Rundfunk in Stuttgart 1934 - Mediaculture online

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Rundfunk in Stuttgart 1934 - Mediaculture online

Autor: Lersch, Edgar. Titel: Rundfunk in Stuttgart 1934- 1949. http:/ /www.mediaculture- online.de Quelle: Süddeutscher Rundfunk (Hrsg.): Südfunk- Hefte, Heft 17. Stuttgart 1990. Verlag: Süddeutscher Rundfunk. Die Veröffentlichung erfolgt mir freundlicher Genehmigung des Autors. Vorwort Edgar Lersch Rundfunk in Stuttgart 1934 - 1949 In einer Rundfunkanstalt sind die Energien – gemäß dem gesetzlichen Auftrag – in erster Linie auf das Programm ausgerichtet. Fragen der Aufbewahrung der Programmleistungen oder gar der Erhellung längst vergangener Zeitabschnitte sind angesichts der täglichen Arbeit und Routine von eher nachgeordneter Bedeutung. Doch im steigenden Maße interessiert sich die Öffentlichkeit für Hörfunk und Fernsehen, beschäftigen sich Historiker und Soziologen mit den Medien, denen eine insgeheime, wenn nicht sogar eine unheimliche Macht und Verführung zugetraut wird. Folgerichtig hat auch der Süddeutsche Rundfunk einen Teil der genannten Energien auf seine eigene Vergangenheit gelenkt und beginnt, seine eigene Geschichte aufzuarbeiten. In der Reihe dieser gelben Südfunkhefte hat 1984 Eberhard Klumpp als Nr. 9 "Das erste Jahrzehnt – Der Südfunk und sein Programm 1924 bis 1933/34" geschildert. Der Leiter des Historischen Archivs im Süddeutschen Rundfunk, Edgar Lersch, schlägt nun eine Brücke über zwölf Jahre "Reichssender Stuttgart", in denen das Programm immer stärker reduziert wurde, zu" Radio Stuttgart, einem Sender der amerikanischen Militärregierung". Dieser Brückenschlag ist kein Akt des Verdrängens, dazu 1


http:/ /www.mediaculture- online.de ist dieses Kapitel nationalsozialistischer Medienpolitik zu gut erforscht, wie Ansgar Diller 1980 in seinem Buch" Rundfunkpolitik im Dritten Reich" in der von Hans Bausch herausgegebenen Reihe "Rundfunk in Deutschland" belegt. Es ist vielmehr ein legitimer Bogen, denn personell und organisatorisch hat man auch in Stuttgart 1945 manche Fäden wieder aufgenommen, die 1933 zerschnitten worden waren. Das Kapitel Rundfunkarbeit unter amerikanischer Hoheit und Kontrolle endet mit dem 22. Juli 1949, mit der Übergabe von "Radio Stuttgart" in deutsche Hände, wenige Wochen nach der Gründung des Süddeutschen Rundfunks auf der Grundlage eines Gesetzes des damaligen Landes Württemberg - Baden. Seinerzeit haben die letzten amerikanischen Kontrolloffiziere in der Neckarstraße 145 ihre Büros geschlossen. Ihre schriftlichen Unterlagen werden in den Vereinigten Staaten aufbewahrt, in den Akten der "Radio Branch" des "Office of Military Government of the United States" (OMGUS). Diese Akten sind mikroverfilmt und selbstredend ausgewertet worden. Von den Ablagen der deutschen Mitarbeiter sind nur Splitterbestände auf uns gekommen, ziemlich vollständig ist jedoch die Programmüberlieferung in Manuskripten und Sendelaufplänen, gelegentlich auch in Bandaufnahmen. Die Erinnerungen von einigen Funkleuten der ersten Stunde haben zudem wertvolle Hintergrundinformationen gebracht. Gleichwohl ist die Darstellung von Rundfunkgeschichte und Programmentwicklungen, auch wenn es damals nur den Hörfunk und für diesen nur ein Programm gegeben hat, ein schwieriges Unterfangen, die Zeitspanne mag so kontrastreich gewesen sein wie die Nachkriegsjahre oder nicht. Wie bei einer Theater - und Zeitungsgeschichte stellt sich das Problem, vielfältige Sendungen und Sendeleistungen – also Inhalte – zu komprimieren und in Worte zu fassen, einen plausiblen Zusammenhang zwischen Programm und Organisation herzustellen, letzten Endes Personen und Persönlichkeiten zu bewerten. Angesichts solcher Schwierigkeiten ist es ein 2


http:/ /www.mediaculture- online.de unbestreitbarer Gewinn, vieles auch optisch zeigen zu können. Wenn das hier mit etwa hundert Abbildungen * geschieht, so ist hervorzuheben, daß fast genau die Hälfte der Aufnahmen aus dem Nachlaß des Fotografen und Kameramanns Hans Vetter stammt, die nun hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Martin Blümcke Sende- und Vortragsraum im Gebäude am Charlottenplatz, aufgenommen im Januar 1925 * Um nicht zu einer riesigen Dateigröße zu kommen, haben wir uns auf 13 Abbildungen beschränkt. [Anm. der Scannerin] 3


http:/ /www.mediaculture- online.de Abspielgeräte für Schallplatten in den Räumen der Süddeutschen Rundfunk AG, Aufnahme von 1928 4


Der Reichssender Stuttgart und sein jähes Ende http:/ /www.mediaculture- online.de Mit der Ansage "Hier ist Radio Stuttgart, ein Sender der amerikanischen Militärregierung" beendete Captain Fred G. Taylor, amerikanischer Rundfunkoffizier und zu diesem Zeitpunkt stellvertretender Leiter von Radio Stuttgart, am 3. Juni 1945 um 17.45 Uhr die fast zweimonatige Funkstille auf der Mittelwelle, 523 Meter. Dieser Tag eröffnete ein neues Kapitel der Geschichte des Rundfunks in Südwestdeutschland, der seit 1924 seinen zentralen Sitz in Stuttgart gehabt hatte und der erst am 5. April 1945 mit der Zerstörung der Sendeanlagen in Mühlacker durch auf dem Rückzug befindliche deutsche Verbände verstummte. In den 21 Jahren, die seit der am 3. März 1924 erfolgten formellen Gründung der Stuttgarter Sendegesellschaft "Süddeutsche Rundfunk AG" (auch SÜRAG genannt) bzw. dem Programmbeginn am 11. Mai 1924 vergangen waren, spiegelten sich in der südwestdeutschen Rundfunkgeschichte sowohl die allgemeine politische Entwicklung als auch die Problemlagen des deutschen Rundfunks in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus. Zwischen 1924 und 1933 zählte die SÜRAG, gemessen an den Hörerzahlen, zu den kleinen Gesellschaften, obwohl das Versorgungs- und Gebühreneinzugsgebiet die damaligen Länder Baden, Württemberg und das zu Preußen gehörende Hohenzollern umfaßte. Wegen der in den ländlichen Regionen dieser Gebiete sich relativ langsam steigernden Hörerzahlen und des damit insgesamt geringen Gebührenaufkommens war die Stuttgarter Rundfunkgesellschaft in ständiger Finanznot. Am Ende der Zwanziger Jahre ließ sich ein volles Rundfunkprogramm, das damals bereits 16 bis 18 Stunden erreichte, von der SÜRAG alleine nicht mehr finanzieren. Deshalb wurde 1929 eine vorübergehende Programmgemeinschaft mit der Südwestdeutschen Rundfunk AG in Frankfurt eingegangen. Unter dem in künstlerischen Belangen und besonders in Theaterfragen versierten Vorstand der Gesellschaft, Dr. Alfred Bofinger, setzte das Programm der SÜRAG 5


http:/ /www.mediaculture- online.de im Rahmen der begrenzten finanziellen Möglichkeiten manche Glanzlichter: Eberhard Klumpp hat im "Südfunk- Heft" Nr. 9 die Programmentwicklung im einzelnen dargestellt. Wie bei den anderen Rundfunkgesellschaften war die publizistische Funktion des Mediums neben der unterhaltenden und bildenden eingeengt. Auch in Stuttgart achtete ein politischer Überwachungsausschuß darauf, daß keine aktuellen, tagespolitischen Fragen im Programm erörtert wurden. Gelegentlich fielen die Entscheidungen in Stuttgart engherziger aus als beispielsweise in Frankfurt. Unüberhörbare Markenzeichen des Stuttgarter Senders waren die schwäbischen Heimatsendungen sowie die Kinderstunden in schwäbischem Dialekt: Sie trugen zumindest in Württemberg zu einer Verankerung des Rundfunks im Bewußtsein der Bevölkerung wesentlich bei. Gerade in diesen Programmsparten waren schon damals Künstler tätig, die auch noch nach 1945 das Programm der Stuttgarter Rundfunkstation mit prägen sollten 1 . Im Dritten Reich, also seit 1933, verlor das gleichgeschaltete Württemberg wie alle ehemaligen Länder des Reichs jeglichen Einfluß auf die nun als GmbH geführte Rundfunkgesellschaft. Die aus der Gründungszeit noch übrig gebliebenen wenigen Privataktionäre hatte bereits die sogenannte Papensche Rundfunkreform von 1932 endgültig verdrängt. Somit war der Rundfunk bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten völlig verstaatlicht. Schließlich gingen die Geschäftsanteile Württembergs am Stuttgarter Sender am 28. April 1934 an die Reichsrundfunkgesellschaft (RRG) über. Damit war das ursprünglich föderal und dezentral angelegte Rundfunksystem im Deutschen Reich nun endgültig in ein zentralistisches Organisationsgefüge gepreßt. Nachdem schon im Frühjahr 1933 bei der Stuttgarter Rundfunkgesellschaft zahlreiche Mitarbeiter aus der sogenannten "Systemzeit" entlassen worden waren – Intendant Alfred Bofinger blieb dagegen als einziger der Vorstände der früheren Rundfunkgesellschaften im Amt, und dies formell bis 1945 - , gab es über die 1 Sibylle Grube, Rundfunkpolitik in Baden und Württemberg 1924- 1933, Berlin 1976; Eberhard Klumpp, Das Erste Jahrzehnt. Der Südfunk und sein Programm 1924 bis 1933/34 (= Südfunk- Hefte 9), Stuttgart 1984. 6


http:/ /www.mediaculture- online.de RGG eine direkte und enge Verbindung zwischen dem "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda" von Joseph Goebbels und der nun "Reichssender Stuttgart" genannten Rundfunkstation. Die Gleichschaltung und Vereinheitlichung des Rundfunks im nationalsozialistischen Deutschland zog für die regionalen Rundfunkstationen zweierlei Konsequenzen nach sich: Erstens wurde die eigenständige Programmplanung und - produktion der Reichssender zunehmend eingeengt. Neben den zahlreichen Reichssendungen, denen sich alle Stationen anzuschließen hatten, gab es um die Jahreswende 1933/34 auch einen bald gescheiterten Versuch, mit Hilfe von drei Sendergruppen das vielgestaltige Bild des Rundfunks unter dem Vorwand von Einsparungen radikal zu vereinfachen. Es gab eine Gruppe "West" mit Stuttgart, Frankfurt und Köln, die damit an bereits vorhandene Ansätze der Zusammenarbeit, anknüpfte, sowie die Gruppe "Nord" und "Südost". Doch diese Organisationsreform mußte schon nach wenigen Wochen wieder aufgegeben werden, da sich Proteste unterschiedlicher Interessengruppen und Betroffener gegen diese Maßnahme häuften. Auch hatte sich bald herausgestellt, daß das Konzept allzu schlecht durchdacht war. Zweitens griff das Propagandaministerium in Berlin immer wieder direkt in die Programmgestaltung ein durch die Plazierung besonderer Übertragungen von Festlichkeiten, Führerreden und Aufmärschen, um so mit Hilfe des Radios ein einheitliches "Wir- Gefühl" der Volksgenossen zu entwickeln. Neben den täglichen Sprachregelungen im Bereich der Nachrichtengebung versuchte das Propagandaministerium auch durch die Vorgaben allgemeiner Grundsätze, die Programmgestaltung der Reichsrundfunkgesellschaft zu lenken, um die "Stimmung" in der Bevölkerung zu beeinflussen. Das Übermaß an Übertragungen von Parteiveranstaltungen und propagandistisch orientierten Wortsendungen im Jahr 1933 hatte allerdings Unmut bei den Hörern erzeugt. Die Zahl der propagandistischen Sendungen wurde daraufhin zurückgenommen. 1934/35 herrschte dann eine Tendenz vor, "nationalsozialistische 7


http:/ /www.mediaculture- online.de Kulturleistungen" mit einem anspruchvollen Radioprogramm zu präsentieren. Doch mußte von 1935 an – angesichts von nicht verstummender Kritik – den Vorstellungen großer Teile der Hörerschaft und ihrem Wunsch nach Entspannung und Unterhaltung mehr Rechnung getragen werden. Dies schlug sich in einer Erhöhung des Musikanteils im Programm der Reichssender auf etwa 60 Prozent im Jahr 1934 und auf etwa 70 Prozent im Jahr 1938 nieder. Als im Zweiten Weltkrieg, vor allem seit dem Herbst 1941 beim Stocken des Vormarsches in Rußland, nicht mehr nur Wehrmachtsberichte mit Siegesmeldungen durch den Rundfunk zu verkünden waren, tat sich erneut das Spannungsverhältnis zwischen den Zielen massiver Propaganda und notwendiger "Stimmungsaufhellung" der Bevölkerung durch den Rundfunk auf: im September 1941 beispielsweise wurde ausdrücklich Weisung für ein aufgelockertes, unterhaltendes Abendprogramm gegeben. 2 Schon seit Kriegsbeginn war das sowieso bereits eingeschränkte Eigenprogramm der einzelnen Reichssender weitgehend zugunsten des reichsweiten Einheitsprogramms noch weiter reduziert, bevor man im Juli 1940 dann endgültig ein über weite Strecken einheitliches Reichsprogramm eingeführt hatte. Geringe regionale Programmanteile gab es lediglich noch vormittags im Landfunk, in der Kinder- und Heimatstunde und – recht selten – auch noch im sogenannten Zeitfunk. Mitarbeiter des Reichssender Stuttgart in SA- und SS-Uniformen im Hof des Rundfunkgebäudes am Charlottenplatz. 2 Ansgar Diller, Rundfunkpolitik im Dritten Reich (= Rundfunk in Deutschland, hrsg. von Hans Bausch, Bd. 2) München 1980 und Walter Klingler, Nationalsozialistische Rundfunkpolitik 1942- 1945, Phil.Diss. Mannheim 1983. 8


http:/ /www.mediaculture- online.de Die kriegsbedingte Konzentration des Rundfunks führte dazu, daß ab Frühjahr 1942 auch vermehrt Betriebsstätten stillgelegt wurden. Das Stuttgarter Funkhaus jedoch sollte beschränkt funktionsfähig bleiben, um im Falle von Luftangriffen und bei Ausfällen sonstiger Art für andere Stationen einspringen zu können. Dennoch wurde im Dezember 1942 auch der Reichssender Stuttgart weitgehend stillgelegt, das Personal bis auf zwei Mann nach Frankfurt am Main abgeordnet. Bis zur Zerstörung der Studioeinrichtungen und Büros des Reichssenders in Stuttgart, der seinen Sitz im ehemaligen Waisenhaus an der Danziger Freiheit, dem heutigen Charlottenplatz hatte, bei den schweren Bombenangriffen am 24./25. Juli 1944 blieb lediglich noch ein Produktionsstudio für Tanzmusik in Betrieb. Ein im März 1944 in Bad Mergentheim eingerichtetes Behelfsstudio des Reichssenders war dagegen bis Kriegsende intakt. Von Bad Mergentheim aus erfolgte auch am 5. April 1945 um 23.00 Uhr die letzte Durchsage des Reichssenders Stuttgart mit dem Hinweis, daß die Übertragungen nun eingestellt würden. Man empfahl den Hörern, auf andere Frequenzen 9


http:/ /www.mediaculture- online.de umzuschalten. Der bis dahin noch funktionsfähige Großsender Mühlacker wurde am 6. April 1945 von einer Wehrmachts- Einheit in die Luft gesprengt, weitere Zerstörungen wurden im und am Sendergebäude vorgenommen. Dies entsprach dem Führerbefehl vom 19.März 1945, "alle ( ... ) Nachrichtenanlagen ( ... ) innerhalb des Reichsgebiets, die sich der Feind zur Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann", zu zerstören. Damit herrschte auf der für die Bevölkerung gewohnten Frequenz des Stuttgarter Heimatsenders Funkstille. Das zerstörte Gebäude des Reichssenders Stuttgart am Charlottenplatz, Juli 1944 Der Sender der amerikanischen Militärregierung Das Rundfunkkonzept der amerikanischen Besatzungsmacht Am 8. April 1945, zwei Tage nach dem jähen Ende des Senders, traf ein Vorauskommando der Amerikaner in Mühlacker ein, um das Gelände in Augenschein zu nehmen. Diese Inspektion der Sendeanlagen in Mühlacker und andere bald einsetzende praktische Maßnahmen zur Wiederaufnahme des Programmbetriebs offenbarten das große Interesse der amerikanischen Besatzungsmacht an der Wiederherstellung des Rundfunks in Deutschland. Sie 10


http:/ /www.mediaculture- online.de wußten um die Rolle des Rundfunks im Dritten Reich und um die großen Chancen, dieses Medium als Aufklärungsmittel und Ordnungsfaktor in den Nachkriegswirren einzusetzen, zumal mit einem baldigen Erscheinen von Zeitungen nicht zu rechnen war. Bis zu einem gewissen Grade hatten sich die Besatzungsmächte auf die Aufgabe, den Rundfunk wieder einzurichten, vorbereitet. Im Zuge der alliierten Beratungen über die Grundzüge der Besatzungspolitik in einem besiegten Deutschland war ein Gesamtkonzept für die Kontrolle, wie auch für die künftige Stellung der Medien und damit des Rundfunks in einem gewandelten Deutschland entwickelt und in einige grundlegende Vorschriften gefaßt worden. Dazu gehörte das Gesetz 191 des Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte (SHAEF) vom 24. November 1944, das zunächst alle Aktivitäten der Deutschen im Bereich des Buch- , Zeitungs- und Zeitschriftenwesens, des Films und des Rundfunks verbot. Der nationalsozialistische Propagandaapparat sollte völlig zerstört, vollkommen neue Medienorganisationen geschaffen werden. Wobei allerdings sofort mit dem Wiederaufbau begonnen werden mußte: Amerikaner und Engländer waren sich im klaren darüber, daß auch ein besetztes und seiner staatlichen Funktionen weitgehend beraubtes Land nicht ohne Elemente von Nachrichtenübermittlung und anderen Formen der Information und Massenkommunikation existieren könne. Für die Praxis des Besatzungsalltags in der amerikanischen Zone lagen dann wenige Tage nach Kriegsende, am 12. Mai 1945, das geheime "Manual for the Control of German Information Services", eine "Information Control Regulation" und eine "Information Control Instruction" als ergänzende Vorschriften für die Kontrolle und den Wiederaufbau im Bereich der Medien vor. Im "Manual for the Control of German Information Services" waren drei Etappen beim Wiederaufbau der Rundfunkeinrichtungen in Deutschland, soweit sie die amerikanische Zone betrafen, festgelegt: Nach dem als "Phase l" bezeichneten Verbot aller publizistischen Aktivitäten auf deutscher Seite war daran gedacht, in der "Phase 11


http:/ /www.mediaculture- online.de II" mit Unterstützung geeigneten deutschen Personals unter amerikanischer Überwachung die Verbreitung von Rundfunkprogrammen aufzubauen. Sukzessive sollte die alltägliche Rundfunkarbeit in deutsche Hände übertragen werden. Nach einiger Zeit war dann als "Phase III" eine Übergabe des Rundfunks in deutsche Verantwortung vorgesehen. Der endgültige Rückzug der Amerikaner aus der letztentscheidenden Verantwortung für den Rundfunk sollte allerdings neue gesetzliche Grundlagen für das Rundfunksystem zur Voraussetzung haben. So geschah es auch 3 . Insgesamt waren Engländer und Amerikaner besser auf eine Wiederherstellung des Rundfunks vorbereitet als die Franzosen. So waren die Verantwortlichen der französischen Armee bei den Operationen in der Umgebung von Mühlacker offensichtlich nicht über die Nähe dieses bedeutenden Senderstandorts informiert. Auch der Vandalismus der französischen Soldaten unter den Beständen an Tonträgern im zerstörten Stuttgarter Funkhaus sowie die Mühe, die die Franzosen mit der Einrichtung eines eigenen Rundfunksenders in ihrer Besatzungszone hatten, lassen erkennen, daß sie sich auf diesem Sektor weniger vorbereitet hatten. Dagegen war es den Amerikanern sehr wichtig, die noch vorhandene technische Infrastruktur des Rundfunks möglichst unversehrt in die Hand zu bekommen und so bald wie möglich zur Verbreitung von Nachrichten und eines Rundfunkprogramms zu nutzen. Am 14. Juni 1945 wurde das Alliierten Oberkommando (SHAEF) aufgelöst. Seitdem war für die Informationskontrolle in der amerikanischen Besatzungszone die in "Information Control Division" (ICD) umbenannte frühere "Psychological Warfare Division" verantwortlich, die dem Hauptquartier der US-Streitkräfte, also dem militärischen Befehlsstrang, bis zum Frühjahr 1946 unterstellt blieb. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde die Informationskontrolle in die Organisationsstruktur der für den zivilen Bereich verantwortlichen Militärregierungen, bekannt unter dem Kürzel OMGUS (= Office of Military Governement of the United States), 3 Hans Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945, Erster Teil (= Rundfunk in Deutschland, Bd. 3), München 1980, S. 65 ff. 12


http:/ /www.mediaculture- online.de eingefügt. Sie war nicht nur zuständig für die Überwachung von Rundfunk und Presse, sondern auch für die Kontrolle der Theater, des Films, des Kabaretts. Die Zentrale der ICD war bei der amerikanischen Militärregierung für Deutschland angesiedelt. Bei den Militärregierungen der einzelnen Länder der amerikanischen Besatzungszone firmierten die Rundfunk- Detachments nach der Integration in den Bereich der allgemeinen Besatzungsverwaltung um zur "Radio Branch" innerhalb der ICD in Hessen, Bayern und auch in Württemberg- Baden. 1948 wurde die ICD umbenannt in "Information Services Division" (ISD). Der Informationsfluß zwischen der amerikanischen Regierungszentrale in Washington, der ICD/ISD- Zentrale bei OMGUS für Deutschland, und den Abteilungen bei den einzelnen Militärregierungen der Länder erwies sich insgesamt als relativ schwach und langsam: Er war daher wenig effizient. Es gab offensichtlich auch wenig Austausch unter den für das Radio zuständigen Offizieren in München, Frankfurt, Stuttgart und Bremen 4 . Die amerikanische Rundfunkkonzeption teilt sich in einen verbietenden, verhindernden und einen erzieherisch- aufbauenden Teil, beide ergänzten sich jedoch in komplementärer Weise. Ziel strenger Überwachung des Rundfunkprogramms sollte einmal sein, die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts zu verhindern, aber auch Kritik an den Besatzungsmächten abzuwehren. Eine Kontrollratsdirektive noch vom 12. Oktober 1946 untersagte alle Äußerungen, die: "a) dazu beitragen, nationalistische, pangermanistische, militaristische und faschistische oder antidemokratische Ideen zu verbreiten; b) Gerüchte zu verbreiten, die zum Ziele haben, die Einheit der Alliierten zu untergraben oder welche Mißtrauen oder Feindschaft des deutschen Volkes gegen eine der Besatzungsmächte hervorrufen; 4 Barbara Mettler, Demokratisierung und Kalter Krieg. Zur amerikanischen Rundfunkpolitik in Westdeutschland 1945- 1949 (= Rundfunkforschung, Bd. 2), Berlin 1975, S. 49ff. 13


http:/ /www.mediaculture- online.de c) Kritiken enthalten, weiche gegen Entscheidungen der Konferenzen der Alliierten Mächte bezüglich Deutschland oder gegen Entscheidungen des Kontrollrats gerichtet sind; d) die Deutschen zur Auflehnung gegen demokratische Maßnahmen, die die Zonenbefehlshaber in ihren Zonen treffen, aufzureizen." 5 Entsprechend diesen Bestimmungen war Rundfunkkontrolle also auch Teil der alliierten Besatzungspropaganda und alliierter Deutschlandpolitik. Aber es gab auch positive Demokratisierungsrichtlinien, die der Verankerung allgemeiner Rechtsprinzipien im deutschen Bewußtsein dienen sollten. Aus den verschiedenen dazu verfaßten Dokumenten faßt die Historikerin Barbara Mettler diese Zielvorstellungen so zusammen: "Dem Feldzug gegen Nazismus und Militarismus entsprach die Forderung nach Toleranz und Pflichterfüllung gegenüber anderen Völkern ebenso wie die Betonung individueller Freiheiten und Rechte gegenüber dem Staat. Der Verurteilung von Nazismus und Rassismus entsprach auch weiterhin die Forderung nach rechtsstaatlichen Prinzipien und dem Respekt nationaler, sozialer und ethnischer Minderheiten. So standen negative und positive Aspekte in einem Wechselverhältnis, wobei die positiven Aspekte dem entsprachen, was im Sinne eines bürgerlich- liberalen Demokratieverständnisses am Nationalsozialismus als negativ beurteilt wurde" 6 . Diesen positiven Zielsetzungen dienten, wie im einzelnen noch zu zeigen sein wird, verschiedene Sendereihen im Programmangebot der von den Militärregierungen kontrollierten Sender in der amerikanischen Besatzungszone. Als sich die machtpolitischen Interessen zwischen den alliierten Kriegsparteien in West und Ost im Laufe des Jahres 1947 nicht mehr in eine einheitliche Besatzungspolitik umsetzen ließen, wurde dies auch auf der Ebene der von den 5 Mettler, Demokratisierung, S. 55. 6 Mettler, Demokratisierung, S. 52, sowie ihre Ausführung zum ganzen angesprochenen Themenkomplex S. 51 ff. 14


http:/ /www.mediaculture- online.de Besatzungsmächten kontrollierten Medien spürbar. Als Reaktion auf die sowjetrussische Propaganda in den von ihnen beeinflußten Medien der sogenannten Ostzone erfolgte im Herbst 1947 eine Umorientierung der amerikanischen Informationspolitik in ihrer Besatzungszone. Dem deutschen Publikum sollten in Presse und Rundfunk positive Vorstellungen von Demokratie vermittelt werden, die mit amerikanischen Idealen und Vorstellungen in politischen Kernfragen übereinstimmten. Dazu gehörte z.B. die Ablehnung eines sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Dabei konnte durchaus an antikommunistische Stimmungen und (Vor- ) Urteile in der deutschen Bevölkerung angeknüpft werden, was auch ganz bewußt getan wurde. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch eine einerseits verdeckte, andererseits massive Beeinflussung des Programms durch die Amerikaner nur noch sehr schwer denkbar, ohne gleichzeitig die sonst vertretene Auffassung von der Notwendigkeit freier Medien in einer freien Gesellschaft zu desavouieren. Deshalb erfolgte diese Art von Propaganda in von den Amerikanern verantworteten und ausdrücklich als "Sendung der Militärregierung" gekennzeichneten Beiträgen bzw. mit der "Stimme Amerikas". Die praktische Umsetzung der Informationskontrolle hatte konkret in zweierlei Hinsicht zu erfolgen: einerseits in Überwachung und Lenkung der täglichen Programmarbeit und zum anderen durch Schaffung eines neuen Rundfunksystems. Dieses sollte die Garantie dafür geben, daß niemals mehr ein staatlich- zentralistischer Rundfunk, wie vor allem in der nationalsozialistischen Periode geschehen, als Propagandainstrument mißbraucht werden könnte. Allerdings waren die Vorstellungen darüber, mit welcher Organisationsform dieses Vorhaben zu erreichen sei, nicht sehr präzise. In einer Direktive der "Psychological Warfare Division" vom 16. April 1945 hieß es, daß der neue Rundfunk von jeglichem Regierungseinfluß frei zu halten und dezentralisiert aufzubauen sei. Dieser Absicht trugen die Amerikaner in ihrem Einflußgebiet insofern Rechnung, als sie – anders als Engländer und Franzosen – für ihr Besatzungsgebiet keine zentrale Rundfunkorganisation vorsahen. Sie ordneten 15


http:/ /www.mediaculture- online.de den von ihnen gebildeten Ländern jeweils eine Rundfunkanstalt zu, die – abgesehen von Bremen und dem eine Sonderstellung besitzenden RIAS-Berlin – auf den Trümmern ehemaliger Reichssender errichtet wurden: in Frankfurt für Hessen, in München für Bayern und in Stuttgart für Württemberg- Baden, den beiden nördlichen Teilen der ehemaligen Länder Baden und Württemberg, die dem amerikanischen Besetzungsgebiet angehörten 7 . Eine völlig einheitliche Rundfunkgesetzgebung für alle Länder der amerikanischen Besatzungszone, die bereits um die Jahreswende 1945/46 vorbereitet wurde und eigentlich schon im Laufe des Jahres 1946 hätte abgeschlossen sein sollen, mißlang jedoch. Auf der Ebene der einzelnen Länder zogen sich die jeweiligen Gesetzgebungsverfahren und die Übergabe in deutsche Hände unterschiedlich lange hin. Als letzte der Rundfunkstationen der amerikanischen Zone sollte Radio Stuttgart am 22. Juli 1949 aus der Verantwortung der Militärregierung entlassen und in eine Anstalt des öffentlichen Rechts – den Süddeutschen Rundfunk – umgewandelt werden. Vorbereitungen zum Sendebeginn am 3. Juni 1945 in der Neckarstraße 145 Wie berichtet, zerstörte am Freitagvormittag, den 6. April 1945, ein Wehrmachts- Kommando die Senderanlagen des 1930 errichteten Großsenders Mühlacker und sprengte den lange Zeit größten hölzernen Sendermast Europas. Bereits am 8. April, einem Sonntag, betrat eine Gruppe von Soldaten des "6781st District Information Control Command (DISCC)" der 7. US-Armee das Gelände in Mühlacker. Teilnehmer dieses Kommandos unter Führung von Major Francis J. Biltz, einem Ingenieur, war auch William Burke Miller, der spätere erste Chef von Radio Stuttgart. Die Amerikaner bedauerten sehr, daß es nicht gelungen war, den Sender Mühlacker wie den in Luxemburg unversehrt in die Hände zu bekommen. Die Gruppe besichtigte trotz der noch in der Nähe andauernden 7 Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945, S. 67 f. 16


http:/ /www.mediaculture- online.de Kampfhandlungen das Gelände und machte sich selbst ein Bild von den Zerstörungen, worüber sie einen Bericht verfaßte. Die Soldaten fanden den Leiter des Senders, Herrmann Werner, sowie einen Wachmann in den weitgehend unzerstörten Räumen des Sendergebäudes vor, darüber hinaus vier Frauen und elf Kinder. Werner machte auf die Soldaten einen völlig entnervten Eindruck: die abziehenden Deutschen hatten ihn eingesperrt, und wohl auch dadurch bedingt befand er sich in einem "hochnervösen Zustand". Er vermittelte so dem Kommando einen – wie sich später herausstellte – völlig übertriebenen Eindruck vom Grad der Zerstörungen. Er hatte auch gemeint, es bedürfe mindestens eines Jahres, um die Sendeanlagen wieder funktionsfähig zu machen. Im übrigen fehlte dem Kommando ein Dolmetscher, so daß die Verständigung offensichtlich schwierig war 8 . Über den Zustand der Sendeanlagen verfaßten die amerikanischen Rundfunkoffiziere einen detaillierten Bericht. Sie bezeichneten die Zerstörungen als hastig, aber auch durchaus systematisch durchgeführt. Völlig unbrauchbar waren die Röhren des Senders und die Isolatoren. Andere wichtige Teile dagegen wie der Hochspannungs- Gleichrichter wie auch die Wasserkühlung waren intakt geblieben, letztere aber angesichts der Funktionsunfähigkeit der örtlichen Wasserversorgung in Mühlacker erst einmal nicht betriebsfähig. Gesprengt waren die vier Sendemasten. Während die Generatoren Schaden genommen hatten, funktionierte die Lichtanlage im Sendergebäude noch. Dieses Gebäude hatte sowohl die Sprengaktion wie die kriegerischen Handlungen in der Umgebung von Mühlacker unbeschadet überstanden, nur sämtliche Fensterscheiben waren zu Bruch gegangen 9 . 8 Die im folgenden zitierten Akten der Informationskontrolle/"Radio Branch" bzw. "Radio Section" der amerikanischen Militärregierung in Württemberg- Baden werden abgekürzt wie folgt zitiert: OMGUS/WB – ICD/ISD, Datum des Schriftstücks, Signatur der Unterlagen zur Zeit der von den deutschen Archivverwaltungen vorgenommenen Verfilmungen der in den National Archivs, Modern Military Records Division, Suitland Record Center lagernden Akten. Hier: OMGUS/WB – ICD/ISD, 9. 4. 1945,12/85- 1/49 und 10. 4. 1945, 12/85- 1/51. 9 OMGUS/WB – ICD/ISD, 17. 4. 1945, 12/85- 1/49; auch Bericht vom 20. 8. 1945, 12/85- 2/8 17


http:/ /www.mediaculture- online.de In den folgenden zwei Wochen erfolgte dann der endgültige Rückzug deutscher Truppen aus dem Großraum Stuttgart: Die Stadt Mühlacker wurde am 13. April 1945 von französischen Truppen besetzt, Stuttgart am 21. April 1945. In dieser Zeit war die Grenze der künftigen Besatzungszonen zwischen Franzosen und Amerikanern umstritten. Erst Ende Juni/Anfang Juli kam eine Einigung zustande: Die Amerikaner rechneten offenbar fest damit, auf jeden Fall Stuttgart und die nördlichen Teile von Baden und Württemberg zu besetzen. Deshalb wurden unter ihrer Leitung die Wiederherstellungsarbeiten am Sender Mühlacker rasch in Gang gesetzt und auch während der Unsicherheit über die künftige Zugehörigkeit der Stadt Stuttgart vorangetrieben. Zurückhaltend war man aber mit dem Aufbau von Studioeinrichtungen in Stuttgart, solange nicht eindeutig feststand, ob und wann die Franzosen die ehemalige württembergische Landeshauptstadt verlassen würden. Während am Sender Mühlacker bereits am 13. April 1945 die Reparaturarbeiten begannen 10 , konnte das Gebäude des ehemaligen Reichssenders Stuttgart am Charlottenplatz erst nach dem Einmarsch der Franzosen von den Amerikanern in Augenschein genommen werden. Am 23. April besichtigten die Ingenieure Lieutenant Franklin und Lieutenant Bonvouloir – sie gehörten später einige Monate der "engineering section" von Radio Stuttgart an – die zerbombten Räumlichkeiten des Reichssenders im ehemaligen "Waisenhaus", dem heutigen Domizil des Deutschen Ausland- Instituts. Die Offiziere beschrieben das Gebäude als "slightly damaged", als leicht zerstört. Sie trafen dort Hermann Rehfeld an, einen vermeintlichen Mitarbeiter der Musikabteilung des Reichssenders, der allerdings Verwaltungsangestellter gewesen war. Rehfeld erklärte ihnen, daß er der letzte verbliebene von fünf Personen sei, die die Anlage betreuen sollten. Bei einem Rundgang wurden 2 000 Industrieschallplatten – "commercial music"- , etwa 25 Magnetophon- Spulen, ein Plattenspieler, ein Verstärker und rund 60 Röhren gefunden. Das Material wurde sofort beschlagnahmt. Weitere Ausrüstungsgegenstände fanden sich – nach einem Hinweis von Rehfeld – in 10 OMGUS/WB – ICD/ISD, 20. 8. 1945, 12/85- 2/8. 18


http:/ /www.mediaculture- online.de einem Luftschutzbunker: Es handelte sich vor allem um einen Drahtfunksender und zugehörige Ausrüstungsgegenstände 11 . Das Interesse der Amerikaner an einem schnellen Wiederaufbau der zerstörten Rundfunkeinrichtungen belegt der Vorschlag des Chef- Ingenieurs Major Biltz, die seit der Abschaltung und Zerstörung des Senders Mühlacker "tote" Mittelwellenfrequenz 523 Meter bzw. 574 kHz des Reichssenders Stuttgart möglichst schnell wieder mit einem Programm zu belegen. Angesichts der vorhandenen Zerstörungen werde die Reparatur einige Zeit in Anspruch nehmen, deshalb sollte wenigstens Stuttgart und sein Umland mit einem Ein- Kilowatt- Sender versorgt werden, vermutete er doch, daß die Nazis in der letzten Durchsage das Auditorium auf andere Reichssender- Frequenzen verwiesen hätten und es immer schwerer werde, die Hörerschaft wieder "einzufangen". Es müsse befürchtet werden, daß deren Desintegration von Tag zu Tag wachse. Außerdem sei es nicht sinnvoll, daß man der Bevölkerung durch Ausrufer mit Glocken in den Städten und Dörfern – gemeint waren die damals in vielen Orten noch tätigen Büttel – die Proklamationen und Anordnungen der Militärregierung nahebringen müsse. Diese Ausrufer seien angesichts des Lärms der durchrollenden Panzer sowieso kaum zu verstehen, abgesehen davon, daß viele Leute ihre Häuser aus Furcht gar nicht verließen. Andererseits stünden die Radioapparate ungenutzt in den Wohnungen 12 . Allerdings wurde der Vorschlag von Biltz, einen kleinen Sender zu installieren, nicht realisiert, sondern mit Hochdruck an der Wiederherstellung der zerstörten Anlage des ehemaligen Großrundfunksenders Mühlacker gearbeitet. Bei den Arbeiten auf dem Sendergelände setzten amerikanische Rundfunkspezialisten – bald unter Mithilfe deutscher Techniker nicht nur den Sender wieder instand, sie bauten auch mit Material der drei am besten erhaltenen Stahlmasten der ehemaligen Kurzwellenanlage eine Behelfsantenne auf. Es waren Kabelverbindungen zu legen, insbesondere war das 11 OMGUS/WB – ICD/ISD, 24. 4. 1945, 12/85- 1/50. 12 OMGUS/WB – ICD/ISD, 11. 4. 1945, 12/85- 1/50. 19


http:/ /www.mediaculture- online.de Rundfunkspezialkabel von Mühlacker nach Stuttgart zu reparieren, das an vielen Stellen unterbrochen war. Bereits einen Tag nach der Besetzung durch die französischen Truppen konnte die Verbindung zwischen Mühlacker und der "Schaltstelle Mitte" im Königsbau in Stuttgart wieder hergestellt werden. Allerdings bestand noch einmal eine große Schwierigkeit darin, vom Königsbau eine Kabelverbindung zum künftigen Funkhaus in der Neckarstraße 145 zu schaffen. Angesichts der Zerstörungen in Stuttgart bedeutete dies, Leitungen um die halbe Stadt herum zu legen 13 . Für den Wiederaufbau der Anlagen versuchten die Amerikaner, aus den unterschiedlichsten Quellen Material zu beschaffen, das an allen Ecken und Enden fehlte. Am 7. und 8. Mai 1945 fuhr ein kleines Kommando nach Bad Nauheim, um für den Sender sieben Röhren und Leitungskabel zu besorgen. Gleichfalls im Mai machten sich zwei Soldaten auf den Weg nach München und Lindau. Bei einem Zwischenaufenthalt in Ulm wurde nur wenig Brauchbares gefunden. In Lindau nahmen sie technische Teile in Empfang, die die Franzosen einem Trupp von Mitarbeitern des ehemaligen Reichssenders Stuttgart abgenommen hatten, die sich ins Allgäu abgesetzt hatten. Bei München besichtigten die Soldaten den noch funktionstüchtigen Sender Ismaning und nahmen die Zusage der dortigen amerikanischen Mannschaft mit, Ausrüstungsgegenstände von einem zweiten, derzeit nicht benötigten Sender zu erhalten. Da Radio München kurz vor der Aufnahme des Programmbetriebs stand, der am 12. Mai 1945 wie später in Stuttgart in einem mobilen Übertragungsstudio begann, konnten erste Erfahrungen aus der Rundfunkpraxis von dort mitgenommen werden 14 . Ausgelagerte Apparaturen wurden schließlich 13 "Vier Jahre Radio Stuttgart" aus der Mappe: "Ein kleiner Streifzug in Gebiete und Probleme des Rundfunks. Den Mitgliedern des Rundfunkrats und des Verwaltungsrats des SDR anläßlich der Übergabe von Radio Stuttgart in deutsche Hände" (22. 7. 1949), S. 1; Heinz Eschwege, Vom Niedergang und Wiederaufstieg der Stadt Stuttgart (unpublizierte Erinnerungen, ca. 1962), SDR/Historisches Archiv (von hier: HA), S. 54 f. 14 OMGUS/WB – ICD/ISD, 8. 5. 1945, 12/85- 1/49 und 17. 5. 1945, 12/85 - 1/50. Die Protokolle der Staff- Meetings enthalten mehrere Rapporte über Fahrten auch der Kontrolloffiziere zur Besorgung von technischem Gerät sowie von Autoreifen und ähnlichen Gebrauchsgütern, 12/85- 2/1. 20


http:/ /www.mediaculture- online.de Die Arbeiten an den Senderanlagen in Mühlacker sind allem Anschein nach nicht von den französisch- amerikanischen Auseinandersetzungen um die künftigen Grenzen der Besatzungszonen behindert worden. Auch wegen des Standorts eines Stuttgarter Funkhauses machten die Franzosen keine grundsätzlichen Schwierigkeiten. Da die Amerikaner die zerstörten Räumlichkeiten des alten Reichssenders nicht übernehmen wollten, requirierten sie gemeinsam mit den Franzosen am 25. Mai 1945 das kaum beschädigte Telegrafenbauamt der Reichspost in der Neckarstraße 145. Den Um- und Ausbau dieses bis dahin nicht für Rundfunkzwecke genutzten Gebäudes beabsichtigten die Amerikaner aber erst nach einem Abzug der Franzosen aus Stuttgart in Angriff zu nehmen. Noch den ganzen Juni wurde über die künftigen Grenzen der Besatzungszonen auf höchster Ebene zwischen Washington und Paris verhandelt 15 . Obwohl die Franzosen den Bezug des Funkhauses durch die Amerikaner nicht verhindern konnten, unternahmen sie – wohl auf dem Hintergrund der ungeklärten Grenzen der künftigen Besatzungszonen – aber den Versuch, den Beginn der Ausstrahlung eines Radioprogramms aus Stuttgart hinauszuzögern, jedoch ohne Erfolg. Nachdem bereits am 22. Mai 1945 der "Sender 2" in Mühlacker wieder betriebsbereit und die Stromzufuhr gewährleistet war, wurde am 3. Juni – an einem Sonntag – der Senderbetrieb wieder aufgenommen. Der stärker zerstörte "Sender 1 " konnte erst am 25. August wieder betriebsfähig gemacht werden. Seit dem 28. November wurde über den "Sender 2" das Programm des inzwischen eingerichteten amerikanischen Soldatensenders AFN ausgestrahlt, nachdem nunmehr der "Sender 1 " die Verbreitung des Programms von Radio Stuttgart übernommen hatte 16 . Abgesehen davon, daß sich die Amerikaner beim Einbau technischer Installationen in das als Funkhaus vorgesehene Telegrafenbauamt angesichts der 15 OMGUS/WB – ICD/ISD, 20. 8. 1945, 12/85- 2/8 und Matthäus Eisenhofer, Mein Leben beim Rundfunk. Erinnerungen und Berichte, Stuttgart 1970, S.210. 16 OMGUS/WB – ICD/ISD, 20.8.1945,12/85 - 2/8 und Heinrich Brunswig, Zur Technikgeschichte: 50 Jahre Großsender Mühlacker, in: Großsender Mühlacker. Zur Technik und Rundfunkgeschichte (= Südfunk- Hefte 5), Stuttgart 1980, S. 50 f. 21


http:/ /www.mediaculture- online.de ungeklärten Zonengrenzen bewußt zurückhielten, konnten freilich in so kurzer Zeit keine betriebsfertigen Studioeinrichtungen erstellt werden. Deshalb wurde eine mobile Rundfunkeinheit, also ein kleines, in einen Lastkraftwagen eingebautes Studio, in die Toreinfahrt der Stuttgarter Nekarstraße 145 gestellt. Von dort aus meldete sich dann am 3. Juni 1945 um 17.45 Uhr nach fast zweimonatiger Pause wieder eine Rundfunkstation, die mit dem Namen Stuttgart verbunden war. Fred G. Taylor, der spätere Chef von Radio Stuttgart, sprach die erste Ansage: "Hier ist Radio Stuttgart, ein Sender der amerikanischen Militärregierung. Wir senden täglich von 11.30 bis 14.00 Uhr und von 18.30 bis 22.00 Uhr auf der Wellenlänge 523 m". Anschließend verlas Fred G. Taylor eine kleine Ansprache: "Heute ist der Beginn einer neuen und besseren Aufgabe dieser Radiostation. Zu lange hat sie als Stimme von Nazilügen und der Perfidie gedient. Zu oft präsentierte sie in der Vergangenheit nur eine grobe Verzerrung der Wahrheit. Als Sender der Militärregierung wird Radio Stuttgart von heute an nichts als die Wahrheit bringen. Es wird ungeschminkt Tatsachen, Informationen und Instruktionen für die deutsche Bevölkerung senden. Wir wollen uns bemühen, den Franzosen, deren Herzen durch die Lügen der Nazis und durch Verräter, die bis vor kurzem noch den Sender kontrollierten, verletzt wurden, neue Hoffnungen zu bringen, neuen Mut und neuen Glauben an ein neues, größeres Frankreich und an eine neue Brüderlichkeit der Nationen. Den Hunderten und Tausenden von heimatlos gewordenen Ausländern in Deutschland will Radio Stuttgart ein Ratgeber und Freund sein. Es will versuchen, ein Band zwischen dem geliebten Heimatland und denen zu knüpfen, deren Dasein von den Nationalsozialisten zerrissen wurde. Während die Militärregierung daran arbeitet, ihre baldige Heimkehr zu bewerkstelligen, will Radio Stuttgart Nachrichten, Musik, Unterhaltung, Information und Belehrung bringen und ihnen helfen, den Mut zu behalten, den sie sich bisher trotz der Nazi- Tyrannei immer noch bewahren konnten. Von heute an wird sich Radio Stuttgart bemühen, sich aller würdig zu erweisen, die seine 22


http:/ /www.mediaculture- online.de Sendungen hören. Es wird versuchen, die Erinnerung an die Vergangenheit und die frühere unwürdige Rolle auszulöschen." 17 Die Ansprache machte deutlich, daß die neue Rundfunkstation nicht nur für die deutsche Bevölkerung, sondern auch für die zahlreichen Angehörigen anderer Nationen im Land als Nachrichtenbrücke dienen sollte, für die Menschen also, die sich durch Zwangsarbeit und Kriegsgefangenschaft in den Grenzen des ehemaligen Deutschen Reiches aufhielten und ebenfalls einer Nachrichtenversorgung bedurften. Im ersten Monat seines Bestehens brachte Radio Stuttgart – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – nur Sendungen des alliierten Militärsenders Luxemburg, der Anfang Juni 1945 sein Hauptprogramm von der englischen auf die deutsche Sprache umgestellt hatte. Es gab aber auch – wie angekündigt – Nachrichten und Hinweise in Englisch, Französisch, Russisch und Polnisch. Bis Anfang Juli erhielten die Radiohörer außer Weltnachrichten und ganz allgemeinen Anweisungen der Besatzungsmacht einen weiteren Monat lang keine Informationen über die Zustände in Stuttgart und im Land. Die amerikanischen Rundfunkoffiziere führten dies in einem Bericht auf die Franzosen zurück: Diese hätten ihr Desinteresse an der Weitergabe detaillierter Informationen aus dem Raum Stuttgart und seiner näheren und weiteren Umgebung sowie an Instruktionen für die deutsche Bevölkerung gezeigt. Bis zum 8. Juli 1945, dem Tag des Abzugs der Franzosen aus Stuttgart, hat es deshalb lediglich zwei Musikübertragungen und am 23. Juni eine Reportage über den Besuch des Sultans von Marokko bei seinen zahlreich vertretenen Landsleuten in der französischen Armee gegeben, eine Übertragung, die in Zusammenarbeit der Amerikaner mit der "Radio- Diffusion Francaise" durchgeführt worden ist. 18 Den Franzosen war wohl bewußt, daß noch eine ganze Zeit verstreichen würde, bis sie die Gebiete, die in ihrer Zone in Südwürttemberg ehemals zum 17 OMGUS/WB- ICD/ISD, 3.6.1945,12/85- 1/50.Text der Ansprache in englischer Fassung, Übersetzung vom Verf. 18 OMGUS/WI3 – ICD/ISD, 20. 8.1945,12/85 - 2/8. 23


Einzugsbereich des Reichssenders Stuttgart gehörten, mit dem http:/ /www.mediaculture- online.de Rundfunkprogramm eines französischen Zonensenders würden versorgen können. Deshalb versuchten sie, bei dem sich etablierenden Sender der amerikanischen Militärregierung, d.h. bei Radio Stuttgart, "einen Fuß in der Tür zu halten". Am 18./19. Juni 1945 fand auch eine ausführliche Besprechung zwischen Lieutenant Leclercq aus Lindau, Capitaine Merland, Propagandaoffizier der französischen Militärmission in Stuttgart, und Angehörigen des amerikanischen Radio- Detachments statt. Der Vorschlag der Franzosen, ein eigenes Büro im ehemaligen Gebäude des Reichssenders einzurichten und dort eigenständig Sendungen zu produzieren, die über Radio Stuttgart ausgestrahlt werden sollten, wurde jedoch von den Amerikanern abgelehnt. Ein anderer Vorschlag war, der französischen Militärregierung unter amerikanischer Aufsicht Sendezeit einzuräumen. Widersprüchliche Aussagen legte der Chef von Radio Stuttgart Captain Miller in seinem Protokoll über die Auffassung der Franzosen zu den Fragen der Programmpräsentation nieder: Einerseits habe sich Merland dafür ausgesprochen, keine Propaganda sei die beste Propaganda. Er habe aber auch andererseits gesagt, man müsse den Deutschen eine "verzuckerte Darbietung von Instruktionen, Informationen und Direktiven" geben. Man war sich schließlich einig, daß die Frage der Beteiligung der Franzosen am Programm und die Einrichtung eines eigenen Büros in der Stuttgarter Neckarstraße 145 auf der Ebene der höheren militärischen Kommandostellen geklärt werden müsse 19 . Oberst William Dawson, der Militärgouverneur von Württemberg- Baden, sah sich wenig später in einem Brief an die amerikanische Leitung von Radio Stuttgart veranlaßt, für die Beteiligung der Franzosen an Sendungen von Radio Stuttgart folgende Grundsätze aufzustellen: 19 SDR/Historisches Archiv, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2353, Protokoll vom 20. 6. 1945. 24


http:/ /www.mediaculture- online.de "1. Ich lehne es ab, daß Radio Stuttgart für französische politische Propaganda benutzt wird. 2. Französischer Rundfunk über diese Station sollte sich beschränken: a) auf Ankündigungen der Militärregierung b) auf kurze Nachrichtenbeiträge im Stil von Radio Luxemburg c) Musik " 20 . Am 5. September 1945 zog dann ein französischer Verbindungsoffizier in die Neckarstraße 145 ein. Er hat mit Sicherheit an der Gestaltung der "Nachrichten für den französisch besetzten Teil von Baden und Württemberg" mitgewirkt, die seit dem 25. Oktober 1945 im Rahmen der täglichen Informationssendung "Echo des Tages" ausgestrahlten wurden. Sie waren bis Anfang Februar 1946 im Programm. Hin und wieder gab es auch kürzere Berichte aus Tübingen, der Stuttgart nahegelegenen württembergischen Universitätsstadt und nunmehrigen Landeshauptstadt von Württemberg- Hohenzollern. Helmut Jedele, nachmaliger erster Fernsehdirektor des Süddeutschen Rundfunks, damals Student in Tübingen und Rundfunkbeauftragter des Staatssekretariats, also der Landesregierung für Württemberg- Hohenzollern in der französischen Zone, brachte diese Berichte anläßlich von Wochenendbesuchen bei seinen Eltern in Cannstatt zu Radio Stuttgart, wo sie erst vom französischen Verbindungsoffizier und dann von den Amerikanern geprüft, genehmigt und danach gesendet wurden. Wie wenig kooperativ das Verhältnis zwischen Amerikanern und Franzosen in Rundfunkfragen jedoch teilweise gewesen sein muß, erhellt sich auch daraus, daß es den Franzosen gelang, bei ihrem Abzug aus Stuttgart rund 2.000 Schallplatten aus den Beständen des ehemaligen Reichssenders Stuttgart mitzunehmen. Jedenfalls begann sich mit dem 8. Juli 1945, dem Tag des Abzugs der Franzosen aus Stuttgart in das ihnen zugesprochene Besatzungsgebiet südlich der Autobahn Karlsruhe – Stuttgart – Ulm, "die Lage des Rundfunks in Stuttgart radikal zu ändern" 21 . Noch am Nachmittag dieses Tages führten die Amerikaner neben den Übertragungen aus Luxemburg regelmäßige Sendungen aus Stuttgart ein, die allerdings zu diesem Zeitpunkt sehr kurz waren. Lediglich eine Viertelstunde, von 20 OMGUS/WB – ICD/ISD, 25. 7. 1945, 12/85- 2/4. 21 Wie Anm. 18. 25


http:/ /www.mediaculture- online.de 17.45 bis 18.00 Uhr, dauerte anfangs das "Programm der Militärregierung". Alle weiteren Sendungen kamen nach wie vor vom alliierten Militärsender Luxemburg. Am 8.Juli 1945 wurde das Stuttgarter Programm mit einer kurzen Ansprache des amerikanischen Militärgouverneurs von Württemberg- Baden, Oberst William Dawson, eröffnet. Er formulierte hart und ohne Umschweife die Ziele der Militärregierung und deren Erwartungen an die deutsche Bevölkerung. Er informierte weiterhin über die Aufteilung des Besatzungsgebiets zwischen Franzosen und Amerikanern sowie den künftigen Verlauf der Grenze zwischen amerikanischer und französischer Besatzungszone südlich der Autobahn Karlsruhe – Stuttgart – Ulm. Zuletzt wurde die deutsche Bevölkerung aufgefordert, täglich um 17.45 Uhr ihre Radioapparate einzuschalten, um wichtige Informationen und Anweisungen der amerikanischen Militärregierung entgegenzunehmen 22 . Neben den Nachrichtenblättern der alliierten Militärverwaltungen war bis zum Erscheinen der ersten Zeitungen – die "Stuttgarter Zeitung" begann am 18. September mit einer zweimal wöchentlich, lediglich vier Seiten umfassenden Ausgabe – der Rundfunk in der frühesten Nachkriegszeit das wichtigste Instrument, um lebensnotwendige Informationen zu verbreiten. Im übrigen ging es in dieser Zeit aber auch darum, mit Hilfe regelmäßiger und vor allem glaubwürdiger Nachrichtendienste Gerüchte und Fehlinformationen einzudämmen, die immer in Wellen um sich griffen. Am Abend des 8. Juli 1945 wurde auch erstmals ein Sinfoniekonzert aus dem Großen Haus der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart übertragen. Direktübertragungen von Konzert- und Opernaufführungen aus dem unzerstörten Großen Haus bildeten bereits im August 1945 an Samstag- und Sonntagnachmittagen einen festen Programmpunkt. Sonntags wurden dabei allerdings Aufzeichnungen der "Morgenfeiern" gesendet. Diese Veranstaltungen sowie Übertragungen aus München und Salzburg, nachdem die entsprechenden Leitungsverbindungen wiederhergestellt worden waren, stellten bis in die erste 22 SDR/HA, Programmnachweise Hörfunk vom 8. 7. 1945. 26


http:/ /www.mediaculture- online.de Hälfte des Jahres 1947 hinein einen wichtigen, allerdings nach und nach abnehmenden Teil des Programms dar. Angesichts des großen Mangels an Tonträgern mit klassischer Musik – bedingt durch die Kriegszerstörung und den Vandalismus der Besatzungstruppen, die die an sich reichen Schallplattenbestände von Produktionen der RRG, der Reichsrundfunkgesellschaft, stark dezimiert hatten – sowie insgesamt wenig guter Voraussetzungen für Aufzeichnungen von Veranstaltungen, war die große Zahl der Direktsendungen unumgänglich. Inspizient Otto Ehstand mit Gong am Mikrophon Studio 1 im Funkhaus Neckarstraße 145, in Betrieb genommen im Dezember Die ersten Monate 1945 Bis zum Wiedererscheinen einer Rundfunkzeitschrift im Dezember 1945 und bis zum Beginn von regelmäßigeren Programmhinweisen in der "Stuttgarter Zeitung" 27


http:/ /www.mediaculture- online.de finden sich in den rundfunkinternen Aufzeichnungen keine ganz exakten Angaben über die einzelnen aus Luxemburg und Stuttgart kommenden Sendungen. Gesendet wurde anfangs montags bis samstags von 12.00 bis 14.00 Uhr und von 18.00 bis 23.00 Uhr, sonntags durchgehend von 17.30 bis 23.00 Uhr. Einen Eindruck vom Programm im August 1945 gibt folgender Überblick mit bereits veränderten Anfangs- und Sendeschlußzeiten sowie der Verlegung des "Programms der Militärregierung" auf den späten Abend: täglich: 11.27- 11.30 Beginn der Sendezeit 11.30- 11.45 Nachrichten in deutscher und englischer Sprache zum Nachschreiben 11.45- 12.00 Mutter und Kind – Kinderprogramm in Deutsch 12.00- 12.15 Nachrichten und Kommentar in deutscher Sprache 12.15- 12.30 Nachmittagsmusik 12.30- 12.45 Nachrichten in englischer Sprache 12.45- 13.00 Russisches Programm 13.00- 13.15 Polnisches Programm 13.15- 13.30 in Deutsch: "New York Press Review" von der "Stimme Amerikas" aus New York 13.30- 14.00 Musikprogramm – deutsch nur Sonntag: 17.30- 18.00 Kirchliches Programm, abwechselnd protestantisch und katholisch: Eigenprogramm aus Stuttgart 18.00- 18.15 Jugendprogramm in deutscher Sprache 18.15- 19.00 Musikprogramm – deutsch 19.00- 19.15 Nachrichten in englischer Sprache 19.15- 19.30 Polnisches Programm 19.30- 19.45 Nachrichtenprogramm in deutscher Sprache 19.45- 20.00 Abendmusik 28


http:/ /www.mediaculture- online.de 18.00- 18.15 Jugendprogramm in deutscher Sprache 20.00- 20.30 Hauptprogramm in deutscher Sprache 20.30- 21.00 Nachrichten und Kommentar in deutscher Sprache 21.00- 21.15 "Amerika ruft Europa": die "Stimme Amerikas" aus New York 21.15- 21.30 Französisches Programm 21.30- 22.00 Die Militärregierung spricht: Eigenprogramm aus Stuttgart 22.00- 23.00 Sinfoniekonzert (Sonntag: Orchester der Württembergischen Staatstheater; Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag: Musik großer Meister – Schallplatten; Mittwoch: Konzert, ausgeführt vom Münchner Philharmonischen Orchester) 23.00- 23.15 Weltnachrichten in deutscher Sprache – Ende der Sendezeit 23 Im Juli und August 1945 blieben das "Programm der Militärregierung", seit dem 20. August auch "Echo des Tages" genannt, sowie die Gottesdienst- und die Konzertübertragungen die einzigen in Stuttgart produzierten Programmteile. Das "Echo des Tages" änderte in den folgenden Monaten mehrfach seinen Sendeplatz: vom 22. Juli bis zum 30. September 1945 wurde es abends von 21.30 bis 22.00 Uhr gesendet, dann aber auf 19.30 Uhr vorverlegt. Die Kritik des deutschen Programmberaters Dr. Fritz Eberhard an dem späten Sendetermin und sein Hinweis, schon bei den Nazis sei die Zeit zwischen 19.30 und 20.00 Uhr die beste, d.h. die meistgehörte Sendezeit gewesen sei, mag zu dieser Vorverlegung beigetragen haben 24 . Weitere Sendungen wie die erwähnten Konzert- und Opernübertragungen wurden allmählich und vor allem am Wochenende in die Stuttgarter Programmfolge 23 Hermann Vietzen, Chronik der Stadt Stuttgart 1945- 1948, (= Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 25), Stuttgart 1972, S. 520 f. 24 Berichte an das Office of Strategic Service, hier: 8. 10. 1945, in: Nachlaß Eberhard, Institut für Zeitgeschichte, Bestand ED 117, Bd. 89. Zitiert abjetzt: Nachlaß Eberhard, lfZ – ED 117/jeweiliger Bd. 29


http:/ /www.mediaculture- online.de eingebaut. Von Ende Juli 1945 an wurden auch regelmäßig Gottesdienste der verschiedenen religiösen Bekenntnisse übertragen. Dem ging eine Besprechung voraus, die am 12. Juli auf Einladung des Leiters von Radio Stuttgart, Captain William Burke Miller, mit Vertretern der christlichen Kirchen stattfand. Diese Sendungen sollten allwöchentlich ausgestrahlt und hinsichtlich der Programmgestaltung von den Kirchen betreut werden. Die Amerikaner erwarteten eine an der Gewissensfreiheit ausgerichtete religiöse Erbauung, die sich jeder politischen Tendenzen zu enthalten habe. Am 14. Juli trugen die Kirchenvertreter auch dem Militärgouverneur von Württemberg- Baden, Oberst William Dawson, ihre Vorstellungen und Wünsche vor. Dieser beauftragte seinerseits die Kirchen mit der "Durchführung von kirchlichen Radiosendungen". Vereinbart wurde, daß am Sonntag, dem 29. Juli 1945, diese Sendungen mit einleitenden Worten des Militärgouverneurs und des evangelischen Landesbischofs von Württemberg, Dr. Theophil Wurm, aufgenommen werden sollten 25 . Da Oberst Dawson selbst Methodist war, legte er Wert auf eine Beteiligung der Freikirchen an den Übertragungen der Feierstunden, die von den Kirchen gestaltetet wurden. Bis zum Juni 1947 hatten die Freikirchen deshalb auch regelmäßig einen eigenen Programmplatz am Sonntagvormittag, auf den seit Dezember 1945 die Gottesdienste verlegt worden waren. Dieser frühe Beginn von Übertragungen religiöser Feiern, der mit der Praxis der Rundfunkstationen anderer Besatzungsmächte übereinstimmt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Amerikaner den Kirchen nur wenig Spielraum im Bereich religiöser Rundfunkprogramme einzuräumen gedachten. Weder gestanden sie den Bekenntnissen im Vergleich zu den Franzosen und den Engländern besonders viel Sendezeit zu, noch beteiligten sie die Kirchen verantwortlich bei den religiösen Informationssendungen, die allerdings erst 1947 ins Programm kamen. Vermutlich wollten die Amerikaner unter keinen Umständen zulassen, daß die beiden großen Kirchen diese Sendungen dominieren oder den Rundfunk 25 Astrid Czerny, Nationalsozialismus und Nachkriegzeit im Spiegel der evangelischen Morgenfeiern von Radio Stuttgart (1945- 1949), Magisterarbeit Tübingen 1988, S. 17 ff. 30


http:/ /www.mediaculture- online.de möglicherweise bei weltanschaulichen Fragen in eine Abhängigkeit bringen könnten 26 . Die Nachkriegspremiere der volkstümlichen Unterhaltung fand schließlich am 19. August 1945 im Rahmen des "Programms der Militärregierung" statt: In einer Zehnminutensendung erzählte Willy Reichert die Geschichte vom "Karle Hank", einem Rottenburger Original. Dafür stand eine Schallplattenaufnahme zur Verfügung. Eine Woche später gestaltete dann – dieses Mal "live" der schon bei der Süddeutschen Rundfunk AG tätige Mundartkünstler Albert Hofele im "Echo des Tages" den zehnminütigen Programmteil "Aus der schwäbischen Heimat" mit Volksmusik und schwäbischen Anekdoten und Geschichten. Erhalten geblieben ist im übrigen ein Manuskript, das in englischer Übersetzung – der Titel der Sendung hieß dort "From the Swabian Homeland" – sowohl die Plaudereien von Albert Hofele wie ein Dialektgedicht von Sebastian Blau (d.i. Josef Eberle) "D'r Neckar" enthält; wegen seiner Einmaligkeit ist dies ein rundfunkgeschichtliches Dokument von besonderem Rang 27 . Seit dem 17. November 1945 wurde dieser Teil des "Echo des Tages" auf den Samstagnachmittag zwischen 13.30 bis 14.00 Uhr verlegt und zu einer eigenen Sendereihe. Unter veränderten Titeln, z.B. als "Volksmusik mit Albert Hofele" oder "Mit Volksmusik ins Land hinaus" sollten diese Sendungen mit dem weithin bekannten und beliebten schwäbischen Humoristen noch über zwanzig Jahre im Programm des Süddeutschen Rundfunks bleiben. Da sich im Historischen Archiv des SDR aus der frühen Besatzungszeit nur sehr unvollständige Unterlagen über den Programmablauf erhalten haben, muß man versuchen, über andere Quellen diese Lücke zu schließen. An Hand von Programmhinweisen der "Stuttgarter Zeitung" läßt sich – wenn auch nicht immer auf den Tag genau – das Anwachsen des eigenproduzierten Anteils von Radio Stuttgart verfolgen. In den Zeitungsankündigungen wurde ausdrücklich auf die 26 Heinz Glässgen, Katholische Kirche und Rundfunk in der Bundesrepublik Deuschland 1945- 1962, Berlin 1983, S. 101 ff. 27 SDR/HA, Programmnachweise Hörfunk vom 26. 8. 1945. 31


http:/ /www.mediaculture- online.de "eigenen" Sendungen von Radio Stuttgart hingewiesen, da das Publikum an Programmen aus dem engeren Lebensumfeld vermutlich großes Interesse hatte. Eine Notiz vom 20. Oktober 1945 verweist auf eine Sendung wie "Leichte Konzertmusik" von 12.15 bis 12.45 Uhr und bereits auf den so beliebten "Schlagercocktail" zwischen 21.30 und 21.45 Uhr. Der Sonntagnachmittag wurde zu dieser Zeit schon fast vollständig mit eigenproduzierten Musiksendungen, mit religiösen Feierstunden, einer halben Stunde "Dichtung und Musik" sowie den Übertragungen aus dem Stuttgarter Staatstheater bestritten. Eine Übersicht über das Programm von Radio Stuttgart vom 17. November 1945 kündigt jetzt für jeden Tag von 18.45 bis 19.00 Uhr "Die Anschlagsäule" an. In dieser Sendung finden die bis dahin im "Echo des Tages" verlesenen Mitteilungen aller Art ihren Platz. Am Samstag gibt es nun von 16.00 bis 16.30 Uhr "Musik der Theater", am Sonntagnachmittag zwei zusätzliche Wortsendungen "Aus Kunst und Wissenschaft" mit allgemein informierenden Berichten aus diesem Bereich – 14.30 bis 14.45 Uhr – sowie "Aus neuem Geist" – 16.00 bis 16.15 Uhr – mit Gedichten und Aphorismen. Hingewiesen wurde in dieser Zeitungsnotiz auch auf Sondersendungen, so am Mittwoch, 21. November, auf "Wovon Menschen leben", ein Hörspiel nach einer Erzählung von Leo Tolstoj, und einen Tag später auf "Miles Standishs Brautwerbung", ein anderes Hörspiel nach einem Gedicht von Henry Wadsworth Longfellow. Allerdings handelt es sich hierbei nicht – wie oft behauptet – um das erste von Radio Stuttgart gesendete Hörspiel: Vielmehr war bereits am 12. Oktober 1945 von 20.00 bis 20.30 Uhr das Hörspiel "Die Entdeckung Amerikas – Christoph Columbus" nach einem Manuskript von Anna Haag übertragen worden 28 . Dieser Text der Stuttgarter Politikerin und Schriftstellerin stammte – wie der Stempel auf dem erhaltenen Manuskript belegt – noch aus der Zeit der Süddeutschen Rundfunk AG und war vermutlich Grundlage für eine Hörspielproduktion in der Zeit vor 1933 gewesen, deren Datum wir nicht kennen. 28 SDR/HA, Programmnachweise Hörfunk vom 12.10.1945 sowie das Manuskript in der Hörspielregistratur (St. Nr. 11/183). 32


http:/ /www.mediaculture- online.de Man muß sich im Rückblick die Bedingungen, unter denen nach dem Kriege Hörspiele hergestellt und direkt ausgestrahlt wurden, verdeutlichen. Es stand ja als Studio und damit als Produktionsstätte lediglich der Wagen zur Verfügung, der in der Toreinfahrt der Neckarstraße 145 aufsgestellt war. Ein Teil der Mitwirkenden mußte zwischendurch das "Studio" immer wieder möglichst leise verlassen, da nicht alle Platz im Wageninneren fanden, und für den Harmonikaspieler mußte die Außentür eigens geöffnet werden, weil er sonst sein Instrument nicht bedienen konnte 29 . Am 24. November 1945 wird für die Wochentage ein dreistündiges eigenes Abendprogramm angekündigt mit leichter Musik zwischen 18.00 und 19.00 Uhr, einer Aktuellen Stunde" zwischen 19.00 und 20.00 Uhr, mit Nachrichten und den nun einsetzenden täglichen Berichten vom Nürnberger Prozeß von 20.20 bis 20.30 Uhr. Nach der Übertragung der "Stimme Amerikas" stehen nun auf dem Programmzettel: "Neue Wege in der Tonkunst" (montags 21.15 Uhr), ein Sinfoniekonzert (dienstags) und das Hörspiel (mittwochs). Der Samstag war inzwischen um einen viertelstündigen Landfunk (18.30 bis 18.45 Uhr) sowie ein Hörspiel erweitert, das aber im Januar 1946 auf den späten Sonntagnachmittag verlegt wird; dort ist es bis heute nach mehr als 40 Jahren immer noch plaziert. Diese Programmausweitungen waren notwendig geworden, weil am 11. November 1945 der alliierte Militärsender Luxemburg sein Programm eingestellt hatte, Stuttgart also völlig auf die eigene Programmproduktionen angewiesen war. Ein Monat schwieriger Improvisationen mußte danach noch überwunden werden. Noch bis zum 17. Dezember wurde aus dem Studiowagen gesendet, dann erst konnten die inzwischen im Telegrafenbauamt eingerichteten drei Sendestudios und der Schaltraum ihrer Bestimmung übergeben werden. 30 29 Eschwege, Vom Niedergang und Aufstieg, S. 76. Siehe auch die Hörfunksendung von Hans Sattler: "Wir blättern zurück: zehn Jahre Süddeutscher Rundfunk", 4. 6. 1955, S. 7, in: SDR/HA , Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 3000. 30 Zum Ende der Überspielungen aus Luxemburg: SDR/HA, Programmnachweise Hörfunk, 11. 11. 1945. Das genaue Datum der Eröffnung der neuen Studios ist notiert im Wochenbericht des Chefingenieurs Weldon Hogie vom 29.12.1945, in: SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2358 (H). Zu den technischen Aufbauarbeiten im Funkhaus zusammenfassend: Vier 33


http:/ /www.mediaculture- online.de Von Dezember 1945 an wurde das Programmvolumen von Radio Stuttgart ständig erweitert, aber auch immer wieder Veränderungen vorgenommen. Sendungen entfielen, neue kamen hinzu, andere wurden verlegt oder änderten ihren Umfang. Ein wichtiger Einschnitt war die Einführung des Frühprogramms am 7. April 1946. Sendebeginn war jetzt bereits um 6.15 Uhr. Mit dem 12. August 1946 wurde neben anderen Veränderungen auch das "Echo des Tages" aufgegeben und durch die "Politische halbe Stunde von Radio Stuttgart" ersetzt, mit "Parteien sprechen" (montags), "Probleme der Gegenwart" (dienstags und donnerstags) sowie mit einem Teil der vertrauten Kurzsendungen aus dem "Umerziehungs"- Programm an den anderen Wochentagen. Auch hatte man erkannt, daß zweimal abends zur besten Sendezeit zwischen 21.00 und 22.00 Uhr "Neue Wege in der Tonkunst" die Hörer überforderte und bereits im Juni andere Termine für die Ausstrahlung zeitgenössischer Musik gesucht. Die Ausweitung des Programmumfangs, die mit Hilfe der Entwicklung des Programmschemas geschildert worden ist, läßt sich auch an konkreten Zahlen ablesen: Radio Stuttgart sendete von Juli bis November 1945 jeweils lediglich 48 Stunden pro Woche. Im Dezember 1945 erhöhte sich das Angebot auf 58 Stunden, im Januar 1946 auf 64 Stunden, im Februar 1946 auf 66 und im März 1946 schon auf 75 Stunden Programm pro Woche. Eine noch deutlichere Ausweitung ergab sich mit den Änderungen und Programmerweiterungen im April 1946: nun wurden 103 Stunden wöchentlich ausgestrahlt 31 . Voraussetzung für die Programmausweitungen war neben der Einstellung von deutschem Personal zur Betreuung der Sendung der Ausbau der rundfunktechnischen Infrastruktur im ehemaligen Telegrafenbauamt. Im Juni 1945 waren bereits eine provisorische und im Juli eine komplette Schallaufnahme mit Tonbandmaschinen, Plattenabspielapparaturen und Aufnahmemaschinen im neuen Funkhaus installiert worden. Aus heutiger Sicht kann man sich kaum Jahre Radio Stuttgart, S. 2- 4 und ein Vortrag des deutschen Chefingenieurs von Radio Stuttgart Alexander Berger am 17. 8. 1946 in Stuttgart, in: SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2364 (1). 31 OMGUS/WI3 – ICD/ISD, 9. 7. 1946, 12/85- 1/49 34


http:/ /www.mediaculture- online.de vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten dies verbunden war: Die Beschaffung einer einzelnen Schraube konnte dabei zum großen Problem werden. Oberingenieur Rudolf Hartmann legte insgesamt 25 000 km zurück, um das notwendige Material für den Auf- und Ausbau des Funkhauses aus den verschiedensten Orten der Westzonen zusammenzutragen. Vor allem vom Sitz des Ausweichfunkhauses in Bad Mergentheim, aus Bauernhäusern in Odenwald sowie aus der Gegend von Passau wurden ausgelagerte Restbestände des alten Funkhauses nach Stuttgart zurückgeholt. Während in den Senderäumen Maurer, Zimmerleute und Schreiner arbeiteten, bauten die Mitarbeiter der Abteilung Technik Verstärker- Einrichtungen, Abspiel- Apparaturen für Schallplatten und Tonmischpulte in die Regiezellen ein; dabei waren allein 30 Kilometer Rundfunkspezialkabel zu verlegen. Auch Überspielstätten wurden im Laufe des Jahres 1945 an mehreren Stellen in Stuttgart mit Leitungsverbindungen zum Funkhaus eingerichtet, so im Großen Haus der Württembergischen Staatstheater oder in der Markuskirche. Im November 1945 stand immerhin schon ein Übertragungswagen zur Verfügung, der erstmals Reportagen, etwa aus Sportstadien, ermöglichte. Dieser sehr behelfsmäßige Ü- Wagen war ein mit einfachen Mitteln umgebautes Taxi, das von der öffentlichen Stromversorgung abhängig war. Mancher Aufnahmetermin konnte wegen der zahlreichen Stromsperren nicht wahrgenommen werden. Ein Meßdienst für die Überwachung der Hochfrequenztechnik wurde geschaffen, ebenso ein Werkstattdienst für Reparaturen und Batteriekontrolle. Neues Personal mußte angelernt werden. Auf der "Solitude" wurde – wie schon einmal in den Zwanziger Jahren – eine Fernempfangsstelle eingerichtet, mit deren Hilfe die Sendungen der "Stimme Amerikas" aus New York empfangen wurden, um sie dann über den Schaltraum des Stuttgarter Funkhauses an alle Sender der amerikanischen Besatzungszone weiterzugeben 32 . Trotz der nach dem Zweiten Weltkrieg existierenden Schattenwirtschaft, in der viele lebensnotwendige Güter, auch Baumaterial, eigentlich kaum legal durch 32 Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 2 ff. 35


http:/ /www.mediaculture- online.de Geldzahlungen erworben werden konnten, mußte eine Einrichtung wie Radio Stuttgart ihre Investitionen und Aufwendungen und die Entlohnung der Mitarbeiter weitgehend mit dem gültigen Zahlungsmittel, mit der Reichsmark, abwickeln. Woher bezog nun Radio Stuttgart seine Finanzmittel? Bei ihren Erkundungen kurz nach Kriegsende machten die amerikanischen Rundfunkoffiziere auch drei Konten des ehemaligen Reichssenders Stuttgart ausfindig: eines mit 74.000 RM bei der Dresdner Bank, eines mit zwei Millionen Francs bei der Reichsbank und rund 50.000 RM bei einer Bank in Bad Mergentheim, dem Ausweichstandort des Reichssenders. Mit diesem Geld wurden bis Oktober 1945 die wichtigsten Ausgaben von Radio Stuttgart bezahlt, nachdem die Amerikaner gegenüber den Behörden der Reichspost durchgesetzt hatten, diese Gelder für Zwecke der Station zu verwenden 33 . Als aber im Herbst 1945 die Zahl der Mitarbeiter auf über 100 angewachsen war, reichten die beschriebenen Geldmittel nicht mehr aus. So wurde die Oberpostdirektion Stuttgart gebeten, die Radio Stuttgart zustehenden Gelder aus Nordwürttemberg und Nordbaden zur Verfügung zu stellen. Die Reichspost zog nämlich über den Zusammenbruch hinaus die Gebühr von zwei Reichsmark je Monat für jeden Radioapparat ein. Nach der nicht immer ganz zuverlässigen Schilderung des ehemaligen Verwaltungsleiters der Süddeutschen Rundfunk AG und des Reichssenders, Matthäus Eisenhofer, den die amerikanischen Rundfunkoffiziere ohne Umschweife in gleicher Funktion wieder eingestellt hatten, konnte in Stuttgart eine Forderung mit der die Auszahlung dieser Gelder erhoben worden war, vermieden werden: der direkte Eingriff der Postbürokratie in die Finanzen des Senders. So bestand keine Abgabepflicht von Rechnungsunterlagen an die Oberpostdirektion Stuttgart, während dies in Frankfurt und Baden- Baden der Fall war 34 . 33 OMGUS/WB – ICD/ISD, 23. 7.1945,12/85 - 1/50 und Eisenhofer, Mein Leben, S. 216 34 OMGUS/WI3 – ICD/ISD, 25.3.1946,12/85 - 1/48 und Eisenhofer, Mein Leben, S. 216 und 231 ff. 36


http:/ /www.mediaculture- online.de Nach Konsultationen auch auf der höheren Ebene der Militärregierungen wurde in Württemberg- Baden und Hessen erst einmal die alte Regelung der Rundfunkgebühren beibehalten: 55 Prozent für den Sender und 45 Prozent für die Post, eine Aufteilung, die erst nach der Währungsreform zum 1. Juli 1948 auf 75 Prozent zugunsten der Sender erhöht wurde 35 , nachdem inzwischen durch einen Befehl des amerikanischen Militärgouverneurs die Frage des Verhältnisses von Post und Rundfunk gelöst worden war (Vgl. S. 169ff). Interessant ist jedenfalls, daß in Stuttgart im Zusammenhang mit den konkreten Problemen der Geldbeschaffung von den Rundfunkoffizieren grundsätzliche Fragen des Gebühreneinzugs und des Verhältnisses von Post und Rundfunk erörtert wurden. Morgengymnastik mit Lo Keifer 1947 35 Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945, S. 24 ff. 37


Die amerikanischen Kontrolloffiziere und ihre Mission http:/ /www.mediaculture- online.de Bevor deutsche Mitarbeiter in nennenswerter Zahl eingestellt waren, mußten die Amerikaner sowohl administrative wie programmliche Aufgaben bis in jedes Detail selbst erledigen. Deshalb begannen sie wie bei Radio Frankfurt und Radio München auch bei Radio Stuttgart mit einer relativ großen Mannschaft, mit rund 30 Personen. Doch von Anfang an war nicht daran gedacht, die Radiostation länger als unbedingt notwendig in eigener Regie zu betreiben. Vielmehr wollten die Amerikaner möglichst bald einen Sender, der im wesentlichen von deutschen Mitarbeitern betreute wurde. Sie wollten dann lediglich die Einhaltung allgemeiner Grundsätze der Programmgestaltung überwachen bzw. im Rahmen einer Vorzensur kontrollieren. Besprechungsprotokolle der Offiziere aus den ersten Wochen ihrer Tätigkeit in Stuttgart lassen erkennen, daß es einige Unsicherheiten über die nötigen Schritte im Zusammenhang mit Programmausweitungen und Personaleinstellungen gab. Man merkte schon bald nach Aufnahme des Programmbetriebs, daß die amerikanische Mannschaft an die Grenzen ihrer personellen Möglichkeiten geriet. Nach Feststellung ihres Chefs, William Burke Miller, hatte sie lediglich "control capacity", also Kapazität für die Überwachung. Das machte die beschleunigte Einstellung deutscher Mitarbeiter erforderlich. 36 Angesichts der lückenhaften Quellenüberlieferung auf deutscher wie auf amerikanischer Seite und angesichts auch der Fluktuation unter den Mitgliedern des "6871st DISCC Radio Detachment" der 7. US-Armee ist es nicht ganz leicht, sich einen vollständigen Überblick über den Personalbestand der bei Radio Stuttgart tätigen Rundfunkoffiziere zu verschaffen. Auch die Informationen über Geburtsdaten, soziale Herkunft, Ausbildungsgang und beruflichen Hintergrund der meisten Stuttgarter Rundfunkoffiziere sowie ihr späterer Lebensweg sind oft nur bruchstückhaft überliefert. 36 OMGUS/WB – ICD/ISD, 11 . 7. 1945, 12/85 - 2/4. 38


http:/ /www.mediaculture- online.de Bis etwa Mitte 1946, als die Kommandos in den Funkhäusern der amerikanischen Zone entscheidend verkleinert wurden kam, bestand die Mannschaft in Stuttgart aus etwa zehn Offizieren oder Mitarbeitern ohne militärischen Rang, wie das Fehlen von Rangbezeichnungen in den Aufstellungen ausweist. Daneben führen Personalübersichten etwa 15 bis 20 Leute in untergeordneten Stellungen auf wie Büropersonal, Fahrer und vermutlich technisches Hilfspersonal. Im Sommer 1945 werden in einem Bericht 33 Personen als Angehörige der amerikanischen Mannschaft bei Radio Stuttgart aufgezählt. Insgesamt bestanden in den ersten Monaten fünf Organisationsbereiche: 1. Die Leitung mit dem "chief", von Juni bis zum 31. Dezember 1945 William Burke Miller. 2. Die "personal section" war mit der Einstellung des deutschen Personals beauftragt: Ihr gehörten Captain Fred G. Taylor als "executive officer" und Mr. Goodwin als "intelligence officer" an. Sie waren damit beauftragt, die neu einzustellenden deutschen Mitarbeiter daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie durch ihre Aktivitäten im Dritten Reich belastet und überhaupt für eine Tätigkeit bei Radio Stuttgart tragbar waren. Der von vielen Mitarbeitern als ihr "clearing officer" erwähnte Mr. Stevens gehörte nicht unmittelbar zum Stab von Radio Stuttgart sondern zur Abteilung "Plans and Operations" in der amerikanischen Informationskontrolle. 3. In den ersten Monaten war die "engineering section" unter Leitung von Major Francis J. Biltz beim Wiederaufbau des Senders Mühlacker und der technischen Ausstattung des neuen Stuttgarter Funkhauses von großer Bedeutung. Bereits Ende 1945 war Captain Weldon Hogie Leiter dieser Sektion, die aber im zweiten Halbjahr 1946 nicht mehr erwähnt wird. 4. Die "editorial section" unter Leitung von Lieutenant Teschner sowie Mr. Nicoll und Mr. Hieble als Mitarbeiter war verantwortlich für Programmaktivitäten und Programmkontrolle. Anfänglich war dieser Sektion noch ein eigener "information control censor" zugeordnet. 5. Schließlich gab es eine "administrative section" unter Leitung von Captain McPolland. Dieses in seinen Zuständigkeiten heute nicht mehr ganz durchsichtige Organisationsgefüge erscheint Mitte 1946 leicht verändert: Neben dem leitenden und dem technischen Offizier sowie einem verantwortlichen Offizier für Fragen 39


http:/ /www.mediaculture- online.de der Programmgestaltung gab es noch einen für die Produktion und das Hörspiel. Unter Leitung eines weiteren Offiziers stand der Bereich "Manuskripte", der in erster Linie für die Programmkontrolle im Wortbereich zuständig war. Schließlich war noch ein Offizier vorhanden, der die Programmkontrolle im Musikbereich ausübte. Bis zur Verkleinerung des Kommandos war die Zusammenarbeit zwischen deutschen und amerikanischen Mitarbeitern so organisiert, daß für die wichtigsten Funktionsbereiche – festgefügte Organisationseinheiten und Zuständigkeiten existierten noch nicht – jedem amerikanischen Offizier ein – soweit bereits vorhanden verantwortlicher deutscher Mitarbeiter zur Seite gestellt war 37 . Insgesamt hatte Radio Stuttgart bis zur Übergabe in deutsche Hände im Sommer 1949 drei amerikanische "Chiefs". Der erste Leiter der Station war William Burke Miller: Er blieb allerdings nur bis zum 31. Dezember 1945, um dann in die USA zurückzukehren, wo er eine leitende Position in einer amerikanischen Rundfunkgesellschaft übernahm. Nur zwei Monate dauerte die Leitung von Captain Philip L. Barbour. Er wollte nach Auskunft von Fred G. Taylor bereits im Frühjahr 1946 Dr. Fritz Eberhard, der seit Sommer 1945 bei Radio Stuttgart als Programmberater tätig war und später Intendant des Süddeutschen Rundfunks wurde, zum deutschen Leiter ernennen. Wegen dieser, mit den vorgesetzten Stellen nicht abgestimmten Absicht wurde Barbour abgelöst. Die Zeit war noch nicht reif für eine solche Übergabe in deutsche Verantwortung. Eberhard mußte wegen dieses Vorfalls – vermutlich auch wegen anderer Unstimmigkeiten mit den Amerikanern – im Juni 1946 vorerst die Stuttgarter Rundfunkstation verlassen 38 . Captain Fred G. Taylor war von Anfang an in Stuttgart dabei und vom Juni 1945 bis zu seiner Ernennung zum "Chief of the Station" am 7. März 1946 zumindest 37 OMGUS/WI3 – ICD/ISD, History of ICD/ISD Württemberg- Baden 1946- 1947, ca. 1947, 12/97- 1/1. Die im folgenden beschriebene Einteilung befindet sich auf einem Laufzettel ("routing slip") vom August 1945, OMGUS/WB – ICD/ISD, August 1945, 12/85 – 2/1. Die Angaben von Mitte 1946 in: Stuttgarter Zeitung vom 4. 6. 1946. 38 Matthäus Eisenhofer, Mein Leben S. 214 f. Die folgende Aufzählung der Kontrolloffiziere und die biographischen Angaben gehen zurück auf eine Vorstellung (mit Foto) im "Radio- Spiegel", Nr. 2/1946, S. 6f. Für einige der Stuttgarter Rundfunkoffiziere stellt dieser Beitrag die einzige etwas ausführlichere Informationsquelle ihres biographischen Hintergrundes dar. 40


http:/ /www.mediaculture- online.de teilweise für die Personaleinstellungen verantwortlich. Danach vertrat er noch mehr als drei Jahre lang die amerikanischen Interessen während der Zeit des Übergangs von einem Sender der Militärregierung zu einer deutschen Rundfunkstation. In der Erinnerung der damals bereits tätigen deutschen Mitarbeiter gilt er als der Exponent der amerikanischen Militärregierung bei Radio Stuttgart. Taylor stammte aus Salt Lake City und war praktizierender Mormone. Missionstätigkeit für diese Religionsgemeinschaft hatte ihn von 1930 bis 1933 nach Deutschland geführt. Nach einem Studium der Naturwissenschaften war er von 1936 bis zum Eintritt in die Armee 1942 bei einer Rundfunkstation beschäftigt. Taylor, der seine Aufgabe sehr ernst nahm und sie mit Engagement ausfüllte, wird von den damaligen deutschen Mitarbeitern als kooperativ, insgesamt als wohlwollend und deutschfreundlich geschildert. Nach einem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau sei er allerdings eine Zeitlang sehr zurückhaltend gewesen. Seine generell positive Einstellung drückte sich auch darin aus, daß er die Gründung einer Mitarbeitervertretung, eines Betriebsrates, bei Radio Stuttgart gestattete. Fred G. Taylor war allerdings nicht die Persönlichkeit, die auf Grund ihrer intellektuellen Statur und ihres Bildungshintergrunds der Programmarbeit von Radio Stuttgart hätte besondere Impulse vermitteln können. In dieser Hinsicht unterschied er sich wie andere leitende Offiziere bei Radio Stuttgart doch von einigen amerikanischen Kontrolloffizieren anderer Sender, man denke an Persönlichkeiten wie Robert Lochner bei Radio Frankfurt oder auch Field Horine bei Radio München, ganz zu schweigen von der überragenden Figur des "chief controller" der Briten beim Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg, Hugh Carleton Greene. Es ist auch festzuhalten, daß – abgesehen von einer Ausnahme – bei Radio Stuttgart keine deutschen Emigranten tätig waren, während Hans Mayer, Stefan Hermlin und Golo Mann in Frankfurt, als Deutsche in amerikanischer Uniform dem Radioprogramm wichtige Anregungen und geistiges Profil vermittelten, also Anstöße gaben, die über die Planung von Sendungen zur Umerziehung und über die Ausübung von Zensur hinaus denn darauf 41


http:/ /www.mediaculture- online.de beschränkten sich die amerikanischen Offiziere in Stuttgart, wie noch zu zeigen sein wird – für das geistige Leben im Nachkriegsdeutschland von Bedeutung waren. In der Anfangsphase war neben dem "Chief of the Station" und dem Verwaltungsleiter der Chefingenieur, Captain Weldon Hogie, als Nachfolger von Major Biltz bei den Aufbauarbeiten in Mühlacker und in Stuttgart eine wichtige Figur. Hogie hatte Elektrotechnik studiert, war nach Abschluß seines Studiums in ein Signalkorps der amerikanischen Armee eingetreten und hatte bis Kriegsende in Europa in einer fahrenden Radio- Einheit gearbeitet. Über Captain Teschner – vermutlich deutschstämmig oder Emigrant – liegen keine näheren Informationen vor. Er wird als "Deputy Chief" und damit als Stellvertreter des Stationleiters bezeichnet, dem – so eine Notiz vom 20. Oktober 1945 – die Organisation der "Educational, news and official programs" unterstand. Captain Teschner hat die Station bereits im Frühjahr 1946 verlassen. Stuart L. Hannon wird in den Unterlagen als "Programmleiter" bezeichnet. 1914 im Staate Washington geboren, hatte er nach geisteswissenschaftlichen Studien die Absicht, Diplomat zu werden. Er entschied sich dann jedoch für die Rundfunkarbeit und trat im Oktober 1945 bei Radio Stuttgart seinen Dienst an. Er hat vermutlich Teschners Funktion übernommen. Ob und inwieweit er auf diesem Sektor entscheidenden Einfluß nehmen konnte, ist im Detail nicht bekannt, zumal seine Deutschkenntnisse für die übliche Nachrichtenkontrolle als nicht ausreichend beschrieben werden. Nach seinem Ausscheiden bei Radio Stuttgart war er bis Anfang der fünfziger Jahre bei der amerikanischen Militärregierung für Württemberg- Baden in der Nachrichtenabteilung tätig. Hermann ("Kip") Chevalier wird in den Dokumenten des ersten Jahres als "script director" genannt, der alle Manuskripte zu überprüfen hatte. Er stammte aus New York und war – so nach einem Portrait in der Programmzeitschrift von Radio Stuttgart, dem "Radio- Spiegel" – von Beruf Lehrer. Er blieb bis zum Ende der 42


http:/ /www.mediaculture- online.de amerikanischen Rundfunkkontrolle im Sommer 1949 zusammen mit Taylor in Stuttgart. Den meisten der damaligen Mitarbeiter ist "Kip" Chevalier als der Begutachter von Manuskripten in Erinnerung geblieben, der das amerikanische Umerziehungskonzept mit Auseinandersetzungen um eher vordergründige Formulierungen umzusetzen suchte. Lieutenant Leonard E. Coplen, geboren 1918 im US-Staat Maine, studierter Musikwissenschaftler und Musiker und wie Chevalier offensichtlich High- School- Lehrer, war für die Kontrolle der musikalischen Programme zuständig. Inwieweit er auf das Programm einwirkte, ist nicht bekannt. Im Laufe der zweiten Jahreshälfte 1946 ist er gleichfalls ausgeschieden. Als sehr schwierigen, aber fachlich sehr befähigten Rundfunkoffizier ohne militärischen Rang, da ohne amerikanische Staatsbürgerschaft, – kennzeichnen alle damaligen deutschen Mitarbeiter Arthur Shaffer, einen nach England emigrierten Ungarn jüdischer Abstammung. Er hatte starke künstlerische Interessen sowie auch größere Erfahrung im Film- , Theater- und Rundfunkbereich. Arthur Shaffer beteiligte sich in Stuttgart intensiv an der Produktionsarbeit. Vor allem darf sein Einfluß auf das Hörspiel nicht unterschätzt werden, wie vermutlich auch die ungewöhnliche Zahl von zwei Sendeterminen pro Woche für diese anspruchsvolle Programmgattung auf ihn zurückgeht. Zusammen mit Kip Chevalier war er darüber hinaus in der Programmkontrolle tätig. Wegen seiner vielfältigen Kenntnisse und Fähigkeiten – "his exceptional abilities", wie sich Tayior einmal ausdrückte 39 - , war sein Weggang im Frühjahr 1947 sicher ein Verlust für Radio Stuttgart. 1948/49 waren als Kontrolloffiziere Mr. Barjanski, Dr. Cecil Headrick und Miss Margarete Sweeder im Sender tätig, ohne daß über ihren Lebensweg sowie besondere Aspekte ihrer Arbeit bei Radio Stuttgart Näheres mitgeteilt werden könnte. 39 OMGUS/WB- ICD/ISD, 7.1.1947,12/97 - 2/3; mündliche Mitteilung von Dr. Peter Kehm, Mitarbeiter bei Radio Stuttgart, später Hörfunk- Programmdirektor des SDR. 43


http:/ /www.mediaculture- online.de Warum zu Radio Stuttgart insgesamt weniger bedeutende und im kulturellen Leben weniger einflußreiche Rundfunkoffiziere geschickt wurden, darüber kann man nur spekulieren. Es mag sein, daß die amerikanischen Offiziere einen gewissen Einfluß auf die Wahl ihres Einsatzortes nehmen konnten: Da mochte Frankfurt oder München attraktiver gewesen sein als Stuttgart. Für das intellektuelle Profil und das kulturelle Niveau der Station ist dieser Umstand nicht ohne Einfluß für die Jahre des Besatzungsrundfunks gewesen, wie übrigens auch eine vergleichbare Entwicklung bei der Rekrutierung deutschen Personals festzustellen ist. Im Januar 1946 wurden vom Chef der Information Control Division (ICD) in Berlin Maßnahmen angekündigt, um die amerikanischen Mannschaften in den Rundfunkstationen zu verkleinern. Vom 30. Juni 1946 an – so war es geplant - , sollte die "detaillierte Überwachung" aufgegeben und nur die Einhaltung der vorgegebenen allgemeinen Ziele kontrolliert werden; die Verbindung zu den deutschen Funktionsträgern in den Rundfunkstation war dann nur noch über deutsche Intendanten abzuwickeln, die bis dahin zu ernennen waren 40 . Allerdings erhielt lediglich Radio Frankfurt bereits im Juni 1946 mit Eberhard Beckmann eine deutsche Spitze. Bei Radio München und bei Radio Stuttgart mußte man sich noch länger gedulden: Der Münchener Intendant wurde erst im Dezember 1947, der Stuttgarter im Juni 1947 bestellt 41 . Das Ziel, das amerikanische Personal zu verringern, wurde – wie auch bei den anderen Stationen der US-Zone – tatsächlich rasch erreicht. Im August 1946 gab es nur noch vier Kontrolloffiziere in Stuttgart: Neben dem Stationschef war einer für die generelle Programmplanung zuständig, ein weiterer für die Manuskriptzensur und ein vierter für die Produktion. Nach einem Schreiben von Anfang 1947 dürfte es sich dabei noch um Fred C. Taylor, Stuart L. Hannon, "Kip" Chevalier und Arthur Shaffer gehandelt haben 42 . In der Folgezeit häuften sich allerdings in den verschiedenen Eingaben die Klagen der Offiziere wegen 40 OMGUS/WB – ICS/ISD, 23. 1. 1946, 12/85- 2/3. 41 Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945, S. 158 f. 44


http:/ /www.mediaculture- online.de Arbeitsüberlastung und zu vieler Überstunden. Man bat immer wieder um Verstärkung, da der Dienstplan Arbeitszeiten zwischen 56 und 60 Stunden pro Woche auswies, wobei häufig noch Sonntagsdienste hinzukamen. Zu einer Aufstockung des amerikanischen Personals ist es aber nicht mehr gekommen. Ersatz war auch kaum zu finden, und angesichts der nicht geringen Anforderungen an die Qualifikation hätten zudem Gehälter gezahlt werden müssen, für die keine Stellen vorhanden waren. In aller Regel drängten auch die Besatzungsoffiziere nach Hause, und die US-Militärverwaltung war angesichts der hohen Kosten für die Besatzungstruppen sehr daran interessiert, den Kontrollapparat eher zu verkleinern, statt ihn wieder zu vergrößern. Eine Organisationsverfügung vom 10. November 1947 43 läßt schließlich erkennen, daß jetzt nur noch drei Rundfunkoffiziere in Stuttgart Dienst taten: Taylor beaufsichtigte die am 14. September 1946 eröffnete Sendestelle Heidelberg, den technischen Bereich in Stuttgart und den Sender Mühlacker. "Kip" Chevalier war der Ansprechpartner für den deutschen Sendeleiter Dr. Peter Kehm und damit für alle Programmfragen zuständig. Mr. Barjansky stand den drei Abteilungsleitern im Verwaltungsbereich, Matthias Eisenhofer (Finanzen), Fritz Reifelsberger (Personal) und Rolf Enderling (Allgemeine Verwaltung) vor. Neben den generellen Überwachungsaufgaben war nach wie vor die Vorzensur des Wortprogramms durchzuführen, die nach den Stellenbeschreibungen etwa 80 Prozent der Arbeitszeit der Offiziere in Anspruch nahm. Bei diesen drei, mit Miss Margarete Sweeder möglicherweise vier Kontrolloffizieren sollte es bis zur Übergabe von Radio Stuttgart in deutsche Hände bleiben, obwohl fünf Stellen vorgesehen waren 44 . 42 OMGUS/WI3 – ICD/ISD, o. D. (Juli/August 1946),12/85 - 2/6 und 29. 3. 1947, 12/97- 2/3. Siehe auch das Rundschreiben Nr. 2 vom 20. 6. 1947, das im Verteiler Taylor, Hannon, Shaffer und Chevalier aufführt, in: SDR/HA, Verwaltungsdirektion (St. Nr. 40/9745). Zum folgenden vgl. die in OMGUS/WB – ICD/ISD, 12/85- 2/6 und 12/97 – 2/3 gesammelten Dokumente zu Arbeitsüberlastung, Überstundenfragen usw. 43 SDR/Historisches Archiv (= HA), Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2353; das Rundschreiben Nr. 8 vom 8. 9. 1947 an die deutschen Mitarbeiter bestätigt diesen Personalstand bei den amerikanischen Kontrolloffizieren, in: SDR/HA, Verwaltungdirektion (St. Nr. 40/9745). 44 OMGUS/WB – ICD/ISD, 6. 12. 1948, 12/85- 2/9. 45


http:/ /www.mediaculture- online.de Anfang Oktober 1947 versuchte Taylor auf eine etwas durchsichtige Weise, eine Personalaufstockung zu erreichen. Er verwies darauf, daß auf die Rundfunkpropaganda des Ostens eine schlagkräftigere Reaktion notwendig sei: "Mit der Verstärkung des Kalten Krieges wird jeden Tag die Wichtigkeit des gesprochenen Wortes im Kampf um das deutsche Bewußtsein immer deutlicher." Doch der Appell, der in einem anderen Zusammenhang die Umorientierung der amerikanischen Besatzungs- und damit Medienpolitik widerspiegelt, blieb ebenso ohne Erfolg wie spätere Bitten um Personalaufstockung 45 . Wie die allgemeinen Ziele der Radiokontrolle durch die Rundfunkoffiziere vor Ort umgesetzt wurden, ist im einzelnen nicht leicht zu belegen. Es liegen von den Amerikanern nur wenige programmatische Aussagen vor, die die individuelle Auslegung und Ausführung der allgemein gehaltenen Vorschriften näher charakterisieren. Auch Mitteilungen und Anweisungen an die deutschen Mitarbeiter erfolgten wohl im wesentlichen mündlich; schriftliche Belege haben sich kaum erhalten, so daß wir hier weitgehend auf die Erinnerungen der Zeitgenossen angewiesen sind. Gelegentlich haben sich aber die Rundfunkoffiziere in Publikationsorganen über die Ziele ihrer Arbeit geäußert. So schrieb beispielsweise der zweite Chef von Radio Stuttgart, Captain William Barbour, in einem Beitrag für die "Stuttgarter Zeitung" vom 31. Dezember 1945: "Zwei Programmpunkte liegen mir besonders am Herzen: education und understanding. Education bedeutet bei uns alles, was beiträgt zur menschlichen Höherentwicklung und inneren Weiterentfaltung. Education und understanding umfaßt alles, was ein besseres und tieferes Wissen der Menschen untereinander fördert mit dem Ziel, einer kommenden Generation den Weg zu zeigen zu einem Gemeinschaftsleben in Frieden und Gerechtigkeit, das abhängig ist von jedem einzelnen, seinen Verantwortungsgefühl und seiner inneren Anständigkeit. Wir wissen wohl, daß sich solche Ziele nicht erzwingen lassen, schon gar nicht mit den Hammerschlägen der Propaganda. Wir wollen 45 OMGUS/WB – ICD/ISD, 8. 10. 1947, 12/85- 2/6. 46


http:/ /www.mediaculture- online.de auch niemanden zwingen. Wir wollen aber im Glauben an das Gute im Menschen ihm raten und helfen, um zu einem solchen für eine bessere Zukunft aller Nationen notwendigen Ziel zu kommen (...). Das Radio ist im Augenblick unter den schwierigen innerdeutschen Verhältnissen eine der wenigen Gelegenheiten, die Fenster zur Welt zu öffnen und frischen und heilsamen Wind neuer geistiger Ideen hereinzulassen. Und selbst hier haben wir bei unseren Plänen mit beträchtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil auch uns nur in beschränktem Maß Materialgrundlagen zur Verfügung stehen. Viele und gerade die bedeutendsten Bücher der Weltliteratur, deren Ideengut dem Nationalsozialismus gefährlich schien, wurden verbrannt, und die für die Festung Deutschland unbekannt gebliebenen Werke aus den letzten zwölf Jahren sind im Augenblick noch nicht verfügbar. Die gleichen Schwierigkeiten ergeben sich bei der musikalischen Programmgestaltung. Auch hier wollen wir den Hörer bekannt machen mit der Weiterentwicklung, die sich in anderen Ländern und Kontinenten auf musikalischem Gebiet vollzogen hat. (...) Der wichtigste Gesichtspunkt ist hier für uns, unseren deutschen Mitarbeitern mit unseren Erfahrungen beratend zur Seite zu stehen. Mit Erfahrungen, die wir in all den Jahren einer freien, der Kritik der öffentlichen Meinung ständig ausgesetzten weltoffenen Radioarbeit gesammelt haben. Auch hier liegt es uns fern, mit Propaganda und Zwang zu arbeiten. Wir schlagen vor, regen an und überlassen es dann unseren deutschen Mitarbeitern selbst, über die Qualität unserer Arbeitsmethode, die auf dem demokratischen Prinzip des freien Wettbewerbs beruht, zu entscheiden" 46 . Betonte William Barbour hier das Ziel, nach der Blickverengung durch die nationalsozialistische Propaganda und durch Kommunikationskontrolle den geistigen Horizont der Deutschen wieder zu erweitern, so hob der amerikanische Programmchef Stuart L. Hannon in einem Interview mit der Programmzeitschrift "Radiospiegel" die kritische Aufgabe der Programmarbeit hervor: 46 Stuttgarter Zeitung vom 31. 12. 1945. 47


http:/ /www.mediaculture- online.de "Der Arbeit eines jeden amerikanischen Rundfunkmannes wird in erster Linie der Wunsch zugrunde liegen, im deutschen Radio das Prinzip der Redefreiheit wirksam werden zu lassen. Weiterhin wird er bestrebt sein, das Radio als Eigentum der Allgemeinheit zum Wohl dieser Allgemeinheit aufzubauen. Die Verwaltung darf nicht durch irgendeine Agentur, durch irgendeine wirtschaftliche Clique erfolgen, die bereit ist, das Ganze einer staatlichen Kontrolle zu überantworten. Ich nehme an, die Deutschen sind sich inzwischen klar darüber, in welchem Maß Verbrechen von einem staatlich gelenkten Rundfunksystem sowohl inspiriert als auch sanktioniert werden können. In den Vereinigten Staaten existieren heute ungefähr 1000 Rundfunkstationen, die alle in privaten Händen sind. Sie haben vollkommene Freiheit an der Verwaltung ihrer Stadt, an der Regierung ihres Staates und der Nation Kritik zu üben. Es steht ihnen frei, auf jeden Mißbrauch des öffentlichen Vertrauens hinzuweisen, irgendwelche Unregelmäßigkeiten oder kleinliche Schikanen zu brandmarken, kurzum, die Aufmerksamkeit auf jeden Mißstand zu lenken, wie er leicht innerhalb der komplizierten Strukturen unserer modernen Gesellschaft auftreten kann" 47 . Die Erinnerungen der damaligen deutschen Mitarbeiter lassen zumindest für die erste Zeit auf einen recht distanzierten Umgang der Besatzer mit den Deutschen schließen, auf ein Verhältnis, das weitgehend von Befehl und Gehorsam geprägt war. Man darf sicher nicht die Zustände im Hamburger Funkhaus idealisieren, von dort wird von einer frühen kooperativen Zusammenarbeit zwischen englischen Rundfunkoffizieren und deutschen Mitarbeitern berichtet. Zweifellos war das Klima in den Funkhäusern der amerikanischen Zone noch längere Zeit frostiger und zurückhaltender als in Hamburg 48 . Negativ wurde die Überwachung durch die Amerikaner natürlich vor allem bei der Vorzensur aller Manuskripte wirksam. Eine Verfügung bei Radio Stuttgart vom 20. Oktober 1945 forderte, alle Manuskripte seien vom "Chief of radio section" abzuzeichnen, in seiner Abwesenheit aber sei das einstimmige Votum der wichtigsten Offiziere erforderlich. Am 12. Dezember 1945 gab "Kip" Chevalier die Anweisung, alle Manuskripte hätten am Abend des Tages vor der Sendung vorzuliegen 49 . Auch Musiklaufpläne wurden vom zuständigen Offizier daraufhin überprüft, daß sie keine Marschmusik oder andere dem Geist der Umerziehung 47 "Radio- Spiegel", Nr. 9/1946, S. 4 f. 48 Zum Verhältnis von Briten und Deutschen im NWDR s. Michael Tracey, Das unerreichbare Vorbild. Ein Versuch über Hugh Greene und die Neugründung des Rundfunks in Westdeutschland nach 1945 (= Annalen des Westdeutschen Rundfunks, Bd. 5), Köln 1982; Wolfgang Jacobmeyer, Politischer Kommentar und Rundfunkpolitik. Zur Geschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks 1945- 1951, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 21, 1973, S.358- 387. 48


http:/ /www.mediaculture- online.de entgegenstehende Titel enthielten. Schließlich wurde auch der Produktionsablauf überwacht, um zu verhindern, daß durch Eigenmächtigkeiten der Sprecher unerwünschte Aussagen über den Sender gingen. Dieses lückenlose Überwachungssystem existierte allerdings nicht bis zum Ende der amerikanischen Aufsicht über Radio Stuttgart. Spätestens seit der Bestellung eines deutschen Intendanten und eines deutschen Programmverantwortlichen, des Sendeleiters, im Juni 1947 lockerte sich die Kontrolle und konzentrierte sich auf Programme, die den Amerikanern besonders wichtig erschienen, wie die politische Berichterstattung und den Schulfunk. Inwieweit ganze Sendungen dem Rotstift der Kontrolloffiziere zum Opfer fielen, kann für Radio Stuttgart bisher nur in Einzelfällen belegt werden: Hans- Ulrich Reichert, damals Leiter des Zeitfunks, scheiterte bei Chevalier im Februar 1947 mit der Glosse "Otto Normalverbraucher" über die 100. Zuteilungsperiode von Lebensmitteln auf Marken, in der einige kritische Anmerkungen zum Grad der Versorgung gemacht wurden. Nach einer lautstarken Auseinandersetzung mit dem Kontrolloffizier und dem Beharren auf diesem Beitrag verließ Reichert die Station. Zahlreich sind die Manuskripte, in denen sich immer wieder Streichungen der Zensuroffiziere finden, wobei die hier vorgestellte Auswahl eher zufälligen Charakter hat 50 . Sie betrafen z.B. 1945 im "Echo des Tages" Sätze, die einen Mangel an Aufbruchstimmung verbreiten konnten wie in einem Bericht über die Polizeifachschule (18. September) oder in einem Kurzvortrag über "Preisaufsicht" : "Es würde uns allen der Schwung und die Arbeitskraft genommen werden, wenn wir die Überzeugung erlangen müßten, daß unsere Arbeit, die wir ja letzten Endes nur für Sie leisten, von Ihnen nicht verstanden würde..." (20. Oktober). In einer Rede des Wirtschaftsministers von Württemberg- Baden, Josef Andre, sind 49 Notiz vom 20.10.1945 und Anweisung vom 12.12.1945, SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2353. 50 Alle Nachweise unter dem angegebenen Datum in SDR/HA, Programmnachweise Hörfunk. Die Auseinandersetzung Reichert- Chevalier lt. mündlicher Mitteilung von Hans- Ulrich- Reichert im Gespräch am 9. 8. 1989. 49


http:/ /www.mediaculture- online.de Worte bzw. Halbsätze gestrichen wie "Vaterlandsliebe" oder "die Wiedererrichtung eines neuen Reichs". Sie sind ersetzt durch "neue Regierung". Worte wie "Reichsgedanken" und "Reichsgebiet" sind durch unverfänglichere Formulierungen ersetzt (9. Oktober). In einer Rede von Andre ist ein ganzer Absatz entfallen: "Gegner ist das Slawentum mit seinem Materialismus als Gott, wo der Einzelne in der Masse ertränkt, alles verneint wird (...) Die Gefahren, die unser Volk bedrohen, sind so groß, daß wir unsere Notrufe an die ganze Welt richten müssen" (29. Juni 1946). Diese Streichung entsprach dem Verbot, Kritik an den Kriegsalliierten zu üben. Deswegen fiel wohl auch ein Satz im Wochenkommentar vom 6. Juli 1946 weg, in dem kurz auf kritische Berichte von Berliner Zeitungen über Enteignungsmaßnahmen gegen Kriegsverbrecher in der Sowjetzone eingegangen wurde. Interessant ist auch die Tilgung des Schlußsatzes eines Vortrags über das württembergische Sparkassenwesen: "Aus der Gesinnung heraus schafft der Mensch seine Werke: So erwächst die Sparkasse aus der Wirtschaftsgesinnung des Sozialismus" (5. Juli 1946). Aus einem Gespräch zwischen zwei Sozialdemokraten in der Sendung "Parteien sprechen" über "Die Sozialdemokratie und der Nürnberger Prozeß" wurde eine längere Passage entfernt, in der ein Gesprächspartner im Zusammenhang mit den Urteilen im Kriegsverbrecherprozeß grundsätzlich die Todesstrafe ablehnte. Insgesamt scheinen sich die Eingriffe der amerikanischen Rundfunkoffiziere in der Mehrzahl auf einzelne Formulierungen, die Wahl einzelner Begriffe bezogen zu haben. So wird von einem Streit mit "Kip" Chevalier berichtet, der in den Meldungen des Radios den Begriff "Lokomotivführer" vermieden wissen wollte. Er mußte sich aber belehren lassen, daß ein "Lokomotivingenieur" nun einmal nicht dasselbe sei. Auch die kritische Nachfrage, warum der Sprecher in einer Ansage nach einem französischen Volkslied ein deutsches angekündigt hatte, belegt, wie kleinlich gelegentlich von den Zensuroffizieren vorgegangen wurde. 50


http:/ /www.mediaculture- online.de Mit der Änderung der politischen Großwetterlage wandelten sich auch die Opfer der Zensureingriffe: Angesichts der sich verstärkenden antikommunistischen Einstellung der Amerikaner hatten nun die deutschen Kommunisten Schwierigkeiten, sich frei über den Sender auszudrücken. So strich Chevalier dem kommunistischen Landtagsabgeordneten Albert Buchmann in einem Jahresrückblick 1947, gesendet am 2. Januar 1948, eine Passage wie diese: "Die kapitalistische Ordnung hat Bankrott gemacht. Niemals in der Geschichte wurde das deutlicher als nach diesem Zweiten Weltkrieg. Auch die bizonale Wirtschaftspolitik hat schmählich versagt: ihre Wegbereiter selbst müssen heute unterstreichen, was die Kommunisten vor einem Jahr vorausgesagt haben." Zugleich mußten Sätze mit Kritik an der Politik der Westmächte entfallen hinsichtlich einer Weststaatsgründung sowie Sympathiebekundungen gegenüber der Sowjetunion. Auch dem kommunistischen Arbeitsminister von Württemberg- Baden, Rudolf Kohl, wurde in seiner Rede zum 1. Mai 1948 manches kritische Wort über den Kapitalismus und seine Belege für Anzeichen einer neuen "Kriegstreiberei" gestrichen, aber auch eine Bemerkung wie diese: "Wir wollen kein Anhängsel eines Ostblocks und auch kein Anhängsel eines Westblocks sein". Die aufgeführten Beispiele belegen anschaulich, wie exakt gelegentlich die Anweisungen der Informationskontrolle umgesetzt wurden, daß sie aber auch der Zielsetzung eines freien und unabhängigen Radios widersprachen. Die meist sehr jungen, mit Geschichte und Kultur des besetzten Landes nicht immer ausreichend vertrauten amerikanischen Rundfunkoffiziere haben nach allem, was zu erfahren ist – die Problematik gerade dieser kleinlichen Zensureingriffe nicht empfunden und wenig Sensibilität dafür entwickelt, daß mit Wortklaubereien wahrhaftig nicht ein ganzes Volk in seinem Denken und Fühlen verändert werden konnte. Sie haben gelegentlich auch ihre Macht ausgekostet, ohne daß dies allerdings als die grundsätzliche Haltung der Amerikaner im Umgang mit den Deutschen bezeichnet werden kann. 51


http:/ /www.mediaculture- online.de Im übrigen hatten die Amerikaner – wie schon in dem Zeitungsbeitrag von Captain Barbour anklang – auch Vorstellungen darüber, wie durch das Radio den Deutschen die Ideen von Freiheit, Demokratie und Menschenwürde näher gebracht werden könnten. Der allmähliche Wiederaufbau eines vollständigen Programms und die Beschäftigung meist junger, wenig rundfunkerfahrener, aber politisch unbelasteter deutscher Mitarbeiter schufen die Möglichkeit, dieses Vorhaben ohne allzu große Widerstände zu realisieren. Einfache Aufnahmeeinrichtung, genannt "Tonbox", in einem der provisorischen "Aufnahmestudios", hier vermutlich in der "Alten Krone" in Stuttgart- Untertürkheim. First of all: Reeducation – Umerziehung Nach den Improvisationen der ersten Monate wurde bis weit in das Jahr 1946 hinein das Programmangebot von Radio Stuttgart strukturell wie inhaltlich stark von den amerikanischen Kontrolloffizieren geprägt. Wie sie sich allerdings im einzelnen Geltung verschafften, wie Planung und Durchführung mit den deutschen Mitarbeitern abgestimmt, möglicherweise hin und wieder auch gegen 52


http:/ /www.mediaculture- online.de deren Willen durchgesetzt wurden, darüber liegen kaum konkrete Hinweise vor 51 . Es steht zu vermuten, daß aber zumindest ein Teil der Detailplanungen für die jeweils folgende Woche, aber auch grundsätzlichere Überlegungen zur Struktur des Programms und die Einführung neuer Sendungen im "Staff- Meeting", d.h. in der Versammlung der Kontrolloffiziere, an der auch einige deutsche Mitarbeiter teilnahmen, besprochen wurden. Allerdings schweigen sich die erhaltenen Protokolle dieser Zusammenkünfte gerade darüber weitgehend aus. Daß die Amerikaner bis ins einzelne Sendungen und Programmfolge festlegten, erhellt beispielsweise die Kritik deutscher Programmberater am Osterprogramm 1946. Diese fanden es im "Radiospiegel", der Programmzeitschrift für Radio Stuttgart, vor, ohne daß vorher darüber ausführlicher gesprochen worden wäre. Sie machten deshalb nachträglich darauf aufmerksam, daß die für diesen Tag vorgesehene Abfolge mit Tanzmusik, Schlagercocktail und Buntem Abend "völlig unmöglich" sei. Man gab zu bedenken, "daß bei einer Durchführung des Radio- Programms wie bisher vorgesehen, die öffentliche Meinung mit Recht darauf hinweisen könnte, daß nicht einmal die Nationalsozialisten es gewagt haben, die alte Überlieferung stiller Tage (Karfreitag und Karsamstag) anzurühren. Darbietungen von Tanzmusik würden durchaus dem Ansehen der Besatzungsmacht schaden" 52 . Einiges deutet darauf hin, daß die Amerikaner diese Kritik ernst nahmen und auf Grund dieser Hinweise das Programm änderten. Fremd kam deutschen Ohren nach den Jahren des von den Nationalsozialisten beherrschten Rundfunks nicht nur der Inhalt vieler Beiträge vor. Die Akzeptanz des Programms hat damals wohl auch unter seiner äußeren Form gelitten, die nicht den deutschen Gewohnheiten entsprach. Am auffälligsten zeigt sich dies in der Abfolge relativ kurzer Wort- und Musiksendungen, die meist nur eine halbe, oft aber auch nur eine Viertelstunde dauerten, so etwa am Sonntagnachmittag oder in der aktuellen "Wortleiste" am Abend der Werktage zwischen 18.00 und 51 Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 5. Dort eine Kurzcharakteristik des Programms für 1945 bis 1947, "dessen Gestaltung und Planung ja ausschließlich in den Händen der U. S. Kontroll- Offiziere lag, und manche Einwirkung des amerikanischen Rundfunks zeigte (...)". 52 Nachlaß Eberhard, IfZ – ED 117/ Bd. 57, 11. 4. 1946. 53


http:/ /www.mediaculture- online.de 21.00 Uhr. Diese kleinteilige Programmzerstückelung war typisch amerikanisch und bisher in Deutschland nicht üblich. Ganz allgemein waren die Sendungen in ihrem zeitlichen Ablauf bis ins Detail ausgetüftelt. Längere Sendepausen oder gar das Überziehen von Sendezeit wurden von den Amerikanern nicht geduldet bzw. streng geahndet. Auf die Absage der einen Sendung hatte nach wenigen Sekunden das Zeitzeichen und die Ansage der nächsten Sendung zu folgen. Der amerikanische Programmchef Stuart L. Hannon verwies in einem Interview des "Radiospiegel" im Frühjahr 1946 auf den "interessanten Unterschied in der Wichtigkeit, die wir Amerikaner einer präzis gestoppten Sendung beimessen. ( ... ) Bei dem präzisen Stoppen einer Sendung handelt es sich nicht nur um eine Frage der Disziplin für den sachgemäßen Ablauf des Programms, sondern Fantasie und Initiative des Autors wie des Spielleiters werden dadurch angeregt" 53 . Die kurze Dauer der einzelnen Sendungen wie auch das genaue Einhalten der vorgegebenen Zeiten ist auf die Gewohnheiten im US-amerikanischen, privatwirtschaftlich organisierten Radio zurückzuführen, in dem kurze Sendeblöcke mit Werbeeinblendungen verkauft wurden. Zudem war den Amerikanern sehr an einer pünktlichen und nahtlosen Einpassung der Kurzwellenübertragungen der "Stimme Amerikas" in das deutsche Programm gelegen. Das bereits erwähnte "Echo des Tages" bildete im übrigen die Keimzelle der Eigenproduktionen im Bereich der Wortprogramme von Radio Stuttgart. Zu den Meldungen und Nachrichten für Stuttgart und Umgebung traten 1945 allmählich immer häufiger kleine Berichte, die sich mit vielen Aspekten des schwierigen Alltaglebens unmittelbar nach dem Krieg befaßten: Probleme der Preisaufsicht, Wiedereröffnung der Schulen und die Wiederaufnahme des Post- und Zahlungsverkehrs oder ein Gespräch mit dem Vertreter des Fußballverbandes usw. Interviews außerhalb des Funkhauses nicht so gesendet werden, wie sie geführt wurden, d.h. als Aufzeichnung bzw. dessen Zusammenschnitt, d.h. es 53 "Radio- Spiegel", Nr. 9/1946, S. 4. 54


http:/ /www.mediaculture- online.de keine Übertragungsmöglichkeiten, geschweige denn tragbare kleine Tonbandgeräte gab. Bei den Gesprächen der Mitarbeiter von Radio Stuttgart wurden diese schriftlich festgehalten bzw. neu formuliert, von den Kontrolloffizieren genehmigt und dann von Sprechern präsentiert. Im "Originalton" zu hören waren dagegen in zahlreichen Ansprachen die Offiziere der amerikanischen Besatzungsarmee, z.B. der Chef der Militärregierung und der Stuttgarter Stadtkommandant, der Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett und verschiedene Landespolitiker sowie Angehörige der neuen Regierung von Württemberg- Baden, die am 24. September 1945 vereidigt wurde. Auch erste kleine Berichte über Kulturereignisse und über Vorträge brachte das "Echo des Tages" bis etwa zur Jahreswende 1945/1946 54 . Neben diesen Berichten Meldungen, Ansprachen und enthielt das "Echo des Tages" auch viele Beiträge, die der sogenannten "Umerziehung" des deutschen Volkes dienten. Da wäre die in unregelmäßigen Abständen gesendete Folge "Der Lehrer in der neuen Volksschule" zu nennen mit Vorträgen über veränderte Erziehungsvorstellungen in Schule und Elternhaus sowie der fast täglich erscheinende Kurzvortrag: "Die öffentliche Meinung spricht". Diese Beiträge wurden so präsentiert, als ob sie vom Mann auf der Straße verfaßt worden seien; sie wirkten insgesamt jedoch wenig glaubhaft und wie bestellt. Die Reihe beinhaltete Selbstanklagen, Darstellungen der Folgen von eigenem oder fremdem schuldhaften Verhalten im Dritten Reich, aber auch Aufforderungen zur Gewissenserforschung, Begeisterung für den bevorstehenden Wiederaufbau und Passagen voller Zukunftsgläubigkeit. Es sind alles in allem den heutigen Leser eher befremdende Texte wie beispielsweise der folgende: "Als vor einigen Tagen Radio Stuttgart dazu überging, seinen Hörern das Wort zu erteilen, hat sich am klarsten der Unterschied gezeigt, der zwischen Auffassungen von gestern und heute besteht. Wobei ich zu den gestrigen Auffassungen nicht nur diejenigen rechne, die unter dem Naziregime zur 54 SDR/HA Programmnachweise Hörfunk 1945. Eine ausführlichere Beschreibung mit allerdings nicht immer exakter Analyse der Hintergründe und Zusammenhänge bei Herwig John, Der Rundfunk in Südwestdeutschland in der Zeit vor und nach dem Zusammenbruch des Jahres 1945, in: Kriegsende 1945 und demokratischer Neubeginn am Oberrhein (= Oberrheinische Studien, hrsg. von Hansmartin Schwarzmaier, Bd. 5) Karlsruhe 1980, S. 153- 178, S. 162 ff. 55


http:/ /www.mediaculture- online.de allesverderbenden Anwendung kamen. Schon unter der dahingegangen Republik Weimarer Prägung bestand die Demokratie in Rundfunkdingen in der Hauptsache aus dem Rotstift des Zensors. Ängstlich hat man sich gehütet, auch nur ein Wort über den Äther zu lassen, daß den maßgebenden Kräften nicht in den Kram paßte. ( ... ) Wie für vieles andere, so muß der positiv eingestellte Teil des deutschen Volkes der Militärregierung seinen Dank aussprechen für diese praktische Demonstration dessen, was Demokratie wirklich ist" 55 . Neben diese ersten und sehr plakativen Versuche der "Umerziehung" traten mit Beginn des Nürnberger Kriegsverbrecher- Prozesses im November 1945 die täglichen Übertragungen aus Nürnberg. Es muß offen bleiben, inwieweit diese Berichte bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eher Widerstand und Ablehnung als Aufklärung und Zustimmung bewirkt haben. Die Schilderungen des Prozeßverlaufs waren vielfach ohne das notwendige Einfühlungsvermögen in das Empfinden eines besiegten Volkes gestaltet, das im wesentlichen mit der Bewältigung seines schwierigen Alltags beschäftigt war. Einer der deutschen Programmberater kritisierte in einem Memorandum vom 8. Oktober 1945 die Machart des "Echo des Tages". Es werde zu viel offensichtliche Propaganda gemacht und auch die ausgewählten Bekanntmachungen interessierten immer nur einen bestimmten Personenkreis. Dadurch gehe viel Zeit für wirklich wichtige Mitteilungen und Ansprachen verloren. Er forderte die Amerikaner zu einer Gestaltung der Sendung auf, die sich bei den Nachrichten und bei der politischen Kommentierung an deutschen Gewohnheiten orientiere 56 . Im ersten Halbjahr 1946 blieb das "Echo des Tages" die aktuelle Wortsendung, in der Kommentare, politische Berichte, aktuelle, auch nicht- politische Informationen aus Stadt und Land, Ansprachen von Militärs und Politikern ihren Platz hatten. Die Gestaltung der Sendereihe litt allerdings darunter, daß erst Ende 1945 ein behelfsmäßiger Übertragungswagen, ein umgebautes Taxi, das abhängig war von der Stromversorgung durch das öffentliche Netz, zur 55 Programmnachweise Hörfunk vom 7. 8. 1945. 56 Nachlaß Eberhard, 12 – ED 117/ Bd. 89 sowie Programmvorschläge vom 23. 10. 1945, ebd. Bd. 57. 56


http:/ /www.mediaculture- online.de Verfügung stand, daß also aktuelle Reportagen nach wie vor kaum möglich waren. Dies bedeutete, daß das "Echo des Tages" sich weitgehend, wenn auch nicht ausschließlich, auf Stuttgart beschränken mußte, wenn Gesprächspartner im Originalton über den Sender gehen sollten, denn sie konnten ja zur Aufnahme ins Funkhaus kommen. Interviews mit Personen aus dem weiteren Umland oder gar aus Nordbaden, für dessen Rundfunkversorgung Radio Stuttgart ja auch zuständig war, mußten weiterhin von Sprechern verlesen werden 57 . Im ersten Halbjahr 1946 machte sich in zahlreichen Sondersendungen ein bestimmender amerikanischer Einfluß bemerkbar. Sie hatten einerseits spezifisch amerikanische Gedenktage zum Gegenstand wie George Washingtons Geburtstag am 22. Februar, den ersten Todestag des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt am 12. April, den "Panamerika- Tag" zwei Tage später. Es gab eine Sendung über die Geschichte der amerikanische Flagge (16. Juni), zum Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit (4. Juli), zum Jahrestag der amerikanischen Verfassung (11. Juli). Andererseits erinnerten solche Sondersendungen an besondere Ereignisse des Zweiten Weltkrieges wie die Gedenkstunde "Vor einem Jahr" (8. Mai, Kapitulation), "Heute vor zwei Jahren" (Beginn der alliierten Invasion in der Normandie, 6. Juni), drei Sendungen zum ersten Jahrestag der Kapitulation Japans (13., 14. und 15. August) sowie eine Gedenksendung für die Opfer der Zweiten Weltkrieges (l. September), um die wichtigsten zu nennen. Es fällt auf, daß unter stärkerer deutscher Programmverantwortung in den kommenden Jahren dieser Gedenktage nicht mehr so häufig und ausführlich gedacht wurde 58 . Mehreren Vermerken und Aufzeichnungen der amerikanischen Rundfunkoffiziere 59 ist zu entnehmen, daß die im Folgenden näher skizzierten Sendereihen ganz bewußt einen Beitrag zur Umerziehung des deutschen Volkes leisten sollten. Andere Sendungen und Sendereihen sind nach Titel und Inhalt 57 Programmkritik v. Bruch 16. 4. 1946, Nachlaß Eberhard, IfZ- ED 1 17/Bd. 57. 58 Manuskripte der erwähnten Sendungen in SDR/HA, Programmnachweise Hörfunk unter dem jeweils angegebenen Datum. 59 OMGUS/WB – ICD/ISD, 2. 4. 1946, 12/85- 2/6; Memorandum v. Bruch, 16. 4. 1946, Nachlaß Eberhard, IfZ – ED 117/Bd. 57; auch "Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 5 f. 57


http:/ /www.mediaculture- online.de unverfänglicher, sie können aber nach Aussagen der Amerikaner gleichfalls diesem Programmtypus zugerechnet werden 60 . "Menschen, von denen man spricht", hieß eine Reihe mit Kurzbiographien von Dezember 1945 bis Ende November 1946. Die viertelstündigen Sendungen stellten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Politik, Wirtschaft und Kultur vor allem des Auslandes vor. Es gab auch einige Sendungen über Personen aus der deutschen Geschichte bzw. der deutschen Gegenwart, die als mögliche Vorbilder für einen politischen wie moralischen Wiederaufbau in Deutschland gelten konnten: Friedrich List, Karl Jaspers, Landesbischof Theophil Wurm sowie die im Dezember 1946 neu ernannten deutschen Kardinäle Josef Frings, Clemens Graf von Galen und Conrad Graf von Preysing. Auch Albert Schweitzer wie der CDU- Politiker Jakob Kaiser wurden porträtiert 61 . "Blick in die Welt" zählte bei den Amerikanern gleichfalls zu den "programs of an international nature", eine Sendereihe, die erst 1949 aus dem Programm genommen wurde. Sie sollte die deutschen Hörer mit den Entwicklungen auf den Gebieten von Literatur, bildender Kunst, Musik und Theater sowohl innerhalb wie außerhalb Deutschlands bekannt machen. Berichtet wurde aber auch – und nicht immer völlig abseits der aktuellen Tagespolitik über Vorgänge und Tendenzen in den Ländern Europas und anderer Erdteile, etwa über die innenpolitische Situation in Frankreich, die Moskauer Außenministerkonferenz im Oktober 1947, die Auseinandersetzungen um Triest oder die Grundzüge der amerikanischen Außenpolitik. 60 Sendemanuskripte in: SDR/HA Programmnachweise Hörfunk. 61 Manuskripte dieser Sendereihe auch in: SDR/HA St. Nr. 10/2963. 58


http:/ /www.mediaculture- online.de "Viele Völker, eine Welt" war eine Sendereihe, deren Titel schon für sich spricht. Sie begann im August 1946 und endete mit Veränderungen in der Programmstruktur, die Anfang 1947 vorgenommen wurden. Die Reihe informierte in teilweise einstündigen Sendungen über Länder der verschiedensten Kontinente – so auch über China und Südamerika - , brachte aber auch Musiksendungen mit Folklore einzelner Länder oder Ländergruppen. "Aus neuem Geist", von Dezember 1945 bis Ende Oktober 1946 im Programm, war der Versuch, die Hörer mit neuer Lyrik des In- und Auslandes vertraut zu machen. Erkennbar ist bei einer Durchsicht der erhaltenen Manuskripte, daß in der Tat deutsche Lyrik des 20. Jahrhunderts bis 1933 sowie auch fremdsprachige Lyrik aus den Dreißiger und Vierziger Jahren den bedeutendsten Platz einnahm. "Aus neuem Geist" wurde mit dem ausdrücklichen Hinweis, die Phase des Vertrautmachens mit neuerer Poesie sei beendet, ab 3. November 1946 in die "Morgengabe" auch "Besinnlicher Morgen" genannt – umgewandelt. Diese Sendung enthielt erheblich weniger moderne Lyrik und griff stärker auf das literarische Erbe zurück. Verbunden waren die Lyrikvorträge nun mit klassischer Musik. Ein vergleichbares Programmangebot hatte es auch schon im Rundfunk des Dritten Reichs gegeben. Anzumerken bleibt, daß eine direkte Traditionslinie von dieser Sendung zu den bis heute in SDR 2 sonntagvormittags ausgestrahlten "Stimmen der Meister" zu ziehen ist. "Fragen, die alle angehen" – im Programm bis 27. Oktober 1946 gehörte zu den von den Amerikanern eingeführten und stark favorisierten "round- table"- Gesprächen. Sie sollten verdeutlichen, daß zu verschiedenen Problemen unterschiedliche Meinungen existieren, diese Ansichten im sachlichen Gespräch miteinander ausgetauscht und im Dialog auch Lösungsvorschläge und Kompromisse gefunden werden können. Die Stuttgarter Journalistin Clara Menck schrieb erläuternd zu diesen Gesprächen: "Wichtig ist dabei nicht das Resultat sondern die Teilnahme des Hörers an der Entstehung eines Gedankenganges, am Für und Wider, nicht das, was ihm vorgesetzt wird, sondern was er selber dazu 59


http:/ /www.mediaculture- online.de sagt und denkt"... 62 . Schon seit dem Dezember 1945 wurde diese Diskussion jeden Sonntagvormittag ausgestrahlt und am Mittwochabend im Rahmen des "Echo des Tages" wiederholt. Teilnehmer an diesen Runden waren vielfach Vertreter der jüngeren Generation aber auch prominentere Persönlichkeiten wie Elly Heuß- Knapp, die Professoren Stadelmann und Herding aus Tübingen oder der Schriftsteller Albrecht Goes; oftmals auch Studenten, so der nachmalige Intendant des SDR Hans Bausch als aktives Mitglied der Tübinger Studentenvertretung oder der heute in Frankfurt lehrende Politologe Iring Fetscher. Die Themenstellung orientierte sich erstaunlicherweise eher an den Interessen und Lebensfragen der akademischen Jugend, was Programmberater Fritz Eberhard zu einigen kritischen Anmerkungen veranlaßte 63 . Es handelte sich dabei vielfach um ethisch- moralische Fragen mit philosophischem Hintergrund oder um aktuelle Probleme an den Universitäten : "Was wir von der Universität erwarten" (6. März 1946),"Probleme der studentischen Auslese" (31. März), "Wer darf studieren?" (24. April), "Fühlen wir uns von der älteren Generation verstanden?" (14. April), "Was sind für mich unveräußerliche Menschenrechte?" (19. Mai), "Ist Toleranz eine Schwäche oder eine Tugend?" (16. Juni). An dieser Sendereihe wurde auch bemängelt, ohne straffere Leitung gleite die Diskussion allzu oft ins Beliebige ab 64 . Fritz Eberhard teilte einmal im Rahmen seiner Programmbeobachtungen mit: Wenn ihm gegenüber eine Sendung wirklich scharf kritisiert werde, dann handele es sich meist um "Fragen, die alle angehen". Abgelöst wurde diese Reihe übrigens durch "Radio Stuttgarts Forum", eine öffentliche Diskussion mit breiter Themenpalette. Darauf ist später noch einzugehen. 62 Clara Menck, Der neue deutsche Rundfunk. Radio Stuttgart geht eigene Wege, in: Stuttgarter Rundschau, 4/1946, S. 10. 63 Programmkritik am 1. 4. 1946 : "innerhalb von fünf Wochen ein drittes Mal Universitätsprobleme, wo die Sendung sowieso zu akademisch empfunden wird", Nachlaß Eberhard, IfZ ED 117/Bd. 57. 64 Sendenachweise mit Ansage, Angabe des Themas und Vorstellung der Teilnehmer (aber meist ohne ein der freien Diskussion nachgeschriebenes Manuskript) in SDR/HA, Programmnachweise Hörfunk. Siehe auch die Programmkritik von Dr. Fritz Eberhard vom 18. 3. 1946, wie Anm. 63. 60


http:/ /www.mediaculture- online.de "Parteien diskutieren", im Programm von Dezember 1945 bis Juni 1947, hieß eine Diskussionsrunde mit Parteienvertretern, die jeden Freitagabend in der Zeit von 19.00 bis 19.30 Uhr gesendet wurde. Beteiligt waren CDU, SPD, FDP/DVP und auch die KPD. Gegenstand der Diskussionen waren aktuelle politische Tagesfragen, vielfach vorgegeben durch Höreranfragen: Entnazifizierung, Kriegsgefangenenprobleme, Kriegsopfer, Wohnungsnot – mehrfach Thema der Aussprache - , Betriebsrätegesetz, das politische Interesse der Jugend, die Urteile im Nürnberger Prozeß, die Ergebnisse der verschiedenen demokratischen Kommunal- und Landtagswahlen und vieles andere mehr. In diesen Diskussionen wurden den Hörern die unterschiedlichen Meinungen verschiedener politischer Gruppierungen vorgeführt, indem Vertreter aller vier Parteien die Möglichkeit hatten, ihren Standpunkt zu bestimmten Fragen ausführlich darzulegen. Auch das Musikprogramm, und hier in erster Linie das Angebot an sogenannter "ernster Musik", stand im ersten Jahr von Radio Stuttgart stark unter dem Anspruch der Umerziehung. Schon in der zweiten Nummer des "Radiospiegel" wurde der internationale Charakter der Musik hervorgehoben und gegen Exklusivansprüche einzelner Nationen abgegrenzt: "Musik spricht zu allen: je erhabener sie ist, um so mehr gehört sie der ganzen Menschheit und nicht nur dem Volke, aus dem sie gekommen ist. ( ... ) Eine billige Weisheit ist, daß die Musik die Völker verbindet, daß sie sich verknüpft über den Erdball – aber eine Weisheit, die immer wieder erlebt werden muß." Deshalb solle – so Stationschef Fred G. Taylor 1946 in einem Rückblick – in jeder Hinsicht die Musik als universale Sprache vermittelt werden. Es müsse selbstverständliche Praxis sein, daß das Werk eines russischen Komponisten, dem das Libretto eines französischen Autors zugrundeliege, von einem deutschen Orchester und Dirigenten interpretiert werde 65 . In dieser Phase der Programmarbeit von Radio Stuttgart ist ein auffallend starkes Engagement für moderne Musik feststellbar: Die wöchentlich ausgestrahlten einstündigen Sendungen "Neue Wege in der Tonkunst" – montags 21.00 Uhr – 65 "Radio- Spiegel", 2/1946, S. 2 und OMGUS/WB – ICD/ISD, 9. 7. 1946, 12/85- 1/49. 61


http:/ /www.mediaculture- online.de und im "Studiokonzert" – donnerstags zur gleichen Zeit – sollten Musik vorstellen, die in den dreißiger und in der ersten Hälfte der vierziger Jahre in Deutschland nicht gehört werden konnte, zwei Sendeplätze zu sehr guter Sendezeit mit vielen potentiellen Hörern; die Reihe "Studiokonzert" brachte Aufnahmen aus öffentlichen Veranstaltungen, für die in der Programmzeitschrift eifrig geworben wurde. Der Übereifer der Rundfunkoffiziere schadete aber offenbar dem gutgemeinten Anliegen. So meinte der über jeden Verdacht erhabene Fritz Eberhard: "Eine Stunde atonaler Musik scheint mir zu viel. Wenn man Verständnis für neue Wege in der Tonkunst erziehen will, darf man erstens nicht bereits durch den Titel einen weiten Kreis von Hörern abschrecken und darf zweitens nicht durch ein zu viel ermüden" 66 . Oder wie Clara Menck schrieb: "Naturgemäß kommt hier neben positivem Neuen auch Problematisches zum Vortrag, und ebenso natürlich steht der deutsche Hörer manchen Äußerungen moderner Musik verständnislos gegenüber " 67 . Bereits im Juni 1946 wurde das Angebot an moderner Musik auf die Hälfte der ursprünglichen Sendezeit verkürzt und auf den Freitagnachmittag verlegt. "Stimme der Freiheit in der Musik" war eine Reihe, die nach etwa halbjährigem Bestehen im Juli 1946 wieder aus dem Programm genommen wurde. Sie brachte Ausschnitte aus Musikwerken wie die "Eroica" und die Oper "Fidelio" von Beethoven, die von den Zielen und Idealen der Französischen Revolution beflügelt waren, aber auch Liedgut aus den verschiedenen europäischen Ländern, deren Texte Bezug zu Revolutionen und Befreiungsaktionen hatten wie z. B. polnische, russische und rumänische Lieder. In den verschiedenen Berichten amerikanischer Provenienz werden als Sendungen, die dem "Reeducation"- Gedanken verpflichtet sind, auch "Perlen der Literatur" und "Neue Bücher" erwähnt. Neben der Rezitation in Deutschland noch unbekannter Literatur des Auslandes hatten die Besprechungen anfangs einen stärkeren Akzent auf fremdsprachiger Literatur. Die lösten sich dann aber von 66 Programmkritik Dr. Fritz Eberhard vom 1. 4. 1946, wie Anm. 63. 67 Wie Anm. 62. 62


http:/ /www.mediaculture- online.de dem allzu deutlichen Bestreben, die Hörer weitgehend nur mit bisher unbekannt Gebliebenem vertraut zu machen 68 . Auch beim Hörspiel waren zahlreiche Produktionen vom Geist der Umerziehung geprägt. Wie schon erwähnt, sah seit Dezember 1945 der Programmplan wöchentlich zwei Hörspiele vor, jeweils sonntags am späten Nachmittag und mittwochs um 21.00 Uhr, ein Rhythmus übrigens, der sich bis zur Übergabe des Senders in deutsche Hände nicht ändern sollte. Für die Produktion dieser Stücke stand Radio Stuttgart ein fester Stamm von Schauspielern aus dem Württembergischen Staatstheater zur Verfügung, so daß der in den Programmankündigungen angeführte Hinweis auf ein "Schauspielerensemble" von Radio Stuttgart nicht ohne Berechtigung war. Sonntags wurde jeweils ein zum Hörspiel umgearbeitetes Drama, mittwochs eine dramatisierte Novelle gesendet. Originalhörspiele, wie sie bereits Ende der Zwanziger Anfang der Dreißiger Jahre bekannte Autoren für den Rundfunk geschrieben hatten, gab es noch nicht, und auf die alten Manuskripte wurde nicht zurückgegriffen. Auf welchem Wege das Hörspiel seinen Beitrag zur "Umerziehung" leistete, läßt am besten ein Blick auf das Repertoire erkennen. Immerhin gab es neben der Ansicht, die Hörspiele sollten Ausdruck ihrer Zeit sein und das gegenwärtige internationale Theater widerspiegeln, auch negative Vorschriften. Ende März 1946 wurde von der Informationskontrolle in Württemberg- Baden verfügt, nicht erwünscht seien im Hörspielprogramm unter anderem "Minna von Barnhelm", "Emilia Galotti", "Egmont" – mit der Begründung: "Die Erzählung der spanischen Besetzung der Niederlande ist schwerlich tragbar" – aber auch die "Weber" von Gerhart Hauptmann wegen der Nähe des Autors zu den Nazis 69 . Programmatisch teilte der "Radiospiegel" in seiner ersten Nummer im Januar 1946 die Absicht mit, daß "neben den Werken der Weltliteratur ( ... ) vor allem solche Werke den Hörern nahegebracht werden, die entweder in den letzten zwölf 68 OMGUS/WB – ICD/ISD, 9. 7. 1946, 12/85- 1/49. 69 OMGUS/WB – ICD/ISD, 29. 3. 1946,12/85 - 2/3. 63


http:/ /www.mediaculture- online.de Jahren in Deutschland nicht mehr dargestellt werden durften oder die bisher in Deutschland gänzlich unbekannt geblieben waren, vor allem Werke der ausländischen Literatur" 70 . Zu ersten Kategorie gehörend kündigte der Artikel Hans J. Rehfischs "Wer weint um Juckenack" an, bei der zweiten Kategorie wurde auf die zu erwartende Sendung des Hörspiels von Vachel Lindsay verwiesen: "Abe Lincoln in Illinois", ein Stück, das in den USA mit größtem Erfolg aufgeführt worden sei. Wenn man das weitgehende Aufführungsverbot von Stücken nichtdeutscher Autoren auf deutschen Bühnen vor allem während der Kriegszeit berücksichtigt, dann sind die Theaterstücke von G. B. Shaw oder die Dramatisierungen von Novellen russischer Schriftsteller – hier vor allem des 19. Jahrhunderts, aber auch der Novelle "Malva" von Maxim Gorkij – sowie zweier Werke von Oscar Wilde durchaus als Teil einer bewußten Öffnung hin zur ausländischen Literatur zu sehen. Auch die Hörspieladaptionen von zwei Bühnenstücken Arthur Schnitzlers können als Teil dieser Öffnung verstanden werden, denn zwischen 1933 und 1945 ist Schnitzler in Deutschland faktisch nicht mehr aufgeführt worden. Gleiches gilt für "Mitjas Heimkehr" des Kommunisten Max Burghardt, der vor 1933 in Stuttgart beim Theater und auch bei der Süddeutschen Rundfunk AG tätig gewesen war. Deutsche Exilliteratur war im übrigen nicht vertreten. 1946 wurden auch mehrere Adaptionen nach Dramen von Shakespeare im Rahmen eines Zyklus, klassische deutsche Stücke und auch einige unterhaltende Hörspiele gesendet, so nach Vorlagen von Curt Goetz. Diese Spezies war allerdings im Jahr 1946 noch relativ selten, was sich im darauffolgenden Jahr dann aber ändern sollte. Bei den fremdsprachigen Vorlagen hatten die englischen – keineswegs die amerikanischen – ein kleines Übergewicht. Originalhörspiele waren selten, zu den frühen Beispielen gehört "Wolfgang Amadeus Siebenhaar", verfaßt vom Mitarbeiter der literarischen Abteilung von Radio Stuttgart, Hans Sattler, der auch Bearbeiter vieler Hörspiele war 71 . 70 "Radio- Spiegel", Nr. 1/1946, S. 18 f. 71 Eine detaillierte Analyse des Hörspielangebots der unmittelbaren Nachkriegszeit bei für Radio Stuttgart fehlt und ist ein dringendes Desiderat. Als erster gelungener Versuch ist das Sendemanuskript: Sybille Bolik/Ekkehart Skoruppa, Hörspiel nach der Stunde Null. Eine Radio- 64


http:/ /www.mediaculture- online.de Die konkreten Arbeitsbedingungen sahen so aus: Hans Sattler brachte jeweils einen Tag vor der Produktion das Manuskript ins Funkhaus, wo es dann in aller Regel in der Nacht vor der Sendung produziert wurde. Diese Zeit wurde gewählt, weil die Schauspieler erst nach den Aufführungen im Theater verfügbar waren und zu dieser Zeit die Aufnahmegeräte zur Aufzeichnung des Hörspiels zur Verfügung standen, da sie in diesen Stunden nicht für Produktionen der aktuellen Abteilung benötigt wurden. Bei diesem Arbeiten "von der Hand in Mund" war natürlich nicht an die Entwicklung eines systematischen Spielplans zu denken. Im Jahr 1946 gab es im Hörspiel noch keine direkte Auseinandersetzung mit dem Kriegsgeschehen und den Vorgängen im Dritten Reich. Gegen Ende 1946 wurde als als eines der wenigen für den Rundfunk geschriebenen Hörspiele ein Manuskript von Hermann Roßmann produziert und 22. November gesendet. Es trug den bezeichnenden Titel "Der Ritt nach Osten" und bezog sich auf den Rußlandfeldzug Napoleons. Dieses Hörspiel thematisiert enttäuschtes Vertrauen der Soldaten und den Verrat der Mächtigen. Es ist durchaus – sieht man einmal vom zeitüblichen Pathos ab – eine sicher nicht zureichende, weil soldatischen Gehorsam nicht infragestellende, jedoch eindrucksvolle Problematisierung des Führerkultes im Dritten Reich. Das erste bedeutendere Hörspiel mit Gegenwartsbezug war dann eine Übernahme vom NWDR, Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür", das von Radio Stuttgart am 16. November 1947 gesendet wurde. Über die Resonanz des von Radio Stuttgart ausgestrahlten Programms bei den Hörern liegen keine repräsentativen Erkenntnisse vor. Aber schon die deutschen Berater haben die weitgehend von den amerikanischen Rundfunkoffizieren bestimmten Programminhalte oft heftig kritisiert. So meinte der schon mehrfach zitierte Fritz Eberhard zu der Sendung "Feuer von Hellas", gesendet am 29. April 1946: Der Epilog der Sendung, "der an Lidice und Dachau und hunderte von Leichen in griechischen Städten" – als Folge der deutschen Invasion – "erinnerte, Revue über die Anfänge des Hörspiels bei Radio Stuttgart, 28. 7. 1989, (Produktions- Nummer des Bandes: KW 91821) anzusehen. 65


http:/ /www.mediaculture- online.de war ein propagandistischer Mißbrauch der griechischen Kultur. ( ... ) Es kann nicht genug betont werden, wie sehr eine solche Sendung von Radio Stuttgart die gesamte Arbeit an Radio Stuttgart in ihrer Wirkung stört" (Hervorhebung von Eberhard) 72 . Der andere der Programmberater der ersten Stunde, Martin vom Bruch, äußerte am 11. April 1946: "Man muß sich vergegenwärtigen, daß der deutsche Hörer zur Zeit besonders kritisch eingestellt ist und er annimmt, daß man ihm seine ganze Tradition zerschlagen möchte. Ich höre diese falsche Meinung aus vielen Kreisen. So versteht es sich, daß der deutsche Hörer alles, was mit dem Wort neu eingeleitet wird, besonders skeptisch eingestellt ist (sic). ( ... ) jedenfalls sollte man das Wort neu dem deutschen Hörer nicht vorsagen, um nicht gleich auf eine Abneigung zu stoßen. 73 In die gleiche Richtung zielen auch die im "Radiospiegel" wiedergegebenen Hörerbriefe, die gleichfalls eine durchweg kritische Einstellung der Hörer zum frühen Programm von Radio Stuttgart widerspiegeln. Einige der Briefe machen in überraschender Genauigkeit deutlich, daß manche Hörer die kleinteilige Programmstruktur, erst recht jedoch das Konzept der Belehrung und Erziehung, durchschaut haben und sich dagegen wenden: "Warum wird jede Viertelstunde eine neues Programm gesendet?" fragt ein Hörer, der sich ganz besonders für die Zeit nach dem abendlichen Nachrichtendienst eine durchgehende unterhaltende Sendestrecke wünscht. Ein anderer beklagt die vielen Wortsendungen am Sonntag: "Wenn jemand die ganze Woche gearbeitet habe, so hat er doch wenigstens am Sonntag ein Recht auf leichte Musik". Die Programmverantwortlichen hätten "mehr eine Anlage zum Schulmeister als zum Rundfunk ( ... ) immer Belehrung, immer Kunst, immer Forum usw., es ist wirklich verheerend, was Sie ihren Hörern zumuten." Oder: "Das Programm von Radio Stuttgart ist so trocken! ( ... ) Der Hörer muß erzogen werden. Wir sollen erzogen werden zu zu neuer Musik, zu politischem Denken, zu Erkenntnissen über Amerika, zu einer festen Meinung über den Expressionismus in der Malerei, zu 72 Programmkritik vom 29. 4. 1946, Nachlaß Eberhard, 12 – ED 11 7/Bd. 57. 73 Programmkritik vom 11. 4. 1946, Nachlaß Eberhard, IfZ – ED 117/Bd. 57 66


http:/ /www.mediaculture- online.de demokratischen Anschauungen, zu einer Stellungnahme zum Nürnberger Prozeß – und noch zu viel mehr. Dies alles ist am zweckmäßigsten abends zwischen 8 und 10 Uhr, wenn wir müde zuhause am Lautsprecher sitzen und uns ein bißchen gehen lassen wollen." So erscheint die allseitige Beliebtheit des "Schlagercocktails", der vielen Hörern nicht lange genug dauerte, kaum verwunderlich angesichts eines Abendprogramms, das für die Mehrheit der Hörer viel zu anspruchsvoll war. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß auch die Plaudereien von Paul Land im "Schlagercocktail" durchaus kritisiert wurden. Zudem wünschte man ausdrücklich und nachdrücklich "deutsche Tanz- und Volksmusik statt Jazz und Negerrhythmen". Gefordert wurde aber auch kultureller Sinnzusammenhang, dieser aber "frei von Gedanken zum Alltag", wie sie Fritz Ermarth in seiner Sendung "Zum Feierabend" seinen Hörern mit auf den Weg zu geben versuchte: "Lesen Sie uns schöne Gedichte und Sprüche oder auch kurze Prosastücke vor und verbinden Sie diese mit Musikstücken, die dem Gehörten stimmlich und zeitlich nahestehen" 74 . Auch die Deutschen machen Programm Die deutschen Mitarbeiter der ersten Stunde Auch ein Radioprogramm, das stark von amerikanischen Vorstellungen über die Umerziehung geprägt war, konnte nicht ohne deutsche Mitarbeiter vorbereitet, produziert und ausgestrahlt werden. Allein der wachsende zeitliche Umfang des Programms erforderte spätestens ab November/Dezember 1945, also seit dem Ende der Übernahmen aus Luxemburg, eine größere Anzahl von Autoren, Redakteuren und Produzenten, also Regisseuren und Spielleitern, und vor allem Sprechern, ganz abgesehen von den Technikern und den Diensten der Sekretärinnen und Fahrer. Das den Amerikanern in Stuttgart zur Verfügung 74 Zusammenstellung der Zitate nach Beiträgen im "Radio- Spiegel" Nr. 18/1946, S. 12 und Nr. 20/1946, S. 2. 67


http:/ /www.mediaculture- online.de stehende Personalreservoir und ihre Einstellungspolitik blieben natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Rundfunkstation, sowohl in der Zeit der strengen Besatzungskontrolle als auch später unter deutscher Verantwortung. Die ersten deutschen Angestellten von Radio Stuttgart waren die bereits im April 1945 zur Mithilfe beim Wiederaufbau des Senders Mühlacker herangezogenen Techniker, ursprünglich Mitarbeiter der Reichspost, die den Sender gebaut und bis zum Kriegsende betreut hatten. Bis August 1945 wurden dann weitere 80 Mitarbeiter eingestellt, von denen rund 40 in Mühlacker tätig waren. Insgesamt waren am 1. August 1945 bei Radio Stuttgart 108 Personen beschäftigt 75 . Als wichtige deutsche Mitarbeiter außerhalb des technischen Bereichs, die bereits im Sommer 1945 bei Radio Stuttgart tätig waren, sind vor allem Heinz Eschwege, Josef Eberle und Fritz Eberhard zu nennen. Alle drei waren vermutlich dem "Intelligence Service" als erklärte Gegner des Nationalsozialismus bekannt, so daß sie von Anfang an als politisch unbelastete deutsche Vertraute und Informationsträger den amerikanischen Kontrolloffizieren zur Seite stehen konnten. Gerade in Stuttgart, wo im Gegensatz beispielweise zu Frankfurt keine mit den deutschen und insbesondere mit den lokalen Verhältnissen näher vertraute Emigranten in amerikanischer Uniform beim Rundfunkkommando Dienst taten, waren Josef Eberle und Heinz Eschwege unentbehrliche Gewährsleute der ersten Stunde. Am ausführlichsten hat Heinz Eschwege in seinen Lebenserinnerungen über seine Tätigkeit bei Radio Stuttgart berichtet. Heinz Eschwege (1903- 1987) war Sänger und Lautenspieler, später Stimmbildner von Beruf. Bereits vor 1933 war er im Programm der Süddeutschen Rundfunk AG aufgetreten. Er stand der politischen Linken nahe und war mit dem Schriftsteller Friedrich Wolf in dessen Stuttgarter Zeit gegen Ende der Weimarer Republik bekannt. In den letzten Kriegstagen hatte 75 OMGUS/WB – ICD/ISD, 20. 8. 1945, 12/85- 2/8 sowie Notiz: Entwicklung des Personalstandes beim Süddeutschen Rundfunk vom 1. August 1949, in SDR/HA Verwaltungsdirektion (St. Nr. 40/9761). 68


http:/ /www.mediaculture- online.de Eschwege engen Kontakt mit der Gruppe um den späteren Oberbürgermeister Dr. Arnulf Klett, der ihn 1944 bei einem Verfahren wegen eines "Rundfunkvergehens", wegen des Abhörens von Feindsendern, vor der Bestrafung retten konnte. Es war auch Arnulf Klett, der Heinz Eschwege am 28. April 1945 ermächtigte, "die Verbindung zu den aufbauwilligen Kräften von Rundfunk und Theater herzustellen und mir die Unterlagen für eine restlose Säuberung dieser Stellen von Elementen der NSDAP und ähnlicher Verbände zu liefern" 76 . Ende Mai 1945, nachdem für die Württembergischen Staatstheater ein vorläufiger Intendant gefunden war, zog sich Eschwege vom Theater zurück und begann noch unter französischer Hoheit seine Tätigkeit für den Rundfunk in einem zugigen, da fensterscheibenlosen Büro im zerstörten Waisenhaus, dem ehemaligen Sitz des Reichssenders Stuttgart. Die Amerikaner übernahmen Heinz Eschwege am 1. Juli 1945 als "Referenten für Talentsuche"; dadurch hatte er eine Zeitlang eine wichtige Schaltstelle für die ersten Personaleinstellungen bei Radio Stuttgart inne. Hinweise in den amerikanischen Akten belegen immer wieder Eschweges Bemühungen, Mitarbeiter mit besonderen Fachkenntnissen einstellen zu helfen 77 . Trotz seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem NS-Regime war Eschwege der Meinung, gewisse Formen von Mitläufertum und eher formeller Mitgliedschaft in NS-Gliederungen sollten kein Hinderungsgrund sein, wieder beim Rundfunk tätig zu werden. Nach seinen eigenen Schilderungen hat er versucht, der angestrebten streng formalistischen Einstellung der Amerikaner in Entnazifizierungsfragen entgegenzuwirken, zumal auch für bestimmte Positionen, etwa bei den Sprechern, kaum unbelastete Fachkräfte zu bekommen waren, die den von den Amerikanern aufgestellten Kriterien völlig entsprochen hätten. Jedenfalls konnte nach einigem Hin und Her ein Teil der Sprecher aus der Zeit des Reichssenders wieder eingestellt werden, eine unabdingbare Voraussetzung für die Produktion eines Rundfunkprogramms 78 . 76 Eschwege, Vom Niedergang und Wiederaufstieg, Anlage Nr. 3. 77 Hinweise in den Staff- Meetings in OMGUS/WB – ICD/ISD, 12/85- 2/1. 78 Eschwege, Vom Niedergang, S. 71 f. 69


http:/ /www.mediaculture- online.de Josef Eberle (1901 - 1986) hatte zwischen 1927 und 1933 die Vortragsabteilung der Süddeutschen Rundfunk AG geleitet. Als entschiedener Gegner der Nationalsozialisten gehörte er zu den ersten Mitarbeitern, die 1933 entlassen wurden. Von 1936 bis 1941 war er Angestellter des amerikanischen Konsulats in Stuttgart. Doch nicht nur die damals erworbenen bzw. vertieften sprachlichen Kenntnisse werden für seine Beschäftigung beim Radio- Stuttgart- Detachement wichtig gewesen sein. Josef Eberle war in den ersten Wochen für die Amerikaner als Übersetzer und als Programmberater tätig. Verdienste erwarb er sich speziell bei der Einführung der ersten schwäbischen Heimatsendung. Wie Eschwege berichtet, hat sich Eberle in seiner Rolle als Übersetzer nicht wohl gefühlt; den "Schreibersgsell" wolle er nicht länger spielen 79 , soll er gesagt haben. Er verließ bald Radio Stuttgart und nahm das Angebot der Amerikaner an, einer der drei Lizenzträger der "Stuttgarter Zeitung" zu werden. Es gibt aber Belege dafür, daß er in beratender Funktion weiterhin in Fragen des Rundfunks den Amerikanern zur Verfügung stand; auch auf Fotos von Betriebsfeiern bei Radio Stuttgart aus dem Jahre 1946 ist er noch abgebildet. Im Juni 1945 begann auch Dr. Fritz Eberhard seine früheste Tätigkeitsperiode bei der Radiostation, der er dann von 1949 bis 1958 als erster von den deutschen Aufsichtsgremien gewählter Intendant vorstehen sollte. Fritz Eberhard (1896 - 1982) – eigentlich Hellmut v. Rauschenplat – hatte Wirtschaftswissenschaften studiert und war in den Zwanziger Jahren als Pädagoge und Journalist tätig gewesen. Nach illegaler Parteiarbeit für die SPD aus dieser Zeit stammt der Deckname "Fritz Eberhard" – emigrierte er 1938 nach Großbritannien. Fritz Eberhard kehrte sofort nach Kriegsende zurück und ließ sich in Stuttgart nieder. Von den Amerikanern wurde er als Programmberater eingestellt, obwohl er bis dahin kaum praktische Rundfunkerfahrung vorweisen konnte. Wie wichtig er den Amerikanern war, belegt im Dezember 1945 die Begründung für einen eigenen Telefonanschluß in seiner Privatwohnung , da "seine Dienste sehr oft in aller 79 Ebd., S. 69. 70


http:/ /www.mediaculture- online.de Kürze beansprucht werden" 80 . Die in den überlieferten Gutachten und Stellungnahmen enthaltenen Kritiken und Empfehlungen Fritz Eberhards wurden von den Amerikanern offenbar sehr ernst genommen, denn in ihrer Folge können jeweils Änderungen im Programm registriert werden. Als im November 1945 die ersten weltpolitischen Wochenkommentare im "Echo des Tages" am Samstagabend gesendet wurden, war Fritz Eberhard ihr Autor. Auch diese Kommentarreihe hatte er in einem Memorandum als notwendige Ergänzung für das Programm gefordert 81 . Warum Fritz Eberhard im Juni 1946 überraschend bei Radio Stuttgart ausscheiden mußte, ist bis heute nicht völlig geklärt. Es gibt Indizien dafür, daß er gleich anderen, an Jahren schon älteren Mitarbeitern der ersten Stunde, die ihre Lebens- und Berufserfahrungen noch in der Weimarer Zeit erworben hatten, größere Schwierigkeiten hatte, den Anweisungen und Wünschen der amerikanischen Rundfunkoffiziere ohne weiteres Folge zu leisten. Geschadet hat ihm sicherlich auch die erwähnte, ungesetzliche Ernennung zum Intendanten durch Captain Barbour Anfang 1946. Fred G. Taylor bestätigte vor einiger Zeit noch einmal, daß danach weder Barbour noch Eberhard beim Sender zu halten waren. Fritz Eberhard beklagte sich im Frühjahr 1946 bei Eschwege über seine Isolation; im Juni 1946 verließ er von einem Tag auf den anderen seine Arbeitsstelle. Sein Nachfolger als politischer Kommentator wurde Fritz Ermarth 82 . Eine noch kürzere Episode in der Frühgeschichte von Radio Stuttgart stellt die Tätigkeit des Rundfunkpioniers Alfred Braun (1888- 1978) dar. In der Weimarer Zeit war er bei der "Funkstunde" in Berlin als Ansager, Reporter und Regisseur tätig gewesen. Vor allem durch seine Live- Reportagen von bedeutenden Zeitereignissen – wie dem Begräbnis Gustav Stresemanns – bekannt geworden, hatte er im Dritten Reich den Rundfunk verlassen müssen. Bei Kriegsende befand 80 OMGUS/WB – ICD/ISD, 4. 12. 1945, 12/85- 1/50. 81 Manuskripte in: SDR/HA Programmnachweise Hörfunk. 82 Taylor bestätigt in einem Brief an den Verf. vom 21. 4. 1986 die auch von Dr. Peter Kehm vermuteten Hintergründe des Ausscheidens von Eberhard. Siehe auch Eschwege, Vom Niedergang und Wiederaufstieg, S. 95. 71


http:/ /www.mediaculture- online.de sich Alfred Braun zufällig in Süddeutschland; er bot sich den Amerikanern als Mitarbeiter an und wurde eingestellt. Von Anfang August bis in den Spätherbst 1945 fungierte Alfred Braun in erster Linie als Ansager, Sprecher und Regisseur. Bald gab es Unstimmigkeiten mit den Amerikanern, vor allem zwischen ihm und Arthur Shaffer, dem künstlerisch ambitioniertesten unter den Rundfunkoffizieren, und Braun verließ Radio Stuttgart wieder 83 . Näher einzugehen ist bereits an dieser Stelle auch auf den späteren ersten Intendanten von Radio Stuttgart, Dr. Fritz Ermarth (1909 – 1948). Auch er, der zu den früh eingestellten Mitarbeitern von Radio Stuttgart gehört, die bald leitende Positionen einnehmen, war noch im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren worden. Ermarth stammte aus Karlsruhe, wo seine Mutter eine bekannte Schauspielerin am dortigen Staatstheater gewesen war. Nach dem Studium der Volkswirtschaft und der Rechtswissenschaft verbrachte Fritz Ermarth das Jahr 1931 als Austauschstudent in den USA, in die er nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst 1933 emigrierte. Er übte eine Lehrtätigkeit in Oklahoma aus und war später Referent im amerikanischen Bundesdienst. Im Herbst 1945 kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm im Juni 1946 die Aufgabe eines politischen Kommentators bei Radio Stuttgart. Am 13. Juni 1947 ernannte die amerikanische Militärregierung Fritz Ermarth zum ersten deutschen Intendanten von Radio Stuttgart. Als seine Personalvorschläge für den weiteren Ausbau der Station nicht genehmigt wurden – es ging ihm insbesondere um die Ernennung eines im Dritten Reich bekannten Publizisten zum Leiter des im September 1946 eröffneten badischen Studios Heidelberg - , trat er am 7. November 1947 als Intendant zurück, schied ganz aus den Diensten von Radio Stuttgart aus und wechselte ins Wirtschaftsministerium des Landes Württemberg- Baden. Sein Freitod am 27. Juli 1948 hatte persönliche Gründe und stand in keinerlei Zusammenhang mit seinem Weggang von Radio Stuttgart 84 . 83 Ein Lebenslauf Alfred Brauns, von ihm selbst verfaßt, in: OMGUS/WB – ICD/ ISD, ohne Datum, 12/85- 2/4. Siehe auch Eschwege, Vom Niedergang, S.77. 84 Dank für die Ernennung mit Schreiben von Ermarth OMGUS/WB – ICD/ISD, 15. 6. 1947, 12/97- 2/3. Siehe auch "Funkkurier", Nr. 22/1947 vom 13. 6. 1947. Eine Begründung für seinen Rücktritt liefert die Agenturmeldung vom 8. 11. 1947 in: SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2352 (3, 1). Die rein privaten Hintergründe bestätigten Dr. Peter Kehm und Frau 72


http:/ /www.mediaculture- online.de Am Lebensweg der genannten Persönlichkeiten und an ihrer Tätigkeit bei Radio Stuttgart sind zwei Aspekte besonders bemerkenswert. Erstens gehörte niemand von ihnen, wie dies teilweise bei anderen Rundfunkstationen der Besatzungsmächte der Fall war, der extremen Linken an oder sympathisierte mit ihr. Politische Turbulenzen im Zusammenhang mit der Veränderung des Ost- Westklimas, die beim NWDR und bei Radio Frankfurt wenigstens zum Teil zu den Entlassungen von Kommunisten und bei Radio München von engagierten Linksliberalen führten, waren deshalb in Stuttgart nicht zu verzeichnen. Zweitens ist von ihnen keiner auf die Dauer bei Radio Stuttgart geblieben, bis Ende 1947 waren alle wieder ausgeschieden. Die Motive für den Weggang bzw. die Entlassung dieser Mitarbeiter, die vornehmlich Führungspositionen innehatten, scheinen nach allem, was wir wissen, eher im Atmosphärischen gelegen zu haben. Das Klima beim Stuttgarter Sender in der Neckarstraße war offenbar so beschaffen, daß lebenserfahrene, selbständigere Persönlichkeiten es vorzogen, sich wegen der Reibungen mit den amerikanischen Rundfunkoffizieren wieder zurückzuziehen, oder sie wurden von den Amerikanern selbst wieder aus der Rundfunkstation verdrängt. Dabei muß mit Blick auf Fritz Ermarths Ausscheiden festgehalten werden, daß seine Personalvorstellungen keinesfalls von den Amerikanern akzeptiert werden konnten. Er hatte Unmögliches verlangt, sich nicht durchsetzen können und daraus die Konsequenzen gezogen. Als Maxime für die Personaleinstellungen stellte Fred G. Taylor im Juni 1946 in einem Rechenschaftsbericht zum einjährigen Bestehen der Station fest: Angesichts der Tatsache, daß die Fachleute des Reichsrundfunks zumindest nominell in der Partei gewesen seien, habe es große Schwierigkeiten bereitet, den Anteil der Parteimitglieder bei Radio Stuttgart möglichst gering zu halten. Immerhin sei es gelungen, deren Zahl unter zehn Prozent zu halten. Alle Bewerber seien vom amerikanischen Geheimdienst streng durchleuchtet worden. Taylor nannte als Auswahlkriterien – vermutlich etwas naiv – auch die Bereitschaft der Bewerber, von den Ideen und Idealen des Nationalsozialismus abzulassen, Ingeborg Klaiber, Mitarbeiterin bei Radio Stuttgart 1945- 1947 im Gespräch mit dem Verfasser. 73


http:/ /www.mediaculture- online.de sich nicht von Standes- und Bildungsdünkeln leiten zu lassen und demokratische Prinzipien für die Rundfunkarbeit so zu akzeptieren, wie sie von der amerikanischen Informationskontrolle interpretiert würden 85 . Immerhin kann konstatiert werden: Von den einstigen festangestellten Mitarbeitern aus der Reichssenderzeit ist es fast niemandem gelungen, wieder eine Dauerstellung bei Radio Stuttgart zu erlangen. So gehörte es zur Richtschnur der Personalrekrutierung durch das Rundfunkkommando, vorzugsweise junge Leute einzustellen. Ein großer Teil von ihnen, etwa der nachmalige Programmdirektor Dr. Peter Kehm (geb. 1920), Hans- Ulrich Reichert (geb. 1921), Oswald Hirschfeld (geb. 1917), Albrecht Baehr (geb. 1917), Rudolf Fest (geb. 1924), um nur einige zu nennen, nahm 1946 den Dienst bei Radio Stuttgart auf und verbrachte ein ganzes Arbeitsleben beim späteren Süddeutschen Rundfunk. Auch der Filmregisseur Alfred Vohrer (1918- 1986), von 1946 bis 1948 Spielleiter und Hörspielregisseur, oder Helmut Jedele (geb. 1920), Fernsehbeauftragter bzw. erster Fernsehdirektor des SDR und später Chef der BAVARIA- Ateliergesellschaft, damals ein häufig beschäftigter freier Mitarbeiter, sind zu diesem Personenkreis zu zählen. Einige andere gleichen Alters, insbesondere auch Mitglieder der politischen Redaktion, schieden – z.T. nach internen Auseinandersetzungen – schon zu Beginn der Fünfziger Jahre wieder aus. Es fällt jedenfalls auf, daß gerade bei Radio Stuttgart viele junge Mitarbeiter, oft ohne journalistische Praxis und erst recht ohne Kenntnis von den besonderen Bedingungen der Rundfunkarbeit, tätig waren; das war bei anderen Radiostationen im besetzten Deutschland in dem Maße nicht der Fall. Die Auswirkungen waren vielfältig. Für das Hörspiel hatte dies bei Radio Stuttgart z.B. nach Auskunft von Peter Kehm die Folge, daß allein schon von der Hörerinnerung her der Anschluß an das Hörspielschaffen des Weimarer Rundfunks verlorengegangen war. Da auch entsprechende Literatur aus jener Zeit in den ersten Nachkriegsjahren kaum zu beschaffen war, orientierten sich manche Realisationen von Hörspielen eher an den "Hörerlebnissen" von Produktionen des 85 Eschwege, Vom Niedergang, S. 75. Taylors Bemerkungen in OMGUS/WB – ICD/ISD, 9. 7. 1946, 12/85- 1/49. 74


http:/ /www.mediaculture- online.de Reichsrundfunks und dem "Soundtrack" von Spielfilmen der Dreißiger und Vierziger Jahre. Neben den genannten Mitarbeitern finden wir auch noch einige wenige "alte" Rundfunkmitarbeiter, die bei Radio Stuttgart wieder Fuß fassen konnten, wie Hans Sattler (1901- 1959), der als Mitarbeiter von Friedrich Bischoff schon bei der Schlesischen Funkstunde vor 1933 gewesen war, seit 1945 bei Radio Stuttgart tätig und von 1948 bis 1953 Leiter der Abteilung "Kulturelles Wort", dann wieder freier Autor, oder Fritz Ludwig Schneider (1901 - 1977), im Dritten Reich freier Mitarbeiter beim Reichssender Stuttgart und später Leiter der Abteilung Unterhaltung. Beide waren erfahrene Praktiker, Hans Sattler als routinierter Bearbeiter mit einem zeitweise nahezu wöchentlichen "Ausstoß" an Hörspieladaptionen. Fritz Ludwig Schneider, als Autor niveauvoller und funkgerechter Unterhaltungssendungen für Radio Stuttgart bekannt geworden, wurde noch im Kriegsgefangenenlager als dringend benötigter "writer" von den amerikanischen Kontrolloffizieren angefordert. Auch in anderen Fragen des Rundfunks war er sehr versiert und beschlagen und dem jungen Sendeleiter Peter Kehm seit 1947 ein wichtiger Ratgeber. Auch die langjährige Oberspielleiterin von Radio Stuttgart bzw. des SDR und Regisseurin unzähliger Hörspielproduktionen, Cläre Schimmel (1902 - 1986), die in Berlin bei den ersten Fernsehproduktionen der Reichsrundfunkgesellschaft dabei gewesen war, ist dieser Gruppe der verdienten "Routiniers" zuzurechnen. Nach dem Ausscheiden von Eberle, Eberhard und Ermarth fehlte es Radio Stuttgart längere Zeit in der Leitung wie im Programm an profilierten Persönlichkeiten in der Leitung wie auch im Programm, die der Station ein deutlicheres Profil hätten vermitteln können, sei es im Bereich der politischen Information und Kommentierung oder auch im Kulturprogramm. Auf diesen Feldern blieb Stuttgart zusammen mit Radio München eher Mittelmaß, während vor allem in Hamburg das Zusammenspiel des "Chief Controllers" Hugh Carleton Greene mit der "Crew" um Axel Eggebrecht, Ernst Schnabel und Peter von Zahn 75


http:/ /www.mediaculture- online.de Marksteine für den Rundfunkjournalismus der Nachkriegszeit setzte, zumindest im Bereich der aktuellen Berichterstattung, des Hörspiels und in einer neuen Form rundfunkspezifischer Berichterstattung über gesellschaftliche und kulturelle Hintergründe des Zeitgeschehens: dem Feature. Doch muß die besondere Hamburger Konstellation – sie galt letztlich auch nur für eine einzige Redaktion – als ein Ausnahmefall angesehen werden, der auf besonders glückliche Umstände zurückzuführen ist. Immerhin, auch in Frankfurt arbeitete bei Intendant Eberhard Beckmann seit 1948 unter amerikanischer Oberhoheit mit Alfred Andersch ein Redakteur, der seit diesem Jahr mit seinem "Abendstudio" den Hörfunk am kulturellen Disput der Nachkriegszeit beteiligte. In Stuttgart gewann der Süddeutsche Rundfunk erst in den fünfziger Jahren unter dem starken Engagement seines ersten gewählten Intendanten Fritz Eberhard Anschluß an jene einzigartige Entwicklung, in der der Nachkriegshörfunk mit den Hörspiel- und Nachtprogrammen das literarische Leben und den intellektuellen Diskurs weitgehend bestimmte. Personeller und organisatorischer Aufbau bei Radio Stuttgart Im Sommer 1946 befand sich Radio Stuttgart noch in einer organisatorisch wenig durchstrukturierten Verfassung. Als Fritz Ermarth als neuer politischer Kommentator bei der Station im Juli 1946 seinen Dienst in der Neckarstraße antrat, wurde ein "Political Affairs Department" geschaffen, das von ihm geleitet wurde. Doch innerhalb dieses "Departments" waren die Aufgaben nicht streng verteilt. Die Redakteure griffen neue Themen auf und schufen neue Sendereihen: Wer geschickt war, hatte damit für sich ein eigenes "Ressort" geschaffen, ohne daß dies innerhalb eines Organisationsschemas und eines Dienstplans exakt fixiert worden wäre. Das entsprach der Praxis auch bei anderen Radiostationen im besetzten Nachkriegsdeutschland. Neben der politischen Abteilung wurde auch die Gründung eines "Department of Human Relations" gemeldet mit Kontakten 76


zum Arbeitsamt, zur Wirtschaft, zum Roten Kreuz und kulturellen Organisationen 86 . http:/ /www.mediaculture- online.de Auch bei den anderen Aufgabenfeldern blieb die organisatorische Gliederung nach wie vor weitgehend offen und ungefügt. So fehlten im Bereich von Musikredaktion und - produktion noch klare Zuständigkeitsbereiche. Dennoch gab es zu diesem Zeitpunkt bereits wieder ein Orchester mit rund 40 Musikern. Heinz Eschwege war es gelungen, die Amerikaner von der Vorstellung abzubringen, lediglich einen Klangkörper von 15 bis 17 Mitgliedern mit Aufgaben in allen Musiksparten zu etablieren. Diese Absicht hatte Hans Rosbaud (1895- 1962), der an einer Tätigkeit in Stuttgart interessiert war und detaillierte Pläne für die Arbeit der Klangkörper und einer Musikabteilung entworfen hatte, wieder vertrieben. Immerhin konnte das Probespiel der zu verpflichtenden Musiker am 13./14. Oktober 1945 durchgeführt werden und die ersten regulären Orchesterproben bereits mit dem 1. Dezember beginnen. Leiter des Orchesters wurde Rolf Unkel, nachdem Josef Dünnwald wegen der Auseinandersetzungen mit den Amerikanern um die Stärke des Orchesters entnervt aufgegeben hatte. Mitte 1946 hatte das Orchester 42 Mitglieder, doch wurde es nach und nach vergrößert, so daß es 1949 bereits 72 Musiker zählte 87 . Insgesamt waren Anfang Juli 1946 bei Radio Stuttgart an den beiden Dienstorten Stuttgart und Mühlacker 324 Mitarbeiter tätig, davon rund 90 in der Verwaltung, 90 in den Bereichen von Programm und Produktion, 42 als Mitglieder des Orchesters und 64 Techniker. Beim Sender in Mühlacker waren sieben Mitarbeiter in der dortigen Verwaltung und weitere 23 Techniker beschäftigt 88 . 86 OMGUS/WB, 12/85- 2/1. 87 Eschwege, Vom Niedergang und Wiederaufstieg, S. 83 ff. Dort als Anlage 91 das Konzept von Rosbaud. 88 OMGUS/WB – ICD/ISD, 9.7.1946,12/85 - 1/49. Eine ausführliche Personal statistik auch in der "Notiz betr. Entwicklung des Personalstandes beim Süddeutschen Rundfunk" vom 1. 8.1949, in: SDR/HA, Verwaltungsdirektion (St. Nr. 40/9761). 77


http:/ /www.mediaculture- online.de Wichtige personelle und organisatorische Veränderungen vollzogen sich erst im Juni 1947, also relativ spät, gemessen an den ursprünglichen Zeitplänen der Amerikaner. Außer der Berufung von Dr. Fritz Ermarth zum ersten deutschen Intendanten wurden am 13. Juni 1947 auch andere wichtige Positionen des Stuttgarter Senders deutschen Mitarbeitern übertragen und ihre Verantwortungsbereiche gegenüber dem früheren Zustand klarer definiert: Dr. Peter Kehm wurde zum Sendeleiter und damit praktisch zum Programmdirektor ernannt und Cläre Schimmel zur Oberspielleiterin. Sie war damit für den ganzen Bereich der Programmproduktion verantwortlich. Zum Pressechef wurde Dr. Martin vom Bruch bestellt, der schon seit August 1945 in verschiedenen Funktionen bei Radio Stuttgart beschäftigt war 89 . Neben diesen ersten Festlegungen im Leitungsbereich differenzierten und konsolidierten sich auch auf den nachgeordneten Ebenen die Organisationsstrukturen: Es gab nun eine Gliederung der redaktionellen Verantwortungsbereiche nach "Aktuellem Wort" – Nachrichten, politische Kommentare, Zeitfunk – und "Künstlerischem Wort" 90 . Weiterhin entstand noch im selben Jahr die Unterhaltungsabteilung, in der Albert Hofele und Fritz Ludwig Schneider tätig waren; am 8. September 1947 wurde Schneider zum verantwortlichen Leiter der Redaktion ernannt 91 . Die Abteilung "Aktuelles Wort" erhielt allerdings erst am 15. April 1948 mit Reinhold Eckhardt ihren ersten Chefredakteur, der jedoch bereits am 25. Januar 1949 nach einer Umstrukturierung der Abteilung von Hans Küffner abgelöst wurde. Ihr zugeordnet war die Sportredaktion – sie arbeitete seit September 1945 – mit Gerd Krämer als Chef und Rainer Günzler als Mitarbeiter 92 . 89 Funkkurier, Nr. 22/1947, 13. 6. 1947, Eine Liste mit verantwortlichen deutschen Mitarbeitern zwischen Juni und November 1947: OMGUS/WB – ICD/ISD, o. D., 12/85 – 2/6. 90 Dazu verschiedene Dokumente aus dem Jahr 1947 in: SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2353. 91 Rundschreiben Taylors vom 8. 9. 1947, SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2353. 92 SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2353 sowie Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 14. 78


http:/ /www.mediaculture- online.de Auch die Musikabteilung wurde 1947 eingerichtet 93 . Als ihr Leiter fungierte in dieser Zeit der neue Dirigent des Sinfonieorchesters, Dr. Karl Koslik. In einem Memorandum vom 27. November 1947 bat er darum, daß "die Gesamtdisposition des musikalischen Programms in eine Hand gelegt wird, so daß einerseits in der Programmgestaltung auf längere Sicht eine klare Gliederung und große Linie erreicht wird, andererseits die Pläne einzelner Sparten aufeinander abgestimmt, Überschneidungen und Wiederholungen vermieden werden können." Neben einem Programmdisponenten und einem Tonmeister nannte er einen Redakteur für den Bereich Kammermusik als vordringlich. Er selbst wollte sich auf die Betreuung des Orchesters beschränken, die verantwortliche Leitung der Programmabteilung wie bei den Sendern in Berlin und Baden- Baden einem weiteren Mitarbeiter anvertrauen. Schließlich wurde dann folgende Lösung gefunden: Mit Hans Müller- Kray (1908- 1969) kam am 15. August 1948 ein verantwortlicher Leiter der Musikabteilung und Nachfolger von Koslik ins Haus, der einerseits selbst Dirigent war und das Orchester betreute, immer wieder hervorragende Solisten und Gastdirigenten verpflichtete, andererseits hatte er aber auch die Programmgestaltung im Blick. Mit Heinrich Burkardt, einem der Senioren der deutschen Rundfunkarbeit, stand Hans Müller- Kray ein kundiger musikalischer Programmleiter zur Seite 94 . Nachdem Dr. Fritz Ermarth am 7. November 1947 als Intendant zurückgetreten und als Mitarbeiter von Radio Stuttgart ausgeschieden war, wurde nach mehr als halbjähriger Vakanz am 22. Juli 1948 die deutsche Leitung von Radio Stuttgart Erich Rossmann übertragen, dem Generalsekretär des Süddeutschen Länderrats, einer Versammlung der Regierungen aller Länder in der amerikanischen Besatzungszone. Er trat sein Amt allerdings erst am 1. Oktober 1948 an und war dann auch noch längere Zeit wegen Krankheit abwesend. Erich Rossmann führte die Amtsgeschäfte der Rundfunkstation, die allmählich immer unabhängiger von 93 Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 12. 94 Notiz an Mr. Taylor, Mr. Chevalier und Dr. Kehm vom 27. 11. 1947, in: SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2353. Zur Berufung von Müller- Kray siehe verschiedene Unterlagen in SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2354 (1, 2- 1). 79


http:/ /www.mediaculture- online.de amerikanischem Einfluß arbeitete, bis zum 31. August 1949. Am 1. September übernahm Dr. Fritz Eberhard das Amt des Intendanten des Süddeutschen Rundfunks, in das ihn die neu formierten deutschen Aufsichtsgremien gewählt hatten. Erich Rossmann (1884 – 1950), SPD-Funktionär und seit 1905 für Parteiblätter journalistisch tätig, hatte in der Weimarer Zeit als Landesvorsitzender der SPD in Württemberg amtiert und war württembergischer Landtags- und Reichstagsabgeordneter gewesen. Während der NS-Zeit hatte er unter Repressalien zu leiden. Nach dem Krieg wurde er zum Generalsekretär des Süddeutschen Länderrats ernannt. Erich Rossmann hatte sich nicht zum Amt des Intendanten von Radio Stuttgart gedrängt. Bald wurde er auch in der Presse attackiert, weil er einige wenige Mitarbeiter seiner vorherigen, mittlerweile aufgelösten Dienststelle mit zu Radio Stuttgart brachte, was ihm den Vorwurf der unsachgemäßen Stellenvermehrung eintrug. Auch nach innen war seine Stellung nicht gefestigt: Wegen häufiger Abwesenheit bedingt durch seinen schlechten Gesundheitszustand konnte er sich gegen Intrigen und Attacken nicht immer ausreichend zur Wehr setzen. Die lange Vakanz nach Ermarths Rücktritt, Rossmanns schwierige persönliche Situation und seine mangelnde Programmerfahrung hatten sicher gleichfalls Anteil daran, daß Radio Stuttgart zwar ein funktionierender Rundfunksender war, jedoch im Vergleich zu anderen Rundfunkstationen der Westzonen – wie oben schon einmal festgestellt – ein besonders ausgeprägtes Profil im Programmangebot vermissen ließ. Verwaltungserfahrung bewies Erich Rossmann jedoch dadurch, daß er die organisatorische Gliederung und Führungsstruktur des Stuttgarter Senders weiter ausbaute und vervollständigte. Am 1. Januar 1949 ernannte er den erst 28jährigen Sendeleiter Dr. Peter Kehm zum Programmdirektor und stellvertretenden Intendanten, am 25. Januar den Zeitungsjournalisten Hans Küffner zum Chefredakteur und Leiter der Abteilung Politik und Zeitgeschehen. Friedrich Müller (geb. 1906), mit Rossmann vom Länderrat zu Radio Stuttgart 80


http:/ /www.mediaculture- online.de übergewechselt, war bereits am 1. September 1948 zum Verwaltungsleiter von Radio Stuttgart bestimmt worden, am 1. Januar 1949 wurde er zum Verwaltungsdirektor bestellt. Seit Juni 1948 war Rechtsanwalt Herbert Falck in Rechtsangelegenheiten für Radio Stuttgart tätig. Am 1. März 1949 trat noch unter amerikanischer Oberleitung der spätere langjährige Justitiar des Süddeutschen Rundfunks, Karl Neufischer, seinen Dienst bei Radio Stuttgart an. Administrative Fähigkeiten bewies Erich Rossmann auch dadurch, daß er bereits für 1948 einen ordentlichen Haushaltsplan aufstellen ließ. Damit lebte Radio Stuttgart als eine der ersten Rundfunkstationen in der Nachkriegszeit finanziell nicht mehr nur von der Hand in den Mund, sondern Einnahmen und Ausgaben wurden genau veranschlagt 95 . Kurz vor der Übergabe der Rundfunkstation in deutsche Hände hatte sich auch die innere Verfassung von Radio Stuttgart weiter stabilisiert, was an einer klareren Gliederung der Organisationsstruktur abgelesen werden kann: Neben der Intendanz gab es jetzt die "Gruppe Sendung" (Programmdirektion) mit den Abteilungen Politik und Zeitgeschehen, Kulturelles Wort, Künstlerisches Wort (Hörspiel und Literatur), Unterhaltung, Musik, Produktion sowie einigen kleineren Referaten wie Schallarchiv und Bibliothek. Die Technik teilte sich auf in drei zentrale Bereiche: technische Betriebsaufsicht und Schallaufnahme, Betriebsüberwachung (Meßtechnik) sowie eine Konstruktions- und Hochfrequenzabteilung, die sich dem Aufbau der UKW- Technik widmete. Als selbständiger Bereich wurde der Sender Mühlacker im Organisationsplan geführt. Für Rechnungswesen und Hilfsdienste waren mehrere Abteilungen unter dem Verwaltungsdirektor zuständig. Als Außenstellen gab es bereits neben dem Sender Mühlacker die beiden badischen Sendestellen Heidelberg und Karlsruhe (s. u. S. 123). Im übrigen belegen schon die Mitarbeiterzahlen von Radio Stuttgart die stete Vergrößerung der Station und ihre organisatorische Konsolidierung: 95 Zur Ernennung von Müller und seiner Aufgabe, "die Aufstellung eines Haushaltsplans zu vollziehen" siehe Rundschreiben Nr. 1 des Intendanten Rossmann vom 1. 9. 1948, in: SDR/HA, Verwaltungsdirektion (St. Nr. 40/9745) Siehe auch Pressekonferenz des Intendanten am 20. 6. 1949, Protokoll, in: SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 5050 sowie "Mannheimer Morgen" vom 7. 6. 1949. Zur Ernennung des Justitiars Schreiben vom 1. 3. 1949 in: SDR/HA, Verwaltungsdirektion (St. Nr. 40/9761). 81


http:/ /www.mediaculture- online.de Anfang Dezember 1948 hatte Radio Stuttgart 635 Mitarbeiter, bei Übergabe in deutsche Hände schließlich 660; eine Verdoppelung gegenüber der Zahl in der Zeit des nationalsozialistischen Reichssenders 96 . Die Fertigstellung der ersten Studios im Herbst 1945 war für die Gruppe der Ingenieure um Alexander Berger, nur der Anfang ihrer vielfältigen Tätigkeit. Es mußten sogleich viele technische Unzulänglichkeiten des ersten Bauabschnitts behoben und für Einrichtungen, die bisher nur behelfsmäßig arbeiteten, dauerhafte Lösungen gefunden werden. Auch die Übertragungswagen konnten nicht einfach gekauft, sondern mußten eigens gebaut werden, in der Zeit allgemeinen Mangels an Material ein schwieriges Unterfangen. Der erste Ü- Wagen wurde im Herbst 1946 in Dienst gestellt und war – wie der Behelfs- Übertragungswagen noch von der öffentlichen Stromversorgung abhängig. Der zweite, wesentlich größere Ü- Wagen wurde erst im April 1948 fertig: Er führte in einem Anhänger die eigene Stromversorgung mit. Zuvor hatte ein damals ja gar nicht so seltener Netzausfall gelegentlich am Aufnahmeort bewirkt, daß Aufnahme- und Übertragungstermine nach entsprechend aufwendigen Vorbereitungen platzten. Ein dritter Ü- Wagen wurde zur Zeit der Übergabe von Radio Stuttgart in deutsche Hände noch gebaut, konnte aber bald danach in Betrieb genommen werden 97 . Neben dem Einbau der technischen Installationen im Sommer 1946 in Heidelberg und im Winter 1947/48 in Karlsruhe – den beiden badischen Außenstellen von Radio Stuttgart, über deren Einrichtung im folgenden Kapitel ausführlicher zu berichten ist wurden bis Juni 1947 im Stuttgarter Funkhaus zwei weitere Aufnahme- bzw. Senderäume fertiggestellt: einer für Aufzeichnungen von Kammermusik und einer für Hörspielproduktionen mit entsprechenden Einrichtungen zur Veränderung der Akustik; vor allem die Holzwalzen an den Wänden verliehen dem Studio den Charakter einer Säulenhalle. Drei weitere 96 Abteilungsverzeichnis von Radio Stuttgart vom 15. 4. 1949, Nachlaß Eberhard, IfZ – ED 11 7/Bd. 57. 97 Verschiedene Schreiben und Notizen in SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2358 (H). 82


http:/ /www.mediaculture- online.de Schallaufnahmen wurden darüber hinaus bis Mitte 1949 im Funkhaus eingerichtet. Außerhalb des Sendergebäudes in der Neckarstraße fand man 1947 im Saal des Gasthauses "Krone" in Stuttgart- Untertürkheim einen halbwegs brauchbaren Aufnahme- und Sendesaal für das große Orchester, das vorher in mehreren sehr unzulänglichen Räumen, darunter dem Foyer des Kinos "Hollywood", geprobt und öffentliche Aufführungen veranstaltet hatte. Mit der "Krone" waren auch die Voraussetzungen für Originalübertragungen von Sinfoniekonzerten und Opern geschaffen, die bis dahin im wesentlichen in Direktsendungen aus dem Württembergischen Staatstheater bestanden 98 . Alle diese Investitionen wie auch die laufenden Programmkosten mußten von der Rundfunkstation mit den 55 Prozent der Rundfunkgebühren von zwei Mark pro Gerät im Monat bestritten werden, die Radio Stuttgart bis zur Währungsreform zustanden. Danach erhöhte sich der Anteil auf 75 Prozent und am 1. März 1949 auf 80,7 Prozent. Dieser Anteil galt rückwirkend seit dem 20. Juni 1948, seit der Währungsreform, so daß die Post noch für acht Monate den Differenzbetrag an Radio Stuttgart erstatten mußte. Um die Finanzsituation von Radio Stuttgart richtig beurteilen zu können, muß man berücksichtigen, daß durch die Grenzziehung der Besatzungszonen ein Teil der früheren Einnahmen entfallen war, weil der südliche Teil Württembergs und damit früheres Gebühreneinzugsgebiet des Reichssenders Stuttgart nun zur französischen Zone gehörte. Zwar verdoppelte sich beinahe die Zahl der angemeldeten Apparate von 1945/46 mit 346000 auf 594893 am 1. Mai 1949, doch blieb man damit immer noch erheblich unter der Zahl von ca. 1,1 Millionen gebührenpflichtiger Empfänger im Gebiet des Reichssenders Stuttgart zu Beginn der Vierziger Jahre auf dem Höhepunkt der Rundfunkdichte. Radio Stuttgart war damit in den Westzonen nach Bremen die Rundfunkstation mit den geringsten Rundfunkteilnehmern. Im Vergleich dazu hatte am 1. Mai 1949 der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) 3,7 Millionen, der Bayerische Rundfunk (BR) 98 Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 7 f. 83


http:/ /www.mediaculture- online.de 1,4 Millionen zahlende Teilnehmer 99 . Der Sendeleiter von Radio Stuttgart, Dr. Peter Kehm, hat 1948 in einem Memorandum die Auswirkungen der Finanzprobleme auf den Programmetat und damit auch auf die Höhe von Honorare, die Radio Stuttgart im Vergleich zu den anderen Rundfunkstationen zu zahlen in der Lage war, ausführlich beschrieben 100 . Auch diese finanziellen Ausgangsbedingungen müssen berücksichtigt werden, wenn man die Programmqualität von Radio Stuttgart zu beurteilen versucht. Quantitativ gesehen lagen schon 1948 alle Sender ungefähr gleichauf mit einem Angebot von ca. 16 bis 18 Stunden pro Tag. Aber es gab große Unterschiede bei den Mitteln, die für Honorare zur Verfügung standen. Radio Stuttgart mußte hier bescheidener sein: Das wirkte sich nicht nur auf die Möglichkeiten aus, neue Sendereihen zu planen und zu finanzieren oder neue Sendeformen mit aufwendiger Technik auszuprobieren, auch Autoren von Rang waren spätestens nach der Währungsreform unter diesen Umständen sehr viel schwerer zu bekommen, da sie bei anderen Sendern mehr verdienen konnten. Sendestellen Heidelberg und Karlsruhe Schon zur Zeit der Süddeutschen Rundfunk AG und des Reichssenders Stuttgart hatte der nordbadische Bereich – von einer kurzen Episode 1933/34 abgesehen – zum Versorgungsgebiet der Stuttgarter Rundfunkgesellschaft gehört. Die ersten 15 Jahre, also vom Programmbeginn in Stuttgart im Mai 1924 bis zur weitgehenden Zentralisierung des Rundfunkprogramms bei Kriegsanfang 1939, waren angefüllt mit Klagen der badischen Region über eine mangelnde Repräsentanz im Stuttgarter Programm, obwohl 1925/26 Besprechungsstellen in Freiburg, Mannheim und Karlsruhe eingerichtet worden waren. 99 Vier Jahre Radio Stuttgart, ebd. 100 Memorandum vom 13. 1. 1948 in SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2357 (H). 84


http:/ /www.mediaculture- online.de Da Baden und Württemberg durch die Grenze von amerikanischer und französischer Besatzungszone in eine nördliche und eine südliche Hälfte zerschnitten worden waren, gehörte der nordbadische Raum wieder zum Sendegebiet der Stuttgarter Rundfunkstation. Schon Ende 1945 unternahmen badische Politiker und Repräsentanten des öffentlichen Lebens erste Anläufe, ihren Landesteil im Programm von Radio Stuttgart angemessen vertreten zu sehen. Sie versuchten insbesondere, die früher vorhandenen Nebenstellen wieder zu reaktivieren. Da Radio Stuttgart in den ersten Nachkriegsmonaten, wie schon erwähnt, zwangsläufig als Stuttgarter Lokalsender fungierte, hatten sich die Hörer aus Baden an die Verantwortlichen gewandt und darauf hingewiesen, dies könne nicht so bleiben und die neue Rundfunkstation könne sich nicht auf Württemberg allein beschränken. Bereits um die Jahreswende 1945/46 fanden erste Gespräche statt; Martin vom Bruch fuhr auf Einladung des Kulturreferenten für das "Land Baden", Heinrich Köhler- Helfferich, – gewisse Zuständigkeiten in der Verwaltung waren in der Anfangsphase den alten Landesteilen noch verblieben – nach Heidelberg. Die Herren der Stadtverwaltung zeigten sich erfreut, daß des öfteren badische Persönlichkeiten im Programm "Echo des Tages" berücksichtigt worden seien, und man erörterte, wie in Zukunft die Region wieder stärker in die Rundfunkarbeit einbezogen werden könne. Es bestand bald Einigkeit darüber, eine badische Sendestelle sollte nicht in den stark zerstörten Städten Karlsruhe und Mannheim, sondern angesichts günstiger Voraussetzungen in Heidelberg errichtet werden. Die Stadt Heidelberg wollte auch ein Haus dafür bereitstellen. Hingewiesen wurde auch darauf, das Postfernkabel 17a zwischen Heidelberg und Stuttgart sei in seinem Kern "pupinisiert", d.h. mit speziellen Einrichtungen zur Verbesserung der Übertragungsqualität versehen, und daher für musikalische Übertragungen geeignet. Außerdem könne vermutet werden, daß es in badischen Postdienststellen noch brauchbares technisches Gerät gebe 101 . 101 SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2363 (3), o. D. 85


http:/ /www.mediaculture- online.de Nachdem mehrere ehemalige studentische Verbindungshäuser nicht als neue Rundfunkdependance in Baden in Betracht kamen, schlug die badische Landesverwaltung das Hotel "Prinz Max" als Sitz der Sendestelle vor, obwohl die Heidelberger Kammerspiele bereits mit Umbauarbeiten in dem ziemlich verwahrlosten Gebäude begonnen hatten. Da die Bühne in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, konnte das Haus für die geplante badische Sendestelle übernommen werden. Es war nicht leicht, die von der amerikanischen Armee okkupierten Leitungen zwischen Stuttgart und Heidelberg für Rundfunkzwecke frei zu bekommen. Ebenso war es nicht einfach, im technischen Bereich, der in Stuttgart und Mühlacker stark in den Wiederaufbau eingebunden war, Material und Personal für den Einbau der dringendsten funktechnischen Installationen abzuzweigen. Ein kleines Studio zum Übertragen von Wort- und Schallplattensendungen war zum 14. September 1946 im dritten Stock des Gebäudes fertiggestellt; aber um den qualitativen Standard der Stuttgarter Produktionen zu erreichen, sollte erst am 29. September mit den Überspielungen begonnen werden. Das erste Heidelberger Studio verfügte anfangs über Einrichtungen, die nicht einmal einem Funkbastler zur Ehre gereicht hätten. Außer einem Mikrofon, einigen Schaltern, zwei Schallplattenspielern, einem Verstärker, zwei Trommeln Kabel, einer Kiste Ersatzmaterial und ein paar Decken, um die Wände akustisch herzurichten, "war zunächst nichts da als der gute Wille". Die ersten Mitarbeiter – ein Techniker, ein Sprecher, eine Telefonistin und eine Kassiererin – stellten aus ihrem persönlichen Besitz Büromöbel und sogar einen Flügel zur Verfügung 102 . An der mit musikalischen Beiträgen umrahmten feierlichen Eröffnung der badischen Sendestelle in Heidelberg am 14. September 1946 nahm auch der amerikanische Militärgouverneur von Württemberg- Baden, Oberst Dawson, teil. In seiner Ansprache verwies der stellvertretende Ministerpräsident und wichtigster Vertreter Badens in der Regierung des Landes Württemberg- Baden, Heinrich Köhler, auf die ambivalente Funktion des Rundfunks als Propagandainstrument 102 Aus einer undatierten (1946 ?) "Geschichte der Sendestelle Heidelberg", SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2363 (3). 86


http:/ /www.mediaculture- online.de und als Kulturvermittler und Repräsentant der öffentlichen Meinung. Der Leiter von Radio Stuttgart, Fred G. Taylor, machte noch einmal deutlich, daß bei dieser Station bisher nur der württembergische Landesteil habe zu Wort kommen können, was sich nun durch die Eröffnung der badischen Sendestelle ändern werde. Nach diesem Festakt fand im Heidelberger Stadttheater ein bunter Nachmittag statt, für den wegen großer Nachfrage Karten sogar am schwarzen Markt gehandelt wurden. Nach Operettenmusik und Chansons kamen auch pfälzische Heimatkünstler auf die Bühne, Conferencier war allerdings der Schwabe Albert Hofele. Sogar schwungvoller Jazz wurde von einer Tanzkapelle geboten, die dafür sorgte, "daß Rhythmus und Bewegung in die Zuschauermenge hineingebracht wurden" 103 . In den ersten knapp drei Monaten ihres Bestehens leitete Heinrich Köhler- Helffrich, der auch Intendant der Städtischen Bühnen Heidelbergs war, die Sendestelle nebenamtlich. Doch schon bald wurde diese Übergangslösung durch die Ernennung von Gerhard Schäke, Mitarbeiter für literarische Programme in Stuttgart, zum Sendestellenleiter aufgegeben. Bei der konkreten Programmarbeit, bei der Heidelberg bis zur Eröffnung einer weiteren Sendestelle in Karlsruhe den ganzen nordbadischen Raum zu betreuen hatte, spielten regionale Belange eher eine untergeordnete Rolle. Das seit dem 13. September 1946 anfänglich nur einmal in der Woche ausgestrahlte "Echo aus Baden" – seit dem 1. Februar 1948 dann täglich mittags um 13.00 Uhr eine Viertelstunde – wurde natürlich in Heidelberg zusammengestellt. Daneben konnten jetzt auch regional bezogene Beiträge für die verschiedenen aktuellen Sendeplätze von Radio Stuttgart in Heidelberg hergestellt, nach Stuttgart überspielt und problemlos eingesetzt werden. Neue Sendereihen, die die Sendestelle Heidelberg redaktionell betreute und produzierte, wurden erst aufgenommen, als neben dem vorhandenen Aufnahmeraum Übertragung musikalischer Darbietungen im Dezember 1946 ein 103 Siehe die in der vorhergehenden Anm. genannte "Geschichte der Sendestelle Heidelberg" sowie die in SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2363 (3) verwahrten Reden der Eröffnungsfeier. 87


http:/ /www.mediaculture- online.de zweiter Studioraum zur Verfügung stand. "Aus der Weltliteratur", "Für den Bücherfreund", "Die Universitätsstunde" – in erster Linie von Professoren der Universität Heidelberg gestaltet - , diese Reihen kamen danach aus Heidelberg. Auch die Redaktion und Produktion der Sendereihe: Aus Kunst und Wissenschaft" wurden von Stuttgart dorthin verlegt. Noch weitere Sendungen – so seit dem 29. September 1946 die unterhaltende Musikstunde "Morgenstund' hat Gold im Mund" und solche mit ernster Musik – wurden in Heidelberg produziert und für das Programm von Radio Stuttgart bereitgestellt. Eines muß festgehalten werden: Einem großen Teil der in Heidelberg produzierten Wort- und Musiksendungen fehlte inhaltlich der regionale Bezug. Das entsprach dem damaligem Verständnis der Aufgaben von Sende- bzw. Außenstellen: Sie sollten den Orchestern, Künstlern und Wissenschaftlern einer Region, eines Landesteils die Mitwirkung im Programm ermöglichen. Andererseits wurde zweifellos die "Durchdringung" der Region für die aktuelle Berichterstattung durch die Außenstellen wesentlich erleichtert. Die Verbreitung von Heimatsendungen, gar noch mundartlich gefärbten, sah man hingegen als eher zweitrangig an. Diese Einschätzung entsprach allerdings nicht immer den Bedürfnissen des Publikums. Ein Beitrag des "Funkkurier" – eines Pressedienstes von Radio Stuttgart mit Programminformationen und anderen die Öffentlichkeit interessierenden Mitteilungen aus dem Innenleben des Funkhauses - , dieser Artikel vom 27. August 1947 glaubte Radio Stuttgart in dieser Hinsicht rechtfertigen zu müssen: "Der Vorwurf, daß die Sendestelle Heidelberg noch nicht so 'badisch' wie Radio Stuttgart 'schwäbisch' sei, wird durch Sendungen wie 'Aus der badischen Heimat' und 'Echo aus Baden' entkräftet" 104 . Der lange harte Winter 1946/47 verhinderte, manche Vorhaben zu verwirklichen und auch die Zahl der Beiträge der Sendestelle zu vermehren. Die unmittelbaren Auswirkungen der außergewöhnlichen Kältewelle erschwerten die Arbeitsbedingungen beträchtlich: So mußte vor jeder Sendung die Tastatur des Flügels mit elektrischen Heizöfen angestrahlt werden. Im Frühjahr 1947 begann 104 "Funkkurier", Nr. 27/1947, 27. 8. 1947. 88


http:/ /www.mediaculture- online.de man dann in Heidelberg die schon seit dem Sommer 1946 fertigen Umbaupläne Stück für Stück zu realisieren. Der alte, verwahrloste Bürgersaal im Hotel "Prinz Max" wurde umgebaut; er bekam neue Innenwände, ein neues Dach und diente später als Sendesaal. Die ganze innere Struktur des Gebäudes wurde entsprechend den neuen Bedürfnissen umgestaltet: Nach und nach konnte neues oder besseres technisches Gerät sowie ein Übertragungswagen beschafft werden. Schon bald nach der Übergabe von Radio Stuttgart am 22. Juli 1949 in deutsche Hände wurde am 25. September 1949 die völlig umgebaute Sendestelle feierlich eröffnet und in Sendestelle Heidelberg- Mannheim unbenannt 105 . Angestoßen durch eine Aufforderung von Radio Stuttgart, die Karlsruher Stadtverwaltung solle "sich des Rundfunks zu bedienen", gab Hermann Veit, der Oberbürgermeister der Stadt und spätere Finanzminister des neugeschaffenen Bundeslandes Baden- Württemberg, in einem Brief vom 18. Dezember 1945 die Anregung, in Karlsruhe wieder eine Besprechungsstelle zu errichten, wie sie schon zwischen 1926 und 1939 bestanden hatte: "Die Räume in der ehemaligen Hofküche (d. i. der Sitz der Besprechungsstelle) an der Ritterstraße sind leider zerstört. Ich werde aber alles tun, um Ersatz zu schaffen." Veit wies darauf hin, daß es nicht nur um die Übertragung repräsentativer Anlässe gehe. Vielmehr habe der Rundfunk habe in den Zwanziger und Dreißiger Jahren "in's volle Menschenleben hineingegriffen" und könne dies auch in Zukunft tun. Damit drückte er den Wunsch nach verstärkter regionaler Information im Radioprogramm aus. Wenn sich die Stuttgarter Station dieser Aufgabe nicht unterziehen wolle, so könnte der in Baden zu errichtende Sender – gemeint war der im Aufbau befindliche Südwestfunk, die zentrale Sendeanstalt für die französische Zone – die Vertretung dieser Belange an sich ziehen. Eine taktisch nicht ungeschickte Drohung. Oberbürgermeister Hermann Veit hob des weiteren das inzwischen bereits wieder rege kulturelle Leben in Karlsruhe und den Aufbruch vielfältiger Aktivitäten im 105 Bericht über die Umbauarbeiten in dem aus Anlaß der Eröffnung der neuen Studios der Sendestelle Heidelberg am 23.9.2949 herausgegebenen Prospekt, in: SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1949, Nr. 2363 (3). 89


http:/ /www.mediaculture- online.de Umfeld der Kirchen und bei der Jugendarbeit hervor: "Schon ein Gang durch die Straßen der Stadt und vor allem ein Blick auf die Plakatsäulen zeigt bei unverkennbarer Bescheidenheit und Armut der Verhältnisse einen erfreulichen Querschnitt durch die überall sichtbaren, strebend sich bemühenden Kräfte. Infolge des Nichtbestehens einer Tageszeitung fehlt es sehr an einem geeigneten Sprachrohr für die vielfältige Aufbauarbeit. Ein Besprechungsraum des Stuttgarter Senders könnte diese Lücke in willkommener Weise ausfüllen" 106 . Kurze Zeit mußten sich die Karlsruher noch mit der Berichterstattung im "Echo des Tages" begnügen. Am 29. Dezember 1945 gab es erstmals "Nachrichten aus Karlsruhe"; am 3. Januar 1946 wurde eine Ansprache des Oberbürgermeisters Veit ausgestrahlt, am 19. Februar ein Bericht über die Eröffnung der Technischen Hochschule, am 26. April einen Beitrag über den gerade eingesetzten Rechnungshof des Landes Württemberg- Baden in der ehemaligen badischen Landeshauptstadt. Die Zeitfunksendung "Echo der Zeit" brachte seit August 1946 weitere Informationen und Berichte aus Karlsruhe, und einen Monat danach gab das "Echo aus Baden" regelmäßig von Ereignissen in Baden und damit auch aus Karlsruhe Kenntnis, aber immer noch vermittelt durch die badische Sendestelle Heidelberg 107 . Der Nachrichtenfluß in Richtung Stuttgart wurde gesichert durch eine "Interessen- bzw. Arbeitsgemeinschaft Karlsruher Rundfunkhörer", deren Leitung beim städtischen Nachrichtenamt lag. Die damit verbundene Hoffnung, daß möglichst rasch eine Sendestelle in Karlsruhe gegründet würde, konnte aber 1946 noch nicht in Erfüllung gehen, da sich alle Überlegungen und Investitionen auf Heidelberg konzentrierten. Zudem waren in Karlsruhe auch keine geeigneten Räumlichkeiten zu finden. Die gelegentlichen Aufnahmen in dieser Stadt stellten aber die Karlsruher nicht zufrieden 108 . 106 SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 85, Nr. 2363 (2). 107 SDR/HA Programmnachweise Hörfunk unter den angegebenen Daten. 108 So ein Rückblick auf die Nachkriegszeit in den Badischen Neuesten Nachrichten vom 14. 5. 1957. 90


http:/ /www.mediaculture- online.de Es mag auch an den besonderen Verbindungen des neuen Intendanten von Radio Stuttgart Fritz Ermarth gelegen haben, der ja aus der badischen Residenzstadt stammte, daß sich im Sommer 1947 die Überlegungen konkretisierten, in Karlsruhe eine Sendestelle zu eröffnen. In Heinrich Wiedemann, verheiratet mit der Tochter des letzten badischen Staatspräsidenten, fand sich ein Karlsruher Journalist, dem im Herbst 1947 die Aufgabe übertragen werden konnte, eine kleine Sendestelle aufzubauen. Im Gartenhaus des zerstörten Palais Bürklin an der Kriegsstraße wurden Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, die verhältnismäßig rasch auszubauen waren. Am 14. März 1948 109 konnte nach einer Feierstunde die Sendestelle Karlsruhe ihren Betrieb aufnehmen, nachdem bereits zehn Tage zuvor die erste Sendung nach dem Kriege aus diesem Studio dem Programm von Radio Stuttgart beigesteuert worden war. Die vielfach erwähnte Verwendung des ehemaligen Badezimmers im Gartenhaus – ohne Badewanne jedoch – als Regieraum verdeutlicht jedoch, unter welch bescheidenen, improvisierten Bedingungen der Rundfunk in der Nachkriegszeit auskommen mußte. So rasch die Verantwortlichen von Radio Stuttgart auch mit der Errichtung der badischen Sendestellen auf die Probleme reagierten, die im übrigen schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen vorhanden waren, zufrieden war man dort offensichtlich nicht, wie sich wiederholende kritische Presseäußerungen in Baden und Rechtfertigungen aus Stuttgart belegen. Zwar betrug der Anteil der Sendestellen am Gesamtprogramm zwischen zehn und zwölf Prozent, waren sogar manche "Morgenstunden" aus Heidelberg Sendungen in Kurpfälzisch, zwar gab es immerhin zehn Sendungen "Aus der badischen Heimat" pro Jahr- doch im Vergleich zu den über 40 Sendungen pro Jahr "Aus der schwäbischen Heimat" erscheint dies allerdings wenig. Heinrich Wiedemann hat darauf hingewiesen, daß gerade im Bereich der Dialektsendungen kein "badischer Albert Hofele" da gewesen sei, einmal ganz abgesehen vom Fehlen einer einheitlichen Mundart in 109 SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2363 (2) mit mehreren Dokumenten zur Übergabefeier. 91


http:/ /www.mediaculture- online.de Baden. Andererseits hat Wiedemann selbst mit seinen literarisch- kulturellen Sendungen allgemeinen Charakters nur bedingt die Möglichkeiten eines volkstümlichen Tons und einer Identifikation für die breite Masse der Hörer geboten 110 . Der Rundfunkkritiker E. K. Fischer charakterisierte 1949 knapp und zutreffend in einer Besprechung des Programms von Radio Stuttgart die Beiträge der badischen Sendestellen: "Die Nebensender (d. h. Sendestellen) könnten wertvolle Hilfestellung leisten, statt ihre Sendezeiten mit akademischen Vorträgen, mäßigen Mundartpoetastereien und neutralem Musikprogramm zu füllen" 111 . Aus heutiger Sicht erscheint die Aufgabe der Regionalstudios weder von Seiten der Verantwortlichen im Rundfunk noch vor allem von Seiten der regionalen Interessenvertreter immer ausreichend bedacht worden sein. Sie hatten den hohen Prestigewert des Rundfunks im Auge: Je häufiger die Region, die Stadt in den Nachrichten oder sonst in irgendeiner Form von Mitwirkung im Rundfunk genannt wurde, desto besser war dies. An publizistische und programmkonzeptionelle Überlegungen wurde dabei offensichtlich wenig gedacht. Andererseits erlaubten es damals vor allem die finanziellen Möglichkeiten nicht, eine technische Infrastruktur und Personal zur Verfügung zu stellen, um damit ein umfangreicheres und eigenständigeres Programm in den Außenstellen zu produzieren nach dem Motto: aus der Region und für die Region. Die ausreichende Betreuung des nordbadischen Sendegebiets sollte dem künftigen Süddeutschen Rundfunk noch manche Probleme und Schwierigkeiten bereiten. Seit 1947 ein Vollprogramm Vom Herbst 1946 bis zum Sommer 1947 wurden zahlreiche Sendungen eingestellt, die die Amerikaner besonders favorisiert hatten oder von ihrer 110 Gespräch mit dem ehemaligen Studioleiter in Karlsruhe Heinrich Wiedemann am 25. 11. 1976, in: SDR/HA, Historische Dokumentation 1945- 1986, Nr. 2363 (2). 111 Stuttgarter Nachrichten vom 28. 4. 1949. 92


http:/ /www.mediaculture- online.de "Reeducation"- Konzeption inspiriert waren. Damit bekam das Programmschema von Radio Stuttgart ein neues, wenn auch nicht völlig verändertes Gesicht. Der zeitliche Umfang der Ausstrahlungen dehnte sich dabei nur noch geringfügig aus. Im Januar 1947 lag der Sendebeginn um 6.00 Uhr, Programmschluß waren jeden Tag um Mitternacht. Zu dieser Zeit gab es noch an den Vormittagen der Werktage je eine Stunde Sendepause, nachmittags dauerte sie zwei Stunden. Da nach Abschluß der Kriegsverbrecherprozesse die Kommentare aus Nürnberg entfallen waren, konnte die Mittagsstrecke übersichtlicher gestaltet werden. Das Programm am Spätnachmittag und am frühen Abend brachte an den Werktagen eine mehr oder weniger täglich wiederkehrende Folge gleichartiger Sendungen. Wie beim Früh- und Mittagsprogramm entsprach dies einem Grundsatz der Programmgestaltung: dem Hörer ein hohes Maß an Sicherheit beim Wiederfinden von gleichen und ähnlichen Sendungen zur selben Tageszeit zu ermöglichen. Was heute im Zeitalter des "Nebenbeihörens" ein unverzichtbarer Bestandteil der Programmgestaltung ist, wurde so in einer Zeit, da Programmzeitschriften rar waren, ein wichtiges Element der Orientierung der Hörer, "seine" Sendungen täglich zur gewohnten Zeit einschalten und wiederfinden zu können. Lediglich die Gestaltung des Abends nach 20.00 Uhr bot insgesamt eine weniger übersichtliche Struktur, auch wenn man versuchte, vor allem werktags einen gleichbleibenden Rhythmus in der Zeitaufteilung einzuhalten. Da auch abends die "Kommentare aus Nürnberg" entfielen und der halbstündige "Schlagercocktail" eingestellt wurde, konnten nur zwischen 20.00 und 22.00 Uhr längere Programmstrecken eingeplant werden. Dabei gab es an Werktagen jeweils einen Wechsel zwischen Wort und Musik oder zwischen "ernster" und populärer Musik. Mittwochs blieb der alte Platz des Hörspiels um 21.00 Uhr erhalten, voraus gingen "Opernklänge" und um 22.00 Uhr begann das Studiokonzert mit zeitgenössischer Musik; so bot der Mittwochabend dem unterhaltungsbedürftigen Teil der Hörerschaft erst nach den Spätnachrichten um 23.00 Uhr die Möglichkeit der Entspannung mit leichter Musik. 93


http:/ /www.mediaculture- online.de Der Programmablauf von Radio Stuttgart stand am Samstagnachmittag seit dem 23. November 1946 im Zeichen des "Bunten Nachmittag", der wechselweise von einer der fünf Rundfunkanstalten der amerikanischen Besatzungszone – München, Frankfurt, Bremen, RIAS-Berlin und Stuttgart – als öffentliche Veranstaltung durchgeführt und bei Radio Stuttgart jeweils von 16.00 bis 17.45 Uhr ausgestrahlt wurde. Am Sonntagmorgen kam seit dem 10. November 1946 neben die Gottesdienste, den "Besinnlichen Morgen" – einmal monatlich auch als "Kunstkalender" mit den Gedenktagen des Monats gestaltet – und das Morgenkonzert die "Universitätsstunde" der von der badischen Sendestelle Heidelberg betreute wissenschaftliche Vortrag, neu ins Programm. Im Juli 1947 und am 1. Februar 1948 änderte sich das Programmschema erheblich: es gab zeitliche Umstellungen und Verschiebungen, Sendereihen wurden eingestellt, neue kamen hinzu, ohne daß sich aber die Grundstruktur geändert hätte. Im Sommer 1947 wurde mit der Kabarettsendung "Allerlei in Wort und Ton" – montags von 20.00 bis 21.00 Uhr abwechselnd mit der "Stuttgarter Wellenschaukel" eine neue unterhaltende Sendereihe eingeführt. "Allerlei in Wort und Ton" wurde übrigens bekannter unter dem Namen "Amtsschimmelsendung", da in ihr Erfahrungen der Bevölkerung mit der Bürokratie in der zwangsverwalteten Mangelwirtschaft aufs Korn genommen wurden. Hin und wieder gab es nach einer Sendung auch Probleme mit staatlichen und städtischen Ämtern: sie waren solche Kritik nicht gewohnt und nutzten jede Gelegenheit, nicht genau recherchierte Beiträge als grundlose Verdächtigung der Behörden zu brandmarken. Seit dem 31. Oktober 1947 gab freitags um 22.00 Uhr Dieter Zimmerle eine Viertelstunde lang unter dem Titel "Keine Angst vor Jazz" erstmals eine Einführung in eine Musikgattung, die der Mehrheit der Hörer kaum vertraut war und von ihr insgesamt auch wenig geschätzt wurde. Schon im Sendetitel suchte man also, etwas von der Ablehnung aufzufangen, die durch die Nationalsozialisten propagiert und betrieben worden war. Im Februar 1948 wurde 94


http:/ /www.mediaculture- online.de die Jazzsendung ausgesetzt, dann jedoch seit dem 14. Mai 1948 unter dem Titel Für den Jazzfreund" oder "Meister des Jazz" freitags, später donnerstags, um 23.30 Uhr fortgeführt. Im Programm am Sonntagvormittag trat am 11. Januar 1948 eine einzige wichtige Änderung in Kraft: der Beginn einer Sendung mit Nachrichten und Berichten aus den Kirchen und Religionsgemeinschaften. "Aus der Welt des Glaubens" stellte ein im Vergleich zu anderen Sendern spät hinzukommendes Angebot für die religiös interessierte Zuhörerschaft dar. Ein Jahr später, im Januar 1949, hatte sich die Programmstruktur an den Werktagen nicht wesentlich geändert, mit Ausnahme einer täglichen kirchlichen Morgenfeier von fünfzehn Minuten Dauer um 7.00 Uhr, wobei sich evangelische und katholische Geistliche abwechselten. Freitags hatten auch die Freikirchen wieder Zugang zu den Mikrofonen, nachdem ihnen der sonntägliche Termin genommen worden war. Der Stundenrhythmus im Abendprogramm blieb mit kleinen Ausnahmen bestehen: Die amerikanische Militärregierung beanspruchte montags um 20.30 Uhr eine halbe Stunde und donnerstags eine Viertelstunde Zeit für von ihr gestaltete Sendungen. Ansonsten sah die Programmfolge zwischen 20.00 und 22.00 Uhr, in denen die Hörerzahl sehr groß war, so aus: montags: Volkstümliche Weisen dienstags: Sinfoniekonzert mittwochs: das auf 20.00 Uhr vorverlegte Hörspiel donnerstags: schon seit 1948 die beliebte Serie in schwäbischer Mundart "Familie Staudenmeier" von Wolf Schmidt freitags: ein zweistündiges Opernkonzert 95


http:/ /www.mediaculture- online.de Die Gliederung des Programms zwischen 22.00 und 24.00 Uhr gestaltete sich Anfang 1949 unübersichtlicher als früher. In diesen beiden Stunden vor Mitternacht, in der die große Zahl der Hörer bereits zu Bett gegangen war 112 , trug man mehr und mehr Interessen von Minderheiten Rechnung, ohne daß mit diesen Sendungen der Zorn der breiten Mehrheit der Hörer erregt wurde: – montags folgte nach einem Bericht zum Zeitgeschehen "Musik aus alten Tagen" um 23.00 Uhr "Unsere Nachtsendung", erste Schritte in Richtung eines anspruchsvollen literarischessayistischen Nachtprogramms, – dienstags wurden nach einer Tanzmusik Werke zeitgenössischer (vielfach Stuttgarter) Komponisten aufgeführt, – mittwochs folgte nach "Das schöne Lied" ein viertelstündiger "Schachfunk", nach "Volkstümlicher Musik" zwischen 22.30 und 23.30 Uhr gab es bis Mitternacht noch eine weitere "Nachtsendung" für literarisch interessierte Hörer, – donnerstags nach Unterhaltungsmusik und "Kurzgeschichte" (22.45 Uhr) stellte Radio Stuttgart um 23.00 Uhr "Zeitgenössische Musik" und in der letzten halben Stunde vor Mitternacht "Meister des Jazz" vor, – freitags nach Tanzmusik zwischen 22.00 und 23.00 Uhr gab es "Musik unserer Zeit" mit zeitgenössischen Werken ernster wie auch unterhaltender Musik. Das Programmschema am Samstag präsentierte sich seit längerem mehr oder weniger unverändert. Seit März 1949 kam am frühen Nachmittag eine neue Sendefolge ins Programm, die ungewöhnlich erfolgreich werden sollte: Gerhart Hermann Mostars Gerichtsreportagen unter dem Titel "Im Namen des Gesetzes". Auch das Sonntagsprogramm blieb in seinen Grundzügen gleich: die literarisch- musikalische Sendung "Besinnlicher Morgen" firmierte jetzt anspruchsvoller als "Literarische Sendung". Den Abend zwischen 20.00 und 22.00 Uhr füllten im Gegensatz zu früher Wiedergaben aus Oper und Konzert. Erst nach einer Dichterlesung hieß es dann "Unterhaltung vor Mitternacht". Als Fazit der Beschreibung und Analyse des Programmschemas von Radio Stuttgart kann festgehalten werden: 112 Nutzungskurve im "Radio- Spiegel" Nr. 15/1947, S. 4 96


http:/ /www.mediaculture- online.de 1. Die Programmstruktur, das Grundraster des Angebots, war in ständiger Veränderung. Dabei sind Anlässe und Ursachen für die Verschiebungen meist nicht genau bekannt. Man muß dabei aber berücksichtigen, daß viele Veränderungen und Verschiebungen eher zufallsbedingt und dadurch verursacht sind, neue Sendereihen in dem zeitlich in etwa vorgegebenen Rahmen zwischen 6.00 und 24.00 Uhr unterzubringen. Es fällt auf, daß die Veränderungen mit fortschreitender Ablösung von der Umerziehungskonzeption der Amerikaner nicht mehr so einschneidend waren; das Grundmuster der Programmstruktur blieb bestehen, es gab eher Korrekturen im Detail. 2. Vor allem an den Werktagen und dort zu den Hauptsendezeiten wurde versucht, möglichst täglich ein gleiches Programmangebot zu liefern. Dies wurde umso schwerer, als mehr und mehr Zielgruppen und Minderheiteninteressen "bedient" werden sollten und sich damit auch das Angebot an verschiedenen Sendereihen weiter differenzieren mußte. Es blieben vor allem Unsicherheiten in der Programmplanung des Abends, d.h. in der Zeit von 20.00 bis 24.00 Uhr, wo trotz versuchter Ansätze einer durchgehenden Strukturierung an allen Wochentagen die unterschiedlichen Ansprüche von Kultur und Unterhaltung, gelegentlich auch der politischen Information – wie die Plazierung der Sendungen der amerikanischen Militärregierung seit 1947/48 belegt – eine eher unübersichtliche Programmgestaltung bewirken. Ansonsten war das Raster am Morgen und am Mittag der Werktage gleich bzw. sehr ähnlich strukturiert. 3. Nach der Konsolidierung des Programmrahmens blieben einige Schwerpunkte im Programmangebot ohne Veränderungen: Die musikalischen Sendungen am frühen Morgen waren entsprechend den hohen Hörerzahlen zu dieser Tageszeit – und die Trends der Nutzungskurven waren den Programmplanern damals bereits vertraut 112 – unterhaltenden Charakters. Von 1946 bis 1949 findet sich im Morgenprogramm nicht eine Sendung mit klassischer Musik. In diesem Falle trug der Hörfunk – ihm stand damals ja nur eine "Programmschiene" auf der Mittelwelle zur Verfügung, auf der alle unterschiedlichen Hörerbedürfnisse berücksichtigt werden mußten – den Ansprüchen der Mehrheit Rechnung. Anspruchsvollere Musiksendungen waren dagegen am späteren Vormittag und frühen und mittleren Nachmittag plaziert. Die Zeit vor 18.00 Uhr – wenn viele Hörer nach Hause kamen – und vor dem Beginn der aktuellen und informierenden Sendungen bis 20.00 Uhr wurde – allerdings nicht konsequent gleichfalls mit unterhaltender Musik belegt. Auch die Zwischenmusiken der "Informationsleiste" an den Werktagen zwischen 18.00 und 20.00 Uhr waren im Lauf der Jahre, wenn auch nicht durchgängig, so doch eher von "leichtem" Charakter. 4. Wie bereits erwähnt, schwankte die Gestaltung des Abendprogramms zwischen dem Kulturanspruch eines Programmauftrags, der damals noch nicht gesetzlich fixiert, aber unausgesprochen selbstverständlich war, und dem Unterhaltungsbedürfnis des Publikums. Ständige Veränderungen des 97


http:/ /www.mediaculture- online.de Programmschemas für die Abendstunden zwischen 20.00 und 22.00 Uhr lassen die tastenden Versuche erkennen, eine den vielfältigen Wünschen und Bedürfnissen angemessene Mischung bzw. Reihenfolge zu finden. Auch in der späten Zeit zwischen 22.00 und 24.00 Uhr war und blieb das Programmangebot in verschieden langen und inhaltlich unterschiedlich ausgerichteten Sendungen "diversifiziert", bewußt gestreut. Die zahlreichen Änderungen wiederum belegen das Bemühen, einen Ausgleich angesichts der Erwartungen des Publikums zu finden. Anstelle einer Leiste mit unterhaltender Musik nach 22.00 Uhr traten 1948 zahlreiche Minderheitensendungen wie literarisches Nachtprogramm, Schachfunk, zeitgenössische Musik, Jazz. Erst zum Wochenende wurde mit Tanzmusik und sonstigen eher leichten Musikgenres ein entspannender Tagesausklang geboten. Der Rundfunkkritiker E. K. Fischer bemerkte 1949 in einem Bericht über Radio Stuttgart, bei einer Gesamtbeurteilung gebe nicht das Einzelprogramm den Ausschlag sondern die Sendefolge als Ganzes: "Die Koordination der verschiedenen Programmtypen in einem elastischen Tages- , Wochen- und Monatsplan ist die Hauptaufgabe der Programmleitung. Radio Stuttgart wird dieser Aufgabe – auch nach Meinung der Hörerschaft nicht voll gerecht. Häufungen schwerer oder auch leichter Sendungen an einem Tag oder gar Abend und Zerstückelung der Sendezeiten zugunsten einzelner Referate und auf Kosten der dringend nötigen größeren Programmeinheiten sind keine Seltenheit." 113 Fischer sprach damit das Bestreben an, das Programmangebot übersichtlich zu gestalten, wobei man zugleich versuchte, vielen Interessen gerecht zu werden. Inwieweit seine kritische Feststellung gerechtfertigt ist, ließe sich nur bei einem großflächigen Vergleich der Programmstrukturen mehrerer Rundfunkstationen in diesen Jahren beurteilen. 113 Stuttgarter Zeitung vom 28. 4. 1949. 98


http:/ /www.mediaculture- online.de Gemeinsames Anhören des Schulfunks in der Bismarck- Schule in Stuttgart- Feuerbach, 1947 Programmangebot und Hörerresonanz Der manchmal nur in groben Zügen nachgezeichnete Programmrahmen und seine Veränderungen zwischen dem Jahresende 1945 und dem Sommer 1949 hat insgesamt auch eine gewisse Vorstellung von den Programminhalten vermittelt. Versucht man die Plazierung der Sendungen über den Tag hin zu interpretieren, so ergibt sich, daß auch der Nachkriegsrundfunk in beträchtlichem Umfang den Unterhaltungs- und Entspannungsbedürfnissen seines Publikums entgegenkam. Inwieweit Angebot und Nachfrage miteinander korrespondierten, kann später an einer der ersten Umfragen belegt werden, die 1948/49 von Radio Stuttgart in Auftrag gegeben wurde, um die Wünsche seiner Hörer besser kennenzulernen. Verschiedene zeitgenössische statistische Obersichten, deren Zuordnungskriterien und Berechnungsweisen sicher überprüfenswert wären, geben einige interessante Hinweise auf die rein quantitativen Anteile der einzelnen Programmsparten. Dabei zeigt es sich, daß zwischen 1946 und 1949 zwar einige Verschiebungen festzustellen sind, daß aber insgesamt die Relationen der großen Programmbereiche relativ stabil blieben. 99


http:/ /www.mediaculture- online.de Dem zeitlichen Umfang nach hatte die Musik auch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wieder den größten Anteil am Programm. Eine im Juni 1946 im "Radiospiegel" publizierte Programmstatistik wies folgende interessante Werte aus: musikalische Sendungen insgesamt 52,8 Prozent, das Wortprogramm 47,2 Prozent. In den Jahren bis 1949 verschob sich die Wort- Musik- Relation auch schon einmal: für den Januar 1947 wird diese mit 49 Prozent Musik und 51 Prozent Wort angegeben, ohne daß diese Veränderungen damals interpretiert wurden bzw. heute ohne weiteres erklärt werden können. Im ersten Halbjahr 1949 betrug das Verhältnis 54 Prozent Musik und 46 Prozent Wort 114 . Bezogen auf das gesamte Programmangebot wurde 1946 folgende Aufteilung errechnet: Unterhaltungsmusik 31,2 Prozent zuzüglich Tanzmusik mit 3,5 Prozent, also ein gutes Drittel. Der Anteil der klassischen Musik betrug 13,5 Prozent zuzüglich 1,32 Prozent zeitgenössische ernste Musik. "Bunte Stunden" mit einem beträchtlichen Anteil an Unterhaltungsmusik erreichten 3,1 Prozent. Für das erste Halbjahr 1949 werden folgende Werte angeführt: Von den 54 Prozent Musikanteil gehen allein 39 Prozent an die Unterhaltungsmusik: "Tanzmusik, Schallplattenplaudereien, Bunten Abende, kabarettistische Programme usw." Das entspricht in etwa den 38 Prozent aus dem Jahr 1946, wenn man dort die betreffenden Werte zusammenzählt. Dem in Sommer 1946 errechneten Anteil an sogenannter "Ernster Musik" mit rund 14,5 Prozent stehen 1949 15 Prozent gegenüber; eingeschlossen sind dabei "Opern- und Operettenaufführungen und Opernkonzerte, ... Symphoniekonzerte, ... Kammer- und Solistenmusik ..., Kirchen- und Chormusik": es sind also keine wesentlichen Änderungen zu verzeichnen. 114 "Radio- Spiegel", Nr. 12/1946, S. 20. S. auch "Funkkurier", Nr. 39/1948, 23. 2. 1948 mit einer weiteren Statistik unter der Überschrift: "Über 1000 Sendungen im Monat". Sie spiegelt in ihren Grundzügen das vertraute Bild wieder: 57,9 Prozent der Sendungen stammen aus dem Bereich der Musik, davon 34,3 Prozent Unterhaltungsmusik: das signalisiert einen gestiegenen Anteil von klassischer bzw. sogenannter E-Musik. Der Anteil der Wortprogramme beträgt demnach ca. 42,1 Prozent, innerhalb deren die Nachrichten weiterhin mit 10 Prozent den größten Anteil haben. Der Beitrag der Sendestelle Heidelberg zum Programm macht 8,44 Prozent aus. Übernahmen von anderen Sendern sind mit 14,2 Prozent am Gesamtvolumen der Programmleistung von Radio Stuttgart beteiligt. 100


http:/ /www.mediaculture- online.de Die Wortsendungen gliederten sich nach der Übersicht von 1946 so auf: Nachrichten 10,3 Prozent Vorträge über Kultur und Wissenschaft 2,2 Prozent Probleme des Alltags in Deutschland 7,6 Prozent belehrende und erzieherische Programme (educational programs, in erster Linie also Schulfunk) 2,2 Prozent Hörspiele 3,08 Prozent Frauen- , Kinder- und Jugendprogramme 5,9 Prozent lokale Sendungen 0,88 Prozent Kirchensendungen (Gottesdienste) 0,88 Prozent Sport rund 2 Prozent Stimme Amerikas 7,5 Prozent (!) Suchmeldungen 3,5 Prozent. Die damals noch ausgestrahlten polnischen Programme ergaben einen Anteil von 1,1 Prozent und "Gedenkstunden" – es handelt sich hierbei um die auf S. 81f erwähnten Gedenksendungen an Jahrestagen des Weltkriegsgeschehens – von 0,66 Prozent. Wenn auch auf Grund unterschiedlicher Zuordnungskriterien im Bereich des Worts ein direkter Vergleich zwischen den Werten von 1946 und 1949 nicht möglich ist, so lassen sich doch in dem ein oder anderen Fall einige signifikante Änderungen ausmachen: Vor allem der Anteil der "Stimme Amerikas" ist auf 3 Prozent zurückgegangen: Nachrichten, Kommentare, Sendungen der Militärregierung 17 Prozent literarische Sendungen etwa 10 Prozent Schulfunk, Jugendfunk und Kinderfunk haben zusammen einen Anteil von 6 Prozent Sport, Zeitfunk und Kirchenfunk je 2 Prozent Frauenfunk und Landfunk je 1 Prozent 101


Nachrichten, Kommentare, Sendungen der Militärregierung 17 Prozent Suchdienste immer noch 5 Prozent Stimme Amerikas 3 Prozent http:/ /www.mediaculture- online.de Das Programmangebot von Radio Stuttgart mit seiner Spannbreite von hohen kulturellen Ansprüchen bis hin zu wenig anspruchsvoller Unterhaltung mußte zwischen 1945 und 1949, solange nur eine "Programmschiene" zur Verfügung stand, zu dauernden Auseinandersetzungen mit den Hörern führen, die sich zu bestimmten Sendezeiten nicht entsprechend "bedient" fühlten. Ein Alternativangebot bestand allenfalls bei einer anderen Rundfunkstation, deren Ausstrahlung aber auf Grund der technischen Bedingungen der Mittelwelle tagsüber nicht immer gut empfangen und nachts durch einstrahlende Sender gestört werden konnte. In der Programmzeitschrift "Radiospiegel" und in Eigenpublikationen von Radio Stuttgart wurde immer wieder auf das besondere Problem der Programmgestaltung im Rundfunk hingewiesen und um Verständnis dafür geworben, daß nun einmal gleichzeitig nicht alle Ansprüche und Bedürfnisse befriedigt werden könnten. Der Abdruck von Hörerbriefen im "Radiospiegel" sollte dieses Dilemma dem Publikum drastisch belegen. So schrieb ein Herr L. K.: "Sonnabendnachmittag: Statt der schaffenden Bevölkerung einen lustigen Nachmittag zu übertragen, bringt Radio Stuttgart Opern! – Ich spreche im Sinn all derer, die bittersten Hunger leiden und die ganze Woche wie Pferde arbeiten müssen". Ganz gegenteilig die Meinung eines anderen Hörers: "Für die Freunde der klassischen Musik bietet Radio Stuttgart in der Tat sehr wenig. Den ganzen Tag ist nur Jazz zu hören ( ... ). Meines Erachtens wäre ein Sinfoniekonzert in den Abendstunden von 8 bis 10 Uhr eher am Platze als langweilige schräge Rhythmen. Muß über Trümmern getanzt werden?" Der Abdruck eines Hörervotums, das die Abgewogenheit des Programmangebots bekräftigte, leitete über in die Frage "Und welcher Meinung sind Sie?" 115 115 "Radio- Spiegel", Nr. 15/1947, S. 12. 102


Eine im Winter 1948/49 von Radio Stuttgart in Auftrag gegebene http:/ /www.mediaculture- online.de meinungswissenschaftliche Umfrage 116 gab über die Hörerbriefe hinaus, die regelmäßig gesammelt und ausgewertet wurden, präzisere Einblicke in die Wünsche und Präferenzen der Hörer. Die Umfrage brachte Ergebnisse, die auch durch die zahlreicheren Hörerbefragungen der fünfziger Jahre bestätigt wurden. Das Fazit lautete: "Die meisten Programmvorschläge gehen im großen und ganzen dahin, in den Abendstunden anstelle von Wortsendungen Unterhaltungsmusik zu bringen." 62 Prozent aller Befragten äußerten, regelmäßig – das sind allein 43 Prozent – oder gelegentlich – noch einmal 19 Prozent – Radio zu hören. Von ihnen nennen 99 Prozent Radio Stuttgart als den hauptsächlich gehörten Sender. 64 Prozent halten das Programm für "sehr gut" oder "gut". 79 Prozent der regelmäßigen Hörer schalten "Unsere Volksmusik mit Albert Hofele" ein, 74 Prozent die ersten Abendnachrichten am Werktag, 66 Prozent am Sonntagnachmittag die "Musik zur Kaffeestunde", 59 Prozent die Sendung "Aus unserer Heimat". Aus der Zahl der regelmäßig Hörenden schätzen 66 Prozent "Unsere Volksmusik" am meisten und 24 Prozent "Meister des Jazz" am wenigsten: Ein deutliches Signal für die Musikpräferenzen der Mehrzahl der Hörer aber auch für das Nachwirken der Diffamierung des Jazz, mit der die Nationalsozialisten diesen Musikstil überzogen hatten. Immerhin erklärten 77 Prozent, sie würden wenigstens gelegentlich Hörspiele einstellen, und 68 Prozent gaben die Auskunft, daß sie sich noch nebenbei mit etwas anderem beschäftigten, wenn sie Radio hörten. Die Ergebnisse von Detailbefragungen nach der Beliebtheit einzelner Programmsparten oder Sendereihen boten manchen interessanten Aufschluß. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Meinungsforscher getrennt nach dem regelmäßigen Hören einer Sendereihe und nach ihrer Beurteilung durch den Hörer fragten ("am meisten geschätzt"). Zu berücksichtigen ist ferner, daß es sich bei den angegebenen Werten letztlich nicht um exakte Zahlen sondern lediglich um Trends handeln kann. Bei den aktuellen Sendungen waren die Abendnachrichten 116 "Was sagt der Hörer von Radio Stuttgart?", in: Nachlaß Eberhard, IfZ – ED 11 7/Bd. 58. 103


http:/ /www.mediaculture- online.de um 19.45 Uhr am beliebtesten sowie einige andere informierende Sendungen. Viel gehört wurde, vermutlich weil günstig plaziert, die "Stimme Amerikas"; diese Sendungen waren aber insgesamt wenig beliebt. Daß bestimmte "Zielgruppensendungen" geringer gefragt waren, lag in der Natur der Sache. Aufschlußreich für die Stimmung in der Nachkriegszeit: Die Sendereihe "Prozesse der Zeit", die die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Epoche weiterführen sollte, wurde zwar von 13 Prozent der Hörerschaft eingeschaltet; sie wurde aber nur von 6 Prozent am meisten, jedoch von 21 Prozent am wenigsten geschätzt. Das ist ein Minuswert, der nur noch von der Jazz- Musik übertroffen wird. Unter den kulturellen Wortsendungen ragte "Aus unserer Heimat" mit 59 Prozent regelmäßiger "Einschaltquote" – dieser Begriff kann in diesem Zusammenhang nur analog verwandt werden – und 37 Prozent voller Zustimmung heraus, gefolgt von den religiösen Sendungen. Am unteren Ende der Beliebtheitsskala rangierten die anspruchsvollen Kultursendungen wie die "Stunde der Dichtung" (7 Prozent), "Der Zeitschriftenleser" (5 Prozent), "Kunst dieser Zeit "(4 Prozent) und "Unsere Nachtsendung" (3 Prozent). Zum Hörspiel wurde im speziellen festgestellt: "Unterhaltung und Zerstreuung für Theater und Kino, weil lehrreich und aktuell; weil sie fesselnd, aufregend, lebendig sind – darum machen sich 65 Prozent der Hörer in Württemberg- Baden etwas aus Hörspielen. Das Viertel, daß sich nichts aus Hörspielen macht, ist anderer Meinung. Abgesehen von denen, die sich grundsätzlich nichts aus Hörspielen machen, erklären sie, die Hörspiele seien oft zu anstrengend, sie seien meist schlecht oder langweilig; sie seien kein Ersatz für Theater oder Kino, der optische Eindruck fehle." Die Bewertung des Musikprogramms ergab hohe Hörerzahlen und volle Zustimmung für leichte und volkstümliche Musik, auch für die sinfonische Musik (rund 30 Prozent) noch relativ hohe Einschaltquoten. Dies war aber verbunden mit einer überraschend starken Ablehnungsquote von 20 Prozent. Mit 12 Prozent 104


http:/ /www.mediaculture- online.de Anteil regelmäßiger Hörer aber 22 Prozent Ablehnung, d.h. am wenigsten geschätzt, hatte die Kammermusik einen noch schwereren Stand. Mit 8 Prozent regelmäßigem Einschalten aber 24 Prozent Ablehnung ("am wenigsten geschätzt") bildete der Jazz das "Schlußlicht". Hohe Einschaltquoten und auch entsprechende Zustimmung ("am meisten geschätzt") können dagegen alle Unterhaltungssendungen vorweisen. Hinter diesen aufschlußreichen statistischen Zahlen über die Nutzung und Bewertung des Programmangebots von Radio Stuttgart kommt natürlich das täglich und stündlich gesendete Programm in allen seinen Einzelheiten nicht so recht zum Vorschein. Eine detaillierte und umfassendere Kenntnis dieses Angebots gäbe Aufschluß darüber, inwieweit das Radioprogramm ein Spiegel der Zeitströmungen war; besonders nachdem die amerikanischen Umerziehungsabsichten an Einfluß verloren hatten und der pädagogische Anstrich, der von einer gewissen Willkür getragen war, nicht mehr so prägend wirken konnte. Aber auch die deutschen Programmverantwortlichen ließen sich bei der Planung und Präsentation im Detail nicht nur von den Wünschen ihrer Zuhörer leiten. Sie hatten gewisse Vorstellungen von dem, was über das Radio in den kommunikativen Umlauf zu setzen sei und somit vielleicht nicht ohne Einfluß auf die Zeitgenossen bleiben sollte. Andererseits waren auch ihre Entscheidungen von kaum bewußten Vorlieben und der "Auslieferung an den Zeitgeist" geprägt, weiterhin von Programmkonventionen des damals seit fast 25 Jahren bestehenden Mediums; aber es galt auch, die technischen und finanziellen Möglichkeiten zu bedenken, die nicht nur die Inhalte bestimmten sondern auch die Form und die Machart, in der diese dem Publikum vermittelt wurden. Angesichts des Fehlens genauer und spezifischer Programmanalysen können hier nur einige eher oberflächliche Eindrücke beschrieben werden. Es wäre z. B. sehr interessant, Tendenzen und Schwerpunkte bei der Ausstrahlung sogenannter ernster Musik zu untersuchen. Welche Anteile hatten die verschiedenen Epochen der Musikgeschichte bei den Konzert- und 105


http:/ /www.mediaculture- online.de Opernübertragungen? Was verbarg sich hinter dem angesprochenen Engagement für "Neue Wege in der Tonkunst"? Welche Trends prägten die leichte Musik? Welche Spielarten herrschten vor, welche Traditionen aus der Unterhaltungsmusik vor 1945 lebten fort, welchen Stellenwert hatten ausländische, d. h. in erster Linie amerikanische Arrangements und Produktionen? Zwar erzählen die damaligen Mitarbeiter immer von den großen "OWI- Platten", den Schallplatten des "Office of War Information" der Amerikaner. Was jedoch an amerikanischer Musik wirklich ins Programm eingeströmt ist, das kann nur anhand statistischer Analysen der erhaltenen Sendelaufpläne beantwortet werden. Auf keinen Fall darf bei einer Interpretation solcher Analysen vergessen werden, daß für die Gestaltung des E-Musik- Programms wie für die Sendungen mit Unterhaltungsmusik neben dem Musikgeschmack der verantwortlichen deutschen Redakteure und der amerikanischen Kontrolloffiziere entscheidend war, welche Schallaufzeichnungen zur Verfügung standen und was an geeigneten Konzert- und Opernaufführungen sich zur Übertragung anbot. Der schon mehrfach zitierte Bericht, der aus Anlaß der Übergabe von Radio Stuttgart in deutsche Hände verfaßt wurde, wies in diesem Zusammenhang auf den hohen Verlust an Schallplatten und Bandmaterial aus der Unterhaltungsmusik hin. Deshalb wurde neben dem Sinfonieorchester auch ein Unterhaltungsorchester gegründet, um mit dessen Hilfe den Bestand an Schallaufzeichnungen im Bereich der Unterhaltungsmusik wieder aufzufüllen. Ergänzend stellte der Autor des Rückblicks fest: "Erschwerend in dieser Situation wirkte sich aus, daß nach dem Kriege in Deutschland so gut wie kein neues Schaffen auf dem Gebiet der Unterhaltungsmusik existierte. Es wurden deshalb, soweit es die beschränkten Mittel erlaubten, auch Aufträge für neue Kompositionen und Arrangements vergeben: ebenso galt ein kleines Preisausschreiben der Förderung neuer Unterhaltungsmusik 117 . Nach der Musik hatten die aktuell informierenden und politischen Sendungen den größten Anteil am Programm. In diesem Bereich gab es einen allmählichen 117 Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 17. 106


Wandel der Konzeption. Aus den Elementen, die durch die http:/ /www.mediaculture- online.de "Umerziehungs"- Vorstellungen Amerikaner ins Programm geflossenen waren, wurden in modifizierter Weise Bestandteile eines politisch engagierten, den Bedürfnissen einer offenen demokratischen Gesellschaft angemessenen Programms 118 . Hier besaßen die Deutschen ja praktisch kaum eigene Erfahrungen: In der Weimarer Republik war dem Rundfunk politische Neutralität verordnet worden, im Dritten Reich wurde er als Sprachrohr der nationalsozialistischen Propaganda mißbraucht. Meinungspluralismus und seine Umsetzung in einem Rundfunkprogramm mußten erst noch eingeübt werden. Wandlungen unterlag dabei die aktive, negativ bestimmte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Nach dem Ende der Übertragungen vom Nürnberger Prozeß gab es weiterhin Berichterstattung über nachfolgende Kriegsverbrecherprozesse und spektakuläre Spruchkammerverfahren gegen prominente Sympathisanten und Helfer des NS-Systems. Größeres Aufsehen erregten dabei das Spruchkammerverfahren gegen den ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht und die Auseinandersetzung zwischen dem Ministerpräsidenten Dr. Reinhold Maier und dem Kommissar für die politische Säuberung in Württemberg- Baden Franz Karl Maier. Dieser hatte unter Hinweis auf die Zustimmung Reinhold Maiers als Reichstagsabgeordneter 1933 zum Ermächtigungsgesetz den jetzigen Ministerpräsidenten als "belastet" einstufen wollen. Beide Verfahren mit allen Kontroversen, die die Öffentlichkeit aufwühlten, wurden von Radio Stuttgart mit ausführlichen Sendungen begleitet. Die Möglichkeiten der Auslandsberichterstattung – einem weiteren wichtigen Anliegen der Amerikaner – blieben noch längere Zeit sehr eingeengt. Auch die Mitarbeiter von Radio Stuttgart unterlagen der generellen Einschränkung, Auslandsreisen zu unternehmen. Zudem war vor Mitte 1947 eine Berichterstattung durch deutsche Korrespondenten im Ausland gar nicht erlaubt: Kontakte zu Journalisten "draußen", auch zu Emigranten, trugen aber dazu bei, Beiträge von Vertretern vor Ort zu erhalten. Radio Stuttgart entsandte erstmals im 118 Mettler, Demokratisierung, S. 99. 107


http:/ /www.mediaculture- online.de Februar 1949 einen Berichterstatter zu einer Tagung der Europaunion nach Brüssel und im Mai desselben Jahres zur Außenministerkonferenz nach Paris. Im Vergleich zur heutigen Praxis ist zu berücksichtigen, daß die Korrespondentenberichte weder per Telefon durchgegeben noch mit Originalton- Aufnahmen versehen werden konnten. Dazu wären kleine tragbare Aufnahmegeräte notwendig gewesen, die es damals noch gar nicht gab. Die Beiträge wurden in der Regel in schriftlicher Form per Post oder Fernschreiber übermittelt und im Funkhaus dann von einem Sprecher verlesen 119 . Ähnlichen Beschränkungen unterlag teilweise auch die Berichterstattung aus Deutschland, selbst wenn hier direkte Überspielungen auf Grund des wiederhergestellten Leitungsnetzes möglich waren. Ständige Korrespondenten von Radio Stuttgart etwa in Frankfurt, dem Sitz der sogenannten Bi- Zonen- Verwaltung und des Wirtschaftsrats für die amerikanische und britische Besatzungszone mit Vorformen der späteren bundesrepublikanischen Institutionen, oder in Bonn, am Sitz des seit 1. September 1948 tagenden "Parlamentarischen Rates", gab es noch nicht. Bei Ereignissen von nationaler Tragweite reiste ein Mitarbeiter der politischen Redaktion an, so etwa zu den Ministerpräsidenten- Konferenzen in München (1947) und Koblenz (1948) oder zur Eröffnungssitzung des Parlamentarischen Rats in Bonn am 1. September 1948. Dem gewünschten Meinungspluralismus wurde mit verschiedenen Sendeformen Rechnung getragen. Da gab es z.B. "Radio Stuttgarts Forum", das in öffentlicher Diskussion auf dem Podium unterschiedliche Probleme des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens behandelte. Das Themenspektrum war erheblich breiter als das der akademisch geprägten Aussprachen unter dem Titel "Fragen, die alle angehen". Vom Herbst 1946 bis Mai 1947 wurde fast jede Woche die Aufzeichnung eines "Forums" ausgestrahlt, das auch außerhalb Stuttgarts veranstaltet wurde. Diese Sendungen sollten ein Beispiel für praktizierte, demokratische Meinungsvielfalt in der öffentlichen Auseinandersetzung um ein 119 Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 14 108


http:/ /www.mediaculture- online.de kontroverses Thema sein. Behandelt wurden Fragen der künftigen Staatsform, der Wirtschaftsverfassung – "Planwirtschaft oder freie Wirtschaftsführung?" - , der Stellung der Frau in der Gesellschaft, Probleme des Abtreibungsparagraphen 218 StGB, des Berufsbeamtentums und auch der künftigen Rundfunkverfassung. Die Zuhörer im Saal waren zu Meinungsäußerungen aufgefordert, und da brach sich gelegentlich des Volkes Stimme Bahn, wie die einzige erhaltene Tonaufnahme eines solchen "Forums" hörbar und deutlich belegt 120 . Es ist bezeichnend, daß dieses "Forum", das amerikanischen Traditionen verpflichtet war, im Oktober 1947 durch die Sendereihe "Gespräche am runden Tisch" ersetzt wurde. Sie fand im Studio und nicht mehr vor einer größeren Zuhörerschaft statt. Zur ersten Sendung hieß es einleitend: "Die Gespräche von Fachleuten über aktuelle Fragen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens sollen ( ... ) einen Einblick in Planungen und Absichten der verschiedenen Staats- und Stadtämter sowie der wirtschaftlichen und kulturellen Organisationen vermitteln." Aus einem Diskussionsforum mit unterschiedlichen Standpunkten, das jedoch nicht immer der Gefahr entgangen war, daß demagogische, aber auch wichtigtuerische Redebeiträge des Publikums seine Intentionen verfälschte, aus diesem Forum war eine Expertenrunde geworden, die – das lassen auch die Titel zahlreicher Sendungen erkennen – nicht frei war von dem, was heute als "Verlautbarungsjournalismus" charakterisiert wird 121 . Mit wohl vergleichbarer Absicht wurde 1947 die Diskussionsrunde "Parteien diskutieren" eingestellt und durch die Sendereihe "Parteien sprechen" ersetzt, in der nur noch der Standpunkt einer einzelnen Partei vertreten war und dem Hörer nicht mehr die direkte kontroverse Diskussion vermittelt wurde. Teil der Präsentation demokratischer Meinungsvielfalt, die vornehmlich in den Diskussionssendungen ihren Ausdruck fand, waren auch die zahlreichen Übertragungen von Landtagsdebatten und die Landtagsberichte, die ja nicht nur 120 SDR/HA, Programmnachweise Hörfunk, Ansagen mit dem Thema des Forums und den Namen der diskutierenden Teilnehmer. Siehe auch Funkkurier, Nr. 3/1947 vom 28. 1. 1947. 121 SDR/HA Programmnachweise Hörfunk vom 28. 10. 1947 109


http:/ /www.mediaculture- online.de einen engeren Kontakt der Bevölkerung zur Volksvertretung herstellten, sondern auch die Möglichkeit boten, mittels verschiedener Debattenbeiträge unterschiedliche politische Standpunkte zu erfahren. Der besonderen Pflege des demokratischen Gedankens – ausdrücklich auch unter Einbeziehung der deutschen Traditionen, wie Vorträge von Theodor Heuss und Carlo Schmid belegen – widmete sich die Sendung "Volk und Staat" unter Leitung und eigener Beteiligung von Fritz Ermarth. Auch die Kommentare gehörten zur Demonstration unterschiedlicher Meinungen als dem Lebenselement der Demokratie: Hier zeichnete sich Radio Stuttgart aber nicht durch eine besondere Vielfalt aus. Lange Zeit gab es nur den samstäglichen politischen "Wochenkommentar", auch "Politischer Wochenbericht" genannt. Ansonsten wurde der Meinungskommentar beim Stuttgarter Sender lange Zeit nicht gepflegt. Erst vom April 1948 an sprachen vornehmlich Heinz Frentzel sowie einige andere Redakteure und Mitarbeiter einen täglichen Kurzkommentar. Der aus der sowjetischen Besatzungszone geflohene Frentzel, ein früheres SED- Mitglied, stieß nicht nur wegen seiner nun ins Feindbild der amerikanischen Besatzungsmacht passenden, scharf antikommunistischen Kommentare auf Kritik; er war auch völlig überfordert, fast täglich zu Ereignissen in Deutschland oder in der übrigen Welt angemessene interpretierende und wertende Anmerkungen zu formulieren. Von Mai 1948 wurde daneben zweimal wöchentlich der RIAS-Kommentar von Alfred Boerner, einem Mitarbeiter der US- Informationskontrolle, auch über Radio Stuttgart ausgestrahlt. In seinen Aussagen, die den Interessen der amerikanischen Außenpolitik untergeordnet waren, konnten diese Kommentare nicht unbedingt als ein Muster für freien Rundfunkjournalismus gelten 122 . Entsprechend den damaligen Vorstellungen und Begriffen spielte sich die aktuelle "unpolitische" Information im "Zeitfunk" ab. Er berichtete über Entwicklungen und Ereignisse auf allen Gebieten. Eine auf das gesamte Sendegebiet bezogene, 122 Stuttgarter Zeitung vom 10. 11. 1948: "Wir können die Kommentare Herrn Frentzels schon lange nicht mehr hören"; siehe auch Rhein- Neckar- Zeitung vom 2. 8.1948; Mettler Demokratisierung, S. 76 über die Kommentare von Alfred Boerner. 110


flächendeckende Erkundung und Aufnahmetätigkeit war für diese http:/ /www.mediaculture- online.de Programmsparte noch lange deshalb schwierig, da nur – und dies auch erst seit dem Herbst 1946 – ein einziger Übertragungswagen zur Verfügung stand, der zudem häufig für Sportübertragungen benötigt wurde. Der Zeitfunk mußte sich daher länger und stärker als beabsichtigt noch auf Studioaufnahmen beschränken. Nachdem 1948 ein zweiter Studiowagen in Betrieb genommen worden war, erweiterten sich der Aktionsradius der Zeitfunkreporter und damit die Möglichkeiten aktueller Berichterstattung 123 . Trotz der Abhängigkeit von langen "Strippen" vom Ort des Geschehens zum Übertragungswagen und bei Live- Reportagen vom Leitungsnetz der Post zum Ü- Wagen war auch bei Radio Stuttgart der Zeitfunk die Sendeform mit lebendigen, spontanen Äußerungen der Bevölkerung und Reportagen über das Alltagsleben in der Nachkriegszeit. Leider haben sich nicht allzu viele Aufnahmen davon erhalten. Das sonstige Wortprogramm, vor allem im kulturellen Sektor, muß insgesamt als wenig innovativ beurteilt werden. Daß es in der formalen Gestaltung durchweg von Vortrag und Rezitation und kaum einmal von freier spontaner Rede, ungeplantem Gespräch und offener Diskussion bestimmt war – das galt im übrigen auch für weite Bereiche des politischen bzw. aktuellen Programms - , ist aus den Programmtraditionen in Deutschland verständlich. Hier haben sich für die meisten Sendeplätze erst im Laufe der fünfziger, in einigen sogar erst in den sechziger Jahren gewichtige Veränderungen vollzogen. 123 Vier Jahre Radio Stuttgart, S. 14. 111


http:/ /www.mediaculture- online.de Der Ü- Wagen von Radio Stuttgart im Donautal auf dem Weg zu einer Reportage über das Kloster Beuron, 1947 Der Zeitfunk unterwegs: ein Techniker an den Reglern im Ü- Wagen "Theophil" Beim kulturellen Wort wurde damals zwischen dem literarischen Programm – im wesentlichen Dichterlesungen - , dem künstlerischen Wort – vor allem dem Hörspiel – und dem wissenschaftlich- kulturellen Vortragswesen unterschieden. Zum literarischen Programm stellte der Bericht über "Vier Jahre Radio Stuttgart" fest, das Bestreben der verantwortlichen Mitarbeiter gelte der "Vermittlung dichterischer Ewigkeitswerte wie der Vermittlung zeitgenössischen Schaffens". Schon eine flüchtige, auf exakte Analyse und quantitative Auswertung verzichtende Durchsicht erhellt, daß der Schwerpunkt nicht auf der Gegenwartsliteratur lag. Die Reihen "Dichter lesen aus ihrem Werk" bzw. die "Stunde der Dichtung" orientierten sich insgesamt an Bewährtem, setzten aber auch einige neue Akzente bei der Vorstellung der Literatur des Auslandes. Die nach der Währungsreform im Programm plazierte Sendung "Kunst dieser Zeit", seit dem 20. Oktober 1948 "Unsere Nachtsendung", machte mehrfach mit der "Stimme der Jungen" bekannt, etwa mit Gedichten und Prosa von Heinz Friedrich, Rolf Thies, Wolfgang Borchert, Wolf- Dietrich Schnurre sowie mit dem "Lied der 112


http:/ /www.mediaculture- online.de Emigration". Es gab aber auch Sendungen mit dem Titel "Was aber blieb uns?", in denen Werke von Autoren wie Bruno Frank, Franz Werfel, Hans Egon Holthusen und Werner Bergengruen, also Angehörigen der "inneren Emigration", den Hörern vorgestellt wurden. Die Sendeformen beschränkten sich auf Lesungen, oft auch von den Autoren selbst, und konventionelle Literaturkritik im Stil einer verlesenen Zeitungsrezension. Interviews und freie Gespräche mit den Autoren und Literaten gab es kaum. Literarische Essays oder das eigens für den Rundfunk geschriebene sogenannte "Feature" unter anderem über kulturhistorische und sonstige, die geistige Situation der Zeit beleuchtende Themen gab es bei Radio Stuttgart nicht. Diese Themen wurden – wenn überhaupt – im wesentlichen noch vom klassischen Vortragswesen abgedeckt, vor allem in der "Universitätsstunde" am Sonntagvormittag. Zeitkritische Betrachtungen und kulturkritische Polemiken, wie sie die zahlreichen neugegründeten Zeitschriften füllten, die die Währungsreform vielfach jedoch nicht überlebten, hatten bei Radio Stuttgart keinen originären Platz. Bezeichnend dafür ist auch der Umstand, daß der rührige Leiter der im März 1948 eröffneten Sendestelle Karlsruhe, Heinrich Wiedemann, offensichtlich dieses Manko empfand und eine Sendereihe mit dem Titel "Der Zeitschriftenleser" ins Leben rief; in ihr wurde diese Seite des kulturellen Lebens gespiegelt, ohne daß sich Radio Stuttgart daran mit wesentlichen eigenen Beiträgen beteiligt hätte. Ein thematisches Novum stellte übrigens eine naturwissenschaftliche Sendereihe unter der Leitung von Dr. Karl Reger dar, die in Form von Reportagen und Erläuterungen "Wege der naturwissenschaftlichen Forschung" aufzeigte 124 . Auch ein Blick auf das Hörspielprogramm von Radio Stuttgart belegt die Tendenz der Programmarbeit im kulturellen Bereich, mit insgesamt eher konventionellen Mitteln radiophone "Gebrauchsware" zu produzieren. Das lag nicht zuletzt daran, daß die Stuttgarter Hörspielredaktion – wie übrigens die meisten Redaktionen der anderen Stationen – abgeschnitten war von den kulturellen und radiospezifischen Traditionen der Weimarer Zeit. Was das insgesamt noch rare literarische Leben 124 Ebd. S. 15 f. 113


http:/ /www.mediaculture- online.de anging, so muß man berücksichtigen, daß zudem Stuttgart in der Nachkriegszeit nicht im Zentrum der Kultur- Aktivitäten stand. Verbindungen über die Grenzen der Besatzungszonen hinweg blieben nach wie vor schwierig. Auch das erschwerte die Möglichkeiten, speziell für den Hörfunk geschriebene dramatische Texte aus der ohnehin noch spärlichen literarischen Produktion zu beschaffen. Hin und wieder wurden deshalb Originalhörspiele von anderen Sendern übernommen. Beim literarischen Hörspiel von Radio Stuttgart standen bis 1949 die Adaptionen aus Schauspiel und Novellenprosa im Vordergrund entsprechend der Ankündigung in einem Bericht für die amerikanischen Rundfunkoffiziere, daß man in den Bemühungen fortfahren werde, "den Hörern die bedeutendsten Werke der klassischen sowie der neueren und neuesten Bühnenliteratur des In- und Auslandes in Funkbearbeitung" vermitteln werde. Besondere Schwerpunkte sind bei der Auswahl der Vorlagen über die Jahre hinweg nicht auszumachen. Originalhörspiele blieben jedoch die Ausnahme. Der Vergleich zwischen Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" und der Behandlung eines ähnlichen Themas in Hans Sattlers, des Radio Stuttgart eng verbundenen Autoren und Dramaturgen, Hörspiel "Der Weg aus dem Dunkeln" (1948), offenbart den Unterschied zwischen literarischem Niveau, das damals im Hörspiel selten erreicht wurde, und radiophoner "Gebrauchsware", die an die Grenze der Trivialität streift. Gerechterweise muß betont werden: Das Hörspiel dieser Zeit darf kaum mit dem Anspruch, eine eigenständige Kunstform zu sein, beurteilt werden; es war vielmehr oft ein um den Anteil der optischen Anschauung verringerter Theater- und Kinoersatz. Seit 1947 ist diese Funktion deutlich erkennbar an dem größer werdenden Anteil unterhaltender Hörspiele: Komödien, Liebes- und Kriminalgeschichten machten nun fast die Hälfte des Angebots aus. Ein Beleg für den Theater- und Kinoersatz ist auch die Tatsache, daß das Hörspiel der späten vierziger Jahre sich anhört wie die Tonspur eines Ufa- Films. Wie stark das Vorbild des Films insbesondere für die unterhaltenden Hörspielbeiträge prägend gewesen 114


http:/ /www.mediaculture- online.de ist, das zeigt auch die reichliche Verwendung von Musik, die aus diesen UFA- Filmen vertraut ist 125 . Der heutige Beobachter sieht eher die zeitbedingten Beschränkungen des Programms der Rundfunksender in der Nachkriegszeit; doch jenseits der experimentierfreudigen NWDR-Redaktion "talks and feature" in Hamburg wurde überall "mit Wasser gekocht". Wie im einzelnen unterschiedliche Ausgangsbedingungen zu verschiedenen Ergebnissen führten, das müßte in Bezug auf Radio Stuttgart im Vergleich zu den anderen Sendern der westlichen Besatzungszonen noch im Detail untersucht werden. Rundfunkpolitik zwischen Weimar und Washington Der Streit um die Rundfunkgesetzgebung Sprachrohr eines neuen Denkens, Ausdruck demokratischer Meinungsvielfalt zu sein, das war das Anliegen der meisten Mitarbeiter der Sender in den westlichen Zonen und damit auch von Radio Stuttgart. Über die dauerhafte Sicherung dieses Anliegens wurde zwischen den deutschen Politikern und den Besatzungsmächten heftig gerungen, weil abweichende Vorstellungen nur schwer miteinander vereinbar waren. In Stuttgart sollten diese Auseinandersetzungen besonders lange dauern. Schwierigster Punkt in der Auseinandersetzung war dabei die Frage, welchen Einfluß der Staat in einer künftigen Rundfunkorganisation haben sollte. Anfangs erschwerten zusätzlich die amerikanischen Sachverständigen selbst die Konsensfindung: Die OMGUS-Zentrale in Berlin konnte sich durchaus eine Beteiligung der Landesregierungen am Rundfunk vorstellen, während die Militärregierung von Württemberg- Baden dies strikt ablehnte. Der Generalnenner, ausführlicher Bolik/Skoruppa, Hörspiel nach der Stunde Null, Sendemanuskript vom 28. 7. 1989. 115


http:/ /www.mediaculture- online.de den Einfluß der Exekutive, der parlamentarischen Institutionen und der Parteien zugunsten eines unabhängigen Rundfunks zurückzudrängen, setzte sich dann aber im Laufe eines internen Klärungsprozesses durch. Trotz mancher Schwierigkeiten gelang es, eine gewisse Einheitlichkeit in der Rundfunkgesetzgebung der Länder in der amerikanischen Zone zu erreichen. Sie unterschied sich in einigen Punkten deutlich vom Statut für den Nordwestdeutschen Rundfunk, das ja maßgeblich von britischen Vorstellungen geprägt war. So zeichnen sich bis in die Gegenwart die Rundfunkgesetze der Länder in der ehemaligen amerikanischen Zone dadurch aus, daß der Regierungs- und Parteieneinfluß in den Aufsichtsgremien weitgehend zurückgedrängt ist. Darüber hinaus finden sich klare Regelungen, die verhindern sollen, daß über die Finanzkontrolle und über die Verwaltung von möglichen Überschüssen aus den Gebühreneinnahmen indirekt Einfluß durch die staatliche Exekutive oder die Parlamente ausgeübt wird 126 . In den anfänglichen Diskussionen mit den deutschen Vertretern taten sich die Amerikaner sehr schwer, weil sie klarere Vorstellungen davon hatten, was sie nicht wollten, den Deutschen aber auch nicht ihr privatwirtschaftliches Rundfunksystem aufzuzwingen beabsichtigten. Von dieser Seite waren daher zu Beginn der Gespräche wenig konstruktive Vorschläge zu erwarten. Deshalb war es für die deutschen Vertreter um so einfacher, in den Verhandlungen mit den Amerikanern mit großer Beharrlichkeit an den Organisationsmodellen der Weimarer Zeit festzuhalten. Schließlich waren die Regierungen der Länder wieder durch demokratische Wahlen legitimiert, ihre Vertreter als engagierte Verfechter demokratischer Ideen ausgewiesen: Da konnte doch gegen den maßgeblichen Einfluß der Exekutive – sei es auf Grund der gesellschaftsrechtlichen Konstruktionen und/oder weitgehender staatlicher Kontrollbefugnisse bei den Rundfunkgesellschaften – nichts einzuwenden sein. Dieses Festhalten an 126 Die folgende Darstellung beruht auf der unveröffentlichten Diplomarbeit von Horst Scholtissek, Die Entstehungsgeschichte des Süddeutschen Rundfunks. Vom Zonenrundfunk in Württemberg- Baden zur öffentlich- rechtlichen Rundfunkanstalt, Regensburg 1974. Sie ist auf der Basis der Akten zur Rundfunkgesetzgebung erstellt, die das Staatsministerium Württemberg- Baden anlegte. Sie befinden sich inzwischen im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Siehe auch Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945, S. 93 ff. 116


http:/ /www.mediaculture- online.de überkommenen Organisationsmodellen hatte einerseits damit zu tun, daß man kein juristisches Vorbild einer funktionierenden öffentlichen Einrichtung in weitgehender Selbstverwaltung zur Hand hatte. Andererseits saßen Vorstellungen über den Rundfunk als Verlautbarungsorgan der Exekutive sowie die Furcht vor einem wirklich unabhängigen, regierungskritischen Medium mit einem viel höheren "Wirkungsgrad", als man ihn der Presse unterstellte, so tief, daß man mit aller Macht die schon in der Weimarer Zeit vorhandenen Einflußmöglichkeiten behaupten wollte. So war es nur konsequent, wenn die Diskussion, die schon im Herbst 1945 geführt wurde, innerhalb der Regierung von Württemberg- Baden über die künftige Form des Rundfunks um die Organisationsmodelle der Weimarer Zeit kreiste, die so auch in ersten Gesetzentwürfen ihren Niederschlag fand. Diese wurden später von deutscher Seite in die Beratungen des Süddeutschen Länderrats eingebracht: Danach sollte der der Staat die Geschäftsanteile der neuen Rundfunkgesellschaften besitzen und auch weitgehend die Mitglieder der aufsichtsführenden Gremien bestimmen. Ein Erbe aus der Weimarer Zeit war auch das Mitspracherecht der Post beim Rundfunk; dagegen hatte man von Seiten der deutschen Politiker wenig einzuwenden. Damals konzessionierte die Reichspost die Sendeerlaubnis wie auch den Rundfunkempfang, betreute den technischen Betrieb vom Studio bis zu den Sendeanlagen. Als Konzessionsbehörde stand ihr auch das gesamte Gebührenaufkommen zu. Aus den Einnahmen hatte sie recht willkürlich einen Teil an die Programmgesellschaften abgeführt, andere Teile der Rundfunkeinnahmen aber dazu benutzt, um Defizite im allgemeinen Posthaushalt zu decken. Dies war auch der Grund dafür, weshalb der Beauftragte für Rundfunkfragen bei der Regierung von Württemberg- Baden, Joseph Vögele, eine Lösung bevorzugte, die das gesamte Gebührenaufkommen den Rundfunkgesellschaften zusprach. Die Post sollte aus diesen Einnahmen für technische Dienste und den Gebühreneinzug ein Entgelt erhalten. Damit sollte unterbunden werden, daß die Post – wie in den Jahren der Weimarer Republik geschehen – die Gebühren für andere Zwecke verwandte. Daß sich eine solche 117


http:/ /www.mediaculture- online.de Entwicklung schon wieder anbahnte, zeigte Anfang 1946 die Forderung des Postministeriums von Württemberg- Baden, die Rundfunkgebühren zu erhöhen, um so die Defizite im Posthaushalt des Landes decken zu können. Immerhin gelang es auf der Ebene des Länderrates, einen Konsens zwischen den Regierungsvertretern der Länder in der amerikanischen Zone zu erreichen. Die Post sollte sich auf den Kabel- und Entstörungsdienst beschränken, und der Gebühreneinzug sei gegen entsprechendes Entgelt als Dienstleistung der Post für den Rundfunk zu betrachten. Lediglich in der Frage, wer die Sendeanlagen besitzen und betreiben sollte, blieb man uneins. Gegen diesen Beschluß vom 6. August 1946 machte die Deutsche Post sogleich mobil: Sie schickte ihre Mitarbeiter mit Protestversammlungen und Petitionen vor, in denen eine Aufrechterhaltung der alten Regelungen gefordert wurde. Darüber hinaus versuchte die Post, auch mit juristischen Argumenten ihren umfassenden Einfluß auf das Rundfunksystem aufrechtzuerhalten. Sie stützte sich dabei insbesondere auf das Fernmeldeanlagengesetz von 1928, das von den Alliierten formell nicht außer Kraft gesetzt war. Anders als der Süddeutsche Länderrat zeigte sich im Laufe des Jahres 1947 der Wirtschaftsrat des Vereinigten Wirtschaftsgebietes der amerikanischen und britischen Zone (der sogenannten Bizone) aufgeschlossen gegenüber den Vorstellungen der Postbürokratie. Dieser Wirtschaftsrat beschloß am 20. November 1947, im Interesse der Rechtskontinuität bedürften sämtliche Änderungen der Besitzrechte und der Verwaltungsangelegenheiten des Rundfunks der Zustimmung dieses Gremiums. Das Ergebnis einer derartigen Abstimmung wäre vor allem im Hinblick auf die alten Rechte der Post nicht zweifelhaft gewesen. Dieser Beschluß des Wirtschaftsrats wurde tags darauf vom Militärgouverneur der amerikanischen Zone, General Lucius D. Clay, wegen Unzuständigkeit kassiert. Damit waren für die amerikanische Zone die mehr als ein Jahr andauernden Auseinandersetzungen um die Beteiligung der Post am neuen Rundfunk ein für allemal entschieden, und es blieb bei den Feststellungen des 118


http:/ /www.mediaculture- online.de Länderratsbeschlusses, die Aufgaben der Post auf den Gebühreneinzug im Auftrag der Landesregierungen sowie auf die Bereitstellung von Kabeln und eines Entstörungsdienstes zu beschränken. Die Vermögenswerte der Post an den derzeit von der ICD, also der für Medien und Kultur zuständigen Abteilung der amerikanischen Militärregierung, in Frankfurt, München, Bremen und Stuttgart betriebenen Rundfunksendern sollte den Landesregierungen übertragen werden. Diese hatten das Vermögen treuhänderisch zu verwalten und in die künftige Rundfunkorganisation einzubringen. Die betreffenden Vermögenswerte der Reichspost wurden nach diesem Beschluß im Frühjahr 1949 durch alliiertes Gesetz entschädigungslos enteignet und den neugegründeten Rundfunkanstalten übertragen. Ein zweiter Befehl vom 21. November 1947 durch den stellvertretenden Militärgouverneur General George P. Hays bestimmte als Termin, an dem die Rundfunkgesetzgebung der Länder abgeschlossen sein müsse, den 15. März 1948. Er zeigte sich einverstanden mit den bis zum Herbst 1947 erkennbaren Vorschlägen für die Zusammensetzung von Kontrollgremien unter der Voraussetzung, daß "diese Vertretung Gruppen umfaßt, die eine wirkliche Vertretung der gesamten Gemeinschaft des Volkes darstellen. Durch die Zusammensetzung der Aufsichts- und Betriebsstellen muß verhindert werden, daß eine durch Zusammenschluß staatlicher, politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Interessen die Oberhand gewinnt". Klare Anweisungen, entsprechende Formulierungen hinsichtlich der Rechtsnatur der Rundfunkgebühr zu finden – sie dürfe nicht als Genehmigungsgebühr zum Betrieb von Fernmeldeanlagen bezeichnet werden – und die Forderung, den Bereich der Finanzkontrolle eindeutig zu regeln, zeigten den Deutschen, daß die Amerikaner inzwischen präzisere Vorstellungen gewonnen hatten, wie das künftige Rundfunksystem zu gestalten sei. 119


Von Radio Stuttgart zum Süddeutschen Rundfunk http:/ /www.mediaculture- online.de Diese Vorgaben waren für den Landtag von Württemberg- Baden insofern noch von Bedeutung, als das Rundfunkgesetz, das der Landtag am 18. Juni 1947 beschlossen hatte, bereits am 16. Juli von der amerikanischen Militärregierung zurückgewiesen worden war. Der weitgehend noch von Joseph Vögele, dem maßgeblichen Rundfunkfachmann der württembergischen Regierung während der Weimarer Republik, inspirierte Entwurf bzw. das Gesetz sahen eine "Gesellschaft mit beschränkter Haftung" im hundertprozentigen staatlichen Besitz vor. Die Gesellschaft sollte von einem Rundfunkrat, einem politischen Ausschuß und einem Aufsichtsrat kontrolliert werden. Regierungsvertreter hatten dort jeweils nur eine beratende Funktion, und auf einen Vertreter des Staates im Aufsichtsrat wollte man gegebenenfalls sogar verzichten. Als Mitglieder des Rundfunkrats sollten unabhängige, "nur die Öffentlichkeit" vertretende Persönlichkeiten teils von Organisationen berufen, teils auf Vorschlag des "Ständigen Ausschusses" vom Landtag gewählt werden. Am zweckmäßigsten hielt man aber eine Berufung durch die Regierung, die dafür dem Landtag verantwortlich sein sollte. Erstmals enthielt dieses Gesetz auch die zehn Leitsätze, die amerikanische ICD- Offiziere als "Entwurf zu einer Erklärung Über die Rundfunkfreiheit in Deutschland" am 14. Mai 1946 verabschiedet hatten. Es wurde erwartet, daß sie jedem künftigen Rundfunkgesetz vorangestellt würden oder sogar in die Landesverfassungen Eingang fänden. In diesen Leitsätzen waren Grundsätze festgelegt z.B. für angemessene und gleiche Sendezeit für religiöse Bekenntnisse, für Arbeitnehmer und Arbeitgeber wie auch für die Parteien. Auch der Grundsatz, Nachricht und Kommentar zu trennen, und das Gebot, Gefühle von Andersdenkenden nicht zu verletzen, wurden bekräftigt. Die in Ziffer 8 geregelte Sicherung der Kritik an der Regierung und den Behörden wurde im Gesetz des Landtags von Württemberg- Baden so abgewandelt, daß der Regierung ein Rechtfertigungsrecht eingeräumt wurde 127 . 127 Bausch, Rundfunkpolitik nach 1945, S. 72 ff. 120


http:/ /www.mediaculture- online.de Ihre Ablehnung des Rundfunkgesetzes für den Stuttgarter Sender begründete die amerikanische Militärregierung folgendermaßen: Der Regierung komme noch immer eine beherrschende Stellung zu, vor allem durch den Besitz des Gesellschaftskapitals. Dieses Problem sollte entweder durch nicht stimmberechtigte Anteile des Gesellschaftskapitals oder durch die Verwendung der Rechtsfigur "Körperschaft des öffentlichen Rechts" beseitigt werden. Denkbar sei auch eine Stiftung. Damit bewegte sich die juristische und politische Diskussion weg von der privatrechtlichen Konstruktion einer GmbH in die Richtung einer Einrichtung des öffentlichen Rechts. Doch in einem Rechtsgutachten konnte nachgewiesen werden, daß nach deutschem Recht für Körperschaften des öffentlichen Rechts staatliche Weisungsbefugnis und Zwangsetatisierung möglich seien. Diese Eingriffsmöglichkeiten waren aber genau das Gegenteil dessen, was die Amerikaner anstrebten. Der am 2. Oktober 1947 gewählte Radioausschuß des Landtags von Württemberg- Baden konnte sich in seiner Arbeit, was die Verflechtung von Rundfunk und Post anging, schon auf den Clay- Befehl stützen; über diesen Problembereich gab es nun nichts mehr zu diskutieren und zu verhandeln. Ein am 16. Februar 1948 von Joseph Vögele der Regierung und dem Landtag vorgelegter Entwurf ging jetzt schon von der Rechtsform einer "Körperschaft des öffentlichen Rechts" aus und sah als Organe Geschäftsleitung, Rundfunkrat und Verwaltungsrat vor. Nachdem im Verlauf der weiteren Gespräche mit der Militärregierung statt der "Körperschaft" die "Anstalt des öffentlichen Rechts" als die geeignetste Rechtsform erkannt und außerdem bestimmt worden war, die Überschüsse aus den Gebühreneinnahmen seien nur für Zwecke des Rundfunks zu verwenden, konnte nach relativ kurzer Beratung durch das Parlament im Sommer das Rundfunkgesetz am 8. August 1948 verabschiedet und am 30. September im Gesetzblatt des Landes Württemberg- Baden verkündet werden. Die wesentlichen Bestimmungen neben den "zehn Geboten" der Programmarbeit waren: Der Intendant wird vom Verwaltungsrat und Rundfunkrat gemeinsam 121


http:/ /www.mediaculture- online.de bestellt. Sechs Mitglieder des Verwaltungsrats sind vom Rundfunkrat, fünf weitere vom Landtag für zwei Jahre zu wählen; in diesem Punkt änderte der Landtag den Entwurf leicht ab. Der Vorsitzende des Verwaltungsrats gehört dem Rundfunkrat Kraft Amtes an; die übrigen vierzehn Mitglieder dieses Gremiums sind auf Vorschlag verschiedener Organisationen für vier Jahre vom Landtag zu berufen; sie sollen mit Ausnahme des Verwaltungsratsvorsitzenden – dem Landtag nicht angehören dürfen. Weitere Vertreter kultureller Organisationen könnten auf Vorschlag des Intendanten oder des Verwaltungsrats in den Rundfunkrat aufgenommen werden, die Höchstgrenze soll bei zwanzig Mitgliedern liegen. Mit beratender Stimme ist ein Vertreter der Landesregierung an allen Sitzungen des Rundfunkrats zu beteiligen. In den Debatten des Stuttgarter Landtags machten die Abgeordneten ihrer Verärgerung über die unnachgiebige Haltung der Amerikaner bei der Verwendung der Überschüsse oder auch bei der Beteiligung der Post am Rundfunk Luft: Es fiel das böse Wort, daß irgendwann auch Deutschland wie "jedem Negerstaat ( ... ) die Freiheit der Selbstbestimmung gegeben werde." Dann habe man endlich wieder Gelegenheit, ein Rundfunkgesetz nach eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Obwohl im Laufe der Beratungen im Landtag strittige Fragen immer wieder mit der Militärregierung abgestimmt worden waren, fand auch dieses Gesetz bei den Amerikanern keine Zustimmung. Es gab Einwände bei der Zusammensetzung des Rundfunkrates, dessen Mitgliedsorganisationen genauer bestimmt werden müßten. Im übrigen sollten diese Organisationen selbst die Persönlichkeiten, die sie entsenden wollten, bestimmen und nicht der Landtag. Zudem sollten weitere Standesorganisationen und Berufsverbände, also beispielsweise die der Musiker, Schriftsteller und Journalisten, vertreten sein. Es wurde die klare Festlegung verlangt, daß die sechs vom Rundfunkrat zu wählenden Mitglieder des Verwaltungsrates weder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Staat und Regierung, noch zum Rundfunk stünden. Fünf Vertreter des Landtags im 122


http:/ /www.mediaculture- online.de Verwaltungsrat waren den Amerikanern wiederum zuviel; ihre Zahl sollte reduziert werden. Regierung und Landtag durften jetzt allerdings im Rundfunkrat vertreten sein; in Hessen und Bayern hatten die dortigen Militärregierungen vergleichbare Regelungen passieren lassen. Der Radioausschuß des Stuttgarter Landtags mußte nun erneut reaktiviert werden. Nur widerwillig erfüllten im Frühjahr 1949 die Abgeordneten die Auflagen der amerikanischen Militärregierung. Im wesentlichen wurden Größe und Zusammensetzung der Gremien geändert: Der Rundfunkrat wuchs – um einige Organisationen erweitert – auf 30 Mitglieder an; fünf waren vom Landtag zu wählen und konnten auch Abgeordnete sein. Da man der Landesregierung eine beratende Mitgliedschaft auf Druck der Amerikaner nicht zugestehen durfte, hielt diese es unter ihrer Würde, durch einen Sitz mit Stimmrecht den verschiedenen Berufsverbänden und Interessenorganisationen gleichgestellt zu sein: Die Regierung des Landes Württemberg- Baden verzichtete völlig auf ihre Mitgliedschaft. So kommt es, daß bis heute der Süddeutsche Rundfunk die einzige Anstalt in der Bundesrepublik Deutschland ohne Regierungsvertreter in den Gremien ist. Die Zahl der Mitglieder des Verwaltungsrats wurde auf sieben reduziert, fünf davon waren vom Rundfunkrat, zwei vom Landtag auf zwei Jahre zu wählen. Um wenigstens indirekt an möglichen Einnahmeüberschüssen aus den Rundfunkgebühren teilhaben zu können, wurde der Anstalt des öffentlichen Rechts die Gemeinnützigkeit nicht zuerkannt. Das bedeutete wenigstens die Steuerpflichtigkeit ihrer Einnahmen. Die Vorlage wurde in allen drei Lesungen am 31. März 1949 beraten und verabschiedet und sechs Tage später als Gesetz Nr. 1039 von der Landesregierung ausgefertigt. Es trat am Tag seiner Verkündung im Regierungsblatt Nr. 10/1949 am 12. Mai 1949 in Kraft. Damit waren die Voraussetzungen für eine Übergabe von Radio Stuttgart in deutsche Verantwortung geschaffen, damit war das rechtliche Fundament für den Süddeutschen Rundfunk gelegt. Allerdings bildete der Stuttgarter Sender damit das Schlußlicht in der Reihe der Rundfunkanstalten der amerikanische Zone: Die 123


http:/ /www.mediaculture- online.de Gesetzesvorlagen waren in Hessen und Bayern bereits im Herbst 1948 verabschiedet worden, Radio Frankfurt am 28. Januar 1949 als Hessischer Rundfunk und Radio München am 25. Januar 1949 als Bayerischer Rundfunk in deutsche Hände übergeben worden; Radio Bremen folgte am 5. April dieses Jahres. Nach dem Erlaß von drei Ausführungsverordnungen, die unter anderem die Wahlprozeduren für die Gremien bestimmten, konstituierten sich die vom Gesetz bestimmten Aufsichtsorgane des künftigen Süddeutschen Rundfunks. Der Vorsitzende des Verwaltungsrats, Josef Ersing, und der Vorsitzende des Rundfunkrats, Dr. Valentin Gaa, nahmen in dieser Eigenschaft bereits am 22. Juli 1949 an der feierlichen Einholung der amerikanischen Flagge auf dem Dach des Funkhauses in der Neckarstraße 145 und an der Übergabezeremonie im Großen Haus der Württembergischen Staatstheater teil. Während der Feierstunde wurde dem noch amtierenden, von den Amerikanern ernannten Intendanten Erich Rossmann durch den Direktor der Militärregierung für Württemberg- Baden, Charles P. Gross, wie bereits in Frankfurt, München und Bremen die Lizenzurkunde überreicht: Damit war der eigentliche Übergabeakt vollzogen. Während die amerikanischen Redner auf den Zusammenhang zwischen ihren Vorstellungen vom Rundfunk in einer freien und demokratischen Gesellschaft und den im Radio- Gesetz gefundenen Bestimmungen abhoben, während Intendant Rossmann nachdenkenswerte Worte über die Erziehungsaufgabe des Rundfunks fand, belegte der Ministerpräsident des Landes Württemberg- Baden, Dr. Reinhold Maier, in seiner Ansprache mit der im eigenen, in jeder Hinsicht unnachahmlichen Diktion noch einmal das Unverständnis der deutschen Nachkriegspolitiker dafür, daß ein wirklich unabhängiger Rundfunk Rechtskonstruktionen und Organisationsstrukturen bedürfe, die von überkommenen Modellen abwichen. Seiner Feststellung, daß die "Radiostation im Grunde niemand gehöre und daß niemand eine Verantwortung" trage, fügte er die 124


http:/ /www.mediaculture- online.de Frage hinzu: "Wir sind im übrigen begierig, zu welchem künftigen 'Jemand' der heutige anscheinende ,Niemand' sich entwickeln wird" 128 . Die in diesen Worten mitschwingende Skepsis sollte sich als unberechtigt erweisen. Das nach zähem Ringen gefundene Organisationskonzept bewährte sich und schuf nicht nur im deutschen Südwesten funktions- und leistungsfähige Rundfunkanstalten, die ihren Beitrag zum Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens leisteten. In seinem Urteil zu Rundfunkfragen, im sogenannten ersten Fernsehurteil vom 28. Februar 1961, machte sich das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die Grundgedanken der alliierten Rundfunkkonzeption zu eigen, indem es in seiner Auslegung des Artikels 5 des Grundgesetzes zur Presse- und Rundfunkfreiheit feststellte: Auch wenn nicht gefordert sei, "daß Veranstalter von Rundfunksendungen nur Anstalten des öffentlichen Rechts sein könnten", so verlange jedoch das Gebot der Sicherung der Freiheit des Rundfunks, "daß dieses moderne Instrument der Meinungsbildung weder dem Staat noch einer gesellschaftlichen Gruppe ausgeliefert wird. Art. 5 GG hindert nicht, daß auch Vertreter des Staates in den Organen des "neutralisierten" Trägers der Veranstaltungen ein angemessener Anteil eingeräumt wird. Dagegen schließt Art. 5 GG aus, daß der Staat unmittelbar oder mittelbar eine Anstalt oder Gesellschaft beherrscht " 129 . Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt 128 Die Reden sind abgedruckt in: Rundfunk und Fernsehen, Folge 3/4, 1949, S.29- 42. 129 Helmut G. Bauer u.a. (Hrsg.), Die Neuen Medien. Recht, Bd. 2, 21. Rechtsprechung, "1. Fernsehurteil", S. 39. 125


http:/ /www.mediaculture- online.de insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. 126

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