

Telefon: +43(2742) 313 228 - 200<br />

www.fhstp.ac.at<br />

Fachliche Leitung:<br />

FH-Prof. Mag. Roland Steiner<br />

E-Mail: roland.steiner@fhstp.ac.at<br />

Telefon: +43(2742) 313 228 -425<br />

www.sumomag.at<br />

facebook.com/sumomag<br />

Copyright: jeweils Privat<br />

Das Team der Ausgabe 35 und des Online-Magazins www.sumomag.at<br />

Julia Allinger, Christiane Fürst, Michael Geltner, Christina Glatz, Raphaela Hotarek, Martin Möser, Karin Pargfrieder,<br />

Roland Steiner, Lukas Pleyer, David Pokes, Sophie Pratschner, Alexander Schuster, Ida Stabauer, Therese Sterniczky,<br />

Anja Stojanovic, Viktoria Strobl, Sebastian Suttner, Ondrej Svatos<br />

BILDREDAKTION: Christina Glatz, Karin Pargfrieder, David Pokes, Alexander Schuster, Ida Stabauer, Sebastian Suttner<br />

DISTRIBUTION: Christiane Fürst, Lukas Pleyer, Ondrej Svatos<br />

PRINTPRODUKTION: Martin Möser, Ida Stabauer, Therese Sterniczky<br />

ONLINEPRODUKTION: Julia Allinger, Sophie Pratschner<br />

SALES: alle<br />

TEXTREDAKTION: alle<br />

UNTERNEHMENSKOMMUNIKATION: Michael Geltner, Raphaela Hotarek, Anja Stojanovic, Viktoria Strobl<br />

Impressum<br />

75


Eine gute<br />

Ausbildung<br />

ist eine, die<br />

mir zeigt,<br />

was noch getan<br />

werden muss.<br />

Wissen, was<br />

morgen zählt.<br />

Eva Milgotin<br />

Studentin Wirtschafts- und<br />

Finanzkommunikation<br />

Christoph Rumpel<br />

Web-Entwickler & Autor (Selbstständig)<br />

Absolvent Medientechnik<br />

Sechs Studienbereiche:<br />

medien & wirtschaft<br />

medien & digitale technologien<br />

informatik & security<br />

bahntechnologie & mobilität<br />

gesundheit<br />

soziales<br />

Jetzt informieren: fhstp.ac.at

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