dérive Sonderausgabe, Beiträge zur Wohnungsfrage

derive

Wohnen war und ist eines der zentralen Themen für dérive. Wir haben uns – beginnend mit den ersten Heften – immer wieder intensiv damit auseinandergesetzt; in den letzten Jahren besonders kritisch mit der Warenförmigkeit von Wohnen. In dieser Sonderausgabe veröffentlichen wir eine Reihe dieser Texte und zwar von und mit: Anita Aigner, Diana Botescu, Christoph Chorherr, Elisabeth Ertl, Edeltraud Haselsteiner, Susanne Heeg, Andrej Holm, Florian Humer, Justin Kadi, Michael Klein, Anna Kokalanova und Haotian Lin.

2019

Zeitschrift für Stadtforschung

dérive

dérive

Beiträge zur Wohnungsfrage

von Anita Aigner, Diana Botescu,

Elisabeth Ertl, Edeltraud Haselsteiner,

Susanne Heeg, Andrej Holm, Florian Humer,

Justin Kadi, Michael Klein,

Anna Kokalanova und Haotian Lin

9 euro

dérive


»Diese KRITIK

wurde FINANZIERT

von dérive LESERN

und LESERINNEN.«

dérive besteht seit 2000 als unabhängiger

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www.derive.at

Zeitschrift für Stadtforschung


Editorial

Wohnen war und ist eines der zentralen Themen für

dérive. Wir haben uns – beginnend mit den ersten Heften –

immer wieder intensiv damit auseinandergesetzt; in den letzten

Jahren besonders kritisch mit der Warenförmigkeit von

Wohnen. Den ersten Wohn-Schwerpunkt haben wir 2000 in

Ausgabe 2 veröffentlicht, als wir uns die Wohnsituation für

MigrantInnen genauer angesehen haben. Damals war der

Zugang zu Gemeindewohnungen für Menschen ohne österreichischer

StaatsbürgerInneschaft ein wichtiges Thema.

Bereits in Heft 4 (2001) haben wir das Thema Gentrifizierung

aufgegriffen, das im öffentlichen Diskurs erst Jahre

später angekommen ist. Auf besonders großes Interesse ist 2003

der Schwerpunkt »Produkt Wohnen« gestoßen, das Heft war

rasch ausverkauft. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben,

zeigt ein Ausschnitt aus dem Editorial dieser Ausgabe. Christa

Kamleithner schrieb damals »Der Wohnungsmarkt hat sich in

den letzten 20 Jahren grundlegend verändert: Der unmittelbare

Bedarf ist gedeckt, nun geht es darum, besser zu wohnen. Wohnen

wird als die Summe individueller Bedürfnisbefriedigung

angesehen, das Angebot richtet sich gezielt an verschiedene Zielgruppen

und Lebensstile.« Die Bedarfsdeckung ist heute wieder

ein großes Thema, die damals diagnostizierte Individualisierung

des Wohnungsangebots und das Themen-Wohnen trifft

heute noch mehr zu als 2003.

In »Wiederaufbau des Wiederaufbaus« (dérive 19, 2005)

standen die Großsiedlungen der Nachkriegszeit im Fokus unserer

Analyse. 2012 haben wir ein Schwerpunktheft zum Wiener

Gemeindebau herausgegeben: »Vom Superblock zur Überstadt.

Das Modell Wiener Wohnbau.« 2016 folgte der Schwerpunkt

»Housing the Many – Stadt der Vielen«. Er erkundete Wohnen

als politisches Thema, das untrennbar mit Fragen des Zusammenlebens,

von Besitz und Eigentum, der Verteilung von Ressourcen,

und damit dem Recht auf Stadt und dem Recht auf

Zentralität zu tun hat.

In vielen anderen Ausgaben haben wir einzelne Beiträge

zur Wohnungsfrage veröffentlicht, darunter beispielsweise einen

Artikel über den Zugang zu Wohnraum für bulgarische und

rumänische BürgerInnen in Berlin oder die Frage nach den

Möglichkeiten leistbaren Wohnens in Shenzen. Beide Texte sind

in dieser Sonderausgabe nachzulesen. Sie enthält Texte, die sich

historisch und/oder theoretisch aus einer gesellschaftspolitischen

Perspektive mit der Wohnungsfrage auseinandersetzen

wie Michael Kleins Beitrag »When Spectres Return – Wohnungswesen,

Wohnreform und die Vorstellung vom guten Wohnen«

oder Susanne Heegs Artikel »Was wollen wir wetten?

Immobilienwirtschaftliche Spekulationen und Stadtentwicklung«

sowie Edeltraud Haselsteiners Beitrag »Solidargemeinschaft

oder totales Ensemble – Wohnungsbau für ArbeiterInnen

in der Zeit der Industrialisierung«. Es gibt Beiträge, die sich mit

aktuellen Fragestellungen beschäftigen, darunter Justin Kadis

Kommentar »Wie das Mietrecht die Mieten treibt und was die

Politik unternimmt«, ein Interview mit Christoph Chorherr über

liegenschafts- und wohnpolitische Maßnahmen wie die

Einführung der Widmungskategorie »Geförderter Wohnbau« in

Wien, Anita Aigners Kritik des Modells Vorsorgewohnung oder

Andrej Holms Artikel »Enteignung zum Zwecke der Vergesellschaftung«.

Den Abschluss macht ein Artikel über habiTAT,

einen solidarischen Zusammenschluss von Mietshausprojekten

und -initiativen nach dem Vorbild des Mietshäuser Syndikats.

Alle oben erwähnten Hefte sind in unserem Online-

Kiosk entweder als Printexemplar oder (falls vergriffen) als PDF

erhältlich. Ganz dem Thema Wohnungsfrage widmet sich

unsere neuestes Ausgabe (dérive 77), die im Herbst 2019 zum

urbanize! Festival erscheint.

Eine interessante Lektüre wünscht

— Christoph Laimer

01


Inhalt

01

Editorial

CHRISTOPH LAIMER

04—07

(AUS HEFT N° 65)

When SPECTRES RETURN

MICHAEL KLEIN

08—12

(AUS HEFT N° 40/41)

WAS WOLLEN wir wetten?

SUSANNE HEEG

13—19

(AUS HEFT N° 74)

»Man ist nur dann OHNMÄCHTIG,

wenn man glaubt es zu sein.«

CHRISTOPH CHORHERR

38—46

(AUS HEFT N° 75)

Wohnraum als INVESTMENT

ANITA AIGNER

47—49

(AUS HEFT N° 10)

SOLIDARGEMEINSCHAFT oder totales Ensemble

EDELTRAUD HASELSTEINER

50—52

(AUS HEFT N° 63)

MACHS ddir doch SELBST!

Das Mietshäuser SYNDIKAT in ÖSTERREICH

ELISABETH ERTL

FLORIAN HUMER

20—24

(AUS HEFT N° 68)

Wie das MIETRECHT die MIETEN treib und was die

POLITIK unternimmt

JUSTIN KADI

25—30

(AUS HEFT N° 64)

ZUGANG zu Wohnraum für bulgarische und rumänische

BÜRGERiNNEN in Berlin

DIANA BOESCU

ANNA KOKALANOVA

31—34

(AUS HEFT N° 62)

Making HOUSING AFFORDABLE in fast-growing

CHINESE Cities

HAOTIAN LIN

35—37

(AUS HEFT N° 75)

ENTEIGNUNG zum Zwecke der

VERGESELLSCHAFTUNG

ANDREJ HOLM


dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von

17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

03


MICHAEL KLEIN

When SPECTRES

R E T U R N

Woh nungswesen,

WOHNREFORM und die

Vorstellung vom GUTEN WOHNEN

Wohnungsfrage, Geschichte des Wohnungswesens,

Wohnreform, Diskurse des Wohnens

Alle Fotos Chris Bethell

(ursprünglich für VICE fotografiert).

Debatten um das Wohnen erleben gegenwärtig

wieder Aktualität. Nachdem die Wohnungsfrage die

Städte, das gesellschaftliche Zusammenleben in

Städten und ihre Konflikte im 19. und 20. Jahrhundert

über weite Strecken begleitet und maßgeblich

geprägt hatte, war es um sie ruhig geworden.

Nun ist sie wieder da – und mit ihr einige Themen,

die auf die Debatte um die Wohnungsfrage eingewirkt

haben.

Wohnungsfrage und Funktionalismuskritik

Wenige Jahre, nachdem sich nahezu jede zeitgenössische

Architektur nach der Moderne mit Selbstverständnis und

dezidiert von den Wohnsiedlungen der Moderne abgegrenzt

hatte, die einmal als Wohnbunker, ein anderes mal als Retortenstädte

gebrandmarkt über Jahrzehnte schlechtgeredet wurden,

ist das Wohnen wieder im Kanon der Architektur, der Planung

und in der Öffentlichkeit angekommen. In Ausstellungen und

Festivals, Konferenzen, Artikeln und Büchern wird wieder

darübe r nachgedacht, wie das Wohnen in Städten für die Masse

gesichert werden kann 1 – ein Wort, das zwischenzeitlich aus

den (Architektur-)diskursen verbannt schien.

Die Jahre der Kritik an der Monotonie und Langeweile

der modernen Vorstadt, an der Funktionstrennung der modernistischen

Stadtplanung und an ihrem strukturellen Mangel

sind an Architektur und Planung nicht spurlos vorübergegangen. 2

Die Durchmischung von Funktionen, die Gleichzeitigkeit

verschie dener Programme und das romantische Bild der historischen

Innenstadt werden weiterhin bemüht, wenn es um die

Wunschbilder der Stadt von morgen geht, schließt man aus Renderings

und Collagen von PlanerInnen. Aber fast wirkt es, als

wäre die Architektur von ihrer Wirklichkeit eingeholt worden:

Die historischen Innenstädte bergen nicht länger die unsanierten,

aber günstigen Nischen in sich, in denen scheinbar alles möglich

ist, wie noch in den frühen Tagen der Funktionalismuskritik.

Sie sind nun Austragungsort in einem Wettkampf um hohe Mieten,

um Aufwertung und der Frage, wer früher geht und wegzieht;

und Funktionsmischung läuft oft auf die Ergänzung des

Wohnungsbestandes durch Shopping hinaus oder aber auf

das Einstreuen kurzzeitig mietbarer Apartments, mit denen sich

über Online-Plattformen noch höhere Erträge erwirtschaften

lassen als mit Wohnungsmieten. Die gegenwärtige Sorge gilt also

dem Wohnen.

04

dérive N o 65 — HOUSING THE MANY Stadt der Vielen


SuSanne Heeg

WAS WOLLEN

SuSanne Heeg

wir wetten?

Immobilienwirtschaftliche

Spekulationen und Stadtentwicklung

Wir leben in turbulenten Zeiten, nicht nur, weil sich seit Anfang 2008 die Welt in einem finanzwirtschaftlichen

Auf und Ab befindet, sondern auch, weil dieses Auf und Ab Auswirkungen auf

die Stadtentwicklung hat. Die bauliche Entwicklung insbesondere in Finanzzentren wie Frankfurt,

Paris oder London, aber auch in weiteren großen und weltwirtschaftlich bedeutsamen Städten,

ist zunehmend von der Entwicklung auf den globalen Finanzmärkten abhängig. Mit der Liberalisierung

nationaler Finanzsysteme und der zunehmenden Integration von Finanzmärkten hat die

Vermarktlichung von Immobilien einen deutlichen Schub erhalten. Immobilien sind schon immer

eine Ware gewesen, aber sie hatten durch ihre räumliche Unverrückbarkeit die Eigenheit, dass

ihrem Handel Grenzen gesetzt waren. In der Regel fand der Handel in sowie die Produktion von

Immobilien in lokal begrenzten Kontexten mit vorwiegend lokalen Akteuren statt. Die räumlichen

Grenzen der Spekulation sind nun gesprengt worden und damit einhergehend hat die Volatilität

in der baulichen Entwicklung zugenommen. Dieser Umstand soll im Folgenden näher ausgeführt

werden.

1. Immobilien als assets: Finanzmarktsteuerung des Immobilienmarktes

Veränderungen in der Immobilienwirtschaft sind ein relativ junges Phänomen. Westeuropa

war bis zur Deklaration des freien Grundverkehrs durch die Europäische Union in intransparente

lokale Märkte aufgeteilt. Grenzüberschreitende und überregionale Immobiliengeschäfte wurden

kaum getätigt (Heeg 2004). Dazu trugen Regulierungen auf der nationalen Ebene – wie die

Kontrolle ausländischer Immobilieninvestitionen oder die Besteuerung von Immobilienbesitz und

-transaktionen – sowie Regulierungen auf der lokalen Ebene wie Flächenwidmungen, Bauordnungen

und Auflagen des Denkmalschutzes bei. Immobilienentwicklung war aufgrund dieser

Regelungen von lokalem Wissen und der Nähe zu politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern

abhängig. Eine hohe Unsicherheit und Wissensintensität von Immobilieninvestitionen

erforderte insofern den aufbau von lokalen vertrauensbeziehungen zwischen Projektentwicklern/

Bauträgern, Banken als Kapitalgebern und der öffentlichen Hand als Rahmen setzendem Akteur.

die immobilienwirtschaft zeichnete sich in diesem Sinne dadurch aus, dass ihr wirtschaftlicher

Aktionsradius stark auf die jeweilige Region beschränkt war.

Ein fundamentales Problem der Immobilienfinanzierung in der Vergangenheit war die enorme

Kapitalintensität der Investitionen. Große Kapitalsummen wurden auf lange Sicht in Immobilien

gebunden, deren Ertragsfähigkeit von vielen schwer bestimmbaren Faktoren, wie der lokalen

Wirtschaftsentwicklung, den immobilienzyklen, dem technisch-organisatorischen Wandel etc.

abhingen. Der überwiegende Teil der Immobilienfinanzierung wurde über Kredite der Banken

abgewickelt. die Risiken der Finanzierung bündelten sich an zwei Stellen: beim eigentümer, der

auf eine zumindest stabile Ertragsfähigkeit der Immobilie angewiesen war, um den Kredit bedienen

zu können, und bei der Bank, die das Kreditausfallrisiko trug. Diese Situation änderte sich durch

011 08

Susanne Heeg Was wollen wir wetten? Immobilienwirtschaftliche Spekulationen und Stadtentwicklung

011


CHRISTOPH CHORHERR

»Man ist nur

dann OHNMÄCHTIG,

wenn man glaubt es zu sein.«

Aktuelle liegenschafts- und wohnpolitische Maßnahmen in Wien

Sozialer Wohnbau, Liegenschaftspolitik, Bauordnung,

Mietrecht, Baurecht, Mietkauf, städtebauliche Verträge, Klimawandel,

Gemeinnützigkeit, Genossenschaften, Baugruppen

Christoph Chorherr, langjähriger Planungssprecher der Wiener Grünen,

spricht im Interview mit dérive über die Novelle der Wiener Bauordnung und

damit über die Möglichkeiten kommunaler Politik zur Regulierung des Bodenmarktes

und Maßnahmen für den sozialen Wohnbau. Gemeinsam mit

der SPÖ haben die Grünen als Koalitionspartner in Wien diese Novelle Ende

November 2018 beschlossen. Das Gespräch führten Robert Temel und

Christoph Laimer.

Die Novelle der Bauordnung betrifft mehrere Punkte, darunter als besonders wichtige

Aspekte Maßnahmen gegen den Klimawandel und für leistbares Wohnen. Was sind die Gründe,

die eine Änderung der Widmungsbestimmung in Zusammenhang mit dem geförderten Wohnbau

notwendig machten?

Wichtig ist mir, dass die Novellierung einerseits den sozialen Aspekt mit der Widmungskategorie

geförderter Wohnbau aufgreift, aber auch andere wesentliche Themen zum Ziel hat.

Während wir das Interview führen, findet in Polen die UN-Klimakonferenz statt. Mit der neuen

Bauordnung haben wir wirklich einschneidende Maßnahmen gesetzt. Wir sorgen zwar nicht

zu 100 % aber weitestgehend dafür, dass bei Neubauten fossile Energieträger im Regelfall nicht

mehr zur Anwendung kommen. Es sind nun nicht nur Ölheizungen verboten und auch bei

Sanierungen untersagt, sondern vor allem auch Gasetagenheizungen. Mit Energieraumplänen

können wir nun sicherstellen, dass in weiten Teilen der Stadt Abwärmenutzung und vor allem

erneuerbare Energieträger in der Wärme- und in der Warmwasserversorgung eingesetzt werden.

Es ist bezeichnend für die aktuelle Politik, dass darüber überhaupt nicht geredet wird.

Der Wärmebereich verbraucht mehr Energie als der Verkehrssektor, wenn er auch weniger

CO2 produziert. Unsere Maßnahme ist so einschneidend als ob wir sagen würden, ab 2019 werden

keine Autos mit Verbrennungsmotoren – mit Ausnahme von Feuerwehr, Rettung und noch

ein paar Transportfahrzueugen – mehr zugelassen. Man stelle sich das vor – genau das machen

wir im Gebäudesektor.

Weiters haben wir Maßnahmen gegen die Flächenverschwendung erlassen, die erreichen

sollen, dass die Errichtung von einstöckigen Einkaufszentren in Betriebsgebieten erschwert

wird, indem die Begrenzung, ab der eine Widmung als Einkaufszentrum notwendig ist, von

2.500 auf 1.000 m 2 herabgesetzt wird.

Nun zum Kern der Novelle, dem sozialen Wohnbau. Boden ist bekanntlich keine vermehrbare

Ressource. Die verstärkte Nachfrage nach Wohnraum und damit nach Boden hat vor

allem in den letzten Jahren zu einem dramatischen Preisanstieg der Bodenpreise geführt, die

eins zu eins auf die Wohnungen überwälzt werden. Das hatte zur Folge, dass der Anteil

des geförderten Wohnbaus in den letzten 10-15 Jahren von ca. 2/3-3/4 auf unter ein Drittel

zurückgegangen ist. Es wird derzeit insgesamt zwar genug gebaut, aber nicht annähernd genug

im Mietpreissegment des geförderten Wohnbaus. Wien hat einen starken Überhang an Eigentumswohnungen

in der Kategorie von 4.000-7.000 EUR/m 2 .

11 13

Christoph Chorherr — »Man ist nur dann OHNMÄCHTIG, wenn man glaubt es zu sein.«

11


Justin Kadi

Wie das

MIETRECHT

die MIETEN

treibt und was die

POLITIK unternimmt

Wohnkosten, Miete, Mietrecht, Gemeinnützigkeit,

Immobilienmarkt, Wien

Ein Kommentar zur Lage am Wiener Wohnungsmarkt

Die Mieten in Wien steigen seit einigen Jahren rasant. Für Menschen

mit niedrigen Einkommen – und zunehmend auch für DurchschnittsverdienerInnen

– wird es immer schwieriger, leistbaren

Wohnraum in der Stadt zu finden. Steigende Wohnkostenbelastung,

Verdrängung in periphere Lagen bis hin zu Obdachlosigkeit

sind die Folgen. Die Deregulierung des Mietrechts im Jahr 1994

wirkt sich jetzt – in den Zeiten des Betongolds – auf die Höhe der

Mieten besonders stark aus, ebenso wie die fehlenden Sanktionen

bei mietrechtlichen Vergehen. Eine Reform des Mietrechts wird

auf Bundesebene seit Jahren ergebnislos diskutiert, gleichzeitig

droht der Wohnungsgemeinnützigkeit eine Aushöhlung.

Der im Roten Wien erbaute

Lassalle-Hof in Wien Leopoldstadt.

Foto: dérive.

20 09

Justin Kadi — Wie das MIETRECHT die MIETEN treibt und was die POLITIK unternimmt

09


Diana Botescu & Anna Kokalanova

ZUGANG zu

Wohnraum für bulgarische

und rumänische

BÜRGERiNNEN in Berlin

Formen des informellen Wohnens in der Ankunftsphase

Wohnungsmarkt, Berlin, Zuwanderung, Informalität,

Diskriminierung, Roma, soziale Mobilität

Hinterhof einer sogenannten Schrottimmobilie in Berlin.

Foto — Diana Botescu

In vielen Städten gibt es eine rege Debatte über die Wohnungsfrage.

Die aktuell verhältnismäßig stark steigenden Einwohnerzahlen, die nicht nur,

aber auch mit der zunehmenden Zahl an Geflüchteten zu sehen ist,

tragen dazu bei. Der folgende Artikel beschäftigt sich mit der Situation in

der Ankunftsphase für bulgarische und rumänische BürgerInnen am

Berliner Wohnungsmarkt. Wie sehen ihr Raumbedürfnis und ihre Ressourcen

aus? Welche Wohnformen stehen ihnen zur Verfügung? Mit welchen

Diskriminierungen sind sie konfrontiert?

25

20 dérive N o 64 — Ausgrenzung, Stigmatisierung, Exotisierung. Urbane Lebenswelten von Roma


Haotian Lin

Making

HOUSING

AFFORDABLE in

in Fast-Growing CHINESE Cities

A SHENZHEN Perspective

Danwei, Redevelopment,

Population Growth, Housing Problem, Over-Marketization,

Neighborhood

Like many other Chinese cities, Shenzhen is experiencing intense spatial transformation.

Downgraded neighborhoods are replaced with luxury housing, shopping malls and

offices. Such development might improve the competitiveness of the city, but ignores the

affordability of the city for lower-income groups. The reliance on the market parties

to develop affordable housing has not produced satisfying results. The old Danwei

housing, which is profusely present throughout Shenzhen, has a number of qualities that

make it attractive for redevelopment. Might it solve the shortage of affordable housing

for the young and creative class, and thereby contribute positively to the transformation

of Shenzhen?

According to the 11th five-year plan (2006-2010), Shenzhen will shift from

manufacturing industry to creative and knowledge-intensive industries. Human capital

and technology innovation are to become the new generators for economy. Many

young and highly educated graduates therefore come to Shenzhen to search their fortune.

However, high house prices become the first barrier for them to settle in the

city. Rocketing house prices have been with no doubt the most popular topic in recent

years among Chinese citizens. This article illustrates the current housing problems in

Shenzhen and introduces a new renewal model to improve the affordability of housing.

31

42 dérive N o 62 — Sampler


ANDREJ HOLM

ENTEIGNUNG

ANDREJ HOLM

zum Zwecke der

VERGESELLSCHAFTUNG

Nicht nur in Berlin, auch wie hier in Leipzig und anderen Städten

fanden am 6. April Demonstrationen »gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn« statt;

Foto — Jannis Pfendtner

Wohnungspolitik, Immobilienmarkt, Enteignung, Berlin,

Mietenwahnsinn, Protestbewegung

In Berlin kleben seit Wochen Plakate, die zur

Enteignung von großen Immobilienkonzernen wie

der Deutschen Wohnen oder Vonovia aufrufen.

Dass dies kein Verbalradikalismus linker Kleingruppen

ist, sondern eine ernstzunehmende Forderung

aus dem Herz der Berliner Mieterbewegung,

zeigen die aktuellen Reaktionen. Amtliche Gutachten,

Leitartikel in den überregionalen Zeitungen

und politische Stellungnahmen bis in die Spitzen

der Bundespolitik belegen, dass die Berliner

Diskussion über die Enteignung großer Immobilienunternehmen

als eine realpolitische Option

angesehen wird.

Gelungener Start:

15.000 Unterschriften am ersten Tag

Seit dem 6. April dieses Jahres werden in Berlin Unterschriften

gesammelt. Die Initiative Deutsche Wohnen & Co

enteignen wirbt um die Unterstützung eines Volksbegehrens zur

Vergesellschaftung der Berliner Bestände großer Immobilienkonzerne.

Um einen offiziellen Antrag auf Einleitung eines

Volksbegehrens zu stellen, müssen in den kommenden sechs

Monaten über 20.000 Unterschriften gesammelt werden. Nach

Angabe der Initiative kamen bereits am ersten Tag – auf der

großen Demonstration Gemeinsam gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn

– über 15.000 Unterschriften zusammen, so dass

es keinen Zweifel am Erfolg dieser ersten Stufe gibt. In der

zweiten Stufe, dem eigentlichen Volksbegehren, muss innerhalb

von vier Monaten per Unterschriftensammlung die Unterstützung

von sieben Prozent der wahlberechtigten Berlinerinnen und

Berliner dokumentiert werden. Zurzeit entspricht das etwa

170.000 Unterschriften. Ist auch diese Etappe erfolgreich, wird

35 51

Andrej Holm — ENTEIGNUNG zum Zwecke der VERGESELLSCHAFTUNG

51


ANITA AIGNER

Wohnraum als

ANITA AIGNER

INVESTMENT

Eine Kritik der

VORSORGEWOHNUNG

Der erste Satz des Art. 5 Staatsgrundgesetz

»Das Eigentum ist unverletzlich« ziert die Fassade des Ausweichquartiers

des österreichischen Parlaments. Foto — Anita Aigner.

Finanzialisierung, Anlegerwohnungen, Spekulation,

Geldanlage, Immobilienmarkt, Betongold, Bodenpolitik, Kleinvermietertum

Die Parole »Wohnen ist keine Ware« ist ein Statement, das unter den gegebenen politischen

Verhältnissen leider mehr Wunsch als Realität ist. Der Erwerb von Wohnraum

zum Zweck der Kapitalvermehrung und Vermögensbildung ohne Nutzungsabsicht

gilt nicht als böses Spekulantentum, sondern als vernünftige Geldanlange in Zeiten, in

denen Geld auf Sparbüchern keine Zinsen abwirft. Dass Mieten zwangsläufi g steigen,

wenn immer mehr Profi teure mitschneiden, liegt zwar auf der Hand, ist aber trotzdem

kein großes Thema. Anita Aigner widmet sich im folgenden Beitrag dem österreichischen

Modell der so genannten Vorsorgewohnung, das aus Privathaushalten kapitalistische

ImmobilieninvestorInnen macht. Das Modell bietet zahlreiche Möglichkeiten für

blendende Geschäfte – speziell für die ProjektbetreiberInnen – und ist ein anschauliches

Beispiel für die Finanzialisierung des Wohnsektors.

Anita Aigner — Wohnraum als INVESTMENT

38

17


Impressum

dérive – Zeitschrift für Stadtforschung

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

dérive – Verein für Stadtforschung

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Vorstand: Christoph Laimer, Elke Rauth

ISSN 1608-8131

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz

Zweck des Vereines ist die Ermöglichung und Durchführung

von Forschungen und wissenschaftlichen Tätigkeiten zu den

Themen Stadt und Urbanität und allen damit zusammenhängenden

Fragen. Besondere Berücksichtigung finden dabei

inter- und transdisziplinäre Ansätze.

Grundlegende Richtung

dérive – Zeitschrift für Stadtforschung versteht sich als

interdisziplinäre Plattform zum Thema Stadtforschung.

Redaktion

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Tel.: +43 (01) 946 35 21

E-Mail: mail(at)derive.at

www.derive.at

www.urbanize.at,

www.facebook.com/derivemagazin

twitter.com/derivemagazin

www.instagram.com/derive_urbanize

www.vimeo.com/derivestadtforschung

dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von 17.30 bis 18 Uhr

in Wien live auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

AutorInnen, InterviewpartnerInnen und KünstlerInnen dieser Ausgabe:

Anita Aigner, Diana Botescu, Elisabeth Ertl, Edeltraud Haselsteiner,

Florian Humer, Susanne Heeg, Andrej Holm, Justin Kadi, Michael

Klein, Anna Kokalanova und Haotian Lin

Anzeigenleitung & Medienkooperationen:

Helga Kusolitsch, anzeigen(at)derive.at

Website: Artistic Bokeh, Simon Repp

Grafische Konzeption & Gestaltung:

Atelier Liska Wesle — Wien / Berlin

Lithografie: Branko Bily

Coverfoto: Viertel Zwei, Krieau, Wien. Foto: dérive

Kontoverbindung

Empfänger: dérive — Verein für Stadtforschung

Bank: Hypo Oberösterreich

IBAN AT53 54000 0000 0418749, BIC OBLAAT2L

Abonnement

Standard: 28 Euro (inkl. Versandspesen Inland)

Ermäßigt: 24 Euro (inkl. Versandspesen Inland)

Förder- und Institutionenabo: 50 Euro

Ausland jeweils plus 8 Euro Versandspesen

Abonnements laufen ein Jahr (vier Hefte). Bestellungen an:

bestellung(at)derive.at oder per Bestellformular auf www.derive.at

Wir danken für die Unterstützung:

Bundeskanzleramt – Kunstsektion,

MA 7 – Wissenschafts- und Forschungsförderung

Chefredaktion: Christoph Laimer

Redaktion/Mitarbeit: Thomas Ballhausen, Andreas Fogarasi,

Elisabeth Haid, Barbara Holub, Michael Klein, Andre Krammer,

Silvester Kreil, Karin Lederer, Erik Meinharter, Sabina Prudic-

Hartl, Paul Rajakovics, Elke Rauth, Manfred Russo

Mitgliedschaften, Netzwerke:

Eurozine – Verein zur Vernetzung von Kulturmedien,

IG Kultur, INURA – International Network for Urban

Research and Action, Recht auf Stadt – Wien.

Die Veröffentlichung von Artikeln aus dérive ist nur mit

Genehmigung des Herausgebers gestattet.

54


»Die Wohnungsfrage

kann als jene

Angelegenheit

verstanden werden,

durch die die soziale

Frage in die Mitte der

gesellschaftlichen

Debatten getragen

wurde.«

Michael Klein, S. 5

Mietrecht, Wohnutopien, Wohnungsmarkt, Finanzialisierung, Enteignung,

Mietshäuser Syndikat, Immobilienwirtschaft, Spekulation, Bodenpolitik,

Disziplinierung, Industrialisierung, Vorsorgewohnung

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