Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms. Eine Analyse des ...

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Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms. Eine Analyse des ...

Autoren: Gleich, Uli / Groebel, Jo.

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Titel: Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms. Eine Analyse des Angebots

privater und öffentlich-rechtlicher Sender.

Quelle: Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-

Westfalen; Band 6. Opladen 1993. S. 11-134.

Verlag: Leske + Budrich.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autoren und des Verlags.

Jo Groebel mit Uli Gleich

Gewaltprofil des deutschen

Fernsehprogramms.

Eine Analyse des Angebots privater und

öffentlich-rechtlicher Sender

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung...................................................................................................................3

1. Einleitung.......................................................................................................................4

2. Der Stand der Wirkungsforschung................................................................................7

2.1 Die Forschungsstrategien.......................................................................................7

2.2 Der Wirkungsbegriff................................................................................................8

2.3 Motive zum Gewaltkonsum.....................................................................................9

2.4 Die Wirkungstheorien............................................................................................13

2.4.1 Die „klassischen“ Ansätze.............................................................................13

2.4.2 Kurz- und langfristige Prozesse.....................................................................17

2.4.3 Die Wirkungsmodi..........................................................................................19

2.4.4 Vermischung von Fiktion und Realität...........................................................21

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2.4.5 Internationaler Wirkungsvergleich.................................................................21

2.4.6 Aggression oder Angst als Medienkonsequenz............................................22

2.5 Übersicht über die Wirkungsebenen.....................................................................23

2.6 Resümee: Wissenschaftskonsens in der Wirkungsfrage.....................................25

3. Internationale Programmanalysen..............................................................................26

3.1 Kategorien der subjektiven Gewaltwahrnehmung................................................26

3.2 Inhaltsanalysen.....................................................................................................29

4. Vorgehen bei der Erfassung der Gewalt ....................................................................32

4.1 Die Aggressions- und Gewaltdefinition.................................................................32

4.2 Aggressionsstruktur..............................................................................................34

5. Die Untersuchung........................................................................................................36

5.1 Kategorienschema und Kodierhandbuch..............................................................38

5.2 Definition der Analyseebenen...............................................................................41

5.3 Datenorganisation und Datenverarbeitung...........................................................46

5.4 Stichprobe und Datenerhebung............................................................................46

5.5 Datenauswertung..................................................................................................51

6. Ergebnisse..................................................................................................................51

6.1 Das Gesamtangebot.............................................................................................51

6.2 Der Anteil der Aggression am Gesamtangebot....................................................52

6.3 Verteilung der Aggression auf einzelne Sender und Programmplätze.................59

6.4 Qualitative Gewaltstruktur.....................................................................................75

6.4.1 Inhalt und Form der Aggression....................................................................76

6.4.2 Männer und Frauen als Täter und Opfer.......................................................89

6.4.3 Nachrichten....................................................................................................98

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6.4.4 Trickfilm.......................................................................................................103

6.4.5 Spielfilme und Serien...................................................................................110

6.4.6 „Mordstruktur“ im Fernsehprogramm...........................................................120

Zusammenfassung der Ergebnisse...............................................................................127

Das Programm insgesamt.........................................................................................127

Die einzelnen Sender................................................................................................128

Die inhaltliche Struktur der Aggression.....................................................................130

Verteilung der Aggression auf die unterschiedlichen Programmgenres..................131

Die Genres im einzelnen...........................................................................................132

Struktur der Aggression in Nachrichten................................................................132

Spielfilme und Serien............................................................................................134

Trickfilm.................................................................................................................135

Konsequenzen..........................................................................................................135

Literatur.........................................................................................................................137

Vorbemerkung

Im Sommer 1990 schrieb die Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen (UR) ein

Forschungsprojekt zur Analyse der Gewaltprofile deutscher Fernsehprogramme (RTL,

SAT 1, Tele 5, PRO 7, ARD, ZDF) aus. Der Auftrag wurde im Februar 1991 an die Autoren

dieses Berichts vergeben.

Nach umfänglichen Vorbereitungsarbeiten wurden Mitte 1991 aus einem Zeitraum von 8

Wochen nach einer Zufallsstichprobe Programme jedes einzelnen Senders so

ausgewählt, daß insgesamt eine vollständige Woche nach dem jeweiligen

Programmschema repräsentiert war. Die auf Video aufgezeichneten fast 750

Programmstunden wurden von 6 Beurteilern auf der Basis eines umfangreichen

Kategoriensystems nach Qualität und Quantität der vorkommenden Aggressions- und

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Bedrohungshandlungen kodiert und anschließend mit Hilfe verschiedener

Computerprogramme analysiert.

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Der vorliegende Bericht stellt nach ersten Teilveröffentlichungen die vollständigen

Ergebnisse dieser Analysen vor. Zugleich werden sie in Bezug gesetzt zur

wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte über die Wirkung von Gewaltdarstellungen.

Eine Inhaltsanalyse selbst erlaubt keine Aussagen über Wirkungen. Sie ist aber wichtiger

Bestandteil einer Reihe aufeinanderbezogener Studien: Um mögliche Konsequenzen von

Fernsehgewalt bestimmen zu können, ist auch eine Analyse von Quantität und Qualität

notwendig. Wirken (oder mit anderen Faktoren interagieren) kann nur, was gezeigt wird.

Um dieses Angebotspotential geht es in der Studie.

Wir möchten an dieser Stelle vorab den Beurteilern danken, ohne deren unermüdlichen

Einsatz ein Projekt dieser Größenordnung gar nicht realisierbar gewesen wäre, im

einzelnen Daniela Naab, Dorette und Georg Königshausen, Peter Brechtel, Sven Fischer

und Thomas Heinrich. Weiter danken wir Gabriele Woide, Stefanie Schönborn und

Christoph Frey für ihre Mitarbeit beim Verfassen des Berichts. Ganz besonders gilt unser

Dank Dr. Gerhard Rödding, Dr. Jürgen Brautmeier und vor allem Mechthild Appelhoff von

der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen, aus deren Bereitschaft zum

kompetenten und kritischen Gespräch sich wichtige Impulse für unsere Arbeit ergaben.

Prof. Dr. Jo Groebel Dipl. Päd. Uli Gleich

1. Einleitung

Gewalt ist immer ein aktuelles Thema. Kriege, Katastrophen, Kriminalität gelten als

besonders berichtenswert, und stets gibt es Ereignisse mit einem solchen Hintergrund. In

bestimmten Perioden kann man aber über diesen „Normalzustand“ hinaus noch einmal

eine deutliche Zunahme von Gewalt feststellen. Dabei ist nicht immer klar, ob es sich um

eine tatsächlich größere Häufung von Ereignissen handelt oder lediglich eine intensivere

Berichterstattung erfolgt. Anfang der neunziger Jahre war das Thema wieder besonders

präsent: Nach Ende des kalten Krieges und den zunächst meist friedlich verlaufenen

Umwälzungen in Mittel- und Ost-Europa hatte plötzlich mit Golf-Krieg und Jugoslawien-

Konflikt doch noch politisch-militärische Gewalt einen hohen Stellenwert auch in

Mitteleuropa bekommen: Im ersten Fall durch die globale Dimension der

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Auseinandersetzung, im zweiten Fall dadurch, daß der Krieg fast in unmittelbarer

Nachbarschaft stattfindet. Hinzu kamen 1992 zahlreiche Anschläge und Morde durch

Rechtsradikale in Deutschland und ein von vielen konstatiertes allgemeines Gefühl von

Unsicherheit und Bedrohung.

In dieser Situation wurde auch der hohe Stellenwert von Gewalt in den Medien

thematisiert, teils als ethisches Problem, teils als - so einige Annahmen - Spiegel der

gesellschaftlichen Situation oder auch als ein maßgeblicher Ursachenfaktor. Nicht zuletzt

ist die Gewaltdiskussion in Deutschland auch Teil der Kontroversen über das duale

System: Beklagt wird in der Öffentlichkeit die (vermeintliche?!) Zunahme aggressiver Dar-

stellungen als Folge der Kommerzialisierung des Programms und der größeren

Bedeutung der Einschaltquoten. Pro- und Contra-Argumente von Seiten der Anbieter

erscheinen dabei häufig auch als Teil der spezifischen Öffentlichkeitsarbeit. Während die

einen den Gewaltanteil im Programm mit dem (natürlichen?) „Publikumsbedürfnis“

erklären, ist er für andere Symptom für die „geringe Qualität“ der Konkurrenten. Es kann in

dieser Situation nicht Aufgabe der Wissenschaft sein, Partei zu ergreifen. Die Forderung

an sie besteht vielmehr darin, nach objektiver Analyse der Angebotsstruktur und deren

Zusammenhang mit den Zuschauerreaktionen zu streben. Allerdings steht auch die

wissenschaftliche Analyse sehr schnell in einem medienpolitischen Kontext und werden

Daten, zum Teil selektiv, von Interessengruppen interpretiert. Um es gleich

vorwegzunehmen: Die Diskussionen nach der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse

dieser Studie waren zum Teil zwar kontrovers, insgesamt vor allem aber von Gesprächs-

und Erkenntnis-, gar Kooperationsbereitschaft geprägt, siehe Symposien und

Arbeitsgruppen fast aller Anbieter zum Thema. Und soweit sollte sich bei einem

gesellschaftlich relevanten Thema die Wissenschaft vorwagen dürfen: nach der Analyse

gemeinsam mit allen die Lösung für einen als problematisch diskutierten Zustand - hier

hohe Fernsehgewalt - zu suchen und ohne Parteilichkeit zu einer Versachlichung des

Problems beizutragen. Letztlich ist dann der öffentliche, demokratische Diskurs auf

konsensfähiger Grundlage der wohl erfolgreichere Weg zur Lösung des Problems als ein

Schlagabtausch mit verhärteten Fronten.

Nun begleitet die Debatte über Gewaltdarstellungen und ihre Wirkungen zumindest die

(audiovisuellen) Medien fast seit Beginn ihrer Verbreitung als echte

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Massenkommunikationsmittel. Sehr häufig wurden sie für soziale Mißstände (z.T.

ausschließlich) verantwortlich gemacht, Kriminalität, Schüleraggression, Terrorismus etc.

Oft waren und sind diese Debatten stark medien- und gesellschaftspolitisch geprägt und

tendieren zu (zu) einfachen Schlußfolgerungen nach dem Motto „Medien bzw.

Gewaltdarstellungen sind insgesamt schädlich“ bzw. „sie wirken überhaupt nicht“ oder

schließlich „Mediengewalt ist nützlich zum Abbau von Aggressionen“. Wissenschaft wurde

und wird in diesem Zusammenhang oft selektiv hinzugezogen und benutzt, um jeweils

opportune Standpunkte zu bestätigen, oder sie wird von vornherein als widersprüchlich

ins Abseits gestellt.

Dabei wird übersehen, daß in kaum einem Bereich der Forschung über komplexe soziale

Wirklichkeit eine einzelne oder auch nur wenige Untersuchungen pauschal endgültige

„Beweise“ bieten können. Es muß im vorliegenden Fall vielmehr darum gehen, das

Problem zu lösen, ob und wenn ja unter welchen Umständen welche Medieninhalte von

wem aufgenommen und weiterverarbeitet werden. Dennoch führt dies nicht zu einem

kaum noch übersehbaren Ergebniswust. Im Detail sind Wahrscheinlichkeitsaussagen z.B.

darüber möglich, wie beängstigend bestimmte Gewaltdarstellungen auf kleinere Kinder

wirken.

Medien und andere gesellschaftliche Prozesse kann man auch als Teile eines

übergreifenden Systems beschreiben: Einzelne Elemente innerhalb des Systems, wie

Gewaltdarstellungen einerseits und bestimmte Verhaltensmuster andererseits, können

dabei immer noch spezifische Wechselbeziehungen aufweisen und sind in dieser

Spezifität analysierbar. Dazu gehört auch die Analyse des „Angebotspotentials“, konkreter

der Häufigkeit und der Qualität der in den Medien vorkommenden Aggressionen, Gewalt

und Bedrohungen. Diese Inhalte führen noch nicht zwangsläufig zu Wirkungen, sie stellen

aber ein Potential dar, aus dem sich mögliche Wirkungen ergeben können.

Eine optimale Untersuchung kombiniert also die Analyse der Angebotsstruktur mit der

Analyse der Wahrnehmung und Weiterverarbeitung des Gesehenen und Gehörten durch

den Zuschauer.

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Insofern stellt die hier vorgestellte Studie einen ersten Schritt dar; sie versucht die

Beschreibung von Anteil und Struktur der Gewaltdarstellungen in deutschen

Fernsehprogrammen, also des Angebotspotentials.

Eine weitere Untersuchung im Auftrag der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-

Westfalen behandelt dann die Wahrnehmung von Medien- und nicht medialer Gewalt

durch Jugendliche und ihre Einbettung in den Alltag (1993).

Die Verknüpfung beider Analysen schließlich erlaubt weitergehende Schlußfolgerungen

über den Zusammenhang zwischen dem Medienangebot und dessen Verarbeitung durch

den Zuschauer.

Um den Stellenwert des Angebots im Wirkungs- und Interaktionsprozeß mit dem

Zuschauer einordnen zu können, wird zunächst der Stand der Forschung zur

Mediengewalt beschrieben: Im ersten Teil die Wirkungsdebatte, im zweiten Teil

internationale Analysen zur Gewaltverteilung im Programm. Die Methodenkapitel

befassen sich mit der von uns benutzen Gewaltdefinition sowie Aufbau und Durchführung

der Studie. Die Ergebnisse schließlich sind unterteilt in die Beschreibung der Häufigkeiten

aggressiver Darstellungen im deutschen Fernsehen und in die der Qualität und Struktur

dieser Darstellungen.

Anmerkung: Nicht zuletzt nach ersten Teilveröffentlichungen der Ergebnisse unserer

Studie hatte es zahlreiche Reaktionen in Medien und Politik gegeben. Inzwischen haben

einige Anbieter erklärt, die Gewalt im Programm reduzieren zu wollen. Von daher geben

die im Ergebnisteil beschriebenen Häufigkeiten einen - wenn auch repräsentativen -

Ausschnitt für einen bestimmten Zeitraum wieder. Inwieweit es seitdem tatsächlich eine

quantitative oder qualitative Veränderung in den TV-Programmen gegeben hat, und in

welche Richtung sie gegangen ist, müßte in jeweils aktualisierten Analysen geklärt

werden.

2. Der Stand der Wirkungsforschung

2.1 Die Forschungsstrategien

Es ist an dieser Stelle unmöglich, die Gesamtheit aller Veröffentlichungen zum Thema

Mediengewalt auch nur einigermaßen repräsentativ wiederzugeben. Vermutlich handelt

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es sich bei diesem „Klassiker“ der Medienforschung um ein Problemfeld, zu dem die

Anzahl der weltweit publizierten Studien fünfstellig ist. Allein für den deutschen und

angelsächsischen Bereich sind mehr als 5000 Artikel und Bücher systematisch erfaßt,

schon seit Beginn des Jahrhunderts wird zu dem Thema geforscht. So stellte man z.B. in

Inhaltsanalysen aus den 20er und 30er Jahren fest, daß vier von zehn amerikanischen

Spielfilmen damals Morde zeigten (Dale, 1935). Der Boom allerdings kam mit der

Verbreitung des Fernsehens in den fünfziger und sechziger Jahren. In dieser Zeit wurden

auch die bislang immer noch besonders einflußreichen Theorien zum Thema entwickelt

(s.u.). Heute geht man von einer Wechselbeziehung zwischen den Eigenschaften des

Programms und denen des Zuschauers aus.

Für die entsprechenden empirischen Analysen lassen sich die folgenden

Forschungsfelder unterscheiden, die dann in der Zusammenschau zu einer differenzierten

Sichtweise beitragen:

– Inhaltsanalysen über den aggressiven und bedrohlichen Gehalt von Medienangeboten.

– Wirkungsforschung über die kurz- und langfristigen Konsequenzen besonders für

Aggression, Angst und Weltbildprägung.

– Systematische Studien, die die Wechselbeziehung zwischen Medien- und

gesellschaftlicher Gewalt thematisieren (auch: Strukturelle Gewalt).

– (damit z.T. verbunden:) Einbettung der Mediengewalt in die Erlebniswelt des Alltags.

– Leider bislang deutlich seltener: Bedürfnis- und Motivationsuntersuchungen: Warum ist

Mediengewalt beliebt?

– Spezielle Themen wie Gewaltpornographie, Horrorvideos und Terrorismus.

– Metaanalysen: Welchen Stellenwert haben die Gewaltstudien selbst in der

Mediendebatte?

Statt allerdings eine Integration der unterschiedlichen Bereiche und Ansätze anzustreben

und Wissenschaft pluralistisch zu verstehen (jeder systematische Befund hat erst einmal

einen Erkenntnisbonus, den es dann zu überprüfen gilt), wird häufig ein

Ausschließlichkeitsdenken vertreten: Entweder - oder. Dabei können je nach Kontext

völlig unterschiedliche Prozesse ablaufen. Eine differenzierende Integration, soll in den

folgenden Abschnitten versucht werden.

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Für weitergehende systematische Übersichten sei verwiesen auf entsprechende

Veröffentlichungen, z.B. von Groebel und Winterhoff-Spurk (1989), Deutsche

Forschungsgemeinschaft (1986), Kunczik (1987), international von Gunter und McAleer

(1990), Huesmann und Eron (1986), Comstock (1991) und Huston et al. (1992).

2.2 Der Wirkungsbegriff

Auch ohne wissenschaftliche Beweise sind - wenn auch meist nicht nach einem simplen

Reiz-Reaktionsmuster gestrickt - Wirkungen eine der Grundfunktionen der Beziehung

zwischen Medien und Nutzern. Wenn ich nach einer Nachrichtensendung mehr weiß als

vorher, wenn ich mich nach einer Show besser (oder schlechter) fühle, wenn ich durch

das Telekolleg gebildet bin oder auch, wenn mein Kind nach einem brutalen Trailer nicht

schlafen kann: gewirkt hat's, auch wenn diese Wirkung unterschiedlich lange anhält.

Schon etymologisch gesehen ist es dabei ein Mißverständnis, Wirkung mit negativer

Wirkung gleichzusetzen und ihre Existenz generell in Frage zu stellen. Auch die Tatsache,

daß die Gewaltdebatte schon so alt ist wie die Medien selbst, ist kein hinreichendes

Gegenargument. Die Diskussion muß sich immer auf die jeweils aktuellsten Formen und

Inhalte beziehen.

Wirken kann allerdings jedes Medium nur, wenn es auch genutzt wird. Zu fragen ist also

zunächst einmal, welche Motive zum Konsum von Gewaltdarstellungen führen. Denn

Motivation und Wirkung sind in Interaktion miteinander zu analysieren.

2.3 Motive zum Gewaltkonsum

Unbestritten und auf absehbare Zeit wohl kaum zu ändern ist die Tatsache, daß

Aggression oder zumindest Action im Programm eine hohe Massenattraktivität besitzen,

für viele erst einmal interessanter sind als komplizierte prosoziale Inhalte. Unter den von

Kindern favorisierten Programmen führte „Knight Rider“ zum Beispiel lange Zeit vor der

„Sendung mit der Maus“ oder „logo“ die Hitliste an. Eine japanische Studie mit zwei- bis

dreijährigen Jungen und Mädchen zeigt, daß - vor die Wahl gestellt - schon diese

Altersgruppe die Trickfilmgestalt eines Taugenichts („Yadamon“) lieber sieht als „liebe“

Figuren. Nun könnte man annehmen, daß hier ein spontanes angeborenes Bedürfnis

nach gewaltsamen, bösen Darstellungen, ähnlich dem von Freud und Lorenz postulierten

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Aggressionstrieb eine Rolle spielt. Drastisch formuliert: Früher gab es öffentliche

Hinrichtungen, heute braucht man eben Mediengewalt.

Tatsächlich gibt es bisher keine Belege für solche rein biologisch bedingten

Gewaltinstinkte, die ohne Umwelteinfluß ausbrechen würden. Kürzlich konnten wir in einer

Bestandsaufnahme der genetischen, anthropologischen und psychologischen bis hin zur

soziologischen Forschung zeigen, daß ein entsprechender umweltabhängiger Instinkt

evolutionär nicht sinnvoll wäre und die empirischen Befunde eher für ein komplexes

Wechselspiel aus biologischen Anlagen und Umwelterfahrungen sprechen (Groebel &

Hinde, 4989). Dabei kommt auch Gewaltdarstellungen ein vergleichsweise hoher

$tellenwert zu: Es ist durchaus sinnvoll, auf Gefahrenreize und Bedrohungsiiformationen

zunächst mit Aufmerksamkeit zu reagieren - entwicklungsgeschichtlich, um z.B. Flucht-

oder Verteidigungsmaßnahmen ergreifen zu können.

Die weitergehende „Lust“ am Anschauen von Aggressionen ist aber erst durch

Berücksichtigung anderer Faktoren zu erklären, die in der Kindheit erworben wurden oder

situational bedingt sind. Zugleich korrespondieren diese Faktoren direkt mit dem

jeweiligen Wirkungsmodus. Zu nennen und dieser Differenzierung auch von der

Forschung bestätigt sind hier:

– Sozialisationserfahrungen und rituelle Gewohnheiten

– Orientierungs- und Informationsinteresse

– situationale Anregungssuche

– Persönlichkeitseigenschaften/Risikosuche.

Zu den Sozialisationserfahrungen: Im Schnitt schätzen Jungen im Vergleich zu Mädchen

Mediengewalt mehr. Dies entspricht ihrer früh sozialisierten Rollendefinition, ohne daß

dabei biologische Faktoren auszuschließen wären, und äußert sich beim konkreten

Nutzungsverhalten in einer Art Mannbarkeitsritus, Aushaltenkönnen von Horrorszenen,

Identifikation mit den Helden (während sich Mädchen häufiger mit den Opfern

identifizieren), verbalem und motorischem „Mitgehen“. Allerdings ist hier in den letzten

Jahren eine Zunahme der Gewaltpräferenz auch bei Mädchen festzustellen - Indikator für

eine Rollenannäherung? Zunächst aber helfen aggressive Programme mit, vor allem die

männliche Rolle zu bestätigen.

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Eher geschlechtsunabhängig sind die Orientierungs- und Informationsbedürfnisse. Sich

über mögliche drohende Gefahren zu informieren, aber auch sich zu vergewissern, daß in

der unmittelbaren Umgebung noch alles in Ordnung ist, ist ein Hauptmotiv für den

Konsum von Nachrichtensendungen und dokumentarischen Programmen.

Überzeichnungen und eine Überrepräsentation von Gewalt führen aber da7,u, daß z.B.

Kriminalitätsraten und entsprechend die Gefahr für den Normalzuschauer bei weitem

überschätzt werden (Comstock, 1991).

Dem Unterhaltungs- und Entspannungsbedürfnis entspricht die situationale

Anregungssuche. Der amerikanische Forscher Dolf Zillmann konnte in zahlreichen

Experimenten zeigen, daß je nach Gefühlslage und physiologischem Ausgangsniveau

Zuschauer „instinktiv“ das richtige Programm auswählen. Vereinfacht formuliert: Wer den

ganzen Tag unter starkem Streß stand, übererregt ist, sucht ein ruhiges, entspannendes

Medienangebot; wer physiologisch „unterversorgt“ war, wendet sich aufregenden, dabei

eben auch häufig aggressiven und actionbezogenen Inhalten zu. Dies ist nicht ganz so

trivial, wie es zunächst erscheint, denn auch hier läuft offenbar ein komplizierter

Wechselprozeß ab. Ähnlich der physiologischen Anpassung an eine schneller werdende

Umwelt gibt es wohl auch bei den Medien ein Einpendeln auf die jeweils durchschnittliche

Action; um dann darüberhinaus noch aufregend sein zu können, müssen stärkere Reize

gesucht werden. Dies mag erklären, warum extreme Horrorvideos einen solchen Erfolg

haben, bzw. im Fernsehen „immer brutalere“ Bilder zu sehen sind: die frühere normale

Fernsehkost ist hier schon zu harmlos.

Gewaltdarstellungen erfüllen die medienspezifischen Voraussetzungen des Besonderen,

der Action, der „starken“ Bilder. Vor der bewußten Verarbeitung wird durch die mit Gewalt

meist verbundene Bewegung und Dramaturgie eine physiologische Reaktion, eine

erhöhte Erregung ausgelöst. Sofern diese ein - individuell unterschiedliches - Maximum

nicht überschreitet, wird sie als angenehm empfunden.

Allerdings können hier auch im Vorfeld schon Bewertungsprozesse mit ins Spiel kommen,

die durch den normativen Kontext, Rollensozialisation oder eigene Erfahrungen

mitgesteuert werden. So bewerten Frauen im Vergleich zu Männern aggressive

Programme durchgehend als wesentlich weniger attraktiv. Das „Angenehmsein“ setzt sich

also zusammen aus der körperlichen und einer bewertenden Reaktion. Die Funktion von

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aufregenden Darstellungen besteht dann, wie es Dolf Zillmann beschrieben hat, darin, für

einen physiologischen Ausgleich bestehender körperlicher Zustände zu sorgen.

Die benötigte Intensität der Aufregung hängt auch von vermutlich angeborenen bzw. sehr

früh erworbenen Persönlichkeitseigenschaften ab. So gibt es unterschiedlich ausgeprägte

Reizsuchetypen. Dies bedeutet: während physiologisch bedingt ein Teil der Menschen

starke Umweltreize braucht, um sich einigermaßen wohl zu fühlen, ist einem anderen Teil

schon eine vergleichsweise leichte Stimulanz zuviel. Auch hier können sich die erwähnten

Anpassungsprozesse vollziehen, der Gesamtlevel steigt im Schnitt an, die relativen

Unterschiede zwischen den Personen bleiben aber konstant.

Ein Reinhold Messner braucht verkürzt formuliert stärkere Abenteuerreize als ein Eremit.

Mit anderen Worten, es gibt unterschiedlich ausgeprägte „Reizsucher“ (sensation

seekers), die je nach physiologischer Anlage ihr Maximum schon bei relativ schwachen

oder eben erst bei sehr starken Reizen erreichen. Dabei ist ein (durch Sozialisation

erworbener?) Bereich die Risikosuche. Wir haben uns mit diesem

persönlichkeitsspezifischen Aspekt, der Erlebnissuche durch Medien (Groebel, 1989),

näher befaßt.

In den genannten eigenen Untersuchungen (Groebel, 1989) fanden wir den

entsprechenden Typus des Risikosuchers neben dem des Reizsuchers in sozialen

(Geselligkeiten, Öffentlichkeit) und in intellektuell anregenden (Beschäftigung mit

Wissenschaft und Kultur) Situationen. Natürlich gibt es auch Mischtypen.

Für Gewaltdarstellungen ist nun interessant, daß die Persönlichkeitstendenz Risikosuche

im Fernsehen auf entsprechende Angebote trifft und dadurch zunächst „zufriedengestellt“

werden kann. Dennoch ist dies nicht mit einer kompensierenden oder gar therapeutischen

Funktion gleichzusetzen. Über die Zeit hinweg tritt nämlich eine Gewöhnung an starke

(aggressive) Reize ein und es werden noch stärkere Reize benötigt, um wieder den phy-

siologischen „Ausgleich“ herzustellen. Von Sucht oder Abhängigkeit sollte man in diesem

Zusammenhang noch nicht sprechen, sehr wohl aber von einer Spirale aus (immer)

extremerem Angebot und noch weitergehenden Reizbedürfnissen.

Da neben der physiologischen Stimulation aber auch gewaltsame Inhalte vermittelt und

durch die hohe Aufmerksamkeit besonders gut gelernt werden, könnte eine alternative

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Programmkonsequenz darin bestehen, die Action im Gesamtprogramm weniger steil

ansteigen zu lassen, vor allem aber häufiger von den sozial unerwünschten Inhalten zu

entkoppeln. Zwei Hypothesen sind nämlich bislang nicht widerlegt: Nicht-actionhaltige

Erlebnisund Informationsangebote z.B. von Lehrern würden immer weniger konkur-

renzfähig. Die im Programm häufig selbstverständliche Verbindung von Erlebnis und

Gewalt verhindere, daß auch „friedliche“ Inhalte als „actionfähig“ angesehen würden.

Hierbei muß es nicht um eine kulturpessimistische Beschwörung der guten alten

pädagogischen Form gehen, gerade die Aufgeschlossenheit gegenüber formalen

Innovationen könnte eine Alternative zur Gewalt bieten: für Programm und Pädagogik.

Insgesamt sind also vor jeder Wirkungsmöglichkeit erst einmal der Zugriff und die

zugrundeliegenden Dispositionen - Persönlichkeit, Umwelt, Situation - entscheidend. Je

nachdem, wie erfolgreich die entsprechenden Motive durch Mediengewalt befriedigt

werden, besteht ein Effekt auch darin, daß diese Motive verstärkt werden und beim

nächsten Mal mit größerer Wahrscheinlichkeit erneut zum Konsum aggressiver

Darstellungen führen.

Auf die unterschiedlich zusammengesetzten Bedürfnisse reagieren die Anbieter. Dabei

geht es wohl auch um simple Kosten-Nutzen-Berechnungen. Bei der Unterhaltung ist

Gewalt häufig mit soliden Einschaltquoten verbunden, in Großbritannien 1989 angeblich

eine sogar durchschnittlich um 25 Prozent höhere Sehbeteiligung im Vergleich zu nicht-

aggressiven Programmen. Dabei ist sie noch relativ billig herzustellen oder (im Paket)

einzukaufen. Schießereien, Prügelszenen, Autoverfolgungsjagden erfordern bei

einfacheren Produktionen keine ausgefeilte Verfeinerung der Drehbücher, keine großen

schauspielerischen Leistungen, keine komplizierte inhaltliche Dramaturgie, und dennoch

wird hingeschaut, sogar mit besonderer Aufmerksamkeit. Was dabei US-Importe angeht:

Gewalt ist eine „Universalsprache“.

Die dramaturgische Erfolgsgarantie wird zum Teil auch für Nachrichten benutzt. So sind

die hohen Gewaltanteile an den Meldungen kein Zufall (siehe auch Schulz, 1976).

Natürlich sind Unruhen, Krieg und Kriminalität berichtenswerter als „wieder nur Frieden in

Waldhagen“. Häufig wird aber Gewalt wohl auch als Anziehungsfaktor unabhängig vom

vermuteten Informationsgehalt eingesetzt. Sie macht visuell mehr her, besteht aus

kamerafreundlichen schnellen Bewegungen und bietet eben einfach höheren Ner-

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venkitzel. Berühmtes Beispiel ist die friedliche Demonstration, aus der die Schlägerei am

Rande herausgepickt wird. Zwar war hier seit der Geiselnahme in Gladbeck eine Zeitlang

ein heiklerer Umgang mit dem journalistischen Codex zu verzeichnen gewesen, doch ist

das Gewaltbild zum Teil immer noch attraktiv, man greift auch in der Berichterstattung

routiniert darauf zurück, nicht zu vergessen Beispiele aus dem sogenannten „RealityTV“.

2.4 Die Wirkungstheorien

2.4.1 Die „klassischen“ Ansätze

Zu den meist zitierten theoretischen Ansätzen zur Erklärung der Mediengewaltwirkungen

gehören unter anderem die folgenden:

• Imitations- bzw. soziales Lernen

In der ursprünglichen Fassung dieses Ansatzes von Albert Bandura wurde davon

ausgegangen, daß im Fernsehen gesehene aggressive Verhaltensweisen mit großer

Wahrscheinlichkeit direkt im Anschluß nach geahmt werden. Vor allem bei Kindern

wurden entsprechende Handlungen beobachtet, und diese reine Imitation der Motorik

aggressiven Verhaltens läßt sich bei Kleinkindern nach wie vor feststellen. Auf

Erwachsene allerdings ist dieses Modell weniger gut anwendbar. Ein reines Reiz-

Reaktions-Muster ohne Berücksichtigung von Bedürfnissen, Kontext und Bewertung ist

- von vielleicht wenigen Ausnahmen abgesehen - im Alltag nicht wahrscheinlich.

Allenfalls werden in Einzelfällen Habitus, gewaltsame Techniken oder Erscheinungsbild

(„Rambo“) von Vorbildern übernommen und bis hin zu kriminellem Verhalten nachgeahmt.

Bei Kleinkindern ist zudem Imitation auch von Fernsehfiguren als eine erste

Übernahmereaktion spezifischer aggressiver Verhaltensweisen eine

Sozialisationsmöglichkeit.

Der Ansatz wurde bis in die neunziger Jahre hinein weiterentwickelt und ausdifferenziert

und stellt in den aktuellen Fassungen ein besonders überzeugendes Erklärungsmodell

für die Beziehung zwischen Mediengewalt und Zuschauerreaktionen dar: Danach bieten

Medien (besonders in Bereichen, in denen eigene Erfahrungsmöglichkeiten weitgehend

fehlen) Informationen über die Welt und Kategorien („Skripts“) an, die vom Zuschauer

ins eigene Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Verhaltensrepertoire übernommen

werden. Konkret: Wenn gehäuft aggressive Problemlösestrategien angeboten werden,

nicht aggressive im Programm viel seltener vorkommen und gleichzeitig entsprechende

Alltagserlebnisse fehlen, entwickeln besonders Vielseher ähnliche (aggressive)

Wahrnehmungsmuster, die in entsprechenden Situationen auch in Verhalten umgesetzt

werden können.

• Frustration-Aggression-Ansatz

Die Bedeutung der umgebenden Situation stellte Leonard Berkowitz heraus: Allein ein

aggressives Programm reicht für aggressive Reaktionen noch nicht aus: Es wird erst

dann als Verhaltenssignal wirksam, wenn der Zuschauer bereits durch frühere

Frustration(en) Ärger empfindet, der dann durch das Fernsehen in aggressive Richtung

kanalisiert wird.

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• Erregungsübertragung

Anders interpretiert Dolf Zillmann die gleiche Situationsabfolge: Der durch Frustration

aufgebaute Ärger ist verbunden mit physiologischer Erregung, die normalerweise

allmählich abgebaut würde. Aggressive Darstellungen haben in der Regel eine

physiologisch erregende Dramaturgie, und so wird der durch Frustration aufgebaute

Zustand weiter aufrechterhalten, die entsprechende Erregung dann als Aggression

interpretiert und eventuell in konkretes Verhalten umgesetzt. Nach diesem Modell sind

zwar aggressive Sendungen ein möglicher Faktor, aber auch andere, z.B. erotische und

Werbeprogramme mit physiologischer Anregung können zu ähnlichen Konsequenzen

führen.

• Katharsis-Hypothese

Eine entgegengesetzte Position zu den oben genannten ersten beiden nahm lange Zeit

Seymour Feshbach ein. Frei nach der aristotelischen Katharsis-Idee ging er davon aus,

daß Fernsehaggression stellvertretend eigene Aggressionen des Zuschauers ableite

und letztendlich reduziere. Auch wenn allerdings diese These in der Öffentlichkeit

immer noch als Beleg für die vermeintliche Widersprüchlichkeit der Wissenschaft herangezogen

wird: Sie ist seit mehr als 20 Jahren kaum mehr empirisch belegt; und vor

allem geht Feshbach selbst heute eher von einem aggressionssteigernden Effekt des

Fernsehens aus. Berichte, die immer noch mit Katharsis operieren, beziehen sich also

auf einen Diskussionsstand von vor mehr als 20 Jahren, der heute überholt ist (siehe

Feshbach in Groebel und Winterhoff-Spurk, 1989, und auch die deutsche Diskussion

der Katharsis-These, u.a. bei Lukesch, 1989).

• Inhibitionsthese

Eine - plausiblere? - Interpretationsvariante für die mögliche Aggressionssenkung durch

Gewaltdarstellungen bot ebenfalls Feshbach an: Danach wird zunächst durch

aggressive Szenen tatsächlich ein aggressiver Impuls ausgelöst, der dann allerdings

durch in der Erziehung gelernte Angst vor Bestrafung unterdrückt wird. Geringere

Gewaltbereitschaft ist dann eher eine Folge von (vorübergehender?) Angst vor der

eigenen Aggression als echter Abbau.

• Habitualisierung und Desensibilisierung

Während die bislang genannten Modelle sich besonders auf kurzfristige Effekte

bezogen, wird heute die eigentlich problematische Konsequenz von Mediengewalt in

langfristigen Wahrnehmungs-, Einstellungs- und Verhaltensänderungen gesehen. So

fanden Forscher wie Leonard Eron und Rowell Huesmann über 20 Jahre hinweg einen

zwar nicht starken, aber stetigen Zusammenhang zwischen aggressivem

Fernsehkonsum und tendenzieller Gewaltbereitschaft bei den gleichen Personen.

Fernsehen hatte z.T. schon bestehende Einstellungen zumindest verstärkt. In mehrwöchigen

Experimenten von Linz mit erwachsenen Männern und Frauen, die jeweils

extreme Gewaltvideos gehäuft sahen, stellten sich zumindest bei den Männern

signifikante Gewöhnungen und „Abstumpfungen“ gegenüber Gewalt mit Frauen als

Opfern ein. So wie heute argumentiert wird, daß immer extremere Bilder (auch in

Nachrichten) notwendig sind, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erzielen.

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Gerade für diesen Aspekt der Häufung von Gewaltbildern sind grundlegende

Informationen über Qualität und Quantität der entsprechenden Programmstrukturen

notwendig, wie sie in diesem Bericht vorgestellt werden.

Eine Variante längsschnittlicher Analyse stellt unsere eigene Nachfolgestudie (1993) dar,

bei der ähnliche Altersgruppen von Jugendlichen im Generationsvergleich mit 17-

Jahresabstand (1975 und 1992) auf Mediengewalt-Wirkungen hin untersucht werden.

Auch die folgenden drei Bereiche können mittlerweile schon als „Klassiker“ der

Wirkungsdebatte bezeichnet werden:

• Ängstliche Weltbilder

Während oben die Abstumpfung, gar das Zulassen oder das Propagieren aggressiven

Problemlösens angesprochen wurde, kann eine weitere Folge kumulierter

Mediengewalt die Verstärkung oder Entwicklung ängstlicher Weltbilder sein. Wenn die

Welt jenseits des eigenen Erfahrungsbereichs ständig als bedrohlich dargestellt wird,

verwundert es nicht, daß langfristig auch die Gefahr für das eigene Leben vom

Zuschauer deutlich überschätzt wird. Forscher wie George Gerbner haben, methodisch

nicht immer unumstritten, entsprechende Bezüge festgestellt. Angst, so eigene

Analysen von Jo Groebel, wird langfristig zumindest bei Vielsehern verstärkt -

besonders bei Kindern, die keine alternativen, positiven Erfahrungen machen (s.u.).

• Verarbeitung mit Hilfe von Fernsehdarstellungen

Besonders neuere qualitative Ansätze zeigen, daß Kinder und Jugendliche Fernsehen

auch zur Verarbeitung eigener Erlebniswelten benutzen. Dies ist eine wichtige Funktion

der Medien, widerspricht aber nicht der Annahme, daß dabei auch aggressive

Weltbilder verstärkt werden können.

• Gesellschaftliche Strukturen, kollektive Gewalt und Medien

Viele Makroansätze beschreiben die Rolle der Medien als Widerspiegel (latent)

gewaltsamer Strukturen der Gesellschaft. Sicher ist es plausibel, die

Rahmenbedingungen für konkrete aggressive Verhaltensweisen einzelner zu

analysieren. Dies ist jedoch nicht eine Entweder-Oder-Frage - beide Ansätze können

parallel entwickelt werden.

Resümee zu den „klassischen" Ansätzen

Eine zwangsläufige Wirkung aggressiver Darstellungen in eine einzige feststehende

Richtung nach einem Erklärungsmodell gibt es nicht: Je nach Zuschauermerkmalen und

-kontext sind entweder geringe oder auch stärkere (mit je unterschiedlichen Richtungen)

Zusammenhänge zwischen Programmangebot und Einstellungen und Verhalten zu

vermuten, ein Abbau von Gewalt ist dabei nicht wahrscheinlich. Feststeht zudem, daß

Kinder im Zweifel eher offen sind für Wirkungen als Erwachsene.

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Weitgehende Übereinstimmung besteht in der Forschung also darüber, daß

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Gewaltdarstellungen mit einem Wirkungsrisiko verbunden sind. Zwar gibt es die

konsequenzlose Entspannungsfunktion von Krimis oder eine noch stärkere Ablehnung

von Gewalt durch Empathie mit den (gezeigten) Opfern, als pauschales Therapeutikum

gegen aggressives Verhalten aber sind vor allem fiktive Gewaltfilme wohl nicht geeignet.

Kein „Aggressionstrieb“ wird durch gewaltsame Szenen abgebaut. Nahezu alle Forscher

gehen von einem Risiko nicht-erwünschter Konsequenzen von Mediengewalt aus

(amerikanische Umfrage unter rund 500 Experten von Bybee, 1982 in Comstock, 1991;

Zusammenfassung bei Signorielli & Gerbner, 1988; in Deutschland u.a. als quantitativ

orientierte Forscher: Kunczik; Lukesch; als qualitativ orientierte: Schorb & Theunert;

Kübler).

Allerdings gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Intensität dieser

Konsequenzen. Das Spektrum reicht von einer Bestätigung vorhandener Aggressionen

bis zur Erzeugung von kriminellen Aktivitäten (Glogauer).

Immer noch die eine „Beweis“-Studie zu fordern, geht dabei an der wissenschaftlichen

Realität vorbei: Die Belege für die Richtung des Wirkungspotentials von

Gewaltdarstellungen sind so zahlreich, daß von Wissenschaftskonsens gesprochen

werden kann. Unter welchen Bedingungen und wie intensiv Wirkungen auftreten, ist die

Frage, die in Teilen noch weiter zu erforschen ist.

2.4.2 Kurz- und langfristige Prozesse

Welche zeitlichen Prozesse laufen ab? In der schon erwähnten Theorie des „sozialen

Lernens“ von Albert Bandura (siehe dazu auch seinen Beitrag in Groebel und Winterhoff-

Spurk, 1989) beschreibt der Autor die Wirkung von Gewaltdarstellungen als Prozeß

sozialen Lernens durch Beobachtung. Dabei gibt es sowohl die kurzfristige Wirkung im

Sinne einer direkten Verhaltensimitation als auch die längerfristige Übernahme

„aggressiver Kategorien“ ins eigene Wahrnehmungsrepertoire. Je nach den äußeren

Umständen (Ähnlichkeit zwischen Medien- und realer Situation; Fehlen von

Verhaltensalternativen) können in diesem letztgenannten Fall auch sehr viel später noch

Verhaltensmuster ausgelöst werden, deren Ursprung im Medienvorbild liegt. Dabei ist die

Wirkungswahrscheinlichkeit der Medien umso größer, je weniger eigene konkrete

Erfahrungen mit entsprechenden Alltagssituationen vorliegen. Bei jüngeren Kindern sind

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dann eher Medieneinflüsse zu erwarten als bei Erwachsenen mit einer schon weitgehend

abgeschlossenen Sozialisation.

Allerdings wird mit zunehmendem zeitlichem Verlauf die Situation komplexer, wird man

immer weniger von eindeutigen Wirkungen sprechen können. Mehr Einflüsse kommen ins

Spiel, eigene Erfahrungen, das soziale Milieu, die Familie. Angemessener ist dann der

Begriff „Wechselbeziehung“ oder „Interaktion“ innerhalb des Systems aus persönlichen,

sozialen, medialen und gesellschaftlichen Komponenten. Dennoch, ohne damit

monokausale Zusammenhänge zu unterstellen, jede einzelne Komponente und eben

auch die Medien sind an dem Gesamtsystem und seiner Entwicklung beteiligt. Konkret:

Gewaltdarstellungen führen nicht automatisch zu kriminellen Handlungen (von Einzelfällen

einmal abgesehen), sie tragen aber zur Propagierung von Gewalt mit bei, stellen sie als

selbstverständlich dar und verstärken im Kanon mit anderen Faktoren ein gegenüber

Gewalt offeneres/toleranteres gesellschaftliches Klima.

Diese Sichtweise wird bestätigt durch die seit langem überfällige Metaanalyse eines

großen Teils der mehreren tausend Studien zum Thema Fernsehgewalt. Comstock (1991)

stellt in der Aktualisierung einer Analyse von Hearold (1986: „A synthesis of 1043 effects

of television an behavior“) fest, daß das Wirkungsbild sehr viel eindeutiger ist als in der

Öffentlichkeit und auch in manchen Lehrbüchern häufig dargestellt. Fast alle bislang

wissenschaftlich sauber durchgeführten (d.h. empirisch kontrollierten) Untersuchungen

demonstrieren einen kurzfristig eindeutigen Verhaltenseffekt von Fernsehgewalt und eine

längerfristig zumindest noch überzufällige Korrelation zwischen der Menge der

Fernsehgewalt und aggressiven Tendenzen.

Zwei Ergebnisse sind dabei besonders bemerkenswert:

– Imitation von (antisozialen) Fernsehvorbildern findet bereits bei 14 Monate alten Kindern

statt und zeigt sich auch noch in einer entsprechenden Situation 24 Stunden nach

Zeigen des Modells. Beleg also für die Übernahme von Fernsehverhaltensweisen ins

eigene Repertoire schon (oder gerade) bei sehr jungen Kindern.

– Trickfilme haben bei ebenfalls jungen Kindern (zwischen 2 und 5 Jahre alt) sogar

besonders hohe Verhaltenseffekte. Sie nehmen nämlich entwicklungspsychologisch

bedingt noch gar nicht die vielbeschworene erwachsenen-ähnliche Trennung zwischen

Realität und Fiktion vor, auch wenn sie die visuellen Unterschiede benennen können.

Zugleich werden sie durch die Cartoon-spezifische Machart besonders stark

angesprochen. Immerhin belegen laut Metaanalyse die Studien mit insgesamt 51 ver-

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schiedenen Trickfilmangeboten den im Vergleich besonders hohen Einfluß auf

aggressive Imitation (durchschnittliche statistische Effektgröße .41).

Auch für die längerfristige Übernahme aggressiver Wahrnehmungen können Trickfilme

nicht von vornherein als von den anderen Genres völlig unabhängiges Angebot

angesehen werden. Zum einen zeichnen sich viele (z.B. japanische Action-)Cartoons

durch eine sehr naturalistische Darstellung der Personen aus, zum anderen bleibt auf der

allgemeinsten Generalisierungsebene auch der Trickfilm-Angriff eine Aggression und wird

in das Gesamtrepertoire gewaltbezogener Wahrnehmungen mitaufgenommen (siehe

Ergebnisse der kognitiven Psychologie zu „Basiskategorien“ und zum automatischen

Verarbeiten sowie zur Prägung aggressiver TV-Wahrnehmung, Langley, 1992).

Dieser Befund weist also ebenfalls in die Richtung, daß neben der Analyse der Effekte

einzelner Angebote auf einzelne Verhaltensweisen auch die Gesamtheit/die Häufung des

aggressiven Programms einen wichtigen Stellenwert hat.

2.4.3 Die Wirkungsmodi

Auf welchen psychologischen Ebenen wirkt nun Mediengewalt überhaupt? Während die

klassischen Studien vor allem konkretes antisoziales Verhalten (meist von Kindern) als

Folge aggressiver Darstellungen analysieren, stehen heute negative Einstellungen,

negative Bewertungen jeweils anderer Gruppen (z.B. von Frauen durch Männer),

Desensibilisierung und Permissivität gegenüber Gewalt im Vordergrund. Hinzugekommen

ist als ebenfalls wahrscheinliche Konsequenz von gezeigter Gewalt, die eben auch

Bedrohung sein kann, das Entstehen von negativ geprägten Weltbildern (siehe oben und

den nächsten Abschnitt). Genau wie bei der Motivation sind hier die psychologischen

Modi der Wirkungsprozesse zu unterscheiden: physiologisch, emotional, kognitiv, sozial.

Physiologisch wirkt neben dem Inhalt von Medienaggression besonders deren spezifische

formale Aufbereitung. Die Dramaturgie der Action-Szenen, deren Aufbereitung durch

Schnitt, Kameraführung, Musik-/Geräuschkulisse ist dazu angetan, beim Zuschauer einen

sofortigen Anstieg des Erregungslevels auszulösen. Zwar ist diese Erregung noch nicht

identisch mit einer aggressiven Reaktion, doch reicht danach ein vergleichsweise gering-

fügiger Anlaß, wie zahlreiche Experimente gezeigt haben, um genau diese Erregung als

Ärger in eine negative Richtung zu lenken. Ein falsches Wort des Partners kann nach dem

Krimi eine „deutlichere“ Reaktion auslösen als es in einer physiologisch weniger

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stimulierenden Situation der Fall wäre. Zugleich wird bei einer nicht zu extremen Erregung

die Aufmerksamkeit gegenüber dem Inhalt erhöht, also die mit Action verpackte Botschaft

besser behalten als eine harmloser daherkommende. Auf den längerfristig

wahrscheinlichen Wechselprozeß zwischen Anregungsbedürfnis und Gewöhnung auf

höherer Erregungsebene ist bereits hingewiesen worden. Bleibt zu erwähnen, daß hier

vielleicht auch die Kompensation des Mangels an Erlebnismöglichkeiten in der konkreten

Umwelt von Kindern und Jugendlichen eine Rolle spielen kann.

Mit der physiologischen Seite verknüpft sind die emotionalen Wirkungen von

Mediengewalt. Offensichtlich sind bei jüngeren Kindern und besonders bei Mädchen

Schock- und Angstreaktionen. Hier scheint es schon fast naiv, wenn Erfahrungen mit

Märchen ungeprüft auf extreme Horrorvideos übertragen werden. Die assoziierten Bilder

gelesener oder erzählter Märchen kann ein Kind selbst steuern, kann sie nach eigener

Kapazität verarbeiten. Anders die detailgenauen Darstellungen extremer Quälereien, die -

übereinstimmend nach allen Untersuchungen - zum Teil noch Wochen später bei den

Kindern präsent sind. Zudem werden Fernsehprogramme - anders als Märchen -

wesentlich intensiver genutzt. Recht gut empirisch belegt ist auch, daß die gefühlsmäßige

Ausstattung der Kinder durch Eltern und Familie ein entscheidender Einflußfaktor ist.

Jungen und Mädchen, die in einem emotional eher ablehnenden Klima aufgewachsen

sind, scheinen empfänglicher für die aggressiven Botschaften vieler Programme zu sein

und werden so in ihren Grundgefühlen - Aggression oder Angst - verstärkt.

Ähnlich eingebettet in den familiären und vor allem auch kulturellen Kontext sind die

kognitiven Wirkungen auf Denkstrukturen, Weltbilder (siehe dazu u.a. Winterhoff-Spurk,

1989) und Umweltwahrnehmungen. Ist die konkrete Umgebung schon vergleichsweise

gefährlich - so zeigen unsere eigenen kulturvergleichenden Studien u.a. in Deutschland,

USA, Israel, Polen und Australien - dann verstärken die Medienberichte die Einschätzung,

daß Gewaltanwendung nötig ist, um in der Welt erfolgreich bestehen zu können. Die

dramaturgische Verdichtung der Ereignisse spielt dabei für die Wirkung eine

entscheidende Rolle. Umgekehrt erzeugt aber in Ländern mit einer vergleichsweise

geringen Gewaltrate in der direkten Umwelt die Häufung aggressiver Darstellungen eine

Überschätzung der Bedrohung durch Kriminalität und politische Gewalt. Bereits ängstlich

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dispositionierte Personen werden in der fatalistischen Einschätzung ihrer Umwelt noch

bestärkt.

Eine Hypothese sei hier gewagt: Langfristige Wirkungen der Medien bestehen auch darin,

daß in den emotionalen und kognitiven Reaktionen Unterhaltung und Information

zusammenlaufen. Was z.B. in aggressiven Unterhaltungsserien vom aufgeklärten

Zuschauer (sicher jedoch nicht vom Vorschulkind) richtig als fiktiv identifiziert wird, kann

später durch Kumulation als latente Wirkung zu einer Einschätzung einer Situation als

gefährlich beitragen. Die einzelnen Quellen dieser Einschätzung sind nach einiger Zeit

nicht mehr identifizierbar, so wie auch ein hoher Anteil an unseren Handlungen

automatisch mitgesteuert wird. D.h., wir verhalten uns zwar umweltangepaßt, kontrollieren

aber dennoch nicht jederzeit jedes Handlungsmotiv und jedes einzelne Handlungsdetail.

Für diesen Automatismen steuernden Erfahrungshintergrund müßte die Rolle der Medien

noch näher analysiert werden. Eine erste Untersuchung dazu beschreibt der folgende

Abschnitt.

2.4.4 Vermischung von Fiktion und Realität

Schon Mitte der 70iger Jahre hatten wir in einer Längsschnittstudie über drei Jahre

herausgefunden, daß Fernsehgewalt bestehende aggressive und ängstliche Tendenzen

mindestens verstärkt (Untersuchung von Groebel und Krebs). Besonders interessant in

diesem Zusammenhang: Über den Mehrjahreszeitraum vermischten sich eigene und

fiktive (TV) Erfahrungen (bei hoher persönlicher Relevanz des Themas Gewalt und

Bedrohung) und trugen gemeinsam zu ängstlichen Umwelterwartungen bei (Groebel,

1982). Unsere Interpretation: Die Gesamtheit aller Fernseheindrücke wird also of-

fensichtlich auch weiterverarbeitet und führt zu „diffusen“ Weltbildern. Gibt es einen hohen

Bedrohungsanteil im Programm, dann ist dies zumindest Eingangsvoraussetzung für die

Entwicklung bedrohlicher Weltbilder oder auch - ebenfalls empirisch belegt - der

Annahme, Aggression sei ein angemessenes Problemlösungsmittel. Immer allerdings in

Interaktion mit anderen Informationsquellen und Erfahrungen, wobei der Grad des Einflus-

ses von der Dominanz (Menge und Intensität) gegenüber den jeweils anderen Quellen

abhängt.

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2.4.5 Internationaler Wirkungsvergleich

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Der Umbruch in Ost- und Westdeutschland mit den 1992 vielberichteten Gewaltakten u.a.

gegen Ausländer: Ein Zusammenhang mit Mediengewalt? Eine vorsichtige Antwort

erlaubt möglicherweise die international vergleichende Studie, zu der auch unsere

deutschen Ergebnisse in Beziehung gesetzt werden konnten (Groebel, 1988). Bei dem

Sieben-Länder-Vergleich (Australien, Finnland, Israel, Niederlande, Polen, USA,

Deutschland) über drei Jahre zeigte sich, daß in keinem Land die Aggression von Kindern

durch Mediengewalt abnahm. Allerdings mußte auch eine pauschale Wirkungsannahme

ohne Berücksichtigung des kulturellen Kontexts widerlegt werden. Die Zusammenhänge

und Einflüsse zwischen Gewaltdarstellungen und antisozialem Verhalten fielen sehr

unterschiedlich aus. Und dennoch: Zwei Faktoren ließen die Wahrscheinlichkeit einer

Medienwirkung ansteigen: Menge des Fernsehangebots mit einem hohen Anteil an

Gewaltdarstellungen (vor allem USA) und kulturelle Heterogenität. Konsequenz vor allem

auch für die Situation in Ost- und Westdeutschland: In dem Maße, in dem bestehende

normative Rahmenbedingungen in Frage stehen und Werteunsicherheit herrscht, sowie

„positive“ Modelle für soziales Zusammenleben in der konkreten Umwelt fehlen, nimmt die

Orientierungsfunktion des Fernsehens zu. Wenn dann einfache und durch die

Dramaturgie besonders auffällige Konfliktlösungs-Modelle angeboten werden, kann

zumindest eine Verstärkung und Kanalisierung schon vorhandener Aggressions- (oder

Angst-)Tendenzen die Folge sein. Monokausalität ist dann zwar immer noch nicht

gegeben, aber die Medien sind am Gesamtprozess zentral beteiligt. Auch weil mit der

Selbstverständlichkeit von Gewalt im Programm gerade nicht mehr das Abschreckende

und das Leiden im Vordergrund stehen, sondern sie als zunehmend normal angesehen

wird und man sich daran gewöhnt. Die Masse „neutralisiert“ dann die wichtige

Einzelinformation.

Gewaltdarstellungen sind sicher nicht ursächlich schuld an Jugendgewalt und Kriminalität.

Immerhin mag mindestens für öffentlich diskutierte Gewalt, z.B. derzeit gegen Ausländer,

aber auch das zutreffen, was einmal der britische Publizist und Politiker Cruise O'Brian

über Angehörige der IRA eher rhetorisch gefragt hat: Vor die Wahl gestellt, ein Leben als

„armes Würstchen“ ohne Job und ohne jede Anerkennung zu führen, oder durch

Gewalttaten öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen und „wichtig“ zu sein, wie würden Sie

sich entscheiden? Medien bieten eben „politischen“ Akteuren die Möglichkeit, durch

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Gewaltakte ein großes Publikum zu erreichen; Terrorismus und Krawalle sind, so das

Resümee einer gemeinsamen Studie mit der Harvard Law School, erfolgversprechende

Gewalt-PR-Maßnahmen.

2.4.6 Aggression oder Angst als Medienkonsequenz

Wann führt nun dasselbe Medienangebot („aggressiv“ ist ja für viele Zuschauer auch

„bedrohlich“) einmal zu aggressiven und einmal zu ängstlichen Zuschauerreaktionen und

in welcher Beziehung stehen die so erzeugten/verstärkten beiden Verhaltenstendenzen

zueinander? Es ist auch dafür naheliegend, die personalen und situativen Merkmale vor,

während und nach dem Medienkonsum als steuernd anzusehen. Das Geschlecht ist von

vornherein ein wichtiger Moderator: Männer haben durchweg die höheren Aggressions-,

Frauen die höheren Angstwerte. Weitere Faktoren sind hier relativ feststehende

psychologische Merkmale der Person, zum Beispiel hohe Aggressivität, hohe

Neurotizismuswerte und geringes Selbstwertgefühl. Für diese letzte Variable zeigten

Ergebnisse von Groebel, daß sie wiederum mit den Geschlechtsrollenvariablen

interagiert: Jungen mit höherer Angst hatten gleichzeitig eine niedrigere positive

Selbsteinschätzung, und beide Faktoren zusammen führten zu einem höheren

Fernsehkonsum. Vitouch fand, daß angstneurotische Rezipienten mit hoher Angstabwehr

gleichzeitig besonders stark angsterregende Fernsehinhalte aufsuchten. Beide

Ergebnisse können wie auch weitere Befunde amerikanischer und deutscher Studien im

Sinne der Eskapismusthese (Problemflucht) interpretiert werden.

Schließlich spielt die Wahrnehmungs- (Ausgangs-)Struktur eine Rolle: Die jeweils eigenen

in der konkreten Umwelt gemachten, aber auch die bei Verhaltensmodellen beobachteten

Erfahrungen bestimmen mit, mit welchen Erwartungen der Zuschauer an den

Medieninhalt herangeht. Im Zweifel ist er von vornherein so gepolt, daß er selektiv die

Elemente wahrnimmt, die die vorhandenen Wahrnehmungen bestätigen. Der ängstlich

disponierte Zuschauer nimmt im brutalen Film primär die bedrohlichen Elemente war, der

aggressiv gestimmte in erster Linie die aggressiven; bzw. beide interpretieren jeweils die

gleichen Elemente entsprechend spezifisch und finden so ihre Ausgangsbewertung

bestätigt. Ein karikierendes Bild dafür ist das Ehepaar, das gemeinsam vor dem

Bildschirm sitzt; er empfindet offensichtlich mit Genuß gestisch und mimisch die

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dargestellte Schlägerei nach, sie schaut entsetzt weg, muß aber ab und zu doch noch

einmal hingucken (die Rollen mögen häufig auch umgekehrt verteilt sein).

2.5 Übersicht über die Wirkungsebenen

Insgesamt lassen sich nun die in diesem Kapitel beschriebenen Prinzipien sowie die

Ergebnisse der deutschen und internationalen Studien in eine Taxonomie der Motivation

und Wirkung auf Aggression und Angst im Zusammenhang mit Gewaltdarstellungen

integrieren (siehe auch den vorhergehenden Abschnitt).

Diese Taxonomie (siehe Abbildung 1) unterscheidet vertikal die Ebenen:

Personenbezogene Dispositionen; Motivation; moderierende Faktoren (jeweils

Eigenschaften des Medienangebots und des situativen und kulturellen Kontexts);

Wirkungen (jeweils kurzfristig und langfristig) und horizontal die Ebenen: psychologisch;

emotional; kognitiv. Zwar können die verschiedenen Ebenen in Interaktion miteinander

stehen, jede weist aber Besonderheiten auf, die nicht zuletzt in empirischen Analysen zu

berücksichtigen sind. Konkreter: Viele dieser Ebenen wurden bereits empirisch analysiert;

angebliche Widersprüche in den Ergebnissen waren dabei häufig auf eine Vermischung

der Ebenen in der Interpretation zurückzuführen.

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2.6 Resümee: Wissenschaftskonsens in der Wirkungsfrage

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Insgesamt sind also Wirkungen und Wechselbeziehungen nicht eindimensional. Es

kommt darauf an, was gezeigt wird, wie es gezeigt wird, wieviel gezeigt wird; wer warum

wie lange in welcher Situation sieht. Scheinbar also eine viel zu komplizierte Situation, um

irgendwelche Konsequenzen daraus abzuleiten. Und dennoch: Gerade durch diese

Differenzierung sind die Risikobereiche auf der Grundlage der Forschung heute viel

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besser einzugrenzen: Kein Zweifel besteht nach der internationalen Forschungslage mehr

daran, daß besonders jüngere Kinder trotz des zum Teil spielerischen Umgangs mit

einzelnen aggressiven Programmen durch Häufung und Intensitat von Mediengewalt in

ihrer Wahrnehmung, ihren Einstellungen und ihrem Verhalten beeinflußt werden. Und

zwar physiologisch, emotional, kognitiv und sozial: Gewöhnung an extremere Reize,

Angst, Weltbild, Aggression. Dies gilt nicht für jedes Kind unter allen Umständen; aber das

Risiko solcher Konsequenzen ist sehr groß und umso größer, je weniger alternative

Erfahrungen gemacht werden und je mehr Gewalt angeboten und konsumiert wird.

Zusammengefaßt lassen sich nun die folgenden Aussagen über die „Wirkungen“ von

Mediengewalt machen:

a)Nahezu keine neuere Studie belegt den Abbau von Aggressionen durch Mediengewalt.

b)Kaum ein Medienangebot allein führt zwangsläufig zu aggressiven oder gar kriminellen

Verhaltensweisen.

c)Verstärkung von Dispositionen ist häufig wahrscheinlicher als eine ursächliche Wirkung.

d)Medien und ihre möglichen Wirkungen sind eingebettet in den jeweiligen sozialen und

gesellschaftlichen Kontext.

e)Kurz- und langfristige Wirkungen können sehr unterschiedlich sein, Aggression aber

auch Angst können mindestens verstärkt werden.

f) Ob und welche Zusammenhänge zwischen Gewaltdarstellungen einerseits und

Einstellung und Verhalten andererseits bestehen, wird stark mitbeeinflußt durch

Personenmerkmale und die persönliche Erlebniswelt des Zuschauers.

g)Je weniger alternative (nicht-mediale) Erfahrungen und Erlebnisse gemacht werden,

z.B. bei extrem vielsehenden Kindern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit des

Medieneinflusses.

h)Neben den Gewaltinhalten spielen auch die Darstellungsformen eine wichtige Rolle.

i) Medienbezogene Bedürfnisse und Konsequenzen sind zu unterscheiden nach den

Bereichen Kognition (Wahrnehmung und Denken), Emotion, Physiologie (körperliche

Erregung) und soziales Verhalten.

j) Auch wenn schädliche Wirkungen von Mediengewalt nicht pauschal beweisbar sind: Es

gibt fast nur noch Indikatoren für ein Wirkungsrisiko. Generelle Harmlosigkeit oder gar

Nützlichkeit der meisten („fiktiven“) aggressiven Darstellungen sind nicht

wahrscheinlich.

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3. Internationale Programmanalysen

In den nächsten Abschnitten werden einige internationale Ergebnisse von

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Programmanalysen vorgestellt. Sie zeigen zum einen den methodischen Zugriff, zum

zweiten die Beziehung zwischen durch den Zuschauer subjektiv beurteilter Gewalt im

Programm und „objektiv“ vorfindbaren Strukturen, ermöglichen zum dritten einen

Vergleich der deutschen Ergebnisse, die im letzten Teil dargestellt werden, mit den

Befunden aus anderen Ländern. Daß dabei amerikanische Ergebnisse besonders

interessant sind, liegt nahe: amerikanische Produktionen sind im deutschen

Programmangebot besonders dominant, nicht zuletzt auch im Hinblick auf

gewaltbezogene Serien. Außerdem ist traditionell ein Schwerpunkt der Gewalt-Forschung

in den USA angesiedelt.

3.1 Kategorien der subjektiven Gewaltwahrnehmung

In jüngster Zeit haben sich etliche deutsche Forscher (unter anderem Theunert und

Schorb, 1992) mit der Wahrnehmung und Verarbeitung von Mediengewalt bei Kindern

befaßt. Sie zeigen, daß Kinder zwar Gewaltdarstellungen zum Teil in ihr Spiel integrieren

und mit eigenen Alltagserfahrungen vergleichen, kommen aber auch zu dem Schluß, daß

etliche Darstellungen angsterregend wirken bzw. für die kindlichen Zuschauer

problematisch sind.

Eine besonders lange Tradition der systematischen Erfassung von Gewaltwahrnehmung

durch Zuschauer besteht in Großbritannien. Dort hat sich Gunter (1985) mit einer ganzen

Reihe von Untersuchungen dazu beschäftigt. In zahlreichen Experimenten analysierte er,

welche Kombinationen von Gewaltdarstellungen allgemein als besonders aggressiv

angesehen werden, bei welchen der Zuschauer glaubt, daß sie für andere besonders

drastisch sind, und schließlich, welche Kombinationen von Darstellungen einen selbst

besonders verstören. Die von ihm gefundenen Dimensionen waren dabei unter anderem

Fiktionalität gegenüber Realität, Rolle des Aggressors (z.B. Krimineller gegenüber

Vertreter des Gesetzes), Geschlecht, Art der Gewalt, Schadensintensität, und

physikalischer Kontext (z.B. drinnen, draußen, tags, nachts). Diese Dimensionen werden

auch in unserer eigenen Analyse erfaßt. In der Gunter-Analyse zeigt sich aber bereits,

was in der Zuschauerbewertung als besonders drastisch wahrgenommen wird:

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Bei der allgemeinen Einschätzung der Schwere von Gewalt sind es die folgenden

Faktoren:

– Handlungskontext aufs eigene Land bezogen

– Aggression wird von Vertreter des Gesetzes ausgeübt

– Aggressor ist männlich

– die Form der Aggression besteht aus Schießen oder Stechen - tödliche und schwere

Verletzungen

– Aggression findet im Innenraum statt.

Eine ähnliche Konstellation ergibt sich auch bei der Einschätzung dessen, was auf andere

Menschen verstörend wirkt.

Etwas abweichend zeigt sich die Struktur der wahrgenommenen Gewalt, wenn es darum

geht, was einen selbst besonders betrifft. Hier spielt die Rolle des Aggressors, also

Vertreter des Gesetzes oder Krimineller, eine geringere Rolle. Allerdings sind es vor allem

Männer, die als gewaltsam empfunden werden, und auch Schießen tritt bei der eigenen

„Betroffenheit“ gegenüber einem Angriff mit Messern und Stichwaffen zurück.

Insgesamt werden „realistische“ Formen, wie sie z.B. auch beim sogenannten „Reality-

TV“ vorkommen, als besonders schwerwiegend eingeschätzt.

Zugleich zeigt auch diese Studie wieder, daß besonders Vielseher intensiver von der

Gewaltwahrnehmung im Programm betroffen sind.

Bereits in einer früheren Untersuchung über die Zuschauerwahrnehmung der

Fernsehgewalt hatte ein britisches Autorenteam zum Teil ähnliche Dimensionen wie

Gunter gefunden (Howitt und Cumberbatch, 1974). Sie fanden als wichtige Faktoren der

Zuschauerbeurteilung die folgenden:

– Realismus der Darstellung

– Gewaltintensität

– sozialer Status der Akteure - Legitimation der Aggression

– Ungewöhnlichkeit der Darstellung

– Rolle der Frau

– Identifikation mit den Darstellern

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– emotiale Interaktion

– Humor und Aktivität

– Rolle gesetzlicher Institutionen.

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Ein grundsätzliches Problem der Beurteilung und Wahrnehmung von aggressiven Filmen

und Programm durch den Zuschauer ist die Einbettung in einen

Gesamtbedeutungskontext. Hier sind unterschiedliche Verarbeitungsmechanismen

angesprochen. Zum einen wurden in den meisten Analysen aggressive Akte als

individuelle Darstellungen gewertet, auch wenn es um die Interpretation der

Gesamtsituation durch die Zuschauer ging, zum anderen wird aber häufig gefordert, daß

sich der Gesamtkontext und die Gesamtbedeutung einer aggressiven Handlung erst in

der Interpretation vieler, auch nicht-aggressiver Szenen erschließen würden. Dies ist

sicher richtig, auf der anderen Seite muß man aber auch hier wieder unterscheiden

zwischen der Aufnahme von einzelnen Fakten über die Welt und deren Interpretation, mit

anderen Worten, zwischen „Einzeldaten" einerseits und prozeduralem Wissen und vor

allem auch den emotionalen Eindrücken, die einzelne Bilder haben, andererseits. Die

Bedeutung von Programmen und deren Interpretation sind nicht ausschließlich abhängig

von einem gesamten Handlungsverlauf. Vielmehr konstituieren gerade intensive einzelne

Bilder einen Zusammenhang „im Kopf des Zuschauers“. Dies gilt umsomehr, je mehr

alternative Bedeutungsmuster fehlen, wie es besonders bei jüngeren Kindern der Fall ist.

Entwicklungspsychologische Studien zeigen nämlich durchgehend, daß gerade die

besonders aufmerksamkeitserregenden Szenen zur Interpretation einer Handlung und

generalisiert der Welt hinzugezogen werden. Von daher scheint es nach wie vor

gerechtfertigt, auch auf der Ebene der einzelnen aggressiven Szene und der einzelnen

aggressiven Darstellung eine Interpretation der Bedeutung für den Zuschauer

vorzunehmen. Dies gilt besonders, da offensichtlich das kontinuierliche Anschauen eines

vollständigen Films seltener geworden ist, man vielleicht sogar beim Zuschauerverhalten

von einer Verlagerung weg von der „Story“ hin zum „Einzelbild“ sprechen kann.

Die Untersuchungen zur subjektiven Wahrnehmung von Mediengewalt bieten eine gute

Möglichkeit der Kategorienbildung auch für eine „objektive“ Analyse. Einige der eben

genannten Dimensionen u.a. von Gunter wurden auch in unserer eigenen Studie

berücksichtigt. Zugleich wird deutlich, daß es doch eine größere Korrespondenz zwischen

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„objektiven“ Inhaltsanalysen und den Untersuchungen der subjektiven Wahrnehmung gibt.

Mord wird auch von den Zuschauern durchgängig als besonders intensive Aggression

kodiert, hier zeigt sich sowenig Interpretationsspielraum, was denn Mord überhaupt sei,

wie in den Inhaltsanalysen, bei denen die Zuschauerurteile nicht berücksichtigt wurden.

Allgemeiner kann man davon ausgehen, daß es durchaus einen Konsens in der

Wahrnehmung gibt: Alltags- und wissenschaftliche Kategorien weichen nicht voneinander

ab.

3.2 Inhaltsanalysen

Zu den bekanntesten „objektiven“ Inhaltsanalysen von Gewaltdarstellungen gehören

spätestens seit den frühen 70er Jahren die sogenannten „violence profiles“ von George

Gerbner und seinen Kollegen, die inzwischen fast jährlich in den Vereinigten Staaten

durchgeführt werden. Auch wenn die Kategorien von Gerbner und vor allem seine

Schlußfolgerungen zum Teil lange Zeit umstritten waren, scheinen zumindest die

Aussagen über extremere physische Gewaltformen gerade auch durch den Vergleich mit

anderen Studien inzwischen als relativ zuverlässig gelten zu können. Schwieriger sind

Gerbners Wirkungsaussagen, da zum Teil seine Vergleiche von Inhaltsanalysedaten mit

Ergebnissen aus Umfragen statistisch nicht optimal ausgewertet wurden. Dennoch läßt

sich auch hier sagen, daß ein (wenn auch nicht zwangsläufig ursächlicher) Einfluß von

Mediengewalt auf Angst auf der Basis seiner Analysen zu belegen ist.

Zu seinen Ergebnissen. Nicht eingegangen werden soll dabei auf die sogenannten

Aggressions-Indizes. Gewichtungen unterschiedlicher Aggressionswerte haben immer

das Problem der Art der statistischen Verknüpfung. An dieser Stelle sei vor allem

berichtet, was Gerbner und andere Wissenschaftler in weiteren Ländern an

Durchschnittszahlen von Gewalt im Programm fanden. Generell unterscheiden Gerbner

und seine Mitarbeiter dabei zwischen der Hauptsendezeit und den Tagesprogrammen am

Wochenende. Dies steht hauptsächlich im Zusammenhang mit den in den USA (und jetzt

auch in Deutschland) üblichen Samstags- und Sonntagsmorgens-Cartoons, in denen

Gewalt gehäuft vorkommt. Zwar handelt es sich dabei um Trickfilme mit vermeintlich

geringerem Wirkungspotential, aber im vorhergehenden Kapitel hatten wir bereits gezeigt,

daß gerade bei Vorschulkindern auch solche Trickfilmaggression Verhaltenseffekte haben

kann.

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In den 70er Jahren lagen die durchschnittlichen Ratings bei 5 physischen Gewaltakten

pro Stunde des amerikanischen Prime-Time-Programms und bis zu 25 physischen

Aggressionen pro Stunde bei den Wochenendprogrammen (Gerbner et al, 1980).

Auch in anderen Staaten hatte man seit Beginn der 70iger Jahre ähnliche Aggressions-

Ratings versucht. Dabei waren allerdings noch 1970 die Anteile von Gewaltfilmen in

manchen Ländern so gering, daß es gar nicht mehr möglich war, Durchschnittszahlen pro

Stunde festzulegen. Dies galt unter anderem für Schweden und Israel.

Halloran und Croll (1972) fanden für Großbritannien in Spielfilmen und Serien einen

Durchschnitt von rund 4 physischen Aggressionen pro Stunde. 1986 wurde von

Cumberbatch und anderen (1987) eine weitere britische Studie durchgeführt, die für die

Hauptsendezeit 2,5 Gewaltakte pro Stunde für den Bereich Fiktion feststellte. Eine

australische Analyse von 1987 ergab 7,4 stündliche Aggressionen in Spielfilmen und

Serien und eine japanische Studie 7 solcher Akte (Iwao et al, 1981).

In den meisten anderen Ländern wurden in den 80iger Jahren 5 bis 6 physische

Gewaltszenen pro Stunde gezeigt. Dies gilt unter anderem für Neuseeland und die

Niederlande. Kanada lag wieder näher bei den amerikanischen Werten mit

durchschnittlich 7 Aggressionen pro Stunde. Spätestens in den 80iger Jahren waren also

international Gewaltdarstellungen selbstverständlich geworden. Zwar gab es hier immer

noch Schwankungen, aber stündlich konnte man zwischen 4 bis 8 Gewaltakte in fiktiven

Programmen sehen.

Ein weiterer Analysezugriff ist die Frage, wieviel Prozent der Programme überhaupt

Gewalt beinhalten. Mit anderen Worten: die Durchschnittswerte beziehen sich auf

aggressive und nicht-aggressive Programme, sagen also noch nichts über das

„Gewaltgenre“ aus. Aus den schon genannten Studien zeigte sich hier, daß die USA und

Japan bei weitem führten mit jeweils fast 80% Anteil von Programmen mit Gewaltbezug

am Gesamtangebot. Neuseeland und Australien lagen jeweils bei rund 65%,

Großbritannien bei rund 55%.

Aus der Vielzahl der internationalen inhaltsanalytischen Studien zur Mediengewalt seien

schließlich einige aktuellere genannt. Dazu gehört eine Untersuchung von Mustonen und

Pulkkinen (1992), die für Finnland einen vergleichsweise „moderaten“ Gewaltanteil von

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durchschnittlich 3,5 Akten pro Stunde fanden. Mit einem spezifischen Aspekt der

Gesamtdebatte befaßte sich eine deutsche Untersuchung von Ingrisch und Lukesch

(1990), die einige Sendungen in Bezug auf prosoziale Verhaltensweisen analysierten. Sie

zeigten, wie schon frühere Studien zur „Sesamstraße“, daß Fernsehprogramme auch ein

prosoziales Potential besitzen, dabei allerdings die Komplexität von Hilfeverhalten nur

schwierig darstellbar zu sein scheint.

Den speziellen Aspekt der Nachrichtengewalt untersuchte unter anderem Johnson (1989).

Er fand für das amerikanische Fernsehen, daß ungefähr die Hälfte aller Berichte mit

Gewalt und Kriminalität zu tun hatten. Interessant eine zu diesem Zeitpunkt (1989) noch

„Ostblock“-Studie über Gewalt in Fernsehnachrichten in Ungarn, der Tschechoslowakei

und der Sowjetunion von Szegal: Das sowjetische Fernsehen zeigte demnach in rund

20% aller Berichte gewaltbezogene Ereignisse, das ungarische in 25% und das tsche-

chische Fernsehen in 35% aller Reports. Inwieweit nach den politischen Veränderungen

(schon diese Analyse hatte im Klima der Umwälzungen stattgefunden) andere Zahlen

erreicht werden und dies Indikatoren für eine liberalere Mediengestaltung ist, wurde

bislang noch nicht analysiert.

Eine Anmerkung sei allerdings in diesem Zusammenhang erlaubt: Wenn gesagt wird, daß

gerade repressive Regimes ein weitgehend aggressionsfreies Programm hätten, so geht

dies an der eigentlichen Wirkungsdebatte vorbei. Niemand behauptet, daß Fernsehgewalt

politisch radikalere Regierungsformen zur Folge hätte. Jedoch ist auch der Umkehrschluß

nicht möglich: hohe Fernsehgewalt gleich friedlichere Regierungsformen. Die Analy-

seebene ist hier vielmehr die physische Gewalt des einzelnen. Strukturelle

Korrespondenzen zwischen Mediengewalt und Gesellschaftsformen müssen sich über

andere Analyseformen erschließen lassen.

Abschließend die aktuellste amerikanische Studie zu Gewaltprofilen von Hickey. Dabei

handelt es sich um eine Analyse vom April 1992, bei der 10 Sender mit ihrem Programm

eines Tages (18 Stunden, von 6 Uhr morgens bis Mitternacht) untersucht wurden, unter

anderem ABC, CBS, NBC, Fox und PBS. Es gab zu diesem Zeitpunkt keine

herausragenden tatsächlichen Gewaltereignisse für die Nachrichten und keine besonders

spektakulär-aggressiven Filme, dennoch wurden an diesem einen Tag 1.846 aggressive

Akte im Programm gezählt. Allein 175 Szenen, in denen Gewalt mit Tod endete. 389

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Szenen zeigten schwere Angriffe, in 362 Szenen kamen Schießereien vor und 673

Szenen zeigten Schlagen, Prügeln und starke Bedrohung. Der Autor fand zusätzlich, daß

neuere Programmformen wie Musikvideos und vor allem sogenannte Reality-TV-Shows

die Gewalt deutlich steigern. Schließlich trugen auch Trailer zu einer gegenüber früher

nochmals deutlichen Zunahme der Fernsehgewalt bei. Über die 10 Sender verteilt wurden

durchschnittlich 100 Gewaltszenen pro Stunde gefunden. Dies entspricht einem Anteil von

10 Gewaltakten pro Sender pro Stunde. Ein Drittel davon entfiel allein auf

lebensbedrohliche Angriffe, Trickfilme waren die gewalthaltigste Form mit allein 471

Aggressionen. Auch hier sei nochmals darauf verwiesen, daß Trickfilme vor allem für 2-

5jährige Kinder, die noch nicht die Realitäts-Fiktions-Unterscheidung vollständig beherr-

schen, „problematisch“ sein können. Gegenüber den Daten aus den 70er und 80er Jahren

ist also in den USA eine weitere Zunahme der Fernsehgewalt festzustellen, nochmals:

nicht zuletzt durch neuere, noch extremer gemachte Programmformen.

International liegen in Bezug auf Gewaltdarstellungen die USA und Japan an der Spitze,

gefolgt von den westeuropäischen Staaten und Australien. Skandinavien und

Großbritannien haben demgegenüber etwas geringere Werte aufzuweisen.

4. Vorgehen bei der Erfassung der Gewalt

4.1 Die Aggressions- und Gewaltdefinition

Bevor man Aggression und Gewalt in irgendeiner Form erfassen will, muß erst einmal

geklärt werden, was überhaupt darunter zu verstehen ist. Zwar gibt es ein

Alltagsverständnis, das bei diesen Begriffen in der Regel von absichtlich schädigendem

Verhalten zwischen Personen ausgeht, doch ist das Problem, ob damit alle Aspekte

hinreichend beschrieben sind.

In der Forschung gibt es ungefähr so viele Aggressionsdefinitionen wie Theorien oder

empirische Ansätze dazu. Noch komplizierter wird es, wenn anders als bei konkretem

menschlichem Verhalten nicht mehr nach Absichten gefragt werden kann, sondern diese

nur mehr oder weniger plausibel unterstellt werden können wie bei der Analyse der

Mediengewalt: Hier reduziert sich die Schlußfolgerung, eine Handlung sei aggressiv, auf

die Beobachtung eines bestimmten motorischen Verhaltens und dessen sichtbare Folgen,

z.B. Umfallen eines Opfers nach einem Schuß. Erschwert wird die Situation noch dadurch,

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daß komplex aufgebaute Motivations- und Absichtsstrukturen über einen ganzen Film für

viele Zuschauer - vielleicht die meisten - heute gar nicht mehr nachvollziehbar sind - sie

„zappen“ sich durchs Programm, bekommen einzelne Szenen, nicht unbedingt aber noch

den ganzen Argumentationsstrang mit. Es ist also interessant, siehe unsere folgenden

Analysen, welche Motive und Absichten in einer einzelnen Handlungssequenz

identifizierbar sind. Kompliziert aufgebaute Filme mit diffiziler Montagetechnik und

zahlreichen Vor- und Rückblenden, siehe z.B. Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“,

erschließen sich auch in Bezug auf die Hintergründe der Gewalt überhaupt nur, wenn man

ihnen von Anfang bis Ende konzentriert folgt. Die Mehrzahl der im deutschen Fernsehen

gezeigten Gewaltdarstellungen dürfte allerdings einfacheren Strukturen folgen.

Auf der Ebene individueller Aggression wird allgemein ein Verhalten dann als aggressiv

bezeichnet wenn erkennbar eine Person oder eine Gruppe von Personen eine' andere

Person oder Gruppe sowie Tiere und Sachen bewußt und mit Absicht schädigt oder bei

einer Handlung eine solche Schädigung in Kauf nimmt (Groebel und Hinde, 1989).

Schädigung muß dabei der Endzustand sein, eine medizinische Operation „schädigt“ zwar

kurzfristig, zielt aber letztlich auf Heilung ab. Bei körperlicher Aggression sind Absicht und

Schädigung (Verletzung) meist vergleichsweise einfach zu identifizieren. Schwieriger ist

es bei verbaler und nonverbaler (Gesten, Mimik) Aggression, bei der die Schädigung

meist eher psychologisch (Kränkung, Demütigung) ist, häufig später eintritt und stärker

der Interpretation von Lautstärke, Wortwahl, Kontext, Mimik und Gestik beider („Opfer“

und „Täter“) bedarf. In den Analysen, s.u., wurde diese Kategorie nur bei unmittelbarer

Eindeutigkeit und direkter Verbindung aus Angriff und Folgen eingesetzt, auch wenn die

mittelbare subjektive Schädigung in der Sicht des „Opfers“ sogar größer sein mag.

Besonders in Medienanalysen wurde bislang verbale/psychologische Aggression nur

selten untersucht (vielleicht aufgrund der schwierigen Erfassung), dabei kann sie für die

mögliche Erzeugung eines aggressiven psychologischen Klimas sehr wichtig sein.

Gerade bei den Anfang der neunziger Jahre verbreiteteren „aggressiven“ oder

konfrontierenden Talk-Shows wäre dies eine interessante Frage.

Ein weiterer Begriff auf der individuellen Ebene ist Gewalt. Er wird synonym mit schwerer

Aggression benutzt.

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Die weiteren Differenzierungen des Aggressionsbegriffs sind auch dem Anhang

(Kategoriensystem) zu entnehmen.

Einen Sonderfall stellt die sogenannte „strukturelle Gewalt“ dar, die als soziologischer

Begriff gesellschaftliche Machtstrukturen, u.a. von Institutionen, als gewaltsam definiert.

Sie ist kaum als einzelne Handlung innerhalb einer Szene zu identifizieren. Allenfalls ist

ein Verhalten Teilsymptom (z.B. als Gewalt gegen Frauen) oder Konsequenz einer

umfassenderen Struktur. Entsprechend wurde sie in den Analysen über die Kombination

aus mehreren Kriterien erfaßt, z.B. als systematische Verteilung bestimmter Täter-Opfer-

Rollen (Beispiel Mann-Frau) zueinander.

4.2 Aggressionsstruktur

Grundlage für die in den vorhergehenden Abschnitten beschriebenen möglichen

Wirkungen oder auch Wechselbeziehungen zwischen Fernsehen und Zuschauern sind

zunächst die Inhalte und Formen des Programms. Dabei spielt auch innerhalb einer

Sendung der Kontext eine wesentliche Rolle: Gewalt in einer Nachrichtensendung wird

anders aufgenommen (und mag sogar die Ablehnung ihr gegenüber verstärken) als die

Action in einer Serie, die vor allem auf schnelle Anregung („Kicks“) angelegt ist. Derzeit

wird allerdings intensiv darüber debattiert, inwieweit sich die verschiedenen Mediengenres

(„Infotainment“) und -formen einander angleichen. In jedem Fall weist Aggression sehr

unterschiedliche Aspekte auf, kann nach verschiedenen Dimensionen strukturiert sein.

Wiederum lag bereits durch eigene Vorarbeiten ein Strukturschema von Groebel (1986)

zur Beschreibung der Bedrohungs- und Gewaltdimensionen vor, das eine Grundlage für

die inhaltsanalytischen Kategorien darstellt. Die Abbildung 2 zeigt dieses Schema.

Nicht jede Handlung ist auf allen Dimensionen zugleich zu beschreiben, bei einigen ist

jedoch gerade auch das Fehlen in der Darstellung von zentraler Bedeutung. So wirkt eine

kontextlose Gewalthandlung vermutlich anders als eine, die scheinbar gerechtfertigt

eingesetzt wird. Wichtig bei allen Analysen ist z.B. auch die Unterscheidung zwischen

destruktiver und instrumenteller Aggression. Bei der destruktiven ist Aggression

Selbstzweck, wird aus „Lust“ oder „Neugierde“ ausgeführt. Instrumentell heißt, daß sie als

Mittel benutzt wird, z.B., um sich zu wehren (reaktiv) oder um ein weitergehendes Ziel zu

erreichen. Die Frage ist, welche dieser motivationalen Konzepte im Fernsehen

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vorkommen. Zeigt das Programm insgesamt Aggression eher als einfaches, immer

ähnlich strukturiertes Phänomen oder in der Differenziertheit, wie sie das Schema

beschreibt, und wie sie wohl auch in unterschiedlichen Situationen zu erwarten ist? Die

einzelnen Kategorien werden im Methodenteil ausführlicher beschrieben.

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5. Die Untersuchung

Insgesamt gibt es bei der Analyse des Angebots von Mediengewalt mehrere

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Zugriffsmöglichkeiten: Zunächst die genaue ganzheitliche Beschreibung einer einzelnen

oder weniger einzelner Sendung(en), die dann mit ihrem Wirkungspotential zum

Zuschauerverhalten in Bezug gesetzt wird/werden. Beispiel wäre hier der Verlauf eines

Krimis mit Spannungshöhepunkten und langsameren Phasen und Aufmerksamkeit und

Reaktion eines Zuschauers darauf. Für einen solchen Einzelfilm könnten dann formale

und inhaltliche Stilmittel verglichen und ihre Verarbeitungspotentiale bestimmt werden;

ebenso ist der Vergleich von Alltagsthemen eines Kindes mit Medienthemen möglich, wie

es in der sogenannten „qualitativen“ Forschung geschieht. Sollten solche Einzelfälle

begründet, exemplarisch und repräsentativ ausgewählt werden, sind sie ein wichtiges

Element im Gefüge eines wissenschaftlichen Mehrebenenvorgehens. Nicht zu

beantworten mit einer solchen Einzelfallanalyse ist die Frage nach der Struktur der

insgesamt in allen Programmen vorkommenden unterschiedlichen Aggressionsformen

und nach der Wahrscheinlichkeit, (z.B. beim „Zappen“) innerhalb einer bestimmten Zeit

auf Gewalt zu treffen. Besonders im Zusammenhang mit der möglichen Schaffung von

Weltbildern ist die Erfassung der Quantität und der Häufung von Aggression im Programm

wichtig, z.B.: In welchen Programmgenres kommt welche Gewaltform wie oft vor? Gibt es

zu bestimmten Tageszeiten einen Aggressionsanstieg?

Letztlich sind beide Analysen des Angebots, ganzheitliche und repräsentative

(quantitative), notwendig, um ein vollständiges Bild der Angebotsstruktur zu erhalten.

Mittlerweile gibt es auch Mischanalysen, bei denen das Publikum selbst die

Aggressionseinschätzung auf der Basis der eigenen Wahrnehmung vornimmt. Ähnliche

Einschätzungen werden dann durch Urteilsübereinstimmungen festgelegt. Der Nachteil ist

hierbei neben forschungsökonomischen Aspekten (eine ganze Woche und mehrere

Sendungen lassen sich so nicht mehr analysieren), daß die möglicherweise auch latent

(?) wahrgenommenen und entsprechend vielleicht wirkenden Programmelemente, wie

komplexere Motive, Indikatoren für strukturelle Gewalt oder auch Schnittfolgen, sich der

direkten „naiven“ Beurteilung entziehen.

Ideal ist von daher eine Forschungsstrategie, die beide Analysearten miteinander

verknüpft: die Untersuchung der Angebotsstruktur über Inhaltsanalysen und die

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Untersuchung der Zuschauerwahrnehmung, -beurteilung und -reaktion über qualitative

und quantitative Befragungen.

Die nach dem hier vorgestellten Projekt zweite Untersuchungsphase leistet genau diese

Verknüpfung. Die Struktur des Angebotspotentials kann dabei direkt in Beziehung gesetzt

werden zur Struktur der (jugendlichen) Zuschauerwahrnehmungen. Die Ergebnisse sind

nach Abschluß dieses Projektteils einer Folgeveröffentlichung zu entnehmen. Allerdings

beginnt auch die hier vorgestellte Inhaltsanalyse nicht beim Punkt Null: Daß Wirkungsund

Interaktionswahrscheinlichkeiten zwischen Gewaltangebot und Zuschauern belegt sind

(auch in eigenen Untersuchungen), wurde bereits beschrieben.

Der konkrete Ablauf der inhaltsanalytischen Untersuchung sah im Überblick

folgendermaßen aus:

Zunächst wurde das Kategoriensystem zur Erfassung aller möglichen Facetten von

Mediengewalt entwickelt.

Mit dem mehrfach getesteten und modifizierten System wurde die endgültige

Programmstichprobe analysiert.

Die aufgezeichneten Programme wurden auf der Basis des Kategorienschemas von

sechs Ratern (= Beurteilern) vercodet und die Daten in eine computerlesbare Form

übertragen. Die Endauswertung bestand vor allem aus deskriptivstatistischen Analysen

über Häufigkeit, Verteilung und Art der Aggression.

Im Überblick:

– Entwicklung der Analysekategorien und des Kodierbuchs für die Inhaltsanalyse.

– Schulung der Beurteiler und Testung des Kategoriensystems an Programmbeispielen

sowie Prüfung der Beurteilerübereinstimmung.

– Ziehung der endgültigen Stichprobe aus dem Programmangebot und Aufzeichnung auf

Video.

Analyse des Programms.

– Datenauswertung.

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5.1 Kategorienschema und Kodierhandbuch

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Die Aggressions- und Gewaltkategorien wurden zum Teil aus den zahlreich vorliegenden

Theorien und empirischen Arbeiten zum Thema abgeleitet. Zusätzlich stellte das

seinerseits auf mehreren theoretischen Ansätzen basierende Strukturschema Aggression

(von Groebel, 1986, s.o.) einen Rahmen dar. Ein Beispiel ist dabei die Unterteilung nach

destruktiver" (also vor allem Selbstzweck-bezogener), „reaktiver" und „instrumenteller"

(z.B. emotionsloser Raubmord) Aggression. Weitere Quellen waren internationale In-

haltsanalysen, frühere eigene deutsche (von Groebel und Roth) Studien und nicht zuletzt

kategoriengenerierende Voranalysen eines Querschnitts des deutschen

Fernsehprogramms vom Frühjahr 1991.

Dazu wurden nach Auftragsannahme durch die Autoren ab März 1991 mehrere dutzend

Stunden per Zufall ausgewählter Programme aller Sender, Genres und Tageszeiten

aufgezeichnet und mit allen sechs Ratern mithilfe des vorläufigen „theoretischen“

Kategoriensystems analysiert. In mehreren Durchgängen wurden die Kategorien am

Material auf Eindeutigkeit hin geprüft, ergänzt und zu jeder Kategorie eine detaillierte

Beschreibung verfaßt, insgesamt so das Kodierhandbuch (siehe Anhang) mit zahlreichen

Beispielen und Abstufungen erstellt. Mit dem fertigen Kategoriensystem und dem

Handbuch wurden schließlich nach umfangreicher Raterschulung noch einmal mehrere

Filme diverser Genres von den Ratern unabhängig voneinander eingeschätzt und die

Ergebnisse miteinander verglichen. Die Urteilsübereinstimmung lag bei .85,

Kategoriensystem und Raterverhalten können also als statistisch abgesichert bezeichnet

werden. Vermutlich auch deshalb, weil auf zu „komplizierte“, zu „subjektive“ oder

abstrakte Kategorien im Interesse der Fragestellung verzichtet worden war (z.B.

„strukturelle Gewalt“) und keine Intensitätseinschätzungen abgegeben wurden. Es ging

um direkt eindeutig erkennbare Handlungsmuster.

Um mögliche systematische Interpretationsverzerrungen auszuschalten, wurde einerseits

das Analysematerial per Zufall auf die Rater aufgeteilt, andererseits wurde die gesamte

Dateninterpretation für den Bericht unabhängig von den konkreten Kategorisierungen

vorgenommen. D.h., es gab keine Einflußmöglichkeit der Berichterstatter auf die konkrete

Datenerhebung (z.B. nach Genre und Sender).

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Die Einschätzung des endgültigen Gesamtmaterials (siehe Stichprobenziehung) wurde

ebenfalls zum Rater--und Eindeutigkeits-Vergleich für per Zufall ausgewählte Bänder

statistisch überprüft. Auch hier lagen die Übereinstimmungswerte bei über .80. In der

Ergebnisanalyse wurden nur die abweichungsfreien Beurteilungen berücksichtigt, bzw.

Abweichungen als „nicht eindeutig“ kodiert.

Das gesamte Schema mit allen Kategorien ist dem Anhang zu entnehmen. Die

wichtigsten Bereiche sind u.a.:

– Art der Aggression, z.B. physische, psychologische (= nicht körperlich schädigende)

Aggression

– quantitative Ausprägung der Aggression, z.B. Erstreckung der Handlung -

Handlungskontext, z.B. Krieg, Kriminalität

– Hintergrund der Aggression, z.B. reaktive (Rache), instrumentelle (z.B. Raubmord) oder

rein destruktive Motive

– Folgen der Aggression, z.B. psychische Schädigung, Körperverletzung, Tod

– Schadensgröße, z.B. Anzahl der Toten

– topographische Einbettung, z.B. Geschehensort, -zeit

– Plazierungsmerkmale, z.B. Vorabendprogramm, Trailer

– senderspezifische Merkmale, z.B. ARD/ZDF-Vormittagsprogramm,

– Genres, z.B. Nachrichten, Spielfilm.

Die natürlich wichtigsten Kategorien sind Aggressionen und ihr Kontext. Dabei liegt der

Schwerpunkt der Analyse auf der Darstellung, d.h. auf dem erkennbaren, direkt sichtbaren

Auftreten von Aggression bzw. Gewalt. Von diesem Gesichtspunkt wurde die Entwicklung

der Kategorien geleitet. Die Rater kodierten in der Analyse nur das, was auch tatsächlich

in der jeweiligen Analysesequenz konkret gezeigt wurde (d.h. explizit sichtbar und hörbar

war). Subjektive Interpretationen oder Hinweise/Merkmale, die sich nur aus dem

Gesamtkontext der Sendung ergeben (z.B. Auflösung eines Mordmotivs zu einem

späteren Zeitpunkt in der Sendung oder in einer nächsten Serienfolge) blieben

unberücksichtigt. Dieses Vorgehen soll vermeiden, daß der Aggressions- bzw.

Gewaltbegriff „inflationar“ gebraucht wird, d.h. zum Beispiel hinter jedem „dynamischen“

Verhalten (wie z.B. mit dem Finger auf jemanden zu zeigen) eine verdeckte Aggression zu

vermuten (wie etwa im Freud'schen Sinne).

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Zudem sind über eine ganze Sendung verteilte Motive vielen Zuschauern gar nicht mehr

unbedingt zugänglich („Switchen“), wichtig ist allerdings der unmittelbare

Handlungskontext, der in einer Sequenz gegeben ist. Er wurde miterfaßt.

Als Aggression wurden nur Handlungen gewertet, die von Personen bzw. von Lebewesen,

die Eigenschaften oder Merkmale von Personen besitzen (z.B. auch von Außerirdischen,

animierten Zeichentrickfiguren, auch wenn diese Tiere sind, wie z.B. „Bugs Bunny“)

ausgehen. „Natürliche“ Aggression von Tieren wurde dagegen nicht berücksichtigt.

Einige Beispiele für aggressive Handlungen:

– Erschießen eines Menschen (wenn eindeutig mit Todesfolge = Mord)

– Schießduell zwischen Cowboys

– Belagerung und Unterbeschußnahme eines Hauses

– Inschachhalten einer Person mit der Waffe

– Schlägerei zwischen zwei oder mehreren Personen

– Zurückstoßen/Rempelei - jemanden gegen seinen Willen abführen - jemanden

anschreien/bedrohen - jemanden mit Chloroform betäuben

Nicht-aggressive Handlung (Beispiele):

– jemanden vor einer drohenden Gefahr wegstoßen/wegzerren

– Boxen als Wettkampf (siehe auch „Sport“)

– Einsatz von Scherzartikeln in eindeutig humorvoller Situation (z.B. Spritzblume u.s.w.)

Insgesamt wurden im Codebuch (siehe Anhang) 25 verschiedene (plus eine „sonstige“)

Formen von Aggression unterschieden und in den Ergebnissen (z.T. zusammengefaßt)

berücksichtigt.

Als „natürliche“ Gewalt im Sinne von Katastrophen, Unfällen, Unglücken gelten alle

Ereignisse, durch die Menschen, Tieren und Gegenständen Schaden zugefügt wird und

die nicht direkte Folge von absichtlichen Handlungen anderer Personen sind.

Dabei wurde unterschieden zwischen: 1) nicht beeinflußbaren Katastrophen (wie z.B.

Sturm, Vulkanausbruch usw.), die auch als „Naturereignisse“ bezeichnet werden können.

Auch wenn menschliche Verantwortung im weitesten Sinne eine Rolle spielt (z.B. bei der

Verursachung des Treibhauseffektes und evtl. damit verbundenen Hitze-, oder

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Kältewellen, oder Dürrekatastrophen), so wurde sie im Falle dieser Analyse nicht

berücksichtigt. 2) beeinflußbaren Katastrophen; dabei handelt sich meist um Unglücke

und Unfälle, die sehr viel direkter und stärker im menschlichen Einflußbereich stehen,

häufig durch menschliches Versagen ausgelöst werden und häufig eine „technische“

Komponente haben (z.B. Schiffsunglück, Zugunglück usw.). Diese „Katastrophen“ wurden

bei einem Teil der Ergebnisse einbezogen, um auch die Darstellung der „gefährlichen

Welt“ allgemein erfassen zu können, bei den Ergebnissen zur Gewalt und Aggression

wurden sie allerdings nicht berücksichtigt (siehe Ergebnisteil).

5.2 Definition der Analyseebenen

Eine grundlegende Frage der Inhaltsanalyse war und ist, wie - in diesem Fall - Aggression

bzw. aggressive Handlungen zu quantifizieren seien. Hier reichen die Möglichkeiten von

der reinen Auszählung der gezeigten Leichen oder der Messung einzelner motorischer

Angriffsbewegungen (häufig als „Fliegenbeinzählerei“ apostrophiert) bis hin zu der eher

ganzheitlichen Erfassung aggressiver Handlungsstrukturen mit unterschiedlichen Gewich-

tungen für verschiedene Aggressionsformen. Die reine „Leichenzählung“ mag zwar für die

Beschränkung auf das - vermutlich emotional wirkende - Einzelbild ausreichen, die

kognitive Komponente aber - Einordnung in einen Handlungs- und Begründungsrahmen -

erfordert eine darüberhinausreichende Erfassung.

Daher wurde Aggression, wie schon beschrieben, mehrschichtig erfaßt: als Teil einer

gesamten Sendung, als Teil einer in sich kontinuierlich verlaufenden Ereignissequenz und

auch als einzelner konkreter aggressiver Akt (z.B. Zuschlagen). Die Gesamtsendung stellt

einen Kompositionsrahmen dar, der häufig auch komplexe Einordnungen erlaubt, die

Ereignissequenz gibt den unmittelbaren Begründungs- und

Konsequenzenzusammenhang für eine spezifische Aggression oder Aggressionsfolge an

(siehe Methoden-Kapitel), während der Einzelakt dem konkreten Zeigen der direkten

motorischen Ausübung der Aggression einschließlich unmittelbarer Vorbereitung/Absicht

und Schädigung entspricht.

Im ersten Auswertungsschritt wurde als Analyseebene die „aggressive Ereignissequenz“

(ES) gewählt, d.h. eine kontinuierlich verlaufende Handlung, die auch die deutlich

gezeigte Vorbereitung und Begründung einer Aggression wie auch deren direkte Folgen

beinhalten kann, aber nicht muß: häufig werden Gewalttaten ohne wirklichen

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Begründungszusammenhang gezeigt. Sie mögen dann als „l'art pour l'art“ oder reines

Stilmittel im Raum stehen (z.B. in manchen Zeichentrickfilmen).

Tatsächlich bildet häufig bei einer ganzen Sendung die Aggression den zentralen

Themenrahmen, z.B. bei Krimis, Science Fiction. Innerhalb dieser Sendungen zeigt

natürlich nicht jede Sequenz eine direkte Gewaltszene. Würde man daher nur die ganze

Sendung als Analyseeinheit nehmen, um die Thematisierung von Aggression inklusive

aller Kontextinformationen zur Grundlage zu machen, so würde sich der zeitliche

Aggressionsanteil am Gesamtprogramm vermutlich noch erhöhen. Allerdings wäre dann

die direkt identifizierbare Gewaltdarstellung weniger zugänglich. Ein wichtiger Indikator ist

immerhin die Anzahl der Sendungen, in denen überhaupt Aggression vorkommt (s.u.).

Die Ereignissequenz ist diejenige Einheit - so die Hypothese -, die einen wenn auch

manchmal nur kurzen Sinnzusammenhang konstituiert. Darüberhinausgehende

Begründungsstrukturen (z.B. über einen ganzen Film) sind in der Regel mit komplexeren

Dekodierungs- und Denkprozessen verbunden und dürften meist das kontinuierliche

Verfolgen einer ganzen Handlung von Anfang bis Ende erfordern. Hier wird es aber noch

schwieriger, besonders das emotionale Wirkungspotential abzuschätzen: sind zum

Beispiel traumatische Bildsequenzen deshalb ohne weitere Konsequenzen, weil ich sie

mit einem erläuternden Text umgebe? Ergebnisse der kognitiven und der

Emotionspsychologie zeigen, daß solche komplexeren Zusammenhangseinordnungen

sehr viel mehr Randbedingungen erfüllen müssen als die Aufnahme einzelner prägnanter

Ereignisse: z.B. höhere Denkkapazität, höhere Motivation etc. Modifizierte

Kontextinformation verhindert also häufig nicht die emotionale Wirkung einzelner Bilder.

Die Analyse erfolgte danach in der konkreten Auswertung auf insgesamt drei

Analyseebenen:

a)Die erste Analyseebene war die Sendung. Sie wurde definiert als abgeschlossener

Programmbeitrag eines Senders und ist in der Programmankündigung als solche

gekennzeichnet (z.B. Tagesschau, Golden Girls, Der Fahnder, Pumuckl usw.). Eine

Sendung wird durch die entsprechenden Kategorien im Block A

„Programmkennzeichen“ (siehe Anhang) differenziert beschrieben.

b)Die zweite Analyseebene war die Ereignissequenz (ES). Sie ist zunächst beschreibbar

als „erweiterter -Kontext“, innerhalb dessen sich eine Aggression bzw. eine Katastrophe

ereignet.

Innerhalb von Nachrichtensendungen ist eine Ereignissequenz in ihrer zeitlichen

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Ausdehnung identisch mit dem jeweiligen Nachrichtenbeitrag, innerhalb dessen eine

Aggression bzw. Katastrophe thematisiert wird. Sie besteht aus der Gesamtheit der

verbalen und visuellen Elemente innerhalb dieses abgeschlossenen

Nachrichtenbeitrags.

Für fiktive Programme (Spielhandlungen) und Dokumentationen gilt: Eine

Ereignissequenz ist definiert als szenische Einheit innerhalb einer Sendung, die sowohl

eine zeitliche als auch eine räumliche Konstanz bzw. Kontinuität aufweist. Eine

Ereignissequenz ist nur am Anfang und am Ende jeweils durch Schnitte definiert,

innerhalb der Sequenz können Umschnitte und Perspektivwechsel vorkommen. Wichtig

ist, daß die Ereignissequenz durch eine „logische“ zeitliche und räumliche Abgeschlossenheit

gekennzeichnet ist.

Beispiel: Ein Mann befindet sich in einem Hotelzimmer, packt seine Koffer, ruft sich ein

Taxi und verläßt schließlich mit seinem Gepäck das Zimmer. In der nächsten Einstellung

geht der Mann durch die Abfertigungshalle des Flughafens zum Flugschalter und kauft

sich ein Ticket. Die nächste Einstellung zeigt einen Mann, der, hinter einer Zeitung versteckt,

„unseren“ Mann beobachtet. Die Kamera wechselt zwei bis dreimal zwischen

Nahaufnahmen dieser beiden Personen hin und her. Als der Mann in Richtung Flugsteig

geht, rennt der zweite Mann plötzlich hinter ihm her, zieht eine Pistole und erschießt ihn.

Der Mörder flieht und wird von einem Sicherheitsbeamten verfolgt, den er ebenfalls erschießt.

Diese Ereignisse innerhalb des Flughafens werden aus wechselnden

Kamerapositionen gezeigt. Die nächste Einstellung zeigt den Mann, wie er durch den

Ausgang läuft und in einem Taxi verschwindet. Die folgende Einstellung zeigt den Chef

des Flughafens, der in seinem Büro mit dem zuständigen Polizeioffizier über den Vorfall

spricht.

In diesem Beispiel beginnt die zu analysierende Ereignissequenz mit der Einstellung, in

der die Hauptperson zum ersten Mal in der Abfertigungshalle des Flughafens zu sehen

ist und endet in dem Moment, in dem der Mörder mit dem Taxi verschwindet. Die

nächste Szene im Büro gehört nicht mehr zu dieser Ereignissequenz. Die zeitliche bzw.

räumliche Kontinuität bzw. Konstanz zeigt sich in der zeitlich logisch und kontinuierlich

ablaufenden Handlung (wenn auch nicht in Echtzeit) und der Unverändertheit des Ortes

(Flughafen), an dem die Handlung stattfindet. Auch ein purer Angriff ohne Zeigen der

Schädigung kann in einer Ereignissequenz vorkommen, wird dann entsprechend

identifiziert. Mord z.B. liegt nur dann vor, wenn in der Ereignissequenz der/die Tote

selbst zu sehen ist oder ganz eindeutig auf den Tod geschlossen werden kann, z.B.

wenn nach einem gezeigten Angriff gesagt wird: „Der ist hin.“ Umgekehrt gilt das

Zeigen einer Leiche zwar als „Tod“, aber nur dann als „Mord“, wenn aus der

Ereignissequenz selbst Absicht und Tat explizit ersichtlich sind. „Mordszenen“ erfüllen

deshalb beide Voraussetzungen: Tatablauf und Schadenseintritt.

Die Analyseebene der Ereignissequenz wurde aufgrund der Überlegung in die

Betrachtung mit einbezogen, daß Aggressionen stets innerhalb eines bestimmten

Kontextes stattfinden. Sie werden vorbereitet, ausgeführt und haben Folgen. Die

Ereignissequenz in der vorliegenden Definition gibt die Möglichkeit, die zumindest im

unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Aggression stattfindenden Handlungen und

Situationen näher zu beschreiben und direkte Vorbereitung und direkte Folgen in eine

zeitliche Relation mit dem eigentlichen aggressiven Akt zu setzen. Die Merkmale von

Ereignissequenzen werden durch die Kategorien in Block B „Ereignissequenz“ (siehe

Anhang) näher beschrieben.

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c)Die dritte Analyseebene bezog sich explizit auf die Darstellung der einzelnen

aggressiven Handlung (AH) bzw. der Katastrophe, des Unfalls, des Unglücks (KAT).

Eine AH bzw. KAT beginnt dann, wenn aus dem Handlungs- bzw. Präsentationskontext

eindeutig ersichtlich wird, daß eine aggressive Handlung oder eine Katastrophe

unmittelbar anschließend erfolgt, d.h. der Angreifer erkennbar absichtlich seine

Aggression beginnt. Sie umfaßt die direkte beabsichtigte aggressive Handlung (z.B.

Schlagen, Schießen, Bedrohung) und den Schadenseintritt bzw. das (die) Ereignis(se),

welche eine Katastrophe ausmachen (z.B. das Brechen eines Staudammes, das

Abstürzen eines Autos über die Klippen usw.). Eine AH bzw. KAT ist beendet, wenn die

aggressive Handlung erkennbar nicht mehr ausgeübt wird und das Zeigen der

Schädigung mit ihren Folgen beendet ist, bzw. die eine Katastrophe ausmachenden

direkten Ereignisse (z.B. Welle schwemmt Haus weg) nicht mehr stattfinden. Ein

„interaktiver“ Zweikampf ist eine AH und wird als „gleichberechtigte“ Konfliktsituation

(gegenüber einer eindeutigen Täter-Opfer-Situation) ausgewiesen. Dabei müssen die

Ausgangschancen z.B. hinsichtlich Bewaffnung, Stärke etc. gleich sein.

Eine AH bzw. KAT wird ebenfalls als beendet angesehen, wenn der Verlauf der

Handlung bzw. der Ereignisse durch eine nicht-gewaltbeinhaltende Sequenz, die

entweder länger als 10 Sekunden dauert oder einen eigenen Inhalt darstellt,

unterbrochen wird. Sind entscheidend neue Personenkonstellationen entstanden (z.B.

anderer Aggressor, neues Opfer usw.), so wird dies als weitere neue AH definiert und

analysiert. In dem oben beschriebenen Beispiel beinhaltet die Ereignissequenz zwei

AH: die erste beginnt mit dem Ziehen der Pistole und dem Schuß auf den Mann, die

zweite AH beginnt mit dem Schuß auf den Sicherheitsbeamten. Beide AH enden dann,

wenn der Schuß bzw. Schußwechsel beendet ist und das Opfer sichtbar am Boden

liegt.

Innerhalb einer Ereignissequenz können eine oder mehrere AH bzw. KAT vorkommen

(siehe Abb. 3). Die Ereignissequenz kann auch (s.o.) mit der AH identisch sein. Die

Abbildung illustriert die Bedeutung der Wahl der Analyseebene. Konkret: Je nach Ebene

kann die Anzahl der Fälle zu-, ihr Zeitanteil am Gesamtprogramm aber gleichzeitig

abnehmen.

Ein hypothetisches Beispiel für ein identisches Angebot mit unterstellter gleicher

Verteilung:

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Sendungsebene

10 Sendungen gleicher Länge, davon 5 mit

mindestens einer Mordszene

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= 50% Zeitanteil am Gesamtprogramm, 5

Fälle

Ebene Ereignissequenz

In jeder Sendung mit Mordszenen jeweils 2

solcher Szenen, auf die jeweils zusammen

die Hälfte der Mord-Sendezeit entfällt = 25% Zeitanteil, 10 Fälle

Ebene Einzelgewalt

In jeder Mordszene zwei Einzelmorde,auf

deren Zeigen wiederum jeweils die Hälfte

der Zeit entfällt = 12,5% Zeitanteil, 20 Fälle

Ebene Opfer

Fallen jedem Mordanschlag zwei Menschen

zum Opfer, die kurz gezeigt werden, dann

z.B. = 6,25% Zeitanteil, 40 Fälle

Entsprechend diesen Ebenen kommt man bei gleichem Sachverhalt zu sehr

unterschiedlichen Zahlen. Für einen Vergleich zwischen Studien ist also in jedem Fall die

gleiche Analyseebene vorauszusetzen.

AH und KAT im eigentlichen Sinn werden durch die Kategorien in Block C „Aggressive

Handlung/Katastrophe“ beschrieben. Die Differenziertheit der kategorialen Erfassung von

Katastrophen (KAT) ist dabei beschränkt auf den thematischen Rahmen sowie die

Feststellung, ob und inwiefern sich die formale Darstellung (z.B. Schnittfrequenz,

Spezialeffekte) der KAT von der formalen Darstellung der gesamten Ereignissequenz we-

sentlich unterscheidet; Katastrophen wurden, sofern nicht ausgelöst durch absichtliche

Aggressionen, nicht als Gewalt definiert und nur in einige explizit ausgewiesene (s.u.)

Auswertungen mitaufgenommen. Bei den „Mordraten“ z.B. wurden sie nicht

berücksichtigt.

Aggressionen im Bereich Sport wurden nur dann kodiert, wenn es sich um

„ungewöhnliche“ Ereignisse handelte. Dies bedeutet, daß Ereignisse, die den „normalen“

Wettbewerbscharakter im Sport ausmachen, nicht berücksichtigt wurden. Dazu gehören

u.a. leichtere Fouls im Fußball, Handball usw., auch wenn diese z.B. mit der roten Karte

bestraft werden. Es gehören auch dazu leichtere Unfälle im Motorsport (z.B. Dreher von

der Fahrbahn, Stürze von Motorradfahrern, Karambolagen ohne schweren Per-

sonenschaden usw.), sowie sämtliche Aktionen im Rahmen von Kampfsportarten (Boxen,

Wrestling, Judo usw.). Ein Ereignis sollte dann kodiert werden, wenn Personen so schwer

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verletzt wurden, daß sie z.B. vom Platz getragen oder mit einem Krankenwagen

abtransportiert werden mußten. Ebenfalls kodiert werden sollten außergewöhnliche

aggressive Handlungen unter den Zuschauern (z.B. Massenschlägerei auf der Tribüne)

oder Ereignisse, die ähnlich wie im Heysel-Stadion zu Katastrophen führten. Dies kam

allerdings im Analysezeitraum nicht vor.

Zusammenfassend muß noch einmal betont werden, daß auch die

Zuschauerwahrnehmung der Intensität von Gewalt natürlich sehr variieren kann. Wir

nahmen nur eine Analyse der Formen und Strukturen der Aggression vor und werteten

deren Häufigkeiten aus, da es nicht um das Wirkungspotential einer einzelnen Sendung

ging. Entsprechend wurde auch auf subjektive Intensitätsschätzungen verzichtet.

5.3 Datenorganisation und Datenverarbeitung

Die oben bereits erwähnte hierarchische Struktur der Analyseebenen und der

Analyseeinheiten wurde in eine ebenfalls hierarchisch gegliederte Datenstruktur überführt.

Auf der obersten Ebene stellt eine Sendung (datentechnisch) einen Fall dar. Für jede

Sendung existieren auf der zweiten Ebene null (wenn in der Sendung keine Katastrophe

oder Aggression vorkommt), eine oder mehrere Ereignissequenzen. Als Fall wird hier

jeweils die einzelne Ereignissequenz betrachtet. Auf der dritten Ebene gibt es in jeder

Ereignissequenz mindestens eine oder mehrere Darstellungen einer aggressiven

Handlung. Dies bedeutet, daß auf jeder der drei Ebenen unterschiedliche Fallzahlen zu

finden sind. Mit Hilfe des Statistik-Programmpaketes SPSSx konnten die Informationen

über Identifikationsvariablen aufeinander bezogen werden, so daß Werte auf einer Ebene

den Fällen auf einer anderen Ebene zugeordnet werden konnten. So wies SPSSx jeder

Ereignissequenz automatisch die entsprechenden Merkmale der Sendung, in der sie

stattfand, zu.

5.4 Stichprobe und Datenerhebung

Es ist ein nahezu unlösbares Problem, vollkommen generalisierbare Aussagen über die

Aggressionshäufigkeiten im Programm zu machen, verfolgt man nicht die Sendungen

über ein ganzes Jahr - bei der Fülle des Angebots ist dies nicht mehr möglich. Eine

gewisse Grundstruktur bieten die Programmschemata, allerdings variieren auch sie durch

redaktionelle Änderungen, jahreszeitenabhängig oder durch besondere politische,

militärische oder sportliche Ereignisse, die dann das übrige Programm dominieren.

47


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1991 gab es etliche solcher Ereignisse. In den ersten Monaten den Golfkrieg, der durch

Live- und Sondersendungen den normalen Programmablauf fast völlig außer Kraft setzte.

Ende August/Anfang September den Moskau-Putsch mit seinen Folgeerscheinungen.

Hinzu kam die „feiertagsintensive“ Zeit im Frühjahr und die regelmäßigen Sport-

Großveranstaltungen. Streng genommen müßte man eine Programmstichprobe über ein

ganzes Jahr streuen. Dabei wären dann Sondereignisse Teil einer übergreifenden

Normalität. Dies war jedoch aufgrund der Vorgaben des Projekts nicht möglich und würde

allgemein wohl auch jeden Rahmen sprengen. Von daher sollte die Stichprobe

weitgehend normale Programmschemata abdecken. Allerdings fiel in den

Erhebungszeitraum (s.u.) der Jugoslawien-Konflikt. Dabei reichte aber die

Berichterstattung insgesamt nicht über die fast immer im Programm vorkommenden

zeitlich begrenzten Sondersendungen (wie z.B. „Brennpunkt“) hinaus. Dies wurde deshalb

als Normalfall gewertet.

Für die Stichprobenziehung war eine weitere Vorgabe, daß Aufzeichnung und Vercodung

unmittelbar aufeinanderfolgen sollten. Die Rater sollten möglichst „naiv“ an die Sendung

selbst herangehen, also möglichst nicht schon durch das frühere Anschauen eines Films

bereits ein Bedeutungskonzept des Gesamtkontexts entwickelt haben. Natürlich läßt sich

eine einzelne Bekanntheit von Inhalten nicht völlig ausschließen, sie wurde aber von uns

kontrolliert, sollte jedenfalls nicht den normalen Programmwiederholungsanteil

übersteigen und vor allem nicht durch die Untersuchung selbst erzeugt werden. Da den

Ratern aber nicht über längere Zeit Fernsehabstinenz aufzuerlegen war (sie stellte sich

wohl nach der Untersuchung vorübergehend von selbst ein), konnte erst nach

Fertigstellung und Testung des Kategoriensystems (s.o.) die Stichprobenziehung

erfolgen.

Als Analysezeitraum wurde eine gesamte Programmwoche pro Sender (ausgewiesen

durch die verschiedenen Programmschemata) zugrundegelegt. Erfaßt werden sollte

allerdings eine „künstliche“ Woche aus einem Gesamtzeitraum von acht Wochen.

Nach den genannten zeitlichen und strukturellen Vorgaben wurde für die Zeit vom 17.06.

bis 11.08.1991 jedem Programmplatz (ausgewiesen durch die Programmschemata der

Sender) pro Tag und Sender eine Zahl zwischen 1 und 8 zugeordnet. Diese Zahl

bestimmte die Woche, in der die Sendung auf diesem Programmplatz aufgezeichnet

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wurde. Durch den Gesamtablauf der Untersuchung (s.o.) fiel die Stichprobe auf Frühling

und Sommer. Zwar war nicht davon auszugehen, daß von Seiten der Anbieter in dieser

Zeit besonders aggressive oder besonders wenig aggressive Programme gezeigt würden

(z.B. nach dem Motto „Wer zu Hause geblieben ist, soll sich wenigstens abreagieren

dürfen.“ Versus „Wir wollen die Daheimgebliebenen nicht noch mehr reizen.“). Dennoch

könnte durch unterschiedliche Programmgewichtungen auch aggressionsspezifisch eine

Verzerrung entstehen. Ein entsprechender möglicher Effekt wurde von uns auf zweierlei

Weise überprüft: Zum einen lag die zur Konstruktion des Kategoriensystems benutzte

frühere Zufallsstichprobe vor (Mai), die die verschiedenen Genres und Sender

berücksichtigt hatte. Hier zeigten sich umgerechnet auf Stunden keine systematischen

Abweichungen. Zum anderen wurden in der Gesamtauswertung auf Sendungsebene

nochmals die Genrehäufigkeiten für November (laut Programmpresse) mit denen des

Stichprobenzeitraums verglichen. Auch hier ergaben sich in der Auszählung für eine

Gesamtwoche keine systematischen Verzerrungen. Innerhalb des Programms war also

nicht von sommerspezifischen Aggressionshäufigkeiten auszugehen.

Ein weiterer Test der Generalisierbarkeit bezog sich auf die Reliabilität der Ergebnisse.

Hierzu wurde das Untersuchungsmaterial selbst per „splithalf“-Verfahren zufällig aufgeteilt

und beide Befunde miteinander verglichen. Sie entsprachen sich statistisch vollkommen.

Bei der Acht-Wochen-Stichprobe wurde explizit in Kauf genommen, auf verschiedene

Programmschemata zu treffen. Der Grund für eine solche Spreizung: Erfaßt man nur eine

einzige kontinuierliche Woche, besteht immer die Gefahr, eine beabsichtigte oder

unbeabsichtigte Ausnahmesituation vorzufinden: Großereignisse (s.o.), zufällig oder

geplant besonders hohe oder besonders geringe Gewalt. Mögliche Verzerrungen in dieser

Richtung werden durch größere Zeiträume und Zufallsauswahl zumindest deutlich re-

duziert. Zudem wird die Generalisierbarkeit gerade durch Einbezug der möglichen

Schemaschwankungen größer. Auf der Grundlage des oben beschriebenen

Stichprobenplans wurden zunächst die Gesamtprogramme von ARD (einschließlich

WWF), ZDF, ARD/ZDF-Vormittagsprogramm, RTL, SAT 1, Tele 5, PRO 7 auf Video

aufgezeichnet und nach Zufallsreihenfolge auf die Rater verteilt. Sofern parallel

zueinander ein bundesweites und ein nordrhein-westfälisches Regionalprogramm

ausgestrahlt wurde, wurden beide Versionen erfaßt. In mehreren per Zufall

49


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vorgenommenen Reliabilitätschecks wurden die Vercodungen aller Rater bei den gleichen

Sendungen überprüft. Die Inter-Rater-Korrelationen lagen wie schon bei der Vortestung

über .8. Auch dies sprach also für die Eindeutigkeit der Ergebnisse.

Insgesamt wurden für alle redaktionellen Programme 44.615 Minuten (= 743 Stunden, 35

Minuten) erfaßt, die sich auf 1.219 Sendungen verteilten.

Werbung als nicht-redaktionelles Programm wurde zwar auch ausgewertet, nicht aber

dem Gesamtangebot eines Senders zugerechnet.

Während beim Teleshopping und den redaktionell-werbe-bezogenen Mischformen von

vornherein keine oder nur sehr geringe Aggressionswerte zu erwarten waren, ist dies von

Werbespots nicht zwangsläufig zu vermuten. In den letzten Jahren wurden international

auch spektakuläre, aggressionshaltige Spots vorgestellt und zum Teil heftig diskutiert. Wir

werteten daher auch die Werbung gesondert aus, kamen - das Ergebnis sei hier vor-

weggenommen - auf insgesamt 5 entsprechende Spots, was übertragen auf alle im

Fernsehen vorkommenden aggressiven Szenen einen Anteil von 0,2% ausgemacht hätte,

also vernachlässigbar schien.

Ähnliches galt für die Regionalschienen der Privaten, auch hier wurde keine Aggression

festgestellt, sie wurden nicht weiter berücksichtigt.

Anders die überregional verbreiteten Produktionen wie „Spiegel-TV“, sie wurden im Block

mit dem jeweiligen Privatsender erfaßt.

Programmtrailer wurden als eigenständiges Element in die Analyse mitaufgenommen

(s.u.), dagegen vermutlich aggressionsirrelevante Zwischenteile, z.B. Programm- und

Impressumstafeln nicht einbezogen.

Weitere Besonderheiten:

ARD und ZDF strahlen an sechs Tagen ein gemeinsames Vormittagsprogramm mit

wechselnden Verantwortlichkeiten aus. Es wurde als eigenständiges Angebot

ausgewiesen. Strenggenommen „verschlechterten“ sich dadurch die „Gewaltquoten“ für

ARD und ZDF, da das relativ aggressionsfreie Vormittagsprogramm nicht von vornherein

anteilig dem Vollprogramm zugewiesen wurde. Allerdings wurden die aus beiden

ermittelten Werte in der entsprechenden Tabelle aufgeführt (s.u.).

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Ein Teil der Stichprobe fiel für RTL in die Zeit der Wimbledon-TennisAusstrahlung. Hier

wurden die entsprechenden Wochentage für andere Zeitpunkte innerhalb des

Stichprobenzeitraums „nachgezogen“. Eine Beeinflussung der Aggressionslevels war

daraus nicht abzuleiten.

Aus technischen Gründen bezogen sich die Ziehungen auf die täglichen Zeiträume 6 Uhr

morgens bis 5 Uhr morgens des nächsten Tages, so daß nur 23 Stunden Programm

erfaßt wurden, also bei Tele5 eine Vernachlässigung von einem Vierundzwanzigstel

darstellten. Beim Sendervergleich müßte dies eigentlich berücksichtigt werden. Die

Programmstruktur zeigte aber, daß sich hierdurch Relationen nicht verändert hätten.

Schließlich ist zu berücksichtigen, daß ARD und ZDF zu diesem Zeitpunkt

Frühstücksfernsehen nach dem Golf-Krieg nicht mehr und als normalen

Programmbestandteil noch nicht ausstrahlten, dagegen hatte RTL eine zeitliche

Ausweitung des Programms begonnen. Von Tag zu Tag variieren zudem bei weniger als

24 Stunden Programm die Sendezeiten. Da die meisten Ergebnisse aber auf relationalen

Aussagen in Bezug auf das eigene Programm eines Senders basieren,

aggressionsrelevante Einflüsse aus den für das Programm insgesamt normalen

Variationen nicht zu erwarten waren, bzw. die meisten Befunde sich auf die Gesamtheit

aller Sendungen bezogen, schließen wir systematische Verzerrungen aus.

Nach den genannten Kriterien verteilten sich die Programmzeiten der einzelnen

überregional verbreiteten Sender für die Analyse wie folgt (in Minuten): ARD (mit WWF-

Vorabendprogramm) 4.999; ZDF 4.640; ARD/ZDF 1.451; SAT 17.362; RTL 8.750; Tele 5

8.425; PRO 7 8.987.

Nicht berücksichtigt waren bei diesen Zeiten die herausgerechneten nicht-redaktionellen

Programmteile (die auch keinen Aggressionsbezug aufwiesen, s.o.), zeitlich erfaßt

dagegen Sparten, die im Analysezeitraum als Teil des Normalprogramms keine Gewalt

aufwiesen, wie z.B. Sport. Sie tauchen nicht als eigene Programmkategorie in den

Tabellen auf (siehe die Definition von Gewalt, die leichtere „Fouls“ und Kampfsportarten

ausschloß).

51


5.5 Datenauswertung

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Nach Übertragung der insgesamt rund 150.000 Rohdaten in computerlesbare Form

wurden u.a. mithilfe des Programmpakets SPSSx die Auswertungen vorgenommen. Sie

bezogen sich weitgehend auf deskriptive Analysen. Auf eine Gewichtung der einzelnen

Aggressionsarten und auf eine Indexbildung wurde verzichtet, da für Bewertung und

Verknüpfungsregeln große individuelle Unterschiede in den Einschätzungen der

Zuschauer zu erwarten sind. Es ging in den Analysen darum, welche Formen von

Aggression wie häufig vorkommen, also z.B. Mord, schwere Körperverletzung usw. Auch

auf voraussetzungsbehaftete (z.B. Linearitätsannahme, Intervallniveau), komplexere

statistische Auswertungsverfahren wurde bewußt verzichtet.

6. Ergebnisse

– Die Ergebnisse gliedern sich in mehrere Stufen:

Analyse des Aggressionsanteils am Gesamtangebot aller Sender.

Dies geschieht auch unter dem Aspekt, daß die Zuschauer häufig nicht mehr einen

einzelnen Sender oder ein Programm über einen längeren Zeitraum nutzen, sondern

sich durch Hin- und Herschalten ihr eigenes Programm zusammenstellen. Gerade

aggressive Szenen haben hier laut vielen Studien schon durch ihren höheren Action-

Anteil einen höheren Aufmerksamkeits- und Verweilwert - vielleicht mit ein Grund dafür,

warum sie im Wettbewerb häufig eingesetzt werden. Andererseits kann durch den

hohen Aufmerksamkeitswert auch eine nur kurze Gewaltszene deutlicher im Gedächtnis

haften bleiben als eine neutrale und zu einer subjektiven Überschätzung ihrer Häufigkeit

im Programm führen.

– Aufteilung nach verschiedenen Formen von Aggression und Gewalt sowie von deren

Kontext, z.B. körperliche Gewalt, verbale Aggression usw.

– Aufteilung nach einzelnen Sendern, Genres und Tageszeiten.

– Wechselbeziehungen zwischen mehreren Faktoren, z.B. Aggressionsform und

Tageszeit.

Analyse der inhaltlichen Struktur der gezeigten Aggression, z.B. emotionaler Kontext,

Begründung, Rolle von Mann und Frau als Täter und Opfer.

6.1 Das Gesamtangebot

Bei der Mehrzahl der Sendungen handelt es sich (1991) um deutsche Produktionen

(60,0%), allerdings mit Schwankungen je nach Sender und Genre. An zweiter Stelle

rangieren (besonders hinsichtlich Serien und Spielfilmen) die US-amerikanischen

Produktionen (25,2%). Dies ist hier insofern interessant, da sich die mit Abstand meisten

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später beschriebenen Geschehensorte für Aggression auf die USA beziehen. Auf eine

Aufteilung der Produktionsländer auf die einzelnen Sender wurde hier verzichtet. Wie

andere Analysen zeigen, sind amerikanische Produktionen (1991) bei den Privaten

deutlich häufiger zu finden als bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Auf die einzelnen Genres entfielen im Gesamtprogramm als Prozentanteil an der

redaktionellen Gesamtzeit: Nachrichten 4,4%; Informations- und

Dokumentationssendungen 9,5%; Spielfilme 23,2%; Serien 27,5%; Show, Musik, Sport

20,0%, Kinder, Jugend- und Vorschulprogramme (außer Trickfilm) 7,0%; Trickfilme 5,7%;

Sonstige 2,7%.

Nicht überraschend ist das Übergewicht der Unterhaltung mit ihren verschiedenen

Formen (Spielfilm, Fiction, Shows, usw.) gegenüber Informationsprogrammen. Ebenfalls

aus den Programmschemata und früheren Analysen bekannt: Durchschnittlich bieten die

Öffentlich-Rechtlichen mindestens doppelt so viele Nachrichten- und

Informationssendungen wie die Privaten.

Umgekehrt ist der Unterhaltungsanteil der Privaten im Schnitt mindestens doppelt so hoch

wie der der Öffentlich-Rechtlichen.

6.2 Der Anteil der Aggression am Gesamtangebot

Insgesamt wurden 2.745 Ereignissequenzen mit irgendeiner als bedrohlich oder aggressiv

kodierten Handlung festgestellt. Auch wenn auf dieser Ebene noch sehr vorsichtig zu

argumentieren ist (auch schwere Bedrohung wurde als Aggression kodiert): Diese

Sequenzen verteilen sich auf insgesamt 582 Sendungen (= 47,7% aller erfaßten

Sendungen) und beinhalten insgesamt 3.632 konkrete einzelne aggressive Akte. Das

macht pro Stunde rund 4,9 Einzelaggressionen (bei 743 Std. Programm) und entspricht

einem Zeitanteil von 2,9% „purer“ Aggression bezogen auf das Gesamtprogramm.

Mit anderen Worten:

In fast der Hälfte; aller deutschen Fernsehsendungen wird zumindest einmal Aggression

oder Bedrohung in irgendeiner Form thematisiert.

Und:

53


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Stündlich werden im deutschen Fernsehen durchschnittlich fast 5 aggressive

Handlungen gezeigt.

Dies sagt noch wenig über spezifische Wirkungspotentiale aus, für die Konstituierung

eines aggressiven Klimas und aggressiver Weltbilder kann es aber mit bedeutsam sein.

Zudem belegen diese pauschalen Zahlen zunächst einmal allgemein, daß Aggression als

Stilmittel einen vergleichsweise hohen Attraktivitätsgehalt hat: Schlagen, Schreien wirken

nach allen einschlägigen Untersuchungen auf physiologische Erregung direkter als z.B.

komplizierte prosoziale Handlungen und eignen sich vermutlich auch daher für eine -

schnelle - Mediendramaturgie.

Zur Struktur einer als bedrohlich wahrgenommenen Welt, wie sie in etlichen Studien als

Folge von gehäuftem Medienkonsum beschrieben wird, tragen Aggressionen zwischen

Menschen, aber auch Unglücke, Unfälle und Katastrophen bei. Die Tabelle 1 zeigt die

Verteilung der in den als möglicherweise bedrohlich empfundenen Sequenzen

vorkommenden Ereignisarten. Aggressive Handlungen dominieren danach eindeutig.

Tab. 1: Verteilung möglicher Bedrohungsinformationen

Anzahl Prozent

aggressive Handlungen 2428 88,5%

beeinflußbare Katastrophen 203 7,4%

nicht beeinflußbare

Katastrophen

114 4,2%

Für die Dramaturgie stellt sich die Frage, in welchen Programmelementen die

Aggressionen und Bedrohungen vorkommen (Tab. 2); dabei ist u.a. auch interessant,

welche Rolle Trailer als aggressive Darstellungen spielen. Im Schnitt werden täglich 13

gewaltsame Trailer gezeigt. Da sie Aggression meist in konzentrierter Form präsentieren

(„Action-Highlights“), wären hier nähere Wirkungsanalysen gerade bei Kindern notwendig.

Aus Tabelle 2 geht außerdem hervor, daß das Gros aggressiver Szenen aus den

Handlungsrahmen Spielfilme und Serien stammt. Allerdings machen Nachrichtenag-

gression und -bedrohung fast 20% aller überhaupt im Gesamtprogramm vorkommenden

entsprechenden Elemente aus. Damit liegt dieser Anteil etwas höher, als ihn Nachrichten

insgesamt am Programm haben. Dies gilt allerdings auch für Spielfilme und Serien, da

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andererseits bestimmte Programmformen (fast) völlig aggressionsfrei sind (z.B.

Kindersendungen ohne Trickfilme).

Tab. 2: Verteilung von Aggression und Bedrohung auf Programmelemente

Anzahl Prozent

als Handlung/Plot 1.960 71,4%

im Nachrichtenbeitrag 517 18,8%

im Vorspann 156 5,7%

im Trailer 93 3,4%

in der Werbung

(Separatauswertung)

5 0,2%

im Abspann 6 0,2%

Ein weiterer wichtiger dramaturgischer Aspekt ist die Art der Darstellung. Die Tabelle 3

demonstriert die Dominanz der „normalen“ audiovisuellen Darstellung, aber auch die

Überrepräsentanz der Trickfilm-Darstellung an der Gesamtheit der aggressiven und

bedrohlichen Inhalte im Vergleich zu ihrem relativen Vorkommen als Genre an allen

Programmen.

Tab. 3: Darstellungsmodus der aggressiven und bedrohlichen Ereignisse

Anzahl Prozent

Audiovisuell 1.847 67,3%

Trickfilm 724 26,4%

Standbild-Grafik 69 2,5%

Auditiv 97 3,5%

Was läßt sich zur Plazierung der Aggression im Handlungsverlauf sagen? Offensichtlich

wird sie besonders häufig als „Aufreißer” oder gar Handlungsauslöser benutzt: Mit der

relativ größten Wahrscheinlichkeit kommt sie im ersten Viertel einer Sendung vor (siehe

Tab. 4).

55


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Tab. 4: Die Ereignissequenz mit aggressiver Handlung beginnt relativiert an der

Länge der Sendung im...

1. Viertel N

%

2. Viertel N

%

3. Viertel N

%

4. Viertel N

%

In welchen Weltregionen, sofern identifizierbar, spielen sich die bedrohlichen Ereignisse

883

36,9

552

23,2

505

21,3

433

18,6

ab? Aus Tabelle 5 geht hervor, daß mit weitem Abstand die USA als Aggressions- und

Bedrohungsort führen (33,6%), viermal so hoch wie Deutschland (7,8%). Dies ist vor

allem auf den hohen Anteil amerikanischer Serien zurückzuführen. Gerade für den

Weltbildaspekt könnte dies heißen, daß der gesamte Programmkontext die USA als

besonders gefährlich erscheinen läßt (sofern nicht durch eigene Erfahrungen

gegenläufige Informationen vorliegen): Wenn die USA gezeigt werden (natürlich

besonders oft in Spielfilmen und Serien), geschieht dies sehr häufig in einem bedroh-

lichen Zusammenhang (= Anteil aggressiver Programme an den Importen).

Tab. 5: Geschehensregion der Bedrohungen und Aggressionen

Anzahl Prozent

Nordamerika 920 33,6%

Restliches Europa 511 18,7%

Deutschland 214 7,8%

All/Universum 204 7,4%

Afrika 138 5,0%

Asien 136 5,0%

Südamerika 67 2,4%

Meer/Ozean 52 1,9%

Schweiz 6 0,2%

Österreich 15 0,5%

Nicht identifizierbar 476 17,4%

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Die Tabellen 6 und 7 zeigen den Aktualitätsgrad der aggressiven Darstellungen. „Früher”

ist eine dabei durch Kleidung, gezeigte Autos usw. erkennbar nicht mehr ganz aktuelle

Situation (z.B. 70er Jahre). „Nicht identifizierbar” bezieht sich unter anderem auf

Trickfilme.

Die etwas über 20% „real” in der Tabelle 7 kennzeichnen die Aggression aus echten

Informationsprogrammen, „fiktiv” bedeutet: könnte so passieren, stammt aber aus einer

Spielhandlung, „irreal” sind Szenen aus Fantasy-, Science Fiction-, Horror- und

Trickfilmen. Daß sie dennoch „wirken” können, wurde bereits ausgeführt.

Tab. 6: Geschehenszeit der Ereignissequenz (bezogen auf die Realzeit)

Anzahl Prozent

früher 1.205 44.2%

aktuell (heute und gestern) 870 31.9%

in der Zukunft 261 9.6%

live 9 0.3%

nicht identifizierbar 377 13.8%

Tab. 7: Realitätsgrad der Ereignissequenz

Anzahl Prozent

fiktiv 1.436 52.3%

irreal 751 27.4%

real 544 19.8%

semidokumentarisch 10 0.4%

nicht identifizierbar 4 0.1%

Die Schwere des Schadens ist eine der zentralen Gewichtungsmöglichkeiten für die

dargestellte Aggression. Die bislang genannten Formen beinhalten auch verbale Angriffe

und sind daher zunächst noch relativ pauschal. Die Tabelle 8 legt die Verteilung auf die

verschiedenen gezeigten Konsequenzen dar. Immerhin entfallen auf vollendeten Tod fast

20% aller Schadensfälle, körperliche Schädigung in diversen Varianten betrifft mehr als

50% der Ereignisse; oder, wieder übertragen auf den Durchschnitt des Gesamt-

programms, würde dies heißen,

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daß in bis zu einem Viertel der deutschen Fernsehsendungen aggressive Szenen oder

Bedrohungen mit physischen Folgen zu sehen sind.

Der sehr geringe Anteil „psychologischer Folgen“ sagt nicht unbedingt etwas über deren

tatsächliche Häufigkeit aus. Vielmehr entzieht sich diese Kategorie viel stärker einer

einigermaßen „objektiv meßbaren“ Beobachtung und wurde deshalb im Zweifel nicht

gezählt. Dabei wurde auch nicht berücksichtigt, daß zumeist physische Schäden mit

psychologischen einhergehen.

Tab. 8: Formen der Schädigung

Anzahl Prozent

Drohende Gefährdung 654 23.8%

Leichte Verletzung 554 20.2%

Tod 489 18.5%

Materieller Schaden 427 15.6%

Schwere Verletzung 237 8.6%

Psychologischer Schaden 36 1.3%

Geschädigte Tiere 13 0.5%

Kombination 167 6.1%

Nicht identifizierbar 148 5.4%

Eine Schätzung der Anzahl der gezeigten oder angesprochenen Toten ist besonders

schwierig; außerdem ist eine „Leichenzählerei“ noch nicht allzu aussagekräftig. Dennoch

wurde eine vorsichtige „Hochrechnung“ der „Toten einer Woche“ versucht. Nach

Herausrechnen einer in diesen Zeitraum fallenden Flutkatastrophe mit geschätzten über

zigtausend Opfern blieben mehrere tausend (vermutlich mindestens 4.000) im Programm

vorkommende Leichen. Hypothese: Dies trägt zumindest zur Selbstverständlichkeit und

Gewöhnung an „Tod in den Medien“ bei, nicht zu vergessen allerdings die emotionalen

Potentiale auch einzelner Bilder, die im Extrem höher sein können als viele andere

zusammengenommen.

Für Aufnahme und Weiterverarbeitung in kognitiver Hinsicht sind allerdings

Handlungsrahmen und Begründungszusammenhang wichtiger. Die Tabelle 9 zeigt die

Verteilung der aggressiven Ereignisse auf verschiedene Programmgenres, aus Tabelle 10

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geht der Ereigniskontext hervor. In beiden Fällen sind nur noch Aggressionen und nicht

mehr Katastrophen und Unglücke berücksichtigt.

Tab. 9: Verteilung der aggressiven Handlungen auf die unterschiedlichen Genres

Anzahl Prozent

Nachrichten 299 9.4%

Info/Dock 107 4.4%

Spielfilm 603 24.8%

Serie 630 25.9%

Unterhaltung 112 4.6%

Zeichentrick 707 29.1%

Sonstiges 40 1.6%

In Kindersendungen ohne Trickfilmelemente wurden im Analysezeitraum keine direkt

identifizierbaren Gewaltanteile nachgewiesen.

Relativiert man die Genres am Gesamtprogramm, so schaut die Verteilung der

Aggression bei Nachrichten und Filmen/Serien ähnlich aus wie deren Vorkommen

allgemein. Trickfilme ragen wieder heraus: ihr Aggressionsanteil ist höher als ihr Anteil am

Gesamtprogramm, mit anderen Worten:

Trickfilme sind durch einen besonders hohen Anteil an Gewaltelementen

gekennzeichnet.

59


Tab. 10: Inhalt/Thema der Aggression/Handlungkontext

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Anzahl Prozent

Kriminalität/Verbrechen 906 37.3%

Science

Fiction/Übersinnliches

340 14.0%

Komik 275 11.3%

Alltag/Familie/Ehe/Beziehung 264 10.8%

Krieg 165 6.8%

Politische

Auseinandersetzung

161 6.7%

Jugend/Spiel 56 2.3%

Terrorismus 33 1.3%

Sonstiges 57 2.6%

Nicht identifizierbar 176 6.9%

Beim Ereignisrahmen spielen zunächst genreübergreifend Kriminalität und Verbrechen mit

Abstand die Hauptrolle, Krieg kommt (im Vergleich zum Beispiel zum Februar 1991) im

Programm deutlich seltener vor. Die genrespezifische Verteilung sieht anders aus und

wird in einem späteren Kapitel beschrieben. An zweiter Stelle rangieren Science

Fiction/Fantasy mit einem hohen Anteil an Trickfilmszenen. Interessant ist der gleiche

Aspekt auch bei der „Komik“, die ebenfalls vor allem im Zusammenhang mit Trickfilmen

steht: Schadenfreude mag zwar „normal“ sein, doch ist nicht selbstverständlich davon

auszugehen, daß es ein angeborenes zwingendes Bedürfnis nach der Koppelung von

Komik und Gewalt gibt: Hier handelt es sich wohl eher um ein dramaturgisches Mittel, das

das Erregungspotential der Action mit der inhaltlichen Komik verbindet, um höhere

Aufmerksamkeit und Attraktivität zu erzielen.

6.3 Verteilung der Aggression auf einzelne Sender und Programmplätze

Wie verteilen sich die Aggressionen (ohne „Katastrophen“) auf die einzelnen Anbieter?

Zunächst ohne Ausdifferenzierung wurden die Anteile aggressiver Ereignisse an der

insgesamt analysierten Programmzeit berechnet. Tabelle 11 zeigt die Ergebnisse.

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Tab. 11: Anteil aggressiver Ereignisse am jeweils insgesamt vom Sender

ausgestrahlten Programm (in Klammern ARD und ZDF mit Vormittagsprogramm

anteilig gemittelt auf Ganztagsprogramm)

Prozent

ARD 6,7% (4,4%)

ZDF 7,2% (4,6%)

ARD/ZDF 2.1%

SAT 1 7.3%

RTL 10.7%

Tele 5 11.7%

PRO 7 12.7%

Der Zeitanteil aggressiver Elemente am eigenen Gesamtprogramm bewegte sich

demnach 1991 um 10% mit senderspezifisch deutlichen Ausschlägen nach oben oder

unten.

Übertragen in ein Blockdiagramm (Abb.4) zeigt sich dabei deutlich, daß die

Aggressionsanteile am Programm bei den Privaten tendenziell höher liegen als bei den

Öffentlich-Rechtlichen. In den speziellen NRW-Regionalschienen auf den Frequenzen der

privaten Anbieter wurden im Erhebungszeitraum keine aggressiven Darstellungen

festgestellt (s.o.).

1991 hatte PRO 7 (höchster Wert) einen fast doppelt so hohen Anteil an

Aggressionsformen wie die ARD (niedrigster Wert, läßt man da.s ARD/ZDF-

Vormittagsprogramm außer acht, das die Aggressionsanteile von ARD und ZDF jeweils

auf unter 5% senken würde). Zu berücksichtigen ist dabei natürlich, daß die vorgegebene

Programmstruktur (Film- und Serienakzent) auch genre-spezifisch Gewaltdarstellungen

wahrscheinlicher macht als ein Programm mit einem größeren Themenspektrum. In

Stunden ausschließlich aggressiver Szenen (Ereignissequenzen) ausgedrückt, reichte da-

bei 1991 das Spektrum von 5 Stunden 45 Minuten (einschließlich des gemittelten

ARD/ZDF-Vormittagsprogramms) bei der ARD bis zu 19 Stunden 6 Minuten bei PRO 7.

61


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An dieser Stelle sei allerdings darauf hingewiesen, daß mehrere Sender, so PRO 7 und

RTL, inzwischen (1992) erklärten, ihr Programm gewaltfreier gemacht zu haben. Von

daher müßten die Ergebnisse regelmäßig aktualisiert werden. Allerdings gibt es seit 1993

den Veranstalter Tele 5 nicht mehr.

Bei den Einzelakten sah die Verteilung der Sender insgesamt wie folgt aus (dabei war

auch psychologische Gewalt miterfaßt):

ARD 238 Akte (= 6,6% von allen im Gesamtprogramm aller Sender gezeigten), ZDF 226

(6,2%), ARD/ZDF 36 (1,0%), SAT 1 509 (14%), RTL 736 (20,3%), Tele 5 887 (24,4%),

PRO 7 1000 (27,5%).

Der Vergleich mit der Verteilung der Ereignissequenzen (s.o.) zeigt, daß beim

Berechnungsmodus Einzelakt die Werte weiter auseinanderliegen. PRO7 erhält dabei z.B.

einen viermal so hohen Wert wie die ARD, während der Unterschied bei der

62


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Zeitauswertung über die Ereignissequenz etwa beim Doppelten lag. Man kann darauf

schließen, daß beim Privatsender mehr, dafür aber kürzere Aggressionsszenen

vorkommen. Dies ist charakteristisch für „Action“-Orientierung.

Dies bestätigt sich bei der Analyse der durchschnittlichen Längen einer einzelnen

aggressiven Handlung bei den Sendern:

ARD 29,4 sec

ZDF 32,4 sec

ARD/ZDF 29,2 sec

SAT 1 22,9 sec

RTL 22,8 sec

Tele 5 19,5 sec

PRO 7 18,1 sec

Ein einzelner aggressiver Akt dauert also im Durchschnitt bei den Öffentlich-Rechtlichen

rund 50% länger als bei den Privaten. Dies ist u.a. zu interpretieren über unterschiedliche

Genre-Gewichtungen (z.B. Trickfilme bei Tele 5 und PRO 7) sowie verschiedene

Dramaturgien bei deutschen und amerikanischen Produktionen (z.B. „Tatort“ gegenüber

„A-Team“).

Auch auf der Ebene der einzelnen aggressiven Handlung kann man nun die Zeitanteile

am Gesamtprogramm des Senders bestimmen. Dabei handelt es sich wohlgemerkt um

das „pure“ Zeigen eines Gewaltvorgangs ohne einen szenischen Themenrahmen:

ARD 2.3%

ZDF 2.6%

ARD/ZDF 1.2%

SAT 1 2.6%

RTL 3.1%

Tele 5 3.4%

PRO 7 3.3%

Auch bei dieser Berechnungsgrundlage ergab sich für 1991 wieder eine ähnliche

Reihenfolge wie bei den anderen Auswertungsmodi. Die Privaten hatten bis zu 50%

höhere Werte als die Öffentlich-Rechtlichen.

63


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Dabei ist die Frage, wie die entsprechenden Zeitanteile überhaupt psychologisch zu

interpretieren sind. Bei einer Sendung ist das Thema Aggression oder Gewalt über

längere Zeit präsent, folgt Handlungsbögen und hat kognitive Reaktionen des Zuschauers

zur Folge, z.B. den Versuch, den Mörder zu ermitteln. Auch bei der Ereignissequenz gibt

es vermutlich noch eine kurzfristig ausgeprägtere kognitive Ebene, es wird in Bezug auf

den Kontext einer konkreten Handlung versucht, einen Bedeutungszusammenhang

herzustellen, wichtig für die Konstituierung von Weltbildern. Man könnte die Hypothese

aufstellen, daß der einzelne aggressive Akt, das konkrete Zeigen eines

„Schädigungsvorgangs" als „Bild“ am ehesten eine emotionale Reaktion auslöst und

entsprechend erinnert wird. Schockierende Einzelbilder, die oft nur für wenige Sekunden

(siehe auch die Fernsehnachrichten mit Kriegsausschnitten) gezeigt wurden, können noch

nach Wochen erinnert werden, während eine kompliziertere Einzelstory unter Umständen

schon lange verblaßt ist.

Von daher relativieren sich die zuletzt genannten, vergleichsweise niedrig erscheinenden

Prozentwerte für die konkreten Verhaltensweisen unter Umständen wieder. 3,3% von 21

Stunden Programm kann dann zum Beispiel für täglich 40 Minuten purer Gewaltakte

stehen, als Einzelbilder ohne größere szenische Einbindung.

Welche Berechnung man also auch zugrundelegt: relativer Aggressionsanteil am eigenen

Programm; Länge der gezeigten Gewalt; Anzahl aggressiver Akte - die Verteilung

zwischen den Sendern sieht ähnlich aus. Die Privaten lagen höher als die Öffentlich-

Rechtlichen, die ARD hatte die niedrigsten, PRO 7 die höchsten Werte (1991).

Immerhin bestätigt das Ergebnis die Hypothese, daß Spielfilm-/Serienbetonung und

dabei hohe US-Importraten (s.o.) die Häufigkeit aggressiver Szenen ansteigen lassen.

Eine weitergehende Hypothese besagt, daß diese Film- und Serienbetonung besonders

auch mit einem höheren Anteil an direkt gezeigter extremer Gewalt verbunden ist. Um

dies zu überprüfen, analysierten wir die „Mordraten“ der Sender, ein Kriterium, bei dem für

die Kategorisierung anders als bei psychologischer Gewalt, auch für den Zuschauer

besonders wenig Interpretationsspielraum bleibt: jemand ist tot oder nicht, ein mehr oder

weniger gibt es hier nicht. Die Abbildung 5 zeigt das Ergebnis, die Hypothese wird

bestätigt. Der Trend aus Abbildung 4 stellt sich noch deutlicher dar, der höchste

„Mordszenenwert“ (PRO 7) war dreimal so hoch wie der niedrigste (ARD). Hier spielten

64


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nun Trickfilme eine viel geringere Rolle, auf sie entfielen rund 8% der gezeigten Morde

(s.u.).

Allerdings sagt dieses Ergebnis zwar etwas aus über die Häufigkeitswahrscheinlichkeiten,

im Programm auf extreme Gewalt zu treffen, immer noch kann aber auch eine einzige

Mordszene aus einem Programm mit einem ansonsten niedrigen Gewaltanteil sehr

drastisch sein und u.U. stärkere emotionale Wirkungen hinterlassen, beispielsweise eine

Kidnapping-Szene mit angedeuteter Vergewaltigung aus einer ARD-Produktion.

Dennoch: Die „Selbstverständlichkeiten“ von Mordszenen variieren. Dabei ist zu

berücksichtigen, daß in einer solchen Szene häufig auch mehrere oder gar viele

Menschen gleichzeitig umgebracht werden.

65


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Ohne weitere Differenzierung als Durchschnittswert auf Tage und Stunden umgerechnet

bedeuten die Zahlen, daß

im Schnitt im Gesamtprogramm täglich fast 70 Mordszenen vorkommen (481 in einer,

Woche).

Noch einmal: Diese fast 500 Mordszenen wöchentlich können sich dabei jeweils auf die

Tötung auch mehrerer Menschen beziehen. Auch ein Massenmord, in einer Szene

gezeigt, bliebe danach eine Mordszene. Eine spätere Tabelle zeigt, daß bei Trickfilmen

die „Mordraten“ in Bezug auf ihren Anteil an den anderen Genres deutlich niedriger (8,3)

als ihr Gesamt-Aggressionsanteil lagen. Mit anderen Worten: Mord ist für Trickfilme

weniger typisch als andere Aggressionsformen, kommt aber auch vor, z.B. Aufspießen

eines Körpers auf einen gigantischen Stachel mit Todesfolge.

Im Erhebungszeitraum waren bei den einzelnen Sendern durchschnittlich zu sehen:

– bei PRO 7 pro Tag fast 20 Mordszenen, oder fast stündlich eine;

– bei Tele 5 und

– RTL pro Tag jeweils etwas mehr als 13 Mordszenen, bzw. knapp alle zwei Stunden eine;

– bei SAT 1 täglich rund 9;

– beim ZDF pro Tag rund 7 solcher Szenen; - bei der ARD etwas weniger als 6;

– am Vormittag in ARD und ZDF etwas mehr als 2 Mordszenen.

Dies sind Durchschnittsangaben. Tatsächlich kommen in vielen Sendungen Häufungen

von Mordszenen vor, sind dafür in anderen über mehrere Stunden hinweg gar keine zu

sehen. Daher ist besonders auch die Tageszeitanalyse wichtig (s.u.). Bei Nachrichten

mag das Zeigen von Toten sogar abschreckende Wirkungen haben, dennoch belegen die

Ergebnisse:

Die Tötung von Menschen ist zum Teil zu einem selbstverständlichen Programmelement

geworden.

Häufig problematisiert, weil die einzelnen Fälle besonders drastisch dargestellt und

entsprechend erlebt werden, sind direkte Vergewaltigungen, andere sexuelle Gewalt und

schwere Sittlichkeitsdelikte. Ohne Berücksichtigung der Prägnanz fallen sie zahlenmäßig

im Erhebungszeitraum auch in Erotikfilmen im Vergleich zu anderen Aggressionsformen

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so gut wie gar nicht ins Gewicht (über alle Sender hinweg 12 Ereignisse). Allerdings ist

hier nochmals anzumerken, daß gerade bei diesem Thema jede einzelne Darstellung sehr

traumatisch wirken mag. Frühere qualitative Analysen einzelner Vergewaltigungsszenen

ergaben z.T. eine sehr drastische, weil langsam aufgebaute Dramaturgie mit

entsprechendem Angstpotential.

Daß mit einer stärkeren Betonung von Spielfilmen und Serien auch höhere

Aggressionsanteile einherzugehen scheinen, wurde schon angesprochen. Wie sieht nun

tatsächlich die Verteilung einzelner Aggressionsformen auf die verschiedenen Genres in

den verschiedenen Sendern aus? Dazu werden mehrere Arten von Ergebnissen

präsentiert. Zunächst pro Sender aufgeteilt nach drei zusammengefaßten

Genrekategorien der Anteil aggressiver Elemente am jeweiligen Gesamtprogramm. Dann

die Verteilung der Sender jeweils mit ihrem prozentualen Beitrag zur

Nachrichtenaggression, zur Trickfilmaggression usw. Schließlich die Anteile einzelner

Aggressionsformen an der Gesamtsendezeit der einzelnen Genres.

Tab. 12: Aggressive Anteile der drei zusammengefaßten Genres INFORMATION;

FICTION; TRICKFILM an der Gesamtsendezeit pro Sender (in %)

INFORMATION

SPIELFILM/

SERIE

TRICKFILM SUMME

ARD 1.8 3.5 1.1 6.4

ZDF 2.9 3.9 1.1 7

ARD/ZDF 1 1 - 2

SAT 1 0.8 5.6 0.4 6.8

RTL 0.5 8.7 1.8 11

Tele 5 0.5 4.2 5.8 10.5

PRO 7 0.2 9.6 2.9 12.7

Die Summen in der Tabelle 12 weichen leicht von den Werten aus Tabelle 11 ab, da hier

die Rest-Genres nicht mehr berücksichtigt wurden. Je mehr Information ein Sender

ausstrahlt, desto größer wird natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, daß dort

vorkommende aggressive Szenen einen höheren Anteil am Gesamtprogramm haben. So

verwundert nicht, daß z.B. bei Information ARD und ZDF in Bezug auf ihr jeweils eigenes

Gesamtprogramm relativ höhere Werte als die anderen haben, PRO 7 und RTL bei

67


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Spielfilm und Serie besonders hoch rangieren. Nimmt man dagegen den Anteil von

Gewalt pro Genre pro Sender, relativiert sich dieses Bild unter Umständen wieder (s.u.).

Faßt man die genrespezifischen Aggressionen, z.B. „Nachrichtengewalt“, „Spielfilmgewalt“

etc, zusammen, welchen Anteil haben dann - weiterhin ungeachtet der verschiedenen

Genrelängen - jeweils die einzelnen Sender daran (siehe Tabellen 13 bis 15)? (Wieviel

trägt zum Beispiel SAT 1 zur gesamten verbalen Spielfilm-Aggression bei?) „Reality-TV“

spielte Mitte 1991 im Programm noch keine zahlenmäßig wichtige Rolle, wurde daher

nicht berücksichtigt.

Tab. 13: Anteile verbaler Aggression innerhalb der Genres (Sequenzen in

absoluten Zahlen)

ARD ZDF SAT 1 RTL Tele 5 PRO 7 TOTAL

NACHRICHTEN 1 0 1 0 0 2 4

INFO/DOCU 1 0 0 0 2 0 3

SPIELFILM 4 0 19 5 7 7 42

SERIE 0 0 8 11 4 10 33

UNTERHALTUNG 0 0 6 1 3 0 10

ZEICHNTRICK 1 1 0 5 14 7 28

SONTIGES 2 0 0 0 0 0 2

Tab. 14: Anteile der Gewalt gegen Sachen innerhalb der Genres (Sequenzen in

absoluten Zahlen)

ARD ZDF ARD/ZDF SAT 1 RTL Tele 5 PRO 7 TOTAL

NACHRICHTEN 12 10 3 6 7 7 4 49

INFO/DOCU 6 9 2 10 0 3 0 30

SPIELFILM 4 9 0 18 22 25 34 112

SERIE 6 5 1 27 47 9 38 133

UNTERHALTUNG 0 1 1 11 2 13 0 28

ZEICHNTRICK 6 5 0 15 27 47 48 198

SONTIGES 2 1 0 0 0 4 0 7

68


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Tab. 15: Anteile der schweren körperlichen Gewalt innerhalb der Genres

(Sequenzen in absoluten Zahlen)

ARD ZDF ARD/ZDF SAT 1 RTL Tele 5 PRO 7 TOTAL

NACHRICHTEN 10 9 3 10 19 2 6 59

INFO/DOCU 3 8 3 12 3 12 0 41

SPIELFILM 16 14 0 41 57 45 112 285

SERIE 12 13 4 38 77 24 100 268

UNTERHALTUNG 1 2 1 5 1 15 0 25

ZEICHNTRICK 33 12 0 3 39 81 98 266

SONTIGES 4 2 0 0 1 10 0 17

Der Vergleich der Tabellen zeigt zunächst, daß auf verbale Gewalt (auch aufgrund der

Berücksichtigung nur eindeutiger Fälle) insgesamt vergleichsweise wenige Ereignisse

entfallen, sie bei Informationssendungen so gut wie gar nicht vorkommt. Aufgrund der

niedrigen Fallzahlen sind Genre-proSender-Ergebnisse als Prozente hier nicht mehr

interpretierbar. Über alle Genres zusammen fällt allerdings der Unterschied verbaler

Aggression zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen auf. Die niedrigen Werte der Öf-

fentlich-Rechtlichen mögen auch damit zusammenhängen, daß von ihnen immer noch

eher eine gesetztere Sprache gepflegt wird. Inzwischen gibt es zudem besonders bei den

Privaten Talk-Sendungen/Kontroversen, die gerade auf verbale Aggressionen setzen.

Auch Gewalt gegen Sachen und körperliche Gewalt sind in den unterhaltenden Genres

öfter zu finden als in Informationsprogrammen und bei den Privaten mehr als bei den

Öffentlich-Rechtlichen. In Relation zueinander haben dabei die Sender jeweils eine

„aggressive Spezialität“, die sie gegenüber den anderen deutlich auszeichnet: So kommt

in den ARD- und ZDF-Nachrichten (mit allerdings nicht sehr hohen Fallzahlen) viel

häufiger als bei den anderen Gewalt gegen Sachen vor, führt RTL bei der körperlichen

Gewalt in Nachrichten, taucht verbale Gewalt öfter in SAT 1-Spielfilmen auf als bei

anderen, liegt PRO 7 bei der körperlichen Gewalt in Spielfilmen und Serien vorne und

teilen sich PRO 7 und Tele 5 die „Führung“ bei der Trickfilmgewalt (körperlich), siehe die

Tabellen 13 bis 15.

Am aussagekräftigsten allerdings dürften in diesem Zusammenhang letztlich die relativen

Beiträge der Gewalt zu allen Programmen innerhalb eines Genres innerhalb eines

69


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Senders (in %) sein. Die folgenden Tabellen zeigen daher die Programmanteile von

Aggression an den Genres innerhalb der Sender (Wieviel Aggression kommt zum Beispiel

in den ZDF-Nachrichten vor?). Aus den Abbildungen geben die absoluten Verteilungen

hervor.

Tab. 16: Gewalt (allgemein) pro Sender als Anteil am Genre

ARD ZDF ARD/ZDF SAT 1 RTL Tele 5 PRO 7

NACHRICHTEN 8.1% 11.3% 9.7% 12.3% 15.4% 9.4% 10.2%

INFO/DOCU 5.8% 4.1% 1.0% 3.8% 2.0% 2.8% 13.5%

SPIELFILM 15.8% 20.8% 0.0% 11.4% 16.0% 23.5% 11.4%

SERIE 3.4% 3.8% 3.8% 9.3% 12.4% 6.8% 11.9%

ZEICHENTRICK 8.6% 12.3% 0.0% 21.3% 14.9% 21.6% 21.5%

Prozentzahlen beziehen sich auf Gesamtprogrammzeit pro Sender und Genre

Tab. 17: Körperliche Gewalt pro Sender als Anteil am Genre

ARD ZDF ARD/ZDF SAT 1 RTL Tele 5 PRO 7

NACHRICHTEN 1.4% 0.7% 1.3% 2.5% 7.6% 0.3% 2.6%

INFO/DOCU 0.5% 1.3% 0.1% 2.7% 1.9% 1.4% -

SPIELFILM 7.6% 5.6% - 3.8% 8.4% 8.6% 5.5%

SERIE 1.5% 1.8% 1.8% 3.4% 4.3% 2.6% 4.6%

ZEICHENTRICK 4.3% 7.9% - 5.5% 4.0% 5.5% 9.0%

Prozentzahlen beziehen sich auf Gesamtzeit pro Sender und Genre

Relativ zum eigenen Nachrichtenangebot hatte RTL 1991 die höchsten

Aggressionsanteile (allgemein und speziell körperlich). Bei der körperlichen Gewalt lagen

sie bei RTL dreimal höher als bei den beiden nächstfolgenden Sendern SAT 1 und PRO 7

und bis zum Siebenfachen höher als bei ARD und ZDF. Verglichen mit Spielfilmen und

Serien sind allerdings all diese (Informations-) Aggressionsdarstellungen in absoluten

Zahlen vergleichsweise niedrig.

Noch einmal: Viel höhere Werte werden bei Spielfilm und Serien („Fiction“) erreicht. Faßt

man beide zusammen, so führten (je nach Aggressionsform wieder unterschiedlich) im

Durchschnitt die Privaten, z.B. RTL und Tele 5 bei der körperlichen Gewalt in Spielfilmen

70


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(jeweils rund 8,5% Aggressionsanteile am gesamten Spielfilmangebot). Während aber bei

Spielfilmen z.B. auch ARD und ZDF, das bei allgemeiner Gewalt in Spielfilmen mit 20,8%

an zweiter Stelle lag, noch höhere Anteile hatten, waren bei den Serien („Fiction“) die

Aggressionsprozente der Privaten deutlich größer als die der Öffentlich-Rechtlichen.

An Tabelle 17 ist zudem interessant, daß die Summierung aller Zeiten einen Wert von

mehr als 25 Stunden ergibt. Während bislang die Anteile am Gesamtprogramm als

Prozente der Ereignisse angegeben worden waren, ist der letztgenannte Wert ein

Zeitindikator. Mit anderen Worten:

Im deutschen Fernsehen wurden in einer Woche aufsummiert rund 25 Stunden

körperliche Gewaltszenen gezeigt.

Bezogen auf die ca. 750 Stunden Programm ergibt dies zwar nur einen Wert von 3,3%,

das bedeutet aber immer noch, daß umgerechnet alle 30 Minuten eine Minute physische

Gewalt gezeigt würde. Zudem, und dies ist letztlich der realitätsnähere Aspekt, stehen

diese 25 Stunden für pure körperliche Aggressionen (s.o.). Zum einen sind sie jedoch

eingebettet in z.T. größere Handlungskontexte, zum anderen gibt es darüberhinaus die

zahlenmäßig noch mehr ins Gewicht fallenden anderen Aggressionsformen. Noch einmal:

die Zahlen sind vor allem Indikatoren für die Wahrscheinlichkeit, im Programm Gewalt und

Aggressionen zu begegnen.

An dieser Stelle sollen für die Genres abschließend noch einmal Blockdiagramme die

absoluten Zeiten von (körperlicher) Gewalt im Sendervergleich wiedergeben. Dabei sind

die Referenzpunkte zwischen den Blockdiagrammen unterschiedlich, z.B. bei Spielfilm

12.000 als höchster Wert, bei Info/Docu 1.000; d.h. im Direktvergleich müßten die Info-

Balken weniger als ein Zehntel der Spielfilm-Balken ausmachen.

71


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Den über alle Sender und Genres hinweg absolut höchsten Wert hatte 1991 PRO 7 mit

pro Woche 3 Stunden und fast 17 Minuten Spielfilm-Szenen, die ausschließlich

körperliche Gewalt zeigten, natürlich verteilt auf verschiedene Handlungskontexte. Auch

bei Serien führte PRO 7 mit einem noch einmal annähernd gleichen Wert von mehr als 3

Stunden.

Die meiste Trickfilmaggression kam bei Tele 5 vor, gefolgt von PRO 7.

Nachrichtenaggression war auch absolut gesehen am häufigsten bei RTL vertreten. In

Dokumentationen kam das Thema Gewalt am häufigsten bei SAT 1 und ZDF vor.

Zwischen den Genres sind die Unterschiede z.T. so groß, daß zum Beispiel

Spielfilmaggression eine andere Funktion (und Wirkung) bei den Zuschauern haben kann

als Nachrichtengewalt (siehe die Differenzierung nach Physiologie, Emotion, Kognition),

berücksichtigt man den Stellenwert der Nachrichtenaggression für pure Information oder

gar ihre häufig abschrekkende Wirkung, wenn sie nicht voyeuristisch eingesetzt wird.

73


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Während Erwachsene diese Differenzierungen meist zumindest kurzfristig recht gut

leisten können, sind eine mögliche Problemgruppe Kinder jüngeren Alters.

Ein wesentliches Moment in der Debatte über Gewaltdarstellungen ist dabei der Aspekt

Jugendschutz. Für den Zeitraum nach 23 Uhr gelten hier andere Regelungen (auch wenn

nach Daten vom Beginn der neunziger Jahre selbst zu dieser Stunde zumindest samstags

noch zwischen 300.000 und 500.000 6- bis 13-jährige Kinder vor dem Bildschirm sitzen;

siehe dazu auch die Debatte über die Verantwortung der Eltern). Die folgenden Tabellen

zeigen den Faktor körperliche Gewalt verteilt auf die verschiedenen Sender und

Tageszeiten. Insgesamt fand bei Umrechnung der in der Tabelle unterschiedlichen

Zeitabstände auf einen Zwei-Stunden-Rhythmus die Ballung der Fernsehgewalt vor 23

Uhr im Vorabendprogramm (18:00 - 20:00 Uhr) statt, vermutlich bedingt durch die

Häufung der Serien. Die Senderanteile an der Aggression zwischen 18:00 - 20:00 Uhr (da

zu diesem Zeitpunkt alle ausstrahlen, entfällt eine Relativierung): ARD: 7,9%; ZDF: 5,5%;

SAT 1: 3,9%; RTL: 22,8%; Tele 5: 7,9%; PRO 7: 52,0%. Die absoluten Zahlen

(Ereignissequenzen) zeigt die Abbildung 11.

Dazu ist zu berücksichtigen, daß in dieser Zeit unterschiedliche Aggressionsformen

gezeigt wurden: von der Trickfilm- bis hin zur realen Gewalt. Pauschal kann dabei nichts

darüber gesagt werden, welche Form ein höheres Wirkungspotential hat (s.o.).

74


6 - 14 Uhr

14 - 18 Uhr

18 - 20 Uhr

20 - 22 Uhr

22 - 23 Uhr

23 - 5 Uhr

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Tab. 18: Körperliche Gewaltdarstellungen zu verschiedenen Tageszeiten

(Sequenzen)

ARD ZDF

14

4,8%

32

17,3%

10

7,9%

12

11,0%

6

8,6%

5

2,8%

4

1,4%

18

9,7%

7

5,5%

11

10,1%

3

4,3%

17

9,4%

ARD/

ZDF

11

3,8%

0

.0%

0

.0%

0

.0%

0

.0%

0

.0%

SAT 1 RTL Tele 5 PRP 7 Σ

44

15,2%

25

13,5%

5

3,9%

26

23,9%

0

.0%

9

5,0%

66

22,8%

29

15,7%

29

22,8%

20

18,3%

14

20,0%

39

21,7%

66

22,8%

29

15,7%

10

7,9%

17

15,6%

24

34,3%

43

23,9%

85

29,3%

52

28,1%

66

52,0%

23

21,1%

23

32,9%

67

37,2%

290

(30,2%)

185

(19,3%)

127

(13,2%)

109

(11,3%)

70

(7,3%)

180

(18,7%)

79 60 11 109 197 189 316 961

75


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Im Vorabendprogramm zwischen 18:00 und 20:00 gab es 1991 im Vergleich zu den

anderen Tages- und Nachtzeiten vor 23 Uhr eine besondere Ballung von körperlichen

Gewaltdarstellungen.

In Zahlen: In diesen Zeitraum fielen in einer Woche 127 Szenen, in denen teils extreme

körperliche Aggressionen gezeigt wurden, oder:

Täglich bis zu 20 Gewaltszenen zwischen 18:00 und 20:00.

Eine andere aktuellere Studie (Groebel und Klingler, 1991) belegt, daß gerade am

Vorabend die meisten jüngeren Kindern vor dem Bildschirm sitzen.

Während die Verantwortlichkeit der Sender für Kinder bislang nach 23 Uhr endet, ist eine

so starke Häufung von Aggression im Vorabend- und Tagesprogramm auch aufgrund der

Hinweise zahlreicher Wirkungsstudien vermutlich problematisch. Inzwischen (1992) haben

allerdings fast alle Anbieter eine „Entschärfung" des Vorabendprogramms angekündigt

bzw. vorgenommen.

Eine weitere Zeitanalyse bezog sich auf die Wochentage. Hier zeigte sich ein zu

erwartendes Ergebnis: Auf die Tage Montag bis Donnerstag entfiel ein Tagesdurchschnitt

von 13,8% aller gezeigten Gewalt, auf Freitag 13,9%, auf Sonntag 14,2%, deutlich am

höchsten lag mit 16,5% der Samstag.

6.4 Qualitative Gewaltstruktur

Die folgenden Ergebnisse behandeln die Einzelaggressionen, also jede Handlung, bei der

explizit die Ausübung eines Angriff bis zum Ende des Schädigungsvorgangs gezeigt wird.

Hierbei geht es um den motivationalen und emotionalen Rahmen für einen einzelnen Akt.

In einer Ereignissequenz (s.o.) können gleichzeitig mehrere Motive angesprochen

werden, z.B. Angriff (= AH 1) und Verteidigung (= AH 2), beim Einzelakt ist jedoch von

einer meist eindeutigen „Qualität" der Aggression auszugehen. Noch einmal: Insgesamt

kamen 3.632 solcher Handlungen vor. Bezogen auf das Gesamtprogramm aller Sender

entspricht dies einem Zeitanteil von 2,9%. Mit anderen Worten, fast 25 Stunden aller

untersuchten Programmstunden entfielen auf das unmittelbare Ausüben von Gewalt, ohne

daß dabei schon die für den Aufbau einer aggressiven Szene u.U. wesentlichen

Kontextinformationen berücksichtigt worden wären. Die Zählung der Einzelakte erhöht

gegenüber der Zählung der Ereignissequenzen überproportional den Anteil von

76


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Actionszenen, die schnell aufeinanderfolgen, im Vergleich zu langsam aufgebauten,

gerade dadurch häufig intensiv wahrgenommenen „allmählichen“ Gewalttaten.

Letztlich kommt es bei der Wahl der Ebene auf das Bedeutungsinteresse an. Wir hatten

uns dafür entschieden, mit unterschiedlichen Schwerpunkten Sendungs-, Sequenz- und

Einzelaktebene auszuwerten.

In den folgenden Analysen geht es genau um das Potential für die Schaffung eines

Bedeutungskontexts rund um eine einzelne aggressive Handlung. Wie werden Täter und

Opfer dargestellt? Welche motivationalen Erklärungen bietet man für Gewalt an? Welche

Themenrahmen gibt es dabei? Für jeden Akt wurden diese Kontextinformationen (z.T. aus

der Ereignissequenz erschlossen, siehe Methodenabschnitt) analysiert.

6.4.1 Inhalt und Form der Aggression

Auch für die Einzelakte wurde zunächst noch einmal die häufigste inhaltliche Thematik der

Aggression bestimmt. Hier waren ähnliche Ergebnisse zu erwarten wie bei der

Ereignissequenz, ein etwas höherer Anteil allerdings bei Komik, da hier

Trickfilmaggression mit größeren Anteilen einzelner Akte pro Ereignissequenz zu Buche

schlagen dürfte. Die Tabelle 19 bestätigt das Ergebnis. Reihenfolge und Prozentwerte

sind nahezu identisch mit den Werten der Ereignissequenz, siehe oben, tatsächlich

entfällt auf Komik ein etwas höherer Anteil, ist dafür der Bereich Alltag und Familie

deutlich geringer repräsentiert (siehe nochmals zum Vergleich die Tabelle 10). Dra-

maturgische Schlußfolgerung an dieser Stelle: gerade Gewalt, die sich auf Familie und

Alltag bezieht, wird entsprechend von einem größeren zeitlichen Bedeutungsrahmen

umgeben, es entfallen darauf weniger Anteile von Einzelaggressionen.

Kriminalität

Komik

Science Fiction

Alltag/Familie

Krieg

Sonstige

N = 3.632

Tab. 19: Häufigste inhaltliche Thematik der Aggression

38,8%

13,3%

13,2%

7,5%

6,1%

21,1%

77

(1.376)

(471)

(469)

(266)

(217)

(833)


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Welche Struktur hat die im Fernsehen gezeigte Gewalt, welche Arten von Aggressionen

kommen vor? Auf der Grundlage der einzelnen Handlungen zeigte die Analyse zunächst

ein Überwiegen der leichteren bis mittleren Aggressionen. Dabei ist allerdings zu

berücksichtigen, daß ein Akt gleichzeitig mehrere Aggressionsformen aufweisen konnte.

So konnte z.B. bei zwei Kämpfen einer der Beteiligten eine leichte Körperverletzung

davontragen, der andere aber eine schwere, oder auch eine Schlägerei mit gleichzeitiger

Beschimpfung einhergehen. Wie in der Tabelle 20 gezeigt, wurden alle auch gleichzeitig

vorkommenden Einzelhandlungen aufsummiert, die Ergebnisse geben den Anteil der

einzelnen Formen wieder.

Auf schwere Formen von Gewalt, das heißt Gewaltakte mit physischen Folgen von der

schweren Körperverletzung an aufwärts, entfallen zusammengerechnet rund 43,7%. Also

nicht ganz die Hälfte aller aggressiven Handlungen sind dem Bereich extremer physischer

Gewalt zuzurechnen. Es fällt auch bei der Prozentverteilung auf, daß im

Untersuchungszeitraum explizit gezeigte sexuelle Gewalt nahezu nicht vorkam. Ebenso

gehören „Selbstaggressionen“ nicht zu den üblichen Mustern. Auch wenn hier die

Quantität keine Rolle spielt, so können beide Formen, Vergewaltigung und Selbstmord,

wenn gezeigt, besonders drastisch und schockierend wirken. Hier gab es in den letzten

Jahren immer wieder spektakuläre Fälle, die besonders hohe Aufmerksamkeit in der

Öffentlichkeit bekamen und die sehr oft auch in der Wirkungsdebatte hinzugezogen

wurden.

Durch das Analysevorgehen wurden indirekte und psychologische Aggressionen nur dann

aufgenommen, wenn sie explizit aus einem einzelnen Akt erschlossen werden konnten.

Subtil über einen ganzen Film aufgebaute existentielle Vernichtungen z.B. konnten so

nicht berücksichtigt werden.

Entsprechend mag deren Anteil hier unterschätzt werden. Immerhin gab e auch etliche

Fälle, siehe Tabelle 20, bei denen eindeutig auf existenziell Vernichtung hin gehandelt

wurde. Allerdings spielten sie im Vergleich z den „visuell klaren“, für Kinder vermutlich

relevanteren Aggressionsforme: eine immer noch eher geringe Rolle.

78


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Tab. 20: Art der aggressiven Akte

Von allen Handlungen (= insgesamt 180%, da mehrere aggressive Handlungen

gleichzeitig möglich waren): Grundlage N = 3.632

KÖRPERLICHER ZWANG/LEICHTE KÖRPERVERLETZUNG

BEDROHUNG DURCH KÖRPERHALTUNG

SACHBESCHÄDIGUNG

MORD

SCHLÄGEREI

SCHWERE KÖRPERVERLETZUNG

BESCHIMPFUNG

ANSCHLAG/ATTENTAT

ÜBERFALL

VERHAFTUNG

VERBALE ANDROHUNG EXISTENTIELLER VERNICHTUNG

ENTFÜHRUNG/GEISELNAHME

VERBALE ANDROHUNG PHYSISCHER GEWALT

DIEBSTAHL

RAUB

FOLTER

LEICHTE SELBSTBESCHÄDIGUNG

BRANDSTIFTUNG

ERPRESSUNG

VERBALE ANDROHUNG PSYCHOLOGISCHER SCHÄDIGUNG

SELBSTMORD

VERGEWALTIGUNG

SCHWERE SELBSTVERSTÜMMELUNG

AMOKLAUF

SITTLICHKEITSDELIKT

38,8%

31,9%

23,5%

14,8%

13,8%

10,7%

10,4%

7,4%

5,5%

5,1%

4,2%

3,6%

3,4%

1,3%

1,2%

1,2%

1,0%

0,9%

0,6%

0,4%

0,4%

0,4%

0,2%

0,1%

0,0%

Eine besondere wichtige Frage bei der Darstellung von Aggression ist die nach ihrer

formalen Präsentation. Die physiologischen Wirkungen, aber auch die emotionalen

Reaktionen werden stark gesteuert durch Spezialeffekte und besondere Kameraführung.

Hier wurden in knapp zwei Drittel aller Darstellungen entsprechende visuelle oder

79


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akustische Mittel benutzt. Der überwiegende Teil mit mehr als 50% entfiel auf zusätzliche

Musik- und Soundeffekte. Optische Spezialeffekte gab es in fast 18% der Fälle und ein

Näherrücken der Kamera in 17% der Fälle, siehe Tabelle 21.

Interessant ist neben diesem zu erwartenden Ergebnis die Frage, ob es eine Beziehung

zwischen Schadensintensität und formaler Aufbereitung gibt, konkreter, ob mit

zunehmender Schwere des Schadens auch die Kamera näher heranrückt. Dazu gibt die

Tabelle 22 die Antwort. Tatsächlich wird von den verschiedenen Formen körperlicher

Schädigung Tod am häufigsten in Nahaufnahme gezeigt. Auch wenn bei Mord immer

noch eine normale Kameraführung überwiegt: Hier gibt es immerhin 136 einzelne Fälle, in

denen die Kamera an den Toten heranrückt. Inwieweit dies auf voyeuristische Weise

geschieht, erschließt sich durch eine Inhaltsanalyse nicht.

Insgesamt wurden immerhin in einer Woche 136 Mal Sterben oder Tod im Detail gezeigt.

Zusätzliche Musik/Pfandeffekten

Special Effects

Kamera näher

Sonstiges

N = 1.996

Tab. 21: Formale Präsentation der aggressiven Akte

50,7%

17,7%

17,2%

16,4%

Tab. 22: Werden bestimmte Schäden in Nah-/Detailaufnahme gezeigt?

Leichte Verletzung

Schwere Verletzung

Tod

Ja Nein Σ

49

5,8%

21

7,8%

136

21,1%

206

11,7%

795

94,2%

249

94,2%

509

78,9%

1553

88,3%

844

(48,0%)

270

(15,3%)

645

(36,7%)

1759

100,0%

Aggressionen können in sehr unterschiedlichen Konfliktsituationen auftreten. Es kann

sich um Schlägereien unter Personen mit gleichen Ausgangschancen handeln, es kann

80


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ebenso um die eindeutige Überwältigung einzelner Personen durch mächtigere Gegner

gehen. Die letzte Form scheint bei weitem zu überwiegen. In fast 3/4 aller Fälle wurde

eine eindeutige Aggressor-Opfer-Situation gezeigt, gleiche Ausgangschancen durch

Bewaffnung oder Stärke waren dabei nicht gegeben.

Die häufigste Form gezeigter Gewalt ist also die eines klar dominierenden Angreifers,

der einen anderen oder eine andere schädigt und/oder überwältigt.

Tab. 23: Aggressor/Opfer- vs. Gleichberechtigte Konfliktsituation

Eindeutige Aggressor/Opfer-Situation:

Gleichberechtigte Konfliktsituation:

N = 3.590

71,1%

28,9%

(2.551)

(1.039)

Welche Demographie haben Aggressoren und Konfliktpartner bei Gewaltdarstellungen?

Ein knappes Drittel der gezeigten Angreifer sind zugleich Haupt- und Titelfiguren einer

Sendung. Über alle Genres hinweg überwiegen Einzelne als Aggressoren mit rund zwei

Drittel der Fälle (In den Tabellen werden jeweils die eindeutig identifizierten Fälle

berücksichtigt).

Nicht verwunderlich ist vermutlich die sehr starke Dominanz männlicher Angreifer. Rund

90% der Aggressoren sind Männer, 8% Frauen. In einem folgenden Abschnitt wird dieser

Punkt noch einmal aufgegriffen, hier sei nur erwähnt, daß unabhängig vom

Themenrahmen Kriminalität oder Krieg die Verteilung im Fernsehen der der tatsächlichen

Kriminalitätsstatistik nahekommt. Dies mag allerdings auch mit der Betonung physischer

Aggression zu tun haben. Häufig wird argumentiert, daß durchaus auch weibliche

Aggression verbreiteter sei, sich- allerdings bei den Darstellungen in den Medien nicht in

physischer Schädigung äußere. Ein Resümee ist jedenfalls möglich:

Aggression im Fernsehen ist meist männliche Aggression.

Während auf Jugendliche bei realer Gewalt durchaus höhere Prozentsätze entfallen und

hier besonders auch beklagt wird, daß sie die „Hauptwirkungsgruppe“ von

Gewalterstellungen seien, sind sie bei der Darstellung von Gewalt als Angreifer kaum

vertreten. Jedenfalls sind die rund 5% Kinder und Jugendliche als Täter in Fernsehszenen

keine Widerspiegelung der allgemein in der Öffentlichkeit thematisierten Anteile, die sie

81


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an der Gewalt haben, z.B. auch im Zusammenhang mit Gewalt gegen Ausländer. Dies

hängt hier auch mit der Dominanz fiktiver Formen zusammen.

Vor allem in Spielfilmen und Serien sind Aggressoren fast immer Erwachsene.

Über die verschiedenen Genres hinweg sind es 92% der Aggressionen, die von Personen

im Erwachsenenalter unter 60 ausgehen, auf ältere Menschen entfallen ebenfalls nur sehr

wenige Fälle.

Beim Status der Aggressoren führen „Privatpersonen“, also Menschen, die nicht von

vornherein schon eine Definition als Angreifer haben, wie z.B. Kriminelle oder auch von

Berufs wegen damit befaßte Personen, Militär oder Polizei. Auf solche Privatpersonen

entfallen rund 27% der Angriffe, 20% auf Kriminelle, 10% auf Militär, 7% auf Polizei und

trickfilmspezifisch rund 11% auf Phantasiefiguren bzw. mehr als 8% auf vermenschlichte

Tiere. Insgesamt aber geht der weitaus überwiegende Anteil der Aggression von

realistisch gezeigten Menschen aus, nicht von irrealen Figuren.

Ja

Nein

N = 2.252

Einzelner

Clique

Paar

Masse

N = 3.304

Männlich

Weiblich

N = 2.723

Tab. 24: Sind Aggressoren/Konfliktpartner Hauptfiguren der Sendung?

31,5%

68,5%

Tab. 25: Anzahl der Aggressoren/Konfliktpartner

66,2%

17,5%

11,8%

4,4%

Tab. 26: Geschlecht des Aggressors/Konfliktpartners

82

89,4%

7,9%


Erwachsener

Jugendlicher

Kind

Alter ab 60

N = 2.801

Privatperson

Kriminelle(r)

Fantasieblume

Militär

Vermenschlichtes Tier

Polizei

Sonstiges

N = 3.288

Tab. 27: Alter der Täter/Konfliktpartner

92,1%

4,0%

1,6%

1,6%

Tab. 28: Status der Aggressoren/Konfliktpartner

27,2%

20,3%

11,5%

10,3%

8,8%

7,4%

14,8%

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Besonders wichtig für mögliche Wirkungen ist die „Aktualität“ der gezeigten Aggression.

Welche Waffen werden eingesetzt, vor allem, welche Motive führen überhaupt zur

Aggression und welche Gefühle werden beim Ausüben der Gewalt sichtbar? Schließlich

auch wichtig: wird die Aggression in irgendeiner Weise bestraft, gar belohnt, oder gibt es

andere deutliche direkte Reaktionen auf das Ausüben der Gewalt?

Die mit Abstand meisten Angriffe bestehen entweder aus rein körperlichen Aggressionen

oder werden von Schußwaffengebrauch begleitet. Die in Analysen zur persönlichen

Wahrnehmung von Aggression als besonders drastisch erlebten Stichwaffen kamen in

fast 8% der Fälle vor, das sind wöchentlich rund 260 Angriffe mit Messern oder ähnlichen

Gegenständen (siehe Tabelle 29).

Welche Gründe werden überhaupt für Gewalt angegeben? Zumindest aus dem

unmittelbaren Handlungskontext gehen in fast zwei Drittel der Fälle (faßt man die explizit

nicht erkennbaren oder nicht codierbaren Fälle zusammen) keine Gründe für den Einsatz

von Gewalt hervor. Dies könnte für Wirkungen bedeuten, daß Aggression häufig als „l'art

pour l'art“ erscheint.

83


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Danach ist Gewalt in vielen Fällen Selbstzweck, bzw. wird sie nur sehr fragmentarisch,

diffus, jedenfalls nicht erkennbar begründet.

Unter den tatsächlich ersichtlichen Motiven gibt es dann fast eine Gleichverteilung.

Politisch-ideologische Gründe und Sanktion stehen gleich auf, Verteidigung und

psychologische Motive sowie materielle Gründe folgen; schließlich wird Gewalt auch aus

Gehorsam ausgeübt, aus Ärger oder Frustration und um sich zu rächen. Faßt man diese

unterschiedlichen Motive wieder zusammen, so ist Aggression bei den erkennbaren

Motiven besonders häufig instrumentell, d.h. sie wird zur Erreichung eines Ziels

eingesetzt oder ist Reaktion auf das Verhalten anderer. Etliche Fälle beziehen sich aber

auch auf Aggression ohne äußeren Anlaß, also z.B. Lust an der Gewalt oder Ablassen

von Wut (siehe Tabelle 30: „psychologisch“; „Ärger“).

Sofern also überhaupt begründet, erscheint Aggression besonders häufig als Möglichkeit,

bestimmtre Ziele zu erreichen oder Konflikte zu lösen.

Auch der gefühlsmäßige Kontext spielt bei der Präsentation von Gewalt und ihren

möglichen Wirkungen eine wichtige Rolle. In fast zwei Drittel der Fälle war wiederum

unmittelbar keine Emotion bei den Aggressoren festzustellen. Kaltblütige Aktionen sind

natürlich auch keine Emotionen, wurden aber, sofern besonders auffallend, in diesem

Zusammenhang erfaßt. Auf solche „nicht-emotionalen“ Begleitumstände entfielen mehr

als 25%, d.h. der Angreifer zeigte sich besonders kalt und überlegen. Mit Wut verbundene

Angriffe folgten, rund 20%. Häufig war auch explizit zynisches Verhalten, bei dem der

Aggressor z.B. noch das Opfer lächerlich machte oder verhöhnte (umgesetzt in absolute

Zahlen kam dies rund 180 mal vor). Aggression aus Angst, wie sie z.B. bei Notwehr zu

vermuten ist, war demgegenüber deutlich seltener zu sehen (rund 6%).

In den Fällen, in denen überhaupt gefühlsrelevante Eigenschaften beim Ausüben von

Gewalt sichtbar werden, handelt es sich überwiegend um kalte oder zynische Angriffe, mit

einem gewissen Abstand gefolgt von extremeren Gefühlsformen wie Wut oder Angst.

Insgesamt wird Aggression seltener von extremen Gefühlen begleitet (Tabelle 31),

erscheint vermutlich auch dem Zuschauer eher als „cool“.

In der Theorie des Modell-Lernens ist eine wichtige Bedingung für das Erlernen von

Aggression, inwieweit sie sichtlich belohnt oder bestraft wird. Entsprechend wurde auch in

dieser Analyse erfaßt, welche Reaktionen, welche Konsequenzen auf die Aggressionen

84


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für den Aggressor erfolgen. Eine unmittelbare Belohnung oder Bestrafung geschieht sehr

selten, allenfalls taucht sie im späteren Handlungsverlauf auf. Dies mag dramaturgisch

nicht verwundern. Nimmt man aber die Ergebnisse der Lerntheorie, nach der gerade

direkte Konsequenzen besonders wichtig für eine Übernahme von Verhalten sind, so ist

auch dieses Ergebnis für mögliche Wirkungen bedeutsam.

Wenn überhaupt Konsequenzen sichtbar sind, so eher belohnende: Der Angreifer zeigt

sich befriedigt; Strafe erfolgt in den seltensten Fällen für seinen Angriff.

Noch einmal: Dies bezieht sich auf den unmittelbaren Kontext, zu späteren Zeitpunkten im

Handlungsverlauf wird zumindest bei kriminellen Angreifern sehr häufig eine Strafreaktion

gezeigt (Tabelle 32).

Körpereinsatz

Schußwaffe

Gegenstand

Übernatürliche Kräfte

Stichwaffe

Kriegsgerät

Sonstige

N = 3.398

Tab. 29: Waffen der Aggressoren/Konfliktpartner

85

32,0%

20,9%

8,9%

8,1%

7,7%

5,9%

16,5%


Nicht rekennbar

politisch-ideologsch

Sanktion

Verteidigung/Schutz

psychologisch

materiell

aotoritativ geleitet

Ärger/Frust

Rache

Sonstiges

N = 1.915

überlegen/kalt

ist wütend/schreit

zynisch

zeigt Angst

Sonstiges

N = 1.215

Keine

Befriedigung

Strafe

Sonstiges

N = 1.136

Tab. 30: Motive der Aggressoren/Konfliktpartner

32,3%

8,0%

8,0%

7,8%

7,2%

7,1%

6,6%

6,5%

4,4%

12,1%

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Tab. 31: Emotionaler Kontext bei Aggressoren/Konfliktpartner

26,9%

21,6%

14,8%

5,8%

30,8%

Tab. 32: Konsequenz für die Aggressoren/Konfliktpartner

74,7%

10,4%

6,6%

4,3%

Entsprechend der Demographie der Aggressoren wurde auch die der Opfer bestimmt.

Auch hier überwiegen Männer, allerdings nicht mehr ganz so deutlich wie bei den

Aggressoren (Tabelle 33). Immer noch sind die Opfer vor allem Erwachsene, mit einem

86


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allerdings höheren Anteil von Jugendlichen, Kindern und älteren Menschen. Und meist

handelt es sich wieder um Privatpersonen.

Männlich

Weiblich

Ausgeglichen (Masse)

N = 2.741

Erwachsener

Jugendlicher

Kind

Alter ab 60

Kombination

N = 2.766

Privatperson

Fantasiefigur

Kriminelle(r)

Vermenschlichtes Tier

Militär

Polizei

Nichtmenschliches Ding

Sonstiges

N = 3.300

Tab. 33: Geschlecht des Opfers/Konfliktpartners

78,8%

12,7%

8,5%

Tab. 34: Alter der Opfer/Konfliktpartner

87,3%

4,5%

2,5%

2,2%

3,5%

Tab. 35: Status der Opfer/Konfliktpartner

40,5%

11,3%

10,3%

8,6%

7,8%

5,7%

5,5%

10,3%

In der Mehrzahl der Fälle sind die Opfer selbst nicht bewaffnet, eine Bestätigung also der

„nicht-gleichberechtigten“ Konfliktsituation. Sofern sie überhaupt eine Gegenwehr zeigen

oder hätten zeigen können, handelt es sich um Körpereinsatz, seltener um

Schußwaffengebrauch. Insgesamt kann man also vor allem von „wehrlosen“ Opfern

87


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ausgehen. Für die Vorstellungen der Zuschauer bedeutet dies, daß eher eine Bedrohung

durch dominante Aggressoren gezeigt wird als Konflikte, bei denen gleiche Chancen

bestehen. Nimmt man die Tatsache hinzu, daß die Opfer vor allem Privatpersonen, nicht

Kriminelle oder sonstige in diesem Zusammenhang „besondere“ Konfliktpartner sind, so

konstituiert sich eine Welt, die auch für den „Normalbürger“ als bedrohlich erscheint.

Keine

Filtereinsatzes

Schusswaffe

Sonstiges

N = 3.124

Tab. 36: Waffen der Opfer/Konfliktpartner

56,3%

15,9%

10,2%

17,6%

Motive, emotionaler Kontext und Reaktionen der Opfer stellen sich folgendermaßen dar:

Abgesehen davon, daß ein Grund für Angriffe eher seltener beim Opfer zu finden ist als

beim Aggressor (durch den unmittelbaren Handlungskontext ersichtlich), zeigen sich die

erwarteten Motive: Verteidigung, Notwehr und Ärger bei einem meist gleichberechtigten

Konflikt. Faßt man die verschiedenen Formen ängstlicher Reaktionen zusammen, so

überwiegt beim emotionalen Kontext irgendeine Form von Angst. Schreien vor Angst,

Zittern oder ähnliches wird in 36% der entsprechend identifizierbaren Szenen gezeigt,

explizit keine Angst ist immerhin bei einem Drittel der Konfliktpartner oder Opfer

festzustellen. Der Rest entfällt auf Gefühle, die denen von Angreifern entsprechen

könnten, also Wut oder Überlegenheit und kennzeichnet wieder eher die Konfliktpartner in

gleichberechtigten Situationen. Insgesamt aber überwiegt Angst, sofern überhaupt

Emotionen beim Opfer gezeigt werden, was nur für ein Drittel der Fälle zutrifft. Die

Ausübung von Aggression ist damit auch von der Gefühlsseite der Opfer her eher

konsequenzenlos. Mit anderen Worten: weder finden im unmittelbaren Zusammenhang

von Gewalt Bestrafungen des Täters statt, noch wird in der überwiegenden Zahl der Fälle

gezeigt, daß Aggression beim Opfer negative Gefühle erzeugt. Vorsichtiger Rückschluß

auf die Reaktionen der Zuschauer:

Eine Einfühlung in das Leiden und die Gefühle der Opfer wird häufig nicht nahegelegt.

Auch physische Reaktionen der Opfer sind meist nicht sichtbar (Tabelle 39). Sofern

überhaupt angesprochen, finden in etwas weniger als der Hälfte der Fälle explizit gar

88


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keine Reaktionen statt, in 23% der Fälle ist eine Gegenwehr zu sehen und in nur 4% der

Fälle wird der Konfliktpartner noch im Verlauf der aggressiven Handlung selbst zum

(dominierenden) Aggressor.

Die direkte Gegenüberstellung von Täter- und Opfer-Status (Tabelle 40) zeigt schließlich

noch einmal, daß vor allem bei der Verteilung von Privatpersonen und Kriminellen das

vermutlich auch zu erwartende Ungleichgewicht besteht: Opfer oder Konfliktpartner sind

vor allem Privatpersonen; auch die Angreifer werden zwar häufig als Privatpersonen

dargestellt, sind aber ebenfalls in sehr vielen Fällen Kriminelle.

Nicht erkennbar

Verteidigung/Schutz

Notwehr

Ärger/Frust

Sonstiges

N = 1.255

Tab. 37: Motive der Opfer/Konfliktpartner

16,5%

16,7%

6,4%

7,4%

53,0%

Tab. 38: Emotionaler Kontext bei Opfern/Konfliktpartner

zeigt keine Angst

29,3%

zeigt verschiedene Formen der Angst

ist wütend/schreit

schreit vor Angst

überlegen/kalt

Sonstiges

N = 1.145

89

23,5%

14,1%

12,4%

6,1%

14,4%


Keine

Gegenwehr

Flucht

wird zum Aggressor

Sonstiges

N = 1.479

Privatperson

Kriminelle(r)

Fanatsiefigur

Militär

Vermenschlichtes Tier

Polizei

(alle anderen unter 3%)

Tab. 39: Reaktion der Opfer/Konfliktpartner

42,3%

22,9%

10,4%

4,2%

20,2%

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Tab. 40: Häufigster Status der Täter/Opfer

Täter/K1 Opfer/K2

27,2%

20,3%

11,5%

10,3%

8,8%

7,4%

6.4.2 Männer und Frauen als Täter und Opfer

40,5%

10,3%

11,3%

7,8%

8,6%

5,7%

Männer überwiegen als Aggressoren insgesamt deutlich mit rund 90%. Die Tabelle 41

zeigt in der näheren Analyse, daß bei Frauen, auch wenn man die Proportionen

berücksichtigt, eine größere Wahrscheinlichkeit besteht, zum Opfer zu werden als zum

Aggressor. Zwar überwiegen auch bei den Opfern die Männer, doch sind hier die

Verhältnisse nicht spiegelbildlich zu denen der Aggressoren. Konkret: Während weniger

als 9% der Frauen Täter sind, sind sie in etwas mehr als 15% der Fälle die Opfer. Dabei

erhöht sich diese Zahl noch einmal etwas, wenn Frauen auch die Angreifer sind und liegt

leicht niedriger, wenn die Aggressoren Männer sind. Das Fernsehen bestätigt also die

„klassischen“ Vorstellungen der Verteilung von Aggression in der Gesellschaft, ohne daß

hier darauf eingegangen werden kann, inwieweit das Bild unabhängig von der

Kriminalitätsstatistik gerechtfertigt ist:

Männer sind in den allermeisten Fällen die Angreifer, bei Frauen besteht demgegenüber

eine etwas größere Wahrscheinlichkeit, zum Opfer zu werden.

90


Bei Mord (s.u.) ist diese Diskrepanz noch sehr viel größer.

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Tab. 41: Das Verhältnis von männlichen und weiblichen Aggressoren zu

männlichen und weiblichen Opfern (explizite Aggressor/Opfer-Situation)

Opfer:

Männlich Weiblich Σ

1101

195

1296

Täter Männlich

Weiblich

85,0%

91,6%

101

81,5%

8,4%

1202

84,6%

15,0%

89,4%

23

18,5%

10,6%

218

15,4%

91,3%

124

8,7%

1420

100,0%

Die folgenden Tabellen differenzieren für Männer und Frauen wiederum nach den

unterschiedlichen Arten der Aggression und ihrem emotionalen und motivationalen

Kontext. Bei den Motiven ist zusammengefaßt nach Reaktion und Initiative (also

Erreichen eines Ziels bzw. Aggression als Selbstzweck) bei Männern noch etwas häufiger

als bei Frauen der „die Situation kontrollierende“ Aspekt zu finden. Die Aggression geht in

den meisten Fällen vom Aggressor selbst aus, wird ihm nicht von außen auferlegt

(reaktiv). Dies gilt zwar auch für Frauen, ist aber bei Männern nochmals stärker

ausgeprägt (Tabelle 42).

Bei den verwendeten Waffen wird vor allem der Unterschied bei Gegenständen ohne

Schuß- und Stichwaffen deutlich. Diese werden sehr viel häufiger von Frauen als von

Männern eingesetzt. Daß Gegenstände bei Frauen proportional häufiger vorkommen, ist

auf das Fehlen von Kriegsgerät bei weiblichem Waffeneinsatz zurückzuführen.

Bei der Verteilung des inhaltlichen Kontexts der Aggression fällt auf, daß die Privatsphäre

bei Frauen häufiger Anlaß für Aggression ist als bei Männern. Überspitzt formuliert,

könnte man auch hier von einer Widerspiegelung der Kriminalitätsstatistik ausgehen.

Wenn also Frauen zu Aggressorinnen werden, geschieht dies besonders häufig im

privaten Bereich (Tabelle 44). Noch deutlicher werden die großen Unterschiede beim

Status der Täter: Hier handelt es sich bei Frauen in mehr als zwei Drittel der Fälle um

Privatpersonen, während weniger als die Hälfte der Männer proportional gesehen eine

91


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entsprechende Rolle haben. Bei Männern sind es die „klassischen“ aggressiven Rollen,

nicht-legitimierte wie Kriminelle oder auch legitimierte wie Soldaten oder Polizei, die das

Gros der „Angreifer“ ausmachen.

Weibliche Aggression findet im privaten Nahraum statt, männliche in den herkömmlichen

Feldern wie Verbrechen oder Krieg.

Dem entspricht vermutlich ebenfalls, daß Frauen nochmals häufiger als Männer vor allem

als Einzelpersonen Aggression ausüben (Tabelle 45).

Tab. 42: Das Verhältnis von Reaktion und Initiative als Aggressionsmotiv bei

männlichen und weiblichen Aggressoren

Motiv:

Reaktion Initiative Σ

270

713

983

Täter Männlich

Körpereinsatz

Schußwaffe

Gegenstand

Stichwaffe

Kriegsgerät

Übernatürliche Kraft

N = 1.821

Weiblich

27,5%

88,5%

35

33,7%

11,5%

305

28,1%

72,5%

91,4%

69

66,3%

8,8%

782

71,9%

Tab. 43: Häufigste Waffen der Täter

Männer Frauen

30,3%

32,1%

26,1%

9,7%

7,4%

4,9%

1,3%

92

23,7%

14,7%

7,7%

-

2,6%

90,4%

104

9,6%

1087

100,0%


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Tab. 44: Häufigste inhaltliche Thematik der Aggression

Männer Frauen

Kriminalität/Verbrechen

47,9%

39,6%

Komik

Alltag/Familie

Science Fiction

Krieg

Ehe/Bezeihung

N = 1.818

Einzelperson

Clique

Paar

Masse

N = 1.836

Kriminelle(r)

Privatperson

Militär

Fantasiefigur

Polizei

Vermenschlichtes Tier

Detektiv

N = 1.772

12,6%

9,4%

7,0%

4,4%

2,9%

8,2%

14,5%

5,7%

0,6%

8,2%

Tab. 45: Anzahl der Aggressoren

Männer Frauen

6,1%

89,3%

15,7%

11,9%

3,2%

1,3%

9,4%

Tab. 46: Häufigster Status der Täter

Männer Frauen

30,8%

7,2%

27,1%

10,6%

9,7%

8,5%

5,4%

2,0%

Auch bei den Motiven wird die unterschiedliche Verteilung bestätigt. Bei

-

68,0%

1,3%

7,8%

2,0%

3,9%

4,6%

Frauenaggression sind ähnlich wie bei den Männern die Hintergründe oft nicht unmittelbar

erkennbar (siehe oben). Da aber, wo sie erkennbar sind, überwiegen im Gegensatz zur

männlichen Aggression emotionale oder psychologische Motive.

93


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Das Erreichen politisch-ideologischer Ziele oder materielle Gründe spielen anders als bei

Männern bei Frauen fast keine Rolle. Demgegenüber findet man bei ihnen sehr häufig

Aggression aus Wut, zur Verteidigung und vor allem aus psychologischen Gründen, auch

hier eine Widerspiegelung der vor allem „privaten“ Gewaltanwendung.

Der direkte emotionale Kontext von Gewalt ist vor allem in drei Punkten bei Männern und

Frauen verschieden; auch diese sprechen wiederum für die höhere Emotionalität der Frau

in der Darstellung: Zynismus, Angst und Verzweiflung sind deutlich häufiger zu finden als

bei Männern. Inwieweit hier Klischees festgeschrieben werden, kann an dieser Stelle

nicht näher analysiert werden.

Nicht erkennbar

Identifizierbar

davon:

politisch-ideologisch

materiell

autoritativ geleitet

psychologisch

Sanktion

Verteidigung/Schutz

Ärger/Frust

Rache

N = 1.855

Tab. 47: Erkennbare Motive der Täter

Männer Frauen

59,1%

55,4%

41,9%

7,2%

11,0%

7,5%

9,3%

7,7%

5,7%

6,2%

4,4%

94

44,6%

_

3,8%

2,9%

15,4%

8,7%

9,6%

11,5%

2,9%


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Tab. 48: Erkennbarer emotionaler Kontext bei den Tätern

Männer Frauen

Nicht erkennbar

58,7%

48,5%

überlegen/kalt

ist wütend/schreit

zynisch

verzweifelt/Scham

schreit vor Angst

zeigt andere Formen der Angst

Sonstige

N = 1.855

13,8%

9,3%

6,5%

0,8%

0,4%

1,3%

7,1%

11,3%

9,4%

12,6%

2,5%

0,6%

4,4%

7,5%

Bei den Folgen der Aggression sind nur geringe Unterschiede sichtbar. Frauen haben

eine etwas größere Wahrscheinlichkeit, in Mordfälle oder schwere Angriffe verwickelt zu

sein, als Männer. Dies gilt wohlgemerkt innerhalb der Männer- bzw. Frauenaggression,

die absoluten Zahlen sind in allen Fällen bei Männern bis zum 10fachen höher.

In Serien kommen Frauen proportional häufiger als Aggressoren vor als Männer. Dies

spiegelt auch die größere Wahrscheinlichkeit von Alltagsund Privatsituationen in Serien

als in den meisten anderen Genres wieder.

Leichte Verletzung

Tod

schwere Verletzung

Sonstiges

N = 1.778

Tab. 49: Folgen der Aggression

Männer Frauen

26,3%

25,2%

17,5%

8,3%

43,9%

95

19,5%

11,3%

38,4%


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Tab. 50: Anteil von Männern und Frauen als Täter in unterschiedlichen Genres

Männer Frauen

Spielfilm

32,3%

30,8%

Serie

Zeichentrick

Kinder

Information/Dokumentation

Nachrichten

Unteraltung

Sonstiges

N = 1.855

28,7%

18,1%

9,4%

3,5%

3,3%

2,9%

1,8%

40,3%

13,2%

6,3%

2,5%

1,3%

4,4%

1,3%

Die geschlechtsspezifische Opferanalyse zeigt schließlich folgendes: Männer und Frauen

werden in fast der Hälfte aller Fälle Opfer von Verbrechen. Deutliche Unterschiede

ergeben sich bei den restlichen Bereichen: Auch hier fällt wieder auf, daß der

Privatbereich nochmals Frauen häufiger als Geschädigte erscheinen läßt als Männer. Hier

ist sogar eine Differenzierung zwischen Alltag/Familie und Ehe/Beziehung möglich:

Frauen werden am zweithäufigsten bezogen auf alle Opferszenen in der Partnerschaft

„geschädigt“.

Tab. 51: Thema der Aggression bei männlichen Opfern

Kriminalität/Verbrechen

48,5%

Komik

Alltag/Familie

Science Fiction

Krieg

Sonstiges

N = 1.467

96

13,2%

10,2%

9%

4,4%

14,8%


Tab. 52: Thema der Aggression bei weiblichen Opfern

Kriminalität/Verbrechen

43,1%

Ehe/Beziehung

Pathologisch/Übersinnlich

Komik

Science Fiction

Alltag/Beziehung

Spiel

Sexualität

Krieg/Terrorismus

Politische Auseinandersetzung

Sonstiges

N = 276

http://www.mediaculture-online.de

9,4%

9,4%

9,1%

6,9%

4,3%

4,3%

4,0%

1,8%

1,4%

6,2%

Sie sind zugleich als Opfer noch häufiger Einzelpersonen als Männer, dabei gibt es keine,

bzw. oft sogar „belohnende“ Konsequenzen für ihre Angreifer. Der Vergleich zwischen

Tabelle 32 und Tabelle 55 zeigt, daß Angreifer weiblicher Opfer noch häufiger als

zufrieden gezeigt werden als die Angreifer aller Opfer zusammengenommen.

Einzelner

Clique

Paar

Masse

N = 1.398

Einzelner

Clique

Paar

Masse

N = 266

Tab. 53: Anzahl der Aggressoren bei männlichen Opfern

70,8%

15.5%

11.2%

2,5%

Tab. 54: Anzahl der Angreifer weiblicher Opfer

97

77,1%

12,8%

9,4%

0,8%


Keine

Befriedigung

Strafe

Reue

Sonstiges

N = 126

Keine

Gegenwehr

Flucht

wird zum Aggressor

Sonstiges

N = 156

Tod

Leichte Verletzung

Schwere Verletzung

Tab. 55: Konsequenz für Angreifer weiblicher Opfer

73,8%

http://www.mediaculture-online.de

13,5%

7,1%

2,4%

3,2%

Tab. 56: Reaktion der weiblichen Opfer

39,7%

16,7%

10,9%

3,8%

28,8%

Tab. 57: Entstandener Schaden bei weiblichen Opfern

28,9%

Sonstiges (Bedrohung, Gefährdung, materieller Schaden)

N = 273

22,7%

9,5%

38,8%

Insgesamt kann man von einer deutlich anderen Topographie der Aggressionsstruktur bei

Männern und Frauen in der Darstellung ausgeben.

Für Frauen werden bestehende Vorstellungen auch im Fernsehen fortgeschrieben. Sie

werden eher selten als Angreifer dargestellt. Wenn sie es sind, geschieht dies besonders

häufig im privaten Kontext, ist mit höherer Emotion verbunden und findet gleichzeitig in

nicht von vornherein als schon aggressiv definierten Umfeldern statt.

98


6.4.3 Nachrichten

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Die folgenden Abschnitte beschreiben die Aggressionsstrukturen innerhalb der einzelnen

Genres. Zunächst die Nachrichten. Häufig wird in der Diskussion argumentiert, daß die

Gewalt im Programm vor allem die gesellschaftliche Wirklichkeit wiedergebe. Wenn dem

so wäre, müßte sich dies zum einen in relativ hohen Nachrichtenanteilen an der Gewalt

zeigen, zum anderen die Verteilung der Mediengewalt auf die unterschiedlichen

Themenbereiche der „Wirklichkeit“ entsprechen. Zunächst:

Tatsächlich entfallen auf Nachrichtenaggression weniger als 10% aller im Programm

vorkommenden Gewaltakte. Der weitaus überwiegende Teil gezeigter Aggression stammt

aus den fiktiven Genres.

Thema der Aggression bei Nachrichten sind, wie zu erwarten, vor allem kriegerische und

politische Auseinandersetzungen. Im Erhebungszeitraum standen dabei an erster Stelle

Rassen- und Minoritätenkonflikte, also z.B. Gewalt in Südafrika und Gewalt gegen

Ausländer in Deutschland. Kriegsberichterstattung folgte, Jugoslawienkonflikt bzw. die

weltweit ständig aktuellen Konfliktherde. Nicht explizit kriegerische oder

minoritätenbezogene innenpolitische Auseinandersetzungen waren ebenfalls ein häufig

angesprochenes Thema, so daß sich insgesamt die in irgendeiner Form politischen

Konflikte zu fast 80% aller Gewalttaten aufaddieren. Kriminalität und Verbrechen nehmen

demgegenüber bei Nachrichten weniger als 20% der Reports ein. Dies dürfte der zu

erwartenden Struktur entsprechen. Zugleich wird hier ein thematischer Unterschied zum

sogenannten Reality-TV deutlich: Es wird zwar mit Realitäts- und Aktualitätsanspruch

versehen, bezieht sich aber zugleich vor allem auf die Unglücks- bzw.

Verbrechensthematik.

Unglücke und Katastrophen waren hier allerdings bereits ausgeklammert worden, siehe

ein vorhergehendes Kapitel, es ging um menschengesteuerte und beabsichtigte

Aggressionen. Entsprechend der von der gesamten Gewaltstruktur abweichenden

Themenverteilung kamen in Nachrichten auch häufiger gleichberechtigte

Konfliktsituationen vor.

Es fällt vor allem auf, daß gegenüber der Gesamtgewalt der entstandene „Schaden“ in

den Nachrichten fast zur Hälfte mit Tod identisch ist. Hier kann man auf Studien

99


http://www.mediaculture-online.de

verweisen, nach denen die Berichtenswahrscheinlichkeit auch eine Funktion der

Schadensschwere ist.

Tab. 58: Nachrichten: Thema der Aggression

Rassen/-Mioritätenkonflikte

Krieg

Kriminalität/Verbrechen

Politische Auseinandersetzung

Terrorismus

Sonstiges

N = 237

Tab. 59: Nachrichten: Art der Konfliktsituation

Eindeutige Aggression-Opfer-Situation

Gleichberectigte Konfliktsituation

N = 237

Tod

Schwere Verletzung

Leichte Verletzung

Tab. 60: Nachrichten: Entstandener Schaden

Sonstiges (Bedrohung, Gefährdung, materieller Schaden)

N = 223

29,8%

24,3%

18,3%

16,6%

6,4%

4,7%

67,1%

32,9%

45,3%

7,2%

4,0%

43,5%

Für die Demographie der Aggressoren zeigt sich in Nachrichten die folgende Verteilung:

Aufgrund des Themas „politische Auseinandersetzung“ sind sie in Nachrichten meist

Gruppen bzw. eine große Masse. Einzelne Aggressoren werden in weniger als 15% der

Fälle gezeigt. Auch hier liegt die Korrespondenz zur Themenverteilung Kriminalität und

Verbrechen nahe.

Nochmals viel deutlicher als bei den Gewaltakten insgesamt ist die Dominanz männlicher

Aggressoren mit fast 94% gegenüber Frauen mit 2%. Auch der Status der Aggressoren,

ihre verwendeten Waffen und die Motive setzen den beim Themenrahmen beschriebenen

100


http://www.mediaculture-online.de

Trend fort. Gezeigt werden überwiegend Militär, politische und ethnische Gruppen, bei

den Waffen handelt es sich um Kriegsgerät oder Schußwaffen, die Motive sind politisch-

ideologisch oder stehen im Zusammenhang mit autoritativ geleiteten Maßnahmen.

Masse

Clique

Einzelner

Paar

N = 138

Tab. 61: Nachrichten: Anzahl der Aggressoren/Konfliktpartner

50,7%

31,9%

13,8%

3,6%

Tab. 62: Nachrichten: Geschlecht der Aggressoren/Konfliktpartner

Männlich

93,5%

Weiblich

Ausgeglichen

N = 92

Militär

Politische Gruppe

Polizei

Ethnische Gruppe

Privatperson

Kriminelle(r)

Sonstige

N = 189

2,2%

4,3%

Tab. 63: Nachrichten: Status der Aggressoren/Konfliktpartner

44,4%

101

14,8%

10,6%

10,6%

8,5%

5,8%

5,3%


Kriegsgerät

Schußwaffe

Hieb-/Stichwaffe

Körpereinsatz

Gegenstand

Sonstige

N = 137

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Tab. 64: Nachrichten: Waffen der Aggressoren/Konfliktpartner

48,2%

29,2%

8,0%

6,6%

3,6%

4,4%

Tab. 65: Nachrichten: Motive der Aggressoren/Konfliktpartner.

Nicht erkennbar

18,2%

politisch-ideologisch

autoritativ geleitet

materiell

Sonstige

N = 99

47,5%

12,1%

5,1%

17,0%

Direkte Konsequenzen für Aggressoren werden im unmittelbaren Kontext auch in

Nachrichten meist nicht gezeigt, allerdings bestehen sie, sofern sie auftreten, vor allem

aus Bestrafung.

Auch die Opferstruktur entspricht wiederum den Themen: Meist Massei oder Gruppen,

meist männliche Opfer oder eine Verteilung von Männer und Frauen (Masse), sehr selten

einzelne Frauen (rund 2%).

Bei den Opfern handelt es sich zumeist um Privatpersonen, Konsequen; der Themen

Krieg und politische Auseinandersetzung, danach folgt Militär Ethnische Gruppen, also

z.B. in Deutschland „Ausländer“ wurden im Erhe bungszeitraum in 7,5% der Fälle als

Opfer gezeigt.

Das Alter der Opfer: vor allem Erwachsene oder Kombinationen. Häufiger als bei den

Aggressoren kamen auch Kinder und Jugendliche mit insgesamt rund 11 % als Opfer vor.

102


Keine

Strafe

Reue

N = 38

Masse

Clique

Einzelne

Paar

N = 169

Männlich

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Tab. 66: Nachrichten: Konsequenzen für Aggressoren/Konfliktpartner

55,3%

Ausgeglichen (Masse)

Weiblich

N = 105

Privatpersonen

Militär

Ethnische Gruppe

Polizei

Politische Gruppe

Sonstiges

N = 187

Tab. 67: Nachrichten: Anzahl der Opfer

Tab. 68: Nachrichten: Geschlecht der Opfer

Tab. 69: Nachrichten: Status der Opfer

103

39,5%

5,3%

43,8%

30,8%

18,3%

7,1%

72,4%

25,7%

1,9%

42,8%

25,1%

7,5%

6,4%

5,9%

12,3%


Erwachsener

Kombination

Kind

Jugendlicher

Alter – ab 60

N = 109

Tab. 70: Nachrichten: Alter der Opfer

http://www.mediaculture-online.de

72,5%

14,7%

7,3%

3,7%

1,8%

Eine formale Präsentation, die aus besonderen Kameraperspektiven oder Schnitten

bestanden hätte, fiel in den meisten Fällen nicht auf. In den identifizierten Fällen handelt

es sich vor allem um Zooms oder schnellere Schnittfolgen, also die gebräuchlichen

formalen Darbietungsformen.

Kamera Näher

Schnitt schneller

Kamera entfernter

Sonstiges

N = 31

Tab. 71: Nachrichten: Formale Präsentation der aggressiven Akte

35,5%

29,0%

25,8%

9,6%

Die Gewalt in den Nachrichten unterscheidet sich insgesamt also deutlich vom

Gesamtangebot und von den anderen Genres (siehe unten). Dies gilt für fast alle

Bereiche: Themenrahmen, Art der Opfer und Täter, Schadenshöhe, verwendete Waffen.

Wichtig ist dieser Aspekt zugleich für die Frage nach der Vermischung von fiktiven und

dokumentarischen Formen. Bei eindeutig als Nachrichten ausgewiesenen Sendungen

hebt sich die Struktur von der Gesamtgewalt ab. Noch einmal: dabei ist zu

berücksichtigen, daß auf Nachrichtenaggression weniger als 10% aller aggressiven Akte

entfallen.

6.4.4 Trickfilm

In der Diskussion über Gewaltdarstellungen im Fernsehen wird immer auch das Thema

Trickfilm angeschnitten. Sei es, daß ihnen besondere Harmlosigkeit attestiert wird, sei es,

daß gerade von Trickfilmen Wirkungen auf jüngere Kinder erwartet werden. Neueste

Analysen (siehe die ersten Kapitel) belegen die tatsächlich kurzfristigen

104


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Imitationswahrscheinlichkeiten von Trickfilmen bei den Kindern. Bei Jugendlichen und

Erwachsenen wird man allerdings eher davon ausgehen, daß Trickfilme auf sie zwar

physiologische Wirkungen haben (höhere Aufmerksamkeit, höhere Erregung), gleichzeitig

aber diese Altersgruppe die Trennung zwischen Real und Irreal fast immer leisten kann.

Beim Themenrahmen verteilen sich im Trickfilm die Bereiche Science Fiction und Komik

in etwa gleich auf die verschiedenen Programme. Mit deutlichem Abstand folgen

Kriminalität und Verbrechen, danach Alltag und Familie. Die Konfliktformen entsprechen in

etwa denen aller aggressiven Akte, noch etwas deutlicher findet man eindeutige

Aggressor-Opfer-Konstellationen mit fast drei Viertel aller Fälle.

Bei den „Mordraten“ wird häufig ins Feld geführt, daß hierbei auch nicht-eindeutige

Trickfilmangriffe mitgezählt worden seien, obwohl z.B. das Opfer nach einem schweren

Angriff wieder aufstehen könne. Tatsächlich wurden diese Formen hier nicht

berücksichtigt; nur wirklich eingetretener Tod wurde als Mord kodiert. Dies war nur bei den

extremeren Action-Cartoons vorwiegend aus ostasiatischen Produktionen der Fall.

Entsprechend entfielen anders als bei den anderen Genres weniger als 6% der in

Trickfilmen festgestellten Schädigungen auf Tod, und auch schwere Verletzungen kamen

vergleichsweise selten vor. Damit ist der Trickfilm eher das Genre, das zumindest nach

unserer Auswertung nicht die ganz schweren Gewalttaten zeigt. Allerdings gibt es ein

größeres Spektrum von Prügeleien zwischen vermenschlichten Tiergestalten bis hin zu

horrorfilmähnlich aufgebauten Szenen. Bei der (identifizierbaren) demographischen

Verteilung zeigt sich wieder ein ähnliches Bild wie bei der Gesamtaggression, Angreifer

sind vorwiegend Männer, dabei Erwachsene, allerdings werden häufiger auch

Jugendliche und Kinder in dieser Rolle gezeigt. Körpereinsatz ist die meist verwendete

„Waffe", auffällig ist allerdings die genrespezifische Besonderheit von Fantasie-Figuren

und vermenschlichten Tieren als zentrale Aggressoren und die Verwendung von Science-

Fiction-Waffen.

105


Science-Fiction

Komik

Kriminalität/Verbrechen

Alltag/Familie

Sonstiges

N = 1.129

Tab. 72: Trickfilm: Thema der Aggression

Tab. 73: Trickfilm: Art der Konfliktsituation

Eindeutige Aggressor-Opfer-Situation

Gleichberechtiget Konfliktsituation

N = 1.143

Leichte Verletzung

Schwere Verletzung

Tod

Tab. 74: Trickfilm: Entstandener Schaden

Sonstiges (Bedrohung, Gefährdung, materieller Schaden)

N = 1.103

Einzelner

Clique

Paar

Masse

N = 1.100

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33,3%

31,4%

14,5%

11,0%

9,9%

72,4%

27,6%

35,4%

7,9%

5,7%

51,0%

Tab. 75: Trickfilm: Anzahl der Aggressoren/Konfliktpartner

69,2%

106

18,4%

11,3%

1,2%


Männlich

Weiblich

Ausgeglichen

N = 706

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Tab. 76: Trickfilm: Geschlecht der Aggressoren/Konfliktpartner

91,9%

5,4%

2,7%

Tab. 77: Trickfilm: Status der Aggressoren/Konfliktpartner

Fantasiefigur

29,7%

Vermenschlichtes Tier

Privatperson

Kriminelle(r)

Nicht-menschliches Ding

Sonstiges

N = 1.090

25,6%

12,6%

10,3%

5,8%

16,0%

Tab. 78: Trickfilm: Alter der Aggressoren/Konfliktpartner

Erwachsener

87,9%

Jugendlicher

Kind

Alter – ab 60

Kombination

N = 761

4,5%

3,7%

2,4%

1,6%

Tab. 79: Trickfilm: Waffen der Aggressoren/Konfliktpartner

Körpereinsatz

31,2%

Science-Fiction-Waffe

Gegenstand

Hieb-/Stichwaffe

Sonstige

N = 1.125

107

20,4%

13,6%

6,7%

28,2%


Auch die Verteilung der Motive folgt überwiegend der Gesamtstruktur, direkt

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rückschließbar sind die meisten Motive nicht. Dagegen zeigt sich eine einfachere Struktur

als bei allen anderen Genres für den emotionalen Kontext. Mehr als die Hälfte der

identifizierbaren „Gefühle“ sind kalte und zynische Reaktionen, gefolgt von Wut und

extremem Ärger.

Bei den meisten strukturellen Merkmalen der Gewalt heben sich die Trickfilme nicht von

der Gesamtheit aller gezeigten Aggressionen und besonders nicht vom fiktiven Genre ab.

Unterschiede tauchen überall da auf, wo Fantasie-Figuren angesprochen werden, bzw.

wo es um Spezialeffekte geht. Diese sind, nicht verwunderlich, in Trickfilmen besonders

häufig.

Ein weiteres Spezifikum dieses Genres ist schließlich die Art der Konsequenzen für Opfer

und Aggressor. Beim Opfer wird Angst nicht oft angesprochen, für den Aggressor haben

zumindest im unmittelbaren Handlungskontext die Angriffe nur selten direkte Folgen. Dies

könnte nun als „Harmlosigkeit“ der Trickfilmgewalt interpretiert werden, vielleicht gar als

besonders irreale Darstellung der Aggression. Andererseits sei aber noch einmal betont,

daß gerade von den rein motorischen Action-Abläufen sehr wohl auch

Imitationswirkungen ausgehen können, wie es sich in den bereits zitierten

Untersuchungen für sehr junge Kinder gezeigt hat. Zumindest ist bei Trickfilmen eine

starke physiologische Wirkungswahrscheinlichkeit gegeben.

Tab. 80: Trickfilm: Motive der Aggressoren/Konfllktpartner

Nicht erkennbar

33,1%

Verteidigung/Schutz

materiell

Ärger/Frust

Sanktion

psychologisch

Rache

autoritativ geleitet

Sonstiges

N = 520

108

9,6%

8,5%

8,3%

8,1%

7,1%

5,0%

4,6%

20,3%


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Tab. 81: Trickfilm: Emotionaler Kontext bei Aggressoren/Konfliktpartnern

überlegen/kalt

28,1%

zynisch

ist wütend, schreit

Sonstiges

N = 360

Keine

Befriedigung

Strafe

Sonstige

N = 531

Einzelne

Clique

Paar

Masse

N = 1.091

Männlich

24,2%

20,8%

45,5%

Tab. 82: Trickfilm: Konsequenz für Aggressoren/Konfliktpartner

71,4%

Ausgeglichen (Masse)

Weiblich

N = 724

Tab. 83: Trickfilm: Anzahl der Opfer

Tab. 84: Trickfilm: Geschlecht der Opfer

109

13,9%

5,3%

9,5%

66,5%

20,1%

12,8%

0,6%

84,3%

8,8%

6,9%


Fantasiefigur

Vermenschlichtes Tier

Privatperson

Nicht-menschliches Ding

Kriminelle(r)

Sonstiges

N = 1.076

Tab. 85: Trickfilm: Status der Opfer

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32,5%

25,4%

17,1%

6,4%

4,8%

13,8§

Tab. 86: Trickfilm: Emotionaler Kontext bei den Opfern

Zeigt keine Angst oder andere Emotion

28,8%

schreit vor Angst

zeigt andere G´Formen der Angst

ist wütend, schreit

Sonstiges

N = 338

Keine

Gegenwehr

Flucht

wird zum Aggressor

Sonstiges

N = 413

Tab. 87: Trickfilm: Reaktion der Opfer

110

8,6%

17,2%

21,9%

13,6%

47,%

16,7%

14,3%

3,6%

17,9%


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Tab. 88: Trickfilm: Formale Präsentation der aggressiven Akte

Zusätzliche Musik/Soundeffekte

45,4%

Kamera näher

Schnitt schneller

Special Effects

Schnitt langsamer

Kamera entfernter

Sonstiges

N = 643

21,8%

20,5%

5,0%

3,0%

3,6%

0,8%

Insgesamt entfällt auf Trickfilme fast ein Viertel aller Gewaltszenen. Allerdings spielen sie

nach unserem Analysevorgehen bei extremer körperlicher Gewalt und gar Mord eine viel

geringere Rolle.

Dennoch sind sie zumindest bei jüngeren Vorschulkindern und für den motorischen

Aspekt der Aggression nicht als vollkommen isoliertes Genre zu behandeln. Auch bei

Trickfilmen gibt es ein Risiko von Verhaltenskonsequenzen, besonders da, wo es sich um

realistischer gemachte Programme handelt. Und zudem müßte in

Wirkungsuntersuchungen analysiert werden, inwieweit die dargebotenen aggressiven

Akte allgemein auch in entsprechende aggressive Denkkategorien mitübernommen

werden.

6.4.5 Spielfilme und Serien

Auch die Themenanalyse der Spielfilme und Serien bestätigt die ganz andere Struktur

dieses Genres im Vergleich zu den Nachrichten. Das dominierende Thema ist hier

Kriminalität, eine Widerspiegelung der aktuellen Berichterstattung zeigt sich also nicht.

Die in Nachrichten häufigen Bereiche Krieg oder politische Gewalt kommen so gut wie gar

nicht vor, dagegen werden Aggression und Gewalt in der Familie öfter angesprochen. Ein

weiterer, auch zu erwartender Strukturunterschied ist die Betonung des einzelnen

Aggressors. Spielfilme und Serien leben sehr stark von der Personalisierung, also von der

Identifikation einzelner konkreter Personen als Handlungsträger. Gewalt als Gruppenphä-

nomen, wie es in der Realität häufig der Fall sein dürfte, ist eher selten. Für

111


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Wirkungsanalysen wäre hier eine interessante Frage, inwieweit entsprechende Muster

einzeln ausgeübter Aggression auch von Kindern und Jugendlichen übernommen werden.

Beim entstandenen Schaden rangiert Tod an erster; Stelle., man kann also auch hier

davon ausgeben, daß die Dramatik besonders durch Mord erreicht wird - was Spielfilme

und Serien neben der Darstellungsform auch von Trickfilmen unterscheidet.

Bei der Rolle der Aggressoren zeigt sich wieder die starke Dominanz von Männern

gegenüber Frauen, allerdings nicht ganz so ausschließlich wie bei den Nachrichten. Ein

zwar kleiner Teil (vielleicht zunehmend?) von Unterhaltungsfilmen bezieht sich auf die

besondere „Dramatik“ weiblicher Aggression. Hier müßten längerfristige Analysen zeigen,

inwieweit es sich nur um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Wieder sind auch in

der Fiktion die Angreifer meistens Erwachsene. Es sind allerdings, anders als bei den

Nachrichten, Privatpersonen oder Kriminelle, die Gewalt ausüben. Die Rolle der

Privatperson bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Personen, die nicht schon vor

der Tat als Kriminelle eindeutig gekennzeichnet waren. Daß eine Gewalttat selbst

gleichzusetzen ist mit einem kriminellen Akt, wurde hierbei nicht berücksichtigt, es ging

vielmehr darum, ob jemand schon vorher eindeutig etikettiert war.

Tab. 89: Fictionprogramme: Thema der Aggression

Kriminalität/Verbrechen

Alltag/Familie

Komik

Krieg

Übersinnliches

Science Fiction

Sonstiges

N = 1.894

112

57,8%

6,4%

5,2%

5,0%

4,7%

4,4%

16,5%


Tod

Leichte Verletzung

Schwere Verletzung

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Tab. 90: Fictionprogramme: Entstandener Schaden

26,2%

Sonstiges (Bedrohung, Gefährdung, materieller Schaden)

N = 1.841

22,5%

9,1%

42,2%

Tab. 91: Fictionprogramme: Anzahl der Aggressoren/Konfliktpartner

Einzelner

69,8%

Clique

Paar

Masse

N = 1.829

15,8%

12,7%

1,6%

Tab. 92: Fictionprogramme: Geschlecht der Aggressoren/Konfliktpartner

Männlich

88,3%

Weiblich

Ausgeglichen

N = 1.713

9,3%

2,4%

Tab. 93: Fictionprogramme: Alter der Aggressoren/Konfliktpartner

Erwachsener

93,9%

Jugendlicher

Alter – ab 60

Kind

Kombination

N = 1.715

113

4,0%

1,1%

0,8%

0,2%


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Tab. 94: Schleifenprogramme: Status der Aggressoren/Konfliktpartner

Privatperson

37,2%

Kriminelle(r)

Militär

Polizei

Detektiv

Sonstiges

N = 1.765

29,2%

9,9%

8,7%

3,2%

11,8%

Insgesamt kommt durch die hohe Repräsentanz des fiktiven Genres bei der gesamten

Gewaltstruktur ihre spezifische Qualität der durchschnittlichen im Programm am nächsten.

Daß überhaupt eine Durchschnittsqualität von Aggression, die sich natürlich aus zum Teil

sehr unterschiedlichen Bereichen zusammensetzt, bestimmt wurde, hing mit der schon

erläuterten Wahrscheinlichkeitsaussage über einzelne Aggressionsformen im Gesamtpro-

gramm zusammen. Diese Wahrscheinlichkeitsaussagen werden entsprechend besonders

stark von dem dominanten fiktiven Genre geprägt. Das gilt auch für die verwendeten

Waffen, die Motive, den emotionalen Kontext und die Konsequenzen für Aggressoren.

Körpereinsatz und Schußwaffen stehen wieder vorne, Kriegsgerät oder Phantasie-Waffen

kommen so gut wie gar nicht vor. Die Ausübung von Gewalt steht häufig in keinem unmit-

telbar erschließbaren Motivkontext. Wenn Motive angesprochen werden, handelt es sich

um eine relativ nah beieinanderliegende Palette aus instrumentellen, reaktiven und

psychologischen Gründen für Gewaltausübung. Eindeutige Emotionen kommen in

weniger als einem Drittel der Angriffe auf Seiten der Aggressoren überhaupt vor; wenn,

dann handelt es sich um Kälte, Wut, Zynismus oder auch, allerdings deutlich seltener,

Aggression, die mit Angst verbunden ist. So, wie die Motive zum Teil unklar bleiben, gibt

es meist auch keine direkten Konsequenzen für die Ausübung von Aggression. Dies

hängt natürlich unter anderem mit der hier gewählten Analyseebene, dem einzelnen

aggressiven Akt, bzw. der Ereignissequenz, zusammen. In den meisten Sendungen wird

irgendwann gezeigt, daß sich z.B. Verbrechen nicht lohnt, es bestraft wird. Nur sind diese

Konsequenzen fast immer zeitlich und räumlich vollkommen von der einzelnen Tat

abgetrennt. Wenn man so will, eine durchaus realistische Widerspiegelung tatsächlicher

Tatverläufe.

114


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Da wir bei den Konsequenzen allerdings den unmittelbaren psychischen Zustand direkt

nach Vollendung der Tat miterfaßten, wird auch sichtbar, daß so etwas wie Reue nach

einer Affekthandlung fast überhaupt nicht vorkommt. Eher wird (in fast 10% der Fälle)

gezeigt, daß der Angreifer befriedigt über die Auswirkungen seiner Tat ist.

Faßt man die verschiedenen Ergebnisse bis zu dieser Stelle zusammen, so ist davon

auszugehen, daß zwar die Konsequenzen von Gewalt für das Opfer noch gezeigt werden,

dies aber nicht in einer Weise geschieht, die das Leiden selbst betonen würde, bei_ der

ein Zuschauer Einfühlungsvermögen gegenüber dem Opfer entwickeln könnte.

Der Schwerpunkt liegt auf der motorischen Ausübung der Gewalt, auf der ,,Action", das

Opfer wird in der Regel; nur noch kurzpräsentiert. Der Verlauf des Angriffs selbst ist

wesentlich wichtiger als das Leiden.

Tab. 95: Fictionprogramme: Waffen der Aggressoren/Konfliktpartner

Körpereinsatz

39,7%

Schußwaffe

Hieb-/Stichwaffe

Gegenstand

Sonstige

N = 1.862

29,8%

8,4%

7,0%

15,1%

Tab. 96: Fictionprogramme: Motive der Aggressoren/Konfliktpartner

Nicht erkennbar

31,9%

Verteidigung/Schutz

Sanktion

psychologisch

autoritativ geleitet

materiell

Ärger/Frust

Rache

Sonstiges

N = 1.092

115

8,4%

8,2%

8,0%

7,6%

7,1%

6,3%

4,2%

18,3%


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Tab. 96: Fictionprogramme: Motive der Aggressoren/Konfliktpartner

Nicht erkennbar

31,9%

Verteidigung/Schutz

Sanktion

psychologisch

autoritativ geleitet

materiell

Ärger/Frust

Rache

Sonstiges

N = 1.092

8,4%

8,2%

8,0%

7,6%

7,1%

6,3%

4,2%

18,3%

Tab. 97: Fictionprogramme: Emotionaler Kontext bei Aggressoren/Konfliktpartnern

überlegen/kalt

26,9%

ist wütend, schreit

zynisch

zeigt andere Formen der Angst

Sonstiges

N = 762

20,9%

11,2%

6,4%

34,6%

Tab. 98: Fictionprogramme: Konsequenz für Aggressoren/Konfliktpartner

Keine

77,4%

Befriedigung

Strafe

Sonstige

N = 880

116

9,0%

6,1%

7,5%


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Tab. 99: Fictionprogramme: Sind Aggressoren/Konfliktpartner Haupt-/Titelfiguren

Ja

Nein

N = 1.387

der Sendung?

31,7%

68,3%

Bei der spezifischen „Opferanalyse“ wird wiederum die schon angesprochene

Demographie deutlich. Einzelne überwiegen, es handelt sich vor allem um Erwachsene.

Die Opfer sind nun in mehr als der Hälfte der Fälle Privatpersonen, Kriminelle werden

anders als in ihrer Rolle als Angreifer relativ selten als Angegriffene (z.B. bei

Verhaftungen) gezeigt. Es war zwar für die Gewaltstruktur des gesamten

Fernsehangebots schon angesprochen worden, bei Spielfilmen und Serien zeigt es sich

aber wieder besonders klar: Frauen haben hier eine nochmals größere

Wahrscheinlichkeit, als Opfer gezeigt zu werden verglichen mit der Verteilung zwischen

Opfer und Täter bei Männern.

Einzelne

Clique

Paar

Masse

N = 1.842

Männlich

Weiblich

Ausgeglichen (Masse)

N = 1.713

Tab. 100: Fictionprogramme: Anzahl der Opfer

71,7%

15,4%

12,1%

1,4%

Tab. 101: Fictionprogramme: Geschlecht der Opfer

78,1%

117

14,9%

6,9%


Erwachsener

ugebdlicher

Alter – ab 60

Kombination

Kind

N = 1.703

Privatperson

Kriminelle(r)

Polizei

Militär

Nicht-menschliches Ding

Sonstiges

N = 1.802

Tab. 102: Fictionprogramme: Alter der Opfer

Tab. 103: Fictionprogramme: Status der Opfer

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91,0%

3,8%

2,2%

1,8%

1,2%

52,9%

15,1%

7,8%

7,7%

5,1%

11,4%

In der überwiegenden Zahl der Fälle sind die gezeigten Opfer wehrlos, haben also gar

keine Möglichkeit, sich z.B. mit Waffengewalt zu verteidigen. Dies hängt allerdings auch

mit der Definition der Situation zusammen. Sofern beide Konfliktpartner bewaffnet waren,

wurde meist von einem gleichberechtigten Konflikt ausgegangen. Dennoch gibt es

natürlich auch eindeutige Opfersituationen, bei denen die Angegriffenen im Prinzip über

Waffen verfügen, z.B. dann, wenn die Aggression von hinten erfolgt oder sie in einer

eindeutig viel schlechteren Ausgangsposition sind. Die häufigsten Reaktionen der Opfer

sind verschiedene Formen von Angst, auf sie entfallen fast 40% der gezeigten Gefühle.

Bei der Frage, ob Aggressoren und Opfer Hauptfiguren einer Sendung sind, sehen die

Ergebnisse für beide ähnlich aus, jeweils ein knappes Drittel der Angreifer und Opfer sind

zugleich Hauptpersonen der Handlung.

118


Keine

Körpereinsatz

Schußwaffe

Hieb-/Stichwaffe

Sonstige

N = 1.747

Tab. 104: Fictionprogramme: Waffen der Opfer

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53,3%

18,5%

14,4%

6,3%

6,5%

Tab. 105: Fictionprogramme: Emotionaler Kontext bei den Opfern

zeigt keine Angst

26,3%

zeigt andere Formen der Angst

schreit vor Angst

ist wütend, schreit

überlegen/kalt

Sonstiges

N = 771

Keine

Gegenwehr

Flucht

wird zum Aggressor

Sonstiges

N = 902

Ja

Nein

N = 1.367

Tab. 106: Fictionprogramme: Reaktion der Opfer

24,4%

13,2%

12,1%

6,8%

17,2%

39,2%

24,8%

8,6%

4,4%

22,8%

Tab. 107: Fictionprogramme: Sind die Opfer Titel-/Hauptfiguren?

29,7%

70,3%

Rund ein Drittel der gezeigten Gewalttaten hebt sich vom Rest der Handlung durch eine

besondere formale Präsentation ab. Dabei dominieren Musik und Soundeffekte. Dies

119


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entspricht dem in der Forschung demonstrierten besonderen Aufmerksamkeitsgrad, der

mit Geräuschen verbunden ist. Akustische Reize wirken noch aufmerksamkeits- und

erregungssteigernder als visuelle. Abgesehen davon, daß Geräuscheffekte bei den

(bereits beschriebenen) Nachrichten bislang nicht vorkamen, sind auch die visuellen

Effekte in Spielfilmen und Serien stärker ausgeprägt als in den rein dokumentarischen

Genres. Abgesehen von der inhaltlichen Betonung der Realität dürfte das Spezifische des

aktuelleren „Reality-TV“ gerade auch in der besonderen formalen Darstellung, dabei

wiederum der akustischen Untermalung liegen.

Tab. 108: Fictionprogramme: Formale Präsentation der aggressiven Akte

Zusätzliche Musik

57,2%

Schnitt schneller

Kamera näher

Special Effects

Schnitt langsamer

Sonstiges

N = 1.195

14,9%

14,1%

4,0%

3,1%

6,7%

Vergleicht man alle Genres miteinander, so werden die großen Unterschiede in der

Gewaltpräsentation deutlich. Insgesamt dominieren Spielfilme und Serien die

Aggressionsstruktur im Programm. Deutlich anders sind sowohl in thematischer als auch

in „demographischer“ Hinsicht Nachrichten aufgebaut. Bei ihnen stehen politisch-

gesellschaftliche Inhalte im Vordergrund, Kriminalität und Verbrechen kommen viel

seltener vor. Zugleich werden auch die aggressiven Akteure anders dargestellt, der

Gruppenaspekt, der vielleicht für „reale“ Gewalt repräsentativer ist, kommt in den

Nachrichten viel häufiger vor.

Was Nachrichten und den fiktiven Bereich gegenüber Trickfilmen unterscheidet, ist die

Bedeutung schwerer Formen von Aggression, vor allem Mord. Dieser ist in Trickfilmen

seltener zu finden.

Spielfilme und Serien sind damit, was die Verteilung im Programm und die Intensität der

Aggressionen angeht, das Gewaltdarstellungen dominierende Genre. Zwar werden in

Nachrichten zum Teil noch sehr viel „drastischere“ (auch weil reale) Formen von Gewalt

120


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gezeigt, sie schlagen aber rein quantitativ mit viel geringeren Prozentzahlen zu Buche.

Trickfilme zeigen zwar relativ viel Gewalt, dafür aber eher mittlere Formen.

Eine Widerspiegelung der Realität, wie sie sich in Nachrichten darstellt, sind die fiktiven

Sendungen nicht.

6.4.6 „Mordstruktur“ im Fernsehprogramm

Für die vermutlich schwerste, zumindest endgültigste Schadensform als Folge von

Gewalt, nämlich Mord, wurde nochmals eine getrennte Analyse durchgeführt. Auch hier ist

wieder festzuhalten, daß das fiktive Genre am Mord einen besonders starken Anteil hat,

demgegenüber Trickfilme nur wenig zur „Mordstatistik“ beitragen.

Die Ergebnisse der einzelnen Tabellen bedürfen keiner erneuten Erläuterung, die

Interpretation entspricht zum großen Teil der beim Spielfilm. Auffällig ist allein, daß bei

„Tod“ durch den hohen Anteil politischer Gewalt an den Nachrichten auch das Militär eine

größere Bedeutung hat. Außerdem ergeben sich indirekte Rückschlüsse auf die

Dramaturgie von Spielfilmen und Serien dadurch, daß Mordopfer deutlich seltener

zugleich Hauptfiguren eines Handlungsverlaufs sind. Mit anderen Worten, anders als z.B.

in Hitchock's „Psycho“, werden die „Helden“ in den meisten Fällen nicht „geopfert“.

Tab. 109: Thematischer Rahmen der Morde

Kriminalität/Verbrechen

Krieg

Science Fiction

Rassen-/Minoritätenkonflikte/Politische Auseinandersetzung

Übersinnlich/Pathologisch

Sonstiges

N = 497

121

48,1%

13,5%

10,1%

8,4%

5,0%

14,8%


Einzelner

Paar

Clique

Masse

N = 431

Männlich

Weiblich

Ausgeglichen

N = 359

Erwachsener

Alter – ab 60

Jugendlicher

Kind

N = 365

Krimineller

Militär

Privatperson

Fantasie/Horrorfigur

Polizei

Sonstige

N = 425

Tab. 110: Mord: Anzahl der Täter

Tab. 111: Mord: Geschlecht der Täter

Tab. 112: Mord: Alter der Täter

Tab. 113: Mord: Status der Täter

122

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62,6%

10,2%

19,3%

7,9%

89,7%

8,4%

1,9%

96,4%

1,6%

1,1%

0,3%

31,1%

21,4%

19,5%

8,7%

6,1%

13,2%


Schußwaffe

Körpereinsatz

Hieb-/Stichwaffe

Kriegsgerät

Science-Fiction-Waffe

Sonstige

N = 451

Nicht erkennbar

politisch-ideologisch

Verteidigung/Schutz/Sanktion

psychologisch

autoritativ geleitet

materiell

Rache

Sonstiges

N = 299

überlegen/kalt

zeigt keine Angst

ist wütend/schreit

zynisch

zeigt Angst

Sonstiges

N = 126

Tab. 114: Mord: Waffen der Täter

Tab. 115: Mord: Motive der Täter

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39,0%

17,1%

13,1%

10,6%

4,9%

15,3%

39,1%

16,1%

8,4%

7,7%

6,7%

5,0%

4,0%

13,0%

Tab. 116: Mord: Emotionaler Kontext bei den Tätern

34,9%

123

24,6%

15,1%

11,1%

5,6

33,3%


Keine

Strafe

Befriedigung

Sonstiges

N = 202

Ja

Nein

N = 322

Einzelner

Clique

Masse

Paar

N = 468

Männlich

Weiblich

Ausgeglichen (Masse)

N = 414

Tab. 117: Mord: Konsequenz für die Täter

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72,8%

11,9%

6,9%

8,4%

Tab. 118: Mord: Sind die Täter Titel-/Hauptfiguren?

21,7%

Tab. 119: Mord: Anzahl der Opfer

Tab. 120: Mord: Geschlecht der Opfer

124

78,3%

61,5%

21,4%

9,2%

7,9%

73,4%

19,3%

7,2%


Erwachsener

Alter – ab 60

Jugendlicher

Kind

Kombination

N = 408

Privatperson

Militär

Kriminelle(r)

Polizei

Fantasieblume

Sonstiges

N = 454

Keine

Schußwaffe

Körpereinsatz

Hieb-/Stichwaffe

Sonstige

N = 399

Tab. 121: Mord: Alter der Opfer

Tab. 122: Mord: Status der Opfer

Tab. 123: Mord: Bewaffnung der Opfer

125

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90,7%

3,2%

1,7%

1,5%

2,9%

53,5%

12,6%

11,5%

5,3%

4,8%

12,3%

60,7%

17,5%

6,3%

5,8%

9,7%


schreit vor Angst

zeigt andere Formen der Angst

zeigt keine Angst

bittet um Gnade

verzweifelt/Scham

Sonstiges

N = 133

Keine

Gegenwehr

Flucht

Sonstiges

N = 252

Ja

Nein

N = 327

Zusätzliche Musik

Schnitt schneller

Kamera näher

Special Effects

Sonstiges

N = 278

Tab. 124: Mord: Emotionaler Kontext bei den Opfern

Tab. 125: Mord: Reaktion der Opfer

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32,3%

26,3%

17,3%

4,5%

4,5%

15,1%

67,9%

12,7%

8,3%

11,1%

Tab. 126: Mord: Sind die Opfer Titel-/Hauptfiguren?

16,8%

Tab. 127: Formale Präsentation der Morde

83,2%

55,8%

16,9%

14,7%

4,3%

8,3%

Bei der Verteilung der Genres auf Morde ergibt sich aus dem Gesagten, daß Nachrichten

im Vergleich zu ihrem Beitrag zu allen Aggressionen einen höheren Anteil haben,

umgekehrt Trickfilme einen deutlich geringeren. Aus der Tageszeitanalyse geht hervor,

126


daß sich umgerechnet auf einen ZweiStunden-Rhythmus ab Beginn des

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Vorabendprogramms (18 Uhr) Mordszenen in etwa gleich verteilen. Die deutliche Ballung

im Vorabendprogramm wie bei der körperlichen Gewalt insgesamt zeigt sich nicht,

andererseits sind Morde zwischen 18 und 20 Uhr aber auch nicht viel seltener als zu

anderen Sendezeiten. Ein letzter Befund schließlich zum Mord (siehe die Tabelle 130):

Bei Frauen besteht eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit, zu Mordopfern zu werden.

Spielfilm

Serie

Nachrichten

Zeichentrick

Information/Dokumentation

Unterhaltung

Sonstiges

N = 506

6 Uhr – 14 Uhr

14 Uhr – 18 Uhr

18 Uhr – 20 Uhr

20 Uhr – 22 Uhr

22 Uhr – 23 Uhr

23 Uhr – 5 Uhr

N = 506

Tab. 128: Verteilung der Morde auf Programmgenres

46,4%

Tab. 129: Verteilung der Morde auf die Tageszeit

127

20,8%

15,4%

8,3%

5,1%

3,4%

0,6%

19,4%

8,7%

12,3%

14,6%

8,3%

36,8%


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Tab. 130: Das Verhältnis von männlichen und weiblichen Tätern bei ausgeführten

Morden

Opfer:

Männlich Weiblich Σ

209

42

251

Täter Männlich

Weiblich

Zusammenfassung der Ergebnisse

Das Programm insgesamt

83,3%

91,7%

19

79,2%

8,3%

228

82,9%

16,7%

89,4%

5

20,8%

10,6%

47

17,1%

91,3%

4

8,7%

275

100.0%

Faßt man das Programm aller Anbieter (insgesamt also fast 750 Stunden) zusammen, so

kamen im von uns analysierten Zeitraum einer Woche 1991 in 582 Sendungen aggressive

und bedrohliche Handlungen vor. Dies entspricht 47,7% aller erfaßten Sendungen. Mit

anderen Worten:

In fast der Hälfte aller deutschen Fernsehsendungen wird zumindest einmal Aggression

oder Bedrohung in irgendeiner Form thematisiert.

Die Aggressionen verteilen sich auf 2.745 Szenen mit einem oder mehreren Angriffen und

Bedrohungen und auf 3.632 einzelne aggressive Akte. Stündlich werden also im

Gesamtprogramm durchschnittlich rund 5 Aggressionen gezeigt. Jede einzelne dauert im

Schnitt knapp 22 Sekunden mit starken Schwankungen zwischen Öffentlich-Rechtlichen

(ca. 30 Sekunden) und Privaten (ca. 19 Sekunden).

Die überwiegende Zahl der Aggressionen und Bedrohungen bezieht sich auf fiktionale

Beiträge (Spielfilme, Serien), Nachrichten und Dokumentationen sind mit rund 15% am

gesamten Aggressionsbudget beteiligt. Die 93 aggressiven Trailer einer Woche machen

rund 3,5% der insgesamt gezeigten Gewalt aus.

128


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Bei der hohen Importrate von Serien erstaunt nicht, daß die USA einen 33%-Anteil an

allen Gewalt-Geschehensorten haben (im Vergleich zu rund 8% aller aggressiven

Szenen, die sich auf deutschem Boden abspielen).

Bei der Schwere des Schadens zeigt sich, daß mehr als die Hälfte aller aggressiven

Ereignissequenzen eine direkte physische Schädigung (Verletzung oder Tod) beinhalten.

Auf vollendeten Mord/Tod entfallen 20% von allen einschlägigen Szenen.

Die einzelnen Sender

Wie verteilte sich die Aggression 1991 auf die einzelnen Anbieter? Zunächst ohne weitere

Differenzierung wurden die Anteile aggressiver Ereignisse an der insgesamt analysierten

Programmzeit jedes einzelnen Senders berechnet. Danach sahen die

Aggressionsprozente am eigenen Gesamtprogramm (Zeit) folgendermaßen aus:

ARD: 6,7%; ZDF: 7,2%; ARD/ZDF (Vormittag): 2,1%; SAT 1: 7,3%; RTL: 10,7%; Tele 5:

11,7%; PRO 7: 12,7%.

Der Zeitanteil aggressiver Elemente am Gesamtprogramm bewegt sich demnach um 10%

mit senderspezifisch mehr oder weniger deutlichen Ausschlägen nach oben oder unten.

Die Aggressionsanteile am Programm lagen bei den Privaten insgesamt deutlich höher

als bei den Öffentlich-Rechtlichen. 1992 wurden von einzelnen Sendern die Gewaltanteile

laut eigener Aussage reduziert.

Legt man nicht eine ganze Ereignissequenz, sondern nur noch den einzelnen aggressiven

Akt („pure Gewalt“) zugrunde, so ergibt sich folgende Verteilung:

ARD: 2,3%; ZDF: 2,5%; ARD/ZDF: 1,2%; RTL: 3,1%; SAT 1: 2,6%; Tele 5: 3,4%; PRO 7:

3,3%.

Zu berücksichtigen ist dabei natürlich, daß die vorgegebene Programmstruktur (Film- und

Serienakzent) auch genrespezifisch Gewaltdarstellungen wahrscheinlicher macht als ein

Programm mit einem größeren Spektrum.

Das Ergebnis zeigt, daß Spielfilm-/Serienbetonung und dabei hohe US-Importraten (s.o.)

die Häufigkeit aggressiver Szenen ansteigen lassen.

Eine weitergehende Hypothese besagt, daß diese Film- und Serienbetonung im Zweifel

auch mit einem höheren Anteil an direkt gezeigter extremer Gewalt verbunden ist. Um

129


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dies zu überprüfen, analysierten wir die „Mordraten“ der Sender. Das Ergebnis bestätigte

die Hypothese, der Trend über die Sender stellte sich noch deutlicher dar, der höchste

„Mordszenen-Wert“ (PRO 7) war mehr als dreimal so hoch wie der niedrigste (ARD).

Dabei kann natürlich eine einzelne Szene eines niedrig plazierten Senders durchaus

traumatischer wirken als mehrere zusammen eines anderen Senders (siehe den

Unterschied zwischen emotionalen und kognitiven Wirkungen).

Dennoch: die „Selbstverständlichkeiten“ von Mordszenen variieren. Dabei ist zudem zu

berücksichtigen, daß in einer solchen Szene häufig auch mehrere oder gar sehr viele

Menschen umgebracht werden. Ohne weitere Differenzierung als Durchschnittswert auf

Tage und Stunden umgerechnet bedeuten die Zahlen, daß im Schnitt im

Gesamtprogramm einer Woche 1991 fast 500 Mordszenen (genau 481) mit zum Teil

wieder mehreren Einzelmorden bzw. mehreren Toten vorkamen oder täglich rund 70;

dabei entfielen auf:

PRO 7 täglich ca. 20; Tele 5 täglich ca. 13; RTL täglich ca. 13; SAT 1 täglich ca. 9; ZDF

täglich ca. 7; ARD täglich ca. 6; ARD/ZDF täglich 2 (Vormittag).

Häufig beschworen, weil die einzelnen Fälle besonders drastisch dargestellt und

entsprechend erlebt werden, sind direkte Vergewaltigungen und schwere

Sittlichkeitsdelikte. Ohne Berücksichtigung der Prägnanz fallen sie zahlenmäßig im

Untersuchungszeitraum kaum ins Gewicht (über alle Sender hinweg 12 Ereignisse).

Interessant sind die Gewaltanteile pro Sender innerhalb eines spezifischen Genres, also

z.B. bei SAT 1 der Gewaltanteil an den von diesem Sender ausgestrahlten Serien. Hier

nur eine Auswahl bezogen auf körperliche Gewalt, jeweils nur höchster und niedrigster

Wert. Dabei ist zu beachten, daß die absoluten Zahlen immens unterschiedlich sind: PRO

7 zeigte über 3 Stunden pro Woche Spielfilmszenen mit körperlicher Gewalt, umgekehrt

(vor den systematischer plazierten Nachrichten) nur 3 1/2 Minuten gewaltbezogene

Nachrichtenbilder. Im einzelnen reichten die Werte für Nachrichten von 0,7% (ZDF) bis

7,6% (RTL) Gewaltanteil, für Info/Doku von 0,5% (ARD) bis 2,7% (SAT 1), für Spielfilm

von 3,8% (SAT 1) bis 8,6% (Tele 5), für Serien von 1,5% (ARD) bis 4,6% (PRO 7) und für

Cartoon von 4,0% (RTL) bis 9,0% (PRO 7).

Summiert man die diesen Prozentzahlen zugrundeliegenden absoluten Zahlen über alle

Sender und Genres, so erhält man einen Gesamtwert für körperliche Gewaltszenen von

130


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25 Stunden pro Woche. Dies bedeutet, der Zusammenschnitt aller direkten körperlichen

Gewaltakte einer Woche hat eine Dauer von 25 Stunden.

Bei Berücksichtigung nur der absoluten Zahlen zeigten sich folgende Ergebnisse:

Den über alle Sender und Genres hinweg absolut höchsten Wert hatte PRO 7 mit in einer

Woche 3 Stunden und 17 Minuten Spielfilmszenen, die ausschließlich körperliche Gewalt

zeigten. Auch bei Serien führte PRO 7 mit einem noch einmal annähernd gleichen Wert

von mehr als drei Stunden. Die meiste Trickfilmaggression kam bei Tele 5 vor.

Nachrichtenaggression war absolut gesehen am häufigsten bei RTL vertreten.

Zwischen den Genres sind die Unterschiede z.T. so groß, daß zum Beispiel

Spielfilmaggression eine ganz andere Funktion und Wirkung für den Zuschauer haben

kann als Nachrichtengewalt (siehe die Differenzierung nach Psychologie, Emotion,

Kognition). Während Erwachsene diese Differenzierung meist zumindest kurzfristig recht

gut leisten können, sind - ungeachtet von ihrem vermutlich größeren Programmwissen -

eine mögliche Problemgruppe jüngere Kinder.

Unsere Befunde zeigen: Zumindest vor 23 Uhr fand die größte Ballung von körperlicher

Gewalt im Vorabendprogramm zwischen 18 und 20 Uhr statt, einer Zeit, zu der

gleichzeitig die meisten Kinder vor dem Bildschirm sitzen. In absoluten Zahlen kamen zu

dieser Zeit täglich fast 20 Gewaltszenen (physisch) vor, wieder sehr unterschiedlich

verteilt auf die einzelnen Sender.

Die inhaltliche Struktur der Aggression

Während für den Sendervergleich die Ereignissequenzen analysiert wurden, geht es im

folgenden um die Art der einzelnen dargestellten Gewalthandlung und ihren Kontext.

Insgesamt wurden in einer Woche Programm 3.632 solcher aggressiven Akte gezählt. In

den meisten Ereignissequenzen (rund zwei Drittel) kommt nur ein aggressiver Akt vor.

Auch wenn Durchschnittszahlen nur bedingt aussagefähig sind: Die „Vorbereitung“ einer

einzelnen Gewalthandlung innerhalb einer Szene dauert im Schnitt eine Minute: Hier wird

der Zuschauer z.B. im Spielfilm durch anschwellende Musik und durch eine beschleunigte

oder umgekehrt auch verlangsamte Schnittfolge auf die tatsächliche Aggression

eingestimmt.

Die einzelnen Gewaltakte verteilen sich dabei folgendermaßen:

131


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Art der Konfliktsituation: Eindeutige Aggressor-Opfer Situation 71%; Gleichberechtigte

Konfliktsituation 29%.

Arten der Aggression: Körperlicher Zwang/leichte Körperverletzung 39%; Physische

Bedrohung 32%; Sachbeschädigung 23%; Mord 15%; Schlägerei 14%; Schwere

Körperverletzung 11%; Massive Beschimpfung 10%.

In 92% der Fälle waren die Aggressoren Erwachsene mittleren Alters, 4% entfielen auf

Jugendliche und je weniger als 2% auf Kinder oder ältere Leute. In fast zwei Drittel der

Fälle war ein Motiv aus dem unmittelbaren Handlungskontext nicht erkennbar, mußte man

also mindestens einen größeren Teil des Programms verfolgt haben, um die Aggression

(die dennoch sehr häufig auch dann nur fragmentarisch begründet war) einordnen zu kön-

nen. Insgesamt erscheint Gewalt im Programm sehr häufig als l'art pour l'art, wird sie

kaum psychologisch oder gesellschaftlich begründet.

Ein Augenmerk der Analyse galt der Beziehung zwischen der Gewaltdarstellung und einer

speziellen Form der Präsentation. Nah- und Detailaufnahmen können für die Vermittlung

von Leiden aber auch für eine mögliche „voyeuristische“ Perspektive ein wichtiges

Stilelement sein. Sie werden bei den meisten Aggressionsformen nicht eingesetzt (jeweils

unter 10%), nur bei Mord wird jeder fünfte Einzelakt im Detail gezeigt (in absoluten Zah-

len, bezogen auf Mord als einzelner Akt: 136).

Ausführlich ausgewertet wurde auch die Mann-Frau-Verteilung auf Aggressor, Opfer,

Kontext, Begründung und Art der Aggression. 91,3% der Aggressoren waren Männer,

8,7% Frauen. Bei den Opfern entfielen 84,6% auf Männer, 15,4% auf Frauen. Frauen

haben also eine größere Wahrscheinlichkeit, als Opfer denn als Aggressor dargestellt zu

werden. Wenn sie als Aggressor gezeigt werden, sind ihre Opfer zu 81,5% Männer, zu

18,5% Frauen. Bei Männern als Aggressoren ist das Verhältnis der Opfer 85% (Männer)

zu 15% (Frauen). Am deutlichsten ist die Diskrepanz bei Mord: Frauen sind mit doppelt so

großer Wahrscheinlichkeit Opfer als Täter.

Verteilung der Aggression auf die unterschiedlichen Programmgenres

Bei der Debatte über Mediengewalt wird häufig ins Feld geführt, daß die Gesellschaft

tatsächlich gewalttätig sei und entsprechend auch Gewalt im Programm auftauchen

müßte. Dabei wird den Nachrichten ein besonders hoher Stellenwert zugewiesen und

132


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argumentiert, gerade Nachrichtenaggression könne sogar abschreckend auf die

Anwendung von Gewalt wirken. Die Analyse des deutschen Programms zeigt, daß

weniger als 10% der insgesamt gezeigten Aggression auf Nachrichten entfallen und,

nimmt man Dokumentationen und Reportagen hinzu, der Anteil „realer“ Gewaltdarstellun-

gen bei unter 15% bleibt. Die überwiegende Zahl der Gewaltdarstellungen (über 80%)

bezieht sich also auf fiktive und Unterhaltungsprogramme. Den größten Anteil haben

dabei Serien und Spielfilme mit über 50% vom Gesamtangebot aggressiver Szenen, und

ein ebenfalls noch großer Prozentsatz entfällt auf Trickfilme: rund ein Viertel aller

dargestellten Aggression. Zwar wird den Trickfilmen in der Regel ein Sonderstatus

zugewiesen, weil hier irreale Formen und Darstellungen überwiegen, doch war zumindest

noch 1991 in diesem Genre auch sehr extreme Gewalt vertreten bis hin zum Mord, bei

dem z.B. einzelne Personen auf einen riesigen Stachel aufgespießt wurden, typisch für

asiatische Billigproduktionen. Auch wenn man bei Trickfilmen Aussagen über das direkte

(Verhaltens-)Wirkungspotential eher für jüngere Kinder machen kann: es bleibt

festzuhalten, daß die dort gezeigten Aggressionskategorien ebenfalls zu einer

generalisierten Auffassung der Selbstverständlichkeit von Gewalt beitragen können.

Die Genres im einzelnen

Struktur der Aggression in Nachrichten

Beim Themenrahmen der Aggression dürfte die Variation bei den Nachrichten besonders

groß sein. Hier hängt die Berichterstattung natürlich sehr stark von aktuellen Ereignissen

und auch der jeweils für besonders wichtig gehaltenen Agenda ab. 1991 war das am

meisten vertretene Aggressionsthema in den Nachrichten Rassen- und

Minoritätenkonflikte, vermutlich auch 1992 noch zutreffend. Auf diesen Themenbereich

entfielen rund 30% der aggressionsbezogenen Berichte.

Kriegsberichterstattung folgte mit rund 25% der Fälle, Kriminalität und Verbrechen waren

bei etwas weniger als einem Fünftel der Aggressionsthemen der Ereignisrahmen;

innenpolitische Auseinandersetzungen wurden in rund 17% der Fälle angesprochen und

Extremformen des Terrorismus in rund 6% der Fälle thematisiert. Nicht verwunderlich ist

dann, daß bei den eindeutig zu identifizierenden Motiven für Gewaltanwendung in

Nachrichten politisch-ideologische Hintergründe mit über 50% dominieren.

133


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Ein weiterer Aspekt ist die Verteilung von Männern und Frauen als „Angreifer“ in der

Nachrichtengewalt (auch im Vergleich zu fiktiven Programmen s.u.). Frauen als

Aggressoren wurden in nur 2% der Fälle in den Nachrichten gezeigt, gegenüber rund 94%

Männer und 4% Gleichverteilung, z.B., da die Ereignisse sich auf eine größere Gruppe

von Personen bezogen. Auch bei den Opfern entfiel auf ausschließlich Frauen nur ein

geringer Prozentsatz (2%). Hier kamen Männer in rund 72% der Fälle als Opfer vor, rund

ein Viertel zeigte wieder eine größere Menge von Opfern, d.h. Männer und Frauen

gemischt.

Die naheliegendste Interpretation dieser Zahlen besteht darin, sie einfach als

Widerspiegelung der tatsächlichen Verteilung männlicher und weiblicher Aggressoren zu

deuten. Allerdings ist die Überprüfung an statistischen Daten schwierig, da anders als bei

der Kriminalität keine Informationen über die demographische Struktur unterschiedlicher

Gewaltformen vorliegen.

So bleibt als interessanter Vergleich der mit der fiktiven Gewalt: hier sind Frauen fünfmal

so häufig (= 10%) die Angreifer, vermutlich zu erklären über die sehr unterschiedlichen

Themenrahmen: Nachrichten: Krieg und Politik; Fiktion: Alltag oder Verbrechen.

Da in den Nachrichten schwere Konfliktformen vorherrschen, entfällt auch ein besonders

hoher Prozentsatz der gezeigten Gewalt auf Aktionen mit Todesfolge. Zwar werden in

absoluten Zahlen die meisten tödlichen Angriffe in fiktiven Programmen gezeigt, doch ist

gemessen an den anderen Formen von Gewalt innerhalb eines Genres Tod in den

Nachrichten mit 50% die am stärksten vertretene Schadensform. Zum Vergleich: bei

fiktiven Programmen entfallen rund 27% der Fälle auf Mord oder Totschlag, während es

im Trickfilm rund 7% sind.

Bei der formalen Präsentation wird auch Gewalt in den Nachrichten durch spezifischen

Kameraeinsatz betont. So finden sich bei der Darstellung von Aggression in den

Nachrichten sowohl deutlich schnellere Schnitte wie auch der Einsatz von Zooms.

Faßt man diese und andere Ergebnisse zur Nachrichtengewalt zusammen, so zeigt sich,

daß politische und militärische Themen gegenüber der Kriminalität bei weitem überwiegen

(anders als im Reality-TV, welches sich fast ausschließlich auf Kriminalität und

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Katastrophen beschränkt) und daß entsprechend in den Nachrichten vor allem die

schweren Gewaltformen vorkommen und für berichtenswert gehalten werden.

Spielfilme und Serien

Spielfilme und Serien sind zunächst nicht direkt miteinander zu vergleichen, und auch

innerhalb dieser Genres gibt es natürlich ein sehr großes Themenspektrum. An dieser

Stelle ging es jedoch vor allem um die Aufteilung auf dokumentarisch und fiktiv

(Mischformen spielten im Erhebungszeitraum quantitativ noch keine große Rolle). Von

daher wird das fiktive Genre hier zusammengefaßt, tatsächlich zeigte sich auch in bezug

auf Gewalt eine recht große Homogenität zwischen Spielfilm und Serie:

Hauptthema in Spielfilmen und Serien ist mit weitem Abstand Kriminalität, mit fast 60%

aller Stories mit Gewaltbezug. Aggressionen in Alltag und Familie, im Zusammenhang mit

Komik und schließlich mit Krieg sind jeweils mit rund 5% vertreten, der Rest entfällt auf

unterschiedliche Themen, mit zum Teil weit unter 5% wie Sciene-Fiction, Western usw.

Anders als bei den Nachrichten beziehen sich die Konfliktformen bei Serie und Spielfilm

vor allem auf Einzelpersonen. 70% der Aggressionen spielen sich zwischen

identifizierbaren Männern oder Frauen ab (zum Vergleich: bei den Nachrichten

überwiegen mit Abstand Konflikte zwischen größeren Gruppen).

Während bei der Nachrichtengewalt auch im unmittelbaren Kontext des Ereignisses meist

ein direkter Begründungszusammenhang präsentiert wird, erscheint bei Spielfilmen und

Serien Aggression häufig als l'art pour l'art, d.h., ohne daß sich unmittelbar aus dem

direkten Handlungsablauf längerfristig Motive für ihre Anwendung plausibel erschließen

ließen. Im Vordergrund steht die Action, der durch Aggression angerichtete Schaden

kommt demgegenüber deutlich seltener vor. Der Betonung der Action entspricht der

Einsatz formaler Mittel, in 60% der Fälle wird die Gewalt durch zusätzliche Musik und

Soundeffekte nochmals hervorgehoben.

Auch im Fictionbereich kommt insgesamt die empathische Perspektive gegenüber dem

Opfer so gut wie gar nicht vor, dafür findet sich allerdings häufig die Betonung des „Spaß-

Effekts". Bezogen auf das entsprechend vermittelte Weltbild kann man hier davon

ausgehen, daß Aggression nicht dargestellt wird als ein Verhalten, das für andere

Menschen konkretes Leiden bedeutet. Sie wird eher entweder als Beweis von Stärke mit

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einem deutlichen Hedonismusakzent präsentiert oder als angemessene Reaktion zur

Konfliktlösung dargestellt, ohne daß die Implikationen deutlich würden, physische

Schädigung, Konfliktaufschaukeln etc.

Trickfilm

Thematisch stehen Science-Fiction und Komik bei Trickfilmen mit je rund einem Drittel an

erster Stelle, gefolgt von Kriminalität (14%) und Alltag und Familie (11%). Auch die starke

Dominanz von Fantasiefiguren (32,5%) und spezieller Soundeffekte belegt den zunächst

hohen Irrealitätsgehalt der Darstellungen. Auch sie werden aber als Aggressionen

wahrgenommen und können durch Generalisierungsprozesse in das Gesamtsystem

langfristiger Gewalteinschätzungen aufgenommen werden und vor allem bei sehr jungen

Kindern Imitationen auslösen.

Konsequenzen

Die hier vorgestellte Studie kann keine Wirkungsstudie ersetzen. Eine solche

Wirkungsstudie wird im direkten Anschluß durchgeführt. Sehr wohl aber ist auch eine -

quantitative und qualitative - Inhaltsanalyse wichtiger Bestandteil einer mehrstufigen

Behandlung des Themas Mediengewalt. Sie ermöglicht Aussagen über die Häufung, die

Selbstverständlichkeit von Aggression im Programm und damit über die

Wahrscheinlichkeit, auf ein entsprechendes Wirkungspotential zu treffen.

Während mit einer solchen Analyse keine Verarbeitungsprozesse beschrieben werden

können, ist sie aber Ausgangspunkt für die Untersuchung einer möglichen Verstärkung

oder Konstituierung - ängstlicher und aggressiver - Weltbilder. Wer prägt heute die

Vorstellung über Ereignisse und Sachverhalte, die außerhalb des unmittelbaren

Erfahrungsbereichs von Kindern und Erwachsenen liegen? Auch wenn die Zuschauer

eine aufgeklärte Vorstellung von der Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe der Programme

haben: Bei entsprechenden Beurteilungen handelt es sich zumeist um kurzfristige

Einschätzungen aktuell gesehener Sendungen. Wichtig sind aber auch Erkenntnisse über

die langfristigen Einflüsse des Gezeigten auf Denken und Fühlen. Einer Neuauflage der

Manipulationsthese wird hier nicht das Wort geredet, und Medien sind immer vernetzt mit

sozialen und persönlichen Faktoren zu sehen.

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Aber: Viele, vielleicht die meisten unserer Handlungen werden von psychologischen

Prozessen gesteuert, die uns nicht alle jederzeit als „bewußtes Denken“ präsent sind.

Frühere Erfahrungen spielen mit hinein, die unterschiedlichsten Informationsquellen

prägen unsere Erwartungen mit, ohne daß all diese Quellen noch rekonstruierbar wären.

Und hier setzt ein mögliches Risiko gehäufter Gewaltdarstellungen ein: bei der

Entwicklung von Vorstellungen über die Welt, die diese noch „bedrohlicher“ erscheinen

lassen als sie zumindest in unserem Kulturkreis wirklich ist. Größere Angst, der Glaube an

die Angemessenheit aggressiver Problemlösungen wären dann indirekte Folgen

selbstverständlich eingesetzter Mediengewalt - abgesehen von den noch nicht

widerlegten kurzfristigen physiologischen und emotionalen Auswirkungen.

Es mag nicht die Aufgabe der Wissenschaft sein, zu bewerten oder gar Empfehlungen

auszusprechen. Aber:

Selbst wen die wissenschaftlichen Ergebnisse über die Wirkungen von Mediengewalt

nicht endgültig überzeugen, wem sie immer noch nicht „eindeutig" genug sind, der sollte

überlegen, ob ohne Bedenken das Risiko möglicher negativer Einflüsse eingegangen

werden sollte. So als sei die Nicht-Wirkung bewiesen.

Vermutlich steht dabei nicht ein pauschales Abschaffen jedweder Mediengewalt zur

Debatte, vielmehr geht es um das Anerkennen des Problems durch alle Beteiligten,

Programmanbieter, Pädagogen, Eltern und auch Kinder, nicht zuletzt (gesellschafts-)

politische Instanzen. Auf jeder Ebene können dann Lösungen koordiniert entwickelt

werden: Auf der Ebene des Programms durch Entwicklung von Alternativen zur Gewalt

(die dennoch attraktiv sein können und keine Wettbewerbsnachteile bringen; Stichwort:

Sozialer Medienmarkt), in der Pädagogik durch eine systematischere Beschäftigung mit

den Medien (ohne die kulturpessimistische Pauschalablehnung des Fernsehens ä la Neil

Postman), zwischen Eltern und Kindern durch das Gespräch (auch wenn häufig zwischen

Elternwunsch und Umsetzung im Verhalten eine große Lücke klafft).

Schließlich könnte die öffentliche Diskussion in dem schon genannten sozialen

Medienmarkt zunächst das demokratische Mittel der Wahl sein, wenn es darum geht,

Problembewußtsein und Willen zur Veränderung herbeizuführen.

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